Friedrich Nicolai Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker Mit Illustrationen von Daniel Chodowiecki   Inhalt des ersten Bandes. Vorrede . Erstes Buch . Erster Abschnitt. Erste Monate, nach Sebaldus und Wilhelminens Verheurathung. Sebaldus Charakter. Beider gelehrte Beschäftigungen. Geburt eines Sohnes gegen das Ende der ersten neun Monate. Marianens Geburt und Erziehung, Charlottens Geburt. Zweyter Abschnitt. Häusliche Zufriedenheit dieser Familie. Charakter des Buchhändlers Hieronymus. Sein Buchhandel, Korn- und Viehhandel. Seine Beförderung des Kunstfleißes in seinem Vaterlande. Stauzius Einweihungspredigt der abgebrannten und wieder neugebauten, St. Bartelskapelle. Wilhelmine bewegt den Sebaldus, vom Tode für das Vaterland zu predigen. Nach dieser Predigt nehmen zehn Bauerkerle Dienste. Beide Eltern empfangen Nachricht, daß ihr Sohn von der Universität entwichen und Kriegsdienste genommen habe. Dritter Abschnitt. Charakter des Consistorialpräsidenten und des Generalsuperintendenten, D. Stauzius. Sebaldus wird wegen seiner Predigt vor das Konsistorium gefordert, fiskalisch angeklagt und vertheidigt, wird seines Amts entsetzt. Wilhelmine wird vor Schrecken krank. Vierter Abschnitt. Mag. Tuffellus erscheint vor Sebaldus Thür, verlangt die Räumung des Pfarrhauses. Wilhelmine bewegt ihren Mann, in der Residenz Protektion zu suchen. Fünfter Abschnitt. Sebaldus geht nach der Stadt. Indessen treibt Tuffelius die Familie aus dem Pfarrhause. Ein Bauer nimmt sie auf. Sebaldus macht dem Hofmarschall seine Aufwartung, so wie auch dem Grafen von Nimmer. Kommt ohne Hülfe zurück. Sechster Abschnitt. Wilhelmine wird kränker, Charlottchen bekommt die Pocken. Die letztere stirbt. Wilhelmine stirbt auch. Hieronymus besucht die unglückliche Familie. Siebenter Abschnitt. Hieronymus besorgt die Beerdigung der Leichen, und nimmt Sebaldus nebst Marianen zu sich; Sie werden vom D. Stauzius abgekanzelt, ohne es zu wissen. Hieronymus verschaft Marianen eine Stelle, als französische Hofmeisterinn. Sie nimmt deshalb einen französischen Namen an, und reiset nach dem Gute der Frau von Hohenauf. Zweytes Buch . Erster Abschnitt. Hieronymus nimmt den Sebaldus mit sich nach Leipzig, und verschafft ihm die Stelle eines Korrektors bey einigen Druckereyen. Sebaldus Gespräch mit einem Magister über die Uebersetzungsmanufakturen. Zweyter Abschnitt. Gespräch mit Hieronymus eben darüber. Dritter Abschnitt. Sebaldus entdeckt, unvorsichtiger Weise, seine Meinung von Uebersetzungsmanufakturen und von der Apokalypse, wodurch er seine Korrekturen verlieret, und sich aus Armuth in einen Keller bey einem Markthelfer begeben muß. Daselbst findet er einst den Sohn des D. Stauzius, der den Soldaten entsprungen ist, und nimmt ihn auf. D. Stauzius kommt, seinen Sohn zu befreyen. Sebaldus wird auf die Hauptwache gesetzt und von einem Unterofficier zu seinem Major gebracht. Charakter des Majors. Sebaldus befreyet den Sohn des D. Stauzius und schlägt das ihm vom Major geschenkte Lösegeld aus. Vierter Abschnitt. D. Stauzius verspricht dem Sebaldus eine andere Versorgung in seinem Vaterlande. Vergebliche Hoffnung, schlechter Erfolg. Der Präsident will ihn fiskalisch anklagen lassen. Sebaldus reiset nach Berlin, wird von Strassenräubern verwundet und beraubt. Drittes Buch . Erster Abschnitt. Charakter der Frau von Hohenauf. Vorschrift für Marianen zur Erziehung der beiden jungen Fräulein, und zu ihrem eignen Verhalten. Zweyter Abschnitt. Herkunft der Frau von Hohenauf. Charakter der beiden Fräulein. Erfolg ihrer Erziehung. Dritter Abschnitt. Der junge Säugling, der Neffe der Frau von Hohenauf, kommt auf ihrem Gute an. Charakter desselben. Vierter Abschnitt. Nähere Bekanntschaft Säuglings mit Marianen. Auf ihre Veranlaßung, macht er ein Schäferspiel zur Feyer des Geburtsfestes der Frau von Hohenauf. Zweck dieser Feyer, die Erlösung eines armen Pachters aus dem Gefängnisse. Folgen derselben, die näher geknüpfte Freundschaft zwischen Marianen und Säugling. Fünfter Abschnitt. Säugling verliebt sich in Marianen; Erklärt ihr nach langer Zurückhaltung seine Liebe; Wird von der Frau von Hohenauf behorcht; Muß mit seinem Hofmeister Rambold nach der Universität reisen; Er sendet ihr eine Heroide, unter dem Namen des Leanders an die Hero , welche Mariane sich nicht zu beantworten getrauet. Sechster Abschnitt. Säugling, auf Rambolds Anrathen, besucht Marlanen heimlich. Er wird von der Frau von Hohenauf entdeckt, Mariane wird eingesperrt, und endlich zur Gräfinn von *** als Gesellschafterinn gesendet. Inhalt des zweyten Bandes. Viertes Buch . Erster Abschnitt. Sebaldus findet auf der Landstraße nach Berlin, einen Pietisten. Gespräch mit demselben von dem Verderben der menschlichen Natur, und von der alleinwirkenden Gnade. Sie übernachten in Wusterrnark. Zweyter Abschnitt Sie gehen weiter. Der Pietist versichert, daß in Berlin keine Religion und keine christliche Liebe sey. Dritter Abschnitt. Beschreibung des Thiergartens vor Berlin, wo der Pietist eine Bußpredigt zu halten versucht. Sie gehen in Berlin ein. Der Pietist nimmt an einer Ecke vom Sebaldus Abschied, und dieser gehet in eine Kirche, wo ein Kandidat, von der wahren christlichen Liebe , prediget. Vierter Abschnitt. Sebaldus sucht vergeblich Hülfe, bey dem Kandidaten der gepredigt hat, bey einem Separatisten, bey einer liederlichen Gesellschaft, bey dem Pietisten, seinem Reisegefährten. Endlich sinkt er, ermattet, unter dem Bogengange der Stechbahn nieder, wo ihn ein Armenschulmeister findet, und in sein Haus aufnimmt. Fünfter Abschnitt. Sebaldus beschäftigt sich auf Anrathen seines Wirthes, mit Notenschreiben. Er lernt dadurch Herrn F. kennen, von welchem er zu dem Major, den er in Leipzig gekannt hatte, geführt wird. Sechster Abschnitt. Hr. F. erzählt dem Sebaldus auf einem Spaziergange, seine Geschichte. Gespräch von den Religionsgesinnungen der Einwohner von Berlin. Siebenter Abschnitt. Gespräch eines Predigers mit einem Kandidaten, vom Wesen des Predigtamts und von der Heterodoxie. Achter Abschnitt. Gespräch zwischen Herrn F. und Sebaldus, von symbolischen Büchern, und von Veränderung der Glaubenslehren. Fragment einer Handschrift, historische Versuche über Berlin , betitelt: von der Geschichte der Hüte und Mäntel der berlinischen Geistlichkeit . Neunter Abschnitt. Sie wollen den Major besuchen. Sie treffen im Hause den Armenschulmeister an, dem von den Bedienten eines Edelmanns übel begegnet wird. Er erzählt die Geschichte der Verführung seiner Tochter. Der Major setzt den Edelmann deshalb zur Rede, fodert ihn auf der Stelle heraus, und wird von dessen Kammerdiener, von hinten zu, tödlich verwundet. Zehnter Abschnitt. Unterredung des Sebaldus, mit dem Major, auf dem Todtenbette. Der Major stirbt. Eilfter Abschnitt. Der Prediger verdammt den Major, weil er Gottes Wort nicht für Gottes Wort gehalten, die Sakramente nicht, als von Gott gegebene Gnadenmittel, gebraucht habe, und so in seinen Sünden gestorben sey. Sebaldus will ihn nicht verdammen. Zwölfter Abschnitt. Der Umgang des Herrn F. mit Sebaldus, wird laulich. Hr. F. empfiehlt ihn zu einer Landschulmeisterstelle, bey einem menschenfreundlichen Edelmanne, welche Stelle Sebaldus seinem Freunde, dem Armenschulmeister abtritt. Sebaldus reiset zum Hieronymus, um Nachricht von seiner Tochter einzuziehen. Dreyzehnter Abschnitt. Sebaldus wird vom Hieronymus, nach Holstein, zu einem gewesenen Kammerjunker, als Bibliothekar empfohlen. Es gesellet sich zu ihnen, ein Verwalter zu Pferde. Gespräch unterweges, mit einem gelehrten Reisenden von der Erklärung des Alten Testaments, durch die arabische Sprache. Dieses Gespräch wird durch ein heftiges Geschrey auf der Landstraße, unterbrochen. Fünftes Buch . Erster Abschnitt. Marianens Ankunft auf dem Gute der Gräfinn von ***. Säugling auf seiner Reise zu seinem Vater nach Wesel, besucht die Frau von Hohenauf, welche, wegen ihrer Absicht, ihn mit dem Fräulein von Ehrenkolb zu vermählen, vorgiebt, Mariane habe einen Pfarrer in Franken geheurathet. Säugling entsagt der Liebe in einem Gedichte. Zweyter Abschnitt. Charakter des Fräulein von Ehrenkolb, und ihrer Mutter. Beide besuchen die Frau von Hohenauf. Das Fräulein lobt Säuglings Gedichte, er sucht ihr wieder zu gefallen und wird dadurch munterer, und weniger schüchtern. Als die Frau und das Fräulein von Ehrenkolb nach ihrem Gute zurückreisen, begleitet sie Säugling und sein Hofmeister Rambold. Ankunft eines jungen Obersten, den das Fräulein von Ehrenkolb, schon vorher gekannt hatte. Dritter Abschnitt. Die Ehrenkolbsche Familie, in Begleitung des Obersten, Säuglings und seines Hofmeisters, besucht die Gräfin von ***. Säugling findet daselbst Marianen, und sucht seine Liebe zu erneuern. Mariane aber ist sehr zurückhaltend. Der Oberste, thut Marianen auch einen Antrag, wird aber verächtlich abgewiesen. Rambolds Charakter. Er sucht seine Absicht auf Marianen, durch einen Umweg auszuführen, indem er der Frau von Hohenauf von ihrer Zusammenkunft mit Säuglingen Nachricht giebt, und sich erbietet, sie derselben wieder in die Hände zu liefern. Vierter Abschnitt. Das Fräulein von Ehrenkolb, Mariane, der Oberste, und Säugling sind, jeder vor sich, mißvergnügt. Die Gräfinn räth Säuglingen ab, Verse zu machen. Das Fräulein von Ehrenkolb beleidigt Mariane. Sie gehet in den Garten, findet Rambolden, der sie in das hinter demselben gelegene Wäldchen führt, wo sie von unbekannten Personen, in einen sechsspännigen Wagen geschleppt wird. Fünfter Abschnitt. Das Fräulein von Ehrenkolb versöhnt sich mit dem Obersten. Säugling reiset zu seinem Vater, nach Wesel. Sechster Abschnitt. Mariane als sie einen Postwagen auf der Landstraße erblickt, schreyet aus der Kutsche. Ein Mann zu Pferde, will den Kutscher anhalten, und wird mit einer Pistole ins Bein verwundet. Unterdessen springt sie aus dem Wagen, findet den Hieronymus und ihren Vater; Sie fahren mit dem Verwundeten weiter, Sebaldus auf dem Pferde. Er verirrt sich. Die andern fahren zur Gräfinn, wo sie sehr kalt empfangen werden. Hieronymus, der weiter zu reisen genöthigt ist, vertrauet Marianen dem verwundeten Verwalter an, um sie zu dem Hrn. von D*** zu bringen. Siebenter Abschnitt. Der Verwalter verräth Marianen dem Obersten, und liefert sie in dessen Hände. Der Oberste beunruhigt sie aufs neue mit seiner Liebe. Sie entspringt aus dessen Hause, zu Fuße. Sechstes Buch . Erster Abschnitt. Sebaldus der sich von seiner Gesellschaft verirret hat, verliert aus Unachtsamkeit auch sein Pferd. Er reiset mit der Post zum Kammerjunker nach Holstein ab. Charakter des Kammerjunkers. Er zeigt dem Sebaldus sein Kabinett von Alterthümern, und schaft ihm die Stelle eines Informators, bey dem Archidiakonus Mackligius. Zweyter Abschnitt. Charakter des Archidiakonus Mackligius. Er trägt dem Sebaldus zugleich die Predigten in seinem Filiale auf. Dritter Abschnitt. Wöchentliche Zusammenkunft der Landprediger in Holstein. In derselben wird eine Predigt des Sebaldus, wegen Behauptung der Liebe gegen Christen von andern Religionspartheyen, angeklagt. Der Generalsuperintendent D. Puddewustius warnt deswegen den Archidiakon Mackligius. Vierter Abschnitt. Mackligius setzt den Sebaldus zur Rede, der sich vertheidigt. Mackligius tauft im Filiale das Kind eines Schiffers, mit einem reformirten Taufzeugen. Gespräch des Sebaldus mit Mackligius über Neuerungen in der Lehre, und Toleranz. Ein Jude kommt dazu, den beide bekehren wollen. Fünfter Abschnitt. Mackligius und Sebaldus werden vor dem Konsistorium verklagt. Ehrn. Wulkenkragenius hält eine Leichenpredigt von Bewahrung der reinen Lehre, welche vieles Gezänk und einen Auflauf verursacht. Mackligius verliert sein Filial, und dankt den Sebaldus ab. Dieser, in der größten Noth, setzt sich, nach dem Erbieten des Schiffers, auf dessen Schiff, um nach Ostindien zu gehen. Inhalt des dritten Bandes. Siebentes Buch . Erster Abschnitt. Sebaldus leidet an der holländischen Küste, ohnweit Egmont, Schiffbruch. Wird von einem nordholländischen Fischer gepflegt, und zu einem Lutherischen Prediger nach Alkmaar gebracht. Dieser nimmt ihn freundschaftlich in sein Haus auf. Ein Kaufmann aus Rotterdam verlangt ihn zum Hofmeister seines zweyten Sohnes. Zweyter Abschnitt. Was für ein Mann Meester Puistma war, der reformirte Hofmeister des ältesten Sohnes. Wie er die Kinder bisher unterwiesen hatte. Sebaldus läßt die beiden Knaben Xenophons Denkwürdigkeiten des Sokrates und Antonins Betrachtungen übersetzen, und stellt ihnen diese großen Männer als Muster vor. Darüber wird er vom Puistma beym reformirten Domine Dwanghuysen verklagt, der deshalb den Sebaldus aus dem Hause geschafft wissen will. Dritter Abschnitt. Der lutherische Domine Ter Breidelen, wird nebst Domine Dwanghuysen deshalb auch zu Rathe gezogen. Beide verdammen den Sebaldus, und rathen dem Kaufmanne, ihn sogleich aus dem Hause zu schaffen. Da Sebaldus unentschlossen ist, wohin er sich wenden soll, um vor Verfolgung sicher zu seyn, macht ihn der Kaufmann mit der duldsamen Gesellschaft der Kollegianten bekannt. Sebaldus reiset mit Empfehlungsschreiben nach Amsterdam. Vierter Abschnitt. Beym Aussteigen aus der Schuit, vor dem Utrechter Thore zu Amsterdam, kommt dem Sebaldus ein Deutscher entgegen, verspricht denselben in eine Herberge zu bringen, führt ihn aber in das Haus eines Seelenverkäufers. Er wird daselbst so lange gequält, bis er einwilligt, nach Ostindien zu gehen. Er erfährt von einem kranken Mitgenossen seines Elendes, die Beschaffenheit der Seelenverkäuferey. Dieser stirbt, einige andere werden krank. Man führt sie also auf den Dyk nach Seeburg, um frische Luft zu schöpfen. Fünfter Abschnitt. Der Geistliche aus Alkmaar, der sich von ohngefähr in Amsterdam befand, hatte den Sebaldus auf dem Dyk erblickt. Er verfolgt den Trupp bis an das Haus des Seelenverkäufers, erlöset, mit obrigkeitlicher Hülfe, den Sebaldus. Der Seelenverkäufer wird bestraft. Sebaldus, geht mit dem Geistlichen in die Versammlung der Kollegianten . Er wird von dem Kollegianten , an den er Empfehlungsbriefe hat, ins Haus genommen. Er hilft demselben an einem gelehrten Tagebuche. Der Kollegiant stirbt, und vermacht ihm seine sämmtlichen Werke. Sebaldus sezt sich auch in der Holländischen Sprache fest, übersetzt ein Buch aus dem Engländischen, und bietet es dem Buchhändler van der Kuit zum Verlage an. Sechster Abschnitt. Probe, von Sebaldus Uebersetzung aus dem Engländischen Buche. Siebenter Abschnitt. Charakter des Buchhändlers van der Kuit. Projekt desselben, vermittelst des Predigers de Hysel, welcher die Uebersetzung mit hatte vorlesen hören, dem Sebaldus eine Furcht einzujagen, die zu seinen Absichten dienlich ist. Domine de Hysel will nichts damit zu schaffen haben. Weswegen. Van der Kuit stürzt demohnerachtet den Sebaldus, durch ein falsches Vorgeben, in eine solche Furcht, daß er ihm das gelehrte Tagebuch, und die sämmtlichen Werke der Kollegianten verkauft, und in größter Eil Holland verläßt. Das Schrecken verursacht ihm eine Krankheit, er bleibt in Sevenaer liegen. Verzehrt alles, muß sich zu Fuße weiter schleppen, bleibt zuletzt in einem Dorfe liegen, wo er von den Almosen, die ihm die Reisenden geben, denen er das Heck aufmacht, sein Leben kümmerlich erhält. Achtes Buch . Erster Abschnitt. Sebaldus erholt sich in etwas. Er macht einst zweyen Personen, die spazieren ritten, das Heck auf, welches Rambold und Säugling waren. Säugling, den sein Ansehen gerührt hatte, hohlt ihn von da ab, und bringt ihn zu einem Pachter, in dem Dorfe seines Vaters, wo er mit Wäsche, Kleidern und Nahrungsmitteln versorgt wird. Zweyter Abschnitt. Charakter Säuglings des Vaters. Dieser nimmt den Sebaldus zu sich, um ihm Gesellschafft zu leisten, und die Zeitungen vorzulegen. In denselben fanden sie die Gewinnliste einer Zahlenlotterie. Der alte Säugling erklärt sie dem Sebaldus, und nöthigt ihn, auch einzusetzen. Dritter Abschnitt. Rambold kommt, als niemand zu Hause ist, an, steckt aus Neckerey, einen vorgefundenen Brief an den jungen Säugling zu sich. Als ihm Sebaldus vorgestellt wird, und er dessen Nahmen hört, wird er betroffen und unruhig, erbricht in der Zerstreuung den Brief, und reitet fort, sobald er ihn gelesen hat. Vierter Abschnitt. Nachdem Mariane dem Obersten entsprungen war, ließ sie sich von Dorfe zu Dorfe fahren, und kam ins Westphälische. Sie mußte, wegen eines Ungewitters, in einem Hause im Walde, abtreten. Sie entschließt sich daselbst zu bleiben, und endlich auch Säuglingen ihren Aufenthalt zu melden. Dieß war eben der Brief, den Rambold erbrochen und gelesen hatte. Rambold besucht heimlich Marianen, giebt vor, Säugling sey gestorben, sucht sich in ihre Gunst zu setzen, und denkt sie zu heurathen. Fünfter Abschnitt. Charakter der Frau Gertrudtinn und der Jungfer Anastasia Gertrudtinn. Der junge Säugling unterhält sich öfters mit der leztern, welches seinen Vater und ihre Mutter aufmerksam macht. Sechster Abschnitt. Die Säuglingische Familie, wird in die Stadt zu der Frau Gertrudtinn zu Mittage eingeladen. Die Jungfer Anastasia bietet alle ihre sittsamen Reizungen auf, um den jungen Säugling zu fesseln. Ein Freywerber giebt dem alten Säugling, wegen dieser Heurath, einen Wink. Sie werden eins, die Gertrudtische Familie den zweyten Tag auf des alten Säuglings Gut zu bitten, wo die Sache in Ueberlegung genommen werden soll. Beym Zurückfahren an einem schönen Abend steigt der junge Säugling aus dem Wagen, um im Walde zu Fuße zu gehen. Er höret, unvermuthet, eins von seinen Liedern singen, und findet Marianen. Siebenter Abschnitt. Säugling besucht Marianen den folgenden Tag. Sie bestätigen ihre Verbindung. Sie wechseln Ringe. Rambold kommt dazu, will voll Zorn Säuglingen überfallen, und wird von dem Westphälischen Bauer mit einem Hebebaume abgewiesen. Neuntes Buch . Erster Abschnitt. Säugling der Vater, schlägt die Jungfer Anastasia seinem Sohne zur Braut vor. Der Sohn berichtet hingegen, daß er in einer Schäferhütte im Walde, das Mädchen gefunden habe, das er liebe. Der Vater wird darüber sehr betreten. Erblickt zugleich den Ring an seines Sohnes Finger. Sebaldus erkennet daran, daß seine Tochter dessen Geliebte sey. Sebaldus und der junge Säugling fahren zu ihr, und weil dieser nicht von ihr scheiden will, nimmt sie Sebaldus mit zurück. Zweyter Abschnitt. Die Frau Gertrudtinn, kommt ohne ihre Tochter zum Mittagsmahle, weil dieselbe krank worden. Der Herr von Haberwald erzählt halb betrunken, den Unfall der Jungfer Anastasia. Säugling stellt Marianen seinem Vater vor. Sie versichert, daß sie ohne seine Einwilligung seinem Sohne nie die Hand geben werde. Sebaldus bekräftigst dieses. Dritter Abschnitt. Der junge Säugling sucht die Einwilligung seines Vaters zu erhalten, die ihm abgeschlagen wird. Sebaldus findet beym Vorlesen einer Zeitung, daß er eine Quaterne von funfzehntausend Thalern gewonnen hat. Der alte Säugling giebt nunmehr seine Einwilligung. Vierter Abschnitt. Rambold sucht, um sich zu rächen, den jungen Säugling, wegen seiner Liebe zu Marianen, bey seinem Vater zu verläumden. Wer Rambold eigentlich gewesen sey. Lezter Abschnitt. Säuglings Verbindung mit Marianen wird vollzogen. Nachricht was sich mit Säugling, Marianen, der Frau von Hohenauf, der Gräfinn von ***, D. Stauzius, Hieronymus, Rambold, und Herrn Sebaldus Nothanker, seitdem zugetragen habe. Sebaldus Kommentar über die Apokalypse, soll auf Subscription gedruckt werden. Zuverläßige Nachricht von einigen nahen Verwandten des Hrn. Magister Sebaldus Nothanker . Aus ungedruckten Familiennachrichten gezogen.   Vorrede. Obgleich die leidigen Poeten, Komödien- und Romanenschreiber zu glauben pflegen, sie hätten das Leben ihres Helden weit genug beschrieben, wenn sie ihn bis zur Heurath bringen: so sind doch gründliche Gelehrten der Meinung, daß die Begebenheiten nach der Heurath oft viel merkwürdiger sind, als die Liebesbegebenheiten vor derselben. Die Liebesbegebenheiten sind zwar für junge Herren und für junge Jungfern anmuthiger zu lesen; aber gemeiniglich wird diese Anmuth auf Kosten der Wahrheit verschafft: denn die verliebten Scenen werden nicht so wie sie in der Welt vorgehen erzählet; sondern so wie es das Bedürfniß des Dichters, seine Geistesgaben zu zeigen, oder die Leidenschaften seiner Leser zu vergnügen, mit sich bringt. In dieser wahrhaftigen Lebensbeschreibung hingegen, wollen wir nichts der Anmuth oder des Wunderbaren wegen erdichten, sondern alles ganz einfältig erzählen, wie es vorgegangen ist. Es wird uns dazu nicht wenig beförderlich seyn, daß wir das Leben unsers Dorfpastors erst nach seiner Heurath zu beschreiben anfangen dürfen, indem schon ein anderer Verfasser die Liebesbegebenheiten desselben vor der Heurath, in dem bekannten prosaisch-komischen Gedichte Wilhelmine , Moritz August von Thümmel: Wilhelmine oder der vermählte Pedant , Leipzig 1764. Ein zeitgenössisches Erfolgsbuch, das die Verlobung und Hochzeit der Kammerzofe Wilhelmine mit dem Landpfarrer Sebaldus Nothanker erzählt und dabei satirisch das Leben am Hofe eines Duodezfürsten schildert. beschrieben hat. Freilich ist dieser Verfasser ein Poet, und ist daher nicht, wie es einem gründlichen Geschichtskundigen gebühret, beflissen gewesen, eine richtige Chronologie zu beobachten und seine Erzählungen von allen Erdichtungen rein zu erhalten. Es sind daher manche Umstände sehr verdächtig, und er scheint nicht im Stande zu seyn, eine einzige von seinen Erzählungen, mit ungedruckten Urkunden zu belegen. Daß er der Chronologie nicht genugsam erfahren gewesen, ist offenbar, da er die Heurath des Sebaldus im Jahre 1762, und also, wie aus ächten brieflichen Urkunden zu erweisen, an zwanzig Jahre zu spät annimmt. Er ist hierinn eben so unachtsam, wie sein Mitbruder, der nachlässige Virgil, in dessen Aeneide die verpfuschte Chronologie, von den gelehrtesten Commentatoren, mit vieler Mühe kaum hat in Ordnung gebracht werden können. In dieser wahrhaften Lebensbeschreibung hingegen, hat man die Zeitrechnung so genau beobachtet, daß man nicht allein das Jahr, sondern auch den Monath und den Tag angeben kann, wenn eine jede Begebenheit vorgegangen ist, und an vollständigen diplomatischen Beweisen wird diese Geschichte keiner andern nachzusetzen seyn. Wir haben die Vocation des Sebaldus und seine Absetzungsacte, die Predigten des Doctor Stauzius, Säuglings sämmtliche hieher gehörige Gedichte, Wilhelminens, und Sebaldus, Säuglings, Marianens, der Gräfin von ***, Rambolds und anderer Personen Briefwechsel, mit ihren Siegeln und Unterschriften, ja selbst einige sonderbare tironische Zeichen des Bauers, der den Sebaldus beherbergte, in Händen, mit welchen unverwerflichen ungedruckten Urkunden wir jedes Wort das wir gesagt, aufs glaubwürdigste belegen können. Sie würden im Drucke nur etwan sieben bis acht Quartbände betragen. Demohngeachtet können sie bloß aus der Ursach nicht mit der Geschichte zugleich bekannt gemacht werden, wegen deren schon so manche trefliche Urkundensammlung ungedruckt geblieben ist; nämlich wegen des wenigen Geschmacks unsers Jahrhunderts an gründlichen Studien. Es ist dies sehr zu beklagen, aber es ist schwerlich ein Mittel vorhanden, die Bekanntmachung dieser nützlichen Urkunden zu befördern. Wir haben zwar noch einige ob gleich nur schwache Hofnung, auf den Herrn Generalsuperintendenten Pratje in Stade und auf den Hrn. Professor Cassel in Bremen gesetzt. Diese grundgelehrten Männer haben schon so viele tüchtige Bände voll Urkunden zu der Brem- und Verdischen Staats- Schul- und Kirchengeschichte ans Tageslicht gebracht, daß sich manche Leser einbilden, man habe für so wenig interessante Wahrheit, schon viel zu viel uninteressante Beweise erhalten. Wir sind aber dieser Meinung gar nicht, sondern leben vielmehr noch der Hofnung, daß diese Herren, die beweisenden Urkunden zu unserer Geschichte, als ein Supplement von Urkunden zur Bremischen Kirchengeschichte , durch ihre hebammliche Sorgfalt, ans Licht bringen könten; weil, wie aus der Folge erhellen wird, Sebaldus, in der Nachbarschaft von Bremen eine Zeitlang herumgewankt hat. Sollte auch diese Hofnung fehl schlagen, so wäre der Vorschlag zu thun, daß einmahl irgend eine Gesellschaft der Wissenschafften, einen kritischen Auszug daraus, in einigen Bänden in Großoctav herausgebe, oder wenn auch hiezu alle Hofnung verlohren wäre, so ist kein anderer Rath, als daß die wenigen gründlichen Gelehrten, welche die diplomatischen Beweise zu untersuchen pflegen, dem Verfasser eben so gut auf sein Wort glauben müssen, als die vielen leichtsinnigen Leser, die die Urkunden doch nicht ansehen, wenn sie gleich den Geschichtbüchern des breitern beygefügt sind. Da wir übrigens eine wahre Geschichte zu erzählen haben, so muß man in derselben weder den hohen Flug der Einbildungskraft suchen, den ein Gedicht haben müßte, noch den künstlich verwickelten Plan, den die Kunstrichter, von Theorie und Einsicht erfüllt, den Romanen vorschreiben. Alle Begebenheiten sind in unserer Erzählung so unvorbereitet, so unwunderbar, als sie in der weiten Welt zu geschehen pflegen. Die Personen welche auftreten sind weder an Stande erhaben, noch durch Gesinnungen ausgezeichnet, noch durch ausserordentliche Glücksfälle von gewöhnlichen Menschen unterschieden. Sie sind ganz gemeine schlechte und gerechte Leute, sie strotzen nicht so wie die Romanenhelden von hoher Imagination, schöner Tugend und feiner Lebensart, und die ihnen zustoßenden Begegnisse sind so, wie sie in dem ordentlichen Laufe der Welt täglich vorgehen. Solle bey allem diesem unsere Erzählung etwas langweilig werden, so trösten wir uns damit, daß mehrere gründliche deutsche Geschichtschreiber, die die unwidersprechlichsten Thatsachen in der besten Ordnung erzählen, das nämliche Schicksal gehabt haben. Hingegen könte der Leser vielleicht, durch die in dieser Geschichte bekannt gemachten Meinungen, in etwas schadlos gehalten werden. Denn da fast jeder Mensch seine eigenen Meinungen für sich hat: so wäre es möglich, daß unter den hier vorgetragenen Meinungen etwas neues und wenigstens in so fern interessantes vorhanden wäre. Der Titel verspricht zwar nur die Meinungen des Magisters Sebaldus, aber man könnte deshalb doch in diesem Werke vielleicht auch die Meinungen einiger andern Leute, ja wohl selbst einige Meinungen des Verfassers finden; obgleich, mehrerer Sicherheit halben, nicht gänzlich darauf zu rechnen seyn dürfte, daß alle Meinungen die er erzählt, auch die seinigen wären. Man beliebe nicht sich zu wundern, wenn es sich etwan ergeben sollte, daß, alles wohl berechnet, in diesem Werke mehr Meinungen, als Geschichte und Handlungen vorkämen. Der ehrliche Sebaldus kannte die grosse Welt nicht, die die Engländer high-life nennen. Speculation war die Welt in der er lebte, und jede Meinung war ihm so wichtig, als kaum manchem andern eine Handlung. Daher ist dieses Werk auch gar nicht für die große Welt, sondern – deutsch heraus zu reden – nur für Gelehrten von Profession geschrieben. Wir hoffen nicht von der halbunangekleideten Schöne am Nachttische gelesen zu werden, die indem sie den Grazien opfert, auf Tant mieux pour elle einen schrägen Blick wirft; nicht von dem piruettirenden Petitmaiter, beym Aufstehen oder Frisiren, auch nicht wenn er en Chenille mit ungepuderten Haaren und hochaufgebundenem Cadogan von Toilette zu Toilette schwärmt; nicht von dem Hofmanne, der den Wink des Fürsten und des Ministers zu studieren versteht und alle Galatage an den Fingern herbeten kann; nicht von dem Spieler; nicht von der Buhlschwester; nicht von – Ist aber irgendwo ein hagerer Magister, der das ganze unermessliche Gebäude der Wissenschaften aus einem Kapitel seines ontologischen Compendiums übersieht; ein feister Superintendent, der alle Falten der Dogmatik aufhebt, worinn eine Ketzerey verborgen seyn könnte; ein weiser Schulmann, der über Handel Manufacturen und Luxus, Programmen geschrieben hat; ein Student mit der Kennermine, der auf Universitäten die Kunst aus dem Grunde studiert; ein belesener Dorfpastor, der die Statistik verbessern will, und über die politische Regierungskunst gelehrte Rathschläge geben kann; – so mögen sie hinzutreten und sich an dem Mahle weiden, welches hier ihrem Geiste aufgetischt wird. Dies ist wenigstens die Gattung Leser die wir uns gewiß versprechen, ob wir aber auch Leser anderer Art erhalten werden, ist eben so ungewiß, als das Schicksal überhaupt, welches dieses Werk und dessen Verfasser zu erwarten haben. Freilich ist zu vermuthen, daß durch viele Erzählungen, Spaltungen in der Kirche erregt werden möchten, und daß man in verschiedenen Meinungen, Abweichungen von den allgemeinen symbolischen Büchern, und von den besondern formulis committendi einzelner Kirchen entdecken könnte. Man wird vielleicht daraus schliessen, daß der Verfasser das Staatsrecht nicht verstehe, und daß er im Kirchenrechte gefährliche Neuerungen einzuführen zur Absicht habe. Man wird sich vielleicht ins Ohr raunen, daß er verschiedene Gelehrsamkeit nicht für Gelehrsamkeit, verschiedene Gelehrten nicht für gelehrt, und verschiedene berühmte Leute nicht für berühmt halte u. s. w. Man könnte ihn sonach etwa zum Scheiterhaufen verdammen, in den Bann thun, in eine Vestung schicken, oder auch ein Buch wider ihn schreiben, ein Pasquill wider ihn machen, oder ihm in einer Recension beweisen, daß er kein gutes Herz habe, sondern ein hämischer und boshafter Mensch sey. Doch vielleicht könnte auch von allem diesem nichts geschehen. Vielleicht lieset niemand dieses Buch, niemand findet etwas besonders darin, und es erregt vielleicht bloß die vorübergehende Aufmerksamkeit eines Gewürzkrämers, der schon bey sich überdenkt, welche dauerhafte Caffedüten aus dem haltbaren Papiere könnten gemacht werden. Es dürften sich auch wohl einige wenige Leser finden, die sich an dem Leben des Sebaldus, bloß weil er ein ehrlicher aufrichtiger Mann ist, eine Viertelstunde ergötzen, oder von seinen Meinungen Gelegenheit nehmen möchten, über gewisse Materien weiter nachzudenken; da dies aber offenbar bey weitern die kleinere Anzahl seyn kann, so werden sie eben nicht in Anschlag kommen. Erstes Buch. Erster Abschnitt. Der Pastor Sebaldus und die schöne Wilhelmine, brachten die ersten Monate nach ihrer Verheirathung, welche sonst andern neuverehlichten Paaren die Zeit einer girrenden Zärtlichkeit zu seyn pflegen, vielmehr in einer Art von Kälte und Verlegenheit zu. Sebaldus bemerkte einen Abstand zwischen seiner landmännischen Treuherzigkeit, und den feinen Hofmanieren seiner vornehmen jungen Frau. Er konnte sich noch nicht recht darum schicken, mit ihr als mit seines gleichen umzugehen. Wilhelmine, auf ihrer Seite, konnte den wohlgeputzten Hof, den sie verlassen hatte, nicht so geschwind vergessen. Das Andenken der Pracht der von der Fürstinn abgelegten Kleider, in der sie sich oft der gaffenden Menge der Zofen und Kammerdiener gezeigt hatte, verleidete ihr ihren ländlichen aber neugemachten Anzug. Es war ihr sogar verdrüßlich, daß sie ferner nicht Aufwartung machen, und sich vor höheren Personen tief verneigen sollte. Das Glück unabhängig zu seyn, schien ihr Erniedrigung. Die ungekünstelte Schönheit der Natur, die sie auf dem Lande vor sich hatte, konnte sie noch nicht wegen des Flitterstaats der Kunst, den sie nun nicht mehr erblickte, schadlos halten. Sie erinnerte sich mit Sehnsucht der glänzenden Scenen von Bällen, Concerten und Schlittenfahrten, die sie oft – angesehen hatte, noch mehr des gnädigen Kopfneigens der Fürstinn, durch das sie zuweilen unter der Menge gaffenden Hofgesindes war hervorgezogen worden. Sie that bey jeder Gelegenheit kleine Reisen in die Stadt, und unterließ nicht, ihre Aufwartung bey Hofe zu machen. Sie merkte aber gar bald, daß man sich am Hofe um die nicht bekümmert, die man nicht braucht, und daß ihre Stelle von andern eingenommen war. Dies kostete ihr zwar manche Thräne, war aber doch die erste Ursach, daß ihr ihr itziger Zustand erträglicher vorkam, und daß sie anfieng, die guten Gesinnungen ihres Sebaldus anzusehen, welche zu bemerken, sie bisher durch sein unmodisches Kleid und durch seine ungepuderte Peruke war verhindert worden. Sie erwiederte seine Liebkosungen mit freundlichen Blicken, er kam ihr mit Freundschaftsbezeugungen zuvor. Aus diesem Wechsel von Gefälligkeiten, entstanden bey beiden Empfindungen einer Glückseligkeit, die sie vorher noch gar nicht gefühlt hatten. Von dieser Zeit an, vergaß die schöne Wilhelmine völlig den Hof, und ward ganz eine Landwirthin. Vorher hatte sie nur zu gehorchen gewust, nun begann sie zu regieren. Es kostete ihr einige kleine Liebkosungen, so fieng Sebaldus, der bisher als ein halber Wilder gelebt hatte, an, sich fleissiger den Bart zu putzen, und nicht so viel Federn auf seinem schwarzen Rocke zu leiden. Durch gleiche Freundlichkeit, erstreckte sie bald ihre Herrschaft auf ihre Nachbarinnen, die sie bisher durch ein gnädiges Hoflächeln weggescheuchet hatte. Nun erwarb sie bald derselben Vertraulichkeit, ertheilte den Wohlhabenden guten Rath, den Armen Allmosen, und ward in kurzer Zeit im Kirchspiele eben so beliebt, als ihr Mann schon vorher gewesen war. Diese Liebe hatte sich Sebaldus durch die Sorgfalt, die er für seine Gemeine trug, erworben. Er war in den Häusern seiner Bauern als ein Vater und als ein Rathgeber willkommen. Nie ließ er es dem Bekümmerten an Trost, nie dem Hungrigen an Labsal fehlen. Er war von allen häuslichen Vorfällen unterrichtet, nicht, weil er in das Hausregiment der Layen einen Einfluß zu haben suchte, sondern weil er von ihnen bey allen ihren Verlegenheiten um Rath, bey allen ihren Zwistigkeiten um Vermittelung ersucht ward. Er war gewohnt, in seinen Predigten nicht auf die Laster zu schelten, aber wenn ein Laster in der Gemeine verübt wurde, pflegte er, ohne desselben zu gedenken, die entgegengesetzte Tugend einzuschärfen. Daher richtete er seine Predigten auch mehr nach den Bedürfnissen seiner Gemeinde als nach der Folge der Evangelien ein. Er hat wohl eher über das Evangelium vom Zinsgroschen: von den Vortheilen eines mässigen und nüchternen Lebens gepredigt, bloß weil sich kurz vorher ein paar Bauren in der Schenke betrunken hatten. Als er einst vergeblich versucht hatte, zween Bauern, die in offenbarer Feindseligkeit lebten, zu vergleichen, und von dem einen hart mit Worten war angelassen worden, predigte er am Tage St. Stephani des Märtyrers: von der ersten Pflicht wahrer Christen, ihren Nächsten zu lieben , und gedachte der empfangenen Scheltworte nicht, ob ihm gleich die Worte des Evangelium: Jerusalem, die du tödtest die Propheten und steinigest, die zu dir gesandt sind , die schönste Gelegenheit dazu gegeben hätten. Zu beklagen war es freilich, daß dieser sonst gutherzige Mann, und der beym Antritte seines Amtes auf die symbolischen Bücher geschworen hatte, in seinem Herzen nichts weniger als orthodox war. Ueber das athanasische Glaubensbekenntniß hat er zwar sich niemals erklärt, nur weil er anstatt des Liedes: Wir gläuben all an einen Gott etc. welches sonst alle Sonntage in seiner Kirche war gesungen worden, oft ein geistliches Lied von Gellerten singen ließ, war er bey einigen vielleicht allzubrünstigorthodoxen Landpredigern in der Nähe, nicht in allzugutem Geruche. Ueber die Lehre von der Genugthuung aber äußerte er bey Gelegenheit viele Zweifel. Er verschwendete (ohne Exegese, von der er wenig hielt) viel philosophische Spitzfündigkeit, um dieser Lehre eine bessere Form zu geben; denn er war ein eifriger Anhänger der Crusiusschen Philosophie, welche unter allen andern Philosophien am geschicktesten scheinet, die Theologie philosophischer, und die Philosophie theologischer zu machen. Am meisten aber ging er in der Lehre vom tausendjährigen Reiche und von der Ewigkeit der Höllenstrafen von der Dogmatik ab. Er glaubte das erstere steif und fest, und von der letztern hatte er sich nie überzeugen können. Er glaubte, daß in dem himmlischen Jerusalem alle Gottlosen fromm werden würden. Diese tröstliche Hofnung hatte er aus einem fleissigen Studium der prophetischen Bücher der Schrift, besonders der Apocalypse geschöpft, welches Studium er schon seit langen Jahren mit unablässigem Eifer getrieben hatte. Er war auf eine sehr sonderbare Weise darauf gekommen, diese Bücher vorzüglich zu studieren. Er hatte sich schon in seinen jüngern Jahren, durch sorgfältiges Nachdenken überzeugt, daß der Willen Gottes, der unsre itzige und zukünftige Glückseligkeit bestimmt, wenn auch Gott für gut befunden habe ihn besonders zu offenbaren, dennoch auch nothwendig durch Vernunft müsse eingesehen werden können, und mit der Vernunft übereinstimmen müsse. Die einzige Offenbarung, die uns etwas ganz unbekanntes entdecken könnte, worauf die blosse Vernunft nie gefallen seyn würde, glaubte er, sey die prophetische Offenbarung von zukünftigen Dingen. Nachdem er also bey sich über den Werth aller dogmatischen und moralischen Wahrheiten einig war, indem er keine dogmatische Wahrheiten für nöthig und nützlich hielt, als die auf das Verhalten der Menschen einen Einfluß haben, und sich mehr angelegen seyn ließ, alle moralische Gesetze Gottes auszuüben, als sie zu zergliedern oder zu umschreiben; so hatte er sich ganz dem Studium der prophetischen Schriften gewidmet. Jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und Sebaldus hatte die Apocalypse dazu erwählet, welches er auch, seine ganze Lebenszeit durch, vom Montage bis zum Freytage fleißig ritt. Nur der Sonnabend, wenn er sich zu seiner Predigt vorbereitete, und der Sonntag, wenn er sie hielt, war moralischen Betrachtungen gewidmet. Denn so sehr er auch die Prophezeyungen der Untersuchung eines scharfsinnigen Kopfes würdig hielt, so wenig glaubte er, würden seine Bauern davon verstehen oder nützen können, und es war sein unwiderruflicher Willen, seinen Bauern nichts zu predigen, als was ihnen sowohl verständlich, als nützlich wäre. Er hatte mit vielen seiner wohlehrwürdigen Amtsbrüder, denen er sonst in so vielen Stücken unähnlich war, dennoch eine besondere Aehnlichkeit. Man solte kaum glauben, daß viele Landprediger, die den Sontag mit lauter Stimme das Gesetz predigen, und die Ungläubigen und Ketzer, mit starken Ausrufungen und Citationen aus dem Grundtexte, so fein zusammenzutreiben wissen, eben die Männer wären, die man die ganze Woche über, als dickstämmige Pächter, wilde Pferdebändiger, drolligte Trinkgesellschafter, und vorsichtige Wucherer gesehen hat. Eben also, wenn man, des Sontags den einfältigen, allen Bauern verständlichen Vortrag des Pastor Sebaldus hörte, so hätte man sich kaum vorstellen sollen, daß dis der grundgelehrte Mann sey, der alle Commentarien über die prophetischen Bücher durchstudirt hatte, der alle alte und neue Prophezeyungen nebst ihren Erfüllungen und Nichterfüllungen auf ein Haar wuste, der Vorbilder und Gegenbilder, wie Schachtel und Deckel zusammenpassen konnte, dem keine Meinung der Mystiker und Gnostiker entgangen war, der Buchstabenziffern und Jahrwochen, prophetische Zeitzirkel und abgekürzte Abendmorgen, bildliche Geschichte und weissagende Träume, nebst der ganzen Kabbala und dem Buche Raja Mehemna gänzlich inne hatte, und aus diesem reichen Stoffe mit Hülfe der Crusiusschen Philosophie, die feiner als die feinste Nadel zugespitzt, die einfachsten Begriffe zertheilen, und sogar die beiden Seiten einer Monade von einander spalten kan, eines der scharfsinnigsten Gewebe von Prophezeyungen aus der Apokalypse gezogen hatte, dem, Crusius unumstößliche Hypomnemata der prophetischen Theologie, Bengels unwidersprechliche Auflösung der apocalyptischen Weissagungen, Don Isaak Abarbanels Majeneh Jeschuah und Michaelis unwiderlegliche Erklärung der siebenzig Wochen, zwar vielleicht an Richtigkeit und Wahrheit, aber gewiß nicht an Neuheit, Scharfsinn und sinnreicher Aufklärung der dunkelsten Bilder zu vergleichen sind. So wie die meisten großen Begebenheiten, aus sehr geringfügigen Ursachen zu entspringen pflegen, so ging es auch derjenigen Hypothese über die Apokalypse, auf die sich Sebaldus am meisten zu gute that. Wilhelmine war, als sie vom Hofe kam, sehr französisch gesinnet, sie sprach und laß gern französisch, sie ließ sich sogar merken, daß sie nichts eifriger wünschte, als einmahl in ihrem Leben Paris zu sehen, und warf es ihrem Mann mehr als einmahl vor, daß er gar nichts von französischer Artigkeit an sich hätte. Nun fügte es sich unglücklicher Weise, daß der ehrliche Sebaldus schon vorher an allem, was französisch war, einen überaus großen Misfallen hegte. Es war ihm von Jugend auf in der Schule ein herzlicher deutscher Haß gegen die Krone Frankreich eingeprägt worden, man hatte ihm oft wiederhohlt, daß sie nebst dem leidigen Türken der Erb- und Erzfeind von Deutschland sey, daß sie den Kaiser und Reich so oft bekrieget, und ganze Provinzen von dem deutschen Reiche abgezwackt habe. Da nun Frankreich ausser dem vielen und öftern Unheil, das es auf deutschem Boden angerichtet hatte, sich auch gar in des Sebaldus Hausangelegenheiten mengte, (denn er ließ sichs nicht ausreden, daß bloß die Liebe zur Französischen Sprache Ursach sey, daß ihn Wilhelmine nicht so herzlich liebte, als ers wünschte), so verdoppelte sich sein Haß gegen alles was französisch war. Weil er nun sonst kein Mittel sahe, seinen Unwillen auszuladen, so wandte er sich mit Ernst zu seiner allgemeinen Zuflucht, der Apocalypse , und forschte nach, ob denn in diesem Magazine von Weissagungen, nicht eine Weissagung wider die Franzosen enthalten seyn sollte. Es hat einer von den zweihundert schwäbischen Theologen, die die Offenbarung Johannes erkläret haben, es als einen sichtbaren Beweis der wirklichen göttlichen Inspiration dieses Buchs angegeben, daß man alles darin finde, was man mit aufrichtigem Herzen darin suche. Dis erfuhr auch Sebaldus. Denn da er die Apocalypse mit einem Seitenblicke auf Frankreich las, so glaubte er gewisse bisher geheime Bilder in der unstreitigsten Klarheit zu sehen, und er überzeugte sich gänzlich, daß ein großer Theil der Offenbarung Johannes, nichts als ein Compendium der französischen Geschichte wäre, das vor dem Hainault und Mezeray nur den einzigen Vortheil habe, daß es etwas über tausend Jahre eher geschrieben worden, als die Begebenheiten sich zugetragen hätten. Er war fest versichert, daß die große Babylon im XVIIten Capitel, weder die Stadt Rom noch die Freymäurerey, sondern die Stadt Paris andeute. Die Bedeutung der beiden Thiere im XIIIten und XVIIten Kapitel, konte er aus dem P. Daniel erläutern, den er deshalb ausdrücklich, nach der nürnbergischen Uebersetzung, durchgelesen hatte. Die Entdeckung aber, worauf er sich am meisten einbildete, war, daß die Zahl des ersten Thieres 666 oder χξς, die Jesuiten bedeute, deren Verjagung aus Frankreich, er wirklich einige Jahre eher wuste, als der Herzog von Choiseul daran gedacht hatte. Nebenher war er auch versichert, daß das Büchlein im Xten Capitel, daß im Munde süß war wie Honig, und hernach im Bauche grimmete, offenbar auf viele schlüpfrige sittenverderbende französische Duodezbände gedeutet werden müsse, die wir Deutschen mit so vieler Begierde lesen. Alle diese und mehrere neue Entdeckungen über die Apocalypse, samlete er in einem großen Werke, an dem er unabläßig arbeitete. Freilich hatten, diese gelehrte Bemühungen, nicht ganz den Beifall der schönen Wilhelmine. Sie warf sich zwar, nachdem sie den Hof gänzlich verlassen, in die Litteratur, so wie sich die vom Hofe verwiesenen französischen Damen in die Devotion werfen; aber diese Litteratur war von der, die Sebaldus trieb, himmelweit unterschieden. Wilhelmine war eine süsse Verehrerin der schönen Wissenschaften, wovon Sebaldus ganz und gar nichts verstand. Sie hatte alle gute deutsche und französische Dichter fleißig gelesen, und führte in der Conversation nicht selten Stellen daraus an. Im Urtheile über den Werth der Romanen, war sie das Orakel der ganzen Gegend. Sie war aber auch in der ganzen Gegend die einzige, die alle unsre besten neuern Dichter, ganz frisch von der Presse, und die Bremischen Beiträge, die Sammlung vermischter Schriften, und die Briefe die neueste Litteratur betreffend , stückweise kommen ließ. Von ihr erhielten sie die wenigen gnädigen Fräulein, die Landprediger und die Conrectoren in den benachbarten kleinen Städten, die noch in der dortigen Gegend unsere schönen Geister des Lesens würdigten. In der Philosophie waren Sebaldus und seine Wilhelmine noch weit mehr von einander unterschieden. So sehr er ein eifriger Crusianer war, eben so sehr war sie aus allen Kräften der Wolfischen Philosophie ergeben. Sie hatte Wolfs sämtliche deutsche Schriften gelesen, besonders aber wuste sie desselben kleine Logik auswendig. Wenn eine von ihren Freundinnen sich den Geschmack bilden wollte, so pries sie derselben das zehnte Kapitel wie man von Schriften urtheilen soll , nebst dem eilften an, wie man Bücher recht mit Nutzen lesen soll . Der Crusiusschen Philosophie war sie von Herzen gramm, welches auch kein Wunder war, weil sie sich niemals hatte überwinden können, eine einzige von den Schriften des Hochwürdigen Mannes zu lesen. Sebaldus gab sich oft alle mögliche Mühe, sie dahin zu bringen, daß sie nur wenigstens Wüstemanns Compendium der Crusiusschen Philosophie durchlesen solte, welches er für eine nahrhafte Milch für unmündige Philosophen hielt. Umsonst! Sie legte es, nachdem sie sechs Seiten durchgelesen hatte, mit Verachtung aus der Hand, und war und blieb eine Wolfianerin. Es ist leicht zu begreifen, wie die Philosophie der schönen Wilhelmine zuweilen eine kleine Unordnung im Hauswesen habe verursachen können, und wie möglich es gewesen, daß ein neuangekommenes Stück der Litteraturbriefe der zureichende Grund seyn können, daß der Reißbrey anbrennen muste. Solche kleine häusliche Widerwärtigkeiten störten aber keinesweges die beiderseitige Zufriedenheit. Da Sebaldus gemeiniglich zu eben der Zeit über ein Gesicht aus der Apocalypse geschwitzt hatte, so schmeckte er entweder den Fehler der Speise nicht, oder nahm ihn ganz gutherzig auf sich, weil er glaubte, er habe auf sich allzulange warten laßen. So gebiert das Bewustseyn eigener Schwachheiten Toleranz, und Toleranz gebiert Liebe. Im Anfange freilich verursachten, die sich gerade entgegen gesetzten gelehrten Meinungen beider Eheleute, unter ihnen manchen heftigen Zwist, so bald aber nur die beiderseitige Zuneigung stärker geworden war, so konten die verschiedenen Meinungen nicht mehr den Wachsthum ihrer Liebe hindern. Auf die Philosophie, über die sie sich so oft ohne Erfolg gestritten hatten, liessen sie sich ferner gar nicht ein. Hingegen ließ sich Sebaldus zuweilen gefallen, von Wilhelminen ein Stück aus einem neuen deutschen Schriftsteller vorlesen zu hören, (denn wider die französischen Schriften hatte er sich allzudeutlich erkläret, als daß sie sich derselben zu erwähnen getrauet hätte,) Wilhelmine war auch zuweilen so gefällig, von ihrem Manne ein Stück seiner neuen Erklärung der Apocalypse mit Parallelstellen aus P. Daniels Geschichte bestärkt, sich vorlesen zu lassen. Sie rief wohl zuweilen aus: »sinnreich! wirklich sehr sinnreich!« Mit diesem Beifalle war er vergnügt wie ein König. Er ließ ihn auch nicht unbelohnt. Er setzte sich ans Clavier, und spielte ungebeten einige der Oden mit Melodien , von denen er wuste, daß sie seiner Frau am angenehmsten waren. Wilhelmine sang mit frohem Herzen dazu, und gewöhnlich war ein solcher Auftritt eine reiche Quelle guter Laune für diesen und einige folgende Tage. Gegen das Ende der erstern neun Monate ihres Ehestandes, ward er mit einem Sohne gesegnet, dessen sich der Hofmarschall aus alter Bekanntschaft besonders annahm. Er ließ ihn oft zu sich in die Stadt holen, beschenkte ihn, und konnte lachen, daß ihm der Bauch schütterte, wenn der Junge, der von seiner ersten Jugend an versprach, einst ein durchtriebener Kopf zu werden, einen Umstehenden in die Waden zwickte, oder sonst jemand einen kleinen Schabernack anthat. Als der Knabe sechs Jahr alt war, so nahm er ihn ganz zu sich, so, daß er seitdem seine Aeltern nur selten zu sehen bekam. Im vierzehnten Jahre war der Knabe so weit gekommen, daß er die muthwilligen Neckereyen, die der Hofmarschall so oft in seiner ersten Kindheit an ihm bewundert hatte, auch an seinem Wohlthäter selbst auszuüben anfing. Dieser machte sich also nicht so viel daraus, einen Knaben ferner um sich zu haben, dessen Witze er zwar Beifall gab, wenn er andere hohnneckte, aber nicht, wenn er sich auch an ihn, den Hofmarschall selbst, wagte. Er besann sich, daß er einen guten Freund hatte, der Curator über eine etwa 25 Meilen entlegene Fürstenschule war, in derselben verschafte er dem jungen Nothanker eine Freystelle. Als der Knabe in derselben sechs Jahre verharrt hatte, und es nun Zeit schien, ihn auf Universitäten zu bringen, verschafte er demselben durch gleiche Protection zwey Stipendien auf einer berühmten Universität. Weil nun zwey Stipendien einträglicher waren, als eins, so konnte der junge Nothanker auch seine Studien mit viel glücklicherm Erfolge fortsetzen, als sonst ein armer einfacher Stipendiat hätte thun können. Er studierte also nicht allein in den Collegien, sondern auch in den Caffehäusern, bey den Jungemädgen, in den Dorfschenken, und überhaupt cavaliermässig in der großen Welt. Er machte auch Verse und Satiren, wodurch er denn bald ein Mitglied der deutschen Gesellschaft des Ortes ward. Von der Philosophie machte er Profession, und setzte sich schon in seinen Studentenjahren vor, in derselben einst große Veränderungen vorzunehmen, in der philosophischen Kritik aber war er so stark, daß er den Longin und Home , immer beym dritten Worte citirte. Diese Nachrichten erfreueten Wilhelminen ungemein, welche ihn als ihren würdigen Erben ansahe, obgleich Sebaldus ein wenig darüber den Kopf schüttelte, und die Hofnung, die er sich seit zehen Jahren gemacht hatte, ihn zum Adjunkt seiner Pfarre zu bekommen, beinahe aufzugeben anfing. Etwa sechs Jahre nach der Geburt des Sohnes, eben als die Zuneigung zwischen Sebaldus und Wilhelminen zur wärmsten Zärtlichkeit gestiegen war, wurden sie mit einer Tochter erfreut, die den Namen Mariane bekam. Sie war von ihrer ersten Jugend an, der Gegenstand der väterlichen und mütterlichen Zärtlichkeit. Besonders wendete Wilhelmine ihre ganze Sorgfalt auf die Erziehung ihrer Tochter. Sie unterwies sie in allen weiblichen Arbeiten und in der französischen Sprache, ihr Vater war ihr Lehrer in der Geschichte und Erdbeschreibung, und beide vergaßen nichts um den Geist und das Herz dieser geliebten Tochter zu bilden. Als Mariane sechszehn Jahre alt war, hatte sie die besten deutschen und französischen Schriftsteller gelesen. Wenn ihre häuslichen Geschäfte geendigt waren, so war ihr Amt, wechselsweise ihrer Mutter vorzulesen, oder auf dem Claviere zu spielen, worauf ihr Vater ihr erster Lehrmeister gewesen war, und ihr eigner Fleiß sie zu mehrerer Vollkommenheit gebracht hatte. Eine sanfte Seele, ein mitleidiges Herz, krönte ihre übrige gute Eigenschaften, und gab ihnen in den Augen ihrer Eltern noch einen viel größern Werth. Als diese älteste Tochter schon erwachsen war, wurde das Haus mit noch einer kleinen Tochter vermehret, die auch die besten Hofnungen von sich gab, da sowohl Wilhelmine als die junge Mariane wetteiferten, der kleinen Charlotte die beste Erziehung zu geben. Zweyter Abschnitt. Die häusliche Zufriedenheit hatte auf solche Art in dieser Familie viele Jahre ununterbrochen fortgedauret. Sebaldus verrichtete seine Amtsgeschäfte in der Kirche mit frohem Gemüthe eben so wie Wilhelmine in der Küche und in der Milchkammer. Die willige Unterstützung ihrer nothleidenden und bekümmerten Nachbaren war ihnen beiden ein gemeinschaftliches Geschäft. Wenn diese Geschäfte vorbey waren, so kehrten sie mit Vergnügen zu ihrer eigenen Gesellschaft, und zur Gesellschaft ihrer herzlichgeliebten Kinder zurück. Ein vergnügtes Herz war die Würze jeder ländlichen Mahlzeit, und verschönerte ihre ruhigen Abendspaziergänge. Das Einförmige in ihrer Lebensart und in ihrem Vergnügen gewann mehrere Veränderung, so wie ihre Kinder an Alter zunahmen. Eine richtige Anmerkung, oder ein witziger Einfall, den Mariane hören ließ, ein neues musikalisches Stück das sie zum ersten mahl spielte, war der elterlichen Zärtlichkeit ein Fest, woran ihr Vergnügen Tage lang Nahrung hatte. Der Tag, da Charlottchen zuerst das süsse Wort Mutter lallte, der, da sie zuerst auf ihren kleinen Füssen drittehalb Schritte von dem Schooße der Mutter zum Vater allein forttaumelte, der, da sie ihm das erste von ihr genähte Säumchen vorzeigen konnte, oder der, da sie, durch ihre zärtliche Schwester gelehrt, beide Eltern durch Hersagung der Gellertschen Fabel vom Zeisig überraschte, waren in dieser kleinen Familie Galatage, deren Anmuth, wider die Art der höfischen, auch noch nachdem sie vorbey waren genossen ward. So vollkommen das Glück dieser Familie war, so drohete es doch ein kleiner Vorfall zu unterbrechen. Es erschien in den letzten Jahren des vergangenen Krieges eine Schrift: Vom Tode für das Vaterland , betittelt. Diese kleine Schrift würde in das ruhige Fürstenthum, so leicht nicht eingedrungen seyn, welches von neuen Schriften, sonderlich von solchen, die sich mit dem Tande der weltlichen Weisheit, und mit dem Spielwerke der schönen Wissenschaften beschäftigten, gar nicht beunruhigt wurde. Man hatte darin gewöhnlicherweise ausser dem fürstl. privilegirten Gesangbuche , welches jährlich in grobem und feinem Drucke aufgelegt ward, und einigen auswärtigen Calendern, als dem hinkenden Staatsboten, dem Nürnbergischen Land- und Haus-Calender, Lachneaulici allgemeinen Haus- und Wirthschaftsregeln u. s. w. nichts, als des Herrn von Bogazky tägliches Hausbuch, den kleinen Görgel in Lebensgröße, Schabalie wandelnde Seele, Försters expediten Prediger in sechs Quartbänden, die Grundrisse von Predigten der Hamburgischen Herren Pastoren, nebst der Insel Felsenburg, dem im Irrgarten der Liebe taumelnden Cavalier, Eulenspiegel dem jüngern , und einigen Romanen des Dreßdner Thürmers , z. B. das Leben Peter Roberts, das wunderbare Schicksal Antoni, das Leben des Maler Michaels , und dergleichen Sachen mehr. Wilhelmine aber, die auf alle neue Bücher neugierig war, die in die schönen Wissenschaften, in die Sittenlehre, Geschichte u. s. w. einschlugen, hatte, wie wir schon erwähnt haben, für sich selbst eine kleine auserlesene Bibliothek solcher Bücher, dergleichen in dem ganzen Fürstenthume nicht anzutreffen war. Sie hatte dem Buchhändler in der fürstlichen Residenzstadt, ihrem Gevatter, den Auftrag gegeben, ihr alles was von solcher Art Büchern wichtiges erschien, in eben dem Pakete zuzusenden, worum Sebaldus alle neue Schriften, die über die Apocalypse herauskamen, empfing. So nährte der ehrliche Hieronymus den Geist beider Eheleute, den einen mit Witz, und den andern mit Prophezeiungen. Dieser Buchhändler hatte in seiner Jugend einige Schulstudien gehabt, und hatte dadurch vor verschiedenen seiner Handlungsgenossen den kleinen Vorzug erlanget, die Titel der Bücher, die er verkaufte, ganz zu verstehen. Er hatte in verschiedenen ansehnlichen Buchhandlungen in Holland, Frankreich und Italien, als Handlungsdiener gestanden. Er hatte dabei nicht allein sein eigenes Gewerbe in einem weit größern Umfange eingesehen, sondern er hatte auch Städte und Sitten der Menschen kennen lernen, und daher kam es, daß er zuweilen, vielleicht ohne es selbst zu wissen, ein vernünftigeres Urtheil von verschiedenen Sachen fällete, als sein Nachbar der Superintendent, oder sein anderer Nachbar der Rath in dem fürstlichen Expeditionscollegium, die beide, ausser ihren auf einer benachbarten Universität verbrachten Universitätsjahren, niemals ihre Vaterstadt verlaßen hatten. Hieronymus pflegte aber die Einsichten die er besaß, eben nicht unabläßig geltend zu machen, daher hatten sie ihm auch nicht Feinde zugezogen. Er war in der kleinen Residenzstadt, in der er sich gesetzt hatte, in Ansehen, ohne von jemand beneidet zu werden, denn er war gegen jedermann dienstfertig, und hatte eine natürliche Abneigung jemand ins Gesicht zu widersprechen, oder erlangte Vortheile von irgend einer Art zur Schau zu tragen. Bey diesen Grundsätzen und einer so glücklichen Temperamentstugend war er in seinem Städtchen wohlhabend geworden, ohne daß es bey seinen Nebenbürgern eben sonderliches Aufsehen verursacht hätte. Gleichwol hatte er durch seinen Fleiß, ganz unvermerkt, in dem Ländchen wo er sich befand, zween ganz neue Handlungszweige eröfnet, an die vorher noch niemand daselbst gedacht hatte. Es hatte das kleine Fürstenthum einen fruchtbaren Boden, und nicht wenig Viehzucht, es brachte alles hervor was die Einwohner nähren konte. Sie nährten sich auch, und zehrten richtig dasjenige auf, was ihnen zuwuchs. Weil sie aber ausser ihrem mäßig bestellten Ackerbaue, gar keine einzige Art von Kunstfleiß hatten, so war freilich unter ihnen wenig Geld. Es reichte kaum zu, die Röcke und die Strümpfe zu bezahlen, die die Handwerker eines benachbarten Herzogthums, aus der Wolle die in diesem kleinen Fürstenthum sehr wohlfeil verkauft ward, webten, und alsdenn in dasselbe wieder einführten. Es war also kein Wunder, daß bisher noch kein Buchhändler in diesem Ländchen hatte Bücher verkaufen können. Hieronymus, war der erste, der sich unterstand Bücher darin einzuführen. Er sahe aber auch nicht so genau darauf, ob er eben baar Geld erhielt. Er verkaufte mehrmals Z. B das Juristische Oraculum in sechzehn Foliobänden für einen fetten Ochsen, Leopolds Landwirthschaftsbuch für sechs Scheffel Roggen, und Riegers Herzpostill , oder Cardilucii Kunst-Arzney-Natur- und Nahrungspostill für ein paar Schock Eyer, ja er gab noch wohl Mürdelii süsse Geisteserquickungen , oder Meletaons Tugendschul in den Kauf. Hierdurch machte er sich besonders bey den Predigern in Städten Flecken und Dörfern sehr beliebt, die gern etwas von ihren Zehenden oder von ihrem Naturaldeputat daran wagten, um sich Krausens evangelischen und epistolischen Predigerschatz, Kleiners Hirtenstimme, Schlichthabers fünffache Dispositionen aller Evangelien , oder Weihenmayrs epistolische Spruch- und Kernpostill anzuschaffen, und sich dadurch die schwere Last des Predigtamts, die sie so sehr drückte, zu erleichtern. Die Bürger folgten bald dem Exempel ihrer Seelenhirten, und schaften sich von einem Theile des Ertrags ihrer Erndte, und ihrer Kälber- und Hammelzucht einige erbauliche und nützliche Bücher an, z. B. Hollatzens Gnadenordnung und Pilgerstraße, Staricii Heldenschatz, die reine Wasserquelle, den vom Engel Raphael begleiteten Wandersmann, Goezens Betrachtungen über die Dinge die nach dem jüngsten Gerichte vorgehen werden, Hocuspocus oder die neuvermehrten Taschenspielerkünste, die neueröfnete Kunstpforte, Schnurrs Kunst- und Wunderbuch, der getreuen Bellamira wohlbelohnte Liebesproben, Heußens biblische Seelenweide, Widders Krankenpostill u. d. gl. Die fürstlichen Räthe und Secretarien aber kauften Bolzens Amts- und Gerichts-Actuarium, dessen Anweisung zum Ambthierungswerke, Salanders alias Sieckels allezeitfertigen Notarium, Heumanns rechtlichen Catechismum , besonders aber des deutlichen Schwesers oder Philoparchi wohlunterrichteten Beamten etc. Hieronymus erhielt also, als ein Laye, einen Vortheil der sonst nur der Geistlichkeit eigen war, nemlich er speisete den Geist seiner Mitbürger, und eignete sich dafür ihre Glücksgüter zu. Er ließ die eingetauschten Ochsen Hämmel und Schweine in seine Ställe treiben, und das eingetauschte Getraide auf seine Böden schütten, und verkaufte alles auf den Märkten des obengedachten Herzogthums für baares Geld, weil daselbst die blühenden Manufacturen, und die dadurch verursachte Bevölkerung einen etwas höhern Preiß der Nahrungsmittel verursacht hatten. Man kennete ihn daselbst nicht unter dem Namen des Buchhändlers Hieronymus, aber der Namen des Korn- oder Viehhändlers Hieronymus, war bey den Müllern, Bäckern und Schlächtern daselbst, um desto bekannter. Seine Nachbarn hatten selbst Aecker und Wiesen, aber zufrieden sich selbst zu nähren, baueten sie nicht mehr, als sie brauchten, noch weniger dachten sie daran, den Ueberfluß ihren Nachbarn weiter, als etwa bis in die nächste kleine Landstadt, zuzuführen. Es währete Jahre lang, bis durch die beladenen Wagen und durch die Heerden Vieh, die sie so oft aus Hieronymus Hause, wegfahren und wegtreiben sahen, ihre Neugier rege gemacht ward. Sie versuchten bald eben diesen Weg, und da ihnen ihr Unternehmen gelang, fingen sie an ihre Viehzucht zu vermehren, und ihre Aecker fleissiger zu bauen. Sie nahmen dadurch selbst an gutem Wohlstande zu, und das ganze Ländchen kam in wenig Jahren in so gutes Aufnehmen, daß die Staatsklugen zu erörtern anfingen, warum das Land sich so schnell verbessert habe. Eigentlich war freilich der Fleiß des Hieronymus und das Beyspiel, das er seinen Mitbürgern gegeben hatte, die Ursach davon. Es ist aber allen denen, die politische und Finanzvorfälle untersuchen, schon längst zur Regel geworden, nicht die kleinen Umstände anzuführen, welche gemeiniglich die wahren Ursachen der Begebenheiten zu seyn pflegen, sondern große Umstände, welche gemeiniglich nicht die wahren Ursachen sind. Daher ward in einer in das fürstliche Intelligenzblatt eingerückten Abhandlung, die schnelle Zunahme des Wohlstandes des Landes, der landesväterlichen Vorsorge des Fürsten zugeschrieben, (der auf seinem Lustschlosse, seine Zeit zwischen der Jagd und seiner Mätresse theilte) und nach derselben den klugen Anstalten seines ersten Geheimenraths, (der in der fürstlichen Residenzstadt im Cabinet unermüdet arbeitete, alle Stellen im Lande mit seinen Verwandten und Creaturen zu besetzen.) Der Superintendent D. Stauzius hingegen, ein scharfer Gesetzprediger, nahm diese Abhandlung in der Einweihungspredigt der neugebauten St. Bartels Kapelle ziemlich durch, und versicherte, der zugenommene Wohlstand des Landes sey ein sichtbarer Segen des Höchsten, wegen der frommen Aufführung der Einwohner. Man muß nemlich wissen, daß in der fürstlichen Residenzstadt ein paar Jahre vorher, fünf Strassen nebst einer kleinen verfallenen Kapelle abgebrannt waren. Die Einwohner trugen, auf die nachdrückliche Ermahnung des Superintendenten, zum Bau der Kapelle, welche viel vergrößert und verschönert aufgebauet werden sollte, so reichlich bey, daß sie freilich kein Geld übrig behielten, zu einer Hauscollecte etwas beizutragen, die der Bürgermeister veranlasset hatte, um von deren Ertrage einige gemeine Feuerspritzen anzuschaffen, weil bloß aus Mangel derselben, das Feuer soweit um sich gegriffen hatte. Noch weniger kehrten sie sich an die leichtsinnigen Reden des Bürgermeisters, der öffentlich sagte, daß man vor allen Dingen den abgebrannten Einwohnern beispringen müsse, und daß es überhaupt unnöthig sey die Kapelle wieder zu bauen, da andere Kirchen genug in der Stadt wären, noch weniger sie zu vergrößern, so lange die Häuser der Einwohner zu deren Gebrauch die Kapelle dienen sollte, noch in der Asche lägen. Diese musten sich freilich, da sie nirgend unterkommen konten, und gar keine Hofnung sahen, sich wieder aufzuhelfen, in wenig Wochen zu Colonisten nach Rußland anwerben lassen. Sie bekamen also die für Sie neuerbaute Kapelle nicht zu sehen. Hingegen hatten sie doch den Trost, daß sie an dem Ufer der Wolga die gedruckte Einweihungspredigt des D. Stauzius nebst den beygefügten Carminibus des Stadtministerii und aller Primaner des fürstlichen Lycei mit vieler Erbauung verlesen hörten. Sebaldus erhielt diese gedruckte Einweihungspredigt in eben dem Pakete, worin Wilhelmine die Schrift vom Tode fürs Vaterland erhielt. Sie machte ihm aber nicht sonderliches Vergnügen. D. Stauzius hatte in derselben mehr als einmal, denen die Kirchen und Kapellen verachten, und den Bau oder Verschönerung derselben hindern, mit der ewigen Verdammniß gedrohet. Sebaldus aber konnte diese Lehre niemals behauptet sehen, ohne in eine Art von Bekümmerniß zu gerathen, die dem Mißvergnügen nahe war. Der Tod fürs Vaterland hingegen hatte auf Wilhelminen eine ganz entgegengesetzte Wirkung. Er setzte ihren ohnedis zum romantischen geneigten Geist in ein neues Feuer. Sie fühlte Entzückung über die Gedanken, daß auch der Unterthan einer Monarchie nicht eine blosse Maschine sey, sondern seinen eigenthümlichen Werth als Mensch habe, daß die Liebe fürs Vaterland einer Nation eine große und neue Denkungsart gebe, daß sie eine Nation als ein Muster für andere darstelle. Von diesen Ideen erhitzt, sann sie nach, wie sie in dem allgemeinen Kriege der damahls Deutschland verheerte, ein Beyspiel ihrer Liebe fürs Vaterland geben könne. Mitten unter diesen Gedanken fiel ihr gleich auf der ersten Seite folgende Stelle aufs Herz: »Sollte wohl ein Diener der Religion sich entweihen, sollte er wohl dadurch sein Amt vernachlässigen, wenn er, nachdem er tausendmal gesagt hat: Thut Busse ; auch einmal rieffe: Sterbet freudig fürs Vaterland ?« Sie beschloß, daß niemand ihrem Manne das Verdienst rauben sollte, dieser Aufforderung zuerst ein Genüge gethan, noch ihr das Verdienst, ihn dazu aufgemuntert zu haben. Von diesem Vorsatze voll, trat sie, welches sie sonst selten zu thun pflegte, in Sebaldus Studierstube. Sie las ihm aus der Schrift, die ihr so sehr gefiel, die stärksten Stellen vor. Sie beschloß mit der eben angeführten an die Prediger gerichteten Stelle, und setzte alle Gründe, die sie sammlen konnte zusammen, um ihn zu bewegen, daß er den nächsten Sonntag seiner Gemeine predigen sollte: Sterbet freudig für das Vaterland . Sie fand bey Ihrem Manne einen stärkern Widerstand, als sie sich vorgestellet hatte. Sebaldus, dessen Geist, ohne Prophezeiung nicht so leicht in Enthusiasmus gerieth, und der durch D. Stauzius Einweihungspredigt noch weniger erwärmt worden war, hatte ihrer feurigen Deklamation hundert kalte Gründe entgegen zu setzen, auf die sie sich nicht gefaßt gemacht hatte. Er sagte ihr unter andern, daß ein Geistlicher, wenn er glaubte, oft genug gerufen zu haben: Thut Busse , noch eine Menge Wahrheiten zu predigen habe, die ihn alle noch nützlicher dünkten, als der Tod für das Vaterland . »Und, setzte er hinzu, wo ist in unserm unter Krieg und Verheerung seufzenden Deutschlande, jezt wohl das Vaterland zu finden? Deutsche fechten gegen Deutsche. Das Contingent unsers Fürsten ist bey dem einen Heere, und in unserm Ländchen wirbt man für das andere. Zu welchem sollen wir uns schlagen? Wen sollen wir angreifen? Wen sollen wir vertheidigen? Für wen sollen wir sterben?« Wilhelmine, die einmal beschlossen hatte, daß vom Tode fürs Vaterland gepredigt werden sollte, sahe wohl ein, daß allgemeine Gründe ihren Mann nicht bewegen würden, sie nahm also zu solchen ihre Zuflucht, die ihn näher angiengen. Sie versetzte: »Wird denn nicht in diesem Kriege wider die Franzosen gestritten? Ich glaube immer, die Deutschen sind ächte Deutsche, die auf Türken und Franzosen losgehen. Sie haben mir, mein Lieber! oft von Weissagungen vom nahen Untergange Frankreichs vorgesagt; sollte in der Apocalypse keine Weissagung seyn, die den itzigen Krieg angehet? Schlagen Sie doch nach. Wer weiß, ob in diesem Kriege nicht Deutsche das stolze Frankreich erobern sollen? Wie? Wenn es ihnen nun vorbehalten wäre, durch Ihre Predigt zu diesem großen Werke den ersten Anlaß zu geben? Welcher Ruhm für Sie, wenn auch auf Sie und auf Ihre Predigt mitgeweissagt wäre! Können Sie der Kraft so vieler Gründe wohl widerstehen? Ich dächte, Sie müsten dadurch determinirt werden!« Der arme Sebaldus war nun bey allen seinen Schwächen angegriffen, denn Wilhelmine pflegte sehr selten die Apocalypse anzuführen, noch weniger pflegte sie der Franzosen mit einem wiedrigen Seitenblicke zu gedenken, und über den zureichenden und determinirenden Grund, waren ihre Gedanken ihres Mannes Gedanken so schnurstracks zuwider, daß weder Sebaldus das Wort zureichend , noch Wilhelmine das Wort determinirend jemals in den Mund zu nehmen pflegte. Es geschahe also hier, was immer zu geschehen pflegt, daß die gefällige Freundlichkeit eines Frauenzimmers die besten Gründe einer Mannsperson unkräftig machte. Sebaldus wählte einen schicklichen Text für den nächsten Sonntag aus der Apocalypse, und da dieses das erste mahl war, daß er über einen Text aus diesem von ihm so geliebten Buche predigte, so hielt er seine Predigt, vom Tode fürs Vaterland , in einem enthusiastischen Feuer, das seine Gemeine sonst an ihm nicht gewohnt war. Als er aus der Kirche nach Hause gieng, bemerkte er sogleich die Frucht seines Eifers. Er sahe auf dem Kirchhofe einen ziemlichen Auflauf, und hörte jemand sehr laut reden. Als er näher hinzu kam, hörte er, daß ein im Dorfe liegender Unterofficier, der mit in der Kirche gewesen, zu seiner Predigt einen epanorthotischen Usum hinzu that, und nicht ohne Frucht, denn zehn junge, rasche Bauerkerl, nahmen auf der Stelle Dienste. Dem Sebaldus klopfte hiebey ein wenig das Herz, aber Wilhelmine jubilirte über den glücklichen Erfolg ihres Vorschlags. Sie wendete auf dem Wege aus der Kirche nach Hause alles an, um ihrem Mann eben so freudige Gesinnungen mitzutheilen. Es würde ihr vielleicht gelungen seyn, wenn nicht zween Briefe, die sie bey ihrer Ankunft zu Hause fanden, ihre Freude etwas niedergeschlagen hätten. Der eine war von einem Professor der Universität wo ihr ältester Sohn studierte. Er meldete ihnen ohne Umschweife, daß ihr Sohn, mit Hinterlaßung vieler Schulden davon gelaufen sey, und daß niemand wisse, wohin. Beide Aeltern fuhren bei dieser unvermutheten Nachricht zusammen, und zitterten vor dem zweyten Brief. Als sie auf der Aufschrift ihres Sohnes Hand erblickten, so riß ihn Wilhelmine aus Sebaldus Händen, und laß ihn. Der Sohn meldete darum, ohne von seinen Schulden etwas zu erwehnen, »daß er es für einen guten Bürger für schimpflich halte, stille zu sitzen wenn das Vaterland in Noth sey; daß die Römer und Griechen in ihrer Jugend Kriegsdienste gethan hätten, daß er diesem glorreichen Exempel folgen wolte, und daher auch zur Armee gegangen sey. Er meldete zu gleicher Zeit seinen Eltern, daß er vor der Hand einen fremden Namen angenommen habe, und so lange führen wolle, bis er seinem wahren Nahmen Ehre bringen könnte.« Sebaldus ward bei dieser Nachricht ganz blaß, und Wilhelmine fiel mit einem lauten Geschrey rücklings aufs Canape. Sie besann sich aber bald, daß itzt die beste Gelegenheit sey, spartanische Gesinnungen zu zeigen, ermannete sich, stand auf, und sagte mit thränenden Augen: » Ich habe ihn dazu gebohren! « Sie suchte auf alle Weise ihre heldenmüthige Gesinnungen bey sich wieder hervor zu ziehen. Bald stellte sie sich die großen Thaten vor, die ihr Sohn verrichten würde; bald bedauerte sie nur, daß er seinen Nahmen verändert hatte, weil sie auf diese Art von ihr unbemerkt geschehen könnten. Bald hofte sie wieder, daß er, wenn er etwas großes verrichtet hätte, gewiß seinen Namen kund thun werde. Inzwischen konnten alle diese heroische Gesinnungen, mit denen sie sich tröstete, und die dem Sebaldus gar keinen Trost gaben, weder ihre mütterliche Zärtlichkeit noch des Sebaldus weise Betrachtungen unterdrücken, die sich beständig dazwischen mischten. Nachdem sie damit den Nachmittag zugebracht hatten, legten sie sich beiderseits in einer solchen Gemüthsverfassung schlafen, daß, wenn sie vier und zwanzig Stunden vorher darin gewesen wären, Sebaldus schwerlich würde gepredigt haben: Sterbet freudig für das Vaterland , noch Wilhelmine ihn dazu würde haben ermuntern wollen. Dritter Abschnitt. Indessen erscholl die Nachricht von Sebaldus Predigt und von ihren Folgen, bald bis in die fürstliche Residenzstadt. Sebaldus hatte im Consistorium zwey sehr mächtige Feinde. Der eine war der Präsident, der als ein Ehrenmitglied verschiedener deutschen und lateinischen Gesellschaften viele sehr fliessende deutsche Reime, und viele sehr deutliche lateinische Chronodistichen verfertigte. Alle am fürstlichen Hofe vorfallende Galatage, alle Landplagen, als Heuschrecken, Hagel, feindliche Einfälle, alle Promotionen der ihm untergebenen Conrectoren, und Landprediger, besang seine Muse ungesäumt. Wilhelmine war eine viel zu feine Kennerin der schönen Wissenschaften, als daß sie sich dem falschen Geschmacke, der in ihrem Vaterländchen beschützt ward, nicht hätte widersetzen sollen. Sie sprach bey jeder Gelegenheit von den deutschen Versen des Präsidenten überaus verächtlich, und seine lateinische Chronodistichen, wenn sie sie auch nicht verstand, so wuste sie sie doch aus dem Zuschauer mit einer Reihe Soldaten zu vergleichen, in welcher einige Riesen zwischen einer Anzahl Zwerge ständen. Nun ist es bekannt, daß alle Dichter sehr empfindlich, und die schlechten Dichter gemeiniglich die empfindlichsten sind. Es ist also leicht zu erachten, daß es der Präsident für einen unerhörten Eingriff in die Landesverfassung und gute Subordination hielt, daß eine Landpfarrerfrau sich über die Verse eines Mannes wie er, öffentlich aufhalten dürfte, und daß er keine Gelegenheit wird verabsäumet haben, ihrem Manne empfinden zu laßen, daß er sein Oberer war. Der zweyte Feind des Sebaldus, war der Generalsuperintendent D. Stauzius. Dis war eben der Pfarrer, der Sebaldus mit Wilhelminen getrauet hatte, der wilde Mann, der so gern von dem Obersten Menzel und von dem lustigen Treffen zu Roßbach sprach. Er hatte kurz nach Sebaldus Heirath die Ausgeberin des Präsidenten geheirathet, die Sebaldus verschmähst hatte, und war dadurch Generalsuperintendent worden. So wie er am Stande zunahm, wuchs auch sein Eifer für die Orthodoxie. Er lies sich zum Doctor der Theologie machen, damit er einen doppelten Beruf habe, sich der Orthodoxie alles Fleisses anzunehmen. Er erhielt im Lande eine solche Einförmigkeit in der Lehre, wie ein Hauptmann bey einer wohleingerichteten Compagnie Soldaten, bey der jeder Rock so lang als der andere, jeder Zopf so dick als der andere, jede Stiefelette so lang aufgeknöpft ist als die andere, und die sich nie nach ihrem eigenen Willen, sondern blos nach dem Wink ihrer Obern beweget. So bald ein Prediger nur den geringsten Geruch von Ketzerey an sich spüren ließ, ward er abgeschaft. Dadurch ward das Ländgen wirklich so rein gehalten, daß Sebaldus der einzige war, der auf der schwarzen Liste stand. Schon als D. Stauzius noch Dorfpfarrer war, hatte er sich mit Sebaldus oft über die Ewigkeit der Höllenstrafen gestritten, die er mit großem Eifer behauptete, und von der Sebaldus, wie wir dem Leser schon haben merken lassen, Begriffe hatte, die zwar ganz menschenfreundlich, aber gar nicht orthodox waren. Seitdem D. Stauzius Superintendent worden war, hatte er die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen noch nothwendiger gefunden. Er merkte beim Antritt seines Amts bald, daß er bey den Kammerjunkern und den fürstlichen Räthen, mit dem florentinischen Wetterglase, aus welchem er vormahls seinen Bauern Wind und Wetter vorhersagte, S. Wilhelmine S. 105. nicht viel ausrichten konnte. Er legte sich also, um sie in kirchlicher Zucht zu halten, auf ein recht derbes Gesetzpredigen. Er mahlte ihnen den höllischen Schwefelpfuhl recht schrecklich, und die Martern der Verdammten recht gräßlich vor, wobei er denn mit einem holen klagenden Tone das Wort ewig! ewig! ewig! sehr oft erschallen ließ. So streng und unerbittlich er aber auf der Kanzel gegen die Sünder war, so gefällig und nachgebend war er gegen seine Frau, die er aus so vornehmen Händen empfangen hatte. Sie regierte ihn ganz. Unglücklicherweise aber für Sebaldus war sie auf denselben und seine Frau auch sehr übel zu sprechen. Sie konnte es ihm noch nicht vergeben, daß er ihre Hand und mit ihr das einträgliche Amt ausgeschlagen hatte, bloß um eine jüngere und schönere Person zu heirathen. Wenn also D. Stauzius gegen Sebaldus nur ein verdriesliches Wort sagte, so setzte sie noch zwey oder drey hinzu, und brachte sowohl ihren itzigen Mann, als ihren gewesenen Herrn wider ihn auf. Welch Wunder also, daß Sebaldus sehr oft, auch bei den geringfügigsten Vorfällen nachdrückliche Verweise aus dem Consistorium bekam. Die gegenwärtige Sache hingegen war zu wichtig, als daß sie mit einem bloßen schriftlichen Verweise konnte abgemacht werden. Sebaldus ward also in Person nach der fürstlichen Residenz, vor dem Consistorium zu erscheinen, gefordert. Als er erschien, sahe ihn der Präsident von oben bis unten an, seufzte, machte die Augen zu, hob das Angesicht gen Himmel, und hielt ihm in einem feinen etwas heisern und langgezogenen Ton seinen Unfug vor, daß er von etwas anders, als von Busse und Zerknirschung des Herzens gepredigt hätte, welches den symbolischen Büchern schnurstracks zuwider sey. Kaum hatte er ausgeredet, als der Superintendent aufstand. Er schrie mehr, als er sprach, zitterte vor Eifer, ward feuerroth im Gesichte, runzelte seine starke halbgraue und halbrothe Augenbraunen, konnte noch nicht sprechen, und schüttete als er anfieng, in einem holen bellenden Ton, so schnell daß ein Wort das andere jagte, ein gestottertes Anathema über das andere auf den armen Sebaldus aus. Er hielt ihm vor, daß die zehn angeworbenen Bauerkerl, vermuthlich hätten in den Stand der Gnade kommen können, daß sie aber nun in dem Lande wohin sie gebracht würden, Atheisten werden, und also ewig verdammt werden müsten. Auch Er, Sebaldus, hätte die ewige Verdammniß dadurch verdient, daß er an dem ewigen Wehe von zehn Seelen schuld wäre, u. s. w. Sebaldus antwortete bescheiden mit wenig Worten, und ließ am Ende seiner Rede einfließen, »daß Gott gnädiger wäre, als erbitterte Menschen, daß er uns nach der reinen Absicht unsers Herzens, nicht aber nach einem nicht vorhergesehenen Erfolge unserer Handlungen, richten werde.« Stauzius fuhr ihn mit unbeschreiblicher Wuth an: »Ob er die Ewigkeit der Höllenstrafen glaube?« Sebaldus antwortete ganz gelassen: »Er glaube nicht, daß es Menschen gezieme, der Güte Gottes Maaß und Ziel zu setzen.« »Sie sehen, meine Herren, redete der äusserst aufgebrachte Superintendent die anwesenden an, daß dieser gottlose Mann in den Grundlehren des Glaubens irrig ist, und schändliche grundstürzende Irrthümer behauptet, ich trage also darauf an, daß er unverzüglich seines Amtes entsetzt werde, damit er die Seelen der ihm anvertrauten Heerde nicht ferner in Gefahr bringe.« Der Präsident antwortete hierauf mit sanftmüthiger Mine: »Es ist zwar wahr, daß Ehrn Nothanker sich eine schwere Verschuldung hat zur Last kommen lassen, doch erfordert die christliche Liebe, daß man in einer so wichtigen Sache, als die Absetzung vom Amte ist, sich nicht übereilen müsse. Daher ist meine Meynung, daß dem Fiscal aufgetragen werde, eine in gehöriger Form abgefaßte Klage zu überreichen, welche dem Beklagten mit dem Bedeuten, sie in zween Tagen zu beantworten, sub poena praeclusi und daß alsdenn in contumaciam wider ihn erkannt werde, zu communiciren sey, desgleichen daß derselbe auf nächste Session in vierzehn Tagen beschieden werde, um die alsdenn abzufassende Sentenz anzuhören.« Dieser Meinung fielen alle bey, und Sebaldus verfügte sich mit schwerem Herzen nach Hause. Die Klage des Fiscals lief in wenig Tagen ein, und weil darin noch mehr auf die Ewigkeit der Höllenstrafen, als auf die gehaltene Predigt Rücksicht genommen war, so glaubten Sebaldus und Wilhelmine, darin die Feder des D. Stauzius zu erkennen. Sebaldus beantwortete sie in den gesetzten zween Tagen ausführlich, und Wilhelmine fügte noch einige Anmerkungen hinzu, die ihrer Meinung nach die Unschuld ihres Mannes so treffend bewiesen, daß sich auch nicht das geringste nur mit einigem Scheine, dawider sagen liesse. Die Verantwortung ward übergeben, und Sebaldus schwebte indessen zwischen Furcht und Hofnung. An dem angesetzten Tage begab er sich nach der Residenz. Er muste in dem Vorzimmer der Sessionsstube eine halbe Stunde warten, unterdessen daß über sein Schicksal gerathschlagt ward. Darauf ward er hineinbeschieden, um die Sentenz anzuhören, welche, nach dem gewöhnlichen Eingange, folgendermaßen lautete: »daß Beklagter wegen irriger Lehre und Abweichung von den so theuer beschwornen symbolischen Büchern, wobey er aller liebreichen Ermahnungen ohnerachtet verharret, seines Predigt- und Lehramts zu entsetzen, und er bedeutet werde, sich alles fernern Lehrens, Predigens und sonstiger Actuum ministerialium gänzlich zu enthalten, so lieb als ihm die Vermeidung fürstl. Ungnade, und zweyjähriger Zuchthausstrafe sey. V. R. W.« Es fand keine Appellation statt. Es ward dem guten Sebaldus von dem Consistorialbothen unverzüglich Kragen und Mantel abgenommen, zugleich ward er ernstlich bedeutet, die Pfarrwohnung zu räumen, indem die Pfarre bereits vergeben sey, und darauf ward er mit einer väterlichen Ermahnung in Frieden entlassen. Das Consistorium aber blieb noch versammlet, um den Präsidenten, ein lateinisches Chronodistichon, auf diesen merkwürdigen zur Festhaltung der reinen orthodoxen Lehre abzweckenden Actum, verlesen zu hören, das er in den vierzehn Tagen seit der letzten Seßion zu Stande gebracht hatte. Sebaldus war, als er auf die Straße kam, von dem, was vorgegangen war, so betäubt, daß er alle Besonnenheit verlobt. Seine Füsse trugen ihn mechanischer Weise gerade nach Hause. Wilhelmine hatte sich, aus zureichenden Gründen, von dem Ausgange des Processes die beste Hofnung gemacht. Sie hatte daher, in der von ihr selbst gepflanzten Laube, neben dem Pfarrhause, eine ländliche Abendmahlzeit zugerichtet. Als sie damit fertig war, gieng sie ihrem Manne, mit ihren beiden Töchtern, entgegen. Er kam endlich. Als er noch einige Schritte von ihr war, sahe sie schon in seinen wilden starr auf sie gerichteten Augen, einen Theil des über sie schwebenden Unfalls. Er kam näher, und sagte ihr in wenig Worten, wie groß ihr Unglück sey. Wilhelmine ward blaß, die Knie zitterten ihr, sie fiel in ihrer Tochter Arme, und die kleine Charlotte warf sich auf ihre Mutter und weinete. Wilhelmine ward erst nach geraumer Zeit ihrer Sinne wieder mächtig, und in großer Schwachheit nach Hause gebracht. Alle die Vergnügungen, die sich diese kleine Familie, bey dem Abendmahl in der Laube, nach der Zurückkunft ihres Vaters versprochen hatte, waren dahin. Wilhelmine war von dem heftigen Schrecken so sehr beweget worden, daß sie in wenig Stunden in einem starken Fieber lag. Mariane, ob sie gleich ihr Herzeleid verbarg, konte doch, indem sie ihrer Mutter Handreichung leistete, ihre naßen Augen nicht verbergen. Die kleine Charlotte winselte unaufhörlich, weil sie ihre Mutter leiden sahe. Sebaldus aber, über sein Unglück kaum so sehr niedergeschlagen, als über die Härte rachgieriger Menschen bestürzt, saß staunend, in der stillen Schwermuth die äusserlich kalt scheint, aber innerlich mit desto größerer Heftigkeit auf die Lebensgeister wütet. Vierter Abschnitt. Des andern Morgens frühe, erschien vor Sebaldus Thüre ein Wagen, in welchem Mag. Tuffelius, der Informator des Superintendenten saß. Diese Person war fünf Fuß vier Zoll lang, und näherte sich mehr der Magerkeit eines Candidaten, als der Feistigkeit eines Pfründenbesitzers. Sein hageres bleiches Gesicht war beständig wasserrecht gerichtet, ohne sich herauf oder herunter zu neigen. Seine Hände die etwas länger waren, als sie hätten seyn sollen, hielt er mehrentheils gerade vor sich weg, und bewegte sie wellenförmig, wie ein Schwimmender im Wasser. Sein Gang war abgemessen und bedächtlich, als wenn er sich fürchtete auf etwas zu treten, und wenn er sprach, welches nie ohne Noth geschah, war seine Stimme allezeit einen halben Ton höher gestimmet, als anderer Leute Stimme, und hatte dabey etwas quäckendes, daß man glaubte einen Staar zu hören. Er ließ sich durch den Bauer der ihn gefahren hatte anmelden, stieg nach empfangener Antwort langsam aus dem Wagen, und schritte fort, bis er ins Zimmer kam, wo ihn Sebaldus und Mariane empfiengen. Er legte seinen Hut vor seinen Bauch, und beide Hände in den Hut, grüßte die Anwesenden mit einem halbtiefen Bücklinge ohne Haupt und Füsse zu bewegen und ohne ein Wort zu sprechen, setzte sich, und nach verschiedenen Hem, Hem, ließ er sich folgendermaßen aus: »Da ich den göttlichen Beruf erhalten habe, die Seelen dieses Dorfs als ein treuer Hirte zu weiden, so wird es dann wohl nöthig seyn, daß mir dieses Pfarrhaus als meine künftige Wohnung sogleich geräumet werde, sintemahl ich in dem Herrn entschlossen bin, mein Amt unverzüglich anzutreten, und zu dem Ende noch anheute, auf meine nächstens zu haltende Antrittspredigt zu studieren.« Sebaldus stellt ihm vor, daß es unmöglich seyn würde, das Haus zu räumen, um so viel mehr, da seine Frau diese Nacht krank worden wäre. Tuffelius antwortete sehr trocken: »Die Ihnen in Person vorgelesene Sentenz enthält deutlich, daß sie die Pfarrwohnung sogleich räumen sollen, und es muß jeder Christ der Obrigkeit unterthan seyn, die Gewalt über ihn hat, ich rathe Ihnen also wohlmeinend an, sich zu hüten, daß Sie nicht einst zu einem Beispiele angeführet werden, wie die Abweichung von der reinen Lehre, auch zuletzt Rebellion wider die Obrigkeit hervorbringt.« Sebaldus war durch diese Rede so sehr zum Erstaunen gebracht, daß er den Mag. Tuffelius mit starren Augen ansahe, und stillschwieg. Mariane aber nahm das Wort, und sagte mit sanfter und zitternder Stimme zu Tuffelius: »Wir sind nicht willens, uns zu widersetzen, wir sind auch dazu viel zu schwach, wir verlangen nur so viel Zeit, als nöthig ist, um eine andere Wohnung zu suchen, dazu ist ein Tag zu kurz, zudem ist meine Mutter gefährlich krank worden. Ein Prediger ist Bothe des Friedens, er soll Ruhe, Einigkeit und Wohlwollen befördern. Wollen Sie also wohl den Anfang Ihres Predigtamts damit machen, daß sie eine äusserst schwache Kranke aus dem Hause werfen?« Tuffelius der mit seinen Augen bishero noch immer unverwandt gerade vor sich weggesehen hatte, richtete sie in einer mit dem Horizonte parallelen Linie gegen Marianens Antlitz, runzelte die Stirn, zog den Mund ein wenig in die Breite, und sagte mit etwas lauterer Stimme und aufgehobener rechten Hand: »Mulier taceat in rebus eccleslasticis! Meine liebe Jungfer, ich wäre nicht werth, ein vieljähriger Candidat des heiligen Predigtamts zu seyn, wenn ich die Pflichten dieses hochwichtigen Amts nicht wüste. Die erste Pflicht desselben ist wohl warlich, daß in Rücksicht auf geistliche und göttliche Dinge alle irrdische und weltliche Dinge uns gar nicht bewegen müssen. Es würde unverantwortlich seyn, wenn man die armen verirrten Schafe einen Sontag über ohne Hirten lassen wollte, es ist also meine höchste Pflicht, mich ihrer ohne Verzug anzunehmen, und sie bald wieder auf den rechten Weg und auf die gute gesunde Weide der reinen Lehre zu führen, wovon sie vielleicht leider! (hier seufzete er, und that einen halben Blick auf Sebaldus) ab, und in den stinkenden Sumpf der Heterodoxie geführet worden.« Es ward hierüber noch vieles hin und her geredet, und Tuffelius ließ sich endlich mit Mühe bereden, damit zufrieden zu seyn, daß ihm vor der Hand eine Stube eingeräumt würde, begab sich in dieselbe schrieb einen langen Brief, mit dem er den Bauer der ihn gefahren hatte zurücksendete, legte Lankischens Concordanz , die er im Kuffer mitgebracht hatte, auf den Tisch, und fing an den Faden seiner Anzugspredigt zu spinnen. Sebaldus, Wilhelmine und Mariane hatten sich immer blos auf ihre gute Sache verlaßen, und sahen nunmehr zu spät ein, daß so gut eine Sache auch ist, dennoch eine mächtige Protection zu einem vortheilhaften Ausschlage, nie überflüssig seyn werde. Wilhelmine erinnerte sich des Hofmarschalls und des Grafen von Nimmer, sie glaubte, daß diese mächtigen Patrone sie gewiß nicht würden verlaßen haben, wenn man sie um Hülfe ersucht hätte. Da sie bey der Schwachheit ihres Körpers nichts von der Lebhaftigkeit ihres Geistes verlohren hatte, so fing sie an, muthige Hofnung zu hegen, daß durch mächtige Vorworte vielleicht ihr Schicksal noch könnte geändert werden. Sie wendete alle Kräfte an, ihren Mann zu bereden, daß er nach der Stadt gehen und bei seinen Gönnern Hülfe suchen sollte, welches Sebaldus endlich versprach. Es ward ferner verabredet, daß man die Pfarrwohnung nicht freiwillig räumen wollte, und Wilhelmine wuste viele zureichende Gründe anzuführen, warum Gewalt weder gebraucht werden könnte noch würde. So lange man nur im Besitz wäre, glaubte sie, könnte noch wohl die Absetzung widerrufen werden. Mit diesen Ueberlegungen beschäftigten sie sich bis auf den Abend, da sie sich etwas beruhigt niederlegten. Eben dis that auch Tuffelius, nachdem er mit lauter Stimme seinen Abendsegen abgelesen, und ein Abendlied von zehen Versen gesungen hatte, wir wissen aber nicht genau, ob es Der Tag hat sich geneiget , oder Nun sich der Tag geendet hat , gewesen sey. Fünfter Abschnitt. Den andern Morgen früh ging Sebaldus bey Sonnenaufgang nach der Stadt. Wilhelminen hatten ihre süße Hofnungen eine ruhige Nacht verschaft, wodurch sie merklich gestärkt ward. Sie ließ sich einige Stunden nachher in einem Großvaterstuhl setzen, trank Thee, und hielt den Kopf der kleinen Charlotte, die selbst die Nacht sehr unruhig zugebracht hatte, und über Hitze und Bangigkeit klagte. Sie wollte sich eben von Marianen etwas aus Wielands Sympathien vorlesen laßen, als Tuffelius unangemeldet in ihr Schlafzimmer trat. Er war im Schlafrocke, und hatte eine von seiner eigenen Hand sehr weiß gepuderte Perucke aufgesetzt. »Ich freue mich, sagte er, (nachdem er ihr in dem Herrn Friede gewünscht hatte) Sie ausser dem Bette und so gesund, stark und munter zu sehen, welches sehr gut ist, indem Sie mir anheute ohne Widerrede das ganze Haus einräumen müssen.« Wilhelmine, ganz erstaunt, stellte ihm die Unmöglichkeit vor. Tuffelius erwiederte aber: »Es kan kein fernerer Aufschub statt finden. Auf nächstkünftigen Sonntag wird meine Introduction vor sich gehen, daher wird der Herr Generalsuperintendent des Sonnabends bey mir abtreten, dazu muß ich in meinem Hause alle nöthigen Anstalten machen, zumahl da er die Jungfer Ursula Stauziin mit sich bringen wird, mit welcher ich mich in ein christliches Eheverlöbniß eingelaßen, so ich Ihnen aus nachbarlicher Freundschaft hiemit will notificirt haben. Säumen Sie also nicht ferner. Es stehet geschrieben: Bittet, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter , itzt sind wir mitten im Sommer, und Sie können also wohl zufrieden seyn.« Hiebey blieb es. Wilhelminens Gründe, Marianens Bitten, Charlottchens Weinen und Aechzen, ob sie sich gleich ihm zu Füssen warf, halfen nichts. Er führte sie säuberlich, eine nach der andern zur Thüre hinaus, wo sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen vier fürstliche Trabanten von einem Unterofficier befehligt, vorfanden, durch dieselben ließ Tuffelius, alles was im Hause befindlich, sehr behutsam auf die Straße setzen, und gab selbst Achtung, daß nicht das geringste zerbrochen ward. Es war heller Sonnenschein, da dis geschah, hingegen war es freilch Tuffelius Schuld nicht, daß eine Viertelstunde darauf ein starker Regen fiel. Wilhelmine mit ihren Kindern suchte sich unter einen am Hause gelegenen Schuppen vorm Regen zu verwahren. Alle Bauern waren zusammengelaufen. Sie hätten bey einer andern Gelegenheit ihrem Pfarrer freilich nachdrücklich Hülfe geleistet. Aber der Anblick der fürstlichen Uniform und des blanken Pallasches des Unterofficiers, erinnerte sie ihrer treugehorsamsten Pflicht. Einer kratzte sich den Kopf, der andere schüttelte den Kopf, und so gieng einer nach dem andern weg, bis sie der Regen vollends zerstreute. Nur ein Bauer, den Sebaldus bey einem gewissen Vergehen, wegen dessen er ihn hätte zur Kirchenbuße zwingen können, mit einer bloßen liebreichen Ermahnung bestraft hatte, ließ sich das Elend zu Herzen gehen. Er führte Wilhelminen mit ihren Kindern in sein Haus, und holte mit seinem Knechte ihre Sachen nach, die er bis auf weitere Anordnung wenigstens vor dem Regen sicher stellte. Sebaldus war unterdessen in der Stadt angekommen. Sein erster Gang war zum Hofmarschall, bey dem er sich melden ließ, und auch nach einem halbstündigen Warten vorgelaßen ward. Der Hofmarschall war nicht mehr eben derselbe, der er vor einigen zwanzig Jahren gewesen war, als er Wilhelminen dem Pastor zuführete. Er hatte sich unterdessen mit der schönen Clarisse vermählet. Dis war ein eitles, verschwenderisches, cokettes Ding, bey der er wenig vergnügte Stunden hatte. Sie verschwendete seine Güter, putzte sich den halben Tag, und brachte die andere Hälfte mit ihren Liebhabern zu, die sie alle vier Wochen abwechselte. Ihren Gemahl bekam sie nicht zu sehen, als wenn sie Geld zur Bezahlung ihrer Spielschulden von ihm zu fordern, oder sonst mit ihm zu zanken hatte, und endlich nach einem zehnjährigen Ehestande starb sie im Wochenbette, woran, wie damalige Hofnachrichten bezeugen, der Hofmarschall gar nicht schuld zu seyn glaubte. Er auf seiner Seite hatte mehr als fünf und zwanzig Jahre lang, wie es einem treugehorsamsten Hofmarschall gebühret, allen Hoffesten Ehre gemacht, und zur Ehre des Fürsten dessen Wein nie gesparet, sondern hatte alle durchreisende hochadeliche, freyherrliche und gräfliche Layen, redlich unter den Tisch getrunken, hingegen war er auch freilich von manchen geistlichen Herren, als Aebten, Domherren, Mönchen, Capitularen, deutschen Rittern und Maltheserrittern, wieder redlich unter dem Tisch getrunken worden. Er hatte auf diese Art in den Diensten der gnädigsten Landesherrschaft, seine Gesundheit, und den größten Theil des Vermögens, das ihm die schöne Clarißa übrig gelaßen hatte, zugesetzt. Er glaubte also ein Recht zu haben, für seine treugeleisteten Dienste mit einer ansehnlichen Pension auf Lebenszeit belohnt zu werden. Er hatte damals vor einigen Wochen darum angehalten, hatte aber statt derselben in sehr gnädigen Ausdrücken seinen Abschied, mit dem Predicat, als fürstl. Geheimderrath erhalten. Seit dieser Zeit hatte er zum öftern Anfälle von Devotion, die mit den Anfällen vom Stein, vom Chiragra und Podagra abwechselten, und itzt da Sebaldus ihm aufwarten wollte, hatte er eben einen Anfall von Devotion, Chiragra und Podagra zugleich. Er lag auf einer Bergere , beide Füsse in Flanell gewickelt, und auf einer nebenstehenden Servante , von Mahagoniholze lagen Goezens Todesbetrachtungen auf alle Tage, und der wohlgerüstete Himmelswagen nebst den Frankfurter Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitungen . Sobald der Schmerz in den Händen und Füßen zu arg ward, ergrif er eins von den Büchern, und laß überlaut eine Betrachtung oder Gebet über das andere, und um desto heftiger und lauter je ärger der Schmerz war; so bald er aber nachließ, ergriff er die Zeitungen , um sich an den Berichten von den grausamen Metzelungen, die die Reichsexecutionsarmee unter den Preußischen Heeren zuletzt angerichtet hatte, in der Stille das Herz zu laben. Eben beym Zeitungslesen traf ihn Sebaldus an, und dis war für sein Anliegen eben nicht vortheilhaft. Der Hofmarschall fuhr ihn ziemlich darüber an, daß er nicht Busse gepredigt hätte, anstatt durch seine Predigt eine Armee zu verstärken, von der, wenn das verwünschte Recrutiren nicht wäre, schon kein Mann übrig seyn müste. Er hielt ihm dabey eine lange Predigt vom deutschen Vaterlande , die der berühmte Verfasser des deutschen Nationalgeistes und der Reliquien , irgendwo auch einmal gehöret haben muß, weil man in diesen Büchern wörtlich wieder findet, was damals der alte podagrische Hofmarschall zum Pastor Sebaldus sagte. Nachdem diese Lection eine halbe Stunde gewähret hatte, kam er auf Sebaldus Anliegen zurück, wegen deßen er ihn an den Consistorialpräsidenten verwies. Doch versicherte er ihn, als ein alter Hofmann, höflich bey allen Gelegenheiten seiner Protection. Sebaldus fuhr nach dem Schlafrockzipfel, um ihn zu küssen, welches er auch ruhig geschehen ließ. Hingegen hob er seine Hand auf, um an seine Schlafmütze zu greifen, weil er aber vermuthlich vergaß, daß er die Hand nicht wohl beugen konnte, empfand er plötzlich einen so empfindlichen Schmerz, daß er ein Sacr** ausrief, sogleich nach Goezens Todesbetrachtungen griff, und laut an zu lesen fieng: Betrachtung am 15ten Junius . Sebaldus war durch diesen Besuch wenig getröstet worden. Er suchte seinen Freund Hieronymus auf, hörte aber, daß derselbe verreiset wäre. Er ging daher nach einem Wirthshause, wo er den Rest des Tages blieb. Den andern Morgen frühe machte er sich nach Rennsdorf, dem Sitze des Grafen von Nimmer, auf, wo er gegen eilf Uhr ankam. Diese Zeit, die dem bürgerlichen Theile der menschlichen Gesellschaft beinahe Mittag ist, war für den Hochgräflichen Greis kaum Morgen. Seit einer halben Stunde ohngefehr hatte er das Bette verlaßen, hatte das wichtige Geschäfft des Küchenzettels abgefertigt, und war itzt beschäftigt, auf einem weichen Sofa seine Chocolate einzuschlürfen, und auf die Verdauung der gestrigen Mahlzeiten zu warten. Sobald sich Sebaldus anmelden ließ, ward er sogleich vorgelaßen. Er näherte sich mit wenigstens zwanzig Bücklingen dem hochgräflichen Lager, und stamlete etwas einem Complimente ähnliches, welches der Graf, in eine Frage nach seinem Befinden verdolmetschte, und nach verschiedentlichem Räuspern antwortete: »Nicht recht wohl mein lieber Herr Pastor, mein böser Morgenhusten quälet mich alle Tage mehr! Ich kann nichts mehr eßen. Gestern habe ichs nur einmal gewagt, eine Auerhahnpastete zu kosten, die liegt mir heute noch im Magen. Ich bin gar zu schwach. Selbst die astrakanschen Melonen wollen mir nicht bekommen, die Ananas machen mir Blähungen. Ich habe mir heute blos ein einziges Ragout fin bestellt, ich muß heute fasten, um meinen Magen wieder herzustellen. Aber ists nicht elend, mein lieber Herr Pastor, wenn man nicht eßen kann.« Sebaldus antwortete mit einem tiefen Seufzer: »Ja wohl, Ew. Hochgräfl. Gnaden, beinahe eben so schlimm, als wenn man nichts zu eßen hat, ich befürchte beinahe, daß ich in diesem Fall –« der Graf fiel ihm ins Wort: »Sie haben Recht, lieber Herr Pastor, bald wird man auch gar nichts zu eßen haben, der leidige Krieg verderbt alles. Ich habe vorigen Winter recht elend zugebracht. Die Austern kamen sehr unrichtig an. Den ganzen Winter über habe ich aus Preußen kein Birkhuhn gesehen, auch Stör bekomt man nicht. Sehen Sie, Herr Pastor, ich bin ein deutscher Patriot, ich kann das französische Eßen nicht leiden. Ich kann ihre Consommés à la Cardinale, ihre C—les d'agneau frites nicht ausstehen. Lieber Herr Pastor, wir müßen bedenken, daß wir Deutsche sind. Wir können uns zwar die guten französischen Brühen gefallen laßen, aber unsere Speisen selbst müssen deutsch seyn. Ich weiß was in allen deutschen Provinzen das Beste ist. Wenige Leute verstehen Z. B. hier zu Lande, was eine pommerische große Murähne ¾ Ellen lang, oder eine Flinder von der Insel Hela, oder ein berlinischer Sander für Dinge sind, die habe ich sonst posttäglich bekommen. Aber izt Herr Pastor, izt ist alles aus. Ich habe mir im vorigen März aus Hanau eine kalte Pastete, und aus Frankfurt am Mayn einen gewürzten Schwartenmagen kommen laßen, den haben die preußischen Husaren bey Fulda aufgefangen, welcher Teufel soll denn auch denken, daß die Kerlen schon im März aus den Winterquartieren seyn werden. Im vorigen October sollte ich Krammetsvögel vom Harze bekommen, die hatten die Lucknerischen Husaren sich auch wohl schmecken laßen. Im Februar habe ich Fasanen aus Böhmen verschrieben, ja! wenn nicht die Gränitzer bei Wilsdruf gestanden hätten! Die Franzosen machens nicht beßer. Meine westphälische Schinken, und den Champagner, in dem ich sie wollte kochen laßen, haben sie im vorigen Monate in Bielefeld geplündert. Da sieht mans klar, daß es ihnen mehr um die westphälischen Schinken, als um den westphälischen Frieden zu thun ist. Ich ließ mir Caviar aus Königsberg kommen, da haben die Rußen die Post bey Cößlin angehalten, und bey Colberg auf die Flotte gebracht. Ich mögte nur wißen, was mein Caviar auf der Flotte zu thun hätte, ich habe niemals ein Korn davon zu kosten bekommen. Izt habe ich aus Sonnenburg Krebse verschrieben, Herr Pastor, dis sind die schönsten Krebse an Größe und an Geschmack, aber die werden wohl die Schweden speisen, denn die Erlangische Kriegs- und Friedenszeitung schreibt, daß sie nächstens in Berlin seyn werden. So sind wir allenthalben mit Feinden umgeben, die uns alles wegnehmen. Kein Wunder wenn wir schon ganz ausgehungert sind.« Indem er dis sagte, kam der Cammerdiener, und fragte, ob es Sr. Hochgräflichen Gnaden gefällig wäre, das Frühstück zu sich zu nehmen. »Ja, sagte der Graf, und gebt noch ein Couvert für den Herrn Pastor. Sie müßen wißen, fuhr er fort, daß ich meinen Küchenzettel zu Mittag und Abend selbst mache, aber das Frühstück zu wählen überlaße ich meinem Koche, der sinnet denn mir jeden Tag etwas neues zu machen, das ist mir unerwartet, und reizt ein wenig den Appetit. Wir wollen einmal sehen, was wir heute gutes zum besten haben. Aha! einen Capaun, und mit Trüffeln gefüllt, – nicht übel, hier haben Sie Herr Pastor« – hiemit legte er dem Sebaldus ein Stück vor, und nun ging weiter kein Wort aus seinem Munde, so daß Sebaldus, nachdem er ein paar Stücken verzehret, Zeit genug hatte, seine und seiner Familie Noth vorzutragen. Der Graf schüttelte dabey den Kopf, sagte mit vollem Munde manches Hm, und brach endlich aus: »Herr Pastor ich wüste nicht, wie ich Ihnen helfen sollte, die Zeiten sind gar zu elend. Ja wenn die preußischen Einfälle nicht wären. Stellen Sie sich nur vor, daß gestern der Rittmeister, der eine Meile von hier auf Postierung stand, sechszehn Stück Rothwildpret in meinem Holze hat schießen laßen, und noch dazu meistens Riecken. Da mögte man vergehen, itzt in der Setzzeit.« Sebaldus versicherte Se. Gräfl. Gnaden, daß er von Ihnen keine weitere Unterstützung verlangte, als nur Dero hohes Vorwort bey dem Consistorialpräsidenten, damit er nicht aus der Pfarre geworfen werde. »Ja so, versezte der Graf, mein Vorwort wollen sie haben, ich bedaure, daß ich Ihnen damit nicht dienen kann, denn ich komme izt gar nicht mehr nach der Stadt, sehen Sie, man ißt da gar zu erbärmlich, zumal bey dem Präsidenten, dem komme ich in meinem Leben nicht wieder. Er hat mir vor einem halben Jahre eine Zwiebelsuppe und darin kleine nürnberger geräucherte Würste vorgesetzt, ich begreife gar nicht, wie eine menschliche Creatur sich mit so etwas nähren kann. Nein, Hr. Pastor, bleiben Sie heute Mittag bei mir, nur auf ein Gericht Gerngesehn, aber das doch besser seyn soll, als ein Tractament beym Präsidenten.« Sebaldus entschuldigte sich damit, daß er heute noch zu Hause seyn müße. »Nun, so bedaure ich, daß ich Sie nicht bey mir sehen kann. Leben Sie wohl, Herr Pastor, meinen Empfehl an Ihre Frau Liebste.