Wilhelm Raabe Holunderblüte Mit Holunder wird in Norddeutschland der Flieder bezeichnet. Eine Erinnerung an das Prager Ghetto Ich bin Arzt, ein alter Praktiker und sogar Medizinalrat. Seit vier Jahren besitze ich die dritte Klasse des Roten Adlerordens; dem Jahrhundert schreite ich um einige Jahre voran und stehe deshalb dem biblischen Lebenspunktum ziemlich nahe. Ich war verheiratet; meine Kinder sind gut eingeschlagen; die Söhne sind auf ihre eigenen Füße gestellt, meine Tochter hat einen guten Mann. Über mein Herz und meine Nerven habe ich mich nicht zu beklagen, sie bestehen aus zähem Material und halten gut bei manchen Gelegenheiten, wo andere Leute ihren Gefühlen nicht mit Unrecht unterliegen. Wir Ärzte werden, sozusagen, innerlich und äußerlich gegerbt, und wie wir unempfindlich werden gegen den Ansteckungsstoff der Epidemien, so hindert uns nichts, inmitten des lauten Schmerzes und der stummen Verzweiflung den ergebenen und gelassenen Tröster zu spielen. Jedermann soll seine Pflicht tun, und ich übe hoffentlich die meinige nach bestem Vermögen. Das sind schlechte Doktoren, die da glauben, daß ihre Aufgabe gelöst sei, wenn sie in ihrer Krankenliste ein Kreuz oder irgendein anderes Zeichen hinter dem Namen eines Patienten gemacht haben. Unsere schwierigste Aufgabe beginnt sehr oft dann erst; wir, deren Kunst und Wissenschaft sich so machtlos erwiesen, wir, die wir so oft von den Verwandten und Freunden unserer Kranken nicht mit den günstigsten und gerechtesten Augen angesehen werden, wir sollen noch Worte des Trostes für diese Freunde und Verwandten haben. Die Stunden und Besuche, welche wir, nachdem der Sarg aus dem Hause geschafft ist, den Überlebenden widmen müssen, sind viel peinlicher als die, welche wir am Lager des hoffnungslosen Kranken zubrachten. Doch das hat eigentlich nichts mit diesen Aufzeichnungen zu tun; ich will nur an einem neuen Beispiele zeigen, welch ein wunderliches Ding die menschliche Seele ist. Nicht ohne guten Grund überschreibe ich dieses Blatt: Holunderblüte; der Leser wird bald erfahren, was für einen Einfluß Syringa vulgaris auf mich hat. Es war ein klarer, kalter Tag im Januar; die Sonne schien, der Schnee knirschte unter den Füßen der Wanderer, die Wagenräder drehten sich mit einem pfeifenden, kreischenden Ton. Es war ein gesunder, herzerfrischender Tag, und ich holte noch einmal aus voller Brust Atem, ehe ich um die dritte Nachmittagsstunde die Türglocke eines der ansehnlichsten Häuser in einer der ansehnlichsten Straßen der Stadt zog. Ich wußte, was ich tat, wenn ich so viel Lebensfrische als möglich in dieses stattliche Haus mit hineinzunehmen trachtete. Und doch lag darin kein Schwerkranker und kein Leichnam; ich hatte darin weder Rezepte zu schreiben, noch hatte ich darin mit dem Seziermesser zu tun. Nicht lange brauchte ich vor der Türe zu warten; ein alter Diener mit einem kummervollen Gesicht öffnete mir und neigte stumm grüßend den Kopf. Ich schritt durch die kalte, weite Halle, ich stieg die breite Treppe hinauf – langsam, Stufe für Stufe. In den letzten Zeiten war ich sehr häufig diese Treppe hinaufgestiegen – zu jeder Stunde des Tags, zu jeder Stunde der Nacht. Oben auf dem Eckpfosten der Brüstung stand ein schöner Abguß jener sinnenden Muse, die, so anmutig in ihre Schleier gewickelt, das Kinn mit der Hand stützt. Wenn die große Stadt schlief, wenn das Licht der Lampe, welche mir der alte Diener tief in der Nacht vorantrug, auf dieses weiße Bild fiel, hatte ich es im Vorübergehen fest angeblickt und versucht, etwas von der hohen, ewigen Ruhe dieser Statue mit hinter die Tür zu nehmen, wo – – – doch das war ja vorüber, das Fieber hatte gesiegt, der Sarg mit der jungfräulichen Krone auf dem weißen Atlaskissen war diese Treppe herabgetragen, vorüber an dieser selben Bildsäule. Der Sarg war durch die Halle getragen worden, durch die Gassen der Stadt – der Schnee deckte das Grab, zwanzig Tage waren darüber hingegangen, und jetzt schien die kalte Wintersonne darauf. Ich schritt durch wohlausgestattete Gemächer, wo schöne Gemälde an den Wänden hingen, wo Blumen in den Fensterbänken standen, wo weiche Teppiche den Boden bedeckten. Aber alle diese Räume waren kalt, und niemand befand sich darin. Ich öffnete eine Tür nach der andern und schloß sie leise. Dann stand ich vor der letzten, welche in das letzte Gemach dieses Flügels des Hauses, ein mir wohlbekanntes Eckzimmer, führte; da horchte ich einen Augenblick: drinnen regte sich jemand. Was mich drinnen erwartete, wußte ich; aber doch kroch es mir ganz leise, feucht und kalt über die Stirn und berührte leise, leise, leise alle Nervenausläufer in der Haut. Selbst der gegerbteste Doktor ist noch immer nicht gegerbt genug; ich sollte das heute wieder erfahren. Es war ein heiteres, warmes, behagliches Gemach, in welches ich eintrat; die Sonne strahlte auch hier glänzend durch die großen Spiegelscheiben. Am Fenster standen auch hier viele und teure Blumen, und ein schönes Vogelbauer mit zwei Gesellschaftsvögeln war mitten dazwischen aufgestellt. Ein offenes Klavier, mit einem aufgeschlagenen Liederbuch darauf und einem gestickten Sesselchen davor, war ebenfalls vorhanden. Alles ringsum deutete an, daß ein Weib, und zwar ein junges Weib, hier wohnte – gewohnt hatte. Alles hatte etwas mädchenhaft Zierliches; eine Verheiratete, eine alte Jungfer hätten ihren Wohnort so nicht ausgestattet: die bleiche Frau in Trauerkleidung, welche ich stumm begrüßte und welche, auf dem Teppich vor einer geöffneten Schieblade knieend, mit tränenleeren, ach so tränenleeren, traurigen Augen zu mir emporblickte, berauschte sich täglich – in jeder Minute, im tödlichen Schmerz, in diesem Duft und Glanz – Duft und Glanz des Gewesenen, Nimmerwiederkehrenden. Wir sprachen nach den ersten Worten der Begrüßung nicht viel mehr miteinander. Die trauernde Mutter sagte noch, wie gewöhnlich: »Ich danke Ihnen, lieber Freund, daß Sie kommen!«, und dann saß ich nieder auf dem gestickten Sessel vor dem Fortepiano und stützte die Stirn mit der Hand, die niedergebeugte Mutter beobachtend. Sie war beschäftigt, die kleinen Schätze, welche ihr Kind zurückgelassen hatte nach seinem kurzen Erdendasein, zu ordnen; aus diesem bittern Kelche der Erinnerung, welchen die Leidtragenden so krampfhaft fest in den Händen halten, trank sie Tag für Tag. Briefe der Freundinnen, Geschenke fröhlicher Feste, Schmucksachen, hunderterlei Einzelheiten aus der bunten unendlichen Mannigfaltigkeit, welche die Kunst in allen ihren Verzweigungen für die bevorzugten Kinder dieser Welt schafft, hatte sie zu ordnen. Alles, was ihr in die Hand fiel, wurde von der armen Mutter wie ein lebendiges, gefühlbegabtes Ding behandelt. Sie tändelte und sprach mit ihm und erinnerte es und sich an die Stunden, wo es in dieses Haus gekommen, um der Toten Freude oder vielleicht auch wohl einen kleinen Kummer zu machen. Da war eine zerbrochene Schäferin von Porzellan, und eine ganze lange Geschichte hing daran, und die Mutter erzählte sich, mir und der bunten vergoldeten Figur diese ganze Geschichte mit allen ihren Wendungen. Als ich dann in der Zerstreutheit über die Tasten des Klaviers neben mir griff, schoß ein Strahl von Eifersucht über das Gesicht der beklagenswerten Erzählerin: durfte eine fremde Hand diese Klänge, die der Toten gehörten, von neuem aufwecken? Als sich das bleiche Gesicht wieder herabgesenkt hatte, fiel mein Blick auf die geöffneten Notenblätter. Es war ein trauriges Lied. Hatte das der Zufall dahin gelegt, oder hatte die Tote mit ahnungsvoller Hand es aufgeschlagen? Es lautete: Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück Mußt du ein andres wieder fallen lassen; Schmerz wie Gewinn erhältst du Stück um Stück, Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen. Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören; Mit Trümmern überstreuet sie das Land, Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören. Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sein Herz ein Kinderherz im heftgen Trachten. Greif zu und halt!... Da liegt der bunte Tand; Und klagen müssen nun, die eben lachten. Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz, So mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken; Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz Und weinen über den zerstreuten Stücken. Mit diesem Liede kam mir die erste Mahnung aus langvergangener Zeit; aber ein Zweites mußte dazukommen, ehe sich die Gedanken- und Bilderreihe entspann, welche ich diesen Papieren jetzt anvertraue. Kaltblau war der Himmel draußen über den gegenüberliegenden Dächern; immer noch schien die Sonne durch die hohen Fenster; aber die Eiskristalle, die unter Mittag ein wenig aufgetaut waren, schossen bereits wieder zusammen; ich hatte einen Ballkranz von künstlichen Blumen von einem Nähtischchen genommen, und die Sonne schien auch auf diesen Kranz. Es war ein kunstreiches und zierliches Gewinde von weißen und blauen Holunderblüten und Blättern, und ein langes einzelnes blondes Haar hatte sich darin verflochten, als die Tote diesen Kranz nach jener Ballnacht, welcher das böse Fieber folgte, aus den Locken nahm. Viele Arten von Kränzen gibt es in der Welt, und auf mancherlei Weise strebt die Welt danach, gewinnt oder verliert sie. Ist nicht jedes Leben an und für sich der Versuch, einen Kranz zu winden? Jeder begibt sich nach besten Kräften und Vermögen ans Werk; man hat Glück oder Unglück dabei: es kommen oft sehr schöne, oft aber auch sehr häßliche Machwerke zutage. Manch ein Kranz wird zerrissen, noch ehe er vollendet ist, und manch ein stolzer Kranz, den irgendein Menschenkind lange auf erhobenem Haupte trug, fällt zuletzt in eine fremde Hand, die ihn hält, die ihn, Blatt für Blatt, untersucht und zerpflückt, während eine winterlich-nüchterne Sonne, allem falschen, geborgten Schimmer abhold, darauf scheint. So war es freilich nicht mit dem Gewinde, welches ich jetzt in der Hand hielt. Zu allem andern bestand es aus den Blüten des Holunders, und trotzdem, da es nur ein künstlich angefertigtes Ding war, war es doch von so frischer Lebendigkeit, daß der Greis, auf dessen Haupte längst der Schnee des Alters sich sammelte, in immer entlegenere, in immer blauere Fernen seines Lebens entrückt wurde. Erinnerungen wachten auf, welche im Grunde wenig mit diesem Putz der jungen Abgeschiedenen zu tun hatten. Die Holunderblüte war schuld daran, daß ich im tiefen, bittern Ernst an das Gewinde dachte, welches auch um mein Leben, teilweise von meiner eigenen Hand geschlungen, lag und dessen beide Enden sich nun so bald berühren mußten. Das Lied, welches auf dem Klavier aufgeschlagen lag, war viel mehr für mich geschrieben als für die junge Tote, die nach kurzem und glücklichem Atmen auf dieser Erde sanft, still und schmerzlos eingeschlafen war, welche diesen Kranz von schönen Frühlingsblüten auf schönerem Köpfchen getragen hatte, ein liebliches Symbol ihres Lebens und Kranzwindens. – Früh war ich in die Welt hinausgeschleudert worden, hatte als ein verwaister Knabe, Erbe eines nicht unbedeutenden Vermögens, in dem Hause eines finstern hypochondrischen Verwandten gelebt, und dieser, welcher in den heitersten Tag seine krankhaften Grabesgedanken hineintrug, band mich mit harten eisernen Ketten an die tägliche Arbeit, das unablässige Studium. Mißmutig und widerwillig saß ich in seinem verdunkelten Gemach und verbrachte unter seinen mürrisch-wachsamen Augen meine Knabenzeit – sonst die glücklichste Zeit des Lebens – elend und kläglich genug. Die wilde Lust, das tolle Jauchzen im Kreise sorgloser Genossen lernte ich nicht kennen. Ich habe niemals eine Tracht Schläge für einen unsinnigen Jungenstreich bekommen, und daß mir damit ein großer Segen entging, den alles »Traktieren« der Grammatik nicht ersetzen konnte, wird mir mehr als ein sehr gelehrter Herr bezeugen. Es war viel lustiges und viel ernst-buntes Leben in manchem der Bücher, über denen ich meine Tage verbringen mußte; aber die heitersten, herrlichsten Götter und Göttinnen erschienen mir nur als griesgrämliche Quälgeister, und die Helden und Weisen schienen ihre Schlachten nur deshalb zu schlagen und ihre Weisheit nur deshalb von sich zu geben, um einen unmotivierten Groll an mir armem eingesperrtem Teufel auszulassen. Sie hatten nur gelebt und gewirkt, um mich nach ein paar tausend Jahren durch schauderhafte Irrgärten voll gräßlicher Vokabeln zu schleppen und mich in dunkle Abgründe voll scharfeckiger Konstruktionen zu stürzen. Als endlich diese siebenjährige Jammerknechtschaft aufgeschlossen wurde, brach ich natürlich los wie ein Tier von der Kette, und die uralten und doch nimmer begriffenen Konsequenzen solcher Erziehung traten ein. Ich gehörte auf der Universität zu den wildesten, meisterlosesten Gesellen, und mein Ruhm war weniger groß im würdigen Kreise meiner Professoren als in der unwürdigen Mitte meiner Genossen. Ich floh natürlich aus dem Bereich meines Vormunds und Oheims soweit als möglich fort und begann meine akademische Laufbahn in Wien, welches damals noch das alte lustige Wien war. Und als mir dort der Boden unter den Füßen zu heiß geworden war und zu viele Augen auf mein Treiben achteten, ging ich nach Prag, hochberühmt seiner medizinischen Lehrstühle wegen. – Die Sonne umflimmerte noch immer den Ballkranz in meiner Hand, und das einzelne Haar, welches die schöne Trägerin zwischen den weißen und rötlichen Blüten zurückgelassen hatte, glänzte wie ein Goldfaden; – ich gedachte der alten hunderttürmigen Stadt Prag und eines andern schönen Mädchens, welches aber schwarze Haare hatte, und ich gedachte anderer Holunderblüte. O Prag, du tolle, du feierliche Stadt, du Stadt der Märtyrer, der Musikanten und der schönen Mädchen, o Prag, welch ein Stück meiner freien Seele hast du mir genommen! Sie sagen, wenn die tschechische Mutter ihr Kind geboren habe, so lege sie es auf das Dach: halte es sich fest, so werde es ein Dieb, rolle es herunter, so werde es ein Musikant. Wäre dieses Wort einem deutschen Kopfe entsprungen, so würde es viel böhmisches Gebrumm darum geben, da es aber ein panslavistisches Diktum ist, so muß man es nehmen, wie es sich gibt. Und nun gab es in der alten wundervollen Stadt Prag, als ich dort die Medizin studierte, solch ein Kind – es war freilich von einer böhmisch-jüdischen Mutter geboren –, welches nicht von dem Dache gerollt war, sondern sich recht fest gehalten hatte, welches also von Rechts wegen stehlen durfte und mußte. Mein Herz nahm es mir, und doch liebte ich es nicht, und eine traurige Geschichte ward daraus. Damals war es fast noch schwerer als heute, den berühmten Kirchhof der Juden zu finden, wenn man fremd in der Stadt war. Man tat und tut am besten, nach dem Wege zu fragen und sich führen zu lassen, und so fragte auch ich am Tage nach meiner Ankunft, nachdem ich, vom großen Ring kommend, aus der Geiststraße mich in das namenlose Gewirr von Gassen und Gäßlein verloren hatte, welches um den »guten Ort« liegt. Da es mein Grundsatz ist, mich bei Verlegenheiten in fremder Umgebung an das angenehmste Gesicht zu wenden, so sah ich mich auch jetzt nach demselben um, geriet aber aus einer Verlegenheit in die andere: das Volk, welches mir begegnete, war durchgängig häßlich wie die Nacht. Hätte ich mich an die abschreckendste Physiognomie wenden wollen, so würde ich eher zu einem Resultat gelangt sein. Endlich erblickte ich aber, was ich suchte. Es hing ein alter Frauenanzug vor einer dunkeln Haustür, und an dem Türpfosten lehnte träge, doch nicht unzierlich, ein fünfzehnjähriges Mädchen. Sie hielt die Arme und Hände auf dem Rücken verborgen und sah mich an. Ich sah sie wieder an und beschloß, meine Frage vorzubringen. Ein Gesicht aus den vornehmen Ständen hatte ich freilich nicht vor mir, und ehe mir Antwort ward, kam eine kleine braune Hand hinter dem Rücken des Kindes hervor, fuhr mir geöffnet mit unverkennbarem Verlangen entgegen, und ich konnte nicht umhin sechs Kreuzer hineinzulegen. »Nach unseren alten Kirchhof? Nun, ich will hinbringen den Herrn.