Georg Friedrich Rebmann Politische Publizistik 1. Wekhrlin. Eine Urne auf ein Grab Die Schwärmer aller Religionssekten feiern Feste zu Ehren der Märtyrer, die für ihren Glauben bluteten. Sollte nicht die Menschheit auch zuweilen sich an diejenigen ihrer Brüder erinnern, welche Opfer der laut gepredigten Wahrheit wurden? Geboren werden, vegetieren, sich zu einem derjenigen Räder emporschwingen, welche mit großem Lärm umlaufen, um – einen Pfropf aus einer Flasche zu ziehen, ein Weib nehmen und dann sterben, ohne viel mehr getan zu haben, als das Pferd, welches, von Peitschenschlägen des Treibers gezwungen, einen stolzen, bebänderten Taugenichts zum l'Hombretisch und vom l'Hombretisch zur Mätresse zieht – dies ist der Lebenslauf des größten Teils der Menschen! Laßt uns doch auch zuweilen an die denken, welche für uns gestritten haben, damit wir jetzt unsern Kohl in Friede einernten können. – Sollten sie nicht wenigstens eine dankbare Zurückerinnerung verdienen? Oh, das Los des Mannes, der für die Menschheit zu kämpfen, gegen ihre Unterdrücker aufzutreten wagt, ist wahrlich nicht so lockend! Er steht da wie eine einzelne Eiche, an der jeder Sturmwind seine, Kräfte versucht! Jede seiner Schwächen wird ausgespäht, jeder menschliche Fehler ist an ihm ein Verbrechen, das der hämische Neid entstellt und vergrößert, im häßlichsten Gesichtspunkt zur Schau auszustellen Sucht. Ruht er, so nennt man ihn träge, arbeitet er, so schimpft man über seine Tollkühnheit, winzige Geisterchen witzeln über das Werk seiner schlaflosen Nächte, man belacht ihren Witz, gibt ihm den Lohn für seine herkulischen Arbeiten durch Spott, und endlich, wenn ein Stärkerer auftritt oder irgendein anderer sich auf seine Schultern stützt und nun freilich höher steht als der erste, dann – vergißt man ihn oder macht es ihm zum Vorwurf, daß er sich zuerst hingab, um einem Riesen zum Fußgestell zu dienen. Erbärmliche Wesen, von ihm tief verachtet, hinaufgekrochen auf eine Staffel im Staate, sprechen von ihm wie von einem Wurm, den sie nur aus Menschlichkeit nicht zertreten wollen. Er wirft sich schwerbeladen in die Arme eines Freundes – wer ist da, der sich öffentlich den Freund des Mannes zu nennen wagt, den jene Insekten verfolgen? Er dürstet nach Liebe, ach! Er hat keine Hütte, die er mit einem Weibe teilen könnte! Gram, Elend, Armut ist sein Los, und die, für welche er dies alles duldet, begreifen nicht, daß sie ihm Dank schuldig sein sollten. Es ist noch ein Glück für ihn, wenn er endlich soviel wirkt, um zertreten zu werden, sonst wird ihm nicht einmal das traurige Schicksal, als Märtyrer, sondern das, als verlachter Narr zu sterben, und ein Bonmot über ihn bei einem vollen Becher ist der ganze Lohn, den ihm seine Menschenbrüderschaft zollt. Welch ein Tor wäre der Mann, den dieser Köder locken könnte, sich der Menschheit zu opfern! Der Feldherr, der Menschen schlachtet, der Kuppler, der seinem durchlauchtigsten Herrn eine Mätresse verschafft, sind geehrter. Der Kämpfer für die Menschheit ist längst vermodert, wenn der Baum gedeiht, den er gepflanzt hat, und dann sitzen die Enkel unter dem Schatten, ohne zu wissen, ob die Natur oder eine freundliche Hand des Baums gewartet habe. Wer die Früchte seiner Mühen noch selbst sehen wollte, würde sich irren! Wer auf seiner Zeitgenossen Erkenntlichkeit zählen wollte, sich verrechnen. Denn Heroismus, Gemeingeist, Liebe zur Menschheit galten nur noch vor einem Jahrtausend! Jetzt gleicht dies alles einer kostbaren Muschel, die einem Haufen Matrosen feilgeboten wird, einem Gemälde, das man dem Pöbel darstellt! – Er greift nach der schlechtesten Sudelei und läßt das Kunstwerk liegen! Wenn es denn aber auch dem Kämpfer gelingt, seinen Widerstand bemerkbar zu machen, ehe er unterliegt, was ist dann sein Lohn? »Das war ein toller Kerl« oder »der seltsame Schwärmer« ruft vielleicht einer oder der andre. Das ist aber auch alles. Der größte Teil hört die Heldentat wie ein Zeitungsspäßchen, dessen Erzählung die Verdauung befördert. Christian Thomasius, wer nennt dich noch, und doch hat dir Deutschland zu danken, daß keine Hexen mehr verbrannt werden. Arnold von Brescia, wer denkt noch an dich? Wer kennt den Namen des ehrlichen Augustinermönchs Mantel, der in Württemberg so mutvoll dem Märtyrertod trotzte? Wie viele in Deutschland wissen, daß einst ein Mann lebte, Karstenhans genannt, der die Kühnheit hatte, im Angesicht des Todes und der Schandbühne ebendaselbst politische Reformen zu predigen? Oder nennt man euch auch, ihr Märtyrer der Menschheit, wie kalt geschieht es! Oh, des herrlichen großen Lohns für Hussens Aufopferung, für das Zischen seiner Gebeine in den Flammen, wenn vielleicht eine Amme ihrem weinenden Kinde von dem Ketzer erzählt, den man einst briet, indes die Nachfolger der Konstanzer Herren, wohlgemästet von Fasanen, zu ihren Mätressen taumeln! Aber der Gärtner streuet den Samen aus, ohne zu fragen, ob ein Sturmwind die zarte Pflanze entblättern oder ob sie im Strahl der milden Sonne reifen werde. Beides setzt dem Werte seiner Handlung nichts zu, vermindert ihn aber auch nicht. Und so gibt es denn doch noch einen Lohn, den niemand uns rauben kann. Er heißt Bewußtsein! – Dieser Lohn war der deinige, biedrer Wekhrlin, als dich die Herren von Glarus vor ihr Richterstühlchen zu zitieren die Lächerlichkeit begingen, und er blieb dir auch da noch, als man dich harmlosen Mann lange genug verketzert, verfolgt und gequält hatte, weil du nicht wie ein feiler Cranz deine Feder dem Meistbietenden preisgabst, sondern vortrugst, was dir Wahrheit war, wenn auch zuzeiten ein Paradox dich durch seinen Schein täuschte. Dich vermochten sie zwar aus deinem letzten Ruheplätzchen zu jagen, den Pöbel gegen dich aufzuhetzen, deine Papiere zu durchsuchen, deinen Erwerb zu vernichten, deine Hoffnungen zu einem künftigen behaglichen Leben zu zertreten – aber die Wahrheiten blieben im Gang, die du verkündet hattest, und mancher brave junge Mann erhielt durch dich den elektrischen Stoß, durch welchen du noch jetzt die Tyrannen und Blutegel der Menschheit aus ihrem Schlafe aufscheuchst. Märtyrer des Preßzwangs! Für dich würde ja jetzt, da Wahrheit verpönt ist, ohnedem keine bleibende Stätte in Deutschland mehr sein. Du würdest nicht schweigen können, und deine Landsleute lassen ihre Gelehrten vor ihren Augen durch Büttel in der Uniform mißhandeln, wie der Fall mit Leuchsenring war, und zittern oder panegyrisieren den Büttel allenfalls gar noch. Unermüdeter Dulder! Freund der Publizität! Verteidiger der Unschuld gegen bübische Unterdrücker! Wo bist du jetzt? Im Anschauen des Schönen und Wahren lachst du vielleicht über manches Paradox, das du hienieden verfochtest, und siehst mitleidig auf die Toren herab, die dich zu Tode quälten, weil deine Rute ihnen Schmerzen verursachte. Nimm hin dieses Totenopfer, das ich deinen Manen schuldig war, verklärter Freund! Und möge dies »Neue graue Ungeheuer« eine ebenso scharfe Geißel für das Gelichter von Menschen werden, die dir von Natur verhaßt waren, als das deinige. – So feire ich dein Andenken am würdigsten, wenn ich auf deiner Bahn fortwandle. 2. Über den deutschen Clootismus Robespierre spricht in mehrern seiner Reden von den Ultrarevolutionären, welche die Freiheit der Republik dadurch stürzen wollen, daß sie die Revolutionsmaßregeln aufs äußerste übertreiben: »Sie töten«, sagt er, »die Hühner, weil sie Körner fressen, und hauen die Ölbäume ab, weil das Öl zum Luxus dient. Sie sprechen von einer Republik, die sie im Schlaraffenland anlegen wollen und wollen die dreifarbige Fahne bis an der Welt Grenzen tragen, während sie im Innern an der Wiederherstellung des Königreichs arbeiten. Verräterische Redner, deklamieren sie gegen die Tyrannen, um ihnen desto sicherer zu dienen. Sie tragen darauf an, alle Denkmäler der Kunst zu zerstören, weil ein Teil derselben mit den königlichen Insignien geschmückt ist. Sie wollen alle Reichen, alle Bankiers hinrichten lassen, eben um diese ganze Klasse von Menschen gegen die Freiheit zu bewaffnen. Sie täuschen das Volk mit falschen, übertriebenen Siegesnachrichten, sie verleumden die echten Patrioten. Sie suchen dem Volk über die Größe der Gefahr, die ihm droht, die Augen zu verblenden. Sie scheinen den Fanatismus zerstören zu wollen, und ihre Absicht ist bloß, ihn aufzuregen und zu bewaffnen. »Volk«, sagt der Redner, »an dieser Schilderung wirst du die falschen Propheten erkennen!« – Es liegt hier ganz außer meinem Plan zu untersuchen, inwiefern Robespierres Schilderung der Wahrheit gemäß oder inwiefern sie bloß Maske gewesen sein mag, die er vornahm, um gewisse Absichten durchzusetzen. Desto schlimmer ist aber das Omen für unsre Verteidiger des Adels, wenn jene Enragés in der Tat so wütend gewesen wären, als sie zu sein affektierten. Denn, da bekanntermaßen alle Exadeligen und Expriester auf der Seite der Wütenden standen, so könnten unsre Regenten daraus lernen, was sie in einem schlimmen Fall von ihrem Adel und ihren Priestern zu erwarten haben möchten. Inzwischen, in Frankreich glaubte man der Anklage Robespierres und löste den Knoten nach der damals so beliebten Manier durch einen Schlag der Guillotine, der Héberts, Cloots etc. Köpfe vom Rumpfe trennte. Wie wär' es denn, wenn es auch deutsche Clootse gäbe, welche vielleicht von der so berüchtigten Propaganda ausgesandt und instruiert wären, um durch Exageration unsre friedlichen Staaten zu falschen Maßregeln zu verleiten, Mißtrauen und Unglauben an die Greuel der Französischen Revolution zu verbreiten, indem sie diese Greuel geflissentlich übertreiben, rechtschaffene Schriftsteller zu unterdrücken, den Regenten die Augen zu blenden und die echten Patrioten zu verleumden usw. Wie, wenn auch wir in Deutschland verräterische Redner hätten, die gegen die Jakobiner deklamierten, um ihnen desto sicherer zu dienen? Redner, die Frankreich teilen wollen, um indessen im Innern Revolutionen anzustiften. Herr Etatsrat von Schirach zu Altona, Herausgeber des mannhaften, weltberühmten politischen Journals, wie, wenn Sie zum Beispiel sehr im Verdacht dieses Clootismus wären? Erlauben Sie mir einmal, Sie an das Tageslicht zu bringen und mit den Clootsianern in Parallele zu stellen! Ich nehme Sie, gerade Sie, weil Ihr politisches Journal das echte Magazin des deutschen Clootismus zu sein scheint. Erlauben Sie mir, einige Ähnlichkeiten zwischen Ihnen und jenen französischen, verstellten Fanatikern zu entwickeln! Erste Ähnlichkeit: Die Ultrarevolutionäre in Frankreich verleumden die Patrioten. Die Clootse in Deutschland tun das nämliche. Man schlage zu diesem Ende das erste beste Stück des politischen Journals oder auch die erste Seite des »Revolutions-Almanachs« und anderer Schriften dieser Art auf, und man wird finden, daß die deutschen Héberts nicht minder rüstig im Denunzieren sind als die französischen. Jeden echten Patrioten, jeden guten Ratgeber würden de Luc, Arthur Young, Zimmermann etc. etc. etc. zur Guillotine schicken, wenn diese auf deutschem Boden Mode wäre. Inzwischen vermögen sie auch dieses nicht, so zwingen sie doch die gutmeinenden Deutschen zum Schweigen, damit die Narren und Schurken fein hübsch allein reden können. Welcher deutsche Mann kann jetzt noch kühn und gerade Wahrheit sprechen, da jeder schändliche, bübische Pasquillant ihn ungehindert mit Kot bewerfen darf, sobald er seinen braven Gegner einen Jakobiner schimpft? Aber das wollen eben die deutschen Clootse. Verdrängt sollen sie werden, die Patrioten, Mißtrauen soll herrschen zwischen den Regenten und ihren nur allzu gutmütigen Völkern, tyrannische, willkürliche, von der Angst ausgepreßte und die Schwäche der Regierungen verratende Mittel sollen an die Stelle der bisherigen sanften Leitungen treten. Darum schändliche Denunziationen, darum wagt es der nichtswürdige Redakteur eines monatlich erscheinenden Pasquills, einen Hennings und Schmettau in einem sogenannten Schreiben an einen Minister, von einem Troßbuben verfertigt, wie ein Bandit anzugreifen, darum winselt der Verfasser des »Revolutions-Almanachs« über die Verdeutschung des Marseiller Liedes von Voß, als stünden alle Throne dadurch in Gefahr, darum denunziert Girtanner, der durch einen elenden Hofratstitel für jene Bande erkauft worden ist, den Verfasser der Briefe über die neuesten Vorfälle in Frankreich in der »Minerva« und wirft ängstlich die Frage auf, ob ein Mann mit echt republikanischen Gesinnungen ein guter Bürger eines monarchischen Staates sein könne, darum fällt der Dominikaner de Luc mit mönchischer Wut den braven Knigge an! Wehe dir, Deutschland, wenn das Spiel der deutschen Heberts gelingen könnte! Dann erst würden deine Throne in Gefahr stehn! Zweite Ähnlichkeit: Die französischen Ultrarevolutionäre vermengen die gemäßigten Republikaner mit den Aristokraten, um sie dadurch zu zwingen, sich endlich ganz mit diesen zu verbinden. Die deutschen Clootse greifen diejenigen an, welche eine Verbesserung wünschen, und vermengen sie mit den Enragés, um sie dadurch wirklich zu zwingen, auf die Seite der Revolutionäre zu treten. Unsre deutschen Clootse haben gar wohl eingesehen, daß das beste Mittel, überall Revolutionen zu verhindern, gemäßigte Verbesserungen seien. Damit nun diese ja nicht zustande kommen sollen, so möchten sie unsern deutschen Fürsten gern glauben machen, es gäbe kein Mittelding zwischen dem dicksten Aristokratismus und dem Jakobinismus. Daher das ewige Geschrei über deutsche Feuillants, die gefährlicher sein sollen als die Enragés. Daher die Warnungen Arthur Youngs, ja auch den gemäßigten Verbesserungsvorschlägen kein Gehör zu geben, weil diese die schrecklichsten seien! So werden die vernünftigen Männer, denen es ums Wohl ihres Vaterlandes ernstlich zu tun ist, ebensosehr verfolgt als die rasenden Zerstörer, und man hofft dadurch endlich den beabsichtigten Zweck zu erreichen, daß sie sich zu den letztern schlagen sollen, da jeder redliche Mann doch lieber auf der Seite meist gutmütiger Enthusiasten, als auf der Seite der abgefeimtesten Schurken und Bösewichter, der eigentlichen Aristokraten, stehen will. Allons nous joindre aux Jacobins, rief selbst der bekannte Abbé Maury, als er das Verfahren der Engländer in Toulon erfuhr. Dritte Ähnlichkeit: Die französischen Ultrarevolutionäre suchten dem Volke die Augen über die wahren Gefahren zu verblenden und auf der andern Seite ihm falsche vorzuspiegeln. Die deutschen Clootse tun das nämliche. Herr Etatsrat Schirach beweist uns in seinem dickbelobten politischen Journal zu Ende des 1793. Jahres ganz augenscheinlich, daß die Franzosen weder Menschen noch Geld, noch Pulver, noch Korn mehr besitzen. Der Verfasser einer andern, schon mehrmals angeführten Zeitschrift, deren Titel diese Blätter nicht beflecken soll, erklärt geradezu, daß alle diejenigen ausgemachte Jakobiner seien, welche jetzt Friede wünschen und nicht glauben wollen, daß es mit Frankreich in vier Wochen aus sein werde. Und siehe, trotz der schönen Berechnung des Herrn Etatsrats, die keinen Fehler hat, als daß sie nicht wahr ist, trotz dem Verleumder derer, die Friede wünschen, stehn die unzählbaren siegreichen Heere der Neufranken überall auf feindlichem Boden, triumphierend weht die dreifarbige Flagge auf Ostendes, auf Brügges und wahrscheinlich in diesem Augenblick auf Brüssels Mauern! Nachher auf Amsterdams etc. Scharenweise strömen sie daher, die mutigen Verteidiger ihres Vaterlandes, immer siegreich auf ihrem bezauberten Boden! Kraft ist in ihren Armen und Mut in ihrem Busen! Das Vaterland nährt seine Verteidiger, während die ungerechten Angreifer ausgehungert, mit Lumpen behangen zurückfliehen wie gejagte Rehe! Oder vielmehr wie gejagte Tiger, die selbst ihre Treiber nicht schonen. So täuschten auch die französischen Konspiranten ihr Vaterland mit lügenhaften Siegesnachrichten, bis die Wahrheit nicht mehr verhehlt werden konnte! Eine unsrer deutschen Zeitungen spricht von einer Klapperjagd, welche der Prinz von Coburg dem Kaiser zum Vergnügen angestellt habe, während in der Tat das gewaltige Treibjagen der Österreicher begann. So versicherten die Héberts im Konvent, daß die französischen Sansculotten keinen Mann verloren und dreißigtausend Österreicher niedergemacht hätten, wie unsre Zeitungen jetzt versichern, daß die Kombinierten immer spielend siegen, während ausgesogne Länder, wo Weiber den Pflug ziehen und die Söhne des Landes im frevelhaften, mörderischen Kriege gefallen sind, während brachliegende Felder schrecklich laut sagen: Es ist Lüge! Durch solche Nachrichten soll das Mißtrauen zwischen Regenten und Volk fortdauern und recht angefacht werden! Das Volk soll endlich durchaus glauben, daß seine Führer es absichtlich betrügen wollen. Auf einer andern Seite spiegeln die deutschen Clootse falsche Gefahren von Seiten friedlicher Völker und edelmütiger Reformatoren vor. Wo ist diese Gefahr? In euren Köpfen, mordbrennerische Buben, die ihr gern den Fackelbrand der Empörung in friedliche Länder werfen wollt! In euren Köpfen, die leider zu lange für das Wohl Deutschlands auf dem schändlichen Rumpfe bleiben! Gegen euch sollte sich das Volk empören, euch sollte es an den Laternenpfahl hängen, ihr Auswürflinge der Menschheit! Seht Braunschweigs edlen Fürsten zurückkehren aus dem Frevelkriege und sich seinem Volke schenken! Vernehmt seine ewig heilige Akte, die ihn unsterblicher macht als zehn gewonnene Schlachten und jeden Flecken der Vergangenheit verwischt. Seht Dänemarks Volk beim Brande der Christiansburg, seht den gemeinsten Matrosen sich stürzen in die wütende Flamme, um seines Königs Schätze zu retten, seht, wie die Kassen der Reichen sich öffnen für den geliebten Regenten, und lernt euch schämen, wenn Clootse und Schirache und Reicharde sich noch schämen können. Klagt euch selbst an des Verbrechens der feinsten, gefährlichsten Volksaufwiegelung, klagt euch an des Meuchelmords der Bürger- und Regententugend unter der Maske des Bürgersinnes, und mit dem Strick um den Hals erwartet, ob euch Regenten und Völker noch verzeihen können, daß ihr sie aufreiben wolltet. Vierte Ähnlichkeit: Die Losung der französischen Ultrarevolutionäre war: Krieg, Krieg mit der ganzen Welt. Die Losung der deutschen Clootse ist die nämliche. »Mit der Gewalt der Waffen«, sagt Robespierre, »wollten die Feinde der Republik, die falschen Propheten ganz Europa unsre Verfassung aufdringen und Konstantinopel munizipalisieren. Die echten Patrioten wußten wohl, daß nur die Vernunft die Grundsätze unsrer glorreichen Revolution fortpflanzen müsse.« Auch die deutschen Clootse wollen allen Völkern der Erde ihre monarchische Verfassung aufdringen, sie möchten, wär' es möglich, Amerikas und der Schweiz Freistaaten dem Reichskammergericht unterwerfen und schlagen Medaillen auf Ludwig XVII., der nicht existiert. Auch die deutschen Clootse überzeugen nicht durch Gründe, sondern durch Mord und Totschlag, durch angezündete Dörfer und verbrannte Menschen von der Vortrefflichkeit der monarchischen Verfassungen. Krieg, ewigen Krieg, schrieen die französischen Wölfe in Schafskleidern. Ebenso heulen auch unsre deutschen Clootse. Sie haben nur gar zu gut berechnet, daß Krieg das gewisse Mittel ist, Empörungen zu erregen und unsre Armeen vollends zu Revolutionsarmeen umzuschaffen, so wie im Gegenteil ein baldiger Friede das zuverlässigste und zweckmäßigste Mittel ist, allen Revolutionen zuvorzukommen. Daher wollen sie das Blutvergießen, Morden, Sengen und Brennen, das jetzt schon drei Jahre währt, gern verlängern, um so endlich ihre Absichten durchzusetzen und die Aufträge ihrer Propaganda zu erfüllen. Darum klagen sie die friedlich gesinnten Patrioten des Jakobinismus an, so wie die Söldlinge der fremden Höfe in Frankreich die Patrioten als Söldlinge denunzierten. Sie, die Schreier um Krieg, sie sind die Jakobiner in Deutschland. Fünfte Ähnlichkeit: Die Ultrarevolutionäre in Frankreich verwechselten die Freiheit mit der Anarchie und die natürliche Religion mit der Irreligion, um die erstern verhaßt zu machen. Die Clootse in Deutschland vermengen geflissentlich Monarchie mit Despotie und Religion mit Pfaffentum, um Monarchie und Religion sicherer zu untergraben. »Die hehre Freiheit«, sagt Robespierre, »wurde von ihren Feinden zur verworfenen Metze entstellt. Sie schrieen nach den Freveln der Anarchie und nannten diese Freiheit.« Ebenso unsere deutschen Clootse. Die Brandmale der Despotie verteidigen, heißt der Monarchie den Krieg ankündigen. Wenn der Leibarzt Leuchsenring zu Tode geprügelt, wenn Winkelmann zu Mainz gemißhandelt, Polen geteilt, die Tochter Elisabeths zu Tode geknutet, die Gelder der Witwen und Waisen an den Auswurf des Auslands von einem Auswurfe der Menschheit mit der Inful verschenkt werden und Deutsche diese Schändlichkeit verteidigen, wenn der Verfasser des »Revolutions-Almanachs« dem Meuchelmorde des Gesandten Bassville zu Rom lauten Beifall zujauchzt, so verteidigen diese moralischen Ungeheuer den Despotismus, nicht die monarchische Regierungsform. Sie verteidigen jenen, um diese desto eher zu stürzen. Wenn die neufränkischen Clootse die Irreligion predigen, um das Volk in die Priesterherrschaft zurückzuzwängen, so suchen unsre deutschen Clootse Inquisitionen und Pfaffenregiment zu befestigen, um die Religion verächtlich zu machen. Sechste Ähnlichkeit: Die Ultrarevolutionäre in Frankreich schimpften alle Könige Tyrannen und logen Unzufriedenheit und Empörungen in Deutschland. Die deutschen Clootse pasquillieren auch die edelsten Menschen in Frankreich und lügen Greuel in Frankreich, wo sie nicht sind, um Unglauben gegen die wirklich vorgefallnen hervorzubringen. Man erinnere sich an die Briefe der Jakobiner aus Berlin etc. etc., die Laveaux im »Courrier« von Strasbourg erdichtete und abdrucken ließ. – Man lese dagegen die Briefe aus Paris im politischen Journal und den deutschen Zeitungen, die schon an der Stirne das Gepräge der Unechtheit tragen, denn welcher Korrespondent wird seinen Kopf wagen, um Herrn Schirach zu versichern, daß Paris mit dem Konvent unzufrieden sei? Wo sind die Royalisten, die den deutschen Herren entgegenkommen sollten? Wo die Franzosen, die ungeduldig auf sie harrten? Man vergleiche die erbärmlichen Pasquille, welche unter dem Titel »Galerie der französischen Demagogen« in Deutschland in Umlauf sind, mit den Pariser Libellen auf unsre Fürsten. Man höre, wie geflissentlich man jede Ausschweifung, jede Greueltat, die in Frankreich vorfällt, bei uns ins gehässigste Licht zu stellen sucht, während man wohlweislich von den weggebrannten Dörfern im Elsaß, von den türkischen Freikorps, von den Mordbrennern in Fort Louis, von der schändlichen Behandlung der gefangenen Neufranken, die mit Wohltaten von der Republik vergolten wird, schweigt. Ich eile von diesen abscheulichen Gegenständen hinweg. Diese sechs Ähnlichkeiten der Herren Schirach und Compagnie mit Anacharsis Cloots ließen sich leicht mit noch fünfzig andern vermehren, wenn es sich der Mühe lohnte, über so verächtliche Menschen viel Worte zu verlieren. Aber es ist Pflicht für jeden deutschen Mann, der es ernstlich gut mit der Ruhe seines Vaterlandes meint, Menschen dieser Art als die abgefeimtesten Emissäre der Propaganda allen Fürsten Deutschlands zu denunzieren, um so heiligere Pflicht, je mehr dieser Hébertismus und Clootismus überhandnimmt. Sie sind die Schlangen, die sich um die Kronen der Monarchen winden, sie sind es, die unsre Throne wankend machen wollen, und sie würden, wenn sie je ihren schändlichen Zweck erreichen sollten, die ersten sein, welche sich an die Spitze des ausgelassensten Pöbels stellen und Zügellosigkeit und Anarchie mit allen ihren Schrecken über Deutschland verbreiten würden. Sie ergreifen die Sache der Monarchen nur, um sie zugrunde zu richten, als undankbare Kinder des Vaterlands lauern sie darauf, es zu zerfleischen. Sie, die um eines elenden Soldes willen sich zu Aposteln des Despotismus, zu Predigern der blindesten Dominikanerwut herabwürdigten, sie würden bei einer Staatsumwälzung die Bereitwilligsten sein, ihre Regenten dem Mörderbeil zu überliefern. Völker Deutschlands, bittet eure Herrscher, diese giftigen Schlangen zu zertreten! Reißt ihnen die Larve vom Gesichte, den schändlichen Heuchlern! Führt sie hin, die Schreier um Krieg, die zu Hause ruhig am Pult sitzen, hin zu den abgebrannten, ausgeplünderten Hütten, zu den zerstampften Saatfeldern, zu den Hügeln, mit zerrissenen, blutenden Gliedern bedeckt. Führt sie hin, die Ungeheuer, und jagt sie gegen die verderbenschwangeren Batterien der Feinde! Fürsten Deutschlands! Frankreichs Konvent verdammte seine Clootse zur Guillotine, verurteilt ihr die unsrigen wenigstens zum Tollhaus. 3. Pöbel-Justiz und Exekution durch militärische Gewalt. Ein Gemälde deutscher Greuelszenen, als Gegenstück zu den Carreriaden in Nantes Der National-Konvent fängt jetzt an, gerecht und kaltblütig zu untersuchen, wo und wem die jetzige politische Exaltation zu willkürlichen Barbareien, zu Befriedigung schändlicher Privatleidenschaften unter dem Deckmantel der allgemeinen guten Sache Gelegenheit gegeben habe. In den Augenblicken des Widerstandes, des blutigen Kampfes war eine solche Kaltblütigkeit nicht möglich, es kam damals nur darauf an, daß man sich wehrte, wie und durch welche Mittel man sich wehrte, ließ man unerörtert. Parteien herrschten, Namen entschieden, Meinungen verdammten zum Tod. Stillschweigen und Zuschauen war unmöglich, Partei zu nehmen die einzige Rettung. Schreckliches Los, das der Menschheit durch den Kampf der Unterdrückten gegen die schändlichen Unterdrücker bereitet wurde! Denn nun entschied nicht mehr Recht, nicht mehr Tugend, nicht mehr guter Wille, ein schreckliches Band knüpfte Tausende an das Steigen und Fallen der Faktionen. Siegten sie, so ward Verrat und Verbrechen gekrönt, unterlagen sie, so büßte man Irrtum, guten Willen, nicht selten auch Wahrheit und Recht mit dem Tode. So war der Fall bei der politischen Erschütterung in Frankreich – so war er noch bei allen Erschütterungen dieser Art, seitdem die Welt steht. So wird er immer sein, solang Namen Verbrechen sind und solang man nur jemanden mit diesen Namen zu belegen braucht, um ihn aus der Grenze aller Untersuchung über Recht oder Unrecht zu bringen und der Willkür preiszugeben. Hierüber werden wohl selbst unsre deutschen Marats, die Herren Schirach, Reichard etc. mit mir einig sein, weil sie glauben, ich rede bloß von der Parteiwut in Frankreich. Aber ich rede von aller Parteiwut, von aller Willkür, von allen Verdammungen ohne Gesetz und Urteilsspruch, in welchem Lande und in welcher Zone sie auch vorfallen mögen. Eben das ist das Lächerliche und Schreckliche, daß niemand hier in seinen eignen Busen greifen will! Der Fanatiker im Okzident findet den im Orient abscheulich, die Katholiken schrieen über die Greuel der Türken, die Calvinisten über die der Katholiken, ohne an Servet zu denken. Die Deutschen schrieen über die Volkswut, welche die sogenannten Aristokraten in Masse ohne Urteil und Recht ersäufte und hinrichtete – aber kein Mensch erwähnt die Schändlichkeiten, welche in Deutschland gegen die sogenannten Demokraten vorgenommen wurden und noch vorgenommen werden. Laßt uns unparteiisch sein, meine Brüder, laßt uns gegen jeden Fanatismus, gegen jede Parteisucht, gegen jede Unterdrückung zu Felde ziehen ohne uns darum zu bekümmern, wer sie begeht und gegen wen sie begangen wird und ob sie grade den äußersten Grad erreicht oder nicht. Willkür, die einmal Unschuldige mißhandelt, braucht nur von den Umständen aufgereizt zu werden, um sie bald auch zu morden. Jeder Gemißhandelte ohne Recht, ohne Urteil, ohne Gesetz verdient unsre Verteidigung! Ich will den Schleier aufheben und versuchen, den Stolzen, die hohnlächelnd auf unsre Nachbarn herabsehen und gleich dem Pharisäer in dem Gleichnis Gott danken, daß sie nicht sind wie jene, eine kleine Schamröte abzujagen. Ich spreche hier nicht von dem ohnmächtigen Geschrei »Kreuzige«, welches unsre deutschen Flugblätter erheben, um nach Belobungsdekreten und nach goldnen Dosen etc. zu angeln, einem Sündenlohn, den sie so willig hinnehmen als der Verfasser des Vater Duchesne seine Pension, die der Minister Bouchotte der Nation ebenso stahl, wie jene Pretiosen unsern Bürgern gestohlen werden, um platte Produkte des Parteigeistes damit zu bezahlen. Feige und elende Menschen, feile Schreier und Renegaten hat es zu jeder Zeit gegeben, und es würde ebenso unbillig sein, manchen unsrer Fürsten es vorzuwerfen, daß sie diesen Schreiern mit Verachtung etwas hinwerfen, um uns unsre Ketten vergessen zu machen, als es unrecht sein würde, die Diebe der französischen Nation deswegen zu tadeln, daß sie durch das Geschrei des belobten Duchesne die Aufmerksamkeit des Volkes von ihren Diebesgriffen ablenken wollten. Nein, ich will selbst die Septembergreuel, selbst die schändliche Panegyrisierung kalter Meuchelmörder mit Parallelen außer Frankreich zusammenstellen, wobei wir wahrscheinlich nicht gewinnen, da unmöglich der, welcher sich grausam wehrt, so straffällig sein kann als der, welcher grausam angreift. Eroberer Pragas! Großer Suworow! Vor dem Richterstuhl der kalten Vernunft stehst du auf der Leiter der Geschöpfe viele Stufen tiefer als der Kopfabschneider Jourdan. Dein brillantenbesetzter Marschallstab wiegt nicht mehr als die blutige Jakobinermütze. Manifeste Rußlands! An Unverschämtheit mögen euch Barèrens Rapporte fast gleichkommen, aber an schändlichem Hohn der Menschheit übertreffen sie euch nicht. Transporte der französischen Gefangenen auf der Donau nach Ungarn und von Frankfurt bis Magdeburg! Wer euch erblickt hat, wer deutsche Kannibalen in der Uniform Tausende nicht mit Dolchstichen morden, nein mit kalter Bosheit zur Verzweiflung bringen gesehn hat, der hat nicht mehr den Mut, den Septembrisierern den kleinsten Vorwurf zu machen. Wär' ich ein französischer General, ich würde die Beschreibung eines solchen Transportes Man lese die Aufsätze im Novemberstück des »Genius der Zeit«, wo diese Greueltat, nur mit etwas zu gemilderten Farben, erzählt ist. Von den noch weit gräßlichern Donau-Transporten hoffe ich im nächsten Stück ausführlichere Nachrichten geben zu können. meinen Soldaten vorlesen lassen, ehe «sie stürmen, und ich bin überzeugt, diese Greuel müßten sie zur Rache begeistern. Urteile ohne Recht und Form! Verhöre falscher Zeugen! Gerichte, wo das Urteil vor der Untersuchung gesprochen ist! – In England hat man euch bei den neuesten Hochverratsprozessen in eurer Blöße weit mehr erblickt als bei den Revolutionsgerichten in Frankreich! Hier will ich mich jetzt nur auf einen einzigen Punkt einschränken und eine aktenmäßige und mit Belegen versehene Nachricht von dem Verfahren gegen die Klubisten in Deutschland liefern. Ich bitte bloß um kaltes Gehör. Diejenigen, welche gegen die Klubisten im voraus eingenommen sind, mögen sich ja nicht dadurch von Lesung dieses Aufsatzes abschrecken lassen, daß sie etwa eine Verteidigung der Klubisten Es ist unbegreiflich, wie selbst Girtanner, der an Marktschreierei übrigens seinem Kollegen Schirach nichts nachgibt, sich so herabwürdigen konnte, alle albernen Sagen zu verbreiten, die man auf Rechnung dieser Unglücklichen, welche sich nicht verteidigen konnten, dem Publikum aufzuheften für gut fand. Sogar treffe ich bei ihm das niedrige Schimpfwort »Schandbuben«. hier erwarten. Dazu habe ich weder Beruf noch Lust, ob ich gleich, vermöge der Aktenstücke, die ich in Händen habe, etwas Besseres liefern könnte, als bisher geliefert worden ist. – Aber soviel glaube ich doch voraussetzen zu dürfen. Unter diese von Deserteurs herrührenden lächerlichen Beschuldigungen gehört vorzüglich die Verzögerung der Übergabe von Mainz. Die Klubisten wurden bei den diesfallsigen Unterhandlungen nie zu Rate gezogen und konnten sich auf keine Weise dareinmischen, ferner das Verfahren der Exportationen, wo sie nichts als ihre Pflicht taten. Andere Vorwürfe werden im Verfolg dieser Geschichte widerlegt werden. Haben doch unsre deutschen Zeitungen sogar die erkauften Mordbrennereien in Mainz auf Rechnung dieser armen Opfer schreiben wollen. Der Redakteur dieses Journals könnte, wenn hier Raum dazu wäre, aus den Papieren des »Comité de sureté« zu Mainz diese Albernheiten widerlegen, aber es schrieen ja auch nur die Girtanner und Konsorten! – daß jeder meiner Leser den Satz annimmt: Auch Verbrecher können bloß nach Gesetzen und nach vorhergegangener Untersuchung gerichtet werden. Und dann habe ich gewonnen. Um den Grad der Straffälligkeit der sogenannten Klubisten zu bestimmen, muß vor allen Dingen die Präjudizialfrage entschieden werden, inwiefern derjenige als Verbrecher angesehen werden könne, der in einem eroberten Lande der Gewalt des Eroberers weicht und sich nach den neuen Gesetzen bequemt? Wir treffen in der neuesten Zeitgeschichte auf zwei Fälle, wo man ganz entgegengesetzte Maximen im nämlichen Fall beobachtet hat. In Polen wurden Kosciuszko und die Edlen, die sich einer fremden Räuberei entgegensetzten und dem gepriesenen Rechte des Eroberers nicht huldigen wollten, als Verräter, als Rebellen (doch wohl gegen die fremde Macht?) angesehen und bestraft. – In Deutschland hingegen betrachtet man diejenigen als Aufrührer, welche sich in die neue Ordnung der Dinge fügten und also der fremden Macht gehorchten. Was soll also die Handlungen des Bürgers in Kriegszeiten bei solchen Fällen bestimmen. Der Grund der Eroberung? Dann möchten die Russen schamrot werden müssen: Oder die wahrscheinliche Dauer des neuen Besitzstandes? Wer will diese bestimmen, solange Fortunas Kugel rund bleibt. Oder die individuellen Vorteile des Landes? Nimmt man die letztern als Entscheidungspunkt an, so haben ohne Zweifel die Klubisten recht gehandelt. Denn ihr Widerstand würde fruchtlos gewesen sein, um die neue Ordnung der Dinge zu hemmen, wohl aber konnten sie durch Annahme der ihnen von der neuen Regierung übertragenen Stellen verhindern, daß Schurken, Räuber, heimloses Gesindel oder, wenn dieser Fall auch nicht eingetreten wäre, Fremdlinge, mit der Verfassung und den Vorteilen des Landes unbekannt, diese Stellen an sich rissen. Geblieben wäre sicherlich die alte Regierungsverfassung auf keinen Fall. Daß diese Gründe wenigstens bei einigen dieser Klubisten eintraten, daß manche alle möglichen Vorsichtsregeln beobachteten, um sich in der Folge wegen Annahme ihrer neuen Ämter rechtfertigen zu können, darüber lese man die Bittschrift, welche im ersten Heft der »Annalen der leidenden Menschheit« mitgeteilt ist, und die diesem Aufsatz nachstehende Beilage A. In der Annahme der öffentlichen Ämter kann also die Strafbarkeit der Klubisten nicht liegen. Der einzige Punkt, weshalb man sie in Anspruch nehmen kann, ist die Art ihrer Verwaltung. Will man nun konsequent sein und das Recht des Eroberers wie in Polen gelten lassen, so muß man gestehen, daß sie dieserhalb nur der französischen Nation verantwortlich waren. Aber ich will keine Sophismen zu Hilfe nehmen, weil ich ihrer nicht bedarf und Gründe dieser Art mehr für den Verteidiger der Klubisten gelten. Also gesetzt, aber noch lange nicht zugegeben, daß diese Menschen strafbar, daß sie Verbrecher im eigentlichsten Sinn, daß sie Hochverräter gewesen seien, so bleiben doch gewiß folgende Sätze unwidersprechlich. 1. Ein besonderer, auf der Heiligkeit des Völkerrechts beruhender Vertrag hebt die allgemeinen Verhältnisse auf. 2. Der Verbrecher kann nur nach Untersuchung seines Verbrechens und nach rechtlichem Urteil gerichtet, und 3. die Vollziehung des Urteilsspruchs kann nicht der Willkür des Pöbels überlassen, sondern muß nach Gesetzen und Recht ausgeführt werden. Ich glaube nicht, daß irgend jemand einen von diesen drei Sätzen antasten wird, oder er öffnet der Anarchie Tür und Tor und bringt uns bald Carreriaden und Revolutionstribunale zu Nantes. Wir wollen nun das Verfahren gegen die Mainzer Klubisten näher beleuchten. Die Klubisten kamen als Geiseln, nicht als Untertanen in die Hände der Deutschen. Dies beweist das unter B. angedruckte Handbillett des Generals von Kalkreuth an den General d'Oyré und der gleichfalls angedruckte Auszug C. eines Berichts des Generals d'Oyré an den Wohlfahrtsausschuß, noch mehr aber die von der Mainzer Regierung selbst verlangten Zeugnisse über acht akkordierte Punkte D. Diese Verträge, ohne deren Abschließung weder die Festung Mainz noch die Klubisten in deutsche Hände gekommen wären, heben alle anderen Verhältnisse, in denen die Klubisten als Untertanen gegen ihre vorigen Landesherren standen, auf, und ihre gewissenhafte Haltung beruht auf der Heiligkeit des Völkerrechts. Man hat sie nur nach Gutdünken gehalten und würde sie vollends gebrochen haben, wenn die französischen Waffen minder glücklich gewesen wären. Man hat diese Geiseln gleich beim Ausmarsch aus Mainz geplündert, Das Plündern scheint überhaupt an der Tagesordnung gewesen zu sein. Sogar die eigentlichen Geiseln, unter welchen der General d'Oyré war, haben auf ihrem Transport von Mainz bis Wesel der Raubsucht nicht entgehen können. Die preußischen Soldaten nahmen die Mühe auf sich, für ihre Gepäcke zu sorgen, und so verloren die armen, unter dem Schutz des Völkerrechts stehenden Geiseln ihre Kleider, Wäsche, Geld etc. bis jetzt noch ihr Eigentum ihnen vorenthalten, sie in Königstein und an andern Orten in Kerker geworfen, aus welchen nicht einmal die Leichname verwesender Franzosen eher weggeschafft wurden, als bis die Aufwärter den verpestenden Duft nicht mehr ertragen konnten. Jeder Tyrann in der Uniform hatte das Recht, diese unverhörten, zum Teil auf bloßen Verdacht eingezogenen Menschen zu mißhandeln, und jede willkürliche, schreckliche Strafe wurde nicht dem gehörigen Richter, sondern der militärischen Gewalt überlassen. Menschen wie Winkelmann, eines bequemen Lebens gewohnt, mußten sich vom Ungeziefer auffressen lassen usw. Tatsachen, welche weiter unten vorkommen werden und wozu die Belege in den Händen des Herausgebers und vielleicht auch in den Händen der französischen Nation sind. So haben wir Deutsche aus Parteiwut gegen das Völkerrecht gehandelt, während unsre siegenden Feinde in ihre Hände gefallne Brüder pflegten. So haben wir Verträge, Heiligkeit und Versprechungen, Großmut und Menschlichkeit mit Füßen getreten, bis uns die Schmach unsrer wiederholten Niederlagen im ungerechtesten Kriege zu einer Änderung zwang. Wie wir gegen die Gerechtigkeit handelten, läßt sich schon aus der oben angeführten Bittschrift Winkelmanns schließen, der siebzehn Monate ohne Verhör und Urteil im Kerker schmachtete. Aber ich will den Vorhang noch mehr heben und hier, mit Zurückweisung auf die oben aufgestellten Sätze, inzwischen den Anfang eines Greuelgemäldes liefern, das ich von einem Augenzeugen erhielt. Alle Dokumente meiner Erzählungen sind in meinen Händen, und wenn ich nicht mit meines Namens Unterschrift auftrete, so geschieht dies bloß aus gewissen Rücksichten, die man in einem Lande nehmen muß, wo solche Abscheulichkeiten vorfallen können. Ich bringe meine Klagen vor den Richterstuhl der deutschen und der fränkischen Nation, ich lege sie als Denkmal der Barbareien des achtzehnten Jahrhunderts in dem Archiv der gedrückten Menschheit nieder, ohne Furcht, ohne Scheu! Wer ein Herz im Busen trägt, sei Richter! Der General d'Oyré hatte den Tag vor dem Abzug der Franken aus Mainz die Glieder des Rheinisch-deutschen Konvents versichert, daß der preußische General Graf Kalkreuth eine schriftliche Erklärung an d'Oyré geschickt habe, worinnen den Mainzern, die nach Frankreich auswandern wollten, Schutz und Ungehindertheit zugesichert werde. Nur müsse dem preußischen General vorher ein Namensverzeichnis derselben überschickt werden, um die gehörige Eskorte bis zur französischen Grenze besorgen zu können, wo dann die Auswanderer gegen die in Frankreich befindlichen Mainzer Geiseln sollten ausgewechselt werden. Am ersten Tage des Ausmarsches machte d'Oyré den Auswanderern eine zweite Sendung von Kalkreuth bekannt, worin die Erklärung vom vorigen Tage nur dahin abgeändert war, daß die in der Liste zur Auswanderung aufgezeichneten (81 an der Zahl) sich vor dem Münstertore versammeln sollten, wo eine preußische Eskorte sie übernehmen und über Bingen an die französische Grenze bringen werde, weil in Bingen die Besatzung nur aus Preußen, die zu Oppenheim aber aus Kaiserlichen und Preußen bestehe und auf dem ersten Wege der Transport also weniger Schwierigkeiten verursache. Die fränkischen Konventskommissarien und der General hatten (vermutlich aus allzu großem Vertrauen auf diese Abrede) keine Sicherheitsanstalten getroffen. Hingegen mischten sich (dem ausdrücklichen 10. Artikel der Kapitulation zuwider) schon zwei Tage vor dem Ausmarsche der Franken emigrierte und exportierte Mainzer und preußische Offiziere unter das Volk und den Pöbel in Mainz, sprachen laut von dem schrecklichen Schicksal, welches der Mainzer sogenannten Patrioten warte, und versicherten, daß nichts sie gegen die blutige Rache schützen werde, die man an ihnen nehmen wolle. Gepreßt zwischen Angst und Furcht, ohne Anstalten zur Sicherheit zu gewähren, durch zweideutige und unbestimmte Antworten der Konventskommissarien Denn wirklich hatte Mannstein, der eigentlich mit dem General d'Oyré unterhandelte (Kalkreuth war unschuldig und hörte bloß zu), trotz aller Vorstellungen d'Oyrés darauf bestanden, die Klubisten aus der Kapitulation zu lassen. Umsonst führte der fränkische General alle Gründe der Menschlichkeit und Vernunft an, die Stimme der Rache übertäubte den Ruf der Ehre, des Völkerrechts. D'Oyré widerstand zwar als Mann und opferte die Armen durchaus nicht auf. Allein man brach die Kapitulation. Man war einmal fest entschlossen, ein politisches Autodafé zu geben, und wie leicht ist nicht ein rasender, von Priestern und Soldaten exaltierter Pöbel gegen Wehrlose aufzuhetzen, die man mit einem verhaßten Namen bezeichnet. Wie, wenn aber einst dieser nämliche Pöbel seine Wut, der man jetzt Beifall zulächelte, gegen andere Gegenstände kehrte? Sollte man dann diese Exaltation nicht bedauern? beunruhigt, wählten die Auswandernden ein sichreres Mittel, sich unter die fränkischen Kolonnen zu mischen. Die Folge zeigt, daß dieser Weg noch der beste war, denn die versprochene Eskorte war weiter nichts als eine Kriegslist, wenn jemand anders Lust haben sollte, ihr diesen Namen zu geben. Alle auf Kalkreuths Wort vor dem Münstertore Versammelten wurden rein ausgeplündert, geschlagen und so gemißhandelt, als Pöbeljustiz nur immer mißhandeln kann. Von denenjenigen, die sich am ersten Tage unter die fränkischen Kolonnen gemischt hatten, kamen manche glücklich durch. Allein Kunz, Metternich, Rompel, Schreiber und Stenner hatten das Unglück, ohnweit Marienborn auf der Chaussee, etwa dreiviertel Stunden von Mainz, aufgegriffen zu werden. Die Methode, deren man sich bei diesen Arretierungen (wenn man sie anders mit diesen Namen belegen will) bediente, war folgende: Der Mainzer, von den Preußen seit drei Tagen unaufhörlich exaltierte Pöbel stürzte auf die erkannten Klubisten los, riß den Unglücklichen alles ab, was sie am Leibe trugen, sogar die Schnallen von den Schuhen. Kunz war im Augenblick aller Kleider bis auf Hemde, Beinkleider, Strümpfe und Schuhe beraubt und Metternichs Kleider so zerrissen, daß er seine Blöße nicht bedecken konnte. Dies war das Vorspiel. Nun begann der eigentliche Angriff mit Darniederreißen an den Haaren, mit Faustschlägen ins Gesicht, Rompeln wurden drei Vorderzähne ausgeschlagen, ein preußischer Kadett oder sonst so ein junger Bube zu Pferd hieb ihm mit schneidender Klinge und mit den Worten, »Halt, ich will ihm den Kopf spalten« nach dem Kopfe – ein Hieb, der jedoch, weil Rompel behend auswich und der junge Herr wohl das Hauen an einem Wehrlosen erst lernen wollte, nur eine schmerzhafte Kontusion verursachte und nur den Hut und Oberrock durchschnitt. – Kann wohl die Pöbeljustiz in Frankreich je schlimmer gewesen sein, oder schmerzen die Hiebe eines deutschen Kadetts minder als die eines französischen Sansculotten? mit Herumschleppen auf dem Boden etc. Wenn nun der Gemißhandelte endlich sinnlos dalag oder doch gar kein Sträuben mehr gegen Schläge, Stöße und Fußtritte äußerte, dann ließ man ihn liegen, und der zweite Akt begann. Die preußischen Soldaten bemächtigten sich seiner und schleppten oder besser schleiften ihn vom Wege etwa fünf- bis sechshundert Schritte abwärts nach Marienborn (dem Hauptquartier des Generals Kalkreuth) in ein Wachtstübchen, wo die Aufgegriffenen sogleich in Ketten, und zwar paarweise aneinander, geschlossen wurden. Der Zug von der Chaussee nach Marienborn ging durch eine gedoppelte Reihe des zügellosesten Pöbels, der Lästerungen aller Art, Staub und Speichel auf die Gefangenen warf und von preußischen Offizieren, Mainzer Adeligen und Domherren (unter welchen sich ein gewisser Herr von Kerzer, Domherr zu Mainz und Worms, vorzüglich auszeichnete) zu Wiederholung und Schärfung dieser Barbareien gegen Arrestanten, die doch schon als solche unter dem Schutz des Gesetzes stehen mußten, aufgemuntert wurde. Als Metternich unter Begleitung einer Horde von Kannibalen nahe zum Wachthaus gekommen war, wurde er auf der Straße einem Manne in einem grünen Rocke mit aufgesticktem Kreuze (vermutlich preußischer Offizier) vorgeführt, der ihn um seinen Namen mit dem Beisatze fragte, ob er gekommen sei, sich der Gnade des Königs von Preußen zu übergeben? Als Metternich hierauf antwortete, daß er unter dem Schutze der Gesetze zu sein wünsche, so donnerte der Kreuzherr den Soldaten zu: »Werft die Kanaille in Ketten und Bande«, was denn auch sogleich erfolgte. Metternich und Mitter wurden an eine Kette geschlossen, die diesem am linken Fuße und jenem an der rechten Hand befestigt war. Die Handschelle war so enge, daß die Hand davon aufschwoll, blau wurde und nicht geringe Schmerzen verursachte. Allein allen Bitten ohngeachtet, ihm die Schelle doch an die linke Hand zu legen, mußte er selbige von halb fünf Uhr abends bis halb acht Uhr morgens unter Schmerzen und mehrern Ohnmachten so tragen. Zudem kam noch Lebensgefahr, indem sich bei Metternich ein heftiger Blutauswurf Die Ursache dieses Blutauswurfs war folgende: Metternich wurde aus einer Reisekutsche von dem Hofbuchbinder Sartorius, einem baumstarken Kerl, der durch Adelspiel das ansehnliche Vermögen seiner Frau durchgebracht hatte und nun seine einzige Tugend, Anhänglichkeit an den Kurfürsten, zeigen wollte, bei den Haaren herausgezogen, ihm der Kopf gewaltsam bis dicht an die Brust gebeugt und so fortgeschleift. eingestellt hatte, der durch diese Hemmung der Zirkulation sich leicht in einen Blutsturz verwandeln konnte. Die natürliche Hitze des Tages (24.7.), noch mehr das Stöhnen und Emporarbeiten, um der wütenden Rotte, die bei der Gefangennehmung auf jeden zustürzte, aus den Klauen zu kommen, hatte die Arretierten ganz abgemattet, und brennender Durst stellte sich bei ihnen ein. Die Arretierten baten zu wiederholten Malen um Wasser, allein die preußischen Unteroffiziere sowie die Gemeinen erwiderten diese Bitten nur mit Schimpf und Lästerungen, die zu pöbelhaft sind, um hier angeführt zu werden. Oberoffiziere, die in der Wachtstube ab- und zugingen, machten es ebenso oder schwiegen mit Achselzucken. Ein Offizier, dem Metternich auf einen ihm gemachten Vorwurf antwortete »Freund, die Sache ist ihnen falsch erzählt worden«, ging drohend auf ihn los, mit den Worten »der Teufel ist dein Freund! du bist eine Kanaille und sollst nicht reden«. Ein andrer Witzling von Lieutenant sagte zu seinen Kameraden, »diesem da muß man doch erst den Gnadenstoß aufs Herz geben, ehe man ihn hängt«, und wurde herzlich belacht. Anderthalb Stunden vergingen so, und obschon die Klagen in dem Maße lauter wurden wie der Durst brennender, so würde doch alles Stöhnen und Bitten nichts geholfen haben, wenn nicht ein Bekannter aus der Gegend durch ein gutes Trinkgeld endlich Erlaubnis erhalten hätte, ein Maß Wasser unter sechs vom Durst gequälte Menschen verteilen zu lassen. Überdies war die zur Wachtstube genommene sehr enge und niedrige Bauernstube beständig mit Menschen vollgepfropft, da es gegen Abtragung eines Legegelds an die Wache erlaubt war, die Gefangnen hier mit Muße nach Herzenslust zu insultieren, eine Erlaubnis, welche sich Adlige, Beamte, Pfaffen und sogar Juden trefflich zunutze machten. Dies Gedränge verursachte eine so verpestete Luft in dem Stübchen, daß die Arretierten, denen es schlechterdings nicht erlaubt wurde, ans Fenster zu gehn, um einmal reine Luft zu atmen, sich in einer beständigen ohnmächtigen Betäubung befanden. Etwas Geld und sonstige Sachen, die bei der Gefangennehmung nicht waren gefunden worden, wurden hier noch in der Wachtstube geraubt, ja Mittern wurde sogar in Kalkreuths Quartier noch eine Uhr und etwas Geld genommen, wobei man ihn mit Schlägen bedrohte, weil er es nicht eher hergegeben habe. Offiziere sahen lachend zu, hatten vielleicht auch Anteil an dieser ehrenvollen Beute. Noch am Abende dieses greuelvollen Tages ward Metternich vor den General Kalkreuth in dessen Quartier gefordert. Der mit ihm an eine Kette geschlossene Mitter mußte also sich mitschleppen, so gut es die kurze Kette erlaubte. Die Anrede des Generals an Metternich war: »Ihr seid zwar dem Galgen entgegengegangen, doch wird man euch nicht aufknüpfen. Warum seid ihr nicht in Mainz geblieben?