Molière Die Schule der Ehemänner Lustspiel in drei Akten Personen Sganarell, Arist , sein Bruder Isabella Leonore, ihre Schwester Valer Ergast , sein Diener Lisette , Leonorens Kammermädchen Ein Kommissär Ein Notar Schauplatz: Ein freier Platz in Paris Erster Akt Erster Auftritt Sganarell. Arist Sganarell. Das viele Reden kann uns wenig frommen, Mein Bruder; jeder leb' auf seine Art! Obgleich du älter und genug bejahrt, Um endlich zu Verstand zu kommen, Sag' ich dir offen, daß mir's ratsam schien, Mich deinem Gängelbande zu entziehn: Die Lebensweise, die mich von dir trennt, Behagt mir, und ich will dabei beharren. Arist. Doch jeder tadelt sie. Sganarell. Ja, solche Narren Wie du. Arist. Recht schönen Dank fürs Kompliment! Sganarell. Laß hören – nur der Wissenschaft zulieb – Was diese Sippschaft dran zu tadeln weiß. Arist. Dein überspanntes Wesen, die Vermeidung Gesell'ger Freuden, den bizarren Trieb, Dich abzusondern, dem mit so viel Fleiß Du folgst in allem, selbst in deiner Kleidung. Sganarell. Jawohl, zu Kreuze kriechen vor der Mode Und mich für andre anziehn, nicht für mich! Bezweckst du gar mit dieser schönen Ode Als ältrer Bruder – denn unweigerlich Hast zwei Jahrzehnte mehr du auf dem Rücken, Doch das steht hier nicht zur Erwägung – Bezweckst du, sag' ich, mir die stolze Prägung Von euren jungen Früchtchen aufzudrücken? Soll ich wie sie das kleine Hütchen tragen, Das preisgibt jedem Wind ihr bißchen Hirn, Den Schwall von falschen Locken, der die Stirn Des Menschen einem Urwald läßt vergleichen, Ein Wams, das bei den Ärmeln aufhört, Kragen, Die schlecht gemessen bis zum Nabel reichen? Manschetten, die bei Tisch in jede Suppe Eintauchen, Hosen, weit wie Unterröcke, Winzige Schuhe, deren Bänderpracht Den Eindruck plumper Taubenfüße macht, Gamaschen gar, in die der armen Puppe Gebein gezwängt wird wie in Schraubenstöcke? So ausstaffiert und in gespreiztem Schritt Hinwandelnd, ähnlich einem Federballe, Dürft' ich gewiß sein, daß ich dir gefalle; Machst du doch selbst den ganzen Unsinn mit. Arist. Niemals die große Mehrheit zu befehden Noch aufzufallen, war ich stets bedacht: Jedes Zuviel verletzt; mit seiner Tracht Hält's ein verständ'ger Mann wie mit dem Reden: Er übertreibt nichts; doch mit Maß und Feinheit Folgt er dem Brauch der Allgemeinheit. Obgleich ich nicht wie jene mich gebärde, Die hinter jeder neuen Mode her Wettlaufen, voller Angst, daß irgendwer Bei dieser Jagd sie überholen werde, So halt' ich doch den schroffen Bruch der Sitte Für tadelnswert und will in jedem Falle Mich lieber schau'n in vieler Toren Mitte, Als weise dastehn einer gegen alle. Sganarell. Nur setzt der alte Herr noch, um zu blenden, Ein schwarz Perückchen auf die weißen Haare. Arist. Warum denn mußt du mir an allen Enden Unter die Nase reiben meine Jahre? Warum schärfst du mir täglich ein, Ich müss' in Schmuck und Freude mich beschränken, Als ob, verdammt zu liebeleerem Sein, Das Alter nur noch dürft' ans Sterben denken? Soll seinen ohnedies geringen Reiz Nachlässigkeit und Mißmut noch vermindern? Sganarell. Wie dem auch immer sein mag – meinerseits Lass' ich in meiner Tracht mich nicht behindern. Der Mode trotzend wähl' ich einen Hut, Der meinem Kopf ein breites Schutzdach baue, Ein langes, ungeschlitztes Wams, das gut Den Magen wärmt, damit er schön verdaue; Beinkleider, wie sie meinem Wuchse taugen, Schuhwerk, in dem man nicht vor Schmerzen schreit, Wie man es weislich trug in alter Zeit, Und wem's mißfällt, der schließe seine Augen. (Sie sprechen im Vordergrunde leise weiter miteinander, ohne von den Auftretenden bemerkt zu werden) Zweiter Auftritt Vorige. Leonore. Isabella. Lisette Leonore (zu Isabella). Ich nehm's auf mich; dir soll kein Leid geschehn! Lisette ( zu Isabella ). Stets eingesperrt und keinen Menschen sehn! Isabella. Er ist nun einmal so. Leonore Du armes Kind! Lisette (zu Leonore . Wahrhaftig, Fräulein, seien Sie zufrieden, Daß die zwei Brüder sich nicht ähnlich sind Und Ihnen der vernünft'ge ward beschieden! Isabella. Ein Wunder, daß er heute mich zu Hause Zurückließ, ohne fest mich einzuschließen. Lisette. Sie sollten ihn, samt seiner spanischen Krause, Zum Teufel schicken ... Sganarell ( stößt Lisette zusammen ). Mit Verlaub, wohin? Leonore Ich weiß noch nicht: wir hatten nur im Sinn, Des schönen Morgens Frische zu genießen: Jedoch ... Sganarell ( zu Leonore ). Sie mögen gehn, wohin Sie wollen. Nur immerzu; (auf Lisette deutend) Sie sind ja schon zu zweit. (Zu Isabella) Doch dir befehl' ich, dich nach Haus zu trollen. Arist. Gönn' ihnen doch die kleine Lustbarkeit! Sganarell Ergebner Diener! Arist. Jugend ... Sganarell. Ist nicht klug, Und Weisheit kommt nicht immer mit den Jahren. Arist. Ist ihr nicht Leonore Schutz genug? Sganarell. Noch sichrer werd' ich selber sie bewahren. Arist. Doch ... Sganarell. Doch sie tue, was ich vorgeschrieben, Solang für sie zu sorgen meine Pflicht. Arist. Sorg' ich vielleicht für ihre Schwester nicht? Sganarell. Mein Gott, das halte jeder nach Belieben, Ihr Vater, unser Freund, hat uns im Sterben Die Kinder anvertraut, die früh verwaisten; Wir sollten einmal selber um sie werben, Wo nicht, für ihr Geschick ihm Bürgschaft leisten, Und bündige Vollmacht hat er uns verliehn, Als Bräut' und Töchter beide zu erziehn. Du hast dir zur Erziehung jene dort Und ich mir diese vorbehalten: Bei jener führe du das große Wort! Doch über sie laß mich gefälligst schalten. Arist. Mir scheint ... Sgnnarell. Mir scheint, sofern man einsichtsvoll, Ist dies die klarste Sache von der Welt! Du willst, daß sich die Deine putzen soll, Mir gleich! daß sie Lakai'n und Zofen hält, Mir recht! daß sie bei müßigem Spazieren Den Hof sich machen läßt von jungen Herrn, Mir lieb! jedoch die Meine möcht' ich gern Nach meinem Kopf erziehn, nicht nach dem ihren; Will, daß sie ehrbar in Kattun sich kleide Und nur am Feiertag in Seide; Daß sie das Haus mir hütet, daß ihr Schaffen Und Denken nur sich um die Wirtschaft dreht, Daß sie des Abends meine Wäsche flickt, Mir zur Zerstreuung Strümpfe strickt Und weder Umgang pflegt mit jungen Laffen Noch unbegleitet auf die Straße geht. Das Fleisch ist schwach; man muß gar manches hören: Vorm Hörnertragen schütze sich, wer kann, Und wenn das Glück ihr mich beschert zum Mann, Will ich auf sie wie auf mich selber schwören. Isabella. Sie haben, denk' ich, keinen Grund ... Sganarell. Schweig still! Wenn du noch einmal ohne mich das Haus ... Leonore. Mein Herr ... Sganarell. Mein Fräulein, nicht zu Ihnen will Ich sprechen; Ihre Tugend ist vollkommen! Leonore. Verdrießt es Sie, daß ich sie mitgenommen? Sganarell. Sie wird durch Sie verdorben, frei heraus. Ihr täglicher Besuch behagt Mir wenig, und ich wünscht' ihn eingeschränkt. Leonore. Nun, gleichfalls frei heraus gesagt: Zwar weiß ich nicht, was sie darüber denkt; Mir aber wäre solch ein Mißtraun unerträglich. Man nennt sie meine Schwester; doch es gibt Mir Grund, daran zu zweifeln, wenn sie täglich Dergleichen duldet und Sie dennoch liebt. Lisette. 