Wilhelm Raabe Prinzessin Fisch Eine Erzählung   Erstes Kapitel Was für ein Gesicht wohl die drei unglückseligen Weiber, die Parzen meine ich, bei ihrer unausgesetzten Fabriktätigkeit machen mögen? Ich glaube fast, nur ein »beliebter Autor« gleich mir vermag sich ganz und vollständig hier in die Sachlage hineinzuversetzen; und es wäre merkwürdig, wenn er der, welche den Faden abschneidet, nicht das vergnügteste zutraute. Ei ja, wir, die wir gleichfalls Bescheid wissen mit dem Spinnen, Wickeln und Abschneiden menschlicher Schicksale, können es uns ziemlich genau ausmalen, das Behagen der drei Kolleginnen! Ihr Behagen – die bloße Vorstellung davon wirkt so überwältigend, daß wir uns selbst auf dem Papier sofort ins Freie, ins Grüne, ins Einsame, vor jeder Menschenanhäufung Versteckte hinaussehnen und der Sehnsucht augenblicklich Folge geben, wenn auch mit der dumpfen Gewißheit, das vor uns zu finden, was wir so gern hinter uns zurücklassen möchten: unsern Beruf, unser grimmiges und gutmütiges, unser tragisches und komisches, unser lachendes und weinendes Werk unter Menschen und ihren Schicksalen. Wir fahren, und auf der Eisenbahn. Halten wir ja das freie angenehme Gefühl des Getragenwerdens so lange als möglich fest, es macht nur zu bald anderen weniger behaglichen körperlichen und seelischen Empfindungen Platz, vorzüglich wenn sich der Tag dem Abend zuneigt. Ja, wenn man seine Knochen zu Hause lassen könnte bei allen Versuchen zu fliegen! Wenn es von neuem dämmert, kämpft in den Tälern zur Rechten und Linken der Nebel eines Flüßchens, das uns lange durch die Nacht bald zur Rechten und bald zur Linken, unbemerkt von uns, begleitete, mit den ersten Sonnenstrahlen; aber wir stecken einen ziemlich wirren, wüsten Kopf aus dem Wagenfenster und haben wenig Sinn für das wundervolle Farbenspiel der Natur übrigbehalten. Bald irgendwo anzukommen und festen Fuß von neuem auf der närrischen Erde zu fassen, ist uns längst wieder zur Hauptsache geworden. Es steigt ein südlich Gebirge vor uns auf! Nicht ein Gebirge im fernen , wirklichen Süden, sondern eines, das von unsern deutschen Lesern immer noch zu erreichen ist, ohne daß sie dabei auf den Gebrauch ihrer Muttersprache und den Genuß aller sonstigen Vorzüge ihrer Nationalität Verzicht leisten müßten. Da haben wir schon den ersten schönen, gesunden Anhauch aus den Tannenwäldern! Noch eine Station unter den Vorhügeln, noch eine halbe Stunde bergan keuchender Fahrt zwischen den Vorhügeln, und wir sind angelangt und finden uns – nicht in der Einsamkeit und Weltvergessenheit der Berge, nicht fern von dem öden, eintönigen Gesang der Mören bei der Arbeit, sondern auf dem heißen Asphaltpflaster eines letzten Eisenbahndammes, mitten im Gedränge des Bahnhofes eines weitbekannten internationalen »Luftkurorts«. Ach, der Hauch aus den Wäldern war leider nur zu gesund, die Lage des Städtchens zu zauberhaft verlockend für das spekulative Bedürfnis einheimischer Grundbesitzer, zugereister und einheimischer Kapitalisten und Streber. Man hat es auch in Ilmenthal an der Ilme fertiggebracht, was andere bei weniger günstigen »Avantagen« gekonnt haben. Man führt »uns« endlich auch auf in der Bäderliste; sämtliche Reisehandbücher haben gottlob zuletzt denn auch »unsere« Berechtigung zur Existenz anerkennen müssen. Wir sind wahrlich etwas geworden, wovon sich unsere Väter und Mütter noch nicht das geringste träumen ließen in »ihrer« sogenannten Unschuldswelt hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, an »unseren« so äußerst lukrativ zu verwertenden klaren Quellen und Bächen, auf unsern lieblichen Wiesengründen, an unseren Berghalden und Felsenwänden, bei unseren wunderbaren In- und Aussichten! In Fichtennadelnextrakt schlägt uns niemand mehr – kein anderer Ort und Mensch, und was das übrige anbetrifft – Nun? Ja, so sind die Damen! Sie lassen sich nie gern auf ihrer Hände Arbeit sehen. Sie verstecken sie nur zu gern hinterm Rücken, wenn man kommt und bittet: »O, zeigen Sie doch mal!« Und die drei vorhin in ihrer Fabriktätigkeit erwähnten Mmes Klotho, Lachesis und Atropos machen hierin durchaus keine Ausnahme von der Regel. Sie sind aber heute in Ilmenthal an der Ilme ebenso rastlos tätig am Werk, wie sie es vor zwanzig Jahren waren, als jedermann dort die Luft atmete, ohne eine Ahnung zu haben, wie gesund sie sei. Und mehr denn zwanzig Jahre müssen wir jetzt zurückzählen, um ihnen, den drei furchtbaren Schwestern, wieder einmal mit möglichster Sicherheit auf die Schliche zu kommen ... Zu spät im Jahr! – Dies hätten wir ganz gut als Titel vor die Geschichte setzen können (später wird noch von einem zweiten die Rede sein); wir nehmen die Worte aber einfach für das, was sie sind, eine landläufige Redensart nämlich, und fügen nur hinzu, daß es kein Wunder ist, wenn dieselbige uns heute im Ohre klingt. Sie klang vor zwanzig Jahren recht häufig um eine Wiege, an der wir im gegenwärtigen Augenblick aus mehrfachen Gründen kein geringes Interesse zu nehmen haben. Ein jeglicher, der offiziell oder der bloßen Neugier wegen damals hinter den kleinen grünen Vorhang guckte, hatte das Diktum laut oder leise auf den Lippen. Hinter der Kammertür waren sie allesamt damit bei der Hand, und gar vor der Haustür der Nachbarschaft rechts und links am Kuhstiege zu Ilmenthal tat niemand seinen Gefühlen und Meinungen mehr Zwang an. Alle gaben sie ein jeder nach seinem Temperament und Charakter achselzuckend es bedauernd oder schadenfroh lächelnd unbefangen von sich: »Viel zu spät im Jahre!« ... Und sie hatten sämtlich natürlich die stichhaltigsten Gründe. Es war freilich in der Tat so recht eine der gelegensten Gelegenheiten, um ein unschuldig, unglückselig Menschenkind an der Tür ins Leben sofort mit den spaßhaftesten oder melancholischsten Anzüglichkeiten und Bedenklichkeiten zu bewillkommnen, und es selbstverständlich nicht allein. Auch diejenigen, welche ihm die Tür eben aufgemacht hatten, Vater und Mutter, bekamen ihr gutgemessen Teil von ironischen Höflichkeiten und satirischen Glückwünschen mit, und die intimsten Hausfreunde konnten nur mit einem: »Ja, was soll man sagen?« abwehren. Richtig war's übrigens. Ihren Eltern kam die Kreatur über den Hals und in die Wiege, als sie wirklich nicht mehr darauf gerechnet hatten. Wenn sich niemand der Mienen seiner Erzeuger bei seiner joyeuse entrée erinnert, so konnte im vorliegenden Falle der jüngste Sohn des Hauses sich dieselben sein ganzes Leben hindurch recht genau vorstellen, und es war anzunehmen, daß er bis zu seinem Ende allewege trefflich Bescheid wissen mußte auf den Gesichtern, wenn spätern guten Bekannten und Bekanntinnen das begegnete, was seinem Vater und seiner Mutter durch ihn selber passiert war. Die Leute, welche die Gesichter schneiden, wechseln; jedoch die Gesichter bleiben. O, um wie vieles ruhiger würde es auf Erden zugehen, wenn die Menschheit erst einmal hinter diese unumstößliche Tatsache käme und die Folgerungen daraus für sich im einzelnen zu ziehen wüßte! ... Es war, wie eben schon bemerkt wurde, ein Junge, der damals am Kuhstiege zu Ilmenthal geboren wurde, und er geriet als Nachschößling in eine ziemlich kopfreiche Familie. Zwischen ihm und seiner jüngsten Schwester lag bereits ein längerer unfruchtbarer Zeitraum. Es gab einen durchgegangenen älteren Bruder (wenn er noch lebte), und es gab lebende und sicher gestorbene Brüder und Schwestern, und die gestorbenen zählten hier unbedingt noch mit. Der Papa hatte sein sechzigstes Lebensjahr um ein beträchtliches überschritten und die Mutter ihr fünfzigstes um ein weniges. Der Alte vorzüglich hatte das Geschenk nur angenommen, weil er es nicht abweisen konnte; aber schon die Art und Weise, wie er sich in dem öffentlichen Provinzialanzeiger für die Gabe des Himmels bedankte, tat dar, daß er sie jedem andern lieber gegönnt hätte als sich. Noch ein Junge. Rechtsanwalt Dr. F. Rodburg und Frau lautete die Ankündigung mit möglichster Ersparung von Einrückungsgebühren; aber es war alles drin, was zu einer solchen Botschaft unter den gegebenen Verhältnissen gehörte. Selten hatte das kleine Wort »noch« so viel Überdruß eingeschlossen wie hier; doch das seltsamste war, daß es zugleich ein Zugeständnis an die öffentliche Meinung enthielt, welches sonst, in andern Fällen und bei andern Gelegenheiten, dem Inserenten keineswegs leicht abzuringen war, weder im geselligen Verkehr noch in seiner geschäftlichen Praxis. Über die Gefühle der Mutter können wir nicht mit gleicher Bestimmtheit urteilen. Die Mütter bleiben in dieser Beziehung alle Lebenszeit durch unberechenbar; und wir wissen nicht, ob der Alte das volle Recht hatte, sie in seiner Annonce als ganz und gar zustimmend mit einzuführen. Jedenfalls war ihr das verspätete Kindergeschrei viel minder widerwärtig als dem vielbeschäftigten, grauköpfigen Gatten; allein sie kränkelte zu sehr ihre kurzen letzten Lebensjahre hindurch, um noch, abgesehen von allem andern, das rechte Vergnügen und die rechte Geduld neben dieser ihrer letzten Wiege haben zu können. Als sie starb, war der kleine Theodor (diesen schönen Namen »Gottesgabe« hatte ihm der Vater, der sich während der Taufe als verreist ausgab, in derselbigen beilegen lassen) eben fünf Jahre alt geworden; und es spricht für das Verhältnis zwischen Mutter und Kind, daß das Kind den letzten Blick und das letzte Wort der Sterbenden niemals vergessen hat. Beides war doch auch nur an es gerichtet, obgleich die ganze übrige Familie an dem Bett der Frau versammelt war und der letzte, zu spät im Jahr angelangte Sprößling des Hauses zwischen all dem erwachsenen betrübten Volke verschwand wie eine Erbse unter einem Haufen Kürbisse. Mit dem schon halb gebrochenen Auge suchte die Mutter in diesem Haufen nach irgend etwas. Aber was sie dabei murmelte, verstand längere Zeit keiner, und den ängstlichen Blick noch weniger, bis endlich die jüngste Tochter, Charlotte, beides begriff und schluchzend flüsterte; »Mama will unser Theodorchen noch einmal sehen! Nicht wahr, Mama – liebe Mama?« Es folgte nur wieder ein rauher, unverständlicher Laut und dazu eine Handbewegung; das Mädchen hatte jedoch das Richtige getroffen, wie jedermann jetzt einsah. Schon hatte Agnes den Jungen über den Bettrand gehoben, und es gelang der Sterbenden noch einmal, den Arm um ihn zu legen. »Beruhige dich, Eugenie – rege dich nicht auf; wir sind alle um dich!« meinte der Notar in betrüblicher Ratlosigkeit; doch Frau Eugenie Rodburg konnte von seinem wohlmeinenden Rat kaum noch Gebrauch machen, und unter allen, die um sie waren, beschränkte sich ihr Interesse gegenwärtig auf Erden einzig und allein auf das winzigste Bruchteil des Kreises. »Mein Kind – mein arm lieb –« seufzte sie noch; dabei aber erlosch ihre Stimme für immer in dem Hause am Kuhstiege zu Ilmenthal an der Ilme. Sie konnte nichts mehr kundgeben, weder als Wunsch, noch als Bitte, noch als Willensmeinung. Eine Viertelstunde später starb sie und konnte niemand in ihrer Familie mehr mit Rat und Tat zur Hand gehen, obgleich das, der Himmel weiß es, selbst dem Selbständigsten darunter bei Gelegenheit recht nötig gewesen wäre. Rechtsanwalt Dr. jur. F. Rodburg und Frau erschienen fürderhin nicht mehr auf einem Lebensdokument zusammen, und es war eine Täuschung des überlebenden Teils, daß – dieses im Grunde nicht viel zu bedeuten habe. Zweites Kapitel Es ist von den ersten Kinderjahren Rodburgs des Jüngsten wenig zu berichten, und er behielt auch hiervon am wenigsten selber im Gedächtnis, was an und für sich schon das beste Zeichen davon ist, daß es ihm in diesen Jahren weder sehr gut noch sehr schlecht erging. Mißhandelt wurde er keineswegs, aber auch als verhätschelt Spielzeug diente er nicht – selbst seinen Schwestern nicht. Diese Schwestern verlobten sich bald nach dem Tode der Mutter, verheirateten sich rasch, bekamen ihre eigenen Kinder und mit denen allzuviel zu tun, um noch viel überflüssige Zeit für »unsern Jüngsten zu Hause« übrigzubehalten. Daß sie aus dem Städtchen verzogen und den eigenen Haushalt weit diesseits und jenseits der Berge zu führen hatten, war ebenfalls mit in Rechenschaft zu ziehen. Was die Brüder anbetraf, so gingen auch diese ihre Wege, und der Zweitälteste, Alexander, war, wie bereits erzählt wurde, die seinigen längst gegangen. Von den beiden andern lebte der eine als Buchhalter in einem großen Kaufmannshause in Hamburg, während der andere als Agent für eine Frankfurter Lebensversicherungsgesellschaft in Frankfurt am Main den gesamten deutschen Süden als Domäne für seine Tätigkeit betrachtete und selten Zeit fand, ein eigenes Lebenszeichen der mitteldeutschen Heimat und im besonderen dem Vaterhause zugehen zu lassen. Es schien nur sonderbar, aber war es nicht: der gänzlich verschollene Bruder, dessen Name im Familienkreise selten und in der Gegenwart des Vaters nie genannt wurde, stand in der Seele des Kindes, als dieses endlich mit dem alten Herrn in dem Hause am Kuhstiege allein sich befand, beinahe am hellsten und deutlichsten. Da es »unsern Alexander« noch nie gesehen, hatte es sich ein Bild von ihm zurechtgemacht und viel überschüssige Teilnahme, von der die andern keinen Gebrauch machen wollten oder konnten, auf ihn übertragen. Dieser Sprößling der Familie, der für die übrigen kaum noch ein Name war, wurde allgemach für den Spätling in dessen nur zu sehr auf sich allein angewiesenen Phantasieen zu einem der Teilnahme und vor allem des Nachgrübelns werten immer noch Lebendigen. Theodor glaubte es nicht, daß Alexander tot sei. Daß er ihn nie gesehen hatte, machte ihn nicht schemenhafter als die andern Geschwister, die ihm ja auch von Tag zu Tag mehr in die Ferne rückten. Weshalb sollte der Bruder Alex gestorben sein und der Bruder in Frankfurt und die Schwester Agnes noch leben? Daß er etwas getan hatte, was unartig von ihm war und sich nicht gehörte, daß er, »lange, eh mich der Storch brachte«, in die weite Welt ging, mochte sein; aber tot zu sein brauchte er deshalb nicht mehr als der Bruder in Hamburg und die Schwester Martha und die Schwester Charlotte. Auch die Nachbaren sprachen gar nicht so, und die Nachbarn sprachen doch viel lauter von dem Bruder Alexander, als im Hause von ihm geredet werden durfte. Und sie wußten eine ganze Menge merkwürdiger Geschichten von ihm, wenn sie dabei auch zuweilen die Köpfe schüttelten und zu sprechen aufhörten, wenn »der Kleine« am gespanntesten zuhörte. Doch alles dieses sind Sachen und Angelegenheiten, die wir, augenblicklich wenigstens, noch auf sich beruhen lassen können. Wer es irgend vermag, der begnüge sich stets mit der Witterung der Gegenwart und seiner nächsten Umgebung und sehe nicht zu scharf, ängstlich oder hoffend in den Dunst, welcher immerdar, künftigen Sonnenschein und Sturm vordeutend, auf der Ferne, rund um den Horizont, geheimnisvoll sich lagert. Wir finden uns jetzt in den Jahren, in denen sie miteinander allein geblieben waren in dem vor kurzem noch so lebensvollen Hause am Kuhstiege: der »alte Verdrießhaken« Dr. juris Rodburg und sein jüngster Junge, der kleine Theodor, und – »Ist das ein kurioser Haushalt!« meinte ganz Ilmenthal, soweit es die Verhältnisse kannte. In Anbetracht aber, daß das Gemeinwesen erst einige Zeit später anfing, sich größern Zwecken zu widmen und seine Aufmerksamkeit zwischen sich und der großen Welt zu teilen, konnte jedermann unbedingt viel genauer als heute in seiner nächsten Nähe die Nase in Dinge stecken, die ihn kaum etwas angingen. Heute ist das anders. Es wächst nicht nur der Mensch, sondern auch jede Zusammenhäufung von Menschen mit den größern Zwecken. Die Stadt sieht längst über sich weg und hinaus. Sie hat viel zuviel damit zu tun, ihre gesunde Luft, ihre »entzückende« Lage, den Zauber ihrer geschichtlich merkwürdigen Umgegend, ihre schattigen Wälder, ihre sonnigen Wiesen und murmelnden Quellen – ihren Fichtennadelnextrakt nach draußen hin für sich gewinnbringend zu verwerten, um drinnen nach veralteter Väterweise moralisch und ethisch vor ihren eigenen Türen kehren zu können. Damals konnte sie das noch, und zwar in ausgiebigster Weise und dann und wann sogar mit etwas zu viel Behagen; aber in bezug auf den Haushalt des Notars Rodburg hatte sie vollkommen recht: es war ein sehr sonderbarer. »Wären diese verschiedenen Mamsellen nicht, so wüßte man manchmal gar nicht, ob der Alte noch am Leben wäre oder nicht. Es ist ein wahres Glück für die öffentliche Beruhigung und die Polizei, daß der Junge jetzt schulpflichtig ist und sich doch tagtäglich in den Gassen sehen lassen muß!« sagte selbst die nächste Nachbarschaft bis auf den allernächsten Nachbarn, welcher über seinen Zaun in den Garten des Notars gucken konnte und auch von dem Fenster seiner Werkstatt aus das Haus und den Hofraum des Doktors übersah. Er, der Bruseberger, nahm die Sache weniger sorglich. Was aber die »verschiedenen Mamsellen« anging, so waren diese es freilich wohl allein, welche von Zeit zu Zeit einige Bewegung in dem stillen Hause am Kuhstiege hervorriefen. Es hielt nämlich keine von ihnen lange in demselben und in ihrer Stellung aus, obgleich man dies doch in Anbetracht der Umstände hätte erwarten sollen. Sie kamen und sie gingen, und wenn sie gingen und nach den Gründen dafür gefragt wurden, äußerten sie sich nur deshalb etwas unbestimmt, weil sie zu viele derselben vorzutragen hatten. Freilich kam's immer auf das nämliche heraus. Alle meinten sie, das sei ein Zustand in diesem Hause, welchen nur der ohne Schaden an seinem Gemüte und seiner sonstigen Gesundheit aushalte, der schon selber von seiner Geburt an und von der Natur zum Werwolf, zum Gespenst, zu einer eingemauerten Nonne, zu einem Scheusal, Greuel und einem Schmutzfinken ersten Ranges bestimmt worden sei. Für eine Haustür, zu der man, selbst von inwendig aus, jedesmal dem Herrn den Schlüssel aus der Hosentasche abverlangen müsse und womöglich noch dazu schriftlich, danke doch auf die Länge jede anständige Christenseele, die noch auf einen Verkehr mit ihresgleichen und sonst noch auf ein bißchen Zusammenhang mit der übrigen Welt gestellt sei. Allesamt sprachen sie mit höchster Energie von dem unveräußerlichen Recht des Menschen, solange er Mensch sei, unter Menschen zu leben, und äußerten sich ungedrängt dahin: wenn einer seinen Kopf drauf gesetzt habe, die Kröte im Keller zu spielen, so solle er dieses auch für sich allein besorgen und keine schon so sehr alleinstehenden bedrängten Witwen und vertrauensvollen Jungfrauen sich zur Gesellschaft dazu durch die öffentlichen Blätter anlocken. Das unglückliche Geschöpf, das Kind, tat natürlich allen diesen Jungfrauen und Witwen sehr leid; aber – selbst eine bloß achttägige Kündigungsfrist war noch viel zu lange bei einem Manne wie der Herr Doktor für eine ältere gebildete Dame oder ein einzelnstehendes wohlerzogenes Fräulein. Wir können diesem nur hinzufügen, daß auch die Töchter des Hauses Rodburg nicht in der besten Stimmung aus demselben geschieden waren. Agnes, die literarisch gebildete, sprach nachher öfters von einer unglückseligen, ganz unerklärlichen König-Lear-Stimmung des armen Papas, in der es nicht das geringste helfe, wenn man sich auch noch so viele Mühe gebe, ihm seinen Willen an den Augen abzusehen, und ihn sogar noch besser als die gute Kordelia zu behandeln suche, nämlich ihm in allem nach dem Munde rede. Die zwei andern erklärten kurzab, sie hätten dies Leben sicherlich nicht länger ausgehalten, und ganz ehrlich dankten sie ihrem Schöpfer, daß er ihnen noch zu rechter Zeit einen eigenen Haushalt verliehen habe, für welchen sie selbstverständlich nur nach ihrer eigenen Ansicht zu sorgen brauchten. Der arme Junge, der Theodor, tat auch ihnen, den Schwestern, natürlich leid; aber – war es denn ihre Schuld, daß er überhaupt noch so spät im Jahre in dieser sorgenvollen Welt angekommen sei?! – Martha, die älteste, konnte übrigens auch bald ihre eigenen Kinder nie ansehen, ohne daß ihr jener jüngste Onkel derselben immer ganz unheimlich, halb zum Kummer und halb zum Lachen, vorkam; vorzüglich, wenn sie mit blutendem Herzen ihren Ältesten übers Knie zu legen hatte. Martha sei doch nun einmal ihr Name, fügte sie gewissermaßen wie zu ihrer Rechtfertigung hinzu, und sie könne nichts dafür, daß derselbe schon mit ziemlicher Anzüglichkeit in der Bibel stehe und sie gleichfalls mit ihm leider nicht von der Natur auf sentimentale Umschweife und Komödienspiel eingerichtet worden sei. Sosehr die guten Mädchen von ihrem Standpunkte und ihren Zuständen aus recht haben mochten, der eigentliche Grund, daß sie sich nicht viel mehr um das verlassene Nest kümmerten, blieb der, daß der mit dem jüngsten Nestküken drin zurückgelassene Alte sich eben »gar nichts sagen ließ« und gar nicht fähig war, die »besten Absichten« und die »kindlichste Anhänglichkeit ans Vaterhaus« als solche anzuerkennen. In dieser Hinsicht war es auch ein großes Unglück zu nennen, daß der Papa bald nach dem Tode der Mama seine advokatorische Praxis gänzlich aufgab und damit den letzten »Anteil an der Menschlichkeit« verlor. Mit den Klienten hatte er doch wenigstens noch Auge in Auge verkehren müssen; aber jetzt war mit ihm sozusagen über alles und alles nur durch das Schlüsselloch zu verhandeln; das hielt niemand mehr aus – selbst die zärtlichste Tochter nicht! Daß die Sache wirklich arg sein mußte, ging für Ilmenthal sonnenklar daraus hervor, daß sämtliche Haustöchter ihren Nachfolgerinnen im Reich, den einander sich ablösenden »Mamsellen«, stets vollkommen recht gaben, was sonst stets eine große Seltenheit ist. Es war in der Tat so. In sein Studierzimmer verriegelt, brachte der alte Herr seine letzten Lebensjahre in einem krankhaften Versteckensspiel mit der Welt zu. Und er, der sonst wahrlich scharf genug und spitzohrig ihr gegenüberstand und wohl wußte, jeden möglichen Vorteil aus dem Verkehr mit ihr zu ziehen, drückte nun die Augen und hielt die Ohren vor ihr in einer Weise zu, die ganz bedenklich für eine geistige Verrückung sprach. Er brach zuletzt allen Umgang so sehr mit besagter Welt ab, daß sie endlich sicherlich das Recht gewann, zu meinen: »Man hat dies nicht selten so bei alten Rabulisten, denen das Gewissen kommt. Wüßte man etwas Bestimmteres in dieser Beziehung, würde man freilich wohl mehr davon vernehmen. Sein geschäftlicher Ruf war sonst so schlecht nicht; aber – na, na, einen braven, festen Griff hatte er auch immer. Ich will da zwar nichts gesagt haben; vielleicht ist er auch nur ganz einfach und hämorrhoidalisch übergeschnappt, und dann sollten sich seines Jungen wirklich allgemach die zuständigen Behörden annehmen. Darüber lasse ich mir unter keinen Umständen den Mund zuhalten! Sehen Sie das Kind nach der Schule gehen und sagen Sie selber, daß ich recht habe.« Auch dieses war in der Tat so. Der jüngste Rodburg war gewißlich auf seinen damaligen Schulwegen kein erquicklicher Anblick. »Selbst eine alte Jungfer oder ein Junggesell muß ihm ansehen, daß er keine Mutter mehr hat, die für ihn sorgt, wie es sich gehört.« Und dies war ein wahres Wort und kam dazu aus dem Munde einer guten Frau aus der Nachbarschaft, die auch dem Notar Rodburg über den Gartenzaun gucken konnte, und gewann sehr an Inhalt dadurch, daß ihm hinzugefügt wurde: »So sehe nämlich ich die Sache an, Bruseberger!« »Das ganze Konversationslexikon kann man nach ihm nachschlagen, ohne ihn drin richtig beschrieben zu finden«, erwiderte aber der Bruseberger. »Schönholz' Zusammenhang aller Wissenschaften habe ich doch ziemlich genau mehrmals studiert, aber die Geschichte der Erziehung gibt für so was kein Exempel. Unten bei den Feuerländern wäre er wohl noch am ersten möglich! ... Insoweit ich ihn mir als Junggeselle und einer, der auch keine Mutter gehabt hat, betrachte, gefällt er mir übrigens recht gut, Meisterin; denn da erinnert er mich wahrscheinlich ganz naturgetreu an mich selber in meiner verlorenen Kindheit hinter den Hecken und Zäunen. Insoweit ich ihn mir aber als gelernter Buchbinder ansehe, muß ich freilich sagen, daß ein Katechismus, der unter 'ner Generation von sechsen bis ans Jüngste herabgelangt ist, gar nichts gegen ihn ist. Sie wissen, wir kriegen das manchmal unter die Nadel und in den Kleister, und kennen dann meine Gefühle. Sonst aber sehe ich außerdem die Sache natürlich nur wie Sie an, Meisterin. Eine Schande ist's! Wie ich aufwachsen mußte, hatte das nicht viel zu bedeuten bei der öffentlichen Meinung und dem allgemeinen Anstand. Auf eine Vogelscheuche mehr oder minder kommt's da unter den Klassen nicht an; jedoch als Honoratiorenproduktion sollte man dies wirklich zur publiken Warnung auf Pappe ziehen und es irgendwo so öffentlich als möglich zum abschreckenden Muster für Eltern besserer Stände an die Wand hängen.« Wir werden noch häufig von den beiden Leutchen, die hier eben kopfschüttelnd ihre Bemerkungen und ihre Ansichten über den jungen Theodor an der Gartenplanke austauschten, zu berichten haben. Für ein paar Seiten aber müssen sie sich jetzt wieder einzig und allein ihren eigenen Angelegenheiten und Geschäften widmen. Augenblicklich haben wir leider mit dem Vater des verwahrlosten Geschöpfes, mit dem Dr. juris und Rechtsanwalt F. Rodburg, das zu machen, was er seinerzeit wahrscheinlich nicht immer mit den ihm zur Lösung anvertrauten Rechtshändeln tat, – einen kurzen Prozeß. Wir? – Der Ausdruck ist wohl nicht ganz richtig. Der alte Herr starb uns nämlich unter den Händen weg, ohne daß wir unsererseits das geringste dazu oder davon ab taten. Er wurde eines Morgens tot in seinem Lehnstuhl vor seinem Schreibtische sitzend gefunden und hatte nach der Meinung des Arztes so schon länger als einen Tag und eine Nacht gesessen. Ilmenthal nannte das ein Ereignis für sich selbst und eine Krisis für das Haus Rodburg und hatte in jeder Hinsicht recht. Genau nun während einer Krisis auf alles rundum achtzugeben, sollte eigentlich von einem Kinde nicht verlangt werden; aber merkwürdigerweise will die Natur das doch. Die jüngste Jugend leistet auch hierin durchschnittlich ihr möglichstes und sicherlich mehr als das ausgewachsene Volk, das sein Interesse gewöhnlich auf einen einzigen Punkt konzentriert und daran völlig genug hat. Deshalb auch schicken die Erwachsenen in den Krisen – bei ihren Haupt- und Staatsaktionen – ihre Kinder so gern vor die Tür. Mancherlei Redensarten haben sie für den letzten Grund erfunden, das Unbehagen, das ihnen die Gegenwart der großen, klaren, suchenden, fragenden Augen der Unmündigen macht, von sich abzuwehren. Ein einziger genügt; sie empfinden eben ein Unbehagen, und dieses steigert sich dann und wann sogar zur Furcht und zum Schrecken. Die Aufforderung: »Gehe hin, Junge, und beschäftige dich draußen oder spiele im Garten!« ist noch längst keine von den barschesten. Jener Tag aber, an dem sie von der noch einmal fast vollzählig in dem Vaterhause am Kuhstiege versammelten Geschwisterschaft der Familie Rodburg an den jüngsten Sprößling derselben gestellt wurde, kam letzterem in den meisten Einzelheiten niemals aus dem Gedächtnis, trotzdem daß man ihn für das meiste, was damals unter und von den Erwachsenen abgehandelt wurde, für zu jung erachtete. Die Schwestern in Schwarz hatten ihn geküßt, die Brüder mit Florbändern um die Hüte hatten melancholisch gesagt: »Sieh, armer Kerl; ja, da bist du auch und mußt dein Teil hinnehmen. Jaja, 's ist eine betrübte Sache für uns alle.« Und der Frankfurter Agent hatte ihn melancholisch-spaßhaft unter den Achseln gefaßt und ihn so zu seinem Backenbart in die Höhe gehoben: »Nun, Riese? Armer Teufel, mußt du auch schon solch ein kläglich Gesichte machen wie wir andern?« Nachher – das heißt, nachdem man vom Kirchhofe zurückgekommen war – hatte das Kind in Reihe und Glied natürlich mit zu Tische gesessen mit seinen großen, unbefangenen und verweinten Augen in dem »zu ältlichen« Klagegesichte und hatte noch mit zugehört, wie schon nach dem Braten die Trauerunterhaltung in das Geschäftliche überging. Es war ein ziemlich langer Tisch gedeckt worden; denn auch entferntere Verwandte – Vettern und Basen, Schwäger und Schwägerinnen – waren geziemenderweise zu dem Leichenbegängnis aus der Nähe und Ferne herbeigeladen worden und reisten erst am Abend oder am folgenden Tage wieder ab. Den Kaffee nahm man im Saal ein; es wurde Kuchen herumgereicht, und die Herren zündeten ihre Zigarren an. Dabei wurde denn die Unterhaltung weitergeführt, und zwar in einem merklich lebendigeren Ton und in viel lauteren Tönen. Das Geschäftsmäßige hatte jetzt vollständig die Oberhand gewonnen; und der kleine Theodor, fast zu satt von dem außergewöhnlich guten Mittagsessen, versuchte auf seinem Stuhle in der Ecke, und auch mit einem großen Stück Kuchen in der Hand, immer noch genau zuzuhören und ins Herz zu fassen, was die Großen über den Papa sprachen. Sie sprachen aber eben über »viel anderes«, und da war es denn wieder Schwester Agnes gewesen, die noch einmal das Richtige traf. Sie hatte sich zu dem Theodor gesetzt, ihm die Haare aus dem Gesicht gestrichen und gesagt: »Geh doch jetzt lieber in den Garten, Kind, und spiele. Es ist so schönes Wetter draußen, und nachher kommen wir auch hinunter.« Drittes Kapitel Es war in der Tat an jenem Tage ein recht schönes Wetter draußen und der Aufenthalt in dem Garten dem im Hause bei weitem vorzuziehen. Die Verwilderung, der Wust und die Verwahrlosung war zwar in beiden von den Töchtern für eine Sünde und Schande erklärt und von beiden Orten aus als in gleicher Weise zum Himmel schreiend; aber ein Unterschied war doch vorhanden. Es ist wahrlich auch in diesem Falle nicht dasselbige, wenn zwei dasselbe tun, und ein Ackerfeld, eine Wiese oder gar ein Garten wird zu einem ganz andern Dinge als ein Haus, um dessen Ordnung und Instandhaltung der Inhaber Jahre hindurch sich nicht kümmern mochte. Wenn das Pflaster des Hofes, auf den man von den Stufen der Hintertür des Hauses trat, vom Gras ziemlich überwuchert war, so war jenseits des niederen, zerfallenden Gitters, welches den Hof vom Garten abschloß, alles ins Kraut geschossen: Unkraut, Blumen und Gemüse. Die Bäume und Sträucher hatte gleichfalls niemand in der Zucht unter dem Messer und der Schere gehalten. So hatten sie es gut gehabt, ihrer Freiheit wahrgenommen, sich gereckt und gedehnt, sich über die Wege und Beete hin ausgebreitet und es gern mit in den Kauf genommen, daß alles Geziefer an Wurzel, Rinde, Blatt und Gezweig an ihnen ebenfalls unverstört in seiner Lust am Dasein vom sonst in dieser Hinsicht nur sich allein berücksichtigenden Menschen im Frieden gelassen worden war. Ein wenig zu schattig und feucht war es wohl auf dem nicht allzu großen, von Stallwänden, der Gartenplanke und der Hausmauer der Nachbarin Schubach begrenzten Erdflecke geworden; aber ganz wächst der Himmel doch nie zu, und die Sonne findet immer noch einen Schlupfweg auch in die allerdichteste Blätterwildnis hinein. Mit dem Hause des eben verstorbenen Notars Dr. juris Rodburg ließ sich der Garten desselben auch in dieser Beziehung gar nicht in Vergleichung bringen, und für ein sich selber überlassenes Kind gab es kaum einen geeigneteren Raum, um auf die unschädlichste Weise darin ganz mit zu verwildern, als diese grüne »Wüstenei«. Die Gelegenheit war freilich grade heute günstiger denn je dazu da! Auf einem umgestülpten Schubkarren, von dem das Rad schon seit Jahren sich unter einen andern Busch verloren hatte, saß denn also an diesem Sommernachmittag und Begräbnistage der Junge, so zwischen fünf und sechs Uhr, in seinem Garten, das große Stück Kuchen, das man ihm zur »bessern Unterhaltung« aus der besten Stube noch mitgegeben hatte, auf dem Knie. Gespielt, wie man ihm gleichfalls angeraten, hatte er bis jetzt noch nicht. Er fühlte sich (wir haben keinen andern Ausdruck) zu voll dazu, körperlich wie geistig; und auch nur die Rosinen waren bis jetzt aus dem heute so sehr im Überfluß vorhandenen Gebäck herausgepflückt. Wir haben es schon gesagt: es war ein treffliches Mittagsessen gewesen. Sowohl Schwester Martha wie Schwester Lotte verstanden es, bei außergewöhnlichen, feierlichen Gelegenheiten auch von der Küche aus die dazugehörigen Stimmungen zu erwecken und zu erhalten. Man hatte lange bei Tisch gesessen, und »unser Theodor« hatte von allem abgekriegt, bis er nicht mehr konnte. Satt bis zum Äußersten saß das Kind auf seinem Schubkarren, und es hatte wirklich Kummer – wirkliche Sorge und wirklichen Kummer zu seinem Gefühl des Übergesättigtseins. Daß der Mensch auf vieles um sich her in gewissen Momenten achtgibt, wird ihm lange vor den ersten Hosen von der Natur angezogen; daß ihm seine Stellung zum Leben der andern ganz klarwerde, kann man von ihm auch in einer etwas spätem Epoche noch nicht verlangen. Es ist viel leichter, auf alles um sich als auf das Geringste in sich zu achten und sich dabei nicht zu irren. Mehrere Philosophen meinen sogar, das letztere sei noch niemand gelungen. Durch die Seele des übergessenen Jungen ging an diesem schönen Nachmittag ein Grundgefühl von Zurücksetzung und von Überflüssigsein in der Welt und selbstverständlich dazu allerlei Geschichten von satt oder hungrig aus ähnlichen Stimmungen heraus durchgegangenen Jungen, unter welchen ein gewisser Bruder Alexander nicht die kleinste Rolle spielte. Dazu alle die Abenteuer – Robinson-Crusoe-Geschichten, Eroberung-von-Mexiko-Historien welche die Natur eigens für den Zweck erfunden zu haben scheint, den Menschen so früh als möglich aus dem Neste und ins Weite zu locken! O, sie ist schlau, die alte Mama, die keinen verläßt! In der Gestalt einer tönernen Ente, in welcher sechs Groschen Taschengeld klapperten, sorgte sie im vorliegenden Falle ausgiebigst für das, was in pekuniärer Hinsicht nun doch einmal zu jedem Flügel- und Segelausbreiten zu Lande und zu Wasser gehört! Aber sie ist auch sittlich, die alte Mama! Auch für das Ethische sorgte sie im gegenwärtigen Falle, wie es sich gehörte. Wehmut, Bangigkeit und vorweggefühltes Heimweh wünscht sie dem verwegensten Abenteurer mit auf den Weg zu geben, und diesmal tat sie es durch den gleich allem übrigen zum Hause Rodburg gehörigen, sehr verfallenen Ziegenstall und eine an Stelle der eigentlichen Bewohnerin drin sich aufhaltende, ungemein fruchtbare Kaninchenherde. »Es wird sich keiner um sie kümmern, wenn ich weg bin«, schluchzte der arme kleine Held auf dem radlosen Schubkarren. »Im Stall müssen sie verhungern ohne mich, und zu Pferde kann ich sie nicht mitnehmen. Aufs Schiff könnte ich wohl den schwarzen Bock und die weiße Zippe mitbringen, und nachher auf meiner Insel wollte ich schon bald wieder ein paar Dutzend zusammenhaben, wenn wir nicht verschlagen würden und zu große Hungersnot erlitten. Und dann hätte ich doch auch gleich wen zur Gesellschaft auf meiner Insel und brauchte nicht ohne wen solange erst in meiner Höhle auf meine Lamas und meinen Papagei zu warten! ... Den anderen, die ich nicht mit aufs Schiff nehme, brauche ich ja nur die Stalltür offenzulassen. Fürs erste haben sie ja noch den ganzen Garten zum Abfressen, und nachher wühlen sie sich ein und unter den Mauern und Zäunen durch, und das rote Paar habe ich ja so schon Fritzchen Wackenstein für seine Knallbüchse versprochen. Und die Knallbüchse muß ich doch auch erst fest haben, ehe ich am Sonnabend, wo wir den Nachmittag keine Schule haben und den ganzen Sonntag ja auch nicht, zuerst wohl am besten nach Amerika gehe wie mein Bruder Alex und dann erst unterwegs verschlagen werde und Schiffbruch erleide und ans Land geworfen werde! Den Bock und die Zippe kann ich ja vorher, weil ich es jetzt doch schon besser weiß, was kommt, wie Robinson, unter den Arm nehmen, ehe das Schiff in Studie geht und alle übrigen im Meere ertrinken und nur wir drei dann allein übrigbleiben auf der Insel, weil – hier zu Hause doch keiner was nach mir fragt und selbst Schwester Agnes nicht, weil sie jetzt selbst schon ein kleines Mädchen hat, und weil der Papa wirklich tot ist und unser Haus doch am besten so bald als möglich verkauft wird, wenn man nur erst weiß, was mit mir zu meinem Besten angefangen wird und wer mich hinnimmt und für meine Erziehung sorgt und ›wie wir uns in die Kosten davon teilen‹« ... Es ist ein Trost: es hätte auch ein verzogener Königssohn so sitzen und in das nämliche Schluchzen verfallen können wie dies arme, vernachlässigte, zu spät im Jahre im Kreise seiner Familie angekommene Kind. Und ein zweiter, wenngleich weniger naiv-unschuldiger Trost ist, daß oft nicht jedem in Hülle und Fülle, in Liebe und Zärtlichkeit aufwachsenden glücklicheren Menschenwesen die rettende und beruhigende Hand dann so nahe ist wie hier dem kleinen Narren des Glücks auf dem umgestülpten radlosen Schubkarren vor seinem Kaninchenstall. Über die Planke der Nachbarin Schubach kam die Stimme von oben, welche diesmal zur rechten Zeit in den Jammer hineinsprach und wieder einmal die Dinge in der Welt wenigstens fürs erste aufs beste zurechtrückte. »Pst, Thedor! ... Hier mal heran an den Zaun! Jetzo hab ich das Elend zuletzt doch lange genug und bis zum Übelwerden aus der Ferne beobachtet. Hier heran – so nahe als möglich und – nur auf ein paar Worte in der Miserie, mein filius.« In seiner »Miserie« fuhr der filius des Brusebergers zuerst mit dem Jackenärmel über die heißen verschwollenen Augen; dann richtete er sich wohl mit einem schweren Seufzer empor, aber war noch lange nicht imstande, auf den mitleidigen Anruf aus der Nachbarschaft eine Antwort zu geben. »Natürlich, die Ohren voll bis zum Rande von Familien-Vergnügungskleister!« brummte es über den Zaun. »Ich bin es immer noch, mein Sohn, und nun betrage auch du dich hübsch als der gute Kerl, als welchen ich dich im ganzen kenne, und vor allem als eine Kreatur mit Leben in den Beinen. Komm hier näher 'ran und laß zwei Worte mit dir reden. Na, sieh mal, wer so mit so 'nem Mauerstein aus Schlaraffenland auf der Faust, so den Hals voll Zuckerkuchen zu seinem Tröster in der Not heranschleicht, mit dem kann es doch noch nicht zum Allerschlimmsten stehen. Guten Abend, Nachbar!« »Guten A – bend – Herr – Bruseberger.« Ein langer hagerer Arm in einem grünen Wollkamisolärmel reckte sich über die Planke, langte tief hinunterwärts und griff, wenn auch wohlwollend, so doch ziemlich fest in den ungepflegten Haarbusch des Kindes; und der Bruseberger sprach weiter: »Bald eine halbe Stunde habe ich dich mir da auf deinem Karren schon von der Werkstatt aus betrachtet und Zschokkes Stunden der Andacht dabei geheftet. Dieses ist nun besorgt, und jetzo komme ich im Zusammenhange der Dinge und der Wissenschaften zu dir. Der Mensch hat wieder einmal Zeit für sich und einen andern zu einem vernünftigen Diskurs über den Gartenzaun. Nun tu mir aber auch den Gefallen und wisch dir die Augen aus. Zwinge dir meinetwegen noch den Rest von euerm heutigen Trauermahl mit Gottes Hülfe ein, daß doch endlich ein Ende davon wird; knöpfe sodann als ein Abspringling und alter Römer von gebildetem, edlem Herkommen die Ohren auf und nimm an, der weise Sokrates und der Prediger Salomo hätten dich speziell ganz allein heute abend im Auge, wenn es dir möglich ist. Und möglich ist einem Menschen mit Bildung alles!« »Mein Papa –« »Weiß ich! ... Bin auch mit dabeigewesen. Ganz hinten im Gefolge unter den Nachbarn. Ja leider, so haben wir denn heute morgen im ganz natürlichen Zusammenhang der Dinge den alten – Herrn zu seiner ewigen Ruhestatt hingeleitet, und ich will es dir deshalb auch gar nicht verargen, wenn du dieserhalb noch um ein paar Grade verbiesterter aussiehst, Theodor. Aber jetzt blättre um; tu mir den Gefallen! Wie gesagt, Bildung hilft über alles weg, und auch hier über den Zaun würde ich entweder gar nicht oder aber ganz anders mit dir konvenieren, wenn ich dich nicht von jeher als ein Mensch von Kultur, der zwischen den Druckbogen gelesen hat, betrachtet hätte. Also – nun pro primo – also durchgehen wolltest du uns, und zwar so bald als möglich und möglichst schon am ersten freien Schulnachmittage – he? was?« Das Kind starrte mit solchem Ausdruck erschreckten Erstaunens in das bartlose, auch sonst merkwürdig glatte und nur augenblicklich ganz kurios verkniffene Buchbinderaltgesellengesicht über ihm, daß trotz aller philosophischen Selbstbeherrschung und allen tiefsten Einblicken in das Verhältnis von Ursache und Wirkung sich ein Grinsen befriedigtsten Selbstbewußtseins über ebendies Gesicht ausbreitete. »He?! Nicht wahr, hat er dich da, der Bruseberger? Willst mir doch nicht etwa sagen, daß du nichts davon gesagt hast? Nun natürlich! Jaja, und was du in dir gedacht hattest, wußtest du ebenso natürlich augenblicklich nicht mehr und eher wieder, bis ein anderer kam und dir half, deine merkabeln Gedanken verblustert in dir zusammenzusuchen. Hast du sie jetzo wieder beieinander? Na, dann tu mir auch den Gefallen und versuche es nicht, mir noch was vorlügen zu wollen. Siehst du, dieses nennt man eben wirkliche Menschenerfahrung in Verbindung mit nachbarschaftlicher Anteilnahme am Hause nebenan seit einem halben Menschenalter und mehr – ungefähr! Also leugne nicht länger. Dazu hast du, seit du kriechen kannst, zu manche liebe Stunde angenehm, aber unnütz an meinem Ellenbogen in der Werkstatt der Mutter Schubach vertrödelt, als daß ich es nicht ziemlich genau wissen sollte, wie es in so 'nem Dummenjungenkopfe zugeht, wenn's ihm einmal übel zumute ist und ihm niemand den Kopf hält. Hättest dich mit deinen Karnickeln wohl schon ganz gemütlich irgendwo in der Einöde und der Phantasie eingerichtet?« Immer schreckhafter sperrte der ertappte junge Vagabund und Abenteurer den Mund auf; immer vergnüglicher zog der Bruseberger den seinigen auseinander. »Siehst du, Kind, jetzt gibst du schon klein bei! He, he, he, das imponiert dir beinahe ebenso arg wie deinem Musjeh Robinson das Feuermachen bei seinem frisch gefangenen schwarzen Menschenfresser und nachherigen Freund Freitag. Na, dich hab ich mir wahrhaftig nicht frisch gefangen! Ja, gib nur die Konkurrenz im Maulaufreißen auf; und jetzo – ein Wort im wirklichen Ernste, nämlich das, was ich dir hier eben über die Planke mitzuteilen habe. Wahrscheinlich nämlich hast du in diesem Momente deine reelle, echte, angeborene wüste Insel, euern liederlichen Garten, Stall- und Hausverfall schon hinter dir und bist, sozusagen, von neuem unter Menschen, ohne daß du's weißt, und diese deine kuriose Zeit in der Phantasie und Einbildung ist jetzt vielleicht für alle Zeit abgetan. Sie haben sie kommen lassen, nämlich, sie haben sie vor einer halben Stunde zu sich gebeten und sind jetzt grade in der Verhandlung mit ihr. Und wenn nicht alles gradewegs konträr gegen alles was ich mir denke, ausschlägt, so richte dich nur auf eine kleine Veränderung in deinem Zustande ein. Ob zum Angenehmem, kommt auf dich an. Kommen sie mit ihr über die Kosten zurechte, so hat sie, die Meisterin Schubach, dich gradeso fest als greulicher Tyrann und absoluter Monarche ohne Widerrede, als wie sie mich hat, und nachher wird's ja wohl denn auch grade wie bei mir so bei dir darauf hinauslaufen, ob du ihr in ihren gemütlichen Intervallungen, wenn sie grade nicht zu steif auf ihrem Kopfe steht, durch deinen Verstand und höhere Bildung imponierst oder sie dir durch das was sie ihre fünf gesunden Sinne nennt, wogegen denn freilich kein Philosoph, Professor, Doktor und sonstiger Gelehrter aufbocken kann.« »Tjui, hu, uh, huh, huh!« heulte der Beherrscher von Juan Fernandez, Tinian, der Insel Felsenburg und aller möglichen andern Inseln unter der Gartenplanke der Mutter Schubach dergestalt los, daß der Bruseberger, jetzt seinerseits erschrocken, beide Arme in die Luft erhob ob dieses Getöses, welches er selber doch durch seine »exquisite« Redekunst hervorgerufen hatte. »Herrjeses noch mal!« stammelte er, beschwichtigend nach Möglichkeit. »Ist denn dieses ein Grund, sich aus hellem, blauem Himmel den Hals abzuschreien? In stille Freudentränen höchstens, denke ich, brichst du mir aus, und jetzo brüllt die Kreatur, als ob sie wie Joseph nach Ägypten in die Sklaverei verkauft werden sollte! ... Narr, in Kost und Wohnung sollst du von deinen zärtlichen Angehörigen bei der Witwe Schubach gegeben werden, und wenn du mich dann als deinen König Pharao ästimieren willst, so will ich dir da auch nichts in den Weg legen. Deine Gymnasiumszeit sollst du nämlich unter meiner Obhut und Beaufsichtigung vollenden, und schickt sich alles ineinander, so kriegst du die kleine Stube neben der Werkstatt und behältst somit bei deinen Studien die Aussicht in dein früheres väterliches Reich, wer auch im Aufstreich den Zuschlag bekommen mag. Und Obervormund, vorzüglich im Lateinischen und Griechischen, von welchen ich weniger verstehe, wird Doktor Drüding, den sie, weißt du, eben ebenfalls bei der Verhandlung bei euch haben. Daß euer Haus und Hof verkauft wird, das liegt im Zusammenhang der Dinge. Das ändere ich nicht und halte es außerdem gleichfalls für das vernünftigste. Was sollte euere Familie damit, wo sich so viele betrübte Erben fröhlich um die Nachlassenschaft reißen und keiner dem andern einen größern Fetzen als wie sich selber gönnt? Sei du froh, daß du demnächst hoffentlich ganz von oben auf die verlorene Herrlichkeit heruntergucken kannst! Und nun noch mal in Ermangelung eines Sacktuchs mit dem Ärmel über die Augen als ein zivilisierter Knabe und dann marsch mit dir zurück auf deinen Schubkarren! Setze dich gefälligst und denke still nach über das, was ich dir soeben eröffnet habe. Sobald die Meisterin von euch nach Hause kommt, endet sich auf die eine oder die andere Art das Punktum unter diese Trauerkomödie. Meine persönliche Ansicht ist, daß wir die Last schon ziemlich sicher auf dem Halse haben und daß es am Ende bloß noch auf deine Kundgebung ankommen wird, ob dir die Situation konvenieren kann oder nicht. Mehr Kuchen fräße ich heute aber lieber doch nicht mehr in mich herein, Thedorchen! So'n Leichendelikatessengefühl kenne ich noch zuletzt vom seligen Meister Schubach seinem Begängnis her. 's ist immerhin ein bißchen unheimlich, selbst bei der allerschönsten Verdauung; und einem ordentlichen Menschen passiert bei derlei Gelegenheiten so schon, aufwärts und niederwärts, alles ziemlich schwierig die Kehle. Freilich hier ist einer von den Punkten, wo es die Bildung allein nicht tut, sondern – oft – sogar im Gegenteil.« Viertes Kapitel Der Mensch mag – nach den Anschauungen und Begriffen der Zunächst-Beteiligten – noch so sehr zu spät im Jahre in die Welt gesetzt worden sein, er ist dann doch einmal vorhanden und hat sein bestimmtes Teil Lasten und Erleichterungen hinzunehmen. Und wenn er einen braven Historiographien findet – was freilich selbst den ganz zur richtigen Zeit und noch dazu zum Besten vieler anderer Geborenen nur sehr selten begegnet –, so weiß dieser immer ziemlich genau, wo er von dem Schatten und wo er von dem Licht in dieser Welt zu berichten hat. In dieser Minute ist vom Licht zu singen und zu sagen. »O, Herr Bruseberger!« schluchzte das Kind, an diesem Begräbnistage voll von Seligkeiten. Wie wenn die Tür einer Weihnachtsstube aufgeworfen wird, geschah es ihm; und alles Gute und Behagliche, was ihm das nachbarliche Buchbinderhaus bis jetzt, halb verstohlen und schlichweise, zum Trost und Unterschlupf hatte bieten können, drängte sich ihm in buntesten Bildern durch sein kleines Hirn und trieb ihm das Blut um das geschwollene Herz zusammen. » Der Bruseberger sagt man!« brummte der Mann mit der grünen Wolljacke und der blauen Kattunkleisterschürze. »Habe noch nie in meinem Dasein von einem Herrn Bruseberger was gehört, außer aus dem Munde von solch einem inkalkulabeln Zaun- und Heckenfinken wie du da unten. Und nun marsch, hin zum Schubkarren. Zu einem Ent- und Beschluß muß am Ende jedes Konklave kommen, und so auch das in euerer Visitenstube. Ein bißchen schwer scheint es ihnen freilich zu werden, bis sie heraushaben, wie hoch du eigentlich an Atzungs- und sonstigen Pensionskosten anzuschlagen bist. Na, na, zieh nur nicht schon wieder ein Gesicht: wird die Meisterin Schubach Papst, so wird sie dich sicherlich nicht nach dem Taxat in der Verköstigung halten.« Noch einen scheu-hoffnungsvollen Blick warf der arme Junge an der Nachbarplanke empor und dann einen hinter sich. »Aber meine –« »Karnickel!« schloß der Bruseberger energisch. »Dieses nennt man freilich auch auf dem Futterfelde und nicht bloß auf dem Felde der Wissenschaften eine I – deen – as – soziat – zion!