Wilhelm Raabe Halb Mär, halb mehr Erzählungen, Skizzen und Reime Grote'sche Verlagsbuchhandlung, Berlin Zweite Auflage 1907 Zuerst erschienen: Ernst Schotte, Berlin 1859 Eingang Dämm'rungsgedanken hascht' ich ein Und sperrt' sie in dies Büchelein; Im Dämmerwinkel fein verstecket, Hab' ich dies Büchlein ausgehecket. Welk Blatt, grün Blatt und Blütenblatt Der Wind mir hergetrieben hat; – Ich hätt' sie können treiben lassen, Ich hätt' sie können liegen lassen, Allein, allein der Dichtersinn Hält manch Verschmähtes für Gewinn, Hält manch Vergess'nes lieb und wert Und ehret, was die Welt nicht ehrt! Der Weg zum Lachen 1. Es war einmal einer, der zog aus – nicht um das Gruseln, sondern um das – Lachen zu erlernen. Ein gar trübselig-seltsamlicher Gesell! Der gute Mann hatte mancherlei gelernt. Er konnte den Eintritt einer Sonnenfinsternis auf die Minute berechnen, nicht um, wie vernünftige Leute bei solchen Gelegenheiten, nach einem um Mittag hervorlugenden Stern auszuschauen; nicht um über den Hahn zu lachen, der dann wohl gravitätisch seine Damen zu Bette bringt; nicht um zu jubeln, wenn eins der jungen Mädchen der lustigen, Astronomie treibenden Gesellschaft das angeschmauchte Glasstück an der geschwärzten Seite auf die Nase drückt und eine ganz andere, viel hübschere Verfinsterung hervorbringt: – nein, nur um – die Tiefe des menschlichen Geistes im allgemeinen und die seines eigenen Geistes im besonderen zu bewundern, und um noch einmal so griesgrämlich wichtig in seinen Augen – und seinen herabgetretenen Pantoffeln da zu stehen. Brr! ... Himmel, was konnte der gelehrte Herr alles! Sanskrit, Latein und Griechisch war ihm gar nichts. Den Aristophanes las er ohne Wörterbuch und Eselsbrücken; aber lachen – lachen konnte er über ihn nicht, und das war der Mangel! Nur ein Harlekin, der lachen muß , mag sich noch unbehaglicher fühlen, als der Professor der Astronomie Jodocus Homilius sich fühlte! – ... »Wie gesagt, alter Knabe,« sagte zu ihm sein einstiger Universitätsfreund, der Medizinalrat Zappel, »wie gesagt, – lache oder stirb! Das ist mein letztes Wort. Da schlägt es zwölf! Guten Appetit!« »Den habe ich ja nicht!« seufzte der Professor mit herabhängender Unterlippe. »Lache! – Auf Wiedersehn!« ... »Uff!« sagte der Professor und zog den grünen Augenschirm tiefer über die Augen, als die Tür hinter dem wohlbeleibten, rotwangigen Arzt zugefallen war. »Lache oder – stirb! Das ist leicht gesagt! O, o, o!« Die Fenster des gelehrten Mannes gingen auf einen dunklen, schmutzigen, stillen Hofraum, in dessen Mitte eine Wasserpumpe stand, welche von Zeit zu Zeit die Mägde des Hauses um sich versammelte und die dem Professor ein größeres Ärgernis war, als dem Mann im Gleichnis der Splitter im Auge seines Nachbars. Ihr Kreischen, die Unterhaltungen neben ihr hatten schon manche tiefe Berechnung, manchen sublimen Gedanken ums Leben gebracht: was wäre aus dem Professor Homilius geworden, wenn er nach vorn heraus, unter dem Lärm der Gassen, hätte wohnen und grübeln sollen?! »Lache oder stirb!« rief der gelehrte Mann, sprang auf und schritt, die Hände auf dem Rücken, hin und her. Seine Wirtschafterin deckte den Tisch, – der Professor sank maschinenmäßig auf seinen gewohnten Platz, führte einen Löffel voll Wassersuppe zum Munde, ließ ihn wieder sinken und seufzte: »Stirb!« Die Wirtschafterin spitzte das Ohr und schaute ihren Herrn verstohlen von der Seite an. Hätte der Gelehrte in die Tiefe ihrer Seele blicken können, ein Paragraph seines Testamentes wäre sicher gestrichen worden, so aber schob er nur den Teller zurück und seufzte: »Lache!« – Die Wirtschafterin räumte schnell den Tisch ab und meinte, sobald sie draußen war: »Lange kann er's nicht mehr treiben! Ach, der arme, liebe, brave Mann! Gott schütze ihn!« – – 2. Die Kindermärchen seiner Jugend hatte der Professor Homilius lange vergessen; er wußte also auch nicht, daß jener, welcher das Gruseln lernen wollte, auf die »große Landstraße« gehen mußte, um endlich, endlich sein Ziel zu erreichen. Aber Gott verläßt ja keinen Deutschen, viel weniger deutsche Philosophen, welche ihn um so nötiger haben, da sie ihn oft genug vergessen. Der Professor begann seinen Spaziergang wieder, schritt auf und ab, hin und her; von der Ecke des dritten Bücherschrankes bis zu dem Pfeifenwinkel, wie es seit zwanzig Jahren seine Gewohnheit war, eine halbe Stunde nach Tisch, wenn vernünftige Leute ihre – Siesta halten. Seit zehn Jahren war es ihm nicht begegnet, daß er auf diesem Wege einmal ans Fenster getreten wäre. Damals hatte ihn ein brennender Schornstein dazu bewogen; heute – – – Ach, die menschliche Brust hat viele psychologische Rätsel, das Faktum ist sicher, aber nicht erklärbar – – Heute stand der Professor plötzlich, an den Scheiben trommelnd da, ohne daß jemand Feuer, Mörder, Diebe! auf dem Hofe geschrien hätte. Nur das Scheusal, die Pumpe, kreischte wieder und stöhnte wie ein – wie ein Kommerzienrat, der von einem Zweckessen nach Haus gekommen ist. (Bitte, bitte, schönste, liebste Leserin!) – – – Ein junges Dienstmädchen bewegte den Schwengel, ohne zu bemerken, daß der Eimer längst überfloß. »Er ist voll!« hätte der gelehrte Mann beinahe gerufen, so ärgerte er sich über eine Geistesabwesenheit, die ihm natürlich an andern um so unerträglicher schien, als er ihr selbst im höchsten Grade unterworfen war. Glücklicherweise faßte er aber das Gesicht der Jungfrau am Brunnen näher ins Auge. Das Kind hatte geweint! ... weinte noch! ... »O, o, o!« brummte der Professor kopfschüttelnd. Seit langen Jahren hatte er keine Träne gesehen. Er weinte nicht, seine Wirtschafterin auch nicht, seine gelehrten Freunde weinten ebenfalls nicht. – Eine Träne im Auge einer jungen Dienstmagd brachte den Professor Homilius zum – Lachen, wenn auch nicht gleich! Gut Ding will Weile haben. Vorerst ließ der Professor die Unterlippe noch einmal so lang herabhängen! 3. Eben wollte er wieder das Fenster mißmutig verlassen, um seinen Brunnenweg von neuem zu beschreiten, als er plötzlich eine Veränderung im Wesen und im Gesicht des Mädchens am Brunnen bemerkte. Das Kind schaute nach der Haustür unter dem Fenster des gelehrten Mannes, der Pumpenschwengel gelangte zur wohlverdienten Ruhe. – Ein Handwerksbursche, das Ränzel auf dem Rücken, einen tüchtigen Knotenstock in der Hand, kam leise und scheu in den Hof geschlichen, als fürchte er, im nächsten Augenblicke hinausgeworfen zu werden. Das Mädchen sprang ihm entgegen, zog den jungen Burschen zu dem Vorsprung unter dem Fenster des Professors, und dieser belauschte folgendes Gespräch: »Ach Gottfried!« »Ja, Minchen, 's ist nun nicht anders. Wir müssen uns zufrieden geben! 's ist ja nicht für ewig.« »Ach, das sagst du wohl, Gottfried ...« »Ich konnte doch nicht ewig Lehrling bleiben, Minchen?! – Da wär' mir mein Leben lieb gewesen! – Nimm doch Verstand an! Drei Jahre sind bald herum. Bleib mir nur treu und drehe immer den Ring, den ich dir gegeben habe, dreimal herum, ehe du mit einem andern tanzest!« »Ach Gott, ich tanze gar nicht, solange du fort bist, Gottfried.« »Nanu?!« »Ganz gewiß nicht!« »Na, nur ein bißchen! Du verlernst es ja, bis ich wiederkomme. Heule doch nicht so, – ach, wenn mich so der Straubinger sähe, der mit mir geht! – Treu sollst du mir nur bleiben!« »Ach, Gottfried!« »Sei lustig und gib dich zufrieden. Denkst du, ich würde mich diese drei Jahre hindurch nicht oft genug auf den Kopf stellen? Prosit! Lustig wollen wir sein und uns treu bleiben! Das andere macht sich!« »Ach Gott, nun wird keiner mehr des Abends unter unserm Küchenfenster den alten Dessauer pfeifen!« »Alle Wetter, das wäre mir auch was Schönes! Das wollt' ich auch keinem raten! – Ich will ihn dir schon oft genug vorblasen, wenn ich wiederkomme ...« »Ach! ...« »Nu, nu hör auf, du solltest dich freuen, daß die Püffe und Knüffe endlich ein Ende haben! Quäle dich um mich nicht; Frau Meisterin wirst du doch und lustig ist's auf der freien Landstraße auch. Komm, gib mir noch einen letzten Schmatz! Sieh, wie du deine Schürze naß geheult hast.« »Ach, die hast du mir auch geschenkt ...« »Ach, Minchen, du machst mir doch das Herz schwer ...« »Gottfried! ...« Das übrige verlor sich in dem Hausgange; der Professor Homilius schloß leise das Fenster und schritt ... 4. ... wieder seinem Pfeifenwinkel zu. »Ob ich ihm wohl seinen Kaffee bringe?« fragte sich die Haushälterin, das Ohr an die Zimmertür des gelehrten Mannes legend. – Auf einmal fuhr sie zurück und schlug die Hände zusammen: »O Gott, er pfeift! Er pfeift den alten Dessauer!« 5. »Magdalena, meinen Rock und meinen Hut!« rief um fünf Uhr nachmittags der Professor Homilius. Er stand wiederum am Fenster und hatte das Auge fest auf einen Streifen Sonnenlichts an der gegenüberliegenden Hausmauer gerichtet. Eine dicke Brummfliege summte um seinen Kopf, als sei es seine letzterzeugte Grille. Sie schoß gegen das Fenster und schien die gefrorene Luft durchaus nicht begreifen zu können. Wie ein Dichter, der durch ein philosophisches System zur Gottes- und Weltanschauung gelangen will, arbeitete sie sich ab, stieß sich gegen das Glas. Der Professor – öffnete ihr das Fenster! Es geschah zwar hauptsächlich in der Überlegung, daß das Gesumme des kleinen Wesens ihm heute abend bei seiner Arbeit sehr störend werden könne; aber es wirkte doch auch ein anderer Grund ein ganz klein wenig zu dieser Handlung des gelehrten Mannes mit. »Wollen der Herr Professor ausgehen?« fragte die Haushälterin, Frau Magdalena. »Ich glaube fast, es wird regnen!« »Dann gib mir meinen Schirm mit, Magdalena.« »O je, o je, was ist mit dem?« dachte die Dame, indem sie nicht sehr bereitwillig den Befehlen ihres Herrn nachkam. »Wenn der wieder auflebt, dann kann er noch viel Geld für seine alten Schwarten verwenden, und unsereins hat das Nachsehen! ...« Laut brummte sie: »Hier ist der Rock, hier der Stock, hier der Hut, hier der Schirm! Wenn Sie naß und krank werden, ist's nicht meine Schuld!« Damit warf sie die Tür hinter sich zu, und der Professor Homilius war mit seinem Gedanken: Lache oder stirb! allein. »Hier komme ich nicht dazu!« rief er in Verzweiflung. »Alle Tage eine halbe Stunde ordentlich, herzhaft lachen?! O, o, o! 's ist wirklich zum – Weinen.« Und mit dem Mute, den die Verzweiflung gibt, warf er den Schlafrock ab, fuhr in den Oberrock, setzte den Hut auf, nahm den Regenschirm unter den linken Arm, den Stock in die rechte Hand, warf einen bitterwehmütigen Blick auf seine Bücherreihen und seinen Schreibtisch und – schritt hervor aus seinem Studierzimmer, gravitätisch wie – ein Storch aus einem Sumpfe. 6. »Rühre mir meine Papiere nicht an, Magdalena!« sagte er auf dem Vorplatze zu der Wirtschafterin, die in der Küchentür erschien und ein Gesicht machte, als überlege sie, was sie dem braven Mann am liebsten nachwerfen würde, ihren alten Schuh oder den Kehrbesen. »Warte nur!« brummte sie. »Scheuern will ich, bis du – schwarz wirst!« 7. Auf der Erde ging es in dem Augenblicke, als der Professor Homilius sein Studierzimmer verließ und die Treppe eilig hinabstieg, her wie immer. Es blühte und es welkte, es sproßte und verging; eine Schlacht wurde geschlagen, und ein Brautpaar verließ die Kirche; – zwei Länder, welche die See trennte, wurden durch einen elektrischen Telegraphen verbunden, und von einem Blütenbaume ließ sich eine kleine grüne Raupe an einem kaum bemerkbaren Faden zur Erde nieder! – Millionen weinten, Millionen lächelten. – »Ach, wer doch lachen könnte!« seufzte der Professor, an der nächsten Straßenecke stehen bleibend. »Wer lehrt mich das Lachen? Wer lehrt mich das Lachen?« »Schenken Sie mir einen Dreier, gnädiger Herr, und ich schlage Ihnen ein Rad!« rief ein kleiner, zerlumpter Gassenbube, welcher den Gelehrten wohl belauscht haben mußte. »Hopp! ...« Der Professor warf dem Kobold einen Groschen zu, und dieser sprang jubelnd davon. »Das ist's, was die Welt kann!« brummte Homilius. »Ich denke, ich gebe es auf! Ich denke, ich gehe wieder nach Haus. Ich bin wirklich nicht dazu gemacht, zu lachen!« Es tat dem Alten leid, daß sich nicht einmal ein Wölkchen am blauen Sommerhimmel zeigte; er hätte was darum gegeben, wenn es hätte regnen wollen. Aber ein junges Mädchen schritt singend an ihm vorüber; die Sonne tat seinem Rücken so wohl, daß er sich doch noch etwas bedachte, ehe er seiner Wohnung wieder zulenkte. »Ach, ich bin einmal draußen; ich will die Folgen auf mich nehmen!« sagte er. »Aber wohin? Ich wundere mich nur, daß die Leute sich nicht um mich versammeln wie die Tagesvögel um einen Uhu!« Er griff in die Rocktasche, um das Schnupftuch hervorzuziehen. »Ach,« rief er, »da ist ja mein Horaz! Das ist noch ein Trost! Nun suche ich mir eine stille Bank im Grünen! Staub und Schatten sind wir! – 's ist ja doch bald einerlei, ob ich gelacht habe oder nicht!« 8. Gesagt, getan! Eine halbe Stunde später treffen wir in einem öffentlichen Garten auf der einsamsten Bank im dichtesten Gebüsch unsern braven Alten wieder an; vor ihm auf dem Tisch ein Glas – Zuckerwasser und neben demselben der Horaz; letzterer zwar aufgeschlagen, aber – ungelesen! Frau Magdalena würde sich sehr gewundert haben, wenn sie in diesem Augenblick das Gesicht ihres Herrn hätte sehen können. Eine eigentümliche Veränderung war mit ihm vorgegangen; eine Veränderung, bewirkt durch die allereinfachste Ideenassoziation, in welche sich ein bißchen Vogelgezwitscher, Sonnenschein und der Klang fröhlicher Menschenstimmen gemischt hatte. – Der Professor Homilius hatte heute seinen Taschentröster einmal von einer andern Seite angesehen. Er hatte sich erinnert, daß das Büchlein – ein Andenken seiner Jugendzeit – ein Schulbuch sei, und so hatte er es betrachtet! Da standen hie und da auf den gelben, befleckten Blättern Namen von Jugendfreunden, Mädchennamen, fratzenhafte Illustrationen und so weiter, und so weiter. Die ganze alte fröhliche Zeit war plötzlich dem alten Gelehrten wieder aufgetaucht; jene herrliche Zeit, wo es noch nicht des Befehls eines Doktors bedurfte, um einen zu bewegen, das Lachen zu suchen! ... »Ludwig Richter! – Wer war doch das?« murmelte der Professor Homilius, das Büchlein in der Hand haltend. »Ach richtig, ich erinnere mich! Was mag aus dem geworden sein? ... Und hier – Maria Marcus – Maria Marcus? ... Hier noch einmal, Maria Marcus? – – Ganz vergessen, vergessen! – Ich glaube, ich habe einmal leidenschaftlich gern getanzt, o,o! – – – Und hier ... Bei Gott, das ist der alte Subrektor Brausemann! Heut noch sehe ich seine hellblonde Perücke vor mir. – Wie haben wir den gequält; Gott verzeihe mir die Sünde! Und hier – – – Ach, wie wütend war ich, als mir meine Schwester das Tintenfaß über diese Seite goß ... Tot, tot! Wie lang ist das her, seit sie starb?! ...« Der Professor rechnete an den Fingern: »Zehn, zwanzig, dreißig, – fünfunddreißig! Fünfunddreißig Jahre! – Was sie für schöne Locken hatte – meine süße Mathilde, was für Augen! ... Sie war sechzehn Jahre alt, als sie sterben mußte! Und ich habe kein anderes Andenken von ihr als diesen Tintenfleck! ... Daß ich daran auch heute denken muß, wo ich ausging, das – Lachen zu suchen!« Der Alte stützte den Kopf auf die Hand; er hatte vergessen, daß nur Tränen die Staub- oder Steinrinde, die sich um ein Menschenherz gelegt hat, lösen können. »Ich wollte, ich wäre zu Haus!« murmelte er. »Die Luft bekommt mir nicht; – ich wollte, ich wäre zu Haus! ...« 9. »Ja, ich will nach Hause gehen!« sagte der Professor der Astronomie Jodocus Homilius, trank einen kleinen Schluck Zuckerwasser und schüttelte sich, als ob ihn fröstele. »Uff!« sagte er und schaute zu einer lichten Stelle zwischen dem Baumgezweig über ihm empor. Eine kleine, rötliche Wolke zog langsam am Abendhimmel daher, und unwillkürlich verfolgte der Alte sie mit dem Auge. »Wenn sie vorüber ist, marschiere ich ab!« sagte er. Der Professor Homilius war ein systematischer Mann und berechnete gern alles, was er tat oder ließ; er erschrak daher nicht wenig, als er sich nach einer halben Stunde noch immer in die Luft starrend fand. Er hatte nicht bedacht, daß in gewissen Seelenstimmungen der unbedeutendste Fleck dem Menschen zu einem Theater werden kann, auf welchem alles mit der größten wenn auch unbewußtesten Aufmerksamkeit verfolgt wird. Auf ein duftiges Wolkenbild war ein andres gefolgt; einzelne Vögel, Scharen weißer Tauben waren hin und her geschossen, Mückenwolken hatten vor der Nase des gelehrten Mannes getanzt, und sonderbare, wehmütig-lustige Gedanken hatten sich zwischen das alles geschlungen, segelnd mit den Wolken, flatternd mit den Vögeln, tanzend mit den Mücken. – »O, o, o,« sagte der Professor, als er endlich durch ein trockenes Zweiglein, welches ihm auf die Nase fiel, erweckt wurde. Ein warmer, duftender Windhauch, von Süden her, bewegte das Blätterwerk der Laube und schüttelte auf den Tisch, auf das Liederbuch des Quintus Horatius Flaccus, in das Glas Zuckerwasser des gelehrten Mannes und auf den gelehrten Mann selbst, neckisch seinen Regen von welken und grünen Blättchen, trockenen Blütenhülsen, Käfern und Raupen. Über die Ode: »O Venus, Königin von Knidos und von Paphos« lief eine kleine, rote Glücksspinne, und in dem Wasserglase zappelte ein winziges Käferchen mit goldglänzenden Flügeldecken und suchte sich vergeblich auf ein Blütenblatt zu retten. Es ruderte – es arbeitete mit seinen Beinchen – verzweiflungsvoll – es sank! ... »Hm, hm!« brummte der Professor, »ist doch ein schöner Abend; – wir wollen den kleinen Kerl retten!« Mit dem hölzernen Löffel wurde das kleine Wesen hervorgeholt; und aufmerksam betrachtete es der Professor, wie es regungslos in seiner hohlen Hand lag. »Es ist tot! – Nein, – halt! Es bewegt ein Bein! – Sollte es wohl wieder zum Leben erwachen? – Wahrhaftig, wahrhaftig! Es sucht wieder auf seine Füße zu kommen! Hm, hm; ich wollte, ich könnte hier eine Parallele ziehen! – Da fliegt es hin! ...« 10. »Es ereignet sich doch mancherlei in der Welt!« sagte der Professor Jodocus Homilius und wiegte bedächtiglich das Haupt. Wie kam er plötzlich von dem wieder aufgelebten Käferchen auf den jungen Handwerksgesellen, der vor einigen Stunden vor der Pumpe vor seinem – des Professors – Fenster seine Wanderschaft angetreten hatte? Was ging den gelehrten Herrn in diesem Augenblick die kleine, traurige Dienstmagd an, welche jetzt wahrscheinlich schluchzend in ihrer verrauchten Küche saß? »Ich bin doch eigentlich recht verknöchert!« brummte der Professor und schielte seitwärts auf seinen Regenschirm, der neben ihm auf der Bank lag. – Er atmete aus voller Brust auf. »Wie ist mir denn? Das Zuckerwasser kann mich doch nicht berauscht haben?!« Was würde Frau Magdalena gesagt haben, wenn sie ihren Herrn in diesem Augenblick gesehen und gehört hätte? Der alte Bursche hatte beide Beine weit von sich gestreckt, die Hände auf den Magen gefaltet und – brummte – nach dem Abendhimmel hinaufblinzelnd – – ein Studentenlied seiner Jugend vor sich hin. »Ich wollte, – ich hätte – jemand, mit dem ich jetzt – – ein – – Glas Wein trinken könnte! › Der Herr Professor – liest – hm – kein Kollegium, drum ist es besser ... ‹ Ich glaube, ich komme doch noch einmal zum Lachen!« Der Alte hatte seinen Horaz aufgegriffen und schlug damit den Takt zu seinem Gebrumm. Eben hätte er beinahe das Buch in seinem taumelnden Behagen in die Luft geworfen, um es wieder zu fangen, als es ihm glücklicherer und anständigerer Weise entglitt und zur Erde fiel. Es schlug auseinander, und als der Professor es aufnahm, warf er natürlich einen Blick auf die zutage liegenden Seiten und erblickte – einen – Druckfehler in der Ode an die Lydia!! ... »O, o, o!« brummte er, und fast hatte er alles um sich und in sich wieder darüber vergessen. Die Unterlippe fing schon an herabzusinken, als plötzlich ein Name, welcher über die Seite gekritzelt war, seinen Blick fesselte und den Gesichtsausdruck des gelehrten Mannes total veränderte. 11. »Natalie Born!« sagte der Professor. 12. War das noch dieselbe Laube von Geißblattranken, Holunder und jungen Buchen? War das noch derselbe Professor der Astronomie, Jodocus Homilius, vor dem alten wackeligen Tisch? Hatte ein Zauberstab die Laube, den Tisch, das Glas Zuckerwasser und den alten Herrn selbst berührt? War das Wort »Natalie« eine Zauberformel, vor welcher alle vertrockneten, versandeten Quellen des Lebens von neuem aufsprudelten, vor dem das Tote auferstand und das Gegenwärtige Vergangenheit wurde? »Natalie!« seufzte der Professor und senkte sinnend das Haupt. Er nahm den Hut ab und blickte lange vor sich hin, sein Auge ward feucht, eine – Träne rollte langsam über die runzelige Wange des alten Mannes: – der Professor war auf dem besten Wege zum – Lachen ! ... »Es wäre manches anders gekommen! ... es hätte manches anders kommen müssen!« murmelte der Alte ... »O Natalie Born, Natalie Born! – Ach, es war nicht deine Schuld ... Ob sie wohl noch lebt? Ob sie wohl glücklich ist? Träume ich denn oder wache ich?« fuhr er lauter fort. »Bei Gott, wenn ich mich nicht durch eine Gewalttat ermuntere, wird es mir gehen wie dem Zauberer Merlin in seiner Waldwildnis! Kellner, Kellner! Heda, Kellner, eine – Flasche Wein – Rheinwein! ... O, Natalie Born!« ... 13. »Hier, Herr,« sagte der Kellner, den begehrten Trank auf den Tisch stellend und mit einem eigentümlichen Blick auf den alten Herrn das Glas Zuckerwasser fortnehmend. »Was hindert mich, noch einmal jung zu sein?« rief der Professor, ein gefülltes Glas gegen das Licht haltend: »Der Erinnerung!« Eine wohltuende Wärme durchströmte den Alten. »Dem Leben! ... Ich wollte, – ich säße hier nicht so allein! ...« »Dem Vergangenen! ... Ich will mit der Erinnerung trinken.« – » Dir , – dir – Natalie Born! Natalie Born!« Eine kleine, weiße Hand, die zwischen den zierlichen Fingern ein gefülltes Weinglas hielt, schob sich vorsichtig leise zwischen dem Gezweig im Rücken des Professors durch; zwei braune, zwischen Lachen und Weinen funkelnde Augen leuchteten aus dem Grün hervor. Der Hand folgte ein hübscher, runder Arm, und – der Professor schrak nicht wenig zusammen, als sein Glas plötzlich berührt klang, und eine weiche Stimme wie ein süßes Echo seinen Trinkspruch aufnahm und sagte: »Natalie Born!« 14. Mit weit offenen Augen blickte der Astronom in das Gesichtchen, welches jetzt ganz aus dem Blätterwerk neben ihm lugte, wie ein Genienkopf aus einem Blumenkranz von Cornelius de Heem. Er fuhr mit der Hand über die Stirn: War sein langes Leben wirklich nur ein Traum gewesen? War er allein alt und grau geworden, während alles um ihn her jung und blühend geblieben war? »Natalie, Natalie!« murmelte er, »bist du es? Sprich, sprich! Bist du es wirklich, Natalie Born? Habe ich nur geträumt? – Träume ich?! »Ich heiße Ida Weber,« sagte das junge Mädchen. »Meine Mutter und mein Vater ...« »Ida Weber? Ida Weber!« murmelte der Professor. »O, o – und deine, Ihre Mutter war – ist – heißt – Natalie ...« »Natalie Born! Verzeihen Sie, daß wir Ihr Selbstgespräch belauscht haben, Herr Professor Homilius! Sehen Sie da – –« »Ich träume, ich träume!« rief der Gelehrte. – Ein ältliches Paar – eine freundliche, grauhaarige Frau, gestützt auf den Arm eines behäbigen Mannes – erschien an dem Eingange der Laube des Professors. »Guten Abend, Homilius!« rief der Mann, lachend seine Hand dem Professor entgegenstreckend. »Kennst du mich nicht mehr? Meine Frau scheinst du noch gar gut zu kennen! Na, na, alter Junge, – eifersüchtig werde ich nicht mehr. Gib ihm die Hand, Natalie, geborene Born, verehelichte Weber!« Die Frau machte sich von den Armen ihres Gatten los, faßte beide Hände des Professors, der einem erweckten Nachtwandler gleich dastand, und schüttelte sie herzlich. »Wie freue ich mich, Sie wiederzusehen!« sagte sie. »Ich träume, ich träume!« rief der Astronom. »Und hier ist unsere Tochter!« rief der alte Weber. »Komm heran, Törin! – Was meinst du dazu, Jobst? He, willst du sie haben?« Errötend drängte sich das junge Mädchen an ihre Mutter, drehte sich aber rasch nach einem plötzlich eintretenden jungen Manne um, welcher die letzten Worte des alten Weber gehört haben mußte; denn mit eifriger Stimme rief er: »Ich protestiere, ich protestiere! Verschenken Sie gefälligst, was Ihnen gehört, Papa Weber! Was der Papa sich doch einbildet, Ida.« »Jawohl, Papa, du weißt: Einmal gegeben und wiedergenommen, In die Hölle gekommen!« rief Ida und ward dabei womöglich noch röter als zuvor. Der Papa Weber kratzte sich lächelnd hinter dem Ohr und sagte: »Jobst, Jobst, ich glaube, du bist wieder einmal zu spät gekommen!« »Alter Freund,« sagte Natalie, indem sie sich zu dem Professor, der auf seine Bank gesunken war und von einem zum andern schaute, herabbeugte, – »alter Freund, ich – freue mich – in der Tat sehr, Sie wiederzusehen!« »Na, Alte!« rief Weber und wandte sich, komisch die Achseln in die Höhe ziehend, an den jungen Mann. »Da hast du das Weibervolk, Fritz! Laß es dir eine Warnung sein!« Dann wandte er sich wieder an den Professor. »Erlaube, Jobst, daß ich dir hier meinen künftigen Schwiegersohn, den Herrn Supernumerar Galldorf, einstigen Vizesupernumerarrentkammerjustizkollegialdeputationsassistenzrat vorstelle! – Herr Professor Homilius – Herr Friedrich Galldorf, – und umgekehrt!« Der Professor machte zwar seine Verbeugung, aber sein Auge hing wie festgebannt an dem lächelnden Gesichtchen Idas. War es doch dieselbe sonnige Stirn, dasselbe klare Auge, in welchem sich ihm vor langen, langen Jahren einmal alles konzentriert hatte, was ihm die Welt Schönes und Seliges bieten konnte! Eine unendliche Wehmut bemächtigte sich seiner, ein Gefühl welches nur durch den Begriff – Heimweh bezeichnet werden kann. Himmel – leitet die deutsche Sprache von dem alten Worte Heime, Heimat – ab, und des Menschen Heimat ist im – Glück. Sehnt sich das Erdenkind nach einem höheren, seligeren Glück, seiner weiteren, – unbekannten Heimat, so nennt es sein Sehnen – Glaube ; sehnt es sich nach einem verlorenen irdischen Glück, so nennt es sein Sehnen – Heimweh ! »O Jugend, Jugend!« seufzte der Professor und schauete in alle die alten und jungen lächelnden Gesichter um ihn her. »Da kommt die Schwester Cäcilie mit den Kindern!« rief Ida. »Hierher, hierher, Schwager!« 15. War es möglich, daß ein Ehepaar eine solche Schar von Kinder aufweisen konnte?! – Von allen Größen waren sie plötzlich da und kamen jubelnd in die Laube gestürzt, – eine wahre Sturmflut rotwangiger Gesichter! Kinder überall! – Auf dem Tische, unter dem Tische, an den Rockschößen des Großvaters, an den Kleidern und auf den Armen der Großmutter und Tante saßen sie, krochen sie, hingen sie, ohne daß man wußte, wie sie dahin gekommen waren. Ganz betäubt saß der Professor da. » Das ist mein Schwiegersohn, der Assessor Werder, das ist meine älteste Tochter Cäcilie!« schrie ihm der Großvater Weber ins Ohr. »Hier, Lenchen – Wetter, kann man wohl sein eigenes Wort hören?! Hier, der Professor Homilius, – ein Jugendfreund von uns beiden Alten! Ist es denn möglich, diesem wilden Heer die Mäuler zu stopfen?! Heda, junges Volk! Achtung! – Wer in zehn Minuten die meisten Schneckenhäuser gefunden hat, ist der – Beste und kriegt – das dickste Butterbrot! Fort mit euch! ...« Hurra! Allgemeines Getümmel! Freudengeschrei! Aufbruch nach allen Seiten! – leer die Laube! »Gottlob!« rief der Großvater, lächelnd wie ein Diplomat nach einem gelungenen Staatsstreich. »Also, Cäcilie, Assessor! – hier – der Professor Jobst Homilius, ein großer Gelehrter, Kinderfreund und – Bewunderer des schönen Geschlechts, einst mein ...« »Nimm dich in acht, Alter!« rief lächelnd die Großmutter. »... gewaltiger Widersacher, der mir beinahe einmal das Lebenslicht ausgeblasen hätte, weil – nun – ich schweige ja schon! Ein braver Schläger – Du kannst hier noch die Narbe sehen, Assessor! Hurra, Jobst! – jetzt wollen wir aber auch unser Wiedersehen feiern, alter Träumer! Haben wir hier alle Platz?« »Wir Alten wohl!« rief der Professor, seinen Regenschirm von der Bank schleudernd. »Aber die Kinder?! Da kommt schon eins, – da ein zweites! Die Kinder müssen dabei sein!« »Wir wollen den – Onkel Homilius mit in unsere Laube nehmen,« sagte Ida. »Seien Sie fröhlich, Onkelchen – wir wollen schon gute Freunde werden! Wenn ich Sie besuche, lassen Sie mich wohl auch einmal durch ein großes Fernrohr nach dem Monde gucken; – nicht wahr?! Das ist einer meiner höchsten Wünsche!