« Metternich: »Weil keine Sicherheit und keine Anstalten zu unserm Schutz zu sehen waren.« Kalkreuth: »Wißt ihr denn nicht, wie der 4. Artikel der Kapitulation lautet? Ihr hättet in Mainz bleiben sollen, und es würde euch kein Haar gekrümmt worden sein.« Metternich: »Wir wissen zwar, daß eine Kapitulation geschlossen, aber von ihrem Inhalte wissen wir nichts. Der Pöbel drohte mit Wut, und wir bemerkten keine Anstalt, um diese Wut abzuhalten.« Kalkreuth: »Ihr habt euch auch pöbelhaft betragen, geht nun hin und erwartet euer Schicksal.« So mußten nun die Verketteten ihren Rückweg nach der Wachtstube nehmen, durch einen Haufen rasender Menschen, die unter tausend Lästerungen mit Kot warfen und von den begleitenden Wachen zu neuem Unfug sorgfältig aufgemuntert wurden. Am Abend kam ein Offizier, vermutlich ein Auditeur, der jedes Arretierten Namen aufschrieb und dann sagte: »Morgen früh um sieben Uhr wird ein Verhör gehalten werden, ich bedeute aber jeden zum voraus, daß auf eine Lüge fünfzig und auf das geringste Stottern in der Aussage fünfundzwanzig Prügel folgen werden.« Morgens um fünf Uhr brachte wirklich der Kerkermeister ein Bund junger Buchstämme und grinste mit einem dieser Menschenklasse eignen Henkerlächeln: »Das ist ein Frühstück für die Bursche da!« Diese Formalität, welche übrigens dem Ganzen ziemlich angemessen gewesen wäre, unterblieb nun zwar, aber das Verhör selbst (wenn man das Fragen um Namen und die in Mainz obgehabten Funktionen mit diesem Namen belegen kann) zeichnete sich dennoch durch Eigenheiten in der Manier aus. Es geschah auf offner Straße vor dem Wachtstübchen. Warum dies geschah, da man doch sonst mit der Justizpflege nicht so offen zu sein pflegt, ist nur aus folgendem zu erklären. Erstlich scheuten die hohen Frager (Standespersonen und wohl gar Prinzen, denn sie trugen alle Zeichen auf der Brust, daß sie keine gewöhnlichen Menschen seien) die verdorbne Luft im Wachtstübchen, zweitens und hauptsächlich wollten sie dem Pöbel und sich ein erneutes Schauspiel der Mißhandlungen wehrloser Leute geben und ihre Fertigkeit im Schimpfen zeigen. Ein Fragment aus diesem Quasiverhör mag als Probe des Ganzen hier Platz finden. Frage an Metternich: Wie er heiße und was er für ein Amt unter der kurfürstlichen Regierung bekleidet habe? Antwort: Er heiße Metternich und sei Professor der Mathematik und Physik zu Mainz gewesen. Der jüngste Frager: »Was? Ihr Professor von der Mathematik und Physik? Von der Sauerei seid Ihr Professor gewesen, nicht wahr Bursche?« Metternich (trocken und mit Nachdruck): »Professor der Mathematik und Physik.« Der junge Frager (nimmt die Handschuhe unter dem linken Arm hervor in die Hand, schlägt sie Metternichen um die Nase): »Gehe hin, Bursche, du sollst gehangen werden.« (Sieht sich pathetisch um, um Beifall einzuernten. Die Umstehenden verbeugen sich und lachen aus Leibeskräften.) usw. Um neun Uhr kam ein Auditeur und ließ den Geschlossenen die Ketten abnehmen. Nur Schneider von Oberolm wurde kreuzweise geschlossen und bedeutet, daß er nach Mainz abgeführt und dort gehangen werden solle. Dieser Mann war bei der Munizipalisierung seines Wohnortes zum Maire daselbst gewählt worden. Er war bekannt durch seine besondere Anhänglichkeit an das französische Regierungssystem und hatte daher viele Feinde, hauptsächlich an den benachbarten kurfürstlichen Beamten, Jägern und dergleichen. Bei der Berennung von Mainz war er schon von preußischen Husaren durch Verrat gefangen, entkam mit Not durch List und hatte sich in die Stadt geflüchtet. Er arbeitete mit noch einem andern auch wegen der Ursache nach Mainz geflüchteten Niederolmer Einwohner, namens Michael Looz, in einem Garten, worin fürs Hospital Gemüse gepflanzt wurde, wodurch der Konventskommissar Merlin de Thionville Gelegenheit hatte, beide kennenzulernen. Am Abende der Nacht, wo der berüchtigte Ausfall auf Marienborn geschah, wurden die beiden Niederolmer ins Hauptquartier, wo auch Merlin war, gerufen und bedeutet, daß sie in derselben Nacht eine Kolonne nach Marienborn führen müßten, jedoch so durch die durchs Feld sich hinschlängelnden Vertiefungen, daß die preußischen Batterien auf den Anhöhen aufwärts gegen das heilige Kreuz der Kolonne nicht zu nachteilig werden möchten. Beide weigerten sich und gaben zur Ursache die Gefahr an, die sie laufen würden, sobald der Feind ihrer habhaft werden sollte. Man versicherte sie, daß sie gar nicht ins Gefecht kommen sollten, auf der andern Seite aber werde auch ihre Weigerung nichts helfen, weil man, wenn sie nicht gutwillig sich fügten, Zwang brauchen würde, indem sie beide das Lokale des Feldes genau kennten. Sie verlangten Waffen, um sich im Notfalle wehren zu können, aber auch das wurde ihnen abgeschlagen. Sie führten nun die Kolonne, und der Ausfall, ob er gleich nur halb gelang, war doch sehr nachteilig und eben nicht rühmlich für die Belagerer, weil es doch wohl Sorglosigkeit beweist, wenn selbst das Hauptquartier umzingelt wird. Die beiden Führer, Looz und Schneider, wurden vorher mit Wein berauscht, und ersterer, der auch französisch sprach, durch Zureden und Versprechen, noch mehr aber durch den Wein erhitzt, führte einen Teil der Kolonne bis hart an das Gebäude hin, wo Kalkreuth und ein preußischer Prinz einquartiert waren. Ersterer soll abwesend gewesen sein, der andere aber sich im Hemde durch ein Fenster und den daran stoßenden Garten gerettet haben. Mehrere Nachrichten über diesen Vorfall stimmen überein, daß es gewiß den Franzosen gelungen sein würde, die Wagenburg mit allen Pferden, selbst das Hauptquartier mit allem Zugehör nebst mehreren Batterien zu erobern, wenn nicht ihr Übermut zu früh Lärm gemacht hätte. Bei der Retirade ward Looz gefangen und am zweiten Tage darauf schon gehangen. Die Preußen sprachen noch zu Marienborn von dieser Exekution wie von einer Heldentat und mit einer Freude, die bewies, wie gut es für sie gewesen sei, ein Opfer zu finden, welches die Sünde ihrer Unachtsamkeit trug und an dem sie volle Rache ausüben konnten. – Betrachtungen über diese Hinrichtung eines Gezwungenen kann und wird jeder machen, dem Menschenleben teurer ist als einer durch tyrannische Disziplin ausgearteten Schießmaschine. Dies nämliche Schicksal war auch Schneidern bei der obigen Kettenanlegung gedroht. Man wußte lange nicht, was aus ihm geworden, man wußte nur, daß er nach vier Monaten noch in Ketten schmachtete. Man weiß nun, daß er zu Königstein bei Frankfurt verhaftet sitzt, aber was er gelitten, ist dem Herausgeber dieses bis jetzt unbekannt. In ebendieser Festung Königstein sitzen noch an etliche und fünfzig sogenannte Klubisten, ein großer Teil Mainzer Bürger ist anderswohin exiliert und des Elendes allenthalben viel. Der politische Fanatismus unsrer Zeit will Opfer und Rache, und diese Furie wütet in Deutschland sowohl als in Frankreich gegen Meinungen. Eine halbe Stunde nach Abnehmung der Ketten wurden die Arretierten bedeutet, daß sie sich zum Abmarsch bereithalten sollten. Mitter erinnerte nun, wie er am vorigen Tage schon einige Mal getan hatte, daß ihm bei seiner Arretierung dreihundert Stück Carolinen seien abgenommen worden, die er bei sich getragen, um in die Pfalz zu gehen und Vieh einzukaufen. Mitter war ein wohlhabender Landwirt von Kastel bei Mainz. Er war von seiner Gemeinde zum Maire gewählt worden, hatte während der Belagerung alle Sorge für Erhaltung der Ruhe und Sicherheit in seiner Gemeinde angewandt, die man nur fordern konnte. Er war ein ehrlicher Mann, und sein Verbrechen bestand lediglich darin, daß er, seiner Amtspflicht gemäß, die Exportationen von Kastel hatte vollstrecken helfen. Er bat um die Zurückgabe mit der dringenden Bemerkung, daß, da er ganz ohne Geld sei und nun fortgeführt werde, ohne zu wissen wie weit und wohin, man ihm doch für jetzt wenigstens etwas geben solle. Der Obrist hatte ihm abends sagen lassen, daß sich von seinem Gelde achtzehn Carolinen vorgefunden hätten, und er bat wenigstens um diese, erhielt aber nur drei, also fürs Hundert gerade ein Stück, mit dem Bedeuten, daß er das übrige zu einer andern Zeit wiedererhalten sollte. Vermutlich am jüngsten Tage. Denn nach 26 Wochen, solang M. erster Arrest dauerte (er wurde auf dem Wege von Ehrenbreitstein nach Erfurt freigegeben, soll aber darauf wieder zu Mainz arretiert worden sein), hatte er noch keinen Heller weiter erhalten. Der Gefangenwärter forderte nun auch seine Gebühr für das An- und Aufschließen, und zwar sechzehn Kreuzer oder dreieinhalb Groschen für die Person. Als die Arretierten ihm sagten, daß sie nichts mehr hätten, weil sie rein ausgeplündert wären, so drohete er, denen die Röcke auszuziehen, die noch welche hatten, also mußte Mitter hier sowie auf der bevorstehenden Reise nach Bingen von seinem aus dem allgemeinen Raub geretteten drei Carolinen das Geld hergeben. Noch hatten die Arretierten nichts über die Zunge gebracht, und doch war Speise ihnen höchst nötig. Seit dem vorigen Mittag, als sie Mainz verlassen hatten, hatten sie noch keinen Bissen erhalten. Durch die grausamen Tätlichkeiten am vorigen Tage, noch mehr aber die eben verflossene ruh- und schlaflose Nacht waren ihre Kräfte erschöpft, und der angesagte Marsch (noch wußte man nicht, wohin dieser gehn werde) machte sie sehr besorgt. Sie ließen dem Offizier, der ihnen die Marschordre überbracht hatte, sagen, daß sie unmöglich in dem Zustande abgehen könnten, wenn man ihnen nicht einiges Essen reichen würde. Die Antwort war: Er habe die Ordre zum Abmarsch zu überbringen, nicht aber für Essen zu sorgen. Durch die diebische Gefälligkeit der Soldaten Als die Arretierten einem der Soldaten, die sich (sobald von einem Trinkgeld die Rede war) zudrängten, einen Laubtaler gaben, um etwas Wein und Butterbrot zu holen, kam der Soldat über eine Weile mit dreizehn Xr. Rheinl. zurück und sagte, daß er das Verlangte dafür nicht schaffen könne. Den erhaltenen Laubtaler leugnete er kurz und gut ab. Ein anwesender Jude wechselte einen andern Laubtaler, man gab einem Soldaten wieder 12 Batzen und ein Trinkgeld, er brachte dafür auch wirklich – für fünf Batzen Wein und Butterbrot. erhielt man endlich etwas Wein und Butterbrot, welches in der Eil verschluckt werden mußte, indes man auch noch einige Hüte und Sacktücher einkaufte, um bei dem heißen Tag sich doch in etwas schützen zu können. Eine Anekdote vom Kerkerwärter verdient um ihrer Naivität und Wahrheit willen hier angeführt zu werden. Der Mann war seiner Natur nach plauderhaft und fing nun, nachdem er sein Schließgeld erhalten hatte, an, sein bißchen wohlgemeinten Rat mitzuteilen. Er sagte nämlich: »Ihr müßt euch gute Freunde erwerben, sonst seid ihr verloren.« Die Arretierten bemerkten hierauf, daß sie sich auf ihr gutes Gewissen und auf den Schutz der Gesetze verließen, aber der Mann erwiderte: »Was Gesetze? Gesetze sind nichts. Ich kenne die Welt, wenn ihr keine guten Freunde habt, so seid ihr verloren.« Der Mann hatte recht! Der Abzug von Marienborn erfolgte gegen elf Uhr morgens. Sieben Reiter waren zur Eskortierung von fünf unbewaffneten, ganz entkräfteten Menschen bestimmt. Beim Ausmarsche befahl der preußische Offizier, nur auf die C...n zu schlagen, wenn sie nicht fort wollten. Und wenn nun (wie es bei den Abgematteten und hauptsächlich bei dem bejahrten Kunz leicht hätte der Fall sein können) die Kräfte diese Armen ganz verlassen hätten, so wäre dies auch am Wollen gelegen! O Menschlichkeit gegen Wehrlose, bebe beim Worte: Preußischer Offizier vom gemeinen Schlag! Und kaum hatte die Eskorte den Ort passiert, als die Reiter Beweise gaben, wie sehr sie Befehle zu respektieren wüßten. Denn als Metternich die Riemen an den Schuhen einstecken wollte, die wegen der geraubten Schnallen herumflatterten und ihn am Gehen hinderten, so stach ein Reiter ihn mit der Klinge in den Rücken. Er hatte nur Hemd und Weste an, zum Glücke war die Klinge vorne breitauslaufend. Dies und schnelles Zurückziehen des Vorderleibes verhinderte das tiefere Eindringen, doch war mehrere Tage hindurch die Quetschung noch blau. Bis nach Findheim, eine Stunde von Marienborn, mußte der Zug durch zwei preußische Lager gehn. Die Offiziere dieser Lager, traten an den Weg, schimpften auf die pöbelhafteste Art, befahlen, nur geschwinde zu reiten, und wenn die C...n nicht fort könnten, sie an die Pferdeschweife zu binden. Schimpfen und den Gefangenen nach Möglichkeit wehe tun schien an diesem Tage das Feldwort bei den Preußen zu sein. So sehr die Gefangenen auch baten, bei der Hitze und dem fürchterlich brennenden Staube, den die Pferde um sie auftrieben, doch etwas langsamer zu reiten, so war doch alles vergebens. Der Unteroffizier antwortete, daß er sich durch langsameres Reiten den größten Verdruß zuziehen würde. Man möge nur jetzt alle Kräfte anwenden, nur solange aushalten, bis die Lager passiert wären, und wirklich wurde nachher ein etwas langsamerer Schritt vergönnt. Abends nach sechs Uhr traf der Zug in Bingen ein. (Die Fortsetzung folgt:) Entweder in diesem Journal oder in einer eignen Schrift wird dies Greuelgemälde vollendet werden. Hier ist nur ein Schatten vom Ganzen. Gräßlicher ist das Verfahren mit denen, welche sich nach erhaltener Anweisung unter preußischen Schutz begaben, und am allergreuelvollsten mit den Zurückgebliebenen in Mainz. Wer sich noch mit dem Gedanken schmeichelt, der Pöbel sei nur in Frankreich so raffiniert grausam, der wird, sich, hier widerlegt finden. Ein unaufgeklärtes Volk schont in seiner Rache weder des Unschuldigen noch des Minderstrafbaren. Mägde wurden für die Fehler ihrer Herren gestraft, Kinder mit den Köpfen auf die Altarstufen der Mönchsklöster gestoßen, achtzigjährige Greise gemordet. Das Militär plünderte, raubte nach Gutdünken. Sechs bange Tage dauerte diese Pöbeljustiz, Und dann erst wurde das Schauspiel gewechselt, weil Einerlei ermüdet. Wie nun die beraubten Unglücklichen in Kerker kamen, wo Blut und Unflat an den Wänden klebte, wo die Sonne aufs brennendheiße Dach schien und alle umsonst um einen einzigen Trunk Wasser baten, wie Mitleid Verbrechen und Grausamkeit Verdienst war – das alles sollen die Leser noch hören und schaudern. Man muß bei allen diesem den Umstand nicht vergessen, daß in Paris zwei Grafen von Leiningen als Geiseln für die Sicherheit der Rheinischen Patrioten saßen. Wahr ist es allerdings, daß unter den Anhängern des französischen Systems in Deutschland manche Menschen waren, die nicht aus reinen Absichten, die bloß aus Eigennutz den Bürgereid geschworen hatten, aber Männer wie Georg Forster, Hofmann, Blau, Winkelmann, Metternich etc. verdienen doch wohl, daß das Publikum sein Urteil nicht im allgemeinen fällt oder lieber solange suspendiert, bis eine ruhigere Zeit die Ursachen und Motive ihrer Handlungen an den Tag bringt. Und gesetztermaßen (was ich jedoch nie zugeben kann), alle diese Leute wären Verbrecher oder wenigstens Schwärmer gewesen, so muß doch auch der Verbrecher nach Formen gerichtet werden. Machen wir einmal den Pöbel zum Richter und zugleich zum Vollstrecker der Gerechtigkeit, selbst über Verbrecher, so erleben wir bald auch in Deutschland Septemberszenen. Es kommt dann nur darauf an, daß irgendein Bösewicht oder Phantast der Pöbelwut einen andern Gegenstand unterzuschieben weiß. Volkswut zum Werkzeug der Regierung zu machen, ist immer gefährlich. Der Pöbel ist ein Schwert, das zu plump ist, um es nach Willkür führen zu können. Bei der Bartholomäusnacht brauchten Könige das Volk, und die Jakobiner lenkten es nachher gegen die Könige. 4. Die französischen Emigranten in Deutschland und die deportierten Priester bei ihrer Wiederaufnahme in Frankreich Am 20. Oktober 1791 wurde die Zahl der wegen der neuen Konstitution ausgewanderten Franzosen im National-Konvent schon auf 40 000 angegeben. Diese Auswanderung war noch eine Kleinigkeit gegen die nachher erfolgten. Eine unglaubliche Zahl dieser Flüchtlinge wendete sich nach Deutschland, und ich glaube sehr mäßig zu rechnen, wenn ich die Zahl der jetzt in unserm Vaterlande noch befindlichen französischen Ausgewanderten auf 40 000 Menschen annehme. Unter diesen Ausgewanderten gibt es mehrere, welche aus einer natürlichen Abneigung gegen Unruhen und aus Ungewißheit des künftigen Schicksals ihres Vaterlandes, aus gegründeter Furcht an Robespierrens Tyrannei, und um gewisser Familienverhältnisse und politischer Verbindungen willen, welche ihnen den Haß der damaligen Machthaber zuziehen mußten, ihr Vaterland verlassen haben. Diese drei Klassen werden wahrscheinlich nach und nach zurückkehren. Sie verdienen eine ehrenvolle Ausnahme von den gewöhnlichen Ausgewanderten, und wer würde so hartherzig, so elend sein, mit einem Chartres, einer Sillery, einem Montesquieu nicht Tisch und Hütte willig teilen zu wollen. Wenn ich also von nun an im allgemeinen von Ausgewanderten rede, so verstehe ich darunter vormalige Adlige ausgewanderte und als eidscheu deportierte Priester. Die Anzahl dieser Menschen in Deutschland nehme ich (gering gerechnet) auf dreißigtausend Köpfe an, und darunter sind zuverlässig zwanzigtausend ganz arme. Welchen Einfluß mögen diese Menschen wohl auf die Sittlichkeit und den Wohlstand von Deutschland haben? Eine Frage, die um so wichtiger ist, da in Preußen nur wohlhabende, in Sachsen nur wenige, in Böhmen, Hessen, Hannover, den meisten sächsischen Fürstentümern etc. gar keine dergleichen Ausgewanderte geduldet werden und sich also jene Masse von Menschen auf wenige Städte und Dörfer konzentriert. Der Charakter der ausgewanderten Adligen (im allgemeinen, versteht sich) hat sich zu Koblenz gezeigt. Die Schilderung, welche im dritten Stück dieses Journals enthalten ist, die »Historie secrette de Coblence« können Belege abgeben, daß man nicht zuviel sagt, wenn man diese ausgearteten Menschen mit dem Beiwort »Abscheu der Menschheit« brandmarkt. Höhnender Stolz, tierische Brutalität gegen Andersdenkende und Geringere, Verschwendung, Sittenlosigkeit, Rachsucht, Haß gegen Aufklärung, Vernunft und Ordnung – dies sind die hervorstechendsten Eigenschaften dieser Flüchtlinge, solange sie noch Vermögen besitzen oder von ihren einheimischen Brüdern unterstützt werden. Jetzt sind sie arm, verachtet, fast aller Hoffnung beraubt, aber dadurch noch keineswegs gebessert. Der »Genius der Zeit« hat im Junius- oder Juliusstück dieses Jahres die Aufführung der Emigranten im Hannövrischen geschildert. Da ich in einer Stadt lebe, worin sich an fünfhundert fast durchgängig arme Geistliche und vielleicht an zweihundert arme Cidevants beinah ein ganzes Jahr lang aufhielten, so will ich einen kleinen Beitrag zu der Charakteristik dieser Menschen im Stande der Erniedrigung liefern. Ihre Hauptzüge waren und bleiben folgende:   1. Stolz. Keiner dieser Ausgewanderten war so klug geworden, die nicht mehr existierenden Orden und Ordenszeichen abzulegen. Der Chevalier im zerrissenen Rocke und abgeschabten Hute vergaß, auch wenn er sich die Wäsche selbst am Bache wusch, sein Kreuz, oder wenn dieses versetzt war, sein Band gewiß nicht. Ja man erzählt als zuverlässig, daß viele dieser Ausgewanderten von ihrem mühsam zusammengebettelten Gelde ein Stück ponceaurotes Band von Frankfurt kommen ließen, weil die Bänder an dem Orte ihres Aufenthalts nicht hochrot genug waren. Untereinander beobachteten sie alle feinen Unterscheidungen des Ranges, und Monsieur le Marquis redete, indem er sich beim Bäcker Brot holte, eine andere, weibliche, in gleicher Absicht dahin gekommene Figur mit »Madame la Comtesse« an. Sie verlangten, von den Einwohnern der Stadt ihrem Range gemäß gegrüßt und behandelt zu werden, und sprachen wie ehedem von Roturiers.   2. Haß gegen Deutsche. Äußerst wenige von diesen Cidevants geben sich die Mühe, den geringsten Fleiß auf die ihnen jetzt so nötige deutsche Sprache zu wenden. Sie verhehlen es ganz und gar nicht, daß sie die Deutschen herzlich verachten und die ihnen erzeigten Wohltaten als Schuldigkeit ansehen. Wo sie etwas suchen, verstecken sie ihre Brutalität noch einigermaßen. Unausstehlich werden sie aber, wo sie das Recht zu haben glauben, etwas fordern zu können. Mir ist ein Fall bekannt, wo ein Apotheker einem dieser Flüchtlinge umsonst Arzneien gab. Er verstand aber nicht genug von der französischen Sprache, um sogleich eine Anweisung zum Gebrauch geben zu können. Der Ausgewanderte hielt sich unverschämterweise darüber auf, daß ein deutscher Apotheker nicht vollkommen französisch spreche, und als dieser ihm zur Antwort gab, daß man nicht von den Einwohnern eines Landes verlangen könne, fremde Sprachen um Reisender willen zu erlernen, sondern daß die Reisenden der Sprache des Landes, worin sie sich aufhalten, mächtig zu werden suchen müßten, erwiderte der Cidevant, die deutsche Sprache sei eine Pferdesprache.   3. Salopperie. Die französischen Ausgewanderten beschweren sich, daß die Deutschen sie weit unbilliger behandeln als ihre Landsleute. Allerdings ist an diesem Vorwurf manches Wahre. Überhaupt werden ja Fremdlinge gemeinsüchtigen Leuten immer leichter zur Beute als Eingeborne, welche die Preise der Dinge kennen und so leicht nicht zu hintergehen sind. Auch mag eine Art von Nationalhaß gegen die Franzosen und besonders gegen die Ausgewanderten hierbei mitwirken. Aber gewiß ist es auch, daß diese Cidevants unverschämt in ihrem Betragen und in ihren Forderungen sind. Wer ein Haus besitzt, wird es gewiß lieber um einen geringen Mietzins an einen Deutschen als um einen beträchtlichen an einen Ausgewanderten vermieten. Der Unfug, den diese Letztern treiben, ist unglaublich. Die ekelhafteste Unreinlichkeit, die gewissenloseste Verderbung aller Meublen, ewiger Zank und Streit, immer vermehrte Forderungen – das hat jeder zu erwarten, der sich mit solchen Mietsleuten befaßt.   4. Unveränderliche Hartnäckigkeit bei verjährten Vorurteilen. Man sollte vermuten, die sechs Jahre lang andauernden Unfälle der Cidevants müßten endlich diese Herren wenigstens einigermaßen gebessert und sie dahin gebracht haben, über ihre Rechte, ihre ewigen Anmaßungen, ihre Bedrückungen der niedrigern Stände und dergleichen reiflicher nachzudenken. Dies ist so wenig der Fall, daß die Herren vielmehr in ihren Begriffen noch verwirrter, in ihren vermeinten Rechten noch abenteuerlicher, in ihrer Verachtung der nichtprivilegierten Stände bestärkter geworden sind. Jeder, der nicht ganz auf der Seite der alten Regierung mit allen ihren Mißbräuchen und Grausamkeiten ist, gilt bei ihnen für einen »Carmagnolen«, ein Lieblingswort, womit sie ungefähr das bezeichnen, was einige unsrer deutschen berüchtigten Schriftsteller »Illuminat« zu nennen pflegen, das heißt ein Mensch, der nicht gleich mit ihnen denkt und deswegen in keinem Staat geduldet werden soll. »II est Carmagnol« sagen sie zum Beispiel von jedem, der nicht ihre unbedingte Rückkehr nach Frankreich wünscht. Es herrscht in einer Stadt der »esprit carmagnolique«, wo man sie nicht nach Belieben wirtschaften läßt, »les bureaux sont infectés du jacobinisme«, wo man ihnen nicht erlaubt, Bediente wie Sklaven zu behandeln und dergleichen mehr. Merkwürdig ist es, daß diese Adligen, welche sonst immer im Munde zu führen pflegten, daß die Religion gut für die Kanaille sei, jetzt auf einmal im höchsten Grade fromm scheinen wollen, sobald sie beobachtet sind. Sie laufen von Kirche zu Kirche, bekreuzen sich vor und nach Tische und dergleichen. Die Geistlichen besitzen diese Eigenschaften in noch höherm Grade, und bei ihnen kommt noch hinzu:   5. Grenzenlose Unwissenheit. Es ist wirklich unglaublich und hat mich oft über die allgemein gepriesene Aufklärung des ehemaligen Frankreichs zweifelhaft gemacht, wie unendlich verwahrlost die ehemaligen Volkslehrer dieses Landes in aller Art von Kenntnissen sind. Man trifft bei diesen Menschen weiter nichts als die Spuren der Klostererziehung, ein barbarisches Latein und einen festen Glauben an die abgeschmacktesten Dogmen ihrer Kirche an. Geschichte, Erdbeschreibung, Kenntnis der Natur, Begriffe von Recht und Unrecht sind ihnen ganz fremd. Sie glauben an Hexen und Gespenster, kurz, nur unter unseren einfältigsten Mönchen trifft man so unbeschreiblich elende Menschen an als diese Pfaffen. Möchten doch die Herren, welche das Salz der Erde so gerne dumm machen wollen, bedenken, daß in der durch solche Volkslehrer verwahrlosten Erziehung und Aufklärung des gemeinen Mannes in Frankreich einer der hauptsächlichsten Gründe der Leichtigkeit und Grausamkeit liegt, mit welcher der Pöbel sich zu Ausschweifungen mißbrauchen ließ. Unglücklich ist der Regent, welcher durch Pfaffentrug sein Volk im Zaume halten will! Mehr, als er jetzt den vernünftigen Rechten der Untertanen nachgeben muß, verlangen dann fanatische, nie zu befriedigende Priester von ihm, und, will er gegen diese einmal seine Würde behaupten, so wiegeln sie das blinde Volk so schnell und durch ebenso gewiß berechnete Operationen auf, als die Jakobiner es in Frankreich aufwiegelten. Eine unzertrennliche Folge der bei den französischen Priestern im allgemeinen herrschenden Dummheit ist auch   6. eine außerordentliche Bigotterie, welche wirklich allen Glauben übersteigt. Der Verfasser dieses Aufsatzes war Zeuge, daß solche Geistliche beim Eintritt in einen Gasthof sich sorgfältig erkundigten, welcher Religion der Wirt zugetan sei, und mit allen Zeichen des äußersten Entsetzens und Abscheues sich schleunig entfernten, als sie hörten, es sei ein Protestant. Die im vierten Stück dieses Journals angeführte Anekdote von einem solchen Priester, der aus einem protestantischen Dorfe, welches ihn aus Mitleiden ernährt hatte, plötzlich aufbrach, weil es ihm sein Gewissen nicht erlaube, länger unter ewig verdammten Ketzern zu bleiben, ist wörtlich wahr. Diese Elenden gingen von dem Tische ihrer protestantischen Wohltäter, noch satt, vom ketzerischen Gelde gekleidet, umher zu ihren Glaubensbrüdern, beschworen die reichern bei ihrem Seelenheile, aus ketzerischen Häusern zu ziehen, den Ketzern keinen Verdienst mehr zu verschaffen und dergleichen mehr. Diese Bigotterie erzeugte auch bei ihnen   7. einen unbeschreiblichen Undank gegen ihre Wohltäter. Alles was sie umsonst erhielten, Wohnung, Kleidung, Speise, betrachteten sie als einen schuldigen Tribut. Einige verlangten ungestüm, beinahe mit Gewalt, diese oder jene Kleinigkeit zum Geschenke. Gewohnt der fetten Klosterspeisen, war ihnen die gute deutsche Hausmannskost zu schlecht, und sie betrugen sich bei den braven deutschen Bürgern, welche diese Taugenichtse über ihre Kräfte bewirteten, wie Soldaten, welche auf Einquartierung liegen. Fanden sie einen bessern Tisch, so verließen sie ihre Wohltäter nicht nur ohne einiges Zeichen von Erkenntlichkeit, sondern sogar noch mit Vorwürfen. Von ketzerischen Tischen satt, von ketzerischen Weinen noch halb trunken, versammelten sie sich gewöhnlich nach Tische in eine Art von geistliche Synod, untersuchten mit einer lächerlichen Ernsthaftigkeit die Frage, ob ihre ketzerischen Ernährer wegen ihrer Wohltaten einst in der Hölle etwas kühler sitzen möchten, und entschieden dahin, daß diese guten Werke bloß zum Verderben der Abtrünnigen gereichen könnten. Protestantische Prediger, welche diese faulen Mönche gefüttert hatten, wurden zum Abschiede von ihnen mit Schmähbriefen belohnt. Zu diesem Undank gesellte sich noch   8. eine außerordentliche Gefräßigkeit und Mangel an aller Lebensart. Wer bei diesen Geistlichen die bekannte Feinheit der Franzosen zu finden glaubte, hatte sich häßlich getäuscht. Kein deutscher Bauer der niedrigsten Klasse kann so weit in allen dem zurück sein was Lebensart heißt. An Salopperie übertrafen sie alles, was ich noch kenne. Ihre Gefräßigkeit, ihre ekelhafte Unreinlichkeit, ihr Umgang mit den niedrigsten Gassendirnen machte sie allgemein verhaßt. Zu allen diesen schönen Eigenschaften kam noch   9. eine alles übertreffende Faulheit und Arbeitsscheue. Einige der ausgewanderten Adligen sind klug genug gewesen, den Umständen nachzugeben und sich teils durch kleine Handarbeiten, teils aber auch durch Erlernung eines Handwerks einigen Unterhalt zu verschaffen. Unter allen den Geistlichen aber, die ich kenne und unter denen viele derbe und vierschrötige Bengel anzutreffen sind, kenne ich keinen, der sich zu irgendeiner Art Handarbeit entschlossen hätte. Brevierbeten, verhetzen, sich an alte Betschwestern anschmiegen, Uneinigkeiten in Familien stiften – das ist es, was diese Menschen als die einzige Art Arbeit ansehen, welche sich für sie schickt. Mir sind Fälle bekannt, wo diesen Leuten Arbeit angeboten wurde, die gewiß nichts weniger als unanständig war, und sie deutlich erklärten, daß sie ein Recht auf Fütterung hätten, ohne von ihrer Seite etwas dagegen zu tun. So zum Beispiel machte ein Apotheker einem solchen Geistlichen, der etwas von der Chemie verstand, den Antrag, ihm gegen freie Wohnung und Kost bei seinen chemischen Operationen behilflich zu sein. Der Pfaffe erklärte geradezu, er wolle nicht arbeiten. Und dies Gesindel, das mit allen diesen lobenswürdigen Eigenschaften noch den entschiedensten Haß gegen sein Vaterland vereint, diese raubsüchtigen Faultiere, welche ihre Rachsucht gegen alle Bürger Frankreichs auch jetzt in ihrem Elende nicht verhehlen, aus deren Munde ich hundertmal gehört habe, daß der National-Konvent hingerichtet, Paris geschleift, Frankreich mit Feuer und Schwert verheert werden solle, sobald sie wieder den Eingang in ihr Vaterland finden würden – dies Gesindel sollten die Franken wieder zurückrufen? Eine unbegreifliche Schwäche hat die gegenwärtig in Frankreich herrschende gemäßigte Partei vermocht, der Einwanderung dieser Priester durch die Finger zu sehen. Man hat, sonderbar genug, geglaubt, diese fanatischen Pfaffen gleichsam als Freiheitsbataillons gegen die Terroristen brauchen zu können, und man hat nicht bedacht, daß eben diese tonsurierten Ungeheuer vielleicht die Republikaner nötigen werden, das Schreckenssystem wenigstens in einiger Hinsicht wiederherzustellen. Man sollte glauben, diese Priester, denen man die Rückkehr zu ihrem Herde, denen man Freiheit des Gottesdienstes wieder erlaubt hat, würden ruhig und stille leben. Die Erfahrung so vieler Jahrhunderte reichte nicht hin, den Konvent zu belehren, daß Roms Priester nur im Grabe ihr Gift verlieren. Es brauchte einer neuern, schrecklichern Erfahrung. Sie ist gemacht. Schon berichten unsre Zeitungen, wie die Menschen, welche erst noch so menschlich, so gerecht, so mitleidig waren, welche der Abscheu vor den republikanischen Greueltaten aus Frankreich trieb, an einem Tage dreiundvierzig Republikaner vom Felsen herab in die Rhône stürzen. Carriers, des Unmenschen, Greueltaten hörten doch mit dem Tode der Schlachtopfer auf. Priester-Rache schändet auch noch die Leichname. Denn an diese wurden Tafeln befestigt, mit dem Befehl, daß niemand sie begraben solle, der sie finde. – Um dies Schauspiel recht gemächlich ansehen zu können, waren auf dem Felsen Sitze für die Zuschauer errichtet. Diese schöne Szene schlage ich dem Herausgeber des »Revolutions-Almanachs« zum Gegenstande eines Kupferstichs; als Gegenstück zu dem Einzug Suworows in Warschau, vor. Wenn man solche Greueltaten mißbilligt, so schließt Herr Reichard, dieser Meister in der Kunst, alles zu verdrehen, nach einer nur ihm eignen Logik daraus, daß man Carriers Greueltaten beifällig ansehe. Welcher Mensch könnte das wohl! Aber Herrn Reichard scheinen die Prager Massaker nur höchstens eine unschuldige Arznei gegen den Jakobinismus zu sein, und er empfiehlt unsern Herrschern diese kleinen politischen Abführungsmittel als Mittel gegen Revolutionen. – Ich kann mich nicht enthalten, noch eine andere Schilderung des Betragens der geduldeten, zurückgekehrten Flüchtlinge in Frankreich hier einzurücken. »Seit den Zeiten der Reformation«, schreibt ein in Frankreich reisender Deutscher, »waren die Diener der katholischen Kirche nie geschäftiger, die Ausbreitung des Reichs Christi zu befördern, als in den letzten fünf Jahren. Denn ihre zeitliche Glückseligkeit war mit dem Seelenheil ihrer Beichtkinder unzertrennlich verbunden. Sie arbeiteten aber in keiner Epoche der Revolution mit solchem Eifer und – in der Sprache der Kirche zu reden – niemals mit so vielem Segen wie in dem gegenwärtigen Zeitpunkte. Seit der Herrschaft der gemäßigten Partei sind sie in ganzen Zügen wieder nach Frankreich gegangen und haben das Land allenthalben wie Heuschrecken überströmt. Sie verdunkeln, wie diese, durch ihre Streifereien das Licht der Sonne und zerstören alles Gute; was die Philosophie in Frankreich seit 1789 aussäete und das allenthalben so glücklich aufzukeimen begann.« Wer nicht Augenzeuge von den Auftritten ist, die sie allenthalben verbreiten und veranstalten, dem scheint der unersetzliche Schaden, den sie dem Wohl und der Ruhe des Innern verursachen, unglaublich. Sie sind die Furien, die wie Engel des Lichts einhergehen und Feuerbrände unter die friedlichen Bürger werfen. Gefährlichere Meutmacher gibt es unter der Sonne nicht mehr. Sie predigen Krieg und Aufruhr im Namen Jesu Christi und empören den Sohn wider den Vater, indem sie ihm das Panier des Kreuzes vorhalten und unter Gebeten und Psalmen den Verstand in Schlummer wiegen. Man zieht sich vielleicht durch diese Behauptung bei einigen frommen Seelen den Verdacht der Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit zu, indem man ein so allgemeines Urteil über eine große, durch ihr Amt so besonders ehrwürdige Menschenklasse ausspricht. Allein diese in den Klöstern erzogene Rasse ist sich fast durchgehends gleich und außer einigen Ausnahmen, wo die größere Geisteskraft das Gängelband des Rituals zerreißt, unverbesserlich. Das beweist auch der Umstand, daß die größten Blutsäufer und Mörder unter Robespierre – ehemalige katholische Priester waren. Nur der Mönchsgeist kann einen Menschen herzlos genug zu solchen Greueln machen. Lebon, Chabot, selbst (daß ich diesen Namen hier nennen muß!) Schneider zeugen dies. Der Ordensgeist erstickt jeden Funken des Gemeingeistes. Das Zölibat trennt sie von dem süßesten vertraulichen Familienverein. Das Vaterland wird ihnen fremder, je wichtiger und größer der Einfluß der Kirche wird. Sie betrachten sich als Glieder einer geistlichen, allherrschenden Monarchie, deren Erhaltung durch jede Maßregel gesucht werden muß, weil der Zweck die Mittel heiligt, Diesen Satz, der alle Bande der bürgerlichen Glückseligkeit zerstört, predigt Georg, König von England, und sein Minister Pitt vom Throne ohne Scheu vor einem ganzen Volke. Beide scheuen sich nicht, laut zu bekennen, daß sie auf angestiftete Meutmacher im Innern Frankreichs ihre größte Hoffnung gesetzt haben. und in Wahrheit sind sie auch alle Teilnehmer und Mitglieder einer großen Verschwörung gegen die Herrschaft der Vernunft. So wie der Franzose von einem Extrem zum andern steigt, wollen wir, nach dem eisernen Jahre des Robespierre, auf einmal das Goldne Zeitalter der Revolution herbeiführen und, um die Lieblingsidee der Philosophen, allgemeine Freiheit des Gottesdienstes, zu realisieren, allen entflohenen Priestern einen Freibrief erteilen. So glaubte man, nebenbei aus Politik, handeln zu müssen, um einige Popularität zu gewinnen und den großen abergläubischen Haufen für die herrschende Partei zu erobern, indem man den räsonierenden Sansculottismus zu unterjochen suchte. Die Tempel wurden wieder geöffnet, die Beichtstühle füllten sich an, und die Ablaßkrämerei erschien unter einer neuen Gestalt. Statt der Amulette teilte man weiße Kokarden aus und vergab die Sünden unter der Bedingung, sich gegen den Konvent zu verschwören. Ermahnungen, Drohungen, Tränen und Flehen, Versprechungen, Wunderkuren und Prophezeiungen wurden angewandt und hervorgesucht, um die Leichtgläubigkeit des gemeinen Landvolks zu bestechen. In den Cevennen gibt es Priester, welche unter der Beschwörungsformel »im Namen Ludwigs des Sechzehnten, des heiligen Märtyrers«, Krankheiten heilen und Teufel austreiben. Frankreich war überflüssig mit Priestern versehen. Die Bildung des Volkes gewann auch ohne ihr Zutun schon einen sichern Gang. Es war kein Bedürfnis, die deportierten und emigrierten Priester wieder einzuladen. Es war übel angewandte Menschlichkeit, denn sie waren, wie alle emigrierte Adlige, Feinde des neuen Systems und folglich Feinde des Staats. Solange die Gegenrevolution nicht bewirkt war, durften sie den Besitz ihrer Güter nicht wieder zu erlangen hoffen, und doch rief man auf die unbedachtsamste Art nicht nur so viele Verschworne gegen den Staat, sondern die Chefs der Verschwörung, die Prediger des Aufruhrs und die Werber der Gegenrevolution herein. In diesem Augenblicke, wo die Urversammlungen über die neue Konstitution entscheiden sollen, ist ihr Einfluß am größten und sichtbarsten. Sie schreiben Volksblätter, verbreiten Anschlagzettel, machen Spottgedichte und Erbauungslieder. Und zwar mit der nämlichen Unverschämtheit, womit die zurückgebliebenen Wölfe in Schafskleidern unter Robespierrens Regierung die gemäßigten Republikaner verfolgten. Der nämliche Pfaffe, welcher Marats Volksblätter in Marats Geiste fortsetzte, schreibt jetzt gottselige Ausfälle gegen die Philosophie. Der infame Etienne, Verfasser der berüchtigten Petition der Anarchisten gegen die Gironde, ist jetzt auch Advokat der Royalisten. So sieht man denn augenscheinlich, wie Könige und Priester durch ihre Werkzeuge erst Pöbeluntaten verursachen, um denn wieder gegen diese Pöbeluntaten zuerst schimpfen und das Volk unter Peitsche und Krummstab zurückführen zu können. Sie mischen sich in alle Gesellschaften der niedern Klassen, drängen sich zu den Toiletten der Damen und regieren das Herz ihrer Männer durch den Leitfaden, den sie mit vieler Geschicklichkeit in ihrer Hand zu führen wissen. – Da, wo sie die Urversammlungen nicht für das Königtum gewinnen können, denn dies ist nur in Bretagne und Provence zu erwarten, wo ihre Räuberhorden die Versammlungen insultieren, suchen sie Zerrüttungen und Zwiespalt einzuführen und den innerlichen Krieg von allen Seiten anzufachen. In der Gegend von Lyon, bis an die Grenzen der Schweiz, leiten sie eine neue Empörung ein. Einige tausend Vagabunden, angeführt von Exadligen und Offizieren der Linientruppen, durchstreifen Flecken und Dörfer und hausen weit ärger als die ehemalige berüchtigte Revolutionsarmee. Sie dringen in die Wohnungen der Pächter und Käufer von Nationalgütern ein, ermorden die Besitzer unter abscheulichen Martern, schänden ihre Gattinnen und Töchter und rauben, was sie vorfinden. Menschen, die kaum entrissen dem fürchterlichsten Elend, kaum wieder eingeschlichen in ihre Hütten, schon von neuem auf Verschwörungen denken, schon wieder ihr Vaterland mit Blut zu beflecken suchen und lieber heimatlos herumirren, als sich den Gesetzen der Notwendigkeit und Ordnung fügen wollen, werden sicher in keinem Staate gute Bürger sein. Welchen Einfluß sie auf Deutschlands Wohl haben, hat sich zu Koblenz gezeigt (s. das dritte Stück dieser Zeitschrift). Wo jene luxuriösen Verschwender ihr Wesen getrieben haben, ist die Moralität auf Jahrzehnte verdorben, das weibliche Geschlecht verführt und vergiftet, der Pöbel durch ein verderbliches Beispiel zu Ausschweifungen hingerissen worden. Jetzt sind sie arm und verlassen, und dennoch fügen auch die Armen uns immer noch beträchtlichen Schaden zu, denn sie drängen sich an unsre Großen, schmeicheln diesen, verleiten sie zu Mißtrauen gegen ihre Untertanen, zu falschen, unzweckmäßigen Maßregeln, sie regen durch allerlei teuflische Künste den glücklicherweise fast erstickten Religionshaß auf, nähren Bigottismus und Aberglauben und vernichten den Samen des Guten, welchen aufgeklärte Volkslehrer mühsam ausgestreut haben. Diese ehemals eine gute Lebensart gewohnten und ganz arbeitsscheuen Menschen müssen notwendig durch ihr Elend endlich zu einem Gegenstand der peinlichen Gerichte werden, sich in Spitzbuben, Gauner, Räuber und Mörder umwandeln. Schon ist in Leipzig wegen einer vorgefallenen gräßlichen Mordtat der größte Verdacht auf einen Ausgewanderten gefallen. Prellereien dieser Leute von allerlei Art sind nichts Seltenes, und die Zukunft wird uns, hauptsächlich wenn das Condéische Korps noch in alle Welt zerstreut und England seiner donquichottischen Landung satt wird, noch lehren, welche Rute wir uns durch einige zwanzigtausend brotlose Tagediebe aufgebunden haben. Sie entziehen unsern deutschen bedürftigern, schuldlosen und nur aus Mangel an Arbeit elenden Armen die Wohltaten guter Leute. Bei Gott! Ich gönne jedem Unglücklichen Hilfe, Trost und tätige Unterstützung, sei dieser Unglückliche auch ein schlechter Mensch, sei er der Wohltaten auch nicht ganz würdig, sei er auch mein persönlicher Feind, genug – er ist Mensch. Aber geschmerzt hat es mich in der Seele, wenn ich arme Deutsche, Mütter mit sechs Kindern, die nur aus Mangel an Arbeit mit Tränen der Scham in der Dämmerung, des Bettelns ungewohnt, bescheiden um eine kleine Unterstützung baten oder eine Kleinigkeit zum Verkauf ausboten, von eben den Menschen hartherzig abweisen sah, welche drei bis vier dieser verlaufenen Pfaffen an ihrer Tafel nährten. Geschmerzt hat es mich, als ich einen solchen tonsurierten Schurken, der die gute deutsche Hausmannskost unter französischen Spöttereien verschmähte, über andere deutsche Arme als »gueux«, als »fripons« schimpfen hörte. Geschmerzt, als ich diese brutalen Ausgewanderten, diese bettelhaften Ludwigsritter und Mönche mit einer Art Verehrung von Menschen behandeln sah, welche denjenigen für unverschämt gehalten haben würden, der ihnen vorgeschlagen hätte, etwa einen armen Handwerksburschen an ihrem Tische sich sättigen zu lassen. Der arme deutsche Arbeiter in einer durch den Krieg ins Stocken gekommenen Fabrik ging in Lumpen einher und wurde abgewiesen, während verlaufene Pfaffen und Nonnen neu gekleidet und ihr wollüstiger Gaumen mit den schmackhaftesten Speisen gekitzelt wurde. Als die armen französischen Gefangenen in der härtesten Winterkälte, verwundet, mit dem Tode ringend, unter Pestdüften der Verwesung, unbekleidet, an ihrem eignen, halb gefrornen Blute klebend, auf Karren durch halb Deutschland geschleppt wurden, Gefangene, unter denen sich reiche, in allen Bequemlichkeiten erzogene, der feinsten Genüsse des Lebens und keine Entsagungen gewohnte Kaufmannssöhne aus Lyon befanden, da sahen hartherzige Deutsche dieser Menschenschinderei, die ein Engel mit Blut in das Tatenverzeichnis eines gewissen Feldherrn eintragen wird, ruhig und gelassen zu. Da freueten sich vornehme Unmenschen der gefolterten Bürger und beklagten, daß diese Hunde nicht noch mehr leiden könnten. Da munterten gefühllose Offiziere ihre noch fühlloseren Schießmaschinen zu geschärftem Mißhandlungen gegen diese Wehrlosen, zum Krieg Gezwungenen auf, da ward jede Träne, die in eines Menschen Auge blinkte, als Jakobinismus, jeder Bissen Brot, einem Hungernden in der Todesnot gereicht, als Hochverrat an der Sache der Fürsten denunziert. Siehe die »Laterne für die Deutschfranzosen«, ferner »Wanderungen eines Deutschen in die Rheingegenden«, das abscheuliche Produkt des mönchischen Parteigeistes. Entartete Tiger in Menschengestalt (Fürsten oder nicht Fürsten gilt gleich) weideten sich in ihren von Menschenhänden gebauten Palästen an dem Anblick der Unglücklichen, die es gewagt hatten, sich nicht von ihnen ferner zertreten lassen zu wollen. Nicht so die edle Herzogin von Sachsen-Gotha. Sie besuchte selbst die Gefangenen, sorgte selbst für sie. Gute Fürstin! Dank dir für diesen Besuch im Namen der Menschheit! Ehre dir dafür im Herzen jedes deiner Mitbrüder. Die schändliche Anmerkung, welche der bübische Verfasser jener »Wanderungen etc.« über diese menschliche Tat macht, ist ein Beweis für ihre Güte. Und der dumme Pöbel gaffte und freuete sich des Elends, seiner Söhne nicht denkend, die in den Krieg des Unsinns getrieben, dem Feinde in die Hände gefallen waren und im nämlichen Augenblicke vielleicht von dem Vater oder Bruder dieser langsam zu Tode gemarterten Unglücklichen einen Bissen Brot, einen Labungstrank erhielten, oh, die Menschheit bebt zurück vor diesen Greueln! Diese geilen Mönche, diese stolzen Ludwigsritter hingegen empfangen jetzt Brot aus der Hand der Bürger, die sie sonst mit Füßen traten, denn jene Unglücklichen hatten für ihr Vaterland gefochten, diese haben es verraten. Jetzt endlich scheint man der Ernährung der Ausgewanderten fast überall überdrüssig zu werden. Ob es aus Gründen der Vernunft oder deswegen geschieht, weil man befürchtet, es mögten demokratische Franken sich unter dieser Maske einschleichen, die Sterne und Kometen möchten im allgemeinen verächtlich werden, weil man sie auf dem abgeschabten Rocke mancher Bettler erblickt oder ob man der Republik dadurch Cour machen will – dies alles will ich nicht genau untersuchen. Verfährt man aber auch bei dieser Entfernung der Ausgewanderten mit Billigkeit? – Ich glaube nicht. Erst als Artois und Condé ihr Wesen in Deutschland trieben und an der Spitze des neuen Kreuzzuges standen, lockte man viele dieser Leute mit täuschender Hoffnung aus ihrem Vaterlande. Man drohte in dem Vandalen-Manifest jedem getreuen Bürger mit Feuer und Schwert, man versprach jedem Verräter Schutz und Unterstützung. Die protestantischen Preußen setzten entflohene Mönche in Longwy und Verdun unter klirrenden Bajonetten wieder in ihre ehemaligen Stellen ein. Die Ludwigsritter und Bischöfe fanden überall freie Tafel und Festins. Bald aber wandte sich das Blatt. Nur in wenigen Ländern duldete man noch diese Ausgewanderten eine Zeitlang. Plötzlich, vor dem Anfange des Winters, befahl man den Elenden, ihren Zufluchtsort zu verlassen und schob sie, wie einen Schub, dem Nachbarlande zu. Auch diese plötzliche Entfernung ist unbillig, ist ungerecht. Die meisten wissen aber dennoch dazubleiben. Viele waren in den Niederlanden, als die Franken dort siegten, und haben bei ihrer damaligen Flucht von der kaiserlichen Regierung Pässe als Niederländer erhalten, um, wenn sie dennoch etwa den Siegern in die Hände fielen, nicht als Ausgewanderte behandelt zu werden. Diese Pässe zeigen sie jetzt vor und geben sich als Brabanter aus. Nach meiner Einsicht wäre ein allgemeines Gesetz gegen diese Ausgewanderten, folgenden Inhalts, billig und nötig: Jeder Ausgewanderte ist entweder reich, oder arm. Ist er so reich, daß er von seinen Interessen leben kann, und kann er dies bescheinigen, so ist diesem Ausgewanderten bei einem ruhigen, stillen, bürgerlichen Leben, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung der Aufenthalt in Deutschland zu gestatten, daß er auf keinen Fall Anspruch auf ein Amt, Wie leider an manchen Orten der Fall ist, wo Emigranten armen Einwohnern kleine Stellen wegnehmen. eine Stelle, eine Unterstützung von seiten des Staats Rechnung machen könne. Ist der Emigrant aber arm, so fragt sich, ob er 1. alt und gebrechlich ist. In diesem Falle gehört er entweder unter die Klasse von Ausgewanderten, welche nach Frankreich zurückkehren können, falls sie sich den Gesetzen fügen wollen, und wird dann in Deutschland nicht geduldet, oder die Rückkehr ist ihm durch ein Dekret versperrt, und er wird in den Klöstern nach einer klugen Austeilung versorgt, oder 2. ob er zur Arbeit fähig ist. In diesem Fall muß er anzeigen, ob er eine Kunst oder ein Handwerk oder irgendeine andere Geschicklichkeit besitze und ausübe, durch welche er sich nähren kann und will. Besitzt er diese, so wird in jeder Stadt einigen dieser Ausgewanderten ein Zufluchtsort gestattet, jedoch ihnen alles Betteln verboten und von der Obrigkeit über ihr Betragen genau gewacht. Auch müssen sie alle Unterscheidungszeichen ihres vorigen Standes sogleich ablegen. Besitzt aber der Ausgewanderte keine Kunst, kein Handwerk, oder will er nicht arbeiten, so wird ihm im ersten Fall Unterricht gegeben, im zweiten aber sogleich zum Soldaten weggenommen, in Zucht- und Arbeitshäuser gesteckt und im Fall er sich nicht ruhig beträgt, aus allen deutschen Ländern verwiesen, nachdem er vorher mit dem Zeichen »F«, Faul, auf der Stirne gebrandmarkt worden, um sich nicht wieder einschleichen zu können. Ein solches Gesetz würde uns von einer Menge unnützer Tagediebe befreien, ohne die Pflichten der Menschlichkeit zu verletzen. 