« Er rieb sich ein wenig bedenklich hinter den Ohren. »Hm, hm«, brummte er zweifelhaft, bis er auch in dieser Hinsicht sich beruhigend äußern konnte. »Daß dir meine Ansichten und Sympathien in betreff dieses Geziefers unbekannt seien, kannst du nicht behaupten. Daß es aber für meinen Geschmack und die Wirtschaft einer ältern Witwe und eines alten Junggesellen ein ein bißchen recht produktives Haustier und Insekt ist, brauchst du wohl noch nicht genau in Rechenschaft zu nehmen. Also – na, meinetwegen! Im nächsten Jahre hast du sie ja doch schon um eine Siegel Sammlung oder eine Briefmarkendummheit oder ein wirkliches Käferkabinett verschachert und bist aus ihnen herausgewachsen. Seit wie vielen Menschenaltern klebe ich euch denn die Pappkästen mit Glasdeckeln für euere vergänglichen Liebhabereien zusammen, um dieses nicht zu wissen? Nun, für die nächste halbe Stunde sind alle Kaninchen der Welt für uns noch ungefangene Fische. Erst laß uns genau wissen, was der Schoß der Zeiten für dich selber birgt, mein Sohn. Bis dahin Geduld, Fassung und Vertrauen auf die Vorsehung, Mit Bildung wartet man alles ruhig ab. Das ist meine Meinung, sage diesmal ich und nicht die Mutter Schubach.« Er duckte unter und verschwand hinter der Planke. Das Kind hatte wirklich noch länger als eine ein Jahrhundert lange halbe Stunde auf seinem Schubkarren zu sitzen, bis drinnen im Vaterhause sich sein Geschick für die nächsten Jahre entschieden hatte. Nach Ablauf dieser halben Stunde stand es dann aber auch in einer vollständig veränderten Welt. Das buntbewimpelte Schiff, welches diesen unmündigen Mr. Crusoe von seiner Insel aus seiner Vereinsamung abholen sollte, war in the offing erschienen und hatte sein Boot mit dem Bruseberger am Steuerruder an den Zauberstrand abgeschickt, um den kindlichen Träumer wieder »unter Menschen« zu bringen. Sie waren an diesem Begräbnis-Nachmittags-Kaffeetische im Hause Rodburg allesamt herzlich froh über die Aussicht in der Verlegenheit, die sich ihnen vom Nachbarhause auf dem Kuhstiege her eröffnet hatte. Die Witwe Schubach war eine stadtbekannte, hoch respektable und respektierte Persönlichkeit, und noch stadtbekannter war der Bruseberger, ihr Altgesell und Geschäftsführer. Das war ein Mann, dem noch niemand in Ilmenthal ins Gesicht zu sagen gewagt hatte, daß er nicht nur von ihm, dem betreffenden Niemand persönlich, sondern auch von einer ganzen Menge seinesgleichen für einen ganz ausbündigen Narren mit sämtlichen Schrauben im Kopfe los und grade deshalb für eine wahrhaft unersetzliche und ergötzliche Zier der Stadt gehalten werde. Eine Zier der Stadt war der Bruseberger unzweifelhaft. Von seinen übrigen Eigenschaften wird immer beiläufig die Rede sein dürfen; für seine Unschädlichkeit als unfreiwilliger Humorist und Komikus, vorzüglich in bezug auf den jüngsten Rodburg, lassen wir den Oberlehrer Dr. Drüding sofort eintreten. Das war ein gelehrter Mann und höchstens dann und wann ein freiwilliger Komiker und Humorist. Ilmenthal achtete ihn sehr; in seiner Stellung als Mitvormund war er, wie wir bereits wissen, auch zu der heutigen wichtigen Familienberatung zugezogen worden und äußerte sich folgendermaßen: »Ich würde mein eigen Kind, mein arm, verwaist, klein Florinchen, ohne das geringste Bedenken, ja sogar mit dem Gefühl vollkommener Beruhigung und Sicherheit diesem guten Mann zur Beaufsichtigung und Förderung auf ihrem Lebenswege anvertrauen. Ich kenne ihn persönlich genauer als wohl irgend jemand sonst hier im Kreise, selbstverständlich unsere vortreffliche Mutter Schubach ausgenommen. Er ist der einzige in der Stadt und vielleicht in ganz Deutschland, der ein Buch tadellos zu binden versteht. Ich wüßte nicht, daß er sich je, solange ich ihn kenne, verheftet hätte. Er ist ein äußerst geschickter, genauer, wohlmeinender Mensch. Daß er schief beschnitten hätte, dessen wüßte ich wenigstens mich nicht zu entsinnen. So meine ich, daß man ihm auch in andern Dingen alles ruhig anvertrauen kann und –« »Und weiter brauchen Sie gar nichts über ihn zu sagen«, meinte die Witwe Schubach ein wenig empfindlich. »Denn am allerpersönlichsten kenne ich ihn freilich wohl unter hiesigen Anwesenden und am längsten auch. Und wenn ich noch etwas hinzusage, so ist es nur, weil es mich schon wurmen muß, wenn ihn mir einer auch nur von weitem anrührt. Gewiß ist er ein guter Buchbinder, und wie ich mich ohne ihn seit meines Mannes Tode durchgeschlagen hätte, das soll mir ein anderer sagen. Aber ist denn dieses wirklich diesmal die Hauptsache? Von seinem gelehrten Wurm haben Sie wohl bloß aus Bescheidenheit und Rücksichtnahme nicht reden wollen, Herr Oberlehrer? Aber dieses hätten sie dreist tun können und hätten mich nicht dadurch beleidiget. Diesen Wurm, den der Bruseberger im Kopfe hat, den könnte sich schon manch einer in Ilmenthal als Inquilinen in seinem Gehirne gefallen lassen. Und Herr Doktor Drüding, der uns gewiß in unserm Geschäfte kennengelernt hat, seit er hier in der Stadt und am Gymnasium ankam, weiß das recht gut, wenn er auch ein bißchen sachte drum herum schleicht. Es ist meine Idee nämlich, daß er ihn sonst gewißlich nicht als Pflegevater fürs Kind da draußen in Vorschlag gebracht hätte. Von uns selber hätten wir, der Bruseberger und ich, dies doch nur höchstens aus purer, reiner Barmherzigkeit getan und weil wir eben von unserm Fenster und Gartenzaun die Aussicht in den ehrlichen Rodburgschen Hofraum und Garten hatten – bitt um Entschuldigung! Wenn ihn eine von den lieben Damen doch jetzt noch lieber mit sich nehmen will, den armen Jungen meine ich, so will ich gewiß nicht hinderlich sein. Und wenn ihn die Herren Brüder besser bei sich in Hamburg oder Frankfurt untergebracht wissen, so sage ich nur dreimal: Schön! – Jede geschwisterliche Liebe muß da einem Dritten von Herzen willkommen sein, und höchstens will ich mir jetzt nur noch die Frage erlauben: Soll denn das junge Menschenkind, unsern verwaisten Thedor meine ich, nicht des Anstandes wegen jetzt endlich auch doch noch 'reingerufen werden, daß er wenigstens dem Ausgange des Handels zuhört, wenn er auch meinswegen keine gültige Stimme dabei abzugeben hat? Was mich anbetrifft, so höre ich von jetzt an auch nur still und mit allem zufrieden zu, und die Herrschaften können ruhig annehmen, sie hätten mich wie das Kind vor die Tür geschickt. Noch besser wär's vielleicht, die Herrschaften schickten bei Gelegenheit zu uns hinüber, wenn sie mit ihrer Beratung fertig sind, oder der Herr Doktor Drüding ist so gut und kommt mit dem Resultate herüber zu uns und läßt mich es wissen, ob Sie den Bruseberger und die Witwe Schubach bei dieser intimen Angelegenheit wirklich nötig haben. Dieses ist meine Meinung nämlich.« Begütigend umringten sie rasch alle die brave, wenngleich momentan und wohl nicht ohne einige Gründe etwas »lebhafte« Nachbarin. Selbst die Damen in der Familie Rodburg, wie sehr sie auch innerlich die Nasen über die arrogante Person rümpfen mochten, taten ihr möglichstes, sie von der Tür zurückzuhalten. Oberlehrer Doktor Drüding, der sich am wenigsten irgendeiner rhetorischen Schuld gegen die gute Frau bewußt sein durfte und dem in der Tat auch etwas dran lag, daß der heimatlose Knabe nicht zu früh den unter ihm begonnenen Studien entrückt würde, nahm noch einmal das Wort, und das Resultat davon kennen wir schon. Das schon erwähnte, mit ihm, der Mutter Schubach und dem Bruseberger bemannte und vom Schiff »Neues Leben« abgeschickte Boot stieß ans Ufer und holte das für seine nächsten Angehörigen zu spät im Jahr geborene Kind ab von der Phantasie-Insel, die es bis jetzt ganz allein für sich innegehabt und doch närrischerweise immer nur in seinen Bilder- und Geschichtenbüchern gesucht hatte. »O, laßt mich mit dem Bruseberger gehen! Jaja, – o, bitte, ich will so gern mit der Frau Schubach gehen!« rief der Knabe, verschüchtert zwischen Angst und Hoffnung seine Stimme in der Familienversammlung zuallerletzt abgebend. »So wird es wohl so das beste sein!« meinte das Konklave der Erwachsenen, und der Vertrag mit dem Nachbarhause war ratifiziert. Einige Tage später hatte sich die Verwandtschaft, die Brüder- und Schwesternschaft wieder nach allen Richtungen hin zerstreut. Der väterliche Nachlaß war so genau als möglich verteilt worden, und die Behörden hatten dafür mit gesorgt, daß auch der unmündige Erbberechtigte nicht zu kurz dabei kam und für den Verschollenen sein Pflichtteil auf dem Rathause deponiert wurde. Es wurde eine Auktion gehalten, bei welcher dieser jüngste Erbe vom Beginn bis zum Ende zugegen sein und die größesten, verwundetsten, ängstlichsten Augen darob machen durfte, wie die Welt im allgemeinen und die sehr lustigen und spaßhaften Leute und Ilmenthaler im einzelnen mit Sachen umgingen und umsprangen, die für ihn, den kleinen Theodor, eine über alle Vertraulichkeit hinausliegende ernste oder geheimnisvolle Bedeutung mit den dazugehörigen Stimmungen in sich getragen hatten. Auch das Haus, der Hof und Garten am Kuhstiege kamen unter den Hammer. Einige Zeit schwankte der Hamburger Bruder, ob er nicht doch das höchste Gebot auf das alte Familienanwesen der Rodburgs wagen solle. Als findiger Mann hatte er seit einiger Zeit und vorzüglich während dieses seines jetzigen Aufenthalts in seiner Geburtsstadt herausgefunden, daß dieselbe unzweifelhaft eine »Zukunft« habe. Die ersten leisen Wellen der kommenden lukrativen Flut von Sommerfrischlingen fingen eben an, an den stillen Strand zu spülen. Als ein spekulativer, mit seiner Zeit lebender Kopf sog der Hamburger die so sehr gesunde Luft des lieblichen Tals mit tiefem Nachdenken ein und betrachtete die landschaftlichen Reize der Heimat mit unzweifelhaftem Geschäftssinn. Leider jedoch steckte er an der Elbe zu tief drin und war also nicht imstande, sich auf diese gewiß beachtenswerten Verhältnisse tiefer einzulassen. Das Vaterhaus kam in fremde Hände und der jüngste Rodburg ebenfalls. Das Schicksal macht da keinen Unterschied zwischen Sachen und Menschen. Es gibt sie hin und her, und ob bei den Verhandlungen über sie gelacht oder geweint wird, scheint ihm grenzenlos gleichgültig zu sein. Wir – wir können auch nur so ruhig als möglich erzählen, wie es beiden, dem Hause und dem Kinde, weiter erging auf dem Markt, – soweit nämlich dieses Buch, das wirklich nur bis zu einer Türschwelle geht, hinreicht. Fünftes Kapitel »Was für ein merkwürdig altes Gesicht der Junge hat!« Es war ein ziemlich rücksichtslos, wenn nicht unvorsichtig in Gegenwart des Kindes, noch bei Lebzeiten des Vaters von jemand gesprochenes Wort. Das Kind hatte es ganz gut aufgeschnappt und auf sich bezogen, wenn es gleich nicht mehr vernommen hatte, was der Papa damals auf die Bemerkung erwiderte. Ohne daß man es damals hinausschickte, hatte es sich weggeschlichen, hatte erst im Nebenzimmer sein Gesicht in einem trüben, verstaubten Spiegel betrachtet und, als dies ihm wirklich sehr unheimlich erschienen war, einen zweiten Versuch vor der Regentonne unter der Dachtraufe im Hofe gemacht. Nun kommt sich selbst das frischeste, hübscheste junge Mädchen in dem grünschwarzen Spiegel einer alten Regentonne nicht jünger vor, als es ist; der Junge mit dem »alten Gesicht« erschien sich in der Tat alt, sehr alt, uralt darin. Zugleich sah er dabei auch diesmal in solche Tiefen, solche märchenhafte, dunkle Tiefen hinunter, daß wenig dran fehlte, daß er, mit dem Kopfe voran, in diesen geheimnisvollen Abgrund übergekippt und so allen fernern wohlwollenden Bemerkungen der Welt über seine äußerliche Erscheinung entglitten wäre. Es war das Glück, daß in so einer alten Regentonne allerhand Geschöpfe leben, die einen Kinderkopf zu sehr interessieren, als daß er zu lange sich bei seinem eigenen Aussehen aufhalten kann. Eine rundliche, kopf- und beinlose Sorte, die, mit einem dünnen Schwänzlein rudernd, aus bodenloser Tiefe in grader Linie heraufsteigt und ebenso wieder hinabsinkt, muß jedes Kind von irgend feineren Sinnen in ein Nachgrübeln über ihr Dasein und ihre Zustände hineinziehen und ab von jeglichem allzufrühen Abquälen über die Berechtigung und das Wunder seiner eigenen Existenz. Den Kopf aus der Tonne erhebend, hatte sich der Knabe trotz seines so kurios alten Gesichtes wieder heil und ganz in der Sonne und dem Schatten seiner einsamen, aber doch mit tausend Wundern bevölkerten Hausgartenwildnis gefunden. Und auch damals hatte ihn der Bruseberger über die Planke angerufen. »Kriech mal durchs Loch, Thedor«, hatte er gesagt. »Komm mal rauf in die Werkstatt, Wir haben einen Naturhistorikus vonnöten für einen Gelehrten für die gebildete Jugend, der mir selber nicht recht zu wissen scheint, wo er eigentlich seine beigegebenen Kupfertafeln hingebunden haben will.« Nun kam es gewöhnlich bei diesen Anrufen des Geschäftsführers der Witwe Schubach viel weniger auf die gelehrte Hülfe des unmündigen Nachbarn als darauf hinaus, daß der Bruseberger jemand brauchte, der ihm bei dem ersten Auseinandernehmen eines Kupferwerkes naturhistorischer, ethnographischer oder allgemein malerischer Gattung für seine intimsten Ansichten, Gefühle und Bemerkungen eine wirkliche, wahrhaftige Hingebung und ein volles, naives Verständnis an den Ellenbogen und den Arbeitstisch mitbrachte. »Was für ein merkwürdig junges Gesicht der alte Kerl hat für seine Jahre. Ich taxiere ihn weit über die Fünfzig!« sagten die Leute, und – sie waren wahrlich Vögel aus demselbigen Neste, der Greis mit dem Jungensgesichte und der Junge mit dem alten Gesicht. »Er hat eine Visage wie von seinem Urvater und die Einfälle dazu«, meinte die Mutter Schubach kopfschüttelnd. »Ja, was er sich für Einfälle in seiner Verwahrlosung zusammengespintisiert hat, das gibt es sonst weiter gar nicht als vielleicht bei Euch, Bruseberger! Es hilft nichts, ich muß euch immer von neuem drauf ansehen, ob ich eigentlich mit ihm oder mit seinem Großvater oder mit Euch, Bruseberger, oder mit Euerm Großsohn rede. Du liebster Himmel und Heiland, hab ich doch mein Lebtage bis jetzt keine Ahnung davon gehabt, wohin man geraten kann, wenn man sein Spiegelbild in vermorschten Regentonnen betrachtet hat! Bis zu den Puppen – na, natürlich!« Das war damals. Eine halbe Woche oder ein halb Jahr nach dem Einzuge des verwaisten Nachbarkindes in ihr Haus seufzte die gute, alte Frau: »Ganz wie ich es mir gedacht habe! Und doch nicht, wie ich es mir eingebildet habe, sondern viel schlimmer! Über den Zaun weg ließ sich so was gar nicht genau taxieren. So etwas muß man erst unter seinem eigenen Dache zusammenhaben, um es ordentlich kennenzulernen! Ein Vergnügen ist es, dies mit anzusehen zwischen dem Alten und dem Jungen; aber eine neue Sorge fürs Leben ist es auch. Da wird es denn wieder heißen: die Augen offenhalten, Schubachen! zur richtigen Zeit mit dem gesunden Menschenverstand dazwischenfahren, Witwe Schubach! – Nun, nun, unser Herrgott wird ja auch wohl auf die Länge das Seinige dazu tun, daß da kein größerer Schaden geschieht, wo man eben aus seinem mitleidigen Herzen das Beste im Sinne hatte. Wenn ich nur erst die Falten und Runzeln in dem unglückseligen Krabbengesicht glatt gebügelt hätte! So wie ich nämlich die Sache ansehe, ist das doch fürs erste die Hauptsache.« – Er liegt auf einer ganz bestimmten Stelle der Landkarte von Deutschland, der Ort Bruseberg; aber es fällt uns nicht ein, den Zeigefinger drauf zu stellen. Wir gönnen jeder Provinz des Vaterlandes die Ehre, endlich einmal einen echten und gerechten, einen tadellosen Buchbinder hervorgebracht zu haben. Wir haben schon gehört, wie der Oberlehrer Dr. Drüding einen solchen Mann würdigte, diesen Menschen nach dem Herzen von hunderttausend seufzenden Bibliophilen, der nie schief beschnitt, der sich nie verheftete, der immer den Titel orthographisch in graden Goldlettern herausbrachte, dem jedes Buch in Folio, Quart oder Oktav tadellos auseinanderschlug. Ja, sie sollen allesamt das Vergnügen haben, sich um den Bruseberger zu reißen, die deutschen Stämme nämlich. Es ist eine Ehre und es ist ein Vergnügen, den Mann zu den Seinigen zählen zu dürfen, der kein Pfuscher in dem durchschnittlich so pfuscherhaft im deutschen Vaterlande betriebenen Kunsthandwerk war, und – dies ist der einzige Grund, weshalb wir nicht genau angeben, wo Bruseberg im früher so trefflich bindenden Deutschen Reiche gelegen ist. Eigentlich heißt er Baumann – Heinrich August Baumann –, der Ilmenthaler bibliopegische Phönix, Altgesell und Geschäftsführer der Mutter Schubach; aber was liegt uns an diesem höchst gewöhnlichen, hausbackenen Philisternamen hier?! Er, sein Träger selber, hatte ihn allgemach so sehr vergessen, daß er sich erst eine ziemliche Weile darauf besinnen mußte, wenn er sonderbarerweise doch noch einmal in Ilmenthal oder auf den Dorfjahrmärkten rundum damit angeredet wurde. Der Bruseberger war er, ist er und bleibt er, und wem er unter diesem Namen nicht beachtenswert wird, dem hilft kein Kirchenbuch, kein Standesamt dazu; im Gegenteil, das macht den Alten allen gleichgültigen Achselzuckern nur um ein erkleckliches unerheblicher. Es ist ein wunderlich Ding um das Sicherheben und das Erhobenwerden in dieser Welt! Man kann das eine in recht hohem Maße prästieren, ohne im geringsten das andere von den Leuten zu erreichen. Der Bruseberger hatte das erste geleistet, und auch das zweite war ihm ausnahmsweise zuteil geworden. Er galt etwas in der Stadt mit der überaus gesunden Luft. Er galt unter den Leuten für einen überaus gescheiten und überschwenglich komischen Kauz. Derer, die dumm ihn anlachten, gab es genug in Ilmenthal. Derer, welche überlegen hinter ihm dreinlächelten, wenn er ernsthaft, ehrbar und melancholisch in der Gasse an ihnen vorbei geschritten war und sie mit gravitätischer Höflichkeit gegrüßt hatte, waren wenige. Unter allen Umständen hatte er viel mehr als das, was er und seinesgleichen mit Vorliebe »Bildung« nennen: nämlich allewege und allezeit sein nachdenkliches blaues Wunder über unzählige Dinge und Angelegenheiten, die den meisten seiner näheren oder entfernteren Bekannten gleichgültig, das heißt meistens zu hoch oder zu tief waren. Und wenn er sich als eine freilich etwas duselige, schwerblütige, männliche Pythia auf seinem Arbeitsstuhle mit dem Buchbinderhobel in der Hand prophetisch-philosophisch-lehrhaft zurechtsetzte, so kamen nicht selten Betrachtungen über Angelegenheiten und Dinge zum Vorschein, die natürlich seinen Ruf als ein »ganz schnurrioser Simpliziste« sehr erheblich unter den Bewohnern des friedlichen Tals vermehren mußten. Wie er von Bruseberg nach Ilmenthal geriet und daselbst beim seligen Meister Schubach für immer hängenblieb, teilt er uns vielleicht selber einmal genauer mit. Tut er's nicht, so werden wir uns auch ohne das weiter in ihm und mit ihm zurechtfinden. An dieser Stelle haben wir vor allem erst noch ein Wort über seine Herrin und Meisterin, die Witwe Schubach, zu reden, und zwar durchaus kein beiläufiges. Es war wahrlich eine Hauptperson, die Mutter Schubach! Nicht bloß in diesem Berichte, sondern eben überhaupt! Sie war in dem Tal geboren. Sie kam nicht aus einer unbekannten Fremde, um unter den frommen und sonstigen Hirten des Tals hängenzubleiben wie der Bruseberger. Und ihre Gaben – vorzüglich die Früchte ihrer Erfahrung, die sie dann und wann recht reichlich austeilte – brachte sie also auch nicht aus einer unbestimmten Ferne her, sondern sie waren allesamt ihr auf dem heimatlichen Boden, vorzüglich in der nächsten Nachbarschaft, in die Hand gewachsen; und so war's kein Wunder, daß sie recht häufig nur allzu persönlich damit wurde und nur selten augenblicklichen Dank und sofortige Anerkennung für ihre Freigebigkeit einerntete. »Durch die Blume sagt die einem selten was«, meinte Ilmenthal; und was die Früchte anging, so gehörten diese alle zum Nußgeschlecht. Der süße Kern lag gewöhnlich unter einer harten Schale und etwas bitterlichen Hülse verborgen. Was es aber um das Aufknacken von wirklichem guten Rat, echter Lebensweisheit und so weiter auf dieser Erde ist, das hat wohl ein jeglicher selber erfahren, der dergleichen auf dringende Aufforderung oder aus überquellender Wohlmeinenheit unaufgefordert hergab und dann dem dankbaren Empfänger auf die Kinnbacken sah oder zufällig nachher erhorchte, was er aus seinen innersten Gefühlen heraus bemerkt hatte. »Das ist meine Idee nämlich!« Solange Ilmenthal unter sich war, das heißt, bis es ein internationaler Luftkurort wurde, kannten alle Ilmenthaler diese ewige Redensart der Frau, und selbst die Honoratioren der Stadt trugen sie an ihren Whist- und Kaffeetischen herum und machten allgemach ein abgetragen apologisch Sprichwort draus, indem sie stets beifügten: »sagt die Mutter Schubach«. Die Mutter Schubach! Das Merkwürdige war, daß sie niemals Mutter gewesen war, diese Mutter Schubach, und doch den Ehrennamen, den ersten der Welt, mit vollstem Rechte führte und daß alle ihre »Ideen und Ansichten« darauf hinausliefen, diesen Titel ihr mit vollster Berechtigung festzuhalten. So hatte sie ihren verstorbenen Alten bemuttert, so den von der Mutter Natur ganz und gar zum Peripatetiker, will sagen philosophischen Vagabunden prädestinierten Bruseberger auf bessere Wege gebracht, das heißt, sie hatte ihm das Wanderbuch sofort beim ersten Begrüßen des Handwerks in ihrer Küche und Werkstatt kassiert und es ihm sicher hinter Schloß und Riegel (das war nämlich meine Ansicht so!) aufgehoben. Und so bemutterte sie auch, zuerst von ferne über den Zaun und sodann in ihrem eigenen Hause, den von aller Welt sonst so ziemlich aufgegebenen und für sein Haus zu spät im Jahr in die Welt hineingeratenen Theodor Rodburg, das »Unglückswurm«. »Unsern Haushalt kennste, Kind«, sprach die Mutter Schubach. »In Butter wird dir die Wurst nicht gebraten werden, und höchstens zum Martinstage kannst du dir mal 'nen Fasanen aus 'ner Gans zurechtphantasieren. Der Zucker ist auch wohl das wenigste beim Kuchen, wenn der ja mal zu den lieben Ostern oder der heiligen Weihnacht auf den Tisch kommen sollte; aber für reine Wäsche werde ich dir sorgen, da verlaß dich drauf, und zwar augenblicklich, du tränenwertes, unanrührbar Schweineferkelchen. Schmierfinke, ich sage dir, es ist momentan dein höchstes Glück, daß du eigentlich nichts davor kannst! Für eine neue Jacke und Hosen habe ich mir natürlich allem andern voran die Unverantwortlichkeit beim Schneider bei der lieben Verwandtschaft ausbedungen. Daß wir einen Brunnen im Hofe haben und am Seifeverbrauch noch niemand Bankrott gemacht bat, ist mir ein Trost und dir eine unbeschreibliche Wohltat. Die Hände kannst du dir gleich auf der Stelle mal waschen, und – somit sei dein Eingang gesegnet, und über deinen Ausgang, später einmal, walte Gott! Sie, Bruseberger, brauche ich nicht weiter darauf aufmerksam zu machen, daß der letztere – den lieben Herrgott meine ich – bei seinem Regimente sich nur selten seiner selbst, sondern möglichst immer anderer bedient. Ans Herz will ich's Ihnen aber doch lieber noch mal legen, Bruseberger; und kommen Ideen in diesem Punkte zusammen, so ist mir eine Überfütterung mit irdischer Vorsorge immer lieber als das Gegenteil davon. Darum also, Bruseberger, bedienen Sie sich Ihrer Autorität, ob es im Zusammenhang der Dinge, wie Sie sagen, liegt oder nicht. Nach meiner Berechnung stecken immerdar mindestens zwei Dutzend abgefeimter Schlingel und Lümmel auch in dem tränenreichsten, verschüchtertsten, blödesten dummen Jungen; und was dieser hier vor uns bei besserer Pflege eigentlich hinter den Ohren hat, das wissen wir heute noch nicht und werden erst allmählich im Kleinverkehr mit ihm das Genauere erfahren. Aber Sie sind gottlob ein gebildeter Mensche, Bruseberger, und so entnehme ich mir hieraus die wenigste Beklemmung. – Hast du dir die Hände gewaschen, Thedor? Gut, schön; da, trockne sie dir an meiner Schürze, und nun komm die Treppe 'rauf und krame deine Bücher und sonstige Ausstattung und Bescherung ein. Die Karnickelschande verbitt ich mir übrigens im Oberstock. In einer halben Stunde will Doktor Drüding vorsprechen und nachsehen, wie du dich eingewöhnst. Er hat es uns versprochen, und was er an Verantwortlichkeit auf sich nehmen will als Obervormund, dazu soll er uns, dem Bruseberger und mir, herzlich willkommen sein.« Sechstes Kapitel Schade, daß wir uns nicht länger bei der unter allen Umständen besten Zeit des Lebens, der, in welcher die »Karnickel« zu einer der Hauptsachen drin gehören, aufhalten dürfen. Der Bruseberger hat es schon gesagt, sie geht rasch vorbei und hält vollständig das Tempo ein mit der der jungen Liebe, ist auch wohl nur eine etwas frühere und andere Äußerung letzterer. Der Pflegesohn der Mutter Schubach bekam in dem Hause derselben ein nettes Schülerstübchen neben der Werkstatt des Brusebergers, ein Studio, wie dieser sagte, und jedenfalls ein »Studio«, von welchem Oberlehrer Dr. Drüding behaupten durfte, daß es nicht an ihm (der Räumlichkeit) liege, wenn nicht von ihm aus dermaleinst das Abiturientenexamen sieghaft mit der Nummer AA bestanden werde. »Für die Reinlichkeit, Akkuratesse und Properteh drin werde ich wie an seinem Körper sorgen«, sprach die Meisterin. »Es ist meine Idee nämlich, daß da die Seele und der Geist bei den gelehrten jungen Herrn nicht selten in Konkurs – ne, so heißt es ja wohl nicht? – gerät mit dem Fußboden, den vier Wänden und der übrigen Leibesumgebung. Ich sehe es schon jedem Buche, das wir wieder zur Aufbesserung in die Mache kriegen, an, ob's einem schwer auf der Seele gelegen hat. Den Tuzididessen zum Exempel sollte man ihnen eigentlich nur in Schweinsleder binden. Dem alten Römer hängt es stets an allen Fetzen heraus, daß sie mit bitteren Sorgen, geschwollenem Kopfe und im täglichen und nächtlichen Angstschweiß drauf gelegen haben und wirklich an nichts anderes bei ihm denken konnten. Na, ich will schon aufpassen, Herr Doktor, und wo ich Unrat wittere, ihn auskehren und die Bude stets zur richtigen Zeit lüften, Herr Doktor.« Was den Bruseberger anbetraf, so bemerkte der sehr weise, jedoch nicht gegen den Oberlehrer Drüding: »Für mich, Thedor, ist der Hauptvorzug, daß das Studio die Aussicht auf dein väterlich Grundstück besitzt und du also über dein Buch und Lexikon immerwährend deinen frühern Schauplatz unter dir und vor Augen hast. Da kannst du dir also mit aller Bequemlichkeit von früh an gebildete Passivité zu allen sonstigen Vorzügen des Menschen aneignen. Denn das geht noch über allen Bimsstein in der Abglättung des Menschen, wenn er mal was gehabt hat, was er gern wiederhaben möchte und einem andern lassen muß – ruhig lassen muß. Sollst mal sehen, wie geschickt für diese schöne Welt dich das macht, wenn du still zusehen mußt, wie andere im Zusammenhang der Dinge nach ihrem Pläsier und Verständnis in dem von Rechts wegen wirtschaften, was du in deinem unschuldigen Kinderverstand heute noch als dein ewiges, unbestrittenes Eigentum ansiehst. Sollst mal sehen, mein Filius, mit welchem Gusto du dich auf dein Exerzitium wirfst, wenn sie dir ja mal drunten in deines Vaters Garten die Bäume weghacken und die Rabatten umlegen, ohne daß du vom Fenster aus den Mund dagegen auftun darfst. Wirst hierbei schon von frühauf mancherlei lernen, was sie dir in der Schule nicht lehren dürfen, außer vielleicht in der Religionsstunde zweimal in der Woche, und zwar ganz mit Recht. Denn was sollte wohl draus werden, wenn dem Menschen und Studenten schon von den ersten Hosen und von Staats wegen beigebracht würde, daß es im Zusammenhange der Dinge und Wissenschaften gar kein Eigentum gibt? Na ja, deine Herren Lehrer helfen sich schon ganz recht wenn sie sagen, daß der Mensch seine Bildung ebenfalls nicht für sich selber hat, sondern nur daß er sie weitergebe, und so wollen wir diese Frage denn jetzt auf sich beruhen lassen. Fürs erste handelt es sich für euch, liebe Jungen, einzig und allein darum, daß ihr ihnen, euerer Bildung und euern Büchern nämlich, nicht aus dem Wege geht und sie gleich von Anfang an gern und willig jedem andern überlaßt; und dafür werde ich denn schon mit sorgen, obgleich ich nur der Witwe Schubach ihr alter Bruseberger in Ilmenthal bin. Da verlaß dich drauf, mein Sohn!« Niemand durfte es leugnen, dreist konnte sich der junge Rodburg auf alles verlassen, was ihm das Haus Schubach als Ergebnis seiner Erfahrungen vortrug, und unbedingt durfte er allem, was es von ihm verlangte, Folge geben, und wenn es oft auch noch so kurios herauskam. Die Art und Weise, wie der Bruseberger als gebildeter Mensch seinem Schützling auf dem Gymnasial-Bildungswege das Geleit gab, hatte für alle »Dritte« in Ilmenthal freilich häufig etwas »ungeheuer Komisches«. Aber die Wirkungen in der Welt gehen doch hauptsächlich vom einen zu dem andern; und was der Dritte darüber meint, denkt und sagt, ist meistens von viel untergeordneterer Bedeutung, als der Mensch in seinem durch es geschmeichelten oder gekränkten Selbstgefühl sich gewöhnlich einbildet. Der Bruseberger band alles, was die Planetenstelle zu binden hatte. Er guckte beim Heften in alles hinein mit Verständnis – zwar nur mit seinem Verständnis; aber dieses ging eben über manches berühmte Buch, das in die Werkstatt der Mutter Schubach geriet, um ein erkleckliches, wenn auch sehr spaßhaft für den schulgelehrten Dritten, hinaus. Auch der von den Studierten, welcher noch am wenigsten über ihn lächelte oder gar lachte, der Oberlehrer Dr. Drüding, war wohl ein größerer Hebräer, Grieche und Lateiner als der Bruseberger, doch sicherlich kein tieferer Weltweiser, Politikus und Vates, das heißt, wie die Meisterin sich ausdrückte, »Prophezeier«, als ihr Altgesell. Wenn also der jugendliche Kostgänger der Witwe Schubach es in der Küche derselbigen, an der Heftlade und dem Kleistertische ihres Geschäftsführers und an seinem Aussichtsfenster zu nichts Ordentlichem am Fleisch und am Geiste brachte, so war überhaupt wenig aus ihm zu machen. Selbst seine nächsten Angehörigen waren dann kaum mehr zu tadeln, daß sie sich so gar nicht um ihn bekümmerten und ihn so leichthin andern Leuten zuschoben. Dieses Buch aber, welches der Bruseberger leider nicht zum Binden und zur Kritik in die Hände bekommt, ist hauptsächlich auf das hin geschrieben, was der Junge am Arbeitstische des Brusebergers zu hören bekam und was er von dem Fenster seines »Studio« aus auf der Planetenstelle, die aus seinem Eigentum zu seiner Nachbarschaft geworden war, sah und erlebte. Das erste, was auf dem letztern Felde die ganze Aufmerksamkeit, alle Gefühle und Empfindungen des Knaben in Anspruch nahm, war, daß sein Kaninchenstall von neuem in sein altes Recht eingesetzt wurde. Eine Ziege bezog ihn endlich wieder, und dieses Faktum trug dem frühern Inhaber mehr als einen Katzenkopf wegen mangelhaft gelernter Genusregeln ein. Sonst veränderte sich wenig an dem väterlichen Besitztum; und ganz ohne Einfluß darauf blieben fürs erste die leisen Wellen fremder Kulturbewegung und auswärtigen Menschengetriebes, die, wie schon bemerkt wurde, eben anfingen, in das bis jetzt von seinen Bergen so versteckt gehaltene Gemeinwesen hineinzuspülen. Ein guter nahrhafter Bürgersmann der Stadt kaufte das Haus und Grundstück des Notars Rodburg, bezog es mit seiner Familie und ließ daran und darum alles so ziemlich beim alten. Es wurde eine neue Regentonne eingegraben, die Obstbäume im Garten wurden von dem abgestorbenen Gezweig und den Raupennestern gesäubert; aber wo die Frau Eugenie Rodburg ihre Suppenkräuter und ihren Kohl vordem gezogen hatte, da wuchsen dieselben nützlichen Gewächse, nur ein wenig besser gepflegt, weiter, und die Zierblumen, unbeaufsichtigt wie sonst und wie sie sich eben hie und da auf den Beeten erhalten hatten, gleichfalls. Es war grün in dem Garten unter dem Schülerstübchen und es wurde herbstlich gelb drin. Es kam der Winterschnee und ein neuer Frühling und Sommer und wieder der Winter und so weiter, und eines Tages sprach der Bruseberger: »He, was habe ich gesagt? Für einen Untertertianer, der du hoffentlich von Ostern ab sein wirst, schickt sich freilich besser eine Käfersammlung oder ein Herbarium und nimmt auch viel weniger Platz ein in einem beschränkten Haushalt wie das fertile Vieh. Ich habe es schon seit längerer Zeit nicht mehr recht begriffen, Thedorchen, wie du mit dem Herrn Doktor und seinem kleinen Florinchen jeden Mittwoch- und Sonnabendnachmittag in die Umgegend und den Wald spazieren konntest, ohne unter solcher begierlichen Leitung und Begeisterung auch für dein eigen Konto die Büsche abzusuchen, die Hecken zu durchstöbern und die Tümpel auszufischen. So etwas pflegt doch merkwürdig leicht zu infizieren bei gleicher Phantasie und Enthusiasmus für die schöne und merkwürdige Natur. Na, sind wir nun so weit?« Dies läßt uns zum erstenmal weiter wegblicken über die nächsten Büsche, Bäume, Ställe, Planken, Haus- und Gartenmauern am Kuhstiege. Dies Wort des Brusebergers führt uns zum erstenmal tiefer hinein in die wirklich schönen »Naturtäler und das Gebirge«, die demnächst einen so hervorragenden Platz in der Bäderliste des Jahrhunderts einnehmen sollten. Noch waren keine »Promenadenwege« durch das alte romantische Land angelegt worden, noch begegnete man keinem mit buntem Reitzeug und bunteren Reiterinnen beschwerten Esel oder Maulesel. Noch wuchs alles wild und höchstens nur forstkulturlich etwas geregelt ineinander, und Bänke »Melanies Ruhe« usw. und Pfähle mit der Aufschrift »Jungfernblick« etcetera gab es auf keinem keusch-lieblichen oder bezwingend-großartigen Bergesgipfel oder Talesgrunde. Noch hatte das arbeitende Volk der Gegend und der Oberlehrer Drüding mit seinen Schülern, seinem Töchterlein und seinem naturhistorischen Jagdapparat das Reich ungestört oder doch nur durch einen gutmütigen Waldaufseher beaufsichtigt und geschützt. Es gab noch keine Kellner und keine Veranden im Schweizerstil vor Restaurationen mit Schweizerpreisen; und was der allergrößte Vorzug vor der gewinnreichen Gegenwart war: die Wasser und vor allem die Ilme waren noch nicht gezwungen, ihr süß, mutwillig, toll Springen und Rauschen für die nichtswürdigste Erfindung der Neuzeit, für die Holzstoffpapier-Fabriken, herzugeben! Mit seiner Klasse ging der Doktor Drüding nur bei wichtigen Abschnitten der die Flora und Fauna des Vaterlandes betreffenden Studien ins Freie; aber mit seiner Florine und seinem Mündel zog er seiner eigenen Studien und Sammlungen wegen möglichst an jedem schulfreien Nachmittage, den Zeus der Wolkenversammler und Wolkenzerstreuer gnädig ansah, aus auf den Fang und Griff. Auf manche Stunde Weges im Umkreise kannte der Doktor »sein Gebirge wie seinen Stundenplan« und wußte zu jeglicher Jahreszeit die rechten Fundorte und Jagdgründe von allem, was dem vaterländischen Naturfreunde und Forscher an Wachsendem, Kriechendem, Fliegendem in die Sammlung gehört. Aber damit noch nicht genug: der wirkliche Praktikus weiß in dieser Beziehung auch, seinem wilden Felde und der Mutter Natur zu Hülfe zu kommen. So hatte der Sammler, stillvergnügt schlau, mit dem Finger an der Nase hie und da und überall botanische Naturgärten an geheimen Orten angelegt, von welchen niemand wußte denn er, wo nur er selbst zu ernten wünschte und an welchen er auf seinen offiziellen Exkursionen seine wiß-, aber auch raubbegierige Schülerschar in möglichst weitem Bogen herumführte. Entdeckte schändlicherweise einer der Schlingel auf eigener wissenschaftlicher Fahrt eine solche, wie der alte Goethe sagen würde, »sekretierte« Anpflanzung und ließ er es sich in seiner jubelnden Unschuld beikommen, dem Oberlehrer Doktor Drüding in der betreffenden Unterrichtsstunde mit ihren Erträgnissen eine extraordinäre Freude zu machen, so fand er sofort heraus, daß der Mensch in seinen sichersten Erwartungen von Anerkennung sehr sich täuschen kann. Der »Alte« hatte es sofort weg, wo, zum Exempel, das ihm grinsend überreichte Exemplar von Frauenschuh, Cypripedium Calceolus, gewachsen war, und sein eigen Gelächel ob des heimtückischen Findertriumphes stammte auch ganz und gar aus der Botanik her, nämlich von Herba Sardonia. Es war ein sehr sardonisches Grinsen, und der schuldlose, glückliche Knabe mit seinem Gewächs in der Hand konnte sich gratulieren, wenn es nachher bei diesem Lächeln und bloßen Worten der Anerkennung verblieb. Es ist aber immer ein hübsches Bild in dieser Zeit, von der wir jetzt reden: der Doktor mit dem Zeigefinger an der bebrillten Nase bei einer seiner geheimsten botanischen Kulturstätten stehend – schwitzend, selig und voll Sorge vor dem Unverstand selbst seines eigenen Blutes und des ihm vom Staat in die Obervormundschaft gegebenen Mündels. »Flora – Florina – Florinchen! Nun, da haben wir das Kind wieder oben im Geäst! Dem Mädchen brauchte auch nur noch ein rotbrauner, buschiger Schwanz hinten anzuwachsen, und eine neue, nicht üble und recht gelenkige Spezies von Ficarus wäre fertig. Hier mal her, Jungfer Eichhorn, und auch du tritt heran, mein Sohn Theodor! Also – ich wiederhole euch: nicht ausschwatzen! Florina hat ihren Eid bei den Wassern des Styx schon abgelegt –« »Aber ich auch, Herr Doktor!« »Wohl, wohl; aber das unmündige Kind kommt in seiner Stellung im Leben nicht so häufig in Versuchung, mir einen Verdruß zu machen, wie du unter deinen Genossen, Rodburg, Also nehme ich dir lieber doch das furchtbare, bindende Wort zum zweiten Male ab, mein Sohn: nicht plappern! Es würde mir zu unangenehm sein, wenn wieder –« »Als Buttermann vorige Woche unsern Fleck am Itschenstein von sich selbst gefunden hatte und alles in seiner Botanisierbüchse mit in die Klasse brachte, bin ich ganz gewiß auch nicht schuld dran gewesen, Herr Doktor.« »Weiß ich, mein Sohn, glaube es dir wenigstens auf deine wiederholten Beteuerungen. Der Unglückliche leugnete übrigens zu seinem und deinem Glücke selber nicht, daß er nur vom leidigen Zufall geleitet und in der besten Meinung das Unheil angerichtet habe. Aber unangenehm, sehr unangenehm war mir die Sache doch! Auch die unter allen Umständen wirklich rohe Art, in welcher der Barbar mir alles, wie du sagst, in seiner Botanisiertrommel überlieferte, konnte mir nicht gefallen, Rodburg. Alles – mit den Wurzeln ausgerissen – dazu der Fleck zerstampft wie von einer ganzen Herde wilder Esel, liebes Kind! Es war mir in der Tat einige Selbstbeherrschung dem Malefikanten gegenüber vonnöten, und auch die Erinnerung an seine nicht übeln Fortschritte in der Mathematik verhalf ihm wieder einmal zur völligen Absolution. Dieser Buttermann hat wirklich sonst seine guten Seiten, wenn er auch in den Sprachen längst das nicht leistet, was er sollte, und außerdem hoffe ich fest, daß die Reue, die er zeigte, wirklich ernst gemeint war. Ich, mein lieber Theodor, war zu meiner Zeit nach ähnlichen Verhandlungen meiner Herren Lehrer mit mir nie imstande, mein Frühstück mit dem gewohnten Appetit zu verzehren.« »O Herr Doktor, Buttermann auch nicht! Ganz gewiß nicht! Er hat in der Pause gleich einen von den Füchsen hingeschickt und sich noch zwei Wurstsemmeln vom Meister Stieber holen lassen. Es hat ihm so sehr leid getan, grade weil er gar nichts dafür gekonnt hat!« »Es ist und bleibt allezeit und bei allen Gemütszuständen die legio rapax!« seufzt lächelnd Oberlehrer Dr. Drüding. »Nun, nun«, murmelte er leise, »am Ende kann man doch nur wünschen: der Herr segne euch euern guten Magen in euern jungen Tagen und erhalte ihn euch gesund für jene kommenden Zeiten, wo er sich auch euch etwas leichter umwenden wird als wie heute!« Am Abend aber nach jedem solchen glücklichen, lehrreichen, gesunden Nachmittag liefert er sein Mündel dem Bruseberger richtig wieder ab am Kuhstiege, und der Junge hat von viel Wundern zu berichten. Vor dem Schlafengehen bemerkt dann der Bruseberger vielleicht noch: »Den neuen Kasten für die Käferologie schusterst du dir diesmal aber selber zusammen, Thedor. Du bist jetzt allgemach weit genug in der Kunst vorangerückt, um mir die edle Pappe nicht unnützlich zu verschneiden und das teure Material leichtfertig zu verludern.« Schnarcht der Junge in seiner Dachkammer, so hat wohl auch die Mutter Schubach noch ein Wort zu sagen und sagt es: »Einen halben Buchbinder haben Sie allbereits aus dem Kinde gemacht, Bruseberger. Es soll gewiß kein Stich auf Sie sein, aber 'n bißchen können Sie auch bedenken, daß allzuviel Handwerk und Kopfwerk in einem Kopfe, auf einmal ineinandergerührt, nicht allemal ein richtig Rührei für aller Welt Schnabel gibt.« »Können beinahe recht haben, Meisterin!« spricht der Bruseberger, alles nach seinem Zusammenhange ruhig sich zurechtlegend. Siebentes Kapitel Ei, wer das auch so vermöchte wie der alte Buchbindergesell! In seinem Gemüte, Kopfe und auf seinem – Kleistertische! Wir persönlich verlassen uns sehr darauf, daß wir Leuten erzählen, die wenigstens den guten Willen haben, uns mit ihrer Einsicht in den Zusammenhang der Dinge und Wissenschaften zu helfen; und somit – liegt denn jetzt wieder zwischen dem sonnigen Tage, von welchem die Rede war, und dem, von welchem nunmehr die Rede sein muß, manch ein anderer Tag, Sonnentage waren zureichend darunter, aber auch genügend Regentage; Nebel, Schnee und dergleichen meteorologische Vorkommnisse gar nicht zu erwähnen. Für schlechtes Wetter ist es nie »zu spät im Jahr«, und das beste ist, daß die Jugend, auch wenn sie zufällig ein noch so altes Gesicht mit auf die Welt gebracht hat, sich im Grunde gar wenig darum bekümmert. Auf den Menschen in seinen glücklichsten Jahren hat das Wetter gottlob nie den Einfluß wie späterhin, wenn der verständige Mann zu seinen wechselnden Stimmungen alle Augenblicke auch noch nach dem Thermometer zu sehen hat oder (in allerneuester Zeit!) Mitglied eines Vereins zur Verbreitung von Grillenfang und Hypochondrie und für öffentliche Gesundheitspflege geworden ist. Der junge Pensionarius der Mutter Schubach und des Brusebergers befindet sich auch jetzt noch in seinen glücklichsten Jahren. Zu den Kindern rechnet er sich freilich schon lange nicht mehr, sondern fast zu sehr bereits zu den Erwachsenen. Also hat sich doch vieles verändert! Und nicht bloß an dem jungen Menschen, sondern auch an seiner Umgebung – an Ilmenthal im weitern und an seinem frühern väterlichen Besitztum in seiner nächsten Nähe, unter dem Fenster seines Scholarenstübchens. So ist es. Wenn auch noch nicht die Hochflut da ist, so sind doch aus den ersten leisen Wellchen hohen, modernen Weltverkehrs recht erkleckliche Wellen geworden und das stille Tal zu etwas ganz anderm, als es noch vor kaum zehn Jahren war. »Unwiderruflich wächst das Kind«, und unwiderruflich verändert sich alles um es her, einerlei, ob es darauf achtet oder nicht. Daß aber fremde, unbekannte Leute jetzt anfingen, ihren Aufenthalt in Ilmenthal zu nehmen, sollte dem jüngsten Sprößling der alten Stadtfamilie Rodburg vor allem deutlich werden. Von neuem ging sein Vaterhaus in andere Hände, das heißt an andere Besitzer über, und zwar diesmal an solche, die schon einer ganz neuen Gestaltung der Dinge und Zustände des Heimatortes angehörten und vor zehn Jahren noch das kleine Gemeinwesen durch ihr Erscheinen und Sichfestsetzen in die größeste Aufregung gebracht haben würden, während man sie jetzt bereits für etwas nahm, was selbstverständlich endlich »auch an uns hier« kommen mußte und worauf »wir eigentlich schon ein bißchen zu lange hatten passen müssen«. Einiges Aufsehen machte der neue Schutzbürger freilich dessenungeachtet doch, sowohl am Kuhstiege diesseits der Ilme wie in den Gassen und Häusern an der Berglehne jenseits des rauschenden Gebirgsflüßchens. Er war wirklich ein wenig außergewöhnlich weit her, der neue Gastfreund von Ilmenthal und Eigentümer des Hauses Rodburg. Und obgleich die Stadt, wie gesagt, nunmehr schon auf allerlei Exotisches gefaßt war und sich, wie Dr. Drüding sagte, das Nil admirari als Motto zu nehmen bestrebte, so zwang der Herr Kriegszahlmeister Tieffenbacher sie doch, sich seinethalben und seines Hausstandes und Haushalts wegen dann und wann auf die Zehen zu stellen und den Hals gespannt nach dem Kuhstiege hinzudrehen. Glücklicherweise hatte sich der neue Mitbürger auf dem Rathause genügend legitimiert, und was noch mehr für ihn im Tal und diesseits und jenseits der Ilme an den Berghängen sprach, war, daß er sein jetziges Besitztum, ohne zu handeln, erstanden hatte. Ein noch helleres Licht fiel freilich hiervon auf den Verkäufer des Grundstückes. Dieser rieb sich nämlich nicht nur im geheimen die Hände und hielt sich von diesem Handel an selbst für einen der witzigsten Mannen von Ilmenthal, sondern wurde auch von den übrigen Mannen der Heimat dafür taxiert. An seinem Biertische, wo man ihn sonst ziemlich beiseite gelassen hatte, außer wenn man einen geduldigen alten Knaben und Schafskopf für einen wörtlichen oder tätlichen Jokus nötig hatte, stieg er recht in der Achtung der Menschheit, wurde mit Ernst und Respekt angesehen und bei jeglichem Güterverkauf an »die Fremden« um seinen Rat angegangen. Letztern hat er immer weislich und wohlerwogen gern erteilt und ist also heute noch schuld daran, daß an manchem Orte, wo sie gar nicht hingehört, unwiderruflich eine »Villa« steht und von den »Fremden« bewohnt wird und werden muß. Er war natürlich auch der Mann, dem man im Anfange zutraute, daß er das meiste und Genaueste über die neuen Stadtbewohner wisse und sagen könne, wenn er nur wolle. Aber er zeigte sich auch darin viel schlauer, als man ihm bis dato zugetraut hatte: er wollte durchaus nicht. Daß er etwas wußte, soll hiermit freilich nicht behauptet werden. »Wenn ich nur wüßte, was der Mensche hat!« sagte die Witwe Schubach, meinte aber nicht den handelsschlauen Exnachbar. »Mein Lebtage hab ich doch nicht gehört, daß der Mensch in den Jahren, wo er anfängt, auf den Stummeln zu kauen, gradeso ausgewechselt werden kann, wie wenn er in die Wiege gelegt wird. Manchmal denke ich wirklich, sie haben ihn mir auf dem letzten Jahrmarkt in Knillingen vertauscht, und das Ding, was hier im Hause umgeht und nichts sagt und vor sich hin brummelt, ist mein Bruseberger gar nicht mehr, sondern ganz was anderes aus 'nem alten Hexenmeister seiner Spukvorratskammer! Jedes Wort muß man ihm allmählich mit einer Winde aus dem Leibe holen, und dieses vor allem war doch sonst ganz gegen seine Natur. Ist das nicht auch deine Meinung, Thedor?« »Vollkommen, Mutter!« lachte der Primaner Theodor Rodburg. »Hätte ihn Ovid, wissen Sie, Mama, Publius Ovidius Naso, der Kerl mit der langen Nase, gekannt, so hätte der unbedingt eine Metamorphose mehr besungen. Reine unter die Fische gegangen, Mutter Schubach!« »Und erst an der Heftlade, Thedorchen!? Immer mit seiner Nase drüber weg am Fenster, bald in den Lüften und bald am Grunde unter dem Herrn Kriegszahlmeister seinen neuen Anpflanzungen und Kulturen. Muß er abführen, zur Ader lassen, oder hat er sonst den Balbierer nötig? Ich weiß es nicht; aber wissen will ich es allgemach, was er hat oder nicht hat! ... Es ist aber meine Idee wirklich, daß er von der Werkstatt was gesehen hat und sieht, was er in seiner Seele erst, wie er sagt, in einen Zusammenhang der Wissenschaften bringen muß; und wenn wir ihm dabei helfen können, Thedor, so wollen wir es doch ja tun. Es ist allgemeine Christenpflicht und in unserm Falle noch ein bißchen mehr. Du willst ihn gradeaus fragen? Schön! Bist grade lange genug bei uns, um annähernd genau zu wissen, um wieviel das einen weiter bringt zur augenblicklichen Erkenntnis. Das ist ja eben mein ewiger Verdruß und das Beste und das Schlimmste an dem Mann, daß man immer erst eine Ewigkeit bohren muß und selbst nachsinnieren, wo bei ihm und überhaupt unser Herrgott mal wieder 'nen Ast vor die Säge situwiert hat.« Der Schüler fragte den grauen Weisen doch, und zwar durch die Tür, die ihre beiden Arbeitsstuben miteinander verband und die beiden Arbeitstische am Fenster bis jetzt miteinander im ununterbrochenen, offenherzigen Verkehr gehalten hatte: »Sie könnten es endlich doch wenigstens mir beichten, alter Klopfstock, was Sie seit etzlichen Wochen in die Melaneholey scheucht. Haben Sie, wie ich meine, jetzt endlich einmal mehr Geister heraufbeschworen, als Sie mit unserm Freund F. von Schönholz bändigen können, oder haben Sie, wie die Mutter Schubach behauptet, Ihre prähistorische Gesundheitsmaßregel versäumt und sich nicht zur richtigen Zeit schröpfen lassen? Brusebergerchen, Sie machen uns wirklich Sorge.« Der Bruseberger brummelte erst etwas Unverständliches, sodann brummte er lauter: »Ich bitte Sie, Thedor; bleiben Sie doch endlich einmal ruhig bei Ihrem Geschäft und reden Sie mir keine Dummheiten in das meinige hinein.