« Herab von den drei schmutzigen Stufen sprang die schmächtige Gestalt, glitt mir voran, ohne sich umzusehen, und führte mich kreuz und quer durch die abscheulichsten Winkel, Gassen und Durchgänge, wo mir von allen Seiten mehr oder weniger vorteilhafte Handelsanträge in betreff meines schwarzen altdeutschen Sammetrockes gemacht wurden. Ich hielt mich nicht damit auf, diese Anerbietungen abzulehnen, sondern achtete nur auf das zierliche Irrlicht, welches mich durch diese seltsamen Regionen leitete und endlich neckisch schadenfroh mich verleitete. Wir kamen in eine enge Sackgasse, dann rechts ab zwischen zwei hohe Steinmauern, an deren Ende eine unheimliche Rundbogentür in einen unheimlichen dunkeln Gang führte. An dieser Pforte stand meine leichtfüßige Führerin still, wies in die Finsternis hinein und sagte unübertrefflich treuherzig: »Klopfen Sie dort an.« Obgleich ich eigentlich durchaus nicht wußte, wo ich anklopfen sollte, so tappte ich doch auf gut Glück den Gang entlang, bis ich gegen eine andere schwarze, feuchte Tür stolperte. Ich klopfte und vernahm drinnen ein Ächzen, Stöhnen und dann ein Schlürfen. Dann öffnete sich die Pforte, und ich stand entsetzt vor einer unappetitlichen alten Hexe, welche mich auf tschechisch ankreischte. Drei andere ähnliche Zauberschwestern krochen an Krücken langsam herzu und schnarrten mir ebenfalls Unverständliches entgegen. Höchst verblüfft sah ich mich in dem halbdunkeln, weiten, niedern Raume um. Sechs Betten standen darin, und aus zwei derselben richteten sich zwei entsetzliche Gespenster auf und starrten mich an wie die unglückseligen Geschöpfe, welchen Gulliver auf seinen Reisen begegnete, diese Wesen, welche mit einem schwarzen Fleck vor der Stirn geboren werden und nicht sterben können. Ich hatte die Frechheit, meine Frage nach dem Judenkirchhof zu wiederholen, obgleich mir eine Ahnung sagte, daß ich an der Nase geführt und daß diese Frage an diesem Orte sehr unstatthaft sei. Und richtig – im nächsten Augenblicke befand ich mich wieder in dem vorhin geschilderten dunkeln Gange, froh, mit gesunden, unausgekratzten Augen davongekommen zu sein. Drinnen erschallte ein höllisches Gezeter: der Schalk, mein Irrlicht, mein allerliebstes Judenkind hatte mich für meine sechs Kreuzer in ein Spital für sechs christliche alte Weiber geführt, statt zu dem ehrwürdigen Israeliten, welcher den Schlüssel zu dem Beth-Chaim in Verwahrsam hat. Ein helles Gelächter erweckte mich aus meiner ärgerlichen Erstarrung; draußen in die Winkelgasse schien die Sonne, und im Sonnenschein am Ende des dunkeln Ganges tanzte auch eine Hexe; aber diese Hexe war jung und reizend und »'s isch ke liebliger G'schöpf aß so ne Hexli, wo jung isch.« In dem Sonnenschein tanzte sie und drehte mir eine lange Nase, und ich drohte ihr mit der Faust: »Wart, Hexe, Verführerin, kleine Prager Teufelin!« Sie aber deutete mit dem Finger auf den Mund und rief mir spöttisch zu: »Strc prst skrz krk!« welche melodischen, durch Vokalreichtum sich auszeichnenden Worte im rauhen Deutsch ungefähr bedeuten: »Stecke den Finger durch den Hals.« Dann verschwand der Kobold, und ich mochte nach Belieben über den tiefen Sinn dieser Worte nachsinnen, tat es aber nicht und fragte auch nach solcher üblen Erfahrung niemand mehr um den Weg nach dem Judenkirchhof, sondern fing an, ihn mit germanischer Ausdauer selbst zu suchen. Meinen eigenen Sternen vertraute ich, und sie ließen mich auch nicht im Stich und führten mich endlich durch das schmutzigste Labyrinth, welches die menschliche Phantasie sich vorstellen kann, zu der Pforte, welche in das schauerliche, oft beschriebene Reich des tausendjährigen Staubes führt. Ich sah die unzähligen aneinandergeschichteten Steintafeln und die uralten Holunder, welche ihre knorrigen Äste drumschlingen und drüberbreiten. Ich wandelte in den engen Gängen und sah die Krüge von Levi, die Hände Aarons und die Trauben Israels. Zum Zeichen meiner Achtung legte ich, wie die andern, ein Steinchen auf das Grab des Hohen Rabbi Jehuda Löw bar Bezalel. Dann saß ich nieder auf einem schwarzen Steine aus dem vierzehnten Jahrhundert, und der Schauer des Ortes kam in vollstem Maße über mich. Seit tausend Jahren hatten sie hier die Toten des Volkes Gottes zusammengedrängt, wie sie die Lebenden eingeschlossen hatten in die engen Mauern des Ghetto. Die Sonne schien wohl, und es war Frühling, und von Zeit zu Zeit bewegte ein frischer Windhauch die Holunderzweige und -blüten, daß sie leise über den Gräbern rauschten und die Luft mit süßem Duft füllten; aber das Atmen wurde mir doch immer schwerer, und sie nennen diesen Ort Beth-Chaim, das Haus des Lebens ?! Aus dem schwarzen, feuchten, modrigen Boden, der so viele arggeplagte, mißhandelte, verachtete, angstgeschlagene Generationen lebendiger Wesen verschlungen hatte, in welchem Leben auf Leben versunken war wie in einem grundlosen, gefräßigen Sumpf, – aus diesem Boden stieg ein Hauch der Verwesung auf, erstickender als von einer unbeerdigten Walstatt, gespenstisch genug, um allen Sonnenglanz und allen Frühlingshauch und allen Blütenduft zunichte zu machen. Ich habe schon erzählt, daß ich in dieser Zeit meines Lebens ein toller, wilder Geselle war; aber das Gefühl, welches mich an dieser Stelle erfaßte, enthielt die Bürgschaft dafür, daß ich noch ernst genug werden könne. Immer tiefer sank mir die Stirn herab, als ich plötzlich dicht neben mir – über mir ein kindlich helles Lachen hörte, welches ich schon einmal vernommen hatte. Dieses Mal erschreckte es mich fast, und als ich schnell aufsah, erblickte ich ein liebliches Bild. In dem Gezweig eines der niedern Holunderbüsche, die, wie schon gesagt, das ganze Totenfeld überziehen, – mitten in den Blüten, auf einem der wunderlichen knorrigen Äste, welche die Pracht und Kraft des Frühlings so reich mit Grün und Blumen umwunden hatte, saß das neckische Kind, welches mir vorhin so schlecht den Weg hierher gewiesen hatte, und schelmisch lächelte es herab auf den deutschen Studenten. Als ich aber die Hand nach dem Spuk ausstreckte, da war er blitzschnell verschwunden, und einen Augenblick später sah das lachende bräunliche Gesicht, umgeben von schwarzem Gelock, um das Grab des Hohen Rabbi, als wolle es mich von neuem verlocken, und zwar zu einer Jagd über den alten Totenort. Aber dieses Mal ließ ich mich nicht verleiten; denn ich wußte klar, daß es mir doch nichts nutzen würde, wenn ich dem Ding nachspränge. In die Erde, in den schwarzen Boden hätte es sich verloren, oder, noch wahrscheinlicher, in die Holunderblüten über den Gräbern wäre es verschwunden. Wie angewurzelt stand ich auf meinen Füßen und traute dem hellen Tag, der glänzenden Mittagsstunde nicht im mindesten: wer konnte sagen, ob an dieser geisterhaften Stelle nicht andere Regeln der Geisterwelt galten als anderwärts? Still stand ich und hütete mich wohl, mich zu rühren, und als nun das Ding sah, daß sein lockendes Lachen, Blicken und Winken ihm nichts half, da fing's den Zauber auf eine andere Art an. Sein Gesichtchen wurde ernst, sein Köpfchen neigte sich, und schüchtern schlich's heran, neigte sich wiederum sittsam und stand vor mir und sagte: »Schöner Herr, verzeih, ich will nicht wieder böse sein.