5. Eingang Der Krieg, welcher jetzt geführt wird, ist von allen andern bisher geführten Kriegen ziemlich verschieden. Statt daß gewöhnlicherweise die Bürger der Staaten dabei ganz ruhig sein konnten, ob dieser oder jener siege, ob eine rote oder blaue oder weiße Fahne künftig von ihren Wällen wehe, statt daß sie sich sonst in der Lage einer Herde Schafe befanden, deren Eigentümer mit einem andern über ihren Besitz einen Prozeß führte, dessen Ausgang den Schafen gleichgültig sein konnte, statt dessen sind wir jetzt alle bei dem großen Kampfe interessiert, der fast noch mehr mit der Feder als mit den Waffen geführt wird. Wir haben in Deutschland wahrhaftig fast soviel Parteien als unsre Nachbarn in Frankreich. Wir haben unsre Enragés, unsre Dolchritter, unsre Jakobiner, unsre Feuillants und, dem Himmel sei's geklagt, unsre Eudämonisten! Der Berg hat auch bei uns gesiegt, das Schreckenssystem ist auch bei uns organisiert. Unsre Marats schreien nach Blut, und Schafotte und Kerker warten auch bei uns auf ihre Opfer. Warum fielen Hebenstreit, Jutz, Riedel, Prandstätter? Welcher Kerker birgt Kröbern? Wo sind die zweiundsiebenzig Vertriebnen aus Mainz? Warum schweigen so viele Stimmen ganz, die sonst so laut und schön sprachen? Auf welches Opfer lauern jene schrecklichen Türme, die dort, der Bastille ganz ähnlich, in wenig Monden erbaut werden? Woher stammen jene schrecklichen Befehle, die Tod und Verderben atmen und mit zehnjährigen Ketten die versäumte Pflicht der Angeberei, mit dem Schwerte die laute Klage der Unterdrückten bestrafen? Wer sind die Richter im Verborgnen, die, gleich der heiligen Feme, im dunkeln verhören, im dunkeln verdammen? Ich frage, und niemand wagt es, zu antworten. Nur im Norden Deutschlands gibt es noch Männer, die laut zu rügen wagen, und Regenten, die das Licht nicht scheuen. Der Süden ist bereits unterjocht. Da ziehn Weiber den Pflug, und die Männer bluten für Pitt, da treibt die Jagd über die Saatfelder, da öffnet eine Staatsinquisition verschlossene Türen, da belauschen Laurer die arglosen Spaziergänger. Da verschließen sich auf ewig scheußliche Kerker und über ihren Türen steht das Wort »Staatsgeheimnis«, das den Frager zurückschreckt. Da wird der Diener selbst souveräner Fürsten verhaftet und wartet sechs Wochen vergeblich auf Verhör. Da irrt der Priester umher, den Chapuis Blut verfolgt, und hetzt Fürsten auf gegen ihre Bürger. Darum rufe, wem Wahrheit, wem Gerechtigkeit, wem wahre Freiheit teuer ist, laut, ehe es zu spät wird! Darum lasse der Arzt nicht den Kranken, wenn er gleich vor der Sonde zurückbebt! Es ist besser, daß er jetzt Schmerzen fühle, als daß das Übel unheilbar werde! Darum erhaltet das Licht, wo noch Licht ist, und erhellet das Dunkel, wo das Licht schon verlöscht ist. Wohlan denn, Schildwache, auf deinen Posten! Hüte dich, nie zu schlummern, indes der Feind auf Überfall oder auf heimliches Beschleichen sinnt! Rufe, wo Gefahr ist, und fällst du auch als das erste Opfer, du bist nicht verloren, wenn du nur erst deine Pflicht getan hast. 6. Ein Wort über den nahen Frieden Endlich erschallt denn nach fünfjährigem blutigem Kampfe, nachdem ganz Europa an Menschen und Geld erschöpft ist, das Gerücht von einem bevorstehenden allgemeinen Frieden, von einem Frieden, den man vor fünf Jahren nicht in Deutschland verlangen durfte, ohne als Jakobiner verschrieen zu werden. Von deutscher Seite sind während dieses Krieges drei Feldherren vom Schauplatz abgetreten, davon der eine gleich nach Paris marschieren wollte, weil man damals den Einmarsch in Frankreich für so leicht als die Croisade nach Holland ansah, wo gewisse Silberservice einst so leicht zu erbeuten waren. Der zweite dieser Feldherren, der Prinz von Coburg, zeigte sich schon bei Gelegenheit der Verräterei des Generals Dumouriez als ein Mann von zu gemäßigter und vernünftiger Denkungsart, als daß er sich länger zum Werkzeuge der unausführbaren Absichten der Koalition hätte erniedrigen können. Der dritte, Graf Clairfayt, nach dem Urteil aller Sachverständigen einer der vorzüglichsten österreichischen Generale, hatte seit fünf Jahren immerfort dauerndes Unglück, und erst gegen das Ende des Jahres 1795 errang er sich einen Lorbeerkranz, der um desto herrlicher grünte, da er der einzige war, den die koalisierten Mächte aufzeigen können. Freilich weiß man jetzt, daß er nicht auf der schönsten Erde wuchs, daß die Deutschen diesen Sieg minder ihrer Tapferkeit als dem verräterischen General Courtot, der Demarkationslinie und den fränkischen Kommissarien zu danken haben, welche die braven Verteidiger der Republik darben ließen, indes die zurückgekehrten und in die wichtigsten Stellen eingeschobenen Ausgewanderten mit Hilfe der royalistischen Konventsdeputierten alle Kräfte anwandten, die innere Regierung zu desorganisieren und alle Offizierschargen mit ihren Genossen zu besetzen. Aber bei einem Generale der Koalisierten ist es ja schon Verdienst genug, den Zweck durch alle möglichen Mittel zu erreichen. Auch Clairfayt tritt nunmehr vom Schauplatze ab und wird, falls sich die Friedensunterhandlungen zerschlagen sollten, die künftigen Lorbeern der Österreicher nicht teilen. Vermutlich liegt bei diesem Abschied eine Hofkabale zugrunde. Entweder nämlich ist dieser General aufrichtig genug gewesen, dem Kaiserlichen Hofe zu entdecken, daß ähnliche große Coups nicht öfter erfolgen möchten, oder der Hofkriegsrat hat es übelgenommen, daß Clairfayts Dispositionen besser glückten als die des Kollegiums, oder (welcher Fall ebenso möglich ist) man ist überzeugt, Belgien in kurzem wieder zu erobern und will diese glänzende Tat lieber einem Prinzen gönnen. Man rechnet auf die große Partei, welche der Erzherzog Karl in den Niederlanden haben soll, und gibt diesem den weltbekannten Obersten Mack zum Beistande, dessen berühmte Pläne noch jedermann in frischem Andenken und in Böhmen sogar zu einem Volksliede geworden sind. Hoffentlich wird ein ernstlicher Friede uns um das Vergnügen bringen, die großen Entwürfe Macks ausgeführt zu sehen. Ich sage »ein ernstlicher Friede«, denn bis jetzt bin ich noch überzeugt, daß der Friede, den Toskana und Preußen schlossen, Kabinetts-Friedensschlüsse waren, um den Feind desto besser zu bekämpfen. Der liebenswürdige Graf Carletti, die noch liebenswürdigere Demarkationslinie und die preußischen Lobpreisungen des schönen royalistischen Prairialsystems beweisen mir die Aufrichtigkeit der damaligen Grundsätze eines gewissen Hofes. Ich erkenne den blutigen Finger des Mannes, der das Freundschaftsbündnis mit Polen schloß. Dem biedern Hardenberg ist schwerlich einige Schuld beizumessen. Doch der Genius der Menschheit hat die Republik in eine Periode gerettet, die, ohngeachtet sie überall gepriesen wurde, dennoch gefährlicher war als die Periode Robespierrens, grausamer als die Periode der Septembermordtaten, mordender als die Guillotine, ungesetzlicher als der 31. Mai und verderblicher als Cambons System. Das »Neue graue Ungeheuer« hat doch nicht ganz unrecht gehabt, als es der Menschlichkeit der Thermidorianer nicht traute. – Genug davon! Dies System der Auxiliaren, vermöge dessen man die Priester Roms und die Emissäre Provences zu Hilfe rief, um Robespierrens Soldaten zu bekämpfen, ist vorübergegangen. Freilich hat es der Republik viele Milliarden gekostet, die Armeen desorganisiert, den Agioteurs freien Spielraum gegeben, dem Auslande die Schätze Frankreichs zugeführt, ein Raubsystem autorisiert, dem man noch jetzt nicht ganz abhelfen kann, mehr als 30 000 Patrioten unter dem Namen der Terroristen unter das Mordmesser der grausamen Wiederhersteller der Ordnung und der Religion gebracht und die gänzliche Demütigung aller Feinde der Menschheit verhindert, aber – wir wollen dem Vater aller Freiheit danken, daß wenigstens späte Rettung erfolgte. Robespierre soll kurz vor dem 9. Thermidor den Plan gehabt haben, Belgien und alle Grenzländer soviel als möglich zu erschöpfen, so daß keine feindliche Armee darin ihren Unterhalt finden könne. Dann wollte er die französischen Armeen in die Kette der dreifachen Grenzfestungen zurückziehen, eine furchtbare Verteidigungslinie behaupten und so über den Frieden traktieren. So versichern wohlunterrichtete und redliche, vielleicht getäuschte Mitglieder der ehemaligen Regierung. Eine andre Partei behauptet, er habe Österreich Belgien unter der Bedingung zurückgeben wollen, daß man ihn als Frankreichs Cromwell anerkenne, und es erhält auch diese Meinung dadurch einige Wahrscheinlichkeit, daß der Wiener Hof Robespierrens Tod weit mehr als Ludwigs Hinrichtung betrauerte. Jetzt hat sich die Lage der Dinge sehr geändert. So wenig die feigen, frömmelnden und vorurteilsvollen Belgier verdienen, daß sich Frankreich ihrer annimmt, so können sie doch nicht wieder unter die Herrschaft des Kaisers kommen, ohne daß Frankreich die ihm so nötige Kommunikation mit Holland verliert. Daher möchten die Aufopferungen des Direktoriums, welche Mercier ankündigt, schwerlich von dieser Seite zu erwarten stehn, es müßten denn die Holländer durch ihr Betragen sich der dauernden Freundschaft der Republik Frankreich unwürdig machen. Wir wollen hoffen, daß Mercier nur eine Phrase gesagt habe und daß die Republikaner einen ehrenvollen Frieden schließen mögen. Ohne uns mit Prophezeiungen abzugeben, wollen wir lieber einige Worte über die Folgen desselben für Frankreich und für Deutschland sagen. Man hat behauptet, die fränkische Regierung müsse den Krieg absichtlich verlängern und wohl gar, zufolge einer grausamen, aber notwendigen Politik, den größten Teil der jetzigen Armeen aufreiben lassen, ehe sie Friede schließe, weil von den zurückkehrenden Truppen die, größten Unordnungen zu befürchten sein möchten. Ich glaube dies nicht, ohnerachtet ich für meinen Teil nichts dawider einzuwenden hätte, wenn die zusammengetriebene »jeunesse chouanne« etwas verdünnt werden könnte. Aber die Masse der alten Armee, der Stamm, wenn ich mich so ausdrücken darf, besteht aus wahren Republikanern. Im Kampfe verstärkt sich jede Kraft, im Kampfe üben sich Körper und Seele zugleich. Die Armeen, welche auf einen geliebten Feldherrn (Dumouriez) schossen, sobald sie seine Zweideutigkeit bemerkten, die Armeen, welche, unabhängig von allen Veränderungen im Innern, die gute Sache mit der nämlichen Aufopferung verfochten, die Armeen, welche selbst durch ihre räuberischen Kommissarien nicht zum Aufstand gebracht wurden, welche Hunger und Not aller Art mit einer nur in den Annalen Spartas bisher zu findenden Resignation ertrugen, die Armeen, welche in den Tagen des Vendémiaire weder von der schönen Pariser Welt noch von verräterischen Konventsdeputierten zu verführen waren, diese Armeen, die Söhne der Freiheit, ihre Verfechter und Gründer werden auch im Innern die nämlichen Patrioten bleiben, welche sie an den Grenzen waren. Erst nach dem Frieden wird es der fränkischen Regierung möglich sein, eine gründliche Verbesserung und Wiederherstellung ihrer so sehr verfallenen Finanzen vorzunehmen. Solange es immer darauf ankam, die augenblicklichen Bedürfnisse durch jedes mögliche Mittel herbeizuschaffen, konnte bloß an Palliativ-Kuren gedacht werden, welche gemeiniglich schlimmer waren als das Übel selbst, welches sie heilen sollten. Die Masse von Patrioten, welche ihren friedlichen Beschäftigungen wiedergegeben wird, wird darauf denken, die Frucht so vieler Siege nicht durch verderbliche Egoisten zu verlieren. Es ist nicht zu leugnen, daß seit Robespierrens Tod ein geheimer Plan, selbst von Mitgliedern der Regierung, in Ausübung gebracht wurde, um Frankreich von Seiten der Finanzen zu erschöpfen. Man hob das Maximum auf, schmeichelte dadurch dem reichen Bauern, um ihn für die neue Faktion zu gewinnen, und richtete das Volk zugrunde. Die törichten betrognen Kaufleute sahen nicht ein, daß sie durch Erduldung der Unannehmlichkeiten dieser Taxe an dem Wert der Assignaten gewinnen würden, was sie eine Zeitlang an dem vorteilhaften Verkaufe der Waren verloren. Noch mehr! Man beging den Unsinn, Handlungsfreiheit zu geben. Nichts ist freilich besser und vernünftiger als allgemeine Freiheit der Handlung, aber nur nicht für einen Staat in der Lage, wie Frankreich damals war. Dieses verderbliche Dekret hatte zweierlei fürchterliche Folgen. Erstlich nämlich ging alles bare Geld, alle Produkte der Industrie, alles Silber und Gold aus dem Lande, die Emigrierten erhielten ungeheure Summen, und die Assignate wurden um jeden Preis verschleudert. Zweitens setzte dieses Dekret die Fremden in den Stand, den Kurs der Assignaten durch Agiotage zu bestimmen. So wie die Assignaten von Tage zu Tage fielen, versechsfachten sich in einem Monat die Bedürfnisse der Regierung. Die ganze Klasse der Rentenierer wurde zugrunde gerichtet und gesellte sich aus Not den Feinden der Republik bei. Verräterische Agenten der Republik und des Auslandes stahlen ungeheure Summen, fremde Abenteurer, welche mit einigen hundert Louisdor nach Paris kamen, wurden in unglaublich kurzer Zeit zu Millionären, der Ertrag aus dem Verkaufe der Nationalgüter, wobei die Termine der Verkäufer in Assignaten bezahlt worden waren, ging zunichte, und Frankreich sah sich in einer Zeit von wenigen Monaten fast gänzlich erschöpft. Man möchte vielleicht glauben, daß die Republik Freunde an den Glückspilzen gefunden habe, welche sich vermittelst der Agiotage so plötzlich bereicherten. Allein diese Räuber des Nationalvermögens wurden im Gegenteil die grimmigsten Feinde der Freiheit und taten und tun noch alles, um das Königstum herbeizuführen. Sie fürchten, daß man (wie es denn nicht anders als billig ist) Rechnung von ihrem Haushalte, Abgabe von ihrem Reichtum fordern möge, und glauben dieser Rechnung unter einem Könige zu entgehen. Sie waren der Freiheit nur so lange ergeben, als sie unter dem Vorwande, sie zu befördern, stehlen und rauben konnten. Sie machen die berühmten »honnêtes gens« von Paris aus, welche immer von Grundsätzen sprechen, auf die braven Arbeiter als auf ein Pack Lastvieh herabsehen und nur durch die Guillotine im Zaume gehalten werden können. Wahr ist es, was die spitzbübischen Royalisten der fränkischen Regierung vorwerfen, daß ihre Finanzen bisher immer durch gewaltsame Mittel rekrutiert worden seien. Allein, wer war daran schuld als eben die nichtswürdigen Räuber, die sich dennoch meistens der gezwungenen Anleihe zu entziehn wußten, die nichtswürdigen Deputierten, welche, von Pitts Gelde erkauft, den Eifer der Gesetzgebenden Versammlung, die schädlichen Folgen des Schreckenssystems zu zerstören, mißleiteten und zur Zerstörung auch des unleugbar Guten benutzten, welches unter dem vorigen Wohlfahrtsausschuß und durch ihn gewirkt worden war? – Der Grund allen Übels liegt in jenen zwei Dekreten, deren Urheber seinem Vaterlande mehr als selbst Robespierre geschadet hat. Dies Palliativsystem muß aufhören. Nach dem Frieden müssen die Schwämme, die sich vollgesaugt haben, noch einmal tüchtig ausgedrückt und die Käufer der Nationalgüter, welche diese um eine ihrem Werte gar nicht angemessene Summe erschlichen und gewuchert haben, zu einer verhältnismäßigen Nachzahlung angehalten werden. Sie, die durch das Papiergeld so unermeßlich reich geworden sind, mögen so lange bluten, bis die französischen Mandate, Reskriptionen etc. eingelöst oder zu einem bedeutenden Werte gestiegen sind. Es gibt nach dieser Periode keine Domänen zu verkaufen, keine außerordentlichen Hilfsmittel, keine Kontributionen mehr, die ohnedem meist in die Tasche der Eintreiber fallen. Daher muß eine strenge Ökonomie eingeführt und die Ausgabe der Einnahme genau angepaßt werden. Leider scheint diese Ökonomie gar nicht im Charakter der Franken zu liegen. Ein Deputierter, der neuerdings darauf aufmerksam machte, daß man lieber die Kavallerie um den Louvre, die griechischen und römischen Trachten auf eine andere Zeit versparen sollte, wurde ausgelacht, und doch, dünkt mich, verdienten die Bemerkungen dieses Mannes eher reifliche Überlegung als Spott. Ich möchte behaupten, daß die fränkische Verfassung einen wesentlichen Mangel habe. Sie macht zwar die Minister für die Summen verantwortlich, welche ihrer Disposition anvertraut worden sind. Allein dies ist das Geringste. Natürlich wird der Minister, welcher hundert Millionen erhalten hat, sich wohl hüten, nur achtzig oder neunzig zu berechnen. Wo bleibt aber die Garantie dafür, daß die Regierung nicht mehr ausgebe, als die jährlichen Einnahmen betragen? Die Franzosen haben eine entschiedene Neigung zu nützlichen, großen und schönen Anstalten. Allein auch die nützlichste und beste Anstalt muß nicht zur Unzeit errichtet werden, sonst ist sie schädlich und verderblich. Es ist bei großen Staaten verhältnismäßig ein gleicher Fall als bei einem Privatmann. Von diesem ist es sehr löblich, wenn er Armen ihr Schicksal erleichtert, Künstler unterstützt und dergleichen. Will er aber sein Geld an Arme geben oder Gemälde einkaufen, solange seine Familie darbt, so ist er strafbar. Der Friede wird die fränkische Regierung in den Stand setzen, ihre Einnahme und Ausgabe gegeneinander abzuwägen und ihre notwendigen und jährlich wiederkehrenden Bedürfnisse mit der größten Genauigkeit zu bestimmen. Die Freiheit liegt in der Ökonomie, sagte neulich ein Mitglied des Rats der Fünfhundert nicht ohne Grund, und gerade bei einer wechselnden republikanischen Regierung ist es um so nötiger, daß sie auf die dem Staate nicht zu sehr zur Last fallenden Ausgaben eingeschränkt und ihr die Hand gebunden werde, weil sonst jeder Regierende nur für die Zeit seiner Verwaltung und für die Erwerbung guter Freunde sorgt und sich nicht darum bekümmert, ob den Nachfolgern etwas übrigbleiben werde. Im Gegenteil erschöpft der Ehrgeizige gern alle Quellen und sieht es recht gern, wenn die, welche nach ihm an die Regierung kommen, in Verlegenheit gesetzt werden. Die zweite Folge des Friedens für Frankreich wird diese sein, daß die Regierung in den Stand gesetzt wird, mit Kraft und Nachdruck die verschiedenen Faktionen zu bekämpfen, ohne temporisieren und bald den Anarchisten, bald den Fanatikern und Royalisten in einzelnen Punkten nachgeben zu müssen. Selbst das jetzige Direktorium konnte bei aller Standhaftigkeit und Weisheit, die es an den Tag gelegt hat, zuweilen ein gewisses Schwanken in seinen Maßregeln nicht vermeiden. So war man zum Beispiel unter der ersten Regierung beinahe mit der Unschädlichmachung der Priester zustande gekommen. Jetzt kann man es endlich sagen, daß der Eid, dessen Ablegung man von ihnen verlangte und der als eine unpolitische Maßregel verschrieen wurde, ein weises Mittel war, um sie zu trennen und ihr Gift zu neutralisieren. Die konstitutionellen Priester wurden von den ungeschwornen ärger gehaßt als Heiden und Zöllner, und beide rieben sich untereinander selbst auf. Als die geschwornen Priester in der Folge so viel Immoralität zeigten, als sie die empörendsten Farcen Héberts mitspielten und dadurch Beweise gaben, daß sie alles aus Eigennutz zu tun fähig seien, wurden sie dem Volke so verhaßt und verächtlich, daß man sich ihrer mit leichter Mühe entledigen konnte. Das Volk fand allmählich Geschmack an dem reinen, deistischen Gottesdienst und würde in der Folge noch mehr daran gefunden haben. Einigen alten Betschwestern konnte man immer erlauben, noch zuweilen Messe zu hören, solange keine öffentlichen Unruhen daraus erfolgten. Das abscheuliche System der Auxiliaren nach dem 9. Thermidor verdarb alles. Die ungeschwornen Priester, die man scharenweise herbeigerufen hatte, um eine Faktion zu unterstützen, wurden bald dem Konvente furchtbar. Man muß es endlich einmal laut gestehen, daß die Septembermordtaten und die Guillotine nicht den sechsten Teil der Menschen kosteten, welche nach dem 9. Thermidor in den südlichen Departements unter den raffiniertesten Grausamkeiten durch die Maschinerien dieser Priester und die von ihnen fanatisierten Meuchelmörder fielen. Spät erwachte der Konvent aus seinem Taumel, und erst der jetzigen Regierung war es vorbehalten, diesen Auswurf aus den Ländern der Republik zu entfernen und die Jesus- und Sonnen-Compagnien zu zerstören. Überhaupt muß die Herrschaft der katholischen Religion gänzlich untergraben werden, wenn die Ruhe wiederhergestellt werden soll. Die geschwornen Priester taugen im Grunde nicht mehr als die ungeschwornen. Grégoire, der sanfte Grégoire, gibt uns davon den unwidersprechlichsten Beweis durch seine neuen Hirtenbriefe, durch seine Anpreisungen des Zölibats und der Fasten. Jetzt hat er die Maske selbst abgeworfen. Es ist nicht Duldung, nicht Liebe gegen Schwache, nicht Überzeugung von der Notwendigkeit einer allgemeinen Religionsfreiheit, was aus seinen schönen Worten hervorleuchtet. Die Begründung der päpstlichen Religion, eine neue Hierarchie, deren Oberhaupt er sein möchte – das ist es, was er will. Mit den ungeschwornen Geistlichen kann er sich nie vereinigen wollen, und an seine Fasten glaubt er selbst nicht, dazu ist er zu klug. Was will er also sonst? Fanatisieren und herrschen. Die zurückkehrenden Truppen werden auch in dieser Hinsicht das Direktorium in seinen kräftigen Maßregeln unterstützen. Sie können nicht anders als sehr erbittert gegen die Pfaffen sein, deren Schädlichkeit einzusehen sie Gelegenheit genug gehabt haben. Ihr Aufenthalt in Holland, in einigen deutschen Ländern etc. muß ihnen augenscheinlich gezeigt haben, wie man es jedem Lande gleich ansehen kann, ob es unter Pfaffendruck schmachtet oder einer wohltätigen Religionsfreiheit genießt. Sechsmal hunderttausend Leute die dem Tode so oft getrotzt haben, die es wirklich gut mit ihrem Vaterlande meinen und entschlossen sind, die Früchte ihrer Siege, es koste auch was es wolle, zu behaupten, sind gar kein übler Beistand, um allenfalls ein paar Dutzende fanatischer Dörfer, zu bezwingen und die lieben Seelsorger in jedem Schlupfwinkel aufzusuchen, wo sie zum Heil des christlichen Glaubens und Pius des VI. und zum Verderben der Republik ihre Kabalen ausbrüten mögen. Man hat behaupten wollen, daß unter den Armeen eine Menge Terroristen seien, welche die Anarchie und das Schreckenssystem wiederherzustellen die Absicht haben möchten. Nun ja, wenn man unter Terroristen diejenigen Patrioten versteht, welche Richer-Sérisy mit diesem Namen bezeichnet, so wird freilich eine Art Terrorismus in Frankreich wieder in etwas die Oberhand gewinnen. Die zurückgekommenen Bürger werden die sanften Menschenfreunde freilich nicht sonderlich schätzen, welche die für die braven Truppen an den Grenzen aufgekauften Kleidungsstücke unter die Chouans zu Paris verteilen ließen. Ebensowenig werden sie den Kommissarien gewogen sein, welche sich von dem bereicherten, was sie den Armen stahlen. Manchem dieser Herren wird noch gesagt werden: »Tue Rechnung von deinem Haushalten!« Nicht minder werden die feigen und niederträchtigen Chouans, welche zu Paris in den Schauspielhäusern so große Heldentaten verrichten, künftig eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Aber im ganzen sehnt sich der Arme auch nach Ruhe, und jeder vernünftige Bürger in Frankreich, sei er auch selbst Royalist aus Grundsätzen, muß endlich einsehen, daß neue, blutige Revolutionen unmöglich das Mittel sein können, die Wunden zu heilen, welche eine alte geschlagen hat. Ebendies gilt auch von denen, welchen die Revolution noch nicht vollendet genug zu sein scheint. So bleiben denn nur noch die Glücksritter übrig, welche in der Verwirrung ihren Gewinn finden, und gegen diese ist die Guillotine ein treffliches und souveränes Mittel. Ganz ruhig kann es übrigens so leicht in Frankreich nicht werden, ehe die gegenwärtige Generation größtenteils ausgestorben ist. Die vielen individuellen Leidenschaften der Rache, des Eigennutzes etc. müssen sich erst abstumpfen, an die Stellen alter Interessen müssen neue treten. Was wollen aber diese einzelnen Bewegungen im ganzen sagen? – Der Schutzgeist der Freiheit hat die Sache der Menschheit mit jedem Jahre ihrer Vollendung nähergebracht. Es war wahrlich nichts Geringes, aus einem sklavischen, sittenlosen, fanatischen Volke Menschen zu bilden, laßt uns warten! Später oder früher werden diese Menschen auch zu Republikanern werden! Und Ludwig XVIII., der König der Emigrierten zu Verona? Ach, der ist jetzt nur eine Art von Mondkaiser. Inzwischen gibt er doch seine Hoffnungen nicht auf, hält seine Levers und Couchers mit allen Formalitäten und teilt Kreuze aus, wobei jedoch neuerdings das Gold durch Tombak repräsentiert wird. Durch Charettens Tod ist ein großer heiliger Geistorden erledigt worden. – Eine Neuigkeit des Hofes zu Verona ist folgende: Der König daselbst hat sein ganzes Ministerium abgedankt, weil dessen Grundsätze viel zu gemäßigt und also verdächtig waren. An die Stelle seiner bisherigen Räte sind drei neue getreten. Der mildeste und sanfteste von diesen, der aber, eben um dieser Sanftmut willen, auch den wenigsten Einfluß haben soll, hat in einem eigenen Memoire dargetan, daß der König bei seinem Einzuge Gnade vor Recht ergehen lassen und sich mit der Hinrichtung eines Menschen aus jeder Munizipalität begnügen müsse. – Dies würde die kleine Summe von 44 000 Menschen ausmachen. Diese Gelindigkeit muß dem neuen König notwendig alle Herzen gewinnen, und er hat auch sogar seine täglichen Spazierritte eingestellt, um sich mit desto mehr Muße zum Einzug vorzubereiten. Doch genug des Scherzes! Nun noch ein Wort von den Folgen des Friedens für unser deutsches Vaterland, soviel sich darüber jetzt noch sagen läßt. Man behauptet, daß die Absichten des vorigen Wohlfahrtsausschusses auf eine Teilung Deutschlands in drei Teile gerichtet gewesen seien. So wünschenswert eine solche Konsolidation unsrer verschiedenen kleinen Fürstentümer in wenige große Provinzen in mancher Hinsicht auch sein möchte, so wenig scheint sie ohne vorherige Demütigung einer gewissen, bedeutenden deutschen Macht vors erste erfolgen zu können. Die Absichten dieser Macht auf Bayern und Salzburg waren längst nicht mehr zweideutig, und man dürfte, im Fall ein neuer Feldzug, wie es immer wahrscheinlicher wird, erfolgen sollte, gar bald sehen, wie die Truppen dieser Macht bei der geringsten Niederlage Mainz preisgeben und Mannheim zu erhalten suchen würden. Es ist aber im Gegenteil eher zu vermuten, daß Preußen im nördlichen Deutschland mehr Gewicht erhalten möge, so wie überhaupt Preußens Verstärkung vors erste deswegen wünschenswert ist, um vor dem Koloß im Osten einen Damm zu haben. Doch überlassen wir es immer den Diplomatikern, die Verhältnisse zu bestimmen, in welchen künftig Deutschlands beide mächtigsten Stände gegen Frankreich und unter sich selbst stehen mögen. Nur kann ich den Wunsch nicht ganz unterdrücken, daß die drei geistlichen Kurfürstentümer aus politischen und moralischen Hinsichten aussterben und in eine weltliche Provinz verwandelt werden möchten. Die Kurfürsten von Mainz und Trier sind dabei nicht zu beklagen. Sie haben ihr Schicksal verdient und, zumal der erste, hat seine Unfähigkeit zur Regierung deutlich genug an den Tag gelegt. Der brave Maximilian verliert am wenigsten und verdient, ein weltlicher guter Fürst zu sein. Was wird aber wohl der Sieg, den Frankreich über seine Feinde errungen hat, in Ansehung der Fortschritte Deutschlands zu seiner Vervollkommnung im Innern wirken? Diese Wirkungen werden sehr verschiedenartig, im allgemeinen aber, glaube ich, alle gut und erwünscht sein. Die Feinde des Friedens haben diesen immer dadurch verzögern wollen, daß sie unsern Fürsten mit einer Revolution drohten, welche sich durch die Verbreitung der fränkischen Grundsätze auch in Deutschland äußern werde. Meine Meinung darüber ist kürzlich folgende: Unsere Fürsten müssen gut regieren und dahin trachten, ihre Untertanen so glücklich zu machen, daß sie sich nicht nach einer Regierungsveränderung sehnen. Fühlen sich die Einwohner Deutschlands glücklich, so werden sie gewiß alle metaphysischen und politischen Grübeleien über ihre Verfassung beiseite setzen und es den Franken gerne gönnen, wenn sie auf eine andre Art glücklich sind, ohne ihnen deshalb nachzuahmen. Noch sind die schrecklichen Greuel der fränkischen Revolution in zu frischem Andenken und ihre guten Wirkungen zu entfernt und zu wenig in die Augen fallend, als daß andre Völker Lust haben sollten, den Kampf der Franken zu kämpfen. Verschiedenheit der Sprache und selbst der Denkungsart, natürliche Bedächtigkeit und Langsamkeit der Deutschen, Ausschweifungen der fränkischen Truppen und Kommissarien – dies alles, macht die deutsche Nation eben nicht der fränkischen Freiheit geneigt. Sie wird selbst Leiden und Bedrückungen, wenn sie nur zu ertragen sind, lieber dulden, als daß sie sich den Übeln aussetzen sollte, welche mit ihrer Abwerfung verbunden sind. Wenn aber freilich Robespierrens Schreckenssystem in manchen Ländern organisiert wird, wenn man geflissentlich alles, was nur immer einer Verbesserurig der Mißbräuche von weitem ähnlich sieht, vermeidet, wenn Kinder auf dem Throne sitzen und Weiber und Beichtväter regieren, wenn eine gewisse Partei deutscher Obskuranten noch länger Wege zum Ohre unserer Fürsten findet, wenn durch Unterdrückung der Preßfreiheit die Regierungen verhindert werden, die öffentliche Meinung zu erfahren – wenn, quod superi avertant, diese verkehrten Maßregeln noch lange befolgt werden, so ist es nicht anders möglich, als daß auch in Deutschland das Volk klage, murre und sich endlich zu helfen suche, es koste auch, was es wolle. Reift dann, wie es wahrscheinlich ist, Frankreichs Glück immer mehr und mehr, sehen die deutschen Landleute ihren Nachbar, den fränkischen Landmanri, wohlhabender und froher, als sie es sind und sein können, so liegt es ganz in der menschlichen Natur, daß sie nach einem gleichen Glücke trachten. Vergebens werden die Unterdrücker des Volkes dann auf ihre stehenden Truppen, diese Stütze der Despotie, rechnen. Wahr ist es, die Lohnknechte in Uniform haben sich bis jetzt wie Fleischerhunde auf jeden hetzen lassen, der ihren Treibern im Wege stand, aber so ganz verwahrloset ist doch der Mensch nicht von Natur, daß nicht selbst unsre Dreikreuzerhelden hätten fühlen sollen, der fränkische Soldat sei ein achtungswerteres Wesen als sie. Durch die fränkische Revolution hat auch der stumpfeste Mensch aus dem Taumel geweckt werden und wo nicht denken doch wenigstens fühlen lernen müssen. Der Begriff einer bürgerlichen Gesellschaft, die über dem Manne oder den Männern steht, welchen ihre Einrichtungen anvertraut sind, ist deutlicher entwickelt worden, und die aus den Feldzügen gegen die Franken heimgekehrten Truppen haben sich beinahe überall aus bloßen Maschinen in Menschen verwandelt. Der Mangel an Gemeinsinn in Deutschland und die Zerstückelung des Heiligen Römischen Reiches in so viele Dynastien hat die verschiedenen Einwohner bisher voneinander entfernt und sie gehindert, gleichen Schritt zu halten. Erfolgt aber vielleicht hie und da eine Konsolidation oder auch nur eine Explosion in einem größern Staate, so müssen die Kleinern mit oder wider ihren Willen nachfolgen. Zu wünschen ist eine gewaltsame Revolution aber in Deutschland gewiß nicht, und noch kann sie verhindert werden, wenn man nur nicht fortfährt, sie aus Ängstlichkeit und Unwissenheit durch die verkehrten Maßregeln, welche man dagegen anwendet, zu beschleunigen. Der Deutsche ist schwer in Feuer zu setzen, aber ist er einmal in Wut gebracht, so schlägt er auch derb zu. Das Volk würde bei uns gewiß nicht die Volksfeinde erst zum Auswandern kommen lassen, sondern sie gleich zerschmettern. Auch läßt der Mangel an feinen Gefühlen bei der Masse unsrer Nation vermuten, daß unsre Revolution an Schrecklichkeit die französische noch übertreffen möchte. Wohl dem Lande, dessen Regierung selbst der wohltätigsten und sanftesten Revolution die Hand bietet! Wohl dem Lande, dessen Vorsteher nicht den unmöglichen Plan verfolgen, die Fortschritte der Bürger zur allmählichen Verbesserung und Vervollkommnung zu hemmen, sondern, wo beide, Regierte und Regierende, sich vielmehr bestreben, immer weiterzukommen, immer mehr dem Geiste der Zeit sich anzuschmiegen. Möchten dies doch endlich einmal alle Könige, Fürsten und Minister recht lebhaft einsehen! Es ist ja so klar, so anschaulich! Der menschliche Geist ist so sehr zur Ruhe geneigt, daß es wahrlich Kunst kostet, ihn zu beunruhigen! Möchten doch die Regierungen, welche schon jahrelang nach vernünftigen Grundsätzen gehandelt und ihren Wert durch Erfahrung erprobt haben, sich nicht durch einzelne Menschen und in einzelnen Fällen zu Ungerechtigkeiten hinreißen lassen! Die Grundsätze, nichts als die Grundsätze und immer die Grundsätze! So rufe jeder, der es gut mit der Wohlfahrt des Menschengeschlechts, der es gut mit Fürsten, gut mit Bürgern meint, so oft und so laut als er kann. Keine Rücksicht halte uns ab, jeder, auch der besten Regierung, immer ins Gedächtnis zurückzuführen, daß Volksglück ihr Zweck, das Volk ihr Oberherr sei, daß sie nie ein unveräußerliches Menschenrecht verletzen, nie der Wahrheit ihr Ohr verschließen, nie Vorurteile unterstützen, nie dem Beleidigten die Mittel zu seiner Rechtfertigung verbieten, nie die freie Erörterung irgendeines Gegenstandes, heiße dieser Gegenstand Religion, Staatsverfassung, Adelsaristokratie, Point d'Honneur usw. hemmen dürfe. Laßt uns dies sanft, und wenn sanfter Ruf nichts helfen sollte, laut, kräftig und derb sagen, und keiner fürchte sich, ein Opfer der Wahrheit zu werden! Sei dann der Erfolg, welcher er wolle, sei er selbst blutig, so können wir ruhig sein, denn wir haben unsrer Pflicht getan! 7. Drei Wochen aus dem Leben des Kurfürsten von Mainz, während seines Aufenthaltes in Erfurt, im November 1795 Unsre Fürsten werden nur zu oft so geschildert wie sie sein könnten und sollten, und diese Schilderungen werden ihnen als wohlgetroffene Porträts vor Augen gelegt. Es kann also wohl nichts schaden, hie und da einen und den andern zu schildern, wie er wirklich ist. Zürnt der Geschilderte, so gleicht er dem Unreinlichen, der lieber den Spiegel zerschlägt, welcher ihm seinen Schmutz zeigt, als zur Quelle geht, um sich zu reinigen. Ich nehme mir daher die Freiheit, das Betragen des jetzt lebenden Kurfürsten von Mainz in dem Augenblicke zu beschreiben, wo derselbe, nachdem er seine Rache an den Klubisten in Mainz genug gekühlt hatte, aufs neue von den fränkischen Heeren zur Flucht genötigt wurde. So kühn er beim Anfange dieses Krieges die Franken gehöhnt und so bitter und schwer er den unglücklichen rheinisch-deutschen Patrioten, welche wehrlos in seine Hände fielen, seinen Grimm hatte fühlen lassen, so wenig fand er für gut, das Schicksal, welches er seinen Untertanen zugezogen hatte, mit ihnen zu teilen. So wie in gewissen Opern Donner und Blitze vor der Erscheinung eines bösartigen Zauberers vorhergehen, so zeigten sich auch in Erfurt manche Symptome vor der Ankunft des teuren Landesvaters. Ein gewisser Schlag Menschen, der leider überall nur allzu häufig anzutreffen ist, erhob sein Haupt sichtlich. Man hörte vom Verbote einiger Schauspiele, in welchen illuminatische Grundsätze anzutreffen sein sollten, man untersagte jede Zusammenkunft mehrerer Bürger, sobald nicht eine obrigkeitliche Person dabei sei, ganz nach Herrn Pitts Muster, man scheute sich, seine Meinungen offen zu sagen, weil überall Spione sich blicken ließen. Verstellung und Haß, Parteigeist und hämische Rachsucht verbitterten zum voraus jedem geraden Manne das Leben. Endlich kam der Zeitpunkt der Ankunft des geliebten Landesvaters immer näher. Sie sollte diesmal in aller Stille und nicht so geräuschvoll wie bei der vorigen Flucht erfolgen, bei welcher der Tag des Einzugs mit dem wohlgewählten Schauspiele »Johann ohne Land« gefeiert worden war. Da Seine Kurfürstlichen Gnaden einen Teil ihrer Leibgarde mit sich brachten und diese in der Gegend der Statthalterei einquartiert werden sollte, so erhoben sich hierüber einige kleine Differenzen. Erstlich nämlich war es manchen Leuten, unter welchen viele erwachsene Töchter hatten, unangenehm, mit solchen Trabanten belastet zu werden, zweitens und vorzüglich waren die vorjährigen Einquartierungen noch nicht bezahlt, und die Bürger hatten Pöstchen von fünfzig, sechzig und mehrerern Talern ausstehen, zu deren Bezahlung um so weniger Anschein vorhanden war, da die Rache des Kurfürsten an den Klubisten, welche sich mit ihrer ehrenvollen Transportierung nach Basel auf Kosten des Staates endigte, und andere zweckmäßige Ausgaben dieser Art in den ohnedem schon erschöpften Kassen wenig Geld übriggelassen hatten. Inzwischen beantwortete man die diesfallsigen Erinnerungen der Bürger durch Exekution, und sie fanden sich dadurch überzeugt, daß ihre Einwendungen ungerecht seien. Nachdem die Präliminar-Anstalten glücklich zu Ende gebracht waren, traf an einem Sonntage nachmittags die Frau von Ferrete, bekannt durch das Betragen ihres Herrn Gemahls in Straßburg und ihre Verbindungen mit dem Kurfürsten, den sie, wie man behauptet, zur Aussetzung des nützlichen Preises für den gründlichsten Beweis der Vortrefflichkeit des Zölibats veranlaßt haben soll, zu Erfurt ein. Unglücklicherweise begegnete ihr ein armer Fuhrmann, der vermutlich nicht die Ehre hatte, die gnädige Frau zu kennen, und deshalb nicht weit genug auswich. Eigentlich wich er freilich so weit aus dem Wege als er konnte, ohne auf die im Wege liegenden Steinhaufen zu fahren und sich der darauf gesetzten Strafe und der Gefahr des Umwerfens auszusetzen, allein das half nichts. Die gnädige Frau befahl ihren Leuten, mit gezückten Säbeln dem Jakobiner zu Leibe zu gehen, der den gehörigen Respekt vergessen habe, und, da der arme Mann frech genug war, sich zu einer Art von Verteidigung anzuschicken, so wurde er arretiert und auf seine exemplarische Bestrafung angetragen, welche jedoch diesmal, Dank sei es der Redlichkeit der Richter, nicht erfolgte. Endlich kamen auch Seine Kurfürstlichen Gnaden mit ihrer zweiten Freundin nach. Die Freude machte die Einwohner von Erfurt stumm, sie feierten den frohen Tag in ihren Häusern, und niemand ließ sich sehen, um den hohen Ankömmling zu begrüßen. Seiner Kurfürstlichen Gnaden Leibarzt fand das für ihn bereitete Quartier zu schlecht und drang darauf, in der Statthalterei Zimmer zu erhalten. Der Koadjutor von Dalberg mußte ihm die seinigen einräumen, zog auch wirklich in die Galerie, allein der Leibarzt fühlte denn doch endlich das Unschickliche seines Verlangens, und die geräumten Zimmer blieben nunmehr ganz leer stehen. Seine Kurfürstlichen Gnaden und Madame de Ferrete begannen am andern Tage ihre Popularität zu zeigen, indem der erstere auf den Straßen spazierenging und die wenigen Leute, welche stehenblieben, mit der Frage »wer ist er?« beehrten, und die zweite nebst ihrem Herrn Gemahl ein gewisses Schusterhaus häufig besuchte, woselbst milde liebliche Gespräche zur Beförderung der Humanität geführt worden sein sollen. Der Herr General von Ferrete beehrten ein damals in Erfurt anwesendes Kinder-Schauspiel mit ihrer hohen Gegenwart und ließen durch einen Soldaten dem Parterre »Hut ab!« zurufen. Da aber die Hüte wider sonstige Gewohnheit diesmal nicht abgenommen wurden, so hatte dies keine weiteren Folgen. Die fränkischen Ausgewanderten, die man vorher scharenweise in Erfurt aufgenommen und von denen man jedem Einwohner einige arme Pfaffen zur Verpflegung aufgedrungen hatte, erhielten den Befehl, sich zu entfernen. Man sagt, daß dieser Befehl erfolgt sei, um eine Teuerung zu verhüten, obgleich die geheime Chronik eine andere Ursache angibt, die wir vors erste noch nicht anführen wollen. Hart war diese plötzliche Verweisung, gerade da der Winter vor der Tür war, immer. Ich bin kein Freund der Ausgewanderten und hätte zu ihrer Aufnahme nie geraten, aber Menschlichkeit hat doch auch ihre Rechte. Im Winter 1795, wo der größte Holzmangel vor der Türe war, wo Not und Sorge den einheimischen Armen drohte, denen bei dem gegenwärtigen Stillstand der wenigen dortigen Fabriken alle Hilfsquellen verstopft waren, nahm man unbedingt alle Ausgewanderten auf. Fünf- bis sechshundert verworfene Priester, alle arm, und bei ihrer Armut brutal und bigott, wurden der Stadt gleichsam aufgedrungen, und wer nicht ein böses Gesicht haben wollte, mußte wenigstens einen dieser Faulenzer erhalten. Da sich zu gleicher Zeit viele reiche Brabaiiter einfanden, so vermehrte sich die Konsumtion in Zeit von wenigen Tagen außerordentlich, es galt für Verdienst, für einen Beweis des Patriotismus, sie vor der Türe abzuweisen, und die Almosen, welche man ihnen bisher gegeben hatte, an jene unnützen Faultiere, deren Arbeitsscheu alle Begriffe überstieg, zu verschwenden. Oft blutete mir mein Herz, wenn ich arme Mütter, die sich zu betteln schämten, mit Dochten und andern Kleinigkeiten von Türe zu Türe gehen sah und sie um Gottes willen umsonst um einige Abnahme flehen hörte. Jeder der einige gesunde politische Grundsätze besitzt, wird die Unklugheit der Erfurter Regierung begreifen, welche sich bei der unbedingten Aufnahme aller Emigranten an den Tag legte. Vernünftig war es, den Reichern unter ihnen die Hand zu bieten, da Erfurt ohnedem sehr wenig bevölkert ist. Die augenblickliche Verteuerung der Lebensmittel, welche die Folge dieses plötzlichen Menschenzuflusses war, würde natürlich in dem Augenblicke haben abnehmen müssen, da die Landleute der umliegenden Gegend wegen des guten Absatzes ihrer Viktualien häufiger nach Erfurt gekommen sein würden. Menschlich war es auch, einige der ausgewanderten Pfaffen in den Klöstern versorgen zu lassen, aber diese Überhäufung der Stadt mit faulen Armen auf Kosten der Einheimischen, die keine Arbeit und keinen Verdienst bei dem besten Willen finden konnten, diese schlimme Population von fünfhundert Verzehrern läßt sich durch nichts rechtfertigen. Erst im Sommer 1795 fiel es der Erfurter Regierung ein, diese Leute fragen zu lassen, wovon sie künftig zu leben gedächten. Ebenso unklug und hart war aber auch die plötzliche Verbannung aller Ausgewanderten vor einem hereinbrechenden Winter. Man hätte wahrlich die Reichen immer bleiben lassen können. Und was war die Folge dieser Maßregel? Die Armen, zumal die Geistlichen, wußten sich falsche Attestate, als seien sie Brabanter, zu erschleichen, und die Reichern gingen fort, nachdem sie vorher die Sitten gänzlich verderbt, einen kleinen Hof gebildet und den dortigen, vorher sehr kleinlauten Adel durch ihren Übermut angesteckt und zu einem Rückfall in seine alten Torheiten gebracht hatten. Plötzlich erschallte nun die frohe Nachricht von dem Entsätze der Stadt und Festung Mainz. Der gebeugte Kurfürst erhob nun sein Haupt wieder und verwandelte sich aus einem frommen Paulus in einen schnaubenden Saulus. Es wurde, um die erwünschte Begebenheit zu feiern, eine Art von Volksfest veranstaltet. Man hätte freilich einen Bußtag zweckmäßiger finden können, allein der Kurfürst dachte anders. Alle Bürger der Stadt Erfurt mußten an dem Tage der Feier von früh sechs Uhr bis um zehn Uhr gegen Mittag in der Kälte paradieren. Die sogenannte Garnison stand ebenfalls beim Dom in voller Schlachtordnung. Hierauf wurde der Schuljugend anbefohlen, ihre Freude in einem Gedichte an den Tag zu legen, und um zehn Uhr fuhren Seine Kurfürstlichen Gnaden, ganz mit Brillanten überladen und niedlich coiffiert, in den Dom, um dem Hochamte beizuwohnen, welches der Koadjutof von Dalberg hielt. Die auf dem Wege paradierenden Bürger waren zwar angewiesen, ein Vivat zu rufen, allein es erfolgte dennoch nicht, ohnerachtet Kanzleibediente unter die Straßenjungen einige Groschen austeilten, um sie dazu zu vermögen. Im Gegenteil schienen es die Bürger übel zu empfinden, daß der Koadjutor von Dalberg nicht mit dem Zuge, sondern durch andre Straßen fuhr, und das Vivat ertönte bloß in, diesen Straßen. Da die Ordre gegeben war, daß bloß Honoratioren der Eingang in den Dom, um dieses Volksfest in der Nähe ansehen zu können, gestattet werden sollte, so empfanden dieses die Bürger übel und mißhandelten eine Wache, welche sich unanständiger Ausdrücke bedient hatte, sehr tätlich. Bloß das Zureden einiger Magistratspersonen und die augenblicklich erfolgende Öffnung aller Kirchtüren stellte die Ruhe wieder her. Übrigens nahmen die Erfurter Bürger an der Begebenheit selbst ebensowenig Anteil als an einer an der Grenze von China vorgefallenen Schlacht. Sie verließen sogar ihre Reihen, noch ehe das Hochamt vorüber war, und gingen nach Hause. Bei Hofe endigte sich die Zeremonie durch einen prächtigen Schmaus. Nach dieser Begebenheit erfolgte weiter nichts Merkwürdiges, außer daß Seine Kurfürstlichen Gnaden und Ihre Begleitungsdamen ein erschreckliches Gericht verkündigten, welches über alle Illuminaten ergehen solle. Die erste diesfallsige Operation erfolgte, gleich nach der Abreise des Kurfürsten durch die Verhaftnehmung des Erfurter Buchhändlers Vollmer. Die Anstalten dabei waren so schrecklich, daß man den personifizierten Feind der Christenheit und des deutschen Reichs nicht härter hätte bewahren können. Da aber der mutmaßliche Verfasser einiger in dieser Schrift abgedruckten, die Klubisten betreffenden Aufsätze glücklich durch die Flucht entkommen war und man das Vergnügen nicht haben konnte, eine exemplarische Rache an ihm zu nehmen, so endigte sich die ganze Sache aus Mangel hinlänglicher Beweise gegen den Buchhändler. Vollmer mit seiner Verweisung aus Erfurt. Desto ärger geht es nun über die sogenannten Demokraten in Mainz her, denen man, wenn sie geschickte Ärzte sind, die Praxis verbietet, weil natürlich ein demokratischer Arzt unmöglich so gute Rezepte schreiben kann als ein aristokratischer!! Diese kleine Geschichte mag zum Beweise dienen, welche nützlichen Folgen die fränkische Revolution auf einen Teil unsrer Fürsten hervorgebracht hat. Man sieht, wie genau sie jetzt ihre Bestimmung erfüllen, wie Recht und Wahrheit ihre einzige Richtschnur ist, wie mild sie alles Murren des Volkes stillen und wie sie durch strenge Ökonomie, Gerechtigkeitsliebe und Popularität ihre etwa vorherbegangenen Fehler in Vergessenheit zu bringen suchen! Geschieht das am grünen Holz (da die fränkischen Heere noch einen Teil der deutschen Provinzen innehaben), was wird erst am dürren werden (wenn dieses Gewitter noch, ohne einzuschlagen, vorüberziehen sollte)? 