Wilhelm Raabe Die Kinder von Finkenrode Schöner lächelt der Hain, silberner schwebt der Mond, Und der ganze Olymp fleußt auf die Erd' herab!     Wenn die Liebe den Jüngling     Durch die einsamen Büsche führt. Hölty. Maxima de nihilo nascitur historia. Propertius 1 Ich saß in dem Redaktionszimmer des Kamäleons , den Kopf auf beide Fäuste stützend, vor mir die statistischen Nachrichten über die Sterbefälle der vorigen Woche, welche die Geburten bei weitem überwogen. Es war der neunundzwanzigste November, und gestern hatte ich meinen neunundzwanzigsten Geburtstag gefeiert; genug, um in der Stimmung zu sein, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, oder an seinem eigenen Halstuch sich aufzuhängen! Weitenwebers Feder kritzelte mir gegenüber, und die Wolken seiner Zigarre kräuselten anmutig aus dem Haufen von Büchern, Zeitungen, Briefen und so weiter, und so weiter, welche seine liebenswürdige Persönlichkeit meinen Blicken entzogen, empor, und vermehrten langsam aber sicher den Wolkenschleier über unsern Häuptern und die ehrwürdige graue Patina der Decke und der Wände. »Weitenweber!« Ein unverständliches Geknurr antwortete dem Anruf, und ich fing unter dem fortdauernden Geknarr der Feder meines Freundes nur zwei Worte des Gedankenniederschlags, der sich auf dem duldwilligen Papier nach und nach absetzte, auf – »süßer Wahnsinn« – und dann die ärgerliche Mahnung – »laß mich wenigstens noch fünf Minuten in Ruhe!« Ich richtete in Ermangelung eines Besseren die Augen nach der Decke und gähnte aus Herzensgrunde; dann warf ich einen matten Blick auf meine Umgebung und gähnte zum zweiten Mal. Es hatte sich seit vorgestern nichts in dem Redaktionszimmer des Kamäleons verändert. Der menschenfeindliche Dreifuß, der jedesmal bockte und umschlug, wie ein störriger, widerspenstiger Esel, wenn ihm jemand seine Persönlichkeit unvorsichtigerweise anvertraute; das Brettergerüst mit all den modernden Jahrgängen des Journals, die merkwürdige Tür mit den Namen aller früheren Redakteure und Mitarbeiter des Blattes, das eiserne Lineal, die halbverkleisterten Tintenfässer, aus denen schon soviel Witz und Dummheit, Geist und Blödsinn, Humor und Trivialität hervorgezogen worden war; im Winkel Weitenwebers gespenstige weißgraue Kopfbedeckung über seinem weißgrauen unheimlichen Überrock, aus dessen Tasche mit dem Taschentuch auch das glänzende Futter herausgezogen war, – der Kalender an der Wand, auf dem Andreaskreuze über jede nutzlos verbrachte Woche gezogen waren – ah – ich schloß die Augen und gähnte zum drittenmal, hätte mir dabei aber fast die Kinnladen ausgerenkt, weshalb ich aufsprang und nach einigen Gängen durch das Gemach am Fenster stehen blieb. Die schwere Regenluft drückte die aus den Schornsteinen aufsteigenwollenden Rauchwolken hinab in die Gassen, verdichtete so nach Möglichkeit den Nebel, welcher den ganzen Tag über auf der Stadt gelegen hatte, und verjagte auch grade nicht den aufsteigenden Wunsch, das Atemholen so bald als möglich aufzugeben. Der ununterbrochene Strom der Bevölkerung, welcher da draußen vorüberfloß, sah womöglich noch schmutziger, verwahrloster aus, als sonst. Wehmütig betrachtete ich meinen Freund Weitenweber, der in diesem Augenblick mit der Fahne seiner Feder sinnig einen Galgen an die beschweißte Fensterscheibe neben seinem Platze malte und einen armen Sünder von Druckenlassenden mit lang ausgestreckter Zunge daran aufknüpfte, nachdem er ihn auf seinem Konzeptpapier vielleicht eines noch qualvolleren Todes hatte verscheiden lassen. Ich ging zu meinem Sessel zurück und nahm meine vorige Stellung wieder ein, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und der kleine Hinkelmann den Kopf ins Zimmer steckte. »So, da steckst du, Bösenberg! Hier ist ein Brief für dich – fang! Guten Abend, Weitenweber!« »Hat der Mensch schon wieder eine weiße Weste an!« brummte Weitenweber, sein Haupt ruckartig über seinem Bücherhaufen emporschnellend. »Gebrauchst du mich, Weitenweber?« »Geh zum Teufel!« schnauzte der Gefragte und lachend verschwand der kleine, elegante, fette Doktor, und Weitenweber rezitierte einen Vers aus dem Aristophanes, welchen ich hier nicht wiederholen werde, bei den blauen Augen Athenens – erstens weil er zu unanständig ist für die keuschen Ohren jetziger Zeit, und zweitens, weil sich das Griechische des Publikums allzusehr – gegeben hat. – Zweifelnd wog ich das mir zugeworfene Schreiben in der Hand. Ein Mahnbrief war es nicht; viele Postzeichen, welche ich, der zunehmenden Dämmerung wegen, nicht mehr erkennen konnte, bedeckten es. Weitenweber zog die Glocke; – Floh, das Faktotum der Redaktion, erschien – die Gasflammen leuchteten auf – ich erbrach das ziemlich umfangreiche Siegel ... »Weitenweber! Um Gottes willen – Wei – ten – we – ber!« »So hole doch der Henker die ganze Wirtschaft!« schrie der lange Redakteur und warf die Feder fort. »Ich wollte, Ihr hättet alle Flügel der Morgenröte genommen und – nun was soll's? Schnell, schnell, wenn, ich bitten darf; ich habe nicht Lust, noch länger in diesem verdammten dumpfigen Loche zu sitzen.« »Höre, höre – schlafe ich, träume ich, oder wache ich –« – »Ein türkischer Sultan läßt sich, um dies zu erfahren, von seiner schönsten Odaliske in das Ohr beißen – Floh, im Galopp nach der Kreuzgasse zu der kleinen Ballettänzerin – aha, wie heißt sie doch?« »Höre, höre, Weitenweber!« rief ich, und die Stimme, mit welcher ich meinem Freunde das folgende Schreiben vorlas, zitterte gewaltig; die Buchstaben tanzten mir zu sehr vor den Augen! »Wohlgeborener Herr! Hoffentlich wird dieser Brief Sie treffen. Es ist der dritte, den ich an Sie abschicke. Den ersten sandte ich nach Wien, den zweiten nach München – beide haben Sie nicht erreicht. Eine traurige Pflicht habe ich zu erfüllen, indem ich das selige Abscheiden Ihres Herrn Onkels, Herrn Albrecht Maximilian Bösenbergs weiland, hierdurch vermelde. Am 15. Oktober ward derselbe tot in seinem Bette gefunden, und ist die Nachlassenschaft desselben unter gerichtlichen Schutz und Siegel gestellt. Ihre Anwesenheit hiesigen Otts, als einziger bekannter lebender Verwandter und Haupterbe, wird unerläßlich notwendig sein. Ich bitte so schnell als möglich, mit allen Legitimationen versehen, an hiesiger Gerichtsstelle zu erscheinen. Das Vermögen an Mobilien und Immobilien ist ziemlich bedeutend.« »Der ich mich Ihnen hochachtungsvoll und ganz ergebenst empfehle Friedrich Rettig, Notar. Finkenrode, am 20. November 18–« Weitenweber grinste zwei Minuten stillschweigend nach mir herüber; dann sagte er: »Du scheinst den Verlust deines Oheims mit Gleichmut zu ertragen. Das Vermögen an Mobilien und Immobilien ist ziemlich bedeutend – gratuliere.« »Was das erstere anbetrifft, so ließe sich ein Langes und Breites darüber sagen. Ich kann mich kaum noch des alten Herrn erinnern; er hat durchaus nicht in mein Leben eingegriffen –« bah, Familiengeschichten!« »Und was gedenkst du nun zu tun?« »Ich muß reisen.« Die Feder Weinwebers nahm ihr Gekritzel wieder auf, ich aber schlug die Arme übereinander und verlor mich in ein Gewirr alter Erinnerungen, Traditionen, das mich weit genug weg führte aus dem dunkeln Redaktionszimmer des Kamäleons, in welches eben der Druckerjunge nach Manuskript glotzte. Ich konnte den toten alten Herrn, welchen sie dort in der Ferne in das Grab gelegt hatten, nicht aus den Gedanken loswerden, wenn ich mir gleich durchaus keine Vorstellung von seinem Sein und Wesen, seiner Persönlichkeit machen konnte. Meine Mutter sprach selten von dem Bruder meines Vaters. Ein Brief, den sie kurz vor ihrem Tode an ihn absandte, kam unerbrochen zurück. Sie warf ihn mit ihrer müden, magern, zitternden Hand selbst ins Feuer, ehe sie ihr treues, liebes Auge für immer schloß – es ist schon lange her – und eine Träne fiel mit in die Glut, welche die verworrenen, zitterhaften Buchstaben verzehrte. Nie erfuhr ich, was für ein verklungen Gefühl durch diesen Brief wieder aufgeweckt werden sollte! Die Flut der Leute, die in einer Zeitungsredaktion zu schaffen haben, kam und ging wie gewöhnlich: ich antwortete auf Fragen, lachte, wenn der Redende, darauf zu bestehen schien, war grob, zart, Protektor, Supplikant, höflich, unhöflich, anmutig und langweilig, wie die Umstände und die Persönlichkeiten, welche ich vor mir hatte, es forderten; erwachte aber erst aus meiner Betäubung, als Weitenweber seinen Hut aufstülpte, seinen Grauweißen stöhnend anzog, eine neue Zigarre an der Gasflamme über seinem Schreibpult anzündete und, die Hände in den Taschen, sich vor mich hinstellte. »Ich bilde mir ein, daß ich dich morgen hier nicht sehen werde – he, wir geben den Schwindel wohl ganz auf – was? Satte Leute können wir hier nicht gebrauchen. – Guten Abend.« Ich war allein. Aus der Druckerei erschallte das mir so wohlbekannte Geräusch der arbeitenden Pressen. Jetzt hatte ich Zeit, meinen Träumereien nachzuhängen, aber die Lust dazu war vorüber. »Ja, ich werde morgen reisen!« rief ich aufspringend. »Armer Teufel von Oheim, was werde ich in deiner dunkeln, menschenfeindlichen Höhle finden – in dem unbekannten Hause, in der unbekannten Vaterstadt? Also ein reicher Mann bin ich? ... aha ... doch ein äußerst wohltuendes Gefühl! Wenn ich Weitenweber mitnähme? – Alle Wetter, das würde ein Jubel werden, wenn der Vortreffliche seine Tätigkeit einmal einstellte! Hurra, Weitenweber muß mit! – Schraube die Lampe aus und mach, daß du nach Hause kommst, Floh! Da hast du einen Taler, wende ihn gut an!« Der Junge fuhr aus dem sanften Schlummer, in welchen er auf seiner Bank versunken war, auf, ich wiederholte ihm meinen Befehl – die Redaktion des Kamäleons versank in tiefe dunkle Nacht. Ein feiner kalter Regen empfing mich draußen; ich warf mich daher in die nächste Droschke, um so schnell als möglich nach Hause zu gelangen. Der größte Teil der Nacht ging mit den Vorbereitungen zur Reise hin, und erst um Mitternacht suchte ich Weitenweber im Künstlerverein auf, um ihm meinen Plan vorzulegen. Die Mehrzahl der Klubmitglieder hatte sich bereits nach Hause begeben, und nur ein halbes Dutzend der Unverwüstlichen hockte noch in einem Winkel zusammen und redete Calderon; Weitenweber ausgenommen, der dazu schweigend die gräßlichsten Gesichter schnitt. Als ich eintrat, kam neues Leben in die Gesellschaft. »Holla, da ist der Glückliche!« rief eine Stimme. »Ein Lebehoch, dem aus jenen seligen Sphären verklärt auf seinen höchst seligen Erben herabschauenden Onkel!« deklamierte pathetisch der Schauspieler Waller. »Setze dich, mein Sohn,« sagte Weitenweber und überließ mir großmütig einen der vier Stühle, die er gewöhnlich gebraucht, um sich eine bequeme Lage im gesellschaftlichen Leben zu verschaffen. »Kannst du nicht schlafen, armes Kindlein? Nervös aufgeregt, he?« »Laß mich ein Wort mit dir sprechen, Weitenweber.« »Sprich – du erlösest mich wenigstens von Calderon und dem standhaften Prinzen.« »Geh mit mir nach Finkenrode, Weitenweber!« Weitenweber hielt sein Weinglas gegen das Licht und machte eine Miene, als habe er eine darin schwimmende Kellerassel entdeckt. »Danke, mein Sohn. Da müßte ich doch ein gewaltiger Esel sein; sie werden dir die Hölle schon heiß genug machen ... Übrigens fürchte ich mich auch allzusehr vor einer Stadt von sechstausend Einwohnern.« »Bah!« »Ich sorge um dich, Bösenberg !Du wirst genug dumme Streiche in dem Neste machen, wenn du mich nicht zur Seite hast. Ich habe noch nie bei einem Menschen ein so kolossales Talent dazu gefunden, als bei Dir. Höre – was ich dir versprechen will. Ich will kommen, wenn dir der Dreck bis an den Hals gestiegen ist. Du kannst mir von Zelt zu Zeit schreiben – aber kurz, wenn ich bitten darf. Gott befohlen, mach, daß du nach Hause kommst; du hast eine Neigung zum Ehestand, zum Hausvatertum, trotz deiner bodenlosen Liederlichkeit, trotz der kleinen Aurelie in der Kreuzgasse – geh ab und nimm eine Wiege mit!« Die andern lachten; ich dachte das Meinige, hielt es aber doch für das beste, dem ersten Teil der unverschämten Mahnungen des Kamäleonredakteurs nachzukommen. Ich schlief wirklich diese Nacht nicht viel. 2 Der Mond glitt rund und voll, aber verschleiert, wie eine schöne Frau auf der Umkehr – durch den geheimnisvollen Duft der Novembernacht und verbarg sich nur selten und, wie es schien, sehr ungern, hinter irgendeiner der schwarzen Wolken, die fernern Regen drohend, hier und da am Himmelsgewölbe herumlungerten. Seit zwölf Uhr mittags befand ich mich auf der Reise nach Finkenrode. Die Gegend, durch welche der Eisenbahnzug flog, war flach, berg- und hügellos, am Tage vielleicht eintönig, reizlos, langweilig; die Nacht, der Mondenschein, der aus den Niederungen aufsteigende Nebel aber verliehen ihr einen Zauber, welchen die malerischste Landschaft zu dieser Zelt vielleicht nicht geboten hätte. Die schwarzen Föhrenwälder, bald näher heranziehend, bald in der Ferne zurücktretend, die weit in die Ebene hineinfunkelnden Wasserflächen der großen Havelseen, die Lichter in den vorbeifliegenden einsamen Häusern, Dörfern und größeren Ortschaften glitten vorüber, wie in einer Zauberlaterne, und alles paßte gänzlich zu der Stimmung, in welche ich seit Dunkelwerden hineingeraten war. Ich hatte mich in die Kissen meiner Wagenecke zurückgelehnt und blickte halb, geschlossenen Auges in die Nacht hinaus. Meine Mitreisenden taten und sagten nichts, mich in meinen Gedankenspielen zu stören. Die Jungfrau mir gegenüber hatte den grünen Schleier über ihr schönes Gesicht fallen lassen und das Haupt gesenkt, wie eine schlafende Blume – um ein fadenscheiniges Gleichnis wieder hervorzusuchen; der alte dicke Herr, welcher sich auf den Weg gemacht hatte, um einen Taugenichts von Sohn in einer fernen Provinzialstadt seine väterliche Autorität fühlen zu lassen, schlief wirklich, stieß drohende Töne aus und machte bedenkliche Handbewegungen, welche dem schuldenmachenden Sprößling wahrlich nichts Gutes bedeuteten. Das Kind neben mir, welches sein Köpfchen an die Brust der Mutter gelehnt hatte und von dieser sorgsam gehalten wurde, damit es nicht von der Bank gleite, schlief ebenfalls. Die Laterne an der Decks des Wagens warf ihr rötlich trübes Licht über den kleinen Raum, – die Maschine stöhnte, der Zug klapperte und ächzte, rasselte und klirrte – die Nachtlandschaft blieb, wie viele Meilen auch vorbeiflogen, stets dieselbe. Ich dachte an meine hungrige, früh verwaiste Jugend, an die kleine stille Stadt meiner ersten Kindheitsjahre, welche mir aus der Tiefe der Erinnerung entgegendämmerte, wie die Türme der versunkenen Julin dem Schiffer auf dem Haff, und der ich jetzt nach so langen Jahren wieder entgegenfuhr. Ich dachte an die Genossen, die ich hinter mir zurückgelassen hatte; ich dachte an die tote Mutter – für die ich meine Liebe allein, für die ich meinen Schmerz allein gehabt hatte! Das Kind neben mir schlug plötzlich die Augen auf, richtete sich empor und warf verwunderte, schlaftrunkene Blicke auf die ungewohnte Umgebung. »Wachst du, Helene?« fragte die Mutter. »Nun sind wir bald zu Hause!« Die Jungfrau hob den Schleier ein wenig und legte die Hand an die Stirn; der alte Herr erwähnte schnarchend das Wort »Diskonto«. Zu Hause! Jeder aufblitzende Lichtstrahl aus einem Hüttenfenster auf der nebeligen Heide erfüllte mich mit einem Gefühl der Verödung, der Vereinsamung. Zu Hause! Wo ist mein Haus? Wo ist meine Heimat? ... Mein Blick verlor sich in dem dichter gewordenen Nebel draußen. Der Zug flog in diesem Augenblick über ein altes Schlachtfeld, wo vor langen Jahren um Langvergessenes Tausende und aber Tausende geblutet hatten. Es schien mir, als ob die wogenden, wallenden Dunstmassen sich in kämpfende Männer und Rosse verwandelten, zum Kampfe um ein zerfließendes Nichts. Im wilden, geisterhaften Getümmel drängte sich ein Chaos phantastischer Gestalten auf beiden Seiten des dahinschießenden Dampfrosses, zerschellte an den Rädern, ballte sich von neuem, wirbelte von neuem gespensterhaft durcheinander. Auch ich kam ja aus einer Schlacht, wilder als je eine mit Waffen von Stahl und Eisen gekämpft wurde. Wie manchen hatte ich an meiner Seite fallen sehen, wie manchen hatte ich auf dem Schild mit heraustragen helfen aus dem Getümmel – at socii miulto gemitu lacrimisque Impositum scuto referunt – Ich wickelte mich, fröstelnd, dichter in meinen Mantel. Da ertönte das schrille Pfeifen der Maschine – wir hatten die berühmte Festungsstadt *** erreicht; über die unendlichen Brücken, an den hohen Bollwerken, den Mauern und Brustwehren hin donnerte der Zug – ein neues Pfeifen der Maschine! Meine Mitreisenden rüsteten sich zum Aussteigen, indem sie sich aus ihren Fußsäcken und Decken loswanden, ihre Reisetaschen und Körbe zusammensuchten. Der Zug hielt; die unbehagliche Lebendigkeit eines solchen Anhaltepunktes in der Nacht drang auf uns ein. »Der wird sich wundern!« sagte der alte Herr grimmig. »Glückliche Reise, Herr!« »Der Papa! der Papa!« rief jubelnd das Kind. »Der Papa!« wiederholte freudig die Mutter. Die Jungfrau ließ den gehobenen Schleier wieder sinken und schlüpfte zuerst aus dem Wagen. Der alte Herr folgte ihr schwerfällig und mühsam; dann gab ich dem harrenden Vater die kleine Helene in die Arme, die Mutter warf mir einen dankenden Blick zu und wünschte mir ebenfalls glückliche Reise; – neue Gesichter drängten sich ein – Lärm und Getöse der Abfahrt – – – ich zog den Hut wieder über die Augen, ohne mir die Mühe zu geben, meine neuen Reisegefährten zu betrachten, und verschlief glücklich einen großen Teil der folgenden Stunden. Als ich wieder erwachte, fand ich mich allein im Wagen, und die Landschaft hatte nun einen vollständig anderen Charakter angenommen. Die Wälder waren auf beiden Seiten der Bahn so nahe gerückt, daß die kahlen Zweige der Bäume den vorüberfliegenden Zug fast zu streifen schienen. Das Terrain war hügelig, bergig geworden: die weite Ebene lag hinter mir, in dieser Ebene die große Stadt, welche ich verlassen hatte, und in dieser Stadt mein teurer Freund Weitenweber, der in diesem Augenblick höchst wahrscheinlich im Opernhause saß, das Kinn auf seinen Stab gestützt, vollständig unfähig, einen Walzer von einer Symphonie zu unterscheiden; sehr befähigt aber, über beides eine »eingehende und durchdachte« Kritik abzugeben. Ein Duft wie feuchte, frisch abgezogene Zeitungsbogen kitzelte meine Nase – abermaliges schrillendes Pfeifen der Maschine – » Station Sauingen! « schrie der Schaffner, die Wagentür aufreißend. Hier mußte ich die Eisenbahn verlassen, um vermittelst anderer Beförderungsmittel über die Berge im Westen Finkenrode zu erreichen. Halb erfroren, mit eingeschlafenem linken Bein stand ich in der Geisterstunde vor dem ziemlich primitiven Bahngebäude, der einzige Reisende, der an diesem Ort den Zug verließ. Eine schwächlich glimmende Laterne, an einer langen Stange schwankend, half mir nur wenig, mich zu orientieren: hochaufgeschichtete Berge von Tannenbrettern versperrten nach allen Seiten hin die Aussicht, das wilde Volk der Eingeborenen schlief den Schlaf gemütlicher Unkultur. Meine Bücher zu rezensieren, hat Weitenweber der Gütige stets von sich gewiesen, um meine Freundschaft zu behalten: meine feine Nase für einzelne Lebensgenüsse hat er dagegen öfters lobend erwähnt, wenn auch nicht Schwarz auf Weiß. Nach einigen Augenblicken ratlosen Umherstarrens, nach einigem Stolpern über allerhand Unebenheiten und Gefährlichkeiten des Bodens, hatte mich die tiefinnige Sehnsucht nach irgendeinem heißen Getränke vor einen hölzernen Verschlag geführt, hinter welchem ein schlaftrunkenes, menschenähnliches, weibliches Individuum sich meine Fragen mehrere Male wiederholen ließ, ehe es sich soweit ermuntert hatte, um Rede und Antwort geben zu können. » Finkenrode ? Vier Stunden von hier! Spät in der Nacht – werden kein Fuhrwerk mehr bekommen – täten besser, hier zu bleiben! Wirtshaus im Ort – goldener Hahn. – Fünf Groschen der Grog! ... Nach Finkenrode morgen früh um sieben Uhr die Post!« ... Ein schäbiger, gelber, zweifelhafter Köter, der mich schon beim Eintritt einer genauen Untersuchung gewürdigt hatte, fing jetzt an, sich auf sehr verdächtige Weise mit dem, auf meinen Reisesack gewirkten, auf rotem Kissen ruhenden Spitz zu beschäftigen. Er beschnüffelte ihn mit ausgestreckter Schnauze, verächtlich drehte er sich, als ihn ein Tritt belehrte, das Eigentum deutscher Literatur zu respektieren. Heulend flog die Bestie mit eingeklemmtem Schwanz in den fernsten Winkel, und ich – ich – ich stand plötzlich im tiefsten Dunkel! »Für ein Glas Grog lassen wir unsere Hunde nicht treten – machen der Herr, daß Sie fortkommen! Es ist spät in der Nacht!« kreischte die Stimme des Weibes aus der urplötzlich und urhämisch hervorgebrachten Dunkelheit. »Aber, meine Beste, der Köter« – »Komm, Fido, mein Herzchen, wir gehen zu Bett!« »Aber so zünden Sie wenigstens doch das Licht wieder an, daß ich das Beschwerdebuch finden kann!« »Der Herr können sich morgen beschweren. Der letzte Zug ist längst abgefahren. Die Restauration hat das Recht, schon längst geschlossen zu sein. Hinter Ihnen ist die Tür!« Was war gegen die diabolische Rachgier des Ewig-Weiblichen zu machen? Ich rief alle Stoik Weitenwebers zu Hülfe, suchte ein Schwefelholz hervor, rekognoszierte während seines Aufflammens das ungastliche Terrain und fand mich wieder draußen in der kalten Novembernacht, in dem Augenblicke, als das letzte Stückchen der Mondscheibe hinter den Horizont hinabsank. Hinter mir fiel die Tür klirrend ins Schloß, und der Riegel schob sich kreischend vor. Das Triumphgeheul des höllischen Köters schallte noch einige Zeit hinter den eichenen Bohlen, dann ward es still drinnen – still war es draußen! Keine Menschenseele rührte oder zeigte sich auf der Station Sauingen; der Lichtschein aus dem fernen ersten Wächterhäuschen der Bahn war das einzige freundliche Zeichen in der jetzt so dunkeln Nacht. Ein unheimlich kalter Wind pfiff von den Bergen herüber, und ärgerlich raffte ich meine Lebensgeister zusammen, schulterte meinen Reisesack und verließ den freundlichen Bahnhof, den dunklen Schattenmassen zuwandelnd, welche der Flecken Sauingen sein konnten. »O ihr führenden Mächte des Himmels« – sandte ich mein Stoßgebet empor – »ich verlange gar nicht, daß ihr einen Engel herabsendet, mich unter Dach und Fach zu bringen; führt mir nur einen Nachtwächter dieser Planetenstelle in den Weg, irgendeinen Sauinger Lovelace, Don Juan oder sonstigen Taugenichts! Ihr seligen Mächte des Himmels, was habt ihr von dem kurzen Spaße, einen Literaten erfrieren zu lassen! Zeigt mir den Hahnen, und ich will euch das schönste Exemplar dieser Tiergattung opfern, welches ich auf dem Geflügelhofe meines verewigten Oheims finden werde!« Mehr rutschend als gehend gelangte ich durch eine sehr abschüssige, aber ziemlich breite Gasse auf einen freien Platz – den Markt von Sauingen, und hier sandten mir die Götter das, was ich von ihnen erfleht hatte, eben als es, wie in einem Theaterstücke der Frau Birch-Pfeiffer, zwölf Uhr schlug. Eine verquollene Stimme jodelte einen Gesangbuchsvers rauh in die Nacht hinein, und eine kleine Laterne, die ein schwarzer zottiger Hund – ich hasse die Hunde! – im Maul trug, beleuchtete einen Raum von acht Quadratfuß um einen bepelzten, schiefbeinigen Kerl, dessen Anblick mir in diesem Augenblick sechshundertsechsunddreißigtausendmal erfreulicher war, als Fräulein Adeline Spreitelioni, in all ihrer reizenden Nacktheit, im Ballett: die Meernixe auf dem Trocknen. Eilends trabte ich auf den treuen Wächter des Orts zu, und legte ihm mein Gesuch um Geleit nach dem goldenen Hahn vor. Er beschaute mich von der Spitze des Hutes bis zu den Überschuhen, examinierte meinen Regenschirm in der Linken, und meine Reisetasche in der Rechten, und ließ nach einigen bedächtigen Zügen aus seiner kurzen schwarzen Pfeife die tröstende Antwort erschallen: »Erst muß ich den Herrn Bürgermeister und den Herrn Kämmerer ansingen.« Ich hatte schon genug von der Starrsinnigkeit der Sauinger erfahren, um nicht die Ohren hängen zu lassen, wie Horazens unsterblicher Esel auf der heiligen Straße, und mich in mein Schicksal zu ergeben. Wir sangen den Herrn Bürgermeister an und ermahnten ihn und seine Gemahlin, das Feuer und Licht zu bewahren; dann begaben wir uns vor die Wohnung des Herrn Kämmerers, und die Hände in den Taschen, den Reisesack zwischen den Füßen, lauschte ich den ossianischen Tönen des Wächters der Nacht, der mein Schicksal in den Händen hatte. O ihr romanlesenden zarten Seelen – Frauen und Jungfrauen Sauingens, hat in dieser Nacht, während ihr euch auf weichem Flaum, in den süßesten Träumen wiegtet, nicht ein schriller, schneidender Wehlaut diese Träume gestört? Was hättet ihr begonnen, wenn ihr gewußt hättet, daß der »so rühmlich bekannte« Verfasser der »Heiratsgedanken«, der Dichter der »frommen Liebeslieder« und so weiter, und so weiter, unter euern züchtig verhangenen Kammerfenstern zähneklappernd sein Schicksal verwünschte? Hand aufs Herz, Bürgerinnen im Reich des Schönen und Sentimentalen, wäret ihr liegen geblieben, oder wäret ihr aufgesprungen, die Mama zu wecken, Tee zu kochen, dem knurrenden Papa die Kellerschlüssel zu stehlen, – Kränze zu winden aus den blühendsten Ranken eurer Fenstergärten? Antwortet, deutsche Mädchen – die strengste Diskretion wird zugesichert! Ach, du lieber Gott, kein holdes verschlafenes Gesicht lugte hinter den Vorhängen vor, kein chemisches Zündhölzchen leuchtete zum eilfertigen Lampenanzünden auf – sie waren schläfrig und schliefen – wie es im Evangelium Sankt Matthäus von den törichten Jungfrauen heißt, – und – ein neues Geschick schoß in der Gestalt eines schwarzen fauchenden Katers über den Marktplatz von Sauingen an uns vorüber und zog mich mit hinein in einen neuen Strudel der Ereignisse. Im Galopp sprang natürlich und naturgeschichtlich begründet unser Laternenträger, der nachtwächterliche Phylar, hinter dem Kater her. Gleich einer lobenden Phrase Weitenwebers riß der fromme Gesang des Wächters ab, um in ein gewaltiges Donnerwetter überzugehen, und ohne auf mich weiter Rücksicht zu nehmen, stürzte der Spießträger seinem Köter und seiner Laterne nach, und mit einem Segenswunsch auf alle Hunde und Katzen Sauingens setzte auch ich mich in Bewegung, so schnell es meine erstarrten Glieder erlaubten, um nicht den letzten Hoffnungsfaden, der mich ins Bett geleiten konnte, zu verlieren. Über halb gefrorene Düngerhaufen, durch halb gefrorene Pfützen ging die Jagd, bis mir endlich ein Wehgeheul in der Ferne verkündete, daß der pflichtvergessene Flüchtling von seinem erzürnten Herrn ereilt war. Atemlos vereinigte ich mich wieder mit beiden. »Na, nun will ich Sie für ein Trinkgeld nach dem Hahnen bringen,« sagte der Wächter, mit einem letzten Fußtritt in die Seite des Köters. »Kommen Sie mit, der Herr Pastor haben einen zu festen Schlaf und hören mein Singen doch nicht. Geben Sie her, ich will Ihren Sack tragen – warte Satan!« Heulend verbarg sich der Hund vor der gehobenen Stange zwischen meinen Beinen. »Edler Mann,« sagte ich, »Personifizierung aller milden Gefühle hiesigen Orts; ich überlasse mich ganz Ihrem gütigen Ermessen. Retten Sie mich, und Kinder und Kindeskinder werden einst mit Tränen in den Augen den Namen des Nachtwächters von Sauingen aussprechen! Wie heißen Sie, edelmütiger Freund?« »Märtens, Sie zu dienen – Michel Märtens. Nehmen Sie sich in acht, hier hat neulich Mannenhubers Frau das Bein gebrochen! So, hier um die Ecke – da ist der Hahnen!« »Der Hahnen!« exklamierte ich, die Hände zusammenschlagend. »Also er existiert wirklich, es ist kein Trugbild? Michael Märtens, mein Erretter, sollte es wohl eine Glocke an diesem Aufenthalt gastlicher Menschen geben?« »Eene Glocke?... Ne! – Warten Sie, ich will anklopfen; sie haben ein bißchen festen Schlaf, Herr!« Nun beleuchtete der laternentragende Pudel ein Sauinger Anklopfen. Der Wächter lehnte seine Hellebarde an die Wand, lehnte sich mit dem Rücken an die verschlossene Tür des Hahnen und begann sie auf eine Weise mit dem Ellbogen und den eisenbeschlagenen Stiefelabsätzen zu bearbeiten, welche ihm in einer polizierteren Stadt nicht nur alle lebendigen, sondern auch alle längst begrabenen und vermoderten Schützer der öffentlichen Ruhe auf den Hals geführt hätte. Der Erfolg dieses Getöses tat aber dar, daß es wohl begründet und vollständig an Ort und Stelle war. Märtens hatte recht: sie hatten einen festen Schlaf! Niemand rührte sich, niemand antwortete, niemand erwachte! Stumm lag der Hahn da, wie eine Parodie auf jenes Tier, welches der Wachsamkeit beigegeben wird, wenn die Maler sie symbolisch darstellen wollen; jenes Tier, welches die lebendigste Nation jetziger Ära zum Symbolum genommen hat. Der linke Stiefelabsatz des Sauinger Speerschüttlers war bereits erlahmt, beide Ellbogen hatten lange ihre ohrenerschütternde Tätigkeit eingestellt, nur das rechte Pedal des wackern Mannes arbeitete noch tätig fort, da – endlich – endlich – wurden Zeichen erwachenden Lebens im Hause laut! Schlürfende Schritte näherten sich, ein Schlüssel knarrte im Schloß, Lichtschein fiel heraus auf die Hauptstraße von Sauingen, den laternentragenden Köter, den Nachtwächter Michel Märtens und den vagabundum litterarium Max Bösenberg. Mit der Schnelligkeit, der krampfhaften Hast der Verzweiflung klemmte ich den Fuß zwischen die enge Spalte der Tür, warf meinen Reisesack dazwischen, um das schleunige Zuschlagen zu verhindern, welches mir meine aufgeregte Phantasie gräßlich vormalte – – – ah, ah, ah, nach einer Stunde lag ich zähneklappernd, mit leerem Magen, in einem ungeheizten Zimmer, einem feuchtkalten Bette des Gasthofs zum »goldenen Hahnen«, welchen ich hierdurch allen in dieser Gegend Reisenden, allen nach Sauingen Verschlagenen bestens empfohlen haben will. Meine Gefühle waren ungefähr die eines in einer Eisscholle eingefrorenen Frosches. 3 Als ich am andern Morgen die Augen aufschlug und die Ohren öffnete, verkündete mir ein lustiges Plätschern vor den Fenstern, daß es – regne, und daß daher die Aussichten auf eine behaglichere Fortsetzung und Beendigung meiner Reise zur Erbschaft nicht sehr bedeutend gestiegen seien. Mancherlei Töne des Grauens erfüllten die Gasse: Gänse gackerten, Enten schnatterten, dumpfes Gebrüll des nährenden Rindviehes erschallte aus fernen und nahen Ställen. Von dem Wunsche beseelt, ein wenig mehr von Sauingen und den Sauingern zu erblicken, schaute ich durch die trüben Scheiben: ein kleiner Autochthone stand in einer gegenüberliegenden Haustür, und störte von Zeit zu Zeit mit beiden schmierigen Pfoten die harmlosen Ansiedelungen der kleinen Backwoodsmen in dem roten, struppigen Urwalde seines Hauptes auf. Christianus, der Hausknecht, ein seltsamer Christ, brachte mir meine Stiefeln, welche er einem eigentümlichen Prozeß ausgesetzt zu haben schien. Ich begab mich in die untern Räume des Hahnen hinab, kann aber unmöglich noch einmal in der Erinnerung alles das, was ich hier erlebte, wachrufen! Ich will des unseligen Gebräus, welches man mir als Kaffee vorsetzte, nicht gedenken; ich will einen Schleier über Sauingen, Volk und Senat, seine Jungfrauen, seinen Nachtwächter Michel Märtens, seinen Hahn und Hahnenwirt fallen lassen, und mich sogleich vor die Postexpedition versetzen, wo ein vierräderiger, etwas räudiger Kasten die Verantwortlichkeit auf sich nehmen sollte, mich über die Berge nach Finkenrode zu schaffen. Hier aber streift meine Muse die Ärmel in die Höhe und geht mit frischen Kräften ans Werk. Barmherziger Regenhimmel, was für zwei Mähren brachte die königliche Posthalterei zum Vorschein! Auf jeder Seite von einem Stallknecht unterstützt, wankten die beiden vierbeinigen Jammergestalten aus dem Stalle hervor und wurden vorsichtig an die Deichsel und aneinander gelehnt, um sich gegenseitig im Gleichgewicht und aufrecht zu erhalten. Mit unterschlagenen Armen überwachten der expedierende Sekretär und der, gleich zerfließendem Käse dreinschauende Posteleve das Anspannen, und ich notiere hier die Worte des letztern, welche an den Vorgesetzten gerichtet waren: »Herr Postsekretär, diesmal gewinne ich meine Wette. Es ist das letzte Mal, daß wir sie sehen – sie kommen wahrhaftig nicht wieder!« Der Sekretär zog die Feder sorgenvoll hinter dem Ohr hervor, kratzte sich damit an der frostgeröteten Nase, und zog sich nach einem letzten wehmütigen Blick auf die Rosse und einem gleichgültigen auf den unglücklichen Reisenden in seine Schreibstube zurück, gefolgt von dem Eleven, der kichernd die Hände aneinander rieb. Und jetzt war alles zum Ab – schleichen bereit, der Briefbeutel und der Schaffner waren an ihren Plätzen; ich der einzige Passagier, an dem meinigen – ein schwacher Ruck – ein gewaltiges Hurra der versammelten Sauinger Jugend, – fort ging es – nicht im sausenden Galopp, aber doch in einem schwachmütigen Trab, der mich auf den Gedanken brachte, man habe den beiden unseligen Gäulen als Ermunterungsmittel einige Disteln unter die Schwänze geschoben. Nachdem ich eine Zigarre angezündet und den Schaffner mit einer dito versehen hatte, fing ich allmählich an, mich wieder etwas als Mensch zu fühlen; ich ließ das Wagenfenster auf der dem Wind und Regen entgegengesetzten Seite herab, und betrachtete die Gegend. Im grünen Sommer mochte sie sich wohl 19 noch anmutiger dem Wanderer darlegen, aber auch heute, wo die Berge vom Dunst und Regen verschleiert waren, flatternde Nebel phantastisch durch die leeren Zweige der Bäume zogen, hatte sie ihre Reize. Hin und wieder klapperte eine Sägemühle in einem Tale; es rauschte manch Wässerlein aus mancher wilden Schlucht hervor, und bei jeder Wendung des Weges schoben sich die Berge origineller ineinander, und von Viertelstunde zu Viertelstunde wurde die Landschaft romantischer. »Da haben wir neulich gelegen – Wagen und alles!« sagte der Schaffner, auf einen Abhang zeigend. »Mehr links! links, Schwager! ... Donnerwetter! ...na, gottlob! wir sind vorüber!« Ich hatte schon die Zähne zusammengeklemmt, um mir eventualiter nicht die Zunge abzubeißen; jetzt brachte ich sie aufatmend wieder voneinander: »Wie heißt jener Ort dort?« »Das ist Rollendorf. Fetter Boden und reiche Bauern, aber viel Dreck, Herr!« Rollendorf? Rollendorf? Der Name kam mir so bekannt vor, – heftete sich nicht irgendeine vergessene Tatsache aus meiner Kindheit an diesen Ort? Ich faßte den spitzen Turm des Dorfes fester ins Auge! Rollendorf? Rollendorf? Ich fand nicht wieder, was ich in der Erinnerung suchte; aber mein Herz schlug doch ein wenig höher, und ich freute mich dieses seltsam wehmütigen Gefühles. »Dort, wo der Dampf aufsteigt, sind die Hütten von Waldenberg – und da, auf dem Bergrücken, guckt die Kollerwarte hervor; zwischen den beiden Höhen ist der Kollergrund – da liegen viele Schweden begraben!« sagte der Schaffner. »Was ist das dort für eine blaue Höhe? Die höchste – ganz in der Ferne?« »Das ist der Eulenkopf! Ja, das ist der höchste Berg in unserer Gegend. Als ich Soldat war, Anno Dreizehn, habe ich aber viel höhere gesehen.« »Der Eulenkopf, wahrhaftig, das ist der Eulenkopf! Hurra, der Eulenkopf! Gruß dir, Gruß dir, Heimat!« »Wenn wir diese Höhe hinauf sind, können wir die beiden spitzen Türme von Finkenrode und den Fluß sehen; jetzt verdeckt der Wald noch die Aussicht.« Ich hatte fast keine Ruhe mehr auf dem Sitze. Alle die so bekannt klingenden Namen, welche der Mann erwähnte, jagten mir das Blut rascher und rascher durch die Adern. Ich drehte mir fast den Hals ab; auf allen Seiten tauchte meine vergessene Jugendwelt um mich her empor. »Dort geht der Herr Pastor Rohwold. Wie kommt der daher?« sagte der Schaffner, auf einen Wanderer zeigend, der auf einem Waldwege mit einem Regenschirm dahinschritt. »Sein Vater war Pastor zu Rulingen, und er ist es kürzlich auch geworden.« »Arnold Rohwold! Das Pfarrhaus zu Rulingen – o, wie habe ich das vergessen können?« – Wäre mein Jugendgespiele nicht schon in einer Niederung verschwunden gewesen, ich hätte mich aus dem Wagen gestürzt, und wäre ihm nachgesprungen. Zwanzig Jahre lagen zwischen jener Zeit und heute! – – – »Finkenrode! Da ist Finkenrode!« rief ich aufspringend; aber die niedrige Wagendecke trieb mir den Hut bis über die Nase hinunter, und als ich ihn mühsam mit Hilfe des grinsenden Kondukteurs wieder in die Höhe gezogen hatte, war der Blick auf die beiden spitzen Kirchtürme meiner Geburtsstadt verschwunden. Wir fuhren jetzt bergunter in den Wald hinein, vorsichtig und langsam, denn der Weg war fast grundlos durch den fortdauernden Regen geworden. »Dunkeldorf ist die letzte Station,« sagte der Schaffner, »nachher müssen wir noch über den Schillingsberg; das ist ein schweres Stück Arbeit. Um elf Uhr sind wir in Finkenrode.« In Finkenrode! Ich hätte den Mann umarmen mögen, beschwor aber zugleich den Himmel, irgendeinen Dämpfer auf meine sentimentalen Aufwallungen zu setzen. Ach, ich wurde schneller und nachdrücklicher erhört, als mir lieb war! Dunkeldorf war bald erreicht, und vor der Schenke wurden die Pferde gewechselt. Wir vertauschten unsere Geisterrosse gegen andere, und der käseartige junge Postmann schien seine Wette doch noch nicht gewinnen zu sollen Einmal kamen sie noch zurück, die vortrefflichen Tiere! Zurück nach meinem unvergeßlichen Sauingen, auf welches ich allen Segen, alles nur mögliche Glück herabflehte, während ich liebend den Tieren die feuchten Mähnen strich, und einen Kognak gegen die Kälte und gegen meine besseren Gefühle genoß. Weiter! Weiter! Mühsam arbeiteten sich jetzt die frischen Gäule den Schillingsberg hinauf, den königlichen Postwagen mit dem Vertreter der deutschen Journalistik, dem Kondukteur Mönkemeyer und der Korrespondenz der Finkenrodener hinter sich herschleppend; als uns, nahe dem Gipfel, das Fatum, die Moira schrecklich ereilte. Krack! krack! seitwärts neigte sich der schwarzgelbe Kutschkasten; der tote Rehbock schoß von dem Verdeck zuerst hinab auf die bodenlose Landstraße. Mönkemeyer, der Schaffner, ließ mich pflichtgemäß auf sich fallen, der Postillon fluchte; die Pferde schlugen scheu aus, da lag der königliche Postwagen auf der königlichen Landstraße. Ein seltener Genuß in dieser Zeit der Kurierzüge mit einem Postwagen umgeworfen zu werden l... »Der Teufel!« rief der Schaffner. »Ach du lieber Himmel!« seufzte ich. »'s ist doch, als hätte der verfluchte Kasten ordentlich seinen Spaß daran!« schrie wütend Mönkemeyer. »Sehen Sie nur, Herr, wie behaglich sich die Bestie, die Kröte, die Kanaille in den Sumpf gelegt hat, als gäbe es gar keine Wagenremise in Finkenrode! 's ist zum Rasendwerden! Warten Sie, ich will Ihnen Ihren Schirm hervorsuchen!« Mit diesen Worten stieg der Erzürnte auf die Speichen des Vorderrades und langte mir mein seidenes Wetterdach hervor. Ich spannte es aus, und rettete mich auf einen Steinhaufen am Wege. Von hier konnte ich das Schlachtfeld mit mehr Gemütsruhe betrachten. »Na, Schwager, da ist nichts anderes zu machen! Spannt nur die Pferde ab und reitet nach der Stadt um Hülfe; ich will bei der Karrete bleiben. Der Herr wird auch am besten tun, wenn er als Infanterist in Finkenrode einrückt; es geht ja jetzt nur noch bergab, und der Weg ist auch nicht allzu schlecht.« »Ja, es wird wohl das beste sein!« sagte ich, und stieg die zwanzig Schritte, die ich noch von der Höhe des Berges entfernt war, empor bis zu einem uralten Grenzstein des Erzbistums Mainz, welcher halbversunken dort steht. Finkenrode! ... Ein Blick überflog meine ganze Kindheitsgegend, soweit es der verhangene Himmel erlaubte. Die Endung »rode« des Stadtnamens deutet an, daß auf der Stelle, wo heute sieben- bis achttausend Menschenkinder ein ziemlich glückliches und, was man auch darüber sagen mag, ziemlich harmloses Dasein führen, tiefer, germanischer, herzynischer Urwald war, der sich in alten Zeiten von den Harzbergen über die norddeutsche Ebene, bis an das deutsche Meer erstreckte. In der Tat gibt es auch jetzt noch Wald genug an den Bergen und um die Berge von Finkenrode. Wir stehen auf echt cheruskischem Gebiet, wenn gleich die Cherusker selbst lange den Sachsen Platz gemacht haben! Jedem deutschen Schulknaben wird die Geschichte der Dido eingebläuelt, daß aber auch der deutsche Boden eine ganz ähnliche Sage aufzuweisen hat, weiß und kümmert niemand. Ich halte es für ein Verdienst, die alte Geschichte an dieser Stelle wieder aufzufrischen, obgleich ich an jenem Morgen, an welchem ich die Heimat zum ersten Mal wieder erblickte, wahrlich nicht daran dachte. – Den Cheruskern waren die Katten gefolgt, diesen die Thüringer im Besitz des germanischen Jagdgrundes, auf welchem heute Finkenrode liegt. Letztere saßen hier, als ein Schiff den Fluß herauf kam, welcher so dicht an der Stadt vorbeifließt, daß er den Fuß des letzt übrig gebliebenen Bollwerks der einstigen Ringmauer bespült. Damals war von der Stadt Finkenrode noch nichts zu erblicken: gewaltige Eichen und Buchen spiegelten sich allein in den gelben Fluten der Weser, und staunend rannten die Bewohner der Wildnis, ob des fremden Anblicks, an dem Ufer zusammen; denn den Thüringern war die Schiffahrt unbekannt, sie waren ein Jägervolk, welches seine Bäche durchwatete, seine größeren Gewässer durchschwamm. Niemals war ein solches schwimmendes Gebäu gesehen, hier zu Lande! Jetzt hielt das Schiff an, ein gerüsteter Krieger trat ans Ufer und grüßte das versammelte Volk zu seinem Erstaunen in einer Sprache ähnlich der ihrigen. Er war blondhaarig und riesenhaften Körperbaues wie sie selbst; aber sein Leib, seine Brust, seine Arme waren mit allerlei wundersamen, köstlichen Zieraten bedeckt. Schwere goldene Ringe umgaben seine Handgelenke; Ketten von aufgereiheten römischen Kaisermünzen, mit dem Schwert erbeutet auf kühnen Seeräuberzügen, die gallische und hispanische Küste entlang bis tief in das Land hinein, wo damals Syagrius seinen Todeskampf kämpfte – umschlangen seinen Hals. Den thüringischen Männern gefiel dieser Schmuck, der Glanz des Goldes stach ihnen in die Augen. Gierig fragten sie nach dem Preise aller dieser Herrlichkeiten. »Gebt mir dafür, was Ihr wollt!« sagte der Fremdling, und lachend boten ihm die Besitzer des Landes einen Schoß voll Erde von ihrem Grund und Boden, und lachten noch mehr, als der fremde Krieger bedächtig seine Einwilligung nickte und allen Schmuck, alle Ketten und Ringe abstreifte. Die klugen Thüringer füllten ihm das Gewand voll Erde, wie sie versprochen. Kaum aber war das geschehen, so sprangen von dem Schiffe waffenklirrend und jubelnd die unbekannten Leute ans Land – eine Kolonie riesiger, vom Meerwind gehärteter Männer und hoher, stolzer Weiber! Der listige Käufer aber bestreute mit der gekauften Erde eine weite Strecke fruchtbaren Bodens, und auf ihm faßte das Volk der Sachsen zuerst festen Fuß in der alten Cheruska! Schiff auf Schiff kam nun den Strom herauf, Ansiedlung nach Ansiedlung entstand; nach langen blutigen Kämpfen wichen die Thüringer zurück, und drängten die Katten abermals weiter ab gegen Süden, wo sie heute noch sitzen! Wo aber Werimar und Mangingelt, die Führer des ersten Sachsenschiffes, ihre Schwerter zuerst in den Boden gestoßen hatten, da steht heute das Rathaus der Stadt Finkenrode, und heute noch sitzen ein Bremer und ein Manegold im Rat der Stadt; der erste ein wackerer Schneider, der andere aber ein sechs Fuß hoher Schmied, der seinen Hammer heute noch vielleicht ebenso gewaltig schwingt, wie sein Vorfahr vor tausend Jahren das Saß, das sassische Schwert. In unendlichen Krümmungen zieht sich der schiffbare Fluß zwischen den Bergen hin, die sich bald dicht zusammenschieben, als wollten sie ihm den Durchgang verwehren, bald wieder in weiten Flächen und Geländen sich auseinanderlegen. Aus ihrem Wolkenschleier sahen alle die Berggipfel, Höhen, Täler, Wälder mich an, als wollten sie sagen: »Was willst du von uns? Du hast uns so lange verleugnet – du gehörst nicht mehr zu uns – wir kennen dich nicht mehr!« ... Aber ich kenne euch! rief es in mir. Das da ist der Springberg, und dort ragt der Junkerstein – dort ist die Pfaffenschlucht und da das Frauenholz, aus welchem der Hurlebach noch ebenso lustig hervorsprudelt, wie in alter Zeit! O ich kenne euch alle und ihr sollt nicht das Recht haben, mich von euch zu stoßen! Da, wo der leichte Rauch aufwirbelt, ist die Paddenmühle – horch, horch, das Geläut von Sankt Marienstuhl klingt noch, wenn auch die Nonnen selbst lang vertrieben sind aus dem Mariengarten! Es ist Sonnabend, deshalb klingt die Glocke in dem wundervollen Turm dort über dem Wald, und horch, horch – da, die Glocken der Heimat, die Glocken von Finkenrode! ... Hals über Kopf rannte ich den Schillingsberg hinunter, mit der einen Hand den Regenschirm, mit der andern den Hut haltend. Was kümmerte mich der stärker werdende Regen, unter mir hatte ich ja die beiden Turmspitzen der Martinskirche meiner Vaterstadt, die freundlich aus dem Nebel und Dunst heraufschauten und winkten! Platsch, platsch, platsch! über Stock und Stein, glitschend, rutschend, springend und stolpernd, daß mir das Wasser und anderes mehr um die Ohren flog, immer hinab ins Tal, jetzt über den Hurlebach, an der klappernden Paddenmühle vorbei, durch die Wiesen, die Gärten entlang, bis an das Burgtor der alten Stadt Finkenrode! Ah!.. Ein Trupp Gänse zischte und schnatterte mir unter der Wölbung entgegen, ein Kopf, bedeckt mit einer weißen Zipfelmütze, fuhr aus dem Fenster des Steuereinnehmerhauses am Tor, verwundert die so unerwartet herantrabende Erscheinung anstarrend; – langhallendes Kindergeschrei die Straße entlang; Kinder an den Fenstern, Kinder in den Türen, unter den Torwegen, Kinder im Regen, Kinder im Trockenen – wahrlich, ich hatte meine Vaterstadt Finkenrode erreicht; nicht mit den Gefühlen eines Olympiasiegers, nicht mit den Gefühlen eines Heimwehkranken; aber doch mit recht anständigen, stichhaltigen, naturgemäßen Gefühlen, welche von einem nicht allzuverhärteten und gleichgültig gewordenen Gemüt zeugten. Nach ewigen Augenblicken des Verschnaufens schritt ich gemächlicher die Hauptstraße hinab, rechts und links die Häuser entlang blickend. Alle diese alten vorgeschobenen Giebel, diese Winkel und Ecken, diese hohen Treppenstufen, diese überdachten Haustüren, diese dunkeln Torwege hatten etwas so Bekanntes, freundlich Wirkendes, Heimliches für mich, daß es wahrhaftig kein Verdienst war, gerührt zu werden, und die Wasserströme nicht zu achten, welche die Dachrinnen auf mich heruntergossen. Jetzt schritt ich über den Marktplatz an dem sprudelnden Brunnen mit dem Bilde des heiligen Martins, des Schutzpatrons der Stadt, vorbei; – – mein Auge fiel auf ein ziemlich großes, freundliches Haus mit spiegelblanken Fensterscheiben und zwei jetzt kahlen Akazienbäumen vor der Tür. »O, der alte Oheim Fasterling!« rief ich, und eine ganze Welt von Erinnerungen stürmte auf mich ein. Der Oheim Fasterling war eigentlich nicht mein Verwandter, sondern ein alter pensionierter Hauptmann, welcher die Befreiungskriege mitgemacht hatte und seit langen Jahren in Finkenrode allen heranwachsenden Buben das preußische Exerzierreglement beibrachte. Ich war einst sein Liebling gewesen, er hatte mich auf seinem alten Eisenschimmel das Reiten gelehrt, ich begleitete ihn auf seinen Spaziergängen – der Oheim Fasterling! der Oheim Fasterling! ... Jetzt, um die Ecke biegend, stand ich vor der prächtigen alten Kirche des heiligen Martin, deren Türme man in allen Gassen von Finkenrode über die Dächer ragen sieht. In ihrem Schatten lag noch immer das im Sommer so idyllisch umgrünte Schulhaus, der Schauplatz meiner ersten Jugendtaten; ich machte, daß ich den – Gasthof zum goldenen Weinfaß erreichte. 4 Von dem Eckzimmer des Gasthofs zum goldenen Weinfaß begann ich, nach einigen Stunden der geistigen und körperlichen Sammlung, mein Finkenrodener Leben durch Beobachtung der Bullergasse und des sie durchwandelnden Volkes. Ich suchte mir einzubilden, bekannte Gestalten und Gesichter vorübergleiten zu sehen; kannte in Wahrheit aber nur den in gemütlicher Apathie seine Pfeife schmauchenden Mohr, welcher vor dem gegenüberliegenden Tabaksladen Wache hielt. Wir pflegten zum großen Ärger des Besitzers des Gewölbes aus Blaseröhren nach dem schwarzen Kerl zu schießen, und hinter der Straßentür stand ein tüchtiger Rohrstock, mit welchem bewaffnet der alte Steinbrecht von Zeit zu Zeit hervorzustürmen pflegte, was jedesmal ein tobendes Auseinanderstieben unsererseits zur Folge hatte. Noch immer schienen die holden Finkenrodenerinnen die Blumenzucht zu lieben! Jedes Fenster hatte seinen grünenden blühenden Schmuck hinter den spiegelhellen Scheiben, den weißen, roten und gelben Vorhängen. Sie verwahrten aber auch immer noch ihre Kellerlöcher durch vorgestopften Dünger gegen den Winterfrost, die braven Hausherren und Hausfrauen von Finkenrode! Ich fühlte mich so behaglich, so gemütlich in meinem Eckfenster, daß ich selbst gegen einen Weinreisenden, welcher das goldene Weinfaß mit unendlichem Getöse erfüllte, eine menschliche, wohlwollende Regung in mir verspürte. Wieviel mehr mußte dies der Fall sein in Hinsicht auf den dicken Wirt Tolle, der meinen Vater noch gekannt hatte, und mir dieselbe Weinsorte brachte, die jener einst jeder andern vorzog! – Über die Persönlichkeit meines abgeschiedenen Oheims, über sein Leben und Treiben erfuhr ich nicht viel; Tolle zuckte bei meinen Fragen darüber nur die Achseln und rieb sich die Nasenspitze; als aber die Rede auf die Vermögensverhältnisse des Seligen kam, wußte er mehr zu erzählen. Er warf mir blinzelnde Blicke zu, schnappte behaglich nach Luft und gebärdete sich wie einer, welcher der Erde Güter wohl zu schätzen und zu taxieren weiß. Der Oheim Bösenberg hatte die Manie gehabt, alles Land, was er irgend erreichen konnte, zusammenzukaufen – es war ein eigentümliches Gefühl für einen Taugenichts von Literaten, der bisher nur in der leeren Luft seine Purzelbäume geschossen hatte, auf einmal auf diese Weise solch soliden Grund und Boden unter die Füße zu bekommen. Um vier Uhr nachmittags machte ich mich auf den Weg, um dem Notar Rettig meine Ankunft anzuzeigen. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, und ich fühlte mich innerlich und äußerlich erwärmt genug, um mich in die Strudel des sozialen Lebens der Stadt Finkenrode zu stürzen; kürze aber diesen Abschnitt meiner Memoiren soviel als möglich, weil voraussichtlich der folgende gewaltig genug anschwellen wird von der Masse der eindringenden Ereignisse, und weil den schönen, aber ungeduldigen Leserinnen gegenüber eine Erörterung und Besprechung der juristischen Seite meiner Erbschaftsangelegenheit nicht an Ort und Stelle wäre. Nachdem mir das Glück und die Ehre zuteil geworden war, die Bekanntschaft der Familie Rettig zu machen, verfügte ich mich mit dem Notar in das Geschäfts- und Studierzimmer des letzteren, aus welchem ich gegen Abend mit etwas Anlage zum Kinnbackenkrampf wieder hervorschritt. Am Montage sollte ich Besitz nehmen von der Hinterlassenschaft meines seligen Oheims. Es war fast Nacht geworden, als ich wieder auf die Straße hinaustrat. Leichtfüßig schlüpfte ich durch die dunkeln Gassen von Finkenrode, die mir noch bekannter waren, als ich gedacht hatte, dem Hause Bösenberg zu. Eine gute Welle gaffte ich nach den schwarzen Massen des Gebäudes hinüber, in welchem kein freundliches Licht die Anwesenheit menschlichen Lebens andeutete. Ich fühlte mich beklommen, ein Gefühl der Furcht beschlich mich: schöne Leserin, es war gottlob nicht der Trieb nach Besitz, der meine Pulse schneller klopfen machte. »Wir werden gewiß Frost bekommen,« sagte der Wirt, der mich auf mein Zimmer geleitete, aus welchem ich an diesem Abend nicht mehr hervorkroch. Stundenlang schritt ich, die Hände auf dem Rücken, auf und ab, und die bekannten, tiefen, vollen Glocken der Martinikirche klangen wehmütig mahnend in meine Gedanken hinein. Ich schlief einen sehr unruhigen Schlaf während der ersten Nacht, welche ich in meiner Vaterstadt Finkenrode zubrachte, hatte jedoch am andern Morgen durchaus kein deutliches Bild von dem, was alles an mein Kopfkissen herangetreten war. Alles ein verworrenes, unklares, schattenhaftes Gemisch von Tönen und Gestalten, bald fremd, bald bekannt! – 5 Anders erwacht man im Schatten des Theatergebäudes zu ***; anders im goldenen Weinfaß zu Finkenrode. Dort verschlingen sich in die süßen Morgenträume die Trommel- und Hornklänge aus fünf nahen und fernen Kasernen, leise den Schläfer auf das aphoristische Allerlei der Töne in den Gassen, das nun bald folgen wird, vorbereitend. Dort hat der gräßlichste Lärm, all das Getöse der erwachenden, großen Stadt keinen andern Einfluß auf den spät zu Bett gehenden Menschen, als daß er sich auf die andere Seite dreht und weiter schläft: hier – stand ich plötzlich mitten im Gemache, entsetzt, taumelnd, schlaftrunken – – – »Kikeriki, kikeriki!« dicht unter meinem Fenster, auf einem hochgetürmten Holzhaufen – ein Finkenrodener Hahn! Ich hatte Mühe, den Schreck über diese harmlose Lebenskundgebung zu überwinden und meine Lebensgeister zu sammeln; es gelang mir aber doch. Ich gähnte, nieste, streckte zwei geballte Fäuste so weit als möglich nach Frankreich und Rußland hin ans und warf einen verschlafenen Blick in die Außenwelt. Zwischen den Vorhängen hindurch schimmerte ein weiß, grau und blau gemischter Tag und lud ein zu Betrachtungen über den Spruch: Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen. Manche Zigarre verflüchtigte sich in blauen Rauch an diesem Morgen über dem Gedanken, was ich heute mit mir in Finkenrode anfangen könnte. Mehr und mehr brach eine klare Wintersonne sich Bahn durch die Wolken, mehr und mehr gewann der Gedanke, dem alten Hauptmann Fasterling nach der Kirche einen Besuch abzustatten, konkretere Gestalt. »Fräulein Fasterling ist ein sehr hübsches, lustiges, junges Mädchen!« sagte Tolle, der Wirt, der sich nach meiner Nachtruhe erkundigte. »Der alte Herr hat eine Tochter?« »Jawohl, das wissen Sie nicht? Ah, richtig, er verheiratete sich erst nach dem Tode Ihres Herrn Vaters – seine Frau ist aber bald gestorben; er hat nur das einzige Kind – Fräulein Sidonie Fasterling.« »Fräulein Sidonie Fasterling! beschlossen! – ich werde den alten Burschen aufsuchen – ich meine den Hauptmann.« »Es ist ein braver, alter Herr! Hat sich gestern abend im Klub auch schon nach Ihnen erkundigt – der Klub wird hier im goldenen Weinfaß gehalten. Fidele Gesellschaft! Werden auch eintreten müssen, wenn Sie hier bleiben ...« »Sidonie Fasterling!« sagte ich, als sich die Tür hinter dem wackern Manne der Gastfreundschaft gegen bar geschlossen hatte. – Die Finkenrodener und Finkenrodenerinnen schritten jetzt unter meinen Fenstern vorüber zur Kirche, und ich warf wohlwollende Blicke herab auf sie während der Vorbereitungen zur Toilette. Alle diese ehrenfesten Bürger, diese alten Mütterchen, diese vorsichtig einhertrippelnden jungen Mädchen, diese geputzten Kinderscharen mit den schwarzen Gesangbüchern, den weißen Sonntagstaschentüchern waren so ganz verschieden von den Andächtigen größerer Städte, waren mir so bekannt – über das ganze Städtlein legte sich ein Duft sonntäglicher Heimlichkeit! Eben war ich beschäftigt, der Schleife meiner weißen Krawatte den modernsten, elegantesten Ausdruck zu geben, als mich abermals ein Klopfen an der Tür störte. »Herein!« Auf der Schwelle erschien ein wohlgewachsenes Individuum, genial, luftig angetan, einen breitrandigen braunen Filzhut schwingend. »Bösenberg! Hurra! Kennt Ihr mich nicht mehr?« »Bei Gott – Mietze, der Mime! Alexander Mietze!« »Derselbe! Ewig derselbe!« Der braune Filzhut flog in den Winkel; wir hatten einander in die Arme gefaßt, und genossen im Zweitritt uns drehend die Freude des Wiedersehens. – Es gibt eine Art Leute, welche von frühester Jugend eine solche Gleichgültigkeit gegen jede Autorität zeigen, daß sie die leisesten Anforderungen in dieser Beziehung täuschen. Die gütige Mutter Natur rüstet sie daher auch in der Regel mit einer größeren Fähigkeit aus, Püffe, Stöße, Ohrfeigen, Ermahnungen, Verweise, Hunger, Einsamkeit und andere Hilfsmittel der Erziehung zu ertragen, als andere Geschöpfe derselben Gattung. Sie wachsen heran, sich selbst ein Rätsel; ihren Eltern, Lehrern, Tanten, Oheimen und Nachbarn aber ein stetes Thema schlagender und beißender Erörterungen. Die Redensarten: du bringst es dein Lebtag zu nichts! – an dir ist Hopfen und Malz verloren! – Junge, ich haue dich, daß du den Himmel für einen Dudelsack ansehen sollst! – nimm dich in acht, du endest gewiß noch mal am Galgen, ins Zuchthaus kommst du gewiß! – ich werde dich aus der Klasse schicken, ein räudiges Schaf steckt die ganze Herde an! – du bist ein Nagel zu meinem Sarge! und so weiter, und so weiter, bekommen sie so oft zu hören, daß dieselben zuletzt wirkungslos an dem verstockten, brütenden Phlegma des Sünders abgleiten. Gewöhnlich offene, ehrliche Naturen, behalten diese Unglücklichen selten das klare, lebensfreudige Auge, mit dem sie anfangs in die Welt hineinsahen. Entweder werden sie so niedergedrückt, daß sie stumpfsinnig aus dem Knabenalter hervorgehen und annähernd das werden, was man unter einem guten Beamten und Staatsmann versteht: langsam, geduckt nach oben, selbstherrisch, tyrannisch-stänkerig nach unten hin; oder aber sie verwildern und finden nimmer im Leben den rechten Weg. Sie gehen zugrunde an innerer Haltlosigkeit. Ich freute mich wirklich sehr, den tollen Alexander zu erblicken; er war mein Jugendgespiele, ein wilder, ehrlicher Bursch, den sein heller eigenwilliger Kopf oben erhalten hatte; ein schlechter Schauspieler, aber dessenungeachtet ein wackerer Künstler, begeistert für alles Schöne und Gute. Unsere Lebenswege hatten sich öfters gekreuzt, nachdem uns das Schicksal aus Finkenrode vertrieben hatte. Eine kurze Zeit studierten wir zusammen die Rechte und Unrechte; aber eines schönen Morgens war Alexander verschwunden – ohne daß ein Gläubiger ihm nachschrie. Er war mit einer Schauspielertruppe durchgegangen. Seine wohlhabenden Eltern stellten ewige Versuche an, ihn auf den gewöhnlichen Lebensweg zurückzuführen; aber vergebens. Sie ließen ihn und wandten sich ihren übrigen Kindern zu. Jetzt war die Familie zerstreut. Die Eltern waren gestorben, die Kinder verheiratet hier und da – »und ich sitze jetzt hier in diesem Neste und bemühe mich, ein anständiger Mensch zu werden; ich will eine Spiritusfabrik gründen!« schloß lachend der Schauspieler die Erzählung seiner Schicksale. »Soyons amis, Cinna – wir werden einander vielleicht nötig haben!« Ich reichte ihm gravitätisch die Rechte: »Zwei Vagabunden, zwei Seefahrer, ans Land gestiegen, aus den Wogen der süßen Liederlichkeit, welche Arm in Arm miteinander wandeln, um das Gleichgewicht auf dem festen Boden der Solidität nicht zu verlieren! Bravo! – es sei!« »Du siehst so feierlich aus, Max, so aufgedonnert. Willst du einen Besuch machen? Greife vertrauensvoll in den reichen Schatz meiner Finkenrodener Erfahrungen, ich« – »Kennst du Fräulein Sidonie Fasterling?« Der Schauspieler hatte sich bis jetzt behaglich auf zwei Stühlen geschaukelt, bei Nennung dieses Namens sprang er auf, die Zigarre entfiel seinem Munde, er hob sie auf, (die Röte, welche sein Gesicht überflog, konnte nicht bloß von dem Bücken kommen!) stotterte einige bejahende Worte – »Geschossen?« fragte ich mit einem Kunstausdruck, den Narren von der Seite ansehend. Er hatte beide Hände in die Hosentaschen geschoben, die Beine auseinander gespreizt und starrte mich an, mit einem Gesicht halb verblüfft, halb grinsend, daß ich in ein lautes Gelächter ausbrach. »Also deshalb willst du deine Spiritusfabrik gründen. Der alte Knasterbart hält wohl nichts vom Theater?« Der Schauspieler legte mir beide Hände auf die Schultern. »Freund, Bruder – sieh sie dir an! Sag mir deine Meinung – aber offenes Spiel – Max, was ist mir das Leben ohne sie! Max, sie spielt mit mir, wie die Katze mit der Maus, und der Alte will nicht! Max, vielleicht hat dich der Himmel meinetwegen nach Finkenrode geführt – sieh dir das Mädel an, Max, – sag mir deine Meinung – Sidonie! o Sidonie!« Hätte Meister Alexander das Schauspiel liebeglühender Ratlosigkeit und Zerfahrenheit auf den Brettern aufführen können, wie er es mir im Zimmer Nummer sechs im goldenen Weinfaß aufführte, er wäre in der Tat ein großer Mann gewesen. Ich hatte ein Gefühl kitzelnden Behagens bei seinen phantastischen Sprüngen, welches sich sehr schwer beschreiben läßt. Und dabei sah ich den Kapriolen wenigstens ebenso gleichmütig zu, wie Sancho Pansa denen seines verliebten Herrn zwischen den Felsen der Sierra Morena. Wie Sancho Pansa sagte ich mir auch: »Aus der Hölle ist keine Rückkehr,« sieh es dir von weitem an, Max; geh nicht zu nah dem Feuer – Weitenweber mag recht haben, und Hinkelmann kann sich irren! – – Ruhig und bedächtig vollendete ich meine Toilette, während der Schauspieler und Spiritusfabrikant unaufhörlich mich mit seinen uralten Dummheiten, welche er jedoch für sehr neu und außergewöhnlich interessant hielt, bestürmte. »Streiche mich heraus!« schrie er. »Schildere mich dem Hauptmann als einen Ausbund aller Tugenden und Vollkommenheiten, wann und wo du Gelegenheit dazu hast! Er wünscht mich Über alle Berge; er würde mich nach Sibirien auf den Zobelfang schicken, wenn er die Macht dazu hätte – ah, und Sidonie! Max, schau dir Sidonie an – aber als ehrlicher Freund – o Sidonie, Sidonie Fasterling!« »Gehen wir?« fragte ich und nahm den Hut. Wir schritten die Treppe hinunter und hinaus in die Gasse. Arm in Arm durchwandelten wir die Stadt Finkenrode bis an die Ecke des Marktplatzes. Hier ließ mich Alexander plötzlich los und blieb stehen. »Nun lauf allein!« flüsterte er. »Der Alte könnte am Fenster Wache halten und uns zusammen erblicken, das würde seine Achtung für dich, sein Vertrauen in dich um fünfzig Prozent verringern.« »Du scheinst dich hier in ein allerliebstes Licht gestellt zu haben!« Alexander zuckte die Achseln und ließ einen bedeutsamen Blick an allen umliegenden Häusern hinaufgleiten. »Man stellt sich nicht, man wird gestellt. In acht Tagen wirst du ebenfalls ein Liedchen davon singen. Gott befohlen, mein Sohn, geh und betrage dich als ein wackerer Freund. O, wie beneide ich dich! du wirst sie sehen – sie wird dich anlächeln, wird dir mit ihrem listigen Purpurmäulchen mehr als eine anmutige Impertinenz sagen, daß du zwischen Ärger und Wonne, ein Bild dummblickender Verblüfftheit stecken bleibst – geh, sag ihr – nein, nein, sag ihr nicht! – o Himmel und Hölle, ich wollte –« »Nun, was wolltest du?« »Du stecktest in meiner Haut!« rief der Schauspieler und entfernte sich mit eilenden Schritten. Langsam wandelte ich allein weiter durch die sonntägliches Kalbsbratendüfte von Finkenrode, über den Markt auf das Haus des Hauptmanns los, und gucke vorsichtig unter dem Hutrande vor nach den Fenstern, ohne jedoch hinter ihnen den gesuchten Mädchenkopf ausfindig zu machen. Niemand rührte sich in den weiten Räumen des Hauses, in welchem mir alles so fremd und doch auch so bekannt war. Ein Gefühl heimatlichen Geborgenseins überkam mich, als ich die alten schwarzen Eichenstufen der Treppe hinaufschritt. Durch einen langen dunkeln Korridor gelangte ich, ohne daß mir jemand entgegengetreten wäre, zu einer Tür, über welcher das stattliche Geweih eines Sechzehnenders prangte, dem Gemach des wackern alten Kriegers. Ich glaubte eine heisere Stimme darin zu vernehmen und klopfte leise an. Niemand öffnete, niemand antwortete. Ich klopfte abermals, und wiederum vergebens; ich legte die Hand auf den Drücker – die Tür ging auf. Da saß inmitten des weiten Gemaches mit den vielen Büchsen, Hirschfängern und andern Waffen, den Bildern Blüchers und Gneisenaus an den Wänden, den vielen Pfeifen in den Winkeln – der weißhaarige, gute, alte Hauptmann Fasterling, in seinem gewaltigen Lehnstuhl, vor dem mit den Resten eines anständigen Frühstücks bedeckten Tische. Trotz der halbgeleerten Weinflasche sah der Hauptmann aber keineswegs dem Bilde der Zufriedenheit gleich. Er hatte den Kopf zwischen beide Hände genommen und hielt sich, wie es schien, krampfhaft die Ohren zu; die Hausmütze hatte er über die Augen gezogen und die erloschene Pfeife lehnte am Tischrande. Zu seiner Linken stand ein grün lackierter Spucknapf, und zu seiner Rechten saß ein unbeschreiblich abscheuliches Geschöpf; wie ich später zu meinem Leid erfuhr, der Liebling und Zögling Sidoniens, der – gute Hund Waddel, dem ich aber in diesem Augenblicke keine weitere Aufmerksamkeit zuwenden konnte, weil mein Blick sich sogleich auf eine andere Gestalt heftete, welche, die Hände auf dem Rücken, an der Wand, unter dem Bilde der Schlacht bei Leipzig lehnte und abwechselnd in die lächelnde Betrachtung des guten, alten, gequälten Soldaten und ihrer Fußspitzen versunken schien. Sidonie Fasterling!... Malt euch ein kleines Persönchen, nicht zu rundlich und nicht zu schlank; kätzleinhaft zierlich und geschmeidig, welches die Spitzen zweier wunderbar kleinen Füßchen in roten Cendrillonpantöffelchen beliebäugelte. Sie war gleich einem schönen Tage in ein graues Morgengewand gekleidet, und aus dem weißen feinen Busenstreif wuchs auf einem zierlichen Halse ein Köpfchen, welches aschblonde Locken, ein wenig verwildert, aber desto reizender umgaben. Ein dunkelblaues, kleines Tuch war etwas verwegen flatterhaft um den hübschen Hals geschlungen und schien zu sagen: ich brauche nicht zu bleiben, aber ich bleibe. Die Äuglein, welche, wie gesagt, halb den Papa Fasterling, halb die Füßchen beleuchteten, spielten aus dem Grauen ins Blaue. Um Nase und Mund gaukelten in diesem Augenblick so viele Geisterchen – trotzige, schmeichelnde, spottende, daß ihre Erscheinung im normalen Verhältnisse schwer daraus zu definieren war. Bedeutend hervorragend durch Größe und Umfang konnten sie keinenfalls sein, und häßlich – häßlich noch weniger. »Und es ist doch nicht dein Ernst, Papa!« sagte Fräulein Sidonie Fasterling. In diesem Augenblick knarrte die Tür, der Alte sah auf, das Töchterlein wandte sich halb nach mir um – »Ich bitte um Entschuldigung,« sagte ich mit einer tiefen Verbeugung. »Als wir in Frankreich waren, Herr Hauptmann – nein, ich bitte abermals um Entschuldigung – kurz und gut, ich heiße Max Bösenberg – wir sind vor Jahren gute Freunde gewesen!« Der Alte war aufgesprungen und blickte mir starr ins Gesicht; jetzt schrie er: »Was! der Max? – der Taugenichts? Max Bösenberg! Blücher und Bomben! Komm her, mein Junge!« Der Lehnstuhl flog zurück, die Weinflasche auf dem Tische fiel um und goß ihren Inhalt auf den Fußboden – der Hauptmann ließ mir eine Umarmung angedeihen, welche mir fast die Seele ans dem Leibe trieb. Lächelnd und verwundert schaute Sidonie unserm Gebaren zu; während der gute Hund Waddel sich zwischen unsern Beinen umhertrieb und Versuche machte, sich an meinen Frackschößen zu schaukeln. Jetzt drückte mich der Hauptmann so weit als möglich von sich ab, ohne mich jedoch loszulassen, und unterwarf mich einer strengen Musterung von Kopf bis zu den Füßen, wobei er, gottlob, ein zufriedenes »hm! hm!« hören ließ, bis ihm auf einmal etwas einfiel, welches eine komische Reaktion in ihm hervorbrachte. Er stieß mich von sich ab, schob beide Hände in die Taschen seines langen Hausrockes und rief: »Aber du bist ja ein Wühler geworden! Donnerwetter – ein Demokrat, einer von der gottlosen Satansbande, ein Zeitungsschreiber! Ach, du Aber Gott, als wir in Frankreich waren, haben wir das nicht um Euch verdient!« »Teuerster Herr Hauptmann!« ... »Hat sich was zu ›teuerster Hauptmann!‹ – das ganze junge Volk taugt nichts! Da – das ist meine Tochter, die Sidonie! (ich machte wiederum eine tiefe Verbeugung) – du kennst sie wohl noch nicht, Max? Guck sie dir an, sie sieht aus, als könnte sie von einer Fliege aufgefressen werden, und sie ist schlimmer als ein ganzes Hornissennest. Aber ihr seid alle so; keine Achtung vor dem Alter! – alles besser wissen! alles besser verstehen! abscheuliches Volk!... Na, gebt euch die Pfoten! Sidonie, das ist der kleine Max Bösenberg (er ist freilich lang genug geworden), behandle ihn zwanzigmal besser, als deinen alten Vater, und du wirst ihm das Leben darum doch sauer genug machen.« Ich streckte die Hand mit dem Ausdruck schüchterner Bescheidenheit der holden Sidoni entgegen. »Darf ich hoffen, mein Fräulein, daß Sie einen unglückseligen Zeitungsschreiber nicht ganz für das verabscheuungswürdige Geschöpf, welches Ihr Herr Vater aus ihm zu machen beliebt, halten?« Eine kleine, weiche, runde Hand legte sich leise in die meinige: »Darf ich hoffen, mein Herr, daß Sie mich nicht ganz für ein so boshaftes Wesen halten, als mein Herr Vater aus mir zu machen beliebt?« »Dummes Zeug!« schrie der Alte. »Da fangen die Komplimente schon an! Achtung – du hier nennst sie Base, oder Bäschen, oder Cousine – nein, nicht Cousine, das ist ein französisches Wort! du, Sidonie, kannst den Taugenichts da Vetter nennen! Verstanden? – Rührt euch!« Bittend, fragend sah ich zu dem Bäschen, welches in einem tiefen Knicks zurücksank, hinüber. Ich wollte etwas sagen, blieb aber in dem ersten Worte stecken, aus Verwunderung über die Verwandlung des Gesichtchens der Cousine, über dessen liebenswürdige Schelmerei und Spitzbüberei plötzlich ein Duft schmachtender, nebelhafter Schwärmerei sich senkte. Wo waren auf einmal all die Geisterchen des Mutwillens geblieben, welche um diesen rosigen Mund gespielt und getanzt hatten! Jetzt hätte ich die Gestaltung des Näschens einer genauen Kritisierung unterwerfen können, wenn mich nicht die Schwierigkeit der Beschreibung einer Nase überhaupt daran hinderte! O Alexander Mietze, jetzt begriff ich deine oft wiederholten Worte: »Sieh sie dir an! sieh sie dir an!« Wahrhaftig, das schöne Kind konnte einem wahrscheinlich manch ein Rätsel aufgeben! ... Nun schlug sie die Augen zur Zimmerdecke auf, strich nach beiden Seiten das Kleid zurück, machte einen zweiten, womöglich noch tiefern Knicks und sagte mit einem sentimentalen Seufzer: »Wir werden hoffentlich das Vergnügen und die Ehre haben, daß der – Herr – Vetter heute unser Mittagsmahl teilt?!« »Ich – ich« – ich stand verblüfft, albern genug da. »Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich muß in die Küche – Herr Vetter – auf Wiedersehen!« ... Ein neuer Knicks; sie war verschwunden. Ich glaube, ich habe während der letzten fünf Minuten den Hut zwischen den Händen gedreht, wie ein Kandidat der Theologie, der einer Oberkonsistorialrätin einen Besuch macht! Jetzt faßte mich der Hauptmann wiederum in die Arme. »Hast du's gesehen? Hast du's gesehen?« Er ahmte das Mienenspiel, die Stimme seines Töchterleins, so gut es gehen wollte, nach: »Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich muß in die Küche – o, die Komödiantin – hunderttausend solcher Gesichter hat das Mädchen! O, der Teufel hole alle diese Fratzenschneider!« Ich hätte beinahe laut aufgelacht. Kaum vierundzwanzig Stunden in Finkenrode, steckte ich schon mitten in der schönsten Intrigue. »Sagen Sie einmal, teuerster Herr Hauptmann, was sollte denn eigentlich Ihr Ernst nicht sein? Fräulein Sidonie sprach davon, als ich die Tür öffnete.« »Ach, es gehört auch zu meinem Jammer, das Mädchen bringt mich noch vor der Zeit in die Grube. Da stirbt mir die Mutter – Gott habe sie selig – und läßt mir den kleinen Schreihals zurück – kurze Zeit, nachdem Ihr Finkenrode verlassen hattet. Mit dir konnte ich wohl fertig werden – so ein Junge ist ein ganz ander Ding, als solch ein Mädel! Bei Gott, ich kann nichts dafür, daß nichts anderes aus ihr geworden ist. Ich hätte sie in eine – na, wie nennt ihr es, in eine – Kadettinnenanstalt, nein, in eine Pension schicken können, aber da hätten sie höchstwahrscheinlich nichts Besseres aus ihr gemacht; und nun ist in der nächsten Zeit ihr neunzehnter Geburtstag, dafür hat sie einen neuen Unsinn ausgeheckt – lebendige Bilder nennt sie es, dazu soll ich mein Haus hergeben! Darauf käme es mir nun nicht an – aber da ist noch ein anderer Landstreicher, bitte um Entschuldigung, Max, heimgekehrt nach Finkenrode, ein Schauspieler Mietze, – sein Vater war ein wackerer, braver Mann, welcher – ich meine den Komödianten – Max, Max, vielleicht hat dich der Himmel mir zur Hilfe gesandt!« Ich drückte dem Alten warm die Hand und versicherte ihn meiner vollkommensten Ergebenheit. »Was meinst du, wenn du ihn fordertest und ihm eine Kugel in den Arm jagtest, oder in das Bein? Tot zu schießen brauchst du ihn nicht! Überlege es dir, mit mir geht der Bursche nicht los; ich bin ihm zu alt, – man kennt die Phrasen.« »Lassen Sie mich erst genauere Einsicht in die Sachlage gewinnen, Herr Hauptmann! Sie sollen noch eine sehr gute Meinung von der deutschen Journalistik bekommen. Wir haben schlimmere Geschichten zu einem glücklichen Ende geführt.« Ein gewaltiges Getöse – Lachen, Geschrei, Gebell draußen, jagte uns in die Höhe. »Was haben sie nun wieder! Was heult der Schuft, der Waddel?« rief der Oheim. »Meine Gans! Meine Gans! Meine schöne Gans!« ließ sich die schrille Stimme der alten Haushälterin Justine draußen vernehmen, und Sidoniens Gelächter läutete ein silberhelles Tedeum zu den Jammerlauten der Alten. »Da geht er! Dort über den Markt!« schrie der Hauptmann. Er riß das Fenster auf: »Waddel! Waddel! Will Er hier!« Im langsamen Trab setzte Waddel quer über den Marktplatz der guten Stadt Finkenrode, den geraubten Braten im Maule tragend. Minchen, die junge Hausmagd, mit dem Besen in der Hand, keuchte hinter ihm her; an allen Fenstern der den Platz umgebenden Häuser erschienen Köpfe, aus allen Haustüren stürzten Leute, den Räuber zu verfolgen; aber erst der Herr Kalkulator Hoppe, der des Weges gravitätisch langsam daher kam, hatte Taktik genug aus den Kommentaren des Julius Cäsar gesogen, um den Flüchtling abfangen zu können. Den goldbeknopften Rohrstock schwingend, warf er sich dem Räuber in den Weg, führte einen wohlgezielten Schlag, ergriff die schwachdampfende Gans und überreichte sie der atemlos herbeigeeilten Köchin, welche sie in ihrer blauen Schürze nach Hause trug, »Nun weißt du, Max, was Sidonie ›nach der Küche sehen‹ nennt!« sagte der Hauptmann, das Fenster schließend. »Ich will uns noch eine Flasche Wein aus dem Keller holen, fürs erste bekommen wir nichts zu essen,« 6 Das Speisezimmer des Hauses Fasterling ist ein behagliches Gemach mittlerer Größe, dessen Wände in dunkelblauer Ölfarbe gemalt sind. Der runde Klapptisch von Eichenholz steht in der Mitte, und heute wie vor zwanzig Jahren steht der nach Südosten und dem Ofen zu gelegene Fuß desselben auf einem Stückchen zusammengewickelten Papieres; denn der Fußboden hat sich, nach dieser Richtung hin, etwas gesenkt. Der Ofen ist ein altertümliches Bauwerk von weißen und grünen Kacheln und trägt auf seiner pyramidenförmigen Spitze die Gipsbüste Ihrer Majestät der Königin Luise von Preußen. Neben dem Ofen, im Winkel, befindet sich seit undenklichen Zeiten der riesenhafte, dunkelgebeizte Eckschrank, welcher bei feierlichen Gelegenheiten zugleich als Buffet dient. Hinter den blankgescheuerten Glastüren desselben prangen die verschiedenartigen Gegenstände in Glas und Porzellan, welche das Herz einer Hausfrau mit Wonne erfüllen. Da sind Tassen von allen Größen und Formen, Geschenke, aufbewahrt lange Generationen hindurch, gemalt, vergoldet, mit Schriftzügen – dem guten Hausvater – Lohn der Tugend – der Hausmutter – zur Erinnerung – und so weiter, und so weiter. Ferner gibt es da allerhand Weingläser – eine interessante Sammlung für den Kenner! Da steht der grüne, ehrenfeste, echtdeutsch-gemütliche Römer neben dem spitzfindigen Likörgläschen, dem windigen Champagnerglase; da steht das fein und zierlich geschliffene Wasserglas neben dem gewaltigen, wunderbaren, silbergehenkelten Bierkruge. Ganze Pfeiler von Tellern, Schüsseln wechseln mit buntgemalten Punschbowlen, Suppennäpfen und so weiter ab; und zwischendurch wimmeln Mißgeburten aller Art, Chinesen, Schäfer und Schäferinnen, Tiere, wie die Naturgeschichte sie kennt und nicht kennt! Stundenlang könnt' ich in der Beschreibung dieses Schrankes und seines Inhaltes fortfahren, wie ich einst Stunden in vergnüglicher Betrachtung vor ihm zugebracht habe. Ich bescheide mich aber, und sage nur noch, daß an der Seite dieses Eckschrankes der Wedel von Hahnenfedern hängt, und daß oben auf ihm ein ungeheuerer, gelbgrüner Kürbis, der Stolz meines alten Hauptmanns, das Erzeugnis des letzten Sommers, liegt. Zwischen den beiden Fenstern des Zimmers, die mit gelben Vorhängen geziert sind, hängt ein großer Spiegel im vergoldeten Rahmen und wirft dem Hineinschauenden ein etwas geisterhaftes, verzerrtes Abbild seines verehrlichen Ichs entgegen. Unter diesem Spiegel trägt ein aus Holz geschnitzter, rotgemalter, pausbackiger Engel eine Marmorplatte, auf welcher zwei Vasen mit Federbinsen stehen. Zwischen ihnen kauert ein feister Chinese, welcher höchst wahrscheinlich in einem unbewachten Augenblick aus dem Eckschrank entwischt ist, und glotzt grinsend, unverwandt auf Fräulein Sidonie Fasterling, die ihren Platz ihm und dem Spiegel (sie muß ja in letzterem die Gesichter studieren, welche sie ihrem Papa schneidet!) gerade gegenüber an dem Speisetisch hat. Über dem harten, rückenschmerzerzeugenden Sofa aber hängt der Hauptschmuck des Zimmers – das lebensgroße, ganz vortrefflich gemalte Bild von M. Simon Fasterling, weiland Bürgermeister der Stadt Finkenrode. An der Schulter des alten Herrn steht in weißen, verschnörkelten, lateinischen Buchstaben, außer dem Namen: – In alls geduldig. Sins alters LX jar. A. D. 1550. Heute noch ist der Wahlspruch der Familie: »In allem geduldig« – wenn auch Fräulein Sidonie, der letzte niedliche Sprößling der Fasterlinge, sich ganz und gar nicht damit einverstanden erklärt und dem wackern Vorfahren oft genug spöttisch eine lange Nase macht, welche der alte Herr, die rechte Hand auf die Bibel gelegt, die linke auf einen hohen Stock gestützt, ernsthaft entgegennimmt. Ich biete nun der holden Sidonie sogleich den Arm, führe sie zu ihrem Platze und nehme den meinigen zwischen ihr und dem Hauptmann ein, so nahe einem hübschen, seidenen Kleide als möglich. Den Leser setze ich als zuschauenden und zuhörenden, stillvergnügten Gast in die entlegenste Ecke des Gemaches an den Katzentisch, wo er nach Gefallen sitzen bleiben kann, von wo er sich aber nach Belieben entfernen darf, wenn ihn Wichtigeres oder Vergnüglicheres abruft. »Sie werden uns nun hoffentlich fürs erste nicht verlassen, Herr Vetter!« sagte Sidonie. »Finkenrode ist ein sehr angenehmer Ort.« »In meinen Jahren fängt man an, sich nach Ruhe zu sehnen,« antwortete ich und verbrannte mir tüchtig den Mund an der heißen Suppe. »Sie sind wohl schon recht hoch in den Jahren der Beschaulichkeit?« Ich seufzte, und das Bäschen zeigte mir zwei Reihen weißer Zähne, wie sie niemals perlengleicher in einem Romane vorkamen. »Ich habe die Absicht, hier in Finkenrode viel zu lernen; habe auch schon vernommen, es sei ein sehr schlüpfriger, gefährlicher Boden. Nun, ich weiß zu balancieren!« Diesmal seufzte Fräulein Sidonie ein klein, klein wenig, ließ ihr Seufzerchen jedoch schnell genug in ein Lächeln übergehen, welches aber nicht mich, sondern den Rand ihres Tellers traf. Der Alte gab jetzt dem Gespräch durch eine Erzählung, welche begann: Als wir in Frankreich waren – eine allgemeinere Richtung. Wir sprachen über meine Erbschaft, über die Abenteuer meiner Reise, über die zugrunde gegangene Aktiengesellschaft, welche den Fluß mit Dampfschiffen befahren wollte; aber zwischen alledem durch lief ununterbrochen eine Interlinearunterhaltung, von welcher der Hauptmann Fasterling wenig oder gar nichts bemerkte. Mehrere Male fing ich die Cousine über verstohlenen Blicken, wie ich nicht leugnen kann, ebenfalls durch das Mittel verstohlener Blicke. Wir traueten einander nicht über den Weg und studierten uns, indem wir vorsichtige Fühlfäden gegeneinander ausstreckten. Der Hauptmann wunderte sich auch nicht wenig, als wir beide, unvermutet, in ein helles, lustiges Gelächter ausbrachen. »Nun, was habt ihr? Was gibt's? He – so sprecht doch!« »O – Waddel und – der Herr Vetter! ...« Was hatte Waddel mit dem Herrn Vetter zu schaffen! Zusammengewickelt lag das Vieh unter dem Tische, sprang aber nun, da es seinen Namen hörte, natürlich sogleich auf, sprang auf den leeren Stuhl neben Sidonie; im nächsten Augenblicke lagen seine gelbgrauen Pfoten auf der Tischdecke und fragend, frech und unbefangen schaute es uns, über den Braten weg, der Reihe nach an. »Ein himmlisches Geschöpf, Fräulein Bäschen!« sagte ich, und reichte dem Scheusal vorsichtig auf der Spitze meiner Gabel eine Brotkruste, einem Friedenspräliminarium gleich. Die Kreatur beschnüffelte den Bissen verächtlich und fuhr im Augenblick darauf, zum großen Ergötzen seiner Herrin, mit einer gestohlenen Bratenschnitte unter den Tisch. »Du glaubst nicht, Max, wie das Mädchen den Köter verzogen hat!« brummte der Hauptmann. »Ich wollte, sie behandelte ihren alten Vater so gut.« »Der gute Waddel!« rief Sidonie. »Wie er mich liebt – gib dem Vetter ein Pfötchen, Waddel, sei artig! Il est bien joli, mon cousin! Vous n'aimez pas les chiens? « und jetzt fuhr das Bäschen französisch fort, mir psychologische Rätsel aufzugeben, mit einer Volubilität zum Schwindligwerden. Der Papa ächzte und brummte und ergriff zuletzt sein halbvolles Weinglas, benetzte den Finger und entlockte, nach einigem vergeblichen Reiben, dem Rande des Glases endlich jenen bekannten schneidenden Ton, der Lebendige tötet und Tote zum Leben erwecken kann. Mit einem Schrei fuhr Sidonie auf, beide Ohren zuhaltend: »Um Gottes willen! Papa! Papa! Hör auf – ah, ich will alles tun, was du willst« – Der Alte rieb lachend weiter. »Das ist das einzige Mittel, das Teufelsmädchen zur Vernunft zu bringen.« »Waddel! Waddel!« rief Sidonie. Sie zog das Vieh zu sich heran, sie kniff es in den Schwanz, daß es ein heulendes Gebell ausstieß. Lustig rieb der alte Krieger, ohne sich dadurch stören zu lassen, bis ihm sein Töchterchen beide Hände festhielt. Atemlos sank sie in ihren Stuhl zurück. »Das nennen sie jetzt schwache Nerven!« lachte der Hauptmann. »Donnerwetter, als wir in Frankreich waren, hatten wir in unserer Kompanie nur den Leutnant von Aschbach, der etwas davon wußte, und der schleppte einen Splitter von einem Dragonerpallasch im Hirnkasten mit sich herum!« »Es ist nur gut,« sagte Sidonie, »daß der Papa nach dem Dessert seinen Mittagsschlaf halten muß, wie der ehrliche Pfarrer von Grünau – ah, ich bitte um Entschuldigung, Herr Vetter, wir Leute auf dem Lande lesen die Luise noch, und die bezauberte Rose, und Tiedges Urania – und, ach, was wollt' ich gleich sagen? ja so, es ist gut, daß der Papa gleich nach Tisch einschläft – die Geschichte von dem Leutnant von Aschbach und seiner Kopfwunde ist sehr lang und –« »Dummes Zeug!« rief der alte Soldat ärgerlich. »Gesegnete Mahlzeit!« »Gesegnete Mahlzeit, mein lieber, lieber, herzlieber Papa!« rief Sidonie und gab dem Alten einen Kuß, den sie besser hätte verwenden können. Ich bekam leider nur einen kaum fühlbaren Druck der schon erwähnten kleinen, weichen, warmen Hand. »Ich werde dem Herrn Vetter aus der Residenz Gesellschaft leisten, wenn er es erlaubt,« sagte sie, »und wenn ihm ein Gänschen wie ich (ein allerliebster Knicks) nicht zu unbedeutend erscheint.« Was könnt' ich anders tun, als mit dem ernsthaftesten, regungslosesten Gesicht und einer tiefen Verbeugung der holden Spitzbübin den Arm zu bieten, und sie hinüberzuführen in die der Straße zu gelegenen Gemächer des Hauses Fasterling? – – Andern Kaffee trinkt man im Café de l'Univers, andern zu Finkenrode im Hause des Hauptmanns a. D. Fasterling. Ich ziehe den letztern vor; aber die Tasse muß in der Fensterbank, neben dem Nähtischchen meines Bäschens Sidonie stehen, und die holde Cousine selbst, das Blendwerk einer weiblichen Arbeit im Schoß, halb verborgen in dem grünen Blätterwerk der Efeulaube, ihren zierlichen Korbsessel einnehmen. – Das Kamäleon findet keinen Eingang im Hause des Hauptmanns; zwar hatte mir die Cousine, boshaft lächelnd, die neueste Nummer des Halbmonds zur Lektüre angeboten; aber trotz meiner Vorliebe für dieses wackere Blatt hatte ich dafür herzlich gedankt. Die Polemik gegen den Halbmond wollte Weitenweber schon tüchtig besorgen; ich hatte in diesen behaglichen Augenblicken mit einer lieblicheren Gegnerin als der Redaktion des eben erwähnten Blattes zu tun. Eine wonnige Lebensstunde! In dem Nebenzimmer hielt der Hauptmann seine Siesta und vergaß in süßen Träumen die Sorge um sein Töchterlein; am Ofen schlief Waddel, und draußen lag öde, menschenleer, in der frostigen Novembernachmittag-Beleuchtung der Marktplatz von Finkenrode, auf welchem einige Krähen langsam und gravitätisch einherschritten, die einzigen lebenden Wesen, welche zu erblicken waren. Halb geschlossenen Auges blickte ich durch die blauen Wölkchen der mir huldreich gestatteten Verdauungs-Zigarre nach meiner Cousine hinüber. Von Zeit zu Zeit strich sie eine Locke von der weißen, klugen Stirn zurück oder spielte mit einem Knäuel bunter Seide ein zierliches Spiel oder machte den vergeblichen Versuch, von ihrer Sticknadel Gebrauch zu machen– »Fräulein Sidonie!« Sie blickte schnell auf: »Herr Bösenberg?« »Sie sind doch dem unberufenen Eindringling nicht böse? Glauben Sie mir, es ist mir selbst wie ein hübscher Traum, daß ich in dieser Minute Ihnen hier in Finkenrode, in diesem Hause, gegenüber sitze! Ist es denn wahr? – Wird nicht der nächste Augenblick das Erwachen bringen, und der Druckerjunge mich zur Redaktion des Kamäleons rufen, weil eine Beschlagnahme des Blattes droht?« »Der Papa hat mir wohl öfters von Ihnen gesprochen – ich freue mich recht, daß Sie unser altes Haus nicht vergessen haben. Sie sind schon so lange aus Finkenrode fortgegangen.« »Es ist eine lange, lange Zeit. Wo sind die alten bekannten Gestalten! – Ob ich wohl noch einige meiner Jugendgespielen wiederfinden werde?« »Es muß in der Tat eigentümliche Gefühle erwecken, wenn man so urplötzlich aus einem bewegten Leben auf den Schauplatz einer lang versunkenen, stillen Vergangenheit zurückgeworfen wird! ... und noch dazu im Herbst – im Winter, wenn die Bäume entblättert sind, und die Gegend tot ist! Ich glaube, ich käme lieber im Frühling in meine Heimat zurück!« Diesmal sperrte ich den Mund auf – mit welchem Tone sie das sprach! War das noch dieselbe Sidonie Fasterling? »Warten Sie einmal, wen könnten Sie noch kennen von den Bewohnern Finkenrodes? Die Männer sind wohl alle zerstreut, und von den Frauen und Mädchen – warten Sie – Elise Walter ist tot – ah, da ist Cäcilie Willbrand – meine Cäcilie! Haben Sie Cäcilie Willbrand gekannt?« »Cäcilie Willbrand?!« ich legte die Hand an die Stirn. »Wahrlich – ihr Vater war oder ist ein Schreiber, ein Registrator am Stadtgericht, – da muß ein kleines Haus sein, ganz im Grün versteckt – und ein Garten, aus dem man sogleich ins Freie tritt« – »Richtig, richtig, da wohnt Cäcilie mit ihrer Mutter – ihr Vater ist tot! O, das ist prächtig, daß Sie meine Cäcilie noch kennen.« »Hinten im Garten steht ein großer Kastanienbaum, und unter ihm ist ein steinerner Tisch und eine Bank von Stein« – »Jawohl, jawohl! Und der Hurlebach plätschert daran vorbei! O, die Cäcilie müssen Sie wieder aufsuchen. Sie ist eine Künstlerin – wir sind die besten Freundinnen!« »Und nun – warten Sie – unter der Kastanie spielte ich noch mit einem Kinde – o ja! o ja! Käthchen Manegold, das kleine Käthchen aus der Schmiede!« »O das ist brav – daß Sie die Leute aus unserm Städtlein nicht ganz vergessen haben. Das kleine Käthchen ist eine niedliche Förstersfrau geworden. Kennen Sie auch noch das romantische Jägerhaus unter dem Wartenberg, das Haus ›im Himmelreich‹?« »Jawohl! Jawohl! Da hauste der riesige Förster von Altenbach, mein guter Freund, mit seinen Söhnen und seinem Töchterlein Hedwig. Ich könnte in diesem Augenblick alles dort an die Wand malen: die hohen Fichten und Buchen rings um das alte, niedrige Gebäude, das Gärtchen, das zahme Reh, welches darin ging, das lustige Volk der Hunde – alles, alles!« »Da wohnt jetzt das Käthchen – Käthchen Rösener, die kleine Waldfrau! Rösener heißt jetzt der Förster im Himmelreich.« »Sehen Sie, den habe ich auch gekannt, und da geht einer, den ich auch kenne!« sagte ich. »Ich bin ihm schon begegnet.« »Das ist der Pastor Rohwold aus Ruhlingen. Der besucht uns sehr oft – der Vater mag ihn gern leiden und spielt Schach mit ihm. Ei, wenn Sie den kennen, müssen Sie auch unsern Doktor Gundermann kennen – das ist ein lustiges Haus – er hat viele prächtige, dicke Kinder.« »Ich werde ihn aufsuchen; hab' ihn auf der Universität wieder getroffen! Er ist höchst wahrscheinlich der einzige von uns, der es bis jetzt zu etwas gebracht hat in der Welt – ein gemütlicher Bursch!« »Seine Frau hat er von der Universität mitgebracht. Die ist auch prächtig!« Jetzt war die Zeit gekommen – »Ich kenne noch einen Jugendfreund in Finkenrode!« sagte ich. »Nun?!« Ich sah mich vorsichtig um; aber der Alte schnarchte im Seitenzimmer lustig fort; es schien ungefährlich, den Namen »Alexander Mietze« auszusprechen, und ich tat es. »Ich darf Ihnen wohl noch eine Tasse Kaffee einschenken, Herr Vetter?« fragte das Bäschen. Die melodischen Töne im Nebenzimmer waren plötzlich zu Ende gekommen – der Alte stieß erwachend einen tiefen Seufzer aus. »Woher mag es doch kommen, daß das Gähnen so ansteckend wirkt?« sagte Sidonie und hielt das Händchen vor den Mund. Was dahinter vorging, kann ich nicht sagen; aber es stand mir frei, Vermutungen darüber anzustellen, bis zur Dämmerung. 7 »Hast du sie gesehen? Was hat sie gesagt? was hat er gesagt?« schrie der Schauspieler und Spiritusfabrikant Alexander Mietze, fünf Minuten nach meiner Rückkehr in mein Zimmer im goldenen Weinfaß stürzend. Ich nahm ein möglichst ernstes Gesicht an, warf einen langen, prüfenden Blick auf meinen Freund, schritt langsam um ihn herum, ihn von allen Seiten, von Kopf bis zu den Füßen musternd, und sagte dann mit einer Grabesstimme: » Ich begreife nicht, wie sie bei der Nennung deines verehrten Namens durch mich hat gähnen können!« »Sei kein Narr, Max!« »Durchaus nicht. Er hat mich ersucht, bei der nächsten Gelegenheit einen Zank mit dir anzufangen und dir auf die sanfteste Weise von der Welt eine Kugel in deinen liebesiechen Busen zu plazieren.« »Du bist verrückt!« »Keineswegs, o du dämonischer Jüngling – totus mundus exercet histrioniam , du und ich wissen etwas davon: glaube mir, Alexander Mietze, Fräulein Sidonie Fasterling – beiläufig gesagt, ein allerliebstes Kind – ich schwärme für die Farbe ihrer Haare! – Fräulein Sidonie Fasterling schlägt uns alle! Ich wollte, Weitenweber wäre hier, – es wäre ein Gaudium, die beiden zusammenzubringen; aber der Vortreffliche sitzt jetzt ruhig im Künstlerklub, die Beruhigungsmütze der Selbstsucht über die Ohren gezogen, teilnahmslos für alle zarteren Klänge des Lebens, ein langbeiniges, mageres Bild verhärteter, grausamlicher Kritik, ein graugekleidetes Noli me tangere « – »Was geht mich Weitenweber an! – ah Sidonie! So rede doch – du hast sie gesehen, hast mit ihr gesprochen« – »Ich habe einmal gesehen, wie ein Schauspieler im rührendsten Pathos auf eine Versenkung geriet, welche ihn urplötzlich, unvermutet, blitzschnell, unter allgemeinem Jubel unsern Blicken entzog, hüte dich, daß« – »Es ist mit dir heute nichts, anzufangen, Bösenberg! Komm mit hinunter, ich will dich der Finkenrodener Gesellschaft männlichen Geschlechts vorstellen – du kannst dein Notizbuch bereichern. Gundermann hat schon nach dir gefragt.« »Bravo! Bravo! Das ist vortrefflich: Andiam, andiam mio bene A ristorar le pene D'un innocente amor « – »Du bist von je ein Narr gewesen und wirst auch wohl einer bleiben bis an dein seliges Ende.« »Holla, denk an den Auftrag deines Schwiegervaters in spe !« »Bah!« ... Im Erdgeschoß des goldenen Weinfasses befinden sich zwei ziemlich geräumige Gemächer, welche aneinander grenzen und durch eine Tür verbunden sind. Die Fenster des einen Zimmers schauen auf die Straße, die des andern auf den Hofraum des Gasthauses. Hier versammelt sich allabendlich eine Gesellschaft, welche dem Besucher der Konditoreien und Kaffeehäuser großer Städte viel des Neuen und Merkwürdigen zu bieten hat. Die Fliegenden Blätter, die Augsburger Allgemeine, die Leipziger illustrierte Zeitung, der Halbmond und das Kamäleon sind hier zu finden. Vier Dominospiele, zwei Schachbretter mit etwas desolaten Figuren, und das, was die Stadt Finkerode an ältern und jüngern »Herren« aufzuweisen hat, bilden die Basis dieses gemütlichen Institutes. Die älteren Leute haben das vordere Zimmer im Besitz, die jüngere Generation haust in dem hinteren Raume – begeistert für den Fortschritt, für juristische Fragen, lokale Stänkereien, Remonteangelegenheiten, Bier, Grog und das weibliche Geschlecht. Sind die Zeitungen und illustrierten Blätter gelesen und zerlesen, so werden sie von den Materiellen der Gesellschaft zu Fidibus, von den Spiritualisten zu Gedächtnisfetzen zerschnitten. Im Rat der Alten präsidiert der Landrat Tendler, im Zimmer der goldenen Jugend der Landphysikus Dr. Gundermann. Als ich mit dem Schauspieler in diese heiligen Hallen, über deren Eingangstür das Wort »Abonniert!« den Ungeweiheten, den Exoteren abschreckte, eintrat, war die Gesellschaft noch sehr schwach vertreten, welches mir um so lieber war, da ich um so ungestörter dem alten ehrlichen Burschen, dem Gundermann, mein Behagen an unserm Wiedertreffen kundgeben konnte; wir wurden bald genug durch die allgemach erscheinenden Klubmitglieder gestört. »Trinke so bald als möglich Rum mit Tee bei mir,« sagte der Doktor. »Meine Frau und meine Jungen erwarten dich sehnlichst. Erscheinst du aber in Frack und weißer Weste, wird man dich höflichst ersuchen, dich selbst wieder zur Tür hinauszuwerfen.« Jetzt wurde ich den meisten Mitgliedern der Gesellschaft vorgestellt; brauche aber die einzelnen Individuen, die in diesen Memoiren nur dies eine Mal auftreten, nicht weiter zu schildern, da sie ein jeder wohl aus eigener Erfahrung kennt. Die Menschheit ist sehr eintönig bei aller Mannigfaltigkeit. Der Pastor Primarius Wachtel wird nie beim Whistspiel à la Voltaire lächeln; der Supernumerar Hänseler mag noch so viel vor seinem Spiegel das Pelhamsche Gesicht studieren, er wird es doch niemals zustande bringen; und die echte Dummheit ist lange nicht so selten, als die echte Blasiertheit. – Jetzt erschien der Hauptmann Fasterling in der Tür, und mit ihm trat eine riesige Gestalt ein, welcher ein Jagdhund von der Größe eines Kalbes dicht auf den Fersen folgte. »Holla, – ist das nicht der Forstmeister von Altenbach?« fragte ich Mietze, welcher neben mir stand. Dieser war aber allzusehr in die Betrachtung des Hauptmanns versunken, als daß er meine Fragen hätte beantworten können. Aber schon schaute sich der gigantische Waldmensch überall um. »Wo ist er? Wo ist der Schwerenöter? Bösenberg! Max, mein Junge, kennet Ihr mich nicht mehr?« Im nächsten Augenblick war ich von den eisernen Fäusten des gewaltigen Mannes gepackt und in eine urdeutsche Umarmung gezogen, welche ich herzlich erwiderte, obgleich sie mit verschiedenen Unannehmlichkeiten verknüpft war. Wie hätte ich den Forstmeister von Altenbach vergessen können! »Also wirklich wieder in den alten Bau eingefallen? Dachte schon, Ihr wäret in dem großen, langweiligen Neste auch solch ein Windbeutel und Firlefanz geworden – siehst aber ja noch ganz anständig und menschlich aus. Na, freut mich wirklich, Euch wieder zu sehen, alter Bursch – hahaha, möget auch wohl von Zeit zu Zeit gern einmal an das lustige Försterhaus im Himmelreich gedacht haben! He? Hätten mich auch da sitzen lassen können, hätt' ihnen gern den Forstmeister geschenkt.« »Es ist mir eine große Freude, Sie so wohl und munter wieder zu sehen, Herr von Altenbach. Ich würde Ihnen in den nächsten Tagen meine Aufwartung gemacht haben« – »Aufwartung gemacht haben! 's ist doch zum Tollwerden mit den Redensarten!« »Was macht denn die Hedwig, – Fräulein Hedwig, wollt' ich sagen« – »Fräulein Hedwig – Fräulein Rohrdommel, wollt ich sagen,« äffte mir der Alte nach – »die Hedwig ist kreuzfidel! Hätt' auch nicht gedacht, daß die noch einmal einen Pfaffen freien würde; aber es ist geschehen und läßt sich nicht mehr ändern. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich – deshalb eine Flasche vom Alten, Luise! He, Hauptmann, ob wir den Jungen da wohl noch unter den Tisch trinken könnten? Was macht die Gicht, Alter?« »Als wir in Frankreich waren, Kamerad, da wußten wir weniger davon als heute. Weißt du wohl noch, wie ich auf dem Vorposten bei Laon der französischen Pastorenköchin den deutschen Walzer beibringen wollte, während der gelehrte, kleine lustige Teufel – hieß er nicht Heidenreich? – ihren Herrn ein Kapitel aus dem alten griechischen Tröster, dem Homerus, den er stets im Tornister mitschleppte, übersetzen ließ? Der alte Sünder von Pfaffe warf seltsame Seitenblicke nach seiner Haushälterin und mir. Mit dem Griechischen war es bei ihm auch nicht weit her, wie es schien.« »Ja, ja, das waren noch Zeiten!« rief der Jäger mit einem Seufzer und zog einen Stuhl an den Tisch. »Na, und nun sag du mal, Max Bösenberg, was treibst du denn eigentlich in der Welt? Von eurem Wesen hab' ich, aufrichtig gesagt, nicht den geringsten Begriff – wird euch denn alles das, was ihr schmiert, auch bezahlt? Die Forstleute lesen doch eure Bücher nicht, und die Zeitungen kriege ich nur, wenn der Krämer etwas darin eingewickelt hat.« »Liebster Alter,« sagte ich, »,'s ist ein traurig Leben! Sagen Sie, welches Tier halten Sie auf Gottes Erdboden für das geplagteste, elendeste, unglückseligste?« »Donnerwetter, das wäre zu überlegen!« Verschiedene Tierarten wurden von allen Seiten namhaft gemacht; aber die Existenz einer jeden hatte ihre guten Seiten, welche der Forstmann jedesmal kopfschüttelnd herausfand. Endlich schlug er mit der geballten Faust gewaltig auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und dem Landrat Tendler sich die Perücke verschob. »Ich hab's! Teufel, ich hab's! Der Maulwurf ist das jammerhafteste Geschöpf – blind – keine frische Luft – niedrigste Jagd, und zuletzt gehängt, vergiftet, oder von einem Vagabunden mit einem Knüppel totgeschlagen! – Da hört doch alles auf! Der Maulwurf ist die elendigste Kreatur, die Gott in seinem Zorn erschaffen hat.« »Nun, ich gestehe zu, daß der Maulwurf ein gar trübseliger Bursch ist; aber hören Sie, alter Waldmann, ein Journalist ist ein noch viel trübseligerer; denn der Maulwurf kennt keine bessere Existenz, als die seinige; der Zeitungsschreiber aber weiß, daß es bessere gibt, oder hat wenigstens eine dumpfe Ahnung von ihrem Vorhandensein. Wie der Maulwurf, lebt auch der Zeitungsschreiber im Dunkeln, wie dem Maulwurf gehen ihm auf der Jagd nach Würmern, Engerlingen, Schnecken, alle Gedanken an den blauen, ewigen Himmel über ihm, alle Gedanken an Weltmeere und Sonnen- und Sternenmeere verloren; wie der Maulwurf weiß er nichts von frischer Luft, und wenn er sich ja einmal ans Licht heraufwühlt, lauert ja, wie der Herr Forstmeister richtig bemerkt, der Mann mit dem Knüppel! Schnappt mal frische Luft bei Redensarten wie – heute sind Seine Durchlaucht der Fürst von Thoren im Hôtel royal abgestiegen – oder, die Cholera macht von Osten her wieder einmal bedenkliche Fortschritte – oder, die deutsche Politik – oder, wir haben über ein neues Ballett zu berichten, welches – oder, die Angelegenheiten Schleswig-Holsteins, – Luise, Luise, eine Flasche Domdechant! Meine Herren! Patrioten, Sonderpatrioten, Freisinnige, Konservative, auf Ihr Wohl! Herr Hauptmann, auf Ihr Wohl! Herr Freund aus dem Walde, Ihr Wohl! Und nun lassen Sie uns ein vernünftiges Wort sprechen: der Herr von Hamster dort macht schon lange ein sehr grimmiges Gesicht. Auf Ihr Wohl, Herr Baron!« Wir sprachen nun vernünftige Worte: über den zu erwartenden Winter, über die Ernte, über ein- und doppelschürige Wiesen, über die Auswanderung, über den Kometen, und so weiter, und so weiter, als in dem Zimmer der jüngern Welt ein nicht enden wollendes Gelächter unsere Aufmerksamkeit erregte. Der Doktor Gundermann erschien lachend in unserer Mitte. »Nun, was gibt's da, Doktor?