Wilhelm Raabe Altershausen Die unvollendete Erzählung erschien erstmals 1911, ein Jahr nach dem Tode des Autors. »Überstanden!« Der das sagte, lag in seinem Bette, und nach dem Licht auf dem Fenstervorhang zu urteilen, mußte die Sonne eines neuen Tages bereits ziemlich hoch am Himmel stehen. Es war dem befreienden Seufzerwort ein längeres Zusammsuchen, erst der körperlichen Gliedmaßen, sodann der noch vorhandenen geistigen Fähigkeiten voraufgegangen. Beides nicht, ohne daß es, wie die Kinder sagen: wehe getan hatte. Das Alter spricht oft der Kindheit ein Wort nach, weil es von Natur kein besseres weiß und, wenn es im Laufe der Jahre danach gesucht haben sollte, keins gefunden hat. Man braucht sich nicht immer an einer Tischecke gestoßen haben, es kann einem auch sein siebenzigster Geburtstag freundschaftlichst, ehrenvoll-feierlichst begangen worden sein. Man schrieb den vierundzwanzigsten August, an welchem Datum im Jahr neunundsiebenzig nach unseres Herrn und Erlösers Geburt Herkulanum und Pompeji verschüttet worden waren und an dem im Jahr fünfzehnhundertzweiundsiebenzig der heilige Bartholomäus im himmlischen Ehrensaal in kopfschüttelnder Betrachtung vor dem Glasschrank mit seiner Erdenhaut stand, brummte: »Hm, hm, hm!« und sich fragte: »Hab ich die mir eigentlich dafür von meinen lieben Armeniern abziehen lassen?« – Am Tage vorher, das heißt nicht vor dem Untergang von Herkulanum und Pompeji oder der Pariser Blutnacht des heiligen Bartholomäus, sondern an einem weder historisch noch ethisch gleichwertigen dreiundzwanzigsten August eines der letzten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hatte vor siebenzig Jahren das Menschenkind, das jetzt aufrecht im Bette saß, das Licht der Welt, wie man euphemistisch sagt, erblickt, und seine gegenwärtige Mitwelt: Verwandtschaft, Freundschaft und Bekanntschaft – Patronen- und Kliententum, schien sich wirklich gefreut zu haben, den Tag unter ihren Erlebnissen mitfeiern zu können. Ein langer Satz, aber dem Geschehnis angemessen! – Es roch um den erwachenden Jubelgreis nach Kuchen – Geburtstagskuchen, Hochzeitkuchen, Begräbniskuchen – nach dem Kuchen aller Erdenfestlichkeiten! und der Jubelgreis mit den mühsam wieder zusammengesuchten Körper- und Geisteskräften bin I c h , nun der Schreiber dieser Blätter. Auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens und – immer noch den Kuchengeruch des Lebens in der Nase?... Siebenzig Jahre nun und – für das Alter immer noch merkwürdig gut auf den Beinen, wie man das ausdrückt! und fünfunddreißig Jahre so ungefähr, seit mein Weib zu dem blauen Himmel auf und in den Sommersonnenschein und den Kinderlärm der Gasse hinein, dem ihr Unfaßbaren, Unbegreiflichen gegenüber, wild-böse durch den jungen Schmerz gemacht, unserm Schicksal zuschluchzte: »Das schöne Wetter, und mein Kind nicht mehr dabei!«... Seit länger als dreißig Jahren wächst auch das Gras auf dem Hügel, der meine Frau neben dem Kinde deckt. Gute und schlechte Witterung hat, seit die Lieben mich des Weges allein ziehen ließen, nach gewohnter Weise auf Erden gewechselt und – ich habe mich gut »konserviert«. Alle sagen das, und auch mein allergnädigster Landesherr wird, wenn ich ihm demnächst meinen Dank für den huldreichst verliehenen hohen Orden zu Füßen legen werde, vielleicht eine ähnliche freundliche Bemerkung fallenlassen. Jawohl, es war ein sehr schönes Festwetter, und die Kinder spielen, lärmen, jauchzen noch immer in den Gassen: mein Weib und mein Kind nicht mehr dabei; aber wir anderen recht vergnügt bei Tische. Ich jedenfalls noch vorhanden in perfect health and memory – bei guter Gesundheit und klarem Bewußtsein – wie es in einem, nicht bloß den nächsten Erben bekanntgewordenen Testament heißt! Fünfzehn Jahre bedeuten nach dem Wort des Historikers eine lange Zeit für den Menschen und sein Leben, dreißig eine längere. Was alles kann der Mensch hinter sich lassen und vor sich bringen, bis er vor der Zahl siebenzig und dem berühmten biblischen Wort steht? Mir brauchte kein solcher »Jubeltag« zu kommen, um mir das deutlich zu machen, nur etwas deutlicher konnte es mir dadurch gemacht werden. Ich stehe weder vor einer verschütteten Erdenwelt noch im Reich der Himmel vor meiner Märtyrer-Ehrenhaut: ich stehe nur noch immer auf meinen Füßen; aber es ist nicht wahr, was einige behaupten, nämlich daß ich das einzig und allein meinem guten Magen zu verdanken habe. Man darf übrigens dergleichen Gerede in einem Dasein, welches wie das unserige recht sehr auf eine gute Verdauung in Verbindung mit den dazugehörigen Zähnen angewiesen ist, nicht allzu absprechend von sich weisen. Es kann nicht alles aus dem Herzen kommen. – Viel herzlichen Dank hatte ich zu sagen gehabt. Sie waren gekommen: alle, von denen ich es wohl erwarten durfte, aber auch viele, von denen es mir nicht zu vermuten war, sogar etliche derer, von welchen ich es ganz gewiß wußte, daß ich ihnen nur zum Ärgernis und Verdruß gelebt, mein Handwerk getrieben hatte und siebenzig Jahre alt geworden war. Ich würde ein Narr und Heuchler sein, wenn ich niederschreiben wollte, daß das mir nur mißfallen habe. Recht wohlgefallen hatte mir manches: es ist nicht alles Komödie in der Welt, es gibt nicht bloß den Begriff Ehrlichkeit, sondern auch ehrliche Leute, und an die habe ich mich an diesem Festtage gehalten und anderes gewähren und machen lassen und Höflichkeiten nach Erdenschicklichkeit höflich erwidert, ohne grade meinem Feinde, wenn er mich auf die eine Backe geküßt hatte, ihm auch die andere hingehalten zu haben. Genug davon. Das wäre fein, die ersten Stunden der Muße mit Würde an das zu verwenden, was jeder Zeitungsberichterstatter werkmäßiger und besser zu Papiere bringt! Das? Ja das : feierliche Begehungen von tausend-, fünfhundert-, hundertjährigen menschheitlichen Gedenktagen – das, was die Menschheit so im einzelnen Beschreibungs- oder doch Besprechungswertes an sich erleben kann, wäre es auch nur nach fünfundzwanzig, fünfzig oder siebenzig Jahren Daseins auf der Erde als Familienmitglied, Staats- und Geschäftsmann oder – – sonst so was ! Wenn übrigens »wegen den Geburtstägen im August« vielleicht noch irgend etwas zu bemerken wäre, so kann darüber nachgelesen werden in einem Briefe aus dem Jahre 1777, wo der Berichterstatter für »sein Blatt« schreibt: »Es hatte schon den ganzen Tag gemunkelt, daß 'n Feuerwerk abgebrannt werden sollte, nun ward es aber hautement declarirt, und die ganze Gesellschaft begab sich in Procession hinten in meines Vetters Garten neben dem Echafaut, das Feuerwerk anzusehen. Es bestand aus einem Petermännchen von anderthalb Zoll und reussirte ungemein. Weil so'n Ding gar zu herrlich anzusehen ist, hab' ich mir von meinem Vetter das Recept ausgebeten und will's Dir hier communiciren. Man nimmt 2 Loth Pulver, reibt es klein und thut Brunnenwasser dazu quantum satis; denn wirds 'n Teig, und man formt es, entweder kegelförmig wie'n Kirchthurm , oder viereckigt, wie die Pyramiden in Egypten waren, thut oben darauf einige Körner trockenes Pulver und zündet's an... Um 10 Uhr 8 Minuten gieng das Feuerwerk an, und währte bis 10 Uhr 8⅓ Minute. – Du lachst, Andres?« – – – – – – – – – – Ob der gute Korrespondent des Wandsbecker Boten über diese Schilderung des Festes gelacht habe kann ich nicht sagen: was mich anbetrifft, so beschließe ich die Beschreibung des Höhenpunktes der Feier meines siebenzigsten Geburtstags wie Freund Asmus: »Um 10 Uhr 8 Minuten ging das Feuerwerk an, und währte bis 10 Uhr 8⅓ Minute.« Das stimmte, was meine persönlichste, innerlichste Beteiligung dabei anbetrifft. Wenn jedoch der Bote einigen ethischen und moralischen Betrachtungen und Nutzanwendungen noch hinzufügt: »Um Eilf Uhr giengen wir zu Bett, und schliefen flugs und fröhlich ein«, so stimmt das nicht ganz mit dem Verlauf meines Festes. Es währte ein wenig länger, ehe die letzten bei Tisch die dem Alter gebührende Rücksicht nahmen. Mit dem mittäglichen Sonnenschein noch eines neuen Tages auf dem Fenstervorhang hat ja wohl der Greis diese Federkritzeleien begonnen? Noch dabei, ihr Toten!... Das ist es also gewesen, wozu man mir Glück gewünscht hat? Ich gehe nun »auf die Achtzig los«: die, welche gekommen waren, mir zu dem »Siebenzigsten« zu gratulieren mit dem natürlich angefügten Ad multos annos, sind in der Zeit wieder ihren eigenen zeitlichen Sorgen, Nöten und Geschäften nachgegangen und denken nicht mehr an mich oder, wenn sie noch an mich denken, solches wohl nur mit »gemischten Gefühlen«: dieses Wort wahrlich nicht bloß im ironischen oder gar hämischen Sinne genommen, sondern im recht treumeinenden, im sehr ernsten. Gemischte Gefühle! welch ein Wort dann und wann für eine Morgenstimmung! Wie aber stellt sich solchem Gefühl und Gefühlen gegenüber ein alter Doktor zu einem anderen Wort: Arzt, hilf dir selber! ? Im folgenden mag es sich denn ablagern, wie das Fragezeichen beantwortet worden ist. Lasset euer Brod über das Wasser fahren! heißt es in der Heiligen Schrift. I. Sein Name war Feyerabend. Fritz nannte ihn seine Schwester Karoline, Onkel Friedrich eine etwas entfernte Nichten- und Neffenschaft, Wirklicher Geheimer Rat die Welt. Wodurch er die letztere Bezeichnung für die »Welt« und durch seine Zeitgenossenschaft verdient haben mag, möge sich dem möglichen Leser im Verlauf des Umwendens dieser Blätter ergeben. Schon seine Erstlingsdruckschrift »Über Gewöhnung an Medikamente« soll von gelehrter Frühreife gezeugt haben; hier aber handelt es sich nur darum, wie er selber sich gegen die toxischen und infektiösen Agenzien des Erdendaseins, auch nach zurückgelegtem siebenzigsten Lebensjahr, mit mehr oder weniger Erfolg »immun« gemacht hatte. Fürs erste brauchte er volle acht Tage und Nächte, um sich von seinem hohen Freuden- und Ehrentage zu erholen. Nachher nahm er, da er alles, was ihm an Körper- und Geisteskräften beschert worden war, wieder beisammen hatte, was man so nennt, den gewohnten Lebenslauf wieder auf und fand, was jeder sich zur Ruhe setzende Erdenarbeitsmann findet, daß – die Zeit nicht mehr so recht mit ihm fort wollte, ihn durch den Tag voraufhumpeln ließ. Was wird aus dem Menschen, der endlich Zeit hat und dem nun nichts rasch genug kommen und geschehen kann? Was im vorliegenden Fall glücklicherweise nicht in die Erscheinung trat: ein verdrießlicher Patron und ein Verdruß und Ärgernis zuletzt auch der hingebendsten Umgebung – mißliebig auch den Göttern, die ihn aber recht häufig noch ziemlich lange den Seinen erhalten, wenn auch nicht zu deren Vergnügen! Da sie, die Götter, bei allem einen Zweck haben sollen, so werden sie auch wohl dabei einen haben und verantworten können. Ja, Gott sei Dank, wem aus besserem Lehm der Titan das Herz geknetet hatte, war Geheimrat Feyerabend, der Postillengreis dieser Blätter! – Der sah zuerst nur etwas häufiger nach dem Barometer und fand, daß sich sein Verhältnis zu ihm merklich geändert habe. Er mochte stehen, worauf er wollte (der Geheimrat hatte da freilich doch auch immer noch das »schöne Wetter« im Auge), es hatte wenig Einfluß mehr auf des Jubelgreises Stehen, Gehen, Sitzen oder Liegen. Stand das Ding auf »Veränderlich« – »Regen oder Wind«, so war ihm das, wenn nicht immer recht, so doch viel gleichgültiger als sonst. »Sturm« hätte ihn wohl noch wie früher interessiert, aber das ist doch eigentlich nur selten, und gute Menschen setzen da auch ihr Interesse – Dabeisein – hintenan und wünschen es sich nicht, anderer wegen. Was ging den Alten bei seiner Morgenpfeife jetzt noch das Wetter an? Selbst wenn ihn dann und wann so ein bißchen Rheumatismus drauf aufmerksam machte, daß auch er einige Rücksicht auf es zu nehmen habe seinet-, nicht der Witterung wegen. Er war doch wahrlich in seinem Leben genug gelaufen und gefahren durch gutes und schlechtes Wetter, um sich nun zu all dem ihm eben erwiesenen Guten auch das Seinige tun zu dürfen: endlich mal auch seinem eigenen Leibe (die Seele eingeschlossen) die Ehre zu geben und in jegliches Wetter mit vollendeter Gleichgültigkeit seine Rauchwolken hineinzublasen. Um sich dabei nicht zu »versitzen«, ging er denn zum erstenmal seit langer, langer Zeit wieder »spazieren«. Wie lang war's auch her, seit das Kind in das schöne Wetter hineinjauchzte und nach den Eltern zurücksah und seine Frau an seinem Arm auf den Wegen durch Gassen, Ackerfeld, Wiese und Wald zu ihm aufsah: »O das schöne Wetter heute!«...? Nachdem sie ihn allein gelassen hatten, war die Zeit seiner Wanderungen, Reisen, Weltfahrten gekommen: spazieren war er nicht mehr gegangen. Wie hätte er dazu Zeit finden können? – – – – – – – – – – – Die Stadt, welche die Ehre und das Vergnügen hatte, diesen Geheimrat zu ihren bekanntesten und geschätztesten Mitbürgern zu zählen, gehörte zu denen, welche wie so manche andere im neuen wirklichen Deutschen Reich seit 1866 und 1870 aus ihrer grünen Umkleidung herausgewachsen war wie ein Junge aus seinen Hosen. Sie war »Großstadt« geworden und bildete sich natürlich was drauf ein und klopfte sich dann und wann darob mit Hochgefühl auf Brust und Magen. Auf letzteren etwas seltener in den Tagen, wo die Gemeindesteuern fällig geworden waren und der Steuerbote jeden Augenblick an die Tür klopfen konnte. Sie hatte ganz in Gärten und Wiesen gelegen, was die grüne Umkleidung anbetraf. Damit war's nun vorbei; aber einen Kranz von angenehmen grünen, schattigen, blumigen Spazierwegen hatte sie sich doch zwischen dem alten Kern und Weichbild und den neuen Vorstädten erhalten. Ja, wer Zeit dazu hatte, konnte hier immer noch im Baumschatten, durch hübsches, kunstgärtnerisch gepflanztes und gepflegtes Buschwerk, um hübsche Blumenbeete und um Schwanenteiche, die vom mittelalterlichen Stadtgraben und Vaubanscher Befestigungskunde übergespart worden waren, lustwandeln. Es war natürlich hier, wo Geheimrat Feyerabend das Spazierengehen wieder lernen wollte und die ersten Versuche machte, sich endlich einmal wieder in – seiner Umgebung umzusehen. Es gibt immer Leute, die durch Begabung und Beruf zu dem Glauben gebracht werden, sich – der Welt schuldig zu sein. Daß schönste Irrtümer auf diesem Felde am häufigsten sind, dafür können sie nichts. – Wie gesagt, Geheimrat Feyerabend blieb mit seinen Gehversuchen auf dem »Wall«. Jenseits des bunten, freundlichen Naturgürtels, welcher die Vorstädte von der Altstadt trennt, sollen bereits achtzig- bis neunzigtausend Menschen wohnen, und wer Kunstgeschichte der Neuzeit studieren wollte, brauchte bloß dort durch die breiten, mit »Vorgärten« verzierten Straßen zu wandeln. Da konnte er erfahren, was wir seit des Vitruvius Buch »De Architectura« aus Büchern gelernt haben in der Baukunst und wie wir alles, was wir gelernt haben, zu verwerten wissen! Geheimrat Feyerabend hatte augenblicklich nicht das geringste Interesse dafür; die Gassen waren ihm dort zu breit, zu sonnig und zu staubig, und noch weiter hinaus begann die Öde, die einen wachsenden Mauer- und Menschenhaufen umgibt. Angenehme Bänke, zum Ausruhen für ältere Herrschaften und zur Siesta für Bummler, Arbeitlose, streikende oder ausgesperrte Arbeiter hingestellt, gab es auch nur auf dem »Wall«, aber auf diesen ließ er sich selten nieder, gar nicht auf denen, an welchen ein Täfelchen der »Promenadenverwaltung« kundgab: Nicht für Kindermädchen! Seltsamerweise lockten die für solche bestimmten ihn allein an, müde Beine vorzugeben bei diesen seinen Versuchen, sich wieder im Leben außerhalb seiner Wissenschaft wenigstens in etwas zurechtzufinden. Über müde Beine hatte er sich noch nicht zu beklagen: – es waren eben die jungen Dirnen und die Kinder, die ihn anzogen. Seine große Bekanntschaft, die ihn da sitzen sah, schüttelte nur lächelnd den Kopf: »Na, na!«, machte aber sonst nur Anmerkungen wie: »Das sieht ihm wieder ähnlich!«, hielt sich also mäßig bei ihren Betrachtungen, und einige wußten dann und wann genauer als andere, weshalb. – So schönes Wetter und der Himmel immer noch blau und die Kastanienbäume grün und die Augustsonne, die einmal der jungen Mutter seines Kindes das Herz schwerer gemacht hatte, als es alle Wintermonate, Nachtdunkel, Landregen und Sturm vermocht hätten, auch immer noch dieselbe! Ihn freute der bunte Reif, der ihm zwischen die Beine lief, der Ball, der ihm beinahe den Hut vom Kopfe schlug, und ein stadtbekannter und – weltberühmter Arzt und Wundarzt war er auch und hatte selten seine Künste so gern und willig in Anwendung gebracht wie jetzt hier, einem geritzten Fingerchen, einem blutenden Näschen oder anderem dergleichen Unglück gegenüber. Großmütter, Mütter und Tanten aus den besten Ständen begrüßten ihn häufig auf den Bänken der Kindermädchen, aber seines Bleibens war doch nicht da. Er hatte meistens bald aufzustehen und seines Weges weiterzuwandern, und zwar mit dem Gefühl – zu stören. Zu oft mußte er Seitenblicke auffangen, die deutlich besagten: »Ist der Alte schon wieder da? Was will denn der dumme Alte immer hier auf unseren Bänken?« Und sie hatten recht, die jungen Wärterinnen der Kinder anderer Mütter, und – um so mehr recht, je hübscher sie waren. Geheimrat Feyerabend hatte eigentlich hier nichts zu suchen und nahm nur den Platz anderen weg, die besser und willkommner da sitzen konnten. Hinter dem Gitter des nahen Kasernenhofes waren sie ganz der nämlichen Meinung Und dann das ewige Grüßenmüssen hier! Dr. Heinrich Fausts Vater, Geheimer Obersanitätsrat und Professor an der Kurfürstlich Sächsischen Landesuniversität Wittenberg, Dr. med. Faust senior, hatte seinerzeit, im sechzehnten Jahrhundert, auf den belebteren Teilen der Promenade das Barett nicht öfter zu ziehen als sein ähnlich betitelter und berühmter Kollege bei seinen Versuchen, das Lustwandeln wieder zu erlernen, den Hut im neunzehnten. Wie Faust junior schlug er sich darob seiner unverdienten Ehren halber in die Büsche und suchte unbetretenere Pfade. Daß ihm da nicht der Teufel in Gestalt eines Pudels begegnen würde, wußte er; aber daß sich ihm hier, grade hier und aus der Blüte der Kultur heraus, die kalte Teufelsfaust entgegenballen würde, hatte er sich auch nicht vermutet. Es war aber so. Wo er am wenigsten Menschen begegnete, fing er an, nach Bekannten, alten – ältesten Bekannten zu suchen, um sie wieder einmal zu begrüßen, und – er traf auf keinen mehr. »Ja sehen Sie, Herr Geheimrat (auch die Parkwächter kannten den berühmten Mann), was Sie da suchen, finden Sie, abgesehen von der späten Jahreszeit, jetzt immer hier nicht mehr vor. Ungeziefer gibt es nicht mehr bei uns. Die Zeit, wo man damit seine Last hatte, ist vorbei.« »Wieso denn?« »Ja, da sind die jetzigen städtischen Verhältnisse dran schuld, Herr Geheimrat. Und zu jeder Jahreszeit, nicht bloß weil es jetzt in den Herbst geht und ihre Flug- und Brütezeit hin ist. Das ist jetzt so bei uns hier mit die Vögels wie mit die Buttervögels, das Raupenzeug, die Käfers und was sonst so, vorzüglich im Frühjahr und um die Blüte, hier in meine Herrschaft in die Büsche und Blumerei nach des Herrgotts Willen sich zusammentun, aus dem Ei und Kokon kommen, krauchen, fressen und 'rumflurren und sonst sein Wesen und Unwesen haben sollte. Sie können so manches nicht mehr vertragen, was der heutige Mensche doch immer mehr zu seinem täglichen und nächtlichen Wohlsein nötig hat.« »Sie meinen?« »Ganz gewiß! Was wir nicht riechen, das riechen sie und gehen davon ein oder anderwärts hin. Selbst in den höchsten Lüften ist das so geworden über der Stadt. Bin auch ein alter Mann, Herr Geheimrat, und brauche nur aus älterer Zeit an unsere hiesigen Dohlen zu denken. Die des Abends um die Kirchtürme und nachher auf die Dächer aufgereiht waren wie nach der Schnur! Wo sind sie geblieben? Mit Respekt zu sagen, Herr Geheimrat, wir riechen ihnen nicht mehr gut genug, und des Nachts nehmen wir ihnen den Schlaf und die nächtliche Ruhe mit dem Gas und dem elektrischen Licht und allen anderen Erfindungen in dieser Bransche bis an den hellen Morgen. Daß es bei uns in der Nacht nicht mehr Nacht und Schlafenszeit wird, das hat sie von den Hausdächern und Türmen vertrieben, wie der Geruch die Käfers und Raupen und Buttervögels hier aus dem Buschwerk und sonstiger unserer Kunstgärtnerei. Da draußen jenseits der Vorstädte möchten sie sich ja wohl noch halten; aber da kommen denn wieder die Fabriken mit ihren Schornsteinen und Gequalme und verekeln ihnen ihre Daseinslust, und es wird wohl auch nichts mehr für sie sein. Ich komme wenig dort hinaus und kann's also nicht sagen.« Er hatte auf mancher Schulbank gesessen, bis er es zu seiner jetzigen Stellung in seiner wissenschaftlichen Welt und zu seinem Titel Geheimrat bracht hatte: selten war er so mit der Überzeugung, daß der Professor auf dem Katheder recht habe, nach Hause gegangen. Er ging nach Hause, Professor Dr. med. Geheimrat Feyerabend, und kam unterwegs in seinen Gedanken auf die der Merkwürdigkeit wegen übriggelassenen fünfzig Stück Präriebüffel, auf das neue afrikanische Kolonial-Jagdgesetz, betreffend »Löwen-Schonzeit«, und auf das ihm gleichfalls als »etwas Neues aus Afrika« bekanntgewordene Handbuch über rationelle Straußenzucht. Damit zuletzt zu der Überzeugung, daß, wenn das so weitergehe, der Mensch sich zu Ende des zwanzigsten Jahrhunderts unzweifelhaft recht praktisch und verständig mit dem fünften Schöpfungstage und unseres Herrgotts großem Tiergarten auseinandergesetzt haben, aber eine Kinder-Naturgeschichte mit den dazu gehörigen Abbildungen aus dem Anfang des neunzehnten Säkulums ein bibliographischer Schatz sein werde. Daß das biblische Wort: »Füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über Fische im Meer und Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht« – ihm die Lust, das Spazierengehn wieder zu erlernen, merklich erhöht habe, konnte er nicht sagen und seine Umgebung zu Hause auch nicht. Im Gegenteil. Es kam ihm zu Hause vor, als ob die Erdoberfläche von »Uns«, d. h. seinesgleichen, reichlich, überreichlich gefüllt und es durchaus nicht notwendig sei, daß er mit seiner Person, trotz aller vom Staat und von Privaten anerkannten Verdienste, das Gedränge drauf noch länger vermehre. II. Er wurde einige Tage durch sich unerträglich, und da auch Regenwetter einfiel, gab er natürlich seiner Stimmung oder Verstimmung anderen gegenüber Laut. Er bellte nicht, aber er äußerte, wie seine alte Schwester sagte: gegen Gott und die Welt undankbare Anschauungen und wurde freundlich, aber bestimmt zurechtgewiesen. Karoline hieß sie, und es ist ein Charakterzug, daß sie sich nie, von Kindesbeinen an, auf so was wie »Lina!«, »Line!«, »Linchen!« einließ und draufhin kam, wenn man ihr rief. Geheimrat Feyerabend erfreute sich der Beaufsichtigung, Bevormundung, Bemutterung durch sie in allen menschlichen und göttliche Dingen in einer Art und Weise, die alle vom Menschen gegen sich selber in Staat und Kirche aufgerichteten Schutzwehren für ihn persönlich überflüssig machten. Zehn bis zwölf Jahre war das Kind jünger als er; aber daß das je ihrer Autorität Abbruch getan hätte, hatte er nie bemerkt und seine dienende Hausgenossenschaft ebenfalls nicht. Sie hatten alle noch immer ihrem bessern Verständnis sich fügen oder, wie er sich ausdrückte: ihr klein beigeben müssen. Klüger als sie war sie stets und nie zu ihrem, des Bruders und des Hauses, Nachteil, wenn das häufig auch nur widerwillig und mit Gemurr anerkannt wurde. – Nach dem, was auch sie ihres Herrn Bruders »großartigen Ehrentag« nannte, gefiel ihr der »alte Junge« bald gar nicht recht mehr. Mit ihrem Fritz reichte sie auch noch in die Zeit zurück, wo in den Schulanthologien der siebenzigste Geburtstag vom braven J. H. Voß noch zu finden war als ein Musterstück für die deutsche Jugend. Und da das gute Mädchen alle seine Schulbücher in seinem Bücherschränkchen aufbewahrte, so griff es selbstverständlich auch für den vorliegenden Fall hinein und holte das Sachdienliche heraus. Merkwürdigerweise aber benutzte Fräulein Karoline Feyerabend die Idylle als ein warnendes Exemplum und den redlichen Tamm – »seit vierzig Jahren in Stolp, dem gesegneten Freidorf, Organist, Schulmeister zugleich und ehrsamer Küster« –, um ihrem Bruder eine Rede zu halten, welche das liebe Mütterchen Tamm sicherlich in nicht ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt haben würde. »Höre mal, ganz Geheimer (seit seiner demgemäßen Betitelung gab auch sie ihm die Ehre davon), eines sage ich dir: daß du mir jetzt nicht zu früh ein alter Mann wirst! Klateriges, winseliges Hinhocken in Ehren und Würden, wenn man den alten Kaiser, den alten Bismarck, den alten Roon und Moltke an allen Wänden aufgehängt sieht, finde ich lächerlich, und aufs Fliegenabwehren beim Nachmittagsschlaf lasse ich mich fürs erste bei dir auch noch nicht ein. Kommt die Zeit und hat der liebe Gott mir bis dahin das Leben geschenkt, so weißt du, daß ich mich auch dazu mit meinem Strickzeuge zurechtsetzen kann und es gern tun werde. Was sind denn siebenzig Jahre, wenn man noch so gut zu Beinen ist wie du und, soweit ich es beurteilen kann, auch an geistigen Fähigkeiten noch nicht merklich nachgelassen hat? Das letzte Wort behältst du immer noch gern wie sonst; daran merke ich auch noch keinen Unterschied gegen früher und worüber nicht bloß deine gelehrte Zeitgenossenschaft, sondern auch ich hier im Hause wohl ein Wort mitreden könnten.« Der Jubilar lächelte die wohlmeinende gute Seele freundlich zur Tür hinaus: er hatte sich schon von selber besten Rat gegeben: »Bleib in den Stiefeln, Mensch! So lange als möglich. Zwackt dich das Podagra an dem einen Fuß, so umwickele die dumme Pfote; aber den Stiefel zieh fernerhin über das gesund gebliebene Glied und tritt fest auf. Es braucht kein Reiterstiefel zu sein, wie der des greisen, gichtischen, rheumatischen und asthmatischen Löwen auf seiner sorgenvollen Terrasse zu Ohnesorge. Man muß immer ein Waffe behalten, um einem Eselstritt, solang es noch angeht, zuvorkommen zu können. Grade nach den größesten Siegesschlachten im Menschenleben ist das am nötigsten und gilt nicht bloß für Potsdam, Sankt Helena und Friedrichsruhe.