8. Knigge Die Toren und Narren in Deutschland feiern ein Freudenfest, und die Klugen und Rechtschaffenen trauern, denn es starb ein edler deutscher Mann, Adolph Freiherr von Knigge. Seit sechs Jahren an sein Bett geschmiedet, der edelsten aller Gottesgaben, der Gesundheit, beraubt, war er dennoch ununterbrochen tätig fürs Wohl der Menschheit. Jeder Augenblick, den ihm seine Berufsgeschäfte übrigließen, jeder Augenblick, worin die Schmerzen seines körperlichen Zustandes ihn nicht völlig zu Boden drückten, wandte er zu Arbeiten an, die ganz Deutschland zur Genüge bekannt sind. Unermüdet geißelte er Toren und Affen, wo er sie fand, und züchtigte Bösewichter, lohnte, teilte der Welt aus dem Schatze seiner praktischen Menschenkenntnis Erfahrungen mit, die er ach nur zu teuer erkauft hatte, und half, unterstützte, tröstete wenigstens die unschuldig Leidenden. Mit männlichem Mute griff er jedes Vorurteil an, wo er es fand, und achtete nicht der unmenschlichen Neckereien, womit das Heer der Pinsel und Buben ihn, wie jeden redlichen Mann, um so heftiger verfolgte, da diese elenden Pygmäen vor dem Talente und dem unerschöpflichen Witze des guten Knigge zu beben Ursache hatten. Bekanntermaßen war der Selige eines der tätigsten Mitglieder des Illuminatenordens, als diese Gesellschaft noch existierte. Es ist jetzt noch nicht Zeit, alles zu enthüllen, was über den Untergang und die Verfolgung dieses in seiner Art einzigen Ordens eigentlich gesagt werden könnte. Wer aber nicht von einer gewissen nichtswürdigen Partei verblendet ist, wird eingestehen müssen, daß, wenn je eine geheime Gesellschaft Bewunderung verdient, dies allein die Illuminaten waren. Ihr Zweck war erhaben, himmlisch, edel, die Organisation meisterhaft, und, wenn sie zugrunde ging, so fiel sie wenigstens groß. Sie hat unendlich viel Licht vor ihrem Falle aufgesteckt. Sie hat den Sieg der Wahrheit und des Rechts wenigstens insoweit vorbereitet, daß es bloß die Schuld unsrer Langsamkeit und Feigheit ist, wenn er nicht ganz erfochten würde. Weit entfernt, Revolutionen stiften oder befördern zu wollen, hatte sie vielmehr eine philanthropische Reformation zum Zweck, die allein gegen jede gewaltsame Empörung das einzige und sicherste Mittel ist. Die wenigen erträglichen Fürsten, welche Deutschland hat, dankt es größtenteils der Erziehung der Illuminaten. Die Nachwelt wird einst sehen, wer eigentlich die Verfolger und Feinde dieses Bundes waren, dessen Plan nur zu menschenfreundlich kühn ist, als daß sterbliche Wesen ihn in seiner ganzen Reinheit hätten ausführen können. So schlichen sich denn bald leichtsinnige, unmoralische Menschen, ja selbst auch Spione der immer gegen jede Art von Aufklärung und Menschenwohl wirkenden Jesuiten in den Orden ein, denen eine Gesellschaft, welche überall die Werke der Finsternis entlarvte, nicht gleichgültig sein konnte. Ich führe hier nur den saubern Regierungsdirektor von Grollmann in Gießen an, der als Spion des Betrügers Starck unter dem Namen Gratianus einige Mitglieder des Illuminatenordens, hauptsächlich Ptolomäus Lagi zu hintergehen wußte. Der Menschenkenner Knigge erkannte in ihm gleich den Niederträchtigen, der er wirklich war, wurde aber teils überstimmt, teils mißtraute der gutmütige Mann seinem eignen Urteil zu sehr. Die Folge bewies ihm freilich, daß er sich nicht geirrt hatte. Gerade diese niederträchtige Klasse von Menschen, welche dem Illuminatenorden darum so feind waren, weil sie keine gefährliche und schändliche, aber ihrem Ehrgeize und Eigennutze schmeichelnden Zwecke dabei entdeckten, wie sie gehofft und erwartet hatten, wurden nachher Kniggens und überhaupt des Ordens grimmige Verfolger. Jeder Bube, der gewahr wird, daß er einen redlichen Mann nicht hintergehen kann, wird eben deswegen der Feind dieses ehrlichen Mannes, weil er dessen Überlegenheit fühlt und ihn wider Willen achten muß. Vermutlich werden sich unter seinen hinterlassenen Papieren Materialien zur Entlarvung dieser Bösewichter finden. Ich übergehe daher die ganze Periode seiner Verfolgungsgeschichte mit Stillschweigen und erlaube mir nur eine allgemeine Bemerkung. Der Charakter der Deutschen nämlich, die gleich Kindern jedes dargebotene Spielwerk begierig ergreifen, aber nie einen ernsthaften Plan mit Standhaftigkeit und Aufopferung befolgen, sobald sie nur von weitem gewahr werden, daß irgendein Großer ein saures Gesicht darüber machen möchte, zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit nur zu deutlich. Solange Fürsten, Minister, Erzbischöfe etc. dem Orden anhingen, weil sie zum Teil ihre Erbärmlichkeit dadurch zu verdecken und eine Art von Zelebrität als aufgeklärte, gelehrte Regenten zu erlangen hofften, solange der Orden Aussichten, Gewalt und Einfluß hatte, solange war alles recht, schön und gut. Als aber die Sache ernsthaft zu werden begann, als die Inquisition in Bayern losbrach, als die durchlauchtigen und hochwürdigen Mitglieder sich zurückzogen, weil sie einsahen, daß sie nicht nur redlich und aufgeklärt scheinen, sondern es auch wirklich sein sollten – da sprangen alle die eifrigen Glieder ab, bewahrten sich feierlich vor jedem Verdacht weiterer Teilnahme oder traten wohl gar auf die Seite der Verfolger des Ordens. Da stand Knigge allein. Aber schändlich und niedrig ist es, daß, als das Pack Schurken und Narren, welches die »Eudämonia« herausgab, alle Mittel aufbot, den Seligen zu kränken, als ihm noch kurz vor seinem Tode ein feiger Pasquillant eine Schmähschrift unter dem Titel »Des Freiherrn Knigge Welt- und Menschenkenntnis« zuschickte, daß da keiner aufstand, sich des verfolgten Redlichen anzunehmen. Einer der ersten Nationalobern der Illuminaten, der xxx, unter dessen Autorität alle jetzt so verschrieenen Grade zu einer Zeit sind ausgeteilt worden, wo Knigge längst nichts mehr mit dem Orden zu schaffen hatte – ein Mann, bei dem der Pfaffe und der Edelmann selbst dem Sonntagsgesichte, welches er dem deutschen Publikum zeigt, mit sichtlichen, unzweideutigen Zügen eingeprägt ist, saß ganz ruhig bei allen diesen Mißhandlungen und ließ es geschehen, daß der Selige so, wütend verfolgt wurde. »Der Tag seines Gerichts«, schrieb mir der edle Verstorbene noch kurz vor seinem Tode, »ist noch nicht gekommen. Bis jetzt habe ich ihn und andre geschont und alles über mich ergehen lassen, aber, aber – er hüte sich, sonst keine schiefen Streiche zu machen oder zu begünstigen. – Ein Pfaffe weiß sich zwar immer herauszulügen, allein ich bin auch ein bißchen mit Pfaffenkünsten bekannt.« – Dies zur einstweiligen Warnung für diesen Mann und andere seinesgleichen. Was der Selige aus Edelmut, weil es ihn selbst betraf, verschwieg, das können und dürfen seine Freunde nicht verschweigen, sobald niedrige Verleumder es wagen sollten, seine Asche verunglimpfen zu wollen. Wage es ja keiner, denn es werden sich Rächer finden! Es ist nicht wahr, daß Knigge in den letzten Jahren seines Lebens noch Mitglied oder Oberhaupt irgendeiner organisierten geheimen Gesellschaft gewesen sei. Ebenso unbegründeterweise wurden ihm für manche Schriften und Teilnahme an manchen andern Schuld gegeben. Schon seine fortdauernde Kränklichkeit würde ihn daran verhindert haben, wenn er auch sonst Lust gehabt hätte, das kleine Häuflein wieder zu sammeln. Wie klein ist auch nicht das geprüfte Häuflein. »Bis jetzt«, schrieb er auf eine solche Aufforderung mir einst zur Antwort, »möchte eine solche Unternehmung den Obskuranten auch bei der unschuldigsten und edelsten Absicht nur Stoff zu neuern Verleumdungen geben. Überdies finde ich überall nur Leute, die sich mit guten Wünschen begnügen und sich warm und herzlich über das freuen, was andre auf eigne Verantwortung unternehmen. Aber selbst mit anzugreifen – ja gehorsamer Diener – davon kann man Verdruß haben.« Zu Ende des Junius-Monats wollte der Selige eine Reise nach Lauchstädt in seinem Bettwagen machen und versuchen, ob seine durch unaufhörliche Neckereien aller Art zerrüttete Gesundheit vielleicht dadurch einigermaßen hergestellt werden könne. Aber am 6. Mai schon entschlief er an den Folgen einer Entzündung an der Wange. So ruhe denn sanft in deiner Gruft, edler, oft verkannter Dulder! Verfolgter Freund des Rechts und der Wahrheit, Feind jedes schädlichen Aberglaubens und jedes Wahnes, unermüdeter Arbeiter für Menschenglück, ruhe sanft. Auch mir warst du Lehrer und Freund, wurdest es erst gerade in den trüben Tagen, da die Scheinfreunde sich zurückzogen, weil sie auf die Probe gesetzt werden sollten! Grausam war das Schicksal, das dich mir gerade jetzt entriß, grausamer als alle anderen Verfolgungen und Kränkungen, die mich trafen! Ja, ich darf an deinem Grabe weinen, und wenn dein Geist noch diese Gefilde der Unvollkommenheit seiner Aufmerksamkeit würdigt, so wird er sanft und gütig mich umschweben! Tugend, Wahrheit, Gerechtigkeit – so bleibt euch denn endlich nichts als eine kühle Gruft, wo kein Bösewicht euch mehr verfolgen kann! – 9. Über das Selbstbewaffnen der deutschen Untertanen in Schwaben und am Rhein Es ist eine der ersten und bekanntesten Regeln der gesunden Vernunft, Hilfsmittel, von welchen man überzeugt ist, daß sie nicht hinreichen, ein Übel zu heilen oder wenigstens zu hemmen, von deren Gebrauch aber doch große Beschwerlichkeiten und üble Folgen zu erwarten sind, kurz sogenannte Palliativ-Kuren, zu unterlassen und sofort lieber zur gänzlichen Heilung aus dem Grunde zu schreiten. Der Arzt, welcher bei einer Verwundung, die den Brand droht, Opiate geben wollte, um die Schmerzen des Patienten auf einige Zeit zu lindern, und darüber die Operation versäumt, ist ein strafbarer Pfuscher. Wenn aber vollends ein solches Mittel auf dem Unglück andrer Menschen beruhte, so sind der Arzt, der es verordnet, und der Kranke, der es gebraucht und die Folgen kennt, beide Bösewichter. Wer denkt nicht noch mit Schrecken und gerechtem Abscheu an den elften Ludwig, der geschlachteter Säuglinge Blut trank, um das seinige zu versüßen? Wer schaudert nicht vor den Ungeheuern von Arzt und Beichtvater zurück, von denen der eine es ausdachte und der andre den Müttern aus der sogenannten Heiligen Schrift bewies, daß sie ein verdienstliches Werk täten, wenn sie ihre Kinder zum Behufe des königlichen Molochs schlachten ließen? Dennoch ist das Geschlecht dieser gekrönten Teufel mit Ludwig XI. nicht ausgestorben. Es gibt noch im Jahr 1796, vier Jahre vor Ablauf des achtzehnten Jahrhunderts, in Deutschland Fürsten, welche ihrem Unsinn, ihrer Schuld nicht nur etwa ein paar Säuglinge, sondern einen guten Teil aller ihrer Untertanen aufopfern und ihr Blut fließen lassen wollen, um einen Feind, den der Wahnsinn und der Frevel der Angreifer herbeilockte, dadurch auf einige Tage aufzuhalten. Ich rede von der allgemeinen Bewaffnung der Einwohner in Schwaben und in den Rheingegenden, welche man gegen die siegreichen fränkischen Heere zu veranstalten sucht. Wenn man in Tirol eine solche Landmiliz einrichtet, so bedaure ich freilich immer, daß es noch Bürger und Bauern gibt, die töricht genug sind, die Willkür ihrer Despoten noch mit ihrem Blute befestigen und erhalten zu wollen. Ich lache über die silbernen Löffel, Tobaksdosen und Tobakspfeifen, die man in der Angst verspricht. Aber ich kann es dem Kaiser verzeihen, daß er diese Bewaffnung zuläßt, weil ich begreife, daß in den Tiroler Bergen die dortigen geübten Schützen allerdings dem eindringenden Feind im Notfall viele Hindernisse in den Weg legen können. Wenn aber die kleinen Fürsten am Rhein und in Schwaben dies nachäffen und ihre Untertanen zur allgemeinen Bewaffnung auffordern, nachdem sie vorher sorgfältig über Hals und Kopf geflohen sind, so verdienen sie dadurch den Abscheu und den Fluch der Welt und Nachwelt. So wenig gesunden Menschenverstand unsre deutschen Nabobs auch seit dem Jahre 1789 an den Tag gelegt haben, so traue ich ihnen doch noch so viel Überlegung zu, daß sie einsehen müssen, eine solche Donquichotterie werde General Moreau eben nicht hindern, seine siegreiche Laufbahn zu verfolgen. Truppen, die mit hinreichender Artillerie versehen sind und die kriegsgewohnten Österreicher wie Kaninchen jagen, werden wahrhaftig mit einigen zusammengetriebenen Bauern auf den Ebenen Schwabens nicht langen Prozeß machen. Was wird also die einzige natürliche Folge der Bewaffnung sein? Man wird die Anführer der Bauern niederschießen, den Rest zerstreuen und ihre Wohnungen der Plünderung oder gar den Flammen preisgeben. Wehe den Deutschen, wenn sie sich unterstehen sollten, dies Verfahren grausam zu nennen! Clairfayt und Braunschweig mordeten in Frankreich bei ihrem Kreuzzuge die Einwohner, die ihre Hütten gegen die fremden, ins Land gebrochnen Räuberscharen verteidigten, Räuberscharen, welche jeden ihrer Fußtritte mit Plündrung, Rachsucht und Diebstahl bezeichneten und dem französischen Volke einen entlaufenen Schwarm von adeligen Buben und tonsurierten Schelmen wieder aufdringen wollten, die das Volk seit Jahrhunderten gequält hatten und nun, da man sie verhindern wollte, es ferner zu quälen, in Deutschland Büttel und Henker gefunden hatten, welche ihnen ihre Wiedereinsetzung mit gewaffneter Hand versprochen hatten. Jourdan und Moreau betreten aber den deutschen Boden, ohne irgend etwas an der Verfassung, den Sitten oder der Religion der Einwohner Schwabens und des rechten Rheinufers ändern zu wollen. Sie kommen nicht, um die im Elsaß und in der Champagne begangenen Greuel zu rächen. Sie wollen bloß die Angreifer endlich zur Aufgebung des schändlichsten aller Kriege, zur Gerechtigkeit und zur Respektierung der Rechte des französischen Volks nötigen. Aber eben diese Gerechtigkeit des fränkischen Volkes, diese Disziplin der fränkischen Heere ärgert und kränkt die Despoten am Rhein und die Schar ihrer deutschen Genossen. Sie wollen Greuel, Plünderung und Brand, um über Greuel, Plünderung und Brand schreien zu können, daher reizen sie ihre Völker auf, daher trachten sie, die Übel des Krieges über den armen Landmann, der ohnehin schon unter der Last erliegen möchte, auszugießen. Sie aber, die den Janustempel schlossen, sie wollen die Leiden des Krieges nicht mit ihren Völkern teilen, Z.B. der Markgraf von Baden, der erst bekannte, er werde bleiben, solange seine Gegenwart nur immer nützlich sein könne, ferner der Kurfürst von Mainz, der mit seinen Mätressen inzwischen eine kleine Jakobinerjagd anstellt, und noch mehr solche durchlauchtige Herrschaften. In Italien rissen sie aus wie Hasen, als Buonaparte näher kam. sie fliehen, nachdem sie die Lunte angezündet haben, und lachen bei ihren Mätressen, auf Bällen und Festen, wenn sie in den Zeitungen lesen, wie ihre sich für ihre Torheit hingebenden Mitbürger bluten oder als Bettler in fremde Gegenden wandern. Oh, des Greuels, oh, der tiefen, unauslöschlichen Schande für unser Vaterland, für den gesunden Menschenverstand, für die Menschheit, daß im achtzehenden Jahrhundert noch solche Szenen vorfallen können! Fluch dem grausamen Spötter, der das leere Wort »deutsche Freiheit« noch auszusprechen wagt! Spott dem Narren, der auf den gekrönten und installierten Pöbel noch durch die Stimme der gesunden Vernunft zu wirken gedenkt und nicht einsieht, daß bloß Fäuste des gemeinen, noch weit edlern Pöbels dazu dienen können, solche Buben zu ihrer Pflicht zurückzubringen! Findest du diese Sprache zu derb, diese Worte zu hart, träger Egoist, der du, fern vom Schauplatz des Krieges, gemächlich in deinem Lehnstuhle die Zeitungen durchblätterst und deines Leibes pflegst, so gehe hin und begleite die Armee der Östreicher auf ihrem Rückzuge oder eile nach den Niederlanden, wo die englischen Mordknechte unter dem Befehl des Knaben, der kein Räsonnieren liebt, Der Herzog von York beliebt sich bei Gelegenheit des von Bülowschen und von Mecklenburgschen Prozesses gegen alles Räsonieren über die Kriegszucht seiner Banden zu erklären. sengten, notzüchteten, und du wirst mit Schaudern zurückbeben und dich wundern, daß diese Sprache, daß dieser Unwille nicht in ganz Deutschland allgemein sind. Tretet nun auf, ihr Verführer der Fürsten und des Volkes, ihr schalen Höflinge und ihr Herausgeber der »Eudämonia«, die ihr jetzt durch eure Flucht einen Teil eurer Frevel abbüßt, und hetzt ferner zum Kriege auf! Täuscht, wenn ihr es vermöget, das Volk noch länger mit euern Lügen! Ruft noch die russischen Kosakenhorden nach Deutschland, damit der Mörder Suworow das Unheil noch vermehre! Aber wie ist es möglich, daß betrogne Völker sich noch länger den Abgeschmacktheiten ihrer Tyrannen preisgeben und sich zu dieser lächerlichen und zwecklosen Bewaffnung bereden lassen können? Zur Antwort auf diese Frage dienet die Geschichte aller Jahrhunderte: Was vermögen nicht diejenigen, die Gewalt in Händen haben, wenn sie sich vereinigen, um das Volk zu täuschen! Mit Erstaunen über die Frechheit und Unverschämtheit der Despötchen und mit Unwillen über die Niederträchtigkeit der feilen Sklaven, die sich dazu brauchen lassen, Wahn und Irrtum zu befördern, lese ich hier zumal die Frankfurter Zeitungen. Noch in der Zeitung vom 3. und 4. Junius wird von Unruhen in Holland und Brabant gesprochen, an welche nicht zu denken ist, und versichert, daß die fränkischen Generale in Brüssel ihre besten Effekten nach Paris zurückschickten, weil man glaube, daß die Östreicher nächstens wieder Meister der Niederlande sein würden. Dies wird in eben dem Augenblicke gedruckt, da hier sichre Botschaft eintrifft, daß die Franken längstens bis zum 12. oder 13. in Frankfurt einziehen werden. Man würde über solche ungeheure Rodomontaden bloß lachen, wenn sie nicht so traurige Folgen hätten. Der Despotismus, der sich kein Gewissen daraus macht, durch welche Mittel er auch seinen Zweck erreicht, wenn er ihn nur erreicht, bedient sich dieser Lügen, um dem Volke am Rheinufer die Waffen in die Hand zu geben. Man macht in öffentlichen Blättern dem leichtgläubigen Landmann glauben, daß er dazu beitragen könne, den Krieg und die Übel des Krieges in kurzer Zeit zu endigen. Wenn er es nun glaubt, wenn Verzweiflung und Überdruß und die täuschende Hoffnung, der man so gerne glaubt, ihn zu unüberlegten Schritten verleiten, so – macht die Zeitung bekannt, daß der Erzherzog Karl für gut befunden habe, eine konzentriertere Position zu nehmen, und daß die Franken sich in den ihnen preisgegebenen Orten abscheulich betragen. Die Herren Frankfurter tun eben nicht klug daran, daß sie ihren sogenannten deutschen Patriotismus, d. h. mit andern Worten ihren elenden Sklavensinn und ihren schmutzigen Kaufmannsgeist, vermöge dessen ihnen die Sache der Menschheit gleichgültig ist, wenn sie nur gewinnen, so laut an den Tag legen. Der Schutz (den ihnen der x ... xx ... versprochen hat, weil eine ihrer Kaufmannstöchter auf eine Zeitlang die Schande hatte, den Platz einer gewesenen öffentlichen Metze einzunehmen, die nun zur Gräfin gemacht worden ist) möchte jetzt seine ganze Wirksamkeit verlieren. Es wäre leicht möglich, daß die Franken ohngefähr folgendermaßen räsonnierten: »Die Stadt Frankfurt hat von Anbeginn der Revolution an laut die Partei unsrer Gegner genommen. Wir wollen es ihr eben nicht zum Verbrechen anrechnen, daß sie den Prahler Custine nicht leiden konnte, schändlich aber war es immer, daß der dortige Magistrat dem Unfug des Pöbels, der bei der Einnahme Frankfurts durch die Preußen und Hessen zuerst eine Meuterei in der Stadt anrichtete, nicht nur nicht steuerte, sondern, ohnerachtet einer der Form halber vorgewandten Mißbilligung, diese Meuterei und alle dabei vorgefallenen Ausschweifungen als Patriotismus pries und preisen ließ. In der Folge zeigte Frankfurt seine Animosität gegen die Franken immer deutlicher, je mehr die Wahrscheinlichkeit abnahm, daß wir wieder Meister dieser Reichsstadt werden möchten. Andere Städte Deutschlands haben auch diejenigen Verbindlichkeiten erfüllt, welche ihnen ihre Verbindung mit Kaiser und Reich auflegte. Aber sie haben uns nicht so absichtlich gereizt und bekriegt als ihr. Eure Bankiers haben unsre Feinde durch allen ihren Kredit, durch alle ihre Hilfsquellen unterstützt. So oft Preußen, Hessen oder Östreicher einen Vorteil über uns erfochten hatten, äußertet ihr laut eure Freude und bei jedem Siege, der uns gelang, euren Mißmut. Nicht zufrieden, bloß euren Teil zu den Lasten des Krieges beigetragen zu haben, erschöpftet ihr euch fast durch außerordentliche Geschenke an die Truppen der gegen uns verschwornen Feinde. Ihr gabt das erste Beispiel der Bewaffnung der Bürger gegen uns. In euren Mauern verschworen sich die Ausgewanderten gegen uns. Eure Pressen schwitzten unter den Libellen, welche Aufruhr und Bürgerkrieg in unserm Lande anzünden sollten. Eure öffentlichen Blätter waren das Organ unsrer Feinde (s. die Frankfurter deutschen Zeitungen und das Journal de Francfort), um unsre Siege zu verkleinern, uns lügenhafte Niederlagen anzudichten und die Deutschen gegen uns durch falsche Nachrichten von den Ausschweifungen unserer Truppen aufzuhetzen. Eure Buchhandlungen (hauptsächlich die Herrmannische) verbreiteten mit dem größten Eifer alle Schriften, welche die Freiheit und Gleichheit lästern und jeden Bekenner der heiligen Grundsätze unsrer glorreichen Revolution den Dolchen und den Schanzen der Despoten bezeichnen etc. etc. Ihr Verteidiger und Anhänger der Despotie, ihr, die ihr den Räuberzug nach unsern Grenzen, das Mördermanifest und die Plünderung unserer Städte und Dörfer für recht und billig erklärtet, könntet also mit Recht nicht darüber schreien, wenn wir auch nach den von euch gepriesenen Grundsätzen handelten. Weil aber doch das Volk bei euch nur getäuscht ist und schwerlich ohne fremden Antrieb Haß gegen uns so auffallend gezeigt haben würde, so wollen wir billig und gnädig verfahren. Wir wollen euren Magistratspersonen und euern Bankiers bloß durch Auflegung einer starken Kontribution die Mittel benehmen, uns ferner zu schaden, und euch zwingen, während unsrer Anwesenheit unsern Kriegern die nämliche Behandlung zu erweisen, welche ihr unsern Feinden erzeigtet. Eure Libellisten und Zeitungsschreiber verachten wir viel zu sehr, als daß wir sie würdigen sollten, ihnen unsern Unwillen über ihre feile und widrige Denkungsart fühlen zu lassen. Ihre Lügen sind durch unsre Siege widerlegt.« So, dünkt mich, könnte General Lefebvre oder Collaud mit allem Recht sprechen und die Stadt Frankfurt für ihren voreiligen Übermut büßen lassen. Eine solche Züchtigung würde die übrigen Bewohner der Rheingegenden abschrecken und in jeder Hinsicht heilsam und ersprießlich für die gute Sache sein. Euere Großmut, brave Franken, ist übel angewandt bei dem größten Teil der Deutschen, auf welche man, wie auf Tiere, nur durch Gefühl und nicht durch Vernunftgrund wirken kann. Die Franken sehnen sich nach dem Frieden. Sie freuen sich über ihre zahlreichen Siege nur insofern, als diese Mittel sind, endlich diesen Frieden herbeizuführen. Aber gibt es wohl für die Republik einen gründlichen Frieden, ehe die Despoten so weit gebeugt sind, daß sie von Frankreich Gesetze annehmen müssen? Nein! Ohne die Rheingrenze, ohne mächtige Hilfsquellen durch eroberte Länder kann Frankreich seine zerrütteten Finanzen nicht gründlich und schnell genug wiederherstellen. Die ungerechten Angreifer müssen den Schaden, den die Republik gelitten hat, wenigstens einigermaßen ersetzen. Wahrlich! Wäre der Plan der Verbündeten Räuber gelungen, sie würden mit Frankreich nicht so billig umgesprungen sein! Dies mächtige Land würde, wie Polen, zerfleischt worden sein. Überdem werden die Despoten nicht außer allen Stand gesetzt, Frankreich mit Nachdruck anzugreifen. So ist nichts gewisser, als daß sie die erste Gelegenheit zu einem neuen Überfall ergreifen und der Republik eine Wiederholung aller der schrecklichen Kämpfe und Konvulsionen bereiten, welche sie nur durch die ungeheure Fruchtbarkeit ihrer Hilfsquellen zu überstehen imstande wäre. Sie selbst, die Despoten, haben die Maske zu früh abgeworfen. Sie bieten die Rechte zum Frieden und zum Freundschaftsbund und zücken mit der Linken den meuchlerischen Dolch. Die Franken dürfen nur an die Demarkationslinie und an den Grafen Carletti denken, der zum augenscheinlichen Beweis, daß sein Hof seine Schritte nichts weniger als mißbilligt, neuerdings für seine Intrigen ein Landgut zum Geschenk erhalten hat. Umsonst waren noch jetzt alle Gesetze gegen Fremde. Sie treffen Unschuldige, und die diplomatischen Beschützer aller Emigranten, die Aufhetzer zum Bürgerkrieg trieben ihr Spiel immer in Ruhe fort. Die Stärke der Republik beruht auf der Schwäche der Könige. Mag es Deutschland, mögen es die betrognen Bürger, mag es ganz Europa wissen, daß Frankreich schon vor zwei Jahren wiederholt die Hand zur Versöhnung reichen wollte. Mit verachtendem Hohn wies man alle Anerbietungen des Friedens zurück, und nun wollen die trotzigen Bösewichter, die damals von Vernichtung der Freiheit in allen Weltteilen träumten, die im Geiste ganz Europa als ein Reich voll Leibeigner betrachteten, die sie nach Gefallen vertauschen und morden könnten, über Mangel an Mäßigung von seiten der Franken schreien! Nun wollen sie noch das Blut ihrer friedlichen Bürger verspritzen, um nur einige Augenblicke noch den Zeitpunkt ihrer gänzlichen Demütigung aufzuhalten! Ja, Bürger des rechten und linken Rheinufers, bewaffnet euch, aber kehrt eure Waffen gegen eure Treiber und zwingt sie zum Frieden! Haltet sie zurück, wenn sie feig entfliehen wollen, laßt sie des Krieges Greuel und Jammer mit Augen sehen, und, wenn sie dennoch von Bewaffnung sprechen, so stellt sie zuerst den feindlichen Schwertern entgegen! – 10. Warum sind die Großen über die Französische Revolution so erzürnt? Nichts ist leichter, als diese Frage zu beantworten. Die Regierer haben der Gutwilligkeit der Völker ihre Größe zu verdanken, aber mit der Französischen Revolution kamen zugleich gewisse Ideen in Umlauf, die diese Gutwilligkeit verminderten. Auf den Unterschied zwischen guten und schlechten Regenten fing man an aufmerksam zu werden, man verlangte, daß sie gut regieren sollten, und man war so dreist, die Regierung schlecht zu nennen, wenn der Fürst weiter nichts tat als ein goldnes Schlaraffenleben zu führen. Kurz, durch die Französische Revolution fingen die Menschen an, in der Stille klüger zu werden. Soviel kann man behaupten, daß die Zeiten vorbei sind, wo es den Herrschern erlaubt war, sich nur füttern zu lassen und zu schwelgen, wo sie die Menschen mit ihren Launen quälten und nur in Lustbarkeiten herumtaumelten. Ist es also wohl ein Wunder, wenn die großen Herren über die Französische Revolution erzürnt wurden, Himmel und Hölle in Bewegung setzten, um den Neufranken ihren Sieg der Freiheit zu erschweren? – Freilich hatten sie solches nicht Ursache, weil keine Revolution vermögend sein würde, den Völkern zu ungünstigen Urteilen über die großen Herren Veranlassung zu geben, wenn nicht selbst mancher Hermelinsünder seinen Untertanen Stoff gäbe, über ihn und das Unwesen, so er treibt, ernstlich nachzudenken. Wer kann es wohl leugnen, daß ein solcher Regent, wie der vor einigen Jahren verstorbene Fürst von Zerbst, eine seinem Lande sehr entbehrliche Möbel ist. Man sagt zwar, von den Toten solle man Gutes reden, ich finde aber dieses alte Sprichwort gar nicht anwendbar und sehe nicht ein, warum man nicht von einem verstorbenen Schurken laut sagen soll, daß er ein Schurke war? Genug, dieser Fürst war für sein Land gerade das, was eine Null ohne Zahl ist. Er war seit vielen Jahren gar nicht in sein Land gekommen, seine Untertanen kannten ihn ebensowenig als er sie kannte, und doch mußten sie für ihn arbeiten, und er verzehrte die Gelder seiner Untertanen im Auslande. Bei Zuchthausstrafe ließ er durch öffentliche Edikte bekanntmachen, daß keiner seiner (Untertanen sich unterstehen sollte, ihn mit Bittschriften zu belästigen. Er verkaufte seine Untertanen und vertat auf die liederlichste Art dieses Blutgeld im Auslande. Sollte wohl die Nachwelt glauben, daß die Gutwilligkeit des Volks so weit gehen könnte, einen solchen fürstlichen Taugenichts zu füttern? Er kümmerte sich um nichts, und wenn er einen Befehl ergehen ließ, so enthielt solcher den abscheulichsten Unsinn. So befahl er zum Beispiel, daß jeder, der um Versorgung anhielt, hinzusetzen mußte, »es sei im Zivil- oder Militärstande«. Seine ganze Kriegsmacht bestand in nicht mehr denn 3000 Mann, und sollte man wohl glauben, daß der lächerliche Befehl so weit ausgedehnt wurde, daß ein Theologe, wenn er um eine Pfarre anhielt, genötigt war, sich der Klausel zu bedienen »es sei im Zivil- oder Militärstande«, da es denn auch oft geschah, daß er einen Theologen oder Rechtsgelehrten zum Feldwebel machte. Und ein solches halb unkluges und halb tyrannisches Ungeheuer war so frech, sich Vater des Landes zu nennen, und seine Zerbster waren auch so gutmütig oder vielmehr so einfältig, trotz aller seiner Narrheiten ihn den gnädigen Fürsten zu heißen. Wenn Frankreichs Regierung auf den Einfall käme, sich umsonst füttern zu lassen und das Geld in fremden Ländern durchzubringen, was würden die Widersacher der Neufranken von dieser Regierung und von diesem Volke, das so einfältig wäre, solches zuzugeben, wohl sagen? – Bei dieser Gelegenheit müssen wir eine Frage aufwerfen, die mit dem Betragen des gedachten unklugen Fürsten in einiger Verbindung steht. Warum wird es überhaupt verstattet, daß viele der regierenden Fürsten Deutschlands in fremde Kriegsdienste treten? So etwas sollten Kaiser und Reich nicht zugeben, wenn es ihnen anders um Deutschlands Wohl zu tun ist, denn wie ist es möglich, daß ein Land gut regiert werde, wenn der Vater desselben nicht gegenwärtig und, was noch mehr, wenn er im Kriege begriffen ist. Durch feindliche Kriegsheere, durch Lager und Festungen ist ein solcher Fürst von seinen Untertanen getrennt, seine Räte können und dürfen ihn nicht von Angelegenheiten seines Landes benachrichtigen, kurz, seine Diener sind sich selbst überlassen, und er weiß gar nicht, was in seinem Lande vorgeht. Ist es unter solchen Umständen nicht sehr natürlich, daß die Regierung vernachlässigt werde? Ein Regierer des Landes ist bei allem seinem guten Willen nicht vermögend, die Arbeit vollkommen zu verrichten, die ihm als Landesvater zukommt, und dennoch ist es ihm erlaubt, fremde Arbeit zu übernehmen? Er übernimmt neue Lasten und ist nicht einmal vermögend, die Bürde zu tragen, die ihm als Regierer eines Volkes auferlegt ist? Nicht zu gedenken, daß die Löhnung, die sie von dem fremden Fürsten erhalten, oft nicht zureicht, eine fürstliche Equipage und ein eigenes Regiment zu halten, so sind sie noch dazu genötigt, die Gelder ihrer Untertanen in fremden Ländern zu verzehren. Überhaupt ist es sonderbar genug, daß ein Fürst, der in seinem Lande das Oberhaupt ist, solches verläßt, sich von andern Fürsten besolden läßt und deren Befehlen Folge leistet, wie dieses sehr oft der Fall ist, indem ein solcher Regent zuweilen nicht einmal als kommandierender Feldherr dienet, wie solches bei einem Herzog von Weimar, Fürst von Köthen und mehrern deutschen Fürsten geschah. Wenn es aber auch der Fall ist, wie bei einem Herzog von Braunschweig, daß ein solcher Regent Befehlshaber einer Armee ist, so bleibt die Sache selbst ebenso unschicklich, widersinnig und nachteilig für den Fürsten selbst und seine Untertanen, der Erfolg seiner Unternehmungen möge glücklich sein oder nicht. Erobert er auch Festungen, gewinnt er Schlachten und erficht er sich Lorbeern, was ist diese eingebildete Ehre gegen den wahren Ruhm, ein guter Regent, ein wahrer Vater seines Landes zu sein. Ist er unglücklich in seinen Unternehmungen, muß er sich vielleicht mit seinem Kriegsheere zurückziehen oder wohl gar auf sichern Befehl Manifeste ergehen lassen, die ihn in den Augen seiner Zeitgenossen und der Nachwelt als kriegerischen Prahler charakterisieren – wie kränkend muß solches nicht für seine Untertanen sein, die ihn lieben und als ihren Vater verehren? Oder halten solche Fürsten vielleicht ihre eigenen Länder für zu kleine Gegenstände ihrer Sorgfalt, als daß sie sich mit deren Wohl abzugeben die Mühe nehmen sollten. Wozu wären sie denn da, und weswegen vertraute ihnen, ihr Land sein Wohl an, gab ihnen alles in die Hände und legte sich Lasten auf? Nicht deswegen, daß der Fürst es glücklich machen, sondern, damit er sich im Auslände mit fremden Kriegsvölkern beschäftigen sollte, indes er die Geschäfte seines eigenen Landes fremden Händen anvertrauet? – Oh, wie leicht wäre es möglich, einen solchen Unfug zu verhindern, wenn die Völker nur wollten, und zwar ohne großes Aufsehen zu machen, noch weniger ohne den geringsten Aufstand zu erregen. Die Untertanen eines solchen regierenden Fürsten, wenn er den lächerlichen Einfall bekäme, in fremde Kriegsdienste zu treten, dürften ihn nach meiner Meinung nur auf folgende Art anreden: »Du bist ja unser Fürst, nicht der Fürst der Preußen oder der Österreicher. Wir wollten ja deine Hilfe und Beistand haben, in der Voraussetzung, daß wir uns nicht selbst helfen noch regieren konnten. Dir vertrauten wir unser Wohl an und verstatteten dir so viele Einkünfte, und zum Lohn dafür behandelst du uns als Bastarde, ob du gleich unsre Wohltaten nicht verachtest, sondern die Abgaben nimmst und willens bist, unsre Gelder in fremdem Dienst und fremden Ländern zu verzehren. Niemand kann zweien Herren dienen, entweder er muß einem anhängen oder den andern verachten, so steht es schon in der Bibel, und unsre Vernunft sagt uns, daß du in deinem Lande Beschäftigung genug hättest, wenn du nur wolltest. Willst du uns vielleicht zur Antwort geben, daß deine Räte statt deiner regieren? Ei nun, wenn das der Fall wäre, so, würdest du ja selbst eingestehen, daß du überflüssig seist und daß wir dich sehr leicht entbehren können. Du hast also jetzt die Wahl, entweder du bleibst in unsrer Mitte und bemühst dich, uns gut zu regieren, und wir versprechen, deine treuen Untertanen zu sein, oder du ziehst in fremde Länder und suchst durch Leichen und Verwüstungen Lorbeern zu erringen. Ziehst du diese Lorbeern dem Ruhm vor, Vater eines Landes zu sein, so ziehe hin, wir bedürfen deiner nicht und werden dich nie wieder in einem Lande regieren lassen, das deiner Regierung so leicht entbehren könnte, wie du selbst durch dein Auswandern uns deutlich genug bewiesen hast.« Eine solche männliche Sprache des Volks würde hinreichend sein, jeden regierenden Fürsten von dem törichten Vorsatze abzuhalten, in fremde Dienste zu treten und die Regierung seines eigenen Landes zu vernachlässigen. 11. Über die deutschen Reichskriege Daß das Deutsche Reich seit mehr als vier Jahren in einen Krieg mit Frankreich verwickelt worden ist, weiß jeder Deutsche. Aber die eigentliche Veranlassung dieses Krieges und die Ursache, warum dieser Krieg ein Reichskrieg genannt wird, ist den meisten Zuschauern unbekannt. Um diese Aufgabe aufzulösen, ist es notwendig, die Urheber dieses Krieges zu entdecken. Daß kriegführende Mächte sich jederzeit bemühen, nie als die Angreifer angesehen zu werden, ist bekannt und folglich auch sehr natürlich, daß man bei gegenwärtigem Kriege alle Schuld von sich weg und auf Frankreich wälzen wollte, aber vergebens. – Wenn es auch möglich wäre, alle die Unbesonnenheiten der kleinern und größern Fürsten bei diesem Kriege zu verschweigen, so würde doch die Nachwelt sehr leicht aus Tatsachen entscheiden können, wer eigentlich mit der Schuld dieses' Krieges zu belasten sei und wie unrechtmäßig die Privatangelegenheiten einiger zu einem allgemeinen deutschen Reichskriege umgeschaffen worden. Können also die Großen der Erde der Kritik der Nachwelt nicht entgehen, so ist es besser, solche gegenwärtig anzustellen in der Hoffnung, das deutsche Publikum über diesen Gegenstand aufzuklären und wenigstens die künftigen Versuche, Deutschland in Reichskriege zu verwickeln, fruchtlos zu machen. Daß die Franzosen den Kaiser in Belgien zuerst angegriffen, ist freilich nicht zu leugnen, aber deshalb sind sie dennoch nicht als Urheber dieses Krieges anzusehen, ebensowenig als Friedrich der Große Urheber des Siebenjährigen Krieges zu nennen ist, ob er gleich zuerst zu den Waffen gegriffen hat. Man kann sagen, die Franzosen haben keineswegs den Krieg mit dem Kaiser gesucht, aber die Zurüstungen des Kaisers und die Lage der Sachen war so beschaffen, daß der Krieg unvermeidlich war und sie nichts taten, als ihren Gegnern zuvorzukommen. Daß dieses Wahrheit ohne Schminke und kein leeres Vorgeben sei, ist daraus zu erweisen, weil der Kriegsschauplatz erst im Jahre 1792 eröffnet wurde, obgleich der Pillnitzer Traktat bereits im Jahre 1791 geschlossen und in solchem Krieg, ja, was noch mehr war, eine teils hinterlistige, teils gewaltsame Teilung und Zerstückelung des französischen Reichs unterschrieben und besiegelt wurde. Dennoch wollten die deutschen Fürsten und ihre Räte die Ursachen dieses Krieges nicht in sich selbst suchen, sondern schoben alles auf das Freiheitssystem der Neufranken und waren hocherbittert, wenn solche Abänderungen ihres eignen Staatssystems machten, die mit den Theorien deutscher Fürsten nicht übereinstimmten. Überhaupt ist doch wahrlich nichts törichter als 1. über Befugnisse und Nichtbefugnisse einer ganzen Nation in Ansehung der Änderung ihrer Regierungsform räsonnieren zu wollen, und 2. einer ganzen Nation von 25 Millionen Seelen Vorschriften zu machen, was sie tun soll, wenn sie sich empört, und wie sie besser oder anders handeln könne. Und finden sich nicht eine Menge solcher lächerlichen Vorschriften fast in allen Schriften unsrer Staatsmänner und aristokratischen Politiker? – Daß die Rechte der Fürsten im Elsaß verletzt worden, ist nicht zu leugnen, aber das war nicht anders möglich, denn die Abschaffung des Lehnsystems gehörte mit zu den wohltätigen Wirkungen der Französischen Revolution, und ohnmöglich konnten sich die Franzosen rühmen, etwas zum Besten der Freiheit getan zu haben, solange noch die alte Lehnsverfassung existierte. Vernünftig wäre es gewesen, sich nach dem Gange der Kultur des Zeitalters zu richten und sich gütlich mit den Begriffen abzufinden, die einmal im Schwange gingen, denn mit Gewalt sich ihnen entgegenzustemmen, zu verlangen, daß alles in die Form weniger einzelner gepreßt werde, ist unnatürlich. Aber von diesem Nachgeben wollte man nichts wissen, und so wollte man auch keine Entschädigung annehmen, welche die Franzosen für die verletzten Rechte angeboten haben. Ebenso ging es mit den Rhein- und Moselländern. Die Ansprüche der deutschen Regierer geist- und weltlichen Standes mußten von den Neufranken aufgehoben werden, denn wie wäre es möglich gewesen, den geistlichen Herren, Stiftern, Abteien und Klöstern ferner Korn und Wein zur Mast zuzuführen und doch behaupten zu wollen, man habe alle Provinzen frei gemacht, wenn man ihnen Fesseln am Halse ließe, die ihnen noch in dunkeln Jahrhunderten angelegt worden. Überhaupt können so wichtige Veränderungen, als die Franzosen hinnehmen mußten, nie ohne Beeinträchtigung eines Dritten geschehen. Es ist auch gar nicht zu tadeln, wenn dergleichen beeinträchtigte Personen sich darüber beschweren und Entschädigung fordern, aber diese auszuschlagen und durchaus zu verlangen, daß alles auf den alten Fuß gesetzt werde, ist eine törichte Einbildung. Den geistlichen Fürsten wurde Schadenersatz angeboten, aber diesen wollten sie nicht abwarten, sondern bildeten sich ein, die Franzosen würden sich fürchten und um ihren Bannstrahl zu vermeiden, alle Forderungen der geistlichen Herren bewilligen. Und hatten die Franzosen wohl etwas anders getan, als was Joseph II. Preußen und viele andre Fürsten sich erlaubt hatten? Zu auffallend ist in der Tat der Widerspruch, daß Österreich die Einbeziehung der geistlichen Güter in Frankreich als Raub betrachtete, da Josephs Beispiel, alle Jesuitengüter in den katholischen Staaten und so viele Einziehungen geistlicher Stifter das nämliche Schauspiel zeigten. Als Grund dieser Gütereinziehungen wurde von Frankreichs Seite angegeben, daß man die Kirche nicht als Eigentümerin, sondern als Pfründenbesitzerin betrachte, die man für gewisse sogenannte Arbeiten besolde und folglich ihren Sold aufheben könne, sobald man ihre Arbeit nicht mehr haben möchte, und dieser Grund war ebenso vernünftig als Josephs Unternehmungen, der von der Zwecklosigkeit und Schaden im Vergleich des geringen Nutzens sprach, den solche Besitzungen haben könnten. Aber die geistlichen Herren, die auch nicht eine Weinranke in ihrem geistlichen Weinberge missen wollen, wollten von Vernunft nichts wissen, sondern entzündeten den Mordkrieg und gossen die ersten Öltropfen ins Feuer. Als krüppelhafte Zwerge zeigten sie Stolz und Übermut gegen einen Riesenkörper, klirrten mit den Waffen und forderten den Riesen zum Kampf auf. Als dieser erwachte und sie zu zerquetschen drohte, riefen sie das Deutsche Reich zum Beistand an, und wer hätte wohl glauben sollen, daß dieses auch schwach genug wäre, ihnen Hilfe zu bewilligen. Sie dachten nicht an Unterhandlungen mit Frankreich, sondern schrien und pochten wie trotzige Kinder, denen man ihr Spielzeug genommen hat. An die Tränen wurde nicht gedacht, die sie ihren unschuldigen Untertanen auspreßten, denen es gleichviel gelten konnte, ob diese Hirten eine Präbende mehr oder weniger hatten. Sie bewiesen durch ihr Benehmen abermals den Satz, daß Priester von jeher mehr Würgeengel als Boten des Friedens gewesen sind. Sie nahmen den Auswurf des französischen Volks in Schütz, welche davongelaufen waren, um als Faulenzer sich nebst ihren Prinzen von Deutschen füttern zu lassen. Obgleich Frankreich oft und dringend bat, dieses Gesindel wegzuschaffen, so hörten dennoch die geistlichen Fürsten nicht auf, diese Brut zu füttern und ihren Untertanen neue Lasten durch diese faulen Blutegel aufzubürden. An den biblischen Ausspruch, daß es nicht fein stehe, das Brot den Kindern zu entziehen und es vor die Hunde zu werfen, dachten sie gar nicht, sondern es wurde im Gegenteil den Deutschen zur Ehre angerechnet, daß die Prinzen und Marquis die, überschwengliche Gnade hatten, das Fett des deutschen Vaterlandes mit verzehren zu helfen. Kaum wird die Nachwelt den Unfug glauben, den ein verlaufener Graf Artois und sein Anhang in Koblenz getrieben hat. Nicht genug, daß er mehr denn fünfzig Reitpferde und vier Mätressen hielte, sondern der Exminister Calonne war so frech, den Kurfürsten von Trier auf dessen Bemerkung, daß er gehört habe, sein Vetter lebe etwas ausschweifend, zu antworten: »Nein, Ihro Durchlaucht, nie hat der Graf Artois so mäßig gelebt als jetzt, denn er hat gegenwärtig nur vier Mätressen, statt daß er sonst mehr als zwanzig hatte.« Wer mehrere solche Tatsachen, für welche die Menschheit schaudert, nachlesen will, dem empfehle ich das 3. Stück des »Neuen grauen Ungeheuers«. – Und solcher wollüstigen Bettelprinzen und ihres Anhangs wegen wurde Krieg geführt und soviel deutsches Blut vergossen, ja was noch mehr ist, dieser Unholde wegen, die sich Fußbäder von Wein machten und deren Mätressen täglich für 2 Livres Lavendelwasser in ihr Nachtgeschirr schütten ließen, um Wohlgerüche zu haben, wurden die Deutschen gezwungen, an einem Kriege Anteil zu nehmen, der ihnen dasjenige vollends auffraß, was die üppigen französischen Windbeutel noch übriggelassen hatten. Wahrlich, es ist unmöglich, ein ehrlicher Deutscher zu sein und hierbei kalt zu bleiben. Es ist unbegreiflich, wie das deutsche Publikum sich von Schirachisten und Girtannerschen Marktschreiern so gröblich konnte hintergehen lassen, die solche Menschen lobpreisen und sie für den allein, gesund gebliebenen Teil der Nation erklären konnten, die frech genug waren, in ihren Journalen zu sagen: »Nur das auswärtige Frankreich verdienet allein Respekt, indem des Landes tugendhafte Männer am Rheine stehen und deutlich beweisen, wie sehr Verdienst mit durchlauchtigen Blute verbunden sei.« Solchen bösen Unsinn konnte man sich erlauben im letzten Jahrzehnt unsers Jahrhunderts zu schreiben, und das Publikum kaufte und las solche Schriften, ja wer es wagte, die Tollheiten solcher Journalisten aufzudecken und ihnen zu widersprechen, wurde als Illuminat und Jakobiner denunziert und selbst von deutschen Richtern nicht bloß zur Rechenschaft gezogen, sondern sogar gemißhandelt. – Das Unwesen, welches die Emigranten in Deutschland trieben, wäre allein hinreichend gewesen, die Franzosen zum Kriege zu reizen, aber sie wollten nicht Urheber dieser Fehde sein und nahmen anfangs keine Notiz von dem Betragen ihrer Flüchtlinge. Diese warben Truppen, kauften Munition, legten Waffenplätze und Magazine an, und die geflüchteten Bettelprinzen hatten sogar einen glänzenden Hofstaat, Garden zu Pferde und zu Fuß, Minister und Büros und eine immer offne Bastille. Frankreich lachte zu diesem Possenspiel, als aber sogar zu Mainz auf hohen Befehl die dreifarbige Flagge von einem französischen Fahrzeuge abgerissen wurde, als die Franzosen den bereits im August 1791 gemachten Pillnitzer Traktat erfuhren, als sie bei allen Gelegenheiten nicht nur mit Verachtung begegnet, sondern sogar mit Trotze behandelt wurden, da waren auch sie genötigt, auf ihre Verteidigung zu denken. Daß aber die Franzosen keinen Krieg wünschten, ist aus den Aufträgen zu ersehen, welche der Minister Noailles in Wien erhielt, um im Jahre 1792 die Fortdauer des Friedens zu bewirken. Aber von welchem Inhalte war die Note, die der kaiserliche Minister Cobenzl dem französischen Gesandten übergab? In solcher wurde nichts weniger verlangt, als: 1. Die Wiederherstellung der alten Lehnsgewalt in Elsaß. 2. Die Einsetzung des Königs in seine vor der Revolution gehabte Macht, und 3. die Rückgabe von Avignon an den Papst. Als die Franzosen diese Punkte nicht annehmen konnten, weil sie außerdem die neue Konstitution gänzlich vernichten mußten, die der König selbst bereits im September 1791 angenommen hatte, so wurde das Signal zu einem Kriege gegeben, zu welchem die unparteiische Nachwelt Frankreich gewiß nie als die Urheberin ansehen wird. Wenn wir aber auch einräumen, daß Österreich Veranlassung hatte, Krieg mit Frankreich zu führen, so kann man dennoch die Bewegungsgründe nicht einsehen, wie aus diesen Mißhelligkeiten ein allgemeiner Reichskrieg entstehen konnte! Aber ein Blick in die ältere Geschichte beweist offenbar, daß Österreich jedesmal seine Privatkriege zu Kriegen des Deutschen Reichs umgestempelt hat und daß Österreichs Feinde, die es von jeher hatte, nie Feinde des Deutschen Reichs waren, ob es gleich bei jeder Gelegenheit mit Gewalt in Kriege verwickelt worden, um die Last des Krieges nicht bloß zu teilen, sondern ganz auf das Deutsche Reich zu wälzen. So ist also die Verfassung der deutschen Reichskonstitution von der Beschaffenheit, daß das Deutsche Reich bei jeder Gelegenheit, wenn es dem Hause Österreich gelüstet, einen Krieg anzufangen, mit in einen Streit verwickelt wird, der ihm immer nachteilig werden muß, ohne je Aussicht zu haben, einen Vorteil zu erkämpfen, welches doch bei jedem Kriege der Fall sein sollte. Was hätte wohl das Deutsche Reich erworben, wenn der Plan gelungen wäre, in Frankreich einzudringen? Es wäre nicht vergrößert, sondern durch diesen Krieg geschwächt worden, und nur die Fürsten hätten sich bei einer möglichen Teilung Frankreichs bereichert. Auch die Wahrheit dieses Satzes bestätigen die Beispiele der älteren Geschichte. Nie hat das Reich etwas durchs Schwert erworben, öfters aber verloren. Nie konnte es vermöge seiner Einrichtung Vorteil haben, denn die Unfähigkeit, je einen glücklichen Krieg zu führen, liegt schon im Systeme seiner Verfassung. Alle Türkenkriege waren gegen Österreich gerichtet, und den Muselmännern ist es nie eingefallen, das Deutsche Reich zu bekriegen, dennoch mußte deutsches Blut die österreichischen Provinzen gegen die Türken verteidigen helfen. Wo ist ein Beispiel in der Geschichte aufzustellen, daß der Vorteil eines Reichskrieges auf seiten der Stände gefallen? Aber daß man ihnen mit Exekution drohte, wenn sie nicht gleich auf Verlangen des österreichischen Hauses die Waffen ergriffen, das ist oft genug geschehen. Was die Beute betrifft, pflegt das Deutsche Reich immer leer auszugehen, die blutigen Köpfe ausgenommen, die es jedesmal reichlich genug mit nach Hause erhalten hat. Und daher kann man auch mit Recht sagen, daß jeder Reichskrieg unnütz und zwecklos geführt worden und daß die armen Deutschen so oft schon in Privatangelegenheiten des Hauses Österreich geblutet haben, weil solches zugleich der Inhaber der Kaiserwürde ist. Oder war durch die neue französische Staatsumwälzung vielleicht die Gefahr für das Deutsche Reich so groß geworden, daß das Oberhaupt für nötig fand, solches aufzufordern und sich an die Spitze zu stellen? Das zu behaupten, hat man freilich versucht, aber vergebens, denn wenn auch die neue Konstitution nicht zu billigen gewesen wäre, so konnten die Nachbarn doch kein Recht geltend machen, die alte Einrichtung der Dinge mit Gewalt der Waffen wiederherzustellen. Wo ist der Traktat, der Nationen das Recht gibt, sich in die innern Angelegenheiten ihrer Nachbarn zu mischen. Dem Deutschen Reiche insbesondere konnte es sehr gleichgültig sein, ob Frankreich von Mätressen und deren Kreaturen oder von einem Nationalkonvent gerichtet werde, ob die Priester mager oder fett sind und ob die Menschen nach ihren Talenten oder auch nach einem Stückchen Eselshaut geschätzt werden, welches man Diplom nennt. Ich möchte wohl wissen, wenn in Frankreich alles auf dem alten Fuß wieder gesetzt worden, so wie es das Haus Österreich verlangte, wenn Finanzpächter den französischen Bauern drücken und die Edelleute ihre Wappen und Büffelshörner behielten, was das alles dem Deutschen Reiche für Nutzen schaffen könne? Freilich sind diese Lächerlichkeiten nicht als Kriegsveranlassung aufgestellt worden, sondern in dem Zuruf an die Deutschen, der in Zeitungen eingerückt war, hieß es: »Auf ihr Deutschen, denn euer Vaterland, eure Freiheit ist in Gefahr.