Eduard Mörike Bruchstücke eines Romans Die letzten Ferien nach abgeschlossener Studienzeit haben unstreitig ebensoviel Wehmütiges, als sie nur immer Hoffnungsvolles haben können. Es sind keine Ferien mehr. Ich sah mich wie den Fisch, der erst noch wohlbehaglich sein helles Reich durchschwamm, mit einemmal ans Trockene geworfen, und leider fand sich ein neues Element, um eilends wieder unterzutauchen, nicht gleich in der Nähe. Als junger Doktor im Begriff, nach meiner Vaterstadt zurückzukehren, beschloß ich, vorerst einen kleinen Abstecher nach dem Gute meines Oheims, des Professors Killford, zu machen, der als Gelehrter in den besten Jahren seit einiger Zeit im Privatstande lebte. Ein vorläufiger Brief hatte mich bei ihm angesagt. Der eigene, jovialische Mann war mir immer merkwürdig gewesen. Er hatte vordem an der Universität G. als ordentlicher Lehrer der klassischen Literatur gestanden, in welcher Eigenschaft er weniger durch ausgebreitete Kenntnisse als eine geschmackvolle Behandlung seines Gegenstandes Glück gemacht und den Neid gewisser Matadore erregt zu haben scheint. Sein eigentliches Fach waren die Naturwissenschaften gewesen, wofür jedoch zum Unglück nirgend eine Stelle offenstand, allein der Eigensinn eines Ministers wollte den ehemaligen Hofmeister seines Hauses durch einen Lehrstuhl, welcher es auch wäre, in aller Eile ausgezeichnet wissen. Die hämische Art seiner Kollegen, verschiedene Neckereien verleideten indes dem tätigen Manne die aufgedrungene Stellung ganz, und wie er nicht ohne Ehrgeiz und Leidenschaft war, so nahm er kurz vor seinem Abgang noch Gelegenheit, einen dieser Gelehrten, der ihn am bittersten gereizt, durch eine scharfsinnige und schlagende Kritik eines physikalischen Programms vor der ganzen Akademie zu bestrafen. Killford hatte sich dabei hinsichtlich seiner Wissenschaftlichkeit von einer bisher kaum gekannten Seite auf eine glänzende Weise gezeigt. Seine Verehrer triumphierten, aber leider hatte er unter der Hand Anstalt zu seiner Entlassung getroffen. In einem bescheidenen Vortrag nahm er eines Tages Abschied von seinem Wirkungskreis und hinterließ bei allen Gutgesinnten die schmerzliche Betrachtung, wieviel ein solcher Mann, hätte er seinen wahren Platz einnehmen dürfen, der Akademie gewesen sein würde. Ein bedeutendes Vermögen setzte ihn instand, mit größter Unabhängigkeit seinem Studium zu leben, und seine Frau, die ihn unsäglich liebte, ließ sich den Ankauf eines Landsitzes bei einem ansehnlichen Dorfe nicht ungerne gefallen. Killfords Haus lag vereinzelt am Ende des Orts. Noch erst vor fünf Jahren von einem Edelmanne neu erbaut, verhieß sein munteres Ansehn von außen schon eine helle, gesunde Wohnlichkeit. Der schmale, aufgemauerte Vorplatz zwischen Haus und Landstraße war durch ein Ziergärtchen ausgefüllt, dessen Rosensträucher und Schlingpflanzen in die Fenster des untern Stockes reichten; ein weißer dünner Zaun mit einer Mitteltür umhegte das Ganze. Ich langte erst bei später Nachtzeit an, es schlug zwölfe vom Dorf, und alles lag zu Bette, nur kam mir der alte Bediente des Oheims entgegen, der auf den Fall beordert war, mich zu empfangen. Ich ließ mir ohne Geräusch mein Schlafzimmer zeigen, wo sich Erfrischungen auf einem reinlich gedeckten Tischchen von der vorsorgenden Hand meiner Tante aufgestellt fanden. Nie aber werde ich vergessen, wie ich nach einem kurzen Schlummer gegen drei erwachte und im anstoßenden Zimmer durch die verschlossene Tür eine Mädchenstimme jemanden ansprechen und eine Unterhaltung fortführen hörte, die, wenn sie gleich nur einem kranken Kinde galt, nicht minder alten Leuten das Herz erfrischen und die Augen munter halten konnte. Wer mag meine Nachbarin sein? frug ich mich hin und her. Vom Hause selbst war niemand, dem diese Stimme angehören konnte, die Aussprache schon ließ keine Deutsche von Geburt vermuten, die Lieblichkeit des Tons ging über jede Vorstellung. »Schmerzt denn der Arm wieder so?« war die Frage der Fremden. »Wär es nur Tag«, erwiderte der Kleine, den ich sogleich für Ottmarn, Killfords zehnjährigen Knaben, erkannte. »Es wird bald werden«, versicherte die Unbekannte. »Der Mond scheint gar zu prächtig, ich zieh den Vorhang auf, so wird's dir leichter.« Ottmar bat um eine Erzählung, sie sann eine Weile und sprach: »In jenem kleinen Tale, es heißt der [Lücke], du weißt ja, gegen die Ziegelhütte hin, befindet sich ein Stückchen Buchenwald und gleich dabei die wenigen Weingärten hiesiger Markung. Dies ist nun ein sehr wunderlicher Platz, von dem der krumme Gunnefield mir oft die besondersten Dinge erzählte. Dir ist vom Vater längst bekannt, daß von Gespenstern oder Geistern, wie einfältige Leute sich damit fürchten machen, niemals etwas zu halten ist. Verstorbene besuchen die Erde nicht mehr, was auch den Lebenden ganz recht sein kann. Allein von einer Sorte kleiner, geistartiger Wesen hab ich seit langer Zeit bestimmte Kunde und preise den glücklich, der nur einige Bekanntschaft mit diesem niedlichsten und spaßigsten Geschlecht der Erde machen durfte. Verwichenen Herbst in einer stillen Nacht begab ich mich mit Gunnefield, dem meine Neugier keine Ruhe ließ, an den bewußten Ort.« [Bricht ab.] Soweit erzählte die Fremde. Ottmar schien eingeschlafen, kein Laut mehr ließ sich hören; mir selber flossen die Bilder des Märchens gar bald mit dem Spuk meiner eigenen Träume zusammen. * In meines Oheims Haus war man von jeher frühe, und ich begrüßte die Familie in der Vorstube, die sozusagen schwamm in lauter Morgensonne. So klein wie groß umringte den lang nicht gesehenen Vetter; besonders freuten mich die Kinder; sie fremdeten so lange, bis ein blonder, unbändiger Rollkopf, der mich allein noch erkannte, zur Tür herein auf mich zusprang, da denn sogleich auch die andern meine Vetterschaft in allen Gliedern spürten und jedes einen Finger meiner Hand für sich zu kriegen eilte, auch alle mit Lebhaftigkeit mir erzählten, wie Ottmar neulich auf der Schaukel verunglückt wäre. Das Kleinste auf dem Arm, kam meine Tante, ein blühendes, natürliches Weibchen, soeben aus der Krankenstube. Die Frage, wie mir's diese Nacht ergangen, führte sogleich auf meine merkwürdige Wandnachbarschaft. Man nannte mir die Tochter eines Baronets von Leithem, Mary. Der Vater hatte in früheren Jahren als Gesandter seines Hofs im Lande gewohnt und an der nur zwei Meilen von hier entfernten Residenzstadt aus einem angesehenen deutschen Hause nicht ohne Widerspruch von Seiten der Seinigen eine Katholikin zur Frau gewählt, mit welcher er nach Niederlegung jenes Amtes in sein Vaterland reiste, wo er sie durch den Tod verlor. Deutschland war ihm indes unvergeßlich geblieben. Vor einem Jahre machte er mit seiner zweiten Gemahlin, mit deren Tochter erster Ehe und seiner eignen geliebten Mary einen Besuch, und da er ganz in der Nähe das kleine Jagdschloß Bärenrieth bewohnte, das ihm von seinem ersten Aufenthalt her als Eigentum geblieben war, so machte sich diese Bekanntschaft mit meines Oheims Hause von selbst. »Wir hatten«, fuhr die Tante fort, »Veranlassung, ihm einige Gefälligkeiten zu erweisen, er zeigte sich sehr dankbar und, gegen die Art seiner meisten Landsleute, stets heiter und gesellig; er kam öfter zu uns herüber. Killford hatte das Glück seiner besonderen Gunst, sie brachte[n] manche Stunde im physikalischen Kabinette miteinander zu. Dazwischen war immer von einer weitern Reise nach der Schweiz und dem Tirol die Rede. Als es nun endlich dazu kam, trat ein unerwarteter Übelstand ein. Mary ward krank. Doch unter uns gesagt, sie suchte einen Vorwand, dazubleiben. Niemand befand sich wohl in Lady Annas Nähe, besonders aber war sie Marys Antipathie, die immer auch am meisten von ihrer Unzartheit zu leiden hatte. Als sie daher den Vater aufs inständigste bat, sie indes hier zu lassen, wo es ihr in der Tat ganz wohl behagte, so ließ er ihr zuletzt nach vielen Tränen ihren eignen Willen, sie ward mit guter Art bei der Gesellschaft entschuldigt. Der Baronet hatte seine Gründe, warum er sie nicht gerne in der Stadt bei den Verwandten ließ; so kam sie denn zu uns, wo sie vollkommne Freiheit hat, nach ihrem Sinne zu leben. Sie findet keinen Geschmack an den Vergnügungen der großen Welt, besonders mag sie gerne einsam sein, daher sie manchen Tag da draußen auf dem Schlößchen zubringt. Du wirst« – so schloß die Tante – »ein reizendes Mädchen kennenlernen.« – »Ein wunderliches, wolltest du hinzusetzen«, bemerkte Killford lächelnd, »denn du besannst dich auf ein zweites Beiwort. Nun ja, geht mir's doch selber mit dem Mädchen, wie einem zuweilen mit Logogryphen geschieht: kaum glaubt man einen Teil des Wortes glücklich weg zu haben, so stößt man auf neue Merkmale, welche nicht stimmen, und man wird so vom Hundertsten aufs Tausendste geführt.« [Bricht ab.] »Überhaupt aber ist's doch gewöhnlich nur unser natürlicher Egoismus, der einen fremden Charakter nicht begreifen will. Ich kann mich nicht drein finden heißt dann nur soviel: ich könnte diese, jene Eigenheit, ich könnte solche Neigungen nun einmal schlechterdings in meine Natur nicht aufnehmen. Am Ende, wenn wir lange genug zugesehen haben, wie doch dem anderen all das so natürlich ist, wagt man sich wohl einmal auch aus sich selbst hervor und ist gewonnen, eh mans dachte. So liebt meine Frau diese Mary und liebt sie just um das am meisten, warum sie sie am wenigsten liebt. Siehst du, Vetter, wenn deine Logik das verdauen kann, hier bieten Darum und Warum einander den Rücken und küssen sich über die Achsel. Schade, daß unsere Theologen ihren Vorteil nicht besser verstehen, sonst ließe sich aus solchen Phänomenen vielleicht der Abfall guter Geister ganz bequem ableiten. Ich muß doch bei Gelegenheit unsern englischen Magister ein wenig hierauf deuten.