« – Größeste Siegesschlachten hatte Geheimrat Feyerabend zwar nicht erfochten; aber eine Autorität in seinen Wissenschaften war er gewesen und hatte auf seinen Berufsfeldern seine von den Fachgenossen anerkannten Siege gewonnen: lassen wir uns herab von der Terrasse zu Sanssouci auf seine arbeit-, erfolg-, sorgen-, freuden- und verdrußbeladene Scholle im Dasein und – lassen wir ihn ja in den Stiefeln bleiben! Das heißt: sehen wir ihn auch in Schlafrock und Pantoffeln seines nächsten Weges durch seine übrige Zeit weiterziehen und sich mit dem im Seiger niederrieselnden Sande abfinden. Er schnupfte nicht, aber er rauchte und – es kam ein sehr schöner Herbst. Er sah von seinem Fenster aus durch das Gewölk seiner Pfeife die Regenwolken sich verziehen und blies immer künstlerischere, aber auch immer nachdenklichere Ringe dem wieder in Blau erscheinenden Zeus zu. Dabei faßte er sich von Zeit zu Zeit an seinen fachgelehrten Puls, nachgrübelnd, ob auch das, was ihn jetzt überkam, schon mit in das trübe Lebenskapitel vom Kindischwerden und auf die abschüssige Bahn zum Marasmus senilis gehöre, dies Heimweh nach der Jugend? Wie kam dem ganz Geheimen von heute der Mühlanger von vor sechzig Jahren, der Mühlanger, wenn die Schafe drüber hingetrieben worden waren und man dalag, bald auf dem Rücken, mit dem blauen Zeus, der einen gar nichts anging, über sich, bald auf dem Bauche mit dem Riechorgan im Duft der kurz abgeweideten Grasnarbe? Dort unten, zur Seite am Bach, lag der Stall, unter dessen Tor dieser Wirkliche Geheimrat es zum erstenmal im Leben erfuhr, wie es bekommt, wenn eine Schafherde über einen wegtrampelt. Es war natürlich sein damaliger bester Freund, Ludchen Bock aus dem Nachbarhause, gewesen, der ihm zu dieser Erfahrung verhalf. Böse meinte der es nicht, der hatte nur seinen Spaß daran. Daß er erzieherisch einwirken wollte, ist gänzlich ausgeschlossen, aber Geheimrat Professor Dr. Feyerabend wußte in der Tat durch ihn, seinen Freund Ludchen, zuerst, daß man sich nie einer nach der Weide hindrängenden Herde, und wenn es auch nur eine Schafherde wäre, in den Weg stellen soll, wenn man nicht von den Füßen gehoben, in den Dreck gelegt und bipedisch wie quadrupedisch übertrampelt werden will. Als unbewußten Pädagogen hatte er ihm überhaupt noch manches zu verdanken. Nicht nur die Häuser und Gärten der Jungen grenzten nachbarlich aneinander, sondern sie waren auch Nachbaren auf der Schulbank beim Rektor und Pastor primarius Schuster. Bei diesem hatte der Honoratiorensohn Fritze Feyerabend Privatstunden und lernte Latein, was er damals sich, seinem Vater und dem Rektor gern geschenkt hätte. Ludchen Bock lernte es nicht. Dessen Vater war ein begüterter Steinbruchbesitzer und dazu ein Ackermann, und beides sollte auch sein Nachfolger im Erbe werden, und zu beidem brauchte man kein Latein. Jedenfalls hatte er, Ludchen, als Erzieher einen Vorzug vor dem Rektor: was er lehrte, das wußte er auch; aber ob der alte gute Rektor Schuster wirklich Latein verstand, bezweifelte Fritze Feyerabend zwar nicht, doch war es ihm nunmehr längst zur Gewißheit geworden, daß dem nicht so war. Jawohl, was Ludchen Bock lehrte, das wußte er. Wie manche tiefgefühlte Lücke in seiner Bildung hatte er dem Schulbank- und Lebensgenossen ausgefüllt, wenn auch nicht aus dem Schulsack. Freilich, Fritzchens Eltern und vorzüglich seine Mutter durften besser nicht von allem wissen, was Ludchen schon verstand und gerne als Nachbar und Freund weitergab. Wie kam der große Mann seiner Wissenschaft, die Leuchte der Hörsäle rund um den Erdball, durch den Rauch seiner Alterspfeife auf seine Kaninchenzucht mit Ludchen Bock? Wie kam er überhaupt wieder auf seinen ersten und besten Freund im Leben, auf seinen Freund Ludchen Bock ? auf Altershausen und Ludchen Bock? Wann tauchten das alte Nest und der alte Junge nach ungezählten Jahren der Vergessenheit zum erstenmal wieder in ganzer Frische in seiner Erinnerung auf? Der neuliche Jubilar rieb sich erst lächelnd, nachher sogar lachend die Stirn: bei seinem Ehrenfestmahl im Königshof sah er Ludwig Bock so deutlich, wie im Königssaal zu Fores Macbeth seinen Freund Banquo, wenn auch nicht mit dem knieschlotternden Schauder des mörderischen Schottenkönigs. Gemordet hatte Fritzchen sein Ludchen nicht, wenn auch oft genug Blut zwischen ihnen geflossen war – glücklicherweise meistens nur aus den Nasen. Wer obenauf gekommen war, hatte mit der einen Faust im Haarbusch des Gegners die andere jedesmal zu grimmigster Hammerarbeit auf Maul und Riecher des Gegners verwendet, und der nächste Brunnen oder Bach hatte genügt, mit dem Blut die Wut, das Gift, den Neid und – die Gewissensbisse wegzuspülen. An der Festtafel im Königshof war der Freund dem Freunde nur in der Jacke erschienen, die gewöhnlich die Spuren der letzten Balgerei aufwies. Auf der Schulbank des Rektors Schuster war Ludchen Bock neben Fritzchen Feyerabend nicht aus dem Boden aufgestiegen, sondern er hatte sich aus dem Lichterglanz, dem festlichen Gedünst, dem Stimmengewirr und Tafelmusiklärm entwickelt. Folgendermaßen: Selbstverständlich trug das siebenzigjährige Geburtstagskind alle seine Orden. Auch der jüngste, letzte legte sich ihm an einem feuerfarbenen Band um den Hals und leuchtete unter den rundum flimmernden und blitzenden wie der Mond unter den niederen Sternen oder gab doch jedenfalls keinem an Glanz was nach. Und Exzellenz, der Kultusminister, hielten die Rede, die Tischrede auf den berühmten Mitbürger und sein segenreiches Erdenwallen und -wirken – so eine Rede, während welcher der Beredete nicht weiß, ob er sich aus Schämigkeit und Bescheidenheit unter der Tafeldecke verkriechen oder mit dem belorbeerten, mehr oder weniger kahlen Schädel, seines Selbstbewußtseins schon von selber voll genug, die Saaldecke durchstoßen muß. Und während dieser Rede, in einer Kunstpause dieser Rede, als aller Augen auf den Gefeierten gerichtet waren, als die Festmusik oben im Jubelbratendunst jedwedes Blasinstrument zum Tusch schon gegen den Mund hob und die Paukenschlegel zum letzten höchsten Losdonnern fester in die Fäuste faßte, ist es gewesen, daß Ludchen Bock plötzlich wieder neben Fritz Feyerabend auf der Schulbank vorm alten Rektor saß, heimtückisch grinsend und zähnefletschend an seiner Schulter schnüffelte und, als ob er dem Rektor zeigen wolle, daß er aus seiner Jacke herausgewachsen und der Ärmel, vom letzten Kampf her, dazu ein Loch am Ellbogen habe, den Zeigefinger »petzend« zum Lehrstuhl aufreckte: »Herr Rektor, Feyerabend ist unrein!« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Diese Punkte bedeuten das Erschrecken und Erstarren, das Zusammen-, Auf- und Auseinanderfahren im Festsaal, wenn Exzellenz, auf den Brustkasten des gefeierten Greises deutend, statt: »Auch durch dieses hohe Zeichen Höchstihrer Gnade haben Majestät unserm hochverehrten usw.«, gesagt haben würde: »Meine Herrschaften, mein lieber alter Freund und Whistgenosse Feyerabend hat eine Laus!« Solches nämlich bedeutete vor dem Katheder des Pastor primarius Rektor Schuster zu Altershausen bei erhobenen, wenn nicht Schwur-, so doch Zeigefinger vor sechzig Jahren der Ruf: »Herr Rektor, Müller – Schulze – Meier – Schmidt – Karl – Willi – Fritze«, oder wie deutsches Volk sonst benamset wird, »ist unrein!« Und die von der höchsten Aristokratie der Planetenstelle bestens erzogenen und reinlichst gehaltenen Honoratiorensöhne und -töchter konnten dergleichen Ruf und Anklage über sich ergehen lassen müssen und aus dem Umgang mit ihren Zeit- und Altersgenossen eine Insektensammlung nach Hause bringen, nach der sie wahrlich nicht so lange vergeblich in den »Büschen« um sich her zu suchen hatten, wie neulich der alte Doktor Feyerabend im Buschwerk seiner Spazierwege nach den Kerbtieren seiner Jugendzeit. Zu Hause gab es denn selbstverständlich bei den Müttern viel Ekel und ein großes Geschrei, während die Väter unbegreiflicherweise nur lachten und nicht mit dem Rektor über die Schande reden wollten. – Durch die Sonntagmorgenstille an seinem offenen Fenster, einigen neuen Ringen seines Tabakdampfes nachschauend, vernahm Wirklicher Geheimer Obermedizinalrat Professor Dr. Feyerabend eine Stimme, die man sich nur in Verbindung mit dem heftigsten Händeringen vorstellen konnte: »Der Umgang mit diesem Jungen, diesem Schmutzfinken, diesem Ludchen Bock hört aber von heute an auf! Hörst du, Fritz? und das ist mein letztes Wort – man sollte sich ja des Nachts bis in seinen Traum hinein schämen!« – – – – – – – – – – – – – – – »Na, na!« erklang ein behaglich begütigendes Gemurr, und: »Ich hatte sie ja gar nicht von ihm!« winselte – an seinem Fenster der wirklich ganz Geheime aus seinem Alterstraume heraus. »Seine Mutter kämmt ihn grade so gut als du mich, Mama, und er hat es auch bloß aus Rache angezeigt!« »Nun höre nur dieses wieder, Mann!« »Na, na, na!« – – – – – – – – – – – – – – Auch der nachforschungseifrigste Cid Hamed ben Engeli würde es unaufgeklärt haben lassen müssen, von wem Fritzchen Feyerabend sie hatte; aber wissen konnte er, daß sie die Wirkung der Dankrede des wirklich Geheimen Medizinalrats Professor Dr. Feyerabend beinahe zwei Menschenalter später, an dem größesten, dem schönsten, dem erhebendsten Tage seines Lebens, beinah völlig gestört hatte. War es denn unbedingt notwendig gewesen, daß Freund Ludchen Bock mit seiner Laus grade dazu aus der Nacht der Zeiten aufstieg und ihm in diesem erhobenen, erhabenen und erhebenden Moment damit kam? Es soll nachher in den höchsten Zirkeln der Gesellschaft von dieser Rede mehrfach die Rede gewesen sein. Hier mit einigem Kopfschütteln; dagegen in unbefangeneren, harmloseren Sphären, als da sind Klubs, Spiel- und Stammtische, wissenschaftliche Vereinigungen und dergleichen andere Gelegenheiten zu Zusammenkünften denkender und mitempfindender Menschen, mehr mit einem heiteren Achselzucken: »so was bei solcher Gelegenheit sei freilich noch nicht dagewesen!« Großer wissenschaftlicher Ruhm ist viel wert, aber angenehm ist's für den Inhaber, wenn er dabei in dem Rufe steht, daß er auch in der Narrenteidung das Seinige leisten könne und nicht immer ernst genommen zu werden brauche. III. Seine Schwester, der es, wie sie sagte, bei der Geschichte auf ihrem Stuhl an der Festtafel mehr als einmal heiß und kalt geworden war, meinte am andern Morgen ruhiger: »Hör mal, bester Bruder, ich glaubte doch ziemlich genau zu wissen, was und wieviel du vertragen kannst; aber einen Augenblick kam mir gestern doch der Zweifel, ob ich mich da nicht geirrt habe und ob dir diesmal wenigstens mit den großen Ehren auch das Getränk bedenklich zu Kopfe gestiegen sei. Na, es ist ja, Gott sei Dank, zuletzt noch so ziemlich abgelaufen, aber abdrucken laß das konfuse Zeug nicht unter den dauernden Monumenten deiner geistigen Begabungen, auf die Exzellenz so liebenswürdig war uns nochmal hinzuweisen. Eigentlich ist es schade! grade gestern hatte ich Besseres von dir erwartet! Ich habe jedenfalls Besseres häufig von dir bei Tisch gehört.« »Vergnüglicheres?« »Jawohl! geärgert habe ich mich. Bei so ernsten Gelegenheiten soll man nicht den Hanswurst und Hansnarren spielen wollen. Aber das steckt nun einmal in dir, und ich spare da längst meinen Atem, denn ich predige es doch nicht aus dir heraus!« – – – – – – – – – – – Ludchen Bock! Ob er wohl noch lebte, der alte Junge? In den Zeitungen war er dem ganz geheimen Kindheitsfreund Fritz Feyerabend nicht erschienen. Weder in politischen Dingen noch in Künsten und Wissenschaften konnte er sich berühmt, bekannt oder anrüchig gemacht haben. Was er sonst gesündigt haben mochte: der Kriminaljustiz war er auch nicht verfallen, wenigstens nicht in einer Weise, die unter der Rubrik »Aus dem Reiche« das Gesamtinteresse des deutschen Volkes in Anspruch genommen hätte. Ja, ob er wohl noch in der Erscheinungswelt und nicht bloß in jener Jubiläums-Weinlaune des Geheimrats Feyerabend vorhanden war? Und dazu – war er's allein gewesen, was sich dem gefeierten Greis so absonderlich in den höchsten psychologischen Moment jenes hohen Festtages eingedrängt hatte? War es nicht alles gewesen, was damals zu ihm gehörte – die Welt von vor zwei Menschenaltern, ganz Altershausen , und was zu dem gehörte? »Wenn ich dort den Versuch machte, das Spazierengehen wieder zu erlernen?« seufzte an seinem Fenster, den Rauch seiner Pfeife von sich abwedelnd, der alte Altershausener. – September war es bereits geworden, aber es war selten so lange schöner Sommer geblieben wie in diesem Jahr. Ferne Gewitter, von denen man in der Nacht nur das Wetterleuchten gesehen hatte, hatten den Horizont nach allen Richtungen hin geklärt. Weit entlegene Bergzüge lockten verführerisch blau zu sich hin und waren sicherlich, in der Nähe gesehen, ebenso grün, wie sie von fern aus blau erschienen. Die Leute am gegenwärtigen Ort in Raum und Zeit kamen aus den Kirchen, gingen in die Konditoreien, lustwandelten in den Parks oder fuhren auf Visiten, und Geheimrat Feyerabend saß in Altershausen in dem höchsten Gipfel einer Tanne, an der ihm zu einem dort hängenden Eichhornnest – Ludchen Bock vorangeklettert war. Man hatte einen ziemlich kahlen, steinigen »Berg« in des Alten waldiger Heimats-Hügellandschaft zu ersteigen, ehe man zu dem Tannen- und Fichtenbestand gelangte, an dessen Rande der Baum gewachsen war, in dessen Wipfel die zwei Freunde von Menschenrechts wegen auf der Suche nach den Wundern, Abenteuern und Schicksalen des Erdballs waren. Wie der alte Herr das Harz an den Händen fühlte und wie er den Duft des Weihnachtsbaums in der Julisonne in der Nase hatte! Und wie deutlich er den Taugenichts neben sich, der eben seine zerkratzte schwarze Jungenpfote enttäuscht aus dem »Äkernest« hervorzieht, sagen hört: »Du, der Rektor weiß gar nichts davon, weil es nicht in seinem Naturgeschichtsbuch und der dicken Bibel steht. Aber ich weiß es von unserm Krischan, weißt du, den mein Vater wegen eurer Hanne aus dem Dienst tun mußte. Dies hier ist mal wieder nicht sein eigentlich Heckequartier, wo er mit seiner Frau und seinen Jungen zu Hause ist. Die Kletterei hätten wir uns sparen können. Der Lork macht es grade wie mein Vater. Wenn es den zu Hause nicht leidet von wegen meiner Mutter, denn weiß er wohl, wo er woanderwo hingehen kann. Er macht sich noch ein paar andere Orte zurecht, wo er sein Vergnügen ruhig haben kann. Einen Buddel hat der Äker hier nicht versteckt stehen, wie mein Vater in unserm Gartenhaus; aber voll Bucheckern liest er sich dies voll und setzt sich dabei und knabbert für sich allein, wenn er nicht vorher schon in Lüders' Wirtschaft – ne, da geht er nicht hin, der Äker, aber mein Vater. Dein Vater, Fritze, geht in den Ratskeller, da hat er seine Pfeife stehen. Es ist eine mit einer Fliege auf dem Kopfe, ich kenne sie ganz gut und habe ein paarmal probiert, ob sie auch Luft hat. Und die anderen Herren aus der Stadt, der Burgemeister und der Doktor, sitzen auch da des Abends, aber Bucheckern knabbern sie nicht. Na, laß uns nur wieder herunter – Harzpech haben wir genug an uns, und daß du ein Loch in der Hose hast, wird dir deine Mutter auch schon sagen!«... Wie sich das aneinander hing! Der Alte am Fenster hatte nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß so liebe Schatten, die Schatten der Eltern, ihm so aus der Tiefe heraufbeschworen wurden. Wer hätte das denn besser besorgen können als der beste Freund des Hauses Feyerabend, als Ludchen Bock? Da warst du, Mütterchen! Und wie laut die große Stadt ihren Sonntagmorgen begehen mochte, in der Seele des Geheimrats Feyerabend wurde es still und die Pfeife ging ihm aus. Da warst du, schöne junge Frau aus der Welt vor sechzig Jahren, mit deinem guten Lachen, deinem klugen Lächeln, mit deiner Weltweisheit, die nicht aus dem Lehrplan »höherer Töchterschule« stammte, aber im Lebensverdruß und -behagen, bei Sonnenschein und Regen, an der Wiege und am Sarge, unter den Pfingstmaien und unter dem Christbaum sich so weich, so linde wie deine Hand über alles legte, was dich betraf, so weit dein kleines großes Reich auf dieser Erde reichte und Menschenglück und Elend, Wohlsein und Überdruß, Jubel und Jammer umfing. »Noch immer der alte Sonnenschein, aber – die nicht mehr dabei!« murmelte der Greis an seinem Fenster seufzend, um sich im nächsten Augenblick wieder lächelnd die Stirn zu reiben. »Du, darin habe ich es besser zu Hause als du. Latein kann meiner nicht«, hörte er es neben sich – hörte er wiederum Ludchen Bock neben sich, die steinige Berglehne im Sonnenschein hinunter nach Altershausen. »Das wäre noch schöner, wenn er mich auch dazu zum Rektor Schuster täte wie deiner dich! Aber deiner ist auch der Klügste in der ganzen Stadt, sagt mein Vater, und der Niederträchtigste und Freundlichste mit den Leuten auch, sagt meine Mutter.« Wie es dem Alten am Fenster aufklang, alles, was die Leute von Altershausen von seinem jungen Vater sagten, und alles – was er selber von dem wußte aus Altershausen, da er noch unter seinem strengen Blick und versteckten Lächeln mit dem Rektor Schuster im Kampf darob lag, wer von beiden am wenigsten Latein wisse! Da war er in dem gegenwärtigen Sonnenschein, als ob er nie aufgehört habe, darin mitzuspielen – – – – – – – – – – – »Ist denn das wirklich dein Ernst?« fragte nachher beim Mittagstisch Schwester Karoline... IV. Vor zwei Menschenaltern würde Fritzchen seinem Schwesterchen Linchen unbedingt erwidert haben: »Mein blutiger!« Jetzt nickte er nur lächelnd, jedoch dabei seufzend und die Torheit seines Vorhabens vollkommen einsehend. Geheimrat Feyerabend hatte nämlich seiner treuen Hausvormünderin mit einem Hinweis auf das schöne Wetter, das wunderbare Wetter, seine Absicht ausgesprochen, zu verreisen, und auf ihre Frage: »Wohin denn?« nur zu antworten gewußt: »Ja, wenn ich das selber wüßte!« Wenn er ihr mitgeteilt haben würde, daß er diesmal nur seinen Freund Ludchen Bock im Nachbarhause besuchen wolle, so würde sie ihn einfach für verrückt erklärt haben. Sie hatte diese Redensart so an sich, gebrauchte sie nicht selten auch dem Bruder gegenüber und hatte dann und wann nicht ganz unrecht damit. Wenn er ihr gesagt haben würde, er habe Geschäfte in Paris, London oder Rom, oder man wünsche seine Gegenwart in Madrid, Rio Janeiro oder New-York, so würde sie das für möglich gehalten und nicht als außerhalb der Lebenslaufbahn des Bruders liegend gefunden haben; aber – wo lag das Land, wo wohnten die Menschen, die der alte Mann jetzt, nach seiner »Quieszierung« aus der Länge der Tage und der Schlaflosigkeit der Nächte heraus, aufzusuchen – wieder zu besuchen wünschte? Da er selber es nicht wußte, wie hätte er es der Guten deutlich machen können, als er sie ersuchte, ihm noch einmal für den Bedarf der nächsten Wochen die nötige Leibwäsche an Wolle, Leinen – Unterhosen, Nachtjacken und -mützen usw. usw. – in den Reisekoffer aus ihren Schränken zu verabfolgen? Seinerzeit war er viel gereist, aber nicht, aber nie, wie ein Wandersmann aus einem Ludwig Richterschen Bilderbuch, bloß des Frühlings, des Sommers, des Sonnenscheins, des Erdengrüns und der Himmelsbläue wegen. In Sachen seiner Wissenschaft und Kunst, seines Rufes halben, war er berufen worden zu Kongressen der Fachgenossen, zu den Krankenbetten des am besten situierten Teiles der Menschheit. Mit dem uralten angelsächsischen Reisesänger konnte er in dieser Hinsicht gleichfalls von sich berichten: Ich war mit Hunnen und mit Hrædgoten; Mit Winlen war ich und mit Wickingen; Mit Seaxen ich war und mit Schwerdwaren; Mit Thuringen ich war und mit Throwenden, Und mit Burgenden; da erhielt ich einen Ring! Da gab mir Gunthere erfreuendes Geschenk, Zum Lohne des Sanges; das war kein fauler König! Mit Griechen war ich und mit dem Kaiser, Er der Gewalt hatte der Wonneburgen, Der Walchen und Walchinnen und des Walchenreiches. Ja, an mancher Saaltür, in mancher berühmten Stadt hatten ihn erlauchte Fachgenossen feierlichst-kollegialisch begrüßt, an der Tür manches Krankenzimmers erlauchtester Patienten in mehreren Weltteilen hatten ihn liebende Verwandte klopfenden Herzens und weinenden Auges erwartet und ihm den Vortritt gelassen! »Schreitend in den Schicksalen durch der Menschen Länder viele«, war der graue Archiater und Psychiater des neunzehnten Jahrhunderts gewandert; aber gesungen hatte er nicht, wie der weißbärtige Barde des siebenten oder achten. Nein, gesungen hatte er weder in den Versammlungssälen, den Auditorien der Universitäten noch vor den Königen, den Edeln und dem Volke! Und am Herzen, wenn nicht am animalischen, hatte er das alles auch nicht gefaßt und zu sich hingezogen; weder in den Wonneburgen noch in den Spitälern, in den Irrenhäusern, den Dachstuben und Kellerwohnungen der Menschheit. Aber ob er von selber hingegangen war oder ob er befohlen worden war – auf den Beinen und Rädern war er häufig genug in seinem Leben gewesen, und deswegen hätte Schwester Line sich gar nicht gewundert, wenn er noch einmal verreisen wollte, und hätte kein Wort dazu gesagt. Doch nun – wußte er diesmal nicht, wohin er wollte, und blieb fest dabei, daß er es nicht wisse: sollte das wirklich das erste Zeichen beginnender Altersschwäche sein? Er blieb bei seinen Worten und »dummen Redensarten«, wenn er aber je zu irgendeiner Lebenszeit von sich selber aus irgendwohin gegangen war, so war das jetzt – an dem Tage, an welchem er seine letzte Reise , seine Jubiläumsfahrt nach Altershausen antrat!... Nach dem Bahnhof brachte sie ihn natürlich wie immer und in dem Gefühl, daß ihre selige Mutter ihr aufgetragen habe, was das Äußerliche betraf, sich seiner so gut und sorglich als möglich anzunehmen und ihn nicht durch seine eigene Unerfahrenheit und anderer Menschen Schlechtigkeit zu Schaden kommen zu lassen. Sie war die erste aus der Droschke heraus, sie war es, die »ihm das Gepäck besorgte«. So häufig er in drei bis vier Weltteilen solches Geschäft selber für sich verrichtet haben mochte, die Fähigkeit dazu traute sie ihm, solange sie ihn unter ihren eigenen Augen hatte, nie zu. Aber das ist nun einmal so und bleibt hoffentlich so: nimmer hat ein neid- und gifterfüllter Konkurrent und Kollege uns so viel Fähigkeiten abgesprochen, als uns Schwester, Gattin und Tochter wegstreichen. Nur Großmütter und Mütter schreiben uns manchmal mehr an Tugenden und Verdiensten zu, als wir von Rechts wegen vor der Welt beanspruchen können. Wie selten hat eine Großmama einen Rüpel zum Enkel, wie selten eine Mama einen Esel zum Sohn! – »Ich weiß nicht, wie es kommt, Fritz, aber jetzt fällt mir dein Siebenzigstes doch auch auf die Nerven«, sagte Schwester Karoline. »Wenn du wenigstens Schillebold mitnehmen wolltest. Da wüßte ich doch, daß du einen verständigen Menschen bei dir hättest.« »Achten Sie zu Hause auf mich, das heißt auf das Meinige, Schillebold, und nun geht ruhig nach Hause, alle beide! Dir, Linchen, brauche ich nicht anzuempfehlen, daß du auch diesmal auf das Unserige achtest. Auf Wiedersehen!«... Die Tür des Bahnwagens war höflich, aber nachdrucksvoll Fräulein Karoline Feyerabend vor der lieben, sorgenvoll gekrausten Nase und dem langjährigen Amanuensis und längst unentbehrlich gewordenen Lebensgenossen vor der etwas angeröteten zugeschlagen worden und – der Jubilar wirklich mit sich allein in seinem »Abteil« auf der Fahrt, nicht nach Bimini , sondern nach Altershausen gewesen. »Jaja, Fräulein, da ist nun wieder mal nichts weiter zu machen. Der Herr Wirkliche Geheime Obermedizinalrat hat immer so seinen eigenen Sinn und Willen gehabt«, meinte Dr. Schillebold auf dem Heimwege. »Wenn einer Gelegenheit hatte, das öfters in Erfahrung zu bringen, so bin ich gottlob das gewesen. Wir müssen eben abwarten, was für uns nun wieder hierbei herauskommen wird.« »Lieber Freund, ob für eure Wissenschaft hier was abfällt, ist mir ganz einerlei. Daß er sein ganzes Leben durch immer seinen ganz besondern Schutzengel nötig gehabt hat das ist in diesem Augenblick noch mehr als sonst meine Meinung. Nach Altershausen! Bin ich nicht auch aus Altershausen? Ich bin ja wohl so jung und kindisch draus wegversetzt, daß ich wenig mehr davon weiß; aber hätte er mich nicht doch fragen können, ob ich ihn nicht auch zur Auffrischung meiner alten Erinnerungen begleiten wolle? Ludchen Bock! Ich bitte Sie, Doktor, seinen Freund Ludchen Bock will er besuchen! Gehört das auch zu Ihrer Wissenschaft? Seit Jahren hat keins von uns zwei Geschwistern an unsere alte Heimat gedacht, und nun auf einmal jetzt in seinem Einundsiebenzigsten dieser – ich will mich milde ausdrücken – dieser Einfall! Jawohl, Schillebold, da bin ich Ihrer Meinung, es bleibt uns nichts übrig, als abzuwarten, was bei ihm herauskommt.« – – Die Sonne schien bei den vielen Windungen der Bahnlinie bald ins eine Fenster, bald ins andere, und so ließen die Damen der Reisegesellschaft auf beiden Seiten die Gardinen herunter und hüllten, da diese Vorhänge blau waren, sich und den Alten in ein blaues Licht, gegen welches er, da es seinem Reisezweck ganz angemessen war, nichts einzuwenden haben konnte. Die Gesellschaft war ihm bekannt – von allen Heerstraßen der Erde her. Sie kommt hier so wenig in Betracht wie der Reise- Landschafts- und Wagenwechsel. Was hatte das mit Geheimrat Feyerabends Besuch bei Ludchen Bock zu tun? V. Seinen Schutzengel glaubte auch er , Geheimrat Feyerabend, zu haben. Wie vom Professor Plockhorst gemalt hatte er sich ihn grade nicht vorgestellt; aber getraut hatte er ihm, verlassen hatte er sich auf ihn sein ganzes Leben durch gradesogut wie des Sophroniskos Sohn auf sein Dämonion. Auch des Daseins Giftbecher hatte er häufig genug aus seiner Hand hingenommen; immer in der Gewißheit, daß es dazu gehöre und unter jedesmaligen obwaltenden Umständen nicht anders sein könne. Tödlich brauchen ja die Tränke des Lebens nicht immer zu wirken. Ein tüchtiger Katzenjammer und Lebensekel genügt schon, um den festen Griff nach dem bittern Kelch verdienstlich zu machen. – Für diesmal reichte der jugendliche Genius seinem greisen Schutzbefohlenen nur einen angenehm berauschenden Trank. Geheimrat Feyerabend verschlief die Fahrt und die wechselnde Reisegesellschaft, und da die Bemerkungen, die über beides gemacht werden können, schon recht häufig zu Papier und in Druck gebracht worden sind, so verliert die Nachwelt wenig, wenn das Manuskript hier eine Lücke bietet. Es wird nicht die letzte drin sein. – Es war nicht eine der Linien, auf welcher die Blitzzüge verkehren, die Aufgang und Niedergang jetzt auf so leichte, angenehme, uns bequeme Weise miteinander in Verbindung bringen, wie die Vorfahren weder auf ihren Kriegs- noch auf ihren Friedenszügen es sich je im Wachen und im Traum als möglich in die Sinne kommen lassen konnten. Eine wenig befahrene, merkwürdigerweise mehr zu Krieges- als zu Friedenszwecken erbaute Bahn verbindet den größeren Weltverkehr mit Altershausen. Wenn es wieder die Gelegenheit geben sollte, das Wort: ›Kindlein, liebet euch untereinander!