« Das klang in der Tat so ängstlich als, herzbrechend, doch nur für die Klasse von Menschen, die ihre Vernunft gefangennehmen unter den Gehorsam, Deutsche im Gegenteil, die zu denken gewohnt waren, fragten sich oft selbst: »Wie ist es möglich, daß unser Vaterland in Gefahr geraten kann, wenn die Franzosen ihre Regierungsverfassung umändern?« Und was die Freiheit betraf, welche in gedachtem Zurufe erwähnt wurde, mußte der Deutsche nicht die Frage aufwerfen: »Also haben wir Freiheit? Aber wo ist solche zu finden?« – Angenommen, daß ein solcher Reichskrieg wie der gegenwärtige nach der Reichskonstitution auch gesetzmäßig sei, wie wir uns denn nicht unterfangen können, solches zu leugnen, weil außerdem die Aufforderung als gesetzwidrig und die Aufforderer als ungerecht erscheinen würden, so ist doch soviel gewiß, daß die deutschen Fürsten selbst verbunden sind, dieser Konstitution getreu zu bleiben und picht nach Willkür zu handeln. Auch versicherten diese Stände in einem Reichsgutachten vom 3. Juli, daß sie alles zum Besten der deutschen Freiheit und Reichsverfassung unternommen hätten, daß sie einen allgemeinen Reichsfrieden dem Reiche in ungeteilter Vereinigung mit dem Reichsoberhaupt im Wege der Konstitution zu erhalten suchen würden, ohngeachtet dieses Versprechens haben mehrere Stände des Reichs teils Separatfrieden mit Frankreich geschlossen, teils ihre Kontingente zurückgezogen, je nachdem sie solches ihrem Privatinteresse gemäß fanden und so ihre eigene Verfassung zerrüttet und ihre alte Konstitution aufgehoben, sie, die sie gegen Frankreich zu Felde zogen, weil solches sich an seiner Konstitution vergriffen hatte. Dem größten Teile der Nation sollte es nicht erlaubt sein, seine Verfassung umzuändern, und einzelne Stände eines Reiches wären berechtigt, ihre Verfassung nach Willkür aufzuheben und sich vom gemeinsamen Reichsinteresse zu trennen? – Braunschweig, von welchem jenes bekannte fürchterliche Manifest herrührte, das Paris in einen Steinhaufen zu verwandeln drohte, weil es seine Konstitution umgeändert hatte, fand das Hessische reichswidrige Verfahren für verzeihlich, weil die mißliche Lage Deutschlands diese Abweichung von der Reichskonstitution veranlaßt habe und nach wiederhergestelltem Frieden alles ins gehörige Gleis könne gebracht werden. Sollte man wohl glauben, daß es möglich sei, im Ernst gesetzwidrige Handlungen auf solche Art entschuldigen zu wollen, wenn man sagt, man schmeichle sich, daß ein solcher Separatfriede nicht als verfassungswidrig werde angesehen werden, da nach wiederhergestelltem Frieden alles, was jetzt dem Anschein nach abweichend wäre, mit der Reichsverfassung vereinbart werden könnte? Das heißt mit andern Worten nichts weiter, als: Wir wollen zwar die Reichsverfassung beibehalten, weil solche uns zuweilen nützlich sein kann, aber wenn wir es unserm Interesse gemäß finden, wollen wir trotz dieser Verfassung Separatfrieden schließen und ganz nach unsrer Willkür handeln. Aus dem allen drängt sich jedem unparteiischen Leser von selbst die Bemerkung auf, daß gegenwärtig an eine fest bestimmte und gesicherte Reichskonstitution gar nicht zu denken, sondern solche ein schwankendes Rohr sei, das von den Großen der Erde hin und her bewegt wird, und daß es sich mit den Reichskriegen auf gleiche Art verhalte, daher solche, weil sie bloß von Launen der Fürsten bestimmt werden, für die Deutschen immer nachteilig ausfallen müssen. – 12. Anrede an Deutschlands Fürsten Fürsten des achtzehnten Jahrhunderts! Sagt, wie ist es möglich, daß ihr Krieg führen könnt? Ihr seid so aufgeklärt, daß einige von euch sogar die Todesstrafen abgeschafft haben, und viele von euch sind so menschlich, daß ihre Hand zittert, wenn sie das Todesurteil eines Mörders oder Mordbrenners unterzeichnen sollen. Aber unschuldige und rechtschaffene Bürger könnt ihr zu Tausenden auf die Schlachtbank führen? Ihr nennt euch Schutzherren unsers Eigentums und gewährt uns diesen Schutz nicht umsonst, denn wir müssen euch Schutzgeld teuer genug bezahlen, aber ihr raubt uns unsre Kinder, das, was uns von unserm Eigentume gerade das kostbarste ist. Ihr bestraft uns, wenn wir uns rächen und unsern Beleidiger schlagen, aber ihr zwingt uns, Menschen zu morden, die uns nie beleidigt haben. Ihr straft den, der von des andern Acker eine Garbe entwendet, und ihr ermuntert eure Heere, die Saaten des armen Landmanns zu verwüsten. Ihr errichtet Scheiterhaufen für den Mordbrenner, der seines Nachbars Haus angezündet, und ihr gebt Befehl, Dörfer zu verbrennen und blühende Städte in Asche zu verwandeln. Welch ein Widerspruch! Und wie demütigend ist der Gedanke, daß ihr uns für so kurzsichtig ansehen könnt, solche Widersprüche nicht zu bemerken! Unwillig wenden wir unser Gesicht weg, wenn wir Menschen sich bei den Haaren herumziehen sehen, die sich um Worte, öfters um nichts bedeutende Kleinigkeiten streiten. Und euch sollen wir bewundern, wenn ihr große Heere gegeneinander führt, um sich zu zerfleischen und niederzumetzeln. Und doch ist der deutsche Pöbel, wenn er sich bei den Haaren herumzieht, und der englische Pöbel, wenn er seine Streitigkeiten durch Faustschläge entscheiden will, lange nicht so als ihr Fürsten zu tadeln, die ihr, ohne euch selbst in Gefahr zu setzen, das Blut eurer Untertanen aufopfert, um einen Zwist zu endigen, der bloß euch interessiert, uns aber gar nichts angeht. Jener bulgarische Fürst gab dem griechischen Kaiser, als dieser seinen Streit mit ihm durch einen Zweikampf ausmachen wollte, zur Antwort: »Ein Schmied, der Zangen hat, wird das glühende Eisen aus den Kohlen nicht mit seinen Händen herauslangen.« So denkt ihr insgesamt, ihr fürstlichen Schmiede! Ihr behandelt uns als eure Zangen, mit welchen ihr das glühende Eisen herauszulangen versucht. Was gehn uns eure Zwistigkeiten an? Die Zeiten sind vorbei, da man den Eroberern Ehrenpforten und Triumphbogen baute, und wir sind jetzt zu aufgeklärt, um den Krieg für etwas anderes als für ein Überbleibsel der Barbarei anzusehen, wodurch alles niedergerissen wird, was die Weisen der Nationen für das Beste der Menschheit getan haben. Zwar wollt ihr gemeiniglich durch eure Deduktionen beweisen, daß Liebe zu eurem Volke euch in die Notwendigkeit versetze, Krieg zu führen. Glaubt ihr aber, daß wir so leichtgläubig sind, solche Märchen für Wahrheit aufzunehmen? Ehrgeiz und Habsucht sind es allein, die euch vermögen, das Blut unschuldiger und treuer Bürger aufzuopfern. Aufklärung, sagt man, habe die französische Revolution bewirkt, und deswegen wollt ihr solche verhindern? Fürsten! Wenn euch das gesagt werden sollte, so bitten wir, laßt euch durch solch fades Geschwätz nicht täuschen. In jedem Stande gibt es einen gewissen Auswuchs von Leuten, unter den Bauern gibt es grobe Leute, unter den Kaufleuten Betrüger, unter den Ärzten Quacksalber, unter den Rechtsgelehrten Rabulisten, unter den Theologen Tartüffe, und unter den Fürsten – das wißt ihr am besten – gibt es Despoten. Alle diese Auswüchse hassen die Aufklärung, weil ihnen solche gefährlich ist. Aber ist die Aufklärung Männern gefährlich, die in ihrem Stande ihre Pflicht tun? Wird ein weiser Prediger, Jurist oder Arzt wohl die Aufklärung scheuen? Wenn ihr weise und gute Fürsten seid, so muß es euch freuen, sooft in eurem Lande ein Mann auftritt, der sie zu verbreiten sucht und solche aufs möglichste befördert. Nur Despoten und schwachköpfigen Fürsten kann sie fürchterlich sein, nur solchen Fürsten, die von keinem andern Rechte und von keinen andern Gesetzen wissen, als der Willkür und den Launen der Tyrannei, kann die Aufklärung zum Nachteil gereichen, weil sie die Fesseln zerbricht, die Despoten geschmiedet haben, weil sie sich dann weigern, sich ferner von solchen fürstlichen Schmieden als Zangen gebrauchen zu lassen, um die glühenden Eisen aus dem Feuer zu holen. Wahr ist es, soviel hat die Aufklärung bewirkt, daß wir eure Kriege verabscheuen und besonders einen solchen Krieg, wie er gegen Frankreich geführt worden, weil hier nirgends Spuren der Menschlichkeit anzutreffen sind. Man sagt, ihr wäret hintergangen worden; und das verdiente Verzeihung. Aber wenn wir bedenken, wer die Geschöpfe waren, denen die Hintergehung zugeschrieben wird, so werden wir zweifelhaft, ob auch eine Entschuldigung in diesem Falle stattfinden könne. Wir wollen eure Verführer, der Ordnung nach, hersetzen. Es waren wollüstige, verschwenderische französische Prinzen, aufgeblasene Edelleute ohne alles Verdienst, böse Pfaffen und ein Pitt, ein böser Minister des englischen Reichs. Dieser machte gleich anfangs den Anschlag, Frankreich auszuhungern, um durch Elend des unschuldigen Teils der Nation seine Absichten zu erzwingen. So wurden denn die alten Regeln des Völkerrechts vergessen und die Gesetze der Menschlichkeit mit Füßen getreten. Pitt, das böse Prinzip, trat mit Verrätern und Wucherern in Bund, mit Hunger und Bürgerkrieg, und wäre es möglich gewesen, sich mit der Pest zu vereinigen, so hätte es dieser Mensch mit Freuden getan, um sein teuflisches Projekt ins Werk zu richten, welches, wenn es zur Ausführung gekommen wäre, nicht die Streiter selbst, sondern unschuldige Kinder, Witwen, Waisen und Greise getroffen hätte. Man sehe hierüber den vortrefflichen Aufsatz im »Neuen grauen Ungeheuer«. Mit dieser Klasse von Menschen, die bisher selbst von Kannibalen verschont worden, wollte Pitt Krieg führen, diese Unschuldigen wollte er durch den Hungertod würgen. Und mit so einem Geschöpfe konntet ihr, gute Fürsten Deutschlands, gemeine Sache machen, ihr konntet euch von einem Pitt verführen lassen? Von einem Bösewichte, der falsche Assignate fabrizierte und sie millionenweise in das Land schickte, von einem Gauner, der im Finstern nach niedrigen Mitteln haschte, konntet ihr euch leiten und bewegen lassen, die Pflichten der Menschlichkeit zu verletzen? Das ist fast unverzeihlich. Sowenig selbst im hitzigsten Kriege der Meuchelmord verzeihlich ist, sowenig kann auch diese Art von unmilitärischem Benehmen als Pitts Falschmünzen auch nur im geringsten einen Verteidiger finden. Nicht genug, Deutschlands Fürsten, daß ihr mit einem solchen Ungeheuer gemeine Sache machtet, sondern das alte Sprichwort »Böse Gesellschaft verdirbt gute Sitten« habt ihr deutlich genug in diesem Kriege bewiesen, weil die unmenschliche Behandlung der französischen Gefangenen beim Transporte auf der Donau von Seiten der Österreicher und die noch schrecklichere beim Transporte der Gefangenen nach Magdeburg von sehen der Preußen nur zu deutlich bewiesen hat, daß man willens war, diesen Krieg durchaus nicht auf seine sonst gewöhnliche, sondern auf eine neue, grausame Art zu führen, wie noch kein Beispiel in der Geschichte vorhanden war. Ja, was alles andere an kannibalischer Wildheit übertraf und die Rüge der Zeitgenossen verdient, war die Ausrüstung der Seressaner oder Rotmäntel, die, weil sie keinen Sold erhielten, zum Rauben privilegiert wurden. Noch nicht genug, sondern diesen Unmenschen wurde für jeden abgeschnittenen Kopf, den sie lieferten, ein Dukaten zur Belohnung gereicht. Sehr natürlich war es, daß diese privilegierten Kopfabschneider, um recht vieles Blutgeld zu erhalten, die abscheulichsten Handlungen begingen, für welche die Menschheit bei der bloßen Erzählung schaudert. Denn es ist bekannt, daß sie in der Dämmrung an die Fenster der Bauern klopften und ihnen beim Heraussehen die Köpfe abschnitten, und von Wurmser, Chef der Kopfabschneider, ihre Dukaten in Empfang nahmen. So wurden also die Köpfe dutzendweise geliefert, und das nannte man Kriegführen? Ja, was noch mehr war, das ehrlose Banditenhandwerk wurde nicht etwa bloß als ein Unfug getrieben, davon man in allen Kriegen Spuren aufzuzeigen vermögend ist, sondern durch Befehl des kaiserlichen Hofkriegsrats war dieser Meuchelmord privilegiert worden. Seht, ihr Fürsten Deutschlands! Solche Tatsachen sind uns leider bekannt, sind mit blutigen Zügen in unser Gedächtnis geschrieben und lassen sich so leicht nicht wegwischen wie ein Rechnungsexempel von der Tafel. Glaubt ihr demungeachtet, daß wir euren Kreuzzug sowie überhaupt eure Kriege billigen können? Sind wir denn Puppen in der Hand des Schicksals oder Bälle, womit ihr Fürsten nach Belieben spielen könnt? – Vielleicht glaubte man dieses noch zu Anfange dieses Jahrhunderts, aber diese Zeiten sind vorbei, denn wir sind aufgeklärt worden und verdanken solches besonders den Neufranken. Ein Kreis von neuen Ideen hat sich in uns ausgebreitet, und wir sehen jetzt mit Staunen Grundsätze um uns herum aufblühen, die wir vorher entweder nicht kannten oder höchstens nur kalt und oberflächlich begafften. Es ist also nicht möglich, uns ferner auf solche Art zu regieren, wie ihr uns bisher regiert habt, sondern wir verlangen von euch statt Despotismus eine gerechte, sanfte Regierung, statt der alles verheerenden Kriege verlangen wir – Friede. Nur durch Befriedigung dieses Wunsches könnt ihr hoffen, daß wir euch als gute Fürsten in Zukunft verehren! 13. Die Laterne für die mittlere Klasse des deutschen Volks. Erste Nummer Verbannt aus meinem Vaterlande; gezwungen, den Boden zu verlassen, der mir das Leben gab, abgerissen von allen dem, was mir teuer war durch widerrechtliche Verfolgung, von einem Priester, der den Altar, dem er dient, schändet und der Witwen und Waisen plündert, um seine strafbare Eitelkeit zu befriedigen, als Verräter und Feind der Ordnung und Ruhe verleumdet, habe ich dennoch nie vergessen, daß ich ein Deutscher bin, habe willig und gern der Gelegenheit entsagt, unter dem Schutze fremder Waffen auf eine Zeitlang zurückzukehren. Ach! Hätten die Fremdlinge Freiheit gebracht, ich wäre zurückgeeilt, um mich zuerst unter die Reihen derjenigen zu stellen, die ihr Blut für Germaniens Erneuerung vergossen hätten! Aber sie kamen nur, um sich zu rächen, um sich zu bereichern, und ich hasse Raub im Namen der Republik so sehr als im Namen eines Despoten. Wenn ich aber durch mein Betragen bewiesen habe, daß nicht Eigennutz, sondern reine Liebe zur Wahrheit mich trieb, mich gegen Despotismus und Ungerechtigkeit aufzulehnen, wenn alles, was mir mein Freimut erwarb; darin besteht, daß ich notdürftig in einem fernen Lande von den Früchten meiner Arbeit leben kann, wenn ich allen Vorteilen entsagt habe, die mir zuteil geworden sein würden, sobald ich von der Bahn dieser Wahrheitsliebe hätte abweichen, wollen, wenn alle meine Belohnungen darin bestanden, daß Habsburgs stolzer und schwacher Abkömmling, daß der unwürdige Nachfolger eines großen Königs, daß das Heer von kleinen gekrönten und geinselten Vampiren, die sich in Deutschlands Mark bisher teilten, zitterten und sich schämten, gegen mich einzelnen Mann fruchtlos alle Hilfsmittel ihrer Macht anzuwenden – so hoffe ich, daß meine Mitbürger ohne Mißtrauen und aufmerksam einige Wahrheiten anhören und bedenken werden, die ich ihnen vom Strande der Seine frei und mutig zurufen kann, und die ich nicht an die vornehmere Menschenklasse, sondern ans Volk richte und vom Volke beherzigt wünsche, welches bei ihrer Erwägung am meisten interessiert ist. Ich spreche offen, und mein halbjähriger Aufenthalt im Lande der Freiheit hat es mir unmöglich gemacht, manche Dinge anders als bei ihrem rechten Namen zu nennen. Es wird eine Zeit kommen, wo die alten Benennungen der Sklaverei überall vergessen sein werden. Laßt euch, meine Mitbürger, gefallen, daß ich annehme, sie sei schon eingetreten. Es sind beinahe sechs volle Jahre verflossen, seit die Tyrannen Europens den ersten Gedanken zu dem wahnsinnigen Kreuzzug gegen ein Volk faßten, das den Mut hatte, seine Fesseln abzuschütteln und frei ward, weil es frei sein wollte. Ihr werdet euch noch, erinnern, daß damals schon einzeln edle und vernünftige Männer aufstanden, welche mit Freimut und Unerschrockenheit den Häuptern der Koalition voraussagten, daß sie bei dem Streite nichts gewinnen und ihre Torheit bereuen würden. Man mietete elende, verworfne Schreier, um euch zu überreden, jene edlen Männer seien Unruhestifter und bezahlt von Frankreichs Gelde, um einen Krieg zu hintertreiben, den die Franken, wie man wähnte, auszuhalten zu schwach wären. Ihr könnt jetzt selbst einsehen, daß man euch betrogen hat, und was würden wohl die Anführer dieses Kreuzzuges darum geben, wenn sie ihn ungeschehen machen könnten! Ich wißt, daß die kleinen Prinzen im südlichen Deutschland (wenige vernünftige Fürsten ausgenommen, denen man vorwarf, sie seien keine deutschen Patrioten) sich zu der Koalition drängten. Der Kurfürst von Mainz stahl das kleine Restchen vollends, was den Witwen und Waisen, die diesem gesalbten Bösewicht ihr Alles anvertraut hatten, noch übriggeblieben war, um die ausgewanderten Auswürflinge Frankreichs zu traktieren. Ein anderer Fürst trieb geschwind die Soldaten zusammen, die er an England noch nicht verkauft hatte, und warf seinen Hühnerkorb voll Krieger zu der Masse, die gegen Frankreich marschieren sollte. Ein Dritter schickte eiligst einen Gliedermann von Minister zum Kongreß der mächtigen Verschwornen, welche sich über diese Miniaturkabinette aufhielten, inzwischen aber doch diesem Despoten über vier Quadratmeilen Landes die Ehre anzutun beschlossen, etwas Geld von ihm anzunehmen und ein paar ihrer Soldaten zur Gesellschaft totschießen zu lassen. So kam es denn, wie ihr wißt, daß Potentaten mit in die Koalition gegen Frankreich kamen, von denen man in Frankreich nie ein Wort gehört hatte und deren Ländchen man auf den Landkarten nicht finden konnte, weil vielleicht ein kleiner Tintenfleck diese Staaten überdeckt hatte. Der Schneider, welcher mit zwei Gesellen einige Stunden im Jahre daran gewendet hatte, um die Armee eines solchen Reichsstandes zu montieren, erhielt, eine Kabinettsordre, noch einen Jungen anzunehmen und in zweimal vierundzwanzig Stunden die, Uniformen fürs Triplum des Kontingents zu liefern, welches sehr bequem im kleinsten Stockwerk eines Hotel Gorai zu Paris hätte logieren können, ohnerachtet zwei Drittel davon aus Offizieren bestehen mochten. Das war denn freilich lächerlich. Aber jeder vernünftige Mann müßte voraussehen, daß man diese kleinen Pierrots höherer- und allerhöchsterseits nicht im Ernste mit zur projektierten Teilung zulassen, sondern bloß ihr Land aussaugen wollte, und daß die mächtigen Häuser Preußen und Österreich schon damals darauf dachten, diese kleinen Despötchen am Ende zu verschlingen und sich in ihr Ländchen zu teilen. Und das war nicht lächerlich. Jeder kleine Prinz glaubte, daß die französischen Jakobiner in seinem Lande ein paar hundert Agenten hielten, um dadurch eine Revolution daselbst zu stiften und das Gleichgewicht von Europa zu verändern. Daher beschäftigte sich mancher Duodez-Potentat mit der Jakobinerjagd wie jener römische Kaiser mit Fliegenfangen. Der eine, in dessen Staaten nie ein anderes Buch als die, Bibel und das Gesangbuch gekommen waren, verbot Weißens »Kinderfreund« als ein Buch voll gefährlicher Grundsätze. Der andre kündigte den Schnallen, die man auf der Seite des Schuhes trug, den Krieg an. Der dritte befahl, daß sich eine Gesellschaft, die aus einigen Honoratioren des Städtleins bestand, nicht mehr Klub nennen solle. Und ein vierter wandte sogar zwei Gulden an einen »Revolutions-Almanach«, um sich an den schön gewählten Küpferchen zu weiden und von Herrn Reichard in Gotha im nächsten Jährgang als ein großer deutscher Fürst gepriesen zu werden. Das war denn wieder sehr lächerlich. Aber jeder elende Bube, der einen Privatgroll zu befriedigen hatte, verschwärzte seinen Feind mit leichter Mühe als Jakobiner und Unruhestifter, wenn dieser etwa sich über dergleichen Albernheiten einen Spott erlaubt hätte, die wahren Freunde der Fürsten wurden von ihnen entfernt, und nichtswürdige Schmeichler nahmen ihre Stelle ein, welche den Fürsten zu Torheiten und Verbrechen, zu immer größern Usurpationen verleiteten, und das war um so weniger lächerlich, da es auch in größern Staaten geschah. Man hatte Fürsten vorgesagt, daß Vernunft und Aufklärung allein Ursache an der fränkischen Revolution seien, daß man bloß einigen Gelehrten den Sturz der Bourbons zu verdanken habe und daß ein Fürst, um von seinem Untertanen geliebt zu werden, durchaus nicht gut regieren müsse, sondern um so fester stehe, je schlechter er sich aufführe und je mehr er seine Mitbürger mißhandle, das war im Grunde auch lächerlich, aber es wurde mehr als lächerlich, es wurde abscheulich, da diese Grundsätze wirklich in Ausübung übergingen und man überall die Lasten des Volks vermehrte, überall neue Ungerechtigkeiten zu den alten hinzufügte, um das – Mißvergnügen des Volks und seine Geneigtheit zu einer Änderung der Regierungsform zu verhindern. Alles das lag freilich am Tage, aber man durfte es doch nicht sagen. Wenige wagten es, und unter diesen war auch ich. Ich bitte meine Leser, jetzt die kleine Schrift »Wahrheiten ohne Schminke«, das erste Stück des »Neuen grauen Ungeheuers«, namentlich den Aufsatz über Polens Teilung im Bezug auf Deutschland, durchzulesen. Man war ungerecht und blind genug, um da einen Feind der Fürsten und der Ordnung oder wohl gar einen Revolutionär zu erblicken, wo der Wunsch für Erhaltung des Friedens und der Reiche, der Wunsch selbst für Befestigung der Fürsten dem Verfasser die Feder geführt hatte. Welches waren die Hauptsätze, die ich, so deutlich und so überzeugend als ich es immer vermochte, aufzustellen und zu beweisen gesucht hatte? Folgende: Österreich und Preußen haben die Absicht, Frankreich, und wenn dies nicht gelingen kann, Deutschland unter sich zu teilen. Die kleinen Fürsten Deutschlands haben großes Interesse dabei, daß der Krieg gegen Frankreich aufhöre, können aber bei dem Kriege nie gewinnen. Es gibt soviel Fehler in der deutschen Konstitution, daß notwendig die kleinern Mächte von den größern verschlungen werden müssen, wenn sie sich nicht frühzeitig dagegen verwahren. Die Regierungssysteme unsrer meisten Fürsten sind dem Geiste der Zeit so unangemessen, daß in der Folge, wenn keine freiwillige Reformation erfolgt, notwendig eine Revolution entstehen muß, welche nicht durch jakobinische Einwirkungen, sondern von innern Fehlern hervorgebracht werden wird. Friede und freiwillige Verbesserung der Verfassungsmängel sind also die einzigen Mittel, einer Revolution in Deutschland zuvorzukommen, Krieg und Vermehrung des Drucks befördern sie. Also müssen die kleinern Reichsstände Deutschlands eine bewaffnete Neutralität gegen Österreich und Preußen und eine vernünftige politische Reformation der Reichsverfassung als das einzige Mittel ergreifen, sich selbst vom Untergang und ihre Staaten von der Unterjochung jener beiden Mächte und vielleicht von einer innern Revolution zu retten. Mit der letztern sehe ich nun wohl, daß es keine Not hat, aber mit der erstern desto mehr. Aber im Ernste! Ich hatte damals noch von der Selbständigkeit und dem Freiheitssinn der Deutschen zu gute Begriffe, als daß ich hätte glauben können, sie würden sich, wie es oft geschieht, gleich einem Stücke Kuchen teilen, zerschneiden und von den großen Räubern einander zuwerfen lassen. Jetzt sehe ich wohl, daß die deutschen Völker noch weit unter den Italienern stehen. Sie zahlen heute dem Kaiser, morgen dem König von Preußen, machen heute Friede mit Frankreich und heben ihn morgen wieder auf, geben heute ihren Fürsten die Steuer, morgen dem Feind die Brandschatzung, übermorgen dem Könige Schutzgeld, einen Tag nachher dem Kaiser wieder Kontingent, lassen sich zwei Tage später von einem Dritten in Besitz nehmen und streiten noch mit Haus und Gut für die deutsche Konstitution, deren Hauptgrundsatz jetzt darin besteht »Raube, wer kann!« – doch davon weiter unten! – Ich fahre jetzt in meiner vorigen Abhandlung fort. Ohnerachtet man schon im ersten Jahre des Krieges gegen Frankreich einsehen konnte, daß die Teilung dieses großen und schönen Landes unter die verschwornen Könige wohl nicht gelingen möchte, so muß man doch gestehen, daß die Kabinette sich nicht ohne List zeigten. Die große Frau im Norden, welche ihren Gemahl und den Prinzen Iwan erwürgt, einige hunderttausend Menschen geschlachtet, den Dolch auf ihren Sohn gezückt hatte, die Mörderin und Räuberin Katharina, welche die Augenblicke, in welchen sie sich nicht irgendeinem Sklaven preisgab, anwandte, um über neue Missetaten zu brüten, hatte den teuflischen Plan ausgedacht, die Freiheit durch sich selbst zu verderben. Eine Bande Bösewichter, angeführt von Pitts Freunde Marat, hatte sich verabredet, alle wahren Republikaner in Frankreich zu morden und die ausgezeichnetsten Bösewichter, Tollköpfe und Diebe an die Spitze der Regierung des neuen Freistaats zu setzen. Die Kunst der Höfe triumphierte auch lange genug über alle Anstrengungen der wahren Freiheitsfreunde, und die fremden Völker sahen nicht, daß Pitts Handlanger jetzt da saßen, wo anfänglich wahre Patrioten für Freiheit sprachen. Sie sahen nicht, daß Satan die Gestalt eines Engels des Lichts angenommen hatte, und die Tyrannen zeigten jetzt ihre eignen Freveltaten den staunenden Völkern und ruften: »Seht der Freiheit Früchte!« Die Deutschen, zu gutmütig, um nicht von diesem Blendwerk getäuscht zu werden, verkrochen sich und trugen gutwillig die immer sich vermehrenden Lasten des Kriegs, weil sie sich vor den Popanzen in Frankreich fürchteten. Diese abscheuliche Politik, durch tausend innere Verrätereien anderer Art unterstützt, bewirkte bei den Verbündeten einige Vorteile. Valenciennes, Conde, Landrecy, Quesnoy, Toulon waren in ihren Händen, in der Vendée und in Lyon wütete der Bürgerkrieg, Straßburg und Landau waren bedroht. Da riefen alle Stimmen der Vernünftigen unsern Großen und den Völkern, die man zur Schlachtbank führte, zu: »Macht Friede, jeder Teil behalte seine alten Grenzen!« Aber die Volksfeinde aller Länder wollten nicht Friede, sondern Verderben und Rache! Die Völker zielten mit ihnen nach Rache, und hundert Stimmen (s. Reichards und Zimmermanns fliegende Blätter) riefen dem Publikum zu, daß nur deutsche Jakobiner jetzt Friede wollten, da die Franken bald ganz besiegt sein würden. Plötzlich wandelte sich aber die Ansicht des politischen Zustandes von Europa. Der 9. Thermidor entfernte einen Teil der Bösewichter und Wahnsinnigen, die Frankreich den Mörderdolchen der Koalition preisgegeben hatten. Eine vernünftige Konstitution trat an die Stelle der Volks- oder vielmehr der englischen Söldlingstyrannei, Siege im Ausland waren die natürlichen Folgen dieser Siege im Innern, ein Glied der Koalition zog sich nach dem andern zurück, und nur der Kaiser, Abkömmling eines Hauses, welches, seit es den deutschen Kaiserthron besitzt, noch nicht zwanzig Jahre hat verstreichen lassen, ohne deutsche gegen deutsche oder deutsche gegen andre Völker zu führen, bleibt mit einer beispiellosen Hartnäckigkeit auf dem Kampfplatz, läßt sich von England besolden und zwingt das südliche Deutschland, mit ihm in einem Kriege zu beharren, den er ohne Rücksicht aufs Reich endigen wird, sobald er England und sein Interesse einigermaßen retten kann. Auf der andern Seite hat sich der König von Preußen des nördlichen Teiles von Deutschland bemächtigt, zwar jetzt bloß als Schirmherr, aber sorgt nicht, arme Beschützte, denkt an Polen! Er wird sich teuer genug bezahlen lassen. Schon hat er Nürnberg, Eslingen, die Güter der Ritterschaft, in Besitz genommen, teils spekuliert er auf sie. Er ist einig mit Rußlands Kaiser, und Frankreich hat nicht Lust, sich vors erste seiner Vergrößerung zu widersetzen, Österreich kann ihm gegenwärtig nichts anhaben. – Die feemäßige Konstitution, für die soviel Blut vergossen worden ist, verliert sich, und Gewalt allein herrscht! Aber, werden manche Deutsche vielleicht rufen: Wir spielen, zur Sklaverei gewohnt, die Rolle des Pferdes, dem es gleichviel ist, ob sein Herr in der Schlacht umkommt, weil der neue auch nichts weiter tun kann als es reiten und allenfalls peitschen: Kurzsichtige, schwache, sklavische Seelen! So hört denn, was weiter geschehen wird. Vielleicht glaubt ihr mir jetzt ebensowenig, als ihr mir vor zwei Jahren glaubtet, aber in zwei Jahren werdet ihr ebenso wohl sehn, daß ich gegenwärtig recht habe, als ihr jetzt seht, daß ich vor zwei Jahren recht hatte. Ihr seid hoffentlich durch Erfahrung soweit mit der Politik bekannt, daß ihr wohl einsehen müßt, Österreich könne Preußens unverhältnismäßige Vergrößerung um so weniger mit günstigen Augen betrachten, da es mit jedem Tage sich mehr erschöpft. Inzwischen wird der Kaiser sich in diesem Kriege nicht leicht durch irgendeine Eroberung dafür entschädigen können. Denn Hartnäckigkeit allein schafft keine Soldaten und kein Geld, und die große Geldquelle, Pitts Bank, fängt an, sich zu verstopfen. Buonaparte wird die jetzt zusammengetriebnen Rekruten wahrlich nicht fürchten, und der Kaiser wird endlich den Verlust der Niederlande durch die Besitznehmung von Bayern zu ersetzen suchen. Ehe aber diese Teilung erfolgt, habt ihr noch einen Übergang der Franken über den Rhein zu erwarten, zu welchem schon Befehl gegeben worden ist, indem ich dieses niederschreibe. Die Franken werden euch nicht revolutionieren – ich kann euch versichern, daß man daran nicht denkt sondern eure Länder soviel als möglich benutzen, um ihre Armeen gut zu verpflegen. Daß es bei dieser Benützung eben gar nicht schulgerecht hergeht, könnt ihr euch leicht denken, und das Diebsgesindel von Kommissarien wird euch wieder so schwer fallen als im vorigen Jahre. Eure Fürsten werden, nachdem ihr die Kontributionen und Requisitionen des Feindes bezahlt habt, mit dem Direktorium Friede schließen, sich wieder wie im vorigen Jahre ihre Fürstenhütchen gegen starke Summen versichern lassen, welche Summen ihr ebenfalls zu bezahlen habt. Hierauf wird der Kaiser, wenn seine Truppen irgend einige Vorteile erfochten, den Frieden mit den Reichsfeinden für ungültig erklären, seinerseits brandschatzen und requirieren und euch einigen Haufen Kroaten und Ulanen auf Diskretion überlassen. Ihr werdet nicht wissen, ob ihr die Feinde oder die Freunde mehr zu fürchten habt, denn jeder wird euch aussaugen, solang es etwas zu saugen gibt. Und endlich – weil alles einmal ein Ende nehmen muß wird Friede, oder vielmehr ein Stillstand, durch die Teilung Deutschlands zwischen Preußen und Österreich erfolgen, wobei Hessen-Kassel auch nicht ganz vergessen werden möchte. Aber euer Elend wird jetzt erst recht beginnen. Ich will euch nicht an die österreichische Mauth für geistige und körperliche Bedürfnisse, an die preußischen Religionsedikte, an den hessen-kasselischen Menschenverkauf etc. erinnern. Daran seid ihr gewohnt und man weiß schon, daß ihr ohne Murren nach Amerika geht, um euch totschlagen zu lassen, oder in die Kirche, um zu beten, wenn man auch nur dann und wann in einer Proklamation sagt, daß ihr biedere, treue Deutsche seid. Aber, weil euer Geld euch doch allen lieb ist, so bedenkt, daß ihr durch neue Auflagen folgendes zu bezahlen haben werdet: Die Pensionen eurer alten Landesväter, der säkularisierten geistlichen Fürsten, und ihr wißt, daß diese Herren eben nicht sehr wenig brauchen. Die alten, in der Eile aufgeborgten Summen, die dem Feinde und dem Kaiser bezahlt worden sind. Die Kosten der neuen Einrichtungen. Die Ausfüllungsmittel des Defizits in den kaiserlichen, königlichen und fürstlichen respektive allerhöchsten, höchsten und hohen Kassen, welche durch den Krieg geleert worden sind, und die Zinsen, welche der Kaiser Pitt schuldig ist. Die Ausgaben der respektive allerhöchsten, höchsten und hohen Hofhaltungen nebst den Hofhaltungen der Mätressen, der italienischen Flüchtlinge etc. – ein Artikel, der nicht unbedeutend ist, denn die Herrn werden sich auf so viele Mühseligkeiten zu erholen trachten. Wenn ihr alles das endlich bezahlt, ausgefüllt und herbeigeschafft habt, so könnt ihr euch vielleicht einige Augenblicke ruhig befinden, den Umstand abgerechnet, daß sich eure bisherigen Abgaben um zwei Drittel vermehrt haben und daß ihr unter Regierungen steht, die euch durch die bekannten Mittel vor dem Jakobinismus zu bewahren suchen werden, das heißt durch den ärgsten Druck. Man wird Priestergewalt und Ansehen der Geistlichkeit soviel als möglich vermehren, um euch durch Pfaffen im Zaum zu halten. Man wird euch ins Gefängnis sperren, wenn ihr murrt, und euch den Kopf abschlagen, wenn ihr zu laut weint. Man wird euch nach Indien verkaufen, um die allzu starke Bevölkerung zu hemmen. Man wird das Wild auf euren Äckern hegen, um euch durch Nachtwachen abzumatten, und euch bei Tage zur Frone treiben. Man wird euch Staatsspione über den Kopf setzen, welche euch bei euren Mahlen, in eurem Hause und bis hinter die Gardinen des Ehebettes behorchen werden. Man wird eure Druckereien zerstören und Jesuiten zu Zensoren ernennen. Man wird Hunde abrichten, um diejenigen aufzuspüren, welche mit allen diesen Anstalten nicht zufrieden sind. Ihr, das Volk, welches einst einen Luther erzeugte, welches unter allen Völkern am meisten wahre Aufklärung besitzt, ihr, welchen Kant Philosophie und Moral lehrte, ihr, welche unter allen Völkern der Erde am meisten Neigung zu Grundsätzen der Sittenlehre und ihrer lebendigen Ausübung habt, werdet herabsinken tief unter die Spanier und Portugiesen. Noch kann diese Ruhe der Pest nicht lange währen, denn Preußen und Österreich werden, sobald es ihnen immer möglich ist, ihren alten Zwist wieder hervorsuchen. Ihr werdet wieder fechten, Brüder gegen Brüder, ein Spott der freiem Völker, verachtet von euch, vom Ausland, von euern Tyrannen selbst, die euch würgen. Wer kann euch bedauern? Niemand, denn ein Volk, das willig, bei eurer Kraft, bei euern Einsichten, am Sklavenjoch zieht, verdient nichts mehr, als Sklav zu sein. Mit Löwenmut fochten Österreichs Heere seit zehn Jahren ohne Unterlaß, schlecht geführt, immer unglücklich, für die Fehde ihrer Tyrannen. Die Hälfte dieser Kraft, dieser Beharrlichkeit für die Sache der Freiheit – und die Tyrannei würde von der Erde verschwunden sein. Also mit allen diesen Leiden, mit allen diesen Aufopferungen werden Deutschlands Völker nichts gewonnen haben als Begründung ihrer alten Sklaverei und Erzeugung neuen Stoffs zu künftigen Kriegen. Die Frankreicher werden hingegen, ohnerachtet aller durch unglückliche Zufälle und den teuflischen Machiavellismus der Höfe hervorgebrachten, keineswegs aber aus der Natur der Revolution gekommenen Übel und Leiden groß, frei und mächtig neben ihnen dastehn. Schon jetzt, kaum den Stürmen der Revolution entgangen, sind die fränkischen Landleute wohlhabend und in manchen Gegenden sogar reich. Unsre Justiz ist so vortrefflich, daß selbst die hartnäckigsten Verteidiger der alten Ordnung der Dinge nicht umhinkönnen, Bewunderung und Beifall darüber zu bezeigen. Der Bürger Wohlstand mehrt sich mit jedem Tage, der Tagelöhner kann sich um die Hälfte dessen satt essen, was er, ohne allzu große Anstrengung, leicht verdienen kann. Die Franken kennen keine Frone, keine Jagdgerechtigkeiten, keine aus den finstern Zeiten der Leibeigenschaft herrührenden Abgaben mehr. Alles nähert sich mit jedem Tage der Vollkommenheit, und wenn sie noch laut schreien und klagen, so geschieht es bloß, weil noch nicht alles so vollkommen ist als es sein könnte. Aber schon dieses freimütige, laute Tadeln kann auch beweisen, daß sie unter keines Despoten Hand stehen. Was noch mehr wert ist: Krieg ist nicht mehr möglich, sobald sie vollends ihren Frieden erkämpft haben, der glorreich werden muß, das Treiben der Prinzen und Herren ist ihnen denn gleichgültig, und die Lust, sie anzugreifen, ist wohl euren Herren ziemlich benommen. Wie? Und mein Vaterland allein sollte sich nie von der Erniedrigung erheben, in welche es Jahrhunderte von Sklaverei, in welche es seine unglückliche Zerstückelung, in welche es die Narrheit seiner Beherrscher und die übertriebene Geduld der Völker gestürzt haben? Ein Volk, dessen Ahnen einst die krieggewohnten Heere der Römer besiegten, sollte fernerhin noch beben vor einem Schwächling, dessen einzige elende Beschäftigung im Angeln ausgehungerter Fische besteht? Habsburgs mit Blut und Flüchen beladener Stamm, der, seit er auf dem Kaiserthrone sitzt; noch keine zwanzig Jahre hat verstreichen lassen, worin er nicht Brüder gegen Brüder waffnete, sollte ferner noch seine wahnsinnigen Verpflichtungen gegen England mit deutschem Blute abtragen? O mein Vaterland! Deine Jünglinge sollten noch fernerhin mit dem trügerischen Papier Pitts erkauft werden können, um bald in Afrikas Sandwüsten zu verschmachten, bald in Champagnens Heiden zu verwesen oder im Ardennengebirge den Vögeln des Himmels zum Raub zu werden? Ein Volk, dessen Weise sich mit den Weisen jedes andern Landes messen, dessen Krieger ihren Mut selbst für eine schlechte Sache, selbst von Knaben angeführt, nie verlieren, ein Volk, das einen Luther gebar und dem Stuhl von Rom die erste Wunde schlug, sollte fernerhin noch von Metzen geleitet, von Beichtvätern regiert, von unbärtigen Edelknaben zur Schlachtbank geführt werden? Der Italiener, der amphibienartige Holländer selbst sollten unsrer künftig spotten und der Name eines Deutschen im Munde aller freien Völker einen feigen Sklaven bezeichnen? Auswandern sollte jeder müssen, dem beim Worte »Vaterland und Freiheit« das Herz sich hebt, und fremde Völker um Gastrecht bitten, weil er nicht mehr unter Sklaven und Tyrannen hausen kann? Himmel und Erde! Nein! Das soll, das kann nicht sein. Lieber möge ein Erdbeben mein Vaterland vertilgen aus der Reihe der Länder und der Abgrund uns, unsre Schande und unsre Tyrannen verschlingen! – Glaubt nicht, daß ich einer von jenen Aposteln sei, die Staatsumwälzungen predigen, um dabei zu gewinnen, oder die dem Wahn nachhängen, man könne Völker durch Missionarien zur Freiheit bekehren! Ein Volk frei machen wollen ist Wahnsinn. Eine Verfassung, welche für den Franken paßt, den Deutschen aufdringen zu wollen, ist Narrheit. Das Freiwerden eines Volks mit Carreriaden und Exekutionen in Masse verwechseln oder zu glauben, daß rote Mützen und Jakobinerklubs das Wesen einer Revolution ausmachen, ist eine Albernheit. Die Freiheit pflanzt sich nicht durch die Schelle im Nationalkonvent oder, wie ein Götzendienst, durch Zeremonien fort, und wenn der Kaiser Franz heute noch sein Haupt mit einer Jakobinermütze bedeckte, so würde er doch nichts sein als ein Tyrann. Also erwartet ja etwa keine Anpreisung dieser Dinge! Was ich euch zu empfehlen gedenke, ist eine Umwandlung andrer Art. Bei dieser Umwandlung rechne ich auf keine Propaganda, auf keine fränkischen Freiheitsprediger, überhaupt nicht im geringsten auf den Beistand der Franken. Alles, was ihr im höchsten Falle von der fränkischen Regierung zu erwarten das Recht habt (und auch das wird noch Mühe kosten), ist, daß sie euch nicht hindert. Ihr seid blind genug gewesen, um euren feilen Schriftstellern bisher aufs Wort zu glauben, daß die Franken große Freude darüber haben würden, wenn an den Grenzen des Rheins eine Republik entstünde. Ihr habt euch getäuscht, und diejenigen unter euch, welche die Geschichte des Feldzugs vom Jahr 1796 näher kennen, werden euch mehr über diese Täuschung sagen können. Es gibt noch immer in Frankreich Leute von Einfluß, deren kleinliche Politik es lieber sieht, wenn sie kleine fürstliche Insekten und ausgemergelte Völker zu Nachbarn hat, als wenn sich nahe bei ihr eine mächtige Republik bildet. Aber, wenn ihr nur ernstlich wollt, wenn ihr nur zur Hälfte für eure Verbesserung den Mut und die Beharrlichkeit anwendet, welche ihr zeiget, indem ihr gegen die Franken und gegen euch selbst fochtet, so muß diese kleinliche Politik eurer Kraft weichen. Ihr sollt keinen fremden Beistand haben, ihr selbst müßt eure Freiheit erkämpfen, oder ihr verdient das Schicksal, das sonst eurer wartet. Eben damals, als gedungene Denunzianten mich als einen Revolutionär verleumdeten, war niemand mehr gegen jede Art von Revolution in Deutschland als ich. Ich war gutmütig genug zu wähnen, daß die eisernen Ruten, mit welchen der Kaiser und der König von Preußen die Fürsten hauptsächlich des südlichen Deutschlands geißelten, diese endlich dahin bringen würden, einzusehen, daß sie nur die Wahl zwischen einer vernünftigen Föderation gegen diese beiden Mächte oder zwischen der Aussicht hätten, Vasallen von Österreich und von Preußen oder ganz und gar von ihnen verschlungen zu werden. Eine bewaffnete Neutralität, eine zweckmäßige Änderung der alten, unbrauchbaren Konstitution, vernünftige Regierungsgrundsätze, Zusammenberufung der Landstände und Herstellung derselben, wo sie unterdrückt sind, die Wahl eines nicht ganz unmächtigen Prinzen zum Oberhaupte des südlichen Deutsehlands, Säkularisation der geistlichen Stifter – das hätte damals den Süden Deutschlands retten und eine glückliche Reformation in unsere Konstitution begründen können. Meine Hoffnung war unbegründet. Das Übel ist erfolgt, Flicken hilft nichts mehr, es muß entweder ein ernsthafter Streich gewagt werden, oder Deutschlands Völker müssen sich mit Resignation das Schicksal gefallen lassen, welches ihrer wartet. Es muß im südlichen Deutschland eine Revolution ausbrechen. Bei dem Worte Revolution möchtet ihr mir etwa an Laternenpfähle, an Ersäufung und Verjagung der Priester, an Zerstörung der Kirchen, an Guillotinieren und der Himmel weiß an was alles denken, und das wäre mir nicht lieb. Alle diese Dinge haben mit dem Begriffe einer Revolution nichts gemein, sowenig als ein Autodafé mit einer Messe, weil man ehemals Messen las, wenn man die Ketzer verbrannte. Bei der Revolution, welche sich von dem reifern Geiste der Deutschen erwarten läßt, könnt ihr (wenn ihr nicht etwa bei den Hinrichtungen eurer Missetäter die Guillotine deswegen wählen wollt, weil sie sicherer trifft als das Schwert des Henkers) alle Ausgaben für diese Maschine ersparen. Eure Regierungskollegien können bleiben, die schlechten Räte ausgenommen, die ihr selbst abschaffen wollt. Ihr könnt Messen hören, wenn ihr Lust habt, wie bisher. Eure Edelleute können ihr liebes »von« ferner vor ihre Namen setzen, wenn sie es nicht freiwillig weglassen wollen, nur müssen sie sich gefallen lassen, auf ihre Stifter, auf ihre Majoritätsrechte und hauptsächlich auf das Recht Verzicht zu tun, mir ihren Sprößlingen alle wichtigen und einträglichen Staatsämter zu besetzen. Sie werden sich in reiche Güterbesitzer verwandeln und mit ihren Mitbürgern einen Vergleich wegen der Frone etc. einzugehn sich gefallen lassen müssen. Noch mehr! Ihr könnt im Notfall statt euren Fürsten, denen übrigens kein Haar gekrümmt werden wird, wenn sie nicht Verrätereien anzetteln, einen Gliedermann aus einem großen deutschen Hause haben, den ihr Direktor, Prorektor oder, wenn ihr lieber wollt, König und ihre Majestät nennen könnt, weil ihr doch an einen solchen Gliedermann euer Herz gehängt zu haben scheint. Diese neuen Einrichtungen werden übrigens es dahin bringen, daß ihr nicht mehr Pfälzer, Bayern, Württemberger, Badenser etc., sondern Deutsche heißt, daß der oder die, denen ihr eure Souveränität übertrugt, nichts tun kann, was nicht ein vom Volke (nicht vom Pöbel des Hofs oder der Städte) gewählter Rat nach Gesetzen beschlossen hat, daß ihr nicht mehr verkauft werdet, daß der Kaiser euch nicht mehr zum Kriege zwingen kann, daß jeder von euch das Recht erlangt, seine Meinung über Dinge bekanntzumachen, die euer Leben oder doch euren Beutel angehen, daß nicht ein hochwohlgeborner Taugenichts nur Fürst und euer klug und brav geborner Sohn höchstens des Fürsten Kammerdiener werden kann etc., kurz, daß ihr einer wahren, vernünftigen Freiheit genießt und eine deutsche Konstitution besitzt. Denn, ohnerachtet ihr seit sechs Jahren für ein Vernunftwesen dieses Namens zur Schlachtbank getrieben worden seid, so werdet ihr mir doch erlauben, euch zu sagen, daß ihr in der vollkommensten Anarchie lebt. Selbst unter Robespierre war bei den Franken zwar mehr Tyrannei, aber weniger Anarchie als bei euch. Denn wenn der König von Preußen, Eßlingen oder Nürnberg oder ein Gut der Reichsritterschaft in Besitz nehmen will, auf das er nicht mehr Recht hat als ich, so seht ihr wohl, daß ihn die Goldne Bulle und der Konkommissarius in Regensburg nebst dem ganzen Reichshofrat nicht daran verhindert, und ebensowenig bekümmert sich der Kaiser um die Rechte der einzelnen deutschen Fürsten und ihre sogenannte Landeshoheit. Sollte es einem Von euch Privatleuten einfallen, sich gegen einen solchen Eingriff in die deutsche Verfassung zu erheben, so wirft man ihn in ein Loch, worin er weder Sonn' noch Mond sieht und damit basta! Er mag dann die deutsche Verfassung oder, wie Lafayette, das Völkerrecht anrufen, der Kerkermeister lacht seiner Deklamation, und seine Klage schallt nicht über seines Grabes tränenfeuchte Mauern. Daß der Übergang aus einem solchen Zustand der Unterdrückung und Herabwürdigung zu einer gesetzlichen, auf einem vernünftigen Vortrag beruhenden Verfassung ein Glück sei, daß es besser sei, vom Gesetz und von Männern, deren Einsichten und guten Willen der größere Teil der Nation schätzt, nach Grundsätzen regiert zu werden, als unter der Willkür eines einzigen zu stehen, der, wie Friedrich der Große richtig bemerkt hat, der Regel nach gerade der Elendeste und Schwächste, oft auch der Hartnäckigste und Bösartigste unter allen Staatsbürgern ist, als vererbt zu werden wie eine Herde, als verkauft zu werden ans Ausland, wenn etwa eine neue Kaskade zur Unterhaltung der Mätresse des Selbstherrschers gebaut werden soll, – das ist wohl keine Frage. Wer aber glaubt, daß dieser Übergang ohne Anstrengung erreicht wird, daß die Freiheitsbürger angeflogen kommen wie die Wachteln ins Lager der Israeliten, oder daß die Inhaber der ungesetzlichen Gewalt sich selbst in vernünftige Obrigkeiten verwandeln werden, der ist ein Tor, und wer den Tod im schönsten Freiheitskampf scheut, ein Feiger, denn: »Wer nicht für Freiheit sterben kann, Der ist der Kette wert, Ihn peitsche Pfaff und Edelmann Um seinen eignen Herd.« Übrigens, sobald ein Volk ernstlich frei werden will, vermag keine Macht, weder im Himmel noch auf Erden, es länger in der Sklaverei zu erhalten, am allerwenigsten ein Volk, bei dem so viele Kraft und so viele Aufklärung anzutreffen ist als in Deutschland. Denkt an Amerikas Beispiel, denkt an Frankreich! Fürchtet euch nicht vor Robespierren, auf eurem kalten Boden gedeihen solche Geschöpfe sowenig als Klapperschlangen in Sibirien. Auch wäre es nur eure Schuld, wenn ihr die Fehde der Franken nicht benutzen wolltet, um ähnliche zu vermeiden. Zu einer Revolution gehören Herzen, Arme und Geld. Die ersten, hoff ich, sollen euch nicht fehlen, Geld braucht ihr nicht soviel, als ihr ohne Revolution bald nötig haben werdet, um die Lücken auszufüllen, welche dieser Krieg in den Kassen eurer Fürsten gemacht hat. Kanonen und Flinten werden euch nicht fehlen, sobald ihr sie nur wollt und deren bedürfen solltet. Ihr seht, daß dieser Entwurf auf nichts weniger als Republikanisation geht, ihr werdet auch begriffen haben, daß sich der neue Staat nicht weiter als vom rechten Rheinufer an bis an Frankens Grenzen erstrecken wird und daß zunächst bloß Schwaben, die Pfalz, Breisgau, Bayern etc. dabei gemeint sind. Es steht nun bei euch, erst die wichtige Frage zu überlegen, ob ihr den Übergang von eurer jetzigen Anarchie zu einer gesetzmäßigen Verfassung mit aller Kraft erringen wollt. Wie ihr diesen Übergang erringen könnet, welche Verfassung euch. die angemessenste sein möchte, wo ihr alle gewaltsamen Kämpfe dieses Übergangs soviel als möglich vermeiden könnt, wie ihr es anzustellen habt, um weder von Frankreich noch von Preußen gehindert zu werden – diese Fragen kann ich freilich nur zum Teil öffentlich abhandeln, da sie mehr für geheime Negoziationen passen. Was ich inzwischen jetzt schon laut sagen kann und darf, werde ich euch in den nächsten Nummern der Laterne nach bester Einsicht mitteilen. 