Jean Baptiste Molière George Dandin Lustspiel in drei Akten Personen George Dandin , ein reicher Landmann Angelique , seine Frau Herr von Sotenville Frau von Sotenville ihre Eltern Clitander Claudine , Angeliques Kammermädchen Lubin , ein Bauernbursche Colin , Dandins Knecht Schauplatz: Vor dem Hause Dandins, auf dem Lande Erster Akt Erster Auftritt George Dandin (allein) Dandin.  Ach, was ist es doch für ein bedenklicher Fall, eine vornehme Frau zu haben! Und welch eindringliche Lehre ist meine Heirat für alle Landleute, die sich über ihren Stand erheben wollen und sich so wie ich mit einem adligen Hause verkoppeln! Der Adel an sich, dagegen ist nichts zu sagen; eine höchst respektable Erfindung, ohne allen Zweifel; aber es kleben doch so viel schlimme Dinge daran, daß es ratsam ist, ihm nicht zu nah zu kommen. Ich bin auf diesem Gebiet durch Schaden klug geworden und weiß jetzt, auf welche Manier die Adligen unsereinen in ihre Familie aufnehmen. Auf unsere Person legen sie blutwenig Wert; sie heiraten nur unser Geld, und ich hätte tausendmal besser getan, reich wie ich bin, mir ein gutes, redliches Bauernmädchen zu nehmen anstatt einer Frau, die sich über mich erhaben dünkt, der es wider den Strich geht, meinen Namen zu tragen, und die sich einbildet, ich hätte mit all meinem Geld den Vorzug, ihr Mann zu sein, noch nicht voll bezahlt. George Dandin, George Dandin, du hast eine Dummheit gemacht, eine Mordsdummheit. Mein Haus ist mir jetzt verleidet; ich kann nicht über die Schwelle treten, ohne daß ich mich giften muß. Zweiter Auftritt Dandin.   Lubin Dandin (Lubin bemerkend, der aus seinem Hause tritt, für sich). Was zum Teufel hat der Strick da bei mir zu suchen gehabt? Lubin (für sich) . Wie der Mensch mich anglotzt! Dandin (für sich) . Er kennt mich nicht. Lubin (für sich) . Er scheint Lunte zu riechen. Dandin (für sich) . Oho! Er möchte sich gern drücken, ohne zu grüßen. Lubin (für sich) . Wenn er's nur nicht ausplaudert, daß er mich hier hat herauskommen sehn! Dandin.  Guten Tag. Lubin.  Diener. Dandin.  Du bist wohl nicht von hier? Lubin.  Nein, ich bin nur hergekommen, um morgen das Fest mit anzusehn. Dandin.  Ei, sag mir doch mal gefälligst: du kommst von da drinnen? Lubin.  Pst! Dandin.  Wie? Lubin.  Still! Dandin.  Weshalb? Lubin.  Mäuschenstill! Sie dürfen es niemand sagen, daß Sie mich da haben herauskommen sehn. Dandin.  Warum nicht? Lubin.  Ganz einfach, weil ... Dandin.  Nun? Lubin.  Leise! Man könnte uns belauschen. Dandin.  Nicht doch, nicht doch. Lubin.  Nämlich, ich hatte der Frau vom Hause etwas auszurichten von einem jungen Herrn, der mit ihr schön tut. Und das darf kein Mensch erfahren. Verstehen Sie? Dandin.  Jawohl. Lubin.  Das ist der Grund. Er hat mir's auf die Seele gebunden, ich soll mich in acht nehmen, daß niemand mich sieht. Also sagen Sie's um Gottes willen nicht weiter, daß Sie mich gesehen haben. Dandin.  Nicht um die Welt. Lubin.  Denn ich möchte doch die Sache heimlich abmachen, wie mir's eingeschärft worden ist. Dandin.  Sehr wohlgetan. Lubin.  Nämlich, der Ehemann soll ein schrecklich eifersüchtiger Mensch sein, der nicht will, daß man mit seiner Frau eine Liebschaft anfängt. Der würde einen Höllenspektakel machen, wenn's ihm zu Ohren käme. Haben Sie verstanden? Dandin.  Sehr gut. Lubin.  Er darf von alledem keine Ahnung haben. Dandin.  Natürlich. Lubin.  Man will ihn ganz sachte über den Löffel balbieren. Sie begreifen? Dandin.  Vollkommen. Lubin.  Wenn Sie verrieten, daß Sie mich aus seinem Haus haben kommen sehn, dann würden Sie die ganze Geschichte verderben. Sie verstehen doch? Dandin.  Ob ich verstehe! Wie heißt denn der Herr, der dich dorthin geschickt hat? Lubin.  Das ist unser Gutsherr, der Herr Vicomte von Dings ... Wetter, ich kann den sakramentischen Namen mein Lebtag nicht behalten. Herr Cli... Cli... Clitander. Dandin.  Ist das nicht der junge Edelmann, der da drüben ... Lubin.  Ganz recht; dort, wo die Bäume stehn, dort wohnt er. Dandin (für sich) . Darum also hat dieser geschniegelte Stutzer sich mir gegenüber eingemietet! Ich hatte eine gute Witterung, als seine Nachbarschaft mir gleich verdächtig vorkam. Lubin.  Schwerebrett, das ist der nobelste Herr, den Sie sich vorstellen können. Drei Goldstücke hat er mir gegeben, nur um der Frau auszurichten, daß er in sie verliebt ist und daß er sich nach der Ehre sehnt, mit ihr sprechen zu dürfen. Als ob das eine große Mühe wäre, die man so teuer bezahlen müßte; was ist das gegen einen ganzen Tag Arbeit, bei der ich nur zehn Sous verdiene! Dandin.  Nun, und hast du deinen Auftrag bestellt? Lubin.  Ja. Ich fand da drinnen eine gewisse Claudine, die gleich beim ersten Wort begriff, wo ich hinaus wollte, und mich geradeswegs zu ihrer Herrin führte. Dandin (für sich) . So ein Rabenaas. Lubin.  Sackerlott! Diese Claudine ist ein hübscher Käfer: sie hat mir's angetan. Sie braucht nur zu wollen, und ich heirate sie vom Fleck weg. Dandin.  Aber was für eine Antwort hat dir denn die Frau für den vornehmen Herrn mitgegeben? Lubin.  Sie hat mir gesagt, ich soll ihm sagen... Warten Sie nur, ich weiß nicht, ob ich das alles noch recht zusammbringe... Ich soll ihm sagen, sie wäre ihm, sehr verbunden für seine Zuneigung, und er sollte von wegen ihres Mannes, der ein wunderlicher Heiliger wäre, sich nur ja nichts davon merken lassen, und man müßte auf irgendeine List sinnen, um miteinander unter vier Augen sprechen zu können. Dandin (für sich). O du Schlange du! Lubin.  Schwerebrett, das kann lustig werden. Denn der Mann hat keinen Dunst von dem ganzen Handel; das eben ist der Hauptspaß dabei, und sie wird ihm eine Nase drehen mit all seiner Eifersucht. Nicht wahr? Dandin.  Ja gewiß. Lubin.  Also Finger auf den Mund! – Hüten Sie das Geheimnis, daß der Mann nicht dahinter kommt. Dandin.  Jawohl. Lubin.  Ich meinesteils, ich tu' wie ein neugeboren Kind. Ich bin ein feiner Hase: mir wird niemand was anmerken. Dritter Auftritt Dandin (allein) Dandin.  Da haben wir's! Da siehst du's nun, George Dandin, wie deine Frau mit dir umspringt! Das kommt davon, daß du durchaus ein Fräulein heiraten mußtest! – Man schindet dich nach allen Regeln der Kunst, und du darfst dich nicht einmal rächen: die adlige Sippe hält dir die Hände gebunden. Gleichheit des Standes gibt dem Ehemann wenigstens das Recht, sich seiner Haut zu wehren, und wäre deine Frau eine Bauerntochter, dann hättest du jetzt die schönste Freiheit, mit einer tüchtigen Tracht Prügel Justiz zu üben. Aber du wolltest ja um jeden Preis am Adel schlecken und warst es satt, Herr in deinem Hause zu sein. O, ich bin wütend über mich selbst! Ohrfeigen möcht' ich mir geben! Was! Die Liebeserklärung des ersten besten Stutzers ohne Scham anhören und sofort darauf eingehn! Donner und Hagel, eine solche Gelegenheit will ich mir nicht entwischen lassen. Auf der Stelle werd' ich mich bei ihren Eltern beschweren und sie nach Fug und Billigkeit zu Zeugen anrufen, welchem Kummer und welcher Schmach ihre Tochter mich aussetzt. Ah, da sind sie alle beide. Die kommen mir grade recht. Vierter Auftritt Dandin.   Herr von Sotenville.   Frau von Sotenville Herr von Sotenville.  Was ist Ihnen, Herr Schwiegersohn? Sie machen ja einen ganz verstörten Eindruck. Dandin.  Dazu hab' ich auch allen Grund; denn... Frau von Sotenville.  Mein Gott, Herr Schwiegersohn, wie wenig Lebensart haben Sie, daß Sie die Leute nicht einmal grüßen, denen Sie in den Weg treten. Dandin.  Wahrhaftig, Frau Schwiegermutter, ich habe jetzt andere Dinge im Kopf; denn... Frau von Sotenville.  Auch das noch! Ist es denkbar Herr Schwiegersohn, daß Sie so wenig missen, was die gute Sitte verlangt, und daß man Ihnen auf keine Weise beibringen kann, wie man sich gegen Standespersonen zu benehmen hat? Dandin.  Wie meinen Sie das? Frau von Sotenville.  Werden Sie sich denn mir gegenüber nie die gemeine Vertraulichkeit abgewöhnen, die in dem Worte Schwiegermutter liegt? Werden Sie sich niemals dazu verstehen, mich Frau Baronin zu nennen? Dandin.  Potz Wetter, wenn Sie mich Schwiegersohn nennen, dann seh' ich nicht ein, warum ich Sie nicht Schwiegermutter nennen soll. Frau von Sotenville.  Darüber ließe sich viel sagen, und es besteht da ein beträchtlicher Unterschied. Sie sollten doch einsehen, daß es Ihnen nicht zukommt, sich dieses Wortes gegen eine Dame von meinem Stande zu bedienen; denn wenn Sie auch zehnmal unser Schwiegersohn sind – der Abstand zwischen Ihnen und uns wird dadurch nicht aufgehoben; das sollten Sie nie vergessen. Herr von Sotenville.  Genug hiervon, meine Teuerste; lassen wir dies Thema. Frau von Sotenville.  Mein Gott, Herr von Sotenville, Sie sind von einer beispiellosen Duldsamkeit und verstehen nicht, den Respekt zu fordern, den man Ihnen schuldig ist. Herr von Sotenville.  Corbleu! Verzeihen Sie, meine Teuerste, in diesem Punkte bedarf ich keiner Belehrung. Ich habe mehr als zwanzigmal in meinem Leben den schneidigsten Beweis geführt, daß ich nicht der Mann bin, auch nur einen Pfifferling von meinen Ansprüchen preiszugeben; aber hier genügt ja ein kleiner Wink. Lassen Sie uns doch nun hören, Herr Schwiegersohn, was Ihnen im Kopf herumgeht. Dandin.  Also, wenn ich frei von der Leber weg reden soll, dann sag' ich Ihnen, Herr von Sotenville, daß ich Anlaß habe ... Herr von Sotenville.  Mit Verlaub, Herr Schwiegersohn, es verstößt gegen die Höflichkeit, die Leute bei ihrem Namen anzureden; wer mit Höherstehenden spricht, der muß kurzweg »gnädiger Herr« zu ihnen sagen. Dandin.  