Wilhelm Raabe Der Lar Das Vorwort. »Der kann gut werden, hat unser Leibarzt gesagt,« sagte Doktor Kohl, als er bei der Taufe seines Erstgeborenen auf seine eigene Geburt zu sprechen kam und erzählte, wie ihn die weise Frau zehn Minuten, nachdem er, »wie die Anderen sagten«, das Licht der Welt erblickt hatte, »quatsch auf den Boden fallen ließ«. »Meine selige Mutter war natürlich nicht im Stande, sich viel darum zu kümmern; aber meinen Vater bekümmerte es nach überwundenem Schrecken sehr, daß er ganz unnöthiger Weise nach ärztlicher Hilfe geschrien hatte. ›Das konnten wir auch machen – den Jungen abwischen, abwaschen, einwickeln und uns trösten: diesmal hat es ihm gottlob noch nichts geschadet.‹ Uebrigens sollst Du nochmals leben, Röschen!« »Du auch, närrisches Menschenkind!« sagte die junge, glückliche Mutter. »Aber jetzt sprich endlich auch mal ein vernünftiges Wort. Was soll das Kleine da nebenan von Dir denken?« »Das ist mir so einerlei, wie es meinem seligen Papa einerlei war, was ich manchmal über ihn dachte. Du sollst noch einmal, zum dritten Mal leben, Schatz.« »So ist er nun!« sagte Frau Rosine Kohl, geborene Müller, seufzend, aber »im Grunde ihn doch nicht anders sich wünschend«. »Wissen Sie was, Frau Gevatterin?« sagten die Gäste, Kreisthierarzt a. D. Schnarrwergk eingeschlossen. »Er muß auch so bleiben. Verbrauchen Sie ihn also, wie er ist, und zwar mit Gesundheit. Das Uebrige wird sich dann schon finden. Es lebe das Haus!« »Einverstanden!« sagten die zwei jungen Alten, und das Kleine im Nebengemach krähte auch sein Einverständniß, und so – tauften sie weiter und auch nicht bloß mit Wasser. Es war nicht die erste Bowle, die der glückliche junge Vater zusammenrührte und mit der vollen Ueberzeugung, daß sie gut sei, rund um den Tisch in die Gläser guter Kameraden und Kameradinnen, Kreisthierarzt a. D. Schnarrwergk, sowie Freund Blech, der schöne Bogislaus Blech, eingeschlossen, auslöffelte. * * * Das wäre nun einmal wieder so ein Eingang, von dem meine selige Tante, wenn sie noch lebte, sagen würde: »Nein, so was!« Aber sie ist todt, die Gute: und da ich auf ihren ästhetischen Ordnungssinn seiner Zeit keine Rücksicht genommen habe, so sehe ich nicht ein, weshalb ich anderen – fremden Leuten und Liebhabern einer angenehmen, leichten Lektüre gegenüber meiner »Fahrigkeit«, meinem »springenden Wesen« mehr Zwang anlegen soll als gegenüber der guten alten Tante, die mich doch auch in ihr Testament gesetzt hat, was meine übrigen lieben, alten und jüngeren Leser leider nicht thun werden. Ja, sie hat mich in ihr Testament gesetzt. Sie war meine erste Kritikerin und hat jedenfalls voll Mitleid gedacht: »Was ich dazu thun kann, den unvernünftigen närrischen Menschen vor dem Verhungern zu schützen, das mag geschehen; gegen mich hat er sich wenigstens immer anständig und höflich aufgeführt.« Gesegnet sei ihr Andenken! Ihre fünfhundert Thaler sind längst verputzt; aber in herzlicher Dankbarkeit gegen beide – die Tante und ihre fünfhundert Thaler – werde ich mich von hier ab bemühen, alles was ich diesmal zu erzählen habe, so kurzweg und regelrecht wie möglich zu berichten. Es soll mich wirklich selber wundern, wie mir die Nase zur Sache steht und was dabei für mich und meine Lieben vor diesen Blättern herauskommt. Das Buch. Das Haus Kohl bestand schon einmal aus Vater, Mutter und Kind. Der Vater, der alte Doktor Kohl, war einer unserer unbekannteren Germanisten, die Mutter war die Frau Professorin Kohl und das Kind war unser jüngerer Doktor Kohl, eben der Kohl, welcher auf Seite Fünf wieder taufen läßt und also das Geschlecht fortgepflanzt hat. In den Büchern sitzt solch ein mit dem deutschen Alterthum sich beschäftigender Universitätsprofessor gewöhnlich in einem Museo und Heimwesen, bei dem Einem unwillkürlich der Name »Altdorf« im Sinn und in der Phantasie aufsteigt. Wenn der gelehrte Mann aus den Fenstern seiner Studirstube nicht die Krähen im Schnee auf dem klosterhofähnlichen kleinen Marktplatz spazieren gehen sieht, so blickt und riecht er in blühende Lindenbäume und hat bei angezündeter Lampe Abends das Fenster zu schließen, um nicht bei seiner grüblerischen Arbeit zu sehr durch das geflügelte vielgestaltige nächtliche Schwarmgesindel aus der Wissenschaft des Kollegen der Insektologie, gegenüber am Marktplatz, gestört zu werden. Ein Gaudeamus ein Stoßt an, Erfurt – Dillingen – Rinteln – Wittenberg soll leben! von ferne, vollenden das Stimmungsbedürfniß des modernen Lesers, und jeder Codex, ja jeder Schweinslederband, der in die moderne Miethswohnung, drei Treppen hoch, des Professors Dr.  Kohl kommt, spricht dem Dinge Hohn und macht ein verwundert Gesicht zu seiner neuesten Umgebung. Professor Dr.  Kohl sah Zeit seines Lebens weder im Winter noch im Sommer aus irgend einen zu seinen Studien passenden Klosterhof hinaus; er hatte sich ganz wie Unsereiner mit seinen Idealen und Realitäten in den ganz gewöhnlichen Miethskasernen des neunzehnten Jahrhunderts, und zwar meistens im dritten Stockwerk, zu behelfen. Und noch dazu in einer Universitätsstadt, die sich bereits ganz bedenklich zu einer Großstadt ausgewachsen hatte: nämlich dem zweiten Hunderttausend ihrer Bewohner ziemlich nahe gekommen war, wenn sie es nicht schon überschritten hatte. Das ist kein Vergnügen für einen scheu angelegten Menschen. Zumal wenn er eine Frau hat, die den Fehdehandschuh, welchen ihr das heutige Leben jeden Tag vor die Füße wirft, jedesmal wacker aufnimmt und – das Bessere immer drei Häuser oder drei Gassen weiterab liegend wähnt. Die Familie zog und fand überall dasselbe. Der Nagel, den man inwendig einschlug, kam überall draußen wieder zum Vorschein. Die Oefen rauchten überall, und die Frau Professorin, die »Mama«, rauchte dann überall auch, aber wie ein Vulkan, der neue Lava in sich gekocht hat und bereit ist, jeden beliebigen Augenblick sie über seine nächste Umgebung zu ergießen. Die Thüren hatten sich überall »geworfen« und jedes Haus hatte sich »gesetzt«, was stets recht unangenehme Risse in den Tapeten hervorbringt. Die Hauswirthe hatten überall nur ihren »eigenen Eigennutz« im Auge, und die Hauswirthinnen waren noch gräßlicher als die Hauswirthe. Einen Gesammtstolz auf sein Geschlecht kennt ja das Weib nicht, also konnte auch von der »Mama«, von »meiner Frau«, von der Frau Professor Kohl nicht verlangt werden, daß sie sich der Energie der jedesmaligen Miethgeberin im Blick aufs Alleigene freue oder sie nur gelten lasse. Professor Dr.  Kohl fand also in dieser unruhevollen Welt eine bleibende Stätte nicht; weder für sich, noch seine Codices, noch seine eigenen Manuskripte. Er befand sich leider mit seinem Schreibtisch und mit dem Stuhl vor demselben auf einer fortwährenden Wanderschaft; und sein Sohn schiebt's pietätvoll nur darauf, daß sein »braver Alter« es auch zu nichts Bleibendem in seiner Wissenschaft gebracht hat. »Ich versichere Sie,« pflegte der brave Sohn zu sagen, »es ging dieses ewige Rücken Keinem mehr gegen den Strich als mir. Ich reagirte auch nach Möglichkeit dagegen; zuerst mit kindlichen, sodann mit jugendlichen Kräften. Meine bleibende Stätte, nämlich den untersten Platz auf der Schulbank in jeglicher Klasse, vom ABC-Buch an bis in die Prima des hiesigen Ottoadalricheums, hielt ich fest bis zum Äußersten. Zu etwas Bleibendem in den Wissenschaften habe ich es sonderbarer Weise auch nicht gebracht. Aber finden Sie es nicht lächerlich unlogisch, daß mein Papa dann gerade hierüber Gewissensbisse hatte und kummervoll es aussprach: es thue ihm leid, mich in die Welt gesetzt zu haben? ›Der Knabe ist das reine Vieh. Er giebt weder Thränen, wenn man ihn mit der Hand der Liebe streichelt, noch giebt er Funken, wenn man ihm mit härteren Anmahnungen an seine bodenlose Nichtsnutzigkeit näher geht. Ich weiß nicht, was aus dem Jungen noch einmal werden soll; von mir hat er diesen betrüblichen Widerwillen gegen alles über das gewöhnliche, tagtägliche Bedürfniß Hinausliegende nicht,‹ sagte mein Vater. Wenn dann wieder meine Mama fragte: ›Soll das etwa ein Stich auf mich oder meine selige Mutter sein?‹ so war es immer ein wahres Glück und eine Erlösung, wenn die in voriger Woche gemiethete Magd in die stille Studirstube meines rathlosen Erzeugers eintrat, um der Familie anzukündigen, daß auch sie am nächsten Ersten wieder ziehen werde und sich wieder zu verändern wünsche.« * * * Wir haben Alle jeden Augenblick wenn nicht die Lust, so daß Bedürfniß, uns zu verändern. Wir legen uns von der rechten auf die linke Seite und von der linken auf die rechte; und zuletzt legen wir uns von der Erde in dieselbe, aus dem Leben in den Tod: auch nur aus tief innerlichstem, wenn auch nur selten mehr als dunkel empfundenem Bedürfniß nach Veränderung. Professor Dr.  Kohl zog zum letzten Mal und überließ dieses Mal auch seinen wissenschaftlichen Apparat ohne Herzbeben und Nervenkrämpfe seinem guten Weibe ganz zu freier Verfügung nach besserem Verständniß in solchen Angelegenheiten. Er kam von einer letzten Universitätsvorlesung nach Hause, und er schrieb einen letzten Satz in einer Abhandlung über den Straßburger Eidschwur Ludwigs des Deutschen nicht zu Ende. Sein Schlingel von Junge fand ihn, wie einen Helden der Wissenschaft gefallen, die Feder in der erstarrten Hand, vor seinem Schreibtische. Und da er damals schon selber als Student die Universität, wenn auch nicht die Vorlesungen seines Vaters, besuchte, so war er gefaßt und vernünftig genug, nicht ein tolles Geschrei zu erheben und seine Mutter vom Küchenherd ohne alle Vorbereitungen zu dem größten Schrecken ihres Lebens herbeizuzetern. Er ging leise zu ihr hinaus in die Küche und brachte ihr die Trauerkunde so sanft als möglich bei, nachdem er ihr den Rührlöffel aus der Hand genommen und ihr einen Stuhl untergeschoben hatte. Nachher sagte er: »Er (der alte Herr) hat zu viel in sich hineingefressen an Aergerniß und Grimm. Mit einem so verdorbenen Magen wie der seinige geht doch selten ein Mensch aus der Welt. Er dachte nie zuerst an sich selber und gab deshalb auf seine liebe Verdauung nicht die geringste Achtung. Ach, hätte er doch stets auf sein wahres Innere den Nachdruck gelegt und immer seinen augenblicklichen Chylus im Auge behalten! Alles, Alles, nur kein Sodbrennen als Produkt seelischer Ausregung! O Gott, was für ein freundlicher Siebzigjähriger hätte er werden können, wenn die Welt um ihn her so behaglich gewesen wäre, wie er es verdiente!« Dagegen sprachen die guten Freunde und Bekannten: »Die arme Frau! die arme Wittwe! Sie hat wahrhaftig das Ihrige ausgestanden mit diesem nervösen, eigensinnigen, unpraktischen, weltfremden, abstrus-gelehrten Idioten. Sie könnte ordentlich von Frischem wieder aufleben. Uebrigens soll es mich wundern, wie sie mit dem Grobian, ihrem vierschrötigen Flegel von Jungen, sich demnächst im Leben einrichten wird. Die Vermögensverhältnisse werden recht bedenklich sein, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn in dieser Hinsicht der Tod des Alten nicht doch als ein Verlust zur Geltung kommen würde.« Seltsamer Weise lebte die Frau Professorin nach dem Tode des Gatten nicht von Frischem auf; sondern im Gegentheil. Sie verkam, und nicht allein unter der Einwirkung der in Wahrheit recht schlechten Vermögensverhältnisse, in denen sie von dem wissenschafts- und pflichtgetreuen gelehrten Germanen zurückgelassen worden war. »Er war ein wunderlicher Mensch, mein Junge,« seufzte sie. »Du bist gottlob anders. Du hast mehr von mir. Aber er fehlt mir doch! Er fehlt mir hier, er fehlt mir da, er fehlt mir überall, und es ist mir seit seinem Hingange in der Welt nichts mehr, wie es sein sollte. O Gott, das geht bis zu seiner Sorte Tabak! Du hast den Rest davon aufgeraucht, und nun qualmst Du mir eine andere Sorte, die nicht mehr Dein seliger Vater ist. Da steht sein Schreibtisch; ich sehe ihn mit jeder seiner Bewegungen daran sitzen – bitte, Warnefried, geh davon weg, sitze nicht so drauf und baumle mit dem rechten Bein; es macht mich zu nervös, und ich halte es nicht aus. O mein armer, guter Kohl! so unversehens! so unvermuthet! so ohne daß man es Dir bei herzlicher, bitterer, letzter Pflege hätte noch sagen können, wie gut Du warst, und wie ich Alles, was ich that, nur um Deinetwillen that, auch wenn Du den Kopf dazu schütteltest! . . . Jawohl, Du hast leider, leider Recht, Warnefried, Du wächst mir nicht mehr in seine abgelegten oder jetzt ja hinterlassenen Kleider hinein, also bringe mir nur euren Universitätsjuden; aber – weißt Du was – mache die Sache mit ihm möglichst hinter meinem Rücken ab. Ich kann, kann diesmal nichts damit zu thun haben!« »Na, alte Frau, kommst Du jetzt aus Dir heraus?« brummte der gute Sohn mit den Zähnen auf der Unterlippe, aber wahrlich nicht aus Grimm. »Na, laß es nur sein; ich weiß schon. Von wunderlichen Heiligen soll man nur bei euch Frauenzimmern reden. Entwickelt sich jetzt die Gloriole, der helle himmlische Schein um die alte liebe Tüllmütze? Laß es nur gut sein, bist uns Beiden, dem Alten wie dem Jungen, die einzige Vernünftige in der Familie gewesen und wirst es bleiben, des Hauses Mama, dem Alten da drüben in der vierten Dimension, und dem Jungen hier in den verruchten drei bekannten anderen. Liebe, liebe Mutter, so beruhige Dich doch nur!« Die letzten acht Worte sind nicht hinter den Zähnen gesprochen worden. Der Junge hielt dabei die alte Frau im Arm, und die alte Frau weinte. Von dem Tode des Professors Dr.  Kohl hatte die Welt doch Notiz genommen. Die Lokalblätter hatten die Nachricht von seinem Ableben mit einigen weiteren Ausführungen über Tag und Jahr seiner Geburt, über seinen Studiengang, über seine verdienstlichen litterarischen Leistungen begleitet. Die Fachzeitungen hatten ausführliche Nekrologe gebracht und seiner Bedeutung für seine Wissenschaft einen würdigen Raum gegeben. Auch mündlich war mit Anerkennung von ihm gesprochen worden: er gehörte zu den Todten, die eine Spur, wenn auch eine nicht von Horizont zu Horizont reichende, hinter sich lassen. Seine alte mürrische Frau ließ gar keine Spur hinter sich. Ihr Name erschien nur noch einmal in der Kirchenliste; und dann noch einmal in der Zeitung, nämlich als der Tag der Versteigerung ihres Nachlasses dem Publikum bekannt gemacht wurde. Und der Junge, »unser Sohn«, unser Paul Warnefried, konnte nicht das Geringste gegen diese Versteigerung machen. Er konnte nur zusehen, aber mitbieten konnte er nicht, als man seine Kinder- und Jugenderinnerungen, als man seiner Eltern, seiner Mutter letzte Habseligkeiten unter den Hammer brachte. Die Auktion mußte abgehalten werden, um die letzten Bequemlichkeiten des letzten Lebensjahres der Wittwe, um die Schulden ihres Sohnes zu bezahlen; und in dieser Auktion ging Alles dahin, was begünstigtere Leute an alten, älteren und ältesten Erinnerungszeichen in ihr Leben weiter mit hineinnehmen. In dieser Hinsicht ist es sogar ein Glück, daß die Erinnerungen nicht auch an den Wänden der Wohnungen heutiger Durchschnittsmenschen haften. An den Wänden unserer Mietwohnungen haften die Erinnerungen so wenig wie die Nägel, welche die Photographien, die Farbendrucke und die Spiegel daran festhalten sollen. Nun wurde auch der Mutter Mantel, ihre Ueberschuhe und ihr Regenschirm dem Meistbietenden zugeschlagen. Es ging die Wärmflasche fort, die der gute Sohn ihr in ihrer letzten Krankheit so oft ins Bett geschoben hatte. Und ihr alter Theekessel, und die beiden lächerlichen alten Vasen, die ihr von den Polterabendsgeschenken sich erhalten hatten. Der Student sah nicht bloß die Stühle und Tische seiner Eltern, er sah auch sein altes zerschnitzeltes Stehpult, an dem er meistens was Anderes als wissenschaftliche Beschäftigungen getrieben hatte, unterm Hammer. Er hatte die Fäuste dazu, den Halunken zu hauen, der es unter verächtlichem Grinsen erstand als »Brennholz«, und er hatte sich zu bezwingen und seinen Grimm an der erloschenen Cigarre zu verkauen. Da setzte sich eine dicke Person mit dreidoppeltem Unterkinn in seiner Mutter Korbstuhl und bot von da aus mit auf des Vaters alten Papierkorb; und er, Warnefried, durfte nur ganz im Inneren einen Wunsch denken, der laut ausgesprochen und von Erfolg begleitet, »das Thier in die Luft gesprengt und in Atomen an die Wand geschmettert« haben würde. Er suchte sich gegen das: Zum Ersten – Zum Zweiten – Zum Dritten und Letzten zu helfen, indem er an Bekannte dachte, die den ganzen Ballast ihres Vordaseins mit sich herumschleppten, unter ihm keuchten und sich mit ihm lächerlich machten. Aber es half ihm wenig: er bot doch bei jeglichem Stücke innerlichst zum Ersten und zum Zweiten und zum Dritten und Letzten mit und versetzte jedesmal dem laut zum Letzten Bietenden einen Tritt, der ihn »bis über den Horizont hinaus aus unserer besten Stube« beförderte. Er bezwang Alles, was doch so den Menschen bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten an Wehmuth anfliegt, und brachte es richtig wieder fertig, daß man sich an ihm ärgerte und seine wohlverdienten Bemerkungen über ihn machte. »Das soll der Sohn vom Hause sein, der so 'ne Gesichter und Witze hierzu macht?« fragte die dicke Trödlerin in der Mutter Stuhl. »Na, mein Junge sollte es sein! dem würde ich noch vor meinem seligen Abscheiden ein paarmal als Gespenst erscheinen!« »Ich kenne den Lümmel ganz genau und habe ihm wirklich ein paarmal so um Mitternacht oder nach Mitternacht meine Meinung über ihn mitgetheilt als Miethsherr,« brummte der Hauswirth, der auch mitbot in der Versteigerung und trotzdem, daß er Alles noch billiger kriegte, als er vermuthet hatte, doch nicht seine Gefühle gegen den »Letzten aus meinem dritten Stock« zu bändigen vermochte. Es hat aber Alles auf Erden ein Ende und also auch eine Auktion. »Wollen Sie die Güte haben, meinen Hausschlüssel nicht zu vergessen, Herr Kohl?« sagte der Hauswirth merkwürdig höflich-vorsichtig vor dem letzten Gesicht und Gestus seines »Exinquilinen« in seinem Hause. »Sie werden ihn ja wohl noch zufälliger Weise in der Tasche bei sich besitzen, und ich erlaube mir nur, daran zu erinnern. Ha, ha, ja davon trennen sich ja die jungen Herren am schwierigsten? Es that mir recht leid – diese letzten traurigen Erlebnisse Ihrer werthen Familie in meinem Hause. So ein gelehrter Herr! Und es war eine so liebe Frau, Ihre Frau Mutter, die Frau Professorin! Wohl ein bißchen scharf –« »Wollen Sie sonst noch was, Herr Betzger?« »Nun, da Sie selber darauf kommen, vielleicht noch in der Küche die gesprungene Fensterscheibe –« »Wollen Sie die Gewogenheit haben, mir mit der Frau Gemahlin und den übrigen lieben Ihrigen gewogen zu bleiben,« sagte der Student. Uebrigens hatte der Mann und Hauseigentümer mit allen Hypotheken über sich und seinem »Eigenthum« sehr Recht. Der Student trug seinen, des Wirthes, Hausschlüssel noch bei sich in der Tasche und hatte ihn abzuliefern als das Letzte von seinem sogenannten Vaterhause. * * * »Was noch? sagt der Dichter, die Welt ist weggegeben,« sagte drüben in der Gasse dieser gemüthlose junge Mensch, die Hände in beide Hosentaschen schiebend, in denen er leider nur zu gut Bescheid wußte, um in ihnen lange nach irgend etwas, das nach einem Trost in der Verlassenheit sich anfühlen lassen konnte, zu suchen. Alles, was es auf der Erde Gutes, Angenehmes, Wünschenswertes gab, lag vor ihm – Alles! Ja Alles! Es war Alles noch für ihn zu haben. »Eine saubere Situation!« brummte er. »Ich danke für so 'ne Stellung des Einzelnen gegen das Ganze. Nun braucht bloß noch der liebe Himmel zu kommen und zur unfreiwilligen Eigenthumslosigkeit die beiden anderen Gelübde fortwährender Keuschheit und ewigen beschränkten Unterthanenverstandes zu verlangen, und das Vergnügen am Dasein ist vollständig. Ich danke ganz gehorsamst – i mein Je, Rosine! was ist denn das? Ziehen Sie denn auch wieder, Fräulein Rosinchen?« »Wie Sie sehen, Herr Kohl.« »Das ist ja reizend! Zwei Seelen und ein Gedanke – zwei Schicksale und ein Möbelwagen! Kann ich Ihnen behülflich sein, Fräulein Rosine? Soll ich Ihnen was tragen? Die Lampe vielleicht? Oder das Vogelbauer? Ich bin gänzlich frei von aller irdischen Last und stelle mich Ihnen vollständig zur Verfügung. Da fängt es auch wahrlich leise an zu regnen. Was haben Sie denn da so hübsch eingewickelt?« »Unsere alte Uhr. Wenn Sie wirklich nichts Besseres anzufangen wissen, so nehme ich Ihre Freundlichkeit an. Da – spannen Sie mir den Schirm auf und halten Sie ihn mir über. Ach, diese Aprilschauer! Man kann sich doch nie auf die Sonne in seinem Leben verlassen. Nun, mein Pianino habe ich gottlob wenigstens trocken drüben.« »Die Familienuhr könnte ich doch vielleicht auch tragen?« »Ne, Herr Warnefried. Lieber nicht. Aber behalten Sie mir meinen Dienstmann und seinen Ziehkarren ein bißchen mit im Auge. Man kann nie zu vorsichtig sein.« »Du lieber Himmel, wenn ich doch Ihre Welterfahrung mein nennte, Fräulein Rosine!« »Die könnte Ihnen freilich vielleicht manchmal von einigem Nutzen sein. Ja, wenn man von seinen jüngsten Jahren an sich ohne Vater und Mutter hat durchschlagen müssen! Sie haben doch Ihre lieben, seligen Eltern, Ihre auch mir so gute liebe Mutter, wenigstens bis in ein vernünftigeres Alter hinein behalten dürfen.« »Glauben Sie?« »Jawohl glaube ich! Und wenn Sie das Glück, das Sie gehabt haben, nicht besser benutzt haben, so ist das Ihre Schuld, Herr Kohl, und Sie sollten sich was schämen, wenn Sie daran zweifeln, daß es das höchste Glück ist, sich in seine liebsten Erinnerungen einzuwickeln wie in ein warmes Tuch.« »Sowohl mein Papa wie meine Mama sind nie in ihrem Leben ihres einzigen Kindes wegen, nämlich meinetwegen, Fräulein Rosine, beim Photographen gewesen. Und einem Maler in Oel oder Schwarzkreide haben sie ihrem Jungen zu Liebe auch nicht gesessen. Ihre Hinterlassenschaft deckt eben die Kosten ihres letzten betrüblichen Aufenthalts in diesem Jammerthal. Den Hausschlüssel habe ich abliefern müssen. Wickeln Sie sich mal in meine Familienerinnerung wie in ein warmes Tuch, Fräulein Rosine. Ich ziehe mit den Händen in den Hosentaschen –« »Den Regenschirm halten Sie ja über mich und meine alte Uhr.« »Es war auch nur symbolisch gesprochen. Aber nun ganz unsymbolisch: das Möbel, das doch auch Sie nur, Rosinchen, mir in die Hand gaben, schickt der Herrgott aus dem innersten Sprichwort heraus im richtigen Augenblick dem geschorenen Lamme. So habe ich doch wenigstens noch ein paar Gassen lang ein Dach über dem Kopfe. Fräulein Rosine, Aprilwetter, Gründonnerstagswetter, Osterwetter! Ein sauberer Osterhas, der uns zwei armen Waisen seine Eier ins Versteck legt!« »Und da biegt der Mensch natürlich in die unrechte Straße ein. He, Sie da, Menschenkind, Dienstmann – rechts herum. Jesus Christus!« Der Student zog den aufgespannten Regenschirm ein, überließ die junge Dame und alte Hausfreundin seiner verstorbenen Mutter nebst ihrer Stutzuhr dem Aprilschauer und sprang lieber ihrem übrigen fahrenden Hausgeräth zu Hülfe; und dazu war's die höchste Zeit. Man biegt an einer wimmelnden Straßenkreuzung nicht ohne Gefährdung seiner Last von der falschen nach der richtigen Ecke hinüber, wenn man einen hochbeladenen Handwagen hinter sich her zieht. »Esel! Büffel! Kameel!« schrie ein ältlicher Herr, der auch seinem Umzugskarren das Geleit gab, wie mitten aus einem Handbuch der Zoologie heraus, Fräulein Rosines Dienstmann an, und ebenfalls aus der Naturgeschichte klang es zurück: »Selber'n Kameel! selber'n Büffel! selber'n Esel!« aber mit dem Zusage aus der Gesellschaftslehre, aus der Wissenschaft des Verhältnisses von Mensch zu Mensch: »Holla, Bollizei! So was soll man sich gefallen lassen? Und noch dazu auf offener Straße? Erst beweisen, wer hier schuld dran ist. Sie oder ich, oder lieber mein Fräulein hier?!« »Aber nur nicht gleich zwischen Kollegen nach die Pollizeih schreien, Kollege,« mischte sich gottlob beruhigend- vorwurfsvoll der Karrenzieher des Alten ein. »Was liegt, liegt, Schafskopf! Erst aufsuchen, dann auseinander wickeln und dann meinetwegen ewige Feindschaft oder'n brüderschaftlichen Kümmel – meinetwegen auch mit Kalmus. Aber Herr Doktor Schnarrwergk, ich meinte, Sie wären doch viel zu sehr von der Wissenschaft und Philosophie, um um solch 'ne Kleinigkeit so'n Aufhebe zu machen. In zwei Minuten haben mein Kollege und ich ja Alles wieder in Ordnung.« »Bist Du denn das, Kohl?« fragte der als Herr Doktor Schnarrwergk angeredete alte Herr. »Zum Henker, dann halte mir doch ausnahmsweise nicht Deine gewohnten Maulaffen feil, sondern greif mit zu. So lassen Sie doch die dummen Scherben da, Dienstmann, und kommen Sie hierher! Die ganze Bescheerung im Dreck.« Die »dummen Scherben« stammten natürlich von den drei oder vier armen Blumentöpfen Fräulein Rosines. Mit den Scherben war freilich nichts mehr anzufangen, aber die Erde um die Wurzelstöcke der Myrten und Reseden war »wie ein Pudding aus der Form« gekommen, und so war das Unglück für die junge Dame gottlob nicht sehr groß. »Wir setzen sie in neue Erdenwaare und das Zeugs treibt wie toll weiter, Rosinchen,« sprach der Student. »Na, und nun wollen wir hier mal sehen, was wir vom Weltuntergang retten können. Sie auch auf dem Umzuge, Herr Pathe? Das ist ja wieder die reine Völkerwanderung, würde mein seliger Vater sagen. Uebrigens zuerst: Recht guten Morgen, Herr Pathe Schnarrwergk. Sie befinden sich?« »Ausgezeichnet, mein Lieber,« schnarrte der Alte, seinem Namen alle Ehre machend. Daß er innerlich hinzusetzte: Dummer Lümmel! ist vorauszusetzen. »Willst Du mit zugreifen, Kohl, oder nicht?« »Wir sind ja schon dabei. O, Mensch, Mensch, mit welchem Ballast schleppst Du Dich!« Der alte Herr blickte von unten aus seinen jungen, wie es schien, nur zu gut Bekannten scharf an, dann murmelte er etwas Unverständliches; und da die Dienstmänner derweilen rasch und geschickt das Ihrige gethan hatten, die Verwirrung zu lösen und den Schaden zu mindern, so konnte jeder seines Weges weiterziehen unter Anwendung von etwas mehr Vorsicht wie vorher. Daß die Aprilsonne, die Sonne »so um Ostern herum«, jetzt wieder lustig und unschuldig hernieder lachte, war auch was werth, wenn auch der »Pathe« Schnarrwergk hinter seinem Karren schreitend, von unten auf zu ihr emporblinzelnd, ein Gesicht machte, wie: Ja, thu nur so! In Bewegung hatten sich beide Karren gesetzt; aber nicht, um sich in entgegengesetzter Richtung voneinander zu trennen. Fräulein Rosines Habseligkeiten zogen voran und Schnarrwergks irdische Güter folgten ihnen, während die Eigenthümer und der junge Kohl auf dem Bürgersteige nebenher schritten. Der junge Kohl nicht mehr mit den Händen in den Taschen, sondern unter jedem Arm den topflosen, erdverfilzten Wurzelstock eines jungfräulichen Myrtenbäumchens tragend. »Haben Sie mich je schon einmal so gesehen?« fragte er. »Nein!« lachte die junge Dame. »Es ist auch zu freundlich von Ihnen, Herr Warnefried, und ich bin Ihnen auch wirklich recht sehr dankbar für Ihre Güte.« »Das ist doch auch wohl das Wenigste, worauf ich aus unserer alten Bekanntschaft her Anspruch habe, Fräulein,« brummte der Jüngling, und in demselben Augenblick sagte Herr Schnarrwergk hinter den beiden jungen Leuten: »Es soll mich doch wundern, wie lange diese Prozession noch bei einander bleibt? Kindsvolk, dem der Verdruß noch Spaß – sogar den besten Spaß machen kann!« Höflichkeitshalber hatte der jüngere Mann über die Schulter natürlich die Unterhaltung auch mit dem älteren aufrecht zu erhalten. »Ziehen Sie denn auch, Herr Schnarrwergk?« »Etwa nicht? Wenn das ein Witz sein soll, so hast Du da neben Dir ein empfänglicheres Verständniß für dergleichen dumme Fragen zu erwarten. Wünschest Du noch was zu wissen?« Ganz kleinlaut sagte der Jüngling mit den Myrtenstöcken: »Gar nichts! Doch – vielleicht – wenn ich fragen darf: wohin denn?« »Geht Dich das was an? Gottlob gar nichts. Aber wenn Du einmal doch den alten Thierarzt Schnarrwergk nöthig haben solltest, so merke Dir meinetwegen noch einmal meine Adresse. Auch schon Deines seligen Katers wegen. Hanebuttenstraße Numero dreiunddreißig, drei Treppen hoch.« Ehe der junge Kohl die bündige Versicherung abgeben konnte, daß er nicht gewillt sei, Hanebuttenstraße dreiunddreißig, drei Treppen hoch, umgehend eine Visite abzustatten, hatte er von neuem seine Aufmerksamkeit der jungen Begleiterin zuzuwenden. »Ach Herr Je! ach Herr Je!« »Na, was haben Sie denn, Fräulein Rosine?« »Aber das ist ja auch meine jetzige Adresse: Hanebuttenstraße Numero dreiunddreißig, drei Treppen.« »Nicht möglich!« »Ja doch, ja wohl! Ich bin auch auf dem Wege nach der Hanebuttenstraße und nach derselben Hausnummer und demselben Stockwerk. O Herr – Herr – Schnarrwergk, Sie haben wohl bei dem Herrn Professor und bei der lieben Frau Professorin nicht auf mich Acht gegeben. Mein Name ist Müller, Rosine Müller.« »Möglich! Mein Name ist Schnarrwergk, Thierarzt außer Dienst,« brummte der alte Herr. »Stelle mich nur dann und wann noch einmal der Menschheit im spontanen Affekt zur Verfügung, Fräulein Rosine Müller.« »Möglich!« sagte Fräulein Müller. »Schade, daß ich keinen Gebrauch davon machen kann! Ich halte mir keinen Kanarienvogel.« * * * Herr Schnarrwergk, bei seinem höher und schwerer bepackten Karren sich haltend, blieb jetzt ein wenig zurück. Die zwei jungen Leute, das leichtere Gepäck der jungen Dame im Auge behaltend, schritten rascher weiter und waren also dem Alten bald aus der Gehörweite. »Das ist ja ein gräßlicher Mensch! Und ich habe mir bei Ihrer seligen Mutter so große Mühe gegeben, auch ihn gern zu haben!« rief Fräulein Rosine, scheu über die Schulter zurücksehend. »Ist das wieder ein Verdruß und eine schöne Geschichte! So ein Greuel Wand an Wand! Solch ein Grobian! Nein, sehen Sie ihn doch nur an! Sehen Sie ihn hinter uns her hinken. Gucken Sie das Gesicht! Wie kamen nur Ihre lieben guten Eltern zu der so genauen Bekanntschaft mit solchem Unthier?« »Sie glauben vielleicht, daß er mich einmal aus spontanem Affekt, aus freiwilligen. Mitleid, aus der Taufe gehoben habe?« lachte der Student. »Nein, ganz so tief war ich doch selbst in den Windeln noch nicht herunter, Fräulein Rosine. Ne, er that es nur auf wiederholte Aufforderung, und ich habe es einfach herablassend gelitten. Sie wissen ja aus eigener Erfahrung, welch ein liebenswürdiger Hausfreund meines seligen Papas und meiner seligen Mama er immer war. Ich habe ein gewisses freundschaftliches Verhältniß mit ihm in der Phantasie immer aufrecht erhalten. Für mich hat er hoffentlich wenigstens die Theilnahme eines Onkels des verlorenen Sohnes im Evangelium. Er selber schlachtet natürlich kein gemästet Kalb meinetwegen; aber er kommt, wenn der Besserungs-Fest-Braten mal auf dem Tische steht, doch – ebenfalls nur auf Einladung. Und, Rosinchen, ich lade ihn mir ein, wenn es einmal so weit mit mir ist. Ich möchte ihn dann um keinen Preis bei dem Vergnügen missen –« »Bitte, aber auf mich rechnen Sie dann lieber nicht bei Tische, Herr Kohl! Mich hat er doch stets ein wenig zu abwehrend in Ihrer lieben Eltern Wohnung behandelt!« lachte Fräulein Müller, aber mit einem tiefen Seufzer fügte sie hinzu: »Nun, da sind wir ja denn in der Hanebuttenstraße, und da ist die Nummer dreiunddreißig. Jetzt halten Sie mir den Daumen über das Wort: Gesegnet sei dein Eingang, Herr Kohl. O Gott, Gott, ich habe nun wieder einmal das tiefinnerste Gefühl, als sei ich vom Regen in die Traufe gekommen!« »Na, vor dem Papa Schnarrwergk brauchen Sie sich doch nicht zu fürchten,« beruhigte der Student. »Ach Gott, wer denkt denn noch an Den? Hat man denn nicht tausenderlei Anderes schon von länger her auf der Seele, wenn man so wieder einmal ins Unbekannte hinein muß? Versetzen Sie sich doch mal in meine Stellung in der Welt! . . . Kann er denn Musik vertragen?« »Donnerwetter, ja – das weiß ich nicht!« rief der junge Begleiter. »Bei mir zu Hause, wissen Sie ja, wurde keine gemacht; da wurde mit ihm nur Schach oder höchstens ein solides Whist gespielt. Und bei ihm? ne, da habe ich auch nichts bemerkt, was auf die Firmen Stradivarius oder Steinwegius hindeutete. Ob musikfromm? Bei Gott, leider keine Ahnung, Fräulein Rosine!« »Na, dann muß das mir auch einerlei sein. Mein Leben muß ich mir machen, und an mein Piano laß ich mir nur den Klavierstimmer, aber nicht den Thierarzt kommen. Das können Sie ihm dreist sagen, wenn Sie wirklich noch im vertraulichen Verhältniß mit ihm stehen.« »Ja, in – einem – sehr – vertraulichen,« sagte der junge Mann ziemlich kleinlaut. »Aber wissen Sie was, Fräulein?« fuhr er erheitert fort. »Ich könnte es Ihretwegen zu verbessern suchen!« »O, legen Sie sich doch meinetwegen ja keinen Zwang auf, Herr Kohl!« erwiderte Fräulein Müller. »Ich habe mich, Gott sei Dank, auch ohne fremde Hülfe bis jetzt ganz gut durchgeschlagen.« * * * Wann mochte diese Hanebuttenstraße wohl den idyllisch-ländlichen, von Hecken, Ackerfeldern, Wiesen und Gärten erzählenden Namen erhalten haben? Sie, jetzt ein wimmelnd Gäßchen im volkreichsten, getösevollsten Theile der Stadt! Außer ihrem Namen erinnerte jetzt hier nichts an Heimstätte, Duft und Farbe der wilden Rose. Aber aus den neuesten Stadtplänen kann man immer noch recht gut den Lauf der Ummauerung und Umwallung – erst nach dem Muster Meister Albrecht Dürers und später der Kunst Sebastian Le Prêtre de Vaubans oder Menno van Coehoorns verfolgen; und das ist die Sache. Die Hanebuttenstraße ist sicherlich auch einmal ein grünumbuschter Weg unter der mittelalterlichen Stadtmauer oder auf dem »Glacis« des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gewesen. Da man gegen das Ende des achtzehnten Säkulums oder im Anfange des neunzehnten endlich einsah, daß weder Vauban noch Coehoorn den Feind abhielten, innerhalb der Gräben und Wälle die erklecklichsten Brandschatzungen auszuschreiben und die unverschämtesten Kontributionen einzufordern, so war man so vernünftig, auf den mißlichen Schutz ganz zu verzichten. Zumal da er in Friedenszeiten auch noch dazu gesundheitsschädlich war und die frische Luft viel zu sehr abhielt. Die Mahl-, Schlacht- und Judensteuer ließ sich ja doch an den Thoren aufrecht erhalten, und den Sperrgroschen konnte der Unteroffizier auch ohne schweres Geschütz, ohne die Bastionen, Halbmonde, Courtinen und Ravelins dem athemlos eine halbe Minute zu spät anlangenden Publikum abnehmen. Die Stadt ist längst aus ihren Mauern und Wällen heraus und auch über die Vorstädte aus der Zeit des alten Fritze, oder unseres letzten Kurfürsten, oder, oder, oder und so weiter weggewachsen. Die ältesten Häuser in der Hanebuttenstraße sind von 1774 und die jüngsten sind von heute. Die Nummer dreiunddreißig aber stammt aus den zwanziger oder dreißiger Jahren unseres gegenwärtigen Jahrhunderts, das heißt aus der schändlichsten, dummsten Bauepoche, welche die Welt- und Kunstgeschichte je gesehen hat. Aus der Zeit, in welcher unsere doch sonst auch gar nicht dummsten und ganz braven Väter und Großväter jeden Kreuzgang als »eine alte Kegelbahn« abbrachen, und sich noch etwas darauf zu Gute thaten, wenn sie zum Beispiel den Dom von Goslar für 1504, schreibe fünfzehnhundertundvier Thaler losgeschlagen hatten. Regen wir uns nicht unnöthig auf: wir brechen jetzt schon, zur Sühne, ihre Architekturprodukte wieder ab. Wir sind eben so pietätlos wie sie, unsere Väter und Großväter. Mit Fug und Recht reißen wir ihnen ihre, von ihnen doch auch manchmal für längere Dauer berechneten Bauwerke wieder ein. Und jeder anständig ästhetisch veranlagte Mensch bietet gern beide Hände dazu, und, wenn er es hat, auch das Kapital. Letzteres freilich nicht, ohne sich vorzusehen und zu vergewissern, ob es auch die gehörigen Zinsen tragen werde. Von der Nummer dreiunddreißig in der Hanebuttenstraße ist gar nichts zu sagen, als daß der dritte Stock der höchste war, oder der oberste: Herr Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk wünschte nie mehr was Anderes als Katzen, Ratzen und Mäuse über seinem Haupte zu haben; er hatte die Kinder und die Nähmaschinen überm Kopfe längst satt. Zur Rechten und zur Linken und von gegenüber her wurde das Haus durch die allerneuesten Architekturleistungen hoch überragt. Geduckt, kahl, alltäglich lag es da mit zwei messingenen Barbierbecken an der Thür, einem Viktualienladen im Keller und einem Fensterspiegel am ersten Stock; und in Farbe ganz wie der alte Schnarrwergk gelbgrau vom obersten bis zum untersten Stockwerke, vom Hute bis zu den Gamaschen. Er trug nämlich noch die richtigen Veterinärkamaschenschuhe, der Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk. Oede, kahl und alltäglich, diese Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße! Dem Ansehen nach durchaus nicht von der Mutter Natur zum Nesterbauen für kleine Vögel von der Art Fräulein Rosine Müllers hergerichtet und vorbestimmt. Aber, na, na; Schwalben kleben ihre Nester ja auch oft dahin, wo kein Mensch wohnen möchte, und Schwalben sind doch wirklich nicht nur recht nette, flinke Thierchen, sondern auch wunderhübsch reinlich in ihrer äußeren Erscheinung in den Lüften außerhalb ihrer Wohnung. Innerhalb der letzteren sollen sie leider stets sehr von Wanzen geplagt werden, welche naturhistorische Bemerkung aber nicht das Geringste mit Fräulein Rosine zu thun hat. Sie sahen Beide jetzt am Hause hinauf, die jungen Leute. Dann fragte Herr Kohl: »Kann ich Ihnen nun noch bei irgend etwas behülflich sein, Fräulein? Verwenden Sie mich ruhig zu Allem, wozu Sie mich gebrauchen können. Meine Zeit steht vollständig zu meiner Verfügung, also noch viel mehr zu der Ihrigen.« »Nein, ich danke recht schön. Nein, gewiß nicht. O, ich bin's ja schon seit lange gewohnt, mir selber zu helfen.« »Hurrah, was hat der alte Schnarrwergk?« rief Kohl. Der Herr Thierarzt war derweilen mit seinem Gepäck ebenfalls vor der neuen Wohnung angelangt und wiederum in arger Verunzürnung mit seinem Lastträger. Diesmal kam's über einen Affen her. Nicht etwa einen, den sich der Dienstmann vor Feierabend gezeugt hatte, sondern einen, der ihm vom alten Schnarrwergk zu besonders vorsichtiger Behandlung anempfohlen worden war, und mit dem er nach der Behauptung seines gegenwärtigen Arbeitgebers lange nicht genug behutsam umging. »Mein Pithekus! mein Pithekus! Mensch, geht man so mit seinem Urgroßvater um? Packt man so den Urahnen seines Stammes im Nacken wie 'ne Katze, die man ins Wasser trägt? Mann, würgt man so seinen Vater, seinen Bruder, seinen nächsten besseren Vetter?« »Selber Ihr Vater!« murmelte der Mann, das ausgestopfte Vieh etwas vorsichtiger auf den Bürgersteig niedersetzend und in seiner entrüsteten Menschenseele es zu den schnödesten Anzüglichkeiten für den alten Herrn benutzend. Laut und verdrossen brummte er: »So sagen Sie denn nur, was Sie zuerst ins Trockene haben wollen von den Habseligkeiten. In fünf Minuten besehen wir wieder den schönsten Platzregen, und mir ist ja Alles einerlei.« »Bist Du noch da, Kohl? Nun, diesmal ist das ja fast ein Segen. So fasse doch mit an.« »Verwenden Sie mich ruhig zu Allem, wozu Sie mich gebrauchen können, Herr Pathe. Wo soll ich anfassen?« »Ebenbild Gottes, hier meinen Pithekus Satyrus schaffe mir unlädirt ins Trockene und die Treppe hinauf; aber vorsichtig, wenn ich bitten darf, junger Pavian.« »Sie kennen mich doch!« grinste der gute Jüngling, als ob ihm eben die größte Schmeichelei gesagt worden wäre. »Was soll ich denn nun zuerst nehmen, Herr Doktor?« fragte der Dienstmann. »Die Bücher oder die Bettsponde?« »Sie bleiben gefälligst hier unten auf den Siebensachen sitzen und halten mir Menschen und Hundevolk von den Herrlichkeiten ab, bis ich aus dem Fenster rufe; – ne, bis ich wieder herunter komme. Vorsichtig mit dem Stammvater, Kohl!« Und der Alte schwang das eiserne Feldbett sich auf die Schulter und stieg mit ihm in das dritte Stockwerk der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße hinauf, als trüge er nur ein leichtes Federkopfkissen. Der junge Mann folgte mit dem ausgestopften Pithekus wie mit einem kranken Kinde auf dem Arm. Und als sie oben im obersten Stock anlangten, lachte Fräulein Rosine aus ihrer Thür und rief: »Nein aber, Warnefried! Herr Kohl!« »Jawohl, da bringe ich den Lar, den Penaten, Rosinchen. Sehen Sie sich das Unthier nur mal genau an, Fräulein! So haben Sie vor einigen platonischen Jahren auch mal ausgesehen. Ihr Nachbar Schnarrwergk behauptet es, und er ist ein Mann vom Fach und muß es wissen.« »Wenn er weiter nichts weiß, dann Dank für meinen Nachbar Herrn Schnarrwergk, und sein Hausgott ist noch lange nicht der meinige.« * * * »Da in die Ecke mit dem Lar, aber behutsam. Nicht anstoßen, Kohl!« sagte Regimentsarzt sowie Kreisthierarzt a. D. Schnarrwergk und sah dabei seinem Orang-Utang unfraglich ähnlicher als wie Fräulein Müller, seine jetzige Nachbarin. »Wie als wenn Sie's selber wären,« sprach der höfliche Jüngling. »Sie sehen doch, wie ich mit dem Hausgott umgehe. Keine Motte kommt drin durch mich zu Schaden. Homo simia hominis! Bin ich nicht ganz und gar bei der Sache? Sitze ich nicht vollständig in Ihren Gefühlen?« Der alte Herr richtete aber seine Bettstatt auf, ohne auf den jungen Laffen hinzuhören. Als er fertig war, meinte er: »So! Da kannst Du Dich also hinsetzen und den Esel zu Grabe läuten und mir auf die Neigung des Menschen zum Stehlen Achtung geben. Halte mir Den da so lange im Auge, bis ich den Kerl von unten mit dem übrigen Ballast und Verdruß nach oben schicke. Kannst übrigens auch jetzt noch Deinen eigenen Geschäften nachgehen, wenn's Dir besser paßt, mein Sohn. Ich halte Dich nicht.« »Aber Sie haben mich doch über die Taufe gehalten! Verlassen Sie sich möglichst lange auf meine Dankbarkeit; und einen Affen kaufe ich mir nur, den stehle ich mir nicht. Bitte, haben Sie noch einiges Vertrauen: ich gehe nicht mit dem Ihrigen durch!« Unverständliches brummte der alte Schnarrwergk im Niedersteigen auf der Treppe. Statt den Affen im Auge zu behalten, ging der Jüngling natürlich sofort nach drüben, das heißt über den Vorplatz zu Fräulein Müllers Thür, fand sie aber verriegelt und erhielt auf sein Anklopfen nichts weiter als erst die Frage: »Sind Sie's, Herr Kohl?