14. Einige Ideen über Revolutionen in Deutschland Der vortreffliche Verfasser der Schrift »Über die Stärke der gegenwärtigen fränkischen Regierung«, Benjamin Constant, hat ein neues, gehaltreiches Werkchen, »Über politische Reaktionen«, bekanntgemacht. Ich glaube nicht, daß persönliche Freundschaft einigen Einfluß auf mein Urteil habe, wenn ich behaupte, daß diese Abhandlung ihrem Verfasser gegründete Ansprüche nicht nur auf die Erkenntlichkeit der fränkischen Nation, sondern der Weisen aller Völker gibt, und daß sie noch lange nach dem gegenwärtigen Zeitpunkt als ein klassisches Werk angesehen werden wird. Richtigkeit der Ideen, Bestimmtheit im Ausdruck, systematische Behandlung des Gegenstandes zeichnen sie um so mehr aus, da gegenwärtig in Frankreich deutliche Ideen und feste Systeme etwas so seltenes sind. Unser Landsmann, der Bürger Gramer, hat diese Schrift bereits ins Deutsche übersetzt, und ich hoffe, daß unser denkendes Publikum sie mehrerer Aufmerksamkeit würdigen werde als gewöhnliche ephemerische Schriften, zu denen sie keineswegs gehört. Bei Durchlesung dieser vortrefflichen Schrift und bei Gelegenheit eines Gespräches mit ihrem Verfasser über mehrere darin ausgeführte Sätze fielen mir einige Ideen bei; die auf die gegenwärtige Lage Deutschlands Bezug haben und vielleicht gerade in dem gegenwärtigen Augenblick einer nähern Betrachtung nicht unwürdig sind. Es kann dem flüchtigen Beobachter der allgemeinen Meinung in Deutschland wohl nicht mehr entgehen, daß sich unser Vaterland einer großen Krisis nähert. Unsre Regierungsform, unsre gesetzlichen und religiösen Institutionen stehen seit langer Zeit in dem auffallendsten Mißverhältnis mit unsrer politischen Lage, mit unsrer Aufklärung, mit unsrer öffentlichen Meinung. Unsre Verfassung, so wie sie gegenwärtig beschaffen ist, gewährt uns, wie wohl nicht mehr erst bewiesen zu werden braucht, da Erfahrung es gezeigt hat, keinen von allen den Zwecken, weswegen die Menschen in bürgerliche Gesellschaften sich vereinigen. Wir haben weder Schutz gegen auswärtige Feinde noch Gleichgewicht gegen die Anmaßungen einzelner Stände gegeneinander. Unsre Justiz ist ein Schattenbild, unsre Repräsentation am Reichstag eine Posse, unsre Gesetze Willkür, und wo sich noch eine Art von Übereinstimmung findet, ist diese Übereinstimmung nur das erzwungne Werk einer militärischen Gewalt. Das Deutsche Reich als ein Ganzes betrachtet ist weiter nichts als ein Chaos von Nationen, die sich unter das Recht des stärksten Eroberers beugen und nur da noch einen Schatten von konstitutioneller Form beibehalten haben, wo entweder einzelne Dynasten mächtig genug sind, um eine gewisse Art von Unabhängigkeit zu behaupten, oder wo Eifersucht, Neid und die wenige Bedeutung eines Landstriches zwei Erobrer noch wechselseitig im Zaum halten. Dieser Zustand der Dinge, diese Anarchie hat schon vor dem Ausbruch der fränkischen Revolution existiert. Ihre Wirkungen wurden aber dadurch gewissermaßen neutralisiert, daß die Mächtigen der dreihundert Souveräne Deutschlandes sich nicht berührten und durchkreuzten wie jetzt, daß ihre Eroberungspläne eine andre Richtung genommen hatten und daß ihre Eifersucht sich wechselweise die Beute nicht gönnte. Die innere Regierung der kleinen Staaten ging noch immer erträglich in den alten Formen, weil die neuen Ideen, die ihre Mangelhaftigkeit zeigten, damals teils noch nicht ausgebreitet genug waren, teils weil man wirklich hie und da einige alte Institutionen nach dem Geiste der Zeit zu reformieren anfing, hauptsächlich aber, weil der Angriff von außen und der dadurch gereizte Widerstand der Despotie gegen den Geist der Zeit mangelte, da jetzt diese baufälligen Gebäude so gewaltig erschüttert und den Völkern die Ohnmacht der kleinen Souveräne, sich zu erhalten, durch Erfahrungen bewiesen hat. So wurde also das Mißverhältnis zwischen unsern politischen und religiösen Einrichtungen und dem moralischen Bedürfnis der Menschen immer anschaulicher und durch diese Anschaulichkeit selbst immer größer. Die natürliche Folge eines solchen Mißverhältnisses ist immer eine Tendenz des Volkes, beide wieder ins gehörige Verhältnis zu setzen. Weder Träume noch Propagande noch Systeme von Revolutionären noch auch der Ehrgeiz einzelner Menschen brauchen wir zu Hilfe zu nehmen, um diese Tendenz zu erklären. Ich berufe mich auf die vortreffliche Ausführung der hieher gehörigen Wahrheiten in der Schrift von Benjamin Constant. Diese Tendenz gibt sich in Deutschland jetzt so deutlich zu erkennen, daß ihrem Dasein unmöglich widersprochen werden kann. Ein allgemeines Mißvergnügen herrscht überall. Niemand ist mit der Lage zufrieden, in welcher er sich befindet. Die Regierungen, deren Ohnmacht und Mangel an Einsicht, ja deren böser Wille, zu irgendeiner Verbesserung der bestehenden Einrichtungen die Hand zu bieten, sich deutlich an den Tag gelegt hat, werden allgemein verachtet. Was sie noch erhält, ist weder Überzeugung von ihrer Güte noch Meinung von ihrer Stärke, es ist bloß eine vis inertiae, worauf sie sich stützen. Nämlich man fürchtet, daß der Umsturz derselben mit zuviel Stürmen verknüpft sein und die bevorstehende Revolution einen unrichtigen und unzweckmäßigen Gang nehmen möge. Diese Trägheitskraft verliert aber alle ihre Wirkung, sobald die gegenwärtigen gewissen Übel zu einer Höhe angewachsen sind, daß man glauben kann, die künftigen ungewissen könnten unmöglich größer sein, ein Fall, der, wenn das Mißverhältnis nicht gehoben wird, notwendig erfolgen muß. Wenn ich diese Zeichen der Zeit als Beweise des vorhandenen Mißverhältnisses im allgemeinen angegeben habe, so gedenke ich damit keineswegs zu behaupten, daß man sie auch überall in gleichem Maße antreffen könne. Mehr oder weniger, genug, sie sind vorhanden, mehr, wo das Mißverhältnis größer, weniger, wo es kleiner ist. Einzelne kleinere Staaten Deutschlands, hauptsächlich die protestantischen, besitzen Verfassungen und Regierungen, die mit dem Geiste der Zeit eben nicht in auffallendem Widerspruch stehen, allein wir haben zweierlei Verhältnisse der Staaten in Deutschland, je nachdem wir diese einzelnen Nationen als souveräne Staaten oder in Hinsicht auf ihre Verbindung mit dem Reich betrachten. Wären sie groß genug, um unabhängig zu bestehen, so würde das Mißverhältnis sich leichter heben lassen, allein ihre Kleinheit macht es ihnen unmöglich, sich von der allgemeinen Verbindung zu trennen, sie werden früher oder später verschlungen. Die allgemeine Anarchie wirkt schon jetzt auf ihre besondere innere Verfassung, alles, was sie tun, ist prekär, solange das Reich nicht mit ihnen gleichen Schritt hält. Möchte jene Trägheitskraft, welche unsre Regierungen noch erhält, wohl imstande sein, dieser allgemeinen Tendenz der Völker zu angemessenern Verfassungen noch lange zu widerstehen? Schwerlich, oder vielmehr unmöglich. Der Grund hievon ist schon oben angegeben worden. Die Furcht vor künftigen Übeln einer Revolution verliert sich von Tage zu Tage immer mehr, je größer die gegenwärtigen werden. Doch ich sehe mich ohnedem genötigt, diesen Gegenstand weiter unten weitläufiger zu berühren, und fahre fort, die Folgen aus diesen Vordersätzen zu ziehen. Wenn dies Mißverhältnis existiert, wie es nicht mehr geleugnet werden kann, so muß notwendig eines von beiden erfolgen. Entweder 1. der Geist der Zeit und die Ideen der Völker müssen den vorhandenen Verfassungen und Institutionen angepaßt, oder 2. diese Verfassungen und Institutionen müssen in ein richtiges Verhältnis mit dem Geiste der Zeit, mit den Ideen und Bedürfnissen der Völker gesetzt werden. Der große Fehler unsrer Regierungen liegt darin, daß sie das erste versuchen, welches wahrscheinlich unmöglich ist. Gemüter, die man aufgebracht hat, lassen sich allenfalls besänftigen, aber Köpfe, welche überzeugt sind, lassen sich ihre Überzeugung weder durch Schmeichelworte noch durch Bajonette entreißen. Festungen kann man zerstören, aber Resultate der Gedanken nicht. Die den alten Verfassungen gefährlichen Ideen sind zu tief gewurzelt und zu allgemein verbreitet, als daß sie durch die Mittel, welche vor Jahrhunderten glückten, bekämpft werden könnten. Sie sind in Deutschland Resultate des Nachdenkens, nicht einer bloßen Nachbeterei oder eines blinden Eifers wie zum Teil in Frankreich. Wir haben nicht Freiheitsenthusiasmus, sondern eine für unsere Regierungen mehr als aller Enthusiasmus gefährliche Überzeugung von der Notwendigkeit einer andern Ordnung der Dinge. Diese Überzeugung ist so fest, daß selbst die kleinen politischen Reaktionen, die wir schon ausgestanden haben, nichts dagegen vermochten. Unser Enthusiasmus mag dadurch gedämpft worden sein, daß wir Custinens Possen in Mainz sahen. Männer, welche die Freiheit wahrhaft liebten, sahen sich damals einer verächtlichen Rotte beigesellt, die in ihrem Namen eine grausame Harlekinade gaben. Ein elender Windbeutel von General, zwei oder drei Hohlköpfe, welche Ministerrolle bei ihm spielten, einige Studenten und entlaufne Pfaffen, welche in lächerlichen Pamphleten den Thronen Zerstörung verkündeten – freilich schämte sich jeder Freund der Freiheit, mit diesen in Parallele gestellt zu werden. Diese Farce machte die Freiheitsprediger in Deutschland lächerlich, aber unsre Fürsten zerstörten den Vorteil, den sie daraus hätten ziehen können, selbst, indem sie durch grausame Maßregeln diese ephemerischen Harlekins als Märtyrer darstellten. Mitleiden trat an die Stelle der Verachtung, und der Zorn des Volks gegen diese neuen jakobinischen Despoten in Miniatur fiel bald auf die Fürsten zurück, da diese gerade gegen die wenigen rechtschaffenen Leute, die zu ihrem Unglücke in die Posse verwickelt worden waren, am heftigsten wüteten. Nun kamen die Greuel in Frankreich. Eine zweite Reaktion war die Folge derselben für Deutschland. Die Fürsten hätten sie benutzen können, aber ihre Torheit trieb sie dahin, durch ihre Übertreibungen das Volk gegen die Wahrheit selbst mißtrauisch zu machen. Endlich kam die dritte Reaktion, verursacht durch das schändliche Betragen der Franken in Deutschland. Allerdings mußten die Räuberhorden, welche Jourdans und Moreaus Armee unter dem Namen von Kommissärs begleiteten, mußte die schändliche Käuflichkeit einiger unsrer ephemerischen Männer von Einfluß, müßten die aristokratischen Offiziere und die indisziplinierten Soldaten unsrer Armee den Deutschen nicht die beste Meinung von der fränkischen Regierung und der fränkischen Nation beibringen. Diese Reaktion in der politischen Meinung vernichtete sich aber dadurch, daß sich die österreichische Armee nicht viel besser betrug. Ja, am Ende entsprang noch für die öffentliche Meinung ein Vorteil daraus. Der Deutsche sah, daß unsre Regierung, ohnerachtet sie aus fünf im Grunde sehr unbedeutenden Menschen besteht, schon soviel vermöge, er sah, daß es nicht die Schuld der Sache ist, wenn ihre Instrumente nichts taugen und wenn ein Moreau kein Buonaparte ist. Er sah, daß die fränkische Nation die sklavischste, verdorbenste, leicht verführbarste von allen sei, und dachte gleich: Wenn diese Nation bloß durch ihre noch lange nicht ganz gefaßte und befestigte neue, bessere Ordnung der Dinge soviel getan hat, was würde erst die unsrige vermögen? – Diese kleinen Reaktionen waren gleichsam von der Vorsicht veranstaltet, um die der Freiheit würdigste, kräftigste, aufgeklärteste Nation der Deutschen zu prüfen. Sie waren vorübergehend, und der Geist der Zeit tritt stärker auf als je. Mit was will man ihn im Zaum halten? Mit dem Pomp der Macht? Er ist zum Spott geworden, und jedermann lacht der verächtlichen Nabobs, die zwar jagen und Komödien gaben, aber nicht soviel Kraft auftreiben können, um der militärischen Gewalt ihrer mächtigen Mißstände einigen Widerstand entgegenzusetzen. Mit den Schrecken der Religion? Man spottet der Pfaffen und Ihrer Schwänke. Ihre Blitze aus Hexenpulver erregen keine Furcht mehr, denn man weiß jetzt, daß sie nichts schaden. Unsre Regierungen und ihre armseligen Ratgeber machen sich von Tage zu Tage lächerlicher und verhaßter. Man brannte an ihren Edikten und an ihren armseligen Proklamationen die Pfeifen an. Man spottete über den kaiserlichen Kommissar, der die Bewaffnung der Bayern in Tirol organisierte und zuerst davonlief, als er seine eigne Haut mit zu Markte tragen sollte. Man spottete des großen Retters, der, von heimlichen Sünden entnervt, alle vor ihm überwundne Generäle für Jakobiner erklärt und nun selbst sich in die Rinde der Pastete verbergen möchte, die man ihm auftischte, um ihn zur Annehmung des Kommandos zu bewegen. Man lacht, des Ruhms, den er dadurch erlangte, daß die fränkischen Armeen von Paris aus desorganisiert wurden. Jeder andere General als der Prinz Karl, gesteht Moreau, würde ihn mit seiner ganzen Armee abgeschnitten haben. Aber gerade in dem entscheidenden Augenblick blieb dieser Retter Österreichs in einem Dorfe liegen, nahm Glückwünsche an und wohnte Bällen bei. Nachher verlor er siebenzehntausend Mann bei Kehl und 4000 bei Hüningen, wo die Franken ihn amüsierten und in deren Besitz er sie immer hätte ruhig lassen können, da an keinen Übergang zu denken war und die Franken auch ohne diese Plätze immer übergehn konnten, wenn sie sonst gewollt hätten, wie die Erfahrung nächstens lehren wird. Murren und Unzufriedenheit bemächtigten sich der Armeen, die man zur Schlachtbank führte. Der Landmann, der seinen Landesherrn ohne Kraft und ein Opfer der Verblendung werden sieht, mit der er sich in diesen Krieg mischte, gärt auf und wird bald den günstigen Augenblick ergreifen, wo er die Fesseln seines großen Souveräns zugleich mit den Fesseln der Reichsverbindung abwerfen kann. Man haßt die Regierungen nicht mehr, sie sind so tief gesunken, daß man sie bloß verachtet. Das neue fränkische Kabinett allein (so traurig diese Wahrheit auch ist, sosehr sie unsre neuen Machthaber entehrt, die schon jetzt monarchische Tugenden annehmen, so wahr ist sie leider!) hat aus einer stumpfen, kurzsichtigen, feigen, feilen Politik noch jetzt den kleinen deutschen Herrschern ihre Stühlchen garantiert. Aber je mehr man die Völker wie einen Ballen Ware behandelt, desto reifer werden sie, wenn sie einmal soweit sind wie jetzt endlich Deutschland. 15. Fortsetzung der Ideen über Revolutionen in Deutschland Die Macht der Ideen ist es, welche unsern gegenwärtigen schlechten Regierungen furchtbar wird, furchtbarer als Held Buonaparte und sein tapfrer Haufe. Und gegen diese tiefgedachten, durch Prüfung bewährten Ideen vermögen sie nichts. Den Institutionen der Zeit hat unsre Überzeugung das Todesurteil gesprochen, unsre Überzeugung zu ihnen zurückzubringen ist unmöglich. Vernichtet heute alle Pressen, verbrennt alle Druckschriften, fesselt alle Federn was gelesen worden ist, könnt ihr nicht aus den Köpfen schaffen. Das Mißverhältnis zwischen Ideen und Verfassungen ist da, gerade die Schritte, welche ihr euch erlaubt, um diejenigen zu verhindern, die seine Augenscheinlichkeit aufdecken, vermehrt es immer mehr. Mit jeder Verfolgung des einzelnen, mit jedem Zwang, den ihr dem Volke auflegt, nimmt es zu. Ihr bewaffnet das Volk, und ihr lehrt es dadurch die Waffen brauchen, die es bald gegen euch wenden wird. Ihr malt ihm die Schrecken des feindlichen Überfalls, und ihr erinnert es zugleich mit diesem Aufruf daran, daß ihr an diesem Kriege schuld seid, daß ihr an noch mehrern künftig schuld sein werdet und daß es also eure Institutionen zu Boden werfen muß, wenn es künftig des Friedens genießen will. Ihr preßt den, welcher zu laut schreit, und erinnert das Volk daran, sein Geschrei anzuhören. Ihr straft nach Willkür, um dem Volk anschaulich zu machen, daß es nicht nach Gesetzen, sondern nach Willkür regiert wird. Indem ihr den Geist des Volks in eure hinfälligen Gerüste einsperren wollt, erschüttert ihr selbst die letzten Stützen, welche sie noch halten. Kurz, es ist unmöglich, den Abstand zwischen unsern Institutionen und unsern Bedürfnissen und Ideen dadurch aufzuheben, daß man sich anstrengt, die letzten gleichsam zurückzupressen. Jeder Versuch dazu vermehrt dies Mißverhältnis. Das einzige Mittel, welches unsre Regierungen seit langer Zeit hätten anwenden sollen, ist, die Institutionen nach den Ideen zu verändern, oder mit einem Worte, dem Geiste der Zeit sich selbst anzupassen. Daß dieses Mittel das einzige wahre sei, ist a priori von den Weisen aller Völker und aller Zeiten so oft erwiesen worden, daß ich billig alle Worte darüber ersparen kann, um so mehr, da auf schlechte Regierungen bloß durchs Gefühl gewirkt werden kann. Um aber a posteriori meinen Satz zu beweisen, brauche ich bloß darauf aufmerksam zu machen, daß jenes Mißverhältnis gerade in dem Grade mehr oder minder anzutreffen ist, je weniger oder je mehr sich eine Regierung dem Geiste der Zeit genähert hat. Man vergleiche die Stimmung der Bürger Dänemarks mit der der Bürger Schwabens. Man vergleiche die Volksstimmung in Gotha, Weimar, Oldenburg mit der Stimmung Bayerns oder der Pfalz. Man sehe, wie in Ländern, wo die Regierung mit dem Geist der Zeit ganz und gar im Widerspruch steht, weder die Waffen des Landesherrn noch selbst die Gewalt der Franken die Einwohner abhalten können, die Regierung abzuschaffen. Rom, Venedig, Sardinien – welche Lektion. Aber die schlechten Regierungen, und leider gehört darunter erstlich unsre Reichssouveränschaft als Corpus und viele unserer einzelnen Souveräne, wollen diese Wahrheiten nicht hören, und leider würde es jetzt auch zu spät sein, sie zu befolgen. Es ist nicht die Schuld der Vernünftigen unter der deutschen Nation, wenn sie nicht früher beherzigt worden sind, man hat sie laut genug ausgerufen. Die deutschen Maratisten nähern sich jetzt ihrem 9. Thermidor. Wo man noch helfen wollte, da kann man nicht, weil der kleine Souverän gegen das Ungeheuer der deutschen Reichsverfassung nicht angehen kann, und wo man könnte, da will man nicht. Die Reformation hat man nicht unternommen, die Revolution ist jetzt unvermeidlich, und so groß ihre Übel auch sein mögen, so wird man sie doch bald wünschen müssen, da man glücklicherweise nicht schlimmer dabei fahren kann als gegenwärtig. Was hält sie noch zurück? Was ist noch die letzte morsche Stütze der Regierungen? – Die Furcht vor den Übeln einer gewaltsamen Änderung, die vis inertiae. Auch dieser Pfeiler ist bereits von Grund aus erschüttert. Es muß jedem Denker von Tag zu Tage augenscheinlicher werden, daß die Stürme, welche, die Revolution in Frankreich so schrecklich machten, nicht eine Folge der Revolution selbst, sondern bloß von teils zufälligen, teils in Frankreichs besondern Lage gegründeten Umständen abhängig waren. Unmöglich kann der Übergang von unsern gegenwärtigen Institutionen zu passenderen in Deutschland so gewaltsam werden als in Frankreich, weil unser Mißverhältnis, wenigstens hie und da, lange nicht so groß ist als in Frankreich, also der Widerstand auch ungleich geringer sein muß. Weil unser Charakter allein schon uns abhalten wird, die wichtige Grenze einer Revolution, die Herstellung passenderer Verhältnisse zu überschreiten, wodurch wir alle Reaktionen ersparen. Ich könnte außer diesen Gründen noch mehrere höchst wichtige aufführen, z. B. die Benutzung der in Frankreich gemachten Erfahrungen. Allein ich tue darauf Verzicht, weil ich leider mißtrauisch gegen die Menschheit in dieser Hinsicht geworden bin und weil jene drei Gründe stark genug sind, um aller minder bedeutenden entbehren zu können. ad 1. Einen Hauptvorteil bei unsrer neuen Revolution gewährt es uns, daß schon die Reformation einen großen Teil von unsrer Arbeit längst vollendet hat. Die Hierarchie ist im protestantischen Teile Deutschlands zu Boden geworfen, und nur der weltliche Despotismus bleibt uns noch zu bekämpfen übrig. Der protestantische Klerus hat der Natur der Sache nach wenig bei unsrer Revolution zu verlieren. Lehrer des Volkes brauchen wir unter der neuen Regierungsform so gut als unter der alten. Unsre im letzten Jahrzehnt gebildeten Theologen (meist sogenannte Neologen und Aufklärer) werden sicher nicht nur keinen Widerstand leisten, sondern sogar die tätigsten Stützen der neuen, bessern Ordnung der Dinge sein, und sicherlich wird mancher dieser aufgeklärten Volksfreunde durch das Zutrauen des Volks für seine lobenswürdigen Bemühungen belohnt und zum Stellvertreter der Nation berufen werden. Die alten Bengelianer und Gözianer leben nicht ewig, und der Natur der Sache nach können sie uns nicht furchtbar werden. Sie essen ihr Fettes und trinken ihr Süßes in Ruhe und mögen in Friede zu ihren Vätern versammelt werden. Weit entfernt also, daß unsre protestantische Geistlichkeit eine Umänderung der Dinge zu fürchten Ursache haben sollte, so wird die politische Verbesserung auch ihrer individuellen Lage sehr vorteilhaft sein. Die einzigen unter der protestantischen Geistlichkeit, welchen dieser Zeitpunkt gefährlich sein möchte, sind die nichtswürdigen, ohnehin schon mit der Verachtung der ganzen Welt gebrandmarkten Heuchler, welche Wöllners Jesuitenkniffe zu Ämtern brachten und welche ihr ephemerisches Gewicht dem Meisterstück von Aberwitz zu danken haben, welches man königlich-preußisches Religionsedikt nennt. Diese wird auch niemand bedauern, und sobald ihrem Patron sein Recht widerfahren ist, so werden sie von selbst fallen. Der katholische Klerus muß natürlicherweise seiner Natur nach mehrere Veränderungen erleiden. Allein auch hier hat uns der Geist der Zeit vorgearbeitet, und die in den letzten Jahren gebildete katholische Geistlichkeit möchte ebenfalls eine Veränderung ihrer und unsrer Lage eher wünschen als fürchten. Wir werden freilich unsre Stifter, unsre Klöster etc. nicht auf dem jetzigen Fuß bestehen lassen, aber wir werden die Individuen weder töten noch verringern, sondern ebenfalls die Alten zu Tode füttern und von den Jungen verlangen, daß sie Volkslehrer werden. Ob sie übrigens Lust haben, ihre Messe ferner zu lesen oder nicht, ob sie zur Bestätigung der Moral anführen, daß Propheten und Apostel sie auch schon vorgetragen hätten, oder nicht, das kann uns gleich gelten. Wir werden den ersten, der es wagt, gegen die neue Ordnung der Dinge sich zu verschwören, sich dem allgemeinen Willen der Majorität zu widersetzen und die Ruhe seiner Mitbürger zu stören, streng bestrafen, sei er Adeliger oder Unadeliger, Geistlicher oder Weltlicher, Protestant oder Katholik. Aber wir werden nie gegen Klassen von Bürgern, gegen Individuen wüten, wir werden uns keinen Stand dadurch zum Feinde machen, daß wir schuldige und unschuldige Bürger, die sich dem Gesetz unterwerfen, und Verschwörer nach einem Maßstab behandeln. – Die Folge davon wird sein, daß unsre neuen Grundsätze weniger Widerstand finden und unsre Übergänge also auch mit wenig gewaltsamen Krämpfen verknüpft sein werden, denn alles Übel der Revolutionen rührt nicht aus den Grundsätzen, sondern aus dem Widerstände gegen die Grundsätze her. Eine zweite Klasse, welche, der fränkischen Nation unendlich viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt hat, ist der Adel. Dieser, als Adel, als einen privilegierten, durch Geburt zu Erzbistümern und Bistümern, zu den ansehnlichsten und einträglichsten Staatsämtern berufenen Stand können wir freilich nicht bestehen lassen. Die Privilegien des Adels müssen wir natürlich mit der Wurzel ausrotten. Aber die Adeligen als Privatpersonen, als reiche Gutsbesitzer, mögen in des Himmels Namen unangetastet bleiben. Laßt ihnen sogar, wenn jene wollen, das Recht, ein wildes Tier im Wappen zu führen und ein »von« für ihren Namen zu setzen. Nur ihre Privilegien müssen sie fahrenlassen, die auf den Staat wichtigen Einfluß haben. Daß diese Menschen gutwillig und ohne heftigen Widerstand ihren glänzenden Familienvorrechten entsagen möchten, das kann freilich niemand sich von allen einbilden. Aber das Gesetz, das strenge Gesetz mag die Widerspenstigen beugen, und zwar ohne Schonung beugen. Nur verfolge man die Individuen nicht, man vernichte die Privilegien, aber nicht die bisher Privilegierten. Auch hier hat Deutschland einen mächtigen Vorteil vor Frankreich. Frankreich hatte einen Hof, der Adel einen Mittelpunkt, bei uns ist alles geteilt, und im Norden Deutschlands sind viele Adelige ohnedem schon nichts mehr als reiche Gutsbesitzer. Ferner haben wir viele aufgeklärte Edelleute, die klug genug sein werden, sich die nötigen Aufopferungen nicht abdringen zu lassen, sondern sie freiwillig zu bringen. Wie manchen aufgeklärten Schriftsteller zählt Deutschland unter seinem Adel? Wie mancher Mann, dem Geburt ungerechte Vorteile gab, erkannte längst unsre neuen Grundsätze, verbreitete sie selbst und wird sich mit Recht darauf berufen können, daß Verdienste ihn seines Postens würdig machen. Solche Männer müssen belohnt werden, dadurch, daß ihnen die Bürger ihr Zutrauen ferner erhalten, und ihr Beispiel wird mächtig auf jedes Glied ihres Standes wirken, das berechnen wird, daß durch Nachgiebigkeit allein der deutsche Adel noch etwas retten kann. Ich muß noch auf einen Hauptgrund aufmerksam machen, welcher jedem Freunde der Menschheit die tröstende Hoffnung gewährt, daß die deutsche Revolution in größter Ordnung und so wenig gewaltsam vor sich gehen werde, als es immer bei einem solchen Übergang verlangt werden kann. Bei den vielen Nachteilen, welche die Zerstückelung Deutschlands in so viele kleine Staaten nach sich zog, hat doch selbst diese Zerstückelung, wie jedes Übel in der Welt, auch wieder einige gute Wirkungen zuwege gebracht. Frankreich hat nur einen Mittelpunkt, die ungeheure Stadt Paris. Wer sich als Gelehrter, als Künstler einigen Namen erworben hatte, blieb nicht in der Provinz, sondern zog sich nach der Hauptstadt, um dort sein Licht leuchten zu lassen. In Paris sammelten sich die gelehrten Korporationen, welche eine literarische Aristokratie ausübten, von der man in Deutschland nie ein Beispiel hatte. Die Journalisten in Paris sprechen selbst jetzt noch über Regierungs-, über gelehrte und über Kunstgegenstände entscheidend ab. Ihre Aussprüche bestimmen oder leiten doch die öffentliche Meinung, und wie man in Paris immer einseitig zu urteilen pflegt, so ist auch die öffentliche Meinung in Frankreich nie reif und ändert sich zugleich mit den Perücken der Damen nach dem Muster von Paris. Daher sind ohnerachtet der unbeschreiblich leichten Fassungskraft dieser Nation wahre Aufklärung, wahre Grundsätze in politischer Hinsicht nicht so allgemein und so gleichförmig verteilt als im größten Teile Deutschlands, zumal des nördlichen Deutschlands. Wir haben weder eine Sorbonne noch eine Akademie noch ein Journal, das sich anmaßen könnte, den entscheidenden Areopag Deutschlands ausmachen zu wollen. Wir haben bedeutende Gelehrte, in Berlin, in Hamburg, in Jena etc. Spinnt sich irgendwo eine Art von gelehrter Faktion an, will ein Journal sich eine Art von literarischem Aristokratismus zuschulden kommen lassen, so zeigt sich schnell ein Gegengewicht. Der Gelehrte, dessen Verdienst man zu Jena mißkennt, findet zu Berlin leicht einen billigern Richter, wenn er wirklich bloß aus Parteilichkeit falsch gewürdigt worden ist. Kant gilt in ganz Deutschland für groß. Schirach und Reichard werden in ganz Deutschland ausgepfiffen, und wenn Girtanner oder Rehberg sich auch einen augenblicklichen Namen in A. erwerben oder ein Institut unbillig gegen Knigges Schriften ist, so rügen andre Gelehrte in B. andre Zeitschriften, andre Institute die Unbilligkeit der ersten. Die Gelehrten der Hauptstadt haben entschieden, heißt es in Frankreich, und der Gelehrte in der Provinz betet geschwind das Urteil der Pariser selbst gegen seine Überzeugung nach. Was würde der Hamburger, der Berliner, der weimarische Gelehrte sagen, wenn man von ihm verlangen wollte, seine Urteile dem Anspruch einiger Jenaischen oder Göttingischen angesehenen Schriftsteller zu unterwerfen? Daher wird jeder Grundsatz, jedes System bei uns von allen Seiten beleuchtet. Es heißt nicht, »die Akademie hat entschieden«, sondern »diese oder jene Schrift stellt die überzeugendsten Gründe auf«. Und das ist gut und recht und vorteilhaft für die Erkenntnis der Wahrheit. Einige jüngere Lehrer der Kantischen Philosophie haben sich aus übertriebener, gutgemeinter Wärme zuzeiten zu einem dogmatischen Ton hinreißen lassen. Mag er doch ja nie und in keiner Wissenschaft einreißen! – Aber er wird und kann es auch nie, denn man weiß in Deutschland gar zu wohl, daß weder ein ausgezeichnetes Werk des Genies noch einige Gedichte voll Kraft ihren Verfassern das Recht geben, andere Gelehrte zu insultieren, und Verirrungen der gekränkten Eitelkeit in gehackten Versen oder in versemäßiger Prosa werden noch immer mit allgemeinem Mißfallen von dem gesundern Teile der Nation aufgenommen. Von unsern verschiedenen Punkten der Aufklärung und des Lichts verteilt sich auch bei uns Licht und die Aufklärung gleicher. Unsre dreihundert Kollegien, unsere mehreren Akademien, unsere verschiedenen Mittelstädte haben alle ihre literarischen Bedürfnisse. In Paris hat freilich jedermann Voltaire gelesen, aber dafür gibt es auch Departements, wohin sich fast kein Buch verirrt, und in andern hat man wieder nichts als zwei oder drei Schriftsteller gelesen. Nicht so in Deutschland, Mannigfaltigkeit und Abwechslung sind unser Vorteil, und allgemein nützliche Schriften kommen am Ende doch in jedermanns Hände. Selbst unsre Allerweltsschriftstellerei (wenn ich diesen Ausdruck brauchen darf) hat ihren großen Nutzen: Jede Klasse des Publikums will ihre eigne Lektüre. Wer bloß an Ritterromanen Geschmack findet, für die ist weder die »Messiade« noch Wielands »Oberon« geschrieben und genießbar – laßt doch jede Klasse sich suchen, was sie will. Der Tisch ist für alle gedeckt, wer mit Speisen anfängt, die ihm den Magen verderben, nimmt freilich an der nächsten Mahlzeit vielleicht keinen Teil. Vielleicht wählt er aber morgen bessere. Wollt ihr ihm diese jetzt gleich aufdringen, so gedeihen sie ihm nicht. Ohne Bild zu reden: Jede Menschenklasse will ihre eignen Schriftsteller. Wer für den gebildeten Mann schreibt, der bleibt ungelesen von einer-großen Volksklasse. Man muß nicht alle Ideen unter einem und dem nämlichen Vehikel in Umlauf bringen wollen. – Daß unsre Aufklärung seit einigen Jahren Riesenschritte gemacht hat, daß auch sogar unser Geschmack sich verbessert, daß der Bauer, der sonst bloß den Eulenspiegel las, jetzt vernünftige Volksschriften kennt – das ist Erfahrung, das ist Resultat. Laßt also Ritterromane und Geistergeschichten schreiben, wer dergleichen schreiben will. Wenn die größte Masse des Publikums, an Albernheiten keinen Geschmack mehr finden wird, so wird niemand mehr Albernheiten schreiben. Wahr ist es aber, daß unsre Vielleserei bisher nichts geschadet, sondern im Gegenteil Ideen in allgemeinen Umlauf gebracht hat, die uns gar sehr zugute kommen werden, zumal diejenigen, welche durch politische Schriften verbreitet worden sind. Man hat angefangen, auf die Phantasie zu wirken, und man hat Wege zum Kopf gefunden. Dieser allgemeinen Aufklärung, welche durch einige politische Erfahrungen sehr zunehmen und geläutert werden muß, haben wir es zu danken, daß auch unsre Beamten größtenteils bei einer neuen Ordnung der Dinge bleiben können und werden. Trotz dem Druck des Despotismus, trotz dem guten Willen mancher Mächtigen haben sich unsre gotischen Anstalten zum Teil von selbst dem Geiste der Zeit angepaßt.. Ehrwürdiges Tribunal zu Berlin! Wer würde wohl deine Richter antasten wollen, die stets für Recht und für Gesetzlichkeit kämpften? Ihr Stützen der Gesetze unter der Despotie, was würdet ihr erst in einem freien Staate? Ihr braven Dikasterien, die ihr für Erziehung, für Landwirtschaft, für Erhaltung des Friedens so viel tatet, wer würde wohl euch die Stellen zu entreißen streben in welchen ihr den Segen der Völker euch erwarbt. Nur die Schmeichler der Fürsten, nur die verkauften Ratgeber, nur die feilen Kreaturen von Metzen und adligen Tagdieben, nur die Grollmanns und ihresgleichen wird das Volk in den Kot zurücktreten, aus dem sie gekrochen sind, wer aber unter Fürsten dem Staate diente, der wird seinen Lohn erhalten und nun vom Staate in der Stelle bestätigt werden, die bisher prekär war und von Fürstengunst abhing. Die Übel, welche aus dem Mangel an Aufklärung im Volke und aus dem Widerstand großer Klassen desselben entstehen, sind bei Revolutionen das furchtbarste. Der Widerstand der Despoten durch ihre wenigen überbleibenden Lohnknechte hat nicht viel zu bedeuten, und seine Überwältigung ist nur die erste Kraftübung der neubefreiten Nation. Glücklicherweise ist uns hier schon vorgearbeitet, so daß das Spiel nicht zu schwer werden kann. Die Despoten sind so erschöpft, daß es bloß unsre Schuld ist, wenn wir ihnen Zeit geben, sich wieder in etwas zu erholen! Oh, sie wissen es wohl! Sie haben gelernt, wie es heißt, gegen ein Volk zu kämpfen, das frei sein will! Sie haben gesehen, was ihre taktischen Kunstgriffe gegen Mut und Hingebung vermögen! Wenn wir nur erst einen kleinen Noyau in Ruhe bilden können, so sollen sie, wenn sie Lust haben, die Probe zu wagen, bald sehen, wie die nämlichen Kontingentstruppen, die liefen, sobald sie, eine Nationaluniform sahen, sich schlagen werden. Wenn wir bei der fränkischen Regierung Männer zu Regenten hätten, die in ihrem Fache wären, was Buonaparte in dem seinigen ist, wenn nicht unsre fünf Männer sehr mittelmäßige und durch Weihrauch und kleinliche Politik leicht zu verirrende Menschen wären, wenn man fränkischerseits nur immer den Grundsatz bedacht und befolgt hätte, daß die Völker voneinander unabhängig sind und daß es Unsinn von Seiten einer republikanischen Regierung ist, andere Völker abhalten zu wollen, ihre Verfassung zu verändern, daß es Torheit ist, mit einem sogenannten Souverän lieber eine Allianz zu schließen als mit Völkern, so wären wir jetzt schon, wo wir sein sollten. Aber wir brauchen die Hilfe der Franken nicht und lachen ihres neuen Kabinetts, sobald es von den Grundsätzen abweicht, auf denen allein seine Stärke und seine Rechtmäßigkeit beruht. Pfui der Schande für die große deutsche Nation, wenn sie sich frei machen ließe, wenn sie ein Evangelium, das unsre Weisen längst vor 1789 kannten, von einem Nachbarvolke, das es noch lange nicht ganz begriffen hat, sich einpredigen ließe. O bei Gott! Wir brauchen nur unsre Stärke zu fühlen, um der Welt Trotz bieten zu können. Der Franke unter Soubise und für Ludwig galt für feig und lief davon. Der Deutsche unter seinen Reichsgeneralen und Kriegsobersten verlor zehn und zwanzig Schlachten, die noch weit ärger waren als die Schlacht bei Roßbach. – Der Franke unter Buonaparte und für Freiheit schlägt sich über den Wolken und erklimmt Alpen, der Deutsche unter gewählten Generalen und für Freiheit wird die Schande dieses Kriegs mit Lorbeeren bedecken. Werden uns denn aber die Lohnarmeen Österreichs, Preußens und Rußlands wohl so furchtbar sein? Nein, die österreichische und preußische Armee wird uns größtenteils verstärken. Diese Krieger, die man jetzt sechs Jahre lang immer von Knaben zur Schlachtbank führen ließ, müssen endlich hellsehen. Der Soldat wird auch wollen, daß lieber er selbst, wenn er sich auszeichnet, die Armee zum Sieg führen könne, als daß ein Prinz sie zur Schande führe. Der Soldat wird sich mit dem fränkischen Krieger vergleichen und nicht mehr eine verächtliche Schießmaschine sein, nicht gegen Bruder und Vater zu Felde ziehen wollen. Mit Freuden sähe ich, daß die vielen österreichischen Gefangenen, die in der Gegend von Versailles, von St. Cloud, von St. Denis liegen, viel in Frankreich gelernt haben. Man sei nur in Deutschland mutig, man beginne das Werk! Die Arbeit wird leichter sein, als man denkt. Das Schwerste ist schon getan. ad 2. Unser Charakter, der uns langsam zur Revolution geführt hat, wird uns abhalten, die Grenzen derselben zu überschreiten und uns also auch vor bedeutenden Reaktionen bewahren. Um eine die Grenzen dieses Aufsatzes überschreitende Ausführung zu ersparen, muß ich mich auf Benjamin Constants Buch berufen. Ich berühre nur kürzlich die Hauptideen seiner Theorie. Wenn eine Revolution, sagt Constant, weitergeht als nötig ist, um das Mißverhältnis herzustellen, durch welches sie veranlaßt wurde, so entsteht durch diese Überschreitung der Grenzen notwendig ein neues Mißverhältnis und also eine neue Bewegung, eine Reaktion. Diese Reaktion begnügt sich aber nie damit, bloß die richtigen Grenzen wiederherzustellen, sondern sie springt selbst über die alte Ordnung der Dinge hinaus. So, sagt Constant, haben wir gesehen, daß die Revolution in England, welche bloß gegen den Papismus entstanden war, aber auch das Königtum umstürzte, eben dadurch, weil sie ihren Zweck überschritt, eine Reaktion hervorbrachte, welche nicht nur das Königtum, sondern auch den Papismus wiederherstellte, so daß lange, nachher eine neue Revolution nötig war, um nur den Papismus zu stürzen. – Constants Theorie erklärt uns auf das befriedigendste die seltsamen Erscheinungen unsrer Zeit in Frankreich, wo wir Menschen, die ehedem laut den Atheismus predigten, jetzt täglich in die Messe laufen und alles nicht nach einer gemäßigten Monarchie, sondern nach dem alten Despotismus mit allen seinen Mißbrauchen schreien hören. Man braucht den deutschen Charakter nur obenhin zu kennen, um leicht einzusehen, daß wir keine bedeutende Reaktion zu fürchten haben, weil unsre Revolution nie ihre Grenzen so weit überschreiten und nie so gewaltsam werden kann als die fränkische. Bei uns werden nie Freiheit und Gleichheit im übertriebenen, gemißbrauchten Sinne gesucht werden. Wir sind langsam, minder gewaltsam vorbereitet worden als die fränkische Nation, und bei uns wird man die alten, lockern Gebäude langsam und bedächtig, aber eben darum auch gründlich abtragen, statt daß die Franken mit Wut dagegen anrannten und freilich schneller als wir die Oberfläche abwarfen, aber den Grund dennoch stehenlassen. Mirabeau schon sagte von uns Deutschen, daß das Revolutionsfeuer bei uns Kohlenfeuer sein werde, wenn das fränkische nur Strohfeuer ist. Der Deutsche unternimmt schwer, aber hat er einmal unternommen, so geht er auch nicht wieder zurück. Bei unsrer großen, glücklich durchgesetzten Revolution gegen die Hierarchie war die Reaktion sehr unbedeutend. Wir sind reifer zur Freiheit, als die Franken es noch jetzt nach acht Jahren des Kampfes sind. Bei uns liegt der Freiheitsgeist in den Köpfen, nicht bloß in den Herzen, im Verstände, nicht in einem aufgereizten Gefühle. Wir wollen nichts unmögliches erreichen, wir wollen eine bessere Ordnung der Dinge, eine zweckmäßigere Verfassung, aber keine Utopien. Und wir werden eine bessere Verfassung erhalten. Wir sind nicht so sehr herabgewürdigt durch den Despotismus, als die Franken es waren. Ein Rest von Freiheit hat sich in Deutschland selbst unter seiner gotischen Verfassung noch immer erhalten. In unsern kleinen Reichsstädten sind noch immer einige republikanische Formen, einige Begriffe von Rechten der Bürger geblieben. Einzelne Fürsten haben sich durch bessere Regierung ausgezeichnet. Wen des österreichischen Hauses Arm im Süden ergriffen haben würde, der flüchtete sich nach Norden und fand Schutz. Wir sind geneigter zur Ordnung als die Franken. »Sie ist verboten«, sagt der gemeine Mann in Deutschland von einer Handlung, die er wohl begehen möchte, und unterläßt sie, weil sie verboten ist. Der Franke sagt auch »sie ist verboten« und tut sie, gerade weil sie verboten ist. Wir sind gerade und nicht geneigt zur Intrige. Dieser Zug ist der beste in unserm Nationalcharakter. Der Deutsche sucht eine Ehre darin, nicht versteckt, nicht durch Winkelzüge, sondern auf dem geradesten Wege sein Ziel zu erreichen. Der Franke intrigiert oft ohne Not, weil ihm die Intrige selbst gefällt. Ich könnte über diesen Gegenstand noch unendlich viel sagen, wenn es nötig wäre. Allein jeder, der den Charakter unsrer Nation kennt, wird leicht mehrere Gründe auffinden können, aus welchen sich die besten Resultate für den ruhigen Gang unsrer früher oder später erfolgenden Revolution ergeben. Die Reaktion ist für die Frankenrepublik grausamer und gefährlicher gewesen als alle Stürme und Mißbräuche der Revolution, und diese Reaktion werden wir in Deutschland ersparen. – Nun zu den Resultaten. Sobald wir Deutschen uns also allgemein überzeugen können, daß die Übel unsers Übergangs zu einer bessern Ordnung nicht so groß sind als die Leiden, welche uns unsre jetzige schlechte Ordnung zufügt, so ist die vis inertiae vernichtet, welche bisher noch die einzige Stütze der alten Regierungen war, und es fehlt dann nur an ein paar unternehmenden Köpfen, um die schon solang verbreitete Krisis zu beschleunigen. Der Friede, vor einem Jahre freiwillig geschlossen, hätte unsre alte Konstitution noch eine Zeitlang stützen können. Der Friede, der jetzt bald geschlossen werden muß, wird den Verteidigern der Revolution mittelbar zugute kommen. Unsre lahme Reichsverfassung überlebt das Jahr 1800 nicht. Sie wird zwar jetzt provisorisch von Despoten zerrissen, um uns unter eine größere Despotie zu beugen, aber gerade diese Teilung Deutschlands in größre Massen wird uns die Arbeit erleichtern. – – Nun als Nutzanwendung des Gesagten noch eine Bitte an Deutschlands Patrioten! Wenn die Krisis erscheint, so verkrieche sich ja keiner feige. Intriganten und Ehrsüchtige werden sich gleich zeigen, und es wäre ein unabsehliches Unglück, wenn die wahren Patrioten aus Furcht vor der Gefahr nicht gleich ernstlichen Teil an der Reformation nehmen und sich mit der Hoffnung schmeicheln wollten, erst dann eintreten zu können, wenn die Gefahr vorüber sei. Diese Feigheit kommt bei jeder Staatsveränderung denen am teuersten zu stehen, welche sie sich zuschulden kommen lassen. Aus Furcht, ein Opfer der Tyrannei zu werden, will man lieber ein Opfer der Schurken und Narren sein, die sich zu leicht des Ruders bemächtigen. Bei einer Revolution ziehen die ersten Fehler tausend andre nach sich. Gefühl und Enthusiasmus verwirren sich gar leicht. Freilich muß man leider die Leidenschaften aufregen, um der Kugel den entscheidenden Stoß zu geben. Aber sobald sie nur anfängt zu rollen, so müssen auch schon Männer von Kopf am Abhang des Bergs stehn, um sie zu lenken und sie aufzufangen, wo sie bleiben soll. Dann muß die Leidenschaft schweigen und bloß der kalte und nüchterne Verstand zu Rate gezogen werden. Wer aus Furcht unten am Berge untätig stehenbleibt, der wird am Ende zerschmettert. Aber auch jetzt, solange die alte Tyrannei noch dauert, benehme sich jeder mit Weisheit und Vorsicht. Es ist vorauszusehen, daß nach dem Frieden in Deutschland eine abscheuliche Periode eintreten wird. Die Regierungen werden aus ihren alten Rüstkammern alle die Waffen hervorsuchen, mit welchen sie ehemals ihre Macht gründeten und verteidigten. Man hat uns bisher mit Geißeln gezüchtigt, man wird uns jetzt mit Skorpionen züchtigen. Wer klagt, wird verbannt, wer weint, eingesperrt werden. Man wird jede Spur von Menschenrechten zu vertilgen, dem Verstand den Krieg anzukündigen, die alte Dummheit wieder auf den Thron zu setzen suchen. Man wird Spürhunde abrichten, um diejenigen aufzusuchen, welche heller sehen als der Haufe. Man wird Mönche zu Zensoren aufstellen und Klöster stiften, um Aberwitz zu verbreiten und gesunde Vernunft zu unterdrücken. Man wird willkürlicher handeln als je aus Angst, um sich zu überreden, daß man seine Macht nicht verloren habe. Man wird diejenigen einsperren, welche von den Staatskassen ihre Vorschüsse zurückfordern, man wird Verschwörungen ersinnen, um Exempel der Strenge geben zu können, man wird künstliche Teurung erregen, um die Völker mürbe zu machen. Wien hat schon vollkommen die revolutionären Maßregeln Robespierrens in seinen Mauern einführen sehen, die neu zu raubenden Provinzen wird man noch strenger halten, je weniger man ihnen traut. Man wird die Privilegien einzelner Volksklassen vermehren, um die Privilegierten desto mehr an die Regenten zu ketten. Man wird ihnen für ihre Dienste erlauben, desto stärker auf die Unprivilegierten zu drücken. Wenn diese Schreckensregierung ihren höchsten Gipfel erreicht hat, dann ist der 9. Thermidor nahe. Diesen herbeizuführen suche jeder, der sein Vaterland liebt, und keiner fürchte sich, Märtyrer zu werden. Die Macht der Tyrannei ist schon größtenteils erschöpft. Ihre Schwerter sind stumpf, ihre Blitze sind nicht viel mehr als Theaterblitze. Und wenn auch die ersten, welche dem Ungeheuer offen den Krieg ankündigen, von ihm überwältigt werden, ohne ihre Absicht zu erreichen, welcher Tod kann schöner sein als der Tod Sidneys und Barneveits? Welchen Wert hat ein Leben, das ohnedem bloß von der Willkür eines Tyrannen abhängt! Welchen Preis hat ein Dasein unter erniedrigten Wesen, deren keines das Haupt emporzuheben und Mensch zu sein wagte? Peuples, quand la justice à la terre est ravie mourir, c'est échapper aux tourmens des enfers; craindre, c'est conspirer contre sa propre vie, c'est être criminel et regretter ses fers! 16. Die Laterne. Zweite Nummer Die politische Lage Deutschlands hat sich seit einigen Wochen so sehr verändert, daß andere Maßregeln zur Notwendigkeit geworden sind als diejenigen waren, welche damals jeder Deutsche, der es mit seinem Vaterland redlich meinte, anraten mußte. Wir wollen, ehe wir in dieser neuen kritischen Lage einen Rat geben, die Begebenheiten der neusten Zeit kaltblütig betrachten. Drei Kabinette haben gegenwärtig den größten Einfluß auf Deutschlands Schicksal: das fränkische, das preußische und das österreichische. 