« Auf meine Frage, wer dies wäre, vernahm ich, es wohne im Haus noch ein junger Mann, Master Thomas genannt. Er hatte sich früher im Hause des Baronets um die Erziehung und Bildung eines Neffen desselben ein bleibendes Verdienst erworben, war später für die Sache der Kirche und insbesondere der Mission gewonnen worden und hatte nun verschiedene Gegenden Deutschlands besucht. Zuletzt traf er mit Leithem hier zusammen und erhielt von dem Professor aus Freundschaft für jenen die Erlaubnis, auf einige Zeit sein Quartier im Hause zu nehmen, in der Absicht, die Bearbeitung gewisser Schriften aus Auftrag seines Instituts mit aller Muße zu vollenden. Er war mit einer Kammerfrau der Lady Leithem verlobt, die sich mit dieser jetzt auf der Reise befand. Sie hatte das Lob eines vortrefflichen Frauenzimmers, welches im Munde meiner Tante ein seltenes Zeugnis war. Unter mancherlei heitern Gesprächen wurde das Frühstück aufgetragen. Ein gutgewachsener Mann, Herr Thomas, trat herein, und ich bemerkte, daß mein Oheim in seiner Gegenwart sich einigen Zwang antat; doch mir mißfiel der britische Hausfreund keineswegs. Anständig, ruhig war sein ganzes Wesen; seine offene, helle Physiognomie drückte ungeheuchelte Demut aus, und seine Blicke hatten, wenn sie auf jemand ruhten, etwas still Eindringendes, das keinen abschreckte. Nun erschien auch Mary. Sie führte ihren Liebling Ottmar an der Hand, einen ernsthaft aussehenden Knaben, welcher den Arm noch in der Schlinge trug. Jedoch sie selbst! Fürwahr, mir kam im Leben nichts Ähnliches vor. Ein zierlich langer Hals erhöhte die leichte, nicht eben große Gestalt. Sehr reich geflochten laufen schwarze Zöpfe kranzartig an der klaren Stirn hin, die, von der Natur mit geistigem Finger aufs schönste gebildet, über einem Paar nachtblauer Augen steht; von da verschmälert sich das liebe Angesicht abwärts nach dem schwach vortretenden Kinn. Der dünne Mund [Lücke]. Übrigens schien mir, ich weiß nicht warum, ein blaßgelbes, einfaches Kleid, worin ich sie nie wieder sah, ein breiter Gürtel von sonderbar schwarzer Zeichnung so recht im Begriff dieses eignen Wesens zu sein. Wir tranken den Kaffee, und ich, zu einigen Mitteilungen über mein bisheriges Schicksal durch die Tante aufgefordert, war wie beschämt, vor diesen Fremden von Dingen reden zu sollen, die ihnen, wie ich mir einbildete, doch immer kleinlich gegen ihre Verhältnisse vorkommen oder doch gleichgültig sein mußten. Allein zum wenigsten Herr Thomas hörte, zwar ohne auch nur eine Miene zu verändern, mit sichtbarer Teilnahme zu; und als auf einige bekannte gelehrte Anstalten die Rede kam, bewiesen alle Äußerungen einen sehr unterrichteten und billig denkenden Mann, welcher von jener Seite die vorteilhaftesten Begriffe von unserm Vaterlande hatte. Wir wurden durch einen fröhlichen Lärm vor der Tür, unterbrochen. Auf einmal brachte Ottmar als große Neuigkeit vor, was er soeben entdeckt hatte: »Vater«, rief er lebhaft, »die Nacht sind auf deiner Stube zwei Mäuse zumal gefangen worden, fast glaube ich aber auch, daß Mary hexen kann.« Über die Treuherzigkeit, womit das Kind dies sprach, lachte alles und am innigsten Mary. »Nun, da du meine böse Kunst einmal erraten hast, laß hören, ob du den Zauberspruch noch weißt, womit man um die Falle herumgeht, daß so ein Fang nicht fehlen kann!« Sogleich begann der Kleine den Vers: »Liebes Mäuschen, Da steht ein Häuschen, Du bist geladen Auf ein Stück Braten, Stell dich nur kecklich ein Heut nacht bei Mondenschein, Mach aber die Tür fein hinter dir zu. Hörst du? Dabei hüte dein Schwänzchen! Nach Tische lachen wir Und später machen wir Ein niedliches Tänzchen: Witt, witt! Meine alte Katze tanzt wahrscheinlich mit. Man lachte wiederholt und spaßte. Der Oheim aber, zwischen Scherz und Ernst, bemerkte: »Wer unsere Lady nicht kennte, der möchte in der Tat aus dieser und so mancher frühern Probe besorgen, daß sie das junge Volk tiefer, als rätlich ist, in ihren magischen Kasten sehn lasse.« Ich setzte mein Gespräch mit dem Engländer noch eine Zeitlang fort. Wir kamen auf die Eigentümlichkeiten seines Vaterlandes. Er ließ sich's nicht verdrießen, mir alles, was ich etwa sonst aus Reisebeschreibungen teils falsch, teils halb zu wissen schien, gewissenhaft zurechtzustellen, so daß ich vor seiner Gutmütigkeit wie vor seinen Kenntnissen die größte Achtung hatte. Nachdem er mit Mary, welche regelmäßige Lektionen abwechselnd von ihm und vom Oheim erhielt, aus dem Zimmer gegangen, fing Killford an: »England war mir in frühster Jugend vor allen kultivierten Ländern durch die dunkle Idee merkwürdig geworden, die sich von dieser Kaufmannsinsel und ihrem mächtigen Verbande mit allen Teilen der Welt nach und nach in mir gebildet hatte. Mein väterliches Haus lag in der Nachbarschaft eines großen Warenlagers in Hamburg. Ich weiß, mit welcher Ehrfurcht ich die neuangekommenen Güter ansah, vor allem aber, mit welcher Wonne ich den frischen Schiffsgeruch, der an den Ballen haftete, einsog! Dieses Gefühl, eins der lebhaftesten, deren ich mir aus meiner Kindheit noch irgend bewußt bin, wiederholte sich in reifen Jahren bei jeder Gelegenheit mit dem gleichen Reiz und konzentrierte mir in sinnlicher Stärke die ganze Mannigfaltigkeit eines reichen, großartig verzweigten, kunstfleißigen Lebens! Nun aber muß ich seit einiger Zeit erfahren, daß eine so liebliche Erinnerung sich mit der allerwidrigsten Nebenidee versetzen und zersetzen will, ja mir sogar ein körperliches Mißbehagen bringt.« »Wenn dieses Wort«, erwiderte die Tante nach einer Pause mit freundlichem Vorwurf, »auf den guten Mann gesagt ist, der eben aus der Tür ging, so treibst du doch die Unbilligkeit etwas zu weit, und diese heimliche Tücke, lieber Alter, würde niemand hinter dir suchen. Du lässest auf der einen Seite der Rechtschaffenheit eines Menschen Gerechtigkeit widerfahren und kannst dich auf der anderen an seiner Frömmigkeit erbittern, an der Art, wie er sich seinem Berufe hingibt.« – »Ei was«, unterbrach sie der Oheim, »ich kann die Traktätchen nicht leiden!« – »Was schaden uns diese?« fuhr die Tante halb gegen ihn, halb gegen mich gewendet, fort; »er ist nun drei Wochen bei uns, wann fiel er uns irgend beschwerlich? wem drang er sich auf? Droben auf seiner Stube ist er der stillste fleißigste Mensch, und hier unten bei uns zeigt er sich einfach, nüchtern, klug, verbindlich.« – »Schon recht! alles gut«, versetzte der Onkel, »wenn ich nur nicht befürchten muß, daß Citis heitere, selbständig sich entwickelnde Natur zuletzt von jenem Einflusse leide, obgleich ich mit Vergnügen bemerke, sie dreht sich, was gewisse Regionen anbelangt, noch immer lieber auf meine Seite herüber. Übrigens laß ich ihn machen, und was das fromme Gedüftel hin und her mit seinen Übersetzungen von herzkranken Seufzern betrifft, die über den Kanal herüberkommen und mehr an Teer, Hering und Kabeljau als an das Evangelium erinnern, so werd ich mich, bleibt er lang genug hier, auch wohl daran gewöhnen. Unterdessen, wenn neue Kisten kommen und Bücher ausgepackt werden, laßt mich zwanzig Schritte davon bleiben.« Er küßte seine Frau gutmütig auf die Stirne, nahm ihr das Wickelkind vom Arm, trugs eine Weile singend auf und ab und ging zur bestimmten Stunde auf sein Zimmer. »Das wärs nun wieder!« sagte die Tante. »Es ist der eine Punkt, wo ich ihn unfreundlich finde. Es setzte neulich Streit über gelehrte Dinge zwischen den beiden, da brach es vollends auf. Dein Oheim ward um so viel heftiger, je ruhiger der andere blieb, und selbst daß sie sich nachderhand versöhnten, machte die Sache nicht besser. Jetzt aber rate mir in einer Verlegenheit. Vorgestern kommt eine schwere Sendung vom Ausland, ich weiß, es ist ein Geschenk dabei für meinen Mann; Thomas ließ mir früher ein paarmal die Absicht einer Überraschung merken, nun aber steht das Kistchen uneröffnet droben, der gute Narr scheint in Not, wie er auf diesen bösen Handel an Killford kommen soll. Der Anlaß war ganz darnach, um feurige Kohlen auf das Haupt seines Gegners zu sammeln, doch gute Seelen fürchten sich vor einem solchen Triumph, selbst wenn sie dessen sicherer wären, als hier vielleicht der Fall ist. Nach seiner zarten behutsamen Weise nimmt Th[omas] vermutlich Anstand, mich um Vermittlung anzugehen. Nun gäb ich zwar für mich Killforden gerne einen Wink, allein da bekäme er nur Zeit, sich gegen die freundliche Meinung des [Lücke] Manns zu verhärten, und ich hätte die Ehre, den ganzen Spaß wieder auszufädeln.« Was blieb meiner Tante hier anders zu raten, als daß sie Zeit und Umstände getrost abwarten möge. * Im Verlauf einiger Tage lernte ich den Engländer genauer kennen. Ich hörte durch ihn, es solle noch in diesem Jahr eine Gesellschaft von Missionaren nach [Lücke] gehn, an die auch er samt seiner Braut sich anschließen werde. Da er nun seinen notdürftigen Vorrat medizinischer Kenntnisse, die freilich seinem Stande nicht ganz fehlen dürfen, so viel wie möglich an mir stärken wollte [bricht ab]. Der Ernst dieses Mannes, verbunden mit einer Innigkeit, welche durch frühere Erfahrung mit Menschen sehr hart getäuscht, einen kleinen Ansatz von Mißtrauen so gerne zu überwinden strebte, die Konsequenz und Klarheit seines Wollens zogen mich an, und um so leichter, da seine religiösen Grundsätze meiner Erziehung von Hause aus nicht fremde waren. Es haftete so gar nichts Finsteres, Pedantisches an ihm; er konnte heiter sein und selbst ein Scherzwort in die Unterhaltung einmischen. Killford, dem unser häufiger Umgang nicht gleichgültig sein konnte, zog mich gelegentlich damit auf, während die Tante eine kleine Satisfaktion darin für sich fand. * Leider sollte ich in einer der folgenden Nächte auf eine ganz andere Weise als in der ersten beunruhigt werden. Ein gewaltiger Lärm auf der Straße, ein hastiges Zusammenspringen im Hause, gleich darauf der schauerliche Ton schnell aufeinanderfolgender Glockenschläge vom Turm hatte mich schon aus dem Bett geschreckt, als der Oheim mit Licht bei mir eintrat. »Alterier dich nicht zu sehr! Es brennt außer dem Orte, man kann vermuten in der Ziegelbrennerei: du sollst nachkommen, läßt dir der Engländer sagen, er ist schon fort; unglücklicherweise hält mein Katarrh mich zurück!« – Rasch angekleidet, eil ich nach dem obersten Boden, die Richtung des Feuers zu merken. Nach Westen stand der Himmel abwechselnd in helleren und matteren Gluten, je nachdem der dicke vom Wind gezogene Rauch bald stärker, bald schwächer empordrang. Der nahe Horizont unserer Ebene wird dort von einem spitzauslaufenden Walde begrenzt, dessen oberste Gipfel sich mit schauderhafter Deutlichkeit in die braunrote Luft einzeichneten. Es brannte demnach im Tale, und ich erinnerte mich sogleich eines ganz vereinzelten Gehöfts in dortiger Gegend. Im Begriff die Dachlücke zu verlassen, glaubte ich jetzt ein Frauenzimmer im leichten schwarzen Mantel aus der Haustüre über die Gärten wegschlüpfen zu sehen. Nur Mary kann es gewesen sein. Ich renne angstvoll nach und habe schon Haus und Garten im Rücken; auf zwanzig Schritte erscheint sie mir wieder, schnell wie ein Vogel über Acker und Wiesen vor mir hinfliegend, zwischen Hügeln und Graben auf und nieder tauchend und in gerader Linie nach der Hellung zu. Ich stürzte mehr als einmal zu Boden und war nur froh, solang ich die schwarze Gestalt noch im Auge behielt. Aber schon wird die Landschaft ganz licht um mich her. Das Jammergetümmel von unten zerreißt schon mein Ohr, und just am Punkte angekommen, wo man die Tiefe überblickt, was für ein Schauspiel des Grausens! Ein Nebengebäude sank eben zusammen, indem nun [das] Wohnhaus von der Windseite her die gepeitschte Flamme empfängt. Jetzt hört man näher und näher das dumpfe Gerassel der Spritzen des Dorfs, die einen starken Umweg, den halben Berg umfahrend, nehmen mußten. Ich suchte verwirrt und geblendet den Pfad von der Höhe abwärts und erreichte zuvörderst mit einem Sprung die bewässerte Kluft, die zwischen Wald und Weinberg den Hügel hinabführt: da sah ich mit Verwunderung Mary allein auf einem der Mäuerchen sitzen. Sie scheint aus Angst und Erschöpfung nicht weiter zu können. Mit heftigem Schluchzen nach dem Brande hindeutend, ruft sie mir entgegen: »Ja gehn Sie nur und helfen Sie auch mit, Öl zutragen!