« und dann die Benachrichtigung: »Augenblicklich zu sehr beschäftigt.« »Lächerlich,« sprach der zierliche Knabe und saß nun wirklich auf dem eisernen Bettgestell, den Pithekus betrachtend: »Kramt Wäsche ein! hängt Röcke und Unterröcke an den Nagel. Na, nun kann sie aber rufen, wenn sie mich braucht!« Es dauerte eine geraume Weile, ehe der Dienstmann des Pathen Schnarrwergk mit der ersten Ladung der irdischen Besitztümer des alten Thierarztes den obersten Stock der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße erstieg. Man hörte ihn aber schon weit herauf aus der Tiefe brummen, knurren und fluchen, und als er den Tisch niedersetzte, erkrachte das Haus und that der Stammvater des Menschengeschlechts einen Sprung. »Ist das ein alter Satan! Hören Sie, junger Herr, und wenn es Ihr nächster Onkel wäre, so können Sie ihm dreist von mir bestellen – na ja, freilich, Unsereiner kann ja auch wohl mit Reden und Anspielungen aufwarten; aber bei Dem da unten hört doch Alles auf selbst für Unsereinen. Da ist ja das Vieh! Sollte man nicht meinen, das Gesichte säße noch einmal drunten auf dem Karren und dirigire wie ein Tyrann? . . . Na, Kollege, wie geht es denn bei Dir da drüben?« »Na, leichte Arbeit. Die paar Schachteln! und das Kinderbettchen! . . . Was ich dazu thun konnte, so sind wir mit der Einrichtung fertig. Alles hübsch und reinlich an Ort und Stelle; der Bräutigam kann unsertwegen jeden Augenblick kommen. Gu'n Morgen, Kollege.« »Nimm mich mit die Treppe hinunter. Wir sind noch lange nicht fertig, mein Kliente und ich. Und 'nen Bräutigam brauchste uns auch nicht zu schicken; aber wenn Du 'nem Polizeidiener begegnen solltest, so avisire ihn doch, er möge sich ein bißchen in der Hanebuttenstraße in der Nähe von Numero dreiunddreißig aufhalten. Vielleicht gäbe es noch eine Gelegenheit für ihn, sich nützlich zu machen und Mord und Todtschlag zu verhüten.« Drüben, oder vielmehr nebenan, wurden zum ersten Mal in der neuen Wohnung einige Akkorde angeschlagen; und der Jüngling stand wieder draußen und ließ den Affen Affen sein und fragte wieder an Fräulein Rosines Thür: »Darf man denn jetzt den ersten nachbarschaftlichen Besuch abstatten, Fräulein Müller?« »Nachbarschaftlichen Besuch?« klang es zurück. »Sie gehören doch nicht ins Haus. Nun, warten Sie! Hier haben Sie gar nichts zu suchen; aber in ein paar Minuten werde ich mich drüben einmal bei Ih– bei meinem jetzigen Herrn Nachbar, beim Herrn Thierarzt Schnarrwergk umsehen.« Der Packträger kam eben wieder mit einer Last Lebensgepäck des alten Schnarrwergk die Treppe herausgestolpert, warf sie ab und bestellte: »Passirte seinem Apothekikus was –« »Pithekus.« »Meinswegen. Passirte seinem Pithekus was, läßt er Ihnen sagen, so wüßte er nicht, was er thäte. Sie möchten vor allen Dingen keine Frauenzimmer dran lassen. Drunten im Hause hätte er schon die ganze Weiberschande um sein Naturalienkabinet,« sagte der Mann. Vertraulich erklärend setzte er hinzu: »Er hat nämlich seine übrigen Mißgeburten und Gerippe der heutigen veränderlichen Witterung wegen vorerst im Hausflur aufgestellt. Die Scheusäler will er selber herauftragen. Ich bringe nur noch Kleiderstock und Stuhl, die paar Kledagen und was sonst zu so 'nem alten Junggesellen gehört.« »Darf man jetzt hereinsehen?« fragte Fräulein Rosine, ihr Näschen um den Thürpfosten schiebend. »Jesus, welche Wirtschaft! Gott, welch ein häßliches Thier! Aber nein, eigentlich ist er doch gar so übel nicht. So komisch, wenn man sich erst ein bißchen an ihn gewöhnt hat. Bitte, lassen Sie mich ihn mal streicheln. Du bist ja ein ganz reizendes Thierchen, ein ganz allerliebster Kerl; – und jetzt, Warnefried – Herr Kohl, wenn Sie jetzt so gut sein wollten. Ich habe noch ein paar Nägel einzuschlagen und eine Kommode zu rücken und könnte Sie wirklich für einen Augenblick nützlich verwenden.« »Für einen Augenblick? Das Leben für den Zaren!« grinste der höfliche Jüngling. »'s ist ja schon ein indogermanisches Sprichwort, Fräulein, daß ein langer Kerl eine halbe Leiter im Hause ist. Verbrauchen Sie ruhig den ganzen Esel, Fräulein Müller. . . . Hier sind wir also – nein, das ist aber wirklich schon recht sauber, recht hübsch hier! Ja, das versteht ihr! Selbst meine selige Mutter, die, wie ich leider glauben muß, wenig davon verstand, wußte in solchem Falle zehntausendmal mehr als ich und mein seliger Vater. Was soll denn da noch weiter einzurichten sein? Für Unsereinen ist's ja schon bis zum Exzeß nett bei Ihnen, Rosinchen!« »Den Spiegel möchte ich noch etwas anders hängen haben. Und dann vor Allem diesen Haken in die Stubendecke! Ich habe hier so meine hübsche Ampel mit meinem Schlinggewächs. Aber wie komme ich da oben unter die Balken?« »Kleinigkeit! Wollen wir schon besorgen. Hupp auf!« »Himmel, Sie treten mir ja mein Mahagonitischchen in Grund und Boden!« »Ich will Ihnen was sagen, Fräulein, das können Sie eigentlich vom Himmel nicht verlangen, daß er bei mir persönlich Ihretwegen sofort die Schwerkraft aufhebt. Aber in Ordnung sind wir hier oben. Jetzt reichen Sie mal gefälligst den irdenen Topf mit dem Grünkraut, oder was Sie sonst eine Ampel nennen, herauf. Da haben wir die hängenden Gärten der Semiramis!« »Ich danke Ihnen freundlichst, Herr Kohl. Himmel, was ist denn das? Ist das unser Herr nebenan? Was hat er denn, Ihr alter Herr Pathe?« Wenn der alte Herr drüben nicht verrückt geworden war, so that er zum wenigsten so. Er mußte jetzt seinen Aussichtsposten drunten in der Gasse aufgegeben haben, um sich oben zu überzeugen, wie es da aussah. Und es hatte sicher nicht so ausgesehen, wie er es erwartet zu haben schien. Die Hausbewohnerschaft unter ihm hatte in diesem Augenblick unbedingt das Recht, bedenklich nach der Stubendecke hinaufzustarren und zu ächzen: »Na, gnade Gott, haben wir da aber ein Trampelthier über den Kopf gekriegt. Das kann ja recht gemüthlich werden, wenn dieses auch bei Nacht so weiter geht! Darauf dürfte man sich wohl mal seinen Mietkontrakt ansehen.« Ein Trampelthier? Wie ein Dutzend, wie eine Karawane Trampelthiere trampelte Herr Kreisthierarzt Schnarrwergk in seinem neuen Heim umher, und als die beiden jungen Leutchen von den hängenden Härten der Semiramis aus zu ihm hinüberstürzten, oder vielmehr hinüberstürzen wollten, warf er eben seinen Packträger aus der Thür und verriegelte sie ihnen und ihm und der Welt vor der Nase, nachdem er dem jungen Menschen, dem Kohl, noch einen Blick und den Ziernamen »Winselaffe!« geschenkt hatte. »Mir das?« fragte der junge Kohl, nicht nur überrascht, sondern in der That gekränkt ob des Wortes. Der »Halunke« von Dienstmann sagte nur, indem er sein Honorar nochmals nachzählte: »Ich kenne ihn schon lange. Wenn man nichts mit ihm zu thun hat, so kann man schon mit ihm auskommen. Viele von uns kleinen Leuten haben ihn beinah sogar ganz gern. Mir kann er also sagen, was er will. In unserem Geschäfte macht so was aus Unsereinen keinen Eindruck. Was können wir denn dafür, wenn bei einem Umzug nicht Alles ganz glatt abgeht? Weshalb zieht die Menschheit denn, wenn sie keinen Schaden an ihrem Eigenthume sehen kann? Mir ist es ganz einerlei, was für 'ne Kuriosität er ist.« »Aber mir nicht!« rief Fräulein Rosinchen Müller, die Hände zusammenschlagend. »Gütiger Gott, mit Dem Wand an Wand! Das ist ja ein fürchterlicher Mensch – und ich dachte mich doch diesmal zu verbessern!« »Verbessern thut man sich niemalen, Fräulein,« sprach der Dienstmann kopfschüttelnd aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen heraus. »Ich wünsche übrigens den jungen Herrschaften einen schönen guten Morgen, und dem Fräulein alles Glück in der neuen Wohnung. Wenn Sie mich übrigens am nächsten Ziehtermin brauchen sollten, so ist meine Adresse Friedrich Jordan, Karrenführerstraße vier, über den Hof rechts eine Treppe hinauf. Ich garantire für gute Behandlung. Daß wir den Apothekus drüben ein bißchen platt gedrückt haben, dafür konnte Keiner was. Und dann sollte ja auch eigentlich der junge Herr hier im Besonderen darauf Acht geben.« * * * »Guten Morgen, Herr Jordan,« sagte Fräulein Müller höflichst, und dann standen die beiden jungen Leute allein auf dem Vorplatze in Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße und sahen sich an und lachten. »Was sehen Sie denn so nachdenklich aus, Herr Warnefried?« fragte dabei Rosinchen. »Wenn Einer ein schiefes Gesicht ziehen soll, so meine ich, bin ich das doch bei solcher angenehmen Aussicht auf nachbarschaftlichen Verkehr.« »Ich gäbe ein Königreich darum, wenn ich da eben eingezogen wäre,« seufzte der junge Mann. »Sie?« fragte gedehnt das Fräulein. »Nun, da müßt ich mir doch freilich überlegen, ob mir das lieber wäre als der alte Schnarrwergk. Ihre selige Mama hat zwar viel Gutes an mir gethan, und ich bin ihr auch ewig dankbar, aber Sie –« »Ich bin Ihnen natürlich ganz was Anderes! Selbstverständlich. Da gilt keine Jugendfreundschaft wie zwischen Ihrer Mama und meiner Mama. Da hat Ihr Herr Vater dem meinigen ganz umsonst aus der Patsche geholfen, als Ihren Herrn Vaters Verhältnisse noch gut und die meines Vaters wie immer schlecht waren. Aber Sie haben Recht. Sie haben es in der Welt zu etwas gebracht. Sie haben auf dem Leipziger Konservatorium Ihre Matrikel abverdient. Sie haben gebüffelt und haben sich eingepaukt nach Noten. Ja, Sie können Ihr Leben vom Blatte abspielen, und zehntausend Backfische renommiren schon damit, bei der Müller Klavier zu lernen. Können Sie es mich auch nicht noch lehren? Ne, Sie können es nicht. Wenn Sie statt der Drahtkommode die Orgel schlügen, könnte ich Ihnen vielleicht die Bälge treten. Das ist die einzige musikalische Begabung, die ich in mir habe. Das Kommersbuch rechnen Sie selber wahrscheinlich nicht. Und dann überhaupt Begabungen! In unserer schönen Jugendzeit, als Sie noch in meinem Vaterhause das einzige freundliche Licht waren, haben Sie mich doch ein bißchen gekannt. Haben Sie damals jemals irgend ein anderes Talent, als in die Ecke gestellt oder aus der Stube geschmissen zu werden, an mir entdeckt? Das Kameel möchte ich sehen, das dergleichen möglich machte! Haben Sie einen Hausschlüssel, Fräulein Rosine?« »Nun natürlich,« sagte die junge Dame halb ärgerlich, halb ängstlich und ganz unfähig, sich in dem Redewust ihres »Jugendfreundes« zurechtzufinden. »Natürlich! Auch in der Hinsicht kann ich nicht mehr mit Ihnen auf die Mensur gehen. Meinen letzten in dieser Welt hatte ich, ehe ich das Vergnügen hatte, noch einmal mit Ihnen, liebes Fräulein, im Leben zusammenzutreffen, eben abgegeben. Kennen Sie Hölderlin, Fräulein?« »Großer Gott, nein, bester Herr Warnefried!« »Etüden hat der verrückte Kerl freilich nicht geschrieben; aber wissen Sie was, Rosinchen? er hat mich ganz genau gekannt –« »Wie kann der Sie gekannt haben? So viel Litteratur weiß ich doch auch. Der Arme ist ja lange vor Ihnen im Irrenhause gestorben.« Der Pathe des alten Schnarrwergk drehte sich vor Entzücken über das letzte Wort der erröthenden jungen Dame dreimal im Kreise auf dem rechten Bein. Dann rief er zuerst lachend, darauf aber in das donnerndste Pathos fallend. »Die Blindesten aber Sind Göttersöhne; denn es kennet der Mensch Sein Haus, und dem Thier ward, wo Es bauen solle, doch jenen ist Der Fehl, daß sie nicht wissen, wohin? In die unerfahrene Seele gegeben. Ja, ja, Rosine, gratuliren Sie sich nur selber, daß Sie nur zu den hübschen Talenten gehören und nicht zu uns Genies! Sie haben Ihren Hausschlüssel; aber ich habe den meinigen, meinen allerletzten vielleicht, vorhin abgeben müssen. Ich versichere Sie, der selige Hölderlin hat mich ganz genau gekannt, als er mich nicht zu den Talenten, sondern zu den Blindesten aller Göttersöhne zählte. Da regnet es wieder in Strömen! Na, aus alter Freundschaft und Jugendbekanntschaft, Fräulein Rosine, wenn Sie heute Abend unter die warme Decke kriechen, dann denken Sie noch ein einziges Mal an mich unter der Dachtraufe –« »O Gott, das ist ja aber schrecklich!« rief das arme junge Mädchen, trotzdem daß es nie Alles, was ihm der »Jugendbekannte« je mitzutheilen wußte, für »baare Münze« genommen hatte, was übrigens, beiläufig gesagt, auch sehr unvorsichtig gewesen wäre. »Nicht wahr, es ist schauderhaft? Und um so schauderhafter, als es wahr ist.« »Aber ist es wahr?« fragte die junge Dame mit einem doch auch jetzt wieder ziemlich zweifelnden Blick auf den vierschrötigen, wohlgenährten, blonden, fröhlichen jungen Germanen, der sie in solche Tiefen des Elends blicken ließ. »Ihre guten Eltern –« »Waren doch so anständige Leute. Ich danke. Wenn ich einmal einen Jungen haben sollte, dann würde ich mich anständiger gegen ihn aufführen. Nun, es hat gottlob bis zum Letzten gerade gereicht, und der alten Frau ist nichts abgegangen – bis zum Letzten. Sie ist mit einem silbernen Löffel im Munde gestorben, und der Doktor hat für das überflüssige letzte Rezept auch das Seinige gekriegt. Machen Sie doch kein so betrübtes Gesicht, Rosinchen. Sehe ich aus, als ob ich eines schnitte. Der Mensch ist dazu da, daß er das Seinige in der Welt erfährt. Der wüste Pathe Schnarrwergk dort hinter der Thür hat es mir schon angeboten, mich ebenfalls auszustopfen und neben seinen Pithekus auf die Kommode zu stellen; aber so weit sind wir noch lange nicht. Wenn Sie erlauben, Rosine, frage ich demnächst einmal wieder vor und erkundige mich, wie es Ihnen in der neuen Wohnung gefällt und wie Sie mit dem Papa Schnarrwergk und seinem Stammvater Nachbarschaft halten. Behalten Sie mich lieb, darf ich leider wohl nicht sagen; aber behalten Sie mich in einem möglichst guten Angedenken: diese Wendung darf ich mir erlauben. Also: behalten Sie mich in einem möglichst guten Angedenken, Sie – – lieber Schatz. Guten Morgen, Rosine! und wir waren doch einmal gute Freunde in unserer – Jugendzeit!« * * * Fräulein Müller war im Stande, war im Begriff, dem »unzurechnungsfähigen Menschen« ein: »Aber Warnefried, Herr Kohl, ich bitte Sie! wo wollen Sie denn hin?« nachzurufen, doch die neue Nachbarschaft in der ungewohnten Umgebung litt es nicht. Kreisthierarzt Schnarrwergk öffnete seine Thür und blickte heraus, wie als wenn er fragen wolle: ob denn das Geschwätz auf dem Vorplatz nie zu Ende kommen werde. »Guter Gott! Gerade so, wie wenn er bei der Frau Professorin vom Whist sich nach mir umsah!« hauchte die junge Dame zusammenschreckend und in ihr Nestchen zurückfahrend, und wie's Eichhörnchen in Hey-Spekters Fabeln das Schlupfloch nach der Windseite verstopfend. Sie schlug ihre Thür zu. Thierarzt Schnarrwergk, sein Haupt zurückziehend, schloß die seinige ganz geräuschlos: man hörte fürs Erste gar nichts mehr aus dem dritten Stock der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße. Es war, als ob nicht nur die Weltgeschichte (was nicht viel besagen will), sondern auch diese Geschichte sehr bequem ohne ihn auskommen könne, und mögliches Geräusch aus ihm her durchaus nicht mit in Rechnung nehme. * * * Der heimatlose Genius, der junge Mann ohne Hausschlüssel, ging fest auftretend die Treppe hinunter. Daß in dem Augenblick, als er die Gasse wieder erreichte, die Sonne schien, durfte ihm willkommen sein; denn wer keinen Hausschlüssel mehr besitzt, der besitzt nur sehr selten noch einen Regenschirm. Es war ihm aber höchst gleichgültig; unser Herrgott sorgt nicht nur für das geschorene Lamm, sondern auch für den haarigen Bock. Unserem armen Teufel von Waisenknaben hatte er das gehörige rauhe Fell für gutes wie für schlechtes Wetter gegeben. »Jetzt soll es mich doch wundern!« sagte er vor der Thür der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße zum blauen Oster-Frühlingshimmel voll hastig treibenden Gewölks emporblickend. »Wundern soll's mich, was das lächerliche Institut mit mir vorhat.« Es ist kaum glaublich, aber er meinte mit dem »lächerlichen Institut« das schreckliche Fatum, das unvermeidliche Schicksal, welches man sonst wenigstens doch noch verschieden benennt und es kennzeichnet als das vernünftige, das spinozistische, das astrologische, das türkische, das stoische. Ihn kümmerte es nicht, ob andere die Nothwendigkeit als eine absolute oder eine nur hypothetische auffaßten. Ob er im Grunde viel darüber nachgedacht hatte, können wir nicht sagen; aber wenn je Einer »die alte Dame machen« ließ, so war es in diesem Augenblick unser junger Freund und mittelloser Held. »Nachher komme sie mir mit der Verantwortlichkeit!« brummte er. Jedenfalls gingen die Leute rund um ihn her alle zum Essen, und auch er spürte, daß es Zeit dazu sei. Er hatte Hunger; aber alle die Orte, von denen er wußte, daß man denselben da befriedigen konnte, die wußten auch von ihm und seinen Verhältnissen, die kannten ihn nur allzu gut. Das Schicksal hatte nicht nur für alles Gute, sondern sogar für alles Notwendigste, was es dem armen Schlucker zugedacht hatte, dermaßen freies Feld, solche tabula rasa vor sich, daß es fast zum Erbarmen war. Man hat noch nicht herausgebracht, ob es im Stande ist, zu grinsen; aber wenn dies die Möglichkeit sein sollte, so hatte es auch in diesem Falle eben die beste Gelegenheit dazu. »Es ist beinahe, um nochmals zum alten Schnarrwergk hinauf zu stiefeln,« sagte die verlassene Waise. »Wenn ich den Versuch machte, ihn von dem Gipfel der Unverfrorenheit zu überwältigen? Bei guter Laune pumpt er nicht; wenn ich ihm in seiner jetzigen Stimmung den Vorschlag machte, sich eine Güte anzuthun und mit mir im Römischen Kaiser zu speisen? Oder wenn ich ihn zur Feier des fröhlichen Aufenthaltswechsels auf diesem wechselvollen Erdball einlüde, mir mit fünfzig Mark unter die Arme zu greifen? Ja, wenn ich mich ihm doch jetzt zum Ausstopfen anböte? Den leeren Magen garantire ich ihm, und den leeren Kopf hat er mir, seit er mich aus der Taufe zog, verbürgt! Ne, ne, es geht nicht, es geht nicht. Rosinchen kommt doch mit ihm auf einen nachbarschaftlichen guten Fuß, und die Idee, das gute Kind aus Glasaugen anzuglotzen, und vielleicht aus der vierten Dimension heraus von ihr die Frage zu hören: Herrgott, ist denn das Warnefriedchen Kohl da in der Ecke? ist zu wenig verlockend. Es geht nicht, es geht nicht. Gesegnete Mahlzeit – lieber Heu fressen als damit ausgestopft sich vor der kleinen Müllerin blamiren. Gehen wir um die Ecke, das Stehenbleiben hilft zu gar nichts. ›Soll ich Dich etwa holen, Flegel?‹ fragte meine selige Mutter, wenn sie mir eine Ohrfeige von ihrem Lehnstuhl aus verabreichen wollte. ›Geh den Weibern zart entgegen,‹ sagte Goethe. ›Zaudere nie zu lange an einer Ecke,‹ sprach mein seliger Vater. ›Du erfährst es für Deine Ataraxia, Deine Gemütsruhe nie rasch genug, ob Dir die Moira aus der nächsten Gasse an den Hals springen oder um den Hals fallen will.‹« Er ging oder, wie er sich ausdrückte, er schob weiter und traf hinter der nächsten Ecke, in der nächsten Gasse auf Jemand, der ihm den Weg vertrat und die erstaunlichen Worte zu ihm sprach: »Ich habe sechs Mark für Sie, Herr Kohl.« »Donnerwetter! Halten Sie mich, ich falle!« lallte der Jüngling. »Nein, zum Donner, geben Sie her, Briefträger! Woher? Von wem? Für was?« »Das ist ja aber eine wahre Kunst, Sie aufzufinden, Herr Kohl. Ich habe Sie natürlich noch einmal bei Ihrem verstorbenen Herrn Vater gesucht. Von München! Da ist der Schein – Bleistift genügt nicht. 'nen Tintenstift haben Sie? – so. da wären wir richtig auseinander. Gesegnete Mahlzeit, Herr Kohl.« »Erst doch wohl in meine Arme, Wonneengel! Da, da – Münze habe ich nicht für Sie, außer dem letzten Portogroschen; aber – da, da – nehmen Sie dies und dies, und dieses – so!« »Na, so was!« stammelte der Briefträger. »So was ist mir doch in meinem ganzen Leben nicht passirt.« Er starrte noch eine geraume Weile hinter dem Enteilten her. Er rieb sich zweifelnd die rechte Wange. Er rieb sich die linke. Es war kein Traum, er hatte statt des Trinkgeldes zum ersten Mal in seinem Berufsleben einen Kuß gekriegt. Einen Kuß? Sechse – drei auf jede Backe. »Wenn ich Dies an unseren Herrn Stephan, Exzellenz, telegraphiren dürfte, so telephonirte er mich auf der Stelle ein Gedichte zurück. Das ist auch noch nicht anders als unter ihm vorgekommen!« ächzte der Mann. Im fliegenden Lauf riß derweilen der beseligte Günstling des Glücks die Umschläge von den ihm eben eingehändigten Postsachen. Der Brief war von der Redaktion der Fliegenden Blätter, und eine Nummer der letzteren folgte unter Kreuzband anbei. Wir werden uns wohl hüten, den Witz, den die Redaktion gut befunden, angenommen und auf die glänzendste Weise honorirt hatte, hier nochmals mitzutheilen. Kohl hielt ihn nachher selbst für zu dumm, beschloß aber damals dessenungeachtet, oder vielmehr gerade darum, fürs Erste nichts weiter zu thun, als ununterbrochen dergleichen zu leisten. Daß die begleitende Zeichnung ausgezeichnet war, zog er nicht in Betracht, oder hielt sich fest an die Ueberzeugung, daß ein mittelmäßiger Originalwitz immer noch seltener sei als eine gute Zeichnung. Der Maler, welchem ihn das Schicksal – natürlich immer das Schicksal! – in die Arme führte, malte »Porträt« und fragte einfach: »Bist Du verrückt geworden, Puppe?« »Entschuldigen Sie – ja, Du bist es, Blech? Ich war auf dem Wege zu Dir. Ich ziehe.« »Wohin?« »Der Mensch fragt noch! Zu Dir!« »Sei willkommen,« sagte der Freund, ohne die geringste Verwunderung auf seinem hübschen, unbärtigen Antinous-Gesicht zu zeigen. »Rennst Du Deinem Möbelwagen voran oder läufst Du hinter ihm drein?« » Omnia mea mecum porto. « »Mir auch recht.« »Aber ich habe Geld.« »Donnerwetter, Puppe, und das sagst Du so ruhig? So komm rasch!« rief Bogislaus Blech, auf dessen unschuldig-schönem Jünglingsgesicht sich jetzt nicht nur grenzenlose Verwunderung, sondern auch ungemessenes Entzücken kundgab, bis nicht ungerechtfertigter bänglicher Zweifel ihn beschlich, verdrießliches Gewölk sich ihm über die reine Stirn legte und er mit verächtlichem Nachdruck sprach: »Kohl, Du lügst.« »Sechs Mark. Da! Und zwar für den verschollensten Meidinger des Jahrhunderts. Da, sieh mal hier: Ersuchen Sie, von Zeit zu Zeit dergleichen weiter für uns zu finden und einzusenden. Ergebenst –« »Dies ist freilich großartig. Also mit Einem Sprung an die Spitze des ästhetischen Bedürfnisses der deutschen Nation in dieser Hinsicht! Da nimm meinen Glückwunsch: Mit ausgezeichneter Hochachtung Dein Bogislaus. Aber nunmehr komm mit beförderter Schnelle hier herunter. Die nächste Speisekarte die beste. Das Weitere können wir ja in meinem Atelier bereden. Ich sage Dir, liebe Puppe, ich nahm mir wahrhaftig eben die Freiheit, verschiedene Fragen unfrankirt an das Schicksal zu richten, als das Scheusal Dich mir in den Weg führte – Dich Glückspilz! Sie sei gepriesen, die Moira. Du zahlst heute Mittag, und ich überlasse Dir heute Abend mein Sopha. Kohl, ich wäre im Stande, Dir einen Kuß zu geben, wenn ich nicht befürchten müßte, Dich dabei anzufressen. Mensch, es ist Donnerstag – sie haben hier heute Sauerkraut, gelbe Erbsen und Pökelfleisch auf ihrer –« »Bogislaus!« »Nicht wahr, es reizt? Der Mensch ist freilich nur Gras, und seinerzeit wird auch Heu aus ihm; aber Kohl, Herzenspuppe, dann und wann hat das Leben –« »Halt uns hier gar noch durch alberne Reden auf der Treppe auf, Blech!« ächzte der Jüngling mit den sechs Mark vorwurfsvoll. »Aha! Zu den heiligen Tönen, die jetzt Deine ganze Seele umfassen, will mein thierischer Laut nicht passen. Liebe Puppe, Du hast Recht. Knurre nicht und komme rasch.« Sie verschwanden Beide treppunter in dem Speisekeller. Der Götterjüngling mit dem letzten besten deutschen alten Witz der letzten Monate und der beste deutsche Bildnißmaler in spe , Herr Bogislaus Blech, dessen Wiege an der Warthe, der »polnischen Frau Warthe«, gestanden hatte, und der also seinen Taufnamen wahrscheinlich nicht bloß einem ästhetischen Bedürfniß seiner germanischen Eltern verdankte. * * * Als sie Beide wieder zum Vorschein kamen, herauskamen, die Treppe emporstiegen, sagten sie Beide: »Brr!« Es regnete nicht mehr bloß aprilhaft, mit Sonnenschein untermischt; es regnete landregenhaft aus dem Grau ins Graue hinein. Es regnete einen Regen, der die feste Absicht zeigte, acht Tage und acht Nächte durch anzudauern. »Da freut es mich doch, daß Rosinchen unter Dach und Fach ist. Na, wir gehören ja gottlob nicht zu den Schmetterlingen, denen jeder Tropfen Feuchtigkeit den Farbenstaub von den Flügeln schwemmt.« »Liebe Puppe, Du warst groß mit Deinen sechs Mark; ich werde Dir beweisen, daß ich noch größer sein kann. Warnefried, ich rühme mich noch eines Restes alten Cognacs: steigen wir hinauf ins Atelier, lassen wir's regnen und rathen wir ferner daran herum, was das Leben eigentlich mit uns vorhat.« »Nach dem Tode fürs Vaterland weiß ich nichts, was. mir jetzt, bei so überfütterter Stimmung, behaglicher erschiene,« stöhnte Kohl. Sie kamen aus der Tiefe und stiegen in die Höhe. Sie hatten sehr hoch zu steigen, fast thurmhoch. Es war ein »brillantes«, aber auch sehr billiges Nordlicht, was der gegenwärtige Inhaber des »Ateliers« seinen Freunden und Gönnern an seinem Dachbodenverschlag rühmen konnte. Daß einer der ersten Gesichtermaler Deutschlands hier aus den Windeln kriechen konnte, war möglich; aber kein kunstsinniger und zum Befördern der Kunst mit den nöthigen Mitteln versehener deutscher Mäcen wäre ihm hierher hinauf zugeklettert. »Woher sollten auch sonst die vielen Farbendrucke über die Sophawände kommen?« fragte Bogislaus dann und wann gelassen. »Und ich bitte Sie, die Prämienblätter der Kunstvereine wollen doch auch unter Glas und Rahmen. Wie wohlthuend ist es, sein eigen Interesse an unserem heiteren Schwindel, für sechs Mark jährlichen Beitrags, durch ganz Germanien in jedem besten Zimmer wiederzufinden und sich sagen zu können: Guck, Der ist auch Mitglied!« Kohl kannte das »Heim« seines Freundes, aber da er es seit vierzehn Tagen nicht betreten hatte, blieb er doch auf der Schwelle stehen und sprach: »Irre ich mich, oder fehlt mir wirklich hier etwas? Zum Henker –« »Du vermissest?« »Nun, beim Satan, so ziemlich Alles, was der Mensch doppelt zu haben pflegt, wenn er dem Menschen Gastfreundschaft anbietet. Die vier Haimonskinder ritten ja wohl auf Einem Gaul, aber wer kriegt den einen Stuhl da, wenn wir Beide sitzen wollen?« »Du. Wenn Du den Tisch nicht vorziehst.« »Und Dein Sopha, welches Du mir vorhin zur nächtlichen Ruhestatt zur Verfügung stelltest?« »Ist mir selber ganz unbegreiflicher Weise nicht mehr da. Die – die – Person muß es eben jetzt während meiner Abwesenheit mir abgeholt haben. Liebe Puppe, siehe das ist Freundschaft: Dir fehlt hier nichts, was mir nicht ebenfalls mangelt.« »In Deinem Malkasten kann ich nicht schlafen.« »Aber ich überlasse ihn Dir zum Kopfkissen –« »Und mit der Staffelei decke ich mich zu. Es lebe die Kunst!« »Sie lebe!« sagte Bogislaus ernsthaft-vorwurfsvoll. »Kann ich dafür, daß mir in meines Vaters Kohlenkeller in Landsberg die Idee aufgegangen ist, daß noch immer der Mann nicht gefunden sei, der den Begriff Philistervisage in Verbindung mit der nöthigen Lichtwirkung aus der öden Außenwelt auf die höchste Stufe menschlichen künstlerischen Könnens erhoben habe? Kann ich was dafür, daß ich diesen verbohrten Esel in mir gefunden zu haben glaubte? Und übrigens, weshalb bringst Du Deine Möbeln nicht mit, wenn Du die meinigen nicht mit mir theilen willst? Du siehst, mein Dach über meinem Haupte ist noch vorhanden und mein Lager hat man mir auch noch gelassen. Ich kann auch das noch mit Dir theilen, da ich mich noch nicht verheirathet habe während der letzten Wochen, in welchen Du mir nicht das Vergnügen hier oben schenktest. Dabei wird es Sommer. Man stellt überall die Bänke wieder ins Freie. Nahrhafte Pilze schießen überall auf. Man geht wie König Nebukadnezar in den Salat, den man natürlich nicht auf dem Wochenmarkte käuflich erwirbt. Nahrhafte Wurzeln lassen sich binnen Kurzem überall auf den Feldern ausgraben. O, und – nichts genießen als die Helle Des Lichts, das immer lauter bleibt, Und einen Trunk der frischen Welle, Der nie das Blut geschwinder treibt – ich habe es Dir nicht ein Mal, ich habe es Dir hundert Mal anempfohlen, Platen zu lesen, nichts als Platen zu lesen. Ich lese weiter nichts als Platen. Der weiß, wie Einem zu Muthe ist. Um Den war es auch leer, was das Hausgeräth anbetraf. Dem war es auch manchmal recht öde im Magen, und er hat aus dem Hohlen heraus für uns gesungen, liebe Puppe – Denen, die da werden leben, Sei Dein Sein dahin gegeben; Laß der Gegenwart Erscheinung Ruhig Dir vorübergaukeln; übrigens brauche ich es Dir wohl nicht schriftlich zu geben, daß ich auch für mein Theil diese gegenwärtigen Zustände bis zur äußersten Uebersättigung ausgekostet habe. Du bist mir willkommen; suche es Dir bequem zu machen. Lege ab, Kohl.« * * * Er schleuderte den regennassen Filz zu Boden, und der Freund folgte nur seinem Beispiel; denn sonst hatte er ja wohl weiter nichts »abzulegen«? Nachher betrachtete er – Kohl – die letzte Leistung des Freundes auf der Staffelei und sagte nach einer geraumen Weile: »Du mußt es ja wissen; aber mir wird die Sache immer dunkler. Das ist doch kein Menschenbildniß mehr?« »Nein, diesmal Architektur,« sprach Bogislaus Blech. »Ich habe in der Leere um mich her den Versuch gemacht, mich auf sie zu legen.« »Und was ist denn hier Weißes in das Bogenfenster geweht?« »Schnee!« sagte van Dyck. »Hm, da stehe ich wohl nicht in der richtigen Entfernung von dem Produkt, um es so würdigen zu können, wie Du vielleicht mir und dem Publikum zumuthest. Höre mal, ich bin ja freilich in der letzten Zeit mit Dir herumgekrochen in Kellern und Küchen, in Grüften und Krypten, auf Treppen und Thürmen bei Deinen mir bis zu diesem Augenblick gänzlich räthselhaften neuen Studien; aber dies wird mir zu bunt! Zu bunt? ne, zu schwarz in Schwarz! Und dafür glaubst Du mehr zahlungswillige Liebhaber zu finden? Höre mal, mein Sohn, was sehen will der größte Maniak von Kunstverstehenden, der einen Goldrahmen an Deinesgleichen wendet. Womit soll denn so ein Kerl renommiren, wenn er vor dem Frühstück oder nach Tische einen Mit-Sachverständigen vor solch ein Stück ägyptische Finsterniß führt?« »Mit meinem Schnee.« »Mit Deinem Schnee!« Der höfliche Kritikus trat noch einmal einige Schritte zurück, betrachtete das für den Laien freilich etwas unbestimmt-grauliche Kunstobjekt durch die hohle Hand, wendete sich sodann ernst zu seinem Freunde und sprach: »Es ist möglich, daß ein späteres, mit schärferen Sinnen begabtes, verrücktes Jahrhundert Das mit Gold zudeckt; aber augenblicklich wär's besser, Du legtest Dich aufs Illustriren meines Privat-Heiligen.« »Sankt Meidingeri?« fragte Bogislaus Blech verächtlich. »Hat er Dich heute nicht gespeist und getränket? Des Pathen Schnarrwergks Lar, sein ausgestopfter Pithekus ist nicht mehr der allgemeine Urvater des gesammten Menschengeschlechts als wie der eben von Dir genannte Heilige Dein und mein Urzeuger. Liebes Kind, es haben schon Einige vor Dir Klosterhöfe in Schnee gemalt. Du bist der Erste nicht. Die Welt hat sich, seit Dein allerletzter Vorgänger in dieser Spezialität elend steif fror, nachdem er vorher verhungert war, auf Thauwetter, auf aufgeweichte Landstraßen mit Schnee gelegt. Lege Dich auf was Anderes, Bogislaus.« »Wir wollen wirklich uns besinnen,« sagte der idealistische Porträt- und Architekturmaler, völlig über den warnenden Freund hinweg, wie hinein in die glänzendste, nahrhafteste, ruhmreichste Zukunst. Plötzlich aber wie aus dem blauesten Empyreum in die andringlichste Wirklichkeit zurücksinkend, fragte er: »Wie viel haben wir noch?« »Den Kaffee, den ich Dir im Domino abgewonnen habe, hatte ich natürlich auch zu zahlen. Aber anderthalb Mark – Herr du meine Güte!« »Was ist? zum Henker, Puppe, was kann denn nun noch los sein?« rief Bogislaus, zum ersten Male, seit wir seine Bekanntschaft gemacht haben, mit etwas wie Angst, Spannung, Aufgeregtheit auf dem hübschen Gesichte. »Zum Donner, was ist? was fehlt uns noch zum Vergnügen? Unbehagliche süße Puppe, gaffe mich nicht so dumm aus der letzten Schanze meines Stoizismus heraus! Was ist passirt?« Der Andere gaffte in Wahrheit dumm um, mit beiden Händen krampfig in den Hosentaschen. Er lächelte, wie Menschen das Nichts anlächeln sollen, wenn die Verbindung mit dem Was, dem Etwas, dem Irgendetwas vollständig vor und hinter ihnen zusammengebrochen ist. Er wendete sie nach außen – beide Hosentaschen – »Kohl, Du hast doch nicht . . .?« »Ich hatte, Du hattest, er hatte – ich habe gehabt. Himmel und Hagel, das ist doch zu großartig. Auch Das noch!« »Sieh noch mal im Stiefel nach.« Der Andere saß bereits, ohne auf diesen Rath gewartet zu haben, auf dem Bettrande und that in zitternder Hast, was der Gastfreund rieth: »Nichts als auch ein Loch!« sagte er wie Jemand, der nichts mehr zu sagen weiß, zu dem Gastfreund emporstarrend. Letzterer hatte noch etwas zu bemerken, nämlich: »Und Das maßt sich an, Kritik zu verüben? Und Das will ein Urtheil haben? Solch ein Abgrund von irrationeller deutscher Viehzucht! solch ein bodenloses Rindvieh!« Es ist eine fadenscheinige Redensart: einen Schleier fallen lassen. Aber wir lassen doch einen Schleier fallen. Ach, wer doch noch einmal in solch einer Haut steckte, aus welcher die Beiden eben, jeder für sich aus seiner, herauszufahren wünschten! Wir haben gottlob drin gesteckt und uns unsäglich wohl drin gefühlt. Es ist leider lange, lange her; wir haben uns seit der Zeit erkleckliche Male mehr gehäutet, und wir haben uns nicht verbessert. Ach Gott, ach Gott, wir geben die Weisheiten, die wir errungen, die Erfahrungen, die wir gewonnen haben, billig, sehr billig her. Wer hilft uns wieder in jene Haut hinein, in der wir steckten, als wir noch unser letztes Vermögen durch das Loch in der Hosentasche hinunter zum Loch in der Schuhsohle hinaus vergeblich suchten! Es kommt ein Hauch aus jener Zeit, wie wenn es zu Ende April oder Anfang Mai in die Baumknospen regnet, und es warm ist, und die Welt sagt: Nun wird's aber grün! Wir schnupfen jetzt; oder haben seit Jahren – sagen wir seit dem vierzigsten – den Stockschnupfen; aber um desto wehmüthiger stimmt uns der Hauch. Wir lassen den Schleier fallen: Herrgotthimmelsakrament, es wäre uns damals außergewöhnlich unangenehm gewesen, wenn Jemand durch den Druck die Welt damit bekannt gemacht hätte, wie wir uns zu helfen wußten und nicht nur gesund dabei blieben, sondern es fertig brachten, daß uns immer wohler in unserer Haut wurde. Um davon mit vollem Verständniß nach innigem Bedürfniß zu reden, müßten wir so zu Zweien und Dreien zusammen sein. So nach Mitternacht im Winter, wenn der Sturm den Schnee an die Läden der alten Schenke treibt, und wir den Hausschlüssel in der Tasche und die Frau und die Kinder im Schlaf im warmen Bette, also beides in Sicherheit wissen. Dann – wenn der Schwarm sich verlaufen und der Herr Oberkellner die Gasflammen bis auf die über unserem Tische, unserem Stammtische im Winkel, ausgeschroben hat, dann – geht uns eben das Herz über und der Mund auf: wir arbeiten dann aber auch nicht für den Druck. Ach, lassen wir den Schleier fallen und den fallengelassenen ruhig hängen, und malen wir hier nur drei dicke schwarze Kreuze hin: †     †     † Das genügt für die schlechte Welt; die wirklich gute alte Tante aber weiß damit ebenso gut ganz genau Bescheid, und vielleicht noch viel besser; denn sie reibt sich mit der Stricknadel die liebe alte Nase und sagt kopfschüttelnd, lächelnd: »Na, na!« und nach einer Weile: »Na, na, na!« und wieder nach einer Weile: »Ja, wenn mir alten Leute auf unsere jungen Tage kommen.« Dieses Letztere sagt sie jedoch nicht; sie denkt es nur und kann sich dabei sehr in ihre Gedanken vertiefen. * * * Fünfzehn Jahre sind nach Tacitus eine sehr lange Zeit für das kurze Menschenleben; aber auch fünf Jahre können dem Erdenbewohner im Guten und Bösen dann und wann eben so viel bieten wie – dann und wann die kürzesten fünf Minuten. Bleiben wir als Cidher der Alte bei fünf Jahren! Es ist durchaus nicht nöthig, als Cidher der ewig Junge singen: Und aber nach fünfhundert Jahren Will ich desselbigen Weges fahren. Nach fünf Jahren kann Cidher der Alte doch vielleicht noch einmal wiederkommen und zusehen, wie es dann aussieht, und ob der Mensch das Ganze noch immer als Nunc stans ansieht und mit Prügeln nicht aus der Ansicht herauszutreiben ist, daß die Gegenwart die Hauptsache bei der ganzen Geschichte ist. Fünf Jahre, nachdem wir unseren Preis-Witzbold vom Bettrande seines Freundes Bogislaus ins Leere starrend gelassen haben, legen wir von Neuem die Hand auf ihn und finden, daß diese fünf Jahre den Kohl nicht fett gemacht haben. Das nichtsnutzige Witzemachen! Es hat den armen Teufel nicht in die kleinste Anwartschaft auf den Konsistorialrath, den Reichsgerichtsrath und, am allerwenigsten, den Kommerzienrath hineinbefördert. Es giebt solche Talente, die dem Menschen nur deshalb gegeben werden, um ihn höchlichst erstaunt am Ende seiner Laufbahn anlangen zu lassen. Und ist es gewöhnlich noch für ein Glück zu nehmen, daß er nicht mehr hört, was die Leute hinter ihm drein zu sagen sich erlauben. Des Menschen Weg auf Erden! Ja, ja; wo man erst tänzelte, gleitet man aus, setzt sich – aber nicht in einen Lehnstuhl, sondern meistens auf ganz was Anderes und rutscht abwärts, mit fabelhafter – nein, mit durchaus nicht fabelhafter Geschwindigkeit abwärts hinein in den Beruf oder das Schicksal, von welchem die Parzen in diesem Falle an der Wiege sangen. Wer kann denn, wenn er sich seiner jugendlichen, seiner kindlichen Illusionen erinnert, dafür, daß er die Worte, den Inhalt des Liedes nicht verstand, des Liedes, der Weissagung, die ihm bei Sonnen- und Lebensaufgang gesungen wurde? Nur zu viele Sänger und Sängerinnen haben es an sich, daß sie den Text nicht zur Geltung bringen für das Ohr, sondern nur die Noten, und der Teufel soll's dann verstehen, was sie eigentlich da kundgeben. Und die Parzen haben das auch so an sich; ja haben vielleicht diese Art, die Menschen in dumpfe Stimmungen, Gefühle und Einbildungen einzulullen, zuerst in die Welt hineingebracht. Wer kann es ins Einzelne schildern, wie unser Held sich durch die besagten fünf Jahre durchschlug! »Sind Sie ein Sohn des alten Kohl? Sie sind ein Sohn des alten Kohl?« fragte man unseren jungen Kohl auf drei oder vier Universitäten; und wenn das gelehrte Volk sich auch noch so arg in den Haaren liegt, dem Abkömmling eines mehr oder weniger berühmten oder berüchtigten Wissenschaftsverwandten hilft's (und vorzüglich »wenn der alte Narr« todt ist) auf die eine oder die andere Weise weiter durch Empfehlungsbriefe, Stipendien, Freitische und Erlaß der Kollegiengelder. Der wüthendste germanistische Gegner des alten Kohl hat den jungen wahrhaft rührend väterlich durch ein ganzes Semester in Erlangen ausgehalten: »Sie sind Philologe? Der Sohn des alten Sünders, wollt ich sagen meines Herrn Kollegen Kohl! ein exakter Lateiner, aber freilich sein Deutsch! he, he, he, nehmen Sie es mir nicht übel, junger Herr; aber der selige Papa – nun, nun, wir wollen nicht weiter darauf eingehen. Junger Freund, Ihr lieber Vater und ich haben gerade in dieser Dichtung mehrfach unsere kleinen Kontroversen durch den Druck ausgefochten. Nun, es freut mich, Sie, seinen Sohn, kennen gelernt zu haben. Wenn ich Ihnen hier bei uns in irgend einer Weise nützlich sein kann, so wenden Sie sich dreist an mich.« Sich dreist an Alles im Leben wenden zu können, das war auch ein Geschenk, welches das Schicksal dem jungen Kohl in die Wiege gelegt hatte. Nur ein einzig Mal während der jetzt schon mehrfach erwähnten fünf Jahre unbestimmbaren Wandels auf Erden sagte er fast beschämt und nur schüchtern zugreifend: »Das kann ich ja eigentlich gar nicht von Ihnen annehmen!« Aber dieses war auch an dem sonderbaren Tage, an welchem ihm die philosophische Fakultät zu Göttingen oder Erlangen sein Diplom als Doktor der Weltweisheit überreichte; und durchs Staatsexamen fiel er natürlich um so glänzender durch. Wir können nicht behaupten, daß er sich eigentlich darüber selber gewundert hätte; wir können leider nur mittheilen, daß er sich durch ein wahrhaft schreckliches Concetto völlig vor sich selber rechtfertigen zu können glaubte. Nämlich: »Es ist nicht Jedem gegeben, nach Korinth zu gehen, und wenn er auch noch so große Rosinen im Sacke hätte.« Wenn er Trost aus der schauderhaften Eräußerung zog, so können wir ihm denselben höchstens nur gönnen. Wir können in der Richtung Vieles ertragen und gleichfalls Einiges leisten; aber zu hoch darf man den Wechsel auf unser sittliches und ästhetisches Gefühl nicht ziehen. Wir schließen also diesen Abschnitt ab, indem wir mit möglichster Fassung auch die Welt noch für einige Seiten um Schonung, um Nachsicht bitten. Mit allen seinen großen Rosinen im Sacke ist Kohl in seine Heimathstadt zurückgekehrt, und: »Nicht mal Eine weißgekleidete Jungfer am Thor!« * * * Dagegen fand er verschiedene, sogar eine ganze Menge Freunde, wenn auch nicht am Thor, so doch in den Gassen. Diese fragten sämmtlich: »Kerl, lebst Du denn noch?« und das ist eine sehr hübsche Redensart und wird ihrer herzlichen Innigkeit oder innigen Herzlichkeit halben fürs Erste nicht ausgehen im bruderschaftlichen Verkehr der Menschen allhier auf dieser Erde. »Wenn Du es erlaubst,« ist die Antwort darauf, und das ist keine Redensart, sondern ein Wort von unendlichem Inhalt und grimmiger Bedeutung, so lachend, so gleichgültig oder so dröhnig es auch hingesprochen werden mag. Geht nur mal dem Dinge etwas tiefer als bis auf die oberste Haut und fragt euch, wer von eurer Bekanntschaft recht vom Herzen aus euch die Erlaubniß giebt, noch zu leben und das Leben auch weiter zu behalten?