's ist unerhört! Sind wir in der Türkei, Wo man die Frauen einsperrt, wo Barbaren Sie zwingen zu gemeiner Sklaverei Und deshalb insgesamt zur Hölle fahren? Ja, Herr, es stünde schlecht um unsre Ehre, Wenn Aufsicht ihr so unentbehrlich wäre. Und ist, falls wir entschlossen sind, zuletzt Nicht dennoch alle Wachsamkeit verloren? Wenn wir uns etwas in den Kopf gesetzt, Dann machen wir den schlausten Mann zum Toren. Verschanzt uns noch so toll, es wird nichts nützen; Es steigert die Gefahr, vor der euch graut: Ihr seid am sichersten, wenn ihr vertraut, Und wir, wenn wir uns selbst beschützen. Gerade dadurch reizt man uns zu Sünden, Daß man zu eifrig uns davor bewacht, Und litt' ich eines Ehemanns Verdacht, Dann hätt' ich große Lust, ihn zu begründen. Sganarell. (zu Arist). Dies deine Früchte, weiser Pädagog! Und alles das bringt dich nicht in Erregung? Arist. Du siehst, daß es zum Lachen mich bewog; Doch was sie sagte, fordert Überlegung. Nach Luft und Freiheit dürstet ihr Geschlecht, Und allzuviel der Strenge schmeckt ihm bitter; Durch Argwohn und durch Schloß und Gitter Wird Frauentugend noch nicht echt. Die Sittsamkeit verbürgt die Treue Weit sichrer, als es hartem Druck gelingt, Und ich vermute, daß man's bald bereue, Sofern man eine Frau zur Tugend zwingt; Nein, statt bei jedem Schritt ihr nachzuspäh'n, Soll um ihr Herz man eine Fessel weben. Ich würde meine Ehre nur mit Beben In einer Gattin Händen sehn, Der zur Verletzung ihrer Pflichten Nichts anderes fehlt als die Gelegenheit. Sganarell. Gewäsch! Arist. Mein Grundsatz war es jederzeit: Man soll die Jugend lachend unterrichten, Soll nur mit Milde tadeln ihre Schwächen, Weil man ihr Tugend sonst zum Schreckwort macht. Bei Leonoren hab' ich dies bedacht Und nahm nicht kleine Launen für Verbrechen: Niemals versagt' ich, was dem Kind gefiel, Und hatt' es, Gott sei Dank, nicht zu bereuen. Sie durft' an heitrem Umgang sich erfreuen, Gesellschaft, Bällen und Theaterspiel. Dergleichen scheint mir von dem höchsten Wert, Weil es den Geist der Jugend formt und wetzt; Was diese Schule guter Sitten lehrte Wird, wie mich dünkt, durch Bücher nicht ersetzt. Sie hat gern schöne Kleider, Bänder, Spitzen; Warum nicht soll man ihrem Wunsch sich fügen? Warum nicht jungen Mädchen dies Vergnügen Gestatten, wenn wir Geld genug besitzen? Des Vaters Wille zwar bestimmt sie mir Zum Weib; doch werd' ich freie Hand ihr lassen; Ich weiß, daß unsre Jahre wenig passen, Und die Entscheidung steht allein bei ihr. Viertausend Taler Renten und dabei Ein Herz voll Zärtlichkeit – wenn die erreichen, Des Alters Unterschied, wie groß er sei, In ihren Augen auszugleichen, Dann wird sie mein; wo nicht, bleibt ihr die Wahl, Wie, fern von mir, sie beßres Glück erringe, Und lieber führ' ein anderer Gemahl Sie heim, als daß ich diesen Bund erzwinge. Sganarell. Wie honigsüß! Der reine Himbeersaft! Artst. Gottlob, so denk' ich; und mit Härte schafft Man nur dies Eine, daß voll Ungeduld Die Kinder lauern auf der Väter Ende. Sganarell. Wer junges Volk verzieht, der trägt die Schuld, Wenn's später sich verstockt erweist. Sie fände Wohl kein Gefallen dran, sich zu bescheiden, Wenn du sie plötzlich mahntest zum Verzicht. Arist. Verzicht, wieso? Sganarell. Wieso? Arist. Ja. Sganarell. Frage nicht! Arist. Meinst du, die Ehre könnte Schaden leiden? Sganarell. Ei, wärest du gesonnen, als ihr Mann, In ihrer Mädchenfreiheit nichts zu ändern? Arist. Ich wüßte nicht, weshalb. Sganarell. Willst sie noch dann Versehn mit Schönheitspflästerchen und Bändern? Arist. Gewiß. Sganarell. Soll sie noch dann mit Saus und Braus Sämtliche Gasterei'n und Bälle zieren? Arist. Jawohl. Sganarell. Und Stutzer kämen dir ins Haus? Artst. Kann sein. Sganarell. Die mit ihr spielen, sie traktieren? Arist. Natürlich. Sganarell. Und ihr zarte Briefchen schreiben? Artst. Warum denn nicht? Sganarell. Und solch ein saubres Treiben Wird deinen Schlaf und Appetit nicht stören? Arist. Nein. Sganarell. O du alter Narr! (Zu Isabella) Geh heim – geschwind! So schmähliche Moral sollst du nicht hören. Dritter Auftritt Vorige (ohne) Isabella Arist. Ja, meinem Weib vertrauen würd' ich blind Und leben wie bisher. Sganarell. Vor Freude werd' ich hüpfen, Wenn sie dich weidlich an der Nase zieht. Arist. Zwar weiß ich nicht, was mir mein Stern beschied; Doch solltest du solch einem Los entschlüpfen, Dann wär's nicht dein Verdienst; denn dein Betragen Hat nach sotaner Richtung nichts versäumt. Sganarell. Spotte du nur! Wie reizend aufgeräumt Du bist in deinen alten Tagen! Leonore. Daß ihn dies Schicksal niemals treffen kann, Ich selbst, wenn ich ihm je mich angelobe, Bürg' ihm dafür; doch würden Sie mein Mann, Dann allerdings bestünd' ich kaum die Probe. Lisette. Was schändlich wäre, wenn man uns vertraut, Bei Ihresgleichen wird's zum guten Werke. Sganarell. Schweig, naseweises Ding! Arist. Sie sagte laut, Was alle denken; laß dich's nicht verdrießen Und lebe wohl! Werd andern Sinns und merke: Verfänglich ist's, die Weiber einzuschließen. Ich bin dein Diener. Sganarell. Ich der deine nicht! (Arist, Leonore und Lisette ab) Vierter Auftritt Sganarell (allein) Sganarell. Die ganze Sippe find' ich wie geschaffen Eins für das andre: diesen alten Laffen, Der noch den Gecken spielt trotz seiner Gicht, Die Erzkokette, deren Joch ihn drückt, Und freche Zofen! Hören, Sehn und Denken Vergeht der Weisheit selbst, bevor ihr glückt Die tolle Wirtschaft einzurenken. Ein solcher Umgang tötet ja den Keim Der Ehre, den ich pflanzt' in Isabellen; Um das zu hindern, soll sie bald mir heim Aufs Land, zum Kohl und zu den Hühnerställen. Fünfter Auftritt Sganarell. Valer. Ergast. Valer (im Hintergrund). Ergast, da siehst du den verdammten Wächter, Der das geliebte Kind mit Argusaugen Behütet. Sganarell (noch ohne die beiden zu bemerken). Schauerlich! Die Sitten taugen Schon lange nichts und werden immer schlechter. Valer . Was gilt's? Ich sprech' ihn an. Wenn mir's gelänge, Mit ihm bekannt zu werden, dann ... Sganarell ( wie oben ). Wo blieb Die musterhafte Sittenstrenge, Die weiland so gesunde Blüten trieb? Die Jugend steckt voll Leichtsinn, Übermut Und ... Valer (hat wiederholt von fern gegrüßt). Merkt er gar nicht, daß wir ihn begrüßen? Ergast. Sein linkes Auge sieht vielleicht nicht gut. Gehn Sie nach rechts. Sganarell ( wie oben ). Ich schüttle von den Füßen Den Staub der Großstadt; denn es macht mich krank, Zu sehn, wie hier ... Valer (allmählich nähertretend) . Er muß Gehör mir schenken. Sganarell (aufhorchend). Sprach jemand? – – Auf dem Lande, Gott sei Dank, Wird mich die Narretei der Zeit nicht kränken. Ergast ( zu Valer ). Reden Sie doch! Sganarell (aufhorchend). Wie? – – Nichts! Mein Ohr nur klang. – Dort hat ein Mädchen anderes im Kopf ... (Valer bemerkend) Gilt mir das? Ergast (zu Valer) . Frisch drauf los! Sganarell (für sich, fortfahrend). Kein junger Kopf Wird dort ... (Valer grüßt wieder) Verwünscht! (Er dreht sich um und bemerkt Ergast, der ihn von der anderen Seite grüßt) Der auch! – Ziehn Sie den Hut noch lang? Valer. Mein Herr, ich kam vielleicht im ungelegnen Moment ... Sganarell Kann sein. Valer. Doch weil's mich hoch beglückt Und tief beehrt, daß wir uns hier begegnen, Drum hab' ich meinen Gruß nicht unterdrückt. Sganarell Schön! Valer. Mög' er Ihnen, ohne Redekunst, Diensteifer und Ergebenheit beweisen. Sganarell Gut! Valer. Denn ich bin Ihr Nachbar, eine Gunst Des Schicksals, die nicht hoch genug zu preisen. Sganarell Sehr wohl! Valer. Vernahmen Sie das Neuste schon, Was man vom Hof als gut verbürgt erzählt? Sganarell Geht mich nichts an. Valer. Gewiß; doch uns beseelt Die Neugier stärker oft als die Vernunft. Sie werden doch erscheinen in Person Beim Fest der allerhöchsten Niederkunft? Sganarell Wenn mir's beliebt. Valer. Wir in Paris durch gleiten Ein Freudenmeer, das der Provinzler nie Sich träumen läßt. Womit verbringen Sie Die Zeit? Sganarell Mit meinen Angelegenheiten. Valer. Erholung braucht der Geist; nicht abzustehn Von ernster Tätigkeit, erschöpft ihn endlich. Was tun Sie abends vor dem Schlafengehn? Sganarell Was mir behagt. Valer. Natürlich! Selbstverständlich! Die Antwort lob' ich mir; dadurch bekräftigt Sich kluger Sinn: vor jedem Tun ermessen, Ob es behagt. Wüßt' ich Sie nicht beschäftigt, Dann käm' ich manchmal nach dem Abendessen ... Sganarell Empfehle mich. Sechster Auftritt Valer. Ergast Valer. Was sagst du zu dem Narren? Ergast. Ein richtiger Werwolf. Valer. O, es kocht in mir! Ergast. Warum? Valer. Warum? Bei diesem Ungetier Soll meine Liebste rettungslos verharren, Bei diesem unbarmherz'gen Menschenfresser, Der sie mit harten Fesseln rings umschnürt! Ergast. Ei, mag er doch! Je toller, desto besser: Dies ist der Weg, der uns zum Ziele führt. Der oft erprobte Satz geb' Ihnen Mut: Ein Weib, das man bewacht, ist halb gewonnen; Was Gatten oder Väter auch ersonnen, Ihr Ungestüm kommt dem Galan zu gut. Zwar fehlt mir's an Talent zum Herzbetören, Und Lieben ist nicht meine Profession; Doch mehr als zwanzig Schwerenötern schon Hab' ich gedient und sie versichern hören, Am allerliebsten hätten sie's zu tun Mit Männern, die fortwährend zornig poltern, Mit schnöden Haustyrannen, die nicht ruhn, Ihr Weib durch plumpe Wachsamkeit zu foltern Und in ihr eheherrlich Recht vernarrt Sie schmähn in des Verehrers Gegenwart. Das hilft am schnellsten, wie man mir gesagt; Des Weibes Ärger über solche Kränkung, Die der verliebte Hausfreund sanft beklagt, Gibt bald dem Fahrzeug die erwünschte Lenkung; Mit einem Wort, des Vormunds hartes Joch Verleiht die schönste Hoffnung Ihrem Werben. Valer. Doch schon vier Monde lieb ich sie zum Sterben, Und nicht einmal sie sprechen konnt' ich noch. Ergast. Lieb' ist erfinderisch; an Ihrem Platze Hätt' ich ... Valer. Du hättest auch nicht mehr erreicht, Da ihr der Strolch nicht von der Seite weicht; Im Haus kein Diener, keine Kammerkatze, Die mir zum Dank für bare Huldbezeigung In meiner Herzensnot gefällig wären. Ergast. So weiß sie gar noch nichts von Ihrer Neigung? Valer. Vermöcht' ich selber nur dies aufzuklären! Wohin der Wüterich sie führen mag, Ich folg' ihr stets gleich ihrem Schatten, Und meine Blicke suchen Tag für Tag Die Beichte meines Herzens abzustatten. Doch ob sie dieser Augensprache traut Und sie versteht, wie soll ich das erkunden? Ergast. Oft wird in dieser Sprach' erst Sinn gefunden, Wenn ihr zum Dolmetsch werden Schrift und Laut. Valer. Was tun, um dieser Marter zu entrinnen Und zu erfahren, ob sie mich begriff? Fällt dir nichts ein? Ergast. Da braucht es einen Kniff: Wir wollen uns zu Haus darauf besinnen. Zweiter Akt Erster Auftritt Isabella. Sganarell Sganarell. Was du berichtet, spart mir alles weitre: Ich weiß jetzt, wo er wohnt, und wer er ist. Isabella (für sich) . O sei mir gnädig, Gott, damit die List Unschuldiger Liebe heut nicht scheitre! Sganarell. Sagtest du nicht, sein Name sei Valer? Isabella. Ja. Sganarell. Geh ins Haus und sei nur ohne Bangen: Dies dreiste Herrchen werd' ich gleich mir langen. Isabella (im Abgehen für sich) . Das Werk ist für ein Mädchen fast zu schwer; Doch seine Härte wird Verzeihung mir Bei allen Edeldenkenden gewinnen. (Ab) Zweiter Auftritt Sganarell (allein) Sganarell. Wohlan! Dort muß es sein. (Er klopft an die Tür von Valers Haus) He! Niemand hier? Wenn ich ... He! Holla! Hört man nicht da drinnen? – Aus diesem Tatbestand wird freilich klar, Warum der Mensch vorhin so höflich war. Bald aber soll das Luftschloß ihm entschweben ... Dritter Auftritt Sganarell. Valer. Ergast Sganarell (zu Ergast, der rasch heraustritt und mit ihm zusammenstößt) . Daß dich der Henker! Ist der Esel dumm! Pflanzt sich mir vor die Nase wie ein Trumm! Valer. Ich bin untröstlich ... Sganarell. Ah, Sie sucht' ich eben. Valer. Sie mich? Sganarell. Ich Sie! Sie heißen doch Valer? Valer. Ja. Sganarell. Mit Verlaub, Sie sprechen möcht' ich gern. Valer. Womit kann dem verehrten Herrn ich dienen? Sganarell. Mit nichts; im Gegenteil, ich will mich Ihnen Dienstbar erweisen; deshalb kam ich her. Valer. Mir? Sganarell. Ihnen. Das erstaunt Sie? Valer. Ja, sofern Ich ganz entzückt bin; denn es ist zu viel Der Ehre ... Sganarell. Lassen wir die Ehre aus dem Spiel! Valer. Beliebt es, einzutreten? Sganarell. Danke, nein. Valer. Ich bitte drum! Sganarell. Ich geh' nicht von der Stelle. Valer. Nicht dulden kann ich, daß vor meiner Schwelle ... Sganarell. Hier bin ich und hier bleib' ich. Valer. Mag's denn sein. (Zu Ergast) Der Herr will's einmal so; deshalb im Sprung Hol einen Stuhl! Sganarell. Ich kann auch stehend sprechen. Valer. Unmöglich! Sganarell Schauderhafte Nötigung! Valer. An Form und Anstand wär' es ein Verbrechen. Sganarell. Es ist ein schlimmres noch, wenn man die Leute Zu Wort nicht kommen läßt, die reden wollen. Valer. Ich füge mich. Sganarell Sehr wohlgetan. (Sie machen umständliche Komplimente, sich zu bedecken) Was sollen Die neuen Zeremonien? Werd' ich heute Noch angehört? Valer. Wie gern! Sganarell Dann zum Beginn Frag' ich: Ist Ihnen kund, daß ich seit Jahren Der Vormund eines hübschen Kindes bin, Das Isabella heißt und bei mir wohnt? Valer. Ich weiß. Sganarell Dann brauchen Sie's von mir nicht zu erfahren. Doch wußten Sie denn auch, daß nicht verschont Von ihrem Reiz ich sie vom Mündel künftig Zu meinem Weibe will erheben? Valer. Nein. Sganarell. Dann wissen Sie das jetzt; drum wär's vernünftig, Sie stellten weiteres Bemühen ein. Valer. Wer? Ich? Sganarell. Ja, Sie – trotz Ihren Winkelzügen. Valer. Wer sagt denn, daß mein Herz in ihrem Bann? Sganarell. Jemand, dem man wohl Glauben schenken kann. Valer. Nun, wer? Sganarell. Sie selbst. Valer. Sie? Sganarell. Sie, das wird genügen. Als ehrbar Kind, von Jugend auf mir treu, Bekannte sie mir alles ohne Scheu, Ja, bat sogar mich, Ihnen auszurichten, Daß sie schon längst als Kränkung es empfand, Verfolgt zu werden, und daß sie mit nichten Die Sprache Ihrer Augen mißverstand. Sie wisse ganz genau, was Sie begehren; Nur möchten Sie nicht ferner sich bemühn, Weil ihr die Pflichten gegen mich verwehren, Zu merken, daß noch andre für sie glühn. Valer. Sie selber, sagen Sie, trug Ihnen auf ... Sganarell. Dies Ihnen zu bestellen, frank und frei, Und daß sie gleich, als sie der Dinge Lauf Erkannt, darüber sie belehren wollte; Nur fiel es ihr in ihrer Angst nicht bei, Wem sie die Botschaft anvertrauen sollte. Doch halb verzweifelt schon entschloß sie sich Zuletzt, mir selber dieses Amt zu gönnen, Damit Sie, wie gesagt, nicht zweifeln können, Daß niemand um sie werben darf als ich; Damit Sie dies Geäugel unterlassen Und, falls Ihr Hirn es irgendwie vermag, Fortan mit einer andern sich befassen. Nun haben Sie's vernommen; guten Tag! Valer (leise). Ergast, was hältst du von dem Abenteuer? Sganarell (leise für sich). Das traf! Ergast (leise zu Valer). Nach meiner Ansicht steht es gut: Sogar verdoppeln darf sich jetzt Ihr Mut: Denn alles scheint mir eine feine List. Derlei trägt man nicht auf, wenn man das Feuer, Das man entfacht, zu löschen willens ist. Sganarell (für sich). Das hat gewirkt! Valer ( leise zu Ergast). Du glaubst, dahinter stecke... Ergast (leise). Ja ... Doch er lauscht; ich rate, daß wir gehn. Vierter Auftritt Sganarell (allein) Sganarell. Er wurde rot und blaß von diesem Schrecke; Die Botschaft hat er nicht vorausgesehn. Jetzt ruf' ich Isabella; so bekundet Erziehung ihre segensreiche Frucht: Ihr sittsam Herz ist in so strenger Zucht, Daß eines Mannes Blick sie schon verwundet. Fünfter Auftritt Sganarell. Isabella Isabella (im Eintreten, für sich). Ich fürchte, daß, weil er zu sehr mich liebt, Mein Freund den zarten Wink nicht ganz verstanden: Drum send' ich ihm aus meines Kerkers Banden Noch einen zweiten, der ihm Klarheit gibt. Sganarell. Das ist erledigt. Isabella Nun? Sganarell Zu deinem Heil Hast du dich mir vertraut: der hat sein Teil! Erst leugnen wollt' er seines Herzens Brand; Jedoch dein Auftrag warf ihn so darnieder, Daß er verwirrt und sprachlos vor mir stand, Und schwören will ich drauf: der kommt nicht wieder. Isabella. Ach, glauben Sie? Mich hält die Furcht befangen, Daß er auf weitre Ränke sinnt. Sganarell. Was gibt dir Anlaß, dies zu fürchten, Kind? Isabella. Sie waren aus dem Zimmer kaum gegangen, Da – just, als ich zum Fenster trat, Um Luft zu schöpfen – um die Ecke naht Ein junger Bursche, wünscht zuerst im Namen Des Unverschämten keck mir guten Morgen Und wirft ein Döschen durch den Fensterrahmen, Drin dies versiegelte Billett verborgen. Zurück ihm werfen wollt' ich beides gleich; Er aber war verschwunden – und noch eben Fühl' ich vor Zorn all meine Glieder beben. Sganarell. Seht mir den abgefeimten Schurkenstreich! Isabella. Doch Brief und Dose dem verliebten Bengel Sofort zurückzusenden scheint mir Pflicht; Nur fehlt ein Bote mir; ich wage nicht, Sie selbst damit ... Sganarell. Im Gegenteil, mein Engel! Nicht schöner konnte sich bekunden Dein treuer Sinn. Die Sendung ist mir lieb; Von Herzen bin ich dir dafür verbunden. Isabella (gibt ihm die Dose). So nehmen Sie! Sganarell. Laß sehn, was er dir schrieb. Isabella. O, brechen Sie den Brief nicht auf! Sganarell. Weswegen? Isabella. Schöpft er dann nicht Verdacht, daß ich's gewesen? Ein ehrbar Mädchen sträubt sich doch dagegen, Die Briefchen, die ein' Mann ihr schickt, zu lesen! Die Neugier, die darin sich widerspiegelt, Läßt schließen, daß der Inhalt ihr gefällt. Drum wünsch' ich ihm den Brief zurückgestellt So wie er ist, verschlossen und versiegelt, Damit ihm endlich die Erkenntnis tagt, Daß ihn mein Herz aufs gründlichste verachtet: Damit er nicht vergeblich weiter schmachtet Und solche Torheit nicht noch einmal wagt. Sganarell. Wahrhaftig, was du sagst, hat Sinn und Fug! Du bist nicht reizend nur, du bist auch klug. Was ich dich lehrte, wurzelt fest und tief, Und würdig scheinst du mir, mein Weib zu heißen. Iabella. Doch wenn Sie gerne wüßten, was der Brief Enthält – Sie brauchen ihn nur aufzureißen. Sganarell. Nein, Gott bewahr'! Dein Grund ist wohlbedacht, Und augenblicks entsprech' ich deiner Bitte; Hin und zurück bedarf es wen'ger Schritte. – Aufatmen wirst du, wenn es abgemacht! Sechster Auftritt Sganarell (allein) Sganarell. Mein Herz schwimmt in Entzücken! Welch ein Grad Von Tugend! Dieses Kind ist Goldes wert: Ein Muster wird sie sein an meinem Herd! Hält einen Liebesblick schon für Verrat, Ein zart Billett für Kränkung ihrer Ehre, Läßt durch mich selbst dem Fant es wiederbringen! Nur wissen möcht' ich, ob in solchen Dingen Des Bruders Mündel auch so redlich wäre! Die Weiber sind, was man aus ihnen macht. – Holla! (Er klopft an Valers Haustür) Siebenter Auftritt Sganarell. Ergast Ergast. Was gibt's? Sganarell. Geh, deinem Herrn zu sagen, Er soll nicht ferner seine Finger plagen Mit Briefchen, die er schickt in goldnen Dosen: Das Fräulein sei gewaltig aufgebracht. Schau her, das Siegel ist noch unverletzt, Damit er merkt: hier blühn ihm nicht die Rosen, Auf die er seine Hoffnung setzt. Achter Auftritt Ergast. Valer Valer. Was hat der Unhold dir gegeben? Sprich! Ergast. Dies Briefchen und die Dose; beide hat, So sagt er, Isabella heut von Ihnen Erhalten; ihre Wut sei fürchterlich; Drum uneröffnet sende sie das Blatt Zurück. Schnell lesen Sie! Das wird zum Aufschluß dienen. Valer (liest). »Dieser Brief wird Sie ohne Zweifel sehr überraschen, und man würde es gewiß als ein unziemliches Wagnis betrachten, sowohl daß ich ihn schreibe, als daß ich ihn auf solche Art Ihnen übermittle; aber in meiner Lage bindet man sich an keine Form. Mein gerechter Abscheu vor einer Heirat, die mir in sechs Tagen bevorsteht, treibt mich zum Äußersten, und in meinem festen Entschluß, mich ihr um jeden Preis zu entziehn, hielt ich es für besser, mich Ihnen zu überantworten, als der Verzweiflung. Dennoch sollen Sie nicht glauben, daß Sie dies alles nur meinem feindlichen Geschick verdanken; meine harte Gefangenschaft hat die Gefühle, die ich für Sie hege, nicht hervorgerufen, sondern nur ihren Ausdruck beschleunigt und mich die Schranken vergessen lassen, in welche die Wohlanständigkeit uns Mädchen verweist. Es hängt allein von Ihnen ab, ob ich Ihnen bald angehören soll, und ich warte nur darauf, daß Sie mir Ihre Absichten mitteilen, um Ihnen Nachricht zu geben, was ich zu tun bereit bin. Vor allem bedenken Sie, daß die Zeit drängt und daß zwei Herzen, die sich lieben, nur eines halben Wortes bedürfen, um sich zu verstehen.« Ergast. Nun? Sind Sie nicht von diesem Streich erbaut? So jung noch, und schon so durchtrieben! Wer hätt' ihr solchen Scharfsinn zugetraut? Valer. Und dieses Götterkind sollt' ich nicht lieben? Dies Zeugnis von Verstand und Leidenschaft Läßt zärtlicher mein Herz noch für sie schlagen; Verdoppelt fühl' ich ihres Zaubers Kraft ... Ergast. Der Gimpel naht; was wollen wir ihm sagen? Neunter Auftritt Vorige. Sganarell Sganarell (ohne die beiden zu bemerken) . O, tausendfach sei dies Edikt gesegnet, Das all dem Kleiderluxus streng begegnet! Es läßt die Ehemänner sanfter schlafen Und zügelt ihrer Weiber freche Gier. Für dies Gesetz, mein König, dank' ich dir! Nur sollt' es zu der armen Gatten Schutz Auch die Koketterie bestrafen Grad' so wie all den goldgestickten Putz. Gleich kauft' ich mir, vor Freude wie besessen, Die Zeitung ein, und Isabella soll Mir zur Zerstreuung nach dem Abendessen Es laut verlesen; das wird wundervoll! (Er sieht Valer) Nun, mein Herr Blondkopf, ist es schon vorbei Mit Dosen und mit zärtlichen Billettchen? Sie rechneten gewiß auf ein Kokettchen, Das nach Hofierung lechzt und Liebelei? Sie sehn, wie hoch man Ihr Geschenk verehrt! Ihr Pulver ward verschossen für die Katze. Ein Greuel sind Sie ihr, und zum Ersatze Sucht wohl der Herr was andres und macht kehrt! Valer. Jawohl, ein Mann von solchem Wert wie Sie Steht unsereinem allzusehr im Lichte, Und Torheit war es von mir armem Wichte, Mit Ihnen mich im Liebeskampf zu messen. Sganarell. Ja, Torheit war's. Valer. Gewiß! Auch hätt' ich nie In meiner Neigung mich so weit vergessen, Hätt' ich geahnt, daß meiner Wenigkeit Entgegensteht solch drohender Rivale. Sganarell. Ich glaub's. Valer. Ein Irrtum, den ich ohne Neid Mit einem förmlichen Verzicht bezahle. Sganarell. Sehr wohlgetan. Valer. So will es das Geschick. Wer Ihrer seltnen Gaben Glanz betrachtet, Der hat kein Recht, zu sehn mit schelem Blick, Wie glühend Isabella für Sie schmachtet. Sganarell. Versteht sich. Valer. Ja; drum räum' ich gern das Feld, Und nur um eine Gunst noch möcht' ich bitten, Als abgeblitzter Liebesheld, Der heut durch Sie den herbsten Schmerz erlitten. Ihr zu versichern möcht' ich Sie beschwören, Daß, wenn ich seit drei Monden immerdar Für sie geglüht, mein Wunsch der reinste war Und keinen Grund ihr gab, sich zu empören. Sganarell. Gut! Valer. Daß mir's als der Hoffnung höchstes Ziel Gegolten, sie zur Gattin zu erlesen, Wär' nicht das Los, das Ihnen günstig fiel, Ein unbezwinglich Hindernis gewesen. Sganarell. Sehr wohl! Valer. Daß, was auch kommen mag, ihr Bild Auf ewig wird in meiner Seele wohnen, Daß ungeachtet aller Dornenkronen Mein letzter Seufzer dieser Liebe gilt, Und daß ich nur dem bessern Werber weiche, Weil an Verdiensten ich ihn nicht erreiche. Sganarell. Sehr brav gesprochen; schleunigst geh' ich hin Und meld' es ihr; sie wird darob nicht grollen, Und wenn Sie meinem Rate folgen wollen, So schlagen Sie's recht bald sich aus dem Sinn. Grüß Gott! Ergast. (im Abgehen zu Valer). Welch ein Hanswurst! Zehnter Auftritt Sganarell (allein) Sganarell. Der arme Wurm Tut fast mir leid – so hoffnungslos vernarrt! Warum auch lief er auf die Festung Sturm, Die schon zuvor durch mich erobert ward! (Er pocht an die Tür seines Hauses) Elfter Auftritt Sganarell. Isabella Sganarell. Kind, er war ganz bestürzt, als unerbrochen Ich ihm zurückgab seine Liebeszeilen; Das Feld zu räumen hat er mir versprochen Und sanft mich angefleht, dir mitzuteilen, Daß er in seinem glühendsten Bestreben Dir zur Empörung niemals Grund gegeben, Daß er's für seiner Hoffnung höchstes Ziel Gehalten, dich zur Gattin zu erlesen, Wär' nicht das Los, das mir zu Gunsten fiel, Ein unbezwinglich Hindernis gewesen, Daß, was auch immer kommen mag, dein Bild Auf ewig wird in seiner Seele wohnen, Daß ungeachtet aller Dornenkronen Sein letzter Seufzer dieser Liebe gilt, Und daß er nur dem bessern Werber weicht, Weil sein Verdienst das meine nicht erreicht. So sprach er wörtlich, und er tut mir leid; Denn ohne Makel find' ich sein Betragen! Isabella. (für sich) . Er log mir nicht! In seinem Blicke lagen Verbürgte Zeichen seiner Lauterkeit. Sganarell. Was sagst du? Isabella. Mich verdrießt Ihr Mitgefühl Mit jemand, den ich tödlich lernte hassen; Trotz Ihren Schwüren scheint Ihr Herz mir kühl, Da Sie so ruhig mich verfolgen lassen. Sganarell. Daß du mich liebst, war ihm doch unbekannt, Und seine Absicht, dich zur Frau zu küren In Ehrbarkeit ... Isabella. Wird's Ehrbarkeit genannt, Wenn man ein junges Mädchen will entführen, Sie zwingen will durch einen schlauen Plan, Sich unerwünschter Fessel zu ergeben? Glaubt er, nur einen Tag noch könnt' ich leben, Nachdem er solche Schmach mir angetan? Sganarell. Was? Isabella. Ja doch, ja: der Schurke denkt daran, Mich mit Gewalt von Ihnen fortzuschleppen. Zwar weiß ich nicht, auf welchen Hintertreppen Von Ihrem Vorsatz Nachricht er gewann, Noch diese Woche mich zu ehelichen: Hab' ich doch selbst es gestern erst vernommen; Er aber hofft, noch eh' die Frist verstrichen, Dem Fest, das uns vereint, zuvorzukommen. Sganarell. Ei, seht mir doch den Taugenichts! Isabella. O, bitte! Ehrbar und ohne Makel liebt sein Herz ... Sganarell. Nein, das ist außer allem Scherz. Isabella. Sie selbst sind schuld an diesem tollen Schritte; Denn hätten Sie recht tüchtig ihn gescholten, Dann hätt' er unsres Willens Kraft gemerkt: Doch daß wir seinen Brief nicht lesen wollten, Hat seinen schwarzen Anschlag nur verstärkt, Und sicher bin ich, daß er heut noch glaubt, Ich dächt' an ihn voll zärtlicher Empfindung Und wär', aus Todesangst vor der Verbindung Mit Ihnen, froh, wenn man vorher mich raubt. Sganarell. Er ist verrückt! Isabella. Er führt Sie hinters Licht Und hält Sie hin, solang er irgend kann; Drum trau'n Sie seinen glatten Worten nicht! Fürwahr, ich bin recht übel dran; Mein heiß Bemühn, die Ehre mir zu wahren Und des Verführers Künsten zu entgehn, Ist fruchtlos; denn voll Kummer muß ich sehn: Es konnte diesen Schimpf mir nicht ersparen! Sganarell. Nur unbesorgt! Isabella. Ich sag' es Ihnen frei: Wenn Sie dem Bubenstreich nicht ernst begegnen, Nicht bald bewirken, daß vor des Verwegnen Verfolgungen ich endlich sicher sei, Dann mach' ich selbst ein Ende; lieber sterben, Als daß ich solche Kränkung dulden will! Sganarell. Reg dich nicht auf, mein Weibchen! Sei nur still! Ich werd' ihm augenblicks den Spaß verderben. Isabella. Dann sagen Sie dem Menschen, seinen Plänen Säh' ich trotz seinem Leugnen auf den Grund; Er möge nur – und trieb er's noch so bunt – Mich nicht zu überraschen wähnen. Er soll, statt sich mit Seufzern zu befassen, Endlich verstehn, wie sich mein Herz entscheidet, Und, falls er schweres Unheil gern vermeidet, Sich's nicht zum zweiten Male sagen lassen. Sganarell. Ich werd's bestellen. Isabella. Doch in einem Ton, Der ihm beweist, mein Sinn sei nicht zu beugen. Sganarell. Mein Wort darauf, ich werd' ihn überzeugen! Isabella. Voll Ungeduld wünsch' ich, Sie wären schon Zurück; ach, bitte, gehen Sie recht schnelle! Ich lebe nicht, wenn Sie mir ferne sind. Sganarell. Mein Herzblatt, gleich bin wieder ich zur Stelle! Zwölfter Auftritt Sganarell (allein) Sganarell. Gibt's wohl ein beßres, tugendhaftres Kind? Wie glücklich ist man, wie beneidenswert, Wenn man ein Weib gefunden hat wie dies! Dergleichen schätzt man erst, wenn man erfährt Von jenen schamlos erzkoketten Dingern, Die nicht zufrieden sind, bis ganz Paris Auf ihre Männer deutet mit den Fingern. (Er klopft an Valers Tür) Holla, mein unternehmender Herr Junker! Dreizehnter Auftritt Sganarell. Valer. Ergast Valer. Was führt Sie her von neuem? Sganarell. Ihr Geflunker. Valer. Wie? Sganarell. Mein Verlangen kennen Sie recht gut. Ehrlich gesagt, ich hielt sie für gescheiter. Sie foppten mich mit Ihrer Redeflut Und bauen heimlich an dem Luftschloß weiter. Wenn ich zuerst mich schonungsvoll benahm, Zu schärfrer Tonart bin ich jetzt gezwungen. Hat denn ein Mann wie Sie so wenig Scham, Daß solch ein Anschlag seinem Hirn entsprungen? Ein Mädchen durch Entführung um die Ehre Und um ersehntes Eheglück zu prellen! Valer. Von wem ward Ihnen diese Schauermäre? Sganarell. Wie ahnungslos er tut! Von Isabellen! Sie meldet Ihnen nun zum letztenmal, Genügend wüßten Sie, wen ihres Herzens Wahl Bevorzugt, und sie könnte nicht mehr leben, Wär' ihr so bittre Schmach durch Sie bestimmt; Es werd' ein fürchterliches Unglück geben, Wenn nicht der Wirrwarr bald ein Ende nimmt. Valer. Hat sie dies alles wirklich ausgesprochen, Dann scheint die letzte Hoffnung mir verblaßt; Mit diesem Wort ist mein Entschluß gefaßt; Denn ihrem Wunsch muß er sich unterjochen. Sganarell. Ob sie dies wirklich ... Zweifeln Sie vielleicht Und glauben, alles sei von mir erfunden? Soll sie's noch einmal selbst bekunden, Damit Ihr Wahn der vollen Klarheit weicht? Gut, prüfen Sie sogleich mit eignen Ohren, Ob zwischen uns ihr junges Herz noch schwanke. (Er klopft an seine Tür) Vierzehnter Auftritt Vorige. Isabella Isabella. Sie führen ihn mir zu? Welch ein Gedanke! Sind Sie denn gegen mich mit ihm verschworen Und sichern ihm, von seinem Wert erbaut, In meiner Seele mit Gewalt ein Plätzchen? Sganarell. Nein, dazu bist du mir zu lieb, mein Schätzchen; Doch weil er meiner Botschaft noch nicht traut Und wähnt, ich hätt' im eignen Kopf ersonnen, Daß du mich liebst und ihn nicht ausstehn magst, Drum wollt' ich, daß du selbst ihm gründlich sagst, Wie sein verliebter Traum in Luft zerronnen. Isabella (zu Valer). Wie? Gab ich Ihnen mein Gefühl nicht kund! Läßt sich an meinen Wünschen Zweifel hegen? Valer. Was ich erfuhr aus dieses Herren Mund, Das trat so überraschend mir entgegen. Daß an dem Spruch zu zweifeln ich bekenne, Der meiner Liebe Todesurteil spricht. Er birgt mein Schicksal; zürnen Sie drum nicht, Wenn ich noch einmal ihn zu hören brenne. Isabella. Nein, dieser Spruch darf Sie nicht überraschen; Denn das Gefühl, dem er entsprang, ist echt; Auch bin ich nicht gewillt, mich reinzuwaschen Noch zu verstellen; denn ich bin im Recht. Sie sollen's glauben, und Sie dürfen's wissen: Zwei Männer drängen sich in mein Bereich, Und durch den Gegensatz, den der Vergleich Mir aufzwingt, wird mein Inneres zerrissen. Des einen, den in Ehren ich erwählt, Denk' ich mit höchster Achtung, wärmster Neigung, Und für des andern stete Gunstbezeigung Bin ich von Abscheu nur und Haß beseelt. Erlabend fühl' ich in des Einen Nähe Frohsinn und Jubel in das Herz mir quillen; Der andre, wenn ich nur von fern ihn sehe, Weckt mir geheimen Widerwillen. Beim einen sehn' ich mich, daß uns verbinde Ein heilig Band; beim andern wär's mein Tod! Sagt' ich nun klar genug, was ich empfinde, Und seufz' ich lang genug in solcher Not? Der, den ich liebe, soll beflissen sein, Die Pläne des Verhaßten zu zerstören, Und mich erlösen aus der Folterpein, Damit wir uns für immer angehören. Sganarell. Ja, Täubchen, deinen Wunsch werd' ich erfüllen! Isabella. Nur dieses Mittel schützt mich vor Gefahr. Sganarell. Bald wend' ich's an. Isabella. Uns Mädchen ziemt es zwar, Die Regungen des Herzens zu verhüllen ... Sganarell. Nein, nein! Isabella. Doch weil kein andrer Weg zu schaun, Muß ich mir solche Freiheit wohl gestatten, Und ohn' Erröten kann ich's anvertraun Ihm, den ich schon betrachten darf als Gatten. Sganarell. Ja, süßes Püppchen, ja, du Zuckermaus! Isabella. Doch soll er seine Liebe nun bewähren. Sganarell. Ja, küsse mir die Hand! Isabella. Sich nicht verzehren In Seufzern, sondern unser Glück begründen; Ich sprech ihm hier mein treu Gelöbnis aus, Mich nie mit einem andern zu verbünden. (Sie tut, als ob sie Sganarell umarmen wolle, und reicht dabei ihre Hand Valer zum Kusse) Sganarell. Hihi, du Goldkind, du mein Marzipan, In kurzem wird die Sehnsucht dir gestillt! (Zu Valer) Na, blies ich ihr das ein? Sie selber sahn, Daß mir allein ihr Liebesfeuer gilt. Valer. Mein Fräulein, ja, ich zweifle nun nicht länger; Aus Ihren Worten ward mir alles klar, Und streben will ich, Sie für immerdar Bald zu befrein von dem verhaßten Dränger. Isabella. Das wäre mir im höchsten Grad erfreulich: Denn dieser Anblick wird mir nach und nach So völlig unerträglich, so abscheulich ... Sganarell. Oho! Isabella (zu Sganarell) . Hat Sie verdrossen, was ich sprach? Sganarell. I, Gott behüte, so war's nicht gemeint! Nur dauert mich der Ärmste; denn dein Zorn Nahm ihn doch allzu scharf aufs Korn. Isabella. Ich war noch viel zu milde, wie mir scheint. Valer. Ja, seien Sie getrost: schon in drei Tagen Sind von dem schnöden Anblick Sie befreit. Isabella. So recht. Und gehn Sie jetzt! Sganarell. Sie tun mir leid; Indessen ... Valer. Nein, ich darf mich nicht beklagen. Das Fräulein tat uns beiden nach Gebühr, Und zu vollstrecken wünsch' ich ihren Spruch. Sganarell. Mein armer Freund, schmerzt Sie der schroffe Bruch? Umarmen Sie zum Abschied mich dafür. (Er umarmt ihn) Fünfzehnter Auftritt Sganarell. Isabella Sganarell. Er ist bedauernswert. Isabella. Das find' ich nicht. Sganarell. Doch deine Treue strahlt im hellsten Licht, Mein Schätzchen, und verdient besondern Lohn. Mit deiner Ungeduld ist's nicht vereinbar, Acht Tage noch zu warten; morgen schon Ist Hochzeit! Isabella. Morgen schon? Sganarell. Du bist nur scheinbar So spröd; ich weiß, daß du mit allen Sinnen Den Tag herbeisehnst, der dich hoch beglückt. Isabella . Doch ... Sganarell. Gleich werd' unser Haus zum Fest geschmückt. Isabella (für sich). Allmächt'ger Gott, hilf mir, ihm zu entrinnen! Dritter Akt Erster Auftritt Isabella (allein) Isabella. Ja, lieber hundertmal den Tod erleiden, Als mich zu solchem Bund gezwungen sehn! Mein heiß Bemühn, die Drangsal zu vermeiden, Kann wohl vor jedem Richterstuhl bestehn. Schon kommt die Nacht; ich führ' es mutig aus: Bei dem Geliebten bin ich gut geborgen. Zweiter Auftritt Sganarell. Isabella Sganarell (spricht ins Haus zurück). Gleich bin ich wieder da; bestellt auf morgen ... Isabella. O! – Sganarell. Liebchen, du so spät noch vor dem Haus? Du sagtest doch, du wünschtest auszuruhn In deinem Zimmer von des Tages Mühe; Ich solle drum dir den Gefallen tun, Dich ungestört zu lassen bis zur Frühe. Isabella. Ganz richtig; aber ... Sganarell. Nun? Isabella. Ach, nur Geduld! Noch kaum vermag ich Rechenschaft zu geben ... Sganarell. Wieso? Was geht denn vor? Isabella. Wenn ich soeben Noch ausging – meine Schwester trägt die Schuld. Sie bat mich, in mein Zimmer sie zu sperren, Und schlug all meinen Tadel in den Wind. Sganarell. Wie? Isabella. Denken Sie sich nur: dem dreisten Herren, Den wir verscheuchten, ist sie hold gesinnt ... Sganarell. Valer? Isabella. Ist beispiellos auf ihn versessen. Sie können ihres Fiebers Grad ermessen, Da sie so spät noch zu mir rannte, Um mir zu beichten ihre Herzbeschwerde, Und sich ein Kind des Todes nannte, Falls ihrer Sehnsucht nicht Erfüllung werde. Vor einem Jahre hätten sie bereits Einander in geheimer Glut erkoren Und gleich im Liebesfrühling wechselseits Ewige Treue sich geschworen. Sganarell. Die Schlange! Isabella. Weil sie Nachricht nun gewann Vom Schmerz, den ich ihm tat, fleht sie mich an, Ihr beizustehn, damit ihr Liebster nicht Zu ihrer größten Qual die Stadt verlasse. Sie will, wenn sie heut abend in der Gasse, Auf die mein Zimmer geht, ihn sieht und spricht, Mit so verstellter Stimme, daß er denkt, Er höre mich, zum Bleiben ihn verführen, Und hofft, die Neigung, die er mir geschenkt, So für sich selbst von neuem anzuschüren. Sganarell. Und das gefällt dir? Isabella. Mir? Ich bin entrüstet. Wie, Schwester, sagt' ich – kamst du von Verstand? Schämst du dich gar nicht, daß es dich gelüstet Nach diesem falschen, flatterhaften Fant? Bist du so pflichtvergessen, um den Mann, Der dir von Gott bestimmt ist, zu betrügen? Sganarell. Der hat's verdient; dem gönn' ich's mit Vergnügen! Isabella. Kurz, hundert Gründe führt' ich zornig an, Um ihren Wunsch zu kreuzen und sie dringlich Zu hindern an so schmählichen Entschlüssen! Allein sie bat so herzbezwinglich, Mit so viel Seufzern, so viel Tränengüssen, Und schwor, wenn ich dies ihrem Liebesfeuer Verweigerte, dann grüb' ich ihr das Grab, Daß ich zuletzt gezwungen mich ergab; Und flüchtend vor dem nächt'gen Abenteuer, Das ich nur in der Schwesterliebe Namen Erlaubt, wollt' ich Lucretia, deren Sitten Sie täglich mir gerühmt, just eben bitten, Bei mir zu übernachten: doch Sie kamen Dazwischen ... Sganarell. Nein, das lass' ich nicht geschehn, Obgleich's für meinen Bruder heilsam wäre; An deinem Fenster könnte man sie sehn. Das Weib, das ich mit meiner Hand beehre, Soll nicht nur lauter sein und einwandsfrei, Nein, auch unnahbar jeglichem Geläster. Sogleich befehl' ich deiner saubren Schwester ... Isabella. Ach Gott, das brächte sie zur Raserei, Und sehr berechtigt würfe sie mir vor, Daß ihr Geheimnis ich mir ließ entreißen: Nein, wenn sie meinen Beistand nun verlor, So möcht' ich selber auch sie fortgehn heißen. Sganarell. Sei's drum. Isabella. Doch erst verstecken Sie sich dort, Damit sie unbehelligt sich entferne. Sganarell. Ich tu' es dir zulieb, obgleich nicht gerne. Doch ohne Zaudern will ich, wenn sie fort, Zu meinem Bruder eilen; diesen Streich Ihm zu erzählen, bin ich sehr erpicht. Isabella. Nur bitt' ich drum, verraten Sie mich nicht! Gut' Nacht. Ich bleib' auf meinem Zimmer gleich. (Ab) Sganarell. (ihr nachrufend). Schlaf wohl, mein Schatz! (Allein) Ich brenne vor Begier, Sein Los zu melden dem gespreizten Prahler! Dahin bracht' ihn sein Schwulst; das lass' ich mir Abkaufen nicht für zwanzig blanke Taler. Isabella (im Hause) . Unmöglich, sag' ich dir. So sehr mir's leid ist, Ich muß mich deinem Wunsche widersetzen; Denn meinen guten Ruf würd' er verletzen. Leb wohl und kehre heim, solang es Zeit ist. Sganarell. Sie kommt. Die wird mir wohl gehörig fluchen. Damit sie nicht zurückschleicht in das Haus, Schließ' ich die Tür. Isabella (heraustretend, mit verstellter Stimme). O Himmel, nun ist's aus. Sganarell. Wo geht sie hin? Ich will zu folgen suchen. Isabella. (für sich) . Der Schutz des nächt'gen Dunkels wird mir frommen. Sganarell (für sich) . Zu seinem Hause! – Was ist ihr Begehr? Dritter Auftritt Vorige. Valer Valer (schnell heraustretend und zurücksprechend) . Ja, noch in dieser Nacht sei's unternommen ... Wer da? Isabella. Still, nicht so laut! Ich selbst, Valer, Kam Ihnen schon zuvor – ich, Isabelle. Sganarell (tritt hervor) . Das lügst du, Schelmin. Nein, du bist es nicht. Was du verhöhnst, ihr blieb es heil'ge Pflicht; Nur dein Betrug setzt dich an ihre Stelle. Isabella (zu Valer) . Doch erst geloben Sie, daß am Altar ... Valer. Nie hat mein Traum ein höh'res Ziel gespiegelt; Mit Freuden bring' ich dies Gelübde dar, Und morgen schon sei unser Bund besiegelt. Sganarell (für sich) . Der Tropf geht auf den Leim. Valer. Vertraun Sie meinem Schutz. Ihrem gefoppten Argus biet' ich Trutz. Bevor er Sie mir raubt, durchbohrt mein Degen Mit tausend Stichen ihm die Brust. Vierter Auftritt Sganarell (allein) Sganarell. Sei ruhig, Freund! Ich habe wenig Lust, Dein würdig Lieb zur Umkehr zu bewegen, Und fühle keine Spur von Eifersucht. Nimm sie sogleich zur Frau: mich wird's nicht kränken. Ja, ruchbar werden soll die freche Flucht. Ich schuld' es ihres Vaters Angedenken Und ihrer wackern Schwester, einzuschreiten! Nur dies stellt ihre Ehre wieder her. Holla! (Er klopft an die Tür des Kommissärs) Fünfter Auftritt Sganarell. Ein Kommissär. Ein Notar. Ein Diener (mit einer Fackel) Kommissär. Was gibt's? Sganarell. Grüß Gott, Herr Kommissär! Ich bitte, mich in Amtstracht zu begleiten; Ihr Fackelträger leuchte schnell voraus! Kommissär. Wir wollten grad' ... Sganarell. Ich muß auf Eile dringen. Kommissär. Nun? Sganarell. Überraschen will ich dort im Haus Ein Pärchen, um zur Heirat sie zu zwingen. Denn ein gewisser Herr Valer hat offen Ein Mündel uns zu rauben sich erfrecht; Sie stammt aus edlem, achtbarem Geschlecht; Doch ... Kommissär. So? Dann haben Sie es gut getroffen; Denn uns folgt ein Notar. Sganarell. Der Herr? Notar. Ja, königlicher Notar. Kommissär. Und Ehrenmann. Sganarell. Des bin ich sicher. Gehn Sie recht leis hinein, um aufzupassen, Daß niemand aus dem Staub sich macht: Sie werden für die Mühe reich bedacht; Nur sich da drinnen nicht bestechen lassen! Kommissär. Was denkt der Herr! Ein Mann der Obrigkeit ... Sganarell. Gewiß, Ihr Amt verehr' ich nach Gebühr. Nun sag' ich meinem Bruder rasch Bescheid: Man leuchte mir ein wenig bis zur Tür. (Für sich) Das wird dem Fischblut großen Spaß bereiten. Holla! (Er klopft an die Tür Arists) Sechster Auftritt Sganarell. Arist Arist. Wer klopft? – Mein Bruder? Noch so spät? Sgannrell. Komm, grauer Stutzer, löblicher Prophet! Ich bringe dir recht art'ge Neuigkeiten. Arist. Wie? Sganarell. Höre nur! Ein äußerst hübscher Fall. Arist. Was? Sganarell. Wo ist deine Leonore? Sprich! Arist. Weswegen fragst du? – Wohl noch auf dem Ball Bei ihrer Freundin. Sganarell. So? – Begleite mich Und sieh, auf welchem Ball das Dämchen tanzt. Arist. Was faselst du? Sganarell. Gut hast du sie gedrillt: »Ein echter Pädagog ist sanft und mild; Durch Nachsicht nur wird Tugend eingepflanzt; Durch Argwohn und durch Schloß und Gitter Wird Frauentugend noch nicht echt; Nach Luft und Freiheit dürstet ihr Geschlecht, Und allzuviel der Strenge schmeckt ihm bitter.« Wahrhaftig, das begriff der Leckermund; Ihr menschenfreundlich Herz kann nichts verwehren. Arist. Willst du mir dieser Rede Sinn erklären? Sganarell. Ja, lieber Bruder, das ist dir gesund. Zwanzig Dukaten geb' ich drum, daß du Mit deiner Weisheit solche Frucht gezüchtet! Schau, was die zwei gelernt; die eine flüchtet Vor dem Galan, die andre läuft ihm zu. Arist. Du gibst mir Rätsel auf. Sganarell. Die Lösung ist: Das Ballfest wird bei Herrn Valer gegeben. Hinschleichen sah ich sie zu nächt'ger Frist; In seinen Armen hält er sie soeben. Arist. Wen? Sganarell. Leonore. Arist. Hör nun auf, zu scherzen. Sganarell. Ich scherzen? Ich? Weiß Gott, du blinder Tropf Bist selber scherzhaft! So vernimm aufs neue: Valer hält Leonore jetzt am Herzen. Sie schworen schon einander ew'ge Treue, Bevor ihm Isabella lag im Kopf. Arist. Das muß ich für so ganz unglaublich halten ... Sganarell. Ich platze! – Fraglich scheint mir, ob du's glaubtest, Wenn du's mit Augen sähst! Schlimm, wenn's den Alten Daran gebricht! (Er deutet auf seine Stirn) Arist. Im Ernste! Du behauptest ...! Sganarell. Nein, ich behaupte gar nichts. Folg mir nur! Dein Scharfblick findet dort vollauf Genüge: Urteile selbst, ob nicht ein Treueschwur Die beiden längst vereint, und ob ich lüge. Arist. Wie? Glauben soll ich, daß sie dieses Band Geknüpft hat und es mir verborgen, Mir, der seit ihrem frühsten Lebensmorgen Ihr alles, was sie wünschte, zugestand Und hundertmal versicherte, mich nie Zu widersetzen ihrem Herzensdrange! Sganarell. So komm und schau! Was zauderst du so lange? Notar und Kommissär sind schon zugegen; Zu schneller Heirat zwingen sollen sie Das Pärchen, der verlornen Ehre wegen. Du selber wirst – das halt' ich doch für sicher – Verzichten auf ein Weib mit solchem Makel; Wie? Oder ist dein inneres Orakel Gewappnet gegen Spottsucht und Gekicher? Arist. Die Schwachheit würd ich niemals mir verzeihn, Sie gegen ihren Wunsch an mich zu binden; Jedoch ich glaube nicht ... Sganarell. Genug! Wir finden Des müß'gen Streits kein Ende. Komm hinein! Siebenter Auftritt Vorige. Kommissär. Notar Kommissär. Hier, meine Herrn, ist Zwang wohl überflüssig; War's Ihnen um die Heirat nur zu tun, Dann lassen Sie den wilden Eifer ruhn; Denn sich zu frei'n sind alle beide schlüssig, Und Herr Valer hat schriftlich schon erklärt, Er sei bereit. Arist. Das Mädchen aber ... Kommissär. Sagt, Sie wolle, bis ihr Vormund ihr gewährt, Was sie verlangt, nicht wanken und nicht weichen. Achter Auftritt Vorige. Valer Valer (erscheint am Fenster seines Hauses) . Ja, meine Herrn, und daß mir niemand wagt, Eh' dies geschehen, in mein Haus zu schleichen! Sie wissen, wer ich bin, und klar genug Gibt meinen Willen kund mein Namenszug. Wenn Ihr Entschluß dies Bündnis anerkennt, So müssen Sie mir's gleichfalls schriftlich geben; Wo nicht, dann soll man mir zuerst das Leben Entreißen, eh' man unsre Liebe trennt. Sganarell. Nein, nein, wer denkt an Trennung? (Leise, für sich) Ha; dem Toren Gilt sie für Isabella noch; das will Ich nützen. Arist (zu Valer). Sprechen Sie von Leonoren? Sganarell (zu Arist). Schweig! Arist. Aber, ... Sganarell. Ruhe! Arist. Wissen möcht' ich ... Sganarell. Still! Halt doch den Mund! Valer. Ich – was nun auch geschehe – Hab' Isabellens Schwur und sie den meinen, Und daß sie grade mich erwählt zur Ehe, Kann Ihnen das verdammenswert erscheinen? Arist (zu Sganarell). Er sagt doch aber deutlich ... Sganarell. Still! Bald schwindet Dein Zweifel. (Zu Valer) Ja, wir beide sind's zufrieden, Daß Ihnen die zur Gattin sei beschieden, Die jetzt in Ihrem Hause sich befindet. Kommissär. So steht es wörtlich auch im Protokoll: Des Fräuleins Platz ist hier noch frei geblieben; Sie folgt, sobald die Herrn es unterschrieben. Valer. Ich tat es schon. Sganarell. Ich tu' es freudevoll. (Für sich) Das wird ein Spaß! (Laut) Hier, Brüderchen, schreib zu! Du hast den Vortritt. Arist. Mir ist unverständlich ... Sganarell. Zum Kuckuck! Armer Gimpel, schreib doch endlich! Arist. Er spricht von Isabellen stets, und du Von Leonoren. Sganarell. Aber wenn sie's wäre, Du gäbst sie doch aus vollem Herzen frei. Arist. Gewiß. Sganarell. So schreib. Und ich danach. Arist. Es sei. Begreif's, wer kann! Sganarell. Wart, bis ich dir's erkläre. Kommissär. Wir kehren gleich zurück. Sganarell. (zu Arist) Nun hör, wieso Dies alles kam. (Sie ziehen sich in ben Hintergrund zurück) Neunter Auftritt Sganarell. Arist. Leonore. Lisette Leonore. O grauenvolle Öde! Die faden Herrchen plapperten so blöde, Daß ich gelangweilt aus dem Ballsaal floh. Lisette. Und jeder möchte doch vor Ihnen glänzen. Leonore. Mir aber scheint ihr Stumpfsinn ohne Grenzen. Das schlichteste Gespräch ist mir noch lieber Als dieser Süßholzraspler fade Witze. Sie halten es im Selbstvergöttrungsfieber Gebrannter Locken schon für Geistesblitze, Wenn mit des alten Mannes Zärtlichkeit Im Gassenbubentone sie mich necken; Und doch, sein würdig Alter steht mir weit, Weit höher als das Schmeicheln junger Gecken. Doch ... seh' ich recht? Sganarell. (zu Arist) . So hat sich's zugetragen. (Leonore bemerkend) Aha, da kommt sie selbst! Arist. Kein hartes Wort Geb' ich dir, Leonore; mich beklagen Darf ich jedoch mit Recht; denn immerfort Schärft' ich dir ein, daß dich kein Zwang beschränkt, Nach freier Wahl den Gatten zu beglücken, Und dennoch hast du hinter meinem Rücken Dein Herz und deine Hand verschenkt. Wenngleich ich meine Sanftmut nicht bereue, Trifft mich dein Tun mit schmerzlicher Gewalt. Die Zartheit meiner Lieb' und Treue Verdiente nicht, daß man ihr so vergalt. Leonore. Unfaßbar ist mir dieser Worte Sinn; Denn mein Gefühl ist unentwegt geblieben, Und könnt' ich jemals einen andern lieben Als Sie, dann wär' ich eine Frevlerin; Voll Sehnsucht harr' ich auf den Freudentag, An dem Sie mich zur Gattin auserlesen. Atist. Was hat dich nun verleitet, Bruder, sag ...? Sganarell. Ei, Sie sind jetzt nicht bei Valer gewesen, Um Ihre Leidenschaft ihm zu bekunden? Sie sind ihm nicht seit einem Jahre hold? Leonore. Wer hat solch reizend Bild von mir entrollt Und Ihnen diesen Bären aufgebunden? Zehnter Auftritt Vorige. Isabella. Valer. Ergast. Kommissär. Notar Isabella. O Schwester, übe Großmut und verzeih, Wenn ich an deinem Namen mich versündigt. Ein Schrecknis, mir für morgen angekündigt, Hat mich zu dieser schnöden List gezwungen. Dein Beispiel sagt, wie tadelnswert ich sei; Doch unser Los war nicht von gleicher Art. (Zu Sganarell) Vor Ihnen such' ich nicht Entschuldigungen; Denn Schlimmeres bleibt Ihnen jetzt erspart. Wir waren füreinander nicht bestimmt; Stets Ihrer unwert bin ich mir erschienen, Und im Bewußtsein, Sie nicht zu verdienen, Zog ich es vor, daß mich ein andrer nimmt. Valer (zu Sganarell). Kein stolzres Glück erträumte sich mein Wille, Als sie aus Ihren Händen zu empfangen. Arist. Mit Anstand, Bruder, schluck die bittre Pille: Du bist durch eigne Schuld ins Garn gegangen, Und wenig Hoffnung blüht dir obendrein, Daß jemand Mitleid hat mit dem Geprellten. Lisette . Mein Seel', der Handel freut mich ungemein; Das nenn' ich nach Gebühr vergelten! Leonore (zu Isabella). Nicht loben darf dich, wer dein Tun vernimmt; Doch auch zu tadeln trag' ich kein Verlangen. Ergast. Sein ehelich Geschick war vorbestimmt; Gut, daß er noch vor Torschluß ihm entgangen! Sganarell (sich aus seiner Erstarrung aufraffend). Mein Geist, je mehr er nachdenkt, wird nur matter; Vor soviel Bosheit ist sein Licht entflohn! Der Satan in höchsteigener Person Kann so verderbt nicht sein wie diese Natter. Die Hand hätt' ich für sie gelegt ins Feuer. Verwünscht, wer jemals einem Weibe traut! Die Beste bleibt noch stets ein Ungeheuer; Fluch dem Geschlecht, das ewig Unheil braut! Für immer bin ich satt der falschen Schönen; Meintwegen sei der Teufel selbst ihr Buhle! Ergast. So recht. Arist. Kommt mit! Auch Sie, mein Herr Valer; Und morgen suchen wir ihn zu versöhnen. Lisette (zu den Zuschauern). Ist euch ein Haustyrann bekannt wie der, So schickt zu uns ihn schleunigst in die Schule.