Meinethalb, gnädiger Herr kurzweg und nicht Herr von Sotenville, ich habe Ihnen zu sagen, daß meine Frau ... Herr von Sotenville.  Halt! Es schickt sich auch nicht, daß Sie »meine Frau« sagen, wenn Sie von unserer Tochter reden. Dandin.  Das ist ja zum Tollwerden! Was? Meine Frau ist nicht meine Frau? Frau von Sotenville.  Allerdings, Herr Schwiegersohn, sie ist Ihre Frau; aber Sie haben deshalb noch keineswegs das Recht, sie so zu nennen. Dazu wären Sie höchstens befugt, wenn Sie eine Ihresgleichen geheiratet hätten. Dandin (für sich) . O George Dandin, in was bist du da hineingeplumpst! – (Laut) Ei, haben Sie die Güte, Ihren Adelsdusel mal für einen Augenblick beiseite zu lassen, und gestatten Sie mir zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist! (Für sich) Der Teufel hole die ganze Schikaniererei! (Laut) Ich muß Ihnen also sagen, daß ich mit meiner Ehe sehr unzufrieden bin. Herr von Sotenville.  Und aus welchem Grund, Herr Schwiegersohn? Frau von Sotenville.  Wie? So reden Sie von einer Verbindung, die Ihnen so außerordentliche Vorteile gebracht hat? Dandin.  Was denn für Vorteile, Frau Baronin – wenn's denn ohne Frau Baronin nicht abgeht! Für Sie beide war es jedenfalls kein übler Handel; denn ohne mich, wenn Sie gütigst erlauben, stand es mit Ihren Geschäften äußerst faul, und mein Geld hat herhalten müssen, recht tüchtige Löcher zu verstopfen. Aber ich, was hab' ich anders davon gehabt, als daß Sie meinen Namen um ein Stück verlängert haben, und daß ich von Ihnen statt George Dandin tituliert werde: Herr von der Dandinière? Herr von Sotenville.  Rechnen Sie denn, Herr Schwiegersohn, den Vorzug, mit dem Hause derer von Sotenville verschwägert zu sein, für nichts? Frau von Sotenville.  Und mit dem Hause derer von der Prudoterie, dem ich entsprungen zu sein die Ehre habe, einem Hause, dessen Adel auch in der weiblichen Linie forterbt, und das durch dieses unschätzbare Privileg Ihre Kinder zu Edelleuten machen wird? Dandin.  Ja, das ist wunderschön; meine Kinder werden Edelleute; aber ich, ich werde Hahnrei, wenn nicht bald Rat geschafft wird. Herr von Sotenville.  Was soll das heißen, Herr Schwiegersohn? Dandin.  Das soll heißen, daß Ihre Tochter sich nicht so beträgt, wie eine Frau sich betragen soll, und daß sie Dinge tut, die der Ehre zuwiderlaufen. Frau von Sotenville.  Nicht weiter! Überlegen Sie, was Sie sagen. Meine Tochter entstammt einem Geschlecht, dessen Tugend viel zu tief wurzelt, um sich jemals zu irgend etwas hinreißen zu lassen, wodurch die Ehrbarkeit verletzt werden könnte. Und was das Haus derer von der Prudoterie betrifft, so hat es in dreihundert Jahren, Gott sei gelobt, keine Frau aufzuweisen gehabt, die ins Gerede gekommen wäre. Herr von Sotenville.  Corbleu! Im Hause derer von Sotenville hat man noch nie von einer leichtfertigen Frau gehört, und die Tapferkeit ist bei seinen männlichen Mitgliedern nicht in höherem Grade erblich als die Keuschheit bei den weiblichen. Frau von Sotenville.  Wir haben eine Jacqueline von der Prudoterie gehabt, die nicht um alles in der Welt die Geliebte eines Herzogs und Pairs werden wollte, welcher der Gouverneur unserer Provinz war. Herr von Sotenville.  Und es hat eine Mathurine von Sotenville gegeben, die einem Günstling des Königs zwanzigtausend Taler zurückschickte, obwohl er sie nur um die Gunst einer Unterredung bat. Dandin.  Oho! Ihre Tochter ist weniger heikel; die ist weichherzig geworden, seit sie bei mir ist. Herr von Sotenville.  Heraus mit der Sprache, Herr Schwiegersohn. Wir sind nicht die Leute, die ihr ein unziemliches Betragen hingehen lassen würden; wir wären die ersten, ihre Mutter und ich, Ihnen zu Ihrem Rechte zu verhelfen. Frau von Sotenville.  Ja, im Punkte der Ehre verstehen wir keinen Spaß, und wir haben sie mit der größtmöglichen Strenge erzogen. Dandin.  Ich kann Ihnen nur sagen, daß ein gewisser Herr vom Hofe, der sich hier herumtreibt, und dem Sie auch schon begegnet sind, dicht vor meiner Nase in sie verliebt ist, und daß er ihr eine zarte Botschaft hat bestellen lassen, die sie mit großer Menschenfreundlichkeit aufgenommen hat. Frau von Sotenville.  Allbarmherziger! Mit diesen meinen Händen würde ich sie erwürgen, wenn sie die von ihrer Mutter angeerbte Sittsamkeit verleugnete. Herr von Sotenville.  Corbleu! Meinen Degen würd' ich ihr durch den Leib rennen, ihr und ihrem Liebhaber, wenn sie einen Verrat an ihrer Ehre begangen hätte. Dandin.  Ich habe Ihnen gesagt, was vorgeht; Sie kennen nun meine Beschwerde, und ich verlange, daß Sie mir Genugtuung schaffen. Herr von Sotenville.  Seien Sie unbesorgt: ich schaffe sie Ihnen von allen beiden. Ich bin der Mann dazu, jeden, wer es auch sei, an die Wand zu drücken. Aber sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher? Dandin.  Ganz sicher. Herr von Sotenville.  Erwägen Sie genau! Denn unter Edelleuten sind das kitzlige Dinge, und man muß sich davor hüten, in solchen Angelegenheiten einen Bock zu schießen. Dandin.  Ich hab' Ihnen nichts gesagt als die reine Wahrheit. Herr von Sotenville.  Meine Teuerste, ich überlasse es Ihnen, mit Ihrer Tochter zu sprechen; ich und mein Schwiegersohn werden unterdessen den Herrn zur Rede stellen. Frau von Sotenville.  Halten Sie es denn wirklich für denkbar, mein Sohn, daß sie sich so weit vergessen könnte, nach dem Beispiel von Tugend, welches ich ihr – wie Sie mir bezeugen werden – stets gegeben habe? Herr von Sotenville.  Wir wollen sofort Licht in die Sache bringen. Kommen Sie, Herr Schwiegersohn, und seien Sie ganz ruhig. Sie werden sehen, was wir für eine Klinge schlagen, wenn man sich an denen vergreift, die zu unserer Familie gehören. Dandin.  Da läuft er uns grad in den Weg. Fünfter Auftritt Dandin.   Herr von Sotenville.   Clitander Herr von Sotenville.  Ich darf wohl voraussetzen, mein Herr, von Ihnen gekannt zu sein. Clitander.  Nicht daß ich wüßte, mein Herr. Herr von Sotenville.  Ich bin der Baron von Sotenville, Clitander.  Sehr angenehm. Herr von Sotenville.  Mein Name ist bei Hofe bekannt; ich hatte die Ehre, mich in meiner Jugend beim Aufgebot des Heerbanns von Nancy auszuzeichnen. Clitander.  Was Sie nicht sagen! Herr von Sotenville.  Mein Herr Vater, Johann Ägidius von Sotenville, durfte sich rühmen, die große Belagerung von Montauban in Person mitgemacht zu haben. Clitander.  Das freut mich ungemein. Herr von Sotenville.  Und einer meiner Ahnen, Bertrand von Sotenville, genoß zu seiner Zeit eines solchen Ansehens, daß er die Erlaubnis erhielt, all sein Hab und Gut zur Rüstung eines Kreuzzuges zu verkaufen. Clitander.  Allerhand Hochachtung! Herr von Sotenville.  Es wurde mir hinterbracht, mein Herr, daß Sie durch Liebesanträge eine junge Dame belästigen, die meine Tochter ist und daher Anspruch auf mein Interesse besitzt, ebenso wie dieser Mann hier, der die Ehre hat, mein Schwiegersohn zu sein. Clitander.  Wer? Ich? Herr von Sotenville.  Ja. Es muß mir infolgedessen alles daran gelegen sein, Sie mit Ihrer freundlichen Erlaubnis um eine Erklärung über diesen Gegenstand zu ersuchen. Clitander.  Das ist ja eine fabelhafte Verleumdung! Wer hat Ihnen das gesagt, mein Herr? Herr von Sotenville.  Jemand, der es genau zu wissen glaubt. Clitander.  Dieser Jemand hat gelogen. Ich bin ein Ehrenmann. Halten Sie mich einer so niederträchtigen Handlung für fähig, mein Herr? Ich sollte eine schöne junge Dame lieben, welche die Ehre hat, die Tochter des Herrn Baron von Sotenville zu sein? Dazu ist meine Achtung vor Ihnen viel zu hoch, meine Ergebenheit viel zu tief. Wer Ihnen das gesagt hat, ist ein Einfaltspinsel! Herr von Sotenville.  Nun, Herr Schwiegersohn? Dandin.  Was? Clitander.  Ein Schuft! Ein Lumpenkerl! Herr von Sotenville (zu Dandin) . Wollen Sie ihm nicht antworten? Dandin.  Antworten Sie ihm selbst. Clitander.  Wüßte ich, wer es ist, ich würde ihm vor Ihren Augen den Degen in den Leib rennen. Herr von Sotenville (zu Dandin) . Stützen Sie Ihre Behauptung! Dandin.  Sie ist schon gestützt genug. Es ist die Wahrheit. Clitander.  War es etwa Ihr Schwiegersohn, der ... Herr von Sotenville.  Allerdings; er selbst hat sich bei mir beklagt. Clitander.  Nun fürwahr, er mag seinem Schöpfer danken, daß er mit Ihnen verwandt ist. Denn sonst würd' ich ihn lehren, über einen Mann wie mich solche Dinge auszusprengen. Sechster Auftritt Vorige. Frau von Sotenville . Angelique.   Claudine Frau von Sotenville.  Da sieht man wieder einmal, was die Eifersucht für eine wunderliche Sache ist! Hier bringe ich meine Tochter mit, um den Fall vor aller Welt aufzuklären. Clitander (zu Angelique) . Sind Sie es also gewesen, gnädige Frau, die Ihrem Manne gesagt haben, ich sei in Sie verliebt? Angelique.  Ich? Wie hätte mir so etwas einfallen können? Hat es denn seine Richtigkeit damit? Das möcht' ich doch wahrhaftig erleben, daß Sie in mich verliebt wären! Bitte, versuchen Sie's nur, das rate ich Ihnen; Sie werden dann sehen, mit wem Sie es zu tun haben! Lassen Sie zur Probe alle Künste eines Liebhabers spielen: schicken Sie mir spaßeshalber Botschaften zu; schreiben Sie mir heimlich kleine Liebesbriefe; erkunden Sie die Augenblicke, wo mein Mann nicht zu Hause ist, oder die Zeit, wo ich ausgehe, um mir von Ihrer Liebe zu reden: Sie brauchen nur das Ihrige zu tun, und meinerseits, das verspreche ich Ihnen, wird es an der gebührenden Erwiderung nicht fehlen. Clitander.  