« Wenn ihr nicht auf ein gutes Mädchen trefft, getroffen seid. das sich selber den lieben Hals für euch abschneidet, sich für euch zu Tode hungert und ihren letzten Unterrock versetzt, um euch beim Leben und guter Laune zu erhalten, so spielt nur den Diogenes mit der Laterne. Von Mama soll natürlich nicht die Rede sein; die ist selbstverständlich hors de concours ; aber ist nicht schon euer eheleiblicher Papa im Stande, mit ziemlicher Kühle zu bemerken: »Mein Sohn, bedenke, daß ich allmählich mein Möglichstes an Dir gethan habe. Liege mir also nicht ferner auf der Tasche, komm mir nicht zu häufig mit Deinen Angelegenheiten in meinen Weg. Es ist nichts unangenehmer, als wenn Einer Einem an jeder Ecke im Wege steht. Du lebst, und das ist mir eine Genugtuung; aber nun sei auch dankbar und komme mir nicht weiter in den Weg! Mache mir Ehre, lieber Junge, bringe es zu etwas und lade mich meinetwegen so oft, wie Du willst, als Großpapa zu Gevatter. Auf die silbernen Pathenlöffel soll es mir nicht ankommen. Grüße Deine gute Frau, und ich komme gerne morgen zu Tische; aber mit Deinen Wechseln verschone mich. So im Großvaterstuhl muß der Mensch endlich einmal an sich allein denken dürfen.« Kohl junior hatte, wie wir wissen, keinen lebenden Vater mehr zum Großvater zu machen. Daß ihm die Mutter nicht mehr lebte und ihm das beste Leben vom Herzensgrunde aus, trotz aller eigenen Bedrängniß wünschen durfte, ist auch bereits gesagt worden. Die Mädchen aber, die sich den Hals für Einen abschneiden lassen und sich noch gar ein Vergnügen daraus machen, die findet man nicht sogleich, wenn man nach ihnen sucht; und sie suchen Einen gar nicht. Solche Sache macht sich jedes Mal nur ganz und gar durch Zufall; solchen süßen Fund thut man nur, wenn man beim Spazierengehen, auf dem Marsche oder mitten im Gedränge an so was am allerwenigsten denkt. Nachher giebt's aber auch eine um so größere Verwunderung über das himmlische Wunder. Der Glücksfall verdient jedes Mal genau aufgeschrieben zu werden, wird es aber, Gott sei Dank, nicht. »I Puppe,« rief an einer der Straßenecken der Vaterstadt Jemand, der sich in den letzten fünf Jahren ebenfalls recht verändert hatte, und zwar, wie die Mehrzahl der Menschheit mit Recht sagen durfte – zu seinem Vortheil. »Dies geht denn doch über die Puppen! Du lebst noch, Kohl?« »Mein Bogislaus!« flötete der alte beste Freund und Bekannte aus jenem Loche der Flöte menschlicher Empfindung, welches es möglich macht, sofort in die Redensart überzugehen: »Wenn es Dir Vergnügen macht, so kannst Du auch mir gewogen bleiben.« »Du kommst nicht an mein Herz?« fragte aber diesmal seltsamer Weise der frischgebackene Doktor der Philosophie, sofort mit dem großen Rest der Menschheit anfügend: »Mensch, Du siehst aber famos aus! Merkwürdig wohlgenährt und ohne Schmeichelei höchst anständig. Und dieser Stich ins Pastorale? Mensch, woher hast Du diesen Bauch und diesen Rockschnitt? Und woher diesen Haarschnitt, und – Donnerwetter, diesen Moschus- und Chlorkalkgeruch?« »Das bringt nun einmal das Geschäft so mit sich, mein bester Kohl.« »Das Geschäft? Zum Henker, was für ein Geschäft denn?« »Wenn Du lieber willst, liebe Puppe – die Kunst!« »Die Kunst? Mensch, muß man denn aussehen wie ein Bonze, um der erste Portrait-, Kirchen- und Kreuzgangmaler Deutschlands zu sein? Und was hat unser früheres Herumkriechen in allen möglichen Kellern und Kathedralen mit diesem nichtswürdigen Parfüm zu thun, halb wie ein Sterbezimmer und halb wie eine Centralfriedhofskapelle?« Mit dem wohlwollenden Lächeln eines Mannes, der aus der wohlgesicherten Höhe auf drunten sich abängstendes Gewimmel herabblickt, sagte Herr Bogislaus Blech, indem er eine ziemlich umfangreiche, ernsthaft aussehende schwarze Ledermappe mit Silberpressung unterm Arm vornahm, sie öffnete und dem erstarrenden Freunde zur Einsichtnahme hinhielt: »Meine jetzige Spezialität.« »Barmherziger Himmel, auch Du?« »Auch ich.« »Photograph?« »Photograph.« »Ist das eine Spezialität? Ja – alle Hagel und Wetter, was ist denn das? und dies? Ein todtes Kind in Blumen – ein – siehe Hamlet, Akt fünf, erste Scene – seit neun Jahren verstorbener Lohgerber –« »Geheimer Kommerzienrath von Bromberger.« »Blech,« schrie der Freund, jetzt fast wie wüthend die Mappe zusammenklappend und sie dem Freunde wieder unter den Arm schiebend, »Blech, jetzt endlich damit heraus: wie bist Du zu diesem komfortablen Bauch gekommen, und wie kommst Du zu dieser lugubern Insektensammlung?« »Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.« »Das nennst Du Kunst? Und das nennst Du eine heitere Kunst?« »Mein, liebe Puppe, ich citire Dir den hohen Dichter nur deshalb, um Dir an seinem Beispiel zu zeigen, daß die größesten Idealisten sich am meisten zu irren pflegen. Ernst sei die Kunst, um das Leben möglichst heiter zu verbringen. Geschäft nenn ich dieses.« »Kerl, ich habe es satt, mich hier an dieser Ecke mit Dir im Kreise herumzudrehen. Was hast Du aus Dir gemacht, Bogislaus? Was bist Du geworden?« Er hatte den Freund an der Brust gepackt und drückte ihn gegen die nächste Hauswand. »Leichenphotograph, offiziell!« sagte Bogislaus, durchaus nicht mit einer Stimme wie aus dem Grabe heraus, sondern freundlich, leichthin, wie Jemand, der auf eine Frage eine eigentlich ganz selbstverständliche Auskunft giebt, eine Erklärung, an die der Andere bloß zufällig augenblicklich gerade nicht selber gedacht hatte. Doktor Kohl hatte denn auch nichts hierauf zu erwidern; er that nur noch eine Frage. Nämlich. »Gehst Du eben in Dein Atelier oder zu Tische?« »Zu Tische,« sprach Bogislaus, und der Andere sagte. »Dann gehe ich mit.« * * * Es war derselbe Speisekeller, in welchen wir die beiden Freunde schon einmal hinunterbegleitet haben. Sie brachten gottlob denselben guten Magen und gesegneten Appetit mit sich die Treppe hinunter wie vor fünf Jahren; und sie fanden auch dieselbe Ecke frei wie vor fünf Jahren; aber Doktor Kohl hatte diesmal »keinen vergilbten Ulk, keinen schlechten Witz, keinen Meidinger zu verkneipen«. »Erst zählen, dann zahlen,« murmelte er; brummte jedoch dann um so lauter: »In welcher Nacht der tausend und einer kommst Du doch schon vor, unheimliches Geschöpf, fettglänzend nächtlicher Weile mit Messer und Gabel auf einem Leichensteine sitzend und schmatzend? Ich habe so eine dunkle Erinnerung, daß Du mir auch aus jenen alten Sagen wieder auftauchst. Leichenphotograph! Zum Henker, Blech, wer war es doch, der in jenen süßen Mären Mittags im Kreise seiner Familie mit einem Ohrlöffel sich fütterte, um den Appetit unversehrt für das Abendessen, die Mitternacht und den Kirchhof aufzuheben? So hilf mir doch, alter Gulerich! Du mußt es ja am besten wissen und kommst auch vielleicht mit ihm in der Gesellschaft zusammen heute Abend.« Bogislaus reichte wohlbehaglich seinem Freunde Warnefried die Speisekarte: »Heute Mittag erlaubst Du mir wohl –« und Doktor Warnefried Kohl erlaubte es. Nachher tauschten sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen während der letzten fünf Jahre aus. Diejenigen Kohls kennen wir im Allgemeinen, was vollkommen genügt. Hören wir also noch, was der Andere zu erzählen hatte. »Man steht vor einer Thür und möchte gern hinein, und man findet sich vor einer Thür – nämlich wieder herausgeworfen. Wie man in eine Kunst hineingeräth, schiebt man auf sich und hält es für sein eigenes ungeheures Verdienst; wenn man wieder aus ihr heraus ist, schiebt man's natürlich auf Andere. Liebe Puppe, ich will selbstverständlich sagen, nicht Alle thun solches. Einige besinnen sich zwischen Thür und Angel, in der unangenehmsten Epoche ihres Daseins eingeklemmt, auf sich selber und nehmen Vernunft an. Viel seelisches Verdienst ist nicht dabei, die große Offenbarung kommt einfach aus dem Magen; aber es sind nicht die Dummsten, die von diesem Organ aus bei sich selber endlich wirklich einkehren, das kann ich Dich versichern; denn ich gehöre selber zu den seltenen Spezies, welche unser Herrgott in seiner Käfersammlung abseits des profanen Vulgus eines speziellen Korks würdigt.« »Weniger Blech und mehr –« »Kohl willst Du sagen und hast vollkommen Recht. Aber sei nur ruhig – et tua fabula narratur ; wie ich hoffe, erzähle ich zum Theil auch Deine Geschichte, lieber Kohl.« »Als Vates, als Seher vielleicht – hoffentlich. Nur zu.« »Wie ich in die Kunst hineingerathen bin, weißt Du und hast in jüngeren, grüneren Jahren mit mir in dem Wunsche geschwelgt, Deinen Freund als Akademieprofessor auf der Spitze der Leiter zu sehen.« »Ist mir nicht im Traume eingefallen. Höchstens theilte ich damals Deinen Wunsch, daß sämmtliche Akademieprofessoren nur einen Hals, ne, nur einen anderen, mehr nach hinten, nach dem Hofe zu gelegenen Körpertheil haben möchten. Du machtest mir Spaß, wenn Du in Deinen gehobenen Stimmungen gegen die Wand tratest. Ich erinnere mich, daß Du einmal in der Verzückung sogar eine Thürfüllung eingetreten hast.« »Ja, ja,« seufzte Bogislaus, »Luft machen muß man seinem Herzen doch, nicht wahr?« »Natürlich.« »Siehst Du, ich bin zwar nur aus Landsberg an der Warthe und genug Grenzpolacke, um euch sogenannten unverfälschten Germanen allerhand Stoff zu allerlei faulen Redensarten und schlechten ethnographischen Witzen zu geben; aber wenn ich aus Athen, Florenz, München und anderen dergleichen Kunststädten zu gleicher Zeit gewesen wäre, könnte ich heute nicht genauer wissen, daß nichts seine Grenzen sich so nahe hat als wie der Drang nach dem Ideal. Für die gesunde Natur natürlich! Liebe Puppe, ich hatte es in den Fingern; – ich hatte Talent, ich hatte Talente aus Landsberg euch mitgebracht. Was bei ausgiebig warmem Ofen im Winter, was bei ausnehmend fetter Verpflegung und sehr anständigem Getränk zu jeder Jahreszeit aus mir geworden wäre, weiß ich nicht. Vielleicht wenig. Aber bei nothdürftiger Verköstigung würde unbedingt nicht nur in der Architektur, sondern auch im Portrait was Mächtiges, was Großartiges, was Epochemachendes aus mir möglich gewesen sein, – das weiß ich. Dem krassen, blassen Hunger war Dein armer Freund nicht gewachsen, Kohl. Du redetest vorhin von dem Ohrlöffel lieblicher orientalischer Sagen; mir war dies Fütterungsinstrument eine unliebliche Wirklichkeit. Neulich Dein erster guter Witz bedeutete meine letzte gute Mahlzeit. Ich sah ins Bodenlose, Du verschwandest mir in demselben. Hätte ich mich an jenem ersten April noch für ein einziges halbes Jahr satt fressen können, so würde ich den Gipfel erreicht haben; aber – Beim Entern hat ein Schiffsbeil Die Faust ihm abgehackt, singt Freiligrath –« »Und fährt fort,« zitierte Kohl – »Er stürzte jäh zurücke, Das Meer begrüßt ihn dumpf, Hier warf's ihn aus, noch blutet Der unverbundne Stumpf.« »So ist's,« sprach dumpf wie der Ocean Bogislaus Blech. »Kellner, noch einen Schoppen und dem Herrn auch einen! was so ein polackisch-germanischer Magen fürs Ideal ausstehen kann, leistete ein solcher wahrscheinlich zum ersten Mal in höchster Vollendung, und leider in mir, in mir – hier unter dieser Weste. Es wurde damals ja Sommer, und allerlei Feldfrüchte wuchsen mitleidsvoll der Kunst, der hohen Göttin in den Hals. Ich grub draußen nach Wurzeln, und wurde beim Rübenausziehen ertappt und wegen Felddiebstahl vors Tribunal geschleift. Meine Studienmappe rettete mich noch einmal. Ich hatte selbstverständlich einzig und allein als Stilllebenmaler mir meine Modelle auf der Flur gesucht; aber ich sagte mir doch: arme Puppe, gieb's auf; dies geht so nicht länger, laß andere Vegetarianer dran, du hast dich genug geopfert; die Gottheit will den ästhetischen Dampf nicht, der vom Altar, von dir zu ihr emporwallt. Und ich gab es auf. Ich trat diesmal in meiner letzten höchsten Erregung nicht gegen die Wand, sondern gegen meine letzte Leinwand, welche der Pfandleiher nur dann nehmen wollte, wenn ich sie erst chemisch von der darauf befindlichen Farbenleistung gereinigt haben würde. Du kennst Bögler. Du kanntest doch Bögler, Kohl?« »Habe nicht das Vergnügen.« »Thut gar nichts. Er war nicht in Landsberg an der Warthe mit dem Drang nach dem Ideal auf die Welt gekommen. Er war einfach aus Berlin und wußte von den Windeln an, was die Welt heute will: Panoramen und Photographien. Das Genie widmet sich im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts den ersteren, das bescheidene Talent legt sich auf die letzteren. Ich hatte ihn jahrelang tief unter mir gesehen; jetzt sagte er zu mir: ›Wenn Sie eben nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie doch einmal zu mir herauf, Blech. Ich habe einen architektonischen Hintergrund nöthig und komme damit in drei Teufels Namen nicht zu Stande. Vielleicht haben Sie eine Idee, welche dem Publikum imponirt und es anregt, zu Haufen seine Rückseite dagegen zu kehren. Eine Kleinigkeit thut da Riesenhaftes in einem Aushängekasten an einer belebten Straßenecke. Einen Stich ins Portraitfach haben Sie ja wohl?‹ Der Herr hält einem oft sonderbare Finger von der Höhe hin; ich ergriff diesen mit beiden Fäusten und stieg zu Bögler hinauf. Und als ich oben gewesen bin, bin ich selbstverständlich oben geblieben. Ich hatte nicht nur eine Idee, ich hatte mehrere. In dieser Hinsicht bin ich nicht ohne Nutzen mit Dir, Freund, Puppe, alter braver Kerl, alter lieber Kohl, herumgekrochen. Natürlich hatte Bögler sich nicht zu dem Publikum gerechnet, dem imponirt werden sollte. Aber ich rechnete ihn ebenso natürlich dazu und imponirte ihm, wie Michelangelo im Cinquecento der Société de Rome imponirt hat. Am nächsten Abend trank ich mit meinem Leo dem Zehnten Brüderschaft, und vierzehn Tage später waren wir Bögler und Kompagnie; und das sind wir auch heute noch.« »Erlaube mir aber –« »Der gute Kerl! Wem ein Gott auf die Stirn klopft und die Augen für seinen angeborensten Beruf öffnet, der wird innerhalb vier Wochen mit den zu demselben gehörigen Handgriffen fertig, wenn das Handwerk danach ist. Ich brauchte vierzehn Tage, um Bögler all das Seinige abzusehen. Und dann that ich das Meinige hinzu, und rund um unsere Firma her barsten die Konkurrenten vor Neid, Gift und Galle. Ein volles, glückliches Jahr durch ging mein lieber, lieber Bruder und Kompagnon jeden Mittag gegen zwölf Uhr in den Hauptstraßen der Stadt und belauschte selig und inkognito – ich hatte ihm natürlich seinen Künstlerhaarwuchs bescheeren lassen – vor den Photographiekästen von Bögler und Kompagnie, was das Publikum dazu sagte. Du hast den guten, guten Kerl, Du hast Bögler nicht gekannt, Kohl; ich werde ihn Dir nachher zeigen, in meiner Mappe – in meiner Mappe. Als Spezialist kann ich leider ihn Dir heute noch vorweisen: als zum ersten Mal königliches Blut und Fleisch sich bei uns melden ließ und vorfuhr, ging er mir auseinander. Du sollst ihn unter seinen Lorbeeren sehen in meiner Mappe. Ich habe mir selbstverständlich alle Mühe gegeben und die Platte ist wundervoll gerathen –« »Er ist todt, und Du hast ihn Dir auch photographirt?« »Todt und photographirt. Er war nur für einen mittleren Erfolg gemacht. Den höheren, den höchsten ertrug er nicht. Er mußte sich zu Tode saufen, wenn der über ihn kam. Es ist ein Glück, daß die arme liebe Dame nichts davon weiß, aber sie hat ihn auf dem Gewissen – Königliche Hoheit Prinzeß Amalasuntha hat ihn auf dem Gewissen. Ich schickte natürlich ihn im Frack hin, das Dutzend abzuliefern, und am Abend feierten wir selbstverständlich dies größeste Erlebniß in seinem Dasein. Er war im Frack geblieben, und heiß ging er an meinem Arme durch die Novembernacht heim, und acht Tage später war er kühl, sehr kühl, so abgekühlt, wie auch wir zwei einmal sein werden, lieber Kohl. Wenn es Dir recht ist, mein Junge, gehen auch wir jetzt heim; man kommt so unwillkürlich im Erzählen auf Dinge, die Einem doch auf die Nerven fallen, man mag die Sachen noch so tischredenhaft färben. In einer Beziehung stehe ich vor dem Seligen wie vor einem vollständigen Räthsel. Er hatte meine Spezialität mit Entzücken aufgegriffen und meine Erfolge mitgenossen; in seinen letzten Stunden war es ihm aber schauderhaft, ihr gleichfalls anheimzufallen und in einem Aushängekasten friedlich auf dem lorbeerumkränzten Lager zu liegen. Er verbat es sich in seinen Phantasien höchlichst, und ich habe ihm nachgegeben. Ich habe ihn nicht mit ausgehängt; ich habe ihn nur in meiner Mappe und dort will ich ihn Dir heraussuchen. Gehen wir? Ich wohne in der Hanebuttenstraße.« Sie gingen. * * * »Hanebuttenstraße!« murmelte Kohl draußen in der Gasse. »Kannst Du mir vielleicht sagen, warum mir dieser Name anheimelnd, gemüthlich die Phantasie füllt, Blech?« »Keine Ahnung. Vielleicht der Name selber. Nun, das Nähere fällt Dir wohl von meinem Fenster aus ein.« »Möglich,« sagte Kohl, und dann standen sie zwei oder drei Mal in einer der Hauptstraßen der Stadt still, und der schöne Bogislaus deutete jedes Mal auf einen glänzenden Glaskasten voll seiner jetzigen künstlerischen Leistungen, und im Weiterwandern redeten beide Freunde weiter über Kunst, Leben und Tod.« »Kannst Du Dir wohl vorstellen, liebe Puppe, daß schon verschiedene Leute, und nicht bloß Frauenzimmer, meinethalben auf der Polizei gewesen sind, um auf die Entfernung meiner besten Abzüge zu dringen, von wegen Erregung öffentlichen Aergernisses und unnöthigen Schauders?« »Das kann ich mir sehr wohl vorstellen! Und wie Eltern ihr todtes Kind – und wenn auch noch so sehr unter Blumen –« »Lebendige Nacktheit weiblichen Geschlechts gefiele auch Dir besser. Natürlich! Mir auch,« sprach Bogislaus mit der Ruhe des besten Bewußtseins. »Aber süße Puppe, das ist keine Spezialität. Das konnte Bögler auch, und ich werde Dir unsere Geheimmappen vorlegen; ich bin ihm auch dabei mit Talent und Verständniß zur Hand gegangen. Aber, wie gesagt, darin hatten Bögler und Kompagnie schon allzuviele Mitbewerber um die öffentliche Zustimmung. Hierin war ich allein. Hierin war ich nicht nur als Künstler, sondern auch als Charakter einzig im Geschäft; denn hierzu gehört nicht bloß Hand- und Handwerksfertigkeit, sondern auch Geist, Gemüth – Herz. Und das Letztere bringe ich nicht nur den trostlosen Müttern, sondern auch den glücklichen Erben mit. Ich weiß mich auf diesem Felde zu benehmen, und ich kenne Gott Lob keinen Kunstgenossen, der mir hier als Mitstreber die Stange hält.« »Eigentlich scheußlich!« murmelte Kohl; doch ruhig berichtete der Freund weiter: »Beruhige Deine Gefühle, die Polizei hat mich vor sich kommen lassen, und ich bin hingegangen, sie von der Lächerlichkeit der ihr gestellten Zumuthungen zu überzeugen. Ich halte Dich nicht für so ruchlos, ihre Meinung über die Sache nicht zu theilen bei besserer Ueberlegung. Was beleidigte ich denn? welche Saite im Menschen schlug ich zu scharf an? Gar keine! auch ich kam nur einem längst gefühlten Bedürfniß nach, und was das ethische Moment anbetraf, nun, so legte ich in meinem Schaukasten nur einen nackten Schädel neben das nackte Fleisch. Das Publikum in den Gassen, vom kleinsten Schulmädel aufwärts, hatte einfach die Wahl. Kein Philosoph kann's besser leisten. Und weißt Du, was sie nach meiner gelassenen Auseinandersetzung gethan hat?« »Wer? bei allen Göttern der Ober- und Unterwelt, wer?« rief Kohl. »Unsere hiesige Polizeiverwaltung,« sprach Bogislaus Blech ebenso gelassen, als ob er jetzt vor ihr stünde. »Sie hat nicht nur, was sich von selber verstand, meine Ansichten gelten lassen, sondern sie hat auch meine Talente anerkannt. Sie hat mich ihrerseits nützlich verwendet und verwendet mich auch heute noch so.« Kohl sperrte diesmal nur den Mund auf. »Ja, wenn sie einen Spitzbuben für ihre Privatsammlung zu photographiren hat; solch einen von der Art, welche von sechs Wachtmeistern vor dem Objektivglas gehalten werden muß; dann ruft sie mich mit meinem Apparat und meinem Auge. Ich habe das Auge, Puppe, welches euch bändigt. Man spricht von ihrem Auge, dem Auge der hohen Polizei, aber das ist lächerlich. Sie selber verläßt sich auf meines, und ich mache damit ihre ungebärdigsten Kunden zahm. Also – hüte Dich, schön's Blümelein! komme mir als schöne Leiche, als schöner Geist oder in der Zuchthauszwangsjacke, ich bin zu Deinen Diensten. Aber jetzo komme fürs Erste mit herauf. Hier stehst Du am Fuße der sechs Treppen, die zu mir führen. Du bist mir oben willkommen, sei es für eine Viertelstunde, sei es für ein Vierteljahr. Im Nothfall melde ich Dich auch nicht bei meiner hohen Gönnerin, der Polizei – an« »Du bist doch ein guter Kerl, Bogislaus,« seufzte Kohl. * * * Wir sind Alle schon in photographischen Ateliers gewesen und wissen, wie es darin aussieht. Diejenigen, welche in Kohls Privatwohnung gewesen sind, wissen ebenfalls, wie es darin aussieht; für die, welche nicht darin waren, gilt, was gute Tanten alle Tage zu ihren Nichten sagen: Kinder, für euch ist das nichts. – Kohl besah Alles genau, was ihm Blech in seinem neuen, besseren, behaglicheren Künstlerdaheim zu zeigen hatte. Verdruß, Verwunderung und Bewunderung wechselten in ihm in raschester Folge und zwar immer durcheinander. Endlich faßte er sämmtliche Stimmungen zusammen in dem langhingedehnten, langhingestöhnten Ausruf: »Mensch, Du kannst ja auch jeden Augenblick heirathen!« »Freilich,« sprach der schöne Bogislaus ruhig. »Und bist auch wohl sogar schon auf dem Sprunge?« Der Andere zuckte die Achseln. »Es giebt in unserem Fache die oben erwähnte andere Spezialität, bei welcher ein wohlgewachsenes, nicht zu mageres und nicht allzu häßliches und vor allen Dingen nicht zu prüdes liebes Eheweib, das Einem im Geschäftsinteresse jeden Augenblick gefällig zur Verfügung steht, zum wünschenswerthesten eisernen Atelierbestand gehört. Was geht es die Polizei an, was für Aufnahmen ich von meiner hübschen jungen Frau mache? Aber Du hast Dich ja bereits selber überzeugt, daß dergleichen Requisiten und Acquisitionen nicht mehr zu meinen Spezialitäten gehören. Im Geschäftsinteresse kann ich gewiß in jeglichem passenden und unpassenden Augenblick heirathen; aber – will mich denn Die, die ich für mich passend hielt?« Es ging nicht anders, der einstige Mitstreber nach dem Ideal mußte das Fenster öffnen, um einen Athemzug frische Luft sich hereinzuholen. Er that's, hing sich halben Leibes hinaus und fuhr sofort wieder um: »Donnerwetter, der Pathe Schnarrwergk! Da kriecht ja der alte Schnarrwergk drunten in der Tiefe!« »Der wohnt auch noch in der Hanebuttenstraße,« sagte Bogislaus. »Wenn ich nicht irre, zog er drüben ein, als Du auszogest, die Welt zu gewinnen, das heißt, uns hier für längere Zeit aus dem Gesichtskreise verschwandest. Der Mann mit dem Affen! Das Haus, in welchem Du Dich augenblicklich befindest, ist erst während Deiner Abwesenheit erwachsen; aber gleich bei meinem Einzuge machte man mich aufmerksam: Drüben wohnt auch der Mann mit dem Affen! und setzte selbstverständlich hinzu: Die Beiden sollten Sie mal photographiren.« Kohl saß auf dem Stuhl am Fenster, mit beiden Händen auf den Knien. Für einen jungen Doktor der Weltweisheit in den allerbesten Jahren bot er den allerkatzenjämmerlichsten Anblick dar. »Nur ein Lustrum, ein kurzes Lustrum,« ächzte er, »und meines seligen Alten bester Freund! ein altes Geräthe, an das – ich viele Jahre nicht gedacht! Sein Pithekus! Unser Aller Ahnherr! Und Fräulein Müller – unser Rosinchen Müller. Der alte Schnarrwergk und Fräulein Rosine, meiner seligen Alten liebstes junges Herzblatt.« »Mir scheint, Dir fehlt etwas, Puppe?« sprach der Freund, dem Gastfreunde die Hand auf die Schulter legend. »Meine Spezialitäten erfordern es nicht, Dich zu bitten, ein freundliches Gesicht zu machen; aber um ein vernünftiges möchte ich Dich doch ersuchen. Was geht Dich noch der Thierarzt Schnarrwergk an? Wenn ich nicht irre, hat er Dich mit Deinem letzten Gesuch allhier um pekuniäres Unterdiearmegreifen schnöde ablaufen lassen?« »Das hat er.« »Siehst Du!« »Nein, nichts sehe ich, gar nichts! Aber zu meiner Promotion hat mir Jemand anonym sechshundert Mark zugehen lassen; und der Geldbrief war unterzeichnet: Hanno.« »Hanno?« »Ich habe natürlich Tage lang, Nächte lang gerungen und mir den Kopf zerbrochen, um den unbekannten Wohlthäter herauszubringen. Es ist kein Winkel in meiner Seele und meinem Leben, den ich nicht hundert Mal nach dem Geheimniß aus- und eingekramt habe bis eben, bis in die letzte Minute. O ich Esel, Esel, ich stupider Tropf! Hanno – der Periplus – Umschiffung der Westküste von Afrika! Erstes Zusammentreffen des gebildeten Menschen mit dem rohen, unverfälschten Urbruder, dem Gorilla! Da ist ja gar kein Zweifel mehr möglich: der alte Schnarrwergk war jener göttergleiche karthaginiensische Suffet mit den sechshundert Reichsmark. O Gott, o Gott, so dumm zu sein! Aber auf der Stelle werde ich sofort zu dem lieben, alten Manne hinüberstürzen, um ihm meine Haut anzubieten. Mit Thränen der Rührung halte ich ihm still, wenn er sie mir abziehen will, um sie im Tempel des Kronos bei seinen anderen Lebensreiseerinnerungen aufzuhängen.« »Ich verstehe und billige Deine Gefühle,« meinte Bogislaus, zwar auch gerührt, aber doch etwas gefaßter. »Deine Ansicht ist mir glaubhaft. Wie ich den alten Griesgram allgemach kennen gelernt habe, ist er eines solchen Witzes fähig. Aber überlege, liebe Puppe, sollte er Dir nicht Deine Haut schenken, jedoch Dich abermals aus der Thür werfen? Könnte er Dich nicht fragen, was Du ihm für seine sechshundert Mark von Deinem Periplus um die Freitische sämmtlicher deutscher Universitäten mitbrächtest? Was würdest Du antworten, wenn der Greis sich erkundigte, was Du eigentlich mit seinem oder Deinem Doktor jetzt am hiesigen Orte Gedeihliches, Nützliches und Nahrhaftes im Auge hättest? Würdest Du den Muth besitzen, diesen braven, grauen, karthagischen Suffeten und deutschen Vieharzt noch einmal anzupumpen?« Der Doktor der Philosophie Kohl saß jetzt auf dem Sopha des photographischen Spezialisten und hatte die flachen Hände zwischen den Knien aneinander gelegt und wiegte die Schultern hin und her, wie ein Mensch, dem ins Gewissen geredet wird, und zwar von einer Stelle aus, von der her ihm das Ding um so verblüffender erscheint, je lächerlicher und unberechtigter es ihm im Grunde vorkommt. »Deine Meinung ist also, ich sollte so von hinten an ihn heranzukommen suchen, um ihm meine Dankbarkeit auszudrücken?« »Ich würde diese Umsegelung unbedingt anrathen. Der alte Bursche hat einen Ruf in der Hanebuttenstraße, der ihn in früheren unschuldigeren Jahrhunderten zweifelt ohne erst als Brunnenvergifter auf die Folterbank und nachher als Hexenmeister an den Brandpfahl, auf den Scheiterhaufen abgeliefert haben würde.« »Du hast Dich wirklich jetzt recht gemüthlich und anerkennenswerth verständig im Dasein eingerichtet,« sagte Kohl, wie selbst- und weltvergessen an den Wänden umherstarrend. »Bloß indem Du Einiges abschütteltest, auf welches Du sonst einigen Werth legtest –« »Einiges? So ziemlich Alles! Je veränderter ich Dir vorkomme in der Hinsicht, desto schmeichelhafter ist es für mich. Und ich würde Dir rathen –« »Was würdest Du mir rathen?« rief Kohl mit gespanntester Aufmerksamkeit, mit feurigstem Interesse aufspringend. »Ich würde Dir rathen, gleichfalls die Narrenjacke Deiner Illusionen an den Nagel zu hängen, und sie höchstens für die Benutzung im Rath der Alten der hiesigen Karnevalsgesellschaft vor den Motten zu schützen, sonst aber es wie ich zu machen und Dich auf Deine wahren, wahrhaftig angeborenen Talente zu legen.« »Den Teufel auch, es hat nicht jeder Deine Un– Un– Unerschütterlichkeit –« »Sage ruhig ein anderes Wort,« sprach der schöne Bogislaus. »Uebrigens weiß ich die Zeit noch, wo Du mir beide Thürme auf dem Brette der Unverfrorenheit vorgeben konntest. Du erfreutest Dich eines sauberen Rufes in Hinsicht auf Alles, was der edlere Mensch mit Vorliebe an sich vermißt. Mich hielt wenigstens mein wallend Lockenhaar in der Meinung der Welt über Wasser; aber Dich kurz und bürstenhaft geschorenen Grobian hat auch Dein guter, feinfühliger, seliger Vater in meiner persönlichen Gegenwart aus seinen Büchern einen unkultivirten Vandalen und aus seinem Herzen und Gemüthe einen borstigen Knoten genannt. Seltsamer Weise scheinst Du weniger hürnen von Deinen Reisen und Abenteuern heimgekehrt zu sein, als Du ausgezogen bist. Du bist weich geworden, Kohl! werde wieder hart, Kohl! werde hart, hart und lege Dich sodann auf Deine eigensten Talente!« Fürs Erste legte sich Kohl seiner ganzen Länge nach aufs Sopha des Anderen, schlug beide Hände unter dem Hinterkopf ineinander und sprach: »Rede weiter, Knabe; aber zuerst schiebe mir das Rückenkissen unter, und hier Deine Schlummerrolle unter den rechten Arm. Ich glaube, ich höre besser im Liegen, was Du noch an Weisheit in Dir hast.« Der Freund kam dem Wunsche gemüthlich und gleichgültig nach, sagte aber gleichfalls gähnend: »Ich für meinen Theil glaube, daß ich längst das Meinige bemerkt habe.« »Wirklich?« rief Kohl, noch einmal emporschnellend und den Freund hell angrinsend. »Gott sei Lob und Dank! ich meinte schon, das liefe in alle Ewigkeit so weiter.« »Der schöne Rest ist Dir gestiegen,« lächelte kindlich der freundliche, der immer noch hübscheste photographische Spezialist der Stadt; doch der Andere drehte ihm den Rücken zu, drehte das Gesicht nach der Wand und gab längere Zeit nichts weiter von sich als verworrene Töne, die durchaus nicht mehr sagten, als sie bedeuteten. »Ich freue mich unbändig, daß ich den alten, lieben Sohn wieder in der Nähe habe,« sagte Bogislaus, sich mit seiner Cigarre in einem »Amerikaner« bequem einnestelnd. Als anständiger Germane legte er die Füße jedoch nur auf den Tisch und nicht in die Fensterbank. Beiläufig an dieser Stelle: Fräulein Rosine Müller wohnte ebenfalls noch drüben in Numero dreiunddreißig der Hanebuttenstraße, in einem Stockwerk mit dem Kreisthierarzt a. D. Schnarrwergk. * * * Es giebt Dinge, Verhältnisse, Zustände und Berufsarten, gegen die der Mensch sich mit Händen und Füßen wehrt, wenn er eben hineingeräth, und die er nachher ganz und gar für sich zugeschnitten findet, wenn er endlich drin steckt. »Probire mal den da,« sagte das Schicksal, unserem Paul Warnefried Kohl einen Lebensrock hinhaltend, vor dem viele Leute in vollster Bestürzung mit dem rechten Arm in das linke Aermelloch gefahren sein würden. Doktor Kohl fuhr sofort mit dem rechten Arm in das rechte Loch, und die närrische, freilich ein wenig kurze und luftige Jacke paßte ihm vollkommen auf den Leib. »Her mit der Spezialität!« rief er seinerseits, und Dutzende von guten alten Bekannten meinten: »Das haben wir uns doch gleich gedacht. Dazu eignet er sich ausnehmend. Dies hat ihm die Parze gerade so gut an der Wiege gesungen, wie Anderen den Kommissionsrath, den Hofrath, den wirklich geheimen Rath oder den offenbaren Kommerzienrath.« Von hier und da im deutschen Vaterland hatte er einer oder der anderen Zeitung seiner Vaterstadt Notizen, Briefe, kurz »Korrespondenzen« zugehen lassen. die gewöhnlich zwischen drei und vier Uhr Morgens geschrieben worden waren, häufig der Redaktionsstriche bedurften, aber nie einen der Herren Redakteure in Zweifel darob ließen, daß hier eine »verwendbare Feder« am Werke sei. Nun war er wieder zu Hause, und die Redakteure der Abendzeitung, Hofrath Winkler und Friedrich Kind, würden vor vierzig, fünfzig Jahren unbedingt Lara citirt haben: Da kommt er plötzlich wieder, einsam, stumm: Woher weiß keiner, keiner räth warum, Und schließlich scheint es minder wundersam, Daß er zurück, als daß er jetzt erst kam. Die »Schriftleiter« des augenblicklich vorhandenen Tages thaten das nicht; die wußten von George Noel, Lord Byron gerade so viel, wie jener spätere Pharao, der von Joseph durchaus nichts mehr wußte. Der ernsthafte Charakter unter ihnen, welcher noch den alten Kohl nicht nur gekannt, sondern auch gewürdigt hatte, sagte: »Ihr Herr Vater, Herr Doktor, würde ein sonderbares Gesicht zu Ihren Einsendungen gemacht haben; aber – Sie wissen ja, wir haben dieselben teilweise verwendet, und wenn Sie jetzt hier am Orte Ihr Talent in dieser Hinsicht zu verwerten wünschen, so sind wir gern bereit, Ihnen unsere Spalten zu öffnen, aber freilich behalten wir uns alle Rechte, die uns unsere verantwortungsvolle Stellung giebt, vor.« Der leichtere, heiterere Leiter des anderen Blattes, dem der alte Kohl persönlich gar nicht bekannt gewesen war, der aber mit dem jungen bei mehr als einer Gelegenheit in mehr als einer fröhlichen Nacht den Sonnenaufgang möglichst weit hinauszuverschieben gesucht hatte, der meinte: »Wenn Du es mal über dem Strich bei uns versuchen willst, Kohl – mit Vergnügen. Aber was hast Du von der Langweilerei? Bleibe Du mit den übrigen Besten der Nation unterm Strich. Sieh mal, das deutsche Volk will es ja so. Es will seine Besten unter dem Striche haben. Ich versichere Dich, lieber Freund, die sechzig Millionen edelster Menschenrasse gestatten sich nur sehr selten den Luxus, durch Druck vervielfältigten Geist ganz jenseits unseres Striches. Du hast Geist, Kohl, und Du bist uns damit willkommen; aber ich rathe Dir gut: gieb ihn unter unserem Striche aus.« Unser Freund versuchte es natürlich trotz alles vernünftigen Zuredens, über seinen eigenen Schatten zu springen. Er leistete einige Leitartikel und darin alles Mögliche, nur leider gerade nicht das, was die Göttin der Staats- und Welt-Wissenschaft-Kunst- und Klugheit Denen, die sie nährt und kleidet, als ein Unerläßliches abverlangt. Eigentlichen Unsinn hatte er nicht geschrieben; doch im hohen Grade etwas, was der Gegenpartei das unendlichste Vergnügen bereitete. Ob er durch Zufall das Gegentheil von dem gesagt hatte, was er hatte sagen wollen, wissen wir nicht; aber seine redaktionellen Freunde meinten: »Kohl, Kohl, das Diktatorthum besorgen wir schon selber und bauen wie Cincinnatus unseren eigenen Kohl. Dazu brauchen wir wirklich keinen neuen Mitarbeiter und bezahlen ihn noch weniger. Hier waren Sie zu sehr Humorist, nun versuchen Sie es mit etwas Humoristischem unterm Strich. Sie haben uns aus der Fremde einige recht heitere Skizzen eingesendet, nun versuchen Sie das von hier aus; aber nochmals, bleiben Sie, und zwar jetzt ganz formell, unter dem Strich. Berücksichtigen Sie, daß Sie auch unter dem Striche für unsere sechzig Millionen, nach der letzten statistischen Abrechnung, sich verständlich und angenehm zu machen haben. Nehmen Sie sich zusammen!« Kohl nahm sich zusammen. Er schuf vom Platze aus etwas Humoristisches für die Region unter dem Striche. Von dem Sopha seines Freundes Bogislaus schrieb er über die jetzige Spezialität desselben, und der Spezialist meinte natürlich: »Donnerwetter, das ist ja eine ganz himmlische Reklame!« und irrte sich sehr. In Abwesenheit des einen redaktionellen Freundes druckte die Redaktion die wirklich humoristische und geistreiche Ausarbeitung, und nach seiner dadurch beschleunigten Heimkehr nahm der Chef der Schriftleitung seinen Schützling völlig außer sich beim Kragen: »Menschenkind, bist Du denn ganz des Teufels? Da, sieh mal her! Fünfzig Abonnementskündigungen auf einem Brette! Weißt Du, was Du jetzt gewesen bist? Dem germanischen ästhetischen Durchschnittsverhältniß bist Du zu hoch gewesen! Und weißt Du, was Du gethan hast? Du hast das deutsche Gemüth beleidigt; Du hast uns in unseren zartesten Gefühlen angegriffen. Glaubst Du, daß unser Publikum sich in unserem Blatte wie im Theater Alles gefallen läßt? Ist es Dir denn noch nie klar geworden, daß das Volk immer uns büßen läßt, was es selber in seinem Privat- und öffentlichen Leben und Vergnügen sündigt? Bringe Du Deinen Leichenphotographen auf die nächste Sommertheaterbühne mit der dazu gehörigen Musik, und Du bist ein gemachter Mann. Unter unserem Strich aber hast Du jetzt uns zum zweiten Mal unglücklich gemacht; und ich sage es Dir hiermit offen heraus, Du wirst bei uns nicht zum dritten Mal die Gelegenheit finden, unsere Kreise zu stören. Gehe hin und verjage anderswo die Spatzen, Du unqualifizirbare, taktlos-hypergenialische Druckpapier-Vogelscheuche. Gänzlich unbrauchbarer Kohl – bester armer, guter Kohl! Du nimmst es mir doch nicht übel?« * * * Inseln über und unter dem Winde giebt es in der Geographie; aber außerhalb des Windes giebt es keine. In der Hemeragraphie ist es hiermit anders. In der Tagbeschreibung giebt es nicht bloß Gegenden oberhalb und unterhalb des Strichs, sondern auch außerhalb desselben. Für den Ankündigungstheil erklärt sich die Redaktion gewöhnlich nicht als verantwortlich und sitzpflichtig; – das überläßt sie dem Eigenthümer des Blattes, und dieser nimmt das Uebrige dann und wann nur als nothwendiges Uebel, als den Knochen beim Braten. Aber es liegt ihm, dem Eigentümer, immer daran, zu dem Guten das Bessere zu fügen und mit der Läuterung der öffentlichen Meinung möglichst viel Geld zu verdienen. Hier weiß er dann nach dieser Dichtung hin, was er an seinem Lokalberichterstatter hat, und wenn er da den richtigen Mann gefunden hat, dann ist er vergnügt und giebt was auf den Mann, und hält den Mann fest und zieht ihn hinter dem Rücken der übrigen Herren im Bureau oft mehr zu Rathe, als ihnen, den Herren oberhalb und unterhalb des Strichs, lieb sein kann. Wenn also ein »Chefredakteur« seinerseits einen Mann gefunden zu haben glaubt, auf den er sich dem Besitzer seines Blattes gegenüber verlassen kann, mit dem er hinter dem Rücken des Mannes reden kann, ohne Treulosigkeit befürchten zu müssen, so ist er ebenfalls vergnügt und hält sein glücklich erwischtes seltenes Talent unbedingt fest. Es ist nicht weiter von dem Platz in der Nationalgalerie bis ins Photographie-Atelier, wie von der Höhe philosophischer Weltverlachung in das Lokalreporterthum. »Da haben wir ja, was wir und was Sie brauchen, Kohl!« rief diesmal der ernste Mann und wirkliche Gelehrte in der Stadt, der das »dritte« Blatt darin redigirte, entzückt. »Gerade gestern hat uns unser Mann in dieser Richtung in die tödtlichste Verlegenheit gesetzt dadurch, daß er sein Mandat zurückgab und sich uns zu fernerer edelmüthiger Unterstützung empfahl. Es ließ sich freilich so absehen. Sein chronischer, sein unsterblicher Schnupfen mußte in galoppirende Schwindsucht ausarten. Und dabei soff er. Sie scheinen mir wetterfester als der arme Teufel zu sein und werden hoffentlich auch nicht zu rasch den Verlockungen dieses Zweiges unseres Berufs unterliegen. Uebrigens sind Sie mir auch höchlichst willkommen als der Sohn meines hochverehrten alten Lehrers und Gönners, des alten Kohl! Ich habe da wirklich alte Dankbarkeitsschulden abzutragen, und wo ich Ihnen also im Leben und zum Leben behülflich sein kann, da wird das gern geschehen. Brr, nun sehen Sie einmal die Witterung draußen an; man sollte wirklich keinen Hund hinausjagen. Wir behalten Sie nur pro forma probeweise, liebster Freund; in Wirklichkeit betrachten Sie sich ruhig als vollständig zu uns gehörig. Da draußen im Sankt Annenstift ist ja wohl gestern Abend eine Petroleumkochmaschine geplatzt und hat leider eine von den alten Damen vernichtet. Was meinen Sie, wenn Sie den Braten – ich meine das Unglück, sich an Ort und Stelle ansehen würden für unser Blatt. Die Pferdebahn fährt annähernd bis zu der Stätte, und das Abonnement fällt selbstverständlich auf das Blatt. Werden Sie die Freundlichkeit haben, Liebster?« Der Liebste hatte die Freundlichkeit, und zwar um diese Epoche seines Daseins mit dem Motto: Vogel friß oder stirb! Als er nachher seinem Freunde Bogislaus begegnete und diesen ziemlich grimmig an der Schulter packte, ihn schüttelte und, im Schütteln immer wüthender werdend, grollte: »Dazu ist man nun mit seinen hohen Intuitionen in die Welt gekommen!« meinte der Lichtbildner mit seinem sinnigsten Lächeln: »Ja, ja, Gott sei ewig Dank, daß die Quälerei endlich ein Ende hat! Offen gestanden, weißt Du wohl, daß es meine innigste Meinung ist, daß Du nunmehr fein darin und schön heraus bist? Du murrst? Bitte, suche mir um Gottes Willen nicht so zu kommen! Es ist meine feste Ueberzeugung, daß Du itzo auf Deinem wirklichen Naturboden, auf Deinem Dir von Mutter Isis erbeigenthümlich zugeschriebenen Felde bist, Kohl. Nun wachse, gedeihe, schieße meinetwegen, wann die Zeit gekommen ist, auch in Samen. Wir sehen uns ja wohl noch dann und wann, also – gehe es Dir gut, mach's gut, liebe, alte Puppe. Wenn ich Deine Feder wieder brauche, so verlasse ich mich natürlich auf Dich einzig und allein in der deutschen Presse und Literaturgeschichte. Wenn auch ich vielleicht dabei ein wenig Dir über die Schulter Deiner Feder die Richtung anweise, so –« »Renne doch nicht so! Wohin so eilig?« fragte der frischgebackene Ortsberichterstatter; jedoch der Andere verzog sich auf geflügelten Sohlen und that wohl daran; denn sein Blutsfreund und Geistesgenosse trat nur aus diesem Grunde mit dem erhobenen linken Fuß ins Leere, in die Luft und nicht gegen plastisch geformten, animalisch belebten Weltstoff. * * * »Rennen Sie doch nicht so, Kohl! Wohin so eilig?« hätten, von diesen Tagen an, seine guten Bekannten leider fortwährend ihm zurufen können. Wie er auch sonst für seinen nunmehrigen festen Beruf geeignet sein mochte, seiner sonstigen gewohnten Gangart nach war er keineswegs dafür geschaffen. In dieser Hinsicht hatte die Natur nichts mit ihm im Sinne gehabt. Zum vierschrötigen, bedachtsamen, gediegenen Hinschieben hatte sie ihm Figur und Bewegungswerkzeuge verliehen und nun – »hätte ich ebenso gut Barbier werden können! Wie soll die Geschichte erst im Sommer werden?