Hans Paasche Fremdenlegionär Kirsch Eine abenteuerliche Fahrt von Kamerun in den deutschen Schützengraben in den Kriegsjahren 1914/15 Vorwort Max Kirsch in der Legionärsuniform, in der er bei Prunay in den deutschen Schützengraben überlief. Dies Buch enthält die Kriegserlebnisse eines jungen Mannes, der deutscher Art und Bildung Ehre gemacht hat. Der Jugend, die die Welt erobern will, kann kein besseres Beispiel gegeben werden als die Gestalt unseres Helden. Sprachkenntnisse, Kenntnis der Natur und Erdkunde: offenes Auge, körperliche und geistige Gewandtheit, eine einfache, von Genußgiften unabhängige Lebensweise und ein Wagemut seltener Art, das sind die Kräfte, die Kirsch befähigten, sein Vaterland in dieser schweren Zeit zu erreichen. Sein Glück in all den Wechselfällen der Irrfahrt ist wunderbar. Nachdenkliche Leser werden neben der Selbstverleugnung, mit der Kirsch sich, um einen Weg zur Heimat zu finden, den Gefahren der Schlacht aussetzte, noch etwas Großes erkennen, das sich in die Erlebnisse hineinmischt: Menschlichkeit und Kameradschaft im Kreise derer, die Feinde seines Volkes waren. Die Urkunden und Bilder, die dem Buche beigegeben wurden, gehören zu dem wenigen, was Kirsch bei seiner Flucht in den deutschen Schützengraben bei sich führte. Es wird unserm Helden nicht schaden, wenn er berühmt wird; er gehört zu den Menschen, die unabhängig von dem, was hinter ihnen liegt, den Weg gehen, den ihnen das sittliche Streben zeigt. Gut Waldfrieden bei Hochzeit i. d. Neumark. Hans Paasche. Bei Kriegsausbruch in Kamerun Auf dem breiten Strome des Kamerunflusses schwimmt unterhalb der Joßplatte das große Dock der Wörmannlinie. Die Landungsbrücken am Ufer von Duala sind voller Menschen. Freundliche Häuser liegen versteckt in dem dunklen Grün der Mangobäume. Auf der andern Seite des Stromes leuchten aus dem Uferwalde die Häuser von Bonaberi hervor. Weiter nach dem Meere hin ragt der Rücken des Kamerunberges empor. Weiße Nebelstreifen bedecken seinen Fuß. Auf dem Strome liegen zwei große Dampfer. Ihre Riesengestalten und das Dock sind auffallende Erscheinungen in der weiten, wilden Natur. Das Dock trägt einen Dampfer, an dem bis heute lebhaft gearbeitet wurde. Schwarze Hände nieteten an den Kielplatten vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Heute aber hat der Lärm der Arbeit aufgehört, und nur von Land her, aus der Regierungswerkstätte, tönt ein geschäftiges Klopfen, Schlagen und Hämmern, wie das, seit die Europäer ins Land kamen, an so vielen Stellen der afrikanischen Küste zu hören ist, wo früher nur das tiefe Brüllen der Flußpferde und der Schrei der Ufervögel die Ruhe unterbrachen. Auf dem Dock ist reges Leben. Neger stehen an den Ventilen, der Dockmeister pfeift, die Neger drehen die Gestänge, und langsam sinken die Kasten in das Wasser, bis der Körper des gedockten Schiffes selbst zum Tragen kommt und die Balken aufschwimmen, die die Bordwand gegen die Wände des Docks gestützt hatten. Der Kapitän des Schiffes steht auf der Kommandobrücke und wartet auf den Augenblick, wo er den Maschinentelegraphen nach langen Tagen zum erstenmal wieder bewegen kann. Ein Bild aus der Friedenszeit: Der Barredampfer »Marina« im Hafen von Lagos. Endlich schwimmt die »Marina«. Der Telegraph schnarrt und klingelt, die Maschine springt an, das Schiff steuert im großen Bogen flußaufwärts und fährt sicher durch die Fischerboote der Eingeborenen hindurch, bis auf einen Ankerplatz gegenüber dem Wörmannhause und dem Strandhotel. Der Anker fällt. Der Dampf wird abgestellt. Jetzt konnte auch ich an Deck kommen und mich mit meinen Kameraden freuen, daß die Arbeit beendet war. Das Schiff war wieder wie neu. Der Kapitän war froh über das gute Manöver des Schiffes, das so lange ruhig hatte im Dock liegen müssen, und spendete seinen weißen Mitarbeitern einen gemeinsamen Trunk. Meine Tätigkeit an Bord der »Marina« war heute beendet. Ich mußte den nächsten Barr-Dampfer erwarten, der hier gedockt werden sollte, und freute mich auf einige Tage der Erholung. Mein eigentlicher Wohnsitz war Lagos. Da war ich bei der Werft angestellt, auf der die Barr-Dampfer ausgebessert werden, wenn sie bei ihrem schweren Dienst zu Schaden kommen. In Lagos selbst aber können nur kleinere Arbeiten ausgeführt werden; alle Arbeiten, zu denen ein Dock notwendig ist, müssen in Kamerun gemacht werden. Zu solchen Arbeiten war ich im Mai 1914 nach Kamerun gesandt worden. Der Kapitän gab auch unseren schwarzen Arbeitern, die uns bei der Arbeit treu unterstützt hatten, Urlaub, damit sie zu ihren Landsleuten gehen und sich einige Tage ausruhen konnten. Er versprach außerdem, daß der Lohn auch für die Tage der Ruhe gezahlt werde, zur Belohnung für die gute Arbeit. Die Neger verließen das Schiff in froher Stimmung, und nun herrschte an Bord eine Stille, die nach dem Lärm der letzten Wochen sehr wohltuend war. Der Kapitän ließ sich ein Beiboot klarmachen und fuhr an Land, um die Geschäftsstelle der Dampferlinie aufzusuchen. Wir anderen, die Maschinisten und ich, lagen in Korbstühlen an Deck, gedachten zu baden und uns auszuschlafen und durchblätterten die letzten Zeitungen, die schon ziemlich alt waren. Es war da etwas von dem Mord in Sarajewo zu lesen. In einem Boot, das mit Negern bemannt war, kam der Dockmeister an Bord und sagte: »Es ist dicke Luft, Rußland macht mobil.« Einer von uns aber sagte: »Ach, heutzutage gibt's so leicht keinen Krieg, und wenn's einen gibt, ist der in fünfzehn Minuten fertig!« Mit einemmal hörten wir von Land her das bekannte Trillern der Pfeife des Kapitäns. Er stand auf der Landungsbrücke und winkte lebhaft mit einer großen Papierrolle, die er in der Hand hielt. Das fiel uns auf, denn dieser Mann war nicht so leicht aus seiner Ruhe zu bringen. Es mußte etwas Besonderes los sein. Jetzt sahen wir auch, daß auf vielen Häusern der Stadt Flaggen wehten. Eiligst wurde das Verkehrsboot mit den Schwarzen an Land geschickt und kam mit dem Kapitän zurück. Gespannt erwarteten wir ihn, als er über die Strickleiter an Bord kam. »Es ist Krieg!« rief er schon von unten. »Telegramm von Deutschland: ›Krieg mit Frankreich und Rußland‹.« Wir lachten ungläubig. Die Nachricht kam uns, die wir die letzten Zeitungen nicht verfolgt hatten, zu töricht vor. Als der Kapitän aber Einzelheiten mitteilte, mußten wir schon glauben, was er uns sagte, und hörten, daß wir uns gleich an Land zu melden hätten. Ich nahm meine Papiere, fuhr an Land und eilte zum Bezirksamt. Ich hatte einen sogenannten Auslandsschein und war danach bis 1916 vom Militärdienste befreit. Ich hatte also noch nicht gedient und bekam die Weisung, abzuwarten. In den Straßen von Duala war ein ungewöhnliches Leben. Ansiedler, Kaufleute, Ärzte und andere, die sich grade im Lande aufhielten, waren gekommen, um sich bei dem Kommando der Schutztrupps zu melden. Man fürchtete auch Spione. Alle Häuser waren belebt, man trank heute noch mehr als sonst, und die Stimmung wurde immer zuversichtlicher. Niemand zweifelte, daß wir Deutsche beide Gegner bald niedergerungen haben würden. Bald aber kamen Nachrichten, daß es auch mit England losgehe. Jetzt dachte ich besorgt an unsere Kameraden in Lagos. Alles, was deutsche Kaufleute in der englischen Kolonie begonnen hatten, war auf dem Vertrauen aufgebaut, daß Weiße sich in den Kolonien untereinander nie bekämpfen würden; dieser Grundsatz schien durchbrochen zu sein, Freiheit und Eigentum der Deutschen war gefährdet. Auch ich hatte einen Verlust; fast meine ganze Ausrüstung hatte ich in Lagos gelassen. Mein Vorgesetzter, Herr Ingenieur Hassenstein aus Lagos, war gerade in Duala und stellte sich in den Dienst der Regierung. Er brachte uns die Nachricht, daß die »Marina« besondere Aufträge bekäme, und daß ich als dritter Maschinist an Bord bleiben sollte, weil der Wachdienst für zwei Maschinisten zu anstrengend werden würde. Man sagte zwar, nach der Kongoakte werde in den Kolonien kein Krieg geführt, dennoch wurde die Verteidigung vorbereitet, und die »Marina« bekam die Aufgabe, die Bojen der Fahrrinne des Kamerunflusses so zu verlegen, daß die Angaben der Segelhandbücher nicht mehr stimmten. Weit draußen vor der Mündung lag eine große Hafenboje, die gehoben werden mußte. Die Arbeit wurde bei stürmischem Wetter ausgeführt. Die schwere Boje schlug gegen das Schiff; dabei wurden einige Neger, die an den Ketten arbeiteten, schwer verletzt. Meine Aufgabe war, auf der Brücke aufzupassen, ob feindliche Schiffe hinter der Insel Fernando Póo hervorkämen. Wir waren ein richtiges Vorpostenschiff. Als wir hier draußen Wache hielten, hatten wir eine große Freude: Alle die deutschen Barr-Dampfer von Lagos kamen mit der Zeit an. Wir hatten sie schon verloren geglaubt. Die Dampfer hatten sich bei den ersten Anzeichen des Krieges in Lagos voll Kohlen geladen und waren dann rechtzeitig ausgelaufen. So waren sie den Engländern entgangen. Zuletzt kamen die Schiffe, die wegen ihrer Langsamkeit und Seeuntüchtigkeit stets bespottet wurden. Als allerletzter kam der »Addo«. Fast alle Neger der Besatzung waren in Lagos heimlich entwichen. Die wenigen Weißen, die das kleine Fahrzeug über die hohe See herüberbrachten, hatten aber den Mut nicht verloren, und wir hörten durch die Nacht die Klänge des Pariser Einzugsmarsches in der echt afrikanischen Konservenmusik eines Grammophons. Außer den Barr-Dampfern kamen viele Dampfer deutscher Linien in Duala an. Die Kamerunmündung war für alle der einzige Unterschlupf an der westafrikanischen Küste. Noch nie hatte der Hafen so viele Schiffe beisammen gesehen. Und alle die Deutschen, die mit den Dampfern kamen, eilten an Land, um sich bei der Behörde zu melden. Außerdem wurden viele Hunderte Neger aus fremden Kolonien gegen ihren Willen hier gelandet. Sie waren als Fahrgäste nach anderen Häfenplätzen unterwegs gewesen. Jetzt bedrängten sie die Regierung, sie wollten weiterreisen. Viele der Eingeborenen des Landes waren über die Ereignisse so erschreckt, daß sie, so recht nach Art der Wilden, ihr Hab und Gut in Boote einpackten und über den Strom fuhren, um sich ins Innere des Landes zurückzuziehen. Die Funkentelegraphie unterrichtete Duala in den nächsten Tagen über die Ereignisse in der Welt. Die Funkenstelle auf der Joßplatte bekam ihre Nachrichten von Togo, von Kamina, das mit Nauen in Verbindung stand. Wir erfuhren die Einnahme von Lüttich und das siegreiche Vordringen unserer Truppen. Eines Tages aber kamen schlechte Nachrichten. Wir hörten, daß die Franzosen und Engländer in Togo eindrangen und Lome nahmen, und daß die Deutschen sich vor der Übermacht zurückziehen mußten. Die Stimmung wurde gedrückt. Auch Kamerun war ja ganz von feindlichen Kolonien umgeben, und jetzt wurde noch eifriger an der Vorbereitung der Verteidigung gearbeitet. Im Kamerunfluß sollte die Fahrrinne für große Schiffe gesperrt werden, und die Besatzung der »Marina« wurde beauftragt, zwei Schiffe im Fluß zu versenken. Draußen lag als Vorposten ein Dampfer der Wörmannlinie. Ein anderer, der große Dampfer »Eleonore Wörmann«, verließ den Hafen. Er hatte den Auftrag, sich nach Südamerika durchzuschlagen und deutsche Kriegsschiffe mit Kohlen zu versehen. Alles jubelte ihm zu. Er hat später an der Küste von Südamerika die Besatzung des Hilfskreuzers »Kap Trafalgar« gerettet und nach Buenos Aires gebracht, wo er jetzt noch liegt. Wir brachten die beiden ersten Dampfer, die versenkt werden sollten, an die sogenannten »Hundsköpfe«, die schmalste Stelle des Stromes. Dort wurden die Schiffe quer zum Strome verankert. Die Kapitäne, die viele Jahre auf den Fahrzeugen gewohnt hatten und denen die Schiffsräume zur Heimat geworden waren, konnten sich nicht vorstellen, daß man ihre Schiffe wirklich opfern wollte. Der eine stand auf der Brücke und wischte sich die Tränen aus den Augen; aber Eile war geboten und nicht einmal die Ladung konnte von Bord gegeben werden. Wir öffneten die Seeventile des ersten Schiffes, und das Wasser drang mit Gewalt ein. Dann fuhren wir auf das andere Schiff und blieben da nicht lange, weil die Zwischenwände und Schotten schon vorher durchbrochen worden waren und das eindringende Wasser sich deshalb schnell verbreitete. Die Menschen, die von Bord gingen, retteten sich auf die »Marina« hinüber. Eines der Schiffe legte sich auf die Seite, das andere ging senkrecht unter. In dunkler Nacht fuhren wir nach Duala und landeten die Besatzungen. Als wir einige Tage später wieder auf Vorposten lagen, kam ein Dampfer in großer Fahrt den Strom herunter. Wir erkannten den britischen Handelsdampfer »Sokoto« und hatten Verdacht, daß er den Hafen ohne Erlaubnis der Regierung verlassen wollte. Wir hielten ihn an, mußten uns aber überzeugen, daß er deutsche Lotsen mitbrachte und vorschriftsmäßig abgefertigt worden war. In einer Dankbarkeit, die wir ihm nachfühlen konnten, dippte der Engländer, als er weiterfuhr, dreimal die Flagge und heulte mit der Sirene. Wir wurden in diesen Tagen stark angestrengt. Ein Auftrag jagte den andern. Noch zwei Dampfer, die »Anna Wörmann« und die »Lome«, wurden in der Fahrrinne versenkt, dann bekam die »Marina« eines Abends den Auftrag, dem Dampfer »Renata Amsing« Fahrgäste abzunehmen und sich zu einer Fahrt über See bereit zu halten. Wir gingen in der Nacht längsseit. Der Kapitän hatte Bedenken, so viele Leute an Bord zu nehmen, denn er fragte sich, wie er alle diese Menschen verpflegen sollte. Es hieß, die Schwarzen hätten selbst genug Verpflegung mit. Da es aber spät in der Nacht war, konnte das nicht nachgeprüft werden. Gegen Morgen legte ein Negerboot an, das einen Europäer an Bord brachte. Es war ein bekannter Rechtsanwalt aus Duala. Ich empfing ihn an Deck. Er wollte mitfahren. Der Kapitän überzeugte sich, daß die Papiere des Herrn in Ordnung waren, und willigte schließlich ein, obwohl der Herr, außer einer Aktenmappe, nichts mit sich hatte. Er gab an, er sei Reserveoffizier und wolle auf irgendeinem Wege nach Deutschland. Eigentlich sollte ich jetzt von Bord gehen. Da sich aber andere Maschinisten weigerten, mitzufahren, wenn das Schiff keine Waffen mitbekomme, meldete ich mich freiwillig und sagte zum Kapitän: »Ich habe ja noch von der Dockarbeit her den notwendigsten Teil meiner Ausrüstung an Bord und kann ohne weiteres mitfahren.« Mich reizte die Kriegsaufgabe der »Marina«, und ich hoffte in wenigen Tagen an Erlebnissen reicher nach Duala zurückzukehren. Am folgenden Abend brachte uns der Dampfer »Bonaberi« Chronometer und leider auch noch eine ganze Anzahl Neger. Die kletterten in der Dunkelheit an Bord. Kurz darauf lichteten wir den Anker und fuhren stromabwärts. Bei dem geringen Tiefgang des Schiffes kamen wir leicht über die Barre hinweg. Die Fahrt war sehr geheimnisvoll. Niemand durfte Licht machen oder laut sprechen. Dabei war das Schiff mit Negern überladen. Jeder Winkel an Deck und in den Bunkern war besetzt. Wenn ich von der Maschine zu meiner Kammer ging, mußte ich über Menschen und immer wieder Menschen klettern. Männer, Weiber und Kinder lagen schweigend und geängstigt durcheinander. Das ganze Schiff roch nach Negerhaut. Das Wetter war günstig, obwohl nicht die ruhige Jahreszeit war. Die Luft war etwas diesig, das erleichterte unser Entkommen. Wir hatten erfahren, daß englische und französische Schiffe vor der Flußmündung lagen. Das Kanonenboot »Surprise« war gemeldet worden. Die Decklichter des Maschinenraumes blieben geschlossen, damit das Geräusch der Maschinen nicht weit zu hören sei, und es war unerträglich heiß unten. Der Maschinentelegraph, der ein lautes Glockenzeichen gibt, wurde nicht benutzt; die Befehle an die Maschine wurden durch das Sprachrohr heruntergerufen. Die Türen der Kessel mußten lautlos bedient werden. Es war ein Zustand, der die Nerven stark in Anspruch nahm. Endlich, nach langen Stunden der Spannung rief der Kapitän herunter: »Nun vorwärts, alles klar.« Ich eilte an Deck und sah mich um. Die Küste Kameruns verschwand. Vor uns lag die spanische Insel Fernando Póo, ein gewaltiger Bergkegel, der sich aus dem Wasser heraushebt. In der Morgendämmerung kreuzte das Schiff vor dem Hafen von Santa Isabel. Die Fahrt des Dampfers »Marina« zu Beginn des Krieges von Kamerun aus. Meuterei an Bord der »Marina« Der Kapitän fuhr an Land und erkundigte sich, ob er die Neger landen dürfe. Das wurde nicht erlaubt, und wir mußten weiterfahren. Das Schiff steuerte weit von Land ab und hielt sich außerhalb der befahrenen Schiffahrtslinie. Der Kapitän sagte uns, er werde nach Kap Palmas fahren. Das war die Heimat unserer schwarzen Besatzung; das Gebiet an der äußersten Südspitze der Sklavenküste, wo die französische Kolonie an die Negerrepublik Liberia angrenzt. Die Offiziere der »Marina« waren der Kapitän, der Erste Offizier, der Erste und der Zweite Maschinist und ich als Dritter Maschinist. Außer diesen war, als sechster Weißer, noch der Rechtsanwalt aus Duala an Bord. Der Kapitän, Freiherr von Geyer zu Lauf, war ein erfahrener Mann. Er hatte schon viel erlebt und erzählte in der Messe öfter, wie er im Russisch-Japanischen Kriege mit einem Schiff die Blockade gebrochen hatte. Er war verheiratet und hatte seine Frau und einen kleinen Sohn in Deutschland gelassen. Obwohl er ein Bayer war, trank er sehr wenig. Er hatte immer eine große Ruhe und jedermann lobte die feine Art, wie er mit Menschen umging. Zu ihm paßte gut der Zweite Maschinist, Brun. Beide gehörten auch einem Kreise von Europäern an, die die Lagoslöwen genannt wurden. Er war ein Kieler Junge, aus guter Familie und hatte früher einmal studiert. Aus der Zeit hatte er über das Gesicht zwei breite Schmisse und auf der Brust große Narben, die man bei der offenen Kleidung in der Hitze oft sah. Aus seiner Lebensgeschichte wußte man, daß er das Studium eines Tages aufgab, nach Afrika fuhr und da hängenblieb. Und dann wurde er ein so eingefleischter Afrikaner, daß er es schon beim ersten Urlaub in Deutschland nicht mehr aushielt und gleich in Hamburg wieder umkehrte. Das gab ein großes Hallo, als er postwendend wieder in Lagos eintraf. Der Erste Maschinist war viel in Australien gewesen, und seine ständige Redewendung war: »Als ich in Sidney war«. Er sprach sehr gut Englisch und tat sich darauf viel zugute. Durch langen Aufenthalt in englischem Lande hatte er sich auch innerlich den Engländern sehr genähert. Als Erster Offizier war der Kapitän des »Eggo« an Bord, eines der Barrdampfer, die wir in der Kamerunmündung versenkt hatten. Er stammte aus einer Fischerfamilie in der Nordsee und war im Sprechen so unbeholfen, wie er in anderen Dingen geschickt war. Nie sah man ihn ohne Tabakspfeife. Der Rechtsanwalt endlich hielt sich an Bord meist beim Kapitän auf. Er war sehr reizbar und vertraute sich niemandem an. Die übrige Besatzung des Schiffes bestand aus Negern. Es waren Leute, zu denen man großes Vertrauen haben konnte, und die im Dienst schon viel geleistet hatten. Ihre Kenntnisse als Matrosen und Heizer waren erstaunlich gut. Ich hatte auch meinen treuen Diener Freitag mit mir. So schön der erste Tag der Seefahrt war, ein Blick auf das Deck belehrte uns, daß wir eine gefährliche Ladung an Bord hatten: 800 Schwarze, Menschen jeden Alters, auf einem Dampfer von nur 600 Tonnen. Jeder Fußbreit des Decks war mit Menschen bedeckt. Wir mußten unsere Kammern verschlossen halten, damit die Neger nicht da hinein drängten, und erreichten kaum, daß ein schmaler Gang freigelassen wurde, auf dem wir von der Kammer zur Maschine gehen konnten. Die Schwarzen, die in der Nacht ruhig gewesen waren, verloren allmählich ihre Schüchternheit. Es waren Neger aller Küstengebiete Westafrikas. Unser Unglück aber waren 200 Aschantineger aus Accra. Sie hatten durch ihre Frechheit eine gewisse Überlegenheit über die anderen Neger. Gleich heute gab es einen Mordslärm. Es war nur ein einziger Reiskessel an Bord. Den beschlagnahmten natürlich die dreisten Accraleute. Das wollten sich die anderen nicht gefallen lassen. Der Kapitän ließ die »Headmänner« zusammenrufen und befahl ihnen, wie sie es einrichten sollten. Das wirkte aber gar nicht, und der Streit wurde immer heftiger. Die Neger hatten viel Gin mitgebracht, einen aus Europa eingeführten Schnaps. Der Kapitän bemühte sich vergeblich, den Negern das gefährliche Rauschgetränk wegzunehmen, das auf Schwarze bekanntlich ebenso schädlich wirkt wie auf Menschen mit anderer Hautfarbe. Die Häuptlinge waren schon stark betrunken und vergaßen deshalb die Achtung vor den Weißen. Besonders die Accraleute, diese Hosennigger, waren nicht zu beruhigen. Sie glaubten wohl, daß die wenigen Weißen gegen die Menge der Schwarzen wenig ausrichten könnten. Wir beobachteten, daß die Neger das Süßwasser verschwendeten, das wir zum Trinken mit hatten, und mußten schnell einschreiten, weil Wassernot an Bord furchtbar gewesen wäre. Deshalb ließ der Erste Offizier ein Schloß vor den Wasserhahn legen und das Wasser nur in kleinen Mengen ausgeben. Schon am zweiten Tage fehlte es an Nahrung. Die Schwarzen beklagten sich beim Kapitän, sie hätten Hunger. In der lächerlichen Sprache, in der die Küstenneger Westafrikas sich mit den Europäern verständigen, sagten sie: » Massa, I beg you, look my belly, I want chop, I get plenty hungry «. Zu deutsch: »Herr, ich bitte dich, sieh meinen Leib, ich will was zu essen haben, ich bin sehr hungrig«. Es stellte sich heraus, daß die Neger in ihren Bündeln und Matten nicht genug Nahrungsmittel mitgebracht hatten. Das war eine neue, schwere Sorge. Der Kapitän schickte die Ersten, die sich beklagten, weg. Aber es kamen immer mehr. Es half nichts, daß man die Neger ermahnte, sich gegenseitig auszuhelfen. Sie wurden gewalttätig, und bald fielen die ersten Schläge zwischen Leuten, die sich um das Essen stritten. Wir konnten da nicht einschreiten und mußten fürchten, daß die hungrigen Neger bald auch gegen uns Gewalt anwenden würden, um Nahrungsmittel zu bekommen. Der Zustand war schlimm. Wir besprachen uns untereinander. Die Sorge ließ uns in der Nacht nicht ruhig schlafen. Am Nachmittag des dritten Tages war ich gerade in der Maschine, als mein schwarzer Diener meldete, daß die Neger in die Messe eingebrochen seien und Nahrungsmittel herausgeholt hätten. Das wollten wir nicht hingehen lassen und suchten die Täter. Dabei aber waren die Eingeborenen so frech, daß wir die Meuterei kommen sahen. Als wir den Abend in der Messe saßen, wurde die Tür aufgerissen. Ein betrunkener Häuptling kam herein und machte dem Kapitän Vorwürfe, auf anderen Dampfern dauere die Fahrt weniger lange, er wolle wissen, wo denn die Reise hinginge. Vor der Messe sammelte sich ein ganzer Haufe Betrunkener. Wir verließen die Messe, schlossen ab und gingen auf die Kommandobrücke, in den Raum des Kapitäns. Wir hatten aus der schwarzen Besatzung des Schiffes Posten aufgestellt, konnten aber nicht hindern, daß die beiseitegedrängt wurden, und mußten schon dulden, daß das Bootsdeck von den Negern eingenommen wurde. Das also hatten sich die Neger durch ihre Überzahl erzwungen, und wir konnten auf weitere Gewalttaten gefaßt sein. Der Kapitän hoffte, daß der Schnaps der Neger jetzt ausgetrunken sei. Leider aber hatten die Neger gerade davon noch Vorrat genug und tranken in der Nacht weiter. Es gab schon gegen Morgen großen Lärm. Die Schwarzen kamen untereinander in Streit. Weiberstimmen klangen dazwischen, mehrere Neger wurden getötet und andere im Streit lebendig über Bord geworfen. Der Erste Offizier ging auf das Vordeck und wollte Ruhe stiften, da wurde er von einem betrunkenen Neger von hinten mit einem Buschmesser verwundet und fiel besinnungslos an Deck. Ich kam gerade aus meiner Kammer, sah das, griff nach meinem Revolver und schoß in die Luft. Die Schwarzen stutzten und wichen zurück. Diesen Augenblick benutzte ich und griff schnell zu, um den Verwundeten auf die Brücke zu tragen; der Zweite Maschinist, Brun, half dabei. Ich bedrohte die nachdrängenden Schwarzen mit der Waffe. Als die Neger dennoch schreiend und schimpfend vordrangen, schoß ich in die Menge, und neben mir fielen noch andere Schüsse. Mir wurde ganz rot vor den Augen, als ich auf die Menschen abdrückte. Das Schreien der Getroffenen mischte sich in das Wutgeheul der betrunkenen Neger. Mir fiel ein, daß mein Platz notwendig an der Maschine sein müsse, wenn der Verkehr über Deck durch die meuternden Neger gesperrt werden würde, was bevorzustehen schien. Ich nahm deshalb meinen Revolver schußbereit und sprang mit Wucht in die Menge hinein, um mir einen Weg zu bahnen. Die Nahestehenden fielen auf andere, und ich war in wenigen Sekunden am Niedergang zur Maschine. Hastig schloß ich die Tür hinter mir, zog die Schlüssel heraus, sprang an die andere Tür, durch die zum Glück auch gerade Brun hereinkam, und schloß auch diesen Zugang. Zum Verständnis der Vorgänge an Bord der »Marina«. Der Dampfer nach einer Handzeichnung, die Kirsch aus dem Gedächtnis anfertigte. Der Erste Maschinist war unten und bemühte sich gerade um ein Maschinenlager, das warm gelaufen war. Wir fragten nach der Kommandobrücke hinauf, wie es dem Ersten Offizier gehe, und erfuhren, daß er wieder bei Besinnung sei. Die Schwarzen, die uns jetzt in wilder Wut nachstellten, klopften und hämmerten gegen die Tür des Maschinenraumes. Von oben kam durch das Sprachrohr die Anfrage: »Könnt ihr's unten aushalten?« Unsere Antwort war: »Jawohl, wir werden's schon machen.« Bis auf den Maschinenraum und die obere Brücke wurde das Schiff jetzt von den Negern beherrscht. Die Meuterer versuchten, durch die Windschächte und durch kleine vergitterte Fenster, die über dem Kessel lagen, Flaschen und andere Gegenstände herunter zu werfen. Wir hörten einen wüsten Lärm an Deck. Schüsse fielen, lautes Geheul erhob sich. Was sich ereignete, erfuhren wir erst später durch das Sprachrohr. Zur oberen Brücke führte eine Treppe, die mit zwei Bolzen befestigt war. Der eine Bolzen war los. Die Neger machten einen neuen Versuch, die Brücke zu besetzen. Als aber die ersten die Treppe erreichten, schoß der Erste Offizier, und der Kapitän, dem es an schnellem Entschluß nie fehlte, nahm eine schwere Handspake, setzte sie unter den oberen Rand der Treppe und brachte die Treppe zum Kanten, so daß sie sich um den festen Bolzen drehte, bis der Bolzen brach und die ganze Treppe über Bord fiel. Sie riß zwei Neger mit, und das brachte die erregte Menge noch mehr in Wut. Die Brücke wurde jetzt wie eine Festung verteidigt. Auf der Brücke waren genug Eßvorräte: Kartoffeln, Reis und große Bündel Bananen. Wir unten in der Maschine mußten uns mit einem Sack Reis begnügen, den die schwarzen Heizer in dem Schraubentunnel versteckt hatten. An Waschen war nicht zu denken. Schlafen mußten wir in dieser Nacht nacheinander im Schraubentunnel. Der Aufenthalt im Maschinenraum ermüdete uns sehr. Die Luft war schlecht und wurde nicht erneuert, weil die Köpfe der Windfänger nicht in den Wind gedreht werden konnten. Die Trunkenheit der Eingeborenen legte sich auch am folgenden Tage nicht, und auf einmal in der Frühe hörten wir an der Steuerbordtür ein Geräusch. Die Neger versuchten die Tür mit einer Eisenstange aufzubrechen. Was tun? Der Zweite Maschinist löste die Spannung. Er nahm eine Handvoll Baumwolle, ergriff damit das kupferne Wasserablaßrohr, das von dem Wasserstandsglas des Dampfkessels an Steuerbordseite zur Bilge führte, und drehte es so nach oben um, daß ein Ende des Rohres durch das Gitter zur Tür zeigte. An den Dampfhahn band er eine Schnur, deren Ende er in der Hand behielt. Ich hatte gerade Wache und bediente die Maschine am Führerstand. Das Brechen an der Tür dauerte fort, und mit einem Mal sprang die Tür auf. Mehrere Neger standen da. Sie stutzten einen Augenblick und sahen die wenigen Menschen in der Maschine. Dann wurden sie von hinten durch die Tür gedrängt. Da riß Brun den Dampfhahn auf, und ein zischender Dampfstrahl von zehn Einheiten Druck fuhr den Eindringenden entgegen. Dieser Querschnitt durch den Dampfer erläutert, wie sich die Weißen gegen die meuternden Neger verteidigten. Nach einer flüchtigen Handzeichnung von Kirsch. Es entstand ein Höllenlärm. In einem Augenblick war der Raum mit heißem Dampf erfüllt. Ich hatte das Gefühl, als ob ich selbst verbrannt sei. – Dann hörte das Zischen auf, und ich erkannte durch die Dampfwolken Brun, den Zweiten Maschinisten. Er hatte sich einen Sack über den Kopf gestülpt, war auf den Hahn zugesprungen und hatte ihn geschlossen. Man hörte Wimmern, Stöhnen und Ächzen, und als der Dampf sich verzog, sahen wir auf dem Gitter die verbrühten Leiber dreier toter Neger liegen. Sie sahen entsetzlich aus. Wir selbst hatten leichte Brandblasen im Gesicht. Der Dampfstrahl hatte sich an der Schwelle der Tür gestoßen, war dort abgelenkt worden und war in den Maschinenraum zurückgeschlagen. Die Schwarzen hatten im ersten Schrecken den ganzen Gang geräumt. Wir machten uns die Lage schnell zunutze, warfen die verbrühten Leichname über die Schwelle und banden die Tür, deren Schloß gesprengt war, mit Draht zu. Dann meldeten wir, was geschehen war, nach der Brücke. Der Kapitän hatte den schrecklichen Lärm gehört und den Dampf aus den Öffnungen des Maschinenraumes strömen sehen, ohne zu wissen, was sich unten ereignete. Die Neger waren über die furchtbare Wirkung des Dampfes aufs höchste erschrocken und mieden das Mittelschiff; sie bedrohten den Kapitän und schrien ihn fortwährend an, er solle sie an Land setzen. Der Kapitän sagte uns zur Maschine herunter, die Lage sei gefährlich, und er habe die Absicht, nachzugeben und auf die Küste zuzuhalten. Wir waren darüber recht froh, weil auch unsere Lage auf die Dauer unerträglich war. So steuerte der Kapitän nach Norden auf die Küste zu. Gegen Abend kam ein starker Nebel, und da der genaue Schiffsort nicht bekannt war, mußte der Kapitän die ganze Nacht kreuzen, um sich der Küste nicht zu sehr zu nähern. Erst am Vormittag zerriß der Nebel, und die Küste mit einem großen Negerdorf tauchte auf. Wir konnten es an dem Freudengeheul, das sich an Deck erhob, merken, daß Land zu sehen sei. » We want go for shore! « (wir wollen an Land) riefen die Neger dem Kapitän zu. Es kam der Befehl: »Stopp«. Wir Maschinisten konnten von der Tür aus bemerken, daß die Schwarzen die Boote zu Wasser ließen. Die Europäer blieben noch immer auf ihrer Festung auf der Brücke und sahen zu, wie sich die Neger um die Boote stritten. Eins der Boote schlug um, wurde aber wieder flott gemacht. Den Anker konnte der Kapitän nicht werfen, weil die Besatzung des Schiffes nicht an das Ankergeschirr hinangelangen konnte. So trieb denn das Schiff. Allmählich gab es Raum an Deck. Obwohl die Neger nur daran dachten, an Land zu kommen, fanden sich doch immer einige, die die Boote wieder zurückruderten, weil sie noch Angehörige vermißten, und wenn sie dann wieder anlegten, hatten sich wieder andere ins Boot gedrängt, die Angehörige zurückließen. Nur so war es zu erklären, daß die Boote fortwährend zurückkehrten. Als einige hundert Neger von Bord gegangen waren, wagten wir es, den Maschinenraum gut bewaffnet zu verlassen. Der findige Zweite Maschinist hatte zu dem Zweck eine Schleuse, eine Feuerschürstange, glühend gemacht und stürmte vor uns her, in die Schwarzen hinein. Als unsere schwarzen Matrosen das von der Back aus sahen, kamen sie von der anderen Seite. Wir merkten, daß die kräftigsten Neger das Schiff schon verlassen hatten. Die noch an Bord waren, sahen traurig aus. Die armen Menschen hatten in den Tagen der Seefahrt durch Hunger, Kälte und Seekrankheit und durch die Gewalttätigkeiten der Trunkenbolde schwer gelitten. Sie waren freilich noch immer in großer Übermacht und hätten uns leicht überwältigen können. Als sie uns aber gut bewaffnet anstürmen sahen, warfen sie sich auf die Knie und baten um Schonung. Sie hatten wohl auch Furcht vor den Wirkungen der Waffen, die uns Maschinisten zur Verfügung standen. Jetzt hatten wir Weißen das Schiff wieder ganz in der Gewalt. Der Kapitän rief: »Wir müssen sehen, daß wir schnell wegkommen, auch ohne die Boote.« Er ließ die Maschinen angehen. Ich war wieder auf meinem Posten in der Maschine, als ich mit Schrecken fühlte, daß das Schiff in seiner Fahrt sanft aufgehalten wurde. Zugleich kam auch schon der Befehl: »Stopp«. Das Schiff war auf eine Untiefe aufgelaufen. Beim Loten der Wassertiefe stellte sich heraus, daß das Schiff nur vorne fest war, und wir hofften mit der Flut wieder frei zu kommen. Vorläufig aber mußten wir bleiben, wo wir waren, und konnten deshalb beobachten, was an Land geschah. Unsere Fahrgäste plünderten das Dorf und steckten die Hütten in Brand. Wir sahen den Feuerschein noch in der Nacht, während wir auf die Flut warteten, die uns von der Bank abheben sollte. An Schlaf konnten wir auch in dieser Nacht kaum denken. Gegen Morgen, als wir gerade dabei waren, Kohlen nach achtern zu bringen und alle Menschen nach hinten zu schicken, damit das Vorschiff entlastet würde, sahen wir in der Ferne ein Schiff, das näher kam und als englisches Kriegsschiff erkannt wurde. Wir waren von der Seenot, dem Wachen und den Sorgen der letzten Tage so teilnahmlos geworden, daß wir vorerst nur Freude darüber empfanden, überhaupt menschliche Hilfe in der Nähe zu sehen, und nicht an die Gefangennahme dachten, die uns bevorstand. Das Kriegsschiff kam auf vierhundert Meter heran und feuerte einen blinden Schuß. Dann ließ es ein Dampfboot zu Wasser und ein Rettungsboot, das mit Matrosen voll besetzt war. Die Boote fuhren einmal um unser Schiff und kamen dann heran. Ein englischer Seeoffizier rief herauf, wir sollten eine Vorleine und ein Seefallreep hinuntergeben. Die Schwarzen erwarteten den Befehl des Kapitäns nicht, sondern folgten der Aufforderung des Offiziers. » Where is the captain? « (Wo ist der Kapitän) rief der Offizier, während er das Deck betrat. Der Kapitän antwortete nicht. Nichts konnte uns nach den Entbehrungen der letzten Tage schrecken. »Alle Europäer aufs Vordeck!« befahl der Offizier, der mit mehreren Matrosen das Schiff betrat. Zu gleicher Zeit aber plumpste auf der anderen Seite des Schiffes eine schwere Kassette über Bord. Ich stand am Niedergang zur Maschine und wollte die Treppe hinunter, um meinen Tropenhelm zu holen. Da sah ich, wie der Zweite Maschinist im Maschinenraum gerade eine Eisenstange zwischen die Steuerung setzte, um die Maschine unbrauchbar zu machen. Das aber sah auch der Offizier hinter mir und rief den englischen Matrosen zu: » Bind these fellows «. (Bindet diese Burschen.) So wurden wir beide gefesselt und mit den anderen in die Messe gebracht. Dort aber ließen uns die Matrosen gleich wieder los. Der Kapitän berichtete dem Offizier über die schrecklichen Vorgänge an Bord. Er war aber von all den Aufregungen so erschöpft, daß er dabei in einen Sessel sank. Der Engländer war höchst erstaunt über das, was er zu hören bekam, und als er unsere Erschöpfung bemerkte, hatte er Mitleid mit uns und wurde freundlich. Die Matrosen durchsuchten das Schiff. Wir sahen durch das Fenster, wie sie die deutsche Flagge niederholten und den Union Jack und die Flagge der Goldküste hißten. Da unsere Vorräte von den Schwarzen geplündert und aufgezehrt worden waren, schickte der Offizier das Dampfboot zum Kriegsschiff hinüber und ließ etwas zu essen holen. Englische Matrosen deckten uns den Tisch. Der Offizier mußte wohl noch die alten afrikanischen Grundsätze vertreten, nach denen die Farbigen jeden Weißen zu achten haben, und ließ einige der Haupträdelsführer gleich festnehmen. Es gab in diesem Falle keinen Unterschied zwischen Deutschen und Engländern, sondern es hieß einfach: »Du Schwein hast dich gegen die Weißen aufgelehnt?« Diese Art des Offiziers erfreute uns, so sehr sie im allgemeinen von einer Überhebung der Weißen zeugen mag. Unser Fahrgast, der Rechtsanwalt, hatte sich versteckt und wurde von Matrosen gefunden. Der Kapitän gab ihn als Zweiten Offizier aus; als solchen hatte er ihn in die Schiffspapiere eingetragen. Inzwischen war wieder Hochwasserzeit gekommen, und die Engländer machten das Schiff flott. Maschinisten und Heizer vom Kriegsschiff bedienten die Maschinen, und unsere »Marina« folgte dem Kreuzer in Kiellinie. Wir blieben in der Messe und wurden von englischen Matrosen bewacht. Nach einigen Stunden kam der Hafenplatz Accra in Sicht. Dort ging das Schiff zu Anker. Beamte der Hafenpolizei kamen an Bord und forderten die Schiffskarten und den Kompaß ein, und gegen Abend kam ein Polizeibeamter mit zehn schwarzen Soldaten, um das Schiff zu bewachen. Die englischen Kriegsschiffmatrosen nahmen freundlich von uns Abschied und verließen das Schiff. Der Kreuzer ging gleich wieder in See. In englischer Kriegsgefangenschaft an der Goldküste Während der Nacht blieben wir an Bord und wurden von einem schwarzen Feldwebel und seinen Polizeisoldaten bewacht. Wir erfuhren jetzt, weshalb uns der Kreuzer so schnell gefunden hatte: Der Ort, den unsere Neger geplündert hatten, war ein Dorf in der Nähe von Pram-Pram. Von dort waren die überfallenen Eingeborenen nach Accra geeilt und hatten gemeldet, ein deutsches Schiff habe einen Angriff auf die Küste gemacht. Darauf war der Kreuzer ausgelaufen und hatte sich uns mit aller Vorsicht genähert. Ich schlief die Nacht auf den Polsterbänken der Messe. Als ich am Morgen erwachte, sah ich unsere schwarzen Wächter todkrank an Deck liegen. Sie hatten ihre Waffen beiseite gestellt und sahen im Gesicht aschgrau aus. Die unruhigen Bewegungen des Schiffes, das auf der Dünung schaukelte, hatte ihnen alle Kraft genommen. Ich dachte sofort: Wir überwältigen die Wächter und gehen in See, auch ohne Kompaß! Als ich Brun in der Messe begegnete, platzte der gleich mit demselben Gedanken heraus, und wir stahlen uns zum Kapitän hinauf, um den Plan mit ihm zu besprechen. Bei dem Kapitän saß der weiße Beamte, der ebenfalls seekrank war. Während wir überlegten, kamen schon Boote von Land, und wir konnten nichts unternehmen. Gegen Abend wurden wir in der Dunkelheit an Land gesetzt. Die eingeborenen Ruderer ruderten das Brandungsboot mit ihren kurzen Paddeln auf die laute Brandung zu. Aufregend war die Fahrt um die Mole herum. Die Neger fachten ihre Kraft aufs höchste an und sangen immer lauter. Man merkte, daß die geschickten und kräftigen Männer sich der Gefahr wohl bewußt waren. Die Dünung warf das Boot hoch und bespritzte uns mit Wasser. Dann glitt das Boot in ruhiges Fahrwasser, und wir stiegen an Land. Es ist mir immer als eins der größten Wunder der Westküste Afrikas erschienen, daß die Neger, die hier wohnen, den Mut gehabt haben, ihre schwachen Menschenkräfte an diese gewaltige Brandung zu wagen. Wer zum erstenmal sieht, wie die Dünung des Ozeans auf die Küste losstürmt und wie sich Woge auf Woge bricht, der sagt wohl: Unmöglich! Unmöglich kann hier je ein Verkehr entstehen; nie werden Menschen diese Naturkraft überwinden. Und dann kamen nackte Neger in einfachen Holzbooten und zeigen, daß der Mensch sogar dieser Gefahr ihre Schwächen abgelauscht hat: Auf soundsoviele hohe Brecher folgt ein schwächerer, folgt eine kurze Spanne Zeit, in der vereinte Kräfte starker Menschen hinreichen, den Strand zu erreichen, ohne Schiffbruch zu erleiden. Der Ozean, der gewaltige Riese ist überlistet. Freilich, nicht immer glückt es. Und in unserer Zeit hat die eindringende europäische Betriebsamkeit neben vielem anderen auch dieses Wunder der Menschenkraft schon zerstört. Der Schnaps hat die Völker der Küste so entkräftet, daß sie die Männer, die zu solcher Leistung befähigt sind, kaum noch aufbringen können. Wir wurden in das Haus einer österreichischen Handelsgesellschaft gebracht, wo wir zu Abend essen durften. Die Herren des Hauses Jäckel \& Co, die auf ihr Ehrenwort bisher auf freiem Fuß geblieben waren, empfingen uns sehr herzlich. Zwei Engländer aßen mit uns. Spät am Abend wurden wir in das Krankenhaus gebracht, wo wir übernachten sollten. Als wir vor unseren Zimmern saßen, gingen zwei »Nurses«, »barmherzige« Schwestern auf dem Gang. Wir sagten höflich »Guten Abend«. Die törichten Geschöpfe aber sahen verächtlich an uns vorbei. Brun, der schon vorher eine englische Zeitung erwischt gehabt und gesehen hatte, daß darin alles, was deutsch war, in blödester Einseitigkeit verächtlich gemacht wurde, sagte: »Seht ihr, das sind die Richtigen, so sieht der Pöbel aus, der dazu da ist, den Lügen der englischen Presse zu glauben. Herrschaften, ist das ekelhaft an diesem Kriege!