1. Das fränkische ist das mächtigste unter allen. Stark durch eigne Kraft, stärker noch durch die Teilung und die Zwietracht seiner Feinde, buhlet es doch nicht mehr wie vor wenigen Jahren um die Ehre, von irgendeiner kleinen Macht anerkannt zu werden, sondern ihm höfeln Spanien, Sardinien, Preußen und bald auch Österreich, die kleinen deutschen Stände Württemberg, Baden etc. haben ihm im eigentlichsten Verstande die Fortdauer ihrer Existenz abgekauft, und selbst diese erkaufte Existenz ist nur prekär. Bei der ersten Gelegenheit betrachtet Frankreich diese kleinen Stände als Gegenstände des Tausches oder Verkaufs, um sich mit Preußen oder Österreich zu vereinigen. Das fränkische Direktorium wiegt weit schwerer in Europens Waagschale als ehedem das Kabinett von Versailles. Überlassen wir es dem preußischen Kabinett, kostbare Porzellanservicen hieher zu schicken und es nicht übelzunehmen, wenn man nur ein sehr geringfügiges Gegengeschenk macht. Überlassen wir es gewissen Agenten, dem einen der fränkischen Gewalthaber seine Mätresse oder gar seine Frau und seine Tochter zuzuführen, dem andern einen kostbaren Juwelenschmuck zu überreichen etc., um unsre Regierenden zu gewinnen, welche sehr übel tun würden, wenn sie diese neuen Freundschaftsbezeugungen nicht aus dem richtigen Gesichtspunkte ansehen und sich nicht daran erinnern wollten, daß noch vor drei Jahren alle diese jetzt so schmeichelnden Herren ihnen Lafayettens Schicksal bereitet hätten und es wohl noch jetzt bereiten würden, wenn es in ihrer Macht stünde. Wir betrachten die jetzigen fränkischen Gewalthaber bloß aus einem einzigen Gesichtspunkte. Wir fragen, was hat die Sache der Menschheit und der Freiheit von ihnen zu erwarten? Wir fragen als Deutsche und in Hinsicht auf Deutschland und beantworten diese Frage mit Ehrlichkeit, mit Aufrichtigkeit, wie wir uns wohl schmeicheln dürfen, mit einiger Sachkenntnis. Den Deutschen, welche unsere Regierung in der Ferne und bloß nach den in die Augen fallenden Resultaten beurteilen, geht es (si magna licet componere parvis), wie es hier mit der bekannten Schauspielerin Madame Raucourt ging. Ich sah sie auf dem Theater in der erhabensten Rolle und nachher außer demselben. Ich müßte mich immer daran erinnern, daß sie der Inbegriff aller Laster sei, welche nur eine französische älter gewordene Kurtisane in sich vereinigen könne, um sie nicht als das übermenschliche Wesen zu verehren, welches sie auf der Bühne darstellte. Dies Gleichnis hinkt, wie alle Gleichnisse in der Welt, aber es hinkt noch dazu in dem wichtigsten Punkte. Denn die Menschen, welche wir jetzt hier in Paris auf unserm politischen Theater erblicken, sind nicht einmal die nämlichen, welche eine große Rolle spielten. Die Gründer des größten Resultats der menschlichen Vernunft, das wir kennen, der fränkischen Republik, haben die Früchte ihrer Arbeiten nicht mehr gesehen, ja selbst kaum hoffen können. Sie schlummern dort unter jenen Säulen, geopfert am Fuße der tönernen Fratze der Freiheit. Die, welche jetzt glänzen, waren damals unbekannte, subalterne Menschen, von Talent und Ehrgeiz vielleicht, aber fremd dem heiligen Enthusiasmus, der das Werk gründete. Um sie zu erheben, mußten wir erst um vieles fallen. Wären wir nicht klein geworden, so wären sie nicht so groß. Sie haben uns nicht wieder erhoben, und es ist ihre Schuld nicht, wenn wir nicht noch tiefer gesunken sind. Um sich zu erhalten, sich zu erheben, mußten sie freilich die Grundsäulen des großen Gebäudes nicht vollends umreißen lassen. Diese stehn noch, haben sich befestigt, und diese Menschen genießen des Vorteils, welchen ihnen ihr Standpunkt gewährt, ohne sich um uns oder um die Vollendung des Gebäudes zu bekümmern. Wenn wir darin inzwischen bequem und sicher wohnen, so sind sie es wahrlich nicht, denen wir dafür Dank schuldig wären. Doch ich habe wider meinen Willen lange in Bildern gesprochen, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht deutsch und ohne Bild sprechen soll. Die Grundlage unsrer neuen Regierung sollte und mußte bloß auf Moralität und Grundsätzen des Rechts beruhn, darauf gründete sich ihre Stärke. Nach diesem System handelte auch einst unser Kabinett, wenn ich eine Masse edler Menschen so nennen darf, solange unsre Regierung in den Händen der Gironde war. Diese rohen Stifter der Republik, unfähig, mit der teuflischen List Pitts zu ringen, fielen auf dem Blutgerüst, wenig geachtet und verlacht von den betrügerischen Kabinetten. Der Wohlfahrtsausschuß, wahrlich nicht durch Grundsätze, aber durch ein System der feinsten, auf die furchtbarste Täuschung gegründeten Tyrannei wurde von den Kabinetten gefürchtet. Unser neues Kabinett, stark durch seine Grundlage, die immer auf Moralität und öffentlicher Meinung in der Hauptsache ruht – ein Werk der Gironden – stark durch die gewaltigen Kraftäußerungen der Nation und ihre nie zuvor erlebten Taten – ein Werk des Wohlfahrtsauschusses – bewaffnete sich noch überdies mit dem, was man Kabinettspolitik nennt, das heißt mit der Kunst, kein Mittel zu verschmähen, das zum Zweck führt, so unmoralisch es auch sein mag, und wird bewundert und geschätzt von den königlichen Kabinetten, die zwar noch wenig Gewissen, aber glücklicherweise auch weniger Verstand besitzen und also im Kampf der Treulosigkeit zu kurz kommen. Man sieht also, daß die Achtung der Kabinette gegen unsre Regierung gerade im umgekehrten Verhältnis zur Rechtschaffenheit derselben steigt oder fällt und daß die Könige sich erst seit der Zeit mit uns verbinden und uns höfeln, wo wir wirklich schlechter geworden sind. Ob eine republikanische Regierung sich irgend andre als moralische Mittel erlauben dürfe, ob sich diese Kabinettspolitik mit unsern Grundsätzen vereinigen lasse, ob nicht vielmehr Wahrheit und Gradheit, mit unsrer Stärke verbunden, viel mehr ausrichten würden als alle diese Schlangenwege, das ist bei mir keine Frage. Aber wir müssen nur bei der fränkischen Regierung sorgfältig die Regierenden von der Regierung und die Regierung in Hinsicht aufs Ganze und in einzelnen Fällen voneinander trennen. Unsre Regierenden sind nicht besser als andre, nur klüger. Auch sie betrachten sich zuerst, und wenn ihr Vorteil zugleich so eng mit der Befolgung der moralischen Grundsätze im allgemeinen verbunden ist, daß sie in Hauptsachen nicht ganz davon abweichen können, so haben wir das unsrer Verfassung, nicht den Individuen zu danken, welche das Ruder in Händen haben. Aber mein Privatglück möchte ich ebensowenig als die große Sache der Menschheit unumschränkt in die Hände eines Carnots oder Reubells oder irgendeines andern Machthabers geben als in die Hände Richelieus oder Mazarins. Enthusiasmus und Aufopferung des einzelnen fürs Ganze sind bei allen Regierenden in der Welt Torheit. Zusammengenommen aber sollten diese unsre Kabinette dirigierenden Leute freilich nichts als die Erreichung des großen Zwecks der Revolution, die Ausbreitung der Herrschaft der Moralität und die Unterdrückung der Immoralität in der Welt zum Ziele haben. Aber dies ist auch nur ein Soll, und das fränkische Kabinett ist nicht viel besser als jedes andre, welches Menschen als Mittel zum Zwecke – nicht immer der Regierung, sondern öfter der Regierenden – wider ihren Willen braucht. Der fränkischen Regierung liegt daran, sich zu erhalten und da ihre Erhaltung bloß auf den Grundsätzen beruht, so muß sie in der Hauptsache freilich auch eine moralische Linie befolgen. In Nebensachen aber tut sie leider, was jedes Kabinett tut, sie benutzt die Ereignisse zum Privatvorteil der Regierenden – worunter Ehre bei den Kabinettern, Einfluß in die Spitzbübereien von Europa etc. gerechnet werden. Wer also glaubt, daß unserm Kabinett daran liege, die Ausrottung der Tyrannei und die Herrschaft der Gesetze in Europa zu befördern, Deutschlands Völker glücklich zu sehen, wechselseitige Freundschaft zwischen den Völkern, politische Reformation zu befördern, der irrt sich sehr, und ein solcher Traum ist nur einem jungen, feurigen Schwärmer, der das große Schauspiel bloß von ferne oder aus Büchern kennt, zu verzeihen, und bei einem Höfling gilt eine solche Fabel für ein Mittel, seinen Herrn aufzuhetzen oder zu törichten Streichen zu verleiten. Frankreichs Kabinett wünscht – Ohnmacht Deutschlands, Zerstückelung desselben, um den Prinzen von Libanon, den die Bataver verjagt haben, zu entschädigen, Bestechung einiger schwächern Staaten, um von Zeit zu Zeit sie zu pressen, und (wenn es sich bequem tun läßt) Einverleibung einiger Provinzen mit der fränkischen Republik, um auf die Kosten dieser armen Länder Prokonsuln zu versorgen, die man hier fürchtet, und Kreaturen zu befördern, denen man hier keine Stelle anzuweisen wagt. Dies würde in der Tat das Schicksal dieser Länder sein, wenn sie als integrierender Teil mit Frankreich vereinigt werden sollten. Ich gestehe, daß ich einst ein warmer Apostel der Rheingrenze war, so wie ich jetzt, als Deutscher; der heftigste Gegner derselben bin, und so sehr ich auch z. B. den Kurfürsten von Mainz hasse, so wollte ich, wenn keine andre Wahl wäre, ihn lieber wieder in Besitz seines Landes als Mainz mit Frankreich vereinigt wissen. Diese Vereinigung würde einst zwischen der deutschen und der fränkischen Nation einen blutigen Krieg vorbereiten, sie würde die Verbreitung der Freiheit in Deutschland hindern, statt sie zu befördern, sie würde die Einwohner dieser Länder zu Heloten machen, stiefmütterlich von der Republik behandelt. Was man in diesen Ländern sogenannte Patrioten nannte und angestellt hat, ist meistens der Auswurf der Nation, die wahren Patrioten leiden und zeigen sich nicht, bis einst die Zeit kommt, wo sie Gelegenheit haben werden, für wahre Freiheit ihres Landes zu wirken. Wenn die Revolutionäre in Deutschland (das heißt in meinem Sinne die Männer, weiche statt der militärischen Tyrannei und Erniedrigung unsers Vaterlandes eine vernünftige Verfassung wünschen) also auf Frankreich bei ihren Unternehmungen rechnen, so irren sie sich und werden vielleicht zum Opfer einer Politik werden, welche, wenn sie auch zuzeiten Miene macht, Gärungen in angrenzenden Despotien unterstützen zu wollen, dabei nichts ernstliches sucht, sondern bloß Freude daran hat, wenn ihre Feinde auch durch innere Schwäche verhindert werden, ihr zu schaden. – Wenn wir Deutschen aber stark genug wären, durch eigne Kraft einen Staate mit einer vernünftigen Verfassung zu bilden, so würde das fränkische Kabinett natürlich in andre Verhältnisse zu diesem neuen Staate antreten, und wir würden die Stelle einnehmen, die uns unsre Kraft und unsre neue, vernünftige Regierung anweist. Wenden wir aber keine Art von Stärke an, um uns aus dem schimpflichen Zustande von Herabwürdigung zu reißen, in welchem wir uns befinden, so erwartet uns das Schicksal, welches eine Nation verdient, die bei aller ihrer Aufklärung und Kraft dennoch lieber Peitschenhiebe erträgt, als etwas Anstrengung anwendet, um von der Stelle zu rücken. Dies Schicksal wollen wir weiter unten betrachten, wenn wir erst einige Worte über die beiden übrigen Kabinette gesagt haben, welche zunächst den wichtigsten Einfluß auf Deutschland haben.   2. Das preußische. Dies Kabinett hat das Glück gehabt, immer im trüben zu fischen und sein System, welches dahin abzweckt, ohne alle Hinsicht auf öffentlichen Glauben, auf Bündnisse, immer von den Ereignissen des Augenblicks zu profitieren und Freund und Feind zugleich zu betrügen, hat ihm verschiedne einträgliche Räubereien verschafft. Man kann freilich unter unsern Höfen bis jetzt wenig Moralität finden, sie handeln alle so, daß, wenn die Bürger der Staaten gegeneinander die nämlichen Gesetze befolgten, jeder Nachbar in dem andern seinen Meuchelmörder und Dieb finden müßte. Allein auch unter Dieben gibt es Klassen, und der Räuber auf der Landstraße verachtet gewiß den Hausdieb und fühlt sich im Verhältnis gegen diesen halb ehrlich. Ungefähr so mögen die Kabinette untereinander das preußische betrachten. Brabant, Lüttich, Holland, Polen, Österreich, Frankreich sind nach und nach alle von Preußen betrogen worden, und es wird endlich als ein Axiom in der europäischen Politik gelten, daß man Preußen lieber zum erklärten Feind als zum Freunde und Verbündeten haben müsse. Inzwischen hat diese Macht für den jetzigen Augenblick großen Einfluß auf Deutschlands Schicksal. Sie machte Spekulation auf mehrere Provinzen für sich sowohl als für den Statthalter, ist aber in ihren Entwürfen dadurch sehr gehemmt worden, daß sie immer mit der dem fränkischen Kabinette versprochnen Erklärung gegen Österreich zauderte, um gelegentlich Frankreich zu schwächen und vielleicht im Fall einer bedeutenden Niederlage der Franken wieder als Feind der Republik aufzutreten. Der schnelle Friede machte einen Querstrich in Preußens Plane, und wenn Österreich, wie es zu hoffen steht, gerade und rechtlich gegen die Republik handelt, so wird Frankreich dem Kabinett von Berlin vielleicht zeigen, daß es die Falschheit desselben kannte und nur durch die Umstände bewogen wurde, seit einiger Zeit soviel nachzugeben. Gebe der Himmel nur, daß ein unbestochener und mit den Verhältnissen Europens bekannter Mann ins Direktorium eintrete.   3. Das österreichische. Meine Meinung über die Schwachheit und Tyrannei dieses Kabinetts in Hinsicht auf den Krieg, in welchen es das Reich mit verwickelt hat, ist bekannt genug. Um so weniger zweideutig wird es sein, wenn ich bei allem gerechten Haß gegen die Hartnäckigkeit und Grausamkeit des Kaisers dennoch dafür halte, daß das österreichische Kabinett in Ansehung der Rechtlichkeit und Geradheit, mit der es zu Werke ging, in der öffentlichen Meinung weit mehr gewinnen muß als das preußische. Wenn man mit Österreich als Feind zu tun hat, so strengt es alle seine Kräfte an, aber als Freund verrät es doch nicht und hält seine Bündnisse ziemlich gewissenhaft. Ich gestehe, daß ich Österreich eher etwas Übergewicht in Deutschland gönne als dem Hofe von Berlin, und man muß dem Kaiser die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er bis jetzt allen Teilungsprojekten Deutschlands standhaft sich widersetzt hat. Aber welche Aussichten für die Zukunft ergeben sich aus allen diesen Verhältnissen fürs Deutsche Reich? Wir wollen den Vorhang etwas zu heben versuchen, und die Zukunft wird lehren, daß wir nicht falsch gesehen haben. Zu glauben, daß Preußen seine Vergrößerungsprojekte aufgeben oder daß Österreich sie gleichgültig ansehen und gestatten werde, ohne entweder einen Krieg zu wagen oder endlich auch seinerseits zuzugreifen, würde Wahnsinn sein. Entsteht zwischen beiden Mächten ein Streit, so blutet Deutschland aus tausend Wunden, und da die ohnmächtigen Fürsten mit ihrer erkauften Existenz unmöglich neutral bleiben oder ihre Neutralität, wenn sie auch diplomatisch erklärt wird, schützen können, so teilt sich das Deutsche Reich in zwei Parteien, und wir haben den Bürgerkrieg. Dieser endigt sich später oder früher damit, daß der Reichsverband aufgelöst wird und jeder nimmt, was ihm ansteht. So werden denn die geistlichen Stifter und die Reichsstädte, in welchen allein noch ein Schatten von Freiheit in Deutschland übrigblieb, vernichtet und aufgefressen. Deutschlands Leichnam wird von zwei Raubvögeln zerhackt, die allenfalls noch einem Raben etwas abgeben, um seinen Menschenhandel weiter ausbreiten zu können. Alle die kleinen Vorteile, welche uns bisher bei aller ihrer Unförmlichkeit unsre föderative Verfassung gewährte, verlieren wir nach und nach, ohne eine bessere Verfassung, ohne mehr Freiheit und mehr Stärke dadurch zu gewinnen. Deutschland verschwindet wie Polen aus der Reihe der Völker. Krieg zum Anfang, dann Papiergeld, dann Pensionen für die beraubten Fürsten, dann neue Militäreinrichtungen, dann Vorkehrungen gegen Jakobinismus, dann Religionsedikte, dann Menschenhandel, dann Wiener Staatsinquisition und Berliner Kabinettsjustiz und neuen Krieg, sobald die Raubvögel um ein Stück der Beute uneinig werden. O mein Vaterland, welche Zukunft! – Welches Mittel bleibt uns übrig, um alles das zu verhüten? Zu einer förmlichen Revolution ist es jetzt zu spät. Umsonst hat man auf Leidenschaften und auf Verstand der Deutschen zu wirken gesucht, selbst die Verzweiflung vermochte sie nicht aus dem Schlummer zu reißen. Es bleibt also, um jener fürchterlichen Zukunft vorzubeugen, jetzt nur noch ein Mittel übrig – eine Assoziation der geistlichen Stifter und der Reichsstädte zu ihrer Erhaltung. Der geistlichen Stifter, höre ich hier Hunderte rufen. Welche politische Ketzerei! Kann man sich etwas abgeschmackteres denken, als einen Edelmann, der zugleich Priester ist, zum Fürsten zu wählen und diese Abgeschmacktheit erhalten zu wollen! – Geduld, meine Herrn Gegner, ich verlange über diesen Gegenstand mit Ihnen nicht zu streiten. Die geistlichen Stifter sind eine Abgeschmacktheit, das gebe ich Ihnen gerne zu. Allein, wenn von Rechten zur Regierung die Rede ist, so belieben Sie mir nur zu sagen, ob das Recht des Hauses Hohenzollern auf die preußische Krone oder die Rechte irgendeines Königes oder Fürsten auf sein Land nur um ein Titelchen heiliger sind als das Recht eines Edelmanns, in gehörigen Formen zum Bischof oder Erzbischof gewählt zu werden? Ein Übel ist hier immer, aber laßt uns doch ja das kleinere dem größern vorziehn. Wir wollen lieber noch eine Zeitlang uns mit einer Krücke behelfen, als daß wir uns ganz lähmen lassen sollten. Um aber meine politische Ketzerei etwas zu mäßigen und gegen die großen Verteidiger der Säkularisation nicht zu sehr anzustoßen, so schlage auch ich eine Art von Säkularisation vor. Nämlich meine Idee besteht kürzlich darinnen: Alle kleineren Stände Deutschlands, denen an ihrer Erhaltung etwas gelegen ist, hauptsächlich die Stifter und Reichsstädte des südlichen Deutschlands, eröffnen einen Kongreß, der wohl am füglichsten nach Frankfurt verlegt werden könnte. Zu diesem Kongreß erscheinen Deputierte des Stiftsadels, des Landadels, der Patrizier und der Bürgerschaft. Die geistlichen Stifter lassen künftig nicht nur den unmittelbaren Reichs-, sondern auch den landsässigen Adel zur Stiftsfähigkeit und zum Eintritt ins Kapitel zu. In das letzte können sogar Bürgerliche zum dritten Teil, jedoch ohne daß einer aus ihnen zum Fürstbischof gewählt werden kann, eintreten. Die Reichsstädte, bei welchen das Patriziat eingeführt ist, erklären, daß diejenigen Bürger, welche jährlich von ihrem Gewerbe eine bestimmte große Summe abgeben, und die, welche zehn Jahre lang ein richterliches oder anderes angesehenes Amt begleitet haben, ins Patriziat eintreten sollen. Diese Konföderation wählt einen beständigen Ausschuß, welcher in Frankfurt seinen Sitz hat und von welchen alle auf Erhaltung des neuen Verbandes Bezug habende Gegenstände gehören. Diese Konföderation erhält ein gemeinschaftliches Militär, worin alle ihre stehenden Truppen einverleibt werden. Diese Konföderation verbindet sich, die Integrität Deutschlands nach dieser neuen Modifikation mit allen Kräften zu erhalten. Diese Konföderation erwählt den Kaiser zu ihrem Prorektor und einen gemeinschaftlichen General, unter dessen Kommando alle Truppen stehn und der vom beständigen Kongreß seine Befehle erhält. Auf diese Art könnte doch wenigstens vors erste die Integrität Deutschlands erhalten und vielleicht der Grund zu einer künftigen Selbständigkeit gelegt werden. So klein dieser Schritt dazu auch wäre, so ist es doch immer ein Schritt, und die militärische Regierung hörte denn doch endlich in Deutschland auf. Doch – ich vergesse, daß meine deutschen Landsleute nicht mehr sind, was sie zu den Zeiten der Reformation waren, Menschen voll Kraft und Stolz auf die Unabhängigkeit ihrer Ahnen. Man will durchaus gar nichts tun, sondern sich vom Strom der Umstände treiben lassen. Nun wohl! Zum Schlusse dieser politischen Rhapsodie mag eine Fabel hier Platz finden: Ein Kadi in einer türkischen Stadt saß mit einigen seiner Freunde am Fenster und rauchte seine Pfeife, indem er sich damit belustigte, die Vorübergehenden zu betrachten. Ein Kameltreiber, sitzend auf einem dieser Tiere, zog vorüber. Die Scheide vom Säbel des Reiters war verloren, und die scharfe Spitze hatte sich so unglücklich gestemmt, daß sie mit jedem Schritte des Tieres tiefer in die Haut eindrang und das Blut des Kamels immer stärker aus der Wunde rann. »Der Unmensch!«, rief der Kadi. »Den Augenblick verhafte man diesen hartherzigen Bösewicht, der nicht soviel Menschlichkeit besitzt, um sein Tier zu schonen und die Ursache des Schmerzens wegzuräumen. Ich will ihn dafür züchtigen lassen, wie es eine solche Barbarei verdient.« – »Daran würdest du sehr unrecht tun, Freund Kadi«, antwortete ihm einer der Umstehenden. »Der Reiter fühlt keinen Schmerz und weiß vielleicht nicht einmal, daß seine Säbelspitze soviel Unheil verursacht. Du müßtest vielmehr das Kamel strafen, welches fühlt, daß bei jedem seiner Schritte die Wunde tiefer wird, und dennoch zu faul ist, um entweder den Reiter abzuwerfen oder doch wenigstens ihn durch Schütteln und Brüllen zu erinnern, daß er nach der Ursache sehen müsse. Solang das Kamel dumm genug ist, geduldig fortzuschreiten, solang, Freund Kadi, verdient es kein Mitleid.« Möchten meine lieben deutschen Landsleute doch ja eine Lehre aus dieser Fabel ziehen! 17. Die Laterne. Vierte Nummer. Exklamationen beim Frieden Der Friede zwischen Frankreich und Österreich ist geschlossen, und Venedig nebst Istrien und Dalmatien sind das Opfer. Der Friede mit dem Reiche, oder was einerlei ist, Deutschlands Teilung, wird in wenigen Wochen zu Rastatt unterzeichnet werden. Einen einzigen Monat noch Krieg, und Augereau, der brave, tapfre, treue Augereau wäre Deutschlands Buonaparte geworden, das Breisgau, statt jetzt zur Abfindung eines italienischen Herzogs hingegeben zu werden, hätte die Fahne der Freiheit aufgesteckt, und die transrhenanische Republik würde der Welt einen Beweis gegeben haben, was ein kraftvolles, unverdorbenes Volk durch eine vernünftige Form auszurichten vermag. Jetzt teilen sich Frankreich, Österreich und Preußen in die Trümmer Germaniens. Deutschlands Paradies, die schönen Berge Hochheims, werden zu Provinzen, die Einwohner zu Heloten eines von seinen ersten Grundsätzen abgewichenen Freistaats, und die Giganten, welche zu Frankreichs Herrschern durch Grundsätze erhoben wurden, die sie selbst verleugnen, konnten ohne Schamröte den 14. Artikel dieses scheußlichen Friedens unterschreiben. Die Minister Custinens, die elenden Schreier Böhmer, Stamm, Dorsch etc. kriechen um die neuen Herrscher, um Prokonsulate zu erschnappen. Deine Eichen, o Germanien, deine Felder sind schon von gierigen Pariser Papierhändlern taxiert, um mit nichtswerten Schuldscheinen erhandelt zu werden. Dein Name, altes Deutschland, wird aus den Reihen der Länder Europens verschwinden, und der Mann, der nicht unwürdig ist, Huttens und Luthers Landsmann zu sein, eilt, ein fremdes Bürgerrecht zu erwerben, weil er sich des Namens »Deutscher« forthin schämen muß. Die Kanone des 18. Fructidors hat die Herrscher geschreckt. Die Wegräumung des schleichenden Barthélémys und des nichtswürdigen Carnots hat ihnen die Furcht eingejagt, den vorjährigen Handel nicht noch einmal schließen zu können. Sie weichen, und Germanien zerfällt. Der himmlische Traum, Batavien, Cisrhenanien, Helvetien, die cisalpinische, die ligurische Republik vereinigt zu sehen, verschwindet, und Schlangen töten den Herkules in seiner Wiege, der an der rechten Seite des Rheins dem Despotismus schrecklicher geworden wäre als der alte Halbgott den Ungeheuern seines Jahrhunderts. Was hilft es der Menschheit, daß die Urheber dieses schändlichen Krieges die gerechte Strafe ihrer Frevel erhalten. Was hilft es ihr, daß der Kurfürst von Mainz und von Trier bald mit dem Rest ihrer gestohlnen Kassen, mit den letzten Überbleibseln des Raubs, den sie an Witwen und Waisen begingen, umherirren und einen Winkel suchen werden, um ihren Grimm und ihre Scham zu verbergen? Was hilft es ihr, daß die Prophezeiungen derer eintreffen, die Kassandrens Schicksal erfuhren, als sie vor drei Jahren schon diesen Ausgang des Kriegs vorhersagten? Deutschland ist geteilt, der Mittelpunkt, von dem Europens Freiheit ausgegangen sein würde, ist vernichtet. Hätten die wenigen guten deutschen Fürsten statt ihrer unnützen Deklamationen bei der lächerlichen Harlekinade, die man Reichstag nannte, sich an die Spitze einer Koalition gestellt, die nicht anderer Länder Teilung, sondern die Verhinderung der Teilung Deutschlands zur Absicht gehabt haben müßte, hätten die Völker Deutschlands sich früher und lauter gegen diesen unsinnigen Krieg erklärt, hätten die kleinen Fürsten Deutschlands nicht den nichtswürdigen Schmeichlern Reichard, Grollmann, Göchhausen etc. geglaubt, welche vom Einmarsch nach Paris radotierten und uns zur wütenden Fortsetzung eines Kampfes aufforderten, der, während er angeblich für die Erhaltung der deutschen Reichsverfassung geführt wurde, ihre gewisse Auflösung zur Folge haben mußte, Bayern käme nicht in Österreichs, Mainz nicht in Frankreichs Hände, und der preußische Adler schlüge seine Klauen nicht in die besten Stücke des nördlichen Deutschlands. Zerrissen, geschwächt, verachtet erfahren die Deutschen jetzt das Schicksal der unglücklichen Polen, während Italiens Völkerschaften eine neue Existenz beginnen. So lebt denn wohl, süße Hoffnungen! So fahre denn hin, mühevolle Arbeit mehrerer Jahre! So verfalle denn Germanien, aber nicht auf ewig! Neue Kämpfe beginnen einst, und du wirst glorreicher aus deiner Vernichtung hervortreten, mein teures Vaterland! Dein Volk wird die schimpflichen Artikel vernichten, welche zu Udine unterzeichnet wurden. Alles, was jetzt die Freunde der Freiheit in Deutschland tun können, besteht darin, daß sie sich aneinanderschießen und im Notfall selbst zu dem in jedem andern Falle gefährlichen Mittel der geheimen Gesellschaften ihre Zuflucht nehmen, damit der Funke nicht ganz verlösche. Aber keinen unnützen Versuch, keine Aufopferungen ohne Frucht! Keinen Kampf, der zu nichts dient, als die Schlingen der Fesseln fester zuzuziehen! Keine Rechnungen auf fremde Hilfe! Wem das Joch zu unerträglich, die nötige Verstellung zu schwer wird, der schüttle lieber den Staub von seinen Füßen und flüchte sich in ein fremdes Land, das wahrscheinlich mit der Epoche des Friedens auch eine neue Epoche in seiner Innern Lage beginnt. Alle Versuche, der cisrhenanischen Republik einige Selbständigkeit zu verschaffen, sind verunglückt und scheiterten teils an der Starrköpfigkeit der patriotischen Franken, die durchaus ihre Grenzen bis an den Rhein ausdehnen wollten, teils an der Niederträchtigkeit der unwürdigen Deutschen, die in Paris vor dem Hofe im Luxembourg kriechen wie ehemals vor ihren Höfchen in Deutschland, teils an der Erschlaffung und Mutlosigkeit der durch den Krieg nur allzusehr ausgemergelten Einwohner jener unglücklichen Gegenden. Möge die fränkische Republik diese ihre neuaufgenommenen Mitbürger nur nicht als Stiefkinder behandeln! Mögen sie ihren deutschen Sinn nicht ganz durch die Vereinigung mit ihren Nachbarn verlieren! Dies ist der einzige Wunsch, der noch für sie übrigbleibt! Aber wir Bewohner des rechten Rheinufers, zerquetscht und verkauft wie Lasttiere, jetzt viel zu schwach, um mit Gewalt die Palme zu erringen, welches wird unser Los sein? Hier wird ein Herzog von Modena sich auf unsre Kosten mästen, dort werden wir gezwungen sein, einen abscheulichen Pfaffen, der an dem Kriege schuld war, zum Dank dafür auf lebenslang zu versorgen. Unsre Auflagen, verdoppelt durch die Ausgaben des Krieges, unsre Mißhandlungen, vermehrt durch die Bangigkeit der jetzt entlarvten Verteidiger des Despotismus – das erwartet uns, weil wir zu feig waren, früher aufzutreten. Arme Bayern! In weniger als zwei Monaten werdet ihr Österreich zur Entschädigung hingegeben werden. Und ihr armen Hannoveraner, euch verschlingt der preußische Adler! Die Freiheit hat bei diesem Frieden wenig gewonnen, die Ruhe Europens, wie man behauptet, mehr. Ich glaube es nicht, ich halte keinen Frieden in Europa für möglich, ehe Englands Ministerium fällt und mit ihm alle despotischen Regierungen gestürzt sind. Darum, braver Buonaparte, nach England. Vollende den großen Entwurf, bei dessen Ausführung du jetzt auf halbem Wege stehenbleiben mußtest. Möge die Armee gegen England so viele Wunder tun als die italienische. Die Freiheit läßt sich nicht aufhalten, zwischen Wahrheit und Lüge kann kein Waffenstillstand, kein Friede stattfinden. Wir schreiten vorwärts. 18. Vorläufiger Aufschluß über mein sogenanntes Staatsverbrechen, meine Verfolgung und meine Flucht. In einem Schreiben an des Herrn Koadjutors von Dalberg Erzbischöfliche Gnaden Hochwürdigster Erzbischof, gnädigster Herr! Die erste Minute, in welcher ich in Sicherheit bin, kann nicht besser als dazu angewandt werden, daß ich Ew. etc. den untertänigsten Dank für die Gerechtigkeitsliebe abstatte, welche Sie, gnädigster Herr, in der gegen mich anhängigen Untersuchungssache gezeigt haben. Aber um so mehr bin ich es der Wahrheit, bin ich es Ew. etc. etc., bin ich es mir selbst schuldig, auch mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und selbst in dem Augenblicke, wo unnennbare Leiden mich niederdrücken, wo plötzliche Trennungen von allen, die mir teuer waren, wo die Verfolgungen des literarischen, politischen und moralischen Pöbels auf mich losstürmen, mit freier Stirne und dem Bewußtsein meiner gerechten Liebe zur Wahrheit und Redlichkeit meinen Feinden entgegenzutreten. Dies kann ich, gnädigster Herr, so sehr auch der Anschein wider mich sein mag. Dies werd' ich so gewiß, als nur einem Elenden das Urteil der Welt gleichgültig sein kann. Dies muß ich, um meine schändlichen Feinde zu enthüllen und, vielleicht arm und unglücklich, aber doch gerechtfertigt vor den Augen guter Menschen, deren Achtung mir teuer ist, wieder zu erscheinen. Vielleicht kommt bald die Zeit, wo ich kühn meinen Verfolgern entgegentreten kann und wo man es bereuen möchte, mich für unbedeutender angesehn zu haben, als ich wirklich bin. Käme sie aber auch nie, wüßte ich gewiß, daß mich Gram und Jammer im Angesichte meiner Feinde vernichten müßten, dennoch würde ich nicht schweigen. Ich bin nicht geflohen, weil ich Fesseln und Hochgericht gefürchtet hätte, nein! Ich habe mich gerettet, um erst gehört zu werden und mich dann vielleicht selbst den Gesetzen zu überliefern. Diesen habe ich nie auszuweichen gesucht, weil ich nicht gegen sie gesündigt habe. Solange ich nicht die augenscheinlichste Gewißheit hatte, daß Machtsprüche erfolgen würden, solange war ich ganz ruhig, und ich kann es vor Gott beschwören, daß ich bis zum Augenblicke der Verhaftnehmung des Buchhändlers Vollmer nicht daran dachte zu entfliehen. Bis zu dem Tage, da die Ankunft einer gewissen Dame sich gleich durch eine Ungerechtigkeit, durch den Angriff eines Mannes auf der freien Straße, auszeichnete, bis zu dem Augenblicke, da diese Dame ihren Einfluß zu Verfolgungen gegen sogenannte Illuminaten anwendete, lebte jedermann ruhig und glücklich in Erfurt. Kein politischer Groß-Inquisitor wagte es, aufzutreten und unter der Maske des Eifers für öffentliches Wohl seine Privatrache zu befriedigen, keine schändlichen Delatoren fanden einen Weg zu Ew. Erzbischöflichen Gnaden. Ihrer milden Regierung, Ihrer Liebe zu den Bürgern sich bewußt, selbst ein Beschützer der Aufklärung, verachteten Sie die kleinlichen Hilfsmittel elender Regierungen. Verfolgung gegen Meinungen war Ihnen fremd, und nur Verbrechen gegen die Gesetze wurden bestraft. Als der Buchhändler Vollmer ein Privilegium zu Anlegung eines Buchhandels in Erfurt ausgewirkt hatte, hörte ich mit Vergnügen, daß man in dieser Stadt weit von der Ängstlichkeit mancher schwachen Fürsten in Hinsicht auf Preßfreiheit entfernt sei. Man kannte kein Verzeichnis verbotner Schriften, in der besagtem Buchhändler ausgestellten Konzession war ihm bloß auferlegt, seinen Katalog und die unter der Firma »Erfurt« erscheinenden Schriften einem Zensor zur Durchsicht zu übergeben, und auch hierin war die Observanz noch gelinder. Denn es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, 1. daß der Zensor die ihm im Manuskript zugeschickten Bücher erst nach dem Abdruck sehen wollte. 2. Daß das ärgerliche Libell eines gewissen Reichards in Gotha, »Fliegende Blätter« betitelt, die Zensur erhielt. 3. Daß der Buchhändler Keyser eine Vernunft, Moral und Menschheit entehrende Scharteke, »Laterne für die Deutsch-Franzosen«, ohne Zensur bei dem verstorbenen Buchdrucker Gradelmüller auflegen ließ und überhaupt seine Artikel meist selbst zensierte. Der Buchhändler Vollmer glaubte, mehrerer Sicherheit wegen, sich nach den Worten des Gesetzes richten zu müssen, übergab seinen Katalog und alle unter der Firma »Erfurt« erscheinenden Schriften gewissenhaft der Zensur und, als einmal ihm angedeutet wurde, eine übersetzte Rede Robespierrens nicht mehr zu verkaufen, so hielt er dies Verbot so strenge, daß auch ich diese Rede nicht einmal von ihm erhalten konnte, da ich zu einer gewissen Arbeit ein Exemplar nötig hatte. Was mich anbetrifft, so lebte ich mit diesem jetzt so sehr gemißhandelten Manne zusammen, schrieb aber nichts für seine Handlung in Erfurt. Meine schriftstellerischen Arbeiten erschienen alle in auswärtigem Verlag, und ich richtete mich dabei nach den Gesetzen des Ortes, wo sie verlegt wurden. Ich hätte mir nie träumen lassen, daß der Erfurter Regierung je der sonderbare Gedanke einfallen würde, mich darüber zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Aber, worin ich allerdings eine Unvorsichtigkeit beging, ist, daß ich glaubte, ein Privilegium müsse notwendigerweise mit Bestimmtheit abgefaßt sein, und wenn darinnen ausdrücklich nur die unter der Firma »Erfurt« erscheinenden Schriften einer Zensur unterworfen würden, so sei für andere Artikel keine Zensur nötig. In dieser Hinsicht gab ich zu, daß der Buchhändler Vollmer auf inständiges Bitten des Druckers Cramer einige freimütige Schriften für auswärtige Handlungen bei ihm ohne Zensur drucken ließ. Dies allein ist mein Verbrechen, wenn es anders Verbrechen sein kann, die Rechtsregel »interpretatio contra eum facienda, est, qui clarius loqui debuisset« angewendet zu haben. Ich vertraute der Milde der Erfurter Druckgesetze zu sehr und konnte mir nicht träumen lassen, daß sie nur deswegen so unbestimmt geblieben seien, um in einzelnen Fällen der Willkür und der Rache desto freiem Spielraum übrigzulassen. Mit dem Tage, da Seine Kurfürstliche Gnaden von Aschaffenburg nach Erfurt kamen, veränderte sich in dieser Stadt alles. Gewisse Leute, die es vorher nicht gewagt hatten, sich blicken zu lassen, jetzt aber durch Garderoben- und Schürzenkanäle eine Art Bemerkbarkeit erlangt hatten, suchten nun, hauptsächlich durch den Einfluß einer gewissen – Dame, ihre Feinde zu stürzen und sieh durch Denunziationen und Verleumdungen, denen diese Dame aus Liebhaberei Gehör, gab und seiner Kurfürstlichen aus Ängstlichkeit glaubten, eine vorher nicht gehabte Wichtigkeit zu geben. Ich werde alle diese Geschichten, die ich aus den richtigsten Kanälen kenne, ich werde diese Berechnungen, nach welcher diese Denunzianten auf die sonderbare Aufnahme eines gewissen in Erfurt veranstalteten Volksfestes ihre Anlagen zum Sturz ehrlicher Leute gründeten, dem ganzen Publikum nebst vielen andern dokumentierten Aufklärungen weitläufiger vorlegen. Eine Regierung wird gewiß in dem Maße schlechter, nach welchem sie sich der Regierung des vorigen Wohlfahrtsausschusses nähert. Es ist ein schlimmes Symptom, wenn eine vorher milde Obrigkeit auf einmal den Zusammenkünften der Bürger Wächter beigesellt und über leichtsinnige Geburten einer gereizten Phantasie Inquisitionen veranlaßt. – Doch ich werde Gelegenheit haben, dies alles weitläufiger zu erörtern. Hier will ich nur im allgemeinen Ew. Erzbischöflichen Gnaden auf den geheimen Gang der gegen mich gestielten Kabale aufmerksam zu machen versuchen. Der Buchhändler Keyser war vor Vollmers Ankunft zu Erfurt der einzige Buchhändler in dieser Stadt gewesen. Es war natürlich, daß es diesem Manne nicht ganz angenehm sein konnte, einen zweiten Buchhändler etabliert zu wissen. Es war auch verzeihlich, daß er dieses zweite Etablissement zu hintertreiben suchte, hauptsächlich, da sein eben nicht rühmlicher Erwerbszweig, Nachdrucke für Originalausgaben zu verkaufen, nun einen großen Stoß erleiden mußte. Aber sehr sonderbar war es, daß dieser Mann mich, weil ich bei Vollmer wohnte, sowie alle Leute, welche freundschaftlichen Umgang mit uns pflegten, mit einem lächerlichen und ausfallenden Hasse verfolgte, und mehr als lächerlich, wirklich schändlich war es, daß er solche Mittel und Wege einschlug, um sich an mir zu rächen, die kein Mann von einiger Rechtlichkeit sich je erlauben wird. Zuerst nämlich suchte er allerhand meinen Charakter betreffende Gerüchte in den Kneipen, die er besuchte, auszusprengen. Er sah bald, daß er auf diesem Wege nicht weit kommen würde, da ich mir bald die Freundschaft, und ich darf wohl sagen, die Liebe und Achtung der meisten guten und angesehenen Menschen erwarb, und noch jetzt mit Stolz sagen kann, daß der gute und schätzbare Teil der Erfurter Einwohner mein Schicksal bedauert, während nur schlechte Menschen auf der Seite meiner Feinde und Verfolger sind. Er schlug also einen sicherern Weg ein. Er suchte mich als demokratischer Gesinnungen verdächtig auszuschreien. Man weiß, was dies heutzutage sagen will und wie unglücklich bei der Ängstlichkeit mancher Regierungen der rechtschaffenste Mann ist, den man in diesen Geruch zu bringen weiß. Sie selbst, gnädigster Herr, müßten nach der Meinung dieser Art von Leuten unter die Demokraten, welche man nach einer sehr unlogischen Verwirrung der Begriffe auch Jakobiner zu nennen pflegt, gerechnet werden. Das bezeugt ja die unter Ihrer Veranstaltung erschienene, in Wien verbotene schöne Schrift »Über die Erhaltung der öffentlichen Ruhe«, das bezeugt Ihre Verteidigung der Wissenschaften gegen die Vandalen, welche behaupten, daß die Aufklärung zu Revolutionen führe, das bezeugt noch mehr – Ihre Liebe zum Volke, Ihre gerechte und menschliche Regierung. Im Verlage des Buchhändlers Keyser kam eine ohne Zensur gedruckte, So wahr ist es, daß gerade die politischen Ketzermacher und Bekehrer mit Feuer und Schwert die ersten sind, welche die Gesetze verletzen. Indem sie Strafe Und Rache gegen alle anderen verlangen, welche im geringsten von der herrschenden Norm abweichen, frönen sie bloß ihren Leidenschaften und wollen durch Strenge gegen andre die Regierungen bestechen, um selbst gesetzlos sein zu können. von ihm mit Anmerkungen versehene Scharteke »Laterne für die Deutsch-Franzosen« heraus, worin Mitleid, Menschlichkeit und Wunsch nach Frieden zum Kennzeichen des Jakobinismus gestempelt und jeder, der nicht so wie Herr Keyser dachte, auf das pöbelhafteste geschmäht wurde. Einige kleinere Spöttereien, die ich über diese Laterne ohne Licht nicht unterdrücken konnte, reizten den Unwillen der kleinen Seele meines Feindes noch mehr. Er wußte Mittel, sich hinter die Mitglieder des in Deutschland bestehenden Obskurantenbundes zu stecken, und nun begann eine neue Periode meiner Verfolgungsgeschichte. Denn nun erst erschien der durch seine Nichtswürdigkeit allgemein bekannte und verächtliche Redakteur der »Fliegenden Blätter« und des »Revolutions-Almanachs«, Herr Reichard, in Gotha, auf dem Kampfplatz. Dieser elende Mensch, dessen Kloaken alles willig aufnahmen, was irgendein Denunziant darin abzulegen für gut findet, wird, weil er keine Ehre mehr beim Publikum zu verlieren hat, von der Jesuiten- und Obskuranten-Herde gleichsam statt der leichten Truppen gebraucht. Sie macht durch ihn ihre ersten Experimente, und da es ihm ganz gleich ist, bald zu trotzen, bald zu kriechen, da er ein im Namen der Mannheimer Einwohner verfaßtes Pasquill so willig aufnimmt als nachher seinen Anteil daran leugnet, da ihm lucri bonus odor ex re qualibet ist, so muß man gestehen, daß die hochwürdigen Väter noch nicht verlernt haben, ihre Leute ganz gut zu wählen. Bald nachher gebrauchte diese Bande echter deutscher Jakobiner, welche darauf ausgeht, das Schreckenssystem in Deutschland einzuführen und eine Gesellschaft wiederherzustellen, die, sonderbar genüg, sich nach dem aufgeklärtesten und duldendsten Menschen seines Jahrhunderts benennt, ihre gewöhnlichen Mittel weiter gegen mich. In den fliegenden und neuen Zeitblättern, in dem Wiener »Magazin der Literatur und Kunst«, in der abenteuerlichen Nachricht von einer unsichtbaren (jawohl unsichtbaren) Verschwörung gegen die christliche Religion, in hundert andern; immer von den nämlichen Elenden geschmierten Libellen geschahen Angriffe auf mich, deren immer einer sich auf den andern bezog. Dies ist die gewöhnliche Methode, wie diese Herren ihre Verleumdungen beweisen. Man insinuierte unter andern auch folgende Lächerlichkeiten gegen mich: a) Ich sollte von einer Propaganda Geld empfangen, um den Absatz jener Libelle zu unterdrücken und dagegen freimütige Schriften in Gang zu bringen. b) Ich sollte mit dem National-Konvent in Korrespondenz stehen. c) Ich sollte Illuminat, Gott weiß in welchem Grade, sein. Die erste dieser Beschuldigungen verdient keine Widerlegung. Die beiden andern zwar ebensowenig, inzwischen bemerke ich hier nur soviel, daß meine immer laut bekannten Grundsätze mich unter Robespierrens Regierung unfehlbar zur Guillotine geführt haben würden und daß ich nie in einiger Verbindung mit den Illuminaten gewesen bin. Dies Bekenntnis ist um so unverdächtiger, da ich zugleich versichere, daß ich jetzt erst unter diese Gesellschaft zu treten suchen würde, wenn sie noch existierte, weil sie notwendig aus rechtschaffnen Menschen bestehen muß, um den Pinseln und Schurken so sehr verhaßt zu sein. Ich antwortete auf alle dergleichen Angriffe nur durch Stillschweigen und die äußerste Verachtung und wies erst im 5. Stück des »Neuen grauen Ungeheuers« den verächtlichen Menschen in Gotha derb zurecht, da er im »Revolutions-Almanach« einen neuen Ausfall in einer Note angebracht hatte, die der rechtschaffene Herr Dieterich nicht einmal ganz abdrucken ließ. Endlich trat der Direktor des Bundes, der bekannte Kleriker und Ritter vom gelben Adler, durch seinen würdigen Sancho Pansa, den Verfasser des »Endlichen Aufschlusses über den Freimaurerorden«, den verräterischen Herausgeber des Philo und Spartakus, den Regierungsdirektor Grollmann oder von Grollmann in Gießen, Wer Lust hat, mit diesem Matador der Obskuranten näher bekannt zu werden, lese eine kleine Schrift von D. Greineysen, dessen Verfolgung durch Herrn Grollmann betreffend. Herr G. war selbst Illuminat und ist dieser Gesellschaft nur deswegen gram geworden, weil er in derselben seine ehrgeizigen und selbstsüchtigen Absichten nicht erreichen konnte. Sein Ordensname war Gratianus. Philo erkannte in ihm gleich den ehrlosen Menschen, der er wirklich war. selbst in der »Eudämonia« auf den Kampfplatz, um mir gleichsam den Gnadenstoß zu versetzen. Ich habe dieses Pasquill erst auf meiner Reise gesehen, und ich weiß nicht, ob ich über die Albernheit oder die giftige Bosheit der Verfasser mehr erstaunen soll. Erst folgt ein Ausfall auf eine unter dem Titel »Reise nach Fritzlar« erschienene Parodie der Lavaterschen Reise, wovon der Freiherr Knigge Erst wird nämlich gesagt, Knigge sei wahrscheinlich der Verfasser, und gleich darauf in der Note wird es schon als gewiß versichert. als der Verfasser angegeben wird. Da im »Neuen grauen Ungeheuer« ein Anfang einer ähnlichen Parodie erschienen ist, so gibt dies dem Pasquillanten zu verschiedenen Ausfällen auf Knigge und seine sogenannten Jünger Anlaß. Diese Leute würden wohl tun, erst Stunden bei einem Informator zu nehmen, um sich richtig ausdrücken zu lernen. Man weiß in der Tat nicht, ob sie Kniggen als den Verfasser des »Neuen grauen Ungeheuers« oder als den Verfasser der »Reise nach Fritzlar« angeben wollen. – Übrigens ist es bloßer Zufall, daß die »Reise nach Fritzlar« einerlei Idee mit der Reise des Propheten Johannes ausführt. Ich schätze zwar den verehrungswürdigen Verfasser des »Umgangs mit Menschen« unendlich, kenne ihn aber bis diesen Augenblick weder persönlich noch auch durch Briefwechsel. Hierauf wird eines in Erlangen vorgefallenen Auflaufs erwähnt, den ein gewisser aus Erfurt gekommener Göbhard geleitet haben soll. Da ich von einem Manne dieses Namens in Erfurt nie etwas gehört habe, so läßt ihn der Verfasser der Denunziation wahrscheinlich nur deswegen aus Erfurt kommen, um sagen zu können, daß diesem Menschen in der Vollmerschen Lesebibliothek Wie lächerlich! Der Katalog der Vollmerschen Lesebibliothek war von der Regierung approbiert, und in den Katalogen Vollmers standen nicht mehr noch andere Bücher als in den Verzeichnissen Herrn Keysers, Herrn Ettingers und jeder andern guten Buchhandlung. der Kopf erhitzt worden sei, und eine Denunziation gegen mich und Vollmer anzuhängen, deren Albernheit und Falschheit ich zergliedern könnte, wenn ich hier den Raum nicht sparen wollte. So ist zum Beispiel der hier angegebene Roman »Ludwig Wagehals« nicht in Erfurt oder Altona, sondern bei Wilhelm Heinsius in Gera verlegt, wie jeder auf dem Titel lesen kann. So ist überhaupt ein so ekelhafter Mischmasch von Falschheiten in diesen wenigen Zeilen enthalten, daß man billig über die Lächerlichkeit einer Denunziation erstaunt, die der Delator wenigstens wahrscheinlicher und richtiger hätte zusammenstoppeln können, wenn er sich nur etwas genauer erkundigt hätte. So viel mußte ich von diesen elenden Obskuranten, deren gedruckte Verleumdungen bald genug zu Makulatur werden, um zu beweisen, wie klein der Teil des Publikums ist, den sie noch auf ihrer Seite haben, sagen, um den Lesern das folgende klarzumachen. Nachdem alle diese Vorbereitungen getroffen waren, glaubte man den Zeitpunkt, da der Kurfürst von Mainz sich vor den siegreichen Waffen der Republikaner nach Erfurt flüchtete und also sich zur Ängstlichkeit mehr als sonst neigte, benutzen zu müssen, um meine stille bürgerliche Glückseligkeit zu untergraben. Die Gesellschaft Jesu wußte zu wohl, daß ich alle andren Neckereien, worunter zum Beispiel die skandalöse Predigt eines Mönchs gehört, nur mit Verachtung erwidern würde. Die Frau von Ferrete (warum soll ich diese – Dame nicht nennen) erfuhr also zuerst in dem Hause eines gewissen Schusters, das sie mit ihrem Herrn Gemahl öfters besuchte, meine gefährliche Existenz. Da sie stets von Illuminaten träumte und besonders, als eine Anhängerin Lavaters, dem Verfasser der »Reise nach Fritzlar« sehr gram war, so war nichts leichter, als sie geneigt zu machen, alles zur Vertilgung dieser in der Einbildung gewisser Leute existierenden illuminatischen Ungeheuer anzuwenden. Man exaltierte die Nerven dieser – Dame so sehr, daß ihre erste Frage an jeden, der ihr vorgestellt wurde, immer war: »Sind Sie je Illuminat gewesen?