« Mir blieb keine Zeit, den seltsamen Worten nachzudenken: nur schnell berührte mich eine Erinnerung, daß ich mich auf dem Grund und Boden jenes nächtlichen Märchens befinde, dessen frohes Getümmel auf ewig vor solchen Schrecknissen entflohen schien. Nun bin ich am Platze; allein statt daß, wie zu erwarten war, alle die hundert versammelten Hände zu dem gemeinschaftlichen Zweck der Hilfe rasch ineinandergriffen, traf ich vielmehr eine empörte Menge in einer Art von Krieg aufeinandergehetzt. Es dürfe nicht gelöscht, es solle nichts herausgetragen werden, es sei ein Frevel wider Gottes Finger, schrien die einen mit unbegreiflicher Wut, indem die andere bei weitem größere Partei die Unvernünftigen zur Seite stießen, fluchten, beschworen, so daß die tüchtige besonnene Mannschaft, der ich mich anschloß, zwar unverzüglich freien Raum für ihren Dienst gewann, doch, immerfort durch leidenschaftliche Verwünschungen von da und dort bestürmt, nicht wußte, was sie denken sollte. Ich sah, indes ich meine Eimer reichte, den Engländer aus Leibeskräften die Spritzenleute unterstützen und weder Stoß noch Guß noch fliegende Brände beachten. Das Feuer aber, wenn es hier auf kurze Zeit gedämpft war, brach nur mit desto größerer Heftigkeit an einem andern Ende aus. Auch war, das Gebäude zu retten, die Hoffnung von den Mutigsten schon aufgegeben, nur denen, die von beweglicher Habe so manches durch Fenster und Türen teils warfen, teils trugen, sollte das Wasser den Weg noch eine kurze Weile offen halten. Jetzt aber hat der letzte Mann das Haus verlassen, die Zimmerleute stehn unschlüssig, ob sie zum Überfluß noch das Gebälke niederreißen, als man mit Staunen und Entsetzen am obern Giebelfenster einen fremden Jüngling wahrnimmt, der, in das grellste Licht einer hinten hervordringenden Flamme gleichsam wie in Goldgrund gefaßt, mit vorgestrecktem Leib den derben Ast eines nahestehenden Ahorns zu packen sucht, auch wirklich, eh man noch die Leiter bringen konnte, denselben glücklich erreicht hat. Er schleudert sich und klettert mit keck gewandter Schnelle bis tief in die Krone des mächtigen Baums, an dessen glattem Stamm herab er unverletzt zur Erde kommt. Auf leichten Füßen geht der herrliche Knabe eine Strecke vorwärts, auf eine dichte Menschengruppe zu, ihm scheint das Glück, das noch eben ein Wunder für ihn getan, so nah verwandt zu sein, daß er vergessen dürfte, ihm zu danken. Sein funkelndes Auge durchläuft den Kreis, der ihn als völlig Unbekannten mit großen Blicken mißt. Er faßt einen Alten ins Gesicht, den Vater der abgebrannten Familie, dem eine Frau mit dreien Kindern sich anhängt. »Schämt ihr euch nicht«, ruft der Jüngling voll Unwillen und Schmerz, »nun die Hände zu ringen und ein Mitleid zu suchen, das ihr nicht verdient? In wenig Augenblicken zwar liegt euer ganzer Quark in Asche, als Bettler seid ihr auf die nackte Erde gesetzt; doch hättet ihrs ganz anders haben können, wärt ihr zu rechter Zeit nach Hilfe ausgegangen. Damit ihrs aber wißt, mich dauert jedes Haar, das mir bei der traurigen Posse versengt ist, und euern Dank kann ich entbehren. Hab ich doch mit dem besten Willen fürwahr nicht Hellers Wert genützt. Unsinniger Aberglaube! verrückte Frömmigkeit! Wenn ihr den Zorn des Himmels durch bedachte Gegenwehr zu reizen fürchtet, ja wenn selbst der notdürftigste Besitz mitsamt dem Hause geopfert werden sollte, so wundert mich, bei Gott, wie ihr habt wagen mögen, diese Kinder aus der Wiege zu reißen, warum ihr euch selber dem Tod entzogen!« Die Weiber heulten laut auf bei den letzten Worten, sogar die Männer, soviel ihrer den Fremden bei dem übrigen Gelärm hatten vernehmen können, murrten über eine so harte Rede. Der junge Mensch war verschwunden, ohne daß ich erfuhr, wer er sei, oder was ihn in die Gegend geführt haben möchte. Sein kurzer, grüner Jagdrock, den er von Anfang abgeworfen hatte, seine feine Gesichtsbildung ließen die beste Abkunft vermuten. Der Tag fing schwach an zu grauen, als unter durchdringendem Wehgeschrei der letzte Rest des Gebälkes stürzte. Nachdem ich indes vernommen, daß den Unglücklichen schon ein Obdach im Dorfe ausgemacht sei, blieb hier für mich nichts weiter zu tun; ich sah mich nach Herrn Thomas um, der sich jedoch bereits verloren hatte. Von einer einzigen Fackel begleitet, nahm ich den alten, sonst nicht betretnen Weg zurück, in überflüssiger Besorgnis um das Fräulein. Unter hundert traurigen Betrachtungen über das ganze Ereignis kam mir im Gehen auch jenes Rätselwort Marys wieder in Sinn, wovon mir freilich vorkam, es klinge stark nach der unglücklichen Idee der verkehrten Menge, welche dem Brande Vorschub getan. Das Wahre an der Sache aber sollte sich erst nach mehreren Tagen ergeben. Bei meiner Heimkunft höre ich, Mary sei getrost auf die Nachricht zu Bette gegangen, daß niemand, zumal von den Kindern, mit welchen sie gute Freundschaft gemacht, keines Schaden genommen. Wenige Minuten nach mir traf der Engländer ein; ich stand an Killfords Bette, den Hergang der Begebenheit erzählend, da jener voll Eifer herein und auf den Oheim zutrat: »Verzeihen Sie, wenn ich störe – Wissen Sie wohl, wer in der Nähe ist?« – »Wer denn?« – »Viktor.« – »Um Gottes willen«, rief mein Oheim aus, »was denkt der Junge? Sie haben ihn gesprochen?« – »Ich hütete mich wohl, ihm zu begegnen. Er war beim Feuer tätig, verwegen, ich kann wohl sagen, brav und liebenswürdig nach seiner heftigen Art. Sein Aufenthalt ist mir und jedermann noch ein Geheimnis.« – Nun sprachen beide leiser zusammen, worauf ich mich denn still entfernte, nur hört' ich die Tante noch sagen: Daß es doch Mary ja verborgen bleibe! Den andern Tag, da ich um zehn mein Schlafzimmer öffne, erstaun ich nicht wenig, das Gefährt meines Oheims vor dem Hause zu sehn und die Tante mit Mary zur Abfahrt bereit. Es war ein sonniger schöner Maimorgen. »Haltet wacker Haus, bis ich zu Abend wiederkomme, wir machen einen kleinen Ausflug«, rief mir die Tante auf dem Vorsaal entgegen, indem sie etlichen Personen einen großen Pack alter und neuer Sachen nebst einen Vorrat Lebensmitteln zur Verteilung unter die Verunglückten empfahl und Mary bei der Hand nahm, die schon an der Treppe stand und verstohlen freundlich bei allem darein sah; obgleich, wie mir deuchte, nicht ohne einiges Befremden über die eilige Expedition. Der Oheim bezeichnete mir, wie sie weg waren, ein altes freiherrliches Ehepaar, das, in der Nachbarschaft wohnend, dem Fräulein schon seit Jahr und Tag um einen längeren Besuch anliege; »und«, setzte er hinzu, »da der Jammer von gestern dem Mädchen heftig zusetzt [so ohne Lücke] passend sein, daß man sie einige Tage aus diesen aufgeregten Umgebungen wegnehme.« Zwar vor dir braucht man den eigentlichen Grund nicht zu verstecken, Vetter. Es ist nichts ungezogener, als den Gast, nachdem man irgendeine Heimlichkeit erst bei ihm blicken lassen, nachher mit allerlei Flausen und hustenden Gesprächsabläufen davon ausschließen wollen.« Und sofort hatte Killford kaum den Mund zu einer ausführlichen Erklärung aufgetan, als ihm der Geistliche des Orts gemeldet wurde, den er auf seiner Stube zu empfangen sogleich mit einiger Verwunderung sich anschickt. Im hintern, größeren Garten treffe ich Herrn Thomas an. »Sie finden mich so wie ich Sie nachdenkend über die letzten Begebenheiten, die Ihnen zum Teil rätselhaft und wohl gar verdächtig sein mögen. Seit Ihrem Eintritt in dies Haus entging mir Ihr Interesse für Lady Mary und ihre Familie nicht. Sie machen hierin keine Ausnahme von den vielen Deutschen, welche mit Leithems Bekanntschaft gefunden: aber nicht ebenso unbillig und nicht so hämisch wie jene werden Sie diese Erscheinung von der Seite ansehen, nachdem Sie ihr einigermaßen nahekommen. Ich nehme es daher getrost auf mich, Sie etwas tiefer in das Innere dieser Verhältnisse blicken zu lassen, wenn Sie mir jetzt zuhören mögen.« – Ich gab dem wackern Manne meinen lebhaften Anteil und meinen Dank zum voraus zu erkennen, und er begann, indem wir beide niedersaßen: »Zuerst sei Ihnen unverhohlen: daß ich sowohl als Killfords uns seit lange stillschweigend gewöhnen mußten, den jungen Wagehals, den Sie die Nacht gesehn, und Lady Leithem entschieden als ein Paar zu betrachten, wenn wir es gleich weder vor Mary, ja kaum unter uns selbst geständig sind. Auf welchen sonderbaren Wegen sie sich fanden, wie weit ihr beiderseitiges Geschick auseinanderliegt und doch wie unzertrennlich es erscheint, erfahren Sie nachher. Zugleich ist es mir aber Bedürfnis, mich bei Ihnen über eine Angelegenheit [?] auszusprechen, worüber ich mich sonst hier wenig äußern darf; Sie wissen, wie verschieden Ihr Oheim und ich in Absicht auf die ersten Bedingungen aller [Erziehung] urteilen. Notwendig sind wir deshalb wegen Mary uneins. Er läßt ihr überall unbedingte Gerechtigkeit widerfahren, sieht daher in allem nur das unschuldige Gepräge einer liebenswürdigen Originalität, dem er auf keine Art zu nahe getreten wissen will, das er um keine Linie anders wünscht. Dagegen berg ich nicht: mir macht es manche traurige Stunde, daß ein reich begabtes Gemüt sich ganz und gar, ja recht gewaltsam gegen dasjenige verschließt, was [Lücke]. Bekümmern muß es mich, daß jede höhere Forderung [Lücke] bei ihr durch die Herrschaft einer höchst seltsam gestimmten Phantasie verdrängt wird. Zwar findet sich dabei – zum Glück – auch nicht eine Spur der gewöhnlichen weiblichen Sentimentalität. Es ist, um es mit einem Wort zu sagen, ein [krankhaftes] Bestreben, die Imagination zum einzigen Organ alles [inneren Lebens] zu erheben. Sie sieht die Welt wie durch gefärbtes Glas, daher ihr leidenschaftlicher Hang [Lücke], Erfindung von Märchen usw. Von Dichtern liebt sie wenig oder nichts, und das Schauspiel insbesondere hat sie nie stark angezogen, wie sie denn eben von dem, was mit Recht Kunst heißt, niemals einen Begriff haben wird. Sie werden, was ich hier sage, erst in der Folge besser verstehn; denn seit Sie bei uns sind, hat sich die Lady noch nicht in ihrem wahren Element gezeigt, es wird aber wohl noch Gelegenheit geben. Jetzt will ich von Marys früher Jugend erzählen, woraus man freilich sieht, wieviele Umstände von Anfang sich vereinigt haben, um jenen romantischen Überfluß und jene Abneigung gegen die [nackte] Wahrheit zu erzeugen. Ich habe das Folgende teils aus gelegentlichen Äußerungen des Vaters, teils aber, was die zartesten Punkte betrifft, aus dem Munde meiner Braut, die eine Zeitlang das Vertrauen Marys in hohem Grade genoß. Der Baronet Alfred Leithem, schon mit dem fünfundzwanzigsten Jahre zum Witwer geworden, brachte sein Leben seitdem, entfernt von seinen schön gelegenen Gütern, meist in der Hauptstadt zu – – –« usw. [bricht ab] »Er hatte zu Wien eine edle Familie