« Wir fühlten es alle: Jetzt galten Menschen untereinander nichts mehr und der Völkerhaß brachte in einfältigen Köpfen abstoßende Wirkungen hervor. Am Nachmittag erschien ein englischer Polizeibeamter und forderte uns auf, mitzukommen. Unser Weg führte durch die Negerstadt zu einzeln stehenden schlichten Gebäuden, die mit Mauern umgeben waren. Es war die Handwerkerschule für Schwarze. In einem Raum mit kahlen Wänden und Zementboden, mit Feldbetten und Bänken wurden wir untergebracht. Der Raum hatte viele Fenster und Türen, und wir sprachen deshalb nur von unserem »luftigen Gefängnis«. Als Nebengebäude war da eine Küche. Die Engländer ließen uns unsere schwarzen Diener. Auch ich behielt meinen »Freitag«. Diesen Neger hatte ich in Lagos unmittelbar aus der Wildnis bekommen. Alles Europäische war ihm damals fremd gewesen, und er hatte, als er zu mir kam, noch nicht einmal mit Gabeln essen sehen. Mit viel Geduld hatte ich ihn dann für mich erzogen, und er war ein vorzüglicher Diener geworden. Wenn ich an ihn denke, fällt mir eine kostbare Geschichte ein: In Lagos hatte ich im Wörmannhaus ein Fach für meine Postsachen. Als ich einmal dorthin fuhr und meinen Diener mitnahm, ging ich an die Wand und drehte das elektrische Licht an. Da hörte ich einen Schrei hinter mir und sah, als ich mich umdrehte, meinen Freitag aus der Tür verschwinden. Ich mußte meine Pakete allein nach Hause schleppen. Am nächsten Morgen sagte mir Freitag als Entschuldigung: » Massa, i fear too much dem light «. (Ich fürchte mich so vor dem Licht.) In einem Nebenraum unseres luftigen Gefängnisses stand ein Bücherschrank mit englischen Büchern und Schriften. Da hing auch eine Karte der englischen Kolonie und des benachbarten Togo und daneben eine Weltkarte. Der Polizeibeamte, der uns oft besuchte, belehrte uns gerne über den Untergang Deutschlands, er zeigte auf die Landkarte und sagte: »Sehen Sie, jetzt wird das alles englisch, es ist jammervoll, was aus Deutschland wird! Von beiden Seiten wird Deutschland erdrückt, sehen Sie: hier Frankreich, hier Rußland«, dabei machte er Handbewegungen in der Richtung auf Berlin. Wir nahmen diese politisch-geographischen Belehrungen schweigend hin. Die Deutschen der Stadt waren noch auf freiem Fuß. Sie mußten nur zu bestimmter Zeit zu Hause sein und durften nicht in das Eingeborenenviertel hineingehen. Jeden Morgen und Abend mußten sie sich auf dem Usher-Fort melden. Accra war eine alte Ansiedlung der Portugiesen. Das Fort bestand aus einer großen Mauer mit Schießscharten und einem festen Gebäude, in dem die Schreibstuben des obersten Polizeibeamten waren. Die übrigen Räume waren zu Kasernen umgebaut. Die ganze Stadt war eine Art Befestigung. In den ersten Tagen durften wir uns frei bewegen und den Einladungen der Deutschen Folge leisten. Mehrmals war ich Gast der Baseler Mission. An Straßenecken hatte die Regierung in Englisch und in Negersprache Anschläge angebracht, auf denen zu lesen stand: »Im Namen Seiner Majestät des Königs von Großbritannien. Der Kaiser von Deutschland, ein mächtiger Mann, hat sich seit langen Jahren vorbereitet, um dem Häuptling von Frankreich Krieg zu bringen. Dabei hat er mordend und plündernd ein kleines Land überfallen, dessen Häuptling mit dem König von England befreundet ist. Deshalb mußten die Engländer gegen die Deutschen in den Krieg ziehen. Diese Deutschen sind ein sehr gefährliches und kriegerisches Volk und sind zu fürchten, weil sie viele Soldaten haben. England fordert alle Kidda auf, zu helfen, diesen Feind zu vernichten. Alles, was die Deutschen des Nachbarlandes Togo Schlechtes anrichten können, muß gemeldet werden. Es sind nun auch einige Deutsche in unserem Lande. Die kann man nicht verantwortlich machen für die Schandtaten des Kaisers, und sie müssen geschont werden. Wenn aber Schlechtes von ihrer Seite geschieht, muß auch gegen sie Gewalt angewendet werden.« Brun stand mit mir vor einem solchen Anschlag und schimpfte mordsmäßig über die Tonart. Die deutschen Handelshäuser waren geschlossen und der Besitz zum Teil beschlagnahmt worden. Als wir vor dem Hause einer französischen Gesellschaft vorbeikamen und die Franzosen hämisch lachend an der Tür standen, hatte Brun große Lust, eine Keilerei anzufangen. Die schwarzen Angestellten machten mit der Hand Zeichen, die bedeuteten, den Deutschen werde der Hals abgeschnitten, und eines Tages wurden wir von dem Negerpöbel gar mit Schmutz beworfen. Deshalb mußten die Spaziergänge leider unterbleiben. Der Negermob war gegen Deutschland aufgehetzt worden und hielt an diesem Haß mit der ganzen Borniertheit ungebildeter Menschen fest. Als wir uns von den Anstrengungen der Seefahrt erholt hatten, begannen wir unsere Lage zu überdenken und uns zu fragen, ob ein Entkommen aus der Gefangenschaft möglich sei. Ich hatte den festen Entschluß, in dieser Gefangenschaft nicht das Ende des Krieges abzuwarten, sondern irgendeinen noch so verwegenen Ausweg zu suchen. Fürs erste aber kam es darauf an, Kenntnisse zu sammeln und alle Möglichkeiten der Flucht zu überdenken. Eines Tages gab es eine Überraschung. Wir bekamen Zuwachs: Deutsche Gefangene aus Togo. In jämmerlicher Verfassung, zum Teil ohne Hosen, mit zerrissenen Kleidern, mit langen Bärten kamen sie an. Einige trugen Schutztruppenmützen mit der Kokarde. Sie waren bei einem Ausfall aus dem belagerten Kamina gefangengenommen worden. Unter ihnen befand sich ein Bezirksamtmann, ein Ingenieur und viele andere bekannte Afrikaner. Ihr oberster Führer war gefallen. Sie wurden in den Nebenraum gebracht und erhielten von den Engländern neue Kleider. Ich machte mich gleich an unsere Landsleute hinan und ließ mir viel von den Zuständen in Togo erzählen. Der Ingenieur erzählte begeistert von seiner Arbeit und glaubte, daß der Norden der Kolonie sich gegen die Engländer und Franzosen halten werde. Als ich den trefflichen Mann öfter ausfragte, hörten auch andere zu, und es bildete sich unter den Gefangenen ein kleiner Kreis, in dem allerlei koloniale und soziale Fragen besprochen wurden. Die geistige Führung hatte hier der Ingenieur, nicht nur wegen seiner großen Allgemeinbildung, sondern auch vor allem weil er es verstand, seine Zuhörer für einen Gedanken zu erwärmen, der mir und den meisten ganz neu war. Er sagte, nach dem Kriege könnte in Afrika noch manches besser gemacht werden als bisher. Ein gutes Vorbild sei in der britischen Kolonie Nigeria gegeben, und das müsse jedem Afrikaner zu denken geben. Dort sei ein Gesetz geschaffen worden, das jeden Handel mit dem Grund und Boden verbiete; die Folge davon sei, daß die Eingeborenen eine feste Heimat und Arbeitsstätte hätten, gesund und arbeitswillig blieben. Die Kolonialfrage sei eine Bodenfrage. Natürlich erhoben sich unter uns Stimmen, die allerlei einwendeten. Man sagte, der Ingenieur habe einen Bodenfimmel. Der Mann aber wußte in der Frage so gut Bescheid und kannte so nahe Beziehungen der Frage zu allen anderen Gebieten des menschlichen Lebens, daß aller Spott verstummte und mancher den Entschluß faßte, sich mehr um diese Dinge zu kümmern. Uns Deutschen wußte der Ingenieur die Frage noch besonders schmackhaft zu machen, indem er sagte, das Verdienst, eine weitschauende Bodenpolitik zum ersten Male in die Tat umgesetzt zu haben, habe die deutsche Marine; sie habe in Kiautschou den Boden gleich nach der Erwerbung des Landes unter ein Recht gestellt, das jeden Mißbrauch ausschloß. Von dieser Kulturtat werde die Welt wissen, auch wenn die Kolonie vielleicht nicht deutsch bleiben sollte. Nach einigen Tagen wurden wir auffallend schroffer angefaßt als zuerst. Offenbar wurde der Haß gegen die Deutschen in England heftig gesteigert. Lebensmittel bekamen wir geliefert. Bananen, Jams, Konserven, Ziegenfleisch, Tabak und Zigaretten, und in der ersten Zeit auch Whisky. Mitunter auch Fische. Wir ließen sie braten; sie schmeckten aber nicht gut. Da halfen wir uns mit einer kleinen Fischräucherei. Der Erste Offizier, der ja aus einem Fischerort an der Nordsee stammte, wußte aus einer einfachen Tonne eine Einrichtung zu machen, mit der wir die frischen Fische räucherten. Die Fische wurden aufgeschnitten, gesalzen, einige Stunden luftig aufgehängt und dann starkem Rauch ausgesetzt. Die Engländer bewunderten unsere Räucherkunst. Als uns die Zeit lang wurde, machten wir uns aus Pappdeckeln ein Schachspiel und schnitzten aus einem Besenstiel Puppen dazu. In dem Bücherschrank fand ich manches, was meine Kenntnisse bereicherte. Besonders ein Buch »Walden« von dem Amerikaner Henry David Thoreau, trug dazu bei, mir die Zeit zu kürzen, mir Hoffnung und Kraft zu geben. Der Ingenieur hatte ein anderes Buch beschlagnahmt. Es hieß: » Progress and Poverty « (Fortschritt und Armut) und war ebenfalls von einem Amerikaner verfaßt, von Henry George. In diesem Buch fand der Ingenieur offenbar die besten Bestätigungen für seine Ansichten und las mir oft ganze Sätze mit Begeisterung vor. Ich beschäftigte mich auch viel mit den Pflanzen und Tieren, die rundum zu sehen waren. Es war da eine besondere Art Eidechsen. Der Kopf war rot, der mittlere Teil gelb und der Schwanz schwarz. Das Weibchen schillerte grün. Diese drolligen Tiere trieben sich in der Sonne umher, und die Männchen stritten sich um die Weibchen. Wenn man langsam auf eine Eidechse zuging, »pumpte« sie; sie richtete sich auf den Vorderbeinen auf, hob und senkte den Kopf und blähte sich auf. Wenn zwei Männchen kämpften, schlugen sie sich mit den Hinterteilen. Hunderte von Ameisenlöwen hatten ihre Trichter im Sand. Ich war von klein auf ein großer Tierfreund gewesen und kann viel Zeit damit zubringen, Tiere zu beobachten. Wir hörten von den Ereignissen des Krieges nur das, was uns der »Commissioner« mitzuteilen für gut fand. Es ist möglich, daß er selber den Krieg so sah, wahrscheinlicher aber ist, daß er log, wenn er uns mit geheucheltem Bedauern mitteilte, daß es für Deutschland sehr schlecht stehe. Die englischen Zeitungen, die wir zu lesen bekamen, wußten nur von Niederlagen der Deutschen zu berichten, von Unzufriedenheit und Uneinigkeit im deutschen Volk und von dem einmütigen Willen der ganzen Welt, Deutschland zu vernichten. Mitunter aber bekamen wir von der Baseler Mission Schweizer Zeitungen, nach denen die Lage Deutschlands ganz anders aussah. Als der Beamte merkte, daß wir diese Zeitungen bekamen, verbot er das. So kam es, daß die Sorge um unser Vaterland immer als Gespenst bei uns stand, obwohl wir genug mutige und erfahrene Männer unter uns hatten. Es war aber auch besonders schwer, an deutsches Waffenglück zu glauben, wo wir sehen mußten, daß Togo von der Übermacht erdrückt wurde. Vielleicht dachte es sich der Herr Commissioner ebenso leicht, Deutschland zu überwinden. In seinem Gehirn ging das so vor: Togo; rechts Französisch-Dahome, links die britische Goldküste: Togo kaputt. Deutschland; rechts Rußland, links Frankreich und England, also Deutschland kaputt. Ich möchte sein Gesicht jetzt einmal sehen, wenn er die deutschen, österreichischen, bulgarischen und türkischen Fähnchen auf seiner Landkarte weit nach rechts und links stecken muß. Aber vielleicht muß er das gar nicht, und die englischen Zeitungen verschonen ihn mit Nachrichten über die Waffenerfolge der Deutschen und ihrer Verbündeten. Eine Beruhigung war es für uns, daß wir Briefe nach Hause schreiben durften. Ich schrieb meinen Eltern, daß ich gesund in Accra sei. Getrennt von den andern hielt sich der Rechtsanwalt. Er saß meist auf seiner Koje und grübelte. Aber auch ich hielt mich viel allein und spazierte stundenlang im Hof umher, wobei ich überlegte, wie ich wohl von hier wegkommen könnte. Meine Kameraden merkten bald, daß ich an Flucht dachte, und erklärten mich für verrückt: »Wo willst du denn hin?« sagten sie, von ihrem Skatspiel aufsehend. »Es geht dir nur schlechter, wenn du irgend etwas versuchst.« »Bis dieser Krieg aus ist,« sagte einer scherzhaft, »müssen wir Skat spielen, nachher werden wir's den Engländern schon zeigen.« Wir dachten damals noch nicht daran, daß der Krieg eine Zeit dauern würde, die kein Mensch mit Skatspielen ausfüllen möchte. Eines Tages ging der Rechtsanwalt auf mich zu, sagte, auch er wolle weg, und teilte mir einen absonderlichen Plan mit: Er wollte sich in einem Reisekorb auf ein Schiff bringen lassen. Ich sagte ihm, daß das Unsinn sei, da jetzt alle Dampfer englische seien und er dann doch gefaßt werden würde. – Ich verriet ihm meine Pläne nicht, weil ich ihn nicht gut genug kannte. Schon wenn die Möglichkeit meiner Pläne bekannt war, konnte man mir auf die Spur kommen, und an eine gemeinsame Flucht durfte ich nur denken, wenn ich einen Menschen fand, der gut zu mir paßte und großen Anstrengungen gewachsen war. Es gab zwei Wege zur Flucht: an der Küste entlang nach Osten oder Westen oder ins Innere. An der Küste wäre man wahrscheinlich sofort aufgebracht worden, denn die Küste war gut von der Eingeborenenpolizei bewacht. Nach dem Innern aber schien mir eine Möglichkeit zu sein, weil kein Mensch darauf gefaßt war, daß ein Weißer ohne Hilfsmittel in den Busch und in afrikanische Steppen hineinlaufen könnte. Ich aber gewöhnte mich gerade an diese Gedanken, erinnerte mich an meine Wandertage im Hinterlande von Kamerun, nahm mir Thoreaus Bedürfnislosigkeit zum Vorbild und dachte daran, daß Livingstone und viele andere Missionare jahrelang ohne Gepäck durch Afrika gezogen sind. Ich mußte eben wie ein Eingeborener leben, mußte bedürfnislos sein. Das schreckte mich nicht; denn ich war von keiner Gewohnheit abhängig. Schon daß ich Nichtraucher bin, machte mich freier. Alkoholische Getränke waren mir längst verdächtig, und ich hatte in Kamerun beobachtet, daß völlige Enthaltung von Bier, Wein und Whisky zu ungeahnten Anstrengungen befähigt. Was aber das Essen angeht, da hatte ich schon in Deutschland gelernt, daß für den Wanderer nichts erfrischender ist als gute Früchte, Körner und Knollen. Was brauchte ich Kaffee, wenn Bananen am Wege standen, Zucker, wenn mir ein Stengel Zuckerrohr oder wilder Honig geboten wurde! Mixed Pickles, Kaviar, Wurst, Schinken, Sardinen, Neunaugen und all die anderen toten Dinge, die dem Europäer in die Wildnis folgen, mußte ich entbehren und wollte dafür Reis, Negerkorn und Mais, Bataten und Bananen essen, Mangofrüchte und Ananas lutschen, Apfelsinen und Kokosnüsse genießen. Ich mußte jetzt beinahe lachen, wenn ich an den Reichtum von Früchten dachte, den dies Land bot, und an die Umstände, die der Europäer mit seiner Ernährung macht! Erst wollte ich sehen, ob ich nicht in Togo noch Deutsche träfe, die dem Feinde noch standhielten. Nach Togo konnte es nicht weit sein; denn von Accra konnte man der Küste entlang nach Kidda, von da nach Lome, das waren nur 100 Kilometer. Diese Entfernung mußte man auch im Innern in einigen Tagen zurücklegen können, selbst wenn der Weg Sümpfe und Gebirge umging. Ein »Unmöglich«, wie es meine Landsleute mir entgegenhielten, konnte es für mich nicht geben, obwohl sich bei einem Ausblick aus der Festung dem Auge nur ödes Steppenland bot. Die einzige Sorge war, einen Ausweg zu finden, wenn in Togo keine unbesiegten Deutschen mehr wären! Das wollte ich mir überlegen, wenn es so weit war, und der erste Schritt schien mir der wichtigste zu sein. Der deutsche Ingenieur sagte immer wieder: »Im Norden müssen wir uns noch halten.« Also dachte ich, sollte mein Weg erst nach Nordosten gehen, um den Engländern zu entgehen, und dann nach Osten, zu den Deutschen. Die Wildnis reizte mich mehr, als sie mich schreckte. Der Kapitän war der einzige Mann, dem ich mich anvertraute. Ich sagte ihm: »Mich sieht der Commissioner nicht mehr lange.« Der alte Herr warnte mich, so wie die andern es taten; aber das schien er nicht ganz aus Überzeugung zu tun, denn er hörte mich stets so nachdenklich und aufmerksam an, und als ich eines Abends mit ihm allein war, sagte er mir mit einer Wärme, die mir noch lange wohl tat: »Kirsch, Sie sind ein wackrer Kerl, ich kann Sie nicht nur warnen und muß Ihnen mal Mut zusprechen. Es ist doch fein, daß Sie an solchem Plan festhalten, und wenn's Ihnen gelingen sollte, alle Ehre, und ich möchte Sie später mal wiedersehen. Ich bin ein alter Mann, aber ich war früher ebenso wie Sie.« Ich fühlte, daß seine Wünsche mich fortan begleiteten. Eines Tages kam ein Zwischenfall. Der schwarze Koch wurde einem unserer Landsleute frech, und der warf ihn hinaus. Der Kontrolleur aber hatte die Stirn, meinen Landsmann zur Strafe dafür zu verurteilen und ihn acht Tage mit Schwarzen zusammen einzusperren. Wir waren außer uns vor Wut. Auch ich kam bald mit diesem unverschämten Engländer zusammen. Ich hatte eine Bitte, die er mir in häßlicher Weise ablehnte, wobei er sagte: » Go to hell « ... (Fahre zur Hölle). In meinem Ärger entfuhr mir die Äußerung: »Sie sind ja ein feiner Kerl.« Am nächsten Morgen kamen zwei Aschantisoldaten mit aufgepflanztem Bajonett und brachten mir ein Schreiben, in dem mit höhnischer Höflichkeit geschrieben stand: »With the Commissioners of Police compliments. Will you kindly call here this morning at nine o'clock. (9 a.m.) D. Hamilton Venow A.C.P. « (Eine Empfehlung vom Polizeivorstand! – Habt die Güte, hier heute früh um neun Uhr vorzusprechen – – –) Das war die Rache des Beamten. Ich mußte mich also aufmachen. Meine Sachen wurden mitgenommen. Ich brauchte aber nicht zu gehen, denn als mich die Neger bis zum Tor gebracht hatten, kam ein Offizier mit einem Auto und rief » Come here «. (Kommt hierher.) Ich mußte neben dem Lenker Platz nehmen und wurde entführt. Ich wußte nicht, was mit mir geschehen sollte, und meine Kameraden wußten es auch nicht. Zum Glück hatte ich allen noch die Hand gegeben, weil ich eine Ahnung hatte, daß ich sie nicht wiedersehen sollte, und sie halten mich seitdem für verschollen. Ich saß vorn auf dem Auto, das mich bis zu dem Usher-Fort brachte. Hier wurde ich einem höheren Beamten vorgeführt, der mich in einem unverständlichen Englisch anfuhr, so daß ich nur heraushörte, daß jetzt » war time « (Kriegszeit) sei und Kriegsrecht herrsche. Dann wurde ich zwei schwarzen Soldaten übergeben und wußte nicht, wohin mich die bringen würden. Wie einen Verbrecher nahmen sie mich in die Mitte, und ich mußte zu Fuß durch die Straßen von Accra gehen, wo sich der Neger-Pöbel so benahm, wie Pöbel das überall tut. Der Weg war weit, und die Sonne brannte heiß, als ich zwischen den beiden Soldaten auf dem Wege entlangschritt. der der Meeresküste nach Osten folgte. Der Staub pulverte, verkrüppelte Bäume standen zu beiden Seiten der Landstraße und streckten, vom Seewind gepeitscht, ihre Äste nach Land zu. Unterhalb brandete der Ozean. Sehnsüchtig sah ich nach einem Dampfer hinaus, der weit draußen auf dem Meere fuhr. In der Ferne sah ich das Fort Christiansborg, ein altes Schloß, das auf einem Felsenvorsprung liegt. Dorthin sollte ich also gebracht werden. Ich fühlte mich in meinem Recht und war im Innern sehr ruhig. Ich schritt durch das große Tor an alten Bronzegeschützen vorbei, die noch aus der Portugiesenzeit stammen mochten. Da saßen schwarze Soldaten. Es ging in den Hof hinab und durch eine Umfassungsmauer in einen anderen Hof, der von einem hohen Pfahlzaun umgeben war. In einem Gefängnis mit vergitterten Fenstern wurde ich eingesperrt. In dem engen Raum, der mich umgab, fand ich eine neue Beschäftigung: Ich sah Spinnen, die in großen Spinngeweben Fliegen fingen, und beobachtete viele kleine, metallisch glänzende Eidechsen, die an der Wand kletterten. Ich fing eine und ließ sie ruhig auf der Hand liegen, band sie mit einem Bindfaden schonend fest und betrachtete sie als meinen Pflegling, für den ich sorgen mußte, indem ich Fliegen fing. Ich bekam hier kein Bett und mußte auf dem Fußboden auf Stroh schlafen. Alle Entbehrungen aber trug ich gern; denn seltsam: Es war ein erhebendes Gefühl für mich, gegen die Engländer heftig aufgetreten zu sein. So lernte ich, daß Strafe keine Strafe zu sein braucht, und daß Unrecht leiden den Menschen innerlich heben kann. Nur über die schwarzen Soldaten mußte ich mich ärgern. Wenn sie das Essen brachten, benahmen sie sich gegen den » prisoner of war « (Kriegsgefangenen) so verächtlich wie nur irgend möglich. Am zweiten Tage kam der höhere Beamte wieder und fragte mich in seiner unverständlichen Sprache: »Ist Ihnen die Lust nun vergangen?« Ich antwortete: »Macht mit mir, was ihr wollt, ich bin in eurer Gewalt.« Es schien mir aber, als ob dieser Mann mir nicht viel Schlechtes zutraute. Vielleicht fühlte er, daß der andere im Zorn gehandelt hatte, als er mich anklagte, vielleicht kannte er den Kontrolleur selbst und wußte, wes Geistes Kind der war. Am Nachmittag kam ein Weißer, der sehr freundlich war und mir den Hof zeigte, in dem ich spazierengehen durfte. Ich besah mir nun die Zelle von außen und sah, daß außen an der Tür ein schwerer Riegel angebracht war, der nachts vorgeschoben wurde. Gleich in der kommenden Nacht versuchte ich, ob ich diesen Riegel von innen zur Seite schieben könne, führte mein Messer in den Türspalt und bemerkte zu meiner Freude, daß der Riegel folgte, wenn ich die Messerspitze fest gegen das Metall setzte und von der Türkante einen Hebeldruck gab. Am folgenden Tage benutzte ich die Zeit, in der ich unbewacht außerhalb der Zelle war, den Riegel gut gangbar zu machen, so daß ich ihn von innen leicht hin und her schieben konnte. Der Hof war mit Gras bewachsen; an dem Pfahlzaun standen einige Sträucher. Dort fand ich große, grüne Raupen. Als ich mich mit denen beschäftigte, trat ein eingeborener Soldat an mich heran und wunderte sich, daß ich mich mit solch »häßlichen« Tieren abgab. Die Raupen hatten einen Sporn und breite Haftfüße. Ich wollte sehen, ob sich in der Zeit meiner Gefangenschaft Schmetterlinge daraus entwickelten und bettete die Tiere in einer Blechbüchse auf Blätter, wie ich das oft als Schuljunge getan hatte. Der Neger wollte mir nicht glauben, daß aus diesen Tieren später solch schöne Schmetterlinge werden würden, wie sie in großer Zahl hier umherflogen. An einer Stelle des Hofes war das Gras auffallend grün. Dort staute sich das abfließende Wasser, und eine Rinne ging unter der äußeren Mauer durch. Hier beobachtete ich eine Salamanderart und war auch eines Tages damit beschäftigt, als ein Weißer auf mich zukam und fragte: »Sind Sie auch ein Deutscher, auch hier in diesem engen Loch eingesperrt?« Er sah sehr klapprig aus, hatte dunkle Ringe um die Augen und trug einen struppigen, ungepflegten Stoppelbart. Die Begegnung überraschte mich, ich sagte aber gelassen: »Ich habe das Vergnügen, hier eingesperrt zu sein.« Der kranke Mann war ein Schiffsheizer und hieß Bracht. Er war bei Kriegsausbruch zufällig im Krankenhaus und wurde als Kriegsgefangener festgehalten. Er litt offenbar an alkoholischen Anfällen und hatte in Erregung um sich gehauen; deshalb war er hier eingesperrt worden. Als ich ihm beiläufig sagte, ich hätte schon an Flucht gedacht, sagte er: »Fliehen? Das ist von hier aus ein Klax, das ist leicht zu machen.« Die Flucht durch den afrikanischen Busch Ich hatte keine Bedenken, mit meinem Leidensgenossen zusammen zu gehen, weil er sogleich zu allem entschlossen war, wie so viele der armen Menschen, die nichts zu verlieren haben und im Leben verlernt haben, Leid schwer zu tragen. Der Plan gemeinsamer Flucht belebte und beschäftigte uns. Wir sahen uns die Umgebung genauer an: Hinter dem Pfahlzaun fing die Steppe an. Nur einige Negerhütten waren da in der Nähe. Die Schwierigkeit war, aus dem Zaun hinauszukommen. Über den Zaun durfte man nicht hinüber, das wäre gesehen worden, denn draußen ging ein Posten auf und ab. An der Stelle, an der die Wasserrinne unter dem Zaun hindurchführte, war ein morscher Balken, den wir leicht wegstießen. Ich hatte schon früher gesehen, daß die Ziegelsteine sich hier leicht lösten und dann draußen in den Graben fielen. Der Posten aber konnte nicht bemerken, wenn die Steine in das hohe Gras hinunterfielen. Bald hatten wir das Loch so vergrößert, daß wir hindurchsehen und den Posten beobachten konnten. Er ging mit seinem roten Fes, seiner kurzen Affenjacke, roten Weste und Khakikniehose, mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett stumpfsinnig auf und ab. Wir fanden in einer Ecke des Hofes einige alte Brottaschen, die die schwarzen Soldaten liegen gelassen hatten, und die wir auf der Flucht brauchen konnten. Wir legten in diesen Tagen von Nahrungsmitteln, besonders von halbreifen Bananen, etwas zurück, weil wir nicht wußten, wie die ersten Tage in der Steppe werden würden und ob wir darauf rechnen könnten, Nahrung zu bekommen. Am dritten Abend waren wir zur Flucht bereit. Wir verabredeten, ich sollte warten, bis Bracht drei Stunden nach Anfang der Nacht käme. Es war Anfang September, also nicht Regenzeit, denn die ist hier im Juni, aber nach der Schwüle des Nachmittags verdunkelte sich heute der Himmel. Das Heulen und Pfeifen eines Gewittersturmes begann. Ich versah mich mit meiner Brottasche und schob den Riegel zur Seite, schloß die Tür leise von außen, horchte, ob meine Wächter sich rührten, und drückte mich hinaus. Mein Freund war, gegen die Verabredung schon da. Ich steckte als erster meinen Kopf durch die Öffnung und sah zu meinem Ärger, daß der Posten in kurzem Hin und Her immer gerade vor dem Schlupfloch auf und ab ging. Wir waren in steter Angst, unser Fehlen könnte vor der Zeit entdeckt werden, und jetzt bekam mein Genosse, der unter Fieber litt, einen starken Anfall von Schüttelfrost; er sagte aber: »Das ist gleich, wir gehen.« Einmal sprach der Posten mit einer Frau, und der Augenblick der Flucht schien gekommen. Ich kroch halb durch die Öffnung, mußte aber schnell wieder zurück, weil der Soldat sich gerade umdrehte. Endlich gab's doch eine Gelegenheit. Die Ablösung des Postens kam, und während die militärischen Gebräuche erledigt wurden, ließ ich mich durch die Öffnung gleiten, kletterte auf der anderen Seite des Grabens wieder hoch, huschte über den Weg, der von den nackten Füßen der Posten glattgetreten war, und sprang in das hohe Gras. Ich konnte nicht vermeiden, daß es raschelte. Der Posten aber hatte nichts gehört; er stand jetzt allein, zupfte an Gräsern und döste. Ich legte mich nieder und wartete auf Bracht. Ich sah gespannt nach dem Zaun hinüber, aber dort regte sich nichts. Bracht hatte entweder den Mut verloren oder war von einem neuen, stärkeren Fieberanfall überrascht worden. Ich durfte nicht daran denken, mich unter den Augen des Postens zurückzuschleichen und noch einmal nach ihm zu sehen. Ich wartete etwa eine halbe Stunde, dann schlich ich leise davon. Als ich in einiger Entfernung war, blieb ich stehen und horchte noch einmal zurück. Es war nichts zu hören als das Branden des Meeres in der Ferne. Das Gewitter hatte sich verzogen, die Mauern der Christiansborg waren von hellem Mondlicht beschienen, und Sterne standen am Himmel. So konnte ich mich zurechtfinden. Wenn ich dem Meere den Rücken zuwandte, sah ich nach Norden. Ich sah das Sternbild des Orion, das Kreuz des Südens, die Plejaden. Ich wußte aus vielen Tropennächten, wie sich das Bild verschieben mußte, welche Sternenbilder gegen Morgen untergingen und wo der Himmel zuerst heller werden würde. Jetzt begann ich zu laufen. Die Nacht war noch lang, und während der Zeit konnte ich Wege benutzen und ein gutes Stück vorwärtskommen. Oft stutzte ich: Hohe Termitenhügel und einzelne Baumstämme sahen aus wie Gestalten von Menschen oder Tieren. Nach langen Stunden begann der Himmel zu meiner Rechten heller zu werden. Die Sterne verblaßten. Büsche und Gräser nahmen festere Umrisse an, Hügelreihen schimmerten bläulich in der Ferne. Ich hielt die Richtung nach Nordosten und benutzte einen Negerpfad, der einmal nach rechts, einmal nach links von der Richtung abwich, die Hauptrichtung aber innehielt. Als es hell geworden war, kletterte ich auf einen abseits vom Wege stehenden Mangobaum und sah, daß ich mich in völliger Einsamkeit befand. Zu meiner Linken sah ich zwischen Büschen einen Eisenbahndamm. Der Weg näherte sich der Bahnlinie. Ich wollte jetzt den offenen Weg meiden, um keinem Menschen zu begegnen, und versuchte, durch den Busch zu gehen. Das ging aber nicht, und ich mußte dem Bahndamm folgen. Als da, am Vormittag, einige Weiber mit Körben gingen, drückte ich mich nicht in den Busch, sondern wagte es, den Leuten in aller Ruhe zu begegnen. Sie sagten freundlich »Guten Tag«, und ich erwiderte den Gruß. Gegen Abend legte ich mich abseits unter einen Baum und schlief sofort ein. Ich muß lange geschlafen haben. Als ich erwachte, war ich ganz verdutzt. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Meine Glieder waren steif und kalt; ich war aber ausgeruht und in bester Stimmung. Ich reckte mich, ging auf den Weg, schnitt mir einen Stock und schritt kräftig aus. Ich konnte nun die Dörfer nicht immer vermeiden, weil die Umgehungen durch den Busch mir zu viel Zeit kosteten. Eine unbändige Wanderlust erfaßte mich. Lange Tage war ich gefangen gewesen und hatte mich nicht richtig ausarbeiten können. Jetzt fühlte ich die ganze Freude der Freiheit. Alle Sorgen waren vergessen, wenn ich zwischen wechselnden Pflanzenbildern in das schöne Land dahinschritt. Am zweiten Abend getraute ich mich schon, in einem Dorfe zu übernachten. Ich sah die Neger auf dem Platze mitten zwischen den Hütten sitzen. Als ich mich näherte, standen sie ehrerbietig auf, ich setzte mich aber mitten zwischen sie. Die Leute freuten sich, daß ich hier schlafen wollte. Der Häuptling gab mir Apfelsinen, Bananen und eine Art Gebäck zu essen. Ich sättigte mich und würzte das Mahl durch freundliche Scherzworte an die liebenswürdigen Menschen. Ich schlief auf einer Matte, nachdem ich einen Lehmtopf hinausgetragen hatte, in dem glühende Holzkohlen zu viel Rauch entwickelten. Am Morgen gab ich meinem Gastgeber ein Zweischillingstück, das einzige Stück, das ich von dieser Art bei mir hatte. Ich wollte den Schwarzen hier nicht durch Armut auffallen, damit sie nicht irgendeinen Verdacht bekämen. Ich verließ das Dorf und folgte einem breiten Wege nach Nordosten. An Nahrung fehlte es mir nicht. In der Nähe der Dörfer waren viele Bananenstauden. Ich lebte von dem, was die Natur bot, und ging, wenn ich Hunger hatte, an Büsche und Bäume der bebauten Felder hinan. Daß ich nichts bezahlte, brauchte mich nicht zu bedrücken; die Früchte haben hier ja kaum Geldwert. Ich ging, fast ohne auszuruhen, wieder einen ganzen Tag lang und fühlte mich frisch und gesund. Gegen Abend hörte ich Negergesang und näherte mich einigen Hütten. Auf dem freien Platz saßen viele Menschen, einige tanzten in der Mitte. Die Aufmerksamkeit der Neger richtete sich ganz auf die Tänzer, so kam ich unbemerkt näher. Ich beobachtete die Gruppen einige Zeit und freute mich über die harmlose Freude dieser Wilden. Endlich trat ich in den Feuerschein. Die Neger erschraken, und mehrere Mädchen entflohen. Einige freundliche Worte genügten aber, die fröhliche Gesellschaft wiederherzustellen. Ich mußte meinen Besuch erklären und sagte dem Häuptling, es folgten mir noch andere Weiße. Die Neger hatten bald Vertrauen zu mir, als ich mich scherzend unter sie mengte und ihnen zeigte, wie man in Europa tanze. Ich bekam auch hier eine gute Hütte angewiesen und schlief bis in den Tag hinein. Am Morgen ging ich weiter. Der Häuptling begleitete mich aus Neugierde. Er wollte die anderen Weißen, von denen ich erzählt hatte, sehen. Die Begleitung war mir aber auf die Dauer lästig, und ich bewog den Mann nach einigen Stunden, mich allein zu lassen. Der Weg ging in ein Gebirge hinein und folgte fruchtbaren Tälern. Ich ging wieder bis zum Abend. Als es dunkel wurde, konnte ich nirgends Ansiedelungen finden und mußte mich im Freien nach einer Schlafstelle umsehen. Da fand ich eine Stelle mit weichem, warmem Flußsand. Dort bot ein Felsvorsprung mir guten Schutz gegen den Tau, und ich legte mich nieder. Als ich einschlief, merkte ich die Kälte der Nacht. Ich wußte nicht, wie lange ich geschlafen hatte, als ich eine Bewegung an meinem Fuße spürte und auffuhr. Ich stieß mit dem Kopf gegen die Steinplatte über mir und sah ein Tier fauchend zurückspringen. Ich sprang auf die Füße und erkannte die Gestalten zweier Hyänen. Die Tiere wichen erst, als ich einige Steine warf und das eine der Tiere traf. Ich hörte ein schauriges Knurren in der Nähe. Ich hatte mich sehr erschrocken, und alle Müdigkeit war auf einmal dahin. Deshalb ging ich weiter. Der Weg war hell beschienen, die Richtung höher ins Gebirge war nicht zu verfehlen, so schritt ich munter aus und setzte mich erst nach einigen Stunden nieder, wo trockenes Gras in Menge neben einem Wall lag und zur Ruhe einlud. Hier schlief ich ein, erwachte aber schon vor Sonnenaufgang und brachte Bewegung in die steifen Glieder. Jetzt ging es wieder bergab. Eine große Ebene mit Steppenwald lag unter mir. Ich kam in ein Negerdorf, das mit Fischreusen ausgerüstet war, was auf die Nähe von Wasser schließen ließ. Als ich mir Essen kaufen wollte und nach Geld in die Tasche griff, hielt ich in der Hand eine kleine Karte mit Uniformknöpfen der Wörmannlinie. Die Frau, die bei mir stand, verlangte gleich danach, und ich kaufte mir für zwei Knöpfe ein Gericht zubereiteter Fische. Während ich unter einer Hütte saß und frühstückte, kam ein Zug Haussa an, die sich durch Hörnerblasen schon von weitem bemerkbar machten. Die Aufmerksamkeit der Neger richtete sich gleich auf die herannahenden Händler, die malerisch gekleidet waren. Einer der Händler, ein großer Mensch mit edlen Zügen, kam auf mich zu und grüßte mich nach Mohammedanerart mit erhobenem Arm. Der Mann wunderte sich, mich hier zu sehen, war aber nicht zudringlich. Ich konnte mich gut mit ihm unterhalten. Am Nachmittage rüsteten die Haussa zur Weiterreise und fragten mich, ob ich mit ihnen gehen wollte. Ich willigte gern ein und sollte es nicht bereuen. Der vornehmste der Haussa hatte aufmerksame Diener, die gefällig heransprangen, wenn er winkte. So bekam ich Wasser und Früchte und seltene Pflanzen, die ich sehen wollte. Der Haussa erzählte mir allerlei von dem Lande vor mir und sagte mir auch, daß in Togo große Kämpfe andauerten. Ich sagte ihm, daß ich auf einem Jagdausflug gewesen sei. Das war eine Gelegenheit für den Händler, nach Schießwaffen zu fragen. Jeder Eingeborene, jeder Händler will Schießwaffen haben. Am Abend wurde mir eine angenehme Lagerstelle hergerichtet; der Haussa ließ mir Matten ausbreiten und lieh mir ein schönes Lederkissen. Großen Eindruck machte es, als die Händler bei Sonnenuntergang mitten im Dorf ihre Gebetmatten ausbreiteten und sich betend nach Osten verneigten. Ich hielt mich im Hintergrunde. Die Eingeborenen sahen hinter den Hütten hervor. Der Führer der Haussa betete laut vor, die anderen murmelten nach. Die Haussahändler, die das Land nach allen Richtungen durchziehen, sind eine fliegende Mission des Islams. Ihre stolze Art muß auf jeden Neger Eindruck machen. Der Diener brachte wieder Saft und Früchte. Der Haussa setzte sich zu mir, und ich bewunderte die schönen Züge des Mannes. Er erzählte von seinen Reisen und freute sich, daß ich ihm die Dampfer, die er an der Küste gesehen hatte, beschreiben konnte. Es war erstaunlich, wie die Diener auf die kleinsten Winke des Herrn aufmerkten, das Feuer bedienten und Gegenstände herbeibrachten. Am nächsten Morgen sah ich den großen Grenzfluß, der in seinem Oberlauf das Gebiet der Goldküste von Togo trennt, den Volta. Der Weg entfernte sich wieder vom Flusse. Ich fürchtete, daß er zu weit nach Westen führte und sagte den Haussa Lebewohl. Mit einer segnenden Handbewegung grüßte der Händler zum Abschied. Ich wollte dem Flußlauf folgen und oberhalb von Stromschnellen eine Stelle suchen, wo ich hinüberkonnte. Der Busch aber war undurchdringlich, und ich mußte zuerst doch wieder dem Wege folgen, den die Haussa gegangen waren. Dann aber hielt ich mich an den ersten Weg, der rechts nach dem Fluß führte. So kam ich nachmittags an eine Stelle, wo einige Einbäume am Ufer lagen. Ich sah, daß ein Boot unterwegs war, und erwartete die Neger. Es war nicht leicht, mit ihnen einig zu werden. Sie waren ermüdet und wollten jetzt nicht rudern. Endlich sprang ich selbst in das Boot und zeigte in die Richtung zum anderen Ufer, aber die Neger bedeuteten mir, daß das Boot weit hinauf gebracht werden müsse, wenn wir das andere Ufer erreichen wollten. Vier nackte Männer ruderten mein Boot zuerst weit stromaufwärts, dann quer über den Strom. Es war eine gefährliche Fahrt, was ich vom Ufer nicht hatte voraussehen können. In der Mitte des Stromes ragte ein Felsen aus dem Wasser, da teilte sich der Strom. Der Einbaum näherte sich dieser Stelle bedenklich, und ich krampfte meine Hände fest an die Bordwand, weil ich glaubte, das Boot werde zerschellen. Die Neger aber kannten diese Stelle und wußten sie zu nehmen. Sie waren ihr gewiß nicht zum ersten Male nahe gekommen. Ich aber fühlte mich den Negern, die mich mit ihrer Kraft und Gewandtheit aus gemeinsamer Gefahr gerettet hatten, dankbar, und als wir das andere Ufer glücklich erreichten, gab ich den wackeren Ruderern gern einen Wörmannknopf mehr, als ich vereinbart hatte. Ich hatte mehrere große Dörfer durchschritten und näherte mich einer kleinen Ortschaft, als eine Gestalt im Khakianzug, Strohhut und Schuhen sichtbar wurde. Ich sprang in ein Gebüsch, erkannte aber gleich darauf, daß ich einen Hosennigger vor mir hatte. Der Mann grüßte und sagte: » Good day, Ssö! « (Guten Tag, Herr). Ich wollte mich als Engländer ausgeben und fragte auf Englisch nach dem Namen des Dorfes und nach dem Wege. Da hörte ich etwas von »Mission« und »Bruder Johannes«. »Was! Bruder Johannes?