O, o, meine gnädige Frau, beruhigen Sie sich. Es ist gar nicht nötig, mir so viel gute Lehren zu geben und sich so zu ereifern. Wer sagt Ihnen, daß ich in Sie verliebt bin? Angelique.  Was weiß ich, was hier geschwatzt worden ist? Clitander.  Mag man schwatzen, was man will; Sie selbst wissen am besten, ob ich jemals von Liebe zu Ihnen sprach. Angelique.  Hätten Sie's doch nur getan; Sie wären gut angekommen. Clitander.  Ich versichere Ihnen, Sie haben von mir nichts zu fürchten. Ich bin nicht der Mann dazu, schöne Frauen in Ungelegenheiten zu bringen, und ich habe viel zu hohen Respekt vor Ihnen und Ihren verehrten Eltern, als daß es mir in den Sinn kommen könnte, mich in Sie zu verlieben. Frau von Sotenville (zu Dandin) . Nun, da hören Sie's. Herr von Sotenville.  Damit ist Ihnen vollständig Genüge geschehen, Herr Schwiegersohn. Was sagen Sie dazu? Dandin.  Ich sage, das ist lauter haarsträubendes Geflunker; ich weiß, was ich weiß, und wenn ich das Kind beim rechten Namen nennen soll – sie hat eine Botschaft von ihm erhalten. Angelique.  Ich eine Botschaft erhalten? Clitander.  Ich ihr eine Botschaft geschickt? Angelique.  Claudine! Clitander (zu Claudine) . Ist das wahr? Claudine.  Meiner Treu, so eine Lüge ist mir noch nicht vorgekommen! Dandin.  Still, du Racker! Dich kenn' ich durch und durch; du bist's gewesen, die den Boten ins Haus geführt hat. Claudine.  Wer? Ich? Dandin.  Ja, du. Die Duckmäuserei kannst du dir sparen. Claudine.  Ach, die Welt ist doch gar zu schlecht! – So angeschwärzt zu werden, wenn man die Unschuld selbst ist! Dandin.  Schweig, du falsches Stück! Trotz deiner Scheinheiligkeit weiß ich, was ich von dir zu halten habe. Du bist eine Ausgelernte. Claudine (zu Angelique) . Gnädige Frau, soll ich ... Dandin.  Halt's Maul, sag' ich dir. Es könnte sonst geschehen, daß du ganz allein die Geschichte auszubaden hättest. Dein Vater ist kein Edelmann. Angelique.  Diese bodenlose Anschuldigung hat mich so erschüttert, daß ich nicht einmal die Kraft finde, darauf zu antworten. Es ist ja einfach entsetzlich, so von einem Manne angeklagt zu werden, gegen den man sich nicht das Geringste zu schulden kommen läßt! Ach, wenn ich mir irgendeinen Vorwurf machen kann, so ist es nur der, daß ich zu gut gegen ihn bin. Claudine.  Ja, das stimmt. Angelique.  Mein ganzes Unglück kommt daher, daß ich immer zu rücksichtsvoll gegen ihn war. O, wenn ich's doch nur über mich brächte, mir, wie er behauptet, von irgend jemand den Hof machen zu lassen: dann wäre ich weniger beklagenswert! Ich räume das Feld', denn ich kann es nicht länger aushalten, so schwer beleidigt zu werden. Siebenter Auftritt Vorige (ohne) Angelique Frau von Sotenville (zu Dandin) . Schämen Sie sich! Sie verdienen die brave Frau nicht, die Sie durch uns bekommen haben. Claudine.  Meiner Treu, er würde verdienen, daß sie seine falsche Behauptung in eine wahre verwandelt; ich an ihrer Stelle, ich machte kurzen Prozeß. (Zu Clitander) Ja, Herr Vicomte, Sie sollten ihr jetzt auf Mord und Tod den Hof machen, nur um ihn zu bestrafen. Frisch drauf los, sag' ich Ihnen: das wird sehr wohl an ihm angebracht sein, und ich erbiete mich, Ihnen beizustehen, da er mich nun doch mal in diesem Verdacht hat! (Ab) Herr von Sotenville.  Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, Herr Schwiegersohn, wenn Sie derartiges zu hören bekommen. Ihre Handlungsweise muß jedermann gegen Sie aufbringen. Frau von Sotenville.  Ja, seien Sie künftig darauf bedacht, eine Frau aus adligem Hause besser zu behandeln, und hüten Sie sich, einen so groben Fehlgriff zu wiederholen. Dandin (für sich) . Ich könnte rasend werden, daß ich Unrecht haben soll, wo ich Recht habe. Achter Auftritt Herr von Sotenville.   Clitander.   Dandin Clitander (zu Herrn von Sotenville) . Herr Baron, Sie sehen, wie fälschlich ich angeschuldigt worden bin. Als Edelmann kennen Sie die Vorschriften des Ehrenkodex, und ich verlange, daß Sie für die mir widerfahrene Kränkung mir Genugtuung verschaffen, Herr von Sotenville.  Dies Verlangen ist durchaus berechtigt. Nun denn, Herr Schwiegersohn, leisten Sie dem Herrn Abbitte. Dandin.  Was? Abbitte? Herr von Sotenville.  Allerdings, so gehört es sich, nachdem Sie ihn mit Unrecht angeklagt haben. Dandin.  Aber gerade in diesem Punkt bin ich anderer Meinung! ich hab' ihn nicht mit Unrecht angeklagt. Ich weiß, was ich davon zu denken habe. Herr von Sotenville.  Einerlei. Was auch immer Sie davon denken, er hat geleugnet: das genügt. Man hat kein Recht, sich über jemand zu beschweren, der widerruft. Dandin.  So? Wenn ich ihn also bei meiner Frau im Bett fände, dann hätte er nur nötig zu widerrufen? Herr von Sotenville.  Kein wenn und aber! Bitten Sie ihn um Entschuldigung, sag' ich. Dandin.  Ich? Ihn noch obendrein um Entschuldigung bitten, obwohl ... Herr von Sotenville.  Keine Umstände, sag' ich. Da gibt es kein Überlegen! Sie haben nicht zu befürchten, daß Sie sich irgend etwas vergeben, da ich selbst Sie dazu veranlasse. Dandin.  Ich kann doch unmöglich ... Herr von Sotenville.  Corbleu, Herr Schwiegersohn, bringen Sie mich nicht in Harnisch! Ich müßte mich sonst auf seine Seite schlagen. Folgen Sie unbedenklich meiner Weisung! Dandin (für sich) . O, George Dandin! Herr von Sotenville.  Nehmen Sie Ihre Mütze ab – Sie zuerst: denn der Herr ist ein Edelmann, und Sie sind es nicht. Dandin (die Mütze abnehmend, für sich) . Ich berste! Herr von Sotenville.  Und sprechen Sie mir nach. Herr Vicomte ... Dandin.  Herr Vicomte ... Herr von Sotenville.  Ich bitte Sie um Verzeihung ... (Er bemerkt, daß Dandin sich sträubt) Vorwärts! Dandin.  Ich bitte Sie um Verzeihung ... Herr von Sotenville.  Daß ich Sie in so schlimmem Verdacht hatte. Dandin.  Daß ich Sie in so schlimmem Verdacht hatte. Herr von Sotenville.  Dies war nur möglich, weil ich nicht die Ehre hatte, Sie zu kennen. Dandin.  Dies war nur möglich, weil ich nicht die Ehre hatte, Sie zu kennen. Herr von Sotenville.  Und ich bitte Sie, versichert zu sein ... Dandin.  Und ich bitte Sie, versichert zu sein ... Herr von Sotenville.  Daß ich Ihr ergebener Diener bin. Dandin.  Ich soll der ergebene Diener eines Menschen sein, der mich zum Hahnrei machen will? Herr von Sotenville.  Vorwärts! Citander. Es ist schon gut. Herr von Sotenville.  Nein, ich bestehe darauf, daß er es vollendet. Alles nach Form und Regel. – Daß ich Ihr ergebener Diener bin. Dandin.  Daß ich Ihr ergebener Diener bin. Citander (zu Dandin) . Mein Herr, ich bin ganz der Ihrige, und der Vorfall ist für mich abgetan. (Zu Hern von Sotenville) Herr Baron, ich empfehle mich Ihnen und bedaure aufrichtig, daß Sie eine kleine Verdrießlichkeit gehabt haben. Herr von Sotenville.  Ich küsse Ihnen die Hand, und falls es Ihnen Vergnügen macht, an einer Hasenjagd teilzunehmen ... Citander. Zu viel Güte, Herr Baron. Ab Herr von Sotenville.  Sehen Sie, lieber Schwiegersohn, das ist die Art, wie man einen solchen Handel erledigt. Guten Morgen. Sie dürfen sich sagen, daß die Familie, in die Sie eingetreten sind, Ihnen eine sichere Stütze gewahrt und nie und nimmer dulden wird, daß man Sie beleidigt. Neunter Auftritt Dandin (allein) Dandin.  Ei, da soll doch gleich ... Du hast's ja gewollt, du hast's ja gewollt, George Dandin; du hast's ja gewollt. Dir geschieht ganz recht; wie man sich's einbrockt, muß man's essen; dir wird nur, was du verdienst. Aber nur Mut! Jetzt kommt es darauf an, dem Vater und der Mutter den Star zu stechen, und vielleicht find' ich das Mittel, das mir dazu verhilft! Zweiter Akt Erster Auftritt Claudine.   Lubin Claudine.  Ja, ich hatte mir's gleich gedacht, daß du dahinter stecktest, und daß du es jemand ausgeplaudert hättest, der's unserm Herrn wieder erzählt hat. Lubin.  Auf Ehr' und Seligkeit, ich hab' nur beiläufig einem Menschen ein paar kleine Andeutungen gemacht, damit er's nicht weitersagen sollte, daß er mich aus dem Haus hat kommen sehen. Aber es scheint mir fast, die Leute hier zu Lande sind große Schwatzbasen. Claudine.  Weiß Gott, dieser Herr Vicomte hat sich seinen Mann gut ausgesucht, als er dich zu seinem Boten erwählte. Bei dir ist er gerade an den Rechten gekommen! Lubin.  Tut nichts. Das nächste Mal werd' ich pfiffiger sein und mich besser in acht nehmen. Claudine.  Jawohl, hinterher. Lubin.  Laß gut sein und hör mich mal an. Claudine.  Was soll ich denn anhören? Lubin.  Guck mir mal ins Gesicht. Claudine.  Nun, was gibt's denn? Lubin.  Claudine! Claudine.  Was? Lubin.  Ach, geh! Du weißt recht gut, was ich dir sagen will. Claudine.  Nein. Lubin.  Schwerebrett! Ich bin in dich verschossen. Claudine.  Im Ernst? Lubin.  Ja, hol' mich der Teufel! Du kannst mir's glauben, weil ich sonst nicht so fluchen würde. Claudine.  Ei, schau mal an! Lubin.  Wenn ich dich ansehe, dann bibbert mir das Herz im Leibe. Claudine.  Das freut mich. Lubin.  Wie stellst du's nur an, so hübsch zu sein? Claudine.  Just wie alle andern. Lubin.  Schau, zu einem Viertelpfund braucht's nicht viel Butter, und wenn du nur willst, dann wirst du meine Frau, und ich werde dein Mann, und dann sind wir beide Mann und Frau. Claudine.  Da wärst du am Ende grad so eifersüchtig wie unser Herr. Lubin.  I bewahre. Claudine.  Mir ist nichts so zuwider wie die argwöhnischen Ehemänner; ich will einen, der unter keinen Umständen aus der Fassung kommt; einen, der so felsenfest von meiner Tugend überzeugt ist, daß er mich mit der größten Seelenruhe mitten unter dreißig Mannsbildern sehen könnte. Lubin.  Abgemacht; so einer werd' ich sein. Claudine.  