« Ruhig duldete es, daß ich seine Hand nahm; es wehrte sich nicht, als ich es näher zu mir heranzog, um ihm besser ins Auge sehen zu können. Es gab wundersamerweise auch klaren und vernünftigen Bericht, als ich es fragte, woher es sei und wie es heiße. Wenn es nicht nach Elfenart log, so gehörte dieses verwahrloste und doch so reizende Geschöpf keineswegs ganz der Geisterwelt an, war nicht eine Tochter Oberons und Titanias, sondern der Sprößling sehr irdischer Eltern, welche in der Josephsstadt zu Prag mit alten Kleidern und Gerätschaften handelten. Auch die Hausnummer und den Namen erfuhr ich: Jemima hieß es, wie die Tochter Hiobs, des trefflichen Mannes aus dem Lande Uz, und Jemima bedeutet auf deutsch: Tag. Obgleich der Vater nicht Hiob hieß, sondern Baruch Löw, so war er doch ein gutes Seitenstück zu jenem Dulder in der Zeit der Plagen. Von der Mutter Jemima Löws will ich lieber ganz schweigen. O über den Schmutz, den ich in dem Hause Nummer fünfhundertdreiunddreißig in der Judenstadt sah, als ich zum erstenmal nach dem Bekanntwerden mit der Tochter des Hauses kam und schlau meine Uhr versetzte, obgleich ich einen frischen, nicht unbedeutenden Wechsel in der Tasche hatte. Und was ich roch, war fast noch schlimmer als das, was ich sah. Aber der Zauber lag einmal auf mir, und es war ein mächtiger Zauber und sollte ein böser Zauber werden: wie hätte er auch sonst in diesem ruhigen, reinlichen, vornehmen Hause in Berlin vierzig Jahre später von neuem dadurch erweckt werden können, daß mir ein Kranz von Holunderblüte, welchen ein junges Mädchen auf dem Ball getragen hatte, in die Hand fiel? – Von dem lustigen Wien war ich mit dem festen Vorsatz herübergekommen, dem collegio medicorum zu Prag alle Ehre zu machen, sehr fleißig zu sein und mit Eifer das Versäumte nachzuholen. Daraus wurde nichts. Nicht daß ich mich wieder dem vorigen wilden Treiben ergeben hätte, welches schon manchen Studenten der Medizin dahin gebracht hat, daß er kläglich die edle Heilkunst an seinem eigenen Leibe praktizieren konnte. Im Gegenteil – weder nächtliches Schwärmen und tolles Trinken, weder Melniker, Pilsener Bier und Slibowitz hatten mehr den gewohnten Reiz für mich; aber berauscht war ich nichtsdestoweniger, und unendliche Quantitäten ungarischen Tabaks konsumierte ich über meinen verworrenen Träumen. Auf meine Stube in der Nekazalkagasse, ins Kollegium, an den Seziertisch, überallhin verfolgte mich die kleine Hexe aus der Judenstadt, Jemima Löw. Es war keine Möglichkeit, jetzt Pathologie, Therapeutik zu studieren und menschliche Leichname und lebendige Hunde, Katzen, Kaninchen und Frösche zu zergliedern. So gab ich's denn auch in Prag auf und verlegte den Vorsatz, fleißig zu sein, auf eine andere, spätere Zeit und auf eine andere Universität. In meiner Stube in der Nekazalkagasse lag ich auf dem harten Sofa, eingehüllt in dichte, blaue, duftende Wolken, und stellte die tiefsinnigsten, aber auch unvernünftigsten Betrachtungen an über die Wunder der menschlichen Seele. Ein Buch darüber, wie die Leidenschaft entstehe und vergehe, hätte ich freilich darum doch nicht schreiben können. Wenn ich dann genug geraucht und geträumt hatte, so erhob ich mich, das Träumen stehenden Fußes fortzusetzen, und durchstreifte die Gassen dieser Stadt, die selbst einem Traume gleich ist. Auf dem großen Ring hörte ich die Mädchen am Brunnen böhmisch und deutsch durcheinanderschwatzen, hörte am Abend den Liedern der frommen Beter an der Mariensäule zu. Die ungarischen Grenadiere auf der Wache am Rathause wurden von Italienern abgelöst; wie in einer Zauberlaterne wechselte das bunteste Leben. Dann schlenderte ich ein andermal auf dem Wissehrad umher, wo über versunkenen königlichen Palästen die Gänse schnattern und die Ziegen weiden und wo ungemein zerrissene Wäsche getrocknet wird. Wieder ein andermal lehnte ich unter dem Schutze des heiligen Johannes von Nepomuk auf der berühmten Brücke und sah, ohne meiner unsterblichen, vernünftigen Seele einen Grund dafür angeben zu können, stundenlang in die Moldau hinab. Dann stieg ich nachher wohl durch die steilen Gassen der Kleinseite die Treppe zum Hradschin herauf und sah über die Mauerbrüstung die stolze Böhmenstadt zu meinen Füßen liegen. Manche heiße Sommerstunde verbrachte ich in der kühlen, dämmerigen Halle des Domes von Sankt Veit; aber Jemima Löw verfolgte mich bis unter den purpurnen Baldachin, der das Grab des heiligen Nepomuk überhängt. Da ist an der Wenzelskapelle der große Türring, an welchem sich der heilige Herzog und Landespatron im Todeskampfe hielt, als er von dem verräterischen Bruder erschlagen wurde. Wenn man diesen Ring mit Ehrfurcht küßt, so ist das nützlich und gut gegen mancherlei Übel: ach, gegen das, was mich bedrückte, hätte solch ein Kuß doch nicht geholfen. Ein gutes Mittel gegen Kopfweh ist's ferner, wenn man von einem alten Holzschnitzwerk neben der Tür den Staub abreibt und damit drei Kreuze auf die Stirn macht, – ich hatte auch öfters Kopfweh – echtes körperliches, nicht nur geistiges – in jenen seltsamen Tagen; ach, ich konnte es nicht heilen durch solches Bekreuzigen. Die Pein legte sich nur dann ein wenig, wenn ich spornstreichs die Treppe von der Kaiserburg und dem Dom wieder herabsprang und über die Brücke, vorüber am heiligen Nepomuk und den andern Bildern, zur Josephsstadt rannte. Erst im Schatten der alten grimmigen Mauern und Häuser des Judenviertels wurde mir die Stirn wieder freier, aber fieberkrank blieb ich darum doch. Schon längst hatte ich Freundschaft geschlossen mit dem Pförtner des berühmten Kirchhofes, und schon längst bezahlte ich nicht mehr jedesmal, wenn ich Einlaß in das Reich des Todes verlangte, die sechs Kreuzer, welche die kaiserlich-königliche Polizeibehörde dem Pförtner bewilligt hat aus dem Geldbeutel, der Reisekasse der neugierigen Fremden. Recht schnell hatte ich die Zuneigung des Graubarts gewonnen, denn ich verstand es, auf seine Anschauungen von dem Wert und der Geschichte des jüdischen Volkes einzugehen, und so wandelten wir unter den Gräbern, und manche Biographie und manche Sage habe ich mir erzählen lassen – wahrlich, vieles konnte man lernen unter diesen grauen Steinen, diesen Monumenten, welche so sehr denen gleichen, die im Tal Josaphat zerstreut liegen. Jemima Löw aber war die Verwandte des Pförtners, seine Enkelin, Urenkelin, Großnichte oder dergleichen – die langen Jahre haben mir den Verwandtschaftsgrad aus dem Gedächtnis gewischt. Sie ging oft mit uns, saß neben uns und gab altklug, oft treffend genug, ihr Wort zu unserem Gespräch. Es waren Tage, es waren Stunden, es waren Augenblicke, deren melancholischen Reiz ich in keiner Weise wahr genug zu schildern vermag. O über diesen uralten Totenacker und seine Holunder! Nun war die Luft an diesem Ort nicht mehr unatembar für mich, und keine Gespenster traten mehr in das Sonnenlicht, welches durch die Blätter schoß und über den Gräbern tanzte. Immer vertrauter wurde ich mit den grauen Steinen. Noch besser als der Alte machte mich Jemima damit bekannt. Wenn der Pförtner in seinem Lehnstuhl eingeschlafen oder zu tief in die unergründlichen Spitzfindigkeiten des Talmuds geraten war, so hüteten wir uns wohl, ihn aufzustören. Hand in Hand schlüpften wir in das Beth-Chaim und waren uns selbst genug in diesen seltsamen Sommertagen, welche die Welt lange nicht so lieblich gesehen hatte. Ja, Beth-Chaim! Wohl wurde mir dieser Kirchhof zu einem »Haus des Lebens!