« entfuhr es mir auf deutsch. »Ach, mein Err, Sie sprechen Deutsch?!« Jetzt sagte der Neger mir stolz, daß er sieben Jahre auf der Schule gewesen sei und sogar Deutsch schreiben könne. Nachmittags erreichten wir die Missionsnebenstation K. ... Hier war ein Haus mit Hof und Lagerschuppen, und das Erscheinen eines Weißen schien nichts Seltenes zu sein. Ein Mulatte betrat die Veranda des Hauses. Mein Begleiter grüßte sehr untertänig. Der Mulatte fragte in einem Über-Hochdeutsch: »Guten Tag, mein Herr, was führt Sie her?« »Ich muß mit Euch sprechen!« antwortete ich. »Kommen Sie herein.« Er bot mir Waschwasser an und lud mich ein, mich zu setzen. Ich sah etwas verwahrlost aus; meine Hose war eingerissen, die gelben Schuhe hatten stark gelitten. Der Mulatte berichtete mir, die Deutschen seien schon lange weg. – »Wir sind von Lome abgeschnitten; die meisten Deutschen haben sich ergeben, auch Kamina ist in den Händen der Feinde.« Ich verschwieg, daß ich von Accra gekommen war, und sagte, ich sei unterwegs von der Küste nach dem Innern. Er riet mir dringend, mich den Engländern sogleich zu ergeben: es habe keinen Zweck, daß ich mich mit Not und Sorgen im Busch umhertreibe. – »Das gibt's gar nicht!« platzte ich heraus und mußte herzlich über einen Menschen lachen, der innerlich so ganz anders aussah als ich. »Na, geben Sie mir mal erst ordentlich was zu essen, es wird Ihnen später vergolten werden, wenn alles wieder deutsch ist«, sagte ich frech. »Halten Sie das für möglich?« »Was? Möglich? Selbstverständlich! Sie ahnen ja gar nicht, wie mächtig wir Deutschen in Europa sind, und in Europa wird dieser Krieg entschieden.« Meine Zuversicht machte auf den Kerl großen Eindruck. Übersicht der Flucht durch den afrikanischen Busch. Der Weg, den Kirsch von dem Gefängnis Christiansborg bis zur Grenze von Dahome zu Fuß zurücklegte, ist danach 350 Kilometer lang. »Auch ich«, fuhr ich fort, »werde noch helfen, die Engländer und Franzosen zu besiegen: ich fahre nach Deutschland!« Der Diener hatte mir ein gutes Mahl zurechtgemacht, und ich ließ es mir gut schmecken. Die Nacht schlief ich in einem prächtigen Bett mit Moskitonetz. Das war eine große Wohltat für mich, und am nächsten Morgen war ich sehr dankbar und aufgekratzt, als ich meinen komischen Gastgeber wiedersah. Wir hatten sehr verschiedene Anschauungen. Er lebte nach den Worten: »Seid Untertan der Obrigkeit, die gerade da ist« und meinte, es sei alles Gottes Wille, und man solle sich fügen. Ich konnte auf die Dauer hier nicht bleiben, weil der Mann für seine Missionsstelle fürchtete, und schlief nur noch eine Nacht in dem Hause; dann brach ich auf. Ich wollte erst nach Norden, aber da war kein Vorwärtskommen, so mußte ich mich der Küste wieder etwas nähern. Jetzt war ich vorsichtig wie ein verfolgtes Wild. Ich sah mehrmals im Staub der Wege frische Spuren von Europäerschuhen und durfte keine Ortschaften besuchen. Wenn ich Menschen kommen hörte, drückte ich mich in den Busch. Es wurde eine schreckliche Zeit. Nur einige Male konnte ich in Hütten übernachten, wenn ich in ein sehr entlegenes Dorf fand und wußte, daß keine Europäer in der Nähe waren. Eines Abends mußte ich mir mitten im Urwald eine Schlafstelle schaffen. Ich fand einen umgestürzten Baum, auf den ich bis in die Krone hineinklettern konnte. Dort, fünfzehn Meter über dem Erdboden, band ich eine Menge Lianen zusammen und versuchte, in einer Art Netz zu schlafen. Ich hatte, um mich zu bedecken, zusammengerafft, was ich an trockenen, weichen Gräsern finden konnte. Aber es war eine böse Nacht, und ich weiß nicht, wie unsere Vorfahren es in der Wildnis aushalten konnten. Mücken plagten mich, ein übler Fäulnisgeruch umgab mich, und die vielen Stimmen des Waldes ließen mir trotz aller Übermüdung keine Ruhe. Da flogen Fledermäuse; Nashornvögel flatterten in den Baumkronen, gespenstige Eulen huschten durch die Stämme. Äste brachen, und in der Ferne hörte ich ein gleichmäßiges Schlagen: Stimmen von Fröschen. In der Dunkelheit konnte ich nicht weiter; so blieb ich hier bis in die Dämmerung und sah im Morgenlicht zwei zierliche Buschböcke unter meinem Lager hindurchgehen. Das war eine anstrengende Nacht im Urwalde, und als ich abgespannt, kalt und hungrig zu Boden kletterte und vor dem Tau zitterte, der mir mit den Blättern entgegenschlug, war ich in Versuchung, mich auf jeden Fall wieder menschlichen Ansiedelungen zu nähern. Allein, jeder Tagemarsch, den ich nach Osten zurücklegte, ehe ich mich der Küste wieder näherte, verwischte meine Spur mehr, und wenn die Sonne mir Wärme und neue Kräfte brachte, bekam ich neuen Mut. Zwei Bahnlinien überschritt ich auf meiner Wanderung. Bei der zweiten kam ich in eine Pflanzung hinein und wurde durch das Gekläff von Hunden vom Wege abgetrieben. Ich konnte von den Negern im Lande nichts mehr verlangen; denn ich sah nicht mehr aus wie ein Europäer und wurde nicht mehr geachtet. Wohl badete ich, wo es irgend möglich war, und wusch mein Zeug. Anstatt Seife benutzte ich Lehm, Flußsand und trockene Blätter. Aber ich sah im Spiegel eines Baches, wie ungepflegt ich aussah. Ich mochte keine Ansiedelung mehr aufsuchen und lebte von dem, was ich in der Nähe der Dörfer auf den Feldern wegnehmen konnte. Oft war es im Dunkel der Nacht. Ich fühlte, daß meine Kräfte geringer wurden und wurde gleichgültig gegen mein Geschick. Ich mußte mir mit Gewalt einreden, daß mir noch irgend ein Weg zur Freiheit offen stehe. Es schien mir wie ein Märchen, daß es noch irgendwo einen Platz gebe, wo mich liebevolle Pflege, ein Bett, ein warmes Bad erwarteten. Die Reihenfolge der Erlebnisse ist mir entfallen. Es war mir, als ob Erinnerung wertlos sei, wo ich das Ende dieser Irrfahrt nicht wußte. Die Sorge um den Tag und die kommende Nacht hielt mich davon ab, zurückzudenken und die Schlafplätze und Sonnenaufgänge zu zählen, die ich hinter mir hatte. Es ist gewiß, daß wir in ruhigem Leben so etwas tun, ohne es noch zu wissen. Einmal traf ich eine Stelle, wo Engländer gelagert hatten. Konservendosen und leere Tabaksbüchsen lagen da und ein Fetzen der »Daily Mail«, von Tau durchnäßt. Die Nähte meiner Schuhe platzten, ich band die Schuhe mit einer Schnur zusammen, die ich an einer Fetischhütte der Eingeborenen wegnahm. Jetzt hatte ich nicht mehr die Kraft, den ganzen Tag zu wandern. Ich bekam Kopfschmerzen und mußte ruhen. Als ich einen Gebirgsbach kreuzte und über einen Stein sprang, fiel mir mein Tropenhelm vom Kopfe. Ich wollte ihm nach, konnte aber nicht hingelangen, wo er antrieb, weil da ein scheußlicher Schlamm war, in dem ich nicht schwimmen und nicht waten konnte. Mir blieb nichts anderes übrig, als mir von Palmenblättern eine Art Hut zu binden und mein einziges Taschentuch als Mütze unterzuknöpfen. Ich war mürbe geworden. Wenn mich Weiße überrascht hätten, wäre ich beinahe froh gewesen; und doch umging ich jede Niederlassung: Freiwillig wollte ich meinen Plan, einen möglichst fernen Punkt der Küste zu erreichen, nicht aufgeben. Mir fielen die Überschriften auf dem englischen Zeitungsblatt ein. Wie nebensächlich war ich gegen den ganzen Weltkrieg! Vielleicht war ich der einzige Deutsche, der hier noch frei umherlief. Eine unglaubliche Lage! Wer wußte jetzt von mir, wer fragte nach mir, bei diesen großen Ereignissen? In der freien Wildnis gab es nirgends etwas zu essen; wenn ich den Hunger stillen wollte, mußte ich mich Dörfern nähern, mußte näher gehen, wo Rauch und Feuerschein waren, wo Hundegebell, Kindergeschrei und das Stampfen von Getreide zu hören waren. Krank war ich, unrasiert, abgerissen; deshalb mußte ich, was ich an Ansehen nicht hatte, durch heimliche Gewalt ersetzen. Ich mochte achtzehn Tage unterwegs sein, als ich an einen Fluß kam, wo ich keine menschliche Niederlassung sehen konnte. Das Ufer war ziemlich seicht. Ich wollte hinüber; es war wenig Wasser im Fluß. Zur Regenzeit mußte es ein mächtiger Fluß sein, denn die hohen Ufer lagen weit zurück. Hier und da sah eine Felsbank heraus. Ich dachte von einem festen Punkt zum andern zu gehen und ging in den Fluß hinein. Das Wasser war an einigen Stellen tiefer, als ich gedacht hatte. Bald stand ich in der Mitte des Flußes und hatte vor mir die eigentliche Rinne des Stromes. Das Wasser wurde immer tiefer. Noch dreißig Meter waren es bis zur Sandbank des anderen Ufers. Ich wollte nicht zurück. Oberhalb sah ich einige Krokodile in der Sonne liegen; dennoch ließ ich mich in das Wasser fallen und begann zu schwimmen. Ich hatte aber die Strömung unterschätzt und wurde weit stromabwärts mitgerissen. Das ermüdete mich entsetzlich. Ich war halbtot, als ich wieder festen Boden erreichte, und als ich die Uferböschung hochklettern wollte, konnte ich keinen Schritt mehr weiter. Ich warf mich hin; nicht einmal sitzen konnte ich. Ich hatte nur noch so viel Besinnung, mich mit dem Kopf in den Schatten der Uferböschung zu legen. Die nassen Kleider drückten mich, und ich fror, obwohl das Licht der Sonne meinen Leib und meine Beine traf. So schlief ich ein. Wie ich den Franzosen in Dahome in die Hände fiel Ich fühlte unter meinem Rücken weiches Stroh, am Halse kratzte der Bast einer geflochtenen Matte, Brandgeruch zog mir in die Nase, und der Schein eines kleinen Feuers flackerte rot am Gebälk, das dicht über meinem Kopfe war: das waren meine ersten Eindrücke, als ich aus der Bewußtlosigkeit erwachte. Ich wußte nicht, wo ich war, nur, daß ich in einer Negerhütte lag, wurde mir klar. Ich war zu schwach, um mich zu fragen, wer mich hier gebettet habe. Die Hütte war von Feuerschein und auch von schwachem Tageslicht erhellt, das durch eine zugestellte Schilftür hereinfiel. Ich war allein. Es dauerte aber nicht lange, da kam eine Gestalt an die Tür, bückte sich in den Raum, schob die Holzstücke auf der Feuerstelle nach der Mitte zusammen, so daß die Flammen heller aufschlugen, und schien sich nicht um mich zu kümmern. Ich stöhnte. Da wandte sich der Neger zu mir und sagte: »Du bist krank, Herr.« Ich verlangte nach einem Trunk, und er reichte mir eine Kalabasse mit säuerlichem Wasser. Als ich getrunken hatte, legte ich mich schweratmend wieder nieder. Ich hatte Fieber. Die folgenden Stunden vergingen mit abwechselndem Schlafen und Halbwachen, während ich gleichgültig wahrnahm, daß Neger hereinkamen, sich in der Hütte zu schaffen machten und wieder gingen. Das Geräusch der Menschen störte mich und beruhigte mich zugleich; ich war dankbar, daß irgendwelche Geschöpfe sich um mich bemühten. Eine schlimme Nacht kam und ein noch schlimmerer Tag. Das Fieber war bald heftiger, bald gelinder, und schreckliche, wüste Eindrücke, kaum Träume zu nennen, jagten sich in meinem Gehirn. Am zweiten Tage konnte ich mit den Negern sprechen und erfuhr, daß sie Fischer seien und mich beim Fischfang vom Wasser aus hätten liegen sehen. Und das sei die Hütte des Häuptlings, und der Häuptling, das sei dieser; und als ich den ansah, da grinste der und machte eine Handbewegung: »Du bist ja krank,« sagte er, »und hier ist die Ärztin.« Ich bemerkte eine alte Frau, die sich schon mehrmals um mich bemüht hatte und mir auch jetzt ein Getränk zurechtmachte, in das sie aus einer kleinen, mit Leder umnähten Flasche einige Tropfen hinein tat: das sollte gegen Fieber helfen. Als die Alte mir das Gefäß reichte, sah ich, daß sie mit vielen Zieraten und Merkwürdigkeiten behangen war. Die Stunden vergingen mit Fieber und Schlaf. Die Neger pflegten mich aufmerksam; da fühlte ich mich bald merklich besser. In der dritten Nacht hatte ich gut geschlafen und kroch in aller Frühe aus der Hütte hinaus. Wie ich so dastand in der Morgenluft, wurde ich der Reihe nach an alle Organe erinnert, die mit der Abwehr des Fiebers gekämpft hatten. Mein Kopf war noch befangen, das Licht stach mir in die Augen, und der Magen verlangte nach Nahrung. Als ich zu der nächsten Bananenstaude ging, merkte ich, wie schwach meine Beine waren. Ich griff nach einer reifen Traube und drehte mir eine strotzende Bananenhand heraus. Dann fing ich mit großem Genuß an zu essen, während ich zwischen den Hütten des Dorfes vorwärts schritt. Die Neger waren meist noch in ihren Hütten, die um einen freien Platz herum gebaut waren. Der breite Weg, der durch das Dorf hindurchführte, war von nackten Füßen festgetreten. Die Hütten waren in ihrem unteren Teil aus großen Lehmziegeln aufgebaut, die untereinander mit Lehm verschmiert worden waren. Die Dächer waren aus Stangen und Palmblättern zusammengebunden. Die Rodung, auf der das Dorf stand, war nicht groß; hinter den Hütten lagen Kornfelder, dahinter erhob sich der hohe Wald. Daß der Landbau nicht die Hauptbeschäftigung dieser Neger war, sah ich an der geringen Ausdehnung der Felder und an den vielen alten Fischreusen und Resten großer Einbäume, die im Dorf umherlagen. Einige Männer kamen schon vom Fischfang zurück. Sie trugen die Fische auf einer Bastschnur aufgereiht und hatten die Schnur durch die Kiemen der Fische und durch die Mundöffnungen gezogen. Ich ging bis zu dem Ende des Dorfes, wo eine Stange aufgerichtet war, an der ein rostiges Messer hing. Das sollte wohl an die Macht des Häuptlings mahnen und vor Diebstählen warnen. An einer anderen Stange war ein totes Krokodil angebunden, das an den siegreichen Kampf der Fischer gegen die Tiere der Wildnis zu erinnern schien. Als ich zur Hütte des Häuptlings zurückkehrte, saßen einige Neger da und wiesen mir unter dem vorspringenden Dach freundlich einen Platz an. Dort ließ ich mich auf eine Matte nieder und fühlte bei aller Müdigkeit doch, daß meine Kräfte wiederkehrten. Mit der Zeit sammelten sich noch mehr Neger an und sprachen wichtig über mich. Sie schienen regen Anteil an meinem Zustand zu nehmen; ich aber antwortete nicht viel, sondern beobachtete meine Gastfreunde. Die Gesichter dieser Neger waren durch drei gleichlaufende Schmisse, Ziernarben, die sich auf jeder Backe vom Ohrläppchen bis zum Mundwinkel hinzogen, stark entstellt. Dadurch sahen sie auch bei freundlichem Gespräch grimmig aus. Die Männer trugen nur ein Hüfttuch. Im Hintergrunde hielten sich einige Frauen. Sie hatten Pflöcke in den Ohren und seltsame Hautschnitte auf dem Leib. Ich sah eine junge Frau, auf deren Leib die Umrisse eines Krokodils eingeschnitten waren. Als die Neger sich zu ihrer Arbeit begeben hatten, ging ich vor die Hütte, wo zwischen Bananenstauden ein großer Tonkrug mit Wasser stand. Dort wusch ich mich gründlich und fühlte mich recht wohl. Ich hatte Hunger, und bat die Frauen, mir etwas zu essen zu geben. Eine brachte mir Maniokwurzeln, die in Stücke geschnitten und gekocht waren, eine andere eine Schüssel mit reifem Mais, der leicht angeröstet war und den ich vom Kolben abessen mußte; dazu einige Fische, die zusammengerollt und in Fett gebraten waren. Dann gab sie mir noch etwas einfachen Kuchen aus dem Mehl getrockneter Bananen, das zu einem Teig verarbeitet und geröstet worden war. Das schmeckte mir alles recht gut, da ich nicht in Versuchung kam, es mit irgendeinem europäischen Gewürz zu genießen. Es ist eine wichtige Beobachtung, daß die einfachen Nahrungsmittel, Körnerfrüchte und Knollen ungewürzt einen vollen Geschmack haben, wenn man sie in Ruhe kaut. Gegen Mittag bekam ich wieder einen Fieberanfall mit Schüttelfrost und wickelte mich fest in meine Matte ein. Ich nahm das nur wie im Traume wahr       Der Weiße kam nahe heran, legte die Hand an den Tropenhelm und grüßte militärisch: » Good day, Sir !«       (Krankenlager am Monu). Ich mochte mehrere Stunden gelegen haben, als ich einen Europäer an der Spitze einer lärmenden Schar von Eingeborenen und schwarzen Soldaten quer über den Platz auf mich zuschreiten sah. Ich nahm das nur wie im Traume wahr, richtete mich aber erstaunt auf. Der Weiße kam nahe heran, legte die Hand an den Tropenhelm und grüßte militärisch: » Good day, Sir !« » Good day, Sir !« (Guten Tag, Herr), sagte auch ich, worauf er mühsam und mit französischer Betonung auf Englisch die Frage stellte: »Was machen Sie hier, sind Sie krank?« Ich wollte nicht gleich Antwort geben, stellte mich schwächer, als ich war, und überlegte: Nicht nur die Sprache, auch die Khakiuniform des Mannes und die Gestalten der französischen Kolonialsoldaten ließen keinen Zweifel, daß ich es mit einem Franzosen zu tun hatte und auf französischem Gebiet war: in Dahome also, wo sonst? Nun fiel mir Porto Novo ein, das nicht weit sein konnte, und ich fürchtete, dorthin gebracht zu werden, wo man mich kannte. Der Franzose, ein Mann von mittelgroßer Gestalt, mit Napoleonsbart, beugte sich über mich, ergriff meine rechte Hand und fühlte nach dem Puls. Dann nahm er aus seiner Tasche eine kleine Flasche und schüttete mir einige weiße Plätzchen in die Hand. Ein Soldat reichte mir das Trinkgefäß. Ich spülte die Pillen hinunter, schmeckte, daß es Chinin war, und flüsterte: » Merci bien, monsieur !« (Danke sehr, Herr.) » Vous parlez français ?« (Ihr sprecht Französisch?) » Mais oui, monsieur « (ja, Herr), sagte ich mit leiser Stimme: » C'est ma langue maternelle !« (Es ist meine Muttersprache.) Alle weiteren Fragen, woher ich komme und wohin ich wolle, ließ ich unbeachtet und blieb mit geschlossenen Augen liegen. Ich wollte Zeit gewinnen und keine Antwort zu viel sagen und mich dadurch in Widersprüche verwickeln. Der Franzose sah, daß ich schwerkrank sei, und ließ mich unbehelligt. Er wandte sich durch einen Dolmetscher an meinen Gastgeber, den alten Häuptling. Der Neger erzählte mit umständlichen Kopf- und Armbewegungen, wann, wie und wo mich die Fischer aufgefunden hätten und noch manches andere, aus dem niemand klug werden konnte. Wahrscheinlich hatte er ein böses Gewissen und glaubte Erklärungen geben zu müssen, weshalb mir der Inhalt meiner Taschen bis auf meine Papiere abhanden gekommen war, und brauchte aus Furcht vor Strafe allerhand Ausreden. Ich folgte diesem Verhör aufmerksam und bemerkte, daß der Franzose von seinen Soldaten angeredet wurde: » Mon adjudant «. Ich schloß daraus, daß ich einen Feldwebel der französischen Kolonialtruppe vor mir hatte. Der Franzose fragte noch andere Neger aus. Schließlich befahl er mehreren Soldaten, mich in eine Hängematte zu legen, die von zwei Schwarzen an einer langen Stange getragen wurde. Als die Träger sich in Bewegung setzten, blieb der Franzose an meiner Seite und war freundlich um mich besorgt. Der Trupp bewaffneter Soldaten folgte uns, und eine große Schar Männer, Weiber und Kinder des gastlichen Dorfes begleitete uns noch eine Strecke weit durch den Urwald. Es war nur harmloses Geplauder gewesen, daß die Leute meinen Aufenthalt verraten hatten; sie hatten gewiß nicht gedacht, ich könnte gefangengesetzt werden. Schwach lag ich in der Hängematte und ließ alles mit mir geschehen. Ich konnte noch keinen klaren Gedanken fassen und fiel bald in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst erwachte, als wir nach Einbruch der Dunkelheit in einen großen Ort kamen und vor einem Europäerhause haltmachten. Hier wurden wir von einem Weißen empfangen, der ebenfalls die Uniform der » Infanterie coloniale « trug. Ich wurde aus der Hängematte in das Haus gebracht und in ein breites Bett gelegt. Ich hatte nur Hemd und Hose an, blieb deshalb angekleidet und zog nur die Schuhe aus. Ein schwarzer Soldat wachte die ganze Nacht hindurch neben mir und hob von Zeit zu Zeit das Moskitonetz, um mir einen kalten Umschlag auf die Stirn zu legen oder mir einen Schluck Zitronenwasser zu reichen. Als sich das Fieber um Mitternacht etwas legte und ich wieder klar denken konnte, unterhielt ich mich mit meinem Pfleger und erfuhr, daß ich mich auf einem französischen Militärposten befände, der von zwei Unteroffizieren der französischen Kolonial-Infanterie und fünfzig Mann schwarzen Soldaten besetzt sei. Nun kannte ich meine Lage. An Flucht war nicht mehr zu denken. Ich mußte jetzt versuchen, mich als Angehörigen eines neutralen Landes auszugeben, und da lag es nahe, daß ich bei meiner Kenntnis des Französischen die Schweiz wählte. Ob man mir glauben würde, war sehr fraglich, und ich nahm mir vor, mich nach Art der hoffnungslosen Menschen, denen ich nach meinem Äußern recht gut angehören konnte, so zu stellen, als ob mir mein Geschick völlig gleichgültig sei, und mir jedenfalls nicht den Anschein zu geben, als ob ich irgendein bestimmtes Ziel hätte. In aller Ruhe ging die Reise weiter. Der andere Unteroffizier der Station, ein Herr Brigadier Lefèvre, begleitete mich. Er war weniger freundlich als sein Kollege. Aber auch er belästigte mich nicht weiter mit Fragen; wahrscheinlich vermuteten beide in mir einen aus Togo versprengten Deutschen, den sie ihrer Pflicht gemäß ihrer vorgesetzten Behörde übergeben wollten. Ich hatte den Eindruck, als ob diese Leute mich für einen wertlosen Vagabunden hielten und nur bedauerten, mich nicht einfach wie eine unnütze Sache in den Busch werfen zu dürfen. Diesen Eindruck bekam ich auch aus den Gesprächen, die meine Begleiter mit den Europäern führten, die uns begegneten. Niemand sprach mit mir. Ich war Gefangener und Vagabund. Ich fühlte mich bei der Ruhe und der frischen Luft schon leidlich gut, und es gelang mir, gegen die Nichtachtung der Franzosen unempfindlich zu sein, indem ich mir vorstellte, daß es nicht jeder meiner früheren Mitschüler so gut habe wie ich, der ich auf Kosten der französischen Kolonialregierung, von einer Truppe begleitet, in einer Hängematte durch eine französische Kolonie getragen wurde. Wenn es mein Zustand erlaubte, sah ich mit Freude in die Umgebung. Der Weg war gut und breit und führte durch viele Negerdörfer, in deren Nähe Früchte aller Art angebaut waren. Am Wege standen Ananas. Die Dörfer bestanden hier nicht mehr aus den luftigen Strohhütten, die ich im Innern gesehen hatte, sondern aus großen Häusern, die nahe zusammengebaut waren, so daß enge, düstere Straßen entstanden. Einmal kamen wir durch einen Ort, in dem auch eine weiße Frau wohnte. Die fragte teilnehmend nach meinem Befinden und zeigte mir ein freundliches Gesicht, wofür ich innerlich dankbar war. Ich wußte noch immer nicht, wohin ich gebracht wurde, bis wir endlich am späten Nachmittag unser Ziel erreichten: den Hafenplatz Kotonou, wo viele Europäer wohnen. Hier wurde ich dem Fieberkrankenhaus übergeben. Ich konnte warm baden, mich gründlich reinigen und bekam reine Wäsche und ein sauberes Bett. Ein Arzt untersuchte mich. Noch gegen Abend kamen einige Beamte. Einer von ihnen forderte mich in schlechtem Deutsch auf, meine Papiere abzugeben. Ich war darauf gefaßt, daß man versuchen werde, mich als Deutschen anzusprechen, und sagte in gutem Französisch, ich bäte, mit mir Französisch zu sprechen, damit ich besser verstände. Offenbar überrascht, wiederholte der Herr die Worte auf französisch. Die Herren standen an meinem Bett. Zu meinem Glück hatte ich einige wichtige deutsche Papiere, die ich in einem wasserdichten Zelluloidumschlag unter der Achsel trug, schon bevor ich die Lazarettkleidung anzog, unbemerkt unter der Matratze verschwinden lassen und gab nur einige Briefe und Bilder ab, die mich nicht als Deutschen verdächtigten, und die ich in die rechte, äußere Tasche meines Hemdes gesteckt hatte. Die Beamten gingen mit den Papieren ans Fenster und prüften die Schriftzeichen, die durch Feuchtigkeit fast unleserlich geworden waren. Ich horchte gespannt hinüber nach dem Gespräch, das die Herren führten. Ein französisch geschriebener Brief war ihnen aufgefallen; er wurde von allen dreien durchgelesen. Da hörte ich mit einem Male, wie einer der Herren sagte: » Mais c'est un Suisse !« (Er ist also Schweizer.) Jetzt stand es fest: ich konnte mich als Schweizer ausgeben und behaupten, ich stamme aus der französischen Schweiz. Den Brief, der diese gute Aussicht eröffnete, hatte ich erhalten, als ich mich noch in der britischen Kolonie Nigeria aufhielt. Er trug die Aufschrift: »Monsieur M. Kirsch, Lagos (Apapa). British Southern Nigeria.« Als Absender stand deutlich auf der Rückseite: »K. H. Kirch, Genève (Suisse). Rue Rousseau 11.« Der nichtssagende Inhalt des Briefes konnte gut auf einen Franzosen oder einen französischen Schweizer als Absender schließen lassen. Es waren merkwürdige Zufälle, die mir halfen, und der größte Zufall war, daß ich den Brief auf meiner langen Wanderung nicht vernichtet hatte, wo ich doch keine Ahnung gehabt hatte, daß er mir noch einmal von Nutzen sein könne. Der Absender des Briefes war ein Schulkamerad von mir, ein guter Deutscher. Er war bei einer deutschen Familie in Genf angestellt, wußte, daß ich gut und gern Französisch sprach und liebte es, mir jetzt in französischer Sprache zu schreiben, um zu zeigen, wie gut er in Genf Französisch gelernt habe. Ein weiterer, fast unglaublicher Zufall und ein Umstand, den ich bisher noch gar nicht beachtet hatte, war, daß mein Freund beinahe denselben Namen hatte wie ich. Er schrieb seinen Namen »Kirch«, ich »Kirsch«. Das fiel also kaum auf. Ich zitterte vor Erregung, während ich hin und her dachte, ob meine Angaben lückenlos sein würden. Aber meine Vorsicht, abzuwarten, bis ich gefragt würde, und kein Wort zuviel zu sagen, bewährte sich hier: Man legte mir alle Ausreden fertig in den Mund. Es war menschlich zu verstehen, daß der, der den schlauen Gedanken gehabt hatte, ich sei ein Schweizer, nun auch den Wunsch hatte, seine Behauptung bekräftigt zu sehen; und so kam mir zugute, daß er und kein anderer es war, der die folgenden Fragen an mich stellte: »Ist der Brief an Sie gerichtet?« »Jawohl, mein Herr!« Er wandte den Umschlag und fragte: » C'est alors de votre frère ?« (Das ist also von Ihrem Bruder?) » Oui, monsieur « (Ja, Herr), sagte ich, scheinbar gleichgültig, obwohl ich das vor Freude am liebsten hinausgebrüllt hätte. » Vous êtes donc Suisse ?« (Sie sind also Schweizer?) » Oui, monsieur .« (Ja, Herr.) Da war es heraus! Schon vorher geglaubt, noch ehe ich selbst den Mund aufgetan hatte! Der Beamte warf seinen Begleitern einen Blick zu, der sagen sollte: »Seht ihr, die Sache stimmt.« Die anderen nickten. Einer aber fragte: »Weshalb waren Sie in Togo und weshalb hielten Sie sich bei den Negern versteckt?« Jetzt erzählte ich eine Geschichte, die ich mir schon auf meiner Flucht in Togo zurechtgelegt hatte, und die sich in anderer Gegend als Erlebnis eines anderen ebenso zugetragen hatte, wie ich es schilderte. Ich brauchte nur einzufügen, daß ich Schweizer sei. Ich gab an, in Lome, der Haupthafenstadt in Deutsch-Togo, von Bord des englischen Dampfers »Badagry« entflohen zu sein, weil mir die Arbeit als Kohlenzieher nicht mehr gepaßt habe und ich Lust hatte, das Innere von Afrika kennenzulernen. Da ich mittellos gewesen sei, habe ich mich bei den Schwarzen aufgehalten und sei aus Furcht vor den Behörden in einsame Gegenden gegangen. Dann sei der Krieg ausgebrochen. Ich habe von Kämpfen der Europäer in Togo gehört und mich von jeder europäischen Ansiedlung ferngehalten, um nicht einer Partei in die Hände zu fallen und dann vielleicht als Spion verdächtigt zu werden, da ich als Schweizer sowohl Französisch als auch ein wenig Deutsch spräche und in keiner der Kolonien bekannt sei. Nach langem Umherirren sei ich durch Entbehrungen geschwächt worden und habe Fieber bekommen. So hätten mich die Neger gefunden. Das Ende der Geschichte konnte der Feldwebel, der zugezogen wurde, selbst bestätigen, weil es ihm sein Kamerad so erzählt hatte. Jetzt wurden noch einige Fragen gestellt, von denen mich manche hätte verraten können, wenn ich mich nicht so gleichgültig gegen die Sache gezeigt hätte. Meine Geschichte wurde geglaubt. Man suchte in den Verzeichnissen der Gefangenen von Togo und Nigerien nach meinem Namen und fand ihn nicht darin. Niemand dachte daran, daß ich vielleicht noch weiter hergekommen sei und daß ich in der Liste der Gefangenen der Goldküste stehen könne. Der weite Weg, den ich zurückgelegt hatte, hatte alle Spuren hinter mir verwischt. Wie war ich froh, daß mich ein gütiges Geschick davor bewahrt hatte, in Gesellschaft des Heizers Bracht zu fliehen! Unfehlbar wären wir jetzt getrennt verhört worden, und unsere Aussagen hätten sich widersprochen. Auch war es ein großes Glück, daß ich mittellos gewesen war. Wäre ich im Besitz einer Summe Geldes gewesen, so hätte ich wahrscheinlich einen Diener angeworben, um mir den Kampf mit der Wildnis zu erleichtern. Dann aber wäre ich in die Gefahr gekommen, meine Spur selbst zu verraten. Mein Schicksal hatte sich endlich entschieden: Ich wurde als » non justifié « (unsicher) vermerkt, sollte aus der Kolonie ausgewiesen werden und mit dem nächsten Dampfer nach Europa abreisen. Nach wenigen Tagen war ich gesund und konnte im Krankenhause umhergehen. Da wurde der französische Frachtdampfer »Ogoué« gemeldet. Ich wurde als geheilt aus dem Lazarett entlassen und zur Agentur der Dampferlinie gebracht, wo ich die Bedingungen der Überfahrt erfahren sollte. Dort war gerade der Kapitän des Schiffes und wickelte bei einem Glase »Pernot« (Absinth) seine Geschäfte ab. Der Kapitän sah mich und schien über meine Erscheinung nicht erfreut zu sein. Zwar hatte mir der Beamte des Krankenhauses ein Paar alte Schuhe geschenkt, durch die ich die abgetragenen Stiefel ersetzen konnte, und man hatte mir einen verbeulten Tropenhelm mitgegeben, den ein Gast hatte liegen gelassen; aber diese Verschönerung, die mir sehr wesentlich erschienen war, machte auf den Kapitän keinen Eindruck. Er maß mich mit anderem Maßstab und sah mich so, wie ich war: kümmerlicher als meine Mitmenschen; unrasiert, mit allzu langen, über die Stirn herabhängenden Haaren, von Entbehrungen und Krankheit stark abgezehrt und ohne Jacke, nur mit meiner alten Hose und dem treuen, alten Hemd bekleidet, das inzwischen gewaschen und geflickt worden war, und in dessen Geheimfach unter der Achselhöhle wieder mein Zelluloidtäschchen mit seinem Inhalt ruhte. Ein Vorteil war es immerhin, daß ich ein paar Lazarettstrümpfe hatte behalten dürfen, so daß bei der zu kurzen Hose nicht die nackten Knöchel sichtbar wurden. Im ganzen war ich keine vornehme Erscheinung, sondern konnte nur als Vagabund, als zum Auswurf der Menschheit gehörig, angesehen werden. Der Kapitän wütete: »Ich habe genug Gesindel an Bord!« sagte er zu dem Agenten. Der aber hatte von der Regierung die bestimmte Anweisung bekommen, mich auf dem Schiff unterzubringen, und so mußte der Kapitän einwilligen, als vereinbart wurde, daß ich auf der »Ogoué« Dienst als Kohlentrimmer tun sollte, ohne Lohn beanspruchen zu dürfen. Obwohl es klar war, daß ich nichts in die Wagschale zu werfen hatte als die Arbeit, die mein geschwächter Körper hergeben sollte, stellte ich mich so, als ob mir die Bedingungen gerade nicht gefielen; denn nur durch solches Auftreten konnte ich für einen echten, ungelernten Arbeiter gelten, von dem man weiß, daß er zu aller Zeit und vor hoch und niedrig darauf hält, daß das einzige, was er hat, hoch bewertet werde: seiner Hände Arbeit. Als Kohlentrimmer von Dahome nach Senegambien » J'ai assez de crapules à bord .« (Ich habe genug Gesindel an Bord.) Dies Wort des Kapitäns kennzeichnet die Gefühle, mit denen ich an Bord der »Ogoué« empfangen wurde. Die Tür zur Kammer des Ersten Maschinisten war offen. Ein dicker Mann lag schnarchend auf der Koje. Ich wollte mich zurückziehen, stieß aber dabei gegen die Schwelle der Kammer. Da wachte der Mann auf und brüllte: »Was ist los, was willst du hier?« Ich hielt ihm meinen Schein hin. Er sah kaum auf die Schrift und polterte weiter: »Scher dich raus und mache meine Kammer nicht dreckig! Wenn du was willst, dann bleibst du draußen stehen«, und als er mich gehen hörte, rief er mir nach: »Geh zum Logis, zu den Heizern nach vorne!« Ich fühlte mich wieder mitten drin in einem richtigen Schiffsbetriebe. Als ich durch die enge Tür des Mannschaftsraumes eintrat, fiel mir auf, wie schmutzig der Raum war. Die Heizer saßen und tranken Kaffee. » Bonjour « (Guten Tag), sagte ich, »ich soll hierbleiben, wo kann ich denn unterkriechen?« Mein Anzug und meine äußere Erscheinung, die so dürftig aussah, kennzeichneten mich als einen der ihren; so fanden sie denn gleich Vertrauen zu mir, und dasselbe, was mir die Mißachtung des Kapitäns eingetragen hatte, die Armut, wurde mir hier zur guten Empfehlung. »Wo kommst du denn her?« fragte ein bleicher Mann, der eine kurze Pfeife im Munde hatte, ein Schweißtuch über die geschwärzte Schulter warf und die nackten Füße in ein Paar Holzsandalen schob. »Ich habe Stunk gemacht mit meinem Kapitän und habe mich in den Busch gedrückt«, sagte ich auf möglichst derbe Art französisch und erzählte, wie es mir wirklich im Busch ergangen war. Das gefiel meinen Kameraden: ich war ein Mann nach ihrem Geschmack. Ich bekam eine sehr schmutzige Koje, von der ich allerlei Unrat entfernen mußte, reinigte die Matratze an Deck und besorgte mir Decken. Dann mußte ich mich hinsetzen und immer wieder erzählen. Nach einiger Zeit kam der Maschinist und fragte: »Wo ist denn der › grand bandit ‹?« und teilte mich gleich der dritten Wache zu, die gerade dran war, als der Dampfer in See ging. Ich mußte in den Kohlenbunker hinunter, und es begann eine schwere Arbeit, der ich, so kurz nach meiner Krankheit, kaum gewachsen war. Als die vierstündige Wache zu Ende war und ich an Deck frische Luft schnappte, war ich zum Umfallen müde. Ich blieb an einer Luke sitzen, obwohl ich vollkommen naß war. Nach einiger Zeit erst suchte ich mein Lager auf. Am Morgen hieß es: »Du bist der Jüngste hier, du mußt Backschaft machen.« Ich hatte nur die Kleider an, mit denen ich an Bord gekommen und auch in den Kohlenbunker hineingegangen war. Als ich mich zu Tisch setzte, fragten die anderen: »Hast du kein anderes Zeug?« »Na wart' mal«, und der eine gab mir eine abgetragene Hose, die mir zu kurz war, der andere ein Hemd, ein anderer eine alte Mütze. Strümpfe trug keiner der Heizer; das machte keine Sorgen. Von den Offizieren und Maschinisten wurde ich nur als ein Vagabund angesehen. Als ich einmal an die Messe kam, wurde ich gleich angebrüllt. Alle solche Kränkungen ließen mich kalt. Die meisten Heizer und Matrosen hatten keine Schulbildung. Sie merkten bald, daß der »Afrikaner« im Schreiben sehr geübt war. Sie sagten, ich sei ein »ganz Schlauer« und sprachen die Vermutung aus, ich sei von guter Herkunft. Ich aber bemühte mich, mir die Aussprache und den Wortschatz meiner Genossen möglichst gut anzueignen, weil ich darin mein bestes Versteck sah. Außerdem suchte ich mich beliebt zu machen. Bald hatte ich jedem einen Gefallen getan, den er mir hoch anrechnete. Ich malte schöne Aufschriften auf Pakete, die afrikanische Seltenheiten enthielten und an irgendeine Mademoiselle nach Marseille geschickt werden sollten, und schrieb lange Briefe in den verschiedensten Sprachen, wobei sich meine Kameraden sehr wunderten, wenn ich das, was sie stammelten, in schöne Sätze brachte. Einer sagte, als ich ihm den fertigen Brief vorlas: »Woher weißt du nur, was ich meiner Braut sagen wollte? Da steht ja alles drin!« Und er blätterte mit seinen plumpen, schwieligen Fingern in dem Brief, wobei er ein ganz glückliches Gesicht machte. Ich wurde bald Mitwisser aller Sorgen und Geheimnisse der rauhen Menschen, die mich umgaben. Ich prüfte die Papiere nach, rechnete die Heuern aus und erbot mich, Abschriften der wichtigsten Papiere zu machen, weil man nie wissen könne, was man wiederbekomme von dem, was man aus der Hand geben muß, wenn es gilt, eine neue Anstellung zu suchen. So kam es, daß meine Kameraden selbst fanden, ich sei für die schmutzige Arbeit zu schade, und daß mein Vorgänger die Backschaft und das Reinigen des Wohnraumes wieder übernahm. Ich verdiente sogar etwas Geld. Für das Aufmalen von Namen auf Seekisten, Kleidersäcke und Koffer bekam ich von dem einzelnen Mann bis zu fünfzig Centimes, und ich verdrängte durch meine Kunst in Rundschrift und technischer Schrift alle früheren Künstler auf diesem Gebiet. So kam es, daß auch meine Selbstachtung wieder stieg. Ich hatte das Gefühl, daß ich auch mittellos etwas wert sei, und erholte mich schnell von den Folgen der Krankheit. Der Kapitän und der Erste Maschinist bemerkten, daß ich unter den Heizern und Matrosen Einfluß hatte und beobachteten mich scharf. Wahrscheinlich sahen sie in mir immer noch den Abenteurer. Ich gab mir aber keine Blöße und tat meinen Dienst mit aller nur denkbaren Pünktlichkeit. Leider sollte mir das nicht viel helfen, und ich wurde gegen meinen Willen in eine böse Sache verwickelt. Der Dampfer lief der Reihe nach Plätze wie Axim, Sierra Leone, Grand Bassum, Monrovia und Conakry an. In Monrovia hörten wir, daß die freien Neger hier die benachbarte Kolonie Grand Bassam angegriffen hätten. Das hatte folgenden Grund: Aus Monrovia stammten alle die Krujungen der Wörmannlinie. Vom Vater erbte sich die Tätigkeit auf den Sohn. Bei Ausbruch des Krieges fiel die Arbeit auf einmal weg. Die Neger gingen zu den Vertretern der deutschen Firmen und erfuhren dort, daß der Krieg, den die Franzosen und Engländer gegen Deutschland führten, an den Zuständen schuld sei, und fielen in die Nachbarkolonie ein. Von diesen Vorgängen hörten wir an Bord. Wir hofften noch, der Dampfer würde näher an Land gehen; aber der Dampfer verließ den Platz sehr bald. Die Franzosen fluchten, daß die Stadt »von Deutschen wimmele«. In all den Häfen kam für den Kapitän und die Offiziere frisches Fleisch, Obst und Gemüse an Bord, was die Matrosen sahen, wenn es übergenommen wurde. Wenn sie dann aber an ihre Back kamen, dann fanden sie da Tag für Tag nur halbverdorbenes Salzfleisch. Es fielen böse Ausdrücke, man murrte. Nach jedem Hafen wurde das schlimmer, und am lautesten schimpften die Heizer, weil sie von ihrer Arbeit großen Hunger mitbrachten. Der Kapitän sparte also an der Verpflegung seiner Mannschaft. Man beschloß, eine Beschwerde einzureichen. Das geschah; die Antwort aber war: Die Leute erhielten das, was sie zu fordern hätten; Vergünstigungen zu gewähren, sei dem Kapitän überlassen. Nun ging im Wohnraum ein Beraten und Tuscheln los. Das Verhältnis zwischen dem Kapitän und der Mannschaft war schon auf der Ausreise sehr schlecht gewesen; jetzt aber war alles außer sich und als das Essen nicht besser wurde, beschlossen die Heizer, die Arbeit niederzulegen. Dag geschah kurz nach der Abfahrt von Conakry. Die zweite Wache war beendet, die Leute der dritten Wache aber lösten nicht ab, sondern blieben müßig an Deck stehen. Ich, als Trimmer der dritten Wache, konnte mich nicht ausschließen. Es dauerte nicht lange, da kam der dicke Erste Maschinist wütend herbei und rief: »Schert euch an die Arbeit!« Er wurde ausgelacht, ausgepfiffen und angeschrien: »Sorg du mal für besseres Essen, dann kannst du von uns Arbeit verlangen, du Nilpferd!« Jetzt packte der Dicke Schimpfwörter aus von erschreckender Deutlichkeit; aber das war leichtsinnig, denn damit hatte er sich in das Gebiet des Gegners locken lassen, der ihm die Antwort nicht schuldig blieb: »Mit solch einem vollgefressenen Bauch hast du gut reden; stell du dich mal mit unserm ›miserablen Fressen‹ vor die Feuer, da hängt dir der Wanst schlapp auf die Flurplatte und dein Großmaul vergeht dir.