« »Nun, kleines Volk, wer hat die meisten Schneckenhäuser?« fragte der Assessor. »Ich!« – »Ich!« – »Ich!« – »Ich habe sechs!« – »Ich habe acht!« – »Ich habe die meisten! ...« »Ach Gott, ach Gott, die reinen Schürzen und Kittel! Liebste, beste Kinder, bringt die Tiere wieder fort!« rief die Frau Cäcilie. »Bitte setzt sie wieder ins Gras! ...« »Kinder!« rief der Großvater Weber. »Könntet ihr wohl diesen Onkel Jobst, wie er da ist, ganz leise und behutsam in die nächste Laube bringen? In dieser ist nicht Platz genug für uns alle!« Sechzehn braune, blaue, graue Kinderaugen richten sich auf den Professor. Stille – wie vor einem ausbrechenden Sturm! Jetzt! Allgemeiner Jubelruf! Sturm, – Orkan, – Hurrikan! ... Sechzehn Händchen bemächtigen sich des Alten. Er steht auf den Füßen, ohne zu wissen, wie! Er wird gezogen – geschoben; – er schwankt, – er verliert den Hut ... »Langsam, langsam!« ruft der Assessor, vergeblich die wilde Schar von dem Alten abwehrend. Den Horaz und den Hut faßt Ida, den Regenschirm und Stock rettet die Großmutter, der halbgeleerten Weinflasche bemächtigt sich der Großvater Weber; – der Professor der Astronomie Jodocus Homilius ist hinter dem grünen Gebüsch der Nachbarlaube verschwunden! —————— 16. »Wo mag er nur stecken?« sagte kopfschüttelnd Frau Magdalena, die angezündete Lampe auf den bücherbedeckten Arbeitstisch in der Studierstube des gelehrten Mannes stellend. »Wenn ihm nur kein Unglück begegnet ist! Da schlägt es schon zehn Uhr! Ich habe seine Schreibereien so schön geordnet; ach Gott, ach Gott! wenn er sich nur kein Leid angetan hat?! Die Nachbarin Klappmann hat immer gesagt, er würde sich noch einmal erhängen ...« Ein Schritt ließ sich auf der Treppe hören. »Ist er das? Sein Gang ist's! – Nein, – doch nicht! Wahrhaftig, er ist's! Alle Heiligen! ...« Die gute Frau prallte drei Schritte zurück, als sie die Tür öffnete. Der Professor trat ein! Frau Magdalena erkannte ihn fast nicht wieder! – Der Hut saß ihm etwas seitwärts auf dem Kopfe und gab ihm ein ganz jugendliches Ansehen; in der linken Hand trug er einen großen Blumenstrauß, und in der rechten schwang er den Stock. Den Regenschirm hatte er verloren. »Ob ich's wag', und ob ich's tu', Ob's die Herren auch lassen zu? Guten Abend, Frau Magdalena!« sang und sagte er und fuhr fort: »Hinunter den Plunder! Hinunter den Plunder! Hinunter, hinunter, hin - unter mit ihm! ...« »O je, o je, Herr Professor!« stammelte die Wirtschafterin. »Aber, Herr Professor ...« »Frau Magdalena?« sagte der Professor. »Ein Wort für tausend! Morgen besucht mich der Hans, der Fritz, Fräulein Jettchen, Lottchen, Lieschen, und so weiter, und so weiter – große Gesellschaft habe ich morgen, Frau Magdalena: alte Leute, hübsche Leute, kleine Leute, große Leute, niedliche Leute! – Magdalena, sieh doch nicht so verstört, so – brummig aus! – Ha, ha, ha! – Eine große Gesellschaft, Magdalena! Großväter und Großmütter, Väter und Mütter, – Braut und Bräutigam! – Wie ich sehe, Magdalena, hast du wieder einmal meine Schriften und Bücher auf deine Weise geordnet – du hast mich dadurch ärgern wollen – ha, ha, ha! – ich danke dir dafür! Bin ich nicht Onkel geworden? Werde ich nicht bald Pate, – Gevatter, he?! – Also, – alles blank gemacht auf morgen, die Spinngewebe heruntergerissen und die Fenster geputzt!! – Viele Damen kommen und – die hübscheste darunter heißt – Ida! – Ida! ist das nicht ein hübscher Name? ...« »Der jüngste Tag ist gekommen!« rief die Wirtschafterin, schlug die Hände zusammen und stürzte hinaus. Der Professor aber füllte ein Glas mit frischem Wasser und setzte seinen Blumenstrauß hinein. »Ida!« sagte er. »Einst dachte ich, es gäbe keinen schöneren Namen als – Natalie! ...« Er zog seinen alten Lehnsessel an den Tisch, stützte das Haupt auf beide Hände, richtete das Auge fest auf die Blumen. In seiner Rocktasche regte und bewegte es sich. Eine Schnecke nach der andern kroch daraus hervor, den Rücken des Alten herauf. Daran waren der Hans und der Fritz schuld. »Ich hab's gekonnt! Ich hab's gekonnt! Wer hätte gedacht, daß ich heute noch zum – Lachen kommen würde?!« jubilierte der Professor der Astronomie Jodocus Homilius. Er schüttelte sich dabei wie jener, der endlich das Gruseln gelernt hatte, aber er schüttelte sich vor Behagen. – Hundert Jahre alt kann der Professor Homilius werden! – Der Student von Wittenberg   Sin swebendez herze daz verswank; Sin swimmende fröude ertrank; . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein swinde vinster dunreslak Zerbrach im sinen mitten tak; Ein trübez wolken unde dik Bedaht in siner sunnen blik. (Von dem armen Heinriche.)   Vor dem Fenster der Studierstube des Schulrektors und Scholarchen, Herrn Georg Rollenhagen, in der alten, berühmten Stadt Magdeburg war der Frühling erschienen, schöner und blütenvoller als ihn das deutsche Land seit langer Zeit geschaut hatte. Grüne Zweige schlugen an die Scheiben, Vögel sangen in den Bäumen, schmeichelnd und lockend, als wollten und müßten sie jemanden hinausrufen in die lustige, grünende, blühende Welt. Und doch war es gar still und ruhig in dem kühlen, finstern Rektorhause. Nichts rührte sich drinnen; kein Fußtritt, keine Stimme, kein Laut gab Kunde von dem Leben der Bewohner. Freilich, die Frau Rektorin Magdalena war abwesend und saß im Pfarrhause zu Osterburg am Kindbett ihrer Stieftochter Dorothea, die, wie jedermann weiß, den ehrwürdigen, achtbaren und wohlgelahrten Herrn Christophorum Straus, den Pfarrherrn geehelicht hatte; weder die Stimme der Frau Rektorin, noch das Klirren ihres Schlüsselbundes, noch das Klappern ihrer Pantoffeln konnte also die Stille unterbrechen. Der Rektor selbst aber war mit den Söhnen und einer erlesenen Schülerschar schon hinausgezogen in den grünen Wald, auf des Frühlings Gebot zur Käfer- und Pflanzenjagd. Magd und Knecht hatten ebenfalls das Weite gesucht; wen oder was also wollten die blühenden Zweige, der Sonnenschein, die Vöglein herauslocken aus dem alten, dunkeln Schulhause? ... Da lag schon wochenlang auf dem Schreibtische des Rektors Rollenhagen ein Bündel Papiere mit der Inschrift darauf: »An Meister Andreas Gehn, Buchdrucker allhier zu Magdeburg.« Das war das Manuskript des Froschmeuseler, welches der alte Gelehrte am 21. März 1595 – »als am St. Benedictitag, dies Jahr unser Frösch ihr erstes Benedicamus anfingen« – beendet hatte, und welches hier auf den Druck wartete. Das war es, was der Frühling hinausrief in die Welt, allen fröhlichen Gesellen und frommen Jungfrauen zur Lust, Nutz und Ergötzen! ... Der Fink wiegte sich auf schwankem Zweige nach dem Takte seines wechselvollen Gesanges; der Kuckuck aber, der subjektivste aller Vögel, vagabundierte im Holz umher und ließ bald hier bald da, bald nah bald fern, seine Stimme erschallen, und gab einem jungen Mann und Dichter, welcher mit einem Büchlein voll weißen Papieres und einem Kreidestift im Waldschatten lag, ein gar böses, böses Beispiel: denn Kuckuck, Kuckuck! kann wohl jeder rufen; während der lustig-wehmütige Finkenschlag wahrlich nicht so leicht nachzuahmen ist! Nun, wir sind im Jahre eintausend fünfhundert und fünf und neunzig nach der Geburt unsers Herrn Jesus Christus; – da wußten die Leute noch, was sie wollten, und ruhig können wir Herrn Jonas Rollenhagen, einen wackern Studenten der Medizin, seinen poetischen Feriengedanken überlassen. Lag doch der Dichtertrieb in der Familie, und gab es doch in der alten, vortrefflichen Stadt Magdeburg eine gewisse Gasse, und in dieser ein gewisses Fenster, aus welchem zwei glänzende Augen gar verschämt vorlugten hinter den Gelbveigelein, Basilien und Rosen, jedesmal wenn Herr Jonas, pochenden Herzens, in seinem zierlichen Studentenkleid vorbeischritt. Eia, reime, Jonas Rollenhagen, einsam im grünen Wald; schlage die Zither nächtlich vor ihrer Tür, sammle die Gesellen zu einem wohlgesetzten Ständchen, im Mondenschein, ihr zu Ehren: die Liebe ist schön im deutschen, treuen Vaterland; schöner als sonst auf Erden; was sie auch sagen mögen vom lustigen Frankreich, vom berühmten Italien, vom stolzen Hispanien! Eine anmutige Stelle hatte sich der junge Student auserwählt unter den letzten Bäumen des Gehölzes, an welchem die große Heerstraße nach der Stadt Magdeburg, deren Türme in der Ferne ragten, vorbeiführte. Die fruchtbare, hie und da mit Gebüsch bewachsene, mit grünen Wiesen und Kornfeldern bedeckte Ebene flimmerte und schimmerte in der Frühlings-Nachmittagssonne. Da und dort blitzte es auf wie geschmolzenes Silber, das war der Spiegel der Elbe, auf welcher weiße Segel hinauf und hinab zogen. Die Sonne schien durch das junge Grün der Zweige, und das Volk der Waldsänger, Distelfink und Grasmücke, Baumheckel und Baumkletterlein, Rotbrüstlein und Zaunschlüpferlein, Schwaderlein und Greinerlein, begann wieder seinen Lobgesang, welcher während der heißen Mittagszeit geschwiegen hatte. Auf der Landstraße aber herrschte das fröhlichste Leben; Bundschuh und Bürgerschuh zogen darauf in Handel und Wandel hin und her; denn das deutsche Volk benutzte den letzten friedlichen Atemzug, bevor es nach Gottes Geschick und Fügung in die blutigen Wirbel des Dreißigjährigen Krieges gerissen wurde, noch einmal nach Macht und Kraft; bauend, pflanzend und genießend. – Mit einem Ausruf der Freude und Befriedigung sprang der Student in die Höhe. Der Buchfink über ihm brach seinen Gesang ab und flatterte tiefer in den Wald hinein. Mit dem Finger den Takt in der Luft schlagend, las Herr Jonas Rollenhagen noch einmal sein Lied leise her; dann aber – riß er das vollgeschriebene Blättchen aus seinem Taschenbuch heraus und übergab es in vielen kleinen Stückchen dem lauen Windhauch, welcher in den Bäumen und Büschen spielte und die Worte der Liebe scherzend davon trug, hierhin und dorthin, meistens aber in ein murmelndes Bächlein, welches sie lustig weiter schaukelte der Elbe und dem Weltmeere zu: wie es vielleicht ja auch im Liede stand. Was brauchte Herr Jonas den geschriebenen Buchstaben? Der Jungfrau von der Spiegelbrücke ging wahrlich nichts verloren, wenngleich der Bach davon getragen hatte, was – er erlangen konnte! ... Fröhliche Menschenstimmen, Lachen, Hundegebell, welche den ganzen Nachmittag über im Walde erklungen waren, näherten sich jetzt; die Wipfel der Büsche bewegten sich, wie die darunterdurch Schreitenden sie auseinander bogen; das welke Laub auf dem Boden rauschte unter den Füßen der Näherkommenden. – Ein Knäblein von zwölf Jahren, in hellem Wams und Hosen, ersteres umsäumt mit einem handbreiten Streifen roten Tuchs, sprang auf die sonnige Lichtung. »Hei, ich bin der erste! Viktoria!« rief es jubelnd dem Studenten zu und zurück in das Dickicht, in welchem es jetzt stärker rauschte. Hunde brachen hervor, und im nächsten Augenblick war schon eine ganze Schar Knaben von allen Größen, und in alle Farben gekleidet, um Herrn Jonas versammelt: alle beladen mit ihrer Beute, Pflanzen, Käfern, Schmetterlingen, alle mit grünen Zweigen auf den Scholarenkappen, alle mit glühenden, schweißglänzenden Gesichtern und lachenden Augen. Eine hoffnungsvolle, lebenskräftige Schar, die jetzt ebenso fröhlich in den Krieg zog gegen alles, was da wächst, kreucht und fleucht; wie sie später ergeben, todesmutig in das Blut und die Flammen des Religions- und Bürgerkrieges sich stürzte; die protestantische Bibel in der Hand, den protestantischen Glauben im Herzen, den Blick nach oben gerichtet – morituri te salutant ! ... »Falsch, falsch, Philippe!« ertönte es. »Herr Jonas ist der erste! Herr Jonas ist der erste auf dem Platze. Herrn Jonas die Krone! Herrn Jonas die Krone!« Herr Jonas, der wahrlich nichts dafür konnte, daß er zufällig zuerst, in seinen Träumen, auf den allgemeinen Sammelplatz des lustigen Heeres geraten war, machte ein ziemlich wehmütiges Gesicht, daß man ihm so sein stilles Plätzchen störte, aber es half ihm nicht. Immer neue Gesichter drängten sich aus dem Grün hervor. Alle Klassen der berühmten Schule am Dom zu Magdeburg hatten ihre Vertreter ausgesandt. Winzige Quintaner, windige Quartaner, leichtsinnige Tertianer, zuschnellgewachsene Sekundaner, bedächtige Primaner, welche schon in dunklerer Tracht gingen, Bücher in den Schaubentaschen trugen und einen Stift in der Hand, um Anmerkungen zu machen, waren vertreten. »Willst du meinen Federball nun hergeben?« »Nein, ich hab' ihn ehrlich gewonnen im Kampf!« »Willst du ihn nicht hergeben?« »Nein!« »Wart' ...« » Quo, quo scelesti ruitis !« rief eine kräftige Stimme und ein ältlicher, ansehnlicher Mann, in Schwarz gekleidet, trat von zwei anderen Männern begleitet aus dem Gebüsch und stellte sich trennend zwischen die beiden erhitzten Quartaner, die sich eben in die blonden Locken gerieten. »Ei, ei,« fuhr er fort, »wer wird wohl der Natur anmutigen Lustgarten durch Streit und Kampf entweihen? –« »Der Herr Rektor! Der Herr Rektor!« ging es von Mund zu Mund. »Das hat wirklich Mühe gekostet!« sagte der Rektor Rollenhagen. »Magister Aaron Burckhart, Ihr habt auch einen Fetzen Eures Gewandes im Gezweig hängen lassen. Ah! ...« Mit Wohlgefallen streifte das Auge des alten Gelehrten über die lebendige Schar der Söhne (der Mann an seiner Linken war Gabriel, sein Ältester, ein wackerer junger Theologe, und unter den Schülern befanden sich David und Kaspar, die beiden Jüngsten) und Zöglinge, welche auf der sonnig-schattigen Waldlichtung mit ihrem im Laufe des Nachmittags erbeuteten Naturschätzen ihn umgaben und umjubelten. »Heda, Gesindel!« rief er, mit dem Sacktüchlein winkend, um sich für einen Augenblick Ruhe zu verschaffen: »Heda, discipuli , sind alle beisammen, – Hunde und Gelehrte?« Ein allgemeines lustiges Ja und Gebell antworteten ihm. »Nun denn, die Sonne sinkt; so wollen wir uns unter Gottes Schutz auf den Heimweg machen. Ordnet die Reihen, und stimmet einen lustigen Wald- und Lobgesang an. Vorauf die Hastati, die kleinsten Bürschlein, daß sie den Schritt angeben; darauf die Principes, die Mittelsorte; zuletzt die Triarier der Legion, nach Heeresgebrauch und Gewohnheit! Ach so, – die Hunde, als leichte Reiterei auf den Flügeln, als Kundschafter vorauf und als Nachtrab hinterher! Vorwärts, signa canunt !« Allgemeines Gelächter der berühmten Schule zu Magdeburg begrüßte diese Anordnung, und schon während man ihr fröhlich nachkam, stimmten einige Kehlen ein Wander- und Schullied an. Als sich aber der Zug gebildet hatte und aus dem Walde herauszog auf die große Landstraße, ertönte es im vollen Chor: Der Winter ist vergangen,        Jubilate ! Die grünen Felder prangen,        Jubilate ! Ihr Schüler von den Bänken Ihr sollt des Mai's gedenken!        Jubilate ! Jubilate ! Auf Gottes Wegen und Stegen,        Jubilate ! Dem Maien frisch entgegen.        Jubilate ! Zum grünen Wald voll Gnaden Hat er euch eingeladen!        Jubilate ! Jubilate ! Grün Zweiglein ans den Kappen,        Jubilate ! Seind Zeichen euch und Wappen,        Jubilate ! Geschmücket so aufs beste Seid ihr zum Maienfeste.        Jubilate ! Jubilate ! Herr Mai, Herr Mai, wir grüßen,        Jubilate ! ... Das übrige machte die Ferne unverständlich, und nur das mit aller Kraft frischer Scholarenkehlen hervorgejubelte Jubilate ! drang noch vernehmbar zu den Ohren des alten Rektors, der mit seinen beiden ältesten Söhnen und dem Magister Burckhart eine Zeitlang am Waldrande zurückblieb, dem Zuge der Schüler nach- und in die heitere Abendlandschaft hinausschauend. »Das war wieder einmal ein anmutiger und nützlicher Tag!« sagte er, sich zu seinen Begleitern wendend. »Wahrlich, wahrlich!« riefen Herr Gabriel und Jonas, und nur der Magister schauete etwas wehmütig auf das Loch, welches ihm ein mutwilliger Dornenstrauch in sein schwarzes Schulgewand gerissen hatte. »Ei, ei, Meister Aaron,« sagte der Alte, den Magister gutmütig auf die Schulter klopfend, »die edle Kräuter- und Tierkunde erfordert viel Mühen und Schweißtropfen von ihren Jüngern, aber sie belohnt auch mit weidlicher Freud' das zerrissene Kleid und die geritzte Hand. Ist's doch im Leben nicht anders: der Weg zum Himmelreich geht auch durch ein dornenvolles Tränental; glücklich der, welcher nur Fetzen vom vergänglichen Erdenkleid zurückläßt und seine unsterbliche Seele ganz und heil behält! – Aber wir verlieren unsere fröhliche Heerschar ganz aus dem Gesicht; wir müssen ihr doch wohl langsam folgen.« Damit setzte der Rektor seinen Stab in den Graben und sprang frisch auf die Heerstraße. Die drei anderen folgten seinem Beispiel und stillschweigend schritt die cohors praetoria , hinter dem Zug der hohen Schule von Magdeburg, den man in der Ferne mehr hörte als sah, her. Der alte Scholarch war in tiefe Gedanken versunken und seine Begleiter unterhielten sich leise, um ihn nicht zu stören – sie kannten seine Gewohnheit, Reime zu machen im Wandern auf der Landstraße. Aber sie irrten diesmal – der Rektor machte diesmal keine Reime! Plötzlich schauete er auf, und einen Augenblick in die untergehende Sonne; dann wandte er sich an seine Gesellschafter: »Es liegt mir heute etwas schwer auf der Seele. Vor langen Jahren begegnete mir einmal ein Ereignis, das immer wieder auftauchet und dessen Erinnerung mich wohl nicht loslassen wird bis an mein Grab. Wie kommt es doch, daß sie heut einmal mit erneuerter Macht mich verfolgt? Ach, es hat mir fast den sonnigen Tag verdunkelt. – Ich will euch die Geschichte erzählen unterwegs. Caput melancholicum est diaboli balneum , saget das lateinische Sprichwort und es hat recht! Wahrlich, es ist nicht gut, wenn man aus seinem Herz und Hirn eine Gespensterkammer macht. Horcht, wie die Frau Nachtigall hinter uns im Walde schlägt: ich will Licht in das Dunkel meiner Seele lassen; dadurch verscheucht man die bösen Geister und imaginationes am leichtesten. Wieder einmal ein Stücklein aus meinem Leben, von welchem ich euch sprechen will, Söhnlein und Kollege! Ihr müsset mich aber nicht unterbrechen; denn ihr wisset, daß ich solches nicht leiden kann.« Näher schlossen sich die drei jungen Männer sogleich an den alten Meister stumm und aufmerksam lauschten sie, und der Rektor Rollenhagen begann: »Als ich euch zuletzt von meiner Jugend, meinem Vaganten- und Scholarenleben erzählte, hab' ich euch gesagt, daß ich im Jahre nach der Geburt unsers Herrn 1558 nach Mansfeld kam zu dem Kanzler des Grafen, Herrn Georg Müller, als Pädagog und Informator. Wahrlich, das war ein hart Leben, und erwuchs mir eine ziemliche Gefahr aus dem Streit zwischen Herrn Josias Seidelius und dem Superintendenten, Herrn Coelius, in welchen ich eingriff wie der Aff' ins Feuer und entweichen mußte, ein achtzehnjährig Schülerlein anno domini 1559 aus Haus und Futter. Ei, Söhnlein, die Rollenhagen haben nie zu Hofe gut Glück gehabt, und glaubet mir, es ist gar gut sein sub serto virgineo , unter dem magdeburgischen jungfräulichen Kranz; besser als unter den Löwen und Bären, denn eine Jungfrau, wenn man sie auch etwas erzürnet, lässet sich doch leichter wieder erbitten und versöhnen, als das stolze Wappengetier der Löwen und Bären. So höret denn, wie ich zum erstenmal nach Magdeburg kam, und was mir da geschah. Es ist eine seltsamliche, traurige Geschichte, wohl im stande, den hellsten Sonnentag in die dunkelste Nacht zu verkehren! Nicht allein war ich in das Sudenburger Tor eingezogen – an einem stürmischen Spätnachmittag im Aprilen, wenige Tage vor meinem Geburtstag – sondern begleitet von einem Wandergenoß, welchen ich in Mansfeld kennen gelernt hatte, und den ich unterwegs wiedergefunden hatte in einer Schenke, wo er den Leuten die Zither schlug. Ein gelehrter Scholar, der in Wittenberg die edle Kunst Medicina , wie du, Jonas, studiert hatte, und Paulus Halsinger hieß. Von ihm wird das meistens handeln, was ich zu erzählen habe. Ach, es ist ein traurig Ding. – Paul! Paul! Es war, wie gesagt, gegen Abend, als wir in das Tor eingezogen, und der Winter schnitt dem Frühjahr ein bös Gesicht. Der Stadt Landsknechte auf den Wällen mußten sich wacker dem Wind entgegenstellen, um nicht fortgeblasen zu werden; denn es schnob gewaltiglich und pfiff übel in ihre weiten Pluderhosen. Die Wetterfahnen auf den Giebeln knarrten und knirschten, die ehrsamen Bürgersleute schlossen fürsichtig ihre Laden, und wir beiden armen Schüler standen mißmütig an der Ecke des Domplatzes und schauten das Sudenburger Tor an, durch das wir eingezogen waren. Zwar hatte ich ein Empfehlschreiben in der Taschen an Herrn Wigandum, den Pfarrer zu Sankt Ulrich; aber wie sollt' ich die Behausung des ehrwürdigen Herrn finden in der großen Stadt voll Dunkelheit und bösen, liederlichen Gesindels. Paulus pfiff zwar eine lustige Weise zwischen den Zähnen, aber auch ihm war wahrlich nicht zu warm ums Herz, und seine Zither guckte gar trübselig unter seinem kurzen Scholarmäntelchen vor. Mit wenig nummum in loculo waren wir in weidlicher Herzensangst, wo unser Haupt hinzulegen die Nacht hindurch, und wußten uns nicht zu raten und zu helfen. Auf dem ›Breiten Weg‹ war bald kein Mensch mehr zu sehen, und nur aus der Wachtstube unter dem Tor schallte noch ein wüster Gesang herfür, nicht sehr ergötzlich anzuhören. ›Wenn ich nur ein Schenkzeichen sehen könnt', so sollt' uns bald geholfen sein!‹ sagte mein Paulus, ›halt, da kommt jemand; sei's auch der böse Feind, unter Dach und Fach soll er uns bringen.‹ Wirklich stampfte jetzt ein Schritt auf uns zu und drückte ich mich gegen die Mauer, denn ich vernahm das Klirren eines Schwertes auf dem Pflaster und dachte, es sei einer von den Stadtsöldnern, ein wild übermütig Volk, das noch von der Belagerung her ein weidlich groß Wort hatte. Paul Halsinger aber trat kühnlich dem Nahenden in den Weg, und stellte ihn wackern Mutes. ›Holla,‹ sagte der Fremde, ›was ist das, mein Bürschlein? Macht Platz!‹ – ›Um Verlaub,‹ sagte mein Paulus, ›habet die Güte und weiset uns doch in ein fröhlich Gasthaus; wir frieren, hungern, dursten und sind fremd.‹ – ›Ihr seid fremd? So, deshalb wisset ihr also nit, daß auf eines wohlweisen Rats Verordnung niemand bei nächtlicher Weile ohne eine Latern' ausgehen soll, der wüsten Zeiten wegen! Nun, saget mir, wer ihr seid, und ich will euch in ein lustig Losament führen!‹ Frisch antwortete Paulus: ›Der da ist ein ehrbares Schülerlein, genannt Georgius Rollenhagen, aus Bernau in der Mark, und ich nenne mich Paul Halsinger aus Osterwiek in der Grafschaft Wernigerode.‹ – ›Was!?‹ schrie der Fremde, ›heißet dein Vater Martin Halsinger, deine Mutter Christina Beltzer?‹ – ›Hießen! Mein Vater ist gestorben, vergeben von einer Unhulden, und mein Mütterlein ist an der spanischen Seuche verdorben.‹ – ›So bin ich dein lieber Ohm Lamprecht Beltzer, deiner Mutter Bruder; Bürschlein, wo kommst du her?‹ – Heiliger Gott, welch Erstaunen meines Pauli! Faßte ihn der Ohm und drückte ihn an sein Lederkoller, daß ihm schier der Atem ausging. ›Komm, komm!‹ rief er. ›Kommt beide: also meine Schwester ist tot? Nun, Gottes Will' geschehe! Will euch auftauen in Malvasier und was euer Herz begehrt. Beim großen Christoffel, so was lebt nicht weiter. Ach Christina, Christina! – Paul Halsinger, mein Schwesterkind!‹ Mit gewaltiger Faust faßte der Ohm jeden von uns am Kragen und schob uns vor sich her, den Breiten Weg hinab, auf ein Haus zu, aus dessen Fenstern noch ein heller Lichtschein auf die Straße fiel. ›Zu Magdeburgk uf dem Markte Da stat ein isern Mann, Und will ihn der Kaiser gewinnen, Sein' Spanier müssen dran! ...‹ erscholl es im Chorus daraus herfür. ›Heda, Holla! Meister Wirt zum Pelikan!‹ schrie der Ohm in den Gesang hinein und schob uns in das Gaststüblein. ›Schaffet schnell ein heiß Biermus, Meister Idelbach!‹ Hörete der Chorus sogleich auf beim Eintritt Lamprechts und schaueten alle gar verwundert auf den wohlbekannten Wachtmeister und uns beide schmächtige, nasse, schwarze, zahnklappernde Schüler, welche das Licht blendete und die in der Wärme nur noch heftiger zu zittern anfingen. ›Ei, Herr Rottenführer,‹ piepte eine quäkige Stimme aus dem Winkel, ›was habet Ihr da für ein paar Nachteulen aufgestöbert?‹ – Aber der Ohm Lamprecht ward gar grimmig. ›Haltet Euer loses Maul, Meister Wendehoike! Ist mein Schwestersohn kein Uhu, kein Kauz, kein lumpiger Rattenfänger und Katzenschinder, wie Ihr, Meister Kürschner, sondern ein wohl gelahrter Scholar und Student! Möcht's Euch raten! – Rückt einmal zu, meine Gesellen!‹ wandte er sich dann an einige bärtige Kriegsleute, die alle der Stadt Wappen – die Jungfrau mit dem freudigen Kränzel über den beiden Türmen – auf der Brust trugen. ›Nun setzet euch ans Feuer und wärmet euch, meine Bürschlein! Ihr schauet ja aus – nehmt's nit übel – wie unsrer Cumpanei welsch' Marketenderweib, die Memma Pozzo, als wir sie mit über die Schneealpen nahmen, nach der Schlachtung im Tiergarten zu Pavien.‹ Fröhlich kamen wir dem Wort des Ohms nach, setzten uns ans Kamin und begannen bald aufzutauen. Tat das Biermus das übrige, und war bald alles Ungemach vergessen. Der Ohm ließ nun auftragen, daß der Tisch knackte, und begannen Paul und der Oheim einander zuzutrinken, daß das Bürgervolk Augen und Mäuler aufsperrte, die Kriegsleute aber wohlgefällig den beiden zuschaueten. Bald hatte sich auch ein Kreis andächtiger Zuschauer um uns versammelt, denn wunderliche Geschichten gab nun der Paul zum Besten von der großen Universität Wittenberg, von der sie ihn weggejagt hatten, und Ungeheuerliches erzählte der Ohm von seiner Fahrt mit Herrn Georg von Frundsberg, mit dem er als freier Knecht gezogen war, ehe er der guten und festen Stadt Magdeburg Diener in Fried' und Fehde ward. Erzählte der Paul, wie ihm sein Väterlein und Mütterlein abgestorben seien, wie er hart studieret habe in Leipzig und Wittenberg, und liefen dem Ohm die hellen Tränen über die Backen, bald vor Weinen, bald vor Lachen, bis er auf einmal, unversehens, in einen wilden Kriegs- und Schlachtgesang ausbrach, in welchen alle Kriegsmänner im Pelikan einstimmten, daß mir der Kopf fast wirbelte, während der Paul weidlich in seinem Element war und mit beiden Fäusten auf dem Tisch den Takt schlug, bis glücklicherweise ein Doppelsöldner kam, den Wachtmeister auf die Wacht an der hohen Pforte zu holen. Da kam das Getös zum Ende, versprach der Ohm vorzusprechen am andern Morgen und befahl dem Meister Martin Idelbach zum Pelikan, uns ein Losament und gut Bett anzuweisen. Dieses geschah, und führte uns der Wirt hinauf in den Erker des Pelikans am Breiten Wege, den Ihr Euch heute noch ansehen könnt, Magister Aaron! Da brachte ich den Paulus zu Bett, betete selbst fröhlich und flugs den Abendsegen und schlief sogleich ermüdet von des Tages Mühen und Drangsalen ein. Nun ließ Gott es zu, daß ich in dieser selbigen Nacht einen schweren Traum träumete. Stand ich auf einmal am Fuße der Domtüre, die ich am Nachmittage mit Freude und Wunder betrachtet hatte, und schaute hinauf nach den Spitzen. Da ward ich plötzlich entrückt und hörete eine Red' von zwei wüsten Gesellen. Auf der Spitze des linken Turmes, dem die Knospe fehlet – denn nur Gottes Werk ist ganz vollendet – saßen zwo stinkende böse Teufel und ließen die Beine herabhängen und kehrten einander den Rücken zu; denn sie gönnten sich das Höllenfeuer nicht. – ›Hui,‹ sagte der eine, ›guck um! Was schaust du!‹ – Drehete sich der andere halb um und blinzte durch die Nacht nach der Gegend, worauf sein Kumpan zeigte: ›Was soll's? ich sehe einen Markt und Fackeln. Sie schlagen ein Henkersgerüst auf; ist das alles?‹ – ›Hei,‹ grinste der andre, ›darauf wollen sie morgen früh meines Fausten Schatz, dem kleinen Gretel, das hübsche Hälsel abschneiden! ... Ich hab' ihn nun! Mach's mir nach, wenn du kannst!‹ – Nun hörete ich in diesem Augenblick meinen Schlafgesellen Paulus schwer stöhnen; aber es erweckete mich nicht, und der Traum ging fort. ›Ich bin dabei,‹ sagte der andere Teufel. ›Schau durch das Fenster da drunten, das allein noch hell ist und das Kreuz (beide Kobolde schüttelten sich) auf der Straße abmalt. Schau in das Kämmerchen, den mit den blonden Locken hab' ich mir auserwählt.‹ – ›Puh, ein arm fahrend Schülerlein!‹ lachte höhnisch der erste. – ›Kann ein Doktor werden, wie dein Faust!