Es gibt nichts Einfältigeres, als wenn ein Mann seiner Frau nicht traut und sie beständig drangsaliert. Denn klipp und klar gesprochen, dabei kommt nie was Gutes heraus. Das bringt uns erst auf schlechte Gedanken, und die Männer machen sich durch ihr ewiges Gezeter oft selbst zu dem, was aus ihnen wird. Lubin.  Abgemacht; bei mir sollst du die größte Freiheit haben zu tun, was dir beliebt. Claudine.  So gehört sich's, wenn man nicht betrogen sein will. Wenn ein Mann sich auf uns verläßt, dann nehmen wir uns nicht mehr Freiheit, als wir brauchen. Das ist genau so, wie wenn uns jemand seinen Geldbeutel hinhält und sagt: Bitte, bedienen Sie sich. Dann greifen wir nur mit Bescheidenheit zu und geben uns mit wenigem zufrieden. Wer uns aber den Brotkorb höher hängt, dem ziehen wir ohne Barmherzigkeit das Fell über die Ohren. Lubin.  Unbesorgt, ich werde einer von denen sein, die den Geldbeutel hinhalten! Wenn's weiter nichts ist, da kannst du mich Heiraten – vom Fleck weg. Claudine.  Nun gut, gut; wir wollen sehen. Lubin.  Komm doch her, Claudinchen! Claudine.  Was willst du? Lubin.  Komm, sag' ich. Claudine.  Halt, nicht anfassen! Das kann ich nicht leiden. Lubin.  Ach, nur ein ganz klein bißchen in aller Freundschaft. Claudine.  Laß mich los, sag' ich dir. Darin versteh' ich keinen Spaß. Lubin.  Claudinchen! Claudine (ihn zurückstoßend) . Nichts da! Lubin.  Ach, du bist aber gar nicht leutselig! Pfui, ist das garstig, einen armen Menschen so wegzustoßen! Schämst du dich denn gar nicht, daß du so hübsch bist und dich nicht einmal willst tätscheln lassen? Na, so komm doch! Claudine.  Gleich kriegst du eins hinter die Ohren. Lubin.  O, du Ungeheuer! O, du Kannibalin! Pfui und noch einmal pfui! So ein Scheusal von Grausamkeit! Claudine.  Du wirst gar zu frech. Lubin.  Was hättest du denn für 'nen Schaden davon, wenn du mich ein klein bißchen gewähren ließest? Claudine.  Du mußt Geduld haben. Lubin.  Nur ein Küßchen als Vorschuß auf die Ehe. Claudine.  Daraus wird nichts. Lubin.  Claudinchen, du kannst mir's später in Abzug bringen. Claudine.  Ja, Schnecken! Einmal auf den Leim gegangen und nicht wieder. Mach, daß du fortkommst, und sag deinem Herrn Vicomte, ich würde sein Briefchen bestellen. Lubin.  Auf Wiedersehn, du widerborstiger Engel du! Claudine.  Recht netter Schmeichelname. Lubin.  Auf Wiedersehn, du Fels, du Kiesel, du Granitblock und was es sonst noch Steinhartes auf der Welt gibt! (Ab) Claudine (allein) . Ich werd' es ihr heimlich zustecken ... Da kommt sie gerade mit ihrem Mann. Ich muß warten, bis sie allein ist. Zweiter Auftritt Dandin.   Angelique Dandin.  Nein, nein, so leicht lass' ich mir kein X für ein U machen. Ich weiß nur zu gewiß, daß man mich wahr berichtet hat. Meine Augen sind besser, als man glaubt, und mit deinen geschwollenen Reden führst du mich nicht hinters Licht. Dritter Auftritt Vorige. Clitander Clitander (im Hintergrund für sich. Ah, da ist sie! Aber ihr Mann ist bei ihr. Dandin (ohne Clitander zu bemerken) . Trotz all deinen Faxen hab' ich dich durchschaut und kenne die Geringschätzung, die du für unsern Bund empfindest. (Clitander und Angelique grüßen sich) Gott, laß doch die Komplimentiererei; auf diese Art von Achtung verzicht' ich. Oder willst du dich gar noch über mich lustig machen? Angelique.  Ich mich lustig machen? Nicht um die Welt! Dandin.  Ich weiß, was du dir denkst, und ... (Clitander und Angelique grüßen sich abermals) Schon wieder! Laß diese Scherze jetzt endlich beiseit'! Mir ist klar, daß du dich wegen deines Adels für hoch über mich erhaben hältst: aber die Achtung, die ich von dir verlange, bezieht sich nicht auf meine Person, sondern auf ein so heiliges Band wie die Ehe ... (Angelique macht Clitander ein Zeichen) Was soll das Achselzucken? Hab' ich vielleicht eine Dummheit gesagt? Angelique.  Ist mir gar nicht eingefallen, die Achseln zu zucken. Dandin.  Ich sehe, was ich sehe. Ich wiederhole dir, die Ehe ist eine Kette, vor der man allen möglichen Respekt haben soll; und es ist unverantwortlich von dir, so damit umzuspringen. (Angelique nickt Clitander zu) Jawohl unverantwortlich. Da ist nichts mit dem Kopf zu schütteln und Gesichter zu schneiden. Angelique.  Ich weiß wirklich nicht, was du von mir willst. Dandin.  Ich aber weiß es nur zu gut. Mir ist längst bekannt, daß du dir nichts aus mir machst. Aber wenn ich auch nicht adlig bin, so stamm' ich wenigstens von einem Geschlecht ohne Fehl und Makel: ja wahrhaftig, die Familie Dandin ... Clitander (hat sich Angelique genähert, ohne von Dandin bemerkt zu werben, und flüstert ihr zu) . Nur auf zwei Worte! Dandin.  Was sagst du? Angelique.  Ich? Ich habe nicht gemuckst. (Dandin geht um seine Frau herum, und Clitander zieht sich zurück, indem er ihm eine tiefe Verbeugung macht) Vierter Auftritt Dandin.   Angelique Dandin.  Da schwänzelt er schon wieder um dich herum. Angelique.  Ist das vielleicht meine Schuld? Was kann ich dagegen tun? Dandin.  Du kannst dagegen tun, was eine Frau tut, die nur ihrem Mann gefallen will. Was man auch behaupten mag, die Liebhaber pflegen sich nur da heranzudrängen, wo man sie gut aufnimmt. Es gibt gewisse zuckersüße Mienen, die sie anlocken, wie der Honig die Fliegen: eine rechtschaffene Frau aber weiß sich so zu benehmen, daß sie ihr von allem Anfang an fernbleiben. Angelique.  Mir fernbleiben? Ei weshalb denn? Ich bin durchaus nicht erbost darüber, daß man mich schön findet. Im Gegenteil, es macht mir Vergnügen. Dandin.  Ja, ja; aber welche Rolle soll dabei der Ehemann spielen? Angelique.  Die Rolle eines vernünftigen Menschen, den es freut, seine Frau gefeiert zu sehen. Dandin.  Gehorsamer Diener! Daraus mach' ich mir einen Pappenstiel; an diesen Brauch ist das Geschlecht der Dandins nicht gewöhnt. Angelique.  Dann wird das Geschlecht der Dandins sich von jetzt an daran gewöhnen müssen. Denn ich meinesteils erkläre dir, daß ich ganz und gar nicht willens bin, der Welt zu entsagen und mich in der Ehe lebendig begraben zu lassen. Was? Weil es einem Mann einfällt, uns zu heiraten, darum soll alles für uns zu Ende sein, und wir sollen jeden Umgang mit anderen lebendigen Wesen abbrechen? Eine recht merkwürdige Sache, diese Tyrannei der Herren Ehemänner! Mir scheint es denn doch etwas zu viel verlangt, daß wir uns für alle Zerstreuungen abtöten sollen, um nur noch für sie auf der Welt zu sein! Ich denke nicht daran; ich will nicht so jung sterben. Dandin.  So also hältst du den Treuschwur, den du am Altar mir geleistet hast? Angelique.  Nicht freiwillig hab' ich das getan; ich bin von dir dazu gezwungen worden. Hast du mich vor der Trauung auch nur gefragt, ob ich einverstanden bin oder ob ich dich gern habe? Du hast das alles nur mit meinen Eltern abgemacht; eigentlich hast du nur sie geheiratet und nicht mich. Darum mußt du dich auch ausschließlich an sie halten, falls dir irgend ein Unrecht widerfährt. Ich habe dich nicht geheißen, mich zur Frau zu nehmen; du hast mich geheiratet, ohne dich um meine Gefühle zu kümmern; also halte ich mich auch nicht für verpflichtet, mich wie eine Sklavin deinem Willen zu unterwerfen. Nein, ich will mit deiner Erlaubnis die schönen Tage meiner Jugend genießen, will die holde Freiheit ausnutzen, auf die man in meinen Jahren Anspruch hat, will in der Gesellschaft verkehren und mich daran erfreuen, daß man mir Artigkeiten sagt. Das wirst du auf dich nehmen müssen als deine Buße, und danke deinem Schöpfer, daß ich nicht zu Schlimmerem fähig bin. Dandin.  Aha! So also steht es mit deiner Gesinnung? Ich bin dein Mann, und ich sage dir, das paßt mir nicht. Angelique.  Und ich bin deine Frau, und ich sage dir, mir paßt es. Dandin (für sich) . Mich juckt die Hand, ihr das ganze Gesicht so zu verarbeiten, daß sie in ihrem Leben keinem Süßholzraspler mehr gefallen kann. Ach! – Ruhig Blut, George Dandin! Ich könnte mich nicht länger im Zaum halten; drum ist's besser, ich mache mich davon. Fünfter Auftritt Angelique.   Claudine Claudine.  Gnädige Frau, ich konnt' es kaum erwarten, daß er fortginge; denn hier hab' ich ein Briefchen, Sie wissen schon, von wem. Angelique.  Zeig her! (Sie liest) Claudine (für sich) . Soviel ich bemerke, mißfällt ihr, was darin steht, nicht allzusehr. Angelique.  Ach, Claudine, wie bezaubernd er sich auszudrücken weiß! In jedem Wort, in jeder Gebärde haben doch diese Herren vom Hofe ein unwiderstehliches Etwas! Welch ein Abstand zwischen ihnen und unseren Provinzialen! Claudine.  Ich glaub's wohl, daß Ihnen danach die Dandins nicht mehr recht gefallen wollen. Angelique.  Bleib hier; ich will ihm gleich die Antwort schreiben. (Ab) Claudine (allein) . Mich dünkt, ich habe nicht nötig, ihr anzuempfehlen, daß sie freundlich ausfällt. Aber da kommt ja ... Sechster Auftritt Claudine.   Clitander.   Lubin Claudine.  Wahrhaftig, gnädiger Herr, Sie haben sich da einen tüchtigen Boten ausgesucht. Clitander.  Ich wagte nicht, einen von meinen Leuten zu schicken; aber, meine liebe Claudine, ich muß dich nun entschieden für die guten Dienste belohnen, die du mir erwiesen hast. (Er sucht in seiner Tasche) Claudine.  Ach, gnädiger Herr, ist ja gar nicht nötig. Nein, wirklich, gnädiger Herr, machen Sie sich doch deshalb keine Mühe; ich tu' das alles nur, weil Sie's verdienen, und weil ich etwas für Sie übrig habe. Clitander (gibt ihr Geld) . Ich bin dir sehr dankbar. Lubin (zu Claudine) . Weil wir uns ja doch heiraten, so gib's mir; ich leg's dann zu dem meinigen. Claudine.  