« Sebaldus stand nach also erhaltenem Abschiede, voller Verwirrung auf, machte drey oder vier Bücklinge, griff dem Grafen nach dem Schlafrockzipfel, der ihn aber zurück schlug, und dafür den Pastor umarmete, der ganz verwirrt über diese gräfliche Gnade, wieder Bücklinge vorwärts und rückwärts zu machen anfing, so daß er nicht wußte, wie er zur Thüre herauskam, und da er heraus war, nicht wußte, ob er freudig oder betrübt seyn sollte. Indessen da er eine kleine Strecke gegangen war, fing die Betrübniß an, die Oberhand zu gewinnen. Er sahe nur allzuwohl ein, daß er nunmehr alle Hofnung verlohren hätte, von seinen Gönnern einige Hülfe zu erlangen. Er kam mit traurigem Gemüthe nach Hause. Aber wie groß war sein Entsetzen, da er sein Haus von einem andern eingenommen, seine Familie in einer fremden Hütte, seine Frau und seine jüngste Tochter auf dem Krankenbette, und seine älteste Tochter ganz in Thränen zerfließend antraf! Er sank trostloß auf eine Bank nieder, stand nach einigen Minuten auf, umarmte seine Frau und seine Kinder. »Ich bin nicht so glücklich gewesen, sagte er, bey Menschen einige Hülfe für uns zu finden, wir müßen alle Hülfe von dem allmächtigen Gott erwarten, und der wird die unglückliche Unschuld nicht verlassen.« Sechster Abschnitt. Wilhelminens Krankheit nahm sehr schnell zu, und bey der kleinen Charlotte, die einige Tage in der äussersten Hitze lag, fingen sich an die Pocken zu zeigen. Der ehrliche Bauer pflegte sie so sehr, als es seine eigene nothdürftige Umstände erlaubten. Er gab ihnen seine einzige Stube ein, schlief mit Sebaldus abwechselnd in der Scheune, und wachte mit ihm abwechselnd bey den Kranken. Mariane aber kam ihrer kranken Mutter und Schwester nie von der Seite. Alles was möglich war, um ihnen Erleichterung zu verschaffen, that sie, aber leider! war nur sehr wenig möglich. Mit jedem Tage vermehrte sich das Elend. Wilhelmine in der äussersten Entkräftung, Charlottchen mit zusammenfliessenden Eiterbeulen überdeckt, keine Arzney, wenig Speise, keinen Freund ausser dem ehrlichen Bauer, keine Hofnung, daß dieser Zustand verbessert werde, keine Aussicht wie man in diesem Zustande fortleben könne. Schon seit einigen Wochen hatte die Familie von dem Verkaufe einiger Wäsche und Mobilien gelebt, die der Bauer, wenn er zu Markte fuhr, in der Stadt verkaufte. Es war zu übersehen, daß diese kleine Hülfe nicht lange dauren könnte. Hernach zeigte sich der kommende Winter, keine Nahrung, kein Obdach, das bitterste Elend. »O großer Gott, rief Sebaldus aus, verdienet eine Abweichung von den symbolischen Büchern, daß eine Familie, die beständig nach deinen Geboten zu wandeln beflißen gewesen, in den kläglichsten Mangel gestürzt werde!« Inzwischen beschäftigte das gegenwärtige und vergangene Elend den Geist viel zu sehr, als daß oft an das künftige gedacht werden konnte. Jeder Tag sezte zu der großen Masse des Kummers seinen reichlichen Antheil hinzu. Charlottgens Krankheit stieg schnell bis auf den äußersten Gipfel. Je mehr die Säfte ihres Körpers in die schreckliche Gährung geriethen, durch die alle Theile aus der Mischung, in der sie sich einander zusammenhalten und ernähren, in die versezt werden, in der sie sich einander zerstören und auflösen, desto mehr nahm ihr zarter Geist an gezwungener Stärke, an tumultuarischer Thätigkeit zu. Phantasien traten an die Stelle der Empfindungen, und ein taubes Hinbrüten an die Stelle der sanften Ruhe, die Körper und Geist erquickt. Sie gerieth endlich einen Tag lang in einen betäubenden Schlummer, aus dem sie mit der Heiterkeit einer gesunden Person erwachte, sie streckte ihre kleine Hände mit einem zärtlichen Lallen nach dem Bette ihrer schwachen Mutter aus, redete ihren Vater und ihre Schwester an, die sie seit acht Tagen, bey aller zärtlichen Bemühung derselben ihr zu helfen, nicht gekannt hatte, richtete ihr Haupt auf, forderte ihres Vaters Segen, aber indem er einen Schritt zu ihr trat, sank sie zurück in die Arme ihrer Schwester, die sie unterstützen wollte. Mariane that einen lauten Schrey, Sebaldus fiel auf den todten Körper, die schwache Wilhelmine richtete sich auf, als ob sie ihrer Tochter helfen wollte. Umsonst! sie war dahin. Nun sank Sebaldus in die tiefe Betäubung, die keinen Theil des Elends einzeln empfindet, weil das Ganze die Seele völlig eingenommen hat. Auch Marianens Kräfte reichten nicht zu, so viel Unglück zu ertragen. Sie fiel unter einem Strome von Thränen auf ihr Lager, und blieb den ganzen Tag in einer betäubenden Mattigkeit, ohne daß sie im Stande war, ihrer kranken Mutter die gewöhnlichen zärtlichen Liebesdienste zu leisten. Wilhelmine aber, die bisher in der äußersten Entkräftung gelegen hatte, rief alle ihre Lebensgeister hervor, um ihr überschwengliches Elend zu empfinden, denn bey großer Traurigkeit ist die Traurigkeit selbst der einzige Genuß, und daher der Seele angenehm. So schwach sie war, so wendete sie Kräfte an, bald zu klagen, bald zu seufzen, bald, weil selbst der Anblick der Leiche ihre Zärtlichkeit stärker auf die Lebendigen zog, um ihren Mann und ihre Tochter zu trösten. Sie wollte sogar aufstehen, um denen Handreichung zu leisten, deren Handreichung sie selbst nöthig hatte. Aber hier merckte sie, daß ihr Körper schwächer war, als ihr Geist. Sie fiel ermattet nieder, und konnte nur noch blos durch Zureden Trost geben. So brachte diese unglückliche Familie eine Nacht und einen Tag zu, ihr Elend ganz zu empfinden, und einen sehr kleinen Theil davon durch wechselseitigen Trost zu erleichtern. Am Ende dieses Tages fühlte Wilhelmine schon, daß sie mehr Kräfte hatte anwenden wollen als sie besaß, sie fiel Abends in eine außerordentliche Ermattung, und in ein mit vieler Hitze verknüpftes Fieber. Kaum konnte sie gegen Mitternacht einen unruhigen unerquickenden Schlaf genießen. Sie brachte den folgenden Tag in einem schmachtenden Zustande zu. Gegen Abend ergriff sie das Fieber mit viel stärkerer Hitze, sie erwachte des andern Morgens bey Sonnenaufgang äusserst entkräftet, und empfand etwas, dergleichen sie noch nie empfunden hatte. Sie legte ihre Hand in die Hand ihres Mannes, der nebst Marianen die ganze Nacht über nicht von ihrem Bette gewichen war, und sagte mit schwacher Stimme: »Ich sterbe, ich fühle es. Vergeben Sie mir es, mein lieber Mann, daß mein unbedachtsamer Enthusiasmus, den ich oft genug bereuet habe, die unerwartete Folge gehabt hat, Sie und unsere ganze Familie unglücklich zu machen. Der Tod fürs Vaterland ist der Vorwand unsers Unglücks; wollte Gott, ich könnte ihn sterben diesen Tod! Doch ich würde achten, daß ich fürs Vaterland gestorben wäre, wenn unser Unglück von einer empfindsamen Seele nacherzählt, unsere Geistlichen warnen könte, wegen Verschiedenheit der Lehre nicht die bittere Feindschafft aufeinander zu werfen, die die eigentliche Ursach unsers Unglücks ist. Meine Absicht war gut. Mich und unsere Feinde richte der allmächtige Gott, der das innerste der Herzen kennet. Lebe wohl, meine liebe Tochter, lebe so, wie dich deine Aeltern gelebter haben, tugendhaft und unsträflich. Gott gebe, daß du deinen Bruder noch einmahl glücklich wieder sehest. Ists möglich, so unterstütze deinen alten Vater, so lange er lebt. Gott sey dein Erhalter! Seiner Vorsorge empfele ich dich, denn leider von Menschen bist du verlaßen! Umarme mich!« – Hier entrannen zwo Thränen ihren sich brechenden Augen, deren jedes nicht mehr Feuchtigkeit in sich zu halten schien, als nur eine einzige Thräne. Mariane küßte sie auf, und drükte ihren Mund auf den Mund ihrer Mutter, deren Haupt in diesem Augenblick sanft auf ihre linke Schulter sank, und die matten Hände glitten ab, die sie eben um ihre Mariane schlingen wollte. Sie entschlief. Mariane hatte nur noch Kraft, ein wimmerndes Seufzen hören zu laßen, indem sie ihr nochmals den kalten Mund küßte, und hernach sanft die Augen zudrückte. Sie fiel stumm in ihren Stuhl zurück, ohne Thräne, gleich einem unbeweglichen Bilde. Sebaldus in thränenloser Verzweifelung, stumm und staunend, saß ohne Bewegung, außer, daß er seinen düstern Blick von der Leiche seiner kleinen Tochter zu der Leiche seiner Frau wendete. So saßen zwischen zwo geliebten Leichen zween Lebende, todtenähnlich, in stummen Todeskummer. Der einzige Laut den man hörete, war von dem gutherzigen Bauer, der auf der Bank am Ofen sitzend, den Kopf an die Wand gelehnt, innerlich schnuckte. So saßen sie, und der Mittag war vorbey, ohne daß jemand sich gereget, oder etwas zu sich genommen hätte, als ein Mann in einem großen Reiserocke und in einer Reisekappe vor der Thür vom Pferde abstieg, und in die Stube trat. Es war Hieronymus, der in seinen Geschäften verreiset gewesen war. Weil ihn sein Rückweg durch dieses Dorf führte, so wolte er seinen alten Freund den Pastor besuchen. Er fand aber im Pfarrhause, anstatt seines Freundes, den Magister Tuffelius und den Superintendenten, die eben abgespeist hatten, und nach Tische noch bey einem Glase Wein, von alten Geschichten, von der Convention von Closter-Seven und von dem Atheismus der in den Brandenburgischen Landen, statt der symbolischen Bücher eingeführt werden solte, u. d. gl. sich unterhielten. Sie nöthigten ihn aufs freundlichste hinein, so bald er aber von ihnen den ganzen Vorgang erfahren hatte, setzte er sich alles Nöthigens ohngeachtet wieder zu Pferde, und ritt nach dem ihm bezeichneten Bauerhause. Hier fand er den traurigsten Anblick. Das Kind im Sarge, die Mutter erblasset, die Tochter halb ohnmächtig, den Vater vor Schmerz betäubt, den gutherzigen Bauer, der anfing ihnen Trost zuzusprechen, da er selbst Trost nöthig gehabt hätte. Beym Anblicke des Hieronymus ergoß sich das weiche Herz der Mariane in einen Thränenstrom. Sie zeigte auf die Leiche ihrer Mutter und Schwester, ihre Blicke sagten mehr, als ihre gestamleten Worte. Hieronymus brachte auch Thränen anstatt Worte herfür. Mariane fiel von Thränen erschöpft in seinen Armen in Ohnmacht. Er brachte sie mit Hülfe des gutherzigen Bauers wieder zu sich. Nun ging seine Sorge auf Sebaldus, der, starre Blicke auf beide geliebte Leichen geheftet, ohne alle Empfindung dessen, was um ihn vorgieng, da saß. Auf alles Zureden des Hieronymus, antwortete er nur durch abgebrochene Worte, tiefe Seufzer und starre Blicke gen Himmel. Endlich stand er auf, hob seine beiden Hände empor, faltete sie, und brach in apocalyptischer Entzückung folgendermaßen aus: »Ja, ich habe Unrecht, o meine verklärte Wilhelmine, dich zu beklagen, daß du einer Welt voll Elend, voll Betrug, voll Bosheit bist entrissen worden: wo das Laster in güldenem Stücke gehet, wo Tugend und Menschenfreundschaft betteln muß, wo fühllose Priester noch jenseits dieses Lebens ihre Verdammungen ausspenden. Wohl dir, daß du gestorben bist! Zwar betrübt mich dein Abschied jetzt sehr, aber o wie sehr viel freudiger wird unsere Zusammenkunft seyn, wenn wir uns in dem himmlischen Jerusalem wiedersehen werden, wo kein Verbannetes mehr seyn wird, wo wir sehen werden den lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Crystall, wo die, die da siegeten an dem Thiere und seinem Bilde und an der Zahl seines Namens, stehen werden, und haben Gottes Harfen, und singen das Lied Mosis und das Lied des Lämmleins, und sprechen: Groß und wundersam sind deine Werke, Herr Gott, Allmächtiger, gerecht und wahrhaftig sind deine Wege du König der Nationen! Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen, weil du so gnädig bist!« Mit diesen und andern Worten der Apocalypse tröstete sich Sebaldus, und suchte Kräfte, sein Leid zu ertragen. Hieronymus ließ ihn in dieser beruhigenden Extase, gieng zu seinem Mantelsacke, der noch auf dem Pferde lag, holte daraus ein paar gebratene Hüner, und unter einem seiner Pistolenhulfter, eine geschliffene Flasche Rheinwein hervor, denn er pflegte auf Reisen, die Pistolen für seine Feinde, und den Wein für seine Freunde bey sich zu führen. Er zog seinen schweren Reiserock aus, und bereitete in der Scheune das Mahl, von dem er und der Bauer ihrer Traurigkeit ungeachtet, dennoch herzlich aßen, weil sie beide hungrig waren. Sebaldus und Mariane aber, nahmen auf wiederhohltes Zureden, wenigstens so viel zu sich, daß der Körper in den Stand gesetzt ward, die Bekümmernisse der Seele besser zu ertragen. Nach der Mahlzeit trug Hieronymus mit dem Bauer, Wilhelminens erblassten Körper, und den Sarg der kleinen Tochter in die Scheune, die dem Sebaldus bisher zum Nachtlager, und noch kürzlich zum Speisezimmer gedient hatte. Er rieth Sebaldus und Marianen, nunmehr ihren Körper zu pflegen, da sie die Todten nicht mehr pflegen konnten. Er versprach in zween Tagen wiederzukommen, und für Wilhelminens und des Kindes Begräbniß zu sorgen. Zuletzt erbot er sich, alsdenn Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt zu nehmen, wo sie ihm in seinem Hause willkommen seyn solten. Beide nahmen ein so freundschaftliches Anerbieten mit Dank an. Hieronymus bat Vater und Tochter nochmals, ihre Traurigkeit zu mäßigen, gab, als er seinen Reiserock aus der Scheune holte, dem Bauer etwas Geld, um sie besser pflegen zu können, umarmte sie, und ritt nach Hause. Siebenter Abschnitt. Nach zween Tagen erschien Hieronymus, vor des Bauers Hütte, abermals zu Pferde. Ihm folgten zween von seinen Kornwagen, leer, nur daß auf einem ein Sarg stand. In diesen ward Wilhelminens Leichnam geleget. Unterdessen daß der Bauer mit seinen und Hieronymus Knechten des Sebaldus sämtliche Mobilien auf die Wagen packte, ging Hieronymus zum Mag. Tuffelius, um für die doppelte Beerdigung die Gebühren zu bezahlen. Tuffelius bezeigte über des Sebaldus Unfälle ein christliches Mitleiden, versicherte, daß er gegen denselben gar keine Feindschaft hege, und um sein verträgliches Gemüth zu zeigen, erbot er sich sogar, der sel. Frau Pastorin eine öffentliche Leichenpredigt zu halten, wenn es dem Herrn Hieronymus beliebte die Gebühren dafür zu entrichten. Dieser fand es aber eben nicht nöthig, und kehrte nach dem Bauerhause zurück, wo er mit Beyhülfe des gutherzigen Bauern die Beerdigung beider Leichen besorgte, und unmittelbar darauf Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt nahm. Sie hielten sich einige Monate in Hieronymus Hause auf, ohne daß ihnen der geringste Unfall begegnet wäre. Zwar hielt D. Stauzius, den Sonntag nach ihrer Ankunft, eine scharfe Gesetzpredigt über den Spruch: einen ketzerischen Menschen meide , worinn er sehr deutlich zeigte, daß derjenige, der einen ketzerischen Menschen beherberget, sich seiner Sünden theilhaftig machet, welches er mit 2 Joh. v. 10. bestätigte. Doch hatte er das Misvergnügen, daß diese Predigt gar nicht auf Sebaldus, sondern auf einen katholischen Zuckerbecker gedeutet ward, den der Fürst hatte aus Wien kommen lassen. Und da durch Veranlaßung dieser Predigt, auf dem eben vorseyenden Landtage, die Ritterschaft aus diesem Zuckerbecker ein Landesgravamen machte, und Sr. Durchl. in Unterthänigkeit vorstellte, daß das süße Confect dieses Mannes die Bitterkeit der papistischen Lehre nimmermehr versüßen könte, so bekam D. Stauzius noch dazu aus dem Fürstl. Cabinette einen Verweis, den er zu den Trübsalen rechnete, die der Satan frommen Lehrern erwecket, und ihn in Geduld ertrug, bis er in der am Ende des Landtages zu haltenden Predigt, sich wider diejenigen die den Wächtern Zions ihre Wachsamkeit verweisen, mit Nachdruck erklären könnte. Sebaldus und Mariane, die die ihnen zugedachte Abkanzelung nicht einmahl erfahren hatten, lebten indessen sehr ruhig und vergnügt. Mariane beschäftigte sich mit weiblichen Arbeiten und mit dem Unterricht zweyer kleinen Töchter des Hieronymus. Sebaldus aber, brachte die meiste Zeit in Hieronymus Laden zu, um aus alten prophetischen Schriften Collectaneen zu seinem apocalyptischen Commentar zu sammlen. Er durfte auch nicht befürchten, daß ihn hier etwa einer von seinen Feinden stören möchte, denn weder der Präsident, noch der Superintendent hatte im Buchladen etwas zu thun. Der erste war ein Genie, und als ein solches hielt er es für sich nicht anständig, viel zu lesen, der andere erwartete alle Wirkung seiner Predigten von der seligmachenden Gnade, und hielt also alle menschliche Gelehrsamkeit für ganz überflüßig. So zufrieden aber auch Sebaldus und Mariane in dem Hause ihres freundschaftlichen Wirthes waren, so lagen sie ihm doch beständig an, für sie Posten zu finden, in denen sie ihren Unterhalt erwerben könnten. Kurz darauf fand sich eine gewünschte Stelle für Marianen, denn als Hieronymus wieder in Geschäften verreiset war, erfuhr er, daß eine adeliche Dame, eine französische Demoiselle zu Erziehung ihrer beiden Fräulein verlangte. Hierzu schlug er Marianen vor, die auch sehr gern darin willigte. »Diese Stelle, sagte Hieronymus, scheint für Sie sehr vortheilhaft zu seyn, aber ich rathe Ihnen, nicht Ihren Namen zu führen. Diese Dame ist eine weitläuftige Verwandtin des D. Stauzius, und ich befürchte, er mögte aus Rachgier Ihnen auch dort üble Dienste leisten. Und ob es gleich heißt, daß Sie zur Erziehung der jungen Fräulein berufen werden, so ist doch, wie ich merke, die Uebung in der französischen Sprache, das vornehmste, das von Ihnen verlangt wird. Ich habe Sie also, als die Tochter eines von den Russen vertriebenen französischen Predigers aus einem Städtgen der Neumark angekündigt. Dessen Namen müssen Sie also führen, weil der Namen vielleicht nicht wenig beigetragen hat, daß Sie andern Competentinnen. sind vorgezogen worden.« Mariane nahm also einen französischen Namen an, ob in en oder in ere, oder in on, oder in ac, haben wir nicht eigentlich erfahren können, und reisete mit demselben, und einem Empfelungsschreiben des Hieronymus versehen, nach dem Gute der Frau von Hohenauf ab, welches sechszehn Meilen von der fürstl. Residenzstadt entlegen war. Ende des ersten Buchs . Zweytes Buch. Erster Abschnitt. Sebaldus hatte seine Mobilien gröstentheils verkauft, und das daraus gelösete wenige Geld Marianen zur nöthigen Einrichtung mitgegeben. Er hatte sich in den Zustand jenes Philosophen versetzt, daß er alles das seinige bey sich tragen konnte . Nunmehr bestand er darauf, auf irgend eine Art, und wo möglich, ausser der Stadt, in der seine Feinde wohnten, selbst sein Auskommen zu verdienen. Nach einiger Ueberlegung, nahm ihn Hieronymus mit sich, als er nach Leipzig zur Messe reisete, wo er ihm bald bey einigen großen Druckereyen die Stelle eines Correctors verschaffe. Sebaldus miethete eine kleine Dachstube im sechsten Stockwerke, und war bey seinem obwohl dürftigen Auskommen überaus vergnügt mit seinem Zustande, weil er nur ein Drittel des Tages mit Correcturen zu thun hatte, und die übrige Zeit auf seine apocalyptische Erklärung wenden konnte, die ihm, wie ein alter Freund, in seinen Widerwärtigkeiten nur noch lieber geworden war. Ob übrigens Sebaldus zuerst den Herrn D. Ernesti oder den Herrn D. Crusius besucht habe, wissen wir nicht. Vielleicht hat er bedacht, daß ein armer Corrector nicht so leicht zu einem vertraulichen Umgang mit solchen Männern gelange, und daß es unnütz sey, einen Gelehrten auf eine halbe Viertelstunde zu besuchen, um sein Gesicht zu begaffen, und ist also gar zu Hause geblieben. Ob er jemals Prof. Gellerts moralischen Vorlesungen beigewohnt, oder jemals mit Mag. Froriep über die symbolischen Bücher, oder über die Nunnation der arabischen Nennwörter disputirt habe, läßt sich auch so genau nicht sagen. Ob er in der Nicolaikirche, des in Leipzig und dessen sämtlichen Vorstädten berühmten Mag. Matthesius salbungsvolle Predigten wider die Schaubühne mit angehört, oder ob er zu eben der Zeit da sie gehalten worden, im Kuchengarten, des eben so weit berühmten Händels von Butter triefende Maulschellen und Wetzsteine verzehret habe, darüber sind gar keine Nachrichten vorhanden. Es haben sehr ernsthafte Gelehrten behauptet, daß die Wahrheit das Wesen der Geschichte sey . Wir sind weit entfernt, Männern die so scharf demonstrirte Theorien der Geschichte zusammensetzen können, im geringsten zu widersprechen, nur haben wir uns unterstanden zu muthmaßen, daß ob man gleich in der Geschichte lauter wahre Begebenheiten erzehlen solle, man doch auch lieber den grösten Theil der wahren Begebenheiten können unerzählt laßen. Es sind funfzigtausend Bände voll Wahrheit über die Geschichte Deutschlands zusammengetragen worden, so daß der schon ein gelehrter Geschichtskundiger heißet, der nur den funfzigsten Theil dieser Wahrheiten gelesen hat. Dieser Ueberfluß von Wahrheit, hat manchen braven Deutschen zu dem angenehmen Lügner Voltaire geführet, der uns ein halbes Jahrhundert in wenigen Blättern übersehen läßt, aber dafür auch oft unverantwortlicherweise eine Hildegardis hinsetzt, wo eine Mathildis stehen solte, oder die Jahrzahl funfzig angiebt, wo die Jahrzahl sechzig solte angegeben werden. Der Unterschied zwischen unsern deutschen wahrhaften Geschichtschreibern, und den oft lügenhaften Franzosen, (woraus auch zu erklären ist, warum Häberlins Auszug der deutschen Geschichte ungleich corpulenter gerathen ist, als Voltairens allgemeine Weltgeschichte ,) besteht darin: Der gelehrte Deutsche verschweigt dem Leser nichts, was er gewiß weiß, und das ist denn sehr viel , aber er bedenkt oft nicht, was der Leser zu wissen verlange, welches gemeiniglich sehr wenig ist. Hingegen der Franzose, der nur wenig weiß, thut sich auch darauf nichts zu gut, sondern erzählet nur das, was er meint, daß seine Leser zu wissen verlangen könnten, macht sich aber auch kein Bedenken, es ihnen zuweilen mit einer kleinen Brühe von Erdichtung schmackhafter zu machen. Wir die wir diese Beyspiele vor uns sehen, spiegeln uns an denselben. Wir wissen von Sebaldus Aufenthalte in Leipzig sehr viele Umstände, die wir nicht wie die deutschen Geschichtschreiber, samt und sonders erzählen, sondern sie vielmehr mit einiger Verläugnung unterdrücken wollen, weil wir nach reifer Ueberlegung gefunden haben, daß unsere Leser weder Nutzen noch Vergnügen daraus schöpfen können. Hingegen soll auch die Wahrheit das Wesen dieser Geschichte bleiben, und wir werden daher keinesweges, gleich dem leidigen Voltaire, Umstände verstellen oder erdichten, um unsere Erzählung intereßanter zu machen. Damit man aber nicht etwa glaube, wir wüsten nichts, weil wir nichts sagen, so wollen wir, um das Gegentheil zu zeigen, aus der grossen Menge der vor uns liegenden Nachrichten, einige bey Sebaldus Aufenthalt in Leipzig vorgefallenen Abendgespräche mittheilen. Neben der Dachstube des Sebaldus, wohnete auf einer andern Dachstube ein alter Magister, mit dem er bald Bekanntschaft machte, und mit ihm in kurzen vertraut wurde, weil es sich äusserte, daß derselbe, so wie er, an der Ewigkeit der Höllenstrafen zweifelte. Dieser Mann hatte gründliche Kenntnisse der alten Sprachen und alles dessen, was zur Philologie gehört. Er hatte die alten griechischen Philosophen fleißig gelesen, und sie mit den Schriften neuerer Philosophen verglichen, wodurch er gute Einsichten in die Philosophie erlanget hatte. Aber weil seine Kenntnisse nicht nach der Mode zugeschnitten waren, und weil er, sobald er mit Menschen reden solte, überaus schüchtern und ängstlich war, so hatte er sich nie getraut, um ein Amt, selbst nicht um ein Schulamt anzuhalten, man würde es ihm vielleicht auch nicht gegeben haben. Er war daher als Corrector bey verschiedenen Druckereyen, grau worden. Er kennte alle Vorfälle des Verleger- und Autorgewerbes. Denn gleichwie ein Lichtputzer in der Comödie, zuweilen einen stummen Staatsminister oder einen redenden Lakayen vorstellen muß; so war auch er, obgleich eigentlich nur ein Corrector, dennoch von seinem Verleger oft zum Uebersetzer, ja wohl gar zum Schreiber einer zuverläßigen Nachricht , oder schrift- und vernunftmäßiger Gedanken , gebraucht worden. Einige Tage nach Sebaldus Ankunft, besuchte ihn der Magister, um den Abend bey einer sehr frugalen Abendmahlzeit zu verplaudern. Der Magister fragte, wie ihm Leipzig gefiele. Sebaldus der nichts für merkwürdig hielt, was nicht einem Buche ähnlich sahe, hatte auch in Leipzig nichts als die vielen Buchdruckereyen und Buchläden bemerkt. Ihm war gar nicht in die Augen gefallen, ob die Einwohner den Rang oder die Bequemlichkeit liebten, ob sie gesellig oder steif wären, ob die Damen lieber geputzt als schön zu seyn suchten, ob die Studenten ein gelehrtes oder ein soldatisches, ein galantes oder ein liederliches Ansehen affectirten, ob die Jungemädgen Niedlichkeit und Artigkeit für den ersten Zweck ihres Daseyns hielten oder nicht. Ihm war es nie eingekommen zu untersuchen, wie die Bauart der Häuser, den Zweck der Eigenthümer bey wenigem Platze ihre Wohnungen bequem zu machen, verriethe, welchen Beweis des Wohlstandes der Einwohner die schönen Gärten und Gartenhäuser in den Vorstädten darböten, und ob daselbst Reichthum und Kenntniß des Schönen mit gleichen Schritten fortgegangen sey. Er hatte sich auf den Straßen nie umgesehen, und es war ihm nie eingefallen zu erörtern, ob das Homannsche Haus oder die Wage schöner gebauet sey, ob am Erker des Romanusschen Hauses, mit Rechte, drey übereinanderstehende Säulenordnungen auf einem Kragsteine ruhen, oder ob im Großbosischen Garten die fleißige Kunst die schönsten Anlagen der Natur verderbt habe. Den schönsten unter den Leipziger Gärten, den Richterschen , hatte er eben so wenig, als die reizende Aussicht aus demselben gegen das Zschochersche Hölzgen zu, gesehen. Die schöne Gegend hinter Raschwitz war ihm nicht zu Gesichte gekommen, und vom Linkschen Winklerschen und Richterschen Cabinette, hatte er nicht einmahl reden hören. Weil die Rathsbibliothek und die Universitätsbibliothek, die einzigen Gegenstände seiner Neugierde, in der Messe nicht offen waren, so hatte er alle Tage seines Aufenthalts in Leipzig damit zugebracht, von Druckerey zu Druckerey und von Buchladen zu Buchladen zu wandern. Noch ganz voll von diesen Gegenständen, rief er aus: Wie solte mir Leipzig nicht gefallen, der ächte Sitz der Gelehrsamkeit, die wahre Stapelstadt gelehrter Kenntnisse, welche aus Deutschland hieher eingesamlet, und von hieraus allen andern deutschen Provinzen wieder mitgetheilet werden! Hier siehet man in unzählbarer Menge die Früchte der Nachtwachen einer grossen Anzahl gelehrter Männer, die, nachdem sie beschäftigt gewesen, ihren Geist mit allen nützlichen Kenntnissen zu bereichern, diese Kenntniße, durch unermüdetes Nachdenken vervollkommnet, der ganzen Welt mittheilen und sie dadurch zu erleuchten suchen. Wenn ich die hiesigen unermeßlichen Bücherniederlagen betrachtet habe, ist mir die unausgesetzte Geschäftigkeit der Gelehrten recht ehrwürdig vorgekommen. Ich hätte nie gedacht, daß so viele Bücher in der Welt wären, als ich hier beisammen finde, und daß noch jährlich einige hundert oder tausend hinzukommen. Mag. Und darüber freuen Sie sich? Ich nicht. Sie kommen mir vor, wie ein hungriger Ankömmling an einer reichbesetzten Tafel, der den grossen Vorrath von Speisen sicher, und schon überschlägt, wie gut er sich mit diesen herrlich aussehenden Nahrungsmitteln füttern wolle. Ich bin einer von den Gästen, die schon oft an dieser Tafel geseßen haben, und schon oft hungrig aufgestanden sind. Einige Speisen hatten einen sehr wiedrigen haut-gout, andere schmeckten angenehm aber waren äußerst unverdaulich, andere waren nicht gahr gekocht, und andere waren bloße Schaueßen. Endlich blieb ich zu Hause, aß mein Stück Käse und Brodt, und verwünschte alle Köche. Seb. Aber ist es nicht ein herrliches Schauspiel, eine so große Menge gelehrter Werke zusammen zu sehen, die doch alle, jedes in seiner Art, die Menschen klüger, gelehrter, weiser, tugendhafter, kurz beßer machen? Mag. Ein Schauspiel wie manches andere, von dem uns die Einbildungskraft, ehe wir es sehen, die angenehmste Vorstellungen macht. Wer wie Sie vom Lande, aus der Einsamkeit kommt, ist sehr geneigt sich durch jeden ersten Glanz blenden zu laßen, und alles für schöner anzusehen als es ist. Mein lieber Freund! Wenn die Gelehrten durch ihre Bücher sonst nichts zu erlangen suchten, als was sie da sagen, so würden neun Zehentheile der Bücher gar nicht geschrieben werden. Wie die Menschen klüger weiser und beßer werden sollen? Ich wette daran haben neun Zehentheile der Schriftsteller, deren Werke die Meße zur Meße machen, gar nicht gedacht. Sie haben ganz andere Absichten zu erlangen und ganz andere Bedürfniße zu befriedigen. Seb. Welche könten die seyn? Ein Gelehrter hat freilich viele Absichten und Bedürfniße, als Mensch mit andern Menschen gemein. Was könte er aber als Gelehrter für ein anderes Bedürfniß haben, als seinen Geist durch alle nützliche Kenntniße aufzuklären, und wenn er findet, daß er erleuchteten ist als andere, was folget natürlicher darauf, als die Absicht, andern seine Kenntniße mitzutheilen, das heist ein Schriftsteller zu werden. Mag. Diese Folge scheint so natürlich, gleichwohl muß sie nicht nothwendig seyn, denn gewiß sehr viel Schriftsteller haben nicht daran gedacht ob ihr Geist aufgeklärt gnug sey, noch weniger ob er aufgeklärter sey, als der Geist anderer Leute, und gleichwohl sind sie Schriftsteller in bester Form, und wenn Zeitungslob und eigen Lob etwas gilt, große berühmte Schriftsteller. Hingegen haben wir beide, Sie mein Freund und ich, von Jugend auf gearbeitet unsere Kenntniße zu erweitern und volkommner zu machen, und ich darf sagen, wir wißen es auch, daß wir manche Sachen beßer einsehen, als manche andere Leute, und gleichwohl dürften wir beide vielleicht nie Schriftsteller werden. Seb. Ich weiß nicht, was Sie zu thun willens sind. Ich aber, ich muß es mit einiger Schüchternheit gestehen – ich arbeite schon seit vielen Jahren, an einem Commentar über die Apocalypse. Mag. Ueber die Apocalypse? Da sind Sie mehr als jemand bey mir im Verdacht, daß nicht allein die von Ihnen vorher angeführten schönen Absichten, sondern einige kleine Nebenabsichten Sie zum Schriftsteller machen. Seb. Ich bin mir keiner Nebenabsichten bewust. Welche könte ich auch haben? Mag. Ich weiß nicht. Vielleicht ein wenig Ruhmsucht. Sie wollen der Welt gern etwas neues und scharfsinniges sagen, denn etwas für das menschliche Geschlecht nützliches werden Sie doch schwerlich sagen können. Die Apocalypse ist eine dickschälige Citrone, aus der so viele hundert Commentatoren, den wenigen Saft der in ihr war, schon längst ausgepreßt haben. Seb. Wenn sie nicht mehr Saft in sich hat, so könte sie doch vielleicht noch Oel enthalten. Glauben Sie nicht, daß es dem menschlichen Geschlechte wichtig wäre, wenn ich zeigte, daß alles was man bisher, über dis seit vielen Jahrhunderten vielen Menschen so wichtig scheinende Buch, geschrieben hat, alberne Fratzen sind, voller Unsinn, auf Kosten des gesunden Menschenverstandes, der Religion und der Geschichte gesagt. Wäre es nicht ein Verdienst so viel Lügen um ihr Ansehen zu bringen, wenn ich auch nur wenig Wahrheit an die Stelle setzen könte. Und gleichwohl, ohne ruhmredig zu seyn, versichere ich, daß ich die erfüllten historischen Weissagungen, aus der Geschichte anzeigen und von einigen wenigen noch unerfüllten, solche Muthmaßungen an die Hand geben will, die selbst Königen und Fürsten nicht gleichgültig seyn dürften. Dennoch schätze ich diese meine historische Entdekungen sehr gering gegen diejenigen, die etwas beitragen können den moralischen Zustand des Menschen zu verbeßern. Wie, wann ich aus diesem Buche, von dem künftigen Zustande der Auserwählten die sichersten Schlüße ziehen, wenn ich (hier funkelten dem ehrlichen Sebaldus die Augen) aus demselben die Lehre, die Sie wie ich verabscheuen, die Ewigkeit der Höllenstrafen , gänzlich wiederlegen, und deutlich zeigen könte, wie in Gottes Haushaltung alle Bestrafung auf Beßerung abzielen muß und wird – könte dis dem menschlichen Geschlechte gleichgültig seyn? Mag. Mein Freund, Sie haben wirklich eine gute Anlage zum Schriftsteller, Sie kommen in Feuer wenn Sie von Ihrem Buche reden. Doch scheint es mir, indem Sie mir beweisen wollen, daß die Ruhmsucht nicht der Bewegungsgrund Ihres Schreibens ist, so rühmen Sie sich so sehr als man sich rühmen kann. Seb. Den Ruhm, der aus einer wohlgelungenen Ausführung eines nützlichen Unternehmens entspringt, verachte ich gar nicht. Er ist jedem rechtschaffenen Manne angenehm, und kann mit der Begierde der Welt zu nützen, sehr wohl bestehen, und so wird es vermuthlich auch wohl mit den Nebenabsichten seyn, die Sie den Schriftstellern schuld geben. Mag. Nicht völlig eben so. Die meisten Schriftsteller schreiben, um bekannt zu werden, ein Amt zu erschreiben, einem Patron ein Buch zu dediciren, einen Freund zu erheben, oder einen Feind zu erniedrigen, und sie denken mehrentheils nicht daran, ob die Welt von ihren Büchern Nutzen oder Schaden habe, wenn sie nur ihren Privatendzweck erreichen. Seb. Den können sie aber nicht erreichen, wenn sie nicht zugleich etwas nützliches schreiben. Denn es kann doch niemand so unverschämt seyn, ein Buch herauszugeben, um etwas bekanntes oder langweiliges oder nichtsbedeutendes zu sagen. Mag. Das sollte freilich nicht seyn, wie will es aber ein armer Schriftsteller machen, wenn er nichts neues intereßantes und wichtiges zu sagen hat, und doch ein Buch schreiben soll. Meinen sie nicht, daß ein wichtiges und nützliches Buch viel Geschicklichkeit erfodere, daß man sehr viel mehr wißen müße, als was man sagt, daß man vorher alles nachlesen müße, was andere bekannte Schriftsteller über diese Materie geschrieben haben, daß man sich aber doch nicht müße merken laßen, wie viel man gelesen habe, daß man seine ganze Materie wohl überlegen und anordnen müße, und daß zu allem diesen sehr viel Zeit und Arbeit gehöre? Seb. Allerdings! Mag. Meinen Sie aber, daß der, der bekannt werden, ein Amt erschreiben, seinem Patron ein Buch dediciren, seinen Freund erheben oder seinen Feind erniedrigen will, allemahl Geschicklichkeit haben werde, oder viel Zeit und Arbeit werde anwenden können? Seb. Nein! Wenn aber dis nicht ist, so muß er auch gar kein Buch schreiben, denn den wahren Hauptzweck des Schriftstellens unwichtigen Nebenzwecken aufopfern, ist eines wahren Gelehrten ganz unwürdig. Mag. Ja freilich eines Gelehrten! Aber ein Schriftsteller, kann es im Laufe seines Gewerbes nicht so genau nehmen. Seb. Ich weiß nicht wie Sie sprechen. Ein Buchdrucker oder ein Buchhändler, mag ein Gewerbe mit Büchern haben, aber ein Schriftsteller ist ein Gelehrter, der der Welt nützliche Kenntniße mitzutheilen sucht, der Wahrheit und Weisheit befördern will. Mag. Ihre Einbildungskraft, mein liebster Freund, fliegt noch ziemlich hoch, laßen Sie sich herunter, und kommen Sie der Erde näher. Der gröste Haufen der Schriftsteller von Profeßion, treibt ein Gewerbe, so gut als die Tapetenmaler oder die Kunstpfeifer, und sieht die wenigen wahren Gelehrten, fast eben so, für zudringliche unzünftige Pfuscher an, als jene Handwerker einen Mengs oder Bach . Durch dis Gewerbe, und nicht durch die Begierde das menschliche Geschlecht zu erleuchten, entsteht die unsägliche Menge von Büchern die Sie so bewundert haben; denn Leipzig ist freilich seit mehr als hundert Jahren die Stapelstadt der Waaren, die diese gelehrten Handwerker zu jeder Meße verfertigen. Seb. Sie haben ein sonderbares Vergnügen daran, Wörter zusammenzusetzen, deren Begriffe offenbar miteinander zu streiten scheinen. Gelehrsamkeit ein Handwerk? Bücherschreiben ein Gewerbe? Mag. Allerdings, und zwar ein solches Gewerbe, worin jeder den Nutzen so sehr auf seine Seite zu ziehen sucht, als es nur möglich ist. Der Autor will gern dem Verleger so wenig Bogen Manuscript als möglich, für so viel Geld als möglich ist, überliefern. Der Verleger will gern so viele Alphabete als möglich, so wohlfeil als möglich einhandeln, und so theuer als möglich verkaufen. Der Autor will gern so wenig Zeit, Mühe, Ueberlegung und Geschicklichkeit an sein Buch wenden, und doch so viel Ruhm, Belohnung, Beförderung, von der Welt einärndten, als möglich. Zu dem letzten sind leider nur allzuviel Mittel vorhanden. Seb. Sie sagen mir da so unerhörte Sachen, daß ich vor großem Erstaunen mich fast nicht getraue, ein Wort dagegen zu sagen, und doch begreife ich alles ganz und gar nicht. Was für Mittel können vorhanden seyn, durch ein Buch Ruhm und Belohnung zu erlangen, in dem man nicht Talente zeigt und auf das man wenig Zeit gewendet hat? Mag. Ey sehr viele. Z. B. ein Profeßor muß Amtswegen ein Collegium lesen, dazu schreibt er ein besonderes Compendium der ganzen Wissenschaft. Dis kostet wenig Zeit und Mühe, erfordert auch wenig Talente, und doch giebt es bey den Studenten das Ansehen, als ob man die Sachen besser verstehe als seine Vorgänger, und bey der Welt das Ansehen, als ob man ein Buch schreiben könne. Seb. Aber die Welt kan doch unmöglich ein bloßes Compendium einer bekannten Wissenschaft für ein Buch ansehen. Mag. Die deutsche Welt ist gutwillig, sie hat sich schon sehr viele Compendienschreiber für Schriftsteller aufdringen laßen. Und denn weiß mancher Lehrer noch wirthschaftlicher mit seinem Pfunde zu wuchern. Will das Compendium nicht Ruhm gnug bringen, so läst man einen Theil des Discurses oder der Amplification des Compendiums unter einem Modetitel drucken, und denn ist man ein Schriftsteller in bester Form. Seb. Ja! aber doch sind meines Erachtens, Studenten und Leser sehr unterschieden. Mag. Ja freilich, darum werden auch die Stadthistörchen, die Anspielungen auf die Herren Collegen, die Schwänke die die Benevolenz der Herren Commilitonen captiviren sollen, weggelassen, wenigstens von denen, die Kenntniß der Welt und Lebensart im Munde führen. Seb. Das ist ganz gut! Aber ich dächte doch, der ganze Ton müste verändert werden. Ein Lehrer kann voraussetzen, daß er mehr Einsichten habe als seine Zuhörer, deshalb kann er ihnen manches sagen, daß er den Lesern mit Anstand nicht sagen darf, weil er vermuthen kan, daß darunter viele seyn möchten, die eben so viel, und mehr Einsicht haben als er. Mag. Sehr wenige Profeßoren denken so delicat als Sie, ich kenne mehr als einen, der seine Leser völlig eben so anredet und unterrichtet, als ob sie lauter junge Studenten wären. Seb. Das befremdet mich sehr. Ich wenigstens wenn ich in dem Falle wäre, würde mir immer vorstellen, daß die erleuchtetesten Leute meiner Zeit meine Leser seyn könnten, und welche armselige Figur ich gegen sie machen müste, wenn ich ihnen ganz bekannte Sachen vordociren wolte, die sie viel besser wüsten. Ueberhaupt dächte ich, ein Lehrer in einem Collegium für junge Leute, müsse sich nach dem Verständnisse des Geringsten unter seinen Zuhörern bequemen, hingegen ein Schriftsteller, suche hauptsächlich den Verständigsten unter seinen Lesern zu gefallen, daher könne ein gutes Collegium, doch schwerlich ein gutes Buch werden. Mag. Ey sie machen sich feine Schwierigkeiten! Wissen Sie hiemit, was gedruckt werden kann, kann ein Buch werden. Eine Dißertation, eine Prolusion, eine Oration, ein Programma, ein Oster- oder Pfingstanschlag den ein Schulmann oder Profeßor amtshalber schreiben muß ist ja wohl noch weniger ein Buch. Seb. Ich wenigstens halte die Verfertigung solcher Aufsätze für ein Opus operatum, bei dem gewöhnlicherweise mehr die Hand als der Kopf nöthig ist. Mag. O man kann ein Schriftsteller von vielen Bänden werden, ohne den Kopf sonderlich anzustrengen. Was denken Sie wohl Z. B. von einem Prediger der seine gehaltene Predigten drucken läst? Seb. Wenn meine Gemeinde meine Predigten verlangte, so würde ich sie sehr gern zu ihrem Gebrauche drucken lassen, denn warum solte ich ihr nicht schriftlich sagen, was ich ihr mündlich gesagt habe? Aber auch bloß für meine Gemeine solten meine Predigten gedruckt werden. Ich habe meine Predigten immer besonders nach den Umständen meiner Gemeine eingerichtet. Nun würde ich immer denken, die Welt würde nicht weiter nutzen können, was ich blos meiner Gemeine, gesagt habe, als das, was ich als Vater meinen Kindern zu ihrem bessern Verhalten eingeschärft habe. Mag. Vielleicht würde doch die Welt, das was Sie so bescheiden ankündigen, mit mehrerm Nutzen lesen, als die Predigten der Herren, welche die ganze Welt für ihre Diöcese halten. Seb. Es kan seyn, daß auch in meinen Predigten etwas gemeinnütziges ist, aber doch würde das Bändgen, das ich mir der Welt vorzulegen getraute, immer sehr klein seyn. Mag. Das Bändgen? Wer sich recht auf Predigtschreiben legt, hört vor dem dreizehnten oder vierzehnten Bande nicht auf. Seb. Wie? dreyzehn oder vierzehn Bände Predigten? dazu gehört mehr Herz als ich habe! Mag. Freilich Sie haben viel Bedenklichkeiten. Wenn Sie eine Dedication an einen Patron zu machen hätten, und sie könnten kein Buch schreiben, so dächten Sie auch wohl nicht daran, das erste beste Buch wieder drucken zu laßen, und es ihrem Gönner zuzueignen? Seb. Ich dächte wenigstens, der Patron würde mir nur wenig danken, wenn ich ihm anstatt etwas neues, nur etwas aufgewärmtes versetzte. Mag. Als wenn der Patron nicht zufrieden seyn müste, daß sein Namen vor dem Buche stehet, und als wenn er es auch noch würde lesen wollen! Gnug daß Ihnen mancher Journalist danken wird, daß Sie durch die neue Herausgabe, unserer Litteratur einen so großen Dienst geleistet haben. Und sie werden noch dazu als ein wichtiger Mann erscheinen, wenn Sie dem Buche eine Vorrede vorsetzen, um es durch ihren Namen der Welt anzupreisen. Seb. Aber wenn man nicht wirklich sehr berühmt ist, so gehört viel Charletanerie dazu, so eine vornehme Mine zu affectiren. Mag. Ja! wenn Sie ihren Namen selbst nicht für berühmt halten, so sind sie auf gutem Wege, ihn nie berühmt zu machen. Ich merke wohl Sie wollen incognito arbeiten; damit ist Ihnen auch zu dienen. Da ist mehr als ein Verleger, der seinen Autoren aufträgt was er zu brauchen denkt: Geschichte, Romanen, Mordgeschichte, zuverläßige Nachrichten , von Dingen die man nicht gesehen hat, Beweise , von Dingen die man nicht glaubt, Gedanken , von Sachen die man nicht versteht. Ich kenne einen der in seinem Hause an einem langen Tische zehn bis zwölf Autoren sitzen hat, und jedem sein Pensum fürs Tagelohn abzuarbeiten gibt. Ich läugne es nicht – denn warum solte ich Armuth für Schande halten – ich habe auch an diesem langen Tische gesessen. Aber ich merkte bald, daß ich zu diesem Gewerbe nichts taugte, denn ich kann zwar ohne Gedanken eine Correctur lesen, aber nicht ohne Gedanken Bücher schreiben, und bey solchen Büchern ist immer der am angenehmsten, der nur am geschwindesten schreibt, wenn er auch gleich am schlechtesten schreiben solte. Seb. Am schlechtesten? da handelt ja der Verleger wider seinen eigenen Vortheil; denn was kan die Welt mit den schlechten Büchern machen. Mag. Was gehet den Verleger die Welt an? er bringt sein Buch auf die Messe. Seb. Nun – und durch die Messe kommen die Bücher in die Welt. Mag. Freilich, nur mit dem Unterschiede, daß sie vorher vertauscht werden, und daß also der Verleger am besten daran ist, der die schlechtesten Bücher hat, weil er gewiß ist, etwas bessers zu bekommen. Seb. Aber denn müssen doch einige Buchhändler die schlechtesten Bücher bekommen, und die bedaure ich. Mag. Weswegen? Es ist ihnen ja unbenommen, Narren zu suchen, die aus dem schlechtesten Buche klug zu werden denken, oder die es um Gotteswillen lesen, wie mein alter Conrector wolte, daß ich die schlechten Prediger hören solte. Seb. Nun fängt mir an ein Licht aufzugehen. So könnte es ja wohl der Vortheil der Buchhändler erfordern, zuweilen schlechte Bücher zu verlegen. Mag. Dis könnte wohl seyn, wenigstens scheint es nicht, als ob sie sich sonderlich darum zu bekümmern hätten, ob die Bücher gut sind, oder nicht. Seb. Ja, wenn dis wahr ist, was Sie sagen, so müste ich freilich von der Menge der nützlichen Bücher, über deren Daseyn ich mich gefreuet habe, alle diejenigen abziehen die die Convenienz der Schriftsteller und die Laune der Buchhändler zur Welt bringt. Mag. Und rechnen Sie immer auch den grösten Theil der ungeheuer großen Anzahl von Büchern ab, mit denen vermittelst unserer Uebersetzungsfabriken Deutschland überschwemmt wird. Seb. Habe ich recht gehört? Uebersetzungsfabriken? Was soll denn das bedeuten? Mag. Fabriken, in welchen Uebersetzungen fabricirt werden, das ist ja deutlich. Seb. Aber Uebersetzungen sind ja keine Leinwand oder keine Strümpfe, daß sie auf einem Stuhle gewebt werden könnten. Mag. Und doch werden sie beinahe eben so verfertigt, nur, daß man wie bey Strümpfen, bloß die Hände dazu nöthig hat, und nicht, wie bey der Leinwand, auch die Füße. Auch versichre ich Sie, daß keine Lieferung von Hemden und Strümpfen für die Armee genauer bedungen wird, und richtiger auf den Tag muß abgeliefert werden, als eine Uebersetzung aus dem französischen, denn dies wird für die schlechteste, aber auch für die gangbarste Waare, in dieser Fabrik geachtet. Seb. Alles was Sie mir sagen, ist mir unerhört. Also giebt es unter den Uebersetzungen, und unter den Uebersetzern auch wohl einen Rang oder Unterschied. Mag. Allerdings! Ein Uebersetzer aus dem engländischen ist vornehmer, als ein Uebersetzer aus dem französischen, weil er seltener ist. Ein Uebersetzer aus dem italienischen läßt sich schon bitten, ehe er zu arbeiten anfängt, und läßt sich nicht allemahl den Tag vorschreiben, an dem er abliefern soll. Einen Uebersetzer aus dem spanischen aber, findet man fast gar nicht, daher kömmt es auch, daß zuweilen Leute aus dieser Sprache übersetzen, wenn sie sie gleich nicht verstehen. Uebersetzer aus dem lateinischen und griechischen sind häufig, werden aber gar nicht gesucht, daher bieten sie sich mehrentheils selbst an. Außerdem giebt es auch Uebersetzer, die zeitlebens gar nichts anders thun als übersetzen; Uebersetzer, die ihre Uebersetzungen in Nebenstunden zur Erholung machen, wie die Frauenzimmer die Knötchenarbeit, Marly und Filet; Vornehme Uebersetzer, diese begleiten ihre Uebersetzungen mit einer Vorrede, und versichern die Welt, daß das Original sehr gut sey; Gelehrte Uebersetzer, diese verbessern ihre Uebersetzungen, begleiten sie mit Anmerkungen und versichern, daß es sehr schlecht sey, daß Sie es aber doch leidlich gemacht hätten; Uebersetzer, die durch Uebersetzungen Originalschriftsteller werden, diese nehmen ein französisches oder engländisches Buch, lassen Anfang und Ende weg, ändern und verbessern das übrige nach Gutdünken, setzen ihren Namen keck auf den Titel, und geben das Buch für ihre eigene Arbeit aus. Endlich giebt es Uebersetzer, die ihre Uebersetzungen selbst machen, und solche die sie von andern machen lassen. Seb. Sie vergeßen, dünkt mich, noch einen wichtigen Unterschied, unter den Uebersetzern, die die Sache und beide Sprachen verstehen, und denen, die nichts davon verstehen. Ich glaube diesen Unterschied bey den wenigen Uebersetzern gemerkt zu haben, die neue Uebersetzungen der Apocalypse versuchten. Mag. Vielleicht mag dis bey der Apocalypse einen merklichen Unterschied machen, aber bey unsern gewöhnlichen Uebersetzungen aus dem französischen und dem engländischen wird so genau darauf nicht geachtet. Seb. Aber ich dächte dis wäre das vornehmste, worauf besonders der Verleger, seines eigenen Nutzens wegen, Acht haben müste. Mag. Keinesweges! Hieran denkt er gemeiniglich gar nicht, oder sehr wenig. Wenn er drey Alphabete in groß Octav oder in groß Quart zu Completirung seiner Meße noch nöthig hat, so sucht er unter allen neuen noch unübersetzten Büchern von drey Alphabeten dasjenige aus, dessen Titel ihm am besten gefällt. Hat er einen Uebersetzer gefunden (welches eben nicht schwer ist), der noch drey Alphabete bis zur nächsten Messe zu übersetzen Zeit hat, so handeln sie über den armen Franzosen oder Engländer, wie zween Schlächter über einen Ochsen oder Hammel, nach dem Ansehen, oder auch nach dem Gewichte. Wer am theuresten verkauft, oder am wohlfeilsten eingekauft hat, glaubt, er habe den besten Handel gemacht. Nun schleppt der Uebersetzer das Schlachtopfer nach Hause, und tödtet es entweder selbst, oder läst es durch den zweyten oder dritten Mann tödten. Seb. Durch den zweyten oder dritten Mann? Wie ist das zu verstehen? Mag. Dis ist eben das fabrikenmäßige beym Uebersetzen. Sie müssen wissen, daß es berühmte Leute giebt, die die Uebersetzungen im Großen entrepreniren, wie ein irrländischer Lieferant das Pöckelfleisch für ein spanisches Geschwader, und sie hernach wieder an ihre Unterübersetzer austheilen. Diese Leute haben von allen neuen übersetzbaren Büchern in Frankreich, Italien und England die erste Nachricht, wie ein Mäckler in Amsterdam Nachricht von Ankunft der ostindischen Schiffe im Texel hat. An diese wenden sich alle Buchhändler, die Uebersetzungen haben wollen, und sie kennen wieder jeden ihrer Arbeiter, wozu er zu gebrauchen ist, und wie hoch er im Preise stehet. Sie wenden ihnen Arbeit zu, bestrafen sie wenn sie säumig sind mit Entziehung ihrer Protection, merzen die Fehler ihrer Uebersetzungen aus, oder bemänteln sie mit ihrem vornehmen Namen, denn mehrentheils sind Entrepreneure von dieser Art stark im Vorredenschreiben. Sie wissen auch genau, wie viel Fleiß an jede Art der Uebersetzung zu wenden nöthig ist, und welche Mittel anzuwenden sind, damit ihre Uebersetzungen allenthalben angepriesen, und dem berühmten Manne öffentlich gedanket werde, der die deutsche gelehrte Welt damit beglückt hat. Seb. Sie wissen, wie viel Fleiß an eine jede Art der Uebersetzung zu wenden nöthig ist? Gehört denn nicht einerley Grad von Fleiße zu jeder Uebersetzung, wenn sie in ihrer Art gut seyn soll? Mag. Keinesweges! Dis kann nach den Umständen sehr verschieden seyn. Z. B. Zu theologischen Büchern thut gemeiniglich ein Hochwürdiger Herr einem Buchhändler den Vorschlag, sie unter seinem Namen und mit seiner Vorrede übersetzen zu lassen, es versteht sich aber, daß er das Buch nicht selbst übersetzt, sondern er giebt es gegen zwey Drittheile der mit dem Verleger abgeredeten Bezahlung, an einen seiner Arbeiter ab. Dieser verdingt es gemeiniglich gegen drey Viertheil dessen was ihm der Hochwürdige Herr gönnen will, an einen dritten, der es zuweilen, wenn die Fabrik stark gehet, an einen vierten gegen funfzehen Sechzehntheile deßen was er bekomt, abläßt. Dieser übersetzt es wirklich, so gut oder schlecht er kann. Bey dicken Beweisen daß der Meßias schon gekommen ist, bey biblischen Geschichten in zwölf Bänden, bey voluminösen Dogmatiken, bey Predigten aus dem französischen oder engländischen übersetzt, kann dis ohne Bedenken gewagt werden, denn die Leser, die solche Bücher lesen, merken nicht, ob irgendwo etwas falsch sey, und die theologischen Kunstrichter sind nicht so schlimm, daß sie durch den Namen eines berühmten Vorredners oder durch ein höfliches Schreiben eines Bruders im Herrn, nicht solten zur Duldung und Schonung einer schlechten Uebersetzung bewegt werden können. Die Ausgaben der Uebersetzungen historischer Werke, Reisebeschreibungen u. d. gl. sind meistens das Werk der Buchhändler, die sich dazu einen Wohlgebohrnen oder Hochedelgebohrnen Herrn aussuchen, weil in diesem Fache die Uebersetzungsentrepreneure nicht so häufig sind, als im theologischen Fache. Doch werden solche Uebersetzungen gemeiniglich auch an Unterarbeiter ausgetheilt. Diese müßen sich aber schon mehr in Acht nehmen, daß sie wenigstens die eigenen Namen richtig übersetzen und die Jahrzahlen recht abschreiben, denn auf solche Sachen lauren unsere historische Recensenten wie Falken. Dagegen ist auch nicht so viel daran gelegen, wenn sie die Vorstellungen der Begebenheiten und die eingestreute Reflexionen etwas flüchtig und schielend übersetzen, denn sie werden auf die Art der Schreibart einiger deutschen Geschichtschreiber desto ähnlicher, die in ihrer Freunde gelehrten Zeitungen und Journalen gewohnt sind am lautsten gelobt zu werden. Aber neue Komödien und neue Romanen muß meistens der selbst übersetzen, der als Uebersetzer bekannt seyn will, denn diese Bücher kommen alzuvielen Lesern in die Hände, und die Kunstrichter sind hier gleich bey der Hand, und lassen sich selten durch einen berühmten Namen vom Tadel abschrecken. Seb. Ich erstaune immer mehr über das was Sie mir sagen. Es ist mir, als ob Sie von einer andern Welt redeten. Sie können auch unmöglich Deutschland im Sinne haben. Mag. Sie vielmehr kommen aus einer andern Welt, aus der schönen Welt der Imagination, wo jeder berühmte Mann viele Verdienste hat, wo jeder Schriftsteller zu Untersuchung der Wahrheit schreibt, wo die Vorreden wahre Nachrichten vom Buche enthalten, wo niemals ein Journalist den Schriftsteller dem er nicht wohl will anschwärzt, wo kein beleidigter Schriftsteller Cabalen macht, wo ein Lehrer der Tugend auch allemahl tugendhaft, und ein Lehrer der Weisheit weise ist. Mein lieber Freund! träumen Sie nicht fort, so angenehm Sie auch träumen mögen, sehen Sie um sich herum, was in Deutschland vorgeht, so werden Sie finden, daß das, was ich Ihnen sage, keine Erdichtung ist. Seb. Nun wenn auch jemand einmahl so etwas unternähme, so kann doch das Publicum nicht lange in der Verblendung bleiben, und denn wird es aus mit der Fabrik seyn. Mag. Unser Publicum ist sehr nachsehend, zumahl bey dicken Büchern, welches diejenigen sind, die die Uebersetzer von Profession am liebsten wählen. Ich versichere Sie, daß wenigstens der dritte Theil der deutschen Bücher auf diese Art fabricirt wird. Denn ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß beinahe die Hälfte der neuen deutschen Bücher Uebersetzungen sind, und ich sage gewiß zu wenig, wenn ich nur zwey Drittel der Uebersetzungen als Fabrikenarbeit ansehe. Seb. Gott behüte! Die Hälfte unserer neuen Bücher sind Uebersetzungen? Was wird denn alles übersetzt. Mag. Was? Bogen und Alphabete! Was darauf steht, darum bekümmert sich weder Verleger noch Uebersetzer, zum höchsten der Leser, wenn er will und kann. Seb. Allein da wird denn auch der Leser gemeiniglich sehr unzufrieden seyn. Mag. Ach nicht doch! Die Leser der Uebersetzungen sind gutwillige Seelen. Sie haben gegen alles was schwarz auf weiß gedruckt ist, eine große Ehrerbietung. Und wenn ihnen auch etwas nicht recht gefällt, so nehmen sie die Schuld selbst auf sich, und zählen Uebersetzer und Verfasser los. Kein deutscher Leser wird das Unglück einer neuen Uebersetzung machen, so wenig als noch ein deutsches Parterre jemals eine neue übersetzte Komödie ausgepfiffen hat. Seb. Aber wenn auch niemand es merket, so ist es doch allemahl einem Gelehrten unanständig, die Gelehrsamkeit bloß zu einem schimpflichen Gewerbe zu machen, und die Fortpflanzung der Wahrheit und Tugend ganz aus den Augen zu setzen. Mag. Seyn Sie aus alzugroßer Gerechtigkeit nicht ungerecht. Unser Vaterland kann von den Gelehrten nicht mehr fodern, als es um sie verdient. Wo ist das deutsche Land, wo ein deutscher Gelehrter als Gelehrter leben kann? Wo ist es möglich, ohne besonders glükliche Umstände, die Muße zu finden, die ein Schriftsteller braucht, wenn er in seiner Kunst groß werden will. Unser bestes wünschenswürdigstes Schicksal ist ein Amt, in dessen Erwartung wir verhungern müssen, wenn wir kein Erbtheil zuzusetzen haben, und bey dem wir, wenn wir es erhalten haben, vor vieler Amtsarbeit, alle Gelehrsamkeit vergessen. Unsere beste Schriftsteller haben zuweilen, die Muße, die sie zu ihren vortreflichsten eigenen Werken nöthig gehabt haben, durch fabrikenmäßige Uebersetzungen, kümmerlich verdienen müssen. Es ist leider fast gar kein anderes Mittel da, um einen Gelehrten der kein Amt hat und kein Amt bekommen kann, vor dem Hunger zu verwahren. – Verlangen Sie nicht mehr, als wir leisten können. Seb. Das Bild das Sie machen ist sehr traurig. Aber ich bleibe dennoch dabey, daß Entwicklung und Verbreitung der Wahrheit die Hauptpflicht eines Autors sey. Ich würde niemals daran gedacht haben, einen Commentar über die Apocalypse zu schreiben, wenn ich nicht geglaubt hätte, unbekannte nützliche Wahrheiten entdeckt zu haben. Mag. Die auch trotz ihrem Commentar unbekannt bleiben werden. Denn glauben Sie mir, Bengel ist im Besitze des apocalyptischen Reichs, aus dem Sie ihn nicht vertreiben werden. Wir haben in Deutschland noch kein Beyspiel, daß einem abgesetzten Dorfpfarrer mehr wäre geglaubt worden, als einem Prälaten. Seb. Ich kan über das Schicksal meines Commentars ruhig seyn. Genug wenn ich die Wahrheit sage, wie ich sie erkenne, und weil es Wahrheit ist, und nicht deswegen, weil ich mit einem Buchhändler einen Contract gemacht habe ihm funfzig Bogen zu liefern. Wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit kommen, wenn der gröste Theil der Schriftsteller nicht die Beförderung der Gelehrsamkeit, sondern die Beförderung ihres Ruhms und Nutzens sucht. Mag. Und wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit kommen, wenn deutsche Gelehrsamkeit in unserm eigenen Vaterlande ein Schimpf ist, wenn das sicherste Mittel zu darben ist, sich auf Kenntnisse zu legen, die die Seelen unserer Mitbürger erleuchten, aber nicht ihren Wollüsten dienen, oder ihren Beutel füllen können, wenn kein einziges Mittel übrig bleibt, dem Gelehrten, der weder Kuppler noch Plusmacher seyn will, in der Welt sein Auskommen zu geben, wenn man uns recht zu belohnen denkt, sobald man uns auf eine Universität schickt, wo wir unsere nöthige Einkünfte von dem Wohlwollen einer unwissenden und ungezähmten Jugend suchen müssen, oder uns in ein Amt verstößt, wo uns alles was wir gelernt haben, unnütz ist, und wo uns die edle Empfindsamkeit, welche durch die Wissenschaften in unsern Seelen verbreitet worden, die Ausübung dieses Amts weit beschwerlicher macht, als einem rohen Diener der Absichten jedes Gewaltigen im Lande. Seb. Ich bin ganz außer mir, über alles was ich hören muß. So schlecht siehet es mit der Gelehrsamkeit in Deutschland aus? Wohin soll es mit Wahrheit und Tugend kommen, wenn die Gelehrten, die derselben Herolde seyn solten, nur Eigennutz und Eigenlob suchen? Wie soll unser Vaterland durch die Wissenschaften erleuchtet werden, wenn man sie zu einem niedrigen Gewerbe misbraucht? Nein! dis ist mir ein unerträglicher Gedanke. Mag. Geben Sie sich zufrieden! Was ist der deutschen Gelehrsamkeit damit geholfen, wenn ein paar arme Correctoren eine unruhige Nacht haben. Wir wollen uns die Fehler unserer Litteratur und unserer Gelehrten nicht verhelen, aber wir wollen auch das entschuldigen, was, ohne die Schuld unserer Gelehrten, nicht anders seyn kann. Hiermit gab der Magister dem Sebaldus die Hand, und wünschte ihm eine gute Nacht. Zweyter Abschnitt. Sebaldus brachte der Ermahnung des Magisters ungeachtet, die Nacht sehr unruhig zu, und beseufzete noch den folgenden Tag den unvollkommnen Zustand der deutschen Gelehrsamkeit und das Schicksal der deutschen Gelehrten. Nachmittag ging er zu seinem Freunde Hieronymus, um ihm sein gestriges Gespräch mit dem Magister zu erzählen, und ihn zu fragen, ob desselben Nachrichten zuverläßig wären. »Ich finde, sagte Hieronymus, daß der Hr. Magister von allen diesen Dingen sehr wohl unterrichtet ist, aber warum beunruhigt Sie diese Erzählung, die freilich nur allzu wahr ist, so gar sehr.« Seb. Es kränket mich, daß ich von der Hochachtung, die ich für die deutsche Gelehrsamkeit und für die deutsche Gelehrten hege, so viel ablassen muß. Ich habe beständig, einen Mann der ein Buch schreiben kann, mit Ehrfurcht angesehen, und den ganzen Haufen der Schriftsteller habe ich mir als eine Anzahl einsichtsvoller und menschenfreundlicher Leute vorgestellt, die beständig beschäftigt wären, alles was der menschliche Verstand edles schönes und wissenswürdiges hervorbringen kann, zu erforschen, und es zur Aufklärung des menschlichen Geschlechts in ihren Büchern öffentlich bekannt zu machen. Nun thut es mir weh, daß ich sie als einen Haufen geschäftiger Schmierer ansehen soll, die Wahrheit und Einsicht zu einem schimpflichen Gewerbe machen, das blos ihren eigenen Ruhm, Nutzen oder Nahrung zum Zwecke hat. Hier. Und es thut ihnen um desto weher, weil sie selbst in die Zahl der Schriftsteller zu treten gedenken! – Nicht wahr? – Aber trösten sie sich, alle Schriftsteller und Uebersetzer sind nicht so beschaffen, wie sie Ihr Magister beschrieben hat. Er hat nur von neun Zehentheilen geredet. Es ist noch das zehnte Zehentheil übrig, würdige gelehrte Männer, die es wirklich mit dem Fortgange der Wissenschaften gut meinen, welche der Eitelkeit und den Vergnügungen der Jugend entsagen, um sich gründliche Kenntnisse zu erwerben, und welche Nächte durchmachen um ihre Nebenmenschen, klüger, weiser, erleuchteten und gesitteter zu machen. In deren Gesellschaft zu treten, dürfen Sie sich nicht schämen. Seb. Und dieser wäre nur eine so geringe Anzahl? Wenn Sie die Anzahl der nützlichen Bücher so gering machen, wissen Sie wohl, daß Sie sich selbst erniedrigen. Hier. Wie so? Seb. Ich habe immer der Buchhandlung vor allen Arten der Handlung den Vorzug gegeben, weil ich glaube, daß durch ihre Vermittelung die gelehrten Kenntnisse unter die Menschen gebracht werden, weil sie nicht blühen kan, als wenn eine gründliche und nützliche Gelehrsamkeit blühet. Hier. Da haben sie einen sehr falschen Begriff von der Buchhandlung. Sie sicher nur in rechtem Flore, wenn die Leute sehr dumm sind. Seb. Wenn die Leute sehr dumm sind? Das kann ich nicht begreifen. Dumme Leute werden ja keine Bücher kaufen. Hier. Weßwegen nicht? Sie kaufen dumme Bücher, und die sind in größerer Anzahl und machen größere Bände aus. Es ist auch viel leichter und bequemer für dumme Leute zu schreiben und zu verlegen, als für kluge. Sehen Sie nur meine Collegen die Buchhändler in den katholischen Provinzen an, die zum Theile reicher sind, als alle protestantische Buchhändler, die jetzt die Messe besuchen. Sie finden in ihren Verzeichnissen schöne Folianten über das Jus canonicum, herrliche Fasten- und Fronleichnamspredigten, derbe Controverspredigten wider alle Ketzer, tröstliche Legenden der Heiligen, Gebetbücher und Breviarien in Menge, aber oft kein einziges vernünftiges Buch, das ich, so einfältig auch meine liebe Vaterstadt ist, in meinen Buchladen legen, oder Sie, wenn Sie noch so reich wären, in ihre Bibliothek würden setzen wollen. Oder haben Sie wider Vermuthen (hier ergriff er ein auf seinem Pulte liegendes Bücherverzeichniß) Lust Z. B. folgende Bücher zu kaufen: Laurentii von Schnüffis mirantische Mayenpfeife, mit Kupf. P. Sennenzwickels ernstliche Kurzweil für die zenonische Gesellschaft der machiavellischen Staatsklügler, worin das edle Paar Gebrüdrichen Atheismus und Naturalismus, samt den hallerischen Gedichten dem Sileno als Riesenschröcker aufgeopfert werden. P. Dionysii von Lützenburg verbesserte Legend der Heiligen von P. Martin von Cochem. Der himmlische Gnadenbrunn St. Walburgä. Die geistliche Sonnenblum d. i. kurze tägliche Besuchungen des allerheil. Sacraments des Altars. P. Biners Mucken-Tanz der Herren Prädicanten zu Zürch um das Licht der katholischen Wahrheit. Alexii Riederers Geistliches Seelennetz oder 150 geistreiche Betrachtungen. Bulffers mit kurzen Waaren handelnder evangel. Kaufmann, oder kurze Sonn- und Feyertagspredigten. Der christkatholische goldne Schlüssel, mit welchem die Schatzkammer der zeitlich- und ewigen Güter kann aufgesperrt werden. Hausingers geistliches Frühstück, oder auserlesene Sittenlehren , wollen Sie diese und andere dergleichen schöne Sächelgen mehr, kaufen? Seb. Nein! was sollte ich mit dem unsinnigen Zeuge machen! Hier. Nicht? desto schlimmer für den Buchhändler, daß Sie so klug sind, er wird sich dumme Käufer schaffen müssen, oder sein ganzer Laden wird voll bleiben. Seb. Aber der Buchhändler sollte der Gelehrsamkeit aufhelfen, und keine andere als gute Bücher drucken und verkaufen. Hier. Das heißt von dem Buchhändler zu viel gefordert, der sich nie nach dem Geschmack der besten Gelehrten, ja selbst nicht nach seinem eigenen, sondern nach dem Geschmacke des großen Haufens richten kan, und dieser macht es ihm nur allzuleicht, die guten Schriftsteller beynahe ganz zu entbehren. Seb. Dies thun die Buchhändler freilich, aber sie solten es nicht thun, sondern solten sich billig nach dem Geschmacke der grösten Gelehrten richten, und ich habe mich schon oft über Sie gewundert, da Sie wissen was große Gelehrten von Büchern urtheilen, und doch schlechte Bücher drucken und verkaufen. Hier. Mein Freund! der Geschmack der großen Gelehrten ist der Geschmack sehr weniger Leute. Der Buchhändler aber braucht sehr viele Käufer, wenn er sein Geschäft treiben soll. Daher kommt es, daß so oft Autor und Verleger bey dem besten beiderseitigen willen, sich nicht vereinigen können. Jener will den innern Werth seines Buchs verkaufen, dieser will bloß eine Wahrscheinlichkeit des Absatzes kaufen. Jener schätzt seinen und seines Buches Werth nach dem Beifalle einiger wenigen Edlen . Dieser überlegt, ob es möglich oder wahrscheinlich sey, daß viele nach dem Buche lüstern seyn werden, ohne in Anschlag zu bringen, ob sie gelehrt oder ungelehrt, weise oder einfältig, nach Unterricht oder nach Zeitvertreib begierig sind. Sehen Sie den Tyroler der dort geschliffne optische Gläser zum Verkauffe herumträgt. Er hat kein Flintglaß und keine Dollondsche Tuben . Fragen sie ihn, warum er nicht vorzüglich sich erkundigt, was für Gläser die grösten Astronomen verlangen? Er wird antworten: Ich verkaufe meine Gläser, ich bekümmre mich nicht, ob man sie in Telescope setzt, um unbekannte Sterne zu observiren, oder in Perspective, um einen entfernten Feind zu entdecken, oder den Freund der uns besuchen will früher zu erblicken, oder in Microscope, um im Saamenthiergen zu unterscheiden, ob der erste Keim des Menschen ein Fisch oder eine Faser ist, oder in Brenngläser, um Flotten oder Tabackspfeifen anzuzünden, oder in Brillen um feine Schrift zu lesen. Soviel ist gewiß, irgendwozu muß die Waare brauchbar seyn, sonst führe ich sie nicht. Doch hat mich die Erfahrung so viel gelehret, daß Brillen stärker abgehen als Telescopien Daß diese Erfahrung des Tyrolers, auch schon im vorigen Jahrhunderte richtig befunden worden, zeigt die weise Frau Verlegerin eines höchst wichtigen türkisch geschriebenen Geschlechtregisters, mit dessen Uebersetzung und Commentirung Wilhelm Schickard Professor zu Tübingen im Jahre 1628. die orientalische Geschichte aufklären wolte. Schickard glaubte gewiß, sein Buch würde viel Käufer haben, weil es nicht zu den gemeinen alle Tage vorkommenden Büchern gehörte, sondern er darin den Gelehrten von einer neuen und fremden Materie, so viel neues und fremdes berichten konnte. Aber aus dieser Ursache befürchtete die Frau Verlegerin das Gegentheil. Sie versicherte, aus der Erfahrung zu wissen, daß die Bauerkalender viel häufiger verkauft würden, als die astronomischen Ephemeriden, aus denen sie gemacht sind. S. Leßings Beyträge zur Geschichte und Litteratur. Erster Beytrag S. 91. , zumahl in meinem Lande, wo viele Leute ein blödes Gesicht haben, und sich kein Mensch auf die Astronomie legt. Seb. Aber es ist dennoch unrichtig, daß die Buchhandlung durch dumme Bücher in Flor kommt, denn sie können doch nicht läugnen, daß seitdem die Lectur in Deutschland mehr Mode geworden, die Buchhandlung mehr florire. Hier. Das läugne ich geradezu. Zur Zeit der schönen dicken Postillen, der centnerschweren Consultationen, der Arzneibücher in Folio, der Opera omnia, der classischen Autoren und Kirchenväter in vielen Folianten, der theologischen Bedenken, der Leichenpredigten in vielen Bänden, der Labirynthe der Zeit , der Schaubühnen der Welt , war die Buchhandlung im Flor. Was gibt man uns jetzt anstatt dieser wichtigen Werke? Kleine Büchelgen von wenig Bogen, die aus Hand in Hand gehen, viel gelesen und wenig gekauft werden, wodurch denn endlich die Leser so klug werden, daß ihnen die alten Kernbücher anstinken. Sehen Sie, das ist der Vortheil, den wir Buchhändler vom Lesen der Bücher haben. Seb. Aber das ist doch zu arg. Wenn man die Bücher nicht lesen soll, was soll man denn damit thun? Hier. Sie zerreißen oder Wände damit tapezieren. Seb. Gott behüte, was sagen Sie da! Hier. Was alle Tage geschiehet. Meine besten Kunden sind Schulknaben, Handwerksburschen, Bauern, gute Mütterchen, die beten und singen und die die Knäblein und Mägdlein oft mit sich in die Wochenpredigten nehmen, die denn aus langer Weile fleißig die Gebetbücher und Gesangbücher zerreißen. Die Gewürzkrämer machen auch eine wichtige Consumtion von Büchern, und in diesem Kriege sind viele Streitschriften wider die Ketzer, die mir zur Last lagen, in Patronen verschossen worden. Wände mit Büchern tapezieren, oder um gelehrter zu reden, große Bibliotheken errichten, war zu der Zeit Mode als die vorhergenannten großen Bücher noch verkauft wurden. Itzt hat die leidige Sucht, Gedichte und kleine Modebücher zu lesen, die großen Bibliotheken und die schwerfällige Art zu studiren wozu große Bibliotheken nöthig waren, ganz aus der Mode gebracht, und seitdem ist eine sehr ergiebige Quelle des Reichthums der Buchhändler verstopft. Wenn auch irgend eine tüchtige Feuersbrunst einem Buchhändler aufhelfen könte, so wird selten eine verbrannte Bibliothek wieder angeschaft. Seb. So ist dies das Schicksal der Bücher, der Früchte des Fleißes so vieler verdienstvollen würdigen Gelehrten? Zerrissen, zu Düten verbraucht, oder vergessen, oder verbrannt zu werden? Darüber möchte man Blut weinen. Hier. Geben Sie sich zufrieden. Wir reden von zwey ganz verschiedenen Dingen. Erinnern Sie sich nur aus ihrem Gespräche mit dem Hrn. Magister, auf welche Art die Bücher, die marktgängige Waare sind, verfertigt werden, so werden sie finden, daß sehr viele davon eigentlich noch ein schlechter Schicksal verdienten. Seb. Wenn auch alles wahr wäre was Sie da sagen, so wünschte ich doch, daß es nicht wahr wäre. Hier. Ich auch nicht. Seb. Und doch sagen Sie selbst, daß es Ihr Vortheil erfodere, daß die Welt dumm bleibe. Hier. Wenn ich als Kaufmann rede, so muß ich freilich wißen, was eigentlich mein Vortheil ist; aber ich liebe meinen Vortheil nicht so sehr, daß ich ihn mit dem Schaden der ganzen Welt erkaufen wolte. Ich liebe die Aufklärung des menschlichen Geschlechts, sie fängt auch an, sich bey uns zu zeigen; allein sie gehet noch mit sehr langsamen Schritten fort. Ich habe den Wirkungen derselben oft mit Vergnügen bis in die Winkel nachgespürt, wohin keine gelehrte Nachricht reicht. Ich merke seit einiger Zeit, daß in meiner Vaterstadt, verschiedene schlechte Bücher, die ich sonst oft verkauft habe, liegen bleiben, und freue mich darüber. Seb. Ich frage Sie aufs Gewissen, mein lieber Freund , ist nicht ein wenig Selbstlob bey dieser Großmuth, deren Sie sich rühmen? Hier. Mit nichten! denn es ist gar keine Großmuth. Ich habe Correspondenz nach dummeren Städten und Provinzen, wo diese schlechte Bücher begierig gekauft werden. Seb. Aber wenn diese auch einmahl klug werden? Hier. Sehr wohl. Alsdenn bin ich ganz gefast, den Buchhandel niederzulegen, und bloß beym Kornhandel zu bleiben. Seitdem die ökonomischen Principien aus Frankreich bey uns Mode worden sind, und alles ruft: fahrt nur viel Korn weg, so werdet ihr viel haben , ist in meinem Vaterlande und in den benachbarten Gegenden so oft Kornmangel, daß es sich der Mühe belohnt, ein Kornhändler zu seyn. Auf allen Fall werden in meinem Vaterlande noch keine Zeuge zu Schlafröcken, noch keine Mützen Hüte und Strümpfe gemacht; ich kann also noch Manufacturen anlegen. Aber wehe den Buchhändlern in dummen Ländern, wo schon viel Manufacturen sind und wo die Handlung überhäuft ist. Wenn ein solch Land einmahl erleuchtet wird, so ist für sie kein Mittel zur Nahrung weiter übrig. Seb. Aber ich habe doch gehört, daß in England und in Frankreich sich die Buchhändler bey guten Büchern sehr wohl stehen sollen. Hier. Das komt daher, weil in Frankreich und in England, die Classe der Schriftsteller der Classe der Leser entspricht; weil jene schreiben was diese zu lesen nöthig haben und lesen können. Seb. Ist es denn in Deutschland nicht eben so? Hier. Sehr selten. Der Stand der Schriftsteller beziehet sich in Deutschland beinahe bloß auf sich selber, oder auf den gelehrten Stand. Sehr selten ist bey uns ein Gelehrter ein Homme de Lettres. Ein Gelehrter ist bey uns ein Theologe, ein Jurist, ein Mediciner, ein Philosoph, ein Professor, ein Magister, ein Director, ein Rector, ein Conrector, ein Subrector, ein Baccalaureus, ein Collega infimus, und er schreibt auch nur für seine Zuhörer und seine Untergebnen. Dieses gelehrte Völkchen von Lehrern und Lernenden, das etwa 20 000 Menschen stark ist, verachtet die übrigen 20 Millionen Menschen, die außer ihnen deutsch reden, so herzlich, daß es sich nicht die Mühe nimmt für sie zu schreiben, und wenn es zuweilen geschiehet, so riecht das Werk gemeiniglich dermaßen nach der Lampe , Der Verfasser, der als ein Deutscher, sich in nichts dessen was deutsch ist schämet, bekennet gern, daß auch dieses Werk von diesem Geruche nicht wenig an sich hat. Er warnet alle Weltleute, nicht zu wagen es zu lesen. daß es niemand anrühren will. Die zwanzig Millionen Ungelehrten, vergelten den 20 000 Gelehrten Verachtung mit Vergessenheit, sie wissen kaum daß die Gelehrten in der Welt sind. Weil nun kein Gelehrter für Ungelehrte schreiben will, und da doch die ungelehrte Welt so gut ihr Bedürfniß zu lesen hat, als die gelehrte, so bleibt das Amt für Ungelehrte zu schreiben, endlich den Verfassern der Inseln Felsenburg , den Postillenschreibern , und den moralischen Wochenblättern , deren Fähigkeiten den Fähigkeiten der Leser, die sie sich gewählt haben, viel genauer entsprechen, als die Fähigkeiten der grösten Gelehrten ihren Lesern, die daher weit mehr gelesen werden, als die grösten Genien, die aber auch ihre Leser nicht um einen Daumbreit höher hinaufheben, die vielmehr sehr oft nicht wenig beytragen, daß das Licht der wahren Gelehrten sich nicht auf die Ungelehrten ausbreitet. Daher sind einige Städte bey uns so helle, und ganze Länder sind in der grösten Finsterniß. Seb. Aber die Wissenschaften können nicht allemahl so faßlich vorgetragen werden, daß sie der große Haufen begreifen kan, sie würden sonst nicht allein nicht erweitert werden, sondern sie würden endlich in ein seichtes Geschwätz ausarten, das man bey halbem Hinhören begreifen kan, aber ihre wichtigste Wahrheiten würden sie entbehren müssen, weil sie nicht durch eine flüchtige Lectur, sondern nur durch ein gründliches Studium begriffen werden können. Ich erinnere mich gehört zu haben, daß die Franzosen auf diese Art verschiedenen Wissenschaften geschadet haben, weil sie popular vortragen wolten, was sich nicht popular vortragen läst. Man würde auch dem Gelehrten alle Begierde nach neuen Entdeckungen nehmen, wenn er nie für die Gelehrten, sondern nur für die Unwissenden schreiben sollte. Es müssen also gelehrte Bücher, bloß für Gelehrten geschrieben werden. Hier. Ganz recht! Nur wenn die Nation durch die Schriften der Gelehrten soll erleuchtet werden, so muß sich die Anzahl der bloß für Gelehrten geschriebenen Bücher, zu den für das ganze menschliche Geschlecht geschriebenen Büchern verhalten, wie die Anzahl der Gelehrten zu dem übrigen menschlichen Geschlechte, vielleicht wie 1 zu 1000, vielleicht wie 1 zu 2000. Ich befürchte aber, es wird in Deutschland gerade umgekehrt seyn. Seb. Aber wenn nun bey uns in Deutschland die Anzahl der Gelehrten größer ist, die sich fähig finden, durch neue Erfindungen die Gränzen der Wissenschaften zu erweitern, als derer die sich fähig finden, die schon erfundenen Wahrheiten für das Publicum faßlich zu machen? Hier. Ich zweifle, daß deshalb die deutschen Gelehrten bloß für Gelehrten schreiben, weil sie viel neue Entdeckungen zu machen hätten. Es sind in Deutschland nach einer gewiß nicht zu starken Berechnung seit hundert Jahren 400 bis 500 Logiken geschrieben worden; vielleicht in dreyen oder vieren mag diese Wissenschaft durch neue Entdeckungen seyn bereichert worden, die übrigen schreiben sich aus, und auf höchste haben sie einige Definitionen verändert, und einige Lehrsätze anders eingekleidet, und dies sind die neuen Erfindungen worauf sie stolz thun. Sind solche Entdeckungen wohl der Mühe werth? und wäre es nicht besser gewesen, wenn die, die so wenig entdecken konnten, sich lieber beflissen hätten, das schon entdeckte gemeinnützig zu machen? Es kommt mir vor, als ob in Deutschland in den beiden vorigen Jahrhunderten Materialien zu dem großen Gebäude der Wissenschaften wären gesammlet worden, die aber in ziemlicher Unordnung untereinander herumlagen, Quadersteine, Backsteine, Dachziegel, Balken, Bretter, Eisenwerk u. s. w. Im vorigen Jahrhunderte war die Beschäftigung der Gelehrten, die Materialien abzusondern, und jede Art in zierliche Schichten übereinander zu setzen. In diesem Jahrhunderte hätten Baumeister kommen sollen, die aus diesen Materialien, dem menschlichen Geschlechte zum besten, Gebäude gebauet hätten. Aber jeder Gelehrte fährt fort, sein Schichtchen Backsteine vor sich her dicht aufeinander zu legen, und nennt es ein Lehrgebäude. Ist jemand so glücklich auf seinem Spaziergange ein paar einzelne Steine zu finden, und sie in guter Ordnung zu seinem Häufchen hinzuzulegen, so heißt er ein Erfinder. Derjenige der große Quadersteine in Graben neben einander wälzt, daß sie einmahl künftig einem Gebäude zum Grunde dienen könnten, heißt ein tiefsinniger gründlicher Mann. So thun unsere sämtliche Gelehrten nichts, als Materialien in Ordnung bringen und einen Grund legen. Fängt aber jemand an, aus den verschiedenen großen Haufen Materialien die Jahrhunderte lang dicht aufeinander gelegen haben, auf den schon gelegten Grund ein Gebäude zu bauen, so verspottet man ihn als einen seichten Kopf, der Materialien und Grund von andern nimmt, und dessen Ordnung voller Lücken ist. Man bedenkt nicht, daß durch diese Lücken das Licht in das Gebäude fällt, und daß durch dieselben, Menschen in das Gebäude hineingehen können, dahingegen in den dichten Haufen weder Licht noch Wärme dringen und keine menschliche Creatur darin wohnen konnte. Man sollte nicht zufrieden seyn, jede Wissenschaft vor sich in ein Lehrgebäude zu ordnen, sondern eine jede Wissenschaft sollte billig auf alle andere, und alle zum Besten der menschlichen Gesellschaft angewendet werden. Seb. Aber ich wiederhole noch einmahl, die Wissenschaften würden seicht werden, wenn man nicht fortführe ihre Theorien zu untersuchen. Wohin soll es endlich mit ihnen kommen, wenn man bloß das, was davon dem gemeinen Haufen faßlich ist, bearbeiten will? Hier. Und wohin soll es endlich mit der Beförderung der Entwicklung aller Kräfte des Geistes, mit der Erleuchtung des ganzen menschlichen Geschlechts kommen, die der vorzüglichste Zweck der Wissenschaften ist, wenn die Gelehrten bloß für sich, und jede Art von Gelehrten besonders für sich, in ihrem kleinem Zirkel bleiben, und den großen Zirkel der übrigen ganzen Nation ihrer Achtsamkeit unwürdig halten wollen. Es können zwar immer einige Gelehrten von Profession bleiben, davon jeder über seine Wissenschaft einzeln nachdenkt, und seine Bemerkungen den Gelehrten mittheilet. Aber haben denn die Gelehrten gar keine Pflichten gegen das übrige menschliche Geschlecht? Der Bauer der das Feld besäet, der Weber der Zeuge bereitet, der Maurer der Häuser bauet, der Kaufmann, der die zur Nothwendigkeit und Bequemlichkeit gereichenden Dinge zusammenbringt, tragen jeder durch ihren Fleiß das ihrige zum gemeinen Besten bey, und auch die Gelehrten werden durch sie genähret, bekleidet, vor den Ungemächlichkeiten des Wetters bewahrt, und mit Bequemlichkeiten versehen; sollten die Gelehrten nun ein Recht haben, ihre Einsichten beständig nur unter sich zu behalten, und sie nie diesem geschäftigen Theile der Nation, für die Wohlthaten, die sie täglich von ihm empfangen, mitzutheilen. Sie können dieses nicht allein dadurch thun, wenn sie gewisse gemeinnützige Wahrheiten faßlich vortragen, welche Beschäftigung viele Gelehrten deshalb verachten, weil sie glauben, daß nur mäßige Geschicklichkeit dazu gehöre. Es giebt vielmehr noch eine höhere Art der Gemeinnützigkeit, die Genie, Gelehrsamkeit, Anstrengung aller Geisteskräfte erfodert, und die man dadurch erreicht, wenn man, wie ich schon gesagt habe, nicht allein jede Wissenschaft vor sich selbst, sondern auch in Absicht auf alle andere, und alle in Absicht auf die menschliche Gesellschaft betrachtet. Hierin fehlen die meisten deutschen Schriftsteller; die ihre Wissenschaft zwar aus dem Grunde verstehen, aber sie bloß allein für sich, und nie in dem Zusammenhange der übrigen Wissenschaften, und nie in Absicht auf den Nutzen des menschlichen Geschlechts, betrachten. Ein Criminalist ist ein grundgelehrter Mann, wenn er alle Ausgaben der peinlichen Halsgerichtsordnung mit ihren Commentarien durchgelesen und verglichen hat, und genau zu bestimmen weiß, in welchem Falle, und im wie vielstem Grade man zur Tortur schreiten soll. Er hält den für einen schwachen Kopf, der noch erst untersuchen will, ob ein Erforschungsmittel der Wahrheit, das im Heil. Römischen Reiche schon vor mehr als zweihundert Jahren durch Gesetze vorgeschrieben worden, unzulänglich ja gar unmenschlich seyn könne. Ein Lehrer des deutschen Kirchenrechts wird mit grössester Gründlichkeit und Belesenheit beweisen, daß im Heil. Römischen Reiche nur zwey Religionen existiren dürfen, und daß es reichsgesetzwidrig sey, wenn derjenige, der keiner dieser beiden Religionen beyfällt, nicht sogleich des deutschen Vaterlandes verwiesen werde. Laß den friedfertigen Gottesgelehrten, laß den menschenfreundlichen Philosophen, laß den einsichtsvollen Politiker dawider auftreten, und versichern, wahre Religion, Wohl des Menschen, und Wohl des Staats erfodere, daß man niemand dogmatischer Lehren wegen verdamme, und keinen Ketzer, sobald er ein guter Bürger ist, aus dem Lande jage, er wird sie bloß bedauren, daß sie in der Kenntniß des deutschen Kirchenrechts so unwissend sind; laß sie sich auf die gesunde Vernunft berufen, er wird voll Verachtung antworten, daß man so wenig das deutsche Kirchenrecht als das deutsche Staatsrecht, nach der Vernunft, sondern nach dem Herkommen beurtheilen müsse. Eben so samlet der Geschichtschreiher eine Menge Facten, ohne Wahl und Absicht, ohne daraus Philosophie, Politik oder Kenntniß des Menschen zu erläutern, und der Philologe zieht klassische Autoren heraus, samlet Lesearten und berichtigt Varianten, ohne ein einzigmahl seine Leser auf den Geist der alten Schriftsteller, auf den Zweck warum sie geschrieben haben, zu führen. Wenn ich nicht gewohnt wäre, weder im Guten noch im Bösen von Gottesgelehrten zu reden, so würde ich die anführen, die mit ihren Nebengottesgelehrten beständig Dogmatik, Exegese und Polemik wechseln, ohne jemals zu überlegen, welchen Einfluß Dogmatik, Exegese und Polemik auf die Verbesserung des menschlichen Geistes haben könne, und wie sie sich gegen Geschichte, Philosophie und Politik verhalten. Wenn jemals die deutschen Schriftsteller anfangen, die Wissenschaften aus solchen Augenpunkten zu betrachten, so werden sie sie mit weit glücklicherm Erfolge erweitern, als durch trockne Compendien, leere Speculationen und absichtlose Compilationen, sie werden für Kenner schreiben, und doch den Lesern aus allen Ständen interessant werden. Selbst durch dieses Interesse, werden sie alle Arten von Lesern zum Studiren wissenschaftlicher Kenntnisse ermuntern, so werden sich die Wissenschaften in mehrere Stände ausbreiten, und gelehrte Schriftsteller werden den mehr erleuchteten Lesern fasslich schreiben können, ohne der seichten Denkungsart des großen Haufens zu Gefallen, eine unrechtverstandene Popularität zu affectiren. Seb. Ich finde, daß Sie vollkommen Recht haben. Ich kenne keinen höhern Nutzen der Wissenschaften, als die Erleuchtung des menschlichen Geschlechts. Aber hiezu haben gewiß vortrefliche deutsche Schriftsteller auch das Ihrige beygetragen, ich darf ihnen nur aus dem Fache, das ich kenne, die würdigen Gottesgelehrten unsers Vaterlandes ins Gemüth bringen, die sich mit glücklichem Erfolge bemühet haben, Dogmatik, Exegese und Polemik, nach dem Nutzen und dem Schaden, den sie dem menschlichen Geschlechte bringen können, zu betrachten. Hier. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich von keinem Gottesgelehrten urtheilen will: aber ich verehre die großen Schriftsteller in allen Wissenschaften, die von philosophischen und menschenfreundlichen Absichten belebt, mehrere Wissenschaften zugleich überschauen, und das wahre Verhältniß einer jeden zur allgemeinen Erkenntniß zu bestimmen suchen. Deutschland hat einige, und sie sind vortreflich, aber sie sind in sehr geringer Anzahl. Die meisten deutschen Schriftsteller, sind voll pedantischen Stolzes, nur bemühet, den Theil der Wissenschaften den sie lehren, er mag nun klein, unbeträchtlich, ja wohl schädlich seyn, als den wichtigsten auszugeben, und ihm dünkt, um zu meinem vorigen Gleichnisse zurück zu kommen, daß der kleine Haufen Steine den sie sammlen und Stein über Stein aufstapeln, wichtiger und nützlicher sey, als das gröste Gebäude. Seb. Mein Freund! Sie sind wirklich gegen die deutschen Gelehrten ungerecht, und nehmen Sie es mir nicht übel, fast muß ich glauben, dis komme von ihrem Stande her. Sie selbst haben die Tiefen der Gelehrsamkeit nicht erforschet, und wissen also auch nicht, wie ein wahrer Gelehrter eigentlich beschaffen ist. Ein wahrer Gelehrter siehet alle Gegenstände der menschlichen Erkenntniß in einem weit hellern Lichte, als ein Ungelehrter, und kan daher von ihrem Werthe und Unwerthe besser urtheilen; er wird nie die Wissenschaft in der er arbeitet höher achten, als sie es werth ist, oder deshalb die andern Wissenschaften, wenn sie wichtiger sind, vernachläßigen. Die Wissenschaften, mein lieber Herr Hieronymus, sind durch ein allgemeines Band verbunden, und wer bloß seine Wissenschaft schätzen wollte und die andern nicht, handelte so thöricht, daß sich dies von keinem wahren Gelehrten vermuthen läßt. Lernen Sie die Gelehrten besser kennen. Hier. Haben sie den Messcatalogus von dieser Messe schon gelesen. Seb. Wie kommen Sie darauf? Nein noch nicht. Hier. Wir wollen einmahl die Beschaffenheit der neuen deutschen Bücher aus diesem Catalogus beurtheilen. Lassen Sie uns einmahl zusammenrechnen, wie viel von jeder Art der Wissenschaften Bücher herausgekommen sind, und hernach darüber Betrachtungen anstellen. Seb. Sehr gern. Dis wird Sie am besten widerlegen. Wahre Gelehrten sehen allemahl, das lasse ich mir nicht ausreden, auf dasjenige was dem Ganzen vortheilhaft ist, nicht, was ihnen insbesondere gefällt. Sie fingen also an den Meßkatalogus durchzugehen, und fanden 350 Uebersetzungen Diejenigen, denen etwa die Anzahl der Uebersetzungen und Journale, nach Proportion allzustark dünken sollte, müssen bedenken, daß es eine Michaelmesse war. Denn wenn auch einige Schriftsteller im Sommer spazieren gehen, so arbeiten doch Uebersetzer und Journalisten, im Sommer und Winter, mit gleicher Thätigkeit fort. aus verschiedenen Sprachen, 65 neue Stücke von Journalen, 40 Compendien und Lesebücher, 74 Dissertationen und Programmen, 53 Bände Predigten, 67 theologische Bücher von allerhand Art, aber nur 9 juristische, weil die Anweisungen zum Reichsproceß und zum Criminalproceß schon oben unter den Compendien gerechnet worden, 23 medicinische Bücher, 16 Wochenblätter, 5 Geschichtbücher, 37 diplomatische Bücher, 17 Romanen, meistens in Erfurt, Dresden und Regenspurg gedruckt, 31 Gedichte, 3 mathematische Bücher, 1 physicalisch Buch und 15 aus der Naturhistorie. Hingegen fanden sie nur zwey einige Wochen vor der Messe erschienene Bücher, worin die Wissenschaften in ihrer Verbindung und in Verhältniß auf die Menschheit betrachtet wurden, und von diesen versicherten verschiedene gelehrte Zeitungen, voller Verachtung, daß ihre Verfasser seichte Köpfe wären, die keine gründliche Einsichten in die Wissenschaften hätten, und bloß durch das geringe Verdienst einer guten Schreibart, bey dem gelehrten Pöbel Beyfall erschlichen. Hieronymus ging in ein Nebenzimmer, um diese Zeitungsstücke zu suchen, weil er aber dabey etwas verweilte, hatte Sebaldus indessen eiligst 13 Titel von neuen Büchern über die Apocalypse, die er sich beym Durchsehen des Catalogus heimlich mit dem Nagel gezeichnet hatte, auf einen Zettel ausgezogen, mit dem er dem Hieronymus entgegen kam, und ihn sehr angelegentlich bat, ihm diese Bücher zu leihen. Der gefällige Hieronymus fing gleich an zu suchen und kaum hatte er sie herbey geholt, als Sebaldus, des bisherigen Gesprächs ganz uneingedenk, sie unter den Arm nahm und damit nach Hause eilte, wo er nicht ruhete, bis er eins nach dem andern durchgelaufen hatte. Den dritten Tag brachte er dem Hieronymus die Bücher zurück, und nahm sich unterweges vor, seinem Freunde zwar für die Bücher zu danken, aber ihm doch wegen seiner irrigen Meinung, von der partheyischen Achtung der Gelehrten für ihre Lieblingswissenschaft, den Kopf zurechte zu setzen; allein er fand zu seinem Misvergnügen, daß der gute Hieronymus bereits abgereiset war; daher er sowohl seinen Dank als seine Ermahnung bey sich behalten mußte. Dritter Abschnitt. Inzwischen konnte Sebaldus die Gespräche, die er mit dem Magister und mit dem Hieronymus gehalten hatte, gar nicht vergessen. Er sollte die ganze Idee, die er sich von dem Zwecke des gelehrten Lebens, und von dem Zustande der deutschen Schriftstellerey gemacht hatte, ändern. Er solte glauben, daß der gröste Theil der Schriftsteller von Profession, nicht so uneigennützig als er selbst, bloß um die Ausbreitung der Wahrheit besorgt wären. Dies war ihm unerträglich. Er redete also mit jedem von dieser Sache, der ihm vorkam. Besonders war er an einen seiner Nebencorrectoren gerathen, der es als eine Versorgung ansahe, wenn er bis zu dem Posten eines Uebersetzers fortschreiten könte. Er war auch so glücklich gewesen, wir wissen nicht, ob von einer Paraphrase übers neue Testament in einigen Foliobänden, oder von einer Antideistischen Bibel in einigen Quartbänden, die einem Uebersetzungsunternehmer in Pausch und Bogen war verdungen worden, durch die vierte Hand, ein halbes Alphabet zum Uebersetzen zu erhalten. Er hatte das Vergnügen seine Handschrift gedruckt zu sehen, und fand sich um einen Zoll größer als ein gemeiner Corrector. Er konnte nicht umhin, seinen Nebencorrector Sebaldus seine Größe fühlen zu laßen. Er war nicht wenig erstaunt, daß dieser, anstatt das Geschäft eines Uebersetzers, wie er, zu verehren, vielmehr davon mit der äußersten Verachtung sprach. Es entstand daher ein ziemlich lebhafter Wortwechsel zwischen ihnen, welcher endlich heftig ward, da sie, ich weiß nicht wie, auch auf die Apocalypse geriethen, wovon der Corrector die richtigen bengelischcrusianischen Begriffe hatte. Er erstaunte nicht wenig darüber, daß Sebaldus, anstatt die Apocalypse von der christlichen Kirche erklären zu wollen, sie für eine Wiederholung der Geschichte Frankreichs ausgab; aber er gerieth in Wuth da er vernahm, daß Sebaldus aus der Einrichtung des himmlischen Jerusalems die Endlichkeit der Höllenstrafen behaupten wolte. Er kreuzte und segnete sich über solche Ketzerey, und lief sogleich zu verschiedenen Buchdruckern, die ihm und Sebaldus die meisten Bogen zu corrigiren gaben. Er klagte ihnen, nicht etwa Sebaldus unrichtige Erklärungen der Apocalypse, welches vielleicht nicht viel Eindruck gemacht haben würde, sondern daß Sebaldus gegen jedermann die Uebersetzungsfabriken, als einen der Gelehrsamkeit nachtheiligen Mißbrauch verdammte, und daß er bey dieser Gelegenheit von den Buchdruckern und Verlegern, die mit Uebersetzungen ein nützliches Gewerbe treiben, nicht mit der gebührenden Ehrfurcht gesprochen habe. Sebaldus fand, als er wieder bey seinen gebietenden Herren erschien, die Mienen kalt, die Stirnen gerunzelt, darauf folgten Klagen über die schlechten Zeiten, welche machten daß itzt weniger gedruckt würde, und daß man ihm daher weniger Correcturen geben könnte. Er bekam in kurzem in der That gar keine mehr, und weil sein rachsüchtiger College ihn, als einen Menschen der die Endlichkeit der Höllenstrafen glaubte, an solchen Oertern abgemahlt hatte, wo dieser Vorwurf mehr Eindruck machte als bey Buchdruckern, so merkte er bald, daß jedermann sich für ihn scheuete. Im kurzem ward er genöthigt, die Dachstube, wo er vor kurzem so vergnügt gewesen, mit einem Keller in der Vorstadt zu vertauschen, worinn ihn ein armer Mann aufnahm, den er zur Zeit seines Wohlstandes, als Markthelfer bey einem Buchhändler angebracht hatte. Dieser Mann, und sein gewesener Nachbar der Magister, waren nun seine einzige Freunde, deren Gutthaten gerade hinreichend waren, ihm das Leben zu erhalten. Eines Tages, den er ungegessen zugebracht hatte, war er gegen Abend zu seinem Freunde dem Magister gegangen, der sehr gern sein dürftiges Einkommen mit ihm theilte, und durch freundschaftliche und lehrreiche Gespräche seinem Geiste die Thätigkeit wieder gab, die das Elend zu vernichten pflegt. Er kam, zwar als es schon dunkel ward, doch beyzeiten, nach seinem Keller zurück, weil der Thorgroschen ein Capital war, das er zu sparen nöthig hatte. Er war schon in den finstern Gang hineingetreten, der zu seiner Schlafstäte führte, als er in einiger Entfernung sich etwas regen sahe, und bey näherer Untersuchung einen Menschen in einem Winkel sitzend fand. Sebaldus hielt ihn für einen Dieb, und ob er sich gleich etwas entsetzte, so sagte er doch ganz kalt: »Freund wenn du etwas zu stehlen suchst, so bist du hier an den unrechten Ort gekommen.« »Ach mein lieber Herr, antwortete eine unbekannte Stimme, ich bin kein Räuber, verrathen Sie einen Unglücklichen nicht.« »Nein Freund, sagte Sebaldus, ein Mensch der selbst elend ist, ist nicht grausam,« und hiemit ging er in die schon geöfnete Kellerstube, schlug Licht an, (denn sein Wirth, der Markthelfer, war noch nicht zu Hause,) und erblickte einen jungen Menschen wohlgestaltet, aber todtenblaß. Sebaldus bot ihm die Hand, führte ihn hinein, hieß ihn gutes Muthes seyn, und fragte wie er hieher käme. »Ich habe, sagte der Jüngling, studiert, aber ich habe mich, bey einer unglücklichen Schwärmerey auf einem Dorfe, welche die Jugend Lustbarkeit heist, in einer Stunde wo ich meiner Sinne nicht mächtig war, zum Soldaten anwerben lassen. Die Reue folgte auf diesen Schritt nur alzubald. Ich wuste, daß mein Vater Vermögen hat, meine Loßkaufung zu bezahlen. Er ist Generalsuperintendent in **–« »Wie? in **? und er heist? –« »Stauzius.« »Ich kenne Ihren Vater, sagte Sebaldus sehr gelassen, und Sie sollen hier einen sichern Aufenthalt haben, bis Sie an Ihren Vater ihren Zustand melden können.« »Ich habe bereits an meinen Vater geschrieben und habe ihn um Beystand ersucht. Er antwortete mir, daß er mit der Landkutsche, die morgen Vormittag hier ankommt, eintreffen werde. Ich solte aber schon, durch einen unwiederruflichen Befehl, morgen frühe mit einem Recrutentransporte abgehen. Ich befürchtete, daß alsdenn meines Vaters Hülfe zu spät seyn möchte, ich war außer mir, und da die Schildwacht auf einen Augenblick nicht aufmerksam war, entsprang ich im Dunkeln, und dachte in diesem Winkel unentdeckt zu bleiben. Was ich morgen thun solte, wuste ich nicht, und fast weiß ich es noch nicht, denn mein Vater ist ein strenger und harter Mann, und ich fürchte mich beynahe so sehr, ihm unter die Augen zu treten als meinen Werbern.« – »Fürchten Sie sich nicht, er wird väterliche Gesinnungen haben; ich bin auch Vater, und weiß nur allzu gut, daß den, den auch fremdes Unglück nicht rührt, das Unglück eines Sohnes rühren wird. Ich will Ihren Vater aufsuchen, wenn es möglich seyn wird, ihn zu finden.« »Er ist leicht zu finden, er wird im blauen Hechte abtreten, wo Sie nur nach dem Passagier fragen dürfen, der mit der jenaischen Landkutsche angekommen ist.« Indem sie so redeten, kam der Hauswirth, der ehrliche Markthelfer, nach Hause. Ob er sich gleich vor den Soldaten sehr fürchtete, so ließ er sich doch, durch natürliches Mitleid und durch Sebaldus Zureden, bewegen den Fremden aufzunehmen, und stand ihm einen Antheil an dem gemeinschaftlichen Strohlager zu. Des andern Morgens ging Sebaldus beizeiten nach dem blauen Hechte , und ward sogleich in das Zimmer des Fremden den er suchte, geführet. Die Kleidung des Sebaldus, und die Hagerkeit seines Gesichts zeigte, daß er ein Sohn des Elendes war, und Stauzius, den das Bewustseyn seiner eigenen Wichtigkeit niemals verließ, konte, als er ihn erblickte, sich nichts anders vorstellen, als daß er, vom Elende daniedergedrückt, eine reinere Orthodoxie angeloben, und sich zu anderweiter Beförderung empfehlen wollte. Weil er aber noch nicht geneigt war, einem alten Gegner seiner Meinungen so geschwind zu vergeben, daß dessen Grundsätze vernünftiger gewesen als die seinigen, so fuhr er ihn beym ersten Anblick an: »Ist es nicht entsetzlich, daß einen die Bettler überlaufen, wenn man kaum aus dem Wagen gestiegen ist! Was will er Freund? Denke er nur nicht, daß ich ihm glauben werde, wenn er mir etwas vom Verlaßen seiner Irrthümer vorschwatzen will; das sind lauter leere Worte. Er ist viel zu lange bey seinen grundstürzenden Irrthümern verharret, als daß man von ihm eine aufrichtige Beßerung hoffen könte. Wir wollen bey uns keine Wölfe in Schaafskleidern haben; ich möchte einem Menschen, der einmahl so verdammliche Grundsätze gehabt hat, nicht einmahl einen Küsterdienst anvertrauen. Was will er also von mir? ich kann ihm nicht helfen.« – Sebaldus antwortete sehr gelassen: «Ich komme nicht meinetwegen; ich kenne Sie und mich zu genau, als daß ich von Ihnen Hülfe erwarten solte.« – »Und doch, – sagte Stauzius, (der den Sebaldus von oben bis unten ansahe, und in diesem Augenblicke auf seine Leibesgestalt ein Project bauete,) und doch könte ich ihm vielleicht einige Hülfe angedeihen laßen; er ist in elenden Umständen, das sehe ich, im geistlichen Stande ist nichts für ihn zu thun, was will er also anfangen. Höre er an, er ist beinahe sechs Fuß hoch, werde er Soldat; zwar ist er nicht mehr jung, aber die Größe wird machen daß mans nicht so genau mit dem Alter nehmen wird. Kann er ja die Strapatzen nicht ausstehen, so wird er ins Lazaret gebracht, und da ist er versorgt. Lasse er sich also anwerben, es werden sich Leute finden, die ihm ein gutes Handgeld geben werden.« Sebaldus sagte lächelnd: »Es war eine Zeit, wo es mir sehr übel genommen ward, daß ich Leuten gerathen hatte in den Krieg zu gehen.« »Ja, das war etwas anders, an heiliger Stäte schickte sich dies nicht. Aber itzt« – »Soll ich an Ihres Sohnes Stelle vielleicht Soldat werden?« – »An meines Sohnes Stelle? was weiß er von meinem Sohne?« »Ich weiß daß Ihr Sohn sich hat anwerben lassen, daß er gestern Abend aus der Wache entsprungen ist, daß ich ihn bey mir aufgenommen habe, und daß ich bloß zu Ihnen gekommen bin, um ihnen zu melden, daß er bey mir in sicherer Verwahrung bleiben soll, bis Sie sein Schicksal werden können zu verbessern suchen. Ich verlange von Ihnen keinen Dank dafür, weil ich gegen einen Menschen Mitleiden empfunden habe, und es ihm bloß deshalb nicht habe versagen wollen, weil ich erfuhr, daß er Ihr Sohn war. Wollen Sie noch, daß ich mich für ihn anwerben lassen soll? Wenn dis das einzige Mittel wäre, Sie und Ihren Sohn glücklich zu machen, so wäre es in dem Elende in dem ich schmachte, doch nur ein geringes Opfer. –« Stauzius war ganz erstaunt und versetzte stammlend, daß Sebaldus – wirklich sehr gütig wäre; und nun folgte eine Unterredung, deren Schluß war, daß der junge Stauzius so lange beym Sebaldus bleiben solte, bis der Vater seine Loßlassung bewirkt hätte. Nun ging Sebaldus nach Hause, den Jüngling zu trösten. Aber er hatte kaum Zeit, das vorgegangne zu erzählen, als ein Commando Soldaten in die Stube stürzte, und beide auf die Hauptwache schleppte, wo sie den ehrlichen Markthelfer schon fanden. Stauzius erfuhr diesen Vorfall sehr bald, und dachte ihn auch zu seinem Vortheile anzuwenden. Es war ihm rechter Ernst gewesen, Sebaldus an seines Sohnes Stelle zu setzen, und er glaubte nun desselben Loslaßung um einen desto wohlfeileren Preis zu bewirken, da er zwey Personen an seine Stelle geben konte. Er fand aber sehr bald, daß der Hauptmann gar nicht geneigt war, zween Recruten die er schon in seiner Gewalt hatte, an die Stelle eines den er losgeben solte, sich vorschlagen zu lassen, und daß die Loslaßung des jungen Stauzius izt weit mehr Schwierigkeiten habe, als vorher. In diesem Zustande blieben die Sachen einige Tage, in denen Sebaldus, alles was Elend und Kummer schreckliches haben kann, ausstehen muste. Ohne Nahrung, ohne Lager, war er den ganzen Tag dem Lärmen und dem Spotte roher Soldaten ausgesetzt, und innerlich nagte ihn der Kummer, daß er seinen Wohlthäter den Markthelfer mit sich unglücklich gemacht hatte. Es war nicht abzusehen, in welches tiefe Elend dieser Vorfall beide stürzen konnte, und er kannte keinen Freund der ihm helfen wollte, oder wenn er gewollt hätte, konnte. Mit diesen traurigen Gedanken beschäftigte er sich eines Tages, als der Unterofficier der ehemahls durch seine Predigt zehen Recruten erhalten hatte, in die Wache trat, um sich nach einem Arrestanten zu erkundigen. Er erblickte unter andern den Sebaldus, lief auf ihn zu, drückte ihm treuherzig die Hand, und fragte wie er hieher käme. Sebaldus erzählte es kürzlich. Der Unterofficier schwor mit einem kräftigem Fluche, daß ein so rechtschaffener Mann nicht länger im Gefängnisse bleiben sollte, gieng stehendes Fußes zu seinem Major, der das Bataillon commandirte, und in weniger als einer Stunde kam er zurück, befreyete sowohl Sebaldus als den Markthelfer, und führte den erstern sogleich mit sich zu seinem Major. Der Major war ein Mann in seinem sieben und funfzigsten Jahre, der von seinem funfzehnten Jahre an, Soldat gewesen und von untenauf gedienet hatte. Er war brav wie sein Degen, aber seine moralischen Grundsätze würden, wenn man sie nach Millers Einleitung in die Mosheimische Sittenlehre hätte prüfen wollen, freilich sehr unzusammenhängend und widersprechend erfunden worden seyn. Er glaubte die Unsterblichkeit der Seele nicht; und bekümmerte sich doch sehr wenig um die Fortdauer seines Lebens, sondern setzte es sehr oft, ohne die äusserste Nothwendigkeit, in Gefahr. Er war eben nicht sehr religiös, und war auch eben nicht ein Lobredner des geistlichen Standes; dennoch aber ehrte und beschützte er ihn vor allen andern. Er ging selten in die Kirche; aber seine Soldaten hielt er sehr streng dazu an. Er schwor und fluchte sehr oft; aber kein Subaltern durfte fluchen wenn ers hörte. Er war aus Temperament keusch; aber auf einen jungen Soldaten, von dem er wußte daß er sich niemals in ein Mädchen verliebt hatte, ließ er beständig Acht geben, weil er sich nicht viel gutes zu ihm versahe. Sein Versprechen, wenn er es einmahl gegeben hatte, war unwiderruflich; gleichwohl widersprach er seiner eignen Meinung schnell, so bald er merkte, daß er möchte geirret haben. Er beleidigte kein Kind; aber beleidigt, war er äußerst rachgierig; aus dem Grundsatze: Ein braver Mann müße nichts auf sich sitzen laßen . Als Sebaldus vor ihm erschien, nahm er ihn bey der Hand, und dankte ihm für die zehen schöne Rekruten, die er durch seine geistreiche Predigt, dem Bataillon verschaft hätte. Als ihm aber Sebaldus erzählte, welche traurige Folgen diese Predigt für ihn und seine Familie gehabt habe; gerieth er in ein tiefes Nachsinnen, worin er den Sebaldus von Zeit zu Zeit anblickte, und als dieser fortfuhr zu erzählen, daß der Superintendent Stauzius die eigentliche Ursach seines Unglücks, und daß eben dieser Stauzius der Vater des arretirten Rekruten sey, sprang er auf, und rief mit einem kräftigen Schwur aus: »Wohl mir, daß ich den alten Schurken in meiner Gewalt habe! So lange ich in Feindes Land bin, habe ich noch keinen Menschen gepeinigt, aber Herr! den Bösewicht will ich peinigen. Sein Sohn soll ewig Soldat bleiben, und den alten Bärenhäuter will ich krumm schließen lassen bis er alles Unrecht ersetzt, daß er einem so braven Mann wie Er, Herr Magister! gethan hat!