« (Sie nannte er seinen Schützling aus »Erziehungsrücksichten« wie die Herren Lehrer, Dr. Drüding ausgenommen, vom Eintritt in die Sekunda an.) »Nichts habe ich heraufbeschworen, und was von Teufelsspuk von selber aus dem Boden steigt, das hoffe ich mit Gottes Hülfe für mein Teil wohl noch unterzukriegen. Mit der Schröpferei ist das ganz eine naseweise Dummheit, mein Söhnchen, und Sie setzen mir den Schnepper noch lange nicht an, mein Kind.« »Nun faßt er auch das wieder symbolisch auf!« rief Herr Theodor Rodburg lachend, »O, werden Sie nicht grimmig, Bruseberger; es war ja nur ein Spaß, und ich für mein Teil weiß es ganz genau, wer es uns angetan hat! Die schöne Dame ist's! Unsere jetzige Nachbarin! Und, o Bruseberger, die hat es mir auch angetan. Da geht sie wieder durch meines Vaters Garten, o Bruseberger –« Der Altgesell der Witwe Schubach stand plötzlich, mit dem Kleistertopf in der einen Hand und dem Kleisterpinsel in der andern, auf der Schwelle der Verbindungstür und faßte seinen Pflegling im allerrichtigsten Moment, nämlich mit dickem, rotem Kopf und den glänzendsten Augen an seinem Fenster, – weit vorgebeugt über den Tisch und das umgestoßene Dintenfaß und den im Schwarzen Meer schwimmenden Cicero. Eine ziemliche Weile betrachtete er sich den Verlegenen, sprach sodann: »Das ist mir eine schöne Bescherung!« wendete sich in seine eigene Arbeitsstube zurück und schnarrte von seinem Arbeitstisch aus: »Erst die Karnickel und nachher im Zusammenhang der Dinge alles andere! Fürs erste aber, Thedor, hielte ich noch ein bißchen fest an dem Gedanken ans Abiturientenexamen. Wie wär's denn, wenn wir wirklich mal etwas ganz Nagelneues aufs Tapet brächten, wenn wir sozusagen zum allererstenmal in der Welt die Hauptsache zum Hauptsächlichen machten und die beigegebenen Bilder und Kupfer, die Allotria meine ich, erst hintenan hefteten? Der Herr Kriegszahlmeister Tieffenbacher ist übrigens, beiläufig, mir ein recht lieber, solider und sozialer Nachbar; – allen Respekt, ein sehr würdiger und respektabler Herr, der Herr Kriegszahlmeister, und sehr interessant nebenbei für Ilmenthal, Thedor; – ich rechnete mich aber lieber nicht in dieser Beziehung ganz und gar zu unserer hochlöblichen Schildbürgerei, Thedorchen!« Der Schüler rettete seinen Markus Tullius aus der germanischen Dinte, aber er hatte sich nimmer so tief – nach der germanischen Schülerredensart – in derselben gefühlt wie in diesem Augenblicke. Dazu fühlte er sich merkwürdig tief in seinen wunderbarsten Empfindungen gekränkt und wußte sich, wie stets in dieser Lebensepoche, gar nicht dabei selber zu Hülfe zu kommen. – Es war eine Wildnis gewesen, das Phantasie-Versuchsfeld des jüngsten Rodburgs, sodann hatte der spekulative Handschuhmacher den trivialsten Haus- und Küchengarten draus gemacht, und jetzt war wiederum ein anderes daraus geworden. Das Haus hatte sich bedeutend weniger verändert als der Garten. Wir haben es hier nur mit der Rückseite des Gebäudes zu tun, und auf die verwendet der gute, aber sparsame Bürger wenig oder gar nichts. Rückt ihm von der Straßenseite her dann und wann die Polizei von wegen Verwahrlosung und öffentlichem Ärgernis auf den Hals, so tut er, was er kann; aber das ist nie mehr, als er muß. Nach hinten hinaus hat ihm, Gott sei Dank, keiner was zu sagen, und so bleibt da durchschnittlich alles beim alten durch die Generationen, und der Regen wäscht und die Sonne trocknet; und die Vermalung und Verschalung, das Mauer- und Balkenwerk, kurz, alles, was dazu gehört, hält sich oder vergeht, wie es kann und gleichfalls muß. Diesem Prozeß war auch das Haus des Notars Rodburg durch alle Instanzen gefolgt, und bis jetzt schienen auch die neuen Bewohner wenig den rechten Willen zu haben, dem Verfall Einhalt zu tun; aber ein Gartenliebhaber schien der Herr Kriegszahlmeister Tieffenbacher im höchsten Maße zu sein. Das war aber auch gar nicht anders möglich; denn nur in einen wirklichen, wahren Zaubergarten hinein paßte die wunderschöne junge Frau und Dame, die er sich nach dem »langweiligen« Ilmenthal mitgebracht hatte, und zwar aus der allerromantischsten Ferne. Und das Schicksal hatte es natürlich gewollt, daß der Ilmenthaler Schuljunge die schöne Nachbarin den ersten Blick auf ihr neues Besitztum tun sah. Von seinem Fenster aus hatte er sie in seines Vaters Garten hineinschreiten und ihr langes Gewand sich nachziehen sehen, und der lateinische Autor vor ihm war die nächste Stunde hindurch darob sehr zu kurz in seinem Rechte gekommen, obgleich er zufällig grade Quintus Horatius Flaccus hieß und sonst eigentlich kein übler Poet für die Gelegenheit war. Die Frau stand und hielt in der Sonne die Hand über die Augen, ihr neues Besitztum betrachtend. Sie blickte über die Kohl- und Kartoffelanpflanzungen des vorigen Eigentümers hin, sie sah an den Hauswänden und Mauern der Nachbarschaft empor, und zuletzt sah sie auch zu dem blauen Himmel über ihr hinauf, wie der jugendliche Lauscher an seinem Fenster meinte. Er hätte dreist darauf schwören dürfen, daß sie recht verdrießlich die Zähne auf die Unterlippe setzte; er schwor aber auf nichts, was ihm die Illusion von höchster Anmut und Güte hätte stören können; er zitierte bloß mit klingender Seele aus dem klassischen Lyriker auf dem zerkratzten, zerschnittenen, dinte-überspritzten deutschen Schülerarbeitstische: »Intermissa Venus diu Rursus bella moves. Parce, precor, precor!« und das war sein vollständiges, wundervolles, eselhaftes Recht! ... O, was würden wir dem zahlen, der uns die unschuldige, wundervolle, auf Goldwolken über olympische Disteln herfallende Eselhaftigkeit des armen Jungen, und wenn auch nur auf eine sonnige Stunde an einem blauen Sommermorgen, zurückgeben könnte! In den ad usum scholarum edierten Ausgaben des alten Poeten fehlt stets diese erste Ode des vierten Buches; aber, gottlob, es sind auch noch andere Editionen in den Händen der schüchternen Jugend, und großen Schaden haben sie wirklich noch nicht angerichtet. Achtes Kapitel Sie war gewiß schön anzusehen gewesen von ferne für den jungen Menschen und war immerhin auch für den werdenden klimatischen Kurort eine noch ziemlich fremdartige Erscheinung – die neue Nachbarin des Brusebergers und der Witwe Schubach nämlich, die Frau des Kaiserlich Mexikanischen Kriegszahlmeisters Don José Tieffenbacher aus Bödelfingen in Transmönanien, am Kuhstiege zu Ilmenthal an der Ilme. Und sie stand dann so still wie eine Bildsäule in ihren Kleidern, die auch wie aus einer andern Welt waren und von denen der jugendliche Lauscher am Fenster sofort wußte, daß in solchen Gewändern eigentlich von Rechts wegen alle schönen Mädchen und Frauen stehen und gehen sollten! Dann war sie, was allem die Krone aufsetzte, vom Hause her von einer alten, bröckligen, rauhen Stimme gerufen worden, und zwar: »Romana!« und sie hatte geantwortet: »Vendré!« Ich werde kommen! ... Der arme Tropf am Fenster hatte seine Ohren am Kopfe immer heißer und länger gefühlt, und die sonderbare Schulterbewegung, mit welcher die Dame ihre Antwort auf den Ruf ihres Gatten begleitet hatte, war von ihm gänzlich übersehen worden. »Vendré!« wiederholte er, als die Frau Nachbarin die Treppenstufen, die in das Haus führten, wieder hinaufgestiegen und von neuem im Hause verschwunden war. »Je viendrai! ... Veniam! ... O, und – Romana! ... Wer doch jetzt spanisch verstände! Doña Romana – Tieffenbacher. Wie sie nur an den ganz gewöhnlichen deutschen Namen und an den alten guten Herrn, den Herrn Zahlmeister, gekommen ist? Käme er nicht so höhnisch in Wallensteins Lager vor, so wüßte man gar nichts von ihm. Gevatter Schneider und Handschuhmacher! Ja, und er sieht wirklich beinahe so aus, als ob er meines seligen Vaters Grundstück auch der Handwerksverwandtschaft wegen angekauft hätte. Romana – Romana! Ja, ich werde unbedingt heute noch den Doktor Drüding fragen, ob es sich nicht des Don Quijote wegen lohnt, Spanisch zu lernen, und ob er vielleicht eine spanische Grammatik in seiner Bibliothek hat! Nein, ich werde den Alten nicht fragen; er würde doch vielleicht nur ein dummes Gesicht machen und mir raten, fürs erste lieber noch allein bei dem dummen Latein und dümmern Griechisch zu bleiben und mich nicht noch mehr zu – zersplittern ...« »Und dieses mit vollem Rechte, mein Söhnchen, und nach seiner und meiner Pflicht und Schuldigkeit!« hatte es wie aus dem Brunnen aller Weisheit hinter dem in sein neues Zauberreich sich verlierenden jungen Mann geschnarrt, und der Bruseberger, beide Hände dem Pflegling auf die Schultern legend und ihn vom Fenster ab- und sich zukehrend, hatte merkwürdig überzeugend getan, als ob er nicht ebenfalls von seinem Arbeitstische aus die Frau Nachbarin weltverloren im Zusammenhange der Dinge in Betrachtung gezogen habe. »Aufs Spanische läßt uns der Herr Professor ganz sicher nicht los nach der Universität, Thedor. Und wenn wir wirklich, wie wir uns vorgenommen haben, nach Väterweise das Jus studieren wollen und mir in der Juristerei freilich manches hie und da recht spanisch vorgekommen sein mag, so glaube ich doch nicht, daß es ohne die schöne Sprache und den Ritter Donkischott beim ersten Examen absolut nicht geht, wenn auch der sonstige Apparat noch so sauber Bogen bei Bogen beisammen ist.« Wir wissen es, mit welch altem Gesicht des alten Juristen F. Rodburgs jüngster Sprößling in dieser Welt angelangt war: für das war's jetzt ein Wunder, was solch eine schöne, stattliche Nachbarin in den besten Jahren des Lebens auszurichten vermag. So kindlich, so jugendlich wie um diese Zeit seines Lebens hatte der arme Junge noch nie in die Welt hineingeschaut; und das beste dabei war, daß für alle Zeit etwas von dem rosigen, verschämten, glatten Schein an ihm hängenblieb. Es fiel mehreren schon damals auf. Florinchen Drüding merkte es, sagte aber nichts davon; sobald die Mutter Schubach es bemerkte, tat die ihren Gefühlen keinen Zwang an, sondern gab ihnen sofort Worte, freilich nicht ganz nach der richtigen Seite hin. »Na gottlob«, seufzte sie befriedigt, »endlich scheint doch das Futter und die übrige gute Verpflegung anzuschlagen. Beinahe hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, grade wie bei Ihnen schon seit einem Jahrhundert, Bruseberger, wie es mir vorkommt; – wenn ich nur wüßte, in was für einen Fettopf ich Sie noch setzen soll, um Ihr jetzt so trübselig verhuzzeltes Feldrübengesicht wieder zu schmälzen, ehe unser Herrgott nach seinem Rat uns von jedweder irdischen Verköstigung abberuft?! Sagen könnten Sie mir übrigens eigentlich jetzt bald, was für ein sonderbar Gesicht Sie mir seit Wochen und Monden in den Haushalt hinein schneiden.« »Kann ich denn dafür, wenn Ihre Ideen diesmal nicht die meinigen sind, Meisterin?« brummte der Bruseberger. »Ich weiß es ja selber, daß es nur eine Dummheit ist, wenn es nicht sonst rundum anfinge zu spuken. Es wird wohl so sein müssen: wenn einer Gespenster sehen soll, so sieht er sie auch am hellen, lichten Mittage, und das ist vielleicht mein Fall, Meisterin; und wenn er zuerst nicht darauf merkt, so kommt das doch entweder plötzlich oder nach und nach, und nachher kann er selber als ein Gespenst umhergehen in einer ganz andern Weh als der ihm bisher bekannten. Nämlich, Meisterin, wir sind in eine andere Welt hingeraten, und diesmal ist das ganz nach und nach gekommen; aber gekommen ist es! Wir sind aufgebraucht, Witwe Schubach – Alt-Ilmenthal ist aufgebraucht; – es ist eine neue Zeit über uns gekommen, und tagtäglich kommen neue Menschen. Sie gehen nicht vom Kuhstiege herunter, Meisterin; aber schiebe ich meinen Karren zu den Jahrmärkten durch den Wald und über die Berge, so merke ich es auf jeglichem Schritte, daß wir nicht mehr allein mit uns hier an der Ilme sind. Neue Wege! Neue Gesichter! Neue Baulichkeiten! ... Es geht nicht mehr von Nachbar zu Nachbar – es geht mächtig, sozusagen, von Erdteil zu Erdteil. Wenn ich schon mit der Wissenschaft ordentlich dran und drein könnte, so hatte es wohl nicht soviel zu sagen für mein Gemüte; aber vorerst arbeite ich noch und strapaziere mich mit der Einbildungskraft allein dran ab, und das ist der Teufel! ... Manchmal vermeine ich, es ist selbst die alte Luft nicht mehr, die ich atme; – sie haben schon zuviel Broschüren und Prospekte darüber ausgehen lassen! Meisterin, das Kind wird nicht fett und glatt und glänzend von dem alten guten Fettopf der Mutter Schubach: die neuen Menschen und Nachbarschaften gefallen ihm nur zu gut, und das ist der richtige Zusammenhang der Dinge, daß das, was den einen jung und jünger macht, den andern um so mehr auf seine Wackelköpfigkeit und Knickebeinigkeit bringt und auf die Veränderung alles Irdischen. Soll mich nur noch wundern Meisterin, wann Sie anfangen werden, mit mir zu überlegen, ob wir nicht auch ein Stockwerk aufs Haus setzen sollen von wegen der Aufnahme von fremden Gästen!« »In unser Oberstübchen haben wir dergleichen wohl schon aufgenommen!« rief die Mutter Schubach. »Da sollte man ja wirklich sich gleich seinen eigenen Kopf abnehmen und ihn bei sich hinlegen und fragen, ob dieses denn möglich ist?! Auf seinen Schultern traut man dem altgewohnten Ilmenthaler Verstandskasten wahrhaftig nicht mehr in seinen Fähigkeiten, Meinungen und Ideen! Und dieses ganze Präambulum pur, weil die alte gelbe Zigeunerschachtel da nebenan uns ins Rodburgsche Anwesen so nahe auf den Leib gezogen ist! Natürlich strapaziert sich alles, was 'nen Zettel als Phantastikus mit auf den Weg gekriegt hat, mit der Einbildung dran ab und reimt sich, jedes nach seiner Manier, seine Komödie draus zusammen. Was Sie da von dem neuen Leben und von der neuen Mode sagen, die über Ilmenthal gekommen sind, Bruseberger, so meine ich ganz ruhig: meinetwegen. – Weshalb soll denn Ilmenthal nicht auch probieren, was so manchem andern Orte geglückt ist? Daß hier bei uns in vorigen Zeiten nicht jeder auf Flaumenfedern gelegen hat, ist sicher, und Hunger und Not haben wir in unserer idyllischen Einsamkeit zeitweilen sattsam ausgestanden. Vielleicht wird's nun besser, und daß dem hiesigen Handwerksmanne ein besser Geschäft zu gönnen ist, das ist meine vollständige Meinung, Ansicht und Idee. Gespenster sehe ich hieraus gar nicht, und bauen sie uns nach Ihrem Zusammenhange der Dinge, Bruseberger, eine Eisenbahn bis da unten in den Ilmegrund hinein, so soll mir auch das ganz recht und angenehm sein. Wenn ich auch nicht viel vom Kuhstiege heruntersteige, wie Sie richtig bemerkt haben, Bruseberger, so sähe ich so ein Ding doch auch für mein Leben gern. Das aber mit unserm Primanerchen, unserm Thedor, ist nun die reine, klare Dummheit, und es ist eigentlich nur närrisch, daß wir zwei, wie Sie ganz richtig sagen, Wackelköpfe und Knickebeine nur ein Wort darüber in den Mund nehmen. Ich kenne auch eine, Bruseberger, die Sie in Ihren Dummenjungensjahren auf den Knieen hätten anbeten mögen, und – gut 'n paar Jahre war sie damals auch älter als Sie, Alter. Mein Seliger hat mir damals manchmal den Ellbogen lachend in die Seite gestoßen – nun, ich bin jetzt eine alte Frau und kann drüber reden, wenn es Sie nicht scheniert, Bruseberger. Und die Person da drüben nebenan taxiere ich auf gut zwanzig Jahre älter als das Kind, und der Herr Kriegszahlmeister ist wirklich ein recht netter alter Herr, was er auch vordem in fremden Landen gewesen sein mag. Und ein Pflanzengelehrter wie der Herr Doktor Drüding ist er auch, und auch der lobt ihn recht – danach habe ich mich erkundigt. Und der Herr Zahlmeister hat mir über den Zaun auch schon Thedor gelobt und ihn für einen recht netten Jüngling erklärt. Sie sind auch schon alle zusammen, Fräulein Florine und unser Thedor, Herr Tieffenbacher und der Herr Doktor Drüding, in den Wäldern auf der Gewächsejagd gewesen, und während der Zeit haben Sie hier in der Werkstatt und drunten am Zaun das Reich allein gehabt und haben ziemlich angestrengt nach der kuriosen gelben Frau Nachbarin ausgeschaut, Bruseberger; und ein bißchen könnten Sie doch auch auf meine Eifersucht Rücksicht nehmen, Sie alter Sünder; denn nachher wird es Ihnen doch nur blutwenig bei mir helfen, wenn Sie sich auch noch so sehr hinter Ihrer Philosophie und Studien und Wissenschaften verkriechen und alles auf Ihre Fürsorge um das arme Kind und das Wohl von dem unglücklichen, aus dem Geleise kommenden Alt-Ilmenthal schieben.« Sie schob sich hiermit, wie das arme Kind, Herr Theodor Rodburg, sich ausgedrückt haben würde in seinem Schülerrotwelsch und »Fräulein« Florine Drüding als Tochter ihres schulgerechten Vaters ebenfalls. Den festen Entschluß, ihrem gesamten Hauswesen fernerhin womöglich noch viel schärfer als zuvor auf die Schliche zu passen, nahm sie mit; und der Bruseberger erklärte sie, halb lächelnd und halb weinend in seinem Nackenhaar krauend, für eine »Ilmenthalerin, der die auswärtige Welt wahrscheinlich nichts weiter zuzulehren vermöge«. Für uns geht aus dem allen hervor, daß die Flut, von der schon mehrfach die Rede war, jetzt da ist und daß die Wellen bis zu dem Kuhstiege hinauf und dann und wann darüber wegschlagen. Damit aber wird's die höchste Zeit, daß wir endlich etwas Genaueres darüber mitteilen, was dieser »Kuhstieg« eigentlich bedeutete. Es ist eine Häuserreihe, die sich auf dem rechten Ufer der Ilme bis zur Berghöhe hinaufzieht. Die Straße bildet zugleich einen Teil der Chaussee, die tiefer in das Gebirge führt, und wird nach dem Talabhang zu von einer niedrigen, ziemlich verwahrlosten, moos- und grasbewachsenen Mauer begleitet und geschützt. Man hat von den Türtreppen und dieser Straßenmauer aus einen wunderhübschen Blick auf die im Tal liegenden Stadtteile und die auf dem linken Ufer des Flüßchens den Berg hinankriechenden Gassen, Gärten, Dächer und Schornsteine. Auch auf das erste große moderne Hotel, das eben frisch erstandene Bellavista! Die Gärten der Häuser am Kuhstiege sind sämtlich auf dem Plateau des Berges, also von der Straße abgekehrt, gelegen und, wie wir wissen, von einem Gewirr anderer Menschenwohnungen umgeben. Es war sicherlich wirklich eine Kuh, die vor Urzeiten sich ihren Stieg von den ersten Ansiedelungen im Tal zu dieser Höhe und kleinen Ebene emporbahnte; die Menschen haben nachher nur den Weg etwas breiter getreten, zuerst ihre Köten, dann ihre Lehmhütten und zuletzt ihre Fachwerkhäuser dran aufgerichtet. Mit den letzteren haben wir es bis jetzt noch zu tun, in der Erwartung, daß auch sie demnächst abgelöst werden, und zwar durch gotische und Renaissance-Steingebäude, und daß man nicht mehr von den bescheidenen Bänken an der Tür, sondern vom hohen und eleganten Balkon auf das Rauschen der Ilme im Tal hinabhorchen werde. Es ist eben der letzte Augenblick der hübschen Idylle! Wir halten nichts auf, was kommen soll und muß, und möchten höchstens den wohl einmal sehen, der das könnte! Solange sich das Gute und Behagliche gibt, nehmen wir's; und ist es vorbei damit, nun, so sehen wir uns nach einem andern Halt im veränderlichen Dasein um, wie die Mutter Schubach sagt. Keiner kriegt's ja doch anders fertig, und wer's probiert, ist noch nimmer mit seinen Mühen, Sorgen und Ängsten auf die Kosten des Vergnügens und Behagens, das er sich von dem festgehaltenen Zustande fernerhin versprach, gekommen. Auch der Bruseberger, wenn er mit der »Wissenschaft« und nicht mehr bloß mit der »Einbildungskraft« der »Sache nähergetreten ist«, ist dieser Meinung, und der Bruseberger ist ein kluger Mann, ein weiser Mensch! Da sitzen wir auf der Treppenbank vor der Haustür der Mutter Schubach am Kuhstiege. Der Mond steht hoch über dem Gebirge an dem schönen Abend. Die letzten Heuwagen sind von den Waldwiesen her, die Fahrstraße hinab, knarrend, mit gesperrten Rädern zu Tal passiert, doch der Heuduft bleibt fast betäubend in der Luft hängen. Auf der Brüstung der Chaussee hocken die Kinder des Kuhstiegs und lassen ihre meist nackten Beine und Füße auch zu Tal über die Mauer hängen. Drunten rauscht viel lauter als bei Tage die Ilme zwischen den Menschenwohnungen – von dem Mühlenwehr, wo sie um die Waldecke kommt, ist sie ganz außerordentlich deutlich zu hören. Es ist wirklich, als ob sie ein anderes Geräusch möglichst zu überbieten versuche, den Jacques Offenbach nämlich, die Wiener Walzer und Berliner Märsche von Bellavista her. Ja, es ist Konzert in Bellavista, und das erste Feuerwerk der »Saison« dazu! Tzrrrr! Da zischt es auf aus dem Wirtshausgarten drüben am andern Ufer der Ilme, zieht einen feurigen Strich über den unschuldig klaren Mondnachthimmel und schüttelt hoch oben den gewohnten Regen von blauen, roten und grünen Leuchtkugeln aus! Die kleinen Zaungäste an der Chausseebrüstung begleiten das neue Gratisschauspiel mit hellem Jubelgeschrei, und die Alten auf den Bänken vor ihren Türen halten auch lächelnd die Hände über die Augen, um das Phänomen so genau als möglich durch das Mondlicht verfolgen zu können, und warten mit ebenso großer Spannung wie die Kinder auf das nächste Wunderstück. Ein Wunder ist es wohl nicht, wenn nun über den kurzen Maserpfeifen und den Strickstrümpfen von Nachbarschaft zu Nachbarschaft die Rede darauf kommt, wann das Kurhaus, zu dem man nächste Woche den Grundstein legt, fertig sein wird und wer »aus unserer Straße« von der Bürgerversammlung letzte Weihnachten in die Kommission für die Verschönerung der Umgegend gewählt worden ist. Ein Wunder ist's gleichfalls nicht, wenn unter solchen Umständen von Zeit zu Zeit einer oder eine aus der Gevatterschaft auf die helle Straße, den Kuhstieg, hinaustritt und unter dem Vorwande, den Topf voll Frösche drüben in Bellavista genauer zu sehen, verstohlen nach dem weiland Rodburgschen Hause hinauflugt und sich vergewissert, ob die mexikanische Dame da noch immer so bewegungslos an dem einen offenen Fenster sitzt und der Herr Kriegszahlmeister Tieffenbacher so gemütlich an dem andern. Wenn die rechten Wunder kommen, merken gewöhnlich wenige im ersten Augenblicke darauf, sondern die meisten erst fünf Minuten oder fünf Jahre später; im gegebenen Augenblick und auf der Bank vor der Tür der Mutter Schubach war das letztere freilich nicht der Fall. Sie hatten es sofort heraus, als jetzt, an diesem holden Mondscheinabend, eine wirkliche, echte und gerechte Merkwürdigkeit geschah, von der keiner eine Ahnung gehabt hatte als vielleicht der Bruseberger, und auch dieser höchstens seit einigen Tagen. Nämlich es kam ein Herr langsam den Kuhstieg hinaufgeschlendert, ein Fremder, der gar kein Interesse an dem, was zu seiner Rechten vorging, also den Walzern, Märschen, Ouvertüren, Raketen, Schwärmern und Fröschen, nahm, aber ein desto innigeres an all den Häusern, Gartenmauern, Fenstern, Treppenstufen und Plauderbänken zu seiner Linken. Er kam aus dem neuen Hotel Bellavista und hatte sich daselbst als Captain Redburgh from Mobile U.S. in das Fremdenbuch eingetragen und seit ungefähr vierzehn Tagen unter diesem Namen und Titel dort gewohnt. In einem weißen Sommerkostüm stieg er langsam herauf durch den silbernen Mondschein und warf einen hübschen, breitschultrigen, bläulichen Schatten auf den weißen Kuhstieg; und da er den breitkrempigen Strohhut in der Hand trug, so leuchtete auch seine hohe Stirn, die mancher dreist eine Glatze hätte nennen können, hell durch den Abend. Es war nicht das geringste von Unheimlichkeit an dem muntern Vierziger mit dem immer noch rein blonden Löckchenkranz um die Schläfen und den Hinterkopf und dem jovialen jugendlichen Angesicht. Als er seine Zigarre abschnippte und einen kleinen Regen von glühen Funken zur Seite hinstreute, hatte auch das nicht das mindeste von Diabolischem an sich. Daß er ein wenig zu schwitzen schien und sich mit einem weißen Taschentuch den Vorderhals trocknete, war einzig und allein auf den warmen Abend zu schieben und wahrlich nicht etwa auf eine andere bedenklichere Glut und Feueranlage aus der Tiefe. Was von Inkognito an ihm war, gab er sofort unbefangen und wie selbstverständlich auf, sobald er sich der Hausbank der Witwe Schubach gegenüber befand. »Guten Abend, Nachbarschaft!« sagte er, traulich den einen Fuß auf die zweite Treppenstufe stellend. »Guck einer, wie nett, die beste Freundschaft da noch ruhig und behaglich sitzend zu finden, wo man sie vor zirka zwanzig Jahren sitzen ließ! Ja, es ist richtig, Bruseberger: Sie haben sich neulich und vorgestern nicht geirrt, als Sie mir da drunten in dem alten guten Nest und da drüben vor dem Hotel begegneten und einen Geist zu sehen glaubten. Ihr An- und Nachstarren sprach jedenfalls für ein gutes Auge Ihrerseits und eine erfreuliche gute Konservierung meinerseits. Ja ja, liebster alter Freund und neighbour, ich bin's – bin der Räuber Jaromir, und der liebe, biedere Kuhstieg darf dreist das gemästete Kalb aus dem Stalle vorholen und nach dem Nachbar Brumme, dem Metzger, schicken.« »Der amerikanische Herr aus dem Bellwasistda!« murmelte ratlos die Mutter Schubach. »Und der alte Brumme! Der ist ja seit zehn Jahren tot am hitzigen Rheumatismus! ... Lieber Herr, wenn Sie mir sagen wollen, mit wem ich die Ehre –« »Lieber Herr? Ehre haben? Ach, mother Hubbard – wollt ich sagen: Mutter Schubach, verstellen Sie sich doch nicht. Oder – da, nehmen Sie sich ein Beispiel an dem Bruseberger. Der hat mich gleich erkannt, wenn er jetzt auch noch tut, als ob der Atlantische Ozean dreimal genommen noch zwischen uns läge. Der junge Herr hier rückt wohl ein wenig zu; – ein Viertelstündchen möcht ich doch mal wieder mit euch hier auf der alten Bank sitzen und die Ilme drunten plätschern hören. Wer in der Nachbarschaft hat Ihnen denn vor Olims Zeiten mehr täglichen und nächtlichen Verdruß und Ärger aus nachbarschaftlicher Zuneigung und Freundschaft gemacht als der Nichtsnutz, der Tagedieb, der heillose Schlingel, der Satansjunge, des Nachbars Rodburgs Galgenstrick, das Alexchen ... Alexander Magnus vom Kuhstiege, wie sie drunten auf dem Gymnasiumshofe sagten! Alexander der Erzschelm, der böse Rodburg, wie sich der Kollaborator Drüding ausdrückte.« »Ach du meine Güte!« ächzte die Mutter Schubach. »Thedor!?« schrie sie, zur Seite nach dem Arm ihres Schützlings fassend; aber Theodor Rodburg war nicht nur auf der Bank zugerückt, er war aufgesprungen und stand zitternd und sprachlos neben dem Bruder im stillen Ilmenthaler Mondenschein. Neuntes Kapitel »Seht ihr? Da sitzen wir!« sagte lächelnd, aber nicht unzärtlich der ältere Bruder. »Ich wußte es ja, daß wenigstens für ein paar angenehme Sommerabende der alte Platz wieder mir gehören würde!« Er hatte den jüngern Bruder freundlich niedergesetzt auf die altnachbarschaftliche, treuherzige Steinbank und saß nun neben ihm und hielt die zuckende Hand des erschütterten Knaben sanft fest und tat sein möglichstes, ihn zu beruhigen, und wußte die besten Mittel dafür anzuwenden, indem er alles so selbstverständlich als möglich nahm und hinstellte. »Eigentlich war es unrecht von mir«, sagte er. »Hatte mir auch vorgenommen, mich einmal ganz behaglich bei hellem Tageslicht zu demaskieren, und weiß wirklich nicht, wie sich dies nun eben so ganz von selber arrangiert hat. Ja, es ist richtig, Kleiner, ich bin der verlorene Sohn vom Kuhstiege, dein großer, das heißt älterer Bruder Alexander, und ordnungsmäßig in hiesiger Hauptkirche auf diesen Namen getauft. Und du bist also unser Theodor? Bist freilich so spät im Jahr in diesem Jammertal angelangt, daß dir meine Vorexistenz und mein mögliches Noch-Vorhandensein unter den Lebendigen als etwas recht Nebeliges erscheinen durfte. Aber der Bruseberger und die Mutter Schubach können's mir und dir bezeugen, daß ich um ein erkleckliches zu früh für die Verwandtschaft und Nachbarschaft hier am Platze ankam. Einen lieblichen Duft habe ich wohl nicht hinterlassen, als auch ich es eines schönen Tages nicht länger in Ilmenthal und unter den lieben Leuten drin aushielt und Abschied nahm, ohne Lebewohl zu sagen. Die zwei Hauptingredienzien, die zu einem biedern, gesunden Ilmenthaler Bräu gehören, sollen damals vollständig an mir verloren gewesen sein. Well, der Bruseberger wird dir ja wohl allerlei davon erzählt haben.« »Der Bruseberger hat gar nichts erzählt, Herr Rodburg«, sagte der Bruseberger mit kurioser Trockenheit; und wir haben zu konstatieren, daß ihm die Pfeife bei dem merkwürdigen Abenderlebnis nicht ausgegangen war. Freundlich klopfte ihn Herr Alexander Rodburg auf die Schulter: »Sie waren, sind und bleiben ein Prachtmensch, lieber alter Freund! Aber Sie, Mutter Schubach, haben Sie dem kleinen Theodor gar nichts im Guten und im Bösen von seinem Taugenichts von älterm Bruder erzählt? Es war doch Ihre Idee vor Jahren, daß man über den Alex, des Notars Rodburgs nichtsnutzigen Halunken, nimmer ein Ende finden könne, wenn man da einmal angefangen habe, sein Garn zu spinnen.« »Jeses!« rief die Mutter Schubach, auf der Stelle jetzt den rechten Ton und auch sonst das Richtige treffend, »was meine Idee damals war, das mag auf sich beruhen bleiben; aber Herr Rodburg, Herr Alexander oder Herr Kapitän, wenn Sie wirklich und wahrhaftig unser durchgegangener Alex Rodburg vom Kuhstiege sind, und ich glaube es schon, so ist heute abend meine Meinung von der Sache, daß Sie gradeso – gesund wiedergekommen sind, wie Sie Abschied genommen haben. Dieses erkenne ich schon an der Sprache, und wenn Sie's mir erlauben werden, so will ich Sie morgen mir bei Tageslichte auch von außen ein bißchen genauer drauf ansehen. Das Mondlicht täuscht einen hierin gewöhnlich um die halbe Wahrheit.« »Alles wie vor einem Vierteljahrhundert – auch an Ihnen, Mutter Schubach!« rief Mister Redburgh entzückt, und dann wendete er sich von neuem zu dem Bruder. »Lieber Junge, so fasse dich doch! Es tut mir wirklich leid, daß ich dich so verblüfft habe und daß die Szene so melodramatisch geworden ist. Ich hatte ja nur auf das Temperament meines alten braven Freundes, des Brusebergers, dabei gerechnet. Es ist mir weiß Gott eine große Freude und Beruhigung, noch einen mit unserem Namen und aus dem alten Hause da nebenan hier auf der Bank und unter der guten alten Nachbarschaft zu treffen! Ja, morgen bei Tageslicht! Die Mama Schubach hat ganz recht, morgen bei Tageslichte werden wir die besten Freunde und Brüder werden, Bruder Theodor! Was mich anbetrifft, so sehe ich freilich auch jetzt schon beim Ilmenthaler Mondenschein ganz genau, daß du mir ungeheuer gefällst, Brüderchen.« »Es ist Ihr Herr Bruder, Herr Theodor!« sprach der Bruseberger, nun seinerseits seinem Mündel die wackere, treue, ehrliche Hand auf die Schulter legend. Er sagte es ganz ohne Jovialität, ja mit ungemeinem Ernste, und er schien es sich erst sehr genau überlegt zu haben, ehe er seine Meinung abgab. Der junge Mensch und Zögling aber brach trotz seiner römischen Klassiker in ein lautes, krampfhaftes Schluchzen aus und fand für den Ausdruck seiner Gefühle nichts anderes als die Schülerredensart: »Es, es – es ist – zu – großartig!« ... »Das ist es!« lachte der Senior. »Aber nun bitte ich dich, little fellow, und euch alle, ihr lieben braven Freunde und alten guten Bekannten, von neuem, die Hand am Ruder zu behalten. Großartig ist es, aber hübsch ist es auch – von mir – von dir, Theodor – von euch, Nachbarschaft – von der gütigen Vorsehung. Daß wir hier auf einmal so gemütlich sitzen, meine ich! Und nun geben Sie mir endlich auch die Hand, Mama, und decken Sie alle alten nachbarlichen Dummenjungensstreiche mit dem Mantel der Ilmenthaler christlichen Liebe zu. Ach Himmel, wie oft hab ich in meiner unschuldigen Kindheit erst vorsichtig um die Ecke gekuckt, ob die Luft von Ihnen rein war, Mutter Schubach! Zu Ihren Lieblingen am Kuhstiege und zu ihren Mustern von guten Beispielen gehörte ich freilich selten.« »Haben es auch nicht immer danach gemacht, Herr Rodburg«, meinte die gute Frau, ohne sich lange auf diese Antwort zu besinnen. »Habe mir dafür aber auch fest vorgenommen, alles damals Versäumte jetzt nachzuholen!« rief Herr Alexander fröhlich. »Da! schlagen Sie ein!« Und die Alte tat es: »Na, denn in Gottes Namen, und es soll ein Wort sein! Nämlich wenn Sie eben Ihr letztes so meinen wie ich. Na, na, freuen kann es einen schon, wenn man dieses alles jetzo mit Ruhe zusammenfaßt. Nicht wahr, Bruseberger? Und Sie, Theodor, nehmen Sie's nun auch, wie der Bruder anrät und ich mich allgemach befleißige – mit möglichster Ruhe. Es ist nämlich meine Idee, daß man damit immer am weitesten kommt, zumal wenn man dazu sich sagt, daß morgen auch noch ein Tag ist.« Es war morgen auch noch ein Tag, und dies war nicht nur eine Beruhigung, sondern ein großes Glück, zumal für den jüngern Bruder. An diesem Abend kam er wahrlich noch nicht zu der wünschenswerten Fassung über die unerhörte Veränderung, die in seinem Dasein sich zugetragen hatte. An diesem Abend blieb es wie ein Traum, und in einem solchen antwortete er, wenn er angesprochen wurde, und hörte er den Bruder lachen und mit den Hausgenossen reden und plaudern von Tagen, in denen er, Theodor Rodburg, noch nicht in der Welt vorhanden war. Zur Beruhigung seiner Nerven trug es auch kaum etwas bei, daß sich allgemach, den Kuhstieg entlang, vor den Haustüren das Gerücht von dem verbreitete, was eben bei Schubachs passiert war, und daß jedermann natürlich sich berechtigt und verpflichtet fühlte, das Genauere darüber persönlich einzuholen. Zuerst standen sie wohl, jung und alt, Männlein und Weiblein, ein wenig scheu und blöde von fern, allein dies dauerte nicht allzulange; und das heimgekehrte Stadtkind tat auch das Seinige nach Möglichkeit, die Schüchternheit zu heben. »Das ganze Dorf versammelt sich!« summte er wohlwollend, und sie fanden schnell heraus, daß er immer noch ein umgänglicher Mensch war. Es kann dabei nur von denen die Rede sein, welche ihm noch in seinen umgänglichsten Flegeljahren sehr häufig alles mögliche von ärgerlichen Worten, Knitteln und Holzpantoffeln nachgeworfen hatten; er aber reichte allen, die er wiedererkannte und deren Name ihm genannt wurde, leutselig die Hand und fügte sofort nicht ohne Schelmerei eine auf das spezielle Individuum allein passende Lebenserinnerung bei. Als dann aus der guten Nachbarschaft zuletzt schüchtern die Erkundigung kam, wie es ihm denn eigentlich ergangen sei in den vielen Jahren seit seiner Abwesenheit vom Kuhstiege, antwortete er hell und kurz: »Ausgezeichnet! Ganz nach Verdienst. Wie denn sonst, Nachbar Quilleberg?« Währenddem war aber der Mond seinen Weg weitergegangen. Wenn er eben noch auf den äußersten Spitzen des Tannichts auf der Bergeshöhe über dem Hotel Bellavista schwebte, so sank er jetzt schon in den schwarzen Wald hinein, und ein Kanonenschlag beendete ziemlich um die nämliche Zeit das Feuerwerk im provisorischen Kurgarten drüben, jenseits der Ilme. »Auch ein Trost, wenigstens für die heutige Nachtruhe der friedlichen Heimat«, meinte der Gast des neuen großen Hotels und erhob sich von seinem Platze. Es schien, als wolle er ziemlich in derselben Weise gute Nacht sagen, wie er vorhin guten Abend gesagt hatte, als noch etwas dazukam, was ihn wenigstens für einige Augenblicke noch aufhielt. Es war eine Stimme aus seinem Vaterhause. Eine im Gesang nicht üble, eine recht laut klingende Frauenstimme begann darin zu singen. Die fremdartige, etwas melancholische, volksliederartige Weise schien jetzt in der stärkern Sommernachtsdämmerung sofort Ihr Recht nehmen zu wollen gegenüber der Blech-Tanzmusik von der andern Seite des Tals. »Aber Sie wollen doch nicht – auf diese Art – schon aufbrechen, Herr – Alexander?« fragte die Witwe; doch der ältere Bruder Rodburg legte ihr die Hand auf den Arm: »Bitte nur einen Augenblick, Mama!« Sie horchten nun sämtlich auf den Gesang, und Theodor Rodburg sagte: »Es ist die Frau Romana.« Selbst in seinem jetzigen, noch immer sehr unzurechnungsfähigen Seelenzustande hatte er immer noch ein Stück von ebenseiner Seele für die neue Nachbarin über. »Hm«, sagte Bruder Alex, und nach einigem weitern Lauschen meinte er, gegen den Bruseberger gewendet: »Auch etwas, was die alte Höhle und die Familie Rodburg ihrerzeit nicht leisten konnten. Nicht wahr, Alter, ich war noch der einzige, der das melodische Organ hatte, dann und wann die Werkstatt und die Küche der Mutter Schubach in das helle Elend hineinzuflöten? Well, eines nach dem andern! Die Dame da singt übrigens recht nett für den schönen Abend.« Die singende Stimme brach ab, als ob ihr jemand dreingesprochen habe. Herr Alexander zuckte die Achseln und griff nun nochmals nach beiden Händen seines wiedergefundenen jüngsten Bruders: »Also, auf ein frohes, fröhliches Wiedersehen morgen früh bei Tageslicht! Lieber Kerl, wir haben ja gottlob noch längere Jahre zum Austausch unserer Gefühle vor uns. Jetzt aber halt mich meinetwegen für einen verrückten Engländer oder sonst was – ich habe wirklich nicht länger Zeit. ›Für diesmal bitt ich hoch und höchst‹ ... wie heißt es doch weiter in eurer alten Scharteke? ›Eine Wassermaus und eine Kröte‹ – na, na, literarisch habe ich mich freilich nicht die letzten Jahre hindurch viel beschäftigen können; aber freuen werde ich mich grade deshalb desto unbändiger, dich wahrscheinlicherweise als den Gelehrtesten der alten braven lateinischen Zuchtanstalt da unten vorzufinden. Wenn du alles ausgelöffelt hast, was ich an Weisheit, Griechischem und Hebräischem bei meinem Abgang im Topfe ließ, dann bist du unbedingt ein gelehrtes Ungeheuer.« Er war wirklich so gegangen, und die andern waren in der Dunkelheit auf der Schwelle ihres Hauses geblieben. Die Mutter Schubach gebrauchte ein ziemlich ärgerliches Wort; aber der Bruseberger, der die letzte Zeit hindurch doch kalt geraucht hatte, nahm sanft die Hand seines Schutzbefohlenen und nannte ihn ausnahmsweise einmal wieder du, als er ihn ins Haus hineinzog und nach augenblicklich noch geltender Ortssitte die Tür Punkt zehn Uhr schloß. »Ich habe noch eine Ausnahmsarbeit für ein Stündchen in der Werkstatt, Theodor. – Kannst mir dabei noch ein bißchen Gesellschaft leisten. Morgen ist ja doch Sonntag, und du kannst ausschlafen – wenn du es kannst.« Die letzten Worte murrte der alte Philosoph vom Kuhstiege freilich sehr »hinter den Zähnen«. Zehntes Kapitel Ein Sonntag war's am andern Tage, und in die Schule brauchte der Schüler nicht zu gehen, ging aber doch hinein, und zwar in eine, in welcher er bis jetzt noch nicht gewesen war, wenigstens mit vollem klaren Wissen von einer solchen. Sie, diese Schule, fing auch schon vor dem neuen Tage an, und zwar in der Werkstatt des Brusebergers, und die Mutter Schubach beschnitt ihre nötige Nachtruhe gleichfalls um ein tüchtig Stück, der notwendigen Erfahrung halben. Die Lektionen zogen sich ziemlich bis in den Morgen hinein; denn der Bruseberger erzählte jetzt wirklich zum erstenmal dem Bruder von dem Bruder und zog die Moral oder das Fazit treu und ehrlich, wie er es für seine Pflicht hielt. »Wenn ich dir sagen würde, daß mir dieser Zusammenhang der Dinge von Herzen gefiele, so löge ich«, meinte er. »Er hat recht, ich habe ihn wohl erkannt, als ich ihm neulich zufällig auf der obern Ilmebrücke begegnete. Er hat sich ebensowenig von seinen Jungensjahren an verändert wie du, Thedor. Jeder in seiner Weise. Dieses meine ich körperlich, aber leider schwant mir, daß ich es auch geistig meinen darf. Es steckt noch die alte Schadenfreude in ihm wie vor Jahren, und das ist das Schlimmste, was dem Menschen mitgegeben werden kann. Heute abend hatte er seine Lust an unserer Verblüffung; aber woran wird er sie morgen haben? Er ist sicherlich nicht, bloß um uns einen guten Tag zu wünschen, jetzt aus der Fremde hierhergekommen. Sein gerichtlich Vermögensanteil liegt auch noch auf dem Rathause; aber das kann ihm nicht die Hauptsache sein, sonst würde er schon längst darum geschrieben haben. In den Zeitungen ist er auch oft genug berufen worden, und so arg hat er's doch mit niemand von uns hier am Kuhstiege und selbst mit deinem seligen Herrn Vater nicht gemacht, daß er nicht mal hätte von sich schreiben können, wenn es ihm durch seine Besserung und sein Glück gut ging in der Fremde. Nun ist er freilich zurückgekommen, als verstünde sich das ganz von selber, und auf die alte Art tut er, als ob er es sich nicht einmal einzubilden brauche, daß auch einmal ein Mensch eine Sache anders ansehen könne als er. Die Weise besticht im ersten Anfang jeden auf Erden, und ich verdenke es dir gar nicht, Thedor, daß sie dir als etwas hier in Ilmenthal doch Ungewohnteres recht gefällt. Aber, Kind, Kind, es wird nur leider Gottes zuviel Komödie gespielt in der Welt, auch unter den besten Freunden und den nächsten Verwandten. Wäre er anders zu dir gekommen, wäre er vom Postwagen nach dem Kuhstiege gekommen, hätte er dich nach dem Hotel Bellavista hinzitieret eine Stunde oder einen Tag nach seiner Ankunft, so wäre ich ein richtiger Lump und erbärmlicher Tropf, wenn ich dir jetzo diese Vorhaltungen machte; – aber so – es ist schlimm und sehr traurig – traue ich ihm über keinen Weg, den er geht oder kommt, hinüber. Und du, mein armer Junge, der du ihn gar nicht kennst, hast leider die vollste Berechtigung, dich vor ihm zu hüten wie vor jeglichem Fremden, der dir urplötzlich seine Zuneigung und Brüderschaft in seinem eigenen Interesse erklärt.« »Aber Gebrüder sind und bleiben es doch nun einmal, Bruseberger!« meinte die Mutter Schubach mit einem mitleidigen Blick auf ihren Schützling. »Und Bruseberger, so von vornherein das Absprechen hat auch schon manch einen grundgescheuten Menschen manchmal zu einem falschen Propheten gemacht. Daß Sie ein gelehrter Professionist für Ihren Stand sind, weiß ich so gut wie Sie; aber das ganze Weltall wird uns doch auch noch nicht gedruckt zum Planieren, Binden und Broschieren ins Geschäft gegeben. Also so sage ich wiederum: abwarten! Und damit ist es jetzo wirklich Zeit geworden, daß wir uns so vertrauensvoll in unsern Herrgott als möglich ins Bett packen. Es sieht manches bei der hellen Sonne anders aus als beim Monde oder dieser Öllampe hier, und das will ich noch sagen: wenn ich dran denke, wie er weglief und wie er vorhin trotz seiner Jahre hübsch und stattlich dastand und gemütlich redete, so weiß ich doch nicht recht, wie Sie sofort zu all Ihren trübseligen, grausamen und angstvollen Redensarten kommen, Bruseberger.« »Fein genug sieht er aus«, brummte der Alte. »Wenn er eben nur nicht zu fein für uns ist, wie er früher zu grob für den Kuhstieg war. Jetzt freut's mich mehr denn je, daß auch der Herr Professor Drüding noch in der Welt ist. Den werden wir wohl jetzt noch häufiger denn sonst um seine Ansicht fragen müssen. Na, wundern wird er sich jedenfalls nicht weniger als wir ob der unerwarteten Visite und sich auch erst ein bißchen gewöhnen müssen an diesen neuen Zusammenhang der Dinge« – Die Sonne des neuen Tages verscheuchte wirklich einen ziemlichen Teil der Befürchtungen, Sorgen und mißtrauisch-kleinstädtischen Gedanken. Den Schüler erweckte sie aus einem Traum, der ihn weit hinweggeführt hatte über die Grenzen seiner Kindheitsgegend. Es war wieder einmal ein Traum aus seinen jungen Robinson-Sehnsuchtstagen gewesen, und der Jüngling immer zu Schiff darin – auf grenzenlosem, lichtem, blauem Meer mit einem unbekannten seligen Ziel in der Ferne. Als er dann erschreckt aus dem Bette sprang, konnte er es kaum fassen, daß die Nähe um ihn her fürs erste noch ganz und gar unverändert geblieben war in seinem »Studio«. Tisch und Stuhl, Lexikon und Grammatik, Tacitus und Thucydides, Cicero und Demosthenes, alles noch richtig an Ort und Stelle. Es blieb dem noch halb berauschten Träumer nichts anderes übrig, als auch diesen Sonntag ziemlich geradeso zu beginnen wie jeden frühern, an dem ihm die Sommersonne ins Fenster schien. Und das war gut in Anbetracht, daß der Tag doch nicht ganz so still und gleichmäßig verlaufen konnte wie alle übrigen seiner Art bis jetzt. Am liebsten wäre der jüngere Bruder sogleich nach dem Hotel Bellavista gelaufen, aber doch hielt ihn wieder eine gewisse Scheu davon zurück; und der Bruseberger, der seinen Zögling nun wieder Sie nannte, riet kühl: »Lassen Sie ihn Ihnen dreist zum zweitenmal seinen Besuch machen, Theodor. Ich bleibe dabei, den vom gestrigen Abend brauchen Sie meines Erachtens noch nicht für voll zu nehmen.« Halb zornig auf den alten, plötzlich so fürsichtigen, nergelnden Halbvormund tat der arme Knabe doch, was der Bruseberger für das »Zukömmliche« hielt. Aber auf beide Fäuste legte er sich ins Fenster und hörte die Kirchenglocken von Ilmenthal läuten, wie er sie so oft in seines Vaters verwildertem Garten drunten in seine Kinderphantasien hatte hineinklingen lassen. Trotz dem Bruseberger sangen sie von – Lenz und Liebe, von seliger goldener Zeit, Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit, und in dem Garten drunten, in dem verfallenen Birkenhäuschen, das ziemlich allein noch von den glücklicheren Tagen der verstorbenen Mutter übriggeblieben war, saßen die neuen Eigentümer am Kaffeetisch, und der Herr Kriegszahlmeister rauchte seine lange Pfeife bei der Zeitung, und seine Frau blies (auch ein neues fremdes Wunder im Garten des weiland Notars Rodburg und in Ilmenthal!) die feinen Wölkchen einer Papierzigarette in die gute Luft des Bergtales, das Sonnenflimmern, das Vögelzwitschern, die Schmetterlinge und den Kirchenglockenklang hinein. Dem Herrn Kriegszahlmeister schien es sehr behaglich zumute zu sein, von Zeit zu Zeit schien er seiner jungen Gattin etwas ins Spanische zu übersetzen, und dann lächelte sie wohl auch, aber sie gähnte jedesmal dabei, als ob sie immer noch nicht recht ausgeschlafen habe. Die Witwe Schubach behauptete, sie tue eigentlich nichts anderes als schlafen, und am Kuhstiege sei ein solches Frauenzimmer, das vier Fünftel seines Daseins liegend zubringe, bis dato noch nicht erhört gewesen. Wie dem sei, es war auch jetzt kaum eine andere Bewegung an ihr, als dann und wann ein ungeduldig Aufklopfen des Fußes im roten Pantöffelchen und ein suchender Blick aus den dunkeln, tiefliegenden, fremdländischen Augen rund um ihr engbegrenzt Ilmenthaler Hausgarten-Reich. Der Schüler achtete sonst mit klopfendem Herzen, von seinem Versteck aus, auf alles an der neuen Nachbarin, es ging ihm stets ein eigener, sonderbarer Schauer über, wenn er ihr Kleid an den alten Buchsbaumeinfassungen der Beete hin rauschen hörte; und wenn sie ja einmal ein Wort aus ihrer Heimatsprache lauter sagte, durchfuhr es ihn stets wie ein süßer Schrecken. An diesem Morgen war er nicht ganz so mit allen seinen Sinnen bei der Wunderschönen wie an andern Tagen, an welchen ihn später dann Professor Drüding zu fragen hatte: »Wenn ich nur wüßte, wo du jetzt zeitweilig mit deinem gesunden Menschenverstand steckst, mein Sohn?« Aber er war doch innig genug bei ihr, um manches zu überhören, was hinter seinem Rücken vorging. Wie fuhr er vor der Hand, die sich ihm plötzlich auf die Schulter legte, herum und starrte den lächelnden, freundlichen Herrn, der ihm zunickte, an, einen Augenblick – wenn auch nur den kürzesten – zweifelnd; denn das Mondlicht hatte doch anders gemalt wie der helle Tag. »Bruder Alexander!« rief er, und ganz herzlich rief der andere: »Alles, was noch von ihm vorhanden ist! Und alles zu deiner Verfügung, Bruder Theodor! Guten Morgen, lieber Kerl, und vor allen Dingen, wie hast du geschlafen auf die merkwürdige Überraschung und die Aufregung vom gestrigen Abend?« »O Bruder Alexander!« rief der Knabe, und wie ein Knabe sprang er dem stattlichen, trotz seiner Jahre und hohen Stirn so jugendlichen Senior an den Hals, und auch der ältere Bruder legte, wenn auch beruhigend, so doch zärtlich seine Arme dem Jüngern um die Schultern, und so standen die beiden einander doch so fremden Menschen und hielten sich brüderlich umfaßt, und jeder, der sie so gesehen hätte, hätte seine Freude an ihnen haben müssen – auch der Bruseberger, ihm selber zum Trotz. Wie schade war es, daß weder er noch die Mutter Schubach den Mr. Redburgh aus Mobile und dem Hotel Bellavista die Treppe hinaufbegleitet, sondern ihm nur den Weg angedeutet hatten! Aber der jüngere Bruder wußte auf einmal ganz genau, wo er eben gewesen war, als er so freudig geweckt wurde. In einem wundervollen, unermeßlichen Reich der Ungebundenheit, der Freiheit, der Schönheit, des Lichtes, der Jugend, des tapfern Mutes und des Glückes – weit weg – märchenhaft weit über dem Kuhstiege, trotzdem daß die schöne Frau Romana in dem am Kuhstiege belegenen Garten seines Vaters saß und der verlorene Bruder gleichfalls hier aus dem Mondenlicht hervorgetreten war. »Schlecht habe ich geschlafen, aber gut gewacht, Bruder Alex!« rief der arme Junge, und es zuckte, trotzdem daß er aus jenem herrlichen Wunderreich kam, durch seine Seele, was man wohl zu seinen Tränen auf dem Ilmenthaler Gymnasiumsschulhofe sagen würde. »Es ist auch eigentlich gar nicht zu verlangen, daß ich gleich an die Wirklichkeit hiervon glauben soll«, schluchzte er; und es war wirklich gut, daß der andere Bruder gleich den richtigen Ton zu treffen wußte. »Das ist aber wahrhaftig nett bei dir, Theo!