des ältesten Adels kennengelernt, von der einige Glieder im Begriffe standen, die katholische Religion gegen die evangelische zu vertauschen. Die junge Gräfin Helene, ein eben aufblühendes, geistreiches, heiteres Kind, der Gouvernantin noch kaum entwachsen und mit der größten Strenge erzogen, empfing den Vorbereitungsunterricht im neuen Glauben zu der Zeit, da unser Baronet die kleinen Zirkel des Grafen besuchte. Er, dessen Grundsätze dem Ernste der Familie entsprachen, wurde in kurzem als der erste Hausfreund gehalten, und seine Absicht auf die Tochter mißfiel um desto weniger, da ihr zu munteres Temperament an dem gediegenen Charakter eines liebenswürdigen Mannes, der gar nicht ohne Anspruch auf Jugend und Anmut auftrat, einen sehr wünschenswerten Halt gewinnen mußte. Auch gefiel sich das Fräulein gar bald in dem Gedanken, so frühe schon einen Gemahl, und zwar übers Meer herüber, zu haben. Genug, die Verlobung fand statt, die Heirat selber sollte erst nach Jahresfrist vollzogen werden. Sir Leithem ward indessen durch ein Geschäft nach seinem Vaterlande gerufen. Des Grafen erste Sorge blieb derweile, seinem Schwiegersohn, wenn er zurückkäme, eine gute Protestantin in die Arme führen zu können. Der Unterricht war gleich anfangs durch unverhoffte Schwierigkeiten von seiten des gekränkten Klerus unterbrochen worden, und jetzt, da er aufs neue begann, fiel er einem angehenden Geistlichen anheim, bei dessen Wahl ein allzu günstiges Vorurteil für sein Talent (ja eine Grille des Grafen) entschieden haben mochte. Er selber hatte einigen Vorträgen angewohnt und wußte die tiefen Kenntnisse, die lebensvolle Darstellung, die sichtbare Wärme des Lehrers gar nicht genug zu preisen. In wenigen Wochen erstaunte man wirklich über eine ganz unglaubliche Umwandlung in des Fräuleins Betragen; sie wurde stiller, nachdenksamer, ja sie schien dem ungezwungenen Triebe eines innerlichen bildenden höheren Lebens mit [Lücke] nachzugehen. Kein Mensch vermutete, daß die Persönlichkeit des Lehrers und die geistige Speise, die er darreichte, den gleichen Anteil an dem Glück der aufmerksamen Schülerin hätte, ja daß Armin selbst (so nennen wir den jungen Mann) das Feuer seiner Reden insgeheim aus den dunkeln Augen des schönen Zöglings stahl. Er hütete sich wohl, ihr seine Leidenschaft merken zu lassen, er gab dem süßen Gift nur heimliche Nahrung bei sich. Bald aber wächst ihm ein anderer Dorn am Herzen, dessen er sich am wenigsten versah. Bei Erklärung des wichtigen Dogmas von der [Lücke] begegnet er sich plötzlich im stillen selber mit der Frage: ob er denn wohl als eigene vollkommene Überzeugung beschwören würde, was er hier als unerläßliche Bedingung ewiger Seligkeit vorzustellen mit solcher Sicherheit sich unterfange? In den Selbstbekenntnissen, die ich gelesen, beschreibt er diesen Moment als einen der schrecklichsten seines Lebens. Er fühlte sich erblassen, und eine Art von Schwindel macht ihn verstummen; er flieht wie ein Gerichteter. Des andern Tages und so fort versucht und prüft er sich aufs neue, er glaubt sich wiederum zurechtzufinden, sein Vortrag gewinnt wieder scheinbares Leben: allein es sind von jetzt an nur mark- und geistlose [so ohne Lücke], worin er sich, gemäß den alten symbolischen Sätzen, eine gewisse Tiefe mehr nur vorspiegelt: er glaubt seine Stimme nie mächtig genug erheben zu können, ihm ist als einem, der gegen den Sturmwind spricht; täglich wird ihm die Sache ängstlicher. Er beschließt dieser Qual zu entsagen, und leicht ist ein Vorwand gefunden, den Unterricht abzubrechen. Nagende Zweifel über seinen Beruf, die längst in ihm verborgen gelegen, verzehren in der Einsamkeit sein Innerstes; allein die Glut für Helenen schlägt, alles überragend, selbst aus dieser Hölle hervor. Allein, wie wunderbar! Es ist nicht bloß das schöne Mädchen, es ist die Katholikin, die er liebt, so dunkel auch damals der Reiz dieser letzteren Beziehung noch immer in ihm liegen mochte. Wenn er sich in den Banden seiner anerzogenen Religion von jeher zu enge und zu weit empfunden hatte, so war ihm dies Gefühl nun drückender als je, ohne daß er von einer Kirche etwas Zureichendes für sein Bedürfnis erwartet hätte; und abgesehen von seinem eigenen Heile erschien es ihm in dieser verzweifelten Unentschiedenheit wie frevelhafte Anmaßung, einem andern geliebten Geschöpfe den Glauben, worin es [Lücke], zu nehmen, da er nichts Besseres, da er nicht das einzig Gute und Rechte dagegen zu bieten vermöge: denn, meint er, gut und besser, das heiße ja nichts, wo nur die volle Wahrheit einen Wert haben könne; er mußte sich fragen, ob nicht mit jenem Glauben zugleich die heiligsten Keime, die [Lücke], für immer aus des Mädchens Herzen gerissen werden, zumal wenn er bedachte, daß die Erinnerung an eine über alles geliebte Mutter, welche als eifrigste Katholikin vor Jahren gestorben, bei der Tochter viel tiefer gründe, als eine oberflächliche Ansicht ihres Wesens irgend vermuten lasse. Und so stand denn Helene vor ihm als eine mitleidswerte Heilige, die es lächelnd geschehen ließ, daß ihr ein Dieb die Krone von dem Haupte nahm, deren Wert sie nur ahnte. Sie auf dem neuen Wege weiter zu führen, sie auf den alten rückwärts zu geleiten, beides schien gleich unmöglich, gleich gewagt. Ach! rief er bei sich aus, die schöne Brücke, die sonst zu ihrem duftigen Himmel führte, der [so] farbenhelle Bogen, an dem die Schar der Engel wechselnd vor ihren Augen auf und nieder stieg, hab' ich mit einem kalten Hauch zerstört, mein eigen Werk sinkt mir zur Strafe unter den Händen zusammen. Wie kann, wie darf ich je wieder vor dem himmlischen Kinde erscheinen. Mehrere Tage vermied er das Haus, endlich trieb ihn die Sehnsucht oder vielmehr ein seltsames Gefühl von Angst dahin. Er findet bald Gelegenheit, das Fräulein unter vier Augen zu sprechen. Sie macht ihm die liebenswürdigsten Vorwürfe über sein Ausbleiben und weiß eine gewisse Bewegung kaum zu unterdrücken. Sie berührt, obwohl nur flüchtig, im Gespräch ihr Verhältnis als Braut; es war die erste Äußerung der Art in Armins Gegenwart, und besonders ist es der unbefangene Ton, was ihn dabei frappiert. ›Wir haben gestern Briefe vom Baronet erhalten, und auch für Sie stehn Grüße dabei, wenn Sie selbst lesen mögen.‹ Wie war ihm, als er das Papier aus ihrer Hand empfing – er zitterte – er sah es an und legt es wieder hin.« Eben war Herr Thomas mit diesem [Lücke] Eingang zu seiner Erzählung fertig geworden, als man uns zu Mittag rief. Killford zeigte sich über Tische heitrer als gewöhnlich. »Ich habe«, rief er aus, »schon oft die Erfahrung gemacht, wenn die Männer ohne die Hausfrau sich zum Essen setzen, so scheint die Sonne ganz anders, ich möchte sagen lustiger auf das Tischtuch, und wenn sie die ganze Woche durch nicht geschienen hätte. Es sei dies ohne [Lücke] für die Frauen gesagt; aber wahr ist wenigstens soviel: die Abwesenheit der Ehehälfte – sie muß nur nicht zu lange dauern – ist immer eine Art Sammelzeit für den Mann: er hat, wenn er sich nur übrigens brav stille hält, die schönsten Visionen, verabschiedete Pläne und jugendliche Gewohnheiten treten hervor, die sublimsten Gedanken melden sich in ganzen Scharen usw.« Er sagte dies mit einem halben Blick auf Herrn Thomas, deckte aber die Anspielung sogleich mit einem andern Scherze zu. Bei alledem war zu bemerken, daß seine Munterkeit nicht die unbefangenste sei. Er fiel minutenlang in Zerstreuung, knüpfte mehrmals ein Gespräch mit dem Engl[änder] an, verließ es aber immer wieder in sichtbarer Verlegenheit. Nach dem Essen nahm mich der Oheim auf sein Zimmer. Er riegelte die Tür. »Du sollst ein Prachtstück der Mechanik, ein Opus erster Größe sehn«, sprach er und zeigte auf den Tisch, wo man unter einem weißen Tuch das glänzende Fußgestell einer Maschine hervorblicken sah. Am Boden unten stand das leere Kistchen, worin die Sendung angekommen war. Er zog das Tuch hinweg, und ich hatte fürwahr alle Ursache, ein Meisterstück von englischer Luftpumpe zu bewundern. »Seh' einer dies Paar Glocken an«, rief der Oheim aus, »diese Gradmesser von der neuesten Erfindung, die Bequemlichkeit, Präzision und geschmackvolle Derbheit und bekomme nicht Respekt vor Menschenwitz und Fleiß.« Indem wir nun wechselseitig die Vorzüge des Apparats uns auseinandersetzten, konnte ich nicht umhin, halblaut für mich zu sagen: Das alles röche doch nicht eben unangenehm nach Teer und Traktätchen. »Meinst du?« lächelte Killford. »Wahrscheinlich kommt der Spaß vom gnädigen Herrn, dem Baronet und meine Frau hat mir das Kistchen vor ihrem Weggehen hereingestellt. Übrigens – kurios – es wäre doch – ich habe selber schon – so? meinst du? Inzwischen wollen wir niemand davon sagen, hörst du? –« Nun verfiel er in eine närrische ausgelassene skurrile Laune, die ich wohl früher zuweilen an ihm gesehen, und welche jederzeit eine gemischte, doch überwiegend glückliche Stimmung anzeigte. Er zog die Mausefalle hinter dem Ofen hervor; zwei zarte Mäuschen saßen darin, die er mit schmunzelnder Miene ansprach: »Versteh' ich recht den [Lücke] Schicksalswink, du niedliches, geschwänztes Ungeziefer, wärst du nur darum in dies Loch gegangen, und hätten Kinderhände dein Leben im Gefängnis nur deshalb so lange gefristet, weil du prädestiniert warst, vor den Augen dieses wißbegierigen jungen Doktors und unreifen Praktikers durch eins der schönsten Experimente den Moment deines Hinscheidens zum wichtigsten und lehrreichsten deines Lebens zu machen? Du würdest demnach aus der gemeinsten Maschine heraus in dieses künstliche Gehäuse treten, wo auch die simpelste tierische Nahrung, die man in teurer Zeit noch ganz umsonst genießt, die atmosphärische Luft, sich dir entzieht. In meiner Gewalt seid ihr einmal, und wenn es wahr ist, was etliche gemütvolle Philosophen, worunter auch ich bin, von Immortabilität der Tiere, von Seelenwanderung und dergleichen statuieren, so steht es ganz bei mir, wie lang das seelische Prinzip noch in dem Vakuum dieser Glocke herumfahren soll, verzweiflungsvoll hinaus will, wo kein Loch ist und kein Ritzchen, bis ich die Schraube drehe und den Deckel lupfe, damit sich die mausische Psyche wo anders in der Welt ein Unterkommen suche. Was meint ihr artigen Schnäuzchen? Soll's angehn? wollen wir krepieren? Nicht doch! so grausam weih' ich das Geschenk nicht ein. Ihr habt Pardon, sollt leben! [bricht ab] »Teils brachten es die äußeren Verhältnisse des Baronets mit sich, daß er bald nach dem (frühzeitigen) Tode seiner ersten Gemahlin sich von der Stadt nach seinem stillgelegenen Landsitz zurückzog, teils war es namentlich der Gram über gedachten Verlust, was diesen Entschluß sehr begünstigte. Er lebte lange Zeit fast ausschließlich der Ökonomie und der Jagd. So fiel die frühe Kindheit der einzigen Tochter bis zu dem zwölften Jahr in einer selten unterbrochenen Einsamkeit der Aufsicht ihrer Großmutter väterlicherseits und dem Unterricht einer