« Wenn mir dieses junge Mädchen die wunderlichen Hieroglyphen der hebräischen Grabtafeln deutete, so beschwor es dadurch ein Leben herauf, von welchem ich bis dahin keinen Begriff gehabt hatte. Weise, tugendhafte, fromme Männer und Frauen, edle Dulder und Dulderinnen, schöne Mädchen und Jünglinge erwachten aus einem Schlummer, der Jahrhunderte hindurch gewährt hatte, und ihre Schatten gewannen lebendigstes Leben. Bald stand ich mit allen diesen Leuten aus einer unbekannten Welt, aus der doch noch so viele Bezüge in die Gegenwart herüberliefen, auf Du und Du und glaubte an sie wie an die Gestalten der Geschichte und Sage meines eigenen Volkes. Gewöhnlich saßen wir neben der Tumba des Hohen Rabbi Löw, aus dessen Geschlecht meine kleine Lehrerin abzustammen glaubte und auf den sie sehr stolz war. Viel erzählte sie mir von dem weisen Mann: wie er mit dem Kaiser Rudolf dem Zweiten verkehrte und ihm die Geister der Patriarchen erscheinen ließ, wie er Bescheid wußte im Talmud und in der Kabbala, wie er einen Golem, das heißt, einen Diener aus der Geisterwelt hatte, wie er seine Frau, die schöne Perl, die Tochter Samuels gewann, wie er vierhundert Schüler hatte und wie er sein Leben auf hundertundvierzig Jahre brachte. Ich aber glaubte an alles und hing an dem Munde der Erzählerin, wie keiner der vierhundert Schüler an dem Munde des Hohen Rabbi in der Schule »Zu den drei Klausen«. Von Liebe sprachen wir nicht; ich liebte auch dieses Mädchen gar nicht; aber einen Namen für die Gefühle zu finden, welche mich gegen es bewegten, war und ist unmöglich. Sie wechselten wie die Launen des Mädchens selbst, wie das Wetter an einem Apriltage, wie die leichten Sommerwölkchen, die über der Stadt Prag und den Fliederbüschen von Beth-Chaim zogen. Bald hielt ich diese Jemima, die in gerader Linie von Chajim, dem ältesten Bruder des Hohen Rabbi Jehuda Löw, abstammte, für ein kleines, schmutziges, boshaftes Ding, mit dem man wohl des Spaßes wegen eine Viertelstunde verschwatzen konnte; bald hielt ich sie für eine Fee, ausgerüstet mit großer Macht, die Menschen zu quälen, und dem besten Willen, diese Macht zu mißbrauchen. Dann war sie wieder nur ein armes, schönes, holdseliges melancholisches Kind der Menschen, für welches man sein Herzblut hätte lassen mögen, für welches man hätte sterben mögen. Krank zum Sterben war ich damals, ein schleichendes Fieber verzehrte mich, und nur im Fiebertraum gehen solche wechselnde Gestalten und Empfindungen durch des Menschen Seele. In jener Epoche las ich mit großem Eifer und schmerzlichem Genuß den Shakespeare, und zuletzt bildete ich mir ein, alle Frauen dieses Dichters in diesem unerzogenen Judenmädchen vereinigt zu finden, die zänkische Katharina nicht weniger als Helena, Titania, Olivia, Silvia, Ophelia, Jessica, Porzia und wie sie alle heißen. Jemima Löw las den Shakespeare nicht, hatte auch in ihrem Leben nichts von dem Mann gehört, und sie verstand aus meinen verworrenen Reden über diesen Punkt nur, daß ich sie mit allerlei christlichen und heidnischen Frauen vergleiche, und lächelte ungläubig, und eines Tages, um die Mitte des Herbstes, als die ersten winterlichen Ahnungen durch die Welt gingen, als die Blätter des Flieders nicht weniger wie alle andern Blätter sich bunt färbten, – eines Tages um die Mitte des Herbstes faßte sie meine Hand und zog mich durch einen düstern Gang nach der Mauer des Kirchhofs zu einem Grabstein, den wir bis jetzt noch nicht betrachtet hatten. Auf diesen Stein deutete sie und sprach: »Das bin ich!« In hebräischer Schrift stand auf dieser Platte: Mahalath Und darunter die Jahreszahl: 1780. Wie kam es, daß ich so sehr erschrak? War es nicht Torheit, daß ich so erstarrt, wortlos das Mädchen neben mir ansah? Ja, es lachte nicht, es freute sich nicht eines gelungenen närrischen Einfalls. Ernst und traurig, mit gekreuzten Armen stand es da, lehnte sich über den Stein und sagte, ohne eine Frage abzuwarten: »Sie hieß Mahalath, und sie war Mahalath, das ist eine Tänzerin. Sie hatte ein krankes Herz wie ich und ist die letzte gewesen, welche auf diesem unserm Beth-Chaim eingesenkt wurde, – die allerletzte. Nachher hat's der gute Kaiser Joseph verboten, daß sie noch einen aus unserm Volk hier zu Grabe brächten; die Mahalath ist die letzte gewesen. Der gute Kaiser hat auch die Mauern der Judenstadt niedergeworfen und hat ihr seinen eigenen milden und glorreichen Namen zu seiner und unserer Ehre gegeben. Er hat dies Gefängnis zerbrochen und uns atmen lassen mit dem andern Volk; der Gott Israels segne seine Asche.« »Aber wer ist die Mahalath? Was hast du mit der Mahalath, Jemima?« rief ich. »Sie hatte ein krankes Herz, und es zersprang.« »Sei keine Törin, Mädchen, was weißt du von dieser Toten, die im Jahre siebenzehnhundertachtzig begraben wurde?« »Wir gedenken lange unserer Leute. Ich kenne die Mahalath ganz genau und weiß, daß ihr Los das meinige sein wird.« »Dummes Zeug!« rief ich; aber Jemima Löw drückte plötzlich die Hand auf das Herz, und über ihr Gesicht zuckte es, als erdulde sie einen großen physischen Schmerz. Ich erschrak wiederum heftig, und als sie meine Hand nahm und dieselbe auf ihre Brust legte, erschrak ich noch mehr. »Hörst du, wie es klopft und pocht, Hermann? Das ist die Totenglocke, welche mir zu Grabe läutet. Du bist ein großer Doktor und hast das nicht gemerkt?« Dieses Letzte sagte sie mit einem so hellen Lächeln, daß die Idee dieses frühen Sterbens mir um so schrecklicher erschien. Ich faßte beide Hände des Mädchens und schrie sie zornig an: »Scherze nicht auf so tolle Weise! Alles will ich dir hingehen lassen, nur nicht solche Worte.« »Es ist kein Scherz«, antwortete sie, »soll ich dir die Geschichte der Mahalath erzählen?« Nur nicken konnte ich, ergriffen von einem dumpfen, unendlich bangen Schmerzgefühl. Jemima Löw erzählte: »Die hier liegt, wurde Mahalath genannt, weil ihre Glieder schlank und leicht waren und weil ihre Füße sich wie im Tanze bewegten, wenn sie ging. Sie war auch im Schmutz und in der Dunkelheit geboren wie ich und in noch größerem Schmutz und noch schlimmerer Finsternis wie ich; denn unter der großmächtigen Kaiserin Maria Theresia war die Stadt der Juden zu Prag ein viel traurigerer Ort als heute, und sie gönnten uns die reine Luft nicht, und bezahlen mußten wir jährlich zweihundertelftausend Gülden für die gnädige Erlaubnis, hier zu verkümmern in Dunst und Finsternis. Aber die Mahalath hatte eine freiere Seele als die stolzeste Christin in der Stadt Prag; sie wurde auch gelehrt in den Büchern und schlug die Laute mit ihrer feinen Hand, daß sie eine Perle in unserm Volk genannt wurde, gleich der Perle des Hohen Rabbi Jehuda. Sie war in der Dunkelheit geboren und sehnte sich nach dem Licht: viele große Männer aus allen Völkern sind darum gestorben, weshalb sollte darum nicht auch ein armes Mädchen sterben? Was siehst du mich so an, Hermann? Denkst du auch, ein Mädchen könne nur um der Liebe willen sterben? Glaub es nicht; – die Mahalath ist nicht an der Liebe gestorben, wenngleich ihr Herz brach; und die irren, welche meinen, daß sie starb um den jungen Grafen, der sie mit Gewalt aus ihres Vaters Hause reißen wollte und gegen den die hohe Kaiserliche Majestät Maria Theresia nachher erkannte, daß er hat müssen ins Ausland entweichen. Die Mahalath lachte über den Toren, der nichts hatte als seinen Namen, seinen Reichtum, Sammetrock und Federhut. Sie nannten sie die Tänzerin, und sie starb, weil ihre Seele zu stolz war, um äußerlich zu zeigen, was sie duldete um ihr Volk. Der einzige Ort, wo sie die Sonne sah, war dieses Beth-Chaim, sie las die Schriften auf diesen Steinen und lernte die Geschichten derer, die unter den Steinen liegen, und ihre Seele tanzte über den Gräbern, bis die Toten sie herabzogen, zu sich – hinab!« Wie das junge Mädchen an meiner Seite das kleine Wort »hinab« aussprach! »Jemima«, rief ich, die Hände faltend, ohne zu wissen, was ich tat, »Jemima, ich liebe dich!« Sie aber streckte drohend die Hand gegen mich aus, stampfte zornig mit dem kleinen Fuße auf. »Es ist nicht wahr. Der junge Herr in Grün und Gold, der mit dem weißen Federhut, liebte die Mahalath auch nicht, und wer sagt, daß sie um ihn gestorben sei, der lügt. Einen Herzfehler hat sie gehabt, und unser totes Volk hat sie zu sich herabgezogen. Du sagst, du liebst mich, Hermann; aber wenn ich in dieser Stunde wie sie herniederstiege zu den Toten, du würdest mich nicht zurückhalten mit deiner Hand.« Wie sie mich ansah! Es war, als ob ihr schwarzes Auge die tiefsten Verborgenheiten meines Herzens hervorholte; hätte ich sie wirklich geliebt, so würde ich diesen Blick ertragen und erwidert haben; aber sie hatte recht, ich liebte sie nicht, ich war nur fieberkrank, und so mußte ich das Auge abwenden und niederschlagen. Ich war nicht falsch, war kein Verräter; kein böser Gedanke war während meines Umgangs mit diesem armen Mädchen in meiner Seele wach geworden. Woher nun die schneidende Angst, diese Gewissensbisse, für die ich nirgends in meiner Erinnerung einen Grund fand? Ich fühlte eine furchtbare Verantwortung auf mir lasten, als ich scheu, fast furchtsam auf die herrliche Kreatur sah, wie sie mir drohend, mit blitzenden Augen die Hand entgegenballte und sich in Verzweiflung wehrte – gegen ihre eigene Liebe. »O Jemima! Jemima!