‹ schrie kreischend der andere, entfaltete die höllischen Schwingen und verschwand in der Nacht. Sein Gesell nickte grinsend mit dem Kopfe und flog ebenfalls fort, Wittenberg zu. Einen Ruck tat's in mir, und stürzte ich hinunter, tief, tief und erwachte mit einem lauten Angstschrei. Da schien die Sonne hell und fröhlich in mein Kämmerlein, und saß ich im Bett auf und schauete nach dem Paulus mit fast besorgtem Blick. Erschrak mich auch fast sehr, als ich sein Lager öd' und leer erblickte; aber mußte über mich selbst lachen, als der Wirt, Meister Idelbach kam und mir verkündete auf meine Frage, daß der Rottenmeister Lamprecht Beltzer ihn schon vor einer Stunde abgeholt habe nach seiner Behausung auf dem Katzensprung. Darauf betete ich den Morgensegen, zog mich an und ging hinunter in die Gaststube, wo alle bösen Nachtgedanken bald verschwanden, als ich hinausschauete auf die Straße und das fröhliche Leben der großen, volkreichen Stadt. Nachdem ich eine Zeitlang vergebens auf den Paulus gewartet hatte, zahlte ich meine Zeche und ging nun auch meinen Sachen und Geschäften fröhlichen Mutes nach, und gelang es mir durch Gottes Gnade ganz nach Herzenswunsch und Willen, denn der Herr Wigand, der Pfarrherr, an den ich ein Brieflein hatte, kommendieret mich dem Herrn Sigfrido Sacco, dem damaligen Schulrektor (dacht' ich nicht, daß ich noch einmal auf seinem Stuhl sitzen sollt!), der verschaffte mir ein Hospitium bei Lamprecht Knust, dem wackern Bürger. Da hatt' ich mein Losament und Atzung nach Leibesnotdurft, und war angestellt als ein privatus praeceptor bei den Werners von Halberstadt, die bei Herrn Ambrosius Emmen zu Tisch gingen. Ach, wär' doch der Paulus Halsinger auch in so guter Leute Hände gefallen! – Der Ohm Lamprecht Beltzer freilich war ein wackerer Mann, wenn auch ein rauher Kriegsknecht und dem Trunke ein wenig ergeben, wie all das wilde Söldnervolk. Er tat dem Paulus nicht viel Schaden, ja, was er konnt', tat er dem Schüler und wiedergefundenen Schwesterkind zu gute. Aber der Paulus war im Leben wie ein Verirrter in einem Zaubergarten, wo die lockenden Pfade alle immer tiefer hinabführen ins Verderben. Ein hübscher, lustiger Gesell war er, schlank und wohl gewachsen mit hellen, klaren Augen und krausem Haar, wie Meister Lucas Kranach den heiligen Johannes malt auf seinen Bildtafeln. Niemand konnt' ihm etwas verweigern, wenn er bat, und hatt' ich mich fast sehr vergafft in sein fröhlich Wesen. Die Zither verstand er zu schlagen wie ein welscher Spielmann, und ein wackerer Scholar war er auch und wußte seinen Horatius und Virgilius an den Fingern herzusagen. Weh, weh! Was ist aus alledem geworden! Wahrlich, o Söhne und Magister Aaron Burkhardt, der Teufel gehet nicht immer umher wie ein brüllender Löwe, quaerens qeum devoret ; er kann auch seine scharfen, bösen Klauen in weiche, weiße Patschhändlein verwandeln und hold blicken und mit den Augen winken, wie die Schlange Empusa in Afrika, die oben ein schön' Weib und unten ein garstiger Wurm ist – Lässet sich nit ferner anschauen, Ohn' so weit sie gleicht einer Frauen – locket die jungen, müßigen Gesellen also und zerreißet sie und trinket ihr Herzblut. Weh, was ward aus dem lustigen Studenten und wackern Gesellen! Muß ich doch heute noch an sein verwüstet Bild mit Schmerzen denken. Wie's Feuer das Stroh küßt und anlacht, Bis daß es alles zu Aschen macht – so hat es auch den armen Paul Halsinger angelacht und geküßt, das Wildfeuer, das der Menschen Herz leer und öde macht, wie eine Kirche Gottes ohne Altar und Orgel, wie eine Kirche, in welcher die Bilderstürmer gehauset haben. – – – In der venedischen Straße hatte sich Paulus ein Gemach gemietet, da hausete er nun nach seiner Gewohnheit. Ei, sie kannten ihn bald, die Schenkwirte und tollen Gesellen und Vaganten zu Magdeburg, die Mägdelein und die Stadtscharwächter! Hing es doch an einem Haar, daß er mich mit hinein gezogen hätte in das wilde Leben, das er führete, hätten mich nicht Herrn Lutheri Wort und meines frommen, toten Mütterleins Ermahnungen und vor allen ein schönes Bild, eine Jungfrau, fast noch ein Kind, – errettet aus der Gefahr. Euphemia hieß der holde Schutzengel, Magister Burckhardt, und sie war die Tochter des damaligen Syndikus, Herrn Pfeils, und ward auch mein eheliches Gemahl, jahrelang nachher, als ich hier in dieser selbigen Stadt Magdeburg nach vielen Fahrten ein Konrektor geworden war, Rectore de Edone . Ach, nun ist mir nichts mehr von ihr übrig, als ihr Gedächtnis und mein Töchterchen Dorothea zu Osterburg, eure Stiefschwester, Jonas und Gabriel, der Gott in ihrer seligen Not und Angst beistehen möge. Hieß auch meine Mutter Euphemia, meine Schwester Euphemia, und meiner ersten Braut und Frau Euphemia Mutter und Großmutter ebenfalls Euphemia – miro quodam omine ! Doch was schweif' ich ab: ging es dem armen Paul wahrlich nicht so gut. Der war ein' Wais' seit frühesten Jahren und hatte seine Mutter gar nicht gekannt, und keine keusche Lieb' hatte ihm ihr seliges Lämplein im Herzen angezündet. Ihn sollt' ein anderes Geschick treffen! Geschah es eines Tages, daß ich die Staffel zu seiner Stube hinaufstieg und bei ihm eintrat gegen Abend. Ich hatt' ihn wochenlang nicht gesehen und auch nicht von ihm gehöret, welches mir verwunderlich schien, denn man sprach in der Stadt schon viel von ihm und seinem Treiben. Ich traf ihn lauschend am Fenster im Dunkeln, und er antwortete meinem Gruß nicht, sondern drückte mir die Hand auf den Mund und gebot mir so Schweigen. Da hörete ich über die Gasse einen Klang wie eine Harfe; und eine Frauenstimme, wie ich sie noch nie gehört hatte, sang dazu eine ausländische Weise, in ausländischer Sprache. Auf den Zehen schritt ich ebenfalls zum Fenster hin und lugte hinaus in die dunkle Gasse, ob ich nichts von der Sängerin erblicken könne. Da sah ich drüben in einem hohen Hause, welches heute nicht mehr stehet, ein erleuchtetes Fenster mit einem roten Tuche verhängt, im Mittelstocke, in einem hervorragenden Erker. Ein Schatten fiel dagegen und auf ihn hatte Paul Halsinger den Blick gerichtet, wie ein Hohepriester auf das Allerheiligste. Solange der Gesang dauerte, blieb er wie versteinert, das Fensterkreuz umklammernd, als habe der böse Geist, den ich einst im Traume sah, Besitz von ihm genommen. Als der Gesang abbrach, seufzte er tief, setzte sich auf einen Schemel und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. ›Paul, Paul!‹ rief ich, ›Was ist das? was ist dir?‹ Er antwortete aber nicht, sondern ließ nur seine Hand leise über die Zither gleiten, die neben ihm lag, und griff wie im Traume einzelne Klänge aus der Weise, welche die Frauenstimme gesungen hatte, darauf nach. Auf einmal bewegte sich drüben der Vorhang und ward zur Seite geschoben, und eine Gestalt beugte sich aus dem offenen Fenster und schaute hinab in die Gasse. Da war Paul wieder auf den Füßen und zitterte an allen Gliedern und streckte die Hände nach dem Wesen aus, bis der Vorhang wieder fiel und die Gestalt verschwand. Zuletzt erlosch auch das Licht drüben, und nun kam mein Freund dazu, daß er mir auf meine Fragen nach dem Abenteuer antwortete. Da erzählte er denn, daß da drüben der italische Goldschmied Malco Guarnieri mit seiner Tochter Felicia wohne, und daß diese Felicia sein Lieb werden müsse, wenn er nicht elendiglich verderben und vergehen solle. Ich erschrak heftig, denn schon hatte auch ich mancherlei gehört von dem künstlichen Meister Malco und seiner schönen Tochter, und es gingen böse Gerüchte in der Stadt und schwatzten die Leute mancherlei über den Goldschmied, den die Klügern scheel ansahen als einen Katholiken und Italiener, und der große Haufe als einen Katholiken und Zauberer und Goldmacher. Bat ich und beschwor ich den Paul Halsinger, führte ich ihm Gottes Wort und seinen lutherischen Glauben zu Herzen; aber er wollte mich nicht hören und murmelte nur den Namen Felicia und war wie ausgewechselt, daß ich ihn mit Kummer und Angst ließ – denn ich liebte ihn – und betrübten Gemütes in mein Dachkämmerlein im Hause Herrn Lamprecht Knusts zurückkehrte. Und konnt' ich die ganze Nacht nicht schlafen vor bösen Gedanken und Träumen. Nun begab es sich, daß ich den Paul wieder viele Tage hindurch nicht zu sehen bekam, bis einmal ein feierlicher Aufzug der Gewerke in der Stadt war. Es hatten nämlich die Schmiede einen Aufruhr gemacht; die Gesellen hatten den Meistern den Hammer gelegt und die Stadt war voll Lärms und Getümmels. Nun zogen auf des Rats Anstiften die andern Zünfte auf in Wehr und Waffen, mit Fahnen und Pfeifern, nach Handwerksgebrauch und Gewohnheit, die Kompanen zu bändigen. Da erblickete ich den Paul wieder. Als ein leichtsinniges und leichtfüßiges Bürschlein hatte ich mich auch herausgemacht, das Getümmel zu schauen, und hing an dem Fußgestell des Reiterbildes Kaiser Ottens auf dem Markte. Da spülte eine große Welle Volkes den Scholaren heran. Ich kannte ihn fast nicht wieder! Er war bleich und abgemagert und sein Lockenhaar hing in Unordnung um seine Stirn, seine Lippen waren zusammengepreßt, und ich mußte an das Wort der Offenbarung denken – – ›sie zerbissen ihre Zungen vor Schmerzen.‹ – Er sah mich nicht; ich griff ihn beim Arm und zog ihn hinauf zu meinem ruhigen Standpunkt. Da wollte ich ihn ausfragen, aber er antwortete nicht, sondern schaute nur stieren Blickes in das Getümmel, wie einer, der nichts von sich weiß. Plötzlich aber wurden seine Augen weit und starr und seine Hand fassete die meinige, daß ich vor dem Druck fast aufgeschrien hätte. ›Da, da!‹ stöhnte er hervor und wies in die Menge zu unsern Füßen. ›Felicia!‹ – Wie ein Blitz war er hinunter von unserm Standpunkt. Ich erkannte in einem tobenden Volkshaufen den Meister Malco, an dessen Arm sich ängstlich ein verschleiert Weib angeklammert hatte; denn der rohe Haufen hatte sich an die Fremden gehängt, und waren sie in ziemlicher Not. Wie ein Wütender war Paul Halsinger zugesprungen, das Volk abzuwehren, und auch ich eilte ihm zu helfen; aber es wäre uns fast übel gegangen, hätte es nicht Gott gefügt, daß in diesem Augenblicke der Ohm Beltzer mit seiner Schar gezogen kam; der ließ den Meister Malco und die schöne Felicia zwischen die Reihen der Söldner treten, und gelangten wir so glücklich aus dem Aufruhr und der Gefahr heraus auf den Breiten Weg, wo der Ohm uns entließ, indem er mit seiner Manipul nach dem Sudenberger Tor zu zog, während wir die Gasse hinaufschritten, der venedischen Straße zueilend. Der Meister Guarnieri wußte fast nicht, wie er uns seinen Dank aussprechen sollte, und die schöne Felicia hatte ein wenig ihren Schleier zurückgeschlagen und lächelte uns so holdselig zu, daß ich nun wohl den Paul zu begreifen anfing. So kamen wir vor das Haus des Meisters Malco, und dieser bestand darauf, daß wir ihn hineinbegleiten sollten. Ich zauderte fast ein wenig, aber ein Blick Felicias machte allem Verweilen ein Ende und so stieg ich mit die dunkle, steile Treppe hinauf. Von außen sah das Haus schier unansehnlich und verfallen aus, und das Geländer der Staffel war feucht und schwarz, aber wie erstaunte ich, als uns, nachdem wir oben angelangt waren, eine alte Frau die Tür des Wohngemaches öffnete! In eine verwunderliche Pracht schauete ich hinein! Ein herrliches Gemach tat sich vor uns auf; rote goldgestickte Tapeten hingen an den Wänden, ein feurig Licht blitzte durch die gemalten Fensterscheiben, und über einem mit köstlichem Geschirr bedeckten Tische schaukelte sich in einem silbernen Ring ein unbekannter Vogel mit funkelndem Gefieder und begrüßte uns kreischend. Die schöne Felicia war uns entschlüpft, und der Meister sagte in seinem gebrochenen Deutsch, indem er uns zum Sitzen einlud: ›Wird meine Tochter wohl sogleich wieder erscheinen, wird sich aber wohl erst putzen nach alter Weibergewohnheit, ihr wisset ja als gelehrte deutsche Scholaren, dum comuntur, dum moliuntur , ... und wie es weiter heißt, meine Gesellen! Ei, was muß ich euch danken für euere Hilfe in der Not. Wie werd' ich doch erfreut sein, wenn ich erst die böse Stadt verlassen kann. Aber da ist meine Tochter. –‹ Ein Vorhang erhob sich – ich hätte fast die Hand auf die Augen drücken müssen, so blendete die Erscheinung, die da herfürtrat im purpurnen Sammetkleide, der Nacken und die milchweißen Ärmlein blitzend im Schmuck der köstlichen Steine, das schwarze Haar wie die Nacht herabfallend auf die Schultern. – Seitwärts beobachtete ich, als wir uns erhoben, den Paul. Er stand wie ein Wachsbild, die Augen fest auf die schöne Maid gerichtet; noch kein Wort hatte er gesprochen. Lächelnd schritt Felicia auf uns zu und redete uns gar freundlich an, und mußte ich mich fast über mich selbst verwundern, daß ich so gut ihr antworten konnte, da ich doch sonst den Frauen gegenüber vor Blödigkeit fast vergehen wollte. Sie kann kein böses Bild sein, dachte ich bei mir, und erstaunte nur immer mehr über den Paul, welcher keinen Laut hervorbrachte, und der doch seinem Lieb gegenübersaß und sonst bei den Dirnen gar nicht stumm war. ›Nun wolle es euch gefallen, einen Imbiß mit uns einzunehmen, den ich hab' herrichten lassen,‹ sagte Felicia, und der Meister Malco schritt uns voran in ein anderes Gemach und führete uns an ein prächtiges Täfelein, da setzeten wir uns, die Maid dem Paul Halsinger gegenüber. Der Goldschmied füllte einen Goldbecher mit funkelndem Wein, reichte ihn der Tochter und sprach: ›Kredenz ihn doch dem blöden Scholaren da, der vorhin so ritterlich gesprochen und gestritten hat und jetzt tut, als säß er in einem Collegio, Herrn Melanchthonis oder Herrn Eberi conciones nachschreibend.« Da berührte Felicia mit ihren kirschroten Lippen den Rand des Bechers und reichte ihn, sich verneigend, dem Panl, der ihn zitternd nahm und an die Lippen setzete. Unterdessen hatte der Meister auch mir zugetrunken. Strömte mir ein wild unbekannt Feuer durch die Adern, und es legte sich mir vor die Augen wie ein roter Nebel, durch welchen die Augen Felicias wie die Sterne funkelten. ›Eia, Meisterlein,‹ rief der italische Goldschmied, ›Wein von Cypern! Wohl bekomm's und laßt euch einschenken! So! ... Schauet euch aber, ehe ihr weiter trinket, einmal das Becherlein an; das ist das Werk des trefflichen Künstlers Benvenuto Cellini, der die Falkaune losbrannte auf der Engelsburg, welche den Connestable niederwarf von der Sturmleiter in den Mauergraben der ewigen Stadt Rom!‹ Wandt sich ein Gewühl nackter Heidengötter und Dirnen, ziegenfüßiger Ungeheuer und wilder Panthertiere um den Becher, und schien's mir fast, als ob das heidnisch' Wesen lebendig sei. Tanzten die Menschlein und schwangen Laubstäbe, sprang das bocksbeinige Ungetier mit Schläuchen auf den Schultern einher, streckten sich die Panther, und wandt und schlang das alles sich durcheinander, daß ich beinahe das Gefäß hätte fallen lassen, wenn mich nicht das Lachen des Meisters Malco erweckt hätte. Dieses Gelächter galt aber der Tochter, die sich vergeblich bemühete, den erstarrten Paul in ein Gespräch zu ziehen, und drohete der Meister schalkhaft mit dem Finger und sagte: ›Wenn das dein Verlobter Lucio in unsrer schönen Vaterstadt Florenz ahnen könnte! Ei, ei, Töchterlein!‹ – Da ward die Felicia rot wie ein weißes Röselein, wenn die Sonne aufgeht, und lächelte gar verschämt und glücklich und ich mußte bei diesem Lächeln an einen Waldbach denken, der aus dem dunklen Grün lustig hervorspringt in einen hellen, blumigen Wiesengrund. Weh, weh, was ist aus dem herrlichen Geschöpfe Gottes geworden! ... Der Paul neigte bei den Worten des alten Meisters das Haupt tief auf die Brust, und die Hand, mit welcher er sein Trinkglas hielt, zitterte gleich einem Laubblatt im Sturmwind: Einen andern liebte sie und dachte an ihn und hegte sein Bild in ihrem Herzen. – Indes lief die Sanduhr auf dem Nebentische aus, und auf den Türmen läutete man die Bet- und Türkenglocke; da mußt' ich scheiden, denn man erwartete mich zu Hause. So nahm ich Abschied von dem Meister und der schönen Felicia, die mich liebreich einluden ferner zu kommen, und ließ ich den Paul zurück in ihrer Mitte. Ging ich fast getröstet fort; denn das holdselige Bild der italischen Jungfrau hatte mich wundersam überzeuget, daß von ihr nichts Böses kommen könne. Wehe, wehe! Nieder fiel es nach der Fügung Gottes wie ein Donnerschlag, und ich weiß nicht, wer von den drei Unseligen die Schuld auf sich geladen hatte, deren Sühne alle drei treffen sollte! Nun ward es Sommer im Land; still und ruhig flossen mir die Tage und Wochen dahin; denn ich arbeitete viel, weil ich im kommenden Jahr 1560 mit Gottes Hilfe nun auch nach Wittenberg gehen wollt, nach dem Ort, wo das heilige Licht des neuen reinen Glaubens zuerst aufgegangen ist und durch des Allmächtigen Gnad' noch hell leuchtet. Traf mich oft die rote Morgensonne über meinen Büchern, und trompetete mich der Hahnenschrei oft genug ins Bettlein, daß ich ganz bleich und mager ward vor vielem Studieren. Aber leider der Paul Halsinger ward noch viel bleicher als ich, und der Ohm Beltzer klagte mir, daß die Unholdin, die den Vater des Paul vergeben habe, auch den Scholaren ins Verderben gezaubert haben müsse, und schwor gräßlich, zu dem nächsten Scheiterhaufen, welchen der Rat der Stadt einer Hexe anzünden ließe, drei Holzscheite mit eigener Hand zuzutragen. Ach, er wußte noch nicht, daß der böse Zauber, welcher den Paul verdarb, in den schwarzen Augen der schönen Felicia in der venedischen Straße liege! Er erfuhr es aber! – Der Paul selbst vermied mich schier, obgleich er überall war, und ruhelos mit sich selbst sprechend in den Straßen umherirrte wie ein Verlorener. Die Mädchen in den Fenstern schüttelten die Häuptlein, und die Begegnenden blieben stehen und schauten dem Armen verwundert nach und erkundigten sich untereinander nach dem Namen und Wesen des verwüsteten Bildes. Dann hieß es: ›Das ist der traurige Student von Wittenberg!‹ und das Volk beklagte und bedauerte den verzauberten Paul Halsinger.« – – – Der alte Rektor Rollenhagen hielt hier seufzend ein und versank eine Zeitlang in tiefes, trauriges Sinnen, und seine Begleiter schritten stumm, die Häupter auf die Brust gesenkt, neben ihm her. Plötzlich aber schaute der Erzähler auf und fuhr fort: »Es war der 25. Juli 1559 – der Tag steht mit blutigen Buchstaben in meinem Herzen geschrieben – da brach das Geschick los! Gegen Abend, in der Zeit, wo Tag und Nacht sich vermischen, hatte ich mein Lämpchen angezündet, schlug wie gewöhnlich das Wort Gottes auf und neigete mein Haupt, den Worten der Heiligen des Herrn nachzugehen und nachzusinnen. Da hörete ich einen Schritt auf der Treppe, die Tür ward aufgerissen – ich drehte mich um – Paul stand vor mir. Heiliger Gott, wie erschrak ich! Wie sah er aus! Nur an den Augen merkte man, daß noch Leben in dem Totenbild sei; aus ihnen blitzte es wie das Sankt Elmsfeuer, aber auch sie waren eingesunken und verschwanden fast in ihren Höhlungen. ›Paul! Paul!‹ – er antwortete meinen Fragen, meinen Beschwörungen nicht; er sank auf den Stuhl, von welchem ich aufgesprungen war, legte den Kopf auf die Arme und weinete bitterlich. Ich stand da mit gefalteten Händen, und ein Schauder ging mir durch das Herz, wie ich ihn noch nie gefühlet hatte. Es war draußen eine schöne Nacht, der Mond leuchtete so sanften Lichtes, die Sternlein Gottes funkelten so mild und selig, der Rosenbusch in dem Scherblein vor meinem Fenster verströmte seine süßesten Düfte: ich konnte diesen Jammer und dieses Elend da vor mir fast nicht damit zusammenbringen. ›Paul, Paul!‹ – – Vergeblich suchte ich meinen armen Freund zu beruhigen; leise schluchzte er vor sich hin. Dann richtete er zuletzt das Gesicht in die Höhe und starrte wie im Traum auf die heilige Bibel, die vor ihm aufgeschlagen war. Da überlief ihn ein Zittern, mit leiser Stimme las er her: ›Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn! ...‹ Wild sprang er auf und sprach furchtbare, üppige Worte, daß ich in Eifer und Zorn geriet und das heilige Buch den Händen des Wahnsinnigen entriß; denn er entweihete es mit seinen irdischen Gedanken. Aber er lachte wie ein Toller und mischete alles durcheinander, und klar war nur in seinen verwirrten Worten der eine herzzerreißende Ausruf: ›Felicia! Felicia!‹ – Urplötzlich aber kam dieser Taumel zu seinem Ende, es war, als ob der böse Geist, der den Paul besaß, ihm einen Augenblick Ruhe ließ, nur um ihn fester und greulicher packen zu können; – es gelang mir zu erfahren, was vorgefallen war. Da vernahm ich denn, daß es dem unglücklichen Freunde gelungen war, sich der holden Felicia zu nähern und dem schönen Bild seine Liebesbrunst zu gestehen. Aber die italische Jungfrau hatte das Lockenhaupt geschüttelt und gelächelt und den Namen Lucio ausgesprochen; und als der Sinnverwirrte sich in Verzweiflung zu ihren Füßen wand, hatte sie ihn zornig fortgestoßen, und der alte Meister, der dazu kam, hatte den unseligen Studenten in wilder Wut aus dem Hause getrieben. Das erzählte mir Paul, als der böse Geist in ihm sich wieder rührte; abbrechend schrie er auf: ›Sie wartet! Sie wartet! – Ich komme, ich komme!‹ Er riß sich los aus meinen Armen und stürzte fort wie ein Rasender: ›Felicia! Felicia!‹ hörte ich ihn wild in der Gasse drunten rufen. – Mir war es schier wie ein Traum! Ich ergriff mein Barett und eilte dem Kranken nach; doch als ich hinunter kam, war er bereits verschwunden, und ich blieb in schrecklicher Angst stehen und sann, was nun anzufangen sei. Kein Lüftlein regte sich; wie konnte doch bei solcher Herrlichkeit und Friedlichkeit der Schöpfung Gottes der böse Feind solche Macht haben, die Menschen ins Verderben zu jagen! Die Leute in den Haustüren sahen mich sonderbar genug an; denn sie wußten, daß ich der Freund des Wahnsinnigen war, der an ihnen vorbeigestürzt war. Sie flüsterten untereinander und der Name Felicia ging von Mund zu Mund; denn schon hatte sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, daß die schöne Welsche an der Verzauberung des Paul schuld trage. Selbst die Kinder, die im Mondenschein gespielet hatten, endigten ihre Kurzweil und kamen mich anzustarren. Was konnte ich tun? In meiner Angst fiel mir ein, wenigstens den Ohm Beltzer aufzusuchen, um ihn von dem verlorenen Zustande des Verwandten zu benachrichtigen, und eilenden Fußes lief ich nach dem Pelikan, wo der Kriegsmann um diese Zeit zu sitzen pflegete. Als ich vor dem Schenkhaus ankam, fand ich daselbst eine große Menge Volks versammelt und ein wild Geschrei und Getümmel. Den Ohm hört' ich drinnen im Haus gewaltiglich toben und mit Mühe brach ich durch den Haufen und gelangte in das Gaststüblein, welches angefüllt war mit Söldnern, Handwerksgesellen, Weibern und müßigen Bürgern. Der Wirt, Meister Martin, hatte sich hinter seinen Schenktisch geflüchtet, und der Wachtmeister Lamprecht Beltzer arbeitete sich ab zwischen den Händen einiger Zech- und Kriegskumpane, die ihn hielten, daß er kein Unheil anrichte; denn er war wieder weidlich trunken. Das ganze Haus war voll Geschrei und Getös', und vor der Tür im Mondenschein tobete das böse Gassenvolk aus Leibeskräften. ›Paul, Paul, mein Paul!‹ schrie der Wachtmeister, ›ich stülpe den Zauberer und die Hexe um, wie zwei Handschuhe, – o, meiner Schwester Sohn, mein wackeres Studentlein! mille millions lutins ! wie die welschen Hunde sagen – schafft mir meinen Paul wieder.‹ – ›Schütz uns Gott, Herr Rottmeister, wo seid Ihr hingeraten so früh?‹ rief der Wirt. ›Ins Rößlein oder in den Schwan oder in den grünen Kranz – Gott verdamme die Zeichen. Verzeih mir die Sünde!‹ – ›Nirgends gerat ich hin!‹ schrie der Ohm in höchster Wut. ›Den Zauberer in der venedischen Straße und die Teufelshexe, seine Tochter, will ich verbrannt haben. Erzählt doch, Meister Hennig Klockreep, mir geht der Atem aus!‹ brüllte er einen feisten Büchsenmeister der Stadt, seinen Zechgesellen, an, der neben ihm stand. Dieser aber stieß nur ein unverständliches Gebrumm aus und schien zu tief in die Betrachtung eines gewaltigen Bierkruges, welchen er in der Hand hielt, versunken zu sein, als daß er dem Wunsche des Genossen nachkommen konnte. ›Meister Hennig Klockreep!‹ schrie der Ohm den Arkeleymeister an, ›Meister Hennig Klockreep, wohlbefahrener Büchsenmeister dieser guten Stadt, hab' ich nit mit Euch Wacht gehalten auf der hohen Pforte von elf bis drei?‹ – ›'s ist so, Lamprecht Beltzer, bei Kugel und Pfropfen!‹ – ›Hab' ich Euch nicht unter den Tisch getrunken von drei bis vier?‹ – Nickte der Büchsenmeister und schaute wieder in seinen Krug. – ›Nun denn, Gevatter Klockreep, habt Ihr nit geschnarcht von vier bis acht und habt Ihr mir nit dann vier Stadtgulden abgewonnen zum Zeichen Euerer vollständigen Besinnlichkeit?‹ – ›Wahr wie die Bibel, Gevatter Lamprecht, und können's bezeugen Tileke Kron, Lütke Hornscheit und die ganze Wachtkumpanei,‹ sagte der Büchsenmeister, den die Erinnerung an seinen Gewinn ein wenig aufmunterte. – ›Nun dann?‹ rief der Ohm wieder. – ›Und dann – dann ist uns am Sankt Kathrinenkirchhof der Scholar – Euer Verwandter, begegnet, und Ihr – Ihr habt ihn mitnehmen wollen, und, und – er hat mich für die – hahaha – hat mich für die hübsche Felicia aus der venedischen Straße gehalten – und Euch, Gevatter – bei Kugel und Pfropfen, hahaha – für den alten Hexenmeister, den italischen Goldschmied.‹ – ›Der Paul ist vergeben, wie sein Vater vergeben wurde!‹ rief der Wachtmeister, ›und das welsche Weib hat ihm den Zauber angetan! Paul, Paul, mein Söhnlein! Ich komme von Sinnen! Vorwärts! Wer seinen christlichen lutherischen Glauben lieb hat, der folge mir nach dem Hexenneste, die Teufelsbrut auszuräuchern. Laßt mich los, Gevatter Schnarcher, oder! – herunter die Spieße! Bum bum bidibum, der frummen Landsknechte Trommelschlag! Vorwärts Gesellen, hoch lebe Herr Georg von Frundsberg! Zeigt's den italischen Schuften!‹ Ein wildes Geschrei auf der Gasse antwortete dem Trunkenen, Wütenden; der Haufe draußen zündete schon Fackeln an; ich sah wohlbekannte Bürger von der Goldschmiedebrücke, die den fremden Meister neideten, arglistig und heimtückisch die Flamme des Aufruhrs anblasen. Vergeblich versuchte ich es, den tollen Ohm Lamprecht zurückzuhalten, vergeblich sprach ich ihm Vernunft; er hörte nicht mehr, er sah nicht; wie ein Besessener stürzte er aus dem Haus unter das Volk, welches ihn mit einem wilden Jubel- und Mordgeschrei begrüßte. In grausiger Angst sprang auch ich fort; die schrecklichen Drohungen des wüsten Haufens machten mir das Blut in den Adern erstarren. Ich durcheilte die Straßen, ich fand mich vor dem Hause Guarnieris, ich zog die Glocke, die alte Dienerin öffnete, ich stürzte die Treppe hinauf; außer Atem, schwindelnd lehnte ich an den Pfosten der halbgeöffneten Tür jenes Gemaches, in welches uns der Meister Malco an jenem Tage, wo wir ihn nach Haus begleiteten, zuerst geführt hatte. Eine Lampe brannte auf dem Tische, und Vater und Tochter saßen nebeneinander, der Meister in einem hohen Lehnstuhl, Felicia auf einem Schemel ihm zur Seite. Es war ein so stilles, schönes, friedliches Bild, – mir schwamm alles vor den Augen, es sauste mir in den Ohren; ich wollte schreien und konnte keinen Laut hervorbringen. Da hörte ich eine süße Stimme, welche sprach oder las; ich schloß die Augen und horchte. Anfangs vernahm ich nur den holden Klang der Worte, dann aber ordneten sich die Gedanken. So las Felicia: ›Und so pflücke ich denn die Rose und den Lorbeer und lege Dir von jedem ein Blatt in diesen Brief und flüstere Dein Lob, süße Braut, in das Gemurmel des Arno. Ich bitte für Dich, Felicia! Möge mein Gebet mit dem Marienlied des armen Schiffers unter meinem Fenster aufsteigen zum Throne des Gottes der Schönheit. Wie herrlich die Nacht ist! Das Haupt meiner Bildsäule der Venus Urania funkelt silberweiß im Mondenlicht, und Deine süßen Züge, Felicia, Felicia, sind vor mir, wie ich sie dem Marmor gegeben habe! Ein Johanniswürmchen ist durch das offene Fenster gekommen und steigt langsam, funkelnd an dem Gewande meiner Göttin empor; – o Felicia! Felicia! Ich habe den goldnen Kranz, den mir die Genossen brachten, zu den Füßen Deines Bildes niedergelegt, meine Braut – o komm und nimm ihn auf! Komm zurück, komm zurück, Felicia ...‹ Ein dumpfes, fernes Murren riß mich empor. Ich stürzte in das Gemach; die Jungfrau ließ das Papier fallen, der greise Meister trat mir entgegen. ›Rette! Rette!‹ rief ich. ›Sie kommen! Rettet Euch, rettet Euer Kind!‹ ›Götter! was wollt Ihr, Messire?‹ rief der Alte. ›Welche Gefahr drohet uns?