geschickten, dabei aber nicht sehr energischen Gouvernante anheim. Unter der Dienerschaft befand sich ein alter Schotte, James Gonnefield, der von Sir Leithem nicht ohne Vorliebe für die Sonderbarkeit seines Charakters, aber vorzüglich auch um seiner bewährten Treue willen, als Hausvogt auf das Gut gesetzt worden war; sein Kopf stak voll von Geschichten und Märchen; und wie nun auf dem Lande die Berührung zwischen Kindern und Dienstboten nicht immer zu vermeiden ist, so fand der Alte an dem Fräulein bald seine eifrigste Patronin; konnte doch selbst die Großmutter einiges Wohlgefallen an seinen Erzählungen nicht verleugnen. Der Reiz derselben war so neu und mächtig, daß es kein Wunder ist, wenn sie der Phantasie des Mädchens eine eigentümliche und bleibende Gestalt verliehen. Trotz diesem gab die durch so manche Überlieferungen von Seiten anderer stets frisch erhaltene Erinnerung an die Frömmigkeit einer früh verstorbenen Mu[tter] dem engen Horizont des Mädchens eine sehr milde und wohltätige Tinktur, aus welcher sich bereits die deutlichen Anfänge eines innigen religiösen Wachstums ankündigen zu wollen schienen. Leider aber fiel in eben diese Zeit ein Besuch, den der Baronet von einer nahen Verwandten seiner verstorbenen Frau aus Deutschland erhielt. Sie war, wie jene, streng, man darf wohl sagen schwärmerisch der katholischen Kirche ergeben, bei aller Jugend und Liebenswürdigkeit jeder Heirat abgeneigt, übrigens geistreich und bis auf einen gewissen Punkt, der leider bald genug zur Sprache kam, dem Baronet höchst wert. Fräulein Josephine trat nämlich, teils in Auftrag der Familie, teils aus eigener lebhaftester Überzeugung, mit der schon vor der Verbindung förmlich abgetanen, nachher aber zu verschiedenen Malen wieder erneuerten Frage wegen der Konfession des Kindes hervor, und der Vater, über diese unerwartete, unbillige Anmutung, so bescheiden sie auch anfangs [?] gestellt war, höchlich verwundert, sah sich im Verfolg der Unterhandlung mit allen seinen Einwürfen (worunter die zunehmenden Jahre der Tochter einer der gerechtesten war) dennoch verschiedentlich ins Gedränge gebracht. Denn nicht nur wiederholt man ihm ausführlich die Geschichte eines ganz ähnlichen Falles, der sich neulich in Österreich begeben, sondern er ward auch auf eine so zarte als schmerzliche Weise an die stillen Wünsche der seligen Lady erinnert, die in Betracht der unbegrenzten Liebe ihres Gatten mit der Hoffnung aus der Welt gegangen war, daß er vielleicht nach ihrem Tod erfüllen werde, was sie lebend ihm nicht hatte abgewinnen können. Es kam nunmehr zu lebhaften Auftritten, und die Dame beging die Unvorsichtigkeit, ihren Schmerz, ihre Sorge dem halb verstehenden Kinde nicht ganz zu verbergen. Dies mußte bei einem so ahnungsvollen guten Herzen notwendig Folgen haben. Das Mädchen empfand, es handle sich hier um etwas Heiliges, Entscheidendes und um den Segen ihrer Mutter, vielleicht um deren ewige Ruhe. Mit diesen Gefühlen kam die Zärtlichkeit für den Vater in einen eben [so] sonderbaren als gefährlichen Widerstreit. Sie ward insgeheim irre an ihm, sie begriff nicht, wie man zugleich so hart und so gütig sein könne; wie es dem Vater möglich gewesen war, die Mutter über alles zu lieben und doch dabei die größte Abneigung zu haben gegen das, was ihr der Weg zum Himmel gewesen. Sie hing in aller Stille tausend Betrachtungen nach, ohne daß solche jemand geflissentlich nährte; aber es fehlte nicht an Veranlassungen, wo diese Beängstigungen sich unvermutet mit einer Heftigkeit Luft machte[n], welche dem Baronet anfangs gar nicht und selbst der Dame nicht sogleich erklärlich war; wie sehr dieselbe auch den Schaden gutzumachen eilte, es gelang nicht vollständig. Der Vater seinerseits nahm die Sache im Herzen weit leichter, als seine strafenden Winke gegen Fräulein Josephine verrieten. Nicht lange darauf reiste sie ab, ziemlich versöhnt mit ihrem unerbittlichen Vetter. Allein bei Mary wirkten die schiefen Eindrücke noch im verborgenen fort, bis das Mädchen die ländliche Stille wieder mit der Stadt vertauschen durfte, wo freilich eine neue Welt sie umfing, ohne doch wirklich ihre volle Gewalt auf eine so innerliche reichbegabte Natur in die Länge ausüben zu können. Die junge Lady, als aufsprossende vielverheißende Schönheit weit über ihr Alter behandelt, war des geräuschvollen Taglaufs, der unaufhörlichen Gesellschaften und einer schalen Vornehmheit bald überdrüssig.« »Wer aber sollte glauben, daß seit dem erwähnten Religionszwist mit [Lücke] sich ein stilles Mißtrauen, wenn nicht gar eine Abneigung gegen diese Materien bei dem Kinde einschleichen und festsetzen konnte, und doch war es nicht anders. Es fiel auch wohl zuweilen in öffentlichen Zirkeln ein keckes Wort, das jenen feinen Ohren nicht entschlüpfte; dazu kamen später einige in des Vater[s] Bibliothek zufällig aufgegriffene Schriften der Art, wie sie zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts aus falschem naturalistischen Bestreben in Unzahl ausgeheckt wurden, welche mit einem Schein von Wissenschaftlichkeit bei einer faßlichen und meist gefälligen Darstellung den erwachenden Verstand anzuziehen sehr geeignet waren. Wenn nun der Vater auch eine solche Lektüre nicht gerade unterstützte, so verbot er sie doch auch nicht strenge; er war vielleicht im Innern halb erfreut über diese Zeichen einer früh reifen reflektierenden Natur. Inzwischen merkte man bei Mary einen ganz ungewohnten Zustand. Sie zeigte sich ungesellig und heftig, viel verlangend und durch nichts befriedigt, nicht anders als ein Kind, das nicht weiß, was es will. War sie dagegen in andern Augenblicken wieder besonders anschließend und vertrauend, zumal gegen die Leute, so ging auch dies über ihr gewöhnliches Maß, und im ganzen blieb doch immer jene widerspenstige Laune die vorherrschende. Da sich kein bestimmter Grund dabei denken ließ, so ward jedermann ungeduldig, und sie hatte manchen Verdruß, denn freilich ahnte man nicht, daß ihr Benehmen nur der ungeschickte Ausdruck einer gewaltsamen Gärung aller ihrer sittlichen und natürlichen Kräfte sei. Sie verbarg ein Gefühl, das sie auf keine Art mit sich vereinigen, das sie weder anerkennen noch abweisen konnte. Ich erfuhr in der Folge das kleine Geheimnis aus dem Munde einer mir nahe verbundenen Freundin, die das Vertrauen des Fräuleins eine Zeitlang in hohem Grade besaß.« [Alexis] »Im tiefsten Schlafe lag halbnackt ein bettelhafter Knabe in der angenehmsten Stellung auf dem bemoosten Steine vor uns ausgestreckt. Ein hoher tragbarer Käfig mit fremden Vögeln und einer kleinen Schlange von ausgezeichneter Schönheit stand daneben und verriet das Gewerbe des jungen Menschen, dessen übriger Zustand uns noch Rätsel war, denn es sah eben aus, als wäre er, von Gaunern bis auf die Haut geplündert, in diesen Winkel geflüchtet; kaum, daß ihm ein paar kurze, rohe [?] Beinkleider übriggeblieben; Brust, Arme, Füße waren unbedeckt. Das sonnverbrannte höchst edelgeformte Gesicht zeugte von frischer Gesundheit, und seine dunkle Farbe stach auffallend gegen das zarte Weiß der Glieder ab. Er mochte 13 Jahre haben. Nachdem wir eine Zeitlang unsern Betrachtungen über die seltsame Szene nachgegangen, besonders auch nicht ohne Mitleid auf die Tiere geblickt hatten, die mit Verwunderung aus ihren Gittern äugelten, [Lücke: begann?] der Junge sich zu regen, er richtet den Kopf und starrt uns beide mit verworrnen schlaftrunknen Augen an, er muß sich erst besinnen, wo er sei, wie er hieher geraten, ihm fällt der Käfig ins Gesicht, und ein weinerlicher Zug von Schmerz und Unmut regt sich dabei um seine Lippen. Wir sprechen ihn an, doch gibt er kein rechtes Gehör und murmelte einige Worte, woraus man nicht viel mehr entnehmen konnte, als daß es ein Irländer sei. ›Sei artig, mein Bursche‹, sagt der Baronet, ›wir wollen dir helfen, entdeck uns deine Lage, du wirst es nicht bereuen.‹ So wenig dies freundliche Wort ihn zu ermuntern schien, so brachten wir zuletzt doch ungefähr soviel heraus: Der Knabe war vor zwei Tagen mit seinen kleinen Sehenswürdigkeiten im nächsten Dorfe angelangt, wo er unentgeltliche Herberge bei einem Wirt gehabt, dessen wilde Jungen sogleich ein Wohlgefallen an dem fremden Gast gefunden haben mochten. Sie gaben ihm, da er nun heute wohlversorgt seine Wanderung weiter fortsetzen wollte, zu vieren das Geleite vor den Ort hinaus, bis an den Waldbach, der sich in ansehnlicher Breite durch die schönsten Wiesen zwischen Obstbäumen hinschlängelte, wo sie dann alle miteinander, weil der Morgen schon sehr heiß gewesen, die Lust anwandelt, zu baden und so den Abschied auf eine vergnügliche Weise zu feiern, was denn auch geschah. Nun war ein besonders boshafter Bube dabei, der heimlich mit den andern Abrede nahm, dem Fremden zu guter Letzt einen seiner Papageien abzuführen. Unser Irländer belauscht jedoch den Frevler just über der Tat und springt, soeben im Ankleiden begriffen, mit Heftigkeit auf ihn los, es kommt zum allgemeinen Handgemenge, darüber der herrliche Vogel erdrückt wird. Jener, ganz außer sich vor Wut, trifft den Anstifter dergestalt mit der Faust ins Gesicht, daß er blutend zu Boden stürzt und liegen bleibt, worauf die andern um Hilfe rufend nach dem Dorfe rennen. Vergebens sucht der Fremde seine Kleider, die Gesellen hatten sie listigerweise vertragen. Um sich vor Schmach zu retten und in der Verzweiflung nahm jetzt der arme Tropf seinen Kasten auf den bloßen Rücken, durchwatete das Wasser und lief vom jenseitigen Ufer aus dem nächsten Walde zu, den steilen Berg durchs Dickicht herauf, wo er denn unvermutet hier auf das Portal der Höhle trifft. Er sank ermattet nieder und schlief, noch zornige Tränen im Auge, bald ein, so wie wir ihn dann fanden. Seine größte Sorge war nun der Bursche, den er in der Ohnmacht zurückgelassen, dann seine Kleider, sein Geld. Wir suchten ihn soviel wie möglich zu beruhigen, und wirklich rührend war's, wie die gelassenen Worte des Baronets, welcher die Gefahr des Verwundeten leicht nahm, den ersten getrosten Lichtstrahl auf des Knaben Stirne hervorlockten. Er sprach nun gern, seine Rede verriet viel Geist und Munterkeit. Indes war es doch Zeit, daß wir uns nach unserer Gesellschaft umsahn; der Knabe sollte sich inzwischen hier gedulden, man wollte einen Bedienten anweisen, ihm einstweilen die nötigste Kleidung zu schaffen. Wir gingen und fanden nach stundenlangem Umherstreifen die andern endlich an dem vorher bestimmten Vereinigungsort sehr guten Muts beisammen. Der Baronet triumphierte, daß wir allein so glücklich gewesen sein sollten, die Höhle zu finden. Da es schon ziemlich spät und alle ohnehin gar sehr ermüdet waren, fiel es natürlich niemanden mehr ein, den Gang nachzuholen. Das kleine Abenteuer verschwieg der Baronet noch vorderhand, und auf dem Heimweg äußerte er mir, er wünschte mit dem jungen Menschen eine Probe zu machen, und wenn er sich gut anließe, etwas für sein Fortkommen