« rief ich; und nun sahen wir uns gegenseitig in die Augen. Allmählich wurden ihre Blicke milder und milder, sie wurden voll feuchten Glanzes; die geballte Hand öffnete sich und legte sich auf meinen Arm. »Betrübe dich nicht, mein Freund. Du bist ja nicht schuld daran; du hast mir unnützen, unwissenden, schmutzigen kleinen Ding viel Freude gebracht, und ich verdanke dir so viel – o so viel. Du kannst nichts dafür, daß ich ein so albernes Herz habe, welches über den Raum, den ihm Gott in der Brust bestimmt hat, herauswachsen will. Fühle, wie es klopft; wir haben hier eine große Doktorin in der Judenstadt; hinter der Tür hab ich gelauscht, als sie und meine Mutter über mich gesprochen haben. Es kann nicht anders sein; ich muß an dem Herz, das zu groß wird, sterben.« »Jemima, Jemima, ich will dir andere, bessere Ärzte bringen, die sollen deine Brust untersuchen und dir sagen, daß du dich irrst, daß die alte Quacksalberin sich irrt!« rief ich. »Du wirst leben – lange leben, wirst eine schöne, holde Jungfrau sein und fortgehen aus diesem Dunst und Moder, diesem uralten Schauder!« »Wohin werd ich gehen? Nein, ich werde hier bleiben, wo meine Väter begraben liegen seit des Tempels Zerstörung. Du aber, mein Freund, wirst fortgehen nach deinem Vaterland und wirst mich vergessen, wie man einen Traum vergißt. Ich bin ja auch nur ein Traum! Was kannst du dafür, daß der Traum zu Ende ist und der blasse verständige Morgen dich weckt und dir sagt, daß es nichts war. Gehe fort und gehe bald; es ist dein und mein Geschick. Du wirst ein gelehrter und guter Herr sein in deinem Vaterlande, mild und barmherzig gegen die Armen und Schwachen; bist du doch auch mild und barmherzig gegen mich gewesen, und ich war auch arm und schwach, und viel Schmerz hättest du mir schaffen können, viel Böses hättest du mir bereiten können, wenn du gewollt hättest. Jetzt sind diese Holunder verblüht, und ich lebe; aber wenn diese alten Bäume und Büsche im nächsten Frühling ihre Blüten einander über die Gräber entgegenreichen werden, dann werde ich so ruhig und still liegen unter meinem Stein wie Mahalath, die Tänzerin hier, die mit der großmächtigen Kaiserin Maria Theresia in einem Jahre starb. Wie lange wirst du wohl denken an Jemima Löw aus der Judenstadt zu Prag in der Zeit der Fliederblüte?« Noch einmal versuchte ich es, allerlei sehr Verständiges über diese törichten Reden zu sagen, aber es gelang mir nicht, und wenig besser gelang mir das Zürnen darüber. Zuletzt standen wir zwei stumm nebeneinander am Grab der Tänzerin, und wie an jenem ersten Morgen, wo ich diesen Ort betrat, erfaßte mich das Grauen mit gespenstischer Hand am hellen Tage. Es war, als rege sich der Boden wie ein Würmerhaufen, es war, als schöben überall bleiche Knochenhände die Steine zurück und die Blätter und das Gras auseinander; ich stand wie zwischen rollenden Totenköpfen, und all der lebendige Moder griff grinsend nach mir und dem schönen Mädchen an meiner Seite. Es war höchst wunderlich, daß der hagere lange Herr aus Danzig und der dicke Herr aus Hamburg, welche sich eben von dem Oheim das Beth-Chaim zeigen ließen, so gar nichts von dem Graus bemerkten. Sie gingen ganz ruhig, mit den Händen in den Hosentaschen, und klimperten jedem verwesten Jahrhundert mit barer Münze in das hohläugige grinsende Gesicht. Die Gegenwart dieser beiden Herren verscheuchte das Grauen gar nicht, wie man doch hätte meinen sollen. Im Gegenteil, sie machten es nur noch eindringlicher; denn es war doch allzu widernatürlich, daß sie gar nichts merken sollten von dem, was um sie her und was unter ihren Füßen vorging. Sie kamen auf uns zu, und ich hörte, wie der Hamburger Herr zu dem Danziger Herrn sagte, er halte diesen hoch- und falschberühmten Prager Judenkirchhof für nichts mehr und nichts weniger als einen verdammten Humbug und verteufelten alten Steinbruch, und noch einmal raffte ich alle Kraft zusammen, fuhr mit der Hand über die Stirn und rief: »Nein, nein, es ist eine Tollheit! Es ist krankhafte Phantasie! Wie kann man sich von solch dummem Ding so sehr in Schrecken jagen lassen? Wenn ich nicht krank wäre, würde ich hier ebenso ruhig umherspazieren wie diese beiden Herren!« »Wehre dich nicht dagegen«, sagte aber Jemima, und weil eben die beiden Fremden mit dem Oheim näher kamen, trat sie von mir weg, hüpfte leicht über das Grab der Mahalath, bückte sich nieder, um unter den niedern Zweigen der Fliederbüsche durchzuschlüpfen, und aus dem Grün noch einmal zurückblickend, rief sie, nach ihrer Gewohnheit den Finger an den Mund legend: »Gedenke der Holunderblüte!« Dann war sie verschwunden, und – ich habe sie nicht wiedergesehen. Ist es nicht eine bittere Wahrheit, daß die Hand des Menschen eine Kinderhand ist, welche nichts festhalten kann? Gierig greift sie nach allem, was in irgendeiner Weise glänzt und lieblich ist oder was ihr verboten wurde anzugreifen. Sie zerstört das eine mit kindischer Neugier und verwundet sich an dem andern oder läßt es fallen aus Furcht. »Wer war die Mahalath, welche unter diesem Steine liegt?« fragte ich den Pförtner, nachdem sich die beiden norddeutschen Herren entfernt hatten. Der Alte zuckte die Achseln: »Ihre Nachkommen leben noch hier am Orte; 's ist ein angesehenes Geschlecht bei uns, und so spricht man nicht gerne davon. Es hat sich viel Fabelei seit den vierzig Jahren, daß sie tot ist, über sie entsponnen. Sie hatte eine Liebschaft mit einem jungen Herrn von der Kleinseite, vom Malteserplatz; wir aber sind ein Volk, das was gibt auf seine Ehre; wir sind ein genaues Volk und können sehr grausam sein. So hat das arme Geschöpf sein Leben mit Kummer beschlossen – 's ist eine traurige Geschichte.« Als der Alte auch mir die Pforte des Beth-Chaim öffnete, hatte er Grund, mir kopfschüttelnd nachzublicken. Gleich einem Trunkenen irrte ich an diesem Tage umher und versuchte es vergeblich, meine Schuld und Unschuld gegeneinander abzuwägen. Vergeblich versuchte ich alles mögliche, die Last von meiner Seele abzuwälzen oder sie wenigstens leichter zu machen, indem ich mir die Worte dieses jungen Mädchens als nichtsbedeutende Grillen und Phantasien eines törichten Kindskopfes darstellte. Endlich schwankte ich heim in die Nekazalkagasse, holte meine Bücher und mangelhaften, liederlichen Kollegienhefte hervor und fing an, mit zitterndem gierigem Eifer alles das, was darin über das Herz des Menschen, das körperliche Herz, seine Funktionen, seine Gesundheit und Krankheit geschrieben war, zu lesen. Ich habe nachher selbst ein Buch darüber geschrieben, welches von der Wissenschaft für sehr brauchbar erklärt wird und welches manche Auflagen erlebt hat; – ach, wenn nur die Wissenschaft wüßte, was mich dieser Ruf als Autorität in Herzkrankheiten gekostet hat! Es gehen nicht bloß Dichterwerke aus großem Schmerz und Unmut hervor. Sehr schwül war es an diesem Tage, weiße schwere Wolken wälzten sich über die Dächer herauf und zogen sich zu drohenden, bleigrauen Massen zusammen, und trotzdem, daß die Luft kaum zu atmen war, trieb's mich doch wieder herab von meiner Stube in die heißen Gassen. Als eben der erste Donner dumpf rollend die Fenster der Stadt erklirren machte, zog ich abermals die klappernde Glocke des Pförtnerhauses am Judenkirchhof. Statt des langbärtigen, ehrwürdigen Greisenkopfes erschien in der Türöffnung das verrunzelte gelbe Gesicht der alten Dienerin des Pförtners. »Wo ist Euer Herr? Ich muß ihn sprechen – auf der Stelle!« »Gott Israels, wie Ihr ausseht, junger Herr! Mein, was ist Euch begegnet? Was wollt Ihr schon wieder? Was bannt Euch an diesen Ort?