Ich schreib' es dir gut, ebenso wie den Kuß. Clitander (zu Claudine) . Nun sag, hast du meinen Brief deiner schönen Herrin eingehändigt? Claudine.  Ja. Sie schreibt eben schon die Antwort. Clitander.  Aber, Claudine, gibt es denn gar keine Möglichkeit, daß ich mit ihr sprechen kann? Claudine.  Warum nicht? Kommen Sie nur mit mir; ich werde das schon machen. Clitander.  Aber wird sie damit einverstanden sein? Und ist keine Gefahr dabei? Claudine.  Nein, nein. Ihr Mann ist nicht zu Haus, und überdies braucht sie sich vor dem am wenigsten in acht zu nehmen. Wenn nur ihre Eltern nichts davon merken – alles übrige ist unbedenklich. Clitander.  Ich verlasse mich ganz auf dich. (Beide ab) Lubin (allein) . Schwerebrett! Was krieg' ich da für eine kluge Frau! Die hat mehr Grütze im Kopf als vier andere zusammengenommen. Siebenter Auftritt Lubin.   Dandin Dandin (leise, für sich) . Ist das nicht der Mensch von vorhin? Nun gebe Gott, daß er sich dazu bestimmen läßt, den Eltern zu bezeugen, was sie mir nicht glauben wollen. Lubin.  Ei, sind Sie's, Herr Plappermund? Hab' ich Ihnen nicht auf die Seele gebunden, nichts zu verraten? Und haben Sie mir's nicht fest versprochen? Sie sind also eine Klatschbase und sagen alles weiter, was man Ihnen im strengsten Vertrauen mitteilt, Dandin.  Ich? Lubin.  Ja, Sie! Sie haben dem Mann die ganze Geschichte gesteckt, und Sie sind schuld, daß er den Heidenlärm verführt hat. Noch ein Glück, daß ich nun weiß, was für ein Waschweib Sie sind. Ich werde mich hüten, Ihnen noch mal was anzuvertrauen. Dandin.  Höre, guter Freund ... Lubin.  Hätten Sie nicht geschwatzt, dann würd' ich Ihnen erzählen, was jetzt eben wieder vorgeht; aber zur Strafe sollen Sie kein Sterbenswort davon erfahren. Dandin.  Wie? Was geht denn vor? Lubin.  Nichts; gar nichts. Das haben Sie nun von Ihrer Redseligkeit; Sie werden nichts davon zu schmecken kriegen, wenn Ihnen auch noch so sehr das Wasser im Munde zusammenläuft. Dandin.  Halt! Einen Augenblick! Lubin.  Nein. Dandin.  Nur auf ein einziges Wort. Lubin.  Papperlapapp! Sie möchten mir gern die Würmer aus der Nase ziehen! Dandin.  Nein, das nicht. Lubin.  Haha, wer ein Dummkopf wäre! Ich merke, wo Sie hinaus wollen. Dandin.  Etwas ganz anderes. Höre doch nur! Lubin.  Hilft alles nichts. Sie wollen, ich soll Ihnen sagen, daß der Herr Vicomte der Claudine Geld in die Hand gedrückt, und daß sie ihn zu ihrer Gnädigen geführt hat. Aber so ein Ochse bin ich nicht. Dandin.  Ich bitte dich ... Lubin.  Nein. Dandin.  Ich verspreche dir ... Lubin.  Larifari. Achter Auftritt Dandin (allein) Dandin.  Ich habe bei diesem Einfaltspinsel nicht so viel erreicht, wie ich gehofft hatte. Aber die Neuigkeit, die ihm eben entschlüpft ist, wäre an sich schon genügend; und wenn der Liebhaber wirklich in meinem Hause steckt, so muß mich das in den Augen der Eltern rechtfertigen und sie von der Unverschämtheit ihrer Tochter vollkommen überzeugen. Das Schlimme dabei ist nur, daß ich nicht weiß, wie ich den Fingerzeig richtig verwerten kann. Geh' ich ins Haus, dann läuft der Bube mir davon, und wär' ich auch selbst der Augenzeuge meiner Schande gewesen, man wird mir meinen Schwur nicht glauben und mir sagen, ich hätte geträumt. Ruf' ich dagegen Schwiegervater und Schwiegermutter herbei, ohne mich vergewissert zu haben, daß der Hahn im Korbe sitzt, dann ist's dieselbe Geschichte, und ich komme abermals in die Patsche wie vorhin. Könnt' ich's denn nicht in aller Stille herausbringen, ob er noch da ist? (Er sieht durchs Schlüsselloch) Himmlischer Vater! Es ist kein Zweifel mehr, ich hab' ihn durchs Schlüsselloch gesehen. Das Schicksal selbst liefert mir den Beweis in die Hand, und um sein Werk zu vervollständigen, führt es im gegebenen Augenblick die Richter herbei, die ich brauche. Neunter Auftritt Dandin . Herr und Frau von Sotenville Dandin.  Nun also! Sie haben mir vorhin nicht glauben wollen, und ich habe gegen Ihre Tochter den kürzeren gezogen; aber jetzt kann ich Ihnen deutlich zeigen, wie sie mit mir umspringt. Meine Schande ist jetzt, Gott sei Dank, so sonnenklar, daß Ihnen jeder Zweifel daran vergehen wird. Herr von Sotenville.  Wie, Herr Schwiegersohn, Sie kommen noch einmal auf diese Geschichte zurück? Dandin.  Ja, ich komme zurück; und ich habe den triftigsten Grund, zurückzukommen. Frau von Sotenville.  Sie wollen uns wieder den Kopf heiß machen? Dandin.  Ja, Frau Baronin; denn meinem Kopf wird noch viel ärger eingeheizt. Herr von Sotenville.  Werden Sie's denn nicht bald müde, uns beschwerlich zu fallen? Dandin.  Nein; aber ich werd' es müde, zum Narren gehalten zu werden. Frau von Sotenville.  Können Sie sich denn um keinen Preis von Ihren Hirngespinsten befreien? Dandin.  Nein; aber ich möchte von einer Frau befreit sein, die mir meine Ehre stiehlt. Frau von Sotenville.  Großer Gott im Himmel! Herr Schwiegersohn, achten Sie auf Ihre Worte! Herr von Sotenville.  Corbleu, vermeiden Sie zum mindesten solche verletzenden Ausdrücke. Dandin.  Einem geprügelten Hund kann man nicht verbieten zu heulen. Frau von Sotenville.  Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Fräulein geheiratet haben. Dandin.  Das vergess ich keinen Augenblick und werd's all mein Lebtag nicht vergessen. Herr von Sotenville.  Nun, dann seien Sie auch darauf bedacht, mit etwas mehr Respekt von ihr zu sprechen. Dandin.  Warum ist denn sie nicht darauf bedacht, mich mit etwas mehr Anstand zu behandeln? Was! Weil sie ein Fräulein ist, darum soll es ihr frei stehen, mit mir zu verfahren, wie es ihr beliebt, und ich darf nicht einmal mucksen? Herr von Sotenville.  Was liegt denn vor, und was können Sie behaupten? Haben Sie nicht erst heute morgen gehört, daß sie jede Beziehung zu dem betreffenden Herrn ausdrücklich in Abrede stellt? Dandin.  Ja. Aber Sie, was werden Sie dazu sagen, wenn ich Sie mit eigenen Augen sehen lasse, daß der Liebhaber bei ihr ist? Frau von Sotenville.  Bei ihr? Dandin.  Ja, bei ihr, und in meinem Hause. Herr von Sotenville.  In Ihrem Hause? Dandin.  Ja, in meinem eigenen Hause, Frau von Sotenville.  Wenn es sich so verhält, dann erklären wir uns mit Ihnen gegen sie. Herr von Sotenville.  Ja. Die Ehre unserer Familie geht uns über alles, und wenn Sie die Wahrheit sagen, verleugnen wir in ihr unser Fleisch und Blut und geben sie Ihrem Zorne preis. Dandin.  Sie brauchen nur mitzukommen. Frau von Sotenville.  Hüten Sie sich vor einem Irrtum, Herr von Sotenville.  Machen Sie's nicht wieder wie heute früh. Dandin.  Lieber Gott, Sie werden es ja sehen, (Er zeigt auf Clitander, der mit Angelique aus dem Hause tritt) Nun also, hab' ich gelogen? (Alle drei ziehen sich in den Hintergrund zurück) Zehnter Auftritt Vorige. Angelique.   Clitander.   Claudine Angelique (zu Clitander) . Auf Wiedersehn! Ich habe Angst, daß man uns hier überrascht; ich muß mich in acht nehmen. Clitander.  So versprechen Sie mir wenigstens, daß ich Sie heute nacht sprechen darf. Angelique.  Ich werde mein Möglichstes tun, Dandin zu Herrn und Frau von Sotenville . Schleichen wir uns ganz leise von hinten heran, damit man uns nicht bemerkt. Claudine (zu Angelique) . Ach, gnädige Frau, wir sind verloren. Da stehn Ihre Eltern mit Ihrem Mann! Clitander.  Himmel! Angelique (leise) . Tut nicht dergleichen und laßt mich nur machen. (Laut zu Clitander) Wie? Nach dem, was heute vorgefallen ist, haben Sie die Dreistigkeit, mir das zu bieten? Das nennen Sie Ihre Gefühle verbergen? Man erzählt mir, Sie wären in mich verliebt und hätten im Sinn, es mir zu erklären; ich bezeuge Ihnen meine Entrüstung darüber und lasse Sie unzweideutig vor aller Welt abfallen; Sie leugnen auf das bestimmteste, geben mir Ihr Wort, daß Sie nicht entfernt daran gedacht haben, mich zu beleidigen, und trotz alledem entblöden Sie sich nicht, noch am selben Tage mich in meinem Hause aufzusuchen, mir Ihre Liebe zu gestehen und mich mit einem Schock alberner Redensarten zu überhäufen, die mich verleiten sollen, auf Ihren Wahnwitz einzugehen? Halten Sie mich für eine Frau, die fähig wäre, ihrem Mann das Gelöbnis der Treue zu brechen? Glauben Sie, daß ich je vom Pfade der Tugend abweichen könnte, den meine Eltern mir gewiesen haben? Wenn mein Vater eine Ahnung davon hätte, er würde Ihnen Ihre Unternehmungslust ein für allemal vertreiben! Aber eine anständige Frau scheut den Skandal; nur deshalb sehe ich davon ab, es ihm zu sagen. (Sie winkt Claudine, ihr einen Stock zu bringen) Ihnen aber will ich zeigen, daß, wenn ich auch nur ein schwaches Weib bin, mir der Mut nicht mangelt, um mich selbst für die Beleidigungen zu rächen, die man mir zufügt. Da Sie sich nicht wie ein Edelmann betragen haben, so will ich Sie auch nicht wie einen Edelmann behandeln. (Sie nimmt den Stock und erhebt Ihn gegen Clitander; dieser weicht aus, und die Schläge treffen Dandin) Clitander (schreit, als wäre er getroffen worden) . Au! Au! Au! Gnade, Gnade! (Ab) Elfter Auftritt Vorige (ohne) Clitander Claudine.  Drauf los, gnädige Frau! Gerben Sie ihm ordentlich das Fell! Angelique (als ob sie glaubte, noch mit Clitander zu sprechen) . Sollten Sie noch was auf dem Herzen haben, ich werd' Ihnen die Antwort nicht schuldig bleiben. Claudine (ebenso) . Ja, nun merken Sie's wohl, mit wem Sie zu tun haben. Angelique (die Erstaunte spielend) . Ah, mein Vater! Sie sind hier? Herr von Sotenville.  Ja, meine Tochter, und ich sehe, daß du in bezug auf Mut und Sittsamkeit dich als würdigen Sprößling des Hauses Sotenville bewährst. Komm her zu mir, damit ich dich umarme. Frau von Sotenville.  