zu tun, es sei bereits Anstalt getroffen, daß er nach der Stadt gebracht werde. In der Tat wurde auch das ganze Haus nicht wenig überrascht, als schon am dritten Tag der angenehme Fremdling, der sich Alexis nannte, von Kopf bis zu Fuße verwandelt, in einer zierlich dunkeln Jacke sich produzierte. Er sah viel größer aus als damals, betrug sich mit ungezwungenem Anstand freundlich und sittig, deshalb ihn auch die Frauen gleich in besondre Gunst zu nehmen schienen. Nur Mary zeigte eine unwiderstehliche Scheu vor seiner Gegenwart, doch ohne sich, als man sie darüber fragte, befriedigend zu erklären. Man legte es daher ihrer gewöhnlichen Laune zur Last. Der Kammerdiener, welchem die Sorge der Ausstattung durch den Schneider überlassen war, berichtete nebenbei, es habe der sonderbare Mensch anfangs mit einer Art von Verlegenheit, sogar von heimlich gekränktem Stolze sich diese Wohltaten gleichsam aufnötigen lassen und ein paarmal herzlich gelacht über die ihm erzeigte Ehre; man könne überhaupt nicht recht aus ihm kommen. Sir Leithem machte sich's nach seiner Art zu einem unterhaltenden Geschäfte, die Fähigkeiten seines Günstlings zu prüfen und in Absicht auf dessen persönliche Verhältnisse der Wahrheit möglichst auf die Spur zu kommen, wobei der Knabe, soviel er selber wußte, naiv und ehrlich Bescheid gab. Soweit seine Erinnerung reichte, betrachtete er Genf als seine Heimat. Er war daselbst anfänglich unter der Aufsicht einer Matrone von bürgerlichem Stande, später in eine große Pension gegeben worden, wo er infolge eines mutwilligen Streichs beschimpft und überdies so hart gehalten wurde, daß er in der Erbitterung und in der Not seines Herzens kein ander Mittel sah, als zu entlaufen. Er nahm einen Teil seiner Habseligkeiten zusammen, legte die schlechteste Kleidung an und suchte das Weite. Ein Savoyarde seines Alters überließ ihm jenen Käfig mit lebendigen Raritäten für einen Spottpreis, vermutlich weil er sie gestohlen und eilig wieder hatte los sein wollen. Alexis war glückselig in seinem neuen Besitz, den ihm auch niemand weiter auf seiner Wanderung streitig machte. Von jeher unverwöhnt, rüstig, gewandt, keck, wie er war, fand er eine Lebensweise, um die er früher manchen beneidete, eher bequem und lustig als drückend. Was aber seinen Mut im Innersten befeuerte, war die gleich anfangs gefaßte Hoffnung, seinen Vater ausfindig zu machen, von dem man ihm gesagt, daß es ein Engländer wäre, daß er sich seiner aus der Ferne annehme, angesehen und reich genug sei, um ihn dereinst zu Ehren zu erheben. Alexis selbst trug seines Vaters Namen nicht, doch hatte er sich diesen wohl gemerkt als er [bricht ab]. Es war ein Name, der uns zwar sogleich auf ein edles Geschlecht hinwies, der aber mehr als einer Familie in England angehörte. So konnte man freilich nur raten und vermuten. Indes bemerkten wir bald, daß Leithem im stillen bereits einen sicheren Faden verfolgte. Er ging sehr behutsam zu Werk, und niemand durfte von der Sache reden. Es liefen Briefe nach verschiedenen Seiten aus, deren Erfolg man abwarten mußte. Vorläufig konnte für den Jungen nicht besser gesorgt werden, als indem er einer öffentlichen Lehranstalt von anerkanntem Rufe überantwortet wurde, wo er mit Zöglingen jeder Altersstufe zusammenwohnend« [bricht ab] * »Er gefiel sich gut in seiner Lage und ward bei Leithems immer seltener gesehn. Um aber von City zu reden, so befand sich diese ihrerseits in einem gem[ischten] Zustand, den freilich niemand ahnen konnte. Nachdem ich erzählt, auf welche Art und wo der Baronet mit mir den jungen Menschen aufgefunden, so werden Sie sich wundern, wenn ich Ihnen sage, daß auch Mary damals, von einem eigenen Unstern geleitet, jenem Versteck nahe genug gekommen war. Sie hatte sich im eifrigen Suchen nach der Höhle, indem sie ihrem eigenen Glücke mehr als fremdem vertraute, absichtlich oder zufällig von den andern entfernt, auch wirklich in kurzem den Platz ausgespürt, den wir soeben erst verlassen haben konnten, vergeblich sucht sie nach dem wahren Eingange, weil ihn das dichteste Gebüsch umgibt; seitwärts dagegen und höher hinauf zwischen Moos und Gestein bemerkt sie verschiedene Klüfte und engere Risse, durch deren einen man beim Niederbücken auf einmal mit froher Überraschung ins Innere des Felsen wie in eine helle Stube hinabschaut. Und nun – City traut ihren Sinnen kaum – ein lebendes Wesen hier unten zu sehn; sie ist wie angefesselt, wie geblendet. Der Fremdling liegt bequem rückwärts auf den Boden gestreckt, den Kopf hat er im Schatten ruhn und beide Arme darum geschlagen, auf einem Knie, das aufgerichtet ist, saß ihm ein Papagei, dessen Gefieder herrlich im Sonnenschein spielt. Der Knabe, der bis jetzt die hellen Augen wohlgemut und ruhig an der Wölbung umherkreuzen ließ, fährt, da er das Antlitz des Mädchens erblickt, betroffen auf, wie vom Wetterschein erschreckt, doch haben beider Blicke sich nicht so bald begegnet, als schon das Mädchen wieder verschwand. Sie eilt und läuft, als flammte der Wald ihr im Rücken, nach ihrer Gesellschaft zurück, wo sie noch lange vor uns beiden ankommt. Nachdenklich und einsilbig, wie man es meist an ihr gewohnt war, verriet ihr Betragen an selbigem Abend just nichts Besonderes. Wo sie gewesen und was sie gesehn, blieb tief in ihrer Brust verschlossen. Mit allem Reiz eines verbotnen Glückes, unheimlich und unwiderstehlich liegt das Geheimnis in ihr, worüber sie Zeit hat, die folgenden Tage zu brüten, sieht sie sich, wo sie geht und steht, wie von dem Glanz eines Wunders begleitet, sie ist sich selbst, die ganze Außenwelt ist ihr verändert. In jenem abenteuerlichen Bilde floß vor ihrer Phantasie alles zusammen, was ihr je Seltsames, Liebliches aus Märchen und Geschichten ihrer frühsten Kindheit vorgeschwebt hatte. Unaufhörlich bewegt sich die reizende Bildung des Knaben vor ihr, doch kommt der Wunsch, es sollte die Gestalt ihr leibhaftig an irgendeinem Ort zum zweitenmal begegnen, auch noch von fern nicht in ihre Seele, so ganz unmöglich schien die Wiederholung eines Moments, der selbst nur einem Traume glich. Als daher mit dem dritten Tage Alexis wirklich vor ihr stand, als er die Augen vor ihr niederschlug, sie glaubte in die Erde zu sinken vor Schrecken, Verwirrung und Scham.« * »Unterdessen hatte sich die Mutmaßung des Baronets bestätigt. – – Alexis ist der natürliche Sohn des Lord Kinnmoore und einer Französin, die er in der Schweiz hatte kennenlernen. Nachdem sie ihren Beschützer lange genug hintergangen und auf die eigennützigste [ergänze: Weise] mißbraucht, wandte sie sich nach Frankreich, indes der Sohn unter Bedingungen, welche dem Herzen des Vaters zur Ehre gereichten, einer fremden Pflege anvertraut wurde. Ein unruhiger Reisegeist führte inzwischen den Lord zu Wasser und zu Lande durch die Welt; die letzten Jahre brachte er in Griechenland zu, wo er sich für die Sache der unterdrückten Nation sehr tätig interessiert haben soll. Der Weitentfernte konnte nun mitten unter seinen Zerstreuungen an eine unglückliche Epoche seines früheren Lebens auf keine angenehmere Weise erinnert werden, als da ein alter Bekannter (denn in der Tat stand einst der Baronet in gutem Verhältnis zu ihm) ganz unerwartet Nachricht von dem wundersamen Geschick eines hoffnungsvoll heranwachsenden Sohnes erteilte. Der letztere selbst hatte für seinen unbekannten Vater einige ehrerbietige Worte beilegen dürfen. Die Antwort, welche nicht zu lange ausblieb, lautete ebenso verbindlich gegen den Baronet als vielversprechend für den Zögling, im Falle er den guten Erwartungen ferner entspräche, die man von ihm hege. Zugleich war eine Anweisung gegeben, ihn, wenn er Neigung dazu hätte, auf die Militärakademie zu befördern. Dies Anerbieten wurde von Alexis mit größtem Feuer ergriffen und [Lücke] ausgeführt.« Reise des Baronets nach Deutschland, wo Mary bei Killford bleibt. – Die Eltern weiter in die Schweiz. * Drei Jahre war Alexis in dem Institut, als ihm ein Schreiben aus Morea die bevorstehende Rückkehr seines Vaters meldet. Dieser verspricht, bis gegen Mitte Sommers zu Livorno einzutreffen. Dort soll ihn Alexis finden und zum erstenmal begrüßen, in der Zwischenzeit sich die Schweiz ein wenig besehen usw. [bricht ab]. »Ich sah in einen mächtig großen Saal, welcher von oben durch einen kleinen Kronleuchter sattsam erhellt, statt der Tapeten schöne dunkelrote Draperien, mehrere lange niedere Sofas von weißem Stoff, übrigens beinah keine Meubles hatte und doch das Auge nichts vermissen ließ, was zu der Harmonie des Ganzen diente. Eine halboffene Flügeltür führte auf den Balkon hinaus. In der Mitte des Saals aber lag die phantastische Schöne, den Ellenbogen durch ein Polster unterstützt und lesend, auf einem bunten Teppiche. Obwohl sie mir den Rücken bot, so hatt' [ich] doch meist ihr Profil vor Augen, wie es gegen den seitwärts auf dem Kanapee sitzenden James gekehrt war. Derselbe trug, wie man mir vorausgesagt hatte, eine alte verschossene Bergschottentracht, die ihn in Wahrheit sehr natürlich ließ. Nun reicht ihm die Gebieterin das Buch stillschweigend hinüber, er fängt bei der bezeichneten Stelle in englischer Sprache vorzulesen an, und zwar mit einer eigenen Feierlichkeit, die allerdings dem Gegenstand – es war nicht weniger noch mehr als eine Reisebeschreibung – unangemessen scheinen könnte, jedoch für mich unter gegenwärtigen Umständen und in dem Munde des von den Schilderungen seiner Heimat recht ernstlich begeisterten Schotten etwas Naives, Rührendes bekam. Meine geringe Sprachkenntnis hinderte mich nicht, den fremden Naturbildern einigermaßen nachzukommen und, soviel mir in Worten verloren ging, durch die erregte Einbildung ergänzen zu lassen. Es waren treffliche Beschreibungen von Staffa, Fingalos Höhle, von Papanestra und dergleichen. Während der Vorlesung, die mir am Ende doch etwas zu lange dauern wollte, kam auf den Zehen die alte Frau Gunnefield, eine hohe nordische Figur, mit dem Spinnrocken herein und setzte sich auf den einzigen Stuhl in der Ecke, nachdem sie einen Korb mit frischgebrochnen Blumen neben City gestellt, welche sogleich einige herausgriff und einen Kranz zu flechten begann. Ein auffallend starker und prächtiger Akkord, welchen auf einmal die Aeolsharfen zum Saal hereinsandten, unterbrach den Anagnosten. City sah freundlich bedeutend mit einer Gebärde empor, als wollte sie den traurig verschwebenden Ton an ihrer weißen Hand hinstreifen fühlen. ›Das verdient wohl ein Lied‹, sagt sie leise zum Alten hinüber, und ihren Sinn erratend begann er eine alte Romanze, deren schaurige Melodie nicht bezeichnender hätte sein können; dazu die angenehme Tiefe seiner Stimme, worein City alsbald den süß gedämpften Schmelz der ihrigen mischte, während sie den angefangnen Kranz auf ihren Knien ruhen ließ. Es war ein Herzog Millisint usw. Eine stille Pause trat ein, man hörte nur das rollende Spindel der Alten, und draußen rührte sich kein Lüftchen mehr. Ich meinerseits in meinem dunkeln Versteck war an ein Fenster getreten und sah den See geheimnisvoll zwischen den Pappeln durchblicken. Indessen hat sich die Alte hinter das Fräulein zu deren Häupten gestellt, ein Putzkästchen steht offen daneben, und bequem auf ihren Knien liegend, schickt sich die Dienerin an, dem schönen Kinde den Kopfputz zu ändern, die schwarzen Haare fallen aufgelöst in breiten Teilen tief herab und schlichten sich unter dem Kamm. ›Nehmt's nicht übel‹, sagte die Gunnefield, ›dies Euer Lager deucht mir doch etwas gar zu unbequem für mich. Aber so seid Ihr einmal. Kaum sagt Euch gestern mein Mann, daß Herr Viktor diesen alten Teppich in besondre Affektion [ergänze etwa: genommen] und ich weiß nicht was für ein Wohlgefallen an der fremden Landschaft gefunden, an den wilden Tieren, Panthern, Affen, Schlangen, Papageien und was noch alles darauf eingewirkt ist, und daß er uns bei der Gelegenheit die Geschichte erzählt, wie ihn Sir Leithem in Gesellschaft solcher Bestien erstmals in einer Höhle getroffen, da war meine Lady außer sich vor Freuden und wollte gleich mitten unter diesen Ungeheuern, zwischen Palmen und Kokosbäumen ruhn. Nun, wenn's Euch in der Stellung schmeckt – ich habe nichts dawider; gehört's doch zu dem übrigen. Nur Euern Witz muß ich bewundern. Über die Liebe ist doch nichts Erfindrischers am Menschen.