« Hier rief er den Unterofficier herein: »Hör', sagte er, den Augenblick, arretire den fremden Superintendenten im blauen Hechte, der Kerl ist ein Spion, er ist –« Hier schloß ihm der Zorn den Mund. Der Unterofficier, der einen Theil des Unrechts wußte, dessen Stauzius schuldig war, strich sich den Bart, und sagte lächelnd, daß er eben unten im Hause wäre, und daß er ihn schon seit einer Stunde nicht aus den Augen gelassen hätte. »Gut! so laß den Schurken gleich heraufkommen«, rief der Major. Sebaldus bat gehört zu werden, und ließ nicht ab zu bitten, daß er den Superintendenten wenigstens nur itzt, in dieser Gemüthsverfassung, nicht sehen möchte. Der Major ließ sich bewegen, und rief zur Thür hinaus, der Gefangene solte warten. Sebaldus fing nun an dem Major weitläuftig vorzustellen, daß ihm mit dem Unglücke der beiden Stauze gar nicht gedient sey, daß seine Absicht gewesen sey die Rettung des Sohnes zu bewirken, daß er dem Vater von Herzen vergebe, daß Religion und Moral ihm verböten Rache zu hegen. – »Zum Tausend Element, Herr! rief der Major; lasse er sich von der Religion verbieten, was er will, mir soll sie nimmer verbieten, daß ich einen Schurken bestrafe, und einem ehrlichen Manne Recht verschaffe, wenn ich zu beiden die Gewalt in Händen habe.« – »Sie wollen gerecht gegen meinen Feind seyn, Herr Major, seyn Sie es auch gegen mich, was sollen tugendhafte Leute von mir denken, wenn ich eine so grausame Rache an meinem Feinde nehme? –« »Was sie denken werden? Herr! daß er Recht hat! Der alte Bösewicht hat ihn nicht allein von Haus und Hof gebracht, er ist auch am Tode seiner Frau schuld, er hat seine Kinder unglüklich gemacht. Herr! ich habe nie Frau oder Kinder gehabt, aber straf mich Gott! hätt ich sie, so würde ich sie lieben wie meine Seele, und wer mich darum brächte, den haßte ich bis in den Tod, und wolte ihm den Degen durch die Rippen jagen, sobald ich ihn vor mir hätte –« »Aber wollten ihm doch nicht durch einen andern hinterrücks einen Dolch in die Seite stoßen laßen?« – »Herr! Herr! – Wofür sieht er mich an? das Weiße im Auge sehe ich selbst meinem Feinde, und laß ihn denn sich vertheidigen wenn er kann.« »Mein Feind, Herr Major, kann sich nicht vertheidigen. Ist es Ihnen anständig, einem vertheidigungslosen Manne den Dolch ins Herz zu stoßen? Würde es mir anständig seyn? Mein Stand verbietet mir, Unrecht mit dem Schwerdte zu rächen, meine Religion gebietet mir, es zu vergeben und Böses mit Gutem zu vergelten. Ich wäre nicht werth Friede und Versöhnung gepredigt zu haben, wenn ich durch Sie, an meinem Feinde, der ohne Vertheidigung in Ihrer Gewalt ist, mich rächen, wenn ich diese schreckliche Rache, bis auf einen unschuldigen Jüngling erstrecken wolte, der mich nie beleidigt hat, noch mehr, der mein Gastfreund ist, der in meiner elenden Schlafstelle Schutz und Zuflucht gesucht hat. – Nein Herr Major erniedrigen Sie mich nicht so sehr. – Lassen Sie den jungen Menschen frey. Lassen Sie mich an dem Vater eine viel edlere Rache nehmen, die Rache, zu empfinden daß der, den er beleidigt hat, sein wahrer Freund ist. Seine Bestrafung überlassen Sie seinem eigenen Gewissen, das in niemand schläft, der eine böse That gethan hat.« »Blitz und Hagel! daß ein Pfaffe nobler denken soll als ein Soldat! – Herr er hat Recht! –« (hier wischte er ein Paar Thränen ab, die ihm über seine grauen Augenwimmern tröpfelten) »Der junge Kerl soll los. Aber kein Capitain würde ihn umsonst losgeben, das will ich auch nicht. Ich will ihn dem Hauptmanne bezahlen, aber Ihm Herr Magister soll der Vater das Lösegeld geben; ich schenke ihm den Rekruten zwar, aber ich will das Lösegeld bestimmen.« Sebaldus mochte einwenden was er wolte, der Major schritt nach der Thüre zu, und rief den Superintendenten hinein. Stauzius, der mit Schrecken die Wendung gesehen hatte, die diese Sache nahm, war vor Angst halb außer sich, und trat in der Stellung eines armen Sünders hinein. Der Major sahe ihn von oben bis unten an, und sagte: »Sein Sohn Herr! ist ein Deserteur und muß hängen, oder 36 mahl Spießruthen laufen. Einen so schlechten Kerl, wie er ist, Herr Superintendent, oder was er sonst seyn mag, zu gefallen, würde ich ihm zwar nimmermehr losgeben, aber hier steht ein ehrlicher Mann, auf dessen Fürbitte soll ihm nicht allein die Strafe erlassen seyn, sondern er soll seinen Sohn auch loshaben, wenn er tausend Thaler für ihn zahlt.« – Stauzius halb erfreut halb bestürzt stellte stammelnd vor, »daß eine so starke Summe nicht möglich wäre.« – »Herr! raisonnire er nicht. Der Kerl hat 11 Zoll, er soll 1000 Thaler geben, und zwar keine Bernburger, oder sein Sohn soll Gassen laufen, und ihn will ich hinstecken lassen, wo ihn Sonne und Mond nicht bescheint, weil er ein Schurke ist, und dieser Herr Magister hier ein ehrlicher Mann ist, den er ums Amt gebracht hat, und raisonnire er kein Wort weiter.« Stauzius, wuste sich vor Schrecken nicht zu fassen, seine Frau hatte ihm eingebunden, ihr nicht eher vor die Augen zu kommen, bis er ihren einzigen Sohn mitbrachte, und der Präsident, der für den jungen Menschen beständig eine beynahe väterliche Zärtlichkeit hegte, hatte ihm zu dessen Befreyung eine ansehnliche Summe in Golde mitgegeben, wodurch seinem eigenen Geize die Ranzion sehr erleichtert ward. Er bequemte sich also und zahlte in 77 Stück alten Louisdoren, das Stück zu 13 Rthlr. gerechnet, das ganze Lösegeld auf den Tisch. Der Major nahm es an, und überreichte es dem Sebaldus, der während der ganzen Unterhandlung, ob er gleich einigemahl zu reden versucht hatte, von dem Major nie war zum Worte gelassen worden. »Dies soll, sagte er, eine kleine Ersetzung des Schadens seyn, den der Kerl ihm zugefügt hat.« »Herr Major, sagte Sebaldus, Sie haben mir den jungen Menschen geschenkt. Schenken Sie mir ihn ganz, nehmlich mit der Freiheit ihn wieder zu verschenken. Er hat Schutz in meiner Wohnstäte gesucht, diesen Schutz kan ich ihm nicht verkaufen, ohne geradezu wider meine Denkungsart zu handeln. Was mir dieser Herr kann zuwider gethan haben, habe ich ihm längst vergeben. Er hat gesucht für die Reinigkeit der Lehre zu wachen, ich muß noch weit mehr bemüht seyn für die Reinigkeit meiner Handlungen zu sorgen. Hier, Herr Generalsuperintendent, nehmen sie das Geld zurück.« Stauzius stand da, wie ein Knabe, dem ein Gast einen Leckerbissen in den Mund stecken will; der Mund läuft voll Wasser, aber er trauet sich nicht ihn aufzuthun, aus Furcht vor dem Präceptor, der es verboten hat. Er sahe den Major mit furchtsamen Augen an, der ihn mit einem grimmigen Blicke abschreckte. Sebaldus hörte indessen nicht auf, bey dem Major ernstlich anzuhalten, der endlich den Sebaldus auf die Achsel schlug, und sagte: »Nun thue er was er will. Ich möchte gern böse seyn, wenn ich nur könnte.« Sebaldus gab dem Stauzius das Geld, der es begierig in die Tasche schob, und den Sebaldus, mit einem Eifer umarmte, der genugsam zeigte, daß ihm sein Geld nicht weniger lieb war, als sein Sohn. Er nennte ihn seinen Erretter, er bat ihn sehr demüthig um Verzeihung, er versicherte, daß er auf ewig dankbar seyn werde, daß er erkenne, wie großmüthig er gehandelt, da er ihm, ohne Rache, die er gänzlich in seiner Gewalt gehabt hätte, vergeben wolle, da er nicht einmahl die Ranzion seines Sohnes annehmen wolle – »Genug hievon; fiel ihm Sebaldus in die Rede: Gott vergiebt ohne Sühnopfer und Lösegeld – und wer Gott fürchtet, wird ihm nachzuahmen suchen. Wenn Sie erkennen, daß Sie mir unrecht gethan haben, so bin ich gänzlich befriedigt.« Stauzius versicherte aufs heiligste, er erkenne dies, aber es sey nicht genug, er wolle seinen Schaden aufs thätigste zu ersetzen suchen, er verspreche ihm, wenn er wieder nach Hause zurückkommen wolle, daß er die erste gute Versorgung, die in seiner Macht stünde, haben solle. Sebaldus dankte für seinen guten Willen, aber verbat ihn. Der Major sagte, es sey unnöthig, denn er wolle dem Sebaldus die erste vacante Feldpredigerstelle, und wo möglich bey seinem eignen Bataillon verschaffen, bis dahin nehme er die Sorge für dessen Unterhalt auf sich. Unter diesen Gesprächen trat der junge Stauz in das Zimmer, den der Major frey erklärte, und ihn seinem Vater übergab, der nicht eher nachließ, als bis ihm Sebaldus, in den blauen Hecht , zum Mittagsmahle, nachfolgte. Vierter Abschnitt. Hier genoß Sebaldus das süße Vergnügen, von seinem Feinde verdienten Dank einzuärndten. Vater und Sohn überhäuften ihn mit Liebkosungen. Der Vater wiederholte mit Eifer den Vorschlag zu einer guten Versorgung, und betheuerte, daß er alles Ansehen, das er in dem Fürstenthume hätte, dazu anwenden wollte. Der Sohn unterstützte diesen Vorschlag, so daß Sebaldus endlich anfieng zu wanken und sich eine ruhige Beförderung in seinem Vaterlande, als eine wünschenswürdige Sache vorzustellen. Er befragte den Major über diesen Vorschlag, und wunderte sich nicht wenig, daß dieser gar nicht dazu stimmen wollte. Da er die Ehrlichkeit aller Menschen nach seiner eignen beurtheilte, so konnte er sich gar nicht darin finden, daß der Major so viel Argwohn gegen die Aufrichtigkeit des Stauzius merken ließ. Er hielt dies für ein allzuweit getriebenes Mißtrauen, und befestigte sich immer mehr in seinem Vorhaben, durch eine Landpredigerstelle in seiner Vaterstadt Ruhe zu suchen. Als der Major sahe, daß sein Entschluß, der Einladung des Stauzius zu folgen, fest gefasset war, so wolte er ihm nicht ferner hinderlich seyn. Er ließ den alten Stauzius zu sich kommen, und band ihn aufs allerernstlichste ein, sein Versprechen zu halten. Er benachrichtigte ihn, daß er dem Sebaldus an den Obersten, der die Truppen commandirte, die die fürstl. Residenz besetzt hielten, einen Brief mitgegeben hätte; daß er diesen Officier, der sein vertrauter Freund sey, bäte, den Sebaldus zu beschützen, und jeden, der sich unterstehen würde, ihn zu verfolgen, auf das empfindlichste zu bestrafen. Stauzius versprach mehr, als er vorher versprochen hatte, und versicherte noch mehr zu leisten. Als Sebaldus von dem Major Abschied nahm, gab er ihm außer dem obengedachten Schreiben an den Obersten, noch ein Empfehlungsschreiben an einen seiner vertrauten Freunde in Berlin mit. Er versicherte ihn, daß, wenn er nach Berlin reisete, dieser Freund ihn, auf Vorzeigung dieses Briefes, aufs freundschaftlichste aufnehmen werde, und daß er bey demselben beständig Nachricht, wo er, der Major, sich aufhielte, würde erhalten können. Er gebot ihm, von diesem Briefe Gebrauch zu machen, wenn, wie er noch immer befürchtete, Stauzius sein Versprechen nicht halten solte. Er betheuerte mit den heftigsten Schwüren, daß Sebaldus seines Beystandes niemals entbehren solte, sobald er nur Nachricht erhielte, daß er desselben benöthigt sey. Was den Major gegen den guten Generalsuperintendenten so gar sehr mißtrauisch gemacht habe, ist schwer zu sagen. Vermuthlich war es dessen Physiognomie. Ob aber insbesondere ein weit gegen das Ende der Nase vor sich gehendes Nasläpchen Man s. Lavaters Physiognomik 2ter Theil. S. 117. u. folg. , oder eine eingekerbte Oberlefze , oder grünlichte Zähne , oder ein hörbarer Athem , oder nur überhaupt sein superintendentenmäßiges Ansehen S. Ebendas. S. 26. daran schuld gewesen, würde Herr Caspar Lavater am sichersten berichten können, wenn er den Generalsuperintendenten Stauzius gesehen hätte. Der Erfolg schien indessen, wenigstens anfänglich, das Mißtrauen des Majors gar nicht zu rechtfertigen. Stauzius nahm den Sebaldus mit sich in die fürstliche Residenzstadt zurück. Er hätte ihn in sein Haus aufgenommen, aber Sebaldus wolte nirgends als bey seinem Freunde Hieronymus, abtreten. Inzwischen erwies ihm Stauzius alle mögliche Höflichkeiten und er ward von demselben sowohl, als von dem Präsidenten nicht selten zu Gaste geladen; sonderlich nachdem der fremde Oberste, dem er sein Empfelungsschreiben überreicht hatte, sich öffentlich für seinen Beschützer erklärt, und ihn dem Präsidenten ausdrücklich zu einer baldigen Wiederbeförderung empfolen hatte. Er ward auch wirklich in den nächsten drey Monaten, zu den zweyen im Lande vacant gewordenen Pfarren vorgeschlagen. Nur war unglücklicher Weise, auf die eine schon vorher einem andern die Anwartschaft gegeben worden, und die andere hielt der Präsident zu wenig einträglich, obgleich Sebaldus meinte, sie sey einträglicher als seine verlassene Pfarre. Der Generalsuperintendent wiederlegte ihm dies, und gab ihm zu verstehen, daß man einem Manne wie Ihm, eine Specialsuperintendentur zu geben gedächte. Nun waren zwar alle Specialsuperintendenten des Fürstenthums in der Blüthe ihrer Jahre, befanden sich wohl an Fleisch und Knochen, aßen und tranken gut, und studirten sehr wenig, so daß man freilich keine Vacanz in kurzem gewiß vorausprophezeien konte. Da aber doch ein Schlagfluß den Gesundesten befallen kann, und ein hitziges Fieber auch keinen Specialsuperintendenten verschont; so war es nicht offenbar unmöglich, daß Sebaldus, der freilich nahe an sechzig Jahre alt, und vom Mangel und Kummer etwas gebeugt schien, bey dem aber übrigens alle Actus naturales sehr gut von statten gingen, eine solche Stelle vor seinem Ende noch erhalten könte. Sebaldus ließ sich indessen, bis zur Erfüllung dieser Hofnung, die Zeit gar nicht lang werden. Er war bey seinem Freunde Hieronymus aufs freundschaftlichste aufgenommen. Weil er in desselben Laden immer bekannter ward, so fing er an, sich der Geschäfte desselben, wenn er verreiste, anzunehmen. Wenn hingegen sein Freund zugegen war, hatte er völlige Muße, an seinen Commentar über die Apocalypse zu arbeiten, welches ihm so angenehm war, daß er die Hofnung zu einer Pfarre vielleicht ganz vergessen haben würde, wenn sie Stauzius nicht, so oft er ihn zu Gaste bat, erneuert hätte. Inzwischen war in den ersten Monaten des folgenden Jahres der allgemeine Frieden geschlossen worden. Der fremde Oberste rückte demselben zufolge mit seinen Truppen aus. Diese Veränderung brachte eine große Veränderung in den Herzen und auf den Gesichtern vieler Leute in dem kleinen Fürstenthume hervor. Insbesondere schienen der Präsident und der Generalsuperintendent, den ehrlichen Sebaldus nicht mehr so genau zu kennen als vorher. Sie liessen ihn nicht mehr zu sich bitten. Wenn er sich bey dem erstern anmeldete, so sagte der Bediente schon an der Thür, daß Se. Excellenz Mittagsruhe hielten, oder daß Sie eben Geschäfte hätten, oder daß Sie heute niemand sprächen. Wenn er den letztern zu sprechen verlangte, so kamen, nachdem er eine halbe Stunde in dem Visitenzimmer gewartet hatte, Se. Hochwürdige Magnificenz zwar im Schlafrocke, mit oder ohne Peruke zum Vorscheine, und vergaßen auch niemals beym Weggehen ihn Ihrer Gewogenheit zu versichern; aber, obgleich verschiedene Vacanzen vorfielen, so dachte doch niemand mehr daran, den Sebaldus vorzuschlagen. Endlich ward nach ein paar Monaten eine Predigerstelle in einem benachbarten kleinen Städtchen offen, die Sebaldus unter andern deshalb gern gehabt hätte, weil Hieronymus den dasigen Viehmarkt zu besuchen pflegte, und er sich ein großes Vergnügen dabey vorstellte, seinen einzigen Freund jährlich zweymahl zu sehen, und in seinem Hause aufzunehmen. Er wagte es also, dem Generalsuperintendenten abermals aufzuwarten, und zum erstenmahle sich selbst um diese Stelle zu melden. Stauzius warf die Sache nicht ganz weg; aber nach einigem Ha und Hem, fieng er an dem Sebaldus vorzustellen: »Wie er selbst einsehen würde wie nöthig es wäre, wenn von seiner wirklichen Beförderung die Rede seyn solte, daß er das gegebene Aergerniß höbe, vor dem Consistorium seine irrige Meinungen, besonders von der Ewigkeit der Höllenstrafen widerriefe, auch wegen der höchstwichtigen Lehre von der Genugthuung, dem Sinne der reinen symbolischen Bücher gemäß, sich erkläre; indem er sich mit Betrübniß erinnere, in Leipzig darüber von ihm eine höchstbedenkliche Aeusserung gehört zu haben.« Sebaldus stand ganz erstaunt da, und sagte kurz: »daß er sich über diese Zumuthung wundere, daß er aber, um keines zeitlichen Vortheils willen, die Wahrheit die er erkenne, verläugnen würde.« Stauzius verwies ihm, in nicht ganz völlig sanftem Tone, seine Hartnäckigkeit, gebot ihm von seiner ketzerischen Lehre abzustehen, und erinnerte ihn zulezt, indem er durch einen Griff an seine violette Mütze das Zeichen zum Abschiede gab, mit einem trocknen Amtsgesichte: »daß itzt die Zeit nicht mehr wäre, da man, durch feindliche Gewalt, in den Weinberg des Herrn einzudringen suchen müsse. Es sey itzt, Gottlob! Frieden.« Als Sebaldus seinem Freunde Hieronymus diesen Vorgang erzählte, fand dieser bestätigt, was er schon längst befürchtet hatte, nämlich daß für den Sebaldus in dem Fürstenthume weiter keine Beförderung zu hoffen sey. Nach einigen Tagen erfuhr man, daß der Präsident einen Fiskal veranlasset habe, den Sebaldus fiskalisch anzuklagen, weil er im Kriege für fremde Truppen Recruten geworben, zehen wirklich aus dem Lande geschaft, und den Sohn des Generalsuperintendenten für Geld habe loslassen wollen. Sebaldus lachte über eine so ungereimte Anklage, und brannte vor Begierde sich vor Gerichte zu stellen, um durch bloße Erzählung der Wahrheit seine Feinde zu beschämen. Hieronymus aber, der einige mehrere Erfahrung in Welthändeln hatte, versicherte ihn: »daß derjenige, der wissentlich eine falsche Anklage thue, nicht durch die Wahrheit beschämet werde; daß man einen mächtigen Mann alsdenn am meisten fürchten müsse, wenn er offenbar ungerecht anklage, und daß bey einem fiskalischen Processe nie etwas zu gewinnen, sehr oft aber viel zu verlieren sey.« Nachdem beide den wahren Zustand der Sachen reiflicher überlegt hatten, so kamen sie überein, daß den mächtigen Feinden des Sebaldus seine Gegenwart im Lande zuwider wäre, und daß es für ihn sicherer seyn möchte, itzt abzuziehen, als sich mit Gewalt wegtreiben zu lassen. Das Empfehlungsschreiben des Majors nach Berlin ward also hervorgesucht. Hieronymus schrieb auch eins, an einen seiner dortigen Handlungsgenossen, das, wenn sich nichts bessers fände den Sebaldus, wenigstens wieder zu der Würde eines Correctors erheben sollte, zugleich stellte er demselben eine Summe Geldes zu, welche er aus den bey ihm zurückgelassenen Mobilien gelöset zu haben versicherte, die aber Sebaldus Erwartung so sehr übertraf, daß er vermuthete und es sich merken ließ, sein Freund habe auch hier als Freund gehandelt. Die Post nach Berlin war bestellt. Sebaldus, weil er noch nicht wußte, wie lang sein Aufenthalt in Berlin dauern könnte, nahm nur in einem kleinen Kuffer das allernothwendigste zu sich. Das übrige, worunter auch sein Commentar über die Apocalypse war, der schon zu ein paar hundert Heften angewachsen seyn mochte, ließ er bey seinem Freunde Hieronymus stehen. Nun setzte er sich, nach zärtlichem Abschiede von seinem Freunde, auf den Postwagen, und trat seine Reise an. In der zweyten Nacht ward der Postwagen, ohnweit der Brandenburgischen Gränze, in einem Walde unvermuthet von Räubern überfallen; sie schlugen den Postillion auf der Stelle tod, und Sebaldus, der der einzige Passagier war, empfing einen Schlag auf den Kopf, davon er betäubt zur Erden fiel. Als er wieder zu sich kam, war die Sonne aufgegangen, der Postillion lag todt ausgestreckt, der Postwagen war beraubt, und sein eigner Kuffer war gänzlich ausgeleert. Als er sich selbst besah, fand er, daß die Räuber ihm seine Kleider, deren schlechtes Ansehen sie vermuthlich nicht in Versuchung führen konte, gelassen hatten. Er fand auch noch etwas kleines Geld in einer Tasche. Seine beiden Recommendationsbriefe waren aber weg, welches ihn zwar bestürzt machte, doch, indem er sich erinnerte, daß er so klug gewesen, seinen Commentar über die Apocalypse zurückzulassen, welcher sonst auch der größten Gefahr verlohren zu gehen, würde ausgesetzt gewesen seyn: so war er in etwas getröstet. Er suchte aus dem Walde herauszukommen, und folgte der ersten Landstraße, die er fand, ohne zu wissen, wohin sie ihn führte. Ende des zweyten Buchs . Drittes Buch. Erster Abschnitt. Sobald Mariane nebst ihrem französischen Namen auf dem Wohnsitze des Herrn von Hohenauf angelangt war, war die gute französische Aussprache die erste Sache wonach gefragt ward. Die gnädige Frau, die sehr füglich darüber urtheilen konnte, weil sie selbst mit einem angenehm gemischten halb thüringischen halb wetterauischen Accente französisch sprach, erklärte nach einer viertelstündigen Unterredung, daß Marianens Aussprache ohne Tadel sey, und fragte ihren neben ihr sitzenden Gemahl »ob sich nicht gleich die Aussprache einer gebohrnen Französinn, von der Aussprache einer Deutschen durch ein gewisses je ne sai quoi unterscheide?« welches dieser, den seine Gemahlinn schon seit den ersten Tagen ihrer Vermählung gewöhnt hatte, alles was sie mit einem gewissen Tone fragte, zu bejahen, mit einem deutlichen: »Allerdings!« bekräftigte. Nun schritt die gnädige Frau zur Instruction der künftigen Hofmeisterinn ihrer Kinder. Der Hauptpunkt war, daß sie beständig französisch und niemals deutsch mit ihnen sprechen, und daß sie die Kinder anweisen sollte, sich als Personen von Stande zu betragen, und jederzeit artige Manieren zu haben. Hierauf ward gefragt, ob sie Gelegenheit gehabt habe, öfters Personen von Stande zu sehen und ihr Betragen zu beobachten. Mariane ob sie gleich hier eine Französinn vorstellte, hatte doch das zuversichtliche Bejahen noch nicht gelernt, welches schon oft, sowohl mancher französischen Hofmeisterinn und Kammerjungfer, als manchem französischen Kammerdiener und Projektmacher, aus der Noth geholfen hat; sie bekannte daher mit Erröthen, daß sie selten in dem Falle gewesen wäre. »Desto schlimmer, sagte der Hr. von Hohenauf, denn bey der Erziehung vornehmer Kinder ist das nothwendigste, ihnen standesmäßige Manieren beizubringen. Zum Glück kann sie ihren Mangel abhelfen, Mamsell, wenn sie fleißig auf meine Gemahlinn Acht hat, denn die ist ein vollkommnes Muster standesmäßiger Aufführung.« Die Frau von Hohenauf neigte ihr mit starken Knochen versehenes Vorderhaupt nachläßig auf die rechte Schulter, lächelte über ein paar vorwärts geworfene Lippen, blinzelte mit ihren grauen roth unterlaufenen Augen, und sagte: »Sie sind sehr gütig Hr. von Hohenauf, aber wahr ists, daß ich eine gewisse Decence in meinem Betragen zu beobachten suche, die Personen vom Stande eigen ist. Hiernach, Mamsell, muß sie meine Fräulein auch bilden, daß sie sich niemals vergessen, sondern beständig vor Augen haben wer sie sind. Dies, Mamsell, muß Sie auch niemals aus den Augen lassen, sondern bedenken, daß sie in meinen Fräulein, Personen von Stande vor sich hat. Sie muß ihnen beständig mit Nachsicht begegnen, ihnen niemals befehlen, noch weniger gegen sie strenge oder unfreundlich seyn, wenn sie auch ein wenig Lebhaftigkeit zeigen; denn Jugend hat keine Tugend. Es ist genug, wenn sie nur die Decence und ihre Geburt nie vergessen. Nächstdem kann sie ihnen oft gute französische Bücher geben, daß sich der Geist aufklärt. Wir lassen deshalb monathlich den Mercure de France kommen, darin stehen die neuesten Enigmes und Logogryphes, wie sie am Hofe zu Versailles eben gänge und gäbe sind, auch schöne Poesies fugitives, davon müssen die Fräulein urtheilen lernen, damit sie, wenn künftig ihr Amant ihnen ein Madrigal à Silvie mit einem galanten Envoy zusenden wird, die Finesse davon einsehen, und mit Esprit antworten können. Auch sind in dem Mercure Nachrichten von den neuesten Opera comiques und von den neuesten Almanacs, Modes und Chansons, dadurch lernen sie, was izt in Paris du bon ton ist, zu loben. Hauptsächlich aber muß sie gute Romanen mit ihnen lesen, als Hippolyte Comte de Douglas , die Memoires d'une Dame de qualité qui ne s'est point retirée du Monde , die Lettres d'une Religieuse portugaise , u. s. w. damit die Fräulein beizeiten lernen, wie eine Affaire de Cœur geführet wird, und damit sie die grace plus belle que la beauté lernen, durch die unser Geschlecht über das männliche einen so sichern Sieg zu erhalten weiß.« Hier minaudirte sie aus dem rechten Augenwinkel, in Ermangelung einer andern Mannsperson, auf ihren Gemahl, der dadurch beherzt gemacht, sein Wort auch dazu geben wolte, und sagte: »Imgleichen Gellerts Fabeln könnten auch wohl mit den Kindern gelesen werden.« »Ja, versetzte die gnädige Frau, mit trübem Blicke, und etwas gerümpfter Nase: Gellerts Fabeln gehen allenfalls an, aber andere deutsche Bücher muß sie sie nicht lesen lassen, denn das deutsche Zeug nützt den Fräulein nichts, wenn sie nach Hofe kommen, Picard mein Homme de Chambre sagt immer, es ist kein brin von bon ton darin, und das ist auch wirklich wahr. Es klingt alles so deutsch, wahrhaftig ich bekomme Vapeurs, wenn ich nur die gothischen Buchstaben von ferne sehe.« Marianen war alles unerhört, was ihr gesagt ward. Sie dünkte sich in einer ganz neuen Welt zu seyn. Sie verstand von dieser Rede, die noch dazu von einer etwas stämmigen deutschen Dame, in dem nachlässigen Tone einer Petite-Maitresse dahingelallt ward, nicht den dritten Theil; versprach aber doch mehrere Gelehrigkeit, als sie sich vor der Hand noch selbst zutraute. Eben so hörte sie, ohne ein Wort dawider einzuwenden, die Anordnung ihres häuslichen Lebens an, welche ihr bekannt gemacht wurde. Man sagte ihr nämlich, daß sie in Nebenstunden für die gnädige Frau und die beiden Fräulein Putz machen, und der Cammerjungfer helfen müsse Kleider garnieren. Man gab ihr zu verstehen, daß man erwarte, sie werde, wenn große Gesellschaft da wäre, helfen den Tisch anordnen, und wenn die Jungemagd viel zu thun hätte, auch darnach sehen, daß die Schränke gebohnt, und der Staub von den porcellanenen Aufsätzen abgewischt werde. Zuletzt erfuhr sie, daß sie zwar, wenn die Herrschaft allein wäre, der Fräulein wegen, die Gnade haben solte an die hochadeliche Tafel gezogen zu werden, wenn aber Gesellschaft da wäre, so würde sie sich selbst bescheiden, mit den übrigen Domestiken höhern Rangs zu essen. Dies waren sämtlich Personen, die nützliche Talente besaßen, feine Sitten hatten, und die Welt kannten. Sie bestanden in dem französischen Friseur der gnädigen Frau, in dem Gerichtsactuar, der zu gleicher Zeit das Amt eines Tafeldeckers wahrnahm, in der Kammerjungfer der gnädigen Frau, die in den Kohlgärten vor Leipzig in der Schule der artigen Lebensart gewesen war, in der Ausgeberin, die bey einem Hauptmanne, dem sie drey Campagnen durch als Köchin gefolgt war, die Oekonomie gelernet hatte, in einem ausgedienten Fahnenschmiede, der im Hause ehrenhalber der Stallmeister des gnädigen Herrn titulirt ward, und in einem armen vater- und mutterlosen Verwandten, welcher von einem Regimente, unter das man ihn als Fahnjunker gebracht, bloß deswegen war weggejagt worden, weil er in der Schlacht bey Roßbach zuerst sich umgekehrt hatte. Freilich war diesem löblichen Beyspiele hernach das ganze Regiment gefolgt, doch ohne seine Schuld, indem er in der That schon über funfzig Schritte entfernt war, als es geschahe. Dieser Herr Vetter ward auch, wie Mariane, wenn keine Gesellschaft vorhanden war, zur Tafel gezogen. Dagegen ließ er sich gefallen, allerhand kleine Dienste zu leisten, Z. B. den Stuhl wegzurücken, wenn seine gnädige Tante aufstand, den Pfropfzieher zu holen, wenn sein gnädiger Oheim trinken, oder die Pfeife zu stopfen, wenn er nach Tische rauchen wollte, laut zu lachen, wenn er einen Schwank erzählte, und den Augenblick stille zu schweigen, so bald sie durch eine gerunzelte Stirne zu erkennen gab, daß sie keinen Gefallen daran hätte. Er muste auf jede Frage sogleich eine Antwort bereit haben, und wenn die Antwort mißfiel, sich nicht verdrießen lassen, daß ihm stillzuschweigen geboten, oder er vom Tische aufzustehen befehliget ward, und muste nicht sauer aussehen, wenn er wieder erschien. Kurz, er hatte den Posten manches Kammerjunkers an manchen fürstlichen Höfen, einen Posten, der seines äusserlichen Glanzes wegen, von denen die ihn nicht haben können, so oft gewünscht, und von denen die ihn bekleiden, so oft vermaledeyet wird. Einen Posten, für den, ob ihn gleich so viele Deutsche besitzen, dennoch in der an Conversationsausdrücken armen deutschen Sprache noch keine besondere Benennung zu finden ist, und für den die in der Conversationssprache so reichen und scharfsinnigen Franzosen und Engländer, noch keine bessere Benennung haben finden können, als daß sie die Inhaber eines solchen Postens, Schlangen- und Krötenesser nennen. Zweyter Abschnitt. Es ist leicht zu erachten, daß, da der Herr Vetter, der doch von guter Familie war, sich gegen das hochadeliche Paar so gefällig bezeigte, man von Marianen, eben so viel, wo nicht mehr Gefälligkeit werde verlangt haben, und wie hart dies anfänglich einer Person vorgekommen seyn müsse, die in der glücklichen Unabhängigkeit erzogen worden war, daß sie seit ihrer ersten Kindheit an, von nichts als von ihrer eigenen Vernunft, und von der Vernunft und der Liebe zärtlicher Eltern abhängig gewesen war. Das unschätzbare Glück der Unabhängigkeit ist durch keine andere Vortheile zu ersetzen. Man mag von dem mächtigsten, von dem reichsten Manne, ja, selbst von seinem eigenen Freunde abhängen, so fühlt man die Fesseln, sie mögen noch so weit losgelassen, und noch so schön geschmückt seyn. Wem das Schicksal die Unabhängigkeit versagt, der mache sich gefaßt, einigen der Rechte eines freygebohrnen Menschen zu entsagen: Er lerne vergessen, was er am eifrigsten wünscht, nach dem trachten, was ihm verächtlich ist, Frölichkeit seines Herzens verbeißen, und bey nagendem Kummer ein heiteres Gesicht annehmen. Ist seine Seele zu stark und sein Herz zu empfindlich, als daß er, so oft es verlangt wird, fremden Irrthum eigener Ueberzeugung vorziehen könne, so kämpfe er den bittern Kampf, und lerne über seinen eigenen Verstand siegen. Diesen Kampf hatte Mariane mit allem, was er herbes und für den menschlichen Geist erniedrigendes hat, auszustehen. Sie sahe freylich nur allzulebhaft ein, daß sie in einem Zustande war, den bloß das Wohlwollen ihrer Obern erträglich machen konnte, und nahm sich ernstlich vor, so lange es höhere Pflichten erlaubten, sich in allen Dingen ohne Widerrede nach dem Willen der Frau von Hohenauf zu richten, und so gar, wenn es möglich wäre, ihren Wünschen zuvorzukommen. Dies war nun freilich ein schwerauszuführendes Unternehmen; denn die Frau von Hohenauf war sehr auffahrend, sehr eigensinnig und sehr ungleich in ihrem Betragen. Auf ihren Adel äusserst stolz, schien sie alle Personen bürgerlichen Standes für Geschöpfe von einer andern Gattung zu halten, denen sie beständig den großen Abstand, der zwischen ihr und ihnen bleiben muste, fühlen ließ. Und dennoch stammte sie selbst aus bürgerlichem Stande. Ihr Vater Namens Säugling, war ein reicher Pachter gewesen, und ihr Bruder war ein Tuchhändler in einer großen Handelsstadt, der im Kriege durch Lieferungen an die Armeen ein grosses Vermögen erworben hatte. Dieses bürgerlichen Ursprungs aber war sie nie eingedenk. Vielmehr ging ihr ganzes Thun und Lassen dahin, das Ansehen einer Dame von Stande zu haben, und der Familie ihres Gemahls, die seit länger als hundert Jahren auf ihren angeerbten Gütern Kohl gepflanzt hatte, einen neuen Glanz zu geben. Wenn es nur irgend wahrscheinlich gewesen wäre, daß sie an einem der deutschen fürstlichen Höfe die, wie es billig ist, alle Personen, die nicht wenigstens acht Ahnen haben, aus ihrer Athmosphäre ausschließen, würde zur Cour zugelassen worden seyn, und wenn ihr Gemahl nur irgend zu etwas anders geschickt gewesen wäre, als auf die Jagd zu gehen, zu trinken, und alle Anordnungen seiner Gemahlinn zu bewundern: so hätte sie nicht eher geruhet, bis er sich mit ihr nach Hofe begeben hätte. Hätte sie einen Sohn gehabt: so würde sie ihn zu einem adelichen Amte erzogen haben, und solte es auch nur eine Fähnrichsstelle gewesen seyn; da sie aber bloß Töchter hatte, so ging sie damit um, ihnen eine so galante Erziehung zu geben, daß sie Hofdamen werden und durch ihr Vermögen und ihre Reize, Grafen, Minister oder Generale fesseln könnten; durch welche vortheilhafte Vermählungen sie noch hofte am Hofe und vielleicht im ganzen Lande in großes Ansehen zu kommen. Die größte Glückseligkeit, die sie sich in ihrer Einbildung vorstellen konnte! Mariane war das Werkzeug, durch welches die beiden jungen Fräulein solten zu so wichtigen Absichten geschickt gemacht werden. Hiezu war es nöthig, daß sie mit fertigen Lippen von nichts und über nichts französisch plappern könnten; daß sie alle Vortheile des Putzes, ihrem Körper gemäß, so zu gebrauchen wüsten, damit er, es sey im nachläßigen Nachtkleide, oder in der sittsamen Roberonde, oder in der prächtigen Galarobe mit ausgespreitetem Panier und schwimmender Schleppe, Augen und Herzen der Cavaliere an sich ziehen müßte; daß sie den Verstand hauptsächlich zu der wichtigen Untersuchung gebrauchten, ob die eroberten Herzen behalten, oder ob sie, nachdem damit eine Zeitlang wie mit einem Ball gespielet worden, in den Winkel geworfen werden solten. Sobald sie dies verstanden, so hatten sie die hauptsächlichsten Wissenschaften gelernt, die die Frau von Hohenauf einer jungen Dame, die am Hofe glänzen will, für nöthig hielt. Im Grunde schien Mariane zur Lehrerin so wichtiger Wissenschaften nicht eben geschickt zu seyn. Ihr schlichter gesunder Verstand hatte ihr eingebildet, daß der Vorzug eines Frauenzimmers vielmehr darin bestehe, daß sie gut, als daß sie schön sey. Ob sie gleich selbst sehr wohl gebildet war, hatte sie sich doch, vielleicht weil es ihr noch nie eine Mannsperson gesagt hatte, niemals etwas darauf zu gute gethan. Zum Putze hatte sie zwar, ohne es zu wissen, eine natürliche Geschicklichkeit, indem alles sehr wohl anstand, was sie selbst anlegte, oder für andre wählte, welches den Friseur Picard bewog, sie für eine wirkliche Französinn zu halten; aber sie hatte den Putz noch niemals gebraucht, Absichten damit zu erreichen. Sie kannte die Reize der großen Welt nicht, und verlangte auch nicht sie zu kennen, denn ihre Wünsche waren bisher immer sehr mäßig gewesen, und waren sehr leicht befriediget worden. Ihr höchster Wunsch war vorher, die Liebe ihrer Aeltern zu verdienen, itzt aber ihre Pflicht zu erfüllen. Wenn Mariane eine schlechte Lehrerin war, so waren die beiden Fräulein eben so schlechte Schülerinnen. Sie hatten gar keine Anlage zum Hofleben. Sie waren ein paar gute Landmädchen mit rothen Backen, die vor Gesundheit strotzten. Auf dem Hofe herum zu springen, oder des Abends die blökenden Heerden eintreiben zu sehen, war ein Fest für sie. Im leichten Röckchen und im glatten Nachthäubchen mit himmelblauem Bande umsteckt, gefielen sie sich besser, als in dem reichen Anzuge eines stoffenen Schnürkleides mit Pompons besetzt. Wenn Picard seine ganze Kunst an ihren Köpfen beweisen wollte, ward ihnen die Zeit lang, sie gähnten, oder sprangen auf und liefen ein paar mahl in der Stube herum, oder haschten einen Schmetterling, der eben zum Fenster hineingeflogen war. Wenn ihre Mutter, wie es oft geschah, Assembleen hielt, wo in dem schön erleuchteten grossen Saale, der wohlgeputzte benachbarte Adel, an zwanzig Spieltischen mit dem ernsten Geschäft, die Zeit zu tödten, beschäftigt war, schlich sich die älteste Fräulein, Adelheid, oft in den Garten, die untergehende Abendsonne zu betrachten, den Nachtigallen zuzuhören, oder den Duft der Nachtviolen und des Jesmins einzuziehen. Sie hatten beide keinen glänzenden Verstand, wenn man es glänzenden Verstand heißt, über alle Gegenstände vorschnell und mit Selbstgenügsamkeit ein Redespiel zu halten; noch einen lebhaften Witz, wenn man es lebhaften Witz heißt, Gründe mit Einfällen beantworten, und mit Hohngelächter diejenigen aufziehen, die verständiger sind als wir: Aber sie hatten den gesunden Verstand, der sich mit Bescheidenheit und mit Lehrbegierde wohl verträgt, und so viel Antheil an Witz und Scharfsinn, als nöthig ist, die Gegenstände geschwinder vors Anschauen zu bringen. Von dem Stolze ihrer Mutter, der sich auf Verachtung anderer gründete, hatten sie gar nichts. Sie empfanden die Vorzüge ihres Standes bloß alsdenn, wenn sie dadurch Gelegenheit hatten, wohlzuthun, Almosen auszutheilen, oder einem Bedienten der etwas versehen hatte, bey ihren Aeltern Vergebung zu erbitten. Eine ähnliche Gemüthsart, brachte bey der Lehrerinn und den Schülerinnen sehr bald eine wechselseitige Zuneigung hervor. Eben diese Uebereinstimmung machte zwar das mütterliche Verbot, daß den Fräulein nicht strenge begegnet werden sollte, ganz unnöthig, aber sonst schien ihre Erziehung eine Wendung zu nehmen, die den Absichten der Frau von Hohenauf nicht völlig gemäß war. In den Lehrstunden war sehr oft, an statt vom adelichen Stande , von der Decence , und von artigen Manieren , vielmehr von ihren Pflichten gegen Gott und ihren Nebenmenschen , die Rede. Anstatt zu lehren, wie ein Schminkpflästerchen mit Coketterie zu legen, oder wie eine Affaire de Cœur am rechten Ende einzufädeln sey, worin die gute Mariane ohnedies sehr unwissend war, suchte sie ihnen vielmehr einzuprägen, daß sie ihren Geist mit nützlichen Kenntnissen auszieren, und ihr Herz der Wohlthätigkeit und der Menschenliebe beständig offen erhalten müßten. Die Lettres d'une Religieuse portugaise wurden daher sehr bald von Steelens Frauenzimmerbibliothek und Hippolyte Comte de Douglas von der ganzen Pflicht des Menschen verdrungen. Hieraus ist leicht abzunehmen, daß überhaupt anstatt der gebotenen französischen, sehr oft die conterbande deutsche Lectur, insgeheim werde überhand genommen haben. Mariane hatte freylich zu wenig monde, um einzusehen, daß jungen deutschen Damen die deutsche Sprache ganz unnöthig sey. Sie hatte noch keinen Begriff davon, daß man, um standesmäßig zu leben, in seinem eigenen Vaterlande fremde werden müsse. Wie konnte es auch anders seyn? Sie kannte die große Welt so wenig, als die junge Fräulein, die sie unterrichten sollte, und glaubte treuherzigerweise, man lebe nur, um selbst besser zu werden, und um andere Menschen glücklicher zu machen. In solchen spießbürgerischen Grillen wollte sie auch ihre Fräulein erziehen; daher war der Schaden eben so groß nicht, wenn sie auch deutsch mit denselben las, indem sie doch die französische Lectur nicht avec goût zu wählen wußte. Sie laß l'Ami de ceux qui n'en ont point lieber, als les Egarémens de l'Esprit \& du Cœur und Memnon Histoire orientale , lieber als die Lettres de Ninon Lenclos oder den Almanac de Toilette . Mit diesem Geschmacke stimmte der Geschmack der jungen Fräulein nur allzusehr überein, denn, wenn diese im Mercure de France blätterten, so überschlugen sie meistens alle Pièces fugitives, Chansons, Enigmes, Logogryphes und Présentations, und verweilten sich bey einem Conte moral von Marmontel oder la Dixmerie , die dazumal einzeln im Mercure zu erscheinen pflegten, oder suchten einen Trait de bienfaisance auf, der zuweilen eingerückt wird. In allem diesem war noch sehr wenig du bon ton, welches doch die hauptsächlichste Sache war, wozu die Frau von Hohenauf ihre Fräulein wollte angeführt wissen. Es ist also leicht zu erachten, daß sie schwerlich mit einer so bürgerlichen Erziehung werde zufrieden gewesen seyn. Schon in den ersten vier Wochen schien es beinahe, daß sie ihre neue französische Mamsell sehr bald wieder abschaffen würde; denn sie gab derselben bey aller Gelegenheit bittere Verweise, und tadelte alle ihre Anordnungen. Die Fräulein schienen ihr, seit sie bey Marianen waren, blöder, hatten gar keine bonne grace, hatten gar keinen Esprit, antworteten zu langsam und zu kurz wenn man sie fragte, ungefragt plauderten sie sehr selten, wusten ihre Reverenze nicht abzumessen, und beugten die Knie tief gegen einen Verwalter oder Homme d'Affaires, wo ein Kopfneigen, oder ein nachlässiger Knix im Vorbeygehen, hinlänglich gewesen wäre. Marianen fehlte es freilich, außer andern Erfordernissen, die ihr, um eine gute französische Mamsell zu seyn, mangelten, an der den französischen Hofmeisterinnen so gewöhnlichen Politik, allen Leidenschaften der hochadelichen Mutter zu schmeicheln, alles dreyfach zu loben, was die Mutter an den Kindern lobt, ihren eignen oder fremden Witz die Kinder heimlich auswendig lernen zu lassen, und sie zu gewöhnen, denselben mit dreister Naseweisheit in Gesellschafft an den Mann zu bringen; wodurch denn jedermann der zu leben weiß, über die frühzeitigen Gaben der Kinder erstaunt, der Mutter über das kleine Wunderwerk, das sie unter ihrem Herzen getragen hat, ein verbindliches Compliment macht, und auch nicht vergißt, der Mamsell im besten zu gedenken. Hievon wußte Mariane gar nichts. Sie war vielmehr beym Antritte ihres Amts so unerfahren, daß sie ihren Fräulein eine anständige Bescheidenheit anpries; eine Eigenschaft, die gar nicht glänzend ist, und die die Frau von Hohenauf aufs höchste an ihren Bedienten lobte. Sie würde also Marianen sehr bald überdrüßig geworden seyn, wenn nicht ein kleiner Umstand, davon in keinem der Systeme der Pädagogik Ungelehrten Vätern und Muttern zu gute, sey hier angemerkt, daß die Gelehrten mit diesem griechischen Worte die Kunst der Erziehung andeuten. Diese feierliche Benennung wird gebraucht, seitdem die Gelehrten diese Kunst in verschiedene Systeme gebracht haben, deren jedes für sich sehr genau zusammenhängt, nur daß eins dem andern schnurstracks widerspricht. , worin noch ein Kapitel von französischen Mamsellen befindlich ist, ein einziges Wörtchen angetroffen wird. Mariane hatte von Jugend auf eine große Sorgfalt für ihre eigene Person getragen. Sie hielt sich überaus reinlich in Kleidung und Wäsche. Sie hatte die natürliche Gabe, allen weiblichen Putz sogleich nach dessen Bestandtheilen zu übersehen, also auch ihn nachzumachen, nach ihrem Geschmacke zu verbessern, und neuen zu erfinden. Sie gebrauchte sich dieses Talents auch jetzt. Wenn ihre Fräulein besonders fleißig und gehorsam waren, so belohnte sie ihren Fleiß mit einem nach neuer Mode gestecktem Kopfzeuge, oder anderm Frauenzimmerputz, den sie so zu wählen wuste, daß dadurch derselben natürliche gute Leibesgestalt mehr erhoben ward. In kurzer Zeit war ihr ganzer alter Putz mit neuem nach dem besten Geschmacke verwechselt. Den scharfsinnigen Augen der Frau von Hohenauf konnte diese Veränderung nicht entgehen, und sie bemerkte sie mit so großem Wohlgefallen, daß sie es Marianen, wegen ihrer Geschicklichkeit im Putzmachen zu vergeben anfing, daß sie die Seelen ihrer Fräulein bilden wolte. Noch grösser ward die Gunst, als Mariane, durch so glücklichen Erfolg aufgemuntert, es wagte, für die Frau von Hohenauf selbst zu arbeiten, die bisher ihren sämtlichen Putz aus der ersten Quelle, aus Paris , verschrieben hatte. Sie brachte eine Comete aux Zephyrs Unmodischen Lesern und Leserinnen sey kund, daß dies eine Art eines kleinen Kopfzeuges ist, das, glaubwürdigen Nachrichten zufolge, im Winter 1772/1773 wieder sehr stark getragen wird. Es ist zu hoffen, niemand in Deutschland werde so barbarisch-unwissend seyn, nicht zu wissen, daß ein Comet ein kleiner Kopfputz ist, unter welchem ganz frisirte Haare getragen werden. Aux Zephyrs aber heißt dieser Comet, weil daran hinterwärts gewisse haarigte Zierrathen, (denen die in der Putzmachersprache Chenilles oder Raupen heissen, etwas ähnlich) frey herunter hangen, mit denen die angenehmen Zephiren, sehr leicht spielen könnten, wenn sie nur im Winter weheten. zustande, die in der nächsten Assemblee ein großes Aufsehen unter den Damen machte, und in der ihre Gönnerin wenigstens um sechs Jahr jünger aussahe. Man kan leicht denken, daß dieses wichtige Verdienst, Marianens Talente zur Erziehungskunst in ein neues Licht werde gesetzt haben. Man setze hinzu, daß Mariane die Fräulein, die vorher in ihrer Kleidung sehr nachlässig ja wohl gar unreinlich gewesen waren, durch ihr eigenes Beyspiel, zu der Frauenzimmern so anständigen Nettigkeit im Anzuge gewöhnte. Man setze hinzu, daß sie die jugendliche Wildheit der Fräulein, die an das was wohlanständig ist, noch nie einen Augenblick gedacht hatten, durch kleine leutselige Erinnerungen bis zu der kindlichen Freymüthigkeit mäßigte, die mit Bescheidenheit und Sanftmuth sehr wohl bestehen kann. Man setze endlich auch hinzu, daß die Fräulein, wenigstens in ihrer Mutter Gegenwart, beständig französisch redeten, und in ihrer Fertigkeit in dieser Sprache sichtlich zunahmen; und man wird begreifen, daß die Frau von Hohenauf im zweyten Monate, mit ihrer französischen Mamsell, weit mehr zufrieden war, als im ersten. Wenn sie ja an den Fräulein etwas fand, das sie für bas und für bourgeois hielt, so nahm sie sich die Mühe, ihnen selbst darüber einen Verweis zu geben. Sie setzte zuweilen die nachsichtsvolle Anmerkung hinzu, daß man freilich von ihrer Mamsell nicht alles fodern könnte, weil sie nicht de qualité sey, wodurch sie in gedrungener Kürze, zugleich Marianen tadelte, und ihren eigenen Vorzügen ein verbindliches Compliment machte. Dritter Abschnitt. In dem dritten Monate von Marianens Aufenthalte bey der Frau von Hohenauf, traf derselben Neffe, der Sohn des Tuchhändlers Säugling, bey ihr ein. Die Bedienten wurden befehligt, ihn Ew. Gnaden zu nennen, und sie stellte ihn allem benachbarten Adel, unter dem Nahmen des Hrn. von Säugling vor. Dieser junge Mensch war mit seinen Universitätsstudien halb fertig, denn er hatte schon zwey Jahre auf einer Universität zugebracht, und es kam nur noch darauf an, daß er ein oder zwey Jahre auf einer andern zubrächte, wohin ihn sein Vater den künftigen Frühling mit einem neuen Hofmeister senden wollte, den er ihm selbst ausgesucht hatte. Indessen wollte er sich mit Genehmhaltung seines Vaters, den Winter über auf seiner Schwester Gute aufhalten. Weil sie von Adel war, und mit dem benachbarten Adel viel Umgang hielt, welchem sie den Ton gegeben hatte, den Aufenthalt auf dem Lande, nicht mit ländlichen Vergnügungen, sondern nach städtischer Etikette, mit Besuchen, Gastmahlen, Assembleen, Spielpartien und Bällen, zuzubringen; so glaubte er, bey ihr Kenntniß der großen Welt zu erlangen und alles was sich noch etwa von Schulstaube an ihm finden möchte, rein abzuschütteln. Dieses Schulstaubes konnte an ihm auch nicht so gar viel seyn, denn er hatte als ein reicher Jüngling sich nicht auf Brodstudien gelegt, und noch weniger sich mit den alten Sprachen und mit den trocknen Lehrgebäuden der speculativen Wissenschaften beschäftigt; sondern seine Studien waren lachend und reizend und bestanden in Collegien über die schönen Wissenschaften, und in fleißigem Lesen aller deutschen Poeten sonderlich derjenigen, die Freude, Wein und Liebe besungen haben. Er hatte überdies französisch, engländisch und italienisch gelernt, und hatte in diesen Sprachen alle Poeten und die besten Kritiker gelesen. Er hatte sehr viele Gedichte an Phillis und Doris gemacht, und dies blieb noch beständig, nebst der Sorge für seinen Anzug, seine vornehmste Beschäftigung. Er hielt sehr viel von seiner eignen kleinen Person, die daher auch beständig geputzt, geschniegelt, und auf vier Nadeln gezogen war. Er gefiel sich selbst sehr wohl, nächst diesem aber war sein hauptsächlichstes Augenmerk, dem Frauenzimmer zu gefallen. Er vermied möglichst alle Gesellschaften, worin bloß Mannspersonen waren. In vermischten Gesellschaften saß er allemahl einem Frauenzimmer zur Seite, und wenn er wählen konnte, allemahl bey der, die den sanftesten Blick hatte. Er bewunderte, um Bekanntschaft zu machen, ihre Arbeit, die sie eben verfertigte, lobte ihr wohl gestecktes Demi-ajusté, Weil zu vermuthen ist, daß eher Buchgelehrte, als Gens du bon ton dieses Werk lesen werden, so müssen, der beklagenswürdigen Unwissenheit der erstern zu Liebe, hier schon einige Wörter erklärt werden, die sonst jedermann versteht, dès qu'il entre dans le monde. Ein Bonnet à demi ajusté ist ein Kopfzeug, unter dem eine Dame halb frisirt seyn muß. Ein Assassin ist nichts als ein Schönpflästerchen, das aber seiner Größe wegen, wenn ein gemeines Schönfleckgen verwundet, gar wohl todtschlagen kann. Ein Postillion d'Amour ist eine große Brustschleife von Band, welche weder Pferd noch Horn hat. Eine Respectueuse ist eine Bedeckung des Busens, mit Spitzen, Filet und anderm durchsichtigen Zeuge, die vermuthlich den Namen davon führt, weil sie nicht Ehrfurcht veranlaßt. und sagte ihr über einen Assassin tausend artige Sachen. Von da gieng er unvermerkt zum Erforschen ihres Verstandes über. Er sagte ihr mit sanftlispelnder Stimme, er sehe die kleinen Amorn und Amoretten auf ihrem Postillion auf und niedersteigen, und sich unter den Falten ihrer Respectueuse verbergen, oder andere dergleichen niedliche Imaginatiönchen. Wenn er nun merkte, daß sie Verstand und Geschmack genug hatte, mit seinen lieblichen Empfindungen zu sympathisiren, so fing er gemeiniglich an zu stammlen, sahe etwas schaafmäßig aus, und langte aus seiner Tasche einige von seinen Gedichten, die er ihr vorlas, und von Zeit zu Zeit mit seitwärts schielenden Augen, die Wirkung seiner Geistesfrucht, zu erforschen suchte. Erhielt er ein ruhiges Gehör, und durch einen lächelnden Mund und sanftes Kopfneigen einen gütigen Beyfall, so hatte er ein vergnügtes Tagewerk gehabt. Empfing er aber eine laute Bewunderung, bat man sich eine Abschrift des Gedichts aus, oder bemerkte er gar, daß der Busen seiner Zuhörerin sich zu einem Seufzer empor hob, oder daß sie aus blauen Augen, (denen er, als seinem eigenen schmachtenden Charakter am gemäßesten, vor allen andern den Vorzug gab,) einen empfindenden Blick auf ihn schießen ließ, so zerfloß er in sanften Empfindungen, überließ sich ganz einer zerschmelzenden Zärtlichkeit, und war von dem Augenblicke an, der Sclave der Schönheit, die, was er gedacht hatte, so gut zu empfinden wuste. Er holte aus der Begeisterung ihrer Augen, Stoff zu neuen Gedichten, und je mehr ihm diese gefielen, desto mehr gefiel ihm die Schöne die sie veranlaßt hatte und an die sie gemeiniglich gerichtet waren. Doch so zärtlich seine Liebe war, so pflegte sie doch nicht allzulange zu dauren; nicht als ob er unbeständig gewesen wäre, sondern weil der Gegenstand seiner Zärtlichkeit gemeiniglich, nach einiger Zeit, seine Gedichte nicht mehr so feurig verlangte, und wohl gar unvermerkt seine Gesellschaft zu vermeiden suchte. So bald er dies merkte, ward er sehr traurig, klagte den Wäldern und den Fluren sein Leiden, tröstete sich aber, wenn ihm ein zärtliches Liedchen über die Untreue seiner Chloris gelang, und fand gemeiniglich um diese Zeit eine andere Zuhörerin, mit der er eben denselben Roman von vorn an spielte. Dieser kleine Mann schien freilich denjenigen, die nicht ganz seine zuckersüßen Empfindungen nach empfinden konnten, etwas ungeschmackt, aber er war sonst das unschädlichste Geschöpfchen unter der Sonne. Er that nie etwas böses, war nachgebend, gefällig, mitleidig und gutherzig, beleidigte kein Kind, und beleidigt, war er nie geneigt sich zu rächen, kurz er war aller guten Eigenschaften fähig, zu denen nicht nothwendig Stärke des Geistes erfordert wird. Wenn es wahr ist, daß die schönen Wissenschaften, die Herzen ihrer Liebhaber erweichen, so waren sie es vermuthlich, die seine Seele so breyweich gemacht hatten, daß sie einer herzhaften That, oder einer lebhaften Entschließung, so wenig im Guten als im Bösen fähig war. Die lebhafteste Empfindung in seiner Seele, war immer die Begierde, seine Gedichte und besonders vom Frauenzimmer gelobt zu sehen. Dieser Absicht wegen war sein Kleid immer nach der neuesten Mode geschnitten, sein seidner Strumpf milchweiß, und seine Spitzenmanschetten caffebraun gewaschen, dieser Absicht wegen sagte er zuerst seinen Nachbarn und Nachbarinnen verbindliche Dinge vor, war gefällig, nachgebend, kam jedermann mit Höflichkeit zuvor, und pries mit gleicher Behendigkeit, bey den modischen Schönen das Putzwerk, bey den tugendhaften die Tugend, und bey den witzigen den Witz. War er aber gleichwohl so unglücklich, seine Absicht nicht zu erlangen, so war er viel zu bescheiden, als daß er darüber jemand anders, als den stillen Wänden sein Leid geklagt hätte, und zu gutherzig, als daß er diejenigen, denen seine Gedichte nicht gefielen, gehasset hätte. So bald er nur wirklich merkte, daß jemand seine Gedichte beschwerlich waren, so drang er sie ihm nie auf, sodaß, wenn er jemand zur Last fiel, es sicherlich ohne sein Wissen geschah, denn seine Absicht war allemahl, Vergnügen und Zufriedenheit, die er in so großem Maaße in sich selbst fand, durch seine Gedichte auch um sich herum zu verbreiten. Vierter Abschnitt. Ein Mann, der sich so wie Säugling auf die Verdienste des schönen Geschlechts verstand, mußte Marianen unter dem übrigen im Hause vorhandenen Frauenzimmer, sehr bald vortheilhaft unterscheiden, zumahl da sie, gleich ihrer Mutter Wilhelmine, bey schwarzen Haaren, die schönsten hellblauen Augen hatte. Es konnte ein solcher Kenner, keine von den übrigen Frauenzimmern mit ihr nur in Vergleichung stellen; denn die Frau von Hohenauf hatte große graue Augen mit langhaarigten Augenbramen, das Kammermädchen besaß ein paar flachgeschlitzte Augen, aus deren Winkeln beständig ein paar matte rothgelbe Augäpfel liebäugelten, die kleinen Fräulein waren noch allzu jung, und die übrigen weiblichen Geschöpfe waren unter der Notiz eines feinen Mannes wie Säugling. Hiezu kam, daß bey der ersten Unterredung Mariane untrügliche Kennzeichen ihres guten Geschmacks merken ließ, wodurch Säugling Herz bekam, ihr ein Gedicht vorzulesen, welches Mariane mit so großem Beyfalle anhörte, und dessen Schönheiten so fein hervorzusuchen wußte, daß das kleine Männchen vor Entzücken ausser sich war. Dies veranlaßte eine nähere Bekanntschaft, in der Säugling bald Marianens, vor der Frau von Hohenauf bisher so geheim gehaltene, Bibliothek von guten deutschen Büchern entdeckte. Er erstaunte nicht wenig, eine Französinn so aufmerksam auf die deutsche Litteratur zu finden. Da er gewohnt war, alles was er sahe auf seine kleine Person zurück zu führen, so fiel er schnell darauf, wie möglich es sey, (wenn er, wie er zuverläßig hoffte, unter den guten Dichtern Deutschlands einen Platz verdienen würde,) daß sein Ruhm auch ausser Deutschland sich ausbreiten, daß seine Gedichte ins französische übersetzt, und von den Damen an allen Höfen Europens gelesen werden könnten. Er wußte es Marianen Dank, daß sie zuerst eine so schmeichelhafte Hofnung in seiner Seele erreget hatte, und dies zog das Band der angefangenen Bekanntschaft noch fester zusammen. Mariane, auf ihrer Seite sahe ihn auch gern; denn er war ein feiner und bescheidener junger Mensch, der sie mit den schönen Wissenschaften, zu denen ihr die Neigung mit der Muttermilch war eingeflößt worden, angenehm unterhielt; ausserdem war er die erste Mannsperson, die ihr gesagt hatte daß sie schön sey, und daß ihre blauen Augen mit sanfter herzrührender Kraft wirkten, und auch das sittsamste und philosophischste Frauenzimmer pflegt eine solche Nachricht, aufs höchste mit einem kleinen Verweise zu bestrafen. Die Kenner wollen bemerkt haben, daß die Vereinigung zwischen zwey jungen Personen zweyerley Geschlechts selten ganz stille stehen bleibe, und nicht allein beständig unvermerkt fortzurücken pflege, sondern auch zuweilen, durch einen ganz kleinen Umstand, mit einem so starken Sprunge fortschreite, daß diejenigen, denen das verborgene Ding, das menschliche Herz, nicht genau bekannt ist, glauben, es geschehe durch eine Art von Zauberey. Dies war der Fall mit Säuglingen und Marianen, die bey einer unvermutheten, und dem Anscheine nach, ganz geringen Veranlassung, von einer bloßen Bekanntschaft und wechselseitigen Hochachtung zur Freundschaft übergiengen. Es fiel in den Wintermonaten der Geburtstag der Frau von Hohenauf ein. Mariane hatte im Sinne, eine gewisse Absicht durchzusetzen, womit einige Schwierigkeiten verknüpft waren; dies brachte sie, zum erstenmahl in ihrem Leben, auf den Gedanken, ihren Zweck durch einen Umweg zu erreichen, und in dieser Absicht sann sie ein kleines Fest aus, mit dem dieser Geburtstag solte gefeyert werden. Sie theilte ihre Gedanken Säuglingen als einem Poeten mit, der ganz entzückt darüber war, einen Anlaß zu haben, seine Talente im Dramatischen zu zeigen, da er bisher nichts als kleine Liederchen gemacht hatte. Er machte einen Plan zu einem mythologisch-historischen Schäferspiele von dreyen Personen, der Marianens Beyfall erhielt. Hierauf waren alle insgeheim sehr geschäftig, Säugling, sein Spiel in Verse zu bringen, die Kinder, sie zu lernen, und Mariane, für Fräulein Adelheid die Tracht einer Nymphe, und für die jüngste Fräulein und den kleinen Sohn des Predigers im Dorfe, Schäferkleider zu verfertigen. Als der Tag erschien, und die zu diesem Geburtsfeste aus der ganzen umliegenden Gegend zusammengebetenen Standespersonen von der Mittagstafel aufgestanden waren, wurden sie unter einem andern Vorwande in das Orangeriehaus geführet. Hier wurden sie durch eine Symphonie überrascht, und der Schauplatz öfnete sich. Er stellte entweder die elisäischen Felder oder die hesperischen Gärten vor, und bestand aus acht großen blühenden und Früchtetragenden Pomeranzenbäumen, die Hinterwand aber war von dem Gärtner mit Wintergrün und Blumenkränzen zusammengesetzt. Die Kinder traten auf, an deren Putze Mariane ihren ganzen Geschmack, und an deren Köpfen Picard seine ganze Kunst erschöpft hatte. Dies machte, daß das Spiel den Beyfall der Frau von Hohenauf erhielt, wozu auch nicht wenig beitragen mochte, daß sie darin als eine Göttin, und ihr Geburtstag als ein Götterfest vorgestellt war. Die ganze Gesellschaft ertheilte einen lauten Beyfall, und da die Kinder nach Endigung des Spiels in ihrem Anzuge vom Theater herabstiegen, wurden sie von jedermann mit Liebkosungen überhäuft. Die Frau von Hohenauf that desgleichen. So wie sie alle Dinge aus ihrem eigenen Gesichtspunkte betrachtete, so konnte sie nicht genug bewundern, wie natürlich der Schäferhabit dem kleinen Pastorsohne stände, aber sie fand, daß eben diese Art von Kleidung ihr jüngstes Fräulein verstellte, ob sie gleich, mit einem gnädigen Kopfneigen gegen Marianen, bemerkte, daß die Arbeit daran sehr artig wäre. Fräulein Adelheid hingegen in ihrer von Zindel und Flittern glänzenden Nymphentracht hatte ihren ganzen Beyfall. Sie umarmte sie, und spielte mit ihren langgezogenen über den Busen gelegten falschen Locken, die ihr prinzessinnenmäßig vorkamen. »Dieser majestätische Anzug schickt sich besser für ein Fräulein deines Standes, sagte sie, als das Schäferkleid deiner Schwester. Die kleine Adelheid, die ihrer Schwester den leichten fliegenden Anzug und die in halb geflochtenen Zöpfen hinterwerts herabfallende Locken beneidet hatte, schlug die Augen nieder, und durfte nicht widersprechen. »Nicht wahr, mein Kind, fuhr die Mutter fort, nicht wahr, ein Schmuck von Juwelen, würde dir besser stehen, als dieser schlechte Blumenkranz?« »Ach nein gnädige Mama, er würde doch nicht so schön riechen als die Blumen.« »Einfältiges Kind! was ist Geruch gegen Glanz? Du hast gespielt wie ein Engel, ich muß dich dafür belohnen; – eine Zitternadel. –« Hier erinnerte sich die kleine Adelheid einer Rolle, die ihr, ausser der von Säuglingen aufgeschriebenen, von Marianen mündlich aufgetragen war. Es hatte ein armer Pachter eines Bauerguts auf des gnädigen Herrn Wildbahn geschossen. Der Jäger hatte ihm das Gewehr weggenommen. Seit sechs Wochen lag er im Gefängnisse, und man machte ihm den Proceß, um ihn an die Karre schmieden zu lassen. Indessen da der Wirth und Versorger des Hauses fehlte, schmachteten seine Frau und fünf Kinder im Elende. Die gutherzige Mariane hatte ihnen so gut sie konnte beigestanden. Sie hätte auch gern für den armen Gefangenen eine Vorbitte eingelegt, aber sie empfand, mit wie weniger Hofnung des Erfolgs sie dieses wagen dürfte. Sie hatte daher zuerst darauf gedacht, dieses Fest anzustellen, um dabey Gelegenheit zu haben, durch Fräulein Adelheid, die der Liebling ihrer Mutter war, die Loslassung des Gefangenen zu bewirken. Sie hatte ihr die Worte in den Mund gelegt, die sie sagen sollte, wenn ihre Aeltern, durch das Vergnügen des Festes in gute Laune gebracht, das Herz dem Mitleid zu öfnen geneigter seyn möchten. Fräulein Adelheid hatte also kaum gehört, daß sie für ihr Spielen belohnt werden solte, so ergriff sie diese Gelegenheit begierig, fiel ihrer Mutter zu Füßen und rief aus: »Ach gnädige Mame! wenn sie mich belohnen wollen, so lassen Sie mich selbst die Belohnung wählen; Geruhen Sie, mir eine einzige Bitte zu gewähren; schlagen Sie mir nicht ab, was ich Sie bitten will.« »Was verlangst du, mein Kind? Ich kan dir nichts abschlagen.« »O meine gnädige Mama! so erbarmen Sie sich einer armen Frau und fünf Kinder, alle noch viel kleiner, viel unerzogener als ich, und die die Hülfe ihres Vaters so nöthig haben. Bitten Sie den gnädigen Papa, daß er den armen Jacob loslasse, der im Gefängnisse liegt; geben Sie das Geld für die Zitternadel die Sie mir zugedacht haben, seiner armen Frau und Kindern.« »Fräulein, sagte die Frau von Hohenauf, mit einem Angesicht voll kalter Würde, – was geht mich und dich das Diebsgesindel an?« »Ach gnädige Mama! wenn Sie sehen sollten, wie elend die Leute sind; wie sie an allem Mangel leiden was wir im Ueberflusse haben, wie sie frieren, wie sie hungern, wie drey von den Kindern auf elendem Strohe krank liegen.« »Mädchen, woher kanst du dies wissen?« »Ach, ich habe es gesehen, liebste beste Mama, ich habe es selbst gesehen.« »Gesehen? Ich erstaune ganz; wie kommst du mit dem Lumpenpacke zusammen, gleich gestehe es mir, ich will es wissen.« Fräulein Adelheid stamlete, und blickte Marianen an, die die Augen niederschlug; die Frau von Hohenauf wiederhohlte ihren Befehl, und das Fräulein beichtete: »Ach meine Mamsell hat mich hingeführt. Sie glauben nicht, gnädige Mama, wie gut sie ist; sie hat die armen Leute schon seit sechs Wochen erhalten, daß sie nicht vor Hunger und Frost umgekommen sind. Ach ich habe auch gern mein ganzes Spargeld hingegeben, mehr konnte ich nicht, aber Sie gnädige Mama, können mehr; Sie können die Kinder glücklich machen, wenn Sie den Vater loslassen.« »So, Mademoiselle! sagte die Frau von Hohenauf, indem sie Marianen mit unbeschreiblicher Würde über die linke Achsel ansahe, sie führt meine Fräulein in schöne Gesellschaft, um Lebensart und Monde zu lernen.« »Ach gnädige Mama –« »Schweig still, das verstehst du nicht. Dies sind Diebe, die deines Vaters Forsten bestohlen haben, sie müssen hart gestraft werden, damit sich das andere Gesindel daran spiegele.« »Ach der arme Jacob verspricht Besserung, er will künftig lieber hungern, als Wild schießen. Aber gnädige Mama, die Kinder, die armen kleinen Kinder hatten nichts zu essen.« »Schweig! um solch Lumpengesindel must du dich nicht bekümmern.« »Ach liebste Mama! rief Fräulein Adelheid schluchzend, es sind Gottes Geschöpfe, Menschen wie wir, – und unglücklich! –« »Fi Fräulein! Ist das auch eine von den schönen Lehren, die dir deine Mamsell giebt? Menschen wie du? Du bist von Stande, die Bauern sind weit unter dir; sage mir nicht ein Wort mehr hievon.« »Ach gnädige Mama! Sie bauen ja das Getraide, das wir essen. – Mein Großpapa ist ja auch ein Pachter gewesen, erbarmen Sie sich – Großpapa ist ja auch wohl arm gewesen, ehe er reich ward.« – – Eine derbe Ohrfeige von der Hand der in äußerste Wuth gesetzten Mutter, unterbrach das gute Kind. Die Frau von Hohenauf kannte sich beynahe selbst nicht vor Zorn. Sie hatte bisher dies wichtige genealogische Geheimniß jedermann so viel wie immer möglich verborgen, und hier ward es öffentlich, in einer grossen Gesellschaft von thurnier- und stiftsfähigem Adel beiderlei Geschlechts, ausgeplaudert. Dis war freilich ein niederschlagender Vorfall, zumahl da in dem Gesichte mancher Umstehenden, denen das Bewustseyn von sechszehn reinen Quartieren ein gutes Gewissen gab, einige Mienen zu spüren waren, die ein wenig Schadenfreude über diese Demüthigung einer mesalliirten Familie zu erkennen gaben. Die Frau von Hohenauf wollte noch eine Minute Contenance halten, und fragte das Fräulein mit zorniger Miene, »wer ihr solch dummes Zeug in den Kopf gesetzt hätte?« Das Kind konnte auf wiederholtes Befragen nicht läugnen, daß ihr ihre Mamsell diese Nachricht gegeben. Dies brachte die Frau von Hohenauf aufs neue in Wuth. Sie befahl Marianen, ihr den Augenblick aus den Augen zu gehen, stieß das Fräulein von sich, und würde ihr vielleicht nochmahls übel begegnet haben, wenn sie nicht die umstehende Damen in Schutz genommen, und der Frau von Hohenauf durch allerhand Gründe zugeredet hätten, dem Kinde ein unbedachtsames Wort zu vergeben, und einem so vergnügten Tage zu gefallen, vielmehr ihre Bitte zu gewähren. Aber die Frau von Hohenauf ward durch diese Vorstellungen sehr wenig besänftigt, ob sie gleich sich zwingen und mit verbißnen Lippen höfliche Antworten geben mußte. Endlich wendete sich die Gräfinn von *** die unter den Vorbitterinnen sich am geschäftigsten erwiesen hatte, an den Herrn von Hohenauf, der bey der ganzen Scene noch nicht ein Wort zu äußern sich getrauet hatte: Sie bat ihn, dem Geburtsfeste seiner Gemahlinn zu Ehren, den Gefangenen loszulassen. Der Herr von Hohenauf, mit eiskaltem Schweiße vor der Stirne, konte mehr nicht, als ein gestammeltes »In der That – meine gnädige Gräfinn« – – hervor bringen. Es war ihm wirklich gleich unmöglich, einer Dame von solchem Stande eine so kleine Bitte abzuschlagen, als wider den so ausdrücklich erklärten Willen seiner Gemahlin etwas zu thun. Die Gräfin, die ihren Mann sogleich übersahe, wendete sich abermahl an die Frau von Hohenauf, nahm sie bey der Hand, und sagte mit liebreizender Miene: »Die Göttinnen können nicht Rache halten, sondern lieben die Vergebung. Kein Götterfest kan ohne Wohlthun vollbracht werden. ich fodere den Gefangenen von Ihnen als ein Desert bey der Abendtafel, wollen Sie uns ohne Desert lassen nach Hause fahren?« Die Frau von Hohenauf hatte unter diesen Reden Zeit gehabt, sich zu besinnen, was der Anstand erfoderte. Sie sagte also mit einer etwas gezwungenen verbindlichen Miene: »Sie verlangen von mir eine Sache, wider die ich gar nichts einzuwenden habe, sondern die bloß von dem Herrn von Hohenauf abhängt. Der ist Erb- Lehns- und Gerichts-Herr« – »Nun mein gnädiger Herr von Hohenauf – sagte die Gräfinn, indem sie sich zu ihm wendete, habe ich eine Fehlbitte gethan?« Dieser, der mit einemmahl wieder tief frische Luft schöpfte, welches er in einer halben Viertelstunde nicht gethan hatte, machte einen sehr tiefen Reverenz, und murmelte einige Worte her, die ob sie gleich unverständlich waren, doch nichts anders als seine Einwilligung bedeuten konnten. Sobald die Gräfinn davon gewiß war, so riß sie Säuglingen, der über den großen Lärmen voll Todesangst da gestanden hatte, den Hut aus den Händen, warf einige Carolinen hinein, und gab ihn ihm zurück. Dieser, erfreut über den Wink ahmte ihr nach, und ging mit dem Hute in der Hand zu allen anwesenden Gästen, in der ehrenvollen Beschäftigung für bedürftige Unglückliche eine Beysteuer zu sammlen, schämte sich auch nicht, aus Freuden über den glücklichen Ausgang einer Sache, über die ihm von Anfang an das Herz geklopft hatte, manche Thräne fließen zu lassen, worin ihm die Gräfinn und noch mehrere schöne Augen Gesellschaft leisteten. Indem dieses geschahe, führte die Gräfinn die zitternde Fräulein Adelheid zur völligen Versöhnung in ihrer Mutter Umarmung, und erhielt auch mit einiger Mühe, für Marianen die Erlaubniß, daß sie wieder erscheinen, und durch Küssung des Rocks die Frau von Hohenauf um Vergebung bitten durfte, daß sie menschlich gedacht hatte. Die Gesellschaft gieng darauf in den großen Saal, um sich zum Spiele zu setzen. Säugling aber, der sich ein viel süßeres Vergnügen vorbehalten hatte, schlich nach dem Hinterhofe, ließ einen Wagen anspannen, erlösete den ganz betäubten Jacob aus dem Gefängnisse, führte ihn selbst wieder zu seiner bisher verlassenen Familie, und schüttete die ansehnliche Summe, die er für sie gesammlet hatte, in den Schooß der Hausmutter aus, die bey so vielem Glücke das auf so viel Unglück so schnell folgte, vor Freuden stumm war. Er genoß das Glück, das Haus des Elends und des Klagens, in ein Haus der Freude verwandelt zu sehen, genoß den stammlenden Dank des Hausvaters und der Hausmutter, empfand den Druck der kleinen Hände der beiden Kinder, die sich an seine beiden Seiten hiengen und seine Hände mit ihren Thränen netzten, und neigte sich liebreich zu den lallenden kleinen Kranken, die von ihren Aeltern ermuntert, von ihrem Strohlager ihre matten Hände empor zu heben suchten, um ihrem Wohlthäter zu danken. Er hätte sehr gern Marianen mitgenommen, um sie diese süße Scene, die Frucht ihrer menschenfreundlichen Anlage mitgeniessen zu laßen, wenn er nicht die Denkungsart seiner Tante zu genau gekannt hätte. Er hatte ein für schöne Handlungen empfindliches Herz, und obgleich seine kleine Eigenliebe nicht ermangelte, ihm darüber ein Compliment zu machen, daß durch sein Drama dieser Endzweck erreichet worden: so war er doch durch Marianens großmüthige Gesinnungen, deren ganzes Verdienst um die unglückliche Familie er itzt erst in seinem ganzen Umfange erfahren hatte, mit so großer Hochachtung gegen sie erfüllet; daß er bey seiner Zurückkunft sogleich in ihr Zimmer stieg, und ihr, nachdem er ihr von seiner kurzen Fahrt Bericht erstattet hatte, alle Lobsprüche sagte die die warme Empfindung einer guten That eingeben kann, daß er sie als die schönste Seele pries, als die Ehre ihres Geschlechts, die ihrer Tugend wegen das glücklichste Schicksal verdiente. Mariane, von allem Eigendünkel weit entfernt, aber voll von dem heitern Vergnügen, welches ein edelgesinntes Gemüth beym Wohlthun empfindet, sagte: »Loben Sie mich einer Kleinigkeit wegen nicht allzusehr. Ich habe nur eine sehr gemeine Pflicht beobachtet. oder glauben Sie, daß eine weibliche Seele nicht so leicht solcher Empfindungen fähig sey, die billig ein jeder Mensch haben sollte.« Indem sie dieses sagte, warf sie, ohne es selbst zu wissen, auf Säuglingen einen Blick, der seine ganze Seele traf. Diejenigen, auf die jemals ein solcher Blick geworfen worden, versichern, daß er tief empfunden werde, aber daß sich seine Wirkung nicht beschreiben lasse. Der sel. Professor Stiebritz würde ihn vielleicht folgendermaßen definirt haben: »Es sey ein Blick gewesen, durch welchen auf einmahl Säuglings symbolische Kenntniß von Marianens Vollkommenheiten, anschauend geworden sey.« So viel ist gewiß, daß von diesem Augenblicke an, mit seiner Hochachtung für Marianen, eine wahre Freundschaft verknüpft ward. Wann nun, wie man sagt, die Freundschaft zwischen Personen zweyerley Geschlechts, sehr bald einen viel zärtlichem Namen zu verdienen pflegt, so ging in diesem Augenblicke in Säuglings Herzen eine Veränderung vor, deren ganze Wichtigkeit er erst in der Folge spürte. Fünfter Abschnitt. Wenige Tage darauf, brachte Säugling ein Gedicht auf die Errettung des armen Pachters zu Stande, welches an Marianen gerichtet war, und worin er ihr Lob sehr klüglich mit dem seinigen verbunden hatte. Mariane las dieses Gedicht mit Wohlgefallen. Es war mit einer Säuglings Liedern sonst ungewohnten Wärme des Herzens geschrieben, womit ihr Herz so sehr sympathisirte. Auch ihr Lob las sie mit einem geheimen Vergnügen. Wenn es einem jungen Frauenzimmer überhaupt leicht zu vergeben war, daß sie sich von einem artigen und witzigen jungen Menschen nicht ungern loben ließ; wie viel eher war ihr dies zu verzeihen, wenn sie fühlte, daß sie mit Wahrheit, und über eine aus der unbescholtensten Neigung fließende That gelobt wurde. Dies war der Anfang einer nähern Bekanntschaft zwischen beiden. Sie gingen oft, bey den ersten Blicken der Sonne nach dem Winter, im Garten zusammen spazieren. Ihre Lectur war ihnen gemeinschaftlich. Säugling las ihr seine Gedichte vor, hörte mit innerer Zufriedenheit ihren Beifall, und ließ sich auch ihre Verbesserungen, die sie ihm mit grosser Bescheidenheit, aber aus der feinsten Empfindung gezogen, zuweilen an die Hand gab, sehr wohl gefallen. Kurz er betrachtete sie als eine Muse, die ihn zu neuem Schwunge seiner Gedichte begeistern konnte, sie ihn aber, als einen angenehmen Gesellschafter, der sie mit Lectur und mit Gesprächen unterhielt, die ihrer Neigung gemäß waren. Von Anfange an hatten beide bey ihrem vertrauten Umgange, keine andere als diese Absicht. In kurzem aber verlohr sich Säugling, der Marianen beständig mit großer Inbrunst angaffte, und täglich an ihr neue Schönheiten des Körpers und des Geistes entdeckte, ganz in ihre Vollkommenheiten. Er empfand, er wuste nicht was, und betrug sich dabey, er wuste nicht wie. Sein Geist erblickte Marianens Schönheit, Tugend und Vollkommenheit, im herrlichsten Glanze, und mitten in diesem Anschauen, entdeckte er neue Schönheit, Tugend und Vollkommenheit; so daß er endlich davon ganz geblendet ward. Er ward trübsinnig und ängstlich in seinem Betragen, und weil Mariane, der wahren Ursach unwissend, ihn zuweilen in einem Anfalle von lustiger Laune darüber ein wenig aufzuziehen pflegte, so gerieth er in noch größere Verlegenheit, und trauete sich nicht, von seinen Empfindungen nur ein Wörtchen zu sagen. Er nahm seine Zuflucht zur Dichtkunst, und ließ in die Gedichte, die er Marianen vorlas, oder sie selbst lesen ließ, unvermerkt ganz kleine Züge seiner Empfindung einfliessen, aber mit so vieler Zurückhaltung, als ein so furchtsamer Mensch, furchtsamer Poet, und furchtsamer Liebhaber, wie er war, nur haben konnte. Mariane las über alle diese feinen Züge mit größter Freymüthigkeit weg, entweder weil sie sie nicht bemerkte, oder nicht zu bemerken Lust hatte. Säugling wuste nicht, was er beginnen sollte, ward noch ängstlicher in seinem Betragen, verehrte Marianen stillschweigend mit doppelter Ehrerbietung, kam allem ihrem Begehren aufs dienstwilligste zuvor, hielt sich sehr belohnt, wenn er einen lächelnden Blick von ihr erhielt, oder in Ermangelung dessen, war es schon Seligkeit, wenn er sie nur sehen, und mit schweigender Zärtlichkeit aus ihren Augen die Nahrung seines Daseyns ziehen konnte. Es ist leicht zu erachten, daß er alle Gelegenheiten, in Marianens Gesellschaft zu seyn, werde mit Sorgfalt aufgesucht haben, aber er muste hiebey sehr behutsam zu Werke gehen. Er war mit den Gesinnungen der Frau von Hohenauf so genau bekannt, daß er schon zitterte, wenn er nur daran gedachte, daß sie von seiner Zuneigung zu Marianen etwas merken könnte. Mariane war ohnedies seit dem unglücklichen Geburtsfeste, ob ihr gleich die Frau von Hohenauf, dem Anscheine nach vergeben hatte, noch in Ungnade. Es halfen keine reichen Garnituren, mit denen sie die Kleider der gnädigen Frau schmückte, kein neuer Kopfputz nach dem letzten Geschmacke gesteckt, nicht dreifache Manschetten von den feinsten Netzchen, die ihre kunstreiche Hand, mit Blumen von Kammertuch unterlegt, und mit fünferley Pointstichen durchbrochen hatte. So angenehm auch diese Opfer waren, mit denen Mariane den Zorn der Frau von Hohenauf versöhnen wollte; so schienen doch die Sünden, daß sie den Fräulein die bürgerliche Herkunft ihrer Mutter entdeckt hatte, und daß sie dieselben zu guten Menschen hatte erziehen wollen, ehe sie zu Hofdamen erzogen würden, aus der Classe der unvergeblichen zu seyn. Die Frau von Hohenauf beobachtete wenigstens seit der Zeit, gegen Marianen eine mehr als gewöhnliche Zurückhaltung, sie wiederhohlte die weisen Lehren, fleißig gute Romanen zu lesen und den Fräulein das Air allemand abzugewöhnen, noch öfter als vorher. Daß Mariane sich unterstehen könnte, mit den Fräulein deutsche Bücher zu lesen, kam der Frau von Hohenauf so wenig in den Sinn, daß sie nicht daran dachte, das im Anfange ergangene allgemeine Verbot, abermahls zu wiederholen. Unglücklicherweise aber traf sie einst Fräulein Adelheid mit der Bestimmung des Menschen in der Hand an, die daraus ihrer Hofmeisterinn die menschlichen Erwartungen Nach der Ausgabe Leipzig 1768. S. 119. vorlas. Die Frau von Hohenauf, die durchaus nicht wollte, daß ihre Fräulein andere Erwartungen haben sollten, als geputzt, bewundert, angebetet, Hofdamen, reiche und galante Frauen zu werden, confiscirte das Buch, als deutsch, augenblicklich, und nachdem sie eine halbe Viertelstunde lang den Inhalt untersucht hatte, warf sie es mit großem Ungestüm in den Camin, als für alle Fräulein, die ihr Glück am Hofe machen wollen, höchst verderblich. Von diesem Augenblicke an, war das Vertrauen der Frau von Hohenauf zu Marianen so sehr vermindert, daß es jedermann im Hause wahrnahm. Da nun dieses Schloß vollkommen einem Hofe glich, wo dem, der in Ungnade ist, von allen Hofbedienten der Rücken zugekehret ward, so vermieden auch hier alle Hausgenossen Marianen, und Säugling, so sehr sein kleines Herz dadurch gemartert ward, muste aus Furcht Aufsehen zu erwecken oft die besten Gelegenheiten, sich mit Marianen zu unterhalten, vorbeigehen lassen. Dieser Zwang war ihm so peinlich, daß wenn er sich nicht noch durch Versmachen hätte Luft schaffen können, seine Seele, die ohnedis nicht die stärkste war, unter der Last des Stillschweigens würde unterdrückt worden seyn. Dies Stillschweigen ward ihm täglich unerträglicher, daher nahm er sich vor, es bey der ersten Gelegenheit zu brechen. An einem der ersten heitern Maytage gierig Mariane Mittags nach Tische in den Garten. Säugling folgte ihr von weitem nach, und als er vom Hause so weit entfernt war, daß er nicht bemerkt zu werden glaubte, eilte er ihr nach, um sie einzuholen. Er sahe dies für die beste Gelegenheit an, seine so lange verschwiegene Liebe zu offenbaren. Sein Herz klopfte ihm über diesem muthigen Vorhaben; je näher er zu ihr kam, desto mehr goß sich ein zärtliches Schaudern durch alle seine Glieder, und da er sie endlich erreichte, und sie stehen blieb um ihn zu bewillkommen, sahe er starr in ihre hellblauen Augen, die Zunge stammlete, der Athem fehlte ihm, und nachdem er anderthalb Minuten stillgeschwiegen hatte, sagte er: »Es ist heute wirklich recht sehr schönes Wetter!« »Die Bemerkung ist eines so witzigen Kopfes recht sehr würdig! sagte Mariane lächelnd, Sie hatten in der That das Ansehen, als ob Sie mir etwas wichtigers sagen wollten.« Säugling durch diese Antwort niedergeschlagen, sahe sie abermahls starr an, und schwieg einige Minuten lang stille. »Aber wie kommt es, fuhr Mariane fort, daß Sie eine so tragische Physiognomie annehmen? Sehen Sie, wie alles um Sie herum erfreut ist. Sehen Sie diese blaue Veilchen, wie sie hervorsprossen und angenehmen Duft verbreiten.« Hier pflückte sie einige Veilchen und überreichte sie ihm. Säugling nahm den Strauß an, betrachtete ihn, und seufzete. »Wie sind doch die schönen Geister so nachsinnend? Mich dünkt ich sehe es an ihren Augen, daß Sie denken: Ich sahe den jungen May Seine Silberglocken Hiengen um den Schlaf Als er vom Himmel fuhr, Blühten alle Wipfel, Als er den Boden trat, Ließ er Violen und Hyacinten im Fußtritt zurück.« Ramlers lyrische Gedichte, Berlin 1772. S. 266. Säugling schlug die Augen auf, und antwortete: »Ach nein! meine Seele ist zu voll, als daß ich die Schönheiten der Natur empfinden könnte.« »Ausgenommen die Schönheit des Wetters? »Spotten Sie meiner nicht. Bloß weil ich meine innigste Gedanken mich nicht zu sagen getrauete, sagte ich etwas ganz gemeines. – Ach Mariane Sie haben recht, ich hätte Ihnen etwas viel wichtigers zu sagen. –« »Nun so sagen Sie doch an! –« »Sehen Sie diese Veilchen, sie sind klein, aber verbreiten süßen Duft, die allgewaltige Kraft der Sonne lockt sie aus der Erde hervor, ohne sie würden sie weder blühen noch duften. Ach meine Mariane! Ich bin dieses Veilchen, Sie sind meine Sonne.« – Mariane erröthete, und nachdem sie eine halbe Minute Luft geschöpft hatte, sagte sie, mit niedergeschlagenen Augen: »Sie haben mich für meinen kleinen Scherz doppelt bezahlt; Ich werde mich hüten müssen, wieder zu scherzen.« »O schönste Mariane, suchen Sie nicht Scherz aus einer Sache zu machen, die mir so ernsthaft ist. Schon lange hat Sie mein Herz stillschweigend angebetet, aber nun kann ich nicht mehr schweigen. Ich muß Ihnen sagen, was ich für Sie empfinde, daß ich Ihre Schönheit, ihre Tugend verehre, – darf ich es sagen, – daß ich Sie liebe, daß ich nie aufhören werde, Sie zu lieben, daß ich –« »Was höre ich! Sie machen, daß ich mich wegbegeben muß. –« sie trat einen Schritt zurück. »Grausame! wie können Sie mich verlassen! Nein! zu ihren Füssen, wiederhole ich ihnen, daß Sie meine ganze Seele liebt, daß ich ewig –« »Ich bitte Sie, stehen Sie auf – – –« »Nein! Ich stehe nicht auf, bis Sie mein Schicksal bestimmen, bis Sie mir sagen, ob ich hoffen darf von ihnen wieder geliebt zu werden. –« »Ich bitte Sie nochmahls, stehen Sie auf, was soll man von uns denken, wenn jemand dieses Weges kommt. Sie wissen, daß ich Sie beständig geschätzt habe, so wie Sie es auch verdienen – aber Sie wissen auch selbst, unsere beiderseitige Lage ist so beschaffen, daß zwischen uns keine nähere Verbindung statt finden kann.« »Warum nicht? Warum nicht? Lassen Sie mich nur in Ihr Herz sehen, lassen Sie mich erfahren, ob es mich wieder liebt, und alle Schwierigkeiten verschwinden – Sagen Sie, schönste Mariane, ich beschwöre Sie, ob Sie mich hassen können? –« »Stehen Sie doch nur auf – Ich habe Sie nie gehasset. –« »Wie könnten Sie auch ihren zärtlichsten, ihren treusten Liebhaber hassen! Aber darf ich für die reinste, für die zärtlichste Liebe, von ihnen Gegenliebe hoffen?« – Hier küßte er ihr voll Inbrunst die Hand – Mariane erröthete abermals – »Ich bitte Sie, dringen Sie nicht ferner in mich –« »Schönste Mariane! Lassen Sie mich mein Schicksal erfahren. Darf ich hoffen, so bin ich der glücklichste Sterbliche. Fragen Sie ihr Herz, lassen Sie mich dessen Empfindungen wissen. Sie seufzen? Wie glücklich wäre ich –« »Dringen Sie nicht ferner in mich – Mein Herz hat Sie beständig geschäzt aber –« »O wie glücklich bin ich. Sie lieben mich, Schönste« – Hier küßte er abermahl Ihre Hand. Mariane zog die Hand zurück und richtete ihn auf: – »Ich bitte Sie, stehen Sie auf, und geben Sie nicht einer wilden Leidenschaft Gehör. In der Hitze derselben denken Sie, was Sie vielleicht bey kälterer Ueberlegung« – »Wie! Ich sollte untreu, ich solte unbeständig seyn? Nein, meine Schönste, bestätigen Sie mir nur, daß ich Ihre Liebe hoffen darf, und Sie sollen sehen, daß meine Liebe nicht wanken wird, es mag auch geschehen, was da wolle. Die Liebe wird mich den äussersten Gefahren trotzen lehren.« »Warum wollen Sie aber sich und mich den äußersten Gefahren bloß geben. Unterdrücken Sie lieber eine Leidenschaft, die Sie und mich nicht glücklich machen kann. Ich will aufrichtig mit Ihnen reden. Mein Herz hat Sie nie gehasset. Sie haben viel liebenswürdige Eigenschaften, die ich hochschätzen muß; aber ich wiederhole es nochmals, geben Sie der Vernunft Gehör, und bedenken Sie, daß unüberwindliche Schwierigkeiten« – – »O meine Schönste, der Liebe sind keine Schwierigkeiten unüberwindlich. Lieben Sie mich nur« – – »Wir wollen lieber die Schwierigkeiten vermeiden, als sie zu überwinden suchen. Ich schätze Sie aufrichtig hoch; seyn Sie damit zufrieden. Ich werde beständig Ihre wahre Freundin seyn, aber –« Indem sie dieses sagte, trat wieder alles Vermuthen hinter einer geschnittenen Hecke die Frau von Hohenauf hervor, die seit der letzten Entdeckung von Marianens deutscher Lectur mißtrauisch, beständig alle ihre Schritte beobachtet hatte. Sie schalt ihren Neffen heftig aus, wegen seiner niederträchtigen Neigung gegen ein gemeines Mädchen . Der armen Mariane aber machte sie die bittersten Vorwürfe, daß sie einen jungen Menschen von Stande verführen wollte, welchen Ausdruck sie oft wiederholte. Sie verbot ihr aufs nachdrücklichste, ihren Neffen je wieder allein zu sehen, und ließ sie auch von der Zeit an nicht einen Augenblick aus den Augen. Indeßen würde ihr freilich diese genaue Aufsicht auf zwey Liebende bald sehr beschwerlich geworden seyn, wenn nicht zween Tage darauf Hr. Rambold, der Hofmeister den der alte Säugling seinem Sohn sendete, angelanget wäre. Sie säumte also nicht, sondern schickte beide nach ein paar Tagen, auf die Universität wohin sie bestimmt waren, und empfahl dem Hofmeister, auf Säuglings Aufführung ein wachsames Auge zu haben. Der verliebte Säugling war trostlos. Seine Seele schmolz von Zärtlichkeit, aber war auch von Zärtlichkeit so voll, daß kein einziger Gedanken, wie es möglich seyn sollte, sie zu sehen, darin Platz finden konnte. Je mehr er daran dachte, desto unmöglicher schien es ihm. Ihm fiel keines von den sinnreichen Mitteln ein, die die Romanenschreiber unserer lehrbegierigen Jugend so freigebig an die Hand geben. Z. B. auf einer Strickleiter ins Fenster zu kriechen; sich in einen Kasten sperren und zu ihr bringen zu lassen; einen doppelten Schlüßel machen zu laßen, um ihre Thüre zu öfnen; ja nicht einmahl die einfältigen auch außer Romanen so oft ausgeübten Mittel, das Kammermädchen zu bestechen, oder unter dem Fenster der Schönen hin und her zu spazieren, und so lange zu husten oder zu pfeifen, bis sie am Fenster erscheine. Da ihm also gar kein Mittel in den Sinn kommen wollte, so muste er mit schwerem Herzen abreisen, ohne seine Geliebte zu sehen und von ihr Abschied zu nehmen. Als er an den Ort seiner Bestimmung ankam, nahm seine Traurigkeit sehr zu. Er wendete sich zu seiner gewöhnlichen Zuflucht, der Dichtkunst, und schrieb eine Heroide unter dem Namen des Leander an die Hero , in welcher er seinen ganzen zärtlichen Schmerz über die Abwesenheit seiner Geliebten auszudrücken suchte. Nachdem er damit meist fertig war, fiel ihm plötzlich der Gedanken ein, daß er nicht die geringste Hofnung habe, diese Epistel seiner Geliebten in die Hände zu bringen. Er ging mit dem Papier in der Hand in seinem Zimmer so tiefsinnig auf und nieder spatzieren, daß er seinen Hofmeister nicht eher erblickte, als bis er vor ihm stand, ihm das Papier aus der Hand nahm, und es lächelnd durchlas. Säugling sank vor Schrecken beynahe nieder, weil er für sich und seine Geliebte aus dieser Entdeckung des Hofmeisters die schlimmsten Folgen befürchtete. Glücklicherweise für ihn, gehörte Rambold nicht zu den mürrischen Hofmeistern die ihrer untergebenen Jugend alles Vergnügen versagen, vielmehr hatte er sehr politisch berechnet, daß ein junger reicher Patricier nur ein oder zwey Jahre auf Universitäten von seiner Aufsicht abhänge, hingegen hernach viel länger, – weil Väter sterblich sind u. s. w, – seines Vermögens genießen, und seinem Hofmeister eine kleine bewiesene Gefälligkeit reichlich vergelten könnte. Anstatt also Säuglingen zu schelten, zog er ihn bloß wegen seiner zuckersüßen Empfindungen ein wenig auf; denn er war ein witziger Kopf, der in den verschiedenen Stationen seines Lebens, die Seele aller Cotterien, Schmäuse und Trinkgesellschaften gewesen war. Endlich um Säuglingen, der noch immer in großer Verlegenheit da stand, gänzlich zu beruhigen, versprach er ihm treuherzig, daß er es selbst seine Sorge seyn lassen wolle, die zärtliche Epistel in Marianens Hände zu bringen. Er sagte ihm auch, wie; nämlich durch Hülfe des Kammermädchens der Frau von Hohenauf, mit der er, während seines zweytägigen Aufenthalts auf dem Gute des Hrn. von Hohenauf eine so vertraute Bekanntschaft gemacht hatte, daß er ihr eine solche Verrichtung gar wohl auftragen zu können glaubte. Unterdeßen, befand sich Mariane in großer Unruhe. Säuglings Zuneigung zu ihr hatte schon lange vorher ehe er sie gestand, ihrer weiblichen Scharfsichtigkeit nicht entgehen können. Sie hatte Wohlgefallen daran gehegt, weil sie sie für die bloße Höflichkeitsbezeugung eines artigen jungen Menschen ansahe, ohne zu denken, daß sie sich jemals in eine feurige Liebe verwandeln, oder daß diese Liebe einen tiefen Eindruck auf ihr Herz machen könnte. Als er seine Liebe endlich erklärte, und er zugleich in demselben Augenblicke von ihr getrennet ward, fand sie zwar ihr Herz tief verwundet, glaubte aber, daß dies von ihrer beleidigten Empfindlichkeit, und vom Wiederwillen gegen die Härte der Frau von Hohenauf herrühre. Nachdem aber Säugling abgereiset war, und sie in der Heftigkeit ihrer Leidenschafft glaubte, daß sie ihn nie wiedersehen würde, merkte sie erstlich, vor sich selbst erröthend, wie sehr sie ihn liebte. Bald war sie sehr zornig, daß er nicht von ihr Abschied genommen hatte, bald entschuldigte sie ihn, und stellte sich vor, wie untröstlich er selber seyn müste, und dieses Bild ihrer Einbildungskraft selbst machte ihn ihrem Herzen liebenswürdiger. Jeden Ort wo sie ihn gesehen hatte besuchte sie mit einer zärtlichen Schwermuth, und des Nachts stand sein geliebtes Bild beständig vor ihren Augen. Einst ergriff sie von ohngefehr die Lettres d'une Religieuse portugaise , die sie, auf Befehl, so oft ihren Fräulein ganz ruhig vorgelesen hatte. Sie erstaunte darüber, daß ihr so viel Bilder belebt, so viel Klagen herzrührend, so viel Empfindnisse aus der Seele herausgezogen schienen, über die sie vorher weggelesen hatte. So sehr wahr ist es, daß Bücher voll verliebter Empfindungen, die auf den Weisen und Gleichgültigen wenig Eindruck machen, in ein junges unerfahrnes Herz, das den ersten Eindrücken dieser gefährlichen Leidenschaft offen steht, den süßen Gift weit tiefer hineinflößen als selbst die Reden des Geliebten: weil die erhitzte Einbildungskraft, mit ihren eigenen Geschöpfen nach Belieben spielend, die Empfindungen viel reiner inniger und heftiger vorstellt, als sie in der wirklichen Welt seyn können, in der sie durch hundert ganz gemeine gleichgültige Umstände vermischt, seichter gemacht und gemildert werden. Nun ward dieses Buch Marianens tägliche Lectur. Sie wünschte, daß ihr Säugling solche Briefe voll Liebe und Beständigkeit schreiben möchte, als der Ritter v. C. und sie versprach sich, daß sie ihm mit eben so viel Inbrunst und Sehnsucht antworten wollte, als die zärtliche Nonne . Sie sahe in diesem Briefwechsel eine so anmuthige Beschäftigung voraus, daß sie die Zeit nicht erwarten konnte bis er seinen Anfang nehmen würde. Es waren schon einige Wochen verlaufen, und sie hatte schon alle zärtliche Gründe erschöpft, um das Stillschweigen ihres Geliebten zu entschuldigen, als ihr das Kammermädchen Säuglings Heroide, mit einem prosaischen Briefe begleitet, übergab, worin er alles was er bey ihrer beiderseitigen Trennung empfand, ausgedrückt hatte, und sie beschwor, ihm wenigstens schriftlich zu sagen, daß sie gegen seine Zärtlichkeit nicht unempfindlich sey, wozu er ihr das Kammermädgen als ein sicheres Werkzeug empfahl. Die verliebte Mariane las beide Sendschreiben mit heftiger Begierde, und überlas sie fünf oder sechsmahl mit noch innigerm Vergnügen. Als sie sich aber niedersetzen wollte, um sie zu beantworten, empfand sie die unaussprechliche Empfindung eines wohlgezogenen Frauenzimmers, die immer mit gewissenhafter Strenge ihre Pflichten beobachtet, und noch nie einen Schritt gethan hat den sie hätte verheeren dürfen. Sie erröthete und erschrack vor sich selbst. Je mehr sie, in den süßen Vorstellungen ihrer Einbildungskraft, eine Gelegenheit gewünscht hatte die Feder ansetzen zu können, um ihre innerste Neigungen auszudrücken, desto mehr sank sie ihr nieder so bald sie sie wirklich ansetzen wolte, und je öfter sie es versuchte, desto mehr verlohr sie den Muth es zu wagen. Auch half es nichts, daß das Kammermädgen ihr öfters zuredete, auf den Brief eine Antwort zu geben. Vielmehr da das dienstwillige Mädchen, der die feinen Scrupel die Marianens Gemüth beunruhigten in ihrem Leben nie in den Sinn gekommen waren, die ganze Sache sehr auf die leichte Achsel nahm; so konnte dies vielleicht einige widrige Wirkung thun, indem Marianens Delicatesse bewogen ward diese Sache von einer Seite zu betrachten, von der sie bald den Blick wegwandte, aus Furcht allzusehr darüber nachzudenken. Sechster Abschnitt. Säugling war von allem Troste verlassen, als er erfuhr, daß Mariane weder seine Poesie noch seine Prose einer Antwort würdigen wollte. Er hielt sich für den unglücklichsten unter allen Menschen, und wuste, da seine Dichtkunst die erwartete Hülfe nicht leistete, nur bloß zu bittern Thränen seine Zuflucht nehmen. Rambold aber, der zwar weniger Zärtlichkeit, aber etwas mehr Erfahrung besaß, und dem überdies das Kammermädchen in ihrem Antwortsschreiben einen gewissen Wink gegeben hatte, that keck den Vorschlag, daß Säugling in seiner Gesellschaft, insgeheim nach dem Gute der Frau von Hohenauf reiten, und Marianen besuchen sollte. Säugling erschrak vor diesem Vorschlage, sowohl wegen dessen Folgen, als wegen der Beschwerlichkeit eines Ritts von fünf Meilen. Rambold aber wuste diese Bedenklichkeiten mit seinem gewöhnlichen Witze lächerlich zu machen, so daß Säugling anfing, diesen Vorschlag nur von der angenehmen Seite zu betrachten, und darin willigte. Sie ritten also an einem schönen Sommermorgen aus, und Säugling, über seinen eigenen Muth erstaunt, kam sich, nach dem er eine Meile geritten hatte, und die Beschwerlichkeiten der Reise zu empfinden anfieng, als ein anderer Leander vor, der durch die Gefahr der wilden Wellen zu seiner Geliebten Hero eilte. Sie kamen des Abends sehr ermüdet auf einem Vorwerke an, das etwa zweihundert Schritte von dem Dorfe entlegen war. Des andern Morgens sehr früh, ermunterte und ermannte sich Säugling, seiner Müdigkeit ohnerachtet, und wanderte nach dem herrschaftlichen Garten, in den sie durch eine von dem schlauen Kammermädchen geöfnete Hinterthür traten. Sie führte Säuglingen ferner nach einer etwas abgelegenen grünen Laube, wo Mariane, in der Meynung ganz allein zu seyn, mit süßer Schwermuth Säuglings Heroide las. Sie that einen lauten Schrey, als sie ihn erblickte, und wollte forteilen. Es war aber ein Glück, daß ihr ihre Füße diesen Dienst versagten, denn der zitternde Säugling war selbst in so großer Verlegenheit, daß er schwerlich so viel Besonnenheit gehabt haben würde, sie zurück zu halten. Er stand mit herunterhangenden Händen, wie ein stummes Bild da, und es währte einige Minuten, ehe er mit stamlender Zunge eine Entschuldigung seiner Verwegenheit vorbrachte. Da er in Marianens Augen, auf die er seinen Blick unverwendet heftete, keinen Zorn wahrnahm, so faßte er das Herz, sich ihr zu Füßen zu werfen, ihr nochmals die ganze Innigkeit seiner Liebe zu entdecken, und sie um Gegenliebe anzuflehen. Mariane wolte noch zurückhalten, aber sie konnte ihrer innern Zärtlichkeit selbst nicht Wiederstand thun, und entdeckte, unter sanftem Erröthen, alles was sie für ihn fühlte. Säugling glaubte in den dritten Himmel versetzt zu seyn, dankte ihr mit den herzrührendsten Ausdrücken, und beide schworen sich eine unverbrüchliche Treue und Zärtlichkeit. Sie hatten sich so viel zu sagen, daß einige Stunden vergiengen, ehe sie voneinander schieden. Die Wollust dieser Unterredung war zu groß, als daß nicht noch mehrere gleich geheime Zusammenkünfte auf diese hätten folgen sollen, in denen beide Liebenden ihre Herzen aufs genaueste mit einander vereinigten, und den süßesten Reiz darin fanden, daß sie alles Widerstandes ohngeachtet, sich ewig lieben wollten. Indessen hatte die Frau von Hohenauf insgeheim erfahren, daß Mariane täglich sehr früh aufstände, in den Garten gienge, und sich daselbst einige Stunden aufhielte. Sie gieng ihr eines Tages, ohne die wahre Ursach nur im geringsten zu vermuthen, nach, und behorchte das verliebte Paar, als sie eben in der zärtlichsten Unterredung waren. Sie kannte sich selbst nicht, vor heftiger Wuth. Sie fuhr wie eine Furie auf die arme Mariane los, belegte sie mit den schimpflichsten Namen, stieß sie aus der Laube heraus, und indem sie dem ganz erschrockenen Säugling, der wie eine unbewegliche Bildsäule da stand, zuschrie, daß sie seinem Vater seine abscheuliche Bosheit melden werde, und daß er ihr nimmermehr wieder vor die Augen kommen sollte, so schleppte sie die halbtodte Mariane nach dem Hause zu. Säugling stand noch einige Zeit in zitternder Unthätigkeit, bis er sich endlich besann, daß es am besten seyn werde, wegzugehen. Er fand aber zu seinem grossen Erschrecken die Hinterthür des Gartens verschlossen. Rambold, der sich mit dem Kammermädchen, in einem dreißig Schritte hinter der Laube belegenen ziemlich dichten Gebüsche befand, vielleicht um ihr ein Kapitel aus dem vierten Bande der Insel Felsenburg zu erklären, war bey dem ersten Lärmen davongelaufen, und hatte in der Eil die Thüre hinter sich zugeschlagen, und das Kammermädchen war, durch ihr wohlbekannte Nebengänge, nach dem Hause zu gelaufen. Der arme Säugling, der sich also allein und eingeschlossen sahe, wußte nicht, was er vor Angst beginnen sollte. Er sahe für sich gar keinen Ausgang; denn über die Mauer zu steigen, ob sie gleich nicht sehr hoch war, war für ihn eine unmögliche Sache, er fieng also an, für sein Leben zu zittern, als wenn er in der Gewalt seines ärgsten Feindes gewesen wäre. Nachdem er aber eine Viertelstunde im Garten in der Irre gelaufen war, fiel ihm endlich ein, daß die große Gartenthüre offen seyn werde. Sie war es auch wirklich, und er gieng, obgleich mit Zittern und Zagen, dennoch ohne von jemand bemerkt zu werden, durch den Hof und durch das Haus, auf die freye Strasse des Dorfs. Er eilte nun mit verdoppelten Schritten nach dem Vorwerke, wo er die Pferde schon gesattelt und Rambolden seiner erwartend antraf. Sie setzten sich sogleich zu Pferde, Säugling in der größten Traurigkeit, die ihn Rambolds Lustigkeit weder zu mildern, noch dessen Schrauberey zu verbergen bewegen konnte. Sie brachten auf der Zurückreise zween Tage zu, demohnerachtet legte sich Säugling sogleich bey der Ankunft ins Bette, um sich theils von einem Fieber, welches die Gemüthsbewegung, theils von einigen andern kleinen Beschwerlichkeiten, welche die Strapazen der Reise, seinem zarten Körper zugezogen hatten, heilen zu lassen. Der unglücklichen Mariane, ward von der Frau von Hohenauf mit der äußersten Härte begegnet. Keine Entschuldigung ward angenommen, die schimpflichsten Vorwürfe wurden nicht gesparet. Sie wäre sogleich auf die Strasse geworfen worden, wenn nicht zu befürchten gewesen wäre, daß Säugling, durch ihr Unglück, noch näher mit ihr verbunden werden möchte. Sie ward also eingesperret, bis sich eine Gelegenheit fände, sie gänzlich wegzuschaffen. Die Fr. von Hohenauf besann sich, daß die Gräfinn von *** bey ihrer Anwesenheit, im Discurse beiläufig geäußert hatte, sie wünschte eine Person von guter Aufführung und von Talenten um sich zu haben, die ihr Gesellschaft leisten, und ihr vorlesen könnte. Die Gräfinn, obgleich aus einem der ältesten Geschlechte, und unter der Pracht und den Lustbarkeiten des Hofes erzogen, schätzte Verdienst mehr als Adel, und die Schönheiten der Natur und eine in der Stille wohlverbrachte Zeit mehr, als den glänzendesten Pomp. Diese Neigungen der Gräfinn von *** waren den Neigungen der Frau von Hohenauf, so schnurgerade zuwieder, daß zwischen ihnen mancher Wortwechsel darüber entstanden war, und daß die letztere die erstere – wie es immer zu geschehen pflegt, wenn ein Thor gegen einen Klugen Unrecht hat – herzlich zu haßen anfieng, ob sie gleich freilich, dem Wohlstande gemäß, eine Dame von diesem Range äußerlich mit den größten Freundschaftsbezeugungen überhäufte. »Ha! sagte die Frau von Hohenauf, für diesen Zieraffen wird die schöne Mariane eine würdige Gesellschaft seyn.« Hiezu kam, daß die Güter der Gräfinn an fünf und zwanzig Meilen entlegen waren, indem sie zur Zeit des Geburtsfestes, nur um eine Verwandtinn zu besuchen, in diese Gegend gekommen war. Die Frau von Hohenauf schrieb also an die Gräfinn, und schlug ihr Marianen zur Gesellschafterin vor, doch ohne die wahre Ursach dieses Vorschlags im geringsten zu erwähnen. Die Gräfinn, welche sich Marianens Betragen gegen den armen Pachter noch mit Vergnügen erinnerte, antwortete nach Wunsch. Nun trat die Frau von Hohenauf in Marianens Gefängniß, zwang sich zu einer Freundlichkeit, die ihr gar nicht von Herzen gieng, stellte ihr die unverdiente Gnade vor, daß sie ihr, anstatt sie zu strafen, einen so guten Platz verschaft habe, versicherte, daß sie alles vergangene vergessen wolle, verlangte aber auch, daß Mariane alle Verbindung mit Säuglingen aufheben, ja ihm nie ihren Aufenthalt melden sollte. Mariane, die einige Wochen, in großer Verlegenheit über ihr itziges und künftiges Schicksal, zugebracht hatte, war sehr erfreut, daß es eine so glückliche Wendung nahm. Sie hatte die vortreflichen Gesinnungen der Gräfinn, bey derselben Anwesenheit, kennen lernen, und sahe also sehr wohl ein, daß der Vorfall mit Säuglingen, derselben Zutrauen zu ihr mindern könnte. Sie versprach also mehr als verlangt wurde, nämlich niemand, wer es auch sey, das geringste von der Sache zu entdecken, ja sie versprach sich selbst, wenn sie von Säuglingen nichts mehr hörte, ihn ganz zu vergessen, und hofte dadurch wieder in den ruhigen selbstgenügsamen Zustand zurück zu kommen, in dem sie war, ehe sie die Wirkungen dieser unglücklichen Liebe erfuhr. Um jedermann den Ort ihres künftigen Aufenthalts zu verbergen, ließ sie die Frau von Hohenauf des Nachts, mit Postpferden, nach einer nicht weit von den Gütern der Gräfinn gelegenen Stadt bringen, von dannen sie die Gräfinn in einem Wagen abholen ließ. Ende des dritten Buchs. Viertes Buch. Erster Abschnitt. Sebaldus wanderte auf der von ohngefehr gefundenen Landstraße fort, ohne zu wissen wohin. Er war schon ein paar Meilen einsam fortgegangen, als er von weitem einen Fußgänger erblickte, den er einzuholen suchte. Er verdoppelte seine Schritte, und erblickte einen Mann, der in einen grauen Rock von feinem Tuche gekleidet war, eine ungepuderte Stutzperucke auf dem Kopfe hatte, einen kleinen Bündel an einem Stabe auf der Schulter trug, und mit heller Stimme, das Lied: Wachet auf, ruft uns die Stimme , sang. Sebaldus, ein Freund des Singens geistlicher Lieder, zumahl gewisser enthusiastischer Melodien, gesellte sich zu dem Wanderer, und summete das Lied, in einer mit vielen Terzien und Sexten untermischten extemporirten Baßpartie nach. Als es geendigt war, grüßten sich die beiden Wanderer, und Sebaldus fragte den Fremden: »Wohin der Weg führe, auf dem sie giengen?« »Nach Wustermark, sagte der Fremde, wo ich Nachtlager zu halten, und den andern Morgen nach Berlin zu gehen gesonnen bin.« Sebaldus freuete sich, daß er auf dem rechten Wege war, denn ob er gleich, nachdem er seine Recommendationsbriefe verlohren hatte, nicht wußte, was er in Berlin machen sollte, so wußte er doch eben so wenig, was er an irgend einem andern Orte in der Welt hätte machen sollen. Er bat also den Fremden um Erlaubniß in seiner Gesellschaft zu gehen, und erzählte ihm den Unfall, den er auf dem Postwagen gehabt hätte. Der Fremde kreuzte und segnete sich über diese Begebenheit, und lobte seine eigene Vorsicht, daß er, da die Wege, nach dem Frieden, unsicher wären, lieber zu Fuße gegangen sey. »Nicht eben, setzte er hinzu, als ob ich viel Geld bey mir hätte. Ich bin zufrieden, wenn ich reich bin im Heilande. Aber der Herr hat doch meine Vorsichtigkeit gesegnet.