‹ fragte zitternd Felicia. ›Horcht, horcht! Das Volk! Sie sagen, Ihr wäret eine Zauberin –‹ Die schöne Felicia trat einen Schritt zurück, und der Meister zog sein Dolchmesser halb aus der Scheide. ›Sie sagen, Ihr habet den Studenten, meinen Freund, verzaubert! Rettet euch! Rettet euch!‹ Felicia hatte sich hoch aufgerichtet und schauete mir voll ins Gesicht. ›Euren Freund verzaubert?‹ ›Den Studenten dort drüben, den Paulus Halsinger. Sie kommen, sie kommen! Im Namen Gottes, rettet euch!‹ Ein verächtliches Lächeln lief über die Züge der schönen Maid; der alte Meister aber faßte mit eiserner Gewalt meinen Arm: ›Ich erdolche Euch, wenn Ihr den Namen meiner Tochter noch einmal mit dem jenes Erbärmlichen zusammenbringt!‹ rief er. Ich befreiete mich von seinem Griffe – das Getöse des wütenden Haufens erschallte bereits näher. ›Und diese Barbaren drohen uns?!‹ rief Felicia zitternd, sich an ihren Vater klammernd. ›Mir und meinem unschuldigen Kinde?‹ rief der Alte. ›Euch! Euch! Weh', hört Ihr sie?‹ ›Vater! Vater! O Lucio!‹ rief die Jungfrau. ›Laßt uns das Haus verlassen!‹ rief der Meister, seinen Dolch ziehend; ›noch ist es Zeit!‹ Ein roter Schein zuckte in den Mondschein der Gasse hinein. Zu spät! Zu spät! Der mordbrennerische Haufe erfüllte wie eine Sündflut die Straße. ›Das ist ein Traum! ein böser Traum!‹ rief der Goldschmied, die Hände in die Höhe hebend, während Felicia auf den Knien lag und leise betete und den Namen Lucio und den Namen ihres Vaters murmelte. Ein Stein zerschmettete ein Fenster und rollte über den Teppich des Gemaches; im nächsten Augenblick erwartete ich den Mordhaufen im Hause, ich hörte ihn schon an der Tür. Da – urplötzlich trat eine Stille ein, – ich vernahm einen herzzerreißenden Ruf: Felicia! Felicia! An das Fenster sprang ich und schauete hinab auf das wilde Meer von Köpfen drunten. Dicht an dem Haustore sah ich zwei Männer miteinander ringen, ich sah den einen zu Boden stürzen; das Wutgeschrei brach wieder los, Schläge donnerten gegen die Tür – sie brach, der Haufe der Aufrührer erfüllte das Haus! ... Nein! nur einer war eingedrungen. Ich hörte den Türflügel wieder zufallen, den Riegel vorklirren, ich hörte ein Getöse im Hause, als werde ein schwerer Gegenstand dagegen geworfen; dann kamen Schritte die Treppe herauf, während die Äxte, Brecheisen und Steine von neuem gegen die Tür schlugen und flogen – – Paul! Paul! Paul Halsinger! ... Vor uns stand er! ... Und der Tod stand auf seiner Stirn geschrieben! – Sein Wams war zerrissen, aus seinen wirren Locken rieselte Blut aus einer Wunde, die er empfangen hatte, als er eben den wütenden Haufen zerteilte, der seinetwegen gekommen war. Wie ein Rasender hatte er die Andringenden zurückgeworfen, die Haustür freigemacht, sie verschlossen und verriegelt und einen Schrein zum Schutz dagegen geworfen. Er trug das Schwert des Ohms, welches er demselben entrissen hatte, in der Hand: – der Meister Malco trat zwischen ihn und seine Tochter. – ›Felicia!‹ rief der unselige Scholar. ›Ich kenne Euch nicht! Fort von mir, Mörder!‹ rief die italische Maid. ›Lucio, Lucio! rette! rette! ...‹ Ihre Stimme verlor sich in dem Gebrüll auf der Gasse, welches immer heftiger ward. Ich hörte den Ohm: ›Jagt die Hexenbrut in die Spieße! Rettet meinen Paul!‹ Die Lampe auf dem Tische ward durch einen Stein zerschmettert, der Mondschein und die Fackeln drunten erleuchteten allein noch das Gemach. ›Was hat dir mein armes Kind getan, Satan!‹ rief der italische Meister, seine Tochter in den Arm fassend. ›Verderben und Fluch über diese Stadt! O mein Kind, mein Kind! ...‹ Paul hatte sich zu Boden geworfen, seine Stirn berührte die Erde – er sprach wirre, wahnsinnige Worte – er richtete sich wieder auf, die Hölle schien aus seinen Augen zu leuchten. ›Sei mein! sei mein!‹ schrie er. ›Sie sollen dir nichts tun! Ich schwör's bei der heiligen Jungfrau! Ich schwör's bei dir selbst, du Selige, Heilige!‹ ›Paul,‹ rief ich entsetzt, ›denke an Luther, gib deinen protestantischen Glauben nicht auf für irdische Lust und Liebe!‹ Er war auf den Füßen – er schlug mich vor die Brust, daß ich zurücktaumelte. ›Verräter!‹ schrie er, – ›was hab' ich mit dir zu schaffen? Felicia, höre mich! ...‹ Der Meister Malco stieß den Vorstürzenden zurück: ›Fort, Elender – rufe nur deine Henkersknechte herauf. O, mein armes, armes Kind, muß unser Leben und Glück so zu Ende gehen? ...‹ ›Ruhig, ruhig, Vater!‹ schluchzte die Jungfrau, ›laß sie kommen, die Wütenden; aber laß mich nicht in ihre Hände fallen! Töte mich, töte mich, mein Vater – meine Mutter winkt aus dem Himmel – Töte mich – o Lucio! Lucio!‹ Sie rang die Hände in schrecklicher Angst. – ›Töte mich! Töte mich!‹ ›Sie sollen dir nicht nahen! Bin ich nicht da?‹ rief Paul wieder. ›Fluche mir nicht! Ich habe sie nicht gerufen, – ich habe nichts mit ihnen zu schaffen. –‹ Da, da! die Haustür brach zusammen, das Haus erzitterte unter dem Geschrei der Einbrechenden, – die Treppe erkrachte unter ihren Füßen, – der Ohm Lamprecht mit seinem Gefolge von Bürgern, Landsknechten, Gesellen und wütenden Weibern drang in das Gemach. Wie ein Rasender stürzte sich Paul Halsinger ihnen entgegen, das Schwert hoch schwingend. ›Zurück! in der Hölle Namen, zurück!‹ schrie er, Felicia lag ohnmächtig in den Armen ihres Vaters. ›Da ist sie!‹ brüllte der Ohm Lamprecht. ›Da ist der Hexenmeister! Aus dem Fenster mit ihm, in die Spieße! Hierher, zu mir, Paul, mein Söhnlein!‹ Er wollte sich des Scholaren bemächtigen, aber dieser, außer sich vor Liebeswut, Angst und Verzweiflung, stieß ihm den Schwertgriff in das Gesicht, daß er blutübergossen, besinnungslos zu Boden stürzte. ›Fluch über euch!‹ rief der Student. ›Der erste, der sich nähert, fährt in die Hölle –‹ ›Greift ihn! Greift ihn!‹ schrieen die Wütenden und stürzten vor. ›– Fährt in die Hölle zu seinem Teufelsdiener Luther! –‹ ›Er lästert den Mann Gottes,‹ brüllte der Haufen. ›Greift ihn! Faßt die Hexe! Ins Feuer! Ins Feuer!‹ ›Felicia! Felicia!‹ rief Paul Halsinger. Ich sah sein Schwert durch die Luft funkeln, ein vorspringender Landsknecht stürzte durchbohrt zur Erde. Ich fühlte einen stechenden Schmerz am Haupt, es ward mir dunkel vor den Augen, – noch hörte ich den verzweifelnden Schrei eines Weibes, – dann verlor ich das Bewußtsein!« —————— Der alte Rektor Georg Rollenhagen hatte das Barett abgezogen, die Hände darauf gefaltet und betete leise im Gehen. Seine Begleiter schritten bewegt neben ihm her. »Und dann? Und dann?« fragte mit zitternder Stimme der Magister Aaron Burckhardt, als er sah, daß der alte Herr sich wieder gefaßt hatte. »Als ich wieder erwachte aus meiner Betäubung,« sprach der greise Scholarch weiter, »stand der Mond am schwarzen Himmelsgewölb' grad' über mir, und war es das erste, was ich von diesem irdischen Leben und Jammer wieder zu Gesicht und Gedächtnis bekam. Eine lange Zeit blieb ich liegen, wie ich lag, ohne zu wissen, was mir geschehen sei, ohne zu wissen, wo ich war. Es herrschte ein wirres, dumpfes Getöse in der Stadt, und in der Ferne hört' ich die kurzen, schnellen Schläge einer Sturmglocke; aber um mich her war's still und nur zuweilen vernahm ich einen eilenden Schritt in den Gassen. Ich hatt' die Hände auf der Brust ineinander gelegt, vermochte aber kein Glied zu regen, doch fühlt' ich, daß mein Haupt mit einem Tuch verbunden war. So lag ich denn auf dem Rücken und schauete empor zu dem stillen Vollmond, und hatt' ich ein Gefühl, als müsse ich ewig in diesem Schwindel und Vergessen bleiben, sollte ich nicht vor Elend und Schreck zugrunde gehen. So dacht' ich denn an mein Vaterhaus in der fernen Mark, zu Bernau, an meine Mutter Euphemia, an meinen Vater, an meine Geschwister – da hörete ich Stimmen in meiner Nähe und ein Schatten fiel über mich. ›Hier, hier!‹ sagte jemand, ich schrak zusammen und schloß die Augen, um nicht zu sehen. – ›Er ist noch immer ohnmächtig, reiche mir noch einmal das Balsamfläschlein, Euphemia!‹ sagte dieselbe Stimme. ›Euphemia?!‹ Ich zitterte bei diesem Namen zusammen und wollte mich aufrichten. ›Er lebt, er lebt! Gelobt sei Gott!‹ ertönte eine andere süße Stimme. Eine warme, weiche Hand nahm die meinige. ›Es wird das beste sein, wenn wir ihn jetzt fortschaffen, Herr Syndikus,‹ sagte ein dritter. – ›Ja wohl, ehrwürdiger Herr – da kommt die Bahre schon – welche Nacht! welche Nacht! – Man sieht den Feuerschein am Himmel nicht mehr; was hat der Türmer meiner Ulrichskirche noch Sturm zu läuten?‹ – ›Lasset ihn, Herr Wigandus, schaffen wir zuerst nur unser Schülerlein in mein Haus! Hier Leute – Euphemia, unterstütze sein Haupt! So.‹ – Ich ward auf eine Bahre gehoben, die Träger setzten sich in Bewegung, und der Zug ging durch die Straßen. Ich war wie in einem seltsamen Traume. Oft befanden wir uns allein in einer verödeten Gasse, oft wurden wir durch ein wildes Gewühl am Vorschreiten gehindert. Dann sah ich Waffen um mich her blitzen, hörte Trommeln und wildes Geschrei – was war das? Was war das? Manchmal griff ich einzelne Worte auf. – ›Der Student – tot – Der italische Goldschmied – das Haus brennt noch – alles Asche.‹ Ich verlor wieder die Besinnung und diesmal für lange, lange Zeit; denn als ich wieder erwachte zum Licht, waren die Bäume entblättert, und lag Schnee auf den Dächern. In dem Haus' des Herrn Syndikus Pfeil stand mein Schmerzenslager, und das holde Gesicht seiner Tochter Euphemia war das erste, was ich wieder erkannte nach der langen, finstern Nacht der Vergessenheit. In deinen Rat, Herr Gott, befehlen wir unser Seelenheil, – was vernahm ich, als ich wieder denken konnt'! Wehe, wehe, wie hatte der böse Feind Haus gehalten und mir allein nichts anhaben können! Was hatten mir der Herr Syndikus und der ehrwürdige Herr Wigand von Sankt Ulrich zu erzählen! Alle tot! tot! tot! Die schöne Felicia, der greise Meister Malco Guarnieri! Tot der unselige Paul Halsinger! Tot der Ohm Lamprecht! Ich allein durch Gottes wunderbaren Schutz gerettet aus den Flammen des Hauses in der venedischen Straße! Ich wand mich wie ein Wurm auf meinem Lager, zu dessen Fußende Euphemia weinte. Ein barmherziger Bürger, der mich kannte, hatte mich Ohnmächtigen aus dem Getümmel und Blut hervorgezogen und auf die Gasse hinabgeschleppt und mich mit Hilfe anderer barmherziger Samaritaner auf dem Kathrinenkirchhof niedergeleget. Da hatt' mich der Herr Syndikus, welcher seine Tochter aus dem Hause einer Verwandten in der venedischen Straße errettete, gefunden und der Pfarrer Wigand ihm geholfen, mich fortzuschaffen. Wehe, wehe! Felicia! Wehe Paul! ... Lasset mich, ich kann nicht weiter sprechen – am Tage des jüngsten Gerichtes werden die Menschen solches Herzklopfen haben, wie ich bei dieser Erinnerung! ...« ... »Weiter! weiter, ihr Kinder, singet weiter ...« »Es bricht herein die dunkel' Nacht. Schütze uns Gott mit deiner Macht! Lass leuchten deine Sternelein, Sende deine heiligen Engelein! Führe uns sicher auf unserm Weg, Laß uns nit gleiten vom schmalen Steg! Laß leuchten deinen Mond, Send' uns dein Licht! Verlaß uns nicht! Verlaß uns nicht! Schütze uns Gott mit deiner Macht, Führ' uns in dein Reich aus der dunklen Nacht! ...« erschallte es um die vier tiefbewegten Wanderer. Ohne daß sie es merkten, hatten sie die wackere Schar der Schüler wieder erreicht und tiefbewegt vereinigten sie ihre Stimmen mit dem feierlichen Abendgesang der Kinder der Reformation. Bald war das Tor der guten, alten Stadt Magdeburg erreicht, die hohe Schule endete ihren Gesang und schritt sittsam und ehrbaren Schrittes über die Zugbrücke, an den bärtigen, wachthaltenden Bürgern vorbei, welche wohlwollenden, schmunzelnden Blickes die wackere Knabenschar mit ihren grünen Zweigen und Blumensträußen an sich vorbeiziehen ließen und ehrerbietig den Scholarchen und seine ältern Begleiter grüßten. Die Dämmerung ward schon zur Nacht, als die Schule den Johannisberg nach dem Markt zu hinauf zog. An der Bildsäule des großen Kaisers Otto entließ der abbas laetitiae Georg Rollenhagen sein fröhliches Volk, und jubelnd zerstreuten sich die Knaben nach allen Seiten hin. Auf der Spiegelbrücke nahm der Magister Abschied, um seine Wohnung an der Ulrichskirche aufzusuchen, und Herr Jonas hatte Zeit, verstohlen nach einem offenen Fenster zu lugen und auf eine Waldrosenknospe in dem Knopfloche seines Mantels zu deuten – welches Zeichen sagen wollte: »Heut' nacht, Jungfrau Agathe! Öffnet Eure feinen Öhrlein; schlummert nicht zu fest, Jungfrau Agathe!« – Mit vollständiger Dunkelheit gelangte der Rektor nebst seinen Söhnen in seiner Behausung an. »Ein Brief! Ein Brief aus Osterburg, Herr Rektor!« rief Martin, der Ofenheizer der hohen Schule zu Magdeburg, Famulus des Scholarchen, Faktotum der gestrengen Frau Rektorin Magdalena Rollenhagen. »Ein Brief! Ein Brief aus Osterburg!« rief Sabina, die Magd, mit der Lampe herbeilaufend. »Ein Brief aus Osterburg!« rief der alte Gelehrte, mit zitternden Händen das Siegel brechend und die gewaltigen, unsichern Schriftzüge, denen man den Herzensjubel des Schreibenden ansah, überfliegend. »Gabriel! Jonas! ... Großvater! ... ein feister, gesunder Bursch ... schreit gewaltiglich ... Gelobt sei Gott, der Herr! – – – Morgen soll Meister Andreas Gehn, der Buchdrucker, mein Manuskriptum haben!...« Weihnachtsgeister Diese Skizze wurde lange vor den »Kindern von Finkenrode« geschrieben. Der Verfasser.   Quand les gens desprit se mêlent dêtre bêtes, ils le sont énormément. Paul de Kock.   Eine noch wohl konditionierte Kinderpuppe!« rief der heisere Auktionator. – »Einen Groschen!« bot eine Weiberstimme kreischend und hell. – »Noch sechs Pfennige!« ließ sich ein anderer Liebhaber von einem Winkel des Gemaches aus vernehmen. – »Zwei Groschen!« sagte ich, stieß den Stock emphatisch auf den Boden und blies eine Rauchwolke nach dem in Frage stehenden Gegenstand hin. Alle Augen der versammelten Menschheit richteten sich sogleich auf den zuletzt Bietenden und erkannten, daß die Stimme von einem kleinen, ziemlich wohlbeleibten Individuum ausgehe, welches ein Buch Konzeptpapier zur Ergötzung des »amusablen« Deutschlands, wie der Schriftsteller E. T. A. Hoffmann vom Halleschen Kirchhof zu Berlin sagen würde, unter dem linken Arm trug, eine Zigarre im Munde, einen Hakenstock in der rechten Hand führte und durchaus nicht aussah, als ob es irgendeinen nützlichen Gebrauch von einer ziemlich zerzausten und abgegriffenen Puppe machen könne. »Zwei Groschen zum ersten – zum zweiten und zum – keiner mehr!« schrie der Auktionator; der Hammer fiel nieder, und ich, Karl Theodor Hinkelmann, war der glückliche Besitzer des im Katalog unter Numero 726 aufgeführten Kinderspielzeuges, welches mir gegen Erlegung der Kaufsumme auch sogleich eingehändigt wurde. – »Vortrefflich!« sagte ich, umspannte mit dem Daumen und Zeigefinger die Taille der jungen, mit Kleie gefüllten Dame, ließ sie, den Kopf voran, in die Tasche gleiten (ich führe sehr große Taschen und gewöhnlich auch mancherlei darin) und verließ die Versammlung. Hier wird es nötig sein, die Erklärung abzugeben, daß ich selten eine öffentliche Versteigerung in meiner Nachbarschaft versäume, daß mich nichts mehr beschäftigen und erregen kann, als die Analysierung aller der verschiedenartigen Anhängsel des menschlichen Daseins, welche bei einer derartigen Gelegenheit zum Vorschein kommen. Wahrlich nicht, um nach Rokokoschnurrpfeifereien zu suchen, dränge ich mich bei einer solchen Auktion unter das Volk! Was haftet alles an diesen Lumpen und Lappen, an diesen abgenutzten, ärmlichen Gerätschaften, an diesem alten Lehnstuhl zum Beispiel, an jener halb zertrümmerten Wiege, an dieser Schachtel mit verblaßten, zerknitterten Papierblumen! Welch ein Buch ließe sich darüber schreiben! Ich trat in die Gasse hinaus. Es schlug vier Uhr, und die Nacht sank bereits langsam herab auf die große Stadt. Ein grauer eintöniger Himmel lag über den Dächern und es schneite. Es war aber kein eigentliches munteres Gestöber, wo das weiße Gewimmel in der Luft den Emporschauenden fast schwindlig macht und lustig alle Gedanken mit hineinzieht in den tollen, wirbelnden Tanz. Nein, die lustigen, flaumartigen Flocken schwebten in der kalten, grauen, stillen Luft wie unschlüssig, ob sie sich niederlassen sollten zur hart gefrorenen Erde oder nicht. Einzeln kamen sie, senkten sich, erhoben sich wieder, als ob sie sich eines Besseren besännen, gingen dann seitwärts weiter, um dann doch endlich irgendwo an einer Dachtraufe, an einem Häuservorsprung, an einer Nasenspitze lebenssatt sich aufzuhängen. Es war ein mürrisches, spleenartiges, hypochondrisches Wesen, und doch verkündete der verbesserte gregorianische Kalender den – vierundzwanzigsten Dezember, und die schönste Nacht der Christenheit lauschte schon ins Land herein! – Die Menschen in den Gassen gebärdeten sich aber auch ganz anders als die Schneeflocken in der Luft. Sie hatten es gar eilig und wimmelten durcheinander wie ein aufgestörter Ameisenhaufen. Die Läden waren geputzt und funkelten im Schein der Lichter und Lampen, und manch ein Hagestolz, welcher in seinem Kaffeehause sein Journal hatte fallen lassen, nahm dasselbe nicht wieder auf, sondern kratzte sich mißmutig und verdrießlich hinter dem Ohr und dachte an mancherlei, was ihn durchaus nichts anging. An der nächsten Straßenecke blieb ich stehen und schaute in das lustige Gewühl. Auch ich seufzte. – »Ich kenne auch einen Narren!« sagte ich zu mir selbst. »Einen gewaltigen Esel kenne ich!« – Ach, meine Damen, ich habe mancherlei Unangenehmes durchgemacht, aber so wie gestern war mir mein Butterbrot doch noch nicht auf die »gute« Seite gefallen. Schwerer als päpstlicher Bann und kaiserliche Acht und Aberacht lag es auf mir! Sechs junge, schöne, liebenswürdige Fräulein und eine schriftstellernde Mutter hatten ihren Fluch über mich ausgesprochen; die angenehmste Weihnachtseinladung hatte ich verwirkt, unwiderruflich verwirkt. Ich will die Geschichte erzählen, denn Wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide! Ich war gestern zum Tee eingeladen von dem Geheimrat von Weißvogel, oder vielmehr von der Frau Geheimrätin, und knüpfte daran die Hoffnung, für heute abend zum Weihnachtsbaum ebenfalls eingeladen zu werden. (Der Geheimrat führt einen sehr guten Burgunder.) Ich hatte also meinem Frack und Hut ein anständiges Ansehen gegeben, um die deutsche Journalistik so gut als möglich zu repräsentieren, und verfügte mich mit dem Vorsatz, ungeheuer liebenswürdig und interessant zu sein, nach der Bureaustraße Numero sechsundneunzig. Mit gewohnter Grazie trat ich in den Salon der Frau Geheimrätin ein, wo ein allgemeines, von allen Seiten gerauntes Pst! Pst! mich empfing. Da mir in der Wärme des geheizten Zimmers die Brillengläser – ich bin sehr kurzsichtig – sogleich beschlugen, so war mir natürlich nichts lieber, als daß ich nun mit Anstand einige Augenblicke an der Tür stehen bleiben konnte, um erst den Duft von meinen Sehinstrumenten verziehen zu lassen. Während dies allmählich geschah, horchte ich der Stimme der Frau Geheimrätin, welche las – deklamierte: Waldvogel sang's im Lindenbaum, Schön Blümchen klang es nach im Traum, Die Stern' am Himmel grüßten es, Die leisen Winde küßten es, Und überall, allüberall, Von Berg und Wies und Wasserfall, Trug es zurück der Widerhall, Der Widerhall! Ich schrak zusammen, zentnerschwer fiel es mir auf die Seele. Himmel, die Amalasuntha der Gnädigen! Ihr neuestes Opus! Alle Teufel, das habe ich ja ganz vergessen! Bei allen Mächten, wenn Weitenweber darüber geraten ist! Der Hut fiel mir fast aus der Hand; hatte ich doch gestern das Rezensionsexemplar von der gnädigen Frau erhalten und dabei ein schmeichelhaftes, zierliches Billett, und ich Unglückseliger hatte in der Zerstreuung das niedliche vergoldete Büchlein voll süßen Unsinns auf den Haufen schriftstellerischer Erzeugnisse geworfen, welche mein Freund Weitenweber von Zeit zu Zeit unter der Überschrift: »Allotria« tot macht! – Himmel und Hölle, wenn der Mensch für die Weihnachtsfeiertage Geld gebraucht und losgewütet hätte! Meine Brille war unterdessen klar geworden, und ich konnte einen Blick wie ein erschreckter Hase auf die Versammlung werfen. Da saßen sie, Marie, Johanne, Albine, Theodore, Ida, Sophie, die liebreizenden Töchter einer dichtenden Geheimrätin, wie es schien, pflichtgemäß, töchterlich, ganz in jenen Seelenzustand versunken, welchen die empfindsamen Germanen vor ungefähr sechzig Jahren »angenehme Schwärmerei« nannten! – Zwei junge Juristen, drei Sekondeleutnants und ein ältlicher Theologe standen in einer Gruppe, wie ein Monument des passiven Widerstandes, und die übrige Gesellschaft drängte sich ebenfalls pflichtschuldig um die vorlesende Dichterin, welche eben ihr Buch zuklappte und in scheuer Selbstzufriedenheit den Blick erhob. Ein bewunderndes Stuhlrücken und Rauschen von seidenen Gewändern entstand, Seufzer, leise Ausrufe, zwei juristische, drei militärische und ein theologisches Bravo – der Geheimrat schaute etwas verdrießlich durch die Tür des Nebenzimmers, in welchem er eben die Spieltische zurechtgerückt hatte, ich trat schüchtern vor. »Ah, Herr Doktor Hinkelmann!« flüsterte mit holder Stimme die Gnädige. »Warum so spät?« – Ich machte meine Verbeugung, und sie trat näher. »Haben Sie meiner auch freundlich gedacht?« raunte die Gnädige, mich beiseite ziehend. »Ich bin sehr gespannt auf die heutige Zeitung, Sie böser Kritiker!« – Es überlief mich heiß und kalt. O Weitenweber! Weitenweber! Ein Bedienter erschien jetzt in der Tür. »Die gnädige Frau haben befohlen, daß ich die Zeitung –« – »Jawohl, jawohl, Johann! Schnell, geben Sie, geben Sie!« Ich hielt mich an der nächsten Stuhllehne. Die Gesellschaft, die Töchter drängten sich um die Dichterin, deren Auge lächelnd die feuchten Bogen überlief. Jetzt! – Ach! – Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, die Hände, welche die Blätter hielten, zitterten – sie stieß einen Schrei der Entrüstung aus – zerknittert sank der unglückselige Wisch zu Boden. »Mein Herr!« – »Gnädige Frau, ich – ich –« O Weitenweber, Weitenweber! – Die Visitenkarten an den Spiegeln liefen schwarz an; der Geheimrat hatte die Zeitung aufgehoben und verbarg das Gesicht zwischen den Bogen – ich kann nicht beweisen, daß man mich hinausgeworfen hat, aber –! »Das kommt davon!« brummte ich, als ich mich wieder auf der Straße fand, »das kommt davon, wenn sich Kaliban in das schöne, ewig blaue Feenreich der Poesie und der Damenwelt wagt! O Weitenweber, Weitenweber!« – Wahrlich ist es nicht angenehm, unter den Fußtritten Ariels und seiner losen Schar zu liegen! Was half es mir, daß mir der Geheimrat auf den Vorplatz hinaus folgte, mich umarmte, mir einen Kuß auf jede Backe drückte und mir zwanzigmal sein: »Brav gemacht! Brav gemacht, lieber Doktor, liebster, bester, teuerster, einzigster Freund!« zuflüsterte? Was half es mir, daß er mich mit Austern stopfen, in Burgunder ersäufen wollte – sein Haus konnte er mir doch nicht wieder öffnen! O Marie, Johanne, Albine! O Theodore, Ida und Sophie! – O Weitenweber, Weitenweber! Da stand ich nun an der Straßenecke, in dem Schneegestöber, welches jetzt heftiger geworden war. Der Lampenwärter kam und zündete die Gaslaterne neben mir an; in allen Stockwerken der Häuser flammten die Christbäume auf, und alles, was nur noch einen Weihnachtsgedanken im Herzen beherbergte, suchte ihn hervor aus dem vergessensten Winkel und begann seine Weihnachtsfeier. Von allen Kirchen der Stadt läuteten die Glocken das schönste Fest der Christenheit ein; mir ward gar wehmütig zumute, und unwillkürlich faßte ich nach der Puppe in meiner Rocktasche, zog sie heraus, drückte mich dichter an die Hauswand, an welcher ich lehnte, und betrachtete sie, während die Menge ununterbrochen an mir vorüberströmte und mit ihrem Getöse doch nicht ganz den Kinderjubel um die Weihnachtsbäume in allen den verschiedenen Wohnungen der Gasse übertäuben konnte. Das Ding schaute mich aus seinen grellen, blauen Augen gar sonderbar an; die Stumpfnase hatte bereits beträchtlich Schaden erlitten, und aus einem Beine des unglücklichen Wesens rieselte die Kleie mir leise auf die Hand. »Ach, du armes Ding,« sagte ich, »auch du hast schon fröhlichere Weihnachtsabende als den heutigen, welchen du in meinem Besitze zubringen wirst, verlebt. Was meinst du, gehen wir nach Hause, oder fallen wir in eine Kneipe?« Da die Puppe nicht antwortete, so zählte ich die Knöpfe meines Rockes. Sie entschieden für die Kneipe, und so schob ich behutsam meine Begleiterin in die Tasche und setzte meinen Weg durch die Straßen einsam fort, widerborstig gegen das Fatum, meiner – Wohnung zu. Bald genug war dieselbe erreicht, und niedergeschlagen stieg ich die dunklen, steilen Stufen empor und horchte auf jedem Treppenaufsatz ein wenig den hellen Kinderstimmen, welche fast hinter jeder Tür hervordrangen; der Weihnachtsabend stand ja in seiner schönsten Blüte! – In meinem Zimmer angekommen, sank ich auf den nächsten Stuhl und stützte den Kopf mit beiden Fäusten auf meinen Schreibtisch, wie ein Brahmane, der das mystische Om ausgesprochen hat und sich in den Zustand der höchsten irdischen Seligkeit versetzen will. Ich kam jedoch nicht zur völligen Auflösung ins Nichtsein; ein Frösteln, welches mich überlief, erinnerte mich, daß ich mein Feuer nicht erlöschen lassen dürfe. Ich schob also neues Holz in den Ofen, und diese Beschäftigung erheiterte mich etwas. Ach, das Brummen und Knattern des Ofens, der tanzende Schein auf dem Fußboden und an den Wänden müssen einem solchen einsamen Gesellen, wie ich bin, oft vielerlei ersetzen! – Ich trat an das Fenster und schaute hinaus in die Nacht über die weißen Dächer. Ach, es war doch ein noch fröhlicherer Lichtschein, welcher aus dem Fenster der mir gegenüberliegenden Häuserreihe fiel! Fröhlicheres Geräusch erschallte dort hinter den niedergelassenen Vorhängen, als mein Ofen liefern konnte. »Ich will arbeiten!« sagte ich, zündete meine Lampe an, zog einige Bogen Konzeptpapier hervor und setzte mich an meinen Schreibtisch. Meiner Puppe aber bereitete ich mit Hilfe einiger Bänder von Meusels Gelehrtem Deutschland einen Sitz dicht vor mir. Ich tunkte die Feder ins Tintenfaß, schaute in das Licht – eine Minute – zwei – drei – eine Viertelstunde! – »Beim Teufel!« rief ich aufspringend, »ich wollte, ich könnte bis zum nächsten Alltage die Zeit verschlafen!« Dabei brachte ich eine gar anmutige marmorartige Verzierung auf dem vor mir liegenden weißen Bogen hervor und warf die Feder fort. Ein Schritt auf der Treppe ließ mich aufhorchen. Er näherte sich. – »Das fehlte mir gerade noch!« rief ich unwillkürlich aus, – »Weitenweber! Na, du kommst mir eben recht!« – Ich hatte den Edeln seit seiner Untat nicht wiedergesehen. – Die Tür öffnete sich langsam, und auf der Schwelle erschien wirklich in Lebensgröße mein Freund Theobul Raimund Weitenweber, ein Individuum, welches wahrlich einer Personalbeschreibung würdig ist. Mein Freund ist lang und hager wie ein Laternenpfahl, mit welchem er noch die Ähnlichkeit hat, daß auch er erst bei einbrechender Nacht anfängt aufzuflackern und gasartig zu leuchten. Sein Haar ist von unbestimmter Farbe und stets kurz geschoren, seinen Spitzbart aber läßt er wachsen je länger, je lieber, und spielt derselbe ein wenig ins Rötliche. Dreht sich mein Freund um, so braucht er zu diesem einfachen Manöver wenigstens eine halbe Minute, setzt er sich nieder, so nimmt er genau die Stellung des Memnonsbildes in der Wüste an. Mein Freund führt einen Stock, der aber nur dann die Erde berührt, wenn ihn sein Herr in einem Winkel absetzt, sonst kommt er selten unter der linken Achsel seines Begleiters fort. Mein Freund Weitenweber trägt grauweiße Unaussprechliche, die unten in ein Paar schief gelaufene Stiefel enden, welche man unwillkürlich mit versteinerten antediluvianischen Mammutsfußstapfen in Verbindung bringt; einen weißgrauen Rock mit großen Knöpfen und einen eingedrückten weißgrauen Hut, in welchem sich ein buntes seidenes unheimliches Taschentuch aufhält. Handschuhe sind meinem Freunde etwas Unbekanntes, und alle denkenden Menschen, welche ihm auf seinen Wegen durchs Leben und durch die Gassen begegnen, bleiben, wenn sie es auch noch so eilig haben, stehen und blicken ihm verwundert nach. Mein Freund Weitenweber aber schaut niemand nach; abgemessenen Schrittes bewegt er sich, die spitze Nase hoch in den Lüften, die grauen, wie faules Holz glimmenden Augen halb geschlossen, die Unterlippe vorgeschoben, seinem jedesmaligen Bestimmungsort zu. – »Guten Abend!