‹ nunmehr vermittelst rauchlosen Pulvers und den dazu passenden Schnellfeuergeschützen zwischen den Völkern zur Geltung zu bringen, kann sie auf einmal lebendig genug werden: gegenwärtig war sogar Fritze Feyerabend, der seinen Freund Ludchen Bock besuchen wollte in Altershausen und also sicherlich ein Anrecht auf sie haben durfte, vollständig neu auf ihr. Die Reisewege durch sein Leben hatten immer auf anderen Linien und nach anderen Richtungen hin gelegen. In Athen, Rom und Byzanz war er bekannt und konnte auch die Hotelrechnungen von dorther aufweisen: aus Altershausen nicht! Altershausen konnte ihm nur auftauchen wie das erste Kapitel der Genesis dem Geologen und Philosophen – nicht eine unbekannte, aber trotz aller Wissenschaft unbekannt gewordene Gegend. Daß er seinen Geburtsort tief aus der Vergangenheit seiner Lebenszeit heraufholen mußte, war ihm bewußt, und da hielt er sich denn dabei ganz richtig beim Näherkommen fürs erste an die alten Berggipfel, die über neue Dächer und neues Gemäuer hersahen. Er war darauf gefaßt, daß er die augenblickliche »Jetztzeit« auch hiesigen Orts, von ihrem Rechte Gebrauch machend, vorfinden werde, und fühlte sich dadurch durchaus nicht in einem älteren, weil bessern Recht gekränkt. Wo der Tempel des kapitolinischen Jupiters stand, steht heute die Kirche Ara celi, und wer weiß, was später da noch mal stehen wird? »Altershausen!« schnarrte der Schaffner, und auf seinen Arm gestützt verließ Geheimrat Feyerabend den Zug, der ihn dahin gebracht hatte. Die Höflichkeit und Freundlichkeit des Mannes hatte er nicht allein seiner Persönlichkeit und der Würde des Alters zu danken: Schwester Line hatte auch mit gesorgt, daß er richtig von Station zu Station weitergegeben worden war bis in den angenehmen Abend hinein. »Hm, hm, hm«, brummte er, mit der Hand an der Stirn, ein wenig schwankend auf den Beinen und jetzt doch mit dem »Gefühl«, daß er nicht recht wisse, wo er eigentlich sei, wie er hiehergekommen sei und was er hier wolle, das heißt, was er hier noch so spät am Abend zu suchen habe. Er war ja nicht allein auf dem Zuge gewesen! Es stieg anderes Menschtum aus, das nicht – bloß Ludchen Bock besuchen wollte und nicht den Titel Wirklich Geheimer Obermedizinalrat, Professor, Doktor an sich trug, neulich siebenzig Jahr alt geworden und, obgleich es daher kam, seit nahezu zwei Menschenaltern nicht in Altershausen gewesen war. Ein Blitzzug würde wohl nicht um die Lebendigkeit, die sich jetzt für einige Minuten auf dem Bahnhofe von Altershausen entwickelte, da angehalten haben. Zwei oder drei Handelsreisende, ein jüdischer Viehhändler, mehrere mehr oder weniger behäbige Stadtbürger, ein älterer, jedenfalls der Justiz oder der Verwaltung angehörender Beamter mit einer Aktenmappe, ein jüngerer desselbigen Berufs mit einer Flurkarte legitimierten sich an der Bahnsperre, und – Geheimrat Feyerabend stand allein – glaubte allein zu sein mit der Abendsonne auf dem Bahnsteig seiner Vaterstadt! nie in seinem Dasein so sehr in der Fremde wie jetzt! Er konnte von dem, was ihn hier erwartete, nicht abgeholt werden – weder festlich noch zärtlich, weder mit Lächeln oder Tränen noch mit Triumphbögen, Girlanden, Fahnen, Hurras, Kalbfell- und Blechmusik, Reden und Redensarten! Und er ?                         »Da erwachte der edle Odysseus Ruhend auf dem Boden der lange verlassenen Heimat. Und er kannte sie nicht« – alles erschien ihm »Unter fremder Gestalt: Heerstraßen, schiffbare Häfen, Wolkenberührende Felsen und hochgegipfelte Bäume.« Ja, wenn er das nur zu Gesicht bekommen hätte; aber das war ihm ja, soweit es Altershausen betraf, alles »verbaut« worden im Verlauf des letzten halben Jahrhunderts! Wie konnten ihn die lieben Gestalten und Bilder, die ihn hier erwarten mochten, vor diesem neuen Stationsgebäude in Empfang nehmen? Und die lange, freche, öde Häuserreihe da, die Treppe hinunter, jenseits der Landstraße! und das »Bahnhofshotel«! Das sollte sein Altershausen sein, sein Geburtsort, in welchem er seinen besten ersten Freund, Ludchen Bock, besuchen wollte? Ja, da stand er, und –                                 »da er sein Vaterland ansah, Hub er bitterlich an zu weinen und schlug sich die Hüften, Beide mit flacher Hand, und sprach mit klagender Stimme: ›Weh mir! zu welchem Volk bin ich nun wieder gekommen?‹« Er hätte nur den Stationsvorstand fragen können; aber auch dieser Herr, dessen Aufmerksamkeit er einige Augenblicke lang erregt zu haben schien, verschwand, ohne nur zum Gruß an die rote Mütze gegriffen zu haben. Betroffen wie Odysseus in Phorkys' Bucht sah der Fremdling im Vaterlande auf sein Gepäck: »Wo verberg ich dies viele Gut? und wohin soll ich selber Irren? O wäre doch dies im phäakischen Lande geblieben!« »Soll ich Sie das nach dem Hotel tragen?« fragte eine weinerliche Kinderstimme hinter ihm, und wie der landfremde König von Ithaka hatte er keine Ahnung, daß nur diese Stimme es war, die ihm sagen konnte, daß er wirklich noch einmal zu Hause in Altershausen angelangt sei und seine Fahrt nach Traumland zum Zweck führen könne. – – – Der greise Ankömmling sah sich um nach dem Fragesteller und sah in ein altes, altes, feistes, runzelloses, unbärtiges Greisengesicht und in Augen, deren Zwinkern unter schlaffen Lidern hervor ihm nur zu gut aus seiner Wissenschafts- und Lebenspraxis bekannt war. »Ich bin ja Ludchen!« greinte das Gespenst, und Fritze Feyerabend aus Altershausen, der weder in den Wonneburgen der Fürsten dieser Erde noch sonstwo dem Erdenelend gegenüber mit den Augen gezwinkert hatte, fuhr zusammen und trat drei Schritte zurück und stammelte: »Ludchen Bock?!« »Ludchen – Ludchen Bock!- lachte das Ding kindisch vergnügt. »Soll ich Sie Ihren Koffer tragen? ich weiß den Weg. Ich weiß alles hier, und sie kennen mich alle. Wenn die anderen Jungens nicht wären, wäre ich der einzige. Soll ich Sie Ihren Koffer in die Stadt tragen? Ich bin Ludchen Bock! Fragen Sie nur, wen Sie wollen hier; sie kennen mich alle und wissen, wer ich bin! Die verfluchten anderen Jungen!... aber sie trauen mir alle.« »Ich auch, Ludchen!« sagte der Wirkliche Geheime Obermedizinalrat Professor Dr. Feyerabend. »Aber nach dem Ratskeller möchte ich zum Übernachten, nicht nach der neuen Wirtschaft da drüben. Gibt es den Ratskeller noch bei euch hier in Altershausen?« Das alte blödsinnige Stadtkind starrte den alten fremden Herrn an, wie verblüfft ob der Dummheit der Frage. Dann lachte es nur, wie die Weisheit lacht, wenn sie durch Tatsachen antwortet, griff nach dem Koffer der Schwester Karoline, schwang ihn sich auf die Schulter, schritt mit einem Kopfnicken rückwärts über die Schulter dem Fremden voran den Steig vom Bahnhof hinunter, über die Landstraße, vorbei an der neuen Häuserreihe, die dem noch mal auf Besuch gekommenen Stadtsohn bis jetzt Altershausen verdeckte. Willenlos, schwankend, wie betäubt durch solch rasches Wiederfinden folgte der »große Mann« aus der »großen Welt« seinem besten ersten Freunde in der Welt. Sein Schicksal hatte an manchem Endpunkt seiner Lebensfahrten für mannigfache Überraschungen gesorgt, aber so wie jetzt doch noch nie. Er war an vielen Orten von mancherlei Menschentum erwartet und auf allerlei Weise in Empfang genommen worden, aber so wie jetzt noch nicht. »Hat der alte Nothnagel den Ratskeller noch?« fragte er idiotisch wie sein Führer – zeitvergessen, als ob nicht fast zwei Menschenalter verflossen seien, als der Nothnagel, den er unter dem Eindruck der Stunde meinte, den Ratskeller von Altershausen innehatte. VI. Der eine hinter dem andern überschritten die zwei Freunde vom Bahnhofe her die Landstraße, ließen das Bahnhofshotel, von dessen Schwelle aus ein etwas kurios aussehender Portier dem Stadtsimpel Ludchen eine Faust wies, zur Linken und von der Brücke an das, was seit sechzig Jahren an Baulichkeiten zu Altershausen hinzugekommen war, im Rücken. Wie wenn ein Theatervorhang mit griechischem Tempel und der dazu gehörigen Staffage drauf emporrollt und dahinter auf der Bühne Wilhelms Schreibstube aus den Geschwistern erscheint, so war das!... Von dem leise hinsickernden Bach, der doch zur Rechten der Brücke den dreieckigen Teich bildete, bis zu den Resten der mittelaltrigen Stadtmauer das Wiesental entlang und den grauen Dächern drüber und dem stumpfen Turm der Stadtkirche – von den Wäldern und Berggipfeln im Halbkreis rundum gar nicht zu reden – alles, alles, wie es war vor sechzig Jahren, alles, wie Fritze Feyerabend es hier gelassen hatte, mit seines Schicksals Faust am Kragen, auf seinen Lebensweg hingedreht und fürdergestoßen: »Nicht zu viel umsehen, Kind! Marsch, Junge!« – – – Er hatte sich stets auf seinen klaren Kopf etwas eingebildet, der Wirkliche Geheime Obermedizinalrat Professor und Doktor Friedrich Feyerabend: augenblicklich sah's in ihm nebelig aus, und so war's recht gut, daß über ihm, beim Wiedereinzug in die erste Erdenheimat, wenigstens der Abendhimmel seine Schönheit, Heiterkeit und Klarheit weiter behielt. So schönes Wetter, und – beide alte Kinder von Altershausen noch dabei! – Von Schritt zu Schritt wurde das Vergangene lebendig. Sogar die Pflastersteine unter den Füßen fingen an zu reden, nicht bloß die Häuser, die Mauern, die Fenster, die Türen und Torwege und die Treppen und Bänke davor – alles, alles sagte: »Guten Abend, Herr Geheimer Obermedizinalrat! Herrje, sehen wir dich auch mal und so wieder, Fritze Feyerabend?« Da schrillte es hinter ihnen: »Ludchen! Ludchen! Ludchen Bock!« und der Schattenführer mit Schwester Karolines elegantem Reisekoffer auf der Schulter wendete sich erbost und drohte mit der Faust: »Infame Kröten! Da sind die anderen Jungens wieder! Mit Steinen soll man nicht schmeißen, der Rektor hat's verboten und die Polizei auch, aber – wenn ich einen fasse!« Er setzte das Gepäck nicht ab und ging auf die Jagd nach den »anderen Jungens«; er steckte diesmal nur die Zunge ihnen aus, und – Geheimrat Feyerabend hätte beinahe dasselbige getan. »Ludchen! Ludchen, Ludchen Bock!« schrillte es wieder von den nächsten Straßenecken im Ton von vor sechzig Jahren, wie wenn eben die Uhr im Kirchturm Mittag geschlagen, Rektor Pastor primarius Schuster das Buch zugeklappt, Haselnußstock, Kreide und Hasenpfote beiseite geschoben hätte und die Welt wieder einmal ihnen gehörte – ganz Altershausen ihnen! das Universum als Beigabe – ihnen, den beiden Hauptschlingeln der Gegend und Umgegend: Fritze Feyerabend und Ludchen Bock!... »So wirf doch die dumme Verkleidung durch Zeit und Raum ab und Linchens dumme Bagage da über Kaufmann Quirinius' Gartenzaun! Wir wollen hinter ihnen her! Du da herum, ich hier um die Ecke – an Mordmanns Planke fassen wir ein paar!« hätte Geheimrat Feyerabend beinahe gerufen, er faßte sich jedoch wenigstens so weit, daß er nur sagte, und zwar leise zu sich selber: »Ärgere dich nicht, lieber armer Kerl! Sie machen es überall einem so und halten es für ihr Recht und haben vielleicht recht!« Ein Zeichen, daß er sich nicht nur aus seiner wissenschaftlichen Erfahrung, sondern auch aus seinen eigenen Erlebnissen heraus hier auf dem Wege zum Ratskeller von Altershausen zurechtfinden konnte, wie auf jedem Wege zu allen menschlichen Wonneburgen rund um den Erdball! – Wir brauchen es wohl nicht hervorzuheben, daß er längst von seiner Wissenschaft aus seufzend »unheilbar!« gesagt hatte und wußte, wie er sich auch diesem Schicksal gegenüber zu benehmen habe. »Wie alt bist du eigentlich, Ludchen?« fragte er, als der greise Freund Schwester Karolinens Koffer doch für einen Augenblick auf der Steinbank vor Schuster Pfannkuches Hause absetzte und mit dem Rockärmel den Schweiß von Stirn und kahlem Schädel wischte. »Wie alt Ludchen ist, Herre?« grinste der arme Blödsinnige vergnüglich. »Das weiß keiner als Minchen! Ich weiß es nicht; aber ich zwinge die anderen Jungens noch alle. Minchen allein hat's behalten, die anderen Großen haben es vergessen, auch der Herr Superdent und der Herr Rektor, die es aufgeschrieben haben. Sie aber sind auch gestorben und schön begraben – ich bin mit den anderen Jungens dabei gewesen auf dem Kirchhofe.« Da nun schon Jung-Altershausen anfing, sich um die zwei Freunde zu sammeln und auch die »Großen« an die Fenster und Türen kamen, so wäre er gern weitergegangen; aber die Antwort, die ihm sein Freund Ludchen nicht geben konnte, kam aus dem Haufen. »Siebenzig Jahre ist er alt. Er ist bloß mal auf den Kopf gefallen und so auf dem zwölften stehengeblieben.« »Was wissen Sie denn, Meister Pfannkuche?« greinte Ludchen. »Was Sie wissen, weiß ich auch und mehr! Es hat einer im Blatt gestanden, der von hier ist, – Minchen hat's vorgelesen und gesagt: Junge, das ist ja Fritze Feyerabend, und nun auch siebenzig!... Herr Pfannkuche, als ob ich Fritzen nicht kennte – besser als Sie, der ihn gar nicht kennt. Auf dem Markt wohnt er – haben seine Eltern mit ihm gewohnt, und Minchen hat gesagt: ›Ludchen, das ist nun ein großer Doktor geworden – wie schade, daß er es nicht schon war, damals als wir unser Unglück hatten. Er war aber nur mit dir aus einem Jahr.‹« »Er meint den Herrn Geheimen Rat Feyerabend, den berühmten Arzt, von dem neulich in allen Zeitungen gestanden hat. Ja, der ist hier aus Altershausen, da hat der arme Junge recht. Ich reiche nicht bis dahin hinunter in die Zeit, aber es wird wohl richtig sein, daß sie ihrerzeit gute Freunde gewesen sind, der Herr Geheimrat und unser Ludchen Bock.« »Wohl möglich, Herr Pfannkuche; aber der alte Mann ist müde. Ist es noch weit bis zum Ratskeller?« »Bloß da um die Ecke, mein Herr.« Nimmer hatte ein erlauchter Fremdling sein Inkognito so krampfhaft festgehalten, wie der Wirkliche Geheime Obermedizinalrat Professor Doktor Feyerabend das seinige jetzt. Fünf Minuten später schwang Ludchen Bock seines Freundes Reisegepäck wie ein Dreißigjähriger von der Schulter herunter und Schwester Lines Lederkoffer dem herbeieilenden Hausknecht vom Ratskeller in Altershausen zu: »Ein Herre für die Nacht, Tönnies.« VII. Der »Herre für die Nacht« war nicht gekommen, um sich auch hier am Ort, wie es sonst überall zu seinem Wirken auf Erden zugehört hatte, die Stirn kühl, das Auge klar und die Hand fest und sicher zu erhalten. Ihn in das Gegenteil von all solchen höchst verdienstlichen menschlichen Fähigkeiten zu stürzen, hatte sein Empfang und Einzug in Altershausen das möglichste geleistet. Seine Stirn fühlte sich durchaus nicht kühl an, was das mit seinen Augen war, wußte er selbst nicht recht, und mit der Hand, aus der ihm eben der herzueilende Kellner den Regenschirm nahm, hätte er niemandem den einfachsten Star stechen oder auch ein Krähenauge operieren können: es ist leichter, sich in eine fremde Welt zu finden, als sich in einer fremdgewordenen wieder heimisch zu machen! Alles, was ihm aus dem Gedächtnis abhanden gekommen war, noch vorhanden ohne die geringste Veränderung seit dem Tage seines Auszugs aus dieser ersten Erdenheimat! Und er, der Greis, auf der obersten Stufe der Steintreppe des Ratskellers noch dabei wie vor zwei Menschenaltern! Der Markt von Altershausen der eigentlich nur eine breitere Straße war, mit dem Vaterhause auf der »Sonnenseite« und der ganzen Nachbarschaft zur Seiten und gegenüber – wie da plötzlich wieder alles: »Recht schönen guten Abend, Kleiner!« ruft in der abendsonnegetränkten beginnenden Dämmerung! Und der Geruch!... der Geruch von Altershausen!... Er war es, der unter dem Treppenvordach des Ratskeller, wie mit einem freundschaftlichen Ellbogenstoß, fragte: »Du kennst mich doch noch, Alter?« Je berühmter der Arzt, desto mehr Erdengerüche muß er kennengelernt haben, gute und schlimme; denn nicht nur in den Dachstuben und Kellerwohnungen der Menschheit, sondern auch aus ihren Wonneburgen gehen von den Kranken- und Sterbebetten allerlei Düfte aus, die er wiederkennen muß, wenn sie ihm von neuem in die Nase kommen. Den Geruch seiner Kindheitsheimatstadt hatte Wirklicher Geheimer Obermedizinalrat Professor Doktor Fritz Feyerabend seit zwei Menschenaltern nicht in der Nase gehabt, und nun – wenn ihn etwas dazu hätte bringen können, vor der Tür des Ratskellers von Altershausen seinem Freund Ludchen gegenüber sein Inkognito fallen zu lassen, so wäre er es gewesen – dieser Geruch – der Geruch von Altershausen! Irritabilität und Sensibilität zu gleichen Teilen in Tätigkeit und Mitleidenschaft gezogen, bezwang er sich, Geheimrat Feyerabend. Gerührten Blickes legte er jetzt nur dem Freunde die Hand auf die Schulter, sagte: »Ich danke dir, Ludchen«, und legte, da der andere seine Hand hohl ihm hinreichte, – einen Taler hinein. »O Herre! Herre! Herre!« grinste und stammelte Ludchen Bock, selig, wie wenn er vor sechzig Jahren einen Groschen auf der Straße gefunden hatte. Und wie ein Junge, der befürchtet, daß man ihm den Schatz wieder abnehme, verschwand er auf seinen siebenzigjährigen Beinen um die nächste Straßenecke. »Minchen! Minchen, was ich habe!« hörten ihn die Altershausener rufen und fragten gutmütig oder verdrossen. »Na, was hat denn unser Junge wieder?« Auf den Wirt und das Personal des Ratskellers hatte die unerhörte Generosität des »für die Nacht« gekommenen hohen Gastes den Eindruck gemacht, daß er auch inkognito das beste Zimmer im Hause bekam und daß ihn der Enkel des »alten Nothnagel« persönlich die Treppe hinaufgeleitete und ihn darauf aufmerksam machte, daß er von den Fenstern aus die Aussicht auf alles in Altershausen habe. Mit der ließ man ihn denn allein, und noch nie im Leben hatte er sich an einem Reiseziel in solcher Gesellschaft gefunden. Seine besten Bekannten von der Festtafel neulich hätten ihn in ihr wohl schwerlich wiedererkannt. Und was für eine Antwort würde er wohl bekommen haben auf die Frage aus ihr heraus: »Liebster Freund, haben Sie auch einmal nackt vor dem furchtbaren Geheimnis des Selbstbewußtseins gestanden? Und wenn – wie verhielten Sie sich ihm gegenüber?« Da lehnte er in der warmen Abenddämmerung am Fenster, alle seine Kinderspielplätze unter und um sich! Da der Torbogen mit dem letzten Turm der alten Stadtummauerung – über den Hausdächern die grünen, doch schon in der ersten Herbst-Abenddämmerung versinkenden Berggipfel! Die Stadtbewohner und -bewohnerinnen vor den Haustüren, die Mägde am Brunnen, die Kinder im letzten Spiel vor dem Schlafengehen – alles, wie es gewesen war vor zwei Menschenaltern, wohlerhalten wie Vineta unter dem Wasser – daß der greise Herr des Messers, der Sägen und Zangen, des Blutes und des Eiters das alles durch Tränen gesehen habe, soll hiermit nicht gesagt sein. – »Du da, bin auch da! Auch du da?« Wer war's, der so fragte? Die Glocke vom Turm der Stadtkirche, die acht schlug. Aus welcher Zeit kam grade jetzt die klagende Stimme wieder her: »O, das schöne Wetter, und mein Kind nicht mehr dabei!« –? Doch mit ihr das hohe Wort: »Was ich besitze, seh ich wie im Weiten, Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Es klopfte an der Tür, man legte dem Gast von Altershausen das Fremdenbuch vor, und er lud, wie er glaubte vollberechtigt, das Polizeivergehen der Falschmeldung auf sich. Da ihn neulich die europäische Kollegenschaft zu ihren »Großen« in ihren schönverzierten, vielsprachigen Zuschriften gerechnet hatte, so machte er jetzt Gebrauch von der Ehrung, zählte sich selber zu den »Großen der Erde« und blieb, vom Thron herniedergestiegen, zu ebener Erde inkognito in der Heimat – wenigstens für die Nacht und den nächsten Tag. Er mußte ja aber auch erst in Erfahrung bringen, wer noch vorhanden war am Orte, der mehr wußte von Fritze Feyerabend, als von dem rund um die Welt berühmten gelehrten Kronenträger der Heilkunde, dem Wirklichen Geheimen Obermedizinalrat Professor Doktor Feyerabend! – Wie er sich für Jung-Altershausen ins Buch eintrug, mag der Allgemeinen deutschen Biographie vorenthalten bleiben. Er speiste auf seinem Zimmer, und es fiel nur auf, daß er sich den Hausknecht Tönnies zu einer längeren Verhandlung dorthin kommen ließ. Ausgefragt, zuckte dieser nur die Achseln und gab seine Meinung dahin ab: »Hei is nur 'n snurrigen Patron. Späte bi Nacht will hei noch mal ut, un ick schall um ihn upsitten blieben. Dat he Böses im Sinne hett, glöwe ick nich, Herr Nothnagel. Hei is wohl blot so'n kuriosen Kerel, so'n Liebhaber davon, de unse Stadt bi Maanschiin seihn will. Wi hebbet ja wohl schon von dei Sorte hier 'ehatt. Na, wenn hei immer so utgivvt wie vorhin bi usem Ludchen, kann man ihm ja schon den Gefallen dhaun.« – Dabei beruhigte selbstverständlich sich der Ratskeller. Geheimrat Feyerabend ließ alle, bis auf Tönnies, zu Bette gehen, und da er der einzige Fremde im Hause war und als Abendgäste nur die ältesten, würdigsten, nüchternsten Stadtbewohner verkehrten, so hatte er gegen eilf Uhr bereits die Welt hier für sich allein. Merkwürdigerweise trat er, ehe er auf die Abenteuer dieser Nacht ausging, erst mit dem Licht in der Hand vor den Spiegel und hätte vielleicht selber nicht zu sagen gewußt, weshalb. Ja, er war es noch! Er – war noch! Dieselbe Gewißheit gab ihm ein mehrmaliges festes Auf- und Abschreiten im Zimmer, bevor er Hut und Stock nahm, seine mitternächtige Geisterbeschwörung zu beginnen. »Dat hei wo einbräken will, glöwe ick nich«, brummte Tönnies, der Hausknecht, die Tür des Ratskellers hinter ihm verriegelnd. »So 'ne olle Kruke solle et aber doch wetten, dat de Minsche et bi Nachte im Bedde am besten hett.« – Im letzten Viertel stand der Mond am Himmel, dabei war's sternenklar und windstill und, da die Hundstage des Jahrs doch noch nicht allzu lange der Ewigkeit in den Schoß gesunken waren, sozusagen eine Nacht, wie Schwester Karoline sie nicht günstiger für »wieder diesen verrückten Einfall« des Bruders beim lieben Herrgott hätte bestellen können. »Hätte ich sie doch bei mir, die gute alte Seele!« sagte ihr »ganz Geheimer«, von der Treppe des Ratskellers von Altershausen über den Markt in der magischen Dämmerung nach dem Elternhause hinüberblickend. – Nun wandelte er wie auf Flaum, stieg die Treppe hinunter und aus dem einundsiebenzigsten Lebensjahr zurück in das zwölfte: wie wenn Schweizerhauptmann Johann von Salis-Seewis um ein schönes Nachtgedicht aus der heißen Wachtstube zu Versailles zu den kühlen Schatten, dem Mondschein, den rauschenden Wassern, singenden Vögeln und weißen Marmorbildern des schönsten Gartens Europas niedergestiegen wäre. Beiläufig ein nettes Bild, dem Traumwandler, der gegebenen Stunde und dem Markt von Altershausen gerecht zu werden! Nicht stolpern auf den unter den alten Füßen redenden Steinen, Herr Wirklicher Geheimer Medizinalrat! Langsam, langsam und mit Bedacht durch die zur Gegenwart gewordene Vergangenheit, Herr Doktor! Das Kind noch dabei, Fritze! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Langsam, bedachtsam den Markt entlang bis vor das Elternhaus, dann langsamer, bedachtsamer weiter bis zu dem Torbogen des sechzehnten Jahrhunderts, doch nicht unter ihm durch auf die zwischen den Gärten den Berg hinanführende, auch in dem matten Mondesschimmer weit hinaufleuchte weiße Landstraße! Man hat nicht umsonst als ein exakter Mensch sein Leben hingebracht: man weiß sich zu bescheiden und sich und das Seinige zusammenzuhalten, auch in den Geisterstunden des Erdendaseins. Die Vergangenheit da draußen vor den Toren von Altershausen als Gegenwart sich wiederzuholen, hatte der Greis die Sonne des morgenden Tages nötig. Im vollen Tageslicht mußte das liegen, um Fritze Feyerabends Jubiläumsbesuch bei Ludchen Bock gerecht zu werden und damit der Wirkliche Geheime – nein, damit Bruder Fritz auch der alten Schwester daheim davon erzählen konnte! Was er jetzt suchte, ließ sich im Dunkeln finden. Er berührte Hausmauern, Gartenplanken, Türpfosten, ja sogar auch Türschlösser, soweit die Rückerinnerungen und die Hand reichten. Er stand an Gassenecken und guckte in Winkel, wo es ohne die Sonne für ihn licht wurde, wo für ihn Geschichten aufwachten und mit den Geschichten Geschichte : Lebens-, Welt- und Kulturgeschichte, wie sie nachher, d. h. dann, als er nicht mehr vor Rektor Schusters, sondern ganz anderer und anders gelehrter Männer Katheder saß, doch nicht wichtiger und bedeutungsvoller zum Vortrag gebracht werden konnte. Was war der Opfertod der dreihundert Sparter bei den Thermophylen gegen den Gartenweg hinter Bocks Scheune, in dessen Verteidigung er selber geblutet hatte, und zwar »wie ein Schwein«, wie Ludchen Bock sagte und die Altershausener Heldenmutter zu Hause, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, bestätigte? Was bedeuteten Seine Majestät Ernst August, König von Hannover, und die nichtsnutzigen Göttinger Sieben gegen den Misthaufen, den er, wenn nicht als den selben, so doch als den gleichen an seinem richtigen Platze hinter der Superintendentur wenigstens mit der Nase wiederfand? Vor zwei Menschenaltern war er nicht bloß mit der Nase, sondern mit der ganzen Visage, ganz abgesehen davon, was er sonst dabei abkriegte, hineingedrückt worden von seinem Freunde Ludchen, und auch das war was gewesen wegen dessen seine Mutter seinen Freund nicht mit dem gehörigen Wohlwollen sehen konnte. Was den Vater anbetraf, so hielt sich der durch mehrere Tage, sowohl was Zärtlichkeit, als was Zorn anbetraf, möglichst fern von seinem Sprößling, und das Kind hörte ihn nur von weitem brummen: »Frau, der Junge stinkt ja noch immer fürchterlich! Ist denn der Geruch an dem Schlingel gar nicht wieder auszurotten? Krieg ihn, wie er dasteht und die Luft verpestet, doch noch mal in deinen Büketubben!« Weiter, weiter so durch die balsamische Nacht, Fritz Feyerabend aus Altershausen! Nimm hin und mache die Gegenwart zur Vergangenheit und die Vergangenheit zur Gegenwart. Alten Menschen, die anständig einen heißen Lebenstag hinter sich haben, hilft man dann und wann zu einem Abendvergnügen: die Regel ist es freilich nicht! Die Ausnahme, vorzüglich die jetzt mit dir bei dieser deiner närrischen Altersvergnügensfahrt gemacht wird, bestätigt wahrhaftig nicht die Regel; aber du siehst, wie wohlwollend wir obersten Mächte immer noch gegen dich gesinnt sind: deinen Freund Ludchen Bock ließen wir dich wiederfinden, wie du ihn hier gelassen hast vor sechzig Jahren. Wir sind's gewesen, die ihn dir zur Begrüßung nach dem Bahnhof schickten, – weiter, weiter hinein in die Nacht und den Traum vom Dasein des Menschen auf seiner Erde, altes närrisches Menschenkind!... »Spitz, bist du denn das?