« Sebaldus versetzte: »Ich bin so vorsichtig nicht gewesen. Ich hatte noch keinen Begrif davon, daß ein Mensch seinen Nebenmenschen mit kaltem Blute anfallen und berauben könnte.« »Ach mein lieber Bruder, die arme menschliche Natur ist ganz verderbt. Wenn wir nicht durch die Gnade ergriffen werden, so sind wir in grundlosem unerforschlichem tiefem Verderbnisse. »Ey, mein Freund, von den Lastern einiger Bösewichter kann man nicht auf die Natur der Menschen überhaupt schließen. Wir sind von Natur nicht geneigt, wie die wilden Thiere, uns anzufallen, sondern in Gesellschaft zu leben, und uns zu unterstützen.« »Ach wir armen Menschen! wie könnten wir uns unterstützen, wenn uns die Gnade nicht unterstützte, wie könnten wir etwas gutes wirken, wenn es die alleinwirkende Gnade nicht wirkte!« »Freylich! wir haben alles durch die göttliche Gnade. Aber die Gnade wirkt nicht wie der Keil auf den Klotz. Gott hat die Kräfte zum Guten in uns selbst gelegt. Er hat uns Verstand und Willen, Neigungen und Leidenschaften gegeben. Er will, daß wir thätig seyn sollen, so viel gutes zu thun, als uns möglich ist. Er hat Würde und Güte in die menschliche Natur gelegt.« »O welch ein Selbstbetrug, mein lieber Bruder! rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer aus: Wenn wir Gott wohlgefällig werden wollen, so müssen wir nichts als lauter Elend und Unwürdigkeit an uns sehen:     Wollt ihr zu Jesu Heerden, So müßt ihr gottlos werden! Woltersdorfs sämtliche neue Lieder. Berlin 1768. S. 37. Daß heist, ihr müßt die Sünden Erkennen und empfinden wie ein theurer Knecht Gottes singet. Wir müssen an der Gnade hangen, die Gnade alles wirken lassen, der Gnade alles Gute zuschreiben; denn wird die Gnade in uns erst recht groß, wenn wir recht klein, recht unwürdig werden. Wenn wir uns mit den Siechen Ins Lazareth verkriechen!« Sebaldus zuckte die Achseln, und sagte: »Dieß sind gesalbte Schalle, die einer verderbten Einbildungskraft heilig scheinen, die aber keinen Sinn enthalten. Wir besitzen Kräfte zum Guten. Wer dieß läugnen wollte, würde Gottes Schöpfung schänden, der uns so viele Vollkommenheiten gegeben hat. Ohne den Einfluß einer übernatürlich wirkenden Gnade zu erwarten, können wir Tugenden und edle Thaten ausüben. Oder sind etwan Wohlwollen, Menschenliebe, Freundschaft, Großmuth, Mitleiden, Dankbarkeit nicht Tugenden?« »Scheintugenden, mein lieber Bruder, weltliche ehrbare Scheintugenden. Mit solchem Bettlersmantel, will der unwiedergebohrne Mensch, den Aussatz seiner natürlich verderbten Natur bedecken. Mit diesen sogenannten Tugenden aber, kann man auf ewig in den Schwefelpfuhl geworfen werden, aus welchem keine Erlösung ist. Dieß sind nicht die wahren gottgefälligen Tugenden. Wenn Tugenden nicht aus der Gnade entspringen; so sind sie geschminkte Laster zu nennen.« »Wozu soll man so seltsame Benennungen erdenken? Ich vergebe z. B. den Räubern die mich beraubt haben, ich wünsche ihre Besserung. Dieß ist so wenig die Wirkung einer übernatürlichen Gnade daß es vielleicht bloß nur die Wirkung meines Alters, oder meines Temperaments ist. Ist dieß aber deswegen Gott nicht gefällig? Ist es ein Laster?« »Wenn es nicht aus Herzlichkeit zu dem blutigen Versöhner geschiehet, so ist es nichts als ein weltliches Tugendbild, eine nachgemachte Frömmigkeit, bey der man ewig verlohren gehen kann!« »Sprechen Sie doch nicht so! Hiemit kan man alten Mütterchen allenfalls eine Furcht einjagen, aber man beweiset nichts. Ich habe über diese Sachen reiflich nachgedacht, und ich finde, daß weder eine blutige Versöhnung, noch eine ewige Verdamniß, mit den erhabenen Begriffen, die wir von Gott haben müssen, zusammenstimmen.« »Ja! ja! so geht es! je mehr die Menschen alles durch ihre bloße Vernunft einsehen wollen, destoweniger erkennen Sie ihre angebohrne Blindheit und Finsterniß. Mir fällt hiebey ein, was ein lieber Sohn des Heilandes sagt: Der Pietist hat diese Worte buchstäblich aus den Büdingschen Sammlungen. 8ten Stück S. 257. genommen. ›Es ist unvermeidlich, daß Seelen, die sich nicht ganz in das evangelische Wesen verlohren haben, daß sie ihren Bissen Brod, den sie in den Mund stecken, gleichsam in dem Heilande verzehren, und denen das im Namen Jesu auf den Abtritt gehen , noch ein Geheimniß ist, in allerhand Bedenklichkeiten verfallen; aber die Gnaden- und Bundesleute verstehen sich auf halbe Worte, und wissen die Theilung des Tempels des Heil. Geistes in allen Ein- und Ausgängen, ohne Kopfbrechen zu machen.‹« Sebaldus starrete den Fremden an, ohne ein Wort zu sagen. Dieser glaubte vielleicht, er verstumme aus Bewunderung oder Entzückung; Er fuhr also fort: »Ach lieber! laß dich von der alleinwirkenden Gnade ergreifen! Laß dich von der Kraft des Bundesblutes anfassen. Bete herzlich um die Wiedergeburt. Bete daß du bald zum Durchbruch kommen mögest. Bete, bete, ich will mit dir beten, lieber Bruder!« Sebaldus sagte sehr kalt: »Ich pflege das Vater unser zu beten, darinn steht nichts vom Durchbruche, nichts vom Bundesblute, nichts von der Wiedergeburt und von der alleinwirkenden Gnade.« Der Pietist schlug die Hände über sein Haupt zusammen, und rief aus: »Welcher Unglaube! welche fleischliche Sicherheit! O betrüge dich nicht Mensch! die Ewigkeit wird kommen, Quaal ohne Ende für den Sünder!« – Sebaldus gerieth in Eifer, und fieng an die Ewigkeit der Höllenstrafen, mit dem besten ihm beywohnenden Gründen, zu widerlegen, aber der Pietist, der sich von je her auf inneres Gefühl, nie aber auf Gründe eingelassen hatte, antwortete nichts, sondern schlug nochmals die Hände über sein Haupt zusammen, hob die Augen gen Himmel, und fieng an, so laut er konnte, nachfolgendes Lied zu singen: Der Leser glaube nicht etwan, daß ein solches Lied zu Behufe dieses Gesprächs erdichtet worden. Er darf auch nicht glauben, daß es etwan ein unbedeutender Schwärmer für den Winkel eines fanatischen Conventikels verfertigt habe. Nein! dieß Lied steht S. 792. eines, in die evangelisch-lutherischen Kirchen in der Churmark, unter öffentlicher Autorität, eingeführten Gesangbuchs, betitelt: Geistliche und liebliche Lieder, welche der Geist des Glaubens durch D. M. Luther, Joh. Hermann, Paul Gerhard, und andere seiner Werkzeuge, in den vorigen und itzigen Zeiten gedichtet, und die bisher in den Kirchen und Schulen der Königl. Preuß. und Churf. Brandenb. Lande bekannt, u. s. w. herausgegeben von Johann Porst, Königl. Preuß. Consistorialrath, Probst und Inspector zu Berlin. Gedruckt zu Berlin in 12. »Zu spät ists zu erfahren, was Höll und Ewigkeit, ach! willst du's darauf sparen, thu's nicht, heut ists noch Zeit, bekehre dich von Herzen, daß du der Quaal entgehst, denk, dann giebt es nicht Scherzen, wenn du vorm Richter stehst. Der dir das Urtheil fället, das Leben rund abspricht, zum Teufel dich gesellet, des ewgen Todsgericht, o Zeter! Ach! Weh! Jammer! Welch Heulen wird da seyn, wenn in die Marterkammer, der Henker schleppt hinein. Dahin, wo keine Reue, kein Klagen helfen kann, die Marter geht aufs neue nach tausend Jahren an! Da ist kein Glied so kleine, das nicht sein Leiden hat, der Leib der fühlt das seine, die Seel' auch früh und spat. In großer Furcht und Schrecken, in finstrer Dunkelheit, wird die Verdammten decken, Angst, Grauen, Traurigkeit, die Zähne werden klappen für Frost und großer Hitz, und werden blindlings tappen, nach einem frischen Sitz. Sie werden ewig fallen ins Loch, das keinen Grund, und auf einander prallen zusammen in den Schlund, sich beißen, fressen, nagen, sich fluchen, lästern stets, der Tod wird sie recht plagen, ohn Ende: Seht, so gehts. So geht es den Verfluchten in ihrem Höllenloch, den Schlemmern und Verruchten, ach gläubets, gläubets doch, wollt ihr daran noch zweifeln? so wahr ists, so wahr Gott, ihr fahret zu den Teufeln, wo ihr das halt't für Spott!« Dieß Lied sang Sebaldus nicht mit, vielmehr zeigte er unter Absingung desselben sichtbare Kennzeichen der Ungeduld. Nach dessen Endigung, gerieth er einige Minuten lang in ein tiefes Nachsinnen, und fragte endlich seinen Mitwanderer: »Sind Sie denn also ein Wiedergebohrner?« »Ja, antwortete er, mit sehr sanfter Stimme: das bin ich durch Gottes Gnade. Vor drey Jahren den 11ten September, Nachmittags um 5. Uhr, hatte ich zuerst das selige innere Gefühl der Gnade, die bey mir zum Durchbruch kam, seitdem habe ich an der Gnade beständig gehangen, bin nie der Gnade satt worden,« »Also glauben sie doch gewiß ewig selig zu werden?« »Ach ja! dessen bin ich gewiß: Denn ich will stets ein Bienelein Auf des Lammes Wunden seyn Und fahren so in'n Himmel nein.« »So! Und werden ewige Freude haben, und werden ganz geruhig zusehen, Manchen eifrigen Gottesgelehrten, muß es nicht so anstößig seyn, als dem ehrlichen Sebaldus, daß die Seligen im Himmel die ewige Quaal der Verdammten ganz geruhig, ohne Mitleid, ansehen sollen. Z. B. In M. Cyriacus Höfers kurzem und richtigem Himmelsweg, wie ein Kind in 24 Stunden lernen kann, wie es soll der Höllen entgehen und ewig selig werden, einem Katechismus, der im Churfürstenthume Sachsen, und vielleicht auch in andern Provinzen, in vielen Schulen, zur Unterweisung der Jugend gebraucht wird, und der noch 1772 zu Leipzig gedruckt worden, findet man S. 97. folgende Fragen und Antworten: wie Millionen ihrer Nebenmenschen sich beißen, fressen, nagen, sich fluchen und lästern, wie der Tod sie recht plagt ohne Ende . Welcher Gräuel! können Menschen ihre Nebenmenschen so verdammen, und können mit Wohlgefallen von ihrer Verdammung ein feyerliches Lied singen!« Der Pietist lächelte, und sagte mit sanfter Stimme. »Da siehet man den natürlichen Menschen! Ich verdamme sie ja nicht, sondern (er lächelte nochmals) die Bibel verdammt sie. Da steht es deutlich.« Sebaldus fuhr sehr heftig heraus: »Nein, das steht nicht in der Bibel; und wissen Sie, wenn es darinn stünde, so wäre sie nicht Gottes Wort. Ich möchte eben so gern ein Atheist seyn, als solche abscheuliche Begriffe von Gott haben, daß er uns das Leben rund abspricht, daß er uns dem Teufel zugesellet, daß er uns durch Henker in Marterkammern schleppen läßt, wo keine Reue, keine Klagen helfen kann . – Entsetzlich! von Ihm so zu denken, dem Vater des Lebens, dem Geber alles Guten!« – Sebaldus war in großen Eifer gerathen; er brach plötzlich ab, und fieng an nachzudenken, wie der gute Mann gemeiniglich that, wenn er merkte, daß er sehr heftig geworden war, um zu überlegen, ob er sich auch vergangen, oder zu viel geredet habe. Der Pietist bewegte den Zeigefinger seiner rechten Hand zweymal auf und nieder, und sagte sanftmüthiglich: »Lieber Bruder, ich beweine deinen erschrecklichen Unglauben; und du kannst noch in ungöttlichen Eifer gerathen! Hier kann man den sichtlichen Unterschied des Standes der Natur und der Gnade sehen. Wer in der Gnade ist, der ist so ruhig, der erträget alles, der erduldet alles, stellet alles Gott anheim.« – Indem er dieß sagte, sprangen unvermuthet zwey Räuber, von welchen damals, nach eben geschlossenem Frieden, die ganze Gegend wimmelte, mit gezogenen Säbeln aus einem dicken Gebüsche, und fielen die Reisenden an. Sebaldus gab mit dem ruhigen Bewußtseyn, daß er sich nicht wehren könnte, und daß er wenig zu verlieren hätte, das wenige Silbergeld her, das ihm übrig geblieben war. Der Pietist hingegen war unter den Händen der Räuber todtenblaß, zitterte, und bezeugte sich sehr ungeberdig. Er wälzte sich auf die Erde, suchte seine Uhr zu verbergen, empfieng aber darüber verschiedne Stöße und Schläge. Seine Taschen wurden demungeachtet sämtlich ausgeleeret. Man nahm ihm auch sein neues feines Kleid, und den einen Räuber gelüstete endlich nach seinen ganz neuen Stiefeln. Er mußte, alles Weigerns ungeachtet, sich auf die Erde setzen, um sie auszuziehen: da aber einer noch nicht völlig ausgezogen war, entstand ein Geräusch im Busche, und ein Hund schlug an. Hierüber wurden die Räuber flüchtig. – Der Pietist sprang auf, und schrie aus Leibeskräften: »Halt Diebe! halt Diebe!« Als aber niemand kam, so setzte er sich, mit dem Stiefel in der Hand, abermals unter einen Baum, um recht herzlich auf die Bösewichter zu fluchen, die die Straßen berauben. Er soll, wie verschiedne Nachrichten bezeugen, den frommen Wunsch hinzugethan haben, daß ihnen, wenn das eiskalte Fieber ihre Glieder zerrütte, weder bittre Essenz noch Kirchengebet helfen möchten, welchen Wunsch der Verfasser des Gedichts Wilhelmine , der, nach Art der Dichter, wegen der genauen Bestimmung der Zeiten und Personen, wohl die ungedruckten Urkunden nicht eben mag nachgeschlagen haben, dem Sebaldus beylegt. (S. Wilhelmine S. 79.) Es ist aber sehr unwahrscheinlich, daß Sebaldus einen solchen Wunsch sollte gethan haben, da aus sichern Nachrichten erhellet, er sey der Meinung gewesen, daß das Kirchengebet überhaupt keine Krankheiten lindere. Zuletzt sagte er zum Sebaldus, indem er ihm im Stiefel ein geheimes Täschchen zeigte, worinn er sein Gold verwahret hatte: »Sehen Sie nun, wie der Herr die Gottlosen mit Blindheit schlägt. Ist nicht dieß Gold durch ein Wunder gerettet worden?« Hier zog er seinen Stiefel an, und stand auf. Sebaldus versetzte: »Ich finde, daß der Stand der Natur und der Gnade, wie Sie vorher bemerkten, wirklich unterschieden ist. Ich natürlicher Mensch kann den Verlust meines Geldes ruhig ertragen. Es waren freylich nur wenige Groschen, aber mein letzter Heller ist mit weg. Ihnen ist noch weit mehr übrig geblieben, als ich vorher hatte. Ey! Ey! ein Wiedergeborner sollte wenigstens nicht fluchen!« Der Pietist ward feuerroth, und sagte stotternd: »Die Bösewichter verdienen den Fluch, daß sie, wie Sie vorher ganz recht sagten, Menschen wie wilde Thiere anfallen, da wir uns einander unterstützen sollten. Ach! und das wenige Gold hat der Herr nicht meinetwegen mir so wunderbarlich erhalten, sondern um nothleidender Brüder und Schwestern willen, für die ich es von christlichen Seelen gesammlet habe. Wiewohl ich itzt selbst nothleidend bin.« – Er hatte nicht ganz unrecht, denn er stand im bloßen Hemde da, indeß ein ziemlicher Landregen zu fallen anfieng, Sebaldus zog ungebeten seinen alten Ueberrock aus, und überreichte ihm denselben. »Nehmen Sie, sagte er; ich begehe freylich ein geschminktes Laster, indem ich Ihnen diesen alten Kittel anbiete. Aber der Regen fällt zu stark, als daß wir itzt feine Distinktionen machen könnten.« Der Pietist nahm den Ueberrock stillschweigend an; und weil beide Wanderer vielleicht über das Vorgefallene nachzudenken für gut fanden, so schwiegen sie auch den übrigen Theil des Weges, bis sie gegen Abend in Wustermark ankamen. Zweyter Abschnitt. Es scheint, der Pietist war einer von den angesehenen Personen des Konventikels, deren Heiligkeitsgeruch sich gemeiniglich, zehn bis zwölf Meilen in die Runde, unter den frommen Seelen ausbreitet, die daher bey jedem Bruder und jeder Schwester auf ihren Reisen willkommen sind, und in deren Häusern mit eben der Zuversicht einsprechen, mit der ein reisender Mönch, in ein an dem Ende seiner Tagereise liegendes Kloster eintritt. Unser Wanderer hatte eben deshalb Wustermark zum Nachtlager erwählt, weil er wußte, daß daselbst eine fromme wohlhabende Bauerwittwe wohnte, in deren Haus er auch so gleich gieng, und den Sebaldus seinem Schicksal überließ, der in einer elenden Dorfschenke eine Stube voll allerhand Gesindel antraf, unter welchem er sich diese Nacht wenig Ruhe versprechen konnte. Man hat bemerkt, daß, bey den Frömmlingen männliches Geschlechts, mit heißem Eifer für fromme Uebungen sehr oft eine große Hartherzigkeit verknüpft ist, seltener bey denen von weiblichem Geschlechte. Die Bäuerinn hörte von ihrem Gaste kaum, daß er noch einen Reisegefährten habe, welcher, gleich ihm, von Räubern geplündert worden: so kam sie in die Schenke, und lud den Sebaldus zu sich ein. Sie trug auf, was ihr Haus vermochte, und die Wanderer erquickten sich. Nach Tische fieng der Pietist die Betstunde an, mit der die reisenden Heiligen, da wo sie einkehren, gemeiniglich ihre Zeche zu bezahlen pflegen. Sebaldus, so sehr er eine dürre Dogmatik, und eine störrische Polemik haßte, so sehr war er ein Freund herzlicher Andacht. Er war daher sehr erbaut von der stillen Aufmerksamkeit der Bäuerinn und ihrer Kinder. Auch der Vortrag seines Reisegefährten war ihm nicht zuwider; denn dieser besaß vollkommen die Biegsamkeit , in welcher Leute seiner Art sich bestreben, bey denjenigen, die sie nicht bekehren können, wenigstens eine gute Meinung von sich zu hinterlassen. Er vermied also in seinem Vortrage, sehr weislich, alle Punkte, über die, wie er unterweges gemerkt hatte, Sebaldus anderer Meinung war, und hielt sich bey allgemeinen ascetischen Betrachtungen auf, die der Bauerfamilie begreiflich schienen, und beym Sebaldus gleichförmige Gedanken erregten, mit denen er sich sehr zufrieden zur Ruhe legte. Den Morgen früh, nach eingenommenem reichlichem Frühstück, dankten sie ihrer Wohlthäterinn, und setzten ihren Weg weiter fort. Sebaldus genoß den schönen Morgen, sang ein fröhliches Morgenlied, und war so innig vergnügt, daß er gar nicht daran dachte, wie mißlich sein Zustand war, und welchen Zweck die Reise, auf der er itzt eben begriffen war, haben könnte, bis sein Reisegefährte selbst das Gespräch auf Berlin brachte, wohin sie giengen. Dieser beseufzete, mit auf die linke Achsel gesenktem Haupte, und gen Himmel erhobenen Augen, das Elend dieser großen Stadt, wo, wie er versicherte, die Religion ein Gespötte sey, wo niemand in die Kirche gehe, wo ein jeder rechtschaffner Christ verachtet werde, und wo Rotten und Ketzereyen regierten. Er beklagte den Sebaldus recht geflissentlich, weil er, als ein Fremdling, der sich nicht in den besten Umständen befinde, in dieser Stadt voll Irrgläubigkeit und voll Unglaubens, ganz gewiß werde umkommen müssen. »Ich habe, sagte Sebaldus, bessere Hoffnung. Ich weiß aus der Erfahrung, daß bey dem, was viele Leute Unglauben und Ketzerey nennen, die Liebe des Nächsten sehr wohl bestehen kann.« »Nein! Nein! rief der Pietist mit erhabener Stimme, wo Glauben ist, da ist auch Liebe! die findet man aber in dieser Stadt, ja im ganzen Lande, gar nicht. Da herrscht lauter Eigennutz und Betrug, da gehen alle Laster im Schwange, da ist die Ruchlosigkeit aufs höchste gestiegen, da ist alle christliche Liebe erloschen.« Er sagte dieses mit so vieler Dreistigkeit, und versicherte so oft, er kenne Berlin, wo er sich oft aufgehalten habe, so genau, und es sey überhaupt eine weltbekannte Sache, daß Sebaldus anfieng darüber nachdenkend zu werden. »Ich gestehe, sagte er, nach einiger Ueberlegung, wenn die Einwohner dieser Stadt, ja dieses ganzen Landes, so beschaffen sind, als Sie sie beschreiben, so muß es ein wahres Unglück seyn, unter ihnen zu wohnen. Aber, fuhr er fort, – nachdem er nochmals ein wenig gestaunt hatte, – sollten Menschen, die so gesinnet sind, wohl in Gesellschaft leben können? Sollte ein Staat wohl in kurzer Zeit blühend werden können, der lauter solche Bürger enthielte? Und doch soll, wie man mich versichert hat, der Preußische Staat, nur seit Menschengedenken, sehr blühend geworden seyn; besonders soll ja Berlin am Wohlstande seit dreißig Jahren sichtlich zugenommen haben.« Der Pietist, der dieses Raisonnement nicht fassen konnte, sagte mit dummer Gleichgültigkeit: »Was hat das Zeitliche mit dem Himmlischen zu thun? Die Kinder dieser Welt sind immer klüger, als die Kinder des Lichts! Glauben Sie mir gewiß, es giebt in dieser großen Stadt, einige wenige fromme Seelen ausgenommen, die noch ihren Heiland lieb haben, nichts als böse Atheisten, die keinen Gott, keinen Teufel, und keine Hölle glauben.« »Ey nun! sagte Sebaldus, wenn diese Leute keinen Gott glauben, so glaube ich einen, und weiß, daß er keinem seiner Geschöpfe mehr Elend auflegen wird, als es tragen kann.« Dritter Abschnitt. Sie waren unter dergleichen Gesprächen durch Spandau gegangen, und hatten sie nur unterbrochen, um beym Hereingehen und Herausgehen die kurzen Fragen der wachthabenden Unterofficiere zu beantworten, die ein Paar so unansehnliche Passagiere nicht des Aufschreibens oder Meldens werth hielten. Als sie an Charlottenburg kamen, erblickte Sebaldus, mit Vergnügen, jenseit der Spree im königlichen Garten, die lange Allee dichtbelaubter Kastanienbäume, unter denen einige einzelne Spaziergänger auf- und abgiengen. Er blieb auf der Brücke stehen, um noch einmal darnach zurück zu schauen. Vor dem Schlosse hingegen gieng er vorbey, ohne daß es ihm nur einmal eingefallen wäre, zu fragen, was für ein großes Gebäude dieß wäre. So sehr war er gewohnt von den Schönheiten der Natur schnell gerührt zu werden, und so wenig aufmerksam war er auf alle Pracht der Kunst. Sie kamen nunmehr in den berlinischen Thiergarten. Je mehr sie fortgiengen, desto mehr ward Sebaldus entzückt. Man muß anmerken, daß in der Nacht ein starker Strichregen gefallen war, welcher den Sand, mit dem die Natur in diesen Gegenden so freigebig gewesen ist, zum Stehen gebracht, und den Staub von den Baumblättern abgewaschen hatte, den tausend Frauenzimmerschleppen, nebst einer verhältnißmäßigen Anzahl von Wagenrädern und Pferdefüßen, bey trockenem Wetter im Thiergarten zu erregen pflegen. Den Vormittag hatte sich das Wetter aufgeklärt, und bereits seit einigen Stunden, schien die Sonne. Die gänzlich reine Luft erhob das Grün der Bäume, das auf mannigfaltige Art abgewechselt das Auge belustigte. Die Wanderer sahen die glückliche Mischung dunkler Fichten mit schlanken Ulmen, hellgrünen weißrindigen Birken, und glatten Akacien unterbrochen, denen hundertjährige majestätische Eichen zum Hintergrunde dienen. Melancholische Gänge von dichtem Lerchenholze, und von düstern Eibenbäumen, führen auf weite Plätze und auf grüne Säle mit Statuen geziert, und mit Hecken von jungen Eichen, und von immergrünem Nadelholze umkränzt. Sie giengen durch beschattete Gänge, mit Linden, und breitbelaubten Platanusbäumen besetzt, hinter welchen dichte Gebüsche von Erlen und Espen die feuchten Gründe anfüllen, neben ihnen der verwachsene Wald, wo einsam der sokratische Ahorn wächst, und die Pappel und der Masholder, wo die weit sich ausbreitende Buche, ihre grünen gestreckten Aeste wiegt, und erhabene Tannenfichten auf schlankem und geradem Stamme, die belaubte Krone, hoch über den dichten Wald, einzeln himmelan strecken. Der frische Geruch des Nadelholzes, vom Regen ausgelockt, und balsamische Lindenblüthe, erquickten sie, so wie sie giengen, und beym Uebergange über jede Queerallee, begrenzte die Aussicht der benachbarte Spreestrom, auf dem aufgespannte Segel vorbeywallten. Sie kamen endlich Nachmittags gegen drey Uhr auf den Platz bey den Zeltern, den, weil es Sonntag war, eine Menge Spaziergänger anfüllte. Zwar war noch nicht die modische sechste Stunde da, welche die schöne Welt in den Zirkel zusammen bringt, um zu sehen , und gesehen zu werden . Die Excellenzen und die gnädigen Damen hatten sich nicht längst erst zur Tafel gesetzt. Die Kenner im Essen kaueten noch an den reichgewürzten Frikasseen, schmeckten die zusammenkoncentrirten Säfte der feinen Ragouts, in Schüsseln mit Asa Fötida gerieben, und zogen im voraus das Fümet des raren Wildes in sich, das ihrer Zähne wartete. Die reichen Kapitalisten, waren eben vom Burgunder und sechs und zwanziger Rheinweine gesättigt, und fiengen an, beym Desserte, den Peter Semeyns, Syrakuser, Rivesaltes und Capwein aus kleinen Gläsern zu schlürfen. Die schönen Damen bürgerliches Standes, waren eben im Begriffe zu Kaffeevisiten zu fahren, und ordneten die Geschichte des Tages, so wie sie sie erzählen wollten, in ihrem Kopfe zusammen, und die französische Kolonie war noch in der Vesperpredigt. Kurz, es war drey Uhr, und es war also von der schönen Welt noch wenig zu sehen; hingegen wimmelte der Platz von den glücklichen Söhnen der Erde , die alle Sorgen der Woche am Sonntage völlig vergessen, und sich und ihr Leben, bey einem Spaziergange, und bey einem geringen Labetrunke, herzlich genießen. Arbeiter auf Weberstühlen und in Schmiedeessen, füllten die Zelter an, und ließen ihren Groschen unter lautem Gelächter aufgehen, oder steckten ernsthaftiglich über das gemeine Beste ihre Köpfe zusammen, weißagten neue Auflagen, und fällten Urtheile über Gerüchte von bevorstehenden Kriegen. Der Zirkel , der nach drey Stunden der Schauplatz der Schönen, vornehmen Standes, seyn sollte, war itzt vom gemeinen Manne, im besten Anputze und voll fröhliches Muthes, angefüllt. Da war mancher gesunder Jüngling, im neugewendeten Rocke und mit goldner Troddel am Hute köstlich geputzt, neben ihm in silberbebrämter Mütze, seine rothbäckige Liebste, die, zur Feyer dieses ihm längst versprochenen Spazierganges, ihre sämtlichen sechs Röcke übereinander gezogen, und ihre neuen kalmankenen Schuhe nicht vergessen hatte. Hinter ihnen, das Bild der ehelichen Verträglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der seinen jüngsten Knaben im langen Rocke auf dem Arme trug, indeß seine Frau ihres Mannes Stock in ihrer rechten Hand führte, ihre funfzehnjährige Tochter ihr zur Linken, in der Schönheit der Jugend, mit niedergeschlagenen Augen, die unter der emporstehenden Haube sanft hervorblickten. Die große Allee von der Stadt her, war von Spaziergängern zu Fuß und zu Pferde bedeckt, und einige Wagen brachten wohlbeleibte Tanten und bürgerlich erzogene Nichten, bis ans Thor, die nur die Reize eines angenehmen Spazierganges suchten, und auf wohlfrisirte Köpfe, und Aufsätze nach der neusten Mode Acht zu haben, nicht waren gewöhnt worden. Sebaldus Stirn erheiterte sich bey dem Anblicke so vieler vergnügten Leute. Des Pietisten Stirn aber ward dadurch noch mehr gerunzelt. Er rief voll geistliches Verdrusses aus: »Siehe da die Kinder Belials, wie sie den Lüsten des Fleisches nachziehen! Wie sie den Weg der Sünden gehn, reiten und fahren! Immer gerade in den höllischen Schwefelpfuhl hinein!« »Behüte Gott! sagte Sebaldus: Ich sehe nichts sündliches darum, daß diese Leute den herrlichen Tag geniessen, den uns Gott giebt, so weit ich sehen kann, ist ihr Vergnügen sehr unschuldig.« »O, wie sündlich! sagte der Pietist mit entflammten Augen: das ist recht des Teufels Lockspeise, wenn er uns mit dem weltlichen Vergnügen ankörnen kann. Ein rechtes Gnadenkind kann kein anderes Vergnügen haben, als sein eines Elend zu kennen, und zu fühlen was es heißt, ein rechter armer Sünder zu seyn.« Sebaldus, dem diese gesalbten Weidsprüche nicht gefielen, antwortete nichts, würde auch nicht zum Worte gekommen seyn; denn der Pietist, den die Herzlichkeit zum Heilande ergriffen hatte, fieng an, die vorübergehenden zu ermahnen, ihnen die Abscheulichkeit des Spaziergehens an einem schönen Tage vorzustellen, und Ihnen dafür das Seitenhöhlchen anzupreisen, in welchem sie recht selige Spaziergänge halten könnten, u. s. w. Einige giengen vor ihm vorbey, beynahe ohne ihn zu hören, andere gafften ihn an, ohne zu wissen, was sie aus ihm machen sollten, andere schüttelten den Kopf. Endlich versammlete sich doch allerhand Pöbel, der schrie und lärmte, und vom Tollhause zu reden anfieng, ja einige hoben Erdklößer auf, und warfen sie über ihn weg. Sebaldus fieng an zu fürchten, daß der Auftritt ernsthafter werden möchte, und suchte seinen Reisegefährten von seinem Vornehmen abzuhalten; diesem aber hatte der geringe Anschein eine Art von Märtyrer zu werden, den Kopf angeflammt, und er fieng an, mit stärkerer Stimme, den Vorübergehenden ein Wort ans Herz zu legen. Endlich gerieth er an einen Kerl, der nach seinem braunen Rocke und rund um den Kopf herum abgeschnittenen Haaren, nichts anders als ein Schlächter oder Gerber seyn konnte. »Mein Freund, redete er ihn an, er gehet, um sich die Zeit zu vertreiben, o! wenn er wüßte, wie wohl dem ist, Der da seine Stunden In den Wunden Des geschlacht'en Lamms verbringt.« »Herr, sagte der Kerl mit starren Augen: was kann mir das helfen, ich bin vorigen Sonntag im Lamme gewesen, aber das Bier war sauer.« Und damit gieng er fort. Der umstehende Pöbel schlug ein Gelächter auf, und verließ unsre Reisenden. Der Pietist verstummte. Die Enthusiasten pflegen, in der Hitze ihres Eifers, gewöhnlicher Weise einen Kothregen, und allenfalls auch einige Faustschläge, nicht zu achten, wenn es ihnen nur gelingt Aufmerksamkeit zu erregen: wenn sie aber trockner Weise ausgelachet werden, und niemand bey ihnen stehen bleibt, so kühlet sich ihr Eifer ab, und sie begnügen sich allenfalls, zwischen den Zähnen murmelnd, die dem Worte ungehorsamen Weltkinder dem Teufel zu übergeben. So gieng es hier auch. Der Pietist schwieg mürrisch still, und Sebaldus, da sie indessen ins Thor traten, und unter den Linden fortgiengen, genoß die Schönheit dieser Allee, sog den Duft der Lindenblüthe ein, und freuete sich über die fröhlichen Gesichter, die ihm allenthalben entgegen kamen. Sie giengen einige Straßen stillschweigend fort, bis sie an eine Kirche kamen, in welcher Gottesdienst gehalten wurde. »Siehe da! rief der Pietist aus, wie leer der Weg zum Gotteshause ist, und wie angefüllt der Weg zu den Häusern des Teufels war! O! wie ist doch alle Gottesfurcht, alle Liebe zum Heilande in dieser großen Stadt ganz ausgetilget! Wie wandelt doch jedermann im Pfade der Ruchlosigkeit, läuft dem Teufel gerade in den Rachen, und stürzt sich in das ewige Verderben!« Sebaldus schauete ungeduldig einigemal rechts und links um sich. »O Stadt! fuhr der Pietist fort: die du bist wie Sodom und Gomorrha, wie bald wird Gott seinen feurigen Schwefelregen über dich ergießen! Und dieß wäre schon lange geschehen, wenn nicht wenige Gerechten in dir wären, um derentwillen dich der Herr schonet! Ja, mein Freund! (hier fieng er an zu weinen,) es giebt hier einige erwählte Seelen, die bis über den Kopf in den Wunden des Lammes sitzen, die zu einem Pünktlein, zu einem Stäublein, zu einem Nichts geworden sind, und sich nur in das blutige Lamm verliebt haben, diese halten noch die verworfene Stadt, daß sie nicht fällt.« Indem er dieses sagte, blieb er plötzlich an einer Ecke stehen, zog des Sebaldus alten Ueberrock aus, und gab ihn zurück. Sebaldus bat ihn, denselben so lange zu behalten, als er ihn brauchte. »Nein, sagte er, ich trete nunmehr bey einem lieben Bruder ab. Wie wird dem sein Herz seyn, wenn er mich in meiner Nacktheit siehet, wenn er siehet, was ich um des Heilandes willen gelitten habe. Er wird dann thun, so viel ihn der Heiland heißt.« Hier drückte er dem Sebaldus die Hand, wünschte ihm den Segen des Herrn, verließ ihn, klopfte an ein vierzig Schritte davon entferntes großes wohlgebautes Haus, und gieng, nachdem es geöffnet worden, hinein. Sebaldus stand noch an der Ecke, mit dem Ueberrocke auf dem Arme, und nachdem er denselben angezogen hatte, befand er sich an einem sehr heißen Nachmittage nichts besser. Er gieng voller Gedanken die Straße wieder herunter, die er gekommen war, und da er wieder an die Kirche kam, so trat er, weil er nichts bessers zu thun wußte, hinein. Er fand die Kirche wider Vermuthen so gestopft voll, daß es ihm einige Mühe kostete, sich so weit durchzudrängen, daß er den Prediger deutlich verstehen konnte. Dieß war ein junger Kandidat, der mit zierlichem Anstande, eine erbauliche Rede von der wahren christlichen Liebe , beynahe zu Ende gebracht hatte, und itzt eben bey der Nutzanwendung war. Das Herz des guten Sebaldus erweiterte sich wieder, da er die vielen schönen Lehren des Predigers, und die Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuhörer betrachtete; und die finstere Vorstellung von Berlin, welche seines Reisegefährten Bericht bey ihm verursacht hatte, fieng an, etwas aufgeheiterter zu werden. Vierter Abschnitt. Indeß war der Gottesdienst geendigt. Alle Zuhörer verließen die Kirche, und Sebaldus mit ihnen. Nun fiel ihm wieder ein, daß er nicht wußte, wohin er gehen sollte, indem er in seiner Tasche keinen Pfennig hatte, und in dieser weitläuftigen Stadt gänzlich unbekannt war. Er fieng an, darüber verschiedene traurige Betrachtungen zu machen. Indem er damit beschäfftigt war, gieng der Kandidat vor ihm vorüber, welcher gepredigt hatte. Sein volles und rundes Gesicht, auf welchem die frühe Jugend blühte, war in eine weißgepuderte, in sanften Locken wallende Perücke gehüllet, die auf beiden Schultern sanft auffiel, und sich bis gegen die Mitte des Rückens in lang gezogenen Ringen kräuselte. Er sahe, mit einer süßen selbstgefälligen Miene, immer gerade vor sich hin, und dankte, mit langsamem Kopfneigen, rechts und links den gemeinen Leuten, die seinen steifgestärkten Kragen, und den auf seinem Rücken schwimmenden Mantel grüßten, den er zuweilen mit der linken Hand zierlich aufnahm, indeß er mit dem in der rechten Hand habenden Hute, den Layen, für ihren Gruß, eine Art von Segen zu ertheilen schien. Er gieng in ein nicht weit entlegenes Haus, und in Sebaldus Geiste stieg plötzlich der gute Gedanken, oder nach gelehrter Exegese zu reden, die Offenbarung auf, daß er sich, in seiner gegenwärtigen Bekümmerniß, am besten an den Jüngling wenden könnte, welcher so fein von der christlichen Liebe gepredigt hatte. Er klopfte also an die Thür an. Die Thür öffnete ein ältlicher Mann, der, wie sich hernach auswies, der Vater des Kandidaten war. Er war ein ehrlicher guter Krämer, der in den Abendstunden und Sonntagsnachmittagen gern Erbauungsschriften las, die er nicht ganz verstand. Er war daher in des hochtrabenden Oemlers , in des mystischen Trescho , in des wortreichen Tiedens Schriften sehr belesen, und galt deshalb bey seinen Nachbarn für einen gelehrten Mann. Das Herz hüpfte dem ehrlichen Krämer, als Sebaldus nach dem Prediger fragte, von welchem er eben die schöne Predigt von der Liebe gehört habe. »Es ist mein Sohn, rief er freudig aus: treten Sie doch näher, mein lieber Herr!« und damit führte er ihn in die Stube. Sebaldus fand den Kandidaten, unter den Händen seiner, über die erste Predigt ihres Sohnes noch entzückten Mutter, die ihm eben einen leichten Schlafrock angezogen und eine weiße Mütze aufgesetzt hatte, und noch beschäfftigt war, ihm den gelehrten Schweiß von der Stirn zu wischen. Sebaldus redete ihn an: »Seine Predigt mache ihm Muth, sich bey seiner itzigen Verlegenheit an ihn zu wenden. Er sey selbst ein Prediger, obgleich seines Amts entsetzt. Er habe zweymal durch Räuber seinen letzten Heller, nebst seinen Empfehlungsbriefen verloren. Er bitte ihn nur um ein Obdach, und um guten Rath, wie er nothdürftig sein Brodt verdienen könne.« Der Kandidat fragte ihn mit einer sehr weisen und ernsthaften Miene: »Warum er seines Amtes sey entsetzet worden?« Sebaldus glaubte, dem Berichte seines gewesenen Reisegefährten zu folge, er werde sich am besten empfehlen, wenn er sich als einen Heterodoxen angebe. Er gestand also ohne Umstände, »daß er wegen Abweichungen von den symbolischen Büchern abgesetzt worden.« »Abweichungen! rief der alte Krämer, o! wenn Sie doch das schöne Büchlein gelesen hätten; das wir neulich hier hatten: Fritz! wo wars doch gedruckt? in Nürnberg? oder in Jena? da würden Sie haben lesen können, wie der liebe Mann die Abweicher abführt; 's ist 'n gelehrter Mann, warlich 'n gelehrter Mann, er würde Sie verachten, wenn er Sie kennete. Der Mann hält was auf Orthodoxie.« Er würde noch weit mehr geplaudert haben, aber der Kandidat, der es ungern sah, daß sein ungelehrter Vater geschwinder antworten wollte, als er, fiel ihm mit pathetischer Stimme ins Wort, und sagte: »Es thut mir sehr leid, daß Sie nicht besser auf die symbolischen Bücher gehalten haben. Hier zu Lande schwören wir leider! zwar nicht darauf, sie sind aber doch ein Pactum, und Pacta sunt servanda. – Und worinn fuhr er mit aufgeworfenem Unterkinne fort, worinn fanden Sie denn für so nöthig von den symbolischen Büchern abzugehen?« Sebaldus, etwas kleinlaut, antwortete: »In der Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen.« Der Kandidat schlug seine Hände über seine weiße Mütze zusammen, und rief aus: »Wie ist es möglich, daß jemand an einer so göttlichen Lehre zweifeln kann? Haben Sie denn den ersten Theil meiner Predigt nicht gehört?« »Nein, sagte Sebaldus, weil er erst gegen das Ende derselben gekommen sey.« »Das thut mir leid, sagte der Kandidat; denn ich habe darinn bewiesen, die wahre christliche Liebe erfodere, daß man alle diejenigen, welche nicht den wahren evangelischen seligmachenden Glauben haben, durch alle nur möglichen Mittel in den Schooß der Kirche zurück zu bringen suche, eben deshalb, damit man ihre Seelen rette, und sie nicht ewig verdammet würden.« Er würde seine ganze Predigt wiederholt haben, wenn nicht der Vater in großem Eifer aufgefahren wäre: »Was? keine ewige Höllenstrafen? das wäre schön, wenn mein Nachbar an der Ecke gegenüber nicht sollte ewig verdammt werden! Er, der das Predigtamt verachtet, der in gar keine Kirche gehet, der mir einen Proceß an den Hals geworfen, der ihn gewonnen hat! der gottlose Mann! der Atheist! der Separatist!« Sebaldus wollte sich vertheidigen; aber der Krämer nahm ihn beym Arm, und schob ihn höflich zur Thür hinaus. Sebaldus war sehr betreten; weil er aber sahe, wie äußerst nothwendig es sey, sich an irgend jemand zu wenden, so gieng er zu dem Nachbar gegenüber, von dem er bessere Gesinnungen hoffte, weil er nicht so orthodox seyn sollte, als der Krämer. Er fand einen Mann von blassem sanftmüthigem Ansehen, in einem simpeln grauen Rock, und einer baumwollenen Perücke, der, an seinem Pulte sitzend, einen Posten in sein Hauptbuch trug. Sebaldus erzählte ihm, was in des Nachbars Hause vorgefallen war, und wiederholte seine Bitte um einen guten Rath. Der Separatist sagte mit schwacher und sanfter Stimme: »Ich wundere mich nicht über meines Nachbars unchristliche Rede, denn er hat den Geist nicht, der das Leben giebt. Freylich sind die symbolischen Bücher eine Erfindung des Teufels, so wie der ganze geistliche Stand. Ein jeder wahrer Christ ist ein Hoherpriester. Die Geistlichen haben die Welt von je her verführt, und da Er mein Freund! von dem Stande ist, so gehe Er in Gottes Namen, wohin Er will, ich habe nichts mit Ihm zu schaffen.« Er klopfte noch an einigen Thüren an, wo man ihn, als einen gemeinen Bettler, abwies. Endlich gerieth er in ein Gelag, wo vier lockere Brüder zwischen acht Flaschen saßen, und sämtlich von Weine glüheten. Sie hatten schon dreymal ihren gewöhnlichen Zirkel von schlüpfrigen Wortspielen und abgeschmackten Spöttereyen über ehrwürdige Sachen durchgegangen, und hatten schon dreymal sich gekützelt, über das zu lachen, was nicht lächerlich ist, und sie waren eben im Begriff, trotz der Dünste des Weins, mit dem sie ihre hirnlosen Köpfe anfeuerten, in ein allgemeines Gähnen zu gerathen. Der Zufall führte ihnen den Sebaldus zu, dem sie gleich ansahen, daß er sehr leicht aufzuzäumen seyn würde. Der witzigste unter ihnen, nachdem er den andern einen Wink gegeben hatte, nahm den Sebaldus, der eben wieder aus der Thür zurücktreten wollte, mit freundlicher Miene bey der Hand, ließ ihn sich niedersetzen, und fragte ihn um sein Anbringen. Er schien ihn recht sehr zu bedauren, fragte dem guten Sebaldus, dessen Herz gewöhnlicher Weise auf seiner Zunge saß, sehr bald seine Geschichte ab, und erfuhr auch von ihm seine Neigung zur Apokalypse, der er den lautesten Beyfall zu geben schien, indeß seine Gefährten im innern Munde lachten. Er bedauerte mit scheinheiliger Miene den Sebaldus, wegen seiner vielen erlittenen Unglücksfälle, und fragte ihn, wie er sie habe so geduldig ertragen können. »Unvermeidliches Unglück zu ertragen, wird einem weisen Manne leicht, und die Hoffnung jenes Lebens.« – Hier konnte sich einer der Gäste, der dem Sebaldus gegen über saß, und ihn schon lange, den Kopf auf beide Ellenbogen gestützt, angegaffet hatte, nicht länger halten, sondern schlug über jenes Leben eine laute Lache auf. »Du alter Narr, rief er, du wirst eben so wohl in nichts verwandelt werden, als ich und wir alle; drum laß uns noch eins trinken. Denn (er sang) Unser Leben währet kurz, Es vergeht geschwinde.« Hiemit schenkte er ein volles Glas ein, und brachte es dem Sebaldus: »Da trink mit, auf der Babylonischen Hure Gesundheit!« Alle vier brachen in ein Pferdegelächter aus, und Sebaldus, der jetzt erst merkte in was für Gesellschaft er war, ließ sich durch kein Zureden aufhalten, sondern eilte zur Thür hinaus, und schöpfte nicht eher wieder frische Luft, bis er auf der Straße war. Er empfand den ehrlichen Unwillen, den ein kluger Mann allezeit empfindet, wenn er merkt, daß er einer Gesellschaft von Narren zum Schauspiele gedienet habe. Hiezu kam die Bekümmerniß über seine nun mehrmals fehlgeschlagene Hoffnung, sich die ersten Bedürfnisse des Lebens zu schaffen. Er wollte eben in laute Klagen ausbrechen, als ihm sein gewesener Reisegefährte begegnete. Derselbe war in einen guten tuchenen Rock gekleidet, gieng mit niedergeschlagenen Augen ernsthaft einher, in Gesellschaft, eines braunen von der Sonne verbrannten Menschen von widriger Miene, der in Reisekleidern, und mit einem Hirschfänger umgürtet war. Er würde den Sebaldus nicht angesehen haben, wenn dieser ihn nicht bey der Hand genommen, und ihn also angeredet hätte: »Ach! Sie haben wohl recht, daß in dieser Stadt alle christliche Liebe erloschen ist. Aus den Häusern weiset man mich weg, und auf der Straße bin ich unter hundert Menschen, die vor mir vorbey ihren Vergnügungen oder Geschäfften nacheilen, eben so einsam, als in einer Wüste. Der Tag fängt sich an zu neigen, und ich weiß noch nicht, wo ich ein Obdach finden soll. Großer Gott! was soll aus mir werden?« »Ja freylich, sagte der Pietist, wo die seligmachende Gnade nicht ist, da ist keine Liebe; aber ein guter Christ muß doch nicht verzagen. Wissen Sie was? wenn es dunkler wird, so gesellen Sie sich zu den Nachtwächtern, und gehen mit ihnen auf eine Hauptwache, da können Sie schlafen. Morgen früh wird sich wohl etwas finden. Leben Sie wohl, ich muß eilen.« Sebaldus wollte ihn noch aufhalten, aber er riß sich los; denn er sollte einem jungen Herrn noch heute unverzüglich Geld verschaffen, und das Pfand war sehr sicher. Sebaldus, von aller Hülfe verlassen, irrte noch einige Stunden, fast ohne Besinnung, auf den Straßen herum. Er hatte, seit dem frühen Morgen, noch nichts gegessen, er war von der Reise, und vom Gram äußerst ermüdet, alle seine Glieder ermatteten, alle Hoffnung verließ ihn, und er sank, als es anfieng dunkel zu werden, beynahe ohne es selbst zu wissen, unter dem Bogengange der Stechbahn in einen Winkel trostlos nieder. Hier lag er, unter den traurigsten Betrachtungen. Bald fiel ihm die Hartherzigkeit des Stauzius und des Präsidenten ein, die ihm in seinem Vaterlande nicht einmal die Luft gegönnet hatten; bald gieng ihm die Gleichgültigkeit der Einwohner Berlins ans Herz, die auf das Elend eines Nebenmenschen so wenig Acht hatten. Die Standhaftigkeit, die ihm sonst sein ruhiges Temperament gewährte, hatte ihn ganz verlassen. Er stieß laute Seufzer und die bittersten Klagen aus. Er erregte dadurch die Aufmerksamkeit vieler Vorübergehenden, die von Gastereyen, oder Spaziergängen zurück kamen. Einige sagten: »Da liegt ein Mensch!« andere: »Was muß das für ein Mensch seyn?« andere warfen ihm ein Paar Dreyer zu, die einen Mann, dessen Gesinnungen das Elend noch nicht ganz hatte erniedrigen können, demüthigten, ohne ihm zu helfen. Endlich, da es schon ganz dunkel war, gieng ein Mann mit einer Laterne in der Hand vorüber, eben als Sebaldus einen tiefen Seufzer ausstieß, und in unzusammenhängende Klagen ausbrach. Er leuchtete ihm mit der Laterne gerade ins Gesicht, und fragte, was er begehre! Ha! sagte Sebaldus mit starren Augen: »Ich möchte wohl einen mitleidigen Menschen sehen, denn in dieser Stadt kann eine menschliche Kreatur auf der Straße verschmachten, indeß in allen Häusern Freude und Wohlleben herrschet.« Der Vorübergehende fragte weiter, und erfuhr in wenig Worten, wer Sebaldus sey, und die fehlgeschlagenen Versuche dieses Tages. »Sie haben sich, mein Freund, sagte der Mann mit der Laterne, lächelnd, nur an allzureiche Leute gewendet. Ein wohlhabender Mann kennet das wahre Bedürfniß eines Unglücklichen nicht recht, wirft ihm aufs höchste einen Dreyer oder Pfennig zu, und geht weg. Königen können am besten Könige, und Armen am besten Arme helfen. Stehen Sie auf.« Er hob ihn auf, und führte ihn mit sich fort. Dieser Mann war Schulmeister in einer von den Freyschulen für arme Kinder, die eine rechtschaffne Patriotinn, Die sel. Feldmarschallinn von Spaen, setzte zuerst ein Kapital zu einer Freyschule aus, die im Jahre 1699. eröffnet ward. Auch die folgenden Freyschulen sind bloß durch Vermächtnisse, und freywillige Beyträge edelmüthiger Wohlthäter bestanden. Im Jahr 1773 sind in sechzehn Freyschulen 980 arme Kinder umsonst unterrichtet worden. Der itzige Aufseher dieser Freyschulen, Herr Prediger Rauch, giebt jährlich eine Nachricht von dem Zustande derselben heraus. bloß aus Liebe zu guten Handlungen, ohne Ruhmbegierde oder Eigennutz, zuerst angelegt hat, und die bisher bloß durch die Mildthätigkeit von Menschenfreunden unterhalten worden. Er hatte bey einer sauern Arbeit gerade das nothwendigste Auskommen. Seine Frau und einzige Tochter halfen arbeiten, um sich zu erhalten. Er stellte ihnen bey seiner Zuhausekunft den Sebaldus vor, der von ihnen mit herzlicher Gastfreundschaft empfangen ward. Sie erquickten ihn mit einer frugalen Abendmahlzeit, und hernach ward ihm, in einer Art von Abschlage auf dem Boden, ein Lager von frischem Stroh angewiesen, zu dessen Verbesserung sowohl, der Alte, als das gute Mädchen, jeder ein Stück Bette, hergab. Fünfter Abschnitt. Sebaldus, durch die Ruhe sehr erquickt, wachte erst gegen acht Uhr auf, und fand schon seinen Wohlthäter bey seinen Schülern, dessen Frau beym Seidewickeln und die Tochter bey einem Nährahmen beschäfftigt. Er fieng sogleich ungebeten an, seinem Wohlthäter in seiner Schularbeit zu helfen. Nach dem Mittagsessen dankte er ihm, von ganzem Herzen, für seine gastfreye Aufnahme, und fügte die Bitte hinzu, daß er ihm Anleitung geben möchte, selbst sein Brodt zu verdienen. »Was meinen Sie zu verstehen, antwortete der Schulmeister, das hier in Berlin brauchbar wäre, und das Sie ausüben oder lehren könnten?« »Ich habe gedacht, sagte Sebaldus, daß, da in dieser großen Residenz, die wichtigsten Landes- und Regierungsgeschäffte, Kriegsanschläge, Handlungs- und Nahrungsgeschäffte, u. s. w. vorkommen müssen, und da keine von diesen Sachen ohne Philosophie geführet werden kann, so würde ich am besten mein Auskommen finden können, wenn ich Unterricht in der Philosophie gäbe. Wenn ich auch nicht an die Großen käme, so muß doch ein jeder Bürger vernünftig zu leben suchen, und dieß kann ich nach den neuesten und gründlichsten Grundsätzen des Hrn. D. Crusius lehren. Ich kann aus der Thelematologie , aufs unwiederleglichste, die Ethik , die natürliche Moraltheologie , das Recht der Natur und die allgemeine Klugheitslehre herleiten. Denen, die nicht so tief eindringen wollen, kann ich einen halbjährigen Kursus über Wüstemanns Einleitung in die Philosophie des Hrn. D. Crusius halten.« »Wer ist der Crusius? und wer ist der Wüstemann ?« »Wie? Herr D. Crusius ist ein weltberühmter Mann, den alle Gelehrten aus Einem Munde preisen, der die Thelematologie erfunden hat, der sich dem Wolfischen Fatalismus entgegengesetzt hat, der muß in Berlin in allen Gesellschaften genennet werden, dessen Schriften müssen alle Gelehrten sich zum täglichen Studium machen.« »Es kann seyn. Ich bin kein Gelehrter, aber ich bin in vielen Häusern in Berlin bekannt; ich war drey Jahre Schreiber bey einem Mitgliede der Akademie der Wissenschaften, zwey Jahre Bedienter bey einem Minister, und anderthalb Jahre Küster bey einem sehr gelehrten Prediger, der mir alle seine Manuskripte vorlas, und doch habe ich den Namen Crusius in meinem Leben nicht nennen hören. Und wie hieß der andere?« – »Magister Wüstemann . Dieser hat die freylich etwas weitläuftigen Schriften des Hrn. Doktors in einen kurzen Begriff gebracht. Ich dächte, er müßte auswärts eben so berühmt seyn, als Wichmann, Reinhard, Schmid, Pezold , die des Herrn Doktors lateinische Schriften, den Ungelehrten zum besten, ins Deutsche übersetzt haben. Zudem wird, wie ich höre, in Leipzig und in Wittenberg über seine Einleitung gelesen.« »Ich habe schon mehrmals bemerkt, daß Leute, die auf Universitäten für sehr berühmt gehalten werden, in Berlin keinem Menschen bekannt sind. Ich glaube überhaupt nicht, daß Sie in Berlin durch Philosophie Ihr Glück machen werden. Da hilft Gunst und Protektion, tiefes Beugen und langes Warten oft mehr, als das beste System. Was haben Sie sonst studirt, womit haben Sie sich außer der Philosophie am meisten beschäfftigt?« »Ich habe meine Nebenstunden hauptsächlich zu Verfertigung eines Kommentars über die Apokalypse angewendet. Ich habe ihn bey einem Freunde niedergelegt. Mir fällt eben ein, ich könnte ihn kommen lassen; denn unter uns gesagt, ich beweise darinn, daß der König von Preußen in kurzem ansehnliche Provinzen erhalten wird, nebst vielen andern wichtigen und nützlichen Dingen.« »Mein lieber Freund, die Apokalypse ist in Berlin noch weniger in gutem Geruche, als die Philosophie. Wenn Sie hätten weißagen wollen, so hätten Sie müssen vor drey oder vier Jahren kommen, als wir noch Krieg hatten. Da galten noch die Weißagungen etwas. Und doch ist die Frage: ob nicht Pfannenstiel, der Leinweber , weit über Sie gewesen seyn würde, welcher nicht allein die Schlacht bey Zorndorf auf den Tag vorher sagte, da sie wirklich geschah, sondern auch, was noch mehr war, den Gesang, der den darauf folgenden Sonntag in der Kirche gesungen werden sollte. Nein! mit Weißagungen kommen wir nun in Berlin nicht mehr fort. Verstehen Sie nichts anders? Können Sie Französisch, können Sie rechnen, können Sie tanzen, können Sie den Hunden den Tollwurm schneiden? Dieß sind Künste, die ihren Mann ernähren.« »Von alle dem verstehe ich nichts, sagte Sebaldus, mit kleinmüthiger Miene. Ich verstehe zwar noch etwas, aber das wird mich auch zu nichts führen, da man in Berlin sogar mit der Philosophie nicht fortkömmt. Ich kann ein wenig auf dem Klaviere spielen; aber was wird mir das nützen?« »Halt, mein Freund, damit kommen wir weiter, als mit allem andern. Diese Geschicklichkeit wird Ihnen nicht reichliches, aber doch nothdürftiges Brodt geben. Sie werden auch Noten schreiben können. Mit diesen beiden Künsten habe ich mich selbst über zwey Jahre erhalten.« Sebaldus ward also zu einem Musiker von der untern Klasse umgeschaffen. Er unterwies gemeiner Leute Kinder auf dem Klaviere, und für vornehmere schrieb er Noten. Er ward hiedurch, zu seinem großen Vergnügen, in gar kurzer Zeit in den Stand gesetzt, seinem Wohlthäter, der nun sein vertrauter Freund geworden war, nicht ferner beschwerlich zu fallen, ob er gleich fortfuhr bey ihm zu wohnen. Es waren schon ein Paar Monathe, in Zufriedenheit, und ohne merkwürdige Vorfälle, verflossen, als eines Tages dem Sebaldus von einem gewissen Hrn. F. einige Musikalien zum Abschreiben zugeschickt wurden. Er ward auf diesen Namen sehr aufmerksam, er glaubte ihn irgendwo gehört zu haben, er erkundigte sich näher nach diesem Manne, und erfuhr, daß er bey einem Grafen Hofmeister gewesen, und von einer von demselben erhaltenen ansehnlichen Pension lebe. Nun besann er sich, daß an einen Mann dieses Namens des Majors in Leipzig Rekommendationsschreiben gerichtet gewesen wäre, an das er, seitdem es verloren war, nicht gedacht hatte. Er ward begierig diesen Mann näher kennen zu lernen, er überbrachte seine Abschriften selbst, gab sich zu erkennen, und ward von Hrn. F. mit der größten Freundschaft aufgenommen. Noch mehr, er erfuhr von ihm, daß der Major, durch Wunden zum Dienste untüchtig, von einem erhaltenen Gnadengehalte in Berlin lebe. Er sah denselben noch an eben dem Tage in Gesellschaft des Hrn. F. Der Major empfieng den Sebaldus mit herzlichem Händedrücken. Er biß die Zähne zusammen, als er hörte, wie treulos Stauzius, nach dem Abmarsche des Obersten, gegen seinen Freund gehandelt habe; er erbot sich, auf die treuherzigste Weise, ihm durch Vorsprache noch eine Feldpredigerstelle zu verschaffen, und bis dahin sein Gehalt mit ihm zu theilen. Sebaldus, obgleich über diese großmüthigen Anträge gerührt, verbat sie doch. Das unabhängige Leben fieng ihm an zu gefallen, und da er gewohnt war so wenig zu bedürfen, so erwarb er mit seiner Arbeit mehr, als er zu seinem Unterhalte nöthig hatte. Mit Mühe ließ er sich bereden, bey dem Hrn. F. eine bequemere Wohnung einzunehmen, und desselben Tischgenosse zu werden, weil ihn derselbe versicherte, daß er, seitdem er Wittwer sey, und seine Kinder verloren habe, in seiner Einsamkeit einen Gesellschafter zu haben wünsche. Sechster Abschnitt. Einsmals, nach dem Mittagsessen, hatte Herr F. vom Sebaldus die ausführliche Erzählung seiner Schicksale verlangt. Als sie geendigt war, schlug Hr. F. weil es einer von den schönen Herbsttagen war, die, unter diesem Himmelsstriche, oft den Sommertagen weit vorzuziehen sind, einen Spaziergang auf den Weidendamm vor. Sebaldus war über die Schönheit dieses Spaziergangs entzückt. Mitten in einer bewohnten weitläuftigen Stadt erblickte er eine große grünende Wiese, mit Weiden bekränzt, hoch und belaubt, wie sonst nur Ulmen und Linden zu seyn pflegen; Im Jahre 1772 ist ein Theil dieser Wiese bebauet worden, aber die schönen Weidenbäume sind glücklicherweise stehen geblieben, von denen der Naturkundiger Schreber sagt: daß er sie, von solcher Höhe und Schönheit, auf seinen Reisen noch nirgend gesehen habe. dieser ländlichen Scene gegenüber, Gärten und Gartenhäuser, Werke der Kunst, ohne Pracht aber anmuthig, zwischen beiderley Aussichten den silberreinen Spreestrom, von Schwänen bewohnt. Er genoß ganz das Vergnügen dieses reizenden Anblicks, er wollte es seinem Gesellschafter mittheilen, aber nun ward er erst gewahr, daß derselbe in tiefen Gedanken einher gieng, und anstatt auf seine entzückten Ausrufungen zu antworten, einigemal tief seufzete. »Was fehlt Ihnen? fragte ihn Sebaldus, Sie scheinen ganz tiefsinnig zu seyn.« »Ihre Geschichte, antwortete Hr. F. bringt mir das ganze finstere Gemälde der Intoleranz und der Priestergewalt lebhaft wieder zu Gemüthe. Ich bin selbst ein Opfer derselben gewesen. Ich habe erfahren, was es heiße, seine gesunde Vernunft unter den Gehorsam vorgeschriebener symbolischer Bücher gefangen zu nehmen; ich habe erfahren, welchen bequemen Vorwand solche Vorschriften herrschsüchtigen und eigennützigen Geistlichen darbieten, um ihre Absichten in der Stille auszuführen; ich habe erfahren wie bitter der Haß ist, den sie augenblicklich gegen jeden, den sie einer Abweichung zeihen können, erregen können, so lange das Volk in der Meinung unterhalten wird, daß solche Vorschriften unwiederruflich fest stehen bleiben müssen.« Sebaldus war begierig diese Geschichte zu hören, und Hr. F. erzählte sie folgendermaßen. »Ich war in meinen jüngern Jahren dritter Diakon an der Kirche einer Stadt eines kleinen Fürstenthums. Ich lebte vergnügt, ich hatte Freunde. Der Superintendent war ein ganz feiner Mann, der in verschiedenen Arten der Gelehrsamkeit nicht fremd war. Ich konnte mich mit ihm unterhalten, wir unterredeten uns oft von Verbesserung der Mängel der Religion; denn ob er gleich nichts dazu beizutragen Lust hatte, so mochte er doch gern, unter vier Augen, davon sprechen. Er freuete sich, daß ich selbst dächte. Ich durfte ihm meine Zweifel vortragen, und da ich oft mit seinen Beantwortungen zufrieden war, so gewann er mich lieb. Die Hauptneigung dieses alten Mannes war die Naturgeschichte, und zwar hauptsächlich die Nomenklatur und Klassifikation derselben, welches nun freylich eben nicht meine Neigung war. Er wollte mich belohnen, indem er mich zum Mitgliede einer Gesellschaft aufnehmen ließ, welche er mit dem Bürgermeister, dem Konrektor und dem Apotheker errichtet hatte. Diese sammleten Insekten, Vögel, Steine, Versteinerungen, Mineralien, tauschten mit benachbarten Liebhabern, brachten Kabinette zusammen, ordneten sie bald nach diesem bald nach jenem Systeme, lasen sich lange Abhandlungen darüber vor, wozu der Superintendent die Theologie lieh, und keinen Insektenflügel, keine Vogelklaue, oder Quarzdruse, ohne erbauliche Nutzanwendung ließ. Dieß war alles ganz gut, nur daß es für mich ein wenig langweilig war. Ich fieng also nach einiger Zeit an, seltener in die Gesellschaft zu kommen, und vermied, so viel ich konnte, mit auf die Insektenjacht zu gehen. Hierüber bekam ich einen Verweis vom Superintendenten; denn so freundschaftlich er war, hatte er doch den kleinen Fehler, daß er sich derer ganz bemächtigte, die er in Affektion genommen hatte. Er ordnete ihre Studien an, er bestellte ihr Hauswesen, er erdachte für sie die Vergnügungen, die sie sich machen sollten, und er hatte für alles weise Gründe anzuführen, denen man nicht widersprechen durfte. Ich durfte mir also nicht merken lassen, daß Sammlereyen und Klassifikationstabellen, wie er sie liebte, für mich sehr wenig Reiz hatten, sonderlich wenn dabey bloß die Augen und das Gedächtniß, keinesweges aber der Verstand, beschäfftigt ist. Hingegen mußte ich geduldig zuhören, wenn er mir, als eine väterliche Weisung, einprägte: ›daß Spekulation den Geist nicht bessere, daß man, bey tiefsinnigen Untersuchungen über Raum und Zeit, ein Deist bleiben könne, daß hingegen durch Walpurpergers kosmotheologische Betrachtungen Ein Buch in vier dicken Quartbänden. schon mancher Freygeist bekehret worden sey.‹ Er stichelte mit solchen Worten zugleich auf den Umgang, den ich mit einem jungen Officier angefangen hatte, einem Jünglinge, der gute Gaben und gute Gesinnungen hatte, der, ob er gleich ein wackerer Soldat war, gleichwohl die Wissenschaften liebte, und sich, gleich mir, gern mit philosophischen und moralischen Untersuchungen beschäfftigte. Dieser Umgang hatte auf keine Weise den Beyfall des Superintendenten; denn weil er von der Würde des geistlichen Standes einen sehr hohen Begriff hatte, so wollte er, daß ein Geistlicher nur mit Personen seines eignen Standes, oder mit andern alten ernsthaften angesehenen Männern umgehen sollte. Er verlangte, jeder Schritt sollte verrathen, daß er zu den Lehrern des menschlichen Geschlechts gehöre; er verlangte, daß er, mehr als alles, vermeiden solte, sich auf irgend eine Art zu kompromittiren; daß er sich beständig bedächtig anstellen, und sogar auf der Straße langsamer gehen solte, als die Layen. Ich war freylich anderer Meinung. Ich bildete mir ein, es wäre sehr nützlich, wenn ein Geistlicher sich im Umgange nicht auf Personen seines Standes einschränkte, sondern auch öfters mit Weltleuten umgienge; ich glaubte, er würde dadurch ein gewisses steifes Wesen ablegen, das man von der Universität, und aus dem Kandidatenstande mitbringt; er würde, wenn er die mannichfaltigen Einsichten und Verdienste von Personen anderer Stände oft vor Augen hätte, sich den Lehrerton abgewöhnen, der bey verständigen Leuten den Prediger nie würdiger macht, oft aber wohl zur Zurückhaltung und zum Kaltsinn Anlaß giebt; er würde, wenn er sich der Sitten, Beschäfftigungen, Vergnügungen, die andere Menschen haben, nicht schämte, weit eher ihr Zutrauen erhalten, er würde sie genauer kennen, und folglich auch ihren Gemüthszustand besser beurtheilen lernen, als wenn er bloß mit Leuten umgienge, die mit ihm aus eben demselben Kompendium der theologischen Moral raisonniren, in welchem nicht selten Dinge als ausgemachte Wahrheiten behauptet werden, die oft ein einziger Blick in die Natur des Menschen, und in den Lauf der Welt, widerlegt. Dieß waren die Vortheile, die ich mir von der Freundschaft mit dem jungen Officier, und von den ausgesuchten Gesellschaften versprach, in die er mich zuweilen führte. Indessen brachte dieser mein weltlicher Umgang mir bey dem Superintendenten ungezweifelten Nachtheil. So wie ich den Zirkel überschritt, den er mir angewiesen hatte, ward er kälter und feierlicher gegen mich, und, ohne daß er sich gegen mich deutlich erklärte, konnte ich wohl merken, daß seine Zuneigung gegen mich abgenommen hatte. Mein Unstern trieb mich endlich, ein Buch zu schreiben, worinn ich mich über gewisse dogmatische und moralische Materien, über die ich lange und reiflich nachgedacht hatte, freymüthig erklärte. Dieß machte im Städtchen Aufsehen. Weder der Superintendent, noch meine übrigen Kollegen, nebst ihren Vorfahren seit drey Generationen, hatten jemals ein Buch geschrieben. Man hielt mich also für naseweise, daß ich, als der jüngste Diakon, hierinn eine Neuerung machen wollte. Selbst der Superintendent billigte diesen Schritt nicht, besonders war ihm die dreiste und freymüthige Art, mit der ich verjährte Vorurtheile angegriffen hatte, sehr mißfällig. Vergebens erinnerte ich ihn, daß dieses eben die Sätze wären, über deren Richtigkeit wir oft in unsern Unterredungen übereingekommen wären, und die ich zum Theil oft aus seinem eigenen Munde gehört hätte. ›Das war ganz etwas anders, versetzte er, etwas erhitzt: dergleichen Sachen kann man wohl unter vier Augen untersuchen, aber man muß sie nicht öffentlich sagen. Und Sie am wenigsten, als ein Prediger, hätten sich hierüber so positiv erklären sollen. Wir müssen uns dem Urtheile des gemeinen Haufens nicht bloß stellen, er erschrickt über ungewohnte Wahrheiten, und wir verlieren das Zutrauen, das wir zu seiner Besserung anwenden könnten. Wenn ein Prediger Zweifel über dogmatische Sätze hat, so ists am besten, daß er sie ganz verschweige, aufs höchste kann er lateinisch darüber schreiben, für gelehrte Theologen, die davon so viel in die Welt können kommen lassen, als sie nöthig finden.‹ Vergebens stellte ich ihm vor, wie nöthig es wäre, daß der große Haufen über gewisse Wahrheiten belehret würde; vergebens bemerkte ich, daß viele Zweifel deßhalb nicht unbekannt blieben, wenn auch die Gottesgelehrten davon schwiegen, weil sie den Weltleuten oft aus andern Büchern, und durch Unterhaltungen mit denkenden Köpfen, schon längst bekannt geworden wären, und wenn sie nicht näher beleuchtet und erörtert würden, zuweilen noch weit mehr Schaden thun könnten. Ich wollte noch weiter gehen, ich wollte ihm zeigen, daß ich es an der nöthigen Klugheit nicht hätte ermangeln lassen, sondern verschiedene Gedanken verschwiegen hätte, die ich öffentlich bekannt zu machen noch nicht für rathsam hielte. Ich entdeckte ihm einige, sie gefielen ihm nicht, er wollte mich widerlegen, ich suchte mich zu vertheidigen, und was das schlimmste war, ich hatte Recht, und er ward hitzig, nahm ein saures Amtsgesicht an, that einen Machtspruch, und brach das Gespräch ab. Der gute alte Mann, sah es zwar sehr gern, wenn andere frey dachten, so weit, als er sich selbst das Ziel gesteckt hatte; aber denjenigen, der nur Einen Schritt weiter gehen wollte, verachtete und haßte er noch mehr, als den, der alles beym Alten ließ. Er hat es mir nachher nie vergeben können, daß ich hatte weiter sehen wollen, als er. Es war ferner auf keine Freundschaft zu rechnen. Er mißbilligte öffentlich mein Buch, um sich zugleich selbst desto kräftiger vor dem Verdachte der Heterodoxie zu sichern, und machte dadurch meinen Kollegen mehrern Muth, die schon längst den jungen gelehrten Diakon mit scheelen Augen angesehen hatten. Man vermied mich, man lud mich ferner nicht zu den gewöhnlichen Zusammenkünften ein, und ich blieb ganz einzeln, mit meinem Freunde dem Officier. Ich hatte nur ein sehr kümmerliches Auskommen. Man weiß, wie schlecht überhaupt die festgesetzte Geldeinnahme der Prediger ist. Ihr hauptsächlicher Unterhalt beruht auf zufälligen Einkünften, besonders auf dem Beichtgelde. Zu der Zeit, da die Layen glaubten, daß sie die Vergebung der Sünden bloß von dem Priester, durch Beichte und Absolution, erhalten könnten, wandten sie auf eine so nöthige Waare freylich schon ein Erkleckliches. Nachdem man ihnen aber, in Schriften und von den Kanzeln, so nachdrücklich eingeprägt hat, daß, ohne wahre Besserung des Herzens, die Absolution gar keine Kraft habe, so hat die große Menge, welche nie Willens gewesen ist sich zu bessern, gemerkt, daß sie ihr Geld für eine leere Ceremonie ausgäbe, und hat theils die Absolution viel seltener verlangt, theils viel kärglicher bezahlt. Da nun also hierauf gar nicht mehr zu rechnen war, so konnten wohlgesinnte gelehrte Prediger, die nur ihre Pflichten zu erfüllen suchten, ganz ruhig darben, aber ökonomische Prediger, die ihr Amt als eine Art von Pachtung betrachteten, die sie aufs beste zu nutzen suchen wollten, sahen sich zu einer ganz andern Art von Industrie genöthigt. Sie fiengen an in die Häuser zu gehen, sich ihren Pfarrkindern nothwendig zu machen, sich nach ihrem Hauswesen zu erkundigen, ihre Zwistigkeiten zu erforschen, damit sie sie schlichten könnten, und durch fromme Unterredungen das Zutrauen der reichen Bürgerweiber zu gewinnen. Die Bürger, welche nun merkten, daß der Pfarrer etwas fürs Geld that, bezahlten ihn auch reichlicher, der gelegentlichen Braten, Kuchen, Zuckerhüte, Magenmorschellen und anderer Geschenke nicht zu gedenken. Ohne diese Priesterkünste würde ein ehrlicher Bürgerssohn, der im geistlichen Stande nur ein gemächliches Leben suchte, und sonst, als ein Pächter oder als ein Krämer, auch sein gutes Auskommen hätte haben können, es schwerlich der Mühe werth finden, ein Prediger zu seyn. Meine Kollegen übten diese Künste in ihrem ganzen Umfange aus, und hatten auch vollkommen Muße dazu, weil sie weder durch Studiren noch durch Nachdenken davon abgehalten wurden, Dinge, mit welchen ich die meiste Zeit, die mir von meinen ordentlichen Amtsgeschäften übrig blieb, zubrachte. Ich würde den Mangel, der mich drückte, dennoch gern ertragen haben, weil ich mich, von Jugend auf, gewöhnet hatte, wenig zu bedürfen. Aber ich hatte mich in ein junges, schönes und verständiges Frauenzimmer verliebt, die aber nicht das geringste Vermögen hatte. Ich sah die Verbindung mit derselben für die größte Glückseligkeit meines Lebens an; allein, bey so geringem Einkommen, war diese Verbindung unmöglich. Bloß um derselben willen wünschte ich eine Verbesserung meiner Umstände. Indessen war mit dem Verluste der Freundschaft des Superintendenten auch alle Hoffnung dazu, in meiner itzigen Lage, verschwunden. Ich hätte mir nicht zu rathen gewußt, wenn nicht mein Freund, der junge Officier, mir eine einträgliche Pfarre in einem benachbarten Fürstenthume verschafft hätte. Ich nahm sie ohne Bedenken an. Während des Gnadenjahrs heurathete ich meine Braut, und träumte von weiter nichts, als von Glück und von Vergnügen, indessen daß an dem Orte meines künftigen Aufenthaltes sich ein Wetter wider mich zusammen zog. Ein anderer Prediger hatte sich große Hoffnung zu meiner Stelle gemacht, und dieser konnte mir nicht verzeihen, daß alle seine Bewerbungen fruchtlos gewesen waren. Er breitete gräßliche Gerüchte von meiner Heterodoxie aus, und berief sich auf mein gedrucktes Buch, wo sie, schwarz auf weiß, zu lesen stände. Die Schneider und die Schornsteinfeger in meiner Diöces lasen eine philosophische Abhandlung, die nicht für sie geschrieben war, und fanden Ketzerey über Ketzerey darum. Als ich also mein Amt antreten wollte, fand ich meine ganze Gemeine wider mich eingenommen, die Leute auf der Gasse gafften mich als ein Wunderthier an, und drängten sich vor mein Haus, um den neu angekommenen Ketzer zu sehen. Zugleich erfuhr ich, alsdann erst, daß in diesem Fürstenthume ein Paar symbolische Bücher mehr, als in dem andern Fürstenthume müßten beschworen werden, daß man, für die Stadt, noch ein besondere Formulam committendi habe, die von abgeschmackten Schuldistinktionen voll war, und daß man (weil mein Gegner bey Leuten von Ansehen eben so wenig müßig gewesen war, als beym Pöbel,) derselben noch, wider die Ketzereyen, die man von mir besorgte, drey spitzfündige und verfängliche Klauseln einverleibt habe, die ich unterschreiben sollte, ehe ich mein Amt anträte. Ich war wie vom Donner gerührt. Es war sehr hart, etwas beschwören und unterschreiben zu sollen, das ich nicht glaubte, und gleichwohl, wenn ich es nicht that, so brachte ich mich selbst an den Bettelstab, und meine Frau, die ich wie meine Seele liebte, die seit einigen Monathen schwanger war, stürzte ich in das äußerste Elend. Mein Entschluß mußte kurz gefaßt werden; denn man hielt auf mich, und wartete nur, ob ich mich weigern würde. Ich war in der ängstlichsten Verlegenheit, und ich suchte doch, aus Zärtlichkeit, meinen traurigen Zustand meiner geliebten Gattinn zu verbergen. Ich gieng den folgenden Morgen mit Aufgange der Sonne zum Thore hinaus, um meinen Gedanken nachzuhängen. Ich folgte der Landstraße, die mich an einen Wald führte. Ich hatte in demselben eine Zeitlang herum geirret, als mir unvermuthet ein hagerer blasser Mensch entgegen lief, dem die Verzweiflung an der Stirn geschrieben war. Er hielt mir einen starken Knüttel vors Gesicht, und foderte, mit einem schrecklichen Fluche, mein Geld oder mein Leben. Ich war erschrocken, und wehrlos. Ich gab ihm also meinen Beutel, der, von einigen Thalern kleiner Münze schwer, mehr werth schien, als er es war. Der Räuber sah ihn mit starren Augen an, und rief: ›Nein! das ist zu viel!‹ Er band den Beutel auf, wollte etwas heraus nehmen, aber die Hand zitterte ihm, er warf den Knüttel weg, fiel vor mir auf die Knie, hielt mir den Beutel vor, und schrie laut: ›Nein! ich kann nicht! Nein! lieber Herr! ich bin kein Straßenräuber! ich bin ein unglücklicher Vater. Geben Sie mir selbst nur so Viel, daß meine Frau und meine armen Kinder nicht noch heute Hungers sterben.‹ Ich rief voll Entsetzen: ›Nimm, Freund! ich bin arm, aber nicht so arm, als du!‹ Indem hörte ich in der Nähe einen weiblichen Schrey. Eine Frau, mit einem vierteljährigen Kinde im Mantel, schleppte sich zu uns, drey kleine Kinder in Lumpen folgten ihr. ›Mann! was willst du machen!‹ schrie sie, und sank halb todt zu meinen Füßen. ›Dich und deine Kinder nicht vor meinen Augen verschmachten sehen!‹ rief er mit wildem Tone. Ich suchte diese Leute zu besänftigen, ich setzte mich zu ihnen nieder, fragte wie sie hieher kämen, und was dieß alles bedeuten sollte? ›Lieber Herr! sagte der Mann, nachdem er ein wenig Athem geschöpft hatte, ich bin ein Baumwollenweber. Ich wohnte in einem Flecken in Böhmen, ich hatte sonst mein gutes Auskommen, aber unser Gutsherr war ein harter Mann, er wollte uns nicht Gott nach unserm Glauben dienen lassen, wir sollten in die Messe gehen, und wir hielten dieß wider unser Gewissen. Ich will mich aufmachen, sagte ich, und in ein protestantisches Land gehen, wo ich Gewissensfreyheit habe. Ich flüchtete, ich kam bis in eine einige Meilen von hier entfernte Stadt, ich ward wohl aufgenommen, und konnte frey in die Kirche gehen. Doch es ist nicht genug in die Kirche zu gehen, man muß auch Frau und Kinder ernähren. Ich fieng also an mit Mühe einen Stuhl zurecht zu bringen, und webte Kottonade. Dieses Zeug war dort bisher noch unbekannt gewesen, es fand viele Käufer, sobald es bekannt wurde. Plötzlich ward ich auf das Rathhaus gerufen, und bekam Befehl, meine Arbeit einzustellen. Ich fragte erstaunt: weswegen? Weil Ihr ein Pfuscher seyd, rief der Altmeister der Raschmacher, welches die stärkste Zunft in der Stadt war, weil Ihr keinen Lehrbrief vorzeigen könnt, und weil Ihr kein Meisterstück gemacht habt. – In Böhmen, erwiederte ich, giebt man keine Lehrbriefe, sondern es kann jeder weben, wer will, und was er will, und was das Meisterstück anbetrifft, so seht meine Waare an, ob sie nicht so gut ist, als irgend Kottonade seyn kann. – Eben dieses Zeug sollt Ihr gar nicht machen; es ist verboten, sagte ein Rathsherr sehr ernsthaft. – Weswegen? sagte ich noch mehr erstaunt. – Weil es nicht der Vorschrift gemäß ist; weil es der Grundverfassung der Stadt zuwider seyn würde. Schon vor langen Jahren haben die Gewerke Streit miteinander gehabt, und da ist durch ein Gesetz festgesetzt worden, was für Zeuge, und wer sie machen soll, die Leinweber Leinwand, die Tuchmacher Tuch, und die Raschmacher Rasch. – Aber, lieber Gott! rief ich, was kann ich dafür, das derjenige, der das Gesetz machte, alle möglichen Zeuge in Leinwand Tuch und Rasch abtheilte, und daß keiner daran dachte, daß es auch Kottonade in der Welt geben könnte. – Kurzum, hieß es, Euer Gesuch ist wider alle gute Policey, laßt ab das neue Zeug zu machen, das wir nicht dulden wollen, oder man wird Euch Ernst weisen. Ich fuhr aber fort zu arbeiten, und mußte, wenn ich leben wollte, und so kamen des andern Tages die Altmeister, schlugen meinen Stuhl auseinander, und brachten ihn mit allem meinem Werkzeuge aufs Rathhaus. – Ich schrie über Gewalt. Hat man Euch nicht genug gewarnt? sagte der Rathsherr frostig. – Aber lieber Gott! ich muß ja Hungers sterben, wenn ich nicht arbeiten soll. – Wer sagt denn, sprach der Rathsherr mit weiser Miene, daß Ihr nicht arbeiten sollt, Ihr sollt nur nicht solches Zeug machen, das wir hier bey uns nicht leiden wollen; es sind ja sonst Handwerke genug. – Aber, lieber Herr! sagte ich, die werden auch zünftig seyn, und werden mich nicht aufnehmen, und denn habe ich einmal nichts anders gelernt, als Kottonade weben. – Ich merke wohl, Ihr seyd widerspenstig; seht zu, ob man Euch sonst wo dulden will, bey uns werden wir Euretwegen die Gesetze nicht ändern: – dieß war mein Abschied. Ich mußte also mit meiner Familie fort. Gestern Abend kamen wir bey der benachbarten Stadt an, wo man uns nicht einlassen wollte, weil wir keinen Paß hatten. Ich besaß keinen Heller mehr, wir alle hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Wir mußten in diesem Walde unter einem Baume bleiben, die Kinder schrien bis nach Mitternacht um Brodt. Ich war außer mir, daß ich ihnen nichts geben konnte. Nach ein Paar Stunden unruhiges Schlummers, erwachte ich vor Sonnenaufgang; ich betrachtete meine unglückliche Frau und Kinder, und dachte voll Entsetzen, daß sie alle in diesem Walde verschmachten müßten. Ich erblickte von fern einen einzelnen wohlgekleideten Menschen. Die Verzweiflung gab mir einen bösen Rath. – Ich stutzte einen Augenblick beym ersten Schritte, den ich that; aber der Anblick meiner schmachtenden Kinder brachte mich aufs neue in Wut. – Und wenn er sich wehrt, und deiner mächtig wird? dacht' ich. – Ey nun! so mag man mich gefangen nehmen, aber denn wird man doch meine Frau und Kinder im Spitale versorgen müssen. Ich stürzte wie ein Unsinniger auf Sie zu, aber Sie wehrten Sich nicht. Sie gaben mir ruhig, und mehr, als ich für die itzige Noth brauchte. Wars nicht abscheulich, den Mann zu berauben, der mir gutwillig würde gegeben haben. – – Ich bin in Ihren Händen, machen Sie mit mir was Sie wollen, aber retten Sie nur meine unglückliche Frau und Kinder.‹ Ich war äußerst gerührt. Ich ließ diesen unglücklichen Leuten, was im Beutel war, und eilte fort, um mich ihrem Danke zu entziehen. Mein Gott! dachte ich, dieser arme Mann leidet auch, weil die Vorfahren ein Symbolum für die Weber erdacht, und alle Zeuge, die man weben soll, auf Tuch, Rasch und Leinwand eingeschränkt haben! Und dieser übelverstandnen Formalie wegen sollen seine vier armen Kinder Hungers sterben? Er ist in Verzweiflung gerathen. Natürlich! das zahmste Thier wird wütend, wenn es seine Jungen darben siehet! – Und ich, der ich auch Vater bin, soll ich mich in Gefahr setzen, die Meinigen darben zu sehen, oder soll ich – ja, ich will unterschreiben, was man will. Die Erhaltung meiner selbst und der Meinigen ist die erste Pflicht, der alle andern, die damit in Kollision kommen, weichen müssen. Kann ich den Lauf der Welt ändern? Die Könige und die Priester haben den Erdkreis unter sich getheilt, so daß nichts mehr übrig ist. Auf dem Flecke, auf dem ich athme, regiert jemand, wohin ich mich wenden könnte, wird ein anderer regieren. So wenig ich für mich unabhängig bestehen, ohne Regenten seyn, oder mir Regenten und Regierungsform nach meinem Gefallen einrichten kann, eben so wenig kann ich für mich allein, mit meiner besondern Religion, leben. Jede Religionspartey, die Gewalt gehabt hat, hat einen Zaun um sich gezogen, habe ich nicht ihr Schiboleth, so heißts noch Menschenliebe, wenn sie mich bloß ausstößt. Ich kann ihretwegen in die ganze weite Welt laufen, aber wohin ich trete, bin ich im Zaune einer andern, die mich wieder ausstößt. Wohl denn! ich will bleiben, wo ich bin, und dulden, was ich nicht ändern kann. Mit diesen Gedanken kehrte ich zurück, unterschrieb, ohne die Augen aufzuthun, und trat mein Amt an. Meine Pfarrkinder, die mich predigen und Beichte sitzen und Kranken trösten sahen, so wie meine Vorfahren, wurden bald mit mir versöhnt, und wunderten sich selbst, wie sie mich für einen so garstigen Ketzer hätten halten können. Aber nicht so meine Gegner, welche, ob sie gleich vor der Hand still schwiegen, nur auf eine Gelegenheit lauerten, mir den empfindlichsten Stoß zu versetzen. Ich gab sie ihnen selbst an die Hand, durch einige Abhandlungen ohne meinen Namen, die ich in ein Wochenblatt einrücken ließ. Mein Superintendent entdeckte bald, daß weder die Rechtfertigung, noch die Wiedergeburt, noch die Erbsünde, noch der thätige Gehorsam, noch die Homoousie, an der Stelle standen, wohin er sie gesetzt wissen wollte. Ich wurde vor eine meinetwegen niedergesetzte Kommission citirt. Man begegnete mir im voraus als einem teuflischen Ketzer, man verlangte Erklärung, mit Ja, oder Nein, ob ich den symbolischen Büchern, quia , beyfiele, oder nicht? Ich vertheidigte mich, und brachte die Kommissarien noch mehr in Harnisch; denn sie hatten einen bloßen Widerruf und Abbitte von mir erwartet. Kurz, meine Absetzung war unwiderruflich beschlossen, und ich hätte vielleicht mein Leben, als ein Uebelthäter, in einem Kerker endigen, oder mein Brodt erbetteln müssen, wenn nicht mein edelmüthiger Freund, der junge Officier, sich abermals meiner angenommen, und mir eine Hofmeisterstelle bey einem jungen Reichsgrafen verschafft hätte. Ich bin mit meinem Grafen durch ganz Europa gereiset. Ich habe gesehen, daß allenthalben Aberglauben und Priestergewalt sich der Erleuchtung des menschlichen Geschlechts mit unüberwindlicher Macht entgegensetzen, daß allenthalben Dummköpfe, die eingeführten Lehren und Gebräuchen ergeben sind, laut sprechen und herrschen, und daß weise Leute, welche Mißbräuche einsehen, und ihnen abhelfen könnten, nicht laut sprechen wollen, oder dürfen. Nachdem mein Graf volljährig geworden, bin ich nun ganz unabhängig, und danke Gott, daß ich in einer Lage bin, in der ich meine Gedanken nicht ferner verhehlen, noch meine Ausdrücke auf Schrauben setzen darf.« »Ja wohl, sagte Sebaldus, daß ist die große Glückseligkeit, die man in Berlin genießet. Hier ist das wahre Land der Freyheit, wo jedermann seine Gedanken sagen darf, wo man niemand verketzert, wo christliche Liebe und Erleuchtung in gleichem Maße herrschen.« »Ey! Sie haben ja von Berlin eine sehr gute Meinung, sagte Hr. F. lächelnd. Freylich, wer, so wie Sie und ich, kein Amt sucht, und nicht von der Meinung des Publikums abhängen darf, kann in Berlin denken und sagen, was er will; mit demjenigen aber, dem es nicht so ganz gleichgültig ist, was man von seinen Religionsmeinungen denkt, ist es eine ganz andere Sache. Die Regierung begünstigt die Freiheit zu denken, besonders in Religionssachen; wir haben auch einige sehr würdige Geistlichen, die die Untersuchungen wichtiger Wahrheiten nicht für Ketzerey halten, aber das Publikum ist nicht völlig so tolerant. Die Einwohner von Berlin sind so wenig, als die Einwohner irgend einer andern Stadt, geneigt, Neuerungen in der Lehre machen zu lassen.« »Das sollte ich kaum denken, wenigstens stehen sie auswärts in einem ganz andern Rufe. Man glaubt vielmehr, Berlin sey voll von Atheisten, Deisten, Naturalisten, und wer weiß von was für isten mehr. Man glaubt, jeder dürfe sich daselbst in Religionssachen, was er wolle, erlauben. Ich selbst, ob ich gleich nicht lange in Berlin bin, habe zuweilen zufälliger Weise Reden gehört, die man anderer Orten vielleicht nicht so frey hätte führen dürfen, ohne öffentliche Ahndung zu befürchten.« »Nein! öffentliche Ahndung hier freylich nicht. Unsere Regierung hat schon seit langen Jahren klüglich eingesehen, daß man die Meinungen der Menschen von Religionssachen deshalb nicht bessert, wenn man sie einschränkt und ahndet, sondern, daß man vielmehr dadurch jede Thorheit eines Eiferers oder Schwärmers zu einer wichtigen Sache macht. Sie verfolgt niemand wegen Meinungen. Daher machen gute und schlechte Meinungen in Berlin überhaupt nicht so viel Aufsehen, als an andern Orten. Hierdurch geschiehet es, daß sich in Berlin, in dieser Absicht, die Menschen mehr so zeigen, wie sie sind. Sie können in Berlin vielleicht unter spekulativen Gelehrten einige gefunden haben, die die Offenbarung für unnöthig halten, und unter lockern Weltleuten auch wohl einige, die alle Religion verachten. Aber Leute von solchen Grundsätzen werden sie unter Gelehrten und unter Weltleuten allenthalben, obgleich nur etwas verborgner, finden können, und in Berlin machen sie gewiß eine sehr geringe Anzahl aus. Wenigstens, wer solche Meinungen an sich merken läßt, wird weder hochgeschätzt noch geliebt werden. Der Berlinische Pöbel ist noch eben so beschaffen, als der, welcher im Jahre 1748, nachdem er eine erbauliche Predigt wider die Freygeister gehört hatte, dem bekannten Edelmann die Fenster einwarf. Und den Pöbel ungerechnet, sind auch unsere guten Berlinischen Bürger überhaupt zu nichts weniger, als zu so freyen Meinungen, geneigt. Ich wollte wohl Bürge für sie seyn, daß sie auch nicht einmal die geringste Heterodoxie verschlucken würden, sie müßten sie denn etwa, mit gutem Herzen, für Orthodoxie halten.« »Das dächte ich doch nicht. Sie müssen neuen Meinungen nicht ganz abgeneigt seyn, wenigstens haben die Versuche, durch Gebrauch der Vernunft die Vorurtheile in der Religion wegzuräumen, bisher noch in Berlin den größten Beyfall erhalten.« »Ja! vergleichungsweise: Weil sie an vielen andern Orten ganz und gar nicht geduldet werden. Aber vermengen Sie nur ja nicht wenige Schriftsteller und ihre wenigen Freunde mit den Einwohnern Berlins, die aus vielen tausenden bestehen. Lernen Sie diese besser kennen! Wenn diese je von der Dogmatik abgehen, oder irgend worinn über die Schnur hauen sollten, so möchte es gewiß weniger von der Seite der Vernunft, als von der Seite der erhitzten Einbildungskraft Berlin ist vielleicht die einzige Stadt in der Welt, wo man auf den Einfall gerathen ist, in Versen zu predigen. Verschiedene Prediger versuchten dieß, zu verschiedenen Zeiten, mit Beyfall der Zuhörer, bis endlich, durch einen ausdrücklichen Befehl des Oberkonsistoriums, das Predigen in Versen verboten ward. geschehen. Keine große Stadt in Deutschland hat, seit dem Anfange dieses Jahrhunderts, da wir Inspirirte hatten, welche weißagten und Wunder thaten , so viel Schwärmer gehabt, als Berlin, und itzt, wenn ich, den allgemeinen Charakter der Bürger von Berlin, mit Einem Worte bezeichnen sollte, so würde ich eher sagen, sie wären pietistisch als heterodox .« » Pietistisch ? rief Sebaldus aus; die Bürger von Berlin pietistisch !« »Ja! ja! versetzte Herr F. pietistisch , oder orthodox von der pietistischen Seite ; denn Sie wissen, es sind noch nicht funfzig Jahre, daß große Streitigkeiten zwischen der orthodoxen Orthodoxie und zwischen der pietistischen Ortodoxie geführet wurden, und zu der letztern hat sich ein großer Theil der Einwohner von Berlin schon damals und in der Folge geneigt: woher wäre sonst der große Beyfall entstanden, den nebst Leuten, wie Spener und Schade , auch Fuhrmann, Schulz, Woltersdorf und andere nach einander gehabt haben.« »Sie reden von vergangenen Zeiten, seitdem aber hat sich wohl in Berlin vieles gar sehr abgeändert.« – »In den Schriften, die herauskommen, ist die Veränderung geschwinder und allgemeiner, als in den Gemüthern der Einwohner gewesen. Diese sind, in Absicht auf Religionsgesinnungen, noch beynahe eben das, was sie vor vierzig Jahren waren. Ich habe sogar bemerkt, daß sich ihre dogmatischen Gesinnungen nach den Gegenden der Stadt, wo sie wohnen, modificiren. In der alten guten Stadt Berlin findet man noch alte Gewohnheiten, und auch alte Dogmatik. Die Pfarrkinder der uralten Pfarrkirche zu St. Nikolai, am Molkenmarkt , und in der Stralauer Straße bis zur Paddengasse hinauf, halten am meisten auf reine Orthodoxie. Ich versichre Sie, daß Sie daselbst noch ehrenfeste Bürger über Erbsünde und Wiedergeburt können disputiren hören; desgleichen haben die Gärtner und Viehmäster in den Berlinischen Vorstädten noch alle löbliche Anlage auf einen Ketzer mit Fäusten loszuschlagen. In Kölln , in der Gegend des Schlosses , könnten noch am ersten die Freygeister anzutreffen seyn. In dieser Gegend war es auch, wo der Probst Reinbeck , im Haudenschen Buchladen auf der Schloßfreyheit, seine Betrachtungen über die Augspurgische Konfession schrieb, welche zuerst in den Damm, den Eifer und verjährtes Vorurtheil, gegen die menschliche Vernunft, für die Orthodoxie, aufgeworfen hatten, ein kleines Loch machten, das hernach so sehr erweitert worden ist. Die Nachbarschaft des Hofes trägt auch wohl etwas bey, daß die Leute hier freyer denken. Man komme hingegen nur in die bürgerlichern Gegenden der Fischerstraße und Lappstraße , und man wird die Neigung für die Orthodoxie viel stärker finden, ja ich vermuthe, daß sie bey den Gerbern, Pergamentmachern und Seifensiedern in Neukölln bis zum Eifer steige. In den dumpfigen Gassen des Werders wohnen die Separatisten , welche Gott einsam dienen; in den höher gelegenen die stillen Gichtelianer , Diese harmlose Religionspartey unterscheidet sich sehr rühmlich durch sehr ansehnliche Almosen, (zuweilen von einigen tausend Thalern,) die sie giebt, und zwar mehrentheils so unbekannter weise, daß man die Geber nur muthmaßen kann. die ruhige Beschaulichkeit lieben, und unerkannt wohlthun. Um die Gegend der Hospitalkirche zu St. Gertraut fangen die Herrnhuter an sich zu zeigen, und so wie die breiten und hellen Straßen der Friedrichsstadt anfangen, so fangen auch die Religionsgesinnungen der Einwohner an, luftiger und geistiger zu werden. Pietisten, die in Gefühlen und innigen Empfindungen ihre Religion suchen, und Schwärmer von allen Gattungen, finden sich hier, und der innere Trieb der Raschmacher und Wollkämmer bricht hier oft in Erbauungsstunden und Weißagungen aus. Die Dorotheenstadt wird zum Theil von ketzerischen Reformirten und Franzosen bewohnt. Aber in allen Gegenden der Stadt ist eine andere Gattung Leute verbreitet, die ich oft in Gesellschaften angetroffen habe, denen man es anmerkt, daß sie niemals weder Orthodoxie noch Heterodoxie untersucht haben, bey denen es hingegen festgesetzt bleibt, daß alles darinn bleiben soll, wie es war. Es giebt unter ihnen so gar deliirte Weltleute, die scherzen, Karten spielen, mit Frauenzimmern tändeln, und doch die Nase rümpfen können, wenn sich die geringste Ketzerey spüren läßt.« »Dieß sollte mir herzlich leid thun, sagte Sebaldus; denn wenn solcher Leute in Berlin viele sind, so kömmt mir Ihre Nachricht nur allzu glaubwürdig vor, daß hier die Erleuchtung und die Freyheit zu denken noch nicht so groß ist, als ich mir vorgestellt habe. Ich habe immer gefunden, daß diejenigen, die aus Trägheit und Nachläßigkeit die Wahrheit nicht suchen wollen, die Selbstdenker am meisten hassen, weil sie sich sonst ihrer Trägheit und Nachläßigkeit schämen müßten. Mir ist aber immer, selbst derjenige, viel ehrwürdiger gewesen, der, durch Liebe zur Untersuchung der Wahrheit, auf Irrthümer verfällt, als derjenige, der sie gar nicht untersuchen mag.« »In diesen Gesinnungen werden viele Einwohner Berlins nicht mit ihnen übereinstimmen, und vielleicht nicht einmal alle Berlinischen Geistlichen.« Siebenter Abschnitt. Unter solchen Gesprächen hatten sie sich unvermerkt von ihrem Spaziergange linker Hand abgeschlagen, und waren in die Lindenallee gerathen, wo sie sich ziemlich ermüdet auf eine Bank niedersetzten, an deren anderm Ende ein Prediger mit einem Kandidaten in tiefem Gespräche saß. »Es müssen doch noch einige andere Ursachen seyn, sagte der Kandidat, warum die Freydenkerey so sehr in Berlin überhand genommen hat. Ueppigkeit und Wollust gehen in andern großen Städten auch im Schwange, aber man siehet da nicht so viele öffentliche Freydenker.« »Freylich, versetzte der Prediger, unsere schönen heterodoxen Herren, die die Religion so menschlich machen wollen, und die dabey die Würde unseres Standes ganz aus der Acht lassen, sind am meisten Schuld daran. Sie wollen den Freydenkern nachgeben, sie wollen sie gewinnen. Als ob es sich für uns schickte, mit Leuten solches Gelichters Wortwechsel zu führen. Man muß ihnen kurz und nachdrücklich den Text lesen, man muß ihnen das Maul stopfen, man muß sich bey ihnen in der Ehrfurcht zu erhalten wissen, die sie uns schuldig sind.« »Das ist wahr. Nur ists zu beklagen, daß diese Leute für alle ehrwürdigen Sachen, und besonders für den Predigerstand nicht die gehörige Ehrfurcht haben.« »Daran sind wieder die neumodischen Theologen schuld, die sich selbst die Mittel benehmen, womit man die Layen im Zaum halten muß. Sie schwatzen immer viel vom Nutzen des Predigtamts , und vergessen das Wesen des Predigtamts hierüber. Sie geben sich selbst als die nützlichen Leute an, (Hier verbreitete sich ein mildes ironisches Lächeln, dicht unter seinem breiten Schiffhute), die der Staat verordnet hat, Weisheit und Tugend zu lehren. Eine rechte Würde! Weisheit und Tugend dünkt sich jetzt jeder Wochenblättler oder Romanschreiber zu lehren! Damit werden wir eine feine Ehrfurcht von Layen fordern können! Aber wenn wir, so wie es recht ist, darauf bestehen, daß unser Beruf ein göttlicher Beruf ist, daß die Ordination, die wir empfangen haben, nicht eine leere Ceremonie ist, sondern daß sie uns zu Nachfolgern der Apostel, zu Boten Gottes, zu Handhabern seiner Geheimnisse macht, daß sie uns das Amt der Schlüssel überträgt, so wird unser Orden bald wieder zu seiner vorigen Würde gelangen, und dann wird auch, natürlicher Weise, die Religion mehr geschätzt werden. Aber unsre feinen Lehrer der Rechtschaffenheit haben so eine große Begierde nützlich zu seyn, daß sie sich und ihren Orden und die Religion darüber vergessen.« »Es ist wahr, sagte der Kandidat, indem er den Kopf schüttelte, es scheint mir auch fast, daß die Protestanten, in der Absicht eine päbstische Hierarchie zu vermeiden, den geistlichen Stand andern Ständen allzusehr gleich machen.« »O! ein wenig Pabstthum wäre uns sehr nöthig, oder wir werden nie wieder Glaubenseinigkeit und Glaubensreinigkeit erlangen. Ich kann es dem Luther und Melanchthon nicht vergeben, daß sie die Hierarchie ganz aufgehoben, und auf die Vorzüge des geistlichen Standes so wenig geachtet haben. Daraus ist denn endlich der ganze Verfall des Christenthums entstanden. Denn wer giebt darauf Achtung, was ein elender Prediger sagt? Hingegen, wenn ein Erzbischof spricht, so müssen die Freygeister wohl schweigen. Man sieht es auch noch, daß an den protestantischen Orten, wo den Geistlichen ein Schatten von Autorität übrig ist, daß da auch die Religion geachtet wird. Ich wollte es unsern Freydenkern rathen, daß sie einem Senior in Hamburg, oder einem Präpositus in Mecklenburg, oder einem Superintendenten in Sachsen, oder einer theologischen Fakultät in Greifswalde und in Göttingen in die Hände fielen, da würde ihnen ein kurzer Proceß gemacht werden. Aber mit uns armen Berlinischen Predigern können sie bald fertig werden; wir haben keine Würde mehr, wir verdienen keine Ehrfurcht mehr, wir haben sie uns selbst vergeben, da wir vernünfteln und beweisen wollen, anstatt daß wir solchen Leuten imponiren , daß wir ihnen den Daumen aufs Auge drücken sollten.« »Ach! rief der Kandidat mit einem Seufzer aus, seitdem ich mich dem geistlichen Stande gewiedmet habe, habe ich es schon oft beklagt, daß dieses nicht mehr so recht angehen will. Nun muß man schon aus der Noth eine Tugend machen, muß die Zweifel der Gegner kennen lernen, muß sich auf Widerlegungen und Beweise gefaßt machen. –« »Damit, fiel ihm der Prediger ins Wort, werden Sie nicht weit kommen. Die Layen müssen glauben, was ihnen an Gottes statt gesagt wird, und ihre Zweifel unterdrücken, darauf muß man dringen! Die Dogmatik ist eine Art von statutarischem Rechte, das man annehmen muß, wenn man es auch nicht allemal bis aufs Recht der Natur zurückführen kann. Und zuletzt wird bey dem Vernünfteln doch nichts herauskommen; denn, ich wiederhole es nochmals, dem Layen muß und soll man nicht erklären und beweisen , sondern er muß glauben . Es kömmt hier gar nicht auf die Vernunft, sondern auf die Bibel, auf eine übernatürliche Offenbarung an. Hier muß man nur nicht schmeicheln, sondern die menschliche Vernunft in ihrer Ohnmacht zeigen, ihr aber keinesweges, wie unsre trefflichen Lehrer der Tugend thun, ein Recht in Glaubenssachen zugestehend Herr F. hörte dieses Gespräch stillschweigend an, das Gesicht auf seinen Stock gestützt. Sebaldus aber war dabey sehr unruhig, und rückte sich auf der Bank hin und her, so daß er unvermerkt dem Prediger näher kam. Dieser fuhr fort: »Und unsern neumodischen Theologen, die die Welt haben erleuchten wollen, die so viel untersucht, vernünftelt, philosophirt haben, wie wenig haben sie ausgerichtet! wie müssen sie sich krümmen und winden! Sie philosophiren Sätze aus der Dogmatik weg, und lassen doch die Folgen dieser Sätze stehen; sie brauchen Wörter in mancherley Verstande, sie verwickeln sich in ihre eignen Schlingen, sie sind aufs äußerste inkonsequent. –« Sebaldus fiel Ihm schnell in die Rede: »Und wenn sie denn nun inkonsequent wären? Wer einzelne Vorurtheile bestreitet, aber viele andere damit verbundene nicht bestreiten kann oder darf, kann, seiner Ehrlichkeit und seiner Einsicht unbeschadet, inkonsequent seyn oder scheinen. Die Verbesserer der Religion mögen immerhin ein zerrißnes Buch seyn, daß weder Titel noch Register hat, und in welchem hin und wieder Blätter fehlen; aber auf den vorhandenen Blättern stehen nöthige, nützliche, vortreffliche Sachen, und ich will diese Blätter, ohne Zusammenhang, lieber haben, als Meenens Beweis der Ewigkeit der Höllenstrafen , und wenn dieß Buch noch so komplet wäre.« Der Prediger schaute, mit stierem Blicke, und verlängertem Angesichte, dem Sebaldus gerade ins Gesicht, zog seinen Hut langsam ab, und sagte, indem er sich gegen ihn neigte, mit einem Torte voll Nachdruck und Würde: »Sie sind also, wie ich merke, ein Gönner der neuern heterodoxen Theologen. Sie werden vermuthlich alles, was dahin gehört, wohl überlegt haben; denn Herren Ihrer Art handeln niemals unüberlegt. Sagen Sie mir also doch, was für ein Christenthum wir bekommen möchten, wenn diese Herren so fortfahren, wie sie angefangen haben.« »Ey nun! versetzte Sebaldus, es könnte wohl ein sehr christliches Christenthum werden.« – »Christlich? ja ein heidnisches Christenthum wird es werden. Hören Sie wohl? heidnisch ist der wahre Namen!« »Mag es doch heißen, wie es will; das menschliche Geschlecht wird durch eine Benennung weder glücklich noch unglücklich.« »So? wenn Sie denn also meinen, so mögen die Herren immer auf den Naturalismus fort arbeiten. Indifferentisten sind sie ohnedem schon. Auf die Art könnten sie ziemlich fortschreiten. Zum Glücke aber, setzte er mit einer weisen Miene hinzu, sind sie seichte Köpfe, die sich in kurzem vor sich selbst scheuen, und so wie in ihrer Philosophie, auch in ihrer Theologie, auf dem halben Wege stehen bleiben.« »Wenn es der Weg zur Wahrheit ist, so ists, meines Erachtens, kein geringes Verdienst, bis auf den halben Weg zu kommen. Der Weg der Wahrheit ist so steil und ungebahnt, daß der eine früh, und der andere spät, ermüdet. Ein jeder gehe, so weit es ihm seine Kräfte erlauben. Auch derjenige, der nur einen einzigen Schritt fortgeht, auch derjenige, der nur eine ganz kleine Strecke durch seinen Fleiß bahnet, ist mir ehrwürdig. Aber nicht derjenige, der aus Stolz den Weg gar nicht antreten will, der aus Trägheit, um nicht einen Schritt weiter zu gehen, die Falschheit die vor den Füßen liegt, für Wahrheit ausgiebt.« »Also, rief der Prediger mit einem spöttischen Lächeln aus, wollen Sie erst neue Wege zur Wahrheit bahnen? Sie kommen zu spät, mein lieber Herr! der Weg ist schon ganz gebahnt; er heißt die Bibel . Und dabey haben uns unsere Vorfahren einen ganz untrüglichen Wegweiser gesetzt, der heißt die symbolischen Bücher . Die haben Sie freylich, vermuthlicher Weise, nicht gelesen, denn die Herren Selbstdenker pflegen nicht sehr belesen zu seyn. Wenn Sie mich zuweilen besuchen wollen, so können Sie sich näher belehren. Ich will Ihnen unsere ältern Theologen zu lesen geben, denn die werden ihnen wohl gänzlich unbekannt seyn. Sie werden darum, zu Ihrer Verwunderung, alle Streitfragen längst erörtert, alle Zweifel längst bestimmt, und alle die neuen Meinungen, auf die sich die neuen Heterodoxen so viel zu Gute thun, längst widerlegt finden. Leben Sie wohl, mein lieber Herr! – Ich wohne in der ...Straße.« Hiemit stand er auf, das süße Lächeln der Selbstzufriedenheit auf seinen Lippen. Die andern standen gleichfalls auf, und jeder gieng seinen Weg. Achter Abschnitt. Nach einer kurzen Pause, sagte Sebaldus: »Hätte ich doch nimmermehr gedacht, daß man auf diese Art in Berlin von den symbolischen Büchern reden würde. Ein unbetrüglicher Wegweiser! Ich dächte, kein vernünftiger Mensch würde blindlings einem Wegweiser folgen, der vor mehr als zweyhundert Jahren gesetzt worden, er würde bedenken, durch wie viele Vorfälle der Wegweiser seit zweyhundert Jahren könne verrückt, oder der Weg seyn geändert worden. Wenn man diese Trüglichkeit überlegt, so muß man sich sehr wundern, daß die Menschen so großes Verlangen bezeigen, sich nach Lehrformeln, Synodalschlüssen und symbolischen Büchern zu richten.« »Die Menschen ein Verlangen? rief Herr F. aus. – Dieß glaube ich eben so wenig, als daß die Menschen ein Verlangen haben, sich bey der Nase herumführen zu lassen. Aber diejenigen, welche die Menschen beherrschen wollen, brauchen Nasen, daran sie dieselben herumführen können, und dazu sind die wächsernen Nasen am besten. Glauben Sie denn, daß der Mann, der eben itzt so viel von symbolischen Büchern redete, ihnen eben so strenge anhängt, als er verlangt, daß ihnen andere anhängen sollen?« »Dieß muß ich dahin gestellt seyn lassen, weil ich den Mann nicht genau genug kenne.« »Ich lasse es auch dahin gestellt seyn. Ich kenne aber nicht wenig Geistliche von hohem Sinne, die vielleicht sehr leicht Heterodoxen geworden wären, wenn dadurch Ruhm oder ansehnliche Aemter zu erlangen gewesen wären. Wenn sie aber sehen, daß andere schon mit besserm Erfolge durch Heterodoxien Ruhm erworben haben, wenn sie fühlen, daß sie schwerlich Geschicklichkeit und Muth genug haben möchten, noch wichtigere Neuerungen zu wagen, so ekelt ihnen davor, Heterodoxen vom zweyten oder dritten Range zu seyn, und sie ergreifen die viel bequemere und sichrere Partey, sie stellen sich an die Spitze der Orthodoxen ihrer Stadt oder ihrer Provinz, und wenden eben die Lebhaftigkeit des Geistes, mit der sie Ketzereyen hätten anstiften können, an, um sich Ketzereyen zu widersetzen. Sich auf die ältern Theologen und auf die symbolischen Bücher, bloß als auf unwidersprechliche Grundgesetze, zu berufen, ist schon eine so alte politische Maxime solcher Leute, daß sie bereits abgenutzt ist, und daß die Klügern unter ihnen schon auf ganz andere Mittel denken, um den Ruhm, den sie durch neue Heterodoxien nicht zu erhalten wußten, durch eine neue Orthodoxie von ihrer eignen Schöpfung zu erlangen. Denn wenn diese Herren auch vorgeben, daß sie noch so altorthodox wären, so ist doch gemeiniglich die Art, wie sie orthodox seyn wollen, sehr neu.« »Dieß kann wohl nicht anders seyn, erwiederte Sebaldus, denn je mehr ich den Gang, den der menschliche Verstand in seiner Entwicklung von je her genommen hat, bedenke, desto unmöglicher scheint es mir, daß alles so bleiben sollte, wie es vor zweyhundert Jahren gewesen ist, und desto ungereimter scheint es mir, daß man, durch Vorschriften von irgend einer Art, die Veränderungen der Meinungen und ihren Fortgang hindern will. Die symbolischen Bücher sind für die Zeit und unter den Umständen, unter denen sie gemacht worden sind, sehr gut. Aber wenn wir denselben beständig anhangen wollten, so befürchte ich, da sich seitdem Regierungsform, Wissenschaften und Sitten gänzlich geändert haben, wir würden endlich eine Theologie bekommen, die sich für die Zeit, in der wir leben, auf keine Weise schicken würde.« »Sie haben ganz recht. Wenn unsere Theologen die symbolischen Bücher des sechszehnten Jahrhunderts zur unveränderlichen Form des Glaubens annehmen, so handeln sie gerade eben so klug, als wenn unsere Schneider die steifen Kragen, kurzen Mäntel, und weiten mit Pelz bebrämten Röcke eben dieses Jahrhunderts zur unveränderlichen Form der Kleidertracht hätten festsetzen wollen. Die Erfahrung lehret uns, daß die Meinungen sich nicht minder verändern, als die Kleidertrachten. Es geht daher auch den symbolischen Büchern eben so, wie der Kleidung der Geistlichen. Als die symbolischen Bücher gemacht wurden, enthielten sie bloß die allgemein angenommenen Meinungen aller Glieder der Lutherischen Kirche, so wie die Kleidung der Geistlichen, dem Schnitte nach, die Kleidung aller gelehrten Leute, und die schwarze Farbe, die Farbe eines Biedermanns war, wenn er feyerlich erschien. Als die Kleidermoden sich änderten, so blieben die Geistlichen in derselben immer wohl vierzig oder funfzig Jahre zurück, so wie es ihnen noch oft in der Litteratur und Philosophie geht. Endlich änderte sich die Welt so sehr, daß der Schnitt des Glaubens und der Kleidung, der zu Luthers Zeiten allen guten Leuten gemein war, endlich das Symbolum eines besondern Standes blieb. Und dennoch befürchte ich, es gehe, noch in einer andern Absicht, der Konformität mit den symbolischen Büchern, wie den Aermeln und den Mänteln der Geistlichen. Obgleich jene immer Orthodoxie heißt, und diese immer schwarz bleiben, so haben sie beide doch, sonderlich seit funfzig Jahren, so viel kleine, aber wesentliche Veränderungen erlitten, daß im Grunde, ein guter alter orthodoxer Dorfpastor, der, seit Buddeus Zeiten, an keine Veränderungen weder in der Gelehrsamkeit noch in Rockschößen und Perücken gedacht hat, von einem jungen orthodoxen Diakon itziger Zeit, der vier Jahre lang in adelichen Häusern Hofmeister gewesen ist, aller Konformität unerachtet, eben so stark in der Kleidertracht, als in der Glaubenslehre verschieden ist.« Sebaldus sagte lächelnd, »es dünckt mich doch fast, die Dogmatik habe seit meiner Jugend mehrere Veränderungen erlitten, als die Kleidertracht. Ich dächte die Geistlichen giengen noch eben so, wie vor vierzig Jahren, in Röcken, und in Kragen und Mänteln.« »Ich dächte nicht. Sie haben nur auf jene Veränderung mehr acht gegeben, als auf diese. Sie ist eben so merklich. Ja sogar, oft ist sie aus Begierde, sich von andern Glaubensgenossen zu unterscheiden, entstanden, und dann ward sie ein Stück der Kirchengeschichte.« »Sie scherzen. Wie kann die Glaubenslehre auf die Kleidertracht einen Einfluß haben! Außerdem sieht ja, in der ganzen protestantischen Kirche, eine Priesterkleidung der andern ähnlich.