« sagte er gemütlich, sich umsehend. »Rasend gemütlich! Ganz wie der Bruseberger – der mir beiläufig noch immer nicht über die Schwelle traut. Die richtige Mutter Schubach! Ja, du hast gut gesessen, unbekanntes Brüderle. Wer weiß, ob ich unserm Alten mit der Verachtung und dem Haß des ganzen Kuhstieges auf den Hacken aus dem Kasten gerückt wäre, wenn ich meinerzeit so gesessen hätte wie du! Da möchte ich darauf wetten, daß du hier mit des alten Brusebergers Kleistertopf nebenan dir allewege mehr Wunder und Abenteuer zusammengeklebt hast, als ich nüchterner Patron je in der Wirklichkeit zu Wasser und zu Lande erleben konnte. Guck, es ist alles noch vorhanden: die Schwalben, die Spatzen, die Katzen! Jaja, ich bin mehr als einem draußen in der Welt begegnet, der zu Hause die merkwürdigsten Kuriositäten eselhafterweise aufgegeben hatte. He, und wie steht es denn mit Nachbars Töchterlein, mein Sohn? Brauchst nicht rot zu werden, mein Junge! Laß mich doch mal sehen; – richtig, da unten liegt noch, grade wie sonst, das Paradies, aus dem mich nichtsnutzigen Galgenstrick voreinst der Engel mit dem feurigen Schwert – –« Er hatte sich über die Schulter des Bruders und über den Tisch desselben vorgebeugt und sah hinab in den weiland väterlichen Garten. Daß er mitten in seiner muntern Rede steckenblieb, daß auch sein munterer, sorgloser Gesichtsausdruck sich mit einem Male ein wenig ins Gegenteil veränderte, entging dem jungem Bruder in seinen Gedanken- und Bilderverbindungen vollständig. »Das ist unser Garten gewesen!« rief Theodor Rodburg mit zitternder Stimme. »Ich war eigentlich ganz allein sein Eigentümer, Alexander, als auch ich heraus mußte! Er war damals eine vollkommene Wildnis; sieh, nur unser altes Borkenhaus, der seligen Mama Lieblingssitz, ist noch von der alten Herrlichkeit übrig – das ist der neue Besitzer, der Herr Kriegszahlmeister Tieffenbacher, und – das ist seine Frau. O, ich bin sehr glücklich als letztes Nestküken und als Abcschütz drin gewesen; als Quintaner holte mich der Bruseberger hierherauf, und es hat lange gedauert, ehe ich aus diesem Fenster hinuntergucken konnte ohne moralischen Katzenjammer.« Herr Alexander Rodburg erwiderte nichts hierauf. Er legte sich nur schwerer auf die Schulter des Bruders und beugte sich weiter vor, und die schöne fremde Dame und jetzige Herrin des Ortes sah plötzlich rasch auf und empor. Theodor Rodburg hat ihren damaligen Blick nie vergessen. Auch ihre Züge nahmen blitzschnell einen andern Ausdruck an; aber auch das war nur ein kürzester Übergang. Der alte Herr war augenblicklich ganz hinter seinem Zeitungsblatt versunken; Herr Alexander neigte unmerklich den Kopf, und die Frau Romana strich mit der rechten Hand ein Löckchen aus der Stirn; aber in der Handbewegung lag doch etwas gleich einem erfreuten Gruß. Nun sprach sie einige Worte zu ihrem Gatten, stand dann auf, wendete sich seitwärts zu einem Rosenbusch, pflückte eine Rose und hob sie an die Lippen, Dann wendete sie sich ganz, schritt langsam durch den Buchsbaumweg gegen das Haus zu, sah von der Treppe der Hintertür noch einmal nach der Fachwerkwand der Mutter Schubach hin und legte seltsamerweise die Blume auf die Steinbank neben der Tür, ehe sie in dem Hause verschwand. Mister Redburgh richtete sich jetzt rasch auf, klopfte das Brüderchen behaglich auf den Rücken und murmelte etwas. Schwören konnte der Schüler wohl nicht darauf, aber doch wußte er nachher ziemlich sicher, daß der Bruder von neuem etwas vom Paradiese und diesmal dazu von der alten famosen Schlange drin geredet habe. Gegenwärtig ließ ihm Herr Alex wenig Zeit zum Nachsinnen. Er faßte ihn abermals an beiden Schultern, schüttelte ihn kräftig, lustig und gemütlich und rief: »Nun, du kleiner Heimtücker, was sagst du zu ihr? Was? Eine hübsche Hexe!? Und wie sie einem über seinen lateinischen Tröstern die Vokabeln durcheinanderwirft und einem das angenehme, solide Verhältnis zum alten Drüding stört! Was? ... Wie rot der Junge wird! ... Theo, wir sind ja ganz unter uns, und es ist auch meine Meinung, daß man sich ihretwegen schon eine Nase vom Rektor und Konrektor geben lassen darf. Übrigens wäre es mir wirklich interessant, zu wissen, auf welchem Fuße ihr nachbarlich miteinander steht.« »Romana heißt sie – die – Dame!« stotterte der Schüler purpurrot vor Scheu und Scham und in dem halb zornigen, halb weinerlichen Gefühl, wehrlos gegen die Hand zu sein, die ihn so lachend mitten aus seiner süßesten Jünglingsromantik herausgriff und wie vor aller Welt Augen hinstellte. »Aber du? Du? Kennst du sie denn, Bruder Alexander?« stammelte er, und mit ironischer Gleichmütigkeit erwiderte der andere: »Natürlich! Und vielleicht besser – inniger als irgend sonst ein Gentleman diesseits und jenseits des Atlantischen Meeres. Wir sind sehr alte Bekannte; – täusche dich darüber nicht, Kind: so jung, wie sie aussieht von ferne, ist sie wohl nicht, aber für den alten Herrn dort hinter seinem Ilmenthaler Moniteur gottlob immer noch ein wenig zu jung. Auch der Señor Zahlmeister, oder wie er sich hier titulieren läßt, und ich sind die allerbesten Freunde. Es gab wohl eine Zeit, wo er mich hängen und ich ihn erschießen lassen konnte, wenn wir gegenseitig die Hände aufeinander gelegt hätten, doch das macht gegenwärtig selbstverständlich unsere Zuneigung nur herzlicher. Wenn ich mir nicht diese idyllische Sonntagsstimmung intakt erhalten wollte und wenn ich mir für heute nicht etwas anderes vorgenommen hätte, sollte er uns auf der Stelle zu Tische einladen. Jaja, mein Jüngelchen, treibt man sich in der Welt herum, so lernt man allerlei Leute kennen. Würdest dich doch nicht wenig wundern, wenn ich diesen Herrn Nachbar jetzt von diesem Fenster mit einem ›Vivan los liberales! Hurrah for the legion of honour! Vivat Juarez!‹ anbrüllte und der alte gemütliche Tropf sofort ›Viva el imperador! Viva Maximiliano!‹ zurückkreischte. Nun, hierüber und mancherlei andere Aventuren werde ich ja wohl noch mehr als ein Garn am Kuhstiege spinnen müssen, also für jetzt – ›motus!‹ wie Monsieur Bazaine in Verakruz zu sagen pflegte, wenn die Rede auf seinen Auftraggeber kam. Nun mach Toilette, mein Kind und mach dich hübsch. In einer Stunde hole ich dich ab. Du bist heute mittag mein Gast im Hotel Bellavista und mußt freilich vorliebnehmen. Vorher aber machen wir noch einige Visiten bei den Honoratioren des Heimatortes und vor allem beim alten Drüding. Brüderlich Arm in Arm durch Ilmenthal! Wird das Nest Augen machen! Ja, Theodor Rodburg, wer weiß, was für ein neues Leben wir zwei zusammen noch demnächst in die hiesige vorsündflutliche Langweilerei bringen werden. Übrigens daß ihr, du und mein bester Freund Joseph Tieffenbacher, à la mexicaine Papa Pepe, schon die allerbesten Nachbaren seid, ist mir durchaus nicht unangenehm. Kann ich auch ein gutes Wort für dich bei der Querida, deiner schönen Frau Nachbarin, einlegen, so wird das mit Vergnügen geschehen. Röter kannst du nicht werden, mein Sohn; aber – einerlei, es ist mein völliger Ernst, Theodor.« Jedenfalls tat sich eine völlig andere Welt vor dem armen Theodor auf. Es war wahrlich, als habe ein Zauberstab jedwedes Ding um ihn her berührt. Nach allen Seiten hin sanken die Mauern und Berge nieder, es war ihm, als scheine ein glänzenderes Licht in den doch so blauen Tag hinein, als komme eine freiere, wohligere Luft von draußen in einen engen, dumpfen Kerker. Der ältere Bruder, zum Schluß sich noch einen Augenblick auf den Schüler-Arbeitstisch setzend, lächelte wohlwollender denn je und rief: »Kleiner, es ist mir ein wahres Gaudium, dich da so verstört vor mir zu haben. Yes, dammy, wir zwei wollen zusammenhalten: ich, der ich für hiesigen Ort zu früh, und du, der, wenigstens für unsere liebe Familie, ein wenig zu spät in der Welt angekommen sein sollte!« »Es ist ein Traum! es ist nur ein Traum!« stotterte der Knabe, und es war ihm, als habe er durch eigene Schuld Jahrhunderte der Freiheit und des Glückes versäumt in der Gesellschaft des Brusebergers, unter Obhut der Mutter Schubach und unter der Obervormundschaft des Herrn Professors Doktor Drüding. »In einer Stunde bin ich wieder bei dir, also – rasch in die Sonntagshosen, liebstes Ilmenthaler Musterknäbchen!« rief der Bruder Alexander lachend. Darauf ging er und – saß noch ein Viertelstündchen in seinem Vaterhause neben dem Diwan der Frau Romana Tieffenbacher. Dieser vor den übrigen Honoratioren von Ilmenthal doch erst einen Besuch zu machen, mußte ihm jedenfalls auf dem Kuhstiege vor der Tür der Witwe Schubach eingefallen sein, sonst würde er dem Bruder doch wohl die Absicht mitgeteilt haben. Elftes Kapitel Im übrigen verlief der Morgen ganz programmäßig. Die beiden Brüder Rodburg machten nach der Kirche ihre Besuche Arm in Arm und erregten wirklich kein geringes Aufsehen diesseits wie jenseits der Ilme in Ilmenthal. Den alten Drüding fanden sie in seiner Studierstube voll Sonnenschein und Tabaksdampf trotz des Feiertages über seinem Haufen blauer Schulhefte, und der Soldat der mexikanisch-nordamerikanischen Legion of honour griff sofort überwältigend-kordial nach beiden Händen des erstaunten Greises und rief: »Vom Träbernfressen, Herr Professor! Gradenwegs von unseres gerechten Herrgotts Katzentisch für alle Schlingel von verlorenen Söhnen, Herr Doktor! Aber ich hoffe, Sie nehmen den reuigen Sünder auch nach dem Bibelwort wieder freundlich auf. Ich versichere, ich habe eben wieder gradeso große Angst und Beklemmungen auf der Treppe und vorm Anklopfen an die Tür ausgestanden wie vor zwanzig Jahren. Ich gestehe es demütig, Doktor, Sie hatten vollkommen recht mit Ihren letzten Prophezeiungen; ich begreife es selber nicht, daß ich nicht verschiedene Male gehängt worden bin seit der letzten Konferenz über mich am hiesigen Gymnasium, nach welcher ich mich gar nicht mehr nach Hause wagte, sondern mich ohne weitere Einsprache vom seligen Alten aufs Pflichtteil setzen ließ. Si, Señor, mein Name ist wirklich Alexander Rodburg.« Theodor Rodburg hatte noch verschiedene Worte der Erläuterung zu sprechen; aber dann hatte sich der Alte gleich zurechtgefunden und war selbstverständlich ganz der alte. Die Brille auf der Stirn emporschiebend, rief er in hellem Enthusiasmus: »Rodburg senior? Rodburg der Zweite?! Der tolle Rodburg?!! Ei, ei, ei! Nun, Gott sei Dank, da wäre ich ja wohl wieder einmal ein schlechter Prophet gewesen. Dies ist mir in der Tat eine große Freude. Ganz prächtig ist das, und, lieber Herr Rodburg, Herr Alexander, Sie sehen ja wirklich sehr – wohl aus, und dabei – aber Theodor, junger Theodor, dies muß auch dich ungemein überrascht haben. Entschuldigen Sie, Rodburg ... senior, Rodburg der Zweite, ich werde wahrlich eine längere Zeit nötig haben, ehe ich mir dieses so höchst erfreuliche Ereignis ganz und gar klargemacht habe. Also, es ist Ihnen gut ergangen? Gottlob! ... Und was machen Ihre lieben Brüder und Schwestern? Merkwürdig jung sind Sie auch geblieben, Alexander; – und nun kommen Sie als ein – wahrscheinlich – hoffentlich – gemachter Mann aus der weiten Welt zurück und finden uns immer noch hier am alten Fleck. Wir sind freilich ein wenig älter geworden, und die Stadt werden Sie auch sehr verändert finden, und – richtig, Ihren Bruder, unsern guten Theodor, mein Mündel, kannten Sie noch gar nicht – konnten Sie nicht kennen bei Ihrem – Abgange. Und so kennen Sie mein Töchterchen natürlich noch weniger. Meine gute Frau schenkte sie mir – bei ihrem Tode – sie wird im Garten sein, sie ist eine gute Kameradin Ihres jüngsten Bruders diese Jahre durch gewesen, Herr Rodburg. Flora! Florine! Florinchen!« Er hatte den letzten Namen durch das geöffnete Fenster hinausgerufen, und wieder lehnte sich der ältere Bruder über die Schulter des jüngsten und sah mit ihm hinab und hinein in den zweiten Garten, den er schon vor Jahren kannte, – eine volle, aber gepflegteste Blumenwildnis, den prachtvollsten, wundervollsten botanischen Garten im kleinen. Und die Kleine hielt drunten die Hand über die Augen: »Ja, Papa?! ... Hier bin ich. Hast du mich nötig? Wobei soll ich dir helfen?« »Nur ein sehr erfreulicher Besuch, Kind!« rief der Papa, und sich zurückwendend meinte er: »Sollen wir nicht zu dem Kinde herniedersteigen, meine Herren? Es ist ein so herrlicher Morgen. Meine Phlox sind außerdem jetzt vielleicht der Mühe der Besichtigung wert, und vielleicht, lieber Theodor, interessiert sich auch dein Bruder ein wenig für unsere hohe Wissenschaft.« Gewiß interessierte sich Herr Alexander Rodburg für alles Schöne, was auf Erden wuchs, und so stiegen sie hernieder in den alten blütenvollen Schulgarten, und der alte gegenwärtige Nutznießer stellte ihn dem gebesserten, heimgekehrten schlimmsten Schüler seines Gymnasiums mit solchem Eifer vor, daß er natürlich sein Töchterlein ganz dabei übersah. Drüdings Florinchen hatte des Professors gegenwärtiger Lieblingsschüler seinem ältern Bruder bekannt zu machen, und es war ein Glück, daß auch hier der weitumgetriebene Gentleman sofort den richtigen Ton für die Unterhaltung fand. Weder das bis über die Ohren errötende Florinchen noch der ebenso rote Primaner Herr Theodor Rodburg waren dazu imstande. Von der Unterhaltung ist natürlich wenig weiter zu berichten, als daß Herr Alexander mehrmals das kleine botanische Fräulein zu einem herzigen Lachen und den botanischen Papa zu einem behaglichen Schmunzeln brachte. Auf dem Wege zum Hotel Bellavista aber sagte der mexikanische Liberale: »Das ist ja ein ganz allerliebstes Kreatürchen, Theo! 's ist die Möglichkeit! Also das hat der alte vegetarianische Bücherwurm doch noch fertiggebracht! Sieh, sieh, so reißen die Wunder nicht ab in der lieben Heimat. Teufel auch, guck einer diesen ausgetrockneten, konfusen Lateiner! Nach einem fünfzehnjährigen Bräutigamsstande hatte er sich eben verheiratet, als ich Eltern, Geschwistern und seinem Vorgänger im Rektorat durch die Lappen ging, und ich erinnere mich deutlich, wie wir unsern Jokus an der schnurrigen Schulmeisteridylle hatten und geheimnisvoll seiner beiläufig sehr netten antiquarischen Braut zum Polterabend ein Bündel fingierter Briefe von Hallenser Studentenjungfern in das junge Eheglück schoben. Ja, es war ein recht schlechter Witz, Theodor; heute gestehe ich dir das wehmütig zu. Na, jedenfalls war er aber nicht schuld daran, daß der gelehrte Schäker sich doch einige Jahre Zeit genommen haben muß, ehe er sich überwand und das wunderniedliche Püppchen, das ich da eben kennengelernt habe, in die Welt setzte. Wie alt ist denn die Kleine jetzt, Kleiner?« »Im dreizehnten Jahr, glaube ich«, stotterte des alten Drüdings Mündel. »Ganz meine Kalkulation, glaube ich, und ein süß unschuldig Alter dazu!« lachte der große Bruder, und dann führte er das Brüderchen die in die Ilmenthaler Sonntagsmittagsstimmung lustig hinein rauschende Ilme entlang zu der Table d'hôte des Hotel Bellavista und hatte seinen großen Spaß an der Verlegenheit und Ungeschicktheit des jungen, blöden Menschen in dem bunten Gastgewirr, das jetzt schon in dem bald so sehr internationalen Luftkurort sich geltend machte. Währenddem führten der Bruseberger und die Mutter Schubach, nachdem sie längst, das heißt punkt zwölf Uhr, zu Mittag gegessen hatten, ein nachdenklich Gespräch ob der Veränderung, die nunmehr auch über ihre gewohnten häuslichen Zustände gekommen zu sein schien. Der Bruseberger, der sonst stets einen ganz gesegneten Appetit mit zu Tische brachte, hatte heute wenig davon gezeigt. Auf seinem Schemel hin und her rückend, hatte er alle Augenblicke Löffel, Messer und Gabel niedergelegt, nach den Fenstern, der Tür und der Frau Meisterin gesehen und allerhand Unverständliches geseufzt und gebrummt, bis die Mutter Schubach es nicht länger aushielt und ihrerseits halb verdrießlich, halb wehmütig meinte: »Was Er sich denkt, Bruseberger, verstehe ich schon; aber lieber ist's mir auf die Länge doch, Er spricht sich deutlich aus, als daß Er mir so immerfort was vorsummt wie 'n alter verstopfter Ofen, in dem der Wind steht. Also tut mir die Liebe, Mann, und redet deutlich, wenn Ihr wirklich noch was wißt, was sich möglicherweise noch zu einem vergnügten Sonntagnachmittag schickt.« »Zu sagen habe ich eigentlich wohl nichts«, erwiderte der Bruseberger, »und was man zu tun haben könnte, das ist wohl wenig mehr, als was Sie selber schon angeraten haben, Meisterin: abwarten! ... Ja, wenn nur nicht der leidige Satan, wie zu lesen steht, das Warten erfunden hätte, und wenn ich Ihnen, Meisterin, nur halbwegs den rechten Glauben an Ihren eigenen guten Rat und Trost vom Gesichte ablesen könnte!« »In den Spiegel gucke ich gewöhnlich nur, wenn ich meine Haube aufsetze, aber nicht, wenn ich meine Meinung abgebe«, sprach die Witwe Schubach, »aber – recht haben Sie vielleicht diesmal doch, Bruseberger. Der Mensch könnte manchmal viel darum geben, wenn er aus seinem eigenen Rat und Trost eine Beruhigung auch für sich ziehen könnte. In unserm Falle hilft es außerdem zu gar nichts, wenn man sich noch so eindringlich vorredet: 's ist doch nur fremder Leute Kind, und was geht es dich im Grunde an?! Ist es denn wahrhaftig so notwendig, daß wir hier sitzen wie ein Eulenpaar, dem man's Nest ausgenommen hat? ... Herrje, sehe ich auf Ihr Gesichte, Bruseberger, und rechne das wenige dazu, was Sie heute mittag an der Gottesgabe getan haben, so komme ich wirklich am Ende doch noch auf die Idee: pure Narren und Pinsel seid ihr zwei, daß ihr euch diese dummen Gedanken macht und euch den Feiertag vergrämelt, pure weil das Kind, oder will jetzo besser sagen unser junger Herr, die große Freude erlebt hat, seinen verlorengegangenen Bruder wiederzufinden, und mit ihm höflich im Wirtshause ißt.« »Sehr schön und sehr richtig, Meisterin! Wenn wir unsere Gefühle und Meinungen davon apart halten könnten, so wollten wir mit dem Zusammenhang der Angelegenheit wissenschaftlich in unserm Verständnis wohl leicht und pläsierlich fertig werden. So 'ne vergnügte Welt bis auf das ein bißchen häufigere Totschlagen untereinander gäbe es dann weiter gar nicht! Morgen schon könnten wir unser Pflegekind, unsern – jungen Herrn aus dem Hause tun, wenn uns sein neuer Umgang nicht mehr gefiele.« »Reden Sie doch so was nicht, Bruseberger!« rief die Mutter Schubach ganz erschreckt. »Sie treiben doch alles gleich auf die Spitze. Meine Idee ist –« »Es kommt eben ein neuer Umgang für uns alle, darein müssen wir uns fügen«, sprach der Bruseberger kopfschüttelnd, »Besseres und Schlechteres durcheinander. Der Herr Alexander gehört bloß mit dazu, und der Himmel soll mich davor behüten, daß ich die neue Welt auch nur in Hinsicht auf ihn von uns abhalten wollte! Aber dahingegen meine Sorgen in der Beziehung nimmt mir auch keiner ab und Ihnen auch nicht, Meisterin. Das ist es ja, daß wir unser Teil von dem neuen Umgange nur zu gut kennen! Meisterin, dieser Mensch ist wiedergekommen, wie er weggegangen ist: ein böser Mensch, ein schadenfroher Mensch! Er hat seine Streiche nimmer aus Leichtsinn, sondern aus heimtückischer Lust am Herzeleid der andern ausgeübt. Es war damals doch eine schreckliche Nacht, als wir Nachbarn vom Kuhstiege helfen mußten, das Feuer in seines Vaters Schreibstube zu löschen, und ich sehe heute noch den Notar vor dem erbrochenen Schreibtische stehen und will keiner Mutter eine solche Frage nach ihrem Kinde gönnen wie die, welche die arme selige Frau Notarin nach dem ihrigen nicht zu tun wagte! Nun ist er wieder hier und sieht gut genug und wohlhabend aus. Hat sich recht hübsch konserviert, was nie eine große Kunst ist, wenn man sich aus nichts was macht als aus sich selber. Wo er sich herumgetrieben haben mag, was er eigentlich ist und so weiter, will ich gar nicht wissen. Ich habe im Zusammenhange der Dinge schon genug und übergenug an seinem alten Böse-Jungen-Gegrinse und brauche keine Abenteuer aus Tausendundeiner Nacht weiter dazu. Ich habe genug daran, wie er mich an der Schulter faßt und auf seine Weise hohnlächelt: ›So und so, gute Bekannte waren wir nicht, aber alte Bekannte sind wir und bleiben wir – mich hättet ihr vor Jahren nicht ins Haus genommen und zu einem frommen Knecht Fridolin aufgepäppelt; aber der Herr wird es euch vergelten, was ihr an unserm jüngsten Nestküken getan habt, Bruseberger. Übrigens, Bruseberger, ein bißchen spaßhaft ist diese Geschichte doch mit dem Vergnügen, was sich unser Seliger in meiner Abwesenheit nochmal gestattet hat – wahrscheinlich zu einem Ersatz für mich; nun aber tun Sie mir den Gefallen, Bruseberger, und lassen Sie sich nichts von mir merken, bis ich selber mich eröffne; verderben Sie mir diesen Spaß nicht!‹ – Am Abend ist er dann gekommen und hat wirklich nur einen Spaß, nach seiner Art, aus der Sache gemacht; – Sie wissen es, Meisterin, wie stille ich dabei gesessen habe und an meinem Schrecken über sein Vergnügen gekaut und an meinem Mitleid mit unserm übertäubten armen Zugkind, unserm Thedor. So sieht sich kein rechter Mensch seinen Mutterort und sein väterlich Hauswesen, und wenn er unter noch so kuriosen Umständen davon Abschied genommen hat, an, wenn er nach langen zwanzig Jahren wiederkommt und sich zu den Überlebenden auf die Bank setzt. Daß ich niemals wieder nach Bruseberg gekommen bin und Sie, Meisterin, also sagen könnten, darüber können Sie ja gar nicht urteilen, Bruseberger, das gilt nicht, das stimmt nicht; denn da gilt nur das innerste Gefühl auch in der Einbildungskraft, und gelehrte, gute und wissenschaftliche Bücher braucht man dazu weder geschrieben noch gebunden zu haben. Hier kommt die Wissenschaft nur aus dem Gefühl und die mögliche Beruhigung nachher einzig und allein aus dem Studium von dem Zusammenhang.« »Jaja«, seufzte die Witwe Schubach, »hier ist wohl etwas dran, und Sie haben gewiß nicht unrecht, Bruseberger. Freilich hat er, der Alexander, sein altes Gesicht mitgebracht aus den vielen Jahren, die er weg gewesen ist. Ich meine sein altes, das heißt junges, hübsches, lachend, grausam Gesichte, mit dem wir ihn ertappten, wie er unserm Stieglitz den Schnabel mit Siegellack verpicht hatte, und bei andern dergleichen Tier- und Menschenquälereien. Jetzo ist es aber meine Meinung, daß wir augenblicklich hiervon genug haben; ich will uns nun einen guten Kaffee machen, Alter, und derweilen denkt Ihr im Großvaterstuhl ein halb Stündchen an etwas anderes, das heißt an gar nichts. Andere Zeiten, andere Gesichter für Ilmenthal! Gewiß wäre es besser, wenn er in die andere Zeit ein ander Gesicht mitgebracht hätte; aber fürs erste lasse ich mich noch nicht durch irgendein alt und neu Gesicht von der Bank vor dem Hause abschieben und von meinem Stuhl hinter meinem Spinnrad noch viel weniger. Das ist doch auch ein Trost, daß im Verlaufe der Zeit schon mancherlei den Kuhstieg auf und ab passiert ist und wir zwei beide ruhig sitzengeblieben sind und bloß unsere Betrachtungen darüber gehabt haben.« Lächelnd sagte der Buchbinderaltgesell: »Frau Meisterin, bis zum letzten Atemzug soll der Mensch nie sagen, daß er was versäumt habe im Leben. Von der Wanderschaft in die Fremde, nach welcher doch all mein Sinnen und Denken stand, bin ich durchs Geschick und durch Sie, Mutter Schubach, abgehalten worden, und nun kommt spät am Abend die Fremde zu mir, und eigentlich ist es also nur eine Sünde und Schande von mir, wenn mir dies nun wieder nicht recht ist. Aber so sind wir Menschenkinder eben, Meisterin; – sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen und verstehen wollen wir alles – den Zusammenhang möchten wir von allem wissen, aber hinein in den ganzen Zusammenhang können wir uns nur durch sauere Überlegung rechnen. Kein Mensch will gern einsehen, daß er auch mit Haut und Haar in den Zusammenhang gehört und daß die neue Nachbarschaft gradesogut das Recht hat, uns über den Zaun zu gucken wie wir ihr.« »Mit der alten gelben hispanischen Zitrone bleibe Er mir vom Leibe, Bruseberger. Was seine übrige kuriose Betrachtung anbelangt, so ist das natürlich ganz meine Idee«, sagte die Witwe Schubach, ihre Kaffeemühle im Schoße. »Er soll ihn haben wie drüben im großen neuen Wirtshaus!« sagte sie auch; aber ganz für sich. Drüben im neuen großen Wirtshause waren sie um diese Zeit noch lange nicht beim Kaffee angelangt. Der Kuhstieg hatte auch in dieser Beziehung immer noch etwas vor der neuen Zeit in Ilmenthal voraus. Aber lustig und lebhaft ging es im Hotel Bellavista her, und der Schüler Theodor Rodburg sah mit großen Augen in den Verkehr an den zwei langen Tafeln des Speisesaals, und die neue Welt, in die er blickte, gefiel ihm gar nicht übel, noch dazu durch einen ganz ungewohnten kleinen Weinrausch gesehen. Das bunte Leben in dem hellen, noch sehr nach frischen Ölfarben, Tapezierarbeit und so weiter duftenden Saal betäubte ihn auch nicht wenig; aber es war eine angenehme Betäubung und das Traumhafteste darin von Zeit zu Zeit das kleine, niedere, braune Stübchen, der kleine Tisch und der alte bekannte Suppennapf der Mutter Schubach. Bruder Alexander hatte das volle Recht, seine wahre Freude an der blöden, gaffenden, verlegenen Unschuld an seiner Seite unter den laufenden großstädtischen Kellnern, den fliegenden Tellern und den einander so unbequem rasch folgenden Gerichten zu haben. Bruder Alexander kannte längst alle die Herren und Damen bei Tische und stellte das Brüderchen verschiedenen vor, Herren wie Damen; und die Weiber vor allem, außer den unbekannten Schüsseln, machten den armen Jungen befangen. Natürlich war auch Mr. Alexander Redburgh den Herrschaften hüben und drüben der Blumenvasen, Karaffen, Schüsseln und Teller keine unbekannte Persönlichkeit. Er lachte und scherzte behaglich mit sehr vielen und vorzüglich mit der wohlbeleibten Dame gegenüber, die ein so schwerverständliches, wie es schien, aus zwei bis drei Sprachen zusammengeflicktes Kauderwelsch redete. Der Schüler, der sein Französisch und Englisch nur aus Büchern und der Konversation mit dem Klassenlehrer wußte, konnte es ja auch nicht wissen, daß sie aus Moabit bei Berlin stammte, in Oxford-Street ein internationales Boardinghouse gehalten und ihr schlimmes Spanisch-Französisch wie der Bruder sein gutes aus Verakruz mitgebracht hatte in den neuen internationalen Badeort Ilmenthal an der Ilme, wo sie gegenwärtig »das Terrain sondierte«, ob es sich bereits »payieren« würde, daselbst eine »Pension« unter der Firma Villa Karolina zu etablieren. Nur wenn sie mit einem: »Det stimmt!« eine Beweisführung des Bruders schloß, verstand das der Ilmenthaler junge Gelehrte ganz deutlich. Doch nun kam auch für das Hotel Bellavista die Stunde, in welcher der Kaffee serviert wurde, den der Bruseberger jenseits der Ilme längst ausnahmsweise »ebenso gut« bekommen hatte. Die Herren zündeten ihre Zigarren an, der ältere Rodburg schob dem jüngsten sein Etui zu, und der jüngste konnte nicht anders – es war alles recht – es gehörte alles zu dem heutigen Tage: er nahm. Er nahm in diesem Augenblicke alles, wie es wirklich war und bloß für ihn noch nicht gewesen war: das Leben wie ein ewiges wundervolles Fest, den Bruseberger und die treue Seele, die Mutter Schubach, wie etwas zwar unendlich Behagliches, aber doch zugleich äußerst Schemenhaftes, das Königliche Gymnasium und den Professor Drüding wie etwas, was zwar war, aber eigentlich durchaus nicht die Berechtigung besaß, sich so wichtig zu machen, wie es dann und wann tat. Es war merkwürdig, auch das Bild des netten, allerliebsten Backfischleins Florinchen Drüding glitt einmal durch das Zaubergewölk im Eßsaal des Hotels Bellavista, und der Mittagstraumseher nahm sie viel ernsthafter, das heißt viel reifer, jungfräulicher, als ihr eigentlich bei ihren jungen Jahren zukam. Und da war es denn, als läute plötzlich in ein lieblich Klingen eine wohltönende, sonore Glocke, als jetzt an der Table d'hôte jenseits der Fruchtschale und der Flasche mit dem silbernen Halse ein Name genannt wurde, der auch dem Kuhstiege nicht mehr ganz fremd war. Die dicke Dame mit den vielen Ketten, Pfeilen und Kugeln aus Gold und schwarzem Metall um Hals, Armgelenke und an den Ohren sprach ihn aus gegen den Bruder Alexander, leider aber inmitten ihres tollsten, unverständlichsten Jargons. Sie lachte sehr laut dabei und der Bruder Alex lächelte auch; doch war es, als zucke er auch ein wenig verdrießlich, warnend und abwehrend die Schultern, und dem jüngsten Bruder war das schon recht, denn die Art und Weise wie die Dicke das Wort Romana kreischte, behagte ihm gar nicht. Die dicke Dame aber reichte, ihre merkwürdig weißen Zähne zeigend, ihr Champagnerglas über den Tisch und beugte sich weit dabei vor mit ihren nackten Schultern und rief: »Eh, eh, Señor Alexandro, man kommt doch immer wieder in der Welt zusammen, wenn man den juten Willen hat. A la salud de la querida! Jroßer Jott, die juten Kinderchen, was für 'ne unmenschliche Mühe sie sich umeinander jeben zu Lande und zu Wasser. Alle Achtung, Redburgh, ick denke, der Affe frisiert mir neulich, mais c'est admirable comme vous savez faire vos choses, monsieur!« Das Französisch mochte sein, wie es wollte, soviel verstand der Ilmenthaler lateinische Schüler, daß der Bruder Alexander auch hier und für die dicke Dame irgendeine Sache ausgezeichnet gemacht haben mußte, und als derselbe ihm auch von neuem das Glas füllte und sagte: »Madame wünscht auf die Gesundheit deiner schönen Nachbarin, Madame Romana Tieffenbacher, zu trinken, Theodor! Was meinst du, mein schämiger junger Ritter?« klang er vollkommen berauscht in purpurroter, kindischer Verzückung an. Nachher war es aber doch sehr gut, daß die Tafel endlich aufgehoben wurde. Herr Alexander Rodburg trat nun noch einige Momente zu der dicken Dame, redete etwas in ziemlich kurzen Sätzen zu ihr, und es schien dem Bruder, daß er irgendwie auch hierbei beteiligt sei. Aber auch dieses bemerkte er nur durch den rosigen Nebel. »Bastante! Jute Lehren jebe ich mich jewöhnlich selber, kleener Schäker!« lachte die Dicke und rauschte hinaus; Alexander wendete sich wieder zum Theodor: »Ich sehe dich wohl heute abend noch, lieber Junge. Jetzt wird's das beste sein, du gehst nach Hause – großer Gott, der gute alte Kuhstieg! – und legst dich ein Stündchen aufs Ohr, grade wie ich es jetzt tun werde. Gesegnete Mahlzeit, alter Schatz! Das hätte ich alter zerzauster Zugvogel mir neulich auch noch nicht träumen lassen, daß ich heute so gemütlich hier im alten Nest mit meinem – unserm – jüngsten Nestküchlein zusammensitzen würde!« »O, es ist wundervoll, Bruder – lieber Bruder Alexander!« Zwölftes Kapitel Es war ein guter Rat, den der ältere Bruder dem Jüngern gegeben hatte. Vielleicht könnte man sagen, es war das einzige Gute, was er ihm heute angetan hatte; ob der junge Mensch Gebrauch davon machen konnte, war eine andere Frage. Nach Hause ging derselbe noch immer eingehüllt von dem rosigen Nebel der neuen Lebenserfahrungen. Es war ein Glück aber, daß es um diese heiße Nachmittagsstunde noch sehr still in den hügelab und bergauf laufenden Gassen des Heimatsstädtchens war; fast zu sehr lag alles zur Rechten und Linken, vorwärts und rückwärts in buntesten Farben und Lichtern. Aber die wenigen Einwohner, die schon im Sonntagsstaat oder in weißen Hemdsärmeln in ihren Türen standen, grüßten ihn nur, ohne viel auf ihn zu achten: es war ein großes Glück. Er gelangte nach Hause, und da war die Veränderung der Welt am allerbemerkbarsten: die Tür so niedrig und enge, die Treppenstufen so ausgetreten, der Hausflur so dunkel, der Bruseberger so unberechtigt trübselig, die Mutter Schubach so ungemütlich höflich und schnippisch und sein Zimmer mit der Aussicht auf den weiland väterlichen Garten so schwül und so gefängnisartig, daß – man kaum Luft drin schöpfen konnte. Sie ließen ihn gottlob allein in dieser seiner Stube und fragten ihn wenigstens nicht neugierig oder naseweis aus nach seinen Erlebnissen am heutigen Tage. Alles ein anderes! Tisch, Stuhl und Schrank und vor allem die Bücher auf Schrank, Stuhl und Tisch! Der verwunschene Jüngling setzte sich schwerfällig an den verzauberten Tisch, schob das offene verwünschte griechische Lexikon so weit als möglich von sich, stützte den Kopf auf beide Hände und – da saß er denn! Wir können nicht sagen, daß er bis zum Abend, bis es in dem Ilmenthaler Talkessel kühler wurde, in der wundervollen Märchenstimmung verblieb, in die ihn der prächtige neue Bruder, der ungewohnte Wein und die fremde Welt im Hotel Bellavista versetzt hatten. Wenn er sich »ein Stündchen aufs Ohr gelegt« hätte, wäre das unbedingt das beste gewesen. Er blieb aber wach oder hatte wenigstens halbwach alle Stufen der unausbleiblichen Rückwirkung hinabzustolpern. Ein Stolpern hinunterwärts war's! Das goldene, rosige Gewölk im Dasein trägt keinen lange und am wenigsten jemand, der es sich von der Table d'hôte im Hotel Bellavista holt. Der arme Junge, Theodor Rodburg, bekam bald selber etwas zu tragen, nämlich einen sonderbar schweren Kopf in seinen beiden Fäusten und dazu allmählich ein dumpfes Gefühl davon, daß die Mutter Schubach und der Bruseberger doch wohl etwas mehr sein könnten als undeutliche Schemen, zwei entfernte Schatten in einem nahen Lichtglanz, zwei höchstens etwas sonderbare graue Traumgestalten in einer lachenden, vielzungigen, gloriosen Weltwirklichkeit. Er hörte einige Augenblicke den Bruseberger nebenan in seiner Werkstatt rumoren und wollte eben den Versuch machen, ihn in der gewohnten Weise anzurufen, als der Alte die Zwischentür zuzog, nachdem er gesagt hatte: »Lassen Sie sich nicht stören, Herr Rodburg.« Er hörte die Stimme der alten Frau drunten im Hause und hätte viel darum gegeben, wenn sie den Kopf in gewohnter Weise jetzt in die Tür gesteckt und gesagt hätte: »Nun, Theodor, jetzt aber alert! Der Herr Professor und sein Florinchen werden schon längst hinauszappeln in die Botanik und den schönen Nachmittag.« Kolossal gern oder mit einem andern Schülerepitheton würde er das Wort »Unsinn!« ausgesprochen haben, aber es ging nicht. So versuchte er es jetzt doch, ein Buch aufzuschlagen, aber auch das ging nicht. Die Buchstaben schwammen und tanzten zu sehr vor seinen Augen; er brachte keinen Sinn in irgendeine Zeile oder fand vielmehr keinen irgend drin liegenden heraus. Er gab's auf und dämmerte weiter durch den heißen, schwülen Tag, in der unruhvollen Erwartung, ob auch der Bruder sein Versprechen wahr machen und ihn noch einmal gegen Abend »sehen« werde. Gegen sieben Uhr ließ es sich an, als ob ein Gewitter kommen wolle. Auch rollte wirklich einige Male ein dumpfer Donner ferner ab im Gebirge; aber wenn es gleich irgendwo zum Ausbruch gekommen sein mochte, Ilmenthal bekam nichts Erfrischendes davon ab als einige breite Regentropfen, die vereinzelt in die Blätter schlugen und von den Pflastersteinen rasch wegtrockneten. Nun nahm der Knabe es fast übel, daß sich niemand im Hause um ihn kümmerte. »Was habe ich denn eigentlich gegen sie verbrochen?« fragte er sich, und dann suchte er sich das nächtliche Gespräch zu wiederholen, das er mit dem Bruseberger und der alten Frau nach dem wunderbaren Erscheinen des unbekannten Bruders hatte führen müssen. »Und was hat er gegen mich verbrochen? Was kümmert mich das heute, was er Tolles vor Jahren zu seiner jungen Zeit in diesem langweiligen Ilmenthal ausgefressen hat? Ein famoser Kerl ist er, und ich habe hier im Winkel wie in einem Spinnenweb gehangen! ... Sie meinen es alle zwar recht gut mit mir, aber mein ganzes Dasein werde ich deshalb doch nicht bei ihnen verhocken sollen. Das wäre zu lächerlich, und dazu ist die wirkliche Welt da draußen doch das Wahre, Richtige, Gloriose!« Er hielt es nicht aus auf dem Stuhl. Er sprang auf und in seine Kammer, steckte den dummen, glühenden Kopf ins Waschbecken und lief mit dem Handtuch auf und ab. Die glänzende erste Hälfte des Tages trat in seiner Phantasie wieder in das vollste, verführerischste Licht. »Ein Prachtmensch ist er! Und ein Jahrhundert jünger als ich, obgleich sie sagen, daß er zwanzig Jahre älter sei. Es ist richtig, ich habe hier im Dunkel gehangen wie eine Spinne im Keller und habe keine Ahnung gehabt, daß es dergleichen in der Welt gäbe und daß auch mir mein Teil davon aufgehoben sei. Ja, der Bruseberger und die Mutter Schubach mit ihren Warnungen! Es ist wirklich, als gönnten sie mich keinem andern als sich und höchstens dem alten Drüding.« Der letzte Name gab seinem Gedankenspiel wieder eine neue Richtung. Sein gegenwärtig doch noch nicht wegzuleugnendes Schulknabentum fiel ihm bänglich in den Sinn und kam ihm zugleich verdrießlich und gänzlich überflüssig vor. »Was schadet es denn, wenn man der Langweilerei aus dem Wege geht, wenn man so heimkommen kann wie der Bruder Alexander? Was würde ich heute dafür gegeben haben, wenn ich so wie er Französisch, Spanisch und wer weiß was alles noch verstanden hätte. Wie ein alberner Narr und Dummkopf saß ich neben ihm am Tische mit des alten Drüdings ledernem griechischem und lateinischem gelehrtem Quark und Blödsinn. Und die schöne Frau Romana kennt er natürlich auch schon längst ganz genau, der Bruder Alexander, meine ich. Und ihn behandelt sie sicherlich nicht wie ein Kind und einen albernen Schulbuben gleich mir. O, und er kann acht Tage und länger mit ihr in einer Stadt wohnen, ohne Tag für Tag zu ihren Füßen zu sitzen! Der Vater Tieffenbacher ist zwar ein sehr netter alter Bursch, und es ist sehr behaglich von ihm, daß er für unsere, das heißt des Papa Drüding und des Brusebergers Liebhabereien so viel Verständnis und Interesse hat; aber ein bißchen weniger gemütlich wäre, offen gestanden, in unserm Verkehr miteinander mir lieber. Ich werde ihm auch – « Es lag noch ein aufgeschlagen Büchlein auf seinem Schülertische neben dem gelehrten Rüstzeug. Sein Blick glitt zufällig über die Seiten, und das abnehmende Tageslicht erlaubte es eben noch, den Text zu erkennen: Als ich noch ein Knabe war, Sperrte man mich ein; Und so saß ich manches Jahr Über mir allein, Wie im Mutterleib, und er las ihn leise ab. Bis jetzt war ihm dieses Knabengedicht aus dem weltberühmten Dachstübchen am Hirschgraben zu Frankfurt, von welchem aus man ebenfalls eine sehr angenehme Aussicht in die nachbarlichen Hausgärten hatte, höchstens nur etwas närrisch und kindisch und spaßhaft vorgekommen. Doch nun in dieser Dämmerung gewann es mit einemmal ein ganz ander Leben, Wesen und Ansehen in seiner Wahrheit und Ironie. Das Pathos behielt wohl dabei die Oberhand; auf und ab schritt der Ilmenthaler junge Mensch, vor sich hinsummend: »Es war ein König in Thule«, und zwar mit Tränen im Auge und einem krampfhaften Schlucken im Halse, doch immer klang es neckisch – mit schalkhaftem Ernste ihm dazwischen: Ritterlich befreit ich dann Die Prinzessin Fisch; Sie war gar zu obligeant, Führte mich zu Tisch, Und ich war galant. Ein helles Frauenlachen wie aus eben dem Liede vom Neuen Amadis zog ihn an sein Fensterchen rasch zurück. Er sah in scheuem Schrecken und Verlangen hinab in seinen Nachbar-Hausgarten, seinen alten Robinson-Crusoe-Garten, sein verloren gegangenes Zauberreich und sah den Bruder Alexander, die schöne Frau Romana und den Herrn Kriegszahlmeister des Kaisers Max von Mexiko an der alten Scheidewand stehen und sah den Herrn Kriegszahlmeister nach seinem Fenster hinaufdeuten. Sie blickten alle lächelnd zu ihm empor, als er sich ihnen zeigte, und der Bruder rief: »So komm doch herunter, närrischer Bengel! Die Herrschaften laden dich zum Tee und Butterbrod ein, und neues Leben sproßt aus den Ruinen, oder wie du es sonst poetisch ausdrücken willst. Ich habe auch keine Angst vor den Geistern der Vergangenheit gehabt, wie du siehst, obgleich ich wohl einige Ursache dazu hätte haben können. Gebrüder Rodburg im Vaterhause! Ich denke, mit Hülfe der gnädigen Frau und des Señor José, meines lieben alten Freundes und Feindes, nehmen wir es gegen jeden antiquierten Spuk im Hause Rodburg am Kuhstiege auf.« Rings mit Sonnenschein war die Prinzessin um diese Stunde nicht emailliert; auch den Mond hinderte am heutigen Abend das Gewittergewölk von jenseits der Berge, ihr von seinem bleichen Silberlicht sein verschönernd Teil zu geben; aber der Zauber, der von ihr ausging, wirkte in der Dämmerung, in der Nacht und auch beim ganz gewöhnlichen Lampenlicht fast noch stärker. Der gute Junge suchte eine geraume Weile vergeblich nach seiner Mütze im Wirrwarr seines unbewußten Poetenstübchens, und zuletzt stand er doch barhäuptig vor den drei in dem väterlichen Garten und war dahin gelangt, ohne zu wissen wie. Nur ganz dunkel wußte er, daß der Bruseberger und die Witwe Schubach wieder auf ihrer Abendbank vor dem Hause gesessen hatten und daß die alte Frau seinen Namen ihm nachgerufen, er aber nicht darauf hatte achten können. Auch an den einst so bekannten Klang der Haustürglocke des Vaterhauses erinnerte er sich und an den dunkeln Flur, aber nicht, daß er auf den Stufen, die auf den Hof und in den Garten führten, arg gestolpert war und beinahe das Pflaster seiner ganzen Länge nach gemessen hätte. »Gnädige Frau – Papa Pepe«, lachte der Bruder, »ich habe with all formalities die Ehre, mich jetzt als allernächster Blutsverwandter des Herrn Nachbarn vorzustellen. Theodorchen, Kind, es ist noch hell genug, daß Señora dich deiner verblüfften Mienen wegen auslachen kann. Ich bitte dich dringend, mach den Mund zu. Señor Tesoriere, ich habe mir vorgenommen, jetzt auch einiges zu seiner Erziehung und Einführung in die Welt zu tun, und nehme jede Hülfe dabei an. Auch die Ihrige, bester Freund.« Es war sehr merkwürdig; die Frau Romana Tieffenbacher reichte an diesem Abend zum ersten Male dem jungen Nachbar die Hand und sprach recht freundlich zu ihm; »O, wir sind schon serr lange serr gute Freunde, Señor. Nicht wahr, Señor?« Andere hatten wohl gemeint, daß sie eigentlich zu ihrem fremdartigen Akzent eine ziemlich rauhe, ja heisere Stimme habe; aber der Knabe zitterte bei dem Klange dieser Stimme wie bei der Berührung ihrer Hand. Da war es ein Glück, daß der Herr Kriegszahlmeister auch noch vorhanden war und jetzt gleichfalls freundschaftlichst in die Unterhaltung oder Begrüßung eingriff. Er hatte auch einen fremden Akzent oder, in seinem Falle, Dialekt nach Ilmenthal mitgebracht, doch nur den des nächstliegenden deutschen Nachbarstammes, einen »äußerst gemütlichen, sehr anheimelnden, kurz, mir ganz sympathischen«, wie Professor Drüding sofort nach gemachter Bekanntschaft geäußert hatte. Schade, daß wir uns nicht darauf einlassen können, sondern nur einfach und nüchtern berichten müssen, wie es ihm, dem Papa Pepe, und seiner Frau hier und da auf diesen Blättern ums Herz und zumute war. Zu bemerken ist aber jedenfalls, daß alles, was der Mann zu einem andern sagte, herauskam, als rede er es in der Zerstreutheit zu sich selber; und er redete auch in den Gassen viel mit sich selber, und Leute, die hinter ihm drein gingen, bekamen allerlei von dem zu hören, was ihn in seinem Dasein eben ärgerte und freute. Glücklicherweise hatte das letztere meistens die Oberhand, und sämtliche harmlose Lauscher lächelten meist sehr freundlich, wenn sie eine Weile seinen Selbstgesprächen zugehört hatten. Einen Kriegsrechenmeister, der noch dazu aus Queretaro seinen Titel mitgebracht hatte, hatten sich unbedingt die meisten Ilmenthaler viel weniger gemütlich in seinen Liebhabereien, Leiden und Freuden vorgestellt. »O, sehr gute Freunde!« rief dieser gemütliche alte Herr augenblicklich sich zu. »Alte Bekannte, alte Bekannte! Über den Zaun – nach dem Fenster hinauf, vom Fenster hinunter. Habe die jungen Leute gern – die gelehrten jungen Leute. Bin selber jung gewesen, wäre auch gern ein Gelehrter geworden, hat sich aber nicht so gemacht. Herr Theodor – Nachbar Theodor! jaja, ist einmal sein Reich gewesen, bin nur ein Eindringling. Hat hier gesessen und Unsinn gemacht. Habe auch in meines Vaters Garten gesessen und Unsinn ausgebrütet. Bin auch nachher noch in meinem Leben häufig ein großer Esel gewesen – konnte mir selber manchmal leid tun. Nun, erhält doch allein jung in der Welt, das Dummheitenmachen. Natürlich mit Auswahl – nun also? Nicht wahr, Mädele? He, Romanele ?« Der junge Nachbar fuhr viel heftiger zusammen ob des unvermuteten Anrufs als die angerufene Frau, die sich gelassen von dem fröhlichen Bruder Alexander wegwandte und nichts weiter erwiderte als: »Si Señor.« Sie gingen nun noch eine Weile in dem verzauberten Garten unter dem warmen, dunkeln Nachthimmel auf und ab: der Schüler neben dem neuen nachbarlichen Freunde, Alexander Rodburg an der Seite der Frau Romana. Herr José Tieffenbacher erzählte sich dabei allgemach ausführlicher, wie zufrieden er mit seinem jetzigen Wohnort sei, wie angenehm das Verhältnis, in welches er bald zu den Leuten des Orts gekommen sei, und da vorzüglich zu dem gelehrten jungen Herrn Theodor und dem Herrn Doktor Drüding und dem ausgezeichneten Mann, dem Herrn Bruseberger, und der lieben alten Frau, der Frau Witwe Schubach. Der Señor Alexander, für den dieses alles eigentlich bestimmt war, hörte auch höflich darauf hin, aber er sprach doch auch zwischendurch viel mit der Frau Kriegszahlmeisterin in spanischer Sprache, und darauf horchte am meisten der Pflegling des Brusebergers, der ihm leider dieses schöne, wohlklingende Idiom nicht hatte beibringen können an seiner Buchbinderlade. Zuletzt versicherte sich der jetzige Besitzer des weiland Rodburgschen Anwesens am Kuhstiege zu Ilmenthal auf sein Ehrenwort (was auch er spanisch ausdrückte) im bequemlichsten Provinzialdeutsch: »Schaust du, dies ist nun so auf dieser Erde, und einerlei, ob's auf den Namen Joseph Tieffenbacher geschrieben wird oder einen andern. Bin da eingezogen, wo der andere ausgezogen ist. Ist nicht alles festes Eigentum, was der Mensch dafür hält; möchte wohl wissen, wer heute in meines Vaters Hause in Bödelfingen wohnt, wenn es noch aufrecht steht. War schon ein recht baufällig Ding meiner Zeit ... Und gar in politischen Angelegenheiten – ach du armer Max! Frage nur einer da den Kaptän, meinen guten Freund, und den Herrn Präsidenten Benito Juarez und den Satanskerl, den Don Mariano, den General Escobedo, und den nichtsnutzigen Halunken, den Oberst Lopez. Selbst das Kindle, das Florinele, weinte, als wir dem Papa, dem Herrn Professor, die Geschichte ausführlicher erzählten. Am schönsten lebt es sich noch unter einem Zelt, das man abbricht und auf dem Bagagewagen mitnimmt, wenn das Hauptquartier verlegt wird. Auch eine Kaserne ist ein ganz wohnlicher Aufenthaltsort. Manche Leute behaupten es; habe persönlich es immer für scheußlich erklärt. Gott sei Dank, nun ist dies mein erstes eigenes Dach über meinem Schädel; aber wundere mich an jedem neuen Morgen, daß ich es noch über meinem Kopfe vorfinde. Halte es manchmal für ein wahres Glück, daß ich immer eine Neigung fürs Wissenschaftliche gehabt habe. Habe es Gott sei Dank notiert und schreibe es jetzt ins reine – sehr interessant. Manuskriptum; – Nachbar Theodor soll's bei passender Gelegenheit sich ansehen. Wüßte sonst selber manchmal eigentlich nicht zu sagen, wie ich zu Sachen und Erlebnissen in Schreibstuben, Kontoren, auf dem Marsche, auf dem Schiffe – Herrgott, und auch in Mord und Brand, Schlachten und Belagerungen und jetzt zuletzt hier nach Ilmenthal und zu einem lieben Fraule und zur Ruhe gekommen bin – alles als ein achtzehnjähriger Supernumerarskribent am Amtsgericht zu Bödelfingen und ein Käfer- und Schmetterlingsliebhaber und nachher von Wien aus als Privatsekretarius beim Herrn General von Eynatten. Ja ja, haben den armen Joseph Tieffenbacher kurios durchs Leben gebracht, die Skripturen und die Koleopteren und Lepidopteren, und auch – ahm – vor dem Rheumatismus hüten Sie sich vor allen andern Dingen auf Ihrem Wege durchs Leben, bester junger Nachbar Don Teodoro!« Der letzte Satz war der einzige, der sehr direkt an einen aus der kleinen lustwandelnden Gruppe gerichtet war, und machte deshalb eine um so drolligere Wirkung. »Surely, Sir, ein Besitztum, das man ungeheuer gern jeglichem geliebten Nächsten gratis überlassen würde!« rief der Bruder Alexander lachend über die Schulter zurück; doch die junge Frau an seinem Arm sprach gleichgültig wieder etwas auf Spanisch, wozu Herr José Tieffenbacher ein wenig kleinlaut meinte: »Hast wohl recht, mi corazon, mein Herzchen. Ja, es ist das beste, wir nehmen den Tee im Hause. Es wird ein wenig feucht. Vor kaum zehn Jahren, in Triest, als Admiralitätsbeamter, blies mich die ärgste Bora so leicht nicht zwischen vier Wände und in die Sofaecke. Lassen Sie mir Ihren Arm, Nachbar Teodoro!