« fragte Geheimrat Feyerabend, vor der Pforte des Amtsgerichtsgebäudes sich niederbeugend und einer feuchten, kalten Hundeschnauze die dürre Hand zum befreundeten Beriechen und Belecken hingebend, und zwar mit einiger Verwunderung; denn sie sind sonst durchaus nicht so , die Spitze. Von den Treppenstufen des Amtsgerichts war er, ohne zu bellen und bissig anzuspringen, heruntergekommen, wie seinerseits zur Begrüßung des greisen Altershausener Kindes, und nun erhob sich auch sein jetziger Herr, der gegenwärtige Nachtwächter der Stadt, aus seinem nächtlichen Vorschlummer auf der Treppe des Amtsgerichts und kam herzu: »Na, was hat denn der Köter? Hierher, Bollmann!« »Bollmann?!« wiederholte der Geheimrat. Hatte nicht sein Vater den Namen dem Wächter des Hauses zum Andenken an einen früheren Universitätsfreund und nochmaligen Amtsgenossen angehängt? War der Hund wirklich noch der Spitz des Hauses Feyerabend, oder war der Name weitergegeben worden, wie in Südwestdeutschland der des Pfalzverwüsters Melac? Wie dem auch sein mochte: hatte der Greis eben vor dem Vaterhause nur gestanden und zu allem seinem Mauerwerk und Fenstern hingesehen, so war er nun mit »unserm Bollmann« als Führer drin – treppauf und -ab, durch Stuben und Kammern, vom Keller bis zum Boden, durch Hof und Garten, und mit dem alten unveränderten »Spitz« fehlte nichts mehr von alledem, was vor zwei Menschenaltern dagewesen war! Aber diese Inventur der Vergangenheit dauerte nur einen Augenblick. Der Wasserkrug, der vor Mahomeds Bett umfiel und seinen Inhalt nicht verschütten konnte, ehe Allah seinen Propheten durch alle seine sieben Himmel geführt und ebenfalls ihm seinen Haushalt vom Keller bis zum Dache gezeigt hatte, kam wieder mal zur Geltung. »Kann ich Sie womit dienen?« fragte der jetzige Nachtwächter von Altershausen, den gegen Fremde ihm zu vertraulich erscheinenden vierfüßigen Begleiter durch einen verdrießlichen Stockhieb von dem sonderbaren Nachtwandler wegscheuchend. »Mit einiger Höflichkeit! wenn es Ihnen nicht allzu schwer wird«, sagte Doktor Feyerabend mit dem Tone, der auch in den erlauchtesten Wonneburgen der Menschheit ihm geholfen hatte, den Ton der Unterhaltung auf das richtige Maß zu stimmen. »Ich habe Ihnen ja noch gar nichts mit Unhöflichkeit gesagt!« brummte der Mann, mit der Hand an der Mütze. »Daß Sie den Ort nicht von der Stelle tragen wollen, sehe ich auch noch bei schlafender Nacht. Kann ich Sie den Weg wohin zeigen, bin ich gern dafür da. Ich bin hier vom Magistrat bestellter Nachtwächter, und das Viech habe ich für's Anbellen und nicht Anschmeicheln bei mir. Mein Name ist Ritterbusch, wenn Sie sich morgen vielleicht beim Herrn Burgemeister nach mir erkundigen wollen. Ja, ich bin der Nachtwächter hier in Altershausen!« Daß letzteres auf uralter Wahrheit beruhte, hatte das alte Altershausener Stadtkind schon in Erfahrung gebracht; aber der Name!... Was war der Name an Trinkgeld wert in dieser Traumnacht! Es ist ein sonderbarer Vergleich, aber so warm er vorhin diese kalte Hundeschnauze in seiner Hand gefühlt hatte, so warm empfand er nun diesen Namen in seiner Seele. »Ritterbuschen, ich verlasse mich ganz auf Sie. Wir kommen wohl etwas später nach Hause; aber ich weiß ja die Kinder gut bei Ihnen aufgehoben!« sagte eine liebe Stimme, das Spinnrad am Ofen hörte auf zu schnurren, und die zwei Kinder stürmten gegen die schöne junge Mutter an, die mit beiden Händen im langen weißen Handschuh ängstlich den Angriff auf den Provinzialglanz der Balltoilette von achtzehnhundertneunundvierzig abwehrte. Amélie, Königin der Franzosen, Elisabeth, Königin von Preußen, Alexandra Feodorowna, aller Reußen Zariza, Anna, Kaiserin von Österreich, hätten nicht strahlender und lebendiger mit Schinkenärmeln, Goldreifen um die Stirnen und in Kreuzbänderschuhen in die Altershausener Nacht aus den verschollenen Modenjournalen ihrer Zeit hineintreten können! »Schaffe Sie den Jungen jedenfalls zur rechten Zeit ins Bett, Ritterbuschen, und sitze Sie nicht selber noch bei ihm, um ihn in den Schlaf zu erzählen, Großmutter Grimm«, sagte eine andere Stimme hinein in – die Kinderstube des Hauses Feyerabend, und der Wirkliche Geheime Medizinalrat Professor Dr. Feyerabend wendete sich an den Nachtwächter Ritterbusch vor dem Amtsgericht von Altershausen, klopfte dem Patron auf die Schulter und sagte: »Schlafen Sie ruhig weiter, lieber Mann. Wenn einer hier am Ort nicht die Ruhe zu stören wünscht, so bin ich der. Die Wege hier im Orte kenne ich selber.« Der Spitz, der sich allgemach seiner eigensten Natur besser besonnen zu haben schien, boll dem alten Herrn giftigst nach; sein Herr, mit der Mütze in der Hand, brummte: »Na nu? Grobheiten soll man sich bei nachtschlafender Zeit in seinem Amte von so fremder, unbekannter Menschheit sagen lassen? Na, komm du mir wieder!« Mit verschlossenen Ohren ging Fritze Feyerabend weiter. Die Welt hatte sich ihm durch Bollmanns kalte Nase zu einem Kinder-Gitterbett zusammengezogen. Draußen mußte es eben wohl Winter sein, denn wie ein warmes Federdeckbett legte es sich über ihn und wurde um ihn zurechtgestopft. Von fernher – aus Indien – von der Menschheit Wiege aber summte es aus dem Munde der Frau Ritterbusch, wie es durch die Jahrtausende weitergegeben wird und weitergegeben werden wird, bis der letzte Mensch mit einer Brille auf der Nase geboren werden wird und weder seiner Mutter noch sich selber mehr Freude machen kann. Sie spannen alle bei ihrem Singsang und Erzählen: die Parzen in der griechischen Unterwelt; am Urdarborn Urd, Werdandi und Skuld, die Nornen; und am Markt von Altershausen in des Hauses Feyerabend Kinderstube die Frau Ritterbusch! »Wenn du jetzt nicht einschläfst, weint Mama, und dein Herr Vater schilt, Fritzchen, und ich – da lief dem Schneiderlein, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus seiner Hölle einen Tuchlappen, und ›wart, ich will es euch geben!‹ schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. – Junge, wenn du jetzt nicht die Augen zumachst, so sollst du mal sehen! – ›Bist du so ein Kerl?‹ sagte der Schneider, ›das soll die ganze Stadt erfahren. Ei was, die ganze Stadt! die ganze Welt soll's erfahren!‹ Und sein Herz wackelte ihm wie ein Lämmerschwänzchen«... »Siebene auf einen Schlag!« war es das Spinnrad der Ritterbuschen, oder war's der Brunnen um die Ecke vor Mordmanns Gehöft, was in die Geschichte vom tapfern Schneiderlein hineinrauschte? Siebenzig Lebensjahre auf dem Buckel und die Devise »Siebene auf einen Streich!« auf dem von ihm selber zugeschnittenen, genähten und gestickten Leibgürtel! War es Fritzchen Feyerabend, oder war es der Wirkliche Geheime Obermedizinalrat Feyerabend, der dastand an dem Röhrbrunnen an Zimmermann Mordmanns lebendiger Zaunhecke und es nun aus einem anderen Winterabend herübermurmeln hörte: »Und der König wachte auf und gab der Frau Königin einen Stubbs, und sie wachte auch auf, und sie sahen einander mit großen Augen an... Junge, schlaf ein!... Es wachte alles auf, was die hundert Jahre geschlafen hatte da im Schlosse – die Soldaten auf der Wache, wo sie zu trommeln anfingen, und das Feuer in der Küche unterm Herde, wo sie vor hundert Jahren hatten Eierkuchen backen wollen. Und der Koch gab dem Küchenjungen die Ohrfeige, die er ihm eben auch vor hundert Jahren versprochen hatte. Sie hatten aber auch noch Suppe zu Mittag haben sollen, und so rupfte auch die Magd das Huhn fertig, das sie – alles vor hundert Jahren – im Schoße gehabt hatte, und sagte: Ja, Koch, grade so was hat auch so'n böser Junge verdient, wenn er mich hier bis an den hellen, lichten Morgen sitzen und verzählen lassen will! –?« Es war jedenfalls der Geheimrat, der eben sagte: »Nein, das hat sie nicht gesagt, die Küchenmagd, Ritterbuschen! Und dann sind auch immer die Fliegen dabei, die an der Wand aufwachen nach hundert Jahren, Ritterbuschen, und das hast du diesmal ausgelassen.« Es war Geheimrat Feyerabend, der es in der eben vorhandenen nächtlichen Stunde vernahm. »I, so'n verflixter Junge! Da sitze ich bis nach Mitternacht an seinem Bett und predige mir den Mund wund, daß ich das naseweise Kind zum Einschlafen bringe, und es weiß immer wieder alles besser. Junge, Junge, bist du mir denn nach Mitternacht gluher als vorher?«... Was war das? Eine Kinderstimme hinter Mordmanns Kuhstall her. Eine Kinderstimme und doch auch wieder keine Kinderstimme, sondern die eines alten Mannes, die sich in umgekehrter Weise »setzte« und aus dem dumpfen Krächzen des Greisentums in die schrillen Töne der ersten Jugend umschlug – »Maikäfer flieg, Dein Vater ist im Krieg. Deine Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt – Maikäfer flieg!« Ludchen Bock! Ein Schatten im Dämmer und doch die wirklichste Wirklichkeit kam er um die Ecke des Zauns, schwankte unsicheren Schrittes auf das lebendige Wasser zu, das der Röhrbrunnen vor Mordmanns Gehöft wie vor sechzig Jahren in den Trog sprudelte, und an die Röhre, aus der Geheimrat Feyerabend mit der Hand geschöpft hatte, hielt er den Mund und ließ sich dann den ewig jungen Strahl auch über den kahlen Scheitel fliegen. »Der Herre vom Bahnhof!« rief er aber wie im höchsten Schreck, als der Freund aus dem Schatten mit einem »Guten Abend, Ludchen!« auf ihn zutrat, und an allen Gliedern zitternd winselte und schluchzte er wie ein über etwas Verbotenem ertapptes Kind: »Ich kann nichts dafür! ich kann nichts dafür! die anderen sind es gewesen! Ich habe gewiß und wahrhaftig nicht gewollt, Minchen; aber sie haben mir den blanken Taler weggenommen, Herre, Herre, und haben gesagt, so'n großer Junge wie ich brauchte sich doch nicht alles gefallen zu lassen, und dann sind wir in Beckers Garten alle miteinander, wir Großen, vergnügt gewesen. O Gotte, Gotte, und nun, wo ist mein Taler, den mir der Herre am Bahnhof für Minchen gegeben hat? Pommerland, ist abgebrannt – Maikäfer flieg! Maikäfer flieg!« Von neuem hielt er den Greisenschädel unter die Brunnenröhre; dann schüttelte er die Faust in die Monddämmerung hinein: »Die Unfläter! Sie haben mich vor die Tür getan und gesagt: Du mußt nach Hause, Ludchen, so kleine Jungens sollten schon lange zu Bette sein, und dein Minchen wartet schon längst mit der Rute. Paß nur auf, daß dich Ritterbusch nicht vor den Burgemeister bringt! O Gotte, Gotte, wenn mir doch der fremde Herre das viele Geld und den blanken Taler nicht gegeben hätte! Ritterbusch tut mir nichts, ach, wenn nur Minchen nicht wäre!« VIII. Wer von beiden war nun in dieser Nacht das größere Kind? Ludchen Bock, den die bösen Buben von Altershausen in Beckers Garten betrunken gemacht hatten, oder Geheimrat Fritze Feyerabend, der nicht bloß aus den Wonneburgen der Walchen, sondern sogar von den »Höhen der Menschheit« zu ihm niedergestiegen war und sich jetzt zu ihm auf den Brunnentrog vor Mordmanns Hofplanke hinsetzte? So schönes Wetter, und – sie waren eben beide noch dabei!   »Kennst du mich noch, Ludchen?« fragte nach einer Weile der Mann aus der sogenannten Wirklichkeitswelt. »Sie sind der Herre vom Bahnhof mit dem Taler. Ich bin nur auf den Kopf gefallen und Ludchen Bock. Ich bedanke mich nochmals und wäre auch gleich mit ihm nach Hause gegangen; aber ich habe ihn einem von den großen Jungens gezeigt, und da haben sie gesagt, ich brauchte und sollte mir nicht alles gefallen lassen, auch von Minchen nicht. O Gotte, Gotte, und nun kann ich nicht nach Hause aus Angst, Fritze!« Der große Seelenarzt auf dem Brunnentrog fuhr zusammen und hatte ein Minuten nötig, ehe er das letzte Wort in seine Erfahrungen aus seinen Wissenschaften eingeordnet hatte. »Du kannst es bezeugen, daß ich mich vor keinem fürchte, Fritze. Vor dem Rektor nicht, vor dem Superdenten nicht und nicht mal vor deinem Vater. Deine Mutter ist auch schon schlimmer; aber – o Gotte, Gotte, Minchen und ich jetzt wieder!... Nun hat sie wieder aufgesessen um mich und Angst gehabt um mich, und an unsere Ziege habe ich auch nicht gedacht, und sie mußte im Bette sein, eh Ritterbusch zum erstenmal rief, und ich sollte schon viel länger zu Bette sein! Fritze, wenn sie mich nur jedesmal hauen wollte, wie mich mein Vater und meine Mutter und dich dein Vater, aber das tut sie ja nicht und kann's auch nicht, das arme, kleine Wurm von Mädchen! O Gotte, Gotte, wenn ich nur erst wieder schliefe und es ihr versprochen hätte, daß es nun aber auch ganz gewiß das letzte Mal gewesen sein sollte! Wenn sie es mir nur wieder erst geglaubt hätte, daß ich es nicht wieder tun würde, und wenn mir auch so'n fremder Herre auf dem Bahnhof hundert Taler schenkte!« »Soll ich mit dir gehen? Soll ich dich nach Hause bringen, Ludchen?« fragte Geheimrat Feyerabend. Er erhob sich mühsam als alter Mann von dem Troge und zog sanft dem andern Alten die Hände von dem angstvollen jungenhaften Greisengesicht und ihn an der einen in die Höhe und am Handgelenk wie vor sechzig Jahren mit sich. »Komm, ich bringe dich zu deinem Minchen, und sie vergibt dir noch einmal – was andere an dir gesündigt haben, armer Tropf!« Die letzten Worte hatte Fritz Feyerabend nur zu sich selber gesprochen. »Der Herre, dem ich seine Sachen nach dem Keller getragen habe?« murmelte Ludchen Bock. »Fritze Feyerabend aus Altershausen!«... Der Traum als Wirklichkeit war jetzt vollständig. Es fehlte für zehn Minuten nichts mehr dem Mann aus der großen Welt, was vordem ihm einmal gewesen war! Er war Kind mit dem Kinde, Idiot mit dem Idioten: Schulen, Universitäten, Lehrsäle, in denen man selber vom Katheder sprach, Land und See, alle Weisheiten, Herrlichkeiten und Königreiche dieser Erde, die großen Herren und die großen Menschen darin, alle trônes, principautés, archanges, séraphins et chérubins Schöpfers Himmels und der Erden, wie das alles im Selbstbewußtsein eines Gebildeten längeren irdischen Daseins Inhalt ausmacht und Formen bedingt – weggewischt! Nichts übrig als zwei Jungen auf dem Wege nach Hause – beide mit dem Gefühl, sich verspätet zu haben! ... Und wie vor alter Zeit so häufig, ging Friedrich Feyerabend wieder unter Ludwig Bocks Führung. Er wollte in die Gasse biegen, die von Mordmanns Hofe aus am nächsten zu den Elternhäusern führte; aber Ludchen bog nicht rechts, sondern links um die Planke, und es war ja richtig: er mußte in dieser hellen Nacht doch am besten Bescheid wissen in Altershausen! Ja, da lief der Gartenweg noch in der Mond- und Zauberdämmerung wie vordem, als ob jeder Busch und Baum, jede Hecke und jeder Zaun an Ort und Stelle geblieben wären und nicht sechzig Jahre hingegangen wären, Weltgeschichte gemacht und »epochemachende Veränderungen« verursacht hätten! Aber je bekannter dem am Ort Fremdgewordenen die Wege unter den Füßen wurden – immer wieder der Geruch! Wahrhaftig sind es nicht die Sinne des Sehens, Hörens, Schmeckens und Fühlens, was einem den Ortssinn und das Heimatsgefühl schärft: die Nase ist, die da sagt: ja, geh nur mir nach! so roch es hier, und so wird's hier riechen. Heute kommst du mit mir nach zwei Menschenaltern, bringe mich nach zwanzig wieder zur Stelle und hole mich dir voll, wenn das Nest noch steht. Einerlei, ob es Altershausen, Rom oder Berlin heißt! Einerlei, ob du abgelegt wurdest hinter der Hecke unter einem Heuschober oder in Windeln gelegt in den Wonneburgen der Walchen. – Jetzt bog aus dem Gartenwege der Pfad wieder in eine Gasse ein, die gegen die Stadtmauer zu führte. Deren Bewohner schliefen alle hinter den dunkeln Fenstern in den kleinen Häusern; nur vom äußersten Ende her flimmerte eine Lampe, und Ludchen Bock hielt an und hielt auch den Begleiter am Rockschoß fest und winselte mit weinerlicher Kinderstimme: »Da hat sie noch Licht! O Gotte, Gotte, wenn ich doch zu Bette wäre und sie auch! Und ich bringe ihr doch immer alles ehrlich, was mir die Leute schenken – einen Nickel, zwanzig Pfennige, fünfzig Pfennige. Was brauchte mir der fremde Herre das viele Geld zu geben? Sie hält mich doch sonst reinlich im Zeuge und läßt mir nichts abgehen morgens, mittags und abends; und den Taler mußte ich ja doch in der Hand in Beckers Garten den anderen Großen zeigen, denn sie haben ihn ja alle sehen wollen und nachher mit mir anstoßen wollen, bis sie sagten: ›Nu, Junge, steht sie aber mit dem Stock hinter der Tür, und Ritterbusch hat schon lange gerufen.‹ Ich hätte ja schon längst zu Bette gemocht; aber daß sie lachten: ›Nu weint er wieder!‹, das konnte ich mir doch nicht bieten lassen von ihnen, da ich grade so viele Kraft habe als einer von ihnen. Und wenn mir Becker nicht zugeredet hätte, so säße ich noch bei ihm – vor der Polizei und dem Herrn Bürgermeister habe ich mich nicht gefürchtet! O Gott, wenn ich nur im Bette wäre und ihr alles gesagt hätte! Da sitzt sie und hat allein noch Licht in ganz Altershausen!... Gute Nacht, Fritze!« Der Wirkliche Geheime Medizinalrat Professor Dr. Feyerabend wäre nicht auch ein berühmter Seelenarzt gewesen, wenn er nicht den letzten Ausruf in seine Erfahrungen hätte einreihen können. Er lief dem armen, greisen, blöden Freunde nicht nach, dem Lichtschein am Ende des Gäßchens zu. »Gute Nacht, Ludchen!« sagte er nur gerührt und ging langsam dem Davonlaufenden nach, blieb auch im Schatten der Nacht und Hauswände und suchte nur von ferne zu erfahren, wer für den Freund da wach blieb in Liebe und Sorgen und auf den Greis wartete wie eine Mutter auf ihr Kind. Der Lichtschein fiel jetzt nicht mehr aus dem Fenster, sondern aus der engen, niedern Tür des kleinen Häuschens an der Stadtmauer. Es war ebenfalls eine Greisin, welche die Hand vor die im ersten leisen Morgenwehen flackernde Lampe hielt. Was dort gesprochen wurde, verstand Geheimrat Feyerabend nicht; aber schrill und keifend war die Stimme nicht, die dem armen Sünder, Ludchen Bock, jetzt beim Zu-spät-nach-Hause-Kommen den Text las. Er hörte nur das Kind von Altershausen nur noch mal schluchzen, ehe es ins Haus gezogen wurde und die Tür sich hinter ihm schloß. »Zu unserer Zeit ging's bei den Müttern – und schon nach neune! – lauter her als da bei seinem Minchen«, murmelte Fritz Feyerabend auf seinem Rückwege nach dem Ratskeller. »Wer mag sie sein aus unserer Zeit, die hier heute nach sechzig Jahren an dem armen Alten des Weibes Beruf zum Kinderwarten so in Treue und Güte pflegt?« IX. Tönnies, der Hausknecht im Stadtkeller, war so gut gewesen wie sein Glaube an die Trinkgeldbefähigung des »schnurrigen fremden Herrn von gestern abend«. Er war wach und ließ auf das erste Glockenzeichen den Gast, der sich »Altershausen bei Dunkelm besehen wollte«, ein. Er leuchtete ihm auch zu seinem Zimmer hinauf, sah sich einen Augenblick drin um und brummte: »Es wird ja wohl alles in Ordnung sein?«, wünschte eine gutschlafende Nacht, und Geheimrat Feyerabend entließ ihn, ohne ihn zu benachrichtigen, daß er – Fritze Feyerabend aus Altershausen – wahrscheinlich noch allerlei Besuch bekommen werde. Der kam; aber Tönnies brauchte seinetwegen nicht an der Haustür zu warten und seinerseits wach zu bleiben. Ein gut Stück Weltgeschichte machte dem Doktor Feyerabend seine Aufwartung in dieser Nacht. Bei der Umschau nach dem Stiefelknecht, vor dem Einschlafen, im Traum und in das hindämmernde langsame Erwachen zu der geschichtlichen Gegenwart von Altershausen hinein: seines Volkes Schicksal, wie er es mitatmend miterleben durfte und mußte seit zwei Menschenaltern, ja seit der Stunde, in welcher er aus einem besseren Jenseits in ein zweifelvolles Hier mit steigender Verwunderung sich versetzt fand! In aller möglichen Weise kam es an ihn heran in diesem Ratskeller seiner Kindheitsstadt; und einer der ersten, die wiederkamen, war der merkwürdige Besuch im Jahre 1873, der dem damaligen Professor Feyerabend seine Karte hereinschickte mit dem Mädchennamen seiner Großmutter drauf und lächelnd fragte: »Sie erinnern sich meiner wohl nicht mehr, Herr Neffe?« In dem Ratskeller zu Altershausen erinnerte sich Wirklicher Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Feyerabend – Fritzchen Feyerabend seiner, aber aus dem Jahre achtzehnhundertsiebenunddreißig! Der Berggipfel hatte dem Alten über die Dächer zugewinkt, der Berg, auf dem der lange Student, der junge Onkel den Neffen sich auf die Schulter hob, ihm nach allen vier Weltgegenden hin zeigte, wie groß und weit die Weit sei, und dabei die Göttinger Sieben hochleben ließ. »Bei Ihrem Vater – na, wir nennen uns doch wohl du – und deiner lieben, guten Mutter kroch ich damals, in perpetuum relegiert von der Georgia Augusta, unter«, hatte der wohlbehäbige, stattliche Deutsch-Amerikaner im Jahre dreiundsiebenzig gesagt. »Nun, die sieben gelehrten Thebaner, die mich damals in die Ungelegenheit brachten, sind ja auch ganz behaglich untergeschlupft und haben es nach vollendetem Martyrertum dem alten hannoverschen Engländer zum Trotz zu allerlei Ehren im durchlauchtigen Deutschen Bund gebracht und teilweise allerhand Dummheiten ausgehen lassen – noch neulich Anno sechsundsechzig. Reden wir nicht weiter davon, sondern lieber von deinen lieben Eltern und dir, Fritze. Jaja, auch dich haben die letzten Jahre bei uns aus einem Dutchman zu einem German gemacht und bringen mich heute zu diesem Altersbesuch im alten Lande.« Und im Ratskeller zu Altershausen in Traumland saß Fritzchen Feyerabend wieder auf der Schulter des langen, um die Sieben relegierten Göttingers und ließ sich von ihm weisen, wie weit und offen die Welt rundum sei. »Herunter mit dem Englishman! es leben Deutschlands Sieben – Klinge Lied und klinge Pokal! Es leben die Sieben, die treffliche Zahl! Sieben der Wissenschaft tüchtigste Kenner, Sieben Demanten im Wappen der Männer!« klang es aus längst vergangenem Sonnenschein und Wäldergrün von jenem jetzt im Nachtnebel versunkenen Berggipfel hinein in das beste Gastzimmer des Ratskellers von Altershausen, und – »Da, Junge, guck! Das bombardieren sie heute«, sagte eine andere Stimme, und ein Finger deutete auf ein aufgeschlagenes Bilderbuch. »Aussicht vom Libanon. Ptolemais in der Ferne«, stand unter dem Stahlstich, auf welchem der Vater den Finger auf ein Pünktchen am Mittelmeer setzte. Meyers Universum hieß das Buch, und der Ort, der »bombardiert« wurde und früher Ptolemais hieß, war Saint Jean d'Acre. Von der Quadrupelallianz, die damals im Jahre 1840 mit ihren Schiffen gegen Mehemed Ali und Frankreich vor dem Ort lag, verstand der Junge nichts, und weshalb man damals auch in Altershausen sang: »Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein«, entzog sich seinem Interesse; aber was »Bombardieren« und »Bombardement« bedeutete, wußte er gar wohl. Auf dem Puppentheater hatte er das Bombardement von Antwerpen aufführen sehen mit Blitz und Gekrach, und der alte Chassé und der brave Mijnheer van Speyk, der sein Schiff, sich und so viele Hundert nichtsnutzige Belgier auf der Schelde in die Luft sprengte, gehörten – auch aus dem Bilderbuch – zu seinen guten Bekannten: wie fuhr das Kindernäschen dem deutenden Finger nach: »Wo? wo? wo? Oh, da möchte ich dabeisein! Vater, fliegt das auch in die Luft?« Geheimrat Feyerabend bewahrte daheim unter den Cimelien seiner Bibliothek das Buch aus Hildburghausen mit dem Stahlstich: »Aussicht vom Libanon. Ptolemais in der Ferne«; nun lag es auch vor ihm im Ratskeller zu Altershausen. Er sah den deutenden Finger auf dem Stahlstich, er fühlte die väterliche Hand auf dem kahlen Schädel, er hörte das so lange verklungene, behaglich-kluge Lachen und dazu jene liebe Stimme, die fragte: »Aber Mann, was geht den Jungen der Türkenkrieg da unten an. Und das Küchenfenster, das er gestern der Nachbarin Bock einbombardiert hat, ziehe ich ihm von seinem Taschengelde ab.« Er verriet es nicht, daß nicht er, sondern sein Freund Ludchen das Fenster eingeworfen hatte; aber seine erste wirkliche politische Erinnerung blieb das Blatt aus Herrn Joseph Meyers Universum. Wer von den Mitlebenden wußte heute noch von dem Bombardement von Saint Jean d'Acre? Er! und zwar immer in Verbindung mit dem Küchenfenster der Mutter Bock. Es soll auch anderen – und unter den anderen den bedeutendsten Politikern, Staatsmännern und Staatslenkern – mit ihren »politischen Erinnerungen« im hohen Alter ähnlich ergehen! Was sind politische Erinnerungen im Wirbelsturm der Erdengeschichte dem armen mitumgetriebenen Menschenkinde, wenn sich ihm nichts Persönliches dranknüpft? – Er schlief recht unruhig diese Nacht in seiner Kindheitsstadt und träumte lebhaft; aber nicht etwa aus seiner Wissenschaft heraus und irgendwie von einer höchsten »Lebenshöhe« herunter. Als es achtundvierzig in der deutschen Geschichte schlug, war der Vater schon tot und konnte nicht mehr seinem Sohn die Hand auf das Haupt legen, auf die Gegenwart den Finger setzen und aus Vergangenem auf Kommendes hinweisen; aber nur im Ratskeller von Altershausen hätte der Wirkliche Geheime Medizinalrat Feyerabend so von dem Schwarzrotgold, den Fahnen, Glocken, dem Kanonen- und Kleingewehrfeuer, dem flüchtigen Niedersteigen des Reichs der Himmel auf die Erde träumen können! Nur hier, hier und des Nachts im Traum ließ sich das alles wieder sehen, hören und empfinden mit den Gefühlen des Jungen, der die schwarzrotgoldene Kokarde an die Sekundanermütze steckte und zum erstenmal von seinen Lehrern mit »Sie« angeredet wurde, wie das deutsche Volk von seinen Fürsten oder sonstigen Regimentsinhabern. Welch eine wunderliche Uhr, die Stadtuhr von Altershausen! Eben hatte sie achtundvierzig geschlagen, nun schlug sie dem Geheimrat in seinem Bett im Ratskeller vierundfünfzig. Russen, Türken, Engländer und Franzosen rauften sich an der Donau und in der Krim um die Schlüssel zum Heiligen Grabe, und studiosus medicinae Feyerabend sah im Anatomiesaale zu Heidelberg zum erstenmal seinen Professor das Skalpell einem, wie er sich ausdrückte, »vorzüglichen Objekt«, das heißt einem schönen, reinlichen menschlichen Leichnam, in den Brustkasten stoßen, wobei er das Messer in sich mitfühlte und sich doch an den Platz des sich schaudernd abwendenden Kommilitonen schob, um genauer zu sehen und zu hören und später selber da womöglich besser Bescheid zu wissen als der gegenwärtige Meister! Und neunundfünfzig schlug die Glocke vom Altershausener Kirchenturm. Nach Zeitberechnung wacher Menschen beanspruchte nun der Traum vielleicht kaum den zehnten Teil der Zeitdauer einer Sekunde: dem Geheimrat im Ratskeller währte er länger. An einem wolkenlosen Junitag stieg der Studierende der Medizin zu Wien aus der kühlen, dunkeln Tiefe des Esterhazykellers in den heißen, blendenden Mittag im Haarhof hinauf, von dem bepelzten Mann am Schenktisch, dem Pfiff Süßen und dem Pfiff Herben in diese glühenden Gassen voll Sonnenlicht, voll in Hast aufgerissener Fenster bis zu den höchsten Stockwerken, voll aufgeregter, angstvoller, zorniger Menschengesichter: »Magenta!