Umarme auch mich, mein Kind. Ach, ich muß weinen vor Freude: denn ich erkenne mein Blut in allem, was ich eben von dir gesehen habe. Herr von Sotenville.  Wie selig muß Ihnen zumute sein, lieber Schwiegersohn! Welche himmlische Erleichterung müssen Sie angesichts dieser Wendung empfinden! Sie hatten gerechten Grund, sich zu beunruhigen: aber Ihr Verdacht löst sich so angenehm wie möglich in Wohlgefallen auf. Frau von Sotenville.  Ja wahrhaftig, Herr Schwiegersohn, Sie dürfen sich jetzt den glücklichsten aller Menschen nennen. Claudine.  Ganz unbedingt. So eine Frau gibt's nicht wieder. Die sind Sie gar nicht wert: den Staub müßten Sie küssen, den ihre Füße berührt haben. Dandin (für sich) . Kanaille! Herr von Sotenville.  Was soll das heißen, Herr Schwiegersohn? Sie danken Ihrer Frau nicht einmal für all die Liebe und Treue, die sie Ihnen so augenfällig bewiesen hat? Angelique.  Nein, nein, lieber Vater, dessen bedarf es nicht. Er schuldet mir keinerlei Erkenntlichkeit für das, was er eben hier gesehen hat. Das alles tu' ich lediglich mir selbst zuliebe. Herr von Sotenville.  Wohin, mein Kind? Angelique.  Ich geh' ins Haus, damit ich mir nicht Verbindlichkeiten von ihm sagen lassen muß. (Ab) Claudine (zu Dandin) . Sie hat ganz Recht, wenn sie empört ist. So eine Frau verdient, daß man vor ihr auf den Knieen liegt, und Sie behandeln sie nicht, wie sich's gebührt. Ab Dandin (für sich) . Luder! Zwölfter Auftritt Herr und Frau von Sotenville.   Dandin Herr von Sotenville.  Das ist eine kleine Empfindlichkeit, die von heute früh zurückgeblieben ist, aber bald vergehen wird, wenn Sie ihr ein paar zärtliche Worte geben. Auf Wiedersehen, lieber Schwiegersohn; nun dürfen Sie ja vollkommen beruhigt sein. Eilen Sie zu ihr, um Frieden zu schließen, und bemühen Sie sich, sie zu besänftigen, indem Sie wegen Ihrer Heftigkeit um Entschuldigung bitten. Frau von Sotenville.  Sie müssen bedenken, daß Sie eine musterhaft erzogene Frau vor sich haben, die es nicht gewöhnt ist, irgend einer Niedrigkeit verdächtigt zu werden. Auf Wiedersehen! Ich bin herzlich froh, daß Ihre Verstimmung zu Ende ist, und gönne Ihnen den innerlichen Jubel, den ihr Betragen in Ihnen wachrufen muß. Dreizehnter Auftritt Dandin (allein) Dandin.  Ich sage kein Wort mehr; denn das Reden hilft mir doch nichts. Hat es wohl jemals einen solchen Pechvogel gegeben wie mich? Ja, mein Unglück ist ebenso erstaunlich wie die abgefeimte Verschmitztheit, mit der meine Frau, dieses Rabenaas, allemal Recht behält und mich ins Unrecht setzt. Soll ich denn immerzu von ihr abgetrumpft werden? Soll der Schein immerzu gegen mich zeugen? Wird es mir nie gelingen, das unverschämte Weibsbild zu überführen? Lieber Gott im Himmel, steh mir bei und gewähre mir die Gnade, daß ich meine Schande vor aller Augen beweisen kann! Dritter Akt Erster Auftritt Clitander.   Lubin Clitander.  Es geht auf Mitternacht, und ich fürchte, wir kommen zu spät. – Ich kann nicht die Hand vor den Augen sehen. Lubin! Lubin.  Gnädiger Herr? Clitander.  Sind wir zur Stelle? Lubin.  Ich denke, ja. Sackerlott, ist das dumm von dieser Nacht, so rabenschwarz zu sein! Clitander.  Gewiß, das ist nicht schön von ihr; aber wenn sie uns einerseits verhindert, zu sehen, so verhindert sie anderseits auch, daß wir gesehen werden. Lubin.  Das stimmt; so ganz Unrecht hat sie also nicht. Ich möchte wohl wissen, da Sie doch so ein gescheiter Herr sind: Warum ist es bei Nacht nicht Tag? Clitander.  Das ist eine höchst verwickelte Frage. Ich hätte dich nicht für so wißbegierig gehalten, Lubin. Lubin.  Ja, hätt' ich nur studiert, ich wär' Ihnen auf Dinge gekommen, auf die noch kein Mensch gekommen ist. Clitander.  Das will ich glauben. Man sieht es dir an, du hast einen feinen und durchdringenden Verstand. Lubin.  Ja, wirklich. Zum Beispiel, ich verstehe Latein, ohne daß ich's je gelernt habe. Als ich neulich über einem großen Tor angeschrieben las: Universitas, da dachte ich mir gleich, das ist die Universität. Clitander.  Es ist fabelhaft! Du kannst also lesen, Lubin? Lubin.  Ja, gedruckte Buchstaben kann ich lesen; aber mit den geschriebenen, da hapert's noch immer. Clitander.  Da sind wir am Hause. (Er klatscht die Hände) Dies ist das Zeichen, das Claudine mit mir ausgemacht hat. Lubin.  Meiner Treu, das Mädel ist Goldes wert, und ich bin bis über die Ohren in sie verliebt. Clitander.  Deswegen hab' ich dich auch mitgenommen, damit du dich mit ihr unterhalten kannst. Lubin.  Gnädiger Herr, ich bin Ihnen ... Clitander.  Still! Ich höre Geräusch. Zweiter Auftritt Vorige. Angelique.   Claudine Angelique.  Claudine! Claudine.  Ja! Angelique.  Laß die Tür halb offen. Claudine.  Schon gemacht. (Es beginnt ein wechselseitiges Suchen in der Dunkelheit) Clitander (zu Lubin) . Sie sind es. – Pst! Angelique.  Pst! Lubin.  Pst! Claudine.  Pst! Clitander (zu Claudine, die er für Angelique hält) . Gnädige Frau! Angelique (zu Lubin, den sie für Clitander hält) . Wie? Lubin (zu Angelique, die er für Claudine hält) . Claudine! Claudine (zu Clitander, den sie für Lubin hält) . Was gibt's? Clitander (wie oben) . Ach, schönste Frau, wie bin ich froh ... Lubin (wie oben) . Ach, mein allerliebstes Claudinchen ... Claudine (zu Clitander) . Nur langsam, gnädiger Herr! Angelique (zu Lubin) . Sachte, Lubin; sachte! Clitander.  Bist du's, Claudine? Claudine.  Ja. Lubin.  Sind Sie's, gnädige Frau? Angelique.  Ja. Claudine (zu Clitander) . Ihr habt uns verwechselt. Lubin (zu Angelique) . Meiner Treu, bei Nacht sind alle Kühe schwarz. Angelique.  Sind Sie's jetzt, Clitander? Clitander.  Ja, ich bin's. Angelique.  Mein Mann schnarcht, wie man's nur verlangen kann; benutzen wir die Zeit, um hier ein wenig zu plaudern. Clitander.  Suchen wir ein Plätzchen, wo wir uns setzen können. Claudine.  Ein vortrefflicher Gedanke. (Angelique, Clitander und Claudine setzen sich im Hintergrund) Lubin (suchend) . Claudine, wo steckst du denn? Dritter Auftritt Vorige. Dandin (nur halb angekleidet) Dandin (für sich) . Ich habe meine Frau die Treppe hinuntersteigen hören und mich geschwind angezogen, um ihr nachzugehen. Wo mag sie hin sein? Ist sie mir am Ende durchgebrannt? Lubin (zu Dandin, den er für Claudine hält) . Wo bist du denn nur, Claudine? – Aha, dort! Meiner Treu, dein Herr ist schön angeführt, und ich finde das nicht weniger spaßhaft als die Sache von vorhin mit den Stockschlägen, von der mein Herr mir erzählt hat. Deine Gnädige sagt, daß er jetzt schnarcht wie ein Menschenfresser; er läßt sich nicht träumen, daß mittlerweile der Herr Vicomte mit ihr ein Stelldichein hat. Was er wohl jetzt für einen Traum hat? Ich gäb' was drum, wenn ich das wüßte! Es ist ja zum Wälzen. Warum muß er sich's auch in den Kopf setzen, auf seine Frau eifersüchtig zu sein und sie für sich allein haben zu wollen? So eine Unverschämtheit! Der Herr Vicomte tut ihm noch zu viel Ehre an. – Bist du stumm geworden, Claudinchen? Komm; wir wollen uns zu ihnen setzen, und gib mir dein Patschhändchen, daß ich's küssen kann. Ach, wie schmeckt das süß! Das reine Zuckerwerk! (Dandin stößt ihn derb zurück) Wetter noch mal! Was fällt dir denn ein? Das Patschhändchen ist verflucht kräftig! Dandin.  Wer da? Lubin.  Niemand. (Er eilt nach dem Hintergrund) Dandin.  Er ist mir entwischt; aber ich weiß nun wenigstens, welch neue Niederträchtigkeit das Satansweib verübt hat. Jetzt nur kein Zögern! Auf der Stelle lass ich ihre Eltern herbeirufen. Dieser Streich soll mir dazu verhelfen, daß ich von ihr getrennt werde! He, holla! Colin! Colin! Vierter Auftritt Vorige. Colin Colin (am Fenster) . Gnädiger Herr! Dandin.  Geschwind, komm herunter! Colin (springt zum Fenster heraus) . Da bin ich. Geschwinder geht's nicht. Dandin.  Bist du da? Colin. Ja, gnädiger Herr. (Während Dandin ihn auf der Seite sucht, von der aus er seine Stimme gehört hat, geht Colin auf die andere Seite und schläft dort ein) Dandin.  Vorsicht! Sprich leise! – Hör zu! Geh sofort zu meinen Schwiegereltern und sag ihnen, ich ließe sie inständigst ersuchen, so schnell wie möglich hierherzukommen. Hast du verstanden? – He! Colin! Colin! Colin (von der anderen Seite, aufwachend) . Gnädiger Herr! Dandin.  Wo zum Teufel steckst du? Colin. Hier. Dandin.  Verdammter Lümmel, warum läufst du mir denn weg? (Während er zu ihm hinübergeht, lehrt Colin schlaftrunken wieder auf die entgegengesetzte Seite zurück und schläft abermals ein) Ich sage dir, du sollst augenblicklich zu meinen Schwiegereltern gehen und ihnen bestellen, daß ich sie beschwören lasse, gleich herzukommen. Hast du's gehört? Gib Antwort! Colin! Colin! Colin (von der anderen Seite, aufwachend) . Gnädiger Herr! Dandin.  Du Schuft, willst du mich rasend machen? Her zu mir! (Sie stoßen zusammen und fallen beide hin) O, dieser Halunke! Die Knochen im Leibe bricht er mir entzwei. Wo bist du? Komm her, damit ich dich braun und blau schlagen kann! Ich glaube gar, der Strolch weicht mir aus. Colin. Selbstverständlich. Dandin.  Wirst du gleich herkommen? Colin. Nicht um die Welt. Dandin.  Komm, sag' ich dir. Colin. Ich mag nicht. Sie wollen mich prügeln. Dandin.  Nun gut, ich tu' dir nichts. Colin. Bestimmt? Dandin.  