« Der Maschinist wurde rot und blau im Gesicht und schnaubte. Die Sache wurde für das Schiff peinlich, weil auch die zweite Wache an Deck kam und die Feuer unbewacht blieben. Das Schiff lief schon langsamer, weil der Dampfdruck fiel, und von der Brücke wurden mit der Maschine heftige Worte gewechselt. Da erschien der Kapitän auf dem Kampfplatze; er war durch das laute Lärmen aus dem Schlafe geweckt worden. Aber auch sein Ansehen und seine Seemannsflüche versagten: Es blieb ihm nichts übrig, als nachzugeben und den Heizern aus dem Vorratsraum die Zulagen zu geben, die sie verlangten. Darauf nahmen sie die Arbeit wieder auf, und der Kapitän ging wütend auf die Brücke. Das böse Nachspiel kam: Als wir in Dakar eingelaufen waren, wurde die ganze dritte Wache vor das Seemannsgericht befohlen. Der Kapitän hatte sie wegen Meuterei in das Schiffstagebuch eingetragen. Alle Heizer meiner Wache wurden zu Geldstrafen verurteilt. Mir aber erging es ganz besonders schlecht. Der Kapitän war unvorsichtig gewesen und hatte auch mich angezeigt, obwohl ich gar nicht angemustert worden war und deshalb auch nicht gerichtlich belangt werden konnte. Er bekam also meinetwegen noch Schwierigkeiten, weil ich nicht ordnungsmäßig in den Schiffspapieren geführt worden war. Als ihm das alles zum Bewußtsein gebracht wurde, machte er seiner Abneigung gegen mich Luft, indem er behauptete, ich sei ein gemeingefährlicher Mensch und hätte die Heizer aufgewiegelt. Zum Glück stritten das meine Kameraden lebhaft ab. Ich muß ihnen das hoch anrechnen. Mein bescheidenes und gefälliges Auftreten an Bord hatte sie mir alle zu Freunden gemacht. Der Kapitän aber weigerte sich jetzt, mich weiter mitzunehmen. Meine Papiere waren in Ordnung. Ich brachte den Schein bei, den ich in Kotonou erhalten hatte, und auf dem ich als Schweizer genannt war. Der Vermerk » non justifié « sprach nicht gerade für mich. Nach der Verhandlung bestürmte ich den Kapitän, er solle mich doch unter den bisherigen Bedingungen mitnehmen. Er aber wies mich grob ab und verlangte für die Fahrt nach Lissabon den Fahrpreis von 85 Franken. Wie sollte ich die Summe beschaffen? Die einzigen Menschen, an die ich mich wenden konnte, waren die Heizer; die aber hatten kein Geld und waren schon im voraus in ihrer Löhnung durch das Urteil schwer geschädigt. So kehrte ich denn an Bord zurück, um meine geringen Habseligkeiten zu holen. Ich blieb bis zum Abend. Die Heizer wollten mich an Bord verstecken; der zweite Steuermann aber hatte mich beobachtet und ich wurde noch kurz vor der Abfahrt des Dampfers von Bord gewiesen. Mit Tränen in den Augen stand ich dann auf dem Kai und sah, wie die »Ogoué« langsam durch die beiden mächtigen Molen der Hafeneinfahrt hindurchfuhr, mit voller Kraft nordwärts dampfte und hinter dem nächsten Kap verschwand. Als Rekrut der Fremdenlegion nach Marokko Als »Schweizer Kirsch«, » non justifié «, Kohlentrimmer a. D., wie ein Lump an Land geworfen, stand ich verlassen auf der Mole von Dakar und sah die Sonne hinter dem Ozean untergehen. » Omnia mea mecum porto «: »was ich habe, trage ich bei mir«, dachte ich spöttisch, als ich mein zusammengeknüpftes Tuch ansah, das ich in der Hand hielt. Das Gefühl, so wenig zu besitzen, daß ich nur reicher, nicht noch ärmer werden konnte, hatte für mich etwas Beruhigendes. Mein erster Gedanke war jetzt, einen spanischen Dampfer zu erreichen. Deshalb ging mein Blick suchend von einem Schiffe zum andern. Aber alle die Dampfer, die da lagen, gehörten französischen Linien an. Einige hatten gelbe Schornsteine mit roten Sternen. Es war die Linie » Chargeurs maritimes «. In der Mitte des Hafens lag ein Dampfer von der » Transatlantique «. Er hatte zwei gelbe Schornsteine mit einem roten gallischen Hahn.       wie ein Lump an Land geworfen       stand ich dann auf dem Kai und sah, wie die »Ogoué« langsam durch die beiden mächtigen Molen der Hafeneinfahrt hindurchfuhr, mit voller Kraft nordwärts dampfte       (Dakar. Oktober 1914). Nach einer Skizze von Kirsch gezeichnet von Prof. H. Ungewitter. Das Deck war voll von feldmäßig ausgerüsteten Senegalnegern. Die Musik spielte. Am Vormast wehte der »blaue Peter«, als Zeichen, daß auch dieser Dampfer mit seiner Truppenladung im Begriff war auszulaufen. Über den ganzen Hafen hin war großer Lärm. Auf dem Wasser lagen viele Boote der Eingeborenen. Diese Neger oder Halbaraber waren durch den regen Betrieb, der auf große Kriegsereignisse in der fernen Welt schließen ließ, noch lebhafter geworden, als sie sonst schon waren, und sparten nicht mit Zurufen an die Senegalsoldaten, die an der Reling standen und ihre Trunkenheit nicht verbergen konnten. Die Ladewinden rasselten, tausend Menschenstimmen schrien und die frischen Klänge der Musik mischten sich dahinein: diese Menschheit schien sich zu einem großen Fest zu rüsten. Der Gedanke, daß die großen Messer der Halbwilden vielleicht bald vom Blut meiner Landsleute rot sein würden, und daß auch diese Menschenhorden aus Inner-Afrika in dem Wahn lebten, deutsches Land plündern zu können und deutsche Soldaten zu töten, erregte mich stark. Ich sah einem der lallenden Senegalneger in sein Gesicht und dachte: Wärst du doch bei deiner Hütte geblieben, unter den Bananenbüschen; was wirst du jetzt erleben! An einem Pfeiler klebten Meldungen aus Europa. Da sah es so aus, als ob es mit Deutschland zu Ende gehe. Mir war bang ums Herz, als ich die französischen und russischen Siegesnachrichten las. Dann aber stellte ich mir unsere deutschen Truppen vor, wie die ins Manöver zogen, und ich dachte, die Nachrichten müßten erlogen sein, und es müsse doch wohl nicht leicht sein, in mein Vaterland einzudringen, vielleicht waren diese Neger die Getäuschten und wurden zum Kanonenfutter für den Kriegsschauplatz. Der Anblick der trunkenen Menge widerte mich an; das war keine reine Begeisterung, es war ein Rausch. Und für die Schwarzen, die jetzt mit einmal von ihren Bedrückern so gut behandelt wurden, war es ein Rausch, auf den der Katzenjammer recht bald folgen mußte, wenn sie erlebten, daß ihre Landsleute falschen Versprechungen folgten und in den Tod gingen, statt mit leichter Siegesbeute heimzukehren. Ich wandte mich ab und ging der Stadt zu, um mir noch vor Dunkelheit eine Unterkunft zu besorgen. Als ich einen eingeborenen Schutzmann nach der Polizei fragte, musterte er mich aufmerksam, und auch an den Blicken der Stadtbewohner, die zum Hafen hinuntereilten, merkte ich, daß mein ärmliches Aussehen auffiel. Mein Hemd war geflickt, meine Schuhe waren zerrissen, und jeder mochte schließen, daß mein zusammengeknüpftes Taschentuch meine ganze Habe enthalte. Dakar ist eine schöne Stadt. Es ist die Hauptstadt von Französisch-Senegal. Ich fand bald den Weg zur Polizeiwache, die in einer Kaserne im Europäerviertel war, und meldete mich in der Wachtstube. Ein weißer Unteroffizier hatte das Kommando. Er sah mich unfreundlich an und ließ mich in das Zimmer des Offiziers treten, der mich fragte, was ich wolle. Ich sagte, ich sei Schiffsheizer, sei hier an Land gesetzt worden, sei mittellos und müsse auf eine Gelegenheit zur Weiterfahrt warten. Ich bäte, mir einen Rat zu geben. Da es spät geworden war, befahl der Offizier, ich solle für heute erst mal Unterkunft und Essen bekommen, morgen solle ich mich dann wieder melden. Die schwarzen Soldaten gaben mir Brot und Bananen. Ich war sehr hungrig und ließ es mir gut schmecken. Dann legte ich mich auf einen Strohsack, der in einem dunklen Nebenraum lag und mir als Schlafplatz angewiesen worden war. Die Soldaten lachten und lärmten, dennoch schlief ich bald ein und merkte erst am Morgen, daß ich in einem Raum für Schwarze geschlafen hatte. Ich wusch mich draußen am Brunnen. Als ich mich wieder beim Unteroffizier meldete, wurde ich grob angefahren, ich solle abwarten. Ich ging auf den Kasernenhof, setzte mich auf eine Bank und sah zu, wie die Senegalneger im Marschieren, Hinwerfen und Schießen für den europäischen Krieg ausgebildet wurden. Die Rekruten übten mit dem neuen Lebelgewehr, der schlanken Waffe, an der das lange Rohr und das breite Magazin auffallen. Die weißen Unteroffiziere gingen sehr hart mit den Negern um. Wie mancher dieser einfältigen Neger mag jetzt schon nach schweren Enttäuschungen den Tod gefunden haben und in Frankreichs kalter Erde schlafen! Ein Neger, der mir mein Frühstück brachte, trug gute Schuhe, während die anderen barfuß gingen; er war also schon »für Deutschland« ausgerüstet. Er war Soldat erster Klasse (Gefreiter) und trug auf dem Ärmel einen roten Streifen. Als ich ihn ausfragte, wurde er gleich sehr lebhaft. Er sprach das eigentümliche Französisch all dieser Negersoldaten; das ›r‹ sprach er wie ›l‹ aus: ›legiment‹. Er prahlte: » Moi tuer beaucoup boches « und »ich werde vielen Deutschen die Köpfe abschneiden«. Dann machte er seine Glossen über die dummen Rekruten, die auf dem Hof ausgebildet wurden; er mußte doch zeigen, daß er schon sechs Jahre diente. Als ich gefrühstückt hatte, wurde es mir langweilig, hier weiter zuzusehen, und ich wollte einen Gang in die Stadt machen. Am Tor aber wurde ich durch einen Neger aufgehalten, der hier Posten stand und mir den Weg versperrte. Ich war von den deutschen Kolonien unbedingte Unterordnung der Schwarzen unter jeden Weißen gewohnt, und es wurde mir recht schwer, diesem Neger zu gehorchen. Als ich mit dem Neger einen Wortwechsel hatte, trat ein Unteroffizier aus der Wachstube und fuhr mich an: »Das könnte dir wohl passen, hier zu fressen und dann die Stadt unsicher zu machen«. So ging ich denn in den Raum, in dem sich die Unteroffiziere nach dem Dienst versammelten, und machte mich dort etwas nützlich. Die Korporale kamen herein, wischten sich den Schweiß von der Stirn und schimpften über den Dienst: »Wir sind doch nicht herausgekommen, um uns mit Exerzierdienst abzurackern, wir wollen nach Deutschland«. »Ach«, sagte einer, »wenn wir endlich hinkommen, ist Deutschland längst erledigt, und wir haben das Nachsehen.« Das war's, was alle fürchteten. Gegen Mittag kam ein Beamter, ein älterer Herr, der sehr sauber angezogen war und mich freundlich und teilnehmend ausfragte. Ich gab an, ich sei aus dem Krankenhause in Kotonou entlassen worden und sei dann als Kohlentrimmer hierher verschlagen worden. Ich zeigte meinen Schein, in dem stand: »Der Schweizer Kirsch ... unsicher«. Es war mein Glück, daß niemand hier an dem »Schweizer« zweifelte. Der Beamte sah sich den Schein an und fragte: »Was wollen Sie denn jetzt machen; haben Sie Geld?« »Nein.« »Wie wollen Sie denn nach Europa kommen?« »Ich will mir das Geld auf der Überfahrt verdienen.« »Das geht nicht; Sie haben doch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Die Schiffe haben Leute genug. Die Kapitäne nehmen außerdem lieber schwarze Trimmer. Und dann: nach Ihrer Vorgeschichte wird Sie wohl kein Kapitän gern annehmen.« Er schien zu überlegen. Auf einmal fragte er: »Haben Sie eigentlich in der Schweiz schon gedient?« »Nein.« »Sie werden aber jetzt in Ihrer Heimat dienen müssen. Ist es Ihnen gleich, wo sie Soldat sind?« Ich wußte noch nicht, wo das hinaus sollte, als er schnell fragte: » Voulez-vous vous engager dans la légion ?« (Wollen Sie nicht in die Fremdenlegion eintreten?) Ganz entrüstet rief ich aus: »Ich will nichts mit der Legion zu tun haben!« »Was haben Sie denn von der Legion gehört? Etwa von dem Lebendig-begraben-Werden ( la crapaudine ), oder von dem An-Händen-und-Füßen-gefesselt-im-glühenden-Sande-Liegen? Das sind ja alles Schwindeleien, die das neidische Deutschland aufgebracht hat.« »Übrigens,« sagte er forschend: »Wie stehen Sie denn zu Deutschland?« Er schien an das Wort » non justifié « zu denken und Verdacht zu haben, daß ich ein deutschfreundlicher Schweizer sei. Deshalb sagte ich: »Ich bin als Schiffsheizer einmal in Hamburg gewesen und habe da schlechte Erfahrungen gemacht: man hat mich da nicht behandelt, wie ich es in der Schweiz gewöhnt bin; in Deutschland ist mir zu viel Polizei.« Er lächelte verständnisvoll, und ich dachte: Wie blöde doch die Menschen sind, daß ihnen ein einziges Vorurteil genügt, um ein Land und ein Volk zu kennzeichnen. »Können Sie Deutsch sprechen?« »Ja, ich hab's gelernt, aber bei uns zu Hause sprechen sie nur Französisch.« Als ich sagte, ich sei in Montreux geboren und wohnte in Genf, fragte er: »Wo wohnen Sie denn in Genf?« Gerade jetzt kam ein Mann herein und legte eilige Briefe, die unterschrieben werden mußten, auf den Tisch. Ich besann mich schnell, daß mein Freund mir ja seine Wohnung geschrieben hatte: Rousseaustraße 11. Als der Herr mit seinen Unterschriften fertig war, fügte er: »Na, nun zu unserer Sache. Wo wohnen Sie also?« »Rousseaustraße 11.« »Wohnen Ihre Eltern noch da?« Ich glaube, ja.« Nun fing er wieder an, die Fremdenlegion zu loben, sagte, daß es sehr zweifelhaft sei, ob ich als Schweizer Soldat je zum Schlagen käme, und nannte eine ganze Zahl ruhmvoller Siege der Legion. »Sie wissen doch wohl, daß die Schweizer Soldaten stets › les soldats les plus fidèles de la France ‹ (die treuesten Soldaten von Frankreich) gewesen sind? Mit Ihren Kenntnissen können Sie es schnell zum Offizier bringen.« Ich sagte: »Ich will aber nicht Fremdenlegionär werden.« »Es ist gut«, sagte er kurz und verstimmt. Ich blieb stehen. » C'est bon «, wiederholte er. Ich ging hinaus und bummelte, um mir Essen zu holen, zum Sergeanten. Der fuhr mich an: »Denkst du denn, du seiest hier nur zum Fressen?« und gab mir gleich nach dem Essen auf, die Wachtstube zu fegen. Das war eigentlich die Arbeit der Schwarzen, und die freuten sich, daß ich, ein Weißer, ihre Arbeit tun mußte. Es vergingen zwei Tage. Ich schlief jede Nacht in demselben Raum und besorgte tags das Essen für die weißen Unteroffiziere. Sie waren bald nicht mehr unfreundlich, weil ich mich bescheiden benahm und einer gesagt hatte, es sei unrecht, mich in Gegenwart der Schwarzen so schlecht zu behandeln. Oft fragten mich die Unteroffiziere nach meinen Abenteuern und hörten gern zu, wenn ich erzählte. Sie fragten auch nach den Deutschen, und ich erzählte allerlei von dem deutschen Militär. Einer der Dampfer hatte große Warenballen mit dicken Tuchuniformen gebracht, die auf dem Hof geöffnet wurden. Die Schwarzen, die diese Uniformen auf die Kammer tragen mußten, hatten an den schönen Sachen ihre große Freude. Es waren die neuen Uniformen für das nördliche Klima. Die Unteroffiziere bekamen Post aus Europa. Man hörte von einem Angriff gegen Mülhausen und von großen Siegen der Franzosen. Die Unteroffiziere sagten: »Wir werden wohl schon morgen in Straßburg sein.« Wenn aber eine Nachricht nicht gut klang, erinnerten sie sich an Joffres großen Sieg an der Marne, wovon alle Welt sprach. Einer erhielt eine Karte, auf der eine alberne Darstellung des Kaisers war. Nach zwei Tagen wurde ich wieder zu dem Beamten gerufen: »Hören Sie mal,« sagte er streng, »Sie haben mich belogen: »Ich habe mich mit dem Schweizer Konsulat in Verbindung gesetzt, Sie stammen gar nicht aus Genf.« Ich glaubte ihm nicht, daß er sich erkundigt habe, und sagte dreist, ich hätte doch keinen Grund, ihn zu belügen. Da sagte er, die Rousseaustraße sei eine sehr vornehme Straße, da könne ich nicht her sein. Er hatte wohl inzwischen jemand getroffen, der Genf kannte, und hatte dabei Vermutungen gehört, daß meine Angaben vielleicht falsch seien. Ich fand aber schnell eine Ausrede und sagte: »Mein Vater ist Pförtner, weshalb soll er nicht in einem feinen Hause angestellt sein?« Die Antwort genügte dem Beamten. Der Herr sprach sehr langsam; nur wenn er auf die Legion zu sprechen kam, wurde er lebhaft. Als er mich entlassen hatte, überlegte ich, ob es nicht möglich sei, auf dem Wege über die Legion nach Deutschland zu gelangen. Ein großer Dampfer sollte abgehen. Der Neger, der mir zuerst das Essen gebracht hatte, kam zu mir und freute sich kindisch, daß er nach Frankreich reisen durfte. Da sagte ich mir: Mußt du weg, dann auch auf diesem Dampfer. Das ging doch immer näher nach Europa. In der Wachtstube war ein Unteroffizier, der wegfahren sollte. Der war sehr froh, die anderen aber schimpften. Ich hörte auch die Worte: »Na, wenn wir hinfahren, dann werden wir uns aber in Las Palmas nochmal amüsieren.« Ich kannte Las Palmas von früher. Nun war mein Plan gefaßt. Ich wollte mich zur Legion melden, als Rekrut nach Las Palmas mitfahren und entfliehen. Dort wäre das für mich ein leichtes gewesen. Gegen drei Uhr kam der Beamte wieder. Ich wartete am Tor auf ihn, ging ihm nach und sagte: »Ich habe mir die Sache überlegt, ich will in die Legion eintreten.« »Wirklich? Das ist brav. Kommen Sie heute abend wieder.« Bald danach stand ein »gutes« Essen für mich bereit: Eier mit Speck, Wein und Fleisch. Ich hatte großen Hunger und ließ mich nicht lange nötigen. Alle Leute schienen jetzt freundlicher zu sein als vorher. Als ich den Beamten gegen Abend aufsuchte, legte er mir einen Zettel vor, auf dem ich die Worte las: »Ich verpflichte mich, als Soldat in die Fremdenlegion einzutreten.« Mit Tinte war geschrieben: » pour la durée de la guerre « (auf Kriegsdauer). Die Worte » pour cinq années « (auf fünf Jahre) waren durchgestrichen. Der Beamte gab mir die Feder in die Hand. Ich war sehr aufgeregt, stieß mit der Feder ins Papier und machte eine sehr schlechte Unterschrift. »Na ja«, sagte er und reichte mir die Hand. In der Wachstube drückten mir alle begeistert die Hand, als sie von der Sache hörten. »Du hast ja noch mehr Glück als wir alle«, hieß es, »du kannst gegen die Boches (Schimpfname für Deutsche) gehen.« Den ganzen Abend wurde getrunken, und man vergiftete sich auf aller möglichen Menschen Gesundheit mit Alkohol. Am meisten geschimpft wurde auf den Kaiser und sein Haus. Es war Abscheu erregend, welche Albernheiten diesen Leuten über den Kaiser erzählt worden waren. In einer Zeitung stand, der Kronprinz habe in einem Quartier Wertsachen gestohlen. Einer hatte eine Karte, auf der stand: » la culture « (die Kultur). Die Abbildung zeigte einen vollbärtigen Deutschen, der seiner rothaarigen Brunhilde eine gestohlene Wanduhr bringt: »Hier bringe ich dir ein schönes Geburtstagsgeschenk.« Absinth war verboten. Heute wurde zuerst Wein getrunken, dann aber holte jemand aus einer Ecke eine Flasche hervor, und es wurde doch »Pernot« eingeschenkt. An den Wänden hingen die grellen, farbigen Bilder der französischen Zeitungen und viele Postkarten. Die meisten stellten den General Joffre dar. Am nächsten Morgen wurde ich auf eine Schreibstube gerufen. Scheine wurden für mich ausgeschrieben und ich bekam etwas Taschengeld. Ich mußte dann zu der Geschäftsstelle der Dampferlinien. Viele Frauen waren auf den Straßen und sahen mir nach. Einigen erzählte ich Räubergeschichten über mich, und man wünschte mir Glück. In der Kaserne nahm ich rührenden Abschied. Die Unteroffiziere ließen sogar noch ein Glas Wein bringen. Ich war guter Stimmung, denn ich hatte mich, wie immer, auch am Abend vorher vom Trinken zurückgehalten und freute mich jetzt auf Las Palmas. Auch an Bord des Dampfers war am Nachmittag ein großes Abschiedfeiern. In Dakar war ein Bürgerkommando. Einige davon fuhren nach Europa. Die wurden von den Zurückbleibenden beneidet und stierbetrunken gemacht. Am Nachmittag kamen Senegalsoldaten und wurden im Zwischendeck verstaut. Gegen Abend wurde der Dampfer abgeschleppt. Wieder war ein Heidenlärm. Durch ein Gewirr von Fischerbooten steuerte der Dampfer der Ausfahrt zu. Ich blieb längere Zeit an Deck und sah den Schwarzen zu, die Essen bekamen. Viele der jungen Neger blieben noch an der Reling stehen und sahen nach der Küste zurück. Ich dachte, das ist so die Stimmung, die man sich in Deutschland vorstellen mag: die unschuldigen Kinder der Wildnis werden zur Schlachtbank geführt. Die meisten Neger wußten nicht, was ihrer wartete. Sie wußten nicht, welcher Hölle sie entgegenfuhren. Nicht einmal große Geschütze kannten sie, viel weniger konnten sie sich ein Bild von den Schrecken des Krieges machen. Ich hörte, wie die Sergeanten schimpften, weil die Schwarzen allerlei Geräte aus der Wildnis mitgenommen hatten: Fetische, Amulette, große Messer, Hausgeräte, Matten und Trinkkalabassen. Das Zwischendeck war voll von Negern. Die Leute waren buchstäblich zusammengepfercht und litten dadurch doppelt unter der Seekrankheit. Ich ging in den 3.-Klasse-Raum und sah mir den Platz an, der mir angewiesen worden war. »Ihr werdet nicht allein sein,« sagte der Steward, »wir haben schon Kolonisten vom Kongo, die zu den Waffen eilen. Sucht Euch mal eine Koje aus.« Ich bekam zwei wollene Decken. Die meisten meiner Gefährten waren Unteroffiziere der Kolonialtruppen. Die fragten mich gleich: »Wo kommst du denn her? Wo willst du denn hin?« und sagten wohlwollend: » Tu n'as rien à craindre dans cette boîte « (du hast auf diesem Kasten nichts zu fürchten). Es herrschte ein freier militärischer Ton, und ich fühlte mich unter meinen Kameraden recht wohl. Sie halfen mir, eine gute Koje suchen. »Jetzt wollen wir aber mal futtern!« hieß es dann. »Wer ist denn an der Reihe, das Essen zu holen?« Der Wein fehlte nicht. Jeder bekam einen Viertelliter. Während des Essens wurde ich freundlich befragt, und man sagte: »Das ist ja recht von dir, daß du dich hast anwerben lassen. Frankreichs gerechte Sache muß siegen.« Die Unteroffiziere erzählten von den ersten Gefechten im Kongogebiet und wußten, daß die Deutschen in Kamerun nicht viele Truppen hatten. Der Dampfer hatte schon eine ganze Menge Soldaten vom Kongo. Die Senegalneger hatten viel Geld bekommen. Sie saßen deshalb unter dem Sonnendeck und spielten Karten. Sie hatten eine unheimliche Spielwut und stritten sich heftig. Darüber erregte sich besonders ein junger Sergeant. Unteroffiziere, die ihre Tropenausrüstung noch hatten, verkauften den dummen Schwarzen ihre Sachen und redeten ihnen ein, sie könnten sie in Frankreich gut gebrauchen. Als Fahrgast der 3. Klasse hörte ich die Gespräche meiner Mitreisenden an. Kein Franzose zweifelte daran, daß die Deutschen den Krieg gemacht und schon lange vorbereitet hätten. Der Fall von Antwerpen wurde als ein Verrat hingestellt. Es hieß: Schon vor dem Kriege seien alle Festungen besiegt gewesen. Eine solche Hinterlist sei kein Kunststück und werde gerächt werden. Nur der schweren Artillerie sei es gelungen, diese Festungen zu nehmen. Von den 42er Geschützen wurden märchenhafte Schilderungen gegeben. Die Brücken, hieß es, mußten verstärkt werden, um die schweren Kanonen fortzuschaffen. Viele Deutsche seien vor dem Kriege nach Belgien gekommen und hätten Tennisplätze angelegt, die als Stände für die Geschütze gebraucht werden sollten. Diesmal aber komme es anders als 70. Die Siegesgewißheit war groß. Die »russische Dampfwalze« spielte dabei eine große Rolle. Von Grand-Bassam wurden zwei Deutsche angebracht, die an Bord der »Afrique« die Reise als Gefangene fortsetzen sollten. Morgens wurden sie von Schwarzen über Deck geführt. Die Franzosen belästigten sie nicht, sondern machten ihre Bemerkungen erst nachher. Die Herren waren, wie ich hörte, in einer Holzfirma beschäftigt gewesen. Es hieß, sie seien Reserveoffiziere, der eine sei Ulan. » Les sales boches « (die dreckigen Boschs) und »Diese Uhrendiebe« murmelten besonders die jüngeren Leute, die fast immer genug getrunken hatten. Der Begriff »Uhrendieb« war allen geläufig. Bei Tisch gingen Zeichnungen des Elsässers Hansi herum, darauf war dargestellt, wie die Deutschen zu allen Zeiten Raubzüge machten, um Uhren zu stehlen. Auf der ersten Zeichnung schleppte ein halbnackter Germane eine große Sonnenuhr. Die Kaufleute, die an Bord mitfuhren, sprachen abfällig von dem deutschen Handel und sagten, Deutschland habe minderwertige Ware verbreitet. Die tollsten Greuel wurden erzählt, die die Deutschen den Belgiern angetan haben sollten, das steigerte den Haß. Dazu kam die Begeisterung des Augenblickes. Unter den Fahrgästen war auch ein Südfranzose mit Namen Raoul Gazagne. Schon der Name klang nach seiner südfranzösischen Heimat. Wie der Hamburger »Hein« genannt wird, so wurde Raoul von den Mitreisenden »Marius« genannt, weil er lange in Marseille gelebt hatte. Er hatte einst bei der Kriegsmarine gedient und war dann als Maschinist in den Dienst einer Compagnie forestière auf den Flußdampfern des Sanga gefahren, also in dem Gebiet, das am Deutsch-Kamerun abgetreten worden war. Die Schiffe gingen damals mit allen Beamten in die Verwaltung der deutschen Firma über. Gazagne hatte sich nach Ausbruch des Krieges, nachdem die Deutschen ihm den Lohn gegeben hatten, in Matadi gemeldet und war mit dem nächsten Dampfer nach Frankreich in Marsch gesetzt worden. Er erzählte von Schiffen, die bei Beginn des Krieges im Sanga versenkt worden seien; auch große Leichter mit Elfenbein seien dabei gewesen. Es waren da auch ein Korporal der Kolonialinfanterie und zwei Soldaten. Der Korporal war ein kleiner, gesprächiger Mensch und hatte viel Witz. Er paßte da zu dem Kellner, und alle hörten gern zu, wenn die beiden sich in ihren drolligen Ausdrücken unterhielten. Der eine der Soldaten, ein riesiger Kerl, schimpfte über alle Maßen auf die Deutschen. Wenn selbst die Franzosen an seinen Reden zweifelten, sagte er: » Je le sais bien, puisque je suis de l'est !« (Ich bin von der Ostfront, ich muß das wissen!) Er war aus Nancy. Übrigens war er schon mehrmals degradiert worden und sprach nur davon, daß er auf den Zivilversorgungsschein arbeite. Vom ersten Tage an ärgerte er mich durch sein rohes Wesen. Vor dem Mannschaftsraum waren in einer Kabine zwei ergraute schwarze Feldwebel untergebracht. Ich wurde aufmerksam auf diese Neger, die in ihrer langen Dienstzeit ganz wie Europäer geworden waren. Sie hatten weiße Kinnbärte. Auch die Reisenden, die schon an Bord gewesen waren, feierten stark und standen unter Alkohol. Marius sagte zu mir: »Was sitzest du da? Warum trinkst du nicht?« »Ich habe kein Geld«, sagte ich, ohne mich dessen zu schämen. »Na, komm mal her, ich gebe einen aus!« Wir setzten uns in die dritte Kajüte. Plötzlich erhob sich großes Geschrei. Ein Trupp Leute kam. In der Mitte ein langer Kerl, ein schön gebauter Mensch. Er war abgeteilt worden, in Dakar zu bleiben. Aber er und zwei andere hatten sich auf dem Dampfer verborgen, um in Frankreich mitzukämpfen. Er hatte sich in der Kombüse hinter dem Kohlenkasten versteckt. Ein anderer wurde aus der Anrichte herausgeholt. Das war ein feiner Grund zum Trinken. Alle Fahrgäste wollten den drei Helden zutrinken. Die Leute wurden aber erst einmal zum Verwalter und Kapitän gebracht. Der sagte, er wolle sie im nächsten Hafen von Bord geben. An Bord befanden sich auch viele Belgier und einige Deutsch-Schweizer. Manche Belgier waren den ganzen Abend nicht nüchtern. Am Abend gab es patriotische Kundgebungen. Als der Lärm unten zu groß wurde, ging ich mit Marius an Deck. Wir sahen in den Speisesaal der ersten Klasse. Da saßen viele Offiziere in Galauniform. Ich fragte Gazagne nach den einzelnen Abzeichen und lernte, was ein Sous-Lieutenant, was ein Kapitän, ein Kommandant und ein Kolonel sei. Ich hatte am Abend nur so getan, als ob ich mitmachte, stand am folgenden Morgen früh auf und wusch mich an Deck. Die andern lagen noch in ihren Kojen und schliefen ihren Rausch aus. Ich hatte nur Vorteil von meiner Nüchternheit und Frische und konnte mich auch über die Reise freuen, die mich der Heimat um so viel näher brachte. Am zweiten Abend schloß der Steward alle Fenster. Das Licht wurde abgestellt. Man hörte, wie die Maschinen arbeiteten, und ich lief an Deck. Es war aber nichts zu sehen. Die tollsten Gerüchte kamen auf. Man sagte, deutsche Schiffe seien in der Nähe. Als Offiziere hereinkamen, wurde bekannt, der Kapitän habe einen Funkspruch erhalten, er solle nicht nach den Kanarischen Inseln fahren, dort sei ein deutscher Hilfskreuzer gesichtet worden. Ich war in großer Erregung. An die Möglichkeit, von einem deutschen Kriegsschiff aufgenommen zu werden, hatte ich noch gar nicht gedacht und war voll Hoffnung. Später erfuhr ich, daß in der Tat der Hilfskreuzer »Kronprinz Wilhelm« in der Nähe gesehen worden war. Der Kreuzer »Friand« begleitete uns. Die Begeisterung über das Kriegsschiff war groß. Wir kamen am Abend des dritten Tages nach Cap Juby. Am äußersten Landvorsprung lag eine »Casba« mit flachem Dach, ein weißes Gebäude, das sich von dem schwarzen Hintergrund der Felsen abhob. Es wehten drei Flaggen darauf. Man sah danach aus, und erkannte, als wir näherkamen, drei Flaggen: die marokkanische, die spanische, und eine dritte, die noch nicht zu bestimmen war. Endlich glaubte einer, die deutschen Farben zu sehen, und hatte recht. Wahrscheinlich hatten die Marokkaner die Besatzung des Forts getötet. Der »Friand« setzte ein Boot aus, und vertrieb die paar Marokkaner, die sich den Streich mit der Flagge erlaubt hatten. Von Marokko nach Bordeaux An einem kalten Oktobermorgen näherte sich die »Afrique« dem Hafen von Casablanca. Von Deck aus sah ich über die große Bucht. Es war etwas Nebel. Viele weiße Häuser schimmerten hervor. Mehrere gestrandete Schiffe waren zu sehen. Die Bucht ist berüchtigt wegen der starken und gefährlichen Brandung. Unser Schiff ging weit draußen zu Anker. Neben uns lag der Kreuzer »Friand« und hatte geflaggt. Es war ein reger Bootsverkehr auf dem Hafen. Große Leichter kamen längsseit. Am Steuer standen französische Kriegsmatrosen, mit dem roten Garnball auf der Mütze. Gegen acht Uhr rief mich der Verwalter des Schiffes und sagte mir, ich müsse hier an Land. Es waren auch eine Anzahl junger Neger mit, die hier ausgebootet wurden. Wegen der starken Dünung durften Boote nur für Augenblicke längsseit kommen, und die vielen Neger wurden deshalb mit dem Ladebaum ausgeladen. Sie mußten sich an das große Netz anklammern, in dem die Waren ausgeladen wurden. Es sah aus wie eine Traube von Menschen. Schwarze Soldaten werden mit dem Ladenetz ausgeladen. »Es sah aus wie eine Traube von Menschen« (Casablanca) Diese Abbildung zu dem von Kirsch gesehenen Vorgang fand sich in der Beilage zum »Tag«. Die Marokkaner, die die Neger in den Leichtern wahrnehmen sollten, griffen recht unsanft zu. Sie hassen die Franzosen, die diese Neger zu ihrer Unterdrückung gebrauchen, und zeigten das auch bei dieser Gelegenheit. Ich hatte an Bord von einem Soldaten Kragen und Schlips bekommen und ein Paar Halbschuhe, die er in Frankreich nicht gebrauchen durfte, und hatte mir vom Kellner eine leichte Sportmütze gekauft. Außerdem hatte ich mir die Haare schneiden lassen und war rasiert. Ich sah also schon etwas besser aus als früher. Mit der Pinasse, mit der ich an Land fuhr, fuhren mehrere Offiziere und Fahrgäste des Schiffes mit. Als die den Kai erstiegen, drängten sich viele Maurenbengels heran, um ihnen das Gepäck abzunehmen und sich ein Dankgeld zu verdienen. Ein Posten holte einen Obermatrosen, der mich zu einer Wachstube führen sollte. Die Stadt ist mit einer Mauer umgeben. Nur das Hafenviertel liegt außerhalb dieser Mauer. Ich sah im Vorbeigehen viele Schilder mit deutschen Namen, mehr aber spanische Namen. Wir gingen an einer Mauer entlang bis auf einen großen Platz, wo die Verwaltung war. Von hier führte mich ein Unteroffizier der Kolonialarmee durch die engen Straßen der Stadt. Mir fielen die kleinen Fenster und der maurische Stil der Gebäude auf, die verschleierten Frauen, die Kamele und die Hunde. Wir gelangten in eine Kaserne, vor der ein Zuavenposten stand, in der bekannten Kleidung: der umfangreichen roten Hose, der kleinen, bunten Jacke, dem roten Fes und der blauen Schärpe, die alle Kolonialtruppen tragen. (Die Zuaven sind keine Farbigen, sondern Europäer. Etwas anderes sind die Turkos, das sind Farbige, Neger.) Auf dem Hofe standen die ersten Legionäre, meine neuen Kameraden. Sie trugen dunkelblaue Westen mit goldenen Knöpfen und rote Hosen. Ich wurde nicht gleich auf die Amtsstube geführt, weil es schon nahe an Mittag war. Deshalb blieb ich auf der Wachstube, bis Essenszeit war. Es klingelte am Tor. Auf einem schönen Schimmel kam ein höherer Offizier hereingeritten. Hinter ihm zu Pferde ein Chasseur d'Afrique in seiner orientalischen Uniform. Die Legionäre nannten den Namen des Offiziers und sagten, es sei ein sehr bekannter Mann. Als ich nach Essen fragte, führte mich ein Soldat nach der Küche, deren Sauberkeit und Ordnung auf mich einen ganz heimischen Eindruck machten. Der Soldat, der das Essen austeilte, sagte scherzend: » Encore un bleu « (Noch ein Blauer)! So wird der Neuling in der Legion genannt. »Du bist ja nicht berechnet, aber es ist noch genug für dich da!« Ich bekam » fayots «, dicke Bohnen mit Fleisch, und dazu Brot. Dann wurde ich gefragt: »Hast du denn schon deinen Wein bekommen? Wo hast du denn dein Quart?« Ich setzte mich in die Kantine und ließ mir das Essen gut schmecken. Dann ging ich hinaus. Hinter der Kaserne waren schöne gepflegte Gartenanlagen, die Arbeit der Legionäre. Hier schliefen die Soldaten in ihren Hängematten, und da ich durch das reichliche Mahl etwas müde war, legte auch ich mich nieder. Eine Fächerpalme bot mir Schatten. Ich wachte aber nach kurzer Zeit auf und war in Schweiß gebadet, und da ich Lust hatte, die Stadt anzusehen, ging ich nach der Wachstube und fragte, ob ich gehen dürfte. »Natürlich darfst du, aber in der Hitze? Na, du brauchst dich nur hier abzumelden und bist um drei Uhr wieder hier.« Ich ging durch die sonnenbeschienene Stadt, die fast wie ausgestorben war. Im Europäerviertel mußte ich aus den Fernsprüchen sehen, daß es für Deutschland gar nicht gut stand, und mir war, da alle Nachrichten so überzeugend aussahen, recht schwer ums Herz. In den Witzblättern waren unglaublich gemeine und törichte Witze über die Deutschen. Man hörte, daß im Innern Marokkos große Unruhen ausgebrochen waren. Vor dem Gebäude der Militärverwaltung standen viele Gewehre und Tornister. Kamele standen bereit. Offenbar sollte eine Abteilung ins Innere abgehen. Um drei Uhr war ich wieder auf der Wache und ging gleich in die Schreibstube. Ein Beamter nahm meine Papiere geschäftsmäßig vor, sah mich an und sagte: »Sie wären also der Kirsch?« »Jawohl!« »23 Jahre alt?« »Jawohl!« »Sie sind Trimmer gewesen?« »Jawohl!« »Weiter also,« murmelte er schreibend: » Engagé pour la durée de la guerre « (Verpflichtet auf Kriegsdauer). Dann aber stellte er die ganz unerwartete Frage: » Vous êtes-vous engagé pour aller sur le front en France? « (Sie sind für den Frontdienst nach Frankreich verpflichtet?) Ich war über diese Frage aufs höchste überrascht und hatte den schnellen Gedanken: Nach Europa um jeden Preis! Und als ich nicht gleich antwortete, kam der Schreiber mir schon entgegen und sagte: »Na, also Sie wollen zur Front?« »Jawohl, Herr!« Im Handumdrehen war mein Zettel fertig; ehe ich mich dessen versah, hatte ich schon den Auftrag, mich auf der Reederei zu melden. Dort erhielt ich meinen Fahrschein und ging zum Hafen hinunter. Der Soldat, der mich begleitet hatte, ging in eine Kneipe und hielt mich für einen Sonderling, weil ich den Abschiedstrunk verschmähte. In einem einzigen Tage war ich die afrikanische Legion wieder los und konnte an Bord des Dampfers sogar wieder in meine alte Koje hinein. Raoul Gazagne freute sich aufrichtig, mich wieder zu sehen, und ich war gleich wieder mitten drin im Kreise meiner Kameraden von früher. Der Steward machte nur einen Strich in seiner Liste: »Ein Mann mehr!« und die Sache war erledigt. Ich fühlte mich an Bord so recht geborgen, und ging abends nicht an Land. »Wenn's nur weiter geht«, das war mein einziger Gedanke. Ich hörte mehr von dem großen Vorstoß, den die Marokkaner gegen die Franzosen gemacht hatten. Man erzählte sich, die Deutschen hätten hinter den Marokkanern gesteckt. Diese Gerüchte waren der Anfang des bekannten Prozesses gegen die Deutschen. Die Gerüchte über Schandtaten der Deutschen waren ungeheuerlich vergrößert. Es klang, als ob die Deutschen hier, wie überall in der Welt, einen Überfall auf die Franzosen von langer Hand vorbereitet gehabt hätten. Am Abend ging das Schiff Anker auf. Es war ein feierlicher Abschied, weil zwei Kriegsschiffe da waren und mit Signalen nicht aufzuhören schienen. Eins der letzten Signale ging an uns und hieß: Grüßt Frankreich! Schon in den Tagen vorher hatte ich gespürt, daß es kälter wurde. Ich nahm heute aus meinem Bündel ein zweites Hemd, das mir ein Unteroffizier geschenkt hatte, und zog es an. Am frühen Morgen fuhren wir in der Höhe von Gibraltar. Ich stand auf der Back, wo der Wind stark wehte. Ein sehr großer, auffallend gemalter Dampfer wurde gesichtet. Es war ein weißes Lazarettschiff mit dem roten Kreuz am Schornstein, der erste Vorbote des Krieges. Als wir an dem Kap Finisterre vorbeifuhren, faßte uns starker Wind und Seegang, und das Schiff begann heftig zu stampfen. Wir steuerten auf die Garonne zu. Der Mündungsteil heißt die Gironde. Das Schiff hatte etwas Verspätung. Erst in der Nacht waren wir in Sicht der Küste. Das Schiff wurde von zwei Torpedobooten mit Scheinwerfern abgeleuchtet, wurde angerufen und stoppte. Die Boote geleiteten uns in die Gironde hinein. Ich sah, daß Kriegsschiffe in der Mündung lagen. Das Bild war ähnlich wie in der Elbmündung. Spät gegen Mitternacht legte ich mich erst schlafen. Es wurde bekannt, daß wir heute nicht mehr in Bordeaux ankamen. Ich hörte noch, wie das Schiff stoppte, in stockdunkler Nacht. Am Morgen umhüllte ein dichter Nebel das Schiff, und man konnte nur das lehmige Wasser der Garonne an der Bordwand vorbeifließen sehen. Als der Nebel sank, bot sich mir, der ich Europa so lange nicht gesehen hatte, ein wundervoller Anblick: da lagen die nahen Ufer der Gironde mit großen Pappelalleen, mit Hecken und Häusern und Vieh. Ein Fischerfahrzeug kam den Strom herab. Ich glaubte auf der Weser oder Elbe zu sein. Auch die Landhäuser der reichen Leute an den Ufern erinnerten an solche Bilder, und ich war voll Freude auf die Heimat. Bald kam ein Häusermeer mit Fabrikschornsteinen. Der Hafen wird von der Garonne gebildet, die bei Bordeaux, hundert Kilometer von der Mündung, noch fünfhundert Meter breit ist. In den Bassins de la Gironde lagen die großen Dampfer der »Chargeurs maritimes« und der »Transatlantique«, der größten französischen Reedereien. In der Werft waren mehrere Unterseeboote auf Stapel. Hier lagen viele Lazarettschiffe mit Verwundeten. Am Ufer dehnten sich Werftanlagen, die »Chantiers de la Gironde«. Das Wasser der Garonne hatte eine starke Strömung; der Dampfer mußte deshalb von Schleppern an die Kaimauer gebracht werden. Von da sieht man eine Säule, die den Hafen überragt, die »Säule der Girondisten«, mit einer Frauengestalt darauf. Unzählige Menschen warteten an Land. Die Menschen waren sehr neugierig auf die schwarzen Truppen, die kommen sollten, und die Begeisterung der Europäer für die schwarzen Soldaten wurde von diesen mit Selbstbewußtsein hingenommen. Die Militärpersonen wurden gleich am Dampfer in Empfang genommen. Als ich ans Fallreep kam, hieß es: » Engagé pour la légion ?