« Auf dem Hausflur brannte jetzt bereits eine Lampe und warf einen kärglichen Schein auf die Treppe und die Galerien, welche den Flur auf drei Seiten umgaben. Der Bruder Alexander blieb einen Augenblick stehen, hob die Nase und bemerkte: »Hier hat sich doch eigentlich gar nichts verändert. Selbst der alte süße Keller- und Moderduft noch in all seiner holden Frische vorhanden – brr! Guck, hier bin ich einmal mit dem Kopfe voran über das Geländer heruntergekommen, Unkraut vergeht nicht, sprach das damalige Haus- und Familienpublikum, als ich wider alles Vermuten das schöne Bewußtsein, ziemlich überflüssig in dem lieben Kreise zu sein, wiedererlangte. Ich glaube, einen Fleck, auf den ich meinerzeit keine Prügel gekriegt habe, gibt's in dem ganzen vermaledeiten Ahnenkasten nicht. Du nennst den Ausdruck vielleicht infam pietätlos, Kleiner; aber die Señora lacht und denkt an ihre rationellere Erziehung. Ja, mein Sohn, mit allem Respekt vorm seligen Papa und dem noch vorhandenen Papa Drüding, unterm Äquator werden die Kindlein doch ein wenig vernünftiger erzogen als hier bei euch an der Ilme, und unbedingt wachsen sie sehr viel behaglicher auf. Papa Pepe, Sie täten wahrhaftig ein braves Werk, wenn Sie das gespenstische Gerumpel mit allen seinen Ratten, Mäusen, Kellereseln, Schwaben, Totenuhren und Tausendfüßen so bald als möglich niederlegten und ein menschenwürdig anständig Gebäu dafür hinstellten. In kurzem hat ja auch das ganze übrige Nest einen andern Rock angezogen, und wir – wir müssen möglichst das Unsrige dazu tun.« Was Herr Alexander Rodburg mit seinen letzten Worten meinte, wird sich später finden. Augenblicklich stand die kleine Gesellschaft vor der Tür, welche vormals in das Zimmer des Vaters der zwei Brüder geführt hatte. Theodor ergriff unwillkürlich die Hand Alexanders und erinnerte ihn daran. Dieser aber schüttelte sich lächelnd wie im behaglichen Graueln und rief: »Bei allen herzigen Kindheitserinnerungen, ob ich's nicht ganz genau wüßte! Señora, Ihr Fläschchen! Was ich da hinter jener Wand ausgestanden habe, das kann kein verflossener Plantagennigger nachfühlen. Natürlich ist das die Pforte, vor der ich mich heute noch erst einen Moment an die Mauer lehnen muß, ehe ich mich hineintraue. Bitte, entschuldigt mich einen Augenblick – Señora, Ihren Fächer! Tieffenbacher, por l'amor de Dios, decken Sie mir den Rücken, alter Freund, – meine Gefühle von den Schultern bis zum Kreuzbein überwältigen mich zu sehr!« »Ja, ich denke, wir gehen endlich herein«, sagte der Herr Kriegszahlmeister gemütlich, aber doch wie zweifelnd, ob der Ton, in welchem der Hausfreund in diesem Augenblick und grade von diesem Hause rede, ganz der passende sei. Wahrscheinlich aus demselben Grunde wendete er sich an den Jüngern Rodburg, als er die Tür öffnete und sagte – ausnahmsweise nicht bloß zu sich selber: »Wir haben gottlob schon ganz behaglich hier gesessen und der Herr Professor auch – über der Wissenschaft und edeln Naturkunde. Es ist ein recht angenehmes Lokal – der Herr Vater hatte Raum für seine Akten und ich für meine Schmetterlinge und Käfer. Es ist sehr wohnlich – sehr wohnlich für einen Mann, der endlich einmal zur Ruhe gekommen ist. Bitte, Kinder, tretet ein. Bitte, Caballero Theodor, lassen Sie mir Ihren Arm bis zum nächsten Stuhl. Hat recht, der Freund Alexandra, die Treppe ist ein wenig beschwerlich, brauchen aber das Haus deshalb doch noch nicht einzureißen, lieber junger Nachbar. Will noch recht lange recht gemütlich drin sitzen. So – Herrgott von Einsiedeln! Querida, den Tee nehmen wir wohl in deinem Zimmer?« Er saß, und auch Herr Alexander warf sich behaglich seufzend in einen Fauteuil neben dem breiten, von einer schönen Pariser Lampe beleuchteten Tisch. Frau Tieffenbacher hatte sich durch eine Nebentür leise entfernt; der Schüler blieb neben dem Sessel des neuen Nachbars und gegenwärtigen Inhabers seines Kindheitsreiches stehen und legte nur leicht die Hand auf die Lehne. »Hm«, sagte der ältere Rodburg, »ich bin glücklicherweise nicht der einzige, der in diesem Raume geblutet hat. Wie drückt sich Vater Drüding aus, wenn er auf lateinisch meint, daß es ein wahrer Trost sei, allerlei Kameraden im Pech zu haben, Theo? By Jove, Don José, Heulen und Zähnklappen mit und ohne Noten hat's hier gegeben. Uh, der alte brave Herr tat dann und wann einen guten Griff ins volle Fleisch, und hatte er einen Lieblingsklienten in der Schraube und unter der Schere, so flog die Wolle ziemlich ausgiebig herum, und man konnte das Geblöke des armen Hammels häufig durch drei Wände vernehmen. Bewahre mich der Himmel, daß ich dem seligen Biedermann etwas Übles nachrede, Kleiner. Im Gegenteil, er wäre ein rechter Esel gewesen, wenn er die Gaben, die ihm unser gütiger Herrgott verliehen hatte, nicht zu seinem und seiner Familie Besten angewendet hätte. Wir Kinder waren die zeitweilige Aufregung und den Lärm aus Papas Büro auch ganz gewohnt, und nur Mama drückte bei außergewöhnlich lebhaftem Geschäftsverkehr immer noch ganz zitternd die Hände auf die Ohren oder horchte bänglich an der Tür – hinter jener Tür dort.« »Dort ist sie gestorben. Das ist ihr Sterbezimmer nebenan«, stotterte der Pflegesohn des Brusebergers und der Witwe Schubach. »Hm, hm«, brummte Herr Joseph Tieffenbacher wie in etwas peinlicher Ungewißheit, ob er noch eine Bemerkung dazuzugeben habe oder nicht. So war es wirklich als ein Glück für die fernere Gemütlichkeit des Abends zu halten, daß in diesem Augenblick die Frau Romana wiederum auf der Schwelle der Tür, die in das Sterbezimmer der Frau Notarin Rodburg führte, erschien und mit einer ruhigen, doch sehr graziösen Verneigung sagte: »Caballeros, derr Tee!« Sie folgten der Einladung der schönen Frau. Es war der Bruder Alexander, welcher der jetzigen Dame vom Hause den Arm bot und sie über die Schwelle zurückführte in das Nebengemach, und da er in der Todesstunde der Mutter nicht darin zugegen gewesen war, so war es eigentlich nicht zu verlangen, daß er in dem Raume irgend Dinge sehen und Laute vernehmen sollte, welche imstande waren, ihm die Gemütlichkeit der gegenwärtigen Stunde zu stören. Er blieb recht heiter den ganzen Abend über, und auch nur ihm gelang es, dann und wann ein Lächeln auf dem Gesichte der gegenwärtigen Hausherrin hervorzurufen. Wenn der Blick des Schülers dagegen über den Lichtkreis des Tisches hinausfiel, so bog er unwillkürlich mehrmals den Kopf seitwärts wegen eines an der Wand sich regenden Schattens. Er vernahm in die Unterhaltung hinein längst verklungene Töne und Worte. Es stand jetzt ein Pianino auf der Stelle, wo das Bett der seligen Mutter gestanden hatte. Schon oft hatten seine Klänge den jungen Nachbar von dem römischen Forum und aus dem Theater zu Athen weggeholt und in viel wunderbarere, wundervollere Träume und Phantasien hineingezogen; doch augenblicklich erschrak er fast, als der Bruder Alex die Frau Romana bat, ihm »etwas vorzuspielen«; und wenn er nicht die Sprache verstand, so verstand er doch den Gestus, mit welchem die Frau Kriegszahlmeisterin verdrießlich die Bitte abwies, und war ihr auch dafür mit bebendem Herzen dankbar. Er konnte doch weder ihr noch dem alten Herrn und am wenigsten jetzt dem heitern Bruder erklären, welch schweren Seufzer er aus der dämmerigen Ecke her höre und dazu das Wort der Schwester Charlotte: »Mama will das Kind noch einmal sehen!« Übrigens unterhielt man sich, wie man eben an einem Teetisch miteinander zu plaudern pflegt. Das Französisch, mit welchem Frau Romana sich dann und wann an den jüngsten Freund ihres Gatten wendete, ließ auch manches zu wünschen übrig, da es einzig und allein von der Expedition des Marschalls Bazaine herstammte; und da sie sich leider ärgerte, wenn der alte Herr und Mr. Redburgh zeitweilig dabei lächelten, so sprach sie bald wieder nur spanisch mit dem Bruder Alexander und überließ den Jüngern Gastfreund allmählich völlig ihrem Gatten. Dieser tat sein Bestes zu der Unterhaltung, das heißt, er redete außergewöhnlich viel und lebhaft mit sich selber und erzählte sich in der Tat im Verlaufe des Abends manches, was dem jungen Mann recht interessant sein mußte; aber das merkwürdigste dabei war, daß der Schüler aus dem Nachbarhause hier und da ganz und gar den Bruseberger, nur mit einer kleinen Mischung vom Professor Drüding, glaubte reden zu hören. »Hübsche Leute hier am Ort«, sagte der Papa Pepe. »Habe mir gestern auch einen neuen Kopf gekauft mit dem Bilde hiesiger Hauptkirche. Rauche ihn eben an – jawohl, recht liebe Leute! Dazu habe ich es denn allmählich doch gebracht. Ist nicht viel, aber immer etwas für einen Mann ohne Wissenschaft und nur mit ein bißle Zahlensinn und Respekt vor der Mutter Natur und Streben nach dem Höhern. Hätte einen guten Kalkulator am hiesigen Magistrat abgegeben und mußte es mir ruhig gefallen lassen, daß sie in meines Vaters Haus schon das Lausbüble das Professorle nannten. Habe mir vieles gefallen lassen müssen zu Hause und zu Wasser und zu Lande – zu Bödelfingen, im Österreich und – drüben mit Seiner hochseligen Majestät, dem Kaiser Maximiliano. Das schob sich so, und habe mich durchkalkulieren müssen und bin merkwürdigerweise überall auf einen andern Bödelfinger oder andern nähern Landsmann gestoßen, dem's ebenso erging und der doch bei Gelegenheit einem einen guten Wink geben konnte. Jawohl, sind gottlob ein weitverbreitetes Geschlecht, und wenn am Jüngsten Gericht die Trompete erschallt und der Engel ruft: ›Alle von Bödelfingen hierher!‹, da wird ein kurios Zuspringen von aller Welt Enden her sein – he, he, he, he! ... Na, na, werde ich dann also wahrscheinlich von Ilmenthal aus hinhupfen müssen zur angewiesenen Stätte, denn glaube nun doch nicht mehr, daß ich vor der letzten großen Tagfahrt 's irdische Domizil noch mal verändern werde. Kurios, nicht wahr? Ganz und gar nicht! ... Wär ich als Junggesell heimgekommen, hätt ich wohl mein eigen Vaterhäusle angekauft und nicht das anderer Leute! Das Weibele war's, die Romana; das gute Fraule hielt's eben nicht aus in der Heimat, in Bödelfingen, und so haben wir es denn des Gegensatzes wegen in Paris versucht, der Landsmannschaft von weiblicher Seite wegen – Boulevard Sebastopol in einem fünften Stockwerk mit der Aussicht aufs Dach von Saint Leu – ach, alle vierzehn heiligen Nothelfer! Bin dem Freund Alexander da in alle Ewigkeit dankbar, daß er mich von der Höhe erlöst und das arme Kind hier hinter der Teekanne überredet hat, daß sie mit mir zum wenigsten wieder ins liebe Vaterland zurückzog – Deutschland meine ich ...« »Ja, ich habe euch den Papa Tieffenbacher nach Ilmenthal geschickt!« rief Alexander Rodburg lachend, dem jüngsten Bruder in das erstaunte Gesicht blickend. »Ich versichere aber, der Zufall spielte dabei eine ebenso große Rolle als ich –« »Und die Zeitung!« fiel der Herr Kriegszahlmeister an seiner Pfeife saugend ein. »Vergessen Sie auch unser Kaffeehaus in der Rue de Rivoli und die deutschen Zeitungen daselbst nicht. Ilmenthal an der Ilme! Aufblühender Kurort! Sehr angenehme Gegend – entzückende Lage – geschützt vor jedem unangenehmem Winde – wohlfeiles Leben – Mietwohnungen und Gelegenheiten zum Ansiedeln im Überfluß – nun, lieber kleiner Nachbar Teodoro, Sie kennen das ja alles besser als ich, Sie sind ja drin aufgewachsen, und mein verehrter gelehrter Freund, Professor Doktor Drüding, hat mir gleichfalls alles bestätigt. Auch in naturwissenschaftlicher Hinsicht äußerst interessant! Habe es kurz und gut stets verstanden, nötigenfalls meinen Schwerpunkt zu verlegen – heute nach Westen, morgen nach Osten, und das Weibele, die Romana, hat als gutes, braves Frauele auch wenig Einwürfe gemacht, nachdem Freund Alexander alles Pro und Kontra reiflich mit uns erwogen hatte. Hält den Ort in seinen gegenwärtigen Umständen als wohl geeignet, ein kleines Vermögen nutzbringend daselbst anzulegen. Hatte freilich vorher noch einige Geschäfte in New Orleans abzuwickeln – meine ich immer den nichtswürdigen Juaristen, den blutigen Liberalen da – he, he, he, habe ihn mal überrascht, neulich bei seiner ersten Visite, als Proprietär seines Ilmenthaler Ahnenschlosses! Hat mir viel Spaß gemacht. Arrangiert sich manches sehr leicht unter dem blauen Himmel, was der Mensch für unmöglich hält. Wohnen hier nun quasiment wie eine Familie beisammen – ist ein altes Gerümpel, das Haus Rodburg, habe mich aber schon in ärgeren ganz gemütlich eingenistet und wollen's fürs erste noch nicht einreißen. Señor Alexandro – spricht da mein Rheumatismus auch mit, Señor Teodoro – habe keine Lust, den Trockenwohner für des Städtles Zukunftbevölkerung zu spielen, – habe drüben jenseits der Ilme schon ein Terrain für mögliche Spekulationen ins Auge gefaßt, he Frau! he Gentlemen?! ... Wollen unsere paar Pfunde nicht bloß vergraben oder verwohnen in Ilmenthal an der Ilme – wollen auch unsererseits dem lieben Ort nach Möglichkeit zu einer internationalen Universalreputation verhelfen!« »Hört, hört! Und höre du vor allen, jüngster Rodburg, jugendlicher Ilmenthaler!« rief Mister A. Redburgh. »Was macht das Kind für Augen! Steigen wohl allerhand neue, ungeahnte Welten vor dir auf, mein Junge? Na, nur ruhig, Muchacho, in einigen Wochen wirst du uns sämtlich um ein weniges genauer kennengelernt haben. Werde dir nach und nach auch von dem erzählen, was ich alles in der Welt gewesen bin und getrieben habe, ehe ich heimkommen und als Ilmenthaler Badegast und Rentier von meinem Gelde leben konnte oder – wie die Redensart sonst unter euch guten Leuten lautet.« Große, erstaunte Augen warf der Jüngling vom einen zum andern um den kleinen, zierlichen Teetisch in dem Hause seines Vaters und dem Sterbezimmer seiner Mutter; – den Blick aber, den sich der weit- und menschenkundige Bruder und das Weib seines alten neuen Freundes zuwarfen, übersah er doch, und das war auch recht gut oder doch ganz einerlei, denn auszudeuten hätte er denselben an dem heutigen Abend doch noch nicht vermocht. Er hielt sich immer noch allein an den Klang der Stimme der schönen Wunderfrau und übersah auch ganz ihr gleichgültig Gesicht und dann und wann unverhehltes Gähnen ob des, wie gesagt, von manchem geleugneten Wohllautes. In Anbetracht, daß er am nächsten Morgen wieder zum Doktor Drüding in die Schule mußte, trug er einen Kopf nach Hause, in dem es fast zu bunt aussah. Er kam gegen Mitternacht vor die verschlossene Tür der Mutter Schubach und hatte längere Zeit zu pochen, ehe ihm der Bruseberger in der weißen Zipfelmütze den Hausschlüssel aus dem Fenster des Unterstocks reichte, statt selber ihm zu öffnen. Es war eine ganz stille Nacht, nur die Ilme rauschte hell drunten im Tal durch das Dunkel und das schlafende Städtlein. Alexander Rodburg zündete eine letzte Zigarette an, beleuchtete scherzhaft mit dem Zündhölzchen den Alten im Fenster und meinte munter: »Das Gesicht kenne ich schon an Euch, Bruseberger; habt es mir meiner Zeit häufig am hellen Tage gezogen! Aber, dammy, seit wann verriegelt man denn die Haustüren in Ilmenthal – bitt Euch?« »Hier in Deutschland bei uns sagt man Sie zu einem, Herr Rodburg«, erwiderte der Alte. »Mit dem Hausschlüssel aber haben Sie recht. Es ist eine Neuerung in Ilmenthal! Es treibt sich eben aber auch allzuviel Gesindel seit einiger Zeit allhier herum. Wünsche eine wohl zu schlafende Nacht.« Es war vielleicht nicht gut, daß Theodor Rodburg den Blick nicht sah und das Wort nicht hörte, das der Bruder auf seinem Wege nach dem Hotel Bellavista über die Schulter dem Kuhstiege und ganz im besondern der noch längere Zeit aus dem offenen Fenster ihm nachleuchtenden Zipfelkappe des Biedermanns, des Brusebergers, schenkte. Dreizehntes Kapitel Es war nur ein kleines Flüßchen, eigentlich nur ein Bach; aber es kam weither aus der Geschichte und ließ sich auch in der allerneuesten Gegenwart den Mund höchstens durch einen recht dürren Sommer verbieten. Die Ilme meine ich. Wenn sie in Ilmenthal einmal beinahe ganz ausblieb, lachte sie an ihrem Ursprung in der Erdtiefe, mitten im Gebirge um so munterer ins Fäustchen, verließ sich, leis rieselnd, auf allerlei gute Hülfe aus Wald und Berg vom Himmel herab, wartete auf ihre Zeit und zeigte es dann den Leuten, Autochthonen und Touristen, daß sie noch da sei. Ilmenthal hatte ihr im Grunde nie imponiert, und über Ilmenthal in seiner »neuen Entwickelung« machte sie sich dann und wann sogar recht lustig. »Die bleibt noch lange Meister mit ihrer Musik, Meisterin; und das ist auch ein Trost«, brummte der Bruseberger. »Die ist noch älter als der römische Geschichtsschreiber, der zuerst ausführlich von uns berichtet hat und den ich hier wieder mal in sechs Exemplaren – Pappe, Lederrücken und Ecken – in der Arbeit habe. In der stillen Nacht ist sie mir mit ihrem Geräusche manchmal eine wahre Beruhigung und ein Trost –« »Im Zusammenhang der Dinge. Nicht wahr, das wollten Sie doch anhängen, Alter? Ganz meine Idee hier am Kuhstiege mit der Aussicht aus dem Fenster ins Tal hinunter auf die vielen neuen oder neugeflickten Dächer und die ewigen Fremden und immer anderen Herren und Damen, den Kuhstieg herauf und herunter aus der immer allerneuesten Modenzeitung.« – In seinem alten, seit Anfang des Jahrhunderts zum Gymnasium eingerichteten Klostergebäude exponierte Professor Dr. Drüding jenen lateinischen Geschichtsschreiber, welchen der Bruseberger immer von neuem band oder flickte. Es wartete auch hier die Ilme mit ihrer Musik durch Winter und Sommer auf unter den mönchischen Spitzbogenfenstern und bemoosten Mauern, und manchmal schien sie hier an stillen Nachmittagen vergnüglicher als anderswo in sich und in den Cornelius Tacitus hineinzukichern ... »Ich meinesteils bin vollständig der Meinung derjenigen, welche die Bevölkerung Germaniens als eine nicht durch Eheverbindungen mit fremden Rassen vermischte betrachten, sondern vielmehr als einen eignen, reinen, nur sich selbst gleichen Volksstamm. Daher auch ein und derselbe Körperschlag bei dieser ganzen, doch so zahlreichen Menschenmasse: das trotzige blaue Auge, das rotblonde Haar, der gewaltige Wuchs –« »Schließen Sie doch das Fenster, Buttermann, es muß oben im Gebirge ein Platzregen, wenn nicht gar ein Wolkenbruch stattgefunden haben. Der Fluß lärmt wirklich heute zu heftig; man versteht sein eigenes Wort und auch das unseres Gajus Cornelius nicht«, meinte manchmal der alte Herr und hatte keine Ahnung, daß es nur diese oder eine andere Stelle im Tacitus und sein unerschütterlicher philosophisch-patriotischer Glaube dran war, über was die Ilme draußen vor Vergnügen aus Rand und Band geriet. Bei ihrem fröhlichen, aber immerhin doch etwas rücksichtslosen Charakter war es ein Glück, daß die Wasser doch nur selten bis über die Kirchturmspitzen, -kreuze, -fahnen und -hähne hinaufsteigen, wie ja nach einem Väterwort auch dafür gesorgt ist, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. An das letztere brave, aber etwas ernüchternde Diktum ließ sich Ilmenthal in seiner jetzigen Stimmung eigentlich nicht gern erinnern. Es hatte nach einem andern Wort zu große Rosinen im Sacke, und es waren zu viele Leute, eingeborene und fremde, vorhanden, die nur zu gern an allen Taschen danach herumfühlten. Es fand sich bald, daß Herr Alexander Rodburg in eminentester Weise zu diesen klugen Leuten gehörte und daß er, obgleich er im Grunde ein sehr Fremder geworden war, sein angeboren Stadtkinderrecht und Heimatsgefühl aufs beste zu verwenden verstand und daß er nicht ohne seine Gründe und ganz zur rechten Zeit für seine Talente sich zu Hause wieder angefunden hatte. Vom Hotel Bellavista aus war er rasch in diesem Sommer mit den besten Honoratioren und den ersten Geldkräften des Gemeinwesens in Verbindung getreten, hatte nach den oben erwähnten süßen Früchten manch einem ahnungslosen Spießbürger verstohlen an die Tasche geklopft und wußte längst um den Mann Bescheid, ehe derselbe seinerseits zu der Überzeugung gekommen war: »Wahrhaftig, Herr Nachbar, das ist ein wirklich merkwürdig begabter Mensch, dieser ältere Herr Rodburg! Suchen Sie doch ja auch seine Bekanntschaft zu machen.« Auch der ältere Rodburg kannte noch die Gegend wie seine eigene Tasche. Auf Plätzen, an Abhängen, zwischen dem Gestein, wo er früher mit den Ilmenthaler Ziegen herumgeklettert war und Brombeeren gesucht hatte, stieg er jetzt von neuem herum, aber suchte und fand ganz etwas anderes. Und merkwürdigerweise begleiteten ihn nunmehr öfters die gewichtigsten Männer der Stadt und lauschten wohl schweißtriefend, ächzend und luftschnappend, aber voll Andacht seinen Gründen für diese Exkursionen, die ihm anscheinend auch wohlfeil wie Brombeeren waren. Und über ein kleines – schon gegen den Spätsommer des laufenden Jahres – wurden aus den Überlegungen und Berechnungen handgreifliche Wirklichkeiten. Die Meßstangen und Meßketten zwischen dem Gestein, Gesträuch, den wilden Blumen und wohlduftenden Kräutern machten der Spitzhacke und dem Spaten Platz. Einheimische und auch schon fremde Arbeiter hoben hie und da den Grund aus, und vom Hotel Bellavista aus übersah man, das Tal auf- und abwärts, ein halb Dutzend Flecke, auf denen »etwas zu machen war« und auf denen wirklich auch schon etwas gemacht wurde – die Villa Karolina zum Beispiel an einem der lauschigsten und liebreizendsten Waldplätzchen – freilich nicht ganz nach dem Geschmack des alten Naturnarren, Doktors und Professors Drüding, und auch nicht nach dem seines Töchterleins Florine. »Es ist ein höchst sonderbares, aber durchweg angenehmes Gefühl, mal den Pionier im alten abgebrauchten Europa und noch dazu im speziellsten Vaterlande und sozusagen an seiner eigenen Wiege spielen zu können«, meinte Herr Alexander Rodburg. »Du, Theo, der du bisher ruhig und warm zwischen den Kissen gebrütet hast, kannst natürlich keine Ahnung davon haben, wie unsereiner fühlt, wenn er endlich auch wieder sich in die alte wärmflaschenhafte Gemütlichkeit einwühlen darf. Sie aber, Herr Bürgermeister, nehmen Sie's mir nicht übel – ich lasse gern alles, was Sie mir einwenden werden, gelten; aber ein bißchen zu weit zurück seid ihr mir hier doch die letzten fünfundzwanzig Jahre durch geblieben! Sie wissen, wie ich es meine, und also werden Sie sich nicht ärgern, wenn ich mich ganz offen ausspreche – ich tue das nur im allgemeinen Interesse und als echtes patriotisches Ilmenthaler Stadtkind: Jungfräulicher Boden und jungfräulicher Urwald drüben beim Uncle Sam sind reine lächerliche Redensarten gegen den jungfräulichen Urwald und Boden unserer hiesigen Naivität, Unschlüssigkeit und Borniertheit. Ich bin da gewesen und kenne das: selbst in Mexiko und Nikaragua leckt kein Kommunalwesen so stupide draußen an der Zuckerdose herum und läßt sich mit solchem Widerstreben die Zunge in den Honigtopf selbst hineindirigieren wie ihr unschuldigen Kinderseelen am hiesigen Platz.« »Reden Se nur dreiste zu, Herr Rodburg. Ihre Idee, das Holzwasser und den Hummelbach zusammenzudämmen und sie über den Urbansstein zu leiten und einen perennierenden Wasserfall für den Fremdenanzug herzustellen, muß jedermann einleuchten. Wollen Sie die Sache in die Hand nehmen, so denke ich, die Verschönerungskommission im Magistrat wird es an der nötigen Unterstützung nicht fehlen lassen, und ich kenne schon mehr als einen, der gern sofort den gehörigen provisorischen Bier- und Kaffeeschank unter das neue Naturspiel hinsetzt.« »Aus dem Hummeltal willst du den Bach abdämmen?« fragte der Schüler zweifelnd, verwundert und etwas vorwurfsvoll. »Nur aus ästhetischen Gründen!« lachte der Bruder. »Durchaus nicht aus alter Ranküne, obgleich es ein Faktum ist, daß ich – vor deiner Zeit – dort häufig genug beim Krebsen im Morast steckenblieb und einmal nahe dran war, mein junges, unschuldiges Leben einzubüßen. Wäre recht schade für Ilmenthal gewesen, würde heute Papa Drüding sagen.« In der letztem Beziehung irrte sich der erfinderische Neu-Ilmenthaler und wußte das auch. »Ich will nichts sagen, Rodburg«, meinte Professor Drüding bei seinem nächsten Besuche im weiland Rodburgschen Hause am Kuhstiege, »aber dein Bruder Alexander scheint mir doch manchmal – nun, wie soll ich mich ausdrücken – mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit, ja Pietätlosigkeit vorzugehen hier in unserm Erdwinkel. Und wenn ich als hier entsprossener Wurzel- und Stammensch mich vielleicht irren könnte, so muß es mir ein desto größeres Genügen geben, daß auch unser jetziger Mitbürger hier, unser treuer Exkursionsgenosse, Freund Tieffenbacher, mir vollkommen recht gibt. Es ist einfach eine Schande mit dem Hummelbach und dem Urbansstein! Das ganze liebliche Quertal vom Saukopfe herunter ruiniert! Bloß einer solchen nichtsnutzigen Baedeker-Reklame wegen verschimpfiert! Selbst dem Kinde, meinem Florinchen, kommen jedesmal die Tränen in die Augen, wenn ich etwas lauter, als sonst meine Art ist, daran denke. Für Myosotis palustris gab es freilich auf weithin um Ilmenthal keinen zweiten Fundort wie den Holzwassergrund und das Hummeltal. Ja, und wenn das nur das einzige wäre! Aber die Herren sind ja überall am Werke das neue – Erblühen des Gemeinwohls zu fördern. Von Tag zu Tag komme Ich mir mehr wie jener Coopersche Lederstrumpf vor, dessen Abenteuer ich dir dann und wann leider zu konfiszieren hatte, lieber Theodor. Wir alten Ilmenthaler haben einfach zurückzuweichen vor der neuen, glorreichen Zivilisation; und ich sehe es voraus, es wird eine Zeit sein (wenn ich sie erlebe!), wo ich mich, wie meine Florine, mit Tränen in den Augen nach dem Ärger zurücksehnen werde, mit welchem ich dich Theodor, euch – unsere Quartaner, Unter- und Obertertianer – in meine geheimsten wissenschaftlichen Waldgärten einbrechen sah. Und in der Stadt! Ist es denn in der Stadt gemütlicher? Zu einem wahren Poliorcetes, einem Städteverwüster, scheint dieses Menschenkind, dieser Musjeh Alexander geboren worden zu sein. So! Also auch Ihnen hat er sofort das Dach über dem Kopfe abtragen wollen, Herr Tieffenbacher! Sieht ihm ganz ähnlich! ... Und noch dazu sein Vaterhaus! Theodor, ich kann mir nicht helfen, ich habe allgemach die feste Überzeugung gewonnen: dieser Mensch, dieser Mann, dein Bruder würde ohne alle Umstände und Gewissensskrupel heute abend noch anfangen, Vater und Mutter auf dem Kirchhofe auszugraben, wenn er morgen früh mit dem Bau des neuen Ilmenthaler Kurhauses daselbst beginnen dürfte.« Nicht ohne kopfnickende Zustimmung hatte Don Joseph Tieffenbacher das letzte Wort der langen Rede des entrüsteten Ilmenthaler Scholarchen seiner jungen Frau ins Spanische übertragen. Sie aber lachte auch an jenem Abend hierüber zuerst. Was sie von der übrigen Unterhaltung verstehen konnte, hatte sie in ihren Diwankissen halbgeschlossenen Auges angehört und ihre Meinung darüber mehrfach durch ein mehr oder weniger verstohlenes Gähnen hinter ihrem Fächer ausgedrückt. – Daß die beiden alten Herrn, der Gymnasialprofessor von Ilmenthal und der Armeebeamte des hochseligen Kaisers Max von Mexiko, ein eigentümliches Wohlgefallen aneinander gefunden hatten, wissen wir bereits. Wie verschieden auch ihre Lose im Dasein gefallen und ihre Wege über den Erdboden gelaufen waren, so sproßten sie im tiefsten Grunde doch aus ein und derselben Wurzel germanischer Nationaleigenheit empor und blickten beide mit den nämlichen kindlichen, bohrenden und immer eigentlich höchst verwunderten Augen in diese vertrackte Welt hinein. Sie verkehrten von Tag zu Tag lebhafter miteinander von Haus zu Haus. Vor den buntnaiven Sammelkästen und exotischen Herbarien des vielgewanderten, enthusiastischen Dilettanten stand der Professor wie ein Kind vor einer überreichen Weihnachtsbescherung; Papa Pepe aber brachte – nach seinem eigenen Ausdruck – täglich mehr wissenschaftliches System in sich hinein. »Wer mir dies damals in Queretaro und vor einem Jahre noch auf dem Boulevard Sebastopol prophezeit hätte, Freund Alexander, dem würde ich wahrscheinlich nicht auf sein Wort geglaubt haben. Ilmenthal? Ilmenthal! Wer konnte es wissen, daß ich mich in Ilmenthal zum ersten Male in meinem Leben ganz behaglich fühlen würde? Nun ja, Sie haben recht, amigo, auf das Terrain in der Nähe des projektierten Bahnhofes werde ich mit Vergnügen die Hand und einiges Kapital legen. Schaffen Sie uns nur die Bahn, aber verschonen Sie wenigstens heute mich und die Romana mit allen weitern Spekulationen und Kalkulationen darüber. Hab mein Lebelang wahrlich genug rechnen müssen und brauche mir nicht jeden schönen Tag verderben zu lassen. 's ist Mittwoch und keine Schule; – wir ziehen allesamt heute aus, und Sie ziehen selbstverständlich mit. Mein Rheumatismus? Haben Sie mich denn nicht auch meines Rheumatismus wegen nach Ihrer Vaterstadt dirigiert? Adam vor dem Sündenfall wußte nicht mehr davon, als ich heute an diesem gesegneten Tage verspüre. Fragen Sie nur meine Frau, Caballero.« Wir können es nicht sagen, ob in diesem speziellen Falle Mr. A. Redburgh der letzten Aufforderung nachkam; aber von diesen vergnüglichen Exkursionen schloß er sich nur selten aus und meistens zufällig nur dann, wenn auch die Frau Romana ihre Teilnahme verweigerte. Waren sie alle beisammen im Walde, so verstand es keiner besser als er, einer solchen Fahrt Leben und Bewegung zu geben, das Kalte mit sich fortzureißen und dem Nüchternen Flügel zu verschaffen. Es war das Kind in der kleinen Gesellschaft, Florine Drüding war's, die über das Kalte und Nüchterne auf diesen lustigen Ausflügen das Rechte unbewußt fühlte, natürlich aber keinem ihre innerste Meinung über die wunderschöne Frau Romana mitteilte und nur dann und wann ihren ihr mehr und mehr entwachsenden Spielkameraden Theodor mit verwunderten großen Augen ansah, wenn er manchmal »gegen die kuriose, fremdartige Dame eigentlich zu höflich« war. Aus dem Hause Schubach ging auch jetzt niemand der schönen und wissenschaftlichen Natur wegen mit in die Berge und Wälder, aber in ihren Gedanken waren sowohl die Meisterin wie ihr Altgesell häufig dabei und erlebten allerlei mit, worüber sich nachher nachdenklich und bedenklich weiter diskurrieren ließ, obgleich es fast jedesmal der Mutter Schubach dabei »zur Idee wurde, daß sie so weit doch nicht der Weltgeschichte zum Vormund gesetzt seien, um sich um alles, was jetzo in Ilmenthal und am Kuhstiege sich zutrage, unnotwendige Sorge zu machen.« Es war immer noch der im Grunde umgänglichste, vertrauensvollste, naivste Mensch in dieser kleinen Gruppe von Individuen, der Bruseberger nämlich, der sich am mißtrauischsten abseits hielt, am mürrischsten seine Ansichten über dies und das in sich verschloß oder kundgab und sich »natürlich wieder mal halbdumm an diesem Abschnitt seiner Zeit-, Stadt- und Nachbarschaftgenossenschaft las« – glücklicherweise ganz und gar im Zusammenhang der Dinge. Im Zusammenhang der Dinge hatte er ja auch von seinem Arbeitstische aus immer noch die Aussicht in den Nachbargarten und die daselbst Verkehrenden, und daß er ein einsichtig Menschenkind war und in Dinge, die ihn interessierten, gern ganz nahe und genau hineinguckte, konnte ihm niemand in Ilmenthal bestreiten. Von seiner ersten Überraschung und Verwirrung durch die unvermutete Heimkehr des ältern »bösen« Rodburgs erholte er sich zwar nach und nach; allein sein Verkehr mit seinem jungen Schützling gewann, sofort von jenem ereignisreichen Mondscheinabend an, Stimmungsnuancen, die man besser durchfühlte, als man sie beschreiben konnte. Vor allem fing er sogleich an, den Knaben viel mehr wie sonst als einen Erwachsenen zu behandeln und allen seinen Verkehr und seine Unterhaltungen mit ihm daraufhin einzurichten. Eine Unterhaltung und Auseinandersetzung entspann sich natürlich auch hierüber. »Jaja, das ist nun nicht anders«, sagte der alte Weise. »Die Zeiten gehen hin, und für jeden kommen einmal die Jahre, wo er merkt, daß sie hingegangen sind, und er sich sehr wundert, daß er nichts getan hat, sie aufzuhalten. Der einzige Trost sodann ist, daß dies eine Torheit ist und daß der Mensch sich nur dann auf was besinnen kann, wenn erst was hinter ihm liegt. Sie gehen nun demnächst, wenn das Glück gut und durch Sie selber nichts zwischen Sie und den Herrn Vormund und Professor kommt, bald auf die Universität ab, Thedor, und da handelt es sich zwischen Ihnen, mir und dem Universo allgemach eben wohl um andere Affären als unsere bisherigen gewohnten, dummen Dummenjungensdummheiten. In der Lage sind Sie bei Ihrem anjetzigen Alter schon; auf Ihre Karnickelperiode sich zu besinnen – nachträglich. Ich habe Sie dabei als vernünftiger Mensch beobachtet und ruhig gewähren lassen und Ihnen dabei und in allen nachfolgenden Perioden gern auch Hülfe und Vorschub geleistet. Wenn Sie erst in meinem Alter sind, werden Sie sich auch darauf besinnen, was für gute Kameraden wir durchschnittlich gewesen sind; aber damit ist es jetzo freilich am Ende. Daß wir im fernern Verlaufe der Dinge gute Kameraden bleiben, darauf steht jetzt bloß meine Hoffnung. Mithelfen kann ich wenig dazu, sondern höchstens mich nur nach Notdurft darauf einrichten, daß auch fernerhin zwischen Ihnen und mir uns allerlei Menschliches passieren kann. Wundern wird mich das freilich, wie sich das weiter machen wird zwischen uns, wo es sich jetzt nicht mehr um Lappalien und Kinderspiel handelt.« »Beim Zeus, dem Vater der Götter und Menschen, was für ein Gesicht Sie hierzu ziehen, Bruseberger!« rief der jüngere Mensch ein wenig kleinlaut. »Zuletzt läuft doch auch jetzt wieder das Ganze darauf hinaus, daß Sie meinem Bruder, dem armen Alexander, immer noch nicht trauen und Ihre Antipathie gegen ihn immer noch nicht überwinden können. Darüber haben wir gewiß schon genug gesprochen. Was Sie sonst noch Greuliches in der Gegenwart und Zukunft sehen, weiß ich nicht, aber ich verpflichte mich hierdurch feierlich, eine ganz gleiche Miene wie Sie eben zu machen, wenn ich es heraushabe. Übrigens gebe ich Ihnen mein Wort, daß mir gegenwärtig, wenn ich glücklich über den alten Drüding und das nichtsnutzige Abiturientenexamen hinaus wäre, alles andere – gefälligst den Buckel hinaufsteigen könnte.« »Darin läge wohl ein Trost für die Gegenwart, wenn's – wahr wäre«, brummte der Bruseberger fast ebenso kleinlaut wie sein »Ziehkind«. »Bei so bewandter wohltätiger Stimmung und unter solchen erfreulichen Umständen würde ich in Ihrer Stelle dann aber auch nicht so häufig so spät nach Hause kommen, sei es aus dem Hotel Bellavista oder auch – nun kurz heraus: aus der nächsten Nachbarschaft, so angenehm dieselbige auch sein mag. Als wir der neuen Zeit halben einen Hausschlüssel anschafften, haben wir freilich keine Ahnung davon gehabt, welch ein unruhig Dasein er sogleich führen werde. Merkt denn eigentlich der Herr Professor noch gar nichts davon?« Der Schüler antwortete hierauf nichts; er sah aus dem Fenster der Werkstatt, und der Bruseberger, ihm über die Schulter blickend, zuckte die Achseln: »Jawohl, wie gewöhnlich! Unser Herr Bruder und die alte fremde Puppe – die schöne gnädige Frau, wollte ich sagen.« Es ärgerte den Schüler, daß so manche Leute dann und wann sich alle Mühe gaben, der Frau Romana ihre Lebensjahre auszurechnen. Im gegenwärtigen Falle sagte er übellaunig: »Nun, da haben Sie ja die beste Gelegenheit, den Alexander Ihres Hausschlüssels wegen zu interpellieren. Was den alten Drüding das angehen soll, weiß ich nicht. Aber was meinen Bruder Alex betrifft, so mag Ilmenthal meinetwegen von ihm wissen und sagen, was es will! Er ist ein famoser Kerl und dazu von meiner ganzen Familie der einzige, der sich je nach mir umgesehen und sich herzlich um mich gekümmert hat. Er hat eben ein ander Leben als Sie und ich führen müssen, Bruseberger; und halb Ilmenthal folgt ihm doch schon auf sein Wort. Er ist ein Mann, nehmt alles nur in allem!« »Das ist aus einem von Shakespeares Theaterstücken und bezieht sich auf einen ganz andern Charakter, lieber Theodor. Wollen aber den Herrn Bruder jetzt lieber nicht anrufen, Herr Rodburg, er ist zu angenehm beschäftigt. Es wundert mich nur, daß ein so weitgereister und kluger Mensch sich nicht ein bißchen mehr vor den Leuten in acht nimmt. Machen Sie ihn doch bei Gelegenheit einmal darauf aufmerksam, daß noch ein oder zwei Fenster außer denen der Witwe Schubach in der Nachbarschaft auf den weiland Rodburgschen Garten hingehen.« »Wieso?« fragte der Schüler, der es verlegen mehr und mehr fühlte, wie rot ihm Stirn und Wangen wurden. »Sehen Sie, Kind, ich habe augenblicklich gar keine Zeit«, sagte der Bruseberger. »Ich habe hier einen alten Clauren in der Flickarbeit, und nun gucken Sie mal, wie zerlesen der Bafel ist. Würden sich auch wundern, aus welcher gebildeten Familie er stammt. Blatt um Blatt muß man zusammensuchen. Man sollte es fast nicht für möglich halten. Und nun, bitte, stören Sie mich nicht länger! Gehen Sie, wenn's möglich ist, auch wieder an Ihre Bücher.« An seine Bücher schlich der Schützling des alten Buchbindergesellen, aber die Mutmaßung des Brusebergers, daß er augenblicklich wenig gelehrten Nutzen daraus ziehen werde, erfüllte sich vollkommen. Der Bruseberger stellte eine Papptafel ins Fenster, das heißt zwischen sich und die Außenwelt; aber der Jüngling ließ es offen – das Fenster nämlich -, und alles von draußen, Licht und Luft und Blätterrauschen, Vogelgezwitscher und Menschenstimmen behielt freien Zugang. Es war eine eigentümliche, süße und doch bängliche und unheimliche und wie mit Gewissensbissen behaftete Lust, aus der engsten Nähe in die zauberhafteste, schrankenloseste Weite hin zu sehen und zu hören – verstohlen zu lauschen. Es ist immer von neuem der Mensch des Paradieses, der junge alte Adam, der den Baum der Erkenntnis in immer näheren Kreisen umgeht, bis er nur die Hand auszustrecken braucht, um die furchtbare Frucht, das Wissen, der alten Schlange aus dem Munde zu nehmen. Auf jenem Platze, wo einst der morsche Schubkarren dem betrübten und betäubten Kinde am Begräbnistage zum Sitz gedient hatte, stand jetzt unter dichtem Ziergewächs eine zierliche Bank, und da saßen nun Alexander und Romana, der Mann und das Weib aus jenem Reich der blauen Wunder und Abenteuer, nach welchem sich der unmündige Knabe, mit seinem Robinson Crusoe und Ferdinand Cortez im Sinne, so sehr gesehnt hatte. Nun, der Mündigkeit nahe, sehnte sich Theodor Rodburg wiederum, und wiederum lag die herzbange, ahnungsreiche Bezauberung nur in ihm selber und kam nicht von außen und zog einen Kreis um ihn und bannte ihn fest im Alltage, in der Gegenwart und Wand an Wand, Tür an Tür mit dem andern, dem grauköpfigen Mitbürger in der Welt der Phantasie, mit dem närrischen Ilmenthaler Philosophus, dem künstlichen Buchbinderaltgesellen der Mutter Schubach, mit dem Bruseberger: der Herr und die Dame da unten sprachen eben recht nüchtern nur von irdischen Alltagsangelegenheiten, und zwar von dem Vermögenszustande Don José Tieffenbachers, der augenblicklich ein neues, wundervolles Mikroskop, das er von London verschrieben hatte, in seinem Mahagonikästchen sorgsam und eiligst zu seinem Freund Drüding durch die Gassen von Ilmenthal trug. Der Schüler konnte nicht hören, was der Bruder zu der schönen Nachbarin sagte; aber er sah sie lächeln, und sie lächelte so selten, – griechische Vokabeln zu einem Chor des Sophokles ließen sich schlecht dabei im Lexikon suchen, aber ganz Hellas und die ganze deutsche Poesie und alle Meere und alle Zauberinseln drin, und vor allem Zythera, Lesbos, Kos, Cyprus und sämtliche Zykladen, lagen bei diesem Lächeln im Sonnenglanze in seiner Seele. »Ihr Lachen ist eigentlich nicht hübsch«, hatte einmal Florinchen Drüding naseweis gesagt und hatte selber mutwillig gelacht, als ihr Freund Theodor mürrisch erwiderte: »Was weißt du davon? Soll etwa die ganze Welt wie du piepen – scilicet wie ein unflügges Lerchennest?« – »Papa meint es aber auch, und er sagt, einer von euch in der Prima lachte manchmal beinahe so im Chor, er hätte es aber noch nicht recht heraus, wer; aber er glaube ziemlich fest, Buttermann sei's, scilicet!« ... Si scire licet, wenn es erlaubt ist, es zu wissen: die kleine Gelehrte und Kluge hatte nicht ganz unrecht und ihr Papa auch nicht: es war vorteilhaft für die schöne Frau Romana, wenn sie nicht zu laut lachte, weder im Chor wie Buttermann oder allein für sich. Aber wer kann alle verlockenden Vorzüge dieser Welt in und an sich vereinigen? Sie erhob sich eben und stand stattlich da wie Hera, die Königin der Götter: was war das für ein schlechter Witz von Bruseberger, der neulich ebenfalls seine Gelehrsamkeit leuchten lassen mußte und greinend sich auch als auserlesener Mythologikus erwies: »Jawohl, die reine Juno! Hat aber ihren Pfau weniger bei sich als in sich. Für einen, der nicht mit ihr leben muß, ist es wirklich eine angenehme Kuriosität.« »Ich will Ihnen mal was sagen, Bruseberger«, hatte der Schüler grimmig erwidert, »es denkt mancher, er habe den Vogel der Minerva auf der Schulter und hat doch nur ein halb Dutzend Eulen im Kopfe.« Nachher war es freilich die höchste Zeit geworden, daß die Mutter Schubach sich in die Unterhaltung mischte und beruhigend meinte: »Na, na, was sind das nun wieder für Narrheiten, und alles natürlich wieder um die Dummheit jenseits des Zaunes! Meine Idee ist, es hat am Ende jeder vernünftige Mensch das Recht, sich je nach der Jahreszeit in seinem Leben seinen Vogel groß zu ziehen im Kopfe. Positus, wie Sie sagen, Bruseberger, daß er ihm nur zur richtigen Zeit den Hals umdreht.« »Darauf kommt es an, Meisterin!« hatte der Bruseberger, mit Ernst und Würde sich fassend, das Gespräch zu Ende gebracht. – Sie hatte sich erhoben und den Arm Alexander Rodburgs genommen, der auch aufgestanden war, nachdem er noch einmal seine Beine weit von sich gestreckt und herzlich gegähnt hatte. Ihre schärfsten Kritiker in Ilmenthal, Paris und wer weiß wo sonst mußten es ihnen lassen, daß sie, von hinten betrachtet, wahrlich noch ein splendides, magnifikes, jugendliches Paar Menschenkinder waren. Eine blutrote Welle schlug plötzlich von neuem dem kindischen Lauscher in dem Ilmenthaler Scholarenstübchen ins Gesicht. Hinter dem Wachholdergebüsch, das Herr Joseph Tieffenbacher angepflanzt hatte, neigte sich Mr. A. Redburgh zu der Prinzessin Fisch und küßte sie auf das schwarze Stirnhaar. In diesem Augenblick veränderte sich alles drunten vor den Augen des Knaben, eine ganze Welt versank und eine andere stieg an ihre Stelle empor. Er wendete um im Buche des Lebens, und mit einer Gier, Wißbegierde, Lernbegierde, wie er sie bis dahin noch nach keiner Kunst und Wissenschaft in sich erfahren hatte, beugte er sich über die neuen Zeichen. Und es ward wieder einmal wie im ersten Buche der Genesis: »Ich fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.« Der Bruseberger hinter seiner grauen Pappwand flickte währenddem mit giftigstem Eifer an seinem zerlesenen Clauren weiter und hatte zu seiner Erquickung in seinem Drangsal nichts weiter als die Frage im Zusammenhang der Dinge: »War denn die Welt und die Aussicht in die angenehme Nachbarschaft früher etwa netter und moralischer?« Vierzehntes Kapitel Es will uns in diesem Moment bedünken, als habe diese Blätter durch ein immerwährender Sommer geherrscht, als habe Ilmenthal die ganzen Jahre durch, das heißt, seit der Herr Notar Dr. F. Rodburg seine letzte erfreuliche Familiennachricht mißmutig in den täglichen Anzeiger setzte, fort und fort hübsch im Grün, im Sonnenlicht und höchstens einmal im Mondenschein gelegen. Dem war aber selbstverständlich nicht so. Zu jeglichem Frühling und Sommer gehörte auch ein Herbst und ein Winter; und Winter ist's im Laufe der Zeiten und im Zusammenhange der Dinge auch gegenwärtig einmal wieder geworden. Zu einem Stillstand sind die Verschönerungsarbeiten in den Wäldern gekommen, alle Bautätigkeit einheimischer und zugereister Unternehmer ist augenblicklich eingestellt. Verzogen hat sich der bunte Schwarm der Sommergäste des Städtleins, und die Mietszettel, welche die Einwohner jetzt bereits überall in ihren Fenstern hängen haben, ziehen für die nächsten Monate keinen auswärtigen Familienvater und Einzelmenschen auf den Leim und in die Drangsale naturfrischlicher Obdachsqual. Aber des Ortes Ruf ist bereits längst besser als er selber (so sagen wenigstens einige unter das eigene Dach glücklich heimgekehrte Familienväter), und ein gut Teil sonderbaren Menschenwesens bleibt jetzt schon auch den Winter über. Die Luft soll auch mit ellenlangen Eiszapfen an Dachrand und Baumgezweig zu gut sein, und einige tun es der vorläufig wirklich noch anzuerkennenden Billigkeit der Gelegenheit wegen. Letztere sind im Grunde eigentlich die solidesten dieser ersten Wintergäste; unter der übrigen Kolonie befinden sich leider verschiedene, vor denen von Rechts und Pflicht wegen der jetzo vom Magistrat für die nächste Saison in Aussicht genommene Badekommissär, Herr Alexander Rodburg, seine vaterstädtischen Landsleute dringend warnen sollte. Niemand sieht es gegen Weihnachten grade ihnen von außen an, was sie tun werden, wenn der neue Frühling kommt und die Geduld ihrer provinzialen Gläubiger vollständig erschöpft ist. Aber noch ist unerschütterter Glaube an der Ilme, und die Stadt gibt gern Kredit auf den Glanz ihrer Zukunft hin. Bis auf wenige Kopfschüttler, Maulhänger, Ofenwinkelhelden und Klugbrümmler hat jeder brave, mit der Zeit fortschreitende Bürger etwas wie eine Anwartschaft aufs große Los in der Tasche, und wir, wir lassen jedem das Vergnügen, das er in und an seiner Phantasie hat, einerlei, ob es sich auf das farblose Jenseits der Erscheinung, auf den blauen Himmel und die grüne Erde oder auf das Mehr im Geldbeutel und Geschäftsbuche bezieht. Da wir in jedem Verdruß mitleben müssen, wäre es zu närrisch, nicht auch in jedem Behagen unserer Brüder mitleben zu wollen. Ach, man gerät in beides willenlos genug hinein, in das Mitleben des Elends wie des Wohlbehagens der andern, und der dumme Junge in dem Schülerstübchen neben der Werkstatt des Brusebergers machte keine Ausnahme von der Regel! Im Grunde genommen befand er sich den Rest des abgelaufenen Sommers durch in der Lage aller der unschuldigen Tiere, die von dem Apfel der Erkenntnis nicht das mindeste abbekommen hatten und sich doch plötzlich vor der Tür des Paradieses fanden und ihrer Verwunderung darob nicht einmal durch Worte Ausdruck zu geben vermochten. Mit wem sollte das arme Tierchen Theodor Rodburg in dieser Epoche seines Daseins reden, wie es sich ziemte und – sicherlich nach der Ansicht mehrerer unserer Leser – notwendig war? Mit dem alten Drüding? Mit dem Bruseberger? Mit dem Papa Joseph Tieffenbacher selber? ... Mit dem Bruder Alexander?! ... Das letztere versuchte er und stotterte nicht über das erste Wort hinaus, als es ihm durch den weit- und menschenkundigen, glorreichen Eroberer von Ilmenthal und Umgegend lächelnd und unbefangen vom Munde genommen wurde. Aber der feine Partikulier kannte seinen Mann oder wußte vielmehr mit Kindern umzugehen. Das frivole Lachen tat's in diesem Falle nicht, doch mit einigem Pathos ließ sich viel ausrichten, und schwer die Hand dem Brüderchen auf die Schulter legend, sagte Mr. Alexander Redburgh mit seiner wohltönendsten Baßstimme: »Also das steckte hinter dem Armensündergesicht, das man mir die letzten Tage hindurch schnitt? Ich danke! ... Nun seh einer, durch Sturm und Windstille, durch Krieg und Frieden glaubt man sich bravely and gallantly durchgeschlagen zuhaben; durch den ganzen nordamerikanisehen Sklavenkrieg samt anhängender Farce, à saber that droll empire of Mexico, das gloriose Exkaisertum Max-Mexiko hat man sich, als Zeitungskorrespondent, Handelsmann und Kriegsmann ziemlich anständig und jedenfalls stets mit Nase, Ohr und Auge auf dem Quivive glücklich durchgewürgt, und nun muß einem dieses in seines Vaters Garten in Ilmenthal an der Ilme passieren! Eigentlich ist das Ding nur lächerlich, aber den möglichen Konsequenzen wünsche ich doch vorzubeugen. Also, du Kindskopf und Einsiedlerkrebs, was weißt du denn heute schon von mir und der – armen – Frau dort im Nachbarhause? Der Zufall hat unsere Wege wieder sich kreuzen lassen; das ist recht erfreulich, und ich hoffe fest, daß es uns beiden recht wohl bekommen wird; aber von des Captain Rodburgs Wegen sonst kennst du doch wohl bis jetzt zu wenig, um ihm in dieser Weise von deiner griechischen Grammatik aus auf die Finger passen zu dürfen! Und die Dame? Was weißt du von ihr? Du närrischer Lateiner, was weißt du überhaupt von den Weibern und wie sie gewonnen und verloren werden – auf dem Wege? Was Papa Drüding aus den Klassikern darüber bei sich behält und dein alberner Mentor, der Bruseberger, aus seinem Verkehr mit der Mutter Schubach dir auf Pappe gekleistert und zur moralischen Beherzigung übers Bett gehängt hat? Dem alten Spitzohr werde ich demnächst leider auch einmal ganz freundschaftlich wieder auf den Zopf treten müssen. Also er warnt mich immer noch väterlich? Daß er mich aber zugleich auf einige andere Fenster in der Nachbarschaft meines lieben alten Freunds, Don Josés, aufmerksam macht, dafür danke ich ihm und werde seine Warnung benutzen – s'ist ganz Ilmenthal: Kindheitswiege, Heimatsgefühl, Maulschellen, Wälderrauschen, Quellengeriesel und Stockprügel – o, ich kenne das von früher her geradesogut und höchst wahrscheinlich noch etwas besser wie du, liebster Bruder Theodor! Das ist unser Winkelnest, an das du vielleicht auch einmal gradeso wie ich, an einen Schiffsrand gelehnt, mit brecherlichster Übelkeit denken wirst. Schieb dann nur ja nicht deinen Zustand etwa auf die Seekrankheit, sondern ruhig auf die hinter den Horizont hinuntergerutschte sogenannte Kindheitswelt. Infame naseweise Ilmenthaler Niederträchtigkeit! Und damit, Kind, Knabe, Bruder, zum bittern Ernst: was weißt du denn von diesem speziellen Weibe, von dieser Frau Romana Tieffenbacher? Du hast ihr Kleid gestreift, wenn der alte Narr und Bödelfinger, ihr Mann, dich zu Tische gebeten hat. Du hast sie lachen und reden gehört, und wenn das letztere dir spanisch vorgekommen ist, so ist das nicht ihre Schuld; mit ihrem Ilmenthaler Deutsch ist's freilich noch nicht weit her. Hörtest du sie aber auch schon einmal weinen? Ich glaube nicht. Sie pflegt das freilich nicht zu euerm Stillvergnügen unter euern liebenswürdigen Fenstern zu besorgen; aber ich versichere dich, das arme Geschöpf weint recht häufig hier in der Fremde, das heißt auf euerm heimatlichen, gemütlichen, idyllischen Kuhstiege, und ich – ich spreche und verstehe spanisch, Señor Teodoro Rodburg, und ich – ich habe ihren Papa und ihre Mama gekannt, und ich – ich weiß es, auf welche Armeelieferung für die vortrefflichen ausländischen Hülfstruppen Seiner Kaiserlich Französischen Komödienmajestät Don Maximiliano von Österreich sie die Zugabe bildete! Willst du sie einmal weinen hören? Soll ich dir einmal ihre Tränen in euer geliebtes Deutsch und ins Ilmenthalsche übersetzen? Das würde deine Fensterstudien wahrscheinlich zu einem melancholischen Abschluß bringen, Caballero; aber ob es gentlemanlike und ihr viel damit gedient wäre, das ist freilich eine andere Frage.