Ja. – Also komm! (Er hält ihn beim Arm) Du kannst von Glück sagen, daß ich dich nötig habe. Lauf zu meinen Schwiegereltern, bitte sie in meinem Namen, mit der größtmöglichen Eile hierherzukommen; sag ihnen, es handle sich um eine Sache von der äußersten Wichtigkeit; und sollten sie sich weigern, weil es schon so spät ist, dann laß nicht locker und gib ihnen eindringlich zu verstehen, ihre Anwesenheit sei hier unerläßlich, und sie möchten kommen, wie sie sind. Hast du mich jetzt verstanden? Colin. Jawohl. Dandin.  Dann spute dich und komm gleich wieder. (Sich allein glaubend) Ich will inzwischen wieder hineingehen, bis ... Aber da hör' ich jemand. Sollte das meine Frau sein? Ich muß horchen und mir die Dunkelheit zunutze machen. (Er verbirgt sich neben bei Haustür) Fünfter Auftritt Vorige (ohne) Colin Angelique (zu Clitander) . Gute Nacht! Es ist Zeit, daß wir auseinandergehen. Clitander.  Wie? Schon so bald? Angelique.  Haben wir uns nicht lange genug unterhalten? Clitander.  Ach, nicht lange genug für mich! Denn wie könnt' ich in so kurzer Zeit all die Worte finden, die mir jetzt zu Gebote stehen müßten? Ganze Tage würd' ich brauchen, um Ihnen all das auszudrücken, was ich für Sie empfinde, und ich hab' Ihnen noch nicht den kleinsten Teil von dem gesagt, was ich auf dem Herzen habe. Angelique.  Ein andermal mehr davon. Clitander.  Sie geben mir den Todesstreich, wenn Sie von Auseinandergehen reden; Sie foltern mich, wenn Sie mich jetzt verlassen. Angelique.  Wir werden Mittel finden, uns wiederzusehen. Clitander.  Ja. Aber der Gedanke, daß Sie von mir zu Ihrem Gatten zurückkehren – dieser Gedanke erwürgt mich. Die Vorrechte des Ehemanns sind für einen wahrhaft Liebenden eine grausame Marter. Angelique.  Haben Sie wirklich die Schwachheit, sich darüber zu beunruhigen? Und glauben Sie, daß man gewisse Männer zu lieben überhaupt imstande ist? Man heiratet sie, weil man's nicht ändern kann; weil man von Eltern abhängig ist, die nur auf das Geld sehen. Aber man weiß sie richtig einzuschätzen und denkt nicht daran, sie für mehr zu halten, als sie wert sind. Dandin (für sich) . Ein Ludervolk, diese Weiber! Clitander.  Allerdings, man hat Ihnen einen Gatten gegeben, der einer solchen Ehre nicht würdig war, und es ist ein betrübendes Schauspiel, eine Frau wie Sie gefesselt zu sehen an einen Menschen wie er! Dandin (beiseite) . Arme Ehemänner! So werdet ihr behandelt. Clitander.  Sie hätten wahrlich ein anderes Los verdient. Der Himmel hat Sie nicht dazu geschaffen, die Frau eines Bauern zu werden. Dandin.  Wollte doch der Himmel, sie gehörte dir! Dann würdest du bald anders sprechen. – Ich geh' hinein; ich habe genug. (Er geht ins Haus und schließt von innen zu) Sechster Auftritt Vorige (ohne) Dandin Claudine.  Gnädige Frau, wenn Sie noch mehr Schlechtes über Ihren Mann sagen wollen, dann beeilen Sie sich; denn es ist spät. Clitander.  Ach, Claudine, wie grausam bist du! Angelique (zu Clitander) . Sie hat Recht. Wir müssen Abschied nehmen. Clitander.  So muß ich mich denn darein ergeben, da Sie es wollen. Aber haben Sie wenigstens etwas Mitleid, in dem Gedanken an die trostlosen Stunden, die ich nun zubringen werde. Angelique.  Leben Sie wohl. Lubin.  Wo bist du, Claudine? Ich will dir gute Nacht sagen. Claudine.  Geh nur; geh! Ich nehme sie aus der Entfernung entgegen und erwidere sie ebenso. Siebenter Auftritt Angelique.   Claudine Angelique.  Gehen wir ganz leise hinein. Claudine.  Die Tür ist verschlossen. Angelique.  Ich habe den Hausschlüssel. Claudine.  Dann öffnen Sie möglichst geräuschlos. Angelique.  Da ist von innen zugeriegelt! Was fangen wir jetzt an? Claudine.  Rufen Sie den Burschen, der oben schläft. Angelique.  Colin! Colin! Colin! – Achter Auftritt Vorige. Dandin Dandin (am Fenster) . Ja, Colin, Colin! – Ei, meine hochwohlgeborene Frau Gemahlin, hab' ich Sie nun erwischt? Während ich schlafe, machst du Vergnügungsausflüge? Das kommt mir ja sehr gelegen; das paßt mir ausgezeichnet, dich um diese Stunde draußen zu sehen. Angelique.  Nun, was ist denn weiter Schlimmes dabei, wenn ich ein bißchen frische Luft schöpfe? Dandin.  Natürlich, natürlich! Das ist grade die richtige Zeit, um frische Luft zu schöpfen. Sie suchten nicht Abkühlung, sondern Erwärmung, allergnädigste Frau Spitzbübin, und wir wissen die ganze Geschichte von dem Stelldichein und dem noblen Verehrer. Wir haben das ganze verliebte Gespräch mit angehört und die hübschen Loblieder, die ihr alle beide auf mich gesungen habt. Aber mein Trost ist, daß ich mich jetzt rächen kann, und daß deine Eltern sich endlich von der Berechtigung meiner Beschwerden und von der Nichtswürdigkeit deines Betragens überzeugen werden. Ich habe sie rufen lassen, und sie können jeden Augenblick hier sein. Angelique (für sich) . Himmel! Claudine.  Ach Herrje, gnädige Frau! Dandin.  Darauf warst du wohl nicht vorbereitet, mein Herzchen? Nun ist die Reihe zu triumphieren an mir; nun bin ich imstand, deinen Hochmut zu beugen und dein Lügengewebe zu zerreißen. Bis jetzt hast du meine Anschuldigungen verhöhnt, deinen Eltern Sand in die Augen gestreut und deine Schlechtigkeiten überkleistert. Ich konnte sehen und sagen, soviel ich wollte – deine feinen Kniffe haben jedesmal den Sieg davongetragen über mein gutes Recht: jedesmal hast du's zuwege gebracht, daß der Schein für dich sprach. Aber diesmal, Gott sei Dank, wird die Wahrheit sich enthüllen, und deine Unverschämtheit wird gehörig an den Pranger gestellt werden. Angelique.  Ach, bitte, mach mir die Tür auf! Dandin.  Nicht doch, mein Schatz. Wir wollen erst die Ankunft der Zeugen abwarten, die ich geladen habe; mir liegt daran, daß sie dich zu dieser schönen Stunde außer dem Hause finden. Du kannst dir ja mittlerweile Mühe geben, in deinem Kopf irgend eine neue List auszubrüten, die dich aus der Schlinge zieht; irgend ein Mittelchen, um deinen Seitensprung zu bemänteln; irgend einen Kniff, um den Leuten weiszumachen, daß du ein unschuldiges Lämmchen bist; einen glaubhaften Vorwand für deinen nächtlichen Spaziergang; z.B. eine Freundin, der du bei ihrer Niederkunft beistehen wolltest. Angelique.  Nein, ich will dir nichts verbergen. Ich will weder mich verteidigen noch leugnen, da du ja doch alles weißt. Dandin.  Ja, du siehst nun wohl, daß dir kein Ausweg bleibt, und daß du in diesem Fall keine Entschuldigung ersinnen kannst, die ich nicht mit Leichtigkeit Lügen strafen könnte. Angelique.  Ja, ich gestehe; ich tat unrecht, und du hast Grund, dich zu beklagen. Aber ich bitte dich inständig, gib mich jetzt nicht dem Zorn meiner Eltern preis und laß mich hinein. Dandin.  Ergebenster Diener! Angelique.  Ach, mein lieber, guter Mann, ich beschwöre dich ... Dandin.  »Ach, mein lieber, guter Mann!« Jetzt bin ich dein lieber, guter Mann, weil du dich gefangen siehst. Das tut mir äußerst wohl; denn solche Schmeichelnamen hätt' ich sonst mein Lebtag nicht von dir zu hören gekriegt. Angelique.  Schau, ich verspreche, dir niemals wieder einen Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben und mich ... Dandin.  Hilft alles nichts. Diese Gelegenheit werd' ich mir nicht entschlüpfen lassen. Einmal soll und muß deine Niedertracht ans Licht gebracht werden. Angelique.  Ich bitte dich, hör mich an. Nur einen Augenblick. Dandin.  Nun, was denn? Angelique.  Es ist wahr, ich habe gefehlt, und ich wiederhole dir, dein Groll ist gerecht. Ich habe die Zeit, während du schliefst, benutzt, um mich fortzuschleichen zu einem Stelldichein, mit dem, den du nanntest. Aber das sind doch schließlich Dinge, die du meinem Alter zugut halten mußt; Vergehungen einer jungen Frau, die das Leben noch nicht kennt, noch kaum in die Welt hineingeblickt hat; Freiheiten, die man sich erlaubt, ohne an was Böses zu denken, und die im Grunde genommen sicherlich nichts ... Dandin.  Ja, das sagst du. Aber wer's glaubt, wird selig. Angelique.  Ich will meine Schuld deshalb nicht in Abrede stellen; ich will dich nur bewegen, eine Kränkung zu vergessen, wegen deren ich dich von ganzem Herzen um Verzeihung bitte, und mir den Verdruß zu ersparen, den mir die lästigen Vorwürfe meiner Eltern bereiten müßten. Wenn du mir großmütig diese Gunst gewährst, so wird deine Milde, so wird die Güte, die du mir damit beweisest, mich ganz und gar für dich gewinnen; sie wird mein Herz aufs tiefste rühren und darin ein Gefühl für dich erwecken, das alle Gewalt meiner Eltern und die Bande der Ehe ihm nicht einpflanzen konnten. Kurzum, sie wird bewirken, daß ich allen Liebeleien entsagen werde, und daß es keinen andern Mann mehr für mich geben wird als dich. Ja, auf mein Wort, du sollst fortan die beste Frau der Welt an mir besitzen, und ich werde dich so lieb haben – so lieb, daß du mit mir zufrieden sein wirst. Dandin.  Krokodil, das den Leuten schmeichelt, um sie dann aufzufressen. Angelique.  Laß dich erweichen! Dandin.  Nichts zu wollen. Ich bin unerbittlich. Angelique.  Zeige mir dein edles Herz! Dandin.  Nein. Angelique.  Sei barmherzig! Dandin.  Nichts da. Angelique.  Ich flehe dich an! Dandin.  Nein, nein und wieder nein. Entlarvt sollst du werden:; zerknirscht sollst du vor ihnen stehen. Angelique.  Gut denn! Wenn du mich zum Äußersten treibst, so wisse, daß eine verzweifelte Frau zu allem fähig ist, und daß ich etwas tun werde, das du bereuen wirst. Dandin.  Ei, was wirst du denn tun – wenn man fragen darf? Angelique.  Ich werde zum letzten Mittel greifen. Mit diesem Messer werd' ich mich töten – hier auf dem Fleck. Dandin.  Haha, um so besser. Angelique.  