‹ Hier nahm die Alte ein zartes Fläschchen aus der Schatulle herauf und sagte schalkhaft: ›Das hat auch seine Bedeutung.‹ – ›Wieso?‹ fragte City. ›Nun meinet Ihr, ich soll nicht merken, aus welchen Händen Ihr den kostbaren Wohlgeruch habt? Warum ich nur in auserlesnen Stunden dieses Öl in Eure Haare träufeln darf! Der balsamische Zauber umfängt Eure Sinne mit der vollen Gegenwart des hübschen Knaben, dem Ihr das Gläschen verdanket. Jedoch, nehmt Euch in acht, so etwas schleicht ins Blut hinüber und macht die Seele krank.‹ – ›Schweig doch!‹ rief City halb lachend, halb böse aus, ›das ist ganz anders. Zwar soweit hast du recht, man könnte diesen Wohlgeruch wohl einen schwermütigen nennen. Ja, wahrhaftig! Da fällt mir ein, was eine gute arme sentimentale Miß einst zu mir sagte. Schwermütig seufzte sie: Wo ist denn etwas Schönes in der Welt, das nicht nach dieser Seite neigt? Nun ja, so ganz unrecht hat [sie] auch nicht.‹ – ›Ich kann Euch nur halbwegs verstehn‹, versetzte die Gunnefield, ›aber in meiner Jugend hab' ich ein hübsches Fischermädchen gekannt, der kam es manchmal an, im Mondschein ihren runden Arm zu küssen, ganz in Gedanken, als tät's der Liebhaber ihr.‹ City lachte herzlich: ›Das war eine Närrin, und du bist die größte, so etwas auch nur nachzusagen. Aber sieh, dein Mann ist eingeschlafen über dein unzeitig Geschwätz.‹ – ›Nicht doch‹, rief Gunnefield sich ermunternd, ›ich hatte nur so meine Gedanken vor mich hin über den tollsten Streich, der mir so lang ich lebe vorkam. Wenn Ihr erlaubt, erzähl' ich's Euch anstatt eines Märchens, obgleich es reine Wahrheit ist, wenn ich meinen leiblichen Augen habe trauen dürfen; derweil wird die vierhändige Flechtarbeit mit Kranz und Zöpfen fertig. Hört nur!« Geschichte von der silbernen Kugel oder der Kupferschmied von Rothenburg A Zu Anfang der für das westliche Deutschland so verderblich gewordenen neunziger Jahre, kurz eh das Deutsche Reich die Waffen gegen die neue französische Republik ergriff, hatte der ausgediente Steuereinnehmer Knisel seinen Ruhesitz in der damaligen Freien Reichsstadt Rothenburg genommen. Er folgte hierin wie in allen möglichen Fällen des häuslichen Lebens dem unbedingten Willen seiner Frau, welche daselbst geboren und erzogen war, und ihren Lieblingswunsch um so begieriger betrieb, da sich zur Wiedererwerbung des stattlichen Hauses ihrer Voreltern soeben günstige Gelegenheit darbot. Die Frau, mit achtundvierzig Jahren erst an den genannten, als Junggesell ergrauten Mann verheiratet, erschien noch jetzt als eine saubere wohlgenährte Person, von strengem Blick und ausdrucksvoll gegossenen Zügen. Außer einer im stillen immer geschäftigen Sorge für Erhaltung und Vermehrung ihres beträchtlichen Vermögens war ihr kaum eine andere menschliche Neigung gegeben, und mit der entschiedenen Anhänglichkeit an die Vaterstadt hatte sie vor der geringsten ihrer Mitbürgerinnen wenigstens nichts voraus. Unter Herrn Knisel denke man sich eine langgestreckte schmale Figur, ein feines, etwas klein geratenes Gesicht, die niedrige Stirn von reinlich gewickelten Buckeln umgeben, dünne Arme und beinweiße Finger, den ganzen Menschen in jedem Betracht seiner ehlichen Hälfte unähnlich. Als der einzige gemeinschaftliche Zug ist ein ausnehmender Ordnungsgeist zu bezeichnen, und ohne die ihm eigene Fügsamkeit, dahinter sich bisweilen wohl etwas Schalkähnliches versteckte, ohne die Anspruchslosigkeit, mit welcher er geräuschlos, oft verstohlen, seinen besonderen Liebhabereien nachhing, hätten die Leutchen sich zum steten Ärger leben müssen. Wenn er an langen Sommernachmittagen, sein leichtes Hauswams auf dem Leibe, im großen kühl gehaltenen Wohnzimmer – es war weiß getüncht, zum Teil mit Eichenholz getäfelt – die eben frisch vom Garten oder Feld gebrachten Kräuter, die teils der Speisekammer, teils der Hausapotheke angehörten: Schafgarbe, Melisse, Kamille, auf reinlich mit Papier belegten Hürden zum Trocknen ausbreitete; noch mehr, wenn er an seinem Pulte stehend das Kapitalbuch vor sich hatte, die Zinstermine nachsah und seine Einträge machte, so konnte Frau Susanne ihn gerne um sich haben. Er schrieb die gefälligste Hand, fest, rundlich und bequem; in jenem Hausbuch sah man Blatt für Blatt, den hübsch in Fraktur gehaltenen Namen des Schuldners voran, jedes Wort, alle Ziffern und Zeichen mit rabenschwarzer, selbstverfertigter Tinte so gleich und rein zwischen den roten Linien stehen, als gälte es ein Muster dieser Art für ewige Zeiten in diesem Pergamentbande aufzustellen. Freilich bestand in Ansehung der sämtlichen Geschäfte seiner Felder im Verwaltungsfache der große Unterschied zwischen unserm Paare, daß es ihr wesentlich um die Sache, ihm lediglich bloß um die Form zu tun war. Von seinem früheren öffentlichen Amte her war ihm ein kanzellistisches Bedürfnis, eine spielende Schreiblust geblieben, die er indes doch keineswegs allein im Wege seiner administrativen Pflichten, vielmehr mit ungleich größerem Vergnügen an Gegenständen übte, durch deren Pflege er in eine ehrenwerte, wenn auch etwas weitläufige Beziehung zur Wissenschaft trat. Herr Knisel war Naturaliensammler, daneben Altertümler, und entwickelte seit seinem Aufenthalt zu Rothenburg eine nicht zu verachtende kompilatorische Tätigkeit für die Geschichte und Topographie der alten Reichsstadt [so]. In erstgedachter Eigenschaft muß ihm ein liebevoller Sinn und ein geübtes Auge für kleine stille Einzelheiten der Natur, Lebendiges und Totes, Stein, Pflanze oder Käfer zugestanden werden, das immerhin schon weit mehr ist, als man bei einem ganz verknöcherten Pedanten, wie sich der gute Mann dem ersten Anschein nach darstellen mochte, gesucht haben würde. Sein systematisch in zwei hohen Schränken aufgestelltes, schön katalogisiertes Kabinett von Petrefakten, ein größtenteils längst vor der Heirat erworbener Besitz, enthielt nach dem Zeugnis von Kennern manches beneidenswerte Stück, häufig mit einem Signo exclamationis (!) zum Zeichen des selbstgemachten Funds versehn; und seine Vorliebe gerade für diesen Zweig der Naturbetrachtung war um so eigentümlicher, je seltener im allgemeinen derselbe damals noch von Dilettanten gepflegt wurde. Einen eifrigen Steinsammler fand er indessen im Stadtapotheker, Herrn –, einem entfernten Vetter seiner Frau, der als wohlhabender Mann sich die Vermehrung seiner Fächer manchen Gulden [kosten] ließ. Bei der geringen Achtung, welche Frau S[usanne] für diese Studien ihres Mannes hatte, bedurfte es schon einer so namhaften Autorität aus ihrer eigenen Verwandtschaft, um ihre Meinung von dem Werte solcher Raritäten einigermaßen zu verbessern. Demungeachtet blieben jene beiden Schränke nebst anderen Seltsamkeiten in einer abgelegenen unheizbaren Kammer des obern Stocks verwiesen, so daß der gute Knisel sich seiner besten Schätze stets nur durch einen Teil des Jahres recht nach Lust erfreuen konnte. An weitere Erwerbungen war außer dem, was Gunst und Zufall brachte, seit lang nicht mehr zu denken, es wäre denn, daß sich bisweilen in der Stille mit Erdarbeitern und Werkleuten ein kleiner Handel machen ließ. B Aus angeborener Menschenfreundlichkeit bewies er sich, wofern die Gegenwart der Frau ihm nicht die Hände band, freigebig gegen Arme aller Art, gegen wandernde Handwerksgesellen zumal und reisende Halbkünstler, an deren Unterhaltung er sich stundenlang vergnügte. Ängstlich und karg fand man ihn nur mit Gegenständen seiner besonderen Passion. Um seinen reichen Vorrat an holländischem und anderem Schreibpapier, an Federkielen, Siegellack, Bindfaden und dergleichen niemals anzugreifen, behalf er sich im Notfall kümmerlich und zahlte gern das Doppelte für schlechtere Ware, wie sie im Augenblick zu haben war, eine Eigenschaft, welche mitunter zu seltsamen Auftritten zwischen dem Ehepaar führte. Herr K[nisel] besaß, wenn auch weit entfernt von einem höheren Gesichtspunkt und mehr nur auf das Seltsame als das Bedeutende gerichtet, einen nicht ganz verächtlichen Sinn für antiquarische Denkwürdigkeiten. Humanistisches und literarisches Bedürfnis Seine Lektüre blieb allerdings nach Maßgabe der kleinen, mehr durch Zufall als durch eigene Wahl zusammengekommenen Bibliothek auf einen ziemlich engen Kreis beschränkt. Von Lieblingen im Fach der schönen Wissenschaften sah man bei ihm in erster Reihe nächst Brockes' »Irdischem Vergnügen in Gott« die verdeutschte »Clarisse«, den »Grandison«, verschiedene Teile von Wieland und Thümmel, besonders aber den »Spitzbart«, eine tragikomische Geschichte, und »Leben und Meinungen des Freiherrn von Münchhausen«, dabei las er als ferner Lateiner »Oweni Epigrammata«. ... sein tiefer Respekt vor den wissenschaftlichen Arbeiten berühmter Männer in diesem Gebiet, wozu er in bescheidenem Ehrgeiz fürs Leben gern ein Scherflein beizutragen wünschte, nur daß er immerfort verlegen war, sie an den rechten Mann zu bringen. Fremde Besucher Rothenburgs, die von dem Tale her den Anblick dieser Stadt – es ist die Abendseite – zum ersten Male haben, sind durch das Imposante ihrer hohen prächtigen Lage, vermöge deren sie in alten Reisewerken häufig mit Jerusalem verglichen wird, nicht minder durch die Menge von Türmen und Türmchen überrascht, welche rund und eckig, stumpf oder spitz allenthalben aufsteigen. C Die Stadt zieht sich in langer Ausdehnung auf einem Felsenhügel (von Keuperkalk) über dem Tauberfluß hin, so daß sie ihren Mauergürtel mehr oder weniger dicht an den Talrand vorrückt, der auf der Strecke seines steilsten Abfalls schon jederzeit nur geringer Befestigung