« Unbedingt war dies sehr geschickt und tat vollkommen seine Wirkung. Es blieb dem betäubten, verwirrten Knaben, solange die Bäume und Büsche grün und die Luft sommerlich, nichts weiter übrig, als gleichfalls eine graue Papptafel zwischen sich und die Aussicht in den Nachbargarten zu stellen. Er tat das aber natürlich nur figürlich – – – – – – – aber das Herz mir Schwoll von Begier zu hören, und Lösung gebot ich den Freunden Mitzuwinkendem Haupt; doch sie stürzten sich rasch auf die Ruder. Schleunig erhuben sich drauf Eurylochos und Perimedes, Legten noch mehrere Bande mir an und umschlangen mich fester. Es war die Witwe Schubach, welche, da der Bruseberger bei zugeklebten Ohren den Herbst durch nur immer maulfauler gegen den jugendlichen Schiffs- oder Hausgenossen wurde, die Hände in der Schürze trocknete, die Rolle von Eurylochos und Perimedes übernahm, zugriff und ihr »Ziehkind« ein wenig fester an den Mast und den Kuhstieg band – kurz, mütterlich noch einmal den Mund auftat. Bruder Alex hielt mit den meisten der fremden Wintergäste des neuen Luftkurortes recht vergnüglichen Verkehr, vorzüglich natürlich mit den »ganz gesunden« darunter, Herren wie Damen, und nahm auch gern seinen »Kleinen vom Kuhstiege« in die aufgelegte, heitere Gesellschaft mit. Auch das war eine Schule, aber eine ziemlich gefährliche und kam nicht selten mit derjenigen in Kollision, deren Ludimagister oder maître de plaisir scientifique Professor und Papa Dr. Drüding mit fast zu großer Gutmütigkeit und Vertrauensseligkeit war. »Aber Rodburg, was ist das jetzt mit dir?« hatte der alte Herr nur zu häufig von seinem Katheder herunterzuseufzen, und seines Mündels Kommilitonen wußten es in der Tat viel genauer als der Alte, wo der junge Mensch am Abend vorher gesteckt und woher er sich seine seltsame Zerstreutheit für die ernsthafteren Aufgaben des Daseins, zum Exempel die Übertragung des Platonischen Symposions ins Deutsche, geholt und sein Kopfweh mitgebracht hatte. Auch die Mutter Schubach wußte es dann und wann ziemlich genau, und nachdem sie unverhältnismäßig lange das Ding ruhig mit angesehen hatte, hielt sie es in einer kalten Winternacht um die Mitte des Januars nicht länger aus, sondern äußerte wieder einmal ihre Idee über die Sache. Statt bei dem Gastmahl des Plato hatte der Knabe wieder einmal in der Gesellschaft seines Bruders im Hotel Bellavista gesessen und mit unruhigem, verlangendem Knabenherzen die wirkliche Welt und die Menschen drin nach dem Worte des genialen Stadt- und Landschaftsverschönerers hoffentlich ein bißchen mit dem Kuhstiege und sich selber multipliziert. Die dicke Dame, welche diesmal in einem ziemlich nachlässigen und nicht sehr frischen Hauskostüm bei Tische mitgesessen und für eigene Rechnung Whiskypunsch getrunken hatte, hatte ihn »mein herziges Lamm« genannt, und nun kam er heim mit heißem Kopf durch den hohen Schnee und wurde, als er leise die Treppe hinauf schleichen wollte, von der Küche aus angerufen. Es war so spät in der Nacht, daß er nicht wenig ob dieses leisen »Pst, Theodor!« zusammenfuhr; und Lampenlicht und Feuerschein vom Herde der Meisterin um diese mitternächtliche Stunde her war auch etwas ganz Außergewöhnliches. Ein umfangreicher Kessel siedete und sang noch inmitten der Flackerglut, und ein großer schwarzer Topf daneben brodelte leise in sich hin. »Guten Abend, Mutter Schubach«, stotterte der junge Sünder mit den bänglichsten Hänsel-und-Gretel-Gefühlen im Busen und gänzlich ohne Rückhalt an seinen neuesten Anschauungen aus dem Hotel Bellavista und der wundervollen Gesellschaft, die jedenfalls noch immer daselbst um den Bruder Alexander und den Kartentisch versammelt war. »Hm, für einen guten Abend ist's wohl noch ein bißchen früh am Tage«, murmelte die alte Frau, und dann mit ihrem Rührlöffel auf eine Bank neben dem Herde deutend, sagte sie: »Setzen Sie sich doch noch einen Augenblick, Herr Rodburg. Ins Bett kommen Sie jetzt eigentlich ein bißchen zu früh.« Diese schwarze Bank! Wie lange kannte sie nun schon das Pflegekind des Brusebergers und der Meisterin Schubach als den heimeligsten, märchenhaftesten Sitz in der Welt? Wie viele gute, geheimnisvoll-glückliche Stunden hatte er darauf verbracht, mit dem Kinn in der Hand, den in den dunkeln Schlot hinaufwirbelnden Funken nachträumend, oder mit einem Buch auf den Knieen – vorzüglich wenn es wie jetzt draußen bitterkalter Winter war, der Schnee still und hoch lag oder der Regen an die blinden Scheiben des niedrigen Fensterchens schlug, der Wind sich in dem Tale gefangen und alle Waldungen in Aufruhr gebracht hatte! »Sie können sich dreist drauf setzen, Herr Theodor. Ich habe sie Ihnen rein mit der Schürze abgewischt, und es ist mir wirklich eine betrübende Idee, daß Sie nun wohl nicht mehr viele Male auf ihr sitzen werden und mit der alten Frau am Kuhstiege vorliebnehmen, Herr Theodor.« »Oh!« rief der Schüler und nahm sofort Besitz von seinem altgewohnten Platz am Herde. Alle Dünste aus dem Hotel Bellavista hatten sich wie in einem Nu verflüchtigt, und seit längerer Zeit war es dem armen Kerl nicht so klar um Stirn und Augen gewesen wie in diesem Moment. »Was reden Sie denn, Mutter Schubach?« stotterte er. »Und weshalb nennen Sie mich jetzt auf einmal ›Herr Rodburg‹? Dummes Zeug! Hier sitze ich ja, und ich denke mein Recht an diesen Platz noch lange nicht aufzugeben. Sie meinen, weil ich zu Ostern, wenn mir das Glück und der Alte gnädig sind, zur Universität abgehe! Aber da sind ja die Ferien, und ich –« »Nicht deswegen, Thedor, sondern weil wir allgemach auseinandergewachsen sind, oder wie Sie das besser als die Buchbinderin Schubach vom Kuhstiege ausdrücken mögen, wenn Sie wollen. Es ist nämlich meine Meinung, daß zu einem solchen Recht des einen immer doch auch ein bißchen die Einwilligung des andern gehört.« Sie hatte das letztere, im roten Herdfeuerschein ihre Haube zurechtrückend, mit ziemlicher Schroffheit gesprochen und die Faust mit dem Rührlöffel energisch dabei in die Seite gestemmt. Auf den dazu passenden Ton hatte sie studiert, seit der Bruseberger nach ausgeklopfter Abendpfeife melancholisch und verdrossen zu Bette gekrochen war, und es ist unsere Idee, daß es ein wahres Glück war, daß zuletzt alles doch anstudiert war und der Topf mit den Winterbirnen auf den flackernden Tannenscheiten auch eben ins Überkochen geriet. »So rücke doch zu, Kind! Rasch, da, halt den Löffel!« rief die Mutter Schubach. »Sitze nicht so dumm! I du meine Güte – na, nur ruhig, alles mit Bedacht, Topf, Kessel und Kindskopf! Der Bruseberger ist doch ein Narr, und habe ich ihn zu einem Menschen gemacht, so wird's mir ja auch noch einmal gelingen.« Mit beiden Händen zugreifend, rückte sie ihr Kochgeschirr von der Glut ab. Ihre Komödienrolle war zu Ende, ehe sie recht damit angefangen hatte; der alte rechte Ton fand sich ganz von selber ein, und plötzlich ganz mütterlich-kummervoll und tröstlich dem armen Tropf auf der Herdbank die Hand auf die Schulter legend, seufzte sie: »Meine Meinung nämlich ist, du armer Schlucker kannst gradesowenig für deinen Zustand wie das ganze Nest voll Narren rund um uns her für den seinigen. Was ist es denn weiter, als daß der Wechsel, den der Bruseberger so lange schon witterte und so weise bephilosophierete, als er ihn noch nicht auf der eigenen Haut verspürte, jetzo vorhanden ist? Und wenn du armer Hase mir nicht mit drin stecktest, könnte ich wirklich meinem alten Hauspriester gegenüber mein wahres Gaudium dran haben. Ja, so sind die klügsten und besten Menschen: mitreden, soviel das Herz verlangt, aber nur ja zur rechten Zeit zu Bette gehen und den Rücken wahren, wenn die Verdrußpratze rundum greift und der besten und nächsten Freundschaft den Pelz schüttelt! Da liegt er nun in den Federn, daß nur der Zipfel von seiner Kappe in die kalte Winternacht guckt, und läßt mich hier mit dir, Thedorchen, auf der Bank sitzen und an seiner Statt von seinen dummen Zusammenhängen von allen Dingen womöglich noch gar lateinisch reden. Dies sind nun die neuen Ilmenthalschen Zustände, und unser Herrgott wird es ja wohl wissen, weshalb er auch uns für sie aufgespart hat. Da will ich ihm denn auch nicht dreinreden, denn das ist doch meine Idee, wenn ihm – unserm Herrgott – einer unter seiner Schöpfung zu alt wird und seine Neuerungen, wenn er sich auch noch so viele Mühe gibt, partout nicht mehr mitmachen kann, daß er es dem dann auch nicht übelnimmt und drüben in seiner andern Welt entgelten läßt. Ich und der Bruseberger sind ihm nun eben allgemach recht altes Volk geworden, und was jüngerem Volk am dienlichsten ist, dafür laß ihn denn sorgen, und er wird's ja hoffentlich noch so einzurichten verstehen, daß nicht allzu arger Schaden entsteht. Das wäre nun gut und abgemacht. Daß du nicht dran glauben kannst, daß man deinen Bruder zu seiner jungen Zeit hier am Orte den bösen Rodburg zum Unterschied von den andern nannte, das ist im Grunde nur recht und billig. Er ist dem Äußern nach ja auch immerhin noch ein recht hübscher, stattlicher Mensch trotz seiner Jahre, und du magst ihm dasselbe darauf zugute halten und auch auf sein merkwürdiges Maulwerk, was ganz Ilmenthal ihm vordem in seiner Kindheit drauf zugute getan hat. Aber Thedor, ein anderes ist es doch um das Verhältnis zwischen mir und dem Bruseberger! Ich kann dies so nicht länger mit ansehen und ertragen noch weniger! Soll mir denn wirklich der Trost und Zuspruch, den ich seit so undenklichen Jahren an dem Alten gehabt habe, nunmehr ganz und gar in sein Gegenteil und in Unlust, Ärger und Widerwärtigkeit den ganzen Tag über verkehrt werden? Du kümmerst dich zwar nicht darum; du gehst deiner Wege; aber ich sitze mit dem Trübsal immerfort zusammen und habe das Herzeleid vom Morgen bis zum Abend auf dem Halse. Guck, mir persönlich wärst du eigentlich immer noch zu jung trotz aller deiner Gelehrsamkeit, als daß man mit dir darüber reden dürfte, aber des Brusebergers wegen muß ich doch dran. Kann er denn was dafür, daß er zu anständig und sittsam und hausbacken für den neuen Kuhstieg ist? Thedor, er ärgert sich zu sehr an der neuen Nachbarschaft und deinem Herrn Bruder, und ich weiß nicht, was er einmal tun wird, wenn diese Sündhaftigkeit noch lange also weiterspielt. Ja, wärest du nicht mit darein verwickelt und müßtest die Komödie als unser liebes voreinstiges Ziehkind mitmachen, so ginge es noch an und wir könnten mit aller Geduld diese Nichtsnutzigkeit mit all den übrigen Narreteien, die über Ilmenthal und uns gekommen sind, an uns hingehen lassen. Von mir soll, wie gesagt, gar nicht die Rede sein; aber, mein Jüngelchen, sieh, ich bin eine alte Person, und wie ich hier bei dir sitze auf der alten Küchenbank, steigt mir doch auch das Blut in den Kopf, und ich muß sagen, es geht nicht länger so, und am liebsten schickte ich dich noch diese Nacht aus dem Hause durch die bittere Winterkälte und den hohen Schnee zu höhern Schulen und bessern Meistern als gegenwärtig ich und der Bruseberger und der Herr Professor Drüding und der Herr Nachbar Tieffenbacher und dein Bruder Alexander und die alberne gelbe Hexe mit den falschen Zähnen und dem fremdhaften Namen sind. Du großer Gott und gütiger Himmel, solch ein Kind von 'nem Mann wie der alte Tropf und Graukopf nebenan und solch ein Schlingel von einem Menschen wie, mit Respekt zu sagen, euer Herr Alexander! Und solch ein faul, gähnend Geschöpfe wie das böse Weib in eurer seligen Mutter Stube und Schlaf- und Sterbekammer! ... Es schickt, es schickt sich nicht in der Welt, in der wir hier jung und alt geworden sind; es schickt sich nicht für uns, und der einzige Trost ist, daß es sich auch nicht für dich schickt und du dich von innerster Natur aus gar nimmer drein schickst! Und weil dies so ist, guck, so habe ich es über mich genommen und, als der Bruseberger in seiner Melancholie zu Bett gekrochen war, das Feuer noch einmal auf dem Herde da angemacht und meine Töpfe angerückt und auf dich auf deinem alten Sitz bei mir gewartet, um dir meine Idee zu verkündigen, nämlich daß wir, der Bruseberger und ich, dies nicht so länger auf unser Gewissen nehmen können und daß wir vermittelst unsers Hoffensters niemals die Schuld an dem Verderben eines einzigen Menschenkindes, und wenn es unser allerbester Freund wäre, tragen können. Also ist es nach des Brusebergers Zusammenhängen der Dinge meine Meinung, daß wir dir nach Gottes Willen und zu unserm bittersten Herzeleid die Wohnung und den Aufenthalt bei uns kündigen müssen. Am liebsten auf der Stelle, aber jedenfalls zu Ostern, einerlei, ob du durch dein Schulexamen fällst oder nicht. Rede mir in dieser Minute gar nichts darwider; mich deucht, der Frost draußen steigt immer noch, und das Feuer ist auch zusammengefallen. Es ist meine Idee, daß du jetzt ruhig in deine Kammer hinaufgehst und dir alles nach deinem besten Verständnis zurechtlegst und es uns, dem Bruseberger und mir, nicht entgelten läßt, weil wir es ja doch nicht sind, die etwas dafür können. Und dann können wir ja demnächst als ewig beste Freunde miteinander beratschlagen, ob du mit dem Doktor Drüding sprichst oder ob der Bruseberger und ich auch dies besorgen sollen. Gesprochen muß natürlich endlich mit ihm werden, obgleich das für diesen Fall gradeso ein von Gott und allen fünf Sinnen verlassenes Menschenkind ist wie die gutherzige, blinde, vergnügte, taube Kreatur, der neue Nachbar nebenan. Die zwei sind wahrhaftig bei ihrer Geburt von derselben Stelle aus dem Waldwasser, das dein Bruder, der böse Rodburg, über den Urbansstein zu einem Komödiantenwasserfall ableiten will, geholt! Und es ändert da gar nichts dran, daß nur der eine von beiden hier in Ilmenthal seiner Mutter auf den Schoß gelegt worden ist. Und nun – gute Nacht, mein Sohn, mein liebster, bester Sohn! Es ist mir wie ein Augenblick, seit der Bruseberger dich über den Zaun hob, und ich hätte es damals nicht für möglich gehalten, daß so bald schon du ein solch erwachsener Mensch wärest, mit dem man so , so reden müßte, und daß jemalen solch eine Veränderung über uns alle, Ilmenthal und den Kuhstieg kommen könnte!« – – »Rede mir jetzt nichts drein!« hatte die Mutter Schubach mit dem Schürzenzipfel am Auge mitten in ihrem Redefluß geschluchzt, und der junge Mann hatte ihr nichts dreingeredet. Das war ihm vollständig unmöglich gewesen, obgleich er den Versuch mehrere Male von den verschiedenartigsten Gemütsbewegungen aus machte. Gänzlich verwirrt und betäubt nahm er die ihm hingehaltene harte, kalte, alte treue Weiberhand, und seltsamerweise mußte er grade jetzt dabei sich erinnern, welch eine gleich kalte, aber feuchtkalte Hand die schöne Frau Romana habe. Nachher saß er im Dunkeln eine geraume Zeit auf seinem Bettrande, ohne die Kälte zu spüren. Als er das Wort wiederfand, war es das richtige Schülerwort: »Ist das 'ne verrückte Welt! Na, ich danke!« Es gärt in dieser Lebensepoche ein kurioses Gemisch von Eselhaftigkeit und Idealismus im Menschen, und in den bessern Naturen kocht bei allen großen Katastrophen ein Pathos zusammen, ohne welches es freilich in dieser ganz verrückten Welt nicht auszuhalten sein würde. Als der Knabe endlich doch fröstelnd die Decke über den Kopf zog, schlug er sich noch immer mit der Mutter Schubach herum, aber seltsamerweise rieb er dabei mit dem Zipfel ihrer gestreiften Schürze sich die Augen: »Haben Sie sie denn schon einmal weinen gesehen, Mutter Schubach?« Und ganz deutlich fragte die alte Frau in den Traum hinein: »Die Fischprinzessin?! ... Haben Sie denn schon jemals einen Fisch weinen sehen, Theodor?« Und immer weiter und tiefer im Traum fragte der Schüler ein nebelhaft unbestimmt Durcheinander von Menschen und darunter etwas bestimmter den Professor Dr. Drüding und den alten guten Nachbar Don José Tieffenbacher, ob es in Mexiko Fische mit großen schwarzen Augen gäbe. Da hörte er Florinchen Drüdings helles Kinderlachen und wachte auf, ehe ihm Oneiros-Phaniasus diese naturhistorische Frage beantwortet hatte. Fünfzehntes Kapitel Sie können in viel südlicher gelegenen Luftkurorten zwischen Pauli Bekenntnis und Maria Reinigung mit recht rot- und blaugefrorenen Nasen herumlaufen; in Ilmenthal an der Ilme, dem allerjüngsten Sanatorium, nahm der Wintergott um diese Jahreszeit bis jetzt noch nicht die mindeste Rücksicht auf den guten und lukrativen Ruf der Erdstelle. Es war bitterkalt an der Ilme, und Fremde wie Einheimische merkten diese für manche Zustände und Leiden freilich auch äußerst gesunde Temperatur bis in das Mark der Knochen und hatten sich, ein jeglicher so gut er konnte, mit ihr abzufinden. Professor Dr. Drüding erwachte am Morgen nach der im vorigen Kapitel geschilderten Unterhaltung zwischen seinem Mündel und Lieblingsschüler und dessen Pflegemutter aus einem wundervollen botanischen Traume, in welchem er mit seinem »prächtigen« neuen Freunde, dem alten mexikanischen Finanzbeamten Don José Tieffenbacher, in dem allertropischsten Urwald spazierengegangen war und endlich das langgesuchte Gewächse gefunden hatte, das bis dahin noch niemand gekannt hatte, und das unbedingt als Drüdingia seinem Namen Unsterblichkeit verlieh. Aus diesem Traume erwachend, sah er seine Fenster gänzlich mit den schönsten Eisblumen bedeckt und unter diesen ein zweites Exemplar der fabelhaften Spezies, die er bald nach Mitternacht grade unterm Äquator selig aus dem Boden gezogen und seiner Botanisierkapsel einverleibt hatte. Es bedurfte einer ziemlichen Zeit, bis er sich das Ding ganz klargemacht und sich vollständig in die Wirklichkeit des neuen Ilmenthaler Frosttages gefunden hatte. »Hm, hm, ei, ei, – na, ich danke!« sagte er fast wie sein Schüler Theodor nach Mitternacht, aber doch gleich mit einem viel fröhlichern Ausdruck. »Brr!« sagte er, vor dem glitzernden Fenster sich die Hände reibend. »Nun freilich, eine seltsame Phantasie, aber – doch auch gar nicht übel! Glaciala Drüdingia! He, he, he! Famos! Und was für ein herrliches, gesundes Wetter! Werde unbedingt mit dem Kinde den Herrn Kriegszahlmeister zum Spaziergang in unsere exotische Flora, den Wald im Rauhfrost, abholen. Auch der Knabe Theodorus mag uns more consueto begleiten.« Leider hatte diesmal wieder in der »Tacitusstunde« der Knabe Theodor »heftiges Kopfweh« und der Alte nicht das geringste Behagen an seinem Lieblingsschüler und Mündel. Derselbe blieb in jeder Beziehung hinter allem, was man heute von ihm verlangte, zurück. Wir wissen den Grund davon, aber Professor Drüding kannte ihn nicht, und was der Junge vorschützte, um seine Zerstreutheit zu bemänteln, konnte er keineswegs »für voll gelten lassen«. »Zu meiner Zeit hatte niemand Kopfweh, das heißt bei so jungen Jahren«, sprach er in seiner Klasse, und zu Hause sagte er: »Florina, dein Freund hat mir beinahe, und noch dazu so kurz vor seinem Abiturientenexamen, das ganze Behagen am heutigen kostbaren Tage verdorben, der Schlingel! Kopfweh! Zu meiner Zeit war das alles dummes Zeug, und höchstens nannte man es nichtsnutzige Faulheit.« Fräulein Florinchen Drüding, der die scharfe Kälte des Tages gleichfalls merkwürdig gutzutun schien, machte ob diesem ein gar betrübtes Gesichtchen, und trotz allem Sonnenschein im Tal und auf den weißen, glänzenden Bergen verfinsterte es sich um ein merkliches, als der Papa hinzufügte: »Ich habe also dem Träumer dringend angeraten, uns heute Nachmittag lieber nicht zu begleiten, sondern seine Gesundheit ja recht zu schonen und zu Hause über seinen Büchern zu bedenken, daß nach dem Ovidius der Gott Janus über alle Ein- und Ausgänge zu wachen hatte und daß ebendieser Gott – schon nach den Saliarischen Gedichten der Gott der Götter – wie der Doktor Drüding zwei Gesichter habe, deren eines den Frieden und das andere den Krieg bedeute. Kopfweh bei dieser herrlichen Januarluft und so kurz vor dem Examen!« »Aber vielleicht hat er doch Kopfweh, Papa?!« sagte Florine betrübt, sich noch einmal mit dem verpönten Wort heranwagend; doch der menschenkundige Scholarch von Ilmenthal an der Ilme brummte: »Wolle mir nicht auch etwas weismachen, puella. Überhaupt weiß ich nicht, was eigentlich in den letzten Zeiten mit diesem Knaben oder Jüngling vorgegangen ist. Manchmal kommt mir der Gedanke, als sei sein Herr Bruder, unser früherer, nicht ganz im Guten von uns geschiedener Alexander Rodburg – Rodburg der Ältere – ja, leider der böse Rodburg, nicht nur für die Stadt und ihre Umgebung, sondern auch für unsern Freund und meinen Pupillus nicht durchaus zu günstiger Stunde aus der Fremde heimgekehrt. Nun, da wäre es denn um so mehr ein Glück, daß wir ihn, unsern Theodor, demnächst in eine andere Luft bringen können. Seine Fundamenta sowohl in sittlicher wie auch in wissenschaftlicher Beziehung sind gottlob nicht unsolide gelegt, und am Ende ist dieses doch die Hauptsache und –« »O, dann kann er heute nachmittag doch mit uns und Herrn Tieffenbacher nach dem Hasenhaus gehen!« rief die Kleine schmollend und schmeichlerisch. »O Weiber! o Frauenzimmer!« rief der alte Gelehrte. »Wie sehr hat unser Schiller recht, wenn er bemerkt, daß ihr immer wieder auf euer erstes Wort zurückkommt, woraus hervorgeht, daß ihr leider nie zu gleicher Zeit mehr denn eine Vorstellung in euch zur Darstellung zu bringen vermögt.« »Das ist eben unser solides Fundament, Papa!« rief der Backfisch mit so solidem und zugleich lächelnd-fröhlichem Talent für die Abtrumpfung des männlichen Geschlechtes, daß der graue Erzeuger höchst verwundert darob auf seinem Sofa ein ebenso dichtes Gewölke um sich ausbreitete wie ein von seiner nächsten Angehörigen in Erstaunen versetzter Jupiter Herkeios auf seinem Ida. Der Pupillus ging aber dessenungeachtet heute nicht mit nach der Hasenschenke. Nach einem appetitlosen, melancholischen Mittagsessen mit dem Bruseberger und der Mutter Schubach versaß er den ganzen Mittwochnachmittag auf seiner Stube und begnügte sich mit dem Rauhfrost an den Bäumen und Büschen seines weiland väterlichen Gartens vor seinem Fenster. Vergnüglich war ihm nicht zumute und noch weniger heroisch. Weinerlich und ratlos war ihm zumute – widerspenstig-ratlos, und das war das Beste daran; denn es wäre sehr schlimm und ein recht betrübtes Anzeichen für die Solidität seines Fundaments gewesen, wenn er sich bei seinen Jahren unter den obwaltenden Umständen sogleich und irgendwie zu helfen verstanden hätte. Da war es doch besser, daß er in seiner Verstörung hülflos sitzen blieb, mechanisch in seinen Griechen und Römern blätterte und es andern überließ, wie und wann sie diese Geschichte von der Prinzessin Fisch auch für ihn mit zu Ende bringen wollten. Einmal kam ihm der Gedanke, zu seinem Bruder zu laufen und all sein kindlich Sehnen, Träumen und Verlangen und sein frisch knabenhaft schuldlos Mitwissen um Sünde, Tod und Verderbnis vor ihm auszuschreien und ihn anzurufen: »So hilf mir doch jetzt und sage mir, was ich zu denken, zu tun und zu lassen habe!« Da sprang er wohl auf von seinem Stuhl, aber er fiel sogleich wieder auf denselben zurück und nahm den konfusen jungen Adamskopf von neuem in beide Fäuste. In diesem Augenblick sah er zum ersten Male den Bruder Alexander, den so sieghaft, zutraulich, gemütlich aus allen Wundern und Weiten nach Hause und zu ihm gekommenen bösen Rodburg, mit ganz andern und vielleicht den rechten Augen. Daß er sich vor dem überlegenen Lächeln und dem satirisch-begütigenden Spott des Weltmanns dabei auch recht sehr fürchtete, das war ganz Nebensache. Als ein richtiger Sünder vor dem Herrn aber schrak er zusammen, als gegen drei Uhr sein Name in dem Garten unter seinem Fenster gerufen wurde und er die Stimme des braven alten Herrn Nachbars erkannte, der wanderfertig, warmbepelzt drunten im sonnenbeschienenen Schnee stand und wie ein anderer, aber sorgenloserer Schulknabe, trotz aller buntesten Abenteuer seines Lebens, auch in das neueste, den Winternachmittagsspaziergang nach dem Ilmenthaler Hasenhaus, voll zappelnden Enthusiasmus hineinwinkte. »Eh Söhnele! Noch nicht marschfertig? Ist das nicht eine Witterung, bei der das älteste Herz aufgehen muß? Viva Ilmenthal! Adelante! En avant auf der ganzen Linie! Keine Idee von Rheumatismus! Durch alle Knochen und Muskulatur ganz Ilmenthaler deutscher Turnverein! Von Rechts wegen solltest du, Bühle, schon längst an meine Tür geklopft und mich herausgetrommelt haben! ... Kopfweh? ... Dummes Zeug! ... Professor Drüding und Cicero de officinalibus? ... Das ist ja niederträchtig!« In der vollen Bedeutung des Wortes senkte der gute Alte die Ohren betrübt, als er vernahm, daß sein guter und gelehrtester Freund, Professor Doktor Drüding, es übers Herz gebracht habe, auch an einem solchen Tage die Pflicht übers Vergnügen zu setzen und den kleinen, angenehmen Nachbar an seine Bücher. Mehrmals stapfte er brummend den verschneiten Gartenweg auf und nieder, bis er von neuem unter dem Fenster des Scholaren stehenblieb und mit dem Finger auf dem Mund und einem etwas weniger sonnigen Lächeln emporflüsterte: »Pst, Büble! Welcher Klassiker, welcher antike Grieche oder Römer hat eigentlich den Satz erfunden: Wer weiß, wozu es gut ist? ... Weißt du es? Nun, mein Romanele hat nämlich gleicherweise, wenn auch nicht des künftigen Examens halben, Kopfweh und bleibt zu Hause. Den ganzen lieben, langen Nachmittag magst du meinetwegen alles mögliche Versäumte nachholen, aber in der Dämmerung wird sie sich sehr freuen, wenn du ihr ein Stündle Gesellschaft leistest. Nachher bringe ich deinen Tyrannen und sein Töchterlein von dem Hasenhaus nach dem Kuhstiege mit. Wir machen einen vergnügten Abend draus – einen deutschen Freundesabend im Familienkreise, und dein Bruder Alexander wird auch mit zugegen sein.« In diesem Moment bekam im Zusammenhang der Dinge der Bruseberger nebenan einen heftigen Hustenanfall. Es mußte ihm unbedingt irgend etwas in die unrechte Kehle gekommen sein, und vor ziemlich kurzer Zeit noch würde sein junger Stubennachbar sofort zärtlich zugesprungen sein, um ihn nach Urväterhausheilmethode auf den Rücken zu klopfen und das Ding wieder ins gleiche zu bringen. Heute war es der Bruseberger, der nach einer Weile und nachdem sich sein Husten von selber gesänftigt hatte, den Kopf in die Tür neben seiner Werkstatt schob. »Pst, Thedor. Ich habe es mir eben noch einmal überlegt; – es ist doch nicht deine Sache, den Deckel vom Topfe zu tun. Sieh bloß zu, daß du uns jedenfalls zu Ostern aus dem Hause kommst. Ich werde heute abend noch über diese meine neue Ansicht die nötigen Worte mit der Meisterin reden.« Sechzehntes Kapitel Mehr als ein anderes in diesen Blättern der Nachwelt aufbewahrtes Wort war es dieses, was zu offenbarster Gewißheit dartat, daß der Bruseberger ein weiser Mann, ein Freund der Menschen und ein Menschenkenner und Erzieher ersten Ranges war. Mit der Hand hinterm Ohr hatte er eben von seiner Heftlade aus gehorcht und Töne dabei in sich hineingegrummelt, die alles bedeuten konnten, nur kein seliges Wohlbehagen. Aber das Durcheinander in seiner braven Seele machte sich, wie gesagt, durch einen Husten Luft, und nachher war's ihm doch um ein merkliches klarer vor den Augen als noch vor fünf Minuten. Die Mutter Schubach mochte in der vergangenen Nacht eine sehr schöne Rede gehalten haben; aber alles darin war doch nicht zu gebrauchen – im gegenwärtigen Zusammenhang der Dinge. Der Bruseberger konnte es nach dem eben angehörten Zwiegespräch nicht mehr vor sich verantworten und noch weniger es übers Herz bringen, das alte und das junge Kind, die es da jetzt, ohne selber viel dafür zu können, mit der Prinzessin Fisch zu tun hatten, mit den Köpfen aneinander zu rennen. »Das hatte der Mensch mal wieder fein ausspintisiert, um sich für seine Person eine Last nach Möglichkeit vom Halse zu schaffen!« brummte er. »Recht sauber hatten wir uns das zurechtgelegt, die Meisterin und ich, und daß wir doch nichts weiter waren als alle die übrige Menschheit, nämlich ein paar mit ihrem Teil Sorge, Überdruß, Unbequemlichkeit und Selbstgefallen gesegnete krummbuckelige, grauköpfige Egoisten, das kommt einem ganz zufällig, wie man ein Fenster aufmacht und einen kalten, hellen Luftzug von draußen zu sich hereinläßt! Dazu habe ich ihn, unsern Thedor, ja wohl zu meinem Privatvergnügen damals mit seinem Kuchenstück von seines Vaters Begräbnis und seinen Karnickeln und nachher seinem Latein über den Zaun geholt? Bruseberger! Bruseberger! ... Jaja, wer nur den Finessen in sich selber in seinem Gemüte ganz genau nachgeht, der kann tief heruntersteigen und kommt fürs erste wahrhaftig nicht auf den Grund, sondern bloß auf immer neue Bedenklichkeiten im Verkehr mit seinem Nächsten. Also dies Kind, dieser arme Junge, sollte für uns alle die Sünde ausbaden, bloß weil wir ihm die Stube hier neben der Werkstatt mit der Aussicht auf seines Vaters Garten und die gelbe, langweilige Hexe und den bösen Rodburg, seinen Bruder, drin zu seinem Studio angewiesen haben? Mit dem armen guten Kindskopf, dem Nachbar Tieffenbacher, sollte er darüber reden? Mit dem Herrn Professor Drüding sollte er davon sprechen? Und aus dem Hause sollte er uns je eher, je lieber – lieber heute als morgen; – o Bruseberger, Bruseberger! O Mutter Schubach, Mutter Schubach! ... In Gottes Namen denn! Aus dem Hause am Kuhstiege muß der Junge freilich, aber doch wohl nur im regelmäßigen Verlauf der Dinge, und dazu gehört, daß ihn uns keiner, der sich für sein Teil mal nicht recht zu helfen weiß, noch mehr, als es schon das Schicksal besorgt, von seinen Büchern bis Ostern verstört. Abwarten! hat neulich schon die Meisterin geraten und hat wieder mal mit ihrer Idee mehr recht gehabt als ich mit all meiner dummen Überweisheit. Hm, hm, alle unsere Sorge und Moral auf den jungen, heißen, roten Kopf da nebenan abladen zu wollen! Es war eigentlich zu nichtsnutzig, und einen andern Grund dafür als unsere ratlose Dummheit konnte ich wirklich nicht angeben. Pst, Thedor!« Darauf war das so sehr vernünftige Wort an den verstörten Knaben nebenan erfolgt, und wir – wir verfügen uns ein Haus weiter, und zwar mit dem festen Vorsatze, bei der nächsten Gelegenheit uns ein gutes Beispiel an diesem praktischen Philosophen, dem Bruseberger, zu nehmen und es gradeheraus zu gestehen, wenn wir ein Ziel überschossen haben, was, beiläufig gesagt, manchem, der's nicht für möglich hält, wahrscheinlich der allgemeinen Weltmoral wegen passiert. Es hat manch ein Heros eine hervorragende Stellung in der Weltgeschichte nur, weil in der großen Schulstube der Menschheit eine neue Seite und ein passend Exemplum im Kinderfreund notwendig geworden war. – – Ein Haus weiter am Kuhstiege ist Frau Romana Tieffenbacher recht übel dran und hat trotz ihrer Fürstin- und Feenrolle im Kopfe ihres jungen Nachbars nicht das mindeste von Behagen vor den andern rechts und links an der Ilme von der Quelle bis zur Mündung in den xxx voraus. Eben will die Nachmittagssonne, jetzt schon in rötliche Dünste gehüllt, hinter die nordischen Schneeberge hinabsinken. Die Räder der auf dem Kuhstiege vorbeifahrenden Holz- und Kohlenwagen knirschen und kreischen. Schon ist der tiefstliegende Teil der Stadt in blauen Frostnebel gehüllt, und an den Fenstern beginnen die weißen gespenstischen Arabesken, die dem Weibe des alten närrischen Joseph Tieffenbachers so fremd und unheimlich sind, von neuem anzuschießen. Der deutsche Ofen (kein Kamin mit offen flackernden Flammen!) glüht, aber die Mexikanerin friert doch. Sie liegt nach ihrer Gewohnheit ohne Beschäftigung schläfrig auf dem Diwan ausgestreckt. Ihr Zigarettenkistchen hat sie auf einem Tischchen wohl bequem zur Hand, aber auch das hat sie eben überdrüssig beiseite geschoben und mit einem schweren Seufzer beide Hände unter dem Hinterkopfe ineinander gelegt. Prinzessin Fisch ist schlimm daran, so schlimm, daß es ihr in diesem Augenblicke sogar eine Unterhaltung sein würde, wenn sie erführe, welch eine Wunderrolle sie den Sommer über in der Knabenphantasie im Nachbarhause gespielt hat. Sie weiß es durchaus nicht und braucht es auch nie zu erfahren, da sie am Ende in ihrer eigenen unlebendigen Phantasie doch wenig damit anzufangen wüßte. Übrigens weiß sie heute weniger als an irgendeinem andern Tage ihres vegetierenden Daseins, weshalb sie eigentlich in der Welt ist und wozu es nötig war, daß sie grade in diese frostige, nebelige, ihr so gänzlich fremde Welt, von der sie jetzt umgeben ist, hineingeraten mußte. Gähnend versucht sie es noch einmal, sich vorzuführen, wie es kam, daß sie als das Weib ihres Mannes sich in diesem Ilmenthal an der Ilme findet; und in dieser Hinsicht ziehen jetzt die für uns buntesten Bilder durch ihre träge, stumpfe Seele. In der Stadt Mexiko hat ihr Papa, der ein kleines Amt in der städtischen Verwaltung merkwürdigerweise unter mehreren Dutzenden von Präsidenten der verschiedensten Haut- und Parteifarben festgehalten hatte, es auch unter kaiserlicher Regierung gern behielt und es höchstens lieber mit einem bessern vertauschte, die gute Partie für sie ausgesucht und sie mit Don José Tieffenbacher verheiratet. Sie hat nicht die geringsten Einwendungen gemacht, denn sie hatte es ziemlich schlecht in ihrem väterlichen Haus, und ihre Mama riet dringend zu, vorzüglich als es kurz vor der Einschiffung des Marschalls Bazaine herauskam, daß der französische Major M. Hippolyte Jarbeau längst glücklicher und mehrfacher Familienvater in Lons le Saulnier war und von einer sehr lebendigen Gattin dort sehr lebhafte, zärtliche, aber etwas um seine moralische Aufführung besorgte Briefe bekam. Der mit dem Kaiser Maximiliano von Europa herübergekommene österreichische Caballero bekam keine derartigen Briefe nachgeschickt, dagegen war er nicht ohne Einfluß in den niedern Regionen des kaiserlichen Kriegsdepartements und auch in Europa nicht ganz unbemittelt. Es gleiten wunderliche welthistorische Bilder an den alten nüchternen Wänden und Tapeten des weiland Notars Rodburg hin: Señora Romana Tieffenbacher befindet sich eben schon auf dem Wege nach Queretaro! Sie ist mit Mama zu Pferde im Zuge. Es sind viele Damen und Frauen zu Pferde im Zuge. Die Cazadores a caballo unter Gerloni und Czismadia reiten mit, die österreichischen Husaren des Regiments Khevenhüller und die Infanterie des Barons Hammerstein ist auch dabei. Don Ramon de Mendez kommandiert die Division nach der ordre de bataille des Kaisers, und Papa hat eine Stellung im Verpflegungswesen Don Ramons, die für einen Mann, der unter zwölf Präsidenten jedesmal wußte, was not tat, ihre klingenden Reize besaß. Wäre es nur nicht zu einer so schlimmen Falle für die Klugen wie für die Dummen geworden, dieses böse Queretaro! ... Seltsame Phantasiebilder für das Gesellschaftszimmer der weiland Frau Eugenie Rodburg am Kuhstiege zu Ilmenthal an der Ilme! ... Frau Romana Tieffenbacher hat sehr geweint darüber, und Mama war außer sich, daß die traidores, die Verräter, der General Escobedo, die Liberalen und Seine Exzellenz, der augenblickliche Präsident Don Benito Juarez, den Papa einfach entre chien et loup hingen, da sie doch den General Mendez nächtlicherweile in einem Lehnstuhl und bei angezündeten Streichhölzern ehrenvoll erschossen und S.Majestät, Don Maximilliano d'Austria, bei hellem Tage. Es war am 9. Oktober 1867, als die gefangenen und noch nicht gehängten oder erschossenen kaiserlichen Offiziere und Offizianten aus der für die Republik wiedergewonnenen Stadt nach Verakruz und Oaxaca abgeführt wurden. Im Kapuzinerkloster war vor dem Abmarsch großer Zudrang von Damen, und auch Doña Romana Tieffenbacher und Mama hatten für längere Zeit von dem Gatten und Schwiegersohn Don José Abschied zu nehmen. Nur bis zur Cuesta China, dem höchsten Punkt bei der Stadt, durften die Freunde und Angehörigen dem Zuge das Geleit geben. Von dieser Höhe warfen die Österreicher einen letzten Blick nach dem Cerro de la Campaña, der Todesstätte ihres Erzherzogs, hinüber, und auf dieser Höhe ließ Herr Joseph Tieffenbacher aus Bödelfingen gottlob ziemlich beruhigt sein Weib unter dem Schutze und der Obhut eines neugewonnenen Freundes aus der Gegenpartei, des Kapitäns in der Legion of honour, der aus nordstaatlichen nordamerikanischen Gentlemen bestehenden juaristischen Hülfstruppe, Mr. Alexander Redburgh aus Ilmenthal an der Ilme. Herr Joseph mit seinem Orden al merito militar in der Tasche hat damals wie ein Kind geweint; aber sein Weib muß heute doch lächeln auf ihrem Sofa in Ilmenthal, wie an dem kalten, weißen nordischen Wintertage jene tränenreiche Stunde mit allen ihren Einzelheiten wieder durch ihre leidenschaftslose Seele gleitet. Santa madre de Dios, es ist doch recht merkwürdig, daß sie heute hier in dem schrecklichen und langweiligen Schnee vergraben liegt und ihr Gatte nicht wie der Papa gehängt oder wie der Kaiser Maximiliano erschossen wurde, sondern jetzt mit dem schrecklichen und langweiligen Señor Professore auf dem ›Asen‹ aussitzt! Und sehr merkwürdig ist es auch, daß auch heute wieder in jedem Augenblick der Freund und Landsmann Don Josés an die Tür klopfen kann wie in jedem Quartier auf dem weiten, schrecklichen und langweiligen Wege von der Stadt Queretaro bis zum Schiff im Hafen von Verakruz, wo er mit Mama zurückblieb, aber dem Freunde versprach, von New York so bald als möglich nachzukommen! Es ist ein weiter und beschwerlicher Weg von Queretaro, besonders für Damen, gefangene Damen unter einer Eskorte spaßhaft aufgelegter Reiter von der Gegenpartei, und ein galanter Caballero findet dabei gewiß vielfach Gelegenheit, sich angenehm und nützlich zu machen. Eine Menge Ortsnamen, über die wir in Ilmenthal wie mit der Zunge so mit der Feder stolpern, sind der fröstelnden, gelangweilten Frau in ihrem Halbtraum ganz geläufig und erregen ihr in der Erinnerung bald ein Lächeln, bald ein unwillkürliches leises Zusammenschaudern. Da ist schon vier Leguas von Queretaro der Flecken Colorado, wo der deutsch-amerikanische Gentleman Don Alexandro dem Anführer des Zuges, Don Victoriano Turbacio, zum ersten Male der Señora Romana wegen den Revolver auf die Stirn zu setzen hatte. San Juan del Rio, Arroyo Zarco, San Francisco Zoyaniquilpam, San Miguel Calpulalpam, Tepeji, Quicliclan – die schöne Frau lacht sogar einige Male ganz laut, wie sie die Worte leise vor sich hin spricht, aber sie lacht wahrlich nicht über ihren absonderlichen Klang. Im Grunde ist es doch die glücklichste Woche ihres damals noch etwas jüngern Daseins, die sie auf diesem Wege, den der Krieg zu beiden Seiten mit unzähligen, aber auch ungezählten Gräbern einfaßte, hingebracht hat. In den Tagen vom vierzehnten bis zum neunzehnten Februar des Jahres zog ihn Maximilian mit Rossen, Reitern und Geschützen zu seiner Richtstätte auf dem Cerro de la Campana, und das Gewehrfeuer zur Rechten und zur Linken des kaiserlichen Heeres schwieg selten bei Tage und bei Nacht. Auf der Reise, von der heute die Frau Romana auf dem Kuhstiege im Ilmenthal träumt, fällt, da die sonderbare Tragödie zu Ende gespielt ist, nur noch dann und wann ein Schuß. Beim heiligen Michel von Calpulalpam zum Beispiele wird Herr Alexander Rodburg aus Ilmenthal von einer liberalen Kugel, glücklicherweise nur leicht, gestreift, und der Kommandant Don Victoriano ist völlig untröstlich darüber, will den unbekannten Täter, sowie er entdeckt ist, auf der Stelle füsilieren lassen und wird dessenungeachtet vor der Kammertür der Doña Romana Tieffenbacher von dem US-Ehrenlegionar auf englisch a bloody scoundrel und auf ilmenthalisch ein armer Hammel betituliert. Es ist wahrhaftig ein miraculo de la Santissima, daß besagter Ehrenlegionär seine Schutzbefohlene an Ehre und Gesundheit unverletzt dem Gatten ein Vierteljahr später an Bord des französischen Paketschiffs »Panama« im Hafen von Verakruz in die Arme zu legen vermag. Mama hätte es nicht für möglich gehalten, Mama war außer sich vor Enthusiasmus über den valoroso Caballero, den Ritter aller Ritter, den Begleiter aller Begleiter: es war ein Wunder, ein Wunder, ein Wunder – beinahe ein ebenso großes Wunder, als daß Mama heute wiederum, wenn auch jetzt als Doña Eufemia Turbacio, in der Verwaltung der Stadt Mexiko, und zwar beim Straßenbauwesen mit angestellt ist, grade als ob seit der Landung Maximilians von Österreich, wie der Bruseberger sich ausdrücken würde, im Zusammenhang der Dinge gar nichts Wunderliches passiert sei! Mit tränenreicher, etwas zitteriger, dankbarer Begeisterung faßte Don José sein Weib, seinen Freund und seine Schwiegermutter in die Arme. In nicht grade guten Gesundheitszuständen hatte man ihn und ein halb Dutzend anderer Kriegs- und Leidensgenossen aus der letzten Haft unter dem Oberst Santibanos im Fort San Juan d'Ulloa entlassen. Er hoffte aber alles oder doch das Beste von einer so radikalen Luftveränderung, wie sie ihm jetzt von neuem bevorstand; und die Aussicht, sich recht bald mit dem Freunde Alexander und der jungen Frau in dem »doch angenehmem« Europa und unter behaglichern Umständen wieder zusammenzufinden, erquickte ihn auch sehr und hielt ihn gleichfalls aufrecht. Fürs erste freilich hatte der Hauptmann von der nordamerikanischen Ehrenlegion Doña Eufemia nach der Stadt Mexiko zurückzugeleiten, und auch dies war schön von ihm. Daß er dort noch eine kleine Privatkostenrechnung mit der Regierung Benito Juarez' auszugleichen hatte, traf sich freilich recht geschickt. Am 15. November 1867 ging die »Panama« nach St. Nazaire unter Segel und Dampf, und Frau Romana richtet sich plötzlich von ihrem Kissen am Kuhstiege zu Ilmenthal empor, horcht und sucht in einiger Ungeduld eine bequemere Lage. Sie zieht das Bärenfell, das ihre Füße bedeckt, dichter um sich. Die Sonne ist hinter die Berge hinabgesunken, die Dämmerung kommt, und die Temperatur des neuen Luftkurorts sinkt immer mehr. Von jener Seefahrt schreibt ein fürstlicher und durchlauchtiger Teilnehmer: »Unter der großen Zahl von Passagieren, die wir an Bord hatten, befanden sich auch einige untergeordnete Beamte des Kaisers, elende Kerle, deren Koffer mit gestohlenen Sachen vollgepackt waren und die nun über ihren frühern Herrn schimpften, weil ihnen durch seinen heldenmütigen Tod die Gelegenheit, mehr zu stehlen, benommen war.« Unter allen Umständen war es eine sehr gemischte Gesellschaft auf dem Schiff und für die junge Frau in jeder Beziehung bei weitem das beste, daß sie sich soviel als möglich der Pflege ihres Gatten widmete und sowenig als möglich an der Geselligkeit während der Überfahrt teilnahm. Es ist sonderbar, daß Señora bei diesen Bildern der Vergangenheit zum erstenmal am heutigen Nachmittag laut und vergnügt lacht. »O Dios!« kicherte sie, und dann – horcht sie mit zurückgeworfenem Kopfe von neuem und läßt sich diesmal nicht wieder auf die Kissen zurücksinken. Die alte schrille Haustürglocke des Notars Rodburg, die der jetzige Hauseigentümer noch nicht gegen eine neue vertauscht hatte, war erklungen. Ein leichter Männerschritt draußen – ein leiser Schlag an die Tür – »Mein Herz!« ruft die Frau Romana. »Niederträchtiger, wie lange bist du ausgeblieben!« Sie steht auf den Füßen in dem halbdunkeln, überheizten Gemach. Sie hält den abendlichen Besucher in den Armen, und sie sieht sehr böse und energisch aus und gleicht plötzlich merkwürdig genau jener am Feuer aus der Wintererstarrung erwachenden Schlange in der Fabel. Aber auch der Mann, obgleich er das Weib »mein Liebchen« nennt, scheint wenig zu weicher Zärtlichkeit aufgelegt zu sein. Er macht sich mürrisch von dem Griff der Dame los und sagt verdrossen: »Man sollte es nicht für möglich halten, aber selbst unter den Kindern und Dummköpfen hier hat man nach jeder Richtung hin seine Vorsichtsmaßregeln zu nehmen. Hält mir eben der Kleine im Nachbarhause eine Moralpredigt, die an drolliger Ernsthaftigkeit nicht das mindeste zu wünschen übrigläßt. Dem müssen sie gut eingeheizt haben mit Vätersitten, Ilmenthaler Anstand, und was sonst dazu gehört. Ich glaube, für einen Moment habe ich dem Jungen gegenüber wirklich die Fassung verloren und eine merkwürdig lächerliche Rolle gespielt. Habe mir aber dafür unter der Haustür den alten Schleicher, den Mr. Bruseberger, am Ohr genommen und ihn nach Gebühr mit der Nase in seinen moralischen Kleister gedrückt. Ich hoffe, für die nächste Zeit wenigstens uns vor der Trivialität noch einmal Ruhe verschafft zu haben. Aber wie heiß das auch bei dir hier ist, anima – Seele meiner Seele! Am Morgen hatte ich dazu schon eine recht nette Szene im Roten Krebs in der Generalversammlung der hiesigen Aktionäre des Kurhausbaues. Man tat allerlei Fragen, die sich freilich nicht so leichthin beantworten ließen. Puh – man atmet in der Tat hier bei dir Romana, in der Tierra caliente! Und also, o mein tropisches Herz, ich fange an, die süße Heimat erklecklich satt zu bekommen. Die Äquivalente entsprechen dem Aufwand an Langerweile durchaus nicht. Brr, diese Decke hier über unsern Köpfen! Dein Alter hätte den alten Stuck abschlagen lassen sollen; der Posaunenengel da hat dem bösen Rodburg nur selten zu einem friedlichen, häuslichen Vergnügen die stumme Musik geliefert. Seht die Bestie, Triumph hat sie oft genug zu meinem kindlichen Geheul geblasen, und wer weiß wozu sie fähig wäre, wenn sich ihr noch einmal die Gelegenheit böte, über meinem närrischen Kopfe bei einer neuen Szene der Lebenskomödie anwesend zu sein!« Die Frau sah den Mann, wie es schien, in der gewohnten Teilnahmlosigkeit an. Dann sagte sie: »Du willst wieder gehen! Du hast es gut, du kannst stets gehen, wann du willst.« »Und dich unter den Barbaren, den Tröpfen und Zöpfen und im tiefen Schnee deinen eigenen Hülfsmitteln überlassen, mi corazon?« »Ich tötete dich lieber jetzt!« murmelte die Fremde im Lande, leicht und wie vertraulich dem »bösen« Rodburg die Hand auf die Brust legend. In ihrer Muttersprache klang das Wort noch viel wilder und energischer, und die Frau Tieffenbacher vom Kuhstiege zu Ilmenthal sah trotz ihres Lächelns oder grade ihres Lächelns wegen ganz so aus, als wenn sie ihr Wort auf der Stelle wahr machen könnte. Ihr Freund erwiderte auch nichts weiter als: »Darum handelt es sich gegenwärtig noch nicht, mein altes Mädchen! Du weißt, daß wir aus mehrfachen Gründen zusammen reisen werden, wenn es nötig und nützlich werden sollte. Was kümmert mich die eingeborene Unerheblichkeit rundum? Die nächsten Monate – diesen dir bis jetzt nicht vorgestellten gemütlichen deutschen Winter möchte ich dir ein wenig erträglicher machen können.