« »Ah – ah – ah!« lachte Gundermann, »wir suchen wieder einmal das Ideal – finden es aber nicht.« »Das Ideal in Finkenrode, oha?!« sagte ich leise zu Mietze. »Sollte das hier zu finden sein?« Der Schauspieler zuckte die Achseln: »Wer weiß!« »Ist Wallinger da?« erschallte es um uns her, und außer einigen zu sehr vertieften Spielern und phlegmatischen Trinkern sprang alles auf und eilte in das Nebenzimmer. »Du wirst da eine merkwürdige Bekanntschaft machen, Bösenberg,« sagte der Schauspieler, dem ich auf dem Fuße folgte. Aus einem dichten Tabaksqualm traten wir in einen dichteren, in welchem die Blüte deutscher Jugend saß und über einen kleinen, gedrückten Mann lachte, welcher in einem Winkel am Tisch kauerte und den Finkenrodenern ein Drama aufführte, welches weder Finkenrode, noch die weite Welt der Mittelmäßigkeit jemals begreifen konnte. Günther Wallinger! O du schöner wunderbarer Schmetterling, entflohen den Händen roher, mutwilliger Schulknaben, schaue herab aus deinen seligen, blauen Höhen auf dieses welkende, verflatternde Erinnerungsblatt, das ich dir widme, und lächle gütig, Günther Wallinger! Was erweckte gleich im ersten Augenblicke so mächtig mein Interesse an diesem kleinen Mann, welcher den Finkenrodenern so vielen Spaß machte? Es wäre schwer zu sagen! Aus einem hagern, gelblichen, pergamentartigen Gesicht leuchteten zwei dunkle, ängstliche Augen ruhelos umher. Eine etwas gekrümmte, dünne Nase neigte sich zu einem festgeschlossenen, feinen, fast lippenlosen Munde herab, um welchen ein unbeschreiblicher Zug, halb Weinen, halb Lachen, spielte. Greises, lockiges Haar hing dem sonderbaren Alten wirr um die Schläfen, doch war es von der hohen Stirn weit zurückgestrichen; der lange, magere Hals war von keiner Binde gedrückt, der gekrümmte Oberkörper war in körperlicher Erschöpfung vorgebeugt. Bekleidet war der kleine Mann mit einem alten, verjährten, blauen Frack, dessen Spitzen fast die Erde berührten; mit schwarzen schlottrigen Beinkleidern und einer abgeschabten, schwarzen Atlasweste. Zwischen seinen Knieen stand in diesem Augenblick sein schadhafter alter Regenschirm und neben ihm sein zerdrückter Hut. Die Hände des Männleins steckten in zerrissenen, weißen, waschledernen Handschuhen, aus denen die magern Fingerspitzen wehmütig hervorsahen. Man hatte ein dampfendes Glas Punsch vor den Kleinen hingestellt, und er sog den daraus aufsteigenden heißen Duft von Zeit zu Zeit ein, ohne jedoch je das Glas selbst mit den Lippen zu berühren. »Wallinger, ich stelle Ihnen hier den Redakteur Bösenberg vor,« sagte Gundermann, – »machen Sie ihn sich zum Freunde, er ist ein großer Kritiker. Sie, als Künstler, müssen wissen, was die Freundschaft eines Kritikers wert ist.« Der Alte machte eine stumme, demütige Verbeugung und sah mich scheu lächelnd an. »Es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr. Wallinger,« sagte ich. »Sind Sie Maler oder Musiker?« »Weiß nicht!« sagte der Alte, und seine Augen schweiften nach der Tür hinüber, durch welche eben der Wirt eintrat. »Musiker ist er!« riefen verschiedene der Umstehenden. »Ein großer Geiger! Ihr braucht nicht nach dem Winkel zu gucken, Wallinger, – sie sitzt nicht darin!« »Wer denn? Was ist denn das?« fragte ich den Landphysikus. »Gib nur Achtung, – die verwünschte Prinzessin!« Ich schaute wieder auf den Alten, der mir immer interessanter wurde. – »Ist er krank?« fragte ich den Hauptmann Fasterling. Dieser wies verstohlen auf die Stirn und flüsterte: »War ihm in seiner Jugend nicht anzusehen, daß einmal ein solch Ding aus ihm werden würde. Armer Teufel!« »Wer ist er denn?« »Mein Gott, 's ist einer hier aus dem Ort; aber er ist lange fortgewesen, – niemand weiß wo; und was er getrieben hat, weiß auch keiner. Auf einmal war er wieder da, und niemand konnte sagen, woher er kam. Sie müssen ihn wohl schlecht genug da draußen in der Welt behandelt haben, – allmählich zeigte es sich, daß er verrückt war; aber er ist unschädlich und harmlos, und man läßt ihn gewähren. Sonst streicht er bei unserm Stadtmusikus die Geige, und wenn er seine guten Stunden hat, kann er auch ganz vernünftig reden. Er hat die Sidonie das Klavierspielen lehren wollen; aber ich glaube nicht, daß das Mädel viel gelernt hat – der Cäcilie Willbrand aber hat er es beigebracht, das soll eine Pracht sein! Die Cäcilie ist auch seine beste Freundin!« Die witzige Jugend und das humoristische Alter von Finkenrode prüften nun die Schärfe ihres Geistes an dem armen Verrückten, und es gab nur wenige, welche diesem Treiben mißbilligend zusahen. »Papa Wallinger,« lachte einer, »endlich wird es aber Zeit, daß Ihr die Prinzessin findet; sie nimmt Euch sonst nicht mehr, wenn Ihr noch lange mit ihrer Entzauberung zögert.« »Sollte sie nicht in dem Winkel am Ratskeller sitzen, Wallinger?« fragte ein anderer. Ein Dritter ließ vernehmen: »Meine Herren, ich glaube, der schlaue Alte hat die Schöne schon längst entdeckt und erlöst, und hält sie nun in seiner Dachkammer eingesperrt« – »Nein! nein! nein!« schrie mit einer gellenden, erschreckten Stimme der Irrsinnige. Er sprang auf, durchbrach, an allen Gliedern zitternd, den Kreis der um ihn her gaffenden, schwatzenden und horchenden Honoratioren der Stadt Finkenrode und stürzte zur Tür hinaus. Ein allgemeines Gelächter folgte ihm. »Schade!« sagte der eine. »Wer spielt noch eine Partie Billard?« Zwei Stunden später war ich so ziemlich in alle sozialen Verhältnisse der Vaterstadt eingeweiht. Es war ein nützlich angewandter Abend. 8 Mehr als acht Tage sind seit meiner Ankunft in Finkenrode verflossen. Auf den Dächern liegt Schnee, Schnee liegt in den Gassen, und weiß verschleiert schauen auf allen Seiten die Berge nach der alten Stadt hinüber; – es schneit, und die Abenddämmerung schleicht sich mehr und mehr in das Gemach ein, in welchem ich sitze. Es ist das Studierzimmer meines Oheims, und es liegt und steht darin fast alles noch ganz so, wie der Tote es verlassen hat. Vor mir auf dem Tisch liegt der zuletzt von ihm aus dem Fach herabgenommene Band des Sophokles neben dem großen eisernen Tintenfasse, zwischen den abgeschriebenen Federn und den Papierblättern mit gelehrten Notizen. Die Pfeife des Alten lehnt in der Fensterbrüstung, der Krückstock neben der Tür. Das hohe weite Zimmer ist ringsumher mit Büchergestellen, die Wände entlang, umgeben, bis an die Decke vollgepfropft mit Tausenden von Bänden, von allen möglichen Formaten. Die Fenster sind halberblindet und ohne Vorhänge; über dem Sofa hängt das Bildnis einer schönen Frau, welche ein Kind auf dem Arm trägt – ihr weißes Gewand schimmert noch matt durch die Dämmerung. Die Fenster des Gemaches gehen auf einen verwilderten Garten hinaus, und man hat sonst von ihnen aus eine weite Aussicht über den Fluß, der jetzt seine Eisschollen zum Schwindelmachen fort und fort hinter- und nebeneinander hertreibt, – bis tief in die Berge hinein. Heute aber läßt das wirbelnde Schneegestöber kaum die nächsten Gegenstände erkennen. – Die kahlen Zweige der Bäume werden vom Sturm hin und her gerissen – und nur eine Krähenschar, welche sich in der Luft umhertreibt, scheint sich in diesem Wetter wohl und behaglich zu fühlen. – Außer mir – wenn ich die unzähligen Ratten und Mäuse beiseite lasse – gibt es noch zwei lebende Wesen in den weiten Räumen des Hauses Bösenberg. Ein uraltes, gebücktes, verschrumpftes Weiblein ist plötzlich aufgetaucht aus einem finstern Winkel des Hauses, wie die Hexe im Märchen. Sie hat bei meinem Einzuge in die Hallen meiner Vorfahren einen Knicks gemacht, hat mir die Hand gegeben und gesagt: sie sei die Renate, und habe meinen Vater auf dem Arm getragen, meinen Oheim und mich auch, sie habe meiner Mutter zu ihrem Brautkranz das Myrtenstöckel aufgezogen, und habe die selige Frau Agathe zu Grabe tragen sehen, und das Kindlein Frieda, und den Herrn Oheim zuletzt. Dann hat sie mir verkündet, ich müsse heiraten, und wir sind ganz gute Freunde geworden, obgleich ich mich eigentlich vor der Alten fürchte. Noch unheimlicher aber als die Jungfer Renate ist der zweite Bewohner des Hauses! Es ist ein bejahrter, struppiger Rabe, welcher mir gleich in der ersten Nacht, die ich in dem Hause meines Oheims zubrachte, einen tollen Schreck einjagte, indem er gegen Mitternacht im Zimmer umherschritt, geisterhafte Töne hervorbrachte, dann auf den Bettrand sprang, an der Decke zerrte, und schnarrend im klassischsten Latein sagte: »Gedenke zu lieben! Gedenke geliebt zu werden!« Ich hatte das Tier noch nicht zu Gesicht bekommen, da es den Tag über, verscheucht durch den ungewohnten Lärm, in irgendeinem finstern Unterschlupf gebrütet haben mußte, und fing an, das Hereinragen der Geisterwelt in die unsrige für ein Faktum zu halten. – Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett – zündete Licht an und beleuchtete den Spuk. »Χαιρε Λγαδη!« sagte der schwarze Bursche. Agathe hieß die Gemahlin meines Onkels, meine Tante – und tief bewegt starrte ich den Raben an, welcher auf diese seltsame Weise, mitten in der Nacht, mir von den Geheimnissen des Hauses Bösenberg sprach. »Gruß dir, Agathe!« wiederholte ich leise und fröstelnd; aber der Mensch ist ein schwaches Geschöpf; trotz meiner Rührung trieb ich den sprechenden Vogel zum Tempel hinaus, und seitdem geht er schnarrend um mich herum und wirft mir giftige Seitenblicke zu. – Ich bin ein Mensch der Bewegung, der frischen Luft, des hellen Lichtes, einerlei, ob das letztere durch Sonnenschein oder Gasflammen hervorgebracht ist. Ein unbehagliches Gefühl prickelnder Unruhe beschleicht mich von Tag zu Tag mehr in den stillen, dumpfigen Räumen meiner jetzigen Wohnung. An diesem Abend mehr als gewöhnlich, denn es peinigt mich auch noch der Wind draußen und in den Schornsteinen. Nichts ist mir widerlicher als dieses unbestimmte Getön, welches zuletzt nicht nur in den Kaminen und Schornsteinen heult und summt, sondern auch in meine Hirnschale eindringt und sie mit allerhand wüsten, unbegreiflichen, unbeschreiblichen Klängen und Bildern füllt, die mich nach Herzenslust quälen und ängstigen, und mich endlich hinaustreiben ins Freie, oder in ein öffentliches Lokal unter eine große Menschenmenge, wo das Geistervolk mich losläßt. Ich sprang auf und schritt hin und her, um mein Blut ein wenig in Bewegung zu bringen; ich versuchte das Trinklied aus Lucrezia Borgia zu pfeifen, aber ich gab es bald auf vor der Vorstellung, wie oft wohl der tote Oheim auf diesen selben Tannenbrettern hin und her geschritten sein mochte und mit welchen finstern Gedanken im Herzen. Ich trat leiser auf, wie ich glaube. Gleich einem unberufenen Eindringling erschien ich mir in diesen Räumen, die mein waren, mit denen ich schalten und walten konnte, wie es mir beliebte. Ich konnte ein Feuer anzünden im Hofe, wie der Lizentiat Pedro Perez und der Barbier Niclas, und mir von der alten Renate alle die gelehrten Tröster aus den Bücherfächern um mich her zureichen lassen, und sie zum Fenster hinaus in die Flammen werfen. Ich konnte diese dunkeln Scheiben putzen lassen, ich konnte mit dem Krückstock des Oheims dem Raben Jakob den Schädel einschlagen; ich konnte – ja, was konnte ich nicht alles, wenn ich nur gewagt hätte, irgend etwas auf andere Weise, als mit der größten Scheu und Vorsicht zu berühren! Da war das Gemach, in welchem mein Vater das Licht der Welt erblickte, da war der dunkle Alkoven, in welchem ich als kleiner, boshafter Schlingel oft genug eingesperrt gesessen und geheult hatte; da waren die leeren Ställe, die weiten, öden Scheuern, in welchen wir unsere tollen Spiele getrieben hatten – – wer kann gegen solche Erinnerungen etwas unternehmen ohne die tiefste Pietät?! ... Ich ließ mich abermals in den Lehnstuhl des Oheims nieder, bis mir die Dunkelheit zuletzt unerträglich wurde und ich nach Licht rief. Der schlürfende Schritt der Renate auf dem Gange draußen, wie sie langsam gegen die Tür herankam, war mir unheimlich; unheimlich war mir das Bild gegenüber, das noch schwach durch die Dämmerung erschien. »Gottlob!« rief ich unwillkürlich, als die Alte die Tür öffnete und der Schein der Lampe in das dunkele Gemach fiel. »Das ist ein schlimm Wetter draußen,« sagte Renate, die Lampe auf den Tisch stellend. »Grad solch ein Wetter war es, als die selige Frau heimging – drei Tag, nachdem das Kindlein begraben war.« Ich warf wieder unwillkürlich einen Blick auf das Bild an der Wand. »Lebe wohl, Agathe!« krächzte der Rabe auf griechisch und hüpfte hinter der Alten hervor. »Der Herr hat ihn den fremden Spruch gelehrt! Er ist zu Ehren der seligen Frau, sagen sie.« »Komm zu mir, Jakob! Nun, schwarzer Kerl?« »Gedenke zu lieben!« sagte der Rabe auf lateinisch so gehässig als möglich und ging langsam mit der Alten nach der Tür zurück. Ich war wieder allein und versuchte in der vor mir aufgeschlagenen Antigone des Atheners zu lesen, aber vergebens. Zwischen den Blättern des Buches rieselten noch die verlorenen Körner aus der Schnupftabaksdose meines Oheims. Ich warf den zerlesenen Band auf den Stoß der neuesten Nummern des Kamäleons, welche mir Weitenweber unter Kreuzband zugesandt hatte. Verstimmt an Leib und Seele ergriff ich die Feder, um einen Brief an den langen Redakteur, welchen ich begonnen hatte, fortzusetzen. Und in der Erzählung meiner Finkenrodener Erlebnisse bis zum vergangenen Tage gelangt, nahm ich den Faden meiner Erzählung wieder auf, wie folgt: – »Sidonie saß in ihrem Schmollwinkel und sagte nichts. ›Geh, wohin du willst, ich werde meine Pfeifen reinigen,‹ ließ sich der Hauptmann Fasterling vernehmen. Der Spiritus domesticus guckte in die Tür und ließ den Seifengeruch einer großen Wäsche hinein. Ein Duft grenzenloser Langweiligkeit schwebte über der Stadt Finkenrode im allgemeinen und dem Haus Fasterling im besonderen, und ich nahm meinen Hut, machte meine zwei Verbeugungen und ging, – Visiten zu machen, Weitenweber! Vor der Tür des Hauptmanns stehend, überlegte ich – und segelte mit dem Winde. Dieser trieb mich quer über den Marktplatz auf ein sehr anständiges Gebäude zu, vor welchem natürlich auch zwei entlaubte, kümmerliche Akazienbäume stehen. Hier wohnte der Syndikus Mümmler, der Vater des schönsten Mädchens in Finkenrode; denn »schön« kann ich mein Bäschen Sidonie nicht nennen, was Mietze auch darüber sagen mag! – Ich drückte die Haustür auf mit dem Wunsche, daß sich das Bäslein der letztgenannten jungen Dame ein wenig rümpfen möge, daß sich die hübschen, dunkeln Augenbraunen ein klein wenig zusammenziehen möchten. Meine Narrenkappe gegen alle Professorenbaretts der Welt, nachgeguckt hatte sie mir wenigstens nach dem Privatissimum, welches ich ihr über Schauspielkunst und Spiritusfabrikation im allgemeinen und speziellen gehalten hatte, ehe der Herr Vater von seinem Spaziergang zurückkam. »Der Herr Syndikus zu Haus, Jungfrau?« fragte ich das weibliche Wesen, welches mir auf der feuchtdampfenden Hausflur entgegentrat. Die Nymphe trug einen Haarbesen in der rechten, eine Kleiderbürste und ein mir unbekanntes Geschirr, halb Topf halb Napf, in der linken Hand. Sie starrte mich einige Augenblicke verwundert an, murmelte etwas, lehnte den Besen an die Wand, setzte die Amphora zu meinen Füßen nieder und klapperte, die Bürste in der Hand behaltend, die Treppe in zwei niedergetretenen Pantoffeln künstlich genug hinauf. Nichts hielt mich ab, ihr zu folgen, und ich tat dieses in der festen Voraussicht, zu – stören! Achtzehn Treppenstufen zählte ich im Hinaufsteigen, die neunzehnte führte mich auf einen Vorplatz, bedeckt mit zusammengestellten Tischen, aufgehäuften Stühlen, zusammengerollten Teppichen, abgenommenen Bildern und dergleichen mehr, in dem Augenblick, wo die Dienerin durch eine Tür verschwand, hinter welcher ein unbestimmtes Leben durch ein unbestimmtes Tonallerlei sich kund gab, welches aber verstummte, eine halbe Sekunde, nachdem ich Minchen oder Lottchen aus den Augen verloren hatte. Ich wurde gemeldet! Einen prüfenden Blick warf ich über die mich umgebenden Gegenstände, und hätte für mein Leben gern die Schublade eines kleinen Nähtischchens von Mahagoniholz, das Eigentum der schönen Verena Mümmler, aufgezogen, wenn ich es bei der Kürze der Zeit gewagt hätte. Gingest du mit den Weibern um, Weitenweber, würde ich dir dies letztere keineswegs gemeldet haben; nie wieder würde mich ein irdischer Engel seinen kleinen und kleinsten Geheimnissen allein gegenüber lassen; – wie eine Klapperschlange hatte ich mich durch mein eigenes Klappern verraten! – Ich stand und schob die Hände in die Taschen, um der Versuchung desto besser zu widerstehen, da erschien der Herr Syndikus in der Tür, im grünen Schlafrock mit roten Quasten; mit dem liebenswürdigsten und lächelndsten Gesicht sich den Magen verderbend an der Verlegenheit und dem Ärger über den Besuch zur ungelegenen Zeit. »Ah, mein bester Herr Bösenberg, wie haben wir Sie schon erwartet! Bitte, bitte, treten Sie ein!« Ich murmelte etwas und schritt mit dem Beamten durch zwei ausgeräumte Zimmer, in ein noch ziemlich bewohnbares, aus welchem soeben ein Flattern unbestimmter Gewänder verschwand, jedoch nicht ohne daß die eilig geschlossene Tür einen weißen Zipfel festklemmte. Als höflicher Mann sprang ich natürlich sogleich vor, um Hilfe zu bringen, doch blitzschnell verschwand das Phänomen, ehe ich den Raum des Gemaches durchmessen hatte. Lächelnd wandte ich mich nun an den Hausherrn, welcher etwas nach schlechtem Knaster roch, streckte ihm beide Hände entgegen und sagte: »In der Tat, Herr Syndikus, ich freue mich sehr, Ihre werte Bekanntschaft zu machen; ebenso die Ihrer Damen! Darf ich fragen, wie sich dieselben befinden? Ich habe doch nicht gestört?« »O durchaus nicht! – im Gegenteil – sehr angenehm!« stammelte der Syndikus und wies auf das Sofa, auf welchem ein abgegriffener Band der Werke der Luise Mühlbach neben einem feuchten Taschentuch lag. Mit einem Blick auf die Brustbilder der Hausfrau und des Hausherrn, die mir gegenüberhingen und wie die zu Protokoll gegebene Nüchternheit aus ihren Rahmen gafften, setzte ich mich. »Sie sind schon länger in unserer Stadt?« fragte der Syndikus, der das ganz genau angeben konnte. »Einige Tage. Geschäfte aller Art, wie Sie sich vorstellen können, haben mich verhindert, Ihnen früher meinen Besuch abzustatten.« »Bedeutende Erbschaft, he?« lächelte der Gute, jagte die Daumen hintereinander her und warf schüchterne Blicke nach der Tür, hinter welcher die weiblichen Mitglieder seiner Familie verschwunden waren. Seiner Meinung nach war in den zwanzig Jahren meiner Abwesenheit nicht viel Neues in Finkenrode geschehen. Wir schwiegen uns bereits eine geraume Weile an, als in sorgsamer Morgentoilette die Herrin des Hauses und die schöne Verena wie ein Komet und ein Stern am Horizonte unserer Unterhaltung aufgingen, worauf das letzte Viertel von Lebendigkeit von dem Mondgesicht des Syndikus verschwand. Was nun gesprochen wurde, hielt sich in den strengsten Grenzen sinnigen Anstandes und interessiert dich nicht, Weitenweber. Die schöne Verena erfreut sich jener stupiden Apathie, die man, sie von der Ferne betrachtend, klassische Ruhe nennt. Das Interessanteste war mein Abmarsch, bei welchem der Herr Syndikus Mümmler über einen nassen Scheuerlappen stolperte und jammervoll die Treppe hinabgestürzt wäre, wenn ihm nicht die deutsche Literatur eine rettende Hand geboten hätte. Im Vorbeigehen rief ich nun ein fröhliches »Guten Morgen!« in eine wimmelnd-lebendige Kinderstube und bekam einen deutschen Händedruck von der Frau Doktorin Luise Gundermann. Behaglich erfrischt schritt ich weiter mit der festen Überzeugung, die lustigste Wirtschaft zu Finkenrode gesehen zu haben, und probierte noch manche Sofaecke während der folgenden Stunden. Sinnig naiv trat ich unter das Völklein von Finkenrode und ließ es die Revue passieren: Liebenswürdige, Eitle, Empfindliche, Sentimentale, Muntere, Mürrische, Gutherzige, Spitzfindige, Enthusiasten, Gleichgültige, Steckenpferdereiter. Allen gewährte ich den erhebenden Anblick einer tadellosen Krawatte, und so weiter. Gelangen doch, teuerster Freund, bei solchen Gelegenheiten die fünf praedicabilia der scholastischen Logik vollständig wieder zu ihrem Recht, wie folgt: genus – der schwarze Frack, species – die weiße Halsbinde, differentia – die weiße Weste, proprium – die weißen Handschuh, accidens – das Geschöpf Gottes, welches in den vorigen steckt, und dessen Beschaffenheit ziemlich gleichgültig ist, wenn nur die vier ersten Punkte gehörig im Stande sind. Gegen zwei Uhr belehrte mich ein nicht zu bezwingendes Gähnen, daß meine Lebensgeister erschöpft seien. Ich hatte mancherlei erfahren und wenig gesagt! Der letzte Besuch führte mich vor die Stadt zu der Oberpfarre, wo ich dem Pastor Primarius Wachtel und seiner Familie meine Aufwartung zu machen hatte. Die Oberpfarre liegt so idyllisch, wie nur jemals ein Pastorenhaus in einem Gedicht gelegen hat, auf einer kleinen Anhöhe, rings umgeben von einer ziemlich hohen Mauer, über welche gewaltige, heute freilich entblätterte Nußbäume und Lindenbäume ragen und durch welche ein weites Einfahrtstor führt. Zum letztenmal an diesem vielbewegten Morgen zog ich die Manschetten hervor, zupfte ich die Krawatte zurecht. Das Geklapper zweier Dreschflegel erschallte im anmutigen, herzerfrischenden Takt aus einer niederen Tenne, und hunderte von Spatzen erhoben sich zwitschernd von dem Düngerhaufen, als ich in den Hof eintrat. Hühner, Gänse, Enten und zwei Fräulein Wachtel nahmen nach verschiedenen Seiten hin die Flucht. Letztere retteten sich in das Haus, den Alarmruf aufgescheuchter Weiblichkeit ausstoßend. Hinter den untern Fenstern des Gebäudes erschienen einige Gesichter, und ich erreichte ungehindert die Tür des geistlichen und gastlichen Hauses. Glänzend, rot, und rundbackig, wohltuend beleibt, trat mir der ehrwürdige Herr, die lange Pfeife in der Hand, entgegen, begrüßte mich mit möglichster Offenheit und Herzlichkeit und schritt mir krebsartig rückwärts voran, hinein ins Zimmer. Du weißt, Weitenweber, daß es uns vom Kamäleon wie so mancher anderen Redaktion geht: Man schreit uns aus als eine bissige, stänkerhafte, Leib und Seele verschachernde Judenbande. Obgleich nun unser Freund vom Halbmond recht gut weiß, daß der Herr Theobul Weitenweber durchaus nicht die Ehre hat, dem Volke Gottes anzugehören, so macht er es doch den Pastor Primarius Wachtel glauben, und der Pastor Primarius Wachtel glaubt es auch. Wir waren noch mit den herkömmlichen Worten und Werken der Höflichkeit beschäftigt, als sich auf einmal der Oberpfarrer krampfhaft auf einem Stuhl niederließ, um einige umfangreiche Zeitungsblätter meinen Augen zu verdecken; – der wackere, vortreffliche Mann! »Ist es nicht seltsam,« begann ich, »daß ich, der Zeitungsschreiber, mich von Ihnen, geehrtester Herr, belehren lassen müßte, wenn ich mich in Hinsicht auf die neuesten Weltbegebenheiten au fait setzen wollte? Ich habe es mir während meines Aufenthaltes auf dem Lande zum Prinzip gemacht, nie eine frische Zeitung in die Hand zu nehmen. Der Geruch der Druckerschwärze und des feuchten Papiers fällt mir zu beängstigend auf die Brust, affiziert allzu sehr meine Nerven.« Der Pfarrherr machte sich so breit als möglich auf dem Halbmonde, breitete seine Rockflügel aus, und ein Lächeln erschien auf seinen Lippen, durch welches er einen Blick von mir nach dem Blatte, auf welchem er saß, parieren wollte. »Ah!« rief ich, auf die Vignette des uns so freundlich zugetanen Blattes, welches zwischen den Schenkeln Seiner Hochehrwürden verräterisch und heimtückisch vorlugte, zeigend – »ah, wie ich sehe, halten auch Sie, Herr Pastor, den Halbmond! Sehr tüchtiges Blatt – viel Gesinnung – sehr respektables Blatt, bis auf die Halluzination meines geehrten Freundes, des Redakteurs, mich und den Doktor Weitenweber für Israeliten zu halten. – Ehe ich es vergesse, Herr Pastor, was macht die Schweinezucht in dieser Gegend? Der Herr, welcher die statistische Kolumne unsrer Zeitung besorgt, hat mich beauftragt, ihm eingehende Notizen darüber zukommen zu lassen. Auch wir widmen uns mit Eifer und Freude diesen materiellen Fragen der Zeit.« »Da ist meine Frau!« rief aufatmend der Pfarrherr, wie ein begnadigter Verdammter, der in dem Pechsee des achten Gesanges der Danteschen Hölle gesteckt hat. Widerstrebend ließ ich mein Opfer fahren und erhob mich mit einer demütigen Verbeugung, während welcher der Oberprediger schleunigst den Halbmond beiseite schaffte. »Eine große Ehre und Freude ist es mir, Sie bei uns zu sehen,« sagte die eintretende Seelenhirtin, welche noch recht gut in einem Schäferstück Bouchers oder Watteaus hätte figurieren können. »Meine Töchter werden sogleich erscheinen, Herr Bösenberg!« Die Seelenhirtin macht Anspruch darauf, selbst eine schöne Seele zu sein, und ich legte daher das dieser Voraussetzung entsprechende Gesicht an – »Meine Töchter!« sagte der Pfarrherr. Bei den Charitinnen, da waren sie! Ida, Adeline und Selinde Wachtel! Bei der Mutter der Grazien, Eurynome, – bei dem Papa Jupiter, Weitenweber, – wir sprachen wieder nichts von Bedeutung!« Ich legte die Feder nieder, starrte einige Minuten in die Flamme meiner Lampe, legte den Kopf in beide Hände und sagte leise: » Cäcilie Willbrand !« Welche wunderbare, psychologische Rätsel kann uns doch in jedem Augenblick die Sphinx, welche in unserm Innern kauert, aufgeben! Da standen meine Schriftzüge auf dem Briefpapier; – Wort auf Wort war aus der Feder geflossen, ohne daß ich aufgeblickt hätte. Satz an Satz, Torheit an Torheit hatte ich aufgereiht; wer aber hätte aus diesem Wirrwarr herausgelesen, daß der eben erwähnte Name oder vielmehr Gedanke: Cäcilie Willbrand – sich um jeden sich formenden Buchstaben geschlungen hatte? Und doch war es so! Sidonie Fasterling hatte mir die Trägerin des Namens bereits wieder wachgerufen in der Erinnerung; aus den Fenstern der Oberpfarre erblickt man, jenseits des Weges, inmitten von Bäumen und Gebüsch, ein niedriges Dach, aus dem ein feiner, blauer Rauch emporkräuselte, als ich am Fenster des geistlichen Hauses saß. Dort wohnte Cäcilie Willbrand, meine Jugendgespielin, mit ihrer alten Mutter. – Ich klopfte an ihre Tür – sie öffnete sich – ich sah Cäcilie wieder nach zwanzigjähriger Vergessenheit. Träumerisch war ich in mein düsteres Haus zurückgekehrt, und jetzt – schloß ich meinen Brief an Weitenweber, ohne den Namen Cäcilie Willbrand niedergeschrieben zu haben. Es waren einmal zwei Menschenkinder, die hatten einander sehr lieb. Sie hatten auch miteinander gespielt und waren zusammen aufgewachsen, und als sie einmal an einem wunderschönen Maiabend in die untergehende Sonne sahen, versprachen sie sich zu heiraten, wie es auch kommen möge. Ach, sie wußten nicht, daß schon vor hundert Jahren ein Lied gesungen ist, welches anhebt: Das Kraut Jelängerjelieber An manchem Ende blüht. Bringt oft ein heimlich Fieber, Wer sich nicht dafür hüt't. – Wie manche traurige Minute, wie manche Stunde des Sehnens, wie mancher lange Tag, wie manches lange, lange Jahr reiheten sich an jene seligen Augenblicke, wo sie durch die Tränen in ihren Augen in die goldene Glut im Westen blickten, nachdem sie all das bunte Spielzeug ihrer Herzen ausgeschüttet hatten! Armer Friedrich Willbrand, arme Agnes Bremer! Die kleine Stadt Finkenrode, in welcher jeder den andern kennt, kannte auch bald diese Liebe und lächelte und schwatzte darüber nach Gewohnheit und Recht. Die beiden Liebenden waren in der Stadt geboren und aufgewachsen, Agnes war nicht über die nächsten Berge, Fritz nicht über fünf Meilen im Umkreis hinausgekommen; die Stadt Finkenrode hatte das Recht, auf Agnes und Fritz zu achten und beide jede Woche mehreremal vor die Wohlfahrts-Ausschüsse ihrer Kaffee- und Teegegesellschaften zu fordern. Die Herren und Damen von den verschiedenen Gerichtsbehörden kannten »die alte liebe«; die Herren und Damen von der Steuer, der Kirche und der Forstverwaltung kannten sie; die Herren und Damen vom löblichen Kaufmannsstande gaben sie am liebsten jeder Zuckertüte, jedem Hering zu. O die alte, alte Liebe! Es waren zwei arme, schüchterne Kinder, und die geringste harte Berührung von außen zwang sie, sich in die tiefste Dämmerung und Einsamkeit zurückzuziehen. Sie bauten sich allmählich ihre eigene Welt auf, welche mit der wirklichen wenig gemein hatte. Sie hatten ja Zeit dazu in den langen Jahren voll Ringens und Kämpfens, aber auch voll ungetrübter Seligkeit und wehmütigen, süßen Sehnens! Ihre Eltern waren tot, allgemach zogen die Verlobten sich auch von ihren Bekannten und Gespielen zurück. Abend auf Abend saßen sie zusammen, die Hände ineinandergelegt; aus dem so fröhlich aufklingenden »Bald« ihrer Unterhaltung war schon lange das trübe »Einst« geworden, und das rührend resignierte »Es war einmal« der Kindermärchen glitt auch bereits in die halben Worte, welche sie einander zuflüsterten. Und die Jahre kamen und gingen; – da hielt einmal an einem ersten Advent der Stadtpastor Wendehals eine lange, einschläfernde Predigt, welche seine andächtige Gemeinde auch richtig in den süßesten Schlummer eingewiegt hatte. Plötzlich aber fuhren alle Köpfe in die Höhe, alle Augen und Ohren öffneten sich. Der ehrwürdige Herr hatte seine Rede geschlossen, räusperte sich aber von neuem und sprach weiter: »Ferner sind gewillet, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, der Bürger und Gerichtsschreiber Friedrich Otto Willbrand, ehelicher Sohn des weiland Bürgers und Steueraufsehers August Friedrich Willbrand, und Jungfrau Agnes Maria Bremer, eheliche Tochter des weiland Bürgers und Armenschullehrers Traugott Werner Bremer hieselbst! Der Herr erhebe sein Angesicht über uns und gebe uns seinen Frieden – Amen!« Ein Rauschen, ein Flüstern, ein verwirrtes Getöse verschlang den Friedenswunsch des geistlichen Herrn. »Ah, wer hätte das gedacht?!« – – – In dem kleinen Häuschen der Oberpfarre gegenüber wohnte vor langen Jahren eine alte kinderlose Dame mit einer ebenso bejahrten Magd. Sie war die Witwe eines bei Ligny gefallenen Majors und galt für sehr reich in der Stadt Finkenrode. Selten kam sie über die grüne Umzäunung ihres kleinen Reiches hinaus; nur an den Sonn- und Festtagen besuchte sie regelmäßig die Kirche, nach welchem Ereignis man jedesmal einen, vermittelst einer alten Zahnbürste sehr blank geputzten Taler in der Armenbüchse fand, stets das einzige Exemplar in derselben, welches daher auch in der ganzen Stadt Finkenrode »der Taler der Frau Majorin« hieß und dazu diente, die Meinungen und Vermutungen über die Reichtümer der guten alten Dame ins Fabelhafteste hinaufzuschrauben. Der einzige, welcher darüber Genaueres wissen konnte, schwieg. Es war ein greiser, stelzbeiniger Feldwebel, welcher in dem Regimente des Majors gedient und ebenfalls in Finkenrode sein letztes Quartier aufgeschlagen hatte. Dieser war auch der einzige Besucher der Frau Majorin; dieser und die alte Magd trugen ihr die Neuigkeiten der Außenwelt zu; und Eichhorn, der Feldwebel, war es, der eines Morgens, in seiner besten Uniform, mit seinen drei Medaillen vor der Brust und einer Träne an den grauen Augenwimpern, auf dem Stadtgerichte von Finkenrode erschien und das Testament der alten Dame hier niederlegte. Die alte Dame selbst aber lag in ihrer kleinen, stillen, reinlichen Kammer, in welche der Weinstock so hübsch hineinrankte, in ihrem schwarzen seidenen Kleide, auf ihrem Lager lang ausgestreckt zur ewigen Ruhe. Eine Rose hielt sie zwischen den gefalteten Händen, und ein friedliches Lächeln spielte um ihren geschlossenen Mund. In gebührender Form, nach römischem Recht, wurde das Testament an einem dazu festgesetzten Tage feierlich geöffnet, und der Invalide Eichhorn stand dabei, beide Hände auf seinen Stock gestützt, und nickte zu jedem Satze der Vorlesung beifällig mit dem Kopfe; während der Richter daran dachte, was für eine erstaunliche Neuigkeit er seiner Gemahlin nach Haus bringen werde. Fritz Willbrand und Agnes Bremer, mit denen die alte Dame nie ein Wort gesprochen hatte, – waren zu Universalerben des kleinen Vermögens und des grünen Gartenhäuschens am Rande von Finkenrode eingesetzt und knieten schon nach einer Stunde mit herzlichen Dankestränen an dem Grabhügel der Frau Majorin auf dem Stadtkirchhofe. Nach einem fünfzehnjährigen Brautstand winkte ihnen das Schicksal zu dem Bescherungstisch einer stillen, glücklichen Ehe, die sie ein Jahr nach dem Tode der alten Dame eingingen. Eichhorn, der Feldwebel, spielte gebührenderweise den Brautvater, mit einem Blumenstrauß auf der Brust über dem eisernen Kreuz. Aus einem Hausfreunde der Frau Majorin ward er ein Hausfreund der Familie Willbrand und ein Pate der kleinen Cäcilie, welche im nächsten Jahr geboren wurde in dem grünen Gartenhäuschen vor dem Burgtore der Stadt Finkenrode, und welche eine schöne bunte Tüte voll Zuckerwaren einem kleinen kecken Burschen, der verwundert in ihre Wiege lugte und Max Bösenberg genannt wurde, mitbrachte, – – – Mitternacht! – Was würde Weitenweber zu der Stimmung gesagt haben, in welcher ich mich befand?! Mit erneueter Macht hatte der Wind sein wüstes Treiben draußen aufgenommen. Die losen Scheiben in den Fenstern klirrten – die Vorhänge schüttelten Wolken von Staub aus ihren Falten. Die Tür hinter mir sprang auf einmal aus dem Schloß; ich ging fröstelnd, mit scheuen Schritten, sie wieder zu schließen. Ich warf neues Holz in den Ofen und wühlte die Kohlen zu hellerer Flamme auf – Cäcilie Willbrand. 9 In einer eigentümlichen Seelenstimmung erwache ich an jedem Morgen in dem Hause meines Oheims, in meinem Hause. Da ist meine Wohnung in der großen Stadt, hoch über den Menschenfluten, die unter ihr rollen, und welche den furchtsamen, den matten Schwimmer so leicht verschlingen. Der Gesang der jungen Arbeiterin, mir gegenüber, erweckt mich – ich halte mein Lever, und ein lustiges, tolles Treiben herrscht dabei! Was für Gesindel klopft an meine Tür und verlangt lachend, singend, pfeifend oder auch wohl brummend und ärgerlich Einlaß! Was für Briefe, Zettelchen, Billets und Visitenkarten gleiten in meinen Briefkasten! – Hat meine Nachbarin schon ihre Blumen begossen? Hat mein Nachbar schon seinen Starmatz gefüttert? – »Floh, hier den Manuskriptbogen an den Doktor Hinkelmann, ich lasse ihn bitten, den Schluß zu machen, ich habe Kopfweh!« – »Guten Morgen, Meister Gustav Berg – was macht die Kunst? Was macht die Frau Elise und das Kind?« – »Guten Morgen, Richard, was macht Mademoiselle Saltarelli? – lustige Nacht gestern?« – »Via! via!...ach, das Geld ist eine Chimäre! Leih mir einen Fünftalerschein, Bösenberg!« – – – »Herr Doktor Bösenberg, endlich treff' ich Sie doch einmal; ich bin vergangene Woche jeden Tag zweimal hier gewesen – meine kleine Rechnung.« – – – Wie anders mein Erwachen in Finkenrode, wenn der Morgen langsam graufarbig, wie ein bleichsüchtiges Mädchen herangeschlichen ist. Ich finde mich dann in einem weiten Himmelbett und muß mich zwischen Schlaf und Wachen jedesmal erst eine Weile besinnen, wo ich wohl sein möge. Ein Knuspern und Rascheln von Mäusen hinter der Tapete ermuntert mich ein wenig mehr, ich schlage die Vorhänge zurück, und meine Stellung als Mensch, Deutscher, Bürger und Hausbesitzer zu Finkenrode wird mir klar. Ich gähne aus Leibeskräften und nach Herzenslust, und sehne mich nach irgendeinem Zeichen von Leben auf der Gasse oder im Hause: in *** erwache ich meistens zu spät, in Finkenrode immer zu früh. Nichts hindert mich, noch einmal einzuschlafen, ehe meine Enten auf dem Hofe anfangen zu gackern, ehe Renatens Pantoffeln die Treppe heraufklappern. Endlich aber erwacht Finkenrode und mein Haus zum Leben. Ich höre die Alte in das anstoßende Zimmer treten, wo sie einen Arm voll Holz so geräuschlos als möglich zu Boden wirft und Feuer anzündet. Jakob, der Rabe, erscheint in der Kammertür, krächzt mir seine Verachtung zu und geht wieder ab, wie er gekommen ist. Die Alte nimmt er mit. Das Feuer fängt an zu prasseln und zu krachen; nach einer halben Stunde krieche ich hervor ans den Federn, Renate erscheint zum zweitenmal, mit dem Kaffee und mit der Frage, was ich zu Mittag essen wolle. Das ist ein wichtiger Augenblick der Überlegung. Die Jahreszeit wird in Betracht gezogen – die Alte macht verschiedene Einwürfe; endlich vereinigen wir uns, und ich bin bis Mittag meinem Schicksal überlassen. Ein Körbchen mit Semmeln neben dem Kaffeetopfe bringt mich auf landwirtschaftliche Gedanken, und es fällt mir schwer aufs Herz, daß ich der glückliche Eigentümer von soundso viel Morgen Land, Wiesen und Wald, und – Mitarbeiter des Kamäleons bin. Ich kratze mich da, wo sich alle Weisen, Klugen und Gelehrten seit Erschaffung der Welt in schwierigen, bedenklichen Fällen kratzten – hinter dem Ohr. Sorgenvoll rauche ich meine Pfeife und bin endlich, wenn ich die Asche ausklopfe, zu der Ansicht gekommen, – daß Zeit Rat bringe, und daß es jetzt gottlob Winter sei. Nun fülle ich meine Pfeife von neuem und setze meine begonnenen Forschungen in den Mysterien des Hauses Bösenberg fort; ein Vergnügen, ebenfalls sehr verschieden von den Morgenbeschäftigungen meines früheren Lebens. Das Haus Bösenberg hat seine Katakomben wie Paris und Rom, aber sie sind gottlob nicht mit Sarkophagen der christlichen Märtyrer und Totengebeinen gefüllt, sondern mit gelb-, rot- und grün-gesiegelten Flaschen. Wir haben schon tiefe Studien gemacht: Mietze der Schauspieler und Spiritusfabrikant, Gundermann der Arzt wissen davon zu sagen, und öfter als einmal sind wir bereits mit sehr glänzenden Augen, jeder unter jedem Arm eine Flasche tragend, emporgestiegen aus der Unterwelt; der Schauspieler als erster Liebhaber dieser Blätter pathetisch seine tiefen Schmerzen bejammernd, der Doktor den merkwürdigen Verlauf einer chronischen Krankheit zum besten gebend. – Was steckt alles in diesem Hause! Einem Antiquitätensammler würde das Herz dreimal schneller klopfen aus Entzücken darüber. Da sind ausgestopfte Tiere in Glaskästen auf den riesigen mit Schnitzwerk ausgelegten Rokokoschränken, in deren schwer zu öffnenden Schiebladen und geheimen Fächern es wimmelt von vergessenen Seltsamkeiten aller Art. Habe ich doch ein Kästchen mit einer in Baumwolle gewickelten Münze gefunden, welche jeden Numismatiker aus freudigem Schreck in eine Ohnmacht hätte fallen machen können. Ein echter Pescennius Niger! Em Pescennius Niger mit dem Bild des Imperators auf der Vorderseite und der Inschrift: ΑΝΔΡΙΝΟΠ. ΚΑΙCΑΡΑΙΩΝ ΜΗΤΡΟauf der Rückseite! Da sind Ölgemälde, Pastellbilder – Landschaften, Blumenstücke, Porträts überall; in den Gängen und Gemächern bis hinauf in die höchsten Dachkammern. Da ist vor allem das Bibliothek- und Studierzimmer mit seinen gelehrten Schätzen und den vielen Manuskripten in der Handschrift des Oheims Albrecht. O Gott, wenn nur auch Luft zum Atmen da wäre. Spinngewebe, Dunst und Moder, Staub- und Fliegenschmutz überall! In den Fensterbänken Hunderte von toten Fliegen; Wurmstaub unter jedem Stuhl, jedem Tisch; Schimmelbildungen auf jedem der Feuchtigkeit ausgesetzten Fleck! Bei meinem Leben, es überläuft mich oft ein Gefühl, als nehme die Verwesung auch von mir bereits Besitz; unwillkürlich fahre ich dann über das Gesicht, um mich zu überzeugen, daß ich nicht grün ausschlage, unwillkürlich reiße ich das nächste Fenster auf, um frische Luft zu schnappen. Was beginne ich, um die Gespenster, welche in allen Winkeln zu lauern scheinen, zu verjagen? Manche Leute fragte ich um Rat. Der eine schlug dies vor, der andere das. Sidonie Fasterling zählte an den Fingern ein halb Dutzend niedlicher, zu verheiratender Finkenrodenerinnen her; – der Doktor Gundermann meinte: »um Gottes willen nicht – da würde der Teufel erst recht los sein«; ich schrieb an Weitenweber und erhielt folgende Antwort: »Es ist so, und wird so bleiben; – wenn ein Zauberer an Altersschwäche, an einem zurückgetretenen Schnupfen oder an einem mächtigeren Kollegen aus der Welt der Lebendigen geschieden ist, dann bleiben seine Geräte, seine seltsamen Phiolen, seine Rollen und Folianten, seine gesammelten Knochen, seine Wünschelrute zurück, und die Trivialität, die Alltagswelt dringt mit der Sonne in die unheimliche Höhle des Toten. Anfangs gucken die Pygmäen mit einem geheimen Schauder umher; flüstern, wagen sich kaum zu rühren, bis sie merken, daß das Werkzeug des toten Meisters mit dem Tode desselben seine Kraft verloren habe. (Sie täuschen sich freilich oft genug!) Dann werden sie mutig, hüpfen umher, spotten des Begrabenen und schleppen all das seltsame Wesen, welches der Alte um sich gesammelt hat, hinaus in das nüchterne Tageslicht. Dann wird gefragt: »Was war dies? wozu diente das? wer kennt dies? wozu kann man jenes gebrauchen?« – Ja, fragt nur! Reibt Euch die Stirn, grinst, lacht und probiert, der Meister ist tot – die Wünschelrute ist tot. – Schließe Freundschaft mit Jakob dem Raben, Max Bösenberg, mein Sohn! Der schwarze Kerl weiß höchstwahrscheinlich mehr von dem Hause Deines Oheims als andere Leute. – Vale ! Weitenweber. « Am fünfzehnten Dezember kehrte ich zum zweiten Male in dem kleinen Häuschen vor dem Burgtore ein. Ich hatte die Erlaubnis dazu von einer alten, freundlichen Frau erhalten und ich benutzte sie. Es war gegen Abend – es war feucht und warm, leise tröpfelte es von den Dächern und den Zweigen der Bäume. Einige Augenblicke blieb ich in dem Lichtschein, welcher aus dem verhangenen Fenster auf den Gartenweg fiel, stehen, und ein unbeschreibliches Gefühl seligen Geborgenseins überkam mich in dieser Minute – verschwand aber blitzschnell, wie es gekommen war. Ich klopfte leise an die niedere Tür der beiden Frauen – ich trat ein. Das Schnurren eines Spinnrades brach ab. »Ah, Herr Max? Seien Sie willkommen, – wie schade, daß die Cäcilie nicht zu Haus ist – sie wird höchstwahrscheinlich bei Fräulein Fasterling sitzen.« Ich wollte die mir dargebotene Hand an die Lippen drücken; aber Frau Agnes Willbrand entzog sie mir schnell und sagte lächelnd: »Ach, das ist nicht Mode hier zu Finkenrode, kommen Sie, Herr Max, setzen Sie sich zu mir, neben mein Spinnrad, wenn Sie die Gesellschaft einer alten Frau nicht verschmähen.« Wie gern kam ich diesen Worten nach. Zwanzig Jahre mit ihren Revolutionen und Schlachten waren über die Welt dahingezogen; Städte waren zerstört, Länder verwüstet; in diesem kleinen, engen Raum war alles geblieben, wie es war; nur mehr und mehr hatten sich die Bewohner auf diesem vergessenen Erdenfleck eingenistet. Da stand noch die braune glänzende Kommode von Nußbaumholz zwischen den beiden niedern Fenstern mit den schneeweißen Vorhängen, Die Binsenstühle waren dieselben geblieben, der runde Tisch mit der roten Decke war derselbe geblieben, der kleine Teppich auf dem Boden war derselbe geblieben. Da ist ein kleines, zierliches Hängebrett an der Wand, welches eine Sammlung von Schriften über Gartenkunst, Schillers Werke, einzelne Teile von Goethe, Gellerts Fabeln, mehrere Gesangbücher und eine große Bilderbibel aufbewahrt. Ihm gegenüber hängen drei Bilder: eine Lithographie, den Tod des Herzogs von Braunschweig bei Quatrebras darstellend; ein Kupferstich, die Sixtinische Madonna; und eine Zeichnung in schwarzer Tusche, eine Landschaft mit einer Kuh im Vordergrunde und einem eingestürzten Tempel im Hintergrund. Dies alles war schon vor zwanzig Jahren vorhanden, nur eins ist von jüngerem Datum, ein hübsches Fortepiano mit einem zierlich gestickten Drehsessel davor. Es ist aufgeschlagen, und ich lasse die Hand leise über die Tasten gleiten – Cäcilie Willbrand! Im Sommer sitzt man in diesem Stübchen fast wie in einer grünen Laube, denn da rankt sich mancherlei Grün um und in die Fenster: Jelängerjelieber, Wein und Efeu; und die freien Vögel draußen vermischen lustig ihren Gesang mit dem des kleinen Gefangenen, der jetzt in seinem einfachen Bauer in der Fensterbank schlafend auf der Stange sitzt. Jetzt ist es Winter, der Garten ist verschneit, die Ranken haben ihre Blätter fallen lassen; und die Kinder, die vor langen Jahren in diesem Stübchen spielten, sind längst erwachsen, und klug und vernünftig geworden. Max schreibt diese Blätter, Käthchen Manegold sitzt im fernen Wald in dem Försterhaus zum Himmelreich und singt ihrem Knäblein dieselben Lieder, die es selbst einst ergötzten und in den Schlaf lullten, und Cäcilie Willbrand – – – »Da sind ihre Noten, Herr Max!« sagte die Frau Agnes. »Der alte Wallinger hat sie das Spiel gelehrt, der arme Mann. Er liebt sie mehr, als man ein Kind liebt, und sie ist die einzige, die ihn versteht.« »Ich möchte wohl etwas Näheres über ihn wissen!« sagte ich. »Sie verspotten und verlachen ihn alle; die Kinder laufen ihm in der Gasse nach – sie sagen, er suche die verwünschte Prinzessin; Cäcilie aber schüttelt das Haupt – sie wird traurig, wenn man sie darauf anredet. Sie darf niemandem wiedersagen, was er ihr anvertraut, sie hat es ihm versprochen, und sie hält ihr Wort, wenn er auch« – Die Frau Agnes deutete auf die Stirn und seufzte. »Es war ein schmucker Bursch in seiner Jugend; Augen hatte er wie Feuer. Aber es gibt Leute, die gehen in die Einsamkeit, und viele verlieren sich in der Einsamkeit – das ist ein bös Ding, Herr Max!« Das Spinnrad fing wieder an zu schnurren, und es trat eine Stille ein. Woran dachte Agnes Willbrand, weshalb senkte sie das Haupt tiefer und tiefer auf die Brust? »Der große Kastanienbaum hinten im Garten an der Weißdornhecke, an welcher der Hurlebach vorbeifließt, steht auch noch aufrecht,« sagte ich nach einer Pause. Die Frau Agnes nickte. »Und die Rasenbank und der steinerne Tisch sind auch noch da! Also Sie haben Ihren Spielplatz noch nicht vergessen?« »Ich habe ihn wieder gefunden!« sagte ich leise. Jetzt knarrte die Gartentür draußen, und die Frau Agnes sagte: »Da ist Cäcilie.« Lachende Stimmen ließen sich vernehmen. »Sie ist nicht allein!« »Das ist ja Käthchen Rösener aus dem Walde – ich kenne ihre Stimme – und Sidonie Fasterling ist auch dabei!« rief die Frau Agnes am Fenster. »Wie es wieder schneiet!« Jetzt klang die Glocke der Haustür. – »Gerettet!« rief Fräulein Sidonie Fasterling, die blitzenden Flocken von den Kleidern schüttelnd: »Sieh, Mama Agnes, hab' dir etwas mitgebracht! He, der Demokrat?! Mama Willbrand, was treibt der hier?« Sie griff in die Locken und schleuderte mir eine Handvoll Tropfen zu: »Hier, Käthchen, das ist der Vetter ans der Residenz – Lustspiel, nein – Posse in« – »Aber Sidonie!« rief Cäcilie. »Ich bitte um Entschuldigung, Herr Bösenberg!« sagte Sidonie mit einer wahren Leichenbittermiene und einer tiefen Verbeugung. »Also das ist die Frau Försterin aus dem Himmelreich?« sagte ich lächelnd, und mein Händedruck wurde warm und herzlich erwidert. »Konrad wird gleich nachkommen!« sagte das kleine, schüchterne Waldweibchen. »Er wird sich recht freuen, Sie wiederzusehen.« »Nun schwatzt euch aus!« rief Sidonie. »Ich gehe mit der Mama in die Küche, um euch Tee zu kochen.« »Ja, komm, Wilde,« sagte die Frau Agnes, »es wird das beste sein, daß ich dich mitnehme, du stiftest doch nur Unfrieden an.« »Das sagt Papa auch,« seufzte Sidonie – »aber ich weiß es besser, und das tröstet mich. Es ist eine böse Welt, und die Gerechten müssen viel Not leiden!« – – – Ich saß den beiden Jugendfreundinnen allein gegenüber. War es denn möglich, daß es da weit, weit in der Ferne jene große Stadt gab, und in dieser Stadt das dumpfige Loch, die Redaktion des Kamäleons, und den Doktor Theobul Weitenweber? Wo war ich die langen Jahre hindurch gewesen, während jene kleine Uhr ruhig forttickte und aus dem Kinde Cäcilie die schöne, schwarzhaarige Jungfrau mit der stillen, weißen, feinen Stirn wurde? O Weitenweber, Weitenweber, das Ich ist es doch nicht allein, was die Welt bildet und bauet! Armer Weitenweber! – – – »Ja, das ist unser kleines Käthchen Manegold,« sagte Cäcilie, die liebevollen, dunkeln Augen auf die Freundin richtend. »Nicht wahr, Herr Bösenberg, sie ist recht groß geworden? Es ist ein niedliches Hausmütterchen !« »Es ist so schön in unserm Walde,« sagte Käthchen, – »selbst im Winter!« »Es heißt ja auch deshalb \>im Himmelreich\< meinte ich. »Nicht wahr, Käthchen, es hat etwas davon?« fragte Cäcilie. Die kleine Waldfrau errötete leise. »Margareta wiegt den Kleinen, Robert schnitzt aus Holz seine Kunststücke, und die Hunde wachen – ich könnte hier ganz still sitzen; aber ich habe doch keine Ruhe« – »Sorge nicht, Kind!« »Am Sonntag nach Neujahr soll der Kleine getauft werden. Konrad meint, er wäre fast zu alt dazu geworden; aber das schadet nichts. Arnold Rohwold aus Rulingen will ihn taufen. Wir hatten so mancherlei in der Stadt zu schaffen, – da haben wir uns heute morgen ein Herz gefaßt und sind so schnell als möglich herübergekommen. Wo nur Konrad bleibt? Ah, ich glaube, da kommt er! Er ist noch bei dem Vater in der Schmiede geblieben. Der wird nie fertig mit Erzählen, wenn er ihn bei sich hat.« Jemand schritt durch den Garten, und wir hörten, wie er vor der Tür den Schnee von sich abschüttelte. »Ja, er ist es!« rief Cäcilie und sprang auf, zu öffnen. Der Förster aus dem Himmelreiche trat ein – »Allerseits schönsten guten Abend – hurra, da ist der Landläufer, der Bösenberg – der verschollene Max!« Wir schüttelten uns so kräftig als möglich die Hände. »Er ist doch ein Brandfuchs geblieben – freut mich herzlich, dich wieder zu sehen, Konrad!« Der Förster griff lachend in seine hochroten Haare und strich seinen hochroten Bart. »Schon wieder Freundschaft mit meiner Frau geschlossen, he? alte Bekanntschaft, Käthchen, – gib mir 'nen Kuß, Kleine! Ach, Cäcilie, entschuldigen Sie – sehen Sie, welche Sündflut ich Ihnen in Ihr reines Stübchen mitbringe!« »Bitte, bitte.« »Aber wo steckt denn die Mutter Willbrand?« »Gleich kommt sie, und der Tee mit!« rief Sidonie, den Lockenkopf in die Tür steckend. »Sieh da, Herr Hinterwäldler, wir hörten es schon an dem Spektakel, daß Sie gekommen seien! Was macht Werwolf und Bär, und Uhu und Kauz hinter den Bergen?« »Lassen grüßen, 's ist nächstens eine große Elsterngesellschaft auf der Brauteiche, ich bringe eine Einladung für Fräulein Sidonie Fasterling mit.