Nein, um so schlimmer – und zwar für dich. Man weiß überall, daß wir in Unfrieden leben, und daß du fortwährend gegen mich in Wut bist. Wenn man mich tot findet, dann wird kein Mensch zweifeln, daß du mich umgebracht hast, und meine Eltern sind nicht die Leute, die meinen Tod ungestraft lassen werden! Sie werden dir keine Buße ersparen, die durch die Schärfe des Gesetzes und die Leidenschaft ihres Schmerzes zu erlangen ist. So werde ich das Mittel finden, dir deine Grausamkeit zu vergelten; ich bin die erste nicht, die ein solches Rachewerk durchführt, und die sogar den Tod nicht scheut, um den zu vernichten, dessen Härte sie so weit getrieben hat. Dandin.  Allerhand Achtung! Man tötet sich nicht so eins zwei drei; das ist längst aus der Mode gekommen. Angelique.  Du kannst fest davon überzeugt sein, und wenn du bei deiner Weigerung verharrst, wenn du mir die Tür nicht aufmachst, dann schwör' ich dir, daß du im Augenblick erleben wirst, wie man einen verzweifelten Entschluß ausführt! Dandin.  Flausen! Nichts als Flausen! Du willst mir nur bange machen. Angelique.  Wohlan, weil es denn sein muß – schau her, wie ich uns beide zufriedenstelle und dir zeige, ob es Scherz ist. (Sie tut, als erstäche sie sich) Ah – es ist vollbracht. Gebe der Himmel, daß mein Tod gerächt wird, wie ich's wünsche, und daß den, der ihn auf dem Gewissen hat, die verdiente Strafe für seine Hartherzigkeit ereilt! Dandin.  Holla! Sollte sie ihre Bosheit so weit getrieben haben, sich umzubringen, nur damit ich gehängt werde? – Ich will schnell ein Stümpfchen Licht holen, um nachzusehen. Neunter Auftritt Angelique. Claudine Angelique.  Pst! Still! Geschwind zu beiden Seiten der Tür in Positur gestellt! Ich rechts, du links. Zehnter Auftritt Dandin (kommt aus dem Haus, mit einem Licht in der Hand; in demselben Augenblick schlüpfen Angelique und Claudine hinein und schließen die Tür von innen zu) Dandin (allein) . Sollte die Bösartigkeit eines Weibes wirklich sogar dazu fähig sein? (Nachdem er überall umhergeschaut) Niemand hier? Haha, das hab' ich mir wohl gedacht. Die Hexe hat das Weite gesucht, weil sie sah, daß sie bei mir kein Glück hatte, weder mit Bitten noch mit Drohungen. Mir um so lieber! Das macht ihre Sache nur noch schlimmer, und die Eltern werden, wenn sie kommen, ihre Schuld noch deutlicher sehen. (Er geht zur Tür seines Hauses und will hinein) Oho! Was ist denn das? Die Tür ist verschlossen?! – Holla! Heda! Hört mich niemand? Aufmachen – auf der Stelle! Elfter Auftritt Dandin. Angelique und Claudine erscheinen am Fenster Angelique.  Was? Du bist's? Wo kommst du denn her, du Taugenichts? Ist das die Stunde, wo man nach Hause kommt – wenn schon der Morgen dämmert? Schickt sich solch eine Liederlichkeit für einen verheirateten Mann? Claudine.  Ist das in Ordnung, die ganze Nacht in Wirtshäusern herumzulumpen und seine arme junge Frau mutterseelenallein zu Haus zu lassen? Dandin.  Wie?! – Ihr habt ... Angelique.  Mir aus den Augen, du Vagabund! Ich habe dein Lotterleben satt und werde mich sofort bei meinen Eltern darüber beschweren. Dandin.  Was? Du hast noch die Stirn ... Zwölfter Auftritt Vorige. Herr und Frau von Sotenville (in Nachtkleidern). Colin (mit einer Laterne) Angelique (zu ihren Eltern) . Ich bitte euch, liebe Eltern, kommt heran und verschafft mir Genugtuung gegen die beispiellose Unverschämtheit meines Mannes! Der Wein und die Eifersucht haben ihm den Kopf dermaßen benebelt, daß er nicht mehr weiß, was er sagt, noch was er tut; ja, er selbst hat euch eigens herbeiholen lassen, um euch zu Zeugen des tollsten Aberwitzes zu machen, der je erlebt worden ist. Erst eben kommt er nach Hause, wie ihr seht, nachdem er sich die ganze Nacht herumgetrieben hat, und wenn ihr ihn anhören wollt, dann wird er euch vorerzählen, daß er sich über mich aufs schwerste zu beklagen hat; daß ich von ihm fortgeschlichen bin, während er schlief, und dergleichen aus der Luft gegriffenes Gefasel mehr. Dandin (für sich) . So ein vermaledeites Luder! Claudine.  Ja, er hat uns weismachen wollen, er wäre drinnen im Hause, und wir wären draußen. Von dieser irrsinnigen Idee läßt er sich schlechterdings nicht abbringen. Herr von Sotenville.  Wie? Was soll das heißen? Frau von Sotenville.  Das ist ja eine bodenlose Impertinenz, uns darum aus dem Bett zu holen! Dandin.  Nie in meinem Leben ... Angelique.  Nein, lieber Vater, ich kann es mit einem solchen Manne nicht mehr aushalten; meine Geduld ist erschöpft. Noch eben hat er mir ein ganzes Schock von Schimpfworten an den Kopf geworfen. Herr von Sotenville (zu Dandin) . Corbleu! Sie sind ja ein entsetzlicher Mensch! Claudine.  Es ist nicht mehr anzusehen, wie er seine arme junge Frau behandelt; es schreit zum Himmel. Dandin.  Ist es denkbar ... Herr von Sotenville.  Still! Sie sollten sich zu Tode schämen. Dandin.  Hören Sie doch nur zwei Worte! Angelique.  Ja, hört ihn an; er wird euch was Hübsches vorflunkern. Dandin (für sich) . Ich werde verrückt! Claudine.  Er hat so viel getrunken, daß man sich ihn am besten zehn Schritt vom Leibe hält. Man riecht den Weindunst, den er um sich verbreitet, bis hier oben. Dandin.  Herr Schwiegervater, ich beschwöre Sie ... Herr von Sotenville.  Zurück! Sie duften mir zu sehr nach Wirtshaus. Dandin.  Frau Baronin, ich bitte Sie ... Frau von Sotenville.  Pfui! Kommen Sie mir nicht nah! Ihr Atem ist verpestet. Dandin (zu Herr von Sotenville) . Lassen Sie mich Ihnen wenigstens ... Herr von Sotenville.  Zurück, sag' ich Ihnen. Ich kann das nicht vertragen. Dandin (zu Frau von Sotenville) . Gestatten Sie mir, um Himmels willen ... Frau von Sotenville.  Puh, mir wird übel! Reden Sie meinetwegen aus der Entfernung! Dandin.  Also gut, ich rede aus der Entfernung. Ich schwöre Ihnen, ich bin aus meinem Haus nicht einen Fuß breit gewichen, und sie ist's, die fortgegangen war. Angelique.  Nun, was hab' ich euch gesagt? Claudine.  Urteilen Sie selbst, wieviel Wahrscheinlichkeit das für sich hat. Herr von Sotenville (zu Dandin) . Sie wollen uns wohl zum besten haben? – Komm herunter, mein Kind, komm hierher! Dreizehnter Auftritt Dandin. Herr und Frau von Sotenville Dandin.  Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich im Hause war, während sie ... Herr von Sotenville.  Schweigen Sie! Dieser Wahnsinn ist unerträglich. Dandin.  Hier auf der Stelle soll mich der Blitz erschlagen, wenn ... Herr von Sotenville.  Erhitzen Sie uns nicht länger den Kopf, sondern bereiten Sie sich vor, Ihre Frau um Verzeihung zu bitten. Dandin.  Um Verzeihung bitten – ich?! Herr von Sotenville.  Ja, um Verzeihung, und zwar augenblicklich. Dandin.  Was? Ich soll ... Herr von Sotenville.  Corbleu! Wenn Sie noch lange fackeln, dann werd' ich Sie lehren, daß unsereins nicht mit sich spaßen läßt. Dandin.  O George Dandin! Vierzehnter Auftritt Vorige. Angelique. Claudine Herr von Sotenville.  Komm, tritt näher, meine Tochter. Dein Mann will dich um Verzeihung bitten. Angelique.  Ich – ich soll ihm verzeihen, nach allem, was er mir gesagt hat? Nein, nein, lieber Vater, dazu kann ich mich unmöglich herbeilassen, und ich bitte Sie, mich von einem Mann zu trennen, mit dem ich nicht länger leben kann, Claudine.  Das kann niemand aushalten. Herr von Sotenville.  Liebes Kind, solch eine Trennung ist nicht durchführbar, ohne sehr viel Staub aufzuwirbeln. Du mußt die Klügere sein und dies eine Mal noch nachgeben. Angelique.  Nachgeben, angesichts einer solchen Kette von Verleumdungen? Nein, dazu kann ich mich nicht verstehen, Herr von Sotenville.  Es muß sein, liebe Tochter, und ich befehle dir's. Angelique.  Dies Wort macht mich verstummen. Gegen den väterlichen Willen gibt es für mich keinen Widerstand. Claudine.  Eine Mustertochter! Angelique.  Es ist hart, wenn man gezwungen ist, sich über derartige Beschimpfungen hinwegzusetzen; aber wie schwer es mir auch fällt, meine Pflicht gebietet mir, Ihnen zu gehorchen! Claudine.  Armes Opferlamm! Herr von Sotenville (zu Angelique) . Komm zu mir! Angelique.  Aber was Sie mich auch tun heißen, es wird vergeblich sein. Sie werden sehen, morgen fängt alles wieder von vorn an. Herr von Sotenville.  Das laß nur meine Sorge sein. (Zu Dandin) Also vorwärts, tun Sie einen Kniefall! Dandin.  Einen Kniefall? Herr von Sotenville.  Jawohl, einen Kniefall, und zwar unverzüglich. Dandin (kniet nieder, sein Licht in der Hand; für sich) . O du himmlische Güte! – (Zu Herr von Sotenville) Was hab' ich zu sagen? Herr von Sotenville.  Liebe Gattin, ich bitte dich, mir zu verzeihen ... Dandin.  Liebe Gattin, ich bitte dich, mir zu verzeihen ... Herr von Sotenville.  Daß ich so verblendet gewesen bin ... Dandin.  Daß ich so verblendet gewesen bin ... (für sich) dich zu heiraten. Herr von Sotenville.  Und ich verspreche dir, mich in Zukunft zu bessern. Dandin.  Und ich verspreche dir, mich in Zukunft zu bessern. Herr von Sotenville (zu Dandin) . Nun seien Sie auf Ihrer Hut und merken Sie sich, daß wir uns keine weitere Ungebührlichkeit von Ihnen gefallen lassen werden. Frau von Sotenville.  Ja, das weiß Gott, bei einem nochmaligen Rückfall würden wir Ihnen den Respekt beibringen müssen, den Sie Ihrer Frau schuldig sind und dem Hause, dem sie entstammt. Herr von Sotenville.  Der Tag bricht an. Auf Wiedersehen! (Zu Dandin) Kehren Sie an Ihren häuslichen Herd zurück und denken Sie an meine Worte! Zu Frau von Sotenville ) Und wir, meine Teure, wir wollen uns wieder ins Bett legen. Fünfzehnter Auftritt Dandin (allein) Dandin.  Jetzt geb' ich' auf; mir ist nicht zu helfen. Wer wie ich eine schlechte Frau geheiratet hat, für den ist das vernünftigste, was er tun kann, sich kopfüber ins Wasser zu stürzen.