« sagte diese Kreatur, welche mir die Salontür der Frau Geheimrätin von Weißvogel vor der Nase zugeschlagen hatte. – »Guten Abend, Weitenweber! Du hast mir eine schöne Geschichte eingerührt; ich wollte –« – »Weiß, was du wolltest!« sagte mein Freund mit einem Seufzer und zog aus seiner Rocktasche eine Flasche, deren Hals er mir zu fassen gab. »Weitenweber, du hast mir einen großen Verdruß bereitet!« Gravitätisch zog das stoische Geschöpf eine zweite Flasche hervor und stellte sie auf den Tisch. »Ich werde nie wieder zu Gnaden angenommen werden – ach, Marie, ach, holde Sophie!« Wo kriegte der Mensch alle die Flaschen her? Zwei andere machten ihre Erscheinung, und eine fünfte beschloß den Reigen. Gegen die Taschen meines Freundes sind die meinigen gar nichts. »Weitenweber, ich habe wahrhaftig Mühe, dir diese Geschichte zu verzeihen. Sie hätten mich ganz gewiß auf heute abend eingeladen. O Albine, Johanne, Theodore! Wie angenehm hätte ich den Weihnachtsabend hinbringen können!« – »Ja, es soll Weihnachten sein!« sprach Weitenweber mit seiner Grabesstimme, nahm langsam den Hut ab, zog einen Stuhl an den Tisch, setzte vorsichtig seine edle Kopfbedeckung darunter, als könne es niemals einen sicherern, besseren Platz dafür geben, stellte seinen Wanderstab hinter den Ofen, kam zu dem Tisch zurück und saß nach zwei Minuten lotrecht mir gegenüber. »Wirf die Bücher vom Tisch, Hinkelmann,« sagte er und brachte aus seinen Taschen jetzt auch noch mehrere Zitronen und eine löschpapierne Tüte mit gestoßenem Zucker zum Vorschein. Es waren wundersame Taschen! – »Mische den Stoff, Hinkelmann.« – Ich wußte nicht, ob ich lachen oder ob ich wütend werden sollte, holte aber doch meine geborstene Suppenschale hervor, welche mir als Punschbowle diente, und schob den Teekessel in den Ofen. Während ich mich damit beschäftigte, sah mein Freund starr auf die Puppe, welche noch immer auf Meusels Gelehrtem Deutschland vor ihm lag. Von Zeit zu Zeit berührte er vorsichtig mit der Spitze des Zeigefingers ihre eingedrückte Nase und gähnte gewaltig dabei, bis er sich plötzlich erhob, zum Fenster hinschritt, die Arme übereinander schlug und hinausstarrte, wie ich vor einer halben Stunde hinausgestarrt hatte. Unterdessen fing das Wasser im Kessel an zu singen und zu sprudeln, und ich bekam zu viel zu tun, um mich ganz meinem langen Freund widmen zu können. Ich hörte nur, daß er von Zeit zu Zeit etwas vor sich hinmurmelte, bis ich endlich mit zwei gefüllten dampfenden Gläsern zu ihm hintrat und ihm das eine reichte. Er nahm es, hielt es in die Höhe, stieß ein dumpfes Geknurr aus, goß den Inhalt hinunter, seufzte, gab das Glas mir zurück und sprach: »Mehr Rum!« Ich verbesserte den Stoff, und einen Augenblick später saßen wir einander gegenüber, die dampfende Schale in unserer Mitte. – Meusels Gelehrtes Deutschland nebst allen andern Büchern und Schreibgerätschaften war in die fernsten Winkel geflogen; die Puppe aber blieb neben unsern Gläsern liegen. Von der Gasse drang fröhlich das Geräusch der Weihnacht bis zu uns empor; im Hause jubelte bald nah, bald fern eine Stimme auf, und Weitenweber fing an seinen Spitzbart zu drehen, welches ein Zeichen größter Behaglichkeit bei ihm ist. »Die Frau Geheimrätin von Weißvogel ist –« – »Eine Gans und soll mir mit ihrer Gänseblümchenpoesie vom Leibe bleiben. Fülle mein Glas, Hinkelmann.« – Ich kam dem Gebote nach, vernachlässigte aber auch mich selbst nicht. – »Nun kannst du noch einen Klotz in den Ofen werfen und mir einen Stuhl unter die Füße schieben. – So! – Nun unterhalte mich!« Jetzt konnte ich nicht mehr. Ein ungeheures Gelächter verjagte alle Grillen und bösen Geisterchen, welche sich verschworen zu haben schienen, mich an diesem Abend zu quälen. Was aller Geist und Witz, der sich in der großen Stadt aufhalten soll und aufhält, nicht gekonnt haben würden, das brachten jetzt das unerschütterliche Phlegma und die kolossale Unverschämtheit meines edlen Freundes zuwege. »Auf dein Wohl! Auf dein Wohl, Theobul!« rief ich ganz erheitert und stürzte ein Glas Punsch hinunter. – »Mein Wohl liegt mir sehr am Herzen,« versetzte Weitenweber, kam meinem Beispiele nach und schob mir sogleich das geleerte Glas wieder zu. – »Ich danke dir, daß du gekommen bist, Weitenweber!« sprach ich, indem ich es füllte. »Der Mensch besteht aus Leib und Seele, die edelste Kraft der letzteren aber ist die Vernunft!« sagte mein Freund, ohne eine Miene zu verziehen. »Ich bin ein sehr vernünftiges Wesen.« »Der Weihnacht Gruß!« rief ich, das Glas erhebend. – »Der Weihnacht Gruß!« wiederholte mein Freund, ergriff die Puppe, welche neben ihm lag, betrachtete sie eine Zeitlang und fuhr fort: »Da liegt Mysterium magnum , – das große Geheimnis – wie Jakob Böhme sagt. Wie bist Du an diese Puppe gekommen?« – Ich erzählte es. – »Und Du langweiltest Dich an diesem Weihnachtsabend? Du, welcher behauptest, ein Dichter zu sein?« Ich sah seufzend auf meinen wachsenden Körperumfang, aber Weitenweber fuhr fort: »Jakob Böhme sagt auch noch: ›Liebe Brüder zu Babel, tanzet doch nicht von außen ums Mysterium!‹ – Fülle die Gläser, Hinkelmann, nochmals der Weihnacht Gruß!« Das aschfahle Gesicht meines Freundes rötete sich ein wenig, seine Augen gewannen allmählich einen stärkeren Glanz; es zuckte um seinen Mund. »Es ist mancherlei Art der Stimmen in der Welt, und derselben ist doch keine undeutlich, – sagt der Apostel Paulus. Horch, was die Stadt spricht, Hinkelmann! Der Weihnacht Gruß! Der Weihnacht Gruß! – Sei so gut und fülle die Gläser, Vortrefflichster!« – Es geschah. – »Elf Uhr! Nun schlafen die Kinder über ihren Freuden, ihren Puppen und bunten Bildern und goldenen Früchten ein und liegen traumlos in ihren Bettchen – dein Glas ist leer, Hinkelmann! – die Erwachsenen aber sorgen und jubeln noch fort, und wenn ihnen der Schlaf kommt, kommen mit demselben die Träume, das Irrlichtervolk des Geistes. Viele träumen auch wachenden Auges, und ich gehöre zu ihnen. Gebt mir Weihnachtsträume, gebt mir einen Weihnachtstraum, ihr geheimen Mächte, welche ihr die Menschen führt auf ihren Wegen! Auf dein Wohl, Hinkelmann, – und fülle die Gläser.« Wahrlich, ich hatte die Gläser schon so oft gefüllt, daß mir ganz seltsam zumute ward. Was fiel dem Tische, der Punschschale, den Stühlen ein? Niemals in meinem Leben hatte ich solche krampfhafte Lebendigkeit an meinem Freunde Weitenweber gesehen. Er wackelte von einer Seite auf die andere, ward klein und groß, und wenn er trank, geschah es oft aus zwölf Gläsern zugleich. – Zwölf Uhr! verkündigte feierlich die Glocke der Marienkirche. Ein blauer Nebel lag vor meinen Augen. – »Diese Welt ist ein großes Wunder!« sagte Weitenweber. »Wir wollen über die Weihnachtswelt wandern, Karl Theodor Hinkelmann! Fülle die Gläser. Diese Puppe soll uns führen! Ich erkenne eine alte Bekannte in ihr – holla, spiritus viarum – daemon ambulatorius ! Erwache, Liebchen!« Ja, fülle einmal einer die Gläser! Wenn sie nur nicht so gewackelt hätten! Und noch dazu mußte ich auf das Wunder achten, welches sich vor meinen Augen begab. Was hatte mein Freund Weitenweber mit meiner Puppe angefangen? Ich sah, wie sie den einen Arm ausstreckte, dann den andern – sie gähnte – dehnte sich – richtete sich auf – sah lächelnd umher – erhob sich ganz und stand aufrecht neben der Punschschale, machte einen zierlichen Knicks und darauf eine Handbewegung, die nichts anderes sagen konnte als: Meine Herren – me voilà ! – Bei Gott, das war nicht mehr Leder und Kleie und bunte Läppchen, das war nicht mehr ein von Kinderhändchen abgegriffener Holzkopf mit eingedrückter Nase! Elfenhaft-lebendig, in zierlicher Schönheit stand das kleine Wesen da und lehnte an einem Stäbchen, welches funkelte, als sei es aus einem Sonnenstrahl geschnitzt. Mit offenem Munde sah ich auf meinen Freund, welcher mit unbeweglicher Miene dasaß, als ob die Geschichte ganz in der Ordnung sei. Das einzige, womit er das Wunder begrüßte, war ein gewaltiger Seufzer und eine noch gewaltigere Wolke Zigarrendampfes. Das kleine Wesen drohte ihm lächelnd und sagte: »Was hab' ich doch für Not mit dir! Zur Verzweiflung bringst du mich noch durch dein Gesicht. Nun sei artig und stelle mir den Herrn da vor.« – »Herr Karl Theodor Hinkelmann,« sprach mein Freund, auf mich zeigend, »ein Poet von Kopfzerbrechens Gnaden.« – »Freut mich ungemein,« schob die Elfe ein, mein Freund Weitenweber aber fuhr fort: »Hat sich bis jetzt mehr der Feld- und Waldpoesie gewidmet und mit Morgenröte, Blumenduft und Maikäfern gehandelt; wird aber jetzt zu fett dazu.« – »Es gibt auch in Feld und Wald Geschwister von mir,« sagte die Kleine. »Ich liebe die frische Luft, welche von den Feldern und Wiesen da draußen in mein Häuser- und Gassenreich dringt; ich liebe das Wasser, ich liebe die Blumen, wenn sie in der Scherbe vor den Fenstern zu blühen versuchen!« »Und darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe –?« fragte ich jetzt und hielt mich mit beiden Händen an meinem Stuhl, weil ich erwartete, er würde im nächsten Augenblick mit mir davonfliegen. – »Wir haben keinen Namen, wir sind ein großes Geschlecht,« versetzte mit silberhellem Stimmchen die Kleine. »Wir in den Gassen, wir sind die Geister der Gassen – der da kennt uns!« – »Ja, ich kenne euch,« sprach mein Freund Weitenweber. »Wir wohnen in der Kellerwohnung und in der Dachstube, wir schweben durch die glänzenden Ballsäle und sitzen zu Häupten der Kranken in den Hospitälern. Im Königspalast, in den Kirchen, in den Gefängnissen sind wir zu finden; wir begleiten den Sarg und den Taufzug und den Brautwagen, wir sind überall, wir erscheinen in tausenderlei Gestalten; aber wenige, wenige erblicken uns. – Was verlangst Du von mir, Theobul Weitenweber?« Und die Puppe erhob ihren Stab gegen meinen langen Freund. – »Zeige uns Deine Wunder! Laß deine Zauber walten, führe uns durch die Weihnachtswelt!« »Ihr wollt die heilige Nacht sehen? Ei, ich will euch wohl führen – aber du weißt, Weitenweber, meine Bilder sind bunt, und der Herr (die Elfe zeigte auf mich) sieht aus, als würde er sie aufschreiben und drucken lassen und – dann fällt alle Schuld auf mich.« – Weitenweber nickte und schnippte die Asche von seiner Zigarre und sagte: »Laß ihn! Narrenhände beschmieren Tisch und Wände. Wenn wir beiden uns nur verstehen. Uff – ›ich bin der Allernärrischste, und Menschenverstand ist nicht bei mir‹ – Sprüche Salomonis, dreißigstes Kapitel, zweiter Vers.« Das Püppchen lächelte und streckte seinen Stab in den Dampf, der noch schwach aus der Punschschale aufstieg. Sogleich verdichtete sich dieser, wallte massenhafter empor zur Decke und senkte sich dann langsam wieder herab, alles um uns her erfüllend. Die Lampe erlosch, aber ein helles Licht ging jetzt von dem kleinen Zauberwesen aus, welches in der Mitte des Nebels schwebte und seinen Stab langsam über dem Köpfchen schwang. Plötzlich tauchte es aus der Nacht auf, verschwunden war meine Punschschale, verschwunden meine Stube, die Stühle rutschten unter uns weg – wir befanden uns in einem geräumigen, behaglich ausgestatteten Gemache, in dessen Mitte auf einmal ein ziemlich großer Christbaum mit erloschenen Lichtern stand. Keine Menschenseele war zugegen. Eine tiefe Stille herrschte ringsumher. Der Tisch, auf welchem der geputzte Baum stand, war mit Kinderspielzeug der verschiedensten Art bedeckt. »Sie sind zu Bett gegangen,« sagte unsere kleine Führerin. »Soll der Zauber beginnen, Freund Weitenweber?« – Ich schaute mich nach meinem Freunde um; er stand weitbeinig da, die Hände in den Taschen, die Zigarre im Munde. Er nickte. Die Elfe setzte sich leuchtend in die höchsten Zweige der Weihnachtstanne und lehnte sich an den Goldstern auf der Spitze und sah nachdenklich uns an. »Sie sind zu Bett, die Kinder, die Alten, die Freudigen, die Betrübten – ach, sie schlafen nicht alle, – aber die große Stadt ist still, so still, wie in diesem Augenblick der Platz da draußen im Walde, wo dieser Baum gewachsen ist. Meine Brüder und Schwestern, welche dort wohnen, haben zu dieser Zeit weniger zu tun als wir, deren Reich die Gassen sind. Der Frühling schläft noch in den braunen Knospenhüllen an Busch und Baum wie meine Kinder in der Stadt in ihren Bettchen; die Käfer, die Schmetterlinge schlafen. Meine Geschwister da draußen haben jetzt nur für die braven Burschen, die Hasen und die frommen Rehe, zu sorgen und darauf zu achten, daß die herabsinkenden Schneeflocken die Gräser und Blumen und die junge Saat auf den Feldern hübsch zudecken, bis der Frühling alles aufweckt. Da draußen ist alles still; aber die große Stadt hat einen unruhigen Schlaf! Sie hat auch böse, böse Träume! Es schleichen Gestalten in den Gassen, finstern Herzens; es zählen die Kranken auf ihrem Schmerzenslager die Stunden, und die Verbrecher in den Kerkern rasseln mit ihren Ketten, und die Liebe ist noch wach und der Haß und das Glück und das Elend! Wir haben viel, viel zu tun in der großen Stadt!« »Werde nicht elegisch. Kleine, du weißt, das kann ich nicht vertragen!« sagte Weitenweber. »Zeige uns die Weihnacht!« – »Was ich sagte, gehört dazu.« – »Was du sagst, verstimmt mich. Ich liebe die Heiterkeit.« – Die Elfe brach in ein helles Gelächter aus, das wie ein silbernes Glöckchen klang, und schaukelte sich auf ihrem Zweige. »Er liebt die Heiterkeit! Er liebt die Heiterkeit! Nun, so hört! Vor kurzer Zeit war hier ein fröhliches Getöse. Dort hinter jener Tür lauschte ungeduldig pochenden Herzens eine Kinderschar, während hier der Vater und die Mutter diese Weihnachtstanne schmückten, und die ältere Tochter alle die Puppen und Pferde und Trompeten und Trommeln und die andern Geschenke ordnete. ›Horch, wie sie trappeln!‹ sprach lachend der Vater. ›Bist du bald fertig, Marie?‹ – ›Gleich, dieser Honigkuchenmann will durchaus nicht festhängen. So, endlich!‹ – ›Hier Richards Trommel, hier die Puppen für die Mädchen, hier Eduards Harlekin!‹ rief freudig die Mutter. ›Alter, nun kannst du die Lichter anzünden!‹ Im nächsten Augenblick flammte der Baum in voller Pracht; das Weihnachtsglöckchen erschallte und die Kinder stürzten jubelnd herein. Ich war dabei, ich gab acht, daß alles glücklich von statten ging.« – »Ja, ich hörte den Spektakel, als ich die Treppe hinaufging,« bemerkte Weitenweber. »Ich mußte stehen bleiben, denn meine Taschen zogen mich fast zu Boden.« – »Hei, es war ein schöner Abend, und es kostete nachher Mühe genug, die Kinder zu Bett zu bringen. Aber nun schlafen sie und wir haben das Reich und die Herrschaft. Nun sollen die Geister erwachen.« Ihren Zauberstab schwingend, umschwebte die Elfe, welche mit zwei Groschen wahrhaftig billig genug bezahlt war, die geputzte Tanne, berührte hier einen vergoldeten Apfel, dort einen bunten Zuckermann, dort ein seltsamliches Tiergebild. Das umherliegende Spielzeug berührte sie ebenfalls – die Bleisoldaten in ihrer Schachtel, die Puppen, die Nußknacker, die Kobolde in ihren Schnupftabaksdosen. Und unter ihrem Zauberstabe ward alles lebendig. Ein Klingen und Singen ging durch das Gemach; die goldenen Früchte und Figuren schaukelten sich an ihren Zweigen, die Bleisoldaten marschierten heran, die Püppchen hüpften herzu und nur Eduards Harlekin fehlte, ihn hatte sein glücklicher Besitzer mit zu Bett genommen und hielt ihn gar fest mit seinen kleinen Händen, so daß er dem Zauber nicht Folge leisten konnte. »'s ist die Möglichkeit!« sagte Weitenweber. »Was meinst du dazu, Hinkelmann? Schauderhafter Unsinn!« – Ich meinte gar nichts, der Kopf schwindelte mir. – »Nun sollen sie erzählen, wo sie herkommen!« rief die Elfe. »Hört ihr wohl, ihr da zwischen den grünen Zweigen?« Die Äpfel und Nüsse schaukelten sich stärker, die Puppen knicksten, die Honigkuchenherren und -damen schlugen in die Hände, bis auf einen griesgrämigen Patron, der sie in den Taschen stecken ließ und die Beine wie ein X ausspreizte. »Beginne du!« sprach die Elfe, einen dickbackigen Apfel berührend, dessen gesunde, rote Naturfarbe schon wieder bedeutend durch das aufgelegte Schaumgold lugte. Der Apfel drehte sich sogleich unzählige Male an seinem Faden nach links, hielt dann einen Augenblick ein, besann sich, drehte sich dann ebenso lange nach rechts, kam endlich zur Ruhe und begann: »Ich komme vom Lande. In meiner Jugend war ich eine Blüte, weiß und rot und duftend. Hunderttausende meiner Geschwister schaukelten sich um mich her. Ich war schön und wußte es; Bienen, Käfer und Schmetterlinge sagten es mir oft genug. Ach, wo sind meine Blütenblätter geblieben? Der Wind trug sie von dannen, fort über den Garten, auf die staubige Heerstraße. Sonnenschein und Regen habe ich genossen; Tausende meiner Geschwister habe ich sterben und vergehen sehen. Ich dachte auch zu sterben! Aber Sonnenschein und Regen stärkten mich, der Sturm konnte mir nichts anhaben; ich wuchs und gedieh, meine Wangen fingen an zu glühen. Nun bin ich hier, und ich weiß nicht, ob ich wache oder träume! Man hat mir Glanz gegeben. – Wer sagt mir, wo ich bin? Wer sagt mir, ob ich wache oder träume?« Weitenweber seufzte: »Ich nicht!« – »Ja, wer sagt mir, ob ich wache oder träume!« rief ich. – Die Elfe aber berührte, als der Apfel schwieg, seinen Nachbar, einen mißgünstig aussehenden gelben Honigkuchenmann, mit einer bitteren Mandel als Herz, und sagte: »Nun erzähle du!« »Wer hat Ihnen das Recht gegeben, mich zu belästigen?« schnarrte dieser. »Respekt, ich bin eine Standesperson, ein Staatsbürger erster Klasse! Lassen Sie mich in Ruhe!« – »Hei,« rief die Elfe, »Du warst es, welcher sich gestern nicht aufhängen lassen wollte, du wolltest, als ich euch erweckte, die Hände nicht aus den Taschen ziehen!« – »Gute Nacht!« schnarrte der süße Staatsbürger erster Klasse und drehte uns die Schattenseite zu. – »Höflichkeit ist eine schöne Tugend!« bemerkte Weitenweber. »Darf ich Ihnen meine Visitenkarte einhändigen?« – »Ich bin süß, das weiß ich!« sagte der Honigkuchenherr, noch einmal über die Achsel schauend. »Ich habe die Kritik nicht zu fürchten.« – »Schlafen Sie wohl, Brummbär!« rief ärgerlich meine Puppe. »Mögen Sie sobald als möglich verzehrt werden!« – Es gibt auch noch hohle Zähne und schlechte Magen, das tröstet mich!« sagte gähnend der süße Mann. – »Laßt ihn, laßt ihn!« riefen jetzt zwei Puppen, von denen die eine wie eine Balldame, die andere wie eine Bäuerin angetan war. »Wir wollen euch unsere Geschichten erzählen!« Und die Bäuerin begann: »Ich komme aus einer engen, dunklen Gasse. Da befindet sich in einem hohen Hause ein kleines Stübchen. Da bin ich geboren. Am Fenster stehen fünf Blumentöpfe mit Schlingpflanzen. Die grünen Blätter winden sich in jedem Topfe über und um ein kleines Holzkreuz, auf welchem jeden ein Name geschrieben ist. Eine alte Frau sitzt am Fenster mit der Brille auf der Nase und näht. Ihr verdanken wir das Leben. Ein kleines Mädchen, ihre Enkelin, sitzt ihr zu Füßen und reicht ihr die bunten Zeugstückchen zu oder fädelt ihr die Nadel ein. Die alte Frau hatte vor wenig Jahren noch eine zahlreiche Familie – jetzt lebt nur sie und das kleine Mädchen noch allein. Auf jedem Kreuzchen in den Blumenscherben steht der Name eines der Gestorbenen. Die alte Frau kann nicht mehr hinausgehen, durch die weite Stadt, zu dem Kirchhofe vor dem Tore, sie hat sich einen kleinen Kirchhof in ihrem Fenster angelegt. Das große Gesangbuch liegt auf dem kleinen Tischchen vor ihr, die alte Katze schnurrt zur Seite der Enkelin, welche mit leiser Stimme ein Schullied singt. Bratäpfel tanzen singend im Ofen, und von Zeit zu Zeit sucht einer das Weite und rollt hinab auf den Fußboden und hin über den weißen Sand. Das ist jedesmal ein großes Ereignis, in dem kleinen Zimmer. Das Kind springt lachend dem Flüchtling nach, der Kater macht schnurrend einen Buckel, die Großmutter aber hält mit ihrer Arbeit ein und schiebt die Brille auf die Stirn. Ist das nicht wie ein Blick in ein Märchen? Wir –« »Wir sind aber nicht in dem kleinen Stübchen bei der Großmutter und dem Kinde, der Katze und den Bratäpfeln geblieben!« fiel hier die Balldame der Bäuerin ins Wort. »Wir sind endlich hinaus gelangt in die große Welt, hinaus auf den Weihnachtsmarkt. Ei, das war etwas anderes! Da waren Lichter und Glanz, da war Leben, Hunderttausende von Menschen! Ich bin für die große Welt geboren, ich trage Krinoline. Deshalb bekam ich auch meinen Platz ganz vorn; den besten Platz, von welchem aus ich das ganze Getümmel überschauen konnte. Wie die Leute mich anstarrten! Ei, meine schönen, weißen Schultern gefielen ihnen. Ich saß in dem ersten Rang, und der Käufer kam bald genug, eigentlich viel zu früh für mich; ich wäre gern noch an meinem Platz geblieben; ich bin für die große Welt geboren.« Ein gewaltiger Seufzer Weitenwebers unterbrach hier die Sprecherin. Mein Freund hatte seine Brieftafel hervorgezogen und notierte sehr eifrig die Rede der Balldame, wobei die Zigarre sich in seinem linken Mundwinkel taktmäßig auf und ab bewegte. »Ach, wer doch auch für die große Welt geboren wäre!« ließ sich jetzt eine Stimme vernehmen, welche aus der Tiefe, grabesähnlich, hervorkam. Unsere kleine Elfe schaute von ihrem Zweige verwundert nieder, und ebenso taten alle Puppen und Püppchen; nur der Staatsbürger erster Klasse rührte sich nicht. Auch ich sah mich nach dem Sprechenden um, mein Freund Weitenweber aber entdeckte ihn zuerst. Stöhnend klappte er seine lange Gestalt zusammen, bildete aus seinen unendlichen Beinen zwei spitze Winkel, legte die Hände auf die Knie und blickte ernsthaft und schweigend auf einen seltsamen schwarzen Burschen, welcher wehmütig und vergessen unten am Stamm der Weihnachtstanne stand. Er schien aus getrockneten Pflaumen zusammengesetzt zu sein, der Kopf bestand aus schlecht bemaltem Ton, die Haare glichen einem Büschel Schweinsborsten. Er hatte eine Art Besen in der Rechten, und mit der Linken setzte er eben eine Leiter an den Stamm der Weihnachtstanne, um daran hinaufzuklettern in die grünen, geschmückten Zweige. »Seht mal den! Seht mal den! O welch eine Nase! O welche Augen! O welches Haar! Seht seine Beine!« erklang es von allen Ästen. – «Laßt ihn!« rief die Elfe, ihren Stab ausstreckend. – »Er wird meine Robe beschmutzen,« sagte die Balldame, ängstlich hin und her trippelnd. – »Werft ihn hinunter; er riecht so übel!« riefen die Marzipane, und der Lebkuchenmann wachte plötzlich auf aus seiner Erstarrung und schnarrte: »Schlagt ihn auf den Kopf, schlagt ihn auf den Kopf! Was will der Proletarier hier oben?« »Kehren, kehren, kehren!« rief der schwarze Pflaumenbursche unten und faßte die ersten grünen Zweige und schwang triumphierend seinen Besen. Alles rettete sich vor ihm so hoch als möglich hinauf, und nur die kleine Bäuerin blieb auf ihrem Platze. »Sie fürchten sich vor mir; sie wollen nichts von mir wissen; – ich will kehren, kehren, kehren!« sagte der schwarze Mann; aber die Elfe flatterte zu ihm hin, faßte mit ihren weißen Händchen seine drohend aufgehobene Pfote und sang: »Laß sie, laß sie! Störe die heilige Nacht nicht! Es sind Freunde hier, erzähle deine Geschichte!« Der schwarze Bursche kauerte demütig nieder auf dem Zweige, welchen er erreicht hatte, und begann: »Aus einer dunkeln, feuchten Kellerwohnung komme ich; am hellsten Tage fällt kein Sonnenstrahl hinein. Im Sommer läuft das Wasser in Tropfen von den schwarzen Wänden, und im Winter überziehen sich dieselben mit weißem Reiffrost. Da bin ich geboren. Als ich meine Geburtsstätte verließ, lag auf dem Strohlager im Winkel unter einem Stück grober Sackleinwand eine Leiche, und viele, viele hungrige Kinder kauerten verschüchtert umher. Am Tisch saß ein starker, kräftiger, aber bleicher und hohlwangiger Mann beim Schimmer einer elenden Lampe. Die Hand, die einen Stier niedergeschlagen hätte, bog den Draht, reihte die welken, schmutzigen Früchte auf, welche meine Glieder bilden. – In dem Schneewind da draußen, in der kalten Winternacht, auf den eisigen Steinen sitzt ein armes kleines Kind, und vor ihm stehen meine Brüder in Reih und Glied aufmarschiert. O kauft sie, kauft sie! Sie kosten nicht viel! Ihr seid barmherzig, ihr scheut nicht das Ausgeben des Geldes, nur das Stehenbleiben und Suchen nach Geld scheut ihr. O kauft meine Brüder! Die Hand, die nach den Kupferpfennigen greift, ist bald wieder gewärmt; der Schnee, welchen der Nordwind über die Stadt treibt, ist schneidend; meine Brüder frieren, und das kleine Kind hat weder Schuh noch Strümpfe in der Winternacht.« – »Die bewaffnete Macht werde ich aufrufen!« schrie der Honigkuchenmann. – »Angetreten!« rief eine dünne Stimme. »Schultert 's Gewehr! Marsch! Marsch!« und die Bleisoldaten rückten klirrend heran. Aber die Elfe berührte den süßen Kerl mit ihrem Stabe, und er mußte sich zufrieden geben, auch die Bleisoldaten hielten es für angemessen, sich still in ihrer Schachtel in den Hinterhalt zu legen. Weitenweber aber kratzte sich hinter dem Ohre und schnitt Gesichter wie ein Besessener. »Christ ist geboren! Christ ist geboren!« rief die Elfe. »Hört ihr die Glocken in der stillen Nacht? Christ ist geboren! Christ ist geboren! Hört ihr die Stimmen im Himmel, die Stimmen auf Erden? Christ ist geboren! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« – » Et nunc et semper et in saecula saeculorum !« sang Weitenweber mit heiserer Stimme. »Wenn es nur schon so wäre!« »Christ ist geboren! Christ ist geboren!« rief die Elfe aufs neue und erhob den Stab. Das Reich der Puppen war blitzschnell in die Dunkelheit, in das Nichts zurückgesunken. Graue Wolken umgaben uns, und wir wurden von ihnen getragen, und die Elfe schwebte in unserer Mitte. Ihre Gestalt ward größer und größer, ihre kindlichen Züge wurden ernst, behielten aber ihre unsägliche Schönheit. – Ein feierlicher Gesang, Orgelklänge und Glockengeläute ertönten leise, leise unter unsern Füßen und wie aus weiter Ferne. – »Wir schweben über der Weihnachtserde, aber wir sehen sie nicht. Das einzelne ist vergangen!« sagte mein Geist, in dem mehr steckte, als ich bei seinem Einkauf vermutete. »Horcht, die katholische Kirche!« » A solis ortus cardine Ad usque terrae limitem Christum canamus principem Nazm Maria virgine « erklang es, jetzt anschwellend, jetzt verhallend, wie aus Hunderttausenden von Kirchen nah und fern. – »Horcht, die protestantische Kirche!« rief die Elfe, und näher, voller, kräftiger brauste es auf: »Vom Himmel hoch da komm' ich her, Ich bring' euch gute neue Mär, Der guten Mär bring' ich so viel, Davon ich singen und sagen will!« »Christ ist geboren! Christ ist geboren!« sang die Elfe. »Der Morgen kommt, der Morgen kommt! Seht da!« – Aus dem Nebelmeer unter uns tauchte es auf: Türme, Kuppeln, Dächer, weißbeschneit, erschienen. Lichter blitzten hier und dort. Die Orgelklänge, der Gesang verhallte, aber ein dumpfes, unbestimmbares Rauschen drang zu uns empor. Ein trübes Chaos lag die große Stadt zu unsern Füßen, überdeckt von dem dunkel wallenden Wolkenschleier. »Der Morgen kommt, der Morgen kommt! Friede allen Betrübten, allen Bekümmerten!« sang die Elfe. – »Seht, die Krähen flattern um die Kirchtürme! Horcht, die Gassen rufen mich! Dort kommt das Licht!« – Ein roter Schein zuckte im Osten empor. »Ich scheide, ich scheide!« rief die Elfe. »Gruß dem Christmorgen!« – Sie zog den weißen Wolkenschleier, der sie umgab, über ihrem Haupt zusammen, die Umrisse ihrer Gestalt wurden unbestimmter, – sie war verschwunden. »Weitenweber!« schrie ich entsetzt. Die Wolken, welche mich bis jetzt getragen hatten, wichen unter meinen Füßen, kopfüber schoß ich pfeilschnell herab auf das Häusermeer, gerade auf eine fatale Kirchturmspitze zu – schrille, scheußliche Stimmen schlugen an mein Ohr. »Weitenweber!« schrie ich. »Hilfe!« – Die Krähen um den Turm der Marienkirche fuhren krächzend auseinander, ich schlug nieder auf die Spitze der Wetterfahne und erwachte. Tiefe Dunkelheit umgab mich, nichts rührte sich. Ich tastete mit zitternder Hand umher und fand, daß ich auf dem Fußboden saß. Hinter mir hatte ich die Lehne meines umgefallenen Stuhles. Eine geraume Zeit hindurch starrte ich verblüfft in die Nacht, bis sich allmählich meine fünf Sinne wieder zusammenfanden. Ein glühender Punkt in der Dunkelheit zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein tiefer Seufzer ließ sich vernehmen. »Weitenweber!« rief ich. Der glühende Punkt bewegte sich ein wenig. – »Was gibt's?