« . . . Aus dem letzten Stoßseufzer geht hervor, daß es eben Winter war, daß es noch Winter sein mußte; und so war das auch – ein Dezembervormittag jener Art, deren nur der behaglichst gestellte Theil der Menschheit vom Fenster aus mit Vergnügen und mit der Redensart: Das Wetter gefällt mir! gewahr wird. So gegen Mittag. Nicht Schnee und nicht Regen. Ein völlig richtungsloser Wind. An jeder Straßenecke, aus jeder Gasse ein anderer. Alle Regenschirme bald nach rechts, bald nach links heruntergezogen gegen den sehr feuchten Niederschlag, mit gänzlicher Rücksichtslosigkeit gegen den Neben- oder vielmehr Gegenmenschen in Betreff der Möglichkeit. ihn über den Haufen zu werfen und über ihn wegzutrampeln. Es war, wenn nicht am Tage des armen Lazarus, so an dem des großen Christophs und also jedenfalls der heilige Christ nicht sehr fern. In allen Gassen blühte der hübscheste Handel des Jahres, aus allen Plätzen war Markt und zwar Weihnachtsmarkt, und die Menschheit hatte es also nicht ohne Grund eilig und konnte ihre Entschuldigung vorbringen, wenn sie ein Hinderniß auf dem Wege ausrottete wie der grause König Herodes die junge Brut von Bethlehem. Wer sich ebenfalls mit wenig Grazie und ohne alle milde oder gar herzige Gefühle durch das Gedränge schob, und wem es vor einer eben entlassenen Schule auch nicht auf ein Kindermorden en gros angekommen wäre, das war our own correspondent , Doktor Warnefried Kohl, der Mann, »der jetzt seit einiger Zeit den Lokalbericht im Blatt mit W zeichnete und wirklich seine Sache gar nicht übel machte«. Er kam selbstverständlich von einem Geschäftswege, denn sonst würde er wohl zu Hause geblieben sein. Seit er »in dem Rade mitlief«, waren die Leute rein wie verrückt geworden, und kein Tag ging hin, an welchem nicht sein Chef, Doktor Rodenstock, sich die Hände reibend, rief: Kohl, wieder Wasser, oder vielmehr Blut auf Ihre Mühle! Da müssen Sie unbedingt hin und uns die Spezialitäten holen. Aber machen Sie rasch, daß unser ähnlich wie Sie talentirter Konkurrent uns nicht die Hauptbrocken aus der Metzelsuppe vor der Nase wegfischt! »Metzelsuppe ist nicht übel,« hatte Koch auch heute am frühen Morgen gebrummt, und hatte sich auf die Beine gemacht, um als wahrhafter Künstler in seinem Fach einzig und allein aus der Anschauung heraus zu arbeiten. Er hatte die regentriefende Hecke gesehen, aus welcher der Knüppel stammte, mit welchem der verhängnißvolle Schlag vollführt worden war. Er hatte den schlammigen Pfuhl betrachtet, aus dem man den Leichnam ans Land gezogen hatte. Er war in den Holzstall gekrochen, in welchem die Hand der Gerechtigkeit die junge Mörderin unter den Reisigbündeln und dem Torfvorrath der Gemordeten hervorgezerrt hatte. Da es diesmal eine gänzlich feminine Mordsache war, hatte er sämmtliche Weiblichkeit des Hauses und der Nachbarschaft, vom Weibe, das nur noch kriechen, bis zum Weibe, das kaum schon kriechen konnte, abgehört, und Allen die Versicherung gegeben, daß auch er das Seinige dazu thun werde, damit »unser lieber Herrgott das nicht ungerochen hingehen lasse«. Mit gefüllter Brieftasche, aber auch mit rother Nase, blauen Händen und halberfrorenen Füßen, hatte er das Innere der Stadt wieder erreicht, mehr als einmal auf seinem Pfade das Bedürfniß, selber einen Mord zu begehen, überwunden und die erlösende That auf noch schlechteres Wetter und noch grimmigere Stimmung verschoben. Jetzt schob er durch den Wald von Tannenbäumen, mit denen einer der Märkte der Stadt besetzt war, und wer ihn für den Weihnachtsmann halten konnte, der mußte ein sehr böses Kind sein und mancherlei auf dem Gewissen haben, für welches er keine vergoldeten Aepfel und Nüsse, kein liebes Zuckerwerk und keine wunderschönen Spielsachen verdiente. »Ja so, der heilige Christ kommt,« brummte er. »Also deshalb die Wirthschaft und der Verdruß im Hause von oben bis unten! Entschuldigen Sie, ich reite nicht mehr auf dem Steckenpferde, also bleiben Sie mir damit gefälligst aus den Rippen weg!« Sie hatten es Alle eilig und nahmen ihn durchaus für Luft. Sie hatten es furchtbar eilig mit ihrem Drange, Anderen demnächst eine Freude zu machen, oder auch mit ihrer Beihülfe dazu dem Nebenmenschen möglichst viel Geld abzuzwacken. »Herr, das waren meine Krähenaugen! Alter Onkel, ich komme für keine Havarie auf, die Sie mit Ihrem Arm voll Liebespaketen an mir erleiden. Nehmen Sie sich Zeit, nehmen Sie sich Zeit! Bedenken Sie –« Was der alte eilige Herr bedenken sollte, mußte ihm wohl als gänzlich außerhalb seines gegenwärtigen Pfades liegend erscheinen, denn er hielt sich keinen Augenblick dabei auf. Aber er kannte Kohl schlecht, wenn er erwartet haben würde, daß Der seine christfestlichen Reflexionen seinetwegen sofort abbrechen werde. »Sollte man nicht meinen,« brummte unser Lokalberichterstatter mitten im Wege rücksichtslos gegen Alles, was festlich unterwegs war, aufgestellt, »sollte man nicht meinen, daß die glücklich gestellte Minorität plötzlich überwältigend die Mehrheit erlangt habe? Na, und das selige Genügen von Mann und Weib, Knecht und Magd am Abend des Vierundzwanzigsten oder am Morgen des Fünfundzwanzigsten, das kenne ich doch! Das kenne ich auch noch aus meinem elterlichen – Haus, – ich danke. Für wie Viele grenzt denn dieser liebe Schwindel nicht allzu nahe an den ersten Tag des kommenden Jahres, an dem so Manches zu kommen pflegt, was berichtigt zu werden verlangt? Oedes Getöse, lächerliche Selbstbetäubung! Feiere mir mal da Einer so kindlich, wie ich wohl möchte, die Geburt unseres Herrn und Heilands Jesu Christi –« »Guten Morgen, Herr Doktor Kohl!« »'n Mor– sind Sie denn das Fräulein – Fräulein Rosine?« »Und stehen Sie hier schon lange so und versperren den Leuten den Weg, Herr Kohl?« »Nur weil ich auf Sie gewartet habe, Fräulein Müller. Etwas Erfrischendes oder Erwärmendes braucht doch der Mensch, der sich, wie ich, heute Morgen wieder zum Besten der Menschheit aufgeopfert hat. Soll ich Ihnen mein Notizbuch vom heutigen Morgen mal offen unters frivole Näschen halten, Rosinchen? Können Sie Blut sehen? Können Sie Verwesung riechen? Hat Sie der Alte zu Hause, der alte Oger Schnarrwergk schon so weit herunter? Als ich, wie mir der Narr, der schöne Bogislaus gerathen hatte, von hinten an ihn heranzukommen suchte, um ihm meinen Dank für den Doktor der Weltweisheit mit Rührung anzubringen, und Sie mich mit aus seiner Stube schoben, um, wie Sie sagten, der greulichen Scene ein Ende zu machen, da habe ich freilich schon merken können, in was für einer heiteren Schule er Sie gehabt hat, Rosine. Sie haben jedenfalls in den letzten Jahren an Charakterfestigkeit gewonnen, Fräulein Müller. Ach, wenn das doch meine selige Mutter, die auch immer so sehr auf Charakterfestigkeit bestand, an Ihnen erlebt hätte!« »Wollen die Herrschaften nicht wenigstens ein bißchen zur Seite treten?« fragte höflich jetzt ein Schutzmann, und Fräulein Müller sprach: »Sie müssen mich jetzt wirklich durch ein paar stillere Straßen begleiten, Herr Doktor. Es soll keine Schmeichelei für Sie sein; aber ich habe in der That die letzten Wochen durch auf meinen Stadtwegen nach Ihnen ausgesehen. Ich möchte doch noch einige Worte über die greuliche Scene in der Hanebuttenstraße mit Ihnen reden.« Unser Berichterstatter sah nach seiner Uhr. »Eigentlich sollte ich schon längst zu Hause, das heißt auf der Redaktion sein, Fräulein. Aber da Sie es sind, da es meine erste Liebe ist, so muß ich wohl noch fünf Minuten Zeit haben; doch bitte, waschen Sie mir keinen Mohren! Bleiben Sie mir mit dem alten Halunken, dem alten Schnarrwergk vom Leibe. Ich schenke mir Alles, was Sie mir Liebes und Wohlthuendes von ihm und über ihn ans Herz zu legen haben. Bedenken Sie, wie nahe der heilige Christ ist! Reden Sie mir nicht vom alten Schnarrwergk! Bedenken Sie, daß wir uns in der Woche befinden, in welcher die Hähne die ganze Nacht durch krähen, wie Marcellus sagt und ich bestätige. Lassen Sie in so gnadenvoller und geweihter Zeit den Pathen Schnarrwergk zu Hause bei seinem Affen. Ich werde ihn nimmer wieder bei seinen Laren und Penaten aufsuchen!« »Wissen Sie das so sicher?« fragte Fräulein Müller mit einem mehr ironischen als schelmischen Seitenblick. »Ganz sicher. Was kümmert mich der alte Flegel?« »Aber Sie kümmern ihn.« »Das machen Sie dem Juden Apella weiß, Rosine.« »Ich weiß zwar nicht, wer der Jude Apella ist; aber der Herr Thierarzt Schnarrwergk bekümmert sich oft recht sehr im Geheimen um Sie, Herr Kohl. Nämlich wir halten jetzt das Blatt, an welchem Sie so drollig und unheimlich beschäftigt sind; und ich lese dem Nachbar Ihr Lokales vor und er macht seine Bemerkungen –« »Das grenzt freilich ans Unheimliche!« »Und wenn uns vorher noch so sehr der Schuh drückte, und wenn wir noch so sehr verstimmt waren, und wenn der arme Nachbar Schnarrwergk noch so schlecht von der Menschheit und der Welt den Tag über gesprochen hatte: Sie, Herr Doktor Kohl, bringen ihm immer noch einen heiteren Abend zuwege. Ich weiß nicht, ich finde oft gar nichts in Ihren Sachen; aber zuletzt hilft es nichts, ich muß nolens volens eingestehen, daß so wie Sie Keiner das, was den Tag über passirt, ansieht. Es ist schade, aber Sie werden gräßlich wüthend werden, wenn ich Ihnen ins Einzelne auseinandersetze, wie viel Spaß Sie uns tagtäglich, mit Ausnahme leider des Montags, machen.« »Junges Menschenwesen, Du bist mir, wie gesagt, die letzten Jahre hindurch in eine schöne Schule beim alten Schnarrwergk und seinem Affen gegangen,« sprach Paul Warnefried Kohl. »Das bin ich auch, Gott Lob!« erwiderte Fräulein Rosine Müller. »Zweitens aber bin ich doch ein ganzes Jahr älter als Sie, Herr Doktor, und Sie haben wohl nicht das Recht, mich so von oben herab als junges Menschenwesen durch die Narrenkomödie mittrippeln zu sehen.« * * * Bei so ausgearteter Unterhaltung sollte man es wirklich ganz vergessen haben, daß man sich auf dem Weihnachtsmarkt befand. Dem war aber in der That noch fortwährend so; und als Kohl jetzt wirklich wohlgesittet bemerkte: »Wie hübsch Sie aussehen, Rosinchen!« meinte Rosinchen, nicht das Näschen, sondern die wirklich gute, wackere und durchaus nicht häßliche Nase rümpfend: »Statt dessen könnten Sie lieber sagen: erlauben Sie, daß ich Ihnen tragen helfe, Fräulein Müller.« »Ja freilich. Alles, was Sie wollen, Fräulein Müller, und Sie selber nur zu gern mit, Fräulein Müller,« rief der Berichterstatter. »Sie sind wirklich beladen, wie es sich mehr für einen Esel oder ein Kameel von meiner Sorte paßt. Zuvorkommenheit gegen die Damen war ja immer meine Force, wie Sie noch aus meiner Mutter Visitenstube wissen; also entschuldigen Sie einfach bloß, daß ich nicht gleich auf Ihre Ueberbürdung Acht gegeben habe.« »Da also!« sagte kurz Fräulein Rosine. Sie war in der That ziemlich überlastet. Sie trug eine Tasche, ein Handkörbchen, zwei oder drei Pakete und einen Christbaum von anderthalb Fuß Höhe – einen von den kleinsten seiner Gattung, aber dessenungeachtet ihr wie den Mitmenschen kein geringes Hinderniß beim Weiterkommen auf dem drangvollen Wege. »Da, den tragen Sie mir, wenn Sie denn die Güte haben wollen, Herr Doktor Kohl,« sagte sie, die Tanne dem Jugendbekannten übergebend. »Aber vorsichtig, wenn ich bitten darf. Keine Zweige und vor Allem nicht die Krone abbrechen, Herr Doktor! So – jetzt brauchen Sie nur noch einen langen weißen Bart, zwei bereifte überhängende Augenbrauen, einen krummen Buckel und einen platzendvollen Sack voll Zuckerpuppen, Birkenruthen und vergoldeter Nüsse daraus; dann haben Sie noch niemals in Ihrem Leben so sehr einem richtigen Knecht Ruprecht geglichen wie in dieser Stunde. Bitte, vorsehen! Er ist für meinen Nachbar Schnarrwergk!« »Für den paßt er freilich gerade so himmlisch, wie zu – wie zu dem Inhalt meiner Brieftasche. Kennen Sie den Inhalt meinem Brieftasche, Rosine?« »Ne! Wie sollt ich? Doch freilich! es wird schönes Zeug darin stehen.« »Das thut es!« rief der Berichterstatter mit hellem Entzücken. »Edgar Allan Poe haben Sie natürlich auch nicht gelesen. Was geht uns der Mord in der Rue Morgue an? Vivat der Weihnachtsmann! Vivat der alte Orang-Utang und Thier- und Menschenwohlthäter Pathe Schnarrwergk! Also vor dessen Lar und Pithekus wollen Sie das kleine Bäumlein mit Lichtern bestecken und mit Zuckerwerk behängen? Und nachher wollen Sie klingeln, und dann möchte ich wohl das Gesicht sehen, was der alte Schnarrwergk macht!« »Ich bin fünf Jahre lang recht gut mit ihm ausgekommen, Herr Doktor Kohl,« sprach Fräulein Rosine Müller mit beinahe altjüngferlichem Ernst und Nachdruck. * * * »Rosinchen, man erwartet mich zwar mit brennender Ungeduld in der Druckerei; aber es hängen uns zu viel Hampelmänner in den Weg, es riecht zu gut rund um uns her nach Pfefferkuchen und anderem dergleichen in den Tag Passenden, und ich lasse die Narren zappeln. Also je heftiger der Alte mich hinausgeworfen hat, desto wärmer hat er Sie an sein dürres Herz genommen, und Sie haben nach der neulichen greulichen Scene wohl gar für mich gesprochen. Jetzt endlich mal im wirklichen Vertrauen: er leugnete es fauchend ab, mir die sechshundert Mark nach Erlangen geschickt zu haben. Flammen, Gift und Galle speiend nannte er mich doch einen sich noch immer nicht ganz richtig bei sich befindenden albernen Lümmel, als er mir auf das erste Wort von meiner überquellenden Dankbarkeit hin den Pfad wieder aus der Thür und die Treppe hinunter zeigte. Nun mal ehrlich, Schwesterchen im Wirrwarr dieser Welt, was wissen Sie davon, da Sie fünf Jahre lang gut mit ihm ausgekommen sind? Sie haben doch wohl nicht bloß an seinem Herzen und Gemüthe, sondern auch dann und wann an seiner Thür gehorcht? Habe ich noch Rücksicht auf ihn zu nehmen; oder habe ich nach seiner letzten Rücksichtslosigkeit das Recht, ihm als Lokalmerkwürdigkeit mit seinem Affen sein Recht in meiner litterarischen Wirkungssphäre angedeihen zu lassen? Rosine Müller, habe ich diesem unverschämten alten Grobian meinen Doktor der Philosophie zu verdanken? Ja oder Nein?« »Was gehen mich seine Geldgeschäfte und Ihre Philosophien und Doktorschaften an? Wenn Sie nicht so grenzenlos ausschweifend in Ihren Reden wären, dann wäre ich schon früher zu Worte gekommen und hätte Ihnen mitgetheilt, was ich Ihnen sagen möchte.« »Das hat man nun davon, auf fünf, sechs Universitäten der genialste Bierredner gewesen zu sein!« ächzte der Lokalberichterstatter kleinlaut. »Fräulein Rosine –« »Er hat Sie zu gern!« nahm ihm Fräulein Rosine Müller mit eifrigst zufahrendem Ernst den neudrohenden Wortschwall vom Munde weg. »Ich begreife es nicht; aber er ist, seit er Sie aus der Taufe gehoben hat, Herr Doktor wie verliebt in Sie.« »Jawohl, um mich auszustopfen wie seinen Pavian, seinen Gorilla, seinen Pithekus, seinen Lar. Ich fehle ihm gerade noch als Gegenstück auf der anderen Seite von seinem Spiegel.« Jetzt lachte Fräulein Rosine so herzlich, daß sie deshalb von Neuem stehen bleiben mußte. Dann meinte sie aber: »Hätte er dann Sie nicht lieber gleich da behalten, die Thür verriegelt und nach dem Messer gegriffen? Nein. Nein! Wissen Sie, was er gesagt hat, nachdem er Sie hinausbekomplimentirt hat? Nehmen Sie es ganz gewiß nicht übel, wenn ich es Ihnen mittheile?« »Ganz gewiß nicht! Vollständig Pachyderm in dieser wie in anderer Hinsicht! Das wissen Sie doch noch, Rosine, wie oft mein seliger Papa zu seufzen pflegte: Hat der Bengel ein dickes Fell! Mein liebes Fräulein Müller, und unsere Jahre zählen auch in dieser Beziehung mit. Man setzt Ringe an. Mir können Sie heute Alles sagen, was Andere über mich sagen. Hörnen Siegfried ist das reine abgeschälte, weichgekochte Ei gegen mich.« »Er ist ein zu guter Kerl, hat er gesagt, der Nachbar Schnarrwergk,« sprach Fräulein Rosine Müller. »Und solch ein Esel, hat er hinzugefügt. Und geschlossen hat er mit der melancholischen Betrachtung: Ganz wie ich zu meiner Zeit; aber er ist jetzt anscheinend auf dem richtigen Wege, und der – der – der – der interessirt mich, Nachbarin.« »Der – der, ach was – der Lümmel interessirt mich, hat er gesagt!« brüllte Doktor Warnefried Kohl. »Verfeinern Sie nichts, Rosine! dazu kenne ich die Redeweise des alten Flegels zu gut. Aber hören Sie, Nachbarin; – Nachbarin nennt er Sie jetzt? – dies ist in der That sehr merkwürdig und des Nachdenkens werth! Donnerwetter, die Idee, wenn wir Beide einmal den greulichen alten Giftmichel in der Hanebuttenstraße als Onkel Schnarrwergkchen unter unseren Laren und Penaten hätten!« »Hier sind wir in der Hanebuttenstraße, und das ist ein wahres Glück. Nun sehen Sie einmal, Herr Doktor, wie Sie mein armes Weihnachtsbäumchen mißhandelt haben! Gerade als ob Sie von der Mensur mit ihm gekommen wären.« »Alle Wetter, woher haben Sie denn das Von der Mensur Kommen?« wollte Doktor Warnefried Kohl eben noch fragen; aber da war das liebe Symbol des heiligen Christs seinen Händen bereits entnommen worden, und Fräulein Rosine Müller – des alten Schnarrwergks junge Nachbarin – ihm in Nummer dreiunddreißig hinein entschlüpft mit dem Wunsche, aber leider nicht mit dem diesem Wunsche angemessenen Ernst: »Gesegnete Mahlzeit, Herr Doktor Kohl!« * * * »Was sagen Sie dazu, meine Herrschaften?« wendete sich der Lokalhistoriograph mit einem Blick zum grauen Himmel wie an die Gesammtheit der großen Menschenbrüderschaft. »Was sagst Du nun hierzu, Bogislaus?« fragte er zu den Fenstern des Freundes gegenüber der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße hinauf. Weder der Himmel, noch die Gesammtheit der Menschheit erwiderten etwas auf die Frage. Und da der schöne Freund selbstverständlich nicht zu Hause war, so konnte auch er seine Meinung nicht äußern. »Das ist ja nun ein wahrer Segen für das bessere Theil von mir, in mir und an mir, daß ich ganz genau weiß, wie kümmerlich der alte Griesgram da oben sich behülft, und daß er nicht im Stande ist, sich auch nur einen lebendigen Affen zu halten. Das sollte Einen ja sonst anlocken, auf der Stelle anzufangen, erbzuschleichen! . . . Aber dies Müllerchen? meiner alten melancholischen Mama einziger Lebenslichtpunkt! Wie sie da auftauchte aus dem widerwärtigen Durcheinander! Mit ihren Körben, Düten, Schachteln und Paketen! mit ihrem Christbaum! Mein Fräulein – Fräulein Rosine – Fräulein Rosine Müller – sollte man es dem kuriosen Frauenzimmer ansehen, daß es schon ein Jahr vor mir jammernd die Wände beschrie? Merkt man es Ihm an, wie Es das Leben gefunden hat? wie Es sich sogar in den Pathen Schnarrwergk gefunden hat? Ja, Beides! und das Letztere – verblüffend! Herrgott, was schlägt es denn da?« Er griff hastig zuerst nach seiner Pfeife und dann nach seinem Fuß. Das heißt nach der Brieftasche mit der jüngsten Mordgeschichte faßte er vor Allem und sah sodann erst auf die Sackuhr. Im verdrossensten Barbier-Schlenkertrabe wandte er sich wieder seiner Pflicht zu und verfügte sich zurück ins Geschäft. Auf der Redaktion empfing man ihn mit den heißesten, röthesten Köpfen und mit dem Angeschnarche: »Wo bleiben Sie denn? wo stecken Sie denn, Kohl? Wir haben sämmtliche Druckerjungen nach allen vier Weltgegenden hin zur Umschau nach Ihnen und Ihren Schnurren ausgesendet! glauben Sie etwa, daß wenn die Weltgeschichte auch augenblicklich still steht, wir ein Extrablatt an die Abonnenten herumschicken sollen mit der Meldung: Gar nichts vorgefallen!? Bilden Sie sich nur ja nicht ein, daß Sie dann erst recht ins Bummeln fallen dürfen. Der letzte Rest von gesundem Menschenverstand muß es Ihnen doch sagen, daß wir Sie um so nöthiger haben, je öder es sonst um uns her wird.« »So?« fragte der Lokalberichterstatter. »Jawohl, so!« erwiderte grimmig der erboste Oberschriftleiter. »Kann das etwa irgend einem Philister Vergnügen machen, meinen heutigen Leitartikel zu lesen? Da liegt die Fahne. Sehen Sie sich das Blech mal an und lassen Sie sich um Gottes Willen um so naiver nach Ihrer Art gehen, je selbstbewußter wir nach der unserigen den Kopf zwischen beiden Fäusten gehalten haben, um die Partei bei einander und die Abnehmerliste auf der Höhe zu erhalten.« Dr.  Kohl nahm den Korrekturabzug. Ja freilich; vorgefallen war nicht viel heute, um einen verständigen Menschen morgen dahin zu bringen, zu sagen: »Haben Sie gelesen, was diesmal im Blatte steht?« Die verwittwete Kaiserin von China, als Regentin ihrer fünfhundert Millionen Chineser, hatte im Namen ihres Sohnes wieder einmal der Königin Viktoria von England wegen des ostindischen Opiums ins Gewissen geredet, und die Königin Viktoria hatte der Landesmutter von Sina in einem verweinten Billet nur antworten können: sie, Ihre chinesische Majestät, solle dem lieben Gott danken, daß sie dereinst nur mit ihrem Theetopf in der Hand vor seinem letzten Richterstuhl zur Verantwortung zu erscheinen brauche. »Tien erbarme sich über dich!« hatte die Chinesin über Rußland zurücktelegraphirt, und dies hatte der deutsche Doktor und mittelstaatliche Preß-Oberleiter Dr.  Rodenstock nicht etwa so der Stadt erzählt, wie wir hier; sondern er hatte einen statistischen Leitartikel daraus gemacht, bis an den Rand vollgepfropft mit Zahlen, Geographie, Pflanzengeographie, Silber- und Goldwährung und allem, was man sonst noch überschlägt, so lange man noch nicht ganz genau weiß, wer eigentlich Fürst von Bulgarien ist und wann Frankreich sich wieder einmal für archiprêt halten wird. »Das ist freilich sehr nett; aber – ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, lieber Freund, in Ihrem schwersten Genre. Da haben Sie vollkommen Recht: was hilft Ihnen – uns alle Fülle, alle Gewichtigkeit, wenn sie uns das Publikum erdrückt? Das war es ja, was man mir in unserer Konkurrenzbude unter die Nase hielt: Was hilft mir aller Geist, wenn er den ihn mir bezahlenden Mitmenschen langweilt? . . . Na also, denn ein bißchen Raum auf dem Tische. Sie da, Famule, räumen Sie mal den großen und den kleinen Meyer, den Brockhaus und den Pierer bei Seite. Hübners statistische Tabellen habe ich bei meinen Abenteuern ebenfalls nicht nöthig. So, da haben wir den nöthigen Ellbogenraum.« Mit »aufgekrämpelten Rockärmeln« ging er, wie er, Kohl, sich ausdrückte, unbändig aufgekratzt an sein blutiges Werk, unbekümmert, wie es um ihn her weiter summte: Grevy und Giers, Bismarck, die Russen und der »Terke«. Ehe ihn jetzo das dumme Zeug störte, mußte es noch viel bunter und besser kommen in der Weltgeschichte. Mit grinsendem Selbstbehagen ging er vorkostend in den Gefühlen seiner Leser auf; und eine Weile folgte er sogar mit der Zunge hinter den Lippen dem Laufe seiner Stahlfeder übers Papier – wie ein schreibend Kind; oder – wie ein von seinem Gott gefaßter Genius. Nur ein einzig Mal nahm er die Feder zwischen die Zähne, blickte träumerisch nach der schwarzgerauchten Decke empor und dann über den Tisch auf seinen Chef hin: »Wissen Sie wohl, Diktator, daß ich heute hier sitze wie auf einem geflügelten Wiegenpferde?« »Kohl!« »Sie sind ja verheirathet, Dr.  Rodenstock. Haben Kinder. Eine Frau. Sogar eine liebe, brave Frau. Sollten Sie gar keine Idee davon haben, daß es draußen wahrhaft beängstigend auf Weihnachten zu geht? Ich versichere Sie, es ist so; ich bin eben selber darauf aufmerksam gemacht worden. Haben Sie auch einmal ein Schaukelpferd besessen, ehe Sie Ihren Redaktionsgaul bestiegen? Wußten Sie früher schon, außerhalb dieses trüben Behälters, wußten Sie schon lange, was eine Arche Noäh sei? Aber – vor allen Dingen – haben Sie schon einen Tannenbaum gekauft?« Der Oberleiter, der eben auf der anderen Seite des Redaktionstisches im verkniffensten Eifer das Zentrum mit den Deutschfreisinnigen multiplizirte, die Sozialdemokraten subtrahirte und die Konservativen und Deutschkonservativen durch die Nationalliberalen dividirte, ließ einen Klex auf die ganze saubere Berechnung fallen, und sah den Frager mit so freudiger aber zweifelnder Ueberraschung an, als ob er ihn selber eben zum heiligen Christ als eine noch nie dagewesene Atrappe geschenkt kriege. »Waren Sie das, Kohl? Haben Sie eben geredet? Sie scheinen ja sehr nett bei der Sache, das heißt in Ihrer Rubrik Rue Morgue zu sein!« »Bin ich auch.« »Bei Allem, was Blut und Tinte ist, was schwatzen Sie denn für Unsinn? Was geht Sie, Kohl, meine Verheirathung, was gehen Sie meine Frau und Kinder an? Was kümmert es Sie, ob der Weihnachtsmann vor der Thür ist oder nicht? Hat etwa gar meine Frau sich hinter Sie gesteckt, um mir ihre Wünsche durch diese Blume kundzugeben? O Kohl, Kohl, nehmen Sie Ihren Kopf zusammen und bleiben Sie bei Ihrer Sache. Mich haben Sie noch konfuser gemacht, als ich schon war. Mit Ihrer Arche Noäh, Ihren Tannenbäumen und Ihrem geflügelten Schaukelpferd. Um Gottes Willen nehmen Sie sich nur in Acht, daß das letztere nicht gerade heute mit Ihnen durchgeht!« »Es wird ja wohl nicht!« brummte der Mann des Lokalen, unter dem heiteren Gelächter sämmtlicher Herren im Bureau in die düster-unreinliche Tiefe seiner Spezialität zurücksinkend. »Mit gelehrtem Apparat braucht man nicht zu arbeiten,« brummte er weiter, »die Gefühle Anderer (Fräulein Rosine Müllers?) werden Einem lächerlich gemacht, – gut! arbeiten wir einfach wie gewöhnlich aus uns heraus!« Und er that's. Und es wurde danach! Gut. Sogar: »Sehr gut!« wie der Verantwortliche des Blattes kopfnickend zugestand, nachdem ihm die rettende Leistung über den Tisch zugeschoben worden war. Mit beiden Ellbogen auf dem Tische und mit dem Kopfe zwischen beiden Händen nahm der Autor die Billigung trübsinnig-verdrossen hin und brummte nur wie König Friedrichs Grenadier auf dem Schlachtfelde von Kunersdorf: »Ich meine auch, für sechs Dreier den Tag ist's für heute genug, Fritze.« * * * »Der alte Halunke!« brummte Kohl draußen in der Gasse weiter und meinte mit dem liebkosenden Wort sonderbarer Weise den Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk. »Wenn ich von einem Menschen nichts will, wenn mir jemand gestohlen werden kann und ich ihm das deutlich mache, so deutlich als möglich; so bin ich der Letzte, der daran was auszusetzen findet. Aber dieser graue Heimtücker! Das Wurm, das herzige Geschöpf, unser Rosinchen, meiner seligen Mutter Rosinchen – Fräulein Müller behauptet: er liebe mich! . . . Er Liebe Mich! . . . Ich bin fest überzeugt, daß sie – Sie – die sechshundert Mark für meinen Doktor zur Post gebracht hat; – dies Frauenzimmer ist vielleicht im Grunde noch heimtückischer als der verruchte Greis! Diese ironische Betonung, mit der sie mir vorhin bei jedem dritten Wort den Doktor aufhing! – Und was sagt er, der – die bemooste Dachrinnenfratze, als ich mit der Liebe Mühe meinerseits mich ihm auf Bogislaus' Rath von hinten zu nähern versuche? Nichts sagt er, sondern er faßt mich bloß noch einmal in meinem Leben am Oberarm, führt mich erst vor seinen Affen, deutet auf den, führt mich vor seinen Spiegel, deutet auf diesen, geleitet mich zur Thür, öffnet dieselbe wirklich höflich, deutet hinaus, und erst unten in der Hanebuttenstraße komme endlich ich dazu, mich zu fragen, was dies Alles eigentlich zu bedeuten habe! Und nun stehe ich, dank dem Mädchen heute Morgen, noch so hier und habe mich noch dazu zu fragen, was ich wohl dem alten Schnarrwergk, meines seligen Katers bestem Freunde, zum Weihnachten schenken könnte. Zum Henker, in was für eine kuriose Stimmung kann doch selbst der verständige Mensch – ja eigentlich nur der verständige Mensch gerathen, wenn er am richtigen Orte an den Unrechten kommt. Und bin ich nicht vorhin auf dem Weihnachtströdelmarkt sogar an die Unrechte gekommen? Was habe ich mit Christbäumen, Weihnachtspuppen, Zuckerkandis, Steckenpferden und Hampelmännern zu schaffen? Den möchte ich sehen, der mir am Abend des Vierundzwanzigsten klingeln wird und sagen: Nu komm herein, Herze! Na, was sagst Du denn nun? – Wenn das Mädchen, unser Rosinchen, zum Beispiel den korrupten Einfall hätte? Ich glaube, ich wäre im Stande, zum ersten Mal in meinem Dasein zum Lyriker zu werden und es auf Flügeln des Gesanges hinzutragen – weit nach den Ufern des Ganges – ne, bloß jenseit des Ganges zum alten Schnarrwergk, und ihn zu fragen: Na, großer Menschenfeind, wie ist's, wollen Sie auch ewig ein Fragment bleiben, wie Schillern seiner? Dann würde er vielleicht erst seinem Pithekus, seinem Orang-Utang die Hand aufs Haupt legen und sodann dieselbe mir, und wie von Hutten zu seiner Angelika sprach, zu mir sprechen: So stelle ich Dich hinaus in die Menschheit – Du weißt, wer Du bist – Ich habe Dich meiner Rache erzogen.« Durch das immer verdrießlicher werdende Wetter des Tages immer verdrossener weiter wandelnd, brummelte unser Kohl: »Wenn ich nur nicht schon wüßte, wie's wieder werden wird! Ich werde mir wie gewöhnlich auch einen Affen kaufen; aber keinen seltenen, keinen nur ausnahmsweise nach Europa gelangenden, sondern einen ganz gewöhnlichen, einen bei uns nicht bloß in der Umgegend von Gibraltar einheimischen.« * * * Nämlich es war beinahe so, wie es sich der verstimmte Neuigkeitensucher unter seinem derben Hirnschädel zusammenrückte: dieser alte Schnarrwergk, dieser alte Thierdoktor und Ex-Regimentsroßarzt war wahrhaftig im Stande, sich zum Trost in seinen alten Tagen einen jungen Menschen für seine Rache an der Menschheit heranzuziehen und anzufuttern. Aber Kohl irrte sich sehr, wenn er meinte, daß er von dem weiland Hausfreund seiner Eltern deshalb zum Doktor der Philosophie gemacht worden sei. Das Letztere war doch etwas mehr als eine Grille des Greises gewesen und wurzelte in einem ganz anderen Grunde. Schnarrwergk hatte merkwürdiger Weise geglaubt, Jemandem einen Gefallen dadurch zu erweisen: nämlich – seiner Nachbarin in der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße, Fräulein Rosine Müller. Damit sind wir wieder da, wo wir angefangen haben. Wie Robinson Crusoe sind wir im Kreis herumgelaufen und richtig wieder an der Stelle angelangt, wo jener zuerst merkte, daß auch auf dieser karaibischen Insel Kannibalen abkochten, und wo wir zu unserem Schrecken merkten, daß es auch diesmal auf unserer Insel Menschenfresser geben könne. »Sehen Sie sich diesen Affen nur mal ganz genau an, Fräulein Müller,« sagte damals beim Ostereinzug vor fünf Jahren Studiosus Kohl zu der kleinen Freundin seiner verstorbenen Mutter. »So sollen Sie vor ein paar tausend oder ein paar hunderttausend Jahren einmal auch ausgesehen haben, Fräulein. Ihr jetziger Nachbar (hören Sie nur, wie er drunten in der Gasse mit seinem Packträger Zärtlichkeiten wechselt!) behauptet es fest, und er muß es wissen; denn er hat darauf studirt.« »Wenn er weiter nichts weiß, dann danke ich für seine Weisheit. Das Studium hat er aber wohl einzig und allein vor seinem Spiegel betrieben, Herr Kohl?« »Und im Umgange mit dem Menschen, wie er heute ist. Im Verkehr mit der Menschheit in ihrer jetzigen Blüthe. Wissen Sie wohl, daß Sie ganz allerliebst aussehen, Rosinchen? Wissen Sie wohl, daß, wenn ich Sie so ansehe und den haarigen Vetter da, ich –« »Wissen Sie wohl, Herr Kohl, daß Sie wieder mal gröber und unverschämter als irgend ein Anderer werden wollen?« »Du liebster Himmel, es sollte ja gewiß und wahrhaftig diesmal auf etwas Schmeichelhaftes hinauslaufen, Rosinchen! Zum Henker, was Angenehmes wünschte ich Ihnen zu sagen; aber sofort zeigen auch Sie wirklich ein Stück Verwandtschaft mit Dem da und springen mir mit beiden Vorderhänden ins Gesicht. Wann wird denn Unsereiner endlich einmal dazu kommen, auszureden und zu zeigen, was er Zartes in sich hat?« Wir blättern nicht zurück; aber so oder doch ungefähr so war die Unterhaltung zwischen den zwei jungen Leuten beim Einzuge in die Hanebuttenstraße gelaufen, und dann war das Weitere gekommen, und Studiosus Kohl hatte Abschied von Fräulein Rosine Müller genommen, und nun erzählen wir, wenn auch nicht der Länge nach, so doch nach der Ordnung, wie Rosinchen, der Pithekus und Thierarzt Schnarrwergk sich als allernächste Nachbarn in einander gefunden hatten. Große Kunstkenner nennen das eine wirklich feine Komposition; aber wenn es in Wahrheit eine solche ist, so können wir ganz gewiß nichts dafür. Wir pfeifen gerade bei diesem Werk, wie uns der Schnabel gewachsen ist, würde unser Freund Kohl sagen. Welch einen wundervollen Waldgesang würde man aber beim Lustwandeln durch den deutschen Litteraturwald zu Gehör bekommen, wenn jeder Vogel darin pfiffe, wie ihm der Schnabel gewachsen ist! – Das Fräulein hatte an dem, was es vom Thierarzt Schnarrwergk bereits kannte, und dem, was es am Einzugstage mehr von ihm kennen gelernt hatte, nicht wenig Sorge und Unruhe, kurz, eine schwere Last zu Bette zu tragen. Als es todmüde zum ersten Mal in dem neuen Nestchen die Federn um sich ausbreitete und die Decke über dem Kopf zusammenzog, seufzte es: »O, wer doch einen Stern mit seiner Mutter und seinem Vater und sonst noch ein paar guten Leuten allein hätte!« Und als es am nächsten Tage zum ersten Mal den ersten Akkord auf seinem Pianino anschlug, setzte es sich fester auf den Klavierstuhl und blickte scheu über die Schulter nach der Thür und sagte, energisch seiner Bangniß Herrin werdend: »So! Jetzt wird es sich zeigen, ob es sofort zu einem Krach kommen wird – oder – erst – ein paar Tage – später!« Der erste einweihende Silberton rührte weder den Pithekus noch den Thierarzt Schnarrwergk; und Rosine Müller wagte es weiter – die Bilder wachsen uns hier vollständig in die Hand – sie wagte sich weiter heraus wie ein sich entfaltendes Schneeglöckchen, wie ein flügge werdendes Rothkehlchen, wie ein Maikäfer nach dem Regen. Gleich dem letzteren Insekte fing sie an zu zählen und machte die ersten Läufe auf und ab, schwarze und weiße Tasten durch einander, zuletzt wie ein Wirbelwind. Sie forderte in immer heftigerer Aufregung das Schicksal förmlich heraus, und das Schicksal lächelte gütig. Es sendete diesmal keinen nachbarlichen Stiefelknecht gegen oder keinen groben Hauswirth durch die Stubenthür; keine nachbarliche Grobheit und Kündigung zum allernächsten Termin: Schnarrwergk jedenfalls war musikfest, und seine jüngste Nachbarin seufzte: »Wie als wenn Einem der liebe Herrgott das Korsett aufschnürte! Mein Spiel thut ihm nichts. O, für diese gute Eigenschaft an ihm will ich ihm ja gern hundert schlechte zu gute halten! Wie dankbar muß Unsereine sein, wenn nach der ersten Etüde nicht die Nachbarschaft anklopft und sich die Fortsetzung verbittet! O Gott, beim Herrn Professor Kohl schien er manchmal ein bißchen schwerhörig zu sein – vielleicht hat das zugenommen! Ich bin doch die Letzte, die beim ersten Tastenanschlag verlangt, daß die Welt wie eine musikalische Maus aus dem Loche kommt oder sich wie eine beethovenliebende Spinne von der Decke zum Zuhören herunterläßt. I Gott bewahre!« Nun machte sie es, durch frühere recht üble Erfahrung gen gewitzigt, auch sanft. Sie übte ihren Fingersatz lieber nicht, wie es sich doch gehörte, zuerst und vor allen Dingen und, was für die Nachbarschaft freilich das Schlimmste ist: ununterbrochen. Vor allen Dingen suchte sie sich der Nachbarschaft durch wirklichen Wohllaut anzuschmeicheln und den nächsthausenden Oger durch Melodie einzulullen. Sie zeigte sich von ihrer besten Seite, die arme kleine Jesuiterin; sie zeigte, was sie konnte. Letzteres war nicht viel, aber es genügte, um ein bescheidenes Laienpublikum der Hanebuttenstraße am schönen Frühlingsabend zu der Frage zu veranlassen: »Ei, wer spielt denn da so hübsch? und lauter bekannte Sachen!« Fräulein Rosine Müller brachte das Publikum der Nachbarschaft zum Mitsummen, und damit hatte sie, wie sie hoffte, »wenigstens für ein Quartal« gewonnenes Spiel. Aber der Onkel nebenan schien auch nach der angenehmeren Seite der Tonkunst hin kein hörend Ohr zu besitzen. Er kam nicht, um dem Fräulein ein Kompliment zu machen. Weder beim Zusammentreten auf dem Vorplatz, noch beim Begegnen auf der Treppe nahm er mehr Notiz von ihr als früher im Wohnzimmer der Frau Professorin Kohl. »Ein Grobian ist er doch und nicht besser als sein Apothekus,« sagte Rosinchen. »Ob ich es wohl wage und auf ihn gar keine Rücksicht mehr nehme?« Sie wagte es. Die erste Fingerübung. Eine Stunde! Zwei Stunden!! Drei Stunden!!! »O großer Gott, er ist ausgestopft wie sein Affe! O großer Gott, wie gut Du bist,« sagte Fräulein Müller aus befreitem Herzen, nachdem sie vier Stunden lang den alten Schnarrwergk auf die Probe gestellt hatte. »O Gott, endlich endlich, eine ruhige Unterkunft für mich armes gejagtes Huhn!« Echt frauenzimmerhaft hatte sie bei dem Auf und Ab ihrer zehn Fingerchen auf der Klaviatur nur an den nächsten Nachbar, an den Thierarzt Schnarrwergk oder an den Affen des Thierarztes Schnarrwergk, gedacht. Die weitere Nachbarschaft war ihr natürlich gänzlich aus dem Gedächtniß entfallen. Vierzehn Tage später brummte diese weitere Nachbarschaft: »Zum Henker, wie sich die Kleine da oben in ihrer Weise verändert hat! Dies hält ja kein Stein aus: Immer und ewig dasselbe und immer tiefer in die Nacht hinein, und so rücksichtslos bei offenem Fenster. Der Person sollte der Wirth doch endlich mal auf die Finger klopfen!« Es war nämlich ein sehr warmer Sommer auf jenen April gefolgt, ein Sonnensommer; und sämmtliche Leute in der Hanebuttenstraße hielten ihre Fenster bis spät in die Nacht geöffnet und hatten in Ermangelung der Nachtigall auf die Tonleiterübungen der Kleinen in Nummer dreiunddreißig zu horchen, und da war's kein Wunder, daß Fräulein Müller nicht bei Nacht, sondern am hellen Morgen, mitten im Rosenmonat, heftig zusammenschrak, als Schnarrwergk auf der Treppe aus dem Blauen heraus das Wort an sie richtete und zwar das Wort: »Ich habe drunten mit dem Volk gesprochen. Sie bleiben wohnen. Mich stören Sie nicht.« Ehe Fräulein sich von dem Schrecken auf der Treppe erholt hatte. hatte der Nachbarspuk das gemeinsame Stockwerk bereits erreicht und war hinter seiner Thür verschwunden, sie mit einem Krach zuschlagend. Fräulein Müller aber verdiente an diesem Morgen, wie sie sich selber ausdrückte, ihr Stundengeld mit Sünden. Sie war bei keiner ihrer Schülerinnen bei der Sache, sondern immerfort bei der grenzenlosen, unvermutheten, schreckhaften Liebenswürdigkeit des grauen Menschenfeindes und Affenfreundes zu Hause. »Es ist ja zu überraschend! Er? O, wie man sich doch in den Leuten irren kann! Das war ja wie aus dem Märchenbuch! Ich genire ihn nicht, und er hat's auch bei den Anderen möglich gemacht, daß ich wohnen bleiben darf! Hat er mich wohl je eines Blickes gewürdigt, wenn er mich einmal bei der Frau Professorin traf?« Und am Abend dieses Tages, nicht vor ihrem Pianino, sondern mit dem Nähzeug am geöffneten Fenster sitzend, dachte das Fräulein noch immer: »Ach, wenn ich ihm doch auch so etwas Unvermuthetes zu Liebe thun könnte! Ach, könnte ich ihm doch auch so einen himmlischen Schrecken einjagen!« * * * Der sollte freilich noch gefunden werden, der dem Kreisthierarzt und Regimentsroßdoktor außer Dienst Schnarrwergk je einen himmlischen oder höllischen Schrecken eingejagt hatte. Aber den Lohn für sein gutes Herz, seine gute That, sein gutes Wort kassirte er ein, sobald sich die Gelegenheit gab. In der Weltgeschichte ist es schon öfters dagewesen; aber in einer Geschichte wie dieser noch niemals so. – Fräulein Rosine hörte nicht ein nächtliches Stöhnen von drüben und lief hinüber und fand den Greis verlassen, einsam, mit weißlockigem Kopf zwischen beiden mageren Händen in Thränen und Sehnsucht nach endlich – endlich – endlich einem Herzen in der Oede des hülflosen Alters. Sie hörte ihn einfach schändlich schimpfen und fluchen, mit dem Stuhle rücken, hin und her springen, und das Alles nicht in der unheimlichen Mitternachtsstunde, sondern am hellen, lichten, bürgerlich-ungespenstischen Wochentagsmorgen, so daß sie in ihrem völligen Rechte war, wenn sie, jäh auffahrend, angstvoll, bebend fragte: »Gott, wem will er denn jetzt den Hals abreißen?« Und in ihren Schrecken hinein schnarrte es plötzlich: »Rosine! Sie da – nebenan! Fräulein Müller!« »Himmel, meint er denn mich? ruft er nach mir?« Scheu und vorsichtig schob sie den Kopf aus ihrer Thür und sah, daß der benachbarte Greis den seinigen aus der seinigen geschoben hatte. »Darf ich Sie bitten, Jüngferchen? Bitte, haben Sie die Güte oder wie die Redensart ist.« Das Jüngferchen näherte sich zögernd, und Schnarrwergk öffnete seine Pforte weiter und lud es durch eine Handbewegung ein, noch näher zu treten. Es war ein schöner heißer Sommermorgen. Der Sonnenschein lag auf den Fenstern und die Welt im Lichte. Im hellsten Lichte stand Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk inmitten seines Gemaches und war kein Anblick zum Ergötzen, kein vertrauenerweckender Anblick. Wie ein alter Besen, an dem kein gutes Haar mehr war und an welchem sich die wenigen letzten schlechten vor Wuth und Aufregung gesträubt hatten, stand er da, und es war noch anerkennenswerth, daß er trotz seiner Erregtheit so viel Schicklichkeitsgefühl übrig behalten hatte, den zerlumpten Schlafrock um sein dürres Gebein fest zusammengezogen zu halten. Aber eine Hand hatte er frei, und damit erhielt die junge Nachbarin den Wink, noch näher zu treten. »So, da bist Du endlich! Die Kehle soll man sich wohl nach Dir abschreien? Da – Du wirst sehen, wo die Knöpfe fehlen.« Und Fräulein erhielt einen Gegenstand, ein Bekleidungsstück zugeworfen, das wir nicht nennen, weil es zu bekannt ist. »Es kommt Alles an den Menschen heran. Auch daß er das Nadelöhr nicht mehr finden kann. Uebrigens habe ich mich jetzt allgemach lange genug allein mit dem Ueberdruß abgequält, und es ist meine Absicht, mich in der Hinsicht in Ruhe zu setzen. Hoffentlich hast Du über den schönen Künsten nicht die nützlichen ganz aus dem Auge verloren, Mädchen? Wenn Du fertig bist, häng sie mir über die Thürklinke und klopfe bescheiden. Bring sie mir aber lieber nicht persönlich ins Zimmer; Du siehst, ich bin bei der – Toilette.« Klapp! Die Pforte war hinter der jungen Dame zugeschlagen, und Rosinchen Müller stand draußen auf dem Vorplatze – mit ihrer Ueberraschung und des Nachbar Schnarrwergks notwendigstem Kleidungsstück. Daß die erstere, die Ueberraschung, so groß war, wie jene von »neulich auf der Treppe«, kann man nicht sagen. Sie war größer. Im eigenen Stübchen löste sich der Ausdruck drolligster Verblüfftheit auf dem Gesicht der Kleinen allgemach in den des heitersten Entzückens auf. »Nein, so was ist mir freilich noch nicht vorgekommen!« Und damit hatte sie leider im wörtlichsten Sinne Recht als vaterlose Waise, die auch keinen Bruder gehabt hatte und von der verstorbenen Mutter auf »so was« wirklich nicht hatte hingewiesen werden können. Eine geraume Weile mußte sie suchen, wo der Knopf dem Nachbar Schnarrwergk abhanden gekommen war; aber als sie's heraus hatte, da brachte sie es »beinah mit Thränen des Vergnügens« fertig, einen Ersatz für den Ausreißer an Ort und Stelle festzubannen. Als sie den Faden abbiß, seufzte sie vergnügt: »So gern habe ich seit hundert Jahren nichts gethan.