« »Keinesweges! Der steife Wolkenkragen in Hamburg, Braunschweig, Breßlau, Leipzig, und das feine Ueberschlägelchen anderer Länder, die enge Summarie in Mecklenburg und Holstein, der weite Priesterrock in Sachsen und Anhalt, der Mantel in Brandenburg, das sammtne Kalottchen , das der Danziger Prediger auf seine Perücke näher, sind alles wesentliche Unterschiede, die, so wie alle Dinge in der Welt, ihren zureichenden Grund, (determinirenden Grund, dachte Sebaldus heimlich bey sich) und vielleicht oft zunächst in der Lehre haben. Hier habe ich eben eine ungedruckte Handschrift: Historische Versuche über Berlin betitelt, in der Tasche, die mir ein Freund mitgetheilt hat. Ich will Ihnen daraus etwas weniges von der Geschichte der Hüte und Mäntel der Berlinischen Geistlichkeit vorlesen. Vielleicht merken Sie daraus, daß die Eingeweihten aller Orden Zeichen haben, die den Augen der Profanen entgehen.« Sie setzten sich abermals auf eine Bank, und Herr F. las, wie folget: » Philipp Jakob Spener , ein gutmüthiger redlicher Mann, der, in einem Zeitalter voll theologisches Stolzes, und theologischer Zänkerey, bescheiden und friedliebend war, der, vorzüglich vor allen dogmatischen Spitzfündigkeiten, die er gern vermieden hätte, und nach dem Genius seines Zeitalters nicht vermeiden konnte, die Rechtschaffenheit und die Lauterkeit des Herzens einschärfte, befliß sich nicht in seiner Kleidung etwas sonderliches zu haben. Sein ehrwürdiges Haupt , um das seine silberweißen Haare in natürlichen Locken hinabhiengen, wärmte ein kleines Kalottchen, und sein weitgefalteter Mantel (die damals gewöhnliche Tracht der Gelehrten, die noch bis in das erste Viertheil dieses Jahrhunderts alle Schüler in Berlin trugen,) hieng, als eine brauchbare Bedeckung, ungekünstelt über die Schultern und Arme herab. Bald nach seiner Zeit, ward ein Theil der Berlinischen Geistlichkeit nach dem modischen Putze der Spanischen Perücken lüstern, die sie so oft auf den Häuptern der Geheimenräthe und der Edelknaben, an dem prunkvollen Hofe unsers guten Königs Friedrichs I . gesehen hatten. Selbst die Pietistischen Prediger mochten diese so oft abgekanzelte, und, nebst den Fontangen der Frauenzimmer, vom Einblasen des leidigen Teufels hergeleitete Kopfzierde, so bald sie die Weltleute mit dem Regierungsantritte König Friedrich Wilhelms ablegten, ferner nicht verschmähen. Vermuthlich ihrer Gravität wegen; denn sie fiengen nunmehr, gleich den Leuten, die ihre Denkzettel breit und die Säume an ihren Kleidern groß machten, Matth. XXIII. 5. an, in ihrer Kleidung sich geflissentlich von andern Menschen zu unterscheiden . Sie machten an ihren Kragen einen breiten Saum. Ein breiter nur zweymal aufgestutzter Schiffhut beschattete vorn und hinten ihr Haupt, und in den Mantel wickelten sie den Unterleib dermaßen ein, daß, bey dem wenigen Raume, den die Füße übrig behielten, derjenige unter ihnen, der von Natur nicht bedächtig war, einen bedächtigen Gang annehmen mußte. Da unsere ganze Lutherische Geistlichkeit um diese Zeit anfieng, sich von der Hamburgischen Orthodoxie der polternden Mayer und Neumeister , ab, und zum sanftern Pietismus zu neigen, so ward dieser eben beschriebene Anzug sehr bald das Merkzeichen eines jeden Lutherischen Pfarrers. Denn die Reformirten , dem Hofe näher, wollten sich nicht so sehr von der gewöhnlichen Kleidung abwenden. Sie behielten den gewöhnlichen dreymal aufgestutzten Hut bey, und den Mantel , dessen viele pedantische Falten sie unmerklich vermindert hatten, schlugen sie von den Schultern zurück, und hoben ihn im Gehen mit der linken Hand zierlich auf, so daß sie mit mehrerm Anstande fortschreiten konnten. Nach einiger Zeit fiengen sie an, den Mantel, den sie mit der linken Hand empor gehalten hatten , zu mehrerer Bequemlichkeit ganz auf den linken Arm zu legen. Unter den Lutheranern, welche schon längst den schmalern Mantel, und die freyern Füße der Reformirten mit heimlichem Neide mochten angesehen haben, wagte es zuerst ein Mann, in großen Dingen klein, und in kleinen Dingen groß, den Mantel um den Leib zu schlagen , und mit freyen Füßen einher zu treten, worinn er bald viele Nachahmer bekam. Es wäre zu weitläuftig zu erzählen, welche Widersprüche jede von diesen Veränderungen habe leiden müssen, wie oft man aus der veränderten Art den Mantel zu tragen, auf eine Neuerung in der Lehre geschlossen habe, und wie oft eine Neuerung in der Lehre unbemerkt durchgegangen sey, weil der Neuerling den Mantel noch nach der alten Art trug. Genug, die alte symbolische Reinigkeit des Manteltragens bekam noch einen grössern Fleck, da einige Kryptokalvinisten anfiengen, den Mantel, nach Art der Reformirten , auf den Arm zu legen, ob sie ihn gleich, weil sie sich denselben nicht ganz gleich stellen durften, auf dem rechten Arme trugen . In kurzem wurde dieser so kleine Unterschied der Konfessionen auch nicht mehr beobachtet. Die Mäntel wurden rechts oder links getragen, ohne einzige Regel, wie es jedem einfiel. Und nun konnte man einen Lutherischen Prediger von einen reformirten destoweniger auf der Straße unterscheiden, da eben zu der Zeit einige Lutherische Geistlichen sich unterfiengen, den ehrbaren Schiffhut , der bisher immer noch das Schiboleth eines Berlinischen Lutherischen Geistlichen gewesen war, mit dem dreyeckigten Hute zu vertauschen, den alle Einwohner Berlins, und unter ihnen auch die reformirten Geistlichen, trugen. So vielem Widerspruche auch dieses Unternehmen anfangs ausgesetzt war, Unter andern fanden in einer gewissen Kirche, in welcher wechselsweise Lutherisch und reformirt gepredigt ward, beide Gemeinen Ursach, sich über diese Neuerung zu beklagen. Es war bisher die Gewohnheit gewesen daß der Prediger, ehe er in die Sakristey trat, außen, neben der Thür derselben, seinen Hut anhieng, woraus die Zuhörer gleich abnehmen konnten, an welcher Konfession die Reihe sey. Nachdem aber der Hut seine symbolische Kraft verloren hatte, so konnten die irregemachten Kirchkinder nunmehr weiter an keinem Kennzeichen unterscheiden, ob die Predigt, die sie hörten, Lutherisch oder reformirt sey. so gieng es doch ohne weitere Ahndung durch. Denn nunmehr war die Zeit gekommen, da die Unordnung und Lauigkeit in der Lehre, die sich schon lange in die Herzen eingeschlichen hatte, auch an den Kleidern sichtbar werden sollte. Vor Zeiten hatten sich die Lutherischen und Reformirten , so viel wie möglich, von einander abgesondert, auch wohl, eine Folge des Eifers für eines jeden Symbolum , weidlich mit einander gehadert , nicht weniger, eine Folge des Haders , einander herzlich gehasset ; nunmehr aber, da sich ihre Geistlichen auch nicht einmal mehr der Kleidung nach von einander unterschieden, war fast gar die Frage nicht mehr, ob jemand Lutherisch oder reformirt sey. Diese Indifferentisterey hatte aber auch andere schädliche Folgen. Denn die geistliche Kleidung verlohr einen großen Theil ihrer symbolischen Deutung , und zugleich einen großen Theil ihrer Gravität . In der allgemeinen Sorglosigkeit gegen alle bestimmten äußerlichen Zeichen, wurden die Mäntel immer schmäler, leichter und kürzer , und hiengen als eine zwecklose Verzierung den Rücken herunter; die Perücken, die sonst in gravitätischer Zierde den Rücken herab wallten, oder auf den Schultern in sanften Seitenlocken ruheten, gewannen täglich ein weltlicheres Ansehen, hoben sich in Taubenflügeln und gesteckten Locken in die Höhe, und endlich trugen Prediger kein Bedenken, ohne alle Amtskleidung , in blauen, grauen und braunen Röcken auf der Straße und in Gesellschaften zu erscheinen, und sich keiner gleichgültigen Handlung zu entziehen, die ein jeder anderer unbescholtener Bürger auch verrichten darf.« Und nun fragte Herr F. lächelnd: »Was sagen Sie zu diesen Veränderungen der Kleidertracht, die doch offenbar mit gewissen Veränderungen in den Glaubensgesinnungen Schritt gehalten haben?« »Ich sage, antwortete Sebaldus sehr ernsthaft, daß sie nur merkwürdig werden, wenn sie merkwürdige Folgen haben, und die haben sie nur, wenn man sie für merkwürdig hält. Macht man ein unwichtiges Ding wichtig, es mag nun ein Rockärmel, oder ein symbolisches Buch seyn, so kann über dessen Veränderung Zank und Bitterkeit, ja wohl gar Aufruhr und bürgerlicher Krieg entstehen. Eben deshalb sollte man, meines Erachtens, in Dingen, die von der Meinung der Menschen abhangen, nicht allzuviel bestimmen und durch Zeichen festsetzen wollen, weil dadurch Nebendingen mehr Werth beygelegt wird, als sie eigenthümlich haben. Das Bezeichnete ist wesentlich, das Zeichen willkührlich. Hat ein ietziger Geistlicher Speners edelmüthige Gesinnungen, so wird er einem weisen Manne eben so werth seyn, er mag sich schwarz oder grün kleiden, und jeder ehrliche Mann, der rechtschaffen handelt, und so viel er kann, tugendhafte Thaten thut, verdient verehrt zu werden, er mag seine Gedanken vor sich selbst weglaufen lassen, oder sie an irgend ein Symbolum heften wollen. Wenn mich nicht alles, was ich als Kennzeichen der Wahrheit erkenne, trügt, so muß ich glauben, Gott selbst werde uns nach unsern Gesinnungen, und nicht nach unsern Spekulationen richten; er werde jedem gnädig seyn, der so viel gutes thut, als er in der Lage, in der er sich befindet, thun kann, und werde keinen verdammen, weil er symbolische Bücher , die irgend eine Partey, die einmal auf einem Winkel der Erde eine Zeitlang mächtig war, zur Richtschnur festgesetzt hat, entweder nicht verstehen oder nicht billigen konnte.« Neunter Abschnitt. Unter diesem Gespräche waren sie aufgestanden, und setzten es fort, bis sie vor das Haus kamen, wo ihr beiderseitiger Freund, der Major, wohnte, dem sie diesen Abend einen Besuch zugedacht hatten. Indem sie eben ins Haus traten, sahen sie, zu ihrem großen Erstaunen, daß der Armenschulmeister, Sebaldus Freund, von zwey Bedienten mit Gewalt die Treppe hinunter geworfen ward, denen der Pietist, mit welchem Sebaldus nach Berlin gekommen war, eiligst folgte, und mit weggewandtem Angesichte, die Hände über das Haupt zusammenschlagend, sich durch die Hausthür auf die Straße drängte. Herr F. und Sebaldus stießen die Bedienten zurück, die den wehrlosen und todtenblassen Schulmeister noch übler behandeln wollten, und der Major, der im Erdgeschosse wohnte, und bey dem heftigen Lärm seine Thür geöffnet hatte, nahm ihn in seinen Schutz, und führte ihn in sein Zimmer, wo er ihn in einen Armstuhl sich niedersetzen ließ. Nachdem der Schulmeister wieder etwas Athem zu schöpfen anfieng, war die allgemeine Frage: »was die Ursache des Lärms gewesen sey, und was er mit dem im ersten Stockwerke wohnenden Edelmanne, dessen Bedienten ihm so hart begegnet, zu thun gehabt habe.« Der Schulmeister antwortete bloß durch tiefes Schluchzen, und durch die kläglichsten Ausrufungen: »Ich elender Mann! ich unglücklicher Mann! ich bin ohne Rettung verloren!« Sebaldus suchte ihn durch alle möglichen Gründe wieder zur Fassung zu bringen, der Major bot ihm seinen Arm, Herr F. seine Börse und alle sonst nur mögliche Hülfe an. Vergebens! er wiederholte seine trostlosen Ausrufungen, mit den Geberden eines Verzweifelten begleitet, bedeckte dazwischen einmal über das andere sein Angesicht mit seinen beiden Händen, und weinte bitterlich. Nach langem Zureden beruhigte er sich endlich so weit, daß er, mit vielen untermischten Seufzern, folgendes erzählen konnte. »Sie wissen es, sagte er, in dem er sich zum Sebaldus wandte, und ihm wehmüthig die Hand drückte, wie ruhig und wie glücklich ich war. Obgleich arm, hatte ich doch mein Auskommen. Ich arbeitete, nebst meiner Frau, fleißig; und meine Tochter – o mein einziges Kind! Sie war nie ihren Aeltern ungehorsam gewesen, sie hatte uns nie den geringsten Verdruß gemacht, sie übertraf uns an Fleiß, sie machte uns mit ihrer künstlichen Arbeit Vergnügen; wenn wir Aeltern nur gerade die Nothdurft erwerben konnten, so verschaffte uns ihr Fleiß zuweilen einen festlichen Tag. Sie war mein Augapfel, ich war mehr als glücklich, als der heuchlerische Bösewicht, den sie haben aus der Thüre rennen sehen, meine ganze Glückseligkeit, die ich auf Erden habe, zerstörte. Er setzte sich in der St. Gertrautskirche oft neben mir, wo er auch wohl zuerst meine Tochter mag gesehen haben. Er suchte meine Bekanntschaft, indem er zwey arme Knaben in meine Schule brachte, für die, wie er sagte, gottselige Leute das Schulgeld bezahlen wollten. Er sah und lobte meiner Tochter Arbeit, er brachte in kurzem einen Menschen mit, der feine ausgenähte Arbeit bestellte, und reichlich bezahlte. Dieß war, wie ich hernach erfahren habe, der Kammerdiener des wollüstigen Müßiggängers, der in diesem Hause wohnt, ein undeutscher Kerl, ohne Redlichkeit, ohne Menschengefühl, den das Wimmern der zu Grunde gerichteten Unschuld so wenig rührt, als den Schlächter das Blöken des Lamms, dem er die Kehle abschneiden will. Mit diesem hat der schändliche Unterhändler vermuthlich den abscheulichen Entwurf ins Reine gebracht, mich und mein Kind ins Unglück zu stürzen. Er führte meine Tochter, in Gesellschaft ihrer Mutter, zu seiner Muhme, wie er sagte, einer Matrone, die ausgenähte Arbeit verfertigte, und verfertigen ließ. Sie schien mit meiner Tochter Arbeit zufrieden, zeigte ihr aber noch feinere, und gab ihr zu verstehen, daß sie dergleichen von ihr wolle verfertigen lassen, daß sie ihr mehrere Vortheile dabey zeigen wolle, nur müsse sie unter ihren Augen arbeiten. Mein Kind freute sich, mehr lernen zu können, und wir fanden kein Bedenken, sie in das Haus einer Matrone zu schicken, bey der alles ein frommes und verständiges Ansehen hatte. Sie gieng einige Monathe lang täglich in dieß Haus. Sie nahm an Geschicklichkeit zu, und wir glaubten, diese Bekanntschaft wäre ein Glück für unser Kind. Ach, leider! wir wußten nicht, daß sie schon unwiederbringlich unglücklich war. In den ersten Tagen ihres Aufenthalts in diesem Hause, war der junge Herr selbst, unter dem Vorwande Arbeit zu bestellen, dahin gekommen, er hatte meine Tochter gesehen, und ihre Arbeit gleichgültig gelobt. In kurzem ward er zudringender, die Wirthinn ließ ihn mit meiner Tochter geflissentlich allein, oder ward von ihrem Vetter zu andern Geschäfften gerufen. Nun wandte er alle verführerischen Künste an, um ein junges Herz zu gewinnen, das noch nicht gelernt hatte, sich gegen betrügerische Anlockungen zur Wehre zu stellen. Das süße Gift der Schmeicheley bethört wohl oft einen weisen gesetzten Mann, wie sollte ihm ein junges unerfahrnes Mädchen widerstehen können, das noch keinen hinterlistigen Menschen gesehen hatte, das jedes Herz für so ehrlich hielt, als ihr eigenes. Kurz, ihr ward ihre Unschuld geraubt. Die Folgen davon, ließen sich bald spüren. Sie ward kränklich, und das schreckliche Geheimniß konnte ihrer Mutter ferner nicht verborgen bleiben. Wir waren wie vom Blitze gerührt, aber Klagen und Verwünschungen waren zu spät, wir mußten nur unser armes Kind zu retten suchen, das in Kummer über ihren Fehltritt, den sie nun erst in seiner wahren Gestalt sah, sich das Leben abhärmte. Auf der andern Seite wollte der Verführer auch nicht eher von ihr ablassen, bis er ihrer völlig satt wäre. Er sandte täglich Botschaften und Briefe, die nicht angenommen wurden. Der Kammerdiener schlich sich einigemal ins Haus, wo ich ihn unsanft abwies. Endlich meldete sich heute der Unterhändler, der sich seit langer Zeit nicht hatte sehen lassen. Er betauerte, mit gleisnerischem Wortgepränge, den Unfall, den ich hätte erfahren müssen, und, nach vielen Umschweifen, kam er endlich auf seinen Antrag, nehmlich, daß ich mit dem Herrn selbst sprechen möchte, weil er mir Vorschläge thun wolte, die so vernünftig und billig wären, daß dadurch ein großer Theil des geschehenen Schadens könne ersetzt werden. So groß auch mein Widerwillen war, dem Verführer meiner Tochter ohne Verwünschung in die Augen zu sehen, so gieng ich doch mit dem dienstwilligen Unterhändler hin. Was meinen Sie, daß der vernünftige und billige Vorschlag war? (Hier drang ein Strom von Thränen aus seinen Augen:) Meine Tochter sollte Ausgeberinn bey dem Verräther ihrer Ehre werden, und ihr Vater sollte einen schimpflichen monathlichen Gehalt haben, um die Frucht des unerlaubten Umgangs zu erziehen. Hier konnte ich mich nicht mäßigen, ich stieß aus, was der Unwillen einem ehrlichen, obwohl armen Vater eingeben kann, dem ein vornehmer Wollüstling zumuthen darf, der Kuppler seiner eignen Tochter zu werden. Der Kammerdiener, der während der ganzen Unterhandlung eben so viel gesprochen hatte, als der Herr selbst, fand es sehr lächerlich, daß ich mich einem Arangément widersetzen wollte; daß der gnädige Herr der petite fille ja weiter nichts übels thun wollte, u. d. gl. Ich ließ meinen ganzen Unmuth aus, und wollte unverzüglich zur Thür hinaus, als der Unterhändler ins Mittel trat. Er versicherte, daß er den ersten Vorschlag selbst nicht billige, weil dadurch den Schwachen manches Aergerniß gegeben werden könnte; er erklärte also, daß der Kammerdiener meine Tochter heurathen, und das Kind als sein eigenes aufnehmen solte, dagegen werde ihn der gnädige Herr zum Haushofmeister machen, so bald er sich mit seinen Gläubigern völlig gesetzt habe, und wieder zum Genuß seiner Güter gekommen sey. Nein! länger konnte ich mich nicht halten. Eben so gern würde ich meine Tochter dem Büttel gegeben haben, der diesen Buben hätte brandmarken sollen, welcher das vornehmste Werkzeug der Verführung meiner Tochter gewesen war. Ich sagte nunmehr dem Herrn gerade heraus, daß ich sein Bubenstück auf keine Weise durch meinen Beytritt billigen wollte, daß ich die wenige Gerechtigkeit, die mir der Richter wiederfahren lassen könnte, aus allen Kräften suchen würde, und daß er mit meinem Willen meine Tochter nie wieder sollte zu Gesicht bekommen. Er kam darüber in die größte Wut, und befahl seinen Bedienten mich hinaus zu werfen; der Unterhändler wollte ihn zwar besänftigen, aber er hieß ihn auch zum Teufel gehen, und lief als ein Rasender in sein Kabinett.« Als er seine Erzählung geendigt hatte, verbarg er abermals sein Angesicht in seine Hände, und überließ sich einer trostlosen Verzweiflung. Alles, was Sebaldus und Herr F. thaten, um ihn aufzurichten, verfieng nichts. Er rief mit kläglicher Stimme aus: »Alle Hoffnung ist für mich verloren! Selbst die Gesetze haben keinen Schutz für mich. Mein Gegner darf mich ungestraft beleidigen, ungestraft unglücklich machen!« »Nein! das soll er nicht!« rief der Major, der schon lange mit starrer Aufmerksamkeit zugehört hatte. »Wir wollen sehen, was der Bursche zu thun vermeint.« Er rief seinen Reitknecht, ließ sich bey seinem Nachbar eine Treppe hoch melden, und ein Paar Minuten drauf nahm er seinen Hut und Degen, und stieg die Treppe hinauf, ohne erst Antwort zu erwarten. Er fand den Edelmann im Vorsaale, im Begriffe auszugehen, um diesen Besuch zu vermeiden. Er wollte sogleich eine höfliche Entschuldigung stammeln, aber der Major trat gerade vor ihn, und sprach mit gerunzelter Stirn: »Herr! sind Sie ein Edelmann?« »Ich dächte, war die Antwort, ich könnte mich in ein hohes Stift aufnehmen lassen, wenn ich wollte. Aber um Vergebung, wozu diese Frage, die mich befremden könnte?« »Wozu? weil ich dächte, daß ein Edelmann auch ein ehrlicher Mann seyn müßte, ehe er ein Edelmann seyn kann.« »Wie so? – Mein Herr! Sie kommen in meine eigene Wohnung, mich zu beleidigen, geben sie wohl Acht,« – »Herr, die Wahrheit ist gut zu sagen, wo es auch ist. Sie haben, Herr! eines ehrlichen Mannes Tochter verführt, und haben noch dazu den Vater gröblich beleidigt, das thut kein Mann der Ehre im Leibe hat, und das haben Sie gethan.« »Herr Major, wenn ich nicht für Ihr Alter Achtung hätte, – so würde ich... Aber parbleu ich weiß auch noch nicht, was Sie von mir eigentlich wollen. Meinen Sie etwa den Kerl, der eben hier war? der geht mich gar nichts an. Mein Homme de Chambre hat mit seiner Tochter was zu thun gehabt, und darüber lärmt der Vater. Aber er hat Unrecht, denn mein Homme de Chambre will das Mensch heurathen.« Der Kammerdiener trat vertraulich hervor, und versicherte den Major, in gebrochenem Deutsch, daß er noch zur Heurath bereit sey. Der Major sah ihn flämisch über die Achsel an, und sagte: »Patron, wenn ich mit dir werde reden wollen, so werde ich dirs sagen. – Mit Ihnen habe ichs zu thun, Herr! der Sie sich ins Herz schämen sollten. Meinen Sie, Herr, daß ich nicht weiß, wer mit dem Mädchen zu thun gehabt hat? Denken Sie, Herr, daß die Tochter eines ehrlichen Mannes, weil Sie sie geschändet haben, nun für Ihren Kuppler gut genug ist?« »Das ist doch besonders, – ganz besonders; – und Sie mäßigen sich noch dazu gar nicht in Worten; – lassen Sie doch die Leute die Sache ausmachen, die Sache geht mir ja gar nichts an; – und darf ich fragen, wie Sie dazu kommen, daran Theil zu nehmen?« – »Wie? Herr! weil der Mann mein Freund ist.« – »Ah pardi! das ist eine andere Sache. Ich habe nicht gewußt, daß Sie unter Leuten solcher Art auch Freunde hätten.« »Ja, Herr! Ich schäme mich nicht, eines ehrlichen Mannes Freund zu seyn, und scheue mich nicht, jeden Schurken zur Rede zu setzen, der einem ehrlichen Manne ungestraft Unrecht thun will.« »Ich bin ganz betroffen, Herr Major; da ich gar nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, kommen Sie in meine Wohnung, und sagen mir voll Ungestüm Dinge vor, die – – ich weiß gar nicht – Was verlangen Sie denn, daß ich dem Manne und dem Mädchen thun soll?« – »Herr! Genugthuung sollen Sie beiden geben, und – doch, durch welche Genugthuung können Sie ein solches schimpfliches Verfahren wieder gut machen!« – Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Sie sehen also selbst, Herr Major, daß ich bey der Sache nichts weiter thun kann; und wenn mein Homme de Chambre das Mädchen heurathet, und ich ihr in Ansehung seiner, ein Heurathsgut gebe.« – »Nein, Herr! mir sollen Sie Genugthuung geben, weil Sie ein Schurke sind, und sich unterstehen, mit mir unter Einem Dache zu wohnen;« – und hiemit zog er den Degen. »Herr Major! hören Sie doch vernünftige« – »Herr! zieh' Er, oder, straf mich Gott! ich will Ihm zeigen, daß Er nicht werth ist einen Degen an der Seite zu tragen.« »Gut! Herr Major! ich will Ihnen Satisfaktion geben, – aber auf Pistolen; – – ich schlage mich nicht anders, als auf Pistolen.« »Herr! mach' Er kein Federlesens, zieh Er auf der Stelle, oder ich will Ihn –« Dem Edelmann blieb nichts übrig, als den Degen zu ziehen. Der Major drang auf ihn ein. Der Kammerdiener kam seinem Herrn mit gezogenem Hirschfänger zu Hülfe, und plötzlich fuhr der Hirschfänger tief in des Majors Rücken, ob von ungefähr, oder vorsetzlicher weise, sey dahin gestellt. Franz, der Reitknecht, faßte den Kammerdiener in die Gurgel, und gab ihm einen Deutschen Faustschlag auf den andern ins Gesicht. Der Major lag in seinem Blute, der Edelmann machte ihm eine verbindliche Entschuldigung, wegen dieses unglücklichen Vorfalls, die der Major bloß mit einem Blicke voll Verachtung beantwortete. Herr F. schickte nach der Wache. Der Kammerdiener ward in Verhaft genommen, der Edelmann bekam Hausarrest. Der Major ward in sein Bette gebracht und von einem Wundarzte verbunden, und der Schulmeister, den seines Vertheidigers Unfall, noch mehr wie sein eigener, außer aller Fassung gebracht hatte, ward halb todt in eine Miethskutsche gesetzt, und von Herrn F. und von Sebaldus nach Hause gebracht. Zehnter Abschnitt. Der Major ward von seinen Freunden täglich besucht. Im Anfange schien die Wunde nicht gefährlich. Aber nach einigen Tagen verschlimmerten sich die Umstände sehr. Das Wundfieber ward heftiger, die Entzündung nahm zu, und die Kräfte nahmen ab. Der Wundarzt erklärte endlich, daß sehr wenige Hoffnung zur Wiedergenesung da wäre. Die sämmtlichen Freunde des Majors waren darüber sehr niedergeschlagen, der gute Franz aber, der über dreißig Jahre in des Majors Dienste gewesen war, weinte unablässig, so daß ihn der Kranke selbst tröstete, der unter allen diese Nachricht mit der größten Gleichmüthigkeit aufnahm. Die geschwinde Abnahme seiner Kräfte ließ nur allzusehr befürchten, daß sie wahr seyn möchte. Eines Tages war der Kranke besonders schwach. Gegen Mittag aber fiel er in einen Schlummer, in dem er einige Stunden verblieb, und als er erwachte, äußerlich ein wenig erquickt schien. Franz, der über dessen mißlichen Zustand sehr traurig war, ergriff die Gelegenheit, da der Major heiteres Gemüths, und sie beide allein waren, und that, nach vorgängiger Entschuldigung, eine Frage, die ihm schon lange auf dem Herzen gelegen hatte, nehmlich: »Ob der Herr Major, nicht das Sakrament nehmen wollte.« »Lieber Franz, du meinst es recht gut, sagte der Kranke, aber wozu? Ich habe das Abendmahl immer nur genommen, wenn entweder das Regiment kommunicirte, oder wenn ich besondere Ursach fand, mich zu sammeln, und ernsthaft über mich nachzudenken; aber glaube mir, Franz, ein Krankenlager von drey Wochen giebt an sich selbst Gelegenheit genug zum ernsthaften Nachdenken.« »Aber, lieber Herr Major! ein Mensch muß doch so schwer sterben, wenn er nicht gebeichtet hat.« »Höre nur, mit der Beichte habe ich niemals etwas zu thun gehabt. Anstatt der Beichte sagte ich allemal laut und ernstlich: Schaff in mir Gott ein reines Herz, und gieb mir einen neuen gewissen Geist; verwirf mich nicht von deinem Angesichte, und sey mir gnädig . Damit war mein Feldprediger zufrieden, und ich denke, Gott wird auch damit zufrieden seyn, wenn ichs jetzt sage. Aber höre, Franz, ich will jetzt thun, was ich sonst bey der Beichte that, ich will dich wegen alles dessen um Vergebung bitten, was ich dir kann zuwider gethan haben; vergieb es mir.« Hier reichte er Franzen die Hand. Franz küßte des Majors Hand, die er mit Thränen benetzte, und sagte schluchzend: »Ach, Herr Major! ich kann Ihnen nichts vergeben, Sie sind immer mein guter Herr gewesen, und haben an mir mehr Liebe bewiesen, als ich verdiente. Vergeben Sie mir nur, wenn ich zu vorschnell gewesen bin. Ich dachte doch, man könnte nicht ruhig sterben, wenn man nicht von einem geistlichen Herrn ordentlich vorbereitet würde. Als Sie daher schliefen, lief ich geschwind zu einem Prediger, der nicht weit von hier wohnt, aber er war nicht zu Hause.« »Du hasts recht gut gemeint, Franz; da er aber nicht zu Hause war, ists nun auch eben so gut. Ich habe mit diesen Herren nicht gern etwas zu thun, wenn ich sie nicht vorher genau kenne. Ich lag, du weißt es, auf dem Schlachtfelde bey Torgau, hart verwundet, an zwölf Stunden, ehe du mich unter den Todten und Blessirten herausfandest. Damals konnte mir kein Feldprediger zusprechen, und ich war zum Tode eben so bereit, wie jetzo.« Indem er dieses sagte, trat Sebaldus herein, um ihn zu besuchen. »Sie kommen, mein lieber Freund, sagte der Kranke, gerade zur rechten Zeit. Ich werde von diesem Lager nicht wieder aufkommen, ich weiß es, und bin ganz völlig gefaßt zu sterben. Nun meint mein guter Franz, (er drückte demselben die Hand) es sey nöthig, daß ich von einem Geistlichen zum Tode bereitet würde. Dieß wünschte ich von niemand lieber, als von Ihnen, mein Freund. Thun Sie, als ob Sie mein Beichtvater wären. Fragen Sie mich, lehren Sie mich, beten Sie mit mir.« Sebaldus sagte sehr gerührt: »Der Zuspruch auf dem Todtenbette ist allezeit eine sehr schwere und zuweilen eine vergebliche Sache. Es kann daselbst schwerlich noch eine Veränderung des Geistes vorgehen, wenn sie vorher im ganzen Leben nicht geschehen ist. Glaubenslehren zu beweisen, ist die Zeit zu kurz und der Geist nicht heiter genug; Pflichten einzuschärfen, ist zu spät. Die Schwachen aufzurichten, ist was ein menschenfreundlicher Prediger am leichtesten thun kann.« Maj. Herr! ich bin nicht schwach! schonen Sie meiner gar nicht, sondern gehen Sie mit mir um, wie ein Pfarrherr am Todtenbette thun soll, recht wie es vorgeschrieben ist. Seb. Ich würde mich warlich freuen, wenn ich zur Beruhigung eines Mannes, den ich so werth schätze, etwas beytragen könnte. Da Ihr Gemüth gelassen ist, so ist es vielleicht am nützlichsten, wenn ich Sie an verschiedene Wahrheiten, die den Menschen ehrwürdig und wichtig seyn müssen, erinnere. Ich kann nicht wissen, ob Sie dieselben in Ihrer gehörigen Verbindung gedacht haben; wäre dieses nicht, so könnte ich vielleicht ihre Wirkungen vermehren, wenn ich, durch eine kurze Ueberlegung, eine Lücke zwischen denselben ausfüllen könnte. Dieserhalb wünschte ich Ihre Gesinnungen über gewisse Lehrpunkte zu wissen. Maj. Ganz recht; examiniren Sie mich nur, ich will auf alles antworten. Seb. Sie glauben vermuthlich, daß ein Gott da ist, der Himmel und Erde geschaffen hat? Maj. Ja, freylich! Wer sollte nicht an Gott glauben? Seb. Sie glauben auch, daß Gott die Welt, und alle Dinge darum, mit einer weisen Vorsehung regiere? Maj. Freylich! ohne Gott geschiehet nichts. Seb. Und daß nach diesem Leben noch ein künftiges zu gewarten sey? Mai. Nein, mit dem Tode ist alles aus. Seb. Ich habe zuweilen aus Ihren Reden geschlossen, daß Sie eine solche Meinung hegten, ohne daß es sich gefügt hätte, sie näher erläutern zu können. Wäre diese Meinung wahr, so wären wir, wie Sie selbst nicht läugnen werden, in vielen Begegnissen des Lebens völlig trostlos. Gott hat aber, wie ich glaube, so wie er kein Uebel, ohne zu gutem Zwecke zuläßt, auch, als ein gütiger Vater, für jedes Uebel den Trost in die Natur gelegt. Dieß hat mir schon vor langen Jahren über diese Meinung näher nachzudenken Gelegenheit gegeben; ich weiß daher, daß, in der Vernunft und in der Schrift, viele Gründe zu finden sind, die sehr bald das Gegentheil wahrscheinlich, und, bey reiferm Nachdenken, gewiß machen. Maj. Herr! ich habe immer gedacht, daß die Vernunft nicht einmal weiß, wenn ein Todter recht todt ist, wie sollte sie wissen, was nach dem Tode vorgehet. Wenigstens meine Vernunft reicht so weit nicht. Was die Schrift betrifft, so steht viel gutes darinn. Ich habe alles gelesen. Es läßt sich vieles hier in diesem Leben recht wohl nützen. Aber von einem künftigen Leben, so wie von so viel andern unbegreiflichen Dingen, glaube ich nichts, wenns auch in einem Buche steht. Seb. Wenn Sie denn also die Bibel gelesen haben, glauben Sie denn, daß darinn der Willen Gottes enthalten ist, dem wir folgen sollen? Maj. Gottes Willen ist, daß ein Mensch ein rechtschaffner Kerl seyn soll, und nicht Unrecht thun. Das weiß jeder, und es steht auch in der Schrift. Das übrige mag für euch Herren Geistlichen gut seyn. Ein Soldat kann nicht so vielerlei Dinge in seinen Kopf kriegen, worüber ihr euch disputirt. Seb. Sie gestehen also, daß kein Mensch Unrecht thun sollte. Gleichwohl thun die meisten, ja man kann wohl sagen alle Menschen mannichfaltig Unrecht. Wie ists nun, wenn wir mit unsern Sünden Bestrafung verdient hätten? Maj. So mögen wir sie leiden. Wer heißt uns sündigen? Seb. Die Frage läßt sich vielleicht nicht so gerade zu entscheiden. Denn, wenn nun unsere Natur so unvollkommen ist, daß wir nicht ohne Sünde bleiben können, wenn wir nun zu schwach sind, den Willen Gottes vollkommen zu befolgen. Maj. Ey! denn kann Gott auf uns nicht zürnen. Er hat uns selbst gemacht, und warhaftig recht mit großer Klugheit gemacht, daß nichts an uns ohne Ursach ist. Wie könnte er denn von uns etwas verlangen, das wir nicht leisten könnten? Sehen Sie hier meinen Hühnerhund, der ist ein Hühnerhund, und weiter nichts, er wird vor einem Huhn stehn; aber wenn ich verlangen wollte, daß er eine Sau stellen sollte, so kann ich nicht sagen, der Hund sündigt, wenn ers nicht kann. Seb. Sie schließen viel zu rasch. Wir würden langsamer gehen müssen, wenn wir diese Frage gründlich untersuchen wollten, dazu fehlt uns itzt aber die Zeit. Lassen Sie uns auf das künftige Leben zurückkommen. Ueberlegen Sie wohl, daß wenn es wegfällt, auch alle Belohnungen und Bestrafungen wegfallen, welche Tugend und Laster, wie es offenbar ist, in diesem Leben nicht in angemessenem Maße erhalten. Und damit würden also auch alle Bewegungsgründe zur Tugend wegfallen. Maj. Warum das? Ein ehrlicher Kerl muß Recht thun, weil es Recht ist, und nicht weil er dafür belohnt seyn will. Werde ich belohnt, so ists gut, wofern aber nicht, so muß ich doch rechtschaffen handeln. Ich habe im letztern Kriege oft mein Leben gewagt, ob ich gleich immer Major geblieben bin. Oder glaubt er, Herr! daß ich nur deswegen den Schurken da oben zur Rede gestellt habe, damit ich dadurch in jenem Leben könnte Oberstlieutenant werden? Seb. Die Belohnungen sind aber doch Folgen guter Thaten. Auch in diesem Leben verlangt ein Soldat für seine Tapferkeit vom Könige Belohnung, und ist unzufrieden, wenn er sie nicht bekömmt. Maj. Ey, ists nicht Belohnung genug, wenn ich weiß, daß ich Recht thue. Und dann, Herr! ists mit Gott eine ganz andere Sache, als mit dem Könige. Der Herr, ist ein Mensch wie ich, und kann nicht alles wissen, sonst wäre ich auch wohl weiter. Aber Gott weiß alles, und da hats gute Wege, der wird mir schon zukommen lassen, was mir gehört. Seb. Setzen Sie nun aber einmal auf einen Augenblick voraus, daß ein künftiges Leben wäre, welches doch, wie Sie gestehen werden, an sich nicht unmöglich ist; setzen Sie voraus, daß alle unsere Handlungen, gute und böse, auch in jenem Leben Folgen haben müssen, und daß diese Folgen, wenn uns gleich die Art noch unbegreiflich ist, in vielen Fällen überschwenglich groß seyn können. Wird nun derjenige nicht viel vorsichtiger gehandelt haben, der seine Handlungen, nach einer strengen Richtschnur, so eingerichtet hat, wie er sie auch in jenem Leben zu verantworten gedenkt, als derjenige, der, in der Meinung, es sey nach dem Tode alles aus, gethan hat, was ihm beliebt, und in dieser Sorglosigkeit vieles begangen hat, das er nicht rechtfertigen und dessen Folgen in jenem Leben er nicht ändern kann? Und überlegen Sie, welcher unter beiden in dieser Welt ein besserer Bürger, und ein rechtschaffenerer, tugendhafterer Mensch seyn werde. Der Major sah den Sebaldus mit starren Augen an, und schwieg still. Sebaldus auch. Endlich brach der Kranke aus: »Herr! daran habe ich noch in meinen Leben nicht gedacht. Ein Soldat hat auch nicht Zeit, so weit hinzudenken. Aber ich besinne mich itzt eben. Wenn auch ein künftiges Leben, und ein jüngster Tag ist, so glaube ich, ich werde dann ein Herz fassen, und weder vor Gott noch vor dem Teufel erschrecken. Laß ihn kommen den Teufel, wenn er mich anklagen will, er muß mich doch vor Gott anklagen, und der weiß, daß ich nie wissentlich etwas böses gethan habe. O! du mein allmächtiger Schöpfer! würde ich sagen, (er richtete sich ein wenig auf, und faltete seine Hände,) du weißt, daß ich nie den hilflosen Unglücklichen gedrückt, daß ich nie Wittwen und Waisen betrübt, daß ich nie wissentlich diese Hände zum Bösen gebraucht habe. Zwar – (hier schwieg er ein wenig still, und schlug seine Augen nieder) ich hätte noch mehr Gutes thun können – Aber (hier hob er seine Augen abermals empor) allgütiges Wesen, ich werfe mich in deine Hände. Du hast mich zum Menschen machen wollen, also sollte ich wohl nicht ganz vollkommen seyn. Ich verlange auch nicht, wenn ein Himmel ist, im Himmel obenan zu stehen.« Hier sank er, von der Anstrengung entkräftet, sanft zurück, die Luft fehlte ihm, er erholte sich, und sprach noch mit stammlender Stimme zum Sebaldus, indem er ihm die Hand drückte: »Ach! mein Freund, wenn Gott ein Regiment von Seligen hat, so wäre es schon genug, wenn unser einer nur ein Gemeiner werden könnte.« – – Er wollte noch etwas sagen; aber der Steckfluß nahm überhand, er fieng an zu röcheln, und nach einigen fruchtlosen Versuchen ihm zu helfen, verschied er einige Minuten darauf, und Sebaldus drückte ihm weinend die Augen zu. Elfter Abschnitt. Kaum war er entschlafen, als der Prediger, welchen Sebaldus unter den Linden auf der Bank getroffen hatte, schnell in das Zimmer trat. Er hatte bey seiner Zuhausekunft, die durch Franzen an ihn gebrachte Botschaft erfahren. Er eilte, so sehr er konnte, an einen Ort, wo er sich, wie ein anderer Fresenius , durch die Bekehrung eines Freygeistes auf dem Todtenbette zu signalisiren dachte; denn weil er sich um alles, was in seinem Kirchensprengel vorgieng, bekümmerte, so war ihm unverborgen geblieben, daß der Major besondere Meinungen hege, und weder ihn noch einen von seinen Kollegen zum Beichtvater gehabt habe. Als er sahe, daß er zu spät kam, rief er aus: Pr. O Gott! wie groß sind deine Gerichte! Auch diesen Sünder, dem du so lange Zeit zur Besserung gegeben, und der die Gnadenzeit muthwillig hat verstreichen lassen, hast du ins Gericht der Verstockung dahin gegeben! daran mag sich jeder spiegeln, und Buße thun, weil es noch Heute heißet! Seb. Mein Herr! schmähen Sie diesen todten Leichnam nicht! Der selige Major war ein rechtschaffener Mann. Sein Innerstes wird Gott richten, vor dessen Richterstuhle er stehet. Pr. Wie können Sie einen verstockten Sünder selig nennen? Wissen Sie wohl, daß dieser unglückliche Mensch kein ewiges Leben, keinen Himmel und Hölle, keinen Gott und keinen Teufel geglaubt, und in seinen Sünden dahin gelebt hat? Seb. Ich weiß es, daß er viel Trugschlüsse gemacht hat. Ich habe schon oft gewünscht, und dieser Fall erneuert bey mir den Wunsch, daß der Gebrauch einer gesunden Philosophie unter der ganzen Nation gemein würde, damit auch unstudirte Personen über transcendente Sätze, die sie nicht ganz entbehren können, richtige Begriffe hätten. Jeder Mensch – – Pr. O! Sie mögen wohl selbst sehr irrige Begriffe haben; was gehört eine weltliche Philosophie hieher? Der Weg zum Heil ist in Gottes Wort vorgeschrieben, und in den Schriften bewährter Theologen, die es erklärt haben, die wollen Sie doch wohl nicht verwerfen? Wollen Sie? Seb. Davon ist nicht die Rede. Meine Meinung ist nur: Wer sich bey der gewöhnlichen Auslegung und bey der gewöhnlichen Dogmatik beruhigen kann, der thue es; kann er aber nicht, und will er seine Zweifel verfolgen, so wage er sich nicht, ohne das Licht einer gesunden Philosophie, in die Irrgänge der Dogmatik und Exegese, er wird sich sonst immer mehr in seine Zweifel verwickeln. Indessen kann ich nicht glauben, daß Gott jemand verdammen werde, weil er nicht richtig genug gedacht hat, Diese Meinung des Sebaldus, die vielen Gottesgelehrten als nach Ketzerey schmeckend vorkommen möchte, hegte auch ein sehr verständiger und gottseliger Mann. Er sagt: »So ist es im Heidenthume den Epikuräern, und im Judenthume den Sadducäern ergangen. Wobey mir ein öfters eingekommener Gedanke wieder einfällt: was doch die Ursache seyn müsse, daß unser Heiland, der bey allen Gelegenheiten die Pharisäer so hart anlässet, weit gelinder mit den Sadducäern umgeht, die doch, weil Sie die Auferstehung, und ein anderes Leben, wo das Gute belohnt, und das Böse bestraft wird, das Daseyn der Geister, mithin auch gute und böse Engel, leugneten, den Grund aller Religion umstießen? Ich erinnere mich nicht irgendwo etwas gründliches darüber gelesen zu haben. Sollte vielleicht daraus zu schließen seyn, daß in Gottes Augen, die Heucheley, der geistliche Hochmuth, und der versteckte Aberglauben, für grössere Fehler angesehen werden, als die bloßen Irrthümer des Verstandes, wenn sie auch noch so wichtige Gegenstände betreffen?« S. v. Bünau Betrachtungen über die Religion. Leipzig 1769. in 8. 1tes Buch. S. 90. und Menschen sollten es auch nicht thun. Pr. O! der schönen Philosophie! O! der sündlichen Weichherzigkeit eines natürlichen Menschen! Wer Gottes Wort nicht für Gottes Wort hält, wer sich der Sakramente als von Gott gegebener Gnadenmittel nicht gebraucht, und so in seinen Sünden dahin stirbt, der ist verdammt . Seb. Wenn Sie nähere Nachrichten von dem Zustande in jenem Leben haben, so muß ich es geschehen lassen. Ich wenigstens kann mich nicht überzeugen, daß ein Mensch, der, so viel er gekonnt, seinen Pflichten nachgelebt, und Gutes gethan hat, der uneigennützig, gerecht und wohlthätig gewesen, und sich bey seinem Ende in des barmherzigen Gottes Arme geworfen hat, – daß dieser von Gott ausdrücklich müsse verdammt werden. Ists anders, so weiß ichs wenigstens nicht. Pr. Ja! Ich aber weiß es besser! Ich, als ein berufener und verordneter Diener Gottes, sage Ihnen, daß Gottes Wort ausdrücklich lehret: Wer nicht an den dreyeinigen Gott glaubt, der ist ewig verdammt, und ist keine Erlösung für ihn, weder in Zeit noch in Ewigkeit. Sebaldus, dessen Blut durch das Wort ewige Verdammniß sehr leicht erhitzt ward, fuhr auf, und wollte im Zorne heftig antworten. Er faßte sich aber zum Glücke bald, und sagte bloß, indem er einen Schritt zur Thüre gieng: »In der That, bloß der, welcher glaubt, er sey ein unmittelbarer Gesandter Gottes, darf sich unterstehen, das Schicksal eines Menschen so positiv zu bestimmen. Verantworten Sie dieß bey dem, der Sie gesandt hat zu verdammen.« Und so gieng er zur Thür hinaus. Der Prediger, weil er niemand anders hatte, wendete sich an Franzen. Er bewies ihm, daß der Major ewig verdammt seyn müsse. Franz weinte, schlug sich an die Brust, und rief aus: »Ach! er war doch so sehr böse nicht, daß nicht für seine arme Seele Hülfe seyn sollte. Ich wollte gern selbst für ihn hundert Rosenkränze beten, wenn ich seine Seele aus dem Fegefeuer retten könnte. Doch was kann ich armer einfältiger Mensch! Nein! ich kenne einen frommen Prior in Böhmen, dessen Kloster der Major vom Anzünden und Plündern gerettet hat, der wird ihm gern von den guten Werken des Klosters etwas zukommen lassen, den will ich bitten, daß er für ihn Seelmessen lese.« Der Prediger entdeckte nun mit Erstaunen, daß Franz katholisch war. In dem Eifer seiner Bekehrungssucht fieng er an, ihm den Gräuel des papistischen Sauerteiges recht lebhaft vorzumalen, und drohte ihm, daß er, wenn er sich nicht zur reinen seligmachenden Lehre wendete, eben wie sein Herr, ewig verdammt werden würde. Franz, der solche Worte nie bey dem Major gehört hatte, sah den Prediger starr an, und segnete sich über solche Lästerungen; und da der Prediger fortfuhr, den Pabst den Antichrist zu nennen, schalt er ihn eine ketzerische Bestie , und lief zur Thür hinaus. Der Prediger blieb also bey dem Leichnam allein, und da derselbe auf seine Verdammungen weiter nichts antworten konnte, so gieng er auch hinaus. Als er über den Hausflur gieng, machte Franz zwey große Kreuze vor sich, und spie ihm nach. Zwölfter Abschnitt. Herr F. und Sebaldus lebten nun den Winter über sehr eingezogen. Ihre Unterhaltung, die durch die Gesellschaft des Majors sonst mannichfaltiger gewesen war, ward nun viel einförmiger. Sie bestand mehrentheils aus gelehrten Unterredungen, welche aber sehr bald das gewöhnliche Schicksal gelehrter Unterredungen unter vier Augen hatten, die weniger gemeinnützig und lehrreich werden, wenn jeder dem andern sein eigenes Steckenpferd vorreiten will. Herr F. hatte sich auf den Sensus kommunis ein Lehrgebäude der Sittenlehre und der natürlichen Theologie gebauet, welches dem Sebaldus gar nicht einleuchten wollte, als welcher seine Ethik , als ein ächter Crusianer, auf die Thelematolo gie gründete. Sebaldus hingegen wollte seiner seits seinem Freunde auch seine neuen Entdeckungen über die Apokalypse mittheilen, welche aber gar kein Gehör fanden, sondern vielmehr gerade zu ausgelacht wurden, weil Herr F. schon längst bey sich ausgemacht hatte, daß in der ganzen Apokalypse kein Sensus Kommunis zu finden sey. Sebaldus fieng zu seiner eignen Vertheidigung an, das Grundgesetz des Sensus kommunis zu untergraben. Er zeigte mit philosophischen Gründen, welch ein schwankender Begriff dieß sey, und bewies, daß eine Appellation an den Sensus kommunis , als an ein untrügliches Gericht über den Werth spekulativer Wahrheiten, nicht viel mehr, als eine Appellation an ein inneres Gefühl bedeute, und da dieses von Menschen zu Menschen verschieden seyn müßte, so wäre nicht zu erwarten, daß dadurch irgend etwas könnte mit Erfolge behauptet oder wiederlegt werden. Vergebens. Herr F. hatte sein System lieb, Sebaldus wollte sich seine Weißagungen auch nicht nehmen lassen, sie wurden also heftig, machten nichts aus, und endlich, ob sie gleich nicht aufhörten sich hochzuschätzen, ward doch ihr Umgang laulicher, und einer fand nicht mehr so viel Vergnügen in der Gesellschaft des andern. So standen die Sachen unter ihnen am Ende des Winters, als Herr F. von seinem Freunde, dem Officier, dem er so viel zu danken hatte, einen Brief bekam. Dieser edle Mann, nachdem er in allen Feldzügen des letzten Krieges für das Vaterland gefochten, und ehrenvolle Wunden erworben hatte, begab sich auf seine Güter, um, in Gesellschaft einer würdigen Gattinn, in häuslicher Zufriedenheit den Rest seines Lebens zuzubringen. Aber er wollte auch, daß nicht er allein, sondern auch andere glücklich seyn sollten. Er betrachtete sich als den allgemeinen Vater seiner Unterthanen, und in dieser Absicht sorgte er für die Erziehung ihrer Kinder. Er wollte zum Schulmeister einen verständigen menschenfreundlichen Mann haben, der nicht etwan nur die Kinder bloß die Fragen und Antworten einer unverständlichen zwecklosen Heilsordnung könnte auswendig lernen lassen, sondern, der ihnen Pflichten deutlich machen sollte, die sie gegen Gott und Menschen zu beobachten hätten, der sie vor Vorurtheilen bewahren sollte, die sich beym Bauer sonst Jahrhunderte lang fortpflanzen, der ihnen richtige Begriffe vom Landbaue, den sie zu treiben bestimmt waren, beibringen, kurz, der sie zu vernünftigen Menschen und zu guten Bauern, erziehen sollte. Einen solchen Mann wollte der Menschenfreund aus seinen eignen Mitteln besolden, Wenn die Chronologie, welche in unserer wahren Geschichte das Hauptwerk ist, nur auf irgend eine Art, sollte es auch nur durch eine Hypothese seyn, sich vereinigen ließe, so würde im übrigen diese ganze Beschreibung vollkommen auf den verehrungswürdigen menschenfreundlichen Verfasser des Versuchs eines Schulbuchs für Landleute (Berlin 1771.8.) passen, welcher alles das oben erzählte, und noch mehr gethan hat. und er bat seinen Freund F. ihm einen solchen Mann zu verschaffen. Herr F. schlug dem Sebaldus diese Stelle vor, der sie auch vielleicht würde angenommen haben, wenn er nicht überlegt hätte, daß sein Wohlthäter, der Armenschulmeister, sie so gut, als er, verwalten könnte, und daß demselben, nach der unverschuldet erlittenen Beschimpfung seiner Familie, die Entfernung von seinen bisherigen Bekannten zur Beruhigung gereichen würde. Er empfohl also denselben, und er ward angenommen. Indessen verließ Sebaldus dennoch Berlin gegen den Frühling. Er hatte seit geraumer Zeit keine Nachricht von seiner Tochter, welches ganz natürlich zugieng, denn die Frau von Hohenauf hatte für gut gefunden, den Brief, welchen Mariane, vor ihrer Abreise zur Gräfinn *** unter Einschluß des Hieronymus, an ihren Vater geschrieben hatte, zu verbrennen, weil ihr daran gelegen war, daß niemand Marianens Aufenthalt wissen sollte. Als sich Hieronymus, auf Sebaldus wiederholtes Bitten, bey der Fr. v. H. nach Marianen erkundigte, war derselben kaltsinnige Antwort: »die Mamsell habe sich heimlich fortgemacht, und sie wisse nicht wohin.« Dieß meldete Hieronymus dem Sebaldus, der, durch diese Nachricht sehr beunruhigt, beschloß, im Frühlinge eine Reise zum Hieronymus zu thun, um, wo möglich, von seiner Tochter nähere Nachricht zu erhalten. Ob es auf diesen Entschluß nicht einigen Einfluß mag gehabt haben, daß weder Herr F. noch sonst jemand in Berlin, von seiner Auslegung der Apokalypse etwas hören wollte, und daß er, so vortheilhaft auch die Schilderung war, die Herr F. von dem Officier machte, doch Ursach finden mochte, zu glauben, derselbe werde noch weniger apokalyptisch gesinnet seyn, wollen wir den Schreibern moralischer Systeme zu untersuchen überlassen, welche auf ein Haarbreit anzugeben wissen, aus welchen Grundsätzen die menschlichen Handlungen entspringen und nicht entspringen. Genug, Sebaldus, der, bey seiner fleißigen Arbeit und sparsamen Lebensart, eine für ihn beträchtliche Summe zurückgelegt hatte, nahm im Maymonathe von Herrn F. Abschied, setzte sich auf die Post, und befand sich, in wenigen Tagen, bey seinem lieben Hieronymus, und bey seinem ihm eben so lieben Kommentar über die Apokalypse. Dreyzehnter Abschnitt. Sebaldus konnte, wider sein Vermuthen, beym Hieronymus keine nähere Nachricht von seiner Tochter erhalten, und dieser wiederrieth ihm auch, deshalb zur Frau von Hohenauf zu reisen, weil er schon voraus wußte, daß alle Nachforschung vergeblich seyn würde. Sebaldus tröstete sich indessen damit, daß er Gelegenheit hatte, seinen Kommentar über die Apokalypse aufs neue zu übersehen und zu vermehren. Nachdem er damit über einen Monath zugebracht hatte, fieng er an, der müßigen Lebensart überdrüßig zu werden, und wünschte wieder eine ordentliche Beschäfftigung zu haben. In der fürstlichen Residenzstadt hatte er kein Amt zu hoffen. Zu Herrn F. zurückzukehren trug er kein Belieben, und andere Aussichten konnte er auch in Berlin eben nicht haben. Es fügte sich aber, daß ein gewisser Edelmann, der vormals am fürstlichen Hofe Kammerjunker S. Wilhelmine, S. 99. gewesen, und nachher im Holsteinischen ansehnliche Güter erheurathet hatte, vom Hieronymus einen Aufseher seiner Bibliothek und seines Antiquitätenkabinets verlangte. Sebaldus ließ sich leicht bereden, diese Stelle anzunehmen. Hieronymus gab ihm einen Empfehlungsbrief an den Kammerjunker mit, und weil er eben im Magdeburgischen für verkauftes Getreide Rechnungen abzuthun hatte, so setzte er sich mit dem Sebaldus auf die Post, um denselben, so weit es sein Weg mit sich brächte, zu begleiten. Nachdem sie einige Meilen gereiset waren, gesellte sich zu ihnen ein Mann zu Pferde, der einem Verwalter ähnlich war, und den Hieronymus als einen Bekannten begrüßte, und in der folgenden Station bestieg den Postwagen, nebst andern unbedeutenden Reisenden, ein Mann ernsthaftes Ansehens, der ihnen, nach der ersten Begrüßung, selbst sagte, daß sein Hauptstudium die Arabische Sprache sey. Er galt in der That, wie man nachher unter der Hand erfahren hat, allenthalben für einen grundgelehrten Mann, der Hebräisch, Arabisch, Persisch, Syrisch, Samaritanisch, Phönicisch und Koptisch aus dem Grunde verstehe. Er hatte nicht allein, gleich andern Kennern der höhern Exegese, das Hebräische durch das Arabische zu erklären gesucht, sondern er war auf eine Höhe gestiegen, die noch kein anderer Exeget erreicht hatte, nehmlich, er hatte einen Versuch gemacht, das Arabische durch das Hebräische in ein helleres Licht zu setzen. Er war in Leipzig gewesen, und freylich soll seine gerühmte Arabische Kenntniß bey Reisken nicht großen Beyfall gefunden haben, welcher glaubte, daß sie sich nicht weit über den Golius erstreckte. Unser Mann hielt dieß aber, wie billig, für Neid, und wandte sich nach Wittenberg. Er hatte eine Sammlung von ihm in der Bibel, vermittelst des Arabischen, neuentdeckter Beweissprüche bey sich, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik aufs neue befestigt werden sollten. Er glaubte dadurch in dieser orthodoxen Stadt gewiß eine ansehnliche Belohnung oder Beförderung zu erhalten. Er erstaunte aber nicht wenig, da alle dortigen Doktoren der Gottesgelahrtheit seine neuen Beweissprüche für ganz überflüßig hielten, weil sie meinten, die Dogmatik sey durch die Augspurgische Konfession und durch das Konkordienbuch befestigt genug. Zum Glück, konnte ihm seine Arabische Gelehrsamkeit so gut dienen, als weiland dem Ritter Hudibras seine Logik: who could refute Change sides, and still dispute. Er zog also, mit Hülfe der Arabischen Sprache, eine große Menge Erklärungen aus der Schrift, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik zweifelhaft gemacht wurden, und jetzt eben war er im Begriff, mit diesem Schatze von neuen Entdeckungen ins Brandenburgische zu reisen, wo sie, wie er gewiß glaubte, Waare für den Platz seyn müßten. Dieser Mann wendete sich so gleich an den Sebaldus als an einen Gelehrten, und suchte ihm einen hohen Begriff von seinen Entdeckungen beizubringen. Er bewies ihm weitläuftig, daß die Hebräische Sprache gänzlich ausgestorben sey, und daß, ohne die Arabischen Wurzeln, an keine Palingenesie derselben zu gedenken sey. Er legte ihm daher verschiedene ganz nagelneue Erklärungen vor, z. B. daß 1. B. Mos. XLIX, v. 10. wo man, einige Jahrhunderte lang, den Messias zu finden geglaubt habe, von einer Ueberschwemmung die Rede sey, daß B. der Richter VII, v. 13, wo Luther von gerösteten Gerstenbrodten redet, von einem aus der Scheide gezogenen Schwerte verstanden werden müsse, und dergleichen schöne Sächelchen mehr. Sebaldus, der kein Freund vom Exegesiren, am allerwenigsten von einer so ausschweifenden Exegese war, schwieg ganz stille, bis ihn der Fremde zu wiederholtenmalen fragte, was ihm von dieser neuen Erklärungsart dünke, und ob sie nicht völlig neu, und sehr sinnreich sey. Sebaldus sagte ganz kalt: »Neu und sinnreich mag sie seyn, aber ich sehe auch wohl, daß man mit solcher Erklärungsart leicht schwarz in weiß verwandeln, und einen Autor sagen lassen kann, was man will.« Der Fremde, der laute Bewunderung erwartet hatte, fieng nochmals an, mit sehr beredten Gründen darzuthun, daß die Bedeutungen der Hebräischen Wörter verloren gegangen wären, und daß man in den Wurzeln der verwandten Sprachen, besonders der Arabischen, diese Bedeutungen wieder auffinden müsse. Sebaldus versetzte: »Es scheint mir ganz unmöglich, wenn die Bedeutungen der Deutschen Sprache ganz verloren gegangen wären, sie, nach ein Paar tausend Jahren, in den Wurzeln der Dänischen, Schwedischen und Engelländischen wieder zu finden. Die Wurzelwörter verändern in der Zusammensetzung ihre Bedeutung auf mancherlei Art. Wer die Deutsche Sprache nur in den Wurzeln kennte, und z. B. im Dänischen die Wurzelwörter Tisch, Topf und Nacht gefunden hätte, und nun daraus schließen wollte, daß Nachttisch und Nachttopf Sachen von einerley Art seyn und nur in der Nacht gebraucht werden müßten, dem würde es gerade so gehen, wie unsern heutigen Arabischen Philologen. Ich habe kürzlich eine Schrift des berühmten Reiske Dieses sehr gelehrten und sehr aufrichtigen Mannes Gedanken, wie man der Arabischen Litteratur aufhelfen könne und solle, stehen in den von ihm verfertigten Zusätzen zu der königl. Akademie der schönen Wissenschaften zu Paris, die den elften Theil der Deutschen Uebersetzung (Leipzig 1751. gr. 8.) ausmachen. Diese kleine Schrift verdiente bekannter zu seyn, und von vielen gelesen zu werden, zumal zu itziger Zeit, da wieder allenthalben stark aus der Arabischen Gaukeltasche gespielt wird. gelesen, der die Unmöglichkeit zeigt, die Arabische Sprache, itzt schon, auf die Hebräische anzuwenden. Er versichert: ›Daß noch nicht der tausendste Theil der nützlichen Arabischen Manuskripte bekannt ist und gebraucht werden kann; daß die meisten Theologen, die das Hebräische aus dem Arabischen meistern wollen, aus des Golius Lexikon nur eine sehr dürftige Kenntniß erschnappt haben, oder aufs höchste ein Paar Suren aus dem Alkoran lesen können; daß wir selbst vom Alkoran nicht einmal so viel wissen, um zu entscheiden, ob der vom Maraccius oder von Hinkelmannen eingeführte Text, nach der Lesart der Schule zu al Kufah oder al Basrah sey, welches, wie er sagt, ein so großer Unterschied ist, als zwischen Lutheranern oder Katholiken. Er sagt ausdrücklich, daß man noch einhundert Jahre hindurch gute Arabische Bücher drucken, und sich bis dahin die Lust darüber zu philosophiren ganz vergehen lassen sollte . Er vergleicht, sehr treffend, die Theologen, die itzt schon das Hebräische aus dem Arabischen erläutern wollen, mit den alten Philosophen, welche die Wirkungen der Dinge in der Natur a priori demonstriren wollten, ehe sie noch die Natur durchstudiret hatten, und dadurch die lächerlichsten Grillen in die Physik brachten.‹ Habe ich Unrecht, fuhr Sebaldus fort, wenn ich Reisken , dem größten Kenner der Arabischen Sprache, hierinn glaube?« »Ey! rief der Fremde ziemlich entrüstet, Reiske kann hievon nicht urtheilen; der Mann versteht zwar etwas Arabisch, aber von dem Hebräischen und andern orientalischen Sprachen, weiß er so viel als nichts. Und Sie, mein guter Herr, der Sie von allen diesen gelehrten Sachen ganz und gar nichts verstehen, Sie sollten davon auch ganz und gar nicht urtheilen, sondern Ehrfurcht für die Bemühungen gelehrter Männer haben, die durch ihre Arabische Philologie in der Bibel ein neues Licht anzünden.« »Eben deswegen bekümmere ich mich, nebst andern Ungelehrten darum, sagte Sebaldus, weil es über unsere Haut hergeht. Von der einen Seite wird uns zugerufen, daß wir ohne den geschriebenen Willen Gottes nicht selig werden können, und von der andern Seite kommen gelehrte Leute, erklären uns, mit Hülfe von einigen Wurzeln , und Konjekturen , hinein und hinaus, was ihnen beliebt. Und das sollen wir mit Ehrfurcht glauben, weil wir nicht den Golius gelesen haben, oder nicht den Arabischen Alkoran exponiren können? Nein! die Seligkeit des menschlichen Geschlechts kann unmöglich auf solchen Wortklaubereyen beruhen! Hat man einen seltsamem Zirkel gesehen, als den, in welchem man uns herumführen will? Der Willen Gottes im alten Testamente ist Hebräisch geschrieben. Zu den Zeiten der Apostel und der ersten Christen wußte man nichts davon, daß die Bedeutung der Hebräischen Wörter verloren gegangen wäre. In den folgenden Jahrhunderten auch nicht, aber wohl vergaß man den Hebräischen Text bey nahe ganz und gar, und hielt sich an die Vulgata. Als man die Hebräische Sprache wieder hervorsuchen wollte, mußte sie Reuchlin von den Juden lernen, ohne zu wissen, daß diese ihr Hebräisch selbst nicht verstanden, welches sie sich auch nicht träumen ließen. Auf diese Kenntniß der Hebräischen Sprache, wurden sowohl Luthers Deutsche Uebersetzung, als auch alle unsere symbolischen Bücher gebaut; wir stritten, beynahe zwey Jahrhunderte lang, mit bitterm Eifer, über Lehrsätze, die sich darauf gründeten, und endlich, nach zweihundert Jahren, erfahren wir, daß die Bedeutung der meisten Wörter der Hebräischen Sprache verloren gegangen ist, und daß wir sie im Arabischen aufsuchen müssen. Nun haben wir wieder zweihundert Jahre zu streiten. Alsdann kömmt vielleicht jemand, der uns berichtet, daß sich die Bedeutung der Arabischen Wörter auch verändert hätten, Wenn der Fremde wieder zum Worte gekommen wäre, hätte er vermuthlich standhaft behauptet, daß keine einzige Bedeutung eines einzigen Arabischen Werks jemals sich verändert hätte. Dieß versichert wenigstens Magister Schelling, welcher, sitzend in seiner Studierstube im herzoglichen Stifte zu Tübingen, unwidersprechlich überzeugt ist, daß die Arabische Sprache »noch jetzt eben dieselbe ist, die sie bald nach der Zeit ihrer Entstehung war,« und ein feines Kapitel, »von der wunderbaren Erhaltung der Arabischen Sprache in ihrer ersten Reinigkeit, schon den allerältesten Zeiten, bis auf den heutigen Tag« zu erzählen weiß, wie aus seiner Abhandlung von der Arabischen Sprache (Stuttgard 1771.8.) besonders S. 16 bis 21 des mehrern zu ersehen. Freylich, der Reisende Niebuhr, welcher in Arabien gewesen ist, berichtet, daß die itzige Arabische Sprache von der alten Sprache, wie Italiänisch vom Lateinischen unterschieden ist, daß die itzigen Arabischen Gelehrten die Sprache des Alkorans, und anderer Schriften, in ihren Schulen, als eine todte Sprache lernen müssen; daß die itzige Arabische Sprache, so wie alle Sprachen des Erdbodens, in viele Dialekte vertheilt ist, u. d. g. Aber was thut das zur Sache: Niebuhr ist ja ein ungelehrter Ingenieur, und kein gelehrter Philologe! so wie es in allen Sprachen in der Welt gegangen ist, und daß wir diese Bedeutung wieder in der Persischen Sprache, Der gelehrte Engländer Jones hat in der Vorrede zu seiner Persischen Grammatik, schon einen Wink gegeben, den ein Deutscher Professor der Philologie, der vor seinen Zuhörern mit neuen Entdeckungen glänzen will, bald wird mißbrauchen können. oder wer weiß wo, aufsuchen müssen.« Hier ward Sebaldus durch ein heftiges Geschrey unterbrochen, welches sich auf der Landstraße einige hundert Schritte vom Postwagen erhob. Was dieses für ein Geschrey gewesen, wollen wir künftig berichten, und indessen zur Geschichte Marianens und Säuglings zurückkehren. Ende des vierten Buchs. Fünftes Buch. Erster Abschnitt. Mariane ward bey ihrer Ankunft auf dem Gute, wo sich die Gräfinn von *** aufhielt, von derselben mit offnen Armen empfangen. Die Gräfinn, welche, in der schönen Jahreszeit, häufige Besuche hatte, ward mehrentheils, sobald die rauhe Herbstwitterung eintrat, einsam gelassen. Alle ihre Nachbarn, denen der heitere Sonnenschein und die grünenden Bäume kaum den Aufenthalt auf dem Lande hatten erträglich machen können, eilten nach der Residenzstadt, um zu Vergnügungen zurückzukehren, die ihnen angemeßner waren: zu Cour-Tagen, wo man sich tief neiget, um seinen Stolz zu zeigen; zu Bällen, wo jeder sich bis über die Zähne vermummt, ob gleich keiner mit einer Maske spricht oder tanzt, die er nicht kennet; zu großen Mittagsmahlen, wozu man alles, was vornehm und angesehen ist, bittet, um vier Stunden lange Weile zu haben, und zu feinen Abendmahlzeiten, zu welchen man sich, mit leichtsinnigen und sittenlosen Leuten einschließt, um sich ein paar Stunden lang einzubilden, man sey vergnügt gewesen. Die Gräfinn, die seit langen Jahren alle diese herrlichen Vergnügungen geschmeckt hatte, und davon sehr bald war gesättigt worden, trug kein Verlangen im Winter ihre Güter zu verlassen. Sie hatte gelernt, sich selbst genug zu seyn. Die Besorgung ihrer Angelegenheiten, kleine weibliche Arbeiten, und die Lektur, konnten sehr wohl den größten Theil ihrer Zeit beschäftigen. Nur fehlte ihr noch eine Gesellschafterinn ihres Geschlechts, von unbescholtenen Sitten, und der es nicht an Verstande und Geiste fehle, die bey Spaziergängen, (die sie auch in schönen Wintertagen nicht verabsäumte,) und bey ihren wohlthätigen Besuchen ihrer Unterthanen, ihre Gefährtinn sey, in deren Gesellschaft sich der Geist, der in der Einsamkeit erschlafft, zu angenehmer Unterhaltung wieder anspannen könne. Eine solche Gesellschafterinn fand sie an Marianen, die ihr daher alle Tage werther ward. Mariane auf ihrer Seite, lebte sehr glücklich. Die Gräfinn von *** verbannte aus ihrer Gesellschaft alle Art von Dienst; sie wollte eine Freundinn haben. So verflossen die Wintermonathe unter gemeinschaftlichen Arbeiten, Lektur und Unterhaltung. Es ist leicht zu erachten, daß Marianen der Umgang mit einer Dame, die so viel Verstand mit so viel Erfahrung und Weltkenntniß verknüpfte, ungemein lehrreich gewesen seyn müsse. Die von der Gräfinn sehr wohl gewählte Lektur trug das ihrige dazu bey; und obgleich Mariane dadurch belesener ward, so wußte sie die Gräfinn doch, durch feinen Scherz, von der kleinen Thorheit ihre Belesenheit in Gesellschaft zu zeigen, in kurzem ganz zu heilen. Die einzige Störung der Reihe von sanften Vergnügungen, in denen Mariane lebte, war das Andenken an Säuglingen, und vielleicht war eine solche Störung einem jungen und lebhaften Frauenzimmer behaglich, weil sie die Einförmigkeit ihrer Empfindungen mannichfaltiger machte. Sie dachte sehr oft an den schnellen Abschied; sie war zuweilen ungehalten, daß er ihr keine Nachricht von sich gebe; dann überlegte sie wieder, daß er ihren Aufenthalt nicht wissen würde; und indem sie ganz leise den Gedanken dachte, daß sie an ihn schreiben könnte, erröthete sie, als vor einem ihr unanständigen Schritte. Sie klagte wieder über die Unmöglichkeit von ihm Nachricht zu erhalten; dann fiel ihr das Versprechen ein, das sie der Frau von Hohenauf gethan hatte, alle Verbindung mit Säuglingen aufzuheben: und dann entschloß sie sich, ihn völlig zu vergessen. Indem sie aber diesen Entschluß recht zu befestigen suchte, ward sein Bild unvermerkt in ihrer Einbildungskraft lebhafter, und sie vernichtete ihren Vorsatz, selbst indem sie ihn ausführen wollte. Säugling, auf seiner Universität, zerbrach sich nicht weniger den Kopf über Marianens Zustand. Er hatte vermittelst des Kammermädchens nichts weiter erfahren können, als daß Mariane in der Nacht in einem Wagen wäre weggebracht worden. Er spannte seine ganze Einbildungskraft an, um zu muthmaßen, wohin sie gerathen sey; aber vergeblich. Er mußte sich begnügen, an ihr geliebtes Schattenbild die zärtlichsten Seufzer abzusenden. So vergieng der Winter damit, daß er an Marianen dachte, ihren Namen, in Ermanglung eines Baums, in sein Schreibepult schnitt, wenn er sie besingen wollte, und über beides von Rambolden geschraubt ward. Im Frühlinge, nachdem er auf dieser zweyten Universität ein Jahr gewesen war, berief ihn sein Vater, der sich nach geendigtem Kriege in Westphalen ein Landgut gekauft hatte, nach Hause. Er reisete also mit Rambolden ab, und nahm seinen Weg über den Landsitz seiner Tante, die sich stellte, als ob sie den Vorfall mit Marianen ganz vergessen hätte, und ihn mit sehr vieler Freundlichkeit aufnahm. Er trauete sich demungeachtet nicht, sich nach Marianen zu erkundigen. Sie selbst aber nahm Anlaß ihm einst, bey Gelegenheit, mit lächelndem Munde eine Neuigkeit zu sagen, die ihm wie ein Blitz in seine arme Seele fuhr: »daß die Mariane, die einst ein flüchtiger Gegenstand seiner Neigung gewesen, in Franken bey einem Edelmanne, Französische Mamsell worden, und kürzlich den Informator, dem der gnädige Herr eine erledigte Pfarre gegeben hätte, geheurathet habe.« Sie erdichtete diese Nachricht nicht ohne besondere Absichten. Zu Folge ihrer beständigen Leidenschaft, ihre Familie zu erheben, wünschte sie, daß ihr Neffe eine Adeliche heurathen möchte. Ihre Augen waren dabey auf das Fräulein von Ehrenkolb gerichtet, ein Fräulein von altem Adel, aber nicht von großem Vermögen, welche mit ihrer Mutter, einer Wittwe, auf einem kleinen Gute in der Nachbarschaft wohnte. Die Frau von Hohenauf glaubte, die Frau von Ehrenkolb werde durch den großen Reichthum, welchen der junge Säugling, der ein einziger Sohn war, zu erwarten hatte, leicht bewogen werden, in diese Heurath zu willigen; der alte Säugling, der schon ein Rittergut gekauft hatte, werde sich adeln lassen, er werde seinem Sohne eine ansehnliche Bedienung kaufen; und nun wiegte sie sich schon im voraus mit dem angenehmen Traume, daß durch ihn ihre Familie, in ein Paar Generationen, zu den angesehensten des Landes werde gezählet werden. Die Frau von Hohenauf hatte ihrem Neffen von diesen ihren politischen Absichten noch nichts gesagt, und er konnte sich, aus eignem Triebe, so hohe Gedanken nicht in den Kopf kommen lassen. Er war nur bloß mit seinen Gedichten, und mit seiner Liebe zu Marianen beschäfftigt. Er hatte, seitdem er von ihr so plötzlich war geschieden worden, fleißig, an Sie gerichtete Lieder gemacht, und in der Deutschen Gesellschaft des Orts vorgelesen. Diese Sammlung von Gedichten hatte er kurz vor seiner Abreise unter die Presse gegeben. Er war, wie jeder junge Autor, über dem Gedanken, daß seine Gedichte gedruckt würden, vor Freuden außer sich. Er unterhielt sich überdieß mit den angenehmsten Träumen, welche zärtliche Scenen erfolgen würden, wenn er einmal von Marianen Nachricht erhalten, und ihr diese Folge von Gedichten überreichen sollte. Man urtheile also, wie groß sein Schmerz war, da er hörte, wie leichtsinnig Mariane seine Liebe sollte vergessen haben, und mit einemmal befand, daß alle diese zärtlichen Liebesseufzer ihre Wirkung verfehlen würden. Zwar gehörte er nicht zu den starken selbstständigen Seelen, welche, wenn ihnen ihre Geliebte vor dem Munde weggeheurathet wird, sich nothwendig erhängen, oder in einen Fluß stürzen müssen; dennoch aber irrte er öfters trostlos in dem nahegelegenen Walde, achtete weder Wind noch Regen, sondern klagte dem Echo und den murmelnden Bächen seine Noth. Er sang manche Lieder voll verliebter Verzweiflung, und endlich eins, worum er der Liebe ganz und gar entsagte. Dieß letztere erhielt seinen völligen Beyfall; denn es schien ihm, es habe etwas feierliches, welches seinen vorigen Liedern fehlte; und er fieng an seinen verliebten Schmerz, durch das Wohlgefallen an den Geisteswerken die er verursacht hatte, in etwas zu lindern. Zweyter Abschnitt. Die Frau von Ehrenkolb, nebst ihrer Fräulein Tochter, begaben sich, auf geschehene Einladung, nach dem Gute der Frau von Hohenauf. Die Fräulein hatte in der Blüthe ihrer Jahre, (denn sie war noch nicht völlig achtzehn Jahre alt) eine sehr glückliche Erziehung genossen, unter der Aufsicht einer Französinn, die in Frankreich eine Trödelkrämerinn gewesen, in Deutschland aber, mit dem Reste ihrer Bude ausgeschmückt, sich zur Comtesse erhob, und, nachdem sie verschiedene Deutsche Höfe besucht, und auf maskirten Bällen und auf Lustschlössern, mit Herzogen und Reichsfürsten, gegessen und gespielt hatte, sich endlich, des Hoflebens satt, aus angeborner Gutherzigkeit, bereden ließ, ein Deutsches Landfräulein zur Dame umzuschauen, und es auf den guten Ton zu stimmen, den sie selbst in Paris, obgleich freilich nur aus der dritten oder vierten Hand, gelernt hatte. Das Fräulein machte einem so trefflichen Unterrichte wirklich Ehre, indem sie alles, was ihr die Französinn anpries, noch zu übertreiben suchte. Sie konnte, mit geläufiger Zunge, jedermann Rede angewinnen, alles verachten, sich zu allem drängen, sich nichts übel nehmen, dreyerley auf einmal sprechen und thun, um in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; widersprechen, um eigensinniger Laune Lauf zu laßen, die oft für lebhaften Geist genommen wird; nachgeben, um mit Zierlichkeit schmollen zu können; in Einem Nachmittage an sechs Orten, und allenthalben abwesend seyn; in der ganzen Gesellschaft am lautsten reden, und am wenigsten sagen; sich putzen, schminken, spielen, tanzen, liebäugeln, Liebeshändel anspannen und Sentimens plaudern, alles zugleich und ohne daran zu denken. Kurz sie besaß den bon ton vollkommen, und hatte sich, um ihn an Mann zu bringen, den vergangenen Winter, an einem benachbarten fürstlichen Hofe, zum erstenmal als eine ausgemachte Petitemaitresse gezeigt. Sie war mit ihrem Anfange selbst nicht übel zu frieden; denn sie hatte mehr Aufsehen gemacht, als irgend ein anderes Fräulein, einige ihrer Moden waren nachgeahmt worden, die Schönheiten des vorigen Winters, kamen gegen sie nicht mehr in Betrachtung, die Anbeter drängten sich um sie, Geschenke, Nachtmusiken, Bälle, von denen sie die Königinn war, folgten sich unaufhörlich, und sie besaß wirklich ein sehr großes Paket Liebesbriefe, von den bestfrisirten Köpfen des Hofes. Die Frau von Ehrenkolb gehörte zu den guten Müttern, die sich selbst in ihren Töchtern genießen. Daß ihre Tochter Aufsehen machte, und gerühmt wurde, gefiel dem guten mütterlichen Herzen, und wenn sich ihre Erfahrung auch wider manche Frivolität setzte, so war doch die kleinste Liebkosung der Tochter hinlänglich, die schwache Mutter nachgebend zu machen, ja ein ruhiger Nachmittag war genug, ihr einzubilden, daß ihre Tochter gesetzt und weise wäre. So ungelegen es dem Fräulein gewesen war, daß sie der verdrießliche Frühling aus der fürstlichen Residenz auf das Land trieb, so angenehm war ihr die Einladung der Frau von Hohenauf. Sie hatte bey derselben schon oft große glänzende Gesellschaften gesehen, und hoffte also daselbst ebenfalls wieder viel schöne Welt , und unter derselben viele Anbeter zu finden. Sie probirte schon in Gedanken die Rollen, die sie spielen wollte, und träumte schon viel von zahlreichen Partien, vom Neide anderer Damen, und von einer muntern Jugend, die sie mit Einem Blicke an ihrem Siegeswagen hinter sich zog. Wie sehr erschrocken war sie daher, als sie niemand antraf; denn den schüchternen Säugling, der eine so rauschende Petitemaitresse, als ein niegesehenes Wunderthier anstaunte, und Einen Reverenz über den andern machte, rechnete sie wirklich für nichts. Sie sahe sich also einige Tage lang in der traurigen Nothwendigkeit, drey Stunden nach Sonnenaufgang aufzustehn, sich zu putzen, ohne gesehen zu werden, den lieben langen Tag in frischer Luft und in grünen Auen herumzugehn, und des Abends sich zu einer einsamen Whistpartie zu setzen, bey der sie keine andere Beschäfftigung hatte, als aufs Spiel Acht zu geben. Da indessen die Frau von Hohenauf ihren Neffen, so viel möglich, in dem bestem Lichte darzustellen suchte, und er Selbst, dem es zur andern Natur geworden war, gegen jedes Frauenzimmer galant zu seyn, es an Achtsamkeiten gegen das Fräulein nicht ermangeln ließ, so faßte sie ihn endlich in die Augen, und wollte, da sie an seiner Kleidung einen ziemlichen Geschmack bemerkte, aus langer Weile versuchen, ob aus ihm etwas zu machen wäre. Dieß gelang ihr, über Vermuthen; denn kaum hatte sie den ersten Bogen von Säuglings gedruckten Gedichten, die er ihr vorlas, gelobt, so zeigte er sich als ein ganz anderer Mensch. Seine weibische Schüchternheit, die der ungestüme Rambold durch Schrauberey wegzuspotten vergebens versucht hatte, verschwand, sobald er einer petillirenden Petitemaitresse gefiel, und wieder gefallen wollte. Er fieng an, zu schwatzen, zu wiedersprechen, sich dreymal in einer Minute herumzudrehen, zu antworten, ehe die Frage vorbey war, und zu fragen, ohne Antwort zu verlangen, jedermann dreist in die Augen zu sehen, und sich des pour cela, eh mais, tant pis, und tant mieux, so geschickt zu bedienen, daß man schier hätte glauben mögen, er hätte monde. Dabey war, weil er seine liebe Poesie nie vergaß, das Fräulein der Gegenstand aller seiner Gedichte, ja, weil er überhaupt (wie mehrere junge Poeten, und alte Poeten, die lange jung bleiben) nur allzugeneigt war, seine poetischen Phantasien ins wirkliche Leben überzutragen, so deuchte ihm oft, daß er etwas für das Fräulein empfände, welches er, ohne Bedenken, würde Liebe genennet haben, wenn ihm nicht sein gutes Herzchen augenblicklich geklopft, und erinnert hätte, daß seine Mariane, obgleich ungetreu, doch von ihm noch nicht vergessen werden müsse. Das Fräulein, ihrer seits, betrachtete ihn als ihre Kreatur, und triumphirte, einen Anbeter, und zwar einen Anbeter von einer so neuen Gattung, als ihr ein Poet war, erworben zu haben. Denn sie hatte noch nie Deutsche Verse gesehen, noch weniger Verse, deren Gegenstand sie selbst war. Diese neue Seltsamkeit war hauptsächlich die Ursach, warum sie Säuglings Verse so allerliebst fand, obgleich der Verfasser wirklich glaubte, die Vortreflichkeit seiner Verse sey die Ursach davon. Ein sehr gewöhnlicher Irrthum. Denn wenn z. B. unsere Deutschen Hofleute, neben ihrer gewöhnlichen standesmäßigen Französischen Lektur, zuweilen auch ein Deutsches Buch durchblättern, und davon reden, geschieht es oft bloß deshalb, weil sie dadurch am Hofe einen gewissen Anstrich von Sonderbarkeit zu erhalten meinen, der sie unter den übrigen flachen Hofgesichtern ein wenig hervorziehen könnte; indessen halten dieß unsere gutherzigen Deutschen Genien doch oft für einen wirklichen Beyfall, und träumen wohl gar, die Zeit sey nahe, da sich der reichste und wollüstigste Theil der Nation, des witzigsten und verständigsten nicht mehr schämen wird. Säugling, dem ein Zweifel dieser Art nicht einfallen konnte, schwamm in dem Vergnügen, daß seine Geisteswerke, von einem so schönen Fräulein bewundert würden. In dieser Entzückung kam er auf den Gedanken, ihr seine Sammlung von Gedichten, deren Abdruck eben geendigt werden sollte, zuzueignen. Dieß setzte ihn ganz in die Gunst des Fräuleins. Ihren Namen gedruckt zu erblicken, sich vor dem ganzen H. Römischen Reiche für schön und witzig erklärt zu sehen, (denn Säugling hatte in seiner Zueignungsschrift die poetischen Floskeln nicht gespart) war ihr so schmeichelhaft, daß ihr Säugling ein homme adorable war, und daß sie bey sich Kraft fühlte, ihn wirklich vierzehn Tage nacheinander zu lieben. Nun waren beide unzertrennlich. Obgleich diese beständigen Zusammenkünfte von beiden Seiten eigentlich nur Eigenliebe und Galanterie zum Grunde hatten, so hielt sich doch die Frau von Hohenauf, die beide von Anfang an mit aufmerksamen Augen betrachtet hatte, und die sich nicht wenig Geschicklichkeit, die Geheimnisse anderer zu errathen, zutraute, festversichert, daß Liebe im Spiele wäre, und freute sich insgeheim, daß ihr Anschlag anfienge, fast ohne ihre Bemühung, so gut von statten zu gehen. Als die Frau von Ehrenkolb, nebst ihrem Fräulein, nach einiger Zeit auf die Rückreise nach ihrem Gute dachte, that die Frau von Hohenauf den Vorschlag, daß ihr Neffe nebst seinem Hofmeister in ihrer Gesellschaft reisen sollte, weil der Aufenthalt der Frau von Ehrenkolb wirklich auf dem Wege nach Westphalen lag, den sie zu reisen hatten. Daß dem Fräulein dieser Vorschlag angenehm gewesen sey, ist leicht zu erachten, und die Mutter war gleichfalls damit zufrieden, weil Säugling auch ihre Gunst erlangt hatte, indem er sich zuweilen zu ihr setzte, mit ihr zu schwatzen, und ihre Arbeit lobte, wenn sie im Tambour stickte. Uebrigens fand die Frau von Hohenauf noch nicht für gut, der Frau von Ehrenkolb ihre Absichten zu entdecken. Ihrem Neffen aber ließ sie, kurz vor der Abreise, ihren Willen vernehmen, der dazu nicht Nein sagen durfte, aber auch nicht Ja sagte. Denn ein schönes Fräulein, und das seine Gedichte liebte, war zwar eine sehr verführerische Anlockung, aber das Andenken an seine Mariane, verstattete es ihm noch nicht, in völligem Ernste an eine andere Verbindung zu denken. Sie reiseten nunmehr sämmtlich nach dem Landsitze der Frau von Ehrenkolb. Hier gieng Säuglings Umgang mit dem Fräulein wie vorher fort, bis nach einigen Tagen die Ankunft eines jungen Obersten, den das Fräulein an dem Hofe, wo sie sich den Winter über aufgehalten hatte, schon hatte kennen lernen, den Sachen ein etwas anderes Ansehen gab. Er war drey und zwanzig Jahr alt, wohlgebildet, plapperte im Tone der großen Welt, trug eine glänzende Uniform und eine reiche Schulterschleife, fuhr mit sechsen, hatte einen Läufer und vier Lakaien, alles Dinge, die ihm, bey einem jungen Fräulein nach der Welt, einen großen Vorzug vor dem armen Säugling zuwegebringen mußten, der ihm, außer einer kleinen netten geschniegelten Person, einem geringen Anfange von Weltmanieren, und vielen Gedichten, nichts entgegen zu setzen hatte. Säugling stellte also von dem Augenblicke an, da der Oberste erschien, nur die zweyte Person vor. Glücklicherweise ward er dieses nicht einmal gewahr; denn das Fräulein verstand nicht allein die Kunst sehr wohl, sich mit mehr als Einem Anbeter zu unterhalten, sondern der Oberste, ein feiner Weltmann, der alle Dinge so zu nehmen wußte, wie sie waren, wollte auch nicht umsonst mit einem ihm so neuen Geschöpfe, als ein Deutscher Poet war, vierzehn Tage lang in Gesellschaft gewesen seyn. Er hatte sich, schon seit einiger Zeit, in der am Hofe so nützlichen Kunst geübt, sich anzustellen, als ob er jedes Ding verstehe oder daran Antheil nehme, was er zu verstehen oder woran er Antheil zu nehmen scheinen wollte. Diese von vielen Hofleuten für ein großes politisches Geheimniß geachtete Kunst besteht, im Grunde, bloß in einigen Geberden und kahlen Gemeinsprüchen, die, wie in manchen Ländern geringhaltige Münze, am Hofe für vollgültig angenommen werden. Die meisten Hofleute machen diese Grimasse so oft, daß sie sie für etwas wirkliches halten, und sich einbilden, sie verständen viel, und nähmen an vielen Dingen Antheil, merken aber nicht, daß sie oft von denen, die sie am meisten überredet zu haben glauben, durch und durch gesehen werden. Diese Kunst nun suchte der Oberste zu üben, indem er sich stellte, als ob er von Gedichten entzückt würde, an denen ihm eigentlich nichts gelegen war, und wovon er weder etwas verstand noch empfand. Säugling, der nicht weit sahe, sondern glaubte, daß man es aufrichtig meinen müßte, wenn man seine Gedichte lobte, war sehr zufrieden. Der Oberste war es auch, weil er seine Geschicklichkeit genoß, einen andern zu überlisten. Das Fräulein auch, weil sie, anstatt Eines Anbeters, zwey hatte. Und endlich die Frau von Ehrenkolb auch, weil sie glaubte, daß zwischen ihrer Tochter und dem reichen Obersten eine Vermählung geschlossen werden könne. Denn daß Säugling, ein bürgerlicher Poet, auf ihre Tochter sollte Anspruch machen wollen, kam ihr gar nicht in den Sinn; und Säugling selbst hatte, mit gutem Herzen, das, was ihm die Frau von Hohenauf darüber gesagt hatte, gänzlich vergessen; denn sein ganzer Geist war von dem Vergnügen seine Gedichte täglich vorzulesen und gelobt zu hören so eingenommen, daß er selbst nur in wenigen Minuten voll Phantasie an seine ungetreue Mariane denken konnte. Dritter Abschnitt. Die Sachen standen auf diese Art in dem Schlosse der Frau von Ehrenkolb, als sie sich vornahm, ihre Freundinn, die Gräfinn von *** zu besuchen, welche einige Meilen von ihr wohnte. Ihre Tochter hatte schon einigemal diese Reise hintertrieben, weil ihre Gesinnungen mit den Gesinnungen der Gräfinn gar nicht übereinstimmten, und sie sich von dem Aufenthalte bey ihr nicht das geringste Vergnügen versprach. Izt bestand aber die Mutter darauf, und die Tochter durfte nicht ferner widersprechen. Die ganze Gesellschaft reisete also fort, und Säugling wiegte sich mit dem Gedanken, vor der Gräfinn, deren guten Geschmack er schon kannte, mit seinen Gedichten zu glänzen, unwissend, daß seiner ganz andere Vorfälle warteten. Die Gräfinn empfieng sie bey ihrer Ankunft in einem offnen Gartensaale. Der Oberste führte die Frau von Ehrenkolb, Säugling das Fräulein. Kaum hatte die Gräfinn ihre Freundinn umarmen können, als das Fräulein, von Säuglings Hand, auf sie zurauschte, und sich mit einem: »Ah ma chere Comtesse, que je suis ravie de vous embrasser, c'est un million d'années, qu'on ne vous a pas vû« in ihre Arme warf. Indem dieses geschah, erblickte Mariane Säuglingen, und ward feuerroth; Säugling warf zu gleicher Zeit die Augen auf Marianen, und stand mit einemmale, wie eine Salzsäule, so daß er auch weder die Gräfinn noch Marianen grüßte. Die Gräfinn redete ihn an, er ward blaß und roth, wollte seine Verwirrung verbergen, und sahe noch dähmischer aus. Die Gräfinn stellte ihm Marianen, als eine vorige Bekanntschaft vor, er fieng an zu stammeln, und nannte sie Madame. Die Gräfinn lachte, und fragte, ob er seine ehemalige Freundinn nicht kenne. Säugling stotterte abermals, – und besann sich zu spät, zu sagen, daß er sich im Gesichte geirret hätte, wußte aber noch nicht, welche Miene er annehmen sollte. Nachdem er sich von seiner ersten Bestürzung ein wenig erholt hatte, sah er wohl ein, daß er von seiner Tante sey hintergangen worden, und konnte auch die Absicht ihrer List leicht errathen. Nun entbrannte seine Liebe zu Marianen wieder viel stärker als zuvor. Er hieng wieder an ihren Augen, seine Gedichte waren wieder an sie gerichtet, er schrieb ihr öfters Briefe, indem er sehr selten so glücklich war, sich mit ihr unter vier Augen zu unterreden. Mariane hingegen war gegen ihn ungemein zurückhaltend. Sie hatte der Gräfinn, mit der sie sonst auf einen sehr vertraulichen Fuß lebte, nichts von ihrer Neigung zu Säuglingen, noch weniger von den Verdrießlichkeiten, die sie deshalb erfahren hatte, entdeckt; sie wollte sich also nunmehr auch keinem Verdachte aussetzen. Dieß war die Ursach, die sie sich selbst angab; sie hatte aber noch eine andere und geheimere. Sie bemerkte nehmlich, daß Säugling nicht wenig verändert war, und daß er dadurch nicht wenig gewonnen hatte. Er war sonst ängstlich bescheiden, weil er glaubte, daß dem Frauenzimmer das Sanfte gefiele; er hatte einer rauschenden Hofschönheit gefallen wollen, und war lebhafter und ungezwungner geworden. Mariane war scharfsichtig genug, diese Veränderung der rechten Ursach zuzuschreiben, zumal da sie gewisse Achtsamkeiten bemerkte, die Säugling fortfahren mußte gegen das Fräulein zu bezeugen, und da sie, sonderlich im Anfange, des Fräuleins Augen oft auf Säuglings Augen gerichtet fand. Dieß, nebst der gedruckten Zueignungsschrift, die ihr nicht verborgen bleiben konnte, schien sie von einer nähern Verbindung zwischen Säuglingen und dem Fräulein zu überzeugen, und erregte bey ihr eine kleine Eifersucht, welche zu verbergen, das Frauenzimmer gemeiniglich eine kalte Zurückhaltung am dienlichsten hält, und sie dadurch gemeiniglich am ersten verräth. Auf der andern Seite, war Mariane auch dem Obersten in die Augen gefallen. Da er in seinem Herzen gar wohl für mehr als Eine Liebe Raum hatte, und er es, nach der hohen Meinung, die er von seiner eigenen Person hatte, nicht für möglich hielt, daß ihm ein Frauenzimmer sollte widerstehen können, so glaubte er, daß Mariane gar wohl ein flüchtiger Gegenstand seiner Neigung werden könne, und daß er bey ihr sehr bald seinen Zweck erreichen würde. Er griff sie in der zuversichtlichen Stellung eines Hofmanns an, wie ein kühner Eroberer eine Festung stürmt, ohne sie aufzufodern oder Laufgräben zu eröffnen. Gleichwie aber ein Belagerer, wenn ihm ein zu früher Sturm abgeschlagen worden, oft nicht weiß, welche Miene er gegen den Belagerten annehmen soll; so war auch der Oberste, durch die kalte und verächtliche Art, mit der Mariane seine Liebeserbietungen ausschlug, um Deutsch zu reden, ziemlich aus der Fassung gebracht, und deshalb, um Undeutsch zu reden, nicht wenig intriguirt . Das Fräulein übersah mit Einem Blicke, daß ihr Mariane ihre beiden Liebhaber raubte, und setzte alle Kräfte der Schönheit und der Koketterie in Bewegung, um über sie den Sieg davon zu tragen. Indeß daß alle diese Personen ihre kleinen Entwürfe machten, dachte Rambold; Säuglings Hofmeister, einen Meisterstreich auszuführen. Rambold war ein schwarzhäriger, rothbäckiger, wohlbewadeter Magister, der auf Universitäten zwar sehr locker gelebt, aber doch auch, mit Hülfe eines offnen Kopfes, so viel von den Wissenschaften erschnappt hatte, daß er ziemlich fertig davon plaudern konnte. Er hielt sich selbst für sehr gelehrt, weil er, mit der Selbstgenügsamkeit eines Gecken, der von allem hat reden hören, und über nichts nachgedacht hat, über alles entscheiden konnte. Sein Eigendünkel trieb ihn, jedermann zu hohnnecken, auch der klüger war, als er, und zu widersprechen, ehe er noch wußte, was er sagen wollte. War jemand einer Meinung, so war dieß für ihn genug, das Gegentheil zu behaupten, und er glaubte, er zeige seinen Witz, wenn er den andern niederschreien, und seinen Scharfsinn, wenn er seinen Satz, so ungereimt er auch war, durchsetzen konnte. Ob er wahr oder falsch sey, war ihm einerley; denn es war in seiner Philosophie ein ausgemachter Satz, daß Wahrheit, sowohl als Schönheit und Tugend, nur relative Begriffe wären. Ein Satz, den er nicht nur glaubte, sondern auch im gemeinen Leben fleißig anwendete; daher er in Anwendung der Mittel, seine Zwecke zu erlangen, eben nicht delikat war. Dieser feine Mann hatte auf Marianen ein Auge geworfen, und gieng damit um, sie zu heurathen, wovon er ihr doch nicht ein Wort sagte, weil er, durch einen Umweg, seinen Zweck besser zu erreichen meinte. Er war von den Absichten, welche die Frau von Hohenauf mit ihrem Neffen hatte, sehr wohl unterrichtet. Sie hatte ihm sogar eine einträgliche Pfarre, die auf ihren Gütern nächstens offen werden mußte, versprochen, wenn er etwas dazu beitragen würde, daß Säugling das Fräulein von Ehrenkolb heurathete. Daher glaubte er zwey Schläge mit Einem Streiche zu thun, wenn er der Frau von Hohenauf von Säuglings und Marianens Zusammenkunft Nachricht gäbe, und die Folgen derselben zu verhindern suchte. Er schrieb ihr also, daß sie Marianen, die sie, aus weisen Absichten, von ihrem Schlosse entfernt hätte, auch hier wegschaffen müßte, weil ihr Neffe, so lange er ihren Auffenthalt wüßte, auch nach seiner Abreise, nicht von ihr ablassen würde. Sein unmaßgeblicher Vorschlag war, sie solle insgeheim einen Wagen mit drey starken Kerlen senden, und er nahm es auf sich, Marianen, ohne großes Aufsehen, in derselben Hände zu liefern. Zuletzt gab er zu verstehen, daß wenn nur erst die bewußte Pfarre vakant wäre, sich auch ein anständiger Ehemann für Marianen finden würde, wodurch Säuglings unbedachtsamer Liebe und ihrer Furcht auf einmal würde ein Ende gemacht werden. Er schmeichelte sich, es so einzurichten, daß Mariane es nicht merken könne, daß er an der Entführung Theil habe, und nahm sich vor, sobald er nur seinen jungen Herrn nach Hause gebracht hätte, zurückzukehren, und aus den Händen der Frau von Hohenauf eine reiche Pfarre und eine schöne Frau zu erhalten; denn daß sich Mariane weigern könnte seine Hand anzunehmen, schien ihm gar nicht wahrscheinlich. Vierter Abschnitt. Nachdem Rambold auf diese Art seinen Plan so simpel als künstlich angelegt hatte, erwartete er ruhig den erwünschten Erfolg, den er als unausbleiblich ansahe, sehr zufrieden mit seiner schlauen Erfindung. Hingegen die übrigen Personen wurden, durch die Lage, in der sie waren, unvermerkt immer unruhiger, unzufriedner und unwilliger gegen einander. Marianen mißfiel es, daß ihr der Oberste beständig nachfolgte, und fortfuhr, sie mit vieler Dreistigkeit seiner Liebe zu versichern, ob er gleich sehr trocken und frostig abgewiesen wurde. Nicht weniger unzufrieden war sie mit Säuglingen, den sie im Verdacht hatte, daß er das Fräulein heimlich liebte, und weder seine Briefchen, darauf sie nie antwortete, noch seine Verschen, von denen sie argwohnte, daß sie mehr aus der Phantasie, als aus dem Herzen herrührten, konnten sie zufrieden stellen. Das Fräulein war äußerst darüber erbittert, daß alle ihre Versuche, ihre beiden Liebhaber wieder zu sich zurück zu bringen, fruchtlos waren. Weil sie, aus Politik, ihren Zorn nicht ganz auslassen durfte, so blieb ihr nichts, als der armselige Behelf, die arme Mariane, bey aller Gelegenheit, das Uebergewicht fühlen zu lassen, welches ihr Stand ihr über sie gab. Dieß veranlaßte verschiedene kleine unangenehme Scenen, die, weil sie Marianen nur kränkten, ohne sie zu demüthigen, die üble Laune des Fräuleins nicht vermindern konnten. Der Oberste war auf das Fräulein nicht wenig verdrießlich, weil sie seiner Liebe gegen Marianen im Wege stand, die er gern mit seiner Liebe gegen das Fräulein vereinigt hätte, zumal, da er die Verbindung mit der letztern anständigerweise nicht ganz und gar aufheben konnte. Säuglingen war er herzlich gram, weil er sich einbildete, daß dieser bey Marianen besser gelitten wäre, als er, und mit Marianen war er auch nicht sonderlich zufrieden, weil dieses kleine Mädchen, der er die Ehre einer gelegentlichen Eroberung zugedacht hatte, sich gegen eine Person von seinen Verdiensten so gar kalt und spröde bezeigte, daß es noch ungewiß schien, ob sie nicht auch einer förmlichen Belagerung würde widerstehen wollen. Säugling war auch unglücklich, denn er liebte Marianen herzlich, daher konnte er ihre Zurückhaltung nicht ertragen, die er, weil er ihre Eifersucht nicht einsahe, bloß nur einer wirklichen Abneigung gegen ihn zuzuschreiben wußte. Sie kostete ihm viel Seufzer und nicht wenig Verse. Aber eben sein zweytes Unglück war, daß seine Gedichte, durch deren gute Aufnahme in dieser Gesellschaft er bisher eine so seltne Glückseligkeit genossen hatte, nun sehr zu fallen anfiengen, wovon er die Ursachen nicht einsehen konnte. Sie waren gleichwohl sehr natürlich. Mariane schwieg davon gemeiniglich ganz still, weil sie sich fürchtete, ihre geheimen Bewegungen, die sie zu verbergen suchte, unvermuthet zu verrathen. Das Fräulein hatte immer etwas daran zu tadeln, weil ihr die Eifersucht eingab, daß sie an Marianen gerichtet wären, oder auf sie anspielten; und der Oberste, der sich nie im Ernste um Verse bekümmert hatte, fand itzt nicht mehr, wie vormals, Ursach sich zu stellen, als ob sie ihm gefielen, vielmehr pflegte er, in seiner itzigen üblen Laune, sich oft geradezu darüber aufzuhalten. Zum Unglücke für Säuglingen, ward er darinnen zuweilen von der Gräfinn unterstützt, deren feiner Geschmack schon längst in Säuglings Liedern eine gewisse Einförmigkeit und Läßigkeit wahrgenommen hatte, wofür ihm selbst der Sinn fehlte. Da er nun unabläßig fortfuhr, täglich neue Gedichte vorzulesen, so nahm sich die Gräfinn im Ernste vor, dem sonst unbescholtenen guten Jünglinge diese kleine Thorheit abzugewöhnen. Als einst die Frau von Ehrenkolb Mittagsruhe hielt, und die übrige Gesellschaft im Garten spazieren gieng, ergriff die Gräfinn Säuglings Arm, führte ihn in einen Gang besonders, und nachdem sie das Gespräch auf Lektur gebracht, sagte sie ihm gerade heraus: »Gedichte wären nicht die Lektur, die sie am meisten liebte.« Säugling, nicht wenig beschämt und bestürzt, versetzte mit stammlender Stimme: »Ew. Gnaden scherzen vielleicht. Es schien mir doch sonst, als ob Sie die schönen Wissenschaften liebten.« Gr. O ja! ich liebe sie ungemein. Aber Sie wissen, die schönen Wissenschaften haben einen weiten Umfang, und die Dichtkunst ist nur ein Theil davon. Diesen zu hassen, bin ich weit entfernt. Ich liebe vielmehr Gedichte herzlich, wenn sie ganz vortrefflich sind, sie wirken mit unbeschreiblichem Reize auf mich, sie bleiben meiner Seele tief eingeprägt. Aber sie wissen, der ganz vortrefflichen Gedichte sind nur sehr wenige. Was die übrigen anbetrifft, so sind sie ganz gute Dingerchen, die man wohl einmal anhören, aber auch entbehren kann; und mich dünkt immer, die Augenbraunen sind einem leichter, wenn man sie entbehrt. S. Vielleicht sprechen dieß Ew. Gnaden – – nicht ganz – – im Ernste, – – die Damen pflegen doch sonst, – – wenigstens glaube ich es so gefunden zu haben, – – unter aller übrigen Lektur – – am meisten – – Gedichte zu lieben – Gr. Glauben Sie das nicht, mein lieber Säugling; oft kaum, wenn wir darum gelobt werden, finden wir sie erträglich. Unter uns gesagt, wir haben oft herzliche lange Weile, wenn man sie uns vorlieset. Wir gähnen, und trauen uns nicht den Mund aufzuthun. S. Ach! ich merke schon, hier ist ein kleines Mißverständniß, Sie wollen sagen:     Die großen Verse, welche man Auf einem großen Amboß schmiedet, Die liest man nicht, man wird ermüdet; Ihr Donner störet unsre Ruh. So großer Lerm wozu? wozu? Allein die kleinen niedlichen Verse:     Die kleinen Dingerchen die sich, Gefällig zu Gedanken schmiegen, Zwar nicht bis an den Himmel fliegen, Jedoch auch nicht, dahin verstiegen Und dann gestürzet, jämmerlich Zerschmettert auf der Erde liegen: Die kleinen Dingerchen lieb' ich! Sie pflegen sich mit Artigkeit In das Gedächtniß einzuschleichen, Darum zu bleiben, und nicht weit Den großen Versen auszuweichen. Gr. Ach! das ist meine Meinung gar nicht. Die kleinen Dingerchen sind so voll kalter Tändeleyen. Meinen Sie denn, daß dem Frauenzimmer das Süße und Tändelhafte so sehr gefällt? Wir sind nun freylich, weil es Ihrem Geschlechte so beliebt, das schwächere, aber glauben Sie mir, wir lieben an uns selbst die Schwäche nur, in so fern sie uns schön und niedlich macht, und ich weiß nicht, obs nicht gar bloße Eitelkeit bey uns ist, daß wir nicht wollen, daß die Mannspersonen schön und niedlich seyn sollen. Wissen Sie wohl, Säugling, daß Sie zu schön sind, und daß ich auf Sie eifersüchtig bin. Wenn Sie mich beruhigen wollen, waschen Sie sich nicht mehr mit Essenzen, und lassen Sie sich ein wenig von der Sonne verbrennen. Hören Sie wohl, schreiben Sie mir eine gute derbe Prose, so für den gesunden Menschenverstand, ohne Niedlichkeit. Oder, nehmen Sie sich in acht! wenn Sie mich böse machen, verdamme ich sie zum großen Amboß  – Indem die Gräfinn dieses sagte, erblickte sie das Fräulein und den Obersten, die aus einer benachbarten Allee auf sie zukamen. »Kommen Sie, rief sie, weil sie den armen Säugling ein wenig quälen wollte: Kommen Sie, meine Liebe, helfen Sie mir die kleinen tändelnden Liederchen gegen den Hrn. von Säugling vertheidigen. Stellen Sie sich nur vor, er will ihnen entsagen! Wenn wir ihn gehen lassen, so wird er große mächtige Hexameter schmieden wollen, und dann ist er für uns verloren.« – Das Fräulein antwortete mit sauersüßer Miene: »Ach nein! dazu ist der Hr. von Säugling viel zu zärtlich! Er wird nur merken, was ich schon lange gedacht habe, daß die Deutsche Sprache überhaupt zu bäurisch ist, um liebliche Ideen auszudrücken. Er wird künftig Französisch schreiben, für die große Welt, und nicht für die unpolirten Deutschen Bürger. Er liebt ja ohnedieß die Französische Nation vor allen andern.« Hiebey blickte sie Marianen, die aus einer andern Allee zu ihnen gekommen war, spöttisch über die Achsel an. Die Gräfinn verstand den Stich, wollte ihn aber nicht verstehen, fuhr daher im scherzenden Tone fort: »Nein! Säugling, wenn doch einmal das Schicksal beschlossen hat, daß es Ihnen unglücklich gehen soll, so werden Sie lieber ein Original , als ein solches Mittelding, wie die meisten Schriftsteller sind, die in Deutschland Französisch schreiben: in Frankreich fremd, in Deutschland nicht zu Hause. C'est à Paris qu'il faut ecrire! ruft der Franzose mit vollen Backen, und wenn er von seiner Sprache redet, mag er immer Recht haben.« Unter diesem Gespräche erreichten sie eine Laube, wo sie sich niedersetzten, und kurz darauf kam ein Bedienter, der Gräfinn zu melden, daß von der durchfahrenden Landkutsche ein wohlgebildetes aber todkrankes Frauenzimmer bey dem Prediger sey abgesetzt worden. Die Gräfinn, bey welcher Handlungen der Wohlthätigkeit allen Vergnügungen vorgiengen, begab sich sogleich dahin, und nahm Marianen mit sich. In ihrer Abwesenheit nahm das Gespräch eine nicht sehr angenehme Wendung. Das Fräulein hatte mit dem Obersten über ihr beiderseitiges Mißvergnügen kurz vorher eine Erläuterung unter vier Augen gehabt, die ihre gute Laune eben nicht vermehrt hatte. Sie war von Natur eigensinnig und auffahrend, wie sichs auch für eine Petitemaitresse gebührt; nun aber war sie dadurch, daß man ihren Reizungen den Sieg streitig machen wollte, äußerst bitter geworden, und ließ itzt ihren Zorn, durch eine Menge anzüglicher Spöttereyen über Säuglings unveränderliche Ergebenheit gegen Marianen, ausbrechen. Der Oberste, der froh war, daß ihre Pfeile nur auf Säuglingen gerichtet waren, hielt sich außer dem Schuß, und sagte bloß etwa hie und da ein Wort. Säugling aber bekam Muth von seiner Liebe, und da er sich ohnedieß vorgenommen hatte, mit dem Fräulein, das er nie geliebt hatte, ganz zu brechen, so vertheidigte er sich nachdrücklich, obgleich anständig; ja sein offnes Herz floß von Marianens Lobe über, von dem es immer voll war. Das Fräulein verlor darüber alle Geduld und Fassung, und rückte auf dem Stuhle hin und her, aus Verdruß stillschweigend. Gerade zu dieser Zeit kam Mariane zurück, ohne etwas von diesem Gespräche zu wissen. Sie erzählte, indem sie sich die Augen trocknete: »Das unglückliche Frauenzimmer ist höchst zu betauern. Sie ist eine Person bürgerliches Standes von guter Herkunft. Sie hat einen Lieutenant aus Liebe geheurathet, der, kurz vor dem Frieden, in einem Scharmützel tödtlich verwundet worden. Er hat zwar, wegen seines Wohlverhaltens, eine Compagnie erhalten, das Regiment ist aber auch, nach erfolgtem Frieden, abgedankt worden. Sie hat in seinem langwierigen Krankenlager, was sie gehabt, zu seiner Heilung verwendet. Er ist endlich gestorben. Sie hat zu weit entfernten Verwandten ihre Zuflucht nehmen wollen. Von Gram und Nachtwachen entkräftet, ist sie unterweges so krank geworden, daß sie, ohne Lebensgefahr, nicht weiter reisen konnte. Die Gräfinn, die den Beweis ihrer Aussage in einigen Briefschaften, die sie bey sich gehabt, gefunden hat, ist sehr gerührt. Sie hat mich vorausgeschickt, um einen Wagen anspannen zu lassen, und einen Reitknecht nach der Stadt zu senden, einen Arzt zu holen. Sie läßt sich bey der Gesellschaft, ihres langen Außenbleibens wegen, entschuldigen. Sie will die Kranke selbst nach dem Schlosse begleiten.« Säuglingen trat eine mitleidige Thräne ins Auge, der Oberste aber drehte sich auf einem Absatze herum, und das Fräulein, dessen innerer Unmuth aufs höchste gestiegen war, fuhr hart heraus: »Die Gräfinn beweiset in der That eine übertriebene Gütigkeit, daß sie alles Gesindel bey sich aufnimmt. Eine Person von der Landstraße! – Am Ende gehts Personen so, die sich über ihren Stand erheben wollen. Wer weiß, wo sie Kammermädchen oder Gesellschaftsjungfer gewesen ist. – Es ist Zeit, daß wir abreisen, denn die Gesellschaft« – – Hier nahm sie eine Prise zur Contenanz , ließ ihre Dose fallen, und rief Marianen: »Mein Kind! nehme Sie mir doch die Dose auf!« – Mariane, über die ganze Scene erstaunt, stand sprachlos da; denn so weit hatte das Fräulein die Unhöflichkeit noch nicht getrieben. Säugling sprang auf, und überreichte dem Fräulein die Dose. »Lassen Sie, rief sie, lassen Sie, Herr von Säugling, Mariane wird sie schon...« Säugling nahm allen seinen Ernst zusammen, und versetzte: »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, Ihnen aufzuwarten, halte ich nur für meine Schuldigkeit.« Das Fräulein maß ihn mit den Augen von oben bis unten, und schlug ein bitteres Gelächter auf. Mariane, welche empfand, daß die Demüthigung, wodurch sie bis zu einer gemeinen Dienstmagd herunter gesetzt werden sollte, zu den Beleidigungen gehöre, für die man, so grob sie sind, keine Worte hat, um sich darüber zu beschweren, konnte nicht verhindern, daß sich nicht eine Thräne in ihr Auge drängte, und gieng stillschweigend ab, doch nicht ohne auf Säuglingen einen Blick zu werfen, in welchem er ihr ganzes Herz las. Der Oberste, ob er wohl, an sich, Marianen gern diese Demüthigung erspart hätte, war doch wohl damit zufrieden, weil er glaubte, daß sie Säuglingen, den er haßte, weil er ihn von Marianen geliebt glaubte, verdrießen würde. Um ihn noch mehr zu kränken, spottete er unhöflich über Marianen, nachdem sie weggegangen war. Beleidigungen, die stufenweise steigen, können den geruhigsten Menschen endlich aufbringen, und wenn er edel denkt, wie Säugling wirklich dachte, so wird er die Beleidigung seiner Geliebten höher empfinden, als seine eigene. Säugling antwortete also dem Obersten lauter und entschlossener als jemals; der Oberste fuhr im hohnneckenden Tone immer weiter fort, bis ihm Säugling sehr trocken sagte: »Ich kann Ihnen, in Gegenwart des Fräuleins, hierauf weiter nicht gehörig antworten, aber wir wollen uns deshalb besonders sprechen.« Der Oberste lachte ihm in die Zähne, und rief spöttisch: »Mein gutes Herrchen, trotz des kleinen Federhuts, den es Ihnen zu tragen beliebt, sind Sie nicht von solchem Stande, daß ich Ihnen Satisfaktion geben werde.« »So! rief Säugling, Sie halten mich für wehrlos, und erlauben sich doch, mich anzugreifen? Ist dieß wie ein Mann von Ehre gedacht? Aber ich bin nicht wehrlos. Wenn Sie mir nicht Genugthuung geben wollen, werde ich sie mir nehmen, oder Sie müßten jede kahle Sticheley doppelt von mir zurück bekommen, und es ruhig ertragen wollen.