« fragte die grabesähnliche Stimme meines Freundes. – »Was ist aus der Lampe geworden?« – »Ausgegangen vor einer Stunde.« »Weitenweber!« – »Nun?« – »Ich glaube, ich bin mit dem Stuhl umgefallen!« – »Scheint so.« – – »Ach – Weitenweber!« – »Bist du nicht bald fertig?« – »Ich habe einen seltsamen Traum gehabt.« – »So? Freut mich ungemein! Es mag schönes Zeug gewesen sein! Daß du dich nicht unterstehst, ihn zu Papier zu bringen; – hast dem Chamäleon gerade genug Abonnenten verjagt! Der Stoff ist zu Ende – o!« Ich erhob mich taumelnd und renkte meine Glieder ein wenig wieder ein. Dann gelang es mir, nach Überwindung mancher Schwierigkeiten, Licht anzuzünden. Wahrhaftig, ich befand mich in meinem Zimmer, und an meinem langen Freund war durchaus keine Veränderung zu bemerken. Berge von Zigarrenasche und Wolken von Zigarrendampf umgaben ihn; übrigens steckten seine Hände noch immer in den Hosentaschen, streckten sich seine Beine noch immer so weit als möglich in die Unendlichkeit hinaus. Sein Hut stand noch immer unter seinem Stuhl. – Ich kann es nicht leugnen, der Blick, welchen ich auf die Puppe neben der leeren Punschbowle warf, war etwas scheu und mißtrauisch. – Ich seufzte, Weitenweber seufzte. – Schöne Damen, bittet für uns! – Lorenz Scheibenhart Ein Lebensbild aus wüster Zeit Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Amen! Nun hab' ich begonnen mit Hilfe dessen, der mich bis hieher geleitet und geführet hat dieses hohe Alter durch so viel Schrecknisse und in Fährlichkeiten, wie sie wohl selten einem Menschenkind auferlegt werden, und sitz' nun schon viel Jahr' lang fest in diesem alten Lehnstuhl und höre die Uhr hinter mir picken und ticken, immer dem dunklen Grab zu. So will ich denn, dieweilen der Kopf noch klar und die Hand noch zu brauchen ist, meine Schreiberskunst wieder hervorsuchen und ungefüge niedersetzen, was ich in der Erinnerung behalten hab' aus dem konfusen Chaos, der Wüstenei meines Lebens. Brauch' mich nicht umzuschauen nach der Uhr hinter mir, um die Tageszeit zu wissen: die helle Sonn' trifft ja mein altes Gewaffen, was ich aufgehängt habe an der Wand neben mir; da wird es bald vier auf dem Kirchturm schlagen, und es hat ein Recht dazu, denn schon schallt aus der Neckenschenke die Sonntagsmusika und das Gejauchz des Sonntagstanzes bis in mein Stüblein herüber, und dort über die Wiese streicht ein selbstvergessen verliebt Pärchen dem Frauenholz zu. Nun kann ich wieder einmal das Haupt auf die Hand stützen und wegschauen über mein holländisch Papier und den Tisch und durch das Fenster, und an der Feder kauen, und hineingucken in den blauen Himmel. 's ist doch etwas gar Schönes um die Jugendzeit, wenn man nicht zu fürchten braucht, daß im nächsten Augenblick die Holckeschen Reiter aus den grünen Sträuchern vorsprengen oder eine streifende Schwedenschar einem den Weg verlegt! »Versäumet die Maienblumen nicht!« saget der weise König Salomo. Gott gesegne dir deine Zeit, du junges Geschlecht, du, welches die aufgehende Sonne siehest und nicht bei niederfallender Nacht in die Welt gekommen bist. Ja, ja, alles hat seine Zeit: Pflanzen und Ausrotten, Heilen und Würgen, Bauen und Brechen, Lieben und Hassen, Friede und Streit – und uns ist das letztere vor allem zugefallen – Gottes Wille geschehe! Ich bin geboren in der alten Stadt Braunschweig, an der langen Brücke, wo der Wipperturm stehet, am siebenten Aprilis, Montags nach Judica, im Jahre eintausend fünfhundert und fünf und neunzig, und war das schier ein betrüblich' Omen, denn an selbigem Tage hub sich ein heftiges Schneien an, das währete Tag und Nacht, immer zu, immer zu, daß die Menschen in ihren Häusern verschüttet wurden, das Wild in den Wäldern und Gehölzen erstickte und die Vögel den Leuten in die Häuser flogen. Das dauerte bis Palmarum, da ging dieser große unerhörte Schnee durch Gottes Schickung weg ohne Regen und zog der Frühling ein, wie der Herr Jesus Christus am Palmsonntag in das jauchzende Jerusalem. Lag ich in einer gar behaglichen Wieg', denn ich war das einzige Söhnlein und Goldkind, und hatte mein Herr Vater eine besuchte Baderstube und gute Nahrung und galt viel in der Bürgerversammlung. Da wuchs ich fröhlich und gedeihlich auf und lernte laufen und sprechen, und die Buchstaben lehrte mich mein fromm Mütterlein. Es war damals ein guter Flor in den Städten – der jetzt weggefegt und weggewischt ist durch die grausamen Kriege, als wäre er nie dagewesen – und Handel und Wandel, Üppigkeit und Pracht herrschten hinter den hohen Wällen und Mauern, von welchen die gewaltigen Geschütze grimmig in die Welt hinausschaueten, als wollten sie sagen: Trutz Fürst, trutz Kaiser! Hinter uns das Geld, hinter uns die Macht! Aber es saß auch meistens ein böser Wurm in all der Herrlichkeit: die Geschlechter im Rat drückten den gemeinen Mann, die Zünfte waren unzufrieden, und die Geistlichkeit, herrschsüchtig vor allen, schürte bei jedem Hader und Streit innerhalb der Ringmauern die Flamme und goß Öl ins Feuer – das war das Allerschlimmste! So war es auch in Braunschweig, und in dem Sturm, welcher das Gemeinwesen bis zum tiefsten Grund erschütterte, ging es auch mit meinem ruhigen Vaterhaus zu einem betrübten Ende, als ich kaum die ersten Höslein aufgetragen hatte. War mein Vater, der Bader Martin Scheibenhart, ein sinnierender Mann, hager, gelb von Gesicht, mit zusammengewachsenen Augenbrauen und schmalen Lippen. Das Haupt trug er stets zur Erd' gesenkt, als suche er etwas Verlorenes. Freilich er suchte auch ein verlorenes Hohes, Herrliches – die verschwundene, teure, deutsche Bürgerfreiheit, und ist es ihm auch wie allen denen gegangen, die es je wagten, Leib und Seele, Gut und Blut an etwas zu setzen, was ihrer Zeit, den kleinen Menschlein ihrer Zeit zu hoch war. Das Grab hat er gefunden, der Tod durch Henkers Hand ist sein Teil gewesen. Gott gebe ihm eine fröhliche Auferstehung und führe ihn droben zu den Geistern, zu denen er gehört! Es war dazumalen eine seltsame Zeit für die Stadt. Sie war reich, überreich, und doch fühlten sich die Leut' nicht sicher, nicht behäbig in ihrem Flor und ihrer Herrlichkeit. Von Wolfenbüttel aus drohete der Herzog, und oftmalen ritten seine Knechte mit den Reitern der Stadt zusammen, und das Lechelnholz hat manchen freudigen Reitersmann vom Roß sinken sehen in den blutigen Tod. In der Stadt selbst aber war es gar unheimlich; es wurde viel gemunkelt von heimlichen Bünden und Verschwörungen wider den Rat; es hieß, eine andere Lilienvente sei wieder auferstanden, diesmal aber gegen die Geschlechter und nicht gegen den äußern Feind. Die Hauptleute der Zünfte hielten heimliche nächtliche Versammlungen und hatten großen Anhang, und manch schnöd' Wort und Werk warfen sie dem Rat entgegen, und blieb alles hängen wie Kletten in der Peruck'. – In dem Hinterstübchen unsers Hauses, das im Sommer die Bohnenblüte fast ganz verhing, saßen sie oft genug, die wackern Männer, senkten die Köpfe über alte Pergamente und Papiere und forscheten, wie es in alten Zeiten gehalten worden sei, und berieten in dunkler Nacht, während mein' Mutter Wacht im Vorderhaus hielt, der Gemeinde Wohl gegen die Pfaffen und den Rat. Aber am siebzehnten September 1604 ist das Gericht der Gewalthaber angegangen; auf dem Hagenmarkt, da haben sie den Braband gevierteilt; »wie einen Salmenfisch« – da hat der Stadt Todschuld gen Himmel gestunken, und die Junker und die Pfaffheit haben ihre Rache gesättigt und sind nach ihres Herzens Lust durch das Blut der Volksmänner gewatet. Meines Vaters Haupt ist mit vom Gerüst gerollt, und meine Mutter und ich sind bei Straf' des Staupbesens aus der Stadt gewiesen, auf Nimmerwiedersehen. Unser Gut aber ward konfiszieret, und am zehnten November desselbigen Jahres der Ungnade geleiteten zween Ratsdiener mein weinend Mütterlein und mich, einen neunjährigen Bub, aus dem Ägidientor bis an der Stadt Grenzpfahl, gaben meiner Mutter einen Laib schwarzen Brotes, mir einen gewaltigen Backenstreich zur Erinnerung und ließen uns allein in dem Regen- und Schneewetter, welches der Wind von den fernen Harzbergen hertrieb. Heulend über die böse Behandlung der rohen Ratsknechte zog ich fort an der Hand meiner Mutter, die unter dem andern Arm ihr kleines Bündel trug, dem Blocksberge entgegen, den ich so oft von meines Vaterhauses Bodenluke angeschauet und angestaunt hatte. Der Wind ging scharf über die Stoppeln und ein Zug schreiender Krähen flog über uns, ebenfalls dem Süden zu; aber schneller als wir, die wir auf dem grundlosen Wege fast stecken blieben, kamen sie vom Fleck. Mein' Mutter wollt' und mußt' aber vor Dunkelwerden Wolfenbüttel noch erreichen, tröstete mich so gut es anging, und bald hatten wir auch das Lechelnholz und die Spitze des Schloßturms der fürstlichen Residenz und Festung vor uns. Letztere ward uns jedoch von Zeit zu Zeit durch eine schwarze Rauchwolke verdeckt, die gern zum Himmel aufgestiegen wäre, wenn sie nicht der Sturmwind Gottes immer wieder zur Erde und uns gerade entgegengepeitscht hätte. Meiner Mutter Augen wurden trocken bei dem Anblick dieses Qualmes, sie zog mich fester an sich und die Krähenscharen über uns mehrten sich und wurden lebendig und lustiger, je näher wir dem Rauch kamen. »Sie brennen wacker heut wieder!« sagte ein Bauer, der uns begegnete. »Hilfe Gottes, wo kommen die Unhulden und Hexen all zutage!« Jetzt trug uns der Wind von Zeit zu Zeit einen Gesang entgegen, dann wieder einen abgerissenen Trommelwirbel – nun stiegen wir den Hügel hinan, dicht an der Erde her ward uns der stinkende Qualm entgegengetrieben, daß wir uns umdrehen mußten, um Atem zu schöpfen. Jetzt hatten wir die Höhe des Weges erreicht – ich schrie auf, barg das Gesicht in der Schürze meiner Mutter, schauete wieder hin und barg wiederum das Gesicht! Bin nach der Schlacht von Lützen todwund auf dem Felde gelegen gewesen, zehn Schritte von dem toten Schwedenkönig Gustavus Adolfus, inmitten von viel Tausend toten und wunden Menschen. In dieser bösen Nacht kam dieses Schauergesicht meiner Jugend mir wieder in den Sinn, und die Schrecknisse um mich her verblaßten davor, und kunnt' ich nachher im Wundfieber einschlafen. Eilenden Schrittes, ohne sich umzusehen, zog mich meine Mutter vorüber an der Hexenbrandstätte, mitten durch die mit wilden Gesichtern, starren Augen, offenen Mäulern gaffende Menge, mitten durch die singenden Pfaffen, die Reiter, die wehende Asche und das Geheul der Menschenfackeln. Ich hörte wie der Mutter Zähne zusammenklapperten und wie sie das Vaterunser verkehrt und durcheinander hermurmelte. Als wir durch die Menge waren, fassete sie mich plötzlich auf den Arm, stieß einen Schrei aus und lief mit mir, so schnell sie es vermochte, hügelab, den Weg hinunter der Stadt im Tal zu. Diese Stadt, die sich da ganz stattlich ausdehnte, war die Residenz seiner Fürstlichen Gnaden des Herzogs Heinrich Julius, die Festung Wolfenbüttel, und als wir an das Tor kamen, trat eben ein Zug heraus: vorauf Reiter und Trabanten, dann ein sechsspänniger vergüldeter Wagen, zu dessen Seiten Pagen gingen, und das Volk umher neigete sich, schwenkte die Hüte und rief Vivat. Eine schöne Frau beugte sich vor, und als sie mich und meine Mutter erblickete, winkete und lächelte sie mir zu, und nahm meine Mutter das für ein günstig Vorzeichen. Nun zogen wir durch das dunkele Tor in die Stadt hinein, in welcher meine Mutter einen Unterschlupf zu finden hoffte, denn die geflohenen Volksfreunde und die Witwen und Waisen der Hingemordeten wurden dazumal gut genug empfangen von den Herzoglichen, sintemalen der Rat zu Braunschweig das Bluturteil dahin ausgesprochen hatte, die Gerichteten hätten dem Fürsten die Stadt überliefern wollen. War aber nichts daran; aber nichts in der Welt gehet über einen guten Grund! Nun lebte damals in der Heinrichsstadt ein alter Herr, bei welchem mein seliger Vater einst wohl gelitten war; hieß mit Namen Franz Algermann und war des großen Celleschen Superintendenten Urbani Rhegii Enkel und den Braunschweigern spinnfeind. An diesen war meine Mutter heimlich von guten Freunden gewiesen, und haben wir auch einen echten Samaritaner an dem alten Landesfiskal gefunden, der uns viel Wochen lang atzete und beherbergte und zuletzt meiner Mutter einen guten Dienst bei der Herzogin Elisabeth verschaffte. Ich aber ward auf die Schul getan, wo ich viel tolle Streiche trieb, jedoch des Lateins ein wenig lernte, und als im Jahr 1605 der große Zug der Fürstlichen gen Braunschweig abging, und der Überfall des Agidientors geschah, wobei die Bürger so gut schlugen und Herr Jürgen von der Schulenburg die Stadt rettete; da lief die Schul' und ich mit bis ans Lechelnholz und horcheten dem Geschützdonner. Ward aber ein groß Lamento, als uns der Magister Rollwedel da fand und uns weidlich zurück ins Loch prügelte. War jedoch ein noch größer Lamento in Wolfenbüttel, als die Kriegerscharen zurückkehrten mit blutigen Köpfen. Zwölfhundert von ihnen lagen erschlagen und zweihundert waren gefangen und die mächtige Belagerung, die dann anging, half auch nichts gegen die Bürgermacht und den eisernen Sinn und Arm der Städter. Im Jahr 1610 übertrug ich des Virgilius zweites Buch von der Zerstörung Trojas in teutsche Verse und ward wacker ausgelacht, aber Herr Franciscus Algermann schüttelte bedachtsam sein Haupt, fassete mich bei der Schulter und schob mich in sein Studierzimmer. Da drückete er mich auf einen Sessel an seinem großen, grünen Schreibtisch und sagete: »Bürschlein, jetzt ist's Zeit, etwas anderes anzufangen, schreibst eine gute Hand, nun schreib hier. –« Da wies er mir Papier, Tint' und Feder und mußt ich eine Relation über einen höhnischen Streich der Fürstlichen gegen die Bürger von Braunschweig abschreiben. Hatten sie nämlich der Stadt zum Tort ihr einen Schlagbaum vor dem Michaelistor am hellen lichten Tag vor der Nase und unter dem Geschütz weggenommen, ihn nach Wolfenbüttel geführet, einen Arm über dem Teiche am Dammtor daraus gemacht und einen Korb daran gehänget, in welchem man die Gartendiebe zu taufen pfleget. Weidlich rieb sich Herr Algermann die Händ', als ich ihm die Reinschrift vorlegte und war damit mein Schulleben zu Ende gekommen, und ich aus einem wilden Schulbub ein sittsamer Schreiber geworden bei meinem Wohltäter und Ernährer. Da hab' ich in der großen, kühlen Stub' auf der Fürstlichen Kanzlei manch schönen Sommertag verkritzelt und sehnsüchtig nach dem blauen Himmel da draußen gestarrt; aber es war nicht anders, ich mußt mich drein schicken. Hei, was war der alte Algermann ein seltsam Männlein! Heut noch seh' ich ihn da sitzen zwischen seinen Haufen von Pergamenten und Papieren und actis , die große, zerbissene Schwanenfeder in der Hand, ein silbern Krügelein voll Bier zu seiner Linken! Wie greinte und grinste er selig, wenn ein lustig Stücklein gegen die »Stadt« ausgeführet war, oder er eine bissige Epistel loslassen konnte gegen sie. »Wartet, ihr städtischen Füchse – ihr Gottesschinder – euch wollen wir ausschmauchen! –« Drehete sich aber die Sache, kamen die Bürger oben auf und kriegten das Heft in die Hand, dann hättet ihr die Wut des Mannes sehen sollen. Wie schlug er auf den Tisch! wie zerstampfte er giftig die Feder, daß die Tinte umherspritzte! »Das ist wieder eine feiste Lüge! – Reineckenkünste! – Große stinkende Landlüge! – Höllenbrut! – Judasnest! – Das nenn' ich macchiavellisch!« hieß es dann, und stundenlang grollt' und donnerte es wie ein grausamlich Gewitter, daß dem Rat zu Braunschweig wahrlich das rechte Ohr gellen mußt', ob der Verwünschungen, zwei Meilen Weges ab. Hab' da mancherlei zu hören gekriegt, was in keinem Buche stehet! Im folgenden Jahre 1611 fiel etwas auf mich, wovon ich bis dahin auch nichts geträumet hatte: das wurde mir der rechte laqueo aegritudinis , der wahrhafte Kummerstrick für mein ganz Leben! Ach Susanna, Susanna Rodin! Da war vor dem Neuentor eine Schenke »zum springenden Roß« und ein Garten, wo die lustigen Gesellen und des Herzogs Soldknechte Kegel schoben und Bier tranken, an den Feiertagen und an den Werkeltagen. Ging ein hölzern Gitter um Gärtlein und Haus, und zur Rechten führte die Heerstraße daran vorbei, über den Damm, den Graben und über die Zugbrücken in das Neuetor. Zwei Linden beschatteten das Haus zum springenden Roß und viel schattig Gebüsch wuchs hie und da im Gärtlein und lustige Bänke und Tische waren aufgestellt. Da sangen und jauchzten die Trinker und Spieler, da rollten die Kugeln über den Boden, und von Zeit zu Zeit schaute Jungfer Susanna, des Wirts Walter Roden Töchterlein, hinter dem Weinstock vor, der ihr Fenster verspann. Und Jungfrau Susanna war der holde Schatz, den ich mir zu meinem Weh und kommender großer Not auserwählt hatte! – Wird mir heute noch ganz seltsam zumute, wenn ich an die Stund' gedenk', wo ich ihr zum erstenmal den blauen Steinkrug mit dem weißen Roß reicht' und sagte: »Mit Verlaub, Jungfrau Susanna, wollt' Ihr wohl nicht so gut sein, mit Euren roten Lippen mir vorzukosten? Euere Äuglein haben mich schier verblendet. Ihr tätet mir wahrlich einen großen Gefallen, wenn Eure Lippen dieses Kruges Rand berühren wollten. Gesegne's Euch Gott!« Da trat der alte Wachtmeister Randolf lachend herzu, schlug mich auf die Schulter, daß ich fast in die Knie sank und sagte: »Ei, Schwarzröcklein, hat's auch getroffen? hat's eingeschlagen? 's ist wahr, Jungfer Susann', Eure schwarzen Augen sind gefährliche Dinger! Seine Fürstlichen Gnaden sollten Euch auf einen Wagen setzen lassen und mit sich führen gen Braunschweig, da wollten wir das großmäulige Bürgergesindel bald ausräuchern. Jungfrau Susann', Eure Äuglein könnten die grausam dunkeln Gewölb' im Krokodilenberg warm und hell leuchten. Sie brennen Lederkoller durch und Eisenküraß!« Lange Zeit war ich um die schöne Maid herumgeschlichen, wie der Kater um den heißen Brei, war wohl eine böse Stund', in welcher mir erlaubt wurde – weiß nit von wem; war kein menschlich Wesen! – sie anzureden und ihr den Krug zu bieten, denn viel Jammer hat es mir nachher gebracht, und haben all die Kriegsjahre die Erinnerung an ihre Untreue und an ihren Tod nicht in mir verwischen können. Weiß nicht, wie es kam, aber an die ersten Wörtlein und Blicke, die wir gegeneinander taten, hing sich eine ganze Kette von andern, die von Tag zu Tag, von Woche zu Woche immer zutraulicher und heimlicher wurden, bis zuletzt – O Jungfrau Susanna, Jungfrau Susanna, wie habt Ihr an mir gehandelt? ... Auf dem hohen Wall der Dammfestung stehen drei Linden und unter ihnen lag auf einem Gestell das große Geschütz, der »eiserne wilde Mann« genannt. Da haben wir oft an den schönen Frühlings- und Sommerabenden gelehnet und gesessen, Hand in Hand und uns vor dem aufgehenden Mond und den silbernen Sternelein viel süße Heimlichkeiten anvertrauet und uns Treue geschworen, bis an das kühle Grab und drüber hinaus, und die Nachtigall, die in der Linde allnächtlich sang, hat oftmalen geschwiegen, als wolle sie unsern Schwüren horchen. Aber die Nachtigall hätt' auch bald viel anderes erhorchen können, wenn sie nicht einer von des Herzogs Leibpagen erschossen hätt' mit der Armbrust. Als der Herbstwind die Blätter von den Linden riß, da ahnete ich der schönen, losen Jungfrau Untreue schon, und als die ersten weißen Flocken herabfielen, da waren ihre Schwüre verweht und verblasen – da sagte sie mir, daß sie einen andern lieber hätt' als mich. Die schönste Blum' im Garten mein, Die hat der Sturm zerbrochen; Das schönste Wort im Herzen dein, Ist in den Wind gesprochen! O falsche Lieb, o böse Lieb! Was von der Welt noch übrig blieb, Ist eitel Trauer und Grämen! War im Sommer ein Reiter eingeritten in das Neuetor und hatte vorher an der Schenk' zum springenden Roß angehalten und sich einen Trunk reichen lassen aufs Pferd, der hieß mit Namen Levin Sander und war damals ein schmucker Bursch und ein landfahrender Abenteurer, der Dienste nehmen wollt' bei dem Herzog. Ist später aber ein kaiserlicher Rittmeister und berufener Parteigänger worden. Der kriegt die Susanna zu sehen, und der hat mich armen Schreiber ausgestochen. Kunnt' mein schwarz Gewand nicht bestehen vor seinem spanisch geschlitzten Wams und seinem Federhut, und wenn ich auch ein wenig den Horatius lesen konnt', so verstand er doch ausländisch zu parlieren wie ein Welscher – o Jungfer Susanna! Jungfer Susanna! »Laß ab, laß ab, Kind!« sagt' mir mein fromm Mütterlein, die damals auf ihr letztes Schmerzenslager, auf ihr Totenbett zu liegen kam, wenn ich mit Tränen in den Augen und geballten Händen kam, ihr mein Leid zu klagen. »Tröst' dich, tröst' dich! Geh' wie Gold aus dem Feuer! Es mag sich eine andere Treuere finden, es mag sich eine andere Schönere finden.« Sie hatte gut reden: wo ist der Plattner, der gegen einen solchen Schmerz einen Harnisch schlage? – Herr Franciscus Algermann konnt' mir auch keinen Rat geben, und wenn er mir auch Tag und Nacht, um mich zu mir selbst zu bringen, die bittersten Episteln und Proklamationen gegen die Stadt abzuschreiben gab, und ich darauf loskritzelte, daß es mir schwarz und blau vor den Augen wurde, und ich den Schreibkrampf in alle Finger kriegte; so konnte mir das doch nicht den Pfahl aus dem Fleische ziehen. Wie ein Sinnloser, Bitterkeit, Haß, Zorn, Wut im Herzen, rannte ich um die Wälle der Festung und hätte mir fast den Kopf verstoßen mögen an den Bäumen und Mauern, oder mich hinabstürzen mögen in den Wassergraben, um meinem Dasein ein Ende zu machen. In der Neujahrsnacht, als das Jahr nach der Geburt unsers Herrn eintausend sechshundert und zwölf in die Welt eintrat, ist meine Mutter seliglich entschlafen und hinweggeschieden aus diesem Jammertal. Das gab mir zuerst wieder ein wenig Ruhe, und aus der hellen Verzweiflung geriet ich in ein dumpfes, gleichgültiges Hinbrüten; bis ich das Leben wieder ertragen lernt'. Ging ich gegen End' des Januarii trübselig das Haupt gesenkt im tiefen Schnee auf dem Wall des Philippsberges einher und dachte: O wie schad' ist's doch, daß es nicht mehr an der Zeit ist, ein hären Gewand anzutun und hinzuziehen in eine thebaische Wüste und sein Hüttlein zu bauen, fern von den Menschen, bei den Tieren der Wildnis ... Da fingen auf einmal die Glocken in der Stadt dumpf an zu klingen, und auch in allen Dörfern ringsumher läuteten sie. Verwundert horcht' ich auf und fragt' die nächste Wacht, die sich vor dem schneidenden Nordwind in einem Winkel gedrückt, das Feuerrohr an die Brüstung gelehnet und die Hand in den Mantel gewickelt hatte: »Was bedeutet das? Wer ist gestorben? Ist Jungfrau Susanna Rodin tot?« Da sah mich der Mann verwundert an und lachte, dann aber sagte er: »Ihr wisset nicht, weshalb sie läuten? Des römischen Reiches Stuhl ist leer – das sind die Totenglocken des großmächtigen Kaisers Rudolfus des andern –« Es schneiete und die Wolken zogen niedrig über die Erde hin; es war, als wäre die ganze Welt gestorben, als wollte sich der Himmel wie ein Leichentuch darüber hinlegen. Die Tränen stürzten mir plötzlich aus den Augen, ich drehete mich um und eilte schnell davon, damit der Söldner mein bitterlich Weinen nicht sähe. Dann schrieb ich mit Roterde an eine Ausfallstür in der Mauer zwei Verse, die ich hierhersetzen will, sintemal ich vielerlei im Leben vergessen habe, sie aber nicht. Sie lauteten: Was läuten die Glocken im Lande? Der Kaiser ist gestorben! Was läutet mein Herz im Leibe? Die Liebe ist verdorben! Die Glocken dumpf erklingen, Zu Grab sie den Kaiser bringen: O du toter Rudolfus, bitt' – Nimm doch meine Liebe mit! Dieselben Verslein schrieb ich aber auch zwei Stunden später, als ich wieder auf der Kanzlei dem Meister Algermann gegenüber saß, und er mir eine Avisation an den Abt zu Riddagshausen, Ehrn Peter Windruven, in die Feder diktierete. Das gab eine gewaltige Verwunderung, als der alte Franciscus die Schrift in die Händ' bekam. »Söhnlein, Söhnlein?« rief er, zwischen Ärger und Lachen mit der Geschrift hin und her in der Stub' an seinem Krückstock wackelnd, »Söhnlein, das gehet nit mehr! o deliratio ! Das nenn' ich auch nebulam pro Junone amplecti – hei, hei, was würden seine Ehrwürden dazu gesaget haben? Söhnlein, ich sehe es ein, die Schreibstub' paßt nicht mehr für dich – laß dir den Wind draußen um die Nase wehen, schlag' dir das Weibsbild aus dem Kopf – bedenk', ein hölzerner Bock ist immer noch besser als eine silberne Ziege! Ha, ha, ha! Nimm ein ander Blatt Papier – Schad' um den schönen Bogen! Saget der weise Sirach: Wie aus den Kleidern die Motten kommen, also aus den Weibern viel Böses! Ha, ha, ha!« Ich kam dem Gebote nach und brachte die Relation fehlerlos zustande, obgleich ich auch diesmal andere Gedanken dabei hatte, als eigentlich dazu gehörten. »Laß dir den Wind um die Nase wehen!« dachte ich. »Ja, ich will fort! fort! fort! – Ach wenn doch nur erst dieser Winter zu End' war!« Das verdorbene Blatt mit den Reimen faltete ich zusammen und steckte es in die Brusttasche, ohne zu wissen, zu welchem Gebrauch. – Und es regnete und schneiete und fror, und regnete wieder, und die Tage wurden länger und die Sonnenstrahlen wurden wärmer, das Rotbrüstlein, das ich hinter dem Rücken Herrn Algermanns vor dem Fenster unserer Schreibstub' mit Oblaten fütterte, kam immer seltener und blieb zuletzt ganz weg. Auf einmal waren die Büsche grün, blühten die Blumen, sangen die Vögel, war es Frühling worden, ohne daß ich es bemerkt hatte – Ade! Ade! Ade! Am ersten Pfingsttage des Jahres 1612 pflückte ich ein vierblätterig Kleeblatt von meiner Mutter Grab, hing mein Bündel über den Wanderstab und eilte schnell durch die Gassen aus dem Tor. Über den Zaun des Gärtleins zum weißen Roß lehnte höhnisch lachend der böse Geist Levin Sander und summte ein Spottlied auf die Schreiber in den Bart, als ich vorbei schritt: ich hätt' einen Mord an ihm begehen können; aber ich bezähmte mich und schritt so schnell als möglich weiter. Von der Ecke des Holzes schaut' ich nochmalen zurück auf Wolfenbüttel drunten und die weite Gegend. In der Ferne schimmerten die stolzen Türme von Braunschweig – meiner mir verschlossenen Vaterstadt; dort zog sich der Weg herüber, den ich als ein klein Büblein an der Hand meiner weinenden Mutter gekommen war! dort hinter jenem Walle drunten schlief das treue Mutterherz im kühlen Grab! dort ragte der Giebel des Hofgerichts, wo ich so manche Seite beschrieben hatte unter den Augen Herrn Franz Algermanns, des Landesfiskals. Dort auf der Bastion standen die drei Linden, wo – Aus dem Schornstein des »Springenden Rosses« wirbelte ein weißer Rauch in den Himmel. Fast wäre ich zurückgelaufen – da tat ich einen herzhaften Sprung über den Graben, der sich an dem Walde herzieht, – der grüne Schatten hatte mich aufgenommen! Was hatte ich in diesem Sprunge alles hinter mich gelegt? Aufatmend schritt ich meines Weges weiter fort, durch den singenden, klingenden Wald. – Da ist oberhalb Adersheim und Immendorf mitten im Holz ein Springquell, heilsam und gut wider viel Gebrechen. Das Volk nennt ihn den Plunneckenborn. Wer daraus getrunken hat, der muß ein Denkzeichen an den Büschen zurücklassen, sonsten hilft ihm das Wasser nicht, schadet ihm vielmehr; und weil meistens immer arme Leut' dahin kommen und von dem guten Wasser trinken, so hängen alle Büsche und Gesträucher umher voll Lappen, welche sie zurückgelassen haben. An diesen Born kam ich, als sich die Sonne zum Abend neigte, denn ich hatt', mir das Blut durch die Adern zu treiben, manch tollen Kreuz- und Quersprung gemacht. Kein Menschenwesen war rings zu sehen, kein Lüftlein regete sich, nur die Vögel ließen vor dem Schlafengehen noch einmal Gottes Loblied laut und hell erklingen. Da beugte ich mich nieder zu der klaren Flut, schöpfete mit der hohlen Hand und trank; trank als könne das Wasser auch das, woran ich krank war, fortspülen; und zum Angedenken hab' ich da an einem Fliederbusch den großen Bogen Papier mit den Versen, den ich im vorigen Winter in des Herzogs Kanzlei verdorben hatte, aufgehänget! Wie ich mich nun in der grünen Wildnis so allein fand, da überkamen mich wieder viel alte Einsiedelträume und ein Grauen faßte mich bei dem Gedanken, daß ich mir bald ein Nachtlager unter den Menschen suchen müsse, wenn das noch bei Tage geschehen sollte. Schon begannen die Vöglein ihre Nester zu suchen, und düsterer Schatten hüllte den Wald. »Hei,« dachte ich, »ist es denn nötig, daß du dich wieder zwischen vier Wände sperrst? Mach es doch wie die Vögel – die Nacht ist warm – bald wird der Mond aufgehen – da lugt schon der Abendstern hervor – bleib im Wald!