« Dessen ungeachtet trug sie aber doch ihr vollendet Werk mit spitzen Fingern und auf den Zehen zur Pforte des Nachbars zurück, hing es, scheu über die rechte wie über die linke Schulter um sich blickend, nach Befehl über den Thürgriff, klopfte leise und entfloh hastig mit geducktem Nacken und zusammengerafften Röcken. »Schön!« grollte es dumpf hinter ihr drein; sie aber schlug ihre Thür hinter sich zu mit einem Krach, wie ihn der Nachbar Schnarrwergk nicht besser zuwege gebracht hätte. Kein Verbrecher hatte nach glücklich erreichtem Zufluchtsort tiefer Athem zu schöpfen als wie sie. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sie sich so weit gefaßt hatte, daß sie die Hände zusammenschlagen konnte: »Aber wenn das nicht himmlisch ist! Aber er ist ja ganz anders, als wie er sich stellt! Aber wenn das so weiter zwischen uns geht, dann sitzt ja ganz gewiß meine selige Mutter mit im Rath der Vorsehung und hat eine Hand in der Sache!« * * * Fürs Erste, für eine geraume Zeit ließ es sich nicht an, als ob das so weiter gehen sollte und immer noch besser werden. Die Tage, die Wochen, die Monate gingen hin, und Nachbar Schnarrwergk ließ nichts von sich vernehmen, was darauf hindeutete, daß er das Band nachbarschaftlicher Vertraulichkeit noch fester zu ziehen wünsche; und von der jungen Dame konnte man nicht verlangen, daß sie den Wunsch danach deutlicher äußere, als sich für sie schickte. Dafür war sie in ihrem kurzen Dasein doch schon zu häufig angeschnarcht und zurückgescheucht worden. »Nein, nein, nur auf keine Grille der Menschheit hereinfallen! Doch noch lieber wieder die Wohnung wechseln.« Der Alte ließ nichts von sich hören, außer wenn er wüthender als gewöhnlich von einem Gange nach Hause kam und seiner Erbosung gegen seinen Lar Luft machte und ihm in längerer und kürzerer Rede, je den Umständen nach, sein Herz ausschüttete. Rosinchen horchte dann an der Wand, ohne weder ihr Lob noch ihre Schande zu hören; sonst aber gab sie ihre Stunden außerhalb des Hauses ruhig weiter und übte ihre Fingerübungen daheim, ohne wie sonst mit dem Hauswirth und der Welt in Konflikt zu gerathen. Die Tage gingen hin. Es kamen schöne, es kamen häßliche; es wechselten Sonnenschein und Regenschauer, und Donner und Hagelwetter fielen ein, vor denen ihr furchtsam jung Weiberherz nur zu gern Schutz und Trost bei der Nachbarschaft gesucht hätte. Dieses wagte sie dem Nachbar Schnarrwergk gegenüber so wenig, wie sie es wagte, ihn am himmelblaueren Sonn- und Feiertage zu einem Spaziergange aufzufordern. Letzteres hätte doch »von ihm ausgehen« müssen, und – es ging von ihm aus, und zwar wieder so unvermuthet und unter solchen Umständen, daß man im Grunde es schriftlich haben mußte, um es zu glauben. Nämlich nachdem die Natur Wochen lang ein Gesicht gemacht hatte wie eine Braut, schnitt sie eines wie eben dieselbe, wenn sie zweimal Wittwe geworden ist und damit umgeht, sich vom dritten Mann scheiden zu lassen. Es fing an zu regnen, ganz leise, und es regnete durch acht Tage und acht Nächte, und der neunte Tag war wiederum ein Sonntag, und es regnete auch an diesem, wie gesagt, immer ganz leise, aber desto ununterbrochener. Es war einfach schrecklich, objektiv aus Besorgniß für die Landwirthschaft, subjektiv aus Langerweile. Dabei den ganzen Tag frei zu haben und nichts mit sich anzufangen zu wissen! Du lieber Gott, die armen Leute, die sich heute ein Vergnügen machen wollten! Fräulein Müller versuchte es, sich nützlich zu beschäftigen. Das ging nicht. Sie versuchte es mit einem Band von Schillers Werken. Das ging auch nicht. Die Braut von Messina mag bei gutem Wetter ein erhabenes Kunstwerk sein – aber bei solchem! nein, auch die Braut von Messina war bei einem ewigen leisen Regen entsetzlich – nämlich langweilig und fiel gänzlich unter die subjektive Betrachtung des Tages. Rosinchen verzichtete auf die Braut von Messina, wie sie Nadel und Faden aufgegeben hatte. Sie schob in ihrem Sessel am offenen Fenster beide Hände unter den Hinterkopf, warf einen letzten vorwurfsvollen, matten Blick zum grauen Himmelsgewölbe empor und dachte an nichts mehr, und an ihren Nachbar, den Herrn Thierarzt Schnarrwergk, am allerwenigsten. Wenn sie heute überhaupt an etwas, was mit ihm zusammenhing, gedacht hatte, so war das sein Affe, sein Pithekus gewesen, und da hatte sie gedacht: »Der hat's wieder gut, der hat's eigentlich immer am besten mit seinem Stroh und seinem Draht im Leibe!« Der Mann von der schönen Aussicht in Frankfurt am Main hätte sich nicht welterfahrener, nicht weltverlorener, nicht weltentsagender ausdrücken können wie Rosinchen. Man braucht ja nicht immer die Sachsenhauser Brücke, das Deutschordenshaus und Sachsenhausen sich gegenüber zu haben, um das Richtige zu treffen! Auch in der Hanebuttenstraße kann man in Erfahrung bringen, daß es sehr häufig im Leben und in der Welt schlecht Wetter ist, und – daß das gute nicht selten hereinkommt, ohne – vorher anzuklopfen. »Sind Sie zu Hause, Fräulein? Bist Du noch da, Kind?« Fräulein fuhr in die Höhe und starrte die Erscheinung inmitten ihres Stübchens an – erst mehrere Augenblicke an, ehe sie sich so weit gefaßt hatte, um Antwort geben zu können. »Zu Hause? Ei jawohl! Bei dem Wetter, Herr – Herr Schnarrwergk?« »Bei dem Wetter? Freilich, das Wetter so um Pfingsten herum! Was wollen Sie bei dem Wetter zu Hause sitzen? Ist das auch ein Vergnügen, vom Fenster aus in es hineinzusehen? Wollen Sie mit? Wollen Sie einen Spaziergang mit mir machen? Marsch, setzen Sie den Hut auf oder was Sie wollen. Zu Hause bei solchem Wetter!« Er sah bei diesem Wort und Vorschlag aus wie der Gott der gegenwärtigen Witterung; aber Fräulein Rosine Müller schlug nichtsdestoweniger lachend in beide Hände. »O Himmel, es ist ja wahr, es ist wirklich und wahrhaftig wahr: was sitzt man eigentlich bei solchem Wetter zu Hause? Es ist ja draußen merkwürdig schöner. Ja, und es ist wirklich zu freundlich von Ihnen, Herr Schnarrwergk, und wenn Sie mich durch ein paar Straßen mit sich nehmen wollen –« »Ein paar Straßen!« murrte verächtlich der Greis. »Wie steht's mit Ihrem Schuhwerk, Kind? Zeigen Sie doch mal.« Auch das that Rosinchen Müller lachend: »Ich gebe Unterricht bei jedem Wetter, in jeder Jahreszeit und in allen Gegenden der Stadt.« »Gut. So nehmen Sie Ihren Regenschirm und lassen Sie uns ein – paar Straßen zusammen gehen.« * * * Von diesem Spaziergange beim »schönsten Pfingst-Landregen« sind die Zwei als wirklich gute Nachbarn nach Hause zurückgekommen. Aber es ist dazu wahrhaftig unumgänglich nöthig gewesen, daß das Mädchen heile Sohlen unter wegfesten Stiefelchen hatte und auch einen Regenschirm mitnahm, vor allen Dingen aber, daß es gut zu Fuße war und ein wetterfestes, lebensfröhliches Herz mit auf den Weg nehmen konnte. Ein paar Straßen! Wo waren die beiden Hausgenossen aus der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße an jenem triefenden Sonntagnachmittag überall gewesen, als sie nach Hause kamen? Fräulein Müller hätte die ganze Nacht durch kaleidoskophaft davon träumen können, wenn sie nicht der völligen herrlichen Müdigkeit wegen einen vollständig traumlosen Schlaf vorgezogen hätte. Als sie am Abend ihre Knochen zusammensuchte und ihre nassen Kleider über Stühle ausbreitete und an Haken aufhing zum Trocknen, war's das Einzige, was sie noch herausbrachte: »Ist es die Möglichkeit?! Kann denn der Mensch so viel erleben, wenn er sich nicht vor dem Naßwerden und dem Schnupfen fürchtet? Ach Gott, und wie man alles, was man in der Schule gelernt hat, so rasch vergißt! Es steht doch schon in jeder Naturgeschichte, daß der schlimmste Brummbär, wenn man ihm einen Menschen und einen Honigtopf hinstellt, den Menschen stehen läßt und sich einzig und allein an den Honig hält.« Der letzte Stoßseufzer ging einzig und allein auf den Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk, der eben drüben gleichfalls seine nassen Hülsen von sich streifte und dabei Töne von sich gab, denen man es mit dem besten Willen nicht anhörte, daß sie Aeußerungen der Befriedigung waren. Sie waren wahrlich nicht ein paar Gassen gegangen. »Das besorgen wir vielleicht später einmal bei anderem Wetter,« meinte Schnarrwergk. »Allgemeine Aufwäsche heute, Fräulein. Achten Sie auf, Menschen und Gossen pflegen auszusehen, wie sie riechen. Und der Sonntag macht den Ueberdruß nur ärger. Stecken wir die Nase hinaus aus der allgemeinen Krankenstube.« Das thaten sie. Jenseit der letzten Häuser der Vorstadt, nachdem sie die letzten Schutthaufen, die letzten Neubauten hinter sich gelassen hatten, fing das eigentliche Vergnügen an. Da genossen sie diesmal den herrlichen Tag. »Guten Tag, Herr Doktor. Auch bei dieser Witterung draußen?« fragte hinter der ersten lebendigen Hecke ein ihnen auf dem ersten wirklichen Feldwege Entgegenkommender. »Gut gegen die Mäuse. Für das Geziefer haben wir lange auf so 'ne Periode gewartet.« »Wie geht es sonst, Lehmpuhl?« »Schlecht, Herr Doktor. Seit Sie nicht mehr auf die Praxis zu uns herauskommen, ist es nichts mehr mit dem Viehstand. Mein seliger Vater, Sie wissen doch, daß mein Vater im vorigen Monat gestorben ist? mein Vater sagte noch neulich auf seinem Krankenlager: Ich will Dir was sagen, mein Sohn, wenn sich das mit dem Ochsen nicht bald ändert, dann läßt Du den neuen Mediziner nicht mehr an ihn 'ran. Dann gehst Du mir in die Stadt zum alten Doktor Schnarrwergk und bittest ihn in meinem Namen aus Gefälligkeit um sein Gutachten. Na, der Himmel hat's denn doch nicht gewollt; sie sind Beide auf einen und denselben Tag eingegangen und abgeschieden.« »Kommen Sie nur immer zu mir, Lehmpuhl. Sie wissen, ich habe mein Herz, wenn auch nicht meine Praxis für Sie Alle behalten.« »Das wissen wir, Herr Doktor. Ich mache auch gewiß immer Gebrauch von Ihrer Güte. Ferner viel Vergnügen, Herr Doktor.« »Gleichfalls.« »O, wir haben heut Abend nur 'ne Komiteesitzung in der Stadt im Hotel Mond. Sie wissen von wegen der Neuwahlen.« »Dabei verlasse ich mich auf Sie, Lehmpuhl. Wählen Sie mir – komm, Kind.« Es bleibt der Geschichte der politischen Weltentwickelung für ewig vorenthalten, wen Doktor Schnarrwergk gewählt zu haben wünschte. Er hatte zu viel mit den frucht- und regenschweren Aehren zu thun, die der feuchte Niederschlag auf den schmalen Fußpfad zwischen den Kornfeldern niedergebeugt hatte. »Ich bin nicht umsonst ein Menschenalter durch ihr Hausarzt gewesen, kleine Müllerin,« brummte er. »Ich kenne sie noch Alle oder doch in ihrem Nachwuchs von ihren Ställen her. Billige, frische Butter verschaffe ich Dir schon, Fräulein Nachbarin. So weit reicht mein Einfluß noch. Zieh die Röcke zusammen, und vorsichtig durch die Sümpfe. Nicht wahr, dies ist doch besser als das Hocken und Grillenfangen im muffigen Hause?« Sie erreichten Höhen, von denen sie auf die regenverschleierte Stadt zurückblickten. »Da liegt und qualmt die Bestie,« brummte Schnarrwergk. »Und hier stehen wir und dampfen,« lachte Rosinchen. »Jawohl, es ist reizend, und ich bin Ihnen so dankbar, o so dankbar.« »Da Du mir keine verdrossene Schnauze ziehst, sollst Du auch lügen dürfen, junges Frauenzimmer. Jetzt aber vorwärts; das ist der Thurm von Lollenfinken, da links vom Busch. Dort kriegst Du eine Tasse Kaffee, wenn wir das Dorf lebendig erreichen. Da wirst Du möglicher Weise genauer erfahren, was der Thierarzt Schnarrwergk in der Welt bedeutet und in welcher Achtung er bei den Leuten steht.« Sie erreichten Lollenfinken und die volle Wirthshausstube dort, und Rosine Müller bekam etwas Warmes in den Leib und erfuhr, in welcher Verehrung und Liebe der Kreisthierarzt außer Dienst bei dem Volk dort immer noch stand. »So,« sagte die Krugwirthin, »bei dem Wetter habe ich schon vom frühesten Morgen an nach dem Herrn Doktor ausgesehen und zu meinem Manne gesagt: Paß auf, heute kommt er, und dann ist er auch so gütig und geht mal mit in den Schweinekoben. Das frißt nicht, das säuft nicht, das verschmähet auch die beste Gottesgabe, aber mir frißt das liebe Vieh selbst in meinen nächtlichen Träumen das Herze ab, und unser jetziger junger Herr Doktor weiß uns und sich keinen Rath, und mein Mann steht vor dem Verhältniß wie das reine Schaf. Läuft das diesmal wieder, wie vorm Jahre, auf die Trichinen heraus, so ist es mir, als müßte ich meine eigenen Kinder zum Seifekochen hergeben.« Es war auch Musik und Tanz im Krug zu Lollenfinken – ,.Willst Du mal?« fragte Schnarrwergk, immer väterlicher für das Vergnügen seiner Nachbarin in der Hanebuttenstraße Sorge tragend; aber Fräulein Müller wollte diesmal lieber nicht. Es war ihr vielleicht zu viel junges Städtervolk der unschuldigen Sonntagsfreude von Daphnis und Chloe auf Arkadiens Fluren beigemengt. »Ich glaube, draußen ist es doch angenehmer,« meinte sie, »und ich glaube auch, der Regen hat wirklich ein bißchen nachgelassen.« Da irrte sie sich; aber der Herr Nachbar trug doch ihrem augenblicklichen Frösteln in ihren nassen Kleidern Rechnung und bestätigte seinerseits: »Freilich ist's draußen schöner.« Als sie das Dorf mit seiner Sonntagsfreude wieder hinter sich hatten und ein nicht sehr entfernt vom Ort Schutz bietendes Gehölz erreichten und Rosine Müller trotz all ihrer Willensstärke seufzte: »Gott, welch ein Wetter für Pilze!« fragte der alte Schnarrwergk melancholisch: »Haben auch Sie jetzt schon genug?« Als aber das Fräulein von Neuem lustig lachend rief: »Ich bitte Sie, es wird ja immer hübscher! Hoffentlich kommen wir bald an einen Teich und gehen ganz ins Wasser; in einen Fischschwanz laufe ich schon aus wie die schönste Melusine –« da grinste der alte Schnarrwergk behaglich wie ein Erbonkel, der eben seine Lieblingsnichte in sein Testament als Haupterbin gesetzt hat, und brummte vor sich hin: »Bist mein gutes Mädchen.« In diesem Augenblick wurden sie abermals angesprochen und zwar von Jemand, dem, der äußeren Erscheinung nach, die Kinder lieber nicht gern allein in Wald und Haide begegnen möchten, nämlich von der Kräuterfrau der Stadt drunten hinter dem Nebel und Regenvorhang Im Märchen giebt es nichts angenehmer Gruseliges; aber in der Wirklichkeit, an diesem triefenden grauen Sonntagnachmittag, mitten im Busch, gab es nichts an der Frau Erbsen, was Zutraulichkeit hervorrufen konnte. Sie trieb kein lärmend Handwerk und konnte also ihrem Beruf auch am Feiertage nachgehen. »Jeses, Herr Schnarrwergk,« sagte sie, die Frau Erbsen vom Altstädterring, ihren Tragkorb niedersetzend. »Nun ja, es ist schon recht; wenn ich Einen wußte, dem ich heute begegnen konnte, so sind Sie das.« »Ich hab' die Ehre. Guten Tag, Frau Doktorin, Frau Medizinalrath, Frau Sanitätsräthin,« sprach Schnarrwergk, den Hut lüftend. »So ist er nun, Fräulein,« wandte sich die alte Dame an das junge Mädchen. »Nehmen Sie's nicht übel, Herr Schnarrwergk, aber ich kann nichts dafür, daß Sie so sind. Denn, Fräulein, Unsereiner sollte sich mal mit dem Doktern, der Medizin und der hohen Sanität befassen, und wenn's nur an Katze, Hund oder der Nachbarin Kind mit Kamillenthee wäre, so wollte die hohe Gesundheit schon schriftlich, mündlich und auch sonst wie dafür sorgen, daß es nicht wieder vorkäme. Aber, Fräulein, Sie sollten sich doch nicht bei solchem Wetter in seine Hand gegeben haben! Wie ist mir denn? ich sollte Sie doch auch schon kennen. Von meiner Ecke am Ring? Wir grüßen uns ja schon seit Jahren, Fräulein. Ach, Herrje ja, richtig, darf ich fragen, wie es mit der Glückshand geworden ist, ob sie den Segen gebracht hat, den ich ihr nachgewünscht habe?« »Eh, sieh mal hin!« rief der Nachbar Schnarrwergk, seine Nachbarin in der Welt mit hochgezogenen Augenbrauen, doch fast noch freundlicher als schon öfters heute von der Seite ansehend. Und Rosinchen, halb lachend, halb ärgerlich und sehr roth im Gesicht, rief mit dem Fuße aufstampfend: »Da ich es nicht leugnen kann und die Frau Erbsen natürlich ihren Mund nicht halten kann, sondern ihre tiefsten Geheimnisse ausplaudern muß, so – so – jawohl, ich dachte: hilft es nichts, so wird es ja wohl auch nichts schaden. Ja, ich bin so dumm gewesen, gerade vor zwei Jahren oder noch ein bißchen früher. Es ging mir nicht zum besten damals auf Erden, und wenn der Mensch nicht aus und ein weiß, dann fällt er natürlich auf allerlei Albernheiten und geht mit seiner Angst zur Mutter Erbsen, oder noch fürchterlicher, zum Scharfrichter –« »Oder zum Thierarzt, Jungfer Müller!« grinste der alte Schnarrwergk. »Natürlich auch zu dem, wie in tausend Büchern zu lesen ist; und ich bin, als ich mit meinem lieben Lebensunterhalt schlimm daran war, nach dem Altstädterring gegangen, und wenn wer damals geheimnißvoll that mit seinem Zauber, so war's diese gute Frau Erbsen hier; und – nun kann sie selber zuerst das Geheimniß nicht bei sich behalten, sondern muß mich hier am hellen Tage vor dem guten Schulunterricht, jedem Besserwisser und dem Herrn Kreisthierarzt Schnarrwergk blamiren!« »O Gott, ich werde doch nicht!« ächzte die alte Dame, beide Hände zusammenschlagend. »Aber das Fräulein hat auch ganz und gar Recht; ich bin in meiner Freude, hier in der Ueberschwemmung und ebenfalls naß bis auf die Knochen auf Sie zu stoßen, zur richtigen Schnattergans geworden und kann nun nur heimgehen als arme Sünderin und in meinen Korb voll Grünkraut hineinweinen –« »Die Hauptsache ist, Rosine, ob der Zauber angeschlagen hat?« meinte Nachbar Schnarrwergk kopfschüttelnd, mit seinem forschendsten Doktorauge seine kleine Nachbarin betrachtend. »Nun, ich bin wie gewöhnlich mit heiler Haut durchgekommen, unverhungert und unverfroren, ich armer Spatz. Bin ich nicht etwa noch ganz lebendig in der Hanebuttenstraße angekommen, Herr Nachbar?« »Gott sei Dank!« brummte der Greis. »Sehen Sie wohl! Nun, wollen Sie schon weiter, Frau Erbsen?« »In Kummer und Schmerz, allerliebstes Fräulein. Und o, es soll mir nur Einer begegnen, an dem ich meine Wüthenhaftigkeit auslassen darf! Na, so 'ne Dummheit, so 'ne Dummheit, so sein Allerbestes, sein Allerliebstes in die Welt hinauszuschreien, bloß weil man sich freut, bei so schlechtem Wetter noch zwei gute Seelen und liebe Herrschaften draußen im nassen Busch und auf feuchter Wiese anzutreffen und mit ihnen seine Gedanken über die Witterung auszutauschen! Früher hatte ich doch meinen Mann, der mir den Kopf zurechtsetzen wollte bei solcher Gelegenheit, zur Hand. Nun bin ich eine arme Wittwe seit langen Jahren und einzig und allein auf mich selber angewiesen. Also vergessen Sie's nicht, Fräulein; Sie finden Alles bei mir auf dem Ringe, je nach der Jahreszeit: Vogelkraut für den Kanarienvogel, Kreuzkraut, Lavendel, Myrt und Thymian, Sie wissen wohl wozu. Schönen Majoran, wenn die Zeit kommt. Melisse, Salbei und Stiefmütterchen, Beifuß und Basilikum. Auch wenn Sie still kommen und bei Seite fragen –« »Wünschelruthen, Springwurzeln, wieder eine Glückshand, Frau Erbsen!« lachte Rosinchen, und Thierarzt Schnarrwergk lächelte ausnahmsweise auch einmal und schnarrte: »Letztere suchen wir heute selber, Mutter Erbsen.« Doch nun wurde Er schief von der Seite angesehen, und die Kräuterfrau vom Markt der Altstadt murmelte, bereits völlig wieder bei ihrem Wandel und Handel neben ihrer Kundschaft auf dem Markt: »Solche sucht man nicht; solche findet man nur, Herr Doktor. Und auch nicht zu jedweder Zeit, Herr Doktor! Und auch nicht Jeder, wer will, Herr Doktor. Und auch nicht Jeder für Jeden. Das hängt von den Umständen ab, und so empfehle ich mich Ihnen, Herr Schnarrwergk, und auch Ihnen, liebes Fräulein.« Den Tragkorb mit der Ausbeute ihrer heutigen Wanderung wieder aufnehmend, verschwand sie hinterm Busch, tauchte noch einmal auf einem Hügel der Stadt zu im abendlichen Nebelregendunst auf und wurde für dies Mal nicht mehr gesehen. »Dich hätten sie vor zweihundert Jahren auch gebraten wie eine Gans,« brummte ihr Schnarrwergk nach. »Gerupft und gebraten wie eine Gans; aber ohne viel von Thymus serpillum , Artemisia und Origanum majorana an die Tunke zu verwenden. Untergetunkt würde man Dich selber bloß im nächsten Fischteich haben. Bloß um zu sehen, ob Du auch schwimmen könnest. Wenn wir jetzt heil nach Hause kommen, so werde ich Dir bei Gelegenheit mal ein paar Seiten aus dem Hexenhammer vorlesen, Jungfer Rosine Müller, auf daß Du einsiehst, daß junge Gänse ihren Bedarf an Glückshänden und anderen Zaubermitteln nicht bei dem ersten besten alten Weibe einholen sollen, sondern besser thun, in verbis, herbis et lapidibus sich bei wirklich weisen Männern das Nöthige einzuholen. Das Latein geht Dich nichts an; aber marsch – weiterschwimmen! Da unten auf Pannemanns Wiese wird Dir der Nachbar Schnarrwergk zeigen, was 'ne Sache ist.« Es rieselte ununterbrochen weiter, als sie an Pannemanns Wiese standen. »Werden wir auch nicht gepfändet?« fragte Rosine bedenklich, als ihr sonderbarer Führer über dieselbe hinschritt. »Der Kreisthierarzt Schnarrwergk von einem Bauer gepfändet?« grinste der Alte. »Nee, aber ein bißchen feucht scheint es mir hier zu sein.« »Das nennt er nun jetzt noch nur ein bißchen feucht!« seufzte Rosine bei sich. Laut meinte sie: »Feucht? O nein, feucht ist es gerade nicht, bloß ein bißchen recht naß. Vivat ein warmes Herz und weiter in der Arche Noah! Jetzt ist doch Alles einerlei, wie man nach Hause kommt. Und jetzt nehm ich mir doch auch noch einen Strauß mit nach Hause. – Sehet die Lilien auf dem Felde an – o die Kukuksblumen – und auch keine von ihnen mit einem trockenen Faden am Leibe!« »Jawohl, da wäre unsere Gelegenheit, Fräulein Müller!« sprach Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk. »So muß sich der Zauber in der Welt machen! So kommt der Segen, der in Worten, Kräutern und Steinen verborgen liegt, an die Rechten! Da ist nun Orchis latifolia , der Händleinskukuk, in voller Blüthe. Und nun mitten hinein und mit beiden Händen zugegriffen, Mädchen. Wer weiß, was wir aus dem heutigen schlechten Wetter nach Hause bringen? Suche Du Dir Deinen Strauß zusammen; ich grabe derweilen nach dem großen Zauber.« Das Fräulein hatte gar nicht mehr auf ihn gehört. Sie war schon am Werk mitten in der triefenden Wiesenpracht des Jahres. Aber der Herr Nachbar in der Hanebuttenstraße stand noch eine Weile und sah ihr zu, bis auch er ein paar Schritte weiter in die verregnete bunte Unschuldswelt hineinthat, dann ein Messer zog, sich mit demselben niederbeugte und wirklich anfing zu graben. Mit allem Wurzelwerk grub er eines der nächsten Exemplare von Orchis latifolia aus, schüttelte die schwarze, klebende Erde ab und hielt es erst sich und dann der Begleiterin hin: »Da hast Du den Händleinskukuk, die Glückshand, mein tapfer, gut Mädchen. Wenn der Zauber wirken soll, so muß man ihn eben beim schlechtesten Erdenwetter ausgraben. Da nimm, und künftig brauchst Du nicht mehr die Mutter Erbsen auf dem Wochenmarkt darum verstohlen anzugehen, wenn Dir die Wasser einmal wirklich wieder bis an den Hals steigen und Du Dich nach Jemand am Ufer im Trockenen umsiehst.« »O danke, danke,« rief Rosine Müller. »Die Gabe und das Wort nehme ich schon gern an und mit nach Hause in die Hanebuttenstraße! Welch ein reizender Tag! O haben Sie Dank, Herr Nachbar, daß Sie mich bei dem wundervollen Wetter mit sich hinausgenommen haben. So lange ich lebe, vergesse ich diesen himmlischen Regentag nicht.« Der Alte hatte sich wieder zur Erde gebückt und grub abermals neben einem Brennnesselbusche. »Man muß seine Leute kennen lernen. Da riech mal, das ist aus derselben Familie wie Deine Fortunatushand da und wie der weiße Kukuk oder Nachtschatten, der wenigstens bei Nacht recht angenehm in der Nase ist, die wohlriechende Ragwurz und den langspornigen Kukuk nicht zu vergessen. Nun, was sagst Du zu diesen Mitgliede der großen Familie unter Deinem Näschen?« »O pfui! das ist freilich recht unangenehm.« »Sag einfach – wanzenartig! Orchis coriophora , das Wanzenknabenkraut. Wirst es freilich schon ohne meine Weisheit gemerkt haben, Kind, daß es auch in unserer großen Familie allerlei sonderbare Verwandtschaft von Adam her giebt. Und nun wollen wir dem Stänker ebenfalls die Wurzel heben. Guck, da findet die Zauberfrau vom Altstädterring keine vier oder fünf Fingerlein. Zwei alberne nichtsbedeutende Knollen findet sie als Wurzel und hat noch keine Kundschaft dafür gefunden auf dem Altweibermarkt. Mach's wie der Thierarzt Schnarrwergk, Mädchen. Bleib allein, wenn's auch manchmal ein bißchen öde um Dich wird. Hüte Dich vor dem Wanzenkukuk, und auch der weiße Nachtschatten trägt keine Glückshände unter sich. Und nun komm endlich heraus aus dem feuchten Grase. Ich meine, wir haben für heute genug der Wasserbejahung, wie's der alte Goethe nennt. Wie siehst Du aus, Menschenkind! Deine leibliche Mutter würde Dich nicht erkennen.« Ach, wie sah es aus, das verregnete, lachende und doch mit seiner Rührung kämpfende junge Menschenkind? Nun, eben verregnet-glücklich! Was ist da noch viel zu beschreiben? Es kam hervor aus der nassen Wiese, das Fräulein mit der Glückshand. Und es kam triefend mit dem Nachbar Schnarrwergk nach Hause, als der Tag sich schon ziemlich zum Abend neigte, was man übrigens kaum merkte, da es den ganzen Tag über des Gewölkes wegen recht graue Dämmerung gewesen war. In der Hanebuttenstraße Nummer dreiunddreißig schlug das im Hause, was ihnen auf der Treppe begegnete und sonst schon einiges Interesse an ihnen nahm, die Hände über sie zusammen und freute sich, heute, trotz des Sonntages, zu Hause im Trockenen geblieben zu sein. Das hatte natürlich keine Ahnung davon, bei welcher scheußlichen Witterung die richtigen Sonntagskinder das Ihrige erst recht erleben können. »Nun will ich Dir was sagen, mein Mädchen,« sprach Thierarzt Schnarrwergk mit dem Schlüssel im Schlüsselloch seiner Stubenthür. »Es genügt nicht, daß man mit einem Frauenzimmer Wand an Wand haust oder zwischen vier Wänden, um herauszukriegen, was in ihm ist. Man führe es einen Tag lang im Regen spazieren: behält es dann seine gute Laune, dann läßt sich vielleicht mit ihm auskommen.« »Das sind ja gräßliche Ansichten über uns!« lachte Rosinchen – eben doch ein wenig verstimmt. Nichtsdestoweniger kam sie aber doch noch mal, mit ihrem Stubenschlüssel in der Hand, zu dem Alten herüber. »Nun? aber neugierig bin ich! Da die Probe an mir gemacht zu sein scheint – bitte, wie habe ich sie denn bestanden?« »Davon später einmal. Jetzt zieh Dir was Trockenes an und mach, daß Du zu Bette kommst, und komme mir morgen nicht mit einem Schnupfen. Das bitte ich mir aus. Gute Nacht.« »Gute Nacht, Herr Nachbar Schnarrwergk,« sprach Fräulein Rosine Müller, in einem völligen Hofknix zurücksinkend. Als sich aber die Thür hinter dem Nachbar geschlossen hatte. setzte sie noch hinzu: »Grüßen Sie Ihren Hausgötzen!« und dann nach einer Weile in ihrem eigenen Stübchen: »Das sieht ja aus, als hätte er Lust, in Ermangelung anderer Praxis, mich in die Kur zu nehmen! Na, warte, mach es mir zu bunt, und ich bin es, die Dir räth, Dir einen Thee kochen zu lassen. Aber mit seiner Glückshand war er doch reizend! Ich habe sie doch noch? Ja, gottlob! Und Alles in Allem gebe ich den Regenweg heute für hundert schönste Sonnentage nicht her!« * * * Von diesem Tage an geht die Geschichte durchgängig im Zeichen des Lar weiter. Aus seinen Glasaugen sah der Pithekus Dinge, wie sie ihm weder in seinen Heimathwäldern auf Borneo oder Sumatra, noch bis jetzt in der europäischen Menagerie und am allerwenigsten im Haushalt des Thierarztes außer Dienst Schnarrwergk zu Gesichte gekommen waren. Nie hatte der Ahnherr einen Abkömmling gegen den anderen so menschlich werden sehen wie jetzt den alten Nachbar in der Hanebuttenstraße gegen die junge Nachbarin. Einen Augenblick hätte er wirklich Angst haben dürfen, daß die Zärtlichkeit über das Maaß hinausgehe. Wenn jedoch eine Angst übel am Platze gewesen wäre, so würde es diese gewesen sein. Der Lar war aber auch in diesem Falle klüger als die gesammte Nachbarschaft der Hanebuttenstraße. Er dachte nicht wie so ziemlich die Gesammtheit der letzteren: »Na, na, da sieht man wieder mal, daß Alter, Erfahrung und Grämlichkeit nicht vor Thorheit schützt.« Dessentwegen könnten wir dem Alten und der Jungen so flüchtig über die nächstfolgenden drei oder vier Jahre hinweghelfen, wie wir unserem braven Freunde Kohl über sie hinweggeholfen haben. Aber das wäre doch zu schade. Den dickfelligen Lümmel konnte man schon seines Weges laufen lassen und nur das Notwendigste über seine Schicksale innerhalb des erwähnten Zeitraumes anmerken; aber das zarte Verhältniß zwischen dem grauen Unthier, dem Thierarzt Schnarrwergk, und der kleinen hübschen Müllerin fordert zartere Handhabung. In dieser mürrischen, zänkischen, lärmvollen Welt ein stiller, vergnügter Winkel, in den man sich selber nur zu gern mit hineingedrückt haben möchte! »Wo stecken Sie, Müllerchen? . . . Wo bist Du den ganzen Tag gewesen? . . . Sie hat man doch seit einem Jahrhundert nicht mehr zu Gesichte gekriegt, Herr Schnarrwergk!« wie oft sind diese und hundert andere ähnliche Fragen und Ausrufe diesseit und jenseit des Ganges in Nummer dreiunddreißig laut geworden! Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Bei gutem und schlechtem Wetter. Bei Lachen und Verdruß, bei Gesundheit und Krankheit. Die erste Redensart nach dem vorhin beschriebenen merkwürdigen Sommersonntagsnachmittagsregentage lautete natürlich: »Nun, Jungfer, was macht der Schnupfen?« »O ich danke, Herr Schnarrwergk; es geht damit. Ich hatte ja meine neue Glückshand in der Tasche und zwar frisch aus der Mutter Erde heraus.« »Richtig!« »Und übrigens ist es auch nicht das erste Mal gewesen, daß ich nach Hause mehr geschwommen als gegangen bin, Herr Schnarrwergk.« »Herr Schnarrwergk. Sag mal, mein Kind, thätest Du mir wohl nicht den Gefallen und nenntest mich Herr Veterinärarzt Schnarrwergk? Es liegt besser auf der Zunge.« »Wenn Sie – es – wünschen, Herr – Herr –«, stotterte Rosinchen. »Zehntausend Teufel, Himmeldonnerwetter, nein, ich wünsche das gar nicht! Der Nachbar Schnarrwergk bin ich, mein Allergnädigstes! Ueberwinden Sie sich nur und rufen Sie die alte Fratze: Nachbar! Sie hört drauf, und es hat wenigstens den Vortheil, daß es kürzer auf der Zunge liegt.« »Wenn Sie's denn erlauben,« sagte Fräulein Müller sehr gesetzt mit einem neuen Knix. »Aber dann bitte ich auch um das Du Ihrerseits – Nachbar; denn das liegt doch am kürzesten auf der Zunge.« Der Alte sah das Kind eine Weile scharf von der Seite an, dann meinte er: »Hast Du diesen Blick für die Menschen? Nun, dann sollst auch Du Deinen Willen haben, und wenn Du nichts Besseres vorhast, so komme für eine halbe Stunde zu mir herüber. Ich habe auch Zeit.« »Wenn Sie erlauben, Nachbar, so bin ich in fünf Minuten bei Ihnen. Es hat mich schon längst gelüstet, Ihren kuriosen Haushalt endlich einmal im Einzelnen im Inneren zu sehen. Er beißt doch nicht mehr, Nachbar?« »Wer beißt nicht mehr? Ja so, Er! Der Lar. Der Pithekus. Nein, der nicht; und was sonst noch den Rest seiner Zähne gebrauchen kann, das sieht sich seine Leute vorher darauf an, ehe es zuschnappt. Wage Dich nur herein.« Und Fräulein Müller wagte sich hinein und besah sich den Affen, sowie den Haushalt des alten Schnarrwergk zum ersten Mal ganz in der Nähe; und der Historiograph ist an dieser Stelle gezwungen, ganz gegen seine Gewohnheit eine Geschichte einzuschieben. Nämlich er, – der Geschichtschreiber, hatte einen lieben alten Freund ( have pia anima! ), der ein großer Dante-Kenner und Verehrer war und den er dann und wann besuchte, um mit ihm deutsche Kultur-Geschichte zu bereden und vor Allem, als die Zeit gekommen war, mit ihm seine Freude an den Ereignissen des Jahres Achtzehnhundertsechsundsechzig zu haben. Diesen theuren, greisen Freund traf er, immer natürlich der Historiograph, eines Tages in erklecklichster Aufregung in seinem Studirstübchen hin und her schreitend, während seine Kolossalbüste des großen Florentiners mit der bekannten aus der Hölle stammenden Verdrießlichkeit ihm dabei zusah. »Was haben Sie denn? Was ist denn vorgefallen? Um Gottes willen, beruhigen Sie –« »Was ich habe? was vorgefallen ist? Denken Sie sich, Verehrtester. Kommt vor zwei Stunden Der und Der – vielleicht sind Sie ihm noch in der Gasse begegnet –, fragt, ob ich einen Augenblick Zeit habe – ich habe jedenfalls genug, um ihn aufzufordern, den Hut abzulegen, und er thut's und – stülpt seinen Hut meinem Dante – meinem Dante da auf – setzt sich fest – liest mir, mir zwei Stunden lang aus seinem neuesten lyrischen Epos vor – immer mit seinem Hute auf meinem Dante, auf meinem Dante da! Und ich – Sie kennen mich – ich habe die Entwürdigung zwei Stunden lang in mich hinein zu fressen und zu des Menschen läppischen Trochäen zu lächeln und höflichen Beifall zu murmeln. Setzt seinen Hut meinem Dante Alighieri auf! können Sie sich das zweistündige, innerliche, hülflose Kochen in mir vorstellen?« »Wohl, wohl, bis zur Präkordialangst in das eigene Zwerchfell hinein; aber der hohe Meister lieh Ihnen doch auch jetzt das rechte Wort zur Bemeisterung Ihrer vollberechtigten Gefühle: Erbarmen und Gerechtigkeit verschmähn Dies Volk. Sprich nicht, sieh hin und geh vorüber!« » Non ragioniam di lor, ma guarda e passa, « murmelte der Freund aus dem dritten Gesange des Inferno, »ja, aber sitzen Sie einmal durch zwei volle Stunden vor solchem Aergerniß und sehen Sie nicht hin! Stülpt seinen trivialen Filz – dieser Mensch – während er in die Brusttasche nach seinem Manuskript greift – stülpt seinen Hut meinem Dante auf, meinem Dante auf die ewige Marmorstirn . . .!« Es dauerte keine acht Tage, da setzte Fräulein Rosine, wenn sie zum Nachbar auf Besuch kam und ablegte, ihr Hütchen seinem Pithekus auf, ohne daß ihm, dem Lar, das Ding übel stand, oder er, der alte Schnarrwergk, es übel auffaßte und es für ein Sakrilegium hielt. * * * Nicht daß das Fräulein anfangs zu ihm eingegangen wäre, als ob es drüben ganz sicher sei. Das Meiste, was sie bis jetzt immer noch vom alten Schnarrwergk wußte, stammte doch aus ihren Erfahrungen bei der Frau Professorin Kohl her, und die waren nicht schön. Es dauerte eine ziemliche Zeit, ehe Rosinchen sich mit der Frage herauswagte: »Und jetzt, da wir nun an diesem wonnigen, schaurigen Winterabend hier so gemüthlich bei einander sitzen, sagen Sie mal, Nachbar, weshalb haben Sie denn bei der Frau Professorin nicht ein einziges Mal ein gutes Wort für mich gehabt? nicht den kleinsten freundlichen Blick?« »Gnrrrrrr.« »Jawohl! Das war der Ton, wenn ich Ihnen ganz gegen meinen Willen mit dem Theebrett in den Weg geschoben wurde. Bitte, noch einmal! O die alten Zeiten bei der Frau Professorin, wenn ich Ihren Schritt auf der Treppe hörte und die Frau Professor sagte: »Da ist er! rufe meinen Mann.« »Der arme Teufel,« brummte Schnarrwergk. »Sein Schicksal allein konnte euch sämmtlich Einem zuwider machen; wenn man auch nicht schon seine eigenen Erfahrungen am eigenen Leibe dazu gehabt hätte. Kam ich des Vergnügens wegen zum alten Kohl – einem Menschen, dem man noch dazu auf dem Schachbrett den Thurm vorgeben mußte? Aus Dankbarkeit kam ich. Aus mitleidiger Dankbarkeit, weil er die Last, welche das Geschick dem Herzen nach mir bestimmt hatte, sich seiner Zeit auflud. Hast Du nie bemerkt, daß er von Zeit zu Zeit die linke Schulter und den Arm ein wenig rieb und das Gesicht dabei verzog?« »Jawohl. Bei Witterungsumschlägen sprach er stets von seinem Rheumatismus.« »Rheumatismus! Wer ihn, sein Weib und mich beim Whist mit dem Strohmann sah, der glaubte es nicht, daß einmal der Knochenmann den vierten Mann zwischen uns gemacht hatte. Wer die spinnige alte Schachtel mit ihrem Giftlächeln die Karten mischen sah, der hielt es nicht für möglich, daß sie einmal als allerliebste süßlächelnde Zwanzigjährige uns auf Leben und Tod auf die Mensur gebracht hat. Sieh mal nach dem Ofen, der Wind liegt auf den Fenstern – das ist ein nettes Schneetreiben und die richtige Zeit, solch alten Kohl aufzuwärmen. Sie wollte mich nehmen und besann sich eines Besseren und nahm ihn. Ich schoß ihm eine Kugel in die Schulter, gleich nachdem er mir eine am rechten Eselsohr vorbeigeschickt hatte, und ich habe zwanzig Jahre lang mit ihm Schach, und mit ihm und seinem Weibe Whist gespielt aus Gewissensbissen und Dankbarkeit. Zwanzig Jahre lang habe ich ihm sein Dasein zwischen den Krallen seines Hausdrachens erträglicher gemacht. Zwanzig Jahre lang habe ich meine Undankbarkeit gegen ihn gebüßt; aber wenn mir dabei ein neues junges Weibsbild vor die Füße lies, dann –« »Dann hatten Sie natürlich nichts weiter zu sagen als: Gnrrrrrr. Und aus dieser Stimmung heraus haben Sie sich denn auch wohl Ihren Affen angeschafft und als Hausgötzen aufgestellt? O Gott, wie tragisch und wie komisch! Aber, Nachbar – da Sie das Wort mal so wollen – da haben wir uns ja Alle in Ihnen gänzlich geirrt – bloß der junge Herr Kohl nicht!« »So?« »Jawohl! Denn wir, nämlich Alles, was so zu sagen zartere Gefühle zu haben glaubt, wir haben Sie immer ganz und gar, durch und durch tragisch genommen. Wir haben Ihr Abschreckendes auf was wirklich und in Wahrheit Fürchterliches geschoben. Wir sind um Sie und Ihren Affen auf den Zehen herumgegangen, als ob ein Todter im Hause läge, wie als wie um etwas wirklich Bedauernswerthes. Nur der junge Herr Kohl nicht.« »Hmmm!« »Wissen Sie wohl, was der sagte, wenn Sie Ihre Schachpartie verloren gaben, trotzdem daß Sie dem Herrn Professor einen Thurm vorgegeben hatten? Und wenn Sie wüthend die Figuren durcheinander rüttelten, bloß weil Sie ihm die Ehre nicht gönnten, Ihnen Schach und Matt zu bieten?!« »Kann's mir schon denken.« »Nein, das können Sie gar nicht! Wollen Sie es mir auch gewiß nicht übel nehmen, wenn ich es Ihnen jetzt nachträglich mittheile, Nachbar?« »Gnrrrrrr.« »Na denn: Ist das ein himmlischer Kerl! sagte der junge Herr Kohl, na, und wenn Der das von Jemandem sagte, dann, gnade Gott, war es auch einer!« Nachdem sie einmal auf den jungen Kohl gekommen waren, kamen sie öfter auf ihn. Thierarzt Schnarrwergk knüpfte merkwürdiger Weise jedes Mal, wenn er sentimentaler, elegischer als gewöhnlich wurde und von sich selber redete, an den Lümmel an. Und zwar auf eine Weise, als ob er seit Jahren dazu auf seine junge Nachbarin gewartet habe. »Weißt Du, Kind, es war ein Naturband zwischen dem greulichen Bengel und mir. Ich hatte ihn, so zu sagen, idealisch an Kindesstatt angenommen.« »Ach, das ist ja reizend!« »Je mehr ich mich über ihn zu ärgern hatte, desto häufiger wuchs die Ueberzeugung in mir: von Rechts wegen gehörte das Unthier Dir! von Rechts wegen gehörte er unter Deine Fuchtel; und da sitzest Du nun und siehst ihn von dem braven germanistischen Pinsel von Vater und der lächerlichen Hexe seiner Mutter immer mehr verzogen werden. O, wie habe ich ihn in der Phantasie gehauen, wenn ihn der Alte mein guter Sohn und wenn die Alte ihn mein Schäfchen nannte. Was würde ich aus Dem gemacht haben, wenn das wirklich mein Junge gewesen wäre? Die Natur spielt so, Kind! Ganz wie Du selber, Schnarrwergk, gerade solch ein Flegel wie Du. Mit den nämlichen Anlagen zum Wohlwollen und zur Feindschaft gegen Götter und Menschen wie Du! Und darfst Dein eigenstes Eigenthum, Dein anderes Ich, Dich selbst in neuer Form nicht an der Kehle nehmen und es gegen die Wand drücken: Menschenkind, vergeude Deine schönsten Gaben nicht unnöthig; gehe doch nicht zu verschwenderisch mit Deinen Anlagen um; spare auf Dein Alter, wenn auch Du vielleicht einmal der Menschheit gegenüber –« »Mit Deinem ausgestopften Affen allein sein wirst. O Nachbar!« rief Rosinchen. »O lieber Himmel, weshalb haben Sie mich denn jetzt zu sich herübergeholt, Herr Doktor, Herr Thierarzt?« »Nachbar – Nachbar Schnarrwergk.« »Jetzt muß ich mir doch vorkommen wie eine arme Fliege, die Sie aus einem mir gänzlich unbekannten Grunde mit der Klappe verschont haben. Bei solchem Charakter, was thun, was wollen Sie eigentlich mit mir?« »Weiß ich es?« schnarrte der Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk. »Weibervolk! Wahrscheinlich Deinetwegen mich noch einmal vor dem Lar dort blamiren! Weil der Narr nicht von euch lassen kann. Nichtsnutziges, abgeschmacktes Kindergesindel. Glaubst Du etwa, daß ich ein Viertel-Menschenalter durch mit dem Pinsel, dem Professor Kohl seinetwegen Schach gespielt habe?« »Der Frau Professorin wegen?« fragte Fräulein Müller und behielt das Mündchen nach der Frage eine Weile zierlich geöffnet, bis es ihr der Alte durch die Erklärung schloß: »Es gewährte mir eine Genugtuung, und es gereichte mir zur Befriedigung, ihre Nase spitz und roth und ihre Locken dünn, grau und silberweiß werden zu sehen. Als sie zum ersten Male wieder braun – mit einem falschen Scheitel zum Whist erschien, habe ich meinem alten Freund Kohl mit Rührung die Hand unterm Tische drücken dürfen: sie erinnerte mich zu sehr an seine und meine Jugend und – ihre. Sie hatte in ihrer kindlichen heiteren Lebendigkeit eine gewisse Aehnlichkeit mit Dir, Kind. Sie –« »Der junge Herr hatte vollkommen Recht: Sie sind ein – ein – himmlischer – Mann! Und sie war ein gutes Mädchen, und ist dem Herrn Professor eine gute Frau gewesen, und ist eine gute Mutter gewesen; und wenn ich nicht auch ein gutes Mädchen wäre, so könnte ich wahrhaftig wünschen, daß die Witterung draußen, der Schnee und Wind, für diesen Abend einigen rheumatischen Einfluß, diesmal auf Ihr linkes Schulterblatt, habe – bloß um Sie noch ein bißchen mehr an Ihre Jugendzeit zu erinnern. Also den Affen da haben Sie bloß da stehen, weil Sie auch in solchem Verhältniß zu uns stehen wie alle Uebrigen? . . . Also für diesmal: recht guten Abend, Herr – Nachbar – Schnarrwergk! Ihre gehorsamste Dienerin, Herr Kreisthierarzt oder Herr Veterinärarzt Schnarrwergk.« * * * Nachdem sie so weit waren, kamen sie einander natürlich noch näher. Vorzüglich in den Erinnerungen aus ihrem Vorleben. »Er ist gräßlich,« dachte Rosinchen, »aber es ist mit ihm doch wie mit so vielem Anderen auf Erden: aus der Ferne ist er am gräßlichsten. Wenn man ihm nahe kommt, ist er lange nicht so schlimm, wie er aussieht. Wenn ich nur erst heraus hätte, ob er wirklich einen rechten Grund zu seiner Griesgrämlichkeit hat. Aber ich kriege es heraus, und sollte ich dabei hier in seiner Gesellschaft auch bei einer spitzen rothen Nase und bei einem falschen Scheitel anlangen.