« Der Oberste ward lauter, Säugling auch. Das Fräulein saß ruhig, und wiegte sich mit dem Gedanken, auszusprengen, daß um ihretwillen ein Zweykampf geschehen wäre. Die Gräfinn kam, nachdem sie die Kranke bis in das für sie bereitete Zimmer begleitet hatte, zurück, forschte nach der Ursach des Streits, gab dem Obersten Unrecht, und vereinigte beide um so viel leichter, weil der Oberste eben kein Liebhaber vom Halsbrechen war, und sich wirklich eingebildet hatte, der sanfte Säugling sey ein bloßes Jungferngesicht, und werde alles, was es auch sey, ohne Antwort einstecken. Unterdessen gieng Mariane im Garten herum, um sich zu fassen, weil sie die Gräfinn mit Erzählung des ihr unangenehmen Vorfalles nicht kränken wollte, zumal da sie glaubte, daß die Ehrenkolbische Familie nächstens abreisen würde. Rambold begegnete ihr, der, voll von seinem Projekte, im Garten herumirrte. Sie gab ihm den Arm, weil sie durch seine Unterhaltung ihre Gedanken am geschwindesten zu zerstreuen hoffte. Rambold schwatzte, wie schon gedacht, viel von gelehrten Sachen, war voll von Anekdoten und Journalhistörchen, und die gute Mariane, die einen Ansatz hatte, eine Gelehrte vorzustellen, mochte gern von Rambolden diese gelehrten Diskurse hören, um so viel mehr, da aus der Gesellschaft der Gräfinn alles, was das Ansehen von Belesenheit hatte, verbannet war. Rambold hub also an, die lange Geschichte von der Regierung Königs Joh. Christoph , des Dummen, und Königs Joh. Jakob , des Klugen, und von ihren Streiten um die Monarchie, und von ihren Schlachten, und wie sie gewonnen, indem sie verloren, und verloren, indem sie gewonnen. Und wie unter vielem Getümmel und fruchtlosem Streben nach der Alleinherrschaft, der Geist der Freyheit erwacht sey unter dem Volke, und entstanden seyn Demagogen, die Litteraturbriefsteller , die laut gerufen, das ganze Volk habe gleiches Recht seine Meinung zu sagen über alle Vorfälle; und wie keine Oberherrschaft sey gewesen, und wie jedermann habe gedacht und gethan, was ihm recht deuchte; und wie man die Demagogen im Verdacht gehabt habe, daß sie wollten Könige werden, und Ephoren der Könige; und wie diese schwachen Köpfe nicht daran gedacht, sondern ihre Hanthierung getrieben hätten, und wären gar nicht mehr gekommen ins Forum ; und wie da gar keine Zucht und Ordnung sey gewesen unter der Menge. Und wie sich da hätten weise und erlauchte Männer zusammengethan, und hätten festgesetzt, dem Volke sey es nützlich, wenn es beherrscht würde. Hätten ausgemacht, daß stattliche und ernsthafte Männer sollten am Regimente seyn, sollten umthun lange Feyerkleider, und aufsetzen grüne Eichenkränze, sollten sitzen auf breiten Stühlen, und sollte ihnen jedermann tiefe Reverenze machen, und desgleichen mehr. Hätten auch Rathsfahrten angesetzt und Gerichtstage, Gesetze gemacht und Strafen festgesetzt; und wäre nunmehr alles richtig; nur, wer regieren solle, wisse man noch nicht, darüber wären die Herren sehr uneins; und so lange diese Uneinigkeit daure, habe mancher noch Hoffnung, in den Rath zu kommen; und würden darüber heimliche Unterhandlungen gepflogen, woran er, Rambold, vielen Antheil habe, und, wegen seiner weitläuftigen Verbindung mit vielen Zunftmeistern und Ausrufern , noch gewiß glaube, ein ansehnliches Ehrenamt davon zu tragen. Alle die Nachrichten hörte Mariane an, bloß weil sie ihr ganz neu waren, ob sie gleich sonst an diesen gelehrten Reichsangelegenheiten, bey aller ihrer Liebe zur Lektur, keinen Theil zu nehmen wußte; so wie etwan wunderbare Geschichten von neu entdeckten Völkern im Südmeere, der Sonderbarkeit wegen, Aufmerksamkeit erregen, auch bey denen, die sonst nicht Lust haben diese fremden Völker zu besuchen, die sich weder von den Otahitischen Jungfern , voll Süßigkeit, wollen liebkosen, noch von den Neuseeländischen Herren , voll Stärke, wollen fressen lassen. Unter diesem langen Gespräche hatte sie Rambold unvermerkt in das an den Garten stoßende Wäldchen geführt, sie waren in demselben schon eine ziemliche Strecke weiter gegangen, als plötzlich einige starke Kerle hinter einem Baume hervorsprangen, und Marianen ergriffen. Rambold war unbewaffnet. Er suchte zwar von einem Baume einen Knüttel abzureißen, er hielt sich aber so lange dabey auf, daß Mariane gemächlich zu einem nahestehenden sechsspännigen Wagen geschleppt werden konnte, der sogleich eiligst fortfuhr. Rambold lief zwar hinterher, und Mariane, die ihn erblickte, suchte aus dem Wagen zu springen, aber sie ward festgehalten, und der Wagen kam ihm bald aus dem Gesichte. Er verweilte noch einige Zeit im Walde, um dem Wagen Zeit zu lassen, sich zu entfernen; hernach eilte er zurück, und verkündigte, außer Athem, und mit erschrocknem Gesichte, Marianens Entführung. Die ganze Gesellschaft erstaunte. Säugling, dessen Nerven durch den Zank mit dem Obersten schon ziemlich erschüttert waren, bekam eine Anwandlung von einer Ohnmacht, erholte sich aber augenblicklich, und eilte in den Stall, um ein Pferd satteln zu lassen, so sehr ihm auch Rambold dieß widerrathen wollte, der endlich, als Säugling auf seinem Sinne blieb, selbst mit ihm Marianen nachritt. Der Oberste wollte ein gleiches thun, aber das Fräulein verlangte seinen Arm und seine Gesellschaft, führte ihn in den großen Saal, und zwang ihn, Piket zu spielen. Fünfter Abschnitt. Säugling kam den folgenden Tag, ermüdet und trostlos zurück, ohne Marianen gefunden zu haben, welches sehr natürlich zugieng, weil Rambold gar nicht für gut fand, ihn auf den Weg zu führen, den der Wagen genommen hatte. Er fand einen Brief von seiner Tante, die nunmehr, da Mariane aus dem Wege geschafft war, weiter keine Zeit verliehren wollte, und ihm empfahl, alles anzuwenden daß seine Verbindung mit dem Fräulein zu Stande käme. Dieß war aber, bey seinem itzigen ganz neuen Schmerze über Marianens Verlust, eine Sache, daran er gar nicht denken konnte und wollte. Die Frau von Hohenauf schrieb zu gleicher Zeit einen Brief an die Frau von Ehrenkolb, worinn sie derselben die Absichten ihres Neffen auf das Fräulein ziemlich deutlich zu verstehen gab. Aber auch dieser Brief kam sehr zur Unzeit. Denn theils hatte sich die Frau von Ehrenkolb niemals vorgestellt, daß die Absichten eines Menschen, wie Säugling, der nicht von Familie war, so hoch gehen sollten, daß er an ihre Tochter denken dürfte, theils hatte sie itzt ein viel nothwendiger Geschäfft im Sinne. Das Fräulein von Ehrenkolb, die zu allen Launen einer verfehlten Petitemaitresse noch allen Eigensinn eines verzärtelten Muttertöchterchens hinzuthat, hatte den vorigen Abend dem Obersten, der ihrer beständigen Eifersucht ohnedieß überdrüßig war, und den Marianens unvermuthete Entfernung noch verdrießlicher gemacht hatte, so übel mitgespielt, daß er ganz kurz mit ihr abbrach, den andern Morgen sich der Gesellschaft empfahl, und nach seinem Gute zurückreisete. Das Fräulein vermißte in ihm nur einen Anbeter, dessen Verlust sie zwar in der itzigen Einsamkeit empfand, aber künftig bald zu ersetzen vermeinte; ihre Mutter aber, welche die Sache, von Anfange an, viel ernsthafter angesehen hatte, befürchtete einen reichen Schwiegersohn zu verlieren, der ihre verschuldeten Güter wieder in Stand setzen könnte. Die Mutter hatte also mit der Tochter eine lange Konferenz über diese wichtige Sache, und die letzte ward endlich so gründlich überzeugt, welche nützliche Sache ein Mann von Range und Reichthum für eine Dame sey, die am Hofe leben will, daß sie mit ihrer Mutter übereinkam, den Liebeshandel mit dem Obersten von neuem wieder anzuknüpfen. Die Frau von Ehrenkolb antwortete also der Frau von Hohenauf in sehr kalten und in sehr stolzen Ausdrücken, und reisete den folgenden Tag mit ihrer Tochter nach ihrem Gute zurück, wobey Säugling kaum ein mäßiges Kopfneigen beym Abschiede erhielt. Der Gräfinn war Säuglings Liebe gegen Marianen unverborgen geblieben. Da sie mit Marianen auf einem sehr vertraulichen Fuße lebte, so hatte sie auch derselben Neigungen zu erforschen gesucht; Mariane war aber in diesem Stücke gegen sie so zurückhaltend gewesen, daß sie von Marianens Liebe gegen Säuglingen nichts gemerkt hatte. Itzt aber glaubte sie, durch die Entführung, schnell ein Licht in dieser Sache zu erhalten. Sie war sehr geneigt, Säuglingen für den Urheber dieser Frevelthat zu halten, worinn, wie sie glaubte, Mariane gewilligt hätte. Sie ward in dieser Vermuthung bestärkt, da sie unter Marianens Sachen viele zärtliche Briefe und Gedichte von Säuglings Hand geschrieben fand, nebst verschiedenen Entwürfen zu Briefen von Marianens Hand, die zwar nicht waren abgesendet worden, aber itzt doch ein unwiderlegliches Zeugniß wider sie abzulegen schienen. Die Gräfinn war daher wider die arme Mariane äußerst entrüstet, und eben so zornig auf Säuglingen, der, wie sie glaubte, die Gastfreyheit so schändlich beleidigt hatte, der eine romanhafte Liebe vorgab, und ihr ihre Gesellschafterinn aus ihrem Schlosse entführte, wobey sie ihm, trotz seines züchtigen Anstandes, eben nicht die reinsten Absichten zutraute. Sie setzte Rambolden über die Aufführung seines Zöglings zur Rede, der, um den Verdacht von sich abzuwälzen, ihr in allen ihren Vermuthungen Recht gab, Marianen noch mehr anklagte, und die Geschichte ihrer Entlassung von der Frau von Hohenauf auf eine ihr sehr unvortheilhafte Art erzählte. Die Gräfinn hielt nun ihre Vermuthung für vollkommen bewiesen, und ließ den unschuldigen Säugling so viel Unwillen merken, daß er, ob er gleich die Ursach davon nicht recht begriff, dennoch sich entschloß, unverzüglich seinen Weg weiter fortzusetzen; in welchem Vorhaben er von Rambolden gar sehr bestärkt ward, der nichts mehr wünschte, als ihn nur erst zu seinem Vater nach Wesel gebracht zu haben, damit er bald zur Frau von Hohenauf zurückkehren, und die Früchte seiner Treulosigkeit einärnten könnte. Sie nahmen also von der Gräfinn Abschied, die sie mit sehr kalten Höflichkeitsbezeugungen entließ. Auf diese Art ward die Gesellschaft plötzlich zertrennt, und jeder war, einzeln für sich, mißvergnügt, und schmollte; bis auf den boshaften Rambold, der sich heimlich freuete, daß sein Anschlag so gut von Statten gieng, und bis auf Säuglingen, der einen schwachen Trost darum fand, daß er, während der Reise, einige Stanzen über seine Entfernung von Marianen in seine Schreibtafel schrieb. Sechster Abschnitt. Mariane war, unterdessen dieß vorgieng, mit ihren Entführern einen Tag und eine Nacht lang fortgefahren, ohne daß sie von ihnen durch ihre öfteren Fragen hätte erfahren können, wohin sie sollte geführt werden. Sie hatten, so viel möglich, die Landstraßen vermieden, und nur, auf abgelegenen Vorwerkern, Pferde, die schon für sie bestellt waren, gewechselt, ohne daß Mariane aus dem Wagen steigen durfte. Den zweyten Tag mußten sie nothwendig quer über eine Landstraße fahren. Mariane erblickte auf der Landstraße einen Postwagen. Sie schrie aus dem Wagen. Ihre Begleiter in der Kutsche wollten sie zwar zurückhalten, und riefen dem Kutscher zu, er solle eilen, welches auch geschah; aber auf Marianens fortdaurendes Geschrey, fuhr der Postwagen nicht allein geschwinder, sondern ein Mann zu Pferde, der neben dem Postwagen ritt, näherte sich, und holte in kurzem den Wagen ein. Er schrie dem Kutscher zu, er solle still halten, der sich aber daran nicht kehrte, und aus der Kutsche ward eine Pistole auf ihn gerichtet; indem sie aber losgedrückt wurde, schlug sie der Reiter mit seinem Hirschfänger herunter, so daß sie ihn nur am Fuße verwundete. Indem dieß geschah, öffnete Mariane auf der andern Seite den Schlag, und sprang ohne Schaden heraus. Der auf dem Bock sitzende Bediente traute sich nicht, dieses zu hindern, weil der Postwagen ganz nahe war, von dem vier oder fünf Reisende abgesprungen waren, und zu Hülfe eilten; daher der Kutscher mit verhängtem Zügel davon jagte. Mariane fiel im Springen, doch ohne Schaden. Der eine Reisende, der, mit einem Spanischen Rohre in der Hand, vorangelaufen war, und den Wagen beynahe erreicht hatte, hob sie auf. Sie erkannte ihn sogleich für ihren Freund Hieronymus; und kaum erholte sie sich von ihrem ersten Erstaunen, so erblickte sie ihren Vater, und lag in seinen Armen. Indeß daß beide sich ihrer Freude über die unerwartete Zusammenkunft überließen, besichtigten die übrigen Reisenden den Verwalter, den die Kugel nahe am Schienbein gestreift hatte. Sie hoben ihn vom Pferde und auf den Postwagen, auf den Mariane gleichfalls stieg; das Pferd ward an den Wagen gebunden, und so zogen sie fort, bis in das nächste nicht weit entlegene Städtchen. Hier blieben sie liegen, um ihren Verwundeten verbinden zu lassen, dessen Wunde, nachdem den andern Tag der Verband abgenommen war, nicht gefährlich befunden ward. Sie nahmen sich also vor, zu der Gräfinn zurückzukehren, zumal da der Verwundete in der Nachbarschaft wohnte. Hieronymus miethete dazu einen halb bedeckten dreysitzigen Wagen. In denselben setzte sich Mariane und der Verwundete vorwärts, und Hieronymus mußte den Rücksitz einnehmen; denn Sebaldus, der durch die Freude, seine Tochter wiedergefunden zu haben, ganz verjünget war, setzte sich, alles Zuredens ungeachtet, auf des Verwalters Pferd, und trabte neben dem Wagen her. Da ihm dieß in kurzem beschwerlich ward, so kam er auf den Gedanken voranzureiten, und in dem Dorfe, wo sie den Mittag anzuhalten gedachten, die Mittagsmahlzeit zu bestellen. Der Kutscher bezeichnete es ihm sehr genau, und versicherte, daß der Weg nicht zu verfehlen sey. Sebaldus stieß also sein Thier in die Seite, und sie verloren ihn bald aus den Gesichte. Als sie Mittags im Dorfe ankamen, fanden sie, daß keine Mittagsmahlzeit bestellt war, und, was noch mehr, daß niemand den Sebaldus gesehen hatte. Mariane und Hieronymus wurden dadurch nicht wenig beunruhigt. Nachdem sie ein Paar Stunden gewartet hatten, schickten sie einige Bauern auf verschiedenen Wegen aus, die aber zurück kamen, ohne etwas von ihm gehört zu haben; wodurch ihre Angst nicht wenig vermehrt ward. Sie warteten diesen und den folgenden Tag auf ihn; da er aber nicht erschien, so reiseten sie in großer Bekümmerniß weiter, nachdem sie eine Nachricht für ihn zurückgelassen hatten. Sie kamen in kurzem auf dem Gute der Gräfinn an. Mariane begab sich sogleich mit Hieronymus nach dem Schlosse. Sie hoffte von der Gräfinn mit Vergnügen empfangen zu werden; aber diese Dame war, besonders durch Rambolds tückische Einblasungen, so sehr wider die gute Mariane eingenommen, daß sie dieselbe sehr kalt bewillkommte. In der That war der äußerliche Anschein ganz wider Marianen. Auf die Frage der Gräfinn, wie die Entführung veranlasset worden, konnte sie nichts mehr antworten, als daß sie von unbekannten Leuten auf einen unbekannten Weg geführet worden, ohne daß sie die geringste Veranlassung dazu gegeben habe. Dieß war in der That unwahrscheinlich, und daß Mariane schien die Warheit verhehlen zu wollen, that ihr in dem Gemüthe der Gräfinn noch mehrern Schaden. Die Gräfinn erinnerte sie, wie vertraulich sie mit ihr umgegangen wäre, und daß sie ihr doch aus den Vorfällen bey der Frau von Hohenauf, und aus ihrer Verbindung mit Säuglingen, ein Geheimniß gemacht hätte. Sie zeigte ihr die gefundenen Briefe von Säuglingen an sie, woraus genug erhellte, wie genau diese Verbindung gewesen, Sie erinnerte sie an ihre und seine Verlegenheit, bey seiner Ankunft, und an viele andere kleine vorher nicht bemerkte Umstände. Sie erzählte, mit welchem ungewohnten Eifer sie Säugling gegen den Obersten vertheidigt habe. Alles dieß zeugte wider Marianens Aussage. Sie konnte sich durch nichts vertheidigen, als durch ihre Thränen, die oft die Waffen der Unschuld, aber eben so oft auch der Deckmantel der Verstellung sind; und Hieronymus Vorstellungen, dem alle vorgefallenen Begebenheiten unbekannt waren, konnten wenig Gewicht haben. Die Gräfinn brach endlich kurz ab. Sie sagte zu Marianen: »Es ist in dieser Sache ein Geheimniß, das ich nicht aufzuklären vermag. Ich liebe Sie, und wünsche daher, daß Sie unschuldig seyn mögen. Sind Sie es, so erinnern Sie sich doch aufs künftige, daß ein Frauenzimmer, das sich mit einer Mannsperson in ein Liebesverständniß, in einen geheimen Briefwechsel einläßt, und wenn es auch in der unschuldigsten Absicht wäre, derselben einen großen Vortheil über sich einräumt, und daß sie Verdacht erregen kann, wo sie es am wenigsten wünschet. Eine solche kleine Intrigue kömmt einem jungen Frauenzimmer, ich weiß es wohl, so romantisch, so empfindsam vor, es dünkt sich so vom gemeinen Haufen unterschieden, einer Sappho oder Hero so ähnlich, wenn es an seinen Phaon oder Leander denken und schreiben kann. Dieses romantische Wesen aber, (wozu Sie, meine liebe Mariane, einige Anlage haben,) ist zwar in Büchern und in Gedichten schön und gut; wenn es aber ins gemeine Leben gebracht wird, so verursacht es, daß niemand sich in die Lage schickt, in die er vom Schicksale gesetzt ist, sondern eine eigne Welt für sich allein haben will. Ich wenigstens bin keine Liebhaberinn davon, und ich verlange eine Gesellschafterinn, die davon ganz frey ist. Die unbekannte Person, die sich für Sie so stark interessirt, wird nicht sogleich ablassen; und dieß könnte sich in eine neue Entführung oder in eine andere unvermuthete romanhafte Scene endigen. Wir können also nicht auf dem vorigen Fuße zusammenbleiben. Indessen sollen Sie nicht verstoßen seyn; bleiben Sie in meinem Hause, bis Sie auf eine anständige Art versorgt werden; und wenn Sie sich über den letztern unerklärlichen Vorfall rechtfertigen können, will ich selbst für Ihr ferneres Glück Sorge tragen.« Mariane weinte bitterlich, daß sie erst ihren Vater und nun auch ihre Gönnerinn verlor, und daß ihr Schicksal sie, ohne ihr Verschulden, in einen Verdacht brachte, den sie nicht widerlegen konnte, und der noch dazu, unglücklicherweise, wahrscheinlich war. Sie gieng in ihr Zimmer, und überlegte mit Hieronymus, was in ihren itzigen Umständen zu thun sey, oder vielmehr Hieronymus überlegte es allein; denn die gute Mariane lag halb sinnlos auf einem Lehnstuhle, und zerfloß in Thränen. Hieronymus sann auf verschiedene Vorschläge, die er wieder verwarf. Endlich besann er sich auf den Freyherrn von D***. Dieser würdige Mann hatte eigentlich Wilhelminens Heurath mit Sebaldus veranlasset S. Wilhelmine, S. 100. , und Mariane war seine Pathe. Er hatte, als er noch am Hofe war, den unüberlegten Vorsatz gehabt, ein ehrlicher Mann zu seyn, nie zu schmeicheln, keinen mächtigen Bösewicht erheben, und keinen rechtschaffenen Mann, in Ungnade, unterdrücken zu helfen. Es konnte also nicht fehlen, daß er nicht endlich ein Opfer der List und der Ränke der Hofschranzen werden mußte, und selbst in Ungnade kam; wenn man es Ungnade heißen kann, daß ein ehrlicher Mann der Abhängigkeit entzogen, und sich selbst, seinen Gütern, und seiner Familie wiedergegeben wird. Der Herr von D*** hatte seitdem, auf seinen Gütern im Hildesheimischen, im Schooße seiner Familie und als ein Vater seiner Unterthanen gelebt. Er hatte sich noch kürzlich nach seiner Pathe, der er in ihrer ersten Jugend sehr gewogen gewesen war, erkundigt, und dieß brachte den Hieronymus auf die Gedanken, daß Mariane bey ihm die sicherste Zuflucht finden könnte. Er überlegte Abends mit seinem Reisegefährten, dem Verwalter, wie dieser Vorsatz am besten auszuführen sey. Denn seine Geschäffte riefen ihn auf eine weitere Reise, entfernt von seiner Vaterstadt; und hier wollte er Marianen auch nicht lassen, weil er wirklich das Geheimniß der Entführung nicht ergründen konnte, und noch mehrere Folgen davon befürchtete. Der Verwalter, dem Marianens Unfall sehr zu Herzen zu gehen schien, bestärkte ihn in diesen Gedanken; und um ihn zu beruhigen, schlug er vor, daß er Marianen mit sich nach Hause nehmen wollte, wo sie so lange bey seiner Frau bleiben könnte, bis seine Wunde völlig geheilt sey; alsdann wolle er sie selbst zum Hrn. von D***, der ihm sehr wohl bekannt war, bringen, und denselben auch vorher davon benachrichtigen. Hieronymus billigte diesen Vorschlag, und die Gräfinn, die Marianen im Grunde herzlich liebte, und des Hrn. von D*** vortreffliche Eigenschaften kannte, war damit auch sehr wohl zufrieden. Sie nahm von Marianen den freundschaftlichsten Abschied, gab ihr, mit einer mütterlichen Fülle des Herzens, die weisesten Lehren und Erinnerungen, und beschenkte sie mit einer ansehnlichen Summe. Mariane empfand alles, was sie an dieser edlen Dame verlor, küßte ihr weinend die Hände, umarmte ihren Freund Hieronymus, und so stieg sie mit schwerem Herzen in den Wagen, und kam, in kleinen Tagereisen, in der Wohnung des Verwalters an. Siebenter Abschnitt. Der Verwalter gehörte zu den Leuten, von denen man zu sagen pflegt, daß sie wissen, wie es in der Welt zugeht . Diese Leute glauben bemerkt zu haben, daß diejenigen in der Welt am weitesten kommen, die sich um den Nutzen anderer viel weniger bekümmern, als um ihren eigenen, die niemand gutes thun, als den sie zu brauchen gedenken, und also den hülflosen Unglücklichen, der vor ihren Füßen niederfällt, liegen lassen, ohne ihn anzusehen, um sich zu dem zu drängen, der sie ein Paar Schritte weiter fortziehen kann. Mit diesen brauchbaren Grundsätzen war er in der Welt ziemlich fortgekommen; denn er war aus dem allerniedrigsten Stande bis zur Stelle eines Verwalters ansehnlicher adelicher Güter gestiegen, und verwaltete sie mit so gutem Erfolge, daß er eine Möglichkeit vorher sahe, er werde in einigen Jahren einen Theil davon kaufen können. Dabey hielt er freylich Recht und Unrecht für dasjenige, womit man entweder etwas vor sich bringen, oder in Gefängniß und Geldstrafe gerathen kann; so lange er also dieses nur nicht zu befürchten hatte, war sein Augenmerk beständig auf jenes gerichtet. Die Geschichte von Marianens Entführung, davon sie selbst die Veranlassung nicht anzugeben wußte, hatte ihn neugierig gemacht; er hatte also, unterdessen daß Mariane und Hieronymus auf dem Schlosse gewesen waren, einige Bedienten der Gräfinn, die sich in der Schenke, wo er abgetreten war, einfanden, über die vorhergehenden Begebenheiten und über die Gesellschaft, die auf den Schlosse gewesen war, ausgefragt, und aus allen Umständen den Schluß gezogen, daß der Oberste, dessen Neigung zu hübschen Mädchen er sehr wohl kannte, die Entführung könne veranstaltet haben. Er hütete sich aber wohl, davon etwas gegen Hieronymus und Marianen zu erwähnen; denn er glaubte, sich durch diese Entdeckung für das Pferd, mit welchem Sebaldus verloren gegangen war, und für die Wunde, die ihm seine unbefugte Neugier (denn was gieng's ihm eigentlich an, daß jemand auf der Landstraße entführt wurde?) zugezogen hatte, reichlich bezahlt zu machen. Anstatt also Marianens Aufenthalt dem Freyherrn von D*** zu melden, so meldete er denselben lieber dem Obersten, und benennte ihm zugleich den Preis, um welchen er sie an einen ihm beliebigen Ort bringen wollte. Er gieng hiebey deshalb so offenherzig zu Werke, weil er im Laufe der Welt gefunden hatte, daß selbst vornehmere Leute, als er, die er, um seine Zwecke zu erlangen, zu bestechen nöthig gehabt hatte, wenn es wirklich ihr Ernst gewesen Wort zu halten, lieber vorher um den Preis ihrer Protektion gehandelt, als sich auf eine ungewisse Freygebigkeit verlassen hatten. Der Oberste, der sich das Glück nicht hatte träumen lassen, Marianen sobald wieder zu sehen, noch weniger, sie in seiner Gewalt zu haben, gieng alle Bedingungen ein. Der Verwalter reisete also mit ihr fort, unter dem Vorwande, sie zu dem Hrn. von D*** zu bringen, und nahm ein Nachtlager auf einem der Güter des Obersten. In der Schenke war schon bestellt, daß sie nicht aufgenommen werden könnten, weil alles schon besetzt wäre. Der Verwalter fuhr also nach dem herrschaftlichen Hause, wo er den Aufseher zu kennen vorgab. Sie traten ab. Hier verließ er des Nachts heimlich Marianen, und den folgenden Morgen bekam sie unvermuthet den Obersten zu sehen. Der Oberste war ein Männchen, das, wie wir schon bemerkt haben, von seiner Person eine nicht geringe Meinung hegte. Er hatte zwey Jahr auf Universitäten reiten lernen, und Billard gespielt, hatte sich, etwan ein halbes Jahr vor erfolgtem Frieden ein Regiment gekauft, mit dem er verschiedenen Fouragirungen beigewohnt, es bey einigen Rückmärschen in der Avantgarde kommandirt, und es darauf wohlbehalten in die Winterquartiere geführt hatte. Die folgende Zeit hatte er meist am Hofe zugebracht. Aus diesem glorreichen Lebenslaufe glaubte er, müsse erhellen, daß er ein Mann sey, gelehrt, tapfer und voll Weltkenntniß. Er suchte alle Dinge zu affektiren, die ihm die Natur versagt zu haben schien. Unerachtet er in seinem ganzen Betragen flüchtig und läppisch war, so pflegte er doch gemeiniglich eine weise Miene anzunehmen, und den Zeigefinger an die Nase zu legen, wenn er gleich gar nichts tiefsinniges sagte. Unerachtet er unbeständig und veränderlich war, und dabey die Bequemlichkeit liebte, so redete er doch beständig von der Standhaftigkeit, von der Anstrengung und Anspannung der Kräfte, und von festen Vorsätzen, die man unverrückt ausführen müßte. Ob er gleich, durch frühzeitige Ausschweifungen, fast zu allen Wollüsten untüchtig war, so war doch Genuß immer sein drittes Wort. Nach dieser Beschreibung sollte man kaum glauben, daß ein solcher feierlicher Hasenfuß in der menschlichen Gesellschaft nur habe erträglich seyn können, wenn man nicht täglich sähe, daß eine vornehme Geburt, eine Engländische Kutsche mit einem Zuge von sechsen, und ein ziemlich leidliches Angesicht, eben so große und grössere Thoren zu liebenswürdigen Kerlchen macht. Unser Mann hegte übrigens den ersprießlichen Grundsatz, daß man in allen Vorfällen um sein selbst willen handeln müsse, und daß daher derjenige, der Kraft habe, denjenigen, der schwächer sey, ohne Bedenken zwingen müsse, seinen, als des Stärkern, Absichten zu folgen. Da nun das weibliche das schwächere Geschlecht ist, so folgerte er ganz natürlich, daß alle Mannspersonen ein unwidersprechliches Recht hätten, alle Frauenzimmer nach eignem Willen zu behandeln. Zwar gab er zu, daß Stand, Erziehung, Stolz, Sprödigkeit und Eigensinn, dem Frauenzimmer eine gewisse Art von zufälliger Stärke geben könne, die man Tugend nenne; aber er meinte auch, daß, wenn eine Mannsperson, neben der diesem Geschlechte eigenthümlichen Kraft, noch genugsamen Verstand habe, die schwache Seite eines Frauenzimmers zu finden, er unfehlbar über sie triumphiren werde. Da er sich nun Verstand in hohem Maße zutrauete, so ist leicht zu erachten, daß er überzeugt gewesen, kein Frauenzimmer könne ihm widerstehen. Er griff also auch ungesäumt Marianen an. Ihre bisherige Zurückhaltung hielt er für Stolz. Wenn er diesem schmeichelte, glaubte er, wäre das meiste geschehen. Er begegnete ihr mit der größten Höflichkeit und Unterwürfigkeit. Er ersuchte sie, sein Haus als das ihrige anzusehen, bis der Verwalter zurückkäme, von dem er vorgab, daß er, wegen eines unvermutheten Geschäfftes, eine Reise von einigen Meilen gethan hätte, und versprach, daß er sie allenfalls in seiner eignen Kutsche weiter bringen wolle. Mariane ließ sich aber in dieser Falle nicht fangen. Sie bestand darauf, unverzüglich auf dem ersten dem besten Bauerwagen, oder auch zu Fuße, weiter zu gehen. Sie sagte dieß so dreist und ernsthaft, daß er seinen Angriff änderte. Seine glühende überschwengliche Liebe wurde vorgebracht; Mariane war die Göttinn, die er anbetete, zu deren Füßen er sich und sein ganzes Vermögen niederlegen wollte. Mariane, voll edles Unwillens, würdigte ihn keiner Antwort, sondern wollte stehendes Fußes weggehen, das äußere Zimmer aber war verschlossen. Er sagte ihr auf die höflichste Weise, sie solle in allen Dingen über ihn und sein Haus zu befehlen haben, den einzigen Punkt ausgenommen, daß sie sich nicht wegbegeben müsse. Mariane fragte voll Unwillen, wer das Recht habe, sie aufzuhalten? Er wendete wieder seine Liebe vor; er bat, er beschwur sie, er versicherte auf den Knien, sie habe von ihm nichts unanständiges zu besorgen; selbst ihrer Gesellschaft, so angenehm sie ihm sey, wolle er sich entziehen, wenn er ihr beschwerlich fiele. Mariane warf sich in einen Stuhl und weinte; er fuhr fort zu bitten und zu versprechen; und sie mußte der Gewalt nachgeben, und wider ihren Willen da bleiben. Sie begab sich in ein ihr angewiesenes Zimmer. Sie untersuchte sorgfältig, ob irgendwo ein verdeckter Eingang seyn könne; aber es war alles sicher. Sie frühstückte allein. Sie gieng nachher in den Garten. Sie bemerkte wohl, daß sie von verschiedenen Personen von fern beobachtet ward, und daß sie nicht werde entfliehen können; aber der Oberste ließ sich nicht sehen. Es giengen einige Tage hin, in denen sie alles empfand, was ihr itziger Zustand schreckliches, und die Aussicht ins künftige beunruhigendes hatte. Der Oberste, der seinen Anschlag nie aus dem Sinne ließ, fand sich unvermuthet auf ihren Spaziergängen, wo ihm nicht auszuweichen war. Er begegnete ihr mit der größten Ehrfurcht. Sie konnte ihm zuletzt nicht abschlagen, zuweilen bey Tische, oder bey einem kurzen Spaziergange, in seiner Gesellschaft zu seyn. Er fuhr fort zu betheuren, daß er sie auf das innigste liebe, und daß er ihre Gegenliebe nicht zu erzwingen, sondern zu verdienen suchen wolle. Mariane fuhr fort, ihm aufs entschlossenste zu versichern, daß er ihre Gegenliebe auf keine Weise erhalten werde, daß er sie also nicht ferner quälen, sondern sie wegreisen lassen möchte; und sie selbst sann beständig auf ein Mittel, sich aus dieser unangenehmen Lage zu ziehen. Der Oberste, der sich einen so starken Widerstand nicht vermuthet hatte, ward dadurch noch mehr erhitzt, und fieng an auf andere Plane zu sinnen, um seinem Zwecke näher zu kommen. Er wiederholte sich in Gedanken alle die sinnreichen Mittel, die von entflammten Liebhabern gebraucht worden, um bey ihren widerspenstigen Gebieterinnen zu ihrem Zwecke zu gelangen: z. B. die Ehe zu versprechen, und sein Wort nicht zu halten; die Ehe zu versprechen, und sich durch einen verkleideten Kammerdiener trauen zu lassen; seiner Geliebten einen Schlaftrunk zu geben, und sich in ihr Schlafzimmer zu schleichen; im Fußboden ihres Zimmers eine Fallthüre machen zu lassen, oder durch einen Kamin hineinzusteigen u.s.w. Weil ihm diese aber sämmtlich nicht gefielen, nahm er seine Zuflucht zur Lesung der Geschichte der Klarissa Harlowe , um seine Einbildungskraft durch den Charakter des Lovelace anzufeuern, einen Charakter, den er beständig äußerst bewundert hatte, und nicht ohne Ursach, da ihm selbst Leibeskräfte und Geisteskräfte zum Guten und zum Bösen fehlten, um ein Lovelace zu seyn. Bey dieser Lektur fiel ihm auf, daß er das, was Lovelacen der Zufall gewährte, S. Geschichte der Klarissa, Deutsche Uebersetzung, 5. Th. 7. Brief, S. 70 u. f. durch ausdrückliche Anstalt erlangen könnte. Er ließ wirklich eines Morgens, kurz vor Anbruch des Tages, in Marianens Vorzimmer ein Paar Vorhänge und ein Paar Bunde Stroh anzünden, und pochte nachher mit großem Getöse an ihr Zimmer, um sie aufzuwecken. Er glaubte gewiß, sie in der allerleichtesten Nachtkleidung zu treffen. Er irrte sich aber; denn Mariane, die von Anfang an sehr mißtrauisch gewesen war, hatte, ohne sich auszuziehen, in ihren gewöhnlichen Kleidern geschlummert. Sie öffnete die Thür, voll Entsetzen, und da sie Rauch und Flammen zu Thür und Fenstern hereinschlagen sahe, ergriff sie nur ihre Tasche und Uhr, und folgte dem Obersten, der seine Beute, durch Dampf und Funken, in den Garten bis zu einem abgelegenen Gartenhause schleppte, wo sich Mariane athemlos niedersetzte. Der Oberste wollte ihre erste Bestürzung nützen, fiel ihr zu Füßen, wiederholte seine Liebeserklärung feuriger als jemals, und ward in kurzem so unbescheiden, daß ihn Mariane mit beiden Händen so heftig von sich stieß, daß das Männchen, welches, wie schon bemerkt, zwar in Worten, aber nicht an Kräften ein Herkules war, rücklings zu Boden fiel. Ehe er noch, vom Falle betäubt, aufstehen konnte, sprang Mariane in den Garten. Dieser war von dem daran stoßenden weitläufigen Park, durch eine hohe grüne Hecke gesondert, die an einer einzigen verdorrten Stelle niedriger war. Diese Stelle hatte sich Mariane bey ihren Spaziergängen schon längst genau bemerkt. Sie schaffte sich da, durch die dürren zerbrechlichen Sträuche, leicht einen Weg in den Park, und da sie schnell das Ende desselben erreicht hatte, so lief sie gerade aus ins Feld, ohne sich umzusehen. Ende des fünften Buchs. Sechstes Buch. Erster Abschnitt. Es ist Zeit, daß wir zum Sebaldus zurückkehren, den wir auf dem Pferde des Verwalters verlassen haben, auf dem er voranritt, um in dem nächsten Dorfe, für die nachkommende Gesellschaft, eine Mittagsmahlzeit zu bestellen. Der Fuhrmann hatte ihn versichert, daß der Weg nicht zu verfehlen sey. Dieß war auch vielleicht einem Fuhrmanne nicht möglich, aber wohl einem Manne, wie Sebaldus, der selten ganz genau auf die Dinge Achtung gab, die um ihn waren, am wenigsten auf das Gleis einer Landstraße. Er war kaum einige hundert Schritte fortgeritten, als er anfieng, sich in eine Betrachtung über die zweyte Posaune in der Apokalypse zu vertiefen; dahingegen sein Pferd, welches fühlte, daß der Zügel an der Mähne hinabhieng, sich kurz darauf an einen vier Schritt vom Wege stehenden Heuschober machte. Sebaldus merkte, nach einigen Minuten, daß das Pferd stille stand, und spornte es an, ohne es zu lenken. Es trabte daher gerade fort, über Wiesen und Brachfelder, bis es wieder auf einen Weg kam. Nachdem Pferd und Mann auf demselben ein Paar Stunden fortgeeilt hatten, wunderte sich Sebaldus, daß er noch kein Dorf vor sich sahe; doch ließ er sichs gar nicht träumen, daß er den rechten Weg könnte verfehlt haben. Nach einiger Zeit erblickte er ein Dorf. Er zweifelte gar nicht, daß es das rechte wäre; ritt vor den Krug, stieg vom Pferde, und übergab es einem vor dem Hause stehenden Knechte, der es seitwärts nach dem Stalle zu, führte. Er selbst gieng sogleich ins Haus, bestellte die Mittagsmahlzeit für vier Personen, und setzte sich in die Gaststube, um sich auszuruhen. Nachdem er so eine Weile unter einem Geräusche von vielen Menschen gesessen hatte, stand er auf, um seiner Gesellschaft entgegen zu gehen, weil er aus der Länge der verfloßnen Zeit schloß, daß sie schon dicht vor dem Dorfe seyn müßte. Er wanderte fort, das Gemüth voll von dem doppelten Vergnügen, seine Tochter bald wieder zu sehen, und eine neue Erklärung der zweyten Posaune erfunden zu haben. Er hieng sonderlich diesem letztern Vergnügen so stark nach, daß er, nach geraumer Zeit, aus untrieglichen Kennzeichen merkte, er sey auf einem ganz andern Wege, als auf dem er gekommen war; denn er befand sich dicht vor einem andern Dorfe, und merkte, aus der Höhe der Sonne, es sey wirklich Mittag. Er eilte also zurück, und fand, zu seinem großen Erstaunen, daß die Gesellschaft noch nicht angekommen war. Er befürchtete, ihr möchte ein Unglück begegnet seyn, er foderte sein Pferd, um ihr entgegen zu reiten. Aber wie erstaunte er, da niemand von seinem Pferde etwas wissen wollte. Er hatte, wie es scheint, einen fremden Kerl für einen Knecht aus dem Hause angesehen, und ihm sein Pferd gegeben, der sich aber, so bald er sahe, daß Sebaldus im Hause war, darauf geschwungen und es fortgeritten hatte. Er war also um seine Gesellschaft und um sein Pferd gekommen, und hatte zum Troste nichts, als seine apokalyptische Entdeckung, und ein übergahres Mittagsessen auf vier Personen, davon er sich, so hungrig er war, doch nicht zu essen getrauete, weil er immer noch auf die Ankunft seiner Gesellschaft hoffte. Endlich nöthigte ihn der Hunger doch, sein Antheil davon zu verzehren, und die Wirthinn nöthigte ihn, das ganze zu bezahlen. Er wartete diesen und noch ein Paar folgende Tage auf seine Gesellschaft, und war in der größten Verlegenheit, da sie nicht ankam. Er hatte weder den Namen des Dorfes, wo er auf sie warten sollte, noch den Namen der Gräfinn, noch den Namen ihres Gutes behalten. Er sahe sich also auf einmal wieder in die weite Welt versetzt. Sein einziger Trost war, daß er des Hieronymus Empfehlungsbrief an den Kammerjunker in Holstein, und noch so viel Geld bey sich hatte, um dahin zu reisen. Da er also von der Wirthinn erfuhr, daß die Post nach Holstein den andern Tag durch das Dorf gienge, so setzte er sich, ohne ferneres Verweilen, darauf. Er kam in wenigen Tagen, ohne weitern Zufall, bey dem Kammerjunker an, der sich auf seinen Gütern aufhielt. Dieser hatte, als er am Hofe war, den Mangel des Verstandes durch reiche Kleider S. Wilhelmine S. 99. zu ersetzen gesucht. Nachdem er aber, durch seine Heurath mit einer reichen alten Wittwe, in den Stand gesetzt war, den Hof zu verlassen, und sich auf seiner Frauen Güter zu begeben, verdeckte er den oben gedachten noch immer fortdauernden Mangel durch eine andere Art von Virtu. Er schaffte sich eine Sammlung von antiken und modernen Münzen und Gemmen, von Kopien und Abgüssen alter Statuen und Basrelieffe, und von allerhand ächten und unächten Griechischen und Römischen Alterthümern an. Diese Sammlung zu vermehren, zu ordnen, seinen Besuchern zu zeigen, und darüber zu schwatzen, war seine hauptsächlichste, einer verständigen und gelehrten so ähnlich scheinende Beschäfftigung, daß er sich oft selbst einbildete, er habe Verstand und Gelehrsamkeit. Freylich gieng es ihm mit seinem Kabinette zuweilen, wie sonst mit seinem Kleiderputze. Bey diesem mußte oft Straß anstatt Juwelen, Plüsch statt Sammet, und ein bunter Lack von Martin, statt Goldes dienen. Eben so war auch jenes, anstatt wahrer Alterthümer, Münzen und Gemmen, meist mit allerhand Lumpenzeuge angefüllt, welches den größten Werth davon hatte, daß es zerbrochen, beschmutzt und unbrauchbar war. Der kleine Mann war aber in allen antiquarischen Kenntnissen, durch die er hätte einsehen können, daß seine Alterthümer lange nicht alt genug wären, glücklicherweise so unwissend, daß ihm seine alten Lampen, Urnen, Opferbeile, Scheidemünzen und Petschafte, vollkommen eben das Vergnügen machten, was sie einem ächten Alterthumskenner würden gemacht haben, wenn sie tausend Jahre älter gewesen wären. Er hatte weiter keine Kenntnisse, als die er aus einigen Kompendien und Journalen aufraffte, und die ihm diejenigen einprägten, die ihm Münzen und Gemmen verkauften. Er fand diese auch zu seinem Zwecke, sich als eine wichtige Person zu fühlen, so vollkommen hinlänglich, daß er nicht daran dachte, andere und bessere zu erwerben; zumal da er noch dabey die glückliche Gabe hatte, wenn er gelehrte Leute reden hörte, still zu schweigen, und das, was sie gesagt hatten, in der nächsten Viertelstunde wörtlich, als seine eignen Gedanken, zu wiederholen, welches in vielen Vorfällen beynahe eben die Dienste that, als ob er selbst gedacht und geurtheilt hätte. Der hochwohlgeborne Kenner empfieng den Sebaldus mitten in seinem Kabinette, wo alle seine Herrlichkeiten zur Schau ausgestellt waren, sitzend auf einer Sella curulis, nicht zwar von Elfenbein, doch aber von weiß angestrichnem Holze, mit bloßem halbgeschornem Haupte, wie ein Römischer Konsul, und in einem Schlafrocke, der nach dem ächten Modell einer Trabea zugeschnitten war, welches ihm, gegen reichliche Bezahlung, von einem gelehrten Professor, war mitgetheilt worden, der ausdrücklich die Schneiderkunst gelernt hatte, um den ächten Schnitt dieses Römischen Feyerkleides endlich einmal herauszubringen: welches so vielen grundgelehrten Leuten, die über die Kleidung der Alten geschrieben haben, vielleicht bloß deswegen noch bisher nicht hat gelingen wollen, weil sie alle nicht wußten, ob man einen Pelzmantel in die Länge oder in die Quere des Zeuges zuschneiden muß. Nachdem er des Hieronymus Brief gelesen hatte, versicherte er den Sebaldus zwar sehr ernsthaft seiner Gnade; (denn seitdem er reich geworden, ergriff er gern jede Gelegenheit, wobey er den Mäcen spielen konnte;) doch bedauerte er es, daß er einen so grundgelehrten Mann, wie Sebaldus, nicht zu seinem Bibliothekar haben könnte, weil diese Stelle bereits durch einen gelehrten Magister besetzt worden, der ein Schwestersohn eines Mannes war, der ihm viele Alterthümer, und noch kürzlich einen raren Kameo , in ächten Ambra , und nicht etwa in Bernstein geschnitten, verkauft habe. Indessen lud er ihn doch auf den andern Morgen zum Frühstück ein. Dieß letztere geschahe nicht sowohl des Sebaldus, als sein selbst wegen; denn, weil es seinen Nachbarn, die ohne dieß von allen Alterthümern aufs höchste alte Pokale und alte Bankothaler liebten, schon bekannt war, daß unser gelehrter Landjunker diejenigen, die er einmal in sein Kabinett bekommen konnte, so bald nicht wieder herausließ, so konnte er nur sehr selten jemand finden, der es besehen wollte. Der gute Sebaldus, der von aller Kennerschaft weit entfernt war, mußte, unter manchem Gähnen und Räuspern, wirklich über fünf Stunden aushalten. Zuerst ward er in einen Saal geführt, wo verschiedene Abgüsse von berühmten antiken Bildsäulen aufgestellt waren. »Man muß damit, sagte der Besitzer, schon zufrieden seyn, weil man die Originale nicht haben kann.« Er gieng ziemlich geschwind dabey vorüber, doch fuhr er seiner Venus von Medicis sanft über den Rücken herunter, und fragte den ganz erstaunten Sebaldus, ob ihm derselben Hintertheile auch so wohl gefielen, als dem gelehrten Smollet . S. Smollets Reisen, nach der Deutschen Uebersetzung, S. 297. Ohne Antwort zu erwarten, wandte er sich schnell zu seinen geliebten originalen Antiken, bey deren Deutung er sich weitläufig aufhielt. Da war mehr als eine dickbäuchige Venus, und dickplünschige Minerva, desgleichen verschiedne Apolle, die wie Schneidergesellen aussahen, breitschultrige Merkure, und Jupiter mit spitzen Stirnen und aufgestutzten Nasen. Von da kamen sie in verschiedene Zimmer voll zerbrochner Urnen, Töpfe und Teller, voll rostiger Degenklingen und Beile, und einer unzählichen Menge unbrauchbares Hausgeräthes, woraus mit Verwunderung zu ersehen seyn sollte, daß die Leute vor tausend Jahren Messer, Schnallen und Schlüssel gehabt hätten, beynahe eben so, wie wir. Von da traten sie ins Allerheiligste, wo die Gemmen und Münzen aufbehalten wurden. Mitten im Zimmer stand des berühmten Lipperts Sammlung von Abgüssen auf einem zierlichen Gestelle. Der Kammerjunker machte ein Paar Schubladen davon nachläßig auf, und sagte: »Sie sind ganz artig, aber doch nur Abdrücke, ich halte auf Originale.« Er besaß wirklich eine große Menge von plumpen und verzerrten Gesichtern, sehr stumpf in allerhand Steine geschnitten, denen er einen großen Werth beylegte. Er zeigte auch seine Münzen, auf deren vielen er dem Sebaldus den edlen Rost bemerken ließ. Sie waren alle unverfälscht antik, und zu mehrerer Bequemlichkeit in sehr dicke Pappen gefaßt, so daß man Seite und Rückseite, nicht aber die Ränder sehen konnte. Er versicherte, daß diese Einrichtung sehr niedlich wäre, und daß ihm die ganze Sammlung von einem gelehrten Antiquare, so gefaßt, sey verkauft worden. Was er aber mehr, als alles, zu schätzen schien, war eine Sammlung von Belagerungsmünzen und Nothmünzen . Er hatte in der That viele Stückchen gestempeltes Blech, Zinn und Leder, nebst Stückchen von silbernen Tellern mit allerley Figuren. Er sagte, mit erhabener Nase, er besitze nicht wenig solche Münzen, die selbst der berühmte Klotz in seinem gelehrten Werkchen de nummis obsidionalibus nicht gekannt habe, und er hoffe in kurzem ein kapitales Stück zu erhalten, nehmlich eine Nothmünze , in einer der Festungen geschlagen, die der berühmte Oberste Shandy durch seinen Feuerwerksmeister Trim mit ledernen Kanonen beschießen ließ. Indem er so mit großem Eifer seine Seltenheiten herausstrich, erblickte er von ungefähr an des Sebaldus Finger dessen Petschierring, worinn ein Anker gegraben war. S. Wilhelmine S. 50. Ey! rief er aus: »Ey! Was für eine schöne Antike haben Sie da?« Sebaldus versicherte ihn, daß der Ring sehr modern sey, und von einem Petschierstecher in einer kleinen Stadt in Thüringen sey gegraben worden. Der Antiquar versetzte, mit sonderbar schlauer Miene: »Ja! ja! aber, ob er gleich modern ist, so möchte ich ihn doch wohl haben. Die Kameen – – – von einer gewissen Farbe, – – – von einem edlen Ziegelroth – – – gefallen mir. Ich will ihn Ihnen abkaufen.« Sebaldus antwortete: er habe diesen Ring bisher zum Andenken seiner Wilhelmine getragen, wenn er aber würdig sey, in dieses Kabinett aufgenommen zu werden, so wolle er ihm solchen schenken. Der Kammerjunker ließ sich die Schenkung nochmals mit einem Handschlage bestätigen; und nun konnte er seine versteckte Freude nicht mehr bergen. Er drückte dem Sebaldus die Hand, zeigte ihm hin und wieder ein Pünktchen auf dem Steine, versicherte, mit selbstzufriedner Miene, er sey ein Kenner antiker Arbeit; der Stein, sey ungezweifelt, ächt antik, und für ihn unschätzbar, weil er eine Form von Ankern abbilde, die weder Bayfius noch Amnelius , in ihren Werken de re nautica veterum angeführt hätten. Nunmehr nahm er den Sebaldus, welcher verstummte, und sich nicht getraute, dem gelehrten Kenner zu widersprechen, im Ernste in seine Protektion, gab ihm sogleich ein Zimmer in seinem Schlosse ein, und verschaffte ihm, in wenig Tagen, die Stelle eines Hofmeisters bey dem Sohne eines Pfarrers in einem benachbarten Städtchen. Sebaldus schrieb an seinen Freund Hieronymus, um ihm die Unfälle seiner Reise, seine Ankunft bey dem Kammerjunker, und seine Beförderung zu melden; bat ihn um Nachrichten von Marianens Aufenthalte, und gieng darauf nach seinem neuen Posten, zum Archidiakon Mackligius ab. Zweyter Abschnitt. Der Archidiakon Mackligius hatte weder viel gute noch viel böse Eigenschaften. Er hatte gerade so viel studiret, als er zum Predigen und zum Beichtesitzen für nöthig hielt, das heißt, sehr wenig. Er hatte, von seinen Kandidatenjahren an, einen sehr hellklingenden vernehmlichen Tenor gepredigt, welcher der sämmtlichen erbgesessenen Bürgerschaft sehr gefallen hatte; daher war er auch frühzeitig zum Diakon an einer Kirche seiner Vaterstadt erwählt worden. Mit der Zeit rückte er nicht allein in die Archidiakonatsstelle, sondern ein Edelmann, der die Pfarre eines nahe an der Stadt gelegenen kleinen Fleckens zu vergeben hatte, welche gewöhnlich das Filial eines Stadtpredigers war, gab ihm dieselbe, neben seinem Archidiakonate, zu verwalten. Mackligius hatte, beym Antritte seines Amts, alle Bücher, die man in diesem Winkel Holsteins für symbolisch hielt, unbesehen beschworen, und was in der besondern Formula committendi dieses Städtchens von ihm verlangt wurde, ohne Umstände unterschrieben. Er war dabey sehr beruhigt, weil er nunmehr, durch einen heiligen Eid, der Mühe überhoben zu seyn glaubte, über die sämmtlichen in den symbolischen Büchern enthaltenen Lehren weiter nachzudenken. Er wußte zwar wohl, daß es noch erlaubt sey, dieselben in der Absicht ferner zu untersuchen, um mehrere Beweisgründe dazu aufzufinden; er fand aber weislich für gut, dieses zu unterlassen, weil er gar nicht einsehen konnte, wozu noch mehrere Beweisgründe nöthig seyn sollten, da alle Geistlichen, durch einen schweren Eid, sie zu lehren verpflichtet waren, und da man, seit mehr als hundert Jahren, in den Marschländern kein Beyspiel wußte, daß ein Laye einen Zweifel darüber gehabt hätte; auch in unvermuthetem Falle leicht abzusehen war, daß man einen solchen, durch Versagung der Absolution und Wegweisung vom Abendmahl, genugsam würde im Zaume halten können. Er hielt sich also im Gewissen verbunden, die Zweifel, die ihm zuweilen, obwohl sehr selten, aufstießen, denen zur Verantwortung zu überlassen, von denen er war vereidet worden. Da er nun also bloß zu lehren, nicht aber zu untersuchen hatte, so konnte er sein Amt beynahe ganz mechanisch ausüben. Die Zeit, die ihm davon übrig blieb, brachte er, zur Motion, mit Graben und Pflanzen in seinem Pfarrgarten zu; denn er war ein großer Kenner und Liebhaber von allen raren Nelkenarten und Tulpenzwiebeln, und zog sie in großer Volkommenheit. Eine unverdächtige Beschäfftigung. Denn man will bemerkt haben, daß die Liebhaber derselben weder in der Kirche noch in dem Staate Unruhen zu erregen pflegen. Er hielt auch viel auf Federvieh, welches er täglich selbst zu füttern, und seine tolligen Hühner, eine nach der andern, beym Namen zu sich zu rufen pflegte. Daneben hatte er auch einen schönen Taubenschlag, der ihm manche halbe Stunde vertrieb. Bibelfest war er sehr, und konnte bey aller Gelegenheit Sprüche anführen; welches ihm, wenn sich der Innhalt auch gar nicht zur Sache schickte, sondern nur etwan ein Wort einen ähnlichen Klang hatte, nicht unerbaulich schien. Sonst las er eben nicht sonderlich viel Bücher, und weil er meist aus dem Stegereife predigte, so kam auch das Schreiben selten an ihn, außer, daß er akkurate Listen von allen bey ihm beichtenden Kommunikanten hielt, und selbige wöchentlich nachtrug. Er hatte sie in so guter Ordnung, daß er mit Einem Blicke übersehen konnte, wer in dem vorigen Vierteljahre nicht gebeichtet hatte. Ein solches Beichtkind zeichnete er sich an, um, so bald sichs thun ließ, bey demselben einen Hausbesuch abzustatten; wobey er denn, gegen die Verächter der Beichte ein wenig zu eifern pflegte, weil er wirklich auf diesen Glaubensartikel am strengsten hielt. Sonst that er niemand etwas böses; und ob er gleich, wenn es sein Evangelium mit sich brachte, auch von der Kanzel weidlich auf die Sünder zu schelten wußte, so war er doch, im gemeinen Leben, ein ganz umgänglicher Mann, der, wenn sich jemand an ihn wendete, gern mit Rath an die Hand gieng, auch zuweilen mit That, nur nicht mit Gelde, welches, wie wir der Wahrheit zur Steuer bekennen müssen, dem ehrlichen Mackligius ziemlich fest ans Herz gewachsen war. Eben auch die Begierde, seine Einkünfte nicht zu vermindern, bewog ihn, den Sebaldus in sein Haus zu nehmen, und der Unterricht seines Sohnes war eigentlich nur eine Nebensache. Denn da Ehrn Mackligius der heilsamen alten Meinung war, daß man auf Schulen die menschlichem Studien , (humaniora) das heißt, bloß Wortkenntniß treiben müsse, daß hingegen die wenige Sachenkenntniß, die ein Theologe braucht, sehr füglich bis zur Universität verspart werden könne: so bestand die Unterweisung des jungen Heinz Mackligius beynahe bloß darum, daß er wechselsweise ein Pensum aus Dieterici Institutionibus catecheticis , aus Rhenii Grammatica latina , und aus Welleri Grammatica graeca auswendig lernen mußte, und nebenher ein wenig Hebräisch buchstabierte. Nun hatte Heinz Mackligius (der, nach dem, was man in frühen Jugendjahren an ihm bemerkt hat, zu urtheilen, gewiß noch ein Pfeiler der orthodoxen Kirche werden muß,) eine so glückliche Gabe, Regeln, die er nicht verstand, auswendig zu lernen, daß er seinem Lehrmeister beynahe gar keine Mühe machte. Sein Vater hatte daher dessen Unterricht, neben seinem Predigtamte, Gartenbaue und Hühnerfütterung, ganz gemächlich abwarten können; würde also auch wohl nicht daran gedacht haben, für denselben einen Hofmeister anzunehmen, wenn ihm nicht, bey herannahendem Alter, das Predigen in seinem Filiale allzubeschwerlich geworden wäre. Der Weg war weit, und wenn er, nach geendigter Predigt, in der Sakristey den Klingebeutel ausschüttete, so schien er ihm nicht halb bezahlt zu seyn. Er ward darüber so verdrießlich, daß er einst das Filial ganz aufgeben wollte. Nachdem er aber überlegt hatte, daß die Artikel des Beichtgeldes, der Taufen, Trauungen und Beerdigungen, in der Haushaltung ein Loch machen würden, ungerechnet noch die Käse und Butter, nebst den fetten Hammeln und Gänsen, woran die gottseligen Marschlandsbauern ihren Seelenhirten keinen Mangel leiden ließen: so ward er ganz unruhig, und wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte. Endlich fiel er auf den glücklichen Einfall, daß er einen Hofmeister für seinen Sohn annehmen, und demselben die sonntäglichen und meisten festtäglichen Predigten im Filiale auftragen wollte. Die Einkünfte des Klingebeutels dachte er ihm zum Hofmeistergehalte anzuweisen, das Beichtgeld hingegen, nebst den Taufen, Trauungen und Leichengebühren, behielt er sich selbst vor. Auf diese Art hatte er klaren Vortheil. Er wälzte den Unterricht seines Sohnes, und die beschwerlichen Filialpredigten, von sich ab, und doch wurden seine Einkünfte nur um etwas sehr weniges vermindert. Dieses sehr wenige war indessen, nebst freyer Wohnung und Kost, für den genügsamen Sebaldus ganz hinlänglich. Er trat also sein doppeltes Amt mit herzlicher Zufriedenheit an, unterwies seinen Zögling, und predigte jeden Sonntag fleißig. So lebte er einige Wochen lang sehr geruhig, bis ein kleiner Umstand seine Ruhe störte, und in dem ganzen Städtchen einen unvermutheten Rumor erregte. Dritter Abschnitt. Es hatten damals die Herren Landprediger, zwey Meilen in die Runde um dieses Städtchen, ein sehr nützliches Institut angefangen, das wir allen Landpredigern, innerhalb und außerhalb Holstein, zur Nachahmung höchlich anrathen wollen. Es ist ein sehr gemeiner, und sehr oft nicht ungegründeter Vorwurf, den man den Landpredigern macht, daß sie auf dem Lande selbst zu Bauern und Kossäthen werden, und gänzlich vergessen, daß sie Gelehrten sind. Die Hauptursach davon ist wohl, daß sie, außer etwan auf Synodalversammlungen oder auf Wittwenkassenberechnungen, selten zusammenkommen. Sie erfahren daher nichts von dem, was in der gelehrten Welt vorgehet, und verlieren also alle Lust, sich um gelehrte Sachen zu bekümmern, die ganz außer ihrem Gesichtskreise liegen. Diesem Uebel vorzubeugen, war, auf Veranlassung des jüngsten Diakonus in der Stadt, Ehrn Pypsnövenius, unter den sämmtlichen Landpredigern dieser Diöces die Verabredung genommen worden, daß sie, besonders im Sommer, alle Freytage Nachmittags zur Stadt kamen. Sie ließen sich zuvörderst sämmtlich balbieren, auch sollen sie wohl, unter der Hand, Dispositionen von vorjährigen Predigten gegeneinander ausgewechselt haben, die dadurch auf dieses Jahr wieder brauchbar wurden. Alsdann begaben sie sich zu Ehrn Pypsnövenius, wo sie die neuen Stücke der Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit allemal auf dem Tische fanden. Wenn diese gelesen, und darüber diskurirt worden war, so wurden wohl, wenn es die Zeit erlaubte, noch andere neue oder nützliche Bücher vorgelesen: z. B. des Hrn. D. Heins patriotischer Medikus , die in Bützow herauskommende Sammlung vermischter Schriften des tiefsinnigen Hrn. Reinhard , verschiedene Deutsche Schriften des Hrn. D. Crusius , als, der Gnomon, oder Zeiger zum richtigen Verstande des Propheten Jesaias, der Plan der Offenbarung Johannis, die Prophetische Theologie u. a. m. desgleichen einige aus Rudolstadt eingeschickte Einladungsschriften des Hrn. Direktor Ulrich , oder Leichenpredigten des Hrn. Inspektor Biel , die neuesten Lateinischen Verse der Hamburgischen Gymnasiasten, auch wohl einige ungedruckte neue exegetische Entdeckungen des Hrn. Erichson in Storkow, oder neue dogmatische Erinnerungen von Hrn. Paulsen in Wedel, oder neue politische Remarken und Epigrammen von Hrn. Westphal in Tönning. Wenn dieses vorbey war, wurde um sechs Uhr, damit die fremden Gäste beizeiten nach ihrer Heimath zurückreisen konnten, gegen eine gesetzte Zeche von sechs Lübschillingen, eine Abendmahlzeit von Holsteinischem Rauchfleische und Schlackwürsten, nebst gutem altem Eutiner Biere aufgetragen. Dabey erzeigte sich die Gesellschaft fröhlich, und jeder der Gäste erzählte dann, was an seinem Orte merkwürdiges vorgefallen war. Jubelhochzeiten, Zwillinge, oder Drillinge, Kälber mit sechs Füßen, oder Hunde mit zwey Köpfen, Mordgeschichten und Hagelschaden, wurden nicht leicht übergangen. Eine Neuerung in der Lehre oder in der Kirchenzucht aber durfte kaum irgendwo aufducken, so ward sie unfehlbar in dieser Versammlung angezeigt, die auswärtigen herzlich beseufzet, die innländischen aber, (die freylich sehr selten vorfielen,) zur Ahndung empfohlen. Durch diese Anstalt ward die Reinigkeit der Lehre in diesem ganzen Kirchsprengel nicht wenig befördert; denn Ehrn Pypsnövenius trug das, was in der Versammlung berichtet worden war, jederzeit den folgenden Sonntag, nach geendigter Vesper, dem Kirchenprobste Ehrn D. Puddewustius zu, der denn, nach Beschaffenheit der Umstände, die weisesten Maßregeln nehmen konnte. Einst berichtete auch, in dieser Versammlung, einer der Landprediger, Ehrn Suursnutenius, daß sein Schulmeister, ein Leinweber, und feiner wachsamer Mann, der die symbolischen Bücher ad unguem auswendig wisse, am vergangnen Sonntage in dem Filiale Ehrn Mackligii, von dessen Informator eine Predigt gehört habe, worinn behauptet worden, »daß man die Christen von andern Religionsparteyen als seine Brüder lieben müsse.« Ehrn Suursnutenius setzte für sich hinzu, hieraus würde folgen, daß man auch die Kalvinisten als seine Brüder lieben müsse, welcher Satz, bey itzigen Umständen, um so viel bedenklicher sey, da ja bekanntlich, aller Vorstellungen Rev. Ministerii ungeachtet, verschiedene Kalvinische Tuchmacher in der Stadt das Bürgerrecht erhalten hätten, zum großen Schaden und Aergerniß der alt-evangelischen Einwohner, die noch wohl würden in Hütten und Keller weichen, oder gar den Wanderstab ergreifen müssen, wenns so fortgienge. Noch wolle der Schulmeister erzählen, der Informator habe auch gepredigt, »Gott sehe aufs Herz, und nicht auf die Lehre; man müsse daher auch tugendhafte Juden und Heiden nicht geradezu verdammen.« Er Suursnutenius aber, wolle, weils gar zu arg seyn würde, der Christlichen Liebe gemäß glauben, der Schulmeister könne auch hierinn wohl falsch gehört haben. Die Gesellschaft gieng auseinander. Aber diese Nachricht wurde, wie gewöhnlich, den folgenden Sonntag von Ehrn Pypsnövenius dem Kirchenprobste D. Puddewustius, wieder erzählt. D. Puddewustius schüttelte ziemlich den Kopf, fragte nochmals nach den Umständen, und schüttelte wieder. Er stieß manches Hum und Hem aus, legte zwey oder dreymal den linken Zeigefinger an die Nase, und, nach reifer Ueberlegung, entschloß er sich, bey dem Archidiakonus Ehrn Mackligius nähere Anfrage zu thun. Um bey der nähern Untersuchung dieser wichtigen Angelegenheit destoweniger Aufsehen zu machen, besuchte der Probst und der Diakon den Archidiakon den Montag nach Tische, als ob es nur von ungefähr im Vorbeygehen geschehe. Sie fanden ihn im Garten, im Kamisole, eine alte Nachtmütze auf dem Kopfe, und eine Schürze vorgebunden, die Spate in der Hand, beschäfftigt, den vorher auf ein Salatfeld ausgebreiteten Dünger, unterzugraben. Bey der unvermutheten Ankunft des Probstes war zwar der Archidiakon ziemlich betroffen, er holte aber gar bald aus dem naheliegenden Gartenhause eine genähte baumwollne Perücke, nebst einer alten Summarie , die ihm im Hause statt eines Schlafrocks diente, so daß es, weil der Kirchenprobst sehr langsam einhergieng, und der Archidiakon sich sehr geschwind umzog, nicht lange währte, bis letzterer im Stande war, seinen geistlichen Obern zu empfangen. Nach den ersten Bewillkommungskomplimenten, nachdem die Materie vom schönen Wetter abgehandelt, und die Nachfrage nach dem Flusse in der Schulter und den Rückenschmerzen, denen Se. Hochwürden zuweilen unterworfen waren, geendigt war, kamen die Klagen über die schlechten verderbten Zeiten, bey welchen die in der Stadt angesetzten Kalvinischen Tuchmacher erwähnt wurden; und hievon kam D. Puddewustius ganz natürlich auf die Predigt, die Sebaldus von der Liebe gegen Mitglieder anderer Religionsparteyen sollte gehalten haben. Ehrn Mackligius war über den Innhalt derselben nicht wenig bestürzt. Er versicherte, daß er an keinem seiner Hausgenossen solche irrige Lehre leiden würde. Er wolle sogleich den Informator rufen lassen, daß er sich selbst in Gegenwart Sr. Hochwürden verantworte. Der Probst aber wollte dieß nicht gestatten, damit es nicht etwan in der Stadt ein Aufsehen geben möchte. Er ermahnte nur Ehrn Mackligium, seinen Informator insgeheim zu vernehmen, ob er wohl wirklich so gelehrt habe, und ihn für fernerer Neuerung in der Lehre ernstlich zu warnen, in weiterm Uebertretungsfall aber ihn ganz abzuschaffen. Er versicherte, aus der Erfahrung zu haben, daß die Hornviehseuche durchs Todschlagen der kranken Häupter, und die Heterodoxie durch Absetzen und Wegschaffen der irrigen Lehrer am sichersten vertilgt würden, und daß, in beiden Fällen, alle anderen Mittel zu weitläufig und überdieß zu unkräftig wären. Hiemit nahmen die beiden Gäste Abschied. Vierter Abschnitt. Mackligius ließ den Sebaldus sofort rufen, und fragte ihn über den Innhalt seiner am Sonntage vor acht Tagen gehaltenen Predigt. Sebaldus läugnete nicht, daß der Innhalt so gewesen, wie ihn der Küster angegeben hatte. Der Archidiakonus erstaunte zwar nicht wenig, weil er aber sonst mit seinem Informator wohl zufrieden war, und auf so leidliche Bedingungen nicht so bald einen andern zu erhalten hoffen konnte, so gab er sich die Mühe, die er sich sonst nicht leicht gab, einen Versuch zu machen, ihn zu überzeugen, daß er sich auf einer gefährlichen Lehre habe betreten lassen, der er nothwendig absagen müsse. Seb. Und was ist an dieser Lehre verwerfliches? Gebietet uns nicht die Schrift, unsern Nächsten zu lieben, als uns selbst ? Ist davon derjenige unserer Nebenmenschen ausgenommen, der in Glaubenssachen anders denkt, als wir? Mackl. Dieß will ich nun freylich eben nicht sagen; nur dünkt mich, in Absicht auf die Sektirer ists κατ' αντιφαρσιν gesagt, daß sie unsere Nächsten seyn sollen. Wir mögen sie immer lieben, wenn sie nur weit weg sind. Wenigstens in dieser guten Stadt ist es nun einmal der Grundverfassung gemäß, daß nur bloß rechtgläubige Lutheraner darinn wohnen können, und dabey muß man fest halten. Es ist also hier sehr bedenklich, zu predigen, daß man die Irrgläubigen lieben soll; denn wenn sie erst wissen, daß wir sie lieben, so werden sie auch bey uns wohnen wollen. Da gehts denn immer weiter. Dann würden auch die symbolischen Bücher kaum mehr helfen, und es würde keine Einigkeit und Reinigkeit der Lehre mehr da seyn. Haben sich nicht so bey uns die Kalvinischen Tuchmacher eingenistelt? Was half das Widersprechen? Selbst der billige Vorschlag wurde verworfen, daß jede Kalvinistische Feuerstelle dem Pastor ihres Kirchspiels jährlich einen Portugalöser abgeben sollte, weil doch sonst die Jura Stolae litten, indem auf demselben Flecke ein rechtgläubiger Lutheraner hätte wohnen können. Ach! lieber Herr Magister, bey der einmal festgesetzten Grundverfassung muß man halten, es geht sonst nicht. Seb. Und doch steht von solchen Grundverfassungen, die unserm Nebenmenschen nicht die Luft gönnen wollen, im ganzen Neuen Testamente nicht ein Wort. Jura Stolae, symbolische Bücher, und dergleichen Dinge mehr, sind auch darum nicht geboten. Viel Disputirens war Mackligius Sache nicht. Er wollte sich also weiter nicht auf Gründe einlassen, sondern rief nur ängstlich aus: »Die Grundverfassung unserer Stadt ist einmal nicht zu ändern. Auf die symbolischen Bücher sind wir auch verpflichtet. Man muß keine Neuerungen gestatten. Die Verbindung ist einmal unverbrüchlich festgesetzt, und endlich bestätiget, daß wir bey der alten Lehre bleiben, und uns jeder fremden Lehre standhaft widersetzen wollen; und nun kann man nicht wieder untersuchen, sondern die Sache muß ganz und gar ihr Bewenden haben. Wir können nun einmal keine Irrlehrer, Kalvinisten u. d. gl. bey uns haben, also muß man auch nicht lehren, daß man sie lieben müsse.« Sebaldus mochte immer einwenden, die Vernunft sage uns, eine ungereimte Verfassung könne gar wohl verändert werden, und eine Verbindung, die sich auf Unwahrheit stütze, könne nicht verbindlich seyn. Vergebens! Mackligius blieb dabey, daß, wenn man eine Verbindung einmal eingegangen sey, man dabey fest verharren müsse, sie sey beschaffen, wie sie wolle. Auf die Vernunft müsse man in Glaubenssachen überhaupt gar nicht achten. Man müsse sich dem fügen, was die Vorältern festgesetzt haben; und so drang er dem Sebaldus einen Handschlag ab, daß er ferner solche Lehren, die den Irrgläubigen könnten vortheilhaft seyn, gar nicht predigen, sondern sie lieber ganz mit Stillschweigen übergehen wolle. Einige Tage darauf sollte im Filiale ein Kind eines Schiffers getauft werden. Mackligius gieng mit dem Sebaldus hinaus. Als der erstere an den Taufstein trat, erblickte er einen Pathen, den er nicht kannte. Er ließ ihn in die Sakristey treten, um sich näher zu erkundigen, und erfuhr, zu seiner nicht geringen Bestürzung, daß er ein reformirter Kaufmann aus Bremen sey. Mackligius sagte ihm darauf gerade heraus, er könne ihn nicht zum Taufzeugen annehmen, weil Rev. Ministerium noch kürzlich sich verbunden habe, niemals einen reformirten Pathen bey irgend einer Taufe zuzulassen. Der Kaufmann wunderte sich hierüber nicht wenig; der Schiffer, dessen Rehder der Kaufmann war, und dem zu gefallen er ausdrücklich von Bremen über die Elbe gekommen war, erschrak sehr. Man suchte den Mackligius zu überreden, man ward hitzig; aber er war unbeweglich. Der Kaufmann faßte sich endlich, und sagte: »Wollen Sie mir nicht erklären, Herr Pastor, was bey einem Taufzeugen das Wesentliche, und was dabey das Zufällige ist?« »Ich merke schon, rief Mackligius, daß Sie etwas von Mitteldingen , von Adiaphoris, schwatzen wollen; das gehört aber gar nicht hieher.« »Nicht doch! versetzte der Kaufmann, vom Wesentlichen und Außerwesentlichen wollen wir reden. Meinen Sie nicht, das Wesentliche eines Taufzeugen sey, daß er bezeuge, wenn es nöthig ist, daß das Kind getauft worden, und daß er, in Ermangelung der Aeltern und Vormünder, für des Täuflings Erziehung sorge?« Mackligius konnte dieß nicht läugnen. »Und nun! fuhr der Kaufmann fort, ist nicht das Opfer, das ins Becken geworfen wird, etwas zufälliges?« Mackligius, nach einigem Stocken, bejahete es. »Gut! sagte der Kaufmann, hören Sie also einen Vorschlag zum Vergleiche: Ich will, weil es denn Rev. Ministerium nicht anders haben will, allen wesentlichen Pflichten eines Taufzeugen entsagen. Ich will Jedermann in Ungewißheit lassen, ob das Kind getauft worden; ich will mich hüten, für seine Erziehung zu sorgen, und wenn es auch Vater und Mutter verlieren, und von seinen Vormündern verlassen werden sollte. Kann mir denn nun wenigstens nicht erlaubt werden, das Zufällige eines Taufzeugen zu verrichten, und, nach vollbrachter Handlung, diese Dukaten ins Becken zu opfern?« Mackligius war in keiner geringen Verlegenheit. Endlich bewog ihn die Distinktion des Kaufmanns, und das Bitten des Vaters, für diesesmal einen reformirten Taufzeugen zuzulassen. Kaum waren sie wieder zu Hause angekommen, so rückte ihm Sebaldus vor, daß er nicht nach seinen eignen Grundsätzen handele. Denn, wenn eine feierliche Verbindung unverbrüchlich müste gehalten werden, so würde er Unrecht haben, wider dieselbe, einen reformirten Taufzeugen anzunehmen. »Ja! rief Mackligius, ein wenig verlegen, dieß war eine Ausnahme. Zudem sahe ich wohl, der Bremer war ein ganz guter Mann, der sich gerade bey uns nicht wird niederlassen wollen.« Seb. Ey! nun sey Gott Dank! Wenn nur Ein Mitglied einer andern Konfession ein guter Mann ist, so mögens auch wohl mehrere seyn. Ich kann also auch wohl eine Ausnahme von dem Ihnen gethanen Versprechen machen; denn warum sollten wir solche gute Leute, wie der Bremer Kaufmann und seine Glaubensgenossen sind, nicht lieben? – Mackl. Herr Magister! Ich bitte Sie sehr, fangen Sie ja nicht wieder an, so zu predigen; Sie können sonst sich und mich unglücklich machen. Wozu wollen wir denn die Kalvinisten, und dergleichen Leute, so sehr lieben? Im Lande dürfen sie sich doch nicht weiter ausbreiten, als sie leider! bereits gethan haben; denn es muß Ein Glaube, Ein Hirt und Eine Heerde im Lande seyn, sonst kömmt alles in Unordnung. Seb. O! damit schrecken Sie mich nicht! Ich komme eben itzt aus dem Brandenburgischen, wo Menschen von zwanzigerley Religionsgesinnungen meist ganz friedlich neben einander leben; und wenn sie sich ja zuweilen ein wenig zanken, so bleibt doch alles im Staate in sehr guter Ordnung. Lassen Sie uns nur nicht wähnen, daß alle Wahrheit bey unserer Religionspartey zu Hause sey; lassen Sie uns vielmehr untersuchen, ob diejenigen, die wir für Irrlehrer halten, nicht mehr Wahrheit mögen gefunden haben, als wir, und dann finden wir vielleicht, daß wir sie verehren und lieben müssen. Ich wiederhole nochmals, lassen Sie uns untersuchen, und lassen Sie uns keine Verabredung, kein Lehrgebäude, kein symbolisches Buch aufhalten, wenn wir Wahrheit suchen und finden können. Mackl. Ach! mein lieber Herr Magister! Sie wollen doch immer so viel spekuliren! Diese Sucht mögen Sie wohl aus dem leidigen Brandenburgischen Lande mitgebracht haben. Da solls arg zugehen; da soll alles voll Rotten und Sekten seyn. Das kömmt her von dem unchristlichen Vernünfteln! Da wird immer einer an dem andern irre! Und wenn denn einem auch hin und wieder ein Zweifel einfällt, so ists ja besser, man unterdrückt ihn gleich. Dieß ist viel kürzer und besser, als daß man davon viel Redens macht, darüber denn andere auch irre gehen. Nein! lassen Sie mir immer die Lehrformeln und die symbolischen Bücher in Ehren. Sie sind, aufs wenigste gerechnet, ein nothwendiges Uebel. Da ist ja so vieles in der Bibel, aus dem man sich sogleich nicht finden kann, und man würde seine ganze Lebenszeit untersuchen müssen, was man glauben soll, wenns nicht in der Augspurgischeu Konfession vorgeschrieben wäre. Seb. Schön! Aber dieß ist eben dasselbe Argument, das die Katholiken für die unfehlbare Autorität der Kirche anführen. Wir selbst können, sagen sie, die Bibel nicht hinlänglich erklären, dieß thut die Kirche für uns; darum müssen wir glauben, was die Kirche glaubt. Also hätten wir bey der Reformation nur Eine Unfehlbarkeit mit der andern verwechselt, der wir blindlings trauen müßten. Wenn also der Pabst die Augspurgische Konfession gemacht hätte, so würden Sie, Herr Pastor, ohne Bedenken ein Papist seyn. Mackl. Behüte mich Gott! was reden Sie? Herr Magister! Herr Magister! Sie wissen ja, daß ich der ächten ungeänderten evangelischen Lehre zugethan hin. Seb. Ja! dem Buchstaben nach, aber nicht dem wahren Geiste nach. Eine blinde Unterwürfigkeit unter die Aussprüche der geistlichen Obern ist nicht der wahre Geist des Protestantismus. Von der Lehre, die wir glauben sollen, müssen wir überzeugt seyn, und um davon überzeugt zu seyn, müssen wir sie untersuchen. Die bloße blinde Annehmung einer Lehre, weil sie in einem Buche verzeichnet ist, es mag dieß Buch Bibel, symbolisches Buch, oder wie man sonst will, heißen, ist keine sichere Ueberzeugung. Sollen wir überzeugt werden, so müssen wir untersuchen, und erst dann, wann wir durch vernünftige Untersuchung von einer Wahrheit überzeugt sind, kann sie moralische Wirkungen veranlassen. Mackl. Aber, Herr Magister! wohin würden wir kommen, wenn wir erst von neuem anfangen wollten zu untersuchen? Müßte man da nicht sein ganzes Lebenlang studieren! zumal zu unsern itzigen letzten betrübten Zeiten, da, wie man aus den Hamburgischen Nachrichten zuweilen siehet, an der Ober-Elbe so viele neuerungssüchtige Leute sind, die nichts thun wollen, als untersuchen, die uns eine ganz neue Theologie, ja sogar eine ganz neue Bibel machen wollen. Ja warhaftig! eine neue Bibel. Da schickt mir der Postmeister neulich mit den Zeitungen einen Zettel, daß ich 234 Mrk. auf eine Bibel pränumeriren soll, die einer in England, (ich glaube der Mensch heißt Kennikott,) will drucken lassen. Ja! daß Gott erbarm! 234 Mrk. in diesen schweren Zeiten! Und da sollen in dieser Bibel viele tausend Stellen ganz anders seyn, als in unserer Lutherischen Bibel! Nun sehen Sie einmal selber, was das für eine Verwirrung in unserm guten Holstein geben würde, wenn man nicht schon wüßte, was man zu glauben hätte. Seb. Ich habe von dieser Bibel auch gehört; ich glaube aber, sie wird ganz und gar keine Verwirrung anrichten. Sie kann vielmehr einen sehr großen Nutzen haben. Denn wenn die Theologen, wie es nicht unterbleiben wird, über die Menge der Varianten, die der arbeitsame Engländer, für seine funfzigtausend Pfund Sterlings, zusammengelesen hat, sich hundert Jahre lang werden müde disputirt haben, so wird man endlich wohl einsehen, daß die Glückseligkeit des menschlichen Geschlechts, die Gott bey seiner Offenbarung zum Zwecke gehabt haben muß, nicht auf Schreibfehlern und Varianten, Muthmaßungen und Wortklaubereyen beruhen könne. Also auch von dieser Untersuchung über Varianten will ich niemand abschrecken. Ich glaube, die wahre Religion könne und werde die strengsten Untersuchungen von aller Art aushalten; darum mag man in Gottes Namen fortfahren, alle Meinungen der Menschen zu sichten, und den Weizen von der Spreu zu sondern. Mackligius rief sehr erschrocken: »Nein! nein! die Menschen müssen nicht zu vorwitzig seyn. Wenn wir nicht der Untersuchungssucht ein Ziel setzen wollen, wer weiß, wohin wir noch gerathen können; da können wir noch Synkretisten und Indifferentisten, ja endlich gar Naturalisten werden.« Seb. Ich glaube nicht, daß uns die Untersuchung so weit führen werde, aber ich, für meine Person, folge dem Wege zur Wahrheit ganz gelassen, wohin er mich auch führet, ohne mir ein Ziel zu stecken, wo ich aufhören will. Mackl. Ach! mein lieber Herr Magister! ich will lieber bleiben, wo ich bin, als mich so weit wagen. Ich werde gar zu unruhig, wenn ich an solche Dinge denke: darum vermeide ich sie lieber, und das thun Sie nur auch. Seb. Wenigstens will ich niemand zureden, hierinn weiter zu gehen, als ihn seine Neigung führet. Indessen erhellet aus allem diesem wenigstens so viel, daß wir uns die Unfehlbarkeit in Glaubenssachen nicht zueignen können, daß wir die, die darüber anders denken, lieben dürfen, und toleriren müssen. Mackl. Ja! ja! toleriren ist auch viel kürzer, als wenn man so viel untersucht. Wir wollen sie, wie Sie ganz recht sagen, lieber toleriren. Indessen, um wieder aufs vorige zu kommen, thun Sie mirs immer zu gefallen, und predigen nicht ferner davon, daß man sie lieben müsse. Sehen Sie, wir haben hier in unserer Stadt unsere besondere Verfassung; und dann ists bedenklich, wegen der Neuerung mit den Kalvinischen Tuchmachern. Seb. Sehr gern! Ich habe überhaupt nicht geglaubt, daß die Lehre, die ich predigte, so neu wäre, daß dadurch Aufsehen erregt werden könnte; ich meinte nur, eine schon bekannte nützliche Lehre weiter einzuschärfen. Freylich! wenn die Ermahnung, unsere Brüder von andern Konfessionen mehr zu lieben, den Erfolg haben sollte, daß man sie mehr haßte, so ists besser, ganz davon zu schweigen. Mackligius gab ihm von ganzem Herzen darinn Recht, daß Schweigen hier das beste wäre, und versicherte ihn, er kenne die rechtgläubigen Holsteiner, und wisse gewiß, daß die Ermahnung, die Kalvinisten zu lieben, bey ihnen nur mehr Haß zuwegebringen werde. Der ehrliche Sebaldus beseufzete eine so unchristliche Gemüthsverfassung, und gerieth in ein Lob einer wahren Christlichen Toleranz, und Mackligius, wohl zufrieden, daß er nur den Hauptpunkt, wegen des Predigens, von ihm erlangt hatte, stimmte ihm in allem bey. Sebaldus sagte viel schöne Sachen darüber, daß sich die Christen über allerhand Meinungen, die doch nicht ausgemacht wären, und auch wohl nicht ausgemacht werden könnten, nicht unchristlicher Weise hassen, sondern sich vielmehr recht christlicher Weise vertragen sollten, und Mackligius sagte ja! einmal über das andere. Indem sie in diesem Gespräche begriffen waren, trat ein Jude aus Rendsburg in das Zimmer, welcher beym Mackligius Geld umzusetzen und sonst zu handeln pflegte. Beide hatten sich, durch die schönen Träume von Christlicher Toleranz, die Einbildung so erhitzt, und das Gemüth in eine so selbstgefällige wohlthätige Lage gebracht, daß sie sich stark genug fühlten, dieses Juden Bekehrung zu versuchen. Mackligius bewies ihm mit starken Gründen, daß der Messias schon gekommen sey. Der Jude versetzte, es könne sehr wohl ein Messias gekommen seyn, nur nicht der Messias der Juden, wofür er zum unwiderleglichen Grunde anführte, daß widrigenfalls er, der Jude, ein vornehmer Mann seyn müßte, hingegen Mackligius vielleicht würde alte Kleider kaufen und Zerbster Drittel einwechseln müssen. Sebaldus hielt sich an das himmlische Jerusalem; der Jude aber wollte nur vom irdischen Jerusalem hören, wohin alle Juden in der Welt, wie er gewiß glaubte, noch einst würden versammlet werden. Alle drey wurden sehr hitzig. Endlich brach der Jude kurz ab, sagte, wenn der Hr. Pastor heute nichts zu handeln habe, wolle er ein andermal wieder kommen, und gieng zur Thür hinaus. Mackligius schalt nicht wenig über den blinden und verstockten Juden. Sebaldus saß eine Weile, den Kopf auf den Tisch gestützt; endlich schlug er sich an die Brust, und rief aus: »Ach! er ist ein Mensch, wie wir, glaubt von seiner Meinung überzeugt zu seyn, wie wir, die ihn mit sich zufrieden macht, wie uns die unsrige. Lassen Sie uns, dem barmherzigen Gotte gleich, der uns alle erträgt, unsre Toleranz nicht nur auf alle Christen, sondern auch auf Juden und alle andern Nichtchristen ausdehnen.« Fünfter Abschnitt. Indessen hatte der Vorfall mit dem reformirten Taufzeugen in der Stadt kein geringes Aufsehen gemacht. Der Pastor Ehrn Lic. Wulkenkragenius predigte wider einen solchen grundstürzenden Irrthum, in den Vormittagspredigten, und der Archidiakon Ehrn Mackligius, ob er gleich sonst am Streiten keinen Gefallen hatte, war doch, da seinen Beichtkindern seine Reinigkeit in der Lehre verdächtig zu werden anfieng, genöthigt, sich in den Nachmittagspredigten zu vertheidigen. Die Erbitterung nahm täglich zu. Das ehrwürdige Ministerium theilte sich in zwey Parteyen, davon der größte Theil wider Mackligius war, und man faßte einen Ministerialschluß, vermittelst dessen sowohl der Archidiakon, als der Informator, wegen falscher Lehre, vor dem Konsistorium verklagt wurden. Indessen dieses auf dem Tapete war, starb ein reicher Brauer, welcher mit der ganzen Schule, mit Wachslichtern und Schildern, und mit einer Leichenpredigt, begraben ward. Das ganze geistliche Ministerium gieng mit zur Leiche. Da war der Probst Ehrn D. Puddewustius, der Pastor Ehrn Buhkvedderius, der Pastor Ehrn Lic. Wulkenkragenius, der Archidiakonus Ehrn Weelsteertius, der Archidiakonus Ehrn Mackligius, der Diakonus Ehrn Mag. Slabörderius und der Diakonus Ehrn Pypsnövenius. Ehrn Wulkenkragenius hielt eine Leichenpredigt von der Bewahrung der reinen Lehre . Er rühmte an dem seligverstorbenen, daß er vor den Kalvinischen Gräueln beständig den größten Abscheu gehabt habe, und daß die, mit Unrecht der Stadt aufgedrungene, Kalvinisten gewiß würden haben verdursten müssen, wenn alle andere Brauer, so wie er, den weltlichen Vortheil, dem Eifer für die Rechtgläubigkeit nachgesetzt hätten. Nach geendigter Leichenpredigt und verrichteter Beerdigung, kamen sie sämmtlich im Trauerhause zur Trauermahlzeit zusammen, wo diese Materie wieder vorgenommen, und die Indifferentisterey, daß man reformirte Taufzeugen zuließe, sehr bitter gerügt wurde. Ehrn Weelsteertius nahm sich des bedrängten Mackligius an. Der Streit ward sehr heftig; beide Theile schrien so stark, daß kein Theil den andern verstand; und weil die ministerialische Partey die heftigste und auch die stärkste war, so würde es vielleicht gar zu Thätlichkeiten gekommen seyn, wenn nicht die Minorität , die ihre Schwäche merkte, sich am Ende der Mahlzeit, nach der Hausthür gezogen hätte. Doch hatte das Gezänk auch auf der Gasse noch kein Ende. Der Pöbel lief zusammen, nahm an dem Streite der geistlichen Herren Antheil, und weil demselben, in seinem Eifer für die Rechtgläubigkeit, eben ein Kalvinischer Tuchmacher unglücklicher Weise in den Weg kam, so ward derselbe, zur Bestätigung der rechtgläubigen Lehre, mit Füßen getreten, und ihm ein Auge ausgeschlagen. Dieser Vorgang, wobey sich die Regierungskanzley in Glückstadt, sehr unorthodoxer Weise, der Kalvinisten annahm, und dem geistlichen Ministerium mehrere Verträglichkeit und Behutsamkeit empfahl, machte des Mackligius Sache eben nicht besser. Lic. Wulkenkragenius, ein cholerischer Mann, der nicht verwinden konnte, daß ihm von der Obrigkeit, die doch nur aus Layen bestand, so ein trockner Verweis gegeben worden, arbeitete eifrig, daß der gute Mackligius ganz und gar vom Amte abgesetzt werden sollte. Hierinn stand ihm, unter der Hand, Diakon Pypsnövenius nicht wenig bey, als welcher, durch den mächtigen Beystand seines Gönners, des Kirchenprobstes D. Puddewustius, in die Archidiakonatsstelle zu rücken dachte. Aber Archidiakon Weelstertius und Diakon Slabörderius, welche von der Gegenpartey waren, und überdem von der Vakanz, die durch Mackligius Absetzung entstanden seyn würde, keinen Vortheil zu ziehen wußten, brauchten ihre Bekanntschaften in vornehmen Häusern, wo sie Hofmeister gewesen waren, dergestalt, daß nur bloß aus dem Konsistorium ein Befehl an Mackligius ergieng, seinen Informator nie wieder die Kanzel besteigen zu lassen, und sich, der Reinigkeit der Lehre wegen, mit einem neuen Eide zu verbinden. Diesen leistete er zwar ungesäumt, aber er verlor nichtsdestoweniger sein Filial. Denn der Edelmann, der sich für die Reinigkeit der Lehre hätte erstechen lassen, hatte von ihm, durch die heimlichen Einblasungen des Diakon Pypsnövenius, solch eine widrige Meinung bekommen, daß er ihn weiter auf seinem Erbgute nicht dulden wollte, sondern seine Pfarre dem Landprediger Ehrn Suursnutenius, einem ehrbaren konkordanzfesten Manne verlieh, zu nicht geringem Mißvergnügen des Diakon Ehrn Pypsnövenius, welcher, da ihm die Archidiakonatsstelle zu Wasser geworden, durch die kräftige Rekommendation des Kirchenprobsts, das Filial gewiß nicht zu verfehlen gedachte. Gleich wie man aber leider! mehrere Beyspiele hat, daß die Kirche der Küche weichen muß, so war auch hier die Rekommendation des Probstes nicht so kräftig, als die Rekommendation der Haushälterinn des Edelmanns, welcher Suursnutenius von ihrer Base war empfohlen worden, die da war eine Halbschwester eines Dingschreibers, dessen Mutter Gevatterinn war von einem Geschwisterkinde der Frau eines Kammerdieners, dessen gnädige Frau eine Kammerjungfer hatte, welche Beichtkind war eines Predigers in einer andern Stadt, dessen Kinder Ehrn Suursnutenius eine Zeitlang unentgeldlich unterrichtet hatte. Dieß verursachte zwischen Ehrn Suursnutenius und Ehrn Pypsnövenius einigen Wortwechsel, und nachher nicht geringe Kaltsinnigkeit, welche endlich Anlaß gab, daß die gewöhnliche Freytagsversammlung sich ganz und gar zerschlug. Der Himmel weiß, wie es seitdem mit der Kenntniß der neuen Litteraturgeschichte, und mit den Bärten der Landprediger, in diesem Theile Holsteins, beschaffen seyn mag. Doch mit dem guten Sebaldus war es, auf alle Weise, noch viel schlechter beschaffen. Da Ehrn Mackligius ihn bloß des Filials wegen zu sich genommen hatte, so wußte er ihn nunmehr ferner gar nicht zu gebrauchen, sondern dankte ihn unverzüglich ab. In der Stadt wollte niemand einen Mann unter sein Dach nehmen, der die gottlose Irrlehre gepredigt hatte, daß man alle seine Nebenmenschen, wenn sie auch von anderer Religion wären, lieben müsse. Der Kammerjunker, ein Mann von feiner politischer Weisheit, hielt es seinem guten Vernehmen mit verschiedenen Männern, die im Lande ansehnliche Aemter bekleideten, nicht zuträglich, einen Heterodoxen zu beschützen. Sebaldus würde also unter freyem Himmel haben verschmachten müssen, wenn ihm nicht der Schiffer, dessen Kind mit einem Reformirten Taufzeugen getauft worden war, freywillig sein Haus angeboten hätte. Kaum war dieses geschehen, so erhielt er von seinem Freunde Hieronymus, auf den an ihn geschriebenen Brief, eine Antwort, welche seine Betrübniß vollkommen machte. Hieronymus hatte sich bey dem Verwalter nach Marianen erkundigt, und weiter nichts zur Antwort erhalten, als daß Mariane, mit Zurücklassung aller ihrer Sachen, die er, für das vom Sebaldus mitgenommene Pferd, zurückbehalten habe, entlaufen sey, niemand wisse wohin. Diese Nachricht brach dem Sebaldus gänzlich das Herz. Von seinem Sohne hatte er schon seit vielen Jahren keine Nachricht. Seine Tochter war nunmehr auch für ihn verloren, und ihre Aufführung schien seiner unwürdig zu seyn. Er selber hatte nur dem Mitleiden ein Obdach zu verdanken, und er sahe keine Aussicht, wie er sein mühseliges Leben auch nur kümmerlich fortschleppen könnte. Der Schiffer, dem sein Zustand zu Herzen gieng, schlug ihm vor, daß er nach Ostindien, der allgemeinen Zuflucht der unglücklichen Europäer, gehen sollte, und erbot sich, ihn nach Amsterdam, wohin sein Schiff eben absegelte, umsonst mitzunehmen. Dieser Vorschlag ward von dem bekümmerten Sebaldus mit beiden Händen angenommen, der nun nichts mehr hatte, was ihn in diesem Welttheile zurückhalten konnte. Er nahm schriftlich vom Hieronymus, seinem einzigen Freunde, den letzten Abschied, und empfahl ihm, seinen Kommentar über die Apokalypse, bis er aus Ostindien von ihm Nachricht erhielte, in Verwahrung zu behalten. Darauf fuhr er mit dem Schiffer nach Brunsbüttel, wo dessen Schiff lag. Er stieg an Bord, und in wenig Tagen lichteten sie die Anker, erreichten Cuxhaven, und stachen mit gutem Winde in die See. Ende des sechsten Buches . Siebentes Buch. Erster Abschnitt. Das Schiff, worauf sich Sebaldus befand, segelte eine Zeitlang mit gutem Winde, und näherte sich schon der holländischen Küste, als plötzlich in Osten ein Sturm aufstieg, der das Schiff, Vlie und Texel vorbey schleuderte, und es an die Nordholländische Küste warf, wo es, da der Wind in Nord-West lief, ohnweit Egmont scheiterte. Der Schiffer und die vornehmsten Personen wollten sich in einem Boote retten, aber es sprangen zu viel Personen hinein, und das Boot sank, in dem Augenblicke, da die darinn befindlichen Unglücklichen, das auf dem Sande festsitzende Schiff von den Wellen zerschmettern sahen. Jeder arbeitete gegen die ungestümen Wogen, so lange noch einige Kraft da war, aber die meisten ermatteten, und giengen zu Grunde. Sebaldus war unter den wenigen, die von den Wellen selbst ans flache sandigte Ufer geworfen wurden. Er kroch mit äusserster Mühe den Strand hinan, denn die beynahe völlig erschöpften Kräfte, der heftige Regen und Wind, die ausgestandene Mühseligkeiten, die Menge verschlucktes Seewassers machten ihn todkrank. Ohnweit von ihm, ward der Körper des Schiffers ans Land geworfen. Der halbtodte Sebaldus strengte alle Kräfte an, um seinem Wohlthäter zu helfen, umsonst, er lag, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben. Dieser neue Kummer, überwältigte die geringen Lebenskräfte des kaum mehr Athemschöpfenden Sebaldus. Er fiel in Ohnmacht, worum er eine geraume Zeit lag. Als er ein klein wenig zu sich selbst kam, sahe er, in dem schrecklichsten Wetter, da sich nur das äußerste Wüten des Sturms gelegt hatte, einige Strandbewohner die Ueberbleibsel der Ladung des zertrümmerten Schiffs aufs eilfertigste plündern, ehe sie der Schout in Egmont etwan ertappen könnte. Um ihn aber bekümmerte man sich so wenig, als um die übrigen todten Körper. So lag der hülflose Mann den Rest des Tages, von der ganzen Natur verlassen, trostlos, das Leben, dessen er schon vorher satt war, nicht weiter wünschend, fiel endlich, aus gänzlicher Ermattung, in ein taubes Hinbrüten zwischen Schlummer und Ohnmacht, sein letztes Bewustseyn, der Wahn, daß sein Hinsinken des Todes Anfang sey. Er erwachte wieder, mit Tagesanbruch, bloß nur vermögend, zu empfinden, den erwärmenden Strahl der Sonne, und die Ruhe des besänftigten Meeres, aber ohne Kraft sich zu bewegen, ohne Anschein von Hülfe, in der todten Stille der Gegend, die Hofnung des nahen Todes, sein einziger Wunsch. So fand ihn nach einigen Stunden, ein gutherziger nordholländischer Fischer, der weil er einige Zeichen des Lebens an ihm spürte, und aus seiner schwarzen Kleidung schloß, daß er ein Geistlicher sey, ihn weiter den Strand hinauf schleppte, so gut er konnte erquickte, und endlich Mittel fand, ihn bis in seine Hütte zu bringen. Der gutherzige Nordholländer pflegte ihn daselbst, wie es seine eigene Armuth erlaubte, so daß der Kranke bald wieder an Kräften zunahm. Beide konnten nur mit vieler Mühe einander verstehen, durch Hülfe des Plattdeutschen, das Sebaldus in Holstein gelernet hatte. Sebaldus verheelte die Verlegenheit nicht, in der er sich befand, da er von allem Nothwendigen entblößt, die weite Reise nach Ostindien unternehmen sollte, die in seinem Elende noch seine einzige Hofnung war. Da der Fischer vernahm, daß Sebaldus lutherisch sey, schlug er ihm vor, er wolle ihn zu einem lutherischen Prediger nach Alkmar bringen, der ihm zu fernerem Fortkommen behilflich seyn werde. »Weg! rief Sebaldus, dessen Gemüth durch mannigfaltiges Unglück verbittert war, weg mit den Geistlichen, sie sind an allem meinem Unglücke schuld! wehe mir! wenn ich mich wieder an sie wenden sollte!« »Aber dieser, sagte der Fischer, ist ein frommer wohlthätiger Mann.« »Wohlthätig? rief Sebaldus voll Unwillen, ich kenne sie! Sind sie nicht kalt und hartherzig, so thun sie nur denen gutes, die mit ihnen im gleichen engen Zirkel ihrer Lehrmeinungen herumgehen, außer demselben, bestreiten sie, verdammen sie, lassen Hungers sterben, so sehr sie vermögen.« »Dieser ist aber doch ein recht guter Mann, versetzte der Fischer. Der vorige Prediger, hat immer mit der Ehrw. Classis viel Streit gehabt, dieser aber verträgt sich mit den Reformirten und mit den Mennonisten, so wie mit seinen eignen Glaubensbrüdern.« »Er ist verträglich? rief Sebaldus. Wohl! so laßt uns zu ihm gehen. – Doch lieber Mann, sagte er, seufzend, indem sie fortgiengen, wißt ihr nicht einen gutherzigen Krämer oder Bauern, zu dem würde ich beynahe mehr Zutrauen haben.« Der Fischer wuste sonst niemand, und sie giengen nach Alkmar . Als sie in des Predigers Haus traten und ihn zu sprechen verlangten, rief ihnen die Magd entgegen: »Ihr werdet ihn ietzt nicht sprechen können, denn er ist eben von dem Leichenbegängnisse seines einzigen Sohnes zurückgekommen, und noch ganz in Traurigkeit versunken.« Doch als sie die Fremdlinge anmeldete, wurden sie vorgelassen. Der Fischer sagte ihm kurz: Er bringe ihm einen auf der See verunglückten lutherischen Prediger aus Deutschland, der, weil er sonst keine Hülfe finden können, habe nach Ostindien gehen wollen. Der Prediger fragte den Sebaldus lateinisch: »Was ihn bewogen habe, sein Vaterland zu verlassen?« »Unglück und Mangel« antwortete Sebaldus, – sich nicht getrauend, gegen den Prediger eine nähere Veranlassung anzugeben. – »Aber Unglück und Mangel, läßt sich besser in der Nähe abhelfen, ohne daß man die Seinigen verlasse.« »Ach! mir ist niemand übrig, der mich vermissen könnte, niemand ist (die Thränen flossen ihm von den abgehärmten Wangen,) in diesem ganzen Welttheile, den ich den Meinigen nennen könnte.« »Du bist also nicht verheurathet, Freund, hast keine Kinder?« – Er sah den Sebaldus starr an und seufzete. – »Ach meine Frau ist längst unter Kummer und Unglück erlegen. Kinder? Ach ja, leider! ich habe Kinder. Eine Tochter, die meiner ganz unwürdig ist, einen Sohn, der in der Welt herumirret, seinen Vater längst vergessen hat, – oder vielleicht auch, – setzte er verzweifelnd hinzu, – nicht mehr herumirret, denn seit zwey Jahren, habe ich keine Nachricht von ihm.« »Und du nennest dich unglücklich, Freund! da du Kinder hast? Siehe mich an!« Er bedeckte sein Angesicht mit der Rechten, – »Mein einziger Sohn ist tod! die Stütze meines Alters ist dahin! – wollte Gott! er irrte noch in der Welt herum. – Ich wollte sein warten, Jahre lang sein warten! Hätte er Fehler begangen? welches göttliche Vergnügen, ihn zu bessern, ihm in meinen väterlichen Armen zu vergeben! Du hast Unrecht, Freund. Dein Sohn wird von seinen Wanderungen zurückkehren, deine Tochter wird den Irrweg verlassen, ins väterliche Haus, zur Tugend, zurückkehren wollen, – und das väterliche Haus ist leer! Ihr Vater ist von ihnen geflohen! – Ach, Freund! Sie sind unglücklicher, als du!« »Für mich ist kein Haus mehr da!« – Er sahe den Prediger mit starrer Verzweiflung an. – »Nicht einmahl ein Obdach in diesem ganzen Welttheile!« Sein Haupt senkte sich, und er legte seine gefalteten Hände auf seine Knie. – »Und wer hat es dir genommen?« sagte der Prediger mit einem Tone voll holländischer Kälte, die Sebaldus für Gleichgültigkeit nahm. »Priester haben mich verfolgt, versetzte Sebaldus, auffahrend, – weil ich Wahrheit bekannte.« – Er stand hitzig auf. – »Haben mich von Lande zu Lande gejagt, wollen mich nicht einen Bissen Brod essen lassen.« »Und Freund! du bist gewürdigt worden, um der Wahrheit willen zu leiden, und nennest dich unglücklich? Weist du nicht, welcher Lohn deiner dort wartet? – Wer waren die Feinde die dich verfolgten? Vermuthlich herrschsüchtige Prälaten, blutgierige Mönche, die Gott einen Dienst zu thun glauben, wenn sie die Ketzer vom Erdboden vertilgen. Unsere reformirten Brüder in Deutschland denken wohl zu gut, als daß sie, wie hier zu Lande noch zuweilen geschiehet, ihre protestantischen Brüder verfolgen sollten.« »Ja hat sich wohl! Reformirten? Lutheraner waren es, der Reformation Erstgebohrne, die auch nur allein die reine Lehre zuvor geerbt zu haben glauben –« Und nun, weil der gute Mann mit dem Anblicke der niederdrückenden Last seiner Unglücksfälle, seine gewöhnliche Sanftmuth, und mit der Hofnung eines bessern Zustandes, auch seine Besonnenheit verlohren hatte, kam seine ganze Geschichte, und alle seine heterodoxen Meinungen an den Tag. Der Prediger, voll Erstaunen, saß einige Minuten stille, schlug die Hände zusammen und rief: »Wie? Keine Genugthuung, keine Erbsünde, keine ewigen Strafen? Freund, du behauptest verderbliche Irrthümer, die mit dem einzigen Wege zur Seligkeit nicht bestehen können!« Sebaldus hob ungeduldig die Augen empor und redete den Fischer in gebrochenem Holländischen an: »Kennt ihr keinen Handwerker oder Taglöhner, der noch nichts vom einzigen Wege zur Seligkeit gehört hat, der wird vielleicht noch einen Bissen Brod mit mir theilen. Ich sagt euchs gleich, daß wir hier nichts ausrichten würden.« – Damit wandte er sich zornig um und wollte zur Thür hinausgehen. Der Prediger sprang auf, drehte den Sebaldus mit beiden Händen herum, hielt ihn fest, schaute ihm gerade ins Gesicht und rief: »Mensch warum verabscheust du einen Menschen, der den Weg zur Seligkeit für einzig hält? Warum hassest du ihn, ehe du ihn kennest?« Sebaldus, bey dem der schnelle Zorn allemahl der Uebergang zur Selbsterkenntniß war, antwortete mit sehr gemäßigter Stimme: »Ich hasse niemand, aber, Gott weiß es, diese Priester, welche ausschließende Seligkeit an Lehrformeln binden, haben mich gezwungen, sie zu verabscheuen, weil sie jeden hassen und verfolgen, der, so wie ich, glaubt, daß Leben und nicht Lehre, hier rechtschaffen und dort selig mache.« »Und, wenn du, erwiederte der Prediger, indem er die Hände sinken ließ, und seine Rechte auf Sebaldus Schulter legte, – glaubst, daß man bey jeder Lehrmeinung rechtschaffen seyn kann, warum willst du, daß man es allein bey der orthodoxen lutherischen Lehre nicht seyn könne, die von frommen Leuten in Form gebracht worden, die die Kirche angenommen und die Obrigkeit bestätigt hat?« »Guter Alter! versetzte Sebaldus, etwas stammlend, wenn du so viel Ungemach von herrschenden Rechtgläubigen erlitten hättest, als ich, so würdest du die Frage nicht thun. Sie verdammen den, der anders denkt als sie, in alle Ewigkeit, und hier auf Erden, hassen sie ihn als einen Verdammten, und vertreiben ihn, so weit sie ihn erreichen können.« »Und das thun alle? Kennst du sie alle? Freylich, mein Freund! wer herrschen will, wird verfolgen. Auch ich lebe unter einer herrschenden Kirche, die verfolgt, so weit es die Obrigkeit zuläßet. Aber dazu treibt nicht Lehre, sondern Herrschsucht und Rechthaberey. Du hast Ungemach erlitten, von heftigen und herrschsüchtigen Männern, die orthodox waren. Freund! Hast du noch keinen Heterodoxen gesehen, der auch herrschsüchtig war? – Dann hättest du weniger Erfahrung als ich. Ich habe schon oft mit dem ersten Keime der Heterodoxie, auch Eigendünkel und Rechthaberey aufsprießen sehen.« Sebaldus, beschämt, vermeinte: »die böse Lehre von der ewigen Verdammniß, mache doch die Gemüther so sehr geneigt, denjenigen, den man schon als einen künftig ewig Verdammten ansiehet, auch schon hier zu verabscheuen.« »Mein Freund! rief der Prediger: die dordrechtischen Rechtgläubigen dieses Landes, haben nebst der Ewigkeit der Höllenstrafen noch die unbedingte Prädestination . Und dennoch, ist in Alkmar so mancher brave Kalvinist, der mich nicht für prädestinirt hält, und mich doch herzlich liebet. Ich bin lange in Amsterdam gewesen, wo hundert Sekten sich ihrem Lehrsysteme nach verdammen, und friedlich neben einander leben.« »Ich bin, fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort, in Berlin gewesen, wo auch Religionsverwandten aller Art friedlich miteinander umgehen, und ich habe dort nicht einmahl vom Verdammen etwas gehört, – ausgenommen etwann einmahl.« »Ey, rief der Prediger, wenn du es auch nur einmahl gehört hast, so wird es doch wohl, auch dort, mehrmahl geschehen. Höre meine Meinung: Nach meinem Lehrsysteme, daß ich Jahre lang durchgedacht habe, bist du – ich kann es nicht bergen – in Irrthümern, die deiner künftigen Seligkeit hinderlich sind, wenn Gottes Gnade nicht viel weiter gehet, als die Einsichten die ich aus seinem Worte schöpfen kann. Dieß getraue ich mir aber, nicht zu bestimmen. Sey also Gotte und deinem Gewissen überlassen. Und nun? Warum sollte ich dich nicht lieben, wenn du sonst Liebe verdienst? Ich sagte vorher, wenn mein Sohn, dessen Tod ich beweine, bloß verirrt wäre, und endlich wieder zu mir käme, würde ich ihm vergeben, und ihn zu bessern suchen. So denke ich auch gegen jeden verirrten Glaubensbruder, so gewiß denke ich so, als ich wünsche, daß jeder Glaubensbruder, wenn ich mich verirre, gegen mich so denke. Auch dich, Freund! sehe ich als meinen Bruder an! Nicht dieser ganze Welttheil hat dich verstossen, hier ist noch ein Ort, und er ist hoffentlich nicht der einzige, wo Einfalt der Sitten, Eintracht und Gastfreundschaft herrschen. Bleib bey mir, mein Bruder! Mein Haus ist das deinige, und meinen Bissen theile ich mit dir, so lange ich selbst noch einen Bissen habe.« Hiemit schloß er ihn in seine Arme, und Sebaldus, seiner Uebereilung halber beschämt, vor freudigem Erstaunen stumm, konnte nur durch Thränen antworten. Der Prediger hielt redlich, was er versprochen hatte. Er nahm den Sebaldus in sein Haus auf, er versahe ihn mit den nothwendigsten Erfordernissen. Sie hatten den freundschaftlichsten Umgang. Freylich konnte es nicht fehlen, daß nicht beide, sehr bald, über Erbsünde, Wiedergeburt und Genugthuung zu disputiren anfiengen, aber dieses machte in den menschenfreundlichen Gesinnungen des Predigers keine Aenderung, selbst alsdann noch nicht, wann Sebaldus zuweilen Argumente vorbrachte, bey denen der gute Prediger einige Minuten still schweigen, und sich erst auf Gegenargumente besinnen mußte. Auf diese Art giengen einige Wochen vorbey, bis ein Kaufmann aus Rotterdam, der eine Parthey Güter auf dem gestrandeten Schiffe gehabt hatte, deshalb nach Egmont reisete, und sich bey dieser Gelegenheit einige Tage in Alkmar aufhielt, wo er den lutherischen Prediger, seinen alten Bekannten, besuchte. Er sahe daselbst den Sebaldus, und nach einiger nähern Erkundigung, trug er demselben die Erziehung seines zweyten Sohnes unter vortheilhaften Bedingungen an. Sebaldus beurlaubte sich also bey seinem Wohlthäter, und reisete mit dem Kaufmanne nach Rotterdam. Zweyter Abschnitt. Der Kaufmann hatte bereits in seinem Hause einen Hofmeister, der zu Erziehung seiner beiden Söhne gar wohl hätte hinlänglich seyn können. Allein er hatte eine lutherische Frau, und in den Ehepakten war versehen, daß das erste Kind reformirt und das zweyte lutherisch erzogen werden sollte. Seine Frau, eine gutmüthige Matrone, mit der er in allen Dingen, auch selbst in Absicht der zwischen ihnen verschiedenen Konfession, in größter Eintracht lebte, würde mit dem Einen Hofmeister für ihre beiden Söhne, ob er gleich reformirt war, sehr wohl zufrieden gewesen seyn; wenn nicht Domine Ter-Breidelen, ihr lutherischer Gewissensrath, ihr die Nichterfüllung dieses Theils der Ehepakten, so oft zu einer Gewissenssache gemacht, und über diese Beeinträchtigung der reinen Lehre, bey ihren Mitlutherischen Vettern und Muhmen, so oft bittere Klagen geführt hätte; daß Frau Elsabe endlich anfangen mußte, ihrem Manne über diese Sache in den Ohren zu liegen. Dieser würde auch zu Bevestigung des Hausfriedens, so wie des Kirchenfriedens, schon längst ihrem Verlangen ein Genüge gethan haben. Bloß der Mangel eines dazu fähigen lutherischen Kandidaten, war bisher daran hinderlich gewesen. Es ward also der zweyte Sohn des Kaufmanns dem Sebaldus übergeben, zu nicht geringem Misvergnügen des reformirten Hofmeisters, Meester Puistma, der den Knaben schon als sein Eigenthum betrachtet hatte, und es als ein Mistrauen gegen einen so gelehrten Mann, auslegte, daß man einen Knaben, dessen Erziehung er schon angefangen hatte, einem andern anvertrauen wollte. Wahr ist es, daß er zu Erziehung der Jugend, ganz besondere Talente hatte. Er war nicht umsonst fünf Jahre in Gröningen und in Utrecht gewesen, sondern hatte daselbst alle Worte der berühmtesten Hochlehrer nachgeschrieben und den reichsten Schatz holländischer Schulgelehrsamkeit und holländischer Rechtgläubigkeit gesammlet. Er hatte alle Spitzfindigkeiten der Voetischen und Coccejanischen Theologie durchkrochen. Er wuste so genau, in wie mancherlei Sinne alle mögliche Theologanten in den sieben vereinigten Provinzen, die Haushaltungen des göttlichen Gnadenbundes geordnet und verstanden hatten, daß er noch eine neue Haushaltung hätte erdenken können. Er konnte auf ein Haar bestimmen, ob Christus im alten Testamente nur ein Bürge und fidejussor für das menschliche Geschlecht gewesen, oder noch etwas anders. Dabey hatte Meester Puistma einen besondern Fleiß auf die gesegnete Lehre von der Prädestination gewendet, und konnte, trotz einem von Miltons philosophischen Teufeln, über Vorherbestimmung und freyen Willen disputiren. Others apart sat on a hill retir'd In thoughts more elevate and reason'd high Of Providence, foreknowledge, will, and fate, Fix'd fate, free will, foreknowledge absolute, And found no end, in wandring mazes lost . Milton's Paradise lost. B. II. v. 557. Ja was noch mehr, da nach Miltons Berichte, selbst die Teufel, sich aus dem Dispute über diese Materien nicht herausfinden können, so schien dieser holländische Theologant, eine höhere Scharfsinnigkeit zu besitzen, denn er wußte so genau zusammengekettete Schlußfolgen, um den partikularsten Partikularismus zu behaupten, daß er sich selbst der Verdammniß würde übergeben haben, wenn ihm hätte bewiesen werden können, daß er nicht prädestinirt wäre. Diese theologantische Weisheit, hatte Puistma denn auch unverzüglich bey seinen beiden Zöglingen an den Mann gebracht, und sie bereits ziemlich tief in die Haushaltungen hineingeführt. Zugleich, da er sich erinnerte, daß diese Knaben einst Bürger eines Freystaates werden sollten, war er bemüht, ihnen die nützlichsten Stücke der vaterländischen Geschichte zu erklären. Dahin gehörte besonders die Geschichte des Synods zu Dordrecht, mit seinen politischen und theologischen Veranlaßungen, und wie wohl man gethan, die Remonstranten lieber nicht zu hören, damit man sie desto gemächlicher verdammen konnte, desgleichen die Vorfälle mit der sogenannten Loevesteinschen Parthie , nebst der löblichen Hinrichtung des unruhigen Oldenbarneveld u. s. w. Da er aber einst wahrnahm, daß die Knaben, als er pathetischer Weise beklagte, daß das Schloß Loevestein nicht jetzt noch zum Gefängnisse für die widerspenstigen Unrechtsinnigen gebraucht würde, indessen unter dem Tische mit Keulchen und papiernen Vögeln spielten; so ward er dadurch nicht wenig entrüstet, und erklärte sich, nach dem Beyspiele erfahrner Pädagogen, welche unartigen Knaben die Leckerbissen versagen, ihnen das köstliche Fest dieser Erzählungen so lange zu entziehen, bis sie hungriger darnach würden. Daher bestand zu der Zeit, als Sebaldus ins Haus kam, der Unterricht der beiden Knaben, bloß darinn, daß sie täglich aus dem Heidelbergischen Katechismus, ein Pensum der Abtheilung von des Menschen Elende , auswendig lernen und hersagen, dabey täglich ein Kapitel aus Beza lateinischer Uebersetzung des Neuen Testaments exponiren mußten, und von einem besondern Lehrmeister in den fünf Specien der Rechenkunst unterrichtet wurden, weil, wie leicht zu erachten, ein so gelehrter Mann, wie Meester Puistma, sich mit so gemeinen Dingen nicht abgeben konnte. Sebaldus aber brauchte bey seinem Zöglinge, eine etwas veränderte Lehrart. Er lehrte ihn nebst dem Katechismus, der lateinischen Sprache und dem Schönschreiben, noch die Geschichte, Erdbeschreibung und die hochdeutsche Sprache. Diese Lehrart gefiel den Eltern, obgleich der gelehrte Puistma über diese unnütze Dinge seine Verachtung bezeugte. Als aber Sebaldus sich freywillig erbot, beide Knaben das Rechnen und die Musik zu lehren, fieng Meester Puistma darüber Feuer, lief zu dem reformirten Domine Dwanghuysen, und klagte, daß man den ältesten Knaben lutherisch zu machen suchte, weil ihm der lutherische Informator Stunden geben sollte. Domine Dwanghuysen war mit dieser Neuerung freylich nicht recht zufrieden, weil aber der Kaufmann gedeputeerde Ouderling, oder Kirchenvorsteher war, so wollte er ihn in etwas schonen, und sprach noch vorjetzt den eifrigen Puistma zufrieden. Noch schlimmer aber ward es, als Sebaldus anfieng, seinen Zögling im Griechischen zu unterweisen, und der Kaufmann, seinem ältesten Sohne, aus dem er einen gelehrten Mann machen wollte, befahl, daß er diesen Lehrstunden beywohnen sollte. Sebaldus ließ darum Xenophons Denkwürdigkeiten des Sokrates lesen und übersetzen, und erklärte auch zuweilen einige Stellen aus Antonins Betrachtungen . Er nahm hierbey Gelegenheit, den Knaben, gute moralische Grundsätze einzuprägen, und diese Grundsätze, ihnen selbst durch Erklärung dieser vortreflichen Bücher anschauend zu machen. Hierüber setzte Puistma den Sebaldus in Gegenwart beider Eltern, aufs heftigste zur Rede. Er sagte sonder Scheu, wenn Sebaldus ein rechter Christ wäre, so würde er den Kindern nichts als die gewyde Bladeren und andere christliche Bücher vorlegen, ihnen aber nicht solche ungeweihte blinde Heiden, wie Sokrates und Antonin , zu Beyspielen vorstellen, deren Tugend schon der heilige Augustin als blendende Laster verdammt habe. Sebaldus vertheidigte sich, aber was konnte vernünftige Vertheidigung bey einem Manne, wie Puistma, helfen. Der schrie, ohne Gründe anzuhören, und lief voller Wuth, abermahls zu Domine Dwanghuysen, ihm diese neue Ketzerey zu berichten. Menschliche Tugenden, besonders die Tugenden der Heiden, waren zu der Zeit in Rotterdam eben nicht im besten Rufe. Zwar hatte damahls Domine Hofstede , noch nicht, die Laster der berühmten Heiden angezeigt, zum Beweise, wie unbedachtsam man dieselben selig gepriesen Dieses Buch ist ins deutsche übersetzt. Leipzig 1769. 