« »Quelle nationalité« ? – » Suisse !« (Verpflichtet für die Legion? Welche Staatsangehörigkeit? – »Schweizer«.) Der Beamte gab mir die Hand und sagte: »Brav!« Dann rief er hinunter, ein Korporal solle mich wegführen. Vier Kolonialsoldaten schlossen sich an. Es sprach sich sofort herum, daß ich ein Legionär sei, und alle Augen richteten sich auf mich, auch weil ich größer war als die andern. Wir gingen an den Kolonialtruppen vorbei, die einen Höllenlärm machten und unzählige betrunkene Soldaten in ihren Reihen hatten. Auf einem großen Platz standen viele Automobile, die Wagen vom Gefolge des Präsidenten, der zu dieser Zeit in Bordeaux wohnte. Mit einem Male hörte man einen großen Lärm. » Les prisonniers « hieß es. Auch wir blieben in der Zuschauermenge und ließen den ankommenden Menschenzug vorbeiziehen. Es waren Gefangene von der Marne, jüngere Leute, die nach Marokko gebracht werden sollten. Das waren die ersten Feldgrauen, die ich sah. Es waren mehrere Tausend, auch Kavallerie und Artillerie, meist aber Infanterie. Die Menge war totenstill. Man hörte nur das Schreiten der vielen Füße auf dem Pflaster. Es war für mich ein ganz seltsames Gefühl, diese vielen, auffallend schönen Gestalten meiner Landsleute an mir vorbeiziehen zu sehen. Wie gern hätte ich mit ihnen gesprochen! Diese gingen nun den Weg nach Afrika, wo ich hergekommen war – und ich einzelner suchte auf Irrwegen zur Heimat hinzufinden! Als der Zug vorbei war, ging ein Schimpfen los: » Sales boches !« Junge Mädchen aber waren gerechter und sprachen voll Anerkennung über das gute Aussehen der » Boches « und ihre guten Gestalten. Wir kamen nach La Place , einer großen Kaserne; dort trafen wir auch wieder einen Teil der andern Soldaten. Im Hof war ein Schalter, an dem die Leute der Reihe nach ihre Papiere vorzeigten. Sie bekamen dann ihren Fahrschein. Ich wurde von einer Schreibstube zur andern geschickt. Offiziere drückten mir wieder die Hand. Ich bekam gleich Marschgebühren und Verpflegungsgelder, rund drei Frank, dazu einen Fahrschein nach Bayonne. Raoul erwartete mich in einer Kneipe gegenüber. Da waren hübsche Kellnerinnen, und es wurde viel getrunken. Im Laufe des Abends erzählte jeder seine Lebensgeschichte. Wenn ich sagte, ich sollte nach Bayonne, lachte alles. Bayonne, das hieß so in die äußerste Wildnis. Ich mußte dann mitgehen, von einem Lokal zum andern, bis wir im Hotel » Des Basques et du Bearn « landeten. Diesen Fahrschein von Bordeaux nach Bayonne erhielt Kirsch am 17. Oktober 1914. In diesem Gasthause verkehrten vor allem Viehhändler aus den Vorpyrenäen. Sie trugen » bérets basques «, eine besondere Art von Mützen, wie auch Studenten sie tragen. Der Kellner des Schiffes hatte uns das Gasthaus empfohlen. Er war selbst anwesend und sprach mit dem Wirt, dem » Patron «. Der führte uns in das bessere Zimmer. Hier hing ein großes gerahmtes Bild von Joffre. Das Gespräch kam gleich auf ihn, und man merkte, daß eine geradezu hingebende Verherrlichung Joffres getrieben wurde. Er hieß nur »der Retter Frankreichs« und »der Retter von Paris«. Man erzählte, Mädchen seien auf den Namen »Joffrette« getauft worden. Die Verehrung war ebenso groß, wie in Deutschland die Hindenburgs ist. Joffre war auch Gegenstand vieler Karikaturen. In einer Zeitung war er abgebildet, wie er den Kronprinzen mit kräftiger Faust hinauswirft. Meine Genossen waren bald schwer betrunken, und ich zog mich mit Raoul zurück. Eigentlich sollte ich ja zur Kaserne gehen, aber Raoul sagte: »Mensch, das beste ist, wir bleiben hier!« Und wir mieteten ein Zimmer, in dem ein riesiges Bett stand. Erst fragte Raoul nach einem zweiten Zimmer, aber die anderen Zimmer taugten nichts. Das Dienstmädchen wünschte » bonne nuit « (Gute Nacht) und ließ uns allein. Weil das Sofa recht schlecht war, blieb mir nichts anderes übrig, als Raoul, der quer in dem großen Bett lag, zur Seite zu schieben und mich neben ihm in das Bett zu legen. Ich schlief nicht gleich ein, sondern überdachte erst, wie seltsam meine Rolle war. Hier unerkannt zu sein und sogar in französischem Dienst, doch mit der Absicht der Flucht mitten im Lande der Feinde, die mit Deutschland im Kriege waren, und in der Stadt, in der jetzt die Regierung war, dazu an der Seite eines Mannes, der als Angehöriger der französischen Nation mein Feind, als Mensch mein guter Freund war. Ich fand mich selbst kaum zurecht. Als ich erwachte, schlief Raoul noch fest. Die Sonne schien schon. Ich wusch mich, ließ die Hälfte des Wassers für meinen Freund und weckte ihn, als ich fertig war. Als auch er sich gewaschen hatte, gingen wir hinunter, um zu sehen, was die andern machten. Unten fiel mein erster Blick auf ein Äffchen, das einer der Gäste mitgebracht und dem Wirt für 30 Frank verkauft hatte. Das Tier war von menschenähnlichem Aussehen, hatte einen weißen Fleck auf der Nase und einen kurzen Schwanz. Es saß traurig in einer Ecke neben einer verschlafenen Kellnerin. Als wir unser Frühstück bekamen, Kaffee und Schnaps, wie das in Frankreich üblich ist, setzte sich das Mädchen zu uns und fragte voll Neugierde nach mir und meinem Schicksal. Es bat mich auch, von der Front zu schreiben. Gazagne bezahlte alles, schon weil ich kein Geld hatte, und ich bin ihm das Geld heute noch schuldig. Hoffentlich kann ich es ihm bald mit Dank zurückerstatten. Bis zum Abend blieben wir in der Stadt. Wir kamen am Hafen vorbei und sahen mit vielen anderen Schiffen auch die »Afrique«, die verlassen dalag. Keiner der Bekannten, keiner der Neger war mehr an Bord; in alle Winde war zerstoben, was gestern noch wie eine große Sippe zusammengewesen war. Dem Tod entgegen, dachte ich. Im Innern der Stadt, als wir gerade bei den Warenhäusern waren, hörte man einen auffallenden Hupenton. Ein vornehmes Auto fuhr vorbei. Auf dem Sitz saßen der Lenker und ein Stadtgardist. Im Wagen saß der höchste Mann von Frankreich. In einem Geschäft der Stadt war ein großes Bild eines Fähnrichs ausgestellt, darunter standen die Worte: »Starb den Heldentod fürs Vaterland an Bord des Kanonenbootes ›Surprise‹ vor Kribi in Kamerun.« Die Eltern dieses Toten lebten wohl als angesehene Leute in Bordeaux. So wollte es der Zufall, daß ich hier wieder an den Ausgangspunkt meiner Irrfahrten erinnert wurde. Die Menge staute sich vor einem Schaufenster. Da war ein Auftritt dargestellt: Eine Elsässerin saß an der Wiege und spielte mit einem kleinen Kinde, während ein Mann in der Kleidung eines französischen Soldaten in die Tür hereinkam. Das Bild war nicht schlecht gemacht und fand den Beifall der Menge. Raoul hatte noch deutsches Geld, etwa 40 Mark, die er aus Kamerun mitgebracht hatte. Wir suchten ein Wechselgeschäft. Dort bekam er für jede Mark 65 Centimes. Ich war, während Raoul mit Leuten aller Art sprach, bemüht, mir seine volkstümlichen Redewendungen anzueignen, vor allem auch die Kraftausdrücke, weil ich aus dem Leben mit Seeleuten und Heizern wußte, wie gut man mit solchen Merkmalen unter ihnen weiterkam. Abends, nachdem wir viel von dem Leben in den Kneipen und der Stadt gesehen hatten und ich manches gelernt hatte, was mir nützlich sein konnte, nahm ich tief gerührt Abschied von Raoul, der mir in dieser schweren Zeit ein lieber Kamerad gewesen war. Wir versprachen uns zu schreiben, aber wir haben uns bis heute noch nicht wieder geschrieben. Beim ersten Fremdenregiment in Bayonne Mein Zug nach Bayonne ging kurz vor der Dunkelheit. In Dax-les-bains stieg eine Dame ein, mit der ich ins Gespräch kam. Sie trug einen Schleier vor dem Gesicht. Ihre ganze Erscheinung war sehr gepflegt. Sie sah mich aufmerksam an und sagte, sie wundere sich, daß ich, ein großer, kräftiger Mann, in diesen schweren Zeiten noch nicht Soldat sei. Ich erzählte ihr, ich sei auf dem Wege zum ersten Fremdenregiment nach Bayonne, ich sei Schweizer. Die andern Reisenden hörten zu, und ich war der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Das Gespräch kürzte die Zeit ab. Es war spät abends, als wir in Bayonne eintrafen. Madame wünschte mir » bonne chance « (Viel Glück) und verschwand durch die Bahnsperre. In Bayonne lag auf dem Bahnhof eine Wache des 49. Infanterie-Regiments. Ich meldete mich bei dem Sergeanten an der Sperre. Mit mir zugleich kam ein junger Franzose an, der lange in Belgien gewesen war. Der Sergeant sagte, meine Kaserne des Ersten Fremdenregiments sei viel zu weit, ich könnte heute nicht mehr dorthin gehen. Er gab jedem von uns Kaffee vom Ofen und Brot, dann eine Decke und wies uns einen Platz auf dem Stroh an. Bevor wir uns aber hinlegten, ließ er den Belgier noch allerlei von den Greueln erzählen, die die Deutschen in Belgien angerichtet haben sollten. Der Mann hatte die Flucht der Belgier vor den Deutschen mitgemacht, und die alten Landsturmsoldaten hier, die sehr wenig vom Krieg hörten, waren auf alle Erzählungen neugierig. Ich schlief recht unruhig. Die Decke war für meine Länge zu kurz, und ich fror an den Füßen, obwohl oder gerade weil ich die Schuhe anbehalten hatte. Der Sergeant sagte mir, wie ich gehen sollte, um zu meiner Kaserne zu kommen, die außerhalb der Stadt lag. Ich mußte über eine lange Brücke, die über den Adourfluß führte. Kleinere Seedampfer lagen in der Nähe der Brücke. Bayonne liegt an dem Zusammenfluß der Nieve und des Adour, 5000 Meter von der Meeresküste entfernt. Die Zitadelle an dem rechten Ufer des Adour ist 1680 von Vauban erbaut worden. Wie wunderlich der Krieg die Völker durcheinanderwirft, daran erinnert gerade der Name der Festung Bayonne. 1808 bis 1814 kämpften hier deutsche Legionäre für die Engländer gegen Spanien. Es war die deutsch-englische Legion, und Deutsche waren es, die Bayonne vom 25. Februar bis 14. April 1814 belagerten. Von Bayonne kommt der Name Bayonnette. Ich kam durch winkelige Straßen zur Porte d'Espagne. Die Firmenschilder zeigen baskische Namen wie »Salaberia«, »Oletschia«. Die Männer gehen alle glatt rasiert, und da sie dunkelhaarig sind, schimmert das Kinn bläulich. Vor den Wällen lag ein Vorort und ein Stadtpark. Hier sprach ich einen Mann an, der ein Paket trug. Er sagte, er sei auf der Kammer der Kaserne beschäftigt, und führte mich weiter, weil auch er zur Kaserne wollte. An einer Wegebiegung stand ein Schild: » Au I er Rt. étranger « (Zum Ersten Fremdenregiment). Mein Herz pochte unruhig. Einem großen Gebäude gegenüber stand eine ganze Anzahl »Marabouts«, die bekannten kegelförmigen Zelte der Fremdenlegion und der Kolonialtruppen. Eine Menge Legionäre gingen dort. Ein großer Kerl stand Posten am Tore. Von der Wachtstube wurde ich zur Abteilung und von dort zur 7. Kompagnie geführt. » Voilà un bleu !« (Seht da, ein Blauer!), hörte ich mehrere Legionäre sagen, die an einer Tür standen. Auf dem ersten Bureau rief, als bemerkt wurde, daß ich Schweizer sei, ein Kapitän mit drei Ärmelstreifen aus der Ecke: »Ah, bischt Schwyzer?« »Jawoll!« antwortete ich, und konnte meinen Schrecken kaum verbergen. »Wo bischt denn her?« » Genève « (Genf) sagte ich dreist, um die deutsche Unterhaltung möglichst schnell abzubrechen. »Ach so, Welsch«, sagte er und beachtete mich zum Glück nicht weiter. Ich bekam die numéro matricule 27 816, wurde in ein Buch eingetragen und der 7. Kompagnie zugeteilt. Ein Läufer brachte mich dorthin. Jetzt sah ich rundum nur noch straffe militärische Formen. Ich merkte das gleich, als ich den Raum betrat, » bon jour « (Guten Tag) wünschte, aber keine Antwort erhielt und in barschem Ton an die Tür zurückgewiesen wurde. Auf der 7. Kompagnie wurde ich an den »Adjutanten« gewiesen, den Kompagniefeldwebel, der einen silbernen Streifen auf dem Ärmel hatte. Es war ein kräftiger Mann mit starkem, schwarzem Vollbart, doch hatte er eine ganz sanfte Stimme. Es war der Adjutant Guillot. »Kirsch heißt du?« fragte er und schrieb. Dann teilte er mich der 5. escouade (5. Korporalschaft) zu. » Allez vous présenter au caporal Lefèvre !« (Meldet Euch beim Unteroffizier Lefèvre). Zum zweitenmal begegnete mir ein Unteroffizier dieses Namens. Die Kaserne war ein altes Kloster. Die 7. Kompagnie lag in der Kapelle. Ich traf den Korporal nach langem Suchen in der Küche. Er war gerade damit beschäftigt, ein großes Stück Fleisch zu essen, hielt das halbgare Fleisch auf einem Messer und kaute mit vollen Backen. Ich meldete mich. Auch er murmelte: » Encore un bleu « und nahm aus seiner blauen Binde sein Merkbuch, das er, wie jeder Feldwebel, dort trug. Es war ihm schwer, meinen Namen mit ›sch‹ zu schreiben. » Tu as un nom boche « (du hast einen Namen wie ein Bosch), knurrte er ahnungsvoll. Lefèvre trug sein Käppi mit der Granate recht schlapp auf dem Kopfe. Daran und an der Art der Falten, die die Hose über die Gamaschen warf, erkannte man den alten Soldaten der Fremdenlegion. Auf der Brust trug er die Marokkomedaille; am Hinterschädel hatte er eine alte Narbe. Lefèvre sagte: »Komm her, mein Schäfchen, ich will dir gleich mal deinen Platz zeigen.« Wir gingen an einer Anzahl Heiligenstatuen vorbei, die alle mit Käppis, Zigaretten und Tüchern verziert worden waren. Als die Tür aufging, bot sich mir ein ganz kriegerisches Bild. Einige hundert Soldaten saßen an Tischen, Bänken und auf Stroh und reinigten ihre Waffen, schwatzten und pfiffen, lärmten und lachten. Man hörte die verschiedensten Sprachen. Der Korporal wurde lebhaft angerufen: »Na, Korporal, wie geht's?« Und die Unteroffiziere riefen ihn »Lefèvre«. Er war ein bekannter Mann. Er winkte einen alten Legionär heran: »Hier nimm den mal in deinen Schutz.« Der Mann wies mir eine Stelle am Hochaltar an und sagte, da sollte ich mich nicht vertreiben lassen. Die Mittagszeit war da, und man rief » à la soupe «. Einer kam die Reihe entlang und gab jedem ein Stück weißes Brot, das für zwei Tage reichen sollte, andere kamen mit einem Kessel Suppe. Es war richtige Fleischbrühe. » Eh bien le bleu «, fragte mich einer, »willst du denn nicht essen?« Als ich sagte, ich habe kein Geschirr, wies er mich an, ich solle zur Küche gehen. Dort fragte man mich: »Willst du denn aus der Mütze essen, geh zum caporal fourrier (Verpflegungsunteroffizier). Der hatte sein Lager im Glockenturm der Kapelle. Ich ließ mir ein Porzellangefäß geben und bekam mehr Essen, als ich bewältigen konnte. Nach der Suppe gab es noch einen Gang und ein Viertel Wein. Ich ging auf meinen Platz am Hochaltar, reinigte mein Geschirr und sah mich unruhig um, wo ich die Sachen hinstellen sollte, ohne daß sie mir weggenommen würden. Da rief mir einer freundlich zu: »Stells nur hin, bei uns wird nichts eingeschlossen, unter uns Kameraden wird nicht geklaut.« Und ich gewöhnte mich nun auch an den seltsamen Zustand, daß in dieser Gesellschaft, wo die zweifelhaftesten Elemente waren, eine Kameradschaft herrschte, die das Stehlen in dieser Zeit verpönte. Es waren Bretter an der Wand, auf denen die Kleider lagen, sorgfältig zusammengeschichtet, so daß sie wie ein Würfel zusammenhielten. Am Nachmittage traten die Soldaten zur Musterung an, dann rückte man zur Übung hinaus. Ich blieb mit Kranken und Abkommandierten zurück und mußte die Wohnräume fegen. Da kam ein Bote und holte mich zur Schreibstube. Meine Papiere wurden ausgefüllt. Ich wurde gefragt, wohin geschrieben werden sollte, wenn mir etwas zustieße, und ich gab an, ich hätte keine Verwandten. Da machte der Schreiber den bei der Fremdenlegion so bekannten Strich, der bedeutet » sans patrie «. Mir war seltsam zumute. – »Heimatlos«. Also würden meine Eltern nicht erfahren, wenn ich getötet würde. Abends gab es, ebenso wie Mittag, eine Suppe, Gemüse mit Fleisch und das unentbehrliche » quart « (Viertel Wein). Dann machten sich die Legionäre klar, auf Urlaub zu gehen. Andere blieben zurück und drehten sich ihre Zigaretten. Ich setzte mich zu einigen und war erstaunt, welche Völker hier beisammen waren. Ich hörte die verschiedensten Sprachen. Da waren Spanier, Italiener und Korsen. Es war eine eigentümliche Stimmung in der Kirche, als die Ampeln in allen Ecken brannten, als die Lichter flackerten und die Schatten der Gestalten auf die Wände fielen. Die Legionäre sangen ihre Heimatlieder. Schwermütig klangen besonders die italienischen Melodien. Endlich wurde Ruhe geboten. Ein Sergeant pfiff und rief: » Silence « (Ruhe). Und zuletzt kam das Trompetensignal » extinction des feux « (Auslöschen des Lichtes), ein schönes, lang gezogenes, immer leiser werdendes Signal, das mich tief bewegte. Ich merkte schon, daß die Legion alle Mittel der Betörung und Betäubung benutzt, um den Soldaten zu fesseln. Welch Menschenschicksal, dachte ich, liegt in dieser Kapelle zusammen, und wo sind die Mütter all dieser Menschen in aller Welt? Und mit der Frage: Wie findest du zu deiner Mutter zurück, schlief ich ein, ohne eine bestimmte Ahnung von der Zukunft zu haben. Das war der erste Abend, den ich als französischer Soldat, als Nummer 27 816, verlebte. Ich hatte meine Kleider ausgezogen und schlief gut in meinem Stroh und in meinen zwei Decken. Ich erwachte um 6 Uhr von dem munteren Wecksignal, zu dem die Legionäre folgenden Wortlaut gemacht hatten: » Réveille-toi ... bien vite, si tu ne veux pas te lever, fais-toi porter malade, si tu n'es pas reconnu, tu auras quatre jours de plus !« (Steh schnell auf, und wenn du nicht kannst, melde dich krank. Wenn das der Arzt nicht anerkennt, bekommst du vier Tage Kasten.) Ohne Zögern sprang ich von meiner Schlafstelle auf, schlüpfte in meine Kleider und folgte dem Beispiel meiner neuen Kameraden, die auf den Hof hinausgingen und sich mit entblößtem Oberkörper an dem mächtigen Becken des Zierbrunnens vor der Kirche wuschen. Kaum war die Morgenwäsche beendet, da ertönte der Ruf: » Au jus « (Zum Kaffee, eigentlich zur »Brühe«). Jeder bemächtigte sich seines Bechers und ließ ihn mit Kaffee füllen. Es befremdete mich, daß dieser Kaffee stark mit Schnaps gemengt war, was ich schon am Geruch wahrnehmen konnte. Den alten Legionären aber war nicht genug Schnaps in dem Getränk, und es fielen Bemerkungen, der meiste Sprit sei wohl bei den Köchen in der Küche bereits verdunstet. Um 7 Uhr trat die Kompagnie zum Exerzieren an. Als sie abgerückt war, wurde ich vom » Sergent de jour « (Unteroffizier vom Tagesdienst) wieder zur Arbeit herangezogen, obwohl ich noch nicht eingekleidet war. Diesmal mußte ich in einem Schubkarren Mauersteine zu einem Bauplatz heranfahren. Das war für mich eine ungewohnte Arbeit; dennoch arbeitete ich mit Fleiß, bis die Kompagnie vom benachbarten Exerzierplatz zurückkehrte, und aß dann mit großem Hunger mein Mittagessen. Am Nachmittage wurde ich zum Kammerunteroffizier geschickt, damit ich eingekleidet würde. Einige andere »Blaue«, die inzwischen eingetroffen waren, mehrere Spanier und ein junger Schweizer fanden sich bei der Kammer ein. Jeder bekam ein Paar schöne rote Hosen, eine blaue Weste, einen schweren Mantel mit metallenen Knöpfen, ein rotes Käppi und das besondere Abzeichen der Fremdenlegion: die lange blaue Leibbinde aus Baumwollstoff. Außerdem Unterzeug aus Leinen und aus Baumwolle, kräftige, benagelte Schnürstiefel und kurze Glanzledergamaschen. Die Nagelung der Stiefel war so eingerichtet, daß eine bestimmte Fläche frei blieb, damit man die Fußspur unterscheiden konnte. Das war eine Erfindung aus der afrikanischen Wildnis und sollte wohl auch den Grenzwächtern erleichtern, einen flüchtigen Legionär zu verfolgen. Mit diesen Kleidungsstücken, dazu mit Nähzeug, Bürste, Reinigungszeug und einem kräftigen Messer ausgerüstet, mit Brotbeutel, einem Schal und einer blauen Halsbinde, ging ich zu meinen Kameraden und ließ mir zeigen, wie das Zeug mit Tusche gezeichnet wurde. In alle Stücke mußte ich No. matricule 27 816 hineinmalen; der Name war Nebensache. Man zeigte mir auch, wie die Halsbinde zu falten sei. Als alle Stücke fertig waren, verwandelte ich mich in einen Fremdenlegionär. Das Anziehen der Leibbinde machte besondere Schwierigkeiten, Ich hatte schon beobachtet, welche Mühe sich die Legionäre gaben, die Binde richtig anzulegen. Dazu muß ein Kamerad die Binde an einem Ende festhalten und die Lose durchholen, während der, dem die Binde angelegt wird, sich um seine eigene Axe dreht und sich so in die Binde einwickelt. Ist kein Kamerad dabei, so muß der Legionär das eine Ende irgendwo festbinden oder einklemmen. Auch muß er genau wissen, an welcher Stelle seines Körperumfanges er den Anfang der Binde anzulegen hat, damit der letzte Abschnitt der Binde an der vorgeschriebenen Stelle abschneidet. Die Binde soll den Unterleib immer warm halten. Wenn es kalt war, wurde nachts befohlen, die Binde anzulegen. Die Binden sind fünf Meter lang und dienen den Legionären mitunter dazu, sich an Hindernissen herabzulassen. Ich nähte das Abzeichen der Legion, die Granate mit der hervorbrechenden Flamme, an die Mütze und stand nun fertig angekleidet da. Ich war froh, daß ich aus meinen alten, schmutzigen Lumpen heraus war, die ich so lange hatte ungewaschen tragen müssen, und fühlte mich in der reinen, luftigen Kleidung so recht wohl und warm. Meine Kameraden sahen mich wohlgefällig an: »Jetzt bist du gleich ein ganz anderer Kerl.« Als ich mich im Spiegel besah, mußte ich selbst gestehen, daß mich diese Uniform sehr gut kleidete. »Also morgen früh mit den andern antreten«, sagte Lefèvre, als er meinen Anzug streng gemustert und einige Fehler abgestellt hatte, die seinem geübten Auge nicht entgehen konnten. Am nächsten Morgen rückten wir, unsere zehn »Blaue«, ohne Gewehr hinter der Kompagnie hinaus auf den Übungsplatz, wo wir eingeübt werden sollten. Es war der bei den Soldaten der Garnison Bayonne bekannte » Camp-St. Léon «. Da lernten wir von einem Soldaten Erster Klasse die » école du soldat «, die Anfangsgründe des Infanteriedienstes. Unser Lehrer war ein Luxemburger und konnte gut Deutsch sprechen. Mitunter entfuhren ihm echt deutsche Flüche. Ich mußte lernen, rechtsum kehrt zu machen. Obwohl ich abends müde war, ging ich doch regelmäßig in die Stadt, um etwas von Land und Leuten zu sehen und meine Lage recht zu beurteilen. Ich litt zuerst sehr unter dem dauernden Angebrülltwerden und unter dem Zwang, mich mit keinem Menschen aussprechen zu dürfen. Ich merkte auch viel von Lastern der älteren Soldaten, und es bedrückte mich, mit Menschen dieser Art zusammen sein zu müssen. Alkoholismus und Abirrungen spielten eine große Rolle. Ich war froh, wenn ich abends allein spazieren gehen konnte, und las dann mit Aufmerksamkeit die neuesten Fernsprüche, in denen die Worte » Nous progressons « (wir schreiten vor) sich immer wiederholten. Aus den Nachrichten konnte ich aber sehen, daß von Fortschritten der Franzosen eigentlich keine Rede war. Am Ende des ersten Tagzehntes bekam ich den lächerlichen Lohn von 55 Centime. Davon wurden mir gleich 15 abgezogen, wofür mir ein Paket Tabak, Zigarettenpapier und Streichhölzer in die Hand gedrückt wurden. Da ich Nichtraucher war und der Tabak den Soldaten billig überlassen wurde, konnte ich meinen Tabak gleich für 25 Centime verkaufen. In Frankreich besteht ja das Tabakmonopol, und der Staat hat einen Vorteil davon, den Soldaten einen Teil des Soldes in Tabak zu geben. Es ist also eine planmäßige Erziehung zum Rauchen, und über diese Tatsache sollte man nicht hinwegsehen, wenn es gilt, sich ein klares Bild von der Entartung der Franzosen zu machen. Wenn Alkohol und Nikotin so gleichmäßig und ohne Unterbrechung über ein Volk ausgeschüttet werden, müssen sie ganz bestimmte Erscheinungen hervorbringen, über die sich mit der Zeit auch die Wissenschaft immer klarer werden dürfte. Die Soldaten drehten ihre Zigaretten mit einer Fingerfertigkeit, die erstaunlich ist. Fast konnten sie es im Schlaf. Obwohl der Lohn so gering war, wartete ich doch jedesmal gespannt auf den Tag der Löhnung und ging beglückt mit den 65 Centimen zur Stadt. Etwas Schreibpapier und Obst, das waren die Einkäufe, die ich mir dafür leisten konnte. Bei jedem Gang richtete ich meine Schritte zu einer Buchhandlung, in deren Fenster ein Plan der Umgegend von Bayonne hing. Auch in der Kammer des Schießunteroffiziers hing eine sehr gute Karte und bald gelang es mir, sie genauer anzusehen, indem ich mich öfter zum Reinigen der Gewehre meldete. Ich kannte bald jeden Weg der Umgegend und wußte, daß die spanische Grenze nur 25 Kilometer entfernt war. In meiner Korporalschaft war ein spanischer Sergeant, der hier als einfacher Soldat diente. Er war von seiner spanischen Truppe hierher entlaufen, um Lorbeeren im Kriege zu erringen. Den hörte ich oft über die schlechte Behandlung schimpfen. Als ihm einmal ein Korporal zu nahe getreten war, hatte er ihn bedroht und war mit vier Tagen Arrest bestraft worden. Er zeigte mir sein Bild in spanischer Uniform und eine spanische Münze, die er im Kriege mit den Riffpiraten erworben hatte. Nach seiner Entlassung aus dem Arrest zeigte er sich sehr mißmutig, und eines Abends fehlte er bei der Musterung. Er war über die Grenze entflohen und kehrte nicht wieder. Die spanischen Kameraden erzählten nach einigen Tagen, daß er Briefe schrieb, er sei glücklich hinübergekommen; er fürchte die Strafe nicht, die ihn dort erwarte. Es gab im Regiment noch viele Enttäuschte. Nur die alten Soldaten, die aus Gewohnheit und weil sie ihre Selbständigkeit verloren hatten, alle Übel hinnahmen und sich in der Freiheit nicht mehr zurecht fanden, waren gleichmütig und erneuerten meist ihre Verpflichtungen nach Verlauf von fünf Jahren wieder. Empörend war, daß mancher neutrale Ausländer durch List in die Legion gebracht worden war. Ein junger Schweizer, der als Mechaniker zu Beginn des Krieges in einer französischen Großstadt ohne Arbeit herumgeirrt war, wurde von der Polizei beschwatzt, er könne eine Stelle in einer Waffenfabrik bekommen, wenn er Militärperson sei, und hatte sich mit dieser Aussicht anwerben lassen. Er war dann gegen seinen Willen als Soldat der Legion festgehalten worden. Deshalb war er jetzt völlig trübsinnig. Mir ging es bald nicht besser. Ich versuchte mich aufzurichten mit dem Gedanken, daß der Dienst bei der Legion für mich nur ein vorübergehendes Erlebnis sei. Böse Geschichten hörte man abends beim Wein. Die Legionäre erzählten, wie es zu Beginn des Krieges in Sidi-bel-abes, von den Legionären genannt »die Hölle«, und in Casablanca hergegangen sei. Das Erste Fremdenregiment bestand zum größten Teil aus Deutschen. Als der Krieg ausgebrochen war, wurde es den Leuten bei der Musterung mitgeteilt. Da man glaubte, die Deutschen würden meutern, hatte man mehrere Kompagnien französischer Kolonialtruppen, die auf die Fremdenlegion schlecht zu sprechen waren, bereitgehalten. Als sich die Leute in den Stuben besprachen und einige Hitzköpfe sagten, man müsse sich weigern, jetzt weiter zu dienen, wurden die feindlich gesinnten Truppen auf die Deutschen losgelassen. Ein wüster Geselle, ein Italiener, brüstete sich, einem Deutschen, dem er Geld schuldig war, bei dieser Gelegenheit mit so und so viel Zoll »kaltem Stahl« zurückbezahlt zu haben. Viele Deutsche wurden bei der Keilerei aus dem Fenster hinausgeworfen und getötet. Die übrigen wurden gefangengesetzt. Mehrere wurden nachher noch wegen Meuterei erschossen. Derartige Sachen hörte ich, und es mußte wahr sein; denn oft fiel die Äußerung: »Wenn wir mal nach Deutschland kommen, dann wollen wir es so machen wie in Casablanca.« Eines Morgens war großer Lärm. Auf dem Kasernenhof kam in geschlossenen Reihen ein großer Zug Engländer an. Bald hörte man, daß es Tschechen seien, die bei Ausbruch des Krieges in England waren, von England erst als Österreicher gefangengesetzt, dann aber freigelassen wurden, als sie sich bereiterklärt hatten, für die Sache der Tschechen mit Rußland gegen Österreich zu kämpfen. Es waren meist junge Menschen: Studenten, Kaufleute und Kellner, die den »Sokols«, Turnvereinen, angehörten. »Nazdar«, begrüßten sie sich. Das ist etwa so, als wenn unsere Wandervögel jetzt »Heil« rufen. Sie hatten auch ein Blatt, das »Nazdar« hieß. Sie wurden von Männern gebildeter Stände geführt; es waren österreichische Reserveoffiziere dabei. Diese Legion der Tschechen wuchs bald auf mehrere tausend Köpfe an, bildete ein ganzes Bataillon und wurde von den Franzosen begeistert empfangen. Der Bürgermeister von Bayonne wurde zum Ehrenvorsitzenden des Empfangsausschusses gewählt. Die Damen der Stadt stifteten eine rotseidene Fahne. Darauf war in Gold ein schreitender Löwe gestickt. Die Tschechen wurden täglich in die Stadt eingeladen und waren wegen ihrer musikalischen Begabung sehr beliebt. Sie waren schon in England militärisch ausgebildet und dann den Franzosen zugesandt worden. Ungern trennten sie sich nach Wochen von der englischen Kleidung, in der sie den Bewohnern auffielen. Mit diesen Tschechen hatte ich bald mehr Verkehr, weil ich in den Flügel der Kaserne kam, in dem sie lagen. Dort war Platz geworden, weil Truppen an die Front gegangen waren. Es wurden von Zeit zu Zeit aus fertig ausgebildeten Rekruten Bataillons de marche gebildet, die den Standort verließen. Jeder trachtete danach, in ein solches Bataillon zu kommen, weil das eintönige Leben in Bayonne verhaßt war. Mittlerweile erregte ich die Aufmerksamkeit des Adjutant Guillot, und er sorgte dafür, daß ich zum fonctionnaire caporal (diensttuenden Unteroffizier) ernannt wurde. Später meldete ich mich auch zum Offizieranwärter. Ich wurde dienstlich mehr in Anspruch genommen, durfte aber abends eine Stunde länger auf Urlaub bleiben. Als meine englischen Sprachkenntnisse entdeckt worden waren, mußte ich auch bald Kameraden unterrichten. Gerade die Tschechen waren meine Schüler, und ich sprach, wenn sie Französisch nicht verstanden, Englisch mit ihnen. Die Namen der Leute sind mir unvergeßlich. Auch den Unterricht, den ich hielt, werde ich nie vergessen: » Le fusil se compose de 6 parties principales: premièrement, le canon et sa boîte de culasse; deuxièment, la culasse mobile etc. ... « (Das Gewehr besteht aus sechs Hauptteilen: erstens dem Lauf und seinem Verschluß; zweitens dem beweglichen Schloß usw. ...) Oft mußte ich mit meiner Truppe zum Schießplatz. Die Kurgäste von Biarritz hatten sich in dem schönen Kiefernwalde einen Schießstand eingerichtet, » le tir Biarritz-Bayonne «, der besonders vornehm ausgestattet war und wie eine große Rennbahn schön gepflegte Rasenplätze, gute Zäune und praktische Einrichtungen hatte. Dieser Schießstand wurde jetzt im Kriege von der Militärverwaltung in Anspruch genommen. Es war ein Genuß, hier einen Vormittag zu verbringen. Jeder Mann schoß jedesmal acht Patronen. Wir schossen auf » silhouettes «, die deutsche Soldaten darstellten. Es wurden immer zwölf Mann abgezählt, die einen Stand einnahmen. Der eine Stand war für liegende, der andere für stehende Schützen, ein anderer für Schießen aus dem Graben. Der Befehl lautete: » Feu de huit cartouches sur les cibles qui sont devant vous à deux cent cinquante mètres – commencez le feu !« (Acht Schüsse auf die 250 m-Scheiben ... Gebt Feuer!) Es waren Scheiben, die alle deutschen Truppengattungen darstellten. Ich dachte: »Auf diese Deutschen kannst du ruhig schießen«, und schoß gut. Ich hatte fast immer die meisten Punkte. Nach mir war ein Tscheche der beste Schütze. Der Kompagnieführer und andere Vorgesetzte stifteten oft Preise. Meist war es Tabak, und die Aussicht, mir mit Schießen etwas Geld zu verdienen, verlockte mich sehr. Ich war ja meistens Gewinner, und als Nichtraucher verkaufte ich dann den Tabak. Auf dem Schießplatz war eine Kantine, in der zwei Schwestern bedienten. Die eine sah immer so ernst aus. Eines Tages erzählte sie mir sehr traurig, ihr Bruder sei kriegsgefangen in Halle. Sie zeigte mir einige Ansichtskarten. Da konnte ich mich nicht enthalten, ihr zu sagen, daß ihr Bruder es nicht schlecht haben könnte, und gestand ihr, daß ich Deutschland recht gut kenne. Bei jeder Gelegenheit suchte ich nun ihre Gesellschaft auf und freute mich, wenn meine Schilderungen ihr Gesicht aufhellten und daß ich mich im Gespräch mit einem Menschen an meine Heimat erinnern durfte. Das Schießen brachte mir auch einen großen Vorteil ein: In mein Dienstbuch wurde eingetragen: » Bon tireur « (Guter Schütze), und mir stand das » cor de chasse « (Waldhorn) zu, ein Abzeichen auf dem Ärmel. Jetzt in Kriegszeiten wurde aber kein Wert darauf gelegt, und ich trug es nicht. Beim Schießen wurde immer genau nachgesehen, daß niemand Patronen bei sich hatte, weil vor kurzem ein rumänischer Legionär einen Sergeanten niedergeschossen hatte. Der Täter wurde gerade in diesen Tagen in Bordeaux erschossen. Die Legionäre erzählten sich die Geschichte jedesmal, wenn wir im Walde an der Stelle vorbeikamen, wo die Tat geschehen war. Mitunter wurden Märsche an den Strand von Biarritz gemacht, dann badeten wir im Meere. Wenn wir an den Villen der Kurgäste vorbeizogen, wurden wir oft mit Liebesgaben bedacht. Unterwegs wurden sehr schöne Marschlieder gesungen. Eins der schönsten war das bekannte Fremdenlegionslied: Soldats de la légion, la légion étrangère n'ayant point de patrie, la France est votre mère ! (Soldaten der Legion, die Fremdenlegion hat kein Vaterland, Frankreich ist Eure Mutter!) Man hörte aber auch Lieder in den Sprachen anderer Nationen, und es fiel auf, welch schöne Lieder gerade die Tschechen hatten. Die Engländer sangen das Modelied: » It's a long way «. Auch die Amerikaner sangen reine Gassenhauer. Seltsamerweise hörte man mitunter auch deutsche Lieder, so: »Ich hatt' einen Kameraden«, aber die wurden mehr aus Scherz gesungen. Eines Tages kam ich aus der Kapelle hinaus und mußte in ein »Marabout« ziehen. Das wurde für mich eine Zeit des Leidens; ich war noch tropisches Klima gewöhnt und litt sehr unter der Nässe und Kälte. Das nasse Stroh, das mir als Lagerstatt diente, ist mir noch in schrecklicher Erinnerung. Zudem wurden die Anstrengungen des Dienstes immer größer. Die Märsche dehnten sich weit in die Gebirgsketten hinein, und es war nicht selten, daß eine ganze Anzahl Soldaten am Wege liegen blieben. Es gingen zwar immer einige Hilfswagen mit, in die die ersten Kranken hineingepackt wurden. Viele andere aber konnten nicht mehr aufgenommen werden, sie hielten sich an den Wagen oder blieben liegen, und dann mußten Unteroffiziere bei ihnen zurückbleiben, die ihnen das Leben nicht gerade erleichterten. Wenn die Wagen zur Kaserne zurückkehrten, wurden die Schlappgewordenen unter höhnischen Bemerkungen der Zuschauer ausgeladen. Wer nicht wirklich krank war, wurde schwer bestraft. Die Märsche hatten für mich viel Wert, weil wir dabei der spanischen Grenze nahe kamen. Mitunter gingen wir gerade auf den Landstraßen, die für eine Flucht in Betracht kamen, und ich prägte mir die Merkmale des Weges ein. Wir übten hier das Vordringen der Truppen auf Landstraßen. Als erste wurden vorgeschoben » les éclaireurs «, einige Leute, die sich, im Weggraben möglichst versteckt, vorschleichen und bei jedem Verdächtigen stehenbleiben und es untersuchen müssen. Mit ihnen verbunden ist die » avant-garde «. Dahinter durch Verbindungsleute verbunden das Gros. Dann folgt die » arrière-garde «, und das ganze wird flankiert durch die « flancs-gardes «. Das alles stand auch in meinem Unterrichtsbuch. Die praktische Einübung konnte für mich nirgends lehrreicher sein als hier in den Vorpyrenäen. Sehr gerne übernahm ich die Aufgabe des éclaireur und hoffte, dabei der spanischen Grenze recht nahe zu kommen und womöglich gleich zu entfliehen. Je besser ich die Gegend kennenlernte, desto mehr wurde in mir der Plan zur Flucht gefestigt. Die Stadt, die ich mir hinter der spanischen Grenze als Ziel ausgesucht hatte, hieß Pamplona; für eine Flucht von der Küste aus kam San Sebastiano in Frage. Um den Plan zur Flucht zu vervollständigen, wollte ich Urlaub in die Umgebung haben, aber leider bekamen wir Fernurlaub nur nach Biarritz. So benutzte ich erst einmal diesen Urlaub nach dem berühmten französischen Badeort am Ufer der Biskaya. Erklärung zu [neben]stehendem Bilde. Die Korporalschaft des Lefèvre in Bayonne. Oberste Reihe: Belgier, Garibaldianer, Kirsch, Ungar Korroszeck, Pinter und ein Unbekannter. Der Belgier hatte einen Sprachfehler. Er erzählte viel von Greueltaten der Deutschen in seiner Heimat, fand aber bei seinen Übertreibungen heftigen Widerspruch und wurde darüber jedesmal sehr erregt. Der Garibaldianer stammte aus Neapel. Kirsch ist im Wachanzuge mit Patronentasche. Korroszeck war früher Friseur gewesen; er verstand zu hypnotisieren. Er pflegte sich sehr, besonders seinen Bart. Er sprach gut Deutsch und Französisch und sang gut: »O Stolzenfels am Rhein« und das »Heidegrab«. Sitzend: Garibaldianer, Lefèvre, Sergeant Vogel, Rumäne Korporal Surresco, ein Unbekannter; hockend ein Belgier. Der Sergeant Vogel war Elsässer, ein feiner Mensch. Er diente schon sehr lange in der Legion. Surresco sprach ein anderes Französisch als Pinter, was Kirsch auffiel und ihn bestärkte, in Pinter einen Deutschen zu sehen. Dem Belgier stand sein großer Bart schlecht zu seinem kindlichen Gesicht. Er wurde von den Kameraden Pantoffelheld genannt, weil seine Frau ihm nach Bayonne gefolgt war. Sie war sehr groß und suchte ihren Mann freizubekommen. Sie nähte Uniformen, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Der Mann ist sehr bald gefallen. Auf dem Erdboden sitzend: Ein Boy-scout (Pfadfinder), der Neger Chocolat, ein Schweizer, ein Kanadier. Der Pfadfinder trieb sich in der Kaserne umher, der Neger war aus Réunion. Er wurde von allen verhätschelt. Der junge Schweizer war gegen seinen Willen in die Legion gesteckt worden. Der Kanadier war Kriegsfreiwilliger, ein Sohn reicher Eltern und gut erzogen. Er trägt auf dem linken Arm ein Kammrad, ein Pionierabzeichen. Erklärung zum nebenstehenden Bild Kameraden im Hofe der Klosterkaserne in Bayonne. Angehörige der 7. Kompagnie des 1. Fremden-Regiments, außerdem Tschechen, die aus England gekommen waren und eine Legion für sich bilden sollten. Oberste Reihe von links: Ein Spanier, ein Franzose, ein Belgier, ein Tscheche, ein Russe, ein Tscheche. Zweite Reihe von links: Der Luxemburger A., der sich in Paris vor dem Transport nach der Front entfernte, ein Belgier, daneben die auffallend große Erscheinung des Österreichers (angeblich Rumänen) Pinter, den Kirsch, als diese Aufnahme gemacht wurde, übrigens noch nicht kannte, da er einer anderen Kompagnie angehörte. Im hellen Anzug ein Amerikaner, daneben ein Franzose, im Hintergrunde der erwähnte Korporal Surresco. Übereinander die Gesichter zweier Garibaldianer, daneben ein Engländer und ein Tscheche, der in Paris studiert hatte. Über dem Sergeanten Mangin, dem Mann mit den goldenen Ärmelstreifen, ein Garibaldianer, dann ein Tscheche, zwei Garibaldianer, zwei Tschechen; vor der Mitte des Fensterladens ein Schweizer mit einem sehr jungen Gesicht. Dies war der Unglückliche, der sich für Arbeit in einer Waffenfabrik hatte anwerben lassen und gegen seinen Willen in die Fremdenlegion gesteckt worden war. Daneben mit der Marokko-Medaille der Korporal Lefèvre, dahinter Kirsch selbst, den Lefèvre zu der Aufnahme von der Stube herangeholt hatte; neben Kirsch ein Mann von der Wache. Sitzend : Drei Tschechen, auf der anderen Seite des Sergeanten drei Garibaldianer. In der vordersten Reihe links, kniend, ein Türke, der als Kaufmann in Südamerika viel Geld verdient hatte und gut Französisch sprach. Als die Kriegserklärung mit der Türkei herausgekommen war, fehlte er bei der Musterung. Einige Tage später brachten ihn einige Gendarmen wieder ein. Man erkannte ihn aber nicht gleich, weil er, wie man bei der deutschen Marine sagt, »tip-top in Schale war« ( bien foutu sagt der französische Soldat). Er war in dieser ›Kluft‹, die er sich neu gekauft hatte, nach St. Jean de Luz gefahren, um Spanien zu erreichen und nach seiner Heimat – Syrien – zurückzukehren. Der Adjutant Gouillot schnauzte ihn mit seiner Kinderstimme an, der Türke aber antwortete bestimmt und ruhig: er könne doch unmöglich französischer Soldat sein, wo seine Landsleute gegen die Franzosen kämpften. Merkwürdigerweise kam er mit einer geringen Strafe davon. Sein Vergehen wurde nur als Urlaubsüberschreitung aufgefaßt, weil die aufrechte Haltung des Mannes den Vorgesetzten gefallen hatte. Mit einem der nächsten Transporte wurde er nach Algier, nach Sidi-bel-Abbes, geschickt, wo er gegen die Marokkaner verwandt werden sollte. Daneben zwei Juden, die man bei den unglaublichsten Gelegenheiten Karten spielend antraf. Auf dem Marsch, in Pausen, wenn die Kameraden sich erschöpft ausstreckten, kam ein Kartenspiel hervor; nachts spielten sie bei einer Talgkerze in einer Ecke neben ihrem Strohsack. Oft verbot der aufsichtführende Korporal du jour das Spiel. Sobald er aber den Rücken drehte, flackerte die Kerze wieder auf. Sie spielten stets um Geld. Einmal wurden sie beide, weil sie fortgesetzt gegen das Verbot der Vorgesetzten zur Nachtzeit spielten, mit Arrest bestraft. Das machte ihnen aber nichts aus, im Gegenteil, man hatte den Eindruck, als ob sie sich freuten, weil sie nun mehr Zeit zum Spielen hatten. Die Arrestanten waren nämlich zu acht bis zehn Mann in einem Raum eingesperrt und schliefen auch zusammen auf einer großen Pritsche. Es war rührend, wie besonders der im dunklen Anzug (ohne Mantel) gekleidete russische Jude nicht müde wurde, Gelegenheiten zu kleinen Geschäften zu benutzen. Wenn alles abgespannt und fröstelnd in den Marabus, den Zelten, lag, erfreute der Mann andere durch seine Betriebsamkeit, indem er draußen aus ein paar Ziegelsteinen einen Herd baute und in wenigen Minuten einen warmen Tee kochte, den er für einen Sou den Becher verkaufte. Die Kameraden schlugen sich darum. Er stand in Verbindung mit all den Althändlern und Trödlern von Bayonne. Es folgen auf der Erde sitzend zwei Garibaldianer, dann zwei Spanier und neben dem Gewehr kniend ein Student, ein Pole, der in Parts die schönen Künste ( les beaux arts ) studierte und ein gewandter Bildhauer war. Er war sehr gut angeschrieben, weil er dem Oberst eine Büste aushaute. Fluchtversuch in den Pyrenäen Urlaub nach Biarritz gab's nur am Sonntag, und Mittagessen war dann schon um 10 Uhr. Ich ging mit meinem Urlaubsschein zum Bahnhof und nahm die elektrische Eisenbahn: » B à B « (Bayonne nach Biarritz). Urlaubsschein nach Biarritz, ausgestellt für den 8. November, von Kirsch wiederholt benutzt, wie die Beränderung in »28« zeigt. Links der Dienststempel des Regiments mit der platzenden Granante. Auf all den großen Hotels von Biarritz wehte die Genfer Flagge, und es lagen Verwundete darin. Man sah viele vornehm gekleidete Rote-Kreuz-Damen. Ich eilte dem Strand zu und hoffte auf eine Möglichkeit, zu Wasser den spanischen Badeort San Sebastiano zu erreichen. Es war ein herrliches Wetter, und die See lag ruhig da. An manchen Stellen fiel die Küste steil ab. Treppen führten zum Strand hinab. Ich kam an eine Stelle, die Chambre d'amour heißt. Da bemerkte ich viele Fischerboote der baskischen Fischer und dachte mit solch einem Boot zu entkommen. In der Ferne sah ich ein Vorgebirge, das schon spanisch war. Auf einem Felsen saßen einige verwundete Soldaten, mit denen ich mich in ein Gespräch einließ. Sie zeigten mir, wo San Sebastiano liege. Ich ging hinunter, den Strand weiter entlang, bis ich an einem entlegenen Platz eine Jolle bemerkte, die mit Riemen zum Rudern versehen war. Ein Anker hielt das Boot nach Land hin fest. Ich nahm den Anker auf und warf ihn in das Boot. Das Wasser stieg gerade. Ich konnte das Boot schon vorwärts schieben und wäre gern losgefahren; aber da kam dummerweise ein Trupp Leichtverwundeter, die ihren täglichen Spaziergang machten. Die riefen mir zu: » Hé! Le pioupiou , willst du spazieren fahren?