« »Weshalb hat man Dich gestern den ganzen Tag weder gesehen noch gehört, Kleine?« fragte der alte Schnarrwergk. »Allerseelen, Nachbar. Sie haben wohl nicht daran gedacht. Ich bin bei meinen Eltern gewesen; erst auf dem Kirchhofe und dann zu Hause im Winkel. Ach Gott, ich weiß ja eigentlich zu wenig von ihnen, und deshalb halte ich mich an diesem Tage am liebsten am stillsten und denke mir allerlei: wie es wohl gewesen ist und wie es wohl gewesen wäre, wenn wir uns einander hätten behalten dürfen bis heute. Ich bin dann wirklich nicht für Geselligkeit aufgelegt, Nachbar, sondern so allein wie möglich mit mir und meinen Einbildungen.« »Hm. Da war ich freilich keine Gesellschaft für Dich.« »O, Sie wohl; aber –« »Aber der Lar nicht, willst Du sagen. Ach, der arme Kerl! Nun, Kind, ich habe es nicht gewußt, oder nicht daran gedacht gestern, daß Allerseelen war; aber zufällig habe ich mich doch auch mit meinen seligen Eltern beschäftigt und eine Unterhaltung über sie gehabt und zwar mit Dem da. Der da hatte liebende Eltern, aber ich –« »Herr Nachbar, Denen, die ihre Eltern schlagen, wächst der Finger aus dem Grabe; und Sie selber haben mir ja einmal in einem vertrauten Augenblick gestanden, daß Sie in Ihrer Jugendzeit – ich weiß wirklich nicht, wie ich mich ausdrücken soll . . .!« »Daß ich in meiner Jugendzeit ein heilloser Schlingel war. Mädchen, fahre mir nach eurer Weise nicht immer durch den Gedankenzusammenhang! Na ja, ich fiel ihnen, meinen Eltern, glücklicher Weise so früh aus dem Neste, daß ich ihnen heute gerecht werden kann, ohne daß später einmal mein Grabhügel wie ein Spargelfeld aussehen wird.« »Ach, so früh sind auch Sie schon verwaist?« »Schön verwaist! Aus dem Neste gefallen? Herausgeschmissen! – Das ist Dein Junge! schrie der Alte und schlug dabei eine Tischecke ab. Dein Junge ist es, zeterte die Alte, wenn er mich vor der Zeit umbringt, ist's nur, weil er auf Dich artet. – Mach aus ihm, was Du willst, aber rufe mich zum Zeugen für den letzten Verdruß, wenn er am Galgen hängt! riefen sie Beide; und wer seine Prügel kriegte, welche Kniee er umklammern mochte, das war ich! Ja, mein Mädchen, heute sage auch ich: seine längst, seine schon weit im voraus verdienten. Ich bin nicht als Milchsuppe in die Welt hineingegossen, aber schön war's nicht, wie mich das Schicksal gleich von Anfang an versäuerte. Nimm nur mal an, daß mich die Alte zum Theologen, zum christlichen Pfarrer machen wollte, und daß der Alte seiner Zeit den Theologen an den Nagel gehängt und seines Vaters, meines Großvaters, Geschäft als Schweinemetzger übernommen hatte. Er war wegen seiner Würste weit berühmt; aber er wollte sonderbarer Weise doch auch wieder darüber hinaus. Er wünschte mich als Mediziner, als berühmten Arzt zu sehen. Damit keines von Beiden seinen Willen kriegte, und da sie mir von Schulwegen auch gerade nicht das Beste schriftlich und mündlich gaben, war das Ende vom Liede, daß man mich zum Vetter Hagenbeck, einem Hufschmied, in die Lehre gab. Vor ein paar Jahren habe ich, nicht zu Allerseelen, aber an einem schönen Sommertage – zwanzig Meilen von hier an seinem Hügel gestanden, eigens zugereist, und mit der Stockzwinge angeklopft und eingebohrt: Bleibe Er ruhig liegen, Herr Vetter, es ist noch immer so hier oben, wie es zu Seiner Zeit war. Er hat sich Seiner Zeit meinetwegen Mühe genug gegeben; bemühe Er sich heute ja nicht meinetwegen und hebe Er den Kopf vom Kissen. Es ist nichts Neues passirt; ich sitze nun an Seiner Statt mit wackelndem Kopf und knickendem Gebein und suche im Zeichen des Pithecus Satyrus nach einem jüngeren Affen, an den ich Seine Wohlthat weitergeben kann.« »Aber, lieber Nachbar,« rief Rosinchen, ihre Hände faltend, »das ist ja nun auf einmal etwas ganz Anderes! etwas sehr Schönes, sehr Gutes, wenn – wenn man sich erst zurecht darin gefunden hat!« »Dummes Zeug! Eine unnöthige Abschweifung ist es, Frauenzimmer! Berichten wollte ich Dir, was der Vetter Hagenbeck sagte und that, nachdem er mich ein halb Jahr in der Lehre gehabt hatte. – Da haben Deine Eltern kreuzüber Recht, Junge, sagte er: weder zum geistlichen noch zum leiblichen Menschendoktor passest Du; aber es giebt ein Drittes, da es mit dem Hufschmied auch nichts sein wird. Werde Vieharzt! Das war mein Beruf von Rechts wegen; ich habe es aber nur bis zum Hufdoktor gebracht. Du hast Liebe zum Geschöpf außerhalb der Menschheit und überhebst Dich nicht über es. Hast es mir zu Dank gemacht, wie Du vorhin mit dem alten Lebenskameraden, des Schusters Stukenbergers blutrünstigem blindem Schimmel und seinem ruinirten Schuhwerk umgegangen bist. Zu Hause ist man wohl nicht ganz in der richtigen Art mit Dir umgegangen; also, hast Du Lust, so hole nach, was Du in Wissenschaften versäumt hast; auf Schulen halte ich Dich aus, so lange es nöthig ist. Machst Du mir Ehre, so soll es mir ein Behagen sein, doch noch einen Doktor der Welt geleistet zu haben, der einen scharfen Blick und eine sanfte Hand hat für die Kreatur, die ihren Schmerz aussteht und stirbt und es nicht mit Worten sagen kann, wie ihr dabei zu Muthe ist.« »O Nachbar Schnarrwergk!« flüsterte die junge Nachbarin. »Wie haben Sie es doch fertig gebracht, daß Sie nicht bloß der Hanebuttenstraße, sondern auch dem Herrn und der Frau Professor Kohl und dem jungen Herrn Warnefried und der ganzen übrigen Welt weismachten, daß Sie nur Ihren Affen, den Orang-Utang da anbeteten und Alles, was Mensch heißt, für nichts achteten?« »Dummes Zeug. Junge Gans, da steht der Lar, der Hausgott, und sieht euch Volk aus seinen Glasaugen an; ich aber habe ihm in die Augen gesehen, als er im letzten Stadium der Schwindsucht sich an mich anklammerte. Ich habe ihn selber ausgestopft und ihm die Augen des Herrn Vetters Hagenbeck eingesetzt. Sieh Dir endlich einmal das Beest genau an, Mädchen. Du hast es noch nicht gethan. Menschenaugen, mein Kind! die Augen des Vetters Hagenbeck, so gut es zu machen war. Ich weiß nicht, wem Er nachahmte; aber ich gehe in seinen Fußstapfen und sehe die Welt aus seinen Augen. Ich habe ihm in seinem Sinne Ehre gemacht und es im zweiten Husarenregiment zu einem guten Roßarzt, nachher im Kreise zu einem guten Thierarzt auf der Erde gebracht.« Fräulein Rosine Müller hat diesmal dem Lar nicht genau ins Gesicht gesehen; aber sie ging scheu hin zu ihm und nahm ihm ihren Hut vom Kopf und hing ihn an den Nagel an der Thür über den Überzieher des alten Viehdoktors, und dann sagte sie: »Herr Warnefried Kohl hatte wohl Recht, wenn er Sie nannte, wie er Sie nannte; aber er drückte sich ganz und gar nicht richtig aus. Nachbar, Sie sind viel schlimmer und viel besser, als Sie sind; und im Grunde hatte der junge Herr Kohl, was auch seine Privatmeinung sein mochte, gar keine Ahnung von Ihnen.« »Aber Du jetzt?« »Jawohl! obgleich ich auch nur ein Mittelding zwischen Ihnen und dem da – bin! Denn nur als mit einem Frauenzimmer haben Sie sich mit mir eingelassen, sich meiner angenommen und mich Ihres Umgangs gewürdigt. Aber ich kenne Sie jetzt doch, mein Herr Nachbar.« »Dagegen komme man nun mal auf!« brummte Nachbar Schnarrwergk. Nach einer geraumen Weile, an diesem Abend oder vielleicht an einem anderen – wir können das nicht so genau bestimmen; aber es kommt auch nicht viel darauf an – meinte oder wiederholte Rosine: »Wie schade ist es, Nachbar, daß Sie das Alles nur mir allein erzählen und nicht der ganzen Welt, vorzüglich der Hanebuttenstraße und vorzüglich hier in diesem Hause. Was haben wir Alle Alles Ihnen und Ihrem Aff– Ihrem Pavi– nein, nein, Ihrem – Ihrem Waldmenschen in die Schuhe geschoben! In keinem Buche aus der Leihbibliothek ist es zusammenfassen, was wir uns über Sie und Ihren greulichen Hausgötzen zusammengereimt haben, und nun ist Alles nichts, gar nichts; oder – vielmehr etwas viel Besseres, das Allerbeste sogar. Wer hätte das ahnen können, daß so wenig Schreckliches hinter Ihnen Beiden steckt? daß Sie zwei –« »Nur ein Humbug sind. Ein haarig Fell mit Stroh darin. Ein Haufen alter Kleider mit Stroh darin. Die Spatzen abzuschrecken –« »O nein, nein, nein! ganz und gar nicht! Gerade das Gegentheil. Wenn ich mich nur richtig ausdrücken könnte! wenn ich es nur zu sagen wüßte, wie ich es meine!« »Meine liebe Tochter,« sprach der alte Schnarrwergk, seiner Nachbarin näher rückend und ihr verdrießlich, aber doch väterlich-vertraulich die Hand aufs Knie legend; »jetzt will ich's Dir als ein großes Geheimniß verkünden oder als ein albernes Räthsel lösen: die Welt ist viel trivialer, oder, wenn Du es auf deutsch willst, viel nichtsbedeutender, als sie sich einbildet. Es ist in Wahrheit die größte Seltenheit auf Erden, daß ein Mensch aus wahrhaft pathetischen Gründen etwas Rechtes im Guten oder Schlimmen, nach der Licht- oder nach der Schattenseite hin, wird, oder zu Stande bringt. Wir werden meistens durch Kleinigkeiten zu Helden, Narren, Verbrechern oder Parakleten gemacht. Wir werden aber auch gewöhnlich nur durch Kleinigkeiten zu Tode geärgert. Bonaparte kann seine Schneiderrechnung nicht bezahlen, geht hin, heirathet die Maitresse Barras und marschirt zur italienischen Armee. An Schiller schreibt Körner: Schneider Müller fragt auch an, wann Du zurückkommst, und Schiller geht hin und schreibt den Don Carlos. Der Nachbar Schnarrwergk wird mit einem mißrathenen Zwerchfell in die Zeitlichkeit geboren; was Anderen eine Fliege ist, wird ihm zu einer Hornisse, und er geht hin und macht dem Universo und der Hanebuttenstraße mit einem ausgestopften Pavian bange. Verlaß Dich darauf, Kind, und glaube nicht sofort daran, wenn wir Dir mit dem Pathos kommen. Kleinigkeiten sind's, die uns in die Zeitungen und in die Mäuler der Leute bringen, die uns zu Welteroberern, Dichtern, Künstlern, Mördern, Selbstmördern, Zucht- und Irrenhauskandidaten machen.« »O Gott, das ist so lieb von Ihnen, daß Sie mir dies Alles sagen, Herr – Herr Nachbar; aber eigentlich ist es doch schlimmer als irgend was, was ich von Ihnen weiß oder von Anderen gehört habe. Und ob Sie ganz Recht haben, weiß ich nicht; aber ich habe mir wirklich so die Sachen nicht vorgestellt. Vorzüglich wenn ich in der Schule von großen, guten und schlimmen Menschen hörte. Und mit der Musik ist es doch jedenfalls anders!« »So? Kennst Du die Wiener Gassenhauer, zu welchen Dein Amadeus Mozart die Noten gefunden hat? Weißt Du, wie man die neunte Symphonie schreibt? Ohrenzwang muß man dabei haben! Mit seinem Hauswirth, mit seiner Dienstmagd, mit seinem Neffen und seinen sonstigen Angehörigen muß man sich dabei das nächstliegende Hausgeräth gegenseitig an die Köpfe werfen – dann wird es das Rechte!« »Dies kann ich nicht mehr mit anhören,« rief plötzlich, wie wenn sie sich mit aller Kraft zusammenfaßte, Fräulein Müller, und dem Nachbar zum dritten Male einen Knix hinsetzend, sagte sie, und sogar sehr schnippisch: »Gute Nacht, Nachbar. Und ich behalte doch Ihre Glückshand auch diese Nacht und bis auf Weiteres unter meinem Kopfkissen!« * * * Bis auf Weiteres! In der Nacht, welche dieser Unterhaltung folgte, meinte Fräulein Rosine Müller kurz vor dem Einschlafen, oder vielmehr bereits im Halbtraum: »Es ist eigentlich wundervoll! Im Adreßbuch steht er mir, so lange ich ihn mir vom seligen Herrn Professor her denken kann, als Menschenfresser; und nun bin ich mit ihm auf einen so guten Fuß gekommen, daß er meint, ich verstünde Alles, was er wir herphilosophirt, und sogar mich meine Ansichten ruhig aussprechen läßt. Und bloß, weil ich mir aus einem bißchen Regen bei einer Landpartie nichts gemacht habe. Ja, da hat er Recht; so sind die Menschen!« Am anderen Morgen ging das Leben weiter in gewohnter Weise. Am folgenden wieder so, und so weiter; und es fiel gar nichts Besonderes vor. Der Nachbar Schnarrwergk stieg mit dem rechten Beine zuerst aus dem Bett und verhielt sich so ruhig, als ob er gar nicht da sei. Der Nachbar Schnarrwergk stieg mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bett und erregte einen oder mehrere Zusammenstöße im Hause und in der Nachbarschaft, die weder seinen Ruf noch den seines Hausgötzen, seines Pithekus, verschönten. Rosine ging ihrer musikalischen Kundschaft nach bei schlechtem und bei gutem Wetter, einerlei ob sie mit dem linken oder dem rechten Fuße zuerst den Boden vor ihrem Bette erreicht hatte. Sie prüfte die Dauerhaftigkeit ihrer Nerven und ihrer guten Laune in gewohnter Weise an dem Talent oder dem Gegentheil desselben bei ihren Schülerinnen; aber Keiner fragte sie, wie sie sich dabei befinde. Es kamen Zeiten, wo der Nachbar sich so muffig betrug, daß die Nachbarin ganz ärgerlich dachte: »Er hat vollkommen Recht: der Mensch ist nicht so schlimm oder gut, wie er aussieht, sondern bloß von Natur aus ein trübseliger Patron. Und von dem Herrn Thierarzt Schnarrwergk war's nichts als eine Grille, daß er mich als dritten Mann zu seinem greulichen Affen in den Bund aufnahm. Nun meinetwegen, ich sitze hier auch ganz gut bei mir allein.« Es war damals ein schöner Sommerabend, und sie saß wieder am offenen Fenster, nachdem sie »drüben« vergeblich den Versuch gemacht hatte, ihre sieghafte gute Laune, ganz abgesehen von den Nerven, an den Mann zu bringen. Aber gerade darum konnte man es ihr um so weniger verdenken, daß sie sich nicht nur verwundert, sondern ganz altjüngferlich mit verzogener Nase aufrichtete, als sie sich plötzlich von der Thür aus durch den Nachbar, den Herrn Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk, angesprochen hörte. Er fragte aber: »Willst Du mir einen Gefallen thun, Kind?« Und das Wort aber machte sofort Alles wieder gut. »Herzlich gern, Nachbar, wenn es mir irgend möglich ist.« »Ich möchte vor Schalterschluß noch einen Brief, einen Geldbrief zur Post befördert haben. Willst Du mir das besorgen? Ich bin mit den anonymen Anzüglichkeiten und Grobheiten, welche ich dem Adressaten zu sagen hatte, erst eben zu Ende gekommen; und nun traue ich meinen alten Beinen den Eilschritt nicht recht zu. Es ist da Noth am Mann, und ich habe es gewagt und bin der Mann gewesen.« Fräulein Rosine stand bereits straßenfertig da: »Geben Sie, Nachbar.« Sie warf einen Blick auf die Adresse und fuhr mit dem Ruf: »O Gott, aber –« fast ein wenig erschreckt, jedoch nicht zum Tode, auf, als sie las: »Herrn Studiosus Phil. Kohl in ××× Kattreppeln Zweiundzwanzig, Hinterhaus, drei Treppen hoch, links, bei der Wittwe Fumian. Anliegend 600, schreibe: Sechshundert Mark.« »O, wie würden sich der selige Herr Professor und die Frau Professorin hierüber freuen;« rief sie schon im Laufen, dem Thierarzt Schnarrwergk ihr Stübchen, ihre offenen Schubladen, ihre offene Schreibmappe und alles Andere unbedenklich zur freiesten Verfügung und zum rücksichtslosesten Durchstöbern überlassend. Auf der Treppe aber schon überlegte sie: »Wenn dieses nicht kurios ist!! Wie kommt Er denn hierzu? Gerade als wenn sie ewig in zärtlicher Zärtlichkeit verkehrt hätten. Ich halte es hier in Händen, aber ich glaube es doch nicht! O, und die Frau Professorin! ob die das wohl glauben würde? Ich habe doch mehr als einmal den Besen, den Kohlenkorb und andere Fallen wieder aus dem Wege geräumt, wenn sie gesagt hatte: Heute Abend schenkt uns der Ekel wieder das Vergnügen, Rosinchen.« Sie kam, athemlos, gerade noch recht, vor Postschluß. Es war der letzte Brief, der bei diesem schönen Sonnenuntergang noch in die Klappe gereicht wurde. Und als sie langsamer zurückging, immer noch das Ereigniß bedenkend, stand schon der Vollmond im lichtblauen Abendhimmel, und der Nachbar Schnarrwergk saß an seinem geöffneten Fenster und rauchte seine Pfeife zu ihm hinauf, und der Affe, der Lar, stand auch noch da, wie er zu stehen pflegte Und als Fräulein Müller leise und fast gerührt meldete. »Er ist glücklich noch mitgekommen. Es war eben noch Zeit. O, Nachbar Schnarrwergk, wie gut Sie sind, und – wie wird der junge Herr Kohl sich freuen!« da schnarrte der alte Schnarrwergk greulicher denn je zuvor: »Laß mich endlich mit dem infamen Bengel in Ruh! Und daß Du kein leisestes Wort von dieser Dummheit Dir entfahren läßt, Mädchen! Für heute habe ich mich mit dem Schlingel ausreichend genug beschäftigt. Aber wenn Du nichts Besseres vorhast, so setz Dich da auf Deinen Stuhl und dämmere ein Stündchen mit mir in den Abend hinein.« »Wie hübsch der Mond da steht, Nachbar.« »Jawohl, sehr angenehm und behaglich. In einer Stunde wird er die Herrschaft über die Welt haben und mit seinem geborgten Licht der Menschheit imponiren und abgeschmackte Gefühle erregen. Laß ihn, und guck – da liegt natürlich auch wieder der andere Flegel, der Blech, im Fenster und gafft herüber und hält seine Maulaffen feil.« »Lassen Sie doch Den, Nachbar. Der imponirt mir gar nicht und erregt mir weder abgeschmackte, noch geschmackvolle Gefühle.« »So?« fragte der Alte recht langgedehnt, an seiner Pfeife saugend. »Hm!« sagte er; doch darauf rief Fräulein Rosine Müller trotz allem vorhinnigen Entzücken über den Nachbar Schnarrwergk recht ärgerlich: »Was wollen Sie denn mit Ihrem Hmhmhm? Aber ich weiß es schon; den schönen Abend wollen Sie mir wieder verderben; doch – nun gerade nicht! Und weil Sie es denn schon zu wissen scheinen – nun denn, wenn mir was die Hanebuttenstraße zuwider machen könnte, so wäre es Der da drüben.« »Aber er hat es doch so gut mit Dir im Sinn. Und ist gar kein übler Mensch. Er weiß mit seinem Pfunde zu wuchern und seine Gaben an den Mann zu bringen.« »Meinetwegen! aber wenn er sie an eine Frau bringen will, so soll er sich eine andere als mich suchen! Lieber Herr Nachbar, in diesem Augenblick rede ich endlich zu Ihnen wie zu einem Vater: nämlich, da er mir neulich die Gelegenheit dazu aufgedrungen hat, so habe ich ihm meine Meinung gesagt; auch gerade bei einem solchen Sonnenuntergangsmondscheinabend im Stadtpark, wo er auf Sie kam, und mein Verhältniß zu Ihnen, und zuletzt – zuletzt – mich – mich –« »Fragte, ob Du nicht Dein Verhältniß zu mir mit ihm theilen wolltest für gut und böse, für Gesundheit und Krankheit, für Leben und Tod?« »Ja, ja, so ungefähr!« »Und Du hast ihn nicht gewollt?« »Ne!« sagte Fräulein Rosine Müller. »Und noch dazu auf mein Verhältniß zu Ihnen hin? Nein, nein, doch lieber nicht!« »Trotz meiner Glückshand unter Deinem Kopfkissen?« »An die habe ich bei der dummen Gelegenheit doch wahrhaftig nicht denken sollen? ich bitte Sie, Nachbar! Und dann, sehen Sie einmal, wie bei dieser thörichten Rednerei der liebe Mond über uns gekommen ist, ohne daß wir es gemerkt haben. Wie deutlich man heute Abend den Mann in ihm sieht!« »So? thut man das?« »Ich meine natürlich nur die hohen Berge und tiefen Thäler und sonstigen Landschaften auf ihm. Nachbar, Sie scheinen es wirklich darauf abgesehen zu haben, mich zu ärgern; aber geben Sie sich keine Mühe, heute Abend gelingt es Ihnen nicht. Ich setze mich dafür gerade heute Abend zu sehr hinein in die Seele der Frau Professorin, meiner lieben Wohlthäterin. Würde die Ihnen ein liebes Gesicht heute Abend machen, trotzdem daß Sie Beide wirklich nicht für einander paßten; – vielleicht – weil Sie zu große Ähnlichkeit mit einander hatten.« Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk hielt seine Hand hin und sagte: »Du brauchst freilich auch im Mondschein des Lebens keinen mehr oder weniger wohlmeinenden, keinen mehr oder weniger naseweisen Berather. Du findest Dich schon allein zurecht.« »Ach, sagen Sie das nicht, Nachbar. Bei Tage geht es wohl schon; aber bei so schönem Mondschein wie heute, wie häufig habe ich da allein gesessen, wenn ich mich nicht zurecht finden konnte, und mich nach meiner ohne mich verstorbenen Mutter gesehnt habe und mir die fließenden Thränen getrocknet: ist es denn nöthig, daß es so viel Unruhe und Rathlosigkeit auf Erden giebt? Ach, wenn Du Einen wirklich wohlmeinenden Menschen hättest, an den Du Dich in Deinen Verlegenheiten wenden könntest! Wie dankbar muß ich schon Ihnen sein, Nachbar, des Hauswirths und meines Klaviers wegen. Und dann mit Ihrer Glückshand; und nun, zum allerbesten, mit Ihrer Güte gegen die Frau Professorin Kohl!« * * * Mit dem letzten Worte wären wir denn wohl wieder bei dem jungen Kohl angelangt und bei dem Affen, den er sich in seiner Verlassenheit, und diesmal sogar zum heiligen Christ, möglicher Weise kaufen konnte und wollte. Natürlich mit dem Vorschuß, den er sich vom Doktor Rodenstock in Anbetracht dieser Weihnachtsstimmung, auf das nächste Jahr hin, hatte geben lassen. Daß es damit ganz anders kam, als er es sich vorgestellt hatte, dafür konnte er nichts. Und es kam wirklich verwunderlich anders. Zuerst blieb es beim schlechten Wetter. Dieses war in den Tagen vom zwanzigsten bis zum vierundzwanzigsten Dezember so widerwärtig, daß selbst das Schicksal es nicht mit seinem Gewissen vereinigen konnte, einen Reporter in es hinauszuschicken. Nicht das Geringste fiel in Stadt und Umgegend vor, was des Berichterstattens werth gewesen wäre. Kohl stellte aus den eingesendeten Reklamen der besten und schlechtesten aller auf das liebe Fest spekulirenden Kaufleute und Fabrikanten der Stadt noch eine letzte »Weihnachtswanderung« zusammen und gab darin seinen letzten »populären« Humor weg. Nachher war er völlig fertig mit demselben und reif für Alles, was außerhalb desselben liegt. Es geht wie immer gegen all unser Gefühl; aber wir haben ihm noch einmal ein scheußliches Wort nachzuschreiben: am Morgen des Tages Adam und Eva war ihm brecherlich zu Muthe. Und sein Befinden besserte sich auf dem Redaktionsbureau nicht, wurde bei Tische in seinem Restaurationslokale noch schlimmer und auf seinem Sopha nach einer kurzen asthmatischen Schlummerstunde ganz schlecht. Es wurde ihm elegisch zu Muthe – bis zum »Tagebuch-Anfangen«, und das will viel sagen. »Ja, ich sollte endlich im Ernste damit beginnen,« seufzte er. »Wenn ich mir selber von meinen Erlebnissen und Erfahrungen schriftlich was hinterlassen will, so wird es Zeit. Zeit? Fuit! Blamire Dich nicht, alter Sohn: auch in dieser Hinsicht ist für Dich – Zeit gewesen, aber nicht mehr vorhanden. Blech! Wüste! Kohl! . . . O Kohl, gab es nicht auch einmal eine noch ferner entlegene Zeit, wo Du Dich bemühtest und Dir einbildetest, eigene Gedanken zu haben? Giebt es denn noch etwas über die nächste Tagesredensart, über das letzte Cliché Hinausliegendes? Wie liegst Du hier, mit dem grauen Himmel da draußen und der zerkauten Cigarre im Maul? Ein einbalsamirter Ichneumon ist doch vorher wenigstens etwas gewesen! hat doch seine Krokodileneier ausgefressen! Aber was hast Du Anderes ausgefressen als Dummheiten? Ein einbalsamirter Pharao faulster Sorte in seiner Pyramide kann für Dich, lieber Junge, noch etwas Beschämendes an sich haben: Mumienweizen zum Beispiel in seiner vertrockneten zehntausendjährigen Faust. Mit Mumienkornblumen vermischt. Donnerwetter, doch eigentlich eine ganz reizende Idee – eine Mumienkornblume!« Er saß mit ihr, der »Idee«, aufrecht auf seinem Lotterbett: »Wäre es denn möglich, daß die auch bei mir seit ungezählten Jahrhunderten, Jahrtausenden tief zugedeckt gelegen hätte?« Er lag wieder, nur in einer etwas bequemeren Lage: »Na, zum Henker, von wem sollte der liebe, sentimentale Keim bei mir wohl herstammen? . . . Von meiner Mutter gewiß nicht! Die war dazu eine viel zu scharfe Hausfrau und immer viel zu froh, wenn sie ihre Oster-, Pfingst- und Weihnachtsgefühle wieder aus der Seele und Wirtschaft los war und die Quälerei und Unruhe hinter sich hatte. Von meinem seligen Papa? Beim hundsköpfigen Osiris, beim heiligen Stier Apis, geht es mir nicht, und – nicht zum ersten Male – auf, daß diese katzenjämmerliche Stimmung von ihm herstamme, daß ich in meiner Konstitution ihm dafür zu danken habe? Natürlich habe ich es von ihm, von meinem wackeren Alten, dem lieben, prächtigen Kerl. Der arme Kerl. Ist nicht seine ganze Erdenexistenz so eine Mumienfaust voll Mumienweizen, sammt allem Blumenkram dazwischen, gewesen? Ist Der sein lebelang untergefuttert gewesen; mit seiner Wissenschaft, seiner Gelehrsamkeit, seinem Talent zum guten Gatten und Familienvater etcetera. Nichts hat er zum Grünauflaufen und zum Blühen gebracht als mich. Mich! Es wäre zu lächerlich, wenn es nicht zu betrüblich wäre. Nun, der Himmel verleihe ihm eine gedeihlichere Ernte in einer besseren Welt. Hm, wenn man so an Alles zurückdenkt und es sich klarer legt! Sackerment, findet man denn heute die richtige Lage für seine Gemütsbewegung auf dieser verdammten Marterbank?« Es schien nicht so. Der mißgelaunte Sohn seines braven Vaters, der junge Doktor Kohl schwang jedenfalls die Beine von seinem Sopha zur Erde nieder und saß nunmehr, die Ellenbogen auf den Knien und den zerzausten Haarwulst nebst beiden Ohren fest zwischen den Fäusten: »Hm, und zu wem kam eigentlich der alte Schnarrwergk? das vivisektionelle Greuel! Wen suchte dieser E-T-A-Hoffmannsche Sandmann bei unseren verdrossenen Laren und Penaten? Mich? meine Mama? oder die bei der wie ein verirrtes allerliebstes herrenloses Kätzlein zugelaufene kleine Müllerin, unseren einzigen Lichtpunkt im ewigen, täglichen Katzenjammergrau, unser Fräulein Rosinchen Müller? Des ewigen Langeweilers, meines Alten, wegen schenkte er uns das Vergnügen und kam! Den holte er sich auch ab zum Spazierenlaufen und zwar bei jeglichem Regenwetter, für dessen Dauerhaftigkeit Zeus wirklich aufkam –« Der melancholische Grübler, plötzlich völlig von seinem Erinnerung und seiner besseren Einsicht überwältigt, sprang auf, stand inmitten seines Gemaches und seufzte wehmüthig, ingrimmig wie Einer, der wahrhaftig nur durch eigene Schuld irgend etwas versäumt hat: »Wie war es denn eigentlich? Haben sie mich nicht mit sich nehmen wollen, oder habe ich nicht gewollt? Verdammt – ich, ich habe keine Lust gehabt, sondern mir jedesmal eingebildet, ich wisse etwas Besseres als neben den zwei mürrischen, maulfaulen Greisen, mit ihren sonderbaren Lapidarbemerkungen alle Viertelstunde, draußen im Landregen herumzulaufen! O, ich Esel! ich wollte, ich hätte es heute hier im Trockenen, was ich damals im Nassen nicht mitgenommen habe zwischen dem Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk und dem Professor der Geschichte im Dienst Kohl!« Er hob die Schultern hoch in die Höhe und schob die Hände tief in die Taschen seiner winterlichen Lodenjoppe. Dabei holte er ein zerkrumpeltes Stadtpostbillet hervor, glättete es noch einmal mechanisch und nahm den Inhalt wieder in sich auf: Ich erwarte Dich in der Hanebuttenstraße, kindlich, festlich gestimmt. Süße Nacht, heilige Nacht! bringe alle Deine Stimmungen mit; aber auch das Verabredete. Ich meinestheils habe gesorgt. An mir wird es nicht liegen, wenn die Naturhistorie morgen nicht einen Karton in ihre wissenschaftlichen Werke einlegen muß, des Vierhänders wegen, der zwischen uns Beiden in die Erscheinung einzutreten voll und ganz, ganz und voll berechtigt ist. Ich erwarte Dich bestimmt mit der heiligen Dämmerung! Dein Bogislaus Blech. »Ich wollte, ich wüßte einen Anderen, dem ich mich heute Abend zum heiligen Christ bescheeren könnte,« seufzte Warnefried Kohl. »Ich wollte, ich wüßte einen Anderen, dem ich heute Abend durch irgend etwas, was ich ihm mitbrächte, eine rechte Freude machte.« * * * Wir begleiten ihn natürlich so wenig zu Tische wie nachher ins Kaffeehaus. Es kann uns kein Vergnügen gewähren, ihn die gewohnten Partien Skat entweder gewinnen oder verlieren zu sehen. Glück und Unglück bei dem geistreichen Spiel war heute ihm völlig ein und dasselbe. Das Erstere vermochte seine Laune nicht zu verbessern, das Andere sie nicht zu verschlechtern. Es war ihm »im Ganzen zu öde und zu dumm zu Muthe«. In dieser Stimmung aber treffen wir ihn zwischen drei und vier Uhr Nachmittags wieder in den Gassen und zwar im Begriff, nach Freund Blechs Wunsch und Erwartung das Seinige für das »fragliche Vergnügen« des heutigen Abends einzuholen und mitzubringen. Was er anstatt der Flasche echten alten Jamaikas auf seinem Wege fand, werden wir sofort erfahren. Sie malen und schildern uns in ihren Büchern und Bildern die heilige Christnacht als im tiefen reinlichen Schnee begraben und mit dem Glitzern der Sterne darüber. Auch ein Schneesturm ist dann und wann gestattet, liegt bequem in der Hand und paßt in die Stimmung. Daß das Wetter zu Weihnachten meistens ganz anders ist, dafür kann weder der Pinsel, noch die Feder der Herren und Damen. Es ist anders. Es thut Einem noch nicht einmal den Gefallen, ordentlich zu regnen. Aber es hat gewöhnlich geregnet, und das Wetterglas steht zwischen sechs und acht Grad über Null; es ist eine Temperatur, die der Mensch, welcher keine »Weihnachtsgeschichte« zu schreiben und nicht für den Holzschnitt der betreffendem Journalneujahrsnummer zu zeichnen hat, unbehaglich nennt. Nicht warm, nicht kalt – feuchtkalt! und grau, recht grau, so daß die Abenddämmerung mit ihren Lichtern aus Läden und Jahrmarktsbuden zuerst die erste wirkliche warme und der Zeit angemessene Beleuchtung bringt – »Sie kennen mich, Aigner, und ich verlasse mich auf Sie,« sprach Doctor philosophiæ Kohl, eindringlich-verdrießlich dem Inhaber einer der bekanntesten Firmen der Stadt den Rockknopf fast abdrehend. »Punkt sechs, wenn es rundum klingelt, ist Ihr Kameel mit seiner Last von Getränken, Kaviar und dem Uebrigen in der Hanebuttenstraße. Numero so und so, Herr Photograph Blech, eine Treppe.« »Aber Herr Doktor?« rief der große Delikatessenmann wirklich vorwurfsvoll. »Ich werde die beiden Herren doch kennen! Verlassen Sie sich ganz auf mich. Mit dem ersten Licht auf der Weihnachtstanne ist der Mann in der Hanebuttenstraße. Ihr ganz Gehorsamster, mein bester Herr Doktor, und recht vergnügte Feiertage.« »Jetzt noch einige Unfälle – übergefahrene Kinder, ertappte Weihnachtstaschendiebe, Gardinenbrände und gesperrte Pferdebahnlinien für das Blatt, und die Bedingungen zum Vergnügen sind vollständig vorhanden,« brummte der bekannteste Herr Doktor der Stadt, einige Gassen weiter, nach seiner Reporterbrieftasche in der Rocktasche fühlend. »Da haben wir die Geschichte ja schon! Was ist denn hier los, liebster Scharwachtmeister?« »Scharwachtmei– Herr! was geht denn Sie – ja so, Sie sind es, Herr Doktor, na, das ist was Anderes, entschuldigen Sie. Kommen Sie nur mit Ihrem Notizbuch näher, und – ihr da – kein Gedrängele. Laßt ihm Luft! Madam, wenn ich rathen darf, und Sie noch lieber Einkäufe zu machen haben, die Läden werden doch bald geschlossen. O, eigentlich nichts von Interesse fürs große Publikum, Herr Doktor Kohl. Nur hoffentlich ein Ohnmachtsanfall – wenn auch eine Manchem bekannte Persönlichkeit. Günstigsten Falles bloß ein leichter Schlaganfall für Sie und das Blatt, Herr Doktor. Wir warten nur auf die nächste Droschke für den Herrn Thierarzt Schnarrwergk, wenn Sie ihn vielleicht persönlich kennen.« »Da hört doch Alles auf!« rief Paul Warnefried Kohl, sowohl die Scharwache, wie die anderen ihm noch im Wege Stehenden bei Seite schiebend. Es war im weihnachtlichen Marktverkehr so ziemlich in der Gegend, wo er neulich auch der kleinen Müllerin wieder begegnet war, und wie gesagt, um die Stunde, wo der grüne Wald, der sich von draußen, oft aus weiter Ferne, je nach den geographischen Umständen, von den Thüringer Bergen, vom Harz, vom Riesengebirge in die Stadt gezogen hat, um ein Beträchtliches lichter und begrenzter geworden ist. Die Stunde, um welche die jungen Tannen sehr im Preise sinken, bis sie endlich zu jedem Preis losgeschlagen werden. Der Rest ist Brennholz. Inmitten dieses weihnachtlichen Birnamwaldes hatte sich der Pathe Schnarrwergk hingelegt und sein An- und Umsich der Ehrlichkeit des Volkes und dem Schutze der Polizei anheimgeben müssen. Ein altes hinter ihm knieendes Weib hielt sein Haupt im Schooße; die Kräuterfrau vom Altstadtring, die Frau Erbsen hatte ebenfalls ihren Kram der Ehrlichkeit des Volkes anbefohlen und sich ganz dem alten Freunde und Gönner zur Verfügung gestellt. »Nehmen Sie doch mal die Weihnachtspackete, die er hat fallen lassen, an sich, Herr Doktor. Ein Anfall von Bewußtlosigkeit, Herr Doktor Kohl! Es wird darauf ankommen, ob's sein erster oder sein letzter ist.« »Du lieber Gott, Frau Erbsen, ist denn noch kein Arzt in Sicht?« »Die suchen Sie mal, wenn Sie die gerade nöthig haben, Herr Doktor Kohl. Nein, nein, da kommen Sie doch lieber zu mir. Mich finden Sie immer auf meinem Platze, bei gutem und schlechtem Wetter, hinter meinen Körben und Arzneien und wirklichen Heilmitteln. Na, das wissen Sie ja, und haben auch in der Zeitung davon geredet, wofür ich meinen Dank –« »Verruchte –« wollte der junge Berichterstatter unterbrechen, aber er besann sich eines Besseren. »Was ist denn Ihre Meinung, Mutter Erbsen?« »Nun, es sieht sich hoffentlich schlimmer an, als es ausfällt. Er athmet wie ein Kind, der alte Schnarcher. Wie ein schlafend, unschuldig Kind liegt er mir hier im mütterlichen Schooße; man sollt's nicht für möglich halten, wenn man ihn seit Menschenaltern im Wachen kennt. Aber die Droschke könnte doch allmählich da sein, Herr Polizeiwachtmeister.« »Ei, ei, was begiebt sich denn hier?« flötete in diesem Augenblick, dem Freund Kohl über die Schulter, der schöne Bogislaus. »Ist es die Möglichkeit? Der Herr Nachbar! mein herziger Fafnersdrache. O Rosina! Aber ich bitte Dich, liebe Puppe, bester Kohl, was ist denn das für ein neuer Scherz von dem schätzebewachenden, ärgernißmachenden, nachbarschaftnarrenden, menschheitanschnarrenden grauen Unhold? Das ist ja eine saubere Bescheerung – vielleicht auch für unser armes Rosinchen.« »Ja!« ächzte der Reporter, »eine saubere Bescheerung. Ich verbitte mir übrigens alle albernen Bemerkungen. Sieh nach der Droschke und dem Arzt. Gottlob, endlich!« Die Droschke kam, und ein Arzt, der den Doktor natürlich auch kannte, und der dem Doktor Kohl seinerseits nicht unbekannt war, fand sich, und fand sich bereit, mit den beiden Freunden und dem Thierarzt Schnarrwergk nach der Hanebuttenstraße zu fahren und das nöthige Weitere zu veranlassen. Er war ebenfalls noch ein junger Doktor, der nicht zu Hause zum Christbaum erwartet wurde und auch keine Einladung zu einem solchen erhalten hatte. »Wo gehen die Herren nachher hin?« fragte er unterwegs. »Kann man sich nicht noch irgendwo wieder zusammenfinden?« »Meinen Sie nicht, daß das doch ein wenig von den Umständen abhängt, Doktor?« »Ja, das kann ich freilich nicht wissen,« meinte der Arzt, seiner weihnachtlichen Stimmung entsagend. »Ich meinte, auch die Herren verrichteten nur einen Zufalls-Samariterdienst. Nu, nu, wir wollen das Beste hoffen.« In der Hanebuttenstraße schwang sich die Mutter Erbsen mit jugendlichster Behendigkeit vom Kutschbock herab. »Mein Enkelkind wird sich mit meinem Großhandel im Apotheker- und Küchenwesen wohl richtig nach Hause finden; und so will ich es doch gern persönlich sehen, wo Sie mit dem Herrn Thierarzt verbleiben und in was für Hände er für die nächste Zeit hingegeben ist. So gute Bekannte giebt man doch nicht so aufs Gerathewohl ins Blaue und ins Aschgraue hinein weg.« * * * »Es kommt nicht bloß aus Afrika immer etwas Neues, Fräulein,« sagte Bogislaus, an dem Hause Numero dreiunddreißig in der Hanebuttenstraße zu dem Fenster aufsehend, aus welchem der Lichtschein von Rosines Lampe bereits in die Abenddämmerung hineinschien. Kohl schwankte auf die Bemerkung hin zwischen der Neigung, dem Freunde eine Rippe in den Leib hineinzustoßen, oder ihm den Hut über die griechische Nase hinunterzutreiben. Er unterließ Beides, statt Beides mit einander zu vereinigen. Er strafte den gemüthlosen Licht- und Leichenkünstler nur durch einen verachtungsvollen Blick, der aber gänzlich, und nicht bloß der Tageszeit wegen, an ihm verloren ging. »Kommen Sie mit dem Alten nach, Doktor, und Sie, liebe Frau; oder warten Sie, bis ich wieder herunter bin und mit zugreife!« rief er und klopfte im nächsten Augenblick schon im dritten Stock an die Thür der jungen Nachbarin des alten Schnarrwergks. »Ich bin's, Rosine. Erschrecken Sie nicht; aber es ging nicht anders, und ich hielt es auch für meine Pflicht. Und der Doktor meint, diesmal werde es noch nichts auf sich haben.« Es sah für den Schrecken zu hübsch um das junge Mädchen her aus. Wir wissen schon, wie arg sie in so lieben Dingen im Leben bis jetzt zu kurz gekommen war. Daß Vater und Mutter sie vor einem glänzenden Lichterbaum von Arm zu Armen gereicht hatten, daran erinnerte sie sich nicht mehr, und später waren die goldenen Aepfel und Nüsse auch gerade nicht in ihre Weihnachtsabende hineingerollt. Daß die Frau Professorin Kohl mehr geeignet war, vom braven Knecht Ruprecht oder dem heiligen Niklas die rauhe Seite herauszukehren, lag in ihrer Natur, und muß ihr deshalb zu gute gehalten werden. Das Christkind, welches zum alten und jungen Kohl kam, war gerade nicht das gemüthlichste, und wenn Fräulein Rosinchen dazu eingeladen wurde, dann pflegte der junge Kohl ihr gewöhnlich zuzuflüstern: »Eine saubere Wirthschaft bei uns! ich danke für die Bescheerung, und wie Sie, Fräulein Müller, dies behaglich finden können, das begreife ich nicht.« Dann und wann hatte das Kind einmal eine Puppe für ein anderes noch jüngeres und ärmeres Kind im Hinterhause anputzen dürfen; sie hatte Strümpfe für wohlthätige Vereine und dergleichen gestrickt; aber was wollte das bedeuten für ihr liebes nach Frieden und Wohlgefallen im Himmel und auf Erden verlangendes Gemüth? Und nun war sie mit dem letzteren bei dem Nachbar Schnarrwergk und seinem Affen angelangt: glücklich hatte das Schicksal sie dahin kommen lassen, und zum ersten Male in ihrem Dasein war sie mit ganz, ganz sicherem, fröhlich pochendem Herzen bei der Sache! wahrhaftig wie im eigenen Hauswesen, und, ohne auf was Anderes horchen zu müssen, für allen Glockenklang der Christenheit – die Heiden nicht ausgeschlossen! – bereit! »O, Rosine, daß ich so dazwischen kommen muß!« rief dann der junge Kohl, und – Drunten in der Gasse am Wagen, als ob es niemals vergoldete Aepfel und Nüsse, lichterbesteckte Tannenbäumchen, Weihnachtsglocken und glückliche Kindergedanken-Stimmungen und Gefühle auf der Erde gegeben habe, sondern nur ein energisches, die Zähne zusammenbeißendes, hülfreiches und verständiges Zugreifen im Leben und beim Sterben . . . wiederum bereit! Sie brachten ihn glücklich die Treppe hinauf, den Kreisthierarzt Schnarrwergk, den Stadtbekannten, sowohl wegen seiner äußeren wie wegen seiner inneren Erscheinung nicht wenigen Menschen in der Stadt absonderlich genau bekannten alten Schnarrwergk. Sie übergaben ihn noch lebendig, wenn auch ohne Verständniß für den Vorzug, seinem Lar und seiner jungen Nachbarin: »Der Doktor war für das allgemeine Krankenhaus,« sagte Kohl, und »O, Gott, nein!« rief Fräulein Müller. »Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich – ich dies grämliche, mein zartestes Anschmiegungsbedürfniß weltenweit von sich abweisende Unthier noch einmal auf den Händen tragen würde!« meinte der schöne Bogislaus, worauf Kohl ihn bat, ja seinem Gefühle zu folgen, wenn ihm die Aufgabe zu schwer werde. Sie kamen mit ihm vor seiner verschlossenen Thür an; aber er hatte den Schlüssel dazu in der Tasche und: »Das muß er sich diesmal schon gefallen lassen, daß ein Anderer ihm ihn hervorlangt,« sprach die Kräuterfrau vom Altstädterring. »Spaßhaft würde es ihm wohl vorkommen gerade bei seinem Gemüthe!« »O Gott! o Gott!« schluchzte Rosine Müller und kam mit ihrer Lampe aus ihrem Weihnachtsstübchen. »O bitte, gehen Sie nur sanft mit ihm um! er ist doch ganz anders, als die Welt weiß und als er sich gestellt hat!« »Dann hat er freilich seine Rolle gut gespielt,« grinste Bogislaus Blech, und: »Halt endlich Dein ungewaschenes Maul!« rieth ihm dringend sein bester Freund, ohne jedoch hindern zu können, daß er doch noch hinzufügte: »Ich bin auch nur deshalb mit hinaufgegangen, um zu sehen, was sein Affe jetzt für ein Gesicht zu ihm macht.« »Dann ist es sicher besser, ich komme morgen und gebe Dir Bericht darüber!« rief Kohl wüthend, dem Pathen Schnarrwergk den Stubenschlüssel in Begleitung von Allem, was ein alter Thierarzt sonst noch in der Hosentasche bei sich führen kann, herausholend. »Das nenne ich freilich eine Weihnachtsgeschichte, wie sie noch nicht im Buche steht, liebe Puppe.« »Verlaß Dich darauf, ich komme morgen und erzähle sie Dir weiter; aber jetzt bist Du hier völlig überflüssig, mein Bester. Bitte, thu mir den Gefallen und geh ab.« »Darf ich das auch diesmal wieder, Fräulein Müller?« fragte der schöne Bogislaus, und Rosine, ihm in Wahrheit auch »diesmal wieder« den Rücken kehrend, hatte nachher »Alles, was er an jenem Abend geschwatzt hatte«, überhört. »O welch ein schrecklicher Abend!« schluchzte sie. »Und ich hatte mich so kindisch darauf gefreut. O Herr Doktor, Herr Doktor, helfen Sie mir! lassen Sie mir meinen armen lieben Nachbar, lassen Sie mir meinen besten, meinen wirklichen Freund nicht sterben! Es weiß Keiner, wie gut er gegen mich gewesen ist, so wie ich!« »Es hat wirklich nichts auf sich, liebes Fräulein,« tröstete der Doktor. »Den behalten wir diesmal noch unter uns. Wenn ich offen sein soll, so gewährt's mir sogar einige Genugthuung, ihn auch mal zwischen die Zange nehmen zu dürfen. Er hat die Fakultät von seinen Halbkollegenthum aus oft genug erbost und uns bei jeder günstigen Gelegenheit nicht vorenthalten, was wir sind, wissen und können. Na, warte, alter Sünder, haben wir Dich einmal?« Die Kräuterfrau vom Altstädterring, die ebensogut mit solchen Fällen Bescheid zu wissen schien wie der Arzt, that wirklich das Beste, dem Thierarzt Schnarrwergk die beste Lage auf seinem Bett zu geben. »Ach beruhigen Sie sich nur, Fräulein,« rief sie. »Sie scheinen wirklich noch nicht erfahren zu haben, wie zäh Das ist. Es geht gewiß diesmal noch mit einem kleinen Aderlaß und nachher einer ein bißchen schweren Zunge ab. Und verlassen Sie sich darauf, bestes Kind, wacht er nicht greulicher und gröber wie vorher auf, so kommt er wie ein Kind wieder zu seinem Bewußtsein, und da schadet ihm auf seine alten Tage gar nicht so'n bißchen mehr Sanftmuth und Höflichkeit gegen seine Mitmenschen. Aber nun guck Einer, wie ihn das grausliche Beest, das Affenthier da anguckt. Das schöbe ich wirklich aus dem Wege und hinter die Gardine, wenn ich hier die Wartefrau spielen sollte. Mit dem auch noch zur Gesellschaft, das hielte ich nicht aus.