8. . Es ist aber auch leicht zu erachten, daß die unsinnige Behauptung: die größten Männer des Alterthums wären, ohne Ausnahme, lasterhaft gewesen , nicht auf einmahl in eines Menschen Gehirn kommen kann, ohne daß vorbereitende Thorheiten anderer Leute vorhergegangen wären. Wirklich war schon seit geraumer Zeit in Friesland und durch das ganze Südholland , die Meinung gänge und gäbe gewesen, das menschliche Geschlecht sey von Natur elend, dumm und zum Guten unfähig. Wenn irgend jemand auf einige Art das Gegentheil behaupten, besonders wenn er sich etwann auf die Tugenden der Heiden berufen wollte, war es sehr gewöhnlich, von Arminianischer Ansteckung, Pelagianischem Sauerteige, und Socinianischem Gifte zu reden, auch wohl zu schreiben. Domine Dwanghuysen war nicht der geringste unter den rechtsinnigen Verdammern der Heiden; also ist leicht zu begreifen, daß Meester Puistma's Klage, ihn in nicht geringe Bewegung möge gesetzt haben. Er gieng auch unverzüglich zum Kaufmanne, und fuhr den Sebaldus, in dessen Gegenwart, heftig darüber an, daß er der Jugend heidnische Schriften in die Hände gebe, um ihr darum Beyspiele der heidnischen sündlichen Tugend, zur Nachahmung vorzustellen. Er decidirte, daß weder Xenophon noch Sokrates , noch Antonin prädestinirt gewesen, daß sie wegen ihrer vermeintlichen scheinbaren Tugenden kein Gegenstand der göttlichen Barmherzigkeit hätten seyn können, und also in dem höllischen Schwefelpfuhle ewig braten müsten. Sebaldus unternahm unbedachtsamer weise, die großen Männer, wider dieses harte Verdammungsurtheil zu vertheidigen, machte aber dadurch das Uebel viel ärger, denn Dwanghuysen ward sehr heftig ergrimmt, daß Sebaldus gegen ihn, als gegen einen Seelenhirten, ohne Scheu solche seelenverderbliche Meinungen behaupten wolle, und schrie, indem er aus dem Zimmer schritt, dem Kaufmanne zu, daß er einen solchen heidnischen Unchristen nicht ferner einen Augenblick unter seinem Dache dulden sollte, weil er sonst für nichts stehen wollte, wenn der seinen Hirten liebende Pöbel, sobald er ein solches Anathema Maran Atha 1 Cor. XVI. 22. verspüre, Unheil anfangen sollte. Der Kaufmann, der den Frieden liebte, und wohl wuste, mit welcher Heftigkeit Domine Dwanghuysen, das durchzusetzen pflegte, was er einmahl begehrt hatte, wäre sehr geneigt gewesen, von Sebaldus zu scheiden. Aber seine Frau nahm ihren lutherischen Sebaldus in Schutz, und wollte ihn eher nicht wegschaffen, bis ihr lutherischer Gewissensrath auch sein Gutachten darüber gegeben hätte. Dritter Abschnitt. Domine Ter Breidelen, ward also ersucht, den folgenden Tag in dem Hause des Kaufmanns zu erscheinen, und der eifrige Dwanghuysen, welcher dieß sogleich von Meester Puistma erfuhr, fand sich, ungebeten, dazu ein. Die Sitzung ward damit eröfnet, daß sich Ter Breidelen den ganzen Casum vortragen ließ, welches Meester Puistma, mit vieler Redseligkeit verrichtete. Darauf sagte der Domine viel triftige Dinge, von der Unnützlichkeit der heidnischen Weisheit, und sprach zugleich das Urtheil der ewigen Verdammniß über Sokrates und Antonin aus. Sebaldus wolte ihre Tugend und folglich ihre Seligkeit vertheidigen, aber dadurch machte er die Sache noch ärger, und ward selbst verdammt. Domine Dwanghuysen neigte sich darauf freundlichst gegen Domine Ter Breidelen, und zeigte in einer wohlgesetzten Rede, daß, so herzlich er sonst seine lutherischen Brüder liebe, so könne er doch eine so gefährliche Lehre, wie Sebaldus hege, auf keine Weise entschuldigen. Ter Breidelen rief: Sebaldus sey kein Lutheraner , sondern ein Synergist und Pelagianer ; der die ächte lutherische Lehre, von der gänzlichen Verderbniß der menschlichen Natur verschmähe. Dwanghuysen erwiederte; fast sollte man denselben, der Holland so schädlichen Sekte der Arminianer beygethan halten, weil er zu behaupten schiene, die bekehrende Gnade, sey lenis suasio oder eine sanfte Ueberredung , welche Lehre in den Kanonen des Dordrechtschen Synods , Kap. IV,7. verdammt worden. Ter Breidelen rümpfte ein wenig die Nase, bey Erwähnung des Dordrechtschen Synods . Sebaldus erschrocken, daß er bey Behauptung der unschuldigsten Wahrheiten verdammt ward, und durch vorhergehende Verfolgung furchtsam gemacht, wolte sich entschuldigen, und sich dem angenommenen Lehrbegriffe gemäßer ausdrücken. Dieß verursachte einen weitläuftigen polemischen Wortwechsel, in welchem beide Domine sehr hart aneinander kamen. Denn ob sie gleich sehr einig waren, den Sebaldus zu verdammen, so wurden sie doch, durch seine Vertheidigung, über die Ursach der Verdammung wieder uneinig. Ter Breidelen besorgte nämlich, die Meinung des Sebaldus führe zu der schädlichen Lehre von der Prädestination, Dwanghuysen hingegen vermeinte, sie führe zu weit von dieser heilsamen Lehre ab. Dieß brachte sie in einen langen Disput über den Vorzug der Augspurgischen Confeßion und des Dordrechtischen Synods , wobey sie von Sebaldus Meinungen ganz weg geriethen, und nur endlich, da sie die Mittagsglocke ans Weggehen erinnerte, übereinkamen, daß Sebaldus nach keinem von beiden lehre. Er ward also abermahls unwiderruflich verdammt. Dwanghuysen ermahnte, als sie zur Thür hinausgiengen, seinen Kirchenvorsteher, und Ter Breidelen sein Kirchkind, einen so heillosen Menschen, der mit keinem einzigen Symbolum übereinstimmte, sogleich von sich zu lassen, und Dwanghuysen besonders, erwähnte nochmals beyläufig, des hirtenliebenden Jan Hagels . Gutmüthige Layen, welche aufmerksam zuhören, wenn geistliche Herren, über die Orthodoxie und Heterodoxie eines andern streiten, befinden sich ohngefähr in der Lage, als wenn gewöhnliche Menschen, bey der Konsultation gelehrter Aerzte, über den ungewissen Zustand eines Kranken, zugegen sind. Sie trauen dem Patienten, nicht allein, bald alle die fremden Krankheiten zu, deren griechische Namen ihm von beiden Seiten zugeworfen werden, sondern, es fängt sie wohl selbst an, ein Schwindel, Kopfweh oder Gliederreissen anzuwandeln; wenn man die ganze Pathologie so vor ihnen die Musterung passiren läßt. So gieng es dem Kaufmanne und seiner Frau, die den ganzen Streit voll Betäubung angehört hatten. Sie sahen bald den Sebaldus ganz furchtsam darüber an, daß er, wider alles Vermuthen, so gräßliche Lehren behaupte, bald wollten sie ihn, mit dem vielen Guten, das sie sonst an ihm bemerkt hatten, entschuldigen, bald fiengen sie an, für sich selbst zu fürchten, ob sie wohl in ihrem Christenthume so lau geworden, um die Irrlehren nicht zu fühlen, bald gereute es sie, daß die wohlangefangene Erziehung ihrer Kinder, wieder liegen bleiben sollte. So herrschte beym Mittagsmahle ein todtes Stillschweigen, und einer sahe den andern ängstlich an, bis Meester Puistma, der, nach so wohlvollbrachter Verrichtung, sich Essen und Trinken sehr gut hatte schmecken lassen, noch zeitiger als sonst, zu seinem gewöhnlichen Mittagsschläfchen, vom Tische wegschlich. Als er weg war, sagte Frau Elsabe, zum Sebaldus, mit niedergeschlagnen Augen: »Aber lieber Meister, warum habt ihr auch meinen Kindern heidnische Bücher vorgelegt?« »Weil eure Kinder Griechisch lernen sollten und diese Bücher gut Griechisch geschrieben sind.« »Aber warum habt ihr ihnen so böse gottlose Leute zur Nachahmung vorgestellt?« »Urtheilt selbst, versetzte Sebaldus, ob sie böse und gottlos gewesen?« Hier erzählte er ausführlich die Geschichte des Sokrates , und schilderte den Charakter des Antonin . Er fragte, ob es nicht vielmehr gottlos sey, einen Fürsten zu verdammen, der nach seiner eignen Nachricht, von seinem Großvater gelernet: Leutselig zu seyn und sich nicht zu erzürnen ; von seinem Vater: Bescheiden und männlich zu werden ; von seiner Mutter: Gottesfurcht und Freigebigkeit , und nicht nur nichts Böses zu thun , sondern es auch nicht einmahl zu denken S. Antonins Betrachtungen über sich selbst, 1stes Buch im Anfange. u. s. w. Der Kaufmann und seine Frau hörten aufmerksam zu. Frau Elsabe gestand, wenn dieser Heide so gesinnet gewesen, könne es wohl nicht verdammlich seyn, ihn zum Beyspiele darzustellen. Ja sie möchte sich selbst nicht unterstehen, einen so guten Heiden zu verdammen. Hiemit stimmte der Kaufmann überein. »Aber dieß ist nicht das schlimmste, sagte er zum Sebaldus; denn die Domine wissen ohnedem mit dem Verdammen geschwinder umzuspringen als unser einer. Das schlimmste ist, daß ich Euch wider Willen der Domine nicht im Hause behalten kann, weil sie allen Leuten sagen werden, daß ihr keine rechte gewisse Religion habt.« »Eine rechte gewisse Religion? Mein Herr! die habe ich, Gott Lob! denn ich weiß, an wen ich glaube. Aber daß mein Glauben, mit dem, was verschiedene andere Leute glauben, oder andern Leuten, als Formulare zu glauben vorschreiben, zuweilen nicht übereinstimmt, ist nicht meine Schuld. Der Glauben ist eine Gewissenssache, welche nicht kann geboten werden. Ich laße gern einen jeden glauben, wovon er überzeugt zu seyn meinet, warum wollt ihr mir dieses nicht auch frey lassen?« »Ich wohl, versetzte der Kaufmann, aber die Domine schwerlich. Die lassen sich nicht gern widersprechen. Wenn Ihr einmahl nicht vor rechtsinnig gehalten werdet, werden sie beständig gegen Euch was einzuwenden haben, und wenn ich Euch in meinem Hause behalte, auch gegen mich.« »Und wenn ihr nicht recht lutherisch seyd, rief Frau Elsabe, wird's immer heissen, unsern Ehepakten sey kein Genüge geschehen, nach denen mein zweyter Sohn recht lutherisch erzogen werden muß.« »Lutherisch! rief Sebaldus aus. Sind es denn etwann lutherische Glaubensartikel, worüber gestritten worden, oder wäre nur der geringste Streit gewesen wenn euer Meester Puistma nicht einen so unvernünftigen Lärmen gemacht hätte. Ich sondere mich ja von der lutherischen Kirche noch nicht ab. Und wenn ich es auch thäte. Sind denn die Menschen jeder Konfession, durchaus auch in eine eben so eingeschränkte bürgerliche Gesellschaft eingeschlossen. Muß der, der sich von dieser oder jener Lehrmeinung nicht überzeugen kann, deshalb auch aller bürgerlichen Gemeinschaft entsagen? Darf man, ohne den genauesten Glauben an theologische Formulare, nicht die alten Sprachen oder die Geographie lehren? Macht ein Verdacht des Pelagianismus, auch eine astronomische Rechnung unrichtig, oder eine Leibrentenberechnung unsicher? Wie weit wird endlich die Einschränkung durch Bekenntnißbücher gehen? Fragt man nicht fast schon, wenn man einen Bälgentreter, Pedell oder Einheizer braucht, ob er auch rechtsinnig sey. Endlich wird man nicht Luft schöpfen, oder einen Tritt ins Land thun dürfen, wenn man nicht erst die symbolischen Bücher unterschreibt!« »Nein! versetzte der Kaufmann, da geht ihr zu weit, mein lieber Meister! Unsere hochmögenden und edelmögenden Herren, dulden in den sieben vereinigten Provinzen jedermann, weß Glaubens er auch sey. Nur freilich unsere ehrwürdigen Herren, examiniren diejenigen genauer, die sich in den Häusern der Rechtsinnigen aufhalten. Wenn Ihr nicht in meinem Hause wäret, könntet Ihr glauben, was Ihr wolltet – Aber, ich gestehe es Euch, da Euch die Domine anklagen, kann ich euch nicht bey mir behalten, und mit dem hirtenliebenden Jan Hagel mag ich auch nichts zu thun haben.« »Wahr ists, sagte Frau Elsabe, mit einem Seufzer, Domine Ter Breidelen, würde es mir bey allen Hausbesuchen vorhalten.« »Ja! fuhr der Kaufmann fort, und Domine Dwanghuysen, würde es mir in den kerkelyken Samenkomsten beständig zu hören geben, daß ich einen Arminianer herbergte.« »Großer Gott! rief Sebaldus, die Hände gen Himmel hebend. – Gütigstes Wesen, voll allgemeiner Liebe, voll allmächtiges Wohlthuns! Wie ists möglich, daß die, die sich deine Diener nennen, selbst beinahe die Sonne, die du über Gerechte und Ungerechte scheinen lässest, denen entziehen wollen, die dir auch dienen, nur nicht nach ihrer Vorschrift, sondern nach eigenem Gewissen! wie ists möglich, daß sie sie aus der Welt stoßen möchten, wenns angienge! –« Er legte seine Stirn in seine linke Hand. Frau Elsabe sagte, indem sie die Augen trocknete: »Nicht aus der Welt, lieber Meister! Es wird sich für euch ein anderer Aufenthalt finden.« »Und ich will, setzte der Kaufmann hinzu, Euch dazu alle mögliche Anleitung geben. Wollt ihr nach Alkmaar zurück, oder sonst nach einer andern Stadt? –« Sebaldus, ohne ihn zu hören, fuhr in seinem Selbstgespräche fort: »Was sollte Deine vernünftigen Geschöpfe, zu Verträglichkeit und Liebe mehr vereinigen, als dein Dienst, und was trennt sie mehr, zu bitterm Zanke und Feindschaft! –« Der Kaufmann nahm ihn bey der Hand, und sagte: »Beruhigt Euch. Hört mich. Wollt Ihr zurück nach Alkmaar zu dem guten Pfarrer, oder wollt Ihr wieder nach Deutschland, oder denkt Ihr nach Ostindien zu fahren. Es sey wo es sey. Ich will Euch Rath, Empfehlung, Unterstützung geben.« Sebaldus sahe ihn an, schlug die Augen wieder nieder, und sagte staunend: »Nach Alkmaar? – Ja das war ein guter lieber Mann, – so gut – wie Ihr, mein Herr! – – Aber wer steht mir dafür, daß ein anderer Eiferer, nicht Ihn, so wie Euch nöthiget, mir einen Platz unter seinem Dache zu versagen. – Nach Deutschland? Soll ich da schmerzliche Erinnerung, an das was mir lieb war, holen, und vielleicht noch eine neue Art von Verfolgern kennen lernen? – Nein! lieber nach Ostindien, so weit und so gefährlich der Weg auch ist. Vielleicht ist man dort noch vertragsam. Wo das Schulgezänk noch nicht Menschen gegeneinander aufgehetzt hat, wird wohl die Liebe nicht an Konfessionen gebunden seyn. Vielleicht fände sich da eine Gesellschafft, die, streitige Lehrmeinungen bey Seite setzend, nur gemeinsam erkannte Wahrheiten nutzen wollte, die, ohne nach Lehrformeln zu fragen, sich versammelte, um sich gemeinschaftlich zum Lobe Gottes zu ermuntern, sich gemeinschaftlich an gemeinnützige Pflichten zu erinnern. Welches Glück für mich, solche Gesellschafft zu finden! Welches Vergnügen, sie zu errichten! Oder ists nur ein schöner Traum? Mags doch! Dort ist wenigstens möglich, was in Europa durch Konfessionen und Synoden unmöglich gemacht wird.« »Unmöglich? doch wohl nicht ganz; versetzte der Kaufmann. Wenn Ihr, lieber Freund, sonst keine Ursachen habt nach Ostindien zu gehen, als eine solche Gesellschaft zu suchen, so könnt Ihr sie viel näher, bey uns, finden. –« »Wie? wo?« fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort. »In den vereinigten Provinzen, und selbst auch hier in Rotterdam. Sie heissen Kollegianten , oder Reinsburger , von einem Dorfe bey Leiden, wo sie jährlich zweymahl zusammen kommen, um das Abendmahl zu halten. Man findet sie besonders in Amsterdam, wo sie auch ein Waysenhaus haben. Ich habe daselbst ihren gottesdienstlichen Versammlungen, auf der Kaisersgracht , im Oranienapfel , oft mit inniger Erbauung beygewohnt.« Der Kaufmann erzehlte nun dem Sebaldus auf Verlangen, kürzlich, die Geschichte und die Verfassung dieser bisher, in ihrer Art, einzigen Gesellschafft. Sie entstand um 1619 Wer von dieser vortreflichen Gesellschaft umständlichere Nachricht verlangt, kann sie finden, in S. F. Rues Nachrichten von dem gegenwärtigen Zustande der Mennoniten oder Taufgesinnten, wie auch der Kollegianten oder Reinsburger . Jena 1743. 8. S. 241. u. f. , als politischer Ursachen willen, denen die Religion zum Vorwande dienen mußte, die Remonstranten so sehr verfolgt wurden, daß man ihnen auch nicht, Gottesdienst zu halten, verstatten wolte. Damals versammelten, um der unbilligen Härte der damaligen Gesetze zu entgehen, vier Brüder, Männer von unsträflichem Wandel, Kollegien oder Zusammenkünfte , wovon die Gesellschaft den Namen behalten hat. In der Folge geselleten sich zu ihnen, nicht wenig von den friedsamen Taufgesinnten , doch nicht sie allein; denn die Kollegianten, laßen zu ihren brüderlichen Versammlungen alle Christen, ohne auf besondere Lehrmeinungen oder Konfessionen, zu sehen; weil sie sagen: daß man in die Stadt Gottes durch verschiedene Thore eingehen könne S. Rues. S. 277. . Jeden unbescholtenen Mann, und der keine Meinungen vorträgt, die ausdrücklich der Bibel zuwider sind, lassen sie nicht allein zum gemeinschaftlichen Genusse des Abendmahls, sondern verstatten ihm auch, öffentlich über gemeinnützige Wahrheiten zu reden, wozu sie keine besonders bestellte Lehrer haben. Denn jeder, der Kraft in sich fühlt, nützliche Lehren zu geben, trägt sie, ohne Lehrton, wie ein Freund an Freunde vor, und pflegt, am Ende seiner Rede die Versammlung, bescheiden zu fragen: Ob jemand wider diesen Vortrag etwas einzuwenden habe, oder zur fernern Aufklärung der Wahrheit noch etwas beytragen wolle . Und hierauf fährt fort, wer will, mit gleicher Bescheidenheit seine Gedanken zu eröfnen. Sebaldus war entzückt über diese Nachricht, und wünschte nichts, als bald ein Glied einer Versammlung zu seyn, die mit seinen Wünschen so vollkommen übereinstimmte. Da er in Rotterdam weder bleiben wollte noch konnte, so bekam er von dem Kaufmanne, nachdem er für seine Hofmeisterschaft anständig belohnet worden, Empfehlungsschreiben an einen ihm wohlbekannten Kollegianten in Amsterdam. Sebaldus suchte sogleich seine Sachen zusammen, die ein mäßiges Päckchen ausmachten, fuhr nach Gouda , setzte sich daselbst in die Nachtschuit , und ließ sich unter den frohesten Erwartungen fortziehen. Vierter Abschnitt. Er kam des Morgens früh um fünf Uhr, vor Amsterdam, an dem Utrechter Thore, an. Gleich bey dem Aussteigen aus der Schuit, kam ihm ein Deutscher entgegen, der ihn sehr dienstfertig: Herr Landsmann, anredete, und sich erbot, ihn in eine gute Herberge zu bringen. Sebaldus versetzte: »Wenn sie nur nicht zu kostbar ist, denn meine Baarschaft ist gering. Ich bin ein armer abgesetzter Prediger.« »Sie sollen sehr billig behandelt, und doch gut bedient werden,« rief der Herr Landsmann, und griff nach Sebaldus Reisesack, den er dienstwillig auf die Schulter nahm. Sie giengen also bey Eröfnung des Thores in die Stadt. Sebaldus konnte nicht umhin, seine Freude zu bezeugen, daß er einen Deutschen gefunden, der ihn in dieser großen Stadt zurecht weise, zumahl da er der Sprache noch nicht gänzlich kundig sey. »Ach ja, ehrwürdiger Herr, sagte sein Begleiter, es ist mir Ihretwegen selbst lieb, daß ich mich von ohngefehr am Thore befunden. Sie können gar nicht glauben, ehrwürdiger Herr, wie gefährlich es in dieser Stadt ist. Insonderheit giebt es böse Leute die man Seelenverkäufer nennet, welche die unerfahrnen Fremden, besonders Deutsche, mit List in ihre Häuser locken, um sie nach Ostindien, in ein unbeschreibliches Elend, zu verkauffen.« Sebaldus erstaunte, daß es so boshafte Menschen geben könne. Indem schrie sie ein gemeines Weib auf holländisch heftig an: »Sieh den verdammten Seelhund, da hat er wieder eine Seele!« »Kommen Sie geschwind, raunte ihm sein Begleiter ins Ohr, dieß ist eine Kreatur der Seelenverkäufer, welche mit uns Zank anfangen will, damit Sie im Tumulte den Seelenverkäufern in die Hände fallen.« Sie verdoppelten also ihre Schritte, um diesem Unglücke zu entgehen, und kamen endlich an das Haus, wo die Herberge seyn sollte. Sie giengen eilig hinein. Die Thür ward hinter ihnen zugeschlossen. Wie erschrack aber Sebaldus, als ihn sein Begleiter in eine Art von Unterkammer stieß, wo ohngefähr dreißig elende Menschen auf Stroh lagen. Er brach in die heftigsten Vorwürfe gegen seinen Begleiter aus, die dieser, nachdem er ihm einigemahl in einem trotzigen Tone stillzuschweigen geboten hatte, durch derbe Schläge mit einem dicken Seile, beantwortete, wovon Sebaldus ganz betäubt auf das Strohlager niederfiel. Als er sich ein wenig erholte, sah er um sich eine Anzahl elender Schatten-ähnlicher Menschen, von Hunger, Blöße, Schlägen, Krankheit und Kummer ganz ausgemergelt, von ihrem Strohlager aufkriechen. Neben ihm lag ein Mensch, günstiges Ansehens, aber vom Fieber ganz abgezehrt, der ihm, auf seine laute Klagen mit mattaufgehobner Hand, und schwacher Stimme, hochdeutsch zusprach: »Sey geduldig Freund, denn es wartet dein noch mehr Elend; das meinige ist hoffentlich bald zu Ende.« Sebaldus fiel wieder in schwermüthiges Staunen, aus welchem er ohngefähr nach einer Stunde erweckt wurde, da man ihn holte, um vor dem Seelenverkäufer zu erscheinen, der nicht längst aufgestanden war. Sebaldus fand ihn in einem prächtig aufgeputzten und mit Huysums und Mignons Meisterstücken ausgeziertem Seitenzimmer sitzen, das von dem Elende, womit im Keller Menschen gequält wurden, so wenig Spur zeigte, als das Augesicht des hartherzigen Besitzers. Dieser nahm mit zufriedner Geberde sein Frühstück zu sich, und vor ihm lagen Erbauungsbücher, aus denen er eben seine Morgenandacht hergelesen hatte. Denn Bücher dieser Art, sind dem Schurken und dem schwachen ehrlichen Manne gleich behaglich. Dieser zieht Trost im Unglücke, und Bevestigung frommer Entschließungen aus ihnen, jener aber, der tägliche Gottlosigkeit unstrafbar gemacht zu haben glaubt, wenn er sie Morgens und Abends in vorgeschriebenen Gebeten bereuet, der den Mangel innrer Rechtschaffenheit durch äussere Religion ersetzen will, sucht die Unruhe seines Gewissens, in der Ruhe einer selbstgefälligen Andacht zu ersticken. Dieser Bube, der mit kalter Fühllosigkeit jeden Menschen im Elende konnte schmachten sehen, ließ es dabey an keiner äusserlichen Religionsübung mangeln. Er war in der gangbaren Landestheologie sehr bewandert, und fand sogar durch dieselbe eine Hinterthür, alles Böse, was ihn zu thun gelüstete, mit seiner pflegmatischen Gewissensruhe zu vereinigen, denn er hatte sich überzeugt, alles sey absolut nothwendig, er sey daher prädestinirt die Moffen So pflegt der niederländische Pöbel, die Deutschen, besonders die Niedersachsen und Westphälinger zu nennen. zu schinden, und die Moffen seyen prädestinirt, sich von ihm schinden zu lassen. Deshalb konnte er mit eben der Gleichmüthigkeit einen Moffen in seinen Keller stossen sehen, als der Koch einen Krebs in den siedenden Kessel wirft. Er fragte den Sebaldus, dessen geistlichen Stand er von seinem Unterhändler erfahren hatte, zuvörderst nach der Geschichte seiner Absetzung, und nach seinen folgenden Begebenheiten, und da er dadurch dessen heterodoxe Meinungen erfuhr, so ließ er sich in einen theologischen Disput ein, dessen Ende war, zu behaupten, daß die dem Sebaldus aufgestoßnen widrigen Begegnisse, eine Folge der göttlichen Strafgerechtigkeit wären, deren unwürdiges Werkzeug er jetzt auch seyn solle. Er führte ihm dabey zu Gemüthe, daß er Gott versuchen würde, wenn er lieber zu den stinkenden Ketzern, den Kollegianten, gehen wollte, als nach Batavia, der orthodoxen Stadt, wohin sich noch nie eine Ketzerey habe wagen dürfen. Er legte also dem Sebaldus einen schon aufgesetzten Kontrakt zur Unterschrifft vor. Dieser weigerte sich aber, weil ihm die Art, wie er zu dieser Reise gezwungen werden sollte, eine schreckliche Aussicht gab, und verlangte endlich, nach verschiedenem Hin- und Wiederreden, wenigstens Bedenkzeit, welche ihm endlich auch, bis den morgenden Tag, aber länger nicht, verstattet ward, worauf ihn der Seelenverkäufer entließ, und wieder ruhig auf sein Erbauungsbuch fiel. Als Sebaldus in den Keller zurück kam, sah er ihn von Stroh aufgeräumt, und seine Unglücksgefährten, theils in stummem Kummer, theils in fühlloser Sorglosigkeit, theils in tobender Verzweiflung. Nur sein vorheriger Nachbar lag in einem Winkel, in großer Schwachheit. Da des Sebaldus geistlicher Stand schon bekannt worden war, so verlangte der Kranke seinen Zuspruch, den ihm Sebaldus, so trostlos er selbst auch war, von ganzem Herzen gewährte. Der Kranke wurde dadurch in etwas erquickt, und konnte nun des Sebaldus Erzehlung und Klagen anhören, dem noch alles, was ihm diesen Morgen begegnet war, als ein Traum vorkam, und der sich besonders noch nicht zu überreden wuste, daß Menschen so tief sinken könnten, ihre Nebenmenschen vorsetzlich ins Elend zu stürzen. »Was bewegt diese Leute zu solcher Ungerechtigkeit? rief er zuletzt aus, warum sind wir hier wie Uebelthäter eingeschlossen? Was will man mit uns anfangen? Darf man in diesem Lande der Freyheit den friedsamen Wanderer, unverschuldet ins Gefängniß schleppen? Ist hierwider kein Schutz bey der Obrigkeit zu finden.« »Er würde gewiß zu finden seyn, erwiederte der Kranke mit schwacher Stimme, wenn ihr unsere Noth nur bekannt werden könnte. Aber in den sechs Wochen, die ich in diesem abscheulichen Loche zugebracht habe, merkte ich gnugsam, welche sichere Maasregeln unsere Peiniger nehmen, um dieses unmöglich zu machen. Von aussen hat diese Einrichtung das Ansehen, als ob der Zweck sey, ganz armen Leuten, die von allen Hülfsmitteln entblößet sind, und freiwillig nach Ostindien gehen wollen, bis zur Abfahrt Nahrung und Equippirung zu geben, und sich durch das Handgeld, welches die Ostindische Compagnie giebt, und durch eine Verpfändung des künftigen Soldes, wieder bezahlt zu machen. Es kann seyn, daß die Absicht im Anfange ganz gut gewesen seyn mag, aber jetzt wird sie, durch die List hartherziger Bösewichter, oft zu einem Misbrauch, der der Menschheit Schande macht. Wenige gehen freiwillig, viele werden durch Ränke ins Garn gelockt, durch Peinigungen zur Unterschrifft gezwungen, in Gefängnisse gesperrt, mit der elendesten Kost kaum beym Leben erhalten, und zuletzt oft, von übler Begegnung und Kummer abgemergelt, anstatt aller Erfordernisse, zu einer Seereise von einigen tausend Meilen, kaum mit ein Paar groben Hemden versehen. Und für diese elende Verpflegung werden so große Kosten angesetzt, daß das unglückliche Schlachtopfer, in Ostindien, wohl sechs oder sieben Jahre, nicht für sich, sondern für den Seelhund fahren muß. O! könnte doch die christliche Obrigkeit dieses Landes, solche unmenschliche Begegnung allezeit wissen, sie würde gewiß die Gerechtigkeit, die sie sonst immer ausübt, auch hier ausüben. Sie hat wirklich schon in den wenigen Fällen, die zu ihrer Kenntniß gekommen sind, exemplarisch gestraft. Könnte die edle Ostindische Kompagnie doch nur erfahren, wie unerhört man oft ihren Namen mißbraucht, sie würde zu ihrem Ruhme und zu ihrem Nutzen, Bösewichtern ein schändliches Handwerk dadurch legen, daß sie, auf dem ostindischen Hause, diejenigen, die sich ihrem Dienste widmen wollen, öffentlich und freiwillig annehmen, und selbst, unter der Aufsicht redlicher Leute, unterhalten und ausrüsten liesse. Aber, bis einst ein Menschenfreund, die Stimme der Nothleidenden bis zu den Ohren derer bringt, die dem Elende bis in die geheimsten Winkel nachspüren, und ihm abhelfen können; – möchten doch diese schreienden Ungerechtigkeiten, wenigstens in Deutschland bekannt seyn, möchte man sie doch in den Seestädten, auf allen Strassen, in allen Wirthshäusern, bey allen Zünften bekannt machen, möchte man auf den Kanzeln dafür warnen. Denn die Bösewichter schicken ihre Unterhändler nicht nur bis an die Gränze, sie schicken sie bis Hamburg, Bremen und Stade . Sie gebrauchen unzähliche Ränke, um den unvorsichtigen Seemann, den einfältigen Handwerker, den treuherzigen Bauer in ihre Schlingen zu ziehen. Ich selbst bin von ihnen, aus Bremen; durch die süßesten Vorspiegelungen, weggelockt und in diesen elenden Zustand gebracht worden, ich habe aber zur Vorsicht das Vertrauen, daß er sich nun bald endigen wird.« Hier schwieg der Kranke, aus Entkräftung, und Sebaldus war wieder seinen traurigen Gedanken überlassen. Er blieb darinn den ganzen übrigen Tag, die Zeit ausgenommen, da eine sparsame Mahlzeit verzehrt wurde, die zugleich so elend war, daß kaum der härteste Hunger den Widerwillen dagegen bezwingen konnte. Abends mußte er sich, unter den übrigen, auf das elende Strohlager legen. Den andern Morgen ward er wieder vor den Seelenverkäufer gebracht. Dieser suchte ihn nunmehr durch freundliches Zureden und durch starkes Getränk zur Unterschrift zu verleiten. Da Sebaldus sich aber standhaft weigerte, und aus seiner ungerechten Gefangenschaft entlaßen zu werden verlangte, so hieß es endlich, er möchte vierzehn Gulden für Wohnung und Kost des gestrigen Tages zahlen, so könne er frey weggehen. Sebaldus, froh, griff in die Tasche, aber ein angestellter Bube, hatte ihm in der Nacht sein Geld gestohlen. Er ward nunmehr hart angefahren, und ihm nur noch bis auf den Abend Bedenkzeit gegeben, und da er alsdenn noch bey seiner Weigerung blieb, ward er auf den Söller geführt, daselbst an einen Pfosten gebunden, und so lange unbarmherzig gegeisselt, bis die Schmerzen ihn nöthigten, endlich die verlangte Einwilligung zu geben. Er ward wieder in den Keller zurückgebracht, und konnte die ganze Nacht kein Auge schliessen, theils wegen Schmerzen, theils wegen der Seufzer seines kranken Nachbars, welcher mit dem Tode rang und gegen Morgen starb. Sebaldus fiel in die stumpfe Fühllosigkeit, die den tiefsten Jammer erdulden hilft, und erwartete sonder Bewegung, in welches unbekannte Land man ihn schleppen würde, und welchem unbekanntem Elende er noch entgegen sehen sollte. Indessen verschafte der Tod des einen Unglücklichen, den übrigen unvermuthet einige Erleichterung. Des Seelenverkäufers Geiz machte ihn etwas menschlicher. Er glaubte ein Kapital verlohren zu haben, indem er den Verstorbenen sechs Wochen vergebens genährt hatte. Bey einigen der übergebliebenen äußerten sich Schwachheiten, die die Furcht erweckten, daß ein ansteckendes Fieber unter ihnen einreißen möchte. Er entschloß sich also, sie sämmtlich, nachdem sie mit Wein und starken Getränken etwas erquickt worden, frische Luft schöpfen zu lassen. Vorher wurde jeder, der unterwegs nur muchsen würde, mit der schärfsten Strafe bedrohet, und so ließ er sie unter Begleitung von sechs seiner Knechte und Unterhändler, ausgehen. Sie zogen ganz langsam fort. Mancher ehrlicher Bürgersmann sah ihnen mit Mitleiden nach. Hin und wieder zuckte ein Vornehmerer über sie die Achsel, und rief: »'s sind ja nur Mofjes!« So zogen sie durch die schattigen Gänge der Plantage endlich zum Muider Thore heraus, um auf dem Dyk nach Seeburg reine Luft zu geniessen. Sebaldus Geist, obgleich von tiefem Elende niedergedrückt, erhob sich, bey Erblickung der Aussicht die nirgend ihres gleichen hat: auf dem Y und auf der Südersee, tausend Seegel, das ganze Gewühl des arbeitsamen Fleißes, auf der Landseite, grünende Wiesen und Gärten, die ruhige Schönheit der Natur. Die Gesellschaft warf sich ins Graß, und ruhte eine Stunde lang, erquickt von dem kühlen Wehen der Luft, und dem frischen Geruche des federweichen Lagers. Sebaldus insonderheit, an Geist und Körper erfrischt, brach in der Fülle seines Herzens, endlich in ein lautes Lob des Allmächtigen aus, der, für seine geplagtesten Kreaturen, in den einfältigsten Genuß seiner Schöpfung Trost und Stärkung gelegt hat. Der Schall seines Dankgebets, erweckte die Aufmerksamkeit zweener ehrwürdigen Geistlichen, die in der Gegend gleichfalls spazieren giengen. Sie hatten vorher die unglückliche Gesellschafft nur mit der allgemeinen Theilnehmung betrachtet, welche die Menschenliebe keinem Elenden versagt. Itzt traten sie näher, durch Sebaldus Stimme und Geberden gerührt, ob sie gleich seine Worte nicht verstehen konnten. Sie betrachteten ihn aufmerksam, besonders schien der älteste von beiden sehr bewegt, hob endlich die Hände empor, that einen Ausruf und wolte auf den Sebaldus zugehen. Der andere hielt ihn zurück, und man hörte, daß er sagte: »Last's seyn, Ihr würdet's sonst noch schlimmer machen.« Sie kehrten sich darauf um, und sprachen einander ins Ohr. Sebaldus, in frommer Entzückung, hatte diesen Vorfall nicht einmahl bemerkt, aber seine Gefährten fiengen an, die Köpfe zusammen zu stecken. Dieß war genug für die argwöhnischen Wächter, den ganzen Trupp sogleich aufstehen zu lassen, und ihn nach Hause zu führen. Die beiden Geistlichen, nachdem der Zug sich in etwas entfernt hatte, folgten demselben von weiten, bis an des Seelenverkäufers Haus, das sie auf diese Art entdeckten. Fünfter Abschnitt. Der eine dieser Geistlichen, der den Sebaldus hatte anreden wollen, war niemand anders als der rechtschaffene Prediger aus Alkmaar, der der Erbschaft eines Waisen wegen, eine Reise nach Amsterdam hatte thun müssen, und bey diesem zufälligen Spaziergange, den Mann, den er schon einmahl aus dem Elende errettet hatte, wieder in einer andern Noth erblickte. Er war jetzt zu seiner abermaligen Errettung nicht minder thätig als vorher. Es währte nicht eine Stunde, so hatte er schon bey dem Hoofd-Officier Anzeige gethan, und kam, in Begleitung eines Gerichtsdieners, in des Seelenverkäufers Haus, den Sebaldus zu fodern. Er hätte nur wenig Minuten später kommen dürfen, so wäre seine menschenfreundliche Vorsorge vergeblich gewesen. Denn da die Knechte, aller Vorsicht ungeachtet, wohl merkten, daß ihnen die beiden Geistlichen nicht ohne Ursach nachfolgten; so war der Seelenverkäufer, eben im Begriffe, zu thun, was er sonst that, wenn er eine Entdeckung befürchtete, nämlich den Sebaldus in das Haus eines seiner Mitgenossen zu schicken, um denselben den Nachforschungen der Obrigkeit zu entziehen. Man wollte ihn auch jetzt verläugnen, aber der Gerichtsdiener, der dieses Haus der Tyranney schon kannte, wollte sich durch keine Einwendungen abweisen lassen. Der Seelenverkäufer hatte daher kaum Zeit, in der größten Verwirrung, in den Keller zu laufen, dem Sebaldus seinen Reisesack wiederzugeben und denselben auf die kriechendeste Weise fast fußfällig zu bitten, ihn nicht unglücklich zu machen; als ihm schon der Gerichtsdiener mit dem Geistlichen folgte. Der rechtschaffne Prediger umarmte den Sebaldus, und da er aus andern Vorfällen die Gewohnheit eines solchen Hauses wohl kannte, so zahlte er sogleich dem Seelenverkäufer, ohne Einwendung, eine beträchtliche Summe, die für das Elend von sechs oder sieben Tagen gefordert ward. Aber sobald dieses geschehen, sagte er ihm auch ins Gesicht, daß er alles anwenden würde, seine gewissenlose Behandlung unschuldiger Menschen, zur Bestrafung, ans Licht zu ziehen. Er ließ sich weder durch des Seelenverkäufers vielfältige Entschuldigungen, noch selbst durch Sebaldus Bitten, zurückhalten. Er that dem Hoofd-Officier noch eine ausführlichere Anzeige, worauf dieser, seinem Amte gemäß, auf dem Stadthause , vor den Schöppen den Seelenverkäufer anklagte. Sebaldus ward über alle Umstände der erlittenen grausamen Begegnung vernommen. Der Seelenverkäufer ward in Verhaft gezogen, und ihm mit vielem Eifer der Proceß gemacht. Er ward ins Raspelhaus gesetzt, obgleich der Prediger, vor Endigung des Processes, nach Alkmaar zurückreisen mußte, und Sebaldus, der von aller Rachbegierde frey war, deshalb weiter keinen Schritt gethan hat. Indessen führte der Prediger den Sebaldus, sobald er ihn aus den Händen des Seelenverkäufers erlöset hatte, in das Haus seines Freundes, mit dem er vorher spazieren gegangen war. Es war ein mennonistischer Lehrer, ein Mann von Verstande und Redlichkeit, mit den Kollegianten wohl bekannt, der den Sebaldus von der Verfassung dieser friedsamen Gesellschaft noch näher unterrichtete, und mit ihm und dem lutherischen Prediger in derselben gottesdienstliche Versammlung gieng; wo sie alle, der Verschiedenheit ihres Lehrbegriffs und aller streitigen Fragen vergessend, in gemeinsamer Andacht das Lob Gottes anstimmten, und gemeinsam erkannte Wahrheit zu ihrer Erbauung anwendeten. Eine Art des Gottesdienstes, die Sebaldus Wünsche ganz befriedigte. Nach der Versammlung giengen sie mit dem Sebaldus, um das Empfehlungsschreiben aus Rotterdam an den Kollegianten , abzugeben, weil er Unpäßlichkeitshalber nicht zugegen gewesen war. Er nahm den Sebaldus, als ein Vater und als ein Freund in sein Haus auf, so daß derselbe, bey dieser liebreichen Begegnung, in kurzem seine vorigen Widerwärtigkeiten vergaß. Der Kollegiant war ein wohlhabender Mann, aber auch ein Mann von ausgebreiteter Gelehrsamkeit, und von edlen Gesinnungen, der seine Muße zum Besten der Wahrheit und Tugend anwendete. Er hatte schon verschiedene schätzbare Werke auf seine Kosten drucken lassen, besonders hatte er eben ein gelehrtes Tagebuch angefangen, das zur Absicht hatte, den Weg zu bahnen, daß gemeinnützige Religionsbegriffe von leeren Schulspitzfindigkeiten gesondert würden. Er schrieb es in lateinischer Sprache, weil damals, in Holland, die Vorurtheile für eine hergebrachte Orthodoxie noch so stark waren, daß sich niemand, so wie jetzt In den Vaterlandsen Letter-Oeffeningen, einem gelehrten Tagebuche, dessen vornehmste Verfasser Kollegianten sind. , getrauete, Meinungen, die nicht im Kompendium stehen, in der Landessprache vorzutragen. Denn die Gottesgelehrten in allen Ländern lassen meistens noch eher geschehen, daß man neue Meinungen und Zweifel, in der gelehrten Sprache, für sie allein vortrage, damit sie ihre Streitkunst aufs stattlichste daran üben können, als in der Muttersprache, damit gemeinnützige Wahrheiten sich in die Gemüther aller Einwohner eines Landes verbreiten mögen. Sebaldus, der die Arbeit liebte, erbot sich in kurzem selbst, seinem Wirthe in dessen Beschäftigungen behilflich zu seyn. Er that dadurch zugleich seiner vorzüglichsten Neigung Genüge, Ideen, die ihm wichtig waren, zu entwickeln und auszubilden. Der Kollegiant hingegen, mußte einen Mann, dessen Neigungen mit den seinigen so sehr übereinstimmten, bald liebgewinnen. Sie arbeiteten über verschiedene Materien im Anfange gemeinschaftlich. Indessen blieb die Arbeit bald dem Sebaldus allein überlassen, da die Krankheit des Kollegianten schnell zunahm. Der rechtschaffene Mann ward immer schwächer, und starb nach einigen Monaten. Vorher noch vermachte er im Testamente, dem Sebaldus, den Vorrath und das Verlagsrecht seiner sämmtlichen Werke, besonders des gelehrten Tagebuchs, welches anfieng Aufsehen zu machen, und allenthalben mit großer Aufmerksamkeit gelesen ward. Sebaldus beweinte von Herzen den Tod seines Freundes und Wohlthäters. Indessen, ausgenommen, daß er den Umgang dieses redlichen Mannes entbehren mußte, war sein Zustand ganz seinen Wünschen gemäß. Er hatte durch den Verkauf der ihm vermachten Werke, und durch die Fortsetzung des Tagebuchs, ein zwar sehr mäßiges, aber für ihn hinlängliches Auskommen, konnte seine Lieblingsneigung, die Spekulation, befriedigen, war übrigens unabhängig, konnte in Frieden, seiner Ueberzeugung gemäß, Gott dienen, und war noch nicht Religionsmeinungen halber angefeindet worden. So wünschenswerth indessen diese Lage war, so schien es doch Sebaldus Schicksal zu seyn, daß er, wenn er am meisten Nutzen zu schaffen glaubte, durch einen geringscheinenden Zufall, selbst Gelegenheit geben mußte, seinen Zustand zu verschlimmern. Er hatte, schon beym Leben seines Wohlthäters, sich in der holländischen Sprache festzusetzen gesucht, und es war ihm gelungen. Nachher trieb ihn die Einsamkeit langer Winterabende, auf die Lesung engländischer Bücher, die er schon in seiner Jugend geliebt hatte. Er fand unter andern ein Buch Remarks on man, manners, and things; by the Author of the Life of John Buncle. London gr. 8. , dessen Inhalt ihm größtentheils so wohl gefiel, daß er auf den Gedanken kam, es zu übersetzen, weil er meinte, daß es auch in einer andern Sprache nützlich seyn könnte. Er beschäftigte sich einige Monate lang mit dieser Arbeit, und da er meist damit fertig war, gieng er zu Mynheer van der Kuit, dem Buchhändler, der bisher den Verkauf der sämmtlichen Werke des verstorbenen Kollegianten, und auch des gelehrten Tagebuchs besorgt hatte, um ihm diese Uebersetzung zum Verlage anzubieten. Van der Kuit unterließ nicht, die gewöhnlichen Schwierigkeiten zu machen: Daß er mit Verlag überhäuft, daß der Handel gefallen sey, daß Druck und Papier immer theurer werde, daß man vorher etwas von dem Werke sehen, daß man es allenfalls gelehrten Leuten zur Prüfung übergeben, und besonders, daß man, der Kunstrichter wegen, erforschen müsse, ob nicht wider die Reinigkeit der holländischen Sprache gefehlet sey. Auf diese Erklärung, zog Sebaldus einige Hefte seiner Uebersetzung aus der Tasche. Indem dieses geschahe, trat Domine de Hysel, ein gelehrter reformirter Prediger herein, welchen Sebaldus kannte, weil er ihn oft im Buchladen gesehen hatte. Sebaldus erbot sich also, beiden etwas von seiner Uebersetzung vorzulesen. Sie giengen sämmtlich in die Schreibstube des Buchhändlers, und der Uebersetzer las, wie folget. Sechster Abschnitt. – – »Daß viele Prediger, alle Neun und dreißig Artikel Das Glaubensbekänntniß der engländischen Bischöflichen Kirche, ist im Jahr 1562, unter der Regierung der Königinn Elisabeth, auf 39 Artikel festgesetzt und 1571 durch eine Parlamentsakte bestätigt worden. Wer ein geistliches Amt erhält, muß sie beschwören. Sie sind das, was in den meisten deutschen Provinzen die symbolischen Bücher sind. beschwören, ohne sie alle zu glauben, liegt am Tage, und man muß es entschuldigen. Wer ein Hausvater ist, und sich und seine Familie, um ungerechter Formalien willen, nicht in die bitterste Noth stürzen will, der sey von mir nicht verdammt. Verdamme ihn ein hartherziger Rechtgläubiger, wenn ers vermag! Aber wie stehts um die Wahrheit? Muß die noch immer weg den Neun und dreißig Artikeln nachstehn? Ists nicht die Pflicht der gesetzgebenden Macht, zu sorgen, daß nicht, durch Formulare, die Ausbreitung der Wahrheit gehindert werde, und sollten die Bischöfe nicht selbst die Hand dazu bieten? Wenn die Neun und dreißig Artikel die Kette sind, welche die äußerste Weite mißt, in der der Verstand eines Geistlichen sich bewegen darf, so ists vergeblich, nach Wahrheit zu forschen. Seltsam gnug! daß man denjenigen, die die besten Jahre ihrer Jugend angewendet haben, sich zu einem geistlichen Amt geschickt zu machen, vorsagen will, sie haben unrecht, sich über die Strenge der Neun und dreißig Artikel zu beklagen, da sie derselben entgehen könnten, wenn sie kein geistliches Amt suchten, oder es niederlegten, wenn sie es schon hätten. Dieß ist also die Gnade, die man uns anbietet? Die Uniformitätsakte verursachte, daß im Jahre 1662, am Bartholomäustage an 2000 dissentirende Prediger auf Einen Tag, ihr Amt niederlegten, daher zweytausend Familien, ohne Brod, und zweytausend Gemeinen, ohne Gottesdienst waren. Einen solchen Bartholomäustag wünscht ihr also wieder, die ihr so kalt daher plaudern könnt, es bedürfe nur, daß jeder, der nicht nachbeten will, sein Amt niederlege, damit gar kein Gewissenszwang da sey! Das nennt ihr Duldung der Dissenters? das nennt ihr Toleranz und Sanftmuth? Bey Gott! diese Sanftmuth der Vertheidiger der Neun und dreißig Artikel , gemahnt mich, wie die Schonung der Rabbinen, die dem Verurtheilten nur neun und dreißig Streiche geben. Warlich! ob er gleich den vierzigsten nicht bekommt, so schmerzt doch deshalb keiner von den neun und dreißigen weniger. Die Schriftgelehrten haben von je her ihre Lehrgebäude so künstlich angelegt, daß jeder das seine, trotz aller Widerlegung, beweisen kann. Sie gleichen Bergschlössern, die noch dazu mit hohen Wällen und tiefen Graben umgeben sind, so daß derjenige, der darinn ist, sich ewig vertheidigen, und der, der draußen ist, sie nimmer mit Vortheile angreifen kann. Aber wie? Wenn wir diese Vestungen, die uns eigentlich nichts hindern, liegen liessen, und mit der gesunden Vernunft geradezu ins Land drängen? Die Priester hatten bis ins sechszehnte Jahrhundert ihr System in gar künstliche dialektische Schlingen verwickelt. Luther ließ sie, und gieng gerade auf die Bibel, die er allen, die lesen konnten, in der Landessprache in die Hände gab. Die fleißige Lesung dieses Buchs erwärmte das Herz, und erleuchtete den Verstand, indem sie das Nachdenken beförderte. Wollen wir auf einem gleichen Wege nicht weiter fortgehen? Man setzet immer die Vernunft der Offenbarung entgegen. Dieß mag der nöthig finden, der an eine unerklärliche Theopnevstie glaubt. Ich hoffe aber, es sey niemand jetzt mehr so einfältig, sich einzubilden, Gott habe die heiligen Bücher, ganz unmittelbar, und übernatürlich, eingehaucht . Es sind Bücher, welche zu schreiben , hat müssen Vernunft angewendet werden, und zum Lesen und Verstehen derselben, gehört auch Vernunft . Samuel Werenfels S. Sam. Werenfelsii Opuscula theologica philosophica \& philologica. Lausannae 1739 4to. Tom. II. p. 509. Der ehrliche Sebaldus hat diese Verse, nach seiner Art, folgendermaßen übersetzt: »Von Gott gemacht ist dieses Buch, Daß jeder seine Lehr' drinn' such' Und so gemacht, daß jedermann, Auch seine Lehr' drinn finden kann.« einer der gelehrtesten und rechtschaffensten Gottesgelehrten in der Schweiz, schrieb in seine Bibel: Hic liber est, in quo sua quaerit dogmata quisque; Invenit \& pariter dogmata quisque sua. Daß dieß wahr sey, lehret die Kirchengeschichte aller Sekten. Der viel, und der wenig glaubet, der Rechtgläubige, wie der Schwärmer, suchen und finden ihre Lehre in der Bibel. Was nun? Ich meine, was geschehen ist, sey nicht ohne weise Absichten der göttlichen Vorsehung geschehen. Gott hat weder das Alte Testament noch das Neue Testament , selbst, unmittelbar, aufgezeichnet. Er hat gute Leute ausersehen, welche Bücher geschrieben haben, die durch verschiedene Vorfälle, (in denen, wie in allen Dingen, auch die göttliche Vorsehung mit gewirkt hat) bey einem großen Theile des menschlichen Geschlechts in solches Ansehen gekommen sind, daß er aus denselben seine Pflichten hat kennen lernen wollen. Diese Bücher aber sind so eingerichtet, daß dieß nicht ohne Betrachtungen und Schlüsse, folglich nicht ohne Nachdenken geschehen kann. Also sind diese Bücher hauptsächlich in so fern; eine Quelle der Wahrheit , als sie das Nachdenken über Wahrheit befördern. Und wenn denn nun auch die Schlüsse und Folgerungen aus denselben verschieden sind! Wenn sie nur alle zuletzt in gemeinsame Wahrheit zusammenfließen, wollen wir uns beruhigen. Der heil. Hieronymus S. Hieronymus in Epistolis: Margaritum est Verbum Dei, ex omni parte forari potest . Nimirum ut Diatraetarii margaritas, prout commodum visum fuerit, perforant: ita haeretici verba Dei, pro captu suo interpretantur, ut volunt. S. Fried. Lindenbrogii Var. Quaest. n. 2. adi. Altercationi Hadriani Aug. \& Epicteti Philosophi. Francof. 1628. 8. , hat schon gesagt: ›das Wort Gottes ist eine Perle. Ja wohl, eine Perle! denn gleichwie die Künstler die Perlen, wo es ihnen gutdünkt, durchbohren, so haben alle Sekten Gottes Wort, nach ihrem Sinne ausgelegt, und es, wie Perlen, auf den Faden ihres Lehrsystems gereihet.‹ Die heiligen Bücher sollen mir beständig Quellen des Nachdenkens über Wahrheit bleiben. Wer aber andere Quellen des Nachdenkens über Wahrheit zu finden glaubt, besonders, wenn er mit mir auf gleiche gemeinsame Wahrheit zurückkommt, den verdamme wer will, ich nicht. Verdamme wer will, fast ganz Asien und Afrika, und den größten Theil von Amerika. Sie kennen diese Bücher nicht, und doch hat sie der allgemeine Vater, gewiß nicht ohne Wahrheit, und ohne Glückseligkeit, ihre Folge, lassen wollen. Wenn ich in den heil. Büchern, eine Stelle finde, in welcher von einem Gotte die Rede ist; und lese, erst nach Jahrhunderten sey gefunden worden, daß ein durch ein zu dünnes Pergament durchgeschlagener Queerstrich Im Alexandrinischen Kodex, scheint, der mittelste Queerstrich des ersten E in dem Worte EYCEBEIAC, durch das Pergament, gerade an der Stelle durch, wo der Spruch 1 Tim. III. 16. geschrieben ist. Dadurch, scheint das O in OC ein Θ zu seyn, deshalb man lange Zeit ΘC gelesen, welches die Abbreviatur von Θεος ist. S. Wetstenii Proleg. in N. T. Edit. Halens. S. 54. u. f. , den Gott veranlaßet hat. Wenn ich lese, daß nach Jahrhunderten entdeckt worden, es habe sich ein nicht Der berühmte Clericus warf zuerst Röm. V, 14. das μη aus dem Text, in einem Briefe, der der zweyten Ausgabe von Mills N. T. vorgedruckt ist, und in Arte crit. P. III. Sect. 1. c. XV. §. 15. Unter den deutschen Auslegern hat der berühmte Semler eben dieses, aus guten Gründen gethan. Man sehe dessen Apparat. ad libr. N. T. interpr. S. 59. und dessen Paraphrase dieser Stelle. in den Text geschlichen, so daß anstatt der nicht sündigenden , die sündigenden verstanden werden müssen. – Bin ich verdammenswerth, weil ich glaube, die bloßen Buchstaben dieser Offenbarung, die so vielen Veränderungen unterworfen seyn können, über deren wahre Lesarten man noch nicht einig ist, können nicht bloß und allein den Grund der Wahrheit und meiner künftigen Glückseligkeit enthalten. Wenn ich in der Kirchengeschichte lese, man habe Jahrhunderte lang gestritten, welche Bücher kanonisch seyn sollten und welche nicht. Wenn ich finde, daß der Kanon auf Koncilien bestimmt worden, und aus der Kirchengeschichte weiß, wie die meisten Koncilien beschaffen gewesen. Wenn ich finde, daß das Buch des weisen Sirach unter den apokryphischen , und ein anderes Buch, voll mystischer Bilder unter den kanonischen stehet, – kann ich mich enthalten zu zweifeln, zu untersuchen? Und was kann ich dazu brauchen, als meine Vernunft, die auch eine Gabe Gottes ist. Wenn ich in einem dieser Bücher lese: 2 Brief Joh. v. 9-11. ›Wer übertritt und bleibet nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott. So jemand zu euch kommt, und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht zu Hause, und grüßet ihn nicht, denn, wer ihn grüßet, der macht sich theilhaftig seiner bösen Werke.‹ Wenn ich in einem andern lese: Brief Juda v. 5. ›Der HErr brachte um, die da nicht glaubeten.‹ – – Bin ich verfluchenswerth, weil ich nicht mit blindem Köhlerglauben alles annehme, wie es buchstäblich da stehet, sondern vermeine, daß in diesen Büchern, vieles, nicht für die allgemeine Menschheit, nicht für mich, geschrieben sey, aber dennoch redlich, alle das Gute und Nützliche, das ich in diesen Büchern finde, zu der Masse der Erkenntniß schlage, die ich aus Natur und Erfahrung geschöpft habe. Wenn ich zurückdenke, was man ein Paar Jahrtausende lang mit der Bibel vorgenommen hat, um alles, was man wollte, darum zu finden, so muß ich erstaunen. Man hat sie, dogmatisch, exegetisch, typisch, mystisch, prophetisch erklärt. Man hat sie übersetzt und kommentirt, parallelisirt und analysirt, abgekürzt und wieder paraphrasirt! But that's Nach Sebaldus Uebersetzung: »Das arme Buch! Was muß es nicht ertragen! Von jeher hat es sich geduldig laßen plagen, Und schief verzerrn, nach jedes Lehrers Lehren, Griech'sch und Hebräisch kann sich ja nicht wehren!« no news to the poor injur'd page It has been us'd as ill in every age – And is constrain'd with patience all to take, For what defence can Greek and Hebrew make! Ist zwischen blindem Glauben an die Offenbarung und schädlichem Unglauben gar kein Mittelweg? Ist jeder Freydenker verwünschenswürdig? O Waterland! Waterland! D. Waterland war ein eifriger Vertheidiger der Anglikanischen Orthodoxie. Wenn du gleich den Biedermann Herbert , und den Sittenlehrer Shaftesbury , mit Rochester, Etherege und Villers , in Eine Klasse wirfst; glaub mir, es kommt eine Zeit, wo weise Gottesgelehrten, einem Tindal den Beweis, daß das Christenthum so alt als die Welt ist , verdanken werden. Das folgende Kapitel, soll D. Pococke in einem zu Cairo befindlichen Codex, anstatt des 22ten Kapitels des 1. Buchs Mose gefunden haben. Kanonisch oder nicht, ich gebe das erste bis neunte Kapitel des ersten Buchs der Chroniken dafür. Nach diesen Geschichten begab sichs, daß Abraham saß in der Thür seines Hauses, da der Tag am heißesten war. Und siehe, ein Mann kam von der Wüsten her. Er war gebückt für Alter, und sein schneeweisser Bart hieng ihm bis auf seinen Gürtel, und er lehnete sich auf einen Stab. Und da ihn Abraham sahe, stand er auf, und lief ihm entgegen von der Thür seiner Hütten und sprach: Komm herein ich bitte dich. Man soll dir Wasser bringen, deine Füße zu waschen, und du sollst essen und die Nacht bleiben, morgen aber magst du deinen Weg ziehen. Und der Mann sagte: Nein, ich will unter diesem Baume bleiben. Aber Abraham bat ihn sehr; da wandte er sich und gieng in die Hütte. Und Abraham trug auf, Butter und Milch und Kuchen, und sie aßen und wurden satt. Da aber Abraham sahe, daß der Mann nicht Gott segnete, sprach er zu ihm: Warum ehrest du nicht den allmächtigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erden? Und der Mann sprach: Ich ehre nicht deinen Gott, auch rufe ich seinen Namen nicht an; denn ich habe mir selbst Götter gemacht, die in meinem Hause wohnen, und hören mich, wenn ich sie anrufe. Und Abrahams Zorn entbrannte gegen den Mann, und er stand auf, und fiel auf ihn, und trieb ihn fort in die Wüsten. Und Gott rief Abraham, und er antwortete: Hie bin ich. Und er sprach: Wo ist der Fremdling, der bey dir war. Und Abraham antwortete und sprach: Herr, er wollte dich nicht ehren und deinen Namen anrufen, darum habe ich ihn von meinem Angesichte getrieben, in die Wüsten. Und der Herr sprach zu Abraham: Habe ich ihn nicht ertragen, diese hundert und acht und neunzig Jahre, und habe ihm Nahrung und Kleider gegeben, ob er sich gleich gegen mich auflehnet, und du konntest ihn nicht Eine Nacht ertragen? Und Abraham sprach: Laß den Zorn des Herrn nicht entbrennen gegen seinen Knecht. Siehe ich habe gesündigt, vergieb mir, ich bitte dich. Und Abraham stand auf, und gieng fort in die Wüsten, und rief, und suchte den Mann, und fand ihn, und kehrte mit ihm zurück in seine Hütte, und that ihm gütlich, und den andern Morgen früh ließ er ihn ziehen in Frieden. D. Thornton in seiner Vertheidigung der Neun und dreißig Artikel , sagt: Zu behaupten, es sey nicht nöthig, daß die Meinungen der Prediger mit den symbolischen Büchern übereinstimmen müßten; würde eben so ungereimt seyn, als zu behaupten, es sey besser, die Decken auf den viereckigten Tischen, welche mitten in unsern Zimmern stehen, lägen schief und zipflicht, als gerade und rechtwinklicht. Wahr ists, zu den Zeiten der Königinn Elisabeth , war unser Religionssystem, wie unsere Philosophie, einem unansehnlichen viereckigten Tische ähnlich, den wir dennoch mitten im Zimmer stehen ließen. Er hatte also die Decke sehr nöthig, und sie paßte auch ganz wohl darauf. Aber seit einiger Zeit meine ich bemerkt zu haben, daß, besonders bey Leuten nach der Welt, gar keine Tische in der Mitte des Zimmers stehen. Ich sehe zwar an den Wänden zierlich ausgeschweifte Marmorplatten, die auf vergoldeten Füßen ruhen. Die bedürfen aber keiner Decke, und wollte man die alte Decke darauf legen, so würde sie eben deshalb zipflicht hängen, weil sie viereckigt ist. Hat aber noch jemand einen Tisch nach der alten Art in seinem Zimmer, der lege meinetwegen auch die alte Decke darauf. – Der du einen neuen geraden Weg bahnen willst! Du wirst auf Hügel stoßen! Laß dich keine Mühe reuen, sie abzutragen, um den schönen Weg nach der Schnur zu führen! Aber, wenn dein neuer Weg auf ein Haus stößet, reiß es nicht weg, so lang Menschen drinn wohnen, achte es nicht, daß der Weg lieber etwas gekrümmt daneben weg gehe! Es kommt in der Zukunft wohl noch eine Zeit, daß das Haus, Baufälligkeitshalber, oder aus andern Ursachen, neu muß gebauet werden, alsdenn wird ein kluger Mann nicht versäumen, es auf eine andere Stelle zu setzen und den Weg ganz gerade zu machen. Sey mit dem zufrieden, was du hast thun können, und überlaß das übrige der Nachkommenschaft.« Siebenter Abschnitt. Hier hielt Sebaldus mit Lesen inne, und fragte seine beiden Zuhörer, was ihnen dazu dünkte. Van der Kuit antwortete: »Hm! solch Buch sollte sich wohl verkaufen,« und sah dabey mit sonderbar schlauer Mine, den Domine an. Domine de Hysel, versetzte mit niedergeschlagenen Augen: »das mag mein Herr van der Kuit am besten verstehen.« Van der Kuit that noch einige Fragen, um den Domine auszuholen. Dieser aber wich aus, kam auf eine andere Rede, fragte, ob von Sebaldus Journale nicht ein neues Stück heraus gekommen sey, sah nach seiner Uhr, sagte, daß er eilen müßte, empfol sich, und gieng fort. Sebaldus ließ seine fertigen Hefte in den Händen des Buchhändlers, bat ihn die Sache zu überlegen, und gieng, weil eben einer der ersten Frühlingstage war, sehr zufrieden, seinen Lieblingsspaziergang auf den Dyk nach Seeburg, um sich an der Aussicht auf das Y zu laben. Der Buchhändler gieng, nachdem er sowohl den Domine, als den Sebaldus, bis vor die Thür seines Ladens begleitet hatte, bedächtig in seine Schreibstube zurück, um zu überlegen, ob nicht eine Spekulatie zu machen wäre. Mynheer van der Kuit, war ein Buchhändler, der das Handwerk verstand, und trieb es auch als ein Handwerk. Ein Buch sahe er als ein Ding an, das verkauft werden könnte. Weiter kümmerte ihn nichts dabey. Aber hierzu wuste er auch alle Vortheile zu suchen, und noch besser sich dabey vor allem Nachtheile zu hüten. Dabey bemühte er sich nicht etwan um kleine gemeine Vortheile, z. B. für ein neues Buch einen pfiffigen Titel zu ersinnen, über ein verlegenes Buch, nebst einer neuen Jahrzahl, einen neumodischen Titel zu schlagen, sich des Verlagsrechts eines zu übersetzenden Buches dadurch zu versichern, daß man es ankündigt, ehe es noch im Originale erschienen ist, u. d. gl. mehr. Nein! Mynheer van der Kuit spekulirte ins Große. Er war von weitem her, achtsam auf alles, was ihm einmahl dienen könnte, und that als ob die Leute, die er zu nichts zu nutzen wußte, ja selbst, als ob die Bücher die er nicht hatte, nicht in der Welt wären. Sein Hauptgrundsatz war, was er selbst brauchen könnte, müsse ein anderer nicht haben. Hiezu wußte er, oft durch die vierte Hand, Maschinen in Bewegung zu setzen, und konnte nachher ganz unbefangen dabey aussehen, als ob ihm die Sachen so ganz natürlicherweise in die Hände gelaufen wären. Es ist wahr, er handelte dabey nicht allemahl ganz genau nach den gewöhnlichen Grundsätzen der Ehrlichkeit und der Menschenliebe. Er hatte aber seine Partie dergestalt genommen, daß er, wo es hingehörte, von Ehrlichkeit und Menschenliebe ganz fein zu reden wuste, und da man ihm weder die Ehrlichkeit absprechen konnte, daß er seine Schulden richtig bezahlte, und auch eben so pünktlich eintrieb, noch die Menschenliebe, daß er keinen Bedürftigen ohne Allmosen weggehen ließ, wenn jemand zugegen war, und keinen Schuldner verklagte, von dem er vorher sahe, daß er nicht würde bezahlen können; so war keinesweges zu beweisen, daß er, mit seiner Schlangenklugheit, nicht auch die Falschlosigkeit einer Taube verbinde. Dieser Mann hatte es lange mit einer Art von Widerwillen angesehen, daß er bey dem Drucke, der so gut verkäuflichen Werke des Kollegianten, nichts als nur der Namenleiher seyn sollte. Besonders war ihm dieses bey dem gelehrten Tagebuch aufgefallen, von welchem er monatlich eine große Anzahl Exemplarien, zu seinem Mißvergnügen absetzte, weil ihm bey jedem Exemplare einfiel, daß dieß Werk eigentlich sein Eigenthum seyn sollte, und nicht des Kollegianten, der nur die Kleinigkeit dabey that, daß er es schrieb. Indessen, da der Kollegiant ein reicher und angesehener Mann war, der auch eine zahlreiche Bibliothek unterhielt, so mußte van der Kuit schon sein Mißvergnügen in sich schlucken. Da aber Sebaldus, ein armer unbekannter Fremder, das Eigenthum dieses Werks erhielt, sahe der erfahrne Buchhändler keinen Grund, warum er mit demselben auch ferner so viel Nachsicht haben sollte. Er setzte also bey sich fest, daß er dieses Werk einst ganz an sich ziehen müsse. Er hatte dem Sebaldus, zu diesem Behufe, einige wohlausgesonnene Vorschläge gethan, welche dieser, der in Geschäften ziemlich kurzsichtig war, sich sehr leicht würde haben gefallen laßen, wenn nicht van der Kuit, welcher zu viel Absichten auf einmahl erreichen wollte, ihm zugleich ein paar Mitarbeiter hätte aufdringen wollen, die zwar nach van der Kuits, nicht aber nach Sebaldus Absichten arbeiteten. Er bekam also eine ausdrückliche abschlägige Antwort. Diese Widerspenstigkeit eines Autors brachte ihn nicht wenig auf, und bestärkte ihn in seinem löblichen Vorsatze, das Journal zu besitzen und zugleich nach eigenem Gefallen zu regieren. Dieser Vorsatz, wobey er, nachdem er einmahl einen Schritt deshalb gethan hatte, seine Ehre interessirt glaubte, lag ihm beständig im Kopfe. Da er nun jetzt über das Schicksal von Sebaldus Uebersetzung spekulirte, und einestheils wohl erwog, daß sie möchte verkäuflich seyn, anderntheils aber auch Verdrießlichkeiten mit der Geistlichkeit befürchtete, durch deren Kundschaft er so manche schöne uitlegkundige Vermaaklykheeden, Verklaaringen und Leer-Reeden verkaufte, so konnte er mit sich noch gar nicht einig werden, wie der Gewinn davon, mit rechter Vorsicht, und doch unbeschnitten könnte erlangt werden. Mit einemmahle fieng seine Spekulation an, einen andern Weg zu nehmen. Er hieng das Angesicht, krümmte die Unterlippe, legte den Zeigefinger der linken Hand an die Nase, und endlich schien es ihm ganz natürlich vor Augen zu stehen, daß durch diese Uebersetzung, auch wenn sie nicht gedruckt würde, das gelehrte Tagebuch sein Eigenthum werden müßte. Diese wichtige Entdeckung machte ihn unruhig, er gieng aus seiner Schreibstube in den Laden, aus dem Laden in die Schreibstube, schnalzte mit den Fingern, rückte die Perucke, zog die Beinkleider auf, rieb sich die Hände, eilte mit Sebaldus Uebersetzung nach Hause, die er, ohne ans Abendessen zu denken, ganz durchlas, die nöthigen Stellen mit einem Kniffe bezeichnete, sein Projekt nochmals durchdachte, und sich darauf voller Zufriedenheit zu Bette legte. Den folgenden Tag, bey früher Tageszeit, verfügte er sich zu Domine de Hysel, dem er die ganze Uebersetzung vorlegte, und ihm die Beschaffenheit des Buchs erklärte. Er las ihm zugleich alle die angezeichneten Stellen vor, in deren jeder er eine derbe Ketzerey zu finden vermeinte. Er versicherte, »er wisse daß Sebaldus gefährliche Absichten gegen die Landesreligion im Schilde führe, und daß er ein Socinianer sey. Er suchte zugleich den Domine zu bewegen, dieses gefährliche Buch der Obrigkeit anzuzeigen. Oder wenn man, aus Menschenliebe, dieß noch unterlaßen wolle, so gab er zu verstehen, der Domine werde doch in seiner Gegenwart, dem Sebaldus, wegen seiner gottlosen Meinungen, die, wie er vernommen, auch schon hin und wieder in dem Journale zu Tage lägen, stark das Gewissen schärfen, und wenn dieses, wie zu befürchten wäre, nicht helfen sollte, allenfalls bey der Obrigkeit zeugen, daß er einen Theil dieses bösen Buchs vorlesen hören, und daß es habe zum Drucke befördert werden sollen.« Mynheer van der Kuit, hoffte von dieser Rede, die er wohl ausstudirt hatte, den erwünschtesten Erfolg. Wider Vermuthen aber, antwortete Domine de Hysel auf verschiedene Fragen gar nichts, und erklärte endlich, mit zerstreuter Mine: »daß er gestern wirklich nicht recht acht gegeben, als der Heft vorgelesen worden. Im Grunde sey manches doch auch nicht so schlimm, und könne besser ausgelegt werden – – ob ers gleich auch nicht vertheidigen wolle – – Da das Buch noch nicht gedruckt sey, wäre es ohnedieß zu hart, die Bestrafung von der Obrigkeit zu verlangen. Er dürfe dem Herrn Nothanker ja nur den Verlag abschlagen, – – welches er ihm zwar auch nicht eigentlich rathen wollte – – Kurz, er bäte ihn, zu glauben, daß er gestern gar nicht acht gegeben habe, und niemand ihre heutige Unterredung zu entdecken – – er könne sich nicht wohl in die Sache mischen.« Und bey allen diesem ließ er deutliche Zeichen der Verlegenheit merken. Van der Kuit konnte gar nicht begreifen, wie die Entdeckung eines Ketzers, auf einen rechtsinnigen Geistlichen so wenig Eindruck machen könnte, denn er hatte gewiß geglaubt, ihn ganz bey seiner Schwäche zu fassen. Da er nun merkte, daß er den Beystand, den er gewiß von dem Domine zu erhalten hoffte, verfehlt hatte, und es nicht dienlich fand, demselben die wahre Ursach seines Antrags näher zu erklären, so gieng er, nachdem er sich dienstlich empfohlen, ziemlich betroffen, zur Thür hinaus. Wollte der geneigte Leser etwan aus diesem Vorfalle schließen, daß Domine de Hysel heimlich heterodoxe Gesinnungen geheget, so würde er sich irren; denn der Domine, wollte an keinem einzigen Schlusse des Dordrechtschen Synods etwas geändert wissen. Wollte man etwan vermeinen, der Domine habe die Meinungen des Buchs für unschädlich gehalten, und geglaubt, man könne sie dulden; so würde man noch das rechte Ziel nicht treffen, denn er war gar nicht geneigt sie zu billigen. Kurzum, alles zu erklären, darf man nur wissen, daß Domine de Hysel, nachdem er den Zweck seiner theologischen Universitätsstudien, ein geistliches Amt, erreicht hatte, sich nunmehr, seine nothwendigsten Amtsgeschäfte ausgenommen, um geistliche Angelegenheiten ganz und gar nicht bekümmerte, und daher, gegen Orthodoxie und Heterodoxie, gegen Duldung und Verfolgung, eigentlich ganz völlig gleichgültig war. Er würde durch Aufmerksamkeit auf diese Dinge, auch nur an seiner Lieblingsbeschäftigung, an dem süssen Umgange mit den lieblichen Musen Latiens, gehindert worden seyn. Er wendete alle seine Zeit auf das Studium der lateinischen Sprache, die er mit der gesuchtesten Reinigkeit schrieb. Besonders machte er die zierlichsten lateinischen Gedichte, und er hatte kürzlich einen Band davon drucken lassen, wovon er nur vor acht Tagen, ein schön gebundenes Exemplar, mit einer hineingeschriebenen Carmine elegiaco abgefaßten, Epistel, ad Seb. 'Αποριαγκυροβολιον V. Cl. dem ehrlichen Sebaldus zur Recension gesendet hatte. Nun befürchtete er, daß wenn er sich in diese Sache, von der er ohnedieß keinen Zweck absahe, mengen wollte, könnten seine Gedichte, für die er eine große Zärtlichkeit hegte, einem widrigen Urtheile ausgesetzt seyn; daher hielte ers fürs sicherste, in dieser Sache nicht mit zu erscheinen. Uebrigens sagte er darum keine Unwahrheit, daß er vorigen Tag auf Sebaldus Vorlesung nicht Acht gegeben habe, denn da er kein Liebhaber von Prose, am allerwenigsten von holländischer war, so hatte er unterm Lesen, eine sapphische Ode, auf den Dordrechtschen Synod, zu Ende bringen wollen, wozu ihm noch ein paar Ausgänge von Strophen fehlten. Er hatte also von dem Inhalte der Handschrift wirklich nichts vernommen, und wußte es dem Buchhändler schlechten Dank, daß er ihn damit bekannt gemacht hatte, ja er würde sich vor demselben haben verläugnen laßen, wenn er dessen Anbringen hätte vermuthen können. Van der Kuit gieng indessen voll Kopfschüttelns über seine fehlgeschlagene Erwartung nach Hause, als ihm plötzlich einfiel, daß noch nichts verlohren wäre, wenn Sebaldus nur glauben wollte, daß Domine de Hysel wirklich gesagt hätte, was er, van der Kuit, wünschte, daß er gesagt haben möchte. Er kehrte also wieder um, und gieng zum Sebaldus, den er nach dem gestrigen Spaziergang, und einem ruhigen Schlaf, wohlbehaglich bey Durchlesung eines neuen Buchs antraf, worinn er so viel gute Gedanken, so viel menschenfreundliche Gesinnungen fand, daß dadurch sein Herz, zu allen angenehmen Eindrücken geöffnet war. Der Buchhändler erzählte ihm gleich, mit angenommener ängstlicher Mine, daß Domine de Hysel erst die Handschrift, und nachher ihn selbst habe zu sich holen laßen, daß er ihm darum viel gottlose Meinungen gewiesen, und sich hoch vermessen habe, den Uebersetzer bey der Obrigkeit anzugeben, um ihn zur Strafe zu ziehen. Eine schreckliche Nachricht macht desto stärkern Eindruck, je mehr das Gemüth vorher dem Vergnügen geöfnet gewesen. Sebaldus war daher ganz betäubt, und da van der Kuit fortfuhr, gräßliche Mährchen zu lügen, von der Strenge, mit der man in diesem Lande gegen die Ketzer verfahre, daß man sie in Zuchthäuser bringe, zur Vestungsarbeit anschmiede, in entfernte Kolonien verbanne u. d. gl. so ward der gute Mann, der in Welthändeln ganz unerfahren war, und sich nie um die Verfassung irgend eines Landes bekümmert hatte, ganz ausser Fassung gebracht, es stellten sich ihm zugleich, Dwanghuysen, Puistma, der Seelenverkäufer, Stauzius, Wulkenkragenius, der Präsident, und alle widrigen Begebenheiten seines Lebens so schreckenvoll vor, so daß er den treulosen van der Kuit bey der Hand ergriff, und ängstlich ausrief: »Ach mein Gott was ist das! Könnte ich doch nur aus diesem grausamen Lande entfliehen, ich wollte gehen, so weit mich meine Füße tragen könnten.« Van der Kuit war eigentlich nur Willens gewesen, den Sebaldus, dessen geringe Weltkenntniß er übersah, durch einen eingebildeten Rechtshandel in solche Verlegenheit zu bringen, daß derselbe sich ganz in seine Arme werfen müßte, wodurch er denn seinen Zweck wegen des Tagebuchs und der unterzuschiebenden Mitarbeiter, desto leichter zu erlangen dachte. Da ihm aber Sebaldus, aus übertriebener Aengstlichkeit, noch ein sichereres Mittel an die Hand gab, so faßte er, als ein weltkluger Mann, gleich dessen Gedanken auf, und sagte mit treuherzig scheinender Mine: »Er glaube, in der That, es sey für ihn kein Heil, als in einer schnellen Flucht zu finden.« »Freylich! rief Sebaldus, herzlich beklemmt, ich muß weg! Aber wohin? Wie soll ich so schnell und auch unerkannt aus dem Lande kommen. Ich weiß weder Weg noch Steg, habe auch kein Geld! Nach Ostindien zu gehen, habe ich allen Muth verloren. Nach Deutschland? Wie soll ich dahin zurückkommen? Großer Gott! was wird aus mir werden!« Diesen Zeitpunkt nahm van der Kuit wahr, ihn mit vielen schönen Worten zu versichern, daß ein jeder ehrlicher Mann, dem andern beistehen müsse. Er setzte hinzu, er wolle, mit eben der Ehrlichkeit und Freundschaft, mit der er ihn vor dem Unglücke gewarnt habe, ihm nicht allein zur Flucht nach Deutschland behilflich seyn; sondern sogar auch mit Gelde helfen; wenn ihm Sebaldus nur den Vorrath und das Verlagsrecht der Werke des Kollegianten, besonders, des gelehrten Tagebuchs, abtreten wolle. Sie wurden bald um etwan hundert Gulden einig, worüber van der Kuit, mit der ihm eignen Thätigkeit in Geschäften, sogleich eine Verschreibung aufsetzte, und auch unverzüglich das Geld auszahlte. Darauf eilte van der Kuit dienstfertiger weise, den Sebaldus unter fremdem Namen auf die Post nach Arnhem einschreiben zu laßen, verließ ihn auch hernach nicht einen Augenblick, bis er ihn den andern Morgen früh um sechs Uhr, nach dem Cingel Ein Platz in Amsterdam, von welchem alle Morgen die Post nach Arnhem abfährt. gebracht, und ihn und sein weniges Gepäck wohlbehalten auf dem Postwagen sah. Sebaldus fuhr in grosser Herzensangst fort, und sah sich beständig um, ob nicht ein Wagen mit Gerichtsdienern hinter ihm käme, um ihn einzuholen. Diese heftige Gemüthsbewegung, hatte auf seine Gesundheit einen solchen Einfluß, daß er, als er Abends nach Arnhem kam, ein heftiges Fieber hatte. Er wollte sich aber, der eingebildeten Gefahr wegen nicht einen Augenblick aufhalten. Gleichwohl war es zu spät, als daß er noch wieder aus der Stadt kommen konnte. Er mußte also in großer Herzensangst die Nacht aushalten. Des Morgens aber, mit Tagesanbruch, gieng er in größter Eil, zu Fuß, nach dem zwey Stunden entlegenen ersten Klevischen Städtchen Sevenaer , wo er von Fieberhitze und Ermattung übernommen, liegen blieb. Die Krankheit ward gefährlich, und da er nach etlichen Wochen zu genesen anfieng, war durch die Kosten der Reise, des Wirths und des Arztes, sein Geldvorrath fast gänzlich aufgezehret, so daß er, in großer Schwachheit und Armuth weiter schleichen mußte. So kurz seine Tagereisen waren, so mußte er fast immer, einen Tag um den andern, wegen großer Mattigkeit, liegen bleiben, bis er endlich, in einem Dörfchen, wieder vom Fieber ergriffen wurde, und als er sich nach einigen Tagen zu erholen anfieng, nicht weiter konnte. Er ließ den Muth gänzlich sinken, erwartete alle Nächte ruhig den Tod, bey Tage aber, hatte er kaum so viel Kraft, sich bis an den Eingang des Dorfs zu schleppen, wo er den Reisenden das Heck aufzumachen beflissen war, und von den wenigen Almosen, die sie ihm gaben, sein Leben, dessen er nun völlig satt war, kaum kümmerlich hinhalten konnte. Ende des siebenten Buchs. Achtes Buch. Erster Abschnitt. Die frische Luft, und der wohlthätige Einfluß der Sonne gaben unvermerkt dem matten Körper des Sebaldus so viel Kräfte, daß auch sein Geist wieder ruhiger ward, und er anfieng, seinen Zustand, so elend er war, zu ertragen. Eines Tages sahe er zwey Leute zu Pferde, von weitem ankommen, einen, mit einem blauen Frack bekleidet, auf einem muthigen Hengst, und den andern, in einem rosenrothen Rocke mit silbernen Franzen, auf einem gemächlichen Pasgänger. Er eilte, das Heck so geschwind aufzumachen, als es seine Schwachheit erlaubte. Er zog zugleich seine Mütze ab, und zeigte sein von Alter, Gram und Ungemach gereiftes Haupthaar. Als die Reiter näher kamen, meinte der Blaurock, für seinen Stüber, den er schon in der Hand hatte, den dienstfertigen Thorwärter noch hohnnecken zu dürfen. »Alter Knasterbart! rief er, in einem Tone, der spaßhaft seyn sollte, was für einen zureichenden Grund hast du, das Heck aufzumachen?« »Ich habe einen determinirenden Grund, sagte der Alte mit bescheidener Mine: Mangel und Krankheit haben mich auf diesen Posten gestellt.« »Determinirend? schrie der Blaurock mit einem lauten Gelächter, ich glaube wahrhaftig, in dem zerrissenen Kittel, steckt ein verdorbner Crusianer. He! weistu nicht auch 'ne kleine Weißagung aus der Apokalypse?« »Ja, sagte Sebaldus, und sahe ihn ernsthaft an: Siehe ich komme bald Offenb. Joh. XXII, 12. und mein Lohn mit mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Werke seyn werden .« »Ha! Ha! Ha! rief der Blaue, er moralisirt auch, warhaftig, Herr Säugling, (denn die beiden Reiter waren niemand anders als Säugling und Rambold) siehe da, eine Scene für ihren empfindsamen Roman, der Kerl hat einen wahren Lorenzokopf! Hat er nicht?« Dieses zu verstehen, muß man wissen, daß Säugling, seitdem ihm die Gräfinn abgerathen hatte, Verse zu machen, auf den Gedanken gekommen war, einen Roman zu schreiben, worum ihn Rambold bestärkte, damit er Gelegenheit hatte, ihn täglich damit aufzuziehen. Rambold warf seinen Stüber hin, und sprengte fort, Säugling ritte vorbey, indem der Alte sich bückte, aber kaum war er vier Schritte vorbey, so kehrte er um und steckte dem Alten, mit einem herzlich mitleidigen Blicke, einen Gulden in die Hand. Ob er das Almosen, der Armuth, oder der schönen Scene, oder dem Lorenzokopfe gegeben habe, kann niemand, auch vielleicht der Geber selbst nicht, bestimmen. Genug; Sebaldus rief: »Gott segne Sie mein junger Herr, auch den Segen eines armen alten Mannes, läßt Gott auf einem mitleidigen Jünglinge ruhen.« Säugling spornte sein Pferd, und da er Rambolden einholte, floß ihm eine Thräne sanft die Wange herunter. »Ich glaube gar, Sie weinen, spottete Rambold, fi! wer wird so weibisch seyn!« Säugling vertheidigte seine Empfindsamkeit, Rambold fiel in seine gewöhnliche Schrauberey, und so ritten sie weiter. Der Leser wird vielleicht wissen wollen, wie Rambold und Säugling hier so in der Nähe erschienen. Sie waren, als sie von dem Schlosse der Gräfinn abreiseten, gerade nach Wesel gegangen, wohin sie Säuglings Vater beschieden hatte, weil er sich daselbst, Geschäfte wegen, aufhielt. Nachdem diese geendigt waren, gieng er, obgleich der Herbst schon da war, mit seinem Sohne, und dessen ehemaligen Hofmeister nach einem Gute, das er in der dortigen Gegend angekauft hatte. Säugling war seitdem beständig bey seinem Vater geblieben, wo er seinen poetischen Phantaseyen ungestört nachhängen konnte. Rambold hingegen, der, nachdem Mariane, zu seinem Erstaunen, gleichsam verschwunden war, weiter keine Hofnung hatte, durch die Frau von Hohenauf befördert zu werden, rechnete zwar dieserhalb einigermaßen auf den alten Säugling: weil aber der Aufenthalt bey demselben, besonders als der Winter angieng, für seinen unruhigen Geist, viel zu einförmig war; so machte er, in kurzem, Bekanntschaft mit dem Herrn von Haberwald, einem benachbarten Edelmanne. Dieser war, so wie Rambold, ein Liebhaber des Trunks, des Spiels und der Jagd, und hielt, so wie er, eben nicht auf die strengste Sittenlehre; daher diese Gleichheit der Neigungen, die Freundschaft sehr bald so heiß machte, daß der Herr von Haberwald nicht einen Augenblick ohne seinen Rambold seyn konnte, und ihn vermochte, ganz zu ihm zu ziehen. Zuweilen besuchte Rambold indessen noch seinen ehemaligen Zögling, und eben an diesem Tage, war er, um einen sehr schönen Sommertag zu genießen, mit ihm spazieren geritten. Als sie nach Hause kamen und Rambold gegen Abend nach dem Rittersitze des Herrn von Haberwald zurück gekehrt war, beschäftigte sich Säugling den Rest des Abends, mit Sebaldus Figur, die in sein weiches Herz einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Er ließ den andern Morgen ein Karriol anspannen und fuhr allein nach dem Dorfe, wo Sebaldus wieder am Hecke zu finden war. Auf Verlangen erzählte ihm der Alte seine vornehmsten Unglücksfälle. Säugling war zu gutmüthig, um einen solchen Mann länger in einem so traurigen Zustande schmachten zu laßen. Er ließ ihn neben sich ins Karriol sitzen, fuhr mit ihm nach seines Vaters Dorfe zurück, befahl ihn einem Pachter an, versorgte ihn mit reiner Wäsche und Kleidern, und mit nöthigen Nahrungsmitteln. Beym Mittagstische erzählte er seinem Vater Sebaldus Begebenheiten, und zugleich, daß er denselben bey dem Pachter untergebracht habe. Ob die Befriedigung der kleinen Eitelkeit, eine gute Handlung, die er verrichtet hatte, auch andern kund zu thun, an dieser Erzehlung, mehr oder weniger Antheil könne gehabt haben, als die Begierde seinen Vater zur fernern Wohlthätigkeit gegen Sebaldus zu veranlaßen; wird jeder Schreiber einer theologischen Moral , je nachdem die Falschheit der menschlichen Tugenden , mit seinem Lehrgebäude mehr oder weniger verbunden ist, zu bejahen oder zu verneinen wissen. Genug, des alten Säuglings Neugier ward erregt, und er begehrte den Sebaldus selbst zu sprechen. Zweyter Abschnitt. Säugling der Vater, war ein Mann, der weder große Tugenden noch große Laster hatte. Sein natürliches Phlegma, verließ ihn nur bloß in dem Falle, wenn er im Handel einen sichern Gewinnst vor sich sahe. Daher hatte er, vom ersten Anfange des Krieges an, viel mit Lieferungen für die Armeen zu thun gehabt, wodurch er einen Reichthum erworben hatte, der selbst seine Erwartungen überstieg. Den Werth des Geldes, kannte er zwar so gut als jemand, doch war er eben nicht geizig, ob er gleich auch nichts vom Verschwenden hielt. So bald der Krieg zu Ende zu gehen schien, und er die Möglichkeit sahe, daß ein Lieferant Schaden haben könnte, entsagte er allen fernern Unternehmungen, und kaufte dieses Rittergut, wo er nunmehr seine große Reichthümer genießen wollte. Er fand aber, daß dieß, mit einem Geiste ohne Kenntnisse und ohne Thätigkeit, schwerer ist, als er wohl anfänglich mochte gedacht haben. Er fieng an zu bauen, aber er ward sehr bald fertig, mit einem Hause, das schon größer war als er es brauchte. Es fanden sich zu ihm bald Kunstkenner, fleißige betriebsam Personen, welche, ausdrücklich für reiche Leute die keine Kenntnisse haben, Gemälde der größten Meister aus Werken der Stümper und Lehrlinge verfertigen laßen, und sie durch verdorbenen Firniß und verschossenes Kolorit, meisterhafter Weise zu erheben wissen. Diese verfehlten aber gänzlich ihres Zweckes bey ihm, weil sie ihm den ersten, bey allen reichen Kunstliebhabern nöthigen Schritt, nicht abgewinnen konnten, nämlich ihm einzubilden, daß er Geschmack habe. Sie konnten ihn daher nicht dazu bringen, sich ein Kabinett anzuschaffen, weil er ihnen immer, mit dummer Ehrlichkeit, ins Gesicht gestand, daß er an ihren so schön gepriesenen Rubens, van Dyk, Guercino und Luca Jordano keine Augenweide finden könne, und daß ihm die Bildnisse seiner Vorältern, mit ihren Kragen, güldnen Ehrenketten und Knotenperucken viel besser gefielen. Sie konnten also bey ihm nichts als ein Paar von Jakobs van der Laenen oder Jan Steens Fratzengemälden anbringen; bey denen nicht viel verdient wurde, weil sie wirklich ächt waren. Sie verließen ihn daher gänzlich, mit vielem Achselzucken über seine unbegreifliche Unwissenheit. Es fanden sich zwar andere Leute von Geschmack, welche ihn lehren wollten, seinen Garten nach der neuesten englisch-chinesischen Art anzulegen, die damals in Westphalen noch ganz unerhört war. Da er aber, zu diesem Behufe, den größten Theil seines Parks sollte umhauen laßen, und nach der Anlage, gerade auf dem Platze, wo sein bestes Franzobst und alle seine Spargelbeete befindlich waren, ein chinesischer Thurm und hinter demselben verschiedene Abgründe und Wildnisse angelegt werden sollten; so folgte er wieder seiner einfältigen Ueberlegung, daß er, dieser Verbesserung zu Folge, viele Jahre lang weder Spargel noch Obst kosten, und vielleicht Zeitlebens nie wieder Schatten und Kühlung genießen würde, und ließ alles wie es war. Er hätte zwar gern Gesellschafft gehabt, und setzte sich daher auf den Fuß offne Tafel zu halten, aber es kam selten jemand, weil ihn der benachbarte Adel über die Achsel ansahe. Der Herr von Haberwald, welcher ihn freylich wegen der Rehe und Hasen seiner Wildbahn, und wegen des guten Weins in seinem Keller, oft besuchte, war ihm zu lärmend, so wie Rambold zu spitzfindig und hönisch. Sein Sohn war also seine einzige Gesellschaft. Er hörte dessen Gedichte auch wohl bey seiner Nachmittagspfeife an, und freuete sich, wenn er in den Zeitungen, welche die Zeit der Morgenpfeife ausfüllten, zuweilen schwarz auf weiß las, daß derselbe ein großer Poet wäre; aber dieß wollte doch gegen die große Portion von langer Weile nicht wiederhalten, die ihm übrig blieb, und wider die er, nach langem Nachsinnen, nichts erdenken konnte, als daß er begann, zumahl da die langen Winterabende allzumelancholisch wurden, wöchentlich dreymahl Betstunde zu halten. Da er also den Sebaldus kennen lernte, warf er die Augen auf ihn, als auf einen Mann, der geschickt wäre, ihm beständig Gesellschafft zu leisten. Sebaldus war ohngefähr von gleichem Alter, von gleichem ruhigen Gemüthe, er konnte beständig um ihn seyn, konnte von sehr vielen Sachen sprechen, die, ohne seinen zur Bemühung ungewohnten Geist durch Anstrengung zu ermüden, doch einige Beschäftigung darboten. Er trug also dem Sebaldus, nebst freyer Kost und Wohnung, ein jährliches Gehalt an, welches, wie leicht zu erachten, sehr willig angenommen ward. Sebaldus kam dadurch, aus dem tiefsten Elende, in einen Stand der Ruhe und Gemächlichkeit, der ihn wieder zum Genusse des Lebens empfindlich machte. Der Hauch vaterländischer deutscher Luft, erweckte wieder das Verlangen nach seiner Tochter und nach seinem Sohne. Bloß der gänzliche Mangel an Nachricht von diesen geliebten Kindern, unterbrach zuweilen die Behaglichkeit, in der er lebte, und die seine leicht zu befriedigende Wünsche sonst ganz erschöpfte. Seine vornehmste Pflicht war, beym Frühstücke die Zeitungen aller Art vorzulesen. Der alte Säugling hatte diese Lektur, von der ersten Zeit seiner Einsamkeit an, als ein hauptsächliches Hülfsmittel wider die lange Weile gebrauchet. Die Zeitungen geben umdenkenden Köpfen eine so unschuldige Gelegenheit, ihre wenigen Seelenkräfte auf eine halbe Stunde in eine Art von Bewegung zu setzen, und veranlaßen wohl noch ein viertelstündiges Gespräch bey der Mittagstafel, wo ihnen oft der Bissen viel leichter in den Mund, als das Wort aus dem Munde zu gehen pflegt; daß sie ihnen, des Morgens, zu einer eben so nothwendigen Seelenatzung geworden sind, als das Kartenspiel, des Abends. Dazu kam, daß die Zeitungsschreiber damals, wenigstens monatlich ein paarmahl, Besorgniß wegen eines bevorstehenden Krieges äußerten. So oft dieses geschahe, pflegte der alte Säugling, in Gedanken, und oft auch auf dem Papiere, zu berechnen, wie viel Lieferungen von mancherlei Art für die Armeen nöthig seyn möchten, und Entwürfe zu machen, wie sie in den verschiedenen Ländern, wo der Schauplatz des Krieges vorausgesetzet ward, könnten herbey geschaft werden. Denn ob er gleich gar nicht willens war, selbst wieder etwas zu unternehmen, so waren doch Spekulationen dieser Art, wie er aus der Erfahrung sehr wohl wußte, ein sicheres Mittel, seinen Geist in der anspannungslosen Thätigkeit zu erhalten, durch welche der Körper, die vornehmste Sorge reicher müßiger Leute, so wohlbehaglich genähret wird, daß alle sechs nicht natürliche Dinge Die Aerzte begreifen unter dieser Benennung: Athemholen, Speise und Trank, Ausführungen, Schlaf, Bewegung, Leidenschafften. in der besten Ordnung von Statten gehen. Ein gleiches wirksameres Hülfsmittel, waren die vielen Zahlenlotterien, von denen er in den Zeitungen Nachrichten las. Er setzte in alle. Die Spekulationen über die an verschiedenen Orten herausgekommenen und noch herauszukommenden Zahlen, die Komponirung und Dekomponirung verschiedener Einsetzungsarten, u. dergl. mehr, führten ihn in so mancherlei ernsthaft aussehende Rechnungen, aus denen so viele sonderbar scheinende Resultate entsprangen, daß er zuweilen verleitet ward, seine Hirngespinste, mit Wohlgefallen, für mathematische Einsichten zu halten. Dazu kam, daß die geringe Furcht zu verlieren und die grössere Hofnung zu gewinnen, der Verdruß die Zahlen verfehlet, und die Freude sie errathen zu haben, seine sonst so leere Seele mit etwas Leidenschaften ähnlichem erfüllte, welches machte, daß er weniger träge zu denken, und lebhafter zu sprechen begann, und welches zugleich seine Säfte, in so ordentlicher Wirkung und Gegenwirkung erhielt, daß er nie weniger von Indigestionen zu befürchten hatte, als kurz vor und kurz nach den verschiedenen Ziehungstagen. Man kann also leicht erachten, daß er hierdurch in der besten Gesundheit erhalten worden sey, da verschiedene Patrioten in verschiedenen Provinzen Deutschlandes, dafür gesorgt haben, daß keine Woche vorbeygeht, ohne daß irgendwoher den Reichen ein so stattliches Digestivmittel dargeboten werde, welches für sie allemahl wohlthätig; und nur blos den Armen zuweilen etwas zu drastisch ist. Wenige Tage, nachdem Sebaldus in sein Amt eines Zeitungslesers eingesetzt worden war, stand in einer Zeitung, die Gewinnliste, ich weiß nicht welcher Zahlenlotterie. Er mußte sie ganz vorlesen, weil sie dem alten Säugling, wegen Vieler, über die Folge der Zahlen in dieser Lotterie, gemachten Spekulationen, sehr interessant war. Sebaldus verstand aber so wenig davon, als ob sie polnisch geschrieben gewesen wäre. Der alte Säugling, der schon diese Tage über, wenn er in den Zeitungen über manche Namen und Sachen zweifelte, Sebaldus historische und geographische Kenntnisse, nachgebend hatte annehmen müssen, that sich jetzt was rechts darauf zu gute, daß er nun demselben erklären konnte, was Ambe und Terne , und andere zur Lotterie gehörige Worte bedeuteten. Er gerieth dabey in solchen Eifer, daß er dem Sebaldus anlag, sich fünf Zahlen auszulesen und auf dieselben zu setzen. Sebaldus hatte keine Lust, und verirrte sich in die Logik der Wahrscheinlichkeit , um zu beweisen, daß keine Zahl vor der andern, mehr Wahrscheinlichkeit herauszukommen habe, und daß er also keine vor der andern zu wählen wisse. Der alte Säugling, voll Begierde, vermeinte auf dem rechten Wege zu seyn, indem er den arabischen Lotteriewahrsager und das Vademecum für Zahlenlotterien , mit seinen daraus gezogenen Deutungen und Verbindungen dem Sebaldus vorerzählte. Zuletzt, nach vielen Hin- und Wiederreden, verblieb Säugling, wie es einem reichen Manne gegen seinen Hausgenossen gebühret, auf seiner Meinung, und verlangte: Sebaldus sollte nur Eine Zahl anzeigen, die er im Sinne hätte, so wolle er ihm die übrigen vier daraus ziehen. Sebaldus sagte: »In meinem Sinne ist gar keine Zahl, als die Zahl 666.« »Gut! rief der alte Säugling: Sehen Sie – 6 und 66 ist drinn, verdoppeln Sie die erste und theilen die letztere, kommt 12 und 33, ziehen Sie diese beiden von einander ab, bleibt 11 – Sehen Sie – 6. 11. 12. 33. 66. – da haben wirs – aber wahrhaftig schlechte Zahlen, die einzige 11 ist gut. Sie verstehen's Spiel noch nicht, Herr Nothanker, das sieht man. Die geraden Zahlen kommen dieses Jahr in dieser Lotterie nicht heraus, am wenigsten in dem ersten Funfzig. Aber so ists, solche junge Anfänger müssen Lehrgeld geben. Bleiben Sie nur bey Ihren Zahlen. Ich will Ihnen meine nicht sagen, aber die 11 ist dabey. Wir wollen sehen, über drey Wochen, wenn die Ziehung vorbey ist. Die 11 kommt heraus, und noch eine Zahl. Aber st! – Laßen Sie uns die Sätze reguliren. Sie sollen Sechs Thaler setzen, dieß ist allemahl mein Satz in jeder Lotterie.