« Als sie näher kamen und die Zahl 1 auf meinem Kragen sahen, da fragten sie mich erstaunt: »Bist du vom ersten Regiment in Lille?« Dies war eins der angesehenen » Régiments de fer de l'est «, der »eisernen Regimenter des Ostens«. Ich sagte: »Seht mich mal genauer an.« »Das ist ja einer von der Fremdenlegion«, sagte da einer, und die Neugierde wurde noch größer. Sie waren Neulinge und wollten mehr von mir wissen, und ich mußte erzählen. Endlich wandten sie sich von mir ab, setzten sich aber auf einen Felsblock in der Nähe und begannen Karten zu spielen. Ich ärgerte mich darüber. Es hatte keinen Zweck, unter den Augen der Soldaten in das Boot zu steigen. Ich ging deshalb weiter, bemerkte aber bald, daß an anderen Stellen Wachtposten standen, denen es auffallen mußte, wenn ich mich auf das Meer hinausgewagt hätte. So ging ich am Strand hin und her und konnte keine Gelegenheit finden, mich unbemerkt zu entfernen. Gegen Abend mehrte sich die Zahl der Spaziergänger. Als ich mich darunter mengte, wurde ich angerufen. Ich bemerkte einen Stubenkameraden, einen Korsen, der zwei Mädels bei sich hatte. Er sagte: »Zwei sind mir zu viel, nimm mir mal eine ab.« Er ging voraus und führte uns in eine Fischerkneipe. Dort kam ich mit dem Mädel ins Gespräch und hörte, daß sie aus Cambo sei, einem Ort, der nicht weit von der spanischen Grenze liegt. Ich horchte auf und wurde lebhaft, was sie sich nicht anders erklären konnte, als daß ich an ihr und ihren Angelegenheiten Gefallen fände. Sie gab mir ihre Anschrift. Sie wohnte in einer Fremdenunterkunft, in der sie Dienstmädchen war. Ich versprach ihr zu schreiben und tat das auch gleich am nächsten Tage. Schon am nächsten Donnerstag fuhr ich ohne Urlaubsschein nach Biarritz und ging mit meiner Freundin spazieren. Als ich sie am darauffolgenden Donnerstag wieder besuchte und unsere Freundschaft fester wurde, bat sie mich, ich solle am nächsten Sonntag nicht nach Biarritz, sondern zu ihr, in ihre Heimat, nach Cambo fahren, da sie an diesem Tage ihre Eltern besuchen wolle, die sie monatlich nur einmal zu sehen bekäme. Sie schilderte ihr Heimatdorf in den schönsten Farben, und ich sagte zu, obwohl ich wußte, daß ich nach Cambo keinen Urlaub bekommen konnte. Sie war sehr erfreut, daß ich einwilligte, und versprach mir, brieflich noch mehr über unser Zusammentreffen mitzuteilen. Am Samstagmorgen erhielt ich denn auch einen Brief, in dem sie Ort und Zeit unserer Zusammenkunft bestimmte. Diese Briefe bewahrte ich zum Glück in meiner Rocktasche auf, und sie wurden für mich noch wertvoll. Ich beantragte für Sonntag, um nur mit der Bahn fortzukommen, Urlaub nach Biarritz, packte in der Kaserne alle Sachen zurecht, die ich der französischen Heeresverwaltung lassen wollte, und nahm nur mit, was ich in der Tasche tragen konnte. Ich hatte auch etwas Geld verdient, indem ich für einen bemittelten Kameraden Wache gestanden hatte. In der französischen Armee ist es Sitte, daß sich ein Reicher mit Geld vom Dienst loskauft. Es gibt festgelegte Preise für verschiedene Dienstverrichtungen. Eine Stunde Wache bei Tage kostet 1 Frank, bei Nacht 1,50 Frank. Ich löste mir einen Militärfahrschein nach Biarritz. Es war 11 Uhr 30 vormittags. Die Bahn hat eine Abzweigung, die in die Nähe von Cambo führt. Diese Zweigbahn benutzte ich und ging dann zu Fuß eine Straße entlang, die ich schon von den Märschen der Legion kannte. Es begegneten mir Bauern in ihren ländlichen Trachten und sahen mich aufmerksam an. Sie dachten wohl, ich sei ein Urlauber, der in sein Heimatdorf beurlaubt ist. Ich hatte einige Stücke Brot mitgenommen, die ich mit gutem Hunger verzehrte. Der Treffpunkt, den das Mädchen mit mir verabredet hatte, war der Neubau des Bahnhofs. Da es aber noch einige Stunden hin war bis zu dem Stelldichein, ging ich durch die Stadt hindurch und sah mir die Häuser an, die alle aus grauen Steinen gebaut waren. Fast jedes Haus trug die Aufschrift » maison «. Die Leute sahen mir nach. Ich hörte sie sagen: » Quel grand gaillard « (welch großer Bursche). Die meisten Einwohner waren auf dem Kirchplatz versammelt, um dem Ballspiel, dem » pelote basque «, zuzusehen. Für dies Nationalspiel haben die Basken eine große Leidenschaft, und es ist vorgekommen, daß Basken, die im Auslande reich wurden, große Summen ausgaben, um berühmte Ballspieler heranzuholen. Auf die berühmten Berufsspieler, die, wie die Stierkämpfer in Spanien, in großem Ansehen stehen, wird gewettet. Diese Leute werden meist nicht alt, weil sie sich überanstrengen. Der Ball, mit dem gespielt wird, ist aus Gummi und eisenhart. Die Spieler tragen an der Hand festgebunden ein Holzschiffchen, in das der Ball beim Abwurf gelegt wird. Zum Werfen gehört eine sehr große Geschicklichkeit. Jedes baskische Dorf hat einen Spielplatz mit einer etwa zehn Meter hohen Mauer, die je nach dem Wohlstand des Dorfes mehr oder weniger künstlerisch ausgestaltet ist. Die Basken haben übrigens wenig Sinn für den französischen Militärdienst. Das liegt auch daran, daß ein Teil von ihnen in Spanien wohnt und sie deshalb für keine der beiden großen Nationen fühlen können. Sie bilden den Rest des alten Volkes der Iberer, die zu Cäsars Zeiten noch weit über den Westen hin verbreitet waren, und bewohnen jetzt nur noch den Westflügel der Pyrenäen, das Gebiet im äußersten Winkel des Golfes von Biskaya. Im französischen Pays Basque wohnen noch etwa 120 000 Basken. Auch Bayonne liegt in dem Gebiet, ist aber fast ganz französisch, und man merkt im Wesen der Bevölkerung hier keinen Unterschied gegen andere südfranzösische Städte. Für den Charakter der Basken war es von Einfluß, daß sie sich unabhängig hielten, als Spanien von den Arabern unterworfen wurde, und daß sie auch später eigene Rechte zu wahren wußten. Während des Spiels wandten die begeisterten Zuschauer keinen Blick von den Gestalten der buntgekleideten Spieler. In einer Spielpause aber sahen mich alle Leute neugierig an. Das war mir peinlich, und ich entfernte mich allmählich. Als ich die letzten Häuser hinter mir ließ, sah ich, wie die Straße in das Gebirge hinaufführte. Da faßte ich den schnellen Entschluß, dieser Straße zu folgen und nicht erst auf das Mädchen zu warten. Jetzt schritt ich kräftig aus, und ließ die Kilometersteine mit den Zahlen 7, 6, 5, 4, 3, 2 hinter mir. Ich begegnete mehreren Fußgängern, wagte aber nicht zu fragen, wo die Grenzwache sei, die ich vermeiden mußte. Mit einem Male glaubte ich in der Ferne eine Uniform zu sehen und bog von der Hauptstraße ab über einen Steg, der seitlich über einen Bach führte und auf einen kleinen Weg auslief. Ich nahm mir einen fernen Berggipfel als Richtpunkt und kam höher ins Gebirge hinein; zuerst in einen Kiefernwald, dann immer höher in lichteren Pflanzenwuchs, mit Dorn-Ginster und Krüppelkiefern. Es wurde spät. Die Sonne ging unter. Ich ging in der Dämmerung weiter und kam an eine Hütte, deren Hinterwand durch einen Felsen gebildet wurde. Es war wohl eine Rasthütte für Bergsteiger. Ich klopfte an und bekam keine Antwort. Da öffnete ich die Tür und fand in der Hütte einen Tisch, eine Bank und eine Feuerstelle mit Holz. Ich beschloß, die Nacht hier zu bleiben. Feuer durfte ich nicht machen. Streichhölzer hatte ich bei mir, fürchtete aber, der Schein könnte mich verraten. Hungrig und müde legte ich mich auf die Pritsche und versuchte einzuschlafen. Es war aber kalt. Ich wickelte meine Binde um die Füße, das half nicht. Nun ging ich hinaus und wollte trotz der Dunkelheit weitergehen; aber ich kam jedesmal in Sümpfe. Es mochte ein Hochmoor sein, in das ich mich verirrte. Bergkuppen warfen vom Mondschein weite Schatten, und Nebelschwaden kamen herab. Mit nassen Schuhen kehrte ich zur Hütte zurück. Ich dachte: Jetzt wird in der Kaserne » extinction des feux « (Licht aus!) geblasen, aber man wird dich nicht vermissen, denn bis zum nächsten Abend wird mit der Meldung gewartet. Die Pritsche hing etwas schief, und ich mußte sie durch Reisigbündel stützen. In der Morgendämmerung erwachte ich mit schmerzenden Gliedern. Ich war steif von der schlechten Lage und vor Kälte. Und hungrig war ich. Als ich vor der Tür stand, sah ich auch, in welche Wildnis ich hineingeirrt war. Der Pfad verlor sich, ich ging deshalb seitab und suchte mir einen neuen Weg. So kam ich an eine Stelle, an der eine Felsplatte war. Die Kletterei war nicht ungefährlich. Unterhalb führte der Pfad weiter. Als ich ihn erreicht hatte, folgte ich ihm auf gut Glück und kam in eine Gegend, wie sie in den Pyrenäen nicht selten ist und » le cirque « genannt wird. Ich dachte, nach der Entfernung, die ich schon zurückgelegt hatte, könne die spanische Grenze nicht mehr weit sein, und glaubte gar, ich hätte die Grenze bereits auf der Höhe überschritten. Tief unten im Tal lag ein kleines Dorf. Zwischen den Häusern sah ich Menschen und auch Uniformen. Da die Entfernung weit war, konnte ich Genaues nicht zu unterscheiden, glaubte aber, es seien spanische Zollwächter und Grenzaufseher. Ich schritt schnell vorwärts. Der Weg schlängelte sich zwischen Felsblöcken hindurch. Ich glaubte in völliger Gebirgseinsamkeit zu sein. Da mit einem Male donnerte eine tiefe Stimme: » Hé! là-bas !« (he, da unten!) Ich blieb erschrocken stehen, konnte aber niemand sehen und wollte schon weitergehen, als der Ruf wiederholt wurde. Jetzt sah ich den Felsen hinauf und bemerkte auf einem Felsvorsprung die regungslose Gestalt eines Mannes, der einen Karabiner schußbereit in den Händen hielt. Ich erkannte eine blaue Uniform und das französische Käppi und wußte, daß ich einem Grenzgendarmen in den Weg gelaufen war. Ich war wie gelähmt und wußte nicht, was ich tun sollte. Schon, daß mich in dieser Einsamkeit eine menschliche Stimme anrief, hatte mich erschreckt, jetzt wußte ich nicht, sollte ich fliehen oder dem Zuruf folgen? Allein der Mann war nur fünfzig Meter von mir entfernt, und auch ein Sprung hinter den nächsten Steinblock hätte mich nur auf Sekunden in Sicherheit bringen können. Zudem konnte ich nicht wissen, ob nicht noch mehr Wächter hier verborgen waren. So mußte ich mich denn der Stellung des Postens nähern. Die seltsamsten Empfindungen beherrschten mich. So nahe der spanischen Grenze, so nahe vor dem Gelingen der Flucht, fiel ich in die Gewalt der Polizei, die mich der harten Strafe des französischen Kriegsgerichtes ausliefern mußte. Der Posten wies mich durch Zurufe an, so zu gehen, daß er mich dauernd beobachten konnte, bis ich vor ihm stand. Dann zog er eine Trillerpfeife aus der Brusttasche und pfiff mehrmals laut. Einen Augenblick hatte ich den Plan, dem Wächter die Waffe zu entreißen und talwärts zu fliehen, aber der Mann, vor dem ich stand, beobachtete mich scharf und schien auf so etwas gefaßt zu sein. Der Pfiff wurde aus der Ferne erwidert, und nach einiger Zeit näherten sich zwei andere Grenzwächter. Inzwischen hatte ich mich gefaßt und stellte mich so unschuldig wie möglich. Das rührte den Wächter gar nicht, denn ich hatte einen erfahrenen Beamten vor mir, der die Ausflüchte eines ertappten Missetäters wohl nicht zum erstenmal hörte. Die Wächter freuten sich über ihren Fang und machten hämische Bemerkungen über meinen vergeblichen Versuch, die Grenze zu erreichen. Einer der neu Angekommenen nahm den Platz des Wächters ein, und befahl mir, ihm zu folgen, während der zweite mit schußbereitem Karabiner hinter mir ging. Auf einem Bergpfade erreichten wir die Landstraße und von da das Haus der Zollwächter, das an der Landstraße lag, die ich am Tage vorher verlassen hatte. Unterwegs erhaschte ich noch einen Eindruck, der meine Gedanken lebhaft beschäftigte: Mehrere baskische Mädchen kamen lachend und singend die Straße entlang. Sie waren wohl im Nachbardorf zur Kirche gewesen. Als sie den kleinen Trupp gewahrten, verstummten sie, und ich glaubte ihren Gesichtern anzusehen, daß sie für mein Geschick Verständnis empfanden. Wahrscheinlich lebten auch sie, wie das ganze Grenzvolk, mit den Grenzwächtern im Kriege und hatten beim Schmuggel erlebt, daß Angehörige auf gleiche Weise von den Grenzwächtern abgeführt wurden. Auf dem Zollhause drängten sich viele uniformierte Wächter. Als ich in den Wachtraum geführt wurde, machte man Bemerkungen über mich. Mir war das bald gleichgültig, und ich empfand nur noch Müdigkeit und Hunger. Seit vierundzwanzig Stunden hatte ich nichts Rechtes gegessen und fragte einen der Beamten, ob ich etwas bekommen könnte. Man setzte mir Kaffee, Brot und Käse hin. Als der Zollwächter mich ausfragte, sagte ich, ich wisse gar nicht, weshalb man mich hier festhalte, ich sei ein harmloser Spaziergänger. Darauf erhob sich ein Gelächter. Der Offizier sagte: » On le verra bien «, (das wird man schon sehen!) und befahl am Fernsprecher zwei Reiter heran. Nach einiger Zeit hörte man vor dem Hause Pferdegetrappel. Zwei Reiter kamen und meldeten sich bei dem Offizier zur Stelle. Der Offizier gab ihnen ein Schreiben, das er inzwischen fertiggestellt hatte. Die beiden schwangen sich auf ihre Pferde und ließen mich wie einen Verbrecher zwischen den Pferden gehen. Nach stundenlangem Marsch kamen wir auf dem Bahnhof an, den ich gestern mit so großen Hoffnungen verlassen hatte. Nur einmal hatten wir unterwegs gehalten und hatten einen großen Zusammenlauf von Dorfbewohnern veranlaßt. Ich war den neugierigen Blicken der vielen Gaffer ausgesetzt und mußte die Reihen fremder Menschen durchschreiten, die sich mein Schicksal auf alle mögliche Weise ausmalen mochten. Ich war froh, daß es dunkel geworden war, als wir mit der Bahn weiter fuhren. Der eine der Reiter hatte das Pferd dem andern überlassen und war mit mir in den Zug gestiegen. Spät am Abend erreichten wir Bayonne. Der Reiter führte mich geradenwegs zum Militärgefängnis. Dort wurden Angaben über mich in ein Buch eingetragen, dann schob man mich in eine Zelle, deren Tür sich geheimnisvoll hinter mir schloß. Todmüde tastete ich nach der Bettstelle und zog die beiden wollenen Decken über mich, die der Wärter mir in die Hand gedrückt hatte. Trotz aller Erlebnisse und trüben Aussichten für die Zukunft schlief ich sofort ein und merkte nur noch, daß die Zelle mit Zentralheizung geheizt war, im Gegensatz zu der kalten und feuchten Hütte, die mich gestern im Hochgebirge beherbergt hatte. Vor dem Kriegsgericht – Im Gefängnis Klopfen des Wärters weckte mich am nächsten Morgen aus tiefem Schlaf. Der Wärter brachte Kaffee und Brot, dann war ich bis zum Mittagessen mit meinen Gedanken allein. Als Mittagessen wurde mir ein zusammengekochtes Soldatenessen gegeben. Bald danach hörte ich den Wärter die Tür öffnen und rufen: » garde-à-vous !« (Achtung) und ein großer, hagerer Gerichtsoffizier betrat mein Heim. Geschäftsmäßig nahm dieser verlebt aussehende, verknöcherte Vertreter der Justiz die Angaben auf, die er von mir haben mußte. Seine Augen, die von schwarzen Rändern umgeben waren, richteten sich durch einen Kneifer auf das kleine Ledermerkbuch, in das er mit blassen, hageren Fingern hastig schrieb. Als der frostige Mensch meine Zelle verlassen hatte, kam der Wärter wieder zu mir und fragte in seiner schnauzigen, aber biederen Art, ob ich denn gewußt habe, wer das sei? Es sei der untersuchende Offizier gewesen, und der solle zugleich meine Verteidigung übernehmen. Der Nachmittag war trübe. Ich ging in meiner Zelle auf und ab und überdachte meine Lage. Sie schien mir hoffnungslos. Ich wußte, man würde mich erschießen, auf lange Lebensjahre einkerkern oder in einer Arbeitskolonie verbrauchen. Schilderungen der Legionäre fielen mir ein, und ich dachte mit Schrecken an die Strafkolonie in Algier, an Berriby mit seinen Foltern und Qualen. Dann wieder stellte ich mir das Kriegsgericht und meine Richter vor und dachte auch daran, daß ich mir eine Gnade erbitten wollte. Es erschien mir schon als eine Beruhigung, von den Richtern die Erlaubnis zu bekommen, meinen Eltern eine Mitteilung über mein Geschick zu senden. Ich dachte, über die Schweiz müßte das gehen. Diese zweite Nacht in Haft war zu lang! Ich träumte unruhig und wachte mehrmals auf. Am nächsten Vormittage war die gerichtliche Untersuchung. Ich gab alles an, was ich zugeben mußte; wenn man mir aber zumutete einzugestehen, ich habe über die Grenze entfliehen wollen, dann leugnete ich hartnäckig. Am Nachmittag ereignete sich etwas, was für mein Schicksal bedeutend werden sollte, so gleichgültig es auch zuerst aussah: Der Wärter, der alte Schnauzbart, von dem ich längst gemerkt hatte, daß sich bei ihm in rauher Schale ein guter Kern versteckte, kam an meine Zelle und gab mir einen blauen Brief. Er war aus Biarritz von meiner baskischen Freundin. Sie machte mir bittere Vorwürfe, daß ich mein Versprechen nicht gehalten habe und nicht gekommen sei. Als ich den Brief gelesen hatte, warf ich ihn achtlos beiseite. Das kleine Abenteuer mit der Baskin erschien mir zu unbedeutend gegen mein Geschick, und meine Gedanken waren in der Heimat. Mit einem Mal, als ich gegen Abend grübelnd auf und ab ging, sah ich den Brief daliegen und ergriff ihn hastig. Mir war eingefallen, daß meine Flucht vielleicht gelungen wäre, wenn ich das Mädchen bei mir gehabt hätte, und an diesen Gedanken reihte sich ein anderer, der mir wie ein Hoffnungsstrahl entgegenleuchtete: Der Brief des Mädchens müsse mir zur Befreiung werden. Kirschs Freundin, die Baskin, deren Briefe ihn retteten, als er vor dem Kriegsgericht stand. Es erschien mir als ein gütiges Geschick, daß dieser Brief mich so schnell erreicht hatte und von meiner Kompagnie gleich nach dem Gefängnis weitergesandt worden war. Ich steckte den Brief zu zwei anderen Briefen meiner Freundin in die Rocktasche. Gerade der Brief, in dem die Urlaubsreise nach Cambo verabredet wurde, und dieser nachträgliche Brief konnten mich retten. Am nächsten Morgen sagte mir der alte Wärter, ich solle mich bereithalten, gegen zehn Uhr sei die Verhandlung des Kriegsgerichts. Um mir eine besondere Wohltat anzutun, brachte er mir schon gegen acht Uhr mein Quart Rotwein, das ich sonst immer erst zu Mittag bekam. » Tiens, bois ton pinard «, »da, trink deinen Wein«, sagte er, »du kannst es gebrauchen.« »Pinard« ist bei den französischen Soldaten der Spitzname für Wein, etwa so wie Brot beim deutschen Kommiß »Torf« genannt wird. Ich wartete ungeduldig. Kurz vor zehn Uhr kamen zwei Korporale und führten mich durch die Gänge des Gefängnisses über den Hof nach dem Verhandlungszimmer. Ich mußte noch eine Zeitlang draußen warten und beobachtete, wie Gerichtsdiener mit Akten ein- und ausgingen. Die Einrichtung des Zimmers, in dem sich mein Schicksal entscheiden sollte, ist schnell beschrieben: Als ich hineingeführt wurde, bemerkte ich zuerst einen großen, länglichen Tisch, über dessen Mitte eine Trikolore gebreitet war; darauf stand ein Kruzifix. Zwei französische Offiziersdegen waren so auf das Fahnentuch gelegt worden, daß sie sich kreuzten. In der Mitte hinter dem Tisch saß der Vorsitzende des Gerichts, ein höherer Offizier mit weißem Bart. Zwei jüngere Offiziere saßen rechts und links von ihm. An einem Tisch daneben sah ich den Offizier, der mich verhört hatte und meinen Verteidiger spielen sollte, und an einem Tisch abseits schrieb der Gerichtsschreiber. An der Wand hing ein Bild des ›Retters von Frankreich‹, des Generals Joffre. Ich stand auf dem freien Raum vor dem Tisch; hinter mir mit gekreuzten Armen die beiden Korporale. In einer Ecke des Zimmers saß hinter dem Schreiber als Zeuge der Zollwächter, der mich aufgegriffen hatte. Er war heute in seiner besten Uniform zur Stadt gekommen, offenbar um bei dieser Gelegenheit mit Hilfe der Zeugengebühren in Bayonne die Eindrücke der größeren Stadt zu genießen. Ein Offizier las aus den Akten Angaben über mich vor. Dann wurde die Anklage vorgelesen, so daß mir und den Richtern alles in Erinnerung gerufen wurde, was vorgefallen war. Auch Akten von der Kompagnie waren zur Stelle. Der Kompagnieführer hatte ein gutes Zeugnis geschrieben. Es hieß darin etwa: »Kirsch ist ein guter Soldat gewesen, stets eifrig im Dienst, sauber im Zeug. Er hat sich die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erworben; er war Unteroffizierdiensttuer, war unbestraft und hat sich für die Offizierslaufbahn gemeldet. Gründe für einen Fluchtversuch sind hier nicht bekannt, und seine Handlungsweise ist unerklärlich.« Das alles wurde geschäftsmäßig vorgelesen. Die Richter machten nicht gerade aufmerksame Gesichter dabei, und als die Stimme des lesenden Offiziers verhallt war, merkte der Vorsitzende auf und fragte mich in langweiligem Tone: »Stimmt das alles? Haben Sie vielleicht noch etwas dazu zu sagen?« Als ich nichts dazu zu sagen hatte, wurde die eigentliche Anklage vorgelesen, mit der die Verhandlung eingeleitet werden sollte. Es hieß darin, ich sei wegen Fahnenflucht angeklagt, denn ich sei auf dem Wege nach der spanischen Grenze unter verdächtigen Umständen festgehalten worden. Das Urteil, das die Kompagnie über mich abgegeben hatte, gab mir neuen Mut. Zugleich beschäftigten sich meine Gedanken mit den Briefen, die ich in der Brusttasche trug, und ich brannte auf den Augenblick, wo ich sie zu meiner Verteidigung herausbringen konnte. Ich war erfüllt von der Wahrheit dessen, was ich mir jetzt selbst als Wahrheit vorstellen mußte, und schon als die Anklage vorgelesen und mir das Wort »Fahnenflucht« ins Gesicht geschleudert wurde, wollte ich den Entrüsteten spielen und konnte mich kaum beherrschen, dazwischen zu reden. Als endlich die Anklage verlesen worden war und ich das Wort bekam, wußte ich, was in diesen Minuten auf dem Spiele stand, und brachte meine Verteidigung in einer Rede vor, wie ich sie besser nie vorher auf Französisch gehalten hatte. Ich sagte etwa: »Meine Herren! Ich bin außer mir, daß man mir eine so ungeheuerliche Handlungsweise wie Fahnenflucht vorwirft. Ein solches Vergehen widerstrebt ganz und gar meiner Begeisterung für die Trikolore und meinem Ehrgefühl. Ich habe meiner Truppe mit Eifer gedient, das hören Sie aus dem Zeugnis des Kompagnieführers. Wie kann man mir außerdem zumuten, daß ich gerade über die spanische Grenze entfliehen sollte, wenn mir auf französischem Boden etwas nicht paßte. Als wenn mir nicht Wege genug anderswohin offen gestanden hätten. Aus Begeisterung für die Legion habe ich Afrika verlassen, um hier in Frankreich Dienst zu nehmen. Was konnte mir in Spanien Gutes winken? Wir sehen täglich hier in Bayonne, gerade wir Soldaten, die ihr reichliches Essen und ihr Quart Wein vom Staate bekommen, die spanischen Hungerleider ( les crèves de faim espagnols ), die über die Grenze kommen und sich hier anwerben lassen, nur um endlich einmal ein warmes Essen in den Leib zu bekommen. Kann man es doch täglich unter Kameraden hören, wie den Spaniern vorgeworfen wird: ›Ihr seid nur aus Hunger gekommen ( pour la gamelle , für den Topf).‹« Ich hatte diese Rede nach südländischer Art mit Bewegungen begleitet und nicht unterlassen, großartig auf das bunte Tuch zu zeigen, als ich von der Trikolore sprach, und bei dem Worte Ehrgefühl an meine Brust zu schlagen. Ich war selbst begeistert. Jetzt sah der Vorsitzende auf und warf spöttisch dazwischen: »Ja, was suchten Sie denn da oben an der Grenze?« Und nun kam die einzige Antwort, die mich retten konnte und die auch, wie ich merken konnte, die Aufmerksamkeit der Richter in höchstem Maße in Anspruch nahm. Ich sagte in bescheidenem Tone. »Mein Herr! Ich habe mich gescheut, den Grund meines Abstechers nach der Grenze einzugestehen«, und indem ich in meine Rocktasche griff und die Briefe meiner Freundin hervorzog, sagte ich: »Ich habe Beziehungen zu einem jungen Mädchen, dessen Heimat dort oben im Gebirge ist, und, da es aus ordentlicher Familie ist, fürchtete ich, es bloßzustellen, wenn ich bei meiner Festnahme sogleich von diesem Zusammenhang sprach.« Der Vorsitzende und die Richter waren durchaus ohne Argwohn, ließen die Briefe von Hand zu Hand gehen und murmelten: »Ah, ein Stelldichein«, »in Cambo«, »eine Baskin.« Ich mußte noch aufklären, weshalb ich an jenem Sonntage nicht gleich nach der Stadt zurückgekehrt, sondern im Gebirge umhergeirrt sei. So unglaubwürdig die Geschichte klingen mußte, behauptete ich doch nun mit einer Sicherheit, die auffallend gegen die schüchterne Art abstieß, mit der ich von meinem Liebesverhältnis gesprochen hatte, ich hätte mich außerhalb des Dorfes verirrt und am Morgen im Nebel eine falsche Richtung eingeschlagen. Das wurde mir geglaubt. Es schien mir, als wenn die Richter für meine Handlungsweise im allgemeinen das vollste Verständnis hätten. Werter Herr! Soeben erhalte ich Ihren artigen Brief, der mir große Freude bereitet hat und vor allem, daß Sie an mich denken. Sie sagen, daß es Ihnen etwas lange dauert bis zum Sonntag, auch ich warte bis dahin mit Ungeduld. Sie haben also nur auf dem Bahnhof von Bayonne auf mich zu warten um 4 ½ Uhr BAB . Ich schließe, da ich es ein wenig eilig habe. Auf Sonntag also. Ihre Freundin Marie. Die Briefe, in denen das Stelldichein verabredet worden war, wurden zu den Gerichtsakten genommen, der zuerst angekommene Brief (Abb. und Übersetzung vorstehend) wurde mir gleich wiedergegeben, und so habe ich von dem bedeutungsvollen Briefwechsel noch diese eine Erinnerung. Die Verhandlung wurde nun geschlossen und ich in die Zelle zurückgeführt. Am Nachmittage kam ein Beamter in meine Zelle und fragte noch nach einigen Umständen, die meinen früheren Urlaub nach Biarritz und die erste Bekanntschaft mit der Baskin betrafen. Drei Tage blieb ich noch in meiner Zelle allein, im Zweifel, ob ich meine Sache richtig gemacht hätte und ob es gut auslaufen würde. Es waren recht schlimme Tage. Ich hatte keine geistige Ablenkung, hatte keine Bücher und kein Schreibpapier. So war ich mit meinen Gedanken allein und erlebte als einzige Abwechslung die Essenszeiten und den einstündigen Spaziergang morgens auf dem Hof, wobei ich mich mit niemand unterhalten konnte. Wenn ich in meiner Zelle saß und auf dem Gang Tritte hörte, lauschte ich jedesmal gespannt. Am dritten Tage sagte mir der Wärter, ich solle mein Zeug zusammenpacken und mich klar halten. Dann kam ein Korporal und führte mich in ein Zimmer, in dem mir mitgeteilt wurde, daß ich von der Anklage freigesprochen und disziplinarisch mit zwölf Tagen strengem Arrest bestraft worden sei, weil ich einen Urlaubsschein falsch benutzt und meinen Urlaub um vierundzwanzig Stunden überschritten habe. Die jetzt folgenden Tage in der Arrestanstalt des 49. Infanterie-Regiments gehören zu den schlimmsten Erinnerungen meines Lebens, wenn ich sie auch mit Fassung ertrug, weil ich wußte, daß mein Geschick sich günstig gestaltet hatte. Der Strafsergeant, bei dem ich mich melden mußte, war ein ausgesucht roher Mensch. Ich hörte später, daß dieser Mann sich selbst dazu gemeldet hatte, einen Dienst zu bekommen, bei dem er Menschen strafen und quälen konnte, weil ihm das Freude machte. So sah er auch aus: ein großer Kerl mit Stiernacken und rohen Gesichtszügen. Gemein war auch seine Ausdrucksweise. Mit mir zusammen wurden eingeliefert: ein Infanterist des 49. Regiments und ein Fremdenlegionär, der in der Trunkenheit in der Stadt Ärgernis erregt hatte. Das erste, was der Strafsergeant machte, war, daß er uns befahl, auf den kalten Hof hinauszugehen und uns völlig zu entkleiden. Dann fragte er: »Habt ihr auch alles abgegeben?« Wir mußten alles abgeben, was wir in den Taschen hatten: Geld, Tabak, Streichhölzer und das Taschenmesser. Ich ahnte schon, daß uns der Rohling die Sachen nicht wiedergeben würde. Als wir nackt auf dem kalten Hof standen, untersuchte uns der ekelhafte Kerl aufs peinlichste, ob wir im Mund oder sonstwo etwas versteckt hätten, was nach der Vorschrift nicht in die Arrestzellen mitgenommen werden durfte. Die Zelle war ein kleiner Raum mit einer hölzernen Pritsche und einem Steinkrug. Licht drang nur durch ein kleines vergittertes Fenster oberhalb der Tür herein. Die Scheibe dieses Fensters war zerbrochen, und die Zelle war ungeheizt, so daß es ein schrecklicher Aufenthalt für mich wurde. Ich schlief wegen der Kälte in voller Kleidung unter zwei Wolldecken. Die erste Nacht war besonders unruhig, weil Ratten und Mäuse fortwährend an den Wänden und um die Türen herumknabberten und ich mich erst daran gewöhnen mußte, daß diese Tiere auch über mein Bett weghuschten. Um sechs Uhr morgens wurde aufgestanden, dann gab es Kaffee und Brot, und um 6 Uhr 30 Minuten wurde zur Arbeit angetreten. Es war ein auffallender Unterschied zwischen der Art, wie französische Soldaten und wie die freiwilligen Legionäre hier in der Arrestanstalt behandelt wurden. Bei der Arbeitsverteilung bekamen wir Legionäre die schmutzigsten Arbeiten. Den ganzen Vormittag wurde Arbeitsdienst gemacht: Kloaken reinigen, Schutt wegfahren, Kohlen heranholen und in einer Kiesgrube Kies aufladen, der auf die Wege der Arrestanstalt gestreut wurde. In den Nachmittagsstunden war Strafexerzieren ( peloton des punis ) und Strafdienst, und der rohe Sergeant leitete das Strafexerzieren selbst. Viele brachen dabei zusammen. Beim Exerzieren mußten wir die volle Feldausrüstung anlegen, und in die Patronentaschen wurden kleine Sandsäcke hineingesteckt. Wir trugen den Tornister vollbepackt und mit Mantel und Decke beschwert, das Koppel aber ohne Säbel. Der Säbel wurde uns vorenthalten, damit wir nicht in der Lage wären, dem Vorgesetzten, der uns schund, in Verzweiflung mit der Waffe zu Leibe zu gehen. An Stelle des Käppis trugen die Arrestanten kleine schottische Mützen, die sogenannten » bonnets de police «. Das Strafexerzieren war einfach furchtbar, und ich bekam hier einen Begriff von der Unfreiheit, in der der Legionär in Wirklichkeit lebt. Die armen Gefangenen waren den krankhaften und grausamen Gelüsten des Sergeanten rettungslos ausgeliefert, und das Unerhörteste war, daß der Sergeant selbst Strafgewalt hatte und einen Menschen, an dessen Qualen er einmal Geschmack gefunden hatte, beliebig lange dabehalten konnte, indem er ihm einfach unter irgendeinem Vorwande noch einige Tage Arrest aufbrummte. Viele der Unglücklichen blieben erschöpft liegen, wenn die Befehle: »Hinlegen!« »Auf!« sich fortgesetzt wiederholten. Oft ging der rohe Bursche an solche Erschöpften heran und sagte: »Ich zähle bis drei; wenn du dann nicht aufgestanden bist, bestrafe ich dich wegen Verweigerung des Gehorsams«. Der halbtote Mann konnte dann meist nicht mehr und mußte es hinnehmen, daß seine Leidenszeit verlängert wurde. Auch hier gab es eine Form der »Menschlichkeit«, damit sich das Gewissen der Philister über Gerüchte beruhigen konnte, die wohl auch aus dieser trüben Welt in die Öffentlichkeit hinausdrangen. Ein sogenannter Arzt besuchte die Arrestanten jeden Morgen und hörte mit gelangweiltem Gesicht die Klagen der Gefangenen an, wobei er zur Eile drängte und es auch an hämischen Ratschlägen nicht fehlen ließ, derart: »Tu man nicht so, du denkst wohl, das Leben sei überhaupt ein Vergnügen?« Und dann ging er wieder. Seine müden, verlebten Augen, seine schleimige Stimme und das mürrische Wesen, das sehr nach Rauchkater und Katzenjammer aussah, ließen aber vermuten, daß er das Leben doch als ein Vergnügen aufzufassen suchte, wie so manche der französischen Militärärzte. Welch ein Unsinn, dachte ich jedesmal, wenn dieser Mann kam, einen Menschen, der einige Prüfungen auf medizinisches Wissen abgelegt hat, Arzt zu nennen, obwohl er Menschen weder behandeln kann noch will. Mir hatte der rohe Sergeant eines Tages eine Decke entzogen zur Strafe für ein geringes Versehen. Darüber beklagte ich mich beim Arzt, und der mußte mit Rücksicht auf meine kalte Zelle anordnen, daß ich die Decke wieder erhalten sollte. Unwillig gab sie mir der Sergeant, und ich merkte wohl, daß er sich dafür rächen würde. Er begann mich in besonders übler Weise zu schinden. Zu irgendeiner Tages- oder Nachtzeit kam er plötzlich in meine Zelle, paßte scharf auf, ob ich schnell genug stramm stand, zog dann die Nase hoch und sagte: » Vous avez fumé «. Als ich ihm versicherte, ich hätte gar nichts zu rauchen da, er habe mich doch selbst untersucht und ich sei überhaupt Nichtraucher, brüllte er mich an: »Du lügst, du Hund«, und befahl mir, auf den Hof zu kommen und mich dort auszukleiden. Ich nahm mir fest vor, mich nicht zu Unbedachtsamkeiten hinreißen zu lassen, aber bei einer solchen Untersuchung murmelte ich dann doch, das sei »keine menschenwürdige Behandlung«, und als der Sergeant aufhorchte und fragte, was ich da gesagt hätte, sagte ich, er möge doch bedenken, daß ich Freiwilliger sei. Da hatte er mich so weit, wie er wollte, und bestrafte mich mit weiteren vier Tagen Arrest wegen Achtungsverletzung. Das war eine böse Weihnacht! Friede auf Erden war ja wohl nirgends, aber tausend andere Menschen suchten sich doch jetzt gegenseitig zu erfreuen und sich über die schwere Zeit hinwegzutäuschen. Wir Gefangenen dagegen merkten wirklich gar nichts von dem großen christlichen Feiertage, nur einmal hörte ich am 24. abends aus der Ferne von irgendeiner Stube ein Weihnachtslied singen. Es gab aber einen kleinen Lichtblick in diesen Tagen. Der rohe Sergeant feierte das Christfest selbst auf seine Art; er ließ sich nur kurz beim Dienst blicken und war am ersten Feiertag in der Frühe noch so schwer betrunken, daß er unfähig war, uns Böses anzutun. Die Strafarbeit morgens zwar fiel nicht aus, dagegen unterblieb das Strafexerzieren nachmittags, weil ja keine Aufsicht da war. Das vorige Weihnachtsfest hatte ich in Lagos verbracht, in der britischen Kolonie Süd-Nigeria. Wie war das in der Erinnerung schön gegen heute! Alle Deutschen hatten sich zusammengefunden in dem Paradiesgarten von Schuster Lehmann, der an der Küste eine bekannte Gestalt ist. Es waren fast heimatliche Erinnerungen, die mich in das tropische Afrika zurückversetzten. Dagegen heute diese Trostlosigkeit! Noch trauriger als die Weihnachtstage war der Neujahrstag. Obwohl der Tag bei den Franzosen ein größerer Feiertag ist als Weihnachten, dachte doch niemand an uns, und wir mußten in den Morgenstunden in der berüchtigten Kiesgrube arbeiten. Es hatte stark gefroren, und die Hände waren steif, wenn sie den schweren Pickel umklammerten, mit dem die Schollen losgebrochen werden mußten. Gewiß waren unter den Gefangenen auch welche, von denen man sagen konnte, sie hatten Strafe verdient, aber es waren auch solche dabei, die man nur als Opfer der Fremdenlegion bezeichnen mußte. So sprach ich bei der Arbeit in unbewachten Augenblicken mehrmals einen jungen Tschechen, der durch die Mißgunst seines Korporals hier sieben Tage eingesperrt war. Er war in Paris Student der Medizin gewesen und wurde, obwohl er sich nur als Sanitätsfreiwilliger gemeldet hatte, gegen seinen Willen in die Fremdenlegion gesteckt und mit der Waffe ausgebildet. Man merkte ihm an, daß er eine gute Erziehung hinter sich hatte und bessere Tage kannte. Die Tage der Unfreiheit und der Umstand, daß ich einem solchen niederen Geschöpf wie diesem Strafsergeanten ausgeliefert war, bedrückten mich stark. Ich war sehr überanstrengt und mußte mit meinen Kräften sehr haushalten, weil körperliche Anstrengungen mich mitgenommen hatten und das seelische Leiden hinzukam. Ich nahm mich aber kräftig zusammen, um nicht noch länger unter der Gewalt des Strafsergeanten zu bleiben. Zu meiner Freude wurde ich auf Befehl meines Kompagnieführers einen Tag vor Beendigung meiner Zusatzstrafe aus dem Arrest entlassen. Noch am letzten Tage war ich Zeuge eines abscheulichen Auftrittes: Einer der unglücklichen Arrestanten wurde in rohester Weise gefesselt und auf den kalten Hof geworfen. Ich hörte, daß er in dem Verdacht stand, sich dem Aufenthalt im Gefängnisse entziehen zu wollen, indem er sich für geisteskrank gab, hatte aber den Eindruck, daß der Mann unter den schrecklichen Eindrücken und Enttäuschungen dieser Zeit wirklich geistig gelitten hatte. Der Sergeant versuchte noch einmal, mich zu irgendeiner fahrlässigen Bemerkung zu verleiten, indem er bei meiner Entlassung höhnische Bemerkungen machte und mich trotz meinem militärischen Benehmen anfuhr, ich solle eine strammere Haltung annehmen. Ich aber dachte an meine bevorstehende Freiheit und zuckte mit keiner Wimper. Nach Lyon Ich war aus dem Gefängnis entlassen worden und kam zur Kompagnie zurück, als eine Besichtigung durch einen Divisionsgeneral kurz bevorstand. Da gab es heillose Vorbereitungen. Der Besichtigende war bekannt als ein großer Nörgler. So wurde die eigentliche militärische Ausbildung einige Tage in den Hintergrund gedrängt und nur für die Besichtigung gearbeitet. Das war kein schönes Gefühl, und diese Tage gaben meiner Geduld gegen den Dienst den Rest. Jede Laune und Schwäche des Generals wurde vorher bedacht und besprachen und die Vorbereitungen dagegen getroffen. Schließlich wurde sogar die ganze äußere Form des »Besichtigungsprogramms« eingeübt, so daß jede Spur von wirklicher Frische und von Geist verschwand. Man hörte abfällige Äußerungen genug, wie: »Da sprechen die Franzosen nun von preußischem Militarismus, und man kann sicher sein, daß es einen französischen jedenfalls gibt.