« Sie hatten ihn im Bett, den alten Schnarrwergk; und der Arzt that und verordnete das Angemessene, versprach morgen mit dem Frühesten wieder vorzukommen, und ging. Nachbar und Freund Blech war schon gegangen mit der melancholischen Bemerkung, daß er unter solchen Umständen den heiligen Christ für sich allein feiern müsse und nicht mehr auf seinen Freund Kohl dabei rechne. »Sollte es doch anders kommen, als wie der Doktor es sich und euch einbildet, Kohl, und solltest Du ihn dann photographirt haben wollen, so rechne Du in der Beziehung trotz Allem auf mich. So ein liebes Andenken im Album –« Es war sein Glück, daß er draußen war, als er seinen letzten Satz beendete. »Hanswurst,« sprach Kohl, sich überzeugend, daß die Pforte hinter ihm wirklich ins Schloß gefallen sei. »Und ich muß jetzt leider Gottes auch nach Hause,« seufzte die Frau Erbsen. »Meine Enkelkinder rechnen zu stark auf mich, und gucken Sie: aus allen Fenstern gegenüber flimmert es schon. O Fräulein, wissen Sie noch, wie er sich damals über Ihre Glückshand lustig machte? O bitte, wenn es möglich ist, legen Sie sie ihm doch unter den Kopf! . . . Und wenn die jungen Herrschaften es erlauben, so will auch ich morgen wieder vorsprechen und mich nach dem lieben alten Herrn erkundigen. Wir sind doch zu gute Freunde und Bekannte seit langen Jahren in Wald und Feld gewesen, um jetzt schon so einen kurzen Abschied von einander zu nehmen! Aber wie hat dies auch gerade zu sonst so segensreicher Stunde kommen müssen?« Auch sie war gegangen; und als alle Christbäume nicht nur in der Hanebuttenstraße, sondern so weit die deutsche Zunge klingt, und wohl auch noch ein bißchen weiter, dort in Pracht und Herrlichkeit, hier im bescheidenen, aber vielleicht nur noch lieberen Licht erglänzten, da waren unser Berichterstatter, Doktor Kohl, des alten Thierarztes Franz de Paula Schnarrwergk Pathenkind Paul Warnefried Kohl, und das Kind, Fräulein Rosine Müller, am Weihnachtsabend, am Abend des Tages Adam und Eva, allein neben dem Bett des Thierarztes Schnarrwergk, und der Lar stand zu Häupten des Bettes und hätte so treu als wie wir ferner Bericht erstattet, wenn er im Stande gewesen wäre, so sauber als wie wir mit Feder, Tinte und Papier umzugehen. * * * Sie hatte im Haar noch einen Flitter Goldschaum und am Kleide hier und da ein Flitterchen Silberschaum hängen, und sie trug noch ein abgebrochen Zweiglein, von ihrem grünen Tannenbäumchen drüben, als ein hübsches Zeichen der Zeit am Busen; und der Berichterstatter der ersten Zeitung der Stadt, der doch täglich so Vieles zu sehen bekam, hatte so etwas wie die Aufregung seiner jungen Jugendbekanntschaft noch nicht zu Gesicht bekommen. Er konnte immer nur von ihr auf den Kranken, von ihr auf den Pithekus, von dem Pithekus auf sie, von dem Kranken auf sie sehen, und wenn er von denen auf sie gesehen hatte, auch von sich selber, wie aus dem Universum heraus, auf sie sehen, immerfort auf sie sehen: »Ach, thun Sie mir doch den Gefallen, Rosinchen, und beruhigen Sie sich!« »O Gott, wie kann ich denn das? es ist ja zu schrecklich!« »Rosine, ich will mich zart ausdrücken: er hat wahrhaftig eine Natur wie zehn Rhinozerosse. Wenn Sie so fortfahren, überlebt er Sie und mich noch um zwei Menschenalter; denn dieses Unglück Ihrerseits halte auch ich nicht länger aus! Auf Ehre, dabei gehe auch ich ein und falle in meine eigene Spalte in unserem Blatt. So sehen Sie doch nur, wie ruhig er da liegt! Kein Kind schläft ruhiger in dieser Nacht mit seiner Puppe im Arm und seinem Magen voll Süßigkeiten.« Rosine Müller versuchte es, sich zu fassen. »Es ist wie immer,« seufzte sie leise weinend, »ich soll allein bleiben. Wir hatten uns nach und nach so gut in einander gefunden, und ich hatte mich so sehr gerade auf diesen Abend gefreut. Nun liegt Alles drüben bei mir herum, und er hier! Und auch er ist bloß doch deshalb in den Straßen gewesen, weil er heute wieder an mich gedacht hat. Es soll nun Alles so liegen bleiben, wie es ihm unter dem Arm weggefallen ist, und wie Sie es ihm aus den Taschen ausgeleert haben, Warnefried; aber er hat bei jedem Packet nur an mich gedacht! O, ich habe ja erst durch ihn, im Frühling, im Sommer, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter, kennen gelernt, was ein heiliger Christ zwischen Eltern und Kindern und guten Freunden und Verwandten und Allem, was sich wirklich lieb hat, bedeutet! Nun liegt Alles da, und ich bin auch diesmal allein! nur noch viel schlimmer allein wie mein ganzes Leben durch!« »Rosine,« sagte Doktor Kohl, weder sie noch die Welt ansehend, sondern nur zwischen seinen Schenkeln durch auf den Fußboden starrend, »ich wollte für Sie und für mich, Sie hätten aus den Einladungen meiner Mama für diese Zeiten einen besseren Eindruck mit in den heutigen Abend herübergebracht. Aber da haben Sie Recht. Was Ihnen das Haus Kohl am Weihnachtsabend bieten konnte, das brauchten Sie nicht für voll gelten zu lassen. Da endete das Vergnügen nach dem offiziellen Lächeln auf dem Stockzahn freilich durchgehend mit einer allgemeinen Verstimmung, wenn nicht Katzbalgerei zwischen Mann und Weib und Hausfreund, zwischen Hausfrau und Magd und Katze und Hund und Allem, was sonst noch zu dem Vergnügen eingeladen worden war oder die Berechtigung hatte, an allem Lieben und Herzigen teilzunehmen.« »O bitte, reden Sie nicht so. Sie machen Alles nur schlimmer durch solche Reden, die Sie sich selber doch nicht glauben. O mein armer, lieber Nachbar! Fühlen Sie nur seine Hand! Und er war ja auch Ihr Hausfreund; – der beste Freund von Ihrem Herrn Vater und Ihrer seligen Mama und auch von Ihnen, Herr Warnefried. O, es hat ja Keiner gewußt, wie er eigentlich war! selbst auch ich nicht!« »Dazu gehörte denn auch eine ganz besondere Nase bei dem Geruch, den er um sich her im Verkehr mit der Menschheit verbreitete,« brummte Warnefried, jetzt dem Pithekus zunickend wie mit der Frage: »Was sagst denn Du hierzu?« Der Pithekus sagte gar nichts dazu. Er machte nur sein gewohntes heiteres und recht intelligentes Gesicht zur Sache, und der Ausstopfer hatte ihm wirklich einen Zug hineingelegt, der nur bedeuten konnte: »Kommt mir doch nicht mit Dingen, die ich bis in die Eisenstange in mir hinein schon längst gewußt habe.« Uebrigens blieb er, und nicht bloß an diesem vierundzwanzigsten Dezember, sondern auch an den folgenden Abenden, Nächten und Tagen, da er leider weder Nase noch Ohr sein konnte, wenigstens ganz Auge – Glasauge freilich; aber doch auch Auge des Vetters Hagenbeck Seligen. Mit innigster, wenn auch lächelnder Theilnahme blickte er hin auf Alles, was jetzt in seinen Gesichtskreis fiel, über Krankheit, Mitleid, Kummer um Menschenelend, Betrübniß um zerstörte Weihnachtsfreude weg und auf den jungen Herrn Kohl und schien zu überlegen, was doch wohl noch aus dem Wirrwarr zu machen sei. Als in der Welt rundum das letzte Licht am Christbaum längst erloschen war, als man die Kinder längst zu Bette gebracht hatte und auch die Erwachsenen davon sprachen, daß es endlich Zeit werde, daran sich zu erinnern, daß Alles ein Ende habe, hatte er, der Lar, sein innerlichstes Vergnügen. Er sah grinsend zu, wie sich die zwei jungen Menschenmächte über die Frage zankten, wer jetzt nach Mitternacht noch wach bleiben solle beim alten Schnarrwergk? Schade, daß er keine Brieftasche bei sich hatte wie der Lokalberichterstatter Herr Doktor Warnefried Kohl. Ob der Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk, trotz seines bewußtlosen Zustandes und seiner blinden Augen, im Gegensatz zu seinem Lar, ganz Ohr war, das steht dahin und ist in der Zeitlichkeit durch nichts zu beweisen. Vielleicht giebt es aber irgendwo, jenseit der Zeitlichkeit, doch ein Notizbuch, in welchem es ausgezeichnet ist, wie es sich damit verhalten hat. Gegen zwei Uhr Morgens schluchzte Fräulein Rosine Müller: »Nun, dann will ich mich in den Kleidern auf mein Sopha drüben legen; aber ich verlasse mich darauf, daß Sie mich wecken, Herr Warnefried, wenn irgend etwas vorfällt!« »Darauf können Sie sich verlassen, Rosine!« sprach Kohl, und nach einer geraumen Weile sagte er neben dem Bett des alten Schnarrwergk, den Kopf zwischen beiden Fäusten, in sich versinkend: »Also mein Doktor stammt doch von ihm? Und sie hat den Brief zur Post getragen? Und Er ist doch der beste Freund meines seligen Alten gewesen? Und Sie meiner Mutter liebste Puppe im irdischen Verdruß und Jammer? Liebe Puppe! Das ist ja ein ganz reizender Abend! würde der schöne Bogislaus drüben bei meiner Sendung von Aigner und Kompagnie meinen. Na ja, aber er soll uns morgen kommen mit seinem Photographie-Apparat!« Nach einer Weite ächzte er: »Ich habe schon kuriose Weihnachten feiern müssen. Mein Vater hat mir Georges deutsch-lateinisches und lateinisch-deutsches Wörterbuch zum heiligen Christ geschenkt und verlangt, daß ich darob vor Jubel außer mich gerathen solle. Meine selige Mama hat mir dann und wann auch allerlei ausgekramt, was ihr Entzücken sein konnte, jedoch meines nicht war. Später hat nicht selten irgend eine meiner Hauswirthinnen gerade diesen heiligen Abend auserwählt, mir den Gerichtsvollzieher über den Hals zu schicken; aber – so was wie heute ist mir doch noch nie vorgekommen. Herrgott, der Alte da thut mir ja herzlich leid; aber – dieses liebe Mädchen! Ist es denn möglich, daß so ein Herze mit Einem mitläuft durch die schlechte Welt, und man sich nicht einmal die Mühe giebt, darauf hinzugucken? Muß erst ein Lokalereigniß wie das heutige eintreten, um Einem die Gegend um sich selber im rechten Lichte zu zeigen? Halt's Maul, wollt' ich sagen, grinse mich nicht so an, Lar, Pithekus, abgeschmackter, mit Stroh ausgefütterter Vetter! Da – den Hals drehe ich Dir nicht um, sondern nur Dich selber; denn selbst Du siehst mich an mit Augen, die sagen: Kohl, welch ein dumpfes Thier bist Du bis heute gewesen! Da, Gespenst – betrachte Dir lieber die Wand als den Doktor der Weltweisheit von Schnarrwergks Gnaden, ja, zum Donnerwetter, und auch von Rosinchen Müllers Gnaden! Wie kam trotz allem Jammer ihr Vergnügen an der lächerlichen Faxe wieder zum Vorschein, als es vorhin herauskam, daß sie es wirklich gewesen ist, die mit den verruchten sechshundert Reichsmark nach der kaiserlichen Post gelaufen ist! Da hat sie doch einmal wenigstens heute Abend in ihr verstörtes Kindervergnügen, in ihre Thränen hinein lachen müssen. Nun, so ist die Narrenkomödie wenigstens zu etwas gut gewesen, Doktor Warnefried Kohl. Meine herzlichsten Glückwünsche, Herr – Doktor – Paul Warnefried Kohl!« Er trat von dem Krankenbette zu dem Fenster, um sich einen Athemzug frischer Winterluft hereinzuholen. »Da schneit es ja doch noch!« sagte er, als sich eine breite weiße wässerige Flocke ihm auf die Nase legte. »Also doch noch, wie wir's morgen früh unterm Strich bringen! Und kein Licht im Himmel und auf Erden; – doch natürlich Blech hat noch Licht. Tiefe Stille – Frieden, Segen und Wohlgefallen der Menschen an einander, Alles tief zugedeckt; bloß die Nase über der Bettdecke! Selbstverständlich ist meine Sendung von Aigner und Kompagnie bei ihm angelangt. Da kenne ich ihn, er hat mich fernerhin zu seiner heiligen Feier durchaus nicht persönlich gegenwärtig nöthig gehabt. Der sitzt recht behaglich gern ganz allein und hat sein Vergnügen am Menschen. Der Schlingel! Wenn ich es ihm nur in die Zähne hinein beweisen könnte, wozu er eine junge Frau nöthig zu haben glaubte! und noch dazu Familie Kohls Fräulein Müller – meiner seligen Mutter und des alten Schnarrwergks Rosinchen – Fräulein Rosine – meines armen Vaters Fräulein Röschen!« In diesem Augenblick machte der alte Schnarrwergk seinem Namen alle Ehre. Er gab einen Laut von sich, der ziemlich genau zu demselben paßte und aus einem gänzlich aus aller Ordnung gekommenen alten Wanduhrwerk herzustammen schien. »Das wäre das Letzte von ihm, wenn er gerade jetzt abliefe!« murmelte Doktor Kohl, zu dem Lager des kranken Herrn Pathen rasch zurücktretend und seinen Stuhl daneben wieder wie ein ängstlicher guter Sohn einnehmend. Schade! denn gerade wiederum in diesem Augenblick öffnete auch Bogislaus drüben sein Fenster, um einen erfrischenden Athemzug zu thun, und er würde sicherlich nicht ungern einige teilnehmende Fragen, über die Hanebuttenstraße weg, gethan haben, wenn er den Freund am Fenster des alten Schnarrwergks erblickt haben würde. * * * Gottlob, so rasch lief er noch nicht ab, der Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk. Da behielt der Doktor – nicht der Philosophie, sondern der Arzneiwissenschaft, diesmal vollkommen Recht. Auf den ersten Hieb fiel der alte Schnarrwergk nicht. So leicht war er nicht umzukriegen. Freund Hain, dem es sonst ganz einerlei ist, ob er Eichbäume oder Binsen niedermäht, war hier an einem von der ersten Sorte auf einen absonderlich harten Ast getroffen, besah seine Sense nachher zweifelhaft eine geraume Weile und griff dann nach seinem Wetzstein: »Nun denn, ein andermal! es braucht ja nicht immer zu heißen: sieben Fliegen auf einen Schlag.« Und während er gutmüthig geduldig die Scharte auswetzte, warf er von Zeit zu Zeit einen beinahe jovialen Seitenblick auf die zwei jungen Leute, Wächter und Wärter am Krankenbett: »Das soll mich doch wundern, ob ihr die Gelegenheit, die ich euch gegeben habe, benutzen werdet oder nicht. Einen besseren Gelegenheitsmacher konntet ihr euch doch wahrlich nicht wünschen. Hm, hm, und da wird man noch verschrien als Feind alles Lebens und wie die sauberen Redensarten in Vers und Prosa sonst noch heißen mögen!« Was nun die beiden jungen Leute anbetraf, so begannen für die in der That wunderliche Tage und Nächte. Und für den alten Herrn wohl auch; denn wenn es nicht zu beweisen steht, so ist es uns doch sehr glaubhaft – gerade bei seinem Charakter und seiner Konstitution –, daß er den Gebrauch seiner Ohren bedeutend früher wiedergewann als den seiner übrigen Sinnesorgane und sonstigen Gliedmaßen. »In acht Tagen haben wir ihn, bloß ein bißchen dusselig, schwummerig und ein wenig wackelig auf den Beinen,« versicherte fest der Arzt. »So eine Art Katzenjammerstimmung hängt freilich gewöhnlich noch etwas länger nach, und da muß ich mich denn auf Sie verlassen, Kohl, und auf Sie, Fräulein, daß Sie ihm es ausreden, daß ihm etwas außergewöhnlich Besonderes in den Weg gekommen sei.« »O, was ich dazu thun kann, das wird gewiß geschehen!« rief Fräulein Rosine, die Augen trocknend. – So theilten sich denn die Zwei, wenn wir diesmal den Lar nicht mitzählen, in die Pflege des Thierarztes Schnarrwergk. Und sie theilten sich allgemach noch in Mancherlei: Erinnerungen aus der Vergangenheit, Pläne für die Zukunft, gute Gedanken, liebe Gedanken und dann und wann auch sehr schlechte Witze. Letztere schoß Theilhaber Dr.  Warnefried Kohl selbstverständlich allein ins Geschäft; und Rosinchen würdigte sie stets nach Verdienst und lachte wenig über sie. Einigemal jedoch sagte sie ziemlich scharf: »O bitte, Herr Doktor Kohl, Herr Blech wohnt drüben auf der anderen Seite der Gasse. Sehen Sie, eben liegt er auch im Fenster und winkt Ihnen.« Volle acht Tage und Nächte hatten die beiden jungen Leute, um sie auszunützen, wenn sie den Magen danach hatten, wie sich drüben Herr Bogislaus Blech ausgedrückt haben würde. Eine bessere Gelegenheit, im Herz und in der Seele sich näher an einander zu finden, wurde ihnen schwerlich noch einmal gegeben, um das Mücken- und Menschenspiel auf der Erde im Gange zu halten. Darin hatte Freund Hain Recht. Es war merkwürdig. sie mißbrauchten die Gelegenheit nicht, sie gebrauchten sie nur. Und wer sie am meisten ausnutzte, das war nicht Warnefried Kohl, sondern das war Fräulein Rosine Müller; und sie war dabei vollkommen in ihrem lieben weiblichen Rechte. Sie mußte es doch endlich einmal ganz genau wissen, was für ein Mensch eigentlich aus dem Jugendbekannten, dem einzigen Sohn ihrer besten Freundin und Wohlthäterin, geworden war! Er war Doktor der Weltweisheit geworden von Schnarrwergks und ihrer Gnade; er war eigentlich ein entsetzlicher Mensch und manchmal recht grob und ungeschlacht. Aber nun hätte sie doch zu gern gewußt, wer, was und wie er außerdem war. Sie nahm aus früherer Zeit her, wie sie sich im Innersten wie zu ihrer Entschuldigung ausdrückte, immer einigen Antheil an ihm, und »die Frau Professorin hatte das ja auch wirklich um sie wohl verdient«. Aber um Gottes willen ihn nur nichts hiervon merken lassen! Da zehntausendmal lieber doch alles Rauhe nach außen kehren und im Nothfall so grob wie Bohnenstroh sein! So war es denn ganz natürlich, daß es sich so gab, wie die Gelegenheit es bot – in den ganzen Gegensatz von Bohnenstroh und Allerleirauh hinein. Ganz natürlich; – bei den Handreichungen für den Kranken, und wenn Der dergleichen Liebesdienst nicht nöthig hatte, im eigenen; nämlich um dem eigenen Seelchen das Kopfkissen auszuschütteln und besser zurechtzurücken in dieser Welt voll von Präkordialangst, Grobheit, Ungeschlachtheit und Bohnenstroh. In den Weihnachtstagen sah nur der Arzt und die Kräuterfrau vom Altstädterring vor, und die Letztere meinte: »Schade, daß unser Patient noch nicht das richtige Verständniß davon hat, wie gemüthlich das hier um ihn aussieht. So ganz häuslich! Man sieht es doch immer gleich, wo eins von uns mit zugegriffen hat, Fräuleinchen. Wer so mit seinem Affen allein Haus hält, der hat doch eigentlich von Rechts wegen gar keinen Anspruch darauf. Wie niedlich er da liegt und sich Ihre Güte gefallen läßt, Fräuleinchen Müller. Sie müssen doch auch Ihre Freude daran haben, Herr Doktor Kohl. Für Sie muß dies doch sein, als wenn Ihnen sonst das Christkindchen eine Schachtel Zinnsoldaten, den Jäger und seine Jagd, Kreisel, Peitsche und ein Steckenpferd auf einmal mitbrachte.« »Beinahe!« brummte Kohl. »Wenn das nur je so an mich gekommen wäre, Frau Erbsen!« Nach den Weihnachtstagen kam allerlei sonderbares Volk, das zu seinem erbärmlichen Schrecken davon vernommen hatte, daß dem Herrn Doktor Schnarrwergk ein Unglück passirt sei. Alle möglichen Leute, die kein Mensch kannte, und sowohl vom Lande wie aus der Stadt. Es wies sich aus, daß er seinen Anhang hatte. Und was für einen! »Der alte Kurpfuscher!« lachte der Arzt. »Es war nur sein Glück, daß Keinem von uns an der Praxis, die er uns vor der Nase weggriff, gelegen sein konnte. Was für eine Masse von Armenpraxis hat Der und die alte Erbsen vom Altstädterring uns abgenommen. Quod medicamenta non sanant, verbum sanat , Kohl! Er hatte das rechte Wort für sein Lumpengesindel stets zur rechten Zeit, und er reichte damit und mit dem, was der Frau Erbsen in die Hand wuchs, vollkommen aus. Wir hatten wirklich keinen Grund, gegen ihn einzuschreiten.« Sie hatten längst den Lar wieder umgedreht und ihn auf seinen alten Platz zurückgestellt. »Ich sehe ihm doch lieber in die Augen als so von hinten,« meinte Rosine. »Er ist so lange Jahre sein einziger treuer Stubengenosse gewesen, und ich halte es für unrecht, daß wir ihn sofort bei Seite geschoben haben. Noch dazu nach der Aufklärung, die er mir über seine Augen gegeben hat. Mir wäre es auch nicht lieb, wenn Jemand bei mir ebenso kurzweg mit Allem aufräumte, wenn ich so verlassen da liegen würde.« »Ach, reden Sie doch nicht so was, Rosine! Wie wäre das möglich?« rief Doktor Warnefried Kohl und fügte erst nach einer nachdenklichen Weile hinzu: »Uebrigens haben Sie Recht; im Grunde hat er doch eine scheußliche Wüstenexistenz geführt, trotz seinem Vetter oder Pathen Hagenbeck und seinem Lar, bis Sie kamen, Rosinchen.« »Ich?« »Ja, Sie! Ja, streicheln Sie nur das Scheusal, den Pithekus da. Ja, wissen Sie, wenn ich in diesem Augenblick der gewohnte Egoist wie sonst wäre, so hätte ich nur einen einzigen Wunsch.« »Das soll mich doch wundern –« »Nämlich, daß unser allgemeines Schicksal Sie nicht für den alten Schnarrwergk gespart, sondern für mich, den jungen Kohl, aufgehoben hätte. Es liegt ganz klar in der dunklen Zukunft vor mir, daß, wenn einmal an mich dergestalt die Reihe kommt, es keinem Menschen das geringste Vergnügen machen kann, nur durch die Thürritze zu fragen: ›Nun, Kohl, haben Sie wirklich, wirklich die Aussicht, in einer besseren Welt wieder aufgewärmt zu werden? Na, wenn es nicht anders sein kann, dann leben Sie gefälligst recht wohl, Herr Doktor. Ich wünsche mit herzlicher Theilnahme nur, daß man den Ofen nicht überheizt.‹« Fräulein Rosine überhörte natürlich auch diesmal zwei Drittel von dem, was der Narr vorbrachte. Sie saß zu tief in ihre eigenen trüben Gedanken versunken und seufzte nur: »Wie wenig todte Vögel man doch bei seinen Gängen in der Welt findet. Sie haben ja auch ihre Zeit und werden alt und auch wohl krank und sie müssen sterben; aber es ist merkwürdig, wie wenig man davon merkt. Die Lüfte und die Büsche und die Dächer sind voll von ihnen im Sonnenschein, im Sommer, aber auch im Winter; doch wie selten findet man einen todten Vogel. Ist Ihnen das nicht auch aufgefallen?« »Nein!« brummte Kohl. »Das fiel eben nicht in mein Fach und unser Lokales. Aber Sie haben Recht, Röschen. Es ist auffallend bei genauerer Betrachtung. Katzen allein können die Sache nicht besorgen –« »O nein, nein! sie bringen sich nur gegenseitig nicht in die Geburts- und Sterbelisten und in die Zeitungen. Sie wissen es schlauer und stiller anzufangen. Sie gehen weg, ohne daß man es merkt und – und vielleicht auch ohne daß sie selber viel davon merken. Ach, wer ihnen so von seinem Fenster aus zusieht! Freilich, ihre Aengste haben sie auch. Da haben sie es wohl nicht viel besser als wir Menschenkinder. Und wenn man so ihr Kopfdrehen und Aufflattern ansieht, möchte man meinen, sie hätten es fast noch schlimmer. Aber ihr Weggehen, ihr Verschwinden ihr Begrabenwerden ohne Aufsehen und Schreiberei zu machen! ihr Vergehen in den blauen Himmel oder die Winternacht hinein, ohne irgend einem Menschen Unkosten, Störung und Ueberdruß zu machen: Das möchte ich ihnen nachmachen können!« »Sollen wir mal tauschen, Rosine, Fräulein Rosinchen?« rief der Berichterstatter, sein Notizbuch hervorreißend und es dem guten Mädchen hinhaltend. »Lassen Sie mich mal unter die Spatzen und Schwalben und gehen Sie unter die Menschen –« »Ich verstehe nicht –« »Ich auch nicht Alles; aber was ich verstehe, das genügt. Sie haben vollkommen Recht: es ist schauderhaft, was für ein Dasein Einem aufgeknetet wird. Und daß man sein verhunztes Leben noch mit einem ungemütlichen, immer mehr oder weniger Aufsehen erregenden Abgang bezahlen muß, das ist einfach lächerlich und zu viel verlangt. Sehen Sie sich einmal so einen Halunken von Spatz an, hat er nicht auch das Seinige in der Hinsicht verdient? Am letzten Ende ist es doch die ewige Ungerechtigkeit. die Einen wurmt! Finden Sie nicht auch, Fräulein Rosine?« »O Gott, nein!« rief oder flüsterte vielmehr Fräulein Müller. »Man muß sich doch nur in Alles hineinzufinden wissen. Mir persönlich ist es ja noch immer besser ergangen, als ich je verdient habe!« Vor acht Tagen noch würde Doktor Warnefried Kohl gröblich grinsend geantwortet haben: »Mir nicht!« Jetzt war er dazu nicht mehr fähig; jetzt stöhnte auch er mit einem tiefen Seufzer: »Mir auch!« und schob seine abgeschmackte Brieftasche wieder zurück in die Brusttasche und hielt statt ihr seine Hand, seine recht ungeschlachte, harte Rechte der treuen Mitwärterin am Bett des alten Schnarrwergk hin und sagte: »Rosinchen, Röschen, meine Mutter war doch eigentlich eine recht brave Seele, wenn sie es auch nicht so recht aus sich herausgeben konnte.« »Gegen mich ist sie immer wie ein Engel vom Himmel gewesen.« »Na, verwöhnt waren Sie freilich in dieser Hinsicht nicht; aber nehmen Sie sie meinetwegen so gefühlvoll, wie Sie wollen, ich habe nichts dagegen. Selbst das, was ich von meinem seligen Alten in mir habe, würde sich nicht dagegen auflehnen, wenn Sie sogar ein bißchen übertrieben. Sagen Sie einmal, Röschen, haben Sie eine Ahnung davon, was die brave Alte bewog, es auf alle ihr mögliche Weise zu verhindern, daß wir zwei armen Würmer uns völlig auf dem brüderlichen und schwesterlichen Standpunkt aufpflanzten? Ich für mein Theil als Unser-Einzigstes hätte wahrhaftig gegen so ein nettes Schwesterchen gar nichts einzuwenden gehabt.« Fräulein Rosine Müller kannte die Beweggründe der Frau Professorin Kohl nicht. Sie hatte nicht das kleinste Wort zur Aufklärung für den Doktor der Weltweisheit Kohl und den Pithekus von der Insel Borneo hinter ihm. Weshalb sie aber vor der dummen Frage wie in sich selber hineinkroch und sich todt stellte, das wissen Wir nicht. »Natürlich,« brummte Kohl junior weiter, »es ist ja freilich eine ganz einseitige Geschichte. Ihnen, Fräulein Rosine, konnte selbstverständlich wenig daran gelegen sein, daß sie, meine selige Alte, mir nie gestatten wollte, das brüderliche Du gegen Sie zu gebrauchen. Ihr Vergnügen, Röschen, bittere Gefühle mit mehr Bequemlichkeit in einen anderen teilnehmenden Busen ausschütten zu können, würde damals doch nur mäßig gewesen sein. Rosinchen, thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie mir es nachträglich mit deutlichen Worten, für was für einen gräßlichen Flegeljährling Sie mich derzeit zu halten sich verpflichtet gefühlt haben!« In diesem Augenblick pochte es glücklicher oder unglücklicher Weise draußen an der Thür, und Kohl hatte hinzugehen und zuzusehen, »wer der Esel war«, der ihn und – sie gerade jetzt störte. Er redete auch eine Weile durch die Thürspalte mit Jemand und kam zurück mit einem Gesicht, wie aus den schönen Künsten heraus, aber diesmal wie vom alten und vom jungen Pieter her, vom Bauernbreughel und vom Höllenbreughel. »Nun?« fragte Fräulein Müller, seltsamer Weise wie erlöst aufathmend, aus ihrer Stellung und Verantwortlichkeit als nächst und eigentlichst am Haushalt des Nachbars Schnarrwergk Betheiligte heraus. »Was war es?« »Nichts. Blech! Er wünschte zu wissen, wie es uns ginge.« Kein Springkäferchen ( Elater ) hatte sich bei einer neuen leisesten Berührung je so rasch wieder todt gestellt, wie das jetzt Fräulein Rosine that, und zwar zum zweiten Mal an diesem Abend. Es blieb dem Lokalberichterstatter Dr.  Kohl nichts weiter übrig im Verlauf des Abends, als sich so zu stellen, wie wenn ihm ihr Leben, und was an Gefühlen, Erinnerungen, Hoffnungen, Aussichten in die Zukunft dazu gehört, völlig gleichgültig sei. Er ging deshalb auch nur noch einmal zum Fenster und sagte: »Donnerkeil, wie kalt das auf einmal geworden ist! und wie die Sterne sommern! Sehen Sie nur einmal die Milchstraße, Fräulein. Gerade im rechten Winkel weg über uns und über die Hanebuttenstraße. Es ist doch wirklich was Großartiges um diese Sternenwelt!« * * * Wem es jetzt noch nicht klar geworden ist, daß wir eine Gesundheits- und keine Krankheitsgeschichte schreiben, dem ist durch uns nicht zu helfen. Wenn ihn Jemand anders mit der Nase darauf stoßen will – prosit. – Da haben wir den alten Schnarrwergk liegen lassen, als ob ihm gar nichts Bedenkliches begegnet sei. Nicht ein einziges medizinisches Buch haben wir über seinen Fall nachgeschlagen, um mit unserer tiefen Einsicht auch in solche Dinge groß zu thun und hypochondrischen Seelen die Nachmittagsruhe zu verderben. Nein, des Anfalls des Pathen Schnarrwergks und unsertwegen braucht Niemand auf seine tagtägliche behagliche Magenüberladung und das darauf folgende Stündlein stillen Nachdenkens zu verzichten. Wir erinnern Keinen heimtückischer Weise daran, daß er einen fetten, schwammichten, kurzgebauten Körper, eines etwas zu dicken Kopf, einen kurzen Hals habe. Wir beunruhigen Niemand durch Hinweis auf hohe Röthe des Gesichts, Schwindel, Ohrenbrausen, stockendes Gedächtniß, Uebelkeit bei leerem Magen und dergleichen Zufälle. Wir beschwören Niemand, es uns zu Liebe zu thun und nach dem Essen ja keine anstrengende Kopfarbeit zu leisten, zum Beispiel ein neues philosophisches System zu erfinden, dieses Buch zu rezensiren oder auf eine andere aber ähnliche Weise an seinem eigenen Todesurtheile zu arbeiten. Sterben muß der Mensch ja einmal zum wenigsten, und die Weisesten, die noch nicht an der Reihe sind, beschränken sich bei dieser unabänderlichen Sachlage darauf, wenn die Gelegenheit es giebt, so ruhig als möglich zuzusehen, wie der Andere dazu kommt und wie er sich dabei aufführt. Nur am Bette der Kinder ist es immer eine nervenaufregende Sache; aber gegenüber so einem alten, zähen, nikotin- und spritdurchseuchten, auf seinen Lar, seinen Orang-Utang, seinen Pongo, Maias, Majas, seinen Gorilla, seinen Pithecus Satyrus L. dressirten Thierarzt außer Dienst, da hält, wer schnupft, seine Prise höchstens den dritten Theil von sechzig Sekunden länger als sonst zwischen Daumen und Zeigefinger, und an einem Gewohnheitsschnupfer ist es das wahrhaftigste Zeichen von Rührung, wenn er dann niest. Na ja, jetzt, wo wir den alten Schnarrwergk, den Pathen Schnarrwergk glücklich drüber weg haben – nämlich über seinen ersten Aufenthalt im seligen Nichtsmehrvonsichwissen – dürfen wir nicht so häßlich reden, wie wir geredet haben. Es geht bei solchen Gelegenheiten aber immer ein bißchen durcheinander, und ist auch uns kein Vorwurf daraus zu machen, daß sich uns allerhand Gefühle, Stimmungen und Ueberlegungen ein wenig verwirrten. Es dämmerte noch einmal in ihm, Franz de Paula Schnarrwergk, auf. Die wirre Welt, in der er, wie er meinte, einen außergewöhnlich scharfen Umblick gehalten hatte, stieg noch einmal um ihn her empor aus dem Nichts und zwar jedenfalls in der alten Konfusion, wenn nicht noch ein klein bißchen konfuser. Wir aber haben es hier mit diesem Aufdämmern zu thun. Du lieber Himmel, du klarblauer Himmel, wohin würden wir dabei gerathen, wenn wir zur Aufklärung unseren verehrten Hausarzt, unsere vielen medizinischen Freunde und deren Bibliotheken um ihren fachwissenschaftlichen Inhalt angegangen wären! Zuerst kam es ihm, dem Nachbar Schnarrwergk, zum Bewußtsein, daß es in ihm und um ihn bitterkalt sei. Und was die Kälte außer ihm anbetraf, so leistete die Jahreszeit die jetzt wirklich. Am Tage des heiligen Märtyrers Stephanus hatte es angefangen zu schneien und erst am Abend vor den Unschuldigen Kindlein damit aufgehört. Am Tage der Unschuldigen Kindlein war dann der Frost eingetreten, um sich so andauernd zu halten, daß er sicher nach hundert Jahren noch im Kalender Aufsehen machen wird. Die Dächer waren weiß, die Straßen waren weiß, so lange es dauerte; draußen waren Felder und Wälder ebenfalls weiß und erhielten sich ihre Reinlichkeit bis in den März hinein. Am Tage schien die Sonne, wenn auch ohne Wärme, und bei Nacht glitzerten die Sterne, von denen Niemand begehrt, daß sie ihn wärmen sollen, die aber – »Einem heiß und kalt machen können, wenn man so aus der Hanebuttenstraße zu ihnen aufschaut, wie wir Zwei, Rosine, und da den letzten Alten liegen hat und sich fragt, was das Alles bedeutet und ob es eigentlich einen Sinn hat?« »O Gott ja,« flüsterte Fräulein Rosinchen Müller, »es ist Alles so einsam! Wir hier und das da oben. Wenn eine Mutter da hinein sieht, so geht sie rasch hin und sieht nach und deckt ihr Kind in seinem kleinen Bett besser zu. Das ist mein Gefühl wenigstens.« In diesem Augenblick kam zu den Beiden am Fenster, vom Bett des Thierarztes Schnarrwergk her, ein Laut, der sie ebenfalls rasch näher an es herantreten ließ. »Krrrrrrrrr!« »O, er hat etwas gesagt –« »Sagten Sie etwas, Herr Schnarrwergk?« »Kkkkkk–alt!« »O bitte, Warnefried, sehen Sie nach dem Ofen! Ich werde ihm noch hier meine Decke überlegen. O Herr Nachbar, wir sind es! Wir sind bei Ihnen. Warne – der Herr Doktor Kohl und ich! O Nachbar, Nachbar, sind Sie endlich wieder bei uns? O, Gott sei Dank – was haben Sie uns für Sorgen gemacht!« * * * Es kann Niemand genau sagen, seit wann der Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk wieder dagewesen war. So etwas kommt immer ganz allmählich, ganz wie das erste Bewußtsein des Menschen von seinem Dasein in der Welt. Die Umgebung rechnet, wohlberechtigt natürlich von da an, wo der Patient wieder anfängt, vernünftig zu sprechen. Da es für sie das Einfachste ist, werden wir sie selbstverständlich dabei lassen; Nachbar Schnarrwergk aber war in der That schon längere Zeit vorher wieder da und dabei gewesen, ohne vernünftig und verständig mitzureden. Er hatte die Wirthschaft um sich her wie durch einen anfangs dichten und dann allgemach dünneren Nebel angesehen und durch eine zuerst dichtere und sodann immer dünnere Wand angehört, und er hatte sie, die Wirthschaft gehen lassen, wie sie ging. Uebrigens war er in Betreff seiner Meinung um sein Für oder Wider auch nie so wenig als wie jetzt gefragt worden. Ja, so ein Wiegen Wagen – Gugen Gagen zwischen Tod und Leben! Ja, so ein Auftauchen oder Wiederauftauchen aus dem Strom, »der von Eden ausging zu wässern den Garten«, und der auch heute noch fließt und weiter rauschen wird von Ewigkeit zu Ewigkeit! mit Wasser vom Strom des Lebens in den Ohren, in der Nase, im ganzen Kopf, und dann und wann mit solchem Kopfweh, immer aber zuerst vollständig unfähig zu begreifen, was mit Einem vorgenommen worden ist und was mit Einem vorgenommen werden soll! . . . Es dauerte eine geraume Weile, ehe der alte Schnarrwergk den Affen- und Meerkatzentanz, das Satyrgeschnatter, das Pavians-Zahngefletsche um ihn her auf seinen alten, braven, treuen Stubengenossen, seinen einzigen Pithekus, seinen Lar mit dem Auge des Vetters Hagenbeck zusammengezogen hatte. Als er den nicht mehr als Mitspringer in einem ganzen Walpurgisnachtssabbath, sondern als einzelnen Springer und Fieberphantasietänzer ins Auge zu fassen und darin festzuhalten vermochte, da – »ging es mit ihm schon bedeutend besser«, wenn auch Dr.  Kohl und Fräulein Müller nicht viel davon merkten und der Patient selber auch nicht. Es war und blieb noch dumpfe Tage und Nächte durch eine große Merkwürdigkeit, was für ein Nachahmungstalent dieser Lar besaß. Der Nachbar Schnarrwergk sah ihn in hundertfacher Verkleidung neben sich und in hundertfacher Beschäftigung um sich. Es war von seiner jüngsten Kindheit an nicht eine Menschenseele und altbekannte und vielleicht langvergessene Gestalt, welche ihm die Bestie nicht wieder vorstellte und zwar auf ihre Weise. Sie kamen zu dem kranken Greise Alle, mit denen er es zu thun gehabt hatte auf seinem Wege, und sie kamen Alle mit der Zuthat, die sein Lar ihnen gab. Es war nicht angenehm, mit den Meisten von ihnen seinerzeit im Leben zu verkehren; aber es war viel weniger angenehm, jetzt zwischen Leben und Tod ihnen so wieder zu begegnen und sich in dumpfer Verwirrung fragen zu müssen: »Sind sie es denn wirklich, oder ist es der Lar? oder bin ich es, der sie so sieht? der sie – damals so gesehen hat?« Es war närrisch, wie er sich verkleiden konnte, der nur zu getreue Lebens-, Haus- und Stubengenosse, und wie wohl, wenn auch nicht gut getroffen er die alten Bekannten dem alten regungslosen, wehrlosen Mann vorzuführen vermochte. Mit allen Hüten und Mützen, Röcken, Unterröcken, mit braunen, blonden, grauen und weißen Perrücken wußte er sich zu kostümiren und grinste durch Alles durch: »Ich bin ich! oder meinen Sie nicht, Nachbar?« Eine lange, lange Reihe von Menschenvolk, mit dem der Schützling des Vetters Hagenbeck in den langen, langen Jahren seines Lebens in Verkehr oder gar in Verbindung getreten war, zog allmählich an ihm vorbei. Eltern, Verwandte, Schulmeister, Schulfreunde, Studiengenossen, Kriegsgenossen, Hausgenossen. Aber einerlei, ob sie ihn aus der Wiege oder aus dem Großvaterstuhl ansahen, Weiblein und Männlein, der Pithekus mischte sich in jedes Gesicht und jeden Gestus, der Lar gebrauchte jede Persönlichkeit als persona , als Maske, und grinste, den Augen des wackeren Vetters Hagenbeck zum Trotz, aus ihr vor, und grinste ihn an: »Ja, wir sind es, Du und ich und wir Alle, die wir aus dem Chaos herauf und bis zu dem heutigen Tage herangekommen sind. Ich bin Du und Du bist ich, und eine schöne, eine saubere Gesellschaft sind wir und bleiben wir von Ewigkeit zu Ewigkeit. Was kann uns Neues passiren? Was könnten wir dazu thun, um etwas Neues aufs Tapet zu bringen, oder der Langweilerei endlich ganz ein Ende zu machen?« Ob es er, der Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk war, oder ob es sein Lar, sein Lebens-, Haus- und Stubengenosse war, der sich so Vernunft sprach: der alte Schnarrwergk wußte es nicht. Wenn er eben noch als Oberroßarzt Dr.  Schnarrwergk durch das Jahr Achtzehnhundertsechsundsechzig und das Böhmerland mitgeritten war und man ihn ersucht hatte, sich lieber doch nur den Gäulen seines Regiments zu widmen und die Anderen liegen zu lassen, so lag er im nächsten Augenblick selber wieder und hatte die Masern oder das Scharlachfriesel, und hörte seine Mutter hinter dem grünen Bettvorhang sagen: »Allbarmherziger, Mann, das Kind wird nicht wieder!« Was in diesem Krankheitsbericht diesen »nächsten Augenblick« anbetrifft, so war für uns derselbe nicht unwichtig, denn in ihm, diesem Augenblick, flüsterte Fräulein Rosine Müller: »Was war das? Hast Du es nicht gehört? Er hat eben etwas gesprochen! Ich habe deutlich gehört, daß er eben etwas gesagt hat!« »Sagten Sie etwas, Herr Schnarrwergk?« fragte Dr.  Kohl, und da der Kranke natürlich ihm keine Antwort gab, so beruhigte Kohl: »Ich habe nichts gehört. Meines Erachtens sieht er weder, noch hört er was, bis jetzt wenigstens, von der Außenwelt. Wir sind immer noch ganz allein unter uns, mein Herz, mein liebes Mädchen!« In der letzteren Hinsicht mochten sie wohl ziemlich Recht haben, aber in der anderen irrten sie sich. Er sah und hörte wohl was . . . Er sah den Pithekus sich über ihn beugen, aber mit einem allerliebsten, frühlingshübsch bebänderten Mädchenhütchen auf dem haarigen Schädel, und er hörte den Nachbar Blech sagen: »Bester Herr Doktor der Hippologie, Alles in Allem genommen paßt die liebe Puppe ausnehmend in mein Geschäft, und bei zunehmenden Jahren und wachsenden Interessen in der Welt fühlt der Mensch, wenn auch nicht den Wunsch, so doch das Bedürfniß, sich solide an das nächstliegende Schöne zu halten. Was meinen Sie, sollte das liebe Herz sich wohl bereitwillig finden lassen, ihrem Gatten und der Kunst zu Liebe, sich für diskrete Liebhaber –« Ja, was hörte der alte Schnarrwergk noch? Er hörte etwas wie Jemanden, der mühsam nach Athem röchelt, weil ihm eine kräftige Faust die Kehle zudrückt, und er hörte was, wie wenn was Hals über Kopf die Treppe hinunterpoltert, und vernahm was, wie wenn hinter Jemandem die Thür zugemacht wird, aber nicht mit der Hand, sondern durch einen außergewöhnlich nachdrucksvollen Fußtritt – »Affenwelt!« »Hörst Du, er hat wieder gesprochen, er hat wieder was gesagt; ich habe mich nicht getäuscht. Er hat noch seine ganze Sprache, seine ganze Ausdrucksweise bei sich! O, jetzt glaube ich dem Herrn Doktor auch: er ist noch nicht für uns verloren. Er bleibt diesmal noch bei mir – bei uns, wie der Herr Doktor es uns versprochen hat – mein einziger, lieber, alter Nachbar; und er behält auch seinen ganzen, guten, klaren Verstand beisammen, er kann noch ganz deutlich sprechen; er braucht gar nicht zu stottern, wie die Aerzte es gewöhnlich wollen,« flüsterte Rosine. »Wenn es nur nicht der Wind am Fenster war,« meinte Warnefried, immer noch zweifelnd und kopfschüttelnd »Nein, nein, ich irrte mich nicht! Ich habe es ganz deutlich gehört, und er sprach wahrscheinlich mit seinem Hausgott, jedenfalls sprach er ganz deutlich von den Affen in der Welt.« »Dann muß er freilich wieder ein gut Theil bei Troste sein, Röschen; aber Gott segne uns Dein feines Gehör, liebes Mädchen, und erhalte es uns für sämmtliche künftige Zeit.« Die letztere Redewendung ließ tief blicken, wie der schöne Bogislaus gesagt haben würde; uns zeigt sie natürlich nur noch ein wenig deutlicher an, daß die beiden jungen Jugendbekannten ihre Zeit neben dem Bett des alten Schnarrwergks nicht unbenutzt hatten vorübergehen lassen. Als der junge Mann eine Stunde später neben dem Bette allein saß, saß er tief gebeugt, mit den festgefalteten Händen zwischen den auseinandergespreizten Schenkeln fast den Erdboden im Hin- und Widersägen streifend; und die Schultern bärenhaft von links nach rechts und von rechts nach links wiegend, seufzte er, melancholisch den kranken, den regungslosen Greis und Thierarzt außer Dienst sich ansehend: »Wenn er wirklich wieder seit – seit vorgestern so weit wieder bei Troste – bei anwachsendem Bewußtsein gewesen wäre, daß ich ihn jetzt noch um seine Meinung fragen könnte?! Wenn ich ihn fragen würde, was er zu unserer Aufführung sage? – was er – kurz, wie er über unsere Karte: Dr.  Warnefried Kohl und Rosine Müller empfehlen sich als Verlobte, möglicher Weise bei vollem Bewußtsein denken werde?!« Er irrte sich jetzt nicht in dem, was er von dem Krankenlager her erlauschte. Er vernahm's ganz deutlich, der alte Schnarrwergk schnarchte auf seinem Lager wie ein Gesunder. Freilich, daß er dabei irgend sonst gerührte, teilnehmende Bemerkungen gemacht hätte, wußte sich der Berichterstatter späterhin durchaus nicht zu erinnern. * * * Daß währenddem die übrige Welt still gestanden habe, um auf den Zehen auf die Abwickelung nur dieser Zustände zu passen, war nicht zu verlangen. Sie ging ihres Weges weiter, spann vor sich hin, wickelte ab, wickelte auf, und das eben vorhandene Geschlecht wünschte in jeder Beziehung sein Interesse zu wahren und sich auf dem Laufenden zu halten. Was ging es die weite Welt an, wenn jetzt in Numero dreiunddreißig der Hanebuttenstraße unser Lokalreporter jedesmal mit einem Kuß von der kleinen Nachbarin des Nachbars Schnarrwergk und dessen Laren und Penaten Abschied nahm, ehe er seinem Berufe folgte und auf Abenteuer für die ihm anbefohlene Spalte »unseres Blattes« ausging? »Was bringen Sie uns denn gerade in diesen Tagen des Abonnementswechsels für Unsinn, Kohl?