« Ich antwortete ihr nicht, sondern drängte mich an der Schwätzerin vorüber. Durch die dunkeln – jetzt während des Gewitters so schrecklich, furchtbar dunkeln Gänge des Friedhofes – eilte ich, und am Grabe des Hohen Rabbi Löw fand ich den Alten, unbekümmert um den immer stärker losbrechenden Sturm. Wer diesen Ort nicht in solcher Stunde gesehen hat, der kennt nichts von ihm. Es gibt keinen andern Gottesacker in der ganzen Welt, wo man, wenn der Himmel schwarz wird »wie ein härener Sack«, wenn der Blitz zuckt und der Donner kracht, mit solchem Zittern das Haupt beugt und den Anfang des Jüngsten Gerichtes erwartet. O wie sich diese alten Fliederbüsche winden und sich gegen den Sturm stemmen! Wie lebendige Wesen ächzen und stöhnen sie in großer Not. Sie rauschen nicht wie andere Bäume und Sträucher im Regen; und mit einem unheimlichen Gegurgel schlürft der Boden die Wasserströme, die von den an- und übereinandergetürmten Grabsteinen herniederrieseln, – es ist wirklich wie »eine Verwüstung vom Allmächtigen«. Wir suchten einen Winkel, wo wir etwas vor der Wut des Sturmes geschützt waren, und fanden ihn nur an der Mauer in der Ecke, wo Mahalath, die Tänzerin, begraben lag. Dort sprach ich zu dem Alten und verschwieg ihm nichts. Ich erzählte ihm mein Bekanntwerden mit Jemima vom ersten Anfang an; so klar und deutlich, als mir nur möglich war, legte ich ihm unsern Verkehr dar. Ich hätte ihm Rechenschaft über jede Stunde und Minute geben mögen. Er ließ mich aussprechen, ohne mich zu unterbrechen; als ich endlich atemlos zu Ende gekommen war, strich er mit der knochigen harten Hand über die Haare und die Stirn und sagte: »Mein Sohn, dein Herz ist gut, und es freut mich sowohl um deiner selbst willen, als der Jemima wegen, daß du zu mir gesprochen hast, wie du tatest. Es ist ein edel Ding um ein Gewissen, das sich leicht regt und welches nicht erst durch Posaunenstöße geweckt zu werden braucht. Ich danke dir, daß du zu mir gekommen bist, dein Herz auszuschütten; du brauchst auch nicht zu sorgen, daß ich dich mit zornigen Worten kränken werde; – wer unter diesen Steinen wandelt, wer die Luft dieses Ortes atmet, der gewinnt ein mildes Auge für das Tun und Lassen seiner Mitmenschen. Du hättest mir viel Schlimmeres berichten können, und immer hätte es hier Gräber gegeben, unter denen noch Furchtbareres verscharrt liegt oder an die sich dergleichen knüpft. Gott segne dich, daß du nicht zu den Schlechten gehörst, die nach angerichtetem Elend noch spotten und lachen und groß Rühmens davon erheben. Leichtsinnig und unbedacht bist du gewesen – was gestern noch ein Spiel war, kann heute blutigster Ernst sein; der Funke ist zur Flamme geworden, ehe wir's denken, und wir schlagen um uns in großer Not und Angst, können's aber nicht mehr löschen. Arme kleine Jemima! Immer ist sie ein wunderlich Geschöpf gewesen – es war nicht gut, daß ich es duldete, daß sie diesen meinen alten schauerlichen Garten zu ihrem Spielplatz machte. Was hatte ich greiser Narr nötig, sie so manchen Sommertag hindurch hier an meiner Seite festzuhalten und ihr die Geschichten dieser Steine zu erzählen, wie man andern Ländern Märchen von Feen und Zwergen erzählt? Ihr Herz sei krank, sagte sie? Wehe mir, wer ist schuld daran, daß dem so ist?... Aber es kann ja nicht sein, sie ist ja noch ein halbes Kind, und wir können noch gutmachen, was wir gesündigt haben. Wehe, was gingen sie die Toten an! Weil ich nur in diesen Mauern leben konnte, hab ich ihr junges Dasein mit hineingeschlossen, und so ist sie wohl vor dem Schmutz draußen in der Gasse bewahrt geblieben, aber sie hat die Sonne und die Frühlingsblüte nur hier gesehen – die Sonne der Toten – die Fliederblüte der Gräber! – Aber sie soll nicht mehr den Fuß hierher setzen; sie soll das Leben sehen wie andere – sie wird nicht sterben; – nicht wahr, sie wird nicht sterben durch unsere – meine Schuld?« Ich vermochte nicht zu antworten; wieder zuckte ein roter Blitz über unsern Häuptern, und wieder krachte der Donner schmetternd nach. »Auch Ihr, Herr, sollt diesen Ort nicht wieder betreten!« fuhr der Alte fort. »Auch für Euch paßt er nicht! Auch Ihr seid zu jung, um hier Atem zu holen. Fort mit Euch, und Fluch Euch, wenn Ihr morgen früh noch hier in Prag gefunden werdet!« »Ihr wollt mich von ihr trennen? Jetzt wollt Ihr mich von ihr trennen?« schrie ich. »O, das ist nicht gut, das heilt sie nicht. Auch Ihr, Greis, wißt nichts von den Lebendigen. Um Gottes willen, trennt mich nicht von der Armen – es kann nicht gut werden, wenn Ihr mich jetzt forttreibt.« »Es ist keine Wahl für uns übriggeblieben«, sagte der Alte wieder milder. »Ihr seid nicht weniger ein krankes Kind als das Mädchen. Heil ist nur in der Trennung für den einen wie für die andere.« Ich hatte nicht eine Waffe gegen diesen grausamen alten Mann. Er drohte, er bat, und ich – wich ihm zuletzt, obgleich ich wußte, daß es nicht gut war, und so habe ich die arme Jemima aus der Judenstadt zu Prag getötet, und deshalb ist mir die Holunderblüte, welche alle andern Menschen so sehr erfreut, immerdar die Blume des Todes und des Gerichtes. Ich floh, aber ich entfloh mir nicht. Ich stopfte mir die Ohren zu, um die klagende Stimme nicht zu hören, welche mich zurückrief. Ich hörte sie aber doch, bei Tag und bei Nacht. Ich habe den folgenden Winter in Berlin studiert und, was auf den ersten Blick unwahrscheinlich scheinen sollte, – wirklich studiert. Ich glaube auch nicht, daß eine andere Wissenschaft, als die der Gebrechen und Krankheiten des Menschen, jetzt für mich möglich gewesen wäre. Dieses Studium aber mußte mir jetzt zusagen, und mit schmerzhaftem Behagen überließ ich mich ihm und fand verhältnismäßige Ruhe darin. Später sagte man mir, es sei ein böser, kalter Winter gewesen: ich habe nichts von Schnee und Sturm, nichts vom Frost gespürt. Erst mit dem neuen Frühlinge erwachte ich aus diesem unglücklichen Zustande; aber es war kein gesundes Erwachen, sondern ein Auffahren unter der Berührung einer kalten Gespensterhand. Als ich mich schreckhaft emporgerichtet hatte, sah ich, daß niemand da war! Es war am neunten Mai 1820, an einem Sonnentage; ich saß in einem Vergnügungsgarten vor dem Schönhauser Tor, ohne daß ich recht wußte, wie ich dahin geraten war. Um mich her herrschte viel Jubel der Frühlingsgäste. Kinder spielten, Alte schwatzten, Liebespaare verkehrten durch Blicke oder Flüsterworte; ich saß allein an meinem Tische, sah traumhaft in mein Glas, und mich fröstelte. Welche Lust hatte mir früher solch buntes Treiben um mich her gewährt, und wie wenig kümmerte ich mich jetzt darum! In diesem Augenblick kam mir die Gewißheit, daß der Winter vorübergegangen und daß es Frühling geworden sei, wie eine Offenbarung. Nicht weit von meinem halbversteckten Platz fing ein Mädchen an, hell, herzlich und lange zu lachen; – ich aber war auf dem alten Kirchhof der Juden zu Prag, die Sonne schien durch die Holunderbüsche, hinter dem Grabmal des Hohen Rabbi Jehuda Löw bar Bezalel lachte lieblich Jemima, und gleich mußte sich das schöne Gesicht und Bild über die moosige Tumba erheben. Als ich aufsah, war die Phantasie natürlich verflogen; ich fragte den Kellner nach dem Datum und wiederholte es verwundert, nachdem ich es erfahren hatte. Empor richtete ich mich und sah mich um. Die Bäume waren grün oder standen in voller Blütenpracht; die Luft war warm, der Himmel war klar – es war Frühling geworden, ohne daß ich es gemerkt hatte. Vielen Menschen ist es schon so gegangen, und viele Dichter haben klagend davon gesungen; die große Angst, welche einen überfällt, wenn man in dieser Weise erwacht, ist ein gutes, dankbares Thema für ein Gedicht. Dieses unbemerkte Weggleiten des Lebens gehört mit zu den bittersten Dingen, über welche der arme Mensch dann und wann nachzudenken hat. Auch die Holunder blühten – über mir, um mich her. Eben durchschimmerte es die Knospenhülsen weiß und rötlich, es ging ein Säuseln durch die glänzenden grünen Blätter, die Blumentrauben leise, ganz leise bewegend. Am folgenden Tage war ich auf der Reise nach