« Besonders lächerlich war, daß ein Vorgesetzter sich zum Schauspieler machte, um die Soldaten an das Auftreten des Generals zu gewöhnen. Endlich kam der Tag der Besichtigung. Volle sechs Wochen hatten sich die Korporale und Feldwebel bemüht, kriegerischen Geist und soldatische Form in die Rekruten hineinzubringen, wobei nicht genug gesprochen werden konnte von dem gerechten Kampf, den die » grande nation «, vereint mit allen gerecht denkenden Völkern, gegen das bösartige Deutschland führte. Aber wie kläglich war der Erfolg nach der Meinung des Besichtigenden. In langen Reihen standen die Legionäre auf dem Platz vor den Marabouts aufgebaut, als der General mit seinem goldgestickten Käppi und mit einem Zwicker auf der Nase durch das Tor des Klosters hervorkam. Welch eine unfreundliche Erscheinung! » Bonjour soldats «, rief er mit bellender Stimme. Dann schritt er die Front ab. Er fand alles schlecht. Er spielte den Gereizten und Scharfen, und wenn er Antworten bekam, die ihm nicht ganz gefielen, den Beleidigten. Dabei wollte er offenbar nicht, daß ihm die Antworten gefielen. Alle Fehler, die man dem einfachen Soldaten austreibt, hatte dieser hohe Vorgesetzte. Welch eine Summe von Selbstbeherrschung verkörperte gegen ihn ein einfacher Rekrut! Der General spielte auch den Dummen, den Trottel, den Verkalkten und dann wieder den Rechthaberischen, den Besserwisser und, wenn einer ihn auf einen Irrtum aufmerksam machte, den Unnahbaren, indem er sagte: » Je n'ai rien demandé !« »Ich habe nichts gefragt.« Sein Adjutant begleitete ihn mit einer Schiefertafel und einem Stift und schrieb wichtig auf, wenn ein Mann eine falsche Wendung machte oder nachklappte. » Le nom du chef d'escouade ?« (Wer ist der Korporalschaftsführer?) keifte der General. »Die werden nachher alle – gehängt«, flüsterte mein Nachbar mir zu, und ich konnte mir das Lachen nicht verbeißen. Endlich kam die Besprechung, und jetzt sah man erst, welch elende Gestalt dieser General war. Eine Theaterfigur erschien er mir, als er wie zum Orakelspruch den Mund öffnete. Er sprach zuerst eine Viertelstunde von der Form der Leibbinde und daß ihm die Art, wie die angelegt worden sei, nicht gefallen habe. Dann verwirrte er sich in die unmöglichsten Behauptungen, indem er andere Kleinigkeiten erwähnte und wichtige Schlüsse daraus ziehen wollte. Die altgedienten Korporale der Legion lachten. »Welch ein Rindvieh!« flüsterten sie. »Der weiß wohl nicht, was er will?« »Ein verkommener Hund ist er,« zischte Lefèvre neben mir, »der will unsere Arbeit schlecht machen, der mit seinem verlogenen und eigennützigen Patriotismus, der elende Bettler, mit seinem hohen Gehalt.« Als weggetreten war und endlich der Ruf » à la soupe « ertönte, schalt Lefèvre noch immer und sagte, die ganze Besichtigung sei gut gewesen, nur der General, »der vertrocknete Hammel ohne Gehirn«, hätte vor Dummheit versagt, und ein sehr gebildeter Tscheche, der Schriftleiter einer großen Zeitschrift gewesen war, gab ihm recht, indem er sagte: Weise und kluge Menschen polterten, keiften und tadelten nicht; es sei immer ein Beweis großer Einfalt und Beschränktheit, wenn jemand mit dem Maß der Vollkommenheit messe, während diese ganze Welt doch eben die Welt der Unvollkommenheit sei. Die Strafe sei ja auch nicht ausgeblieben, und noch nie habe er eine verunglücktere Gestalt gesehen als diesen französischen General. Und dann sagte er, der längst eine hohe Meinung von Deutschland hatte, daß solch ein Kerl in Deutschland gewiß nicht geduldet werden würde. Als das Signal kam » extinction des feux «, hörte man noch immer Lachen über die Jammergestalt eines Vorgesetzten, der sich nicht beherrschen könne und es an Dummheit mit jedem Hammel aufnehme. »Und an Stolz mit jedem Maultier«, rief ein Kastilier dazwischen, der seine Tiere nicht vergessen konnte. Wenn der General geahnt hätte, wie offen über ihn gesprochen wurde! Ich wurde jetzt dem Bataillon C zugeteilt, das nach Lyon in Marsch gesetzt werden sollte. Dieses Bataillon bestand zum größten Teil aus Tschechen. Ich mußte auf der Kammer meine Ausrüstung ergänzen und bekam Zeltstangen, Zeltbahnen und Werkzeug. Merkwürdigerweise konnte ich mich meiner wiedergewonnenen Freiheit gar nicht recht freuen. Ich hatte zu sehr unter der rohen Behandlung gelitten und konnte mir jetzt vorstellen, wie es manchem unschuldig Verurteilten zumute sein muß, wenn er nach langer Freiheitsstrafe wieder frei umhergeht. Ich hatte auch kein Verlangen, einen Urlaub nach Biarritz durchzusetzen und meiner Retterin Lebewohl zu sagen. Auch hätte ich den Urlaub, nach dem, was geschehen war, gewiß nicht bekommen. Die beschämende Besichtigung aber hatte mir den Rest gegeben. Am letzten Abend ging ich noch einmal in die Stadt und bemerkte so recht, wie froh ich war, hier wegzukommen. Alle Kneipen waren voll von abschiedfeiernden angetrunkenen Soldaten. Am nächsten Morgen traten die Kolonnen an und marschierten zum Bahnhof, zu der langen Fahrt über Bordeaux nach Lyon. Die Fahrt war recht anstrengend, weil die Soldaten in den Personenwagen eng zusammengedrängt waren und sich nicht ausstrecken konnten. Gerade diese Eisenbahnlinien waren durch den Krieg ungemein beansprucht, und es fehlte an Wagen. Zum Glück wurde ich einer Wache zugeteilt, die auf den Bahnhöfen die Ausgänge bewachen mußte und während der Fahrt in einem Viehwagen Unterkunft fand, wo wir unsere Glieder in weichem Stroh ausstrecken konnten. Für mich war die Fahrt immerhin abwechslungsreich. Bei Bordeaux fuhr der Zug die Gironde entlang, und ich sah in der Abenddämmerung die Molen liegen, an denen die afrikanischen Dampfer anlegten. Dort war auch ich hergekommen. Inzwischen war ich ja nun französischer Legionär geworden und hatte als solcher schon einen Buckel voll Erfahrungen gesammelt. Die Bevölkerung der Städte, in denen unser Zug hielt, bemühte sich in freundlicher Weise, uns durch Erfrischungen und Liebesgaben gefällig zu sein. Gerade als Legionäre waren wir für die Zuschauer etwas Neues, und besonders auf kleinen Stationen, wo der Zug hielt, weil er noch keine Einfahrt hatte, erregten unsere farbigen Kameraden, die Schwarzen, Braunen und Gelben großes Aufsehen. Auf größeren Stationen machten sich die Tschechen bei der Bevölkerung beliebt, indem sie in Gruppen zusammentraten und Gesangvorträge hielten. Hier fiel mir wieder auf, welch besondere Stellung in unseren Reihen die Russen und unter ihnen wieder die russischen Polen einnahmen. Ein großer Teil der Fremdenlegion bestand aus Russen, die bei Ausbruch des Krieges vom russischen Konsul angewiesen worden waren, sich dem französischen Heeresdienst zu stellen, weil sie nicht nach Rußland zurückkehren konnten. Sie waren bei Kriegsbeginn als Hüttenarbeiter und Landarbeiter in Frankreich gewesen, andere auch als Studenten verschiedener Wissenschaften. Mit den Polen habe ich mich am besten vertragen. Man merkte, daß sie für Deutschland nur freundliche Gefühle hatten, ja sie freuten sich, wenn deutsche Erfolge eingestanden werden mußten. Sie waren über ihre Behandlung in der Fremdenlegion verärgert und konnten sich auffälligerweise schlecht mit den Tschechen vertragen, obwohl auch sie doch Slawen waren. Als Polen hatten sie sehr viel für Österreich übrig, weil sie anerkannten; daß die Polen von niemand besser behandelt worden waren als von Österreich; deshalb verstanden sie die deutschfeindliche Stimmung der Tschechen nicht. Auf jedem Bahnhof freuten sich die Soldaten, die Glieder ausstrecken und einmal wieder frische Luft holen zu können; denn der Tabakrauch in den Eisenbahnwagen war unerträglich, und es gab da keine Rücksicht auf die wenigen Nichtraucher. Am Mittag des dritten Tages kamen wir in Lyon an. Der Zug lief in einen Güterschuppen ein. Die Soldaten traten heraus und legten ihr Gepäck an. Nachdem alle Riemen und Riemchen zurechtgeschnürt und wir in Reih und Glied ausgerichtet worden waren, erscholl der Ruf: » Baïonette au canon « (Seitengewehr pflanzt auf)! Der Befehl wurde von Zug zu Zug wiederholt, und tausend blinkende Waffen glänzten im Sonnenlichte. Als das Gerücht in die Stadt gedrungen war, daß ein großer Truppentransport angekommen sei, und als gar bekannt wurde, daß es Fremdenlegionäre seien, strömte die Bevölkerung der Stadt zum Bahnhof. Der Reiz der Fremden und der Ruf einer Truppe, die oft in Friedenszeit siegreiche Gefechte in den Kolonien geliefert hatte, und deren Namen man in französischen Zeitungen stets in Verbindung mit den Kolonialsorgen von Madagaskar, Cochinchina, Dahome, Mexiko, Marokko und Algier gehört hatte, lockte unzählige Neugierige herbei. Es war auch ein erhebendes Schauspiel, als sich die große Truppe in Bewegung setzte. Die Musik mit ihren vorzüglichen Bläsern ( clairons ) voran. Dahinter die alte zerfetzte Fahne des 1. Fremdenregiments mit ihrer bekannten goldenen Inschrift » honneur et discipline « (Ehre und Zucht). Sie hatte ein Stück französischer Kolonialgeschichte mitgemacht und erregte die Einbildungskraft und Begeisterung der Franzosen. Hinter der Fahne ritten die höheren Offiziere. Es waren zum Teil bekannte Männer, die in den Kolonien ihre Lorbeeren geerntet hatten und eine ganze Reihe Erinnerungsmünzen an der Brust trugen. Dann folgten die Legionäre in Gruppen zu vieren. Bei der 7. Kompagnie war ich der Flügelmann. Vor mir gingen in größerem Abstande zwei Verbindungsleute. So kam es, daß die Blumen werfenden Frauen sich gerade erholt hatten, wenn meine Gruppe vorbeimarschierte und ich an allen Stellen mit Blumen geradezu überschüttet wurde. Die Mädchen drängten sich, und an einer Straßenecke, an der sich der Zug einen Augenblick staute, sprang eine hübsche Französin hinzu und steckte mir eine große Rose ins Knopfloch. Es war ein Lärm und eine Begeisterung! Ich konnte auf Augenblicke vergessen, daß diese Begeisterung eigentlich mir nicht gelten durfte. Offenbar erregten auch die großen Gestalten vieler Legionäre Aufmerksamkeit. Ich selbst war mit meinen hundertdreiundachtzig Zentimetern lange nicht einer der grüßten. Es waren Riesengestalten von Russen und Kanadiern unter uns, Menschen, wie man sie in dem durch Alkohol entarteten französischen Volke selten zu sehen bekommt. Dann aber erregten auch die Farbigen, die Anamiten und Malayen, die Neger aus Nordafrika, die Japaner, Chinesen und Araber die Neugierde der Zuschauer. Was auch noch auffallen mußte, war die Mischung von jung und alt. Da waren die alten Legionäre, die wettergebräunten, abgehärteten, durch Krieg und Lebensschicksal stark mitgenommenen Gestalten der Männer, die allen Lastern der Legion und der Umgebung standgehalten hatten. Im Innern der Stadt, als wir die Hauptstraßen ( boulevards ) durchschritten, wurden wir mit Blumen, Zuckerwaren und Gebäck überschüttet. Bäcker kamen aus ihren Läden heraus, liefen neben uns her, öffneten unsere Brotbeutel und steckten Süßigkeiten hinein. Als wir in unserm Unterkommen, einer Hebammenschule(» maternité «), ankamen, wurden wir nach einer kurzen Musterung auf die einzelnen Räume verteilt. Zuerst aber wurde jedem gleich an den Gewehrpyramiden ein Becher Glühwein gereicht und Essen ausgegeben. Ich nahm meinen Becher und mein Essen und setzte mich erst mal ruhig auf einen der Strohsäcke, die für die Nacht auf dem Boden ausgebreitet lagen. Dann begann ich ganz langsam zu essen, getreu einer Erfahrung, die ich in Afrika gelernt hatte: daß das Essen viel besser bekommt, wenn der Körper ein wenig ausgeruht hat. In der Kaserne war eine frohe Stimmung. Jeder freute sich hinauszukommen und Bekanntschaften zu machen unter den Hunderten von Mädchen, die sich um den Eingang des Gebäudes wartend drängten. Ein Teil der Mannschaft mußte zurückbleiben, aber es wurde kameradschaftlich geregelt, daß zwei Parteien sich ablösten. Ich selbst mischte mich in den Trubel von Menschen und sah den großstädtischen Betrieb in einer der bedeutendsten Städte des Feindeslandes. Ich vermied aber, Bekanntschaften zu machen, weil ich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt war und unter dem Eindruck stand, daß der Tag der Entscheidung jetzt nahe gekommen sei. Wohin mich das Geschick aber führen würde, konnte ich nicht wissen. Als ich gegen elf Uhr abends in die Kaserne zurückkehrte, waren meine Kameraden teils gesprächig begeistert, teils betrunken und erzählten die merkwürdigsten Erlebnisse. Ich hörte die Äußerung: »Hier haben wir es aber fein, hier brauchen wir nichts zu bezahlen, jeder hält uns frei.« Ein Neger, der » chocolat « genannt wurde, wieherte vor Vergnügen, wenn er sich daran erinnerte, wie die weißen Frauen hinter ihm hergelaufen waren, und erzählte jedem, der es hören wollte, in der geschwätzigen Art seines Volkes die Erlebnisse des Abends. Im Nebenraume lärmten die trunkenen Urlauber. Die Räume, in denen wir untergebracht waren, waren groß und hell, und in den Öfen brannte gutes Brennholz. Ich war darüber sehr zufrieden und empfand den Gegensatz zu Bayonne, wo ich zuletzt in den nassen Marabouts hatte schlafen müssen. Lyon! Es war ein ganz anderer Schall, den das Signal »Wecken« hier in den Wänden der Schule am nächsten Morgen gab. Am Vormittag packten wir unsere Sachen aus und ordneten die Kleidungsstücke und Handwaffen. Dann war Musterung. Eine solche Musterung beim Ersten Fremdenregiment bot jedesmal ein eigentümliches Schauspiel. Das Regiment trat im Viereck auf dem Hofe an. Die einzelnen Volksstämme hatten ihre Dolmetscher, das waren meist Unteroffiziere. Die hörten den Befehl, der auf französisch vorgelesen wurde, dann sagte der Offizier: » expliquez les ordres à vos hommes « (erklärt die Befehle Euren Leuten). Die Dolmetscher machten kehrt und erklärten den Befehl in ihrer Sprache. Das war ein Durcheinander, ein Gemurmel! Und jedesmal war es dasselbe: Die eine Sprache erforderte mehr Ausdrücke als die andere und dauerte länger; endlich sprach nur noch einer, und dann kam zur Freude der Wartenden, endlich die Meldung: »Bekannt gegeben«. Der Tagesbefehl » Ordre du jour « spielt im Heeresleben der Franzosen eine große Rolle. » Être cité à l'ordre du jour « (im Tagesbefehl genannt werden) ist eine übliche Auszeichnung, die der Verleihung des Eisernen Kreuzes im deutschen Heere gleichkommt. Die Militärmedaille entspricht dem Eisernen Kreuz Erster Klasse. Bei mancher Musterung wurden Soldaten genannt, die große Taten an der Front getan hatten. Oft aber kam der traurige Nachsatz: »Er fand leider dabei den Tod.« Beim Appell hieß es heute auf einmal, als die Befehle ausgerufen und erklärt worden waren: »Die Schützen, die alle ihre Bedingungen erfüllt haben, sollen vortreten.« So trat ich denn vor, weil ich einer der wenigen war, die das Zeugnis »guter Schütze« in ihren Papieren hatten. Zugleich sah ich in der Nebengruppe einen Rumänen vortreten, der mir schon öfter aufgefallen war. Wir wurden aufgeschrieben. Nach dem Appell wurde wie üblich gerufen: » aux patates « (an die Kartoffeln). Im französischen Heer ist es Sitte, daß jeder Soldat seine Kartoffeln selber schält. Von diesem Dienst drückt sich auch keiner. Jeder nimmt sein Taschenmesser aus der Tasche und tritt mit den anderen in einen großen Kreis. An einem Bottich in der Mitte stehen Soldaten, die die geschälten Kartoffeln kleinschneiden und mitunter zum Scherz von den andern beworfen werden. Die Übung der Soldaten im Schälen ist ebenso groß wie die Fertigkeit des Zigarettendrehens. Ich liebte den Dienst, weil ich die Geschichten gern hörte, die da erzählt wurden. Heute kam ein Bote und sagte mir, ich solle sofort zur Schreibstube kommen. Ich steckte mein Messer ein und dachte mir schon, worauf es hinausgehen werde. Da ich schon als Mechaniker vermerkt war, wurde auch ich aus der Menge derer, die sich gemeldet hatten, ausgesucht, aber es durften nur Leute von guter Führung sein. Als ich das hörte, drückte ich mich verstohlen in die Ecke, weil ich dachte: Es hat ja doch keinen Zweck. Da stand aber der Feldwebel Guillot und sagte: »Na, Kirsch, hast du keine Lust?« Und als ich etwas von meiner Strafe murmelte, sagte er: »Ach was, der kleine Spaziergang, der schadet nichts mehr, Menschen hast du ja doch nicht totgeschlagen, verstehst du denn dein Handwerk?« »Jawohl, durchaus.« Dann rief er zum Schreiber hinüber: »Schreibe mal hier den Kirsch auf.« Ich war froh über die Aussicht, einen Lehrgang für Maschinenschützen ( cours de mitrailleur ) mitmachen zu dürfen und auch von Lyon wieder wegzukommen. Ich war hier auf eine Stube gekommen, in der lauter Spanier lagen. Die lärmten den ganzen Nachmittag. Jeder wollte einen besseren Platz haben. Meine Matratze warfen sie beiseite. Ich spielte den Klügeren und ging weg. Ich ging zum Hof hinunter, wo einige der aufgeschriebenen Leute standen. Sie waren alle gespannt, was aus uns werden sollte. Als das Essen verteilt wurde, wurden wir wiederum zur Schreibstube gerufen und erfuhren, daß wir zu einem Lehrgang nach La Valbonne abreisen würden. Wir wurden nach unseren besonderen Fähigkeiten gefragt. Es mußte nämlich die Gruppe ( équipe ) zusammengestellt werden, und die besteht aus einem Schützen zu je einem Maschinengewehr ( tireur ), einem Lader ( chargeur ), einem Hilfslader ( aide-chargeur ), zu je zwei équipes nur einem Entfernungsmesser ( télémétreur ) und einem Büchsenmacher ( armurier ), der die Reparaturen der Maschinengewehre unter sich hat. Als ich wieder auf die Stube kam, hatten die spanischen Kameraden mein Essen aufgegessen, eine Missetat, die in der Fremdenlegion sehr selten ist. Ich ging zur Küche hinunter. Der Küchensergeant, ein Französisch-Elsässer, fragte: »Was bist du für ein Landsmann?« Als ich sagte, ich sei ein Schweizer, gab er mir besonders viel. Heute ging ich mit frohen Eindrücken in die Stadt und freute mich der schönen, hellbeleuchteten Straßen. Da merkte man nicht viel vom Kriege; nur daß so viele Soldaten in verschiedenen Uniformen umhergingen, fiel auf. Die größte Rolle spielten heute noch die Neuangekommenen, die Fremdenlegionäre. Man sah sie überall in weiblicher Begleitung. Ich ging auf die Rhône zu. In den Anlagen sah ich ein echt französisches Bild. Die » midinettes «, die kleinen Ladenmädchen, drängten sich um Bänkelsänger und versuchten die neuen Lieder zu lernen. Heute wurden natürlich nur »patriotische« Lieder gesungen. Ein alter Mann sang den neuesten Schlager, einen Rachegesang auf Deutschland. Plumpe Bilder erläuterten den Gesang und reizten die Lachmuskeln. Eine andere Gruppe sang ein empfindsames Lied: » la lettre inachevée (der unbeendete Brief), dessen Inhalt etwa so war: Ein Schwerverwundeter schreibt einen Brief, daß er an seine Rückkehr kaum glaube, darüber stirbt er, und die Krankenschwester findet den Brief. Der Schluß ist jedesmal » une charitable infirmière « (eine mildtätige Krankenschwester). An allen Brücken standen Posten. Die Straßenbeleuchtung war aus Sparsamkeit eingeschränkt. Ich sah französische Kürassiere mit den großen Roßschweifen auf den Helmen. Zu der Truppe kommen nur die größten Leute, doch übertrafen viele der Legionäre auch diese Auslesetruppe an Körpergröße. Die kleinen Männer kommen zur Infanterie und heißen auch »die Kleinen« ( piou piou ). An dem Gebäude einer großen Zeitung hielt ich mich lange auf. Dort wurden die Neuigkeiten in großen Lichtbuchstaben an der Wandfläche verkündet. Als ich ein wenig zur Besinnung kam, erfaßte mich eine eigentümliche Stimmung. Ich erlebte die Siegeszuversicht und Betriebsamkeit der Franzosen und durfte mich nicht mitfreuen. Mich bedrückte die Ungewißheit, ob ich heimfinden würde und ob mein Land siegreich sein werde. Oft verwirrte mich auch der Gedanke, daß ich dem Feinde Deutschlands diente, und ich fragte mich, ob nicht alles Gute, was ich hier leistete, in irgendeiner Weise dazu beitrage, den Geist der französischen Truppe zu heben. Und manchmal, man verdenke es mir nicht, fühlte ich ein wenig mit der Truppe, der ich angehörte, und empfand Mitleid mit den frischen, begeisterten Menschen, die für den Gedanken erglühten, dem Vaterlande zu dienen und alles Schlechte aus der Welt zu tilgen. Der Träger aller Schlechtigkeit war für diese Menschen natürlich Deutschland, und Deutschland verführt durch Kaiser Wilhelm oder durch den Geist von Potsdam oder durch den Kronprinzen. Also war im Grunde keiner schuld, und doch stand das eine fest: Deutschland besiegen, heißt die Menschheit von allem Schlechten befreien, und dafür kann man schon mal sein Leben dranwagen. » Les sales boches «, ohne Erregung mußte ich meine Landsleute täglich so nennen hören, von Menschen, die das schöne Deutschland nur dem Namen nach kannten. Am meisten liebten es diese Kenner, von den Deutschen als von unmäßigen Biertrinkern und Fleischfressern zu sprechen, indem sie sich an die Bilder einzelner krankhafter Personen hielten, die als typische Deutsche in den Zeitungen abgebildet waren. Wie mußten die guten Südfranzosen staunen, als die ersten Gefangenen angebracht wurden und so viele große schlanke Gestalten darunter waren und Gesichter, denen man Ernst und Zucht, aber nicht Genußsucht und Verfressenheit ansah. In der großen Stadt fiel ich nicht auf und konnte mit meinen Gedanken allein sein. Ich sah viele Verwundete, auch englische Offiziere, die mit französischen spazieren gingen. Ich ging ein Stück Weges mit einem Kameraden, einem Belgier, der einen großen, blonden Bart trug. Er hatte sich, wie viele seiner Landsleute, gleich zu Anfang des Krieges gestellt und war in die Fremdenlegion gesteckt worden. Am nächsten Morgen wurde gepfiffen: »Die Leute, die für La Valbonne bestimmt sind, antreten vor der Schreibstube.« Schnelle Handzeichnung, die Kirsch als französischer Entfernungsmesser bei Reims machte, um die Maße des Gefechtsabschnittes festzuhalten. Wir mußten unsere Lebelgewehre gegen Karabiner umtauschen. Ich, als Entfernungsmesser bekam eine Pistole und ein Bajonett älterer Art. Gegen Mittag musterte uns der Oberst. Er erkundigte sich nach unseren Fähigkeiten. Auf dem Schießplatz von La Balbonne Als unsere zwanzig Mann am nächsten Morgen schwer bepackt durch die Straßen zogen, sah es so aus, als ob wir zur Front gingen, und die Einwohner eilten trotz der frühen Stunde an die Fenster. In der Bahn lernte ich meine neuen Kameraden kennen. Die Schweiz war vertreten durch mich und einen ganz alten Legionär. Der dachte nichts weiter als an sein Gläschen und erzählte über alle Erscheinungen der Umwelt sehr witzig. Nachdem er zweimal fünf Jahre bei der Legion gedient hatte, fand er, an ihm sei »kein Zivilist verloren gegangen«, und kehrte bei Beginn des Krieges wieder zur Legion zurück. Er trank gern und tat sich etwas darauf zugute, daß er sich angetrunken beherrschen konnte. Er haßte nichts mehr, als wenn einer über politische Dinge nachdenken wollte. Er war sehr geschickt, wußte sich mit wenigem zu behelfen und hatte immer etwas zu rauchen. Zwei Polen waren dabei, der eine ein sehr großer Mensch. Er war zur See gefahren, war sehr sprachkundig und sprach auch fließend Deutsch. Er hatte einen angenommenen Namen. Bevor er zum Lehrgang kam, war er im Arbeitsraum des Kapitäns beschäftigt. Dann war einer da, der einen großen schwarzen Bart hatte, Korroscek hieß und angab, ungarischer Abkunft zu sein, ein guter Sänger. Der pflegte seine Hände und seinen Bart sehr sorgfältig, worüber sich die Kameraden lustig machten. Auch ein Spanier war unter uns, der den Ungarn sehr gut mit seiner Baßstimme begleiten konnte. Er war Kastilier, hieß Girardo, hatte als spanischer Soldat in Marokko gegen die Eingeborenen gekämpft und aus diesen Gefechten eine lange Narbe mitgebracht, die sich auf der rechten Wange über die Nase bis zur Kinnlade hinzog. Obwohl er so kriegerisch aussah, war er ein weicher Mensch und ein guter Kamerad. Er hatte eine gute Bildung und nannte sich Anarchist. Sein Hauptsatz, den er mit überzeugendem Baß oft wiederholte, war das Wort des Girondisten Brissot: »Eigentum ist Diebstahl« ( la propriété c'est le vol ). Er hatte wegen politischer Umtriebe aus Spanien fliehen müssen und war aus Not in die Legion gegangen. Sehr komisch war es, daß sein Kamerad Rodriguez sehr zierlich war und eine piepsige Stimme hatte. Wenn die beiden großen Sozialreformer mit dem Schweizer zusammen waren, der so durchaus unpolitisch war und nur an seinen Pinard dachte, gab es immer zu lachen. So war auch die Fahrt heute sehr lustig, und einige Frauen, die mitfuhren, lachten Tränen. Prächtig klang es, als die drei sich auf das Garibaldilied einigten und sangen:.» O biondina capriccio Garibaldino, tu se la stella .« ... Nach einer Stunde kamen wir in La Valbonne an. Es ist nur ein kleines Dorf und hat nur Bedeutung durch das große Truppenlager. Als wir die Bahn verließen, sah ich den großen Übungsplatz, der im Hintergrund von den Alpen umzäunt wird. Das eigentliche Truppenlager besteht aus einer Unzahl von Unterkunfthallen. Auf dem Bahnhof war ein großer Verkehr; aus allen Richtungen kamen Züge. An dem Maschinengewehrkursus nahmen Abteilungen aller Truppengattungen teil. Von Grenoble waren die Chasseurs alpins , die »blauen Teufel«, mit ihren Rucksäcken gekommen. Auch Kavallerie, Jäger zu Pferde, Kürassiere und Dragoner waren dabei, weil alle die als solche in diesem Kriege keine Verwendung finden konnten. Auch die Kolonialtruppen, die Kolonialinfanterie und die Zuaven waren vertreten und rückten in die Unterkunftsräume, die ihnen angewiesen wurden. Im Lager lag das Erste Zuavenregiment, dem die Ankömmlinge zur Verpflegung ( en subsistance ) zugeteilt wurden. Jeder Mann erhielt zwei wollene Decken und zog damit in die Baracke, wo seine Truppe auf Heu und Stroh für die Nacht Platz fand. Der nächste Tag war ein Sonntag. Am Morgen traten die neuangekommenen Schüler auf dem Platz zwischen den Baracken an. Es war ein buntes Bild. Als Alles zur Stelle war, wurde das Ganze in drei große Züge eingeteilt, dann wurden die Militärbestimmungen des Platzes vorgelesen. Es wurde uns ausdrücklich gesagt, hier herrschten dieselben Bestimmungen wie an der Front. Wir hatten frei, richteten uns ein und machten einen Spaziergang. Das Gebiet de l'Ain ist ein schönes Land mit sauberen Dörfern und Schlössern. In La Valbonne trat Fremdenlegion zum ersten Male auf. Auch die Offiziere beschäftigten sich sehr mit uns, und unser Kapitän fragte uns nach allen Einzelheiten aus. Der erste Unterricht war an den französischen Maschinengewehren Modell St. Etienne und Puteau. Ein Offizier war Lehrer, ein Sergeant nahm das Gewehr auseinander. Dieser Sergeant trug die médaille militaire , die seltene Auszeichnung. Er hatte sie bekommen, weil er ein Maschinengewehr allein bedient hatte, als alle Kameraden gefallen waren. Schließlich hatte er das Gewehr genommen und es, schwer verwundet, auf dem Sattel des einzigen Maulesels, der noch lebte, weggeschafft, während die Deutschen ihn verfolgten. Als wir die französischen Gewehre kennengelernt hatten, kam gleich das englische dran. Es war das Modell Hotchkiß, das in Lyon hergestellt wurde und von dem französischen sehr verschieden war. Die Waffenmeister allein durften auch die kleinsten Teile auseinandernehmen, so bei den St.-Etienne-Maschinengewehren neuesten Modells den Valvolin-Zylinder, der das Schießen regelt. Wir wurden gut behandelt und hatten uns nur darüber zu beklagen, daß das Zuavenregiment an uns sparen wollte und wir schlechtes Essen bekamen. Die Zuaven wurden wie alle farbigen Soldaten ( tirailleurs algériens ) les bicots (Spitzkerle) genannt. Als alle Schüler die Gewehre kannten, wurden die Schüler nach ihren Kenntnissen eingeteilt. Der Spanier Girardo und ich bekamen nun als die besten Schüler eine Ausbildung am Fernmesser, wofür wir schon in Lyon vorgesehen waren. Wir zogen ziemlich weit hinaus aufs Feld und übten uns, bis wir auch ganz entfernte Gegenstände unter erschwerten Umständen messen konnten. Auffallend war, daß wir verschiedene Fernmesser hatten, Erzeugnisse verschiedener Firmen, wie Baar and Stroud, London, und sogar Zeiß, Jena. Da ich gut zeichnen konnte, wurde ich als Entfernungsmesser für unsere Abteilung ausersehen. Mein Kamerad wurde Pourvoyeur , was ihm nicht leid tat, weil er gern mit Mauleseln umging, die die Apparate und Gewehre trugen. Die Tiere erinnerten ihn an seine kastilische Heimat. Als jeder seine Aufgabe konnte, wurde gemeinsam geübt. Als Führer der Abteilung wurde ein tschechischer Offizier ernannt, der früher Reserveoffizier der österreichischen Kavallerie gewesen war. Er war lange in Paris gewesen und hatte dort im geheimen an den Umtrieben teilgenommen, die gegen die österreichische Regierung stattgefunden hatten. Er war ein Führer der Sokols gewesen und Herausgeber der flämischen Zeitschrift »Nazdar«. Er hatte bei den Tschechen ein großes Ansehen, war ein schneidiger Mensch und hatte einen bildschönen Kopf. Er wurde bei den Franzosen sofort Offizier. Die Abteilung ( section ) bestand aus: Führer (Offizier, Oberleutnant), armurier (Mechaniker), télémetreur (Distanzmesser), agent de liaison (Befehlsordonnanz), Radfahrer. Sergeant, 1. und 2. Maschinengewehr mit je Nr. 1. caporal ( chef de piéce ), Nr. 2. tireur (Schütze), Nr. 3. chargeur (Lader), Nr. 4. aide-chargeur (Hilfslader), Nr. 5, 6 pourvoyeurs (Munitionsmänner), Nr. 7, 8, 9 muletiers (Maultiertreiber). Der Lehrgang dauerte drei Wochen und wurde angesehen wie der Dienst an der Front. Es gab keinen Urlaub, und auch an den Sonntagen wurde geübt. Bei den Schießübungen mußte jeder mit dem Gewehr schießen. Ich schoß wieder sehr gut und bekam das Abzeichen. Sehr merkwürdig war es, wenn wir mit unserem Zug durch die Dörfer zogen. Ein Tier trug das Gewehr mit dem Fuß, zwei andere wieder trugen Munitionskisten. Ein Ersatztier war noch dabei. Der Offizier ritt stets ein Pferd, er machte sich besonders schneidig. Hinter dem Sergeanten folgten die anderen. Die Maulesel waren sehr zäh und im Gebirge unglaublich sicher. Wenn aber eine Schwierigkeit war, dann kam unser Kastilier und zeigte, was er von den Tieren verstand. Er hing so sehr an diesen Tieren, daß er noch abends, wenn wir ruhten, in den Stall ging und nachsah, ob ihnen auch nichts fehlte. Die Behandlung der Maulesel wurde übrigens sehr ernst genommen. Ein Tierarzt hielt uns Vorträge über die Pflege der Tiere. Bei der Besichtigung schnitten die Alpenjäger und die Fremdenlegionäre am besten ab. Fluchtversuch nach der Schweiz In Lyon war der Rumäne Pintea zugleich mit mir vorgetreten als einer der Schützen, die alle Bedingungen des Schießens erfüllt hatten. Dieser hochgewachsene Mann war mir schon in Bayonne aufgefallen. Es war etwas an ihm, was mich zu ihm hinzog. Er hatte ein gewisses Ansehen bei den Kameraden. Ich bedauerte, daß er auf der Fahrt nach La Valbonne nicht mit mir in demselben Raum fuhr; in La Valbonne aber suchte ich mir einen Schlafplatz neben ihm aus und versuchte gleich beim Strohholen seine Bekanntschaft zu machen. Mir fiel auf, daß er das Französisch fremdartig betonte, und ich glaubte nicht, daß er ein Rumäne sei, denn in Bayonne war ein Korporal gewesen, der Rumäne war und ein ganz anderes Französisch sprach. Als ich am ersten Abend mit Pintea an dem eisernen Ofen in unserer Baracke saß, fragte ich ihn nach Rumänien. Er wich aber aus. Das war mir verdächtig, und ich hoffte, in ihm einen Deutschen zu entdecken. Fortan unterhielt ich mich mit ihm mehr als mit anderen Kameraden. Wir hatten einmal gemeinsam Tagesdienst, mußten die Wohnräume reinigen, Brot und Essen holen. Da gab es manche Gelegenheit, unbefangen miteinander zu sprechen, und ich versuchte, von Pintea mehr zu erfahren, ohne ihn merken zu lassen, wer ich sei. Die Abende in La Valbonne waren sehr gemütlich. Wir sahen um ein Feuer herum und hörten zu, wie die Soldaten der Kolonialinfanterie, die in Tientsin gewesen waren, von den deutschen Truppen erzählten, die sie dort gesehen hätten, und mit denen sie oft Sport getrieben hätten. Es waren erfahrene Weltbummler unter uns, die die Übertreibungen der Zeitungen zurückwiesen und die deutschen Soldaten in Schutz nahmen. Pintea sagte nichts über die Deutschen, aber einmal entspann sich zwischen zwei Kolonialsoldaten ein Streit, wie ausgesprochen würde »altmau«; da ließ sich der angebliche Rumäne Pintea hinreißen, ungeduldig zu sagen: »Das ist ja alles Unsinn, das heißt »Halt's Maul« oder »Halt das Maul«. Ich war in großer Versuchung, das Maul nicht zu halten und mich an diesem Abend mit dem Mann zu verständigen. In den nächsten Tagen fiel mir auf, daß sich mein Rumäne nicht zum Maschinengewehrschützen machen ließ, obwohl er ein guter Schütze war. Er meldete sich als Munitionsmann ( pourvoyeur ). Ich dachte mir, daß er, ebenso wie ich, vermeiden wollte, auf Deutsche zu schießen. Den nächsten Anhalt für meine Vermutung bekam ich bei einem Sonntagsspaziergang mit Pintea. Es war ein kalter Tag. Von einem Hügel hatten wir einen weiten Überblick. In der Ferne konnten wir etwas sehen, was wie eine Märchenstadt auf dem Kegel eines Berges lag. Wir erfuhren, daß es Pérouge sei, eine altertümliche Stadt in der Art Rothenburgs ob der Tauber, und beschlossen, am nächsten Sonntag dorthin zu wandern. Unser Gespräch war sehr merkwürdig. Wir sprachen natürlich Französisch, und jeder von uns beiden hütete sich, an der Sprache als Deutscher erkannt zu werden. Ich brachte das Gespräch auf ein Buch, aus dem uns am Tage vorher bei der Musterung vorgelesen worden war. Es war »Das rote Buch der deutschen Grausamkeiten« » Le livre rouge des atrocités allemandes en Belgique et en France «, über dieses Buch hatten sich die Kameraden sehr verschieden geäußert. Einige sagten: »Das haben wir doch in Casablanca nicht besser gemacht«, andere: »Das ist ja alles Schwindel«, andere wieder: »Na wartet nur, wenn wir nächstens zu ihnen kommen, werden wir das schon vergelten.« Pintea sagte: »Du bist doch ein vernünftiger Kerl, solchen Unsinn glaubst du doch nicht.« Er blieb an einem Strauch stehen und fragte mich: »Kennst du diese Früchte?« Ich sagte in der Sprechweise der Soldaten: »Das sind gratte culs «, er aber sagte ganz wichtig, mich belehrend, » ce sont des Hagebutten«. Ich sprach ihm das nach und freute mich innerlich, daß mein Kamerad noch nicht bemerkt hatte, daß ich gut Deutsch konnte. Als wir von der Seefahrt sprachen, hörte ich, daß er Pola, Triest und das Schwarze Meer gut kannte; er vermied aber jedes Gespräch, aus dem ich hätte erfahren können, wie er zur Legion gekommen war. Ich war jetzt schon ziemlich sicher, daß Pintea ein Österreicher sei. Als wir am nächsten Morgen Maschinengewehre in eine Stellung eingruben, verletzte der Kastilier den Rumänen mit dem Spaten an der Hand. »Verflucht«, rief der, während er die Hand vor Schmerz schüttelte. Solche zufälligen Beobachtungen mehrten sich. Eines Nachts konnte ich nicht schlafen, weil ich mir Sorgen machte. Ich ging hinaus und sah nach dem Sternenhimmel. Als mir aber kalt wurde, freute ich mich doch wieder auf meine warmen Decken. Ich tastete im Dunkeln nach meinem Platz zurück und stieß meinen Nachbar aus Versehen an. Er fuhr auf und sagte: »Was ist los?« Als ich antwortete, merkte ich, daß er nur im Schlaf gesprochen hatte. Jetzt war ich meiner Sache ganz sicher: Deutsch mußte die Muttersprache dieses Mannes sein. Ich konnte stundenlang nicht wieder einschlafen. Ich wollte meinen Nachbar mehrmals wecken, fürchtete aber, daß wir belauscht werden könnten, und verschob mein gewagtes Geständnis bis zum nächsten Tage. Am nächsten Abend fand sich eine Gelegenheit, mit Pintea allein zu sprechen. Ich sagte auf französisch: »Wann denkst du denn, daß wir zur Front kommen?« »Ach, das ist mir ganz gleich!« antwortete er. Jetzt nahm ich ihn am Knopfloch, lachte ihn an und sagte, immer noch auf französisch: »Höre mal, alter Freund, du bist ein Deutscher.« Er zuckte zusammen und sagt«: »Wie kommst du denn darauf, du Quatschkopf?« »Ich meinte man bloß.« »Hör mal, du scheinst deiner Sache ja recht sicher zu sein, aber du bist auch kein waschechter Schweizer, wie kommst du denn zu dem Namen Kirsch, he? Allerdings, ich bin ein Österreicher, und« fuhr er auf deutsch fort, »du brauchst mir nun auch nichts mehr zu erzählen. Ich heiße übrigens Pinter.« Wir versprachen uns in großer Erregung, daß wir nichts verraten würden, und ich erzählte, daß ich halb gegen meinen Willen in die Legion hineingekommen sei, und daß ich die Absicht hätte, zu entfliehen. Da sagte er: »Also doch.