« Ich tat einen frischen Sprung, und schlug mich seitab vom Weg tiefer ins Gebüsch, ein weich moosiges Plätzchen zum Lager zu suchen; fing aber doch bald an zu frösteln, als der Nachtwind sich aufhub und in den Blättern rauschte. Nun war's jedoch zu spät, zu den Wohnungen der Menschen zurückzukehren, wenn ich es auch gern getan hätte: der Weg war verloren, dunkler und dunkler ward's, bald war es vollständig Nacht, und der Mond, auf den ich mich vertröstet hatte, blieb auch aus. Er verbarg sich hinter dunklen Wolken, welche den klaren Himmel überzogen. Ich lehnte an einer Buche, ich setzte mich nieder, ich legte mich – ei, das Schreiberleben, das Stubenhocken hatt' mich gewaltig verweichlicht, ich fing an, mich sehr nach einen weichen Bettlein zu sehnen. Da leuchtete plötzlich ein heller Schein in der Ferne zwischen den Baumstämmen auf. »Es ist ein Tückebote, ein Irrwisch!« sagt' ich. Aber die Flamme hüpfte nicht, sie blieb an einem Fleck. »Es ist ein Feuer! Hirten oder Waldhüter werden es angezündet haben!« dachte ich freudig und nahm meinen Weg darauf zu. Die Zweige, die Büsche, die ich auseinanderbog, rauschten – da faßte mich plötzlich eine Hand rauh vor die Brust – »Halt!« Ein schrilles Pfeifen erschallte, Schatten glitten zwischen den Stämmen hervor. Ohne daß ich wußt', wie mir geschah, wurd' ich in den hellen Schein des Feuers gezogen und sah mich von einem schreckhaften Haufen zerlumpter Gesellen und häßlicher Weiber umgeben. O wie gern wär' ich doch dreitausend Meilen von dieser Stelle entfernt gewesen! Wilde Harzstrolche waren es, welche zum Viehdiebstahl aus den Bergen herübergeschweift waren und an dem Feuer einen gestohlenen Hammel brieten. Sie waren bewaffnet mit Feuerröhren und Messern und sahen mehr aus wie die bösen Teufel, als wie Christenmenschen. Wie schnell sie damit fertig wurden, mein Bündel zu untersuchen. Ach, meine schönen Rößlein-Gülden! Wenn das Herr Franz Algermann geahnet hätt', er hätt' sie mir wahrlich nicht gegeben. Selbst der große Juliuslöser, den ich zwischen Hemd und Wams trug, entging ihnen nicht. Meinen Mantel hing der gute Freund um, der mich zuerst gepackt hatte, mein Barett setzte der Hauptmann gravitätisch auf. Als sie mir alles genommen hatten, was zu nehmen war, und ich schon Furcht vor dem Kehleabschneiden und Abschlachten hatt', flüsterten sie zusammen; dann nahmen mich zwei in die Mitte und führten mich fort, immer tiefer in den Forst hinein. Stundenlang ging es die Kreuz und Quer; das Waldvolk wußte besser Bescheid zwischen den Baumstämmen als der Schreiber aus der Stadt. Zuletzt blieben sie stehen, ich sah keine Hand vor Augen! Auf einmal gab mir einer von den beiden Dieben einen Stoß mit dem Fuß, daß ich in die Nacht, in den Wald hinein auf den Boden flog, der andere zog mir den linken Schuh aus – beide Gaudiebe schlugen ein hell Gelächter auf, ich hörte sie durch die Büsche rascheln – dann war alles still – ich lag allein im feuchten Grase, fast betäubt und sinnverwirrt von allem, was mir in den letzten drei Stunden geschehen war. – – Der fürtreffliche deutsche Poet, Herr Martinus Opitius singt einmal: Wer Waffen trägt und krieget, Wer in den Ketten lieget, Wer auf dem Meere wallt, Wer ist voll schwerer Sorgen, Der spricht, wann wird es Morgen? Aurora, komm doch bald! Ach, niemand hat jemals die Morgenröt' sehnlicher erwartet als ich! Ich wagte kaum aufzustehen und umherzutasten, aus Furcht, in eine neue Fährnis zu geraten – stundenlang hab' ich wie eine Gans unter einem Baum gestanden, auf einem Bein, den schuhlosen Fuß in die Höhe ziehend! 's ist mir heut noch lächerlich und ärgerlich zugleich! Als endlich der Morgen im Osten dämmerte und der Wald sich mählich lichtete, war ich fast kein Mensch mehr, und der Himmel hat mir niemalen so sehr wie ein Dudelsack geschienen. Den ersten Sonnenstrahl aber begrüßte ich mit einer Herzensfreude sondergleichen: es war mir schier, als schicke der liebe Herrgott einen Engel, mich zu erlösen! Nun schaute ich mich um. Vor mir Wald, hinter mir Wald, zu beiden Seiten Wald! Rechts aber schimmerte ein weißer Streif durch die Bäume; auf ihn schritt ich los und gelangte zu einer Landstraße, auf der ich fortzuhinken beschloß, gleichviel wohin sie mich führen würde. Es war ein sehr schöner Morgen. Wie blitzte der Tau an den Gräserspitzen, wie jubelten die Vögel wieder auf! Nur mir war nicht jubelhaft zu Sinn, nur mir stund das Weinen näher als das Lachen. Da fiel mir plötzlich meines Herrn Vaters Leibspruch ein, und mit heller Stimme rief ich hinaus in den Wald: »Nu helpe us, Sunte Jürgen von Brunsvik!« Und als wenn der heilige Reitersmann meinen Ruf erhöret hätte, erschallte hinter mir Rossestrab, ein Hauf Berittener bog um die Waldecke und kam die Heerstraße herunter auf mich zu. »Wohin des Weges, jung' Gesell?« frug der Führer und ließ sein Roß mir zur Seiten langsamer gehen. Mein verstört' Aussehen mocht' ihm wohl verwunderlich vorkommen. »Drei Federn hatt' ich in der Hand,« antwortete ich keck, »die blies ich fort. Die erste flog nach rechts, die zweite nach links, die dritte flog grad' aus: Der Nase bin ich nachgegangen.« »Gut geantwortet!« rief der Reiter lachend. »Aber den Schuh hast' doch dabei verloren, und Kapp und Mantel hat auch der Teufel geholt. Ist doch ein schlechter Weg gewesen!« »Hei, kümmert's Euch? Saget mir lieber, wohin führet diese Heerstraße?« »Nach der freien Reichsstadt Goslar, Bursch! Willst mit! Haben Auftrag zu werben! Da trink' einmal, stehest nüchtern genug hinein in den hellen Morgen.« Ich nahm das mir dargebotene umsponnene Fläschlein und trank, schüttelte mich und gab es zurück. »Wo kommet ihr her, ihr Herren?« »Haben des Reiches Ehrenhold gen Braunschweig geleitet, 's ist wieder ein Kaiser im Reich, das soll er verkünden. Vivat der Allerdurchlauchtigste, Allergroßmächtigste! – Matthias heißet er! Von da hinten her, wo sich Katz' und Hund gute Nacht sagen!« Das hätte der Reitersmann mir nicht zu sagen brauchen, das hatt' mir Herr Algermann schon lang an den Fingern hergezählt. Aber der Trunk hatte mir wohlgetan und die Welt erschien mir ein wenig rosiger. – »Willst ein Reiter werden?« klang es mir ins Ohr. Hei, wie war alles in Bewegung; die Vögel, die Wolken; ein frischer Hauch ging durch den Wald; ich schauet' auf meinen wunden Fuß, in den ich schon manchen Stein getreten hatte, welcher schon von manchem boshaftigen Dorn blutete. Kein Hof, kein Haus, Kein Weib, kein Kind, Reit die Welt aus, Was Bessers find'! sang der Rittmeister. Die Rosse scharrten. »Gut Löhnung, gut Dienst!« raunte mir einer der Reiter ins Ohr. »Schau' ein schmuck Rößlein!« rief ein anderer und zerrt ein ledig Handpferd mir vor die Nase. »Tut gut für den wunden Fuß!« »He?« lachte ein dritter, »steig auf, Kamerad!« Nach Wolfenbüttel wär' ich um alle Schätze der Welt nicht zurückgekehret. Wie hätten sie mich ausgelachet! Wie hätte der Algermann gefluchet! Wie hätte der Levin den spitzen Bart gestrichen und gespöttelt, wenn ich schuh-, mantel- und kappenlos wieder eingezogen wär'! An den tückischen Levin dachte ich zumeist, da schoß mir ein Gedanke durch die Seele – ha, ihn vor die Klinge kriegen, ihn niederhauen im ehrlichen Gefecht! – Es schwamm mir vor den Augen – der Hauptmann von Goslar zog den rechten Handschuh ab und streckt' mir die Hand vor – ich schlug klatschend ein – Gruß dir, Herr Jürgen von Braunschweig! Ich war ein geworbener Reitersmann der kaiserlichen freien Reichsstadt Goslar! Wie im Traum saß ich auf dem schwarzen Pferd, das mir gegeben war, und lustig erschallte um mich her der Gesang meiner jetzigen Kameraden, wie wir durch den grünen Wald galoppierten. Auf sechs Jahr verpflichtete ich mich der Stadt, ward aber bald reuig, denn mit dem frischen, freien Reitersleben war's nicht weit her. Eine Wacht am Vitus- oder Rosentor war bald getan und einem Judenlärm oder einem Tumult der Bergknappen oder einem Kipper- und Wippertumult wurde schnell abgeholfen durch die flache Klinge. Das war alles nicht viel besser als das Treiben in der Kanzleistube zu Wolfenbüttel. Wäre mein Eid nicht gewesen, ich wär' davon gegangen ohne Valet über Berg und Tal. Auch die Gedanken an die Susann' wurde ich sobald noch nicht los – sie plagten mich im hellsten Sonnenschein und in der dunkelsten Nacht, und oft genug glaubten meine Gesellen, ich sei verrückt geworden! Ich dachte aber dann an die treulose Maid hinter den Bergen. In dem Jahre, in welchem der Funke fiel, der zur größesten Kriegsflamme werden sollt', die je Gottes Erde verwüstet hat, wurd' ich frei und zog aus, mein Glück weiter zu versuchen. Mancherlei hab' ich wohl gefunden; aber das Glück nicht; und die Ruhe nicht eher, als bis mich die Wallensteinsche Kugel bei Lützen in den Sand warf. Da fand ich wenigstens die Ruhe! Heiliger Gott, über wieviel blutige Schlachtfelder, durch wieviel verbrannte Dörfer und wüste Städte bin ich gezogen! Wieviel mal hab' ich die Trompete zum Angriff blasen hören – hie und da, hüben und drüben! Was war aus der »frommen, gottesfürchtigen und geduldigen« deutschen Nation geworden? Wußte doch zuletzt niemand mehr, wofür er das Schwert zog, wofür er ausritt! Jammer und Weh, wie leuchtete, zuckte und schlug es ein, hin und her über der deutschen Erde! Das freie, wilde Leben, das ich mir so sehr gewünscht hatte, ward mir jetzt die Hülle und Fülle; als der Administrator von Halberstadt die Werbetrommel rühren ließ, stieß ich zu seinen Reitern. Auf weißem Roß, den Handschuh der schönen Königstochter von Engelland am Hut, ritt der tolle Christian einher und an der Weser erhielt ich die erste rote Wund', als uns Herr Friedrich Ulrich, der Bruder unsres Führers, zurückjagte mit blutigen Köpfen. Bei Corvey aber platschte der Schimmel durch den gelben Strom. O heiliger Liborius zu Paderborn, was für schöne Goldgülden saßen in deinem Leib! O ihr silbernen zwölf Apostel zu Soest, wie jagten euch die freien Knechte und Reiter des Herzogs durch die durstigen Kehlen! Über den Mainstrom bauten wir eine Brücke von Weinfässern, und zwölftausend zu Roß und siebentausend zu Fuß zogen darüber hin und lachten, daß der Liguist es bei Hanau hören kunnt. Aber der Tilly war Eis, wo der Halberstädter Feuer war. Als wir bei Höchst gegen die Liga ansprengten, rief der Christan: »Elisabeth!« und einen Weibernamen riefen auch meine Seitenmänner; damit gedachten sie die Kaiserlichen zu werfen. Die aber riefen »Jesus Maria!« und standen wie die Mauern. Stromabwärts trieb unsre brennende Brücke; das Fußvolk ging zugrunde wie Grumt vor der Sichel, und nur die Reiterei schwamm todmüde und zerrissen durch den Strom und rettete sich an das andere Ufer. Wie biß der tolle Christian die Zähne zusammen, wie schüttelte er den zerbrochenen Degen gegen das Geschütz Tillys und das spanische Fußvolk Cordovas da drüben! Und für den Spott hatt' er auch nicht zu sorgen; heute noch singen die Westfälinger: Hertog Chrischan von Bronsvik De hadde'n witt Pärd, Dat hadde ne fahle Snuute! Mid'n einen Ooge kunnt et nich seihn, Dat ann'ere was 'ne rein uute. – Den Spaniern aber haben wir's heimgezahlt vor Bergen op Zoom. Da haben wir Reiter den Tag gewonnen und die Welschen niedergeritten, daß sie bei Haufen das Feld deckten, da verlor der Halberstädter den Arm und ich schoß meinen besten Jugendfreund vom Roß, daß ich noch heut mit Jammer daran gedenken muß. Wahrlich, das ist die leidige Not: Ihr möget gegen den Feind anreiten, wo ihr wollt in der Welt, ihr treffet immer gegenüber einen, der euch euren Schwertschlag oder Pistolenschuß mit einem deutschen Fluch zurücke gibt. Mag es sein in Welschland, in Polackien oder im amerikanischen Reich, deutsche Fäuste trommeln überall aufeinander, so weit die Sonne leuchtet, so weit die Nacht dunkel ist. Gott bessere es! Ach, armer Curd Speith, wer hätte das gedacht, als wir zusammen den Ball schlugen, als wir in den Festungsgräben zu Wolfenbüttel umher kletterten, als wir nach den Dohlennestern in die Tortürme stiegen? – – Bei Stadtloo war die Fortun abermalen dem Herzog entgegen; bei Stadtloo hab' ich auch den Levin wieder gesehen, kunnt ihn aber nicht fassen, das Getümmel riß uns auseinander, und als ich suchend ihm nachritt, traf mich eine Kugel; diesmal im Ernst! Dem Levin Sander war ein anderes Los aufbewahret, von meiner Hand sollt' er nicht fallen. Viel Greuel und Sünden sollt' er noch mit in die Grube nehmen! Zu Osnabrück lag ich lange auf den Tod; dann kehrte ich kümmerlich genesen heim durch das blutige, verbrannte Land und zog ein, ein flügellahmer Rabe, in das Tor von Wolfenbüttel. Wie fand ich da alles anders, als ich es verlassen hatt'! Niedergebrannt war das Häuslein vor dem Neuentor, verwüstet das Gärtlein! Wo war die Susann' geblieben? Niemand wußte Antwort darauf zu geben. Herr Franz Algermann, der Landes-Fiskal, schlief lange in seinem kühlen Grab auf dem neuen Kirchhof. In den Straßen ging die Trommel der dänischen Besatzung und auf dem Schloß lag wund und krank, an Leib und Seel' gebrochen, unser einst so freudiger Führer und General, Herr Christian von Halberstadt. Auf dem bösen Krankenlager an der Pest, und nicht in der wilden Reiterschlacht, wie er es sich wohl gedacht hatte, ist er da auch gestorben in seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr. – – Feuer im Westen, Feuer im Osten, Feuer im Süd und im Nord! Deutscher Nation Pracht und Macht, wie ist es über dich hergegangen! Wie wurden die Menschen durch die Rolle gezogen und gepanzerfeget! Wie brauseten die Völker durcheinander, als sei die Zeit des Hunnenkönigs Etzel wiedergekommen, wo auch das Hofgesind' des bösen Feindes losgelassen war über die Welt, sie zu zerstören und zu verwüsten für ihre Sünden und Laster, bis der liebe Gott »Halt!« sagete. Sobald ich es nur vermocht, ergriff ich eine Partisan und trat unter die Verteidiger der Stadt; denn näher und näher zog schon das Ungewitter. Unter den drei Linden über dem Neuentor stund ich auf der Wacht und schaute stundenlang über den Graben nach der Stelle, wo mein Schatz gehauset hatte. Da hätt' ich Ursach' gehabt, wieder ein Liedlein zu singen und ein schier traurigeres, als das bei meinem Abzug; aber die Lust zum Singen war mir lange vergangen. Wo das Haus zum »Springenden Roß« gestanden hatte, war itzt eine schwarze Brandstätte. Nicht mehr saßen die lustigen Gesellen im Schatten der Bäume und tranken und sangen, nicht mehr blüheten die Rosen am Gitter. Die Bäume waren niedergehauen und die kurzen Stumpfer guckten gar trübselig aus dem zerstörten Boden, die Rosenbüsche waren ausgerissen oder niedergetreten – es war eine Wüstenei im kleinen, wie die Welt eine Wüstenei im großen war. – Immer näher wälzten sich die Wetter, die der Stadt droheten. Am 29. November 1627 half ich, den »eisernen wilden Mann« auf die Lafett legen, und im Dezember zog der Schrammhans zur Belagerung heran. Dem großen Haufen voraus streifte sengend und brennend das blutdürstige, heidnische Kroaten-Gesindel, und wehklagend strömte das Volk vom Lande in Scharen zu den Mauern und schleppte mit sich, was es hatt' erretten können. Da hab' ich auch die Susann' wieder zu Gesicht bekommen! ... Jammer, was war aus ihr geworden! Ein bleich verstört, hohlwangig Jammerbild zog sie unter den Flüchtigen einher – ich hatte grad die Wacht am Neuentor. – An der wüsten Brandstätte von ihres Vaters Haus wollt' sie stehen bleiben – sie weinte bitterlich – aber von den Drängenden ward sie weitergeschoben. Ohne mich zu erkennen, schritt sie mit einem Kindelein auf dem Arme an mir vorüber. Ich hätt' blutige Tränen weinen können, und den höhnenden dänischen Soldaten schrie ich wild genug zu, daß sie murrend schwiegen. Schon knatterte von der andern Seite der Festung das Musketenfeuer der nahenden Feinde und der in die Wälle zurückweichenden Streifabteilungen herüber. Man kunnt' im Schneegestöber keine zehn Schritt weit sehen. Da ging die Zugbrücke auf – ein Weh- und Notschrei des draußen gebliebenen Volkes ließ sich hören – wir hatten genug, übergenug in den Mauern! – Vom Philippsberg donnerte schon das schwere Geschütz, rund um die Stadt durch den Schneesturm wirbelten dumpf die Trommeln der Kaiserlichen. – Die Berennung hatte im Ernst begonnen! ... Der Pappenheim wußte wohl mit dem eisernen Besen zu stäupen! Es war mit ihm nicht zu spaßen; viel Zeit zum Atemholen gunnte er nicht. Einst hatt' ich unter den drei Linden auf der Bastion mit meinem falschen Feinslieb flüstern und kosen können, und der wilde Mann hatte nur zugehört; jetzt aber sprach er selbst ein Wörtlein mit – die Zeiten hatten sich weidlich geändert! Was für Gedankenspiele aber wurden wach in meiner Brust, während ich die Lunte aufschlug oder einen gefallenen Kameraden mit hinunter vom Walle tragen half. Stets schwebte das bleiche Frauenbild mir vor den Augen. Wie im Traum tat ich alles, was mir auf meinem Posten oblag, und wie ein Rasender stürzte ich im ersten freien Augenblick in die Stadt hinab, das Schattenbild meines einstigen Herzliebs aufzusuchen. Auf den Stufen der Kirchtür Beatae Mariae Virginis fand ich sie. Da saß sie zusammengekauert im grimmen Winterwetter, ihr zehnjährig Kindlein im Arm, die Lippen zusammengepreßt, jammervoll hinausstarrend in die leere Luft. Da stand ich vor ihr: der Sturmwind hatte mir das Haar zerzaust, das Gesicht war vom Pulverrauch geschwärzt, ich war auch nicht mehr der Schreibersknab von Anno Zwölf! Sie hielt mir mit einem bittenden Blick die Hand hin – wie preßte sich meine Kehle zusammen! Um sie her lag viel anderes armes Volk und die Kirche selbst war voll von Kranken und von Sterbenden. Von Zeit zu Zeit schlug eine Kugel krachend in ein Hausdach oder rollte splitternd über das Pflaster dahin. »Susanna!« brachte ich endlich mühsam hervor. Sie schaute mich wirr und wild an. »Kennst du mich nicht mehr, Susanna?« Sie stieß einen lauten Schrei aus; ihr Mägdlein drückte sich fester an sie an und fing bitterlich an zu weinen, auch mir rollten die dicken Tränen über die Backen. »Hier kannst du nicht bleiben, Susanna!« sagte ich. »Ich will sehen, daß ich dir einen Schutzort auffinde.« »Mein Vater ist tot; er hat mich verflucht: wenn das Wasser pikenhoch über meinen Leib weggegangen ist, die Schmach zu waschen, soll mir vergeben sein; meine Mutter ist tot, wenn mein Kind nicht wär', wär' ich auch längst gestorben und hätt' die Schand' gesühnt; laßt uns hier, Herr! Gehet fort! Gehet fort!« »Ich will dich aber nicht verlassen, Susanna! Fasse Mut, – denk nicht an das Vergangene! Gottes Zornrute schlägt zu schwer die Völker, als daß man Zeit hätte, an sein eigen klein Weh zu denken, – komm du, mein Kind – dein Mütterlein gehet mit – wie heißest du?« »Herzeleid ist sie genannt!« sagte Susanna. »Ist nicht getauft – ist auch ein Tropf in den Eimer!« O Zeiten! Zeiten! Ich hatt' ein klein Kämmerchen bei einem guten Freund, dem ich einst mancherlei zu Nutz getan hatt', dahin bracht' ich meinen verlorenen Schatz, und als die Not aufs höchste stieg in der Stadt, da war es Gottes Fügung, daß ich sie vor dem Hungertod doch zu schützen vermocht'. Sie hatte ein Lied, das hab' ich ihr hinter der Tür abgelauscht – sie sang es oft genug – weiß nicht, woher sie es mitgebracht hatte! Hab' es mein ganz Leben hindurch nicht aus den Ohren und aus dem Sinn verloren. Es ging aber also: An der Landstraß' im Graben, da bin ich gefunden, Zigeunerweib hat auf den Rücken gebunden       Mich armes, verlassenes Kind. Zog mit mir hinaus in die weite Welt, Verhandelte mich an die Pfaffen für Geld,       Schwarzlockig, braunäugiges Kind! Schwarz ist mein Haar, weiß ist mein Leib, Will werden nun ein Soldatenweib,       Ich armes, verlassenes Kind! Mein feiner Gefelle, schaust du auf mich, Wirf schnell den höchsten Wurf für mich       Schwarzlockig, braunäugiges Kind! Sie drängten sich um die Trommel her, Es rollten die Würfel die Kreuz und die Quer.       Ach, armes, verlassenes Kind! Der junge Reiter, den Hut er schwang, Den Amt er um Feinsliebchen schlang,       Schwarzlockig, braunäugiges Kind! Es rief die Trompete, es sank das Gezelt, O du weite, weite, weite Welt!       O du armes, verlassenes Kind! Es war ein betrübt Wesen und war mir schier besser zumute bei der grimmen Arbeit auf den Wällen, als in dem engen Kämmerlein auf der Löwenstraße – und was der Vater in seinem Zorn geflucht hatte, das ließ Gott zur Wahrheit werden. Pikenhoch ist das Wasser über den Leib der Susann' weggegangen – und der Generalfeldmarschall von Pappenheim ist schuld daran gewesen! Als der sah, daß er der Stadt von wegen des Sumpfbodens nicht nah genug kommen kunnt mit seinen Laufgräben, da trieb er das elende Bauernvolk zusammen aus den wüsten Dörfern und den Wäldern und ließ einen Damm ziehen, Braunschweig zu, über den Ockerstrom weg, und dämmte ihn ab und trieb die Wasser mit Gewalt hinein in die Festung, daß der Graf Solms auf dem Schloß das Haar zu raufen begunnt. Der Winter half den Kaiserlichen wacker dabei, das Wasser wuchs ringsum und in der Stadt und stieg und stieg. Bald hob die Flut die toten Körper in den Kirchen, die Erschlagenen und Hungergestorbenen in den Straßen und trieb und wirbelte sie umher zwischen den schwimmenden Balken, Trümmern und Eisschollen in den Gassen und auf den Plätzen. In den Kähnen, auf zusammengebundenen Brettern schwammen die elenden Leut' umher; bald neigten und senkten sich die Häuser und stürzten zusammen; dazwischen donnerte das Geschütz rings von den Höhen um die Stadt – es war ein Grauen, wie in den Tagen der Sündflut. Der eiserne, wilde Mann unter den drei Linden sprang und riß vier von den Konstabeln in Stücken, aber bald genug war ein ander Rohr an seine Stell' geschafft; es galt kein Zaudern! Und wenn ich das Geschütz richtete und wenn ich die Lunt' aufschlug, immer mußt' ich an die Susann' und an das Kind Herzeleid in dem Dachkämmerchen auf der Löwenstraß' gedenken. Oft genug bestieg ich mit zwei wackern Kameraden einen Kahn und ruderte hin, stieg durch ein eingeschlagenes Fenster in das Haus und saß bei ihr und sprach ihr zu, so gut ich es vermochte. Aber es kam bald zu seinem Ende! Schon hatte sich auch dieses Haus geneiget, schon war das Lehmwerk des untern Gestocks vor dem Andrang der Wasser eingegangen, da kam noch eine Kugel und erschütterte das Gebäu in seiner Grundfeste, daß Susann' laut aufschrie und daß ich, der ich gerade bei ihr saß, erschrocken in die Höh' sprang. Da war das Besinnen nicht an der Zeit, die Kameraden trieben das Gefährt mit großer Lebensnot bis dicht an die Hausmauer. Was in dem Gebäude an lebendigen Menschen war, stürzte heran. Wir ließen die Weiber mit Stricken herab und stiegen selbst nach. Das Kind Herzeleid trug ich auf dem Arm, an die Brust festgebunden. Langsam regierten wir das übervolle Schifflein durch die Straßen den Wällen zu, denn die und ihre festen Gewölbe waren derzeit allein noch die einzigen Ort', wo die unglückseligen Menschen Schutz finden konnten. Aber es sollt' uns nicht so sein! Kam eine Kugel aus einem Mörsel geflogen von einer feindlichen Schanz', die zog einen feurigen Schweif hinter sich her und schlug mitten in unser Schifflein – – ein grauslicher Angstschrei! – auseinander riß das menschenvolle Bretterwerk. – »Mein Kind! Mein Kind!« – rief Susanna, sie klammerte sich verzweifelnd an mich und im nächsten Augenblick schlugen die eiskalten Wasser über uns zusammen ... Als ich mich wieder hervorgearbeitet hatte, hing ich mich an das Trümmerwerk eines eingestürzten Hauses und stieg daran herauf ins Trockene. Das Kind Herzeleid hing ohne Besinnung noch an meiner Brust, ich hatt' es nicht losgelassen im Kampf mit den Wassern, von der Susann' und den andern aber war nichts mehr zu sehen. »Das Wasser soll pikenhoch über dich weggehen!« hatte der Vater gesagt. Bald waren unsere nassen Kleider zu Eis gestarrt. »Mein' Mutter! mein' Mutter!« rief das erwachende Mägdelein; aber es klagete bald schwächer und schwächer und ist mir in den Armen vor Kälte und Hunger jammervoll gestorben und in das Himmelreich der Kinder eingegangen, wenn es auch nicht getaufet worden ist ... Am andern Tag, am vierzehnten Dezember, kapitulierte der Gouverneur, da ließ Pappenheim den Damm einreißen, die Wasser liefen schnell genug ab und der Greuel kam zutage, den sie angerichtet hatten. Viel, viel tote Männer und Weiber, Greise und Kinder sind in eine große Gruben geworfen und das Mägdelein Herzeleid hab' ich selbst hinzugelegt; die Susann' aber hab' ich nicht wieder gesehen – weiß nicht, wohin ihr armer Leib getrieben ist – – Gott möge es genug sein lassen und sie aufnehmen in seinem ewigen Reich, Amen! – Was hatte ich nun noch zu schaffen in der Festung? Bin mit den Dänen ausgezogen, aber es war vorbei mit ihnen, sie hatten kein Glück auf deutscher Erd' und sollen es niemalen haben. Als der großmächtige und streitbare Löw' von Mitternacht, Herr Gustavus Adolfus, von Schweden heranzog, des lutherischen Glaubens Schützer, da bin ich ein Reiter im Regiment des Rheingrafen geworden, und bin mitgeritten durch Blut und Flammen bis auf die Ebene von Lützen. Bei Breitenfeld haben wir die glorreichste Schlacht gewonnen; da trugen die Liguisten die weißen Bänder auf den Hüten und Helmen, welche sie beim Magdeburger Sturm geführet hatten; wir aber hatten grüne Zweiglein aufgesteckt zum Zeichen frischer Hoffnung und riefen »Emanuel« und unsere Sach' war besser als die ihre. Als die Flucht der Kaiserlichen anging, hab' ich bis an den dunkeln Abend einen Reiter gejagt, den hielt ich für den Levin. Als ich ihn aber am Boden hatte, sah ich, daß er's nicht war, da hab' ich ihn gelassen. Mit Pauken und Trompeten bin ich in manche schöne Stadt eingezogen und hat mich der Herrgott allezeit in Gnaden beschützet. Bei Nürnberg ward ich Rittmeister durch des Königs Gnad' und bei Lützen ritt ich mit ihm, dem Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg, dem Leibpagen Hans von Hastendorf – der nachher des Königs Tod in Versen besungen hat – und zwei andern, als er das Regiment Stenbock seinen Fußvölkern zu Hilfe führete. Es war wohl gegen ein Uhr Mittages – der Nebel war dichter geworden – als die feindliche Kugel kam, welche dem tapfern Schwedenkönig den linken Arm zerschmetterte. Ich war dicht an seiner Seiten und griff seinem wilden Pferd in die Zügel. In demselben Augenblick aber setzete eine Eskadron von den Florentinischen Kürassieren zum Angriff an, und einer von den Heransprengenden in einer blanken Rüstung schoß sein Handrohr auf den König ab. Ich sah, wie er wankete und fiel – dann aber ging alles im Getümmel der herbeistürzenden Stenbockschen Reiter und im Kampf Mann gegen Mann für mich verloren. Mein Pferd stürzte, unter den Hufen der über mich wegjagenden Rosse verlor ich die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam und mich mühsam halb aufrichtete, um umzuschauen, hatte sich das Gefecht seitwärts gezogen, nur ein einzelner Reiter hielt inmitten der zurückgebliebenen Toten und Wunden und bog sich forschend und suchend nach allen Seiten hin vom Pferd, welches er langsam von einem Leichenhaufen zum andern gehen ließ. Einem schwarzen Schatten gleich bewegte er sich in dem Nebel, in welchem in der Ferne ein blutiger Schein flammte, das brennende Lützen, und welchen das Aufleuchten der Geschütze und des Musketenfeuers hin und her erhellte. Jetzt kam der Reiter meinem Platz näher. Er trug die grüne Binde der Kaiserlichen über der Rüstung, der Helm war halb aufgeschlagen, von der Rechten hing am Faustriemen das gezogene Schwert und ein Pistol hielt er gespannt. – »Teufel!« rief er, als er sich mir näherte. »Wetten möcht' ich, daß ich ihn vom Pferd hab' stürzen sehen – das wär' noch etwas, dem Wallenstein des Schweden Tod melden zu können!« Jetzt bog der Suchende sich über mich. – »Levin Sander!