« »Dieser Winter!« murmelte die Mexikanerin, schaudernd sich an den Weggenossen von der Straße von Queretaro bis nach Ilmenthal an der Ilme schmiegend. »Oh querido, den ganzen Tag über bis auf wenige Minuten immer, immer allein mit mir in dieser Kälte und in diesem dunkeln Hause!« Der Ilmenthaler Abenteurer warf einen Blick umher: »Hm, ich weiß es, wie gesagt, auch nicht, was sie voreinst in den Grund vergraben haben, um diese gemütlichen Wände, Decken, Pfosten und Winkel zu einem Gespensterkeller für jeden vernünftigen Menschen zu machen! Wurden Sie mir nicht eben auch zu einem richtigen Spuk von der Porte St Martin mit Ihrem ›Je te tuerais‹, Señora? Ich würde dich töten! ... Da ist es ja ein wahres Glück, daß wir momentan doch wieder allein das Reich im Hause haben – grade wie vor Jahren – weißt du noch? – in der Hazienda zum Heiligen Geist vor Arroyo Zarco, wo du auch so entsetzliche Angst hattest –« Eine Stunde später lachte Frau Romana Tieffenbacher noch immer herzlich über den Stiefvater Don Victoriano, den damals »vor Jahren« der amerikanische Kapitän der Legion of honour so schlau mit einem Zuge seiner Lanzenreiter auf eine ganz und gar vergebliche Jagd nach einem noch ungefangenen und ungehangenen reichen Kaiserlichen zu schicken verstanden hatte. Wir wissen, daß es nicht wohllautend klang, wenn sie laut lachte, und die guten Hausgeister des Hauses Rodburg blieben wohl deshalb stumm in Wand und Winkel und gaben nicht das geringste Echo zurück. Aber auch die bösartigem germanischen Hauskobolde hielten sich in Winkel und Wand ganz still und blieben stumme Zuschauer und Horcher. Sie haben das so an sich und wissen sich doch ihrerzeit geltend zu machen. Sie warten nur etwas heimtückischer wie ihre Genossen in andern lebhaftern, naivern Nationen ihre Gelegenheit ab. Nachher wissen sie dann grimmig genug in die Seele hineinzugreifen und sie zurechtzuschütteln. Zurecht wird jedenfalls einmal alles geschüttelt – auf die eine oder auf die andere Weise. Noch eine halbe Stunde später, als es schon völlig Nacht geworden war, murrte der böse Rodburg, vor der Tür seines exväterlichen Hauses den Fuß in den Schnee setzend: »Dammy! Ich werde sie wahrhaftig noch einmal mit mir schleppen müssen, diese feuchtkalte Fischprinzessin! Zum Teufel, ich habe sie doch ein wenig zu vertrauensvoll für dumm gehalten. Sie ist leider nur abgeschmackt und weiß im übrigen nur zu gut und verständig Bescheid in dem Verhältnis zwischen uns und den Vermögensverhältnissen ihres einfältigen Señor Pantaleon. Eh bien, nous verrons!« Er sah nach dem Hause der Mutter Schubach hin: »Am wenigsten hat solch ein kindlicher Tropf wie mein kleiner, kluger Bruder dort in seinen Unendlichkeitsgefühlen eine Ahnung davon, wie eng diese verdammte Welt ist und wie voll von lästigen guten Freunden.« Mit einemmal lachte auch er ganz kindlich, als ihm plötzlich einfiel, daß er nur deshalb sich in Ilmenthal befand und die Frau Romana und ihren Gatten dahin gebracht habe, weil er daselbst unbekannt geworden zu sein geglaubt hatte. Siebenzehntes Kapitel Wenn im vorigen Kapitel mehrere Male vom Hängen und Gehängtwerden die Rede war, so muß leider auch das jetzige mit dem ganz gleichen Wort in seiner aktiven wie passiven Bedeutung beginnen. »Mit Hängen und Würgen!« hatte Professor Doktor Drüding, als Lehrer und Freund seinem Schüler und Mündel das Zeugnis der Reife für die Universität einhändigend, kopfschüttelnd gesprochen. »Ich weiß es nicht, was grade dieses letzte, wichtigste Semester hindurch in dir gesteckt hat, mein Sohn. Hm, eigentlich ist dies wohl nicht ganz richtig ausgedrückt – kurz, allerlei sonderliche Insinuationen, die mir von verschiedenen Seiten gemacht wurden, habe ich nach längerem Bedenken an ihren Ort gestellt belassen, vorzüglich nachdem ich den Rat und die Meinung unseres werten Freundes, des von dir nimmer genug zu schätzenden Brusebergers, eingeholt hatte. Ich verließ mich auf ihn, als er versicherte, daß nur jugendliche Dummheit und Unerfahrenheit der Sache zum Grunde liege und daß ein jeglicher gewöhnlich eine solche oder ähnliche Epoche in seinem Leben zu überwinden habe. Hm, hm, in meinem Dasein erinnerte ich mich zwar einer solchen nicht; aber wie gesagt, ich glaubte mich auf den Bruseberger auch hierin verlassen zu können, und da er hinzufügte, daß dir freilich nichts dienlicher sein werde, als daß du möglichst bald für längere Zeit von Ilmenthal, aus deiner Heimat und Kindheitswiege, dich entferntest, so habe ich denn in diesem Sinne in der letzten Konferenz für dich geredet, und man hat dich nach einigem Bedenken für reif erklärt. Leider Gottes also nicht mit jener herzlichen, spontanen Zustimmung, die ich noch bis vor kurzem in dieser wichtigen Stunde für dich von meinen Herren Kollegen erwartet hatte. Nun, nun mein Kind, die Welt ist eben kein Märchen und der Mensch darin kein Phantasma, kein Geschöpf der bunten Einbildungskraft, sondern eine von seiner Mutter mit Schmerzen geborene, in Sorge und Not durch etliches Behagen in schwerer Arbeit im günstigsten Falle zu einem guten Ende sich durchringende Kreatur der Wirklichkeit. Im Griechischen hast du dich am mangelhaftesten erwiesen, aber davon sei in diesem Augenblick am wenigsten die Rede. Durch dieses Dokument, welches ich hiermit in deine Hand lege, bekleide ich dich nach römischer Sitte mit der toga virilis; aber auch das ist mir gegenwärtig eine Nebensache. Auf deine Zugehörigkeit zu dem ehrbaren, tapfern, arbeitsamen, in seiner Grundfeste nimmer zu erschütternden Volke der Deutschen wünsche ich dich hiermit noch einmal eindringlichst aufmerksam zu machen. Gedenke zu jeder Zeit, welch eine uralte, erstaunliche Ehre du auf dieser völkerwimmelnden, völkerschaffenden, völkervernichtenden Erde mit zu bewahren, vermehren und verringern vermagst! Hiermit entlasse ich dich denn meinerseits vom hiesigen Gymnasio nach Leipzig zu dem von dir erwählten Studium der Rechte in der festen, fröhlichen Zuversicht, daß du nicht mal aus der weitern Welt heimkehren und an jener dir bekannten niedern Mauer vor dem Klostertor mit dem Gefühl vorbeigehen wirst: ›Dahinter liegen auch mehrere Leute, die bessere Erwartungen in mich setzten, als ich zu erfüllen imstande gewesen bin!‹ Und nun mach, daß du nach Hause kommst, um es dem Bruseberger und der Meisterin Schubach mitzuteilen, daß du glücklich durch bist. Meine Florine scheint es seltsamerweise schon vor mir und dir gewußt zu haben.« Auch der Bruseberger tat durchaus nicht so überrascht, wie es der alte Scholarch doch ein wenig vorausgesetzt zu haben schien. Er nahm die große Neuigkeit befriedigt, aber gelassen hin und sagte nur: »Na, die Wissenschaft stand diesmal ausnahmsweise eben in zweiter Linie, Thedor. Du weißt, was ich auf das Griechische und Lateinische halte, aber in Beziehung auf dich stand es doch jetzo in dritter und in vierter Linie. Ich muß dir sagen, ich habe seit lange nicht ein neues Frühjahr mit solcher Sehnsucht erwartet wie diesmal. Man war für unsere Zustände im Zusammenhange der Dinge eben ein bißchen allzu nahe aneinandergedrängt durch den harten Winter; und was sonst ja recht heimelig war, das hatte diesmal in der laufenden Zeit, ohne daß einer – wenigstens hier in unserm Hause – recht etwas darzukonnte, seine nachdenklichen Molesten. Nun wollen wir aber auch die Fenster wieder hübsch weit aufmachen und uns keinen angenehmen Geruch von Triebkraft und keinen ersten warmen Windhauch aussperren. Mit diesem dummen Pappstück hier habe ich mir jetzt item lange genug die Aussicht in deiner seligen Mutter Garten versperrt. Weißt du aber, Thedor, ich werde es mir apart aufheben, und zu den ersten Lessings Gesammelten Werken, zu denen sich einer in Ilmenthal erhebt und sie von mir gebunden haben will, soll es mit verwendet werden. Der soll sich über keine Pfuscherbuchbinderarbeit zu beklagen haben, der das Exemplar auf sein Bücherbrett stellt. Der Bruseberger wird wieder mal nach Möglichkeit 'nen klaren Kopf und 'ne sichere Hand zu der sonstigen Kleisterei geben. Hm, hm, so, so, der alte Herr, unser Herr Professor, will also nu r merkwürdige und lamentable Zerstreuung an dir bemerkt haben und seine sonstigen Gedanken über unsere letztweiligen Umstände hier am Kuhstiege lieber für sich behalten? Dieses lese ich wenigstens aus dem heraus, was du mir eben berichtest, und kann darauf nur sagen: Theodor, Theodor du hättest wahrhaftig an deines Vaters Begräbnistage in viel unverständigere Hände fallen können, wenn der erhabenen Weltregierung wenigstens hier auf Erden ebensowenig an dir gelegen hätte wie an so manchem andern Schlucker – Namen will ich selbst aus unserer präsenten Ilmenthaler Bevölkerung nicht nennen, sondern dich nur auf die allgemeine Welthistorie verweisen, in welcher du übrigens, wie mir scheint, noch mit am besten in deinem Examen bestanden hast. Na, fasse ich alles, was ich, was andere, was die allernächste Nachbarschaft, was du selber dir sagen kannst, in ein Wort, so sage ich: Gottlob! Und was die Mutter Schubach anbetrifft, so bin ich der festen Überzeugung, zwischen Lachen und Weinen, zwischen Pläsier und Schmerzen packt sie in ihrer Einbildung allbereits deinen Koffer. Nun, komm herunter zu ihr; in der Einbildung und Phantasie wollen wir gleich auf der Stelle anfangen und ihr helfen, und ich meine, wir zwängen dir doch mancherlei nicht üble Dinge ins Bündel, so wir dir für deine Wanderschaft schnüren. Nehmen Sie dem alten Fechtbruder, dem Bruseberger, kein Handwerksgesellen- und Herbergswort krumm! Wir haben doch manchen Weg die letzten Jahre durch zusammen gemacht, seit ich dich über die Planke zog; und was das Fechten anbetrifft – he, he, wir haben, meine ich, mehr als einen guten Kampf zusammen ausgefochten. Soll mich wundern, was für einen Gewinn wir aus den Taschen zusammenholen, wenn wir mal in der allerletzten Herberge wieder zusammenkommen!« Die Mutter Schubach hatte für »Philosophieen« jetzt wahrlich nicht die geringste Zeit übrig. Sie hatte das trotz ihrer vielen »Ideen« eigentlich nie, aber jetzt »wirklich noch ein bißchen weniger«. »Nun ja, Kind«, sagte sie, »es ist gewiß eine rechte Freude; aber daran habe ich niemalen gezweifelt, daß sie dich wie 'nen reifen Apfel vom Gelehrsamkeitsbaume schütteln würden. Ob du ihnen im Hebräischen und sonstigen Indianischen auf der einen Seite noch ein bißchen grün vorgekommen bist, das ist mir nicht nur ganz egal, wie diesmal auch dem Bruseberger, sondern noch viel egaler als dem Bruseberger. Auf den Wurm sah ich dich an und hab ich dich nochmals hin und her gewendet, ehe ich heute morgen gesagt habe: Bruseberger, in Anbetracht, daß er von einer Wintersorte kommt, ist er ein braver Apfel und wird sich gut liegen. Ein paar Fallflecke wird er wohl aufs letzte Lager mit sich bringen; aber am Ende ist eine Haut, die dergleichen vertragen kann, ohne gleich zu faulen, auch eine verdienstliche Gabe, und dies ist meine Meinung. Nach einer andern Richtung will ich denn mit meiner Meinung auch nicht hinterm Berge halten: nämlich, Sie können lange passen, Bruseberger, ehe Sie die Witwe Schubach zum zweiten Male verleiten, einem unverständigen Kinde über jedwede christliche nachtschlafende Zeit hinaus eine Rede darüber zu halten, wo Bartel den Most holt. I, Er alter Fensterversteller und Pappkomödiante, das konnte Er doch gleich wissen, daß wir unser Ziehkind nicht aus dem Hause tun konnten, nur weil nebenan die Welt ihren gewohnten Gang geht! Wo haben wir zwei, wir beiden alten Ilmenthaler Kuhstiegler, in Seinem dummen Zusammenhang der Dinge jemalen was anderes getan, als uns nolens volens mitschieben zu lassen? Mußten wir das Kind hergeben, so kam das, weil wir mußten wie heute; aber nicht, weil wir es uns überlegt und vorgenommen hatten wie in der Nacht nach Pauli Bekenntnis, – was für ein Heiliger damals im Kalender stand, weiß ich wirklich nicht zu sagen. Von Rechts wegen hätte eigentlich der heilige Joseph drin stehen –« »Meisterin?!« sprach der Bruseberger würdig und warnend. »I, schon gut! I du mein Leben! Na, laß nur unsern Herrn Studenten erst aus dem Hause sein, und ich weiß schon, wen ich aus eigenem, freiem Antrieb und ohne Aufforderung von anderer Seite bei erster bester Gelegenheit bei den Ohren nehmen werde. Und Sie, Bruseberger, mögen meinetwegen dann wiederum zu Bette kriechen und die Decke über die Ohren ziehen, wenn auch die gute, günstige Gelegenheit sich am hellen, lichten Tage, mittags Punkto zwölfe, gegeben hat. Seien Sie mir nur erst aus dem Hause, Thedorchen; nachher werde ich mir den bösen Rodburg und seine vermehltaute, alte, hispanische, mexikanische Mispel über den Zaun langen. Einerlei, ob sie sich jetzo schandenhalber ein bißchen menagieren, und das ist meine Idee so. Der liebe Gott ist mein Zeuge, wie gut ich es mit jedermann meine und wie leid mir meine jetzige neue Ilmenthaler Nachbarschaft tut und wie oft ich des Nachts liege und denke; ach, könntest du doch deinem jetzigen lieben, alten Nachbar helfen! Freilich mußte der alte Peter aus der Fremde es schon damals bei seinen damaligen Jahren wissen, worauf er sich einließ mit einer solchen Person. Nun ja, seien Sie nur still, Bruseberger, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Hätte ich Sie damals – bei Ihren damaligen jungen Jahren nicht auf der Landstraße aufgehalten und bei meinem Seligen unter die Presse gebracht, wer weiß, was für ein kurioser Potiphar aus Ihnen geworden wäre, Sie alter neugieriger Pappbogen-Fenster-Okuliste!« Sie lachten beide, das grauköpfige wie das junge Ziehkind der Mutter Schubach. Sie hätten es nimmer fertiggebracht, vor diesem so unvermutet, so ganz aus dem Übervollen im Redefluß der guten alten Frau in die Erscheinung tretenden Herrn Potiphar die »Kontenance zu behalten«. Auf deutsch gesagt, verloren sie vollständig die Fassung nach der dunklern Seite menschlicher Existenz und Existenzen hin. Behaglich lächelnd schlug der Bruseberger seinen Zögling auf die Schulter und rief: »Dies ist freilich und wirklich ganz unvermutet das Letzte! Hiergegen läßt sich nichts mehr sagen! He, he, he, Meisterin, hierauf hat der Bruseberger – nein, diesmal Heinrich August Baumann aus Bruseberg nichts weiter zu bemerken, als daß er für heute gründlich streikt und zum erstenmal, seit er unter Ihrer Regierung steht, aus einem Donnerstag den richtigen blauen Montag macht. Komm wieder mit herauf in die Werkstatt, Thedor; wir legen uns noch ein bißchen ins Fenster und sehen noch ein Halbstündchen hinunter in deinen alten Robinson- und Karnickelgarten, bis sie uns zu Tische ruft. Hat sie noch einen Rest von Gewissen, so gibt es nachher heute sicherlich etwas Gutes –« »Im Zusammenhang der Dinge!« lachte die Mutter Schubach. »Na, geht nur. Daß euch zwei unser Herrgott in ein und demselben Topfe gekocht hat, das ist meine Idee, und zwar von Anbeginn an! An dem Wort von dem Robinson- und Karnickelgarten, was Sie eben so hingesprochen haben, ist aber wirklich was dran in Beziehung auf unsern Thedor. Sie wußten diesmal wohl gar nicht, daß Sie den Nagel damit auf den Kopf trafen, Bruseberger?« Herr Heinrich Baumann aus Bruseberg räusperte sich völlig so väterlich-unwirsch wie Professor Doktor Drüding in seiner Schulstube, wenn Buttermann oder irgendein anderer ihm einen Stein des Anstoßes vor die Beine warfen. »Meisterin Schubach«, sagte er, »dem Himmel sei Dank, es sind uns – ich meine unsern lieben Ziehsohn hier – doch noch andere Träume und Phantasien daraus bescheret worden als solche, die sich bloß auf den Trieb in die Fremde und Weite und – auf die Kaninchenzucht auf dieser Erde beziehen. Man nennt dieses das Ideal, Meisterin, und davon mag jeder andere halten, was er will und wie er es von seinem Fenster und Standpunkt ansieht, wenn es nur für den, den es speziell angeht, eine echte Prinzessin bedeutet. Wie lange – das hängt freilich wohl von den jemaligen Umständen ab. Du lieber Gott, was würde aus deiner Welt werden, wenn du keine falschen Prinzessinnen und nachgemachte Treu und Redlichkeit, Fröhlichkeit und Brüderlichkeit hineingesetzt hättest, um uns arme Sünder zu rechter Zeit anzufrischen? So häufig und gemein ist die echte Ware nicht, daß du für die Nachfrage auf deinem großen Markte damit ausreichtest.« »Jawohl, es sagt mancher Kaffee, der sich mit Zichorie begnügen muß. Übrigens brauchen Sie mich nicht so wehleidig anzuschnauzen, auch wenn Sie wieder mal recht haben. Und dann für Sie bin ich als Ideal und Gartenprinzessin und hülflose Witwe vom Kuhstiege aus der richtigen Schieblade zu Ihrer moralischen Anfrischung und Verfeinerung genommen! Und jetzo macht, daß ihr mir aus meiner Küche kommt, ihr beiden närrischen Laternemagiker. Da, Herr Rodburg, nehmen Sie auch Ihre Papiere mit und sehen Sie fernerhin zu, daß Sie das Zeugnis der Reife behalten. Na, Kinder, und ich, ich stehe jetzt hier zwischen euern zwei Leibgerichten und besinne mich, wem ich seins des mächtigern Verdienstes an diesem vergnügten Tage wegen auf den Tisch zu setzen habe. Was meinen Sie denn wohl, Bruseberger?« »Daß Sie sich selber dabei wie gewöhnlich ausgelassen haben, Mutter Schubach. Jetzt stecke ich keinen Löffel und keine Gabel in mein intimstes Leibessen. Richten Sie sich ganz nach Ihrem eigenen Verdienst und Gusto, Meisterin!« Achtzehntes Kapitel Zu spät im Jahre! Da ist das Wort, welches dem kleinen Helden dieser Geschichte, dieser Ilmenthalias, an der Wiege gesungen wurde, noch einmal. Gesungen wurde? Das ist wohl nicht der richtige Ausdruck. Die Parzen singen bei ihrer Arbeit, und die Parzen haben mit dem Worte nimmer zu schaffen. Denen läuft nichts zu früh und nichts zu spät durch die Hände, über die Spindel und in die Schere. Es sind die Menschen in ihrem kurzen Dasein, die da sagen: »Zu früh! ... zu spät!«, heute verdrießlich, bekümmert, verzweifelnd, morgen schadenfroh und heimtückisch – häufiger weinerlich als frohlockend. Die drei Damen, denen wir zu Anfang dieser Erzählung auf die Finger sahen, sind noch immer gleichgültig mit ödem Gesange bei der Arbeit und spinnen auch die Ilmenthaler Geschicke weiter, und Ilmenthal gedeiht, und unser kleiner Held, Theodor Rodburg, ist auch ganz wohl gediehen, wie merkwürdig das auch einem Teil der noch vorhandenen Zeugen seines kümmerlichen Eintrittes in diese Welt vorkommen mag. Wer von den Achselzuckern und Lächlern konnte es aber auch damals ahnen, daß das Schicksal es besser und behaglicher mit diesem letzten Sprößling aus dem alten Nest am Kuhstiege als mit irgendeinem andern draus im Sinne hatte? Es war nicht unsere Aufgabe, von den Brüdern und Schwestern ausführlich weiter zu berichten. Sie hatten in ihrer Zerstreuung ein jeder und eine jede ihr Leben gehabt und ihr Teil mit Widerstreben oder mit Gier hingenommen oder hingegeben und waren so wenig wie andere vorher vom Schicksal um ihre Privatansicht befragt worden. Der eine von den Brüdern hatte mehrere Male Bankerott gemacht, und jetzt »ging es ihm ganz gut«. Es ging ihnen allen mit ihren Kindern im Grunde »ganz gut«, und bei diesem Worte wollen wir es bewenden lassen, ohne seiner Bedeutung im besondern weiter nachzuforschen. Auch zu diesen Geschwistern war wohl von Zeit zu Zeit die Nachricht gekommen, daß es dem jüngsten Nestling aus dem Hause am Kuhstiege »ganz gut« ergehe. Wie es damit sich verhielt, haben wir im Umwenden dieser Blätter des genauern erfahren und sind noch nicht ganz damit fertig. Daß er sich seines Glückes nicht rühmen durfte, versteht sich von selber; es genügte schon, daß um diese Stunde seines Daseins zuerst ihm ein klareres Verständnis des guten Loses, das er gezogen hatte, aufdämmerte. Sehr viele Glückspilze seinesgleichen kommen nie auch nur zu einer Ahnung hierüber, sondern leben bloß ruhig weiter und lassen eben – Gott einen guten Mann sein. Von dem bösen Rodburg, dem in seiner Art vortrefflichen, wenn auch nicht besten Bruder Alexandros, wäre nun wohl noch ein langes und breites zu sagen; aber der geht ja eben ganz mit auf in der Geschichte von der Prinzessin Fisch , in der großen Geschichte von der Erziehung des Menschen durch die Phantasie, den Traum und die optische Täuschung des jungen Leibes und der kindischen Seele des Menschen! ... Was wäre das für ein armes Menschenkind, für welches die Prinzessin Fisch nie ihre Rolle zu ihrer Zeit gespielt hätte! Professor Dr. Drüding täuscht sich nur sehr ergötzlich in seiner Weise, wenn er behauptet, er wisse durchaus nichts von der Person. Ihm vor allem tanzt sie voraus, tritt hinter ihm drein und wird ihn bis ans Ende seiner Tage an seiner vergnügten, höchst würdigen Schulmeisternase zupfen. Es ist wahrlich kein leerer Titel, was vor diesem Buche steht! Mit der Prinzessin Fisch, dem urewigen, großen, unentbehrlichen pädagogischen Zauberspuk, haben wir es auf jeder Seite desselben zu tun, und auf diesem gegenwärtigen Blatt hat sie ihr nützlich erziehlich Werk an dem von uns von der Eselsbank aufgegriffenen Abc-Schützen, unserm guten Freunde Theodor Rodburg vom Kuhstiege, zu einem beträchtlichen Teil bereits vollendet. Sie hat dem armen Tropf mit ihrer magischen Hand über das alte Gesicht gestrichen, und es hat sich unter der wunderlichen, anreizenden, erregenden Berührung merklich zu seinem Vorteil ins Jugendliche, ins Jünglingshafte verändert. Und hatte ihm die Schwester der wunderschönen Dame, die Enttäuschung, das Ärgernis oder wie sie hundert Namen führt, den alten Kopf für geraume Zeit beträchtlich niedergeduckt, so war das nur geschehen, um ihm Gelegenheit zu geben, ihn desto jünger und straffer aufzurichten. Des Brusebergers Thedor sah um ein bedeutendes wackerer und heller in das Leben, und des Brusebergers Prophezeiung über die Aussicht in den exväterlichen Garten, den Robinson-Crusoe-Garten, war vollständig in Erfüllung gegangen: hatte diese Aussicht den Jungen geschüttelt, so hatte sie ihn doch zu recht geschüttelt, und er war reif für eine höhere Schule des Daseins. Dahin entließen sie ihn denn auch. Das heißt fürs erste nach der Universität Leipzig, die, da sie immer noch eine deutsche war, immer noch zu den bessern Erziehungsanstalten unter den Völkern der Erde gehörte und nicht ohne Grund selber sich dazu rechnete. »Viele Schätze von der Art, so die Motten und der Rost viel seltener als die unnötigen Ausgaben im Leben fressen, haben wir dir von Vormundschafts wegen nicht zu überweisen, mein Sohn«, sprach Professor Drüding. »Das ist nun deine Sache, wie du damit durchs Triennium und nachher ins weitere bürgerliche Leben hineinkommst. Ich hatte meinerzeit weniger denn nichts, denn ich hatte meinerzeit noch eine verkrüppelte Schwester teilweise zu erhalten während meiner Studienzeit, Gott habe sie selig, die Gute! Es hat wohl selten ein fressender Appetit einem Menschen einer lieben, wenn auch etwas mißtrauischen Verwandten wegen so viele Gewissensbisse verursacht wie damals der meinige mir. Nun, nun, man hat sich eben durchgehungert! ... Oder geht meinem Florinchen und mir heute in meinen alten Tagen etwas an meinem Behagen – ohne die Götter versuchen zu wollen! – ab?« Der Abiturient konnte nur wünschen, sich bereits auch schon so weit in das Behagen hineingebracht zu haben; augenblicklich aber hielten dafür noch viel zuviele gelöste, halb gelöste und gar nicht gelöste Lebensfragen sich das Widerspiel in seinem jungen Hirn und Herzen. Er hatte auch vom Papa Pepe, der Frau Romana und dem Bruder Alexander Abschied zu nehmen und wurde der schönen Frau gegenüber damit ganz natürlicherweise am leichtesten fertig. Sie hatte den blöden, unansehnlichen Jungen aus dem ärmlichen Nachbarhause gar nicht beachtet, und er hatte nach dem Wort des Brusebergers sie sich so nach und nach immer genauer besehen. Die Märchengestalt aus der blauen Weite, aus der »täuschend entlegenen Ferne«, die Verkörperung aller seiner kindischen Zaubergartenphantasien war allgemach zu einer gewöhnlichen und noch dazu recht ältlichen Erdenmadam geworden. Dorothea wusch hier nicht mehr ihre silbernen Füße in dem Waldstrom der Sierra, sie machte sich höchstens mit der übrigen Landstraßenkneipengesellschaft über den Ritter Quijote lustig und würde ohne Anstand mit Vergnügen ihre Hand dazu geboten haben, denselben auf einem spanischen Ochsenkarren in die Welt der Wirklichkeit zurückzubefördern. Und ausnahmsweise hatte der diesmalige und jugendliche Ritter mit Hülfe bester, treuester Freunde zur Genüge deutsche Witterung von der Sachlage bekommen. Als unser netter Amadis seine Abschiedsbesuche am Kuhstiege machte, sah er so vollständig über die Prinzessin Fisch hinweg wie sie vordem über ihn und ärgerte sie doch ein wenig dadurch. Von dem alten Kriegszahlmeister des armen, auch schlimm von seiner Prinzessin Fisch getäuschten Kaisers Maximilian von Mexiko nahm er Abschied gleichfalls wie ein echter Germane, das heißt voll von Sorgen, Ängsten und Selbstvorwürfen über Zustände, die er nicht gemacht und an denen er nichts ändern konnte. Glücklicher- und gerechterweise machte ihm Papa Pepe die Sache leicht. In gewohnter Weise redete Herr Joseph Tieffenbacher zu sich selber und setzte sich seine Zustände auseinander. Und da er mit denselben gottlob doch ziemlich zufrieden war, so durfte ihm sein Besucher nur zuhören und seine Ansichten, Bedenken, Urteile und Schlüsse mit einem stillen Seufzer für sich behalten. »Ja, es ist eine unruhige Welt«, erzählte er sich. »Niemand sitzt seinen Stuhl recht warm, und tut er's mal, so ist's auch wieder nicht das Behagliche – da kommt der Rheumatismus dazu, von dem ich dieses Frühjahr wieder recht ordentlich auszustehen hatte, lieber Juvenis und junger Herr Nachbar und Studiosus juris! Hm, da geht nun der auch ins Weite, und es war doch so ein angenehmes Verhältnis zwischen ihm und mir geworden. Sein Herr Bruder bleibt wohl noch einige Zeit, um Ilmenthal zu verschönern und für uns, auch für mich, zu einem nicht nur zuträglichen und interessanten, sondern auch in pekuniärer Hinsicht lohnenden Aufenthaltsort zu machen. Was sollte aus dem armen Frauele, der Romana, und mir werden, wenn auch er eines Tages nach abgewickelten – oder – hm, hm, verwickelten Geschäften ginge? Wer würde dann außer mir mit dem armen Kindle noch in seiner Muttersprache reden können? Sie könnten wohl das unnötige Geschwätz über mich alten Mann unterwegs lassen. Aber dies kann ja der Mensch eben nicht – habe es vielleicht selber nicht immer gekonnt. Jeder muß seine Unterhaltung haben, das war in Bödelfingen so und ist in Triest, in Wien, in Mexiko, in Paris und in Ilmenthal an der Ilme so. Da ist es denn eben ein Glück, daß der alte Tieffenbacher in seiner Sackgasse zu seinem Rheumatismus seine Käfer und seine Pflanzenkunde hat, Sackgasse! Sackgasse! Jaja, dieser junge Mensch, dieser Herr Theodor, weiß noch wenig davon, in welche Sackgassen sich die weitesten und breitesten Wege, die der Mensch auf dieser Erde laufen kann, verlieren. Wird's aber auch schon erfahren! Wird's erfahren, wird's erfahren! Bin von Bödelfingen abgelaufen und sitze heute am Kuhstiege zu Ilmenthal und kann nicht herunter – kann nicht herunter, kann nicht herunter ... hm, hm, wenn ich's noch wollte! ... Will es aber bei genauester Überlegung nicht mehr! Wußte es freilich noch nicht, als ich neulich vom Boulevard Sebastopol auf den Wunsch von Freund und Frau wieder einmal den Wohnsitz verlegte, daß es die letzte Etappe sein würde, weiß es aber ganz genau, ganz genau. Habe auch mit dem lieben, trefflichen Freund, dem Herrn Professor, darüber gesprochen, liebes Kind. Der Herr Professor, der niemals aus Ilmenthal herausgekommen ist, ist ganz meiner Meinung. Wollen es also bei unsern letzten Leiden und Freuden ganz in der Stille bewenden lassen, wir alten Sünder. Jaja, dieser junge Herr Nachbar – da guckt er schon nach der Tür – hat noch mehrere Abschiedsvisiten zu machen, wird eines Tages wiederkommen und den alten Joseph Tieffenbacher nicht mehr in seines Vaters Hause und Garten vorfinden. He, he, he, wird sich dann vielleicht neben seinem seligen Herrn Papa auch an den närrischen alten Papa Pepe erinnern und an seine liebe Frau Mutter, von der Herr Nachbar Bruseberger und der Professor so viel Gutes und Betrübtes zu erzählen hatten. Alte Sünder und alte Sünden! Wird auch seinen Kerbstock voll mitbringen, der junge Mann, wenn er ans Siebenzigste herangelangt ist und sich auf seiner letzten Etappe die Sache noch mal überlegt, einerlei, ob er vorher noch weiter ins Universum hineinpromenierte oder ob er sich nach zurückgelegten Studien in Bödelfin – ei, was sage ich? – in seiner wirklich der Gesundheit recht zusagenden kindlichen Heimat und Geburtsstätte für sein Leben besetzte. Wird vielleicht dann auch seinen Rheumatismus pflegen wollen, und wünsche ihm dann zum Trost eine gleiche, brave und anteilnehmende Nachbarschaft, wie sie der alte Tieffenbacher nach all seinen Märschen, Strapazen, Viktorien und Schiffbrüchen in der Welt ganz per Gelegenheit am Kuhstiege in Ilmenthal gefunden hat. Und nun, mein lieber Sohn und hoffnungsvoller junger Nachbar, gehe hin mit meinen herzlichsten Wünschen für dein jetziges und späteres Wohlergehen. Ich brauche dir nicht zu raten, etwas zu lernen in wissenschaftlicher Beziehung, dahingegen aber würde ich gern wünschen, daß du in philosophischer und gemütlicher Hinsicht seinerzeit dir ein Exempel an deinem alten Freund hier im Lehnstuhl mit seinem umwickelten Knie nehmen und das Deinige in sittlicher Richtung tragen lerntest. Adios, adios, querido! Hasta mas ver! Auf ein baldiges Wiedersehen – und einen recht vergnügten Sommer – deinerseits! Würde dich gern mit den übrigen zur Post begleiten, wenn dies fatale Ziehen durch diese dummen, abgelaufenen Beine nicht wäre. Zieht vielleicht den Papa Pepe, das alte, wieder mal beim Fazit nicht recht stimmende Menschenexempel, den Joseph Tieffenbacher aus Bödelfingen, noch vor der nächsten Möglichkeit eines gemütlichen Wiedersehens ein bißchen zu tief in die Botanik, das heißt unter die Grasnarbe da drüben an der Ilme – er weiß schon wo, der Jüngling. Na, na, abwarten! Alles mit möglichster Ruhe abwarten, Caballero!« Als dann der junge Ritter zu Hause über diesen Besuch, und was der Alte gesagt hatte, Bericht abstattete, meinte der Bruseberger: »Läßt sich wohl hören. Ist auch eine Philosophie im Zusammenhange der Dinge! Vier sichere Wände im Alter um sich her, gute Luft drinnen und draußen, nicht rauchende Öfen, ein wohlgepolsterter Lehnstuhl nach allen Strapazen bei Krankheitsanfällen und eine gute, verständige Nachbarschaft sind wohl eine gute Sache für 'nen abgebrauchten, müden Mann; – gehört aber eben auch doch die Meisterin Schubach zu all der Behaglichkeit oder – wollen mal sagen, für einen andern Fall, ein gutes, liebes Weib, was die Landessprache als Muttersprache versteht und in dem richtigen Alter und Verständnis zu dem Racker von Rheumatismus steht und keine anderweitige Unterhaltung und Aufrichtung bei dem Großvaterstuhl nötig hat. Was meinen Sie, Mutter Schubach?« »Meine Idee ist, daß dies jetzo ganz unnötige und überflüssige Redensarten vor unserm jungen Herrn sind«, meinte die Mutter Schubach. Der Bruder Alexander war augenblicklich verreist, als man den Studenten nach dem Posthofe geleitete. Er befand sich als finanzverständiges Mitglied einer Abordnung der Ilmenthaler Bürgerschaft in »allgemach auf die Nägel brennenden« Ilmenthaler Eisenbahnangelegenheiten in der Landeshauptstadt. Leider war dies nicht der einzige Grund, daß sich die Brüder nicht wiedersahen. Neunzehntes Kapitel »Lieber Theodor! Ich danke Dir für Deinen letzten Brief und hätte Dir schon längst wieder geschrieben, wenn nicht so viele Umstände vorhanden wären, die mich daran gehindert haben. Es ist zu kurz vor Weihnachten, und der Papa paßt einem um diese Jahreszeit mehr wie sonst auf die Finger, und Du hättest auch seit Deinem Abgang von der Schule wenigstens einmal in den Ferien nach Hause kommen können, dann brauchten wir uns gar nicht zu schreiben. Und eigentlich weiß ich auch gar nicht recht mehr, ob es sich noch recht schickt, daß wir noch so auf dem Brieffuße miteinander stehen, da ich doch nun auch schon im Mai fünfzehn geworden bin, wozu Du mir auch einen wirklich netten Brief geschrieben hast, was aber ein schreckliches Alter ist, worüber nur der Papa immer noch lacht, aber die Tante Philippine durchaus nicht. Die Tante Philippine ist ja, wie Du weißt, in ihrer Jugend Gouvernante in den vornehmsten Kreisen draußen bei Euch in der Welt gewesen und hat Dich leider immer gehaßt, und ich möchte wirklich wohl wissen, weshalb und was Du ihr eigentlich zuleide getan hast. Ich habe zwar gesagt: ›Der Papa findet nichts darin, Tantchen!‹ Aber sie hat gesagt: ›Puh, der Papa! Komm mir in diesen Dingen nicht mit Deinem Papa, Kind; denn das möchte ich wohl erfahren, wo der was drin fände, wenn es sich um Schicklichkeit und Anstandsgefühle und die notwendigste Höflichkeit in betreff unserer handelt!‹ Das kommt aber bloß daher, weil er, wie Du weißt, immer lateinisch spricht und zitiert, wenn sie zu Besuch kommt, und weil sie meint, er mokiere sich fortwährend über sie. Aber wie dumm, daß ich Dir hier von der Tante Stukenberg schreibe, da ich doch schon so wenig Zeit habe wegen meiner andern Weihnachtsarbeiten. Denn ich bin grade heute so kindisch, wie sie sagt, und so lustig und so vergnügt, und wahrscheinlich, weil ich eigentlich gar nicht weiß warum. Daß es jetzt in Ilmenthal regnet, ist es nicht, und daß in ein paar Tagen der Heilige Abend ist, ist es wohl mit, aber nicht ganz, und daß der Papa so schlau und gut und heimtückisch umgeht im Hause und mit den Augen zwinkert und mich am Ohr zupft und sagt: ›Nicht durchs Schlüsselloch gucken!‹ ist es auch nicht allein. Alles zusammen ist's! Und noch Unzähliges dazu; und es gibt doch nichts Schöneres und Lächerlicheres, als in der Welt und hier in Ilmenthal zu sein und aus jedem Fenster was anderes zu sehen und über alles zu lachen! Die Tante Philippine sagt: Es ist zu dumm, über alles zu lachen! Und manchmal mache ich mir wirklich auch rechte Vorwürfe und nehme mir fest vor, es nicht wieder zu tun; aber dann kann ich im nächsten Augenblick doch wieder nichts dafür. Aber wahrhaftig, zu dumm ist es, daß Du, wie der Bruseberger sagt, auch zu Weihnachten nicht nach Hause kommen kannst oder willst. Es war doch zu nett sonst. Dir putzte der Bruseberger und die Mutter Schubach den Baum an und mir mein Papa, aber wir besahen uns doch gegenseitig; und eigentlich der rechte Spaß ging erst an, wenn ich Dich auf der Treppe hörte, denn Tausendkünstler seid Ihr immer gewesen, Du und der Bruseberger, und ich habe noch alle die schönen Sachen und Dinger, die Ihr mir zu jedem Heiligen Christ erfunden und gepappt und gekleistert habt, und ich habe nie mit meiner Nadel und meinem Stickrahmen dagegen ankommen können. Ach, nun ist es, als seien hundert Jahre seitdem vergangen, und wer weiß, was sich demnächst auch nicht mehr schicken wird, nämlich daß ich Dir diesmal – – – o Gott, da war ich doch wirklich zu dumm ! Aber Du brauchst doch nicht zu lachen, weil ich keine Zeit habe, um einen neuen Brief anzufangen, und mir nur mit der Dinte und einem Krickelkrackelkrusel über die letzte Reihe und meine Dummheit geholfen habe. Himmel, wenn hierbei die Tante Stukenberg mich ertappt hätte! Da hat es die schöne Frau Tieffenbacher in Deinem alten Vaterhause viel besser. Die macht sich aus nichts was und läßt alle Leute und auch die Tante Philippine reden. Sie tun da rund um mich her, als ob sie krank wäre und jedermann mit ihrer Krankheit ansteckte. Und sie sprechen hinter der Hand von ihr, und wenn ich dabei bin, wie neulich bei der Tante Philippine, machen sie dumme Redensarten, als ob man sich meinetwegen besonders in acht zu nehmen hätte und nicht schon zu Deiner Zeit oft die Rede davon gewesen wäre. Dein älterer Bruder ist auch immer noch sehr lustig; aber wir kommen nicht viel mehr mit ihm zusammen, und neulich ist er schrecklich grob gegen den Bruseberger geworden, und der Bruseberger ist zu meinem Papa gekommen, und ich habe meinen Papa auf und ab laufen hören, und als ich ihn gefragt habe, was denn passiert sei, hat er mich verstört angesehen, als ob er's wohl gewußt, aber vor großem Erschrecken gleich wieder vergessen habe. Zum Glück ist grade in diesem Augenblicke der Herr Kriegszahlmeister zum Besuche gekommen mit einem Kasten, den er übers Meer geschickt gekriegt hat, voll lauter Naturgeschichte. Da haben sie denn in meiner Gegenwart und vor meinen Augen alle beide die Köpfe darüber so rasch zusammengebracht, daß sie sich tüchtig an die Stirnen gestoßen haben; aber abgesehen davon, daß sie sie sich unbewußtlos fünf Minuten lang rieben, haben sie vor Eifer wohl wenig davon bemerkt. O, sie sind jetzt noch mehr wie zwei Brüder miteinander, und nach Dir erkundigt sich der Herr Kriegszahlmeister sehr teilnehmend, und gegen mich ist er ganz reizend und gut, und augenblicklich tut er sehr geheimnisvoll über etwas, das für mich sonst noch über den Ozean zum Heiligen Christ in der letzten Kiste mitgekommen sei, und ich bin natürlich sehr gespannt, wie Du Dir wohl denken kannst. Wie schön wäre es, wenn Du am Heiligen Abend mit dabei wärest und die Frau Romana bloß ein bißchen lieber wäre und sie sie zufrieden lassen könnten in der Stadt. Weißt Du noch, wie wir sonst schon im Sommer unsere Christbäume im Walde, während der Papa was anderes suchte, uns aussuchten? Hast es wohl gänzlich vergessen bei Deinem jetzigen gelehrten Jus und unmenschlichen Fleiß (?) und so weit weg in Leipzig. Es war aber doch zu hübsch, in der Waldrosenzeit herumzulaufen und zu schreien: ›Nein, hier ist noch ein hübscherer, das soll meiner sein!‹ Wie es Dir roch, weiß ich nicht, mir roch's durch allen Thymian und alle Veilchen und alles Jelängerjelieber im Dickicht nach Wachslichtern. Herr Tieffenbacher hat zu seinem Unglück jetzt fast immer den Rheumatismus, sonst wäre der im Sommer vielleicht der einzige gewesen, der auch einen Sinn dafür gehabt hätte und mir, wie sonst Du, hätte suchen helfen können. Euer Leipzig liegt ja wohl ganz wie auf dem Präsentierteller im platten Lande? Wovon ich mir gar keine Vorstellung machen kann, weil ich mit dem Papa und Dir hier in den Bergen aufgezogen bin. Und in der Geographie habe ich immer meine schwache Seite gehabt, wenn ich auch ganz sicher erfahren habe, daß mich Dein Freund Buttermann wieder einmal das lateinische Minchen genannt hat. Wahrscheinlich aus Rache an meinem armen Papa, weil er das Latein jetzt lieber doch ganz aufgeben will und in seines Vaters Materialwarengeschäft treten, da er zu Michaelis wieder nicht durchgekommen ist! Ich schenke es ihm aber ganz sicher nicht! Was kann ich denn dazu, daß ich eigentlich immer wenig Mädchenumgang gehabt habe und mit dem Papa und Euch auf die gelehrten Wissenschaften angewiesen war? In Leipzig scheint wohl immer die Sonne? Hier hängen heute auf allen Seiten die Nebel an den Bergen, und alles ist grau. Und die englische Familie, die uns seit dem Sommer an der Ilme gegenüber wohnt, was sonst die Bullenkuhle hieß, aber jetzt viel hübscher die Esplanade, und welche die sechs Töchter hat wie die Orgelpfeifen, geht glücklicherweise jetzt eben grade in einer langen Reihe spazieren. Sie tragen sich alle gleich, die sechs Mädchen – graue Jacke mit Pelz, dunkelblaue Röcke und rote Strümpfe und ponceau Taubenflügel auf dem Barett –, und sind heute das einzige Bunte in unserer ländlichen Landschaft. Und sie haben alle den Schnupfen trotz unseres gesunden Klimas. Die Krähen sind auch schon da und – – o Theodor, welch ein Unglück! Der alte Herr Tieffenbacher ist beim Papa im Nebenzimmer und weint!!! Die Tür ist zwar zu, aber er weint!!! Ich horche ganz gewiß nicht, aber ich höre Ihn ganz genau weinen, und es ist schrecklich, denn ich habe noch nie einen Mann weinen hören: meine Mutter ist mir ja so früh gestorben, daß ich von dem Papa dabei nichts weiß. O Gott, und da kommt auch schon die Tante Philippine ganz eilig an der Ilme herunter; ich kann jetzt nicht weiterschreiben.   Nachmittags und abends. Mir zittern noch immer alle Glieder. Da ganz Ilmenthal es weiß, tue ich keine Sünde, wenn ich es auch Dir melde. Die Frau Romana ist vorige Nacht entführt worden, o Theodor, und Dein Bruder Alexander hat sie entführt ! O, und nun ist es doch ganz anders, als wenn man so was bloß liest und gedruckt sieht und sich selbst in das Verhältnis und Schreckliche und Romantische hineinversetzt. Und der Papa hat heute morgen bloß den Kopf in die Tür gesteckt mit einem Gesicht wie Jüngstes Gericht und großes Examen und gesagt mit einem Ton wie noch nie: ›Kind, ich gehe mal aus! Du bleibst zu Hause! Du tust mir keinen Schritt aus dem Hause!‹ – O Gott, grade als ob auch ich auf der Stelle böse Absichten hätte und mir die Glieder noch nicht genug bebten!!! O Gott, als ob ich jetzt die geringste Lust dazu hätte. Die Tante Stukenberg hat gleich mit dem Papa sprechen wollen, aber er hat diesmal gar keine Zeit und keinen alten Klassiker für sie übrig gehabt; und da ist sie denn natürlich zu mir gekommen und hat mich bloß angesehen, und bis an meinen Tod kann ich den Blick nicht vergessen. Aber Zeit hat sie gottlob heute nicht zum Bleiben gehabt, und wir haben zwei Stunden später gegessen, und der Papa eigentlich gar nicht. Wer konnte an einem solchen Tage auch Appetit haben? Diese Angst! Und auch um Dich, Theodor; denn im letzten Grunde gehörst Du doch auch mit dazu, und eben schlägt es vier Uhr, und eben kommt der Bruseberger von Euerer Seite her über die Ilmebrücke und trifft wieder auf meinen Papa, und sie kehren miteinander um und gehen wahrscheinlich jetzt wieder zum Herrn Kriegszahlmeister. Alle Leute sehen ihnen nach, und jetzt erzählt unsere Jungfer: der Herr Kriegszahlmeister hat schon überall hintelegraphieren lassen, denn seit diesem Sommer kann man das schon von Ilmenthal aus, und auch dies ist so schrecklich und merkwürdig, denn in den bisherigen Märchenbüchern und Entführungsgeschichten war noch gar nicht darauf gerechnet, und es waren auch gewöhnlich lauter Prinzessinnen und Königssöhne oder Zauberer. O Theodor, daß es auch diesmal grade Dein Bruder sein muß!!!! Und der liebe alte Herr Tieffenbacher! – Von der Frau Romana spreche ich gar nicht mehr; von der ist es einfach zu schlecht! Ich habe sie auch nie gern gemocht; das brauche ich jetzt nicht mehr zu verschweigen. Ich habe mir lange genug auf unsern Spaziergängen und wissenschaftlichen Exkursionen Vorwürfe darüber gemacht, daß ich sie immer weniger mochte und sie mich von Anfang an gar nicht. Gewissensbisse brauche ich mir nun nicht mehr zu machen, aber dafür bringt sie mich jetzt zum Weinen, und das ist eigentlich doch noch schlimmer. Das ganze Weihnachtsfest ist jetzt ganz verdorben; denn dies verwindet keiner von uns bis dahin, wie ich den Papa kenne, und weil er immer Deinen Familiennamen so ganz genau zu unserer Familie gerechnet hat! Ich sehe es ja wohl ein, für diesmal ist es für Dich viel behaglicher, daß Du in Leipzig bleibst. Ich schreibe hier jetzt in die Dämmerung hinein aus purer Angst und Aufregung; und der Papa kommt auch gar nicht wieder nach Hause. Vielleicht reist er gar mit dem Herrn Kriegszahlmeister hinter Deinem Bruder und dem Telegraphen her. An mich wird er freilich zuletzt denken, und am Ende sehne ich mich gar noch nach der Tante Philippine und neuen genauen Nachrichten von der, obgleich ich ganz gewiß nicht weiß, was die mir helfen soll, als daß sie mich noch immer angstvoller und eigensinniger und böser macht. Der ist ja alles wie ein Stück unechten Musselins unter der Seife und in der Probewäsche! Nun ist es schon so spät am Abend, daß ich die Buchstaben nicht mehr auf dem Briefbogen sehen kann, und wenn ich heute morgen schon gewußt hätte, was ich schreiben würde, hätte ich gar nicht geschrieben. Jetzt schreibe ich aus Angst blind darauflos und verderbe mir die Augen, und gewiß auch ganz unorthographisch. Gott sei Dank, da bringt Marie mir die Lampe, und ich sehe sie an, denn ich sehe, daß sie mir was sagen will, und zittere und bebe. Aber ich soll sie fragen, und den Gefallen tue ich ihr nicht, und erst in der Tür steckt sie nochmals den Kopf herein und flüstert: ›Fräulein!‹ ... O Gott und Himmel, Theodor, weißt Du, was es war? Sie haben unsern lieben, armen Herrn Tieffenbacher dreimal zur Ader lassen müssen, und er liegt doch und kann nicht sprechen und soll sehr schlecht aufsein!!!... Am liebsten möchte ich gar nichts mehr hören und habe auch eben den Kopf eine Viertelstunde zwischen die Sofakissen gesteckt. Wenn ich nur gewiß wüßte, daß die andern Dir schrieben und Dir freundlicher schrieben als ich, schickte ich diesen schrecklichen, schrecklichen Brief um keinen Preis ganz gewiß nicht ab. O lieber Theodor, ich kann ja nichts dafür! Und ich wollte heute abend noch die Pantoffeln für den Papa fertig sticken! Bitte, bleibe Du nur gesund und nimm es Dir nicht zu sehr zu Herzen und schreibe Du uns bald wieder! Deine getreue Freundin Florine Drüding.«   Dieser Brief des armen kleinen »lateinischen« Backfischleins blieb der erste und der letzte, welchen der Leipziger Student über das ihn so nahe angehende Ilmenthaler Drama aus der Heimat durch die Post erhielt. Nachdem er anderthalb Tage damit in größester Aufregung herumgelaufen war, schrieb er an den Bruseberger um noch nähere Auskunft in der festen Überzeugung, dieselbe darauf sofort zu erhalten, und irrte sich wieder hierin. Der Kuhstieg ließ ihn hierbei, wie er meinte, in unverantwortlicher Weise im Stich, und er, der doch nichts dafür konnte, der für alle Familiensünden »zu spät« in die Welt gekommen sein sollte, wurde jetzt im erhöhten Maße in keinem Augenblick das Gefühl von der Seele los, daß er für alles, was das Haus Rodburg anbetraf, mit verantwortlich sei bis zum Äußersten. Von neuem überkam ihn jene wahrhafte Verbrecherstimmung, die er schon von seinem Schülerstübchen aus kennengelernt hatte, und je nervöser er es versuchte, sich davon zu befreien, desto tiefer arbeitete er sich hinein. Immer erstickender fühlte er um sich her die klebrigen Fäden, welche die böse Spinne »öffentliche Meinung« jetzt daheim über ihn und alles, was zu ihm gehört hatte und gehörte, spann. Daß seine Professoren in ihren Häusern wahrscheinlich bereits Äpfel versilberten und Nüsse vergoldeten und also keine Vorlesungen mehr hielten, gereichte ihm gar nicht zum Trost. Er wäre doch nicht imstande gewesen, der unendlichen Menschheitsschlauheit, die sie ihm juristisch von ihren Kathedern vortrugen, das nötige Ohr zu leihen und das richtige Verständnis entgegenzubringen. Es waren eben Tage, wo er vor aller Menschenklugheit, Schlauheit, Feinheit und Findigkeit ein echtes und gerechtes Grauen empfand und am liebsten auf alles Wiederbegegnen mit dergleichen Vorzügen seiner Nächsten für immer Verzicht geleistet hätte. Die Unruhe trieb ihn von seiner Stube ins Freie, und dann hielt er's doch auch wieder in den schönsten Teilen des Rosentals nicht aus. Das schlimmste war, daß er ein ganz unnötiges Grauen hatte, der vergnügte, aber ein wenig nichtsnutzige Bruder und seine gelbe Frau Prinzessin (ja, er sah's jetzt ein daß sie immer sehr gelb ausgesehen hatte!) könnten ihm an der nächsten Ecke dieser lebendigen Gassen und selbst im Winter hübschen Spazierwege der Stadt Leipzig plötzlich entgegentreten. Und immer von neuem hatte er es sich zu überlegen, wie es dann mit ihm den beiden gegenüber sein werde! Florinchens Brief ließ er nicht aus der Tasche und griff häufig danach. Trotz seines betrüblichen Inhalts war er doch ohne Frage der einzige Trost in dieser öden Unruhe. »Sie bekümmert sich doch noch um mich! ... Der Himmel lohne es dem guten Kinde! ... Und wenn mich sonst niemand mehr in dem Nest, dem Ilmenthal, zu sehen wünscht – sie weiß vielleicht nicht, was sie tut, aber sie schämt sich doch nicht, es mir schriftlich zu geben, daß sie meine Freundin bleiben will! ... Welch ein lieber, guter Brief! – Wie das Herzensmädchen auf einmal besser zu schreiben versteht als irgendein schriftgelehrtes großes und kleines Tier in der ganzen weiten Welt! Und wie ihr das Schändliche, die heillose Halunkerei selbst so unvermutet in ihr liebes, liebes Weihnachtsherz hineinbricht und ihr so niederträchtig schon im voraus alle Lichter an ihrem – unserm Weihnachtsbaum ausbläst! ... Es ist zum Heulen, es ist tragischer als alles übrige. Weiß Gott, das ist es! ... O Gott, und bin ich denn auch daran mit schuld?