Prag, nachdem ich in der Nacht hart und vergeblich gegen den Geist gekämpft hatte, welcher mich dahin rief. – Ich reiste Tag und Nacht durch; aber da es damals noch keine Dampfwagen gab, die uns heutzutage so über alle Beschreibung langsam dahinzukriechen scheinen, so kam ich erst am Nachmittag des fünfzehnten Mai in der Stadt, die ich so sehr fürchtete, an, und schon in der Ferne verkündete mir der feierliche Klang aller Kirchenglocken das Getümmel, in welches ich geraten würde. Am folgenden Tage war das große Fest des hohen Landesheiligen, das Fest des heiligen Johannes von Nepomuk, und ganze Dörfer zogen mit Kreuzen, Fahnen, Weihkesseln und Heiligenbildern, uralte Lieder zum Preise des armen Beichtvaters der Königin Johanna singend, auf dem nämlichen Wege wie ich zur Stadt. Die alte graue Stadt selbst war fast nicht wiederzuerkennen; alle Häuser waren bis an die Giebel mit Grün, Blumengewinden und Teppichen geschmückt; überall sah man Vorbereitungen zur festlichen Erleuchtung, die Gassen und Plätze waren fast nicht zu passieren, und wie ein vom Strudel ergriffener Schwimmer mußte man in dem Gewühl des Volkes kämpfen, um nicht die Richtung zu verlieren. Mit vieler Mühe erhielt ich endlich noch ein Unterkommen in der Goldenen Gans auf dem Roßmarkt, den man jetzt Wenzelsplatz nennt. Das Gemach, welches mir in dem »Hostinec« angewiesen wurde, zeichnete sich nicht durch Räumlichkeit aus und durch eine schöne Aussicht noch weniger. Aus dem einzigen Fenster desselben sah man in einen langen Hof, der von hohen Gebäuden und Galerien umgeben war. Ein tolles Gewirr von Lastwagen und Stellwagen hatte sich daselbst zusammengedrängt, und doch fand sich immer noch Platz für neu anlangende Fuhrwerke der letzteren Art, und immer neues Volk in den wunderlichsten, buntesten Kostümen stieg herab. Fuhrknechte und Stallknechte fluchten Himmel und Erde zusammen auf böhmisch und auf deutsch. Weiber und Kinder kreischten und heulten in allen Tonarten; Landvolk, Kleinbürgertum und Kriegerstand bemühten sich, den Damen das Absteigen zu erleichtern oder, unter Umständen, auch wohl zu erschweren. Gerade mir gegenüber hatte ein Schneider den letzten Stich an einer Feiertagshose, auf welche der Kunde mit Schmerzen wartete, getan und blies nun auf einem Waldhorn den eigenen Festtagsjubel zum Fenster hinaus. Dazu fingen wiederum die Glocken in der ganzen Stadt an zu läuten, und betäubter als je lehnte ich am Fenster. Eben wollte ich es schließen, da nicht die allerreinsten Düfte zu mir emporstiegen, als mein Auge auf eine Gestalt fiel, deren Anblick mir sogleich die volle Besinnung zurückgab. In einem Kreise lachenden deutschen und böhmischen Volkes stand ein Handelsjude mit einem Bündel der grellfarbigsten Tücher und Bänder, welche er den von den Wagen niedersteigenden Frauen und Jungfrauen mit großem Geschrei zum Kauf anbot. Ich erkannte den Mann auf der Stelle, es war Baruch Löw, der Vater Jemimas, und barhäuptig stand ich eine Minute später vor ihm und hielt seinen Arm mit eiserner Faust. »Sie lebt? Sie lebt? Sie ist nicht gestorben? Ihr habt sie nicht begraben wie Mahalath?« »Gerechter!« rief der Hausierer, erschreckt über den wilden Anfall. »Was soll?...« Er erkannte mich und dachte natürlich nur an die Uhr, welche ich ihm einst ins Haus getragen und nicht zurückgefordert hatte. Mit verlegenem Lächeln sah er mir ins Gesicht. »Soll mich Gott leben lassen hundert Jahre, 's ist der schöne, hochgelehrte Herr Student – welch 'ne grausame Freud! Nu, weshalb soll sie nicht leben – sie läuft auf die Minut – aber, aber der Herr wird entschuld'gen, ich hab sie nicht mehr; – womit kann ich dem Herrn dienen?« Ich zog den Mann fort vom Hofe der Goldenen Gans hinaus auf den Roßmarkt. Dort wiederholte ich meine Frage, indem ich den Namen seiner Tochter nannte, und jetzt veränderte sich sein Gesicht so sehr, und er starrte mich so stier, steinern und schmerzensvoll an, daß ich seine Antwort nicht abzuwarten brauchte. Eine Prozession, welche eben über den Markt zog, trieb uns voneinander, und willenlos ließ ich mich von der Menschenflut schieben, treiben und tragen. In der Judenstadt aber war es totenstill, o so schauerlich still! Wieder einmal zog ich die Glocke des Beth-Chaim, und wieder einmal öffnete sich die Klappe in der Pforte, das runzelvolle, fast hundertjährige Gesicht des Hüters des Hauses des Lebens erschien in der Öffnung, und in demselben Augenblick wurde der Riegel zurückgeschoben. »Da seid Ihr!« sagte der Greis, sein Haupt neigend. »Ich wußte wohl, daß ich Euch noch einmal sehen würde. Kommt!« Er schritt nun voran, und ich folgte ihm in die schattigen Gänge, und in das Schweigen des Todes versank der tausendstimmige Festlärm der großen Stadt Prag. In vollster Blüte prangten die Fliederbüsche über den Gräbern, aber kein Vogel sang in ihnen. »Ihr wißt schon, daß sie doch fortgegangen ist?« fragte der Greis. Ich nickte, und jener fuhr fort und sprach fast mit den Worten des Sängerkönigs aus seinem Volke: »Ich bin unter den Toten verlassen – meine Freude ist ferne von mir getan. Die lieblichste Blume ist gepflückt, und die lieblichste Stimme ist verhallt, wir werden sie nicht mehr hören!« Sanft nahm er meine Hand: »Weine nicht, mein armer Sohn; man kann immer nur dasselbe alte Wort sagen: die Tränen bringen sie uns nicht wieder. Vielleicht hätte ich dich damals nicht forttreiben sollen; aber wer konnte damals sagen, welches das Rechte sei? Vor acht Tagen ist sie begraben; wir haben die größten Doktoren an ihrem Lager gehabt, aber sie konnten ihr nicht helfen. Sie hatte recht, ihr Herz war zu groß, macht Euch nicht zuviel Sorgen um Eure Schuld an ihrem Tode. Ihr waret damals so krank wie sie. Alle die gelehrten Herren meinten, sie habe nicht länger leben können. Euer, mein Sohn, hat sie nur mit Freude und leisen, lieblichen Worten gedacht; Ihr seid ein Sonnenstrahl in ihrem armen, kurzen, dunkeln Leben gewesen, durch Euch hat sie den blauen Himmel und die Welt der Lebendigen, die ich ihr so grausam-unwissend verschlossen hatte, kennengelernt. Ihr habt ihr viel Freude und Glück gebracht, und sie ist mit tausend Segenswünschen für Euch auf den Lippen eingeschlafen. Ach, es war ein großes, schönes, trauriges Wunder, wie ihr Wesen und all ihr Denken so anders geworden war. Der Gott aller Völker weiß die beste Art, wie er seine Kinder aus jeder Dunkelheit, aus allen Kerkermauern in das Licht und die Freiheit führen kann. Sie ist so schön gestorben, o so schön! Ich konnte sie nur hierher bannen, und so hat sie der Gott des Lebens mir genommen, um sie in das wahre ,Haus des Lebens‘ zu führen, – sein Name sei gepriesen!« Was ich dem Alten auf diese Worte antwortete, weiß ich nicht mehr. »Gedenke der Holunderblüte!« hatte sie gesagt, und wie ich derselben mein ganzes Dasein hindurch gedenken muß, habe ich schon verkündet. Ihr Grab befand sich nicht auf dem alten Kirchhof in der Judenstadt; der gute Kaiser Joseph hatte ja verboten, daß noch jemand daselbst beerdigt werde. Die Mahalath war die letzte gewesen, welche man dort eingesenkt hatte. Lange Zeit habe ich gebraucht, um die Erinnerungen niederzuschreiben, welche mich durchzogen, während ich den Kranz von Holunderblüten, den eine andere Tote getragen hatte, in der Hand hielt. Jetzt nahm ihn mir die trauernde Mutter leise fort und legte ihn wieder in die hübsche Schachtel, aus welcher sie ihn hervorgezogen hatte. Sie legte mir die Hand auf die Schulter: »Lieber Medizinalrat, wie danke ich Ihnen, daß Sie so vielen Anteil an meinem Schmerz nehmen.« Ich sah auf und konnte nicht antworten. Das Feuer im Ofen war erloschen, das Gemach war kalt geworden; die Sonne war hinter die Dächer gesunken, der Glanz des Wintertags war vergangen. Schwer, unbeschreiblich schwer fühlte ich das Alter auf mir lasten. Als ein trauriger, aber nicht schlechterer Mann schritt ich wieder an der ewig jungen, sinnenden Muse vorüber und verließ dieses stille, kalte, tote Haus.