« Aber ist das nicht schon achtzehnhundertvierundsechzig, was die Glocke von Altershausen schlägt? Ja, die Zeit geht rasch hin und nicht bloß im Traum. Jetzt schneit es dem Alten hinein, und der junge Privatdozent Dr. med. Feyerabend in Kiel hört durch das Gestöber Kanonendonner, diesmal aus Norden her: in seinem Traum weiß er wieder nicht, was er zu dem gegenwärtigen Minister des Auswärtigen in Berlin sagen und wie er sich gegen ihn als politisches, jetzt selber den Finger auf die Weltkarte setzendes Tier verhalten soll. Sechsundsechzig muß es auf dem Altershausener Kirchturm schlagen und Geheimrat Feyerabend wach im Bett im Ratskeller sich aufrechtsetzen, um es sich von neuem zurechtzulegen, mit wem der Herr von Bismarck damals Krieg führte, ob mit den Dänen oder dem Durchlauchtigsten Deutschen Bunde und Seiner Apostolischen Majestät von Ungarn und Österreich. Er tat es, aber höchst verdrießlich und mit der Frage an sich selber: »Zum Henker, was ist denn dies? Habe ich meine alten Knochen deshalb zum Besuch von Ludchen Bock hierher getragen, um im Altershausener Ratskeller im Traum deutsche Geschichte zu treiben?« Und mit einem mürrischen »Dummes Zeug!« ließ er sein Haupt wieder auf das Kopfkissen zurückfallen und verschlief die Zahl siebenzig vom Altershausener Kirchturm völlig. – – – Die Sonne des gegenwärtigen Tages schien hell durch die Fenstervorhänge, als er wieder im Bett sich aufrichtete und hinsaß, aber nicht mit den Kathedergedanken eines Professors der Philosophie der Geschichte, sondern mit dem Stoppelkinn in der Hand und dem Gedanken an seinen Barbier daheim und – den »Raseur« seines Vaters dort in dem Hause am Markt vor sechzig Jahren! Was bedeutete ihm in diesem Augenblick all sein weltbedeutendes Nachtgeträume gegen den Barbier – den Raseur seines Vaters, Herrn George?... »Herr George!« murmelte er. Die »Bärte wallend von zwei Spannen Länge«, die Giacomo Leopardi seinem Freunde, dem Marchese Gino Capponi, im Jahre 1836 als höchste, edelste und ersehnteste Frucht des laufenden Säkulums versprochen hatte, hatte er erlebt, hatte sie auf den Gesichtern der Mannheit seiner Zeitgenossen sprießen, wachsen und zum Walde werden sehen und – ließ sich am Ende des Jahrhunderts »rasieren« wie sein seliger Vater, dort im Hause am Markt, im Jahr 1840. »Der Barbier?« fragte der Kellner. »Werde sofort nach George schicken«, sagte er, und dem Geheimrat am Frühstückstisch blieb der Bissen des Brodes, das er seit sechzig Jahren nicht gekostet und unverändert wiedergefunden hatte, fast im Halse stecken. »Nach George?« stammelte er: hatte mit dem Brod seines Vaterhauses auch der Barbier seines Vaters hier auf ihn gewartet, während er, zwei Menschenalter hindurch, draußen beschäftigt gewesen war? Er hatte den Kellner, nein, den »Marqueur« seines Vaters mit einer Handbewegung nach dem Revenant weggeschickt und schritt nun, den Traum der Nacht ebenfalls noch spukhaft im Gedächtnis, im sonnenhellen Zimmer auf und ab. Von dem Markt drang das frohe Morgenleben mit all seinen Tönen, all seinen Gerüchen in die offenen Fenster. Von der Wand über dem Sofa blickte das Bild des nun längst höchstseligen Landesvaters, der seines seligen Vaters Anstellungspatente zu unterschreiben hatte, auf ihn herab. Wie lange schon wurde diese Lithographie dieses jungen militärischen Herrn mit dem Federhut im Arm als eine patriotische Rarität gesucht und über ihren Wert bezahlt! Und wie gehörte diese verschollene Hoheit von vor sechzig Jahren mit allem, was von Weltgeschichte an ihr hing, in die jetzige Morgenstimmung des alten Altershausener Kindes, Geheimrats Dr. Friedrich Feyerabend! So hatte sie von der Wand im Vaterhause wohlwollend herabgesehen, wenn die Meldung kam: »Der Barbier, Vater. Herr George ist da.« »Herein mit ihm! Natürlich wieder fünf Minuten zu spät. Aber, Herr George?« »Der Barbier, Herr Doktor!« meldete der Kellner im Ratskeller zu Altershausen, und Wirklicher Geheimrat Professor Dr. Feyerabend brummte nicht lächelnd wie sein seliger Vater, sondern stotterte nur: »Herein denn!« Wie in einem der weltgeschichtlichen Erlebnisse aus den Träumen der vergangenen Nacht saß er nun an seinem hellen Frühstückstisch dem Gebilde, das sich jetzt wieder aus dem Nebel der Vergangenheit entwickeln sollte, gegenüber und sah ihm entgegen. »Na, was gibt es Neues in Altershausen, Herr George?« hörte er seinen Vater fragen, und – »Einen Augenblick, Herr George, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung«, sagte er selber, kopfschüttelnd, aber lächelnd und aller seiner Seelenkräfte behaglichst mächtig. Neun schlug's auf dem Kirchturm von Altershausen: was ging es Fritze Feyerabend auf Besuch bei Ludchen Bock nun noch an, wie sich die alte Schäkerin von Stadtuhr in die Weltgeschichte und die Träume der Nacht eingemischt haben mochte? Aus den sonnenhellsten Morgenstunden des Vaterhauses lächelte Wirklicher Geheimrat Feyerabend: »Aber bitte so behutsam wie Ihr Herr Großvater, Herr George. Nicht schneiden!« Es war wohl nicht zum Verwundern, daß der junge Mann mit dem Scherbeutel bei dieser Mahnung aufsah und den fremden Herrn im Ratskeller etwas betroffen an. Sie mußten erst eine Weile mit sich allein gelassen worden sein, der alte Medizinalrat und der junge Barbier, ehe sie sich so nahe kamen, wie es unbedingt notwendig war zu unblutiger Mensur. Nun war der Kellner gegangen, Meister George der Jüngere schlug seinen Schaum, und Geheimrat Feyerabend, mit der Serviette unter dem Kinn und zurückgelegtem Hals und Kopfe, hörte seinen Vater fragen und fragte ihm nach. »Na, was gibt's heute Neues in Altershausen, Herr George?« Wenn er's aber drauf angelegt hätte, von dem zeitgenössischen Schermesser geschnitten zu werden, so hätte er das gewiß nicht bedachtsamer bewerkstelligen können als durch solche Unterhaltung. »Der – Herr, Herr Doktor scherzen wohl nur. Was – was sollte – man hier, hier – am Orte viel erleben können?« stotterte das jüngere Gespenst, dem älteren die Seife um Kinn und Wangen legend. »Ihr seliger Großvater wußte immer was, lieber Freund. Hat sich Altershausen seit seiner – meiner Zeit so hierin verändert?« »Seiner – des – Herrn Doktors Zeit? Hat mein Großvater –« »Eingeseift und barbiert hat mich der selige alte Herr zwar nicht; aber er war ein sehr guter Bekannter von mir – zum Donner auch!« Den Schnitt in die Backe hatte der große, seiner Seelen- und Körperkunde wegen so berühmte Unbekannte im Ratskeller zu Altershausen nur sich selber zuzuschreiben. In eigensten Angelegenheiten von Körper und Seele wissen auch die bedeutendsten Ärzte nicht für sich Bescheid. Mit einem »Na, na, aber Herr Wirklicher Geheimrat!« würde schon der Stadtphysikus von Altershausen den Kopf geschüttelt haben. »Bitte tausendmal um Verzeihung!« stotterte Herr George von heute. »Ein bißchen Heftpflaster – es passiert mir ja nie – aber der Herr Doktor sagten – der Herr Doktor haben meinen seligen Großvater gekannt – haben sich von meinem Großvater barbieren lassen?« »Mein seliger Vater unter den Händen Ihres Großvaters legte Zunder auf; was aber Ihre Frage anbetrifft, Herr George, so frage ich: Können Sie auch wie Ihr Großvater schweigen, junger Freund?... Sie können es? Gut! Dann lassen Sie uns unsere Unterhaltung ruhig miteinander fortsetzen und tun Sie derweilen mit derselben Geschicklichkeit Ihr Werk an mir, wie Ihr Großvater an meinem Vater vor – sechzig Jahren.« »Vor sechzig Jahren!« murmelte wie beruhigt der jetzige Barbier von Altershausen und führte das Messer ohne weitere Fährlichkeiten für den eben noch so gespenstischen Greis, dessen weltbekannte Nase er dann und wann zwischen seine Finger nehmen durfte. »Ich bin hier auch in die Schule gegangen – damals, Herr George. Beim Rektor Schuster, wenn Sie von dem vielleicht noch gehört haben.« »Von dem? Oh, an den hat ja auch mein seliger Vater noch hingereicht. Es gibt auch noch heute Geschichten von ihm. Ja, wenn – der Herr Doktor deswegen – nach Altershausen gekommen sind, so ist –« »Und damals hatte ich hier einen intimen Freund, den ich gern besuchen möchte, wenn er noch am Leben wäre, Herr George. Ihr Großvater wußte meinem Vater immer Bescheid zu geben, wenn er nach Leben und Tod unter seinem Messer in Altershausen fragte. Lebt hier noch ein Herr Bock? Ludwig Bock war sein Name. Damals rief ich ihn Ludchen.« »Und der Rektor Schuster wollte ihn zum Klügsten nicht bloß hier in der Stadt, sondern in der ganzen Welt machen! Ludchen Bock! Ja, das – die Geschichte davon, Herr Doktor, ist freilich von meinem Großvater her über meinen Vater an mich gekommen! Wer ihn heute sieht, glaubt nicht daran. Ja, er lebt noch! Ludchen Bock lebt noch, Herr Doktor! Aber den wollen der Herr Doktor besuchen?« »Es war meine Absicht, doch – ich habe Sie gefragt, ob Sie schweigen können, Herr George«, sagte Geheimrat Feyerabend, der eben vor dem Spiegel die Krawatte umband, über die Schulter zu dem jetzigen Barbier von Altershausen. »Ich wünsche von Ihnen zu erfahren, was Sie von meinem Freunde wissen, und die Gewißheit zu haben, daß diese Sache – unter uns bleibt, das heißt bis morgen früh zwischen mir und Ihnen, Herr George!« »Soll ich es schwören, Herr, Herr – Herr –?« »Wirklicher Geheimrat Professor Doktor Feyerabend aus Altershausen – nein, das wird grade nicht nötig sein; aber Ihre Berufswege haben Sie wohl so ziemlich beendet?« »Der Herr, Herr Geheim – rat waren der letzte, der mich befohlen haben«, stammelte Herr George, und Fritze Feyerabend klopfte ihn lächelnd auf die Schulter: »Nun, Kind, dann haben Sie ja wohl eine Viertelstunde Zeit für einen alten Mann aus hiesigem Orte?« Die vertrauliche Unterhaltung dauerte eine halbe Stunde. Nachher wußte Geheimrat Feyerabend für seinen Zweck ziemlich genau Bescheid in Altershausen. Es ist merkwürdig und eine Beruhigung, daß sich der Menschheit Kern so gar nicht verändert, daß zwei Menschenalter ebensowenig dabei bedeuten wie zwei Jahrtausende oder nach der Historiker Belieben mehr dessen, was sie Weltgeschichte nennen! X. Der »Herr« George seines Vaters war gegangen – fortgeschlichen mit einem letzten scheuen Blick über die Schulter ins beste Zimmer des Ratskellers – und Fritzchen Feyerabend wieder mit sich allein seinem Geburtsort gegenüber, wie mit der Hand auf dem Deckel einer eben zugeklappten, bis auf den gegenwärtigen Tag fortgeführten Chronik. Er wußte alles, was er für sich brauchte aus dem Zeitenverlauf der letzten zwei Altershausener Menschenalter, und was er Schwester Linen nach der Nachhausekunft zu erzählen hatte, wußte er auch. Er kam in den Rock und zur Halsbinde auch ohne die Gute, obgleich er bei Umlegung der letzteren doch mehremale ärgerlich nach Hülfe hätte rufen mögen. Dabei hörte er es denn zehn schlagen und von dem nahen Schulhofe den Kinderlärm der Gegenwart, und Geheimrat Feyerabend horchte heute nur in das Geschrill hinein, bei dem er vor zwei Menschenaltern so sehr selber beteiligt gewesen war unterm Rektor Schuster. Er blieb am Fenster, solange die »Pause« dauerte, und war heute mehr dabei als vor den zwei Menschenaltern. Mit seinem Freund Ludchen natürlich. Ganz gewiß nicht ohne Ludchen Bock! – Er horchte immer noch in den fröhlichen Lärm, als er schon mit dem jetzigen Ratskellerwirt unter dem Vorbau der Haustürtreppe stand. »Der Herr wollen bei dem angenehmen Morgen einen Spaziergang machen?« hatte der Hospes gefragt, ohne eine Ahnung davon zu haben, auf welchem Spazierwege sein gegenwärtiger, besonders Aufmerksamkeit erregender Gast sich bereits befand. »Ein Pfauenauge!« rief, ohne auf die Frage achten zu können, Wirklicher Geheimrat Feyerabend. Der schöne Schmetterling kam über den Markt von Altershausen auf einen verstaubten Oleanderstrauch, der unter dem Vordach des Ratskellers den Winter erwartete, zugeflattert, ließ sich auf ihm nieder, seine Flügel zusammenfaltend und wieder auseinanderschlagend, und Geheimrat Feyerabend hatte sich wahrlich erst ihm zu widmen, ehe er die freundliche Frage Nothnagels dahin beantworten konnte, daß der Morgen in der Tat recht angenehm sei und daß er natürlich einen Spaziergang in ihn hinein zu machen beabsichtige. »Ein feiner Buttervogel!« sagte der Wirt. »Ja, in der freien Natur werden sie nun bald selten; aber diese Sorte hält sich kurioserweise durch den Winter durch. Sie kommen auch mir ins Haus und kleben sich in dunkle Ecken und bleiben am Leben auch beim strengsten Frost. Da geht er wieder ab, um das Letzte von seiner Lebenszeit lieber draußen noch mitzunehmen.« »Er gehört eigentlich zu den Dämmerungsfaltern«, murmelte Geheimrat Feyerabend. »Was hat er noch in der Morgensonne zu suchen? Ja, da geht er hin zu den Bergen, Herr Wirt, dort über Düselbergs Hausdach, grade als ob er ein Recht an die Mittagssonne hätte wie Parnassius Apollo, sein lichterer Geschlechtsbruder. Freilich, es ist noch einmal ein angenehmer Morgen, Herr Nothnagel, und ich werde dem guten Beispiel folgen und ihn ebenfalls heute noch einmal benutzen.«... »So schönes Wetter und das Kind noch dabei!« sagte der Alte, kopfschüttelnd, aber lächelnd über den Markt von Altershausen dem Burgtor zuwandelnd, während ihm Nothnagel von seiner Haustürtreppe nur kopfschüttelnd nachblickte und dann, zu seinem Oberkellner gewendet, sagte und fragte: »Er scheint hier bekannt zu sein!... Hat er nichts von der Table d'hote gesagt?« – – Da war nun das Tor, durch welches, an dem Elternhause vorbei, der Weg führte, den er sich aus dem Monddämmer heraus für das helle Tageslicht aufgespart hatte: der Weg hinein – zurück in das Beste und – Längste von den langen und doch so kurzen siebenzig Lebensjahren! Wem dehnen sich nicht in der Erinnerung glückliche Kindheitstage zu Äonen, während erfolgreichste Arbeitsjahre zu Augenblicken einschrumpfen? Der Landstraße bergan schloß sich immer noch zur Rechten der Heckenweg an, auf dem man zwischen den Gärten, den Gärten der Optimaten der Stadt, am ersten den Wald erreichte. Und hatte nicht Fritze Feyerabends Vater zu den Optimaten gehört und sein Grundstück da gehabt? Gehörte dieser Weg, der dorthin führte, nicht noch zu den sichersten Erdenbesitztümern des Wirklichen Geheimen Medizinalrats Professor Dr. Feyerabend, nur einen anderen ausgenommen? Der Weg lief noch so wie vor sechzig Jahren; aber seinen Garten, wo seine Mutter »gärtnerte« und sein Vater in der Fliederlaube oder an regnichten Tagen in dem blau angestrichenen »Pavillon« seine Pfeife rauchte, seine Zeitung las und seine junge Alte durch boshafte Kritik ihrer agrarischen Bemühungen ärgerte und seine Freude an ihr und ihnen hatte, mußte er doch erst suchen , was auf einem anderen Wege zu einem anderen Besitztum nicht nötig war. Er fand ihn. Kannte ihn wieder. Zuerst an den zwei Torpfosten, zu denen über den Grasgraben noch immer die schiefliegende Steinplatte führte, die mal eine Grabplatte gewesen war, und der »Pavillon«, freilich sehr vermorscht, doch seines blauen Anstrichs noch immer nicht gänzlich verlustig, hob sich auch noch über die lebendige Hecke: sie hätten beide, Vater und Mutter, noch immer von ihm aus herunterrufen können: »Junge, Waldteufel, wie siehst du wieder aus? Kommst du aus der Schule oder Nachbar Bocks Mistgrube?« Wo kam er heute her, Fritz Feyerabend, um da so stehen und zum Traumgebild des Lebens von heute dieses aus dem Brunnen, aus dem Abgrund heraufholen zu können? Nicht bloß dieses, sondern – alles: den Stein über dem Graben, die alten Türpfosten, und – da, da – da den Apfelbaum dort an der Nachbarhecke – dort, dort, den, den Apfelbaum, dessen Früchte wieder mal eben reif geworden waren wie vor zwei Menschenaltern zu dieser Jahreszeit! Er, in dem Heckenwege, stand auf einen Stock gelehnt, und ihm, dem Alten jenseits der lebendigen Hecke, hatten sie eine Stütze unterschieben müssen, ihm auch einen eisernen Ring um den klaffenden Spalt im Stamm gelegt; denn er saß seiner Gaben auch jetzt noch voll, und es lohnte sich noch nicht besser, ihn als Brennholz zu verwerten. Geheimrat Feyerabend hatte plötzlich den Schmack dieser Gaben wieder auf der Zunge, wie er alle seine Zähne wieder hatte, wie damals, als er vor dem Katheder Rektor Schusters unterm Schultisch verstohlen in die Äpfel von diesem Baum biß. Und er hing wieder mit Ludchen Bock im Gezweig dieses Baums und hörte aus der Tiefe Schwester Linchens Stimmchen: »Wartet, ich sage es zu Hause! Ihr sollt das noch nicht – sie sind noch nicht reif!« – »Untersteh es dich, dumme Trine, – da halt die Schürze auf und friß selber mit!« Es ist Ludchen Bock, der das von seinem Zweig herunterruft, und – – Geheimrat Fritze Feyerabend stand auf dem alten Grabsteine und legte die Hand auf den alten Türgriff und rüttelte an der alten Pforte. Die Tür war zu, und Geheimrat Feyerabend würde mit Vergnügen seinen Medschidieh-Orden, seinen russischen Wladimir oder Stanislaus, seinen Orden der wendischen Krone oder seinen japanischen Orden der aufgehenden Sonne für den Apfel von – seinem Baum dort im Wege an der Buchsbaum-Beeteinfassung gegeben haben! Was waren ihm, als er seufzend durch Licht und Schatten des gegenwärtigen Tages seinen Weg weiter verfolgte, die nächtlichen historischen Träume? Daran, daß man vor sechzig Jahren auch neben der Tür durch ein Loch in der Hecke zu den verbotenen Äpfeln des Paradieses gelangen konnte, dachte er: was waren ihm im augenblicklichsten Wiedererleben des Vergangenen Ptolemais, die Könige Ernst August, Louis Philippe, Friedrich Wilhelm der Vierte? was der Reichsverweser Johann, der Düppelsturm, Königgrätz und die Schlacht bei Sedan? Was Wissenschaft und Kunst und Künste der letztvergangenen siebenzig Jahre? Mit seinem Traumapfel vom Baum der Erkenntnis, Sauersüß auf der Zunge, stieg er weiter, der Wirkliche Geheime Medizinalrat Professor Doktor Feyerabend, leise bergan, dem Brunnquell von Altershausen, dem Maienborn, dem größten Wohltäter seiner Heimatstadt, zu... So schönes Wetter und er noch dabei!... Der Weg machte eine Biegung um den Berg herum. Aus dem Schatten in die Sonne, die einem Greis immer wohltut, und hinter den letzten Stadtgärten wieder in den Schatten, der einem Greis auf dem Spaziergange doch auch wieder ganz willkommen sein kann. Was sich in der Stadt da im Tal in dem letzten Jahrhundert geändert haben mochte, der Wald war geblieben, wie er gewesen war, – unter staatlicher Autorität und Forstverwaltung natürlich, nicht bloß aus eigener Kraft und Machtvollkommenheit. Der Weg zu ihm hin führte wieder über eine sonnige Blöße, wo Ackerfelder und Wiesen die Gärten und ihren Schatten abgelöst hatten: es war dem alten Herrn und Revenant durchaus nicht unangenehm, als er, zuletzt sogar etwas steil aufwärts, endlich die ersten Bäume der »Wildnis« erreichte. Es war zwar neuer Anwuchs hier am Rande des Kulturforstes, aber er hatte Zeit gehabt, wieder mal nachzuwachsen, um die alte Grenze festzuhalten. Die Gegend war quellenarm; sie hatten wohl Grund, hier den Wald zu schonen: er half mit, ihnen zu Luft, Licht und Ackerfrucht das Beste, nach dem griechischen Wort, zu geben. Eine Viertelstunde weiter in ihn hinein, in einem dunkeln Seitentälchen, entsprang der Born, welcher den Altershausenern nicht nur das Trinkwasser lieferte, sondern aus dem der Storch auch ihnen und ihren Frauen ihre Kinder heraufholte: das eine in unerschöpflicher Fülle, die anderen in genügender Menge gegen ein- und andringendes Semiten-, Welschen- und Slawentum. In den Fels der Berglehne war da das Brunnenhaus gegraben und gehauen und durch eine schwere Tür verschlossen; draußen hörte man das schöne Wasser nur rauschen in der Tiefe. In Röhren lief es talwärts, und wie stark es auch dem Erdenschoß entsprudelte, in heißen Sommern – Chronikensommern – redete man doch in Altershausen von ihm wie vom Eulenspiegel, der ja auch dann und wann ausbleiben konnte »wie das Röhrwasser«. An manchem köstlichen Spring der Wonneburgen des Walchenreiches hatte der Alte gestanden im Mittag seines arbeitsvollen Lebens und bei sinkender Sonne. Er hatte die Wasser steigen sehen in sonnigstes, tiefstes Himmelblau und in tropische Sternennächte: nun hörte er sie wieder aus dem Brunnen seiner Kindheit unter seinen müden Füßen rauschen, nur den Mittagsschatten seiner heimatlichen Buchen und Eichen über sich, die deutsche Waldkühle um sich, und – da er aus der Sonne kam, stand er einige Augenblicke geblendet, ehe er bemerken konnte, daß er den Brunnen, aus dem auch ihn der Storch seiner Mutter heraufgeholt und gebracht hatte, daß er den Maienborn von Altershausen nicht für sich allein hatte, aber auch an keinem Orte in den Reichen der Walchen größeres Wunder hätte erleben und erfahren können. – Es war auch zu beiden Seiten des Brunnenhauses im Halbrund eine Bank in den Felsen gemeißelt, und ein alt Mütterchen saß da und sah von seinem Strickzeug empor und erwiderte scheu mit der Verlegenheit des »niederen Volkes« den Gruß des unbekannten alten Herrn und rückte, trotzdem des Raumes genug war, ein wenig weiter weg, als er sich auch mal wieder nach zwei Menschenaltern auf dieser Bank am Maienborn niederließ. »Ein recht angenehmer Morgen!« sagte Geheimer Medizinalrat Feyerabend. »Nicht die Witterung, sondern die Unterhaltung darüber bringt die Menschen zusammen!« sagte ja wohl Aristoteles? Wie sollten auch diese beiden am Maienborn von Altershausen anders wieder zusammengekommen sein? XI. Sie hielten sich an den Händen, das heißt der Alte hatte die der Alten gefaßt und hielt sie fest trotz alles Zurückzerrens und -zupfens. Die Alte hatte sie dem Alten schon lassen müssen, um nicht der Überraschung und der Verlegenheit der Kinder wegen in die Erde zu versinken. Konnte denn dies die Möglichkeit sein? Ja! Und es hatte wirklich nur wieder mal ein Wort das andere gegeben. Vom gegenwärtigen schönen Wetter war man auf die Altershausener Witterung im allgemeinen gekommen, von dem angenehmen Platz hier am Brunnen auf die Annehmlichkeiten der Gegend überhaupt, von der Gegend auf die Leute drin und von den Leute im allgemeinen auf die Leute im besondere. Zum Beispiel als wer jetzt Superintendent sei und wer Oberamtsrichter und wie heute der Herr Bürgermeister heiße und ob er aus dem Orte sei oder aus einer Menge auswärtiger Bewerber gewählt. Daran hatte sich denn sachgemäß, nicht selbstverständlich, vom andern äußersten Ende der Rundbank am Maienborn her schüchtern die Erkundigung geknüpft: der Herr sei wohl schon vor längeren Zeiten hier bekannt gewesen und habe die und die, den und den gekannt? Worauf denn natürlich die Gegenfrage gewesen war: ob wohl am Orte noch einige vorhanden seien, die beim alten Rektor Schuster in die Schule gegangen seien; denn auch darunter könnten sich wohl noch, und auch aus der Mädchenschule, Bekannte aus jenen Zeiten, aus langer, langer Zeit finden lassen. »Bei Herrn Priesterjan bin ich in die Schule gegangen.« »Und beim Herrn Rektor ich und – Ludchen Bock! Damals hieß ich Fritz Feyerabend!«... Er hatte oft in größer werdende Augen gesehen – lachende, weinende, gierige, giftige, der Herr Geheime Rat, aber nie in ähnliche wie jetzt hier. Er hatte manchmal Menschen auf dem Sitz hin und her rücken sehen, doch nie einen so wie nun. Er war es, der aufsprang; aber nicht um Strickzeug und Wollknäuel höflich vom Boden aufzuheben, sondern um die beiden alten, dürren, zuckenden Weiberhände in seine ebenso dürren, alten zu fassen und zu rufen: »Ja, Minchen, es ist die Möglichkeit! So kommen Leute wieder zusammen. Wir beide sind es noch und – Ludchen Bock – und wenn meine Schwester Karoline – Linchen Feyerabend, weißt du – zu Hause dies wüßte: wie würde sie jetzt mit ihrer Seele hierbei sein und dich grüßen lassen – ja, Fräulein, und ich sage ja auch nur du, weil sie das auch sagen würde; aber – nun vernünftig: wie geht es Ihnen denn, Fräulein Minchen, und wie ist es Ihnen diese langen Jahre her ergangen?« »O Herr – Herr, lieber Herr, ich weiß ja gar nicht –« »Was Sie – was du sagen sollst. Natürlich! Eigentlich weiß ich es auch nicht: weißt du, wir wollen es ruhig als ein liebes Wunder nehmen und uns des Dinges freuen. Meinst du nicht auch?« »O gewiß! gewiß! Aber – ich weiß nicht mal, wie ich dich – Sie nennen muß, lieber Herr!« »Fritz heiße ich immer noch. Wie vor sechzig Jahren. Wenn es dir recht ist, hat sich zwischen uns beiden nicht das geringste dran verändert. Es ist dir doch recht?« Jetzt konnte die Alte nur nicken. Sie schluchzte hinter ihrem Taschentuch, nickte aber heftig. Der Alte drückte sie sanft auf die Steinbank des Maienborns nieder, rückte ihr dicht an die Seite, und eine Weile saßen sie nun stumm nebeneinander. Wer dann zuerst wieder das Wort nahm, war Fräulein Minchen. »Bist du denn aber der, von dem letzterzeit so viel in den Zeitungen gestanden hat?« »Ne!« sagte Geheimrat Professor Dr. Feyerabend. »Damit sollte ich zu Hause meiner Schwester Line kommen!... Und nun gar hier in Altershausen – heute – jetzt – hier am Maienborn, aus dem uns beide der Storch geholt hat? Ne, ne, ne, Kind! Damit komme du mir nicht. Ich gebe dir mein Wort darauf, der, von dem du im Blatte gelesen haben magst, bin ich nicht diesen Morgen hier am Maienborn mit diesem Rauschen und Brodeln unter den Füßen.« »Wir haben Ihren Geburtstag hier auch gefeiert«, sagte Minchen Ahrens leise. »Ludchen – Ludchen Bock und ich.« Da war der Name zum erstenmal aus dem Munde, aus welchem der Geheimrat ihn schon längst gern von der Freundin gehört hätte. »Ja, Freund Ludchen! Nenne mich aber nicht Sie, liebes Mädchen; es schickt sich sonst auch für mich nicht, dich du zu nennen, und ich komme aus einer Welt da hinter den Bergen, in welcher man recht sehr auf Schicklichkeit und Schicklichkeiten hält. Wie geht es ihm? und wo steckt er diesen Morgen? Schade, daß wir ihn jetzt nicht hier bei uns haben.