« Ferne sei es von mir, das Kriechen gewisser Insekten durch die schmutzigsten Garderobenwege hier weiter zu enthüllen. Herr Winkopp in Mainz, zu dessen ehemaligen Transport-Geschichte ich einige wichtige und interessante Beiträge zu liefern hoffe, wird bald auch paradieren. Professor Herel, ein seiner philologischen Kenntnisse wegen übrigens schätzbarer Mann, der sich, um das Einheizen im Winter zu ersparen, gemeiniglich beim Buchhändler Keyser aufhielt, enragierter Aristokrat im vollen Sinne des Worts, nahm es über sich, zur Dankbarkeit für das ersparte Holz den Kurfürsten zu meinem Sturz vorzubereiten. Hauptsächlich geschäftig erwies sich aber ein gewisser, ehedem in Preußen eben nicht ehrenvoll bekannter Herr von Dacheröden, der nachher in Erfurt zum Präsidenten der dasigen Akademie gestempelt wurde. Ich habe diesem Manne in meinem Leben nichts zuleide getan und bekümmerte mich nicht im geringsten um seine Existenz. Ich wußte bloß, daß er zu Erfurt den Mäzen einiger armer Kandidaten und den Beförderer armseliger Skribler machte, welche er dann und wann zu Tische bat und welche dafür ehrerbietig den Mund aufsperrten, sooft ihr großgünstiger Gönner, der selbst eine Art von Schöngeist affektierte, etwas sagte. Ob es diesen Mann verdroß, daß ich, der ich mein Publikum nicht zu erbetteln pflegte, mich nicht unter seine Klienten stellte, oder ob es diese ärgerte, daß ich durch meine Arbeit mir eine gemächliche Existenz verschaffte und eine selbständige Rolle spielte, ob sie etwa glaubten, man möchte mir einmal eine Bedienung geben, oder ob der Herr Präsident den Flecken seiner bürgerlichen Geschichte durch Zionswächterei (freilich ein leichteres Mittel als Rechtschaffenheit) auszulöschen und sich wichtig zu machen suchte, das will ich dahingestellt sein lassen. Kurz, dickbesagter Präsident vel quasi legte Seiner Kurfürstlichen Gnaden und der obenbenannten – Dame bald die »Eudämonia«, bald den »Revolutions-Almanach« etc. so lange vor Augen, bis endlich Seine Kurfürstlichen Gnaden auch den Buchhändler Keyser mit einem Paket ungebundener Bücher vor sich kommen ließen und sich mit demselben über meine Wenigkeit unterhielten. Zum Beweise, daß mir diese Kabalen alle nicht unbekannt waren, erinnere ich hier inzwischen Herrn Professor Herel an seine witzige Parallele zwischen den Nürnberger Bürgern und den Erfurter Landesverrätern. Was so ein Mann für Begriffe von Landesverrat haben mag! Ob die Obskuranten-Verbindung auch Mittel gefunden habe, auf den Kaiserlichen und Kurfürstlich-Sächsischen Hof zu wirken, wie ein Gerücht sagt, muß ich vors erste dahingestellt sein lassen. Traurig und demütigend wäre es aber allerdings für manche Vormünder der Völker, wenn ein Grollmann und Konsorten vermögen sollten, den Arm solcher Machthaber zu ihrer kleinlichen Privatrache zu benutzen. Herr Reichard versäumt freilich kein Mittel, das dahin führen könnte. Seine Schmierereien werden gleich bei ihrer Erscheinung an alle hohen Häupter verschickt, wobei er nicht unterläßt, sein Verdienst als Generaldelator und General-Polizeispion des Heiligen Römischen Reichs bestmöglichst zu rühmen. Auch die »Fliegenden Blätter« wurden kurz vor ihrem Ableben mit der Post an Privatpersonen wie Brandbriefe versendet, um das Publikum gleichsam mit Gewalt zu dieser losen Speise zu nötigen. Verlangt Herr Reichard Beweise, so kann ich ihm meine Leute nennen. Dieser nichtswürdige Mann hat ja die Stirne, öffentlich im diesjährigen »Revolutions-Almanach« zu bekennen, daß er alle ihm zugeschickten Denunziationen benutzt – ein ehrenvolles Geschäft für einen Mann, der nicht einmal Talent genug hat, schickliche Gegenstände zu Herrn Schubarts Zeichnungen zu wählen. Ich wußte dies alles, ich wußte vierzehn Tage vor dem Anfang der Untersuchung gegen mich, daß Seine Kurfürstlichen Gnaden einen Machtspruch ohne Verhör gegen mich tun wollten. Ich hörte aber zugleich, und nie werde ich dieses vergessen, daß Sie, gnädigster Herr, und einige rechtschaffene Regierungsräte redlich und ehrlich dafür stritten, daß man keinen Prozeß mit der Exekution anfangen müsse. Und doch, gnädigster Herr, doch möchte ich beinahe wünschen, daß diese erste Absicht gegen mich durchgedrungen wäre. Meine Verfolger würden sich dann in ihrer ganzen Blöße gezeigt haben und nicht einmal den Schatten von Förmlichkeit für sich anzuführen haben, den sie jetzt, freilich umsonst, zu benutzen suchen werden, um das Spiel unter der Decke zu verbergen. Allein, ich werde laut prüfen und besitze noch genug rechtliche Kenntnisse, um meinen Inquisitoren und Delatoren Schritt vor Schritt folgen zu können. Hätte ich auch anfangs vielleicht auf den Gedanken kommen können, einem Machtspruch durch eine Reise zu entgehen, die jetzt noch nicht einmal den Anschein einer Flucht gehabt hätte, so mußte sich doch dieser Entschluß in dem Augenblicke ändern, da ich eine gesetzliche Untersuchung zu gewarten hatte. Diese war mir so wenig furchtbar, daß ich ganz ruhig dabei blieb, ja sogar voll Vertrauen auf Ew. Erzbischöflichen Gnaden Gerechtigkeitsliebe nicht einmal Anstalten auf einen möglichen Fall traf. Ich hatte meine Überzeugung zwar nie verleugnet, aber niemand dazu zu bereden gesucht, da mir nichts verächtlicher ist als ein sogenannter Freiheitsprediger. Nie hatte ich gegen die Gesetze des Staats, in dem ich lebte, gefehlt. In auswärtigen Buchhandlungen waren meine politischen Schriften verlegt worden, ich hatte zwar auch in das hin und wieder sehr kühn geschriebene »Graue Ungeheuer« Aufsätze geliefert, allein die meisten gingen mich so wenig an als eine Menge andrer Schriften, deren Verfasser ich nicht einmal kenne und von denen es unbegreiflich ist, daß man mir die Schuld gibt, da man nur ihre Schreibart flüchtig mit der meinigen vergleichen darf, um den Ungrund einer Anklage einzusehen. Ich war im Grunde freilich nicht einmal verbunden, der Erfurter Regierung über allerlei Schriften Rede zu stehn. Man inquirierte, worüber Deutschland lächeln wird, gegen mich, um zu erfahren, wo des Herrn von Heß »Durchflüge« und andere dergleichen Schriften gedruckt sein. Ich konnte einen kleinen Spott nicht unterdrücken, als eine Kurfürstlich-Mainzische Kommission gegen einen flüchtig geschriebenen Roman »Ludwig Wagehals« Der Buchhändler Keyser soll in den Schenken versichert haben, es sei in diesem Roman ein Porträt des Kürfürsten von Mainz enthalten. Ob er wohl den Mut haben möchte, die Parallelen, die er im Sinn hat, öffentlich zu ziehen? (gedruckt mit Zensur) wie jene Dorfschaft gegen einen unschuldigen Rochen zu Felde zog, glaubte aber bei der wirklich rühmlichen Artigkeit und Höflichkeit der braven Deputierten des Stadtrats, die zu aufgeklärt denken, um eine solche Inquisition zu billigen, einen kleinen Sarkasmus unterdrücken zu müssen, der mir auf der Zunge schwebte. Um so bereitwilliger gab ich auch der Kurfürstlichen Regierungskommission Auskunft und hatte mir fest vorgesetzt, erst am Ende der Untersuchung um Stellung meiner Delatoren zu bitten und zu erklären, daß es eine eigene Anmaßung der Kurfürstlich-Mainzischen Regierung sei, über meine Meinungen und auswärtige Schriften eine Inquisition zu veranlassen, da ich mit Erfurt und dem Kurfürsten in keinem Verhältnis stehe, als daß ich dort eine kleine Summe von fünfhundert bis sechshundert Talern jährlich verzehre. Der Buchhändler Vollmer, der aufs genaueste nach den damaligen Gesetzen gehandelt hatte, glaubte natürlich, noch weniger zu fürchten zu haben. Ich bin ihm das Zeugnis schuldig, daß er gleich gestehen wollte, den Druck einiger Bogen des »Ungeheuers« für fremde Rechnung in Erfurt besorgt zu haben. Allein der Buchdrucker Cramer schien auf einmal dem Landfrieden nicht mehr zu trauen. Er bat Vollmer und mich, ihn aus dem Spiele zu lassen und versicherte, daß die praktische Anwendung der milden Erfurter Druckgesetze mit der Theorie in keinem Verhältnis stehe. Um dies zu beweisen, berief er sich auf die Geschichte eines gewissen Schlüters, der wegen eines sehr gemäßigten Briefes an den Kaiser aus Erfurt hatte flüchten müssen, ohnerachtet diese Schrift die Zensur passiert hatte. Das Publikum, dem ich diese Schrift, welche Zensur erhalten hatte, und das Verfahren darüber vorlegen will, wird umsonst in der Schrift »Über Erhaltung der öffentlichen Ruhe« den Schlüssel zu der Inquisition über den armen Verfasser suchen. – Es wäre möglich, daß besondere, mir unbekannte Umstände dabei obwaltet hätten. Ist dies nicht der Fall, so muß man – schweigen. Da die quästionierten Schriften alle unter einer auswärtigen Firma gedruckt waren, so war eigentlich die Frage nach dem Druckorte schon eine sehr überflüssige Frage, und ich beantwortete sie damit, daß ich nicht wisse, wo sie gedruckt worden seien. Übrigens muß ich der Wahrheit zur Steuer gestehen, daß die Herren Kommissarien sich bei meinem Verhör mit dem gehörigen Anstand benahmen. Alles schien einen gesetzlichen und rechtlichen Weg gehen zu wollen, und ich glaubte, bei einem erfolgten achttägigen Stillstände die ganze Sache schon niedergeschlagen. Ich tat deshalb keinen Schritt, als daß ich eine Schrift über Verfolgungen gegen freimütige Schriften und Schriftsteller drucken ließ, worin ich einige Winke gab, die ich auch in einem kleinen Promemoria und mündlich wiederholte. Man wollte sie nicht verstehen und wird sie jetzt tiefer fühlen müssen. Ich glaube, das Publikum und die Regierungen auf diese Schrift aufmerksam machen zu müssen, weil sie von einem bisher noch nicht genug in Betrachtung gezogenen Gesichtspunkt ausgeht. Was ich am Schlusse derselben nur dunkel ahnte, ist wahr geworden, und ich erneuere das Gelübde feierlichst, das ich dort ablegte, ehe ich noch vermuten konnte, daß ich sobald würde gewürdigt werden, für Wahrheit zu leiden. Sonnabend, den 13. Dezember, kam der Erfurter Buchdrucker Gramer zu mir und gab mir Nachricht, daß er nachmittags vor die Regierungskommission zitiert sei. Man weiß, was gemeine Leute sich unter einer Kommission dieser Art denken, zumal wenn man sie vorher durch bedenkliche Reden von Hochverrat, Majestätsverbrechen und dergleichen einzuschüchtern sucht. Der arme Mann zitterte und bebete. Ich bat ihn, nur guten Mutes zu sein und standhaft auf seiner Aussage zu bleiben, da er einmal den Druck verleugnet habe. Ihm fiel ein, daß er vielleicht werde schwören müssen. Ich tröstete ihn damit, daß man über zu viel Schriften inquiriere, Mir fallen die Titel der Bücher nicht einmal alle ein, deren Druckern, Verlegern und Verfassern man auf einmal in Erfurt den Garaus machen wollte. Hauptsächlich brach man Lanzen gegen des Herrn von Heß »Durchflüge«, gegen die »Kreuzzüge und Wanderungen« etc: etc. um gerade die rechte zu erraten, die er gedruckt habe. Er könne also vielleicht mit gutem Gewissen schwören. Überdies schienen mir Ew. Erzbischöfliche Gnaden und die meisten Regierungsräte zu aufgeklärt, um die Untersuchung ganz strenge zu betreiben. Das Ganze sei wahrscheinlich weiter nichts als eine Mätressen- und Brotneids-Kabale, und ich müsse dafür halten, daß die Kurfürstliche Regierung diese verdrießliche Inquisition baldmöglichst zu beendigen suchen werde. Dies war wirklich meine Überzeugung, und es sollte mir leid tun, wenn sie irrig gewesen wäre. Dies hat, so wie ich nachher hörte, der Buchdrucker Cramer ausgesagt, und der Stadtpöbel erklärte diese Aussage, als ob ich den Drucker zum Meineid hätte verleiten wollen. Ja, mir wurde sogar erzählt, ich solle geäußert haben, Ew. Erzbischöfliche Gnaden hätten mich aufgefordert, den Buchdrucker zu einem Meineide zu verleiten. Wer eine solche Infamie verbreiten oder der eingeschüchterten Dummheit eines schwachen, zitternden Mannes in den Mund legen kann, muß entweder ein ausgemachter Dummkopf oder ein satanischer Bösewicht sein. Unbekümmert um alles weitere, spielte ich ruhig auf meinem Zimmer abends um vier Uhr Klavier, als der Buchhändler Vollmer mir sagte, er sei eben zitiert, und mich fragte, ob er erscheinen oder bis Montag warten solle, da er mit Geschäften überhäuft sei. Ich riet ihm an, sogleich der Zitation Folge zu leisten. Kaum war er aus dem Hause, als auch an mich eine Zitation erging, und schon hatte ich meinen Hut in der Hand, als ein Mann, dem ich diese menschenfreundliche Nachricht noch danke, ein Mann, den ich dem Namen nach jetzt nicht kenne, mich eben, als ich in Vollmers unterem Zimmer mit dem Herrn Oberhofmarschall von Frankenstein sprach, abrief und mir eilig zuflüsterte: »Retten Sie sich, die Wache rückt an, und Sie sollen auf die Zitadelle gebracht werden.« In diesem Augenblick rasselten Winkelmanns Ketten, der eine Bürgerkrone verdient hatte und den der Kurfürst von Mainz dem niedrigsten Pöbel preisgab und ohne Urteil und Recht zehn bange Monde lang im Kerker modern ließ, fürchterlich in meinen Ohren. In diesem Augenblick bereute ich, im Vertrauen auf Ew. Erzbischöfliche Gnaden Gesinnungen meinen Freund Vollmer der Rache eines gefürsteten Priesters ausgesetzt zu haben. Aber noch schien mir alles ein Traum, noch war ich zweifelhaft, ob man so unpolitisch und ungerecht verfahren könne, und ich beschloß, den Erfolg vors erste abzuwarten, als ich um zehn Uhr des Abends die Nachricht erhielt, daß der Buchhändler Vollmer und der Buchdrucker Cramer unter einer starken Bedeckung auf den Petersberg gebracht worden seien und daß man auch mich aller Orten suche. Man urteile von der Wirkung, welche diese Schreckensbotschaft auf mich machen mußte. Ich war so weit entfernt, eine solche tartarische Behandlung eines gesessenen Bürgers, dessen bereites Vermögen nach dem geringsten Anschlag doch einige Tausende von Talern beträgt und den man also immer finden konnte, zu vermuten, daß ich um halb zehn Uhr schon zwei Schritte von der Türe meines Hauses war, so daß die an derselben stehenden Wächter mit Blindheit geschlagen gewesen sein müssen, da sie mich nicht entdeckten. Bei so bewandten Umständen war es mir nicht einmal möglich, einige bei mir liegende fällige Wechsel oder bares Geld zu meiner Rettung zu mir zu nehmen. Ich verbarg mich erst noch einige Tage und ward bloß durch das Zureden meiner Freunde abgehalten, Vollmers Schicksal freiwillig zu teilen. Diese abenteuerliche Geschichte meiner Flucht werde ich getreu, doch ohne irgendeine der wenigen guten Seelen zu kompromittieren, die zur Zeit der Prüfung sich als meine Freunde zeigten, dem Publikum mitteilen. Ach, ich war so geängstet als der geächtete Louvet zur Zeit Robespierrens, aber ich war noch unglücklicher, denn mir fehlte eine Lodoiska, die mein Schicksal geteilt hätte. Die Aussage des Buchdruckers veranlaßte mein Unglück, und dieser kann nichts weiter ausgesagt haben, als daß einige Aufsätze im 3. und 4. Stück des »Neuen grauen Ungeheuers« von meiner Hand geschrieben waren – eine Tatsache, die ich, ehe noch an eine Untersuchung' gedacht wurde, im 5. Stück des »Ungeheuers« laut bekannte, der Kurfürstlichen Regierungskommission erklärte und nie leugnen werde. Deswegen wurde mir durch diese Verfolgung ein Schaden von wenigstens einigen hundert Talern zugefügt, deswegen wollte man mich in den Kerker werfen, deswegen vernichtete man meine Aussichten, meine Ruhe, meine bürgerliche Glückseligkeit. Deswegen beschrieb man mich an den Toren, verfolgte man mich mit Schergen und Husaren, deswegen verletzte man selbst den Hausfrieden angesehener Einwohner von Erfurt und durchstörte ihre Hütten. Deswegen mußte ich, gleich einem Missetäter, in Sturm und Regen fliehen! So, gnädigster Herr, vermögen selbst in einem Staate, wo Ew. Erzbischöfliche Gnaden so schön von Milde und Aufklärung schrieben, einige nichtswürdige Bösewichter die Gerechtigkeit zu mißleiten. So büßt der Mann, der einem Fürsten Wahrheit sagt, diese ebenso hart als der Dieb und Räuber seine Missetat. Ich weiß, daß Fürsten Menschen sind und bin ruhig und kalt genug, auch itzt noch zu wünschen, daß ein höherer Richter die Handlungen des Machthabers, dessen Anathem auf mir liegt, einst nicht mit der Strenge richten möge, mit der jener itzt meine Worte, meine wahren Worte rächt. Und Wahrheit ist doch allein mein Verbrechen, Wunsch nach Gerechtigkeit und Bitterkeit über Unbilligkeit. Denn eine ehrlose Lüge ist es, daß jemals eine unsittliche, sittenverderbende Schrift von mir verfaßt worden sei. Ich bin stolz auf meine Sünde und will jetzt freiwillig, in. dieser noch von keines Schergen Fußtritt entweihten Hütte, mehr gestehen, als irgendein Verhör in Erfurt erpressen könnte. Ich, gnädigster Herr, war es, der die verheimlichten, echten und nicht zu widerlegenden Akten, die unmenschliche Behandlung des edlen Winkelmanns und der sogenannten Klubisten betreffend, bald hier, bald dort ans Tageslicht brachte. Ich war es, der zuerst laut sagte, daß Pöbeljustiz auch in Deutschland nicht besser sei, als die Gerichte in Masse der Carriers und Marats. Ich war es, der unbezahlt von der fränkischen Nation oder von irgendeiner Propaganda, aber reichlich belohnt von meinem Bewußtsein, mit allem, was ich entbehren konnte, die elenden, mit henkermäßiger Grausamkeit behandelten fränkischen Gefangenen erquickte. Ich war es, dessen lindernde Hand Balsam in ihre Wunden goß. Ich war es, der an fränkische Machthaber mit jedem Posttage schrieb, nicht, um Deutschland zu verraten, sondern um die fränkische Nation aufzufordern, Menschen, denen sie einst Schutz versprochen hatte, nicht im Elende verschmachten zu lassen. Ich war es, der es wagte, jedes Unterdrückten Klagen vor die Ohren des Publikums zu bringen, wenn alle Menschen auch den Mann flohen, den ein mächtiger Bösewicht verfolgte. Ich war es, der heuchlerische Briefe an einen gewissen mächtigen Mann schrieb, um seine Antworten einst dem von ihm betrogenen Monarchen vorzulegen. Ich war es, der den Entwürfen emigrierter Bösewichter gegen die Freiheit durch alle Wege auf die Spur zu kommen und ihre Bubenstücke nach Vermögen zu entdecken und zu verhindern suchte. Ich war es, der den ärger als ein Mörder bewachten Buchhändler Vollmer durch merkantilische Vorspiegelungen zum Werkzeuge meiner Pläne brauchte. Ich bekenne hiermit freiwillig, daß ich auch an der Schrift »Europa«, wegen deren der Kanonikus und Sekretär der königlichen Akademie zu Berlin, Riem, gelitten hat, teilhabe. Dieser würdige Mann dachte vermutlich zu edel, um mich zu nennen. Er soll aber nicht für meine Sünden büßen, ich gebe mich selbst an. Ich bin es endlich, der den Mut hat, dem Tode, und was noch weit mehr sagen will, der Verbannung von allem, was meinem Herzen so teuer war, zu trotzen und künftig den nämlichen Weg mit noch kühnerem Mute zu betreten. Ja, sie sollen alle erscheinen, meine lange gesammelten und bisher noch zurückgehaltenen Akten. Nicht durch Empörung, aber durch Wahrheit will ich siegen und einst, wenn alle Minister Bernstorffe oder doch wenigstens gerechte Männer sind, dann wird vielleicht eine dankbare Träne manches glücklichen Bürgers den Männern danken, die so viel litten wie ich. Wie teuer habe ich gebüßt! Wie schwer bin ich geprüft worden! Was habe ich verloren! Oh, selbst meiner nichtswürdigen Verfolger ehrloses Herz würde auf einen Augenblick gerührt werden, wenn sie fühlen könnten, welche Hoffnungen sie mir zerstört haben! Bei Gott, es gibt Seiten, die ich, selbst nicht berühren darf, ohne vor dem zu erschrecken, was ich zu tun fähig wäre, wenn nicht die Pflicht, mich zu rechtfertigen, meine Verzweiflung überwände. Ew. Erzbischöfliche Gnaden sind zu billig, um mir zu verdenken, wenn ich bei den unzählbaren Mißhandlungen von allen Seiten warm und schmerzhaft fühle. Mögen inzwischen meine Feinde jetzt immer frohlocken, mag der Herr Reichard in Gotha die Freude in vollem Maße genießen, zuerst meine Entweichung im Frankfurter Staats-Ristretto bekanntgemacht zu haben. Mag der Trotz der Maulfreunde, die einst vor mir krochen, und der sogenannten Freiheitsprediger, die zur Zeit der Not ihre Grundsätze verleugnen, jetzt immer über mich herstürzen. Ich werde bald nicht mehr als Flüchtling unter falschem Namen außer Deutschlands Grenzen weilen, wenn anders nicht eine höhere, ehrenvollere Bestimmung meine Rückkehr hindert. Ich entfloh nur, um mich ohne Furcht vor Trabanten und Schergen erst vor dem Publikum rechtfertigen zu können, ehe die Gesetze über mich sprechen sollen. Und ausbleiben wird meine Rechtfertigung nicht. Ich werde nicht schmähen, nicht verleumden, aber ohne Schonung gegen irgend jemand schreiben. Ich würde nicht schweigen, und wenn ich gewiß wüßte, daß, in dem nämlichen Augenblicke, wo ich die Feder niederlege, auch der Henker mit dem Schwerte mein Haupt vom Rumpfe trennen würde. Umsonst wird man meine Rechtfertigung zu unterdrücken und bloß meine Feinde sprechen zu lassen versuchen. In dem Augenblick, da Sie, gnädigster Herr, dieses Schreiben erhalten, ist es auch schon in den Händen des bessern Teils der Erfurter Einwohner, und keine Macht, kein Verbot wird dies zu verhindern vermögen. Zum Behuf dieser meiner Verteidigung fordere ich Ew. Erzbischöfliche Gnaden und die Kurfürstliche Regierung zu Erfurt hiermit Öffentlich auf: 1. meine Anklageakte und das gegen mich erlassene Commissoriale, 2. die Namen meiner Delatoren, 3. einen Auszug der gegen mich verhandelten Akten dem Buchhändler Vollmer einzuhändigen. Noch ist mir bloß ein summarisches Verhör gestattet worden, und diesem sollte die Exekution folgen, der ich klüglich auswich. Dies Verhör kann ich sowenig für eine Beobachtung der rechtlichen Form ansehen, als ein Angeklagter in Paris die herben Formen Fouquiers dafür gelten lassen wird. Ich danke dem braven Herrn Regierungspräsidenten von Bellmont für seine Rechtlichkeit, erkläre aber zugleich, daß ich den Postraub, der mit einem Briefe an den Kanonikus Riem in Berlin der Sage nach vorgefallen sein soll, für eine Schändlichkeit halte. Ich habe darin gewünscht, in die Dienste der fränkischen Republik zu treten – und wünsche dies noch. Ich erkläre, daß der Buchhändler Vollmer bloß mein merkantilisches Werkzeug war, daß, wenn er einige Bogen ohne Zensur für mich besorgte und dies strafbar ist, meine Erklärung seines Privilegiums ihn dazu verleitet hat. Ich erkläre, daß er weder Aristokrat noch Demokrat, sondern Kaufmann ist und sich nicht um den Inhalt, sondern bloß um den Absatz seiner Artikel bekümmert und ebensowohl die »Fliegenden Blätter« als das »Graue Ungeheuer« verkauft haben würde, wenn sich jemand gefunden haben möchte, der jene verlangt hätte. Der Rechte unkundig, glaubte er, daß bloß der Verfasser einer Schrift für ihren Inhalt verantwortlich sein könne. Endlich ersuche ich Sie, gnädigster Herr, hauptsächlich Ihr ganzes Ansehen dahin zu verwenden, daß niemand von denen, die mich ihres freundschaftlichen Umgangs würdigten, für mein Verbrechen mit büßen müsse. Wie wenig meine Grundsätze und meine Arbeiten meine Freunde im gesellschaftlichen Leben interessieren konnten, läßt sich leicht begreifen, und wer mich kennt, der weiß, daß ich meine Schriften mündlich lobzupreisen weder pflegte noch bedurfte. Welches auch mein Los und mein Urteilsspruch sein mag, so werde ich doch stets dankbar daran denken, daß Sie, gnädigster Herr, auch bei meiner Verfolgungsgeschichte Ihren ruhmwürdigen Eifer für Gerechtigkeit nicht verleugneten. Ich werde nie vergessen, daß Sie, zu einer Zeit, da alle Scheinfreunde mich flohen, einen Mann, der sich nie zu Ihnen gedrängt hat, sosehr er Sie auch im stillen schätzte, gegen einen Ausgewanderten verteidigten, der von der Todesstrafe gegen mich sprach. Schon dieser einzige Zug würde hinreichen, die unwandelbare Ehrfurcht auf ewig zu begründen, womit ich verharre Ew. Erzbischöflichen Gnaden untertäniger G. F. Rebmann * An meine Freunde In einer kleinen Hütte, jedes tröstenden Zuspruchs, jeder Freude des Lebens entbehrend, einsam und unter fremden Menschen, deren keiner mich kennt, keiner mich noch lieben kann, schrieb ich diese Blätter. Tränend blickt mein Auge hinaus auf die wilde, stürmische See, düstere Wolken finster wie meine Seele, hängen über dem Horizont, und bloß ein dankbares Andenken an euch, schöne Seelen, hab' ich aus dem Sturme gerettet, der mich aus der Fülle der Freuden an diesen einsamen Strand verschlug. Oh, daß ich eure Namen nicht nennen, daß ich euch nicht danken darf für alles das, was ihr mir wäret! Ach, sie würden auch euch verfolgen, meine niedrigen Feinde, wenn sie nur wüßten, daß ihr mich beklagtet. Der furchtbare Fluch eines gefürsteten Priesters würde auch die Tränen bestrafen, die ihr mir weinet. Ihr, deren Glaube an mich noch nicht verlorengegangen ist, die ihr mich zu gut kanntet, um durch das Urteil des Pöbels in eurer Meinung über mich irre gemacht zu werden, verzagt noch nicht! Noch schweben hohe Aussichten vor meiner gequälten Seele, es wird eine Zeit kommen, wo ihr wieder laut den Mann Freund nennen dürfet, mit dessen gutem Namen jetzt ungestraft schändliche Wichte ihr ehrloses Spiel treiben. Rein heb' ich meine Hände zum Himmel empor! Kein Blut, kein geraubtes Gut der Witwen und Waisen klebt daran! Der Fluch der Väter und Mütter, deren Söhne dem Ehrgeiz geopfert wurden, verfolgt mich nicht in diese Hütte! Während mancher Fürst sich prunkend mit unbezahlten Edelsteinen keinen freudigen Zuruf des Volks erkaufen oder ertrotzen kann, floß mir im Augenblicke meiner Ächtung manche mitleidige Träne einer schönen Seele. Bin ich also wohl ganz unglücklich? Wer Recht, wer Vernunft, wer Wahrheit liebt, wird bald anders über mich richten als meine Verfolger und der Pöbel. Kühn werde ich auftreten und den Vorhang wegnehmen, der so manches noch verbirgt. Fürchtet aber nicht, meine Freunde, daß ich euch in Verlegenheit setzen werde. Was mir Freundschaft vertraute, ist mir heilig! Ich will lieber selbst verkannt werden, als andern Verfolgungen bereiten, um mich zu rechtfertigen. Ihr sollt euch in meinem Gemälde erkennen, aber sonst niemand! Wenn ich euch einst wiedersehe, dann will ich euch erst laut nennen, ihr Geprüften zur Zeit der Anfechtung!   Geschrieben an den Ufern der Nordsee am 1. Januar 1796. 19. Einige Worte über mich selbst und mein Schicksal und bei Gelegenheit desselben Es sind nunmehr zwei Jahre und ein Monat seit der grausamen Verfolgung verflossen, welche mich um deswillen traf, weil ich früher als die Männer, in deren Händen damals noch die Rettung Deutschlands stand, das künftige Schicksal meines Vaterlands voraussah und es laut vorherzusagen wagte. Tränen, bittere Tränen – freilich nicht der Reue, sondern der Scham und der ohnmächtigen Wut – rollen vielleicht jetzt über die Wangen des harten, unmenschlichen Erzbischofs, dessen Stolz, dessen unbegrenzter Starrsinn vom Anfange dieses Krieges an bis zu seinem für Deutschland schmählichen Ende durch keine Vorstellung, durch kein Geschick gebeugt werden konnte. Mögen ihn diese Tränen mit seinem Gewissen aussöhnen und möge seine nahe Todesstunde nicht durch Erinnerung an die unzähligen Opfer verbittert werden, an deren Tode er die erste Ursache war! Das Wehe, welches dieser Krieg über ganze Geschlechter ausgoß, das Unheil, welches Torheit über ganze Länder brachte, die Zerstörung der Moralität und der Zufriedenheit vieler Tausende verdienen ja wohl einige Reue und einige Buße. Wie mancher Greis sah seine Hütte verbrennen, wie mancher Säugling starb den Hungertod, wie manche Familie verlor ihren Versorger! Die kahlen Felder von Lautern wie die schönen Ebenen von Mainz sind zu einem weiten Kirchhofe geworden, wo in Lumpen gehüllte Waisen auf der verwesungsschwangern, Erde, welche die zerstreuten Gebeine ihrer Väter zur Not bedeckt, um eine harte Brotrinde betteln. Kann es den unglücklichen Opfern wohl einigen Ersatz geben, wenn sie die törichten Unheilstifter, welche die verzehrende Flamme anbliesen, nun selbst von ihr versengt sehen? Wird eine zerstörte Hütte dadurch wieder aufgebaut, wenn der Zerstörer endlich selbst aus seinem Palast wandern muß, um ihn nie wieder zu betreten? O wahrlich, für den Verderber eines Landes ist der Verlust einer Bischofsmütze eine allzugelinde Strafe! Das Schicksal hat sich (was nicht allemal der Fall zu sein pflegt) diesmal in etwas gerechtfertigt. Die Verbannten, die Verfolgten um Meinungen und um des freien Bekenntnisses der Wahrheit willen kehren endlich zurück, und ihre Verfolger müssen nun selbst den bittern Kelch des Leidens kosten, den sie für ihre Feinde so voll, so übervoll einschenkten. Mag es wohl jemand dem Leidenden verdenken, daß er sich über das Ende seiner Qualen freut, daß ihm im ersten Augenblick die verdiente Demütigung seiner Feinde, deren Rache und Wut keine Grenzen kannte, nicht unwillkommen ist? Aber unwert des Sieges ist der Überwinder, der den geschlagenen Feind noch mit Hohn und Rache verfolgt und nun seinerseits zum grausamen Verfolger wird. Die Waffen der Gegner zu zerbrechen ist Pflicht der Selbsterhaltung, aber den entwaffneten Gegner niedermachen, das kann nur ein Feiger, und wüßte er auch, daß der Entwaffnete, wäre er Sieger, keine Großmut gekannt haben würde. Freilich in dem Augenblicke, wo ich an einem stürmischen Dezembertage mit wenigen in der Eile zusammengerafften Dukaten, mit einem einzigen Kleide dem Tode oder der noch gräßlichem ewigen Gefangenschaft entfloh, alle meine Lebensplane zerstört sah, wo ich in einer einzigen Viertelstunde den Erwerb mühevoller Jahre verloren hatte, wo drei Nächte lang das Rufen der Wachen, die auf mich lauerten, den Schlaf von meinen Augenlidern verscheuchte, wo ich vom kalten Wasser einer Bergschlucht bis auf die Haut durchnäßt mich vor den Schergen verbergen mußte, die mir nachsetzten, wo ich einem Verbrecher glich, nur bei Nacht meine Reise fortsetzen konnte, wo jeder elende Bube einen hinlänglichen Stoff zur Rache, nicht nur an mir, sondern auch an meinen unschuldigen, an meinen Meinungen keinen Teil habenden Freunden gefunden hatte, wenn er elenden, kriechenden Richtern anzeigte, daß sie mich nicht hatten verraten wollen – in dem Augenblicke, am 13. Dez. 1795 war ich zwar gewiß, daß die gerechte Strafe dieser Frevel früher oder später ihre Urheber treffen werde, aber ich konnte doch noch nicht vorhersehen, daß ich schon am 13. November 1797 dazu gebraucht werden würde, an der Einteilung der nichtfürstlichen Länder auf dem linken Rheinufer in Departements der fränkischen Republik zu arbeiten. Ich konnte nicht wissen, daß die Rede davon sein würde, einen ebensosehr verfolgten Mann, den der Kurfürst noch vor zwei Jahren hängen wissen wollte, zum Bevollmächtigten der fränkischen Republik zum Kongreß zu Rastatt zu ernennen, und ob ich gleich in meiner Verfolgungsgeschichte vorhersagte, daß ich ungehindert in Mainz einziehen würde, so glaubte ich doch nicht, daß ich am 3. Nivôse des sechsten Jahrs der Republik (am 23. 12. 1797) zu dem ehrenvollen Amte des höchsten Tribunals in den ehemaligen Kurmainzisch-Pfälzischen und Zweibrückischen Landen diesseits des Rheins berufen werden würde, damals war ich jedem Kotwurfe ausgesetzt, und wahrlich, hätten meine Feinde mich in ihre Gewalt bekommen, sie würden nicht so glimpflich mit mir verfahren haben, als ich es mit ihnen zu tun gedenke. Ich war ja geflohen, ich stand keinem mehr im Wege, ich hatte alles verloren, und dennoch war ihre Rache nicht befriedigt, dennoch raubten sie mir noch durch ein lächelndes Verbot den letzten Notpfennig, worauf ich allenfalls noch hätte rechnen können, dennoch neckten sie mich am Ufer der Elbe. Sei es Schwäche, sei es in den Augen dessen, der von meinen damaligen Leiden keinen Begriff hat, Rachsucht, aber ich gestehe, daß ich seit zwei Jahren zum ersten Male das Gefühl der Sehnsucht nach Rache an dem Tage geschwächt fühlte, an welchem ich meinen großen Prozeß mit dem Erzkanzler des Heiligen Römischen Reichs so glänzend gewonnen hatte. Dieses Geständnis meiner Zufriedenheit, diese Freude darüber, daß ich mein Wort halten konnte, sei aber auch meine einzige Rache, und ich wünsche nun nichts mehr, als daß ich Gelegenheit finden möchte, das Schicksal meiner zu Boden geschlagenen Verfolger zu erleichtern und Öl in ihre Wunden zu gießen. Diejenigen, welche bisher mit blinder Wut alle ihre Hoffnungen auf Gewalt und bestochene Verschwörer gründeten und nun durch ihre Verhältnisse gezwungen werden, die Gnade der siegreichen Republik anzuflehen, können versichert sein, daß ihr künftiges Schicksal bloß von ihrem Betragen abhängt. Zwar werden sie sorgfältig beobachtet und gehindert werden, ihre bisherigen Entwürfe fernerhin auszuführen, und die Strenge der Gesetze wird sich im vollen Maße gegen sie wenden, wenn sie unverbesserlich bleiben sollten. Aber auf der andern Seite wird auch niemand, der sich von nun an den Gesetzen der Republik unterwirft, zu befürchten haben, daß ihm seine ehemaligen Meinungen zum Verbrechen angerechnet werden, und jeder wahre Patriot wird mit Kraft und Mut diejenigen bekämpfen, welche ihre Privatleidenschaft zur Sache des Staats machen und ihre Gewalt zur Ausübung niedriger Rache mißbrauchen wollten. Deutschland hat durch seine Untätigkeit und eine sonderbare Verkettung der Umstände die Gelegenheit zu einer vernünftigen Umschaffung seiner gotischen Anarchie ungenützt verstreichen lassen. Es zerfällt nunmehr notwendig in mehrere Massen, und ein beträchtlicher Teil wird ganz und gar davon abgerissen. Als Deutscher hätte ich gewünscht, daß die auf dem linken Rheinufer gelegnen Länder den großen Weg zur Vollendung in Gemeinschaft mit den übrigen zurückgelegt hätten. Sie allein waren zu schwach, um allein mit Glück wandern zu können. Die Fortsetzung des Kriegs hätte, wenn wenigstens Augereau im Besitz seines Einflusses geblieben wäre, unausbleiblich zu diesem erwünschten Resultat führen müssen. Der fränkischen Regierung aber konnte man mit Recht unmöglich zumuten, ihren Kampf für fremde Völker fortzusetzen, welche nichts für sich selbst zu tun wagten. Der schöne Traum, Deutschland zu einer Republik und die Deutschen zu einer Nation werden zu sehen, mußte, endlich aufgegeben werden. O Germanien! Nimm die Zähre des bittern Unmuts, die über meine Wange rollt, zum letzten Opfer von deinem dir nur gezwungen absagenden Sohne an! Du gleichst einem Riesen, dessen Knaben spotten, weil seine Glieder gebunden sind! – Du brauchtest dich nicht selbst die große Nation zu taufen, wenn du diese Fesseln abschütteln wolltest! Du würdest diesen Namen mit Recht von allen Völkern erhalten! Du würdest ausführen und vollenden, was der Franke nur versuchte! O Germanien! Germanien! Wer stürmte die Bastille? Deine Söhne in Paris. Wer machte Hollands Handlung so blühend? Deutsche. Wer steht noch jetzt an der Spitze der ersten Handlungshäuser, der ersten Fabriken in England? Deutsche. Mit dem Fleiße deiner Arbeiter gewinnen französische und englische Fabrikanten Millionen. Wer schuf wüste Gegenden am Delawarenstrom zu Pflanzungen um? Deutsche. Wer gab dem Papsttum den ersten Stoß? Ein Deutscher. Wer erfand die furchtbarste Waffe der Wahrheit, die Buchdruckerei? Ein Deutscher. Wer setzte zuerst feste Grundsätze der Philosophie und der Politik fest, auf welcher die Franken nur durch Gefühl, durch schwankende Ahnungen geleitet wurden? Ein Deutscher. Wer hat unter dem fürchterlichsten Druck unbelohnt, unverkannt für Erziehung, für wahre Aufklärung, für wahre Moral mehr getan als die Franken, die sich jeden Tag die große Nation in der nächsten Generation tun werden? Deutsche. Wäre Germanien erst ein vernünftig eingerichteter Staat, wären Germaniens Söhne eine Nation – welches Volk des Erdbodens könnte sich mit uns messen! Mögen die Menschen, welche nur sich selbst in allem sehen, welchen eine Befriedigung ihrer Eitelkeit mehr wert ist als das Wohl des Ganzen, welche der Freiheit höfeln wie ehemals einem Fürsten, welche die Wirkung kühner Verwegenheit, das Gelingen toller Entwürfe und die Stärke der Sache nicht vom Verdienste der Personen absondern, welchen schöne Worte für schöne Taten gelten, sich zu französischen Schirachs und Reichards herabwürdigen und es ruhig ertragen, wenn Menschen, die nichts getan haben, das Produkt der Kraft der braven fränkischen Armeen für ihr Werk ausgeben und stolz als ältere Söhne der Freiheit auf ein vermeintliches Volk ohne Kraft herabsehen. Ich fühle, daß dieses Volk, wäre es nicht durch eine Anarchie gelähmt, hätten sich nicht Verräter aller Art dagegen verschworen, am reifsten zur großen Vollendung wäre. Bindet den Riesen los, und ihr werdet seine Stärke kennenlernen. Aber der einzelne vermag nicht, mit Gewalt gegen das Schicksal zu ringen, und, da Deutschland sich nicht regen und zu einem selbständigen Freistaate werden wollte, so weht jetzt die dreifarbichte Fahne an den Ufern des alten Rheins, und dieser mächtige Strom scheidet uns zu Franken gewordene Deutsche von unsern ehemaligen Landsleuten, denen man nun den Unterschied zwischen Integrität und Indivisibilität, zwischen Protektion und Usurpation, zwischen Indepotnehmen und Inbesitznehmen begreiflich zu machen zu suchen wird. Die Erfahrung wird zeigen, daß die Integrität der deutschen Reichsverfassung den Mächtigen nur insoweit am Herzen lag, als von Erhaltung ihrer Vorrechte gegen ihre Untertanen die Rede war. Die Teilung Deutschlands, welche ich im ersten Stück des »Neuen grauen Ungeheuers« vor vier Jahren vorherzusagen wagte, ist nunmehr nah, und dem Liebhaber wird es nicht an Gegenstücken zu dem darin abgedruckten Protektionsformular mangeln. Unter solchen Umständen mag kein freier Mann vors erste das Bürgerrecht eines Volks von dreißig Millionen beibehalten, das sich wie einen Kuchen unter drei oder vier Gewalthaber verteilen läßt. Ich mag weder Preuße noch Österreicher noch Hesse sein, wenn ich einer dieser Mächte wie ein Sklave zufallen soll, über den das Los geworfen wird. Und so werde ich Franke, nicht weil ich Custinen gehöfelt habe oder weil ich auf Freiheit, die von andern geschenkt wird, viel Wert legte, sondern weil das Volk am linken Rheinufer doch wochenlang eine Art von Stellvertretung gehabt und sich selbst mit Frankreich vereinigt hat, weil doch in Köln, in Worms und Altzig Freiheitsbäume nicht auf Befehl, sondern aus eigner Regung und selbst zu einer Zeit gepflanzt wurden, wo es noch ein großes Problem war, ob die Republik Frankreich die verwegnen Sprecher schützen würde. Die fränkische Regierung scheint die gute Absicht zu haben, diese so ausgesognen und durch den Krieg so sehr mitgenommenen Länder nunmehr mit aller Schonung zu behandeln. In fünfzehn Monaten werden sie ihre Stellvertreter, ihre Richter und ihre Administratoren selbst wählen, und es wird denn auf die Aufklärung der Einwohner ankommen, wie ihr Zustand künftig beschaffen sein wird. Unter denen, welche sich in diesen Gegenden zuerst für die Sache der Freiheit laut erklärten, schlafen Georg Forster und Adam Lux schon im Grabe. Ein Denkmal verewige ihr Andenken und belohne die edle Aufopferung des braven Lux! Von den übrigen kehren einige, welche das Zutrauen des Volks verdienen, wieder zurück und sind vom Direktorium auf eine ehrenvolle Art für ihre Aufopferungen entschädigt worden. Ich führe unter diesen den braven Bürger Blau an, einen Mann, der den reinsten moralischen Charakter besitzt und dessen Herz durch die Revolution sowenig als durch unerhörte Mißhandlungen, die er während seiner langen Gefangenschaft ausstehen mußte, verdorben worden ist. Andere, welche vielleicht der Aufmerksamkeit der fränkischen Regierung entgingen, werden vom Volke nicht vergessen werden. Für viele aber, welche in Frankreich wie in Deutschland der Freiheit nur aus selbstsüchtigen Absichten den Hof machten und durch Denunziationen und Intrigen aller Art sich herabwürdigten, ist es wohl rätlich, sich selbst in Vergessenheit zu bringen und keinen Wert auf ihr ehemaliges Lautschreien zu legen. Die fränkische Regierung wird dafür sorgen, daß sie ihre kleinlichen Leidenschaften nicht auf Kosten des guten Rufes der Nation befriedigen können. Mainz kann seiner glücklichen Lage nach in mancher Hinsicht eine der ersten Städte Deutschlands werden. Die freie Schiffahrt auf dem Rhein, die Menge der Fremden, die sich dort ansiedeln werden, die Gelegenheit, jetzt wohlfeile National- und andere Güter zu kaufen, die Aussicht für Handel aller Art, insbesondere auch für Buchhandel, das alles muß notwendig diese Stadt blühend machen. Möchte doch die fränkische Regierung die dort bereits existierende Universität nicht ganz eingehen lassen, sondern bloß die theologische Fakultät wegjagen und im übrigen einige von den der Republik zufallenden Stiftsgütern zu Errichtung mehrerer Lehrstühle anwenden. Sömmering wird hoffentlich von einer Regierung nicht aus dem Lande gelassen werden, welche es für ihren höchsten Stolz hält, daß jede nützliche Idee dem Frankenvolk angehören solle. Ich weiß zwar wohl, daß einige sogenannte Mainzer Patrioten die Absicht haben zu verhindern, daß Männer von Talenten vom rechten Rheinufer sich in Mainz ansiedeln. Allein die fränkische Regierung wird hoffentlich sich nicht von dieser neuen Faktion von Exklusiven täuschen lassen, welche gar zu gerne ihre unter dem Schutze der fränkischen Armeen und zum Teil aus Privatabsichten geäußerte Freiheitsliebe für ein ausschließliches Privilegium erklären möchten. Die Herren, welche ich meine, werden mich verstehen und mich hoffentlich nicht zwingen, sie dem Direktorium näher bekanntzumachen. Solange meine Feder mir noch zu Gebot steht, werde ich sie entlarven, wenn sie nicht freiwillig zur Billigkeit zurückkehren. Solange das Direktorium, dem ich indessen gewiß nie niedrig schmeichelte, noch je schmeicheln werde, noch seine Meinung von meiner Liebe zur Republik und zur Wahrheit mir erhalten wird, werde ich der Regierung meine Gedanken frei mitteilen, und solange ich den richterlichen Hut trage, werde ich unerschütterlich wie ein Fels gegen alle diejenigen bleiben, welche die Gerechtigkeit zu Befriedigung ihres Privathasses mißbrauchen wollen. Ich kenne vor dem Gesetz weder Mainzer noch Franken noch Deutsche, weder Aristokraten noch Demokraten – Handlungen und nicht Meinungen gehören vor den Richter. Diese Grundsätze sind auch die des Direktoriums. Es wird meinen Freunden in Deutschland unglaublich vorkommen, daß es Deutsche, sogenannte geflüchtete Patrioten, in Paris gab, an denen es wahrlich nicht lag, wenn ich nicht heute als Jakobiner, morgen als Aristokrat, ja ein andermal gar als Agent des Kaisers und der deutschen Fürsten aus Paris verjagt wurde, daß einer dieser Verleumder sogar das Direktorium ein paar Tage lang zu täuschen wußte. Aber da man hier nicht gleich einkerkert, so haben die Bemühungen dieser Herren zu nichts geholfen, als daß ich Gelegenheit erhielt, mich vollkommen zu rechtfertigen. Das Direktorium fand es billig, einen Mann nicht ungehört zu verdammen, der, ohne Belohnung zu suchen, der Wahrheit alles aufgeopfert hatte, der von dem 18. Fructidor, in der Zeit der Krise selbst durch eine auch in englischen Blättern abgedruckte Broschüre der Faktion von Clichy Krieg angekündigt und am 16. Fructidor durch eine wichtige Entdeckung vielleicht den heldenmütigen Entschluß des Direktoriums beschleunigt hat. Umsonst vereinigten sich mit diesen Patrioten, die vor dem 18. Fructidor auf beiden Achseln trugen, einige Agenten eines gewissen Hofes – meine Verleumder sind beschämt, und das Direktorium hat auf die gegen meine Ernennung gerichteten Kabalen durch Bestätigung meiner Anstellung geantwortet. Meine Gegner waren mir zu klein, als daß ich nur nach ihren Namen hätte fragen mögen. Freunde der Freiheit in Deutschland! Wenn, wie kaum mehr einem Zweifel unterworfen ist, einige mächtige Raubtiere euer Vaterland vollends unter sich teilen, wenn der Schatten von Freiheit, der sich noch hie und da in einigen kleinen Freistaaten erhielt, vollends sich in Nacht verliert, wenn der Troß der Obskuranten das Übergewicht erhält, so eilt in die Gegenden des linken Rheinufers. Mit wenigem Gelde vermöget ihr euch bei uns anzusiedeln, und die für das innere Frankreich möglichen Erschütterungen habt ihr nicht zu fürchten, da sie sich den Departements nur schwach und sehr geschwächt mitteilen werden. Bringt eure reine, durch Revolutionsstürme nicht verminderte oder verschrobne Liebe zur republikanischen Ordnung mit, laßt uns alle gemeinschaftlich unsre Kräfte vereinigen, um in unsren deutschen, nun frei gewordenen Departements der Welt zu zeigen, was ein moralisches, kräftiges Volk durch vernünftige Formen auszurichten vermag. Laßt euch nicht durch den Gedanken abschrecken, daß Frankreich uns eine Zeitlang stiefmütterlich behandeln möchte. Diese Prüfungszeit ist kurz, und in längstens einem Jahre wählen wir selbst unsre Obrigkeiten. Wenn wir echte Freiheitsfreunde uns die Hand reichen, so sind wir allmächtig. Das Departement vom Donnersberg, die schönen Rheinufer müssen zur Freistätte aller deutschen Freiheitsfreunde werden, die auf ihr altes Vaterland noch wirken wollen, von diesem Sinai aus möge noch einst eine vernünftige Form, eine auf Menschenrechte beruhende Gesetzgebung von Deutschen für Deutschland ausgehen. So unmäßig vorteilhaft auch dieser Friedensschluß für die Überbleibsel der Koalition ist, sowenig er auch den billigen Erwartungen der Republikaner entspricht, sosehr auch dabei die Überwundenen statt der verdienten Strafe gewonnen haben, so ist er doch der Fortpflanzung der Freiheit weit günstiger, als die Staatsmänner glauben, die ihn so schnell unterzeichneten. Was kümmert es uns im Grunde, daß Hessen-Darmstadt etwa Frankfurt, Bayern Nürnberg und Windsheim verschlingt? Haben die Frankfurter es anders haben wollen? Sie mögen nun ein paar Jahre lang Grollmanniaden schmecken, und denn werden sie hoffentlich bereit sein zu tun, was sie früher hätten tun müssen. Alle die Gemäßigten, welche bisher nach dem gemeinen Sprichwort Pelze waschen und nicht naß machen wollen, werden nunmehr endlich einsehen, daß die Erhaltung eines ihnen behaglichen Mittelzustandes unmöglich sei. Die öffentliche Meinung wird über diejenigen richten, welche uns unsre goldnen und silbernen Gefäße zur Erhaltung der Reichsverfassung abforderten und welche diese gepriesene Verfassung nun selbst zerschlagen. Die Inkonsequenz der Obskuranten wird nun selbst dem blödesten Auge klar sein, und was man im Jahre 1793 ohne Gefahr eines Kriminalprozesses nicht sagen durfte, das wird nun selbst dem Tagelöhner nicht mehr vorgelesen zu werden brauchen. Wir geflüchteten Freiheitsfreunde leiten indes von Mainz aus die öffentliche Meinung, wir lachen der Zensuren in Deutschland, da wir in Mainz drucken lassen können, was wir wollen, und – ein Kahn führt es ja über den Rhein! Die Schweiz vollendet indes auch ihre durch den Verräter Carnot und den Oligarchengönner Barthélémy nur verspätete Umwandlung. Die cisalpinische Republik erhält Kraft und Bedeutung. Je ärger es über den Rhein inzwischen hergehen mag, desto besser für uns, desto eher müssen Seiner Kaiserlichen Majestät neu eingetauschte und eingefeilschte Untertanen Rache nehmen. Ihr unglücklichen Söhne Venedigs, deren Land verteilt, deren Schiffe weggeführt wurden, denen die erstgebornen Söhne der Freiheit, denen die Bürger – nicht doch, ein paar Staatsmänner der großen Nation ihre Waffen wegnahmen, als sie sich gegen den Despoten verteidigen wollten, der sie eingefeilscht hatte – dann wird auch eurer Erlösung großer Tag beginnen! Dann, Germanien, schlägt deine Rettungsstunde! Was sind drei, fünf, zehn Jahre! Die Grundsätze, nicht die Waffen müssen die Despoten stürzen. Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern, nicht zum Geschenk erhalten. Dombrowski, und du edler Mann, den ich nicht nennen darf, der du aber der Reinsten einer bist, die ich noch fand, dann brecht auch ihr auf, um euer zerstückeltes Vaterland zu rächen. In Paris wie in Mailand, in Warschau wie in Berlin, wo ihr auch leben möget, laßt euch den Glauben an Freiheit, an Menschheit nicht aus euren Herzen reißen, nicht nehmen den Glauben an eine beßre Zukunft! Das Schicksal hat uns nicht umsonst, wenngleich nur auf einen Augenblick, zusammengebracht! Wir brauchen keine Eide, keine Symbole, keine geheime Gesellschaft, wir gehen alle gerade, wenngleich auf verschiedenen Wegen, und finden uns alle gewiß. Euer Wirkungskreis ist größer als der meinige, aber auch der meinige ist doch nicht unbedeutend. Braucht das Schwert, indes ich die Feder führe oder leite, verteidigt auf dem Felde der Ehre die Wahrheit, der ich doch auch oft bei Männern Eingang verschaffte, die auf Europens Geschick Einfluß haben. Am Ziele finden wir uns. Opfer haben wir alle gebracht, Lohn erwarten wir nicht, denn wir alle wissen, daß, wer die Menschheit kennt, auf diesen nicht rechnen darf. Laßt uns, wenn uns der Weg bis zum Ziele unerreichbar weit dünkt, dem müden Wandrer gleich zu werden mit Zufriedenheit die Strecke betrachten, die wir schon zurückgelegt haben. Ihr seid verbannt und zum Tode verurteilt und bedroht jetzt schon an der Spitze einer siegbeginnenden Armee die Länder der Despoten, die euer Vaterland teilten. Seid ihr weiter von Warschau, als noch vor wenigen Jahren die dreifarbichte Fahne von Mailand war? Geht der Riese der Revolution nicht vorwärts mit gewaltigem Schritt? Haben die Verschwornen im fränkischen Volkssenat das Königtum weitergebracht? Haben Carnot, Pichegru, Moreau unsrer Armeen Siegesflug lähmen können? Vermochte Barthélémy die Schweizer Oligarchien zu erhalten? Der Sieg der Grundsätze ist entschieden, die öffentliche Meinung in Europa ist gebildet. Wir können dann und wann zurückzugehen scheinen, aber selbst diese Rückschritte sind nur ein neuer Anlauf, der uns dann plötzlich näher zum Ziele führt. Aber daß mit dem Vorwärtsschreiten der Revolution auch zugleich die Moralität vorwärtsschreite, daß bei dem Übergange von einer schlechten Form zu einer bessern nicht auch alle Bande der Sittlichkeit gelöset werden mögen, daß nicht Revolutionäre aus Aristokratie sich der Zügel des Staates bemeistern, daß die alten Vorurteile nicht gegen Sittenlosigkeit vertauscht werden, sondern daß vernünftige Aufklärung sie gründlich ausrotten und Grundsätze an ihre Stelle setzen möge, das ist das große Werk, an dem jeder Freund der Menschheit mit Eifer arbeiten muß. Fern von uns sei der törichte Gedanke einiger über die Ausschweifungen der Revolution aufgebrachten Stubengelehrten, daß man die Kinderschuhe so lange anbehalten müsse, bis man zum Manne geworden sei, aber auch auf der andern Seite laßt uns ebensowenig dem Kinde gleich Mannsschuhe anziehen. Der Schmetterling, der Sich in der Chrysalide gebildet hat, verdirbt, wenn er zu lange in der Schale eingesperrt bleibt, aber er verdirbt ebensowohl, wenn eine allzu voreilige Hand die Hülse öffnet, ehe er ausgebildet ist. Die Natur der Dinge bestimmt selbst den Zeitpunkt seiner Verwandlung. Ebenso ist es wahrlich auch mit den Völkern. Es ist eine törichte Sache, von ihrer Reife zur Freiheit zu sprechen. Man räume die künstlichen Hindernisse weg, die ihnen in den Weg gelegt werden, aber man peitsche sie auf der andern Seite auch nicht zu Theaterstreichen, die man nachher Revolutionieren tauft. Mit eben der Zuversicht, als ich vor drei Jahren vorauszusagen wagte, daß ich, ehe vier Jahre vergingen, in Mainz ungehindert einziehen würde, mit eben der Zuversicht wage ich eine Wette um mein Leben, daß vor Ausgang dieses Jahrhunderts noch drei bedeutende Staaten ihre jetzige Form gegen eine bessere vertauschen. Die Völker spotten des Friedens zu Campo Formio und der lateinischen Urkunde, welche die Pedanten des Heiligen Römischen Reichs zu Rastatt ausfertigen werden. Herkules schwingt seine Keule, und alle die Staatsmänner, Militärdrahtpuppen, Obskuranten, Oligarchen etc. mögen sich seinem Schlage nur immer in den Weg stellen, sie werden zerschmettert. Sie blasen in den gewaltigen Sturm, der sich über ihrem Haupte gesammelt hat, die Despoten und Despötchen allzumal, kleine und große, alte und neue, aber der Wind spielt mit ihnen, und sie verschwinden mit ihren Proklamationen und Manifesten und Reichstagsprotokollen von der Erde.