« fragte der Chef. »Halten Sie mich zum Narren, halten Sie das Publikum für so kindlich; oder sind Sie von unserer Konkurrenzbude käuflich erworben und beauftragt, uns mit Ihren abgeschmackten Notizen die Kundschaft zu verscheuchen? Da sehen Sie mal – die Anderen bringen's doch, erfahren's doch! Geplatzte Petroleumlampen rundum, hier der delikateste weibliche Leichnam aus den anscheinend besten Ständen. Aus allen Stockwerken fallen Ihnen die Kinder auf den Kopf, aber Sie merken nicht das Geringste davon. Beinbrüche wegen vernachlässigter Bürgersteige an allen Ecken und Enden der Stadt. Wenn ich aber den Herren Verbrechern rathen dürfte, so würde ich denen dringend anempfehlen, zu Ihnen zu gehen und in Ermangelung anderer Schätze Sie selber sich zu holen. Auch nicht den kleinsten Ladendiebstahl liefern Sie uns in die Spalten: Kohl, Kohl, wenn das so fortgeht, so wenden Sie sich doch lieber wieder zur Novellistik zurück und verwenden Ihren Volkskräuterhandel vom Altstädterring, Ihre Mutter Erbsen, deren Salbei und Kamillen, sowie ihre Glückshände, die Sie uns heute aufhängen wollen, da–da–da– darin!« »Ach, wie Manches ist nur im Liede schön!« brummte Kohl. »Aber es giebt auch Einiges, was außerhalb desselben ungewöhnlich nett ist. Ihre Frau zum Beispiel, lieber Rodenstock.« »Sie sind sehr krank, lieber Kohl,« sprach der Chef, sich seinem Leitartikel wieder zuwendend. Doch rasch fuhr er wieder auf und herum und wäre beinahe mit seinem Dreibein umgekippt, als sein jüngerer Freund und Federgenosse hinter ihm mittheilte, und zwar als sage er gar nichts Besonderes: »Sie hat mich ungeheuer gern, die Ihrige; und ich glaube, ich habe mir auch so Eine ausgesucht.« »Sind Sie verrückt?« »Verliebt und verlobt.« »Gott schütze Deutschland! Den Keuchhusten haben Sie gehabt?« »Ich glaube.« »Sie fürchten sich also nicht mehr vor ihm?« »Ne.« »Na, dann wenden Sie sich meinetwegen an meine Frau; aber mich lassen Sie gefälligst mit Ihren Lokalberichten in Ruhe, Kohl. Was ich für Sie thun kann, wird geschehen. Ich werde mich nach einem Ersatz für Sie umsehen und nach Möglichkeit Ihnen einen anderen Platz offen zu halten suchen.« – – »O, das ist ja wundervoll; das ist ja zu hübsch!« rief die helle blauäugige Blondine und Chefredakteurin, als Kohl sich in der That an sie wendete mit seiner Last voll Süßigkeiten und Sorgen auf dem Herzen. »Das ändert ja die Sache gänzlich! Nämlich offen gestanden, waren Sie mir bis jetzt zunächst Ihrem Freunde Blech der fatalste Mensch unter der Sonne. Aber dies ist ja zu entzückend, zu reizend, und verändert vollständig meine Ansicht von Ihnen! Dies wollen Sie wagen bei Ihren Aussichten und Einkommen in der Welt? Kohl, ich könnte Sie küssen, wenn nicht die Kinder den Keuchhusten hätten, und ich nicht fürchtete, Sie doch noch anzustecken. Und meinen Mann laß mir von der Redaktion nach Hause kommen! Der hat Sie einen Esel genannt? Der?! Der hat Ihnen in solcher Periode Ihren zerstreuten Stil und Ihre langweiligen Tagesereignisse vorzuwerfen gewagt? Fragen Sie ihn doch mal, wie er es mit mir zu unserer Zeit gemacht hat. Und fragen Sie ihn auch nur, wie wir angefangen haben.« Die kleine Frau schauderte doch unwillkürlich ein wenig in der Erinnerung; aber Paul Warnefried fragte dessenungeachtet: »Also Sie glauben, daß es auch bei meinem Charakter angehen und zum Behaglichen ausschlagen könne?« »Wenn der Mann zuerst seinen Cigarrenkonsum und Kneipenetat beschränkt, und sie keine Gans ist, gewiß! Mein Eugen hat sich stellenweise auch mal das Rauchen abgewöhnt; natürlich um nachher desto ärger zu qualmen. Eine gute Frau wird aber auch mit einem rauchenden Ofen fertig und wischt sich nur verstohlen die thränenden Augen. O, Sie wissen es noch nicht; aber jetzt werden Sie es hoffentlich erfahren, wozu sich Unsereine aufzuschwingen vermag, wenn sie auch nicht ganz an die gute Ottilie aus den Wahlverwandtschaften anreichen sollte.« »Ich lausche mit Leib und Seele.« »Mit offenem Gewissen sollten Sie zuhören, Herzens-Kohl. Denn nehmen Sie nur mal dies So-Nach-Drei-Uhr-Morgens-Nachhausekommen an. Auch das lasse ich meinem Manne ungestraft hingehen; vorausgesetzt, daß er mir nicht sein Kopfweh, sondern seinen guten Humor, oder auch nur eine wirklich neue und amüsante Geschichte mitbringt.« »Und die lassen Sie sich dann noch erzählen!« »Nun ja. Natürlich. Geweckt ist man doch mal, wenn das Ungeheuer auch noch so leise auftritt!« – – – Es hätten Bände über die Seligkeiten des Ehestandes geredet, geschrieben, gedruckt werden können, sie hätten nicht den Eindruck auf den jüngeren Kohl, den Doktor Paul Warnefried Kohl gemacht wie hier Wort und Bild. Er ging wahrlich von dieser Zusammenkunft mit einer Sachverständigen nicht ruhig und nachdenklich, nicht überlegend nach Hause, das heißt nach der Hanebuttenstraße heim. Er lief hin und nahm durchaus nicht die gehörige Rücksicht darauf, daß ein Kranker im Hause liege. »O Röschen, mein Herz, mein liebes Kind,« flüsterte er, »welche Es– welche Nar– welche Thoren sind wir doch gewesen, daß wir Zwei nicht schon von Kindsbeinen an uns nur um uns Beide gekümmert haben. Was weiß die Welt davon, wenn Zwei zu einander gehören?« Aber Fräulein Rosine Müller legte angsthaft, beschwichtigend, warnend den Finger auf den Mund. »Pst! um Gottes willen, leise, Warnefried! Jetzt schläft er wieder; aber er ist völlig wach gewesen! Er hat mit mir gesprochen! Ganz vernünftig, ganz verständig.« »Wahrhaftig?« »Ja! aber auch ganz in seiner Art.« »Das ist ja der beste Trost. Na, was hat er denn gesagt?« »Gefragt hat er: Sieh, bist Du einmal allein bei mir, Kind? Wo steckt denn der – der – dumme Junge? Dein – Doktor der Weltweisheit?« »Dann muß er wirklich auffällig längere Zeit ganz heimtückischer, ganz verstohlener Weise bei vollem Bewußtsein gewesen sein!« »Du – Du – nimmst das mir doch wohl nicht übel, Herzens-Warnefried?« »Dir?« fragte Kohl mit ausgeprägtester Verwunderung. »Was kannst denn Du dafür, daß ihn sein Zufall nicht milder und menschlicher und, kurz und gut, nicht höflicher gemacht hat? Na, laß ihn aber mir nur erst wieder ganz erwachen: Der wird sich über meine Umkehr des Rauhen nach innen und des Weichen nach außen wundern! Meinst Du nicht, mein Herz, mein Kind, mein Engel, kurz und gut mein braves, liebes altes Mädchen, daß der alte Sünder und Affenvater einen ganz anderen Menschen in mir wiederfinden wird?« »Ach ja! jawohl! Aber – nein, nein! um Gottes willen, ganz gewiß nicht; das wäre zu schlimm! Du wärest mir heute wirklich nicht Der, welcher Du immer gewesen bist, wenn Du so auf einmal so ein ganz Anderer geworden wärest!« »Das Gegentheil hat mir eben noch Frau Doktor Rodenstock als höchstes Lob angerechnet,« lächelte Paul Warnefried, und was hierauf in den nächsten Minuten noch Weiteres und Näheres am Krankenlager des Herrn Thierarztes außer Dienst Schnarrwergk erfolgt ist, das ist uns in der Abenddämmerung verloren gegangen. Es war nämlich sehr Abenddämmerung geworden, und das barmherzige Pärlein am Schmerzensbett hatte, wie die österreichischen Brüder und Schwestern deutscher Zunge in solchen Fällen sagen: gänzlich darauf vergessen, die Lampe anzuzünden. Auch nach dem Ofen hatten sie nicht gesehen, trotzdem, daß jetzt, wie schon berichtet worden ist, es draußen, und nicht nur draußen, bitter kalt war und der Schnee hoch lag und unter den Füßen und Hufen knirschte und die Räder zum Kreischen und Quieken brachte. Mit einem Mal schauderte Fräulein Rosine Müller zusammen, und der Lokalreporter sah nach dem Ofen; aber wer war's, der wiederum gesprochen hatte, der Lar, der Pithekus, oder der alte Schnarrwergk? »Wünschen Sie etwas, Herr Nachbar?« fragte Rosinchen ängstlich, bänglich, schüchtern; fuhr aber im beinahe nächtlichen Halbdunkel erst zurück und dann näher: »O Gott, er sitzt ja! Warnefried! Nachbar! O sieh doch nur her und greif mit zu, Warnefried, er sitzt ja aufrecht! O lieber Nachbar, was sagten Sie eben? Waren Sie es wirklich, der eben wieder zu uns gesprochen hat?« »Ich war es,« meinte der alte Schnarrwergk. »Ich habe euch wohl noch nicht lange genug dagelegen und bloß zugehört?« fragte er, und wenn Beides etwas langsam, verquer, gestottert herauskam, so war's damit doch längst nicht so arg, wie der Doktor, der medizinische Doktor, es vorausgesagt, und der Doktor Kohl und die junge Nachbarin es sich vorgestellt hatten. Sie hatten Beide die Arme unter seinem Kopfkissen und hielten ihn so besser und bequemer aufrecht. Schön anzusehen war er nicht bei diesem winterlichen Lampenschimmer. Hübscher hatte ihn dieser erste Kirchhofswink, nicht mit dem Senseneisen, sondern mit dem Sensengriff und Gestell, nicht gemacht; und wie er von der Einen zu dem Anderen stierte, mußte Kohl trotz seiner Aufregung unwillkürlich denken: »Selbst dem schönen Bogislaus müßte sich sein Photographieapparat im Innersten umwenden!« Aber Kreisthierarzt außer Dienst Schnarrwergk war, was eben doch die Hauptsache ist, wieder völlig bei Bewußtsein: »So.« . . . Wir könnten ein halb Dutzend Frage- und Ausrufungszeichen hinter das kleine Wort setzen und träfen schließlich doch nicht die richtige Betonung und volle Bedeutung desselben. »O, ich bin so glücklich! o bitte, womit können wir Ihnen noch helfen?« schluchzte Rosinchen Müller. »Krrrrrrrr.« »Kann ich Ihnen mit irgend etwas dienen, Herr Pathe, lieber Herr Schnarrwergk?« fragte Paul Warnefried Kohl, schmelzend, kindlich-zuthunlich, ohne sich dabei irgend welche Mühe geben zu müssen. Und er zog auch seine Hand nicht unter dem Kopfkissen des kranken Greises weg und packte ihn mit beiden Fäusten mit alter Zartfühligkeit an beiden Schultern, um ihn wie einen Sack zu schütteln und mit einem Ruck platt niederzulegen, als der Greis »mit gewohnter Forsche auf der Mensur« ihn ersuchte: »Sachte, Grobian!« Ein wenig schwindelig schien's ihm aber doch noch zu sein; doch sie gönnten ihm alle Zeit, sich allgemach umzusehen und das Auge hierhin und dorthin in seinem Zimmer zu werfen. Jetzt haftete es auf dem Pithekus, und er, Fräulein Rosinens erster und wirklicher Nachbar, murmelte: »Auch der noch! der Lar! So sind wir ja noch Alle beisammen. Hm, hm, hm; also ihr seid es? Du bist es, Kind, Nachbarin, mein gutes Kind? Aber – wo – kommst denn Du her? wo kommt der Junge her? Ja so – die Gesellschaft habe ich mir ja wohl zusammenträumen sollen! Hm, war wohl 'ne geraume Zeit im Traum abwesend, Du? und Du? ja, wie heißt ihr doch Beide?« »Mein Name ist Kohl,« murmelte Paul Warnefried unwillkürlich; aber der Alte hörte darauf nicht im Mindesten. Er hatte seinen zitternden Arm um die junge Nachbarin gelegt, um sich noch besser an ihr aufrecht zu erhalten, und weinerlich murmelte auch er: »Weine nicht, Kind, wenn ich auch Deinen Namen nicht weiß. Ich, ich, ich kenne Dich ganz gut. Die Zunge, die Zunge – bloß auf der Zunge habe ich Dich noch nicht. Ro–Ro–Rosine Meier –« »Müller!« ächzte Kohl. »Müller,« stammelte der alte Schnarrwergk. »Ich danke, Doktor Kohl. Siehst Du, seht ihr! da habe ich den – das schon bei mir ohne Beihilfe! Gieb mir Deine Hand, Kind, liebes Mädchen. Hast Deine Sache gut gemacht, hast Dich des alten Nachbars angenommen, als ob er es um Dich verdient hätte. Hättest ihn ruhig liegen lassen sollen – können. Und Der da – der – der – unser Doktor –, Röschen, Rosinchen, unser Doktor der Philosophie – wie heißt er doch gleich? Zum Henker, die Namen, die Namen!« »Kohl! Paul Warnefried Kohl!« half Doktor Kohl, ohne etwas dafür und dagegen zu können, nochmals ein. »Richtig!« seufzte der alte Schnarrwergk. »Legt mich hin, Kinder, gute Kinder, liebe Kinder. Nur einen Augenblick. Ich besinne mich schon. Mein bester Freund, der alte Kohl –« »Er kommt der Sache wirklich immer näher,« flüsterte der junge Kohl trotz all seiner Aufregung der jungen Nachbarin des alten Schnarrwergks zu. Augenblicklich aber ist er wieder fertig. Wir wollen ihn nach Wunsch leise hinlegen und ihn ruhig weiter in das Bewußtsein seiner und unserer Lage hineinschlummern lassen. Meinst Du nicht, Röschen?« »O Gott, ja! Was können wir denn Anderes thun?« . . . Noch mehr, als sie bis jetzt schon gethan hatten. konnten sie freilich nicht thun. Sie saßen Hand in Hand im dämmerigen Lichte der wunderlichen Krankenstube. Von den Dächern draußen leuchtete der Schnee matt herüber, und in der Hanebuttenstraße war noch viel Bewegung. Es kam dem jungen Volk am Bett des alten Schnarrwergks immer mehr zu Sinnen und Gedanken, wie es – wie sie an diesem nachdenklichsten Tage des ganzen Jahres in so manchem anderen Jahre gesessen hatten: das junge Mädchen stets in seiner verlassenen Waisenschaft, der junge Mann in oft beinahe zu munterer Gesellschaft. Und sie wußten es, aller Bänglichkeit der sonstigen Umstände zum Trotz, bis in die tiefe Seele hinein, daß Jeder für sich nie so hoffnungsreich behaglich gesessen hatte wie an diesem Abend. »Und daß man sagen muß, Der da ist es gewesen, der uns endlich zusammengebracht und zu Kindern eines Hauses gemacht hat!« flüsterte Warnefried Kohl, seinen Arm fester um sein Mägdelein legend und mit der Schulter nicht nach dem Pathen Schnarrwergk, sondern nach dem Lar hinwinkend. »Der?« flüsterte Röschen zurück. »Natürlich der allein. Erinnerst Du Dich nicht, wie vor fünf Jahren, so um Ostern, Der da ihn mir zur Obhut anvertraut hatte bei eurem Einzuge, und wie ich ihn wie meinen Augapfel behütet habe vor Schaden? Guck, wie die Bestie grinst, als ob sie einzig dazu ausgestopft worden sei, dermaleinst auch unser Hausgott zu werden.« »Gott behüte!« murmelte Rosine Müller. »Aber Du hast Recht – o Gott, wenn das meine Mutter sehen könnte!« »Und erst meine Mutter, die es nicht einmal leiden wollte, daß Du Du zu mir sagtest.« »Ich? Nun das wäre doch zuerst auch Deine Sache gewesen!« »Du! Du! Du!« flüsterte der junge Kohl, und wenn der alte Schnarrwergk wieder bei Gehör war, so konnte er wiederum noch andere Laute vernehmen, die sich unserer Berichterstattung schüchtern und lieblich-schämig entziehen, und von denen unser Lokalberichterstatter in seinem Blatte auch niemals dem Publikum genauere Auskunft gegeben hat, um irgend eine Nummer des besagten Blattes interessanter zu machen und die Abonnenten beisammen zu halten. »Die Namen! die Namen!« knarrte es vom Bette her. »Ich habe sie vor mir, die alte Nachtmütze und die Kratzbürste; aber – die Namen, die Namen! Da hatten sie meinen – meinen Jungen in die Welt gesetzt. Er sollte der Trost ihres Alters werden. Ein schöner Trost! ein sauberer Flegel! Mein Junge! . . . Habe meine Freude doch an ihm gehabt! habe auch das Meinige zu seiner Erziehung beigetragen – tragen – nicht wahr, Nachbarin, Sie – Fräulein – Rosinchen – Röschen – gutes Kind?! Aber die Namen, die Namen! die Namen fehlen!« »Kohl! der alte Kohl, Herr Doktor von Pithekus' Gnaden!« rief, trotz aller Weichheit gegenwärtiger Stunde, der junge Kohl, als ob er doch nicht umhin könne, dem geschlagenen Greise einen dummen Jungen aufzubrummen. » De mortuis nil nisi bene , Herr Thierarzt Schnarrwergk. Sprich Du zu ihm, Röschen! Sag ihm, wie nahe er daran war, sich zu wünschen, daß von dem Wort auch hinter ihm drein ausgiebigster Gebrauch gemacht werde.« »O, was soll ich ihm sagen? ich verstehe ja kein Latein, Warnefried.« »Ja so! Er sprach mittelmäßig von meinen – unseren Eltern, Herz! Das Latein wollte auf deutsch bedeuten: Ueber die Todten nur schöne Redensarten.« »O, Nachbar!« rief Röschen, von Neuem den alten Mann umfassend und unterstützend; denn er saß wieder aufrecht und sah von dem Einen auf die Andere und murmelte Unverständliches und murmelte deutlicher: »Ihr, Ihr?« und fragte: »Wie kommt denn Ihr hierher und so zusammen, und seit wie lange sitzt Ihr hier so da? Wo sind wir? Welch ein Datum haben wir?« »Sylvester, Herr Doktor!« rief Kohl junior, nach seiner Taschenuhr sehend. »In – in zwei Stunden und fünfunddreißig Minuten brechen wir noch einmal vergnügt ein neues Jahr an. Mein Name ist Kohl, Herr Pathe. Meine Braut, Fräulein Rosine Müller. Es bleibt Alles in der Nachbarschaft, Herr Pathe Schnarrwergk.« »Es war die Glückshand, die Sie mir zu Pfingsten vor einem Jahr auf der Wiese im Regen ausgruben, lieber, lieber Nachbar, Herr Pathe. Ihre und der Frau Erbsen Glückshand hat uns dazu verholfen, Ihnen in der Noth beispringen und uns – uns – Warnefried und mir zu – zu –« »Zu einander zu helfen!« murmelte der Thierarzt außer Dienst Schnarrwergk. »Das ist das Einzige, was mir augenblicklich vollkommen klar ist.« »Ach, und Sie haben nichts dagegen?« rief Röschen Müller. Des Alten Auge schweifte von dem jungen Paar zu dem Pithekus hin, und Rosine fing diesen Blick und schluchzte: »O nein, nein, nein! Da hat auch Warnefried Unrecht! Der ist's nicht gewesen, welcher uns zusammengebracht hat. Der hat nur dumm zugesehen und es nur mit angehört, welch ein guter, lieber Mensch Ihr Herr Pathenkind, mein – mein lieber, guter Warnefried immer gewesen ist; aber wir haben es schon mit einander ausgemacht: ich nenne ihn später einfach Paul; denn das Andere ist uns Beiden viel zu lang und gelehrt und aus der Völkerwanderung.« »Mein Name ist einfach Kohl, Herr Pathe Schnarrwergk,« grinste Paul Warnefried Kohl, »und ich habe sie gar nicht um ihre Erlaubniß gefragt; seit acht Tagen schon nenne ich sie Röschen und habe den Barbier von Sevilla und die Donna Rosina gründlich an den Haken gehängt.« In diesem Augenblick pochte es an der Thür. Es war nicht der Freund Blech, der schöne Bogislaus, der Leichenphotograph, der pochte; es war die Frau Erbsen vom Altstädterring. »Nun, wie steht es, junge Herrschaften? Ich möchte im alten Jahre doch noch einmal nachsehen – ach herrje, i du meine Güte, da sitzt Er ja! ganz munter und natürlich. Wie ich es vorausgesagt habe. Und mit einem Unschuldslächeln ganz wie Der da aus seiner gelehrten Wissenschaft und Heilkunde – wie sein Hausgötze, mit Respekt zu sagen, Herr Doktor Schnarrwergk, wie Ihr Herr Affe, Herr Doktor. Na, und Sie sitzen mit den Glückshänden fest ineinander, junge Herrschaften; und der Herr Doktor hat auch allbereits seinen Segen dazu gegeben und später mal nichts dagegen, daß die Kinder ihrerseits auch ihren Spaß mit seinem Affen haben werden. Ja, ja, es macht noch immer Einer dem Anderen nach in der Welt und fürs Erste wird's damit im Leben und im Sterben noch nicht zu Ende sein. Nur nicht immer gleich das Ende sich vorstellen. Wissen Sie wohl noch, Fräulein, heute vor acht Tagen beim heiligen Christ in der Weihnachtsstube unter Ihrem Tannenbäumchen, wo Sie das Ende von Einem von uns ganz dicht bei sich zu sehen glaubten, weil Sie seinen Kopf ohne vorhandene Besinnung wie ich im Schooße halten mußten? Nu denn, vor allen Dingen ein recht vergnügtes neues Jahr, Herr Doktor, Herr Doktor Schnarrwergk. Und natürlich Ihrer lieben Braut und Ihnen dasselbige, Herr Doktor Kohl. Sie haben meine Glückshand auch bloß aus Ihrer Naturgeschichte und Pflanzenkunde und Botanik erklären wollen, Herr Schnarrwergk; aber das Fräulein hier hat ihre Ihnen auf meinen Rath doch unter das Kopfkissen gelegt, Herr Schnarrwergk. Sehen Sie wohl, jetzt haben wir an uns Allen hier die Wirksamkeit davon! Habe ich nicht Recht, Herr Doktor Kohl? sich immer nur an die nächste liebe Menschheit halten und sich von ihr die Glückshand unters Kopfkissen schieben lassen! Wenigstens für uns armes Volk auf Erden bleibt das immer die Hauptsache. Wie sollte man es auch ausfechten, wenn wir auf dem Altstädterring nicht fest hieran hielten?« * * * Nun schlägt es in die Geschichte zwölf hinein; ein neues Jahr beginnt, aber die alte Geschichte bleibt es doch. Sterben muß der alte Schnarrwergk; aber das braucht doch nicht gleich zu sein. Man wird ihm leider nicht den Lar zum ewigen Gedächtniß aus das Grab setzen können; denn in den werden die Motten kommen trotz aller Gegenmittel. Glücklicher Weise wird aber in einer anderen Weise dafür gesorgt werden, daß das Andenken Franz de Paula Schnarrwergks nicht so bald aus der Welt verschwinde. Frau Doktorin Kohl geborene Müller wird noch oft drohen: »Du, Du! wenn Du nicht gleich artig bist, kommt dem guten Onkel Schnarrwergk sein böser Affe vom Schrank herunter.« Nämlich zu der Zeit wird der Pithekus nicht mehr als Lar im Zimmer, sondern als Kuriosität draußen auf dem Vorplatz auf dem Schranke stehen, und es wird selten Einer in der Familie sich noch daran erinnern, daß der Herr Pathe ihm dereinst beim Ausstopfen Menschenaugen in den Kopf gesetzt hat. Die Motten werden sich zu sehr von ihm aus in das beste Sopha gezogen haben und: »Du drückst sie mir nicht todt, wenn Du auch noch so lang und dick und so lange darauf liegst, Paul Warnefriedchen,« wird die Frau Doktorin dann aus der Erfahrung a posteriori her behauptet haben. Von dem besagten Sopha aus wird dann aber Paul Warnefried Kohl gesprochen haben: »Altes Mädchen, Du erinnerst mich gerade zu rechter Zeit. Ich werde morgen mit dem Todtengräber reden, daß Du mit den Kindern zu Allerseelen draußen Alles anständig und in Ordnung findest.« . . . Aber, wie gesagt: so weit ist's noch lange nicht. Einige Jahre hat es wenigstens damit noch Zeit. Im Vorwort (wenn ein Leser sich noch daran erinnert), im Vorwort dieser ganz alltäglichen, aber deshalb auch ganz wahren Laren- und Penaten-Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte wird ja erst zum ersten Mal getauft, und dabei hat der Pathe Schnarrwergk noch einmal Gevatter gestanden und diesmal mit mehr Vergnügen. Und der Junge heißt nach ihm diesmal Franz: »Franz heißt die Canaille,« hat der glückliche Vater citirt. Wenn aber einer der anderen anwesenden Taufgäste, Herr Bogislaus Blech zum Beispiel, behauptet, die Puppe, der Junge hieße nicht allein nach ihm, sondern er sei auch ihm wie aus dem Gesichte geschnitten, so ist das nur einer seiner gewöhnlichen oberflächlichen Beiträge zur Auffrischung der Unterhaltung. Er, der schöne Bogislaus, könnte ebensogut behaupten, er sei dem Lar wie aus dem Gesichte geschnitten. Zwölf Glockenschläge; Mitternacht in der Neujahrsnacht! Aber wir brauchen darum nicht feierlich zu werden; wenigstens nicht feierlicher, als wir es schon längst sind. Die Mitternachtsstunde findet trotz alles Lärms, der heute um sie her in der Stadt, und nicht bloß in der Stadt, sondern soweit die christkatholische Zeitrechnung Boden gefunden hat, stattfindet, den alten Schnarrwergk im tiefen heilkräftigen Schlaf und seine Nachbarin im unruhigen, ängstlich-glückseligen Schlummer und die Frau Erbsen vom Altstädterring neben dem Bett des alten Schnarrwergks in Gesellschaft mit ihm schnarchend. Wen sie aber nicht im tiefen Schlaf findet, das ist Dr.  Paul Warnefried Kohl, von dem man »solches wahrhaftig auch nicht verlangen kann«. Er ist nicht mit seiner Braut am Bett des Pathen Schnarrwergk vom Tisch in das neue Jahr hineingesprungen. Für diesen sonst ganz zeitgemäßen Spaß liegt ihm diesmal doch Mancherlei allzu schwer auf der Seele. Nachdem er unter den sonderbar forschenden Augen des Pathen, sowie unter dem Lächeln des Laren mit den innigsten Wünschen für sich und sämmtliche Anwesende zum neuen Jahr Abschied genommen hat, hat er das innigste Bedürfniß gefühlt, doch noch ein wenig frische Luft zu schöpfen und dabei Allerlei in möglichst genaue Privatbetrachtung zu ziehen. Es ist so. Bis jetzt hat er Alles, was ihm in der letzten Zeit begegnet ist, im letzten Grunde doch nur für eine Veranstaltung des Schicksals zu seinem Behagen, zu seinem Vergnügen, zu seinem wohlverdienten Glück genommen: in dieser Nacht ist ihm zum ersten Mal vollkommen das Verständniß aufgegangen, daß es sich damit auch vielleicht etwas anders verhalten könne. Es ist eine bitterkalte, sternklare Nacht; aber wie er jetzt straßenauf, straßenab wandert, hebt er doch häufig den Hut von der heißen Stirn und fährt sich wühlend durch den Haarbusch. Es ist sehr lebendig um ihn her, heiter aufgeregt, streitfertig, harmlos vergnügt bis zur zärtlichen Umhalsung und giftig-roh, obscön unverschämt bis zum Faustschlag und Fußtritt – Alles. wie es die Nacht mit sich bringt. Wie oft hat diese Nacht auch den Doktor Paul Warnefried Kohl mit sich gebracht in seiner ganzen germanischen Glorie; aber diesmal hat sie sich ohne ihn zu behelfen, und er geht durch sie hindurch und hat gar nichts mit ihr zu schaffen, soweit es ihren Lärm und ihre Leichtherzigkeit anbetrifft. Einige Male könnte er sogar in seinem gegenwärtigen Berufe wirken; denn es finden in Gassen und auf Plätzen Scenen statt, die der Abonnent gern heiter geschildert sich unter der Rubrik »Lokales« vorführen läßt, wenn die Helden derselben im städtischen Krankenhause, in Privatpflege oder im Polizeigewahrsam die kurze Lust des Augenblicks durch lange Pein abbüßen. Kohl läßt seine Brieftasche stecken. An keinen Nachtwächter, an keinen Schutzmann wendet er sich mit der Frage, was es hier für ihn gäbe. Er hat in dieser Neujahrsnacht sein Auge nur für sich selber, er ist einzig mit sich selber beschäftigt und, beim Lar des Kreisthierarztes Schnarrwergk, – er hat da seine genügende Beschäftigung, seine Beschäftigung vollauf! Sie könnten ihm selbst tausendmal den Hut eintreiben, die vergnügten oder boshaften Schwärmer der Neujahrsnacht: er würde es stets nur als eine freundschaftliche Ermahnung auffassen, ja noch fester, noch inniger, noch herzlicher bei der Sache zu bleiben und über sich nachzudenken. Er ist bei der Sache; gottlob ganz, innig, herzlich, fest bei der Sache. »Wenn ich es nicht so genau wüßte, wie es gekommen ist,« murmelt er, »wenn es mich nicht von jedem Stern da oben anlachte, so – so möchte ich jeden Narren, der mir von jetzt bis Sonnenaufgang begegnen wird, fragen, wie es sich eigentlich gemacht hat! Mein Mädchen, mein Herz, mein braves, verständiges, gutes Mädchen! Es drückt Einem ja natürlich wie ein Berg aufs Zwerchfell – diese Idee, demnächst eine Frau zu haben; aber – gemütlich ist's doch. Nun aber ernsthaft, alter melancholischer Hanswurst, alter umgewendeter Adam. Zum neuen Kohl eine neue Wurst, das ist jetzt das Motto. Sie hat mich und ich habe sie, wir haben uns, und das ist fürs Erste die Hauptsache. Alles Uebrige wird sich finden. Ja, sie soll es gut bei mir haben; ich werde ihr zu Liebe und dem grauen Schlaumeier, dem Pathen, in die Zähne, der Welt zeigen, was der Mensch kann, wenn er will, selbst wenn er mit dem sauberen Namen Kohl auf die Erde und zu seinem Handwerk gelangt ist. Mit dem Laufen nach den dummen Tagesneuigkeiten hat es selbstverständlich itzo sein Ende. Beim alten Schnarrwergk und seinem Lar, aufwärmen werde ich mich jetzo derartig. daß Freund Rodenstock der Erste sein soll, der sprechen wird: Delikat. Da wird mir Niemand mehr Huth und Weide zu kündigen brauchen.« Jetzt reißt er ganz mechanisch dennoch seine Brieftasche heraus; wahrscheinlich um seine guten Vorsätze sich vorsichtiger Weise doch lieber zu besserer Erinnerung zu Papier zu bringen. Aber er schiebt sie wiederum noch lieber und zwar fast wie wüthend in die Brusttasche zurück: »Nein, wir behalten's schon so, und werden den verunglückten Schneidergesellen auf der Terrasse von Helsingör diesmal nicht agiren.« In diesem Augenblick bekommt er einen Schlag auf die Schulter, der gleichfalls nicht von dem Geiste seines Vaters ausgehen konnte. Die Gaslaternen hatte eine sorgliche Polizei in dieser Nacht vorsichtiger Weise so hell als möglich zum Leuchten gebracht. Man kann in so einer zu ernstesten Betrachtungen auffordernden Neujahrsnacht von Polizei wegen gar nicht vorsorglich genug sein. Wüthend, mit weit ausholender Faust herumfahrend, steht er, Paul Warnefried Kohl, im hellsten Licht der Sterne und der Laternen Nase gegen Nase mit dem vertraulich derben Schäker der Stunde und schlägt – ihm die Nase nicht ein. Es ist keine Täuschung möglich. Sein Freund, sein – einstmals bester Freund Bogislaus Blech, der schöne Bogislaus, hat eben hinter ihm gestanden und steht jetzt vor ihm mit seinem gewohntesten, gelassensten, selbstbewußt-laienhaftesten Lächeln und sagt mit mehr als gewohnter Tonlosigkeit: »Also ein recht behagliches neues Jahr, liebe Puppe; und – zu Deiner Beruhigung die feste Versicherung, die Gewißheit oder wie Du willst, daß der Schwiegerpa–pa–pathe, der alte Halunke Schnarrwergk, der Lar, der Pithekus, der Orang-Utang und sonstige Waldmensch Geld hat: überseeische Besitzungen, liegende Gründe in seinen Palmenwäldern von Borneo, sechs einträgliche Mietshäuser in Pavianopolis – was weiß ich! Ich habe mit unermeßlichem Vergnügen soeben Deiner Unterhaltung mit Dir selber gelauscht und hielt es jetzt für die höchste Zeit, das Meinige dazu zu thun, um Mißverständnisse zwischen Dir und Deinem besseren Bewußtsein zu verhindern.« »So! Du bist es, Blech? Nun, offen gestanden, dann weiß ich meinestheils nicht –« »Ob Du mir den Hals umdrehen oder mich von Neuem an Dein Herz nehmen willst. Wie hieß doch der nicht unverständige Griechenländer, der in einem ähnlichen Falle das klassische Wort sprach: ›Haue mich, aber höre mich?‹« »Gewissenlose, abgeschmackte, lächerliche, öde Bestie!« »Nun höre ihn Einer! Bin ich Dir etwa seit Aeonen im Geist so vorsichtig aus dem Wege gegangen, um in dieser geweihten Stunde dergleichen aus Deinem Munde zu vernehmen? Wenn ich Dich lieb behalte, obgleich mich Dein Mädchen nicht gewollt hat, was regt Dich das so sehr auf? Willst Du mir hier auf der Stelle Vernunft annehmen oder sollen wir dazu hier in jene Kneipe fallen, oder willst Du mit mir deswegen auf meine Bude steigen – Hanebuttenstraße, gegenüber –« »Blech!« »Rufest Du mich da bei dem Namen meines Vaters oder dem Quantum Erdenwitz, so mir meine selige Mutter mitgegeben hat? Aber es ist einerlei. Spaß bei Seite; ich bin Dir in der That in dieser Nacht bis unter diesen Laternenpfahl nachgeschlichen, um in dieser ersten Stunde des neuen Jahres endlich einmal ein ruhiges Wort mit Dir zu reden, Kohl.« In halber Verzweiflung griff sich der Andere nach beiden Ohren, um sodann zu ächzen: »So komm. Ich bin auf dem Wege zu Bette. Mach es wenigstens möglich, Dich zum ersten Mal in Deinem Leben bei Deinem frivolen Blödsinn kurz zu fassen.« Bogislaus schob seinem Warnefried den Arm in den Arm, und es war nicht anders, durch mehrere Gassen mußte er ihn an sich hängen lassen – Kohl seinen Blech, und es stellte sich von Straßenecke zu Straßenecke mehr heraus, daß der schöne Freund le vin tendre in seiner Weise in einem Maße hatte, das ihn, wenn nicht liebenswürdiger, so doch auch über das gewöhnliche Maß seiner Concettis hinaus zu einem recht unterhaltenden Begleiter machte. »Ist denn Lieben ein Verbrechen? soll kein Leichen- und Corps-de-Ballet-Photograph auch in dieser Hinsicht glücklich werden können? Und ist es nicht nur ein liebes, sondern auch ein gutes, ein wackeres Mädchen, Kohl? Du mußt das allmählich ja auch in Erfahrung gebracht haben, liebe Puppe, und – ohne beleidigen zu wollen, unermeßlicher Esel. Wie lange hätte ich an Deiner Stelle dieses gewußt und längst zugegriffen! Konnte ich ahnen, daß Du Ansprüche erhobest, wo ich nach längerem Verkehr über die Hanebuttenstraße hinweg zu der Gewißheit gekommen war, daß dort auch für meine zartesten Bedürfnisse etwas zu holen sei? Und nun noch gar dumm, eifersüchtig, unüberlegend-grob gegen den ältesten, den besten, den theilnehmendsten Freund Deiner Lehr- und Wanderjahre! Da hört doch Alles auf! So laß doch das Schütteln, oder ich lehne Dich an die nächste Hauswand, rufe nach der allernächsten Sanitätswache und bringe Dich unter Dein eigenes Lokales. So überlege doch, Menschenkind, und benutze Deine Ueberlegungen nicht nur in dem eben beginnenden Jahr, sondern in manchem anderen. Bin ich denn nicht in Deinem Interesse abgeblitzt und mit jungfräulich-entrüstetem Elan vor die Thür gesetzt worden? Habe ich mich nicht in Deinem Interesse auf den Altar meiner Gefühle gelegt und glücklich – für Dich – ausfindig gemacht, daß der graue Grobian, der alte Schnarrwergk, ein Mann von Mitteln ist und seinen Lar, seinen Pithekus nicht bloß mit Heu und Stroh, sondern auch mit den ergiebigsten, sichersten Wertpapieren gefüllt, auf seinem Hausaltar stehen hat?« »Jetzt höre auf, Blech; oder ich mache ein Ende und bitte Dich –« »Dir einen Storch zu braten. Nein, das wirst Du nicht thun; aber wenn der gemüthliche Haus- und Familienvogel gekommen sein wird, wirst Du mich und, höre genau, wirst Du auch den alten braven Vater Schnarrwergk zu Gevatter bitten. Du kannst wahrhaftig nichts Vernünftigeres thun. Uebrigens also, Du wünschest wirklich, daß ich mich ein wenig kürzer fasse?« »Ja. Du würdest mich dadurch wenigstens noch einmal vor unserem letzten Abschied verpflichten« »Wieder eine ganz reizende Wendung, eine noch niemals sonst dagewesene Redensart. Aber – gut; ich habe mich als verunglückter Heirathskandidat auf der Treppe in der Hanebuttenstraße Numero dreiundsoundsoviel kurz gefaßt; ich werde es auch jetzt noch einmal können. Ja! ich habe dem lieben Kinde – Deinem lieben Kinde, der kleinen Müllerin mich, die Welt und den lächerlichen Bruchtheil von uns, die Sterne am Himmel zu Füßen gelegt, weil ich wirklich der festen Ueberzeugung war, daß das Herzchen für mich passe, und ich bin Deinetwegen abgeblitzt. Deinetwegen, wie es sich jetzt herausgestellt hat, habe ich kein Mittel unversucht gelassen, um herauszubringen, was eigentlich hinter dem alten Schnarrwergk und seinem Lar sei. Kohl, es ist zu dumm, aber es ist eine Wahrheit, daß es mich glücklich macht, die Verhältnisse meinen Fenstern gegenüber in praktischer Hinsicht doch genauer kennen gelernt zu haben als wie Du. Lieber, alter Freund, süße Puppe, er – er vermacht ihr – seiner lieben, jungen und wahrhaftig herzigen Puppe nicht bloß seinen Pithekus, seinen Lar, daß sie sich einen Muff aus seinem Fell machen lasse; sondern er hat das Zeug dazu, dafür zu sorgen, daß sie – daß Du – daß ihr in einer augenblicklich unabsehbaren Reihe von Winterlebens- oder Lebenswinter-Nächten warm sitzen könnt. So komm an mein Herz, Knabe, und nimm es mir nicht übel, daß Du mir längst im Wege standest, als ich Dir in den Weg lief. In dieser feierlichen, aber kalten, in dieser sternglitzernden, schneeknisternden Nacht habe ich mich einzig und allein Deinetwegen in den Gassen umgetrieben, um Dich irgendwie und irgendwo abzufangen und es Dir zu sagen, wie es mich freut, daß Du bei Deinem letzten Vorgehen im öden Dasein nicht allein meine Meinung, sondern auch meinen Geschmack getroffen hast. Sprich noch ein Wort, und ich klettere hier als unausgestopfter Pithekus auf den Laternenpfahl und versichere Dich noch mehr von oben, aber immer brüderlichst, Kohl, wie lieb ich Dich habe und behalte!« »Wenn ich nur wüßte –« »Was wünschest Du noch mehr zu wissen? Ja, ihr paßt zu einander, Du und Dein Mädchen; aber ich passe auch zu euch. Daß ich mich heute schon ausstopfen lasse, um gläsern, wie des alten Schnarrwergks Lar, eurem jungen Glück zuzusehen, wirst Du nicht verlangen. Später mag ja auch das einmal geschehen; aber für jetzt nimmst Du mich als Hausfreund an und behältst mich bei euch! Ich helfe euch, eure Kinder zu erziehen – aus den lieben Kleinen wird sicherlich nichts, wenn ich nicht zu Rathe gezogen werde. Die ganze Familie Kohl, den alten Schnarrwergk und den Pithekus eingeschlossen, nehme ich gratis photographisch auf mich. Habt ihr etwas in der Stadt zu besorgen, ich besorge es. Bist Du nicht zu Hause, mache ich Dein armes Weib glücklich durch Dein Lob, so ich hinter Deinem Rücken ihr singen werde. Bist Du zu Hause, so ziehe ich sämmtliche Register meiner Scherzhaftigkeit, damit Du ihr nicht langweilig werdest. Sollst mal sehen, Kohl, ich amüsire sie trotz Deiner Gegenwart, oder mein Name ist nicht Blech! Brauchst Du einen Sündenbock, um Dich vor dem unglücklichen Weibe zu reinigen, so opfere mich dreist. Ich gestatte Dir, mein Kohl, feierlichst hiedurch, bei vorkommenden Gelegenheiten jedesmal – jedesmal zu sagen: Da sitzt mein Blech, Kind; halte Dich an den mit Deinen Vorwürfen; aber wiederhole Dir auch, daß Du ja die Wahl gehabt hast zwischen ihm und mir. Ich –« »Ich, ich – zum Donnerwetter, ja! ich verpflichte Dich feierlichst hiermit, unausgestopft und voll Stroh, als meinen Lar – unseren Lar. Meine Frau wird vollständig damit einverstanden sein, lieber Bogislaus. Zur Hochzeit bist Du hierdurch selbstverständlich freundlichst geladen und sollst nach dem Pathen Schnarrwergk als Zweiter das Wort haben und zur Sache reden dürfen!« »Soll ich? darf ich? Na, endlich nimmt der Mensch doch wieder Vernunft an! Liebe Puppe, lieber alter Freund, siehst Du, dafür verspreche ich Dir auch, sie nicht noch genauer darauf aufmerksam zu machen, daß Du sie nur deshalb gekriegt hast, weil sie zu einem vollen Verständniß von uns Beiden – in diesem Falle natürlich von mir speziell – noch nicht vorgedrungen war.« »Gute Nacht, Blech.« »Suche wohl zu schlafen, Kohl. – – Verlaß Dich fest darauf; ich komme als Brautführer. Unser Lebensverhältniß kann nimmer durch dergleichen flüchtig-heitere Zwischenfälle gestört werden.« »Wir rechnen fest auf Dich im Leben und im Tode; bei Tisch und auf der Kommode. Du hast mich vollkommen überzeugt; auch wir können den Lar nicht entbehren im jungen Haushalt. Alter Pithecus Satyrus , verlaß Dich darauf, Du sollst Dein Wort haben bei der Erziehung unserer Kleinen. Nochmals gute Nacht, Blech.« »Guten Morgen, Herr Doktor Schnarrwergk!« . . . »O Gott, guten Morgen und ein fröhliches neues Jahr, Nach–, lieber Herr Nachbar!« . . . »Guten Morgen, Schnarrwergk!« . . . »Prosit Neujahr, Herr Pathe Schnarrwergk!« . . . »Herr Doktor, ein schönes Kumplement von ganz Lollenfinken, und wenn ich Sie noch am Leben träfe, sollte ich den Korb abgeben, wenn ich Sie aber nicht mehr im neuen Jahr fände, so sollte es uns Allen im Dorfe recht herzlich leid thun, und ich sollte den Schinken, die Würste und das Uebrige wieder mit nach Hause tragen – es wäre zu schade um Sie!« . . . Die Sonne des Neujahrstages schien auch aus Numero dreiunddreißig der Hanebuttenstraße und leuchtete auch Ihm mit dem ewigen Wohlwollen wenigstens diesmal noch. Er saß ohne Hülfe aufrecht, während er seine Mehlsuppe löffelte und zwischen je zwei Löffeln den Blick zwischen den zwei jungen Leuten hin- und herschweifen ließ. Die Sonne schien; aber scharf, kalt und klar, und das Wetterglas zeigte selbst gegen Mittag im Schatten so ein zehn bis zwölf Grad unter dem Gefrierpunkt. »Guten Morgen, junges Volk,« schnarrte der alte Schnarrwergk. »Sind sie endlich Alle weg, die mir und meinem Lar so zum neuen Jahr gratulirten? Sind wir unter uns allein?« »Nur mein Röschen und ich und der Pithekus, Herr –« »Da siehst Du, mein Junge, was dabei herauskommt, wenn der Mensch sich einmal fest vornimmt, Vorsehung zu spielen,« sagte der alte Schnarrwergk, mit seinem Löffel auf den Rand seines Kinderbreinapfes klopfend. »Seid ihr auch ohne mich fertig geworden? Habt ihr im Kompagniegeschäft mich unter euren Schutz genommen? Nun – dann seht auch gefälligst zu, wie ihr mit einander und mit mir weiter fertig werdet. Nachbarin, ich habe den Jungen von seiner Geburt an im Auge behalten: im Verkehr mit seinesgleichen ist er nicht übel, und vielleicht machst Du noch etwas mehr daraus als einen bloßen Doktor der Philosophie. Mein Sohn Kohl, Dir kann ich nur sagen: Geh gut mit ihr um! Ich habe sie im Regen spazieren geführt und sie hat ihren guten Humor behalten. Verliert sie den einmal, so wird das nur Deine Schuld sein, Paul Warnefried Kohl.« »O Nachbar!« »Sei ruhig, Kind – Kindchen! Ich habe wohl lange genug gefaselt; jetzt bin ich wieder vollkommen bei Sinnen und Ueberlegung, soweit das dem Menschen auf diesem konfusen Erdenball möglich ist. Hm, wie war doch das mit der Glückshand, die wir damals auf der Pfingstwiese ausgruben? Es soll mich doch wundern, hab' ich gedacht, ob die Alte vom Altstädterring mit ihrem Zaubermittelhandel im Recht ist oder nur polizeiwidrigen Schwindel treibt. Jetzt gieb mir noch einmal Deine Hand, Deine Glückshand, mein gutes Mädchen – kleine Nachbarin. Ich habe sie weich und warm unter meinem Kopfe gefühlt in diesen albernen letzten Nächten und Tagen, wo ich wie ein Klotz lag und alle meine Weisheit für mich behalten mußte. War das eine saubere Aufführung um den alten Schnarrwergk her, junges Volk! Hören konnte er dann und wann in lichteren Augenblicken, Kohl; – und sehen auch, Fräulein Müller! Schöne Dinge hat er zu hören und zu sehen bekommen, ihr Beide. Da war es ja ein wahres Glück, daß der Lar da hinter mir auch noch vorhanden war –« »Sieh, er ist vollständig wieder bei sich, dieser kuriose Lebensinvalide,« murmelte Warnefried. »Aber Den verwerthe mal Einer unter unserem Lokalen!« »Komm her, Herz,« seufzte der alte Thierarzt außer Dienst, die immer noch schwere Hand mühsam nach seiner Nachbarin ausstreckend, »Was willst Du noch nachträglich roth werden? Was könnte der Mensch sich zur Wartung im menschlichen Elend Besseres wünschen als eine mitleidige Braut? Jetzt gieb dem närrischen Lebensrekruten da einen Kuß vor meinen Augen oder laß Dir einen geben. Der alte Schnarrwergk und sein Affe haben nichts dagegen; und eure seligen Eltern werden sich darum wohl auch nicht im Grabe umdrehen.« »Das wollte ich ihnen auch nicht rathen,« brummte Kohl junior glückselig; aber Röschen Müller flüsterte leise und schluchzend. »Ich habe meine ja so wenig gekannt; aber ich weiß es, Warnefried, meiner Mutter dürfte – ich – dreist – von Dir – erzählen.« Mit welchem letzten Worte die Geschichte ja eigentlich wohl zu Ende wäre und der Berichterstatter seine Leser und Leserinnen, mit herzlicher Theilnahme an ihrer Erdenlust und ihrem Erdenweh, ihren Laren und Penaten anbefehlen könnte. Ob der alte Schnarrwergk, wie unser Freund Blech herausgefunden zu haben glaubte, Geld hatte im Deutschen Reiche und hinterindische Besitzungen, Gold- und Silberminen im Affenlande oder nicht, können wir unserentheils wirklich nicht sagen. Jedenfalls hat unser Freund Kohl das Seinige dazu beigetragen, daß, wie aus dem Vorwort hervorgeht und nun zur letzten allgemeinen Beruhigung dienen wird, »die jungen Leute in ganz guten Umständen leben.«