« »Ach, dort oben in den Tannen beim Schwämmesuchen. Steinpilze und Hahnenkämme. Es ist ja ihre Zeit jetzt und für ihn und mich eine wahre Gottesgabe; nämlich seiner Beschäftigung und Selbstzufriedenheit wegen. Er macht sich so gern nützlich, und dies ist so die richtige Beschäftigung für ihn. Sie – du – wenn Sie es denn wollen! – du wirst ihn ja gleich sehen und als großer Doktor wissen, wie es mit ihm ist. Ich habe diese Nacht wieder mal meine liebe Not mit ihm gehabt. Ein fremder Herr muß ihm für seine Hülfsleistungen, die er da immer hinter meinem Rücken gegen meinen Willen tut, mehr Geld als nötig gegeben haben, und da gibt es auch hier so schlechte Menschen, die ihr Vergnügen und ihr Spielzeug sich aus ihm machen.« »Der fremde Herr bin leider ich gewesen, Minchen.« »Sie?... Du – – – Fritz?« Sie war zusammengefahren und etwas abgerückt; dann aber glitt ein um so zutraulicheres Lächeln über ihr Runzelgesicht, und sie meinte sogar leise lachend: »Ja, das konnte ich auch nicht wissen! Und der arme Junge auch nicht! Aber vielleicht ist's gut, daß wir es gestern abend nicht gewußt haben; diese Nacht durch wäre ich gewiß nicht zum Schlafen gekommen. Ein Wunder übers andere. Nein, nein, nein, ist's denn nicht genug, daß ich dieses alles heute morgen in der hellichten Sonne in meinen alten Tagen so spät am Abend noch erleben soll und dran glauben muß?« Er berichtete nun des Genaueren, wie das Wiederfinden des Freundes sich ihm gemacht hatte vom Bahnhofe bis zum Ratskeller und nachher in der Nacht am Brunnen vor Mordmanns Hause. Und dann, wie er sie, das Minchen Ahrens, auch nach so langer Zeit wiedergesehen habe – mit dem Licht in der Haustür. Da rief sie zum erstenmal: »O Fritz«, ohne anzufangen: »Herr Geheimrat« und nachher das zu verbessern. »Es kommt ja leider öfter vor; aber so weinerlich wie heute morgen war es doch selten. Weinen tut das Kind ja immer, wenn es sich an der schlimmen Welt gestoßen hat, aber diesmal wollte er seinen Kaffee nicht – auch noch so süß. Was ich sonst seiner Gesundheit wegen nicht tue – ich stellte ihm die Zuckerdose hin. Er wollte nichts! Ich habe ihm all sein Spielzeug gegeben und mir von ihm in der Küche helfen lassen, was sonst bei so was immer noch am besten hilft; aber diesmal hat es gar nichts geholfen. Da hab ich denn bei dem schönen Wetter das letzte gebraucht, um ihn wieder zu seiner Ruhe wegen seines bösen Gewissens zu bringen. Was soll man machen mit seiner Angst und seiner Ärgernis, wenn so ein armer Mensche nichts weiß, als einem seit sechzig Jahren wieder sagen, daß er nichts dafür kann, daß es die anderen, die Großen gewesen sind? Es paßte mir heute eigentlich gar nicht, trotz der schönen Witterung. Man hat doch seine Wirtschaft; aber er tat mir zu leid, daß ich zuletzt doch gesagt habe: ›Komm, Ludchen, wisch dir die Tränen ab, ich will dir weisen, daß ich nicht mehr böse bin; nimm deinen Korb, wir gehen in die Schwämme, da kannst du viel mehr Geld für mich verdienen als auf deinem dummen Bahnhof mit unbekannten Leuten.‹« »Mit unbekannten Leuten«, murmelte der Geheimrat vor sich hin. »Da ist er nun jetzt da oben in den Tannen kindsvergnügt nach Steinpilzen und Hahnenkämmen aus und meint, er steckt mit allem, was er findet, ein Vermögen für mich in den Korb. Und das muß man ihm lassen, was die Natur anbetrifft, das Gewächse, die Vögel, alles Ungeziefer und die Jagd – da hat er nichts vergessen aus seiner Jungenszeit vor sechzig Jahren. Da hat er nach seinem Unglück noch zugelernt. Ach Gott, wie muß ich wehren, daß er mir nicht alles, was der Schöpfer in Wald und Feld gemacht hat, ins Haus schleppt und in die Kost gibt! Mit Güte und Überredung kommt man aber auch hier immer am leichtesten mit ihm zu einem Vergleich. Seine Schlangen und Molche habe ich ihm abgeredet, aber die Kaninchen kann man ihm ja wohl lassen, und an seinen Dompfaffen und Stieglitzen habe ich selber meine Freude und, wirklich, damit verdient er auch manchmal ein ganz hübsches Stück Geld zu unserm Haushalt! Am Igel habe ich selber meinen Spaß; das sind zu nette und auch im Garten nutzbare Tiere und verhelfen sich auch immer selbst bald wieder zu ihrer Freiheit. Bringt er mir einen Fuchs oder sonst so was, was mir nicht paßt, nu, so helfe ich dem schon bei nächster Gelegenheit von der Kette, und durch Nachbar Kreikenbooms Zaun weiß es sich zu helfen. Es gibt eben in der Hinsicht zu vieles, was bei sich zu Haus am besten aufgehoben ist, aber anderswo, und wo sie es noch so gut mit ihm meinen, nur Heimweh, Angst und Elend leidet. Ach, Herr Geheim – Fritz, es ist ja was ganz anderes, aber doch war es so grade mit ihm oder doch was Ähnliches. Da sie ihn nicht anders machen und ihm helfen konnten, war es das einzige und beste, daß sie ihn da ließen, wo er zu Hause war, und bei mir. Da kommt er!«... Ja, da kam es: durch den Hochwald, die Berglehne herunter, mit seinem Korbe am Arm – das unbeholfene greise Kind! Glückselig stolperte es her mit seiner Beute, von Baum zu Baum, von Stein zu Stein im Geröll, so rasch, daß Fritz Feyerabend fast erschreckt aufsprang und Minchen Ahrens wenigstens mahnte: »Vorsichtig, Ludchen! nicht auf die Nase fallen, Junge!« Aber er kam glücklich mit ungebrochenen siebenzigjährigen Gliedmaßen an beim Maienborn, dem Kinderbrunnen, und stutzte, wie er den »fremden Herrn vom Bahnhof und der vorigen Nacht« bei seiner Pflegerin sitzend fand, natürlich mit ähnlich flämisch-verdrießlichem Gesicht wie Geheimrat Feyerabend vor sechzig Jahren, wenn er aus der Schule nach Hause kam und statt des: »Alles steht auf dem Tisch« einen feinen Besuch vorfand, dem er vielleicht gar noch schön tun sollte. Er konnte es wieder zeigen, Geheimrat Dr. Friedrich Feyerabend, daß er nicht nur durch der Walchen Wonnneburgen, sondern auch durch der Erde Krankenstuben, Spitäler und Lazarette geschritten war, und er zeigte es. »Guten Morgen, Ludchen. Zeig mal deinen Korb. Donnerwetter, Junge, hast du aber das Holz ausgeräubert! Minchen, guck doch mal. Da braucht heute nach ihm kein anderer zu kommen und zu suchen! Meinst du nicht, Mädchen?« »O Herr Geheimer –« Er legte den Arm um sie und drückte sie sanft auf ihren Platz auf der Steinbank nieder. Neben ihr sitzend behielt er ihre Hand in der seinigen. Zum Strumpfstricken kam sie an diesem Morgen nicht mehr. »Kennst du mich gar nicht mehr, Ludchen? 's ist freilich ein bißchen lange her, seit wir zusammen beim Rektor Schuster in die Schule gingen; aber besinne dich nur: Kennst du Fritze Feyerabend nicht mehr, Ludchen? Na nun! nicht wahr? Jawohl, dein Freund Fritze Feyerabend bin ich! Mit den Karnickeln ließ dir deine Mutter mehr Freiheit als meine mir; aber einen richtigen Papierdrachen kriegtest du nicht zurecht wie ich, und steigen lassen konnte ich ihn auch besser als du. Na, so setze doch deinen Korb hin und sitze auch her zu Minchen und mir!« Fürs erste wich er nur scheu ein paar Schritte zurück und drückte seinen Schwammkorb fester an sich. »Der Herre von gestern!« murmelte er. »Der Herre vom Bahnhof und – von gestern Nacht – Minchen!« Das letzte Wort kam heraus, wie wenn ein Kind in Angst und Ratlosigkeit nach seiner Mutter ruft. »Ja, Ludchen – Ludwig«, schluchzte Minchen Ahrens und faßte seinen Arm, »komm, sitze hin, du brauchst dich nicht zu fürchten: es ist der Herr von gestern und – von – von lange, lange vorher – o Gott!« Nun war es eine Weile so still, daß sie den Brunnen unter sich jetzt bei Tage so laut hörten, wie er sich sonst dem Ohr wohl nur in der stillsten Nacht vernehmen ließ. Und dann war es Ludchen Bock, der die Unterhaltung aufnahm. Mit einem scheuen Blick auf den fremden Herrn vom Bahnhof und Mordmanns Brunnen und mit dem Fingerknöchel im Augenwinkel schnuckte er: »Ich habe es ihr ja schon gesagt, daß ich nichts dafür konnte, und ihr feste versprochen, daß ich es nicht wieder tun will. Deshalb brauchte doch keiner, ich weiß nicht wer, nicht wie damals zu kommen und mich mitnehmen wollen, da sie mir doch noch mal es vergeben hat!« »Die vorige Nacht meint er und die schlechten Menschen, seine Verführer, Herr Geheim – Fritz, und dann, daß sie ihn zu seinem Besten von mir wegnehmen und in einer Anstalt haben unterbringen wollen. Das verwindet er bis zu seinem Tode nicht.« »Habe ich jemals gepetzt? Beim Rektor Schuster oder sonstwo, Ludchen?« rief Geheimrat Feyerabend. »Hast du nur ein einzigmal durch mich die Prügel gekriegt, die du richtig verdient hattest, vom Rektor, von deiner Mutter, von deinem Vater und manchmal von ganz Altershausen?« Noch ein kurzes, ängstliches Anstieren des Fremdlings, dann – ein breites, verständnisvolles Grinsen, das sich über das bartlose, kinderhafte Greisengesicht legte – »Ne, Herre Fritze!« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nun wurde nach und nach alles, was bis jetzt doch nur Schemen, Schatten, Gespenst, »Spukeding«, oder wie man es sonst nennen wollte, gewesen war, das, was so plötzlich wie da aus dem Maienborn unter ihnen aufgestiegen und aus fernster Vergangenheit wieder da war, greifbare Wirklichkeit. Mehr und mehr fingen sie, das alte Mädchen und das alte Kind, an, an den Wirklichen Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Fritz Feyerabend zu glauben und ihn nicht nur für möglich, sondern sogar für gewiß zu nehmen. Aber nun trat etwas Absonderliches, aber doch Natürliches ein: je mehr Geheimrat Feyerabend sich in die Wirklichkeit und Greifbarkeit Altershausens von heute zu finden und zu vertiefen hatte, desto mehr mußte er sich selber zum Schatten, zum Gespenst werden, und – er wurde es! So feierte er seinen siebzigsten Geburtstag zum anderen Mal: freilich ein ander Ding als neulich an der Jubiläumsfesttafel, wo man noch dabei war im schönen Wetter, im Sonnenschein der Tageslebendigkeit!... Immer näher rückten sie sich trotz allem. Das Kind spielte um die beiden Verständigen und Vernünftigen her, und Minchen Ahrens gab von sich und Ludchen Bock und den letzten sechzig Jahren Bescheid, wie es sich so machte in Hin- und Widerrede, am Maienborn, auf dem Heimwege zur Stadt und unter ihrem lieben Dach. Wenn ein Buch möglich wäre: »Mutter Deutschland und ihre Leute«, dürfte wohl auch von ihr ein wenig darin die Rede sein müssen. XII. »O Gott, was werden die Leute dazu sagen?« »Die lassen wir ganz beiseite Minchen. Deren, die aus unserer Zeit sind, werden wohl nur noch wenige dasein, und die besuche ich auch vielleicht noch, wenn es sich tun läßt; doch jetzt bin ich nur bei dir und Ludchen Bock zu Besuch.« »So sitze doch ruhig bei deinen Schwämmen, Junge! Sortiere sie hübsch auseinander, daß ich nachher nicht die Mühe damit habe. Was hast du denn, Ludchen?« »Das ist Fritze Feyerabend nicht, Mädchen! Das ist der Herre vom Bahnhofe und von Mordmanns Brunnen. Fritze ist nur so alt wie du und ich, Minchen; und der da ist viel älter. Guck nur mal!« »Geh hin und hol mir noch ein paar Tannzapfen zum Feueranmachen, Ludchen«, sagte die greise Kinderwärterin in das scheue, leise Geflüster hinein, und widerwillig, doch gehorsam gehorchte das Kind, immer über die Schulter und um die Baumstämme herum den Fremden so lange als möglich im Auge behaltend. »Er weiß eben nicht, wie viele Zeit hingegangen ist, Herr Geheimrat – Fritz. Er sieht sich und mich und alles, wie es damals bei seinem Fall und Wiederaufwachen gewesen ist. Er ist zehn Jahre alt oder so geblieben, und ich ihm auch. Vater und Mutter sind uns zweien gestorben, so vieles ist um uns weggestorben oder greis und krüppelig geworden oder auch neu in die Welt gekommen und aufgewachsen: er hat nichts davon gemerkt. Wenn du ihn diesen Tag nicht muffen sehen und zum Weinen bringen willst, mußt du es mit ihm machen und ihn nehmen wie ich und ihm nach dem Munde sprechen. Weißt du, so wild wie vor seinem Fall ist er heute nicht mehr. Ach, wenn er heute noch solche Streiche machen wollte wie damals, als ihn nichts zum Weinen bringen konnte, nicht Vater und Mutter und der Herr Rektor Schuster am wenigsten, hätten sie ihn mir doch wohl wegnehmen müssen. Ja, ihr beide! Du liebster Gott, das Wunder wird immer größer, je mehr ich mich drein finde – du, Fritz, warst auch bei so manchem, manchem; nimm es mir nicht übel, und nach euren Eltern und dem Herrn Rektor können die Nachbarn doch nicht mehr gehen mit ihren Klagebeschwerden – o Gott, und nun red ich hier auch so, als ob ich auch noch mit ihm in der alten, alten Zeit steckte! Aber es ist ja auch so: er hat mich mehr bei sich festgehalten, als daß ich ihn durch die Jahre, die langen, langen Jahre in alles Neue, was dem Menschen passieren kann, hereingenommen hätte. Aber nun höre ihn einer da oben in seinem Vergnügen im Dickicht! Und so ist er bei mir doch besser aufgehoben gewesen als in eurem Halah , wo sie die armen Blöden hintun zu ihrem Besten und ihn ohne mich hingetan hätten. Ja, und ich – da du es einmal so willst: Fritz Feyerabend –, ich habe auch ein recht gutes, stilles Leben durch ihn gehabt – jaja, wenn es Gottes Wille gewesen ist, so ist es auch der meinige geworden.« Er hielt die Hand wieder, die sich vor sechzig Jahren so weich auf ein großes Unglück gelegt hatte. Sie wurde ihm jetzt auch schon vertraulicher, zutraulicher, vertrauensvoller gelassen, und die Kinderfreundin sagte lächelnd: »O Fritz, wenn ich es auch immer noch nicht glaube, daß du es bist, der hier bei mir sitzt, so bist du von ferne aus mir wirklich immer bekannt geblieben. Du hast auch in unserem Blatt gestanden öfters mit deiner Wissenschaft und deinem Namen. Das Kreisblatt hat's immer gebracht, wenn du in Petersburg oder sonstwo als der berühmteste Doktor und Arzt in der Welt in Empfang genommen bist. Und denn aber neulich dein Jubiläum, wo auch wieder in allen Zeitungen gestanden hat, wo du her bist! Da brauchte ich mich doch gewiß nicht zu fragen: sollte das denn der sein, mit welchem du und dein Ludwig in der Kinderzeit so gut Freund warst? Meinem armen Jungen hättest du wohl auch nicht helfen können; aber gefreut hat es mich immer, nicht bloß deinetwegen, sondern auch um Altershausen, wenn du wieder einen neuen Ehrentitel oder hohen Orden, und von allen ausländischen fremden Potentaten, gekriegt hast und ich davon gelesen oder gehört habe. Aber da es sich dabei immer nur um deine Kunst und Wissenschaft und nichts weiter handelte, so ist es zwar eine Unverschämtheit von mir, es zu verlangen; aber zu gern hörte ich nun auch von dir, wenn du so gut sein wolltest, wie es dir sonst in deinem Leben ergangen ist und vielleicht wie deiner lieben Familie, seit wir, wie wir waren, hier geblieben sind und du mit deinen guten Eltern von hier verzogen bist.«... Das war eigentlich ganz und gar gegen die Verabredung, die Geheimrat Feyerabend vor seiner Abreise nach Altershausen mit sich getroffen hatte. Er hatte andere ausforschen wollen; er, ein anderes jung gebliebenes, altes, greises Kind, wie der da oben beim Tannzapfensuchen, hätte gern Großmütterchen am Spinnrade aus lange vergangenen Zeiten Wahrheit und Dichtung hermurmeln hören, und nun war er es, der gebeten wurde, zuerst von sich Bericht zu geben und so wahr als möglich zu sein! Das letztere war wohl leicht mit jener lieben Hand zwischen seinen Händen, und was das Erzählen von sich selber anbetrifft, nun, wenn da mal einer erst angefangen hat, so ist gewöhnlich auf dieser Erde das Aufhören recht schwer und sind die größten und berühmtesten Schweiger oft gradeso redselig wie die anderen aus der Nachbarschaft, der nächsten wie der fernsten. Er für sein Teil benutzte die Gelegenheit, die ihm wahrscheinlicherweise zum letztenmal geboten wurde, und holte auch aus sich selber wieder herauf, was hier interessieren konnte. Des Kindes oben am Berge und seiner nahenden Mittagsessenszeit wegen hatte er, Geheimrat usw. Feyerabend, sich kurz zu fassen, und – je tiefer er hinuntergriff, desto mehr tat ihm das leid. Kein Mensch weiß zu jeder Stunde, was er mit dem Erdengrundschlamm an versunkenen Kleinodien aus dem Brunnen heraufholen kann! – Einen Augenblick hat er es wie eine Phantasmagorie vor Augen: sie stehen mit auf der Haustürtreppe, vor der die Postkutsche hält, hinter der für sechzig Lebensjahre ihm – Fritze Feyerabend – die Heimatberge versinken sollen. Sie, Ludchen Bock und Minchen Ahrens! Sie schluchzen weder, noch steckt Fritzchens bester Freund, wie sonst gewöhnlich bei einem Abschiednehmen, die Zunge heraus – sie stehen nur verblüfft und von Erwachsenen beiseitegeschoben. Die erwachsenen Herrschaften haben die Vorhand, von der Familie Feyerabend den letzten Abschied in Altershausen zu nehmen. Auch er reicht nur Erwachsenen die Hand aus dem Wagen – den Herren und Damen vom Gericht, dem Herrn Bürgermeister, dem Herrn und der Frau Superintendentin – dann ziehen die Pferde an, und mit Altershausen versinken Ludchen Bock und Minchen Ahrens für zwei Menschenalter. Von diesen zwei Menschenaltern wollte Minchen Ahrens nun erzählt haben, und Fritze erzählte ihr und – sich selber mit! Er wunderte sich selbst mehrmals über das, was er da von sich erfuhr. Zuerst hatte Minchen nur von Zeit zu Zeit »Ach Gott!« zu sagen mit einem verschluckten: »O, Herr Geheimrat!« Da handelte es sich aber auch nur kurz über den Aufstieg über Schulbänke, Katheder usw., usw. bis zu den Wonneburgen des Walchenlandes. Was hatte Fritze Feyerabend ihr zu unterschlagen über Examinationskommissionen, über Doktordiplome, Mitgliedschaften sämtlicher gelehrten Gesellschaften und Körperschaften der gelehrtesten Welt, die erhabensten Unterschriften, über Anstellungspatente und Ordensverleihungen als der und der und das und das! Wie unwichtig war das alles vor der Frage der jungfräulichen greisen Kinderfreundin am Maienborn: »Und verheiratet hast du dich auch in deinem Leben? Und hast zu Hause zu allem andern Wohlsein und Ehren liebe Kinder und Kindeskinder! Aber... daß sie dich so – alleine haben reisen lassen?!« »Ja, das haben sie, Minchen!« sagte der Gast aus der Welt Wonneburgen und mußte wohl das dazu passende Gesicht gemacht haben: die alte Zeitgenossin sah ihn an und fragte zögernd: »Sie haben dich doch nicht in der Welt –« Sie brach ab, und Fritz Feyerabend vollendete: »Allein gelassen? Ja – doch! aber es ist lange, lange her. So lange Zeit, daß viel Gras darüber wachsen konnte, Minchen. Wie über so viele in Alt-Altershausen, Minchen. Ich habe mich darein finden müssen und gefunden.« Sie sah ihn betrübt an, schüttelte den Kopf und sah am Berge hinauf nach den Tannen hin, wo sie ihr Kind noch am Leben wußte und es mit Kinderstimme, ob seines Unbehagens vor dem »fremden Mann« aus Rektor Schusters Schulstube her, singen hörte: »Ich hatt' einen Kameraden –« Und sie hatten beide recht. »Du magst wohl viel anderes erlebt haben, Fritz, und es steht ja auch so in den Zeitungen davon, zu was für hohen Ehren du es gebracht hast; aber du wärest heute nicht hier in Altershausen, wenn das dein Bestes und Höchstes wäre, was du von der Welt gehabt hast! Ach Gott, nimm es nur nicht übel, wenn ich Dummheiten schwatze, denn was verstehe ich davon? Aber ich meine doch, du bist nicht bloß Ludchen Bocks wegen nach hier gekommen!« »Weshalb denn, Mädchen?« fragte der Greis mit noch tiefer gesenkter Stirn. »Weil du bei deinem Altersfest Heimweh gehabt hast nach dem – ich weiß ja nicht, aber ich meine, nach dem, was nicht mehr auch dabeisein konnte – dem Besten aus deinen besten Jahren!«... Sie war im Rechte, und er holte es ihr aus der Tiefe herauf: er war nach Altershausen gekommen und saß hier am Maienborn mit der Vergangenheit auf der Seele, nicht bloß Ludchen Bocks wegen. Er holte es herauf? Nein, es stieg nun herauf im Sonnenschein der Jugend, beim schönen Wetter des Erdenlebens, wo auch er noch dabeiwar, ganz und gar dabeiwar und vermißt worden wäre wie sein totes Kind von der Mutter, wenn – er seinem Mädchen, seinem Weibe, seinem Kinde hätte ausbleiben müssen im Sonnenschein beim Spiel des Tages. Nun aber trat ein Merkwürdiges ein. Es blieb für Minchen Ahrens nur das Süße, Liebliche, Lachende über wie – ihm selber! Sie waren eben beide dem Reiche, wo es nicht mehr aufs Erdenwetter ankam, selber zu nahe. Was sollte ihnen da noch verschollenes Leid? Von verblaßtem Menschenglück erzählte Geheimrat Feyerabend der Kinderfreundin derart, daß sie zuletzt nur rief: »O, da hast du es gottlob doch gut getroffen und gut gehabt, Fritz! Ich wollte wohl, ich wäre manchmal dabeigewesen, und deine liebe kleine Frau hätte mich auch schon gern haben sollen!« – Nun vermischten sich den beiden die Zeiten mehr und mehr. Sie sah sich aus ihrem heutigen Alter heraus in seinem jungen Haushalt als greise Kindermuhme, Krankenwärterin, Spinnerin und Beraterin am Familienofen, bis es ihr einfiel und sie wie verwundert fragte. »Ja, aber weißt du wohl, Fritz, als du dich verheiratet hast und nachher, da bin ich ja auch noch jung gewesen?!« Er nahm den Blick der Alten bei dem Wort noch in manche stille Reiseerinnerungsstunde zu Hause hinein; aber rasch sank das liebe Runzelgesicht am Maienborn nieder, und das greise Haupt wurde leise hin und her gewiegt. »Ja, ja, ja.« Dann sagte Minchen Ahrens, seine Hand zum erstenmal von selber fassend: »Nun möchtest du auch wohl von mir was Näheres hören, da du mir von dir, wie ich es gar nicht verlangen konnte, so gütig und schön, und auch vom Traurigen Bescheid gegeben hast, seit wir uns zuletzt gesehen haben?« Sie horchte mit der Hand hinterm Ohr am Berge hinauf: »Wie stille sich der Junge hält! Sonst hört man ihn laut genug; aber es wird immer noch die Scheu vor dir sein. Nu, für jede Essensstunde hat er seine richtiggehende Uhr im Leibe; wenn es zu Mittage geht, wird er schon kommen, ohne daß man ihn zu rufen braucht, und bis dahin reicht es wohl mit der Zeit für das bißchen von mir, was ich erlebt habe, seit wir uns zum letzten Male sahen. Aber Fritz, du bist schuld dran, wenn ich alter Kröppel mir jetzt so vorkomme, als komme ich eben aus der Mädchenschule und als wäre auch beim Rektor Schuster die Schule aus und Ludchen faßte mich wieder beim Zopf. Weißt du, seine Scheu vor dir habe ich nicht mehr, wenn ich mir nur nicht zu dumm bei all diesem großen Wunder von heute morgen vorkäme!« XIII. So wurde ihm von dem Freunde, den er, siebenzig Jahre alt, zu besuchen gekommen war, erzählt, und er hatte vor keinem Lehrstuhl seiner Lehrjahre nachdenklicher gesessen als wie heute hier am Maienborn zu Altershausen. »Es ist grade, als wäre er von dem Unglücksbaum da oben mir in die Arme gefallen«, sagte Minchen Ahrens. »Ich weiß nicht mehr, wie ich sie mit meinem Geschrei hergerufen habe; aber sie waren bald da und schoben mich von ihm und trugen ihn zu seinen Eltern hin in die Stadt. Der Doktor ist auch gleich dagewesen und der Chirurgus, aber was konnten sie tun als nur den Kopf schütteln? Und du, Fritz, warst auch noch kein berühmter Mensch und Arzt! Nachher bin ich fürs erste nicht zu ihm gelassen, und weißt du, da ich ihn jetzt bei sich zu Hause in der Pflege wußte, hatte ich auch gar kein Verlangen danach, und meine Puppe war mir immer doch noch lieber als er; denn was ginget alle ihr Jungens uns an, da ich keinen Bruder hatte. Er aber von euch allen vom Rektor Schuster hatte uns zu oft und zu arg geärgert und gequält. Mich besonders, wie ich meinte. Ja, so lange, bis sie sagten, daß er im Sterben liege, habe ich nur gedacht: Das geschieht ihm recht! na, warte du, wenn du 'rauskommst und ich fürs erste dich mal zwingen kann! Aber so ging die Sache leider Gottes nicht. Es wurde lange, lange niemand von uns zu ihm gelassen, und wir Kinder standen nur und guckten nach dem Fenster, wo die Mutter Bock ein Bettlaken vorgenagelt hatte, und sagten: Dahinter liegt er! – Der Herr Rektor soll in seiner Schule sehr betrübt um ihn gewesen sein und geseufzet haben: es wäre mit sein Bester, wenn nicht sein Allerbester, gewesen, und sie sollten alle mit ihm den lieben Gott bitten, daß sie ihn doch noch mal auf seinem Platz auf der Bank zu sehen kriegten. Er soll manchmal Tränen in den Augen gehabt haben, der gute alte Rektor, und hat ihn doch so viel hauen müssen! Als gutes Beispiel hat er ihn nunmehr aufgestellt und ist tagtäglich hingegangen und hat an seinem Bett gesessen, so betrübt um das Unglück wie sein Vater und seine Mutter. Wochenlang hat dieses gedauert, bis es auf einmal in der Stadt geheißen hat, es sei als ein Wunder anzusehen, aber Ludchen Bock komme mit dem Leben davon!... Fritz, ich lüge nicht, die frohe Botschaft hat mir gar nichts gemacht, und ich habe weiter nichts gedacht als. Nu, denn ist's ja gut! – Seine Mutter hat das Bettlaken vom Fenster wieder abgenommen, und am Fenster habe ich ihn mit seinem verbundenen Kopf zum erstenmal wiedergesehen. An Mordmanns Brunnen sind wir alle zusammengewesen, Jungens und Mädchens, und alle haben gefragt: ›Hast du ihn gesehen?