« schrie ich und drückte mit letzter Kraft das neben mir liegende Handrohr auf ihn ab. Wieder hab' ich ihn verfehlt! Der Bösewicht lachte höhnisch, hat mich aber wohl nicht erkannt. Sein Pferd, das ich am Maul verwundet hatte, bäumte sich wütend und riß ihn davon. Wie einen bösen Geist und Dämon sah ich ihn im Pulverqualm und Nebel verschwinden! Ich wollt' den Stahlhantsch, der von den Unsrigen vorüber ritt, anrufen, aber er sah mich nicht, und meine schwache Stimme ging im Lärm der Schlacht, der eben wilder wieder auflohete – die Pappenheimer waren von Halle her auf der Walstatt erschienen – unter. Ich sank aus Erschöpfung durch Wut und Blutverstürzung in eine neue Ohnmacht, und seltsam wog Gott die Geschicke der kämpfenden Heere hin und her, während ich bewußtlos lag. Dreimal siegten, dreimal flohen die Kaiserlichen – als ich wiederum aufwachte, hatten die Schweden das Feld. Es war dunkle Nacht; die Toten lagen wohl still und ruhig, aber jammervoll stieg das Gewimmer und Geschrei der Wunden zum Nachthimmel empor. Mühsam arbeitete ich mich unter der Last meines Pferdes hervor – ich hatte eine Kugel in der linken Seite und mein linkes Bein war gebrochen. Ein brennender Durst plagete mich, aber meine Feldflasche war verloren. Da ich bei meinen stillen Nachbarn keine gefüllte fand, so kroch ich weiter zu einem höhern Haufen von Leichen, hinter dem ich zugleich Schutz vor dem kalt über die Ebene streichenden Nachtwind zu finden hofft'. Eben tastete ich an den Körpern der Gefallenen umher, da fiel ein schwaches verschleiert Mondlicht durch die Wolken. Bei seinem Schein blickt' ich in einer nackten, geplünderten Leiche blutbesudelt Gesicht – Gustavus Adolfus! Gustavus Adolfus! ... So hab' ich denn in der schauervollen Nacht auf der Lützener Walstatt Totenwacht bei dem großen und tapfern Monarchen gehalten, und ich allein hab' ihn am andern Morgen den weinenden Getreuen zeigen können! – Das gebrochene Bein haben mir darauf die Feldscherer weggesäget – da war mein Reiterleben am Ende!... Wer dies Geschrift einmal zu Gesicht bekommt, der soll nicht spotten. Bin wohl einmal ein Schriftgelehrter gewesen; ist aber lang vorbei und die Buchstaben und Gedanken wollen sich nicht mehr auf dem Papier stellen, wie ich wohl möcht' – die Finger sind steif geworden und das Aug' dunkel: das Herz aber ist frisch geblieben, und das ist das Wahr' und Einzige! Wie ich hieher in das fremde Nest gekommen bin, das stehet auf einem andern Blatt, das ich heut nicht mehr schreiben kann, denn die Sonne sinket und der Wald wirft seine Schatten länger und länger über die Wiese. Sitz' hier nun, wie ein alter maudriger Dompfaff' auf der Stange; aber die Maidlein haben mich gern und die Kinder kommen und steigen mir auf das gesunde Knie und zerren mir den greisen Bart, und die Tiere kommen auch auf Besuch. Die Spatzen hüpfen über die Schwellen und der alte Rab' aus der Schmiede drüben gehet gravitätisch herein, und muß ich oft an Herrn Franziskus Algermann, den Landesfiskal, gedenken, wenn ich den schwarzen Burschen auf dem Tisch vor mir sitzen seh'. Die Sonne vergißt mich nicht, und mit den bösen alten Geschichten kommen auch die guten, und da bringt der Jung' aus der Neckenschenke den Abendtrunk, und ich will den lieben Gott bitten, daß er mich nur noch etliche Jahr mit meiner Krück' in diesem Lehnstuhl sitzen lasse. – Amen! – –   * * *   Postscriptum . Am 8. Octobris Anno 1641 hat sich eine Lüneburgische Streifpartei im Busch am Neuerberg im Amt Lutter am Barenberg in den Hinterhalt geleget. Hat auch nicht lange gedauert, so ist der Levin Sander, alias Nimmernüchtern, hervorgeritten, und sind die Lüneburgischen auf ihn eingedrungen. Die Kaiserlichen haben sich anfangs tapfer gewehrt, aber zuletzt ist dem Levin von einem Reuter, Dieterich Block genannt, das Pferd erschossen und er selbsten überwältiget und gefangen; da sind sie in wildem Schrecken von dannen geflohen. Der Levin Sander ist bis vor Hildesheim an den Galgenberg zwischen den Pferden mitgeführet, daselbst aber ist er, weil er für Geschoß, Hieb und Stich eisenfest gewesen, mit Äxten, Hacken und Hammern niedergeschlagen worden. – Gott sei seiner armen Seele gnädig; aber über seinem Grab sollen Hunde bei Tag und Eulen bei Nacht wachen! – Einer aus der Menge 1. Ihr steht an der Ecke der belebten Straße einer großen Stadt. Hunderte von Menschen drängen sich im ununterbrochenen Strome an euch vorüber, immer neue Gesichter, daß euch ein Schwindel überkommt, wenn ihr nicht daran gewöhnt seid, in diese Fluten zu schauen. Hunderte von Gesichtern laßt ihr teilnahmlos gleichgültig vorübergleiten, bis endlich euer Auge sich auf eines heftet – zufällig, welches euch magisch anzieht, euer Interesse mehr oder weniger anregt, ohne daß ihr euch Rechenschaft darüber geben könnt, wie das kommt. Ihr erblickt diese Züge in diesem Augenblick zum erstenmal, und doch seid ihr, wenn ihr bis jetzt geträumt habt, gleichgültig dreingeschaut habt, nun auf einmal wach! Ihr folgt dem Wesen, welches euch erweckt hat, mit den Augen, ihr verlaßt sogar auch wohl euern Standpunkt und schreitet ihm nach bis zur nächsten Straßenecke. Ihr sucht an die Seite jenes Unbekannten zu gelangen, sucht seine Stimme zu hören, die Farbe seiner Augen genauer zu erkennen – – da kreuzt eine Gesellschaft den Weg – der Zauber ist gebrochen, das Gesicht versunken – ein Tropfen im Meer! – Wenn euch nun im Vorübertreiben der Menschen ein Gesicht auffällt, wie eben gesagt, so wird ein Etwas darin liegen, welches es, vielleicht für euch nur, von hundert andern, welche euch gleichgültig sind, unterscheidet. Seht, dieses Etwas in den Menschen, sei es was es wolle, zu erkennen, blitzschnell es zu erfassen, es festzuhalten, es die tausend Phasen und Schattierungen, deren es fähig ist, durchlaufen zu lassen, das ist das Geschäft einer Art seltsamer Gesellen, zu denen leider auch ich gehöre. Leider! – Ach, es ist ein Geschäft, dem des Lumpensammlers, des Kehrichtdurchsuchers vergleichbar! Wie selten findet man in dem Schmutz, dem Auswurf des Lebens einen silbernen Teelöffel, eine zertretene Schmucknadel? Lumpen und Lappen und Glasscherben fallen uns genug unter die Hände, und wenn sich auch aus Lumpen und Lappen, Fetzen und Flittern und Glasscherben mancherlei darstellen läßt, so ist es doch gar nicht angenehm, damit zu tun zu haben. – Ich bin bei diesem meinem Geschäft ein alter Mann geworden, habe das Schäfchen meines Gleichmuts auf das Trockene gebracht und habe Zeit genug übrig, mir manchmal eine kleine phantastische Ausschweifung zu erlauben, welche jüngere und gelehrtere Leute als ich für eine Torheit, für eine Lächerlichkeit zu erklären das Recht haben. Es macht mir zum Beispiel mehr Vergnügen, einen Rebus zu erraten, als den Kurszettel zu studieren oder mich über einen Leitartikel zu ärgern, welchen man gleich einem Handschuh umkehren und auf beiden Seiten anziehen kann. In diesem Sinne betrachtete ich auch folgende Reime, welche in den zierlichen, feinen Schriftzügen einer Frauenhand auf einem zerrissenen, beschmutzten Blatte standen, das mir der Zufall, wenn ihr es Zufall nennen wollt, in die Hände trieb. Sie lauteten: Belagerte Stadt 1. Was kündet am nächtlichen Himmel Der rote Feuerschein? Dort bricht durch Blut und Flammen Der wilde Feind herein! Das jammernde Volk vom Lande Strömt zu den schützenden Mauern; Es kommen Reiche und Arme, Es kommen Edle und Bauern. Sie schleppen die Greisen, die Kranken, Die Kinder, die Herden zur Stadt; – Ist's nicht, als ob die Sündflut Die Welt verschwemmet hat? Die Weiber in den Kirchen Auf den Knien früh und spat, Die Männer auf den Mauern, Die Ratsherrn stets im Rat! Von den Türmen Sturmesglocken, Vom Walle Schuß auf Schuß! Und wir – im Häuslein am Tore, Wir tauschen – Kuß um Kuß! Das Feuerrohr lehnet im Winkel, An der Hüfte klirrt das Schwert; – Ein Kuß in solchen Zeiten Ist tausend Küsse wert! 2. In meines Liebchens Kammer, Da ist das Fensterlein Versponnen und verhangen Vom grünen, wilden Wein. Die Scheiben sind zerbrochen, Die Ranken sind zerfetzt; Denn vor den Mauern und Wällen Liegen die Feinde jetzt! Aus den Gräben, von den Türmen Feuer und Feldgeschrei! Mein Handrohr und mein Liebchen Sind wieder mit dabei. Auf jeden Schuß die Antwort; Wir halten's noch lange aus! Auf jeden Kuß ein Küßchen – Ihr Feinde geht nach Haus! Mein Liebchen reicht die Kugeln Reicht mir ihren roten Mund; Das ist ein wonnig Küssen Zu solcher bösen Stund'! Mein Liebchen reicht die Lunte, Preßt mir dabei die Hand; Und blitzt das Pulver vom Zündloch, Drückt sie sich an die Wand. Es zittert und bebt der Boden! Es wankt und schwankt das Haus! Sie rücken heran zum Sturme – Hinaus, auf die Mauer hinaus! Mein Liebchen schürzt ihr Röcklein, Mit Kugeln die Schürze sie füllt – Torwächtermaid auf dem Walle Wohl tausend Landsknechte gilt! 3. Herr Jörg, der Bürgermeister, Weiß gut den Kolben zu führen; Die lahme Liesel vom Kirchplatz Weiß gut das Pflaster zu schmieren, – Die toten Freunde nach Haus! Die toten Feind' in den Graben! Das war das dritte Stürmen: Sie wollten's nicht besser haben! Hei, Lieb, wisch ab die Trän'! Hei, Lieb, schenk güldnen Wein! Was kümmert's zu solcher Stund', Fällt ein Tropfen Blut hinein? Hei, wie die Äuglein leuchten! Wie leuchtet der Wein im Glas! Ein Trunk zu solcher Stunde Wiegt auf manch volles Faß! 4. Zehntausend Knechte geworben – Wie ist ihr Mütlein gekühlt! Fünftausend Knechte verdorben – Sie ha'n das Spiel verspielt! Sieg, Brüder! – Jesus, das traf! War das der letzte Schuß? O Lieb, verlaß mich nicht! O Lieb, den letzten Kuß! O Lieb, das ist der Tod – Faß mich in deinen Arm! Gerettet, gerettet die Stadt! Ack, Lieb, tu dir kein'n Harm! O Lieb, die Stadt gerettet! O Lieb, nimm hier mein Schwert Solch Tod in deinem Arm Ist wohl das Leben wert! Walter R. waren diese Reime unterzeichnet, und ich tat die Schritte hinein in das Gewühl des Lebens und folgte dem vor mir auftauchenden, unbekannten Gesicht, aus welchem jenes Etwas leuchtete, von dem ich oben gesprochen habe. Nach langem vergeblichen Suchen und Mühen stieg ich endlich die steile und dunkle Treppe empor, welche zu der Tür führte, an welcher der Name »Walter R., Buchhalter,« auf einer Visitenkarte zu lesen war. Das Wort »Buchhalter« war jedoch durch einen Federstrich fast unkennbar gemacht. Auf mein Pochen öffnete ein junges Mädchen die Tür – ich sah in das Dämmerlicht eines Krankenzimmers. »Wen suchen Sie, mein Herr?« fragte das junge Mädchen. »Sie haben sich wohl in der Türnummer geirrt. Vielleicht kann ich Ihnen Auskunft geben!« – Ich stotterte einige Worte der Entschuldigung und die Frage: »Herr R. wohnt hier?« – Das junge Mädchen senkte traurig den Kopf. »Herr R. ist krank; er ist nicht mehr in einem Geschäft,« sagte sie leise. – »Wer spricht da von Walter R.?« rief eine hohle und doch schneidende Stimme hinter der Tapetenwand, welche das Gemach in zwei Hälften teilte. »Wer ist da, Anna?« Ein unheimlicher Schrecken überkommt einen, wenn man ein menschliches Wesen – es mag noch so fern stehen! – welches man lange gesucht; das man sich vielleicht in der vollen Kraft des Lebens und der Gesundheit vorgestellt hat, auf dem Krankenbette, dem Sterbebette findet. – Sollte ich zurücktreten, ohne den Fuß hineingesetzt zu haben in diesen dämmerigen, schwülen Raum, in welchem mein Dichter, abgesperrt von der frühlingsfrischen Welt da draußen, entrückt dem wimmelnden Leben da drunten in den Gassen, seinen kurzen Lebenstraum zu Ende träumte? »Wer ist da, Anna?« fragte die erloschene Stimme hinter dem Vorhang wiederum. »Schicke ihn fort, Anna; laß sich keinen zwischen mich und dich drängen!« Eine Angst lag in dem Tone der Stimme, mit welcher dies gesagt wurde, daß ich einen Schritt vortrat gegen das junge Mädchen und ihr das zerrissene Blatt mit den Reimen reichte. »Ich suche den Verfasser dieses Gedichtes, mein Fräulein; hier glaubte ich ihn zu finden.« – Das junge Mädchen sah mich erstaunt, verwirrt an. »Mein Herr –« – »Ich bin ein alter Mann, ein unbeschäftigter, wunderlicher alter Mann, welchem man schon viele Grillen verziehen hat; ich bitte, verzeihen Sie mir auch diese, welche mich zu Ihnen führt!« Die großen, vom Nachtwachen müden Augen des Mädchens wurden womöglich noch größer und leuchtender. »Ich bin die Braut Walters,« sagte sie leise. »Wir haben jeder nur den andern – er ist sehr, sehr krank; aber treten Sie ein – es wird ihn vielleicht erfreuen. – Walter, hier ist ein freundlicher alter Herr, welcher deine Bekanntschaft machen will!« fuhr sie lauter fort. »Er hat ein Gedicht von dir gelesen.« – Ich hörte, wie der Kranke krampfhaft in die Kissen griff. »Er kommt mich zu sehen? Er hat mich aufgesucht, weil ihm einige trübselige Reime, welche ich gemacht haben könnte, in die Hand gefallen sind? Anna, Anna, trau ihm nicht! Sie wollen dich mir entreißen – Anna, verlaß mich nicht!« – Die arme Braut sah mich bittend an. Mein alter Kopf, mein weißes Haar erschienen ihr nicht allzu gefährlich. »Walter, es ist ein alter freundlicher Herr – ich verlasse dich ja nicht! Wer könnte mich dir nehmen?« – »Ich will ihn sehen – den freundlichen alten Herrn!« sagte der Kranke, und ich trat näher an das Lager. Gegenseitig betrachteten wir uns einige Augenblicke. Walter R. war in der Tat sehr krank. »Verzeihen Sie mir, daß ich zu Ihnen gekommen bin, Herr R.?« fragte ich. – »Gib dem Herrn einen Stuhl, liebe Anna. – Also Sie haben mich meiner Verse wegen aufgesucht? Das ist eine seltsame Ehre! Wie ist das Blatt in Ihre Hände geraten?« – Ich erzählte es und setzte noch mancherlei hinzu, wovon ich dachte, daß es dem Armen Freude machen könnte. Die Muskeln seines Gesichts zuckten nicht mehr so krampfhaft, ein wehmütiges Lächeln glitt über sein Gesicht. »Ei, Anna hätte wohl noch mehr von der Art verlieren können; sie mag in ihren Taschen und Kästen noch manche von solchen Torheiten und Spielereien aufbewahren – alter Herr, deshalb hätten Sie die vielen Treppen nicht heraufsteigen sollen – ah, die Luft geht einem doch bald aus!« Ein Hustenanfall unterbrach den Kranken; Anna trat besorgt näher. »Sprich nicht so viel, Walter, lieber Walter!« sagte sie. »Du weißt, der Arzt hat es verboten.« Ein besorglicher, liebevoller Blick, wie ich ihn mir neben meinem Sterbebette wünsche, glitt zu mir herüber. Ich erhob mich. »Ich muß Sie jetzt verlassen, mein junger Freund – es hat mir große Freude gemacht, Sie zu finden. Wenn ich wiederkomme, sind Sie wohler, wir sprechen dann noch mancherlei miteinander.« – »Gib ihm noch ein paar Blätter!« sagte der Kranke, während seine Braut ihm das Kopfkissen zurechtlegte. »Er kann sie dir wiedergeben, wenn du dein Herzchen zu sehr daran gehängt hast, Ännchen. Gott befohlen, Herr! – Erzählen Sie Ihren Bekannten nichts von diesem Besuch, dieselben würden Sie auslachen – ah, eine Stunde Schlaf!« – Ich stand wieder in der Gasse. Auf meinen Augen lag noch die grüne Dämmerung des Krankenzimmers, welches ich eben verlassen hatte– ich schöpfte tief Atem – ich rieb mir die Stirn. Lebendigstes Leben, lustiges Gewirr umher – ich erwachte wie aus einem bösen Traum! In der Hand hielt ich ein Päckchen Papiere, umwunden von einem roten Bande, und lange starrte ich auf die erste beschriebene Seite, ehe sich die Buchstaben zu Worten, die Worte zu Gedanken auseinanderlegten. Auf offener Straße an eine Hauswand gedrückt, las ich die erste Seite des Papierheftes, welches mir Anna, die Braut des kranken Walter, gegeben hatte. Es waren heitere, leben- und lustatmende Verse. Hier sind die ersten: Sprang der Osterhas Durch die grünende Welt; Kinder und Verliebte Suchten im sonnigen Feld. Welch ein schönes Nest Hat mein Liebchen entdeckt! Unterm Veilchenbusch Fein war es versteckt. Viele schöne Eier Lagen glänzend drin, Und mein jubelndes Liebchen Kauerte neben es hin. »Eier rosenrot! Eier himmelblau! Keins von ihnen schwarz! Keins von ihnen grau!« Die rosenroten Waren voll Küsse; Die himmelblauen Waren voll Lieder; – Und Dämmerung ward es, Eh' wir nach Haus kamen! Eine geraume Zeitlang blickte ich mit blinden Augen in das um mich her wogende Getümmel. Das war eine Minute des Verlorenseins in den Widersprüchen des Lebens! – Wie grell trat die furchtbare Ironie der gelesenen Verse in diesem Augenblick mir vor die Seele! Von welchem schrecklichen dunkeln Hintergrunde löste sich das sonnige, heitere, Lebens- und Liebeslust atmende Bild, welches der arme Walter gezeichnet hatte, ab! – Auf dem kürzesten Wege suchte ich die freie Natur zu erreichen, um auf einer grünen, einsamen Rasenbank das Liederbuch des Sterbenden weiter zu durchblättern. Stunde auf Stunde schlüpfte unbemerkt vorüber, und es war später Abend geworden, als ich durch die endlosen Straßen meiner Wohnung zuschlich. Armer Walter! – 2. Viele Tage trug ich das Bild des sterbenden Dichters mit mir herum, ohne einen Augenblick gewinnen zu können, ihn wieder aufzusuchen. Jeder hat so viel mit sich selbst zu tun, die Kleinigkeiten des Kampfes um die eigene Existenz reißen den Menschen allzusehr hin und her, als daß er nicht die wichtigsten, heiligsten Pflichten darüber vernachlässigen und vergessen sollte. – Endlich führte mich das Schicksal von neuem mit der jungen Braut Walters zusammen. An dem buntgeschmückten Tische einer Blumenhändlerin traf ich sie, um einige wohlfeile blühende Gewächse in schlechten, irdenen Töpfen handelnd. Ich trat zu ihr, und sie erkannte mich sogleich. – »Er liebt nur die wachsenden Blumen!« sagte sie mit einer Träne im Auge. »Die gepflückten machen ihm Grauen.« Die gepflückten Blumen machen ihm Grauen! Welch einen Blick in die Tiefe dieser mit der Vernichtung kämpfenden Dichterseele, der die verwelkende Blume ein ganzes Trauerspiel bedeutet! »Lassen Sie mich unserem Freunde – nicht wahr, ich darf sagen: unserem Freunde? – ebenfalls eine kleine Freude machen. Liebt er die Rosen?« – »Sie sind sehr gut, mein Herr! – Ja, er hat die Rosen gern; aber sie sind so teuer in jetziger Jahreszeit!« – Ich kaufte die beiden schönsten Rosenbüsche, welche die Verkäuferin aufweisen konnte, und faßte unter jeden Arm einen. »Wollen Sie mich so mit Ihnen gehen lassen, Fräulein Anna?« Das arme schöne Kind streckte die Hand schüchtern aus, um mir einen der Blumentöpfe abzunehmen; sie hatte aber außer den von ihr erhandelten Resedapflanzen noch ihr Körbchen zu tragen. – »Lassen Sie mir das Vergnügen,« sagte ich; »es ist eine hübsche Last!« – Stumm schritten wir die erste Zeit nebeneinander her, sie das Köpfchen traurig gesenkt, ich von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Seitenblick auf das junge so früh gebeugte Wesen werfend. O du heiliges Unglück, welch einen Zauber lässest du aufleuchten, wenn deine geheimnisvolle Hand eine reine, schuldlose Stirn berührt! Ich bedauerte den sterbenden Walter jetzt nicht mehr, da er seine unbekannten Lieder in dieses eine treue, süße Herz so tief und unauslöschlich hatte einschreiben können. »Er ist so krank – o, und ich liebe ihn so!« sagte endlich Anna. »Wir kennen uns seit so langer, langer Zeit!« – Ich konnte kein banales Trostwort finden. »Das Leben geweihter Menschen zählt nach Sekunden, nicht nach Jahren, ihr armen, glücklichen Kinder!« entgegnete ich. – »Er hat niemand, welcher sich um ihn bekümmert; ich kann ihn nicht verlassen, wie Böses die Nachbarn – die Leute auch davon sprechen!« – Ich nahm meine beiden Rosenstöcke in einen Arm, wie ein Mensch, welcher die rechte Faust gebrauchen will, – es war ein Gestus, den der Körper unwillkürlich zu einer langen Gedankenreihe machte, welche der Geist blitzschnell bildete. »Er geht davon und läßt mich hier allein – und die langen, langen Jahre kommen!« – Ein leiser Schauder überlief den Körper des Mädchens. »Ich möchte mit ihm sterben!« hauchte sie. – Wir hatten die Gasse erreicht, in welcher der kranke Dichter wohnte. »Er darf nicht merken, daß ich geweint habe!« sprach die Braut. »Er hat solch ein scharfes Auge, und er wird jetzt so leicht böse!« – Wir waren in den dunklen Hausgang getreten; Anna setzte ihre Blumentöpfe und ihr Körbchen nieder, drückte das Taschentuch einige Augenblicke gegen die feuchte, eiskalte Wand und preßte es auf die geröteten Augen. Dann stiegen wir langsam die vielen Treppen hinauf. Wie hatte sich die Stimme Annas verändert, als wir leise in das Krankenzimmer eintraten! – »Hier ist der Herr, welcher unsere Lieder so gern hat, Walter!« sagte sie fröhlich. »Er bringt dir zwei Rosenstöcke schau,– welche Pracht!« Der Kranke saß diesmal in einem weiten, mit Kissen ausgepolsterten Lehnstuhl, in dem hellen Strahl, welchen die junge Frühlingssonne durch das Fenster sandte. Er wendete uns den Rücken zu, schaute aber bei unserem Eintritt schnell über die Schulter. Ein Lächeln flog über seine bleichen Züge, als er mich erblickte. »Willkommen, Herr!« rief er mit schwacher Stimme. »Nun, haben Sie Ihre Neugier befriedigt? Nicht wahr, es gibt mehr von solchen Burschen wie ich?« – »Es gibt mehr solcher Burschen,« sagte ich lachend, »aber es gibt nur einen Walter R. Aus seiner Individualität kann jeder machen, was er will; freilich auch, was er kann!« – »Das ist der Knoten, – Fräulein Anna!« sagte der Kranke, lächelnd sich zu seiner Braut wendend, welche sich über seinen Sessel beugte. Sie küßte ihn auf die Stirn; dann verschwand sie durch die Tür, und ich hörte, wie sie draußen ihren häuslichen Geschäften nachging. Des Kranken Gesicht hatte sich sogleich verfinstert. »Glauben Sie, alter Herr, ich täusche mich über mein Schicksal? – Das Spiel ist zu Ende, und war doch kaum angefangen! Der Herbst tötet mich – die Würmer sind die einzigen, welche etwas aus meiner Individualität machen werden – im Herbst wird Anna allein sein!« – Es lag ein Jammer in dem letzten Wort, welchen keine Feder zu schildern vermag! – »Hoffen Sie, hoffen Sie!« redete ich, um etwas zu sagen, um eine peinliche Pause auszufüllen; aber der Kranke fuhr aufgeregt in die Höhe. »Sprechen Sie mir nicht von der Hoffnung; sie ist es, die mich tötet, die mich aufreibt! Ich meine oft, ich sei zu fein organisiert für die Hoffnung – sie ist es, welche, seit ich denken kann, meine Nerven hat zucken und schwingen lassen. Nehmen Sie mir die Hoffnung, und ich werde leben!« – »Sprechen Sie nicht! Beruhigen Sie sich! Ich bin gekommen, Ihnen zu erzählen – Sie sollen den Mund halten!« rief ich lebhaft, erschreckt durch die krampfhaften Bewegungen des armen Kranken. Dieser lächelte trüb. »Lassen Sie mich, ich habe mancherlei auf der Brust; vielleicht werde ich besser atmen können, wenn ich mich davon befreie. Ihre Anwesenheit tut mir wohl, und ich danke Ihnen dafür. Wenn Sie aber fortgehen, bitte, so nehmen Sie die Hoffnung mit fort, und ich verspreche Ihnen, gesund und ein ordentlicher Staatsbürger, ein tüchtiger Kaufmann, ein Gelehrter zu werden – was Sie wollen! O nur Ruhe, Ruhe, Ruhe!« – Ich begriff, woran der Arme starb und senkte das Haupt. Mit dem Scharfsinn der Sterbenden faßte Walter R. diese Bewegung auf. – »Sehen Sie – Sie verstehen!« Er griff nach meiner Hand und flüsterte mit ängstlicher, leiser Stimme: »O besuchen Sie Anna einmal, wenn ich tot bin – von Zeit zu Zeit – bis Sie uns vergessen haben. Sie sollen ihr kein Geld geben, sie wird sich schon durch die Welt helfen; aber sie wird so einsam im Leben, so einsam im Leben! Verstehen Sie mich? – Gehen Sie zu ihr, wenn Sie einmal nichts Besseres zu tun haben; bringen Sie ihr einen Blumenstrauß, oder nur ein freundliches Wort, oder eine Weintraube im Herbst – sie ißt sie gern! – Hören Sie, lassen Sie das arme Kind nicht einsam – es ist ein Schrecken, die Einsamkeit!« Ich preßte die Hand zusammen, daß die Nägel in das Fleisch drangen. In diesem Augenblick trat Anna wieder ein; ihr erster Blick galt dem Geliebten, und als sie in das gerötete, belebte Gesicht desselben schaute, auf welchem ein trügerischer Schimmer von Gesundheit spielte, war sie blitzschnell an seiner Seite, und ein Strahl hoffnungsvoller Freude glitt über ihre bleiche Stirn. »Nun nimm deinen Trank, Guter!« bat sie, das Arzneifläschchen ergreifend. »Nicht wahr, es tut dir gut? – Er hat doch nicht gesprochen?« wandte sie sich an mich. Der Kranke nahm die ihm dargebotene Arznei und machte ein Gesicht gleich einem verzogenen Kinde. »Hei,« sagte er, » das könnte den Teufel aus der Hölle jagen, wieviel leichter einen solchen albernen Husten aus einem solchen Narren wie ich! Nun lauf aber nicht mehr draußen umher! Setze dich und unterhalte den Herrn; ich höre zu und sage kein Wort. Zeig dem Herrn einmal, was für ein kluges Mädchen du bist!« – Anna drohte dem Dichter lächelnd mit dem Finger, kam aber seinem Gebote bereitwillig nach und setzte sich mit einem Nähzeuge zu uns. Wir fingen an ruhiger und heiterer zu werden. »Wo und wann hat Herr Walter den ›Osterhas› geschrieben, Fräulein Anna?« fragte ich. – »O, der Bösewicht schreibt seine Reime gar nicht selbst – ich muß sie aufschreiben! Er quält mich recht! – Der ›Osterhas‹? warten Sie – ah, jetzt weiß ich es! Ich wollte einmal den Don Carlos aufführen sehen, und Walter war wirklich so höflich und kaufte mir ein Billett. Ich weiß es noch wie heute; es war im November vor zwei Jahren; als wir aus dem Theater kamen, regnete es und schneite, und es war so dunkel, daß man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Trotzdem sprach ich aber den ganzen Weg über von den gesehenen Herrlichkeiten, und Traurigkeiten, und als wir zu Hause waren – damals lebte meine Mutter noch! – da kam es heraus, daß der unartige Mensch unterwegs, statt mir zuzuhören, den ›Osterhasen‹ gedichtet hatte. Ich habe ihm aber auch die Wahrheit gesagt.« Lächelnd hatte Walter während dieser Erzählung Annas auf einem Blättchen Papier gekritzelt; jetzt schaute er auf. »Also ich habe nicht auf deine Expektorationen gehört, he? Gib Achtung, Fräulein Naseweis! – Vorhang herunter, Trauerspiel ans! Führ' jetzt mein schluchzendes Schätzchen nach Haus. »Ich hätte geweint?« rief Anna. »Hören Sie den Lügner!« – »Wie eine echte deutsche Jungfrau hast du geschluchzt,« sagte Walter; »sei still! Durch deine Unterbrechung hast du mir den ganzen Effekt vernichtet! – Scheint auch der Mond nicht, Leucht't auch kein Stern: Amor geht mit uns, Trägt die Latern!« »Bravo!« rief ich. »He, das Versemachen steckt an! O, wir können es auch! – Ach du armer Prinz! Ach du armer Marquis! O du böse Prinzessin Eboli!« Anna klatschte in die Hände, und Walter meinte lächelnd: »Laß ihn auch die Rosen riechen, welche er gebracht hat! – Zur Belohnung!« – Es ist nicht möglich – es kann nicht sein! Gott, du darfst sie nicht trennen! klang es verzweiflungsvoll in mir, indem ich diese beiden Kinder betrachtete und der wahrhaft göttlichen Komödie lauschte, welche sie – jeder vor dem andern – spielten! Mit Vorbedacht brachte ich das Gespräch auf gewöhnliche Gegenstande; ich verließ das Gemach erst, als Walter in seine Kissen zurückgesunken und eingeschlummert war. – 3. Die große Macht, welche die Schicksale der Menschen bestimmt, läßt sich nicht erbitten. Klarer und klarer wurde mir – der Dichter schied, wie er es selbst gesagt hatte, mit den Blumen des Sommers. Ich wurde allmählich ein gern gesehener Freund und Tröster der beiden armen Kinder. Ach, es war wenig, was ich ihnen bringen konnte! Die Veilchen und Primeln verblühten – es kam die Zeit, wo die Rosen billig genug wurden, um auch die Wohnungen der Armen zu schmücken; das Korn wogte draußen auf den Feldern, erst grün, dann immer goldener. Es ward ein heißer Sommer. – Allmählich verloren sich die heftigen, krampfartigen Gemütserregungen Walters, er ward stiller und träumerischer. Stundenlang saß er, tiefsinnend auf einen bestimmten Fleck starrend, die Stirn in die magere Hand gelegt, und nur von Zeit zu Zeit verfolgte dann ein angstvoller, unruhiger Blick die leichte, zarte Gestalt seiner Braut, wie sie sorgend durch das Zimmer glitt. Das Öl der Lampe versiegte mehr und mehr, – es neigte sich zum Ende. Am sechzehnten November des vorigen Jahres stand ich mit der armen, stillen, bleichen Braut an dem eben zugeworfenen Grabe des unbekannten, toten Dichters. – Tröste dich, Anna, es kommt in der Welt nichts um; auch nicht eine Träne, auch nicht ein Blutstropfen! Buch zu! Da liegt auf meinem Bilderbuch Die weiße duftende Rose! Feinsliebchen sie am Herzen trug Und warf sie ins Fenster mir lose. Feinsliebchens Stimm' im Garten klingt, Wo sind die Gedanken geblieben? Wenn's regnet und schneit, der Dichter singt; Im Sonnenschein kann er nur lieben! Wunsch und Vorsatz Kein Tor, Kein Türchen Soll sein mir verschlossen! Kein Herz, Kein Herzchen Soll mich verstoßen! Aber wollen die Großen Nichts von mir hören, Will zu den Kleinen Schnell ich mich kehren! Aber wollen die Klugen Nichts von mir wissen, Will die Einfältigen In Demut ich grüßen!