« Der alte Säugling besorgte den Einsatz, mit seinen eigenen, und stellte dem Sebaldus den Schein zu. Zugleich machte er bey Vergleichung der Sätze, seiner Einsicht nochmals ein Kompliment, und spekulirte, wie gewöhnlich, noch einige Tage über verschiedene Verbindungen der Zahlen, dahingegen Sebaldus die Sache, da sie kaum geschehen war, vergaß. Dritter Abschnitt. Einige Zeit darauf, fiel Säugling, der Vater, als er nur seinen gewöhnlichen Frühlingsschnupfen zu erhalten vermeinte, plötzlich in ein starkes Fieber, welches ihn einige Tage lang bettlägerig hielt. Es fügte sich, da er sich besserte, und Nachmittags ruhen wollte, daß Sebaldus, nebst dem jungen Säugling, indessen einen kleinen Spaziergang machte. Eben unter der Zeit, kam Rambold angeritten. Da er auf diese Art niemand sprechen konnte, vertrieb er sich indessen die Zeit damit, daß er die Zeitungen durchlief und die Aufschriften der Briefe überlas, die der Postbote nicht lange gebracht hatte, und die noch im Zimmer auf dem Tische lagen. Er fand unter den Briefen einen an den jungen Säugling, davon ihm die Handschrift bekannt schien, und steckte ihn zu sich, um einen Schabernack damit zu machen, wovon er, wie wir schon wissen, ein Liebhaber war. Er konnte sich nicht lange darauf bedenken, indem Säugling der Sohn eben zurück kam, und ihm den Sebaldus, den er hier noch nicht gesehen hatte, vorstellte. Sebaldus gieng gleich darauf, zu sehen, ob der Kranke erwacht sey, und gab Rambolden freye Hand, Säuglingen wegen dessen Neigung zu einem Bettler, gewöhnlicher Art nach, aufzuziehen. Dennoch hörte er Säuglings Erzählung von Sebaldus Namen, Stand und Begebenheiten mit besonderer Aufmerksamkeit an, fragte auch selbst, mit mehr als gewöhnlicher Neugier, nach verschiedenen Umständen. Da indessen Säugling fortfuhr, mit warmer Theilnehmung die Geschichte zu erzehlen, schien Rambold darüber betroffen zu seyn, ward wider seine Gewohnheit ernsthaft, stand auf und gieng ein paarmahl im Zimmer auf und nieder, schien über die Erzehlung unruhig zu werden, lehnte sich ins Fenster, nahm, ohne daran zu denken, den Brief aus der Tasche, erbrach ihn in der Zerstreuung, las ihn, ward feuerroth, nahm mit einemmahle eine ganz andere, vergnügte, Mine an, schlug in die Hände, sah nach der Uhr, brach kurz ab, rief aus dem Fenster, daß man sein Pferd gleich satteln solle, sagte, er müste unumgänglich gleich wieder nach Hause, umarmte Säuglingen, schwang sich aufs Pferd, und ritt schnell davon. Säugling wußte nicht, welcher Veranlaßung er Rambolds plötzlichen Aufbruch zuschreiben sollte, indessen da er an demselben schon mancherlei Launen gewohnt war, so dachte er weiter nicht darauf, oder glaubte vielleicht wirklich, Rambold würde durch ein Geschäft nach Hause gerufen. Indessen ritt Rambold nicht nach Hause, sondern einen ganz andern Weg, wie berichtet werden soll, wenn wir erst zurückgesehen haben, wo Mariane geblieben, von der wir, seitdem sie dem Obersten entsprungen war, keine Nachricht erhalten haben. Vierter Abschnitt. Nachdem Mariane, beinahe eine halbe Meile lang, so geschwind sie konnte, gelaufen war, mußte sie sich endlich, aus Mangel des Athems, ohnweit der Landstrasse, niedersetzen. Als sie sich ein wenig erholet hatte, fieng sie an, ihren Zustand zu überdenken. Sie war in einer unbekannten Gegend, von jedermann verlassen, und mußte befürchten, ihrem Nachsteller, der sie vermuthlich verfolgen laßen würde, wieder in die Hände zu gerathen. Als sie indessen in ihrer Tasche ihr Geld wiederfand, so verzweifelte sie nicht, Mittel zu finden, sich geschwinder zu entfernen, und da eben ein Bauerwagen vorbey fuhr, welcher in ein einige Meilen entlegenes Dorf gehörte, setzte sie sich auf denselben und ließ sich unverzüglich weiter bringen. Sie fuhr auf diese Art, beynahe ohne auszuruhen, von Dorfe zu Dorfe fort, in der Absicht des Freyherrn v. D*** Güter zu erreichen. Indessen, da sie selbst den Weg dahin nicht recht wußte, und niemand als Bauern darum fragen konnte, deren Kenntniß sich gemeiniglich nicht weiter als einige Tagereisen in die Runde erstrecket, so ward sie anstatt ins Hildesheimische, tief in Westphalen hineingefahren. Nachdem sie so acht Tage lang fortgereiset war, fieng ein eingefallnes Regenwetter an, ihr beschwerlich zu werden, da sie ganz leicht bekleidet war. Indessen bestand sie doch darauf, weiter zu reisen, bis sie ein Platzregen und Ungewitter nöthigte, in einem im Walde stehenden einzelnen Hause einzukehren. Der Regen hörte den ganzen Tag nicht auf, der Bauer wollte nicht warten, weil er den andern Tag einen Hofedienst zu thun hatte, und da sie von dem Bewohner des Hauses, welcher, weil er in seiner Jugend Soldat gewesen, die Gegend weit und breit kannte, auf ihre Erkundigung nach dem Wege, vernahm, daß sie sehr weit von dem Hildesheimischen entfernt sey; so entschloß sie sich kurz, den Bauer abzulehnen, und bis zur Besserung des Wetters in diesem Hause zu bleiben. Das Haus war von einem Greise, seiner Frau und seiner Tochter bewohnt, die sich theils vom Spinnen, der gewöhnlichen Winternahrung der Westphälischen Hausleute, erhielten, theils die Milch einer Kuh, und die Früchte eines Krautgartens verzehrten, der durch ihren eignen Fleiß war urbar gemacht worden. Der alte Hauswirth verband mit der treuherzigen Ehrlichkeit eines Landmanns, die Weltkenntniß, die lange Feldzüge gewähren. Er hatte mit seinem Gutsherrn, der sein Oberster gewesen war, alle Gefahren der Feldzüge in Braband getheilt, und war ihm in allen Vorfällen so treu und ergeben gewesen, daß der Gutsherr, aus edler Dankbarkeit, das Schicksal seines alten Kriegskammeraden zu verbessern suchte. Als der Mann alt ward, ward der Hof dessen Sohne übergeben, und er auf Leibzucht Leibzucht, heist in Westphalen die Wohnung eines vom Hofe abgegangenen Bauers. gesetzt. Der Markenherr gab ihm aber nicht allein aus der Mark einen beträchtlichen Zuschlag, und gab ihm seine Tochter, von Hofediensten frey, mit auf die Leibzucht, sondern er ließ ihm auch in einem angenehmen Sundern Ein Sundern heist in Westphalen ein beträchtliches Gehölz, welches in Absicht der Viehweide offen, aber was das Holz betrifft, davon gesondert, oder einem Herrn zuständig ist. S. Mösers patriotische Phantasien 2 Th. S. 493. ein eignes bequemeres Haus, mit einem Schornstein bauen, so daß sich der Leibzüchter, nicht, wie seine Nachbarn, mit seinen Schinken zugleich, räuchern durfte. Dabey hatte er, unter seinem Strohdache, eine besondere abgeschlagene Kammer, welche eigentlich diente, seinen Wintervorrath zu verwahren, jetzt aber Marianen zur Schlafkammer angewiesen ward. Sie genoß darinn nach einer ungewohnt langen Reise die erste Nacht eine süße Ruhe. Sie stand des Morgens erquickt auf, das Wetter hatte sich aufgeklärt, sie sah aus dem Fenster das Wäldchen im schönsten Laube, und hinter demselben grünende Wiesen. Als sie herunter kam, ward sie von den Hausleuten mit ländlicher Gastfreundschaft empfangen. Nach dem Frühstücke spazierte sie in der umliegenden Gegend, wo sie die Natur in aller ihrer Schönheit fand. Sie irrte auf einem Fußsteige, der, zwischen dichten Büschen, zu einem kleinen grünbewachsenen Hügel führte, neben dem sich ein klarer Bach schlängelte. Diese Gegend schien ihr ungemein reizend. Sie bestieg den kleinen Hügel, von welchem sie in dem Wäldchen umherschauen konnte, und in der Ferne die Aussicht auf wallende Kornfelder hatte. Hier überlegte sie ihren Zustand, sie sahe, daß sie von dem Zwecke ihrer Reise weit entfernt war, daß sie, wenn sie auch wieder zurückreisen wollte, nicht gewiß wissen könnte, in welchen Gesinnungen sie den Herrn von D*** finden möchte, daß sie vielleicht von ohngefehr dem Obersten in die Hände fallen könnte u. d. m. Dagegen schien ihr dieser Winkel der Erde, ganz paradiesisch zu seyn. Es dünkte also ihrem ohnedieß etwas zum romantischen geneigten Geiste das zuträglichste, wenn es möglich wäre, in diesem Aufenthalte der Ruhe und der Unschuld, von der ganzen Welt abgesondert zu leben. Sie entdeckte ihren Vorsatz ihren Wirthsleuten, welche sich denselben wohl gefallen ließen, falls sie mit ihrem Hauswesen, so wie es war, vorlieb nehmen wollte. Mariane war vielmehr entzückt darüber. Ihr Wirth, mit seinem ehrwürdigen schneeweißen Haupte, und mit seiner ungekünstelten Aufrichtigkeit, schien ihr, mit seiner redlichen Hausfrau, ein Philemon und Baucis , das Häuschen ein Tempel, und die Gegend eine arkadische Flur zu seyn. Alles verschönerte sich in ihren Augen. Wenn sie mit Spinnen und andern häuslichen Arbeiten einen Tag zubrachte, einen andern, mit Besorgung der Milchkammer, oder einmahl ihr eigen Gerücht pflücken und in den Topf werfen konnte, glaubte sie, aus dem Prunke eines verderbten Zeitalters, zur Einfalt und auch zur Unschuld der ersten Welt, zurückgekehret zu seyn. Und wenn sie des Abends, mit der Tochter ihres Wirthes, einem guten Mädchen, nach dem Hügel spazierte, oder sich mit ihr am Rande des Bachs ins Gras setzte, schien sie sich zu den Nymphen Dianens zu gehören, und wenn sie sang, welches oft geschah, schienen ihr die Hamadryaden aus dem Walde von fern zu antworten. Wahr ists inzwischen, daß diese reizenden Vorstellungen, wie mehrere poetische Phantasien, ins gemeine Leben gebracht, nicht allzulange Stich hielten, und daß, nach einem Monate, die gute Mariane ihre Einbildungskraft schon anstrengen mußte, wenn sie in das seelenvolle Gefühl übergehen wollte, das ihr sonst so natürlich schien. Als aber vollends der späte Herbst die Blätter streifte, und der Nordwind mit ungestümem Brausen, jeden Schritt außer dem Hause verwehrte, sank Philemon in ihrer Idee wirklich zu einem gemeinen Bauer herab, und Baucis zu einer westphälischen Hausmutter, die auch wohl, wenn ihr in der Haushaltung nicht alles nach Sinne gieng, schelten und schmollen konnte. Der Tempel ward wieder eine enge und unbequeme Hütte, in welcher die harte Kost, so sehr sie der Einfalt unschuldiger Hirtenvölker gemäß war, doch nicht schmecken wollte. Ja, Mariane hat nachher ganz natürlich gestanden, daß sie ihrer phantasiereichen Vorstellungen ungeachtet, dennoch zuweilen, bey einem patriarchalischen Milchbrey in einer hölzernen Satte, nach einem wohlfiltrirten Kaffee in meisnischer Schaale, lüstern gewesen sey. In den ersten Tagen dieser ländlichen Einsamkeit, hatte sie sich, in liebliche Ideen von arkadischer Unschuld versenkt, bereden wollen, daß ihr Herz von Liebe frey sey. Aber eben diese kleinen empfindsamen Schwärmeleyen, öfneten es jedem süßen Eindrucke. Sie lebte die vorigen glücklichen Zeiten in Gedanken noch einmahl, sie erinnerte sich ihres Säuglings ehrerbietiger, zärtlicher, inbrünstiger Gesinnungen, sie besann sich, wie er sich ihrer bey einer schimpflichen Beleidigung angenommen habe. Dann machte sie sich Vorwürfe, daß sie ihm, wider ihre Neigung, so kalt begegnet habe, sie konnte nun nicht begreifen, wie sie ihr Herz vor ihm nicht habe ausgießen können. Diese Erinnerung war, als im Winter, durch lange Weile und Widerwillen, ihr Geist täglich mehr zu erschlaffen begann, ihr einziger Trost. Sie wiegte sich in dem Gedanken, daß Säugling sie wirklich noch liebe, daß sie noch einst mit ihm vereinigt und glücklich seyn werde. Sie maß seinen Schmerz von ihr entfernt zu seyn, nach dem ihrigen ab, und fand oft Wollust darinn, wenn sie, indem sie ihren eigenen Schmerz beweinte, den Schmerz ihres Geliebten zu beweinen glaubte. Als der Frühling wieder kam, und alle ihre Empfindungen heitrer wurden, drangen die zärtlichen Gefühle mit jedem Frühlingshauche tiefer in ihre Brust. Säuglings Bild spiegelte sich ihr in jedem hervorgrünenden Blatte, in jeder entfalteten Knospe. Bey ihren einsamen Spaziergängen nach dem Bächlein, begleitete es sie. Dann saß sie in wonnetrunknem Staunen, dann glaubte sie es zu umfassen, dann sprang sie auf, und erröthete vor ihrem eigenem Phantome. Dann wandelte sie am Ufer herab, und sang Lieder, die er auf sie gemacht hatte, zu dem Falle des kleinen Stroms, der über glatte Kiesel herabrieselte, und indem er sich ausbreitete, den grünenden Wiesengrund, zu Entsprossung neuer Blumen befeuchtete. Mit diesen anmuthsreichen Phantasien verband sie auch Betrachtungen über ihren gegenwärtigen Zustand. Sie sahe ein, es sey ihr unmöglich, noch einen Winter in diesem Hause zuzubringen, gleichwohl sahe sie auch kein Mittel, wie sie auf eine anständige Art, ihre Lage verändern könnte. Sie schien sich einzeln, von aller Welt verlaßen zu seyn, besonders, nachdem sie auf einen Brief an Hieronymus schon seit ein paar Monaten keine Antwort erhalten hatte, vermuthlich weil er nicht zu handen gekommen war. Da nunmehr ihre Liebe zu Säuglingen sich ihrer ganzen Seele bemächtigte, und sich das Verlangen, auch von seinen Gesinnungen gegen sie unterrichtet zu seyn, in ihre innersten Gedanken einflocht; so entschloß sie sich endlich, nach vielem vergeblichen Zaudern, ihm, nach Wesel, wohin sie wußte, daß er mit Rambolden hatte reisen sollen, ihren Aufenthalt zu melden. Der Entwurf dieses Briefs kostete verschiedene Tage, denn sie hatte sich fest vorgenommen, alle Merkmale der Liebe daraus wegzuwischen, und blos als ein unglückliches Frauenzimmer zu schreiben, das sich, weil sie von jedermann verlaßen ist, an einen edelmüthigen Jüngling wenden muß. Dennoch hatte sie die Spuren ihrer Leidenschaft nicht ganz auslöschen können, denn die Liebe, wie ein süsser Geruch, duftet unvermerkt um sich. Säugling, dessen Empfindungen den ihrigen so sehr entsprachen, würde auch gewiß mit unnennbarer Wollust gefühlet haben, was in ihrer Seele war, wenn er so glücklich gewesen wäre, diesen Brief zu erhalten. Der Brief ward vom Postamte zu Wesel, nach seines Vaters Gute, gesendet, und war eben derselbe, den Rambold erst aus Schäkerey beysteckte, nachher aus Zerstreuung las, und da er daraus Marianens Aufenthalt ersahe, nicht einen Augenblick säumen wollte, zu ihr zu eilen, denn der Ort ihres Aufenthalts war in der That nicht eine Meile entlegen. Rambold that, als ob ihn ein ungefährer Zufall dahin geführt hätte, und hütete sich wohl, von dem gelesenen Briefe etwas zu erwähnen. Mariane verwunderte und freuete sich, ihn zu sehen, weil sie von ihm, Nachricht von ihrem Säugling zu empfangen hoffte. Aber er schwieg, und da sie endlich mit einigen Umschweifen nach demselben fragte, nahm er eine betrübte Mine an, und versicherte sie, weil ihm eben nichts anders einfiel, daß Säugling gestorben sey. Diese Nachricht setzte Marianen außer sich. Rambold war zwar sehr bemüht, sie zu bereden, daß sie sich dessen Tod nicht gar zu sehr zu Sinne ziehen möchte, weil Säugling ein Häschen gewesen, der allen Frauenzimmern Süßigkeiten vorgesagt hätte; aber, bey Marianen wollten diese leidigen Trostgründe keinen Eingang finden, daher kürzte er seinen Besuch ab, und ritt wieder nach Hause. Er unterließ aber doch nicht, oft wieder zu kommen, und ward von Marianen, die nunmehr in beständiger Traurigkeit lebte, gern gesehen, weil er sie an Säuglingen erinnerte, von welchem er ihr, auf ihre Fragen, allerhand Mährchen erzählte, welche, so unbeträchtlich sie waren, doch in Marianens zum Trauren gestimmter Einbildungskraft, ein mitleidiges Wohlgefallen erregten. Der Herr von Haberwald merkte Rambolds öftere Abwesenheit, und unterließ nicht, ihn darüber zu hohnnecken. Rambold mußte endlich gestehen, daß er ein hübsches Mädchen besuchte, welches er zu seiner Frau machen würde, wenn er eine Versorgung hätte. Der Herr von Haberwald spitzte hierüber die Ohren, und bestand darauf, daß er ihn mitnehmen sollte. Dieß geschah, und weil Rambold dem Herrn von Haberwald einen Wink gegeben hatte, daß er klug seyn sollte, so wuste er sich so ehrbar zu betragen, daß Mariane an beider Aufführung nichts auszusetzen haben konnte. Als sie zurückkamen, so wurde, nachdem, bey einigen Flaschen Wein, Marianens Schönheit von beiden Theilen war gepriesen worden, von dem Hrn. von Haberwald die weise Anmerkung gemacht, daß eine hübsche Frau Pastorinn in einem Kirchspiele eine nützliche Sache wäre. Durch diese Aeußerung ward eine kleine Unterhandlung eröfnet, die, wenn sie weitläufig auf dem Papiere beschrieben werden sollte, Lesern von feinen Empfindungen, niederträchtig und widerwärtig scheinen könnte, die aber, im Laufe der Welt, unter manchen Leuten ohne Bedenken statt findet, eben, weil sie keine feine Empfindungen haben. Das Resultat derselben war, daß der Herr von Haberwald feierlich versprach: sobald Rambold von Marianen das Jawort erhalten hätte, sollte er die Adjunktur des abgelebten Pfarrers, mit einem bestimmten Gehalte, bekommen. Rambold warb nun im Ernste um sie. Mariane gab ihm zwar eine ausdrückliche abschlägige Antwort, und brachte, in ihrem Herzen, dem Andenken ihres Säuglings dieses Opfer. Indessen wiederholte Rambold, obgleich ohne Hofnung einiges Erfolgs, so oft einen Antrag, über den, an sich, ein junges lediges Frauenzimmer niemals zornig wird, wenn er nicht gerade zu wider ihre Absichten streitet; daß ihn Mariane mit einiger Nachsicht anhörte. Die Heldinn eines Romans, hätte freylich eine unverletzte Beständigkeit an den Tag legen, und sich eher tödten laßen müssen, als sich einem Gegenstände zu ergeben, für den sie nicht die heißeste Liebe fühlte. Aber im gemeinen Leben haben wir häufige Beyspiele, daß wohlgezogene Frauenzimmer, wenn sie gleich zur brünstigsten Leidenschaft in sich Zunder fühlten, dennoch, selbst nicht in so mißlicher Lage wie Mariane, mit kalter Vernunft überlegt haben, was vieles junge Volk nicht wissen will, daß Liebe nicht ewig in gleicher Anspannung dauren kann, und daß neben der Liebe, so wünschenswerth sie ist, dennoch noch mehr Gegenstände in der Welt sind, edlen Seelen auch wünschenswerth. Da nun Rambold von Person nicht widrig war, da er sich seit der ersten Zeit seines Umgangs mit Marianen, in ihre Gemüthsart geschickt, und sich dabey so fein hatte zu verstellen wissen, daß sie von seiner schlechten Seite fast nichts gemerkt hatte; so ist schwer zu entscheiden, wozu sie sich vielleicht noch endlich könnte entschlossen haben, wenn das Schicksal, welches doch, wie die Poeten versichern, beständig über die Verliebten wachen soll, ihr beständig, Nachricht von Säuglings Leben verweigert hätte. Fünfter Abschnitt. Säugling, der von diesen, so wie von allen seit Marianens Entführung vorgefallenen Begebenheiten, nichts wußte, blieb in seiner Zuneigung gegen seine Geliebte beständig. Sie war noch beständig der Gegenstand aller seiner einsamen Phantasien. An sie waren alle verliebte Verse gerichtet, die er nicht unterlaßen konnte, von Zeit zu Zeit zu machen. Er gab sich unabläßig, obwohl fruchtlos, Mühe, Nachricht von ihr einzuziehen. Er beklagte sich deshalb oft bey dem treulosen Rambold, welcher aber, besonders in den letzten Zeiten, seine Liebe zu einer abwesenden Person, die vielleicht wer weiß wo in der Weit herumschweifen möchte, mit gewöhnlicher Narrentheidung zu bespötteln suchte, welches auf das Gemüth des treuen Säuglings, so empfindlich er sonst auch gegen das lächerliche war, keinen Eindruck machen konnte. Ob nun gleich, Mariane immer die Königinn seines Herzens blieb, der alle seine Gedanken gewidmet waren, so würde doch seine so weiblich gestimmte Seele unglücklich gewesen seyn, wenn er nicht mit einem gegenwärtigen Frauenzimmer öfters hätte umgehen können. Auf dem Gute seines Vaters aber, war keine weibliche Seele, seiner Achtsamkeit würdig, daher war es ein Glück für ihn, daß sich bald eine Gelegenheit fand, mit einem jungen Frauenzimmer in der Nachbarschaft bekannt zu werden. Die Betstunden, welche Säugling der Vater zu halten anfieng, machten ihn mit der Frau Gertrudtinn, einer reichen Wittwe bekannt, die in einem benachtbarten Städtchen wohnte. Ihr seliger Gemahl, Herr Gertrud, war ein betriebsamer Mann, der beständig bedacht gewesen war, sein kleines Talent, so gut wie möglich, und zwar hauptsächlich zu seinem eigenem Vortheile zu nützen. Weil er wußte, wie viel leichter es ist, auf einem gutmüthigen Menschen zu reiten, als pfiffige Kunden zu überlisten, und weil er von Natur ein ehrbares und bedächtiges Ansehen hatte, so trieb er sein Wesen hauptsächlich unter verschiedenen enthusiastischen und separatistischen Religionspartheyen. Er fügte sich ganz ihren Einrichtungen, drang sehr geflissentlich in die ihnen am Herzen liegende Glaubenspunkte ein, besorgte ihre Angelegenheiten, correspondirte mit den entfernten Brüderschaften, und vertheilte ihre Almosen. Er hatte sich besonders, lange bey den Herrnhutern aufgehalten, und war nur erst alsdenn von ihnen geschieden, da man ihn über gewisse Verwaltungen brüderlich befragen wollte, über welche er nicht brüderlich zu antworten gemeinet war. Seine Frau war ihm, ehe dieß geschah, durchs Loos des Heilandes zu gefallen, und dieses Loos behagte ihm sehr wohl, denn die ihm zugefallne Schwester, war in ihrem neunzehnten Jahre, hatte eine feine Haut, ein wohlbeleibtes Ansehen, und große blaue Augen, die sie bey geistlichen und weltlichen Entzückungen sehr andächtig zu verdrehen wuste. Als er starb, ließ er seiner Wittwe, nebst einem Vermögen von funfzigtausend Thalern, eine einzige Tochter, die Jungfer Anastasia Gertrudtinn. Diese war jetzt in ihrem achtzehnten Jahre, und sahe ohngefähr eben so aus, als ihre Mutter, zu der Zeit, als sie ihrem Vater durchs Loos zufiel. Sie hatte das gebenedeyte Ansehn, welches der Frömmling aus der Zerknirschung des Herzens herleitet, und der Weltling zuweilen in einem ganz andern Verstande annimmt. Ihre Augen waren fast immer niedergeschlagen; doch wenn sie sie aufhob, war ihr Blick zwar sehr durchdringend, aber ihre Augen fielen sogleich wieder ehrbarlich nieder. Sie trieb keine Kleiderpracht, und gieng weder in Sammt noch Seide, aber das allerfeinste Leinen, die ausgesuchtesten Spitzen, die Chitse erster Sorte, obgleich sittsamer Farbe, dienten, eine sehr zarte Haut und eine volle Wange, zu erhöhen, die, ohne daß es schien, doch sehr sorgfältig gepflegt wurden. Sie sprach sehr wenig, eigentlich, weil sie nicht viel zu sprechen wuste: aber diese Einfalt diente ihr zu einer frommen Koketterie. Sie schien aus verschämter Zurückhaltung zu schweigen, indem sie sanft seufzete, und das Haupt langsam seitwärts sinken ließ. Mit diesem jungen Frauenzimmer unterhielt sich Säugling der Sohn, wenn ihre Mutter seinen Vater oder er sie besuchte, welches fast wöchentlich geschahe. Unterdessen die Frau Gertrudtinn mit Sebaldus über theologische Materien disputirte, wie sie denn in der Dogmatik, so gut wie in der Polemik, bewandert war, oder unterdessen sie mit seinem Vater die Materie von Hypotheken und Pfandbriefen abhandelte; pflegte Säugling mit der Jungfer Anastasia die süssen Gedanken zu theilen, die wie Honig von seinen Lippen flossen. Daß sie sie nicht verstand, that nichts zur Sache, sie machte doch einen bescheidenen Knix, als ob sie sie verstünde, schlug ihre großen Augen kurz auf und wieder nieder, und erröthete zuweilen, wenn etwas von Liebe, oder heidnischer Mythologie vorkam. Säugling der dieses bemerkte, und, einem Frauenzimmer zu gefallen, gern alle Gestalten annahm, versuchte einige geistliche Lieder nach bekannten Melodien zu machen. Dieses gelang ihm über Vermuthen. Denn die Jungfer Anastasia, begann sie nicht allein mit vieler Begierde zu lesen, und sang sie ihm mit ihrem schönen Munde vor, sondern die Frau Gertrudtinn fand auch so viel Salbung darinn, daß sie, aus eignem Betriebe, sich dahin zu verwenden versprach, daß diese Lieder in ein Gesangbuch, von welchem im Herzogthume Jülich eine verbesserte und vermehrte Auflage besorgt werden sollte, eingerückt würden. Eine Hofnung, welche Säuglings kleiner Eitelkeit nicht wenig schmeichelte. Auf diese Art ward der Umgang zwischen Säuglingen und der Jungfer Anastasia täglich genauer, und die schüchterne Anastasia, ward, obgleich in aller Ehrbarkeit, etwas gesprächiger und unterhaltender, welches beiderseits Eltern sehr wohl gefiel. Denn Säugling der Vater, der den Reichthum der Frau Gertrudtinn kannte, berechnete, daß sein Sohn keine bessere Partie thun könnte, und Frau Gertrudtinn, welche auch wohl wußte, wie warm der alte Säugling saß, fieng an, der Sache etwas näher zu treten, indem sie zuweilen bemerkte, daß die Ehen im Himmel geschloßen würden, und daß die Menschen, sobald dieß ersichtlich sey, dem Himmel nicht widerstreben müßten. Säugling der Sohn, argwohnte alle diese Absichten gar nicht, sondern der Umgang mit einem Frauenzimmer diente ihm nur, wie einer Uhr das Oel, um seine zärtlichen Phantasien in einem gleichem Gange zu erhalten. Er lebte ganz unbefangen mit der Jungfer Anastasia, und widmete nichts destoweniger beständig, seiner abwesenden Mariane die zärtlichste Liebe. Sechster Abschnitt. Nachdem Säugling der Vater von seiner Krankheit genesen war, ward er einst, mit seinem Sohne, zu der Frau Gertrudtinn in die Stadt, zu Mittage eingeladen. Die schöne Anastasia, welche des jungen Säuglings Achtsamkeiten, gleich ihrer Mutter, ganz ernsthaft auslegte, hatte diesen Tag alle ihre sittsamen Reizungen aufgeboten, weil sie nunmehr zuträglich hielt, sein Herz ganz zu fesseln. Man fand an ihr heute nicht bloß, die, wohlbegüterten Betschwestern, sonst eigenthümliche andächtige Selbstgenügsamkeit, nicht nur das ihnen sonst gewöhnliche selbstbehagliche Achtgeben, auf gesundes Ansehen, auf Weiche der Haut, auf Glätte der Bekleidung, auf Gelindigkeit der ganzen Person, welches sogar bey Nonnen die Stelle alles weltlichen Putzes ersetzt; sondern, ihr mit brabandischen Spitzen besetztes Häubchen war auch einen halben Zoll höher auf die Stirne gerückt, sie schlug die Augen öfter lieblich in die Höhe und ließ sie mit langsamem Schmachten niedersinken, und ihre weichlich lispelnde Stimme, sonst mit Seufzerchen überhaucht, erstarb heute auf ihren Lippen, mit einer fast holdem Lächeln nahe kommenden Freundlichkeit. Alle diese schmachtende Reize, ließ sie mit der, andächtelnden Mädchen so eignen, zurückhaltenden Innigkeit, auf Säuglingen wirken, als sie nach dem Mittagsmahle, mit ihm allein im Garten spazieren gieng. Jungfer Anastasia die, in seinen Augen, bald die unverstellten Merkmale des Wohlgefallens las, glaubte sichere Zeichen ihres geheimen Sieges zu finden, und ihrem wohlmeinenden Zwecke, aus einem weltlichen Jünglinge, einen frommen Ehemann zu machen, ziemlich nahe zu seyn. Indessen, da sie, mit stillem Herzklopfen, einer zärtlichen Erklärung entgegen sahe, ließ sich Säugling, weit gefehlt, daß er seiner einzig geliebten Mariane nur einen Augenblick hätte untreu werden sollen, durch ihre anmuthige Vertraulichkeit zu nichts bewegen, als daß er einige von seinen Lieblingsliedern, über die Freuden des Lebens , aus der Tasche nahm, die er sich bisher noch nicht getrauet hatte, ihr vorzulesen. Sie hörte sie, mit völliger Ergebung in ihr Schicksal, an. Bey feinen Gedanken, die sie nicht verstand, sahe sie freylich ein wenig dämisch aus, aber dieß ward durch das sanfte Lächeln vergütet, welches zugleich diente ihre schönen Zähne, und die Grübchen in ihren runden Wangen zu zeigen. Bey verliebten Stellen erröthete sie nicht gleich, wie sonst, sondern hob die Augen seitwärts, mit einem Blicke zwischen Verschämtheit und Sehnsucht, in die Höhe, und erst, wenn, im Herabsinken, ihre Augen, Säuglings auf ihren Beyfall gierigem Blicke, begegneten, stieg ein sanftes Roth auf ihre vollen Wangen, indem ihre Augen nochmals furchtsam aufblinzten. Unterdessen daß dieses vorgieng, hatte sich ein mitgebetener Freund der Frau Gertrudtinn des alten Säuglings bemächtigt, und ihn nach Tische ebenfalls in eine andere Gegend des Gartens geführet. Er brachte, ungezwungner Weise, das Gespräch auf die Jungfer Anastasia, und breitete sich ausführlich über das große Heuratsgut aus, das sie zu gewarten hätte. Er erzählte zugleich, es hätten sich schon viele Partheyen gefunden, die aber, weil sie Weltkinder gewesen, von der Frau Gertrudtinn abgewiesen worden, bis sich kürzlich erst, ein annehmlicher Bräutigam, sogar ein Edelmann gefunden hätte, dessen Ansuchen jetzt wirklich in Erwegung gezogen würde. Diese Nachricht that auf den alten Säugling die begehrte Wirkung. Er ward etwas still, blies einige Minuten lang, den Rauch langsamer aus seiner Pfeife, und fragte, so gleichgültig als er konnte: »Ob denn der bewußte Bräutigam schon das Jawort erhalten hätte?« »Bis jetzt noch nicht, sagte der Freund des Hauses, die Sache ist jetzt wirklich in Ueberlegung, und verdient sie. »Ich wünschte, sagte der alte Säugling, nachdem er wieder einige Minuten pausiret hatte, daß ich eher etwas davon gewußt hätte, denn ich muß gestehen, daß ich die Jungfer Anastasia immer für eine meinem Sohne schickliche Parthey gehalten habe.« Der Hausfreund versicherte, daß hierbey noch nichts verlohren wäre, man sey mit dem andern Bräutigam auf keine Weise gebunden, und ob derselbe gleich nicht nur ein Mann von Stande sey, sondern auch ein rechtes frommes Gnadenkind geworden: so sey er doch ein Officier, und man wisse wohl, daß Leute dieses Standes, am leichtesten in Rückfall gerathen können; daher werde die Frau Gertrudtinn seinem Sohne gewiß den Vorzug geben, nur müsse er, wie leicht zu erachten, sich sehr bald deshalb erklären. Der alte Säugling ward über diese Nachricht überaus vergnügt, versicherte, daß er morgen unverzüglich mit seinem Sohne reden wollte, welcher ihm schon längst eine besondere Neigung zur Jungfer Anastasia zu haben schiene, und da er gar nicht zweifelte, derselbe werde zu dieser Heurath die größeste Begierde zeigen: so nahm er zugleich die Abrede, daß die Frau Gertrudtinn, nebst ihrer Tochter, und ihm, dem Hausfreunde, auf den übermorgenden Tag, auf sein Gut, zum Mittagsessen gebeten werden sollten; damit alsdenn der erste Antrag geschehen, und vielleicht gar die Sache gleich in Richtigkeit gebracht werden könnte. Der Freund der Frau Gertrudtinn, bestärkte den alten Säugling sehr in diesem Vorsatze, und fuhr fort, ihm eine ausführliche Auskunft über derselben Vermögen zu geben, nebst andern dahin einschlagenden dem Alten überaus angenehmen Gesprächen. Es entspann sich daher zwischen beiden eine wechselseitige Vertraulichkeit, und sie hatten einander so viel zu sagen, daß, als gegen Abend, die Zeit zur Abfarth herankam, der alte Säugling sich, ohne Umstände, in den Wagen des fremden Herrn setzte; damit sie in ihrem Gespräche fortfahren, und ihre Rathschläge und Entwürfe ferner ins Reine bringen könnten. Der junge Säugling fuhr also ganz allein. Dieser war durch die Lieblichkeit der Jungfer Anastasia, und durch den Weihrauch, den sie seinen Gedichten angezündet hatte, (denn er hielt ihr Seufzen und Erröthen bloß für eine starke Wirkung seiner Gedichte) in die wohlgefälligste Laune gesetzt worden. Es war einer der schönsten Sommerabende. Er stieg daher aus dem Wagen, als der Weg neben einem Walde vorbeygieng, um einen Spaziergang zu Fuße zu machen. Der Kutscher beschrieb ihm einen Fussteig, der nach einer Viertelmeile wieder aus dem Walde herausführte. Dahin ward der Wagen beschieden, und Säugling gieng in das Gebüsch, mit der Schreibtafel in der Hand, um, unter den Einflüssen der schönen Gegend, einer Scene in seinem empfindsamen Romane nachzudenken. Er war schon, eine geraume Zeit, in aller Wollust der Autorempfängniß, fortgewandelt, als er, ohngefähr dreißig Schritte vom Fußsteige ab, im Walde einen angenehmen Gesang zu hören glaubte. Er ward dadurch noch mehr aufmerksam gemacht, da ihm die Melodie bekannt war, noch mehr, da es ihm bey näherm Hinzugeben, eines seiner Lieder zu seyn schien, noch mehr, da ihm die Stimme Marianens Stimme zu seyn bedünkte. Er eilte durch das Gesträuch. Es war wirklich Mariane, die bey ihrem gewöhnlichen einsamen Abendspaziergange, sich am Ufer des kleinen Baches niedergesetzt hatte, ihren schwermüthigen Gedanken, über ihren geliebten ihr so frühzeitig geraubten Säugling nachzuhängen, und in diesem süßen Staunen, ein von demselben ehemals an sie gerichtetes Lied sang. Als sie Säuglingen erblickte, sprang sie auf, und that einen lauten Schrey, weil sie glaubte ein Gespenst zu sehen. Er überzeugte sie aber bald, daß er lebte, da er sie aufs feurigste in seine Arme schloß, und den ersten Kuß auf ihre jungfräulichen Lippen drückte. Unnennbare Freude zitterte aus beiden in dieser Umarmung, für alle Beschreibung zu innig. Marianens ganze Zurückhaltung zerfloß in diesem Gefühle, wie Eis beym Blick eines Maytages. Sie schwor die Seinige zu seyn, sie war die Seinige. In dieser wonnevollen Unterhaltung verstrich eine Stunde, ohne daß sie es merkten. Säuglings Bedienter, der, an dem abgeredeten Orte, mit dem Wagen so lange gewartet hatte, ward endlich unruhig, suchte seinen Herrn im Walde, fand ihn, und erinnerte ihn, nach Hause zu fahren. Siebenter Abschnitt. Säugling kam so spät nach Hause, daß er seinen Vater diesen Abend nicht sprechen konnte. Nach einer Nacht voll unruhiges Schlafs, ließ er bey frühem Morgen seinen Paßgänger satteln, und ritt ganz allein nach dem Hause im Walde. Wie ihn Mariane, in deren Herzen, nach langem freudelosen Harren, die heißeste Liebe wallte, empfangen habe, kann nicht beschrieben werden, und ist nicht nöthig zu beschreiben. Beide waren im ersten Taumel wechselseitig gestandener Liebe, wo jedes halbgestammelte Wort Entzückung ist, jeder Blick ein Gelübd, diese Entzückung solle ewig dauern. Ihre gestrige Zusage, einander ewig treu zu bleiben, ward durch den heißesten Kuß besiegelt. Säugling steckte ihr einen brillantenen Ring an den Finger, der, wenn man eine kleine Feder drückte, aufsprang, und ein Sinnbild entdeckte, mit der Ueberschrift: Ewig getreu . Mariane schenkte ihm eben den kleinen Demantring in Form eines flammenden Herzens, den ihre Mutter einst ihrem Vater, am Tage ihrer Verlobung gab S. Wilhelmine S. 50. , und den sie bisher, als ein werthes Andenken, an ihrem Finger getragen hatte. Auf diese Art kam der Mittag heran, da sie ein ländliches Mahl unter den bäurischen Glückwünschungen der ehrlichen Hausleute, mit herzlicheren Wohlgeschmacke verzehrten, als die theure Küche des liebemangelnden Schwelgers gewähren kann. Erst Nachmittags, konnte Mariane ihrem Säugling Rambolds Betrug, wovon sie freylich den schändlichsten Theil nicht wußte, ausführlich erzählen. In den ersten wonnetrunknen Ausbrüchen der Liebe, hatte sie ihn kaum mit wenig Worten berührt. Beide entbrannten über seine niederträchtige Erdichtung, wodurch ihr Glück so lange war zurückgehalten worden. Als ihr Unmuth gegen ihn aufs höchste gestiegen war, sahen sie ihn, unvermuthet, selbst ankommen, um einen seiner gewöhnlichen Besuche abzulegen. Er war nicht wenig betroffen, Säuglingen zu finden, und wollte sich erst mit seiner gewöhnlichen Hohnneckerey heraushelfen; da ihm aber, sowohl von Säuglingen als von Marianen, seine Niederträchtigkeit mit den bittersten Worten vorgeworfen ward, brachte ihn der Zorn darüber, und der Verdruß, sein Projekt gänzlich mißlungen zu sehen, so ausser aller Fassung, daß er unversehens, und fast ehe Säugling sich in Vertheidigung setzen konnte, mit bloßem Degen über ihn herfiel. Mariane warf sich zwischen beide, aber vielleicht würde dieß dem erboßten Rambold doch nicht Einhalt gethan haben, wenn nicht der alte Hauswirth, welcher ein Zeuge dieses Auftritts war, der auf einem grünen Platze vor dem Hause vorgieng, mit einem Hebebaume, so wirksam nach Rambolds Schulter gefahren wäre, daß dieser sein Schwert einsteckte, und unter vielen Flüchen, sein Pferd wieder bestieg und davon jagte. Dieser Vorfall, unterbrach in etwas das Vergnügen dieses Tages. Als sich aber Mariane von ihrem Schrecken erholet hatte, ward er ein Quell noch zärtlicherer Empfindungen. Beide verlobten sich in der Vorstellung des Glücks einer ewigen Verbindung, wozu Säugling, als er spät gegen Abend endlich Abschied nehmen mußte, die Einwilligung seines Vaters, in möglichstes Geschwindigkeit zu erlangen versprach. Ende des achten Buchs. Neuntes Buch. Erster Abschnitt. Des andern Morgens ließ Säugling der Vater, welcher schon den ganzen vorigen Tag, mit Ungeduld nach seinem Sohne gefragt hatte, denselben sehr früh zum Thee rufen. »Ich fürchte mich, sagte der Alte, du möchtest mir sonst heute wieder wegreisen, wie gestern.« »Ich möchte auch wohl, versetzte der Sohn, nur erst muß ich Ihnen von meiner gestrigen Reise, wichtige Dinge erzählen, bester Vater!« V. Laß seyn! Ich habe dir noch viel wichtigere Dinge zu sagen. Hör' nur, ob du gleich meinst, du machst alle deine Dinge so heimlich, daß es niemand merkt, so hab' ich dirs doch lange angesehen, daß du eine Zuneigung zur Jungfer Gertrudtinn hast. Ich habe sie heute nebst ihrer Mutter zu Mittage gebeten, – Nun, wie wärs, wenn ich für dich heute um sie anhielte? He? S. (erstaunt) Aber, liebster Vater, wie können Sie darauf kommen, daß ein Mensch von Talenten wie ich, mit einem einfältigen Mädchen von unkultivirten Geiste, werde sein ganzes Leben zubringen wollen. Welche Gesellschaft für einen Geist, wie ich? V. Einen Geist wie du? da schweben wir wieder oben im hohen Himmel! Aber glaub mir! Hienieden kenne ich, für einen Müßiggänger – und das bist du doch wohl – der wohl zeitlebens nicht auf Eine Entreprise denken wird, keine bessere Gesellschaft, als funfzigtausend Thaler , und die wird die Jungfer Gertrudtinn einmahl wohlgezählt von ihrer Mutter erben. Siehstu! Funfzigtausend Thaler! S. Nein! Reichthum kann mich nicht glücklich machen. Mich, zum Umgange mit Musen und Grazien gewöhnt – Liebe, überschwengliche Liebe – V. Und wie überschwenglich muß denn die Liebe seyn? Ihr waret doch beständig gern bey einander, hattet auch immer was zu flüstern, und wenn du denn die Jungfer Anastasia acht Tage lang nicht gesehen hattest, so wars denn, als ob dir was fehlte – Das sah mir doch so ziemlich wie Liebe aus. S. Liebe? Dieß geschah bloß, weil in dieser Einsamkeit kein anderes junges Frauenzimmer zu finden war. Mir ist aber wirklich der Umgang mit einem Frauenzimmer nothwendig, damit beständig in meinem Herzen sanfte und gefällige Empfindungen herrschen, und in meine Gedichte hinüberfließen mögen. V. Ey nun, so heurathe die Jungfer Gertrudtinn, so wird dir ihr Umgang noch aus einer Ursach nothwendig. Zeit ists ohnedieß, daß du heurathest. S. Das ist auch mein Vorsatz, mein bester Vater! Dieß war die wichtige Nachricht, die ich Ihnen von meiner gestrigen Reise erzählen wollte. Ich habe sie wieder gefunden, die Göttin meiner Seele, die ich schon lange liebe, die nun auch mich liebt, die meiner ganzen Liebe würdig ist. Jung! Schön! Edel! Verständig! Witzig! Sie lebt eine Meile von hier in einer Schäferhütte im Walde, in aller Unschuld des goldnen Zeitalters! Ihr habe ich ewige Treue geschworen, und nie soll eine andere dieß Herz rühren, dieß Herz voll von brennendem zärtlichem Gefühle, gegen die göttliche Schöne. V. Was redst du da? Was für romanhaftes Geschwätz? Eine Göttin die in einer Hütte lebt? Ey nun ja, die wird freylich auch wohl kein Geld haben, denn das braucht man weder im Himmel noch im goldnen Zeitalter. – Aber sage mir nur, ists möglich daß du mir solche Streiche machst? Gleich sag heraus; wer ist das Mensch? S. Aber lieber Papa! – Aber wirklich – Sie sprechen in Ausdrücken – von dem edelsten süßesten Mädchen – Es ist doch auch nicht ein bischen – Sie machen mich warhaftig ganz verwirrt. V. So! der Herr Sohn meint, ich brauchte nicht Respekt genug! Gar fein! Wer ist denn also deine Göttinn? Wem gehört sie an? S. Bester liebster Vater! Es ist die schönste Seele in dem schönsten Körper, sanft, gut, gefällig – V. Bester liebster Herr Sohn, wem sie angehört, wer ihre Eltern sind, möchte ich wissen. S. Sie Ist die Tochter eines würdigen Mannes, eines redlichen Predigers, eines unglücklichen Mannes, der von den Feinden vertrieben worden. Sie hat unschuldig viele Verfolgungen ausstehen müssen, die Vorsicht hat sie mir nach langer Abwesenheit wieder zugeführt. Ich habe sie nun, ich liebe sie mit innigster Zärtlichkeit und werde nimmer von ihr laßen. Der Alte ließ für Schrecken seine Pfeife zu Boden fallen. Der schöne Entwurf, seinen Sohn mit einem reichen Frauenzimmer zu verbinden, den er für ganz ausgemacht hielt, sah er mit einemmahle vernichtet, sein Sohn war in ein armes Mädchen vergafft, das in eine benachbarte Hütte, Gott weiß woher, gekommen war, und was das schlimmste war, denn sein Phlegma stellte sich allemahl die nächsten Verlegenheiten als die größten vor, er wuste gar nicht, was er mit der Frau Gertrudtinn, ihrer Tochter und dem Freywerber anfangen sollte, die er zu heute Mittage gebeten hatte, um den Heurathsantrag zu thun, in der ganz zuverläßigen Vorstellung, daß sein Sohn nichts lieber wünschte. Endlich ermannte er sich, um seinem Sohne zu beweisen, daß es sich für ihn gar nicht schicke, ein armes Mädchen zu nehmen, und sein Sohn ermangelte nicht, mit vielen Gegengründen darzuthun, daß ein Mädchen, die er liebte, das einzige Glück seines Lebens machen werde. In diesem Streite, ward die kaltsinnige Ruhigkeit des Vaters, bald von der feurigen Heftigkeit des Sohnes betäubt. Da Säugling also merkte, daß sein Vater stiller ward, bekam er Muth, und bot alle seine Beredsamkeit auf, um denselben zu überzeugen. Indem er nun mit heller Stimme für seine Meinung kämpfte, und dabey mit den Händen fochte, erblickte der Vater den Ring mit dem flammenden Herzen, an der linken Hand seines Sohnes. »He da! rief er, und nahm ihn bey der Hand, Laß sehen Junge! ich glaube du hast dich im ganzen Ernste verplempert. Ich will nicht hoffen, daß du den Ring von dem Mädchen hast.« »Ja! von ihr! rief der Sohn, und küßte den Ring, indem er ihn dem Vater vorhielt, sie ist die süßeste Seele, voll Unschuld und Liebe, weiß und glänzend wie diese Steine.« »Warhaftig, sagte der Vater bedächtig, indem er den Ring gegen das Fenster kehrte, der Mittelbrillant ist vom ersten Wasser. Höre nur, das Mädchen kann doch wohl nicht ganz arm seyn, wenn sie solche Ringe verschenkt – Sehen Sie Herr Pastor, einen schönen Stein, einen ausbündigen Stein, –« fuhr er gegen den Sebaldus fort, der eben, mit den Zeitungen in der Hand, herein getreten war. Sebaldus hatte kaum den Stein erblickt, als er voll Erstaunen ausrief: »Gott! woher haben Sie den Ring? er gehört meiner Tochter.« »Ihrer Tochter?« riefen Vater und Sohn. »Ich habe den Ring, fuhr der Sohn fort, von dem besten edelsten Mädchen, das ich unaussprechlich liebe, und ewig lieben werde. Ist sie Ihre Tochter? – wohl mir! – So ist sie die Tochter eines sehr redlichen Mannes.« Der junge Säugling erzählte einige Umstände, die dem Sebaldus keinen Zweifel mehr übrig ließen. Sebaldus bat den Alten, ihn sogleich zu seiner Tochter fahren zu laßen, der junge Säugling bat seinen Vater fußfällig, daß er mitfahren dürfe. Dieser bewilligte endlich beydes, nur mit dem Bedinge, daß sie zur Mittagsmahlzeit wiederkämen, und daß sie sich, von allem vorgefallenem, gegen die Frau Gertrudtinn und ihre Tochter, nichts sollten merken laßen, wodurch er sich wenigstens aus seiner heutigen Verlegenheit zu ziehen hoffte. Der junge Säugling sprang gleich fort, um selbst die geschwinde Anspannung eines Wagens zu besorgen. Unterdessen verlangte Säugling der Vater vom Sebaldus einen Handschlag, daß er die Heirath seines Sohns mit Marianen nicht befördern wollte. Sebaldus gab ihm deshalb ausdrücklich sein Wort, und der Alte, der Sebaldus ehrliche Denkungsart kannte, machte seiner eignen Klugheit insgeheim ein Kompliment, indem er dadurch seinem Sohne einen starken Schritt abgewonnen zu haben glaubte. Sebaldus fuhr mit dem jungen Säugling, nach dem Hause im Walde. Als Mariane den Wagen ankommen sah, flog sie ihrem Liebhaber entgegen. Er war aber kaum aus dem Wagen gesprungen, als sie auch ihren Vater erblickte. So viele Freude auf einmahl zu ertragen, ist ein menschliches Herz zu schwach. Sie fiel in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, stürzte sie, mit Freude ohne Maaße, in ihres Vaters Arme, in die er sie mit väterlicher Inbrunst schloß. Aber bald mischten sich traurige Empfindungen in ihre Freude. Ihr Vater hielt ihr seine jetzige Lage gegen den alten Säugling vor. Er gab ihr zu überlegen, ob er nicht dessen Gutthätigkeit mit Undanke belohnen und die heiligsten Rechte der Gastfreundschaft verletzen müßte, wenn er, wie es allemahl scheinen würde, aus Eigennutz, zu ihrer Heurath mit dem jungen Säugling, wider des Vaters Willen, seine Einwilligung geben wollte. Er erklärte ihr endlich, daß er dem Alten förmlich deshalb sein Wort gegeben habe, und nun forderte er auch von ihr ein ausdrückliches Versprechen, alle Gedanken daran, fahren zu laßen. Marianens innrer Streit war sehr heftig. Sie war noch nie ihrem Vater ungehorsam gewesen, sie fühlte, es würde unedel seyn, ihm jetzt, in dem nicht zu gehorsamen, was er mit väterlichem Ernste und guter Gründe wegen, verlangte, aber sie fühlte auch, es heiße, sich das Herz ausreissen, wenn man dem einzig Geliebten plötzlich ganz entsagen soll. Kindliche Pflicht siegte endlich in der edlen Seele, wie Pflicht über Leidenschaft allemahl: mit Mühe. Sie benetzte ihres Vaters Hand mit Thränen, und schwur, nichts wider seinen Willen zu thun, nichts, das ihr und ihm unanständig wäre. Sie ermahnte selbst Säuglingen, mit einem Strome von Thränen, standhaft zu seyn, sie zu vergessen. Aber der hohe Schmerz, mit dem, bey ihrer großmüthigen Entsagung, ihr Auge auf ihn blickte, beförderte selbst seine Liebe bis auf den höchsten Grad. Er gerieth in die heftigste Leidenschaft, er schwor zu ihren Füßen, nimmer von ihr zu laßen, er bot ihrem, er bot seinem Vater Trotz, seiner Liebe Hindernisse entgegen zu setzen, er schloß sie in seine Arme, und bot der ganzen Welt Trotz, sie von ihm zu reißen. Marianens thränende Bitten, aus allem was Liebe bitteres und süßes hat gemischt, Sebaldus beweglichste Vorstellungen, halfen nichts. Er schloß sie nochmals in seine Arme, und betheuerte mit den heftigsten Schwüren, sie solle ewig die Seinige seyn. Sebaldus, hatte sich noch nie in einer so delikaten Lage befunden. Er sah sich in unaussprechlicher Verlegenheit. Er liebte sein Kind zärtlich, und doch bewogen ihn Vernunft und Pflicht, ihr zu versagen, was, wie er sahe, sie glücklich machen würde, und es war nicht abzusehen, wenn auch Mariane gehorsamte, wie die heftige Leidenschaft des Jünglings zu zähmen seyn möchte. Indessen verstrich die Zeit, und Sebaldus, des Versprechens eingedenk, zur Mittagsmahlzeit zurückzukehren, erinnerte Säuglingen an die Abreise. Säugling aber war durch keine Vorstellung zu bewegen, sich von Marianen zu trennen, und schwor abermals, nicht eher zu seinem Vater zurück zu kehren, bis er dessen Einwilligung zu seiner Verbindung erhalten hätte. Sebaldus sah endlich, nach vielen fruchtlosen Versuchen, der Jüngling sey zur Rückreise nicht zu zwingen, und ihn zurückzulaßen, hielt er sehr bedenklich, weil, in dieser convulsivischen Leidenschaft, heftige unüberlegte Rathschläge zu fürchten waren. Er entschloß sich also in dieser äußerster Verwirrung der Sache (ob er gleich noch nicht wußte, wie dieß der alte Säugling aufnehmen könnte) seine Tochter mitzunehmen, und bey sich zu behalten, wo er den weitern Gang dieser Angelegenheit, besser zu übersehen, und gemeinschaftlich mit dem alten Säugling, die zuträglichsten Maasregeln nehmen zu können, vermeinte. Verliebte sind wie Kinder. Kaum vernahm Säugling des Sebaldus Entschluß, als er, von der äußersten Wuth, zur äußersten Freude übergieng. Mit seiner Mariane, deren gegenwärtige Trennung von ihm, seine Leidenschaft als das äußerste Unglück darstellte, nun unter eben dem Dache wohnen zu können, schien ihm das äußerste Glück. Er umarmte den Sebaldus, er küßte dessen Hand, er bat ihn, wegen aller unüberlegten Worte, die er in der Wut ausgestoßen hatte, um Vergebung. Sein Gemüth war plötzlich umgestimmt, vernünftigen Vorstellungen Gehör zu geben, er versprach sich zu mäßigen, versprach seines Vaters zu schonen, versprach alles, Marianens Gesellschaft überwog alles, füllte seine Seele ganz, ließ keinem andern Gefühle Raum. Sie setzten sich sämmtlich in den Wagen, und fuhren, äußerlich beruhigt, zurück. Zweyter Abschnitt. Säugling der Vater, befand sich in ziemlicher Unruhe, theils, weil sein Sohn zur gesetzten Zeit nicht zurückkam, theils, weil er unschlüssig war, wie er sich gegen die Frau Gertrudtinn und ihre Tochter betragen sollte, die noch nicht wußten, daß der Absicht, wegen welcher man sie auf heute gebeten hatte, ein so großes Hinderniß in den Weg gelegt war. Indessen ward ihm ein Theil dieser Verlegenheit benommen, da die Frau Gertrudtinn ohne ihre Tochter erschien. Ob Säuglings Gedichte, oder die Furcht und Hofnung wegen seiner Entschließung, oder andere Ursachen, auf ihre zarten Nerven allzustark gewirket haben mochten, ist ungewiß. Genug, sie war denselben Morgen mit Kopfweh, Uebelkeiten und Zittern der Glieder befallen worden, eine Krankheit, wegen welcher ihre Mutter in ziemlichen Sorgen zu seyn schien. Kurz nachher kam auch der junge Säugling mit seiner Gesellschaft an. Mariane ward indessen in Sebaldus Zimmer geführt, bis man nach Tische dem Alten diesen Vorgang berichten konnte. Bey Tische war die ganze Gesellschaft nicht sonderlich aufgeräumt. Alle suchten ihre innerliche Verlegenheit zu verbergen, und dachten ihren besondern Entwürfen nach. Nach Tische zog der Freund der Frau Gertrudtinn, den alten Säugling, in das Fenster eines Nebenzimmers, wo sie bald in ein tiefes Gespräch über die Heurathssache geriethen. Der junge Säugling schlich sich, ohne daß jemand darauf dachte, zu seiner Mariane, und die Frau Gertrudtinn blieb mit Sebaldus auf einem Kanape sitzen, weil sie heute sich vorgenommen hatte, mit ihm, die wichtige Lehre von dem geistlichen Verderben der menschlichen Natur, aus dem Grunde abzuhandeln. Sebaldus hatte, in ihren vorigen Disputen, der menschlichen Natur Kräfte zur Besserung zugestanden, die Frau Gertrudtinn aber, hatte hierbey alles der Gnade zugeschrieben. Sie war schon einige mahl vom Sebaldus mit verschiedenen Argumenten ziemlich eingetrieben worden, heute aber hatte Sie sich vorbereitet, ihn schlechterdings danieder zu schlagen. Da das Geschnatter einer Religionscontroversistinn, zumahl, wenn es erst zu einer gewissen Stärke gekommen, schwer zu überwältigen ist, und da der gute Sebaldus ohnedem von Marianens kritischer Lage den Kopf voll hatte, so ist leicht zu erachten, daß diesesmahl die Frau Gertrudtinn leichter gewonnen Spiel haben konnte. Sie hieb also alle menschliche Tugenden unbarmherzig nieder, um nachher der Gnade daraus ein Siegeszeichen zu errichten. Sie erzählte, mit geläufiger Zunge, alle die Wunder die durch die Gnade, an unwiedergebohrnen Menschen, im Leben und auf dem Todbette, je haben sollen verrichtet worden seyn, sie plünderte die düstern Schriften einer Bourignon , eines Hans Engelbrechts, Gerbers, Reiz, Bogatzki und anderer, und zuletzt, weil doch ein jeder Heiliger, gern ein Wunder von seinem eignen Machwerke zu haben pflegt, erzählte sie, daß in dem Wirthshause, ihrem Hause gegenüber, ein junger Kornet im Quartiere liege, der zwar immer ein natürlich guter, aber doch ein unwiedergebohrner Mensch gewesen, nachdem er aber nun, seit länger als einem halben Jahre, die Erbauungsstunden, die sie in ihrem Hause halte, besucht habe, sey er von der Gnade auf eine so kräftige Art ergriffen worden, daß sie seine merkwürdige Bekehrungsgeschichte aufgezeichnet habe, und sie nächstens nach Magdeburg schicken wolle, um, den Ungläubigen zur Beschämung in das geistliche Magazin eingerückt zu werden. Unter diesen Gesprächen, fuhr ein Wagen vor die Thüre, aus welchem der Hr. von Haberwald halbbetrunken heraustaumelte. Die Frau Gertrudtinn wollte mit solchem Weltkinde nichts zu thun haben, ließ sich also vom Sebaldus in den Garten führen, ehe der Herr von Haberwald heraufkam. Dieser, nachdem er sich mit seiner Flasche Wein erfrischt hatte, legte sich in den Lehnstuhl und fieng an zu schwatzen: »Ich komme da vom Landtage zurück, wo der Sechs und zwanziger geflossen ist, und denn hatte der Prälat von *** ein Ohmchen Neuner, so just für 'nen Kenner. Doch haben wir auch übers Landes Beste die Köpfe zusammengesteckt, denn so wahr ich lebe, Nachbar Säugling, was mich betrift, ich habe Verstand für zwey, wenn ich getrunken habe. – Ja nun, was wollte ich doch sagen, – der Landtag war aus, so muß man doch auch'n bischen sehen, wie's zu Hause aussieht – so fahren wir denn zurück und ich komme heute um halb eilfe nach *** da hab' ich im rothen Löwen, bey dem putzigen Wirthe mit der Stumpfnase gegessen, der Kerl hat Burgunder, so gut wie in Lüttich, Forçe! Feuer! wer ihn nicht versteht, den wirft er untern Tisch – Ja was wollte ich doch sagen – Gegenüber wohnt, du weist's Nachbar Säugling, die alte reiche Hexe die Gertrudtinn, mit einemmahle, wie wir im besten Trinken sind, wird da ein Lärm im Hause, die Leute liefen vor der Thür zusammen, und wir ans Fenster.« – »Wie so? fragte der Freywerber: Es war doch wohl nicht Feuer im Hause?« »Ey! warum nicht gar! Aber vor neun Monaten mag wohl Feuer gewesen seyn, da kriegt nun die Tochter jetzt, ich weiß nicht was für 'nen Zufall, und die Mutter ist nicht 'nmahl zu Hause, drüber wird 'n Aufruhr, 's Mädchen hohlt'n Doktor, ja der thut's noch nicht. – ›He! schrie Stumpfnase, und wieß mir'n alt Weib auf der Straße – da haben sie Mutter Ilsen von der andern Ecke geholt, die wirds ins Gleis bringen, und denn der Kornet, der bey mir in Quartiere liegt, ist auch schon herüber geschlichen –‹ Ey daß dich übern Kornet, wenn doch unser einer auch 'nmahl so im Quartier läge! –« Hierbey schlug Haberwald eine wiehernde Lache auf, und der Freywerber, dem sich, während der ganzen Erzählung, die Kinnbacken verlängert hatten, gieng in den Garten, um der Frau Gertrudtinn den für ihre Absichten so verdrießlichen Vorfall, mit möglichstes Vorsicht zu hinterbringen. Er störte sie in einer sehr glücklichen Lage, denn da sie ihre heutige Ueberlegenheit über Sebaldus vermerkte, hatte sie ihn warm gehalten und war jetzt eben im Beweise begriffen, daß die dritte Posaune Offenb. Joh. VIII. 10. in der Apokalypse, die Indifferentisten bedeute, welche von Erbsünde und Wiedergeburt nichts wissen wollen, und dadurch eine bittere Religionsmengerey verursachen, dagegen Sebaldus, der aber jezt gar nicht zum Worte kommen konnte, vermeinte, daß dadurch die französischen Atheisten angedeutet würden, welche die ersten Quellen der menschlichen Glückseligkeit vergiften. Der Freywerber raunte der Frau Gertrudtinn die unglückliche Nachricht ins Ohr, wodurch sie außer aller Fassung gebracht ward. Sie fiel beynahe in Ohnmacht, kam wieder zu sich, ward in ihren Wagen gepackt und nach Hause gefahren. Der Herr von Haberwald machte sich mit noch ein Paar Flaschen vollends fertig, und ward in ein Bette gebracht, um seinen Rausch auszuschlafen. Seine Pferde aber, die nüchterner waren, giengen nach Hause. Des alten Säuglings Nerven, keiner Anstrengung gewohnt, waren, durch die mannigfaltigen diesen Tag vorgefallenen Begebenheiten, dermaßen erschüttert worden, daß er halb betäubt da saß. Gleichwohl sollte er noch nicht zur Ruhe kommen, denn der junge Säugling stellte ihm, wider alles Vermuthen, Marianen vor. Beide warfen sich ihm zu Füßen. Sein Sohn, um ihn mit der größten Heftigkeit zu flehen, in ihre Verbindung zu willigen. Mariane, um ihn mit Thränen zu versichern, daß sie, so sehr sie seinen Sohn liebe, doch, ohne seine Einwilligung, nie demselben ihre Hand geben würde. Sebaldus, bestärkte sie in diesem Entschluße, und setzte den Undank, dessen sie beide sich sonst schuldig machen würden, weitläufig ins Licht. Säugling der Vater, hob Marianen auf, versicherte sie, daß er sie werthschätze, daß er ihren Vater werthschätze, daß er aber ihre Heurath mit seinem Sohne nicht zugeben könne. Uebrigens bat er alle, ihn nur heute ruhig zu laßen, denn er könne nun kein Wort weiter sagen. Der Abend nahte nun heran, und die ganze Hausgenossenschaft gieng bey Zeiten zu Bette, aber niemand schlief ruhig, als der Herr von Haberwald, welcher, im Dunste des lüttichschen Burgunders, nach Herzenslust schnarchte. Der alte Säugling schlief nicht, weil ihm der Querstrich mit der Jungfer Anastasia im Kopfe lag und weil er gar nicht absehen konnte, wie er seinen Sohn zufrieden stellen sollte, den er sehr liebte. Er konnte leicht erachten, daß derselbe von seiner Liebe nicht so leicht abgehen werde, und er konnte sich doch auch nicht entschließen, in die Heurath seines einzigen Erben, mit einem armen Mädchen, zu willigen. Nach langem Hin- und Hersinnen wollte ihm nichts bessers beyfallen, als daß er seine väterliche Autorität zusammennehmen, und seinem Sohne rund heraussagen müßte: Aus der Sache würde nichts. Nachdem er diesen Entschluß genommen hatte, ward er etwas ruhiger, und schlief endlich ein. Sebaldus konnte nicht einschlafen, weil ihm Marianens mißlicher Zustand am Herzen lag. Doch war an seiner Unruhe auch nicht wenig Schuld, daß die Frau Gertrudtinn seine Erklärung der dritten Posaune so schnöde verworfen hatte. Er fieng an, sich die Gründe für seine Meinung ausführlich zu wiederholen. Je mehr er darüber nachdachte, desto richtiger fand er seine Meinung, und destomehr beruhigte er sich über den Widerspruch der ungelehrten Frau, so daß er endlich einschlief. Der junge Säugling und Mariane, hatten jedes für sich eine schlaflose Nacht, und zwar aus einerley Ursach, nehmlich, weil sie verliebt waren, und weil sie ihrer Liebe, ein beynahe unübersteigliches Hinderniß in den Weg gelegt sahen. Sie beschäftigten sich, jeder besonders, wer weiß wie viel spanische Schlösser in die Luft zu bauen, und thaten darüber, bis an den hellen Morgen, kein Auge zu. Dritter Abschnitt. Des folgenden Tages, erschien Säugling der Sohn, ungerufen, sehr früh beym Theetische seines Vaters. Seine heftige Leidenschaft hatte nun einiger Ueberlegung Raum gegeben. Er sahe ein, daß ohne seines Vaters Einwilligung nichts auszurichten sey, und daß er ihn, auf irgend eine Art, müsse zu beugen suchen. Er hatte ausgerechnet, daß sein Vater ihn liebe und sonst eben nicht allzu standhaft sey. Er hatte also, die Nacht über, alle schwachen Seiten, die er seinem Vater abgewinnen könnte, ausfindig zu machen gesucht, und griff ihn diesen Morgen, mit einer Inbrunst und mit einer Beredsamkeit an, die er für unwiderstehlich hielt. Er betrog sich aber. Der Vater runzelte, seinem angenommenen Entschlusse gemäß, die Stirn, und gebot ihm in einem verdrießlichen Tone: »Von dieser Sache kein Wort mehr zu reden, weil es sich für ihn einmahl nicht schicke, ein Mädchen ohne alles Vermögen zu heurathen.« Der Sohn wolte Einwendungen machen, aber der Vater setzte trockner Weise hinzu: »Die Sache sey so klar, daß er Marianens eignen Vater zum Schiedsrichter annehmen wolle.« Sebaldus fiel ihm völlig bey. Der junge Säugling, dem, seiner schönen Rede ungeachtet, von der er sich die kräftigste Wirkung versprochen hatte, von beiden zukünftigen Schwiegervätern, seine Braut abgesprochen wurde, stand starr da, wie eine Bildsäule. Der alte Säugling, um von dem ganzen Diskurse abzukommen, ersuchte den Sebaldus, die Zeitungen zu lesen. Nachdem verschiedene Zeitungen durchgelesen waren, kam Sebaldus endlich auf folgende Stelle: »Bey der N. N. Ziehung der Königlichen N. N. privilegirten Zahlenlotterie, welche den N. N. dieses Monats, mit gewöhnlichen Formalitäten öffentlich vollzogen worden, sind die Nummern 33. 42. 12. 66. 6. aus dem Glücksrade gekommen.« »Laß sehen – rief der alte Säugling, indem er seine Loose aus dem Schranke holte und nachsah – warhaftig wieder nicht eine einzige Zahl – der verdammte arabische Lotteriewahrsager – Und doch sind mir die Nummern so bekannt, ich dächte, ich hätte sie rathen müssen. – Wie ists denn? Von Ihren Zahlen wird auch wohl keine heraus seyn. Sehen Sie doch nach, Herr Pastor.« Sebaldus nahm seinen Zettel aus der Schreibtafel und der alte Säugling las die Zahlen ab, und verglich jede mit der Zeitung. Sein Auge ward starr, sein Gesicht lang. Endlich rief er: »Was zum Teufel 33 – 12 – 66 – 6. Ists möglich! Eine Quaterne! Sie sind ein Glückskind Herr Pastor.« »Habe ich was damit gewonnen?« fragte Sebaldus ruhig. »Gewonnen? rief der Alte, und ergrif Bleystift und Papier um auszurechnen. Laß sehen: 1 Quaterne à 4½ stbr. 4500 Rthl. – 4 Ternen à 30 stbr. 10600 – – 6 Amben à 3¾ stbr. 101 – 15 Stbr. Macht wahrhaftig, 15 201 Rthl. 15 Stüber. Daß dich doch! Bin ich nicht ein Schöps, daß ich nicht die Nummern genommen habe!« »Wie? Was? funfzehntausend Thaler! rief der junge Säugling, indem er sich seinem Vater zu Füßen warf. Nun sagen Sie nicht, daß meine Mariane arm ist. Ich umfasse Ihre Knie, und stehe eher nicht auf, bis Sie mir Ihre Einwilligung geben. Nun ist alle Hinderniß gehoben! –« »Mein Sohn! rief der Alte, du denkst bloß an deine Heurath, – davon ist jetzt die Rede nicht, – ich denke an den verwünschten Lotteriewahrsager ! – (indem warf er das Buch, unwillig, ins Kohlfeuer, das im Kamine stand, und das Lotterievademecum flog hinterher.) – daß dich doch – Aber wie wars doch Herr Pastor! Ist Mamsell Mariane Ihr einziges Kind?« – Sebaldus antwortete seufzend: »Ich habe noch einen Sohn, von dem ich aber, seit er in den Krieg gegangen ist, keine Nachricht habe.« »Sie sehen, rief Säugling der Sohn, der seines Vaters Meinung errieth, meine Mariane ist das einzige Kind. Wer weiß, bey welcher Action der Sohn geblieben ist. – Funfzehntausend Thaler! – Hätte ich doch nicht geglaubt, daß mir Geld Vergnügen machen könnte! – Ich bitte Sie, liebster Vater, bedenken Sie, daß Mariane übrig reich für mich ist!« – »Laß mich gehen, mein Sohn! – Wer weiß ob auch das Geld richtig ausgezahlt wird.« – »Liebster Papa! bedenken Sie doch – eine Königliche Lotterie sollte nicht bezahlen!« – Damit sprang er auf, um Marianen ihr beiderseitiges Glück zu hinterbringen. Als er weg war, saßen die beiden Alten stockstille. Der alte Säugling fuhr fort, sich zu ärgern, daß er die Zahlen nicht für sich gewählt hatte, und maß, an der Entzückung, die er in Sebaldus Augen las, die Entzückung ab, in der er selbst gewesen seyn würde, wenn er die Quaterne gewonnen hätte. Sebaldus, saß wirklich ganz entzückt da, aber nicht über das gewonnene Geld, denn ob ihm gleich die vortheilhafte Wendung, die die Sachen nahmen, erfreulich war, so kam doch eigentlich seine Entzückung daher, daß ihn die Zahlen, durch verwandte Ideen, an die Apokalypse und an seinen Kommentar erinnerten. Er überdachte seine Meinung, daß alle böse Menschen, durch Strafen gebessert, in dem neuen Jerusalem gut und glücklich seyn würden, welche reizende Vorstellung, ihn allemahl in die innigste Freude versetzte. Säugling der Sohn, kam bald mit Marianen zurück. Beide warfen sich zu seines Vaters Füßen, der, nach wenigen Schwierigkeiten, seine Einwilligung gab, welche Sebaldus auch bekräftigte. Vierter Abschnitt. Die beiden Liebenden giengen in den Garten, und die Alten blieben zusammen. Säugling der Vater, um dem Sebaldus einen Brief wegen Bezahlung der Quaterne zu diktiren, und Sebaldus, um ihn zu schreiben. Kaum war diese Arbeit fertig, als Rambold angefahren kam, um den Herrn von Haberwald abzuholen. Dieß war seine gewöhnliche Verrichtung, wenn sein Gönner sich so wohl that, daß er nicht nach Hause kommen konnte. Weil dieser aber noch schnarchte, so trat er zum alten Säugling ein. Er entfärbte sich nicht wenig, als er den Sebaldus wieder erblickte, den er seit der letzten Zusammenkunft S. oben S. 380. , nicht gesehen hatte. Dennoch wollte er diese Gelegenheit, seine Rache gegen den jungen Säugling auszuführen, nicht vorbeylaßen. Er nahm eine scheinheilige Mine an, und sagte: »Sein Gewissen, da er ehemals der Hofmeister des jungen Herrn gewesen, verbinde ihn, dem alten Herrn eine unangenehme Nachricht zu geben, nehmlich, daß der junge Herr Säugling, sich an eine Landläuferinn gehänget habe, die, demselben zu gefallen, in einem nicht weit entlegenen Hause sich aufhalte.« Der Alte sagte lächelnd:»Ich weiß es wohl. Aber eine Landläuferinn ist sie nicht, sondern ein Mädchen das gute funfzehntausend Thaler hat.« Rambold schlug eine laute Lache auf: »Laßen Sie sich doch so etwas von Ihrem Sohne nicht einbilden. Sie hat gar nichts. Kein Mensch weiß, wem sie angehört.« Der alte Säugling, der sich bey diesem Mißverständnisse genoß, sagte mit belehrender Geberde: »Wenns kein Mensch weiß, so weiß ichs doch. Sehen Sie, das Mädchen, das Sie für eine Landläuferinn halten, ist des Herrn Pastors hier, einzige Tochter. Er hat in der letzten Ziehung der Lotterie eine Quaterne von funfzehntausend Thalern gewonnen. Sie ist meines Sohnes Braut, denn ich habe meine Einwilligung gegeben und ihr Vater auch. Also kommt ihr guter Rath zu spät, mein lieber Herr Rambold.« Rambold war äußerst betreten. Seine natürliche Unverschämtheit verließ ihn. Er ward bald blaß bald roth, sahe den Sebaldus, voll Verwirrung, bald an, bald wieder weg; biß sich die Nägel, schien etwas sagen zu wollen, ohne daß er etwas herausbringen konnte. Murmelte endlich: »Aber wirklich, – funfzehntausend Thaler hat dieser Herr gewonnen!« Sah wieder nach Sebaldus, mit betroffner Mine, und schlug halb beschämt die Augen nieder, wollte wieder zu reden anfangen, und das Wort schien ihm auf dem Munde zu vergehen. – Indessen traten eben Säugling der Sohn und Mariane ins Zimmer. »Kommen Sie meine Tochter, rief der alte Säugling schmunzelnd: Vertheidigen Sie sich. Hier dieser Herr, wollte mich eben für Sie, als für der Verführerinn meines Sohnes warnen.« »Nichtswürdiger! rief Mariane, und sah Rambolden mit einem Blicke voll tiefster Verachtung an. Du denkst schändlich gnung, um zur Verfolgung noch Verläumdung hinzuzuthun. – Deine niederträchtige Liebe, die nur Bosheit war.« – »Und doch sollen Sie mich gewiß noch lieben,« fiel ihr der faselhafte Rambold grieflachend ins Wort, gewohnt, bey einer Geckerey, die ihm in den Kopf kam, alle ernsthafte Gedanken zu vergessen. »Wie? rief Mariane höchsterzürnt, nimmermehr!« – »Aber doch gewiß liebstes Marianchen!« neckte Rambold weiter. Mariane erblaßte vor Zorn, über diese unglaubliche Unverschämtheit, und wiederholte: »Nimmermehr! Niederträchtiger!« »Ja gewiß! – erwiederte Rambold, der seine Geckenmine, in eine ernsthafte verwandeln wollte, und unbeschreiblich einfältig aussah, – zwar nicht als Liebhaber, aber doch als Bruder . – Ich bin Ihr Sohn – rief er und warf sich zu Sebaldus Füßen – Ich fühle die größte Reue, daß ich Ihnen nicht geschrieben und mich Ihnen hier nicht eher zu erkennen gegeben habe – Ich wollte aber mein Glück erst fest setzen, ehe ich meinen im Kriege angenommenen Namen S. Erster Theil S. 30. verließe – Ich bin weit herumgeirrt – Ich habe, nachdem Sie von Hause vertrieben worden, nie Nachricht von Ihnen gehabt – Erst ganz kürzlich habe ich erfahren, wer sie waren – Da war ich gleich ausserordentlich unruhig – Ich wollte – Ich wuste nicht recht« – Hier stammelte er noch einige kahle Entschuldigungen, an denen es schlechten Leuten nie fehlet. Alle erstaunten. Sebaldus faßte sich nach einigen Augenblicken, und sagte: »Mein Sohn! Du wußtest doch also, wer ich war? Edler wäre es gewesen, wenn du mich nicht verschmähet hättest, als ich noch in elenden Umständen war! Aber ich vergebe dir.« Er hob ihn auf, und umarmte ihn. Auch der junge Säugling umarmte ihn. Mariane that ein gleiches, aber nicht mit der Fülle des Herzens, mit der sie sonst einen Bruder würde umarmet haben. Rambold hingegen war guter Dinge, als ob alles so recht wäre, und da der Herr von Haberwald auch endlich aus seinem Schlafzimmer hervorkam, erzählte er ihm lachend, daß er seinen Vater und seine Schwester gefunden habe, und stellte ihm dieselben vor. Letzter Abschnitt. Die Quaterne ward bezahlt, und Säugling ward kurz darauf mit Marianen verbunden. Die ersten Honigmonate verflossen in allen Entzückungen einer zärtlichen Liebe. Säugling machte sich den schönsten Plan zu einem arkadischen Schäferleben, voll Zärtlichkeit, Unschuld, Liebe, und besonders voll lieblicher Gedichte. Indessen gieng es in der folgenden Zeit nicht ganz nach diesem schön ausgedachten Plan. Mariane hatte, während ihres einsamen Winteraufenthaltes im Hause im Walde, und sonst, Gelegenheit gehabt zu erfahren, wie eitel poetische Phantasien sind, wenn sie ins gemeine Leben gebracht werden. Ihr kleiner Hang zu romantischen Gesinnungen, und die, von Jugend an, so gern gehegten Aufwallungen der Einbildung, verschwanden, da sie in die wichtigen Verhältnisse des wirklichen Lebens trat. Ihre süßen empfindsamen Phantasien, ersetzte ihr wirkliche Liebe, ihre unbestimmten Aussichten auf überschwengliche himmlische Seligkeiten, gemäßigtes, aber wahres Wohlbefinden. Gespräch vom Wohlthun, machte thätiger Geschäfftigkeit Raum. Sie weihte sich ganz ihren Pflichten, ward eine Landwirthinn, versorgte ihr Haus, und erzog ihre Kinder. Sie verschmähte auch nicht die kleinen Unannehmlichkeiten, die das häusliche Leben mit sich führt. Ihrem edlen Geiste ward dadurch von seiner feinen Empfindung nichts entzogen, sie ward vielmehr dadurch gestärkt. Mariane empfand nunmehr, wie weit sentimentales Gefühl, im wirklichen Leben thätig angewendet, das leichte Geschwätz davon, überwieget. Sie merkte, daß, Mutter und Hausfrau zu seyn, etwas mit sich führt, was keine jugendliche Phantasey, so weit sie zu fliegen scheint, erreichen kann. Säugling, immer gewohnt, dem Frauenzimmer zu folgen, modelte sich unvermerkt nach Marianen. Er erinnerte sich, daß er, ein Mann, nicht mehr ein Jüngling sey. Er entsagte, freylich nach einigen kleinen Kämpfen, erst seiner allzu genauen Achtsamkeit auf den Kleiderputz, dann seinen zierlichen Gesinnungen, und endlich sogar seinen Gedichten. Er hat selbst an seinen empfindsamen Roman nicht nur nicht weiter gedacht, sondern ist auch allmählig ein völliger Landwirth geworden. Er steht mit Tagesanbruch auf, theilet seinen Leuten ihr Tagewerk aus, reitet, in aller Witterung, zu ihnen aufs Feld, und hat sich, durch unabläßige Thätigkeit, eine solche praktische Kenntniß des Ackerbaues erworben, daß er auf seines Vaters Gütern die wichtigsten Verbesserungen zu Stande gebracht hat. Indessen, da sich lange angewöhnte Unarten selten ganz ausrotten lassen, so ist er doch, unter der Hand, wieder ein Schriftsteller geworden, denn es wird nächstens von ihm eine Abhandlung vom Bau der Kartoffeln gedruckt werden, welche er, nach einer ihm eignen Methode zu vervielfältigen weiß, und womit er, in den letzten theuern Jahren, die armen Heuerleute seiner Gegend, aus eignem Vorrathe, beynahe ganz erhalten hat. Als der Frau von Hohenauf die vorhabende Verbindung zwischen ihrem Neffen und Marianen gemeldet ward, antwortete sie in kaltem Tone: »Sie wisse lange, daß ihr Bruder beständig nur niedrige Neigungen gehabt, und ihre Bemühungen, die Familie aus dem Staube zu heben, nie gehörig geschätzt habe.« Da kurz darauf ihr Gemahl starb, so vermählte sie sich abermals mit einem wohlgewachsnen, unmittelbaren Reichsritter, dessen alter stiftsfähiger Adel allein schon aus den Akten eines weitläufigen, über hundert Jahre bey dem Reichskammergerichte schwebenden Konkursprocesses, zu beweisen war. Um die Güter ihres Gemahls, wo möglich, von Schulden zu befreyen, gieng sie mit demselben nach Wetzlar, mit Empfehlungsschreiben an den hernach, durch die Reichskammergerichtsvisitation, berühmt gewordenen Juden Nathan. Da ihr indessen, zu Wetzlar, auf den Assembleen einige Kränkungen begegneten, und ihr Mann, der, in Ansehung seines alten Adels, und seiner zärtlichen Liebe gegen die schöne Wittwe, sich in den Ehepakten sogleich völlige Gewalt über ihr Vermögen hatte verschreiben lassen, mit einer durchreisenden Tänzerinn nach Paris gieng; so kehrte sie unverrichteter Sachen, nach ihres Gemahls Herrschaft zurück. Sie bringt daselbst, weil ihre Nachbarn, aus Etikette, mit ihr nicht umgehen mögen, einsam und unmuthig ihre Tage damit zu; daß sie alle Sonntage und Festtage in die Kirche gehet, um für den Kaiser, für alle Könige, und für die gnädige Guthsherrschaft bitten zu hören, und daß sie in der einen Hälfte der Werkeltage ihre Kammermädchen ausschilt, und in der andern, mit einem armen Fräulein, von guter Familie, Pikett spielt. Die Gräfin von *** nachdem sie die wahren Umstände von Marianens Entführung erfahren hatte, ließ derselben Charakter die vollkommenste Gerechtigkeit wiederfahren, und ward wieder ihre wahre Freundinn. Beide haben sich einigemal persönlich gesehen, und unterhalten einen freundschaftlichen Briefwechsel. Doktor Stauzius war um diese Zeit, nach dem Tode des Präsidenten, wegen einiger allzuscharfen Gesetzpredigten, in die Ungnade des Fürsten gefallen. Man hatte ihm daher, ohne sein Verlangen, einen Adjunkt gesetzt, einen schönen Geist, welcher, nach neuester Art, in morgenländischen Bildern, und in abgebrochenen Kraftphrasen, bloß für das Gefühl predigte. Dieser neue Vicegeneralsuperintendent bediente sich auch in seinen Predigten vieler Prosopopöien, Fragen und Ausrufungen, aber alles in einer so melodiereichen Aussprache, daß der Fürst, welcher zuweilen schnell aufgefahren war, wenn Stauzius die Ewigkeit der höllischen Strafen herausbrüllte, nun bey höchstem Wohlseyn, in seiner Loge auf seinem Polsterstuhle, unter der Predigt sanft ruhen konnte. Der Neuling kam daher in so große Gnade, daß Stauzius, als er sich über einige von dessen Anordnungen beschweren wollte, aus Höchsteigener Bewegung, gänzlich pro Emerito erklärt ward. Dieses gieng ihm sehr nahe, zumahl, da er, außer dem öffentlichen Verluste seines Ansehens, zu Hause, von seiner Frau, seiner Unvorsichtigkeit halber, täglich die bittersten Vorwürfe hören mußte. Diese Unglücksfälle machten, daß er des Lebens satt, und dadurch vielleicht auch gegen seine Feinde versöhnlicher wurde. Denn da er von Hieronymus die Glücksveränderung des Sebaldus vernahm, ließ er deshalb an ihn ein höfliches Gratulationsschreiben gelangen, welches aber unbeantwortet blieb. Hieronymus nahm, mit der wärmsten Freundschaft, Antheil an der glücklichen Lage seines Freundes Sebaldus, und an Marianens Verbindung. Er besuchte sie persönlich, um seinen alten Freund nochmals zu umarmen, und brachte demselben zugleich, nebst dem ebengedachten Gratulationsschreiben des D. Stauzius, auch den bisher treulich verwahrten Kommentar über die Apokalypse, mit. Nothanker der Sohn, alias Rambold, veruneinigte sich bald mit dem Hrn. von Haberwald wegen einer Spielschuld, und verlor also alle Hoffnung, dem alten Pfarrer desselben adjungirt zu werden. Daher ist er auf andere Rathschläge zu seiner Versorgung gefallen. Er hat sich in den Kopf gesetzt, Professor der praktischen Philosophie oder der schönen Wissenschaften, auf irgend einer Universität, oder allenfalls an einem akademischen Gymnasium, zu werden, weil er sich einbildet, in diesen Wissenschaften wichtige Entdeckungen gemacht zu haben. Wenn er eine solche Stelle eher erhält, als der Kornet den gesuchten Abschied bekömmt, so könnte er auch wohl etwan noch die Jungfer Anastasia heurathen, bey welcher er seit einiger Zeit, wie es scheint, nicht ohne Absicht, fleißig aus- und eingehet. Indessen lebt er bey seinem Vater, und läßt sich seit einigen Jahren gefallen, dessen Kommentar über die Apokalypse, so wie er fertig wird, ins reine zu schreiben. Dabey ist er in Nebenstunden beflissen, Abhandlungen und Recensionen, in verschiedene Journale und Zeitungen einzusenden. Wenn man irgendwo schielende und ungereimte Urtheile lieset, über Dinge, wovon, wie offenbar zu sehen ist, der Recensent nichts verstanden hat; wenn dabey verdiente Männer mit naseweisem Geschnatter, fein superklug, über die ersten Gründe der Kunst oder Wissenschaft, in der sie vorzüglich groß sind, belehrt werden; wenn unbescheidner Eigendünkel für deutsche Freymüthigkeit, und ungehobelter Gernwitz für Laune verkauft wird; wenn eine bestimmte Nothwendigkeit für den Grund der Moral, oder ein hobbesischer Krieg aller gegen alle, für den Grund des Rechts der Natur gelten soll; wenn verstandloses Gefühl über philosophische Wahrheit entscheiden, und verwirrtes Träumen einer angebrannten Einbildungskraft, der höchste Schwung der Dichterey seyn soll; wenn besonders dabey die Worte: – »'ch muß dir sagen, liebes Publikum! – lieber Autor hör' an! – Lieber Leser merk' dirs!« – und andere solche Floskelchen gebraucht werden, worauf sich diejenigen etwas einbilden, die sich auf sonst nichts etwas einbilden können: so wird man, wenn man nicht etwan sicher weiß, welcher andere Geck die Feder geführt habe, nicht unwahrscheinlich schließen können, daß der Rambold dahinterstecke. Sebaldus hat sich, in der Nachbarschaft seines Schwiegersohns, ein kleines Gut gekauft, wo er noch, vergnügt und geehrt, in ruhigem und glücklichem Alter lebt. Er theilt seine Zeit unter die Besorgung seiner Angelegenheiten, unter die Gesellschaft seiner Kinder und weniger Freunde, unter wohlthätige Unterstützung seiner bedürftigen Unterthanen und Nachbarn, und unter fleißiges Studieren, das er nun völlig, seiner Neigung gemäß, treiben kann. Verschiedene denkende Männer unter seinen Freunden, welche, ohne selbst sehr consequent zu seyn, nicht leiden mögen, daß andere Leute inconsequent seyn sollen, haben sich viele Mühe gegeben, ihn sowohl von der Crusiusschen Philosophie, (welcher, nach ihrer Meinung, außer etwan in Leipzig oder in Bützow, niemand mehr beygethan seyn kann,) als auch von seinem Irrglauben an die Apokalypse zu bekehren. Da aber niemand, wenn er über funfzig Jahre alt ist, sein System zu ändern pflegt, so sind diese Dispute so unglücklich ausgeschlagen, daß Sebaldus, anstatt bekehrt zu werden, in seinen Meinungen vielmehr bestärkt worden ist. Verschiedene dieser seiner Freunde haben ihm beweisen wollen, daß von einigen Wahrheiten, die er für ungezweifelt hält, nach den Sätzen der Crusiusschen Philosophie gerade das Gegentheil folgen würde. Sie sind aber ganz an ihm irre geworden, da er auf eine eigne, ihm geläufige Weise, wider ihr Vermuthen, alles aus der Crusiusschen Philosophie bewiesen hat, was sie meinten, nur aus der Wolfischen oder Dariesschen , oder Federschen , oder wer weiß welcher Philosophie, folgern zu können. Einige haben daher den alten Mann, obgleich mit einigem Kopfschütteln, seyn lassen, wie er ist. Andere hingegen, weise systematische Männer, haben ihn dadurch völlig in die Enge zu treiben vermeint, daß sie ihm demonstrirt haben, sein eigner Charakter, (in welchem ohnedieß, wenn man die in dem Gedichte Wilhelmine befindlichen Nachrichten, für historisch richtig annähme, vieles bedenklich seyn müsse,) könne gar nicht zusammenhängen, wenn er bey seinen herrlichen theologischen Einsichten, zugleich an ein so ungereimtes Ding, wie die Apokalypse sey, ferner glauben wollte. Aber hierbey ist der gute Sebaldus, wider Vermuthen, ungeduldig geworden, welches diese, übrigens tiefen Kenner der menschlichen Natur, mit seinem sonst so sanften Charakter wieder nicht zusammenzureimen wußten. Sie haben vielleicht dabey nur nicht gleich an eine sehr gemeine Bemerkung gedacht, welche durch das Beyspiel des seligen Don Quixotte , und durch das Beyspiel verschiedener noch lebender Genies, bestärkt wird, nehmlich: daß ein Mensch sehr wohl in allen Dingen so denken und handeln könne, daß ihn die ganze übrige Welt für verständig gelten läßt, und nur in einem einzigen so, daß ihn jedermann für einen Thoren hält. Sie hätten sich auch wohl erinnern können, daß der beste, nachgebendste Mensch, ein Ding, über welches er seine Geisteskräfte einmal bis zu einer gewissen Anspannung angestrengt hat, sich nicht so leicht werde nehmen lassen. Daß daher ein Gelehrter ein Buch, besonders ein biblisches Buch, worüber er eine ihm wichtig scheinende Hypothese erfunden hat, niemals ganz werde fahren lassen können. Sie mögen übrigens deshalb unbesorgt seyn, daß des Sebaldus vermeintliche abergläubische Achtung gegen das, was sie für Fratzen halten, seinen andern guten Eigenschaften und guten Meinungen schaden werde. Der Mann, der nun einmal seine Menschenliebe und seine Toleranz durch die bildliche Vorstellung des neuen Jerusalems bestätigt, zumal, wenn er ein scharfsinniger Kopf ist, wird seine Theorie von Eingebung und Prophezeyung auch schon so zu modeln wissen, daß seinen menschenfreundlichen Gesinnungen dadurch kein Eintrag geschehe. Und warum sollte dieß, an sich, schwerer seyn, als solche Theorien so zu formen, daß sie zu herrschsüchtigen und verdammenden Absichten gemißbraucht werden können? Wirklich beschäftigt sich Sebaldus, seit einiger Zeit, mehr als jemals mit der Apokalypse, und hat seinen Kommentar darüber beynahe völlig geendigt. Er hat auch schon seinem Freunde Hieronymus den Verlag desselben angetragen, welchen dieser aber, mit aller Schonung gegen einen Autor, der zugleich ein Freund ist, verbeten hat. Hieronymus weiß freylich, was Sebaldus noch nicht glauben will, daß, seitdem Oeder , und nach ihm Semler , die Aechtheit dieses Buchs verdächtig gemacht haben, niemand mehr etwas über die Apokalypse lesen mag, so gar nicht einmal in Schwaben, wo jetzt, statt der vorherigen allgemeinen Beschäfftigung mit diesem sonst, dort für das Buch der Bücher geachteten Buche, durch eine, für die theologischen Wissenschaften glückliche Veränderung, das Variantensammlen und Arabisch exponiren eingetreten ist. Diese abschlägige Antwort seines Freundes hat Herrn Sebaldus Nothanker auf die Gedanken gebracht, seine Erklärung und Auslegung über die Offenbarung Johannes , die Frucht einer Arbeit von mehr als dreyßig Jahren, nach dem Beyspiele anderer großen Gelehrten, auf Subscription drucken zu lassen. Es wird daher hierdurch bekannt gemacht, daß sie drey starke Bände in groß Quart betragen wird, und auf feines weißes Druckpapier abgedruckt werden soll. Sobald sich eine hinlängliche Anzahl Subscribenten, allenfalls auch nur zu einer kleinen Auflage von etwan zweytausend Exemplarien , gemeldet hat, wird der Druck sogleich angefangen werden, und vier Monate nachher, die Ablieferung des ersten Theils geschehen. Ende. Zuverläßige Nachricht von einigen nahen Verwandten des Hrn. Magister Sebaldus Nothanker. Aus ungedruckten Familiennachrichten gezogen . Der Vater unsers Sebaldus war ein ehrlicher Handwerksmann, in einem kleinen Städtchen in Thüringen, der durch Fleiß und Sparsamkeit ein Vermögen von einigen hundert Thalern erworben hatte, und in solches Ansehen kam, daß er zum Rathmann und zum Vorsteher des Gotteskastens in seiner Vaterstadt erwählt ward. Diese Ehrenstellen aber, die verschiedene von seinen Vorgängern bereichert hatten, brachten ihm gar keinen Nutzen. Denn er war ein so schlechter Wirth, daß er nicht allein, für seine Arbeit zum gemeinen Besten, keine Einkünfte annehmen wollte, sondern auch zum gemeinen Besten verschiedenes aufwendete, wozu er gar nicht hätte können genöthigt werden. Es kann also der ökonomische Leser leicht ermessen, da Sebaldus Vater, bey seinen Aemtern, keine Einnahme und nicht wenige Ausgaben hatte, daß sein Vermögen sich habe verringern müssen. Den Ueberrest desselben zehrte die Vormundschaft über verschiedene arme Waisen auf; die er freiwillig übernahm, so daß er bey seinem Tode gerade so viel hinterließ, daß er begraben werden konnte. Er war Vater von drey Söhnen, Erasmus, Sebaldus und Elardus, welche seine Frau, Hedwig, die mehr ihrer Frömmigkeit, als ihres Verstandes wegen bekannt war, schon in Mutterleibe dem Priesterstande wiedmete. Erasmus, der älteste, war fünf Fuß und zehen Zoll hoch, breitschulterig, wohlgewachsen, und weiß und roth im Gesichte. Von seiner ersten Jugend an liebte er seine eigene Person und hatte von seinen Talenten eine sehr hohe Meinung. Nach geendeten Universitätsjahren, brachte ihm sein wohlgewachsner Körper eine Hofmeisterstelle in einem vornehmen Hause zuwege, wo man wohlgewachsne Leute liebte. Von da ward er Prediger, in einer Stadt, wo ihm seine ansehnliche Leibesgestalt, sein ernsthafter wohlbedächtiger Gang, und seine vernehmliche Stimme, unter seinen Kirchkindern nicht wenig Liebe und Ehrfurcht erwarben. In kurzem wußte er eine junge reiche Wittwe von ein und zwanzig Jahren, sein Beichtkind, so zu gewinnen, daß sie ihn heurathete. Von der Zeit an legte Erasmus sein Amt nieder, ob er gleich den geistlichen Stand, des Ansehns wegen, das er dadurch in der Stadt zu erhalten vermeinte, beibehielt. Er genoß nunmehr seinen Reichthum, und wendete ihn zu allen Dingen an, wodurch er sich ein Ansehen zu geben glaubte. Er ließ Waisenkinder erziehen, stiftete Stipendien, ließ Kirchen ausputzen und Altäre kleiden, pränumerirte auf alle Bücher, denen die Namen der Pränumeranten vorgedruckt wurden, nahm Zueignungsschriften gegen baare Bezahlung an, schenkte Geld zum Bau der Kirchthürme und Orgeln, u. dergl. mehr. An bestimmten Tagen, theilte er Geld und Brodt unter die Armen aus, welche sich schaarenweise vor seiner Thür versammelten. Und weil er nicht allein seinen Reichthum, sondern auch seinen Verstand und seine Person zur Schau tragen wollte, pflegte er freiwillig, alle sechs oder acht Wochen, eine zierliche Predigt zu halten, bey welcher sich alle seine Klienten einfinden mußten, und schon den Wink hatten, sich nach Beschaffenheit der Umstände, durch Weinen in der Kirche, oder durch lautes Lob außer der Kirche, in seine fernere Gunst einzuschmeicheln. Elardus, ein mageres blasses Männchen, vier Fuß und zwey Zoll hoch, war, als das jüngste Kind, von Jugend auf das geliebte Söhnchen seiner Mutter, die, von seiner ersten Jugend an, Sorge trug, daß er täglich wohl mit Speisen gestopfet, und mit dem Lernen nicht sehr angegriffen würde. Indessen glaubte er doch, in seinem fünf und zwanzigsten Jahre genug begriffen zu haben, um eine Predigerstelle bekleiden zu können, welche zu erlangen sein äußerster Wunsch war. Dieß wollte ihm aber, so viel Mühe er sich auch deshalb gab, auf keine Weise gelingen; daher er beynahe dreyßig Jahre alt ward, ehe er recht wußte, was er einmal in der Welt vorstellen sollte. Zwar bekam er einstmals, durch Empfehlung seines Bruders, den Antrag, Rechnungsführer bey einer Stutterey und Hundezucht zu werden, welche ein benachbarter Fürst zum besten seiner Parforcejacht angelegt hatte, ein Amt, wozu nur Rechnen und Schreiben erfodert ward, und das doch an achthundert Gulden eintrug. Elardus aber, der die Würde des gelehrten Standes gehörig zu schätzen wußte, wies ein so ungelehrtes Amt, mit Verachtung, von sich. Indessen ließ er sich, nach nochmaligem zweyjährigem Harren, bereden, die Stelle eines Konrektors an einer Lateinischen Schule anzunehmen, die ebenderselbe Fürst, um des ungestümen Anhaltens seiner Landstände loszuwerden, in seiner Residenz gestiftet hatte. Hier waren ihm zwanzig Gulden fixes Gehalt, ein halber Wispel Rocken, etwas Flachs, und andere Naturalien, nebst freyer Wohnung, ausgesetzt, welche letztere aber, vor der Hand, wegen Baufälligkeit nicht gebraucht werden konnte. Alles war ungefähr auf achtzig Gulden geschätzt, weil der Fürst der gnädigsten Meinung war, den Unterweisern seiner Unterthanen nur ungefähr den zehnten Theil dessen zukommen zu lassen, was die Erzieher seiner Pferde und Hunde foderten. Die Geheimen Räthe des Fürsten hielten dieß für sehr billig; theils, weil es ungleich leichter seyn müßte, vernünftige Menschen zu erziehen, als unvernünftige Bestien abzurichten; theils, weil jedes Schulkind noch wohl wöchentlich einen oder zwey Groschen Schulgeld geben könnte, welches die Füllen und jungen Hunde nicht aufzubringen vermöchten. Unglücklicherweise hatte der ehrliche Elardus nicht recht gelernt, was zu einem tüchtigen Schulmanne erfoderlich ist. Im Hebräischen war er beym kleinen Danz stehen geblieben, im Griechischen konnte er zwar, ziemlich ohne Anstoß, das neue Testament, und die goldenen Sprüche des Pythagoras exponiren, mehr aber nicht; und ob er zwar Lateinisch ganz gut verstand, um es zu lesen, so wollte es doch mit der Lateinischen Schreibart nicht recht fort, und Lateinische Verse konnte er gar nicht machen. Es ist wahr, er hatte einen ziemlichen guten natürlichen Verstand, hatte seine Muttersprache so gut in seiner Gewalt, daß er einen ganz artigen Deutschen Aufsatz machen konnte, welches er auch besonders seine Schüler lehrte, und sich alle Mühe gab, ihnen von Geographie, Geschichte, Sittenlehre und andern Sachen, wovon er glaubte, daß sie sie in der Welt brauchen möchten, einige Begriffe beyzubringen. Weil aber die Einwohner der Residenz ihre Söhne, in der längst erwünschten neuen Lateinischen Schule, nun auch zu rechten gelehrten Leuten erzogen wissen wollten, so hatten sie zu des Elardus Deutscher Lehrart gar kein Vertrauen, sondern schickten ihre Kinder in die Privatstunde zum Rektor, einem grundgelehrten Manne, der alle halbe Jahre ein Lateinisches Programm schrieb, der die Alterthümer lehrte, und, außer den gewöhnlichen gelehrten Sprachen, noch Syrisch, Samaritanisch und Arabisch verstand. Der gute Elardus mußte sich also sehr schlecht behelfen, wenigstens des Tages zwölf Stunden öffentlich lehren, und Privatunterricht im Dekliniren und im Rechnen etc. geben. Daneben, weil er seinen sehnlichen Wunsch, sich einst aus dem Schulstaube zu dem Predigerstande zu erheben, nie vergaß, arbeitete er bis nach Mitternacht an geistlichen Reden, und predigte, aus eignem Triebe, fast alle Sonntage, bald für diesen, bald für jenen Prediger. Aber Elardus war, wie schon gesagt, nur klein von Person, hatte eine schwache Stimme, und aus Mangel gründlicher Gelehrsamkeit, weil er weder die Philologie studirt, noch die Dogmatik, Polemik und Hermeneutik genugsam getrieben hatte, waren seine Predigten blos moralisch; daher fanden sie keinen Beyfall, und er predigte, zu seiner unbeschreiblichen Kränkung, meist den leeren Chören und Kirchstühlen. So brachte er sein Leben in Gram und Kummer zu, und starb an der Schwindsucht, im sechs und dreyßigsten Jahre seines Alters. Erasmus hatte einen einzigen Sohn, Cyriakus genannt, einen Polyhistor und schönen Geist. Alles wußte Cyriakus, und was er nicht wußte, dünkte er sich zu wissen. Er selbst dachte eben nicht viel, aber wohl wiederholte er, was andere gedacht hatten, so oft, daß er meinte, er habe es selbst gedacht. Er las sehr viel, und ihm gefiel alles, was er las, und was ihm gefiel, wollte er nachmachen. Daher versuchte er alle Schreibarten, und schrieb wechselsweise, hoch, wie Klopstock , sanft, wie Jakobi , fromm, wie Lavater , weltlich, wie Clodius , tiefdunkel, wie Herder , populär, wie Gleim . In allen Wissenschaften und schönen Künsten war er auch gleich stark. Man hat einmal von ihm, in Einer Messe, eine Schrift von den Dudaim des Ruben, einen Band Anakreontischer Gedichte, eine Abhandlung von der Natur der Seele, und ein halbes Alphabeth historischer Erzählungen gelesen. Ein Amt hat Cyriakus nie bekleidet; denn in seiner Jugend war sein Vater ein reicher Mann, und er glaubte also, sich nicht auf Brodtwissenschaft legen zu dürfen. Nachdem aber Erasmus, durch viele Unternehmungen, die seinen Namen verewigen sollten, sein Vermögen sehr verringert, und Cyriakus, nach dessen Tode, den Rest desselben, aus Liebe zu den schönen Künsten und Wissenschaften, auf der Universität verschwendet hatte, so befand sich der letztere in sehr bedürftigen Umständen. Er trieb sich an verschiedenen Orten herum, so daß von verschiedenen Jahren seines Lebens die zuverläßigen Nachrichten fehlen. So viel weiß man, daß er eine Zeitlang Hofpoet, bey einem jovialischen Abte, in einem Kloster in Franken gewesen, daß er hernach Lehrer der Philosophie bey einem Kreisregimente geworden, dessen Officiere, weil sie sonst nichts zu thun hatten, Gelehrte werden wollten, und daß er zuletzt bey einer kleinen gelehrten Republik , auf einer sichern Deutschen Universität, welche ihre Landtage , in Ermanglung eines Eichenhains, in einem Kaffegarten vor dem Thore hielt, als Nasenrümpfer gestanden hat. Diese Familiennachrichten dem Publikum mitzutheilen, wird man veranlasset durch eine Schrift, betitelt: Predigten des Herrn Magister Sebaldus Nothanker, aus seinen Papieren gezogen. Leipzig in der Weigandischen Buchhandlung 1774. 8 . Es könnte schon sehr sonderbar scheinen, daß ein Fremder diese Predigten aus den Papieren des Herrn Magister Sebaldus Nothanker sollte gezogen haben, da dieser noch bey gutem Wohlseyn lebt, seine sämmtlichen Papiere besitzt, und noch nicht geneigt zu seyn scheint, etwas daraus, am wenigsten aber Predigten , herauszugeben. indessen, wenn diese Predigten nur dem Charakter des Hrn. Magister Sebaldus Nothanker gemäß, geschrieben wären, so würde man doch sein Urtheil noch zurückhalten, und dahingestellt seyn lassen, ob etwan die Handschrift derselben, auf eine unbekannte Art, dem Herausgeber möchte in die Hände gerathen seyn; aber derjenige, der den Hrn. Magister Sebaldus etwas genauer und persönlich gekennet, wird gleich einsehen, daß diese Predigten unmöglich von diesem guten Manne herrühren können. Wenn man nur S. L. der Vorrede, die Anmerkungen lieset, die am Rande der Handschrift der Predigten sollen gestanden haben, so siehet man gleich, daß darinn ein unerträglicher Egoismus herrschst, der dem von allem Eigendünkel entfernten Charakter des Sebaldus ganz zuwider ist. Z. B. »Ich danke meinem Gott alle Tage, daß er mich in einen Stand gesetzt hat, in welchem ich zur Erleuchtung des Landmannes so viel beitragen kann.« So hätte Sebaldus nie von sich geredet, der in aller Einfalt seine Pflicht that, und Gutes stiftete, so viel er konnte, ohne zu glauben, daß er so viel thäte, ohne feierlich auszurufen: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute! Eben so ist die Anmerkung S. LII. beschaffen: »Ich gebe meine Predigten nicht für Muster aus, wornach meine Kollegen sich bilden sollten. Wenn sie nur daraus absehen , was ungefähr sie vortragen etc. etc.« O! wie hätte der bescheidene Sebaldus, der, wenn er predigte, und seine Kirchkinder tröstete, und sie zum Guten ermahnte, nur ganz gewöhnlicher Weise seine Pflicht gethan zu haben glaubte, sich auch nur die Idee in den Sinn kommen lassen, er könne jemand ein Muster werden, oder es könnten andere von ihm etwas absehen ! Daß ferner bey diesen Predigten keine biblischen Texte vorhanden sind, zeigt auch genugsam, daß sie weder Sebaldus, noch irgend sonst ein Prediger, der die Gesinnungen der Landleute kennet, gemacht haben kann. Sebaldus wußte viel zu gut, wie viel Gewalt auch nur der bloße Ton eines biblischen Spruchs über die Seele eines Bauren hat, als daß er ein so unschädliches Hülfsmittel nützliche Wahrheiten einzuprägen, hätte vernachläßigen sollen. Doch, selbst aus der Nachricht des Herausgebers, wie er zu der Handschrift dieser Predigten gekommen sey, erhellet nicht allein deutlich, daß diese Handschriften nicht wohl vom Sebaldus gewesen seyn können, sondern wir kommen dadurch auch auf eine sehr wahrscheinliche Vermuthung, wo sich diese Handschriften eigentlich herschreiben mögen. Es heist S. XLV. der Vorrede: »Vor einiger Zeit kam ein Dessauischer Jude zu mir, der, nebst andern Waaren, verschiedene Paar schwarze seidne Strümpfe, Halskrausen , etc. etc. fast alles in beschriebenes Papier eingewickelt, mir zum Verkaufe anbot. ›Aber, mein guter Mann, sprach ich, wie kommt Er denn zu Christlichen Halskrausen ?‹ ›In einem Dorfe, nicht weit von hier, antwortete er, hat sie mir ein Bauer verkauft, der sie, vor einigen Jahren, nebst dem übrigen, an der Landstraße gefunden zu haben vorgab. Kurz vorher hatte ich Nothankers Geschichte gelesen. Gleich fiel mirs aufs Herz, ob diese Sachen nicht von dem geplünderten Postwagen seyn möchten.‹« Ist diese Erzälung richtig, so hätte auf den Titel gesetzt werden sollen: Aus dem Makulatur eines Dessauischen Juden abgedruckt , nicht aber: Aus Sebaldus Papieren gezogen , denn dieß letztere Vorgeben ist durch nichts erwiesen. Der Herausgeber hat bey seiner Muthmaßung, die er bloß auf seine Erzählung bauet, in der That sehr wenig historische Kritik gezeigt. Hätte er doch mehr auf die Chronologie , welche die Fackel der Geschichte ist, geachtet. Ists wohl warscheinlich, daß Kleidungsstücke, welche 1763 auf einem Postwagen verloren gegangen sind, noch 1773, unverkauft, mit dem Papier worum sie anfänglich gewickelt gewesen, in den Händen eines Juden seyn sollten? Und warum that er an den Juden die unnöthige Frage, »wie er zu Christlichen Halskrausen komme?« da es ja bekannt ist, daß die Juden abgetragene Christliche Kleider mit eben so wenigem Bedenken in ihre Laden aufnehmen, als die Christen manche abgetragene jüdische Lehre in ihre Dogmatik aufgenommen haben. Und wie kann er auf des Juden unbestimmte und unbewiesene Antwort das geringste bauen? Wenn auch alle die Sachen, die der Jude zum Verkauf anbot, wirklich auf der Landstraße gefunden worden wären, so können sie doch gewiß nicht dem Sebaldus gehört haben. Wie wäre er, der zeitlebens in einer ländlichen Einfalt gelebt hatte, und der aus Noth seine besten Sachen hatte verstoßen müssen, zu seidnen Strümpfen gekommen? Wozu hätte er wohl, nachdem er abgesetzt worden, Halskrausen In einigen Deutschen Provinzen wurde das Wort Halskrausen bloß Halstücher bedeuten; aber der Zusatz Christliche Halskrausen, scheint anzudeuten, daß es runde Priesterkragen, oder Wolkenkragen gewesen, die man in Sachsen, Krausen nennet. mit sich geführt? Und da er, als er wegreisete, wie S. 114 des ersten Theils seines Lebens berichtet worden, seinen ihm so werthen Kommentar über die Apokalypse bey seinem Freunde Hieronymus zurückließ, ists wohl wahrscheinlich, daß er die Koncepte von alten Predigten sollte mitgenommen haben? Die Muthmaßung des ungenannten Herausgebers ist also höchst unwahrscheinlich. Wenn man nun aber hingegen aus den sichersten Familiennachrichten weiß, daß Cyriakus seines Vaters Kleider Halskrausen und Manuskripte, so wie auch den geringen Nachlaß des frühzeitig verstorbenen Elardus geerbt hat, wenn ferner unwidersprechlich bewiesen werden kann, daß Cyriakus, als er 1772 von Leipzig wegreisen wollte, seine sämmtliche Kleidung, Bücher und Papiere, zu einem Trödler getragen hat, der vor dem Grimmischen Thore, in der Gegend des Richterschen Kaffegartens wohnt, und seinen hauptsächlichen Abzug an Dessauische Juden hat: wird es nun nicht vielmehr wahrscheinlich, daß die dem ungenannten Herausgeber so zufälliger Weise in die Hände gerathenen Predigten, wenn sie gleich nicht von Sebaldus Nothankern sind, dennoch sehr wohl von Erasmus Nothankern, von Elardus Nothankern, und von Cyriakus Nothankern herrühren können? Diese Muthmaßung wird beynahe zur Gewißheit, wenn man die innere Beschaffenheit dieser Predigten betrachtet. Gleich der erste Absatz, der ersten Predigt, von der Einigkeit in der Ehe , kann ganz unmöglich aus Sebaldus Feder geflossen seyn; denn es kömmt darinn, ob er gleich nur eine halbe Seite lang ist, sechszehnmal das liebe Ich vor. Man höre: »Nichts wünsche ich so sehr, als daß ihr glücklich seyn möget. Ihr werdet es von mir überzeugt seyn, meine lieben Zuhörer, daß ich dieses aufrichtig wünsche; denn ihr wißt, wie ich zu euch eile, um euch zu trösten, wenn ihr traurig seyd, und wie gern ich auch an euren Freuden Antheil nehme, wenn ihr einen fröhlichen Tag habt. Mein Amt, und mein Herz macht mir dieses zur Pflicht. Mein Amt, weil es mir zunächst aufgetragen ist, euch an meiner Hand durch die Bahn dieses Lebens zu führen, und euch zu einem seligen Leben, das euch nach diesem erwartet, zu bereiten. Aber auch mein Herz macht es mir zur Pflicht, weil ich euch aufs herzlichste liebe. Ein Hirt kann nicht so sehr seine Schafe, ein Vater nicht so sehr seine Kinder lieben, als ich euch.« So ein grober Egoist war der bescheidene Sebaldus nicht. Er sprach nicht so viel von sich . Er liebte seine Kirchkinder; aber diese Liebe trug er nicht öffentlich zur Schau. Er stand seinem Amte vor, er that seine Pflicht ; aber er hatte sein wichtiges Amt , seine theure Pflicht , nicht immer auf der Zunge, um seinem guten Herzen ein Kompliment zu machen. Hingegen der ruhmsüchtige Erasmus, der hauptsächlich nur deswegen predigte, um sich, von der Kanzel herab, in seiner Grösse zu zeigen, redete beständig von sich selbst , von seinem guten Willen gegen seine Zuhörer, von seinem Herzen, von seiner Liebe, von seinem Vertrauen, kurz, er predigte sich selbst , um sein selbst willen. Wenn ferner diese Predigt vom Sebaldus, oder auch nur von irgend einem andern Landprediger, an Bauern, gehalten wäre, so würde darum nicht so mancherley »von Geld und Gut ; von einem Geizhalse der einen Freyer abweiset, wenn er nicht so viel Gut und Geld hat, als seine Tochter; von einem Mädchen, das am meisten Geld hat; von einem unehrbaren Mädchen, das man nicht heurathen sollte, wenn sie auch noch so viel Geld hätte,« vorkommen. Wenn Sebaldus über diese Gegenstände zu reden gehabt hätte, so würde er von Vieh, Aeckern, Wiesen und Gärten gesprochen haben; denn darinn bestand das Vermögen seiner Bauern, so wie der allermeisten Bauern in der Welt. Daß Sebaldus Vaterland zwar fruchtbar, aber ohne baares Geld gewesen, kann der Leser schon aus der Art, wie der ehrliche Hieronymus seinen Buchhandel treiben mußte, schließen. Eben so heißt es, S. 4. »Ich will euch itzt nichts davon sagen, daß der Reichthum öfters eurer Seele höchstschädlich ist, daß er eine Versuchung ist zu allem Bösen , und daß unser weisester Lehrer sagt, daß die Reichen nicht in das Reich Gottes kommen werden . Daran will ich euch itzt nicht erinnern, weil ich unlängst von der Schädlichkeit des Reichthums ausführlich zu euch geredet habe.« Dieß ist ein klarer Beweis, daß Sebaldus nicht der Verfasser dieser Predigt seyn könne; denn man kann sich für ihn sicher verbürgen, daß er ein so ungeschmacktes Postillengeschwätz, von der Schädlichkeit des Reichthums , seinen Bauern nie werde vorgeredet haben. Er war vielmehr beständig beflissen, seinen Bauern zu predigen, daß sie früh aufstehen, ihr Vieh fleißig warten, ihren Acker und Garten aufs beste bearbeiten sollten, alles in der ausdrücklichen Absicht, daß sie wohlhabend werden, daß sie Vermögen erwerben , daß sie reich werden sollten. Sebaldus wußte nur allzuwohl, daß die niederdrückende Dürftigkeit , welche die einzige Alternative seyn kann, wenn der Bauer nicht wohlhabend seyn soll, eine fruchtbarere Mutter der Barbarey und verderbter Sitten ist, als der bäurische Reichthum, der allemal eine Folge des Fleißes seyn muß; daher derjenige, der den Bauern von der Schädlichkeit des Reichthums predigen wollte, ihnen ausdrücklich die Faulheit empfehlen müßte. Dagegen weiß man vom Erasmus, daß er, seitdem er selbst reich geworden war, den erbaulichen Gemeinort, von der Nichtigkeit und Schädlichkeit des Reichthums , sehr oft im Munde geführt habe; einen Gemeinort, über den man in der That am zierlichsten zu reden weiß, wenn man an nichts Mangel hat. Noch eine andere Stelle giebt die stärkste Vermuthung an die Hand, daß niemand anders, als Erasmus Nothanker, der Verfasser dieser Predigt seyn könne. S. 6. heißt es: »Es entspringt viele Uneinigkeit unter euch daher, daß ihr gemeiniglich mit euren Schwiegerältern unter Einem Dache wohnet . Es ist mir leid, daß ich es sagen muß, aber leider! ist es durch die Erfahrung gegründet, daß nur sehr wenige Eheleute in Einigkeit leben, wenn sie ihre Schwiegerältern bey sich im Hause haben . Ihr würdet euch öfters nicht zanken, wenn nicht zuweilen eines der Schwiegerältern Oel ins Feuer gösse . Die Schwiegerältern glauben, man könne sie nicht zu gut halten, und ihnen nicht dankbar genug sich beweisen . Sie sind überzeugt, in allen Stücken alles besser zu wissen , als die jungen Eheleute, und wollen alles im Hause anordnen. Nichts kann man ihnen recht thun . Hiezu kömmt noch, daß das Alter sie ohnehin mürrisch und verdrießlich, und mit sich selbst und der ganzen Welt unzufrieden macht . Haben nun die Eheleute einen kleinen Zwist untereinander, so tritt der Schwiegervater oder die Schwiegermutter auf die eine oder andere Seite, und vergrössert den Streit, statt daß diese Alten ihn schlichten, und die streitenden Parteyen versöhnen sollten .« Läßt es sich wohl nur denken, daß der sittsame Sebaldus, auf eine so plumpe Art, alle Schwiegerältern , die bey ihren Kindern wohnen, habe öffentlich, von der Kanzel herab, beschimpfen wollen? daß er dieses vor Bauern habe thun wollen, welche ihre Schwiegerältern gewiß nur bloß, wenn diese aus Armuth, oder aus Alter und Schwachheit, ihren eigenen Acker nicht bauen können, bey sich haben werden? Zwar wird, S. 12. den Zuhörern empfohlen, daß sie ihre Schwiegerältern in Ehren halten, ihrem guten Rath folgen , und sie pflegen sollen ; aber wie werden sie dieses thun, wie werden sie ihre Schwiegerältern nur im Hause leiden wollen, wenn der Prediger diese schon vorher als die verächtlichsten, verdrießlichsten, zänkischsten Geschöpfe abgeschildert hatte, die zu den Hauptursachen der ehelichen Uneinigkeit gehören, die bey den häuslichen Zwistigkeiten Oel ins Feuer gießen , die sie vergrössern, an statt sie zu schlichten ? Dieses unbedachtsame Epiphonema sieht dem stolzen Erasmus sehr ähnlich, der wirklich mit seiner Schwiegermutter anfänglich in Einem Hause gewohnt hat, und hernach, als sie ihm sehr vernünftige Vorstellungen darüber that, daß er das Vermögen ihrer Tochter aus Eitelkeit verschwendete, mit ihr in beständiger Uneinigkeit lebte, und sie wohl oft mag abgekanzelt haben. Es ist höchst wahrscheinlich, daß Erasmus Nothanker auch die folgende Predigt wider die Processe verfertigt habe. Man findet darinn, S. 18. unter andern, folgende höchst anstößige Stelle: » Der Advokat müßte ein allzuuneigennützi ger Mann seyn, wenn er euren Rechtshandel nicht so lange auszudehnen suchte, als es möglich ist , um recht vieles von euch einzunehmen. Es hat zwar den Anschein, als wenn kein Advokat diese Absicht hätte; denn zuerst sucht er euch gemeiniglich mit eurem Gegner zu vergleichen, oder es wird, wie man sich ausdrückt, ein Termin zur Güte angestellt. Habt ihr aber jemals gehört, daß ein Termin zur Güte einen erwünschten Erfolg gehabt hätte? Der Advokat müßte seinen Vortheil gar nicht verstehen , wenn er nicht, statt euch mit eurem Gegner zu vergleichen , in euch eine grössere Lust erweckte , dem Rechte seinen Lauf zu lassen.« Ferner, S. 22. » Der größte Theil der Leute von diesem Stande scheint den Eigennutz zu seinem Gott gemacht zu haben, den er allein anbetet, und dem er Ehre, Gewissen, Redlichkeit, alles aufopfert, u. s.  w.« Sollte es wohl möglich seyn, daß der sanftmüthige Sebaldus einen ganzen, dem gemeinen Wesen nöthigen und nützlichen Stand, habe öffentlich, auf eine so bittere und zugleich so tölpische Weise, verunglimpfen wollen? Sollte wohl ein verständiger Mann zweifeln können, daß jemals ein Termin zur Güte den erwünschten Erfolg gehabt habe ? Dieß siehet wirklich viel weniger einem unbefangenen Dorfprediger, wie Sebaldus, als einem aufgeblasenen Rentenirer, wie Erasmus, ähnlich, der, weil er verlangte, daß sich jedermann vor ihm beugen, und nach seinem Willen handeln sollte, eine Menge Processe gehabt hat, in welchen freylich kein einziger Termin zur Güte jemals einen erwünschten Erfolg gehabt hat , weil Erasmus beständig seinem Eigensinne folgen, und niemals vernünftigen Vorstellungen Gehör geben wollte. Die Predigten wider den Aberglauben, von der Zufriedenheit, von der Gesundheit, von der Kinderzucht, von der Glückseligkeit des Landmannes , scheinen von Elardus Nothanker, dem jüngern Bruder unsers Sebaldus herzurühren. Es sind ganz leidliche, gutgemeinte, etwas weitschweifige Homilien, die Lesern in Städten, die gern Predigten lesen, ganz gut gefallen werden; nur findet man darinn freylich hin und wieder Spuren, daß sie nicht vor Bauern gehalten worden, oder für Bauern bestimmt gewesen. Wie würde man z. B. (S. 57.) darauf kommen, Bauern vorzusagen: » Geld und Ehre machen nicht warhaftig glücklich.« Der Bauer hat ja gemeiniglich kein Geld, und verlangt keine Ehre. Die beiden Fragmente der Predigten von der Ewigkeit der Höllenstrafen , und vom Tode fürs Vaterland , haben ohne Zweifel den witzigen Cyriakus zum Verfasser. Es ist schon oben gesagt worden, daß er in allen Schreibarten Versuche gemacht habe, und man sieht es diesen Fragmenten auch nur allzusehr an, daß sie Versuche, und zwar Versuche eines jungen Menschen sind. Ein Mann, der so viel Ueberlegung hatte, wie Sebaldus, würde schwerlich, vor Bauern, von der Endlichkeit der Höllenstrafen eine ausdrückliche Predigt gehalten haben, wenigstens sicherlich nicht auf die Art, wie es hier geschiehet. Er hätte gewiß überlegt, daß er, ehe er über diese Materie hätte mit Nutzen predigen können, noch vorher in der groben Vorstellung, die seine Bauern von göttlichen Strafen haben könnten, sehr viel zu ändern und zu bessern gehabt haben würde. Er würde ihnen haben zeigen müssen, daß, durch Gottes weise Einrichtung, die natürlichen, sowohl physischen als moralischen Folgen der Laster, auf unabsehliche Zeiten hinaus, die Strafen der Laster seyn müssen; daß auch positive Strafen Gottes, seiner Güte und Gerechtigkeit angemessen, dazu kommen können; daß diese, nach geschehener Besserung, aufhören werden, so wie durch die Besserung auch die Folgen der Sünden gemildert werden, da sie sonst freylich, an sich, in alle Ewigkeit fortdauern. Hierbey hätte er aber, für einen gemeinen Bauerverstand, viel zu subtil werden müssen; daher er, wie wir von ihm selbst erfahren haben, von dieser Materie seinen Bauern niemals etwas gesagt, sondern ihnen nur Gott, als ein allgerechtes und allgütiges Wesen, das seine Strafen nach weisen Absichten verhängt, und dessen Zweck dabey allemal das wahre Wohl des Menschen ist, vorgestellt hat; ohne sich in die transcendenten Begriffe von Ewigkeit und Endlichkeit einzulassen, die kein Bauer recht genau fassen wird, und die ihm zur Besserung seines Lebens, welche Sebaldus für den einzigen Zweck seiner Predigten hielt, nichts helfen können. Das Fragment der Predigt vom Tode fürs Vaterland ist gleichfalls gewiß nicht vom Sebaldus, welches schon daraus erhellet, daß man von dem enthusiastischen Feuer , in welchem, nach S. 29 des ersten Theils seiner warhaften Lebensgeschichte, diese Predigt gehalten worden, in diesem Fragmente nicht das geringste findet; so daß, wenn die Predigt so kahl und kalt gewesen wäre, als dieses Fragment, schwerlich nur ein einziger Bauerkerl dadurch würde bewogen worden seyn, Kriegsdienste zu nehmen. Es scheint, Magister Cyriakus habe hiemit bloß einen Versuch machen wollen, zu zeigen, wie die Predigt, um welcher willen sein Oheim, Sebaldus, abgesetzt worden war, ausgesehen haben möge. Dieser Versuch aber mißlung, weil Cyriakus nicht Sebaldus ist, obgleich beide Nothanker heißen. Uebrigens will man freylich den Satz: daß Erasmus Nothanker, Elardus Nothanker, und Cyriakus Nothanker, die Verfasser der sogenannten Nothankerschen Predigten sind, für weiter nichts, als für eine wahrscheinliche Muthmaßung ausgeben. Wem dieß zu wenig dünkt, der bedenke, daß das Resultat der tiefsinnigsten historischen Untersuchungen, oft weiter nichts als eine Muthmaßung sey, und daß, z. B. die wichtige historische Frage: ob die Prinzessin Olga anno Domini 946, oder 955, zu Konstantinopel getauft worden , nachdem die größten historischen Kritiker unserer Zeit darüber manche nordische Nacht durchwacht S. Thunmanns Untersuchungen über die Geschichte der östlichen Europäischen Völker, erster Theil, S. 393. haben, dennoch auf beiden Theilen leider! nur noch bloß auf Muthmaßungen beruhe, dagegen mit unserer Muthmaßung, noch die unstreitige Warheit verbunden ist: daß gedachte Predigten , ihr Verfasser sey auch, wer er wolle, wenigstens gewiß nicht von Sebaldus Nothankern sind. Man hat übrigens aus sichern Privatnachrichten erfahren, daß hin und wieder einige gelehrte Fabrikanten auf ihren Weberstühlen zu verschiedenen Zeugen die Ketten angedreht haben, wozu der ehrliche Sebaldus Nothanker, und seine Bekannten, den Einschlag geben sollen. Z. B. Sebaldus Nothankers Beicht- Bet- und Kommunionbuch; Sebaldus Nothankers Betrachtungen auf alle Tage im Jahre; Sebaldus Nothankers Sonn- und Festtagspredigten über alle Evangelien und Episteln; Sebaldus Nothankers schrift- und vernunftmäßige Auslegung der Offenbarung Johannes; des Hrn. D. Stauzius Aufmunterung zur Bewahrung der Rechtgläubigkeit, und Warnung vor falscher Lehre; Kochbuch von 5000 Speisen, nach der Anlage Sr. Excellenz, des Hrn. Grafen von Nimmer, nebst einem Anhange von Fastenspeisen. Rambolds ästhetisches Lehrbuch; Hieronymus Tischreden, Einfälle und Meinungen; u. a. m. Daher will man das Publikum warnen, sich durch diese und andere dergleichen verfängliche Titel nicht hintergehen zu lassen; denn Hr. Sebaldus Nothanker wird, was er etwa der Welt vorlegen wollte, schon zu seiner Zeit selbst herausgeben, von den übrigen Personen aber möchten wohl keine ächten Schriften zu erwarten seyn. Zuletzt ist der geneigte Leser zu benachrichtigen, daß ein kurzweiliger Mann darauf gefallen ist, das Leben und die Meinungen des Hrn. Magister Sebaldus Nothanker , ohne die geringste Nachrichten davon zu besitzen, aus seinem eigenem Gehirne fortzusetzen, und einen so genannten zweyten Band unter dem Druckorte Frankfurt u. Leipzig , 1774, drucken zu lassen, welcher zu Hamburg in der Zeitungsbude der Frau Wittwe Tramburginn, im Brodtschrangen , nebst andern Zeitungsblättern, öffentlich zu verkaufen ist. Der geneigte Leser kann freylich, in dem unächten zweyten Bande , den wahren fernern Verlauf der Geschichte des Hrn. Mag. Sebaldus Nothanker nicht finden, weil der ungenannte Verfasser selbst nichts davon wußte; aber wem daran gelegen ist, kann allenfalls daraus ersehen, was für eine Vorstellung vom Sebaldus Nothanker, in dem Kopfe eines solchen Menschen, wie der ungenannte Verfasser ist, existiren mag. Die unächte Fortsetzung kann übrigens noch einen andern Nutzen haben. In dem ächten zweyten Bande wird man, der Wahrheit gemäß, sehr viele Meinungen und nur sehr wenige Handlungen antreffen, weil der ehrliche Sebaldus wirklich meistens nur gedacht , aber nicht gehandelt hat. Sollte es nun Leser geben, welche wünschten, daß man ihnen lieber Handlungen , als Meinungen , erzähle, so könnten sie versuchen, ob sie vielleicht bey dem unächten zweyten Bande ihre Rechnung finden möchten, in welchem alles voll Bewegung und Handlungen ist, und zwar voll ganz ungemein merkwürdiger Handlungen. Z. B. »Wie Sebaldus, nachdem ihm die Räuber auf dem Postwagen ein Loch in den Kopf geschlagen hatten, ein Glas Kirschbrandwein trinkt, welches alle Grillen vertrieb. – Wie Tuffelius seines Schulmeisters Frau verführt, welcher ihn dafür durchs ganze Dorf peitscht. – Wie sich eine alte Jungfer Sibylle, in Sebaldus verliebt; und ihn des Nachts in seinem Bette besucht. – Wie Säugling mit Marianen heimliche Zusammenkünfte hält, wobey die Vertraulichkeit so hoch steigt, daß sie sich so laut küssen , daß man es in einer ziemlichen Entfernung höret. – Wie Hieronymus den D. Stauzius auf einem Wagen, in einen Kasten setzt, worum Schweine und Gänse gewesen, wobey Stauzius sehr andächtig singt: So fahre fort und schone dort ;« – nebst nicht wenig Hochzeiten und andern possierlichen Begebenheiten, woraus abzunehmen ist, daß der Verfasser, der solche schnaksche Dinge hat erdenken können, ein pudelnärrsches Menschengesicht seyn müsse.