‹ – Wärest du, Fritz, hier noch in Altershausen anwesend gewesen, so hätte man dich als seinen besten Freund gewiß zuerst zu ihm gelassen; aber das konnte ja nun nicht sein. Es hat noch eine ziemliche Zeit gedauert, ehe ihn der Doktor ganz frei und unter seine Kumpane zurückgelassen hat. Die haben auch wohl grade so große Scheu gehabt als wir Mädchen, wie er mit seinem verbundenen Kopfe auf der Bank vorm Hause saß, – du weißt ja, wie er war, und besonders gegen uns aus der Mädchenschule! Es wird wohl so sein müssen, viel anders bist auch du in deiner damaligen Zeit gegen uns nicht gewesen, Fritz. – Erst nach und nach rückten wir, die Jungens zuerst, zu ihm auf die Bank vor seiner Haustür, und da er noch lange nicht feste auf den Füßen stand, schoben wir es darauf, daß er sich nunmehr viel geduldiger anfassen ließ als vor seinem Fall vom Baum. In die Schule kam er fürs erste nicht, das wollte der Doktor nicht; aber mitspielen durfte er, und da ist es zuerst herausgekommen, daß mit ihm nicht alles in der richtigen Ordnung war: er ist so weinerlich gewesen, und er hat sich zu uns Mädchen gehalten! Er blieb bei uns und unseren Puppen unter der Hecke, und seinen Kumpanen sah er nur wie angstvoll nach, wenn sie ihre wilde Jagd anfingen; sie kümmerten sich auch bald gar nicht mehr um ihn: es sind ihrer immer genug füreinander gewesen, zu unserer Zeit wie heute. Mit dem Sich-um-ihn-Kümmern ist es erst anders geworden, als der Doktor gesagt hatte, diesmal sei es noch merkwürdigerweise gut abgelaufen, er könne nun alles wieder mitmachen, und als er da wieder auf seinem Platze beim Rektor Schuster saß... da wurde es nach und nach klar, daß nicht alles gut abgelaufen war und daß nicht mehr alles wie vorher war und daß er nicht mehr alles mitmachen konnte wie sonst!... Zuerst hatte es natürlich der Rektor gemerkt, denn er ist ja sein Bester gewesen. Du mußt das mir nicht übelnehmen, Fritz; wieviel weiter du es auch in der Welt gebracht hast als er: in eurer Rektorschule hat er doch immer über dir gesessen! Er hat zuerst angefangen, den Kopf über ihn zu schütteln, den Rektor meine ich, Gott hab ihn selig. Unter uns Mädchens haben wir noch gar keine Veränderung an ihm gemerkt als zum Bessern, nämlich bei seinem Zusehen und Mitspielen bei unsern Puppen und sonst so, und außerdem, daß er jetzt so leicht weinte. Aber bei den Jungens ist bald nach des alten Schusters erstem betrübten Aufmerken schon das Necken und Herken und Foppen angegangen für ihn hier in Altershausen, ja, von damals an bis heute über sein siebenzigstes Jahr weg. Ach Fritz, ich meine doch, du hättest ihm nicht so mitgespielt wie alle ihr anderen! – Beim Rektor Schuster hat's sich gezeigt, daß er nicht mehr mitgekonnt hat, und was er bis dahin gelernt hat, das hat er manchmal noch gewußt, aber nicht immer, und nach und nach immer weniger, als was die Wissenschaft anbetrifft. Neues zulernen hat er gar nicht gekonnt, und wenn ein Mensch Kummer darum gehabt hat und sein möglichstes getan hat, es zu ändern, so ist's der gute alte Rektor Schuster gewesen! – Wir sind alle gewachsen mit den Jahren und er auch: mit dem Verständnis ist er nicht mehr gewachsen. Er hätte bald der Unterste nicht bloß auf der ersten Bank, sondern auch in der ganzen Schule sein müssen; aber der Rektor hat ihn auf seinem Platze sitzenlassen. Er ist keinen Morgen in die Schule gekommen, der gute alte Mann, ohne daß er seinem vordem Besten die Hand auf den Kopf legte und seinen kummervoll dazu schüttelte. Du hast es vielleicht gar nicht gehört, Fritz, daß er leider bald verstorben ist, euer alter Lehrer; und der andere, der nach ihm gekommen ist, den haben sie von euch hergeschickt, und er hat nichts von Ludchen Bock und seinem Unglück gewußt, als was ihm erzählt worden ist, und hat das richtige Mitleiden mit ihm nicht haben können, wie sein richtiger erster alter Lehrer. – Konfirmiert hat man ihn seinerzeit auch mit seinen Zeitkameraden, und die sind dann alle ihres Weges weitergegangen, jeder zu einem Geschäft, in die Lehre, aufs Feld oder wohl auch zu was Höherem. Mit meinem armen Jungen hat man das eine wie das andere wohl auch versucht, auch noch mit Strenge; aber wie heute hat er sich damals gegen alles gewehrt, wie er es nur noch konnte, mit Kinderweinen. Das haben eben, die es am besten mit ihm meinten, aber die Schlimmsten auch, nicht aushalten können, daß die Tränen ihm, dem großen unmündigen Kinde, so lose saßen... das Lachen aber gottlob auch nicht! Und weißt du, Fritz, das beides ist's gewesen, was mich zu ihm gebracht hat für unser ganzes Leben, sein Weinen und sein Lachen! Ausdrücken kann ich es dir nicht, und ich weiß nicht, ob du mich verstehst; aber gewesen ist es so. Ich habe es an mir gehabt wie er mit dem Weinen und dem Lachen auf Erden, und mit ihm habe ich besonders mit weinen müssen, wenn er weinte, und mit lachen, wenn er lachte. Ich... habe aber nicht wie die anderen lachen können, wenn es weinte – es, das große ausgewachsene Kind... mein Kind, Fritz, mit dem ich heute noch lache und weine wie vor sechzig Jahren, Fritz.« – XIV. »Siehst du, wie ich es gesagt habe, er hat seine Uhr im Magen, und sie geht ganz genau und richtig«, sagte lächelnd Minchen Ahrens. »Da kommt er den Berg herunter und will nach Haus zum Essen.« Geheimrat Feyerabend hob das Haupt, wie es aus einem Traume emporgerufen. Es kostete ihm einige Mühe, sich wieder zu überzeugen, daß er wirklich noch in dem gegenwärtigen Tage, in dem schönen Wetter, in der schönen Sonne von heute mit vorhanden sei. Das alte Weibchen an seiner Seite hatte ihn zu tief in eine Welt, in der auch er mal mitgespielt hatte, mit den anderen und mit ihr gegenwärtig gewesen war, hinuntergezogen! Und – es behielt den Zauberstab in seiner Hand, vertraulichst, zutraulichst, ohne die geringste Scheu und jeglichen Respekt vor den Lehr- und Hörsälen der Erdenwelt und am allerwenigsten vor den Wonneburgen der Walchen. – Sie sahen die schwerfällige, wackelige Gestalt ihren Weg die Berglehne hinab zu sich herunter nehmen. »Nicht fallen, Junge!« rief Minchen, und der Geheimrat sah seitwärts auf das verrunzelte Profil neben ihm, und wie aus weiter Ferne, von Lesbos her, kam es wie Zitherklang und verhaltenes Schluchzen: »O süße Mutter, Ich kann nicht weben; Denn Herz und Finger Vor Liebe beben –« und mit dem Finger im Munde stand Ludchen Bock mit seinem Korb voll Tannzapfen am Arm, und Minchen Ahrens meinte, zu Fritz Feyerabend gewendet: »Ja, siehst du, selbst seine Scheu vor dem fremden Mann, sein Respekt vor dir hält dagegen nicht stand, daß es Mittag wird und es Zeit ist, nach Hause zu gehen und an die Suppe zu denken. Nun weißt du was? Bis an die Stadt gehst du mit uns, das fällt keinem auf, und nachher gehst du nach dem Keller zu deinem Mittagessen, zu unserm kann ich dich mit dem besten Willen nicht einladen, auch – seinetwegen. Und wenn du dein Schläfchen gemacht hast, dann trinke Kaffee bei mir in unserm Garten. Du kennst ihn gewiß wieder. Es hat sich wenig drin verändert, seit du zum letztenmal da im Apfelbaum gesessen hast. Den freilich habe ich vor zwanzig Jahren schon abhauen lassen müssen; er war geborsten und zu lebensgefährlich für die Nachbarschaft, ich meine die Jungen, die nach dir über die Zäune gekommen sind, und für – ihn auch.« »Du erzählst dann aber weiter.« »Wenn du noch von ihm hören willst.« »Von dir und ihm!« Sie wickelte ihr Strickzeug zusammen und erhob sich von der Bank am Maienbronnen. »Es haben so viele Doktors an ihm Anteil genommen: schade, daß du nicht früher gekommen bist! Vielleicht hättest du bessern Rat als die anderen gewußt. Jetzt ist es zu spät; – o Gott, wenn er mir heute, heute, jetzt aufwachte mit seinem gesunden Verstande!« . . . . Sie wanderten nun den Weg, den der seltsame heutige Gast von Altershausen vorhin allein zum Maienborn heraufgekommen war, zusammen zurück. Das »Kind« bald vor, bald hinter den beiden »Erwachsenen«, doch immer auf der Seite des »Mannes vom Bahnhof und Mordmanns Brunnen«. Es schien sich zwingen zu wollen, keine Angst mehr vor diesem Fremden zu haben. Wer konnte wissen, was ihm doch vielleicht aufstieg in der verdunkelten Seele aus fernen, vergangenen, lichten Tagen? Und sie studierten sich auf diesem Wege vom Maienborn herunter, beide einander, der Lebens- und Seelenklare und der Blöde. Der große Psychiater aber den armen Freund wahrlich nicht mehr auf seine Leibes- und Seelenheilkunst hin: das Heimweh nach der Jugend – nach dem Leben hatte den Greis nach Altershausen getrieben, und er mußte es nur herausbringen, was Ludchen Bock dazu zu sagen hatte! Auf dem Wege zur Stadt war das nicht zu erledigen; aber im Ratskeller, an der Wirtstafel schon wurde er sich klar darob. Selbst in Altershausen trat er da über die Schwelle der Traumwelt, in der er die letzten zwei Stunden durch am Maienborn gesessen hatte, in sein gewohntes Dabeisein an seinem Lebenstage zurück. Der Wirt vom Keller fragte höflich den »Herrn Doktor«, ob er einen interessanten Morgenspaziergang gemacht und wie er hiesige Gegend gefunden habe. Fritz Feyerabend bejahte das erstere und über das zweite konnte er sich auch nur lobend aussprechen. Ludchen Bock war bei der Beantwortung beider Fragen sehr beteiligt. Geheimrat Dr. Friedrich Feyerabend nahm ihn nach Tisch mit auf sein Zimmer hinauf und mit hinein in seinen Mittagsschlaf. – Er fand sein Zimmer nach dem heißen Morgengang kühl und schattig und träumte in dem altväterlich bequemen Ledersessel am offenen Fenster einen Traum. Was davon aufs Konto Altersschwäche oder nach Goethe auf das tröstliche Wort »Erneute Pubertät« zu schreiben war, und vor allem, wieviel davon ihm von seinem mütterlichen Erbteil zukam, mochte er später daheim, im gewohnten Alltag, sich zurechtlegen. Das Wunder kam und verlief folgendermaßen. Es ist schon berichtet worden, daß er von seinem Fenster im Ratskeller die Aussicht auf seiner Eltern letzte Wohnung in Altershausen hatte. Die lag nun im Nachmittagssonnenschein, und aus seinem Schatten heraus erlebte er, die nächste halbe Stunde durch (länger hat's der Uhr nach nicht gedauert), das Abenteuer. Im Traum währte es viel länger; aber das ist ja schon eine uralte Erfahrung der Menschheit, und solches nicht bloß aus den Märchen der Tausend und einer Nacht heraus, sondern auch aus dem hellsten, grellsten, nüchternsten Werkeltage. Am Maienborn war er gewesen mit Ludchen Bock und Minchen Ahrens; aber wohl hatte er sich bis jetzt gehütet, Winkel aufzusuchen, in denen er nichts mehr von dem finden konnte, was für ihn in Altershausen noch dasein sollte. Nun, in seinem Traum ging er doch so aus auf die Suche: zurück und hinein in die Zeit, wo Friedrich Wilhelm der Vierte König von Preußen, Nikolaus der Erste Zar aller Reußen, Louis Philippe König der Franzosen und Pius der Neunte Papst war – hin in seine letzte Weihnachtsstube in Altershausen. – Aber wie? Der Weg in der heißen Morgensonne hatte in Verbindung mit dem Mittagstisch des Ratskellers dem alten Mann die Gliedmaßen doch recht steif gemacht. So bequem der Sessel am Fenster war, der Sopha erschien dem Wirklichen Geheimrat Feyerabend doch noch bequemer. »Nur für fünf Minuten!« sagte er, wollte die Arme, um sich zu erheben, auf die Stuhllehnen legen, fand, daß das nicht ging, daß sie ihm am Leibe herunter fest anhafteten wie einem frontmachenden Kriegsmann. Aufrecht stand er mit einemmal, ganz ohne sein Zutun, in des Zimmers Mitte, und an seinem Leibe, an seinen Beinen heruntersehend, war's ihm, als ob es auch damit nicht im geringsten seine Richtigkeit habe. Wie kam er zu diesem behaglich gewölbten Bauch, wie kam er in diese eng anliegenden gelben Lederhosen, wie in diese lackglänzenden Husarenstiefel? Und wie stand er plötzlich als der letzte Nußknacker der Familie Feyerabend im hellen, nüchternen Nachmittagsschein auf dem Markt von Altershausen?... Und niemand verwunderte sich über ihn. Sie trieben ihre Gassengeschäfte, sie handelten in den Kramläden, sie standen in ihren Haustüren oder saßen an den Fenstern, die Leute des Orts, aber nicht einer nahm Notiz von der Verwandlung des Wirklichen Geheimrats Professor Dr. Feyerabend in den Geliebten der Freiin Emerentia von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost. Daß ihm solches unangenehm gewesen wäre, konnte er nicht sagen; aber verwunderlich erschien sie ihm doch: kam er selber sich doch ziemlich auffällig vor. Er ging. Wie – das wußte er nicht; die Beine klebten ihm zusammen, wie die Arme am Leibe herunter hafteten. Er konnte sogar Treppen so ersteigen; plötzlich stand er auf der obersten Stufe der Haustürtreppe seines Vaterhauses und sah hinunter auf den Markt von Altershausen und versuchte zu »salutieren«, mit der Hand am Federhut. Ja, wenn's nur möglich gewesen wäre! Da lag der Markt, auf dem er mit Ludchen Bock gespielt hatte, und es hatte sich kaum etwas dran verändert seit der Zeit vor sechzig Jahren. Da lag der Ratskeller, von dessen Fenster aus, sozusagen, er eben ausgegangen war – und es schneite erst leise Flocken hinein in den Sonnenschein, dann heftiger aus sich senkendem, immer dunkler werdendem Gewölk. Nacht war es plötzlich geworden. Wo eben noch die Fenster im Tageslicht geglänzt hatten, da leuchteten sie nunmehr von innen heraus erleuchtet in den Winterabend hinein, bald mehr, bald weniger, je nachdem die Lampe war, die das Licht gab. Es waren aber nicht die Lampen allein, die Licht gaben; hinter mancher gefrorenen Scheibe, hinter manchem Vorhang leuchtete es vielflimmerig: das waren an den »Christbäumen« die Kerzen der letzten Weihnachtsnacht, die Friedrich Feyerabend mit den Eltern und Schwester Linchen in Altershausen begangen hatte, und Fritz war wieder darin und mit dabei in seiner wunderlichen Verwandlung aus dem Wirklichen Geheimrat Professor Doktor und Gast der Wonneburgen der Walchen zum Nußknacker von seinem letzten Altershausener Weihnachtstisch; aber – die »Großen« und Schwesterchen Lina waren zu Bett gegangen – er hatte das Fest für sich allein! In der »Blauen Stube« war er allein mit der erloschenen Weihnachtstanne. In der Blauen Stube stand er nach sechzig Jahren wieder; aber sie schliefen alle, und er allein war wach geblieben, ein Nußknacker des Elternhauses; aber – nicht der letzte. Wie es sich ausweisen sollte!... Das war die Blaue Stube. Da hatte eben noch seiner Mutter helles, liebes Lachen geklungen und Linchen, die neue Puppe im Arm, vom Arm des Vaters nach der höchsten Zuckerpuppe an der Lichtertanne gegriffen, als er – nicht Fritzchen Feyerabend – mit zur Familie und zur Blauen Stube gehörend, sich als der Nußknacker vom vorigen Jahr seinem – Nachfolger gegenüber fand!... Aus dem Sessel am Fenster des Ratskellers, durch das Fenster und über den Markt von Altershausen war er, wenn auch in dem absonderlichen Kostüm, so doch in seiner vollkommenen Menschengröße nach Meter und Zentimeter Reichsmaß gestiegen; nun – und er wußte wiederum nicht, wie es zugegangen war – fand er sich plötzlich eingeschrumpft, zusammengefallen, auf das Maß von seinesgleichen – Nürnberger Fabrikmaß – herabgesunken, und, bei einem neuen Blick an sich herunter: wie sah er jetzt aus! ... Wie hatten eben noch im Sonnenschein auf dem Markt der rote Frack, die weiße Weste, die gelben Hosen und die Husarenstiefel geleuchtet! Und nun? So schlimm wie mit dem, den in Nizza Karl Buttervogel aus dem Kehricht auflas, war es ja wohl nicht mit ihm; aber arg war's doch, und er hätte nimmer gedacht, daß er sich je so schäbig selber vorkommen könne wie jetzt in der Blauen Stube. Und wenn Hosen, Jacke und Weste noch das Schlimmste gewesen wären! Das, was in der roten Jacke, den gelben Hosen, den ritterlichen Stiefeln gesteckt hochaufgerichtet die Wonneburgen der Walchen durchschritten hatte, wie knickebeinig war das in der Blauen Stube, der Weihnachtsstube des Elternhauses des Jahres 18?? !? Knacke einer mal Erdennüsse bis zu seinem siebenzigsten Geburtstage und behalte er die vordem so genialisch »grellblauen Augen« und lasse er nicht den seinerzeit so glänzend schwarzen Schnauzbart greis, dünn, abgerupft über die »alt und müde gewordenen Lippen« hängen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Und was war denn das? Wie kam er von dem Pflaster des Markts von Altershausen auf den Weihnachtstisch der Blauen Stube? Hätte er die Hand von der Hosennaht, auf der sie festlag, losmachen können, so konnte er sie grade auf das Dach der Arche Noah neben ihm legen! Das war nun seine körperliche Höhe, und seine Gefühle dazu waren plötzlich die eines Nußknackers mit müden Kinnbacken. Das Seltsamste aber war, daß er die Blaue Stube mit den Bildern der Großeltern an der Wand und allem übrigen als etwas Selbstverständliches nahm; aber als etwas ebenso Selbstverständliches, daß alles, was sonst dazu gehörte: Vater, Mutter, Schwesterchen, Hund und Katze, Knecht und Magd nicht dabeiwar; daß alles zu Bett gegangen war und er niemand vermißte: Er, der Nußknacker vom Feste vergangenen Jahres! Und als der Nußknacker vom vorigen Jahr hatte er sie alle, alle um sich, die nun neu aus der Schachtel gekommen waren, die ganze große Familie aus Holz, Papiermaché, Blech, Zinn, Leder, Tüll, Gaze, Gold- und Silberflitter, der Welt buntesten Farbenkasten nicht zu vergessen! Was war denn aber das? War das nicht das Gesicht seines Nachfolgers im Amte, auf dem Lehrstuhl, in der Wissenschaft, in den Glanzsälen der Wonneburgen der Walchen und im Verehrungsbedürfnis der Menschheit? Nein, es war nur der neue Nußknacker, der vom diesmaligen Heiligen Abend. Frisch aus der gegenwärtigen Kulturentwickelung mit schwärzestem Schnauzbart, rotestem Rock, leuchtendstem Federbusch, gelbester Weste, weißesten Beinkleidern und – in Stiefeln, wie er sie getragen hatte und sie für die seinigen halten konnte, wenn er sich nicht an die seiner Vorgänger hätte erinnern müssen. »Guten Abend, Kollege!« Er fuhr auf die unvermutete, höfliche, ja achtungsvolle Anrede ein wenig in sich zusammen; aber schon versammelten sie sich alle um ihn in der Blauen Stube seines Vaterhauses zu Altershausen – – die Puppen, die jetzt am Reich waren und es festzuhalten glaubten. Er hatte sich über den Empfang nicht zu beklagen; Komplimente hatte er zu erwidern nach allen Seiten hin und Blicke und Grüße, die wirklich vom Herzen zu kommen schienen; bis es plötzlich aus dem untersten Gezweig der Tanne, hinter dem Noahkasten her, kreischte: »Er hält sich ja gar nicht mehr auf den Beinen, der Alte. Darf ich Ihnen meinen Arm bieten, Herr Geheimrat?« Es war die Rute, die selbstverständlich beim Feste nicht fehlen durfte und jetzt mit einem in allen sieben Farben des Prismas spielenden Bande um die Taille herwackelte, die alte, scheußliche, unfruchtbare Megäre, und grinste: »Vom Anfang der Affenkomödie warte ich auf Sie, Herr! Sind Sie endlich da, um mir zu helfen, dem Gesindel zu sagen, was es wert ist? Kritik, Kritik, Alterskritik! Sagen Sie, zeigen Sie durch und an sich selber der jungen Narrenwelt, worauf alle ihre Herrlichkeit hinausläuft. Kommen Sie, Gerippe – wurmstichiger Klotz, lassen Sie sich besehen – von allen Seiten, von dem Torenvolk auf seine vergängliche Farbenpracht hin besehen. Begehen, feiern Sie jetzt die wirklich schönste Stunde Ihres Daseins, machen Sie es der Krapüle von heute deutlich, was Sie Ihrer Zeit wert gewesen sind: ich stelle mich Ihnen mit allen meinen Reisern und Kräften zur Verfügung, Herr Professor! Verwenden Sie mich, wie und wo es Ihnen beliebt, Herr Doktor; es wird mich freuen, dadurch in Erfahrung zu bringen, wieviel Gift und Galle sie durch Ihre siebenzig Jahre in sich hineingeschluckt haben. Sehen Sie doch auch, wie ich nur Ihretwegen für diese Nacht Toilette gemacht habe!« Geheimer Rat Professor Dr. Feyerabend war's, der als Nußknacker vom vorigen Jahre doch für einen Augenblick imstande war, den rechten Arm von der verblaßten gelben Hose loszubringen und den regenbogenfarbigen Schleifenzipfel, der ihm unter die abgeblätterte Nase hingehalten wurde, damit von sich wegzuschlagen, und zwar mit einem Kraftwort aus der Walchen Wonneburgen: »Via, puttanaccia! und – ihr, Kinder, junges Volk, da ich noch dabeibin, so gönnt mir eure Gesellschaft und nehmt mit meiner vorlieb. Ertragt noch für ein Viertelstündchen den Alten mit seinen Abgebrauchtheiten, Grillen und Schrullen. Gönnt mir mich noch einen Augenblick unter euch!« Ein allgemeines »Ah!« und liebenswürdiges Zudrängen ging durch die Versammlung in der Blauen Stube. Ja, sie gönnten ihm sich unter sich – nein, sie waren sogar so liebenswürdig, sich ihm zu gönnen – alle, alle, der ganze Weihnachtstisch: Bürgerliches Volk, Kriegs- und Hofleute, schöne und schönste Damen in allen Kostümen der Puppenstube und die ganze Menagerie, wie sie Vater Noah mit in die Arche nahm, – alle, alle liebenswürdig, zärtlich, immer zärtlicher, immer liebenswürdiger. Was wollte die Rute in dem glänzenden, duftenden, leuchtenden Gedränge edelsten Puppentums, das ihn umgab, umrauschte, umflüsterte, ihn, den Nußknacker vom vorigen Jahr? »Hinter den Spiegel, Popanz!«, und mit einem schrillen, zirpenden Schrei, wie ein Hadesgeist aus der Odyssee, entschwirrte die Bestie – »Krikrikrikriki-tiiiik.« Sie verzog sich nach dem Wort aus dem Volke, die Schöngegürtete, und wurde nicht mehr gesehen bis auf einen Zipfel des siebenfarbigen Bandes, der hinter dem Spiegelrahmen in der Blauen Stube hervorhing, aus der Welt vor sechzig Jahren stammte und – nur an mütterliche Liebe und Sorgen erinnerte. Wie kam das junge, süße, lockige Kind in rosa Flor, das die Augen nicht nur niederschlagen, sondern sie auch aufmachen konnte, himmelweit und himmelblau, an seine Seite? Wie kam der Blumenstrauß in das Knopfloch seiner schäbigen Husarenjacke? »Ihr Lieben, Lieben, lasset mir Luft, ihr Lieben!« stammelte Geheimrat Feyerabend. »Ihre Hand, Nachfolger im Reich des Nüsseknackens! Liebchen, junges Leben, lassen Sie mir auch die Ihrige und mit beiden die Gewißheit, daß die Welt nicht untergeht, trotz des Kehrbesens, der morgen meiner wartet!«... Ein Laut allgemeiner entrüsteter Mißbilligung durch unseres Herrgotts ganze Nürnberger-Tand-Schöpfung – eine höfliche Abweisung des melancholischen Worts, die sogar aus dem Herzen kam; denn selbst Püppchen eben aus der Schachtel hatte ein Gefühl, daß ihre Sache mit verhandelt werde, und flüsterte dem Alten zu: »O nein, nein, nein! O bitte, sagen Sie doch so was nicht! Bitte, bitte, Exzellenz!« Ein junger Offizier, ebenfalls neu aus der Schachtel, der ihr zulächelte, brachte sie aber sofort von dem betrüblichen Thema ab und auf das immer Wichtigste. Sie nahm seinen Arm, und auch alle übrigen hatten sich bald an dem Helden vom vorigen Jahr satt gesehen. Zuletzt hatte er es eigentlich nur noch mit seinem jugendfrischen, frischlackierten Ersatzmann zu tun und – gottlob! – er konnte ihn anlächeln mit herzlichem Wohlwollen und den besten Wünschen. Übrigens ist's manchmal gar nicht unangenehm, einer »Neuwelt« als Gespenst zu erscheinen, wenn es nur »ganz in Stahl« geschieht, und der verbrauchte Nußknacker in der Blauen Stube seines Vaterhauses hatte so eine Art von Gefühl davon, als ob das augenblicklich der Fall sein könne. Es war ja aber auch in der Blauen Stube, und er war darin nicht die wissenschaftliche Größe seines siebenzigsten Geburtstages, sondern nur der Nußknacker vom vorigen Jahrgangs dem des jetzigen gegenüber. Und, er wußte nicht, wie's zuging, als Holz, wurmstichiges Holz und Lack, bunten, aber abblätternden, verblaßten Lack fühlte er sich noch, jedoch seine Gliedmaßen hatte er sämtlich wieder zu freier Verfügung. Er konnte seinem Nachfolger die Hand auf die Schulter legen und ihn freundlich auf den Glanz der frisch funkelnden Epauletten klopfen: »Überwinden Sie Ihr Mißbehagen über meine Gegenwart bei Ihrem Feste, lieber Kollege! Ich habe Ihren augenblicklichen seelischen Mischmasch von Triumph und Katzenjammer ebenfalls in meinen Daseinsnotizen. Ich gehe und Sie kommen – wir werden nicht alle! Ich habe meine Freude an Ihnen, Kollege, also lassen Sie auch mir meine so vergänglich gewesenen Genugtuungen! Sie machen ein Gesicht, als ob Sie glaubten, ich scherze boshaft; aber wirklich, es würde mir eine posthume größte Genugtuung sein, wenn es Ihnen gelingen würde, alle durch mich getäuschten Erwartungen zu erfüllen! Sie erlauben wohl –« Wirklicher Geheimrat Professor Doktor Feyerabend griff eine Nuß unter dem Weihnachtsbaum in der Blauen Stube, der Weihnachtsstube seines Vaterhauses, auf, schob sie dem Nachfolger im Reich irdischen Erfolges zwischen die weiß glänzenden jungen Zähne, faßte ihm um die Schulter herum nach dem Zopf und – drückte – drückte, und – es knackte. Er knackte, der Kronenerbe, er knackte trefflich; aber – – – sie kamen ja beide, der Alte wie der Junge, aus der nämlichen renommierten Fabrik, und wenn auch die Welt, wie sie war, nicht unterging: viel anders wurde sie auch nicht durch den neuen Ersatzmann... Den Kern der eben geknackten vergoldeten Nuß in der Hand, sagte der Alte lächelnd: »Die Welträtselnuß war es noch nicht, die durch Ihre Vermittelung ihr Innerstes herausgab, lieber Kollege. Das Resultat ist diesmal recht gut. Knacken Sie ruhig weiter, es gibt immer noch Besseres, und – wenn Sie sich müde gekaut und geknackt haben und ernüchtert vor dem Schalenhaufen stehen, dann machen Sie's wie ich: ärgern und grämen Sie sich nicht! Zu seinem Ärger und Überdruß hat man doch manchmal seinen Spaß und sein Vergnügen und zu seinen Schanden seine Ehren. Sehen Sie sich auf dem Tische um: vorm Jahr, als ich hier jung war, war's dieselbe Gesellschaft um mich her.« »Es wird weitergeknackt!« schluchzte der Nachfolger im Erdengeschäft. Er brachte zwar in der Umarmung des verbrauchten Seniors die Arme nicht vom Leibe los, aber zwei Harztränen entrangen sich dem Zirbelholz, aus dem er gedrechselt war. Und rundum in der alten Blauen Stube duftete es immer lieblicher und glänzte es immer bunter und zauberhafter. Die vom Vater Feyerabend ausgeblasenen Wachslichter an der Tanne flammten dem Sohn zur Nachfeier seines siebenzigsten Geburtstags noch mal auf, aber mit magischem Lichte sub specie aeternitatis. Der ganze Weihnachtstisch, die Arche Noah nicht ausgeschlossen – die Sündflut-Schiffbauer, den bösen Ham eingeschlossen – alles, alles erhob sich zum Jubelruf. »Es wird weitergeknackt!« Nur – die Schönste – die wunderschöne junge Dame mit der Courschleppe und dem rosigen Wachsgesichtchen, jene Reizendste, Jüngste, die vorhin zuerst mitleidig dem verjährten Krüppel das lebenswarme weiße Händchen hingehalten hatte, sie schlug plötzlich die Hände mit dem Spitzentaschentuch vor die Augen und weinte bitterlich. Und nunmehr war es nicht mehr der Nußknacker vom vorigen Jahr von dem Weihnachtsabend vor sechzig Jahren: es war wieder der Wirkliche Geheimrat Professor Doktor Feyerabend, der in der Blauen Stube stand und seufzte – nicht mehr das Wort an den Nachfolger richtend: »Ja, was soll man den armen Kindern zum Troste sagen? Daß ihre Töchter so schön werden wie sie?« . . . . . . . . .  Es war wahrlich nicht mehr der Nußknacker vom vorigen Jahr, sondern es war der Wirkliche Geheimrat Feyerabend, der die alte Jette, seine alte Jette, in der Blauen Stube des Vaterhauses am Markt zu Altershausen brummen hörte: »Sapperment, wie kommt denn die alte Kröte da untern Weihnachtstisch? Aber du kommst mir grade recht zum Feueranmachen! Da Fritzchen nun einen neuen hat, wird er nach dem alten Greul wohl nicht mehr suchen – – –« »Herr Doktor verzeihen, wenn ich anfrage, ob ich Herrn Doktor den Kaffee auf dem Zimmer servieren soll?« fragte der Oberkellner im Ratskeller zu Altershausen. XV. »Wa – wa – was?« stammelte der ortseingeborene Inkognitogast im Ratskeller zu Altershausen. Da saß er aufgeschreckt und ein wenig verdrießlich, dem jungen, höflichen Mann vor ihm Objekt einer wenig respektvollen und jedenfalls etwas heitervergnüglichen Vorstellung gewesen zu sein, und brummte: »Ich pflege zu klingeln, wenn ich etwas brauche, lieber Freund.