bedurfte. Auf einem breiten Vorsprung dieses Felsens erblickt man die mit rohen Quadersteinen gewaltig unterbauten Überreste der sogenannten alten Burg, von welcher die Stadt ihren Anfang genommen. Die ganze Bergwand zeigt sich, insoweit nicht einige Felsblößen und wildbewachsene Schluchten die Anpflanzung verwehren, mit Wein und Obstbau heiter und mannigfaltig bekleidet. An der entgegengesetzten Talseite schwingt sich der Berg mit einmal weit und steil heraus. Nach einer längst verschwundenen Feste wird dieser Punkt, von welchem aus Oktavio Piccolomini im Jahre 1634 die Stadt mit Granaten und glühenden Kugeln beschoß, die Engelsburg genannt. In einer schönen Schlangenlinie fließt die Tauber untenher; während des Sommers meist friedlich klein und geräuschlos, nach Regengüssen stark und ungestüm genug. Zerstreute Gebäude, ein gut eingerichtetes Wildbad, verschiedene Mühlen und ländliche Hütten umgeben den Fluß. Dicht bei der Kreuzung zweier Steigen, die unmittelbar zur Stadt hinaufführen, fällt jedermann sogleich die schöne Brücke auf, ein altes großartiges Bauwerk, das mit seiner gedoppelten Reihe übereinanderstehender Bögen an die römischen Aquädukte erinnert. Hiezu in malerische Nachbarschaft tritt links am Fluß, von hohen Pappeln überragt, die Herrenmühle und rechts, durch die Reinheit seiner deutschen Bauart ausgezeichnet, das Kirchlein Unsrer lieben Frauen zu Cobolzell (so hieß zu Ehren des heiligen Cobol, eines Waldbruders der grauesten Vorzeit, das kleine Dorf, das einst an diesem Fleck gestanden haben soll). Von hier aus lief, mit frommer Anspielung auf jene von Pilgern bezeugte Ortsähnlichkeit, ein breiter Stationsweg aufwärts gegen die alte Burg. Wallfahrende Scharen aus der Nähe und Ferne versammelten sich in der Stadt und zogen feierlich zuerst die Cobolzeller Steige herab, nach dem Kirchlein im Tal, bewegten sich alsdann zwischen den Leidensbildern des Erlösers von einer Station zur anderen hinauf, um nächst an dem Burgtor eine große steinerne Kreuzigungsgruppe zu berühren, und so fort endlich zum Altar des heiligen Bluts in der Hauptkirche von St. Jakob zu gelangen. Dies Herkommen blieb bis gegen 1544, wo die Gemeine, längst lebhaft vom Zug der Reformation ergriffen, die erste evangelische Predigt in St. Jakob zu hören bekam. Diese Kirche, das köstlichste Denkmal des einstigen Glanzes der Stadt, gehört als eine Schöpfung des 14. und 15. Jahrhunderts derselben edlen Bauart an, die das Erhabene der großen Massen durch Zierlichkeit und Mannigfaltigkeit der Teile zu mildern und zu erheitern weiß. Wenn man bedauern kann, daß die zwei hohen, in durchbrochene Spitzen auslaufenden Türme das Ebenmaß des Ganzen in seiner ursprünglichen Anlage merklich verletzen, so sondern sich dagegen die anderweitigen geschmacklosen Zutaten, die ein abgelebtes und eitles Geschlecht dem ehrwürdigen Bau von außen und innen aufdrang, vor unserm Blick unschwer von selber ab, bis man sie eines Tages in Wirklichkeit verschwinden lassen wird. Die Stadt hat überhaupt vieles Sehenswertes an Gebäuden, an öffentlichen Plätzen und Anstalten: der Marktplatz mit seiner Umgebung, die beiden Rathäuser samt dem Archiv und den unterirdischen Staatsgefängnissen. D ... unweit davon das Fronwaghaus mit der merkwürdigen Nürnberger Uhr, wo die Ratsgeschlechter ihre Trinkstube hatten; das Wohnhaus ferner des alten Geschlechts der Jaxtheimer, in welchem gewöhnlich die Kaiser herbergten; das große Brunnenwerk, vermittelst dessen das Wasser vom Talgrund jenseits unter dem Flußbett hinweg bis auf die Höhe des Klingenturms gehoben wird; sodann die Klöster, Kirchen und Kapellen, das Hospital, die reiche, mit Waffen mannigfacher Art versehene Rüstkammer, dies alles und was sonst für die Eigentümlichkeit eines reichstädtischen Lebens, für seinen abenteuerlichen Reiz in Krieg und Frieden bezeichnend sein mag, gibt dem Altertumsforscher vielfachen nicht leicht zu erschöpfenden Stoff. Wir haben nur noch flüchtig das Außenbild der Stadt von denjenigen Seiten zu ergänzen, auf welchen sich, ihrer natürlichen Lage gemäß, die eigentlichen Befestigungswerke befinden. Von der nördlich gelegenen Klingenbastei erstreckten sich dieselben bis zu der südlichen Spitze der Stadt und deckten so die lange Linie nach Morgen gegen die Ebene hin. Das stärkste Bollwerk, die Spitalbastei, deren oberer Gang für schwere Kartauen und anderes Geschütz mäßiger Größe eingerichtet war, lag eben an jenem südlichen Ende; sie konnte für sich als abgesonderte Forteresse verteidigt werden. An der Ringmauer steht eine ganze Reihe von Türmen, darunter sich der Faulturm – er ist rund wie aus einem Stücke gedreht – durch seine Schönheit und Höhe auszeichnet. Bei den Wällen am Klingentor mit Galgen- und Rödertor erstürmte Tilly im September 1631 die Stadt; beim Gottesacker, wo die Straße nach Ansbach und Nürnberg führt, hatte Gustav Adolf im folgenden Jahr sein Lager geschlagen. Und dies sind nicht die einzigen Erinnerungen kriegerischer Art, von welchen jene Zinnen und Türme reden konnten. Schema I unvollkommene Skizze Zwei Jugendfreunde, Georg Arends und Franz Wintermantel, beide aus Rothenburg, assoziieren sich als Fabrikanten in Nürnberg. Das Etablissement reussiert nicht; der jüngere, Wintermantel, erkrankt und stirbt zu eben der Zeit, als ein Bankerott unvermeidlich scheint. Bei der Massenuntersuchung ergibt sich aber, daß nicht nur die Gläubiger befriediget werden können, sondern daß beiden Familien noch etwas Vermögen bleibt. Frau Wintermantel zieht, den letzten Wünschen ihres Gatten gemäß, nach seiner Vaterstadt Rothenburg. Heinrich Arends, als kinderloser Witwer, geht unter den vorteilhaftesten Bedingungen in Geschäften eines großen Hauses nach dem Kap. Seine Schwester Susanne (die als Witwe eines Geistlichen den alten Steuereinnehmer Knisel in Ulm geheiratet) hat eine Kiste mit schwerem altfränkischem Silbergeschirr (einen Teil der Mitgift seiner Frau) in Verwahrung, welche er bei dem drohenden Gant zu ihr gerettet hatte. Vor seiner Abreise bittet er die Schwester, dieses Silberservice vorderhand in ihrem Verschluß zu behalten, nach Umständen aber es zu Gelde zu machen und das Kapital für die jetzt erst dreijährige Tochter seines verstorbenen Freundes Wintermantel, seinem Patchen Augusta, anzulegen, gegen dessen Hinterbliebene er besondere Verpflichtungen zu haben glaubt, insofern er das gemeinschaftliche Mißgeschick zum größten Teil seiner verfehlten Spekulation zuschrieb. Mad. Wintermantel, mit welcher er gewissermaßen auf gespanntem Fuße steht, erfährt von dieser Verabredung nichts, um so weniger, weil man sie nicht für die beste Haushälterin hält. Sie widerlegt jedoch eine solche Meinung durch die Tat, indem sie sich in Rothenburg anständig durch fleißige Handarbeit (Blumen- und Putzmacherei) ernährt, ihre Tochter gut erzieht usw. Nach Jahr und Tag erfährt man, daß Arends in dem fremden Lande gestorben. Frau Susanne zögert mit Vollziehung seines Auftrags, sie kann sich von dem anvertrauten Schatze nicht trennen und weiß sich damit zu beruhigen, daß Mutter und Tochter nicht Not leiden. Übrigens trifft sie doch im stillen einige Vorkehrung, daß das Silber Augusten einstens zufallen soll; und als auch sie späterhin ihren Wohnsitz in Rothenburg hat, zeigt sie derselben je und je eine Wohltat. Schema II Ein Kaufmann Wintermann stirbt als Witwer in seinem fünfzigsten Jahr, ohne Kinder zu hinterlassen, zur Zeit, als ihm ein Bankerott drohte. Er übergibt seiner Schwester eine Kiste mit altem Silbergerät, das sie seinem Patchen Augusten (der zehnjährigen Waise seines besten Freundes) retten soll. Nach seinem Tode zeigte sich aber nicht allein, daß sämtliche Gläubiger befriedigt werden konnten, sondern sogar noch einiges Vermögen übrig blieb. Die Schwester kann sich nicht entschließen, sich von dem anvertrauten Schatz zu trennen, beschwichtigt aber ihr Gewissen durch den Vorsatz, das Mädchen in ihrem Testament auf entsprechende Weise zu bedenken; inzwischen läßt sie derselben unter anderer Form die Zinsen dieses Kapitals regelmäßig zukommen. Mittlerweile hat sie den alten Steuereinnehmer (Knisel ? Arthaus) geheiratet. Sie lassen sich nach dessen Pensionierung in Rothenburg an der Tauber nieder. Bekanntschaft des Steuereinnehmers mit dem jungen Zinngießer Christel, seinem Nachbar an der Stadtmauer. Im Frühjahr 1800 verreist die Frau zu ihrer kranken Schwester. Den 12. Juli erscheint eine Anzahl französischer Chasseurs in der Stadt. Ihr Betragen macht dem Steuereinnnehmer für die Zukunft bange. In der Frau Abwesenheit läßt sich der Steuereinnehmer von Christel bewegen, das im Jahre 1796 in eine Wand der Hausflur eingemauerte Silbergeräte zu größerer Sicherheit einzuschmelzen, in Kugelform zu gießen und als Kirchturmknopf aufzustecken. (Andere wertvolle Gegenstände bleiben in ihrem bisherigen Verstecke.) Christel schmelzt und gießt das vom Steuereinnehmer ihm vorgewogene Silber unter dessen Augen. Es bleiben vier silberne Löffel und ein Kännchen übrig, als die Form sich füllt. Das Gewicht der fertigen Kugel stimmt genau mit der Rechnung. Ende August kehrt Frau Friederike von der Reise zurück. Die schreckliche Entdeckung. Haussuchung bei Christel durch die Polizei. (Er hat noch Zeit, die Kugel wegzubringen.) Ohne recht zu wissen, in welcher Absicht, flüchtet er die Kugel; im Drange des Augenblickes läßt er sie – am lichten Tag, im hellen Morgensonnenschein – durch sein Kammerfenster über die Mauer den Berg hinabspringen – sie stürzt in etlichen Sätzen lustig in die unten vorbeifließende Tauber. Kein Mensch hat's wahrgenommem. Christel entkommt. Vergebliche Nachforschungen. 1802 stirbt die Frau Friederike unvermutet schnell. Ihr Mann, fast kindisch, überlebt sie nicht lange. 1805 Auffindung der Kugel durch einen Fischer im Mondschein. Gerichtliche Verhandlung über den rechtmäßigen Erben der Kugel. Charlotte hatte schon früher von ihren Ansprüchen, soviel sie selbst davon wußte, gegen eine Freundin geäußert. Allein es meldet sich der Schwestersohn von Frau Friederike. Er hat kein eigentliches Dokument, wohl aber ein genaues, unter den Papieren der Erblasserin vorgefundenes Verzeichnis sämtlicher Stücke Silber mit Angaben des einzelnen Gewichts. Die Summe dieser Angaben stimmt nahezu, doch nicht ganz mit der Schwere der Kugel. Der Neffe bringt ein silbernes Etui und drei Löffel mit G. v. A. bezeichnet. Diese Bezeichnung findet sich auf jenem Papier gleichfalls für ein ganzes Dutzend Löffel. An dem Etui springt in der Hand des Untersuchungsrichters oder eines Aktuars zufällig ein geheimes Ressort, worin sich ein Zettel findet mit den Worten: »Dieses Etewü war bei den 32 Stück Silbersachen, so mein sel. Bruder vor die Auguste D. bestimmte; ich habe solches mit seiner Bewilligung vor mich eingetauscht und ein silbernes Leuchterlein davor hingetan. T. Rosina Friederike Arthaus, geb. J.« Hierauf entscheidet das Gericht zugunsten Augustens.