« Sidonie lachte und drohte mit dem Finger. Das Prasseln und Krachen des Herdfeuers erschallte lustig aus der Küche; die Frau Agnes erschien mit dem Teebrett, neue Begrüßungen wurden gewechselt. Der Dompfaffe im Bauer wachte auf und pfiff einige lustige Noten in das Getümmel, es dauerte eine geraume Zeit, ehe jeder wieder auf seinem Platze saß. – Als der Nachtwächter die elfte Stunde abrief, war ich zum Paten des kleinen Weltbürgers im Himmelreich erwählt, und Fräulein Cäcilie Willbrand war zu meiner Gevatterin auserkoren. Käthchen Rösener aber jubelte: »O, wie freue ich mich! Ihr kommt alle, alle zu uns! der Winterwald soll euch schon gefallen!« Endlich mußten wir uns trennen. Ich begleitete den Förster und sein Weibchen bis zu der Tür des Hauptmanns Fasterling, bei welchem sie ihr Nachtquartier aufgeschlagen hatten, da in der Schmiede nicht Raum genug war. Sidonie schritt lachend und schwatzend neben mir; und hinter uns her, in einer Entfernung von zwanzig Schritten, schlich uns durch die Schneenacht ein dunkler Schatten nach, nach welchem ich unwillkürlich von Zeit zu Zelt über die Schulter zurückschaute. Als ich fünf Minuten später nach einem fröhlichen »Gute Nacht!« meinen Weg nach Hause allein suchen wollte, fand ich denselben Schatten an der nächsten Ecke wartend. »Herr Alexander Mietze?!« Ein tiefer Seufzer ließ sich vernehmen – »Derselbe!« Ich brach in ein helles Gelächter aus. »O, du schüchternster aller ersten Liebhaber! Wie haben sich die Zeiten geändert, Alexander! Wie bist du gesunken, Spiritusfabrikant!« Der Schauspieler faßte mit tragischer Gewalt meinen Arm. »Lache nicht, Max! Es hilft leider nichts, das Lachen; ich hab's mehr als einmal versucht – o Sidonie!« – Eine Baßstimme brach hier in die Seufzer und Klagelaute des Mimen: »Wer bist du, der du in der tiefen Nacht Miauzest katerhaft; die Ruhe störend Des müden Bürgers und der Bürgerin, Daß sie voll Ärger an die Fenster fahren. Der Jammerlaute Ursach zu erspähn, Und ihre Meinung schnell darob zu sagen, – Bist du es, Mietze?« – Schnell fuhr ich fort: – »Ja, er ist's, er ist's! Der Unglückselge! Seine weiße Weste Deckt ein zerrissen, blutend, bratend Herz; Cupido schürt die Flammen – und ich, ich führe das Protokoll bei diesem peinlichen Gerichte – guten Abend, Gundermann!« »Wahrhaftig, da stehen wir wieder einmal wie drei Studenten, die einen ›Ulk‹ ausfressen wollen!« rief lustig der Doktor, welcher leise herangekommen war, ohne daß wir im tiefen Schnee seine Schritte gehört hatten. »Gaudeamus igitur« – »Du solltest auch eigentlich bei deiner Frau daheim sitzen, Gundermann!« sagte der Schauspieler mit einem so wehmütigen Ernst der Stimme, daß unsere Heiterkeit ihren Gipfelpunkt erreichte. »Das nenn' ich noch Grundsätze!« lachte der Doktor. »Und aus solchem Munde! Oh! oh! oh!« brachte ich mühsam hervor. »Alexander, du bist ein großer Charakter!« rief der Arzt pathetisch. »Soll ich Bösenberg die Geschichte von vorgestern erzählen?« »Gundermann?!« »Heraus damit, Medikus! Alexander, das Lachen schadet der wahren Liebe nichts! Sidonie Fasterling ist derselben Meinung.« Mietze seufzte. – »Hier gebe ich meine Geschichte aber nicht zum besten!« rief der Doktor. »Es fängt wieder an zu schneien! Das wird ein lustiger Winter. Was meint ihr, Leute, sollen wir uns noch einmal als Bursche aufspielen, sollen wir noch einmal das Rauhe nach außen kehren?« »Es ist eine angebrochene Nacht – Mietze soll uns einen Punsch brauen – das alte Rezept! – Dann wollen wir die Geschichte von vorgestern hören – hurra! ich habe einen Hausschlüssel, wer noch?« »Meine Frau weiß, daß ich über Land geritten bin! Mietze, mein Söhnlein, was starrst du nach dem Himmel? Der Mond scheint, gottlob, nicht, und die Sterne haben sich verkrochen. Faß ihn unter den Arm, Bösenberg.« »Ihr seid beide toll!« rief der Schauspieler – »und bei Titanias Zaubermacht, ich habe Lust, es ebenfalls zu werden – kommt denn her; Feuer und Flamme, Gedanken und Rheinwein wollen wir zusammenquirlen, und Mercutio soll kommen und seine Meinung sagen! – Kommt! kommt! kommt! Ich will den Mercutio spielen und Bösenberg den Romeo; – Gundermann aber soll sitzen und zuhören, und pfeifen oder klatschen nach Belieben. – Kommt!« Wir wateten der Wohnung des Schauspielers zu: der Doktor voran, der Spiritusfabrikant in den Fußstapfen Gundermanns, ich in den Fußstapfen des Spiritusfabrikanten. Der Vernünftigste marschirte jedenfalls als der letzte. 10 Sein möglichstes hat der Schauspieler Alexander Mietze getan, um es sich in Finkenrode behaglich zu machen. Er besitzt das weibliche Talent, ein Zimmer gemütlich und hübsch einzurichten, und er bringt dieses Talent zur Anwendung, wo er sein Zelt aufschlägt. Daß die Teppiche mit Flaschenstöpseln, Zigarrenenden und dergleichen wie übersät sind, wird jedes feinfühlende, junge Damenherz auf die Gemütsstimmung des Armen schieben: umgeworfene Stühle und Sessel, beschmutzte und zerrissene Divanüberzüge tun der Behaglichkeit keinen Abbruch. »Caliban! Caliban!« rief Alexander, als wir in seinen Räumen angelangt warm. Ein Wesen, halb Mensch, halb Gnom, stand plötzlich vor uns, ohne daß man wußte, woher es gekommen war. Ein sechzehnjähriger Zigeunerjunge, der Sprößling einer von diesen wandernden Familien, welche durch unsere jetzigen polizierteren Verhältnisse gezwungen sind, irgendwo eine Art Heimatberechtigung zu erlangen. Es haust in Finkenrode ein ganzes Geschlecht dieses wunderbaren Volkes, die Familie Nadra mit einem Bären, zwei Affen, zwei Eseln, drei Ziegen und unzähligen Kindern: Michel Nadra heißt der Vater, Lena die Mutter, ein uraltes Weiblein, Janna genannt, steht an der Spitze dieses wimmelnden, kreischenden, quiekenden, brummenden Haushaltes, ficht mit den Gerichtsbehörden und den Nachbarn, weiß Mittel gegen Vieh- und Menschenkrankheiten, und wird gefürchtet, gehaßt, verspottet, wie die Gelegenheit es will. Fräulein Sidonie Fasterling ist die erklärte Beschützerin dieses Völkleins, welches für sie durch das Feuer gehen würde; Herr Alexander Mietze hat natürlich dieselben Sympathien, wie Sidonie; die Großmutter Janna ist unerschöpflich im Lobe der jungen Dame, und – Anton Nadra ist der »Caliban«, der Page, der Kammerherr und Stiefelputzer des Schauspielers. »Caliban! Caliban! Mehr Feuer in den Ofen – Lichter und Lampen! Hurtig, Sohn der Hexe Sykorax! Setzt euch, meine Herren!« Lichter und Lampen flammten auf; Caliban hüpfte hin und her, wie ein Irrlicht; die Flaschen mit den silbernen Hälsen ließen knallend ihre Pfropfen fliegen. »Habt ihr die Zigarren gefunden?« rief der Schauspieler, welcher den Rock ausgezogen hatte, und gleich einem Zauberer in den aufsteigenden Dämpfen seines Gebräus waltete. »Achtung, Caliban! Du kannst dir auch einen Glimmstengel anzünden, um dir den Schlaf aus den Augen zu treiben, Taugenichts!« »Weiß die Großmutter Janna keinen Trank gegen unglückliche Liebe, keinen Liebestrank, Anton?« Der Zigeuner zeigte grinsend seine weißen Zähne. »Verderbt mir den Jungen nicht, Bösenberg!« rief Alexander. Der Doktor roch in die Punschbowle. – » Est! est! est! Vierundzwanzig Gläser davon – das ist das beste Mittel gegen Herzklopfen.« »Was wir lieben!« sagte der Schauspieler, die Gläser füllend. Der Doktor lachte, während er anklang; Mietze seufzte, ich dachte das Meinige – und zog ebenfalls den Rock ans. »Und nun die Geschichte von vorgestern, Gundermann!« rief ich. Der Schauspieler aber streckte abwehrend beide Arme in die Höhe – »Nein! nein! nein! Gundermann, ich beschwöre dich, bei allem, was dir heilig ist« – »Sieht er nicht aus, als ob er zu seinem Privatvergnügen die Neujahrsnacht eines Unglücklichen von Jean Paul aufführte?« fragte ich lachend. »Die Geschichte lautet folgendermaßen« – hub der Arzt an. – »Fräulein Sidonie Fasterling und Herr Alexander Mietze« – » Anathema sit !« schrie der Mime mit der vollen Kraft seiner Lungen und warf sein Weinglas gegen die Wand. »Da liegt der Quark! Gundermann« – »Man kann es ihr nicht verdenken, daß ihr der Name Mietze nicht gefällt!« sagte der Doktor, – »Mietze! Frau Mietze – Frau Spiritusfabrikantin Mietze – wenn die größte Liebesglut vor einem solchen Titel und Namen nicht zugrunde geht, so will ich nicht – der Doktor Gundermann sein!« »Aber das ist die Geschichte nicht!?« »Nein,« – sagte der Doktor, »sie hängt aber damit zusammen. Meine Frau« – Der Schauspieler fuhr mit beiden Händen in seine Haare und gebärdete sich, als ob man ihm Blausäure unter die Nase gehalten hätte. »Laß es gut sein, Gundermann!« sagte ich. »Es ist mit dem Volke nichts anzufangen. Caliban, gib deinem Herrn ein anderes Glas! Beruhige dich, Mietze, deine Geschichte soll nicht erzählt werden!« Ich schnitt bei diesen Worten zwar eine ironische Fratze; dachte aber im stillen an den sehr edlen und nützlichen Spruch: Was du nicht willst, das man dir tue, das tue einem andern auch nicht. Wir sind doch ein ungeheuer großartiges, edelmütiges Geschlecht: ohne das aufsteigende Bild Cäciliens hätte ich die Geschichte des armen Schauspielers auf jeden Fall erfahren. – Eine Pause von einigen Minuten trat ein; dann sagte Gundermann plötzlich mit dem kläglichsten Gesicht und der gedämpftesten Stimme: »Mir ist in meinem Leben noch kein reicher Onkel gestorben!« Ich habe mich viel mit Nachgrübeln über die Assoziation der Ideen beschäftigt und gefunden, daß es die schwerste aber auch interessanteste Wissenschaft ist, welche es gibt. Ich hätte in einem andern Momente vielleicht den Gedankengang des Arztes analysieren können, begnügte mich aber in diesem Augenblick damit, in ein herzliches Gelächter auszubrechen, in welches der Schauspleler kräftig mit einstimmte. »Armer, unglücklicher Gundermann!« »Mir ist das Vergnügen zuteil geworden, von welchem dieser seelenlose Mensch spricht,« sagte Alexander, »aber – aber der Selige« – »Nun?!« »Er hätte ebenso gut am Leben bleiben können. Er hat mich enterbt!« »Armer, unglücklicher Mietze!« rief der Doktor. »Erzähle uns davon, mein Junge, gib deinem Schmerze Worte« – »Ach, es ist durchaus nichts Lächerliches dabei. Der Alte, welcher durch seinen Wollhandel ein sehr anerkennungswürdiges Vermögen zusammengebracht hatte, hatte seinen Kopf darauf gesetzt, daß ich ihm einst seine unzähligen Prozesse als Advokat gewinnen müsse. Diese fixe Idee war ihm durch mein eminentes Talent, zu lügen und Gesichter zu schneiden, entstanden: er schickte mich auf die Universität, wie Ihr wißt. O heiliger William, weshalb gerietst du neben mein Corpus juris !? Genossen meiner Jugend, ihr könnt euch vorstellen, wie das Zimmer und der Kopf eines jungen Menschen aussehen, welcher mit einem Fuß im Schuldarrest steht, mit dem andern auf den Brettern, welche die Welt bedeuten; dessen einen Arm der Universitätspedell gepackt hält, und an dessen andern sich Fräulein Lilli, die zweite Liebhaberin eines Provinzialtheaters, gehängt hat! Könnt ihr euch vorstellen, wie ein reicher Oheim aussieht, der dreißig Meilen weit gereist ist, um seinen Neffen über den Pandekten zu umarmen, und ihn in einer Dorfkneipe, in welcher er vor dem Lärm der Komödie nicht schlafen kann, den Schneider Fips mimend, findet? ... Erlaßt mir den Rest, Freunde!« »Armer Alexander, das nennt man Pech!« rief der Doktor tragisch. »Aber was fehlt dem Bösenberg? Heda, Träumer, aufgeschaut, es ist von reichen Oheimen und reichen Erbschaften die Rede!« Ja, ja, ich dachte an den Oheim Albrecht und sein ödes Haus, in welchem der Rabe Jakob umherspazierte und seine Geistersprüche schrie. Mir war unheimlich gut zumute, und öfters, als eben nötig war, ließ ich mir das Glas füllen. »Woran ist denn eigentlich mein Onkel gestorben?!« fragte ich den Arzt. »Wie hat er gelebt? Niemand hier in Finkenrode scheint jemals in sein Haus gekommen zu sein!« Gundermann zuckte die Achseln. »Ein Schlagfluß hat ihn getötet! Man fand ihn eines Morgens leblos auf seinem Bette, der Rabe saß ihm zu Häupten, wie ein böser Geist – ich würde ihm den Hals umdrehen, Max! – Der Alte hat der guten Stadt Finkenrode manchen Stoff zu Gesprächen gegeben. Es herrschte eine ordentliche Scheu vor seinem düstern, finstern Hause, und die Nachricht seines Todes brachte eine Aufregung sondergleichen hervor. – Du warst quasi verschollen, Max; – Vermutungen über Vermutungen tauchten auf! Als die gerichtlichen Siegel angelegt wurden, schritt die Kommission auf den Zehen durch die Zimmer und sprach leise, als fürchte sie durch zu lautes Auftreten, durch deutliches Sprechen irgendein Ungeheuerliches, Unbekanntes aufzuwecken.« »Nun, etwas Leben hast du wieder hereingebracht in die dunkle Höhle, Max!« sagte der Schauspieler. »Ist dir nichts begegnet, hast du keine verdächtigen Schatten gesehen – keine Töne gehört?« Ich erzählte von dem Schreck, den mir in der ersten Nacht der Rabe Jakob eingejagt hatte. »Ich würde ihm den Hals umdrehen!« brummte der Doktor. Jetzt fing die Geisterwelt wirklich einmal an, in unser Sein hineinzuragen; eine Onkel- und Gespenstergeschichte nach der andern stieg aus der Punschbowle auf, bis Gundermann elegisch wurde – und uns das Gemälde seines häuslichen Glückes entrollte. »Sechs Kinder, wie die Orgelpfeifen, und – eine Luise – meine Luise– ah!« – Mietze stemmte beide Ellenbogen auf den Tisch, legte den Kopf zwischen beide Hände, starrte in die Flamme des Lichts – »O Sidonie!« »O Luise!« schluchzte der Doktor. Ich seufzte nur. Zwei Uhr schlug es auf der Kirche des heiligen Martins zu Finkenrode; wir waren alle drei auf dem Punkt angekommen, wo man von Zeit zu Zelt schwindelnd in ein unendliches Nichts zu versinken vermeint, ein wüstes Chaos mit einzelnen, lichten Intervallen, in welchen man sich bedeutend wundert über seine Umgebung und über sich selbst. Zwei Uhr! Mietze sprang auf – er stand auf seinem Stuhl, schwankend, mit den Armen in der Luft fechtend. »Mein Liebchen ist schön – ich bin ein armer Possenreißer und spiele den Mortimer, und den Max Piccolomini, und den Orsino in – Was ihr wollt! Mein Liebchen ist schön – sie hat ein stolzes Haus – ein Grenadier hält Wacht davor –schultert – präsentiert – wenn er heraustritt – er – ihr – Vater, der Held – der dicke Generalleutnant – nein – still, halt einmal! – Hauptmann ist ihr Papa – pensioniert – und wohnt am Markt zu Finkenrode – vivat das Nest! ... Mein Liebchen ist schön, sie wohnt in einem stolzen Hans mit glänzenden Spiegelscheiben, und heißt – zum Henker, wer ist so frech und will ihren Namen wissen? – heißt Sidonie Fasterling – ach – und sie wohnt auch – chambre garnie in – meinem Herzen! ... Das ist ein stilles Stübchen – gescheuert seit langen – langen Jahren zum erstenmal. Drin ruht sie auf dem Sofa – meiner Treue – und beschaut – sich in dem Spiegel meiner Liebe!... Mein Liebchen ist schön – sie hat auch Geld – und sie ist klug, und weiß es auch – und das ist mein Elend! Sie klatscht in die Hände vor Schadenfreude, und lacht – und trampelt mit den Füßchen vor Spott, und – mein armes – nervenschwaches Herz dröhnt – und droht zu zerspringen! – Sie rümpft das Naschen und – lacht – so hell – so silbern – wie ein Glöcklein – – was? hat der Regisseur geklingelt? – – und lacht, und – der Kalk fällt von den Wänden meines Herzens – – – uh!« Wie der Schauspieler von seinem Stuhl herunter gekommen ist, weiß ich nicht: herunter war er, und – fertig war er auch! Gundermann rief mit wackliger Stimme Bravo! – Der Unsinn ergriff und schüttelte mich wie im Fieber, auch ich fing an, in Zungen zu reden – der Himmel möge es mir verzeihen! – – – »Ich trank mit den Genossen meiner Jugend! Wild waren unsere Gesänge, und die Becher schäumten über: Krieg den Göttern und der Liebe! – Die heiligen Gefäße und Opferschalen aus dem Tempel der Menschheit zertrümmerten wir an den Wänden, und Weitenweber sagte gähnend: Recht so, mein Sohn, du machst deinem Erzieher Ehre! – Mit der Glut der Leidenschaft des Augenblicks füllte ich den Becher meines tollen Herzens! – Fluch der Liebe! – Fluch der Liebe! Der Liebe Fluch! tobten die Genossen, und Weitenweber lachte, aber die Nacht verschlang den Schall der Lästerung. Stille ward's! wir hörten unsere Pulse klopfen, und Mitternacht verkündete die Domuhr. Die Lichter brannten rötlich trübe – schwer und beängstigend senkte sich der Zigarrendampf herab auf uns – und die Gesichter der Freunde wurden bleich; nur Weitenweber sah gelb aus wie gewöhnlich. – – – Fluch der Liebe! rief ich noch einmal im Wahnsinn; aber meine Stimme war wie die des lebendig Begrabenen! – – – Sieh – sieh – und sieh! an der Wand erschien es! – Eine Hand, eine kleine, weiße Hand – zog mit zartem, rosigen Finger wundersame Zeichen – Weh, mein armes, armes Herz! Weh, mein armes, armes Herz! Was half's, daß die Magier kamen? Aus Halle Tholuck und Leo und Müller; Stahl und Krummacher und Hengstenberg aus Berlin! Sie verstanden die kleine, weiße Hand ja doch nicht – sie vermochten ja doch nicht zu lösen die süß-schaurigen Züge! Was half mir die Lehre von der Sünde? Was half mir die evangelische Kirchenzeitung und die Zeitschrift für die unierte Kirche? Cäcilie! O Cäcilie, Cäcilie!« Alexander Mietze erhob sich gleich einem Geiste und blickte mir, mit offenem Munde, so fest als möglich ins Gesicht. »Wa – wa – was? Bösenberg?! ... Du liebst – die Cäcilie? Du machst keine Ansprüche auf Sidonie?!« »Nein – nein – nein! Du sollst sie haben, Freund meiner Jugend!« rief ich, und alles drehte sich um mich her. »Komm an meinen Busen!« schluchzte der Schauspieler – »ewige Freundschaft und Brüderschaft« – Wir fielen uns über der Punschbowle, den Gläsern und Flaschen, in die Arme. »Alle – Ml – nute – ein – Wein – glas voll!« wimmerte Gundermann, der seit einer Viertelstunde den Kopf auf den Tisch gelegt hatte. Jetzt richtete er sich wieder auf und sah unserer Umarmung mit etwas gläsernen Augen zu – mühsam erhob er sich und schlang ebenfalls seine biedern Arme um uns. Wie ich nach Haus gekommen bin, weiß ich nicht; nur habe ich eine, ziemlich undeutliche Erinnerung, daß ich quer über den Marktplatz von Finkenrode wankte, begleitet vom Caliban, zwei Calibans, hundert Calibans, die alle vor mir und neben mir her Rad schlugen und Hunderte von Laternen mit sich führten. 11 Als ich aus einem ziemlich unerquicklichen Schlaf gegen Mittag des nächsten Tages erwachte, saß der Schauspieler und Spiritusfabrikant Alexander Mietze, etwas bleich und übernächtig, neben meinem Lager. Alle meine Sünden traten mir bei seinem Anblick in die Erinnerung zurück. – »Meine Schuld war es nicht, Max!« sagte der Schauspieler. »Meine Schuld war es auch nicht, Alexander! Der Punsch war jedenfalls zu stark.« »Ja, er war zu stark!« sagte der Schauspieler mit einem tiefen Seufzer. »Ich glaube, wir haben in vergangener Nacht tolles Zeug geschwatzt?!« »Ich glaube es auch, Max!« »Ah – ob wohl der Doktor noch etwas davon im Gedächtnis behalten hat, Alexander? Es wäre wahrhaftig teuflisch von ihm!« Der Schauspieler lächelte schwach. »Ich hoffe, er hat seiner Frau sehr unklare Vorstellungen heimgebracht. Er war gottlob wacker über Bord!« »Der liebe Sundermann!« »Max, ich glaube, wir haben uns gestern abend mancherlei gesagt, was – was« – »Was wir uns bei klareren Sinnen nicht gesagt hätten; – du magst recht haben!« Ich zog die Bettdecke so hoch als möglich über die Ohren, um meinen Mißmut, meinen Ärger, meine Reue den Augen des Schauspielers zu entziehen. Dieser schritt im Zimmer auf und ab, wie es schien, ebenfalls sehr mit sich selbst beschäftigt. Endlich streckte ich den Kopf wieder hervor: Was haben wir – für Wetter, Mietze?« »Grau! Grau! Grau! Was für ein schöner Nagel dort an der Tür, um sich daran aufzuhängen!« Ein zischender Ton ließ sich jetzt vernehmen, und Jakob der Rabe schritt aus dem Zimmer durch die halbgeöffnete Tür in die Kammer. Langsam und gravitätisch schritt er einher mit heiserem Gekrächz, von Zeit zu Zeit die gestutzten Flügel schüttelnd, als freue er sich ungemein, uns so – wohl zu sehen. »Greuliche Bestie!« sagte der Schauspieler, vorsichtig vor dem Tiere zurückweichend. »Fort, Phantom! Was verfolgst du mich?« »Gedenke zu lieben! Gedenke zu lieben!« sagte der Rabe lateinisch, sprang auf den Bettrand und bohrte den Schnabel in die Kissen. »Geh ab, Jakob! Geh zur Renate und bestelle mir eine Tasse schwarzen Kaffees, und für den Herrn dort ebenfalls eine.« »Ich danke dir, Bösenberg! Ich muß wieder in die frische Luft. Also Cäcilie« – Blitzschnell saß ich aufrecht im Bett: »Mach, daß du zum Teufel kommst, Verräter! Fliege ihm ins Gesicht, Jakob!« »Sei gegrüßt, Agathe!« krächzte der Rabe auf griechisch. »Vortrefflicher Punsch!« lachte dumpf der Schauspieler. »Ich meinte, das Ideal suchtest du in Finkenrode nicht?! He, Bösenberg?« Er war aus der Tür, ehe der Nebel, der sich vor meine Augen gelegt hatte, verflogen war. »Ich wollte, ich säße im Bureau des Kamäleons!« seufzte ich. »Ich wollte – der Oheim Albrecht träte wieder in jene Tür dort und machte mir die Mitteilung, sie hätten ihn in der ewigen Seligkeit nicht gewollt, ich möge mich also gefälligst aus seinem Hause packen! Ich wollte – – – o Weitenweber! Weitenweber!« Schwer sank mein Haupt wieder herab. – – – – Horch, ein Wiegenlied aus dem Schatten blühender Obstbäume! Blütenschnee rieselt herab auf eine Wiege und auf ein darin schlummerndes Kind; – Bienen und Käfer und Schmetterlinge summen und flattern im Sonnenschein – fleißig, glücklich, müßig-selig! Wie sanft und süß die Stimme der singenden Mutter ist! Leise schaukelt ihr Fuß die Wiege, und ihr Herz schaukelt sich mit im stillen Glück. Am Himmel und auf Erden ist kein störender, schwarzer Punkt, und alles gehört zueinander! Das offene Händchen des Kindes und die frühe Rosenknospe auf der weißen Decke! Die kleine, hübsche, bunte Spinne, welche an ihrem Faden in der ruhigen Luft schwebt, und das Knarren der Gartentür, die eben durch einen Mann geöffnet wird, welcher langsam, ein blaues Aktenheft unter dem Arm, über den reinlichen Weg an den Beeten hinschreitet! Das Wiegenlied der Mutter bricht ab – lächelnd streckt sie dem Manne die rechte Hand entgegen und legt den Zeigefinger der linken an den Mund, daß er die kleine Schläferin nicht wecke. Welch einen vorsichtig-bewundernden Blick der Vater auf den schlummernden Liebling wirft! Er küßt die Frau, die ihn neben sich auf die grüne Bank zieht und ihm zärtlich die Schweißtropfen von der erhitzten Stirn trocknet. Wigen wâgen Gugen gâgen – Minne, minne, trute minne, Swik, ich wil dich wagen – O, Cäcilie Willbrand! – – – Der große Kasianienbaum in dem kleinen Garten vor dem Burgtor zu Finkenrode ist mit seinen Blüten geschmückt, wie ein Christbaum mit seinen Weihnachtskerzen. Alles Leben, welches den harten Winter hindurch in den braunen Knospenhülsen der Bäume und Gesträuche geschlummert hat, lugt keck und lustig hervor. Winzige geflügelte Wesen huschen durch die Luft und über den Boden hin; die Frösche hüpfen aus ihren Winterschlupfwinkeln, sonnen sich auf den Wegen und plumpsen bei jedem sich nahenden Schritt zurück in ihre Verstecke. Die Haselnußsträuche haben ihren gelben Blütenstaub liebend den roten Zäpfchen zugesandt – befruchtende Liebesgrüße! Drei Kinder kauern unter der großen Kastanie und haben die Köpfe so dicht als möglich zusammengesteckt. Ein schlafender Maikäfer liegt auf dem Rücken bewegungslos in der Hand des Knaben – belauscht von den sechs glänzenden Kinderaugen. »Er rührt sich!« sagt Käthchen Manegold. »Nun hauche ihn noch einmal an, Max!« ruft Cäcilie Willbrand. »Jetzt regt er sich! Sieh, er bewegt ein Bein!« »Er streckt die Fühlhörner aus – das ist der Anfang – Gebt acht, nun macht er sich auf!« jubelt der Knabe und erwärmt noch einmal das schlummernde Tierchen durch seinen warmen Atem. Cäcilie klatscht in die Hände: »Er ist aufgewacht! Er ist aufgewacht! Sieh, sieh!« Mit allen Beinen zappelnd sucht das Tier auf die Füße zu gelangen; es gelingt ihm nach vielen vergeblichen Mühen. »Laß ihn nicht fortfliegen – halt ihn! halt ihn!« rufen die beiden kleinen Mädchen, und der Knabe deckt schnell die andere Hand auf den Käfer, aber vergeblich! zwischen den kleinen Fingern durch drängt sich das Tier. »Da ist er!« jubelt Käthchen. »O seht, was für große schwarze Augen er hat! Jetzt laß ihn, Max! Bitte, bitte!« »Er zählt! Er zählt!« ruft Cäcilie – »Eins, zwei, drei – »Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg.« »Jetzt geht«!« ruft Max Bösenberg. »Nein, noch nicht; aber gleich – seht, wie er mit dem Kopfe nickt.« »Wenn ihn nur kein Sperling fängt! Da – – surr!« Der Käfer entfaltet die Flügel und summt im Bogen hinauf in die Frühlingsluft, den grünenden Zweigen des Kastanienbaumes zu. Ein Angstruf entringt sich allen drei Kindern – der Knabe greift nach einem Stein – ein hungriger Spatz schießt, ehe das Tierlein die schützenden Zweige erreicht hat, unter dem Baume durch und erfaßt dicht über den Lockenköpfen der Kleinen den unseligen Maikäfer und trägt ihn blitzschnell mit sich fort. »Bösewicht!« ruft der Knabe und wirft seinen Stein dem Räuber und Mörder nach. »Kirschendieb! Galgendieb! Ach, der arme Maikäfer!« »Ach, der arme Maikäfer!« klagt bis kleine Cäcilie, und traurig singt Käthchen Manegold: »Deine Mutter ist im Pommerland, Das Pommerland ist abgebrannt.« »Ach, dem ist's nun einerlei, ob die ganze Welt abgebrannt ist. Wenn wir ihn nicht losgelassen hätten, könnte er jetzt ganz ruhig in meiner hübschen bunten Schachtel sitzen!« Wie der Hurlebach an der Weißdornhecke des Gartens vorbeimurmelt, der Hurlebach, der aus dem großen Walde kommt und soviel Märchen erzählen könnte, wenn er wollte. Eine kleine grüne Tür führt durch die Hecke, hinab an das plätschernde, seichte, klare Wässerlein, welches solche unerschöpflichen Schätze an glatten Kieseln und bunten Steinen aller Art auf seinem Grunde birgt. Schon haben die Kinder den Tod des armen Maikäfers vergessen – an dem Rande des Baches knieen sie, tauchen die kleinen Hände in die kühlen Fluten und ziehen ihre Geheimnisse hervor. Kindern ist alles Symbol, und alles – Blumen, Kiesel, Blätter, Grashalme, Insekten – wird ihnen zu Abbildern des Lebens, und im Spiel mit Blumen, Kieseln und Grashalmen zupfen sie an dem Schleier der Zukunft. »Ich möchte wohl ein Vogel sein!« sagt plötzlich der Knabe. »Und ich möchte wohl die Sonne sein!« ruft jubelnd Käthchen Manegold. Was wolltest du am liebsten sein, Cäcilie?« Die beiden dunkeln Augen verlieren sich sinnend in dem blauen Himmel. »Ich möchte nichts lieber sein – ich möchte sein, was ich bin.« »Nein, nein, nein!« ruft der Knabe. »Das gilt nicht; – nun verdirbt sie schon wieder das Spiel! Du mußt sagen, was du sein möchtest.« »Sage es, Cäcilie!« Die Kleine verbirgt ihr Gesicht in der Schürze; aber das wilde Käthchen reißt ihr dieselbe lachend weg: »Was möchtest du sein, was möchtest du sein, wenn du nicht Cäcilie Willbrand wärest?« »Nun denn, wenn ihr es durchaus wissen wollt: ich möchte der Hurlebach sein.« »O!« jubelt Käthchen. »Der möchte ich auch wohl sein, wenn ich kein Vogel sein wollte,« ruft Max. »Nun soll aber auch jeder sagen, weshalb er die Sonne, oder ein Vogel, oder der Hurlebach sein möchte; ich will den Anfang machen,« ruft Käthchen. »Die Sonne möchte ich sein, weil sie so schön und glänzend ist, und weil es immer schönes Wetter ist, wenn sie scheint, und weil ich sie leiden mag, und weil, weil« ... »Ein Vogel möchte ich sein,« fällt der Knabe eifrig ihr ins Wort, »weil der nicht bloß am Boden zu kriechen braucht wie wir Menschen und die andern Tiere; sondern in der Luft umherfliegen kann, von einem Baum zum andern, über die Dächer weg und über die Berge weg, wohin er will. Nun Cäcilie, weshalb möchtest du der Hurlebach sein?« Die Angeredete fängt wieder an, mit ihrem Schürzenband zu spielen. »Ich möchte am liebsten Cäcilie Willbrand sein!« sagt sie furchtsam. »Nein, nein, du hast gesagt, du wolltest der Bach sein – weshalb willst du der Bach sein? Sage?« »Nun denn, weil er aus dem häßlichen, großen Walde glücklich herausgekommen ist, und immer an unserm Garten vorbeispielt, und immer unser Haus sehen kann, und die Mutter und den Vater. Hört nur, wie lustig er plätschert! Er freut sich, daß ihm nun die bösen Kobolde kein Leid mehr antun können.« Und das Kind kauert wieder nieder an dem murmelnden Wässerlein und läßt das klare, freundliche Element über die kleine Hand gleiten, als liebkose es die spielenden Wellen und Weilchen. Die beiden andern Kinder aber lachen und klatschen in die Hände: »O, sie glaubt, es gäbe im Walde Löwen und Bären, sie glaubt an Kobolde und Gespenster! Cäcilie, kleine Cäcilie!« – »Und gibt es etwa keine Kobolde und keine Bären?« fragt die Kleine, die schwarzen Losen altklug schüttelnd. »Die Muhme hat mir von dem grünen und roten und blauen Zwerg erzählt, und in meinem Bilderbuch steht der Bär abgemalt« – »Im Walde geht voll Grimm und Haß Der Bär und orgelt seinen Baß« lacht der Knabe. »Seht ihr! Hört ihr! Ihr sollt nicht lachen,« ruft Cäcilie. Mein gutes Bächlein freut sich doch, daß es aus dem bösen Wald heraus ist. Der Frau Rämer ihr Sohn ist darin totgeschossen, und sie haben ihn vor unserm Haus vorbeigetragen« – »Höre, kleine Cäcilie,« sagt der Knabe wichtig, »der Bach bleibt ja aber nicht immer bei Eurem Garten und Hause, siehst du, er geht ja immer weiter; da unten hinter der Stadt fließt er in das große Wasser, und dann geht er mit den Schiffen und den Holzflößen weiter, immer weiter hinab, bis er in das große Meer kommt; das ist ja noch viel schlimmer als der Wald – die Walfische sind darin, und hunderttausend Menschen sind darin ertrunken.« Das kleine Mädchen hatte aufgehört mit dem Wasser des Hurlebachs zu spielen, mit offenem Munde horcht sie den Worten des Knaben, während sie die Händchen an der Schürze trocknet. »Ich möchte am liebsten Cäcilie Willbrand sein!« wiederholte sie – »o welch ein schöner Schmetterling!« Ein neues Spiel beginnt; und der Hurlebach, aus welchem der Storch die Kinder holt, murmelt und plätschert immer fort, immer fort. – Heiliger Gott, mit was für einem Satze war ich aus den Federn! Noch einmal schwang sich alles, was seit gestern abend in mir und um mich geschehen war, im tollen Wirbel in meinem Kopf herum: der Besuch in dem Häuslein vor dem Burgtor – die Schneenacht – der Punsch – das Erwachen vor zwei Stunden – der Besuch des Schauspielers – das letzte Traumspiel – Wie eine Katze, die man aus einem Dachfenster geworfen hat, gelangte ich schwindelnd, zerschlagen auf festen Boden, auf die Füße, physisch und psychisch. Beim Zeus, zwei Uhr! Das ist ein Vergnügen! Und so etwas konnte mir in Finkenrode passieren! Ist's nicht ein Seelen-Gaudium, in solchen Augenblicken Psychologie an sich selbst zu studieren, in solchen Augenblicken, wo man Sprünge macht, wie ein Frosch unter einer Luftpumpe? – Mühsam gelangte ich in die Kleider, kroch in den Ofenwinkel und hüllte meinen Mißmut in immer dichtere Tabakswolken. Renate schlich um mich herum; mürrisch, murrend wedelte sie den Staub von den Tischen und Sesseln. Die Tausende von Bänden der Bibliothek meines Oheims glotzten wie ebensoviel böse Feinde aus ihren Fächern auf mich herab; nur Agathe Bösenberg lächelte süß milde wie immer und drückte ihr Kindlein an den Busen. Das Bild fing allmählich an, einen immer unbeschreiblicheren Zauber auf mich auszuüben, und in dem Anschauen desselben wurden die Minuten zu Stunden – »Gruß dir, Agathe!« sagte ich wie der Rabe Jakob, welcher die tote Tante und ihr Kind lebend gekannt hatte. »Gruß dir, Agathe!« Es war wieder Abend geworden, als ich müde und matt aufs Geratewohl einen Folianten aus einer der Bücherreihen hervorzog, den Staub abblies und aufs Geratewohl ihn aufschlug. Viel kurioses Zeug wurde auf den vergelbten Blättern erzählt; bis tief in die Dämmerung hinein blätterte ich in dem alten Bande – »Es war aber derselbigen Göttin Venus Bild ein schönes Weib mit klaren lieblichen Augen. Ihr langes, gelbes Haar hing ihr bis an die Knie; auf ihrem Haubt trug sie einen Krantz von Myrthen mit rothen Rosen umbgeflochten und auf ihrem Hertzen eine brennend' Fackel mit hellen Strahlen. In ihrem lachenden Munde hielt sie eine beschlossene Rose und in ihrer rechten Hand die ganze Welt, eingetheilt in Himmel, Erden und Meer. Ihre Töchter aber, die Charites, die hatten einander lieblich in die Arme gefasset und hielten einander mit abgewandtem Gesicht Gaben zu – welches bedeut', daß die Liebe blind ist. Für den gülden Wagen, darauf sie stunden, gingen zween weiße Schwanen und zwo weiße Tauben. –« Um zehn Uhr lag ich wieder im Bett und träumte weiter von der Göttin Venus, und den Töchtern derselben, den Charitinnen, und von Cäcilie Willbrand, der schönen, stillen Jungfrau mit der sanften Stimme, in dem kleinen grünen Häuschen vor dem Burgtore von Finkenrode. 12 Der Hauptmann Fasterling trommelte leise, aber grimmig an der Fensterscheibe; im Nebenzimmer war der Schauspieler Alexander Mietze mit der Skizzierung der Kostümbilder für die »lebendigen Bilder«, von denen oben schon einmal die Rede gewesen ist, beschäftigt. Fräulein Sidonie schaute über die Schulter des Mimen den geschickten Bleistiftzügen desselben zu, und nach einem letzten Blick auf das eifrig beschäftigte Paar schritt ich auf den Zehen zu dem Hauptmann hin und legte ihm leise die Hand auf die Schulter. »Nun, teuerster Herr Hauptmann« – Ein unverständliches Geknurr unterbrach mich. »O, das ist herrlich!« rief Sidonie. »Das ist vortrefflich, lassen Sie mich noch einmal sehen, Herr Mietze!« »Teufel! Teufel!« brummte der Hauptmann. »Das ist ein Herz und eine Seele – Himmel und Hölle, bringe sie auseinander, Max!« Ich legte den Finger auf den Mund, schritt zu der Tür des Nebenzimmers und zog sie leise zu. Dann legte ich mein Gesicht ln die feierlichsten Falten, trat dicht vor den alten Krieger hin und sprach: »Geben Sie sie mir , Herr Hauptmann Fasterling!« Der Alte machte einen Satz mitten in das Zimmer hinein. »Was? Meine Tochter einem Zeitungsschreiber? Einem von der Linken? Einem Wühler?« Ich zuckte die Achseln und ließ einen kläglichen Ausdruck über meine Physiognomie hingleiten. »Blücher und Bomben! Hab' ich da etwa den Iltis gerufen, um den Fuchs zu verjagen? Einem Schlechte-Witzemacher mein Kind – einem Journalisten« – »Bürger und Hausbesitzer zu Finkenrode – es wäre noch gar so übel nicht, Papa Fasterling! Aber trösten Sie sich; sie – will mich gar nicht« ... »Das wollt' ich ihr auch geraten haben.« Ich stieß einen herzzerbrechenden Seufzer aus, und der Alte musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen. »Na, mein Junge« – »Lassen Sie, Hauptmann! Ein Literat ist gleich einer Katze; man mag sie noch so hoch herabwerfen, sie kommt immer wieder auf die Füße,« sagte ich, und verweise auf S. 108. »Das ist recht! Das ist brav! Siehst du, mein Junge, ich kann unmöglich mein Apfelpfropfreis auf solch einen sauern Holzbirnenbaum pfropfen – bitt' um Entschuldigung! – weißt du was, wir wollen ein Glas Wein zusammen trinken!« »Teuerster alter Freund,« sagte ich mit einem Blick nach der Seitentür, – »lassen Sie das. Ich habe durchaus keinen Ärger hinabzuspülen. Wir wollen's für eine andere Gelegenheit aufsparen: wer weiß, was die Zukunft bringt!« »Das sagte der Rittmeister Fielitz auch, als er auf einer Schleichpatrouille in Frankreich, in der Dunkelheit sich eine halbe Stunde lang mit einem Zug russischer Husaren herumgeschlagen hatte, welche er für Franzosen hielt. Na, Max, es war nur Euer Spaß eben, nicht wahr?« »Ja, es war nur mein Spaß!« sagte ich und horchte auf. Eine andere Stimme erklang noch im Nebenzimmer. »Das ist ja Cäcilie Willbrand!« rief der Hauptmann. »Max, das ist ein Mädel! Ach, wenn doch die Sidonie so wäre!« Ein rosiger Nebel lag vor meinen Augen, als wir wieder in das andere Zimmer traten – Cäcilie Willbrand! – – – »O Papa, Papa!« sprang uns Sidonie entgegen. »Sie haben es wieder fertiggebracht! Sie sitzen wieder!« »Wer sitzt? Ihr Diener, Cäcilie! Wer hat es wieder fertiggebracht?« »Die Nadras, Papa! Meine großen Kinder! Cäcilie bringt uns eben die Nachricht« – »Das Teufelszeug!« rief der Hauptmann, – »das Gesindel! Was mag es nun wieder angefangen haben, Cäcilie? Haben sie gestohlen, haben sie sich oder anderen die Köpfe blutig geschlagen? – ich habe wahrhaftig keine Lust mehr, mich mit ihnen abzugeben« – »Aber ich!« jubelte Sidonie. »Ich! Sidonie Fasterling!« »Und ich!« sagte der Schauspieler leise. »Ich auch!« sagte Cäcilie. »Sie behandeln den alten Wallinger sehr gut« – »Ich auch!« fiel ich so eifrig als möglich ein. »Schauen Sie nicht so grimmig drein, Herr Hauptmann; wahrhaftig, ich fühle mich ganz kollegialisch zu den Vagabunden hingezogen.« »Als wir in Frankreich waren« – »Gott, ach Gott, Papa, du bist unerträglich mit deinem ewigen – Als wir in Frankreich waren! ... Cäcilie, erzähle, was unsere Schützlinge getan haben.« Cäcilie zuckte die Achseln. »Es ist mir völlig unbekannt; Wallinger konnte durchaus keine Nachricht darüber geben, er mengte wie gewöhnlich allerlei Wundersames, Vergangenes und Gegenwärtiges durcheinander. Er ist sich ja nur klar, wenn er seine Geige handhabt, oder vor einem Fortepiano sitzt.« »Soll ich meinen Caliban auf Kundschaft ausschicken?« fragte der Schauspieler. »Der Bursch wird wohl noch nichts von dem Mißgeschick seiner Familie vernommen haben.« »Wie wär's, wenn ich selbst den Meister Martin aufsuchte?« fragte ich. »Ja, ja! Das tun Sie, Herr Vetter! bitte, bitte!« rief Sidonie. Cäcilie lächelte ihre Zustimmung, ich nahm den Hut und ging. – Das Gefängnis der Stadt Finkenrode befindet sich in dem schon einmal von mir erwähnten Burgtor. Vagabunden, unglückselige, beim Betteln ertappte Handwerksburschen, heimatlose Weiber mit ihren Kindern, Forstfrevler und Gartendiebe müssen oft genug in seinen dunkeln, feuchten, kalten Räumen unbehagliche Stunden und Tage hinbringen. Der Kerker selbst befindet sich rechts von dem Torwege, und durch ein kleines Guckfenster mit eisernem Gitter fällt ein schwaches Licht hinein. Drei ausgetretene Stufen führen zu der niedern im Spitzbogenstil gebauten Tür dieses Gefängnisses, in welcher ein kleines Loch, das durch eine Klappe verschlossen werden kann, sich befindet und dem Gefangenen gestattet, ein wenig frische Luft in seinen dumpfigen Aufenthaltsort zu lassen. Es haften viele meiner frühesten Erinnerungen an diesem alten Gebäude; manches unheimliche Gefühl erregte es mir in meiner Kindheit; und mit geheimem Schauder und Gedanken an Henkersknechte, Marterinstrumente und allerlei böse Gespenster begleitete ich mit den Genossen den dicken Polizeimann der Stadt, Herrn Grippelmann, wenn er ein unglückliches Opfer in diese finstere Höhle schleppte. Mancherlei Schauergeschichten erzählte man von dem Burgtor und seinem Kerker: ein Handwerksbursche sollte darin von den Ratten gefressen worden sein, und beim Abbruch eines Pfeilers fand man natürlich zwischen dem Schutt in einer Höhlung ein Gerippe im Harnisch. Ein alter Vers ging von dem Burgtor in der Stadt Finkenrode; die Wärterinnen sangen ihn den Kindern vor, und die Handwerker regelten nach seinem Takt den Schlag ihrer Hämmer und Äxte. Im Sommer ziehen die Töchter des Gefangenwärters in den Scherben vor den schießschartenartigen Fenstern der Dienstwohnung desselben im Turm mancherlei Gewächse: Goldlack, Kresse und Schnittlauch, und geben dem finstern Gebäu dadurch ein etwas freundlicheres Ansehen; heute deutete mir nur ein leichter Rauch, der aus dem Schornstein aufwirbelte in die Nebelluft, an, daß der menschenfeindliche Ort doch seine Bewohner habe. Ein Kinderhaufen bildete im zertretenen Schnee einen dichten Kreis um die Gefängnistür, als ich mich ihr näherte. Ein kleines Männlein stand auf den Stufen und steckte den Kopf in die eben von mir beschriebene Klappe. Ich erkannte den Musikanten Wallinger in ihm, schritt durch die Kinderschar hindurch und legte ihm leise die Hand auf die Schulter. Schnell drehte sich der arme Künstler um; er machte mir eine tiefe Verbeugung, die Schar der kleinen Buben und Mädchen jubelte ironisch, und ein Schneeball flog gegen die Tür. Vor einer Handbewegung meinerseits zerstob jedoch der Schwarm der Finkenrodener Jugend; zwei funkelnde, schwarze Augen in einem gelblichen hagern Gesicht leuchteten mir aus dem Dunkel des Gefängnisses entgegen. »Lassen Sie ihn am Leben – es ist so hart, den Kopf zu verlieren!« sagte der kleine Wallinger mit gefalteten Händen. »Vielleicht weiß er auch etwas von der Prinzessin!« Eine zum Nehmen gekrümmte Hand kroch langsam aus der Klappe hervor. »Seid Ihr der Zigeuner Martin Nadra?« »Zu Diensten, gnädiger Herr! Den ganzen Tag Martin Nadra – zu Diensten der ganzen Welt! Haben Sie nicht etwas kleines Geld bei sich, allergnädigster Herr?« »Deshalb komme ich nicht. Fräulein Sidonie Fasterling, welcher ihr soviel Mühe und Not macht, Martin, will wissen, weshalb ihr hier wieder im Loch steckt?« Martin, der Zigeuner, stieß einen gewaltigen Seufzer aus und kratzte sich hinter den Ohren, wurde aber in demselben Augenblick zurückgezogen, und ein anderes Gesicht erschien in der Türklappe. »Das ist die Frau Lena!« sagte mit dem Lächeln der Irren der alte Musikant. »Das schönste Fräulein schickt den gnädigen Herrn?« rief das Zigeunerweib mit kreischender Stimme. »Tausend Segen Gottes über sie – wir haben nichts Unrechtes getan – wir haben Böses mit Bösem vergolten – da haben sie uns in den Turm geworfen« – »Habt ihr noch jemanden von eurer Familie bei euch, Leute? Wo stecken die Mädel und die Buben?« Das braune Weib machte eine ungemein bezeichnende Handbewegung über den Mund weg und grinste dabei sehr bedeutsam. »Ich bin ein Freund! In frühern Zeiten haben wir uns recht gut gekannt – Max Bösenberg! Erinnert Ihr Euch?« »Ah!« rief das Weib. »Die heilige Jungfrau sei gesegnet – das ist der kleine Max aus dem großen Haus, der einmal mit uns fortlief auf den Jahrmarkt« – »Richtig! Richtig! Ein andermal mehr davon! Jetzt sprecht, wo sind die Kinder?« »Wir stecken allein darin, allerschönster junger Herr,« rief Martin aus dem Hintergrunde. »Die Großmutter sitzt zu Haus bei den Kleinsten, der Anton ist bei dem gnädigen Herrn Mietze, und die andern« – »Nun, die andern?« »Wir wissen es nicht, schönster Herr Max! Sie sind noch nicht nach Haus gekommen, sagt Herr Wallinger! Dieser Herr da!« Der alte Wallinger stand und hielt den linken Arm vor sich, als läge eine Violine darin; mit dem rechten Arm und der rechten Hand machte er die Bewegung des Geigens: vollständig hatte er das ihn Umgebende vergessen. Die Kinder sammelten sich bereits wieder in einiger Entfernung, und auch die erwachsenen Finkenrodener wurden aufmerksam. Ich suchte meine Unterredung mit den Landstreichern zu Ende zu bringen. »Es ist wieder über den Rollo hergekommen!« sagte der Zigeuner, streckte seine linke, braune Pfote aus und schlug klatschend mit der rechten drein. »Das war vor einem Jahr in Volkmannsdorf – er sollte dem Schulzen ein Huhn gestohlen haben; aber ich glaube es nicht! – als er zurückkam, war sein schöner Schwanz ab. Das arme Vieh! Es sah gar nicht mehr aus wie ein Mensch, und kein Bauer wollte nachher mehr glauben, daß der kluge Hund mit allen großen Potentaten Karte gespielt habe. Na, dem Schulzen haben wir's gezeigt! Die Buben und Mädeln mußten ihm in der Nacht die Fenster einwerfen« – »Und ich ließ ihm des Nachbars Schweine in den Garten!« rief die Frau Lena. »Da kamen wir zum erstenmal von wegen des Rollo in den Turm, – und – – und jetzt ist der tot, und – und die Frau Oberpastorin ist schuld daran, und der Knecht auf dem Pfarrhofe. Wir haben geheult um den Hund, als wär's unser eigen Kind, und der Pfarrknecht hat sich aus seinem armen Fell eine Mütze gemacht! – Es ist ihm aber schlecht bekommen, und der gnädigen Frau Pastorin hab' ich's auch vergolten, und nun sitzen wir hier wieder, weil wir uns unser Recht genommen haben – wir hätten's sonst ja nicht gekriegt!« »So ist die Geschichte!« sagte ich. »Und die Kinder« – »Verraten Sie nicht, daß die Kinder dabei gewesen sind, allergnädigster Herr«, flüsterte das gelbe Weib ängstlich. »Es ist so ungesund, so kalt in dem Loch – bitte, bitte, lassen Sie sie zu Hause – wir Alten sind es auch nur allein gewesen!« »Ich werde Fräulein Sidonie und Fräulein Willbrand die Lage der Dinge verkünden, ihr tollen Menschenkinder. Gehabt euch wohl so lange; vielleicht können wir etwas für euch tun.« »Segen Gottes und aller Heiligen auf den Herrn!« schrie Martin. »Wir gehen für die Herrschaft durch Wasser und Feuer und wollen alle zerbrochenen Töpfe in des Herrn Hause für umsonst kitten und binden! Der hübsche Hund Waddel ist auch ein Söhnlein des armen Rollo – da ist die weiße Spitzhündin auf dem Pfarrhofe« – Ich winkte lachend mit der Hand. » Hinc illae lacrimae !« sagte ich, als ich die Stufen der Gefängnistreppe herabsprang. »Wollen Sie mich nicht begleiten, Herr Wallinger?« Der Angeredete schüttelte ängstlich den Kopf. Ich wiederholte meine Frage; aber er antwortete nicht. Ich ließ ihn an der Tür des Gefängnisses von Finkenrode. – Wer sagt, daß Finkenrode, das vergessene Städtlein, nicht seine Geheimnisse habe? Der Wald hat seine klugen Zwerge und Alraunen, das Wasser hat seine Nixen und Undinen, von Salamandern und Feuergeistern lebt die Flamme: auch die Menschenwelt hat ähnliche Erscheinungen, und ich liebe diese Erscheinungen und denke ihrem unberechenbaren Wesen und Treiben nach. – Es ist ein seltsam Studium in einer Zeit, wo die schwarze Kunst zu einem Ammenmärchen geworden ist, in einer Zeit, wo die Zucht- und Besserungshäuser, die Irrenanstalten so höchst vortrefflich eingerichtet sind. »Es hätte schlimmer sein können,« brummte der Hauptmann, als ich das Erfahrene im Auszug mitteilte. Sidonie lachte wie toll, der Schauspieler teilte ihre Heiterkeit. »Der arme Rollo!« sagte Cäcilie, »er konnte so herrliche Kunststücke machen – das ist abscheulich, daß sie ihn tot geschlagen haben!« »Als wir in Frankreich waren – wollen Sie uns schon verlassen, Herr Mietze?« »Leider!« sagte der Schauspieler, und ein Vergnügen war es, das ehrenfeste Gesicht des zukünftigen Schwiegerpapas zu beobachten. »Wir sind Ihnen so tief verpflichtet für Ihre vielen Mühen um unsere Aufführung, Herr Mietze,« sagte Sidonie. »Es wird aber auch prächtig werden! Alle jungen Damen der Stadt sollen eine Dankadresse an Sie aufsetzen« – »O, ich bitte!« rief Mietze und hätte dem holden Bäschen beinahe im feurigsten Theaterpathos die Hand geküßt, wenn nicht in demselben Augenblick das kokette Lächeln von den Lippen der Reizenden verschwunden und sie nicht mit einem feierlichen »Gehorsamste Dienerin!« in einer tiefen Verbeugung zurückgesunken wäre. In Ermangelung eines Besseren hätte nun der Schauspieler und Spiritusfabrikant Alexander Mietze beinahe an – dem Daumen gesogen, gleich einem Kinde, welches nach einem Stück Kuchen gegriffen hat und dem ein Schlag auf die verlangende Hand zuteil geworden ist. Einige neue Verbeugungen, und der Schauspieler lud seinen Sack voll süßer Schmerzen, seliger Hoffnungen, quälender Zweifel auf und ging. Cäcilie schüttelte kaum bemerkbar das Haupt: sie war höchstwahrscheinlich die einzige, welcher der arme Teufel leid tat. Der Hauptmann begann von neuem den Dessauer Marsch zu trommeln: Waddel schnappte, am Ofen liegend, nach der letzten Winterfiiege, welche abzurichten der Hauptmann sich vorgenommen hatte, und Sidonie – Sidonie, die Komödiantin, brach urplötzlich in das hellste Gelächter aus, welches jemals von einer Mädchenkehle angestimmt wurde. Cäcilie blickte verwundert auf, der Hauptmann am Fenster drehte sich schnell um, Waddel, der Sohn Rollos, des künstlichen Hundes, kam aus seinem Winkel hervor. »Was hast du, Sidonie?« »Nun, was gibt's, Sidonie?« »Ich – ich – ich – ich dachte an die Frau Oberpredigerin Wachtel und unsere eingesperrten Taugenichtse!« Das war eine kleine Lüge, und jeder der Gesellschaft wußte es; sagte es aber aus den verschiedenartigsten Gründen nicht, und das Gespräch kam wieder auf die Familie Nadra: Menschen, Hunde, Affen, Esel und Katzen. Es war Dämmerung geworden. Gerhard, der Hausknecht, hatte verkündet: es lasse sich zum Frost an! Die Magd stellte die Teegerätschaften auf den Tisch und die unangezündete Lampe daneben; die Stadt Finkenrode hinter den niedergelassenen Fensterscheiben schwieg bis auf eine Zugharmonika, aus welcher ein musikalisches Talent anmutig die Melodie: Schier dreißig Jahre bist du alt – hervorzog; der Hauptmann mit der langen Pfeife schritt gleich dem Geist eines guten Bürgers der guten alten Zeit seinen gewöhnlichen Weg, quer durch das Gemach, hin und her – Dämmerung! Rolands Horn ertönt hilferufend über Berg und Tal, und Kaiser Karl wendet lauschend sein Streitroß – Peter Schlemihl sucht jammernd seinen verkauften Schatten – Reineke Fuchs lugt blinzelnd aus seiner Feste Malepartus – Faust und Mephistopheles lauschen vor Gretchens Tür – Kriemhildens Klage erschallt an Siegfrieds Leiche – Leibgeber und Siebenkäs, hager und dürr, schreiten lächelnd durch die Gassen von Kuhschnappel – Barbarossa schaut auf aus seinem Traum: fliegen noch immer die Raben um den Kyffhäuser? ... O du schaurig-süße germanische Dämmerung mit deinen Irrlichtern und Sternschnuppen; schütt aus dein buntes Spielzeug deinen deutschen Kindern! – »Ach, was für Not mir das gelbe Volk macht!« rief Sidonie altklug. »Wie Kinder sind sie! Wie Kinder lachen sie, weinen sie, sind sie boshaft, zänkisch, diebisch – artig und unartig. Das sind seltsame Menschen. Hätten sie uns nicht, den Papa, die Cäcilie und mich; es ginge ihnen gewiß sehr übel. Und wir können ihnen nicht böse werden – was sie Ihnen gesagt haben, Herr Vetter Bösenberg, würden sie ganz gewiß tun: die ganze Gesellschaft, – alt und jung, Kinder, Hunde und Affen – ginge durch dass Feuer für uns. Erinnerst du dich noch, Cäcilie, wie sie im vorigen Jahre für uns beide durchs Wasser gingen?« »O, das erzählen Sie mir!« rief ich. »Es ist nicht viel daran; aber du kannst die Geschichte immerhin anhören,« brummte der Oheim. »Die Frauenzimmer denken bei jedem Wassertropfen, welcher ihnen auf die Nase fällt, gleich ans Ersaufen!« »Danke, Heer Hauptmann!« lachte Cäcilie, und Sidonie begann: Wir hatten uns im vorigen Juli, an dem heitersten Morgen, aufgemacht, um das Käthchen im Walde ein wenig eifersüchtig auf ihren rotköpfigen Schatz zu machen. Cäcilie ist eine schlechte Fußgängerin« – »Die erste Lüge!« rief der Hauptmann, in seinem Marsche innehaltend. Cäcilie lachte. »Sie verwechselt die Persönlichkeiten,« sagte sie. »Unterbrecht mich nicht,« fuhr Sidonie fort, »ich erzähle die Geschichte zum zwölften Male und erzähle sie deshalb auch gut. Cäcilie Willbrand ist eine schlechte Fußgängerin und war schuld daran, daß wir das Försterhaus statt zur Mittagszeit erst am Nachmittag erreichten und natürlich keinen Menschen zu Haus fanden. Karo, der Hofhund, begrüßte uns zwar anfangs mit seinem Gebell, legte sich aber, nachdem er uns erkannt hatte, wieder auf die Seite, ohne ferner Notiz von uns zu nehmen; obgleich Waddel, der mit uns ging, sehr höflich und zuvorkommend gegen ihn war.« »Das einsame, verlassene Försterhaus war allerliebst in seiner Stille,« sagte Cäcilie. »Im Garten summten die Bienen in der Bohnenblüte, ein Specht arbeitete an einer hohen Eiche – o wie schön und heimlich war der Wald rings umher! Ich blickte durch das Fenster in Käthchens Stübchen – es war alles wie ein Märchen! – Der kleine Nähtisch, die tickende Uhr an der Wand, der Lehnstuhl hinter dem Ofen, alles war so unbeschreiblich friedlich, heimlich, daß es mir wahrhaftig leid getan hätte, wenn in diesem Augenblick einer der Bewohner des Hauses erschienen wäre und das hübsche Bild gestört hätte.« »Waddel und ich waren anderer Meinung!« lachte Sidonie. »Das Mittagsessen hätte ich zur Not noch entbehren wollen; aber den Kaffee – Cäcilie, gestehe es ein, verdrießlich war es doch, daß die Vögel ausgeflogen waren, und das Nest leer stand?« Cäcilie zuckte lächelnd die Achseln, und Sidonie nahm die Erzählung wieder auf. »Unserm Rufen antwortete niemand, wir waren müde und konnten doch nicht still sitzen; das heißt, Cäcilie wollte es nicht. Vielleicht treffen wir die Ausgeflogenen an der steinernen Frau, ich glaube, da ist man mit Waldarbeiten beschäftigt, – meinte sie, und so zogen wir denn auf gut Glück immer tiefer in das Dickicht hinein, und der arme Waddel humpelte immer verdrießlicher hinter uns her. Den seltsamen Felsen, die steinerne Frau, erreichten wir freilich nach vielem Klettern und Rutschen; aber von dem Käthchen, ihrem Gemahl und den Waldarbeitern war nichts zu sehen und zu hören. Hätte ich mich nicht halsstarrig, fest entschlossen, keinen Schritt weiter zu gehen, neben Waddel auf die Erde geworfen, Cäcilie wäre auch noch auf den alten Steinklumpen geklettert, so aber fühlte sie eine menschliche Rührung, lachte über unser Gebaren und ließ sich ebenfalls auf dem nächsten moosigen Stein nieder. Da sind wir! sagte ich. Was nun weiter? – Hier ist noch ein Kuchen für Waddel und einer für dich – antwortete sie – diese Kirschen wollen wir teilen, Sidonie!«– »Es war ein herrliches Plätzchen,« sagte Cäcilie. »Ein Eichhornpärchen jagte sich um einen Buchenstamm, die Fichten dufteten so köstlich – das Gras war so weich, so frisch, so grün –« »Daß ich den Kopf in deinen Schoß legte und einschlief! Ja, es war reizend!« rief Sidonie. »Wenn ich nur wüßte, was du unter der Zelt angefangen hast, daß du von dem aufsteigenden Gewitter gar nichts merktest!« »Ich habe vielleicht ebenfalls geträumt, wie du,« lächelte Cäcilie. »Wahrhaftig, ich träumte!« lachte Sidonie. »Was träumte mir doch? Richtig, ich saß in der Kirche zu Finkenrode, und rings um mich her saß die Gemeinde, und jeder hatte statt des Gesangbuches einen Blumenstrauß in der Hand, und die Orgel klang, und wir sangen einen langen, langen Gesang. Dann trat der Oberprediger Wachtel auf die Kanzel, wendete den Hals nach allen vier Himmelsgegenden und sagte: Als wir in Frankreich waren« – »Donnerwetter! Dummes Zeug!« rief ärgerlich der Hauptmann Fasterling. »Richtig, Papa, das war es auch! Und das Donnerwetter stand auch am Himmel, als ich mit einem Schreckensschrei auffuhr. Waddel heulte jämmerlich; zwar schimmerte ein kleines Stückchen blauen Himmels durch die Baumzweige über mir, aber es war doch ganz dunkeldämmerig im Walde geworden. Cäcilie! Cäcilie! rief ich, aber das Mädchen hörte nicht; ganz starr saß sie da und starrte unbeweglich in den Wald hinein. Ich sprang auf und schüttelte sie – Cäcilie, Cäcilie! um Gottes willen, ein Gewitter, – so hör doch! – Sie fuhr mit der Hand über die Stirn und sah mich groß an; erst allmählich kam sie wieder zur Besinnung. – Ich glaube, ich habe auch geschlafen, sagte sie. – Mit offenen Augen? fragte ich; aber die Angst vor dem Donner ließ mich bald alles um mich her vergessen.« »Fürchten Sie sich so vor dem Donner, Fräulein Bäschen?« fragte ich. »Schrecklich!« sagte die Cousine, und der Hauptmann und Cäcilie Willbrand bestätigten es durch ihr Kopfnicken, Waddel durch ein kurzes Gebell. »Du dummes Tier, ich begreife heute noch nicht, weshalb du das Maul nicht eher aufmachtest, wenn du merktest, daß ein Gewitter herankam!« redete Sidonie den Köter an. »Ich meine, ihr Vierbeine merkt das so lange vorher? – Ach, du lieber Gott – ach ja, es war mir recht schlecht zumute, das Weinen war mir näher als das Lachen, allen Trostsprüchen Cäciliens zum Trotz, und jetzt kam nun auch noch der Wind und faßte die Baumwipfel und bog die Tannen, und große Regentropfen schlugen nieder.« »Ich mag den Wind auch nicht!« sagte ich. »Ich mag ihn wohl« meinte Cäcilie. »Wenn er mich faßt und mir den Atem so in die Brust zurückdrängt, ist es mir immer, als gehöre ich in solchen Augenblicken der Natur mehr an, als sonst – ich kann es nicht recht ausdrücken; aber ich mag auch gern in einem dichten Nebel oder in einem Schneegestöber gehen, in welchem man keinen Schritt weit sieht und jede Richtung verloren hat. Es ist ein so ängstliches Behagen an den Wirkungen der großen Kraft, die um einen waltet – der Sturm bläst mir immer alle Alltagsgedanken und Alltagssorgen aus der Seele.« Ich lauschte atemlos und schwieg; der Hauptmann rief: »Bravo!« und Sidonie lachte und klatschte in die Hände und rief: »Ja, es ist so, ich kann's bezeugen, sie lehnte sich an die nächste Tanne – obgleich der Blitz am ehesten in die Bäume schlägt – und ließ sich von ihr hin und her schaukeln« – »Es war ein wundervoller Aufruhr im Wald!« sagte Cäcilie. »Ein Klingen, Ächzen, Rauschen und Brausen erfüllte ihn – es ward mir, als läge ich in einer großen Wiege, und die große Mutter Natur schaukelte ihr kleines Kind.« »Ja, ja!« rief Sidonie. »Aber Waddel und ich, wir fühlten uns nicht so sicher aufgehoben. Das arme Tier kroch ängstlich, so dicht als möglich, an mich heran, und winselte stehend an mir empor. Die Regentropfen schlugen mir eisig genug ins heiße Gesicht, und mein Herz pochte gewaltig. Die Augen schloß ich, und vor die Ohren hielt ich die Hände – ich schäme mich gar nicht, es zu sagen, Herr Vetter aus der Residenz; aber ich muß auch der Cäcilie ihr Recht angedeihen lassen. Als das Laubdach und die Tannen keinen Schutz mehr gegen den nun immer stärker herabströmenden Regen gewährten, machte sie eine Felsspalte in der Wand der steinernen Frau ausfindig, eine Art Höhle, ans welcher sich vor langen Jahren einmal ein Felsenstück losgelöst haben mußte: dahin schleppte sie mich, wie ein Kind, und die Vertiefung hatte Raum genug für uns alle drei und auch noch für einen großen Schröter, welchen der Wind von einer Eiche herabgeworfen haben mußte, und der zu unsern Füßen am Boden kroch. Cäcilie faßte ihn vorsichtig und nahm ihn unter Dach und Fach, obgleich er sich undankbar sehr bemühete, sie mit seinen großen Scheren zu packen. Papa, ein solches Gewitter habt Ihr doch nicht erlebt, als ihr in Frankreich waret! – Waddel, denkst du noch daran?« »Ich hätte wohl einen Blick in dieses Schlupfwinkelchen werfen mögen!« sagte ich seufzend. »Ich auch,« sagte der Hauptmann. »Das mag ein Häuflein Unglück gewesen sein!« »Durchaus nicht!« lachte Cäcilie. »Sidonie fing an zu stricken, was sie konnte, und hatte sich wirklich nach zehn Minuten soweit beruhigt, daß ich sie nur mit Mühe und Not abhalten konnte, dem armen Waddel den Hirschkäfer mit den großen Scheren an den Schwanz zu hängen.« »Natürlich!« brummte der Hauptmann. »Menschen und Vieh muß sie quälen.« »Das Gewitter verrollte; aber der Regen ließ nicht nach,« fuhr Cäcilie fort. »Ich wurde selbst für unsern Heimweg besorgt, als plötzlich ein Schatten auf mich fiel, Sidonie erschreckt einen kleinen Schrei ausstieß und Waddel aufsprang und laut bellte. Ein junges Mädchen stand vor unserm Schlupfwinkel, im strömenden Regen, und betrachtete verwundert das seltsame Nest, ein großes Klettenblatt über den Kopf haltend. Das Wasser troff aber dessenungeachtet aus ihrem schwarzen Haar, und die Kleider hingen ihr feucht am Körper herab. Sie sah sehr hübsch, wild und romantisch aus. Es war Marianne, die älteste Tochter des Zigeuners Martin Nadra. Schnell war ich auf den Füßen; ach – ich freute mich doch herzlich, ein menschliches Wesen zu erblicken. ›O die Fräulein, die schönen Fräulein im Wald und im Wetter!‹ kreischte das Kind, und zog die schwarzen Haarflechten durch die Finger, daß das Wasser in Perlen über die Hand lief. ›Gottlob, Marianne, daß du da bist!‹ rief Sidonie, ›der Himmel hat dich geschickt: wo sind die andern?‹ Das Zigeunermädchen zeigte die weißen Zähne und wies in den Wald hinein. ›Dorten –ich will die Mutter rufen – das ist ein Prachtwetter – aber nicht für die schönen Damen! – bin gleich zurück.‹ Sie war verschwunden, wie sie gekommen war, bald aber hörten wir ihren Ruf in der Ferne, darauf andere Stimmen und Hundegebell, welchem Waddel fröhlich antwortete; und einige Augenblicke später waren wir umgeben von der seltsamen Schar unserer Freunde.« »Da hättet ihr das Volk sehen sollen!« rief Sidonie. »Das war ein Treiben, Lärmen, Purzelbaumschlagen um uns her! Die Kinder tanzten und kreischten im Regen, die Mama Nadra aber kauerte vor uns nieder, schluchzte, lachte, streichelte uns die Hände und Kleider, versicherte hoch und teuer, daß das Wetter uns nichts tun würde; die Großmutter habe es schon besprochen und bespreche es noch – und in demselben Augenblick meldete ein neues Jubelgeschrei uns die Annäherung der Alten. Auf ihren Krückstock gestützt, humpelte das alte Weiblein daher, begleitet von dem tollen Musikanten Wallinger, der seine Geige sorgsam unter den Rockschößen gegen den Regen verbarg. Ein wunderliches Paar! Vor ihnen her trippelte die schwarze Henne der Alten; die Männer der Familie schienen abwesend zu sein. Kennen Sie den Wettersegen der Zigeuner von Finkenrode, Herr Vetter?« Ich verneinte es und sprach den Wunsch aus, ihn kennen zu lernen für eintretende Fälle. »Warten Sie!« rief Sidonie und sprang zu ihrem zierlichen Schreibtischchen, in welchem sie eine Zeitlang kramte und suchte. »Willst du die Güte haben, die Lampe anzuzünden, Cäcilie. Ach, ein wenig Ordnung könnte mir doch nicht schaden« – »Durchaus nicht! im Gegenteil!« sagte der Hauptmann; die Lampe flammte auf, das Zimmer trat ins Licht – der Zettel mit dem Wettersegen fand sich, und das Bäschen stellte sich deklamierend mitten in das Gemach: »Jesus Christus, ich bitte dich! Jesus Christus, Sohn Gottes, laß uns nicht vergehen! Buro, Baro, Kirn, Ofel, Jop! – Mausa, Coma, Broit Zorobam – Haltet den Wind! Haltet den Wind! Jungfrau Maria, sei uns gnädig! Sei uns gnädig! Halt den Blitz! Halt den Blitz! Jesus, Maria, Lukas, Markus, Matthäus und Johannes, legt Ketten an dem Donner! Kaspar, Melchior, Balthasar – Schützet uns! Schützet uns! Im Namen des Vaters, laßt keinen Schaden geschehen an Mensch und Vieh, an Leib und Seele, an Korn und Getreide! Mit Gottes Hülfe und Gottes Gnaden und Beistand; und mit Beistand der hohen göttlichen Worte und Namen – Amen! Amen! Amen! Amen!« »Welch ein tolles Gemisch von Heidentum und Christentum! Sie müssen mir eine Abschrift dieses prächtigen Spruches überlassen, Sidonie.« »Bei jedem Amen wird ein Kreuz nach einer der vier Weltgegenden hin geschlagen,« sagte Cäcilie. »O Herr Bösenberg, Sie müssen die Bekanntschaft der Großmutter Janna machen – sie kann Ihnen auch von dem Fall des heiligen römischen Reiches erzählen, kennt Mittel gegen allerlei Krankheiten der Tiere und Menschen und weiß viel Sagen, Geschichten, seltsame Lieder und Sprüche. ›Nun, Mutter Janna,‹ fragte ich sie, ›wird der Spruch gegen den Regen helfen?‹ – ›Mein schwarz Hühnel bleibt im Regen gehen, es hört so bald nicht auf. Wie sollen die schönen Fräulein nach Haus kommen? Der Hurlebach wird wild genug sein; oben in den Bergen sind zwei Wetter zusammengestoßen.‹– Der Hurlebach ist freilich nur ein altklug murmelndes Waldbächlein, aber wenn er böse wird, dann ist gar nicht mit ihm zu spaßen, wir wußten, daß wir für einige Zeit jedenfalls von jedem Weg nach Haus, oder nach dem Försterhause im Himmelreich abgeschnitten waren, wenn uns nicht andere Hülfe, als die Zigeunerweiber und Kinder geschickt wurde. – ›Wo sind denn eure Männer?‹ fragte ich, und die Frau Nadra wies nach Westen. –›Sie graben an der Eisenbahn, der Landrat hat sie hingeschickt. Wir mit den Tieren liegen im Dorf Rulingen und helfen den Bauern im Feld, und die Kinder müssen da in die Schule gehen, sonst nimmt man sie uns weg.‹ – ›'s ist nicht mehr, wie in alter Zeit‹ – sagte die Großmutter kopfschüttelnd: ›O je, die Männer graben, die Weiber sitzen und spinnen, die Kinder lernen die schwarzen Zeichen! Seit das römisch' Reich all geworden ist, ist's aus mit der freien Herrlichkeit des fahrenden Volkes.‹ – ›Sollten wir an der Brauteiche über den Hurlebach gelangen können?‹ fragte ich die Lena. Ich dachte an die Sorgen, welche sich meine Mutter um mich machen würde« – »Der Papa macht sich um mich keine Sorgen – deshalb konnte ich ganz ruhig in dem Felsenwinkelchen, zu den Füßen der steinernen Frau, sitzen bleiben!« lachte Sidonie. »›Es wäre der einzige Weg‹ meinte die Frau Nadra. ›Wollen die Fräulein es versuchen?‹ Wir erklärten uns bereit dazu, ein allgemeines Lustgeschrei der Kinder begleitete unsern Aufbruch. Sidonie hing sich an meinen Arm, und nun schritten wir in den rauschenden, rieselnden Wald hinein.« »Es war ein Vergnügen!« rief Sidonie. Binnen fünf Minuten waren wir vollständig durchnäßt – es war kühl, fast kalt geworden, und der Abend dämmerte auch schon herein. Die Alte hinkte mir zur Seite und schwatzte ununterbrochen auf mich los, das Huhn hüpfte gackernd vor unsern Füßen. Die Frau Lena schalt über die Kinder, Waddel trabte mit hängendem Schwanze dicht hinter mir; Wallinger der Musikant bildete den Nachtrab. – So ging es über Berg und Tal durch das verworrene Gebüsch, über boshafte Wurzeln und heimtückisches Steingeröll der Brauteiche zu, bis wir endlich in der Ferne das Brausen des angeschwollenen Hurlebachs hörten. ›Da ist der Baum!‹ rief die Frau Lena. ›O das ist bös, sehr bös!‹ sagte die Zigeunermutter. Selbst Cäciliens heroische Miene verzog sich ein wenig. Ratlos standen wir an dem toll gewordenen Wasser. Schon lagen alle Kinder auf den Knien am Rande des weit in den Wald hineingetretenen Baches, platschten mit den Händen in die Fluten, oder warfen jubelnd abgerissene Zweige hinein und kreischten laut auf, wenn dieselben pfeilschnell fortgerissen wurden. Wir hielten nun unter der Brauteiche einen Kriegsrat, kamen aber zu keinem Resultate, als der Frage an die alte Janna: ›Großmama, wissen Sie nicht auch einen Wassersegen?‹ – Die Alte schüttelte den Kopf: ›Als das Reich noch stand, da zog einmal einer mit uns, der wußte etwas davon; aber sie haben ihn gehängt in der Pfalz; da ist das Wort verborgen geblieben! Versuch's Lena, ob du durchkommst!‹ – Die Frau Nadra schürzte sich und trat in den Bach hinein. Mit einem Schrei aber griff sie in dem nämlichen Augenblicke nach einem Baumzweige, der glücklicherweise über ihr hing, und mühsam gelangte sie mit Hülfe desselben und mit unserer Hülfe wieder ans Land, und guter Rat war nun so teuer wie vorher. Da schlugen plötzlich die Hunde an; selbst Waddel brachte noch ein klagendes Geheul hervor; – ein Mann kam am jenseitigen Ufer daher, ihm folgte ein zweiter« – »Und diesem ein dritter, der eine leichte Reisetasche an der Seite trug und ganz elegant aussah!« lächelte Cäcilie. Der Hauptmann aber hielt wieder einmal in seinem Marsch inne, stieß die Pfeife auf den Boden und brummte: »Und das war der Hasenfuß, der Komödiant, der Mietze, den sie draußen in der Welt ebensowenig brauchen konnten, wie wir ihn hier in Finkenrode gebrauchen können!« »Ah!« rief ich unwillkürlich, und Sidonie wurde diesmal so rot wie ein Röslein und nahm so schnell als möglich ihre Erzählung wieder auf: »›Der Vater, der Vater!‹ riefen die Kinder um uns her – ›Jesus Maria, und auch der Bruder!‹ rief die Frau Lena. ›Wo kommt ihr her? Wo kommt ihr her?‹ Die Männer gelangten jetzt mit einem lauten Hallo uns gegenüber am Rande des Baches an, und eine eifrige Unterredung hinüber und herüber begann. Der Bruder der Frau Nadra sollte einem Mitarbeiter an der Eisenbahn die Uhr gemaust haben. Man hatte es ihm freilich nicht beweisen können, aber eine fürchterliche Tracht Prügel war die Folge des Verdachtes gewesen, und der Meister Martin hatte ebenfalls sein Teil davon bekommen. Beide Verwandte hatten sich sogleich schleunigst von dem Schauplatz ihrer Taten entfernt und waren so schnell als möglich ihrer Heimat wieder zu vagabundiert. Für uns kamen sie wahrlich zur rechten Zeit; denn eine Viertelstunde später waren wir wohlbehalten über den Hurlebach, und« – »Dem Herrn Alexander Mietze sind wir vielen Dank schuldig!« sagte lächelnd Cäcilie. »Im Triumphzug begleitete uns die ganze wunderliche Gesellschaft nach dem Försterhaus, dessen Bewohner wir diesmal antrafen. Käthchen stieß ein lautes Jammergeschrei aus, als sie uns erblickte – was meinst du, Cäcilie, wir sahen auch gewiß ziemlich liebenswürdig aus? Was mich anbetrifft, ich war kaum noch halb lebendig.« »Konrad Rösener und Herr Mietze erneuerten schnell ihre Bekanntschaft; die Zigeuner, jung und alt, wurden mit allem bewirtet, was das Himmelreich bieten konnte; der alte Wallinger wurde gehätschelt wie ein Kind, und Anton Nadra, den Herr Mietze jetzt Caliban genannt hat, wurde nach der Stadt geschickt, um meiner Mutter und dem Herrn Hauptmann Fasterling unser Wohlbefinden zu verkünden. Wir blieben die Nacht im Försterhause, und es war ein herrlicher Abend, den wir noch feierten, nicht wahr, Sidonie?« »Jawohl, und als ich am andern Tage zu Hause anlangte in Käthchens Kleidern, hatte der Papa sich richtig keine Sorgen um mich gemacht; den Zigeunern aber schenkte er eine Ziege und seinen alten, bunten, türkischen Schlafrock – Goethes Hermann und Dorothea, Herr Vetter aus der Residenz! – ah, oh, ah!– nun erzähl' ich aber diese Geschichte nicht wieder!« »Ich werde sie mir bei Gelegenheit noch einmal von dem Schauspieler Alexander erzählen lassen,« sagte ich mit einem Seitenblick auf das Bäschen. Dieses mimte ein sehr zierliches Gähnen und zuckte die Achseln. – Ich durfte Cäcilie nach Hause geleiten und irrte, nachdem dies geschehen war, noch eine geraume Zeit in den Stillen, weiß vom Schnee und Mondschein zugedeckten Straßen von Finkenrode umher. Eine dunkle Gestalt glitt mehrere Male scheu vor mir über den Weg; – der verrückte Musikant Günther Wallinger suchte noch immer die verwünschte Prinzessin, das Ideal! ... 13 Ich hatte einen Bekannten, einen sehr netten Burschen, welcher einmal von dem Unglück betroffen wurde, in eine langwierige Krankheit zu verfallen. Worauf kommt man nicht während der träge dahinschreitenden Zelt der Genesung?! Mein unseliger Freund verfiel auf den verrückten Gedanken, Müllners Schuld auswendig zu lernen. Mit etwas kahlem Haupt, hohlwangig und der Manie behaftet – aus der Schuld zu deklamieren, erschien er wieder im sozialen Leben. Nach zwei Wochen vermieden ihn seine Bekannten wie die Pest. Es war zum Tollwerden, mit ihm eine Viertelstunde lang zusammen zu sein! Alexander Mietze gerierte sich in der nächsten Zeit vollständig wie jener; er trieb mich fast zur Verzweiflung, wenn er auch nicht die Schuld auswendig wußte. Ach, das ist ein Leiden, daß die Menschen nie den richtigen Zeitpunkt finden können, um sich auf den Kopf zu stellen! »Auf den Kopf muß sich jeder von uns von Zeit zu Zeit stellen, das haftet der Menschheit an« – sagt Weitenweber – »nur machen die Vernünftigen es zu Hause in ihrem Kämmerlein ab«: ich schmeichle mir, zu den wenigen Vernünftigen zu gehören! Ach, wie hätschelte ich meinen Herzensgedanken und ließ ihn in allen möglichen Beleuchtungen strahlen und glänzen. Wie viele Zigarren zerkauete ich darüber! wie viele Zerstreutheiten ließ mich dieser Gedanke begehen. Wenn ich des Morgens erwachte, so war er da; er stieg aus dem Kaffeetopfe und lauerte unter der Serviette, er begleitete mich in das goldene Weinfaß und kam wieder mit mir nach Haus, um im Traum sein Wesen erst recht zu treiben. – O seliges Finkenrode! Was kümmerte es mich, was für eine Dame die Frau Stuhlrichter Kandelsiedt war, und in welchem bösen Ruf die Frau *** stand? Was ging es mich an, was der Herr Gerichtsdirektor Fuchtel in seinen Nebenstunden trieb, oder was den Referendar Schwebelau bewog, sein Verhältnis mit Fräulein Goldwurm abzubrechen? Was kümmert mich die Devise der hochadeligen Familie von Knauer: O Jemine! –? Man kann sich oft tagelang auf vergessene Namen besinnen, welche man eines schönen Morgens, aus einem guten Schlaf erwachend, plötzlich alle wieder im Gedächtnis findet – sich ärgernd über die Mühe, welche man sich um dieselben gegeben hat. Wahrlich, es ist eine böse Welt! Die Liebe ist geborsten, die Versöhnung hat ein Loch, die Barmherzigkeit hat den Henkel verloren, und dem Glauben ist der Boden ausgefallen. – O seliges Finkenrode! Kein Conquisiador, der mit dem Schwert in der Hand an das Gestade des neuentdeckten Amerika sprang, kein irrender Ritter vom großen Amadis bis zu dem, welcher auf dem edlen Gaul Rosinante auszog über die Ebene von Montiel, erlebte mehr Abenteuer, als ich in meinem Vaterstädtchen: wenn ich sie nur erzählen dürfte! There's the rub! Wir befreiten den Zigeuner Martin Nadra und seine Frau aus dem Gefängnisse; wir vergnügten den Hauptmann Fasterling durch die Aufführung der von Mietze arrangierten lebenden Bilder, was die vollständige Exilierung des Schauspielers aus dem Hause des wackern, alten Soldaten zur Folge hatte; der Doktor Gundermann gab ein vortreffliches Mittagsmahl, bei welchem der Schauspieler an die Seite Sidoniens zu sitzen kam, welches zur Folge hatte, daß sich der Hauptmann Fasterling ein wenig den Magen verdarb. Es lief ein dumpfes Gerücht in Finkenrode: ich habe mich mit Fräulein Ida Rettig, der ältesten Tochter meines Notars, verlobt, welches gar keine Folgen hatte. »Lieber Freund!« schrieb Weitenweber. »Aus dem Klagelied Deines letzten Briefes habe ich mit vieler Genugtuung ersehen, daß es Dir in Deinem Neste sehr wohlgeht. Es bleibt dabei: Ich bin ein Charlatan, Du bist ein Charlatan, Charlatans sind wir alle, die wir vom Weibe geboren sind. Weshalb sagst Du es nicht, daß es in der Welt ein Frauenzimmer gibt – Cäcilie Willbrand, wenn ich nicht irre? Feige Seele! Du schreibst mir über den Narren Mietze, welcher mir Mitteilungen über den Narren Bösenberg macht. – Fräulein Sidonie Fasterling gefällt mir sehr wohl. Glaubt Ihr, Ihr wäret zu etwas anderm geschaffen, als an der Nase herumgeführt zu werden? Ich schreibe jetzt ein Buch: die Lampe des Epiktet, und komme mir darin vor wie ein junges unschuldiges Mädchen in einem Beichtstuhl, übrigens ist hier alles beim alten, und der Kinder, reim gilt noch: Alle unsre Enten Schwimmen auf dem See: Kopf in dem Wasser, Schwanz in die Höh! Lebe wohl. Die Kleine aus der Kreuzgasse erkundigt sich öfter nach Dir, als Dir bei Deiner jetzigen Seelenstimmung lieb sein wird. Post Scriptum: Kennst Du das Gefühl der Leere im Magen, welches man auf einer schwindelnden Höhe – auf einem Turm oder steilen Fels hat? ... Melde mir ein wenig mehr von der besagten Cäcilie. Weitenweber .« Als Renate mir dieses Schreiben ins Zimmer brachte, trug sie es vorsichtig auf der flachen Hand, über welche sie einen Zipfel ihrer Schürze gelegt hatte, – sie fürchtete sich, dem Anschein nach, es unmittelbar zu berühren, und sie hatte recht, sich zu fürchten! – In meines Oheims Hause gibt es viele Ratten und Mäuse – liebenswürdige Geschöpfe – und der Stiefelknecht fliegt oft genug mit großer Gewalt gegen die Wand, um das raschelnde, knuspernde, knaspernde Getier momentan zum Schweigen zu bringen. Verfluchtes Mäusevolk! O Cäcilie, Cäcilie! Ich rechnete auf einem Bogen goldgeränderten Briefpapiers ihr Alter aus und bemühte mich, die Zahlen so zierlich als möglich zu machen. An einem vierundzwanzigsten Dezember ist sie geboren – ein köstliches Weihnachtsgeschenk! Und fünfundzwanzig Jahre alt wird sie in einigen Tagen. Ich zeichnete einen Kranz von Rosen und Phantasieblumen um mein Rechenexempel, und Ratten und Mäuse hatten gut Spiel unterdessen. Jakob Böhme und mein Freund Weitenweber würden dies Träumen »sich in sich hineinimaginieren« nennen; ich nannte es gar nicht, sondern überließ mich ihm gleich einem Schwimmer, der, auf dem Rücken liegend, sich sanft den Strom hinuntertreiben läßt und zwischen den überhangenden Bäumen und Blütengebüschen des Uferrandes der Sonne und dem blauen Himmel blinzelnd ins Gesicht schaut. Wie hell, wie reizend silberhell sie schrie! Ein vierjähriger Bube, stand ich auf den Zehen neben ihrer Wiege, den Daumen im Munde – halb die Wiege, halb die Tür im Auge, durch welche der Storch hereingeschritten war, der sie brachte aus der Quelle im Huschental. Mit welcher Mischung von Staunen, Ehrfurcht und Furcht betrachtete ich das kleine Wesen, als meine Mutter den grünen Vorhang der Wiege zurückschlug! Ich heulte einen wahren Baß im Vergleich zu ihrer silberhellen Stimme, als ich bald darauf an der mütterlichen Hand aus dem Zimmer geführt wurde. Ach, Cäcilie Willbrand, wer hat dich in alle jene Künste und Wissenschaften, die das Kinderleben so anmutig machen, eingeweiht? Wer hat dich gelehrt, Cäcilie Willbrand, jegliches väterliche oder mütterliche »Untersteh dich« auf die sicherste und gefahrloseste Weise zu umgehen? Wer hat mehr Prügel und Ohrfeigen für dich, Cäcilie Willbrand, auf sich genommen, mehr Prügel und Ohrfeigen, als alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Schulmeister in ihren Erziehungstheorien einem »zu Hoffnungen berechtigenden« Knaben zu empfangen gestattet haben, gestatten und gestatten werden? Ich, ich und wieder ich, Cäcilie Willbrand! Cäcilie! Trotz der beeisten Fensterscheiben fährt bei Nennung dieses Namens jedesmal der feuchte, warme Hauch des Frühlings über eine ganze Welt gefrorener Liebenswürdigkeiten in meiner Seele – – O Mäuse! Mäuse! Ist es denn nicht möglich, daß ihr Ruhe haltet? Muß ich denn durchaus meine Lampe ausblasen, um mit dem Schauspieler Alexander Mietze über das moderne Drama Klagelieder Jeremiä zu singen, oder Grog zu trinken in der Kneipe zum goldenen Weinfaß, oder – – – ? Ah, wie liebe ich den Lichtschein, der aus dem niedern Fenster des kleinen Häuschens vor dem Burgtor hinausfällt in den dunkeln, kalten Dezemberabend! Über den Marktplatz zu schweifen. Durch die Gassen zu streifen, Licht aus Schatten zu greifen: Das ist Dichterberuf! – 14 Wohl flammt ln dem kleinen Häuschen vor dem Burgtor zu Finkenrode die kleine Lampe, und das Spinnrad summt, und der Teekessel singt sein Hauslied heimlich und lustig. Zähle die bunten Bohnen und Kügelchen, Cäcilie! Spring auf mit einem hellen Jubelruf, Käthchen Manegold, wirf den Stuhl um, nach deiner Gewohnheit, daß die Tante Agnes erschrocken auffährt – gleich wird der Johann und die Justine kommen, um uns nach Haus zu holen. Nein! Nein! Nein! Die Jugend ist vorbei! – Der Traum der Kindheit ist ausgeträumt, die glänzendsten, freundlichsten Lichter am Weihnachtsbaum des Lebens sind ausgeblasen: ich soll erzählen von der großen Stadt, von dem rasselnden, klirrenden, knarrenden, kreischenden Uhrwerk des Lebens, von meinem Sein und Treiben, von den berühmten Leuten, den Künstlern und Künstlerinnen – ich bin erwacht! ... »Erzählen Sie uns ein wenig von Ihrem Freunde, dem Herrn Weitenweber,« sagte Cäcilie; und ich erzählte, Sidonie lachte, und Cäcilie sagte wehmütig: »Der Arme!« als ich geendigt hatte. Ein leises Klopfen am Fenster unterbricht die eingetretene Stille. »Das ist Wallinger,« sagt die Frau Agnes, und Cäcilie geht, dem verrückten Musikanten zu öffnen; das Fortepiano wird geöffnet, und der Alte setzt sich davor, – sein irres Auge wird ruhig, wenn es sich auf die stillen Züge meiner Jugendgespielin heftet – die magern Finger berühren anfangs leise die eine und die andere Taste, dann klingen ganze Akkorde auf, welche rascher und rascher folgen und zuletzt sich verschlingen zu einem ewig wechselnden, jubelnden, klagenden, harmonischen Chaos, in welchem wir Hörer mehr und mehr untergehen, unserer Umgebung, uns selbst entzogen. Ist das noch jener Irrsinnige, den die Spießbürger von Finkenrode in ihrer Kneipe verspotten, welchem die Kinder in den Gassen nachlaufen? Ein rätselhaftes Märchen ist die Geschichte des tollen Musikanten Günther Wallinger, ein rätselhaftes Märchen, dem der Schluß und die Lösung fehlt, und welches ich hier zusammengestellt habe aus Tönen und Worten, daß der Psycholog daran deuten möge, daß der Glückliche das Haupt neige, daß alle die träumenden Herzen, denen dies zu Gesicht kommt, dem Verlorengegangenen einen stillen Augenblick weihen. Und – nicht ganz ein Märchen ist die Geschichte Günther Wallingers! – – – Mondlicht erhellt den Frauenwald. Kein Blatt am Baum und Strauch regt sich, es regt sich kein Grashalm. Die Vögel schlafen in ihren Nestern, der Fuchs und das Reh schlafen: nur der Hurlebach ist wach und lebendig in der warmen Sommernacht und spritzt neckisch silberne Funken nach den Blumen, die schlummertrunken an seinem Rande nicken. Wie wechselt Schatten und Licht auf dem schmalen Wege, welcher sich durch die Waldwildnis zieht! Horch! Was war das?... Ein Horn jubelt in der Ferne aufrufend! Lang verhallend! Die Vögel ziehen horchend die Köpfchen unter den Flügeln hervor, aus seinem Bau lugt horchend der Fuchs, das scheue Reh weicht mit seinem Kalbe weiter zurück in das Dunkel. Noch einmal das Horn!... Näher und lauter. War das nicht eine Menschenstimme? Da wieder! Menschenlachen! Der Schein eines Lichtes blitzt durch die Bäume, über den Steg des Hurlebachs gleiten schattenhafte Gestalten, die Stadtmusikanten von Finkenrode, die auf einer Kirchweih zum Tanz aufgespielt haben und zurückkehren mit grauendem Morgen. Sie schreiten vorüber, eine wunderliche, überwachte Schar; voran der Meister Heinrich Wallinger mit der Geige, und der Träger der Laterne. Der große Brummbaß schwankt auf dem Rücken eines Lehrlings, der Fagottbläser schläft im Gehen, und der Posaunist sucht die Müdigkeit durch den Qualm seiner kurzen Pfeife zu vertreiben. »Wo steckt nun der Günther wieder?« fragt der Meister, und der Prager stößt abermals in das gewundene Horn, welches er über der Schulter trägt, daß es lautrufend hinausschallt in den stillen Wald. »Günther! Günther!« Nichts antwortet, nur ein Nachtvogel flattert über den Häuptern der müden Wanderer, gelockt vom Schein der Laterne. »Laßt den albernen Jungen!« ruft ärgerlich der Vater Wallinger. »Hat sich wieder wie ein Traumwandler verloren, die Nachtmütze. Hält mit der Eule wieder Zwiegespräch! Wollen machen, daß wir nach Haus kommen – es verlangt einen nach dem Bette. Vorwärts, vorwärts, Prager.« Verschwunden sind die nächtlichen Gesellen, noch hört man ihre Stimmen, das Rascheln der Büsche; aber allmählich wird alles wieder still. Noch einmal klingt das Horn rufend in der Ferne auf, dann ist alles stumm wie vorher! Abseits dem Wege, abseits dem Hurlebach liegt mitten im Wald ein kleiner Teich, der Neckenspiegel genannt, umgeben von Busch und Baum und wild durcheinandergeworfenen, übermoosten Felsblöcken. Hier hat einst ein stolzes Schloß gestanden, in welchem ein schön sündig Weib in Macht, Pracht und frevelhafter Lust hausete, bis Gott seine Hand über sie ausstreckte und das wüste Wesen ein schrecklich Ende nahm. Nieder ging der prächtige Bau in die Tiefe, und ein dunkel Wasser sprudelte auf an seiner Stelle und begrub alles unter sich. Noch heute sollen die Fluten des Neckenspiegels allerhand wunderlich Gerät ans Land spülen, und zu der Zeit, als hier die Leute noch katholisch waren, hat einmal ein Geißenhirt einen köstlichen goldenen Becher gefunden. Es ist aber kein Glück dabei gewesen – der Finder ist gestorben und verdorben, und den Becher hat man geweiht und ihn der Klosterkirche zu Sankt Marienstuhl übergeben. Noch immer, in heiliger Nacht, steigt das schöne Weib, das vor tausend Jahren seine sündige Lebenslust an diesem Ort büßte, aus den Wassern, und der Wanderer, der das Zauberbild erblickt und nicht flieht, den befällt ein schwer Unheil, er geht fürderhin einher wie ein Irrer, wenn ihn die Jungfrau nicht gleich ganz mit sich hinabzieht, in ihre geheimnisvolle Tiefe. – Horch, horch! Ein Gesang aus dem Dunkel des Waldes! »Das ist die Jungfrau im Walde, Die liegt mir stets im Sinn; Das ist die Jungfrau im Walde, Die nahm mein Herze hin!« Wie blitzt und funkelt die stille Wasserfläche – es rauscht im Dickicht, und näher erklingt das Lied: »In Waldnacht schlafen die Vögel, In Waldnacht schläft das Reh; Im Wald, im nächtlichen Walde Steigt die Jungfrau aus dem See! Aus dunkelgrünem Waldsee, Hebt sich das schöne Weib – Im Mondlicht gaukeln die Wellen Um ihren schneeweißen Leib.« Ein Irrlicht leuchtet im Dunkel auf und erlischt am Rande des Teiches, zwei andere folgen ihm und führen züngelnd einen hüpfenden Tanz auf. Ein Stein löst sich ab von einem Felsblock und rollt und schlägt hinab auf die Wasserfläche, der Sänger erscheint auf der Höhe des Felsenstückes: »Zum Mond, zum runden Monde hebt sie die weiße Hand; Aus Mondstrahl, Wasserfunken Webt sie sich ihr Gewand. Irrlichtervolk im Walde Hüpft leuchtend, lüstern herzu; Die Jungfrau sitzet und webet, Sieht lächelnd dem Reigen zu. Doch wenn ein Närrchen gaukelt Zu nah ihrem Wasserhaus, Wirft sie eine Hand voll Tropfen, löscht's arme Närrchen aus!« Nieder zu dem funkelnden Spiegel steigt der Sänger; er greift in die Fluten und benetzt seine Stirn. Ein Jüngling, fast noch ein Knabe! – Er trägt eine Geige in der Hand; der Morgenwind, der sich allmählich aufmacht, spielt mit seinen blonden Locken. Tief auf atmet Günther Wallinger, der Sohn des Stadtmusikus zu Finkenrode. »Sie sind fort – ich bin allein! Ah, ich wollt', ich wär' es immer! Heiliger Gott, was hab' ich wieder aushalten müssen in dieser Nacht – weshalb bin ich denn nicht wie die andern? O Gott, Gott, ich hätte Lust, mich in dieses Wasser zu stürzen, daß keiner wüßt, wo ich geblieben sei! Was soll das geben? was soll das werden?« Er legt sein Instrument an die Wange, aber er läßt es sogleich wieder sinken – »Es ist nichts! Es ist Torheit – weh mir!« Er hebt die Geige hoch über das Haupt. »Soll ich sie an diesem Stein zerschmettern!« ruft er wild ... »Ach, weshalb bin ich denn nicht wie die andern?!« Jetzt entlockt er dem Instrument wilde, phantastische Töne... über den Waldteich hin zittern die Klänge, der Mond erlischt im Grauen des Morgens – Nebelgestalten heben sich aus dem Wasser – »Das ist die Jungfrau im Walde, Die liegt mir stets im Sinn! Das ist die Jungfrau im Walde, Die nahm mein Herze hin!« Ja, Günther Wallinger, es ist ein schauerlich Ding, nicht zu sein, wie die andern! Fröhlich, friedlich läßt sich das Städtlein Finkenrode im Frühling von der warmen Sonne bescheinen; der Sommer übergrünt es dergestalt, daß kaum noch einzelne rote Dachgiebel und die Spitzen der Kirchtürme aus den Blüten und Früchten und dem Blättergewirr hervorlugen. Geduldig und harmlos läßt sich das Städtlein Finkenrode im Winter zudecken vom Schnee; ein Jahr wie das andere. Die Welt ist groß, und wenige Leute wissen, wo das Städtlein Finkenrode gelegen ist. Und in die weite Welt ist ein Finkenrodener Stadtkind hinausgezogen, mit einem vollen, sehnenden Herzen, des Vaters beste Geige, sorgsam eingehüllt, auf dem Rücken – Günther Wallinger, der Musikant und Musikantensohn! Lustig erklingt das Horn des Vaters auf Kirchweihen und Jahrmärkten, auf Honoratiorenbällen, den Zügen der Gewerke und den Begräbniszügen voraus, auf Kindtaufen und Hochzeiten: von Zeit zu Zeit kommt ein Brief aus der Ferne, welchen der Alte mit der Brille auf der Nase vorliest, während die Mutter Wallinger, mit zitternd gefalteten Händen, atemlos horcht. »Und das hat in ihm gesteckt?!« ruft der Stadtmusikus von Finkenrode. »Teufel, wer hätte das gedacht, wenn er so oft die Tanzmusik über den Haufen warf, daß ich ihn erst durch einige Rippenstöße zur Besinnung bringen mußt'! Mutter, der Junge geht seinen Weg! Mutter, der Jung' ist ein Segen und Stolz für uns!« »Er ist immer anders gewesen, als die andern!« sagt mit einer Träne im Auge die Frau, und die Nachbarn kommen, zum zweiten,, zum drittenmal wird der Brief vorgelesen. »Ist es denn möglich?« sagen die Nachbarn. »Was doch alles aus einem Menschen werden kann! Der kleine Günther unter den vornehmen Leuten! Wer hätte das gedacht?« Hast du die gefunden, zu denen du gehörst, Günther Wallinger? Es sind wieder manche Jahre vergangen; viel Merkwürdiges hat sich in Finkenrode zugetragen! Man hat das alte Brauhaus niedergerissen, und in einem Keller desselben ist der Topf mit den vielen alten Gold- und Silbermünzen aus der Zeit der alten Kaiser gefunden; der neue Brunnen ist gebaut, viele Leute sind gestorben, und ein neues Geschlecht wächst heran. »Wo bleibt der Junge?« sagt kopfschüttelnd der alte Wallinger, der nicht selbst mehr hinausziehen kann mit seiner lustigen Musikantenschar durch Wald und Felder. Die Mutter nickt mit dem zitternden Kopf: »Wo bleibt mein Kind? mein liebes Kind?« murmelt sie. Und wenn die Nachbarn kommen und fragen nach dem Günther, so sagt die Alte: »Er ist so weit weg – es wird ihm ja gut gehen!« Der Vater aber seufzt und murmelt undeutliche Worte und bläst finster die Rauchwolken aus seiner kurzen Pfeife vor sich hin. – Es treiben viele Kinder in den Gassen von Finkenrode ihre Spiele. Sie jagen sich um die Kirche, sie wühlen in dem Sande am Ufer des Flusses, sie waten in dem Hurlebach und bauen Mühlen und Schiffe. An einem stillen Herbstabend sitzt eine Schar von ihnen auf den Treppenstufen des Hauses des Stadtmusikanten Wallinger. Sie haben allerlei lustige Liedlein gesungen, als sie plötzlich, einstimmig, einen ernsten, traurigen Choral beginnen. Diese feierliche Melodie in dem Munde der Kinder ruft sogleich eine Nachbarin vor die Tür, welche erschreckt den kleinen Sängern Stille gebietet und sie in ängstlicher Hast forttreibt. – Wenn die Kinder traurig einen Choral im Spiel vor einer Tür singen, so geht die Meinung, daß in der nächsten Zeit jemand in dem Hause stirbt. Vierzehn Tage nach diesem Ereignis begraben sie den alten Stadtmusikus Heinrich Wallinger und seine Hausfrau. Wer denkt nun noch an den verlorengegangenen Günther, und sehnt sich nach ihm, und hofft und wartet? Das Stadtgericht von Finkenrode, welches ihn durch die Zeitungen zitiert? Die arme Anna Ludewig, welcher er einst beim Abschied, bevor er hinauszog in die Welt, solch ein schönes Halsband von roten Korallen schenkte? Noch immer murmelt, jugendfrisch, der Hurlebach durch den Heimatswald, noch immer, in mancher schönen Sommernacht, spiegelt sich der Mond in dem Reckenspiegel. Günther, Günther, wo bist du geblieben? Das Stadtgericht zitiert den Verschollenen nicht mehr; sechs Jahre lang betrachtet Anna Ludewig traurig, allsonntäglich, ein vierblätterig Kleeblatt in ihrem Gesangbuch, welches der Verlorene einst fand auf einem Feldwege und es ihr schenkte, und traurig betrachtet sie das silberne Reiflein an ihrem Finger, das silberne Reiflein, welches er ihr einst gab. Manch wackerer Meisterssohn hätte das schöne, stille Mädchen gern heimgeführt; aber sie ist gestorben – an der Abzehrung, wie die Leute sagen. Sie verschied mit einem Lächeln auf den Lippen. »Nun find' ich ihn wieder!« sagte sie, als sie die treuen Augen zum letzen Schlaf schloß .. Hast du gefunden, was du suchtest, Günther Wallinger; hast du gefunden, wonach du dich sehntest? – Auf der staubigen Landstraße durch die schwüle Hitze eines Julinachmittags zieht ein seltsames Männlein. Es hat nicht schwer zu tragen an seinem Gepäck; ein kleines Bündel und eine Geige in einem Wachstuchfutteral sind alles, was es bei sich führt. Wanderer, welche ihm begegnen, sehen ihm verwundert nach, und ein Landjäger, der zwei aufgegriffene liederliche Weiber nach der Stadt transportiert, hält sein Pferd an und scheint große Lust zu verspüren, die nähere Bekanntschaft des kleinen Mannes zu machen. Er läßt ihn jedoch ziehen, ohne ihn zu belästigen. Jetzt tritt die Straße in den Wald ein, und der kleine alte Mann sieht still und wirft einen wirren Blick zurück auf den mühsamen Weg, den er gekommen ist. Er trocknet den Schweiß von der Stirn; dann vertieft er sich, aufatmend, in den kühlen Schatten des Waldes. Die Heimchen ziepen in der Sommerhitze in den Gräben, die Käfer summen über dem Weg – horch, eine Glocke in weiter Ferne. Der Alte hält wieder still, – er lauscht und streicht mit der Hand über die Stirn. Noch immer die Glocke! Die Abendglocke von Sankt Marienstuhl! Die Wipfel der Bäume glühn in den letzten Strahlen der sinkenden Sonne – dunklere Schatten steigen auf aus den Tälern und nisten sich in dem Gebüsch phantastisch ein. Zu den Füßen des Wanderers, über ihm, um ihn kämpfen fliehend die roten Lichtblitze des scheidenden Tages mit den dunkeln Geistern, welche die Nacht vorausschickt, ehe sie vollständig Besitz nimmt von der einen Hälfte der arbeit- und leidenmüden Welt. Die Vögel schweigen, kein Lüftchen regt sich; nur das welke Laub rauscht unter den unsichern Fußtritten des kleinen Mannes. Wie feierlich, ergreifend der ferne Glockenklang auf dem einsamen, verwachsenen, kühlen, dämmerigen Waldpfade das Herz durchzittert!... War's ein Reh, das da eben, einem hellen Schatten gleich, über den Weg glitt? Weiter! Weiter! Dunkler und dunkler wird der Wald! Längst hat die Glocke von Sankt Marienstuhl ausgezittert – der Alte sieht sich zweifelnd um – jeder Pfad ist verloren; aber eine Nachtigall beginnt ihren klagenden Sang über ihm. Die ganze Nacht hindurch hören die Köhler vom Neckenspiegel her ein wunderbares Klingen, wie sie es nie gehört haben. Ist das Wort gefunden, der Zauber gelöst? Ist das verborgene Geheimnis offenbar worden in der Mondnacht vor Maria Heimsuchung? – »In Waldnacht schlafen die Vögel, In Waldnacht schläft das Reh, Im Wald, im nächtlichen Walde Steigt die Jungfrau aus dem See!« Die Köhler lauschen zitternd und staunend und wagen kaum einander zuzuflüstern; die Klänge aber verstummen erst gegen Morgen. Als die Waldleute sich vorsichtig dem stillen Wasser nähern, liegt es, wie gewöhnlich zu dieser Zeit, in einen dichten weißen Nebel gehüllt da – nichts ist zu hören und zu sehen – es ist alles geblieben, wie es war! Als die Sonne die Messingkreuze auf der Martinskirche zu Finkenrode vergoldet und die kleine Stadt erwacht, da erhält sie die Nachricht, daß ein verschollener Bürger heimgekehrt ist, – wahnsinnig, bettelarm. Es wohnt ein greiser Torwärter und Steuereinnehmer am Tor zu Finkenrode, der fordert dem einziehenden, alten, scheuen Musikanten den Paß ab. Das Männlein sieht den Frager blödsinnig an; dann sagt es: »Kennt Ihr mich nicht? Ich bin ja des Stadtmusikus Wallingers Sohn – laßt mich gehen, der Vater wird ärgerlich und zankt, wenn ich nicht zu rechter Zelt heimkomme!« Vor langen, langen Jahren hat der Einnehmer mit dem, der jetzt wieder vor ihm sieht, gespielt; er hat bei dem Vater desselben die Flöte blasen gelernt und kennt die Geschichte des Hauses gut genug. Die Hände schlägt er über dem Kopfe zusammen: »Bist du Günther, des alten Wallingers Sohn?! Der Geiger nickt: »Jawohl! Jawohl! Laßt mich gehen, die Mutter wartet auf mich!« Da sitzt der Einnehmer auf der steinernen Bank neben dem Schlagbaum vor seinem Häuschen und starrt wirr und blind dem Davoneilenden nach: »Was war das? Was war das?« Ach, es war das alte Märchen von dem, der in dem Zauberberg gewesen ist, wo hundert Wochen ein Tag sind, wo sich das blonde Haar ln Schnee verwandelt hat, wenn der unselig Gefangene wieder hervortritt in die Welt der Wirklichkeit, die er nicht mehr begreifen kann; wie der Welt für ihn das Verständnis verloren ist. Der Herr Bürgermeister läßt den Heimgekehrten vorführen, um ihn auszufragen. Ach, er bringt nicht viel aus ihm heraus und läßt ihn anfangs einsperren. Als sich aber die Unschädlichkeit des Armen gezeigt hat, läßt man ihn seines Weges geben – den jungen und alten Kindern ein Spott – den wahnsinnigen Musikanten Günther Wallinger, der auszog aus Finkenrode, das Ideal zu suchen ... 15 Wenn die bauende Schwalbe den ersten schmalen Rand ihres Nestes an die Mauer des Hauses geklebt hat, so bringt sie lieber die erste Nacht auf die unbequemste Art, halb in der Luft schwebend, darauf zu, als daß sie es verläßt und sich der Gefahr aussetzt, am andern Morgen andere geflügelte Wohnungsbedürftige mit dem Weiterbau desselben unbefugterweise beschäftigt zu finden. Ich verhielt mich auf eine ganz ähnliche Weise, indem ich mich krampfhaft in einem Ideenkreise festklammerte, unendlich beschränkt und unendlich weit zu gleicher Zeit. Erst die Glocken, welche das Weihnachtsfest einläuteten, riefen mich wieder in das gewöhnliche Leben zurück. Ich hatte nicht nötig, mein Herz festtäglich aufzuputzen; aber ich ließ mein Haus scheuern, Und zum erstenmal in meinem Leben sah ich die daraus entstehende Wüstenei mit andern Augen an, als es sonst bei mir der Fall ist. Inmitten der bedrohlichsten Wasserströme stand ich und fühlte meiner Anlage zum Hausvatertum den Puls. Gundermann fand mich so und lachte bedeutend. Ich bedauerte nur die Abwesenheit Weitenwebers. Gegen Abend verließ ich im Gesellschaftsanzug meine Wohnung, um mich nach dem Hause des Hauptmanns Fasterling zu verfügen, wo die heilige Nacht gefeiert werden sollte; eine Festlichkeit, zu welcher Alexander der Mime natürlich keine Einladung erhalten hatte. Wir begegneten einander in der Gasse, drückten uns die Hände und seufzten beide: »Mietze!« »Bösenberg!« »Ach, Alexander« – »Ach, Max – du wirst sie sehen – sag ihr – nein, sag ihr nicht – Höll' und Teufel!« »Fluche nicht, Alexander! Sieh, dort flammt ein Christbaum auf. Wie still die Straßen sind! – O Alexander, Freund, Genosse, hast du wohl die Weihnachtsglocken gehört?« Der Schauspieler nickte, seufzte wieder und wühlte in den Locken. »Sieh, wie die weißen Berge überall in die Straßen und den heiligen Abend hineinlugen: was meinst du – wenn du jetzt auf den Schillingsberg galoppiertest und – ihren Namen in alle vier Himmelsgegenden hinausriefest?« »Geh deinen Weg, gefühlloser Mensch« – »Das werde ich auch; aber was soll ich ihr sagen von dir?« »O! Ah! Sag ihr« – Wir waren vor dem Hause der Holden angelangt, und der Schauspieler brach ab, wie ein Verzückter nach den hellerleuchteten Fenstern derselben hinaufstarrend. Ich zuckte die Achseln, wünschte ihm eine – angenehme Weihnachtsfeier und ließ ihn stehen, gleich einem Warnungspfahl gegen das Verlieben. Kopfschüttelnd trat ich ein in Sidoniens tolles Weihnachtszauberreich. Wie bedauerte ich den armen Teufel unten im Nordwind, als sie mir glänzend, sonnig – eine Prinzessin Tausendschön entgegenhüpfte. O Lichterglanz! O Tannenduft! O Lumpengesindel von Finkenrode! Das war wie das Gleichnis vom großen Abendmahl: »Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune, und nötige sie, hereinzukommen, auf daß mein Haus voll werde! – Gehe aus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, und Krüppel, und Lahmen und Blinden herein!« Der Hauptmann hatte seine beste Uniform und sein eisernes Kreuz angelegt und um sich versammelt an armen, alten Kriegern aus den Freiheitsschlachten, was in Finkenrode noch lebte. Der Forstmeister von Altenbach war erschienen an der Spitze einer vollständigen Armee von Weinflaschen, welche, in Kompagnien abgeteilt, in Körben herbeigeschleppt wurde. Seine Stimme machte die Fenster erzittern, und unter seinen Fußtritten schütterte das Haus; es war ein Wunder, daß er nicht bei jedem Schritt eines der unzähligen Kinder, welche überall wimmelten, zertrat. Da war der halbblinde Schneider Basilius, der mit York von der Weichsel nach Paris sich durchgefochten; da war Möffert, der Wackere, der bei Talavera geschlagen hatte. Da war Böcker, welcher von Körner und den Lützowern zu erzählen wußte, da waren vier alte Grauköpfe mit der Waterloomedaille und zwei andere, welche bei Leipzig dienstunfähig geworden waren, und alle waren da mit Kindern und Kindeskindern. Anfangs scheu und verlegen, wurden sie allmählich vertrauter, redseliger: an dem Hauptmann und dem Forstmeister lag wahrhaftig nicht die Schuld, daß sie nach Mitternacht nicht nach Haus gefahren zu werden brauchten! Es waren aber auch noch andere Leute zugegen. Sidonie Fasterling hatte ihren Flügel in den großen Saal des Hauses bringen lassen, und Wallinger saß vor ihm und spielte Tanzweisen und nippte Rheinwein. Gekämmt, gewaschen und in neue Kleider gesteckt, war mit ihm die Familie Radra erschienen: die Mutter Janna an Cäciliens Seite. O Lichterglanz! O Tannenduft! O Cäcilie, Cäcilie Willbrand! Der Forstmeister von Altenbach küßte der Frau Agnes ritterlich die Hand und dem »Herzensmädel« den Mund, und ich – ich – ließ mir von der Zigeunermutter von dem heiligen römischen Reich erzählen. Wie das durcheinander schwirrte und wirrte; Schlachtengeschichten und Kindergeschichten – niemand hinderte den Hauptmann, Dutzende von Abenteuern, welche alle anfingen: Als wir in Frankreich waren – vorzutragen. Der große Tannenbaum in der Mitte des Saales funkelte und blitzte; Wallingers Weisen klangen wehmütig-lustig durch das Getöse. Lange dauerte es, ehe ich einen passenden Augenblick finden konnte, um das Bäschen Sidonie hinter einen Fenstervorhang zu führen, um sie auf den unglückseligen Schatten drunten im Schnee und Nordwind aufmerksam zu machen. Das Auge der Kleinen folgte meinem deutenden Finger – eine reizende Schulter, und Handbewegung – »Der Tor!« ... Das Füßchen stampfte den Boden – »Der Papa – einen Augenblick, Herr Vetter!« Sie sprang zurück in den Saal, hüpfte mit dem gleichgültigsten Gesichtchen von der Welt durch das lustige Getümmel zu der Weihnachtstanne. Ich sah, daß sie den Forstmeister anredete, daß dieser sich auf den Zehen erhob und ihr einen Gegenstand aus den höchsten, grünen Zweigen des Baumes herablangte. Sie dankte mit einem Knicks, warf einige lächelnde Worte einem der Veteranen zu – dann war sie wieder an meiner Seite, eine Hand mit dem Taschentuch vor dem Munde, die andere in der Tasche ihres Kleides. Der Schatten war auf seinem Posten, im Schneeleuchten, noch immer schwach zu erblicken. »Nun, Cousine, was haben Sie vor? Wieder eine Quälerei des Armen? – Sidonie, er liebt Sie wirklich!« »Ach, Herr Vetter aus der Residenz!« »Bitte, bitte, Sidonie, seien Sie nicht so grausam! Er ist wie ein Maikäfer, dem ein Kind einen Faden am Bein befestigt hat und der sich daran zu Tode flattern muß« – »Der Arme!... Aber bedenken Sie doch, Hen Vetter, der Papa will ja nichts von ihm wissen! Was soll ich tun? Ich habe ihm den Faden wahrhaftig nicht ans Bein gebunden!« Jetzt war an mir die Reihe, die Achseln zu zucken. »Sollte er uns wohl bemerken?« fragte Sidonie. »Gott, wenn der Papa« – »Der Papa befindet sich mit dem alten Basilius auf dem Marsch nach Paris; er sieht und hört nicht.« »Klopfen Sie einmal ans Fenster!« flüsterte sie. »O Gott! ...« Wir sahen uns beide scheu um; Waddel streckte seinen Kopf unter dem Vorhang durch und blickte zu uns empor, augenscheinlich mit der Absicht, ein lautes Gebell von sich zu geben. »Waddel! Waddel!« flüsterte Sidonie. »Will er! Still! still, Waddelchen!« Ich hatte an die Scheibe geklopft; aber der Schauspieler hatte vor dem Wind nichts gehört, jetzt öffnete ich behutsam das Fenster und rief ihm mit verhaltener Stimme: »Alexander! Alexander!« Mit einem Satze war der Bocksspieler unter den Fenstern des Hauptmanns Fasterling. O Weiber! Weiber! »Rechte oder linke Hand, Herr Vetter?« fragte Sidonie, aus ihren Taschen schnell zwei Gegenstände ziehend und sie ebenso blitzschnell hinter dem Rücken verbergend. »Wa – wa – was?« »Rechte oder linke Hand?« »Ah – warten Sie! An der rechten Hand der Trauring – auf der linken Seite das Herz – rechte Hand, Fräulein Sidonie Fasterling!« »Da – werfen Sie es Ihrem Freunde hinab! Ach, das Schicksal! ...« Ein niedliches Marzipankörbchen wurde mir unter die Nase gehalten – ich stand da, wie eine Statue der Verblüfftheit, fuhr aber in demselben Augenblick auch wieder aus meiner Erstarrung auf: »Himmel – das ist ja die Linke, Sidonie! Die rechte, bis rechte Hand! Zeigen Sie die rechte Hand!« Ich griff nach dem widerstrebenden Pfötchen, ich zog es hervor; – mit einem kleinen Schrei ließ Fräulein Sidonie Fasterling eine zierliche Dame, aus Honigkuchen geformt, in meiner Hand zurück – ich stand allein hinter dem Vorhang. Zwei Minuten brauchte ich, um mich zu besinnen – »Mietze! Mietze!« »Bösenberg, bist du es?« »Achtung! Meine besten Glückwünsche – fang«! Die Honigkuchenpuppe flog hinaus in die Weihnacht und fiel zu den Füßen des Schauspielers nieder, der sie schnell und verwundert aufgriff. »Was soll das, Max?« »Das hast du mir zu danken! Geh heim, Alexander, und träume über deinem Glück.« »Ich begreife nicht« – »Ist auch nicht nötig – mach, daß du fortkommst, der Schwiegerpapa könnte Unrat merken.« »Aber Max!« »Gute Nacht, Alexander!« Ich schloß das Fenster und trat wieder in den lustigen Saal zurück; halb geblendet von dem Schein der Lichter. Als sich meine Augen wieder an den Glanz gewöhnt hatten, suchte ich natürlich sogleich nach dem Bäschen und entdeckte sie mit Mühe in dem dunkelsten Winkel an der Seite Cäciliens. – In tiefen Gedanken verspeiste sie soeben den Marzipankorb, welchen sie dem armen Alexander – nicht zugedacht hatte. Der glückliche Alexander! Wie jubelte und lärmte um mich her die fröhliche Festnacht des Hauses Fasterling! Ich dachte an Weitenweber in seiner öden, unbehaglichen Kneipe – wie wohl würde er sich inmitten dieses Finkenrodener Lumpengesindels gefühlt haben! Mit überströmendem Herzen klopfte ich dem Hausherrn auf die Schulter: »Oheim Fasterling, Sie sind nicht bloß ein Hauptmann, Sie sind ein Hauptkerl; – Oheim Fasterling, ich schätze Sie – ich bewundere Sie, ich – liebe Sie!« »Alter Junge« – »Seht Ihr, Max,« rief der riesige Forstmeister, »wir wissen hier in Finkenrode auch zu leben, he?! Wallinger, tut mir um Gottes willen den Gefallen und dudelt nicht solche Begräbnismärsche ab, es ist ja nicht zum Aushalten! Was ich sagen wollte, Max, ist es nicht ein Vergnügen, ein Forstmann zu sein und so von seinen schlimmsten Holzdieben umringt, das Christfest zu feiern?... Nadra, schleicht nur nicht weg, Ihr grinsender Taugenichts! – da – auf Euer Wohl, Ihr undankbarer Geselle!« »Bei Gott, allergnädigster Herr Ober-Forstmeister; auf meine allerhöchste Seligkeit« – Der Forstmeister von Altenbach winkte lachend mit der Hand und schritt zu einer andern Gruppe. Gegen zwölf Uhr stimmte der Hauptmann plötzlich – Lützows wilde verwegene Jagd an, und viel wacklige und viel hübsche Stimmen sangen das alte Schlachtlied mit: ich aber saß und hatte ein Schattenbild an der Wand ins Auge gefaßt, die seine Silhouette Cäciliens, welche neben mir auf die Tapete des Hauses Fasterling fiel. Ein wonniges, beseligendes Studium der Schönheitslinie, aus welchem mich erst das Getümmel des Aufbruchs der Gäste des Hauptmanns erweckte. Cäcilie! ... Eine Viertelstunde nach Mitternacht glich die alte Stadt Finkenrode einem verkohlenden Stück Papier, auf welchem die leuchtenden Funken umherlaufen und hier und da verschwinden. Ich selbst trug über den Marktplatz einen solchen leuchtenden Funken, die Laterne der Mutter Willbrand. Der alte Wallinger und die Familie Nadra gingen mit uns. Als der Türriegel des kleinen Häuschens vor dem Burgtor hinter den beiden Frauen zugefallen war, drückte ich natürlich – den Hut fester in die Stirn, hüllte ich mich fester in meinen Mantel, seufzte tief und schwer und schritt langsam durch die heilige Nacht und die dunkle kleine Stadt meinem eignen, unbehaglichen Hause zu. Eine Gänsehaut überlief mich, und ich fühlte durchaus keine Neigung, ins Bett zu kriechen. »Um Verzeihung!« sagte eine Gestalt, auf die ich an der nächsten Straßenecke stieß, – faßte mich aber in demselben Augenblick mit beiden Fäusten vor die Brust: »Gottlob, da hab' ich ihn!« »Alexander Mietze?!« »Derselbe! Mensch – Ungeheuer – Henkersknecht – sprich oder ich erwürge dich – löse mir das Rätsel: was soll der Gegenstand bedeuten, die Puppe, die ich in der Rocktasche trage?« Ich schüttelte die Hände des Schauspielers ab und trat feierlich einen Schritt zurück: »Auch du, mein Kind, wirst schwerlich diese Nacht schlafen; gehe mit mir, Alexander, ich will dir das Rätsel lösen.« »Wahrhaftig?! O Max, Max, Freund meiner Jugend« – »Dummes Zeug – marsch – komm mit mir!« Zehn Minuten später erfüllte der Mime das Haus meines Oheims Albrecht mit einem Lärm, wie ihn die alten Wände, die moderhaften Winkel seit langen, langen Jahren nicht vernommen hatten. Ratten und Mäuse verbargen sich in ihren geheimsten Schlupflöchern. Der Schauspieler hatte mich in die Arme gefaßt und drehte sich mit mir springend im Kreise, daß sich ein Stück des Plafonds ablöste und uns auf die Köpfe fiel. Jakob der Rabe hüpfte krächzend, mit den Flügeln schlagend, um uns herum, Renate im tiefsten Nachtkostüm steckte erschreckt den Kopf durch die Tür: »Jesus – die Herren!« Der Schauspieler zog sie vollständig ins Zimmer. Er umarmte sie in seinem Freudetaumel, wie er mich umarmt hatte. »Bösenberg! Bösenberg! Ist es denn wahr? Ist es denn möglich? Nimm Abschied von mir, Freund, der Himmel hat sich geöffnet; ich werde mich sogleich in dieser unendlichen Seligkeit verflüchtigen!« Er bedeckte die Honigkuchenpuppe mit den glühendsten Küssen; er warf der erstarrten Renate seinen Geldbeutel in die Schürze; er zog mich von neuem in die Arme, und wie tanzten abermals die Sicilienne, daß das Haus erschütterte. Die Alte murmelte etwas zwischen den Kinnladen, wovon ich nur die Worte – »der selige Herr« – verstand. Dann humpelte sie hinaus und kam mit zwei Gläsern Wasser zurück. Ich war atemlos auf einen Stuhl gesunken, Mietze auf einen andern. »Danke, Renate,« sagte ich, mit dem Wasserglas in der Hand. »Ich vergehe!« schluchzte der Schauspieler. »Das heißt, er hat sich heute abend verlobt, Renate!« wandte ich mich an die Alte. Diese schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und ergoß einen wahren Strom von Glückwünschen, bis sie wieder ins Bett geschickt wurde. Der Schauspieler aber sprang von neuem auf, ich brachte jedoch so schnell als möglich den Tisch und alles, was mir zur Hand war, zwischen mich und den Herzensjubel meines Freundes. »Sitze still – beruhige dich – sammle dich!« »Ich kann nicht! Ich kann es nicht – Hurra!« schrie der Schauspieler, warf den Hut wieder auf den Kopf, schlug mit der Faust darauf und stürmte hinaus in die Christnacht, gleich einem Besessenen. Ich ergriff mit einem tiefen Seufzer und herabhängender Unterlippe von neuem mein Wasserglas und tat einen nachdenklichen Trunk. »Das weiß der liebe Gott!... Bah!« »Laß dich lieben! Laß dich lieben!« sagte eine Stimme aus einem Winkel, und aus meines Oheims Pfeifenwinkel kroch Jakob, der lateinische Rabe. Langsam drehte ich den Hals nach dem Tiere und beobachtete mit einem geheimen Grauen sein trippelndes Näherkommen. Jetzt stand es vor mir, wetzte den Schnabel auf dem Boden, hob dann den Kopf wieder, legte ihn auf die Seite und blickte fest und starr zu mir empor, und mehr als eine bloße Tierseele leuchtete aus seinen schwarzen Augen. »Jakob, alter Jakob, was willst du? Jakob, könnten wir das Haus wieder lebendig machen?« »Arme Frieda!« schnarrte der Rabe und hackte mit dem Schnabel in den Fußboden. Ich blickte nach dem Bilde meiner Tante und meiner Cousine. »Arme kleine Frieda! Ach Jakob, Jakob! – Armer Oheim Albrecht! Laß das Hacken und Kratzen, Jakob, du wühlst die Toten nicht wieder ans Licht.« Ich warf einen frischen Holzvorrat in den Ofen und schritt auf und nieder in dem Studierzimmer meines Oheims. Wie hätte ich in dieser Nacht schlafen können, in dieser Nacht, in welcher sogar die glücklichen Kinder unruhig sich hin und her wälzen in ihren Bettchen l Was zog und zerrte alles an mir! Sollte ich das Schicksal, das mich nach Finkenrode geführt hatte, segnen oder schelten? Ach, ich brachte doch aus meinem früheren Leben gar wenig mit, was mir jetzt als Gegengewicht gegen meine jetzige Seelenstimmung hätte dienen können. Was konnte ich ihr bieten für ihre reine, fleckenlose Seele? Ich – bedeckt mit dem Staub und Schweiß des Kampfes, mit aller Welt Jämmerlichkeit und Erbärmlichkeit! Was hatte ich getan im Leben, um ihrer würdig zu sein? War es nicht alles Tand und Torheit, was ich geschafft hatte? War nicht alles hohle Lüge, alles Phrase? Wo hatte ich je männlich der Wahrheit ins Auge geschaut? Ich, geleitet von der Meinung des Tages; ich, scheu vor jeder höchsten Konsequenz seitwärts schleichend! O Weitenweber, Weitenweber, das letztere war nicht deine Schuld! Und sie ! ... sie – die schöne Stille, wie sie der Zigeuner nennt – Die schöne Stille! Ich drückte die Faust auf die Stirn. Siel Sie! Was will ich von ihr? was hat sie mit mir zu schaffen? Ein Gepolter hinter mir erweckte mich aus meinem wachen Traum – die Nacht war weit vorgerückt; ich fuhr tüchtig zusammen und wandte mich blitzschnell aufspringend um. Eine Wolke von Staub erfüllte eine Ecke des Gemaches; Staub und Moder schüttelte der Rabe krächzend von den Flügeln, eine ganze Abteilung der Repositorien war, von den Würmern zernagt, zusammengebrochen unter der Last der auf ihr ruhenden Folianten und bedeckte in einem wüsten Haufen den Boden. Jakob der Rabe war durch sein Kratzen und Hacken wahrscheinlich die erste Veranlassung zu diesem Ruin gewesen: ich bemerkte, als ich die Lampe ergriff und die Verwüstung beleuchtete, daß er mit dem einen Bein hinke, welches ihm durchaus nichts an Liebenswürdigkeit zulegte. »Aber Jakob, was hast du angefangen?« fragte ich das Tier, welches jetzt zusammengekauert auf der Spitze des Bücherhaufens saß und dumpf murrte. Eine Entdeckung, die ich aber jetzt machte, zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Hinter den gefüllten Bücherbrettern war eine Tür verborgen, welche nur einem Wandschrank angehören konnte. Ich betrachtete sie von oben bis unten; ein verrosteter Schlüssel steckte noch in dem Schloß. Ich drehte ihn mit Mühe, kreischend gab er endlich nach, und die Tür öffnete sich. Ein feuchtkalter Modergeruch schlug mir entgegen, und ich trat einige Augenblicke zurück, um den Dunst ein wenig verziehen zu lassen. Dann leuchtete ich in das Dunkel und griff mit vorsichtiger Hand in das seltsame Wesen, welches von unten bis oben den Schrank füllte. Armer Oheim Albrecht! Was zog ich alles in dieser heiligen Christnacht hervor aus dem Versteck, über welchem du deine Bücherhaufen aufgeschichtet hattest! Armer Oheim! Verstaubt, zerfallend Kinderspielzeug der verschiedensten Art – Puppen, kleine hölzerne Töpfchen und Schälchen, ein zerbrochenes Stühlchen und zuletzt einen dürren Weihnachtsbaum, an dessen Zweigen hier und da noch etwas Goldschaum haftete, auf dessen Spitze noch ein zerknitterter Stern von Silberpapier befestigt war. Mit übereinander geschlagenen Armen stand ich inmitten dieser toten Freuden; der Rabe krächzte, die Lampe hatte allmählich ihr Öl verzehrt und war dem Verlöschen nahe ... ein Glockenschlag erweckte mich aus meinem stundenlangen Brüten – die Weihnachtsglocken von Finkenrode! Die Weihnachtsglocken meiner Kindheitszeit! Ich fuhr mit der Hand über die Stirn und lauschte; unwiderstehlich zog es mich hinaus in die heilige Nacht. Ich hatte den Mantel übergeworfen; ich fand mich in der Straße, ohne zu wissen wie. Alles still und dunkel! Kein Stern am Himmel – kein Lichtlein auf Erden! Glockenklang, Glockenklang der Heimat! Ich schritt langsam durch die schweigenden, schneebedeckten Straßen, das Erwachen der Stadt erwartend. – Dort flammt eln Licht auf, dort wieder eins. Sie bewegen sich in den Häusern hin und her durch die Gemächer. Sieh da! Sieh da, ein Weihnachtsbaum im vollen Glanz! Haustüren öffnen sich hier und da, eine Gestalt, in einen Mantel gehüllt, streicht an mir vorüber. In immer hellerm Glanz leuchtet das Städtlein Finkenrode. Ich folge dem Glockenklang durch die Gassen auf den Marktplatz – vor mir sieht die Kirche des heiligen Martin mit ihren hohen, spitzen, erleuchteten Fenstern; die beiden Türme verlieren sich vollständig in dem Nebel und der Dunkelheit. Ich lehne mich an einen Pfeiler des weitgeöffneten Portals und lausche. Hallen einmal einen Augenblick die Glocken über mir aus, so klingt leise, leise das Geläut eines fernen Walddorfes herüber. Noch ist die Kirche menschenleer, die Wände des heiligen Gebäudes entlang schimmern die Totenkränze im Glanz der Kronleuchter. Tannengezweig windet sich an den Pfeilern empor. – Jetzt ist das christliche Volk erwacht und regt sich. Männer und Weiber schreiten durch die Gassen und über den Markt, auf die Kirchtüren zu, die Gesangbücher an die Brust gedrückt. Die Kinder führen ihre bunten Weihnachtspuppen mit sich, junge Mädchen entfalten strahlend den neuesten Putz. Zwischen den modernen Hüten und Hauben der Weiber schimmern hier und da die landesüblichen seltsamen Kugelmützen von Gold- und Silberstoff, die Kopfbedeckungen der älteren Bürgerfrauen, hervor. Immer dichter werden die Scharen, die an mir vorüberziehen. Jeder Kirchgänger führt ein Wachslicht mit sich, welches an einer am Eingang der Kirche hängenden kleinen Lampe angezündet wird. Schon flammen Hunderte von Kerzen, schon braust die Orgel, der Gesang der Menge fällt ein – weit über die kleine alte Stadt hin, bis tief hinein in die stillen Berge, wo der Hirsch und der Fuchs verwundert aufhorchen, erklingt die Feier des Christmorgens. Jetzt glitt wieder eine Gestalt an mir vorüber – ohne mich zu erblicken, – hinein in den Gesang und Lichterglanz. Ein grüner Schleier wurde ein wenig zurückgeschlagen, noch ein Lichtlein leuchtete auf– ich drückte die Hand schier geblendet auf die Augen – verloren war die Gestalt in der Menge. Schnell trat ich ein in das heilige Gebäude und ließ mancherlei aus meinem Leben draußen, was ich um keinen Preis der Welt mit hineingenommen hätte. Da ist ein uraltes Bild in der Martinskirche zu Finkenrode: ein geharnischter Ritter nebst seinem Ehegemahl knien mit gefalteten Händen einander gegenüber, und zwischen ihnen liegt auf einem weißen Kissen eine kleine Kinderleiche. Ein eigentümlicher Schauer ergriff mich, als Kind, jedesmal beim Anblick dieses Gemäldes – ich fürchtete mich unsäglich vor ihm, und als ich heute, nach so langen Jahren, ein Mann, der sich selten vor etwas fürchtet, mich dem Bilde wieder gegenüber fand, durchzuckte mich dasselbe Gefühl. Ich beschloß, es ihr zu sagen, daß ich sie – liebe! – – 16 »Es ist gut, daß du kommst, Max« sagte der Oheim Fasterling, als ich gegen Mittag des ersten Weihnachtstages bei ihm eintrat, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen und ein wenig in den Winkeln und Ecken umherzustöbern. »Es ist gut, daß du kommst, Max – was ist mit dem Mädchen vorgegangen?! Sieh sie dir einmal an, mein Junge. Sidonie, Kopf in die Höh!« Das Köpfchen meiner Base erhob sich von dem Nähzeuge, mit welchem sie beschäftigt zu sein schien, die Äuglein blieben verhangen von den seinen seidenen Wimpern. Es war in der Tat etwas mit ihr vorgegangen! »Waddel,« sagte ich, »Waddel, was hat Fräulein Sidonie Fasterling angefangen?« Der Köter gähnte und reckte sich; eine wundervolle Röte flog über Sidoniens Gesicht, und der kleine Fuß begann ungeduldig den Takt des Sturmgalopps auf dem gestickten Fußbänkchen zu schlagen. Ich trat meiner Cousine so nahe als möglich, beugte mich herab zu ihr und flüsterte ihr zu: »Sie haben einen Menschen sehr glücklich gemacht, liebe Sidonie!« »Zwei!« hauchte sie und stach sich in den Finger. »Ah!« seufzte ich, während sie mit einem köstlichen lächeln den kleinen Blutstropfen, welcher aus der weißen Fingerspitze hervorquoll, aussog. »Es war ein so hübsches Püppchen!« fuhr ich lauter gegen den Alten gewandt fort. »Ich will mich hängen lassen, wenn« – brach dieser los, konnte aber seine Phrase nicht zu Ende bringen, denn schon war sein Töchterlein aufgesprungen, hatte ihn in die Arme geschlossen und herzte und küßte ihn, daß ihm fast der Atem verging. Dann sprang sie plötzlich auf und davon und ließ uns allein zurück. »Aber sage mir, Max« – Ich machte ein Gesicht, wie ein Geräderter, legte den Finger auf den Mund, griff mit der andern Hand nach dem Hut – »Bst! Bst! Bst!« – und schritt auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, der Cousine nach. »Ich will katholisch werden, wenn« – schrie der Hauptmann, als ich die Tür schloß. In dem dunkeln Gange draußen rauschte und raschelte leise ein seidenes Kleid; eine kleine heiße Hand faßte die meinige. »Wir wollen ihn schon kriegen, Sidonie!« flüsterte ich. »Heute abend bei Cäcilie« – raunte mir das Bäschen zu, und in demselben Augenblick fuhr mir Waddel mit einem furchtbaren Gekläff zwischen die Beine und erfüllte das ganze Haus Fasterling mit dem niederträchtigsten Geheul – der Alte steckte sein ehrlich-verblüfftes Gesicht durch die geöffnete Tür. »Es ist nichts, Herr Hauptmann!« rief ich lachend. »Ich sagte nur der Cousine Lebewohl!« »Ich wollte, der Teufel« – »Holte alle Komödianten und nähme alle Literaten mit – danke schön!« Sidonie hatte den Papa gefaßt und zog ihn wieder ins Zimmer zurück; ich aber faßte den blaffenden Köter im Genick, trug ihn, wie sehr er sich auch sträubte, die Treppe hinunter und warf ihn auf der Hausflur in ein mit Schneewasser gefülltes Gefäß, aus welchem er schnaufend und niesend wieder heraussprang. Ich glaube nicht, daß die Cousine diesmal etwas gegen eine solche Züchtigung ihres Lieblings einzuwenden hatte. Knurrend verkroch sich das Scheusal; ich aber verließ das Haus Fasterling, um der Kinderstube des Doktor Gundermann einen Besuch abzustatten. Mit wunderbarem Behagen stürze ich mich immer in den Lärm und Aufruhr dieses lustigen Hauses. Kinder überall! Unter den Tischen und auf den Tischen, in den Fensterbänken, auf den Treppen, auf den Armen, vor dem Hause, in dem Hause, überall Kinder! Durch die fliegenden Schneebälle der Gasse gelange ich mit Lebensgefahr zu der belagerten Haustür. Ein Klirren! Ein weiblicher Schrei – die Stimme der Mutter. Plötzlich tiefe Stille auf den wilden Lärm! Nach allen Seiten hin stäubt die Bubenschar auseinander – über den Markt, durch die Gassen, in die Häuser, die Treppen hinauf, auf die höchsten Bodenräume. Ich treffe die Frau Doktorin mitten im Zimmer stehend; der eingedrungene Schneeball zerschmilzt in der Wärme auf dem Fußboden zwischen den Splittern der Fensterscheibe; ein kleiner Taugenichts sieht schluchzend in der Ecke. »Hurra, Frau Doktorin, ich bin's nicht gewesen!« »Das ist ein Volk!« ruft die Frau halb ärgerlich, halb lachend. Wartet, Ihr Bösewichte! Karl, lauf nach dem Glaser – seien Sie willkommen, liebster Freund!« Ich bekomme einen herzlichen Druck von der runden warmen Hand, die eben noch so kräftig als Strafinstrument gedient hatte. »Ach, wie leid tut es mir, daß mein Mann nicht zu Haus ist; ist's nicht abscheulich, daß er nicht einmal an solchen Festtagen Ruhe hat? Er mußte schon vor Tage fortreiten. Und diese Kälte, die durch das Fenster zieht! O die bösen Kinder!« »Prächtige Buben und Mädel!« rufe ich begeistert aus; die Mutter wirft einen stolzen, lächelnden Blick über das Gewimmel, welches sich um den armen Sünder in der Ecke und den geplünderten Weihnachtsbaum drängt. »Jesus, was ist das nun wieder?!« Ein furchtbares Geschrei ertönt draußen, und ein dicke zwölfjähriger Bursche stürzt herein, in einem Zustande, welcher einer Mutter wohl einen kleinen Schreck einjagen kann. Bis an den Hals überzogen von einer träufelnden Schmutzkruste, die Arme weit abhaltend vom Leibe, die Finger auseinanderspreizend, steht er da, mit den schwarzen, schlammbedeckten Pfoten von Zeit zu Zeit die strömenden Tränen abwischend. »Gott, o Gott, Otto, was ist das? Himmel, wo hast du gesteckt?« Die Brüder und Schwestern, die Mutter und der Redakteur des Kamäleons haben einen vorsichtigen Kreis um das kleine, triefende Ungeheuer geschlossen. Wo hast du gesteckt, Otto? So sprich doch, Schlingel!« »In – in – n, i – in den – Graben – gefal – len! I – i – ich wollte hi – inter den Gar – ten« – »Abscheulicher Junge! Marie! Marie!« »Frau Doktorin?!« ruft die Magd ins Zimmer. »Hilf mir doch einmal den Taugenichts ausziehen – o Gott, und der Fußboden – warte! Bitte, bitte, Herr Bösenberg – – Franziska, Kind, gib mir die Küchenschürze her; man weiß gar nicht, wie und wo man den kleinen Schmutzfinken angreifen soll – Himmel, und gestern erst ist die Stube gescheuert!« »Ich will ihn in die Küche bringen, Frau Doktorin, und dann ms Bett,« sagte die Magd. »Ja, das ist das Beste. Anna, geh mal auf des Vaters Stube, vielleicht steht noch eine von den Flaschen mit dem gelben Siegel auf seinem Schreibtische, die hole herunter. Wir wollen dem Jungen ein Glas Wein geben, und wenn er nicht binnen zehn Minuten schwitzt, soll er eine Tracht Prügel haben, wie er sie lange nicht bekommen hat.« Der unglückliche Sünder wird fortgeschleppt, und die ganze Kinderschar bis auf die Kleinsten begleitet ihn, um in der Küche der Operation der Reinigung beizuwohnen. Das Geheul des Jungen tönt gedämpft in der Ferne fort, bis es sich in den oberen Räumen verliert. Ein Augenblick der Ruhe tritt ein. »Ach, was für eine Not man mit den Kindern hat!« sagt die Frau Doktorin. »Ja, Sie sind eine glückliche Mutter!« Die hübsche Frau lächelt und wendet sich nach einer ziemlich großen, verhangenen Wiege um. »Sollten Sie es für möglich halten, daß sie bei einem solchen Lärm ruhig weiter schlafen? Das sind kleine Herzchen.« Ich betrachte andächtig die roten, fetten, quatschligen Zwillinge und lasse mir allerlei über ihre Geschichte, ihre Tugenden und Vorzüge von der Mutter erzählen; als wiederum eins der kleinen Mädchen hereinstürzt: »Der Papa! Der Papa!« Wir hören das Trappeln des Pferdes auf der Hausflur und begrüßen den Arzt, wie er sein Roß in den Stall führt. Sechs Kinder ziehen ihn dann in das Zimmer, wo unterdessen der Glasermeister mit seinem Handwerksgerät angekommen ist. Das Bulletin des Morgens wird dem heimgekehrten Medikus erzählt. Gattin, Redakteur des Kamäleons, Kinder, alle wissen irgendein Moment hervorzuheben, welches den andern entgangen ist. Endlich wird es wieder still, die Kleinen sind fortgeschickt, und die Großen verhandeln gemütlich den Prozeß Alexander und Sidonie contra Friedrich Wilhelm Fasterling, Hauptmann außer Dienst und boshaftiger, hartherziger Schwiegerpapa in spe. Da steckt Marie, die Magd, wiederum ein erschrecktes Gesicht in die Tür: »Ach Gott, Herr Doktor! Frau Doktorin!« »Nun, was ist?« Die Frau ist bereits wieder in die Höhe gesprungen. »Frau Doktorin – Julius« – »So sprich doch, sprich, was ist mit ihm?« »Unter der Zeit, daß wir Otto zu Bett gebracht haben, ist er allein in der Küche zurückgeblieben und hat die Flasche mit dem gelben Siegel ausgetrunken! Er sitzt neben dem Herde – ich glaube, es ist ihm zu Kopfe gestiegen!« »Der Bengel ist betrunken?!« ruft der Arzt. Die Frau schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. »Alle Wetter, der fängt früh an!« lacht Gundermann und eilt hinaus; ich halte mir die Seiten. – Wir hören des Doktors Stimme draußen, dann erscheint er in der Tür, seinen hoffnungsvollen Erstgeborenen am Kragen haltend. Der Junge sieht wunderbar genug aus; er kann sich kaum auf den Füßen halten und wirft aus großen schwimmenden Augen verstörte Blicke umher. »Seht ihn euch an! Seht ihn euch an!« ruft der Doktor ihn schüttelnd. »Prügle ich ihn jetzt, so wäre das eine vergebliche Kraftverschwendung. Da ist nichts weiter zu machen, als daß wir ihn ausschlafen lassen. Nun, Gott beschere ihm einen tüchtigen Katzenjammer!« Damit hebt der Arzt den jungen Trunkenbold in die Arme und trägt ihn auf das Sofa, wo er, wunderliche Töne ausstoßend, seinen Rausch verschlafen wird. »Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen!« sagt die Frau Doktorin mit einem schlauen Augenzwinkern und guckt sich vorsichtig um, ob auch niemand lausche. Wir sind aber allein; der Glasermeister ist fort, Marie, die Magd, ebenfalls. »Du, Max,« sagt Gundermann lachend, »das ist ein Hieb für uns! Gib mir einen Kuß, Frau!« Ich blicke das herrliche Weibchen von der Seite an und bringe eine reuig-wehmütige Miene zustande. »Es wird ihm doch nichts schaden?« fragt die Frau Doktorin. »Eh, da müßte der Junge doch ganz aus der Art geschlagen fein.« – – – Habe ich nun meine Weihnachtsgrüße und Glückwünsche angebracht, so kann ich gehen. Man will mich zwar zu Tische dabehalten; aber ich schlage es murrköpfig ans und gelange durch die von festtäglichen Gesichtern wimmelnden Gassen zu meinem ungemütlichen, feuchtdunkeln Hause zurück, wo ich mich, in Gesellschaft von Jakob dem Raben, nach Belieben mit meinen Herzensgedanken und der Furcht vor einem Briefe Weitenwebers in den Ofenwinkel verkriechen kann, nachdem ich mir den Magen an den trostlosen Meisterstücken der Kochkunst der alten Renate verdorben habe. »Heute abend bei Cäcilie!« Ach, es gibt Tage, welche dem Wartenden bedeutend länger vorkommen, als jener »längste« im Kalender. Ein solcher war dieser erste Weihnachtstag; obgleich ich an ihm, in einem schlauen Versteck, meines Oheims Vorrat an altem, trockenem, vortrefflich abgelagertem holländischen Tabak ausfindig machte: We are such stuff As dreams are made on, and our life Is rounded with a – – smoke. Unaufhaltsam ging meine moralische Häutung vor sich; der Panzer der Chrysalide krachte mehr und mehr und bekam Risse überall; noch aber fror das halbbefreite Wesen und fühlte sich selig-unbehaglich, daß es fast nicht auszuhalten war. Ein schneidender Wind machte sich wieder auf am Nachmittag, der Schnee begann wieder unter den Fußtritten, Hufen, und Rädern zu knirschen, und der Schneemann auf dem Markte zu Finkenrode gewann eine bedeutende Festigkeit; sehr lange Eiszapfen bildeten sich vor meinem Fenster. Ich versuchte mancherlei; schrieb Briefe, ordnete Papiere, verbrannte Papiere und war überhaupt in der Stimmung einer Schnecke, die sich in einem Napf voll Zucker auflöst und langsam auseinander, fließt; ich hätte recht gut mein Testament machen können. Jedesmal, wenn ich im Auf- und Abschreiten zu dem Fenster zurückkam, hauchte ich eine kleine Öffnung in die Eisdecke, welche die Scheiben überzog, und warf einen Blick in die winterliche Gegend, draußen, und wenn ich nach einigen Augenblicken die Eiskristalle wieder angeschossen und die Aussicht verdeckt fand, so knüpfte ich daran die anmutigsten Betrachtungen über mein vergangenes, gegenwärtiges und künftiges Dasein und seufzte tief und schwer. Um vier Uhr aber stieß ich plötzlich mit dem Fuß an ein auf dem Boden liegendes Buch, daß es weithin in das Zimmer flog und sich öffnete. Mechanisch hob ich es auf und wollte es eben in den Winkel werfen, als meine Augen auf einer Stelle der aufgeschlagenen Seite hafteten, welche mich fesselte und zwang, das Blatt zu überfliegen: »Eine unschuldige, eine recht zärtliche Braut ist in der Tat eine Kreatur aus einer andern Welt, die man nicht ohne Erstaunen betrachten kann.« Der größte Teil des Folgenden war bereits zu Fidibussen verwendet worden, und es war auch nichts daran verloren: das Buch war das Leben der schwedischen Gräfin von G., von Christian Fürchtegott Gellert. »Die man nicht ohne Erstaunen betrachten kann« – sprach ich nochmals vor mich hin und klappte den alten Tröster leise zu. – »Eine Kreatur ans einer andern Welt!« Auf einmal war die Dämmerung ins Land geschlichen, ohne daß ich es gemerkt hatte; ich hatte mich, wie es den Menschenkindern so oft geht, in das, woran ich mein Herz gehängt hatte, wonach ich mich quälte und sehnte, hineingeträumt: ich befand mich in dem kleinen Häuschen vor dem Burgtor von Finkenrode und – lobte und pries mit großer Beredsamkeit den Festtagskuchen der Frau Agnes. »Sind das nicht böse Kinder?« fragte Cäcilie, auf den Schauspieler und die kleine Sidonie zeigend, welche halb im Schatten verborgen, Hand in Hand, nebeneinander saßen. »Der arme Papa – wie sie ihn betrügen! Und er ist doch so gut!« »Der Papa ist ja selbst schuld daran!« sagte Sidonie. »Wir wollen ihn aber schon auf den rechten Weg führen.« »Ja, Kinder, macht, daß ihr bald mit eurer Sach' ins Licht tretet,« meinte die Tante Agnes. »Es ist ein böses Ding um solch ein heimlich Wesen und tut nicht gut.« »O, nicht?« fragte der Schauspieler, und Sidonie schaute demütig, schlau, lächelnd den Fußboden an. »Nein, es tut nicht gut!« dachte ich leise und seufzte laut. Weshalb sprach denn auch keiner? Weshalb mochte keiner sich rühren? An der Wand der tote Herzog auf den Gewehrläufen seiner schwarzen Soldaten war nicht stiller, als wir um den Teetisch der Frau Agnes Willbrand. Ach – Mädchen am Ofen Sitzet und spinnet: Dichter im Winkel Sitzet und sinnet – Dämmerung draußen, Dämmerung drin: O wie voll ist mein Herz! O wie schwer ist mein Sinn! Spule surrt, Rädchen schnurrt – Dämmerungsgedanken! Mädchentraum, Dichtertraum Wachsen und ranken – Amor, ach Amor, Schnell tritt herein, Bring uns Licht! Bring uns Licht! Danken's dir fein! »Wer klopft da?« »Ich!« »Wer, – ich?« Wir waren alle im plötzlichen Schrecken aufgesprungen. – »Ich, Martin! Martin Nadra, wenn Sie die Güte haben wollen und es allergehorsamst erlauben.« Ich ging, dem Vagabunden zu öffnen, und nach einigen Augenblicken stand er, die Pelzmütze in der Hand, in unserer Mitte. »Es ist aus mit ihm! Es hat ihn gepackt, und er macht es keine acht Tage mehr, sagt die Mutter Janna. Er verlangt nach dem schönen Fräulein.« »Wer? Um Gottes willen, von wem sprecht Ihr, Martin?« »Von ihm« – der Zigeuner wies auf die Stirn – »von dem Musikanten! Die Großmutter sitzt bei ihm; aber er will das schöne Fräulein sehen, und da bin ich gekommen.« »Mich will er sehen?« rief Cäcilie. »Aber was ist ihm denn begegnet; er war doch gestern abend heiterer, als ich ihn je gesehen habe?« Der Zigeuner zuckte die Achseln. »Das schöne Fräulein muß sich warm einwickeln; 's ist Totenwetter draußen – 's reißt Bäume und Schweineställe um. Die Großmutter hat ihm einen Trank gekocht; aber's wird ihm nichts helfen derweilen.« Während wir uns noch mit Fragen und Ausrufen des Bedauerns um den Unglücksboten drängten, hatte sich Cäcilie schon in ihren Mantel gehüllt, bereit, mit dem Zigeuner in die Nacht hinauszueilen, um dem unglücklichen, alten Freund Hülfe und Trost zu bringen. Sie war bleich und sprach kein Wort; um ihre Lippen zuckte es. »Cäcilie – darf ich Sie begleiten?« fragte ich leise. »O bitte, bitte, tun Sie das!« rief die Frau Agnes, Cäcilie nickte, und eine Minute später stand ich mit ihr und dem Zigeuner draußen in der stürmischen Winternacht, und schweigend durchkreuzten wir das Städtlein, bis wir zu dem entgegengesetzten Ende gelangten, wo sich die ärmlichsten Häuser und Hütten, dicht neben dem jetzt tief verschneieten Kirchhof gesammelt haben. Mit Mühe kämpften wir uns zu der Tür des Hauses Nadra, welche uns von der Frau Lena geöffnet wurde, durch. »Ach, der gnädige Herr und das schöne Fräulein! Das ist ein Segen, daß Sie kommen.« »Was macht er? Was macht er, Lena?« fragte mit bewegter Stimme Cäcilie, den Schleier zurückschlagend. Die Frau schüttelte den Kopf. »Wir fürchten uns! ... Die Mutter allein ist bei ihm.« Wir traten nun tiefer in das Haus und in die tollste Vagabunden-Wirtschaft, die ich jemals gesehen habe. Ein Gewimmel von Menschen und Tieren erfüllte die untern Räume mit einem verworrenen Getöse. Ein Säugling schrie hinter einer Tür, und eine Mädchenstimme sang ein halbwildes Wiegenlied. Eine schwarze Katze strich schnurrend um unsere Füße und schlich hinter uns her die halsbrechende Treppe, welche zu der armseligen Wohnung des Musikanten führte, hinauf. Die Lampe in der Hand des voranschreitenden Zigeuners machte das Häßliche nur noch häßlicher, das Phantastische noch phantastischer. Über einer verrauchten Tür hing in einem Käfig eine kleine Eule, welche vor dem Lichtschein ihr Gefieder sträubte und heisere, unheimliche Töne ausstieß, während ein anderer Vogel durch die Gitterstäbe eines zweiten Bauers verwundert auf uns herabschaute. »Hier!« sagte der Zigeuner, und Cäcilie legte unwillkürlich ihren Arm in den meinigen, als die Tür sich öffnete. Ein schwüler Dunst schlug uns entgegen, und die Lunge hatte Mühe, sich an diese verdorbene Atmosphäre zu gewöhnen. Das Gemach war so niedrig, daß ein aufrechtstehender Mann fast die Decke berührte; auf dem kleinen Ofen zischte und sprudelte ein Gefäß, übelriechende Dämpfe versendend. Janna, die alte Zigeunerin, erhob sich bei unserm Eintritt von einem Schemel neben dem Lager des Kranken. »Es schläft – das arme Männlein,« sagte sie. »Mein Gott, mein Gott!« murmelte Cäcilie, und ich fühlte, wie ihre Hand auf meinem Arme zitterte. »Was hat denn der Doktor Gundermann gesagt, Janna?« fragte ich. Die Alte machte eine Schulterbewegung: »Die Herren sind gar klug, aber sie sagen nichts. Er hat einen Trank verschrieben; aber Janna weiß, daß er nichts helfen wird. Arm Männle wird nicht wieder gesund werden, wird sterben und weggehen. Hat bald Ruhe – da!« Und die Alte streckte die Hand aus nach dem niedrigen Fenster, unter welchem der weiße Kirchhof der Stadt Finkenrode lag. »Still, er erwacht!« »Als das Reich noch stand,« fuhr die Zigeunerin fort, »wußte mein Friedel einen Spruch, das Auge der Sterbenden licht zu machen; aber sie haben ihn ja gehängt. Das ist lange her! Darf nicht einmal mehr den Kindern das Herzgespann besprechen.« »Sehen Sie, sehen Siel« rief Cäcilie. »Er schlägt die Augen aus! Wallinger, alter Freund, wie geht es Ihnen? Was für törichte Dinge fangen Sie an!« »Anna! Anna!« schrie der Alte wild und herzzerreißend, beide Arme nach der Fragerin ausstreckend. »Anna! Anna, bist du es, Anna? Liebe, liebe Anna! Verzeih! Verzeih! Hast dich so um mich gegrämt, hast dich zu Tod gehärmt um mich – – weh, weh, du kannst nicht Anna sein, du bist ja längst gestorben. Sprich, wer bist du? – Bist du die Schönheit, die ich zu suchen auszog? Anna, liebe, liebe Anna – was quälst du mich so – Hab' ich noch nicht genug gelitten zur Sühne? Wo hab' ich dich suchen müssen, Anna, in der weiten Welt! Deine Hand – gib mir deine gute, treue, liebe Hand, Anna!« Zitternd überließ Cäcilie dem Unseligen die Hand, welche dieser krampfhaft ergriff und an seine Brust drückte und sie mit heißen Küssen bedeckte. »Ich wußte, daß ich dich finden müsse, Anna, wie sie mich auch verspotteten und verhöhnten! Ich wußte ja, daß sich nicht die Ewigkeit zwischen uns legen konnte – nun ist alles, alles gut – o Süße, nicht wahr, nun ist alles gut?« »Alles! Alles!« schluchzte Cäcilie laut weinend, und der Alte lächelte und legte den Finger auf den Mund. »Jetzt ist niemand mehr da, der über mich lacht; wir sind allein in der Welt – alle sind tot und wir beide auch. Wer lacht über die Toten? Still, still! Hörst du das Wiegenlied – wie süß läßt sich's dabei schlummern. Sing es weiter, Anna, sing das Wiegenlied, welches du auch deinem Schwesterchen sangst, – mein Kopf ist so weh, so wirr. Hab's auch der andern gelehrt, die ich liebte, weil sie dir ähnlich sah – dort unten in dem kleinen Häusel am Tor« – – – »Singen Sie ihm etwas, Cäcilie!« flüsterte ich. »Sehen Sie ihn an!« ... »Ich glaube zu verstehen, was er meint,« flüsterte Cäcilie, »ich glaube die zu kennen, welche er das traurige Wiegenlied gelehrt hat.« Mit leiser unterbrochener, tief erregter Stimme begann sie: »Schaukeln und Gaukeln – Halb wachender Traum! Schläfst du, mein Kindlein? Ich weiß es kaum. Halt zu dein Äuglein, Draußen geht der Wind; Spiel fort dein Träumlein, Mein herzliebes Kind! Draußen geht der Wind, Reißt die Blätter vom Baum, Reißt die Blüten vom Zweig – Spiel fort deinen Traum! Spiel fort deinen Traum, Blinzäugelein! Schaukelnd und gaukelnd Sitz' ich und wein'!« Wallinger, mit der Linken die Hand der Singenden haltend, bewegte die Rechte, taktschlagend, in der Luft hin und her, wie der Dirigent eines Konzertes. Als der Gesang endete, fiel auch die Hand kraftlos auf die Decke zurück. »Laßt ihn schlafen, Kinder!« sagte die alte Zigeunerin. »'s ist ihm am besten so. Geht, geht, Kinder – geht auch zu Bett – 's ist nicht gut für euch, lang in die Nacht hier zu sitzen, hab' an manchem Totenbett gewacht, will arm Männlein hüten und hegen wie meinen Augapfel« ... »Anna, Anna!« murmelte der Kranke, unruhig sich hin und her werfend. »Ach, Anna, es waren doch schöne Zeiten! Weißt du noch? – das kleine Stäbchen – hoch über den Dächern? Es liegt den ganzen Tag im Sonnenschein, und das Orangensträuchlein in dem Fenster bringt Blüten und goldgelbe Früchte. Morgen früh wecke ich dich wieder mit meiner Geige – gib acht, Anna, ehe die Vögel wach sind ... Anna!« Mit dem Namen der toten Geliebten auf den Lippen sank jetzt der arme, alte Wallinger in einen festen Schlaf; besorgt blickte ich auf die bleiche Cäcilie: ich selbst vermochte kaum noch in der schwülen Luft des Krankenzimmers Atem zu holen. »Was wollen die schönen Herrschaften noch warten?« sagte die Zigeunerin. »Nehmen Sie die Stille mit, junger Herr, es ist hier kein Platz für sie.« »Cäcilie, liebe Cäcilie, sollen wir gehen? Bitte, lassen Sie uns gehen.« Die Angeredete antwortete nicht; aber sie hüllte sich mechanisch wieder in ihren Mantel. Mechanisch ließ sie sich fortführen aus dem Aufenthalt des Todes. Auf dem Vorplatze erwartete uns Martin, welchem ich meinen Geldbeutel gab, und der uns die Treppe hinunter wieder mit der Laterne vorausging. Mit unendlichem Wohlbehagen atmete ich den Sturmwind draußen vor dem Hause ein und schüttelte einen tiefen Schauer aus den Gliedern. Cäcilie hatte das Taschentuch auf den Mund gepreßt und weinte leise an meiner Seite. Armer, armer Wallinger! Ans den dunkelsten Gäßchen hatten wir uns bereits hervorgewunden, als uns plötzlich, indem wir um eine gewisse Ecke bogen, ein heller Lichtschein entgegenleuchtete und eine gegen mich prallende Gestalt mich fast über den Haufen geworfen hätte. »Der Oheim Fasterling!« rief ich verwunde«. »Ja, der Oheim Fasterling!« donnerte der Alte, seine Laterne hoch erhebend, und meine Begleiterin und mich beleuchtend. »Wartet, ihr Verräter! O Cäcilie, das hätt' ich nicht von Ihnen gedacht – oh – oh!« »Mein Gott – da ist ja auch Sidonie!« rief Cäcilie: »ah, und auch Herr Alexander!« – Wie oft geschieht es nicht im menschlichen Leben, daß in demselben Augenblick, wo wir in den tiefsten Schmerz versunken sind, wo wir in idealer Verzückung uns in den siebenten Himmel erheben wollen, die Trivialität, der Spott, oder – der Humor anklopft, und uns erniedrigt, verstößt, oder ins Gleichgewicht bringt, soviel an ihnen liegt! Trotz der Tragödie, aus welcher ich eben kam, trotz dem herz- und kopferschütternden Blick in die furchtbare Tiefe der Menschenseele, den ich eben getan, mußte ich laut auflachen: drei Schritte voneinander entfernt, zog das, wie es schien, in flagranti ertappte Liebespaar hinter dem erbosten Papa her, und Waddel, der Gute, trabte in ihrer Mitte, nach rechts und links die Verschüchterten höhnisch anbellend. »Ah Cousine – ah Alexander! Seht ihr! Da habt ihr es! Hab' ich es euch nicht gleich gesagt, Ihr unartigen Kinder? Mein bester Herr Hauptmann, lassen Sie ein strenges Gericht ergehen!« »Marsch, Sidonie!« rief der Alte. »Ich will auch mit dir nichts zu schaffen haben, Max. Donnerwett – ach Gott, wenn das deine selige Mutter erlebt hätte, Sidonie!« Sidonie stieß einen komisch-betrübten Seufzer aus und schmiegte sich an Cäcilie. »Schicke ihn fort, ich gehe mit dir,« flüsterte diese. »Wir müssen den Papa heute noch beruhigen. Kommen Sie, Herr Hauptmann, nehmen Sie mich mit: ich habe Ihnen so mancherlei zu sagen. Ach, seien Sie nicht böse – nehmen Sie mich mit!« »Teuerster Oheim und Hauptmann,« sagte ich, »der Vernünftigste gibt nach. Schicken Sie sich drein, und erkälten Sie sich nicht in dem abscheulichen Wetter. Ich bürge für den Alexander!« »Schöne Bürgschaft!« brummte der Alte. »Wenn ich nur wüßte, wo mir der Kopf steht! O je, o je, ich wollte, ihr alle« – »Papa!« »Donnerwetter, Marsch! Marsch! Rechten, Linken, Sidonie! – Rechten, Linken – Rechten, Linken! Kommen Sie, Cäcilie! Rechten, Linken! Ihr beide geht zum Teufel und laßt euch nicht eher bei mir sehen, als bis ich euch Ordre gebe!« Damit setzte sich der alte Soldat wieder in Bewegung und zog die beiden jungen Damen mit sich fort. Der Laternenschein verschwand um die Ecke; Waddel ließ zum Abschied sein Kriegsgeheul hören und wies mir die Zähne; – ich stand mit dem Schauspieler in der Dunkelheit allein. »Nun?« »Ah! Bah! Ah!« »Wie hat er euch denn erwischt, Mietze? Beim Zeus! ich wollte, ich könnte dein Gesicht erkennen; die Fratze wird merkwürdig genug sein.« »Dummes Zeug!« seufzte jämmerlich der Spiritusfabrikant. Mir ist gar nicht lächerlich zumute, übrigens bin ich doch froh, daß die Sache sich entschieden hat.« »Höre, mein Sohn,« sagte ich, – »ich habe die Gewißheit, daß ich diese Nacht nicht schlafen werde; du höchstwahrscheinlich, wie es einem ersten Liebhaber geziemt, auch nicht. Weißt du, du kommst zu mir, bemühst dich, vernünftig zu sein, und erzählst mir den Verlauf der Sache. Es interessiert mich mehr, als du dir vorstellst! Ich gehe jetzt heim, um einen erträglichen Aufenthaltsort herzurichten: du wirst dich zur Frau Agnes verfügen und ihr über das Verbleiben Cäciliens Nachricht geben. In einer Viertelstunde erwarte ich dich.« Mit einem Klagegestöhn drehte sich der Schauspieler um, schob seitwärts in die Nacht hinein. Nach einer Viertelstunde aber saß er mir richtig gegenüber, und ausgeziert mit mancherlei Achs und Os, unterbrochen durch sentimentale Brustbeklemmungen und klägliches Atemschnappen, erfuhr ich, daß der alte Hauptmann Fasterling vor dem Fenster des kleinen grünen Hauses vor dem Burgtor plötzlich einen gewaltigen Kernfluch herausgedonnert habe, in einem Augenblicke, wo die Frau Willbrand in der Küche sich befand und Herr Alexander Mietze und Fräulein Sidonie Fasterling – – – »Sidonie stieß einen lauten Schrei aus; ich sprang entsetzt in die Höhe, die eintretende Mama Agnes ließ das Teebrett fallen, Waddel bellte, und der Hauptmann, beschneit und bepelzt wie der Knecht Ruprecht, stand mitten zwischen uns – wie ein gemalter Wüterich – – – Ach Sidonie! Sidonie!« Ich hielt mir beide Ohren zu vor der Seufzereruption, die jetzt erfolgte. – 17 Natürlich stand ich so früh als möglich am andern Morgen im Zimmer des Hauptmanns Fasterling regungslos in der Ecke und folgte dem, gleich einem Perpendikel hin und her laufenden wackern, alten Krieger mit den Augen: Hier geht er hin! Da geht er hin! »Alexander, der Komödiant, hat mir viel Böses erwiesen; der Herr bezahle ihn nach seinen Werken!« sagte ich, frei nach den Worten des Apostels Paulus. »Und du bist schuld daran!« schrie der Hauptmann, vor mir anhaltend, und packte mich bei den Schultern. »Ich, bester Oheim?« »Ja, du! Das will ein Politikus sein, einer von jenen Ränkeschmieden, von jenen schlauen Füchsen – und kann nicht einmal einem jungen Weibe den Kopf zurechtsetzen, kann nicht einmal seinem alten Oheim – geh! Ich habe mich in dir wirklich getäuscht! Da waren wir doch andere Kerle!« In des alten Kriegers Zimmer befindet sich auf einem Stehpult eine stets aufgeschlagene Bilderbibel. Ich faßte sanft die Hand des wackern Alten und führte ihn, auf den Fußspitzen gehend, vor das heilige Buch, welches von allem so gut Bescheid zu geben weiß, blätterte einen Augenblick darin und las dann laut und feierlich vor: »Und wenn die Männer Gold und Silber und viel köstliche Dinge zusammengebracht haben und werden alsdann eines Weibes gewahr, hübsch von Gestalt und Schönheit, so verlassen sie das alles und wenden alle ihre Gedanken auf das Weib, gaffen sie mit aufgesperrtem Maul an und dichten und trachten mehr nach ihr, denn nach Gold und Silber und allen anderen köstlichen Dingen.« Und weiter: »Wohlan, glaubet Ihr mir nicht? Ist nicht der König groß in seiner Macht? Freilich scheuen sich alle Lande, Hand an ihn zu legen. Dennoch sah ich ihn und die Apemen, die Tochter des Bertasi, des trefflichen Mannes, des Königs Geliebte, sitze zu der Rechten, des Königs. Die nahm die Kron dem König vom Haupt und setzete sie ihr selbst auf und schlug den König mit der linken Hand. Gleichwohl gaffete sie der König mit offenem Munde an: Lachet sie, so lachet er auch; siehet sie ihn sauer an, so schmeichelt er ihr, bis sie wieder zufriedengestellt wird. Liebe Männer, sind denn nicht die Weiber zum mächtigsten, weil sie das tun?« »Fügen Sie sich drein, Oheim! Wer kann gegen die Weiber? Machen Sie gute Miene zum bösen Spiel; Sie müssen ja doch!« »So? Muß ich?! So!?... Alle sechstausend Schock blutige Teufel! O, ich kenne euch, steckt man euch alle in ein Faß und rollt euch den Berg hinunter, so liegt doch immer ein Taugenichts obenauf!« Ich machte eine Verbeugung; das Gleichnis des alten Kriegsknechtes gefiel mir ungemein. »Da sitzt nun das Mädchen und spricht kein Wort, und was sie denkt, was sie simuliert – – –« »Femme qui pense à coup súr pense à mal.«` »Bleib mir vom Leibe mit deinem verd ... Französisch!« schrie der Hauptmann, mit dem Fuße aufstampfend. »Und der Hasenfuß ist mir den ganzen Morgen um das Haus geschlichen, wie ein Kater –« Welchem der Bratengeruch auf die Nerven gefallen ist. Kenne das, teuerster Oheim.« »Teuerster Oheim!« äffte mir der Alte nach. »Hat sich was zu – teuerster Oheim!« »Armer, unglücklicher Oheim!« »Da hast du recht! 's ist ein Trost, daß du es einsiehst. Teufel, welcher böse Geist mußte den Burschen auch wieder hierher führen? Warum mußte jener unglückselige Fall sein?« Ich sah über das Bild der Apemene, welche durchaus seine Ähnlichkeit mit Cäcilie hatte, nach dem Hauptmann: »In das Gäns- und Hühnerhaus Geht der Fuchs zum Raube aus.« »Da hat das Unheil seinen Anfang genommen. Ich witterte gleich Unrat und ließ es sie auch merken.« »Gar grimmig ist das Tigertier, Wenn du es siehst, so flieh dafür,« sprach ich, und trotz seinem Jammer und Elend kratzte sich der Hauptmann lächelnd hinter dem Ohr, und ich konnte den glücklichen Augenblick benutzen. »Lieber Herr Hauptmann, was haben Sie eigentlich gegen den armen Mietze? Er ist wohlhabend, seine soziale Stellung kann eine glänzende genannt werden, er liebt Ihre Tochter, meine holde Base (werden Sie nicht wütend!), und sie liebt ihn. (Was hat Ihnen denn Ihr Pfeifenrohr getan?) Er ist zwar ein schlechter Schauspieler (der Hauptmann nickte wie ein Besessener), aber die Komödie, .Ehe' genannt, wird er schon gut genug durchführen. Sie werden selbst noch einmal Beifall klatschen, Herr Oheim; und, Herr Oheim, im Vertrauen – was meinen Sie – Ihre Enkel können Sie ja allesamt in ein Kadettenhaus stecken, das machen Sie aus, ehe Sie Ihr väterliches Jawort geben!« Der Hauptmann schob lächelnd die Hausmütze vom rechten zum linken Ohr; mehr und mehr sanken die Flammen seiner Aufgeregtheit vor meinen vernünftigen Vorstellungen zusammen. Fräulein Sidonie erblickte ich im Laufe dieses Morgens nicht: wohl aber die Hausmagd Justine, welche mich auf der Hausflur vertraulich anhielt. »Ist es denn wahr, Herr Doktor? Ist es denn möglich?« »Jawohl, Justine, Ihr könnt es weiter erzählen.« »O Gott, o Gott, diese Freude! –Daß ich das noch erlebe!« Seufzend stapfte ich hinaus auf den Markt von Finkenrode, durch dessen noch unberührte frische Schneedecke, querüber, ich eine unregelmäßig im Zickzack laufende Spur zog, welche von meiner Seelenstimmung sattsam Kunde gab und Fräulein Minna Schrubbert das Recht verlieh, hinter ihren knospenlosen Rosenstöcken die spitzigsten Bemerkungen über mich zu machen. Den kranken Wallinger fand ich noch immer bewußtlos; Cäcilie war mit ihrer Mutter bereits bei grauendem Morgen in der Vagabundenhütte gewesen. Das war ein trüber, schwarzverhangener zweiter Weihnachtstag! – Müde, verwacht und zugleich fieberhaft aufgeregt kehrte ich in mein Haus zurück, wo ich die alte Renate inmitten des in der Christnacht herausgewühlten Spielzeuges der armen kleinen Frieda sitzend fand – still weinend. Ich sank in den Lehnstuhl meines Oheims und sah traurig zu, wie sie alle die toten Freuden in ihre Schürze raffte und hinaustrug. Die alte Weihnachtstanne verlor ihre letzten gelben Nadeln, als sie hinausgeschleppt wurde, und der Stern von Knittersilber löste sich ab und blieb allein auf dem Fußboden zurück. Ich hob ihn auf und betrachtete ihn seufzend: – ich sehnte mich nach dem Redaktionsbureau des Kamäleons – ich sehnte mich nach Weitenweber! Noch einmal lief ich am Nachmittage in der Stadt und vor der Stadt umher; ich besuchte noch einmal den Musikanten, und mit einbrechender Dämmerung stieg ich langsam im dichten Abendnebel den Schillingsberg hinauf. Die Luft war wieder ruhig geworden, kein lebendes Wesen war ringsum zu erblicken – es war so still rings umher, daß ich die Uhr in meiner Westentasche picken hörte. Tief aufatmend erreichte ich den Gipfel des Berges und wollte mich eben wenden, um hinunter zu schauen auf die Stadt und das Lichtlein Cäciliens zu suchen, – als mein Blick seitwärts nach dem Rade des Willegis hinstreifte. Eine dunkle Gestalt saß geisterhaft darauf und schien mich aufmerksam zu beobachten. Unwillkürlich trat ich näher, tat aber einen gewaltigen Satz, als die Gestalt sich lang erhob und gähnend fragte: »Hast du ein Feuerzeug bei Dir, Bösenberg?« »Weitenweber?!« schrie ich und war im nächsten Augenblick dicht vor dem unheimlichen Wesen. »Weitenweber?! du?!« »Leider!« erschallte die Antwort, und die Frage nach einem Schwefelhölzchen ward wiederholt. Ich setzte die Zigarre des Menschen in Brand – »Guten Abend, Bösenberg!« sagte er und schüttelte mir mit einer Gleichgültigkeit die Hand, als ob wir uns von Ewigkeit an, jeden Abend um sechs Uhr, an diesem Grenzsteine des Erzbistums Mainz getroffen hätten. »Aber so sag mir doch, wie kommst du hierher? – wie viele Wochen hast du schon auf diesem Flecke gesessen? – Mann, Mann, bist du es denn wirklich?« »Willst du meinen Fußstapfen durch den Schnee zurückfolgen? Sehr angenehmer Weg von der Redaktion des Kamäleons bis an diesen Stein!« »Mensch! Mensch!« »Lustige Weihnachten hier in den Bergen, he? Habe in einem verschneieten Walddorfe drüben, in einem Bauerhause, gesessen; wackeres Blut, hier herum, vortrefflicher Appetit! Also das da unten ist Finkenrode?« »Das ist Finkenrode!« sagte ich mit einem Seufzer. Weitenweber warf seine Reisetasche wieder auf den Rücken und schritt stumm der Stadt zu, in dem Nebel hinunter. Ich folgte ihm dicht auf den Fersen und – wunderte mich über die Sehnsucht, welche ich vor einer Stunde noch nach meinem Freunde gehabt hatte. Als wir vor dem grünen Häuschen, in welchem die Lampe jetzt wirklich mild und friedlich schimmerte, vorbeikamen, wünschte ich ihn still innerlich dahin, woher er gekommen war, und von wo, seiner Aussage nach, die Spur durch den Schnee auslief. »Hier rechts um die Ecke, Weitenweber! – Dort die Türme der Martinskirche. Wie wird Mietze sich über deine Ankunft wundern! Hier – stolpere nicht! – da ist das Haus Bösenberg!« Ja, da war das Haus Bösenberg und mein Freund Weitenweber darin in dem Lehnstuhle meines Oheims, in den Pantoffeln meines Oheims und die Pfeife meines Oheims im Munde: Jakob der Rabe freudekrächzend zu seinen Füßen, und ich – ich aus dem Winkel sie beide anstarrend. »Prächtige alte Höhle!« sagte Weitenweber. »Famoser alter Bursche, dieser Oheim Albrecht! Ah, ausgezeichnet!« Mit unsäglichem Wohlbehagen sog er den leisen Moderduft des Gemaches ein. Ich erkundigte mich nach allen möglichen Leuten und Verhältnissen, die mir interessant waren; aber der Gute war für alle solche Fragen taub. Der Rabe saß ihm auf dem Knie und rief unaufhörlich sein heiseres: χαιρε, χαιρε! »Wackeres Tier! Liebes Tier! Ausgezeichnetes Tier!« sagte Weitenweber. »Jungfrau Renate, ich empfehle mich Ihrem geneigten Wohlwollen und wünsche diese Nacht in der Gespensterkammer zu schlafen.« Die Jungfrau Renate war schon den ganzen Abend scheu-zutraulich um den seltsamen Gast geschlichen; jetzt schlurfte sie hüstelnd näher. »Ist der Herr vielleicht auch ein Verwandter des seligen Herrn? Wenn ich ihn da sitzen sehe in dem Lehnstuhl und in dem Schlafrock und den Pantoffeln – so möcht' ich schier es denken – nehme es der Herr nicht übel!« »Ich nehme nichts übel,« sagte Weitenweber, erhob sich und schritt langsam und langbeinig durch das Zimmer, auf Schritt und Tritt verfolgt von dem Raben. »Gibt es kein Bild des seligen Herrn im Hause, Renate?« Renate schüttelte den Kopf. »Das da ist die selige Frau und die kleine tote Frieda.« »Ah!« seufzte Weitenweber und ging mit der Lampe zu dem Bilde. »Sei gegrüßt, Agathe!« sagte der Rabe; ich aber hielt es nicht länger aus. »Um Gottes willen, Weitenweber, bedenke, es ist spät in der Nacht! Renate, ist des Herrn Schlafgemach bereit? – Das ist ja zum Tollwerden!« »Geh zu Bett, Kind,« sagte Weitenweber. »Ich werde mit deiner Erlaubnis noch ein wenig hier sitzen bleiben. Geh, Max, geh zu Bett!« »Das werde ich auch,« sagte ich fröstelnd und gähnend. »Das ganze Haus steht zu deiner Verfügung, Weitenweber. Ich freue mich ungemein, daß du da bist.« »Das ist eine Lüge! Geh, und zieh dir die Decke über den Kopf!« »Gute Nacht, Weitenweber!« Die kalte knöcherne Pfote meines Freundes legte sich in die meinige; ich ließ ihn allein mit der alten Renate und dem Raben Jakob. Einen unruhigen Schlaf schlief ich in dieser Nacht, und jedesmal, wenn ich aus einem wirren, wüsten Traume schreckhaft auffuhr, hörte ich den Schritt des Chef-Redakteurs des Kamäleons im Nebenzimmer. Gegen Morgen wollte sie natürlich versinken in einen gewaltigen, rauschenden, wirbelnden Strom; in Todesangst bemühte ich mich, ihr die Hand zu reichen. war aber, wie gewöhnlich, fest gewurzelt und konnte mich nicht rühren und regen. Schwarz, pechschwarz wie Tinte war das Wasser des Stromes, und Weitenweber saß an seinem Rande, mir gegenüber, höhnisch grinsend, und angelte und zog allerlei greuliches Zeug heraus: vertrocknete Ballettänzerinnen, antiquierte Schauspieler und Schauspielerinnen, Sänger und Sängerinnen. Ein Korb mit Regenwürmern und schlechten Witzen stand neben ihm. Sie sank–sank, und alles um mich her wurde ein wüstes Chaos von Stimmen und Gestalten – Sidonie Fasterling tauchte auf aus dem schwarzen Strom, eine weiße lächelnde Najade, bekränzt mit Wasserpflanzen. Sie machte mir mit der niedlichsten der Hände eine lange Nase zu – eine Leiche trieb dann natürlich zu meinen Füßen an den Uferrand – – – Cäcilie! schrie ich verzweifelnd und erwachte. Es war heller Tag, Weitenweber stand vor meinem Lager und Mietze neben ihm. »Sidonie!« »Cäcilie!« fistulierte der erstere, und setzte im tiefen Baß hinzu: »Großer Gott, welche Narren!« 18 Die Verwunderung des Schauspielers, Weitenweber in den Pantoffeln und dem Schlafrocke meines Oheims bei mir anzutreffen, wurde sehr gemäßigt durch die qualvolle Notwendigkeit, in welcher sich der Unglückliche befand, sein auseinanderfallendes Ich zusammenzuhalten. Ich wußte den Jammer seines Seelenzustandes zu würdigen und bedauerte ihn aufrichtig während des Eiertanzes der anmutigsten Reden und Redensarten, den er mit Weitenweber aufzuführen hatte. Wir frühstückten in der Gesellschaft Gundermanns, den ich herbeorderte, und welcher seine Lanzette in der Tasche mitbrachte, um dem armen Alexander nötigenfalls auf der Stelle zur Ader lassen zu können. Als ich nach Wallingers Befinden fragte, schüttelte der Doktor hippokratisch den Kopf und trank sein Glas mit einer Grimasse aus; Weitenweber schob das seinige zurück, kreuzte die Arme über die Brust – »Wallinger?! ... Also geht es mit ihm zu Ende? Nun, Gott gesegne ihm seine Ruh!« »O weißt du mehr von ihm, als ich dir geschrieben habe, Weltenweber? Sprich – sage uns, was du von ihm weißt!« rief ich. Der Redakteur des Kamäleons zuckte die Achseln: »Es ist die alte Geschichte, man wandelt nicht ungestraft unter Palmen. Gräfin Kunigunde – war ein schönes Mädel, und Günther Wallinger war ein schwacher Narr, gleich uns allen vom Weibe Geborenen. Weshalb mußte auch das Schicksal ihn dem alten Musikmaniak, dem Baron Wallberg, dem Beethovenianer, in den Weg führen? Was hatte der Geiger zu suchen unter den seidenen Roben, den Juwelen und Orden und Uniformen? Tautropfen und Diamanten funkeln alle beide und sind doch etwas gar Verschiedenes. Welcher Jude gibt euch etwas für einen frühlingsfrischen grünen Zweig, im Tau blitzend, wie ihr ihn mitbringt aus euren Kindheits- und Heimatswäldern? – Imitation des diamants, messieurs! Imitation des diamants! Hier ist Gold, hier ist Ruhm und Ehre! – Holla! Mietze! Aufgewacht!« Der Schauspieler fuhr erschrocken in die Höhe und warf eine Weinflasche um, deren Inhalt Gundermann über die Weste bekam. »Ich wollte, der Alte hätte nachgegeben, daß du endlich diese Zerstreutheit los würdest!« rief der Arzt ärgerlich. Was soll ich nun meiner Frau sagen? Der Fleck kann doch unmöglich bei einem Patienten entstanden sein!« Alexander schlug sich seufzend vor die Stirn; Gundermann lachte, Weitenweber grinste. »Bei meinem Herzen« – begann der Schauspieler, aber brummend fiel ihm der Kamäleonsredakteur ins Wort: »Bei meinem Herzen? Dummes Zeug! In alten Zeiten schwur in unserm Volk nur das Weib mit der Hand auf der Brust; der Mann schwur bei den Waffen.« »Bei meiner Kunst denn!« rief der Schauspieler. »Pah, der Schwur kann dir nicht gestattet werden, Mietze!« lachte der Arzt. »Nun denn, zum Henker, bei mir selbst; ich wollte« – »Obgleich ich weiß, was du wolltest, Alexander, so ist doch eine Verpfändung deines sonst ganz respektabeln Ichs eine sehr bedenkliche Sache. Sehr wenig Sicherheit, Alexander!« Der Schauspieler glotzte stier im Kreise umher, ließ stumm die Stirn in beide Hände fallen, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bekümmerte sich nicht mehr um uns. Gundermann und ich weiheten Weitenweber in die Finkenrodener sozialen Verhältnisse ein, ungeachtet daß der Elende bei den interessantesten Tatsachen auf das unverschämteste gähnte, sich reckte und dehnte. Indem stapfte etwas langsam die Treppe herauf, und jemand klopfte mit dem Stockknopf an die Tür. »Der Herr Hauptmann Fasterling?!« rief ich staunend und zweifelnd. Mietze war, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, in die Höhe gefahren. Der Doktor hielt sich ein klein wenig an der Stuhllehne; Weitenweber erhob sich langsam und würdevoll. »Willkommen! Willkommen, teuerster alter Freund und Gönner!« rief ich dem Vater der holden Sidonie entgegen. »Alexander, einen Stuhl dem Hauptmann! Herr Hauptmann, hier – mein Freund Weitenweber! Weitenweber – der Herr Hauptmann Fasterling! Ich hoffe, die Herren werden gute Freunde werden.« »Hoffe ich auch!« sagte Weitenweber, und Gundermann nickte selig dazu. Der Hauptmann aber machte eine steife Verbeugung und warf unbehagliche Blicke nach der Tür, welche sich hinter ihm geschlossen hatte, und nach dem Schauspieler, der ihm gegenüber verlegen mit der Serviette spielte. »Ich – ich dachte, ich würde dich allein treffen, Max!« sagte er. »Ich störe die Herren gewiß – –« Im nächsten Augenblick war dem alten Herrn des Oheims Lehnstuhl untergeschoben und er darauf niedergedrückt. Den spanischen Rohrstock stellte Gundermann in den Winkel, des weißen Filzhutes bemächtigte sich Weitenweber; auf einen Wink von mir stürzte Mietze Hals über Kopf hinab in den Keller und erschien in derselben Minute wieder beladen mit mehr Flaschen, als meinem Weinvorrate gut war. »Aber, aber, meine Herren!« rief der Hauptmann. »Ich komme –« »Der Herr Hauptmann ist gekommen!« rief Gundermann. »Meine Herren – der Hauptmann Fasterling lebe hoch – ho – o – och!« Wir fielen natürlich im Chor ein, und der Herr Hauptmann setzte dankend das Glas an die Lippen. Er kostete, hob die Augen zur Decke, kostete wieder, dann bog er sich seitwärts zu mir hinüber und flüsterte geheimnisvoll: »Der Alte hatte doch einen feinen Geschmack – wahrhaftig – Max – existiert noch mehr von der Sorte?« Ich nickte energisch, warf dem Schauspieler einen bedeutungsvollen Blick zu und rief: »Herr Hauptmann, lassen wir den Oheim Albrecht Bösenberg leben!« »Von ganzem Herzen!« sagte der alte Soldat anklingend. »Möge er da oben sich behaglicher fühlen, als er sich hier unten fühlte!« »Amen!« sagte ich, und wir alle fünf leerten feierlich die Gläser. »Wer nun, um mein unangenehmes, schweres Geschäft so schnell als möglich abzumachen, Max – ich kam – komme – ich kam, um dich zu – bitten – dem – Herrn – Herrn Schauspieler – Mietze – Mietze doch mitzuteilen, daß ich – ich ihm – meine Sidonie – nun und nimmermehr – geben kann! – Gottlob – Ah!« Der Schauspieler war leichenblaß geworden, Gundermann trommelte auf dem Tische; nur Weitenweber blickte sehr nüchtern und gleichgültig drein. »Aber, Herr Hauptmann –« »Lieber Sohn, es geht wirklich nicht – wir passen nicht zueinander – –« »Aber Alexander und Sidonie –« »Nein! Nein! Nein! Es geht nicht! Es kann nicht gehen! Drei Nächte habe ich schon die Augen nicht zugetan – bitte, bitte, liebster, bester Herr Mietze, bestehen Sie nicht darauf!« »Sie machen mich und Ihr Kind unglücklich auf Lebenszeit!« schrie der Schauspieler, die Hände ringend. »Lieber, junger Freund –« »Sie sind schuld daran, wenn ich mich wieder in das wüsteste Leben stürze; Sie sind schuld daran, wenn Sidonie eine alte Jungfer wird – sie hat mir geschworen, nie einen andern zu lieben, als mich –« »Pah!« sagte Weitenweber, eine Wolke Zigarrendampfes nach dem verzweifelnden ersten Liebhaber hinblasend. »Ich stehe ganz auf der Seite des Herrn Hauptmannes; gib dich zufrieden, Alexander!« »Sie stehen auf meiner Seite – o danke, danke!« rief der Hauptmann. »Sagen auch Sie doch Ihrem Freunde, daß ich ihn liebe, daß ich ihn achte, daß ich ihn ehre, aber daß ich ihm in Ewigkeit meine Tochter nicht geben kann.« »Hörst du, Mietze?« sagte Weitenweber gähnend, »der Herr Hauptmann Fasterling liebt – achtet und ehrt dich, kann dir aber in Ewigkeit seine Tochter nicht geben.« Italienisch setzte er hinzu: »Machen wir also den alten Kater betrunken, muccino ! Ich will einen solchen elenden, erbärmlichen Komödianten, wie du, nicht wieder auf den Brettern und in den Blättern haben!« Der Schauspieler blickte verblüfft zweifelnd herüber, der Doktor Gundermann ebenfalls, der Hauptmann sah verlegen von einem zum andern. »Es sei!« rief ich. »Alexander, nimm Vernunft an, gib dem Hauptmann die Hand und leiste Verzicht auf die schöne Sidonie!« »Nimmer! Nimmer!« schrie der arme gequälte Mietze. »O Gott, sind das Menschen? – Väter? –« »Nein!« sagte Weitenweber trocken. »Nein!« sagte ich. »Leider!« seufzte der Doktor Gundermann. Mein Herzblut würde ich vergießen –« »Dummes Zeug! Leiste Verzicht auf die niedliche Hand des Fräuleins unter der Bedingung, daß der Hauptmann uns hier Gesellschaft leistet, solange es uns beliebt.« »Folge ihm!« sagte ich leise zu dem Schauspieler und setzte ihm den Stiefelabsatz auf die Fußspitze. »Wir packen ihn – mein Wort darauf!« Zögernd reichte der arme Alexander seine feuchte Hand über den Tisch. »Es sei!« stöhnte er aus tiefster Brust, und mit einem Anflug von Reue und Wehmut ergriff der Hauptmann die Hand des Verstoßenen und drückte sie krampfhaft und sagte, ohne zu wissen, was er sagte: »Beruhigen Sie sich, fassen Sie sich, liebster junger Freund! Wir gaben auch die Hoffnung auf nach dem Lübecker Sturm, und wir waren doch nachher in Frankreich!« Der Schauspieler legte die Hand über die Augen und sich zurück über die Stuhllehne. »Und nun die leeren Flaschen vom Tisch und die vollen darauf!« rief Weitenweber, dessen Augen unheimlich zu leuchten anfingen. »Herr Hauptmann, auf das Wohl des holden Töchterleins; möge ihr der Himmel einen besseren Ehemann bescheren als den Schauspieler Mietze!« »Amen!« seufzte Alexander; der Hauptmann aber trank betrübt, ohne anzuklingen, sein Glas leer. »Ich wollte, ich hätte Sie nicht hier getroffen, Alexander!« sagte er. »Bah, alter Herr,« lachte Weitenweber, »es läßt sich nichts leichter abschütteln als ein Gewissensbiß! – Auf das Wohl der Armee, der alten wie der jungen!« Der Alte stieß zwar sein Glas an das des Redakteurs des Kamäleons; aber der edle Wein des Oheims Albrecht schien ihm wenig oder gar nicht zu behagen. Hin und her rutschte er auf seinem Stuhle. »Wir könnten so gute Freunde sein, Alexander. Ich kannte Ihren wackeren seligen Vater so gut! Ach, weshalb mußte Ihnen auch das dumme Mädchen begegnen?« Alexander legte den Kopf in die Arme auf den Tisch und rührte sich nicht; Gundermann griff leise in der Rocktasche nach seiner Lanzette; Weitenweber aber ward von Minute zu Minute lebendiger und entwickelte ein Unterhaltungstalent sondergleichen. Ich hatte unablässig die Gläser zu füllen, und nur das des Schauspielers blieb unberührt stehen. Auch der Alte, um sich zu betäuben, wurde immer redseliger, und seine Stimme schwoll öfters zu einem Donner an, welcher die alte Renate ein besorgtes Gesicht in die Tür stecken ließ. Garnisongeschichten wechselten mit Kriegsgeschichten ab, und Weitenweber, durch einen behende hie und da eingeworfenen Zweifel, erhöhte den Durst des wackern pensionierten Kriegers bedeutend – ich fuhr bereits die zweite Flaschenbatterie auf. »Ich liebe sie! Ich liebe sie!« schluchzte Mietze. »Halt's Maul – credo, quia absurdum est !« flüsterte ihm Weitenweber zu. »Weiter, Hauptmann, lassen Sie sich nicht stören. Was wollten Sie sagen?« »Ich sehe Sie schon lange an, Herr Weitenweber,« sagte der Alte. »Es kommt mir immer vor, als habe ich Sie bereits einmal gesehen, aber ich kann nicht sagen, wie und wo.« »Mit meinem Vater soll ich Ähnlichkeit haben. Der war ein wilder Bube, erstach zu Halle einen Schuft, der ein armes Mädchen unglücklich gemacht hatte, im Duell; ging unter fremdem Namen in die weite Welt und ritt als freiwilliger Jäger mit – nach Paris, alter Herr.« »Wie nannte er sich, wie nannte er sich damals?« »Lindenschmidt – Franz Lindenschmidt.« »Hurra! Hurra! Er ist es! Er ist es! Ihre Hand, Freund! Das war ein wackerer Kerl, Ihr Vater! O sagen Sie mir, was macht er? Wo steckt er? Wie lebt er? O, wir kennen uns sehr gut.« Weitenweber goß den Rest seines Glases auf den Boden, daß es schallte: »Er ist tot – zwanzig Jahre.« Der Hauptmann legte grüßend die rechte Hand an die Schläfe. »Das ist das Leiden,« sagte er, kopfschüttelnd den grauen Schnurrbart streichend, »das ist das Leiden; wenn man nach einem von ihnen fragt, da ist er auf und davon gegangen – ah, wir müssen alle Ordre parieren und auf das Signalhorn achten. Haben sie ihn auch begraben, wie es einem ehrlichen Soldaten ziemt?« Weitenweber zuckte lächelnd die Achseln: »O ja! Sie nahmen ihn nach dem Kriege wieder in Gnaden an und setzten ihn, damit er nicht verhungere, hoch oben auf einen luftigen Berggipfel in ein Telegraphenhäuslein und hatten auch nichts dagegen, daß er meine Mutter heirate.« »Da mußte er freilich stillsitzen lernen,« sagte der Hauptmann. »Es ging wohl schwer an?« »O nein,« sagte Weitenweber und stützte den Kopf auf die Hand, »es gefiel ihm sehr; er hatte ja aus seinem Turmfenster die Aussicht in die weite Welt; er hatte seinen kleinen Garten an nebeligen Tagen; er hatte meine Mutter« – »Donnerwetter, ich hätte selbst bei ihm sitzen mögen!« rief der Hauptmann, auf den Tisch schlagend, daß die Gläser klirrten. »Wenn nur in dem Umkreis von zwei bis drei Meilen die andern Telegraphen nicht gewesen wären!« fuhr Weitenweber fort. »Wieso?« fragte der Hauptmann. »Bah, die Kerle streckten ihre langen Arme aus und gestikulierten, und mein Vater verstand unglücklicherweise die Zeichen, welche er da über seinen Berggipfel weiterbefördern mußte. Aus allen Himmelsgegenden erzählte man sich die schnurriosesten Geschichten hin und her, her und hin. Die Leute da unten in den friedlichen Städten und Dörfern, die Leute in den Werkstätten und Schreibstuben und auf den Feldern und grünen Wiesen hatten gar keine Idee davon, wie es eigentlich in der Welt zuging, ließen sich wahrhaftig nicht träumen, was für Teufeleien da oben über ihren Kirchen und Kinderstuben in der stillen blauen Himmelsluft durcheinanderzuckten. Meinem Vater wurde das Haar greis in vier Wochen – es ist ein anderes, Hauptmann Fasterling, es ist ein anderes, im Freiheitssturm von Hunderttausenden derselben Zunge fortgerissen zu werden zum Kampf für das Höchste, und ein anderes ist es, einsam auf solch einem stillen Berggipfel für die ›Gebote des heiligen Glaubens, die Gebote der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens‹ die Arme des Telegraphen zu richten.« Der Hauptmann saß stumm, starr, mit weit offenen Augen und Munde. Mietze hatte sich aus seinem Stupor aufgerichtet, und Gundermann fühlte sich selbst den Puls. »Weiter, weiter, Weitenweber!« rief ich. »Es ist nichts weiter davon zu sagen! Eines Tages renkten sich die Telegraphen auf den umliegenden Höhen fast die Arme aus, der meines Papas ließ die Fittiche hängen, wie ein flügellahmer Vogel. Die Familie Weitenweber zog wieder hinunter in die Täler, zu den Leuten, die nichts davon wissen, was über ihnen vorgeht. Die Mutter trug mich auf dem Arm, und der Vater lenkte das alte Roß, welches die wenigen Habseligkeiten auf einem Wägelchen nach sich schleppte.« »Gottlob! Gottlob!« rief der Hauptmann aus tiefster Brust aufatmend und drei Gläser Wein in einer Sekunde hinabstürzend. »Die Korrespondenz des heiligen Bundes aber geriet dadurch bedeutend in Unordnung,« fuhr Weitenweber fort – »in der nächsten Stadt wurde mein Vater verhaftet« – »Blücher und Bomben!« schrie der Hauptmann. »Und auf die Festung gesetzt, wo er nach fünf Jahren gestorben ist! Ein ehrliches Soldatengrab in einer Festung, Hauptmann!« Der Hauptmann schritt, die Hände auf dem Rücken, hin und her im Zimmer, daß der Boden zitterte, und murmelte undeutliche Worte. Weitenweber trat mit einem vollen Glase zu ihm heran und legte ihm die Hand auf die Schulter: »Was ist Euch, Mann? Die Falten von der Stirn! Was? Ist das alte Geschlecht der Freiheitskämpfer so nervenschwach? Was? – Stehen wir Kinder von heute fester vor den Konsequenzen der Weltentwickelung? Hier – auf das Wohl aller freien Seelen!« Der Hauptmann wischte mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, nahm das Glas und hielt es hoch empor: »Auf dein Wohl, Franz Lindenschmidt!« Erschöpft sank er auf seinen Stuhl zurück; ich aber stieg abermals in die Katakomben des Hauses Bösenberg und schickte zugleich einen Boten nach dem Hause des Hauptmanns mit der Meldung, daß der Wackere fürs erste nicht heimkehren werde. Ein gewaltiges Gelächter erscholl um den Frühstückstisch, als ich wieder eintrat. Selbst Alexander Mietze lächelte, wie man in seiner Gemütsstimmung lächeln kann: der Doktor Gundermann erzählte, da er wie Scheheresade »nicht schlief«, der Gesellschaft eine sehr merkwürdige Geschichte. »Wahrhaftig, die Zukunft lag in dem rosenfarbigsten Lichte vor mir, wenn auch öfters gespensterhafte Schatten mit geisterhaft langen Rechnungen darin herum schwebten und heulten, wenn auch die Gegenwart etwas nebelig und dunkel war. Gute Aussichten! – Was kann man mehr verlangen? Hole der Teufel meine Gläubiger, die vor einem künftigen Wirklichen Geheimen Ober-Medizinalrat so wenig Respekt hatten, daß sie – – – na, wir wollen nicht weiter davon sprechen! ›Otto Gundermann, praktischer Arzt und Geburtshelfer, Sprechstunden: Morgens 9–11 Uhr, nachmittags 4–7 Uhr‹ hatte ich auf ein Porzellantäfelchen malen lassen, welches an der Haustür lockend der leidenden Menschheit zuwinkte und sie aufforderte, bei Tage vertrauungsvoll drei Treppen hinauf zu wandeln zu meiner Wohnung, und bei Nacht, ohne Scheu, zu stören, den nebenbei befestigten Glockenstrang zu ziehen. Himmel, Hölle und Hygieia, tat es wohl einer?! – – Ach, du lieber Gott, ich hatte viel Zeit über – statt im Doktortrab Patienten zu besuchen, bummelte ich langsamen Schrittes, die Hände in den Hosentaschen, durch die Gassen, oder sonnte mich auf irgendeiner beliebigen Bank draußen im Tiergarten; statt Pulsschläge zu zählen, zählte ich die Ziegel auf den Dächern. – Ich schlief den Schlaf des Gerechten. Eins ! tönten die Glocken über die Stadt – da – plötzlich – ungeahndet – krampfhaft setzt sich meine Nachtglocke dicht über meinem Haupte in Bewegung. Man zieht nicht, man reißt daran; es ist, als habe sich ein Selbstmörder den Draht um den Hals gelegt und zapple nun ein verfehltes Leben daran aus – klinglingling kling – kling klinglingling. – Ich bin mit einem Satz aus den Federn: ›Wo brennt es? Wo brennt es denn?‹ – Dann mich besinnend: ›Alle Wetter, das ist ja ein Patient!‹ An das Fenster stürzen, es aufreißen und den Kopf in die kalte, regnichte Februarnacht hinausstrecken, ist die Sache eines Augenblickes. – ›Ich komme gleich! Ich hab's gehört! Warten Sie eine Minute!‹ – Der Läutende aber läßt sich nicht stören, sondern verdoppelt nur seine Anstrengungen. ›Ich hab's gehört! Hören Sie doch nur auf – ich komme schon!‹ schreie ich, die Unaussprechlichen in der Hand. ›Gu – u – undermann! – Gu – u – undermann!‹ brüllte es jetzt von unten herauf. ›Herrr–aus – herr–unter kommen!‹ Meine schönsten Hoffnungen sind vernichtet, ich erkenne die Stimme. ›Teufel, das ist Ottermann! Himmel, was hat der Kerl? Fängt der Mensch schon wieder an zu läuten!‹ – Ich lege mich so weit als möglich aus dem Fenster und schreie hinunter: ›Ottermann, sind Sie es? So lassen Sie doch den heillosen Lärm, die Nachbarn werden ja wach!‹ ›Rrrrrunterkommen, Hip–hippo–popo–potamus! – augenblicklichst – sehrrr eilig!‹ ›Der Mensch ist betrunken,‹ sage ich mir und krieche allmählich in die Kleider. ›Gehen Sie nach Hause, Auditor, und nehmen Sie Brausepulver.‹ ›Gu–undermann – Hinkelmann krank! sehr krank! Schnell – rrraus, Gunder–mann!‹ ›Alle Wetter, Hinkelmann krank?!‹ rufe ich oben betroffen. ›Was ist das? – Ich komme – lassen Sie das wahnsinnige Sturmgeläut, Ottermann!‹ Rasch beendige ich meine Toilette und eile die Treppen hinunter, wobei mir aus mehreren Türen die ärgerlichen Bemerkungen der Leute nachschallen, welche der Jurist aus ihren besten Träumen geweckt hat. Das Schlüsselloch ist endlich gefunden, der Riegel weggeschoben, ich trete hinaus in die unbehagliche Nacht. Es regnet, und wässerige Schneeflocken schlagen mir ins Gesicht; eine Straßenlaterne wirft ein ungenügendes Licht umher, aber von dem Juristen ist nirgends eine Spur zu sehen. ›Ottermann, Ottermann! Wo stecken Sie? Treiben Sie keinen Unsinn, Ottermann!‹ Ein zweifelhafter Laut, halb Seufzer, halb Grunzen, ertönt dicht neben mir. Der Rechtsgelehrte sitzt regungslos an die Hausmauer gelehnt da, den Griff des abgerissenen Glockenzuges in der Hand. Ich habe den Burschen auf dem Halse! ›Ah–u–uf! Seid Ihr da – Schatz? Famoooos!‹ ›Sind Sie noch fähig anzugeben, woher Sie kommen, Ottermann?‹ fragte ich ärgerlich. › Paterrr est qu–quem nuptiae de–monstrant! ‹ ›Unsinn! Woher Sie kommen, will ich wissen!‹ ›Vortrefflicher Rhein–wein–punsch in der Rrrrose –‹ Mir geht ein Licht auf. ›Gerettet!‹ rufe ich. Ich fasse den Rechtskundigen unter die Arme, und es gelingt mir, ihn auf die Beine zu bringen. Zu irgendeiner vernünftigen Antwort auf meine Fragen nach dem kranken Hinkelmann ist er jedoch unfähig; dagegen bemüht er sich unablässig, nach der Melodie: Das Schiff streicht durch die Wellen usw. den schönen Vers zu singen: Der Tugend Pfad ist anfangs steil, Läßt nichts als Mühe blicken. Von Gasse zu Gasse, von Eckstein zu Eckstein gelangen wir mit Mühe und Not auf den Dönhofsplatz. Hier gelingt es mir, einen Nachtwächter aufzutreiben, welcher den Auditor auf der andern Seite unterstützt und mir die Fortschaffung des Menschen erleichtert. ›Gottlob, es ist noch Licht in der Rose! Hier hinein, Nachtwächter – danke Ihnen für Ihre Hilfe!‹ ›Hat nichts zu sagen, Herr!‹ lacht dieser. ›Wenn Sie mich mal wieder brauchen, stehe gern zu Diensten, nachts zwischen zwei und vier hier an dem Meilenzeiger!‹ Es war in jenen schönen vergangenen Tagen (hier fuhr der Kreisphysikus seufzend durch seinen etwas mangelhaften Haarwuchs) allnächtlich ein tolles, fideles Treiben in dieser Rose, und die Gattung der Rosenkäfer, welche sich jeden Abend mit einbrechender Dämmerung hier versammelte, suchte ihresgleichen in der Hervorbringung unsäglichen Blödsinnes jeglicher Art. Hier versammelte sich alles, was die Stadt en gros und en détail an Geist, Witz und Albernheit besaß. Der Austausch der Ideen war riesenhaft – kolossal, gigantisch, apokalyptisch! Die Wärme des niedrigen Zimmers, der undurchdringliche Tabaksqualm betäubten den Juristen bei unserm Eintritt dermaßen, daß er kaum noch den nächsten Stuhl erreichte, wo er niedersinkend stammelte: »Daaa – da – sitzt errr!« und den Kopf auf beide Arme legte, wie Alexander Mietze dort mir gegenüber. Ja, da saß er, der unglückselige Hinkelmann, Doktor der Philosophie, sehr jugendlicher Literat damals und – so weiter! Der einzige Nüchterne zwischen den geistig und körperlich in diesem Augenblick verloren gegangenen Genossen. Verschiedene waren bereits von den Stühlen gerutscht, verschiedene hielten sich nur noch mit Mühe darauf, kein einziger konnte noch ein vernünftiges Wort hervorbringen. ›Guten Abend, Gundermann!‹ sagte Hinkelmann mit kläglicher Miene, mir die Hand über den Tisch reichend. ›Guten Morgen, Hinkelmann! Wo sitzt es denn?‹ fragte ich lachend. ›Was sitzt? Wo sitzt?‹ ›Nun, ich meine, du seiest am Rande des Grabes angelangt; Ottermann sagte – –‹ Ein Krachen unterbrach mich; der Jurist hatte ebenfalls das Gleichgewicht verloren und verschwand unter dem Tisch. ›Luise heißt sie!‹ schrie er dabei mit der Stimme eines Ertrinkenden, Hinkelmann legte die Hand auf das Herz und machte ein Gesicht wie ein Kalb, das der Schlächterhund anbellt. Ich fiel auf den Stuhl, welchen der Rechtskundige soeben geräumt hatte. ›Ah! oh! ah! oh! o! o! o! Luise heißt sie?! Also, sie haben es herausgekriegt? Hinkelmann, Hinkelmann! Will sie dich denn?‹ ›Laß uns hinaus in die freie Luft, in die heilige, reine Nacht! Ich ersticke!‹ schrie Hinkelmann, und wir verließen Arm in Arm die Rose und wandelten langsam durch die Gassen. Hinkelmann beichtete vollständig; er zeigte mir ihre Fenster und nannte mir ihre Hausnummer; – sie hieß wirklich Luise! – Luise Reimer –« »Donnerwetter, das ist ja Ihre Frau, Doktor?!« fiel hier der Hauptmann dem Erzählenden ins Wort. »Ganz richtig!« sagte gemütlich der Arzt. »Sie wollte ihn ja nicht!« »Aber, aber –« »Nun, Herr Hauptmann?« »Aber war denn Ihr Freund damit zufrieden?« Gundermann zuckte die Achseln: »Ach, wer will wohl solche Kleinigkeiten übel nehmen? Sie ist einen Kopf größer als der kleine Journalist – das paßt nicht, Herr Hauptmann: das Weib soll dem Mann bis ans Kinn reichen.« »Hat er Sie denn nicht gefordert – auf Tod und Leben?« »Bewahre! Er hat zwei Jahre später lustig auf meiner Hochzeit getanzt.« »Nun nehme mich aber einer hin!« sagte der Hauptmann, und ein klein, klein wenig war es nötig, daß einer von uns dieser Aufforderung nachkam. Die Augen des alten Herrn glänzten ziemlich verdächtig, seine Heiterkeit stieg von Minute zu Minute. Wie oft hatte Weitenweber aber auch die Gläser gefüllt! Jede Bemerkung, jede Anekdote des wackern Kriegers wurde mit einem feierlichen Hoch beschlossen. Wir tranken auf das Wohl des Oberpredigers Wachtel und auf das Wohl des Landrats von Tendler; wir weiheten dem alten Wallinger ein volles Glas und ein ebenso volles dem Forstmeister von Altenbach. Wir vergaßen auch die Damen nicht: ganz Finkenrode bekam seinen Teil. Wir begrüßten nicht nur die Lebenden, wir ließen auch die Toten leben und waren eben bei den Ungeborenen angelangt, als Alexander Mietze, Ex-Komödiant, und Friedrich Wilhelm Fasterling, Hauptmann außer Diensten, über den Tisch einander ewige Freundschaft schworen. »Wenn du nicht binnen fünf Minuten sein Schwiegersohn bist – verachte ich dich!« flüsterte Weitenweber dem Spiritusfabrikanten zu. Noch eine Geschichte begann der Hauptmann mit den Worten: »Als wir in Frankreich waren« – brachte sie aber nicht zu Ende; Alexander trank Brüderschaft mit ihm! ... »Mein lieber alter Junge –« »Teuerster, teuerster Papa –« »Wo steckt denn – die Sidonie? Es – wäre – an der Zeit, daß sie den – Kaffee – fer–tig hätte!« »Soll ich es ihr sagen? Soll ich sie herbringen?« rief der Schauspieler mit leuchtenden Augen. »Hole sie, hol' das Mädel, mein lieber Sohn!« nickte der Hauptmann, und Alexander stürzte ohne Hut fort, die Treppe hinunter und aus dem Hause. Der Hauptmann winkte ihm mit dem Ausdruck unsäglicher seligster Befriedigung nach: die halbgeschlossenen Augen, der in dem Lehnstuhl des Oheims Albrecht zurückgelegte Kopf, die beiden Daumen, die sich vor dem Magen langsam umeinander drehten, alles ließ ein glückliches Gelingen des Experimentes hoffen. Gundermann lachte leise vor sich hin, ich rieb mir die Hände, und Weitenweber legte die langen Beine über drei Stühle, schob die Daumen in die Armlöcher der Weste und – gähnte, als habe er die Absicht, vor Sonnenuntergang die Kinnbacken nicht wieder zusammenzuklappen. Es war so still im Hause geworden, daß man den Schnee leise an den Fenstern niederrieseln hören konnte. Jetzt bellte ein Hund draußen auf der Straße – die Glocke der Haustür klang – das Hundegekläff war im Hause – es kam die Treppe herauf – an der Tür kratzte und winselte etwas – der Hauptmann wandte langsam, schwerfällig wiegend das Haupt, lächelnd, wie man in seinem Zustande lächelt. Die Tür öffnete sich – Waddel stürzte ins Zimmer und sprang, außer sich vor Vergnügen, an den Knien seines Herrn empor und hinter ihm – Der Hauptmann stand mit einem Male schwankend auf den Füßen, nach der Stuhllehne hinter sich in die Luft greifend. »Wa – as – da ist ja ... tausend Schwadronen – Sidonie!« – Sie sah reizend aus! Einige mutwillige Schneeflocken hatten sich in ihren Locken gefangen; rosiger, glühender als die glühendste Rose, wand sie sich aus dem Arm Alexanders los. Sie hing an dem Halse des Alten – »Papa, lieber, lieber, alter Papa – Dank! Dank! O wie glücklich hast du mich – uns gemacht! Dank! Dank!« Der Schauspieler hatte sich der geballten Faust des Hauptmanns bemächtigt – »Bin ich denn betrunken!« schrie dieser, mit beiden Händen nach dem Kopf greifend. »Himmel und Hölle – o, die Verräter! O, das Satansnest! – Sidonie –« »Papa, lieber Papa – du hast es ja gesagt! Wir haben dein Wort–« »Ja, wir haben dein Wort, Papa!« rief der Schauspieler. »Nichts habt ihr – o Gott, das ist ja zum Verrücktwerden – o ich Narr, ich alter Narr! Laßt mich frei, Gesindel – mein Lebtag finde ich meine fünf Sinne nicht mehr zusammen!« Atemlos sank der Hauptmann in des Oheims Albrecht Lehnstuhl zurück, vor welchem Sidonie, durch ihre Tränen lächelnd, niederkniete, dem Alten das Kinn streichelnd. »O Papa, ich will von nun an auch immer so artig sein – vergib uns, Papa!« »Vergib uns, Papa!« rief Alexander, ebenfalls neben seinem Schatz auf die Knie niederfallend. »O, wir wollen so artig – so artig sein!« »Was habt ihr beiden Narren eigentlich hier zu stehen und zu gaffen?« schrie Weitenweber plötzlich den Doktor Gundermann und mich an. »Packt euch gefälligst und nehmt mich mit! – Herr Hauptmann,« flüsterte er dann dem alten Krieger ins Ohr, »geben Sie nach, sperren Sie sich nicht – am hellen lichten Tage hat er sie auf Ihren Befehl durch ganz Finkenrode geführt!« »Es ist wahr! Es ist wahr! O, der heillose Satan!« jammerte der Hauptmann, und wir ließen die – Familie allein in dem wüsten Studierzimmer des Oheims Bösenberg. Jakob der Rabe saß draußen dicht an der Schwelle, als ob er schon lange dem, was drinnen vorging, gehorcht habe. Ich schickte die Renate mit der Meldung des Vorgefallenen nach der Frau Agnes, Gundermann trabte fort, seiner Gemahlin und dem Forstmeister von Altenbach Nachricht zu geben; ich lief, die Stadtmusik herbeizuholen; Weitenweber aber zündete eine frische Zigarre an und schritt als Schildwacht in dem Hausflur storchartig auf und ab. – – – Das Volk versammelte sich: Mit Trompeten, Pauken und Posaunen zog ich heran durch das wirbelnde Schneegestöber; der riesige Forstmeister stapfte aufgeregt daher, um die Ecke der Marktstraße trabte eiligst der Kreisphysikus und die Frau Luise, gefolgt von ihrer Kinderschar. Die Frau Agnes kam; es kam Cäcilie – – – Ah! ... Weitenweber war den Leuten von Finkenrode schon bekannter, als er sich vorstellte, hatte übrigens auch in diesen Augenblicken durchaus nicht das Recht, Interesse zu erregen. Seit Menschengedenken hatte solch ein lustiges Getümmel das Haus Bösenberg nicht erfüllt. Renate schlug mehr als zwanzig Mal die Hände über dem Kopfe zusammen. Das wirrte und schwirrte durcheinander und lauschte die Treppe hinauf, welche Jakob der Rabe langsam verdrießlich herunterhüpfte. Alle Wände, Ecken und Winkel sangen und klangen! »Wie weit sind sie da oben, Weitenweber?« Weitenweber, welcher von einer dunkeln Ecke ans Cäcilien nicht aus dem Auge ließ, wußte nichts davon. Die ganze Gesellschaft schritt auf den Fußspitzen die Treppe hinauf, und nur die Musik blieb in der Hausflur zurück und wartete auf das Signal zum Losspektakeln. Mit leisem Finger klopfte Cäcilie an die Tür des Studierzimmers, diese öffnete sich – ein allgemeines jubelndes Hoch brach los, die Hörner und Posaunen erschallten drunten, der Paukenschläger bearbeitete aus Leibeskräften seine Felle. »Hurra! Hurra! Hurra! Es lebe das Brautpaar! Es lebe das Haus Fasterling! Hurra!« Sidonie war in den Armen der Weiber. Alexander nahm die Glückwünsche der Männer in Empfang. »Hurra, hast du nachgegeben, alter Schwede? Haben sie dich gefangen, alter Fuchs?« schrie der Forstmeister, den Hauptmann bei den Schultern fassend. Alle waren außer sich, und nur Weitenweber mit einem Gesicht, wie ein Sack voll Katzen, stand hoch und lang in der Mitte des Getümmels und wandte einen Handschuh, den Cäcilie hatte fallen lassen, mit der Fußspitze hin und her. Ich wollte mich eben des Schatzes bemächtigen, als sich plötzlich der lange Redakteur zusammenklappte, den Handschuh ächzend aufhob und ihn, mit einem höhnischen Seitenblick auf mich, in die – Tasche schob. Von neuem ertoste der Jubel der Gratulierenden; der Hauptmann Fasterling gab mir einen Rippenstoß und kratzte sich bedeutend hinter dem Ohr, als ich ihm bemerkte: »Teuerster Herr Hauptmann, solch eine Geschichte ist Ihnen doch nicht passiert, als Sie in Frankreich waren.« »Ihr seid Schurken allesamt, inwendig und auswendig! Na, Gott führe es zum Besten!« »Amen! Aus vollem Herzen!« rief ich und küßte meiner holden Cousine die Hand. »Haben wir es nicht gut gemacht, Sidonie?« Die Kleine schaute errötend lächelnd auf ihren Vater und ihren Verlobten. »Zu Gegendiensten bereit!« sagte sie mir leise ins Ohr; der Hauptmann Fasterling aber stieg auf einen Stuhl und lud die anwesende Versammlung zu einem solennen Verlobungsmahl am Abend ein. Er war vollkommen nüchtern! – Ich saß mit Weitenweber wieder allein in dem Studierzimmer meines Oheims, auf dessen Fußboden die vielen nassen, großen und kleinen, unförmlichen und zierlichen Fußstapfen allein noch Kunde gaben von dem fröhlichen Wesen, welches vor einigen Minuten hier geherrscht hatte. Die geleerten Flaschen standen noch in den Winkeln umher, der Stuhl, von welchem herab der Hauptmann seine Rede gehalten hatte, lag umgeworfen in der Mitte des Zimmers – der frische Hauch des Lebens, der durch das Haus Bösenberg geweht war, hatte viel Moderduft von dannen getrieben; ich streckte und reckte mich, ich atmete behaglich aus tiefster Brust auf. »Weitenweber!« »Rede, verständiger Jüngling Telemachos!« »Wie gefallen dir Finkenrode und seine Bewohner?« »Eine alte Jungfer, die in ihrem Kleiderschrank ein Nest von sechs jungen Kätzlein und ihre Lieblingskatze mitten dazwischen findet, kann sich nicht seltsameren Gefühlen hingeben, als ich.« »Gib jetzt meinen Handschuh heraus, Weitenweber.« »Nä« sagte näselnd der Chef-Redakteur des Kamäleons. – 19 Rezept, um den Redefluß jüngerer und älterer Juristen in das gehörige Bett zu leiten: Man sorge, daß jeder ein Glas Zuckerwasser vor sich habe und erwähne beiläufig die lex Aquilia ! – Weitenweber lehrte mich dies Mittel; Weitenweber hatte sich in den Strudel des Finkenrodener gesellschaftlichen Lebens gestürzt! Er verglich anmutig genug seine Gefühle mit denen des Affen, als dieser die Leiter hinab in den gefüllten Salon der Arche Noah stieg. Wir feierten der Aufforderung des Hauptmanns gemäß die Verlobung Alexanders und Sidoniens; Weitenweber machte Visiten, quälte den Notar Rettig nebst Familie, peinigte den Pastor Primarius Wachtel und seine Angehörigen, elendete den Syndikus Mümmler und Landrat Tendler samt den Ihrigen; Weitenweber besuchte den alten Wallinger und schloß Freundschaft mit der Familie Nadra. Weitenweber strich gleich einer lebendigen Vogel- und Kinderscheuche durch die Stadt und um die Stadt, stieg auf die Kirchtürme und auf die Berge, kroch in die Keller des Rathauses und in das – Herz des Hauptmanns Fasterling – Weitenweber fand auch den Weg in das stille Stübchen des kleinen grünen Häuschens vor dem Burgtore: er erzählte den Frauen Geschichten – von mir – von mir! Alte, alte Geschichten! ... Weitenweber wurde mir fürchterlich; ich begriff wahrlich nicht mehr, wie ich ihn mir jemals hatte nach Finkenrode wünschen können. Allmählich geriet ich jedesmal, wenn sein Schritt sich irgendwie hören ließ, wenn er den Mund öffnete, in eine nervöse Aufregung sondergleichen. Hätte ich den Wackern durch ein Zauberwort nach dem Kap der guten Hoffnung versetzen können, ich würde es ohne Bedenken mit Wonne ausgesprochen haben, und viele Leute in Finkenrode hätten jubelnd eingestimmt. Es war nicht zum Aushalten! Wäre sein Mittagsschlaf nicht gewesen, ich hätte es auch nicht ausgehalten. Neujahrstag! Von dem Lehnstuhl des Oheims her tönte es: Trrrr – trrrr – trrrr! Ich saß, den Kopf auf beide Hände stützend, und ließ vor meinem Geiste noch einmal alles vorübergehen, was mir die letzten Monate dieses Jahres gebracht hatten: ich seufzte und ich lächelte – ich seufzte wieder und ich seufzte noch einmal – Trrrrrrrr! Der Himmel war dunkel und nebelig, die Fensterscheiben waren überfroren; trotz der frühen Tageszeit war das Gemach bereits in jenes träumerische Dämmerlicht gehüllt, in welchem sich der Geist so gern verliert, in welchem man so leicht alle klaren, bestimmbaren Gedanken aufgibt, um ein phantastisches Bild an das andere zu knüpfen, um eins jener lustigen bunten spanischen Schlösser aufzubauen, welches beim Erwachen zusammenfällt, wie ein Kartenhaus, wenn an den Tisch gestoßen wird. Erwachend ans meinem Halbschlaf fand ich mich an der Tür, die Hand auf den Griff legend. Manche Glückwünsche hatte ich heute am Morgen abgestattet; sie hatte ich noch nicht gesehen! »Trrrrr – rr – Max, bleibe bei mir! Geh nicht von wir, Max!« Ich drückte den Hut mit dem Krampf der Verzweiflung auf die Stirn; mit einem Satz war ich draußen – »Nimm mich wenigstens mit, Max!« Ich stürzte, die Zähne zusammenbeißend, die Treppe hinunter. Ich stand in der Gasse! Mit unsäglicher Lust atmete ich die scharfe, frische Luft ein und eilte dann schnellen Schrittes die Straße hinab, öfters über die Schulter zurückblickend, ob der Unhold mir nicht auf den Fersen folgte. Ein langes Wesen stiefelte zwar hinter mir her; aber ich hatte keine Ursache, mich zu entsetzen: der Herr Syndikus Mümmler und Weitenweber sind zwei ganz verschiedene Personen. In dem Häuschen vor dem Burgtor trat meinem Glückwunsche Frau Agnes mit einem zierlich gefalteten Schreiben entgegen. »Wir haben auch einen Brief bekommen, und dem Forstmeister von Altenbach hat der Bote ebenfalls einen gebracht.« Ich entfaltete das Schreiben – ein Gevatterbrief aus dem Himmelreich! »Hurra, ein fröhliches, fröhliches Neujahr!« rief ich, erst der Mama, dann der Cäcilie die Hände schüttelnd. »O das ist herrlich, das ist prächtig!« »Käthchen und Konrad lassen die schönsten Grüße bestellen. Wir fahren mit dem Forstmeister,« sagte Cäcilie, »ich freue mich recht darauf!« »O ich auch, ich auch!« murmelte ich, den lustigen Brief zum zweitenmal überfliegend. Wie strahlte der dunkle Wintertag! Wie leuchteten die Augen Cäciliens! Trotz dir, Weitenweber! Stelle das ganze Haus Bösenberg auf den Kopf und das Universum dazu! Diesen Brief kannst du mir nicht nehmen! »Wann? Wann, Cäcilie? Wann fahren wir in den verzauberten, verschneieten Wald, wann fahren wir in das Himmelreich?« »Sie haben ja zweimal den Brief gelesen,« sagte Cäcilie lächelnd. »Morgen früh um elf Uhr wird der Forstmeister mit seinem Schlitten uns abholen; es ist die schönste Schneebahn bis Rulingen. Wir fahren ins Pfarrhaus, und von dort holt Konrad uns ab in den Wald.« »O herrlich! herrlich!« rief ich und fragte dann weniger laut: »Und die Mama nehmen wir natürlich auch mit?!« »Die Mama muß das Haus hüten,« sagte die Frau Agnes. »Ich hoffe, der Herr Forstmeister und Sie, Herr Max, werden die Cäcilie recht beschützen und gut auf sie acht geben. Der Herr Forstmeister hat es mir schon versprochen.« Ich versprach es ebenfalls und blickte dabei nach Cäcilie hinüber, welche still vor sich hin lächelte; die süßen Augen halb verhangen durch die schwarzen seidenen Wimpern. Eiskalt lief es mir aber durch alle Glieder, als sie, nach dem Fenster gewandt, plötzlich sagte: »Da kommt Ihr Freund – der Herr Doktor Weitenweber – es ist wirklich ein wunderlicher Mann!« Ich fuhr bestürzt in die Höhe; richtig, da kam er langbeinig, bedächtig langsam durch den Schnee, die Nase hoch im Winde; Theobul Weitenweber, Doktor der Philosophie, Hauptredakteur des Kamäleons! ... Er näherte sich der Gartentür – »Er wird Sie suchen!« rief die Frau Agnes. »Ich werde« – »Um Gottes willen!« rief ich, entsetzt ihre Hand fassend, »bleiben Sie, bleiben Sie, beste, liebste Frau! Lassen Sie mich die Haustür verriegeln, bitte, bitte!« »Aber –?« Ein Augenblick aufgeregtester Spannung erfolgte jetzt für mich. Das Ungeheuer hatte die Gartentür erreicht, legte beide Pfoten auf das Gitter und hob sich auf den Zehen, über den Zaun grinsend. Aufmerksam betrachtete es die Fußstapfen im Schnee, den Gartenweg entlang, welche sich in der Haustür des kleinen grünen Hauses verloren. Jetzt! ... Nein, er schnitt eine Fratze, die Hände schoben sich wieder in die Taschen; er machte linksum kehrt, der Herrliche, und langsam schritt er zurück, wie er gekommen war. Er begnügte sich mit dem Schreck, welchen er mir eingejagt hatte. Ich sollte nun angeben, weshalb ich meinen Freund fürchte, und murmelte etwas von »Tavernenhumor«, »absoluter Negation«; aber die Frauen wollten sich nicht damit begnügen. Was sollte ich sagen? »Ein echter Zeitungsschreiber geht ins Wasser wie ein Pudel, ins Feuer wie ein Salamander, erhebt sich in die Luft wie ein Luftballon, genießt Gift wie Mithridates; ein echter Zeitungsschreiber fürchtet nichts als – seinen Kollegen, haßt nichts als seinen Nachbar in der Tinte!« sagte ich endlich. – »Ich fürchte und verabscheue meinen Freund Weitenweber!« »Das ist schlimm, sehr schlimm!« sagte Cäcilie traurig. »Aber ich glaube es nicht!« rief sie im folgenden Augenblick heiter. »Er ist ja Ihr Freund!« Ich besitze die glückliche Gabe, erforderlichenfalls so naiv aussehen zu können, wie ein neugeborenes Kind; das hat mich schon über manche Fährlichkeiten hinweggehoben und hob mich auch über diese hinweg. Ich hob nur die Schultern ein wenig und seufzte. – Durch Seufzen verdirbt man im Leben weit weniger, als durch Lächeln: eine wohl zu berücksichtigende Anmerkung! Die Sonne hob jetzt vorsichtig den Wolkenschleier ein wenig von ihrem schönen Antlitz und lugte hervor über die Welt und über das Städtchen Finkenrode – zum ersten Male in diesem jungen Jahre. Die beiden Resedabüsche in dem Fenster öffneten jetzt ihre bescheidenen kleinen Blüten, die weiße Wlnterrose entfaltete ihre schönste Knospe zu voller Pracht; das Geranium fing an zu duften, und dem Spatzenvolke draußen gingen die zugefrorenen Schnäbel auf, und wacker holte es zwischen den kahlen Baumzweigen, von denen es glänzend niedertropfte, mit Zwitschern, Zirpen, Pfeifen, Flattern und Fluttern das Versäumte nach. Ich saß und trank Kaffee und aß Festkuchen und dachte nach, wie die Welt so schön und behaglich sei, und wie Cäcilie Willbrand doch das Herrlichste und Schönste in dieser schönen, behaglichen Welt sei. Jetzt schritt durch das alte Burgtor der Pastor Primarius Wachtel in seinem ehrwürdigen lutherischen Chorrock stattlich aus der Nachmittagskirche zurück, und seine drei Töchter folgten ihm ehrfurchtsvoll in einiger Entfernung, Arm in Arm, die Gesangbücher und das weiße Taschentuch in den Händen. Das war alles so hübsch, so festtäglich heiter, daß ich jetzt mit wahrer Wehmut an den finstern Schatten Weitenweber dachte, der nun wieder – Gott weiß wo – einsam umherstrich und seine unheimlichen Gedanken zerkauete, ohne daß ihm jemand im Himmel und auf Erden helfen und ihn trösten konnte. Ich sagte das auch der Cäcilie, und ihre Augen begannen im feuchten Glanz zu leuchten. »Weshalb wollten Sie nicht, daß wir ihn hereinriefen?« sagte sie. »Wir hätten es ihm gewiß behaglich machen wollen; wir hätten ihm gesagt, daß die Welt nicht ganz Nacht sei!« Ich neigte beschämt das Haupt und dachte vernichtet, daß ich nie ihrer würdig sein würde; die Mama aber schaute unwillkürlich durch das Fenster nach dem Redakteur des Kamäleons aus, um ihn durch das vortrefflichste Stück ihres Festtagsgebäcks gutmütig über den Schmerz des Lebens zu trösten. Immer mehr schwanden die Wolken am Himmelsgewölbe, immer ungetrübter strahlte die Sonne; aber es ward kalt, sehr kalt. Das Getröpfel des Daches und der Baumzweige erstarrte und verwandelte sich wieder in glitzernde Eiszapfen; bald genug überleuchtete den Westen das schöne Rot des winterlichen Sonnenunterganges. Wir hatten es nicht bemerkt, daß es Abend wurde; von Weitenweber war das Gespräch auf die ewige Sehnsucht des Menschen nach dem Schönen, auf das dunkel-traurige Schicksal und Ende des alten Kindes von Finkenrode, Günther Wallinger, gekommen. Cäcllie hatte sich plötzlich erhoben. »O, lassen Sie uns jetzt noch zu ihm gehen! Mein Gott, wie ist mir denn – es war mir eben, als ob ich deutlich – dicht neben mir seine klagende Stimme hörte –« »Cäcilie?!« ... rief die Mama, ängstlich die Hände faltend. »Gewiß, gewiß, er bedarf meiner! Ich fühls, er verlangt nach mir – erlaube mir, daß ich gehe, liebe, liebe Mutter – er hat mich gewiß gerufen!« Einige Minuten später war ich mit Cäcilie auf dem Wege zu dem kranken Musikanten. Die Jungfrau beflügelte ihre Schritte so viel als möglich. »Spotten Sie meiner nicht,« sagte sie, »ich vermag es selbst nicht, mir Rechenschaft von dem Gefühl zu geben, welches mich so urplötzlich durchzuckte; aber es ist etwas mit ihm vorgegangen. Ist er tot? Ist er genesen? – ich weiß es nicht; aber er hat mich gerufen – kommen Sie, kommen Sie!« Er hatte gerufen, und wir kamen gerade zu rechter Zeit. Auf der Flur der Zigeunerwohnung kauerten die Kinder verschüchtert auf den Treppenstufen. Martin und seine Frau empfingen uns mit den Gebärden tiefster Bekümmernis. »Ist er tot? – ist er gestorben?« rief Cäcilie. »Es wird nun gut mit ihm, schönstes Fräulein, sagt die Großmutter Janna. Sie ist oben bei ihm und der fremde Herr auch. Er hat mit dem fremden Herrn noch lange gesprochen. Die Großmutter sagt, es ist klar mit ihm geworden in voriger Nacht.« Der Zigeuner wies auf die Stirn. »Horch, horch!« Geigentöne, wie von einer allgemach ersterbenden Hand dem Instrument entlockt, drangen wunderlich schaurig von oben herab. »Er spielt sein Totenlied!« flüsterte die Frau Lena. – »Still, ihr Krabben, still, im Namen der Jungfrau –« Ich hatte die Hand Cäciliens ergriffen und führte sie die Treppe hinauf; die schwarze Henne der Zigeunermutter kratzte an der Tür, durch welche die Geigentöne hervordrangen; die Schleiereule in ihrem Käfige kreischte unheimlich über unseren Köpfen, als ich die Tür öffnete. »Weltenweber!?« sagte ich verwundert, als mein erster Blick auf den Genannten fiel, der mit der alten Janna am Bett des Sterbenden saß. Wallinger, durch Kissen unterstützt, saß aufrecht auf seinem Lager und ließ die Geige bei unserm Eintritt sinken. »Da ist sie! Dank! Dank! Ich kenne dich! ich kenne dich! Dich allein kenne ich, du Holde, Schöne, Gute! – Erlöst! erlöst! – – O gib mir deine Hand – die Hand, welche mich geschützt hat, welche über mir gewesen ist in der langen, langen Nacht – gib! gib!« Zitternd legte Cäcilie ihre Hand in die des Musikanten. »Das war in vergangener Nacht,« fuhr dieser fort, »da hab' ich mich wiedergefunden! Ihr habt die Neujahrsglocken um Mitternacht und den Choral, welchen sie vom Turme bliesen, auch gehört, wie ich! – Ich erwachte aufschreiend aus einem wirren Traume voll unheimlicher, nebelhafter, wirbelnder Gestalten – es war Licht um mich, in mir! Wie soll ich das sagen? Wie soll ich das schildern? Ich wußte nicht, wo ich war, und ich wußte doch, daß ich in der Heimat war, und ich wußte, daß alles gut sei! ... O die Glocken, die Glocken! – Die Lampe war erloschen, und ich lag still in der Finsternis auf dem Rücken, die Hände auf der Brust gekreuzt, in tiefster innerster Seligkeit und Befriedigung!... Die Glocken! die Glocken! die Glocken der Heimat!... Und jetzt die Hörner und Trompeten in der stillen Nacht – dieselbe Weise, in welche ich einst selbst mit eingestimmt hatte, an der Seite des Vaters, hoch über der dunkeln Erde – »Laß dies sein ein Jahr der Gnaden, – sang meine ganze Seele mit, ohne daß ein Laut über meine Lippen kam. Kind, Kind, die Hand der Gnade war über mir – von den meisten Gräbern dort leuchtete es auf, und der Nebel über ihnen verdichtete sich; die Toten schwebten heran, und die Toten waren die Lebendigen, und tot war die übrige Welt, die ich ja nicht mehr kannte, von der ich ja nichts mehr wußte. Sie nickten und lächelten, die seligen Freunde, und die Kindheit und die Jugend lagen wieder vor mir wie ein blühender Garten. ›Komm! komm!‹ klang es um mich, und jetzt schon wäre ich mit den Winkenden, Rufenden gegangen – da schwiegen die Töne des Chorals, ein Hund schlug unten an, und ein anderes Tier kreischte dicht neben mir, dort hinter der Tür. Ich lag still, ganz still, die Augen nach dem Fenster gerichtet, und langsam, langsam kehrte ich in die Welt der Wirklichkeit zurück. – Nun steigen sie mit ihren Windlichtern die steile Wendeltreppe herab in die stille, dunkle Kirche, wo der Küster sie in der Sakristei, auf dem kleinen Schemel am Ofen sitzend, erwartet. Jetzt treten sie aus dem Portal neben der Linde – und Meister und Gesellen trennen sich und eilen durch die dunkeln Gassen zu ihren Wohnungen, zu ihren Weibern und Kindern. Die Tränen liefen mir leise über die Wangen im unendlichen Heimweh. Was alles hatten die Menschen getrieben, während ich verzaubert lag, was war geschehen? – Eine furchtbare Angst um das kommende Morgenlicht ergriff und schüttelte mich wie im Fieber. ›Laß mich sterben! Laß mich sterben, ehe die Sonne kommt, die ich nicht mehr kenne!‹ flehte ich aus tiefstem Herzensgrunde. ›Laß mich nicht mehr das Licht sehen, das ich nicht mehr begreife! Zeige mir nicht mehr, wo ich bin! Laß mich heimgehen – – jetzt, jetzt!‹ ... Es sollte nicht sein; aber die Nacht um mich und in mir bewegte sich – ich hörte eine Stimme, welche ich nicht gehört hatte in den Zeiten, als ich noch Günther Wallinger war – eine sanfte Stimme. Tröstend sprach sie zu mir, und im stillen Frieden tauchte ein Menschenantlitz auf aus dem Dunkel – – – du, du, du warst es – ich kenne deinen Namen nicht – o sag ihn mir nicht – aber ich weiß, daß du mich geschützt hast, daß dich Gott gesandt hat, Barmherzigkeit zu üben an mir, dem Wahnsinnigen, dem Verlorenen!« – – – Cäcilie weinte laut in den Armen des Sterbenden – Weitenweber drückte die geballte Faust auf die Brust – vergebens rang ich nach Atem, nach Luft. Jetzt ließ der Alte die Jungfrau wieder frei; aber ihre Hände behielt er fest in den seinigen. Die letzten Strahlen der in den winterlichen Dunstmassen des Horizonts versinkenden Sonne leuchteten über den Kirchhof der Stadt Finkenrode und röteten zum letzten Male das Gesicht des Kindes von Finkenrode, welches ausgezogen war, das Ideal zu suchen, und welches nun dicht vor dem geheimnisvollen Vorhang stand, der es uns allen verbirgt. »Ich gehe nun!« sagte der alte Wallinger leise, »ich gehe mit der Sonne, mit der schönen Sonne, die ich so lange Jahre nicht gesehen! Weine nicht, Kind – o weine nicht! Gott schenke dir ein friedliches, stilles Leben und einen Tod wie den meinigen! Kind, Kind – es ist bös von mir, daß ich dich hier festhalte, da ich dich nicht ganz mit fortnehmen kann – o geh! geh! Ich weiß nicht, wo und wie du lebst; o mögen viel Rosen und Lilien vor deinem Fenster blühen und die Vögel dich abends in den Schlaf singen und dich am Morgen mit ihren schönsten Liedern wecken! Geh – geh!« »Laß mich, o laß mich hier bei dir bleiben!« schluchzte Cäcllie. »Ich sehe die Sonne nicht mehr,« sagte der Alte. »Was für ein Jahr schreibet ihr jetzt, ihr Menschenkinder?« Es ward dem Sterbenden gesagt, und er legte sinnend die Hand auf die Stirn. »Da ist eine lange Zeit vergangen wie eine kurze Nacht – was treiben die Geschlechter der Menschen jetzt auf Erden?« »Sie freien und lassen sich freien! Es ist, wie es war und wie es sein wird! Geht zur Ruh, Wallinger!« sagte Weitenweber. »Wie steht es im deutschen Land?« »Es ist, wie es war! Auf derselben Stelle halten wir Schule für die Völker, die da kommen und gehen. Fühlende, denkende – zweifelnde Millionen quälen sich auf derselben Stelle, gleich unfähig zum Glauben, zur Liebe wie zum Haß, unfähig deshalb, Ein großes Volk zu sein.« »Und die großen Männer in der Nation?« »Tritt zu ihnen droben, Günther Wallinger, und sag ihnen, daß wir Götzendienst mit ihren Knochen treiben und Ketten schmieden in den Erzgruben, die sie uns aufgedeckt haben, Becher der Wollust aus den Gold- und Silberschätzen gießen, zu denen hinab sie den Weg gefunden und den Schacht gegraben haben!« Ein Lächeln, still und friedlich, spielte auf dem Gesichte des Sterbenden. Seine Augen hatten sich geschlossen, seine Atemzüge waren ruhig und gleichmäßig; – er schlief! Was hatte er mit den Worten des Redenden zu tun? Die alte Janna betrachtete aufmerksam seine Züge; sie nahm leise seine Hand aus der Cäciliens: »Sprecht nicht mehr zu ihm!« sagte sie. »Der Tod tritt ihm zum Herzen. Sprecht zu Euren Engeln, daß sie kommen und ihn hinauftragen in den schönen Garten zu dem alten Mann, von dem die Kinder da unten erzählen. Die Geige hat er dem Martin versprochen!« – – – Die Sonne war lange untergegangen, aber der Mond stieg in voller Pracht empor an dem kalten Winterhimmel, als ich die betäubte Cäcilie heimführte durch die Gassen von Finkenrode. Weitenweber war bei dem Kranken geblieben und lauschte an der finstern Pforte des Todes und legte das Auge an das Schlüsselloch – Weitenweber wollte dem alten Günther Wallinger die Augen zudrücken! ... 20 Hinein! hinein in den blitzenden, leuchtenden Wintermorgen! Es klingeln die Glöckchen des Pferdegeschirrs, es blicken die Leute von Finkenrode aus den Fenstern uns nach. Das Lachen des Forstmeisters schallt herzerfrischend über den Markt, als Christoph dem Hauptmann Fasterling und der holden Sidonie einen Morgengruß zuklatscht. Der Schauspieler Mietze begegnet uns in einem kleinen Trab, er ruft Hurra und winkt mit dem Hut – die nächste Ecke entzieht ihn unsern Blicken; zwanzig Hunde umklaffen uns; die Kinder in den Haustüren und an den Fenstern jubeln. Vorwärts! vorwärts! hinein in den bereiften Wald! – Noch einmal erblicken wir, wenn wir uns umsehen, die beiden Türme der Martinskirche – und dann ist die alte kleine Stadt hinter uns versunken – versunken das Haus Bösenberg mit seinem Moderduft, versunken alles, was das Herz quält und drückt und ängstet! Ein morgenfrisches Wehen geht durch die Wipfel der Bäume und schlägt klingend die überreiften Zweige aneinander; – mögen die Toten ihre Toten begraben, mag Weitenweber den Sarg für den toten Musikanten zimmern lassen – lustig hinein in die lebendige, lustige Welt, dem Himmelreich zu! Der Forstmeister und Cäcilie haben den Rücksitz eingenommen, ich habe meinen Platz ihnen gegenüber gefunden. »Aufgeschaut, aufgeschaut, Fräulein Gevatterin!« rief der Forstmeister. »Ist das ein Gesicht für eine Gevatterfahrt?« Und der Alte griff nach dem Waldhorn, welches er mit sich führte, nahm für einen Augenblick die kurze Jägerpfeife ans dem Munde und blies einen hellen Jagdgruß in den Wald hinein. Trara! trara! Das Echo gab aus allen Bergtälern den fröhlichen Schall zurück; Cäcilie hob ein wenig den grünen Schleier, welcher ihr schönes Gesicht bis jetzt verdeckt hatte. Sie atmete tief und schwer auf und strich mit der Hand über die bleiche Stirn. »O wie schön!« sagte sie. »Ist der Wald nicht wie verzaubert? O horcht und seht!« »Mußte dich ja wecken aus deinem Traume, Kindlein!« rief der alte Forstmann fröhlich. »Hurra, fort mit allen bösen Gedanken – laß sie da unten in ihrem Krähwinkel treiben, was sie wollen und mögen – wir sind alle Gott einen Tod schuldig! So ist's recht – zieh den Vorhang ganz auf – 's ist was Schönes um den Morgenwind – schau, da geht ein Fuchs, Trararara, trara! – Wie freu' ich mich auf das Käthchen, auf den Jungen, auf den Konrad, auf den Pastor, auf alles – Hurra – Trararara!« Ein mutwilliger Tannenzweig schüttelte seine Schneelast in diesem Augenblick auf uns herunter und hing leuchtende Funken an unsere Gevattersträuße, zu denen die Frau Agnes ihre schönsten Blumen hergegeben hat. Immer tiefer, tiefer hinein in den Wald! Wie der Schall des Waldhorns sich in den Bergen und Wäldern verliert, so verliert sich allgemach der beängstigende Nachhall der vergangenen Nacht. »Er ist eingeschlafen wie ein Kind!« sagte Cäcilie: ich aber warf eine Rosenknospe dem blauweißen, wolkenlosen Januarhimmel zu: »Die Welt lacht doch noch! ... Guten Morgen, Günther Wallinger!« Jetzt fuhren wir vorsichtiger, langsamer einen ziemlich stellen Abhang hinunter in einen finstren Tannenwald. »Im Sommer könntet Ihr da unten rechts den Hurlebach und das Geklapper der Papenmühle hören; jetzt aber müssen wir selbst Lärm machen! Ist es nicht, als ob jeder Ton in der Welt auf Nimmerwiederfinden sich versteckt habe?« rief der Forstmeister. »Hallo, Christoffel, nicht einschlafen! ... Trara – trarara! Was für seltsame Gesichter der Zeitungsschreiber schneidet! Wartet nur, Max, bei den drei Lilien halten wir an und lassen die Pferde verschnaufen.« Hatte der Alte, was das Gesichterschneiden anbetraf, wohl recht? – Es sang und klang mir in den Ohren, es schwirrte mir vor den Augen; es war mir wohl, es war mir weh zumute. »Das Horn, das Horn! Geben Sie mir einmal das Horn, Forstmeister!« rief ich – setzte das Instrument an den Mund, und in den tollsten Tönen und Tonversuchen jubelte ich meine Gefühle in die Welt hinein, machte ich meinem gepreßten Herzen Luft. – Der Wind spielte mit ihren schwarzen Locken, und sie lächelte in ihrer wehmütigen Trauer, und die Sonne lächelte auch über die wunderlichen Menschenkinder und funkelte durch die blitzenden Zweige über uns. Die Pferde wieherten und griffen lustig aus, daß der von den Hufen emporgeschleuderte Schnee über die Wolfsdecke des Schlittens flog; die Glöckchen klingelten, knallend schwang Christoffel die Peitsche. »Galopp! Galopp!« rief der Forstmeister jauchzend. »Galopp! Galopp!« rief auch ich: »Ein wilder Sturm Faßt mich und hebt mich, Trägt mich empor Über Menschenschicksale Und Menschenweh! Völker und Könige Kämpfen da unten Auf der kleinen Erde Ihre kleinen Leiden!« »Er wird verrückt, rein verrückt!« schrie der Forstmeister. »Halten Sie ihn am Rockschoß, Cäcilie! Er wird sogleich aus dem Schlitten springen!« »Aber ich, dem die Götter Die herrlichste Krone, Die Krone der Liebe, Auf die träumende Stirn drückten: Über den Wolken, Über den Wettern Streck' ich die Hand aus, Und aller Kampf, Und aller Schmerz, Und aller Zwiespalt Im Himmel und auf Erden, Über mir, unter mir Wird Harmonie, Wird seliger Frieden, Wird schönste Ruhe –« »So was ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen, und ich habe doch manche liebe Stunde, bei Tag und Nacht, auf dem Anstand zugebracht!« lachte der Forstmeister. »Christoffel, was sagst du, hast du jemals so was gehört?« »Wenn's der Herr Forstmeister erlauben, so muß ich sagen, daß es sehre schöne war – mit Erlaubnis zu sagen, das geht noch übern Pastor, das geht auch noch übern Supern'denten.« »Hurra, die drei Lilien! Da wird der Wald licht!« rief der Forstmeister. »Gebt acht, Max Bösenberg, jetzt werde ich Euch ein ander Liedlein singen. Schreie mit, Stoffel, du hast einen gar nicht übeln Brummbaß!« Mit rauher Stimme begannen die beiden alten Knaben ihren Lobgesang, jeden Vers mit dem andern durch eine kunstvolle Hornpassage verbindend: Ich weiß im Wald ein kleines Haus, Weitab vom Pfad gelegen; Da schaut ein Mägdlein schmuck heraus: »Gruß dir auf deinen Wegen!« Im kleinen Haus das Mägdelein Hat Augen hell und klare, Ihre Lippen rosig und küßlich sind, Und golden glänzen die Haare. Mein Jäger jung, mein Jäger fein, Tut nicht vorüber fahren, Ich fang' Euch mit den Augen mein, Bind' Euch mit meinen Haaren« ... »Hurra! Halali! Da sind wir! Grüß Euch Gott, Frau Wirtin zu den drei Lilien! 's ist ein schmuck Zeichen mitten im Schnee. Brr! brr! ein gesund Wetter!« Gern hätte ich das Lied von der Maid und dem Jäger zu Ende gehört, aber der Forstmeister und sein Christoph hatten jetzt Wichtigeres zu schaffen. Dampfend und schnaubend hielten die Pferde vor der lustigen Schenke im Torenwinkel bei den drei Lilien an, und das junge Wirtspaar sprang vor die Tür, uns zu begrüßen. Mit Erlaubnis des schmunzelnden Ehemannes bekam der Forstmeister wirklich einen tüchtigen Schmatz von den Lippen der jungen Hausfrau, die in der Tat rot und küßlich waren, wenn auch die Haare nicht mit dem Lied stimmten, indem sie ein klein wenig heller als das hellste Blond schimmerten. »Sie kommen grad noch zur rechten Zeit. Horch, da läuten sie in Rulingen zum erstenmal in die Kirch!« sagte der junge Wirt, und leise, leise drang der Glockenton durch den Wald zu uns herüber. »Wetter, dann müssen wir doch einmal den Pferden etwas bieten, Christoph!« rief der Forstmeister. »Das wäre ja eine saubere Geschichte, wenn sie die Taufe ohne uns abmachen müßten! Herrgott, und der Junge soll doch Leberecht heißen, wie ich – Stoffel, Stoffel, aufgesessen– – aufgepaßt! Da ist noch ein Glas, Herr Wirt – ganze Batterie, vorwärts Marrrsch! Trarara! trarara! trarara!« Der Wirt zu den drei Lilien schwang grüßend die weiße Zipfelmütze, die Frau Wirtin hielt kichernd und errötend die Schürze vor das Gesicht, als ihr der lustige Forstmeister noch etwas zuflüsterte, wovon ich nur die Worte verstand: »Käthchen Rösener – gutes Exemplum – komme – aber nur wenn's ein Mädel ist – Hab' der Buben jetzt genug!« Weiter, weiter, den Klängen der Dorfglocke entgegen, die bei jeder Biegung des Weges ferner oder näher erklingen! Es wird allmählich sehr kalt, und Cäcilie läßt fröstelnd den Schleier wieder herabsinken. »Bald sind wir erlöst, arme Cäcilie; sie werden's hoffentlich recht hübsch warm und behaglich im Pfarrhause haben.« »Ich freue mich recht!« ruft Cäcilie, und der Forstmeister wickelt sich fester in seine Pelze. Auch ihm frieren, wie weiland dem edlen Herrn von Münchhausen, die Melodien fest im Waldhorn, und nur Stoffel läßt noch frisch seine Peitsche knallen und grinst mich über die Schulter Cäciliens wohltuend gesund und dumm an. Jetzt überfuhren wir den gefrornen Hurlebach. »Rulingen!« rief der Forstmeister von Altenbach, und stieß noch einmal mit aller Kraft seiner Lungen in das Horn. Dicht vor uns läuteten die Dorfglocken – der Wald lag hinter uns, vor uns das Dorf, und lustig klingelten wir den Abhang hinunter, hinein in den einsamen, vergessenen Waldort und das Verhängnis! Da hielten wir vor dem kleinen, mir so wohl bekannten Pfarrhaus, dicht neben der winzigen Kirche und dem Kirchhof. – Da waren wir in den Armen der Freunde! – Der Forstmeister hob das Käthchen samt dem Täufling zu seinem Schnurrbart empor; Cäcilie wurde von einer freundlichen alten Frau, der Mutter meines Jugendfreundes Arnold Rohwolds, des Pfarrers zu Rulingen, zwischen Lachen und Weinen in Empfang genommen, mich hatte der rotköpfige Konrad gepackt – wir befanden uns in der warmen festtäglichen Studierstube des Pfarrers, ohne zu wissen, wie wir dahin gekommen waren. Da war der schreiende Täufling in seinem rosenroten Kleidchen, und die Margarethe aus dem Himmelreich, und Sultan, Karo und Wächter, die drei Hunde aus dem Jägerhaus! Aber wo war denn der Herr Pfarrer? In den fröhlichen Lärm, welcher die Studierstube desselben erfüllte, klang jetzt feierlich die Orgel und der Gesang der Gemeinde aus der nahen Kirche herüber; die Stimmen der Fragenden und Antwortenden sänftigten sich – jeder gab seine Freude, sein Wohlbehagen leiser kund, und nur die Hauptperson der Feierlichkeit hatte das Recht, so viel Lärm als möglich zu machen, und ließ sich dieses Recht auch nicht nehmen. Die Mutter Rohwold kam und ging auf den Zehen mit der Kaffeekanne, und die Leute aus Finkenrode verloren allmählich das Frösteln aus den Gliedern. Salve festa dies ! stand nicht bloß an der Stubentür mit Kreide geschrieben; es leuchtete noch viel heller und glänzender aus den Augen aller Anwesenden. Was hatten wir uns alles zu sagen; bis endlich die Frauenzimmer mit dem Säugling zu geheimeren Verhandlungen abzogen und uns Männer allein ließen. Der rote Konrad lief wie im Rausch umher, unfähig, drei zusammenhängende Worte zu sprechen; der Forstmeister von Altenbach hatte bereits wieder seine Pfeife und seinen Tabaksbeutel hervorgesucht und sammelte stillvergnügt immer dichtere Wolken um sich her; ich suchte alle meine Jugenderinnerungen zusammen und verließ heimlich durch die Hintertür das Pfarrhaus zu Rulingen. Durch den verschneieten Garten mit den vielen Hasenspuren um alle Büsche und Kohlstrünke gelangte ich zu dem Kirchhofe des Dorfes und über ihn weg zu einem kleinen Seitentürchen der Kirche selbst. Ich kannte diese Pforte sehr gut und wußte noch, zu welchem dunkeln Winkelchen sie führte. Vorsichtig trat ich ein und fand mich im nächsten Augenblick, ein Glied der andächtig horchenden Gemeinde, auf jenem Bänkchen, von welchem aus man die Kirche ihrer Länge nach bis zur Kanzel hin übersieht. Einige Frauen, die Kinder des Dorfes mit dem Schulmeister und ein halbes Dutzend ältere Männer bildeten die Versammlung, und über ihre Köpfe weg faßte ich meinen Jugendfreund auf seiner kleinen Kanzel fest ins Auge. Das war noch derselbe treue, stille, sinnig-träumerische Mensch, wie er sich schon im Knaben vorgebildet hatte, eine jener Naturen, welche die geringste rauhe Berührung von außen immer tiefer in sich selbst zurücktreibt, welche, wie man zu sagen pflegt, eine Vorsehung für sich allein haben. Das sind die Naturen, die Tage, Wochen gebrauchen, um das geringste außergewöhnliche Ereignis in sich zurechtzulegen, es ihrem Wesen einzuordnen, denen entweder alles Ruhe und seligster Friede, oder aber alles Unruhe und vernichtendster Zweifel ist. Wir, die wir aus dem Getriebe des Lebens kommen, wir, umhergeworfen zwischen Freude und Leid, Qual und Glück, wir, die wir in jedem Augenblick mit Schwert und Schild jeden Schritt auf unserm Lebenswege decken müssen, wir begreifen diese Menschen selten. Schöne Rätsel oder Objekte des Spottes und Hohns sind sie uns, und doch ist es sehr zweifelhaft, wer im Kampf um die Humanität schwerer in die Wagschale fällt – wir oder sie! – Gott zum Gruß, Arnold Rohwold! Rede weiter – weiter! Zwar ist ärmlich das Brettergerüst, von dem du sprichst, armen und einfältigen Herzens sind deine Zuhörer – Kinder und Weiblein – deutsche Bauern. Was schadet das? Dein Auge ist klar und leuchtend. Schön ist's, zu den Armen und Einfältigen zu sprechen! Schön ist's, die Palmen von Bethlehem und Ägypten in den kalten germanischen Winter rauschen und säuseln zu lassen: in dem kalten germanischen Winter, der um die kleine Dorfkirche liegt, zu demselben Volk zu sprechen, welches zuerst die frohe Botschaft und das – Kreuz Christi auf sich nahm – Deo devota, patiens et submissa natio Germanorum! Welch eine Reihe stiller Sonntage meiner Jugendzeit, hingebracht in diesem Walddorf, zog langsam vor meiner Seele vorüber, während der Freund auf der Kanzel den alten und jungen Kindern die Flucht nach Ägypten erzählte. Damals saßen wir selbst beide unter jenen Kindern auf den ersten Bänken und sahen ehrfurchtsvoll hinauf zu dem Greise mit den weißen Locken, dem wir einige Stunden später im kleinen Pfarrhaus auf den Knieen saßen. Sinnend dachte ich an den stillen, ungestörten Lebensgang, welcher meinem Jugendfreund im Gegensatz zu dem meinigen beschieden war. Während ich hinausgeschleudert wurde in die Welt, haftete er an der Scholle und träumte sich – man kann es sagen – allgemach hinein in die Gelehrsamkeit seines Vaters. Wenn er ein Examen zu machen hatte, so legte ihm die Mutter jedesmal als glückbringendes Zeichen ein vierblättrig Kleeblatt in jedes Buch, und getrost ging er, um wie Gold aus jeder Probe hervorzukommen. Der alte Rohwold erlebte noch die Freude, das einzige Kind von seiner eigenen Kanzel predigen zu hören. Er war alt und schwach geworden, und der Sohn ward dem Vater Gehilfe im Amt, und als der letztere starb, ward Arnold Rohwold an seiner Stelle Prediger in dem abgelegenen, von der Welt und dem Konsistorium fast vergessenen Dorfe Rulingen, und die Mutter konnte weiter schalten in ihrer schwarzen Witwentracht, in dem kleinen Pfarrhause mit der Aussicht auf den Kirchhof und den Grabhügel des heimgegangenen Gatten. In dem kleinen Pfarrhause stand noch jedes Gerät an demselben Platze, an welchem es vor zwanzig Jahren gestanden hatte, an welchen es vor vierzig Jahren zum erstenmal niedergesetzt war; die Kirchhofslinde trieb jedes Jahr im Wechsel der Zeit ihre Blüten und welken Blätter in die offenen Fenster des Pfarrhauses, und die Schmetterlinge flatterten jeden Frühling über den offenen Büchern und Papieren des jungen Pfarrers, wie sie den toten Vater umflattert hatten. Ich dachte an das alles und an noch viel mehr. Ich dachte auch an Cäcilie – und Weitenweber glitt durch meinen Traum, und die Predigt nahm ihren Fortgang: Im Schatten der Riesensphinx saß die Mutter mit dem durstigen Kindlein an der Brust, und der Vater lehnte an dem Eselein, und die Pyramiden und die Obelisken schauten stolz herüber; die Priester sangen in dem Tempel der Sonne, und Griechen und Römer und Ägypter und alle Völker des Erdkreises drängten sich in Pracht und Herrlichkeit in den Gassen und auf den Plätzen von Heliopolis. Schöne Götterbilder wurden in den Werkstätten großer Künstler gemeißelt; in den Säulenhallen redeten die Weisen; die Tuba erschallte auf den waffenblitzenden Triremen, welche den Nil herauffuhren, die Grenze zu schützen gegen die Äthioper. Wer achtete auf die kleine Gruppe neben der geheimnisvollen Sphinx? Wer vernahm das Schlummerlied, welches die Mutter dem Kindlein auf ihrem Schoß sang, nachdem es sich sattgetrunken hatte? Ich fuhr empor! – Unter dem Klange der Orgel war der Taufzug in das Kirchlein getreten, und der junge Weltbürger sang lustig im Chor der Gemeinde von Rulingen mit. Fein geschmückt lag er in den Armen Cäciliens. Der gewaltige Forstmeister schritt in seiner Staatsuniform feierlich hinterher, die Frau Pastorin Rohwold führend. Ihnen folgte Konrad mit seinem glücklichen Weiblein, deren Arm ich in dem nächsten Augenblick in den meinigen genommen hatte. »Wo steckst du denn?« flüsterte der Rotkopf. »Wir haben dich überall gesucht und mancherlei Vermutungen über dem Verschwinden angestellt.« »Bst!« sagte ich, den Finger auf den Mund legend. »Ich habe eine Vorfeier gehalten. Seien Sie gütig, Käthchen, und verzeihen Sie mir!« »O ich bin so glücklich!« sagte die kleine Frau. »Ist er nicht prächtig? O, ich hoffe, er wird gut werden – er wird wie sein Vater werden!« »Aber Ihr hübsches Haar soll er bekommen, Frau Käthchen, und fröhlich wie Sie soll er werden, und Ihre Augen hat er schon!« »Ach schweigen Sie doch, wie können Sie so in der Kirche sprechen!« rief Käthchen glückselig lächelnd. »Da kommt Arnold – ich wollte sagen, der Herr Pastor.« In pontificalibus trat Arnold, der Pastor, jetzt wirklich unter uns, und er sah auch in der Nähe recht ehrwürdig und hübsch in seinem schwarzen Predigergewande ans. Eine herzliche stumme Begrüßung fand statt, und dann schritten wir sogleich zu dem großen Werke, welches uns um den lichterglänzenden, aufgeputzten Altar der kleinen Dorfkirche versammelt hatte. – »So gehe denn zu Freud und Leid hinein in das Leben, du liebes Kind,« – beschloß der junge Pfarrer von Rulingen seine Taufrede – »und laß dich nicht irren auf deinem Pfad! Nimm die Blumen und Früchte, welche dir zu beiden Seiten in die Hände wachsen; aber das Auge schlage auf zu dem ewigen Blau über dir, daß dein Herz nicht eng und dunkel werde in Erdenlust und Erdenschmerz. Laß dich nicht irren, du liebes kleines Kind! Gehe deinen Weg und schürze fröhlich dein Gewand, sammle jubelnd alle bunten Schätze, welche du auf deinem Pfade findest, hinein, und Gottes schöne Engel – Liebe und Freundschaft – mögen dir zur Seite gehen und dir sammeln helfen, bis der Abend, die Nacht hereindämmert, dein Auge trübe, dein Schritt langsam wird. Und wenn der Abend, die dunkle Nacht hereingebrochen ist, der Vater ruft, dann laß still und willig dein gesammelt bunt Spielzeug zur Erde fallen, von der es genommen, falte die Hände und sprich dein Nachtgebet und träume dich sanft hinüber in den großen Auferstehungsmorgen mit seinen unbekannten Sonnen, seinen unbekannten Lerchen und Nachtigallen, all seiner unbekannten Herrlichkeit und Seligkeit – – Amen!« 21 Den christlichen Gebräuchen war ihr Recht geschehen; jetzt berührte Margarethe dreimal mit der Stirn des jüngeren Lebrechts einen der mit grünen Tannenzweigen umwundenen Holzpfeiler des Kirchleins, um den Neugetauften dadurch nach Volkes Glauben zu sichern gegen die finstern Mächte, die störend eingreifen können in das Leben, – und der junge Pfarrer sah sinnend-lächelnd von der letzten Altarstufe ihrem Beginnen zu. – Unter den Klängen der Orgel verließen wir dann die dämmerige Kirche und zogen, an den Grabhügeln des Friedhofes vorüber, dem gastlichen Pfarrhause wieder zu. Hier brach der bis jetzt zusammengehaltene Jubel fröhlich los; man wünschte sich gegenseitig alles mögliche Glück, und alle Geigen, von denen uns der Himmel vollhing, fingen an, durcheinander zu spielen. Das weinende Käthchen hatte beide Hände des jungen Pfarrers von Rulingen gefaßt und preßte sie in höchster Bewegung. Wenig fehlte, so hätte sie ihn umarmt und ihm einen Kuß gegeben! Der Forstmeister machte ein Getöse für Sechs, Konrad und die Mutter des Pfarrhauses hatten sich ebenfalls allerlei mitzuteilen; – Cäcilie wiegte das Kind im Arme und trug es still und glücklich in dem lustigen Aufruhr umher. Ich drückte die Hand auf das Herz und gab so wenig Lebenszeichen als möglich von mir, bis ich aus meinem Winkel mit in den Strudel gezogen wurde, in welchem ich mich dann natürlich am tollsten gebärdete. Der Jugendfreund war es, der sich meiner bemächtigte und nach abgelegtem geistlichen Habit mit mir in allen Ecken seines Vaterhauses, in welchen noch eine Kindheitserinnerung schlummerte, umherkroch. O süßes, seliges Heimatsgefühl, was kann dem, welcher dich verloren hat, Ersatz für dich geben? – Der winterliche Abendhimmel leuchtete in die Fenster des Pfarrhauses zu Rulingen und ließ die Eisblumen auf den Scheiben in roter Glut glitzern und glänzen, als die Pferde wieder draußen vor der Tür den knirschenden Schnee schlugen und wiehernd das fröhliche Menschenvolk abermals hinaus, riefen zur Fahrt in den verzauberten Wald, in das Försterhaus zum Himmelreich, wo das feierliche Taufmahl bereitstehen sollte. Alles, was das Pfarrhaus an Leben besaß, rüstete sich. Die Weiber krochen in ihre Mäntel und Tücher und Pelzmuffen, und der Säugling glich bald mehr einem Kleiderbündel, als sonst etwas. Es waren zwei Schlitten da, und viel lustige Zerwürfnisse gab es beim Einsteigen. Endlich saß ein jeder auf dem ihm vom Schicksale bestimmten Platze: Cäcilie, der Pfarrer von Rulingen und der Forstmeister in dem vordersten Gefährt, – die Frau Pastorin Rohwold, das Käthchen mit ihrem Kinde, Konrad, die Margarethe und ich in dem zweiten, größeren, welcher dem Försterhause gehörte. »Alles fertig? Alles drin?« rief der Forstmeister herüber. Ein jeder blickte sich nach irgend etwas Vergessenem um, fand aber nichts, und ein heiteres »Alles in Ordnung!« schallte dem Riesen entgegen. »Vorwärts, Christoffel!« schrie der Forstmeister. Die Peitschen Christophs und Konrads knallten; die Glöckchen läuteten, die Dorfkinder riefen Vivat, die Bauern in den Haustüren zogen lächelnd die Mützen ab, die Hunde umsprangen bellend die fort galoppierenden Pferde – vorwärts! vorwärts! Schon im Dorfe probierte der Forstmeister sein aufgetautes Jagdhorn, beim Herausfahren aus demselben aber stieß er schmetternd hinein. Vorwärts! vorwärts! Wer kann wider das Verhängnis? Immerzu, immerzu! Hinein in den Sonnenuntergang! Wir fahren alle desselbigen Weges: die ruhige Matrone, die glücklichen Eltern mit dem schlummernden Säugling – alte und junge Herzen, zwischen Erinnerung und Hoffnung gewiegt – immerzu! immerzu! Schattenhaft glitt durch den Nebel der erste Schlitten vor uns her. O Cäcilie! Cäcilie!- Weiter! weiter! Hinein in den verschleierten weißen Wald! Tiefer hinein in die Dämmerung, in die Nacht! Wer kann wider das Geschick! Vorwärts! vorwärts! Wer kann es wenden, wenn der Himmel einfällt? Was hilft es, den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen und in ohnmächtiger Abwehr die Arme und Hände der Vernichtung entgegenzustrecken? – Cäcilie! Cäcilie! Mt halbgeschlossenen Augen lehnte ich mich auf meinem Sitze zurück, und der Abendstern funkelte am verbleichenden Himmel gerade über mir. Das Kindlein im Arm der Mutter mir gegenüber fing leise an zu weinen, und ebenso leise summte ihm das Käthchen ein beruhigendes Wiegenlied. »Die Cäcilie ist ein gutes, liebes Mädchen,« sagte die Matrone. »Ich liebe sie sehr, ich liebe sie wie eine Tochter!« Sie nickte der Zurückwinkenden zu, und die alte Margarethe nickte ebenfalls und lächelte: »Der Herr Pfarrer –« Sie schwieg und nickte wieder und lächelte wieder – Eine vernichtende Angst kam plötzlich über mich; im geistigen und körperlichen Schmerz griff ich plötzlich nach der Brust und schaute wirr auf aus meinen Träumen»: bereits tief im Walde erschallte das Horn des Forstmeisters, während wir eben die ersten Bäume erreichten – Cäcilie! Cäcilie! liebe, liebe Cäcilie! »Wer hat meine Nelken All mir gepflückt? Wer hat meine Lilien All mir geknickt? Hühnchen im Garten Die Blüten mir bricht, Schaukle ich mein Kindchen Und kümmert's uns nicht!« sang Käthchen Rösener, und Konrad trieb die Pferde an – »Vorwärts! Vorwärts!« Die Pferde schnoben und sprangen wiehernd und schnaufend fort. »Dort hab' ich im vorigen Herbst den Vierzehnender angeschossen!« sagte Konrad, nach einer kleinen Halde links im Walde deutend. »Käthchen fand ihn am andern Tage am Reckenspiegel.« »Erzähle das nur gar nicht!« rief Käthchen, »die Tränen kommen mir noch in die Augen; es war solch ein schönes Tier! Wie mußt' es sich die Nacht durch gequält haben!« »Hoho, das will eine Jägersfrau sein?« lachte der wilde Förster. »Hoho! Hussa, ho!« »Da hast du's! Da wacht er wieder! Und eben war er so hübsch eingeschlafen!« rief Käthchen. »Laß ihn wachen – es schadet nichts, wenn er in seine Heimat mit offenen Augen und offenem Munde einfährt. Hei, hei, Bürschlein, Jägerskind, ist's nicht schön im Walde? Da, da, da, horch, Käthchen, horch, Max! Hussa! Hallo, ho ho!« Immer dichter und dunkler war der Wald geworden, der letzte rote Schimmer war vom Abendhimmel verschwunden; aber der hinter uns aufsteigende Mond versilberte bereits die bereiften Spitzen der Bäume. Fern erklang das Waldhorn des Forstmeisters, und ein anderes Horn antwortete noch ferner. »Das Himmelreich! das Himmelreich!« jubelte Konrad. »O liebes, kleines Käthchen – o mein Herzensbube, nimm einmal die Zügel, Max!« Der Rotkopf hatte Weib und Kind in seiner Herzensfreude in den Arm genommen – »Zu Haus! Zu Hause, Konrad!« schluchzte Käthchen. »Zu Haus – in der Heimat – im Himmelreich, kleiner Lebrecht, klein, lieb, lieb Kindel!« Ein Licht blitzte zwischen den Stämmen – der Lampenschein aus den Fenstern des Försterhauses im Himmelreich. Zu Hause! – – – 22 Leise, aber unablässig schlug der Regen gegen die trüben, blinden Fensterscheiben der Redaktion des Kamäleons. Ich saß wieder auf demselben Platze, von welchem ich vor zwei Monaten mit dem Briefe des Notar Rettig so erregt und bewegt aufgesprungen war; saß und seufzte, seufzte – seufzte! Mir gegenüber in Weitenwebers Lehnsessel saß Hinkelmann, der kleine treue, gute, dicke Freund, und stützte den Kopf auf die Hände gleich mir. Quer durch das Gemach, hin und her, schritt ein drittes Individuum – ein sonderbares Geschöpf Gottes, begabt mit der liebenswürdigen Eigenschaft, überall in demselben Augenblick, in welchem es am wenigsten gewünscht wird, den Kopf in die Tür zu stecken und krampfhaft, hartnäckig zum Verzweifeln, Posto zu fassen – ein Individuum, über welches, offen gestanden, die Redaktion des Kamäleons, Weitenweber eingeschlossen, mit sich bis jetzt noch nicht ins klare gekommen ist. Die Zeitungshaufen in den Winkeln hatten sich ein wenig vermehrt, der Staub ebenfalls– sonst war noch alles, wie es gewesen war, und immer noch rasselte und klappte die Druckerpresse dumpf im Nebengemach, jeden Gedanken, jedes Gefühl, welche nicht in »unser Blatt« paßten, in der Geburt erstickend, wie überflüssige junge Katzenbrut. »Erzähle weiter, Max, armer Freund!« sagte Hinkelmann, und ich erzählte weiter: »In dem Lampen- und Lichtschein, welcher aus dem Försterhaus im Himmelreich in die Wintermondnacht fiel, hielten jetzt beide Schlitten dicht nebeneinander, und die beiden Jägerburschen standen mit ihren Waldhörnern in der geöffneten Tür und bliesen von neuem uns den Willkommengruß. Der Papa Manegold, aus der Schmiede zu Finkenrode, empfing uns mit kräftigem Hurraruf, faßte sein Käthchen und hob es mit Kind und Fußsack und Mantel und Kragen in die Höhe, herzte und küßte es und trug es dann in das festlich glänzende, warme Heimathaus. Der Forstmeister von Altenbach bemächtigte sich nicht minder eifrig der Cäcilie, dem Konrad ward die Frau Pastorin zuteil, und langsam folgte ich mit dem jungen Pfarrer von Rulingen. Schweigend gingen wir nebeneinander dem Hause zu. Arnolds Haupt war auf die Brust gesenkt, er atmete tief und schwer. Die heiße Hand, mit welcher er die meinige hielt, zitterte. »Ich liebe sie – ich liebe sie!« flüsterte er, stehen bleibend – »o ich liebe sie, und sie weiß es – wir gehören einander in alle Ewigkeiten!« Obgleich mir der Freund damit, seit einer Stunde, nichts Neues sagte, so griff ich doch mechanisch nieder in den Schnee und drückte eine Hand voll gegen die Stirn – alles Blut drängte sich mir gegen die Augen – ich sah nicht, hörte nicht in diesem Augenblick, schwindelnd lehnte ich gegen einen Baum: »Verspielt! verspielt! Rien ne va plus! « – – – Der erschrockene Freund ließ meine Hand los und trat einen Schritt zurück. »Was hast du, Max? Um Gottes willen« – »Nichts! nichts! – o ich freue mich über dein Glück. Es ist – wohl – eine – alte Liebe?« »Lange, lange Jahre haben wir gewußt, daß wir einander zu eigen seien; aber wir haben es uns nicht gesagt, wir« – Was der Pfarrer noch sagte, ging in dem fröhlichen Getümmel, welches das Försterhaus im Himmelreich, in das wir jetzt eingetreten waren, füllte, verloren. Weitenweber, rette! »O schau sie an!« flüsterte mit glänzenden Augen der Jugendfreund mir zu, und ich blickte hinüber zu dem schönen stillen Stern, der mir hinein in den größten Schmerz meines Lebens geleuchtet hatte. – – Wo war ich denn eigentlich? Hier! Hier? ... was wollte ich hier? Was hatte ich in dem Kreise dieser glücklichen Menschen zu schaffen? Hinkelmann, Hinkelmann, fühle nach, was ich in diesem Augenblicke fühlte!« Hinkelmann seufzte und schüttelte das Haupt; der dritte Anwesende aber hielt in seinem Gange inne, blieb neben mir stehen, legte mir die Hand auf die Schulter: »Alles Genießliche Hab' ich genossen; Alles Verdrießliche Hat mich verdrossen. Brauch' es jetzt wacker Nur auszuschrei'n, Um ein gelesener Dichter zu sein! Ich würde diese höchst merkwürdige, noch nie dagewesene Geschichte in Reime bringen, oder sie wenigstens in einem Feuilleton-Roman verwerten, oder einem andern die Erlaubnis geben, es zu tun. Weiter, Bösenberg! Sie interessieren mich ungeheuer!« Ich schüttelte die Hand des Redenden ab und wandte mich wieder zu dem bedeutend zartsinnigeren Hinkelmann: »Sie hatten das Häuschen inwendig überall mit grünen Tannenzweigen geschmückt; in versteckten Käfigen sangen mancherlei aus dem Schlaf geweckte Vögel, und das zahme Reh, mit einem roten Bändchen geputzt, hüpfte zur Feier des Abends zwischen den Gästen umher und leckte mir vertrauungsvoll die Hand. Die junge Mutter war mit ihrem Kindlein verschwunden und brachte es oben in seinem Wieglein zur Ruhe; einen letzten Blick warf ich auf die Cäcilie, dann schlich ich dem Käthchen nach, die Treppe herauf und pochte leise an die Tür des oberen Stübleins. Ich bekam die Erlaubnis einzutreten, und über die grüne Wiege weg erzählte ich der jungen Frau, was mir begegnet war in Finkenrode und in dem Pfarrhause zu Rulingen und in dem Försterhaus zum Himmelreich. – Und Käthchen Rösener faltete mit Tränen in den hübschen fröhlichen Augen die Hände im Schoße und sagte dann: »O wie traurig ist das! Wie ist das zum Weinen! ... Ich hab' es wohl gewußt, daß sie sich lieb hatten, und lange, lange Zeit – aber es hat keiner wissen dürfen, und keiner hat es gewußt – – o bitte, bitte, lieber Herr Max, es ist eine Sünde, allzu traurig zu sein!« Sie drückte mir die Hand über ihrem schlummernden Kinde, und ich sagte: »Viel Glück wünsche ich Ihnen in Ihrem ferneren Leben, liebes Käthchen; sagen Sie dem Konrad, weshalb ich heute abend verschwunden sei aus seinem fröhlichen Feste, sagen Sie, ich hätte Kopfweh bekommen.« »O Sie wollen doch jetzt nicht gehen? Jetzt in der kalten Winternacht? O bitte! bitte!« »Doch, doch, Käthchen, ich muß! Bitten Sie mich nicht zu bleiben – ich kann nicht, ich kann nicht.« »Es ist nicht möglich, Sie können uns jetzt nicht verlassen!« »Der Nachtgang wird mir gut tun; – noch weiß ich Weg und Steg in meinem Heimatswalde. Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Käthchen! Gruß allen glücklichen Herzen in diesem Hause – –« »Lassen Sie mich es jetzt Konrad sagen! Lassen Sie mich Konrad rufen!« »Nein, nein, nein!« rief ich, Käthchen bedeckte die Augen mit beiden Händen – ich war draußen, ich war auf der Treppe, lauschte noch einen Augenblick schwindelnd drunten auf der Flur dem Festjubel; dann eilte ich aus dem Hause und im vollen Lauf hinein in den Wald, den Hut mit beiden Händen auf dem Kopfe festhaltend. Ich glaubte einen Ruf hinter mir zu hören, aber es mag wohl nur Täuschung gewesen sein – immer zu! immer zu! Galopp! Galopp! Weitenweber würde schön gegrinst haben, wenn er mich gesehen hätte. Nach zehn Minuten gab ich es auf, mir selbst vermöge der Schnelligkeit meiner Füße zu entfliehen; außer Atem, betäubt, lehnte ich an dem Stamme einer Buche, die Hand fest auf das klopfende Herz gedrückt. Ich horchte – alles still – totenstill! Rings umher der Wald leuchtend und funkelnd im magischen Glanz! Dort, dort – war das nicht ein roter Flimmer in der Ferne? Noch einmal das Licht aus dem Försterhaus im Himmelreich – zum letzen Male! ... Lebe wohl, Cäcilie! Lebe wohl, Cäcilie! Ich dachte in diesem Augenblick an das Erwachen des alten Wallinger aus seinem langen Wahnsinn – die reine, kalte Lust der Winternacht verdichtete sich zu der erstickenden Atmosphäre, welche jenes Sterbebett in der Zigeunerwohnung umgab. Der Ohnmacht nahe, rang ich nach Luft. Gute Nacht, gute Nacht, – liebe – liebe Cäcilie! – – – – In Rot gekleidet, gleich der Stiefmutter im Märchen, ging die Sonne über den Bergen auf, als ich mich aus dem Frauenholze hervorwand und die beiden spitzen Türme der Martinskirche von Finkenrode aus dem wogenden, wallenden Nebel zu meinen Füßen ragen sah. – Zwei dumpfe Glocken lösten sich in langsamen Schlägen wechselnd ab, und ein Bauer, welcher die Landstraße hinan mir entgegenstieg, sagte mir, das sei das Totengeläute der Stadt, und ein Zeichen, daß ein Bürgerkind da unten begraben werde. »Und wen bringen sie da zur Ruh?« »Vor vierzehn Tagen hat er noch auf meiner Tochter Hochzeit zum Tanze aufgespielt. Er war nicht recht bei sich selbst; aber fiedeln konnte er noch, das war eine Pracht!« Des Christen irdischer Leib muß, ehe man ihn der Erde wiedergibt, um die Kirche getragen werden, welcher der Verstorbene angehörte. Daher kam es, daß man in diesem Augenblick den alten Wallinger, welcher den Kirchhof von Finkenrode so nahe vor der Tür hatte, mir entgegen durch die Stadt aus dem Flußtor führte. Die Stadtmusik, einen Leichenmarsch blasend, schritt dem Zuge voraus: dicht hinter dem ärmlichen kleinen Sarge folgte Weitenweber mit dem Exschauspieler Mietze, an sie schloß sich in seiner Feiertagsuniform der Hauptmann Fasterling; den Schwanz des Zuges bildeten einige ehrsame Bürger, das Volk der Zigeuner und ein Haufen Kinder und Neugieriger. Ein grüner Kranz und die Geige des Toten lagen auf dem Sarge. Weitenweber erblickte mich zuerst, winkte mir, und ich trat ein in den Zug, an seine Seite. »Nun?!« »Es ist vorbei – es ist aus! Ich bin verloren!« »Ah! Wirklich? Hast du sie durchs Schlüsselloch belauscht?« »Sie liebt den Arnold Rohwold aus Rulingen – es ist eine alte Geschichte – es ist eine alte Liebe!« »Da hast du deinen Handschuh!« sagte Weitenweber, grinsend in die Tasche greifend. »Mach eine Elegie darauf, ich habe ihr dir gut aufbewahrt.« Ich riß dem Lästerer den Handschuh aus der kalten, knöchernen Pfote, und zuckte zu einigen verwunderten Fragen und Glossen des Hauptmannes und seines Schwiegersohnes über meine plötzliche Erscheinung die Achseln. Damit erreichten wir den Friedhof von Finkenrode und die offene Grube, in welcher der Leib Günther Wallingers ruhen sollte. »Anna Ludewig« – war in verwitterten Goldbuchstaben auf dem schwarzen morschen Kreuze, an welchem ich lehnte, geschrieben Anna Ludewig – weiter nichts! – Der Sarg des alten Musikanten stand jetzt über der Höhe, die mit Mühe in die fest gefrorene Erde gegraben war, die Totgräber hielten fröstelnd die Seile, an welchen er herabgleiten sollte. Worauf warteten wir noch? Zu Häupten des Grabes richtete sich Weitenweber hoch und lang auf, ließ ein wenig Luft unter den Hut und begann: »Wenn ich in diesem Augenblick im Kreise der mich und den Toten Umgebenden umherblicke, so finde ich auf keinem Gesichte jenen Ausdruck der Trauer, welcher einem andern ein größeres Recht, die Leichenrede zu halten, geben könnte, als mir. Gleichgültige, Kopfschüttelnde, Mitsichselbstbeschäftigte, ich kannte diesen Mann hier zu meinen Füßen; ich war zugegen, als der Schlag niederfiel, welcher ihn bis zum letzten Tage seines Lebens in die Nacht des Irrsinns einhüllte. – – – Es war ein wilder Knabe, welcher damals in dein Dachstübchen drang, Günther Wallinger, und welchem du erzähltest von den Herrlichkeiten und der Schönheit der Welt und später auch von dem schönen Weibe, welches du nachher, als es finster in dir geworden war, so vergeblich suchtest in der herrlichen, schönen Welt. Günther Wallinger, damals dachtest du wohl nicht, daß ich es sein würde, der dir einstmals die ersten drei Hände voll Erde auf den alten müden Leib werfen würde? – Es richten sich jetzt viele neugierige Augen auf uns, Günther Wallinger; – aber schlafe ruhig weiter! Wer wollte wohl schwatzen und dem Schicksale seine Rätsel dem Menschenvolke ausplaudern? »Meine Herren, es ist wohl schön und verständig, an jedem Morgen, welchen Gott gibt, den Kopf mit der Zipfelmütze aus dem Fenster zu stecken und sich zu freuen, daß noch alles am alten Fleck sich befindet – der Schornstein des Nachbars und der Wetterhahn auf dem Kirchturme, der plätschernde Brunnen, und vor allem der Bäckerladen; aber, meine Herren, während dessen dreht sich der Erdball selbst im Universum, Sonnen und Sterne schlingen ihren ewigen Reigen, und es ist nur ein Unglück, nicht Schuld, wenn ein armes Menschenkind so hoch in die Höhe geschleudert wird, daß es nie wieder den Boden der anständigen Realität erreicht, und selbst mittaumeln muß in den Klängen der Sphärenmusik. Hört es, ihr Leute von Finkenrode, einen echten Menschen und zugleich einen großen Künstler scharrt ihr hier ein: ich danke euch im Namen der Menschheit, daß ihr ihm dieses Plätzchen neben diesem halb versunkenen Kreuz gönnt, unter dem das kleine staubgewordene Herz begraben ist, auf welches mein vortrefflicher Freund Max Bösenberg eben den Fuß setzt; ich danke euch im Namen der Kunst, daß ihr ihn nicht mehr verhöhntet, ihr Leute von Finkenrode! – Los, die Seile, ihr Männer! Ich habe gesprochen! Lebe wohl, Günther Wallinger!« – Langsam sank der kleine Sarg hinab in die Grube, und die drei Hände voll Erde polterten aus Weitenwebers Hand ihm nach. Dann griff ich in den gefrorenen Staub, und mit ihm flog der Handschuh Cäciliens auf den Sarg des Musikanten. »Gebt mir doch die Geige herauf – sie ist mein!« rief Martin Nadra dem Totengräber zu, der jetzt in dem Grabe stand, um einen Strick zu lösen, welcher sich in den Bleiverzierungen des Sarges verwickelt hatte. Weitenweber hielt den Arm des Zigeuners: »Ich kaufe sie Euch ab, Kamerad und Vagabund – laßt sie dem armen Teufel da unten.« Die alte Janna nickte dem Beifall, und die Grube füllte sich allmählich. Ich nahm Weitenwebers Arm und schritt mit ihm durch die Menge, vorsichtig über die verschneieten Gräber weg, und erreichte, vom Fieberfrost geschüttelt, das Haus meines Oheims. Vierzehn Tage lang lag ich im Bett, ließ des Doktor Gundermanns Mixturen zwischen Wand und Bettrand zur Erde laufen, und ließ mir von Alexander Mietze Sidoniens Liebenswürdigkeiten und sein Glück preisen und von dem Hauptmann Fasterling Geschichten aus dem Feldzug in Frankreich erzählen. Jetzt aber – Floh, her die Korrespondenz – ah, Freunde, Freunde – mir ist recht weh und unheimlich zumute – o, diese feigen Burschen vom Halbmond – es ist keine Möglichkeit, sie auf fünfzehn Schritte nahe zu bringen!« »Und wo steckt denn Weitenweber noch?« fragte lachend der dritte im Redaktionsbureau des Kamäleons Anwesende. »Verwaltet die Erbschaft meines Oheims und inspiziert den Weinkeller mit dem Doktor Gundermann. Man sagt in Finkenrode, er werde Fräulein Mümmler heiraten; aber fürs erste begnügt er sich damit, ein gutes Verhältnis mit dem Raben Jakob zu unterhalten.« »Sind in Finkenrode außerdem noch hübsche Mädchen?« fragte Hinkelmann. Ich nickte seufzend; der Kleine aber zupfte den Hemdkragen in die Höhe und sagte: »Ich werde in deinem Hause meine Villeggiatur nehmen!« »Tue das, Hinkelmann; laß dich aber nicht von den Ratten aufressen.« »Und ich werde mir dann den Schauplatz des Trauer, und Lustspiels: ›Die Kinder von Finkenrode‹ ansehen.« »Tun Sie das, Corvinus! Viel Vergnügen!« »Gute Nacht, Max; ich gehe zum Tee zur Geheimrätin Weißvogel.« »Gute Nacht, Hinkelmann!« »Und ich gehe heim, über Ihre Geschichte mich zu wundern.« »Gute Nacht, Corvinus!« – – – Die beiden waren gegangen; ich saß allein in dem Redaktionszimmer des Kamäleons. Draußen rieselte der Regen, draußen drängte sich das Volk, rollten die Wagen, klangen schrille Stimmen auf im wirren Durcheinander des Verkehrs der großen Stadt. – Mir war wirklich weh, sehr weh ums Herz ... mir war sehr übel zumute! –