« Da unter ihm lag der Kindheitsmarkt und da drüben das Haus mit der Blauen Stube. Er saß noch immer in dem allzu bequemen Fenstersessel, und an seinen Beinen hinuntersehend durfte er sich überzeugen, daß sie wirklich nicht in gelben Hosen und blanklackierten Husarenstiefeln steckten. Es schneite auch nicht in eine Christmondsnacht von vor zwei Menschenaltern hinein, sondern alles lag noch im schönsten Nachmittags-Spätsommersonnenschein in dem laufenden Jahr, in welchem er noch einmal dabeiwar in Altershausen, wo er eingeladen worden war, Kaffee zu trinken mit Minchen Ahrens und seinem Freunde Ludchen Bock!... Eine halbe Stunde später sagte Minchen: »Das ist zu freundlich von dir, Fritz; aber nun mußt du auch mit uns vorliebnehmen. Komm nur gleich in den Garten.«... Was ihm kein Traum geben konnte, lieferte ihm nun die Wirklichkeit: alles, was er von seiner Lebens-Heimweh-Fahrt nach der Jugend – nach Altershausen verlangen konnte!... Es hatte sich nichts verändert. Die dürre Hand, die die seinige in der Haustür faßte, war noch die weiche Kinderhand von vor sechzig Jahren. Es löste sich nichts in Phantasmen und Fratzen auf, und kein neuer Nußknacker löste den alten ab: das große offene Weltgeheimnis lag in seiner ganzen Schönheit und Herrlichkeit vor ihm im Lichte des eben gegenwärtigen Tages, und – er freute sich, daß er mit in der Welt war und zu dem Wunder mit gehörte. – – – – – – – – – – – – – – – – – Dein blaues Wunder wirst du haben«, sagte Minchen. »Ich habe es ihm glaubhaft machen wollen, daß sein Freund Fritz zum Besuch dasei, und wenn er dich auch nicht so ästimieren kann, so hat's ihn doch darauf gebracht, alle eure Jungensherrlichkeiten von dazumal herauszulangen. Ich weiß nicht, wie es möglich gewesen ist, daß sich das alles so lange erhalten hat; aber es ist wirklich da, und vielleicht erkennst auch du noch was von dem wieder, was dir wohl mal mitgehört haben mag oder was du ihm bei eurer Abreise zurückgelassen und geschenket hast... Aber nicht wahr, hier bei mir hat sich auch nicht viel verändert, wenn du dich daran erinnern kannst?!« O wie wohl kannte der greisenhafte Gast alles wieder! Von der Haustürschwelle an durch den dunkeln Gang mit dem Herdfeuer im Hintergrund und durch die Hoftür das Sonnenlicht und Gartengrün. »Aber du kommst wohl zuerst wohl wieder mit in die Stube?« »Jawohl, jawohl! Führe mich, aber an der Hand, durch deinen Zauber, Minchen, liebes Mädchen.« »Jawohl, gern. Da guck nur mal, was er dir zu Ehren und Liebe gemacht und zusammengetragen hat! Es ist noch der Tisch, an dem ihr eurerzeit so oft die Köpfe über den Rektor Schuster seinen Aufgaben und, ich darf's wohl sagen, euren Dummheiten und Nichtsnutzigkeiten zusammengesteckt habt. Sieh mal, da steht noch dein Name eingeschnitten. Er kriegte damals Prügel drum von der Mutter.« Geheimrat Feyerabend legte die Hand auf die Narbe des alten Eichentisches. In keinem Hör- und Lehrsaal, in keinem Prachtsaal der Wonneburgen der Walchen war ihm je das Herz so heiß in der Kehle heraufgestiegen wie jetzt in der Familienstube des Ackerbürgerhauses von vor sechzig Jahren. Was vorhin der Traum aufgebaut hatte, das hatte der »Junge«, sein Freund Ludchen Bock, ihm jetzt in der Wirklichkeit aus den Winkeln und Verstecken fernster Kindheitsvergangenheit hervorgeholt und – zu Ehren hingelegt als einer, der im ersten, schönsten, jüngsten Lebenssonnenschein und Kinderspiel der Erde noch immer mit dabei war! wirklich mit dabei war! »Er macht heute noch sich alles wieder, was ihr damals zu eurem Pläsier brauchtet; aber es ist auch viel Altes dabei, auch aus deiner lieben Eltern Zeit. Da sieh, alle die Bilderbücher, die du ihm bei eurem Auszug hiergelassen hast. Einer der Herren Doktoren, die seinetwegen hier gewesen sind, hat mal gesagt, da sich so was nicht hielte in der Welt, so wäre manches Buch 'ne Kuriosität. Ich verstehe das nicht; aber guck – erkennen kann man ja von der Farbe nicht viel dran; aber aus deines Vaters Hause stammt auch der! Das weiß ich noch ganz genau, wie er ihn dir für eine von ihm gemachte Schlüsselbüchse abhandelte. Den Schlüssel hatte er seiner Mutter gestohlen, und woher ihr das Schießpulver hattet, weiß ich nicht; aber das nichtsnutzige Ding platzte dir beim ersten Abbrennen in der Hand. Der Doktor mußte damals auch um dich geholt werden; aber es ging glücklicher ab als nachher mit ihm. Euer Teil kriegtet ihr aber beide, er von seinem Vater und Mutter und du von deinen lieben Eltern. Ja, das ist der alte Knacker noch, Fritz. Die Kinnladen kann er wohl noch bewegen; aber eine Nuß knackt er euch nicht mehr.« Da hatte er nun in der Wirklichkeit in der Hand, was er vorhin im Traum selber gewesen war. – Den alten, verblaßten, kinnladenlahmen Nußknacker, der einmal vor undenklicher Zeit so gut geknackt hatte, auf den er in der Blauen Stube seines Vaterhauses so stolz gewesen war und den – Ludchen Bock gerettet hatte, hielt er in der Hand. »Sieh, das sind noch seine Schulbücher noch vom Rektor Schuster her«, sagte Minchen. »Er meint ja, er sei immer noch bei ihm drin in der Schule und werde aus ihnen aufgerufen. Du hast auch was drein geschrieben, Fritz, und auch gemalt. Da, guck mal, was! Ihr könnt euch heute noch gratulieren, daß das damals euer Herr Rektor nicht gesehen hat. Und noch dazu in die dicke Bibel und den Ziegenbeins Katechismus, den wir damals hatten – auch wir Mädchen. Heute haben sie einen andern, man sagt, einen bessern, aber das ist einerlei, Gottesfurcht habt ihr zwei damals nicht viel gehabt, und wie es jetzt damit in der Schule steht, was das Verschmieren von Büchern angeht, weiß ich nicht. Doch nun komm in den Garten! Er traut dir immer noch nicht und hat dir seine Ehre, diese hier mit seiner Schatzkammer auf dem Tische, wohl auch aus Furcht und Bangnis angetan; aber er steht im Gange da hinter der Tür schon lange und wartet auf dich, weil es ihm mit dem Kaffee zu lange dauert. Wie ich dir schon gesagt habe, darin ist er recht nach der Stunde geblieben. Unsere Laube wirst du auch wohl wiedererkennen: ich habe nicht viel aufzuwenden gehabt, und so ist alles natürlich so geblieben, wie es war und sich halten ließ. Wo mal ein Bein an der Bank oder am Tisch abmoderte, da ist er geschickt genug. O ja, was so was angeht, kein Mensch hätte mir mein Wesen hier so in Ordnung halten können wie dieser Arme, vom Schicksal Geschlagene, dein und mein Freund Ludchen!« – In derselben Welle kann man nicht zum zweitenmal schwimmen, aber an demselben Tische kann man wieder sitzen, auch nach Menschenaltern. An der Hauswand zwischen kümmerlichen norddeutschen Weinranken war die Bank befestigt, vor dem der alte Tisch des Vaters und der Mutter Ahrens, zierlich gedeckt mit dem Kaffeegerät, den alten Töpfen und Tassen des Hauses, den Geheimrat Feyerabend erwartete. Nicht mehr in roter Jacke, gelben Hosen und Lackstiefeln – in der Jacke und den Hosen, aus der er seiner Mutter wieder mal herausgewachsen war, stand er da in Minchen Ahrens' Hausgarten, der Professor Geheimrat Dr. Friedrich Feyerabend. Er mußte sich am Türpfosten halten dieser neuen Verzauberung gegenüber. Rundum alles, wie es damals gewesen war. Mit den Hecken und Zäunen und Wegen und den Hausmauern und Giebeln und Scheunendächern der Nachbarschaft wachten auch alle Namen auf. Da Korbmacher Sievers' Anwesen hinter dem alten Birnbaum und dem Bienenhaus, in dem seit hundert Jahren kein Bienenkorb mehr gestanden hatte! Dort Tischler Engelkes Hausdach, wo man durch den Zaun zu des Nachbars Zwetschenbaum gelangen konnte! Da die alte Ahornlaube und die Esche, die ein Urgroßvater gepflanzt haben sollte. Und auf den Beeten, was um diese Jahreszeit damals gestanden hatte, heute noch drauf. Und nur die alten Blumen, nicht das neue bunte Zeug aus allen Weltteilen! Und dann die Stimmen rundum, die alten Laute von damals, Kinderstimmen und Vogelstimmen, Gänsegeschnatter und dann und wann das Muh einer Kuh aus einem näheren oder fernern Stall. Jetzt auch wohl das Keifen einer Frau Nachbarin, das Heulen eines Säuglings. »Aber Junge, so komm doch endlich! Schäme dich! Ein so großer Junge und will sich noch vor Frem – vor seinen besten Freunden fürchten? Aber Junge, sieh dir doch unseren Besuch jetzt ganz genau an: kennst du denn Fritzchen Feyerabend nicht mehr? Komm Fritz, komm Ludchen, setzt euch hin! Und wenn es auch heute nicht Sonntag ist, so kriegst du doch ein Stück Zucker mehr; nein, Ludchen, du sollst dir selber nehmen dürfen!«... Nun saßen sie einander gegenüber – die zwei Freunde. Der eine mit einer Welt von Erlebnissen zweier Menschenalter, der andere – – – »Kannst du noch Mühle?« fragte der – andere. »Willst du noch mal?« »Aber Ludchen?« stotterte Minchen Ahrens. Doch der Geheimrat winkte ihr und holte selber vom Tisch in der Stube das alte abgegriffene Spielbrett in den Garten. »O Gott, Gott, aus Eurem Hause, Fritz, stammt das nicht mehr. Ich habe es uns kaufen müssen. Wir spielen es ja wohl manchen Abend lang zusammen, und ich bin nicht immer die beste«, flüsterte Minchen, stets von neuem die Hände ob des Wundertages faltend. »Weißt du, unsererzeit war deine Schwester mein Gegenpart. O Gott, was würde die sagen, wenn sie dich und uns jetzt so sehen könnte. Erzähle ihr nur ja nicht davon; glauben kann sie es doch nicht! Ja, hier geht es noch immer nur um türkische Bohnen beim Spiel.« Beim Mühlenspiel geht es heute noch nur um die Ehre, und der – andere hatte, wie vor sechzig Jahren, eine Zwickmühle, ehe Fritze Feyerabend es sich versah. »Ludchen, du hast gemogelt! Du hast den Stein da verschoben!« rief Geheimrat Feyerabend, lächelnd aus all seiner Überlegenheit heraus aber doch mit vollstem Ernst – trotz ihr mit vollstem Jungensernst bei der Sache. »Willst du wieder was, Fritze?« Und in den Greisenaugen des – andern blitzte die ganze Jungens-Taugenichtigkeit wie vor sechzig Jahren. »Komm an, wenn du was willst!« »Aber Kinder! Jungens!... Herr Geheimer Rat!« rief Minchen Ahrens. »Schlingel, Ludchen!« Und zu dem Gast in Altershausen sich wendend, sagte sie: »Er hat es auf den Kuchen abgesehen und verlangt für seinen Triumph ein Stück.« »Gib es ihm«, seufzte Geheimrat Professor Doktor Feyerabend, und, um eine abgebrauchte Redensart in einer sehr ernsten Lebensstunde anzuwenden: die Stirn sank ihm tief in die Hand. – – – »Das Stillesitzen hält er nicht lange aus«, sagte Minchen. »Weißt du was, Junge, geh du nur noch ein bißchen in den Holzstall an unser Winterholz. Du hast dich die letzte Zeit doch viel zu viel drum weggeschoben.« »Fritze bleibt noch?« fragte Ludchen mit einem bedenklichen Blick auf den Freund und den Kuchenteller. »Ja, ich bleibe noch«, sagte der Geheimrat. »Aber da! Nicht wahr, Minchen, den Kuchen darf er mitnehmen?« Minchen Ahrens nickte, halb seufzend, halb lachend, und nun klang in das, was sie noch zu erzählen und am Maienborn abgebrochen hatte, geraume Zeit seine Säge herein. Wie am Maienborn waren sie dicht aneinandergerückt, die beiden Alten, und es kümmerte sie gar nicht, daß sie nachbarliche Zaungäste zur Genüge um sich hatten. Zumeist Kinder, doch auch Erwachsene, und da vorzüglich Frauen mit Kindern auf dem Arm. Was nur der fremde Herr in Ahrens' Garten wollte?... Den ganzen Morgen schon sollte er mit der Jungfer Ahrens am Maienborn gesessen haben!... Und mit dem Stadt-Ludchen sollte er wie mit einem richtigen, verständigen Menschen umgehen... War es noch mal ein Doktor und wollte der so spät im Leben seine Kunst an ihm probieren und ihn gesund machen wollen?... Oder – er sah so fremd-vornehm aus! – war das einer aus Amerika, der Minchen Ahrens eine Erbschaft nach Altershausen brachte?... Die Greisin hatte ihren Strickstrumpf wieder aufgenommen. Das können sie, wenn sie sich mit den größten Heldentaten, die auf Erden geschehen können, beschäftigen oder davon auf Andringen erzählen; und da Minchen Ahrens dem Kindheitsfreunde von einer solchen Bericht gab, hielt sie ihm jetzt schon ganz vertraulich ihr Werk aus grauer Wolle hin, einen Strumpf, in welchem der ausgewachsenste Elefantenfuß aus Deutsch-Ostafrika sich hätte wohlfühlen können. »Er sorgt da im Stall für mich und ich hier für ihn. Man muß wirklich schon an den Winter denken, und was seinen Verbrauch hiervon betrifft, Fritz, so ist's damit noch gradeso wie in eurer Jungenszeit.« »Er schnauft tüchtig bei seinem Sägebock«, sagte der Wirkliche Geheimrat nach dem Stall hin horchend. »Ja, so dick und unbeholfen ist er nicht immer gewesen; aber er ist's früh geworden. Sie meinten, das hinge mit seinem Zustand zusammen. Nachdem wir aus der Schule gewesen sind – ihn haben sie mit hineingehen und hinsitzen lassen mit den anderen, seine Eltern und der Herr Rektor, weil er zu Hause im Wege gewesen ist –, bin ich eine Weile mehr von ihm abgekommen. Ich war eben auch ein frisches, junges Ding und lachte gern und dumm und ließ mich nicht gern um was aufziehen von anderen. Ich will es gestehen, ich ging gern aus dem Wege und sah nicht hin, wenn sie ihren Schabernack mit ihm trieben. Ich schämte mich, mich aus Mitleid und Ärgernis lächerlich machen und zum Weinen bringen zu lassen. Heute nun schäme ich mich noch; aber damals konnte ich nicht anders: die Welt ist einmal so, und ich bin meinerzeit nicht besser als die Welt gewesen und auch mal ein junges Mädchen.« Es war, als liefe so etwas wie ein rosiger Schein über das Altjungferngesicht neben dem Wirklichen Geheimrat, und er brauchte nicht zu fragen: »Woher der Abglanz?« Es klang ihr wie Tanz- und Schützenhofsmusik, es glänzte ihr wie Pfingstmaiengrün aus dem neunzehnten Lebensjahr, und – sie legte einen Augenblick ihr Strickzeug auf den Tisch – sah, nein, horchte nach dem Holzstall, wo die Säge Ludchen Bocks noch immer im Gange war, nahm es wieder auf, sah mit jungjüngferlichem Augenniederschlag auf ihre Nadeln und lächelte: »Jaja, Fritz, alte Bekannte hier aus der Zeit sagen, ich sei auch mal ein hübsches Mädchen gewesen.« Ob der gelehrte Mann, der Mann aus den Wonneburgen der Walchen, ihr wohl hätte sagen dürfen, wie schön sie noch sei und was an der Welt schön sei? Er machte den Versuch nicht einmal durch eine Handbewegung, und sie erzählte ihm weiter von Ludchen Bock und sich. »Zu Hause hatten sie ihn jetzt mit an die tägliche Arbeit genommen; aber da ging erst das rechte Leiden an. Daß er beim Rektor Schuster nicht weiterkam, sondern ein Kind blieb, begriffen sie; daß er aber auch ein Kind auf dem Felde, im Stalle, in jedem Handwerk – in all unserer Hantierung hier bleiben sollte, das konnten sie nicht einsehen. Und von da an und daraus ist sein weinerlicher Ton angegangen, den nun seit so langen, langen Jahren eigentlich keiner ertragen kann als wie ich, die ich mich nach Gottes Willen nach und nach in der richtigen Weise dran gewöhnen lernte – konnte.«... Gewöhnen konnte . Konnte! Welch ein Lehrer wäre der berühmte Gelehrte gewesen, wenn er es seinen Schülern hätte beibringen können, was alles von dem, was die Welt zusammenhält, in diesem Verbum neutrum irregulare aus Minchen Ahrens' Munde lag! Aber wer konnte je in einem Lehr- und Hörsaale den Leuten auseinandersetzen, wie Mutter Natur bei der Arbeit ihr Kind weinen hört und singend die Wiege mit dem Fuße tritt? – »Ja, ja, ja, Fritz, es war eine lustige Zeit, die Zeit, wo unsereins, ich meine uns Mädchen, nicht aus dem Kichern und Lachen herauskommen kann! Des Abends auf der Bank vor der Tür und am Brunnen und Sonntags sogar in der Kirche und nach der Kirche erst recht, und alles von Rektor Schusters Jungens, was eine sonsten bis zum Heulen und Brüllen erboset, geärgert und an den Zöpfen gezogen und allen Schabernack angetan hat, nun auf einmal ganz anders. Ein paar Flegel – natürlich nur gröber und unverschämter; aber die Besseren und Feinern – und, lieber Gott, doch die meisten! –, die Besseren nicht bloß anständig, sondern so manierlich und blöde, daß man da zwar hinter ihrem Rücken erst recht mit dem Kichern und Lachen herausplatzt, aber doch wieder bei Nacht so was wie Gewissensbisse hat und sich über sich selber ärgert und meint, daß man doch ein bißchen höflicher und nicht so grob hätte sein können.« Der Schein auf dem Greisengesicht war immer rosiger geworden. Nun sah sie verschämt, verlegen und doch wirklich schalkhaft den Freund von der Seite an: »Herr Geheimer Rat – dich meine ich, Fritz Feyerabend, du mußt es dir ganz allein auf deine Rechnung schreiben, daß ich so dumm schwatze. Wir sind doch eigentlich heute morgen vom Maienbrunnen her wie die Kinder aus ihm herausgekommen und sitzen hier so zusammen! So was wie Ludchen Bock und mir kann doch noch keinem andern auf Erden durch einen Besuch passiert sein, und ich kann ja auch immer noch nicht recht daran glauben.« »Ich glaube an dich von ganzem Herzen, Minchen! Versuche es also auch weiter mit mir: glaube an den armen Schatten wie ich an dein junges, blühendes Leben. Das Wetter ist so schön, und ich möchte wirklich noch mal dabeisein – beim Kinderspiel der Erde!« Plötzlich legte sie nun ihre Hand auf die des Freundes. »Weißt du, Fritz, wie ich es machen will? Du hast mir so gut und ruhig von deiner lieben jungen Frau und deinem armen kleinen Kindchen erzählt: nun will ich mir denken, ich säße auf eurem Kirchhofe, wo sie liegen, bei ihren lieben Gräbern und will da, weil du es willst und noch dazu nach hieher jetzt gekommen sein mußt, weiter mir vom Herzen abschütteln, was drauf liegt seit – seit – ja, wie lange ist's eigentlich her?« Der Weltwanderer und Gast von Altershausen sah verwundert ob der Frage auf; aber sie – die Freundin – hatte wohl Recht dazu an diesem Orte, in diesem Hausgarten, mit diesen Zäunen, Dächern und allem übrigen rundum – in diesem verzauberten Winkel, wo sie der Welt Schönheit zwei Menschenalter verschlafen hatte wie Dornröschen in ihrem dornenüberwachsenen Königsschloß! – Die Säge Ludchen Bocks hatte schon seit einer Weile sich nicht hören lassen, und nun geschah etwas recht Absonderliches. Um den Pfosten der Stalltür herum erschien das geschwollene, bartlose Jungens-Altgesicht des Freundes, und Ludchen Bock winkte dem Wirklichen Geheimen Rat, winkte vergnüglichst-vertraulich grinsend: »Komm, Fritze, ich will dir mal was zeigen!« Das war der Ton von vor sechzig Jahren, und Minchen Ahrens sah fast erschrocken auf und hin nach ihrem Schützling. Sie stotterte es fast hervor: »Nun, was ist's denn, Ludchen?« »Er hat meine Kaninchen noch nicht gesehen. Ich schenke ihm wieder mal eins mit roten Himbeeraugen für seine Mutter.« XVI. Als der Geheime Rat aus dem Stall von der Besichtigung der Kaninchenzucht seines Freundes zu dem Kaffeetisch zurückkam, hatte er lächelnd, mit einer behaglich beruhigenden Handbewegung, dem betreten melancholischen Kopfschütteln der Freundin ein Ende zu machen. »Jetzt sind wir auf dem richtigen Fuß miteinander – nun erzähle mir weiter von euch, du Gute, Treue, wenn – wenn du dir deinen Frieden nicht zu sehr dadurch verstörst.« »O nein, nein, nein! Im Gegenteil!« rief Minchen Ahrens, nun gleichfalls wieder lächelnd. »Ich bin ja wie eine Katholikin im Beichtstuhl und mache mich von einer lange, lange getragenen Seelenlast los. Zu wem in aller Welt hätte ich die lieben langen Jahre durch hier in Altershausen je so sprechen können als wie heute zu dir, meinem Wundergast vom Maienbrunnen, und hier im Garten und an diesem Tisch, Fritz Feyerabend? »So schönes Wetter, und – ich noch dabei«, murmelte der Greis. – »Ja, wo hatte ich denn aufgehört mit meinen großherrlichen Lebensereignissen? Ach so! Ja, und nun weiß ich es nicht, wie es kam, daß sie anfingen, mich mit ihm, Bocks armem Ludwig, aufzuziehen. Sieh mich nur nicht an, Fritz, denn es ist mir, als müßte ich heute noch rot werden; – wenn nicht ein halb Jahrhundert zwischen der Zeit und dieser Stunde läge und du, du da säßest und so über mich heute morgen am Maienbrunnen gekommen wärest, könnte ich auch gar nicht darüber reden. Nämlich, ich hatte damals einen, mit dem ich nicht bloß Mitleid hatte, sondern von dem ich dachte, daß ich eigentlich am liebsten sterben täte, wenn ich nicht mit ihm leben sollte. Du hast ihn auch gekannt, er ist auch mit euch zum Rektor Schuster gegangen. Vielleicht erinnerst du dich noch an ihn – Otto Kaiser – vom reichen Lohgerbermeister Kaiser hinter der Oberförsterei? Das Haus ist abgebrannt und keiner von der Familie mehr hier am Ort.« »Nur an den Namen, Minchen.« »Ach, wenn ich das manches schlimme Jahr durch auch nur gekonnt hätte!... Jetzt in meinem hohen Alter ist er mir nichts weiter. Er liegt auch nicht hier in Altershausen begraben, daß ich ihn unter meiner Vergangenheit auf meinen Wegen nach dem Kirchhofe da mit meinen anderen mit besuchen könnte. Es ist zwischen uns nichts draus geworden, außer daß er mich viel zum Weinen gebracht hat, aber zuletzt auch mit deinem unglücklichen Freunde Ludwig zusammen – fürs Leben – für Leben und Tod. So wunderlich mag wohl selten eine Liebesgeschichte ihr Ende genommen haben!« Eben jetzt kam Ludchen Bock aus seinem Holzstall zurück in den Garten, setzte sich den beiden anderen gegenüber an den Tisch; Minchen schob ihm den Kuchenteller zu und sagte: »Bist ein guter Junge, da, aber heb dir ein paar Stücke für morgen auf. Es ist nicht alle Tage Festtag im Leben.« Das große Kind lachte jetzt ganz vertraulich und vergnügt und nickte beistimmend in alles folgende hinein. »Das erste passiert alle Tage«, fuhr Minchen Ahrens fort, auch mit freundlicher Gelassenheit. »Nämlich, daß man zum Weinen gebracht wird auch in seiner lustigsten Zeit. Weißt du, Fritz, für so was bin ich jetzt hier am Ort schon seit lange die richtige alte Rat-hole-Tante geworden bei dem jungen Volk – beim jungen Volk jederzeit seit Jahren. Da, wo du hier bei mir sitzt, hat erst vorgestern so eine wie ich damals gesessen, mit dem Kopf in den Händen. Ja gradeso wie ich mal; aber ich mit meiner seligen Mutter hier auf der Stelle, wo ich sitze, meiner lieben Mutter, die mir nicht den Arm um den Nacken legte, wie ich der vorgestern, sondern mich am Arm gefaßt hielt und mir das nasse Taschentuch wegzog und mir alle Kindskümmernis zu kosten gab, weil ich Otto nicht mehr wollte, aber er noch so tat, als ob es ihm noch bitterer Ernst darum sei. Wie das kam, das ist so tausendfach dagewesen und kommt immer wieder, daß ich dir davon nur reden könnte wie vom Gras, was Heu wird. Wünschest du es?«... Er hatte mit dem Kaiser und mit den Großen in den Wonneburgen der Welt gesprochen, Könige der Erde gehörten in seine Bekanntschaft: seinen Schulbankgenossen Otto Kaiser hatte er bis auf den Namen vergessen, und nun – wohl nur selten hatte er einem Erdgenossen in seinen Lebenserinnerungen so tief nachgegraben wie dem – dem gelassenen, beruhigten Bericht der Greisin und dem Idiotenlächeln des Kindheitsfreundes gegenüber! Und mehr und mehr dämmerte er ihm auf, auch dieser Jugendfreund. War's nicht seine Mutter, die er sagen hörte: »Deinen Freund Otto darfst du mir noch am ersten mit ins Haus bringen, der tritt sich wenigstens die Füße vor der Tür ab und ist auch sonst gut erzogen gegen deine übrige Rasselbande!« – ? – »Was soll man sich in unseren Jahren zieren, wenn die Vergangenheit so zu Besuch kommt wie du heute, Fritz?« sagte Minchen Ahrens. »Wer mir das heute morgen gesagt hätte, daß ich heute nachmittag so im Beichtstuhl sitzen würde! Ja, so lieb du deine Braut gehabt hast in ihrer Schönheit und Lieblichkeit, so, mit solchem Glauben habe ich auf meinen Otto gesehen und an seiner Treue und Güte herauf. Ach, wie vergnügt sind wir eine Zeitlang zusammen gewesen, und ich – wie stolz! Auf ihn wie stolz!... Ja, Junge, du darfst noch ein Stück Zucker – es ist Festtag heute. Aber nein, Kind, der Geheimrat – Fritz dankt.« Sie schob die Hand mit der Blechdose, die Ludchen Bock dem Freunde nickend hinhielt, zurück und fuhr seufzend fort in ihrem Wundertagsbericht. Aber vorher reichte sie erst ihrem Wundergast die Hand: »Wie hat es mich gefreut, daß dahin, wo dein junges Glück begraben liegt, heute wie immer die Sonne scheint; dir scheinen darf. Du bist viel geworden in der Welt und hast viel Gutes getan durch deine Wissenschaften – das sagen die Zeitungen. Daß es dir gut gegangen ist und du viel Frohes und Schönes erlebt hast, hast du mir erzählt; aber möchtest du den grünen Platz, von dem du mir auch erzählt hast, missen mit dem Sonnenschein drauf? Ich habe meine Eltern dort im Frieden und Sonnenschein, hier aber mein lebendiges Kind... Ludchen, Junge, jetzt hört's aber auf! was soll der Herr Geheim – unser Fritz von uns denken, wenn du so den Teller ableckst. O lieber Gott, Fritz, wie soll ich es dir so spät in den Jahren ausdrücken, wie das damals gekommen ist in den Tagen, wo einem jeder Tag, wie man meint, mit Pfingstmaien vor der Tür aufgehen muß?« »Minchen!«... »Was denn, Ludchen?... Nein, nein, Junge, es ist nichts; sei nur ruhig. Siehst du, Fritz, er kann mich nicht weinen sehen und sieht mir immer nach den Augen wie ein treuer Hund. Du glaubst nicht, Fritz, wie ich mich da in acht nehmen muß vor dem Kinde, vor ihm! Ja, und, gottlob, ich kann es! Ich kann dir ruhig bei meinem Strickzeug davon erzählen, wie er mir zur Hülfe gekommen ist im rechten Augenblick. Ein armer Hund, dem sein Geschick mit drohender Faust gesagt hat, daß er zu Hause bleiben soll beim Lebenspläsier und der doch nachschleicht und im rechten Augenblick mir zuspringt, von nichts weiß, aber zuspringt und zur Hülfe da ist mit seinem Bellen und Blaffen, ja auch mit seinen Zähnen. Lieber Gott, und wie wenig ist dran gewesen! Nichts weiter, als was alle Tage passiert unter jungem Volk und was auch mir altem Weib passiert ist in jungen Tagen. Bloß ein bißchen von dem, was so bei der Orgel auf dem Jahrmarkt gedruckt verkauft wird und bei der Arbeit – in der Küche, auf dem Felde und im Garten – von uns armen, dummen Dingern gesungen wird zum Vergnügen! Ach Gott, wenn es sich nicht um unser Ludchen handelte, um den, um dessentwillen du heute zu uns gekommen bist und dasitzest, so wäre –« »Erzähle mir doch davon, Minchen. Jetzt sitze ich nur dessentwegen hier. Und nimm dir Zeit. Die haben wir beide jetzt.« »Ich wohl! Aber du auch?« meinte Minchen Ahrens, ihren Strickstrumpf niederlegend. »Mehr als du«, sagte der weltgelehrte und -berühmte Mann, und Minchen nahm den Strickstrumpf wieder auf. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –