Wilhelm Raabe Der Dräumling Vorwort zur zweiten Auflage. Der Dräumling ist in der Zeit vom 1. April 1870 bis zum 12. Mai 1871 verfaßt worden; und daß das deutsche Volk damals kein Ohr für jemand hatte, der ihm statt von Wörth, Metz, Sedan, Paris und dem Frankfurter Frieden: von der achtzehnhundertneunundfünfziger Schillerfeier in Paddenau erzählen wollte, durfte freilich das närrische Menschenkind – der Autor nämlich – nur sich selber zuschreiben. Nun sind aber dreiunddreißig Jahre hingegangen, seit der Rektor Fischarth sich mit allem, was in ihm und an ihm war, seinen Mtbürgern im Sumpfe für das hohe Fest des germanischen Idealismus zur Verfügung stellte, und zwanzig Jahre, seit sein Histioriograph die Erlebnisse dieses andern närrischen Menschenkindes zu Papier brachte und drucken ließ: sollten sich jetzt vielleicht einige nachdenkliche Gönner mehr als damals, sowohl für den Rektor wie für das Buch, zusammenfinden? Der unterzeichnete, in diesem Falle nicht sehr reuige arme Sünder wagt es zu hoffen; – hat er jetzt doch auch für Gutmanns Reisen verständnisvolle freundliche Leser gefunden; und beide Bücher, der Dräumling und die Reisen , gehören zueinander, wie die Jahreszahlen 1859 und 1860. – Die Familien Gutmann und Blume würden sicherlich nicht in Koburg sich so rasch zur gemeinschaftlichen Aufrichtung des neuen deutschen Reichs die Herzen und die Hände geboten haben, wenn nicht vorher der Rektor Fischarth, der Sumpfmaler Haeseler und Fräulein Wulfhilde in Paddenau im Dräumling die Schillerfeier, trotz allem zustande gebracht hätten! – Braunschweig , im Dezember 1892. Raabe. Das erste Kapitel. Es war ein ziemlich bedeutender Morast, an dessen Rande der Storch stand, auf welchen wir, da es einmal nicht anders sein kann, die Aufmerksamkeit des Publikums hinwenden möchten. Die Sonne war vor ungefähr einer Stunde untergegangen; eine warme Dämmerung lag auf der weiten hügeligen Ebene; gelbes und rotes Gewölk auf grauem Grunde spiegelte sich im stehenden Gewässer, und die feine Sichel des Mondes stand fast ebenso zartscharf unten im glatten Teiche, wie oben am dunkelnden Himmelsgewölbe. Schilf, Binse und Weidenstrauch regten sich so wenig wie der ernsthafte nachdenkliche Vogel, welcher der träumerischen Landschaft vor kurzem sein Nachtessen in Gestalt dreier wohlbeleibter Frösche entnommen hatte und nunmehr ruhig verdauete, ebenfalls mit seinem Bilde zu seinen Füßen in den stillen Fluten. O, wie wir vor einer Viertelstunde noch dieses lang- und rotbeinige, dünnschnäblige Exemplar von Ciconia alba haßten! Wir hatten es streng im Verdachte, um fünf Uhr nachmittags unsere Helden »gebracht« zu haben, und was dem Leser und unter Umständen auch der Leserin ein Vergnügen oder höchstens ein kurzer Überdruß gewesen wäre, das hätte dem Autor sicherlich das Gegenteil vom erstern und eine hundertfach verdoppelte Dosis des letztem bedeutet. Wir hatten uns wieder einmal geirrt! Das Tier war von einem viel allgemeinern Gesichtspunkte aus zu betrachten, und wir ersuchen auch die verehrliche Leserin, es von einem solchen aus anzusehen. – Der Sumpf hieß der Dräumling und war seit uralten Zeiten berühmt wegen seiner fetten Frösche und seiner derben Jungen und Mädchen; und wir – wir können und wollen es nicht hindern, daß alles auf dieser Erde seine gewiesenen Wege gehe, und daß immerfort ein wimmelnder Überfluß des Lebens aus der Tiefe in die Höhe geholt wurde. Der Sumpf oder Morast war von Wäldern, Heiden und kärglichen Ackerfeldern umgeben, und in die Wälder zog er sich in vielen Armen und Abzweigungen hinein; hier stundenbreit sich ausdehnend, dort sich in fast natürliche Gräben und Kanäle zusammenziehend. Eine ärmliche Bevölkerung nährte sich durch harte Arbeit um ihn und in ihm: Waldleute, Landleute, Fischer, Schäfer, und vor allem Bienenzüchter, Torfstecher und Torffuhrleute. – Ein Flüßchen durchschlich – durchschlich wie schlaftrunken die wunderliche Landschaft, und wo dasselbe in Verbindung mit dem Sumpfe und mit Hilfe einer von Hügeln umgebenen Niederung einen See gebildet hatte, lag auf einer Art Halbinsel ein Städtchen von etwa siebentausend Seelen, Paddenau genannt, von Wenden um ein heidnisch greuliches Götzenbild aufgerichtet, von Niedersachsen zur Zeit Heinrichs des Schwarzen und der Frau Wulfhild, der reichen Tochter Herzogs Magnus, der Erbin des Billungschen Allods niedergebrannt und um ein christlich Heiligtum zu Ehren des heiligen Ursus (was für ein Heiliger das war, weiß ich nicht!) von neuem wieder aufgebaut. Das ist entsetzlich lange her! Es ist aus jener Zeit nichts übrig geblieben als das Grundgemäuer der Ursuskirche, die im laufe der Jahrhunderte selbstverständlich einiger Reparaturen bedurft hatte, – und eine Sage von einer Sumpffee des Namens Wulfhilde, welche in Mondscheinnächten durch Bruch und Moor und über das stille Gewässer des Teiches einherzieht, mit dem Falken auf dem zierlichen gespenstischen Fausthandschuh und mit einem großen Gefolge von lustigen Fräulein und durchsichtigen Rittern. Paddenau ist jetzt ein ganz gewöhnliches Landstädtchen, das sich weder um den Herzog Magnus, noch den schwarzen Heinrich und das Erbe der Billunger im geringsten kümmert, und welchem die Frau Oberamtsrichter und ihre Töchter viel bedeutendere Erscheinungen sind, als die Damen der Frau Herzogin Wulfhilde von Sachsen und die Frau Herzogin selber. – »Kurr, krr, krack, klapp, papp, papp!« sagte unser langbeiniger, rotschnäbeliger Freund, sich wie widerwillig dem tiefsinnigen Spiel seiner Gedanken entreißend und seine Flügel dehnend. Aber wie im klaren über den ruhigen Fortgang seines Verdauungsprozesses erhob er sich in die Luft und nahm seinen Flug Paddenau zu, und wir folgen ihm, wenn auch nicht durch die Lüfte, so doch durch Ried, Wald und Heide zu den Lichtern des Städtchens, die nun bereits in der Dämmerung zu flimmern beginnen und sich in dem See um den dunkeln Häuserhaufen spiegeln, mit demselben Rechte wie die immer klarer hervortretende Mondsichel. Da heben sich Pfähle aus dem Wasser, Füllplätze an Garten, und Hausmauern, schwarze Gebäude mit spitzen Giebeln und rauchenden Schornsteinen. Einige Kähne liegen am Ufer, und ein Plätschern, Kreischen und Lachen erschallt von Kindern, die nacktbeinig in der seichten, warmen Flut waten. Die Erwachsenen und die Alten sitzen nach vollbrachtem Tagewerk vor den Häusern oder in den Gärten. Von Zeit zu Zeit trifft ein Geruch von gebratenem Speck, von Eierkuchen und dazwischen auch wohl ein absonderlicher süßer Duft von selbstgebautem Tabak die Nase; – alles in allem genommen riechen wir Paddenau viel früher, als wir es sehen; doch das ist einerlei: wir halten uns für heute an den Lampenschein, der aus den Fenstern des Hauses fällt, auf dessen Giebel Bartold der Adebar sich soeben niederläßt, um klappernd sich im Neste seiner Ahnen zur Ruhe zu begeben. Auch dieses Haus grenzt mit seinem Gärtchen an den Padenauer See, und der Schimmer von zwei Lichtern, die im ersten Stockwerk brennen, zieht uns bedeutend an. Das erste flimmert hinter, den Fenstern des Rektors Gustav Fischarth und das andere in der Wohnstube der Frau Agnes Fischarth, des ehelichen Weibes des Rektors von Paddenau – Drillinge! +++ Wir treten in das letztgenannte Gemach in dem Augenblicke, wo der dreimal glückliche Vater den einen seiner Sprößlinge, und zwar den männlichen (die beiden andern sind weiblichen Geschlechtes), so hoch, als es die niedrige Stubendecke gestattet, emporschwingt und dazu mit sonderbarem Pathos deklamiert: »Weh der gefügigen Wog', die den Helden Schaukelte an den bithynischen Strand, Und das beflügeltste Herz von Hellas Gab in die feige, barbarische Hand!« »O Gott, Gustav, wie närrisch!« tönte eine matte, verdrießliche Stimme von dem verhangenen Bette her. »Leg ihn wieder hin und laß ihn in Ruhe, wenn du ihm weiter nichts zu sagen hast.« »Närrisch? Schatz, ich meine, wenn ich mich hier mit ihm auf den Kopf stellte, so solltest du das für angemessen, natürlich und höchst verständig halten! Versetze dich in den Taumel meiner Seele, wenn es dir möglich ist! O, du würdest einen schönen, schönen Tanz aufführen, wenn das dir passiert wäre, Agnes! Komm, o du des Klinias Sohn und der Dinomache, wollt' ich sagen, Gustav und Agnes Fischarths dreifacher Schlingel; hätte mir mein Vater gleich vom Anfang an einen Gradus ad Parnassum unter das Kopfkissen gelegt, so würde auch aus mir ein wenig mehr als ein Rektor von Paddenau geworden sein! Holla– ä – ä – häh – bäh! Da, Frau Lurchenbach, nehmen Sie mir den jungen Lyriker ab, und du – Agnes – nochmals meinen besten Dank, du hast deine Sache ganz ausgezeichnet gemacht –« »Ja, du hast gut sprechen!« »Sehr brav hast du deine Sache gemacht, und jetzt schlaf im Glück und träume vom Glück. Frau Lurchenbach, ich verlasse mich ganz auf Sie und sitze nebenan wach bis zur Morgenröte.« »Das können Sie!« sprach die Wärterin, und der Rektor von Paddenau zog sich nach einem Blick in die Wiege der beiden weiblichen Bruchteile des so überraschend reichlich ihm zuteil gewordenen Familiensegens in sein eigenes Zimmer zurück, setzte sich an den Schreibtisch, nahm ein Papier auf und las mit der verbessernden Feder in der Hand: »Schwüles Gewölk aus mäotischem Sumpfe, Vorgezerrt von harpyischem Griff, Treiben und hetzen thrakische Winde Über des fliehenden Feldherrn Schiff. Töchter des Pontus, weißliche Nebel Peitscht der Sturmgott zum persischen Meer, Und von Carambis bis Susa beben Des Königs Sklaven und atmen schwer. Carambis – bis – bis – ein wenig hart. Atmen schwer – des Königs Sklaven atmen schwer! Ich weiß nicht, ob das gedruckt den Leuten gefallen würde, aber mir gefällt es ausnehmend, vorzüglich nach den Erlebnissen der letzten Tage; denn da hab' ich doch wahrlich erfahren, was ein schweres Atmen zu bedeuten hat. Evan! Evoë! fällt mir das Trifolium gerade in diese herrliche Ballade von der grausamen Ermordung des Alkibiades! Ist das nun ein Omen? Wie soll ich ihn taufen lassen, Alkibiades oder Pharnabazus? Pharnabazus! das wäre etwas, was freilich noch nicht in Paddenau groß geworden ist! Weh der gefügigen Wog', die den Helden Schaukelte an den bithynischen Strand, Und das beflügeltste Herz von Hellas Gab in die feige, barbarische Hand! Grade so wie mich und meine Frau, oder vielmehr wie meine Frau und mich! Evan, Evoë! Es ist doch ein großes Gefühl, sich alles in Hülle und Fülle selber zu machen! seine Kinder, seine Gedichte und seine gute Laune! o, was nicht sonst alles! Setzen wir schnell einen Drücker auf unsern Übermut, wenn auch nur der alten Warnung vom Neide der Götter zuliebe. Nehmen wir schleunigst diesen Haufen deutscher Stilübungen hiesiger dem hyperboräischen Sumpfe entsprossener Jugend zur Hand. Die Korrektur wird uns gerade bis Mitternacht wach erhalten, und nichts hindert uns, dazwischen den Mantel der hochherzigen Hetäre Timandra in unser Gedicht hinein zu skandieren.« Das zweite Kapitel. Das Haus, in welchem der Rektor Fischarth wohnte, lag in der Wassergasse, und die Wassergasse zog sich, durch ihre eine Häuserreihe vom See getrennt, am Ufer hin, soweit Paddenau reichte, von einem Ende bis zu dem andern. Dem Hause des Rektors gegenüber lag die Wirtschaft zum Krebs, welche sich, den beiden vornehmem Gasthäusern der Stadt, dem grünen Esel und dem goldenen Kalbe gegenüber, in einer gewissen altertümlich-verrauchten, ehrbaren Gediegenheit wohl zu behaupten wußte, und allwo im Sommer nicht nur der nahrhafte Bürgerstand, sondern auch die Optimaten bis zum regierenden Bürgermeister hinauf ihr inniges Genügen in dem schattigen Wirtsgarten und an der trefflichen Kegelbahn fanden. Hierher, und zwar in den Garten, verfügen wir uns, nachdem wir den Rektor Gustav Fischarth mit den Drillingen und der Frau Agnes in seiner Häuslichkeit kennen gelernt haben. – Von der Kegelbahn herüber erschallte das Rollen der Kugeln, das Gepolter der Kegel und das Rufen des Kegeljungen. In einer dichtbebuschten Laube saß, beleuchtet von einem leise flackernden Lichte, die Gesellschaft, mit welcher wir es augenblicklich zu tun haben, und sechs Schritte weiter ab, in einer andern Laube, saß jemand, der sich heut abend gleichfalls noch ins Spiel mischen wird, und im Fortgange desselben auch sein Vergnügen dabei finden kann. Das Gespräch in der größern Laube drehte sich im Anfange um ein für die Gegend sehr wichtiges Thema. »Die Reseda, Linde und Akazie honigen doch recht gut,« sagte eine Stimme, »ich hätte es nicht gedacht; aber die Völker entwickeln sich recht nett. Mit dem Frühjahr war es gar nichts – fleißige Arbeit an einem Tage und um so niederträchtigere Faulheit am andern! Wäre das dermaßen fortgegangen, so hätte es sich wahrlich gelohnt, ein Imker zu sein.« »Das sage ich auch; aber ich sage auch, auf den Buchweizen kommt's jetzo hauptsächlich an,« sprach ein zweite Stimme. »Na ja, und hat der abgeblüht, und ist die Heide noch nicht aufgeblüht, so werden wir, wie im vorigen Jahre, die großartigsten Räubereien erleben, daß der jetzige Krieg da drunten in Italien gar nichts dagegen ist.« »Das meine ich ebenfalls!« schrie eine dritte Stimme; »es ist eben der Buchweizenhoniggeruch, der die Völker aufeinander lockt. Zehn Stöcke sind mir im vorigen Jahre rein ausgeraubt, und was das Wachswerk anging, so war das zerschroten, daß ich bei Betrachtung aus Wut meine Frau hätte prügeln können.« Hier lachte natürlich Paddenau durch alle Tonarten, doch dann meinte jemand: »Ein recht ordentlicher Landregen im August ist die beste Hilfe dagegen, Herr Nachbar.« »So ist es; aber nachher gucken Sie dann mal nach der Heide! Alle Stöcke, die infolge der Raubzüge starken Volksverlust gehabt haben, suchen sich sofort durch allmächtigen Brutansatz zu decken, und dann geht es wie der Teufel über die Vorräte her, und das Viech lebt grade wie unsereiner in schlimmen Zeiten von der Hand in den Mund. Da wischt sich der Imker ihn denn gefälligst.« »Das weiß der liebe Gott!« seufzte die erste Stimme aus Paddenau wieder und fügte hinzu: »Ja, mit dem übermächtigen Brutansatz! Drei Drillinge sind für den Stock da drüben auch zu viel; meine Frau war auch ganz außer sich bei der Nachricht, und es ist ein Wunder, daß sie's nicht hat hinüberbestellen lassen.« »Und noch dazu bei solch einem Kriege, wo doch niemand es schriftlich hat, ob nicht auch für ihn was dabei abfällt!« »Nun, was die Drillinge anbetrifft, so könnte dieses gewissermaßen unter Umständen noch ein Lob für Paddenau sein, zumal es in der Stadt und Gegend doch häufiger vorkommt; aber ich meine, der Haushalt paßt in anderer Beziehung ganz und gar nicht zu uns. Seit sie diesen Rektor Fischarth hierher gesetzt haben, kommt mir Paddenau manchmal ganz wie ausgewechselt vor. Die Polizei kann da nichts ausrichten; aber die öffentliche Meinung sollte eben das Ihrige tun; doch das ist grade das Leiden: zu zwei Dritteilen ist die öffentliche Meinung für die Leute, Ihrer lieben Frau zum Trotz, Herr Nachbar! Zum Exempel da sind meine Töchter und da ist meine Frau! Die haben gratulieren lassen und sind wie ans Rand und Band, und was soll man tun, wenn man sein ganzes Anwesen und Hans gegen sich hat?! Man dreht sich mit im Kreise, nur um nicht über den Haufen gestoßen zu werden. Es ist eben eine Schande, daß so ein einzelner Mensch daher kommt und Verse macht und ätherische Kränzchen oder wie es heißt, einrichtet und uns alles junge Volk vor der Nase toll macht. Die Polizei sollte doch einschreiten!« »Das sagen Sie noch einmal, Herr Timpe! Was mich anbetrifft, so habe ich mir schon längst die Frage gestellt, ob ich nicht lieber meinen Fritzen von wegen seiner neumodischen Naseweisheit enterben solle. Sie wissen, der Schlingel geht zu Michaelis auf die Universität und sitzt jetzo bei mir zu Hause. Nun stehe ich neulich ruhig mit der Pfeife vor der Tür. Kommt Ihr Söhnchen, Herr Timpe, das in denselbigen Umständen wie meines ist – macht einen Kratzfuß, greift an die Mütze, sieht mir auf die Pantoffeln und fragt: Entschuldigen Sie, ist der junge Herr Dörre zu Hause? – Da gucke ich ihm aber nicht auf die Füße, sondern grade in die greinende Visage und antworte: De Herre steit hier, de Junge sitt boven, Musche Timpe! – und so gehörte es sich.« »Freilich gehörte es sich so; aber was hilft's! Mit dem Respekt ist's doch aus und am Ende, Herr Nachbar. Ich glaube, wenn morgen früh mein Junge sagte: Na, jetzt hört die Langweilerei auf, machen wir die Klappe hinter euch zu! morgen mittag schon säßen wir Alten draußen vor der Stadt, und das junge Volk regierte hier inwendig an unserer Stelle. Respekt? Achtung? Das weiß der liebe Himmel! Gehe ich über die Gasse, so habe ich immer die helle Angst, daß jemand hinter mir drein lacht und sagt: da geht der alte Esel. Und selbst hier im Krebse sind wir unseres Daseins nicht mehr sicher. Da, hört nur, ihr Herren.« Die vergnügliche Unterhaltung schwieg einen Augenblick, und jedermann horchte, auf den Wunsch des letzten Redners hin. Von dem entferntesten Tische des Gartens drang ein lautes Durcheinander jugendlicher Stimmen, und in eine Pause des fröhlichen Lärms hinein vernahm man das inhaltvolle Wort: »Zehn lebendige Töchter!« und sofort, dem kritischen Worte Saxonia non cantat zum Trotz einen vollen Chorus: »Sie leben hoch! sie leben hoch! sie leben ho–o–o–och!« Am Tische der Greise schlug einer derselben ebenfalls sofort giftig auf den Tisch und keifte: »Ich lasse mich hängen, wenn das nicht meine Mädchen sind! das ist doch zum Tollwerden!« Und ein zweiter Greis bemerkte: »Das ist auch so eine von den Neuerungen und eine von den ärgerlichsten, dieses Singen an den öffentlichen Orten. Ich komme jetzo an die dreißig Jahre im Sommer in den Krebs, aber den möchte ich sehen, der mich hier hat singen hören. Wir sollten doch mit Gröbel reden und ihm ankündigen, daß wir mit unserm Tische um ein Haus weiter rücken würden, wenn er nicht imstande wäre, dem Skandal und der Ungemütlichkeit ein Ende zu machen.« »Auch das noch! Ja freilich, zuletzt können wir wirklich nichts weiter tun, als weiter zu rücken, immer weiter! Da ist ja der Dräumling, ich erlebe es noch, daß wir eines Tages mitten drin sitzen – ja!« »Das Allerschlimmste,« sagte der Vernünftigste des Kreises, »das Allerschlimmste ist, daß man immerfort ein Gefühl davon hat, wie unserer immer weniger werden, und wie das junge Volk immerfort in immer größerer Masse heraufkribbelt und krabbelt, daß ein echtes, richtiges Maikäferjahr nichts dagegen ist.« »Ja, und wir können es nicht einmal ändern!« sagte wieder ein anderer und zwar der Verständigste der Gesellschaft; wir aber könnten uns mit dem letzten Ausspruch vollständig begnügen, wenn nicht seltsamerweise jetzt derjenige das Wort genommen hätte, der von dem ganzen Tische für den größten Dummkopf des Kreises, und zwar mit vollem Recht, geachtet wurde. »Meine Herren,« sagte dieser ganz unzurechnungsfähige Mensch, »meine Herren, ich meine mit gütiger Erlaubnis doch, einer, der noch in die Zeiten reicht, wo man die ersten Chausseen baute, der kann bemerken, daß damals ein jeglicher darauf schwor, darauf werde niemand weder fahren noch reiten, weil das Ding sowohl Pferde wie Wagen zu kujonsmäßig ruiniere. Hatte sich was! Und dann mit den Eisenbahnen, – da sollten dann wieder die Pferde zu drei Taler das Stück auf den Markt kommen. Hatte sich item was! Ich denke also, meine Herren, wir sehen die Sache mit den jungen Leuten da drüben am andern Tische noch ein Weilchen an. Sie gewöhnen sich auch ein; grade wie wir zu unseren Zeiten. – Da kam im Anfange der zwanziger Jahre auch ein junger Geselle heim und wollte Paddenau auf den Kopf stellen; meine Herren, da sitzt er! Prosit, Herr Revisor, ich meine Ihnen! – Und Herr Inspektor, in Göttingen haben Sie doch gesungen: Gaudeamus und Knaster den gelben und: Wenn ich deinen Kahn besteige, oder was es sonst gibt, womit sich der Bruder Studio Luft macht, und ich entsinne mich noch ganz genau, wie Sie Pieperling, der damals auch jünger war, auf offenem Markte durchprügelten –« »Ich erinnere mich nicht,« sprach der Inspektor mit tiefem Ernste, und wer kann sagen, welche bittere Wendung das bis jetzt trotz allem so behaglich und breiartig dahinfließende Gespräch genommen haben würde, wenn es nicht in der eigentümlichsten Weise unterbrochen worden wäre? Der einzelne Gast am Nebentische hatte nämlich mit großem Interesse gehorcht, und es war ein Glück für ihn gewesen, daß er seine befriedigten Mienen zur Seite in die Dunkelheit der Sommernacht hineingeschnitten hatte; denn hätten die braven Spießbürger eine Ahnung von der Befriedigung gehabt, die sie ihm gaben, sie würden ihn sicherlich sofort in ihre Unterhaltung hineingezogen haben, und wahrscheinlicherweise hätte er noch einiges weniger Annehmliche am heutigen Abend im Dräumling erlebt. So aber setzte der Fremdling den Tisch der Stammgäste des Krebses dadurch in ein großes Erstaunen, daß er sich plötzlich erhob, mit dem Hute in der Hand herantrat, und als ob er stundenlang an ihrer Unterhaltung teilgenommen und seit zehn Jahren ihre Freundschaft und ihr Vertrauen genossen habe, ihnen – einen recht schönen guten Abend und recht wohl zu schlafen wünschte. »Na nu? ... Himmeldonnerwetter!« sagte derjenige der Paddenauer, der sich zuerst von der Überraschung, von dem halben Erschrecken über die unvermutete innige teilnahmevolle Begrüßung erholte. – – – Das dritte Kapitel. »Es sitzt seit einer halben Stunde einer in Ihrer Stube und wartet auf Sie, Herr Rektor,« sagte die Dienstmagd am folgenden Morgen zu dem aus seiner Schule schwitzend heimkehrenden Philologen. »Es sitzt einer in meiner Stube?« wiederholte Fischarth. »Und zwar seit einer halben Stunde? hat er denn seinen Namen nicht genannt?« »Nein; aber er hat ihn auf einem Blatt Papier der Frau hineingeschickt, und er hat zwei lange Ohren darauf und sitzt aufrecht und sieht aus wie ein Hase, der drei Eier gelegt hat, wie ein Osterhase. Die Frau hat durch mich heraussagen lassen, es sei ihr angenehm, und sie freue sich, und er solle es sich bequem machen, der Herr Rektor kämen gleich.« »Der Herr Rektor kämen gleich. Gut!« sagte der lateinische Schulmeister und trat vor allen Dingen erst in das Gemach seiner Gattin; wir aber gewinnen dadurch Zeit, uns dem Unbekannten mit den zwei langen Ohren, der wie ein Osterhase aussah und in des Hausherrn Stube wartend saß, ein wenig eingehender zu widmen. Der Gast hatte es sich bequem gemacht. Er saß in des Rektors Stuhle vor des Rektors Schreibtische und blätterte unbefangen in des Rektors Papieren; – ein etwas dürrer Mensch mit einem langen Gesicht, gelbrötlichem Haarwuchs und rötlichem Schnauz- und Spitzbart. Er war angetan mit einer braungelblichen Joppe, trug den braunrötlichen breiträndigen Filzhut noch auf dem Kopfe und gähnte augenblicklich sehr, eines der Manuskriptstücke des Rektors Gustav Fischarth in der Hand haltend. »Nicht ist's das gleiche, ob wir übersommern In Hinter-Indien oder Hinter-Pommern,« las er und brummte: »Auch eine Bemerkung, der man den Paddenauer Boden anmerkt. – Alkibiades? Wie kommt denn dieser frivole Grieche in den Dräumling? – Sulamith, ein Epos – das muß ich sagen, an Stoffen scheint es dem Menschen nicht zu mangeln! Die Poesie hat doch in betreff ihrer Verbreitung eine merkwürdige Ähnlichkeit mit der Hundswut. Einer beißt den andern – der Raptus bricht aus nach neun Tagen, neun Wochen, Monaten oder Jahren, und über ein Radikalmittel dagegen zerbricht sich die Menschheit bis heute vergeblich den Kopf. O Sonne, hohe Göttin, Zauberin, Du schufst mein Herz, den Löwen und den Pfau, Du schufst das Gold, das Auge, den Rubin, Den Haß, die Liebe, so wie meine Frau; Smaragd und Purpur sinkt dein Mantel hin Zu Füßen dir – um dich das ewge Blau! Den König schufest du und Sulamith, Und Sabas Herrscherin und dieses Hohe Lied. Kleopatra? Ach du liebster Herr Jesus, noch ein Epos! Vom Steuer winkte jetzt der braune Mann, Und klirrend fielen ab die leichten Bande. Wie dieses Verses Wohllaut schwoll heran Des Cydnos Flut und hob das Schiff vom Lande; Ein lindes Wehen füllt das Segel an, Und helles Jauchzen schallt herab vom Strande: Die Mädchen kreischen, doch die Königin Steht hoch und still und sieht zum Ufer hin. Nun beim Apoll und seinen neun Ambubajen, ich würde dasselbe tun, wenn ich nur Ufer sähe in dieser Flut von Reimen! Der Verstand steht mir auch ohne das still, das ist eine Tatsache. Und alles in Stanzen ... Don Quixote: Wie lachten sie, wenn er vorüberzog Auf magerm Gaul, gewappnet wunderlich In rostig Eisen; aus dem Fenster bog In Hütte und Palast der Pöbel spottend sich. Des Helden Blick weit in die Ferne flog, Mit dürrer Hand den Knebelbart er strich –« Der Genießende strich während einer geraumen Zeit seinen eigenen spitzen Bart; dann warf er plötzlich das Blatt hin, sprang auf und zum Fenster und holte sich ein halbes Dutzend Atemzüge der frischesten Luft, welche Paddenau zu bieten hatte. Dann schritt er mit untergeschlagenen Armen auf und ab. »Es soll mich wundern,« sagte er mit innigstem Mitleid und unbeschreiblichem Nachdruck, »wie ein Mensch, welcher das alles im Manuskripte liegen hat, aussieht! Das muß ja ein wahres Jammerbild sein! ... Ja, wenn er es noch hätte drucken lassen; aber – so! ... das ist in der Tat entsetzlich! O ihr Götter, jetzt weiß ich, weshalb ich den armen Teufel mit solcher Verwunderung in den Gassen von Paddenau vermißt habe. Ich bin ihm zwanzigmal begegnet, aber ich habe ihn nicht erkannt. Er muß furchtbar heruntergekommen sein – und noch dazu Gatte – und Vater – dreifacher Vater –« Er brachte seine Lamentationen nicht zu Ende, denn in diesem Augenblicke wurde die Tür aufgerissen und der Paddenauer Rektor Gustav Fischarth erschien auf der Schwelle, den Hut im Nacken, seine Schulbücher unter dem Arme, glänzend, grinsend, im vollen hellblonden Bart, breitschulterig, ungemein wohlgenährt und sehr gesund mit dem Rufe: »Haeseler?! Ist es denn möglich? Mensch! Freund! Göttergesendeter! Ungeheuer, wo kommst du denn her?« »Na, das muß ich sagen!« rief der Gast, auf der Stelle vom tiefsten Mitleid zur höchsten Verwunderung übergehend, und darauf fast betreten an sich selber hinunter und mit neuem Erstaunen an dem Rektor hinaufblickend. »Und ich habe ihn soeben noch bedauert! Guten Morgen, lieber Fischarth; – ich brauche mich wohl nicht zu erkundigen, wie du dich befindest? Ein Trauerspiel hast du sicherlich – wollt' ich sagen, hast du übrigens wohl nicht vorrätig?« Der Rektor sah nur einen Augenblick lang den Fragenden fragend an, nach dem ersten Blick über die durchwühlten Schriften auf seinem Schreibtische kam ihm sofort das Verständnis. Sein Lächeln wurde womöglich noch sonniger. »Eines?« rief er verächtlich, legte schnell seinen Schulapparat auf den vor dem Sopha stehenden runden Tisch, schob den Gast von seinem Schreibtische fort, bückte sich, griff in die Tiefe und zog ein Paket Papiere hervor, das durch rote, grüne, blaue Bänder und Bindfaden wie ein Paket Wäsche abgeteilt war. »Eines?« wiederholte er. »Da!« sagte er stolz. »Stilicho, fünf Akte – ein Stoff, wie kein zweiter! Gewaltige Szene zwischen dem Helden der Tragödie und dem Gotenkönig Alarich! Große tragische Charakterentwicklung der Thermantia, und dazu ein Ruffian wie der Staatsminister Rufinus! ich sage dir, mir schaudert selber vor dem Gemetzel im fünften Akte.« »Einen Konradin oder sonstigen Hohenstaufen hast du aber nicht vorrätig?« »Nein; – einen Konradin hat der Geheimerat Mühlenhoff im Pulte, aber ich der Abwechslung wegen einen Petrus a Vineis.« »Ist es möglich?!« »Gewiß! Und hier einen Thomas Münzer. Erlaube mir, dir schleunigst ein weniges daraus vortragen zu dürfen.« »Mit Vergnügen,« sagte der Gast, ganz den Erwartungen des Lesers entgegen; und, sich behaglich reckend, begann der so sehr unbekannte Dichter mit der Bemerkung: »Klaus Storch aus Zwickau hat das Wort – So schleudert wohl die Flut ein Riesenschwert, Das manch Jahrhundert durch das Meer bedeckte, Hin an den Strand und läßt es dort zurück, Versteckt dem Aug´ durch Muscheln, Sand und Seetang. Da findet es des Fischers Kind und bringt's Des Dorfes Alten, die im Kreis sich sammeln, Von Hand zu Hand die alte Waffe reichen Und schüchtern manche Deutung darob wagen. Aus Heldenzeit der Väter Wehr! so geht's Von Mund zu Mund, und staunend prüfen alle Die Wucht der Klinge und die dunkeln Runen, Die auf ihr schrecken, und die niemand löst, Bis kommt der rechte Mann –« »Erlaube mir,« unterbrach hier der Gast, »dieser Zwickauer muß jedenfalls auf seiner Wanderschaft bis an den Strand der lauttönenden Amphitrite gekommen sein. Ein binnenländischer Tuchmacher würde sich eines solchen Bildes sonst wohl nicht bedienen.« »Versteht sich!« rief der Poet. »Sein Wanderbuch liegt bei meinen und seinen dramatischen Personalakten. Die Visa der Schulzen von Heringsdorf und Misdroy stehen dir zur Einsicht bereit; sonst aber fragt jetzt Martin Kellner den Klaus Storch – Und dieser Mann, Meinst du, sei nun gekommen, und die Klinge Funkle zur Siegesschlacht in seiner Hand? Der rechte Mann, dem dieses Schwert bestimmt, Der rechte Mann, für den das Meer es barg Durch tausend Jahre bis zu diesem Tag? worauf Pfeifer meint: So ist's! des Volkes Retter ist vorhanden. Und alles ist bereit ihn zu empfangen.« »Äh ... äh ... häh ... häh!« erklang es in diesem Moment hell und schrillstimmig aus einem entferntern Gemache; der Poet warf sein Trauerspiel, seinen Thomas Münzer in den Winkel, packte den Fremden an beiden Schultern, schüttelte ihn derb und schrie: »Aber Mensch, das alles ist ja lauter dummes Zeug! Meine Frau ist niedergekommen, und wir sind obenauf! Du stehst natürlich dreifach Gevatter, Rudolf; und nun verkündige mir vor allen Dingen: wo kommst du her, und was willst du eigentlich hier in Paddenau?« »Auf die erste Frage antworte ich: aus München. Was die zweite Frage betrifft, so ist die nicht so leicht zu beantworten. Die Begriffe Sumpfstudium und Freundschaft drücken meine Bedürfnisse und Entschuldigungen in dieser Hinsicht vielleicht am passendsten und umfassendsten aus.« »Und wann bist du angekommen, Seltsamster der Sterblichen?« »Nun, vor ungefähr acht Tagen.« Dem Rektor fielen die Arme am Leibe herunter, mit ungläubigem Staunen und fast verlegenem Lächeln sah er auf den Gast: »Und du wohnst?« »In der nächsten Gasse. Im goldenen Kalbe.« Dem Rektor entging der Atem; er mußte sich setzen, tat es, starrte wie geistig gestört auf den Freund und sprach, nach Luft schnappend: »Ich glaube, du lügst, Haeseler. Ich hoffe fest, daß du lügst; denn vieles wäre doch offengestanden etwas zu unheimlich.« »Ich rede die Wahrheit.« »Paddenau zählt höchstens sechs, bis siebentausend Einwohner.« »Zu denen du vielleicht nicht gehörst.« »Im goldenen Kalbe?« »Im goldenen Kalbe.« »Seit acht Tagen?« »Wende dich an den Wirt.« »Lieber Freund, ich hätte fast Lust, dich dort aus jener Tür, in welche du hereingekommen bist, wieder hinaus zu werfen.« »Und ich bitte dich, mich vorher deiner Gattin vorzustellen, und um dieses möglich zu machen, werde ich mich noch einige Zelt länger in Paddenau aufhalten.« Das vierte Kapitel. Einige Wochen sind vergangen; es ist eigentlich ein Wunder, wie ein so junges Weib, als die Frau Agnes Fischarth, schon eine so stattliche Familie haben kann. Ein kleiner Hof trennt die Hinterseite des Hauses des Paddenauer Rektors von einem ebenfalls nicht großen Garten. Dieser ist durch einen Lattenzaun von dem See oder Sumpfe geschieden. Der Zaun ist überwuchert von Schlinggewächsen, und auf einer winzigen Erhöhung dicht daran ist eine Laube von kurzstämmigen Hainbuchen und einigen Holunderbüschen angepflanzt. Die Sommerabendsonne scheint in die Laube, auf den Tisch und auf die beiden Wiegen mit den drei jungen Fischarths. Die junge Mutter sitzt zwischen den beiden Wiegen und hat zur Rechten das Söhnlein und zur Linken die zwei Töchterchen. Herr Rudolf Haeseler sitzt am Tische, und der Rektor lehnt mit seiner Pfeife an seinem Gartenzaune, sieht über Schilf und Wasserpflanzen ins Weite und bläst blaue Rauchwolken seinen auch grade nicht grauen ober gar schwarzen Gedanken nach. Der Gastfreund ist als Freund des Gatten der Frau Rektorin Agnes längst vorgestellt worden; letztere behauptet jedoch, bis jetzt dadurch wenig klüger geworden zu sein. Sie behauptete vor einer Stunde noch, aus diesem Menschen niemals klug werden zu können, und der Rektor hat ihr geantwortet: »Dies ist auch ein schwer Ding, Diotima. Du bist übrigens nicht die einzige, welche in dieser Hinsicht im Dunkeln tappt; auch andere Leute haben sich in ganz der nämlichen Weise nach jahrelangem Verkehr mit dem Burschen geäußert.« Der Maler Haeseler schaukelte eine Zigarre im Mundwinkel; aber zugleich mit dem rechten Fuße die Wiege des männlichen Drillings. Seine umfangreiche Skizzenmappe liegt auf dem Tische; er hat den ganzen Nachmittag im Wald und Moor zugebracht und scheint mit den Ergebnissen seiner Künstlerxerpedition recht zufrieden zu sein. Die beiden jungen Eheleute haben seine Skizzen bereits betrachtet, sie im stillen einer eingehenden Kritik gewürdigt, und zuletzt, wenn auch laut, so doch schüchtern behauptet: es sei etwas drin, aber wo es eigentlich liege, sei schwer zu sagen.– »Ich versichere Sie, Frau Agnes,« sagte der Maler, »ich habe die Sümpfe zu meiner Spezialität gemacht und befinde mich wohl dabei. Sie stecken eben drin und begreifen deshalb nicht vollständig, was dran ist; das ist aber durchaus kein Vorwurf; das ganze Wissen, Erkennen, Fühlen und Genießen der Menschheit hängt an demselben Haken und dreht sich um die nämliche Angel. Sie träumen von Alpen, Palmenwäldern, feuerspeienden Bergen, Weltmeeren; von Madonnen, Schlachten, Haupt- und Staatsaktionen und zwischen Ihren Wiegenliedern natürlich dann und wann auch vom Genre. Ich bin für den Sumpf und habe mich, sozusagen, hineingerettet. Meine Bilder werden mir anständig bezahlt und verdienen es. Der Sumpf ist original. Jeder Frosch, den ich auf ein Wasserrosenblatt setze, findet seinen enthusiastischen Liebhaber; die Störche im Ried sind eine Poesie für sich selber, eine Wonne der Kunsthändler und Kunstfreunde und, was das Wichtigste ist, eine Erquickung für meinen Geldbeutel. Wer im Rohre sitzt, schneidet sich Pfeifen, wie er will, und deshalb habe ich mich in das Rohr gesetzt. Im Schilfe lebe ich, und im Schilfe will ich sterben, und bis jetzt suchten nur der Neid und die Mißgunst mich daraus hervorzulocken.« »Ach, Sie wollen nur über uns hier im Dräumling lachen!« »So?« sagte der Maler mit wirklich unheimlicher Ernsthaftigkeit. »In München wagt man mir nur ins Gesicht zu lachen; hinter meinem Rücken lacht man sicherlich nicht, sondern ärgert sich nur. Man spricht viel zu leichtfertig vom Lachen in der Welt; ich halte es für eine der ernsthaftesten Angelegenheiten der Menschheit. Was ist deine Ansicht, Fischarth?« »Ich denke bereits tief darüber nach, würde aber die Hauptpunkte, glaub´ ich, besser in gebundener als in ungebundener Rede zusammenfassen können.« »Gott behüte uns!« rief die Frau Agnes, und der Maler hielt es für seine Pflicht, selber dafür zu sorgen, daß der Kahn nicht auf Klippen oder Sandbänke stoße. »Ich kenne sowohl die Alpen wie das Meer ziemlich genau,« sagte er. »Die einen sind längst platt getreten, das andere ist, der lustigen Kinderfabel zum Trotze, mit Fingerhüten ausgeschöpft worden. Da lobe ich mir den Sumpf. Die Mondscheinnacht, in welcher er mir zum erstenmal in seiner vollen Glorie aufging – es war in der Gegend von Rosenheim – war eine große Nacht sowohl für die Kunst, wie auch für den ratlosen, rand- und bandlosen, von allen Zweifeln zerfressenen Künstler, den spätern, das heißt sofortigen Sumpfmaler Rudolf Haeseler.« »Und es gefällt Ihnen in hiesiger Gegend?« »Gefallen? Der Dräumling ist das Paradies, und Paddenau ist der Baum der Erkenntnis, der in demselben wächst.« »Das sage ich auch!« rief der lateinische Schulmeister und deutsche Poet, sich halb nach der Laube und ganz nach seiner Frau umdrehend; ach, aber Eva seufzte leider nur allzu beklommen. »Du wolltest ja deine blauen Hefte jetzt korrigieren,« sagte sie, und lächelnd meinte der Philologe: »Das heißt, du wünschest, mich augenblicklich los zu sein, um mir mein Paddenau ungestraft schlecht machen zu können. Ich will dir den Gefallen tun, da ich muß. Benutze die Zeit, Agnes, und mache deinem Herzen einmal wieder nach Bedürfnis Luft. Hilf ihr dabei, Rudolf. Viel Vergnügen!« Langsamen Schrittes entfernte er sich durch die Stachelbeerbüsche seiner Gartenbeete und verschwand im Hause. Die Frau Agnes schlug die Augen zum Himmel empor, sah über den großen Teich hin, sah halb lachend und halb ärgerlich auf den Gastfreund und sprach: »Es ist unerträglich. Ist er fort? Ja. Nun, so sagen Sie mir offen, haben Sie ihn wirklich so gefunden, wie Sie ihn zu finden wünschten?« »Besser! viel besser! das ist ein Glücklicher. Wahrlich, das ist ein glücklicher Mensch!« »Das ist er freilich,« seufzte die Frau Agnes leise und mit einem Blicke auf die beiden Wiegen. »Freilich ist er das! Aber Paddenau? Wissen Sie, ich bin aus Berlin und sitze in Paddenau – das ist doch auch zu bedenken. Er bedenkt es aber nicht; ich glaube, er weiß es nicht einmal, und wenn er es gewußt hat, so hat er's längst vergessen, und das ist noch schlimmer.« »Das ist scheußlich.« »Nein; denn es kommt noch schlimmer: er ist nämlich der festen Überzeugung, daß ich es bei ihm und in Paddenau gut habe, und damit begnügt er sich.« »Das ist freilich noch viel scheußlicher.« »Ach, Herr Haeseler, im Grunde glaube ich selbst, daß wir beide es nur zu gut haben; aber Paddenau ist entsetzlich.« Der Maler strich nachdenklich seinen Bart und wiegte sinnend das Haupt, oder einfacher, den Kopf. Er kannte bereits die Gegend vielleicht besser, als die Frau Agnese Fischarth aus Berlin. Erst nach einer geraumen Zeit tat er eine ganz sonderbare Frage. Er fragte nämlich: »Sagen Sie einmal, liebste Freundin, wissen Sie wohl, daß momentan da draußen Krieg ist?« »Krieg? ... Wie kommen Sie ... ja die Österreicher, die Franzosen und der König von Sardinien zanken sich dort, ich weiß nicht um was; um den Papst, oder um eine viereckige Festungsfasson; aber was geht das uns hier im Dräumling an, und was wollen Sie grade jetzt damit? Na, ich merke schon, was Sie damit sagen wollen! Nicht wahr, wir sollen froh sein, daß wir hier sitzen und nichts von dem Spektakel da draußen wissen oder uns wenigstens nicht darum zu kümmern brauchen? Damit kommen Sie mir nur ja nicht, das wäre für einen Mann wie Sie doch eine zu gewöhnliche Auffassung! Ich sage Ihnen, wenn Juden und Franzosen, Polen, Russen, Österreicher und Italiener zu gleicher Zeit auf mich losrückten, so würde ich nicht mehr auszustehen haben, als was ich Tag ein, Tag aus, hier am Orte, an meinem Mann erlebe. Ich bin aus Berlin und fürchte mich vor niemand, also auch hier vor dem Sumpfe nicht; aber daß das Leiden dadurch nicht erträglicher wird, können Sie sich wohl vorstellen, Herr Haeseler.« »Hm!« machte der Maler. »Herr... wäre es Ihnen angenehm, zu erfahren, daß auch ich unter Umständen Philosophie studiert haben kann?« »Das wäre mir gewiß sehr angenehm.« »Nun denn, so sage ich Ihnen, daß ich im Grunde noch viel poetischer angelegt bin als mein Mann. Bei meinen Eltern in der Stralauerstraße fiel es auch niemand ein, daran zu zweifeln; aber hier in Paddenau, hier im Dräumling – wer fragt danach? hier geht das alles vor die Frösche.« »Hurra, Frau Agnes, liebe, gute Freundin, sehen Sie, grade so ist es mir ergangen!« rief der Maler, enthusiastisch aufspringend. »Gerade die nämliche Erfahrung habe ich machen müssen, obgleich ich nicht aus Berlin, nicht aus Köln an der Spree, sondern nur aus Köln am Rhein bin. Für poetisch im höchsten Grade galt auch ich in meiner Eltern Hause in der Hochstraße; aber nachher in Paris, in Rom, in Athen, in Wien, in München, und – leider auch in Berlin ist das alles ebenfalls vor die – Frösche gegangen!« »Darüber möchte ich doch gern etwas Näheres erfahren,« sagte die Frau Rektorin mit einem bedenklichen Blicke auf den Freund ihres Gatten. Der aber hielt den Strahl ruhig aus und ließ ruhig die junge und hübsche Philosophin hinzufügen: »Mein Mann ist aus Obisfelde; ihn scheint niemand in seiner Jugend für poetisch gehalten zu haben, und jetzt –« Sie brach leider ab und seufzte so tief, daß der Maler nun doch lachen mußte, er mochte wollen oder nicht. »Wir verständigen Leute,« sagte er, »müssen eben zeigen, daß wir die verständigen Leute sind. Wir müssen Geduld haben, Frau Agnes. Es ist nur gut, daß wenigstens Paddenau nichts von seiner bedauernswerten Schwäche weiß.« »Nichts weiß? O lieber Freund, das ist nicht die rechte Art, mich mit dem gräßlichen Orte auszusöhnen. Sie wissen übrigens auch recht wohl, Herr Haeseler, daß die Stadt alles weiß; doch brechen wir ab, nach der Seite hin ist eben kein Trost zu finden. Sie wollten mir von Ihrem eigenen Leben etwas erzählen, ich bitte Sie jetzt darum.« »Richtig; Sie wollten wissen, wie mir die Poesie des Daseins da draußen verlorengegangen ist. Nun denn, der erste und unterste Grund davon liegt darin, daß ich Geld habe! Sie sehen es mir wohl nicht an, aber es ist so –« »Gustav hatte dreitausend Taler väterliches Vermögen, aber die hat er längst durchgebracht.« »Das kann ich bezeugen, denn ich war dabei; aber das hat augenblicklich nichts mit meinen eigenen Verhältnissen zu schaffen – sehen Sie doch den Kahn!... er wird hierher gelenkt!... o bei allen Farben meiner Palette, wer ist die reizende Schifferin?« Die Frau Rektorin von Paddenau sah auf den Teich und sagte: »Die kennen Sie doch schon. Verstellen Sie sich nur nicht. Es ist Wulfhilde Mühlenhoff. Sie wird mir einen Besuch abstatten wollen; lassen Sie sich ja nicht durch sie stören.« »O durchaus nicht!« rief unser Freund Rudolf Haeseler. Das fünfte Kapitel. Die Schifferin, welche in der Tat eine ungemein reizende Schifferin war, landete unter dem Gartenzaun des Paddenauer Rektors, herzlich begrüßt von der Rektorin, und von dem Maler mit großer Dienstfertigkeit beim Erklimmen der ausgetretenen Stufen, die zu dem Garten emporführten, unterstützt. – Die Frau Agnes übernahm sofort die formelle Vorstellung der Tochter des Geheimen Hofrats Mühlenhoff, Wulfhilde Mühlenhoff, und des Malers Rudolf Haeseler. Die Herrschaften hatten einander zwar bereits gesehen in den Gassen von Paddenau, allein es war dem Maler gewiß nicht zu verdenken, wenn er die Gelegenheit nicht vorübergehen ließ, das schöne junge Mädchen – das schönste junge Mädchen des Dräumlings, nunmehr auch reden zu hören. Wulfhilde sagte jedoch fürs erste wenig. Die Drillinge nahmen ihre ganze Beteiligung in Anspruch, und die Mutter der Drillinge führte selbstverständlich und mit Energie das Wort über die beiden Wiegen. Der Maler saß, sah und lauschte und fuhr fast erschrocken in die Höhe, als die Rektorin bemerkte: »Unser Freund hier war eben im Begriff, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen, liebe Wulfhilde. Wir machen uns schon seit einer Stunde gegenseitig die kuriosesten Bekenntnisse. Setze dich, wenn du ein wenig Zeit hast, höre ihn sprechen und hilf mir, ihn zu begreifen.« »Bin ich denn so sehr dunkel gewesen, Frau Agnes?« »Wie einem in Berlin, gar nicht zu reden von Rom und Griechenland, das Ideal vor die – verloren gehen kann, das ist mir dunkel.« »Darf ich ein wenig aus meinem Leben und dem, was damit zusammenhängt, erzählen?« fragte der Maler, sich an das Fräulein wendend. »Ich bitte darum,« sagte Wulfhilde Mühlenhoff ganz ruhig. »Hast du dir ein Strickzeug mitgebracht, Kind?« »Nein,« sagte Wulfhilde einfach, und der Maler, der übrigens gegen einen weißen Strumpf an einem wohlgeformten Bein nicht das mindeste einzuwenden hatte, dankte allen von ihm schnöde verleugneten olympischen Göttern und Göttinnen und begann, ebenfalls ohne alles Pathos, seinen Bericht: »Mein Vater war einer jener guten Geschäftsleute, die unser Herr Jesus einst so kurzweilig aus dem Tempel jagte. Er war ein Wechsler – was man heutzutage einen Bankier nennt, und er muß wohl meistens zu seinem Vorteil gewechselt haben; denn als er mich meines unverständigen Lebenswandels halber zu enterben drohte, legte er mir vorher eine Bilanz seines Geschäftes vor. Der Glanz in der Nacht des Correggio ist nichts gegen das Licht, welches aus seinem – meines Vaters – Hauptbuche auf mich eindrang! Es war wirklich überwältigend und trieb mich auf der Stelle in das Dilettantentum hinein. Wir waren ein gebildetes Haus; meine Mutter war eine gebildete Frau, deren Vater erst zum Christentum übergetreten war – eine stattliche Frau, schwarzlockig, korpulent und ästhetisch –« »Das geht gut an!« sagte die Frau Agnes. »Eine gute Frau, obgleich eine Närrin, die niemals wußte, was sie wollte, und überall konfuse Liebhabereien in den hellen Tag hinein vor sich hertrieb wie eine Herde unflüggen, gackelnden, hüpfenden Federviehs. Mein Vater wußte stets, was er wollte, und wenn er etwas vor sich hertrieb, so ging es damit einen ganz bestimmten Weg, und seine Klienten erfuhren sicherlich am Ziele, daß jemand sie nicht ohne seine Gründe grade diesen Weg geführt habe. Haeseler und Sohn! das Weltall als Piedestal für Haeseler und Sohn!... Meine Mutter war aus Düsseldorf und hatte drolligerweise Geschmack an den bildenden Künsten gefunden, und von sehr früher Jugend an wußte ich, daß nichts einem Salon zu einer wohlfeilern und glänzenderen Zierde dient, als ein berühmter Künstler, zumal wenn er gutmütig genug ist, dann und wann ein Blatt in einem Album auszufüllen und mit seinem Namen zu zeichnen. Solange nun meine Mutter lebte, und das war bis zu meinem vierzehnten Jahre, hatte ich mit den übrigen guten Tierchen zu repräsentieren, und war ich in ihren Salons ein Joujou wie alles andere, welches nicht daraus wegblieb, oder daraus wegbleiben konnte. Nach ihrem Tode war auch ich natürlich nichts weiter als eine miserable Verquickung von Nichtswissen und Nichtswollen; aber zugleich ein Ding, das, wenn man an ihm drehte, ein wenig Musik machte, ein wenig mit dem Zeichenstift und dem Pinsel umgehen konnte, und den Umgang mit den künstlerischen Hausfreunden dem mürrischen Kontor des Papas weit vorzog. Allein der Papa war nunmehr imstande, seine Ansicht von der Welt und dem Leben geltend zu machen, ohne von der Mama sofort an ihr Eingebrachtes erinnert zu werden. Er sendete mich, um mich, wie er sich sehr roh ausdrückte, fürs erste einmal auszulüften, nach Bremen zu einem Onkel, der große überseeische Geschäfte machte –« »Jetzt seien Sie erst mal still,« sprach die Frau Rektorin. »Ich finde die Art und Weise, in der Sie von Ihren Eltern reden, zum mindesten im höchsten Grade pietätlos. Findest du das nicht auch, Wulfhild?« Wulfhilde Mühlenhoff, die Tochter eines wirklichen Geheimen Hofrats und vormaligen Prinzenerziehers, überhörte selbstverständlich die Frage, und die Frau Agnes war viel zu angenehm unterhalten, um auf dieses Überhören zu achten. »Fahren Sie fort!« rief sie, und Wulfhilde nickte leise, als sich der Maler an sie wendete mit der Frage: »Darf ich?« Er durfte sicherlich, und er fuhr fort: »In Bremen und im Hause des Onkels wurde erst recht nichts aus mir, und nach einem oder zwei Jahren fand mein Papa das denn auch heraus. Er beorderte mich heim und stellte ein scharfes Examen mit mir an, wovon die Folge war, daß er wieder einmal seinen Willen bekam, und daß ich bis zu seinem Tode den Kaufmann, so gut es eben gehen wollte, agierte und mich – zu einem Kunstfreund mit Mitteln, zu einem hochsträßlichen Mäcenas in der Stille, gähnend weiter heranbildete. Frau Agnes Fischarth, es ist nicht ganz und gar verwerflich, wenn der Mensch beizeiten sich darauf einrichtet, über seine Unglücksfälle mit Gelassenheit reden zu lernen! Der Onkel in Bremen, jener merkantile Leuchtturm, den wir von Köln aus stets mit Bewunderung und Erstaunen im Auge gehalten hatten, löschte urplötzlich aus, das heißt, er machte bankerott, und mein armer Vater hatte infolge davon gleichfalls zu liquidieren. Er brach durch die Bank geistig und körperlich, und wie es sich auswies, ganz ohne Grund. Er starb und am Tage nachher ergab es sich, daß er nicht mehr als zwei Drittel seines Vermögens eingebüßt hatte; – ich fand mich auf ein jährliches Einkommen von ungefähr dreitausend Talern beschränkt und bin bis jetzt so ziemlich damit ausgekommen.« »Wir haben fünfhundert Taler Gehalt und bekommen vierzig Taler Mietsentschädigung,« seufzte die Frau Agnes mit einem wirklich wehmütigen Blicke auf ihre beiden Wiegen, auf welchen aber diesmal der Maler nicht achtete. »Zwei Jahre lebte ich in Bonn in Gesellschaft des Bremer Onkels, den ich aus den Ruinen seines Hauses herausgeholt hatte, und welcher das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschte, als ich eben einundzwanzig Jahre alt geworden war.« »Unter Umständen scheinen Sie mir doch ein recht guter Mensch sein zu können, Herr Haeseler!« sagte die Paddenauer Rektorin. »Davon sollen Sie sogleich noch inniger überzeugt werden. Beste,« rief der Gastfreund. »Diese eben gemeldeten zwei Jahre in Bonn gehören zu den altgenehmsten meines Lebens. In ihnen lernte ich meinen Freund Gustav, der da oben hinter dem Weinlaub seine blauen Hefte korrigiert, und welcher damals dort Philologie studierte, kennen. Ich half ihm den Rest seines Väterlichen wenigstens mit Verständnis unter die Leute zu bringen –« »Jesus, ich nehme alles zurück, was ich eben Gutes von Ihnen gesagt habe!« rief die Frau Agnes außer sich vor verblüfftem Erstaunen; aber Wulfhilde Mühlenhoff lachte so glockentönig, daß sie dadurch den verwegenen Künstler gegen jeden – tätlichen Angriff deckte. »Ich versichere Sie, liebe Gevatterin, er brachte den Mammon mit Gewinn – ja mit großem Gewinn unter die Leute.« »Das weiß der liebe Himmel!« »Wir trieben freilich auch sonst noch allerlei Allotria miteinander, Geschichte, Philosophie, Ästhetik –« »Bitte gefälligst, einen Augenblick; jetzt möchte ich doch gern, daß Gustav bei Ihren fernern Konfessionen zugegen wäre. Mit seinen Korrekturen muß er nun allmählich fertig sein. Ich meine, wie rufen ihn.« »Ich habe wenig mehr von ihm zu sagen. Er ging nachher seines Weges und ich des meinigen.« »Ich halte es für besser, daß wir ihn rufen; denn sollte er doch noch einmal in Ihrer Historie vorkommen, so ist es mir, offen gestanden, lieber, wenn ich ihn sofort zur Hand habe. Für dich ist es ein rechtes Glück, daß du dein Schifflein hierher gelenkt hast, Wulfhild; heute kannst du etwas lernen! Willst du die Güte haben, mal unter seinem Fenster zu rufen?« Das Fräulein erhob sich, und der Maler erhob sich im nämlichen Augenblick: »Ich rufe mit!« Die Frau Agnes blieb zwischen ihren beiden Wiegen sitzen, doch die beiden andern traten aus dem Garten in den Hof und sahen nach der Stube des Rektors empor. Die Fenster standen offen, es lag ein tiefer Friede, eine unsägliche Ruhe über Paddenau und dem Dräumling, und man vernahm von dem Hof aus deutlich, mit welchen Expektorationen und Paraphrasen und Parabasen der vergnügte Lateiner seine schauerliche Berufsarbeit begleitete. »Hören wir ihn einen Augenblick, ehe wir uns mit unserm Auftrage an ihn wenden, Fräulein Mühlenhoff,« sagte der Maler, und das Fräulein nickte heiter und meinte: »Ich höre ihn sehr gern!« Aus dem geöffneten Fenster erklang es: Wen ein Gott In früher Stunde Hinausführt, ihm leitend Den kindlich unsichern Schritt, Und stellt ihn auf den Berg In die junge Sonne, Wahrlich der wird Ein anderes sehen, Als der erhabene Unglückliche, Welchem der Dämon Um die Stunde des Mittags, Auf halbem Wege Des Menschenlebens, Die Stirn berührt. »Recht hübsch!« brummte der Maler. »Mir scheint das sogar sehr schön zu sein!« flüsterte das Fräulein. »Ich bitte, stören Sie ihn nicht.« Der Maler sah seitwärts auf den erwartungsvoll ein wenig geöffneten roten Mund und die glänzenden Augen der jungen Dame, und wäre in der Tat ein sehr albernes Subjekt gewesen, wenn er die Aufmerksamkeit der freudigen Lauscherin, und wäre es auch durch den besten Witz geschehen, auf sich gezogen hätte. Aus der Höhe summte es mit Pathos hernieder: »Es wird wachsen mit dem Tage Das Kind, Wird mit dem Auge des Adlers Den feurigen Ball Vom Aufgang zum Niedergang Ruhig verfolgen. In die Saiten der Leier, Über welche der Knabe Mit kindischer Hand Lächelnd fuhr, Wird greifen der Jüngling Sieghaft und königlich Und wieder lächeln. Es wird der Mann Dem Sturme stehen Und seine Brüder Mit leuchtendem Schilde Gelassen decken. Es wird der Greis In heiterm Sinnen Der dunkeln Nacht Entgegenblicken, Und hoher Ahnen Göttliches Winken Im klingenden Herzen Hinübergehen: Mehr Licht!« Der Maler schlug mehr als bloß symbolisch die Hände über dem Kopf zusammen; doch Wulfhilde Mühlenhoff flüsterte: »O bitte, lassen Sie ihn. Ich höre ihn so wirklich zu gern.« Und von oben herab erscholl es im tiefsten Brustton und, sozusagen, in vergnügtester Zerknirschung: »Aber der andre Aus kreischendem Wirrsal Empörter Städte Verliert sich im Wald Von glühender Heide. Es folgen ihm fernher Fluchwort und Drohwort, Seufzen der Freunde, Triumphschrei des Feinds. Da steht er und zaudert, Die Schrecken des Todes Sind um ihn und in ihm; Gestein und Gestrüppe Versperrt ihm den Weg.« »Hören Sie, Fräulein,« rief der Maler, »alles, was billig ist; aber jetzt wird es am Ende doch Zeit, daß wir den Traumwandler packen und vom Dache reißen; er wird uns sonst nichts ersparen, weder den Zauberer Virgil, noch die holde Führerschaft Beatrices; er ist imstande uns durch sämtliche Kreise der Hölle zu schleppen, und wir haben doch auch ewige Rücksicht auf sein unglückliches Weib zu nehmen. Fischarth! He, Fischarth!« »Was gibt's, Haeseler?« »Deine Gattin wünscht mit dir zu reden.« »Der letzte Schlingel wird soeben expediert, in zwei Minuten bin ich bei euch.« »Halte Wort, alter Junge! Kommen Sie, Fräulein Wulfhilde. Na, er hat keine Ahnung davon, was für eine Suppe ich ihm dort in der Holunderlaube eingerührt habe. Möchten Sie wohl in seiner Haut stecken, Fräulein Mühlenhoff?« Das sechste Kapitel. Nach fünf Minuten saß der Rektor von Paddenau wirklich wieder bei den andern in der Laube und hatte in der Tat ein scharfes Kreuzverhör über seine Bonner Fahrten und Taten, so wie über den Verbleib seines Väterlichen auszuhalten. Er kam aber doch noch gut ab, denn beide Damen waren allzu neugierig auf den fernern Lebensbericht des Künstlers. »Wir reden heute abend noch ein weniges darüber, lieber Gustav,« sagte die Rektorin Agnes. »Das macht man besser unter vier Augen ab; hier würde dich augenblicklich alles zu sehr zerstreuen, mein Mäuschen. Wollen Sie nun die Güte haben, in Ihrer Erzählung von sich fortzufahren, Herr Urian?« »Wenn Sie das eine Erzählung nennen – mit Vergnügen!« lachte der heimtückische Sumpfvirtuose. »Verzeihe, Gustav, nur der Zufall führte mich und deine gute Frau auf jenen unsichern Boden; ich rate dir; nimm nachher einen Anlauf und suche besser darüber wegzukommen, als wir beide. Also, Frau Gevatterin, er – nämlich mein Freund Gustav Fischarth, ging nach Hause und soll sich, einem dunkeln Gerücht zufolge, sehr bald verlobt und späterhin auch verheiratet haben; ich ging, nachdem ich vorher den Bremenser Onkel begraben hatte, nach Brüssel, unter dem Vorwande, die belgische Malerschule dort zu studieren. Ach, Frau Agnes, unter einem ähnlichen Vorwande war ich nachher in Italien, kopierte die Prärafaeliten, langweilte mich fürchterlich dabei und wurde noch fürchterlicher ausgelacht, als ich dann den Leuten mein erstes eigenes Bild, die Frucht jenes sonderbaren Gewühls von tiefsinnigem Gefühl und innigster Geschmacklosigkeit, vorzuführen die Impertinenz hatte. Heute noch schallt mir das Lachen Roms in den Ohren nach, das heillose Gelächter, welches mich begleitete, als ich vor meinem Erfolge über den Ponte molle Reißaus nahm.« »Aufrichtig ist er, das muß man ihm lassen,« bemerkte der Rektor. »Freilich könntest du dir in dieser Beziehung, jedoch nach einer andern Richtung hin, ein gutes Beispiel an ihm nehmen,« erwiderte ihm sofort seine Frau. »Was hat unsereiner, wenn er nicht aufrichtig ist?« rief der Maler. »Und im vorliegenden Falle ist die Aufrichtigkeit gar kein Verdienst; denn der Gewinn, welchen ich damals machte, belohnte mich für vieles mehr als die einfache Menschenpflicht, wahr zu sein! Ich brachte eines mit von Rom nach München, was mich um ein Unendliches höher stellte als neunundneunzig neunzehntel Prozent meiner Brüder in Apell, nämlich die Sicherheit, die Gewißheit, sämtliche Studien, Kopien, Skizzen und Motive vor meiner Abreise vorsichtiglich verbrannt oder sonst vertilgt zu haben.« »Mein Mann hebt alles auf, was er zusammenschreibt,« sprach die Frau Agnes. »Aber er belästigt das Publikum nicht damit, und so legt sich denn die Sache in dieser Hinsicht etwas anders. Für einen strebenden, das heißt auf den Beifall und den Geldbeutel des Volkes Anspruch erhebenden Künstler gibt es kein wonnigeres Gefühl, als wieder einmal reine Bahn vor und hinter sich gemacht zu haben, und sich in den holdesten Spielen der Phantasie über das, was nun werden kann, zu ergehen. Speziell für den Maler gibt es nichts Herrlicheres als eine leere Studienmappe oder gar eine leere, graue, auf den Rahmen gespannte Leinwand. Der größte Pfuscher braucht da nicht mit Michelangelo Buonarroti zu tauschen. Die Sonne malt unter solchen Umständen selber in der Seele des begeisterten Narren, und nachher ist ihr – der Sonne – gegenüber ja selbst Michelangelo ein elender Pfuscher, sobald er wieder den ersten Kreidestrich auf der grauen Tafel gezogen hat. Sehen Sie, Frau Gevatterin, und Sie, mein teueres Fräulein, damit sind wir an jenem Punkte wieder angekommen, den wir uns vorhin klar zu machen wünschten.« »Nun soll es mich doch wundern, worüber ihr eigentlich in meiner Abwesenheit geschwatzt habt,« rief der Paddenauer Rektor. »Über die Laïs, die Korintherin, mein Sohn.« »Was?« rief die Paddenauer Rektorin. »Ist denn das wahr, Wulfhilde? Ich bitte dich, Wulfhild, kannst du dem Herrn auf seinen Sprüngen noch folgen? Was mich anbetrifft, so bleibe ich von jetzt an ruhig sitzen und warte ab, daß er mir wieder verständlich wird.« Wulfhilde Mühlenhoff legte den Finger an das Kinn und sah ruhig lächelnd auf den künstlerischen Gast des Dräumlings, der ebenso ruhig und lächelnd, doch nicht so schön lächelnd, sagte: »Man behauptet, es sei nicht jedem gegeben, nach Korinth zu gehen, aber meiner Meinung nach ist jedermann auf dem Marsche dorthin, und die meisten langen auch wirklich daselbst an, obgleich sie es selber nicht wissen, und höchstens immer noch auf dem Wege zu der schönen Stadt zu sein glauben, während sie sich doch bereits auf der Rückkehr befinden. Für jedermann sitzt in Korinth das Ideal, die Freude, der Genuß; für uns im besondern aber sitzt dort die prachtvolle Dame, die Kunst, und lächelt jeden an, aber es ist ein eigentümliches Lächeln. Und wie geht man mit ihr um! Nicias schleppt sie als Gefangene von Sizilien nach Griechenland; Demosthenes, der Politiker, findet sie zu teuer für tausend Talente; in seinem Staate kann man das billiger haben. Xenocrates, der philosophische Narr, will weder in seinem System, noch in seinem Leben etwas von ihr wissen; aber Diogenes, der närrische Philosoph, weiß recht gut mit ihr auszukommen. Aristipp, der philosophische Tändler, besaß sie trotz seinem frechen Worte nicht, und Myron, der Bildhauer, der ihr zu Ehren seine weißen Haare schwarz färbte, kam dabei nicht auf seine kosmetischen Kosten und mußte sich mit Recht von ihr auslachen lassen.« »Welch eine ungemeine philologische Belesenheit!« rief der lateinische Dräumlingsschulmeisier höchlichst erstaunt. »Nicht wahr? Übrigens rede ich zu deiner lieben Frau, und du bist nur zum Zuhören herkommandiert, also behalte deine Anmerkungen für dich.« »Jawohl, denke du an Bonn, deine dreitausend Taler und deine Dri – deine armen Kinder, Gustav,« sagte die Frau des Schulmeisters. »Lassen wir ihn, Gastfreundin,« fuhr der Maler fort. »Jene waren allesamt große Herren, von denen man ungestraft geringschätzig reden darf, denn sie stehen zu hoch, um Schaden durch unser Geschwätz erleiden zu können. Für uns hier handelt es sich nur um die Plebs, die nach Korinth sich drängt. Die Beständigen darunter sehen mit einem Handbuch der Kunst in der Hand die Herrliche vorüberziehen. Die Albernen suchen ihren weißen Rossen in die Zügel zu fallen und sich auf den goldenen Wagen zu schwingen, sie schwingen sich aber höchstens auf den Bedientensitz oder auf den Reisekoffer, und auch dann noch ruft die mutwillige, kritische Straßenjugend: Madam, es sitzt wer hinten auf!... Die – nun die – die Leute unserer Art weichen, um nicht unter die Hufe der Götterpferde zu geraten, bescheiden zurück, machen eine tiefe Verbeugung – richten sich wieder auf und – gehen eben nach München, das Herz voll Sonnenschein und die Hände festgeballt in den Taschen.« »Diese Lais soll aber, wie ich mich erinnere, ein recht sonderbares Frauenzimmer gewesen sein,« warf die Rektorin von Paddenau aus Beckers Weltgeschichte und dem steten Verkehr mit ihrem pädagogischen Gatten ein. »Freilich, und die Kunst ist Artemis, Pallas Athene, ist Madonna, ist Urania! Wir wissen das, und lasen das in den ästhetischen Handbüchern; allein des Phidias Aspasia, Rafaels Fornarina und so weiter waren ebenfalls recht sonderbare Frauenzimmer, und doch würde es ohne sie schlimm um die Uranien, Madonnen und Dianen aussehen. Frau Agnes, die griechischen Damen, soweit sie nicht recht sonderbare Frauenzimmer waren, haben die Lais denn auch, aus wohlverstandenem Interesse und vielleicht auch aus Neid, und nicht bloß aus Eifersucht auf ihre Schönheit, totgeschlagen im Tempel der Venus, und das wiederholt sich heute noch, und ich würde mir nicht erlauben, es zu sagen, wenn ich nicht selber einige solche Fälle erlebt hätte. Es waren die Männer damals, welche der großen Korintherin das Denkmal am Ufer des Peneus setzten, das Denkmal mit der Inschrift: Hellas, glorreich und siegreich, ward ein Sklav der himmlischen Schönheit der Lais, welche von der Liebe erzeugt und von Korinth genährt wurde. – Was die Herren heute nach einer solchen Mordtat der Damen tun, will ich dahingestellt sein lassen.« »Es ist mir dunkel so, als ob ich die Unverschämtheit, die in allem diesem liegt, verstände,« sprach die Frau Agnes. »Ich will das ebenfalls dahingestellt sein lassen, aber ich bitte, jetzt kommen Sie endlich, endlich gefälligst darauf, wie Ihnen die Poesie verloren ging, Ihnen selbst, lieber Herr Haeseler.« »Jetzt noch?« fragte der Maler mit einem Blicke im Kreise. »Haben Sie es uns vielleicht bereits mitgeteilt? Bitte, lieber Herr Haeseler – in drei Worten!« Und der liebe Herr Haeseler sah die junge Frau ein wenig von der Seite an, aber er faßte sich, leise und vorsichtig lächelnd: »Also in drei Worten! Ich fand, daß mein Papa recht und meine Mama unrecht gehabt habe, und wenn ich nicht mein genügend Auskommen mir sicher gewußt hätte, so wäre ich auf der Stelle Photograph geworden und hätte die Sonne, von der ich vorhin sprach, in dieser Weise für mich wirken lassen. Der Wein, welchen Horaz und Virgil, Rafael Sanzio, Tizian und Correggio tranken, sagte meiner Natur nicht zu: aber das Münchener Bier brachte mich wieder auf die Beine, und darauf hoffe ich denn auch noch einige Zeit stehen zu bleiben. Dem Weltgericht in der Sistina gegenüber, vor dem Laokoon, ja selbst vor Myrons Kuh hatte ich Angst; aber im Panger Moos fand ich meinen Beruf, und den habe ich denn fortan gottlob festgehalten. O ich wachse auch mit meinen größern Zwecken; selbst Paddenau im Dräumling ist mir nur eine Station auf dem Wege in die Unsterblichkeit, – glücklicherweise die vorletzte! Die letzte führt mich mitten in die Lüneburger Heide hinein, und dort – ja nur dort, meine Damen, hoffe ich vergnügten und bescheidenen Gemütes dem Motive zu begegnen, welches mir meinen Platz im Konversationslexikon verschafft und durch mehrere Auflagen desselben verbürgt. Dort, in der nimmer genug zu preisenden Lüneburger Heide, so ungefähr zwischen der Örtze und der Meine, im großen Moor zwischen Winsen und Hudemühlen, werde ich mein erstes–hören Sie wohl, meine Damen– mein erstes Bild malen!« »Das haben Sie denn ziemlich nahe,« sagte die Frau Agnes. »Aber hören Sie ebenfalls, lieber Haeseler«, wenn es nicht augenblicklich recht abendkühl würde, und wenn ich nicht meine Kinder ins Haus zu schaffen hätte, so würde ich Ihnen genauer auseinandersetzen, daß weder ich noch Wulfhilde Mühlenhoff hier so dumm sind, als Sie uns taxieren.« »Ach, mein Gott –« rief der Maler, doch der männliche Drilling unterbrach seine Widerrede durch ein schrilles Zetergeschrei. Beide weibliche Drillinge fielen sofort in die Symphonie ein, und beide erwachsene Damen zogen sich mit dem winselnden Kleeblatt eiligst ins Haus zurück, und aus der Tiefe desselben erklang es noch eine geraume Zelt: »Äh–hä–ä–äh–häh!« »Die Bestie!« brummte der Sumpfmaler, und der Rektor von Paddenau sprach behaglich lachend: »Ja, der Junge fängt das Konzert stets an; du brauchst übrigens darob nicht außer Fassung zu geraten, Rudolf. Meine Frau hat mit ihm einen Kontrakt geschlossen; er brüllt jedesmal auf der Stelle los, sobald bei irgendeiner Auseinandersetzung die Mama in Gefahr gerät, nicht das letzte Wort zu behalten. Ich hoffe, die beiden Mädchen werden dereinst sich auf meine Seite stellen.–« Das siebente Kapitel. Es war ein sehr schöner Abend, und die Nacht, die sich auf den Ozean zu stürzen pflegt, überschlich den Dräumling und den Paddenauer Teich in einer Art, die etwas ungemein Behagliches und einschmeichelnd Vertrauliches an sich hatte. Der Maler ging mit seiner Zigarre im Munde in der Dämmerung unter den Apfelbäumen, zwischen den Buchsbaumeinfassnngen der engen Wege des Gartens auf und ab. »O Paddenau! Paddenau! Paddenau!« seufzte er unter Kopfschütteln, Stehenbleiben und Weitergehen, wie ein Mensch, der sich vergeblich abmüht, einer Sache auf den Grund zu kommen, oder ein seltsames Rätsel zu innerstem Genügen zu lösen. Plötzlich seinen Wandel von neuem unterbrechend, packte er den Freund wie zornig am Oberarm, schüttelte ihn derb und rief: »Jetzt, Mensch, Göttergünstling, Beneidenswerter, sage du mir, sitzt dieses prächtige Mädchen immer so still? tut sie den Mund nie auf? hat sie niemals etwas zu bemerken, wenn jemand Weisheit und Unsinn auf sie einredet stundenlang?« »Wulfhildchen Mühlenhoff?« »Ja, Wulfhilde Mühlenhoff! Seelenloser, fragte ich in einem Tone, der solchen trivialen Widerhall möglich machte?« »Nein; du legtest freilich Seele genug in deine Fragen; aber das Kind ist seit längerer Zeit meine gute Freundin, und wir stehen auf ganz vertrautem Fuße miteinander. Sie sitzt freilich nicht immer so still, wie am heutigen Abend, und weiß auch recht wohl in eine Unterhaltung einzugreifen, wenn sie es der Mühe wert hält. Es ist ein recht gescheites Mädchen.« »Und die Tochter–« »Eines Mannes, der die Hoffnung eines unserer deutschen Vaterländer erzogen hat und mit dem Charakter eines Geheimen Hofrats pensioniert worden ist.« »Ein solcher Mann lebt in Paddenau?« »Vielleicht aus dem nämlichen Grunde wie du. Seine bodenlose Eitelkeit gestattet ihm nicht, in Rom der Zweite zu sein. Übrigens ist er ein Paddenauer.« »Ich werde dem Menschen jedenfalls einen Besuch abstatten.« »Du malst den Sumpf; er setzte sich in den Sumpf. Er besitzt einen Garten drüben am entgegenliegenden Ufer des Teiches und wohnt im Winter in der Marktstraße. Seine schöne Tochter kommt in der jetzigen Jahreszeit, wie du bemerkt hast, dann und wann in ihrem Kahne zu uns. Im Winter kommt sie zu Fuße durch den Schnee. Man sagt in der Stadt, sie sei mit Knackstert Witwe und Sohn in Hamburg verlobt –« »Sagt das deine Frau auch?« rief der Maler mit eigentümlicher Eifrigkeit. »Du fragst sie besser selbst darnach. Da ich Knackstert Witwe und Sohn nicht kenne, so ist es mir bis jetzt ziemlich gleichgültig gewesen, wieviel Wahrheit dem Gerücht zugrunde liegt.« »Ich werde dem Wann doch einen Besuch abstatten,« sprach der Maler nach einer längern Pause. »Ich habe mein Teil, ich bin ein verheirateter Mann, bin Vater –« »In fast übertriebenem Maße.« »Ich werde dir nicht abraten, die Visite zu machen; allein ich bitte dich, mir zu gestatten, dich zu warnen, zumal nach dem begeisterten Tone deiner gegenwärtigen Fragen: die Firma Knackstert Witwe und Sohn existiert in Hamburg.« »O, ich habe in Bremen gelebt.« »Desto besser, obgleich ich eigentlich nicht einsehe, wozu dir das im vorliegenden Fall nützlich sein soll.« »Ich habe Knackstert Witwe und Sohn auch in Bremen kennen gelernt, und weiß deshalb ganz gut mit ihm fertig zu werden.« »Da kommt das Kind! Was für Torheit man doch in solch eine schöne Sommernacht hineinschwatzen kann! und noch dazu mitten im österreichisch-italienisch-französischen Kriege!« »Grade darum,« sagte der Maler, mit Ohr und Auge sich dem Hause zuwendend: – Von dorther erklangen Abschied nehmend die Stimmen der beiden Damen. Wie gewöhnlich war in der Tür noch das Wichtigste zu bereden; aber endlich riß man sich doch unter den nötigen Grüßen und Wünschen voneinander los, und Wulfhild schritt durch den dunkelnden Garten auf die Herren zu. »Wollen Sie uns schon verlassen, Liebste?« fragte der Rektor. »Wenn Sie wüßten, was mein Freund Haeseler –« Der Freund Haeseler gebot dem Freunde Fischarth durch einen Rippenstoß Schweigen, und das Fräulein sagte: »Der Vater wird gewiß bereits ängstlich um mich geworden sein. Seine Nerven haben ihm in den letzten Tagen leider wieder wenig Ruhe gelassen. Er schläft nicht, und –« »Beträgt sich unliebenswürdig im höchsten Grade. Nur ein Engel kann es in seiner Nähe aushalten; oder vielleicht ein Mensch, wie hier mein Freund Haeseler. Haeseler, du solltest dem Herrn Hofrat doch morgen schon einen Besuch abstatten. Ich bin überzeugt, ihr werdet einander recht wohl gefallen.« »Ich bin erbötig, mich heute abend bereits dem Herrn Geheimerat vorzustellen. Wir Nervenleidenden sind die richtigen Leute für Abendbesuche. Ich fühle mich berauscht genug, um jeden Nachbar im Leiden dieser Welt in meinen Rausch mit hineinziehen zu können. Fräulein Mühlenhoff, geben Sie mir einen Platz in Ihrem Kahn!« »Mit Vergnügen,« sagte Wulfhilde einfach. »Der Vater wird sich sehr freuen, Sie kennen zu lernen. Er hat schon einige Male von Ihnen gesprochen.« Der Sumpfmaler sprang von der Höhe des Gartens hinab an den Teich, eilfertig den Strick lösend, mit welchem der Kahn unter dem Zaune befestigt lag. Er bot dem jungen Mädchen die Hand und ergriff selber die beiden leichten Ruder. »Gute Nacht, Fischarth,« rief er. »Gute Nacht, Wulfhilde,« lachte der Schulmeister. »Dir wünsche ich nichts, Rudolf.« » Remigeremo lentamente! wir werden langsam rudern,« murmelte der Künstler, und zwei muntere Schläge führten das zierliche Fahrzeug weit hinaus auf die stille Flut des Paddenauer Sees, während der Rektor langsam seiner Wohnung zuschritt und bemerkte: »Er ist wirklich imstande, sehr langsam zu rudern, und ich glaube, an seiner Stelle würde ich mich auch nicht unnötigerweise beeilen. Übrigens muß ich die Geschichte doch meiner Frau erzählen; – Donnerwetter, nein! ich werde sie für mich behalten, ich werde mir dieses grüne romantische Plätzchen für meinen ausschließlichen Gebrauch offen halten. Laß sie ihre Berliner Nase selber gebrauchen! was geht es mich an?« Es ging ihn in der Tat nichts an, denn zehn Minuten später stand er von neuem an seinem Fenster und deklamierte in die harmlose Dräumlingsnacht hinaus und hinein: »Es liegen die Knochen Der Vorwelt geschichtet In schweigenden Reihen Platonische Jahre, Und immerdar quält sich Und wähnet zu bauen Für ewige Zeiten, – Für ewige Zeiten Sein Denkmal zu türmen Das Eintagsgeschlecht.« »Willst du nicht zum Abendessen kommen, lieber Gustav?« fragte die Frau Agnes, den Kopf in die Tür steckend, und freundlich hinzufügend: »Außerdem wartet auch Pieperling draußen mit einem offenen Billett vom Herrn Notarius Appe. Der Mann behauptet, du habest sein Fritzchen heute morgen ganz widerrechtlich und noch dazu nicht als ein Mensch und Christ, sondern als jähzorniger Heide und wütender Barbar halb tot geschlagen. Ähnlich sieht es dir, mein Herz!« »Na, da hört denn doch alles auf!« rief der Rektor von Paddenau fast wehmütig im grimmigen Gefühl gekränktester Unschuld. Das achte Kapitel. Als der Sultan von Ägypten seinen Kopf aus der Wasserkufe, in welche er ihn auf die demütige Bitte des weisen Magiers hineingesteckt hatte, herauszog, verwunderte er sich nicht wenig, als er sich noch immer im Kreise seines Hofstaats fand. Er war ungemein wütend, denn er war der festen Überzeugung, während siebenzehn langer Jahre ein Weib gewesen zu sein, einen Lastträger von Aleppo geheiratet und sieben Kinder geboren zu haben. Es kostete den Großvezier eine unendliche Mühe, die Majestät zu überzeugen, daß sie nur allergnädigst geruht habe, während des fünfzigsten Teiles einer Sekunde das erlauchte Haupt ins Waschbecken zu tauchen. Wir verwundern uns nicht, als wir uns plötzlich um einige Monate weiter gerückt finden. Der Paddenauer See ist ein ungefährliches Wasser, und der Maler Rudolf Haeseler, sowie die schöne Wulfhilde sind wohlbehalten am jenseitigen Ufer gelandet. Die Damen, welche es eigentlich taktlos fanden, daß ein junges Fräulein bei hereinbrechender Nacht sich so unbefangen mit einem ihr kaum bekannten Menschen aufs Wasser wagte, dürfen sich beruhigen: Knackstert Witwe und Sohn hatten bis jetzt noch keinen Grund, die Stirn zu runzeln. Ein Glück war es freilich zu nennen, daß Paddenau ganz ausnahmsweise diesmal nicht das mindeste von der verfänglichen Wasserfahrt in Erfahrung gebracht hatte. Die großen Schlachten in Italien waren sämtlich geschlagen worden, der Friede von Villafranca war geschlossen, der Nationalverein hatte zu Eisenach sein Programm ausgestellt, und leider hatte sich das Kleeblatt im Hause des Rektors Fischarth in Paddenau um ein kahl unschuldig Häuptlein verringert. Eines von den zwei kleinen Mädchen hatte plötzlich, aus dem gesundesten Schlafe erwachend, die Augen groß und klug geöffnet, sich dann gereckt, dann zusammenfahrend die Händchen geballt und die Augen zugemacht, ohne sie wieder zu öffnen. Darüber war heftiger Kummer, viel Weinen und Kopfhängen im Hause des Rektors entstanden; doch auch das war allmählich überstanden – überwunden; gelassenere Tage waren dem jähen Schrecken und der kummervollen Verwirrung gefolgt. Zwei Vöglein hatte ja der grimmige Jäger Tod im Neste übrig gelassen, und das konnte gewissermaßen immer noch als ein großer Reichtum gelten. Es wurde Herbst im hohen Grade. Aus dem Sumpfe steigen Nebel und Dünste allerart und treiben ein tolles Wesen über dem Dräumling und der Stadt Paddenau. Am Abend und am Morgen, bei Sonnenschein und Mondenschein und nicht weniger, wenn der Himmel grau und dunkel ist, tanzen die Geister über Heide und Moor, durch Wald und Feld; selbst der nüchternste Stadtverordnete von Paddenau konnte es möglich machen, die schöne Fee Wulfhilde über den See und durch die Feldmark reiten zu sehen. Der Maler Rudolf Haeseler würde in und bei diesem atmosphärischen Wunder-Lustspiel der zufriedenste Mensch der Welt sein, wenn er nicht der schönen Fee Wulfhilde begegnet wäre; aber Wulfhilde Mühlenhoff läßt ihm keine Ruhe. Der Maler hat die große graue Leinewand, die er von Berlin verschrieb, bereits mit allerlei Linien und Farben bedeckt: er malt den Dräumling. »Wahrhaftig, er malt ihn!« sagen die Bewohner von Paddenau sehr verwundert; doch wenn sie eine Ahnung davon hätten, in welchen Konflikt er mit seinem sonderbaren Motiv geriet, so würden sie wahrscheinlicherweise noch viel mehr die Köpfe schütteln. Er hat sich ein Quartier und Atelier mit gutem Licht am nördlichen Rande des Stadtmarktes eingerichtet; aber was hilft dem Künstler das beste Nordlicht, wenn ein anderer Schein von allen drei andern Weltgegenden her auf ihn und seine Staffelei einblitzt? Wulfhilde Mühlenhoff stört den Maler Rudolf Haeseler bei seiner Arbeit auf die ärgerlichste Weise, und noch dazu wohnt sie jetzt nicht mehr jenseits des Teiches in dem hübschen Gartenhaus, sondern ihr Papa hat sein Winterquartier in der Marktstraße bezogen, und – die Moral aus dem Ganzen ist für unsern talentvollen Freund: »Wenn du gekommen bist, den Sumpf zu studieren und ein Bild aus ihm zu machen, so rudere nie ein hübsches Mädchen über ihn hin, die Staffage möchte sonst allzu sehr die Oberhand über die Landschaft gewinnen und ein wenig erdrückend auf die letztere wirken!« – Übrigens waren zu allem andern große Dinge in Germanien und somit auch in Paddenau im Werke, und der Maler hatte, dem Rektor sein Wort (gern) verpfändet, die Stadt nicht eher zu verlassen (wenn er es sonst könnte!), ehe nicht der zehnte November glücklich, oder wenigstens in anständiger Weise hinter dem deutschen Volke liege. Man war nun gar nicht weit von diesem zehnten November des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig entfernt, und es war elf Uhr morgens. Der Maler saß, wie gewöhnlich um diese Zeit, vor seinem Sumpfe, und der Sumpf erschien ihm diesmal außergewöhnlich widerlich und fast lächerlich; ihm, der eine Spezialität daraus gemacht hatte und ein europäisches Publikum dafür gewonnen zu haben behauptete. Eben stieß er, die Palette auf dem linken Daumen, den Malstock nachdrücklich auf die Erde und zog mit dem Pinsel ein großes Ausrufungszeichen in die Luft. »Da habe ich es denn!« brummte er. »Wer mir das um Ostern dieses Jahres gesagt hätte, den würde ich sicherlich auf eine bedenkliche Lücke in der Tabelle seiner geistigen Kräfte und Fähigkeiten aufmerksam gemacht haben. Heute bin ich ganz still und bleibe gelassen, wenn mich mein Todfeind auf einen ähnlichen Mangel mit heiterer Bosheit hinweist. Ja, vollständig von den Füßen gehoben, – aus allen Verschanzungen herausgeschlagen durch dieses Mädchen!... Ich! – – Soll ich denn mein Leben vergeblich gelebt haben? soll ich wirklich ein Narr werden auf meine alten Tage?... Ich? – – Himmelherrgottsakrament! wie meine Freunde im Schwabenlande in ihren feierlich erregten Momenten sagen, – bin ich deshalb aus Rom durchgebrannt? Ach du liebster Himmel, ich hatte mich so behaglich im Sumpfe festgesetzt! Brekekekoax, koax, brekekekoax, soll ich wirklich von neuem den Versuch machen, mich zu einem Ochsen aufblasen, um bei dem Versuch zu zerplatzen wie der grüne Freund in der lieblichen Fabel?! O Wulfhild, – Wulfhide Mühlenhoff, weshalb mußte dein Vater ein Paddenauer sein? Es ist doch wahrhaftig etwas klein, einen deutschen Prinzen erzogen und auf den Höhen der Menschheit gewandelt zu haben, und nachher seine Pension in Paddenau zu verzehren! Konnte er nicht nach Berlin ziehen und den Dräumling sich selber und verschüchterten Menschenkindern meinesgleichen überlassen? Konntest du nicht in des Reiches Hauptstadt deine glänzenden Wege gehen und lächelnd deine klugen Gedanken hegen und deine klugen Worte reden vor den gescheiten Berlinern? Mußte der alte Herr absolut sich mit dir hier festsetzen, bloß um dir Gelegenheit zu geben, zwischen Schilf und Wasserrosen nach – mir auszulugen?! Nach mir! Warum denn grade nach mir? – Halb zog sie ihn, halb sank er hin, und bei allen Göttern und Göttinnen der Tiefe, ich sinke, ich sinke, und daß ich nicht an den Beinen, sondern an dem Herzen in den Abgrund herniedergezogen werde, gewährt mir nicht den geringsten Trost. – Hier sitze ich, male den Dräumling und sehne mich nach Venus Urania, ich, der ich erst neulich in Gegenwart der jungen Dame, in Wulfhildens Gegenwart, eine so schöne Rebe für den Sumpf und gegen Madame Urania hielt. O Wulfhild, Wulfhilde, weshalb heiratetest du nicht, ehe ich hierher kam? weshalb fand ich dich nicht als einen Teil von Knackstert Witwe und Sohn und deinen Papa als glücklichen Großvater? Ich darf mir in diesem Augenblicke das Behagen, welches aus solchen Zuständen hervorgegangen wäre, gar nicht ausmalen – – bei allen Teufeln, Herein! wer es auch sein möge: Herein, um mich von mir selber zu erlösen!« Es wäre durchaus nicht notwendig gewesen, so energisch Herein! zu rufen. Dem Pochen an der Tür war im nämlichen Moment das Aufreißen der Tür gefolgt, und in des Malers Werkstatt stürzte, atemlos, schweißglänzend, als ob noch immer die Hundstagssonne sich den Dräumling betrachte, – den Hut weiter als je auf den Hinterkopf zurückgeschoben, der Rektor Gustav Fischarth. Er trug seine Schulbücher unter dem Arme, warf sie aber sofort auf den nächsten Tisch und rief, den Künstler an beiden Schultern packend und ihn derb abschüttelnd: »Da bin ich!« »Das sehe ich nicht nur, sondern ich fühle es auch,« sagte der Maler. »Setze dich.« »Mich setzen?« rief der Rektor, den Freund zurückschiebend und ein aus der Brusttasche gerissenes Bündel Papiere vor seiner Nase schwingend: »Mich setzen? biete einem tropischen Sturmwind, biete einem Erdbeben einen Stuhl an, aber mir nicht! Hier, Soldaten von Parma – hier französisches Geld – hier vier Galeeren vom Papst! Hier ein Schreiben des Liederkranzes – hier die duftigsten Brieflein der süßesten jungen Damen der Stadt, welche sämtlich ihre Mitwirkung versprechen. Unsere schwachen Kräfte, sagen die guten Kinder; allein was sollten wir ohne diese ihre schwachen Kräfte anfangen?« »Das würde deine Sache sein, mein Bester.« »Hier eine Kostenberechnung vom Wirt zum grünen Esel über Saalmiete, Beleuchtung und Heizung. Hier ein Schreiben der löblichen Schützengilde, Pieperlings Trommel- und Pfeifenrechnung angehängt! und zur Krönung des Ganzen – da ein Erlaß des hochlöblichen Magistrats und der Polizei, welcher uns sämtliche Gassen der Stadt, sowie den Marktplatz zu unbeschränkter, jedoch in den Schranken der Sittlichkeit sich haltender Verfügung stellt. Was sagst du nun, Rudolf? Staune und gestehe dein Erstaunen. Ich habe getan, während du nur maltest, Romano!« Der Maler lachte: »Aber ich habe doch gemalt, mein Lieber! Du kannst das Faktum nicht leugnen; obgleich du es bei der Aufzählung der Hülfsleistungen zu deiner Feierlichkeit schnöderweise ausgelassen hast.« »Jawohl, du hast gemalt,« sagte der Rektor achselzuckend und verächtlich. »Aber was? Auf den liebenswürdigsten anonymen Brief mit dem Motto: Wir und unsere Ideale – ein Transparent, lächerliche vier Fuß hohe Buchstaben in allen Farben des Regenbogens und selbst für Paddenau zu bunt: Ewig umsonst umstrahlt dich in mir Ioniens Sonne, Den verdüsterten Sinn bindet der nordische Fluch.« »Sollte das nicht passen?« »Paddenau nimmt es unbedingt übel! Und dann – was dachtest du dir bei der geflügelten Sonne über dem Distichon? Und die Darstellung ist dir noch dazu vollständig mißlungen. Dein flammender Weltkörper gleicht ganz auffallend einem Wagenrade! Die Eisenbahnbeamten tragen ein solches an der Mütze. War unser herrlicher Dichter etwa im Verkehrswesen angestellt?« »War er das nicht? ich lasse mich gern belehren! War er es deiner Meinung nach nicht, so laß das Rad dunkel, – schon Gottfried August Bürgers wegen – und erleuchte nur die Buchstaben.« »Aber Paddenau?« »So laß die Buchstaben dunkel und erleuchte nur das Rad.« »Aber ich? Was soll ich den Paddenauern sagen, wenn ich mit meinem Prologe vor und unter diesem Rade stehe?« »Ja, das ist freilich wahr! Nun, da ist es das beste, du lässest alles dunkel und bittest den Herrn, daß er dich selber erleuchten möge. Einen andern Rat weiß ich augenblicklich nicht für dich, allein die Hauptsache ist doch, daß du dein Programm und deine Anordnungen soweit fertig hast, daß das große Fest auch ohne mein Transparent in Szene gesetzt werden kann.« »Ein Transparent müssen wir haben; sonst aber habe ich sicherlich mein möglichstes getan, um ohne dich fertig zu werden.« »Und zum erstenmal erkennt Paddenau, was es an dir besitzt. Beim Zeus, Freund, ich steige jeden Tag mit größerer Verwunderung aus meinem Winkel in eine mir gänzlich fremd gewordene Welt hinein; – du bist doch ein bedeutender Mensch, Gustav! Was hast du den Paddenauern und Paddenauerinnen eingegeben, um sie in eine solche Bewegung zu bringe»? Ich staune dich an; die gütige Mutter Natur hat dir zwar ein paar tüchtige Schultern verliehen, allein ich halte es dessenungeachtet für ein Kunststück, diese ganze drollige ästhetisch-literarisch-historisch fiebernde Dräumlingswelt auf dem Nacken zu tragen.« »Es ist auch keine Kleinigkeit, mein Guter, das versichere ich dich. Wie du übrigens so ruhig hier in deinem Winkel, deiner Ecke bleiben kannst, begreife ich nicht. Selbst von deinem ironischen Standpunkte aus hättest du mit beiden Füßen in die Komödie hineinspringen müssen, und würdest früher es auch getan haben. Haeseler, du machst mir mehr Sorge, als das große Fest mit allen seinen Ängsten und Ärgernissen.« Der Maler seufzte tief. »Ich erkenne dich überhaupt nicht mehr, Haeseler. Was hast du? was fehlt dir? wo drückt dich das Erdenleben? Man sieht dich nicht mehr, und wenn man dich sieht, so bist du zerstreut und gibst die verständigsten Antworten auf alle Fragen, welche man an dich stellt, was früher deine Gewohnheit keineswegs war.« »Herzlichen Dank für die gütige Bemerkung,« rief der Maler, dem Rektor innig die Hand schüttelnd. »Ich danke dir freundlichst für deine Beobachtungen, Vetter Michel, obgleich du dich wie gewöhnlich in denselbigen nicht zurechtzufinden scheinst: Sie hatten ihn bald, aber – Der Has lief in den Haber; ich habe wenig Zeit für Paddenau übrig; ich arbeite angestrengt, – das ist das Ganze.« Der Rektor warf einen ziemlich sonderbaren Blick auf die große Sumpflandschaft und meinte: »Das muß eine eigentümliche Arbeit sein! von der Anstrengung sehe ich wahrhaftig kaum etwas. Bitte, erkläre mir doch, deute mir an, nach welcher Richtung hin dieses unbestimmte, unbestimmbare graue Etwas in seiner Vollendung zum Gräulichsten vorrückt!« »Wie geht es deinem lieben Weibe? was machen deine Kinder?« fragte der Maler grinsend ablenkend. »Ich danke dir; die Kinder befinden sich wohl, und die Frau ist ebenfalls ganz munter. Übrigens – im strengsten Vertrauen – das anonyme Schreiben mit dem Motto: Wir und unsere Ideale, war in ihrer Handschrift, und Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff diktierte ihr an meinem Schreibtische die bittlichen Worte in die Feder.« »Wa – was?« »Jawohl, und wir wußten kaum, ob wir mehr lachen oder uns ärgern sollten, als die regenbogenfarbige Antwort in den vier Fuß hohen Buchstaben uns mit deinen Komplimenten in den grünen Esel geschleppt wurde.« »O ich mehr als grüner Esel!« rief der Maler. Was stand an dem Tempel zu Sais? ... Während du dich dem unfruchtbaren Genusse hingäbest, deinen eigenen Sumpf mit untergeschlagenen Armen anzurauchen, lenkte die reizende Wulfhild, nicht ohne eine gewisse Bosheit, die Feder meiner Agnes an meinem Schreibtische, und du, der du es natürlich mit einer ästhetisch-gebildeten Paddenauerin zu tun zu haben glaubtest, machtest dich dem hübschesten und klügsten Mädchen des Dräumlings gegenüber lächerlich. Ich versichere dich, wir haben gelacht, als wir dein Machwerk im Saale des grünen Esels aufrichteten, und jetzt ist es auch vollkommen gleichgültig, was du zur Verherrlichung der Feier beigetragen hast: Wulfhilde Mühlenhoff deklamiert am Zehnten unter deinem Transparente meine Verse; wir werden es schon einzurichten wissen, daß Paddenau die es betreffende Anzüglichkeit nicht bemerkt, und was dich angeht, alter Junge, so kann ich dir höchstens raten, den Blick verschämt niederzuschlagen oder nach inwendig zu wenden, wenn ein Strahl aus dem Auge der wonnigen Muse auf dich fallen sollte. O, ich sage dir, ganz Paddenau – wir nicht ausgeschlossen – wird zehn Jahre durch an diesem hundertjährigen Jubelfeste zu verdauen haben!« Jetzt hielt der Maler den Philologen an den Schultern und suchte ihn zu schütteln, was ihm jedoch kaum gelang. »Mensch, das darf nicht sein, das soll nicht sein, ich leide es nicht. Gustav, ich dulde es nicht, daß dieses hundertjährige Jubiläum auf meine Kosten gefeiert werde. Das Mädchen mag deine Verse sprechen, wovor sie will, nur nicht vor meinen roten, gelben, grünen und blauen Buchstaben. Wage es, aber nimm dann auch die Konsequenzen auf dich. Ich verspreche dir einen Skandal, wie ihn Paddenau noch nie erlebte. Ungeheuer, laß mich rädern, nur nicht durch mein eigenes geflügeltes Rad.« »Beruhige dich doch! so feinfühlig, wie du dir einbildest, sind wir hier im Dräumling nicht.« »Nichts bilde ich mir in der Beziehung ein; aber meine eigene Feinfühligkeit wünsche ich geschont zu sehen.« »Bah!« »Gustav, Gustav, bei unserer Freundschaft –« »Bester Freund, wir nehmen eben, was man uns geben will. Du gabst, und wir sind zufrieden. Erkenne das doch an.« »Der Mensch will mich zur Verzweiflung bringen; – Gustav, ich male dir, was du willst, und liefere es dir zu jedem dir passenden Zeitpunkt.« »Danke; allein bei besserer Überlegung erscheint mir das Eisenbahnsymbolum so sinnig, daß ich dich nicht von neuem in die Kosten künstlerischen Grübelns stürzen mag.« »Herrgott, ich habe in München ein Duell mit einem Kritiker ausgefochten, der mich in seinem Journal einen sinnigen Menschen genannt hatte! Jetzt peinige mich nicht länger: was wünschest du für dein Fest zu haben? wohin gehen ihre – des Fräuleins Wünsche?« »Nun denn; offen gestanden eine Muse, oder eine Germania, oder etwas dem Ähnliches, und vielleicht mit der Umschrift: Seid einig, einig, einig! oder dergleichen wäre uns lieber als deine jetzigen farbigen Lettern. Das Rad kannst du, wenn es dir einmal so sehr am Herzen liegt, dazu anbringen.« »Ich habe Lust, dir selber die Knochen damit zu zerstoßen, du Scharfrichter! Bis wann verlangst du das Bild?« »Bis übermorgen nachmittag vier Uhr müßte das Werk im grünen Esel aufgestellt sein.« »Ah!« seufzte der Maler, wie von einer unendlichen Last und Bedrängnis befreit. »Das muß ich sagen,« fügte er hinzu, »du hast in Paddenau gelernt, wie man jemand die Daumschrauben aufsetzt. Na, alles in allem genommen, danke ich dir für das Billett deiner Frau. Grüße sie freundlichst von mir. Was lachst du? Löse sofort das Problem und fliege! Fliege ab und nimm die Versicherung mit, daß seit Untertertia mich kein zweiter Schulmeister in einen solchen Schweiß hineingeängstigt hat, wie du heute.« Der Rektor lachte; – er lachte m dem Atelier seines Freundes, er lachte vor der Tür des Ateliers, er lachte auf der Treppe, und er lachte auch noch vor der Haustür. Dann aber flog er wirklich, um noch hundert wichtige Angelegenheiten in Paddenau in Ordnung zu bringen, ohne jedoch zu versäumen, im Vorübereilen auf dem Marktplatze das Piedestal von behobelten und marmorartig angestrichenen Tannenbrettern, auf welchem am zehnten November die Büste des hohen Sängers prangen sollte, liebkosend zu betätscheln. Das neunte Kapitel. Die Augen Paddenaus hafteten an dem Piedestale auf dem Marktplatze. Schulbuben und Mädchen, Bürger und Bürgerinnen umstanden es kopfnickend oder kopfschüttelnd. Man hielt es von sämtlichen Fenstern der den Platz umgebenden Häuser scharf im Auge. Auch Wulfhilde Mühlenhoff hielt es von ihrem Fenster in der Marktstraße im Auge und lächelte. »Worüber lachst du, Wulfhilde?« fragte der Geheime Hofrat weinerlich-verdrießlich vom Sofa her. Ehe wir aber die Antwort der schönen Tochter mitteilen, haben wir die unangenehme Verpflichtung, den Herrn Vater unserm Publikum vorzustellen. Letzteres gewinnt freilich kaum etwas anderes dabei, als die Überzeugung, daß ihm ähnliche liebenswürdige Charaktere schon früher auf seinen Lebensgängen begegneten. Der Geheime Hofrat Mühlenhoff war ein unendlich liebenswürdiger Charakter – gewesen. Fürstliche Mütter und Väter wissen ihre Leute auszuwählen, und vertrauen nur selten die Erziehung ihrer Kinder groben und rücksichtslosen Gesellen an. Aber aus dem Süßesten wird das Sauerste, das ist eine uralte Erfahrung, und ein Mann, der mit den irdischen Göttern auf den glänzenden Höhen der Menschheit spazieren ging, und in seinen alten Tagen im Dräumling sitzt, der gestattet mehr als eine bloße Vermutung, daß er sehr sauer geworden sei. Die erlauchten Zöglinge wachsen wie die Sprossen niederer Sphären aus ihren Windeln in die Hosen, und die Hosen wachsen mit den jungen Leuten, und die jungen Leute wachsen ihren Erziehern unter den Händen weg, und der Rektor Gustav Fischarth, dem mit jedem Semester eine neue Generation in den Bereich seines Haselnußröhrchens hineinwächst, hat es eben doch am besten. Wie manche Liebenswürdigkeit geht dadurch zugrunde, daß der Besitzer derselben das Haselnußröhrchen nicht gebrauchen darf, und der Geheime Hofrat Doktor Mühlenhoff, Ritter p. p., hatte es nicht gebrauchen dürfen! Er war ein eleganter Philologe und Pädagoge gewesen, er hatte seine Pflicht gegen das deutsche Vaterland getan, und das deutsche Vaterland war ihm dankbar gewesen – seine Zöglinge dienten in verschiedenen deutschen Garderegimentern, und der Doktor Mühlenhoff hatte seinen Titel und seine Pension erhalten und sich in den Dräumling zurückgezogen. Da saß er und war nicht so dankbar gegen das deutsche Vaterland, als es sich geziemte. Er war sehr unzufrieden mit dem deutschen Vaterlande und nahm keinen Anstand, seine Unzufriedenheit bei jeder Gelegenheit auszusprechen. Es hatte ihn, seiner Meinung nach, durchaus nicht nach Gebühr gewürdigt, und – was hatte es zu bieten, welches er nicht übersah und überragte?! Das Universum hatte überhaupt kaum etwas aufzuweisen, was er nicht überragte! Der Geheime Hofrat Mühlenhoff war in der allerdurchlauchtigsten Residenz ungemein nervös geworden, und nun verlangte er vom Universum, daß es Rücksicht auf seine Nerven nehme und sie schone. Das arme Fräulein von Wischleben, welches er noch in der Residenz geheiratet hatte, war bereits an diesen Nerven zugrunde gegangen, und seine Tochter Wulfhild war nur durch die gesunde, ein gemütliches Phlegma fördernde Luft des Dräumlings gerettet worden, was dem Dräumling in alle Ewigkeit hoch anzurechnen ist. Der Dräumling hatte vieles an dem Kinde gut gemacht, was der Papa an ihm gesündigt hatte. Er ließ dem armen Mädchen die feinen Züge des Vaters, aber er legte ihr blühendes Rot auf die Wangen, gab ihr Sonne in die Augen und Sonne in das Herz; was den Geheimen Hofrat anbetraf, so trug derselbe Gelb als Leibtracht und sah die erbärmliche Welt durch eine blaue Brille an. Was aber im besondern sein Herz anging, so befand sich dasselbe immer noch in der Residenz und am Hofe, und Paddenau und seine Tochter bekamen wenig von ihm zu sehen. »Ah,« sagte der Geheime Hofrat, »Wulfhilde, ich frage dich zum zweitenmal nach dem Grunde deines Lachens!« Das junge Mädchen wendete das Gesicht schnell vom Fenster auf den Valetudinarier: »Vergib, ich überhörte deine erste Frage. Ja, weshalb lachte ich denn? Es ist wirklich schwer zu beantworten. Der Rektor Fischarth freute sich eben da unten auf dem Marktplatze über seine Vorbereitungen zu seinem großen Feste, und ich freute mich über den Rektor und über die Erlaubnis, die du mir gegeben hast, ihm zu helfen, seinen Dichter zu verherrlichen!« »Das ist freilich ein Grund zum Lachen! Du hast also die Absicht, dich öffentlich lächerlich zu machen, noch nicht aufgegeben?« »Aber Papa?« »O, du weißt auf meine krankhaften Stimmungen zu spekulieren. Und im Notfall holst du dir jede beliebige Hülfe von der Gasse herauf, um vor möglichst vielen Zeugen und unter dem größtmöglichen Lärm deinen Willen durchzusetzen. Mein unglücklicher Zustand gestattet mir so selten, einen festen Entschluß zu fassen, aber es geht doch kaum ein Tag vorüber, an welchem du mich nicht zwingst, Zugeständnisse zu machen, die du sofort als kategorische Willensäußerungen meinerseits ausgibst. Paddenau ist mir verhaßt, und ich weiß kaum Worte dafür zu finden, wie verhaßt mir deine Mitwirkung an diesem albernen Feste erscheint.« »Aber lieber, guter Papa, du hast doch aus freien Stücken dem Rektor meine Hülfeleistung angeboten. Er hatte noch nicht gewagt, dich darum zu bitten.« »Habe ich das?« winselte der Hofrat. »Es ist möglich, ich will sogar sagen, daß es so ist; allein damals schwebte die Sache noch in weiter Ferne, und meine unglückliche Phantasie ging leider Gottes wieder einmal einem Ziel, welches ich mir ganz anders vorstellte, in Sprüngen entgegen. Das ist es ja gerade, daß uns das Leben immer in den feinsten und innigsten Gefühlen und Ideen, in unserm farbigsten Einbildungs-, Dichtungs- und Vorstellungsvermögen beim Worte nimmt, und dann die Erfüllung dieses Wortes für die jämmerlichste, niederträchtigste Verzerrung unserer ursprünglich so glänzenden Gedankenbilder verlangt! Wer konnte damals ahnen, daß solch ein Raptus das ganze deutsche Volk befallen würde? Damals hatte ich noch nicht einmal eine Ahnung davon, daß dieser entsetzliche zehnte November sich auch eines Tages als Morgen oder Übermorgen einführen würde! Wulfhilde, Wulfhilde, bedenke es! du – meine Tochter – du, die Tochter des Doktor Mühlenhoff, willst in Paddenau – im grünen Esel zu Paddenau, die albernen Verse jenes Provinzialschulmeisters deklamieren! Denke dich in alle Einzelheiten der lächerlichsten aller Situationen hinein und schicke dem Menschen sein Manuskript zurück.« »Liebster Papa, ihr seid doch so gute Freunde! Der arme Fischarth hält so viel auf dich; – er ist fast dein Schüler zu nennen; er stimmt mit dir in den meisten ästhetischen Ansichten überein; du hast ihm die Probe deiner Ariosto-Übersetzung vorgelesen, und er konnte sich nicht befriedigter aussprechen. Ich habe ihm deine Tragödie Konradino vorgelesen, und er war entzückt. Du hast ihm einen großen Teil deiner lyrischen Gedichte vorgetragen, und er bedauerte, nicht über eine literarische Zeitschrift verfügen zu können, um dir die verdiente Anerkennung zu verschaffen. Ich habe ihm deine Abhandlung über die Gebrüder Schlegel und deine Biographie des Herrn Hofrats Tieck vorlesen müssen, und wenn Agnes nicht zugegen gewesen wäre, hätte er mir die Hände dafür geküßt. Papa, wir haben ihm im Laufe der letzten Jahre einen Einblick in dein gesamtes literarisches Wirken und Leben gestattet, und du hast ihn nach jeder Vorlesung als einen Mann gelobt, dessen Existenz dir fast unentbehrlich scheine, als einen Mann, welcher es wirklich verstehe, zuzuhören. Papa, du hast mir mehr als hundertmal gesagt, ein Mensch wie der Rektor Fischarth sei das Köstlichste, was einem Manne wie dir auf seinem Lebenswege begegnen könne.« »Ich bezweifle, daß ich mich so ausdrückte. Allein wenn ich mich solchergestalt äußerte, so liegt doch die Ehre und das Vergnügen gänzlich auf Seite jenes Menschen, und jetzt sage ich dir, daß ich diesen poetisierenden Schulmeister satt bis zum äußersten habe. Solange wir draußen in der Stille unseres Sommergärtchens saßen, war sein Umgang zu ertragen, aber hier im Winterquartier wird er unerträglich. Die Frau kommt mit Drillingen nieder, das ist ihre Sache; der Mann jedoch läßt es wahrlich dabei nicht bewenden, und er macht seine Fruchtbarkeit nur allzuhäufig zu der Sache eines andern, nämlich der seines Zuhörers. Er liest –« »Papa, er hat dir noch nie unaufgefordert eines seiner Gedichte vorgelesen. Ich glaube, wir dagegen –« »Behalte solche albernen Einwürfe für dich, Wulfhilde!« rief der Geheime Hofrat fieberhaft ärgerlich und eifrig. »Lächerlich! Du bist doch immer und überall gleich stark im Zusammenwerfen der verschiedenartigsten, fremdartigsten Zustände, Leistungen, Dinge und Verhältnisse! Er liest uns seine Machwerke nie unaufgefordert vor; – aber muß ich ihn nicht stets dazu auffordern? Ist das nicht grade das Grausenhafte, daß ich ihn stets dazu auffordern muß? Es ist so unsäglich langweilig in Paddenau, und der Mensch wacht sich so schwer von seinen Illusionen los. Ich tue mein möglichstes, mich von der Hoffnung zu befreien, daß doch endlich aus einer dieser mich umgebenden niedern Stirnen, dieser dumpfen Hirnschädel ein bemerkenswerter Blitz, ein passabler Gedanke vorspringe; allein es ist mir noch nicht gelungen. Und dieser Schulmeister, dieser Fischarth! o Gott, ich sehe ja in den Burschen hinein wie in meine eigene Seele. Ich sehe das Chaos in ihm, ich sehe, wie es kocht und wühlt, brodelt, Blasen wirft und ihm in die Kehle hinaufsteigt! ich schwitze Angstschweiß, als ob es in mir selber so koche. Die Vorstellung, daß ihn das unbändige namenlose Durcheinander von unausgegorenen Bildern und mangelhaften Reimen und Versfüßen ersticken werde, erstickt mich selbst. Mädchen, ich muß ihn bitten, sich Luft zu machen, und ich müßte ihn bitten, mein Zimmer zu verlassen, wenn er aus Höflichkeit sich weigerte.« Wulfhilde Mühlenhoff wußte auf diese wunderbare Auseinandersetzung ihres Vaters nichts zu erwidern. Sie wendete sich von neuem dem Fenster zu, und der alte Hypochonder und ästhetische Egoist stöhnte in seiner Sofaecke noch ein wenig vor sich hin, bis er das literarische Zentralblatt wieder aufnahm und sich so tief in die Lektüre desselben versenkte, als einem zerfahrenen Nervenleidenden seiner Art möglich war. Er schrieb keine Werke und Abhandlungen mehr, die in das Bereich jenes kritischen Blattes fielen, und somit, da er es ungestraft lesen konnte, las er es mit Vergnügen. Nach einer Viertelstunde seufzte der Geheime Rat aber tiefer denn je, warf die Zeitschrift auf den Tisch und fragte: »Weshalb kommt der Maler nicht mehr in unser Haus? Er ist wenigstens eine neue Erscheinung in Paddenau und kann unter Umständen ganz amüsant sein. Seit vierzehn Tagen ist er nicht bei uns gewesen; ich finde das, da er sich einmal mir vorstellen ließ, gewissermaßen rücksichtslos. Könnte man ihm das nicht auf irgendeine Weise zu verstehen geben?« »Wenn du es wünschest, Papa, könnte man vielleicht durch den Rektor auf ihn einwirken.« »Das ist mir recht. Dieser Maler Haeseler und der Vetter Knackstert aus Hamburg sind augenblicklich die Leute, welche mir am wenigsten widerwärtig erscheinen. Was übrigens den Hamburger Vetter anbetrifft, Wulfhilde, so solltest du schon seinetwegen von dieser törichten, unpassenden persönlichen Beteiligung an jenem Feste abstehen. Du kennst ihn, und er vertritt hierin vollständig meine eigene Anschauung.« Wulfhilde Mühlenhoff schien in der Tat den Vetter aus Hamburg zu kennen. Sie sah ans dem Fenster und schwieg; und wir schweigen auch – bis zum Abend. Am Abend verfügen wir uns in den grünen Esel. Das zehnte Kapitel. Das goldene Kalb kämpft seit dem Anfange dieses Jahrhunderts in Paddenau mit dem grünen Esel um den Rang; wir aber haben für uns den Streit längst entschieden: der grüne Esel ist unbedingt für Mensch und Vieh der erste Gasthof des Dräumlings. Auf federschwingigen Sohlen und mit dem Finger auf den Lippen betreten wir seine Schwellen: das Komitee der Schillerfeier hält eine Schlußsitzung in einem Zimmer des untern Stockwerks, eine letzte Beratschlagung, in welche wir uns um keinen Preis eindrängen und einmischen werden. Aber um den großen Tisch in der allgemeinen Gaststube sitzen diejenigen Paddenauer, die auch nicht Mitglieder des Komitees geworden, wahrscheinlich um sich ebenfalls das Recht, über jeglichen Beschluß zu räsonieren, unbeschränkt und ungekränkt zu erhalten. Wir kennen die meisten Stimmen bereits aus der Gartenwirtschaft zum Krebs. Der Chor der Alten hat sich recht wohl konserviert; die Stimmen haben nichts von ihrer Deutlichkeit verloren, und wir schmeicheln uns, ihnen ebenso gerecht zu werden, wie sämtliche griechische Tragiker, an denen wir uns, ihretwegen, halb tot studiert haben. Das Zimmer der Ausschußsitzung und das allgemeine Gastzimmer stoßen aneinander und stehen durch eine augenblicklich geschlossene Tür in Verbindung. In beiden Gemächern ist die Diskussion lebhaft und der Austausch der Meinungen und Ansichten munter im Gange. Was die ausgeschossenen Enthusiasten über das große Fest auszufechten hatten, geht uns, wie gesagt, nichts an; aber der Chor der Greise redete nicht nur über das Fest, sondern auch über die Enthusiasten, und das geht uns sehr viel an. »Das Ding wird mir nun bald über,« sagte die erste der ehrwürdigen Stimmen. »Wenn ich mir vorstelle, daß dieser Wirrwarr nimmermehr abrisse in Paddenau, so wäre' es mit mir vorbei. Ein Trost ist es, daß er abreißen muß; – das trägt der Dräumling nicht! Habe ich recht?« »Recht haben Sie schon, Herr Nachbar; allein mir ist an der Geschichte doch das wichtigste, daß sie mir wiederum ein Exempel ist, wie man sich in acht nehmen muß, daß man sich auf nichts einläßt, was man nicht kennt. Wenn ich ein Billett nach Burgdorf oder Peine bezahlt habe, dann verlange ich, nicht in Timbuktu oder auf dem Berge Ararat abgesetzt zu werden, und so, meine ich, ist es in diesem vorliegenden Falle so ziemlich uns allen ergangen.« »Das ist es! Im ersten Anfange haben wir's alle für einen guten Spaß genommen, der uns weiter nicht in unserer Ruhe stören werde, und bei dem am Ende doch nichts herauskommen werde. Nun haben wir schon wochenlang die Bescherung, und heute ist unser einziger Trost geblieben, daß ein jedes Ding in der Welt einmal zu einem Beschluß kommen muß.« »Was mich anbetrifft, so habe ich mir nichts vorzuwerfen. In meinem Hauswesen kommt alles auf Rechnung meiner Weibsleute. Ohne meine Töchter hätte ich gar nicht gewußt, wovon eigentlich die Rede sei. Ich kümmere mich um nichts, habe ich gesagt, und ich habe mich um nichts gekümmert.« »Das ist recht gut, Nachbar; aber wer ein guter Bürger ist, der kümmert sich auch in allen Dingen ums Gemeinwesen und trägt alle Narrheiten und Eseleien mit, vorzüglich, wenn er auch alle Abgaben und Steuern nach der Ordnung mitträgt. Und nun frage ich Sie, meine Herren, ist das jemals im Dräumling erhört gewesen, daß ein städtischer Magistrat aufgefordert wird, Geldbeiträge für den Geburtstag eines vor hundert Jahren gestorbenen Komödienschreibers zu leisten, und daß er sie leistet?!« »Geboren ist er vor hundert Jahren, sagt meine Tochter.« »Das ist in diesem Falle ganz einerlei, ich habe ihn nicht über die Taufe gehalten; und selbst wenn der Mann in Paddenau geboren oder gestorben wäre, so änderte das meiner Meinung nach nichts. Da könnte nachher jeder kommen und sich feiern lassen. Heute der Schiller, morgen der Goethe, übermorgen der Klopstock, und so durch die ganze Leihbibliothek. Dafür zahlt man keine Kommunalabgaben, sage ich. Was andere tun, weiß ich nicht; aber ich lasse den Bürgermeister dran riechen und schreibe es ihm auf den Steuerzettel.« »Aber Sie zahlen doch, und das ist dem Magistrate die Hauptsache; Ihre Anmerkungen legt er zu den Akten, und den Bürgermeister, den kenne ich, der tut vielleicht – noch was Niederträchtigeres –« »Das wollte ich ihm nicht raten!« »Na, nur ruhig, Nachbar, er wird Sie nicht auf das Rathaus zitieren, um Sie ein Protokoll darüber unterschreiben zu lassen.« »Das wollte ich mir ganz gehorsamst hiermit ausbitten!« Eine Pause, in welcher ein jeder der Stammgäste über das mögliche Verhalten des Bürgermeisters tiefsinnig nachzudenken schien, trat ein, und der Lärm der Debatte im Nebenzimmer machte sich jeglichem Ohr in der schweigenden Gaststube um so eindringlicher bemerklich. Erst als jemand aus dem Kreise der Alten sein leeres Glas einem Kellner über den Tisch reichte, löste sich der Bann, der sich so plötzlich über die würdigen Häupter gelegt hatte, und das Gespräch, von allen in der Runde frisch begossen, oder doch angefeuchtet, nahm einen neuen Aufschwung. »Nun höre sie einer! ist es nicht, als ob das Heil von Himmel und Erde von ihrem Disput abhinge? Der Lärm ist wirklich zu groß für alle die, welche sich sonst nicht mit dergleichen Dingen abgeben, und ich begreife mehr als Einen dadrinnen nicht, von dem ich ganz gewiß weiß, daß er sich nicht damit abgibt.« »So sind eben die Menschen, will ich Ihnen sagen, Gevatter. Das ist die Ehrbegierde, die in dem Verständigsten steckt und heraus und ans Licht muß, es koste, was es wolle. Einer will doch auch dabei sein, wenn die meisten dabei sind, und in einem solchen Falle noch dazu wird ein jeder für ein Viech gehalten, der sich ruhig abseits hält und seine Pfeife raucht. Und wissen Sie, so eine Ausschußsitzung hat für manchen ihre Reize; es ist mal ein Kneipen mit Hindernissen; man trinkt sein Glas und hat seine Meinung oder seine Stimme abzugeben, und was den Spektakel angeht, so hat noch kein Komitee ohne einen solchen zusammengesessen. Meine Herren, erinnern Sie sich nur an unsere Hundesteuersitzungen! und das war doch noch wenigstens eine ernste Sache, und niemand war hineingewählt worden, der nicht sein Verständnis dazu mitbrachte; aber was haben wir darin zu hören gekriegt, und wie heiser kamen wir jedesmal heraus!« »Jetzt hat drinnen der Rektor wieder das Wort. Der ist der Löffel im Brei und rührt uns das ganze Pläsier zusammen. Der Mann wird mir immer unangenehmer, und ich glaube, seiner vorgesetzten Behörde geht es gerade so mit ihm. Man fängt an, ihm scharf auf die Finger zu passen, und was speziell dieses heidnische Jubiläum anbetrifft, so hat sich unsere Stadtgeistlichkeit da kräftig an den Laden gelegt und bittet seit Wochen in der Residenz um Verhaltungsmaßregeln.« »Und vorigen Sonntag hat sie auf der Kanzel um ein tüchtiges Regenwetter für den Festzug gebeten, Herr Nachbar.« »Das paßt nicht in das Jahrhundert!« sprachen wie aus einem Munde und in freisinnigster Entrüstung sämtliche Stammgäste des grünen Esels. Es war nicht einer im Kreise, der sich durch dieses Gebet der Geistlichkeit nicht aufs tiefste gekränkt fühlte, und es dauerte eine ziemliche Weile, ehe jemand sich so weit wiedergefunden hatte, um bemerken zu können: »Es läuft jetzo überhaupt viel sonderbares Volk in Paddenau herum. Von dem Herrn Geheimen Hofrat Mühlenhoff rede ich nicht; der ist ein Paddenauer und eine Ehre für den Ort. Aber da ist der fremde Maler –« Er vollendete nicht; denn hatte die Erwähnung des Verhaltens der hochwürdigen Geistlichkeit ein allgemeines Getöse hervorgerufen, so war das nichts gegen das Gesumm und Gebrumm, welches bei der Erwähnung der heitern Persönlichkeit unseres Freundes Haeseler entstand. Jeder Paddenauer, der eben sein Glas an den Mund gehoben hatte, setzte es wieder hin, ohne getrunken zu haben, und ein jeglicher Paddenauer, welcher die Spitze seiner Pfeife zwischen den Lippen hatte, blies eine Rauchwolke aus, die an Dichtigkeit und Bedeutung nichts zu wünschen übrig ließ. »Sackerment!« sprach jemand dumpf und gehalten in der umwölkten Runde, und eine bogenlange Erzählung und Schilderung könnte uns über das Verhältnis, in welches sich der Maler zu dem Dräumling zu stellen gewußt hatte, nicht deutlicher aufklären, als es durch dieses eine Wort und die stumme Mimik der Gesellschaft, die dem Worte voranging, geschehen ist. Leider entstand gerade in diesem Augenblicke auf dem Hausflur des grünen Esels jene Unruhe welche in jedem Wirtshause die Ankunft neuer Gäste begleitet. Die Glocke des Kellners und Hausknechtes erklang; es wurde schweres Gepäck auf den Boden niedergesetzt; man vernahm eine fremde Stimme und in höflicher Gegenrede die bekannte Stimme des Wirtes. Die Tür der Gaststube wurde von einer diensteifrigen Hand weit aufgerissen, und der neue Gast erschien auf der Schwelle. In einer Großstadt oder in einem großen Badeorte sehen bei einer solchen Gelegenheit die übrigen Gäste kaum auf vom Teller oder von der Zeitung; in einer kleinen Stadt ist die Ankunft eines fremden Menschen von anständiger Erscheinung stets ein Ereignis für das bereits vorhandene Publikum. Es wird still im Raume, eine gewisse blöde Unruhe bemächtigt sich eines jeglichen, der Störung abholden Stammgastes, und je nach dem Charakter der Ortseingeborenen wird der anlangende Fremdling einer mehr oder weniger naiven Musterung unterzogen. Diesmal durfte der neue Gast des grünen Esels dreist sich dieser Musterung unterwerfen. Er machte sofort den günstigsten Eindruck auf den Dräumling, und sämtliche anwesende Paddenauer waren im selbigen Augenblicke der Ansicht des Wirtes, welcher den Fremden nach dem ersten berufsmäßigen Blick für einen ungemein anständigen Menschen erklärt hatte. Wie hätte das auch anders sein können? Das war der Mann, den wir schon längst in Paddenau erwarteten; den wir wohl mit allen Seelenkräften herwünschen konnten, dessen Erscheinen und Eintreten in unsern Gesichtskreis jedoch wahrlich nicht von unserm, sondern selbstverständlich von seinem Belieben abhängig war. Alles Große und Treffliche kommt, wenn es ihm beliebt, und so kam auch Herr George Daniel Knackstert aus Hamburg in dem grünen Esel an und zeichnete ruhig und selbstbewußt seinen Namen in das Fremdenbuch: G. D. Knackstert mit Bedienung aus Hamburg. Die Bedienung bestand in seinem Diener Quante, und Quante schaffte soeben die Reiseeffekten seines Herrn in die Gemächer, welche der grüne Esel dem Vertreter der großen Firma Knackstert Witwe und Sohn anzubieten hatte. Wie alles Große und Gute kam er, der Hamburger Vetter , mit welchem der Geheime Hofrat Mühlenhoff glaubte leben zu können, in der richtigen Minute, und stellte sich, nachdem er den Pelz abgelegt und die Handschuhe ausgezogen hatte, kühl und klar an den warmen Ofen, in allen Dingen, in seinem Innern, wie in seinem Äußern, das vollkommenste Gegenbild zu unserm trefflichen, aber das Vertrauen des Dräumlings wenig weckenden Freunde Haeseler, dem Sumpfmaler. Sein Alter belief sich auf ungefähr sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre, seine Persönlichkeit beschreiben wir nicht, da wir überzeugt sind, daß jedermann bereits weiß, wie er aussieht; sein Alter belief sich wirklich in runder Summe auf achtundzwanzig Jahre. – »Wünschen der Herr hier zu speisen, oder droben auf dem Zimmer des Herrn?« fragte der Wirt, mit verbindlichem Lächeln die Hände reibend. »Hier!« sprach der Vetter aus Hamburg und fügte ohne alle Erregung hinzu: »Ich kenne die Temperatur da oben, und bitte nur, daß unablässig nach dem Ofen gesehen werde.« Jeder Paddenauer aber rückte auf und mit seinem Stuhle; – es war nicht Einer unter den Stammgästen des grünen Esels, welcher nicht die Verpflichtung fühlte, einem solchen Mann Platz zu machen; die Unterhaltung in der Gaststube wurde im leisern Ton fortgesetzt, während die Stimmen im Ausschußzimmer immer lauter und wirrer durcheinanderklangen. Der große Kaufmann aus Hamburg nahm noch von nichts Notiz. Mit der Gelassenheit eines Weltbürgers, der sich in alles zu fügen weiß, überflog er die ihm gereichte Speisekarte. Es wurde ein Tafeltuch ausgebreitet und das Kuvert gelegt, und jetzt – jetzt setzten sich Knackstert Witwe und Sohn. Knackstert Witwe und Sohn saßen; und sämtliche Paddenauer sprachen: »Gesegnete Mahlzeit!« Verwundert ob des unerwarteten höflichen Wunsches blickte der Vetter aus Hamburg empor; dann aber neigte er mit leichtem Danke von neuem das Haupt und griff nach Messer und Gabel. In diesem Moment öffnete sich die Tür des Nebenzimmers; das Komitee stürzte sich in wildester Aufregung in die Gaststube: »Hurra! Vivat! Schiller hoch! Friedrich von Schiller hoch! hoch! und abermals hoch!« Messer und Gabel entsanken Herrn George Knackstert; mit offenem Munde, mit starren Augen – zweifelnd und doch seiner Sache nur zu gewiß, blickte er in dem Getümmel umher, schob den Teller weit von sich und ächzte: »Also doch! also doch auch hier! Und dafür bei solchem Wetter solche Reise! Die ganze Nation ist verrückt geworden!« Wir werden an diesem Abend noch einmal in den grünen Esel zurückkehren und dann die Gelegenheit haben, uns eingehender über die Bedeutung und den Grund dieses halb kläglichen und halb wütenden Aufschreies zu unterrichten. Das elfte Kapitel. Ein singender Teekessel, eine rötlich verschleierte Lampe, ein Kuchenkörbchen, ein Nähkörbchen und zwei dicht aneinandergerückte Weiberköpfe! Um fünf Uhr nachmittags hat der Maler Haeseler an die Tür des Hofrats Mühlenhoff geklopft, und Wulfhilde Mühlenhoff, glücklich, den grämelnden Papa in so guten Händen zu wissen, hat schnell nach Hut und Mantel gegriffen, hat der Magd gesagt, sie käme sofort wieder und ist eiligst nach der Wassergasse zu Frau Agnes Fischarth gelaufen und sitzt noch da, obgleich die Turmuhr von Paddenau längst die achte Stunde des Abends weit über den Dräumling hin ausgerufen hat. Ja, da saßen sie und klagten einander ihr Leid, oder vielmehr, da sie es sich bereits den ganzen Abend hindurch geklagt hatten, so rekapitulierten sie es jetzt zum Schluß und zärtlichen Abschied; und wir haben das teuflische Vergnügen, der Wiederholung anzuwohnen, ohne daß die Damen uns zur Gegenzeichnung aufzurufen vermögen. »Ich begreife nicht, Wulfhilde, daß du das alles mit ganz trockenen Augen erleben und erzählen kannst,« sagte die Frau Agnes. »Es wäre mir viel lieber, du weintest dich recht aus, mein Herz, und wenn es auch nur wäre, um mich teilnehmender und ärgerlicher zugleich zu machen. Aber warte nur, das kommt alles nach der Hochzeit. Ich versichere dich, nach den Flitterwochen ist jede stille Duldung zu Ende, und wer seinen Vorrat davon nicht während seiner Mädchenjahre rein aufgebraucht hat, der mag ihn am Tage der Hochzeit dreist verschenken: – nichts ist er mehr wert! O, ich war in meiner Eltern Hause in Berlin auch ein sanftes Gemüt, und damals nahm ich auch bei jeder Gelegenheit in aller Herzenstiefe die Partei meines Vaters; aber das ändert sich, sowohl was das Gemüt als was die Parteinahme anbetrifft, und heute stehe ich nachträglich in allen Dingen auf Seiten meiner Mutter; denn selbst seinen eigenen Papa lernt man erst dann richtig taxieren, wenn man selber verheiratet ist. Das mag kurios sein; aber wahr ist es doch.« »Mein armer Papa ist doch sehr gut.« »Natürlich! nach alledem, was du mir heute abend wieder einmal von ihm erzählt hast? Heirate erst und dann komme wieder.« »Er leidet so sehr!« »Das tun sie alle; – sie leiden zu allen Zeiten namenlos, haben aber auch zu allen Zeiten andere Namen und Bezeichnungen dafür; wenn sie worin groß sind, so sind sie darin am größesten. Ach, Wulfhilde, du kennst den meinigen; es fehlt ihm Gott sei Dank nicht das geringste, und er besitzt außer seiner Gesundheit ein Phlegma, dem nichts etwas anhaben kann; aber wie der arme Mensch leidet, in jedem beliebigen Augenblicke leidet, das ist gar nicht mit Worten auszudrücken, und ich komme auch nur durch stumme Gebärdensprache, und wenn es zu um erträglich ist, durch eigene Tränen darüber weg.« »Ach Gott, Agnes, gegen meinen Papa darf ich doch solche Waffen nicht anwenden. Er würde es nicht dulden.« »Das ist es ja gerade, Kind! Mein Gustav muß es dulden. Das wäre noch besser, wenn er auch dazu erst seine Genehmigung geben müßte!« »Agnes, ich halte deinen Mann für so gut, daß es eine Sünde wäre, ihn schlechter zu behandeln, als er verdient.« Das Weib des Rektors von Paddenau legte zwei Finger an die Stirn, wiederholte: »Daß es eine Sünde wäre, ihn schlechter zu behandeln, als er verdient,« und fügte hinzu: »Na, höre du, das ist ein Satz, über den man tief nachdenken muß, ehe man dahinter kommt, daß etwas recht schön klingen und doch Unsinn sein kann! Ich könnte die Redensart gelten lassen, wenn ich mich über ihn, das heißt meinen Mann, beklagt hätte, allein ich beklage mich durchaus nicht, sondern taxiere ihn nur, und wenn ich noch am Leben bin, werde ich ein Jahr nach deiner Hochzeit zu dir auf Besuch kommen, und du wirst mir stumm an das Herz fallen; ich aber werde dir mit Vergnügen dann für deine Erfahrungen die nötigen Worte leihen.« »Ach, Beste, flüchte ich mich nicht heute schon in deine Arme? Ich weiß ja, daß du das Leben kennst; wenn ich es auch jetzt noch nicht von deinem Standpunkt aus ansehen kann. Wer sollte mich denn heiraten wollen? Für mich handelt es sich immerdar nur um meinen armen lieben Papa. Ach, er ist so gut, und ich halte ihn auch für einen der Klügsten unter den Menschen und – was kann er denn dafür, daß er auch einer der Verdrießlichsten ist?!« »Verdrießlich ist mein Gustav nicht; das kann man ihm nicht nachsagen; er ist nur zu oft zu unbefangen heiter. Aber für den Klügsten unter den Menschen halte ich ihn durchaus nicht, und darin liegt mein Unglück. Er ist gescheit, er hat Gefühl, Empfindung und Vernunft; aber niemals an der richtigen Stelle. Ich übersehe ihn in allen Hauptsachen des täglichen Lebens, und ich sage es ihm auch oft genug, und er lacht, und da er anderthalb Fuß höher ist als ich, so sieht er über mich weg, und wenn ich mir sein Lachen noch gefallen lassen wollte, – sein Lächeln bringt mich zur Verzweiflung und könnte mir Nervenzufälle zuwege bringen. Wen du heiraten sollst? Frage doch deinen Papa nach dem Hamburger Vetter. Frage Herrn George Knackstert, ob er dich heiraten wolle! Ich bin eine praktische Frau, und es wäre ein Wunder, wenn ich nicht auch in eurem Hause Bescheid wüßte. Winke, mein Liebchen, und der Herr Vetter ist da, und wenn dein Papa wie der Riese Brombeerius, oder wie er heißt, hundert Hände hätte, er legte sie euch alle hundert segnend auf das Haupt, verlasse dich darauf!« Wir vermögen es nicht, das Minenspiel Wulfhilde Mühlenhoffs bei dieser Wendung des Gesprächs zu beschreiben. Als die kluge Frau des Paddenauer Rektors des Eindruckes, den sie durch ihre letzten Ratschläge und Bemerkungen auf die junge Freundin machte, inne wurde, sah sie ihr fast eine Minute lang wie verwundert in die Augen und sagte dann: »Nun – wenn das so ist, so weiß ich freilich keinen andern Rat, als daß du den Freund meines Mannes, den Maler Haeseler nimmst.« Da erhob sich die schöne Wulfhilde Mühlenhoff und sprach mit einem wahrhaft tragisch-vorwurfsvollen Ernst: »Aber Agnes?!« – – – – – – – – – – – – – »Dummes Zeug?!« fragte oder rief vielmehr um dieselbige Stunde der Rektor Gustav Fischarth einer Bemerkung entgegen, die soeben von Knackstert Witwe und Sohn gemacht und von halb Paddenau mit einem beifälligen Kopfnicken begleitet worden war. »Dummes Zeug? ja dummes Zeug! aber wie viele Furcht, wieviel Haß verbergen sich oft unter dem bedauernden Achselzucken, welches die verachtende Phrase begleitet? Und was alles pflegen die Menschen unter der Rubrik zu verpacken! Wahrlich nicht bloß ihre Ansichten über einen hohen Feiertag der Menschheit, ihre Ansichten über gute oder schlechte Poemata, über gute oder schlechte Ratschläge guter Freunde – nein, manchmal, sogar ziemlich häufig, meine Herren, verpacken sie darunter ihre besten, zartesten, vernünftigsten, ja verständigsten Gefühle und Gedanken –« »Oho, diejenigen oder dergleichen haben wir noch niemals dummes Zeug tituliert!« murmelte der Dräumling, ohne daß sich der Vetter aus Hamburg von dem Gemurmel ausschloß. Der Rektor von Paddenau ließ sich jedoch durch das ärgerliche Gesumm und Gebrumm nicht stören, sondern fuhr nur um so lauter und heftiger in es hinein: »Dummes Zeug! das ist das große Wort, mit welchem sich die Mittelmäßigkeit, das Philistertum am leichtesten und liebsten gegen das Höhere, das imponierend Unbequeme zu wappnen pflegt. Wohl, – und das Mittelmäßige, das Philisterhafte nimmt es denn auch vor allem am übelsten auf, wenn der Tod oder ein gewaltiges weltgeschichtliches Fatum auch einmal sich die Freiheit nehmen: dummes Zeug! zu sagen, und die ganze Herrlichkeit eines, wie man es nennt, wohlangewendeten Daseins oder geordneten politischen Zustandes zusammenzukehren, auszuwischen und in den Winkel zu stäuben. Der Welt Zustand und Lauf! o spart euch doch die Mühe, mich mit ihm bekannt zu machen! Dummes Zeug! es ist oft, oft eine sehr große Ehre für ein Ding, ein Wort, eine Tat, von einem Kunstwerk gar nicht zu reden, wenn der eingebildete Tag sie unter der Etikette dummes Zeug abfertigt; und häufig genug hebt eine hohe, lächelnde Muse das in solcher Art Abgetane aus dem Staube des Marktes auf, um es im Göttersaale der Erdenwelt hoch auf seinen rechten Platz zu stellen, und es für die rechten Leute und einem fernen Jahrhundert zur Freude, zum Trost und als ein großes Beispiel aufzubewahren.« Die Leute des jetzigen Jahrhunderts würden den Rektor Fischarth unbedingt aus dem grünen Esel hinausgeworfen haben, wenn nicht zu unserer Freude und zu unserm Troste ihn derjenige würdige Mann, der, wie wir bereits früher mitteilten, als der größte Dummkopf der Tafelrunde galt, vor diesem Schicksale bewahrt hätte. Wie im Garten der Krebswirtschaft redete dieser Mann zur rechten Zeit begütigende Worte und sprach: »Meine Herren, zanken wir uns doch nicht um Nebendinge! Wir sind einmal in der Geschichte drin und haben sie nun auch durchzuführen. Sehen Sie in die Zeitungen, meine Herren; ganz Deutschland und Umgegend feiert dieselbe Festivität, also kann sich Paddenau nicht ausschließen. Meine Herren, wir würden uns weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinaus blamieren, wenn wir uns jetzo noch über eine Sache zankten, zu welcher sogar der Stadtmagistrat seinen Kostenbeitrag verwilligt hat. Sich selber kann jeder lächerlich machen, wenn er die Feierlichkeit in seinem Gewissen lächerlich findet; aber fürs Gemeinwesen müssen alle wie ein Mann stehen. Das ist meine Ansicht, meine Herren, und der, bei welchem kein anderer Trost verfangen will, der mag sich damit trösten, daß diese Geschichte und dieses Jubiläum bei seinen Lebzeiten nicht wieder vorkommen kann.« Es war ein Vergnügen, während dieser Rede den Rektor Gustav Fischarth zu beobachten; aber es war ein noch viel größeres Vergnügen, dem Vertreter der großen Firma Knackstert Witwe und Sohn, Herrn George Knackstert aus Hamburg seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. Dieser ausgezeichnete Mensch hatte schon zwanzigmal im Laufe des Abends, angewidert im Tiefsten von der Gewöhnlichkeit des Kreises, in welchen er geraten war, das Gastzimmer verlassen wollen, um sich in seine eigenen Gemächer zurückzuziehen, und war jedesmal auf seinem Stuhle sitzen geblieben, wider Willen festgehalten von einer ganz und gar mit seinen Ansichten übereinstimmenden Meinungsäußerung eines der Dräumlingsbewohner. Daß er bis jetzt etwas Kluges gesagt hätte, ist uns nicht bewußt geworden; aber er blickte den ganzen Abend hindurch groß und gediegen, und daß er noch etwas sagen wird, steht, außerhalb allen Zweifels, gerade so fest, als er auf seinem Stuhle sitzt. Wir sind heute mit dem grünen Esel noch lange nicht fertig; aber Wulfhilde Mühlenhoff hat ihrer Freundin, der Frau Agnes, mitgeteilt: der Herr Haeseler ist zum Papa auf Besuch gekommen, und so konnte ich abkommen: – und so wäre es sehr töricht von uns, wenn wir nicht, auch diesen beiden Herren in dieser Nacht – eine Seite unseres wahrhaftigen, nimmer genug zu lobenden Dräumlingsbuches widmeten. Im grünen Esel hatte der Rektor Fischarth wiederum das Wort genommen, in der Wohnung des Geheimen Hofrates hielt es der Maler seit einiger Zeit fest, nachdem es der nervöse Hausherr lange genug gehabt hatte und es endlich wider Willen und nur aus körperlicher Erschöpfung hatte fahren lassen müssen. »Sie scherzen, mein lieber Hofrat,« sagte der Maler, »und ich habe nicht die Absicht, in Ihren Scherz einzugehen; denn ich würde Ihnen dadurch nur die Gelegenheit bieten, morgen beim Frühstück mich arg bei Fräulein Tochter verketzern zu dürfen. Sie, der Sie aus einer Welt des Lichts kommen, wie nur Deutschland es in solcher Reinheit hervorbringt, Sie fühlen sich freilich in einen etwas engen Kreis gebannt, allein Sie fühlen sich auch als der Punkt, von welchem in dieser Enge und für diese Enge das Licht ausgeht; Sie spielen sozusagen in Paddenau das Kind aus der Nacht des Correggio.« »Das ist ein eigentümlicher Vergleich,« sagte der Hofrat weinerlich (die deutsche Sprache besitzt leider keinen volltreffenden Ausdruck für die Art und Weise, wie er es sagte). »Nehmen Sie das heilige Elternpaar als Ihre wunderbare Vorgeschichte: nehmen Sie gütigst Ochs und Eselein und die Gruppe der Hirten als Ihre liebe Nachbarschaft im Dräumling und in Paddenau, und nehmen Sie gefälligst Fräulein Tochter, mich, meinen Freund Fischarth und einige andere Leute aus Ihrer Bekanntschaft als die an der Decke sich wundernden und freuenden Engel; so werden Sie meinen Vergleich nicht als ungerechtfertigt von sich weisen.« »Er ist jedenfalls sehr drollig,« sagte der Geheime Hofrat, und wir bedauern wiederum, daß die deutsche Sprache nicht imstande ist, für den Ton, in welchem er sich so äußerte, die rechte Note zu treffen. »Ein Freund, ein Hausfreund wie dieser Gustav Fischarth könnte mich schon allein bewegen, von den sonnigsten Höhen der Menschheit nieder und nach Paddenau hinunter zu steigen!« rief der Maler mit wirklicher Begeisterung; worauf der Hofrat Mühlenhoff reizbar-grämlich bemerkte: »Grade heute morgen habe ich mit meiner Tochter über den Herrn gesprochen. Kennen Sie ihn schon länger?« »Seit langer Zeit! Wenn nicht von seinen ersten Höschen, so doch von seinen ersten Reimen an, die er mir nachträglich in Bonn vorlas: Es reget sich im Windeskuß Am Hage der Convolvulus – O das ist ein volles ungedrucktes Behagen, das ist ein gesunder, ganzer Mensch gegenüber uns Fragmentisten! Das ist Apollo, der in den Sumpf schlägt, die Frösche zum Schweigen bringt und jeden gegen die Sonne spritzenden Tropfen Schlammwasser in einen Sonnenfeuerfunken verwandelt! Ach, ich wollte, ich wäre auch aus Obisfelde und man hätte mich auch zum Rektor in Paddenau gemacht! Der Bursche hatte die Absicht, seinen männlichen Drilling Lysis und die beiden kleinen Mädchen Leuctra und Mantinea zu taufen, und nur der Tod des einen winzigen Geschöpfes hat ihn daran verhindert; – o das ist ein glücklicher Mensch!« »Weshalb Lysis? Wer war dieser Lysis?« fragte der Hofrat, nur höchst ungern zugebend, daß er weder dem Maler noch dem Rektor Fischarth zu folgen wisse. »Wenn ich nicht irre, ein Pythagoreer und der Lehrer des Epaminondas, der Böotien groß machte.« »Ah so, ich erinnere mich!« sprach der Hofrat, welcher als deutscher Prinzenerzieher sich dessen eigentlich kaum zu erinnern nötig hatte. Der Maler sah eine Weile melancholisch in sein Weinglas; bis er plötzlich den Kopf in die Höhe warf und nun fast ärgerlich rief: »Bei den Göttern, ich habe auch meine Zeit gehabt, wo ich meine Fenstervorhänge geschlossen hielt, wie ein junges Paar während der Flitterwochen! Herr Geheimer Hofrat, ich habe mit meiner Muse auch in den Flitterwochen gelebt, und das waren freilich die schönsten, tollsten, zartesten und wildesten Tage meines Lebens. Ich hatte sie sehr lieb,, meine junge schöne Muse; es war ein Verhältnis, wie es nicht zärtlicher gedacht werden kann. Die Sonne schien, leuchtete durch die niedergelassenen Vorhänge; – ach du lieber Gott, Herr Geheimer Hofrat, heute, wo ich mit dem glücklichen Freunde wieder in nähere Berührung getreten bin, heute, nachdem wir einander erzählt haben, was für beide nach den Flitterwochen kam, heute regt sich nur allzu oft der innige Wunsch in mir, nur einen einzigen Strahl der heißen, verschleierten Sonne jener Tage im Gemüte übrig behalten zu haben. Wissen Sie, wie mich heute seine Frau nennt?« »Wessen Frau?« »Gustavs Frau! Fischarths Frau! Meine gute Freundin aus der Stralauerstraße in Berlin! Ein in Fliegengift getauchtes Löschpapier nennt sie mich und hat mir mehrfach angeboten, mir das Diktum schriftlich zu geben.« »Ja, es ist ein resolute Dame; ich kenne sie ganz wohl, und ihr Einfluß auf meine Tochter scheint mir oft ziemlich bedenklicher Art zu sein.« Der Maler fuhr im Innersten seiner Seele heftig zusammen; doch der Hofrat fuhr mit kläglich herabgezogener Unterlippe fort: »Sie kann sehr impertinent sein, ich meine diese Frau Rektor Fischarth, und sie ist häufig sehr impertinent gegen mich. Mein Bester, wofür mich meine Tochter hält, weiß ich nicht; aber es ist mir eine Herzensangelegenheit, sie so bald als möglich glücklich und anständig zu verheiraten. Ich weiß, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen werden, liebster Freund, und ich bin ein Mann, der leider von Zeit zu Zeit jemand nötig hat, dem er sich ungestraft mitteilen kann. Rücken Sie näher heran, und lassen Sie uns die Gläser anklingen auf die glückliche Erfüllung unserer Wünsche. Die Präliminarien sind bereits gewissermaßen zum Abschluß gebracht; – wir haben einen Vetter in Hamburg, der ein großes Vermögen in würdigster Weise vertritt, der meiner Tochter eine passende Lebensstellung zu bieten vermag, und den ich mit Vergnügen als Sohn anerkennen würde. Es ist sonderbar, aber nichtsdestoweniger wahr: dieses bevorstehende Fest, diese Feier Friedrich von Schillers hat, schon vor Wochen, meine Maßregeln gezeitigt. Ich bin ein kränklicher, schwacher Mensch, und es ist mir unmöglich, dem öffentlichen Auftreten meiner Tochter diesmal zu wehren, allein es geschieht einmal und nicht wieder. Ich habe vor drei Wochen bereits an Herrn Georg Knackstert geschrieben – natürlich ohne von diesem Jubiläum und noch weniger von der Beteiligung meiner Wulfhilde dabei zu reden – und er hat geantwortet. Ich erwarte den trefflichen jungen Mann täglich; es wird mir eine Freude sein, Sie mit ihm bekannt zu machen – lassen Sie uns ein Glas auf seine baldige Ankunft leeren, das heißt, lassen Sie uns darauf anstoßen, mir verbietet unglücklicherweise meine Gesundheit jeglichen Exzeß – selbst bei einer solchen Gelegenheit.« Unser Freund Haeseler folgte der Aufforderung des Hofrats und klang an; aber er sah dumm dabei aus! Ich versichere die Leserin, er sah dumm dabei aus! – Erst nach einer geraumen Weile war er imstande zu fragen: »Lieber Hofrat, sind Sie wirklich der Meinung, daß die Frau meines Freundes Ihr Fräulein Tochter zu dieser öffentlichen Schaustellung überredet habe?« »Das habe ich nicht gesagt! O nein, im Gegenteil! in der Beziehung ist der Dame nichts vorzuwerfen. Ich redete vorhin nur von der kühlen Unbefangenheit, mit welcher sie jedermann, wie sie es meint, die Wahrheit, das heißt eine Sottise sagt. Was das Auftreten meiner Tochter im grünen Esel betrifft, so ist nur der Mann schuld daran; seiner zudringlichen Rücksichtslosigkeit habe ich die peinliche Unruhe, die quälenden Vorstellungen, die beißenden Ärgernisse der letzten Wochen zu verdanken.« »Darf ich ihm den Dank ausrichten?« fragte der Maler, ohne zu wissen, was er fragte und wen er fragte. Er saß längst mit fieberhafter Energie an seiner Staffelei und malte mit fliegender, feuriger Eile an dem neuen Transparent zum hundertjährigen Geburtstagsfeste Friedrich Schillers. »Ich bitte Sie, bester Freund,« rief der Geheime Hofrat ängstlich. »Wollen Sie meinen Nerven auch noch das aufladen? ... Wo steckt denn das Kind? es scheint mir ziemlich spät in der Nacht zu sein!« Das zwölfte Kapitel. Es war nicht ziemlich spät in der Nacht; nur der Abend war ziemlich weit vorgeschritten, und der Maler Rudolf Haeseler, welchem der Geheime Hofrat Mühlenhoff mit einem Male unerträglich widerwärtig geworden war, hatte die letzte Bemerkung des letztern Herrn als einen zarten Wink genommen und sich ihm für diesmal empfohlen. Jetzt stand er in der Marktstraße von Paddenau, in einem winterlichen Nebelregen, blickte nach rechts und nach links in die Dunkelheit hinein und zu einigen erleuchteten Fenstern empor und sprach: »Ich glaube, ich habe bereits neulich mir die Bemerkung gestattet, daß es kein kleines Geschenk des Höchsten sei, wenn er einem Menschen die Fähigkeit verleiht, dann und wann vollständig reine Bahn in sich zu machen; – was tue ich nun, – gehe ich nach Hause, oder gehe ich in den grünen Esel?« Es ist sicherlich eine schöne Kunst und Gabe, zur rechten Zeit tabula rasa in seinem Innern zu machen: aber dem schönen Mädchen gegenüber wollte sie dem Maler am heutigen Abend durchaus nicht gelingen. Vor seinem Künstlerauge leuchtete zu hell die Erinnerung daran, wie vor zehn Minuten Wulfhilde Mühlenhoff, von ihrem Besuche bei der Frau Agnes Fischarth zurückkehrend, ins Zimmer trat, um sich von dem mißvergnügten, mürrischen, grämelnd-launischen Prinzenerzieher außer Dienst sofort eine bissige Bemerkung nach der andern machen zu lassen, sowohl über ihr Ausbleiben wie über ihr Wiederkommen. Ärgerlich dachte der Maler daran, wie er so erbärmlich das schöne Gleichnis von dem Lichte in der Nacht des Correggio an den Geheimen Hofrat verschleudert habe; aber noch bedeutend mehr Ärgernis gewährte ihm der Gedanke an den Vetter aus Hamburg, Herrn George Knackstert und an die Kohlenstriche, welche er heute morgen der Tochter des Geheimen Hofrats wegen auf seine Papierwand gezogen hatte, und welche er morgen mit Farben ausfüllen sollte, um der holden Wulfhilde zu genügen und den Dräumling in Erstaunen zu setzen. »Also die künftige Madame Knackstert! ... Knackstert Witwe und Sohn! ... Mit wem rechte ich darüber? Mit den Göttern, mit mir selber, oder mit dem Dräumlinge? Bei den Olympiern und bei meiner Seele, sollte es möglich sein, daß nun auch der Dräumling anfinge, mir unheimlich zu werden und sich als eine größere Macht zu erweisen, als die kleine, helle, die Welt bis jetzt so ziemlich klar widerspiegelnde Blase in meinem Gehirne? ... Was schlägt es da? Halb zehn Uhr? Wenn ich gewiß wüßte, daß ich im grünen Esel noch einen kleinen Krakeel, einen kleinen Meinungsaustausch bis an die Grenze der Stuhlbeine und Spazierstöcke erzeugen könnte, würde ich dem lieben Tiere noch einige Augenblicke meines Daseins widmen. Wohlan, das Einfachste ist, den Versuch zu machen.« Mit diesem löblichen Entschluß wandelte er fürbaß, erreichte das wirtliche Haus und blickte, bevor er in die offene Pforte trat, durch das beschweißte Fenster in das gastliche Gemach, in welches er schlechterweise die Brand- und Kriegsfackel schleudern wollte, um den Tumult im eigenen Busen zu übertäuben. Aber Paddenau war bereits solide nach Hause gegangen; der höhnische Lauscher sah nur zwei undeutliche Gestalten am Tische der Gaststube einander gegenübersitzen, – die eine ruhig und unbewegt, die andere mit beiden Armen in der Luft herumfahrend. »Die Möglichkeit ist auch mit dem schwachen Material gegeben,« tröstete sich der Maler und trat in das Haus; das Schicksal aber hielt ihn am Worte, und ach, er ahnte durchaus nicht, wie sehr für ihn die Möglichkeit gegeben war, das Schlachtenglück zu versuchen. »Guten Abend, meine Herren – was Fischarth? Du noch? Ei, ei, da wackelt daheim der Lar doch sicherlich auf seinem Postament.« »Laß ihn wackeln; – guten Abend, Haeseler; – die großen Tage und der Herr hier werden mich bei meiner Frau entschuldigen,« sagte der Rektor ungemein erhitzt, aber auch sehr würdig. »Du wirst dich ebenfalls freuen, Rudolf, wenn ich dir hiermit einen Vetter unseres trefflichen Freundes, des Herrn Hofrats Mühlenhoff, vorstelle. Herr Bankier Knackstert aus Hamburg – Herr Rudolf Haeseler aus – aus Europa – der Mann, dessen Ansichten ich Ihnen soeben mitteilte, Herr Knackstert.« Der Maler mochte sich an irgendeinem freilich etwas fern gelegenen Zeitpunkte freuen, Herrn George Daniel Knackstert kennen gelernt zu haben; im gegenwärtigen Augenblick aber hielt selbst seine Lebensgewandtheit dem Vergnügen nicht stand. Der Genuß kam zu überraschend, und der Künstler griff weniger nach einem Stuhlbeine als nach einer Stuhllehne; er ließ den Stock mit dem Hute fallen und murmelte etwas, welches alles sein konnte, selbst die Versicherung achtungsvollster Zärtlichkeit. Knackstert Witwe und Sohn erhoben sich, gaben die steifste der Verbeugungen als Rezepisse und saßen wieder fest hin, ohne alle Affektation ihres Wertes sich bewußt. »Der Herr wurde mir heute abend bereits vorgestellt,« stotterte der Maler und fügte auf den verwunderten Blick des Vetters hinzu: »Der Herr Geheime Hoftat hatte die Güte. Ich komme soeben aus dem Mühlenhofsschen Hause, Gustav.« »Herr Knackstert wird sich einige Zeit hier aufhalten, Rudolf. Er ist zu spät am Abend in Paddenau angelangt, um heute noch den Verwandten einen Besuch abstatten zu können. Herr Knackstert hat deshalb mit uns im grünen Esel vorlieb genommen, es ist eine kleine Meinungsverschiedenheit zwischen uns entstanden: Herr Knackstert behauptet, von Hamburg abgereist zu sein, um den dortigen Vorbereitungen zur Schillerfeier und der Schillerfeier selbst aus dem Wege zu gehen, und ich behaupte, das sei nicht möglich, und will diesen Reisegrund nicht gelten lassen. Unsere Paddenauer Mitbürger stellten sich größtenteils auf die Seite des Herrn Knackstert, und es ist mir um so lieber, Haeseler, daß du noch den Weg hierher gefunden hast. Ich bitte dich dringend um deine Mitteilung; du siehst, daß ich einigermaßen aufgeregt bin, und ich glaube, allen Grund dazu zu haben.« »Ich stelle mich mit deinen Paddenauer Mitbürgern ganz auf die Seite des Herrn Knackstert,« sprach der Maler, der sich unter der sprudelnden Rede des Rektors allmählich wieder gefaßt hatte und sofort den gewohnten Gebrauch von dieser Fassung machte. »Ich bedaure den Herrn aber um so mehr; denn wenn es an der Elbe regnet, so gießt es im Dräumlinge, und ich sehe es Herrn Knackstert an, daß er allgemach die Erfahrung gewonnen hat, daß Paddenau sich nicht von der allgemeinen Erregung ausschließt, daß auch Paddenau seine Vorbereitungen zu dem großen Feste trifft.« »Ich habe dem Herrn Rektor darüber bereits das Nötige mitgeteilt,« sagte der Hamburger Vetter kleinlaut verdrossen. »In der Beziehung hätte ich mir die Unbequemlichkeiten der Reise ersparen können; doch sieht man immer noch lieber ein fremdes, als sein eigenes Gemeinwesen sich lächerlich machen.« »Herr?!« schrie der Rektor von Paddenau außer sich. »Herr, ich nehme mein Wort nicht zurück. Was wollen Sie denn? Ich sage Ihnen ja, daß ich Ihren Poeten mit bedeutend mehr Gleichmut in hiesiger Stadt feiere, als mir in Hamburg zu liefern möglich wäre. Herr, was verlangen Sie mehr?« »Herr, Sie lästern ganz einfach die Hoheit des deutschen Volkes! Sie beschimpfen unsere Mutter, und das dulde ich nicht!« »Ach was, Mutter! Bis jetzt ist Hamburg noch nicht in den Zollverein eingetreten.« Der Rektor von Paddenau stemmte ächzend beide krampfhaft zuckenden Hände auf die Oberschenkel und lachte wie ein Gemarterter auf der Folter. »Ei, so beruhige dich, Fischarth,« sagte der Sumpfmaler behaglich. »Ist es denn unumgänglich notwendig, daß du uns von unserm Standpunkte herabdrängst? Herr Knackstert, Paddenau und ich stehen nun einmal, wo wir stehen; aber Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff hat sich auf deine Seite gestellt, und ich meine, damit könntest du dich zufrieden geben. Wende dich in dieser Nacht in deinem stillen Kämmerlein an den Dichter selbst und frage ihn um seine Ansicht. Ich bin fest überzeugt, daß er deine Aufregung sehr komisch und dein entsetzliches Geschrei sehr überflüssig finden wird. Gib mir Fräulein Wulfhilde als Mitarbeiterin, als Helferin bei einem Werke, und das Universum hat mir nichts mehr zu sagen, was mir wichtig wäre.« »Mein lieber Herr – Herr Hänseler, wenn ich nicht irre – wie kommt – was ist – was hat das Fräulein, dessen Namen Sie soeben nannten, mit dem Eifer und der Erhitzung jenes Herrn zu schaffen?« fragte der Vetter aus Hamburg mit einem unbeschreiblichen Ausdruck mißvergnügten Erstaunens. »Sehen Sie!« rief der Maler. »Sie wissen doch noch nicht ganz und vollständig, wie Paddenau das Schillerfest feiern wird, und in welcher Weise es den Schauplatz der Hamburger Dramaturgie in den Schatten zu stellen vermag. O Herr Knackstert, Sie sind nicht umsonst von Hamburg gen Paddenau gekommen; das schöne Fräulein –« »Ja, das gute Kind wird am zehnten November hier im grünen Esel meine mangelhaften Verse deklamieren,« unterbrach der Rektor mit ehrlichem Gebrumme den Freund. »Es ist sehr gütig von ihr, und ich habe schon ihretwegen mein Bestes getan.« Gänzlich versteinert konnte man den Hamburger Vetter nicht nennen; sein Mund öffnete sich und seine Augen rollten langsam nach rechts und nach links und sahen erst den Rektor an und dann den Maler Rudolf Haeseler. Er konnte auch noch sprechen; denn nach einer Weile sagte er: »Das ist nicht möglich!« »Was ist nicht möglich?« »Hier in diesem Gasthofe? In dem Saale, an welchen mein Schlafgemach grenzt?« Der Rektor nickte mit großer Bestimmtheit, und Herr George Knackstert stand plötzlich auf den Füßen, schlug mit der Hand auf den Tisch und rief: »Mein Herr, ich sage Ihnen, es ist nicht möglich! Sie irren sich, mein Herr. Wissen Sie gewiß, daß da keine Verwechselung zwischen zwei Personen desselben Namens stattfindet?« Der Rektor zuckte stumm die Achseln, und der Vetter aus Hamburg stöhnte: »In einer öffentlichen Versammlung?« »Vor allem Volk des Dräumlings!« sprach der Maler. »Bei den Manen des gefeierten Sängers, ich wollte, auch meine Zimmer stießen am zehnten November an den Saal des grünen Esels!« »Kellner,« rief der Vetter, »Licht!« und ohne fernern Gruß und Wunsch schritten Knackstert Witwe und Sohn hinaus, und beide Freunde blickten nach einigen Augenblicken von der Tür nach der Stubendecke. Es ging da über ihren Köpfen jemand auf und ab, der, seinen Fußtritten nach zu urteilen, fürs erste nicht imstande war, fromm sein Nachtgebet zu sprechen, seinen Nächsten darin einzuschließen und sich still und friedlich ins Bett zu legen. Nicht alle, die sich eines gesunden Schlafes erfreuen, können unter allen Umständen sofort einschlafen. Das dreizehnte Kapitel Leser werden nun wahrscheinlich vermuten, daß Herr Rudolf Haeseler sich jetzt auf seinen Stuhl zurückgelehnt habe und in ein kreischendes Gelächter ausgebrochen sei. Dem war nicht also. – Der Maler blickte mit einem fast unheimlich melancholischen Ernst von der Decke wieder auf die Tür, welche sich hinter dem Hamburger Großhändler eben geschlossen hatte, und der Rektor von Paddenau blickte auf den Freund: »Ich bitte dich um alles in der Welt, Rudolf, was fiel dem Kerl ein?« »Vielleicht das Dach über seinem Haupte. Er glaubte sich wohl gedeckt und starrt nun plötzlich nicht wenig betroffen hinauf in eine unergründlich dunkle Winternacht voll Nordwind, Schnee, Wolken und Regenschauer. Es ist manchmal bitter kalt auf den Wällen von Helsingör, Horatio.« »Ich begreife auch dich nicht, Rudolf.« »Ja, ja, das kommt davon, wenn man Verse macht, und noch dazu Verse zum hundertjährigen Geburtstage Friedrich Schillers, und wenn man dann diese Verse von dem schönsten Mädchen des Dräumlings öffentlich aufsagen läßt. Ich begreife dich ebenfalls nicht, Gustav; – mir erscheint es völlig begründet, daß da ein feinbesaitetes Gemüt sich erhebt, die Gaststube des grünen Esels verläßt und die Klappe hinter sich zuschlägt, daß der Kalk von den Wänden fällt. Ich könnte dir wie der eben hinausgegangene Herr nunmehr gleichfalls gute Nacht wünschen; aber die Zeit reicht zu einer kleinen literarisch-historischen Exkursion. Vielleicht wird es dir Vergnügen machen, mich zu begleiten, lieber Gustav.« Der Pädagoge sah nach der Uhr, zuckte zusammen und sagte eilig: »Du weißt, wie gern ich dir auf deinen Irrwegen folge; aber meine Agnes –« »Deiner Agnes wird es bei einem so vollgerüttelten und geschüttelten Maß der Liederlichkeit auf einen Tropfen mehr oder weniger nicht ankommen. Wir trinken noch eine Flasche; – deinem wohlverdienten häuslichen Canossa wirst du doch nicht entgehen; – ach, ihr Ehemänner habt es gut, euere Behaglichkeit wartet immer auf euch!... Da kommt der Wein. Nun denn, Gustav Fischarth, der Dichter der Frauen und des Ideals lebe hoch!« »Hoch lebe er!« schrie der Schulmeister, der vorhin schon, um sich dem Hamburger Blasphemisten gegenüber eine ruhige Haltung zu geben, fast zu viel getrunken hatte. Er glühte; doch um so kühler fuhr der Maler fort: »Mein Freund, ist es dir wirklich schon einmal so recht im großen, ganzen und vollen aufgegangen, welch ein Narr der Mensch unter Umständen sein kann? Mir mehr als einmal! – Hier sitze ich und erzähle dir erstens alles, was du längst weißt, und zweitens erzähle ich dir das, was jeder Verständige selbst seinem besten Freunde gegenüber ruhig hinter doppeltem Schloß und Riegel für sich selber behält. Und wo – wo enthülle ich mich dir? – Wo? Hier in Paddenau im Dräumlinge, – hier im grünen Esel! Ich, den die Römer Leporino nannten, ich, der ich in Rom vor Michelangelos Weltgerichte den Entschluß faßte, meine ganze künstlerische Energie auf die Lüneburger Heide und das Panger Moos zu werfen. Hier sitze ich im Dräumlinge und möchte in Urbino auf Rafaels Türschwelle mich recht herzlich ausweinen, – o Fischarth, das höhnische Zucken um den Mund der Olympier ist unausstehlicher als alle Qual, des Tartarus! Ist der Stern, der vor hundert Jahren auf das niedere Haus in Marbach strahlte, schuld daran, ich kann's nicht sagen; aber die Tatsache steht fest, ich befinde mich seit einiger Zeit sehr übel hier in Paddenau. Da du den hiesigen Honoratiorentöchtern auch im Französischen Privatunterricht erteilst, Gustav, so ist dir wohl auch der Bonhomme Jean de Lafontaine, der Fabeldichter, auf deinem Wege begegnet, – was?« »Herr du meine Güte, wie geht das heute abend wieder einmal durcheinander!« ächzte der Rektor, beide Fäuste auf die Schläfen drückend. »Diese Kritik meines Darstellungsvermögens schmeichelt mir stets ungemein. Also gut, wie er, der gute Jean, hatte ich einen hohen Eid geschworen, nimmer wieder einen Conte zu machen; ganz im Gegensatze zu dir, als du die Prosa des Lebens als Prellstein benutztest, um dich von ihr auf den Pegasus zu schwingen, höchstens mit dem Entschlusse, die Nation zu verachten, wenn sie dich verachten würde.« »Das habe ich nie gedacht, getan, gesagt. Du redest Unsinn, Rudolfe. Ich habe niemals etwas anderes drucken lassen, als meine Doktor-Dissertation, und die bezog sich einfach auf den Gebrauch des Haselrohrs in den Gymnasien der Griechen und kam nicht in den Buchhandel.« »Gut, so beziehe du meinen Gegensatz einfach auf einen deiner gedruckten Kollegen, und laß uns bei unserm Jean de Lafontaine bleiben. Nicht wahr, er sah sehr dumm aus? Ja, wie ein richtiger Tölpel sah er aus, und die meisten Leute hielten ihn auch dafür, und die festeste Meinung in der Hinsicht hatte sich natürlich seine Frau gebildet.« »Du scheinst mir wirklich ein Kolleg über Literaturgeschichte halten zu wollen, liebster Freund.« »Ich habe die Absicht. Unsereiner, dem die Gelegenheit, zu zeigen, daß er etwas gelernt habe, so selten kommt, benutzt sie jedesmal. Man hat leider von uns Malern, was unsere Belesenheit angeht, eine schlechte Meinung im Publikum, und nicht ganz ohne Grund. Ehe ich mich im Sumpfe niederließ, unterschied sich meine Bildung in der Tat wenig von der der andern; aber jetzt brauche ich gottlob nicht bloß die übrige Menschheit reden zu lassen. Ich bin ein denkender Künstler, und meine Belesenheit –« »Die kenne ich. Rudolf, es wird immer später.« »Gustav, die Bemerkung zeugt von einer immer noch recht muntern Beobachtungsgabe. Es wäre schade, dieselbe so früh schon zu Bette zu tragen; – Agnes wartet gewiß noch ein wenig. Auf das Wohl der lieben, prächtigen Frau! und siehe, diesem närrischen Kauze, diesem Tölpel Jean le Bonhomme fiel es auf einmal ein, sein Weib und seine Nachbarschaft in eine große Verwunderung zu setzen. Eines Morgens rief man ihm, und er antwortete nicht; man suchte ihn, und er war nicht zu finden. Heimtückischerweise hatte er sich aus der Hintertür geschlichen und war durchgebrannt, ohne die Nachbarschaft und Verwandtschaft zu benachrichtigen, geschweige denn, sie mitzunehmen. Der Teufel weiß, wie er daraufkam! Er, der gute Jean, mochte wohl, in seiner Kaminecke sitzend, dann und wann zugehört haben, wie sich die verständigen Leute untereinander unterhielten. Die verständigen Leute hatten vielleicht auch von der großen Stadt Paris gesprochen, wie es sich dort so lustig leben lasse, und wie man daselbst, wenn man Glück habe, es zu etwas recht Ordentlichem bringen könne, sogar bis zum Mitglieds der Akademie und bis zum Reichshistoriographen, wie die Herren Boileau-Despréaux und Racine. So etwas kann selbst den Dümmsten anlocken, und es verlockte den armen Jean de Lafontaine zum Durchgehen. Er kam richtig nach Paris; aber zum Reichshistoriographen brachte er es nicht, und wie ich glaube, auch nicht zum Akademiker. Er brachte es überhaupt zu gar nichts; er war zu einfältig, und wenn ein Freund am Hofe und in der Stadt in Ungnade fiel, so hielt er um so fester an ihm; – zu dumm zu sein, ist nicht gestattet! Er machte nichts als alberne Streiche und dazu ganz kuriose Dinge, nämlich ganz hübsche Fabeln, welche die sonst so schlauen Franzosen für reizend naiv hielten. Und diese sonst so schlauen Franzosen nannten um dieser Fabeln willen den Mann le bonhomme de Lafontaine und hatten keine Ahnung davon, daß der gute, brave Bursche in diesen Fabeln sich selber zum echtesten und wahrsten, zum allergrimmigsten und allerklügsten Reichshistoriographen kreiert hatte, nicht nur der Nachbarschaft daheim, sondern auch der Stadt Paris und Seiner Majestät dem König Ludwig dem Vierzehnten zum Trotze. Als den klugen, gewitzigten Franzosen endlich eine Ahnung darüber aufging, verwunderten sie sich sehr, machten gute Miene zu diesem allerbesten Spiel, und ihn, den Bonhomme, glorifizierten sie als den ersten Fabeldichter der Welt. War dir das etwa bereits bekannt, lieber Fischarth?« »Lie – ber Hae – seler,« sagte der Rektor von Paddenau mit dem sonorsten Nachdruck auf den Silben Lie und Hae , als rede er einem Unsinn schwatzenden Sekundaner auf das eindringlichste ins Gewissen, »lieber Haeseler, bedenke, was alles in diesen Tagen auf mir lag, und fasse dich etwas kürzer. Setze dich in meine Lage: – wird meine Frau mit einem Auszuge dessen, was du mir soeben vorträgst, sich abfinden lassen? Sie wird es nicht; sie wird mir den Hausschlüssel abnehmen und mir die Bemerkung nicht vorenthalten: Wenn du weiter keine Neuigkeiten aus dem Wirtshause heimbringst, so sehe ich nicht ein, weshalb du nicht lieber zu Hause bei Weib und Kind sitzen bleibst, zumal da es noch dazu viel gesunder ist, und du dir dadurch das, was du dein nervöses Kopfweh nennst, größtenteils ersparst.« »Welch eine liebe, verständige Seele!« rief der Maler, eine Kußhand nach der Gegend der Wassergasse hin versendend. »Noch eine kurze Minute, und ich werde dich nicht länger abhalten, ihrer Sehnsucht nach dir entgegenzueilen. Wovon redeten wir doch? Ah so, von dem braven französischen Fabeldichter Hans von der Quelle. Siehe, trotzdem daß sie alle ihn für einen Dummkopf hielten, saß er doch wirklich näher als irgendein anderer damals am Brunnquell der schönen Weisheit und listigen Anmut. Daß es überhaupt keine Kleinigkeit ist, mit den Tieren auf du und du zu stehen, wirst du mir zugeben, Rektor magnificentissimus von Paddenau. Es spannt alle Geister des Menschen an aufs Höchste und spannt sie ab ins Tiefste, und zur Erholung verfertigt dann der melancholische Weltweise andere gereimte Schnurrpfeifereien, und um sich die Erholung nicht zu erschweren, nimmt er seine Stoffe ans den Novellen des Ser Giovanni Boccaccio oder den Cantos des Meisters Ludovico Ariosto oder den Erzählungen der wonniglichen Frau Margarete von Navarra und anderer scherzhafter, das heißt in ihren Schriften scherzhafter Geister. Tändelnd überträgt er sie in die schönsten Verse, auf welche die französische Akademie mitleidig herablächelt, welche jedoch Madame Henriette von England, die Frau Herzogin von Bouillon, Madame de Sablière und viele andere Madamen sehr amüsant finden, jedoch nur ganz im geheimen. Und, beiläufig gesagt, Madame de Sablière hat ihn – den verunglückten Reichshistoriographen auf der Landstraße von Paris nach Versailles im Regen unter einem Baume sitzend gefunden und ihn mit sich genommen, erst in ihre Karosse und dann in ihr Haus. In ihrem Hause aber lebte er bis zu ihrem Tode, weshalb Madame de Sablière unsterblich ist wie Madame Laura de Sade und vielleicht mit noch größerem Rechte, als diese letztgenannte Dame. Madame de Sablière –« »Madame! Madame! Herr Gott, wenn nur nicht meine eigene Madame zu Hause säße und auf mich wartete!« »Madame de Sablière wußte dieses auch recht gut; denn als sie einst infolge der gloriosen Kriegstaten und Eroberungen des großen Louis mit vielen andern begüterten Franzosen in die Lage kam, wegen Geldmangels all ihr Gesinde abschaffen zu müssen, da behielt sie sehr weislich ihre drei Haustiere, Hund, Katze und Monsieur Jean de Lafontaine und fütterte sie richtig durch die glorreiche Zeit.« »Das Genie ist freilich ein recht nettes Haustier,« brummte der Dräumlingsrektor, wider seinen Willen von dem konfus-bedeutungsvollen Essay seines Freundes fortgewirbelt. »Nicht wahr? Vorzüglich wenn man es auf die richtige Art zu behandeln versteht; – doch wohin verlockst du mich, Gustav?! Von dem allen wollte ich doch eigentlich gar nicht reden, und wenn du mich nicht weiter verwirren willst, so werde ich jetzt zur Hauptsache kommen.« »Dem Himmel sei Dank!« »Was bis in alle Ewigkeit hinein niemals verhindern wird, daß auch das Genie den Unzukömmlichkeiten eines leeren Geldbeutels unterworfen ist, und daß es item, wenn es ein Vergnügen daran findet, tagelang im Regen unter einem Baume an der Landstraße zu sitzen, sich erkältet und sich einen Schnupfen oder gar etwas Schlimmeres holt. So ging es dem guten Jean. Er litt am Schnupfen, er fing allmählich an, am Rheumatismus zu leiden; er wurde alt, und er wurde krank, sehr krank, so krank, daß er stellenweise sogar den Faden seiner Lebensentwicklung verlor und dann –« »Manches von dem, was er geschrieben hatte, nicht geschrieben zu haben wünschte. Ja, ja.« »Ja, ja, ja! zumal ihm die hohe und mittlere Geistlichkeit mit ihren Ansichten in dieser Beziehung arg zu Leibe ging.« »Man hat neulich hiesigen Ortes den Wunsch ausgesprochen, daß uns am Zehnten dieses Monats unser Festzug verregnen möge.« »Nicht ohne die vollkommenste Berechtigung. Jeder Grundbesitzer, seit Erschaffung der Welt, wünscht sich für seinen Boden das Wetter, welches er gebrauchen kann. Wer weiß, ob nicht morgen schon dein innigstes Sehnen dahin geht, es möge Pech, Schwefel und Quadersteine auf die Teilnehmer, die Mitwirkenden an deiner großen Feier herabregnen?!« »Mensch, bedenke, daß wir in der Geisterstunde sind,« flüsterte verlegen-aufgeregt der Rektor. »Rühre nicht verwegen an die Zukunft; – ich habe schon genug an meinen Ahnungen zu tragen, und es ist gar nicht nötig, daß du mir dieselben zu greifbaren Wirklichkeiten machst.« »Gut. Er ging also in sich, wie viele klare Köpfe, wenn sie alt und hinfällig werden und das Bewußtsein ihrer selbst verlieren, welches letztere die hohe, mittlere und niedere Geistlichkeit immer sehr hoch aufnimmt. Reuig entsagte der gute Jean allem leichtfertigen Geschreibsel, und der Pfarrer von Saint Roch segnete ihn höchlichst darob.« »Hm – ha – hm! Wenn ich eine Ahnung davon hätte, wo du anzulangen wünschest, so würde ich dir unbedingt dahin vorauseilen.« »Und als die Krankheit diesmal noch ziemlich glücklich vorübergegangen war, und er sich in der Besserung befand, da – ging er mit frischen Kräften munter wieder ans Werk und schrieb zuerst La clochette , eine sehr sonderbare Historie, welche beginnt: Oh! combien l'homme est inconstant, divers, Faible, léger, mal sa parole! J'avais juré, même en assez beaux vers, De renancer à tout conte frivole, und dann machte er eine noch viel sonderbarere Geschichte über das biblische Wort: Domine, quinque talenta, tradidisti mihi , eine ganz heillose Geschichte; und hatte die krasseste Absicht, dieselbige, wahrscheinlich um sich der Geistlichkeit für ihre Tröstungen und Ratschläge während seiner Krankheit erkenntlich zu zeigen, dem frommen, gottesfürchtigen Doktor Arnould von der Sorbonne zu dedizieren. Jedenfalls wäre das eine ungemeine Aufmerksamkeit gewesen und würde den Doktor wohl ebenso unsterblich gemacht haben wie Madame de Sablière; aber das Entsetzen am Hofe, in der Kirche und in der Stadt würde auch kein kleines gewesen sein.« Der Rektor Gustav Fischarth griff in die Tasche nach seinen Handschuhen, holte den Hut vom Haken und schlug ihn sich, sozusagen, auf den Kopf. Der Maler ergriff den Freund am Ellbogen: »Du willst mich verlassen, Geliebter? Jetzt, wo ich gerade zu Ende komme? Jetzt, wo sich meiner Rede Sinn und Inhalt in die funkelndste Spitze zusammenzieht?« »Ja, ich gehe nach Hause,« sagte der Rektor, und zwar infolge der vollkommensten Ermattung gänzlich leidenschaftslos. »Nun denn, so geh und erzähle deiner Frau: dein Freund, der Maler Rudolf Haeseler, habe in den Tagen der Zerknirschung es wie der französische Fabeldichter hoch und teuer verschworen, jemals wieder einen Conte zu machen, und jetzt in Paddenau, mitten im Dräumling, mache er doch noch einen!« Der Rektor des Dräumlings hätte sich trotz seinem festen Entschluß beinahe doch wieder gesetzt. » Was soll ich meiner Frau sagen?« »Soll ich meine Auseinandersetzung vielleicht von vorn beginnen?« »Lieber Freund,« sprach der Rektor, jetzt ebenso pathetisch wie vorhin matt, »wenn du mir wirklich im Laufe dieses Abends etwas vorgetragen hast, was bei meinem Weib mein längeres Ausbleiben entschuldigen kann, bitte, so sprich noch einmal; aber deutlich und in drei Worten.« »So seid ihr Poeten! Da sitzest du die halbe Nacht im grünen Esel mit Knackstert Witwe und Sohn und suchst dieselben für dich und deine Anschauungen zu gewinnen. Ich bin, wider meinen Willen, mitten in einer Geschichte drin, und damit – überlasse ich dich deinem eigenen Nachdenken, deinen Gefühlen und Empfindungen. Ich gebe dir gegen das drohende eheliche Gewitter den prachtvollsten Blitzableiter in die Hand, und du fragst mich nach der Bedeutung und der Anwendung desselben. Gehe heim und schlage jedes beliebige Lehrbuch der Künste und der Erfindungen nach. Wenn du nicht klüger dadurch wirst, so empfiehl mich deiner Gattin und sage ihr, ich sei an allem schuld, aber es sei nicht nötig, daß sie die Rache der Götter auf mein sündiges Haupt herabrufe, denn die Herren überließen Verbrecher meinesgleichen gewöhnlich ihren Damen, und die verständen es, ihre Genugtuung im voraus zu nehmen.« Das vierzehnte Kapitel. Auch unserer Rede Sinn und Inhalt zieht sich in eine funkelnde Spitze zusammen. Es dämmerte der bedeutende Tag, und soweit die deutsche Zunge klang, fuhr die deutsche Nation mit dem festen Entschlusse in die Kleider, ihren im Sommer so wunderlich unterdrückten politischen Gefühlen nun ganz bestimmt nach der ästhetisch-literarhistorischen Seite hin Luft zu machen. Die Festredner lagen eine halbe Stunde länger im Bette als die übrigen Germanen; denn sie, die Redner, durchblätterten noch einmal ihr Gedächtnis und unterstrichen darin die Schlagworte und Hauptstellen ihrer poetischen oder prosaischen Lucubrationen; so viel wir wissen, hatte einzig und allein der Rektor Gustav Fischarth zu Paddenau das nicht nötig. Und es war ein Glück zu nennen, daß er es nicht nötig hatte; – am Abend des achten Novembers hatte ihn Haeseler zu anmutig im grünen Esel unterhalten, und gestern abend hatte eine sehr erregte Schlußsitzung des Komitees der Schillerfeier im nämlichen Lokale stattgefunden. Der Rektor spürte die Folgen; er hatte wild und widrig sich auftürmende Wogen überschreien und bändigen müssen; – seine Knochen schmerzten, und ein schwül bewölkter Kopf lag ihm schwer auf den Schultern und verlangte dringend, mit beiden Händen gehalten zu werden. Außerdem aber fing auch die Frau Agnes den Tag am liebsten schon um vier Uhr an, und so war sein Haus eines der wohlgeordnetsten aber auch lebendigsten im Dräumling, und ein lebendiges Hauswesen ist tiefergehenden Meditationen des Hausherrn nimmer sehr hold und günstig. Dazu lag ein Nebel sondergleichen auf dem Sumpfe und auf der Stadt, und also auch vor den Fenstern unseres begabten Freundes. Unser begabter Freund saß bei trübem Lampenschein in seiner Studierstube vor dem Schreibtische, hielt die Stirn mit der Linken und zog mit der unsichern Stahlfeder in der Rechten fröstelnd nichtsbedeutende Schraffierungen auf einem Stücke Konzeptpapier. – Es war ein eigen Ding um den Paddenauer Nebel; vorzüglich im November. Der Sumpf erzeugte ihn in einer wahrhaft großartigen Vollkommenheit. Die Gestalten, die er annahm, die Tänze, die er im Steigen und im Fallen aufführte, die Girlanden, Kränze und Schleier, in die er sich auseinanderlegte, die Draperien, welche er um Büsche und Bäume, um Giebel und Schornsteine und vor allem um den uralten schwarzen Turm der Ursuskirche hing, verdienten von einem Sachverständigen gewürdigt zu werden. Der Rektor im Dräumling verstand auch fast soviel davon als sein Freund Haeseler; aber an diesem großen Morgen hatte er nur einige Male in den absonderlichen Dunst hineingehustet und geniest, und sich sodann mit einem kläglichen Seufzer zu dem eben beschriebenen Federspiel an den Schreibtisch gesetzt; aber auch das wurde ihm jetzt zu anstrengend. Er warf die Feder fort, stützte die Stirn auf die rechte Hand und ächzte: »In dreitausendundvierundsechzig Sprachen sagt die Menschheit, was sie freut und was ihr weh tut; aber für das, was heute morgen mir weh tut, finde ich in allen diesen Sprachen keinen Ausdruck. O, wie ganz anders hatte ich mir das Aufdämmern dieses köstlichen Tages vorgestellt! Ach, mein armer großer Friedrich, haben denn alle, die sich heute mit deiner heiligen Geburtsstunde beschäftigen, soviel auszustehen wie ich?« Er sah zu einem den Dichter vorstellenden Kupferstichs welcher über seinem Tische hing, empor und zitierte weinerlich: »Um deinetwillen haßt mich der Numide, Um deinetwillen sind die Tyrier mir gram;« aber aus der Rührung in die Erbosung übergehend, fuhr er fort: »Den Dräumling soll der Teufel holen; doch was für ein Vergnügen dieser Haeseler daran findet, mich noch konfuser zu machen, als ich bereits bin, möchte ich wirklich gern ergründen.« Sein Auge haftete wieder an dem Kupferstiche und er seufzte: »Ach, wer doch heute so ruhig über die Welt hinwegsehen könnte, wie du, selig Entrückter; oder wie dein hoher Freund dort! Dieser Haeseler – und das nennt sich auch einen Freund, und das behauptet nach Paddenau gekommen zu sein, um mich aufzurichten. Eine schöne Aufrichtung! Manchmal kommt es mir vor, als habe er einen Tröster oder Vormund nötiger als ich. Das Transparent muß er schaffen; – aber was er zustande bringt, wer weiß das? Bis vorgestern abend wußte er es jedenfalls selber nicht. Wäre ich nicht der Festordner, so würde mir die Ratlosigkeit des Menschen sicherlich viel Vergnügen machen; im vollsten Maße hat er das um mich verdient, schon durch seine abgeschmackte Lafontainiade, die mir zu allem andern fortwährend in dem Kopfe summt und plappert. Wenn man nur dem Kerl nicht stets mit solcher Spannung zuhören müßte! er ist eine wahre Klapperschlange in der Beziehung. Er hat es verschworen, jemals wieder eine Geschichte zu machen, und sitzt augenblicklich, jeglichem Schwur und Gelöbnis zum Trotz, mitten in einer solchen? Wer löst mir das Rätsel?« Der Rektor starrte in die Flamme seiner Lampe, trat an den Ofen und wärmte den ehrlichen breiten Rücken. »Den Hamburger behandelt er ganz eigentümlich, und ihm, diesem Haeseler, hatte der Bursche doch nicht das geringste zuleide getan, und wenn er gegen mich ein wenig ausfällig geworden war, so geschah das, ehe Freund Rudolf uns seine liebenswürdige Gegenwart schenkte. Un conte ! eine Geschichte! Was für eine Geschichte? ... etwa ein Märchen, eine Novelle, ein Roman? ... eine Liebesgeschichte?« Er hatte das letzte Wort ausgesprochen, ohne eigentlich etwas dabei zu denken; doch mit dem Aussprechen kam urplötzlich, wie es nicht selten zu geschehen pflegt, das übrige, – die Vorstellung, der Begriff, der Gedanke – das Licht, das siebenfarbig glänzende, feuerradähnliche, leuchtkugelhafte Licht. »Uiih!« pfiff der Schulmeister im Dräumling. »O, das wäre freilich eine wundervolle Geschichte! Uiih, und es ist Wulfhilde Mühlenhoff, der zuliebe vorgestern der Vetter Knackstert ans Hamburg im grünen Esel angelangt ist! Bei Amor und Aphrodite, es ist so, – wahrlich, jetzt ist mir alles, alles klar. Siehst du, Haeseler, auch auf dem Wasser, nicht bloß auf dem Eise kann man zu Schaden kommen. Daher das zurückgezogene Leben und die mürrische Grobheit, selbst gegen den besten, den treuesten Studienfreund! Daher die Ratlosigkeit in betreff meines Transparentes! O süßer Jesus, wenn ich wüßte, daß meine Frau sich mit der bloßen Relation begnügte, würde ich sie auf der Stelle hereinrufen, um ihr diese Himmel und Erde erschütternde Neuigkeit mitzuteilen. Aber ich kenne die Gute; sie würde sich sofort auf ihrem Stuhle dort niederlassen, und was mir morgen das größte Vergnügen machen wird, ist mir heute im höchsten Grade unbequem. Verschieben wir die Mitteilung bis morgen.« Der schlechte Charakter sollte auf der Stelle seinen Lohn in Empfang nehmen. Wie es gewöhnlich gar nicht nötig ist, daß der Mann, wenn ihm etwas Ungewöhnliches durch den Kopf oder durch das Haus fährt, sein Weib rufe, so war es auch diesmal nicht nötig. Die Gute pflegt ihren lieben Kopf stets im richtigen Moment in die Tür zu stecken, und so auch jetzt. »Bist du wirklich schon aus den Federn, Gustav? das wundert mich; denn du bist auch gestern ziemlich spät nach Hause gekommen. Du weißt, ich lege dir da nichts in den Weg; aber wenn du künftig die Türe ein wenig leiser schlössest, so würdest du ein gutes Werk dadurch an uns tun. Wir befinden uns infolge des jähen Gepolters heute morgen alle Vier sehr übel, sowohl die Kinder, wie auch ich und die Amme. Friederike behauptet, das Türschlagen –« »Habe ich die Tür geschlagen? Weib, wenn du wüßtest –« »Danke! ich weiß alles!« sagte Agnes, zog das fromme Gesichtchen hastig zurück und gab dem Gatten auf der Stelle eine Lektion im Türzumachen. Sie zeigte ihm wie man sie – nicht schließen soll, und ein schwächeres Nervensystem als das seinige wäre durch die Belehrung wahrscheinlich für acht Tage auf äußerste zerrüttet worden. »Jetzt laß sie selber herausfinden, was ich ihr mitteilen wollte!« sprach der Rektor von Paddenau gedrückt aber boshaft. »Alles behalte ich für mich allein!« seufzte er, grimmig ein Bündel seiner Manuskripte aufgreifend und wieder hinwerfend. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sich sein Gemüt soweit beruhigt hatte, daß er seine Pfeife aus dem Ofenwinkel und Lenaus Gedichte vom Bücherbrett holen konnte. Mit Lenaus Gedichten in der Hand setzte er sich an seinen Tisch und sprach das schwere Wort: »Wer hielte es für möglich, daß ich mir durch einige Seiten aus dem armen Niembsch eine Stimmung für den hundertjährigen Geburtstag Friedrich Schillers geben muß?!« Sonderbar mag die Sache erscheinen; aber das Rezept schlug nichtsdestoweniger an. Als es Tag geworden war, war der Lenau längst wieder ein überwundener Standpunkt für den Schulmeister im Dräumling. Munter schüttelte er sich, der Schulmeister; und vollständig gewappnet gegen alles, was ihm heute passieren mochte, stellte er sich fest auf die Füße; – erkunden wir uns jetzo, wie sich der künstliche Maler Herr Rudolf Haeseler befindet. – Der künstliche Maler gehörte zu denjenigen, welche an diesem zehnten November des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig sich eine gute Stunde länger als sonst im Bette streckten. Obgleich er keine Rede zu halten hatte, mußte er so mancherlei mit sich selber durchsprechen, hatte er so viele ineinandergewirrte Gedankenfäden auseinanderzuzupfen, daß ihm die zum Nachdenken so sehr geschickte horizontale Lage wohl zu gönnen war. Er dachte tief nach; das heißt, er dachte eigentlich gar nicht; sein Geist umschwebte wohl das lockige Haupt auf dem weißen Kissen im Hause des Geheimen Hofrats Mühlenhoff, allein der Maler hatte wenig Macht über seinen Geist in diesen frühen Morgenstunden. Alle Augenblicke entschwebte er ihm und ging aus Wulfhildens Kämmerlein schnöde weg und gaukelte um das echt indische gelbrote seidene Taschentuch, welches ein anderes Haupt, und zwar das von Knackstert Witwe und Sohn im besten Gastgemache des grünen Esels umwand. Und in dem Atelier des Sumpfmalers stand auf der Staffelei, verhängt durch eine mächtige Leinwand, das neue Transparent, und der Sumpfmaler lag, wie gesagt, auf dem Rücken im Bette und hätte seinen Körper prügeln mögen wegen der Ratlosigkeit seiner Seele. Zwischen dem geheimnisvollen Bilde, dem grünen Esel und dem Hause des Geheimen Hofrates Mühlenhoff fuhr seine Phantasie hin und her, wie eine Maus in der Drahtfalle. Das Licht, der Tag schimmerte überall in das Gefängnis, aber überall war auch das Gitter. Pfeifen Sie nur, Herr Haeseler, der Rektor Fischarth in der Wassergasse weiß bereits, was Paddenau über Nacht in der Speisekammer gefangen hat! Liebster Haeseler, was hilft das Hüpfen und Tanzen? Bitte, laufen Sie ruhig an der Wand hinauf, wenn Sie glauben, Ihrem Gemüte dadurch eine Erleichterung verschaffen zu können! Ja, ja, lieber Haeseler, es ist einmal so, und es läßt sich wenig mehr daran ändern; – der Dräumling hat Sie gefangen, und Sie haben bereits selber bemerkt, daß der Dräumling nur sehr schwer das, was er einmal hält, wieder losläßt! – Der Maler fing an, sich immer unruhiger hin- und herzuwerfen. Er zog die Decke über die Nase, und er zog sie wieder herab. Plötzlich – gerade um die Zeit, als sein Freund Fischarth den Lenau vom Brett holte – sprang er mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette und schrie: »Es kann nicht sein! es ist unmöglich! Sie wird die lächerliche Firma nicht einem neuen Geschlechte in neuer Auflage überliefern! Knackstert Witwe und Sohn haben lange genug ohne sie bestanden und werden auch in der Zukunft ohne sie blühen und gedeihen. Hurra, ich bin für die nachdrücklichste Feier des heutigen Jubeltages! Ans Werk, um der nichtsnutzigen Welt zu zeigen, daß wir ihre Schönheit immer noch gegen sie selber zu verteidigen wissen! Wir und unsere Ideale, Wulfhilde! Hörst du, Wulfhilde, unsere Ideale und wir!« Damit sprang er vor den Spiegel, betrachtete sich, krauete sich ziemlich betroffen im Haar und rezitierte ein wenig kleinlaut: »Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige Stehst du an des Jahrhunderts Neige In edler, stolzer Männlichkeit! Donnerwetter,« brummte er sodann, »was geht uns heute das achtzehnte Säkulum an? Wenn wir einmal an der Neige unseres Jahrhunderts stehen werden, so wird unsere Erscheinung im Innern wie im Äußern hoffentlich auch nichts zu wünschen übrig lassen.« Das war sehr trostvoll; – der Maler Rudolf Haeseler begann seine Toilette; und dabei wollen wir ihn lassen, ohne tiefer in die Mysterien derselben einzudringen. Das fünfzehnte Kapitel. Seit dem letzten Jahrmarkt waren dem Bürger von Paddenau die Straßen seiner Stadt nicht so belebt erschienen, als an dem heutigen großen Tage. Die Schulen hatten selbstverständlich Vakanz erhalten, und eine prickelnde Unruhe trieb auch die Gleichgültigsten von ihren Beschäftigungen in den wundersamen Wirbel hinein. Jedermann, der das Fest im deutschen Norden mitfeierte, weiß, wie nahe der orthodoxere Teil der Geistlichkeit und der Bevölkerung der Erfüllung des Herzenswunsches war. Das Wetter war feucht, grau und frostig; aber zum Regnen kam es gottlob doch nicht, und wer einmal die Gewißheit, daß er in Arkadien geboren worden sei, im Busen trug, der hielt sie auch fest, der hielt sie sogar desto fester, je dunkler der germanische Himmel über ihm wurde. Das ist eben das Schöne. Der graue Himmel hat die blauen Blüten des deutschen Geistes nie gehindert, sich zu entfalten. Wir haben zu allen Zeiten unter unsern Tannen und Eichbäumen die Fähigkeit festgehalten, die Palme, die Olive, den Lorbeer und die Myrte zu würdigen. Und es zeige uns jemand einen Italiener, Franzosen oder Hispanier, der jemals ein wirkliches Verständnis für die Eiche und den Tannenbaum gezeigt hätte! Seien wir darum ganz unbefangen so stolz wie ein ganzer Sack voll Spanier! – Mit einem Gesichte wie ein Sack voll Spanier sah Herr George Knackstert aus einem der Fenster des grünen Esels, ohne jedoch einem innerlichen ästhetischen Genügen Ausdruck zu geben. Herr George Daniel Knackstert, der ein Schiff mit dem Namen Wulfhilde Mühlenhoff zwischen Havanna und Hamburg laufen hatte, sah aus einem ganz andern Grunde gravitätisch und verdrießlich drein. Gestern hatte er natürlich erst seinen Diener Quante mit einer Visitenkarte nach dem Hause des Geheimen Hofrats gesendet, ehe er selber hinging. Die Herrschaft freute sich, hatte Quante gemeldet; aber Knackstert Witwe und Sohn freuten sich gar nicht. Der große Hamburger Kaufmann hatte bei dem Geheimen Hofrat zu Mittag gespeist, aber mit dem allerschlechtesten Appetit; und was das Allerschlimmste war, Wulfhilde war so reizend, hell, vergnügt und unbefangen gewesen, daß Knackstert Witwe und Sohn nicht imstande gewesen waren, dem holden Mädchen ihre Meinung mitzuteilen. Ihrem Papa hatten sie dieselbige freilich kund gegeben; aber der Papa konnte weiter nichts tun, als auf der Stelle seinen Nervenanfällen anheimzufallen, seine grenzenlose Zerschlagenheit und Hinfälligkeit wimmernd zu beklagen und es dem Herrn Vetter freizustellen, dies Ärgernis selber zu hintertreiben. Noch einmal hatte Knackstert den Versuch gemacht, der schönen Festrednerin gegenüber den Mund zu öffnen; doch Wulfhilde war nach dem ersten Worte so ausnehmend empfindlich geworden, daß der Großhändler sofort den Mund wieder geschlossen hatte. Wulfhild hatte also nicht einmal nötig gehabt, grob zu werden. Noch stand es unerschüttert fest, der Vetter aus Hamburg konnte sogar von seinem Schlafzimmer aus am heutigen Abend das Vergnügen haben, die Cousine das Festgedicht des Rektors von Paddenau deklamieren zu hören. – O über das seine lockige Haupt auf dem weißen Kopfkissen! Noch um sieben Uhr hatte Wulfhilde Mühlenhoff im süßesten Schlummer lächelnd die Zähne gezeigt. Um acht Uhr hatte auch sie sich aus den Federn erhoben und sich allein an den Kaffeetisch gesetzt. Der Vater, der wie gewöhnlich sehr schlecht geschlafen hatte, schlief jetzt in den Morgen hinein und schien die Absicht zu haben, den widerwärtigen Tag ganz zu verschlafen. Da saß sie, im Morgenhäubchen mehr als lieblich anzuschauen, und vor ihr lag neben der Zuckerdose das Manuskript des Rektors, und sie stützte die Stirn mit der Hand und memorierte. Sie lernte immer noch auswendig, was sie bereits in- und auswendig kannte; sie zeigte ein sehr böses Herz, sie las und lernte dem Vetter ans Hamburg zum Trotz, und als sie wieder einmal zu den Schlußreimen gekommen war, da blickte sie auf und sagte: »Daß ich dem Papa alles opfere, weiß er recht gut; aber lächerlich lasse ich mich nicht machen. Seinen Willen hat doch jeder wenigstens einmal im Leben, und heute will ich den meinigen haben!« Ein dumpfer Trommelwirbel, nicht gar fern ab, begleitete plötzlich den Marsch, welchen der kleine Fuß auf dem Teppich schlug, und die Trommel erweckte leider auch den Prinzenerzieher außer Dienst. »Ach du himmlische Barmherzigkeit,« stöhnte der alte Egoist, »da geht es los! keine Möglichkeit, den Jammer zu verschlafen!« Er drehte sich mißmutig auf die andere Seite und winselte: »Und das, worauf ich meine Hoffnung setzte, steigert jetzt nur die Unbehaglichkeit meiner Zustände. Ich habe den Vetter aus Hamburg herbeigewünscht, und er ist gekommen, der unbequeme Patron. Weshalb ist er gekommen? was hatte er gerade jetzt hier in Paddenau zu suchen? Er hat mir seine Gründe angegeben, aber sie sind höchst albern. Jede Zeitung hätte ihm sagen können, daß er im Dräumling dasselbe Wesen finden werde, welches ihn aus Hamburg verscheuchte. Und dieses Mädchen! wer hätte es für möglich gehalten, daß sie allen Vernunftgründen einen so hartnäckigen Widerstand leisten würde? Ich habe ihr leider allzu nachsichtig ihren Weg gelassen von den ersten Batisthöschen an. Und jetzt ist sie eine gebildete Jungfrau geworden und sagt, daß sie ihre Bestimmungen als eine solche kenne. Nun ja; aber sie soll denn auch nach ihren Worten handeln und den Vetter nicht vor den Kopf stoßen. Sie wird glücklich mit ihm werden. Sie kann eines der glänzendsten Häuser in Hamburg machen; ich werde die angenehme Jahreszeit in ihrer Villa bei Blankenese zubringen. Diese Trommel ist fürchterlich! und dieses Mädchen handelt zu abgeschmackt, und ihre Rücksichtslosigkeit gegen mich kennt keine Grenzen! Wie angenehm hätten wir heute abend ihre Verlobung feiern können; – wie schön und passend wäre das gewesen, gerade an diesem Tage! Da hätte ich Gelegenheit gehabt, mich ebenfalls und zwar in würdiger Weise über den edeln Sänger der Frauen zu äußern, und wir hätten alle lächelnd Paddenau gewähren lassen. Statt dessen wird nun Paddenau über uns lachen; – ja, ich bin immer ein Goetheaner gewesen; aber von heute an bin ich es im doppelten Maße. O Gott, Gott, hört denn dieses Trommeln nie wieder auf?« Es schien so; und es mischte sich jetzt sogar der schrille Schrei einer Querpfeife in das dumpfe Rasseln der Kalbfelle. Bidibidibidibidibumbumbum, und die kriegerische Musika bog in die Marktgasse, und der Geheime Hofrat zog die Nachtmütze über die Ohren, seine Tochter sprang lachend zum Fenster; richtig, da waren sie: zwei Trommler und ein Pfeifer, die Trommler auf beiden Seiten, und der Pfeifer in der Mitte und zwar betrunken! Es gibt nichts Seltsamer-Anmutigeres als einen betrunkenen Querpfeifer; und der ziemlich beträchtliche Teil der Paddenauer Schuljugend, welcher die drei muntern Instrumentisten begleitete, schien das ebenfalls zu finden. Aber taktfest oder nicht, einerlei! die Reveille der Schützengilde zog durch die Gassen von Paddenau, und der große Tag war offiziell eröffnet; und – »Wissen Sie, es wäre darüber fast zum Konflikt gekommen,« sagte ein Komiteemitglied, »und das mit Recht; denn der Liederkranz behauptete, er müsse der erste auf dem Platze sein; aber er wurde endlich noch überstimmt, und das auch mit Recht; denn Regimentsfeldscherer ist der Mann, ich meine der Herr Poet doch auch gewesen, wie man sagt, und so behielten wir von dem Schützenkorps die Oberhand und ließen Bungemann, Pieperling und Rummler losmarschieren. Was ist Ihre Meinung, Herr Haeseler?« »Ich schließe mich der Ihrigen vollkommen an, Kommandant. Was hat der Liederkranz für ein größeres Recht an den Hofrat Schiller aufzuweisen, als die Schützengilde? Ihr Instinkt hat Sie ganz richtig geführt, Herr Generalmajor.« »Ich danke Ihnen für die Beruhigung, Herr Haeseler. Wenn wir nur auch den Kerl herauskriegen könnten, welcher uns den Halunken, den Pieperling, so früh am Morgen schon betrunken gemacht hat! Da hört doch die Weltgeschichte auf! Der ganze Effekt wurde beinahe durch den Lümmel gestört, und nachher hatten wir noch den Skandal vor des Herrn Oberpastors Hause, wo der Teufel es wollte, daß uns der Satan, wie die Frauensleute meinten, ohnmächtig wurde, und wo man ihn dem Herrn Oberpastor ins Zimmer brachte und ihn auf dem Kanapee niederlegte, bis ihn der Stadtphysikus untersucht hatte und wieder 'rausschmeißen ließ.« »Das ist ja fürchterlich, Herr Generalmajor.« »Schauderhaft ist es! na, ich sollte da einem Kriegsgerichte präsidieren; die neun Kugeln wären dem Kerl sicherlich gewiß. Stellen Sie sich nur die Frau Oberpastorin recht deutlich vor. Das fehlte uns gerade noch! die Herren vom schwarzen Rock sahen schon scheel genug auf diese heidnische Festivität; aber solch ein öffentliches Ärgernis gleich zum Anfang könnte selbst einen Türken dazu bringen, dergleichen hundertjährige Ovationen für immer zu verschwören. Ich sage Ihnen, nächsten Sonntag besuche ich gewiß den Gottesdienst.« »Ich auch!« sprach der Maler, welchem der unglückselige Pieperling, ehe er seinen militärisch-musikalischen Obliegenheiten nachgegangen war, pflichtgemäß, wie an jedem andern gewöhnlichen Morgen, die Stiefel geputzt und den Rock ausgebürstet hatte. Wenn ein Mensch Auskunft darüber geben konnte, wer der Kerl war, der den Paddenauer Flautisten schon so früh in die eben besprochene, nur allzu begeisterte Stimmung versetzt hatte, so war das unser lieber Freund Haeseler. Er behielt sein Wissen natürlich für sich; aber er hatte die Unverschämtheit, dem Herrn Generalmajor mit innigster Freundlichkeit die Hand zu drücken und zu bemerken: »Herr Oberkommandant, ich danke herzlich für die gütige Erinnerung, auch ich werde mich jedenfalls am nächsten Sonntage unter der Kanzel des Herrn Oberpastors einfinden.« Der Generalissimus der Paddenauer Schützengilde legte militärisch grüßend die Hand an den Tschako und ging ab, den großen Säbel klirrend an die Hüfte ziehend. Das Gespräch hatte ungefähr um die elfte Stunde des Morgens stattgefunden, und der Maler ging gleichfalls eiligst nach Hause, um die letzte Hand an sein Transparent zu legen. Er hob gerade die verhüllende Leinwand von dem Bilde, als Herr George Knackstert, von der berühmten Firma Knackstert Witwe und Sohn, den grünen Esel verließ, um dem Geheimen Hofrat Mühlenhoff und der herrlichen Wulfhilde einen zweiten Besuch abzustatten. Die Paddenauer, welche ihm – dem Vetter aus Hamburg – begegneten, wichen ihm betroffen aus. Wenn er für Alekto, Megära und Tisiphone Geschäfte gemacht hätte, wäre keinem der Ausdruck seines Gesichtes aufgefallen. Das sechzehnte Kapitel. Es war ein Jammer, daß die ehrwürdige Geistlichkeit so energisch dem Feste ihre Kirchenglocken verweigert hatte; wir brauchten dieselben doch zu notwendig an dieser Stelle. Die Blechinstrumente des Dräumlings reichen längst nicht aus, den weihevollen Stunden, die nun vorhanden sind, tönend gerecht zu werden. Der Festzug hatte sich wie in zwanzigtausend andern Städten diesseits und jenseits aller Weltmeere, so auch in Paddenau in Bewegung gesetzt, und wenn wir es über uns gewinnen könnten, den Anfang des Zuges zu versäumen und uns für einige Augenblicke in den Olymp zu erheben, so würden wir vielleicht folgenden Gespräches teilhaftig werden: »Wie schade, lieber Schiller, daß gerade heute das Wetter da unten so trübe ist. Ich sehe kaum etwas durch das Wolkenmedium; allein selbst dieses wenige genügt, um Ihnen darüber meine besten Komplimente zu machen, werter Freund.« »Ich danke Ihnen; aber Sie wissen, ich habe kein Glück in allem, was jenen wunderlichen Planeten anbetrifft; er hat zu allen Zeiten sein möglichstes getan, sich mir von der unangenehmen Seite zu zeigen. Es ist freilich verdrießlich, daß uns unsere Pflicht hier über der alten Welt am Fenster festhält; ich bin fest überzeugt, alle andern Seiten unserer früheren Heimat liegen im hellsten Sonnenschein. Nun, wir haben ja Freund Knebel dort hinübergeschickt.« »Das ist wahrlich ein Trost,« sprach der olympische Geheimerat heiter angeregt; »aber wenn Sie glauben, daß der alte Murrkopf uns eine sonnige Relation heimbringen werde, so täuschen Sie sich sehr. Sie gingen früher von uns fort und kennen also den Alten in seinen spätern Stimmungen nicht; und den Jenenser Briefwechsel habe ich drunten in Weimar lassen müssen. Ich versichere Sie, das schlechte Wetter spielte jederzeit eine ziemliche Rolle in unserm schriftlichen Verkehr.« »Nun, Körner und sein Sohn haben glücklicherweise den Major begleitet, und auf Theodors helles Auge und muntern Sinn können wir uns unbedingt verlassen.« »Wohl! wohl! der Knabe ist mir sehr wert und lieb; nur hat ihn, wie gewöhnlich, der Krieg der letzten Monate ein wenig zu sehr erregt und ihn unsern Bestrebungen etwas entfremdet.« »Das ist richtig; doch wir wollen der Jugend diese liebenswürdige Fähigkeit, sich für ein verhältnismäßig Unerhebliches unendlich begeistern zu können, nicht mißdeuten und mißgönnen.« »In diesem Augenblicke sehe ich von ganz Deutschland nicht das geringste,« sagte Wolfgang Goethe. »Doch – halt! dort einen kleinen lichtern Fleck im Grau! wer kann uns nun sagen, welch einem Wesen jener Kirchturm dort zum Augenpunkt dient, wie jener Ort sich nennt?« Glücklicherweise flog gerade jetzt ein allerliebster flinker Botenengel vorbei. Der Geheimerat winkte ihm: »Heda, lieb Kind, klein Mäuschen; wie heißt das Städtchen dort auf jenem Gestirn?« »Auf der Erde?« »Auf der Erde! Wir stammen dort her, und die Kugel interessiert uns deshalb noch ein wenig.« »Ach, ich bitte um Verzeihung. Der Ort? das Städtchen?« Das geflügelte Liebchen sah genauer hin und lächelte: »Das ist Paddenau im Dräumling!« warf den beiden hohen Freunden einen Handkuß zu und entflog. »Wahrhaftig, ein neues Gewölk!« rief der herrliche Schwabe mit einigem Mißmut. »Was hat man nun von seinem hundertjährigen Geburtstage?« »Trösten Sie sich, mein Bester; ich habe vor zehn Jahren auch nur sehr wenig von dem meinigen genossen,« sagte Goethe, anmutig vertraulich dem Freunde die Hand auf die Schulter legend. Wir entsinken dem Olymp, und uns – ja uns hindert nichts, uns in den Paddenauer Jubelzug einzufügen, oder ihn an uns vorüberziehen zu lassen: das erhabene Geburtstagskind bekam an seinem Feiertage Achtzehnhundertneunundfünfzig von dem irdischen Festplatze nichts zu sehen, als den Turm der Ursuskirche und auch den nur auf einen Augenblick; Eckermann und Riemer, welche schweigend, lauschend und notierend sich hinter den beiden herrlichen Seligen hielten, werden es uns dereinst bezeugen. – Die Geschichte war im Gange. Sämtliche Gassen der Stadt Paddenau, bis auf eine, waren menschenleer. Nur die Straße, durch welche sich eben der Zug schlängelte, war voll von Menschen; aber da der Zug sich durch alle Gassen der Stadt zog, so bekamen denn nach und nach alle Gassen ihr Teil, und alle die alten Damen an den Fenstern, sowie die übrigen Leute, die sich nicht in das Getümmel hinunterwagten, bekamen das ihrige. O Gott, wenn nur nicht jedermann dabei gewesen wäre! bei dieser Gelegenheit oder bei einer andern, – in Hamburg, Berlin und Wien, oder in Paddenau, Itzehoe und Gumbinnen! »Wenn ich nicht wüßte, daß Hamburg sich in diesem Moment ebenso sehr, oder womöglich noch ärger blamierte, und wenn die verruchte Abenddeklamation nicht wäre, so würde ich den Versuch machen, mich zu amüsieren,« sagte Herr Knackstert in sich selber. Und er sagte das neben der schönen Wulfhilde Mühlenhoff am Fenster lehnend, während drunten in der Gasse die Stadtmusik ihr möglichstes tat, ihn begeistert zu stimmen, und während alle Banner der Stadt, des Liederkranzes, der Schützengilde und der Gewerke in bunter Folge vorüberflatterten. »Ich würde es wahrhaftig versuchen!« brummte er und fuhr in demselben Augenblick wütend zurück, ohne den Versuch zu machen: der Schulrektor Herr Gustav Fischarth, der an der Spitze seines Komitees marschierte, nickte lächelnd herauf und schwang vergnügt den Hut der schönen Freundin zu. »Das ist ein gräßlicher, ein merkwürdig unverschämter Mensch!« sagte der Vetter laut und mit allem Nachdruck. »Nein, es ist mein sehr guter und treuer Freund Fischarth, Herr Vetter,« sagte Wulfhilde, ohne irgendwelche Aufregung, aber mit desto größerer Bestimmtheit. »Ich habe den Mann vorgestern im grünen Esel kennen gelernt; er hat die Reime geschmiedet, welche Sie heute abend öffentlich in dem nämlichen Lokale vortragen wollen –« »Er ist ein sehr talentvoller Mann, und seine Frau ist meine liebe Freundin. Sie müssen die Leutchen nur ein wenig genauer kennen lernen, Vetter.« »Liebe Cousine –« »Was denn, Herr Vetter?« »Ist es durchaus nicht möglich, daß man Sie aus der – der peinlichen – Lage – Situation – in welche Sie Ihre – Ihre reizende – reizende Gutmütigkeit gebracht hat, befreie? Es schickt sich doch eigentlich gar nicht! es ist so – auffällig; ja offen gesagt, ich finde es im höchsten Grade unpassend, daß Sie heute abend im grünen Esel auf ein Brettergerüst steigen, um –« Lächelnd unterbrach Wulfhilde den erregten Redner: »Vetter, ich bitte Sie um alles in der Welt, setzen Sie Ihren kaufmännischen Ruf nicht auf das Spiel, wagen Sie nicht zu viel auf das, was Sie meine reizende Gutmütigkeit nennen. Sie können da eher Bankerott machen, als Sie für möglich zu halten scheinen.« »Wulfhilde, was soll ich tun und sagen, um dich zur Vernunft zu bringen?« wimmerte der Prinzenerzieher aus seiner Sofaecke her. »Du hast dich doch sonst meinen Wünschen gewöhnlich ohne Widerrede gefügt; – Mädchen, woher jetzt diese hartnäckige Verkennung alles Schicklichen und Passenden? O Herr Haeseler, ich bitte Sie, kommen Sie uns zu Hülfe! Helfen Sie uns, meine Tochter zu überzeugen, daß es unter Umständen zu einer Pflicht werden kann, ein gegebenes Wort zurückzunehmen!« Der Maler Rudolf Haeseler saß richtig neben dem Hofrat im Sofa. Fünf Minuten nach dem Eintritt von Knackstert Witwe und Sohn war auch er eingetreten. Er mußte unbedingt um die Visitenstunde als Späher an seinem Fenster am Marktplatz gelegen haben, und der Vetter aus Hamburg war denn auch seinem Opernglase nicht entgangen; der Vetter aus Hamburg hatte bei seinem Erscheinen zu sich selber gesagt: »Diesen Menschen könnte ich ermorden!« und dieser Mensch, welchen der Vetter ohne Gewissensbisse hätte ermorden können, lächelte nun den Vetter mit dem innigsten Wohlwollen an und sagte: »Der Herr Geheimerat wie Herr Knackstert sprechen soeben meine innersten Gefühle aus, mein Fräulein. Ist überhaupt dieser Taumel einer verständigen, auf den politischen Anstand haltenden Nation würdig? Haben wir jemals einen unserer wirklich großen Männer, einen unserer Fürsten, einen unserer königlichen Kaufleute mit einem solchen allgemeinen, rund um den Erdball sich schlingenden Enthusiasmus gefeiert? Ich besinne mich vergeblich. Ah, mein liebes Fräulein, es ist stets sehr angenehm, von einer grassierenden Epidemie nicht befallen zu werden; aber schön ist es, aristokratisch edel wird es immer erachtet werden, wenn man seinen eigenen zartesten, lebhaftesten Empfindungen auszuweichen versteht, sobald dieselben, wie bei dieser Gelegenheit, in der Masse epidemisch werden und uns also in der Masse untergehen lassen. Fräulein Mühlenhoff, ich würde in Ihrer Stelle heute abend im grünen Esel die Verse meines Freundes Fischarth nicht deklamieren. Ich würde ihn selber sie hersagen lassen und mir und meinen Angehörigen und Bekannten auf diese Weise die Berechtigung unversehrt erhalten, mich lustig über sie zu machen.« »Sie treffen nicht ganz meine Meinung, aber doch sehr annähernd,« sprach der Geheime Hofrat und frühere Prinzenerzieher. »Aber Sie haben doch das Transparent für das heutige Fest gemalt!« rief Wulfhilde, echt weiblich schwankend zwischen dem Ärger und dem innerlichsten Kitzel über das vieldeutige, schalkhaft-ernsthafte Wort des Sumpfmalers. »Das Bild ist bis jetzt noch nicht vollendet,« erwiderte Haeseler. »Das ist einerlei; aber ich muß doch bemerken, daß Sie sich vorgestern abend in einer ganz andern Weise gegen mich äußerten, mein Herr!« sagte der Hamburger Vetter mißtrauisch. »Der Herr Geheime Hofrat sowie das Fräulein werden mir hoffentlich bezeugen, daß ich mich am Morgen häufig anders zu äußern pflege als am Abend, mein Herr. Mein Herr, Ihre Bemerkung beweist nichts gegen die Richtigkeit meiner Auffassung der vorliegenden Frage. Nur ein übergroßes Zartgefühl, wie zum Exempel das des gnädigen Fräuleins, kann dem großen Dichter und meinem guten Freunde Fischarth am heutigen Abend Wort halten wollen.« »Aber das sagte ich ja grade!« stammelte der Hamburger ganz verstört. »Ich erlaubte mir nur eine Bemerkung –« »Die eben nichts beweist, mein werter Herr, als eine Eigentümlichkeit, die nicht einmal meiner Natur, meinem Charakter angeboren ist, sondern sich erst durch einen längern Verkehr mit meinen lieben Landes- und Stammesgenossen herausgebildet hat. Mein Gott, Fräulein Wulfhilde, Sie lachen doch nicht über diese meine treuherzige Erklärung?« »Nein, nein, nein! seien Sie unbesorgt; – o, Sie haben mich vollständig überzeugt, daß ich nichts Besseres tun kann, als mich Ihrer Auffassung ganz und gar anzuschließen und Ihrem Rate zu folgen: ich werde also heute abend bedingungslos unserm hochherrlichen hundertjährigen Geburtstagskinde Wort halten!« »Aber Cousine,« stotterte der Vetter, immer ratloser und verwirrter um sich blickend, »Cousine, das hat Ihnen ja niemand geraten! Macht uns denn dieser Lärm in der Gasse, diese schauderhafte Blechmusik allesamt verhext?« »Vetter, das ist es!« rief Wulfhilde hell auflachend. »Verhext hat uns alle dieses wundervolle Fest! Papa, steh auf und sei munter; das Leben kann doch ganz lustig sein. Heißa, da kommt der Schwanz des Paddenauer Zuges zum zweitenmal um die Ecke –« »Und dem werde ich mich jetzt pflichtgemäß anschließen! – ganz meinen Neigungen entgegen, Herr Knackstert!« rief der Maler, eiligst nach seinem Hute greifend. Mit einem fröhlichen Gruß im Kreise enteilte er, und der Großhändler sagte leise: »Diesen Menschen gehängt zu sehen, würde mir nicht genügen; ich müßte ihn selber hängen, um mir und ihm genug zu tun!« Laut sprach er: »Das ist in der Tat ein ganz eigentümlicher Patron. Ist er immer so, oder reizt ihn nur meine Gegenwart zu dieser sonderbaren Aufführung? Lieber Hofrat, wie ich im Hotel vernommen habe, gehört er schon seit längerer Zeit zu Ihren Hausgästen; – finden Sie wirklich Geschmack an seiner Gesellschaft?« »Der Papa schätzt ihn sehr,« fiel Wulfhilde ein. »Er hat viel gesehen und weiß vortrefflich zu erzählen. Er ist ein ungemein drolliger Mensch.« »Ich für meine Person liebe die drolligen Menschen nicht; sie wissen selten das richtige Maß zu finden, und noch seltener es zu halten und anzulegen,« meinte Herr George Knackstert. »Entschuldigen Sie, Herr Vetter, der Herr Haeseler ist ein Landschaftsmaler.« »Das ist mir zu allem übrigen bekannt geworden, Cousine.« »So? Dann bitte ich nochmals um Verzeihung; ich meinte, Sie hätten ihn für einen Schneider gehalten.« George Knackstert sah mit unverhohlenem Erstaunen auf den Geheimen Hofrat. Er fand das Concetto sehr geschmacklos; und überraschend geistreich finden wir es gerade auch nicht, aber es machte sich doch wunderhübsch in dem Munde eines so hübschen und vom unterdrückten Ärger so rosig angehauchten Mädchens. Das siebenzehnte Kapitel. »Was tue ich nun?« fragte sich der Maler, vor der Tür des Geheimen Hofrats sich den Filzhut durch einen Faustschlag fester auf den Kopf drückend. »Türme ich den Pelikan auf den Ossian, wie meine selige Tante gesagt haben würde? Nein, meine selige Tante war eine gebildete Dame; ich aber bin ein Barbar, ein bildungsloses und keiner Bildung fähiges Scheusal; und augenblicklich bin ich nur wütend wie ein südwestdeutscher Republikaner, dem man, seinem angestammten Fürstenhause gegenüber, ein anderes lobt. O, wie würde Knackstert lächeln, wie würde er den Halskragen emporzupfen, wenn er eine Ahnung davon hätte, welche entsetzliche Furcht er mir einjagt! Wer hat Angst vor dem donnernden Schicksal, vor dem dreimal feurigen Geiste, vor der eisernen, klugen Willenskraft, die uns einem wohlberechnenden und wohlberechtigten Egoismus opfert? Ich nicht! Aber Angst, Furcht habe ich vor Knackstert Witwe und Sohn; eine Gänsehaut überläuft mich, sobald er mir nahe kommt, und ich fange an zu singen, wie ein Kind, das in der dunkeln Kammer ein weißes Handtuch für ein Gespenst hält. Bei Aphrodite, ich bin verliebt, verliebt wie ein siebenzehnjähriger Bube, und ich habe Angst, daß Knackstert Witwe und Sohn sich mit meiner Liebe verehelichen und mich zu Gevatter bitten werden. Und die Welt feiert dieses Fest, und hier marschiere ich mit im Zuge, das Herz voll von den Idealen aller Jahrtausende und meinem eigenen persönlichen Ideal als Zugabe. Es ist zum Tollwerden, und daß ich es bereits geworden bin, erleichtert mich gar nicht.« Der Maler Rudolf Haeseler marschierte freilich mit im Zuge, im Schwanzende des Zuges, und war seiner Seelenqual zum Trotz immer noch imstande, seinen Nachbaren durch die unpassendsten Bemerkungen die feierliche Stimmung zu verderben. Ehe er mit Gewalt und unwilligem Worte aus Reihe und Glied hinausgeworfen wurde, trat er lieber freiwillig aus und eilte schnellen Schrittes durch das begleitende Volk der Spitze der Prozession zu, um auch dem, was er seine Pflicht gegen den Freund nannte, zu genügen. An der Spitze der Prozession marschierte natürlich der Rektor Gustav Fischarth glänzenden Auges, erhobener Nase und zurückgeschobenen Hutes. Wie aus dem Empyreum wurde der Arme herabgerissen, als ihn der Maler am Ellbogen erfaßte. »Ah – wa – was? Ah, Rudolf, du! He, was sagst du nun? Was?! die Begeisterung steigt! Ist der Paddenauer einmal im Wasser, so schwimmt er besser, als jeder Delphin –« »Und läßt sich von jedem philologischen Arion satteln und besteigen. Nun, ich gratuliere dir zu der frohen Hoffnung, daß er dich jetzt sicher auf der Markttribüne und heute abend auf dem Gerüst im grünen Esel landen und abladen wird.« »Was das jetzt wieder für ein schändliches Bild ist!« »O ja, ich danke, es paßt. Lieber Freund, würdest du wohl die Gefälligkeit haben, für einen Augenblick aus dem ewigen Blau herniederzusteigen? ich bitte – nur einige Stufen der Leiter.« »Etwa zu einer unverständlich-verständlichen literarisch-erotischen Abhandlung wie vorgestern?« fragte der Rektor, unwillkürlich seinen Arm aus dem des Malers lösend. »Zu einer kleinen anekdotenhaften Mitteilung und einer darangeknüpften Frage.« »Bester, wir feiern den hundertjährigen Geburtstag Schillers.« »Das schadet nichts; ich werde mich bemühen, kurz zu sein. Auf dem Marktplatze lasse ich dich frei.« »Das muß ich mir wenigstens ausbitten,« rief der Festredner mit einem tiefen Seufzer, und der Maler schmiegte sich sofort mit verdächtiger Zärtlichkeit an die breitschulterige Gestalt des Freundes und hub an: »In Berlin hatte ich einen guten Bekannten, einen mir sehr lieben, aber gegen alles übrige etwas heimtückischen Menschen. Er hatte Grund dazu, giftig gegen das Universum zu sein. Im Pech geboren, war er im Pech auferzogen worden, und es hatte allen Anschein, als ob er sein ganzes Leben lang im Peche kleben bleiben werde.« »Rudolf, Rudolf, wir sind bereits zum drittenmal in der Buttergasse, und ich habe mich noch zu sammeln!« »Sammle dich, nur horche noch einen Moment geduldig. Weiß der Teufel, ich will nun einmal eine Seele haben, der ich meinen Busen ausschütte! Also dieser gute Bekannte fühlte natürlich von Zeit zu Zeit das innigste, unabweislichste Bedürfnis, sich an der Menschheit zu rächen. Du, lieber Gustav, wirst ihn vielleicht begreifen, wenn du ihn auch nicht nachahmungswürdig finden wirst.« »Eine Rede soll ich auf dem Marktplatz von Paddenau halten! Begreife du das und habe Barmherzigkeit.« »Wie er sich in seiner Jugend zu rächen pflegte, weiß ich nicht. Die Jugend ist, wie du weißt, auch in diesem Punkte den Zufälligkeiten der momentanen Stimmung anheimgegeben. Erst das männliche Alter bringt System in alles.« »In diese Art, die Menschen zu quälen, scheinst du freilich erst mit den reiferen Jahren System gebracht zu haben. In Bonn kannten wir das noch nicht so an dir. Da sollte man wirklich wünschen, daß du kein allzu hohes Alter erreichest.« »Sieh, sieh, der Wunsch des einen ist sehr häufig die Hoffnung des andern. Mein Bekannter, um auf denselben zurückzukommen, befand sich eben in den besten Jahren seiner systematisierten Rachgierigkeit und wendete, als ich ihn kennen lernte, jeden Tag zwanzig Silbergroschen dran, seinen Gefühlen gegen den lieben Nächsten Ausdruck zu geben.« »Zwanzig Silbergroschen?!« »Jawohl! den dritten Teil seiner Einnahme, – und er legte ihn gut an.« »In Arsenik?« fragte der Rektor im Dräumling ungemein gespannt; obgleich der Festzug sich dem Markte zum dritten und letzten Mal immer mehr näherte. »In Arsenik? Nein! In Spirituosen! ... Er unterhielt durch das Geld in wahrhaft künstlerischer Weise die Trunksucht eines halben Dutzends Eckensteher und Droschkenkutscher, die wiederum zu seinen genauesten Bekannten gehörten, wie er zu den meinigen. Er machte jeden Tag wenigstens Einen aus der holden Sippe betrunken, und zwar in den allerbedenklichsten Getränken, und für die Fülle geschwollener Nasen, Ohnmachten hysterischer alter Damen, blauer Beulen, grüner, gelber Mäler, polizeilicher Aufregungen und allgemeinen öffentlichen Ärgernisses war kaum in einem Heldengedicht von zwanzig Gesängen Raum. Er selber aber, der Anstifter alles dieses Unheils, fühlte sich verhältnismäßig frei, leicht und glücklich in dem Bewußtsein, für die Menschheit getan zu haben, was ihm möglich war.« »Das ist ja ein ganz niederträchtiger, ein heilloser, nichtswürdiger Halunke!« rief der Rektor, fortgerissen von der Erzählungskunst seines immer fester sich anklammernden Begleiters. »War, war, liebster Freund. Leider war er es. Seine Mittel reichten zuletzt nicht aus, das allgemach steigende Quantum begeisternder Flüssigkeiten, welches seine Chargés d'affaires bedurften, um in die wünschenswerte Stimmung zu geraten, zu leisten. Ihr Vermögen, die ätzendsten Chemikalien zu vertragen, stieg, und da er nicht von seiner Art, das Leben aufzufassen, ablassen konnte, so verhungerte er an ihrem Durste. Ich nenne das einen schönen Tod; kein Held ist, meiner Meinung nach, eines großartigeren gestorben. Seine sechs Freunde trugen ihn schwankend zu Grabe, und die Nachbarschaft sagte: Nein, was der Mann für eine Liebe unter den Leuten gehabt hat! und bei seinen Lebzeiten hat man noch dazu gar nichts davon gemerkt!« Hurra! Hurra! Rumbidibum, rumbidibum, trararara, hurra! der Zug der Paddenauer Schillerfeier bog zum drittenmal in die Marktstraße ein, und die Spitze des Zuges bekam eben von neuem das Postament mit der Büste des Dichters zu Gesicht. Fieberhaft zuckend riß der Rektor seinen Arm los und schrie, in dem betäubenden Lärm sich kaum verständlich machend: »Haeseler, ich kündige dir meine Freundschaft auf, wenn du mir nicht augenblicklich sagst, was du eigentlich von mir willst.« »Mit tausend Armen umschlinge ich dich und lasse nimmer von dir; aber da du es zu wünschen scheinst, breche ich meine Geschichte ab und stelle einfach meine Frage. Lieber Junge, ich hasse seit einiger Zeit das Universum bis auf ein Bruchteil, und ich fühle, wie täglich ein größerer Teil des Geistes und Charakters des dir eben geschilderten Seligen sich auf mich herniederläßt –« »Das weiß der liebe Gott!« »Nun sage mir, Gustav Fischarth, was würdest du in meiner Stelle tun? Würdest du dich energisch gegen Ahriman, gegen Old iniquity wehren; oder würdest du gelassen auf den schwarzen Wellen dem Feuerschlunde dich zuschaukeln lassen?« »Ich würde sie einfach fragen, ob sie mich haben wolle. Und wenn sie Nein sagt und den Vetter Knackstert aus Hamburg vorzieht, so – du hast dich ja bereits in den Sumpf gesetzt – so setze dich etwas tiefer hinein!« »Das hast du selber herausgefunden?« schrie der Maler gellend. »Nein, Agnes hat dir geholfen; du hast ihr von unserm Jean Bonhomme-Abend erzählt, und sie hat dir die Hand auf das Herz gelegt und hohnlächelnd gelispelt: ›Siehst du, Gustav, den hätten wir auch!‹« »Agnes hat mir durchaus nicht geholfen. Ich habe mir den Sachverhalt ganz allein klar gemacht; und jetzt beschwöre ich dich bei allem, was dir noch heilig ist, so zum Beispiel bei ihr, laß mich nun in Ruh; denn was aus meiner Rede werden wird, das – mag Paddenau eben nehmen, wie es will!« »Ei, ei, wirklich, da stehen wir ja am Fuße der Leiter! Nun denn, der Himmel mache uns die Marter leicht! Steige hinauf und rede zum Dräumling; sage ihm, was du zu sagen hast. Denke daran, daß in diesem Moment, rund um die Welt, mindestens fünfundzwanzigtausend deinesgleichen gleichfalls einen erhöhten Standpunkt eingenommen haben und sämtlich über das nämliche Thema reden. Gustav, ich werde dich verachten, wenn du nicht originell bist! Deiner Familie habe ich meine Fenster da oben abgetreten; deine beiden Krabben sehen von den Armen deiner Frau und deiner Amme auf dich; also nimm dich zusammen. Marsch, vorwärts, steige hinauf; ich bleibe unten an der Treppe. Entfalte deine Schwingen; – o, du bist ein glücklicher Mensch! beeile dich übrigens ein wenig; Paddenau wartet; und sämtliche Paddenauerinnen werden es dich entgelten lassen, wenn ihnen die Suppe anbrennt.« – Wenn wir uns nun mit dem Rektor Fischarth aus dem Dräumling in den Olymp erhöben, so würden wir vielleicht den heute gefeierten Unsterblichen zu dem erhabenen Freunde sagen hören: »Sollen wir nicht lieber das Fenster schließen? es zieht in der Tat ein wenig, und eine heitere Aussicht auf Deutschland bekommen wir heute nicht mehr.« Wir würden dann sicherlich im Sinne der beiden großen Dichter handeln, wenn wir dem noch höher in die Höhe schwirrenden Paddenauer Festredner auf seiner lotrechten Bahn nicht folgten. Wir würden dann freilich nicht das geringste von der Rede, die er auf dem Marktplatze zu Paddenau hielt, vernehmen; aber wir würden die beiden Olympier machtvoll und lichtstrahlend von dannen wandeln sehen; und damit uns nichts entginge, könnten wir uns nachher wieder in die Wohnung des Geheimen Hofrats und früheren Prinzenerziehers Doktor Mühlenhoff begeben, wo auch dieser seinerzeit bemerkt: »Beste Kinder, ich glaube, ihr könnt jetzt wohl das Fenster schließen, man versteht den Menschen auf seiner Tribüne doch nicht, und außerdem kommt es mir vor, als ziehe es sehr bedenklich.« Knackstert hatte gar nichts dagegen einzuwenden; er versuchte noch einmal vergeblich, die Cousine in ein vernünftiges Gespräch hineinzuziehen und nahm Abschied, als es ihm nicht gelang, unter dem Vorgeben, daß der Wirt zum grünen Esel, Herr Ahrens, ihn um eine kleine Privatunterhaltung vor Tisch gebeten habe. Dem war nicht so; – er, George Knackstert, hatte den Wirt zu einem Gespräch unter vier Augen aufgefordert; jedoch wünschte er dieses Gespräch erst nach dem Besuche bei dem Geheimen Hofrat Mühlenhoff abzuhalten, und – Das achtzehnte Kapitel. ... »somit schließe ich meine Rede, indem ich Sie alle auffordere, einzustimmen in den Ruf: Er lebe hoch als Freund und als Vorbild, der Paraklet unseres, des Beraters, Helfers, Vermittlers oft so sehr bedürftigen Volkes! Friedrich von Schiller lebe hoch! er lebe dreimal hoch!« Einer so dringenden Aufforderung hat noch niemals ein Marktplatz voll Menschen widerstanden. Wenn einer schreit, pflegen sehr viele mitzuschreien, und: »Hoch, hoch, ho – o – o – och!« rief Paddenau, während die Musik mit einem himmelanschmetternden Tusch den Jubelruf begleitete. Bungemann und Rummler bearbeiteten vor der Front der Schützengilde ihre Trommeln, und Pieperling richtete sich im Stadtprison blödsinnig stierend vom Stroh auf und befingerte eine imaginäre Querpfeife. Die Schützengilde präsentierte das Gewehr, und ihr Oberkommandant sprach zu seinem Stabe: »Jeses, wie schwitzt der Rektor! Aber da er fertig ist, meine ich, wir lösen uns auf und gehen fürs erste nach Hause. Gesegnete Mahlzeit, meine Herren.« »Gesegnete Mahlzeit!« erklang es rund umher; es kam ein Wogen und Wallen in das Volk, und nach allen vier Weltgegenden hin eilte groß und klein mit großer Hast seinen Töpfen und Näpfen zu. Unter der Büste des Dichters trocknete sich der Festredner den Schweiß ab und sah seiner abflutenden Zuhörerschaft nach und dann nach den Fenstern des Malers. Aber seine Parakletin war bereits von dort verschwunden, auch Haeseler hatte sich ohne Glückwunsch entfernt, und nun lief auch der Rektor, und fast schneller als irgendein anderer, nach Hause, das Herz voll von dem, was er gesagt hatte, und von dem, was er nicht hatte sagen können. Er fand natürlich seine Frau vor der Suppenschüssel, und wenn auch die Suppe versalzen war, so erhielt er doch einen Kuß, und der war süß, doch sonderbar war die Frage: »Also dazu hast du noch Zeit? Nun, Gustav, wie sind denn deine Gefühle?« »Ich habe einen großartigen Hunger, liebes Kind.« »Nun sage mal, mein Herz, das war wohl der größte Moment deines Lebens? Nicht wahr, die Redensart heißt so?« »Die Redensart heißt freilich so; aber ich habe schon größere Momente durchlebt.« »So erhaben auf dem Schafott über aller Leute Köpfen zu stehen! die Angst, die ich auf Haeselers Zimmer ausgestanden habe! Und dann die Gesichter an den Fenstern rund um den Marktplatz herum! O Gustav, ich sage dir, ein Vergnügen war es heute nicht, deine Frau zu sein!« »Wieso?« »Wieso? Wenn sie dich drunten auf dem Gerüst geköpft hätten, so wäre die Geschichte doch wenigstens tragisch gewesen, und deine unschuldigen Kinder hätten im Notfall beim Ministerium um einen neuen Familiennamen einkommen können; aber so –« »Liebes Kind!« »Ei was, liebes Kind! Im Grunde deiner Seele ärgerst du dich nur über mein tiefes Mitgefühl mit deiner zerschlagenen Stimmung. O, man kennt euch! Statt daß ihr euch freuen solltet, daß eine mitfühlende Seele an der Blamage teilnimmt, spielt ihr den über alle Erwartung mit dem Verlauf der Sache Befriedigten. Gestehe es nur, daß du der einzige bist, der dich verstanden hat! Selbst deinen Freund Haeseler nehme ich da nicht aus. O, ich hätte an deiner Stelle auf dem Tabernakulum stehen sollen; ich würde den Leuten in ganz anderer Weise deine Meinung und die deines Poeten gesagt haben.« »Daran zweifle ich am allerwenigsten. Nun, das nächste Mal –« »Was ich das nächste Mal tue, weiß ich noch nicht; aber einmal bringst du mich sicherlich noch zum äußersten, und dann springe ich zu und steige auf die Tribüne, ehe du dir wieder die Finger verbrannt und die Nase blutig gestoßen hast.« Die Suppe war freilich versalzen; aber der Rektor von Paddenau grinste doch auf das vergnügteste. »O, dieses Lachen kenne ich,« rief die Frau Agnes. »Ich habe natürlich wieder eine Dummheit gesagt, aber das ist mir ganz gleichgültig; der Dräumling versteht mich doch, und ich verstehe den Dräumling; und ich werde ihm eine Schillerrede halten, die für ihn passen soll; unser Herrgott mag mich nur diesen nächsten hundertjährigen Geburtstag erleben lassen.« »O ja, die guten Paddenauer werden dann etwas recht Beruhigendes erfahren. Deinetwegen, Agnes, hätte niemand sich die Mühe zu geben brauchen, die Molukken und das Pfefferland zu entdecken. Auch Wieliczka, wie alle die übrigen Salzbergwerke in der Welt könntest du, ohne in Verlegenheit zu geraten, entbehren. Du verstehst es, deine Gerichte durch deine eigensten Gewürze und Zutaten pikant zu machen.« »Gustav, wenn du heute morgen auf deinem Brettergerüst nicht so unbeschreiblich drollig ausgesehen hättest, so würde ich dir diese anzügliche Bemerkung nicht ohne eine Erwiderung hingehen lassen. Verstanden habe ich sie und gehe zu meinen Kindern. Gesegnete Mahlzeit!« Sie hatte dem Gatten einen Knix gemacht und war enteilt, ehe er sich von seiner Erstarrung erholt hatte. Sobald er sich aber erholt hatte, zitierte er, und er zitierte diesmal nicht sich selber, sondern Grillparzer. Ein gewaltiges Stück Rindfleisch mit der Gabel spießend, deklamierte er: »Wen Götter sich zum Eigentum erlesen, Geselle sich zu Erdenbürgern nicht. Der Menschen und der Überirdschen Los, Es mischt sich nimmer in demselben Becher. Von beiden Welten eine mußt du wählen, Hast du gewählt, dann ist kein Rücktritt mehr; Ein Biß nur in des Ruhmes goldne Frucht, Proserpinens Granatenapfel gleich, Reiht dich auf ewig zu den stillen Schatten, Und den Lebendigen gehörst du nimmer an.« Damit verschlang er sein Stück Rindfleisch und tat wohl daran; es lauerte noch mancherlei an diesem Tage im Hintergrunde, und es war nützlich, sich im voraus für jeglichen Ringkampf mit der neidischen Welt zu stärken. Schon jetzt durchzuckte den Festredner ein greller Blitz des Erinnerns. »Herrgott, das Transparent!« schrie er aufspringend und sich mit beiden Händen an beiden Ohren packend. »Ein Viertel auf drei Uhr! um Vier wollte er es fertig haben, und ich bin überzeugt, statt es zu schaffen, hat er andern Leuten wie mir Geschichten erzählt! Ach du barmherziger Himmel, das habe ich ja ganz vergessen! Auf dem Zettel steht es, und wenn Paddenau es am Abend nicht im grünen Esel findet, so ist mir das zwar gleichgültig, aber es wäre mir doch im höchsten Grade unangenehm! das ist eine schöne Geschichte!« Er erstickte fast an dem letzten Bissen seines von der Gattin so trefflich gewürzten Mittagsmahles, drückte sich von neuem den Hut auf die Stirn und stürmte abermals aus dem Hause, gern auf den Kaffee und eine zweite Unterhaltung mit der Gemahlin Verzicht leistend. Er stürzte aus dem Hause, und vor dem Hause sofort einem ganz behaglich wohlbeleibten, aber sehr verdrossen aussehenden Individuum in die Arme. »Sieh da, Herr Ahrens,« wollte er sagen und dann vorbeieilen; aber der Mann hatte ihm etwas zu sagen; er lüftete den Hut ein wenig und sprach: »Sie suche ich eben, Herr Rektor. Ich wollte mir die Ehre geben, ihnen in Ihrer Wohnung aufzuwarten; doch was ich auf der Seele habe, kann ich auch hier in der freien Luft an Sie loswerden.« »Und was ist das, Herr Ahrens?« »Ich wollte Sie höflichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, die Festivität von wegen Schillern heute abend doch lieber nicht in meinem Saale abhalten zu wollen.« Der Rektor trat bestürzt, erstarrt, versteinert drei Schritte zurück. »Und wenn Sie das Fest vielleicht ganz verlegen könnten, wissen Sie, bis sich die Gemüter wieder beruhigt haben, so wäre das, meiner dummen Meinung nach, sogar noch besser, und sicherlich das allerbeste, sowohl für Sie und mich, als auch für – wollte ich sagen, für uns alle. Heute abend kriegen Sie doch keine Harmonie mehr in die ganze Historie. Herr Rektor, ich an Ihrem Orte würde mich mit der Komödie auf dem Markte zufrieden geben und für das übrige das Eintrittsgeld zurückerstatten.« »Aber in alles Unheils Namen, was ist denn nun wieder vorgefallen, Herr Ahrens? Großer Gott, träume ich denn? das ist ja zum Wahnsinnigwerden! Wohin in aller Welt sollen wir, wenn Sie uns ohne die geringste Warnung den grünen Esel verweigern? Ich bitte Sie, bester Herr Ahrens, sagen Sie mir nur schnellstens, was für Anstände sich so urplötzlich erhoben haben!« »Aufrichtig? Nun, weil ich Sie ästimiere wie keinen andern in der Stadt, so will ich einmal ganz aufrichtig gegen Sie sein. Sehen Sie, mein verehrtester Herr Rektor, Sie als Idealiste, oder wie man das nennt, meinten, Sie hätten das Ding recht schön überkleistert, und je den Umständen nach haben Sie auch alles mögliche geleistet, das gestehe ich mit Vergnügen zu. Aber Sie haben eben das Unmögliche leisten wollen, und damit sind Sie durchgebrochen; denn so schnell gibt der Liederkranz nicht nach, wenn ihm die Schützengilde und die Herren in den übrigen Vereinigungen nicht das Allerkleinste haben vorgeben wollen. Wissen Sie, in der Begeisterung sieht sich das so an, als ob alles in Ordnung wäre; aber morgen und bis ins nächste Jahrhundert hinein, wer hat´s dann auszubaden? Ich – ich – einzig und allein ich, Friedrich Ahrens, Gastgeber zum grünen Esel in Paddenau!« »Wieso? wieso?« »Das ist doch leicht zu begreifen. Sie sind ein Mann von Phantasie, das weiß die ganze Stadt, und nun bitte ich Sie, brauchen Sie einmal die schöne Gabe und stellen Sie sich recht deutlich vor, was aus meinem Geschäft, aus meiner Wirtschaft wird, wenn sich plötzlich meine besten Gäste – will ich sagen, meine sämtlichen Stammgäste bei den Ohren kriegen und sich gegenseitig aus dem Lokal werfen; und noch dazu einzig und allein um einen solchen hochseligen Herrn Poeten, den sie meistens in ihrer Bibliothek haben und ihn deshalb in meinem Gastzimmer recht gern entbehren. Sie, mein lieber Herr Rektor, kommen bloß in die Ausschußsitzungen, wo Sie mit Ihren andern Enthusiastikern ganz unter sich sind; aber ich stehe draußen, mitten im Feuer und höre jedermann reden, und da kann ich Ihnen sagen, da geht es denn so munter, bunt und kratzbürstig und anzüglich zu, wie Sie in Ihrem guten, unschuldigen Herzen es sich gewißlich nicht träumen lassen.« Unartikulierte Laute ausstoßend, sprang der Festordner von einem Fuße auf den andern; doch begütigend legte ihm Herr Ahrens die fette Hand auf den Arm: »Sehen Sie, ich für meine Person würde gar nichts dagegen einzuwenden haben; wenn es nicht zuletzt immer auf meinen Geldbeutel ausginge. Da heißt es denn: das sagen wir Ihnen, Ahrens, auf Neujahr kündigen wir Ihnen unsern Donnerstag; der Ofen raucht, die Fenster schließen nicht, und Sie haben außerdem die Herren vom Kasino, und die werden Ihnen den Ausfall schon decken. – Ahrens, spricht ein anderer, zu Euch kommen wir nicht mehr, am Abend will doch wenigstens jeder seine Ruhe haben, aber im grünen Esel hat die Gemütlichkeit aufgehört; nächste Woche ziehen wir in das goldene Kalb, denn wenn wir dumme Redensarten hören wollen, so können wir sie uns selber machen und brauchen das Kasino nicht dazu; es ist das beste, einer geht dem andern aus dem Wege, und Ihnen, Herr Ahrens, wird es auch so am liebsten sein. – Da bitte ich Sie, Herr Rektor, soll ich da nicht mein Schild abnehmen und mich selber an seine Stelle hängen? Denken Sie sich nur recht in meine Lage, und denken Sie sich meine Frau und meine Töchter dazu, – meine Frau, die auf meinem Standpunkt steht, und meine Töchter, die sich, wie ich leider Gottes sagen muß, auf den Ihrigen poniert haben, von wegen feiner Bildung und Erziehung, Lektüre und Literaturgeschichten! Das mag der Himmel wissen, wie sie es heute in andern Städten anfangen; aber was Paddenau anbetrifft, so sollte doch ein jeglicher Rücksicht daraufgenommen haben, daß wir schon tief genug im Sumpf sitzen, und uns nicht noch tiefer hineingeritten haben; und nun nehmen Sie Vernunft an, wertester, bester Herr Rektor, und reißen Sie wenigstens mich heraus, und verlegen Sie die Vorstellung in ein anderes Lokal; ich bin gar nicht neidisch, und dem Wirt vom goldenen Kalbe gönne ich die Ehre und das Vergnügen vom ganzen Herzen.« Jetzt war es gottlob dem Schulmeister im Dräumling doch wirklich möglich zu schreien. Und was schrie er? »Vier Stunden vor Beginn der Feier?« schrie er. »Um aller Heiligen willen, Herr Ahrens, wie sollen wir das anfangen? Steht es nicht an sämtlichen Ecken angeschlagen, daß unsere Mitbürger auf heute abend um sieben Uhr in Ihrem Saale erwartet werden, und freundlichst eingeladen sind, alle zu kommen?« »Pieperling hat sich von seinem Zufall erholt, und man hat ihn sofort, um das große Fest nicht zu entweihen durch seine Gefangenschaft, aus dem Gewahrsam entlassen. Er sitzt bei mir, und wenn Sie nur ein Wort sagen, so hat er in einer halben Stunde die Veränderung des Programms in ganz Paddenau ausgerufen. Sagen Sie das Wort, und in fünf Minuten sollen Sie es von der nächsten Straßenecke selber hören, daß der Spektakel verlegt oder ganz abbestellt ist. O, und das wäre gar nicht einmal nötig; ich nehme es persönlich auf mich, die Nachricht zu verbreiten; – keine Seele soll Sie und den gefeierten Dichter heute abend bei mir suchen! das hat keinen Anstand, nach dem Kalbe will ich die Leute schon zu dirigieren wissen.« »Aber die Vorbereitungen?« »Ach was, das Transparent mit dem Eisenbahnrad haben Sie ja selber wieder abreißen lassen, und wenn Sie von der Tribüne reden wollen, so läßt der goldene Kalbwirt dieselbige mit Vergnügen in einer Stunde bei sich wieder aufschlagen.« Zum äußersten gebracht, gellte der Festordner: »Hören Sie, Herr, wir haben den Kontrakt mit Ihnen abgeschlossen, und wir werden auf die Erfüllung desselben bestehen. Die Feierlichkeit findet im grünen Esel statt und damit Punktum!« Er riß sich los und schoß betäubt, den schwindelnden Kopf haltend, von dannen. Der Wirt zum Esel aber stand, sah ihm giftig nach und schrie: »So?! Na denn nur zu! Hören Sie, Herr, das sage ich Ihnen aber, gemütlich verläuft die Festivität nicht bei wir!« Leiser setzte er hinzu: »Das Geschäft wäre also nicht zu machen; da muß sich denn der Hamburger auf eine andere Art zu helfen suchen; ich habe mein möglichstes für sein Anerbieten getan, und einige Leute sind doch auch im Komitee, mit welchen ich es nicht ganz verderben mag. Je den Umständen nach, das ist meine Parole und bleibt sie.« Das neunzehnte Kapitel. Wenn man von den Furien gejagt wird, so wird man zwar auch nicht übel laufen, aber man kann es sich doch gefallen lassen; die Furien sind immerhin etwas Nobles und vertreten, sozusagen, eine anständige Rache der Götter. Aber wenn der Mensch von der ganz gewöhnlichen, hundsgemeinen, niederträchtigen Bosheit des Erdentages gehetzt wird, so mischt sich in die atemlose Aufregung und Angst der Jagd ein Gefühl eigener Tücke, welches gewiß sehr berechtigt, wenngleich nicht zu loben ist. Es war ein Glück für das Edlere im Rektor Fischarth, daß sein eiliger Weg ihn über den jetzt menschenleeren Marktplatz führte, allwo die weiße Kolossalbüste des Dichters in schöner Ruhe von ihrem Postament hinausblickte. Im Vorüberstürzen sah der Rektor Gustav Fischarth auf die stillen, unsterblichen Züge, und plötzlich wurde es auch in ihm stiller; er schöpfte Atem und murmelte, zum Himmel emporblickend: »Wenn der mich von da oben so rennen sähe!« Er winkte nach dem stolzen Bilde hinüber: »Einmal und nicht wieder!« Doch nach den ersten Schritten vorwärts: »Und doch wieder, so oft du willst, hoher Freund und Meister!« Mit diesem Schwur sprang er in die Tür des Hauses, in welchem der Maler Haeseler wohnte, zum andernmal von der Schwelle der weißen Büste zuwinkend. Leider jedoch entwich die Entzückung nur allzu schnell auf dem dunkeln Flur, und Herr Ahrens, der Wirt zum grünen Esel, nur allzu impertinent gegenständlich in allen Sinnen und Gedanken, drängte sich von neuem zudringlichst auf. »Der Schuft fehlte mir grade noch in der Liste meiner Peiniger,« ächzte der Festordner, die Treppe hastig erkletternd. »Er hat vorsätzlich auf die letzte Minute gewartet, um das Martertum vollständig zu machen! Das ist der Dräumling in seiner Glorie! Mit dem besten Herzblut muß man die Erlaubnis bezahlen, in ihm versinken zu dürfen!« Es war eine sehr gefährliche Treppe in dem Hause des Malers, und nicht wenig merkwürdig war's, daß der Rektor in seinem Seelentaumel sie erkletterte, ohne die Glieder zu brechen. Er langte wenigstens körperlich wohlbehalten oben an und rannte in der vollkommenen Nacht, welche an diesem düstern Novembertage auf dem Vorplatze herrschte, seinen Freund, der eben gleichfalls ziemlich ratlos sein Schlüsselloch suchte, beinahe über den Haufen. »Gottlob, daß ich dich halte! Das hätte mir noch gemangelt, daß ich dich auch erst in den Gassen hätte suchen müssen!« ächzte der arbiter elegantiarum des Dräumlings. Er stürzte dem erstaunten Sumpfmaler voran ins Zimmer, und auf und ablaufend sprudelte er alles, was er von Bedrängnissen auf dem Herzen trug, heraus, um zuletzt gebrochen auf einen Stuhl zu fallen und den Freund mit wahrhaft komischer Rat- und Hülflosigkeit anzustieren. Das Gesicht des Malers war aber auch gar nicht übel; auf einem seiner Sumpfbilder hatte er sich mit einem solchen Ausdruck sehr genau kopiert, bis an das Kinn aus dem Morast auftauchend und vorgrinsend; – er nannte das eine seiner liebenswürdigsten Schöpfungen und war sehr stolz auf den geistreichen Einfall. »Ich habe im goldenen Kalbe zu Mittag gespeist,« sagte er, »und es war dort ebenfalls von dir und der heutigen Feierlichkeit von den verschiedensten Standpunkten aus die Rede; doch von der Verlegung des Schauplatzes nicht. Ich habe viel Eigentümliches in Paddenau erlebt; jedoch dieses erscheint mir ganz besonders eigentümlich.« »Ich hätte es nicht für möglich gehalten.« »Das sieht dir ähnlich.« »Aber ich stecke nun einmal drin, und – Himmeldonnerwetter, beim Styx und allen Göttern der Unterwelt, ich werde es durchfressen! Ich sage dir, Rudolf, und hier hast du meine beiden Fäuste drauf, ich führe es durch, oder der Teufel soll mich gleich dreitausend Klafter tief in den Erdboden hineinschlagen! Du kennst mich bis jetzt nur von meinen milden Seiten; aber jetzt soll und soll und muß das Gift heraus – ach, Gott sei Dank, das gab Luft!« Das herzlichste, bravste, ehrlichste Lachen beschloß diese Wuteruption, und jedermann, der den Rektor von Paddenau erst fluchen und dann lachen gehört hätte, würde auf der Stelle den Wunsch geäußert haben, der Freund des Mannes zu werden. Mit einem fast zärtlichen Ausdruck in den harten Zügen klopfte Haeseler dem Festordner auf die Schulter und sagte: »Ich habe dir schon mehrfach durch die Blume zu verstehen gegeben, daß ich alle Ursache habe, den Tag zu verwünschen, an welchem ich zum erstenmal den Fuß auf diesen anziehenden Boden setzte; allein wer trüge nicht das Unwägbare ein Menschenalter durch, wenn er die Aussicht, die Gewißheit hätte, dich am Ende des Weges zu finden?!« Der Rektor hatte eine längere Zeit nachzudenken, ehe er den ganzen Inhalt des innigen Wortes gefaßt hatte. Nachher schüttelte er sich und rief: »Ich danke dir, alter Junge. Offen gestanden, wenn ich nicht innigst von der Wahrhaftigkeit deiner letzten Bemerkung überzeugt wäre, so würdest du mir schon ziemlich häufig unerträglich geworden sein; aber nun sage mir wenigstens, wie steht es mit dem Transparent?« Der Maler faßte die Hand des Schulmeisters und stieß mit dem Fuße die Tür seines Ateliers auf: »Da! ... und Himmeldonnerwetter und beim Styx und bei allen Göttern der Ober- und Unterwelt, ich versichere dich – und wenn es nicht wahr ist, so soll mich der Teufel noch zehn Meilen tiefer in den Erdboden hineinschlagen als dich – versichere ich dich, daß ich in diesem Augenblick blutige Tränen weinen möchte, weil ich so dumm gewesen bin, das zu malen, und nicht Herrn George Daniel Knackstert von der Firma Knackstert Witwe und Sohn im griechischen Chiton, mit nackten Beinen und Sandalen, mit zwei weißen Flügeln, einem Lorbeerkranze auf dem Kopfe und einer Siegespalme in der Hand! Ah, Gott sei Dank, das gab gleichfalls Luft!« Der Rektor stand, starrte und staunte. »Ah!« sagte er erst; dann sagte er: »Wundervoll! wundervoll!« und dann – dann trat er sechs Schritte zurück und stammelte: »Getroffen – wunderbar getroffen – herrlich – aber – aber, du liebster Himmel, das – ist – sie – ja selber! o du barmherziger Heiland, und das soll ich vor Paddenau im grünen Esel öffentlich aufstellen?« Sie war es in der Tat selber, und sie war es auf aschgrauem Grunde im milchweißen Peplos mit purpurnen Säumen! Und sie war es mit einem gewissermaßen bösen Blicke; sie streckte abwehrend die linke Hand vor, als müsse sie sich durch ein zudringliches Gewühl ihren Weg bahnen. Den grünen Kranz in der Rechten drückte sie fast zornig an den Busen, sie schien ihn schon manchem, der sie auf ihrem Pfade darum angesprochen hatte, kühl abgeschlagen zu haben, – sie hielt ihn fest, sie hielt ihn sogar sehr fest, – eine Umschrift sagte den Paddenauern diesmal nicht, was das alles eigentlich bedeuten solle. Der Maler, in dem sichern Bewußtsein, daß eine Lage dunkler Tusche über die Haare gelegt und zwei schwarze Striche über die Augen gezogen die Dame dem Dräumling vollkommen fremd machen würden, blickte mit untergeschlagenen Armen lächelnd auf den Freund: »Also das glaubst du nicht im grünen Esel aufstellen zu dürfen?« »Das ist schlimmer als das übrige.« »Wieso?« »Nun, wenn sie selber nichts darin findet, unter ihrem eigenen Konterfei meine Verse zu deklamieren,– was ich sehr bezweifle – so wird Paddenau sicherlich aus dieser malerischen Verklärung alles entnehmen, was dem armen Mädchen und mir Unglücklichen diesen Tag für ewige Zeiten zu einem Greuel der Erinnerung machen wird. O Rudolf, Rudolf, ich habe dich doch für feinfühliger gehalten! ja lache nur, allem meinen bessern Wissen zum Trotz habe ich dich für feinfühliger gehalten.« Der Sumpfmaler empfand zum erstenmal an diesem Tage ein wirkliches, inniges Mitleid mit dem geplagten Philologen. »Beruhige dich, mein Sohn,« sagte er. »So wie die Göttliche jetzt dasteht, ist sie freilich nur für mich gemalt; vor dem Publikum wird sie in anderm Putz und Schmuck erscheinen. Ich versichere dich, der Dräumling soll noch nie eine grimmigere Muse zu Gesicht bekommen haben.« Er griff eben nach dem Pinsel, als ein Klopfen an der Tür ihn in seinem Vorhaben unterbrach. »Laß niemand das Bild sehen; ich beschwöre dich!« rief der Rektor ängstlich und zog den Künstler aus dem Atelier heraus. Hastig warf er auch die Tür zu, die in das Wohnzimmer Haeselers führte, und es war die höchste Zeit, denn in dem nämlichen Augenblick bereits erschien auf der gegenüberliegenden Schwelle derjenige, welchem es sicherlich das größte Vergnügen bereitet haben würde, die festliche Muse des Malers in ihrer jetzigen Erscheinung zu erblicken: Herr George Daniel Knackstert, der ein Schiff mit dem Namen Wulfhilde Mühlenhoff am Galion zwischen der Havanna und der Elbmündung laufen hatte. »Ah!« sagte der Maler. »Ah!« sagte der Festordner, und: »Ah!« sagte auch der Vertreter der berühmten Firma Knackstert Witwe und Sohn und fügte verlegen-grämlich an: »Welch ein glücklicher Zufall, daß ich die beiden Herren hier zusammen treffe. Ich würde etwas länger auf die Einladung zum Eintreten gewartet haben; aber die Zeit drängt zu sehr; – ich bitte, mich zu entschuldigen.« »Herr Knackstert weiß, daß ein Mann wie er nie vor eine geschlossene Tür kommt,« sagte der Maler mit unnachahmlichster Höflichkeit; allein die Zeit drängte den Hamburger Vetter so sehr, daß er auch darauf nicht achten konnte. Mit überwältigendem Pathos stürzte er sich sofort in die Mitte der Dinge und rief: »Meine Herren, ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, sich in meine Lage zu versetzen! Sehen Sie aus dem Fenster; ist das ein Wetter, ist das eine Jahreszeit, um eine Vergnügungsreise zu unternehmen? Sicherlich nicht, und ich bin auch nicht zu meinem Vergnügen von Hamburg nach Paddenau gekommen.« Aschmodai, der Zerstörer der Ehen, hätte in diesem Moment vielleicht wie der Maler den Kopf auf die linke Schultet sinken lassen. Der Blick innigster, unschuldvoller Teilnahme, mit welchem Herr Rudolf Haeseler Herrn George Knackstert ansah, war ein Wunder der Heimtücke; aber der Vetter, welchen der Ärger scharfsichtig machte, verstand den Blick und rief: »Nein, nein, im Anfang stand auch das Glück meines Lebens – stand das Geschäft in zweiter Linie. O, meine Herren, ich bin offen; denn wir haben ja einen so schönen vertrauensvollen Abend im grünen Esel gefeiert – Sie sind die Hausfreunde des Herrn Geheimrats – Sie sind ausgezeichnet in alle Verhältnisse eingeweiht – der Herr Geheime Hofrat hat freilich an mich geschrieben, und ich bin eiligst nach hiesigem Platze geeilt; aber, meine Herren, ich wäre auch ohne alles das aus Hamburg geflohen. Weshalb wäre ich aus Hamburg geflohen? Meine Herren, weil Hamburg verrückt geworden ist! Man hat mir meine Vaterstadt auf den Kopf gestellt, und meine besten Freunde sind toll geworden. Der Senat lernte das Lied an die Freude auswendig und wird es heute auf dem Jungfernstiege abgesungen haben. In der Börsenhalle übten die Wechselsensale Wallensteins Lager mit verteilten Rollen ein;– mir hat man den Vorschlag gemacht, im Athenäum in einem lebenden Bilde einen toten Radowessier darzustellen, und in der Lesehalle ein Gedicht mit der Überschrift: das verschleierte Gemälde in Sais zu deklamieren, – da bin ich abgereist. Ich bin von Hamburg abgereist, um dem Schwindel aus dem Wege zu gehen, und ich bin nach Paddenau gekommen und finde, daß der Wahnsinn keinen– keinen Ort verschont, und ich erfahre, daß eine Dame – eine mir sehr nahestehende Dame am heutigen Abend ein längeres Poem dieses verehrten Herrn vor einem Transparentbilde dieses verehrten Herrn in einem Wirtshause dieser Stadt vortragen wird. Meine Herren, in ihren Händen liegt es, mir eine Unannehmlichkeit krassester Art zu ersparen; – ich habe mein möglichstes getan, dem Vorhaben des Fräuleins hindernd in den Weg zu treten – ich habe den Wirt jenes Gasthauses – meine Herren – Herr Rektor, ich verbiete Ihnen hiermit, Ihre Verse durch meine Verlobte deklamieren zu lassen!« »Mein Herr?!« schrie der Rektor. »Ja, meine Herren, ich wiederhole meinen Wunsch!« Während der Maler sich sacht auf einem Stuhl niederließ und den Vetter mit freundlichen, glänzenden Augen anblickte, schob der Pädagoge dem Großhändler seine Figur in ihrer ganzen Stattlichkeit unter die Augen und schrie außer sich: »Mein Herr, wir feiern heute ein Fest, wie keine andere Nation der Erde es in gleicher Weise zu feiern imstande wäre. Tausende, Hunderttausende, ja Millionen unserer Mitbürger strecken jubelnd ihre Hände dar – auf den Höhen und in den Tälern regt es sich jauchzend – Ihre große, edle Vaterstadt, mein Herr, bewegt sich in ihrer Tiefe: wer sind die Erbärmlichen, die sich abseits stellen wollen und sagen: Wir tun nicht mit! – wer sind sie? Ein ganzes Volk stürzt sich heute in die lichte Woge der Schönheit, ein ganzes, großes, edles Volk besinnt sich heute auf das, was es ist! es sieht mit glanzvollem Auge sich um im Erdensaal, und da es seinen Stuhl im Rate von andern besetzt findet, da es seinen Platz am Tische vergeblich sucht, da hebt es langsam die Hand und legt sie auf die Stirn – es besinnt sich, und dann lächelt es – ein Erstaunen, welches zum Schrecken wird, geht durch den Saal: mein lieber Herr Knackstert, wer sind Sie, daß Sie es wagen, Ihre kleine Beschränktheit über dieses erhabene Sichbesinnen Ihres Volkes zu stellen? Die Nationen am Tische der Menschheit rücken verlegen flüsternd zusammen – es wird Platz, und wir werden Platz nehmen, auch ohne Sie zu fragen, mein verehrter Herr! Ich sage Ihnen, wir werden uns setzen, und wir haben einen gewaltigen Hunger nach dem Fasten von so manchem Jahrhundert. Ich versichere Sie, wir werden das Versäumte nachholen, auch Ihnen zum Trotz, mein Herr!« In seiner Aufregung war der Dräumlingsschulmeisier der Firma Knackstert Witwe und Sohn immer dichter auf den Leib gerückt, und der Großhändler war immer scheuer, Schritt vor Schritt gegen die Wand zurückgewichen. Es war die höchste Zeit, daß der Maler sich einmischte, und er mischte sich ein. »Gustav,« rief er, »du warst zwar ein wenig grob; aber du hast vortrefflich gesprochen. Es ist ein wahres Glück, daß du so heute morgen auf dem Marktplatz nicht zu Paddenau gesprochen hast. Lieber Knackstert, verzeihen Sie meinem Freunde, Sie wissen schon, daß die Menge jeden Redner stets etwas befangen macht. Man weiß nie, wie man einem Marktplatz voll Leute gegenüber dran ist. Daß ich auf Ihrem Standpunkt stehe, habe ich Ihnen, wenn ich nicht irre, bereits am Morgen kund gegeben.« »Du? du, Rudolf, stehst auf der Seite dieses – Herrn?« »Unbedingt. Aber grade weil ich ihn in allen seinen Gefühlen begreife, möchte ich ihn um so mehr bitten, auffordern, beschwören, es wie ich zu machen und sich nicht länger gegen das Unabweisliche zu sträuben. Ich bin überzeugt, Herr Knackstert wird sich als ein Charakter zeigen, wird römische Virtus mit karthagischem Handelsgeist verbinden und wird ruhig heute abend Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff im grünen Esel deinen Prolog deklamieren lassen. Du weißt, Fischarth, welch einen Zwang ich mir angelegt habe, um das Bild für dein Fest herzustellen. Aber ich habe gemalt, du weißt es, daß ich gemalt habe; und, mein bester Herr Knackstert, ich fühle mich ungemein erleichtert in dem Bewußtsein, gemalt zu haben.« »Mein Herr, der Kopf schwindelt mir allzusehr von dem, was ich hiesigen Ortes durchzumachen habe; dieser Herr hier aber war in der Tat soeben ganz enorm grob, und das ist das einzige, was ich augenblicklich begreife. Ich halte es unter meiner Würde, mich hier länger zu ärgern; aber ich werde ein letztes Wort an einem andern Platze sprechen.« Damit warf er ohne weitern Gruß den Hut auf den Kopf und ging steif ab, wie er gekommen war, – nein, noch viel steifer! Das zwanzigste Kapitel Sowie sich die Tür hinter dem Abziehenden geschlossen hatte, erhob der Rektor zuerst beide Fäuste gen Himmel und drückte sie sodann auf die Augen. Er stieß einen dumpfen Laut hervor, sah den Maler an und wankte der nächsten Wand zu. Er legte beide Arme an die Wand und legte den Kopf auf die Arme. Er stand vor der Mauer mit dem Gefühl, daß diese Mauer auf ihn eingerückt sei, er nicht auf sie. »Vielleicht würde es dich ein wenig erleichtern, wenn du dich einmal recht herzlich – ausweintest!« sagte sein Freund Haeseler. Der Vorschlag, der Rat war gut. Der unglückselige Festordner schien ihn sich wirklich hinter seinen Fäusten zu überlegen. Er stöhnte dumpfer und dumpfer; aber auch auf jene Erleichterung hatte er zu verzichten; die Tränen saßen ihm allzu fest, und nach einigen Minuten sprang er in die Höhe und von der Wand weg und schrie in heller, haarzerraufender, giftzuckender, fußtrampelnder Wut und Verzweiflung: »Himmelhöllenelement, ich bin ein guter Kerl und lasse mir, glaube ich, mehr gefallen, als irgendeiner in dieser niederträchtigen Welt, und was meinen Eifer für das Bessere angeht, so weiß ich, daß ich einem ordentlichen Zwecke gegenüber niemals den meinigen gesucht habe. Aber jetzt wird es mir zu bunt! Da möchte man doch gleich in den Sumpf hineinschlagen, daß die Spritzer der Sonne ins Gesicht fliegen! Haeseler – Rudolf – Freund, ich glaube, ich weiß, nicht ein zweiter Führer und Leiter der nationalen Stimmung feiert heute den Dichter so wie ich! Rudolf, ich sage dir, ich habe Lust, aufzuhören, das heißt heute abend gar nicht anzufangen! O, ich wollte jedenfalls, es wäre Mitternacht, und ich läge im Bette! O, mein Enthusiasmus, meine Begeisterung! Na, ich sage nichts; aber ich entsage hiermit feierlichst allen künftigen Leistungen in dieser Beziehung!« »Du,« rief der Maler, die offene Hand dem Philologen hinhaltend, »gib mir eine Bürgschaft dafür.« »Welche? welche? ich bin zu jeder bereit.« »Da dir der heutige Abend doch so ziemlich aus den Pfoten geglitten ist, mein Junge, so verzichte schon für heute auf die erste Geige in der Paddenauer Synphonie; ersuche mich um die Gefälligkeit, deinen Platz mir abtreten zu dürfen, und – laß mich das wohlbegonnene Werk noch besser zu Ende führen.« »Ru – dolf, du – scher – zest!« »An einem solchen Tage? in einem solchen Augenblicke? Ich wiederhole dir meinen Vorschlag.« »Hör mal, Rudolf, du weißt, daß ich in diesem Moment nur allzusehr Lust habe, dich beim Worte zu nehmen. Dringe nicht zu sehr in mich! Bei den Göttern; – und die Unsterblichen mögen es mir verzeihen, ich habe das Ding satt, und es bedarf nur noch eines geringen Zuschürens, um mich zu bewegen, dir die Zügel in die Hand zu geben und die Paddenauer Schillerfeier deiner Leitung zu überlassen.« »Ich würde meine Sache ausgezeichnet machen, Gustav.« »Bei allen Hanswürsten, das würdest du, und es ist heillos, aber nichtsdestoweniger wahr, es kommt mir ganz so vor, als ob der Dichter, mein teurer, hoher Dichter, am allerbesten dadurch geehrt würde, daß du mich an diesem Neste, an diesem Knackstert, an dem Dräumling und wer zählt's an wem noch, rächtest!« »Schlage ein, Gustav Fischarth!« rief der Maler. »Vernunft fängt wieder an zu sprechen, und du tust mir zu gleicher Zeit einen unendlichen Gefallen, wenn du einschlagen wirst. Schlage ein, liebster, bester Junge; tue einmal etwas für mich, für mein Lebensglück oder das, was – da, schlage ein, besinne dich nicht! Fischarth, ich springe für dich in den Ring – schlage ein, Gustav Fischarth!« Der Rektor hob die Hand, er zögerte noch eine Sekunde; dann schlug er wirklich ein, und ehe er noch vollständig wieder zur Besinnung gekommen war, hatte ihn der Maler mit den ominösen Worten: »Nur für einen Augenblick, einen kurzen Augenblick!« in das Atelier gedrängt, die Tür hinter ihm abgeschlossen und den Schlüssel grinsend, diabolisch grinsend, in die Tasche geschoben. In dem nämlichen Moment polterten schwere Paddenauer Männertritte die Treppe empor, und der betäubte Rektor vernahm dumpf die Worte: Wohnt hier der Kunstmaler Herr Hänsler?« und auf die bejahende Antwort die Begründung des Besuches, nämlich: »Der Herr Rektor Fischarth haben uns geschickt von wegen des neuen Transponents. Wenn es fertig wäre, so wären wir da, um es abzuholen für den grünen Esel.« Zu seinem größten Erstaunen und hellen Schrecken vernahm der beiseite gestellte Festordner auch die Antwort des Kunstmalers: »Das ist ein Irrtum, ihr Leute; ein neues Transponent gibt's für diesmal nicht. Der Herr Rektor hat sich lieber für keins, als ein neues entschieden; aber der vergebliche Weg wird wie alles übrige bezahlt, und ich gehe gleich mit euch in den grünen Esel, um die Sache in Ordnung zu bringen.« »Schön!« sprachen die Boten des Rektors unisono; aber der Rektor selbst trommelte aufgeregt an der Tür: »Haeseler! Rudolf, überlege, was du tust!« »Verlaß dich darauf. Ich überlege, und ich habe überlegt. Sitze du nur ganz ruhig; des Lebens Notdurft findest du, wenn du ein wenig suchst, in allen Ecken und Winkeln; übrigens komme ich sogleich zurück.« »Aber ich bitte dich –« Mit dem Ohr am Schlüsselloch vernahm der Gefangene, wie der gefällige Freund unter leisem Pfeifen des schönen Liedes: Üb immer Treu und Redlichkeit, – Toilette machte, die Dienstleute vorausschickte und selber ging. Ja, er ging allen Bitten zum Trotz, und der Rektor von Paddenau vernahm auch noch, daß er die Tür, welche auf den Vorplatz führte, gleichfalls verschloß; er, der Rektor, sah mit dem Auge aufgeregtester Phantasie die beiden Schlüssel in der Tasche des Sumpf-, Moor-, und Heidemalers versinken, und er versank gleichfalls, und zwar in eine wildbewegte See durcheinanderwirbelnder Möglichkeiten. Einen Augenblick stand er noch still, sodann aber stürzte er an das Fenster, wie um das Fatum umzurufen; allein wir haben bereits erzählt, daß das Atelier des sonderbaren Künstlers sich des herrlichsten Nordlichtes erfreute, woraus folgt, daß nur die Fenster seines Wohngemaches auf den Markt, auf die Gassen von Paddenau hinabblickten. Aus dem Fenster des Ateliers blickte man zuerst auf einen Hof, dann über einen Gitterzaun auf einen herbstlichen grauen Gemüsegarten und darüber hinaus auf Ackerfeld und Heide und in weitester Ferne auf den dunstumschleierten Wald. Das war sonst eine recht schöne Aussicht; aber im gegebenen Falle wußte der Exfestordner nicht das geringste damit anzufangen, zumal grade heute am hundertjährigen Geburtstagsfeste Friedrich Schillers. Menschen, denen er seine Lage hätte auseinandersetzen können, erblickte der Schulmeister im Dräumling nicht. Das einundzwanzigste Kapitel Er sprang vom Fenster zurück in die Mitte des Gemaches und überlegte es sich noch einmal, ob das Spaß oder Ernst sei, und diesmal überwältigte er in schwerem Kampfe jeden Zweifel: der treue Genosse seiner Jugend, der biedere Freund seiner Mannesjahre hatte ihn, den richtigen Moment zwischen Aufwallung und Zerknirschung machiavellisch ergreifend, im allerbesten Ernste eingesperrt, und so ließ sich denn weiter nichts tun, als daß man die Hände geballt in die Taschen schob, sie wieder herausriß, auf den Tisch schlug und sich höchlichst erstaunt die Bemerkung gestattete: »Vieles ist mir in meinem Leben passiert, aber dieses überbietet mehr als alles!« Einen Zweifel an seinem Schicksal hegte der Rektor von Paddenau nicht mehr; aber er ergriff doch noch einmal rüttelnd den Türgriff; er, der so manchem seiner Schulbuben die Klassentür vor der Nase zugeschlossen hatte und der wissen mußte, daß das wütendste Gerüttel in solchen Fallen wenig nütze, und daß das beste sei, man lege ruhig die Arme auf den Schultisch und den Kopf auf die Arme und sitze, Rache schwörend, die Stunden unverdienter Gefangenschaft ab! Der Schulmeister wußte das natürlich; allein noch war er nicht imstande, sich auf die Höhe des philosophischen Gleichmuts seiner Buben zu erheben. Er ging wieder zum Fenster und sah jetzt, nach Westen zu, allwo das Land zu einem Hügel sich wölbte und dadurch die Ferne ein wenig näher rückte, auf der Höhe des Horizontes, einen trotz der beginnenden Dämmerung sich ziemlich scharf gegen den grauen Himmel abzeichnenden Bauerkarren. Das sieht sich gut an, solch ein fern sich bewegend Menschen-, Roß- und Räderwerk; aber einem doppelt verriegelten Festunternehmer hilft es zu nichts, und der Rektor Fischarth rief: »O der nichtswürdige Halunke! Also das nennt er für mich einspringen?« Jetzt setzte er sich und zwar auf den Schemel des Malers zu Füßen der hohen Muse, die so unverkennbar die Züge der holdseligen Wulfhilde Mühlenhoff trug. »Ich kenne die Wände und die Türen,« murmelte er, »und ich kenne auch die Taubheit der Hauswirtin. Ich könnte den Fußboden einstampfen, und niemand würde mich hören. Ist es denn möglich, daß ein Mensch den andern so falsch verstehen und so heimtückisch behandeln kann? Sowie ich herauskomme, mache ich Brüderschaft mit Knackstert! ... Großer Gott, und was wird dieser Werwolf, der mir zum Trost nach Paddenau gekommen sein will, nun beginnen? Er wird den Dräumling auf den Kopf stellen, er wird das Unterste nach oben kehren, und in dieser Nacht noch abreisen, – abreisen, ohne Abschied zu nehmen. Ich aber werde in dem aufgewühlten Ameisenhaufen sitzen bleiben; die Verwüstung wird über mich, mein Weib und meine unglücklichen Kinder hereinbrechen – die Folgen sind gar nicht zu berechnen! Himmelhöllenelement, ich habe freilich in den letzten Wochen und Tagen bereits genug geflucht; aber der Wolfstöter Apollo wird's mir bezeugen, daß, was ich auch in der Hinsicht geleistet haben möge, das Unzulängliche noch lange nicht überwunden ist. Und das will ein Freund sein! und das kommt nach Paddenau, um den Dräumling zu studieren, und das nistet sich einem armen Schulmeister gegenüber ein, und das macht vielleicht sogar noch Ansprüche auf meine Dankbarkeit! Apollo Lykeios, dich rufe ich an, stehe mir bei; und – wenn jener Verräter wirklich Anspruch auf meine Dankbarkeit erhebt, so möge ihm deine Schwester Hekate raten, es schriftlich zu tun, mündlich sei es gefährlich!« Dieser Ausbruch nach all den Leiden und Beschwerden, den Ärgernissen und Kränkungen der letzten Tage war das Beste, was ein Freund dem andern zu schaffen vermochte, und wenn gleich niemand verlangen kann, daß der Rektor von Paddenau solches jetzt schon einsieht, so ist doch unbedingt Aussicht vorhanden, daß er es einsehen wird, und zwar sehr bald einsehen wird; – dann wird er dankbar sein. Wir haben längere Zeit gebraucht, um die letzten Seiten unseres unverfälschten Berichtes niederzuschreiben; aber kaum zwanzig bis dreißig Minuten waren vergangen, seit der Maler den Schlüssel im Schlosse seiner Tür umgedreht hatte, und schon fuhr der Gefangene im Atelier auf und horchte auf eine Stimme, die im Hofe seinen Namen rief: »Herr Rektor! Herr Rektor Fischarth!« Es war eine Weiberstimme, und zwar die Stimme eines jungen Weibes, welche ihn rief. Wiederum zum Fenster hinstürzend und es aufreißend, erkannte er sofort die hübsche Ruferin im Hofe, eines der Hausmädchen des Geheimen Hofrats Mühlenhoff. »Sitzen Sie da oben noch fest, Herr Rektor?« »Freilich sitze ich hier oben noch fest, Minchen. Hast du vielleicht die Mittel, mich zu befreien?« »Der Herr Haeseler ist bei meinem Fräulein eilig vorgesprungen; er hat es sehr eilig gehabt, und mein Fräulein hat sehr gelacht, und nun möchten Sie doch einen Bindfaden herunterlassen.« »Ich möchte einen Bindfaden herunterlassen?« »Ja, wenn Sie so gütig sein wollten. Ja, Herr Haeseler sagt, Sie möchten nur suchen, in seiner Werkstatt sei alles zu finden. Hier sind die beiden Schlüssel.« Schelmisch lächelnd zeigte die junge Dirne dem Pädagogen wirklich die Schlüssel und rasselte lockend mit ihnen. »Minchen, wäre es nicht einfacher, du stiegest die Treppe hinauf und erlöstest mich ohne alle weiteren Umstände?« »Nein, nein, der Herr Haeseler läßt Sie bitten, einen Bindfaden herunterzulassen. Nachher soll ich noch eine andere Bestellung ausrichten.« »Der Mensch sitzt so voll Kniffe, Pfiffe und Schrullen wie der Buchenbaum voll Maikäfer,« seufzte der Rektor, suchte und fand den Bindfaden und ließ ihn, jetzt wieder melancholisch den Kopf schüttelnd, in den Hof hinunter. Mit geschickten Händen knüpfte Minchen die beiden Schlüssel dran, und während der Festordner die Werkzeuge seiner Befreiung emporwand, sagte sie, als ein braves Mädchen, welches seine Lektion wohl gelernt hatte: »Ein schönes Kompliment von dem Herrn Haeseler, und nun möchten Sie machen, was Sie wollten. Herr Haeseler läßt grüßen und sagen, er hätte sich unterwegs besser besonnen, und so einen alten Witz wollte er doch nicht wieder machen. Das besorgte die Weltgeschichte schon seit tausend Jahren, daß sie einen, der was gemacht hätte, einsperrte, und einen andern herausließe, der nichts gemacht hätte und doch mit großem Vergnügen die Ehre und das Geld einkassierte. Der Herr Rektor möchten sich nun selber entscheiden, ob Sie sich darauf einlassen wollten oder nicht. Wenn Sie sich darauf einlassen wollten, so möchten Sie auch selber aufschließen; der Herr Haeseler tät's nicht. Übrigens aber stehe es recht gut in Paddenau; und um unsern Herrn Knackstert aus Hamburg möchten sich der Herr Rektor keine Sorge mehr machen, es sei heraus, Herr Knackstert habe mit Herrn Ahrens von wegen des grünen Esels gesprochen; aber der Herr Haeseler werde von wegen des Esels auch mit Herrn Ahrens reden.« »So? so? so?« rief der Rektor. »Was hat denn dein Fräulein gesagt, Minchen?« »Nichts! aber mein Fräulein ist sehr vergnügt und läßt Sie ebenfalls grüßen und läßt Ihnen ebenfalls sagen, sie in Ihrer Stelle würde es sich ebenfalls eine ziemliche Weile überlegen, ehe sie von den beiden Schlüsseln Gebrauch machte.« »Ei, ei, hat sie das gesagt?« »Jawohl, und sie will es veranstalten, daß Herr Knackstert Ihre Frau Gemahlin zu der Feierlichkeit und Aufführung heute abend abholt, und jetzt empfehle ich mich Ihnen, Herr Rektor. O Herr Rektor, veranstalten Sie doch öfters solch einen hundertjährigen Geburtstag, es ist zu schön, und ich habe auch einen heute morgen im Zuge gehabt! Schönen guten Abend, Herr Rektor!« Sie war entschlüpft, und der Festordner stand und wog die zwei verhängnisvollen Schlüssel nachdenklich in der Hand; ratloser als jetzt war er noch nie in seinem Leben gewesen. »Nun soll ich tun und lassen, was ich will? Was tue ich?« fragte er und wandte sich naturgemäß an die schöne zornige Muse, die den Kranz an den Busen drückte und sich einen Weg durch den Dräumling bahnte. In der leichten Dämmerung verschwand die gebotene Flüchtigkeit der talentvollen Mache des Sumpfmalers, und das Bild trat wie lebendig aus dem dunkeln Hintergrunde hervor. Der Rektor Fischarth legte die Schlüssel auf den Tisch und ließ sich auf dem Schemel vor der Staffelei nieder. Er hatte über vieles nachzudenken, ehe er sich die Pforten zur Freiheit erschloß, und die Göttin entrückte ihn, wie eben die Göttinnen ihre Lieblinge zu entrücken pflegen. »Siehe, wie du dich verkleidest,« sprach er. »Was würden wir mit dir anzufangen wissen, wenn du nicht wie hier unter der Maske einer guten Bekannten zu uns kämest? Ach, du kommst nicht nur in Einer Verkleidung, du kommst in vielfältigen Masken, und nur denjenigen zählst du deinen Freunden zu, der dich unter jeglicher erkennt, der sich von dir fesseln läßt und dich nicht verleugnet, wenn du in der widerlichsten, abgeschmacktesten, wunderlichsten, unbehaglichsten ihm nahest. O Mnemosyne, du bist wahrlich nicht umsonst die Tochter des Uranos und der Erde, und deinen Töchtern sind nicht ohne Gründe außer den Schwänen und Nachtigallen auch die Grillen, die Zikaden heilig! O Mnemosyne, wer führte denn deine Töchter nach Thespien in Böotien? Ein roher Mazedonier war es; und wer nicht glauben kann, daß die neun Mädchen ebenso gern in Abdera als in Athen singen, dem ist immer noch ein ehern Band um die Stirn geschmiedet; und wer es in Abdera aufgibt, auf ihren Gesang zu achten, weil das Völklein umher ihn durch Geschwätz und Fußgescharr stört, den nennst du mit Recht einen Betrüger, wenn er sich noch fernerhin für deinen Diener ausgibt. Vae impostoribus! die Besten jeglichen Landes und Volkes werden euch aus dem Heiligtum treiben, nicht mit Gewalt, mit Geißelhieben und Umstürzen eurer Wechslertische, nein, mit jenem ruhigen Lächeln, jenem fast mitleidigen Lächeln, welches seit Anbeginn der Menschendämmerung alle falschen Götzen von ihren Altären warf und allen Götzendienern den Weihewedel und den Klingelbeutel aus den Händen riß. Vier Uhr? Es wird um diese Jahreszeit doch schon recht früh dunkel! Wie still es ist! Ah, es ist eigentlich ein ungemein behagliches Gefühl, in solcher Stille – solcher – Abgeschlossenheit zu sitzen und mit dem aus dem ärgerlichen Sturm des Tages im Busen geretteten Gotte Zwiesprach zu halten – ah!« Er sah sich um in seinem, jetzt vollständig freiwilligen Gefängnis und brummte: »Was hat er gesagt? Die nötigen Bequemlichkeiten würde ich in allen Winkeln und Ecken finden, hat er gesagt? Nun denn, suchen wir, ehe wir uns wieder in den da draußen rauschenden Strom der Widerwärtigkeiten stürzen. Wir haben wahrlich keinen Grund, innerhalb dieser vier Wände schonend vorzugehen. Zigarren! ... eine Flasche Madeira ... ein Pfropfenzieher ... eine Flasche Portwein ... da könnte man ja wahrhaftig die Stiefel aus und den Schlafrock anziehen! ... eine Flasche Arrak, ein verführerisch summender Teekessel nebst Zucker und Zitronen! ... der Bursche hat wirklich Anlage zum Haushalten und Ehestand! ... Was mag er jetzt zusammenrühren? ... eine Viertelstunde werde ich ihm noch freie Hand lassen – daß er sofort zu Wulfhilde gelaufen ist, beruhigt mich nicht wenig, und daß sie auch an Agnes gedacht haben, das würde mir unter anderen Umständen sogar rührend erscheinen ... Also Knackstert Witwe und Sohn haben mir den Herrn Ahrens ins Haus geschickt? und Knackstert Witwe und Sohn sollen überredet werden, mein Weib vom Hause abzuholen und es in den grünen Esel zu führen? Wulfhilde will das besorgen? ... bei dem Gott in meinem Busen, was geht's mich denn eigentlich an, wie sich all diese Lieben da draußen im Säkulum untereinander abfinden? es ist schon mehr als hundert Jahre her, daß ich Gustav Fischarth hieß und Rektor zu Paddenau im Dräumling war! was geht mich der Kerl an, der vor einer Stunde über den Marktplatz von Paddenau lief und im Vorbeilaufen mit erhobenen Händen das weiße ruhige Götterhaupt um Hülfe anrief? ... Bah!« Schon hatte der Rektor eine von des Malers trefflichen Havannazigarren in Brand gesetzt, schon hatte er eine von des Malers Flaschen entkorkt und entkorkte soeben die andere mit des Malers Pfropfenzieher; als ihm der Teufel, der alte Verführer, noch einmal auf die Schulter klopfte und ihn schmeichelnd einlud, wenigstens einmal aus dem Fenster des Wohnzimmers auf den Markt hinunterzusehen. Schon hatte der beiseite gestellte Festordner die Tür geöffnet, die aus dem Atelier in das Wohngemach führte, als er plötzlich mit grimmigster Energie: »Nein!« sagte, sich fest in den bequemsten Lehnstuhl pflanzte und mit dem dampfenden Punschglase in der Hand ohne weitere Anmerkungen die Schillerfeier des Dräumlings dem Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff, dem Freund Rudolf Haeseler, dem Herrn George Knackstert aus Hamburg und den Mören aus der griechischen Fabellehre überließ. Das zweiundzwanzigste Kapitel Es lebe das freie Lachen, das sich aus der Gebundenheit des grämlichen Tages plötzlich, unvermutet und unwiderstehlich losringt! es lebe vor allem die stille Heiterkeit, welche bei besserm Nachdenken allen wirren, krausen Ärgernissen des Lebens abgerungen wird! und leben sollen die, welche sich jederzeit gründlich Rechenschaft über allen Wechsel ihrer Stimmungen abzulegen vermögen, und welche die Qual oder die Wonne der Stunde wohl gleich allen Erdgeborenen überraschen, doch nicht überwältigen kann. Gepriesen sei der, welcher mit wirklichem Gewinn den kurzen Augenblick des Behagens aus der unbehaglichen Länge des Tages hervorzuheben versteht! Der Paddenauer, sozusagen kaltgestellte Festordner beging in seiner sperrangelweit offen stehenden Klausur die hohe Feier wunderlicher und wundervoller als irgendein anderer, noch so licht, harmonisch und festtäglich aufgestimmter Geist und Genius im deutschen Vaterlande. Durch die gütige Vorsorge seines Freundes, des Malers Rudolf Haeseler, sah der Rektor im Dräumling Dinge, welche er wohl geahnt haben mochte, an welche er jedoch während der letzten Tage sicherlich nicht gedacht hatte. Das Fest, welches der Pädagoge der Stadt Paddenau bereiten wollte, hatte nun der kluge Freund ihm, dem Pädagogen, zugerichtet; es ging ein Pfad aufwärts aus dem Wirrsal und der Verdrießlichkeit des Dräumlings, und es war nunmehr einzig und allein die Schuld des Rektors, wenn er diesen Pfad nicht beschritt. Er hatte aber bereits den Fuß auf die unterste Stufe der lichtglänzenden Leiter gesetzt; er hatte die dreiflammige römische Lampe, welche der Maler in der Via Condotti gekauft hatte, angezündet, und er hatte die Füße auf ein mit verblaßtem Sammet überzogenes Rokokotaburett gelegt, welches der Maler bei einem Trödler in Paddenau gefunden hatte. Die zürnende Muse auf der Staffelei sah über ihn hinweg ins Weite; er aber sah den Wolken seiner Zigarre nach, ließ der Welt ihren Lauf und redete mit sich selber. Er sprach lange mit sich selber. Er überlegte mit seinem Dämon sein ganzes vergangenes Leben durch Kindheit, Jugend und Mannesalter bis zu der gegenwärtigen Stunde. »Man hat doch manchen Spaß in dem drolligen Durcheinander!« sagte er und dann dachte er an sein braves, vergnüglich-bissiges Weib, und daß er sogar zum Vater von Drillingen gemacht worden sei. Bei den Drillingen dachte er naturgemäß an den Tod und an den kleinen Sarg, welchen er neulich auf den Kirchhof von Paddenau begleiten mußte. Tiefsinnig sprach er: »Worüber beklage ich mich denn? Der Bursche, dieser Rudolf, hat mich in einen Geisteszustand versetzt, wie er in allen meinen Manuskripten noch nicht vorkommt. Und ich hatte vor einer Stunde noch Lust, ihn durchzuprügeln?! Und jetzt habe ich Lust, ihm um den Hals zu fallen und ihn anzuschluchzen: Alter Junge, ich habe weder die Prinzessin Lucretia von Ferrara, noch die Signora Lucretia Benadidio, weder die Prinzessin Leonora von Ferrara, noch die Signora Leonora Sanvitale, verehelichte Gräfin Scandiano, geküßt; aber für das Tollhaus bin ich auch noch nicht reif; – es lebe der Dräumling! – Die Welt ist einmal darauf gegründet, daß sich einer an dem andern ärgere, und diejenigen, welche die uralte Mode nicht mitzumachen wünschen, werden gewöhnlich am ersten zu Tode geärgert. O, es ist freilich die größte der Künste, seine Wut in sich hineinzufressen und doch bei gesundem Leibe zu verbleiben – meinen Sie das nicht auch, meine Herren?« Die letzten Worte waren bereits an die beiden hohen Gestalten gerichtet, die von dem weißen, stets andere Formen annehmenden, lichtstrahlenden Gebirge her durch das tiefe, selige Blau Arm in Arm ihm entgegenwandelten, und die er, wie sich das von selber verstand, sofort auf die gemütlichste und vertraulichste Weise anredete. »Es ist gewiß eine große Kunst, und niemand wird leugnen, daß ich mannigfache Gelegenheit fand, sie zu erlernen. Übung macht auch da den Meister,« sagte der Jüngere der beiden freundlich. Der Ältere, Stattlichere aber sprach lächelnd: »Lieber Schiller, Sie gingen jung und aus ziemlich schwankenden Verhältnissen fort; mich lehrten das Alter und das Bewußtsein einer gesicherten Stellung die richtige Art der Abwehr. Ich pflegte mich zuletzt bei jedem impertinenten Andringen der Erde krank zu melden, legte mich zu Bett, blieb, wenn es nicht anders sein konnte, tagelang darin und ließ durch meinen treuen Stadelmann alles Störende an der Tür abweisen.« »Ihre Taktik hat mir hier oben viele Freude gemacht. Sie hatten sich damals schon von den Staatsgeschäften zurückgezogen und schickten auch, statt selber zu gehen, Eckermann, die Frau Ottilie und ihren Sohn ins Theater, um sich von ihnen als jugendlichen Enthusiasten und unbefangenen Kindern, vielleicht über eine Aufführung meiner Räuber, referieren zu lassen. Die Leitung der Bühne hatten Sie gleichfalls abgegeben.« »Erinnern Sie mich nicht daran, mein Freund! Mieding wird Ihnen sagen, was wir ausgestanden haben. Die Erinnerung könnte mich auch hier noch bewegen, sofort ins Bett zu steigen und die Decke bis an das Kinn heraufzuziehen.« »Ja, aber fragen Exzellenz auch, wie man jetzt bei uns über Ihr Verfahren dem Leben des Tages gegenüber denkt!« rief der Rektor von Paddenau. »Der Tag läßt sich heute wahrlich nicht mehr von irgendeiner Schwelle zurückweisen, und mit seinem Groll greift er weit in die Vergangenheit zurück, greift er selbst bis zum Jahr Siebenzehnhundertneunundvierzig hinab. O, man wird niemals Ihren Geburtstag in solcher Weise feiern, wie den des Herrn Hofrats; und was sonst noch Ihre Popularität anbetrifft, so haben Sie Ihre Hoffnung einzig und allein auf das demnächstige Erlöschen des Cottaschen Privilegiums zu setzen. Ihre Werke sind viel zu teuer, um elegant gebunden in den eleganten Bücherschränken populär zu sein. Es gibt billigere Klassiker als Sie, Herr Geheimer Rat, und man hat in Deutschland zu allen Zeiten das Billige geliebt.« »Es ist doch sonderbar, wie man alle diese Einzelheiten des Erdenlebens so bald vergißt. Also unsere Privilegien erlöschen demnächst? Die Ihrigen stammen ja wohl noch aus römisch kaiserlicher Zeit, mein Freund? Die meinigen habe ich, wenn ich nicht irre, dem durchlauchtigsten deutschen Bunde mühsam abgerungen. Sonderbar, sonderbar! Ja, ja, mein Herr; auf Erden hat mir auch die Sicherstellung meines Eigentumsrechtes manche ärgerliche Stunde bereitet; allein hiesigen Ortes habe ich seltsamerweise nicht ein einziges Mal daran gedacht. Wie stellten Sie sich in dieser Hinsicht, lieber Schiller?« »Ich habe recht häufig daran gedacht. Im Grunde war ich doch ein besserer Geschäftsmann als Sie. Ich habe meine Stammeseigentümlichkeiten nie verleugnet, und Sie wissen, man hatte Ursache, sich ein scharfes Auge zu bewahren, sowohl als Redaktor der Thalia und der Horen, wie als Herausgeber des Musenalmanachs.« »Sie verstanden es trefflichst, mich in Ihre Wirbel hineinzuziehen. Wie viele Beschäftigung hat uns oft allein die Decke Ihres Almanachs gegeben; aber auch das waren gute und gesegnete Stunden, wenn wir darüber beratschlagten, ob das Kupfer auf bunt Papier gedruckt, und ob die Lichter mit Gold erhöht werden sollten.« »O gewiß können wir uns das Zeugnis ausstellen, daß uns nie eine Arbeit zu geringfügig erschien. Wahrlich, wir wußten uns zu fördern! Wissen Sie wohl noch, wie die Botenmädchen und Weiber die Xenien in ihren Tragkörben zwischen Weimar und Jena hin und her trugen?« Die beiden Unsterblichen lachten auf die herzinnigste Weise, und der Festordner von Paddenau lachte mit, als eben zwei andere Bewohner des Olymps, und zwar gleichfalls Arm in Arm sich nahten. Eine allgemeine Begrüßung fand statt. »Sie scheinen doch noch ein wenig fremd in diesen Regionen zu sein,« sagte der Geheimerat zu dem Schulmeister aus dem Dräumling. »Soll ich Ihnen die Herren bekannt machen?« »Ich bitte darum,« erwiderte der Rektor Fischarth, und der Olympier stellte vor: »Herr kaiserlich russischer Generalkonsul von Kotzebue, – Herr Doktor Fischarth ans Paddenau! – Herr Doktor Fischarth – Herr Theaterdirektor Shakespeare aus Stratford am Avon.« Der Festordner fuhr drei Schritte gegen eine goldrote, sehr zum Sitzen einladende Wolkenbildung zurück: »Ich ... die Ehre ... großer Gott ... ist das? ... aber das ist ja unmöglich!« Und heiter rief Friedrich von Schiller: »Sehen Sie, Kotzebue, da haben Sie es wieder!« William, der Speerschüttler, aber setzte sich dem Rektor von Paddenau gegenüber auf ein anderes Gewölk, schüttelte diesmal sich selber, und zwar vor innerlichstem Vergnügen. Der kaiserlich russische Generalkonsul klopfte dem Mann aus Paddenau gutmütig auf die Schulter: »Ich versichere Sie, mein Lieber, wir sind allen Ihren Literaturgeschichten zum Trotz hier oben die besten Freunde und selten bei irgendeiner Frage – auch außergeschäftlichen – verschiedener Meinung. Blieben Sie diesmal für eine längere Zeit bei uns, so würde es mir ein Vergnügen gewähren, Sie auch mit meinem Freunde Sand bekannt zu machen. Der Schäker führt jedoch augenblicklich meine erste Frau spazieren; die gute Seele ist ihm immer noch dankbar für den Dienst, welchen er ihr seinerzeit erwies.« »Das ist ja sehr ... sehr – ja, das ist mir ungemein interessant!« rief der Rektor, und jetzt lachten alle im Kreise. Auch Goethe, Schiller und Kotzebue ließen sich nun nieder; nur Herr Gustav Fischarth stand noch; wenn aber alle sitzen, so ist es für den einzelnen ein wenig befänglich, allein aufrecht zu bleiben. Auch der Rektor von Paddenau setzte sich. Er setzte sich auf das purpurne Gewölk, gegen welches er soeben in seinem Erstaunen zurückgewichen war, und es ging ihm wie so manchem, der da meint, was andere tun, gleichfalls tun zu können. Er setzte sich und – was jene trug, wich unter ihm! Mit beiden Händen griff er hinter sich, um eine Stütze zu suchen; er fand sie nicht, seine Füße, seine Beine fuhren in die Höhe, wie er mit der Mitte seines Körpers sank. Noch sah er einen Augenblick die glänzenden Augen der Halbgötter freundlich auf sich gerichtet; noch hörte er ihr olympisches Lachen; doch schon im nächsten Moment brach er vollständig durch. Das was eben noch lichtglänzend, farbenstrahlend war, das wurde zu einem grauen, naßkalten Nebel; – der Rektor von Paddenau, der Festordner des Dräumlings fiel – fiel – fiel immer schneller. Die himmlischen Harmonien verklangen, verhallten, wie die empyreischen Farben verschwanden; eine rauschende, bei weitem weniger wohllautende Musik als die Musik der Sphären drang sich seinen Ohren immer mächtiger, immer gröber, immer unverschämter, ja, mit Erlaubnis zu sagen, immer gröber und unverschämter auf, er fuhr empor, und der Dräumling hatte ihn wieder.– Das dreiundzwanzigste Kapitel. Nein, der Dräumling hatte ihn noch gar nicht losgelassen. So leicht läßt der Dräumling keinen frei. Der quieszierte Festunternehmer sah sich noch immer in dem Atelier des wohlwollenden Gastfreundes vor dem Bilde der Muse, welche ihm eine so gute Bekannte war. Übrigens erforderte es, wie stets in solchen Fällen, ein längeres Horchen nach dem plötzlichen Aufschrecken, ehe er ganz und gar ermessen hatte, wie außerordentlich der Spektakel war, welchem die Stille und der Friede, die ihn so süß nach den Qualen des Tages einlullten, weichen mußten. Trotzdem daß die Werkstatt des Malers, wie wir wissen, dem freien Felde zu gelegen war, drang von der Marktseite her und aus den Gassen der Stadt der bedeutendste Lärm zu den erstaunten Ohren des freiwillig Eingesperrten. Rauschende Musik, welche jedoch, wie gesagt, nichts mit den Klängen der Sphären zu schaffen hatte, und vielstimmiges Jauchzen, jedoch nicht der himmlischen Heerscharen, sondern der Bevölkerung von Paddenau, erschütterte die Nacht und die Novemberluft. Dumpfe Paukenschläge ließen die zierlichen Kettchen, an welchen die dreischnäblige antike Lampe hing, die ganz klassisch den Schlummer des lateinischen Schulmeisters beleuchtet hatte, erzittern. Der Rektor Fischarth stützte sich, vorgebeugt, auf beide Armlehnen seines Sessels und sah starr nach der Tür, welche aus dem Atelier in das Wohngemach führte. Das Haus der tauben Witfrau war ebenfalls voll von Klängen der verschiedensten Sorte, und vielfüßiges Getrappel polterte auf der Treppe, vielfäustiges Gepoche donnerte an die Pforte der Wohnung des Malers Rudolf Haeseler. Jeder Mensch, der auf eine solche oder eine ähnliche Weise aus einem angenehmen Schlummer (wenn ihn derselbe auch nicht in den Olymp führte) erweckt wird, denkt naturgemäß und zu allererst an Mord, Totschlag, Brand, Aufruhr und Erdbeben; sodann – notabene wenn er verheiratet ist – an sein Weib und seine Kinder, und der Rektor von Paddenau fiel nicht aus der Regel heraus. Außerdem fiel er aber auch, wie wir erfuhren, aus dem Olymp, und die phantasiereichsten Menschen fassen sich bei derartigen Gelegenheiten am schwersten und retten sich viel eher mit dem Stiefelknecht als mit dem Geldkasten und der Familie auf die Gasse. Man konnte von unserm Freunde Fischarth nicht verlangen, daß er ruhig die erloschene Zigarre von neuem an der antiken Lampe anzünde, ehe er ging, um gemächlich jene Tür, welche ihn noch von der Außenwelt trennte, zu erschließen. Er ging durchaus nicht gemächlich hin, um den Schlüssel im Schloß umzudrehen. Er war aufgesprungen und sprang von neuem im Gemache umher; er warf verschiedene Stühle über den Haufen, stieß mit der Stirn an eine Schrankecke und schrie: »Was ist denn? was ist denn? Donnerwetter, was ist los?« Draußen trommelte es wütender an der Tür: »Aufmachen! Vivat! Vivat Schiller! Vivat Fischarth! Hurra, – aufma – chen!« »Gleich!« kreischte der taumelnde Rektor, nach dem Türgriffe tastend. »Himmeldonnerwetter, gleich, gleich!« Und wieder fuhr er zurück; denn was jetzt geschah, trieb selbst die taube Witwe, die Besitzerin des Hauses, an, sich die Ohren mit beiden Händen zuzuhalten. Ein gewaltiger Tusch, geschmettert von Trompeten und Hoboen, gewirbelt von Pauken und Trommeln, erschütterte das Haus bis in seine Grundfesten und trieb gleich am folgenden Tage den städtischen Baumeister zu einer amtlichen Untersuchung des Mauerwerkes an. Wieder warf der Rektor im Zurückfahren einen Stuhl um. »Hurra! Vivat! es lebe unser Mitbürger Fischarth! es lebe der Herr Rektor Fischarth! Dreimal hoch! Vivat! – vivat! – vivat!« Außer sich stürzte sich der Gefeierte wieder auf die Tür; wie es ihm möglich wurde, den Schlüssel umzudrehen, konnte er nachher nicht angeben; aber es wurde ihm möglich. Die von den Andrängenden aufgeworfene Pforte schleuderte ihn fast zu Boden; mit aller Wucht und Gewalt, jedoch nicht ganz so, wie er es sich in seinen idealen Phantasien vorgestellt hatte, drang das hohe Fest, das ihn so viel heißen und kalten Angstschweiß gekostet hatte, geleitet von dem Freunde und Sumpf-, Heide-, und Moor-Maler Haeseler, auf ihn herein. Auf der Schwelle des Ateliers, von den Nachdringenden auch ein wenig katapultenhaft geschleudert, erschien, beleuchtet von verschiedenen buntfarbigen Papierlaternen, der Maler, griff taumelnd dem taumelnden Philologen in das Halstuch, hielt sich, hielt ihn und rief mit einem Grinsen, welches ihm den Mund bis zu beiden Ohren auseinanderzog: »Bist du bereit? Wir sind es! Es ist halb sieben Uhr, und es ist die höchste Zeit für den grünen Esel!« Nun kann man wohl einen Menschen, der uns einen hinterlistigen Streich spielte, wenn er allein kommt, um Abbitte zu tun, oder seine Handlungen durch Reue zu beschönigen oder durch eine kluge Darlegung zu rechtfertigen, am Kragen nehmen und, ohne auf Vernunft zu hören, tüchtig durchschütteln: – wie aber, wenn der Sünder kommt wie der Heidemaler Rudolf Haeseler, unter Fackelschein, mit Trommelwirbel und Drommetenklang und begleitet von sämtlichen Mitgliedern des Paddenauer Schillerausschusses und einem nicht unbedeutenden Teile der Stammgäste des runden Tisches im grünen Esel?! Ist überhaupt ein Mann, der sich eben im Saal der Götter auf einen purpurnen Wolkensitz niederließ und durchbrach, ein Mann, der aus dem erhebendsten Traum durch solch ein schauderhaftes Getöse gerissen wird, überhaupt imstande, sofort dem Getöse gegenüber seine Stellung einzunehmen und einen klaren Überblick über die Sachlage zu gewinnen? Die Masse in ihrem wüsten elementarischen Andringen hat ihr Recht, oder vielmehr ihre Macht nur allzu häufig über die besten Köpfe, die eisernsten Herzen behauptet, und ihr Unrecht ihnen gegenüber mit verdoppelter Energie festgehalten. Der Rektor im Dräumling, der weder einen besten Kopf besaß, noch auf ein eisernes Herz einen irgend gerechtfertigten Anspruch erheben konnte, stand – starrte – rieb sich die Augen – stammelte verworrene Worte: was sollte er auch anders machen? Mit vielem theatralischen Talente hatte ihm der Maler die Arme um die Schultern und den Kopf an den Busen gelegt, und wenn es nötig gewesen, würden ihm wahrscheinlicherweise auch die Zähren für den feierlichen Moment nicht gemangelt haben. »Sage mir–« schrie der Rektor. »Sage mir nichts!« ächzte der Maler. »Begreife die große Stunde und ergib dich deinen Mitbürgern. Steigen wir zum Kapitol empor, den Göttern zu danken – marsch!« Der Festordner ergab sich wirklich seinen Mitbürgern; er ergab sich wie ein junger phantasievoller Araber, der sich entweder heimlich im verbotenen Saft der Traube berauscht hat, oder sich plötzlich in den Händen eines tibetanischen Zauberers und in der Gewalt sämtlicher Dämonen, Dschinnen und Gulen der Wüste Kobi findet, und sich willenlos von einem gespenstischen Sturmwind weit über Samarkand hinaus ins Ungewisse, Grenzenlose fortwirbeln lassen muß. Der Dräumling, politisch aufgeregt, war schlimm; aber ästhetisch aufgeregt war er noch schlimmer. Es ging die Treppe hinunter, und erst auf der untersten Stufe hielt der betäubte Fischarth dem Maler die Faust unter die Nase: »Mein Junge, Rechenschaft verlange ich doch! verlaß dich drauf!« »Sind dir die Schlüssel zu Händen gekommen?« »Freilich!« »Nun, so werde ich mit Vergnügen dir die gewünschte Rechenschaft ablegen. Alles Phlegma des Dräumligs auf dein Haupt! Weshalb kamst du mir nicht nach, nachdem ich dir die Gelegenheit gegeben hatte, dich zu sammeln? Mir scheint, die Enkel deiner Enkel werden mich noch segnen, weil ich heute ihren Ahnherrn vor der Überführung in das Landesirrenhaus bewahrte.« Was der Ahnherr des Hauses Fischarth auf dieses große Wort seines Freundes erwiderte, ging den Enkeln leider vollständig verloren; denn beide Herren traten eben aus der Haustür der tauben Wittib und wurden auf der Straße von einem Jubelgeschrei Paddenaus in Empfang genommen, welches den demagogischen Talenten Haeselers alle Ehre machte. Er hatte seine Zeit wohl benutzt, und es zeigte sich wieder einmal, daß es den übelberüchtigtsten Individuen am schnellsten und leichtesten gelingt, sich im gemeinen Wesen an die Spitze der aufgeregten Massen zu stellen, wenn sie, die munteren Schlauköpfe und tatkräftigen Heimtücker, ihr Vergnügen oder ihren Vorteil dabei zu finden glauben. Der liebe Freund Haeseler fand jedenfalls sein Vergnügen dabei, aber ob er seinen Vorteil dabei fand, mußte die Zukunft ausweisen; denn nicht ein jeglicher, der eines Wunsches Erfüllung erlangt, ist nachher imstande, zu behaupten, es sei ihm unmöglich gewesen, sich etwas anderes, Besseres, z. B. das Gegenteil seines Wunsches zu wünschen. Lassen wir ihn das mit Knackstert Witwe und Sohn ausmachen; augenblicklich gab sich auf seinen Betrieb die Paddenauer Stadtmusik von neuem mit Aufbietung aller Kräfte an ihr disharmonisches Geschäft. Der Zug in den grünen Esel ordnete sich und setzte sich in Bewegung; wir aber, die wir zu Ehren des gefeierten Dichters seine edeln Werke von neuem lasen, ziehen Vorteil daraus und zwar in diesem eben gegebenen Falle aus der Tragödie Maria Stuart. Wir gehen nicht mit auf das Schafott, und führen auch die Leser nicht dahin! Wie der Graf Leicester nehmen wir unsern Standpunkt über dem Jammer – nein, nicht über dem Jammer, sondern unter ihm! Da wir keine hohe unsterbliche Tragödie schaffen, sondern nur eine harmlose Posse aus der Kinderstube des Lebens liefern, so halten wir uns ruhig unter den großen Dingen, die im Festsaale vorgehen. Wir bleiben bescheiden in der Gaststube, die, wie wir wissen, unter dem Festsaale gelegen ist, brauchen aber auch keineswegs zusammenzufahren, wenn droben etwa ein Schemel gerückt werden sollte. Das vierundzwanzigste Kapitel Shall I not take mine ease in mine inn? Soll ich nicht meine Behaglichkeit in meiner Kneipe haben? Ja, natürlich sollt Ihr das, Sir John, und was uns anbetrifft, so wollen wir uns derselbigen gleichfalls bedienen, wie es uns zusteht, das heißt, wir wollen fürs erste Herrn Ahrens, den Wirt zum grünen Esel, sein Behagen in seiner Herberge nehmen lassen. Der Würdige stand in der Mitte des schon früher bis auf einige Kleinigkeiten genügend gekennzeichneten Gemaches, grade unter der Petroleumlampe, die trübe-stänkerig von der Decke herabhing und ihn nur sehr unvollkommen in das rechte Licht stellte. Er stand mit tief in die Taschen geschobenen Händen und tief in das Innerste seiner Seele hineinbohrenden Gedanken. Er stand kopfschüttelnd und, wie es schien, auf das höchste überrascht von dem Verlauf, welchen die merkwürdigen Angelegenheiten des Tages genommen hatten. »Es ist doch die Möglichkeit!« seufzte er mit vollkommener Verzichtleistung auf seinen Glauben an die Menschheit. »Meine Verwunderung ist groß; aber die des Hamburger Herrn wird wohl noch größer sein! Wie nett hatten wir heute Morgen den Kessel ans Feuer gerückt, und wie prachtvoll kochte die Suppe! Ich bekam das Doppelte meiner mutmaßlichen Einnahme beim Feste, wenn ich das Fest hintertreiben konnte, und ich hätte es hintertrieben, weiß Gott, ich hatte es hintertrieben! Da hätte man merken können, was ein ordentlicher Wirt ist! – kein Mensch in der ganzen Stadt ahnte, woher der plötzliche Verdruß und die Eifersucht unter all den Vereinen zum geselligen Vergnügen und zur Beförderung der Eintracht und der schönen Künste komme; aber ich wußte es. Da war der große Zug noch ganz in Harmonie, und dann rückte der Hamburger Herr mit seinem Vorschlag heraus, und ich rückte ins Treffen. Da steckte ich erst hinter dem Vorstande der Fidelitas; dann steckte ich hinter den Mitgliedern der Harmonie; mein Kegelklub stellte sich gleich ganz auf meine Ansicht, und schon um Mittag hatte ich den Topf so ziemlich zum Überkochen gebracht. Ich glaube, die einzige Dummheit, die ich gemacht habe, ist, daß ich den Schulmeister, den verrückten Poeten, zu scharf anspielte. Er hatte natürlich meine Farbe nicht; aber was half es mir, daß er mich mit Trumpf stach? Den Satan, den Pinselmeier, den spitzfindigen Kläffer, diesen Maler Haeseler möcht' ich nur gleich selber zu Farbe verreiben und ihn an der nächsten Wand vermalen! In einer halben Stunde hat er mich um alle Früchte meines Erfolges gebracht, und ich habe es vielleicht gar noch als eine Gnade des Himmels aufzunehmen, wenn mir der Hamburger in seiner Wut nicht mit der Zeche durchgeht. Ahrens, das hast du davon! – Schockschwerenot, wenn ich den Goldenen-Kalbswirt in meine Seelenstimmung versetzen könnte!... Je den Umständen nach, ist meine Parole, und je den Umständen nach würde ich meine Meinung jedem gesagt haben, der mir heute mittag gesagt hätte, wie vergnügt es am Abend in meinem Hause und in meinem Gemüte zugehen würde. Daß ich ein anständiges Geschäft durch die Jubelfeier mache, kann mich, wie es jetzt ist, nur boshafter machen; denn was mache ich? Nur die Einnahme, die ich kenne, und ich hatte die schönste Aussicht, die zu machen, die der Hamburger Herr nicht kannte! Nun höre sie einer! soviel ihrer Platz in der Arche gehabt haben, treten mir die Treppe in Grund und Boden, und da – schrumm, bum, schrumm bidibum, als wenn Venus und Urania ihre Hochzeit in meinem Saale feierten! Na denn nur zu: nur immer vergnügt und durstig, meine Herren! Lavieren bleibt stets die Hauptsache! Lavieren ist für den Wirt, was für den Doktor die Lavements sind; – he, he, he, Ahrens, es freut einen doch, daß man je den Umständen nach noch imstande ist, einen Witz zu liefern. Lou–ih!« »Herr Ahrens?!« erschallte es wider; aber ehe wir das, was der Wirt zum grünen Esel weiter zu bemerken hatte, den kommenden Geschlechtern mitteilen, haben wir die Einzelheiten nachzuholen, die wir früherhin bei der Schilderung seines Lokales ausließen. Neben dem Ofen der Gaststube befindet sich eine Tür, vor welche bei allen feierlichen und festlichen Gelegenheiten ein Tisch geschoben wird, der als Büfett dient. Die Tür führt in ein lochartiges Gemach, und aus dem Loch führt eine enge Treppe hinauf in das erste Stockwerk des Hauses, in den Korridor vor dem großen Saale, und von diesem Korridor aus noch mit weitern zwölf Stufen bis zum Musikantengerüst. War die Tür, die in die Gaststube führte, geöffnet, so konnte man trefflich von unten nach oben, oder von oben nach unten sich alle wünschenswerten Mitteilungen machen, woran wir demnächst noch eine dramaturgische Notiz zu knüpfen haben. »Lou–ih!« »Herr Ahrens?« »Ich glaube, Louis, daß wir uns, alles in allem bedacht, auf einen ganz soliden Durst nach der Festivität und in den Pausen einrichten müssen. Wie weit sind sie denn oben?« Louis, der hinter dem Schenktisch vor einem erleuchteten Bierfasse Gläser putzte, rief in die Höhe: »Fritze!« »Äh?!« »Der Herr fragt, wie weit sie im Saale sind.« »Man versteht eben das meiste nicht von wegen des Gesummes und Fußscharrens, und zwei Drittel haben den Schnuppen, aber der Herr Rektor Fischarth hat noch immer das Wort.« Der Kellner unten gab das Bulletin weiter, und Ahrens sprach: »Schön! wenn der es einmal gekriegt hat, so behält er's fürs erste.« Er meinte das »Wort«, soweit es in unserm Freunde Gustav Fischarth in Paddenau Fleisch geworden war, und er hatte keineswegs völlig Unrecht. »So zum Beispiel heute auf dem Markte! O ja, je den Umständen nach ist es eine recht dankenswerte Gabe Gottes. Lou–ih!« »Herr Ahrens?« »Was macht Fritze eigentlich auf der Galerie?« »Die Madame hat ihn hinaufgeschickt. Er soll Achtung geben, daß niemand auf die Rohrstühle steigt; aber es stehen doch schon drei auf einem, und ein halbes Dutzend ist schon durchgebrochen.« »Das fällt aufs Komitee!« rief der Wirt zum grünen Esel mit nachdrücklichstem Nachdruck. »So ist es, wenn man nur fünf Silbergroschen Entree fordert und noch dazu bekannt macht, daß von wegen des hohen Zweckes und allgemeinen deutschen Vaterlandes wer will, auch gar nichts zu geben braucht! Schwerebrett, brauche ich mir um einen toten Schreiber meine lebendigen Stühle zusammentrampeln lassen? Lou–ih!« »Herr Ahrens?« »Daß mir Fritze ja aufpaßt, und vorzüglich wenn das Fräulein an die Reihe kommt; denn da sind sie mir imstande und steigen sechs auf einen, und nachher möchte ich meine Frau lieber nicht sehen! O du meine Güte, wenn man das nicht kennte?! Lou–ih, wo steckt denn Pieperling?« »Pieperling? Den hat die Madame an die Saaltür gestellt. Er soll auf die geistigen Getränke aufpassen und keinen einlassen, der nicht mehr fest auf den Füßen steht.« »Um Einen toten Schreiber solch ein Aufgebot!« ächzte der Wirt zum grünen Esel mit einem wehmütig vorwurfsvollen Blicke nach der Decke; doch in demselben Augenblicke fuhr er schnell herum: »Ah, Gehorsamster – ganz Gehorsamster!« und der im submissesten Gastwirtston hervorgestoßene Gruß ging an den Geknicktesten aller Hamburger Großhändler, an Herrn George Knackstert, den Chef des Hauses Knackstert Witwe und Sohn, der mit verschränkten Armen und tief in die Stirn gedrücktem Hute in die Gaststube trat und, ganz Backenbart und Ingrimm, den höflichen Wirt zum grünen Esel eine geraume Weile anstarrte, ehe er denselben wirklich bemerkte. Als der große Kaufmann seinen Hospes endlich wirklich bemerkt hatte, zeigte es sich erst recht, wie tief er herunter war. Die Gesellschaft des Mannes war ihm angenehm; obgleich derselbe seinen Intentionen schlecht genug entsprochen hatte. Er, George Knackstert, welcher ihn am Morgen in sein Vertrauen zog und ihm, da die Umstände es erforderten, die zartesten Reize und Schönheiten seiner Seele entschleierte, fühlte sich in seinem Elend auch jetzt noch durch die Gegenwart des höflichen Herrn Ahrens wohltuend berührt. »Ich träume das!« sagte Knackstert, und zwar fürs erste noch zu sich selber. »Ich lasse die Überzeugung, daß ich dieses nur träume, noch nicht los! Nein, nein, ich träume es leider Gottes nicht! Der Strudel hat mich gepackt und läßt mich nicht los. Und dazu bin ich von Hamburg nach Paddenau gekommen?! Was habe ich getan? was habe ich tun müssen? Man hat mich hingeschickt, diese Frau Kantorin oder Rektorin abzuholen, und ich bin hingegangen und habe sie abgeholt! Man hat mir den Auftrag gegeben, die Person in den Saal zu führen, und ich habe sie durch sämtliches übelduftende, anrüchige Gesindel hindurch hineingeschafft. Man hat mir befohlen, ihr einen Platz in der vordersten Reihe zu verschaffen, und ich habe sie wirklich – wirklich auf einen Stuhl im Vordergrund der hiesigen Bevölkerung niedergesetzt, und man hat mich dabei einen Lümmel geheißen! Eine Seequalle im Sturm würde mehr Widerstand geleistet haben – es ist entsetzlich, aber es ist nicht anzukämpfen gegen diese Wirbel. Ich bin am Ende – ich bin – ah, der Herr Wirt –« »Gehorsamster! ganz Gehorsamster! der Herr Kommerzienrat befinden sich hoffentlich –« »Höchst miserabel. Nicht einmal in sein Schlafzimmer kann man sich zurückziehen vor dem Verdruß. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, mein Herr; ich weiß, daß Sie Ihr möglichstes getan haben.« »Gewiß, gewiß.« »Aber ich habe gleichfalls mein möglichstes getan, die Illusionen, welche ich mit mir auf hiesigen Platz brachte, festzuhalten. Ich gebe es auf. Ich habe mich getäuscht, und es ist vielleicht ein Glück, daß die Enttäuschung so schnell dem Irrtum auf dem Fuße folgt. Vielleicht hätte ich zu keinem günstigeren Moment nach Paddenau kommen können. O meine Ideale! Da liegen sie; – geben Sie mir eine Zeitung, Herr Wirt.« Stöhnend ließ sich die Firma Knackstert Witwe und Sohn an dem großen, runden Gasttische nieder und verbarg das gequälte Haupt hinter dem umfangreichen Format der Neuen Preußischen. Die dramatische Kunst ist schon seit längerer Zeit darauf angewiesen, irgend jemand auf einen Turm oder sonst erhöhten Aussichtspunkt steigen und von dort aus Bericht geben zu lassen, wenn in der Ferne etwas geschieht, dessen Verlauf zu kennen auf der Bühne wünschenswert ist. Und wenn der Ausluger droben wirklich etwas zu sehen und mitzuteilen hat, so lauscht das Publikum vor den Lampen immer noch mit einer gewissen Spannung, höchstwahrscheinlich angesteckt von dem Interesse, welches das Publikum hinter den Lampen pflichtgemäß zu betätigen hat. Da wir nun, angesteckt von den größten Schauspieldichtern aller Zeiten, bereits angefangen haben, in diesem Kapitel gleichfalls von dem Mann auf dem Turme Gebrauch zu machen, so sehen wir gar nicht ein, was uns hindern könnte, fortzufahren, wie wir anfingen. Wir haben auch unsere Leute in der Höhe, und im Notfall können wir auch noch Pieperling hinausschicken. – Ein dumpfes, allgemeines, langhallendes Getöse, Hochrufen, Stuhlrücken und Fußscharren bewog den Vetter aus Hamburg, trotzdem er mit allem abgeschlossen halte, die Nase über das veraltete Zeitungsblatt zu erheben und zu fragen: »Was bedeutet das, Herr Wirt?« »Wahrscheinlich wird der Herr Rektor mit seiner Rede zu Ende sein. Er hat es ausnahmsweise kurz gemacht. Ich will mir kein falsches Verdienst anmaßen, Herr Kommerzienrat, aber vielleicht liege ich ihm noch von heute mittag her in den Knochen. Lou–ih!« »Herr Ahrens?« »Wie weit sind sie da oben?« »Der Herr Rektor ist fertig. Jetzt kommt wieder die Musik; nachher, hat Pieperling gesagt, sagt Fritze, kommt Fräulein Mühlenhoff.« George Knackstert schauderte zusammen. Er warf die Kreuzzeitung wütend zerknittert auf den Tisch und zwar unter den lauten Klängen von: O wie wohl ist mir am Abend – welche schöne Melodie sofort nach unseres Freundes begeisterter Rede von der Stadtmusik angestimmt wurde, und unseren Freund bewog, den Wunsch zu äußern, daß man der Stadtmusik nicht die Auswahl ihrer melodiösen Leistungen freigestellt haben möchte. »Je den Umständen nach ist es doch eine recht nette Feierlichkeit,« meinte jetzt, fortgerissen von den Wogen der Musik, der Wirt, ohne sich aber mit seiner Meinung direkt an den hohen Gast zu wenden. »Eine nette Feierlichkeit? O ja! Zum Verrücktwerden ist's!« schrie Herr George Knackstert. »Befände ich mich in meinem Schlafzimmer, so würde mich nichts hindern, in Schlafrock und Pantoffeln der widerlichen Geschichte Einhalt zu tun. Ich habe das Recht, in meinem Wirtshaus im Nachtkostüm mein Zimmer zu verlassen und jeden mir beliebigen Gang anzutreten. Ich würde unbedingt in diesem Moment von meinem Rechte Gebrauch machen und höchstens meinen Diener Quante als Schutz gegen mögliche Roheiten auf dem Wege mitnehmen.« »So feindselig wird niemand in meinem Hause dem Herrn Kommerzienrat entgegentreten!« rief der Wirt zum grünen Esel, der einsah, daß er vorhin durch seine Bemerkung einen Fehler gemacht habe und nun denselben zu verbessern wünschte. »So?!« sagte der Hamburger groß und ergeben zu gleicher Zeit und würde wohl noch mehreres gesagt haben, wenn nicht die Stille seiner Betrachtungen plötzlich durch ein sehr tumultuarisches Eindringen Paddenaus in die Gaststube gestört worden wäre. Das fünfundzwanzigste Kapitel. Paddenau hatte Durst, und während der Hamburger jetzt mit weiten Schritten in der Stube langsam auf und ab stiefelte, und während der Musikmischmasch, begleitet von dem gewöhnlichen dumpfen Unterhaltungsgemurmel, oberhalb der Decke des Gastgemaches seinen Fortgang hatte, kam es, um diesen Durst zu löschen. Nur das männliche Paddenau kam; das weibliche blieb im Saal und aß Obst und Zuckerwerk aus dem Strickbeutel und aus der Tasche, was wir nicht ändern können, was uns aber auch weiter nichts angeht. An das Büfett in der Gaststube stürzten die männlichen Paddenauer von den verschiedensten Lebensaltern und Lebensstellungen, die durch den ästhetischen Genuß trocken gewordenen Kehlen anzufeuchten, und alle waren selbstverständlich zu gleicher Zeit ungemein kritisch gestimmt und ließen an der oratorischen Leistung des Rektors Gustav Fischarth wenig Gutes. Sie erquickten nicht nur sich selber, sondern auch den Hamburger Großhändler, der von Augenblick zu Augenblick stehen blieb, in das Getümmel am Schenktische hineinhorchte und dann seinen Marsch mit einem leise gebrummten billigenden Ausrufungswort von neuem aufnahm. Der Wirt war nur Wirt, und das Fest stieg in seiner Achtung mit dem Konsum anregender Getränke durch die Festgenossen. Wenn diese letztern im Laufe des Abends hielten, was sie jetzt versprachen, so hatte der Herr Kommerzienrat alle Aussicht, im Busen des Herrn Ahrens auf das Niveau eines zwar sehr anständigen, aber keineswegs hervorragenden Gastes herabzusinken. Ob der verherrlichte Dichter gewann, was der Kommerzienrat verlor, das ist freilich eine andere Frage. – Aber jede Zwischenaktsmusik muß endlich einmal zu einem Ende kommen – ein Schicksal, dem wahrscheinlicherweise selbst die Sphärenmusik dereinst nicht entgehen wird – was jedoch die Paddenauer Stadtmusik anbetrifft, so hielt sich dieselbige selbstverständlich an das verabredete Honorar und brach mitten im Satze ab, als sie glaubte, dem Komitee für sein Geld genug gegeben zu haben. Auf der Stelle stürzte jeder, eine Kontremarke besitzende Festteilnehmer den Rest aus seinem Glase hinunter und drängte sich eiligst wieder die Treppe hinauf, um für sein Eintrittsgeld alles zu genießen! Die gediegensten Kritiker beeilten sich am meisten; innerhalb zwei Minuten war die Gaststube wieder leer; der Wirt zum grünen Esel rieb sich vor seinem Büfett die Hände, und die große Firma Knackstert Witwe und Sohn hielt ein in ihrem grimmigen Marsche zum Grabe ihrer Achtung vor den gesunden fünf Sinnen des deutschen Volkes. Herr George Knackstert schauderte abermals zusammen und jetzo tiefer und fröstelnder als je; denn jetzt war ja das Entsetzliche vor der Tür. Die so schöne seetüchtige Brigg, die zwischen Hamburg und Havanna fuhr und den Namen Wulfhilde Mühlenhoff am Stern trug, mochte die »alte Liebe« bei Kuxhafen noch häufig passieren; aber Wulfhilde Mühlenhoff selbst trieb mast- und ruderlos vor dem Winde: noch ein Augenblick des Ärgers, der Wut und des getäuschten Selbstgefühles und – der Vetter ans Hamburg konnte abreisen und ruhig sein Schiff im Hamburger Hafen umtaufen. Ja, wenn man so leichten Kaufes davonkäme! Natürlich hatte sich Pieperling geirrt: ehe Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff vor dem Dräumling auftrat, war erst die Reihe an dem Liederkranze, das Seinige zu leisten, und wehe dem, der keinen Gesang vertragen konnte, und ihn, den Paddenauer Liederkranz, der Höflichkeit wegen, aufgefordert hatte, einige Lieder vorzutragen! Ein dumpfes Getrappel über den Köpfen zeigte den in der Gaststube Befindlichen an, daß die Schar der Sänger die Tribüne betrete, und Knackstert warf sich abermals auf einen Stuhl und griff von neuem nach der Kreuzzeitung. Der Paddenauer Liederkranz begann und zwar mit dem reizenden Lindpaintnerschen Maigesang: »Es regt der Lenz die jungen Glieder –«, was doch einfach gelogen war. Der Lenz regte gar nichts, sondern es war ein recht kalter, dunkler und feuchter Novemberabend, und das Lied bezog sich auch sonst mehr auf den Todestag als auf den Geburtstag des verherrlichten Dichters; aber der Komponist siegte hier und jetzt, wie überall und immer mit seiner unsterblichen Melodie, und der Gegensatz nahm gleichfalls sein uraltes Recht auf der Menschen Gemüt in Anspruch. Paddenau mußte Da-Capo rufen, und rief es wirklich, noch ehe die Schlußverse des Stuttgarter Stadtrates im Saale verklungen waren. Diese Schlußverse lauten, wenn wir nicht irren: »Wir wollen keinen Schmerz erneuen, Wir wollen uns des Frühlings freuen; Die Freude sei sein schönstes Lob;« und Knackstert, in der unumstößlichen Gewißheit, daß der Lieberkranz sofort wieder von vorn beginnen werde, sagte gebrochen und zerknirscht hinter seiner Zeitung: »Geben Sie mir eine Flasche Sodawasser.« Der Wirt flog nach dem Schenktisch; der Paddenauer Sängerbund verlängerte nach Möglichkeit die Qual des Vetters aus Hamburg. Er sang im ganzen acht Lieder, und von diesen acht Liedern sang er die Hälfte auf allgemeines Verlangen noch einmal. Nachdem er also zum zwölften Male zu Ende gekommen war, vernahm man in der Gaststube sein Abtrappeln unter dröhnendem Beifallrufen. Die Decke drohte einzubrechen, die zweite Pause des Vergnügens war glücklich erreicht, und wiederum stürzte Paddenau, durstiger denn zuvor, und der Liederkranz voran, die Treppe herunter an den Schenktisch. Der Liederkranz schien sich zu einer Wüste Sahara gesungen zu haben. Zwei frische Fässer mußten herangerollt werden, diese ausgedörrte Wüste anzufeuchten. Es zeigten sich Symptome des Händereibens an dem Wirte zum grünen Esel. Er sprach kurz: »Gleich, mein Herr!« als der zerschmetterte Großhändler gepreßt nach einem Zündhölzchen rief. Die Wogen der nationalen Erregung rissen auch ihn, den Wirt zum grünen Esel, mit sich fort, und als er endlich Zeit fand, dem großen Hamburger Kaufmann das Feuerzeug zuzuschieben, sagte er mit einem Blick nach oben: »Es ist unzweifelhaft ein sehr schönes Fest, mein Herr! es ist doch recht großartig, einen edlen Dichter so allgemein zu ehren. Nun kommt es noch auf das Festessen an; doch das gehört in das Departement meiner Frau.« Noch fragte er seinen hohen Gast nicht, ob er an diesem Festessen teilnehmen werde; aber der Moment war gar nicht fern wo er sich berechtigt fühlen konnte, auch diese Frage zu stellen. Die Unverschämtheit steigt nicht selten mit dem Erfolge, selbst mit dem Erfolge, welcher einem aufgedrängt wird. – Es war die große Pause des Festes. Man hatte Zeit, sich seine Ansichten und Bemerkungen mitzuteilen, und tat es, die Gläser und Krüge in den Händen. Ein wildes Getöse erfüllte die Gaststube, der Liederkranz lobte sich selber, und die Zuhörer lobten den Lieberkranz; das Menschtum zeigte sich von seiner schönsten, edelsten, erfreulichsten Seite: jeder trank auf das Wohl des andern und tat es gern. Der Oberkommandant der Schützen ließ den Vorstand der Sangesbrüder leben. Der Vorstand der Sänger brachte ein Vivat auf den Vorsitzenden des Komitees des heutigen Abends, Herrn Rektor Fischarth aus, und sein Dämon hielt schützend die Hand über ihn, er bekam nicht die geleerte Sodawasserflasche des Herrn George Knackstert aus Hamburg an den Kopf. Herr George Knackstert hielt die Flasche krampfig umspannt, er hob sie und stellte sie mit einem Stoß wieder auf den Tisch und duckte sich gliederschlaff unter der Hand, welche sein Dämon ihm jetzt auf das Haupt legte. Dicht hinter ihm sprach jemand im Haufen: »Jetzt kommt sie!« Das Wort ging von Mund zu Munde, und nicht Einer blieb ruhig dabei. Hastiger wurden die kalten und warmen Getränke hinuntergegossen, und ein großer Teil der Zechenden stürzte auf der Stelle ab, um seinen Platz im Saale wiederzuerobern. Ja, jetzt kam sie wirklich, und Knackstert Witwe und Sohn konnten es nicht hindern. Ein finsterer Paukenschlag erscholl über des großen Kaufmanns Kopfe; George Knackstert, der Vetter aus Hamburg, schloß seine Rechnung mit Paddenau und dem Hause des Geheimen Hofrats Mühlenhoff ab; er protestierte den auf ihn gezogenen Wechsel des Prinzenerziehers a.D. In Ipswich in der Grafschaft Suffolk existierte die seit längeren Jahren hinterlassene einzige Tochter eines Birminghamer Geschäftsfreundes, Miß Bilha Baldgable, von welcher er ganz gewiß wußte, daß sie weder bei einem Shakespeare- noch bei einem Schiller-Jubiläum wie Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff mit ihrer Person sich in den Vordergrund stellen werde. Er hatte lange nicht an Miß Bilha Baldgable aus Birmingham gedacht; aber in diesem Moment dachte er an sie, und seine Erinnerung führte ihn weit zurück: es war eine Merkwürdigkeit, wie klar und deutlich mit einem Male Miß Bilha Baldgable vor seinem geistigen Auge stand, und er wunderte sich, seufzte und sagte auf englisch zu sich: »Look, George, what trouble might you have spared yourself, if you at that time did propose for that most reasonable girl.« In demselben Augenblick aber fuhr er aus seinem verbissenen Brüten wieder empor. Die Gaststube hatte sich völlig geleert; jedermann befand sich wieder in dem Festsaale, und neben ihm – neben ihm, dem großen Manne und königlichen Kaufmann aus Hamburg stand der Wirt zum grünen Esel und wagte es bereits – wagte es, ihn vertraulich auf die Schulter zu klopfen und ihm freundlich zuzureden. »Wenn der Herr vielleicht doch noch dem Vortrag des Fräuleins beizuwohnen wünscht, so würde ich ihm vorschlagen, sich, je den Umständen nach, inkognito hinter die Tür auf der Musikantentribüne zu placieren. Man hat von dort einen sehr hübschen Blick über den Saal, und der verehrte Herr Kommerzienrat würde gewiß zuletzt doch noch eine recht angenehme Erinnerung mit sich nach Hamburg und, je den Umständen nach, nach Hause nehmen.« »Herr, was fällt Ihnen ein?« schrie der Vetter wütend. »Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrer Tür, Ihrer Musikantenbühne und Ihren angenehmen Erinnerungen. Gar nichts will ich von Paddenau mit nach Hause nehmen – gar nichts!« »Herr Kommerzienrat –« »Gar nichts! sage ich Ihnen, und jetzt ersuche ich Sie dringend, mich mir selber zu überlassen.« Der Wirt zum grünen Esel richtete sich aus einer erschreckten Verbeugung plötzlich groß und würdig auf, blickte den Gast würdig und groß an, murmelte: »Je den Umständen nach!« und ging aufgerichtet und mit den Händen auf dem Rücken zum Büfett, wo er sich einen Kognak einschenkte, denselben langsam kunstgerecht verschwinden ließ und mit einem abermaligen meinungsvollen Blicke auf den Gast hell, scharf und laut fragte: »Louis, hat meine Frau noch nicht gemeldet, auf wieviel Kuverts wir uns einzurichten haben?« »Nein, Herr Ahrens; aber Pieperling meint, hundertundfünfzig Plätze würden längst nicht reichen.« »Dann ist dieses die großartigste Festivität, die seit dem großen Tierschau-Preisessen im Jahre Sechsundvierzig in diesem Hause begangen worden ist!« rief der Wirt, emphatisch mit der rechten Faust in die Fläche der linken Hand schlagend. »Ja, es ist ein imposantes, ein ideales Fest und eine Ehre für den grünen Esel; ich habe es immer gesagt, man muß selber ein Genie sein, um unter allen Umständen den Umständen nach handeln zu können. Dieser Tag wird in Ewigkeit zu meinen schönsten Erinnerungen zählen.« Droben war auf den Paukenschlag eine tiefe Stille gefolgt; dieser folgte ein langanhaltendes Händeklatschen und Bravorufen: Wulfhilde Mühlenhoff hatte die Festtribüne betreten, und der über dem Schafott der Königin Maria Stuart lauschende Graf Leicester war in diesem Augenblick gegen Herrn George Knackstert nichts weiter als ein an der Tür seiner Frau horchender Philister. Das sechsundzwanzigste Kapitel. Herr Ahrens gestattete sich noch einen Kognak. Über den Rand des Glases sah er noch einmal verstohlen auf den Gast, neigte das Haupt und sprach, wenn auch nicht laut: »Grobheit halte ich unter Umständen auch für eine Tugend; aber zu grob darf der Mensch nicht sein, selbst wenn er's bezahlen kann. Verpflichtungen hat jeder Gastgeber gegen seine Gäste, und daß ich die meinigen kenne, weiß ich und weiß die Welt; aber wenn einer ein Flegel ist, so geht er am besten seiner Wege, und das tue ich und überlasse den Grobian sich selber, bis er seine Rechnung einfordert. So ist es, Sie da! Sie – Herr Kommerzienrat! Alle Wetter, zu grob ist unanständig, und die Rechnung wird das ausweisen.« Mit Gleichgültigkeit, wenn nicht mit Widerwillen und Verachtung hatte er sich bis jetzt von allen Produktionen, welche am heutigen Abend in seinem Lokal vorgeführt wurden, fern gehalten; aber nun, wo das Fest einen so imposanten Verlauf nahm und die »Verbindlichkeiten« gegen den Hamburger nicht mehr in Betracht kamen, schritt er trotzig um den Schenktisch herum, schlüpfte durch das vorhin beschriebene Loch die enge Treppe hinauf und empor zu der Musikantenbühne, von der auch wir bis jetzt durch Lynceus-Fritze alle unsere Berichte erhielten, und – ließ die Firma Knackstert Witwe und Sohn allein im unbestrittenen Besitze der Gaststube. Allein! Es gab am heutigen Abend in Paddenau, vielleicht in ganz Deutschland, keinen zweiten Menschen, der sich plötzlich so allein fand wie unser Freund Knackstert! Der Dummkopf fühlte in diesem Augenblick eine Erfahrung der größten Geister aller Zeiten nach: er war allein – allein in einem großen Gewühl, und er fing an, das zu haben, was einem Genie freilich immer fremd bleibt – nämlich Furcht ! Herr George Knackstert fürchtete sich in seiner Einsamkeit. In Hamburg hätte er sich vielleicht durch das Zeichnen eines hervorstechenden Beitrages für das Denkmal des gefeierten Dichters aus der Beängstigung gerettet; aber wie sollte er sich in Paddenau im Dräumling retten? Etwa dadurch, daß er die Zeitung vom gestrigen Tage von neuem und zwar verkehrt ergriff? Er versuchte es; aber die Stille, die jetzt rings um ihn her herrschte, die vorzüglich von oben herab auf seinen Schädel drückte, trieb ihm den Atem in die Brust zurück. Er mußte ersticken, wenn er sich nicht Luft machte; zerknittert warf er das Zeitungsblatt unter den Tisch, sprang auf und rief: »O Herrgott, ich sollte ihre Schwiegermutter sein!« – Das war groß! Das war so groß, so wundervoll, so schön und wahr, und so unvermutet aus dem Grunde des Menschentums hervorbrechend, daß wir nicht das geringste hinzuzusetzen haben und es dreist den Lesern überlassen können, sich tagelang immer tiefer in die Unendlichkeit des Wortes hineinzudenken; ausdenken werden sie es so wenig als wir selber. Und diese Totenstille, in welche die wunderbare Eräußerung hineinplatzte! Im Donner der Schlacht einer tragischen Entwickelung zu harren, will gar nichts sagen gegen die Qual, die, wie Herr Ahrens sagen würde, je nach den Umständen mit dem Menschen tändeln kann, wenn alles ringsumher friedlich schweigt, und aller mögliche Komfort zu Händen ist. Der Erbe und Firmaträger von Knackstert Witwe und Sohn hätte während der nächsten Minuten ein Sandkorn im fernsten Winkel fallen hören können. So andächtig hatte Paddenau noch niemals gelauscht! Auch Herr George Knackstert lauschte, – lauschte, wie er noch niemals gelauscht hatte. Ein Sandkorn hörte er zwar nicht fallen; aber das Picken und Ticken der Uhr in seiner Westentasche, und das Hacken und Schnappen der Uhr der Gaststube des grünen Esels vernahm er und hielt es fast nicht aus. Plötzlich – – ein Auffahren – auf die absoluteste Stille das unbändigste Hallo! Ein Jauchzen, Händeklatschen, Fußscharren, Klopfen und Pochen mit Stöcken und Regenschirmen. Ein Beifallsdonner sondergleichen, und – ein Aufspringen des Vetters aus Hamburg – ein Sprung – ein wahnsinniger Sprung nach der Tür neben dem Ofen – ein mit einem Präsentierteller voll Biergläser über den Haufen gerannter Kellner am Boden hinter dem Schenktisch – ein die Trepp' hinauffallendes Erklettern der Treppe – ein Blick in den heißen, nebeligen, lichter- und menschenvollen Saal – ein Blick zwischen Baß und Geige, Klarinette und Pauke hindurch und über die breiten Schultern des Wirtes zum grünen Esel hinweg auf die leere Tribüne, auf das teppichbelegte Gerüst, welches – Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff soeben unter dem noch immer von neuem aufbrausenden Beifallsruf des Dräumlings verlassen hatte! O Knackstert! Knackstert! Knackstert!... O George Knackstert! – – – – »Donnerwetter! was ist denn – ah, Herr Kommerzienrat, Sie sind es?« rief der Wirt, dem das ganze Gewicht des Großhändlers auf die Schultern gefallen war. »Ei, sehen Sie mal – na; das ist recht, das ist schön von Ihnen, aber das Beste haben Sie richtig versäumt; denn wie das mit dem Transparent werden wird, weiß ich nicht; seit der verehrte Herr Haeseler die Sache in die Hand genommen hat, geht alles, aber wie es geht, weiß der Teufel.« »A–o–uh!« stöhnte der Vetter. »Rücken Sie nur zu, Herr Kommerzienrat. Sehen Sie; wenn Paddenau will, so kann es ebenfalls. Allen Respekt vor Ihrer verehrlichen Vaterstadt; aber – Sackerment, Schlingel, wozu hat dich denn eigentlich meine Frau hierher gestellt?« Diese letzte Frage war, von einer gewaltigen Ohrfeige begleitet an den dumm den Herrn aus Hamburg angaffenden Fritz gerichtet: »Wie viele stehen da auf einem?« »Kann ich sie von hier oben aus herunterwerfen?« heulte der entrüstete Knabe. »Das hat die Madame selber über sich genommen; ich soll hier bloß aufpassen.« »Was sagen Sie dazu?« wendete sich der Wirt zum grünen Esel an den großen Kaufmann. »Ein gewisses Maß von Dummheit muß man jedem verstatten; da sind wir alle Menschen, Herr Kommerzienrat; aber zu dumm darf der Mensch nicht sein. Also meine Frau hat dich hierher gestellt! Na, denn bleib in Gottesnamen stehen.« »Auseinanderreißen kann ich mich nicht,« erwiderte boshaft der schwer gekränkte Jüngling, »aber die Maulschelle laß ich nicht auf mir sitzen; die Madame soll darüber aburteilen, Herr Ahrens.« »Na, na!« brummte Herr Ahrens und gab dadurch bereits eine ziemlich bestimmte Ehrenerklärung ab. In diesem Moment brach zur Rechten, zur Linken und hinter dem Hamburger Vetter die Musik des Dräumlings von neuem los. Jeder Rückzug war unmöglich geworben, an die Brüstung gedrängt, mußte der unglückliche Großhändler aushalten, und er hielt aus, er war am Ende mit allen seinen Kräften. »Es ist das letzte!« sagte er matt und irrte sich wieder einmal; denn es war noch nicht das letzte: der Sumpf-, Heide- und Moor-Maler Herr Rudolf Haeseler hatte für ihn noch eine kleine Überraschung in petto; und es ließ sich nicht leugnen, der Maler besaß ein gewisses Talent für derartige harmlose Scherze und pflegte seine Überraschungen recht dramatisch in Szene zu setzen, vorzüglich wenn er sich im Rücken durch eine so liebenswürdige Mitschauspielerin wie Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff gedeckt wußte. – Im Hintergrunde der Bodenerhöhung, von welcher herab der Rektor Fischarth seine Rede und Wulfhilde ihren Vortrag gehalten hatten, war ein grüner geheimnisvoller Vorhang ausgespannt, an welchem jetzo die Augen von Paddenau in erregtester Erwartung festhingen. Hinter dieser Gardine bereitete sich etwas vor – mußte sich etwas vorbereiten; denn das »Transparent« stand auf dem Zettel, und Paddenau hielt sich an seinen Zettel und erwartete sein Transparent und war fest entschlossen, nicht eher nach Hause zu gehen, als bis das Komitee allen seinen Versprechungen gerecht geworden war. Freilich hatte sich in den vordersten Reihen der Versammlung bereits das Gerücht verbreitet, es sei nichts mit dem Transparente. In den verschiedenartigsten Fassungen trat das Gerücht auf und schlich, das Publikum verstimmend, um im Saal. Man traute dem Maler Haeseler alles mögliche zu; man traute ihm auch zu, daß er aus eingeborenster Bosheit mit eigenem Fuße ein Loch in seine glänzende künstlerische Leistung getreten habe; und in dem Augenblick, als die Musik von neuem schwieg, war der Dräumling bereits fest überzeugt, daß der Maler nicht nur mit dem Fuße gegen sein Werk angesprungen sei, sondern daß er, im diabolischen Hohn gegen die gastfreundliche Stadt, sich mit der ganzen Wucht seines Leibes auf und durch dasselbe gestürzt, geworfen, geschleudert habe. Ein Kopfzusammenstecken, Kopfschütteln, Flüstern und Stuhlrücken ging im Saal. »Ich weiß von nichts!« sprach auf dem Musikantengerüst Herr Ahrens. »Ich weiß nur, daß ein öliges Papier mit einem Rebus und einem bunten, kuriosen Verse drauf wieder abgerissen ist und im Korridor an der Wand lehnt. Herr Jeses, der Sappermenter ist mir imstande und bringt mir jetzt noch eine Disharmonie in die Bevölkerung! Das wäre nicht übel! Zweihundert Kuverts und niemand, der sie bezahlt, – das könnte mir passen! Pieperling weiß auch von nichts, Herr Kommerzienrat, das heißt, er weiß nur, daß der frivole Ironiste ein lebensgroßes Frauenzimmer angefertigt hat – nämlich er putzt dem Herrn Haeseler die Stiefeln, welches eine große Ähnlichkeit mit dem verehrtesten Fräulein Mühlenhoff hat, was ich aber nicht glauben will, und was sehr dekolletiert ist, was ich dem Herrn Haeseler wohl zutraue.« »Was?!« schrie der Vetter aus Hamburg. »Aber in den grünen Esel ist nichts dergleichen gekommen,« fuhr der Wirt nachdenklich bedenklich fort, »und vier Kerle gehören mindestens dazu, solch ein Monstrum von Papierrahmen herzuschleppen und aufzurichten. Pieperling weiß von nichts.« »Ich gehe!« sagte der Hamburger gebrochen, die Arme nach beiden Seiten hin ausstreckend, um sich beim Abschwanken wenigstens vor einem zu harten Fall zu sichern; weit kam er aber nicht – denn hatte er die Hefen heruntergeschlürft, so schien das Schicksal jetzt sogar zu verlangen, daß er den Giftbecher selber nachfresse. Ohne daß eine helle Glocke, ein dumpfer Paukenschlag oder gar ein schmetternder Tusch das murrende, durcheinanderflüsternde Publikum zur Aufmerksamkeit, zum intensivsten Erfassen des Momentes aufgefordert hatte, hatte sich der Maler, Herr Rudolf Haeseler, wie schämig verlegen und schüchtern um die grüne Gardine herumgeschoben und stand, den Hut vor dem Magen, eine Verbeugung nach der andern machend, auf der Stelle, auf welcher vorhin sein Freund Fischarth und – seine Freundin Wulfhilde Mühlenhoff gestanden hatten. »A–a–ah?!« sagte Paddenau, und die Firma Knackstert Witwe und Sohn wendete sich und fiel von neuem, schwer sich stützend auf die Schultern des Wirtes zum grünen Esel. »Meine Herrschaften – entschuldigen Sie mich!« stammelte blöde der Sumpfmaler. »Ah!« machte von neuem der Dräumling. »Entschuldigen Sie mich, daß ich an die Stelle dessen zu treten wage, was ich Ihnen aus der engbegrenzten Fülle meiner schwachen Kunst zu geben versprach. Ja, ich gebe mich selber, und – was kann der Mensch mehr geben als sich selber? Sie haben soeben aus schönem Munde vernommen, daß wir heute ein so einzig ideales Fest feiern, daß alle Völker des Erdballs mit Staunen von fern auf uns schauen: sollte ich einen Mißklang in dieses Fest bringen? Ich weise den Gedanken weit von mir weg; ich weise ihn um so weiter von mit weg, als Sie mich schon des Gedenkens dieses Gedankens halber mit zürnendem Erschrecken betrachten. Meine Herrschaften, ich würde einen Mißklang in das Fest gebracht haben, wenn ich nach der wunderbaren Rede des Herrn Rektor Fischarth und nach den noch wunderbareren Leistungen des hiesigen hochverehrlichen Sängerbundes Ihnen den Eindruck vermittelst eines in Öl getränkten Stückes Kartonpapier und einiger Reihen angezündeter Öllampen abgeschwächt hätte. Welche Gestalten würden mich auf meinem nächtlichen Lager geschreckt haben, wenn mir Ihr berechtigter Hohn, das tief beleidigte Gefühl dieser trefflichen, feinfühligen Stadt zu demselben das Geleit gegeben hätten? Entsetzliche offenbar!... Und wahrlich, der ist nicht zu beneiden, der sich die Furien im Busen wachruft; wer aber hat herzerschütternder von den Furien gesungen, als unser großer Dichter? Hoffen wir zu den Göttern, daß er von ihnen – ich meine den Furien – zu niemanden in dieser Versammlung gesungen habe. Besinnungraubend, herzbetörend Schallt der Erinnyen Gesang, Er schallt des Hörers Mark verzehrend, Und duldet nicht der Leyer Klang: Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlich reine Seele! Ihm dürfen wir nicht rächend nahn, Er wandelt frei des Lebens Bahn, – und ich, der ich den grausen Sängerinnen kaum entronnen bin, ich vor allem weiß es zu schätzen, was es ist, des Lebens Bahnen frei wandeln zu dürfen, und ich beneide jenen nicht um seine Seelenruhe, – jenen, welcher am heutigen Tage in einer fernabgelegenen Stadt dem Gastfreund zum grauen Laubfrosch zweihundert Taler bot, um durch eine schlecht ersonnene Intrige das hohe Fest in seinen Säulen zu erschüttern und umzustürzen, und – nicht den lächelnden Unsterblichen, sondern uns arme, uns mühsam aus der Not und dem Staub des Lebens aufringende Erdenbürger unter den fallenden Trümmern des mit flammender, feuchtäugiger Begeisterung aufgebauten Tempels hämisch zu begraben! – – – Meine Herren und Damen, erwarten Sie nicht, daß nun auch ich das, was Sie in diesen Stunden bewegte und noch bewegt, noch einmal zergliedere. Sie würden dieses mit Recht anmaßend finden dürfen. Noch weniger jedoch werde ich wagen, Ihnen meine eigenen Gedanken und Empfindungen vorzulegen; ich hatte Ihnen nur eine demütige Entschuldigung zu bringen, und Sie würden im andern Falle unzweifelhaft die Berechtigung haben, kurz und bündig sich zu erkundigen: was das Sie eigentlich angehe?! – Meine Herrschaften, wir haben wahrhaftig ein stolzes Fest gefeiert, und des Erdballs Völker sehen mit allem Grund in neidischem Staunen auf uns. Lassen Sie uns scheiden mit einem letzten Hoch auf den Sänger der Freiheit und der Frauen. Er lebe hoch! und mögen, wie heute die Besten im Volke, sich ferner ganze Geschlechter an dem Becher berauschen, den er der Welt Liebend reichte. Er lebe hoch, und – wünsche ich Ihnen eine angenehme Nachtruhe und morgen früh ein recht fröhliches, frisches Erwachen zu den drängenderen Pflichten und Nöten des Tages! Ich habe nicht gemalt, ich habe gesprochen.« Das siebenundzwanzigste Kapitel. Ist es nicht für einen, welchem die holde Gabe der öffentlichen Rede verliehen wurde, auch eine Kunst, zu gleicher Zeit ein Vivat auszubringen und den jubelnden Schrei in jeglichem Halse zu erdrosseln? Der Maler Rudolf Haeseler hatte das verstanden und verließ die Tribüne, während Paddenau, ungewiß, was es denken und tun sollte, ihn herabsteigen sah und sich mit verworrenem Lärm an seinen Stühlen festhielt. Es mußte sich erst fassen, ehe es aufstehen konnte. – Göttin des Durcheinander, dich flehe ich an mit erhobenen Händen, laß einen kurzen Augenblick deinen Quirl im Gewölk stecken; steige herab und hilf mir; denn wenn ich, was übrigens nicht der Fall ist, auf einem Blatt dieses Buches bedeutend sein möchte, so wäre hier die Stelle!... Kommst du?... Es scheint nicht so, und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als uns in gewohnter Weise an die brave, altverständige, nüchterne Muse des Nacheinander zu halten, und uns von ihr erzählen zu lassen, welche Bewegung die Rede des Malers im Dräumling hervorbrachte. In der Höhe und in der Tiefe war die Wirkung gleich einbohrend. In der Höhe fuhr der Wirt zum grünen Esel von der Balustrade zurück und warf den gleichfalls zurückfahrenden Großhändler auf die große Trommel. Wie eine Bombe wirkte der Gastfreund vom grauen Laubfrosch. »Das ist der infamste Kerl, der jemals mein Getränk getadelt hat!« rief Herr Ahrens. »Weiß er denn alles?« ächzte er in lächerlich grimmiger Angst. »Wenn er die Geschichte in Paddenau herumträgt und die rechte Etikette darauf klebt, ruiniert er mich für Kind und Kindeskind!... Habe ich die zweihundert Taler gekriegt? Sie – Herr – Sie – o Sie, Sie haben mir da eine nette Bowle zusammengerührt! Hören Sie, Herr, Paddenau in seiner jetzigen Stimmung schlägt Sie bei lebendigem Leibe tot, wenn es herauskriegt, daß Sie der – der – ich will sagen, der Mensch sind, der meinen guten Namen auf sein Gewissen hat nehmen wollen! Je den Umständen nach –« »Sind Sie ein Lump oder ein Feigling!« schrie der Hamburger. »Bemühen Sie sich nicht, ich finde meinen Weg schon selber ... Großer Gott, was habe ich eigentlich noch mit dem Kehricht zu schaffen? Tod und Teufel, das ganze Geschäftspersonal vom Hamburg, Lübeck und Bremen genügt nicht, um die Sottisen zu Buch zu bringen, die ich in den letzten drei Tagen in diesem heillosen Neste gemacht und ertragen habe! Ruhig, Knackstert – Fassung – Fas–« Er wußte den Weg freilich allein zu finden; allein er trat fehl auf der engen Treppe und kam unten schneller, als er wollte, an. Sein Diener Quante hob ihn in dem höhlenartigen Gemach am Büfett aus einer sitzenden Stellung auf, und sein Diener Quante übernahm von dem Augenblick an bis zu seiner Abreise aus Paddenau jegliche Verantwortlichkeit für ihn. – – – In der Tiefe haben wir uns zum erstenmal an diesem Abend nach der Frau Rektorin Agnes Fischarth umzusehen. Ihr Kavalier hatte ihr, wie wir wissen, einen guten Platz verschafft, und sie wußte ihn auszufüllen. Sie konnte von ihm aus alles sehen, was vor und hinter den Kulissen vorging, und sie sah und hörte alles, indem sie zu gleicher Zeit nach rechts und nach links, nach hinten und nach vorn die lebendigste Unterhaltung unterhielt und doch noch Zeit genug behielt, die wort- und gedankenreichsten Selbstgespräche zu führen. »Ich habe mein Paddenau am Schnürchen, und ich bin aus der Stralauerstraße in Berlin, aber dieses geht über alle meine Erfahrungen hinaus. O, diese Wulfhilde! Mein Mann ist in seiner Art auch nicht übel gewesen; aber das Mädchen schlägt alles. Welch eine Komödie! daß sie den Hamburger nicht nimmt, steht fest, – ne, Papa Mühlenhoff, alles was recht ist; aber dieses zweibeinige Lineal ist uns nicht recht! da haben wir uns wieder mal in unsern süßesten, nahrhaftesten Hoffnungen getäuscht, Papa Mühlenhoff;–stimmen Sie nur Ihre Harfe, Papa, und setzen Sie sich ruhig in den Dräumling und winseln Sie; mit dem Vetter ans Hamburg ist es nichts, und mit den angenehmen Villeggiaturen in Blankenese ist es auch nichts. Herr Jesus, was will denn der Maler? Kommt der als sein eigenes Lichtbild? Da wird sich Paddenau wundern ... richtig!« Die Frau Agnes saß stumm während der Rede des Malers Rudolf Haeseler. Sie rückte nur von Zeit zu Zeit heftig aufatmend auf ihrem Stuhle. Als der Maler von ihrer Freundin Wulfhilde sprach, stand sie auf und setzte sich ebenso schnell nieder; als er den grauen Laubfrosch in die Szene hüpfen ließ, legte sie sich zurück und drückte das Taschentuch krampfhaft auf das Gesicht, und als er geendet hatte, erhob sie sich zum zweitenmal, rief laut Bravo! schwang das Taschentuch und mußte sich sehr zusammennehmen, um nicht dem Redner die Hand auf die Tribüne zu reichen und zu rufen: »Lieber Freund, morgen mittag müssen Sie unbedingt mit dem Kinde, der Wulfhilde, bei uns essen!« – – – Im Nebenzimmer drückte Wulfhilde Mühlenhoff gleichfalls lachend das Taschentuch auf den Mund; und der Rektor lehnte wortlos an ihrem Stuhle und überlegte sich immerfort von neuem, was sein Freund Haeseler der Stadt Paddenau mitgeteilt hatte. Sein Komitee umdrängte ihn dazu mit den verschiedenartigsten Fragen; es wollte von ihm wissen, wie jener Ort heiße, allwo ein verächtlicher Verächter der Götter und Menschen dem Wirte zum grauen Laubfrosch zweihundert Taler bot, um ihn dadurch zu bewegen, den Brand in den Festtempel zu schleudern. Sein Komitee hatte auch seine Ahnungen; und die Befürchtungen des Wirtes zum grünen Esel waren gar nicht so grundlos: der Dräumling konnte fürchterlich werden, und die Neigung dazu stieg mit jedem Augenblicke. Paddenau war aufgestanden. Sie standen alle und sahen sich um und wunderten sich sehr; und wir könnten noch viel von ihnen sagen, aber wir werden uns hüten und verzichten auch darauf, an dem Festessen teilzunehmen. Schon drängte und quoll es aus dem Saale hinaus, schon polterte es die Treppen hinunter, und wir fangen nur noch ein geflügeltes Wort an der Tür auf. Wer es sprach, wissen wir nicht; wir erinnern uns nur noch, daß es an einen dicken, schwitzenden, wohlwollenden alten Herrn gerichtet wurde, und es lautete: »Es war ein recht schönes Fest, Herr Nachbar; aber wenn man stets auf der Stelle wüßte, wie so ein Himmelsakramenter es eigentlich meint, so wäre das noch besser. Ich meine, dann würde viel mehr Klarheit in der Weltgeschichte herrschen, und jeder anzügliche Schlingel bekäme auf der Stelle seine angemessene Tracht Prügel. Was meinen Sie?« Die Meinung des Nachbars ging der Menschheit im Gedränge verloren; aber hundert und tausend schrille Schellen und helle Glöckchen klingen uns jetzt aus in der dunkeln Herbstnacht, und dazwischen mischt sich wohl auch ein volltönigerer Glockenklang. Hundert bunte Lichter und Flämmchen blitzen und zucken hinüber und herüber, von oben nach unten, und umgekehrt an den Häuserwänden hin und über die finstere Himmelswölbung. Lachende Geisterchen zupfen uns und ziehen uns durch die Gassen von Paddenau. Zu neckischen Kobolden werden alle Nebel des Dräumlings; die Lust am Leben packt uns mit verdoppelter Gewalt, und wie eilig das geisterhafte Völklein, welches uns vorwärts drängt und schiebt und zieht, es auch haben mag, wir müssen mitten auf dem Marktplatz in Dunkelheit, Wind und Nebelregen stehen bleiben, wir müssen die Arme in die Seite stemmen, und wir müssen unserm Behagen Luft machen – laut – aus vollem Halse – so unschicklich als möglich! – Das achtundzwanzigste Kapitel. Pst! den Finger auf den Mund! – es ist angenehm, selber zu lachen; aber dann und wann ist es noch viel angenehmer und lieblicher, auf das Lachen, oder noch besser, das leise Kichern anderer Leute im Dunkeln zu horchen! Sie kamen, Schulter an Schulter gedrückt, unter Einem Schirme, und fast unter Einem Hute, und sie hatten einander sehr viel zu sagen. »O Wulfhild, Wulfhilde, was bist du für ein Mädchen! ist es denn möglich, daß man so schlecht sein kann? Laß einmal sehen, zuckt wirklich nicht bei jedem Schritte, den du machst, eine blaue Flamme hinter dir aus dem Boden? O Wulfhilde, ich sage dir, es ist ein Glück, daß ein gewisser Jemand nicht die ewige Gerechtigkeit ist; – es würde dir sonderbar ergehen, wenn jemand, den ich nicht nennen will, heute abend Jüngstes Gericht für dich spielen dürfte.« »Was habe ich denn verbrochen, Agnes? Mich friert, und du bist recht lustig, und ich weiß nicht, was du willst und weshalb du mir den Arm so drückst ... Ich weiß weiter nichts, als daß ich ein heftiges Kopfweh habe, und daß sich alles um mich her dreht.« »Das will ich dir auf dein Wort glauben, Kind. Willst du andere Leute schwindelig machen und selber bei klaren Sinnen bleiben? Ei, mein Liebchen, wer aus einem solchen Tanze hervortritt, wie du, dem pflegt sich gewöhnlich das Weltall absonderlich zu drehen. Aber nun sprich, was hat er denn gesagt? und was hast du ihm gesagt? ... Was hat der Vetter aus Hamburg gesagt, und was wird dein Papa zu alledem sagen?... Mein Gott, zu Hause schreien sich meine armen Kleinen nach mir zu Tode, und hier laufe ich mit dir in Paddenau herum. Wulfhild, Wulfhilde, mein einziger Trost und meine alleinige Entschuldigung ist, daß du es dereinst um kein Haar breit besser machen wirst, wenn dir einmal eine junge Freundin solche Streiche spielt.« Mit einem Ruck blieb das Fräulein plötzlich stehen, machte sich frei von den Armen der klugen Frau des Rektors von Paddenau, drängte sich aber nur um so dichter an sie heran und flüsterte weinerlich und doch zu gleicher Zeit lachend: »Agnes, du magst von mir denken, was du willst; aber – aber – ich konnte – den Menschen nicht nehmen! ... es – war – unmöglich!« Die Frau Agnes Fischarth legte unter ihrem Regenschirme dem armen Kinde den Arm um die Schulter, gab ihm einen Kuß und flüsterte mit dem innigsten Nachdruck zurück: »Mein Herz, das verstand sich ja ganz von selber; aber – was hat denn der andere gesagt?« »Er – er hat mich – nachdem – ich deines Mannes Verse gesprochen hatte, gefragt – ob – ich – seine Frau werden wolle.« »Und du? und du?« »Agnes, ich muß nach Hause; – ich – ich habe –ich weiß nicht – was ich gesagt habe; – ich glaube, ich habe ihn an meinen Vater gewiesen.« »Mädchen, grade so hab' ich es gemacht!« rief die Frau Agnes begeistert. »Und ich sage dir, mein Alter war vielleicht ebenso außer sich darüber, wie deiner morgen früh sein wird, und jetzt tue mir den einzigen Gefallen und komme noch auf fünf Minuten auf eine Tasse Tee zu mir.« »Aber mein armer Papa?« »Gegen den hast du dich heute abend bereits so schlimm vergangen, daß es da auf eine Todsünde mehr oder weniger durchaus nicht ankommt. Weißt du, als Gustav um mich herum ging wie der Kater um die Maus in der Falle, und endlich Miene machte, seine frivolen, bösen Absichten auf mich auszuführen, habe ich meinen armen Papa auch ganz ruhig in die zweite Linie gestellt, und –« »Und nachher setze ich mich an sein Bett und sage ihm alles!« »Kind, das würde ich bis morgen früh verschieben. Traue einer erfahrenen Frau und warte, bis der richtige Beistand zur Hand ist. Aus welche Stunde hast du ihn bestellt?« »Agnes?!« »O, ich bin aus der Stralauerstraße und habe zu meiner Zeit auch allerlei durchgemacht!« »Ach, wenn doch meine Mutter noch lebte!« »Du hast mich ja!« sprach die Frau Agnes matronenhaft würdig und ein wenig vorwurfsvoll. »Komm, Liebchen, jetzt wollen wir beide das große Dichterfest feiern; du sollst dein armes Herz ausschütten, und dann wollen wir uns selber einmal himmlische Rosen ins irdische Leben flechten. Im letzten Grunde sehe ich gar nicht ein, was die Männer von heute der heutige Tag eigentlich angeht, und sie wissen das auch recht gut und machen deshalb ein um so größeres Geschrei; ich habe aber meinem Gustav bereits mehrfach beteuert, daß ich mich dadurch nicht betäuben lasse. Oh! ... ach Jesus!« Sie fuhr zusammen; denn in diesem Moment legte ihr Gustav ihr die Hand auf die Schulter, und auch der glückliche Maler Rudolf Haeseler, der nach Paddenau einzig und allein deshalb gekommen war, um den Dräumling zu studieren, trat hinter der nächsten Hausecke hervor und wußte in der Paddenauer Finsternis sofort das Seinige zu finden. Er zog Wulfhilde Mühlenhoff zu sich heran und rief, zwar ein wenig außer Atem, aber nichtsdestoweniger, und man kann sagen seltsamerweise, recht heiter: »Du Schalk, hab' ich dich endlich wiedergefangen? Ei, mein Mädchen, war das in der Ordnung, daß du mir, kaum nachdem wir uns einander für die Ewigkeit zugeschworen hatten, auf der Stelle durchgingest und mich wieder in der Dunkelheit des Daseins allein ließest? Jetzt werde ich dich fester halten, und du wirst mir nicht mehr so leicht entwischen. Frau Agnes, Sie sind die klügste Frau, die jemals einen Nagel auf den Kopf traf; – das wahre Fest des Dichters wird erst jetzt beginnen; aber ihr beide werdet es nicht allein feiern und wenn ihr auch tausendmal mit eurer Behauptung recht habt. Wir beanspruchen unser Teil von den Rosen, und wir werden es bekommen! Was sagst du, Kranzwinderin? Ich halte dir den Korb und nachher male ich dich als allerneuester Pausias; aber weder das Original noch eine Kopie geben wir her, und wenn Lucius Lucullus aus Hamburg sich mit allen seinen Talenten auf den Kopf, oder das, was er dafür ausgibt, stellt.« »O Rudolf!« flüsterte Wulfhilde; aber die Frau Agnes Fischarth sagte: »Hören Sie, lieber Freund, Sie scheinen durch grenzenlose Unverschämtheit alles durchsetzen zu wollen. Ich bin durchaus noch nicht mit mir darüber einig, wie ich mich zu dem heutigen Abend zu stellen habe; nur eines ist mir ganz klar, und das ist, daß ich nach allen Richtungen hin Mutterstelle bei diesem armen Kinde zu vertreten habe, und daß man sich in allen Angelegenheiten an mich zu wenden hat, wenigstens bis morgen früh, wo der Papa Mühlenhoff die Sache selber wieder in die Hand nehmen mag. Was wollen Sie eigentlich noch weiter, Haeseler? Ich meine. Sie haben doch so ziemlich alles bekommen, was Sie wünschten? Gustav, ich bitte dich, gebrauche endlich einmal dein Ansehen, schicke den Menschen heim und bringe uns selber nach Hause. An dich habe ich auch ewige Fragen zu richten, auf welche eine bündige Antwort mir recht erwünscht wäre.« Der Rektor lachte: »Hörst du, Rudolf? Nun, ich gebrauche hiermit mein Ansehen und fordere dich auf, schleunigst zu reden, wenn du noch etwas zu sagen hast.« »Ich habe noch etwas zu sagen. Weltmeere wogen in meinem Busen, Frau Agnes, und ich habe Pieperling mit einem Korb voll Illuminationslampen nach meiner Wohnung geschickt. Dort steht das Bild, welches ich für den Dräumling malte, was er aber nicht zu Gesicht bekam, weil mein Freund Fischarth hier allerlei kritische Bedenken dagegen einzuwenden hatte. Pieperling weiß Bescheid, und ich – ich hatte die Absicht, wenn ich Sie, Frau Agnes, und hier mein Glück und meine selige Ruhe an diesem Abend in den Gassen von Paddenau nicht mehr wiederfinden sollte, mich mit einem Surrogat zu begnügen, die Vorhänge herabzuziehen, die Lampen anzuzünden, die Welt zu vergessen und in meiner Wonne bis zur nächsten Morgendämmerung unterzugehen.« »Das heißt, meine Damm, er hat ebenfalls sein Fest für sich allein feiern wollen,« sagte der Rektor. »Mit dem nicht für den Dräumling gemalten Bild hat es seine Richtigkeit, und an seiner Stelle und unter den gegenwärtigen Umständen würde ich ebenfalls die Lämpchen dahinter angezündet und mich davor gesetzt haben.« »Lieber Haeseler,« sprach die Frau Rektorin lächelnd, »in den aufgeregtesten Situationen Ihres Daseins scheint sich Ihr Geschick, sich die Stunden zurecht zu legen, am allerwenigsten zu verleugnen. Das muß ich sagen! Sie verloben sich, sozusagen, auf der Treppe, Sie verlieren Ihre Braut an der Tür des grünen Esels, und ehe Sie sich auf den Weg machen, das, was Sie Ihre selige Ruhe nennen, in den Straßen von Paddenau wieder zu suchen, schicken Sie vorsichtigerweise und höchst gemütlich vor allen Dingen erst Pieperling mit einem Korb voll Lampen und wahrscheinlich auch sonstiger Lebensbedürfnisse nach Hause, um sich für alle Umstände und Zufälle eine behagliche Nacht zu sichern! Nicht, daß ich das geradezu tadle. Im Gegenteil! Zu dieser Charaktereigenschaft deines Zukünftigen kann ich dir nur gratulieren, Wulfhilde! ... Was meinst Du, sollen wir ihm den Willen tun und sein geheimnisvolles Machwerk ansehen?« »Ach, ich denke an meinen armen Papa – es ist so unverantwortlich von mir! – er wird sich die größten Sorgen um mich machen.«. »Das könnte ihm wirklich nur im Traume einfallen!« rief der Maler mit nachdrücklichster Überzeugung. »Der Gute schlummert, und ich habe ihn, offen gestanden, im Verdacht, daß er auch in seinen Träumen gewöhnlich sich nur mit sich selber zu beschäftigen pflegt. Übrigens habe ich mich aber auch an deiner Haustür nach dir erkundigt und erfahren, daß niemand dich an deinem Herde vermisse. O, welch ein Glück! Komm, Liebchen, sei gut und bedenke, daß der erste Grundsatz aller Lebensweisheit und Ökonomie ist, jede gute Stunde an einem luftigen und trockenen Orte vorsorglich sicher zu stellen, auf daß man sie – habe und sie sofort vom Brett herunternehmen könne, wenn einmal die Zeiten teuer und die frischen Gemüse rar werden sollten.« »Das Gleichnis ist mir in der Seele gefunden!« rief die Frau Agnes. »Wulfhilde, wir wollen den Rest unseres guten Rufes in Paddenau dran geben und mit ihm gehen. Es ist kein Wetter, um noch länger hier in der Nacht darüber zu beratschlagen.« »Wer sagte vorhin, daß des Dichters Fest erst jetzt beginne?« rief der Rektor von Paddenau begeistert. »Nimm meinen Arm, Weib. Für dein letztes Wort verbürge ich mich mit Leib und Seele. Wulfhilde, nehmen Sie Rudolfs Arm, – Vier Elemente, Innig gesellt, Bilden das Leben, Bauen die Welt. Wir gehen; aber wir trinken nicht Tee, sondern Punsch vor dem Bilde der Muse. Wir Vier! Siehe, hoher Unsterblicher, das ist der Dräumling. Die rechten Leute finden sich doch immer in ihm zusammen, und du hast bei Lebzeiten auch einige Erfahrung davon gewonnen!« Der Maler beugte sich zu der dicht an ihn gedrängten Verlobten nieder und flüsterte: »Eh es verdüftet, Schöpfet es schnell! Nur wenn er glühet. Labet der Quell.« Wir sind fest überzeugt, daß jedermann weiß, was der sonderbare Mensch in diesem Augenblick schöpfte, und eine weitere Auseinandersetzung würde höchst überflüssig sein. Einige unserer Leserinnen würden eine solche sogar für rücksichtslos erachten, und wir halten etwas auf unsere Leserinnen und haben uns die größte Vorsicht und Bedachtsamkeit im Verkehr mit ihnen zum Grundsatz gemacht, weshalb wir denn auch dann und wann von dem Sumpf-, Heide- und Moormaler Rudolf Haeseler ziemlich höhnisch belächelt worden sind. Der letztere, seine Braut am Arme führend und das Herz voll seines guten Glückes, konnte es nicht unterlassen, im Scheine der nächsten Gassenlaterne einen im langen Livreerock daherkommenden Mann, der einen eleganten Reisekoffer auf der Schulter und einen Reisesack in der Hand trug, anzuhalten und anzureden. »Ei, mein lieber Herr Quante, sind Sie es denn wirklich! Wohin so spät, und so schwer belastet? Ihr verehrter Herr, mein teurer Freund, wird uns doch nicht mitten in der Nacht verlassen wollen?« »Das geht keinen was an!« brummte Quante, den Künstler und seine lächelnde Begleiterin böse anglotzend. »Übrigens ziehen wir augenblicklich in das goldene Kalb; vom grünen Esel und allem, was dran hängt, haben wir genug. Ich empfehle mich dem gnädigen Fräulein. Morgen früh bringe ich noch ein Billett an den Herrn Vater; nachher mag die Welt untergehen, uns kümmert es nicht mehr; wir reisen ab. Guten Abend!« »Meine herzlichsten Grüße an den Herrn Kommerzienrat,« sagte der Maler höflichst. Quante verschwand in der Richtung des goldenen Kalbes, und das Vier-Kleeblatt setzte den Versuch, das Haus der tauben Wittib am Marktplatz von Paddenau zu erreichen, fort. »Ach Gott, was wird das morgen für ein Morgen werden!« seufzte Wulfhilde Mühlenhoff. »Ein Morgen des Glücks!« jubelte Rudolf Haeseler. »Die Fratzen und Nebel des Sumpfes weichen – die ewige Sonne der Schönheit behält doch ihr Recht. O Liebe, diejenigen, welche mit heiterm Lächeln den uralten, bittern Kampf führen, können in der rechten Stunde und zumal in der Stunde des Sieges ernst genug sein. Sie vor allen andern Erdenbürgern werden am wenigsten es wagen, des Lebens rätselhafte Tiefen durch leichtsinnigen Scherz zu überbrücken.« »Wahrlich, Wulfhilde, er spricht die Wahrheit!« rief der Festredner von Paddenau. »Wir wollen es hoffen, Wulfhilde,« sagte seine Frau. Das neunundzwanzigste Kapitel. Verzaubert war die Nacht, daran war nicht zu zweifeln, und die Frau Agnes Fischarth wunderte sich einmal über das andere über sich selber und zwar mit vollem Rechte. Sie war viel zu verständig, um sich auf diesem wunderbaren Wege zu der Wohnung des Malers zu begreifen, und alle Augenblicke kniff sie ihren Gatten in den Arm und flüsterte: »So sprich doch! was sagst denn du dazu?« »Gar nichts! mir gefällt mein Leben in dieser Stunde endlich einmal wieder, und so halte ich den Mund und lasse vergnügt die beiden voran laufen und uns den Weg zeigen.« Die beiden liefen in der Tat voraus; allein es war doch ein Glück, daß auch die Frau Rektorin von Paddenau den Weg kannte. »Rechts um die Ecke!« rief sie mehrere Male, wenn Herr Rudolf Haeseler eben im Begriff war, links umzubiegen, und so gelangten sie endlich glücklich zu dem Hause der tauben Witwe auf der Agora zu Batracheiamene, der Sumpfstadt im Dräumlinge. »Hier bekommst du keinen Kuß auf der Schwelle, so schwer mir die Entsagung auch wird, mein Liebchen,« flüsterte der Maler. »Wenn du mir jedoch einen geben willst, steht das dir natürlich frei, wehren werd' ich mich nicht dagegen.« »O Rudolf!« flüsterte Wulfhilde Mühlenhoff. »Ich kenne lieblichere Stellen, um daselbst eine Hütte zu erbauen und sich auf der Schwelle derselben zu küssen,« raunte ihr der wunderliche Begleiter zu und führte sich, was den ersten Teil seiner vorigen Rede anbetraf, sofort selber ad absurdum, was zur Folge hatte, daß Wulfhilde Mühlenhoff wiederum: »O Rudolf!« rief. »Werda?« schrie Pieperling oben auf der Treppe und tat durch diesen Schrei zum erstenmal unumstößlich dar, daß er wirklich existierte und nicht bloß ein mythische Persönlichkeit in Paddenau war. »Wir sind es, alter Stadtfuchs!« rief der Maler, und Pieperling erwiderte über das Treppengeländer: »Freut mir, Herr Haeseler, und gratuliere ich Ihnen bestens; aber machen Sie rasch, wenn es gefällig ist. Viel Zeit haben wir nicht übrig, und mir ist mein Lebtage noch kein Licht begegnet, das länger brannte, als der Docht reichte.« »Hörst du, Wulfhilde?« flüsterte der Maler. »Wir sind die schlauesten Leute, die jemals eine Gelegenheit am Schopfe ergriffen haben.« Die taube Witwe leuchtete von unten, und Pieperling leuchtete von oben, und es fand sich, daß Pieperling seine Sache ausgezeichnet gemacht hatte. Das schöne Kind des Geheimen Hofrats Mühlenhoff sah das Bild, welches ihr Freund für den Dräumling gemalt hatte und griff ein wenig ängstlich nach dem Arm der Frau Agnes, die mit offenem Munde rief: »Na, da hört denn doch alles auf!« »Das wolltest du im grünen Esel aufstellen?« fragte Wulfhilde, und der Rektor von Paddenau sagte: »Er hatte die Absicht.« Aber jetzt hatte sich die Frau Rektorin wieder vollständig gefaßt; sie setzte sich und sagte: »Kind, er scheint gar nicht zu ahnen, welche Waffe er dir durch dieses Machwerk in die Hände gegeben hat. Auf was solltest du herabsehen? Auf unser armes Leben hier im Dräumling oder auf den Vetter Knackstert aus Hamburg? Bitte, präge dir den Gesichtsausdruck, den man dir da gegeben hat, recht tief in die Seele, vielleicht findet sich auch später dann und wann die Gelegenheit, wo du das Bedürfnis fühlst, wieder so drein zu blicken. Sollte dann jemand sich außergewöhnlich wundern, so erinnere ihn gelassen an die Schillerfeier des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig. Wenn man mir übrigens sonst noch etwas zu sagen hat, so beeile man sich: meine mütterlichen Gewissensbisse steigen, und was alle kalten oder warmen Getränke anbetrifft, so verzichte ich auf sie.« »Hast du dein Werk schon von dem Gesichtspunkte meiner Frau aus aufgefaßt, Rudolf?« fragte der Rektor mit einer Schadenfreude, welche die Melancholie des Tones und Ausdrucks nicht zur Hälfte verhüllen konnte. »Ihr Bösewichter, was für Gespenster beschwört ihr mir in dieser glückseligen Nacht! Habt ihr wirklich soviel stichhaltende Gründe, euch an mir zu reiben und zu rächen?« rief der Maler mit komischer Ungeduld. »Ich könnte dich für manches büßen lassen, Rudolf,« sagte der Schulmeister, aber schon hatte sich der Freund an die Braut gewandt: »Ich bitte dich um alles in der Welt, Schatz, achte nicht auf sie! Sieh, diesmal haben wir das Märchen in umgekehrter Form aufgeführt. Diesmal hat nicht der Prinz die Prinzessin aus greulichen Hexenbanden erlöst; diesmal war der Prinz verzaubert und saß als wüster Kröterich im Sumpfe auf einem Klettenblatt. Lange Jahre saß er im Sumpfe, und wenn jemand sich ihm nahte und die Hand ausstreckte, um sich durch tatsächliche Untersuchung zu überzeugen, ob Paracelsus wirklich recht und das Scheusal einen Demanten im Kopf habe, so stellte er sich sofort auf alle vier Beine, blies sich erstaunlich auf und spritzte Gift nach allen vier Weltgegenden von sich. Durch die Naturforscher sind, weiß Gott, noch wenig Verzauberungen gelöst worden; ich kenne die bezügliche Literatur ziemlich genau und weiß, wie selten die über jeglichen Zweifel erhabenen Fälle sind. Im goldenen Kahn mußte die Prinzessin über den Dräumling fahren und, ohne zu erschrecken, lächelnd rufen: Herrje, was sitzt denn da? – Das war die erste Bedingung; denn wenn die Jungfrau erschrak, oder sich gar an dem Ding ekelte, so war's nichts mit der Erlösung! Die zweite Bedingung war schon leichter, und bestand darin, daß die Befreierin dem Ungeheuer einen tüchtigen Schlag mit dem Ruder auf den Kopf gab, und seltsamerweise durfte sie dazu auch männlichen Beistand in ihr Schifflein nehmen, und vielleicht solch einen lieben Vetter aus Hamburg an das Steuerruder setzen, ehe sie zu dem Schlage ausholte. Von der dritten Bedingung rede ich nicht; – wenn Leute unseres Schlages einer Dichterfeier, wie die heutige, nicht mehr gewachsen sind und sie nicht mehr zu begehen wissen, wie es sich gebührt, dann – hört eben alles auf, wie die Frau Agnes sagt. Anspielungen auf die Zukunft verbitten wir uns in dieser heiligen Nacht, nicht wahr, mein Liebchen?! Seht, Pieperling hat recht: eine Lampe brennt nur so lange, als das Öl reicht. Siehst du, Teure, Liebe, da versinkt der Scherz in Nacht und Finsternis; der Ernst des Daseins erhebt sein Haupt im Dunkeln. Wir wollen still neben den Kohlen, die wir heute auf unserm Herde anzündeten, niederkauern und in Geduld den Willen der Götter erwarten. Ein Gelüst nach kalten oder warmen Getränken verspüre auch ich nicht mehr, Frau Agnes, und so halte auch ich es für das Beste, Gustav, daß wir die Weiber nach Hause bringen, und, ein jeglicher für sich, den Abend in Sammlung und Nachdenken ruhig verbringen.« »Da haben Sie ein recht vernünftiges Wort gesprochen!« sprach die Frau Agnes Fischarth. »Ihre verzauberte Froschgeschichte betreffend, so mag das mir Unverständliche dran vielleicht auch seine Meriten haben: das Verständliche unterschreibe ich für Wulfhilde.« – Man ging wirklich nach Hause. Der Maler brachte seine Braut bis zu ihrer Tür und kam heim, um das letzte Lämpchen hinter seinem Transparentbilde erlöschen zu sehen. Er fiel in denselben Lehnstuhl, in welchem der Rektor von Paddenau am Nachmittag so sonderbare Visionen gehabt hatte und – ob es an dem Stuhle lag, wer kann das sagen? – auch der Maler hatte in ihm in dieser Nacht recht sonderbare Visionen. Er blieb in ihm sitzen bis zur Morgendämmerung; unangenehm und widerlich waren die Gesichte nicht. Der Rektor schlief wie ein Held nach der Schlacht; ein gütiger Gott verschonte ihn diesmal selbst mit den gewohnten nächtlichen Spaziergängen auf den Asphodeloswiesen seiner Ideale. Der hohe Festtag hatte ihn zu müde gemacht; und er erwachte aus traumlosem Schlummer erst dann, als es die höchste Zeit geworden war, das alte Leiden von neuem zu beginnen und in atemloser Hast nach seinem Schulhause zu rennen. Unruhiger schlief die Frau Agnes; doch das unruhigste Kopfkissen fand daheim Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff. Sie entschlummerte erst, als der erste Hahn im Dräumling krähte, und dann träumte sie einen gar beängstigenden Traum, in welchem sie das hundertjährige Jubiläum der großen Firma Knackstert Witwe und Sohn durch den Vortrag eines von ihrem Papa gedichteten Lobgesangs vor einem von dem Maler Rudolf Haeseler gemalten Porträt des Herrn Vetters aus Hamburg im grünen Esel in Paddenau zu verherrlichen hatte; wir aber haben es jetzt vor allen Dingen mit dem Herrn Geheimen Hofrat Mühlenhoff, dem Prinzenerzieher außer Diensten, zu tun, und widmen uns ihm mit der vollen Hingabe, welche ein Mann seinesgleichen beanspruchen darf und gewöhnlich auch zu beanspruchen pflegt. Auch er tat in der Nacht vom zehnten auf den elften November des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig, allen seinen Befürchtungen zuwider, einen guten Schlaf, und als er am elften gegen neun Uhr morgens erwachte, nieste er dreimal und zwar nach der rechten Seite hin, zu welchem günstigen Omen sein Dämon, der auf der linken stand, wohlwollend sagte: »Helf Gott!« Das war trotz allem recht nötig; denn mit dem ersten Strahl des wieder aufblitzenden Selbstbewußtseins erwachte sofort das sonnenklare Bewußtsein der Gewißheit, daß auch in dieser Nacht Himmel und Erde sich zu neuen Anfechtungen seines innern und äußern Wohlbehagens mit gewohnter hämischer Energie verbunden hatten. Ächzend richtete er sich empor, zog die Glocke zu seinen Häupten und sank ächzend zurück, matt sich darauf freuend, daß man den Ruf seiner Schelle überhören, und ihm somit die erste Gelegenheit geben werde, sich dem Himmel und der Erde mit entsprechender Energie entgegenzustemmen. »Eines ist richtig,« murmelte er, »der widerliche Tag und der entsetzliche Abend liegen hinter mir. Aber die Folgen! die Folgen! wie werde ich mich mit den Folgen abfinden? ... Es kommt natürlich niemand! ... ich bin zu den Toten geworfen und habe mich auch darein zu ergeben! ... Wie werd' ich die nächste Zeit mit all ihren Verwicklungen ertragen? ... Die Rücksichtslosigkeit ist doch zu arg! es fallt niemandem ein, sich im allergeringsten um mich zu kümmern! – also, da bist du doch, Wulfhilde? guten Morgen; bitte, mäßige dich, – mäßige dein Ungestüm! hat sich wirklich jemand im Hause meiner noch erinnert?« Wulfhilde, die schon stundenlang in zitterndster Aufregung auf den schrillen Klang der Glocke ihres Vaters gewartet hatte, und auf den ersten Ruf derselben eine Lieblingsblumenvase zu Boden hatte fallen lassen, kniete am Bette des grämelnden Hypochonders: »Liebster, liebster Papa –« »Ich weiß alles,« winselte der Geheime Hofrat. »Du hast dich bodenlos lächerlich gemacht und kommst jetzt, um den Verdruß, den du über mich gebracht hast, durch unnütze Reuetränen und mir vollkommen gleichgültige Versprechungen zukünftigen schicklicheren Verhaltens zu vermehren. Laß das gut sein, mein Befinden ist nicht so, daß die Berichte deiner Erlebnisse irgendwie wohltätig darauf einwirken könnten. Du hast deinen Willen durchgesetzt, und das ist dir doch die Hauptsache.« »Mein lieber, mein guter, guter Papa; ich habe dir so viel, so vieles zu sagen!« »Reiche mir jetzt meine Tropfen und verschone mich mit allem übrigen bis nach dem Frühstück. Du kannst mir nichts mitteilen, was ich nicht bereits weiß. Nach dem Frühstück will ich es versuchen, dich ruhig anzuhören, und die sichere Gewißheit, daß du schon in nächster Zukunft deine Extravaganzen vor einem andern Tribunal zu verantworten haben wirst, wird mir diesmal noch die nötige Geduld verleihen. Um elf Uhr erwarten wir ja wohl den Vetter?« »Ja, um elf Uhr wollte der Herr Vetter kommen,« stammelte die arme Sünderin, das gerötete, tränenüberströmte Gesicht in der Bettgardine verbergend. Sie hatte sonst Mut, sie hatte vielen Mut; aber augenblicklich hatte sie nicht mehr den Mut, dem alten nervenschwachen Egoisten zu sagen, was doch gesagt werden mußte. Sie dachte an Quante und Quantes finstere Drohung und hielt sich nur mühsam an der Gardine aufrecht. »Du scheinst absonderliche Geschichten erlebt zu haben, Wulfhilde!« wimmerte der Prinzenerzieher. »Ich? O gar nicht!« und gepreßten Herzens schlich das zitternde Kind fort, um für die Bequemlichkeiten des ungemütlichen Greises zu sorgen. »Was soll daraus werden? Was soll das geben? O diese Angst – diese Angst ist nicht zu ertragen!« Sie mußte aber doch ertragen werden, und hier wie überall, wo der arme geplagte Mensch in den großen oder kleinen Verwirrungen des Lebens sich abängstigt, lag der einzige Trost in der unumstößlichen Erfahrung, daß die Zeit niemals still steht, und daß es immer Abend wird, wenn es einmal Morgen geworden ist. Bis zum Abend jedoch brauchte Wulfhilde Mühlenhoff nicht auf die Erlösung von der schweren Last, die auf ihrem Busen, ihrem Dasein lag, zu warten. Schon um zehn Uhr kam Quante mit dem Billett des Vetters, setzte das hübsche, freundliche Hausmädchen im Hause des Geheimen Hofrats durch eine wahrhaft gediegene Grobheit in Erstaunen und empfahl sich sofort wieder mit dem Bemerken, daß eine Antwort auf die Nota nicht erwartet werde. In dem Billett aber empfahl sich der Hamburger Großhändler gewissermaßen witzig, indem er in den höflichsten Ausdrücken seine Abreise mit Extrapost anzeigte, nicht den mindesten Grund dafür angab, sondern es, wie er sich ausdrückte, den Ereignissen des Tages, des gegenwärtigen Tages, überließ, dieselbige vor den Augen des teuern Verwandten und hochgeehrten Herrn Geheimen Rates zu rechtfertigen. Es ist viel in Versen und in Prosa von der Magie des Posthorns in linden Sommer-Mondscheinnächten gesungen und gesagt worden; von dem Posthorn, welches jetzt durch die Marktstraße von Paddenau schmetterte, konnte man nicht verlangen, daß es magisch wirke, und es wirkte doch im höchsten Grade so. »Da fährt er hin!« hauchte Wulfhilde Mühlenhoff, und Quante, nach vollendetem Auftrag aus dem Hause des Geheimen Hofrates fortstürzend, ereilte den Wagen an der Ecke der Marktgasse, schwang sich neben den Schwager auf den Bock und winkte zum letztenmal grimmig und höhnisch zurück. Unter den Klängen von »Wir winden dir den Jungfernkranz« verschwand der hinten auf den Wagen gebundene englische Reisekoffer um die Ecke der Marktstraße, und in die verhallenden Töne des melodischen Hornes mischte sich das gellendste Glockengeläut und schrillste Zetergeschrei aus dem Studierzimmer des Geheimen Hofrats Dr. Mühlenhoff. »Gleich, Papa! gleich! o Himmel, gleich!« rief Wulfhilde Mühlenhoff auf der untersten Stufe der Treppe, in bebender, ratlosester Angst und Bedrängnis sich am Geländer haltend, und es war auch ein Schrei, den sie ausstieß, als in der höchsten Not natürlich die Hülfe kam. Im elegantesten schwarzen Anzuge, kaum wiederzuerkennen, sprang der Maler, Herr Rudolf Haeseler in die Pforte des Hauses, über welches er eine so große Verwirrung gebracht hatte, und statt schämig und errötend vor ihm zurückzuweichen, wie es einer so jungen Braut geziemte, sprang ihm Wulfhilde mit stürmischer Hast entgegen, ergriff ohne Anstand die lächelnd dargebotene Hand mit beiden Händen und rief: »Gott sei Lob und Dank, daß du endlich da bist!« »Ich habe nicht umsonst seit Tagesanbruch meines Täubchens Nest unter dem Feldstecher gehalten.« »Ach, dummes Zeug! höre ihn nur da oben! der Vetter hat Wort gehalten, und Quante hat den versprochenen Brief gebracht. Ich bitte dich, Rudolf, höre ihn! er ist außer sich, und ich bin auch nicht mehr bei mir! was sollen wir anfangen, Rudolf?« Der Maler umfaßte zärtlich das zitternde Mädchen und sagte begütigend: »Weißt du, wir gehen unbefangen zu ihm hinauf, machen ihn treuherzig mit der veränderten Sachlage bekannt und bitten arglos wie um etwas ganz Selbstverständliches um seinen Segen. Fürchte dich nicht, mein Herz, von jetzt an bleibe ich bei dir, und den Guten da oben kenne ich ziemlich genau. Er achtet mich und wird mich lieben lernen! den Verhältnissen weiß er Rechnung zu tragen, und er wird schneller als sonst ein Schwiegervater einsehen, daß er in mir einen Schwiegersohn bekommt, wie man ihn selten in dieser schlechten Welt findet und wie er seinen Ansprüchen vollständig entspricht.« »Kommt denn niemand?, kommt denn kein Mensch?« schrillte der Herr Geheime Hofrat über die Treppenbrüstung herüber. »Doch, doch! wir kommen ja schon!« rief der Maler, den Arm der Verlobten durch den seinigen ziehend, und so – – – kamen sie zusammen – kam man zusammen – kam man wirklich ohne Anstand zusammen; gerade als ob es mit auf dem Festprogramm des Rektors Fischarth zu Paddenau im Dräumling gestanden hätte. Eine Viertelstunde später schien es sogar der selig-betäubten Wulfhilde das Allereinfachste und Allernatürlichste zu sein, daß sich der Papa auf der Stelle in das, was der Geliebte die veränderte Lage der Dinge nannte, gefunden hatte. – Das dreißigste Kapitel. Südlich von Paddenau und von dem Dräumling liegt Ägypten, das Land der Geheimnisse; und wo könnten wir uns jetzt, gegen den Schluß unseres Buches, mit größerem Nutzen hinverfügen als in dieses geheimnisvolle Land?! Daß die Geographen den Erdstrich immer noch in Ober-, Mittel- und Unter-Ägypten einteilen, braucht uns weiter nicht aufzuregen; wohl aber muß es uns im höchsten Grade erfreulich sein, daß der Nil das Land noch immer der Länge nach durchfließt, jetzt wie vor ungezählten Jahrtausenden gegen Ende Juni anfängt zu steigen, im Dezember bis auf eine Höhe von zweiundzwanzig Ellen anwächst und die heilige, mysterienreiche Umgegend, zur Rechten und zur Linken seines Bettes, in den schönsten Sumpf verwandelt, den die Phantasie sich vorstellen kann. Ein Sumpf von Nubien bis zum Delta! das gefällt den Störchen, wenn sie im September dem deutschen Vaterlande fröstelnd die Schwänze zeigen wollen! Dann und wann bringt wohl eine Dame, wie es auch in andern Sphären zu geschehen pflegt, aus Veränderungstrieb, Neuerungslust oder Widerspruchsgeist Spanien für die »diesjährige Saison« in Vorschlag, allein die verständigen Hausväter gehen mit ihren Familien stets nach Ägypten und beziehen auf den heiligen Ruinen der Vorzeit als nachdenkliche, weise und ebenfalls etwas geheimnisvolle Vögel die altgewohnten Quartiere. Es gibt noch wirkliche – echte Ruinen in Ägypten, so sehr auch das gebildete Europäertum seit der römischen Kaiserzeit es sich angelegen sein ließ, dieselben abzutragen, auf Schiffe zu verladen und über das Mittelländische Meer zu exportieren. An die Pyramiden hat sich noch kein mit genügender Staatsunterstützung ausgerüsteter Professor der Ägyptologie gewagt; auch die meisten Tempel, Sphinxe, Memnonssäulen und so weiter sind den Forschern und Liebhabern bis jetzt zu schwer gewesen. Eine Mumie kann freilich jeder stehlen und für ein gefälschtes Götterfigürchen, einen gefälschten Skarabäus, eine gefälschte Münze ein jeder den Geldbeutel ziehen. Von Theben existieren noch gewichtige Rudera; ebenso haben sich bei Denderah mancherlei Kuriositäten erhalten; den Tempeln von Philae ist man, bis jetzt wenigstens, auch nur vermittelst des Zeichenstifts und des photographischen Apparates beigekommen, und Karnak – Karnak mag wohl schon einige Male von irgendeinem römischen Prätor, byzantinischen Exarchen, arabischen Emir oder türkischen Pascha auf den Abbruch verkauft worden sein, jedoch abgeholt ist es noch nicht worden. Karnak! ... Herodot kam nach Karnak und schrieb darüber, was dann Legionen anderer Leute angespornt hat, gleichfalls dahin zu gehen und darüber zu schreiben. Man soll dadurch allmählich es ziemlich weit in der Entzifferung oder vielmehr Enträtselung der Hieroglyphen gebracht haben, was für die wahren Herren Poeten aller Länder und Nationen ein unermeßlicher Gewinn sein würde, da sie ja ihre Werke natürlich ebenfalls nicht auf Buchstaben, Laute und Silbenbildung gegründet haben, sondern auf die sinnliche Darstellung des Geistes durch das Bild. Lassen wir es dahingestellt sein. – Wenig mehr als eine Stunde gebraucht man, um auf einem Esel von Luxor nach Karnak zu reiten. Die Allee von Sphinxen, welche früher den Weg einfaßte, existiert nicht mehr, bis auf einige unbedeutende Trümmer der riesenhaften Herde; aber das Tor des Königs Ptolemäus Euergetes und der Königin Berenice steht noch. Es ist ein recht schäbiges Tor, und nur deshalb zu bemerken, weil man auf seinem Esel unter ihm durchreiten muß, um durch eine zweite Sphinxenallee zum Pylon und zu den Palästen des vierten Ramses, die freilich auch noch jung gegen das Haus des Osirtasen sind, zu gelangen. Das Haus des Osirtasen mit seinem Pylon, der von hundertundachtunddreißig Säulen gebildet wird, das ist's, was uns reizt. Wir stehen und überlegen, wie manchem Doktor Schmidt, wie manchem Mr. Legrand, wie manchem Mr. Robinson, und wie mancher Miß Miller hier in der Betrachtung der Atem entgangen ist, und fast noch mehr imponiert uns die Vorstellung, daß einst Seine Exzellenz der Reichsfinanzminister, Baron Joseph Jakobsohn, mit seinem Steuerprojekte im Portefeuille an dem gigantischen Torweg vorfuhr, ohne sich durch denselben imponieren zu lassen. Karnak! da liegt es am zwölften November des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig mitten im Nilsumpfe – geheimnisvoll, herzerschütternd in seiner hülflosen Größe, und wirkt zu gleicher Zeit in alle Tiefen des Gemütes anheimelnd; denn auf der Höhe der Palastpforte des Osirtasen steht jener Storch, welcher sich im Sommer des Jahres vor unsern Augen erhob und durch seinen Flug nach Paddenau unsere Historie ebenso anmutig wie tiefsinnig eröffnete. Ja, da steht er und wirkt bewältigender auf uns als alles übrige rund umher: denn wo bliebe alles – unser Buch nicht ausgeschlossen – wenn er nicht dastände? Er legt den Kopf auf die Seite und blinzelt; er weiß ganz genau, was er bedeutet, und er macht sich ein wenig lustig über die Tempel und Paläste der Pharaonen. Letzteres ganz mit Recht. Wo wären ohne seinen schönen, langen Schnabel die Tempel der Pharaonen, die ewige Roma, vor welcher der Maler Rudolf Haeseler Reißaus nahm? wo wäre der Maler Rudolf Haeseler, wo wären die Drillinge der Frau Agnes Fischarth, wo des Rektors Fischarth ungedruckte Manuskripte? wo wäre die süße Tochter des Geheimen Hofrats Mühlenhoff und der Herr Hofrat? wo wäre das Schillerfest und wo unser Buch? Ei freilich! auch dieses, unser Buch! Es rauschen noch andere Schwingen in der dunkelblauen heißen Luft. Ein Schatten fällt auf den glühenden Granit-Architraven, und dem Schatten folgt blitzschnell der Körper, der ihn wirft. Ein zweiter Storch steht plötzlich neben dem Paddenauer, begrüßt ihn klappernd, wird klappernd begrüßt und betrachtet sich nun gleichfalls vom Pylon des Osirtasen aus den Nilsumpf. Auch dieser zweite Storch besitzt ein Nest in Deutschland und zwar auf einer Villa am Starnberger See, welche augenblicklich noch das Eigentum eines reichen Nürnberger Kinderspielzeugfabrikanten ist, welche jedoch bereits mehrere Male in den Münchener Blättern zum Verkauf ausgeboten wurde, und deren Lage und Gebäulichkeiten dem Maler Rudolf Haeseler bei seinem letzten Aufenthalte in Leoni ausnehmend wohl gefielen. Sie sahen hin aus Ägypten, der aus dem Dräumling und der vom Würmsee. Sie stellten sich ein jeglicher auf ein Bein und klapperten abermals, und der Ton reichte weiter in die Jahrtausende zurück, als irgendeine Ruine der Menschen auf dem ruinenbedeckten Erbball. Sie sahen sich an, klug und bedeutsam und trotz allem Ernste mit einem gewissen komischen Augenzwinkern. Das aber, was sie einander zu sagen hatten, reichte entsetzlich weit in die Zukunft hinein, und da die wunderlichste Krone der Schöpfung, der Mensch, mit allen seinen zukünftigen Bauwerken, Götter- und Dichterfesten sehr dabei beteiligt war, so bezog sich die Unterhaltung auch ein wenig auf den Maler Herrn Rudolf Haeseler und Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff, die Tochter des Geheimen Hofrates und voreinstigen Prinzenerziehers Doktor Mühlenhoff zu Paddenau. Rasch zugreifen war die Hauptsache. Wenn der Sumpfmaler umgehend an seinen guten Bekannten, den königlichen Notarius Xaver Hopfenleitner in der Kaufinger Straße zu München, schrieb und ihn mit den nötigen Instruktionen und Mandaten versah, so konnte die Villa Noahkasten binnen vierzehn Tagen sein Eigentum sein, und der Schwiegerpapa nahm seinen Sommeraufenthalt vielleicht ebenso gern am Starnberger See, als in Blankenese. »Rasch zugreifen ist die Hauptsache!« rief der aus dem Dräumlinge, entfaltete sein Flügelpaar und stürzte sich eiligst hinunter vom Pylon des Osirtasen und hinab in ein Papyrusdickicht. Sofort erhob sich in diesem Dickicht eine heftige Bewegung, ein lautes Platschen und ein Aufspritzen von Schlamm und gelbem Wasser. Was der kluge Jäger sah, ergriff und zu sich nahm, wollen wir nicht untersuchen; der vom Würmsee, welcher augenblicklich satt war, bemühte sich nicht weiter; aber er sah dem Genossen billigend nach, ehe er den Kopf unter den Flügel schob, um noch ein wenig tiefer als gewöhnlich über der Welt Lauf und Zustände nachzudenken. Um die nämliche Stunde saßen der Maler Haeseler und der Schulmeister Fischarth auf der Stube des letztem auch zusammen, und Fischarth sagte eben: »Meine Frau sitzt bei deiner Braut und ist vom Hause mit einer Miene fortgegangen, als ob etwas außergewöhnlich Sonderbares in den letzten Tagen durchaus nicht vorgefallen sei. Ihr Gesicht hat mir zu großem Troste gereicht, denn es war mir ein deutliches Zeichen, daß in der Welt alles wieder in das gewohnte Geleise zurückfällt: man muß nur die Zeit erwarten können.« »Du bleibst doch immer der befremdliche Mensch, Gustav, der fort und fort sein Vergnügen daran findet, seinen Nachbar stutzig zu machen!« »Ich?« »Ja du! Überzeuge mich, daß in den letzten Tagen dir – mir, unsern – Damen etwas außergewöhnlich Sonderbares zu Paddenau im Dräumling widerfahren ist, und ich nehme auf der Stelle Vorwurf, Erstaunen, Spott und alles, was du sonst in meinem letzten Ausruf finden magst, zurück und leiste Abbitte.« Laut atmend sprang der Pädagoge in die Höhe und rief mit einem fast verzweiflungsvollen Blicke nach der grauen Stubendecke: »Rudolf, ich bitte dich, ich beschwöre dich, bringe mir meine Anschauungen und Begriffe nicht von neuem in Verwirrung. Du kannst es, weiß Gott, nicht verantworten! Wer hat denn etwas erlebt, wenn uns nichts passiert ist?« »Jetzt bin ich fest überzeugt, im nächsten Moment hält er mir meinen Schwiegervater in der Rechten und meinen trefflichen Freund Herrn George Knackstert aus Hamburg in der Linken unter die Nase.« »Ja, ja und dreimal ja! Haben die beiden armen Teufel in der letzten Zelt nicht mehrmals Grund gehabt, sich zu verwundern?« »Ganz und gar nicht.« »Nun,« sagte der Rektor von Paddenau, den Kampf aufgebend und mit einem tiefen Seufzer sich wieder niedersetzend, »dann gratuliere ich deiner Braut. Ihr werdet sicherlich eine behagliche Ehe zusammen führen.« »Ganz gewiß! Ich habe sie lieb, und wir werden uns im Dräumling zurechtzufinden wissen.« Auf dieses Wort hin sah der Freund den Freund groß an – lange an, reichte ihm dann die Hand über den Tisch, und damit – damit schließt eben das Buch vom Dräumling, das heißt, es schließt für uns; denn wir sind wahrlich nicht so dreist, zu verlangen, daß ein jeglicher unsern Standpunkt dem großen Sumpfe gegenüber einnehme. Gegenüber dem Sumpfe? Stehen wir wirklich schon dem Sumpfe gegenüber? Ach nein, wir sitzen sehr tief darin, und bemühen uns nur, wie der Maler Rudolf Haeseler, uns in dem Dräumling zurechtzufinden, halten das für ein nicht geringes Verdienst, aber werden uns nicht überheben und sicherlich niemals aus dem Dräumling heraus einem, der dem Dräumling gegenüberzustehen behauptet, das, was man einen guten Rat nennt, geben.