« Nach noch einem übeln Tage voll angsthafter Ratlosigkeit, einem Tage, an welchem er wiederum vergeblich auf einen Brief von den ältern Freunden in der Heimat gewartet hatte, fand er sich am Abend im Theater, fast ohne zu wissen, wie er dahin gekommen war. Hier aber war denn freilich in der gegenwärtigen Epoche der herrlichen Entwickelung höchster Kunst der Komödie und Tragödie der richtige Ort für ihn, um sich nicht nur Beruhigung, sondern auch guten Rat zu holen. Der Zufall konnte ihn gar nicht besser führen. Es wurde ein Stück gegeben, in welchem ein ganz ähnlicher Konflikt wie der, in welchen er sich ganz und gar mit verwickelt fühlte, zur Verhandlung kam, und zwar natürlich in bekannter, geistreicher, modernster Weise mit vielen guten und schlimmen Witzen, Redensarten und Zweideutigkeiten, die vom Publikum rundum durch alle Stände, Alter und Geschlechter aufs heftigste belacht und beklatscht wurden. Es waren auch sehr treffliche Künstler und Künstlerinnen auf der Bühne beschäftigt, die in diesem Falle genau begriffen, was der Dichter wollte. Der junge ratlose Lebenskünstler vor der Bühne geriet in ein Schwanken zwischen Schein und Wirklichkeit, das in seinen Erregungen nahe an die Zustände bei einem hitzigen Fieber grenzte. Ein fast in körperliche Übelkeit übergehender moralischer Ekel an allen Dingen und Menschen vor ihm und um ihn her überwältigte seine junge Seele Es war ja alles wahr, was er sah und hörte, und doch und grade deshalb alles nur Komödie! ... Echteste Komödie, wundervollster, wahrhaftigster Schein alles! ... Es war wirklich zum Lachen und wirklich eine so große Beruhigung, daß sehr wenig in der Welt der Mühe, der Sehnsucht und des Schweißes der Edeln wert war. Wahrlich, die Prinzessin seiner Träume, seines Schüler- und Poetenstübchens erblickte der Knabe nicht auf den Brettern und in dem Gaslicht vor ihm, aber dafür sah er etwas viel Naturalistischeres: die Frau Romana, die – einerlei ob romanische, deutsche oder slawische Erdenfrau – Prinzessin Fisch in ihrer ganzen »für den Erfolg verwendbaren« alltäglichen, abgenutzten, verbrauchten, abgedroschenen Seltenheit ! Mit einem wahren Haß dachte er um diese trostlose Abendstunde unter dem Gewieher um ihn her an die kleine Stube Tür an Tür mit der Werkstatt des Brusebergers im Hause der Mutter Schubach am Kuhstiege zu Ilmenthal. Hätte er sie jetzt auf Nimmerwiederauftauchen in der Erinnerung und der Welt herunterdrücken können, so hätte ihm das sicherlich für einen Moment einen freiern Atemzug möglich gemacht. Aber schlimm wäre das doch gewesen. Und grade weil ihm die Erinnerung in diesem Augenblick so widerwärtig war, stand ihm der alte, gute, träumerische Unterschlupf mit all seinen Einzelheiten und Erlebnissen desto deutlicher vor der Seele und bewahrte sich unverwüstlich seinen eigenen Schein, während die Leute in dem grellen Licht auf der Bühne weiter lachten, tobten, seufzten, wüteten, kreischten und grinsten und alle Gesten und Laute der Wirklichkeit so täuschend als möglich nachahmten. »Ich setze nie wieder einen Fuß nach Ilmenthal zurück!« murmelte Theodor Rodburg, aus letzter, vollständiger Betäubung unter dem Beifallslärm des »eminenten Lacherfolgs« und in dem Getümmel des Aufbruchs umher mit den andern von seinem lehrreichen Sitze emporfahrend. Es waren ganz ähnliche Redensarten die letzten Stunden durch auf dem Schauplatze vor ihm häufig gefallen und immer an der richtigen Stelle und stets mit dem rechten komischen Nachklang und -klapp. Eh, unsere moderne Komödie versteht es schon, sich treu an das Leben zu schmiegen und nichts vorzubringen, was nicht auf der Hand liegt. Gegen Mitternacht ging noch ein Zug, mit welchem man gegen sechs Uhr morgens einen Knotenpunkt erreichen konnte, wo man freilich einen recht langen Aufenthalt hatte, bis es in der Richtung nach Ilmenthal weiterging. Studiosus juris Rodburg benutzte diesen Zug. Er hatte es nicht länger ausgehalten ohne weitere Nachrichten von Hause , da er bei seiner Zurückkunft aus dem Theater wiederum keinen Brief vom Bruseberger oder sonst wem aus Ilmenthal vorgefunden hatte. Zwanzigstes Kapitel Um sieben Uhr morgens im Dezember auf einem noch dazu »totgelegten« Eisenbahnknotenpunkt auf die erst drei Stunden später abgehende Gebirgspost warten zu müssen, ist kein Vergnügen. Der Student hatte das schlecht geheizte, von einer trübe qualmenden Petroleumlampe erleuchtete Wartelokal für sich allein, denn ein auf einer Lederbank in seinen Pelz gewickelt schnarchender Handlungsreisender war für nichts zu rechnen, und der verschlafene, ungekämmte, von Zeit zu Zeit in die Tür guckende Stationswächter auch nur für wenig. Fröstelnd teilte der Student seine Zeit zwischen dem lauwarmen Ofen und dem Fenster, mit immer steigender Ungeduld den ersten grauen Streifen des Morgenlichtes erwartend. Es geht aber alles vorbei, und es kommt alles heran. Vorübergingen die Stunden des Wartens, und herbeischlich die Stunde, in welcher der Postwagen nach Ilmenthal am Stationsgebäude vorfuhr. Es schlug eben halb zehn. Langsam rasselte aus dem eine Viertelstunde von dem Bahnhof entfernt liegenden Flecken der gelbe, kaiserlich deutsche Räderkasten heran und hielt. Seufzend, an einer wenig tröstlichen Zigarre kauend, besah ihn sich Herr Theodor Rodburg von allen Seiten und versuchte eben das erste Reisegespräch mit dem Postillon und dem Kondukteur anzuknüpfen, als noch jemand des Weges von Knillingen her gen Ilmenthal, und zwar mit eigenem Gefährt vorüberfahren wollte und aller Unterhaltung des Studenten mit unbekannteren Menschen ein rasches Ende machte. »Der Bruseberger!« stammelte der Student, seine Zigarre von sich schleudernd und mit weit ausgestreckten Händen dem alten Freund entgegeneilend. »Thedor?!« rief der Alte, seinen Schubkarren anhaltend und niederlassend und das Karrenband von den Schultern streifend, aber durchaus nicht, um die Hände besser gleichfalls zum Gruße darbieten zu können. Im Gegenteil, er ließ die Arme hängen und sah sehr erschreckt und verkniffen-sorgenvoll aus, als er fragte: »Sind Sie es denn wirklich? ... Und wo wollen Sie denn jetzt hin bei dieser unfreundlichen Witterung, wenn ich fragen darf?« »O Bruseberger!« rief das arme Exmündel. »Unter solchen Umständen? ... Weshalb haben Sie mir nicht geschrieben? ... Nach Hause, natürlich! Ich bitte Sie, Bruseberger, was haben Sie –« »Nach Hause!« brummte der Alte, den frühern Hausgenossen und Zögling mit einem trüben Blick streifend. »Freilich – unter solchen Umständen ... und zur Weihnachtsfeier. Unter solchen Umständen ... freilich, freilich.« Damit brach die alte Neigung und Kameradschaft im vollsten Maße heraus. Mit denselben Armen und Fäusten, mit denen der Bruseberger einst das Kind über den Zaun gehoben hatte, packte er jetzt den Jüngling auf der winterlichen Ilmenthaler Landstraße und rief: »Ach Thedor, Thedor, so willst du unter den jetzigen Umständen nach Hause?! ... Und weshalb keiner von uns, von uns Alten dir geschrieben bat, nachdem wir vernommen hatten, daß das Kind, das Mamsellchen, Fräulein Florinchen, dir auf der Stelle Meldung getan hatte? Weil wir alle, wir Alten, in diesem bösen Zusammenhang der Dinge noch darüber nachdenken – nämlich über den jetzigen Inbegriff von dem Worte Zu Hause für dich! Was zu Hause – will sagen in Ilmenthal passiert ist, hast du ja doch so bald als möglich erfahren.« »Aus einem Kinderbriefe! dem liebsten, besten Kinderbriefe –« »Wir Alten brauchten eben längere Zeit, um uns auf das rechte Wort für dich zu besinnen.« »O Bruseberger, das Kind hat mich nicht heimgerufen! Was soll ich tun? was soll ich lassen? Ich habe doch auf Nachricht von euch andern gewartet und habe es zuletzt nicht mehr ausgehalten. Freilich ist es eine Dummheit von mir, wenn ich jetzt von einem Zuhause, einer Heimat bei euch rede; aber traurig ist es doch, und wer weiß, ob mir heute nicht gemütlicher zumute wäre, wenn ihr euch damals, an meines Vaters Begräbnistage, nicht zu meinem Vormund angeboten hättet.« »Das ist auch wahr!« seufzte der Bruseberger. »Hm, ja, wenn man nur immer im voraus an alles denken könnte. Du hast ganz recht, wir haben dich viel zu sehr verzärtelt. Es ist eine Welt, mit der man im Traume und in der Stille schlecht fertig wird. O Kind, du und der Bruseberger, wir sind vielleicht allzu gute Kameraden gewesen. Die Mutter Schubach hat oft ihre Bedenken drüber gehabt, und der Blick in deines Vaters Garten, von dem ich mir so viel Nützliches versprochen hatte, ist nun auch nicht zum besten für dich ausgefallen. Also in Leipzig hast du es unter den jetzigen Narrenspäßen im Leben nicht aushalten können? Den Platz auf der Post hast du wohl schon belegt und dein Gepäck abgegeben? Schön! Was hast du da in der Tasche?« »Ein Hemd, ein paar Strümpfe, einen Kamm und was sonst dazu gehört.« »Damit wäre ich rund um den Erdball gekommen, wenn mich die Mutter Schubach nicht gleich am Anfang der Reise abgefangen und aufgehalten hatte! Nun will ich dir einen Vorschlag machen: laß deinen Koffer vornehm und bequem nach Ilmenthal vorausfahren und komm mit mir und meinem Schubkarren zu Fuße langsam hinterdrein. Unterwegs können wir dann mit mehr Behaglichkeit überlegen, wo und wie wir dich anjetzt am besten und behaglichsten zu Hause unterbringen.« Der Student sah von neuem erschreckt auf den alten Freund. »Was habt ihr denn mit meiner Stube neben Euerer Werkstatt angefangen, Bruseberger? Auf die rechnete ich doch für alle Zeit und unter allen Umständen, wann und wie ich immer zu euch kommen würde.« Der Alte fuhr sich bei diesem Ausruf seines Ziehsohnes mit dem Rockärmel über die Augen: »Es ist kaum zu glauben; aber gottlob, so ist die Jugend! Sie kann niemals gleich Vernunft annehmen! Kind, deine Stube ist freilich noch vorhanden, und die Mutter Schubach bisse sich eher den Daumen ab, ehe sie einen andern drüber kommen ließe. Es wird nichts gerückt und Tisch und Stuhl und Bett immer für dich parat sein; aber, Kind, Kind, an der Aussicht auf deines Vaters Haus und Garten hat sich auch noch nichts verändert. Meinst du denn wirklich, daß du schon genug von der Welt gelernt hast, auf daß du dich mit Nutzen wie sonst ins Fenster legen und hinuntersehen könntest?« Es war nicht allein der scharfe Winterwind von den Heimatsbergen her, der den jungen Mann schauern machte, als er leise sagte: »Es ist nur zu wahr!« »Daß wir eine gute, gesprächige Nachbarschaft am Kuhstiege haben, weißt du. Daß ich nicht mehr darauf gebe, als sich gehört, weißt du besser als ein anderer. Aber daß sie vorhanden sind und sich ihr ewiges Menschenrecht, die Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken, nicht nehmen lassen, weißt du auch; und ob es jetzt grade das Rechte für dich sein wird, dich mit ihnen zu begrüßen, das steht meines Erachtens dahin. Hätten wir dich besser und schärfer erzogen, sagte ich sofort ja! – Im Hotel Bellavista könntest du wohl deines Bruders Gelegenheit beziehen, und vielleicht wäre das das allerbeste Heilmittel und die schönste Schule für dich; aber du bist, wie gesagt, von uns nicht dafür eingerichtet worden. Nun, wie gesagt, wir wollen auf dem Wege das Weitere bereden; und vielleicht weiß auch dein Herr Vormund, der Herr Professor, einen Rat, und nimmt er dich für das Fest unter sein Dach, so wäre das gewiß wohl das behaglichste, ausgenommen vielleicht die noch vorhandene Bekanntschaft unter den übrigen jungen Herren aus der Schule. Herr Buttermann hat mich erst neulich noch gefragt: Nun, hoffentlich kommt doch der Caballero Teodoro zu Weihnachten nach Hause, um bei dieser schönen Geschichte den alten Papa Tieffenbacher von Ihrem Hinterfenster aus, Bruseberger, zu trösten!?« »Der Wasserkopf!« rief der Studiosus juris Rodburg mit solch drolligem Nachdruck, daß trotz aller Melancholie der Stunde das kluge, jetzt im Laufe der Jahre doch verrunzelte Buchbinderaltgesellengesicht neben dem Schubkarren voll Fibeln, Bibeln und Gesangbüchern ein Lächeln überflog. Leider hielt es nicht an. Der arme junge Mensch mußte schon jetzt dem treuen Graukopf bis ins Äußerste recht geben. Seine Heimatlosigkeit in der Heimat, seine Wurzellosigkeit in dem Boden, aus dem er emporgewachsen war, fielen ihm bei jedem Worte des wunderlichen Lehrmeisters schwerer und beängstigender auf die Seele, und doch erkannte er klar, daß jedes dieser Worte aus allerinnigstem Mitgefühl und ehrlichster Fürsorge gesprochen wurde. Er sah nach den heimischen Bergen hinüber. Die höchsten Gebirgskuppen lagen noch vollständig im Nebel, und nur die nächsten Vorberge schienen undeutlich aus demselben hervor. Scharen dunkelfarbiger Vögel kamen kreischend von dort her, als wären sie gleichfalls auf der Auswanderung begriffen. Was sollte er tun? Was hatte er dort noch zu suchen? Er fühlte einen körperlichen, stechenden Schmerz in der Brust und griff unwillkürlich dahin. Da knisterte der Kinderbrief der kleinen Florine Drüding unter seiner Hand. Er griff in die Tasche und hielt die Blätter, und damit verspürte er den ersten warmen Hauch an diesem bösen Morgen, und es war ihm wahrlich, als ob doch durch das gespenstische Grau vor ihm, über ihm – den Bergen zu – eine kleine blaue Stelle hervorleuchte. »Wir müssen aber nun doch wohl wandern, Thedor«, sagte der Bruseberger. »Ich hab auch mal wieder für unsere Firma den Weihnachtsmarkt in Knillingen bezogen gehabt. Auf speziellen Wunsch und Befehl der Meisterin diesmal. Wollte mich für ein paar Tage aus dem Hause und in eine andere Luft haben. Aus alter guter Fürsorge. Meinte, es sei das einzige, was mir guttun könne nach den letzten Erlebnissen und Tag- und Nachtwachen im Nachbarhause. Jaja, Thedor, heute am Sterbebett und morgen auf dem Jahrmarkt! Das ist des Menschen Los, Not, Erquickung und Abwechslung im Zusammenhang der Dinge auf dieser Erde! Ich habe auch ein ganz gut Geschäft gemacht mit unsern Waren. Bilderbogen aus dem letzten Kriege noch immer reißend im Absatz! Auch nach Schulbüchern mit neuester Orthographie der alte Verlang! Nun gottlob, daß es abgemacht ist; – es ist nichts mehr für einen Menschen in meinen Jahren.« Damit schob der wandernde Literatur- und Kunsthändler seine Schultern wieder unter den Karrenriemen und setzte sein Gefährt mit einem kräftigen Ruck in Bewegung, dem Tal der Ilme zu. In halber Betäubung ging der Ilmenthaler Student mit ihm. Nur eine kurze Strecke blieben sie auf der Chaussee. Sie ließen die Post an sich vorüberfahren und schlugen dann einen Pfad ein, der zur Rechten der Landstraße gemach hügelan lief und der, als sie die ersten Berge erreicht hatten, auch stets auf halber Höhe zwischen dem Tal, in welches die Chaussee und die Ilme sich teilten, und den Berggipfeln sich hielt. Das war der sogenannte »alte Weg«, die Fahrstraße nach Ilmenthal vor der Erbauung der neuen »Kunststraße«. Obgleich diese neue Kunststraße nunmehr auch schon fast zwanzig Jahre in Benutzung war, befand sich der »alte Weg« doch noch in ziemlich gutem Zustande und wurde im Sommer schon des Schattens wegen von manchem vorgezogen. Weshalb der Bruseberger mit seinem Schubkarren nicht auf der doch bequemern Chaussee blieb, sollte seinem Begleiter nicht lange verborgen bleiben. Sie erreichten bald den Wald und wurden immerfort durch das bald leisere, bald lautere Rauschen der Ilme in der Tiefe begleitet. Anfangs zogen sie stumm nebeneinander hin im dunkeln Tannicht. Bald im Hochwalde, bald im Mittelschlag; wohl eine Stunde lang blieb ihnen jede Aussicht ins Tal versperrt. An der ersten lichten Stelle aber blieb der Student sofort stehen und sah verwundert hinab in das sonst so stille Tal und auf ein schaufelnd, hackend, grabend, karrend Gewühl von Menschen und Zugtieren, so weit der Blick in den Nebel reichte. »Um Gottes willen, was ist denn das, Bruseberger?« »Die Vorarbeiten zu unserer Eisenbahn, mein Junge. Ja, sie haben es eilig damit, und die Arbeit bringt einen recht ordentlichen Verdienst in die Gegend. Nächsten Frühsommer schon soll die Bahn eröffnet werden – dann wird erst das rechte Leben für Ilmenthal angehen; denn dann haben wir in der Dinge Zusammenhang endlich auch das letzte erhalten, was andere Leute bis dato vor uns vorausgehabt haben. Auf der Herfahrt bin ich auch mitten durch die Anlage und Arbeit gefahren und habe es mir mit großem Interesse angesehen; aber jetzt auf der Heimfahrt möchte ich den Tumult doch lieber vermeiden, und so mußt du noch einmal mit mir über unserer Vorfahren Fußtrappen und Radspuren. Für die drein gewachsenen Wurzeln kann ich leider nichts.« »Ich halte dies auch nicht länger mehr aus; aber nicht des Holzpfades wegen. Bei jedem Schritt vorwärts entgeht mir der Atem mehr. Laßt doch wenigstens mich Euern Karren schieben und seid barmherzig und erzählt mir mehr – alles – genauer von – zu Hause. Von einem Sterbebett habt Ihr vorhin auch geredet!« »Meinen Schubkarren laß du mir, Kind; dafür ist der Alte noch frisch genug in den Knochen. Hast schon genug freilich an deinem eigenen Gepäck zu schleppen! ... Jaja, es ist ein schönes, liebliches Ding um die Jugend und ihre Traumspiele! Das hat der liebe Gott gottlob einmal so eingerichtet mit dieser guten Zeit im Jahre, und du kennst mich darauf hin, ich bin es ganz gewiß nicht, der einem Kinde und jungen Menschen einen Vorwurf daraus macht, wenn er seine Lust und Phantasie nimmt, wie und wo er sie vor sich findet. Zumal wenn man ihm bei seiner Geburt den Titel auf den Rücken gedruckt hat: Zu spät im Jahre! ... Je mehr er das schlechte, dumme Wort zuschanden macht, desto besser ist's, und das mußt du sagen, daß wir, ich und die Mutter Schubach, nach Kräften geholfen haben, und daß du manche vergnügte Stunde bei mir in deiner Stube verlebt hast.« »Es könnte euch bloß meine selige Mutter mehr dafür danken als ich!« rief der Jüngling. »Was wäre aus mir geworden, wenn ihr euch nicht meiner angenommen hättet: die Mutter Schubach und Ihr, mein treuester, bester Lehrer, Meister und Spielkamerad!« »Hm«, seufzte der Bruseberger, »wenn es nur eben nicht eine zu phantastische, fabulierende Zucht gewesen ist! Wer kann's sagen? Und jetzt ist ja nichts mehr dran zu ändern, und wir wollen dem Herrgott danken, daß das Spielvergnügen nicht ins noch Schlimmere ausgelaufen ist. Für einen Rodburg bist du ein ganz umgänglicher und zuverlässiger Mensch geworden, Thedor. Das war eine von den alten Wurzeln, Kind; na, beinahe hättest du auf der Nase gelegen. Vorwärts – jetzo ein Viertelstündchen bergauf!« Es lag gerade keine große Schmeichelei für die Familie, welcher der junge Begleiter entstammte, in den Worten des alten Kuhstieglers; aber sie bildeten doch den richtigen Übergang zu den folgenden, als die Steigung überwunden war und der Karren wieder glatt hinlief. »Was für ein heilloser, gewissenloser, unbarmherziger Taugenichts doch dein Bruder Alexander ist, Thedor! Und welch ein harter Mensch, um in dieser Welt sein Pläsier auch überall parat zu finden! Dem ist überall der Tisch gedeckt, und daß er vorher angefragt habe, ob man ihn auch zum Essen eingeladen habe, das ist ihm von Kindesbeinen an wohl nicht ein einzig Mal eingefallen. So kam er nach Ilmenthal zurück, um sein Pflichtteil vom Rathaus zu holen und uns beiläufig seine Künste zu zeigen. Mit allen Praktiken der Welt im Kopfe und allen geschickten Griffen der Menschheit in seinen zehn Fingern! Und ganz zur richtigen Stunde für ihn und seinesgleichen. Wahrlich nicht zu spät im Jahr! Und alles brachte er verbessert mit, was er an Talenten und Finessen schon von uns auf den Weg mitgenommen hatte. Er hatte immer eine Art, mit der Zunge inwendig an den Backen zu stoßen, von der ich nicht begreifen kann, daß je ein Frauenzimmer darüber weggekommen ist und mit ihrem eingeborenen Geschmack und Vorgefühl und Feingefühl und dem bei den schlimmsten und dümmsten vorhandenen scheuen Sinn.« Der Greis schüttelte sich unter seinem Karrenbande wie vor innerlichstem Ekel, indem er drolligerweise hinzusetzte: »Und ein wunderhübscher Kerl war er zu allen Zeiten dabei. Selbst bei seiner Heimkunft in seinen Jahren. Ach, den hättest du in seiner Wiege sehen sollen, Thedor! Und auf dem Arm deiner lieben, guten Mutter! Deiner armen Mutter, Thedor! Du deinerzeit auf demselbigen guten, lieben Platz warst freilich ein ganz ander Tierchen und Schauspiel, für den Kuhstieg sowohl wie für alle weitere Bekanntschaft, so weit Ilmenthal reicht.« »Das ist mir allgemach schon recht häufig gesagt worden«, meinte der Student, hierob trotz aller schwereren Bedrückung doch unwillkürlich die Nase ein wenig verziehend. Aber der Bruseberger rief begütigend: »Nun, nun, es macht ja gar nichts! Ganz im Gegenteil. Und in den letzten Jahren hast du dich auch recht hübsch herausgemacht. Und wer weiß, was mehr als einer Ilmenthaler Mutter braves und schönes Kind dir Schmeichelhaftes sagen wird, wenn du bei ihr nur auf die richtige Art auf den Busch klopfst. Dem seligen Meister Schubach ist die Mutter Schubach auch nicht gerade seiner leiblichen Holdseligkeit wegen zeitlebens die allerbeste Frau gewesen. Und wenn ich meine und ihre innerste Idee verraten wollte – na, na ...« Er brach ab mit einem äußerst kuriosen Blick auf den jungen, verwirrten, bis über die Ohren rot gewordenen Begleiter; aber viel kurioser war's, daß er, fast in demselben Atemzuge noch, in allerbitterster Zornmütigkeit fortfuhr: »Solch eine Bestie! Solch ein Ungetüm! Das spanische Frauenzimmer, die Frau Romana, meine ich! ... Ich hatte es wirklich bis dahin nicht gewußt, daß es auch solche Weiber in der Welt gäbe, und geschadet hätt's mir wahrhaftig nicht, wenn mir die Erfahrung davon in unserer nächsten Nachbarschaft erspart geblieben wäre. Zuerst hatte es natürlich die Meisterin heraus, was für ein Zauberspruch da mit einem Mal über den Kuhstieg gesprochen war, ›Verlaßt Euch drauf, Bruseberger‹, sagte sie, ›dort hinter dem Zaun hat uns der böse Feind jetzt ein Ei hingelegt und seine Großmütter zum Brüten drauf gesetzt.‹ – ›Den Herrn Kriegszahlmeister meinen Sie, Meisterin?‹ frage ich, und da weist sie nach ihrer Art mit dem Finger auf die Stirn, als ob es ihrem nächsten Nebenmenschen wenigstens augenblicklich da nicht ganz hell sei. – ›Das unglückliche Geschöpfe!‹ ruft sie. ›Nein, die gelbe Hexe mit dem falschen Haargebäude, den schwarzen Höhlenaugen und faulen Gliedmaßen meine ich! Eine geheimnisvolle Sünde muß er wohl begangen haben, der alte Herr, daß er sich selber und so spät in seinen Jahren damit hat strafen müssen. Bruseberger, Bruseberger, was geht mich denn aber der an? Wenn er mir leid tut, so habe ich doch meine eigenen Sorgen näher und kenne zwei Phantasten und Traumgeher, denen ich für die nächste Zeit wohl noch viel schärfer auf die Finger und Schliche und Fenstervergnügungen passen muß als wie sonst!‹ – Was sagst du hierzu, Theodor Rodburg?« Trotz allem mußte der Student lachen, und auch der Alte tat desgleichen, indem er seinen Karren und seine Rede weiterschob. »Es war so ihre Meinung, und sie hatte leider Gottes recht. Jetzt will ich es nur gestehen und für die andern mit: wir sind unser mehrere an der Krippe gewesen außer dem eigentlichen alten Esel, dem Herrn Kriegszahlmeister Tieffenbacher oder, wie dein Bruder sagte, dem Papa Pepe. Es wiederholt sich alles in der Welt, auch die Geschichte von der Zauberprinzessin in euerm alten Homer, und selbst die gelehrtesten Gymnasiumsprofessoren können noch für einen Moment in die Falle gehen und alle ihre neun Musen aus einem Sumpfe auffischen wollen. Du, Kind, als der Jüngste und Unverständigste von uns, hast nichts weiter genommen als dein uranfänglich Recht im Zusammenhang der Dinge, daß du deine Prinzessin, die Herrlichkeit zwischen Himmel und Erde, da suchtest und glaubtest, wo sie nicht vorhanden war. Dieses Geständnis war ich dir schuldig, und nun will ich dir sagen, weshalb ich dir noch nicht geschrieben habe: ich wollte diese Sache mit in den Brief bringen – und brachte beim besten Willen nicht die nötigen schriftlichen Worte dafür zusammen!« – Die beiden Wanderer traten eben mit dieser Wendung des Gespräches auch an einer Wendung des Weges aus dem Dunkel des Tannenhochwaldes auf eine Holzschlagstelle, wo die gefällten und teilweise schon geschälten Stämme von dem Gipfel des Berges bis zur Talsohle, der Ilme, der Chaussee und der neuen Eisenbahn, wie Leichen auf einem Schlachtfelde lagen. Obgleich der Tag grau und nebelig blieb, war es den zwei Freunden doch, als scheine auf dieser Blöße das hellste Licht auf sie nieder. Der Jüngling sah dem alten treuen Eckart ins Gesicht und sagte: »Das Ding hat in den Büchern viele Namen, aber meistens nennen sie es doch das Ideal. Davon habe ich gewiß ein gut Teil an den Büschen in meines seligen Vaters Garten hängen lassen. Davon brauchen Sie mir nicht weiter zu reden, Bruseberger, und somit auch von der Frau Romana und meinem Bruder Alexander nicht. Aber von dem alten Mann muß ich alles hören. Denn den werde ich in meinem Leben noch einmal wiedersehen, wenn ich nach Hause komme.« »Wenn ich nach Hause komme«, sagte der Bruseberger leise vor sich hin, und dann schob er, mit sich selbst murmelnd, seinen Schubkarren eine geraume Weile vor sich hin, als ob er Don José Tieffenbachers Leben und Taten wie ein Buch auf seinem Handwerkstische Bogen für Bogen kollationieren wolle, bevor er sich darüber des genauem zu äußern wage. Endlich hatte er's so ziemlich beisammen, und sonderbarerweise ging es wieder wie ein Lächeln über sein melancholischkluges Handwerksmannsgesicht. »Ja, spaßhaft ist es eigentlich bei allem Ärgernis, Elend und Jammer! Wenn einer trotz seiner Begabung zum Rechenmeister je vom lieben Gott dazu bestimmt worden ist, sein Lebtag hinters Licht geführt zu werden, so ist der es! Ich habe auch den französischen Komödianten Molière ein paar Male in der Übersetzung unter der Heftlade gehabt und darin kommt er einige Male vor. In Ilmenthal habe ich bis dahin vielleicht nicht auf ihn geachtet, denn auch dieses hat man dann und wann. Und wenn einer sein Vergnügen trotz allem bei seinem Charakter gehabt hat, so ist er das auch; und das sage ich gottlob auch heute noch, wo er halb kontrakt auf seinem Bette liegt und der Herr Professor davorsitzt und ihm täglich einen andern Kasten aus ihren Sammlungen oder ein ander Bündel getrockneter Kräuter zur Unterhaltung und Aufrichtung bringt und ich als Nachbar und Freund gleichfalls dabeisitzen und zuhören darf. Wir lösen uns aber lieber einander ab, und wenn der Herr Professor in der Schule ist, komme ich und höre ihn sich selber alles erzählen – sein ganzes Leben. Mit seiner Zunge ist er, Gott sei Dank, ja wohl so ziemlich wieder bei der Hand; – und welch eine Gabe vom Himmel ist das, so liegen und sich das älteste Lachen aus seinen jüngsten Jahren noch einmal selber vorlachen zu können! Um solch ein Menschenkind kann die Welt rundum ein paar Male untergehen, und es merkt's gar nicht! Und solch ein Kind hat sich durch die Welt gerechnet und Schlachten mitgeliefert, wenn auch nur im Hintertreffen und es zu einem Vermögen gebracht und das erbarmenswürdigste Weib, die nichtsnutzigste Person von ganz Amerika sich und dem Kuhstiege zu Ilmenthal aufladen müssen!« »Mir hat nur ein ander Kind darüber geschrieben! Was soll ich zu Hause, wenn ich von dem Ärgsten nicht das Genaueste weiß?« rief Theodor Rodburg. Der kluge, der weise Handwerksmann sah den Studenten aller möglichen Rechte und Wissenschaften abermals lange starr an und gab ihm dann nur die Frage zurück: »Ja, was sollst du zu Hause?« Darauf aber fuhr er fort: »Es war einfach so. Und einfach so, wie du es selber ja schon weißt. Sie wußten ihn und uns ganz genau zu nehmen und taten sich gar keinen Zwang an; und als neulich der erste Schnee herunterkam, ging seine Frau, unsere fremde Wunderfrau und Phantasieprinzessin, zu ihm in seine, in deines verstorbenen Vaters Studierstube und legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: ›Nun wird es wieder Winter in diesem bittern, dunkeln Lande; es ist mir zu kalt hier, und es geht auch sonst nicht länger so, Senjor.‹ Du weißt, Thedor, Senjor nannte sie ihn immer, und er strich in diesem Fall anfangs nur mit der Hand hinter sich, daß sie ihn einen Moment nicht störe, denn er hatte grade das Auge auf einem Vergrößerungsglase und unter dem Glase auf der Trichinensuche ein Stück von Nachbar Quillebergs jüngstem Schweineschlachten. Als sie dann aber ihre Worte wiederholt hat und mit ihrer bekannten langsamen Stimme dazugesetzt hat: ‹Don Alexandro hat an meine Mutter für mich geschrieben‹ (denke dir, Thedor, sie selber konnte gar nicht schreiben!), ›und er ist gestern auf meinen Wunsch nach Hamburg gefahren und besorgt mir einen Platz auf einem Schiffe; ich gehe zu meiner Mutter; ich habe es mir sehr lange und genau überlegt; es ist das beste, und es gibt nichts als die Gewalt oder den Tod, was mich hindern kann; ich will mich aber gegen beides wehren, denn ich will leben, ich will leben, ich will leben – ich wehre mich gegen jeden, der mich auf dem Wege in mein Leben und in die Sonne zurück aufhalten will –‹« »Er hat sie nicht am Halse gefaßt?« rief der Student. »Er liegt in seinem Bett, auf der linken Seite ganz gelähmt, und erzählt sich alles den lieben, langen Tag über immer von neuem. Aber er lächelt dabei und gibt ihr zwischendurch spanische Schmeichelnamen. Er ist ein alter Mann, und als sie ihm ihren Willen mitgeteilt hat, hat er sich wohl nur an ihrem Arm gehalten, um nicht damals gleich zu Boden zu fallen im Schwindel.« »Und mein Bruder? mein Bruder Alexander?« »O, er redet auch über den gar so schlecht nicht mit sich. Er rechnet wohl immerfort mit ihm ab, aber da handelt es sich meistens um wirkliche Zahlen und allerlei ausländische Staatspapiere. Wie es damit steht, wird wohl seinerzeit eine betreffende Behörde und gesetzkundiges Gericht herauszufinden haben. Der Kuhstieg weiß nur, daß dein Bruder Alexander zum zweiten Male vollständig abgewirtschaftet hat in Ilmenthal, nur für manchen armen Teufel und dummen Esel die Ilme entlang diesmal in noch viel schmerzhafterer Art als vor seinem ersten Abgang.« »Ich kann es gar nicht sagen, wie mir in diesem Augenblick die ganze Welt zum Ekel ist!« murmelte der Student, sich den kalten Schweiß von der Stirn trocknend. »Und ich kann dir gar nicht sagen, wie lieb mir in diesem Moment und Zusammenhang der Dinge deine gegenwärtige Ansicht von der Welt an dir ist«, meinte der Bruseberger mit seltsamer Ruhigkeit. »Es könnte keinem von der alten Freundschaft zu Hause lieb sein, wenn's anders wäre.« »Zu Hause?!« lachte der arme Knabe zähnknirschend. Doch Tränen kamen auch dazu. »Was will ich denn nun noch weiter von Euch erfahren, alter Mann? Wie ich in der schändlichen Posse mitgespielt habe, weiß ich ja so ziemlich genau. Zu Hause? Zu Hause! Sie wollen mir wohl noch mehr Einzelheiten und allerhand Genaueres erzählen, um mir das Behagen und das Glück der Heimat anlockend zu machen? Geben Sie sich keine Mühe weiter! Wir haben viel edle Zeit vertrödelt in Ihrer Traum- und Märchenbude nach hinten hinaus, alter Freund.« »Guck, Ilmenthal! Wenigstens sein erster Schornsteinrauch hinter dem Fuchsberge. In einer kleinen Stunde steigen wir ins Städtlein hinunter. So geht's, wenn man in dieser Zeit der Eisenbahnen mit einem Schubkärrner fährt! Ohne mich hätten Sie den Weg in weniger als einer halben Stunde gemacht, Thedor.« Der Student der Rechte hielt einen Augenblick an; doch der Bruseberger schob seinen Karren gelassen weiter im Zusammenhang der Dinge. O, er hatte darauf nicht nur den Marktrestbestand seiner Bibeln, Kinderfreunde, Schreibbücher und Gesangbücher, sondern auch noch eine hübsche Auswahl von den Volksbüchern, von den Schildbürgern bis zum hörnen Siegfried. Letzteres eine feine Historie für jedweden, der ungeschoren durch die Welt kommen will. – Als nach einigen Minuten der Hochwald sie wieder in seine Dämmerung aufgenommen hatte, fuhr der weise Mann vom Kuhstiege fort, als ob sein »Ziehsohn« nicht das mindeste zu seinen Reden zu bemerken gehabt hätte. »Was ich dir berichtet habe, kannst du heute nachmittag selber noch einmal anhören; der Herr Kriegszahlmeister ist ja immer noch dabei. Persönlich wurde ich erst acht Tage später aus deines Vaters Garten angerufen; nämlich an dem Tage, an welchem deine Spielkameradin ihren Brief an dich verfaßt hat. Hättest du noch an deinem Tisch und Fenster gesessen, so hättest du mir wohl den ersten Schrecken erspart; so aber fiel alles auf mich. Sie riefen mich nämlich an aus deines Vaters Garten; der Herr Kriegszahlmeister liege tot in seiner Stube! ... Wie ich erschrak, kannst du dir vorstellen; aber so schlimm war's fürs erste noch nicht; ich fand ihn jetzt nur an der Erde. Sie hatten ihn liegenlassen, wie er gefallen war, natürlich um ihn den Sachverständigen von vornherein zu überlassen. Aber wenn ich auch kein Sachverständiger war, so sah ich doch ein, daß man ihn recht gut auf ein Bett legen konnte, und dies taten wir denn auch und schickten dazu nach dem Doktor. Nun, es war vielleicht ein Trost, daß der sich recht tröstlich nach dem ersten Aderlaß aussprach.« »Und die – die Frau Romana?« »Die war nicht zugegen, mein Junge. Sie hatte den Wagen des Hotels Bellavista zu einer Fahrt nach Knillingen bestellt und war auch vom Hotel abgefahren. Sie hatte in ihrer ruhigen, sozusagen langweiligen Art ihr Vornehmen ausgeführt und war dem bösen Rodburg, wohl ohne einen Pulsschlag mehr, nach Hamburg nachgefahren. Das war ziemlich früh am Morgen geschehen, und als ich gegen Mittag zum Nachbar gerufen wurde, war sie schon ein ziemliches Stück Weges vom Kuhstiege weg. Und wen hätten wir ihr nachschicken sollen? Und auf welche Verantwortung? Selbst zu einem Steckbrief nach deinem nichtsnutzigen Bruder war es damals noch zu früh, denn über dessen eigentlichste neue Ilmenthaler Sünden gingen den hinters Licht Geführten die Augen erst mehrere Tage später auf. Fürs erste konnten wir nur den alten Tieffenbacher auf sein Bett legen und den Arzt und den Herrn Professor Drüding und den nächsten Rechtsgelehrten kommen lassen. Nach dem ersten Aderlaß konnte der Herr Kriegszahlmeister wenigstens seine eine Hand ganz gut wieder bewegen, und gegen Abend lichtete es sich ihm auch im Kopfe wieder, so daß er seine Meinung auf jede Frage am nächsten Morgen so ziemlich uns deutlich machen konnte. Er wollte wissen, wie es unter seinen Papieren aussah; und wir, der Herr Professor, der Herr Assessor Lorber und ich, nahmen es auf uns, für ihn und vor seinem Bette die Durchsicht vorzunehmen. Dabei habe ich mehr auf seine noch gesunde und bewegliche Gesichtshälfte als auf die Wertsachen, von denen ich doch nichts verstand, passen müssen und wohl meines Erachtens die Hauptsache ersehen. In der Ordnung war wohl nicht alles, doch auch nicht so schlimm, als der alte Mann es sich vorgestellt haben mochte. Sie hatten wohl nur noch mitgenommen, was sie ohne Schaden brauchen konnten, und das Beträchtlichste hatte Herr Alexander dem Patienten sicherlich schon bei gesunden Tagen unter guten Gründen aus den Händen gespielt. Der Herr Kriegszahlmeister winkte denn auch bald hierbei ab, wie auf die erste Frage, wen wir hinter seinem Weibe dreinschicken sollten. Und dazu kam es nicht wie eine Erstarrung, sondern wie eine Gleichgültigkeit über seine gesunde Gesichtsseite, und er schloß auch das gesunde Auge wie zum Zeichen, daß er sich begnüge mit dem, was er erfahren habe, und daß er fürs erste jetzt nichts weiter als seine Ruhe haben wolle. Die haben wir ihm denn auch gegönnt und vorher nur noch angefragt, ob er vielleicht in seiner eigentlichen Heimat noch Anverwandte habe, an die man seinetwegen Nachricht geben könne. Darauf hat er nochmals die Hand geschüttelt, was nur nein hieß; und als er am dritten Tage nach seinem Unfall notdürftig wieder die Zunge gebrauchen konnte, hat er's auch durchs Wort bestätigt. Dabei hat er zum ersten Male wieder ein bißchen mit seiner frühern Zufriedenheit lächeln wollen; es ist aber nur ein betrübtes Grinsen daraus geworden. Nun, der Doktor hat den Zustand vielleicht gleich ganz richtig erkannt, als er uns vor der Tür anvertraute: ›Diesmal bringen wir ihn noch auf und sogar ziemlich rasch. Freilich für einen zweiten Stoß im Frühjahr, wenn der Saft wieder in die Bäume steigt, bürge ich nicht; und ein heißer Sommertag in Verbindung mit einem kleinen Ärgernis oder einer körperlichen Anstrengung bringt unsereinen nur zu häufig zu einem Strich durch einen Namen im Taschenkalender.‹ – Die Hauptsache unter diesen Umständen ist es gewesen, daß wir ein Loch durch den Zaun für die Mutter Schubach geschlagen haben. So hat sie zu jeder Zeit ihren bequemen Zugang zu seinem Bett, und es ist unsäglich, was für einen Trost und eine Beruhigung sie jedesmal auf ihrem alten, guten Gesichte, hinter ihrem Umstecketuch und in ihren harten Händen mitbringt. So hat das Schicksal im Zusammenhang der Dinge auch diesen unsern Senjor unter ihre Obervormundschaft gestellt grade wie dich und mich, Thedor; und gradeso wie bei mir und dir tut sie sich an seiner Lagerstatt nicht den geringsten Zwang an und macht also bei jedem Anfall von kindischer Weinerlichkeit und Verlangen nach dem Monde oder dergleichen immer den besten Eindruck auf ihn. Keine alte Ilmenthaler Amme oder Kinderfrau kann tätschlicher mit ihrem Milchpüppchen umgehen und mit ihm konvenieren wie die Mütter Schubach mit dem närrischen alten, hülflosen Kind, dem Herrn Kriegszahlmeister Tieffenbacher. Was die Frau Romana angeht, so ist es ihre, der Meisterin ihre Idee und feste Meinung merkwürdiger-, aber meiner Meinung nach sehr tiefsinnigerweise, daß man ihm so gut und lobend, wie man nur kann, von der redet. O, es ist ein Wunder, wie die Frau sich da bezähmen kann, wie es auch in ihrem Innersten kochen und zischen mag! O Thedor, Thedor, welch ein Wunder hat unser Herrgott in der Frauen Herz gelegt, wenn sie bloß von der richtigen Art sind! Wie ein Druckfehlerverzeichnis hat er sie an sein großes Weltbuch, in welches ihm der Teufel so viel Unverständlichkeiten und falsche Wörter und Zahlen gesäet hat, angehängt. Es ist ein dummes Gleichnis, aber wegen meines Handwerks kann ich weder dir noch mir drüber weghelfen.« »Und mein Bruder?« fragte der junge Student dieses großen »Weltbuches« unseres Herrgotts doch noch einmal. »Von dem ist gar nicht mehr die Rede. Der alte Herr Joseph hat ihm nur ein einziges Mal auf seinem Bette, wahrscheinlich auf spanisch, ein Wort an euern Familiennamen gehängt, und nachher hat keiner seinen Namen mehr in den Mund genommen. Die Mutter Schubach hat uns andern auch dazu den Weg gewiesen; hier aber – haben wir Ilmenthal alt und neu in seiner ganzen Ausdehnung und Pracht unter uns, und nun, denke ich, verblasen wir einen Augenblick des Weges Molesten, ehe wir zu ihm hinuntersteigen. Es sind doch allgemach ein paar Wurzeln und Gestrüppe in den alten Weg gewachsen! Die neue Chaussee hat ihrerzeit das Ihrige gegen ihn vollbracht, und jetzt die Eisenbahn wird ihm ohne alle Hülfe den Rest geben. Der Wald wächst zu mächtig herein!« – – Sie hatten an dem Fuchsberge, zwischen dessen Fuß und Gipfel in der Mitte, über dem vor kurzem der Welt noch völlig unbekannten Ilmenthal den Punkt erreicht, wo der »alte Weg« aus dem Tannenwalde hervortrat. Der Bruseberger hatte gemach seinen Jahrmarktsschubkarren vor der ersten vollen Aussicht auf das Städtlein niedergelassen und den Karrenriemen über den Kopf abgestreift. Der Student aber war in so gespanntem Horchen auf die Erzählung seines greisen Führers und zugleich in solcher Versunkenheit in sich selber den letzten Teil des in der Tat nicht unbeschwerlichen, aufgegebenen und wieder der Natur überlassenen Pfades seiner Väter hingeschritten, daß er jetzt vor dem Anruf und der Handlung seines treuen Begleiters förmlich zusammenfuhr und nun mit einem jähen Schrecken in das Tal und auf die Heimatsstadt herniedersah. Im jähesten Schrecken, und wie als ob ihm erst in diesem Moment mit wildester, höhnischer Gewalt und Brutalität – wenn auch nicht durch den Bruseberger – der Schleier von den Augen gerissen werde! Da unten lag denn seine Kindheitsstadt; aber in ihr lag auch eine Leiche: seine unbefangene Kindheit, seine glückselige, schuldlose, vertrauensvolle, märchenvolle, wundervolle Jugend! Tausendmal hatte er grade von dieser Höhe und diesem Waldrande auf die Türme und Dächer und das rauschende Flüßchen, auf die Gärten, Wiesen und Ackerstreifen niedergeschaut und alles als gute vertraute Freunde, die wieder ihrerseits vertraulich und wohlwollend aus dem Tal zu ihm emporblickten, angesehen. Er war sich nie bewußt gewesen, daß er doch diesem Ganzen da unten als ein Einzelwesen gegenüberstehe. Es hatte ja alles vom Anfang an zusammengehört und mußte in alle Ewigkeiten zusammenbleiben. Er hatte nie sich zu dem Begriff einer Trennung, einer Loslösung seiner selbst von seinem Lebensboden erhoben – und nun, in diesem Augenblick, war diese Scheidung schon vollzogen! ... Was auch die Jahre und das Schicksal des künftigen Mannes wirken mochten, nimmer ließ hier die Narbe sich gänzlich verwischen. Der Schleier war von den Dingen gefallen, Theodor Rodburg vom Kuhstiege und Ilmenthal an der Ilme jedes eine Sache für sich und – wenn sie fernerhin noch einigen Anteil aneinander nahmen – gegeneinander auf der Hut, mißtrauisch und das Schlimmste befürchtend! Ach, das Ausgelöschtwerden der Gefühle ist hier ganz etwas anderes, als wenn der Wald irgendwo über einen aufgegebenen Pfad wächst! »O Bruseberger!« rief der Jüngling aus gepreßter, angstvoller Brust; und der graue, kluge, treue Freund, Spiel- und Märchenberater seiner Kindheit stand melancholisch, trübselig neben seinem einstigen Schützling, der dies heute mehr denn je war, und seufzte auch nur: »Jaja, Thedor!« Bei ihm jedoch hielt der Zustand der Zerschlagenheit nicht gar lange an. Gleich sah er wieder scharf – scharf genug auf den Studenten. Kein gelehrter Professor der Scheidungskunst paßte je genauer auf einen unter seinen Augen sich vollziehenden chemischen Prozeß, kein Anatom je mit mehr Anteilnehmung auf einen unter seinem Messer ihm seine Geheimnisse erschließenden animalischen Organismus. Wahrlich als ein großer Zergliederer und Scheidekünstler gab er acht auf jeden Gestus, jeden Seufzer und das leiseste Wort seines Schutzbefohlenen. Letzterer suchte jetzt nach einzelnen Dächern des im grauen Wintermorgen- und Schornsteindunst und -dampf unter ihm liegenden Städtchens. Scheu glitt sein Auge über die gegenüber seinem Standpunkt sich am Berg hinaufziehende Häuserreihe des Kuhstieges. Dann suchte er tiefer an der Ilme im dichtem Nebel; aber das, was er dort zu seinem Troste finden wollte, war jetzt nicht mehr von dieser Stelle aus zu erblicken. Eine der neuen, am Abhange des Fuchsberges erbauten Villen im italienisch-deutsch-englischen Renaissancestil verdeckte das Dach des weiland Augustinerklosters und der Dienstwohnung des Professors Dr. Drüding vollständig. Es war wieder Zeit, daß der Bruseberger ein Wort dazu gab, und er tat's mit dem alten, allerfeinsten Gefühl für Ideenverbindungen. »Guck, ein Zipfel von Marktplatz sieht hinter dem neuen Sommergebäude der Herrschaft aus Bremen doch noch hervor, und sie sind mit dem Christmarkt auch da schon im Gange. Ich habe mich mit meiner Rückkunft auch noch ein bißchen drauf eingerichtet, wenngleich wir den öffentlichen Stand an der Klosterecke nicht mehr beziehen, wie du weißt. Eigentlich war es aber doch eine pläsierliche Zeit, als du zuerst allein als Dreikäsehoch und ein paar Jahre später mit dem andern Dreikäsehoch, Fräulein Florinchen Drüding, mir die Waren durcheinanderwarfest, was ihr zu Hause am Kuhstiege viel bequemer haben konntet. Ja, die Welt hat sich seitdem für uns alle verändert; die Alten sind älter geworden, die Jungen klüger und verständiger, und die kleinen Mädchen sind auf dem besten Wege, schöne junge Mädchen zu werden! Ich sehe euere blaugefrorenen Weihnachtsnasen in diesem Moment wieder einmal ganz deutlich über der Mutter Schubach Bilderbogen und sonstigen Herrlichkeiten.« »Die Welt ist eine andere geworden; ich aber gehöre heute nicht mehr zu Ilmenthal!« schluchzte Theodor Rodburg unter voll und unwiderstehlich hervorbrechenden Tränen, deren er sich in diesem Augenblick in seiner jungen Mannheit nicht im mindesten schämte. »Ich gehe nicht weiter mit Euch, Bruseberger! Grüßt die Meisterin und die – die übrigen und erzählt ihnen, wie weit ich Euch auf diesem Wege nach Hause begleitet habe. Ich kehre hier um, ich gehe zu diesem Weihnachtsfeste – zu keinem Feste mehr mit Euch nach Ilmenthal hinunter. Ich müßte umkommen beim ersten Schritt durchs Tor. Ich will lieber in Leipzig versuchen, was ich mir noch retten kann aus der guten alten Zeit, aus dem versunkenen Phantasie-Wunderlande! Grüßt den Herrn Professor und jeden, der noch einigen Anteil an mir nehmen will. Bittet den – Herrn Kriegszahlmeister, daß er mich nicht entgelten lasse, was ihm durch meinen Bruder Schlimmes angetan worden ist. Und nun – sagt mir nichts weiter! Laßt mich umkehren, laßt mich umkehren, Bruseberger! Gebt mir Euere liebe alte Hand und bleibt mir, was Ihr immer, immer für mich gewesen seid und was kein Traum, kein Märchen war. Fahrt zu mit Euerm Schubkarren und schickt mir von der Post meinen Koffer nach Leipzig zurück!« »Nein, so doch nicht, Thedor, mein Kind, mein lieber, lieber Junge!« rief der Alte jetzt gleichfalls mit Tränen in den Augen. »Was du jetzo vorhast, ist leider Gottes freilich wohl das beste, und ich habe mich den ganzen Weg über darauf eingerichtet, daß du darauf von selber fielest. Aber Abschied nehmen wir so nicht, wie du eben vorschlugst. Gehe zurück, ich aber stehe und sehe dir nach und das Beste und Schönste und Liebste von Ilmenthal mit mir. Und was ich noch zu sagen habe, das werde ich vorher auch noch vom Herzen los zu deinem und unser aller Troste! Du bist mit einem alten Gesicht in diese veränderliche und doch immer gleiche Welt geraten, und sie haben in ihrer Dummheit damals gemeint: Viel zu spät im Jahre. Mein Kind, liebes Kind, so jung und hoffnungsreich wie in diesem bittern, aber segensvollen Momente hast du mir niemals ausgesehen. Laß dich nochmal angucken – ja, Gott sei Dank, du hast deine ganze Zeit noch vor dir, und es sind wenige Gesichter da unten, die mit gleicher Zuversicht in ihre kommenden Jahre sehen können. Hast du für den Augenblick nichts bei uns da unten im Tal und am Kuhstiege zu suchen, so soll dir doch das Beste immerdar aufbewahrt bleiben, wie sich auch der alte Ort mehr und mehr verneuern mag. Für seinen neuen Zustand grade gebraucht dich dein Geburtsort ebensosehr wie sein täglich Brod, das frische Wasser und die alte gute Luft. Es wird eine Zeit kommen, da wird man nach deinesgleichen rufen, und dann geht deine Zeit der harten Arbeit, aber auch der neuen Wunder- und Zauberwelt dir bei uns an. Wir heben dir deinen Platz bei uns auf, verlaß dich drauf! Ja, gehe heute nicht weiter mit mir; – mit blutendem Herzen muß ich es dir ja selber anraten .Tue deine Pflicht in der Fremde – laß alles zuwachsen und das Beste, Lieblichste und Schönste bei uns heranwachsen! Mein lieber, lieber Junge, sage dir jeden Tag, daß du deine Arbeit und dein Glück bei uns finden und heimholen wirst, wann ihr – du und das – ganz geschickt und reif füreinander geworden seid! Mein liebes, armes Kind, mein braver Thedor, ich wünsche dir einen guten Weg zurück heute und den besten, freudigsten dermaleinst her! Deine Sachen schicke ich dir gleich von der Post. Es ist kein Abschied, mein lieber Sohn, nur ein Lebewohl für einen einzigen schweren Tag und ganz im Zusammenhang der Dinge!« Eine gute Weile hielten sich die zwei alten guten Spiel- und Traumkameraden in den Armen. Der Student sagte nichts weiter, als er sich losriß und in dem dämmerigen Tannenwalde auf dem Wege, den er eben gekommen war, zurückschritt. Er sah sich auch nicht um nach dem Bruseberger, der ihm nach seinem Worte so lange als möglich nachblickte. Mit untergeschlagenen Armen stand der Alte zuerst mit ziemlich kläglicher Miene, bis mit einem Male ein leises, gar kluges Lächeln über sein verschrumpfelt Gesichte glitt. Dazu holte er aus befreiter Brust voll und tief Atem, und dann duckte er seinen Nacken wieder unter seinen Karrenriemen und schob den Marktrest seiner Ladung echter, wahrer Weltliteratur, seine Bibeln, Kinderfreunde, Bilderbücher, bunten Märchenbogen und Volksbücher, bergab wieder hinein in die allgemach so sehr berühmt gewordene Stadt Ilmenthal an der Ilme. Wir aber – wir hatten zuerst die Absicht, dieser wahrhaftig wahren Geschichte den Titel zu geben: Auf der Schwelle!