« Er kannte nämlich schon die Geschichte meiner Urlaubsüberschreitung in Bayonne. Jetzt erzählte er mir auch seine ganze Geschichte. Als er mir gestanden hatte, daß auch er entfliehen wolle, drückten wir uns die Hände. Ich sagte: »Wir machen den Versuch, von hier aus zu fliehen, hier ist Gelegenheit.« »Maul halten, jetzt wollen wir essen gehen.« Die Kameraden fragten schon, wo wir hergekommen seien. Vor dem Schlafengehen nahm mich Pinter noch mal am Arm und sagte: »Von hier aus müssen wir es machen; nach der Schweiz.« Wir beschlossen, mit der Bahn nach der Grenze zu fahren, zählten unser Geld und fanden, daß es genüge. Voll Hoffnung schlief ich ein. Ich war glücklich, einen Menschen zu haben, mit dem ich wenigstens in unbemerkten Augenblicken Deutsch sprechen konnte. Am nächsten Morgen, auf dem Wege zum Schießplatz, gab mir Pinter einen Stoß, zeigte auf die Alpen, die im Morgenlicht erglühten, und sagte: »Sieh mal, wie nahe, wie schön! Da müssen wir hin.« Als der Sonntag kam, stiegen wir in den Eilzug Lyon-Genf. Wir lösten Karten nach Meximieux, der Bahnstation von Pérouges. Viele Soldaten fuhren mit uns. In Meximieux aber stiegen wir in den Zug zurück, als wenn wir was vergessen hätten. Der Zug hatte Durchgangswagen. Wir gingen, um dem Zugführer zu entgehen, von einem Wagen zum andern. »Wenn wir gefaßt werden, stellen wir uns besoffen,« sagte Pinter, »das ist der einzige Ausweg, sonst geht es uns dreckig.« Als der Schaffner zum ersten Male kam, gingen wir hinaus und in den Waschraum. Der Zug hielt auf mehreren Bahnhöfen. Bald fiel uns auf, daß ein Beamter uns folgte, und als wir ihm nicht entgehen konnten, setzten wir uns in ein leeres Abteil. Mein Freund fing an laut zu brüllen. Der Schaffner kam und fragte, was mit uns los wäre. Pinter schrie ihn an, er wolle nach Pérouges, er steige in Meximieux aus, und winkte: »Fahrt man zu!« Ich bewunderte die Schauspielkunst meines Freundes. Ich konnte das nicht so gut, brauchte es aber auch nicht, weil Pinter die Aufmerksamkeit ganz auf sich lenkte. Der Schaffner redete mir zu, ich solle meinen Freund mal zur Ruhe bringen, ich sei wohl der Vernünftigere. Auf der nächsten Haltestelle wurden wir unter allgemeiner Heiterkeit der Zuschauer hinausgebracht und bekamen Freikarten nach Meximieux zurück. Bis wir wieder in der Bahn saßen, spielte Pinter die Rolle als betrunkener Soldat weiter. Er legte sich noch während der Abfahrt weit aus dem Wagen hinaus und winkte den Mädels zu. Als wir aber endlich allein waren, sagte er: »Gut, daß die nichts melden, besonders deinetwegen, wo du schon im Verdacht stehst von Bayonne her! Wir kommen hier nicht durch; das dickste Ende stand noch bevor, wir müssen bedenken, daß ein Gebiet kommt, in dem sich kein Soldat aufhalten darf, und da wären wir sicher geschnappt worden. Na, wenigstens haben die Kerls Verständnis für meine Betrunkenheit gehabt.« Darüber mußten wir doch lachen und waren guten Mutes genug, um wenigstens die unterbrochene Wanderfahrt nach Pérouges wieder aufzunehmen. Wir gingen zu der alten Stadt hinauf und bewunderten die Bauten, die aussahen, als wollten sie jeden Tag umfallen. Das Abzeichen der Stadt war ein fliegender Drache. Das »uneinnehmbare Pérouges« hieß es in einer mittelalterlichen Inschrift. Wir trafen hier zwei Landmädchen, die hübsche Hauben trugen, wie sie zur Tracht der Gegend gehören. Als Soldaten waren wir sehr beliebt und konnten leicht ein Gespräch beginnen. Das eine Mädchen trug Trauerkleider und erzählte, daß ihr Vater schon in dem Kriege gefallen sei. Beide hatten mehrere Brüder im Felde. Wir gingen noch gemeinsam in ein Kaffeehaus, verpaßten deshalb den Zug und kamen zu spät in unserem Standort an. Als wir uns dem Lager von hinten nähern wollten, um unsere Baracke unbemerkt zu erreichen, hörten wir Lärm von der Straße: » O biondino capriccio, garibaldino « tönte es an unser Ohr, und wir erkannten den Baß unsers Castiliers. Der Schweizer mit der unvermeidlichen Zigarette war mit ihm. Sie standen vor einer Kneipe und wollten sich Eintritt verschaffen, obwohl längst geschlossen war. Sie ließen sich nicht überreden, mit uns zum Lager zu kommen. So kletterten wir allein über den Bahndamm. Am nächsten Morgen hörten wir, daß unsere Kameraden von einer Patrouille aufgegriffen worden waren. Sie bekamen dafür zwei Tage strengen Arrest, sollten ihn aber erst nach der Rückkehr in Lyon verbüßen, da hier zu so etwas keine Zeit war. Kurz vor der Besichtigung kam von unserer Truppe auch ein Teil, der in dem Standort Lyon nicht Platz hatte, nach La Valbonne. Es waren gerade die Griechen der Legion. Von diesen ist noch einiges zu sagen. Viele Komitatschi hatten sich freiwillig gemeldet. In Lyon erregten sie mit ihren seltsamen Uniformen großes Aufsehen. Sie trugen Schnabelschuhe mit einem schwarzen Quast auf der Spitze, kleine Röckchen mit Bügelfalten und kurze Hosen. Weniger als über die Kleidung wunderte man sich darüber, daß auch Griechen sich zur Fremdenlegion gedrängt hatten; die Franzosen hatten längst die Überzeugung gewonnen, daß die ganze Welt ihnen gegen die »ungerechte Sache Deutschlands« helfe. Den Griechen waren zur Ausbildung mehrere Soldaten Erster Klasse zugeteilt, die entsetzt schilderten, eine wie ungefügige Gesellschaft das war. Vor allem wollte es den Griechen nicht in den Kopf, daß eine Uniform einheitlich sein müsse. Sie trugen immer wieder ihre alten Kleidungsstücke zu denen der Legionsuniform. Die einzige Übung, die ihnen lag, war das Heranschleichen bei der Felddienstübung; dabei machten sie sehr viel Theater. Auch einige griechische Offiziere waren da. Ihnen war zugesichert worden, sie sollten ihren Hauptmannsrang behalten; es stellte sich aber heraus, daß ihre militärischen Kenntnisse zu dürftig waren, deshalb wurden sie zu Unterleutnants zurückbefördert. Darüber waren die Griechen sehr empört, und eines Tages erlebte das militärische La Valbonne etwas, was es wohl noch nie gesehen hatte. Die gesamten Griechen zogen in geschlossener Schar zum Bahnhof. Die französischen Sergeanten wußten nicht, was sie machen sollten, und liefen händeringend hinterher. Es blieb nichts anderes übrig, als den Griechen eine Zahl französischer Soldaten entgegenzustellen, die sie auf ihrem Wege mit Gewalt aufhielten. In den französischen Schützengräben Der Lehrgang war zu Ende, und wir kamen nach Lyon zurück. Es waren einige Tage, die ich in Freundschaft mit meinem Gefährten verbrachte. Wir sprachen oft in unbewachten Augenblicken miteinander. Das war ein großer Genuß für uns. Ich lernte sehr viel von dem klugen und geschickten Mann; denn er wußte eine Menge Kniffe, und seine Vorsicht war musterhaft. – Als bestimmt wurde, daß auch wir zur Front kommen sollten, und ich nicht recht wußte, was ich darüber denken sollte, sagte mein Freund: »Laß gut sein, gerade da wird sich eine Gelegenheit bieten, zu den Deutschen überzulaufen.« – Ein ganzes Bataillon sollte Ende Januar abgehen und wurde in dem Bodenraum der Hebammenschule untergebracht. Es waren meist Tschechen, Polen und Russen. Unsere Maschinengewehrabteilung war ihnen zugeteilt. Die Russen hatten nicht mit Unrecht den Ruf, daß sie durch das Schnapsmonopol des Staates zur Alkoholsucht erzogen seien; gerade sie betranken sich bei jeder Gelegenheit, und zwar nicht etwa nur mit Schnaps, sondern mit irgendeinem Getränk, besonders mit Bier und Wein. Unsere Ausrüstung wurde für die Front ergänzt. Damit das Rot unserer Kleidung nicht zu sehen sei, bekamen wir für alle roten Uniformteile fahlblaue Überzüge. Die Franzosen nannten das » bleu horizon « (blauer Horizont), weil diese Kleidung mit dem Gesichtskreis verschwamm. Nicht alle, die ausgebildet worden waren, blieben bei der Truppe. Ein Pole, Misereck, der von den Kameraden, weil er sehr elend aussah, »Miserable« genannt wurde, hatte oft mein Mitleid erregt und ich hatte manches freundliche Wort mit ihm gesprochen. Jetzt wurde er mit vielen anderen entlassen, weil man einsah, daß er für den Dienst an der Front zu schwach war. Viele versuchten, sich dem Dienst zu entziehen, nahmen allerlei Pulver ein, um krank zu werden, oder stellten sich farbenblind. Die Ärzte nahmen die Musterung deshalb sehr genau. Ein bekannter Sportsmann, ein Ägypter mit Namen Gibelia, ein Sieger in großen Wettkämpfen, sollte den Ärzten vorgeführt werden, weil er behauptete, er könne nicht gehen. Nun aber war in Lyon ein großer Sportwettkampf »Der Lauf um Lyon«, mit einem Preise von 5000 Franken. Gibelia konnte der Versuchung nicht widerstehen, daran teilzunehmen. Das kam heraus, obwohl er dabei Zivil getragen hatte, und der Mann wurde den Ärzten gar nicht mehr vorgestellt, sondern gleich zur Front geschickt. Der Fall wurde in den französischen Zeitungen viel besprochen. Man hörte, daß die Lust derer, die sich zu Anfang des Kriegs freiwillig gemeldet hatten, sehr gesunken war, da der Ausgang der Schlachten nicht so günstig für die Franzosen war und die Soldaten mit Schrecken merkten, daß man auch als Sieger, wofür die Franzosen sich ja hielten, getötet oder verwundet werden kann. Unsere Uniformen, die sehr abgenutzt waren, wurden durch neue ersetzt. Jeder bekam ein Päckchen Verbandzeug und einen Jodstab. Auf dem großen Platz, auf dem das Reiterstandbild Ludwigs XIV. stand, fand die letzte Besichtigung statt. Unter den hohen Offizieren bemerkte ich auch einen englischen Offizier. Am übernächsten Morgen sollte es losgehen. In dieser Nacht gab es noch einen Nationalskandal. Einige Russen hatten, wie die anderen Nationen auch, Fähnchen in ihren Landesfarben angelegt. Bei der Abendmusterung, die ein Leutnant abhielt, fehlten sehr viele Legionäre. Der Offizier musterte deshalb genauer. Viele waren betrunken, und als der Ruf »Ordnung!« ( garde á vous ) ertönte, herrschte die größte Unordnung. Deshalb rief der Offizier die Wache. Die Leute standen schwankend vor ihren Strohsäcken. Da stand auch ein großer Russe, der eine russische Flagge im Knopfloch hatte. Als der Offizier an ihn herantrat und die Flagge sah, herrschte er ihn an: »Entfernen Sie die Spielerei!« Der Russe verstand nichts oder wollte nichts verstehen und tat auch nichts, als der Befehl wiederholt wurde. Da griff der Offizier zu und warf das Papierfähnchen auf den Boden. Jetzt erhob sich überall im Saal ein Gemurmel, und als der Offizier hinausgegangen war, brach eine Empörung aus: »Er hat die russische Flagge tätlich beleidigt!« so hörte man rufen. »Die Flagge der Verbündeten ist beschimpft worden!« Da der Offizier unbeliebt war, nahm jeder das Gerücht entrüstet auf. Es hieß: »Wir sollen morgen nach der Front gehen und werden hier beleidigt, wir beschweren uns beim Konsul.« Als der Lärm nicht aufhörte, griff die Wache ein und brachte eine große Zahl der Leute zum Fort La Motte. Noch am nächsten Morgen hieß es: »Wir wollen Genugtuung haben«, und in der Katerstimmung entstand wieder eine Art Meuterei. Schließlich gingen die Sprecher zu dem Leutnant von Dostal, der als ein Freund der »slawischen Sache« bekannt war, und schilderten ihm das böse Ereignis des Abends. Dostal sprach mit dem Leutnant, der die Sache schließlich ernst nehmen mußte und nun richtig auf die Russen einging: er nahm sich einige Leute beiseite und gab ihnen große Trinkgelder. Das Geld wurde gleich in Schnaps angelegt; alles war zufrieden und betrank sich nach Kräften. Nur einige gebildete Polen entrüsteten sich über diese Art, von Ehre zu sprechen und sich für Geld wieder zu beruhigen. Mit einigen Trinkgeldern sei also die Ehre Rußlands wieder hergestellt worden. Ich hörte zufällig, wie auch die französischen Offiziere untereinander abfällig über die Russen sprachen: »Mit solchen Bestien müssen wir zur Front; na, als Kanonenfutter ist das Aaszeug gut.« Am letzten Abend in Lyon nahm ich ein Bad. In der Nähe der »Maternité« war eine schöne Badeanstalt, in der ich schon öfters gebadet hatte. Die Anstalt wurde heute gerade zugemacht, als ich in später Stunde kam. Das Fräulein an der Kasse aber erkannte mich und ließ mich noch herein. Sie mußte meinetwegen mit dem Abschließen warten; deshalb eilte ich halbfertig hinaus und bat sie, mir beim Anlegen der Binde zu helfen. Zum Dank dafür begleitete ich sie noch ein Stück nach Hause und hörte an, was sie von ihren Angehörigen im Felde erzählte. Am nächsten Morgen wurde um zehn Uhr zum Antreten geblasen. Der Tornister war allzu schwer gepackt, weil man sich von manchen Sachen nicht trennen wollte. Jeder erhielt außer dem eisernen Bestand noch Brot für mehrere Tage. Ich bekam einen Revolver mit achtzig Patronen und trug den neuen Entfernungsmesser in einem Behälter auf dem Rücken. Am längsten dauerte es, die Griechen marschfertig zu machen. Sie waren nicht zu bewegen, ihr Pelzwerk zurückzulassen. Endlich aber hieß es: » En avant par quatre « (zu vieren – Marsch!), und unter den Klängen der Musik ging es hinaus. Unsere Abteilung erregte mit ihren Mauleseln die größte Aufmerksamkeit. Es war bis zum Nordbahnhof ein weiter Weg. Das Einsteigen in die Bahnwagen war in der Kaserne zwischen zwei Bänken geübt worden. Als der Zug abfuhr, wurde viel geschrien und gewinkt. Ich hatte Platz im Wagen bei den Mauleseln und konnte ausgestreckt schlafen. In der Frühe des nächsten Tages waren wir bei Paris und fuhren um die Stadt herum bis zum Bahnhof Noisy le Sec. Mit uns zugleich lief ein Zug ein mit Fremdenlegionären vom Zweiten Fremdenregiment, das seinen Sitz in Saida hat und in Avignon ausgebildet worden war. Die Legionäre hatten schon die neuen graublauen Uniformen. Auf dem Bahnhofe bekamen die Truppen warmes Essen. Bei der Unterhaltung mit dem Zweiten Regiment wurden viele schnelle Freundschaften geschlossen. Obwohl wir keinen Urlaub bekamen, gingen wir in die Stadt. Ein Pole, Zuganovich, der mit dem Belgier daherkam, sagte: »Kommt mal mit, wir werden uns schon zurechtfinden.« Wir gingen zwischen den Schienen den Wagenzügen nach, kletterten über einen Zaun, nahmen eine Elektrische und fuhren nach dem Montmartre. Fast alles Geld wurde ausgegeben. Natürlich verspäteten wir uns, verzichteten auf den heimlichen Weg und liefen gleich auf das Hauptgebäude des Bahnhofs zu. Als wir schweißtriefend ankamen, stand der Zug noch und blieb sogar noch zwei Stunden stehen, worüber heftig geschimpft wurde. Es stellte sich hier heraus, daß fünf unserer Kameraden ganz wegblieben. So fehlte auch ein Luxemburger, der einmal wegen lumpiger fünf Minuten Verspätung harte Strafe bekommen hatte und sich darüber gar nicht hatte beruhigen können. Spät in der nächsten Nacht kamen wir in Epernay an. Der Zug stand hier lange, wir aber schliefen. Es war draußen bitter kalt. Während der Fahrt wurden die merkwürdigsten Vermutungen laut: »Wir kommen gleich ins Gefecht,« hieß es, »wer weiß, ob wir morgen noch leben.« Es waren aber einige unter uns, die schon an der Front gewesen waren. Sie sagten: »Ihr werdet euch noch wundern, was ihr alles noch lernen müßt.« Am zweiten Morgen hielt der Zug in einem kleinen Dorf im Kriegsgebiet an der Marne, in Oiry-sur-Marne. Hier waren die Deutschen auch schon mal gewesen. Die Maultiere streckten ihre Glieder wieder in der Freiheit. Bald wurde angetreten, und der Marsch begann. Mein Herz klopfte. Die Offiziere gingen an der Spitze. Jeder horchte, ob Kanonenschüsse zu hören seien, aber wir waren noch zu weit von der Front entfernt. Die ersten Zeichen des Krieges sahen wir, als wir die Marne überschritten. Mehrere Häuser waren beschädigt. Man konnte an den Mauern sehen, daß ein Straßenkampf stattgefunden hatte. Die Geschosse waren alle in einer Richtung eingeschlagen. Die Fenster waren zerstört. Die Brücke über den Fluß war gesprengt, und der eiserne Bogen lag im Flußbett. Daneben war eine starke Holzbrücke gebaut worden, über die der Verkehr ging. Das Brückenhäuschen war vollständig zerschossen. Wir waren gewöhnt, überall von einer frischen Bevölkerung mit begeisterten Rufen empfangen zu werden. Als wir aber hier in die Dörfer kamen, fanden wir eine Freudlosigkeit, die mich traurig berührte. Die Menschen sahen ganz verhärmt aus. Auf keine freundliche Bemerkung konnten sie lachen. Diese Leute hatten schon sehr Trauriges durchgemacht und wußten nichts von den Schönheiten, die der Krieg nach dem Urteil derer hat, die fern vom Schuß hinterm Ofen sitzen. Wir begegneten einigen Kavalleriepatrouillen, und als wir über einen Berg kamen, hörten wir in der Ferne den ersten Kanonendonner. Wir erreichten den Ort Bouzy, eine Ruhestellung hinter der Front. Dieses Dorf war sehr wenig zerschossen und sollte der Kompagnie während einer weiteren Ausbildung als Unterkunft dienen. Das war für die meisten eine große Enttäuschung. Sie hatten nur zwei Vorstellungen im Kopfe: den »frischen, fröhlichen Kampf« und die Erholung hinter der Front. Die Ausbildung in einer Gegend, in der es nur die traurigen Seiten des Krieges zu sehen gab, gefiel den Legionären gar nicht. Es war eine Winzergegend, und in den Scheunen standen Geräte zum Weinbau. Ein Greis wohnte in dem Hause, in dem ich untergebracht wurde. Er empfing uns mit einer gewohnten Selbstverständlichkeit, als wenn er nie etwas anderes gesehen hätte, als Krieg. Es wurde die Anweisung gegeben, wenn ein deutscher Flieger käme, solle sich keiner auf der Straße sehen lassen. Auch durften wir uns von heute an nicht mehr entkleiden. Auffallend war der Unterschied zwischen den neu angekommenen Truppen, die eine gewisse Neugierde und Begeisterung hatten, und den enttäuschten, abgehärmten Gesichtern, derer, die von der Front in Ruhestellung zurückkamen. Meine Maschinengewehrabteilung übte zusammen mit einer von der Front gekommenen, deren Leute uns natürlich als grüne Jungen behandelten. Ihr Leutnant war eine besonders schneidige Erscheinung, und man wußte allerlei von ihm. Er hieß Federström und war dänischer Offizier gewesen. Vor Beginn des Krieges war er eines Tages mit den gewöhnlichen Rekruten in Sidi-bel-Abbes angekommen. Matt merkte aber seiner ganzen Art an, daß er zu befehlen gewohnt war, und mit einem Male wurde er zum Korporal und bald danach zum Feldwebel befördert. Man erfuhr, daß er in seiner Heimat bereits Hauptmann gewesen sei. Bei Ausbruch des Krieges wurde er gleich zum Leutnant befördert. Die französischen Soldaten änderten seinen Namen etwas um und nannten ihn wegen seines tollkühnen Draufgehens » Lieutenant Katastrophe «. Er trug bereits die Militärmedaille. Am zweiten Tage bot sich mir ein unvergeßlicher Anblick. Wir erprobten gerade die neuen Maschinengewehre, da kam von der Anhöhe, auf der eine Mühle stand, ein Trupp herab. Diese Menschen sahen fürchterlich aus, ungewaschen, mit übernächtigtem, grausigem Blick, elend; mit langen Bärten. Viele waren leicht verwundet. Die schmutzige Kleidung war von dem Kreidegestein der Unterstände und Gräben weiß. Fortwährend kamen Autos mit Verwundeten. Ich half dem alten Manne, bei dem ich wohnte, vielfach bei seinen Arbeiten und hörte dabei mancherlei Wissenswertes. Im Nachbardorfe war sein Bruder getötet worden. Bei einem Glas Wein erzählte er mir, er habe so viel Elend gesehen; wenn er sterben sollte, sei es ihm gleich. Er sagte aber auch: »Ich habe schon 1870 miterlebt und habe manchmal auf die Deutschen geschimpft; diesmal aber habe ich sie bewundert, ich kann sie nur loben. Diese Ordnung! Wie sie in das Dorf hineinkamen, haben sie nur genommen, was sie für Verwundete unbedingt brauchten. Wir mußten alle um neun Uhr abends zu Hause sein. Hier habe ich auch den Rückzug der unzähligen Truppen miterlebt, da war gar keine Aufregung. Eines Morgens war das Dorf leer, auch die fünf Maschinengewehre, die in meiner Scheune gestanden hatten, waren weg. In aller Stille war das geschehen. Meine Habe war nicht berührt worden. Was uns aber die Deutschen gelassen hatten, nahmen unsere eigenen Soldaten.« Ich blieb nicht lange hier, denn die Maschinengewehrabteilung sollte an die Front und dem 157. Territorialregiment zugeteilt werden. Die zurückbleibenden Kameraden beneideten uns sehr. Am letzten Abend in Bouzy kam der Kastilier mit zwei Flaschen Wein. Wein war hier schon eine Seltenheit, denn es war alles schon ausgetrunken. Am Feuer redete er in der Trunkenheit seine alte Sprache: »Was soll ich eigentlich an der Front? Gerade Deutsche soll ich totschießen? Wie komm ich denn dazu? Gerade die Deutschen sind feine Leute.« Andere aber murrten, und da sie angetrunken waren, wurde der Kastilier wild und sagte: »Wie ich zugrunde gehe, ist ja gleichgültig, hier steht mein Gewehr, das Magazin ist gefüllt! Wer mich meldet, kommt nicht mehr weit! Viva l'Allemagne !« Alle waren eingeschüchtert. Am andern Tage aber wurde er zum Obersten geführt und ist dann verschwunden, wahrscheinlich, weil die Vorgesetzten ihn für unzuverlässig hielten. Ebenso war es mit den meisten Griechen. Auch einer der griechischen Offiziere wurde abgerufen. Im Hexenkessel auf französischer Seite Die Maschinengewehrabteilung, der ich angehörte, rückte nach Verzenay vor. Der Weg führte nach Louvois und weiter aufwärts durch den Wald. Unterwegs hörten wir ein andauerndes Rollen. Als wir die große Heeresstraße sahen, bemerkten wir unzählige Wagen, die von der Front kamen oder neue Zufuhren hinbrachten. Auf Bauernwagen und »Madeleines«, den Pariser Autos, die sonst fröhliche Menschen beförderten, fuhren jetzt verwundete und sterbende Krieger. Als wir in Verzy ankamen, wurde ein Flieger gemeldet. Wir sahen in die Luft, aber ehe man sich über die Gefahr klar wurde, löste sich von dem Flieger ein Bündel, das sich, fallend, vergrößerte. Ein Hagel von Pfeilen kam gerade über uns herunter. Hinter mir und vor mir klirrten die metallenen Spitzen auf das Pflaster. Ein Maultier sprang hoch und brach zusammen. Das Tier war durch einen Hinterschenkel getroffen worden. Der Pfeil ging glatt hindurch. Einem Manne war ein Pfeil durch den Tornister gegangen und hatte den Eßnapf durchschlagen. Verwundet war niemand. Wir sahen bei dem Flieger Schrapnells platzen und glaubten bestimmt, er müsse getroffen werden, er kam aber nicht herunter. Den getroffenen Maulesel ließen wir bei einem Forsthause zurück. Das war das erstemal, daß ich in Gefahr kam, von meinen eigenen Landsleuten zu Tode befördert zu werden. Mir war nicht wohl zumute, wenn ich daran dachte. Das Dorf Verzy war stark zerstört. Die Leute im Dorfe wunderten sich über unser Singen und sagten: »Euch wird das Singen bald vergehen.« Auf der Höhe standen zwei große Flachbahngeschütze. Es wimmelte hier von Soldaten, besonders von Zuaven und Marokkanern. Das weite Schlachtfeld lag jetzt vor uns. Ganz links zwischen den Bergen lag Reims. Vor uns breitete sich die Ebene aus, hinter ihr stieg das Land wieder an. Zerschossene Dörfer lagen in der Ebene. Diese Ebene war von hellen Streifen durchzogen; das waren die Schützengräben. Vor uns lag die französische, weiterhin die deutsche Linie. Auch Pinter sah das und stieß mich in großer Erregung an. Wir sahen die Granaten aufschlagen und zerplatzen. Auch unser Platz Verzy wurde beschossen. Dennoch mußten wir hinein und wurden in einer Champagnerfabrik untergebracht. Da trafen wir alte Kameraden von Bayonne; aber wie sahen die aus! Ein Holländer traf hier seinen Bruder wieder. Van Boers war sein Name. Obwohl ein dauernder Lärm von einschlagenden Granaten war, mußten wir versuchen, zu schlafen. Es hieß, wir sollten bald in die Schützengräben. Pinter lag neben mir. Wir fragten uns, ob es gelingen würde, gleich hinüber zu kommen, und wußten noch keinen Weg. »Wir müssen nur sehen, daß wir zusammenbleiben«, flüsterte mir Pinter zu. Es regnete in Strömen. Gegen ein Uhr morgens wurden wir geweckt. Licht durfte nicht gemacht werden. Welch einen schaurigen Eindruck machte das alles! Nur zum Aufzäumen wurde im Stall eine kleine Blendlaterne benutzt. » Qui vive ?« (Wer da?) wurden wir überall von versteckten Posten angerufen. Der Leutnant ging an der Spitze, der Sergeant führte und ermahnte uns, vorsichtig aufzutreten, denn es seien Granattrichter in der Straße. Umgefallene und zerspaltene Bäume sperrten den Weg. Wir erreichten die zweite Linie. Dann kamen wir an den Rhein-Marnekanal. Dort mußten wir die Losung abgeben. Die hieß heute »Paris-Pasteur«. Es war der Name einer Stadt und der Name eines berühmten Mannes mit gleichen Anfangsbuchstaben. Neben uns gingen lautlos Menschen mit Spaten und Planken. In der Ferne sah man Scheinwerfer strahlen. Leuchtgranaten erhellten auf kurze Zeit dies und jenes Gebiet. Auf der anderen Seite des Kanals war es sehr schwierig, vorwärts zu kommen, und ich bewunderte die treuen Maulesel, die ruhig weiterschritten. Einmal war ein schrecklicher Geruch: »Der Friedhof von Prunay«, hieß es. Hier wühlten die einschlagenden Granaten die Gräber auf und ließen nicht einmal den Toten Ruhe. Wir klopften nahe dabei gegen ein Tor und fanden in einem Kellergeschoß die Wache. Nur bis hierher konnten die Maulesel mit und wurden in einem Stall untergebracht. Ein einzelnes Gehöft lag rechts vor dem Kanal. Da war ein Keller, der Sitz des Generalstabes. Der Offizier ging dorthin, um sich weitere Befehle zu holen. Wir mußten jetzt unsere Tornister ablegen. »Schnell, schnell,« hieß es, »bevor der Morgen kommt.« Ich trug mein Meßgerät und bekam noch eine Munitionskiste zu tragen, und weiter ging es durch das zerschossene Dorf. Die Giebel der meisten Häuser fehlten; nur Eckpfeiler und leere Fensteröffnungen zeugten von der früheren Form der Gebäude, was einen schrecklichen Eindruck machte. Hinter den Mauerresten eines Hauses war der Eingang des Laufgrabens, in den wir hineinstiegen. Unten war alles voll Wasser. Der Graben bog hin und her. Ich bewunderte die Arbeit, die die Menschen hier geleistet hatten. Wir erreichten die ersten Linien. Da wimmelte es wieder von Soldaten, die emsig arbeiteten. Manche standen regungslos an den Schießscharten und spähten hinaus. Andere arbeiteten draußen am Stacheldraht. In der allervordersten Linie stellten wir unsere Maschinengewehre auf. Die Stellungen waren dafür schon vorgearbeitet worden. Verirrte Geschosse schlugen in der Nähe ein. Als wir schon dachten, wir hätten unsere Gewehre gut eingegraben und könnten irgendwo ausruhen, bekamen wir Befehl, weiter zu marschieren. Der Graben folgte der Landstraße Chalons-sur-Marne – Reims. Mittlerweile wurde es hell. Blaßblaue Wolken lagen über den fernen Höhen. Der Himmel über uns aber war wolkenlos. Bäume und Häuser in der Ferne zeichneten sich scharf ab gegen einen Streifen, der vom Morgenrot durchleuchtet war. Ich sah mehrmals durch Schießscharten auf das öde Feld, das zwischen den Gräben lag. Ein Wald in unserer Nähe wurde genannt » le bois des Zouaves «, das Zuavengehölz. Um zehn Uhr begannen die Deutschen mit Artilleriefeuer. Als wir unsere Maschinengewehre aufgestellt hatten, wurden unsere Tornister nachgeholt. Die Hälfte der Leute stand immer Wache. Patronentaschen durften nicht abgelegt, Schuhe nicht ausgezogen werden. So lagen wir, meist im Unterstand, zwei Tage in der Nähe von Reims. Ich hielt mich ganz an Pinter; wir waren in diesen bangen Tagen unzertrennlich. Trotz der Kälte war es recht warm in dem Unterstand, weil so viele Menschen dicht beisammen lagen. In der dritten Nacht hieß es: »Schnell alles aufpacken!« Auf einer der Straßen standen Lastautos, die uns weiterbeförderten. Wir wurden an eine Stelle gebracht, an der ein heftiger Kampf wütete. Hier wurden von allen Seiten unglaubliche Mengen von Truppen zusammengeworfen. Man hörte kein einzelnes Schießen mehr; es war ein fortdauerndes Sausen und Brummen, ein Trommelfeuer. Verwundete begegneten uns. Jetzt waren wir nichts als willenloses Werkzeug der Befehlsmächte, die uns beherrschten. Der Tod griff bald hier bald dort in unsere Reihen. Wir waren schon abgestumpft gegen die Tatsache, daß dieser und jener von uns getroffen wurde und dann tot oder verwundet war. Wir waren an einer Stelle, wo die deutsche Linie nur 45 Meter entfernt war. Hier wurde mit Handgranaten gekämpft. Die Gräben waren im Bereich dieser Gefahr sehr einfach angelegt und zum Teil durch das Artilleriefeuer der letzten Tage schon wieder zerstört worden. Die Franzosen bereiteten einen Angriff vor. Das Dröhnen, Knallen und Krachen aus den Rohren der französischen Artillerie hinter uns war ohrenbetäubend. Ich konnte sehen, wie die Granaten die deutschen Gräben trafen. Ein Regen von Eisen legte die Hindernisse nieder und hüllte die Linien der Gräben in eine Wolke von Rauch und Staub. Pinter stand wieder neben mir und sagte entsetzt: »Da lebt nichts mehr.« Gegen Morgen hörte das Artilleriefeuer auf, und die Franzosen gingen zum Angriff vor. In langen Kolonnen waren sie in der Nacht herangekommen und quollen nun in ungeheuren Massen über die Gräben hervor. Unsere Stellung lag so, daß wir gegen das Feuer der Deutschen gedeckt waren und seitlich die vorgehenden französischen Truppen beobachten konnten. Wir dachten, diese Menschenmassen würden jetzt die furchtbare Aufgabe haben, in einem verlassenen Trümmerfeld von Schutt und zerfetzten Menschenleibern neue Gräben zu schaffen, und gewahrten zu unserm Staunen, daß die Hölle vor uns von lebendigen Menschen verteidigt wurde. Aus diesem Feld der Verwüstung knallte und rasselte jetzt ein Maschinengewehrfeuer von wahrhaft vernichtender Stärke. Die anstürmenden Franzosen wurden niedergemäht. Da – da – dort fielen laufende Menschen. Es war unser Glück, daß wir Maschinengewehrschützen im Graben bleiben durften. Schwerverwundete und viele, die die Waffen weggeworfen hatten, schleppten sich zurück. Ein grauenhaftes Feld, bedeckt mit toten, sterbenden und schreienden Menschen blieb vor uns. Eine zerschossene Kämpferschar füllte unsere Gräben. Wenn die Deutschen jetzt einen Angriff gemacht hätten, wären wir alle gefangen genommen worden. So sehr Pinter und ich das wünschten, zitterten wir doch davor: Wer würde uns glauben, daß nur eine endlose Kette von Gefahren und Schwierigkeiten uns zu dem tollen Wagnis verleitet hatte, uns in die Reihen der Feinde Deutschlands zu stellen, um so die Heimat wieder zu gewinnen? Wir waren in Gefahr, von unseren Landsleuten als Verräter am Vaterland angesehen zu werden, und hofften, als Überläufer, nicht als Gefangene in die Hände der Deutschen zu kommen. Am Tage hörte das Gefecht auf, und das Stöhnen derer, denen nicht geholfen werden konnte, drang ergreifend an unsere Ohren. Das waren entsetzliche Stunden! Wir bekamen natürlich kein Essen und mußten unsere eisernen Rationen anbrechen. Zwieback und Büchsenfleisch waren unsere Nahrung. Vier Tage mußten wir hier aushalten. Angriff und Gegenangriff wechselten. Die Franzosen setzten sich an einzelnen Stellen in den deutschen Gräben fest, wurden aber immer wieder durch Gegenangriffe hinausgeworfen. Wir selbst konnten aus unserem Graben nicht heraus, weil wir fortwährend beschossen wurden. Am vierten Tage hatten wir nichts mehr zu essen und versuchten die Verbindung zu dem nächsten Graben herzustellen. Die ersten, die hinausgesandt wurden, wurden getötet. Die Nächsten kamen endlich zurück. Aber gerade, als die hungrigen Soldaten sich gierig nach dem Essen drängten, geschah etwas Grausiges: Ein Schrapnellschuß schlug zwischen den Leuten ein. Ich stand etwas abseits und fiel hintenüber gegen mein Maschinengewehr. Einer, dem die ganze Wange weggerissen worden war und die Zunge zur Seite heraushing, lief schreiend, wie irrsinnig gegen mich an, und ich wurde mit seinem Blute bespritzt. Einige wälzten sich im Graben. Neben mir lag ein Pole, ein Dolmetscher. Er war tot: Der ganze Unterleib war ihm weggerissen worden. Ich war unverwundet, Pinter hatte eine leichte Wunde am linken Oberarm. Endlich, in der fünften Nacht wurden wir abgerufen. Wir waren nicht mehr viele und kamen wegen der großen Verluste in eine Ruhestellung. Gekämpft hatten wir gar nicht und waren eigentlich nur Kanonenfutter gewesen. Was kann in solchem Kampf der Sprengmittel und geschleuderten Handgranaten der einzelne tun und lassen? Aushalten, nichts weiter. Als Überläufer in den deutschen Schützengraben Wir hatten eine schwere Feuertaufe bekommen. Wie durch ein Wunder waren Pinter und ich am Leben geblieben. Wären wir nicht beide durch unsere Fähigkeiten zur Maschinengewehrabteilung gekommen, oder hätten die Deutschen in diesen Tagen zufällig nur einmal einen Gegenangriff bis auf unsere Stellung gemacht, so wären wir wohl nicht mit dem Leben davon gekommen. Über die Hälfte unserer Abteilung war tot, und in welchem Zustande waren die Übriggebliebenen! Als wir in die Ruheräume kamen, waren wir völlig teilnahmslos und warfen uns hin. Das Denken war tot. Obwohl wir aber den festen Willen zum Schlafen hatten, kamen wir nicht dazu; das Gehirn war wie zerquetscht. Der schreckliche Zustand des Halbwachens im Schützengraben wollte nicht aus dem Körper hinaus. Nur das eine günstige fühlte man: Das beruhigende Bewußtsein, einer ungeheuren Gefahr entronnen zu sein. Wir blieben drei Tage in der Ruhestellung, dann hieß es wieder, wir sollten uns klarhalten. Als wir auf der Straße nach Verzenay marschierten, erfuhren wir, daß wir in den Abschnitt von Prunay kommen sollten. Pinter sagte mir: »In den nächsten Tagen müssen wir hinüber.« Es gingen nämlich Gerüchte, daß wir längere Zeit in Ruhestellung kommen sollten, und man sprach von einem Erlaß, nach dem alle nicht ganz sicheren Ausländer zurückgezogen werden sollten. Diese Nachricht erregte bei den Tschechen und vielen anderen, die von dem Kriege genug hatten, große Freude, uns aber erinnerte sie dringend an die geplante Flucht. Unsere Nerven hatten sich wieder beruhigt, und die kleine Wunde meines Freundes heilte schon ab. Wir kamen von Westen her in neuausgebaute Gräben hinein. Die Stellung lag gerade an der Straße nach Reims. Die Gräben waren neu vertieft worden. In der Nähe standen » les trois maisons « (die drei Häuser), ein Bauernhof, der völlig zerschossen war; hinter diesem Gehöft lag unsere Küche. Von dorther brachten unsere Boten das Essen nach dem Unterstand. Das war nicht ungefährlich, und am zweiten Tage blieb das Essen aus. Eine Granate hatte die Boten getötet. Mitunter wurde auch die Küche getroffen; meist aber bekamen wir unser Essen regelmäßig, an manchen Tagen auch einen Becher Wein. Im Vergleich zum Hexenkessel war es hier eine wahre Erholung. Die Gräben waren gut ausgebaut. Die innere Einrichtung wurde dadurch erleichtert, daß die Kreide der Champagne sich mit dem Spaten ausstechen ließ und doch so zusammenhielt, daß die Decke nicht abgestützt zu werden brauchte. Die Unterstände waren zum Teil mit Stroh bedeckt, das nicht ausgedroschen war. Das Korn hatte geleimt und war ausgeschlagen. In den dunkleren Unterständen war es nicht grün geworden, sondern war nur lang und blaß ausgewachsen. Wir mußten in dieser Zeit schwer arbeiten; oft zerstörte die deutsche Artillerie bei Tage, was wir in der Nacht geschaffen hatten. Die Erde, die berührt wurde, wurde immer wieder so hingelegt, daß der Mutterboden oben lag, und jede neue Stellung wurde sorgfältig maskiert. Mitunter aber half das nichts. Einmal arbeiteten wir eine ganze Nacht hindurch an einer vorgeschobenen Stellung und bauten einen Unterstand für ein Maschinengewehr. Eisenbahnschwellen und Schienen wurden darüber gedeckt; in der Frühe aber richtete sich das Feuer der deutschen Artillerie auf unser Werk und schoß alles kurz und klein. Ganz gewiß wurde auf der deutschen Seite ebenso gearbeitet wie auf französischer; bei Tage aber war niemand zu sehen, und wenn man durch eine Schießscharte sah, konnte man kaum glauben, daß da Tausende von Menschen in der Erde eingegraben lagen und aufeinander lauerten. Bei Tage beschäftigten sich die französischen Soldaten mit allerlei Handarbeiten; sie machten Fingerringe aus Granatzündern und schnitzten schöne Bilder in die Kreide der Unterstände. Eines Tages stand ich neben der Munitionskiste, als ein katholischer Priester den Graben entlang kam. Er trug Reitergamaschen und auf der Brust ein Kreuz. Er redete mich freundlich an und sagte: »Guten Tag, mein Sohn, wann bist du denn zum letztenmal in der Kirche gewesen; hast du irgendwelche Bedürfnisse?« Ich dankte herzlich, er drückte mir die Hand und ging weiter. Als er gerade hinter den » trois maisons « verschwunden war, sauste dort ein schweres Geschoß nieder, und ich fürchtete, der Mann sei getötet worden. Da war ich freudig überrascht, als ich ihn einige Tage später wieder ankommen sah. Die Legionäre erkannten ihn und riefen: » Ah, bon jour, mon père !« (Ah, guten Tag, Vater!). Er öffnete einige Pakete und verteilte Liebesgaben. Obwohl ich manches brauchen konnte, hielt ich mich doch ein wenig im Hintergrund; es schien mir nicht recht, von den Franzosen Gaben zu nehmen, wo ich doch die Absicht hatte, zu entfliehen. Der Priester aber sah mich und winkte: »Na, der große Schwarze da hinten, sei man nicht so schüchtern, du sollst auch etwas haben!« Er gab mir eine warme Unterjacke, die ich gut brauchen konnte, weil ich in der Nacht recht gefroren hatte. Der Leutnant Dostal sah stets scharf aus nach verdächtigen Stellen in der deutschen Linie, er rief dann oft: »Telemeter«, und gab mir an, welche Entfernung ich messen sollte. Ich mußte es, um nicht gesehen zu werden, so einrichten, daß die Gläser meines Meßapparates je eine Schießscharte vor sich hatten. Das Einrichten dauerte dem Leutnant einmal zu lange, er riß mir den Apparat ungeduldig aus der Hand und steckte den Kopf über die Böschung. Über die Unvorsichtigkeit wurde er aber bald belehrt, als ein Geschoß das Meßgerät durchschlug und dem Leutnant das Ohrläppchen wegriß. Erschrocken ließ er das Gerät fallen und sagte nichts mehr. Ein andermal befahl der Leutnant, eine Entfernung nach einem Hügel zu messen, auf dem zwei Feldgraue Holz hackten. »Welche Frechheit, am hellen Tage aus der Deckung zu steigen«, rief Dostal. Es waren 1500 Meter, ich mußte das melden. Der Leutnant winkte Schützen herbei und befahl zu feuern. Ich konnte durch das scharfe Glas etwas beobachten, was mich zum Lachen brachte. Der eine der beiden Feldgrauen warf die Axt in den Graben und machte eine Handbewegung, die sagen sollte: »Jetzt ist es aber Zeit.« Der andere arbeitete ruhig weiter; bei der zweiten Salve aber sprang auch er in den Graben und zeigte mit dem Spaten an: »Vorbeigeschossen! (»Langer Heinrich«.) An diesem Tage meldete ein Soldat dem Sergeanten: »Hier in der Nähe liegt ein Deutscher.« Der Sergeant sagte: »Bist du verrückt?« Der Mann aber blieb bei seiner Behauptung, und als der Sergeant ihm folgte, ging ich mit. Da lag in einem Granattrichter hinter unserer Linie bewußtlos ein junger deutscher Soldat, der an der Schulter verwundet worden war. Er war vom 10. Schlesischen Infanterie-Regiment. Wir brachten ihn an einen Koksofen und wärmten ihn, bis er erwachte. Ich war in großer Versuchung, meinen lieben Landsmann auf Deutsch anzureden, überließ die Verhandlung aber dem Leutnant, der herzugerufen worden war. Er fragte ihn: »Bist du Deserteur?« Der Mann verstand kein Französisch, auf dieses Wort aber antwortete er: »Ach, Quatsch, Patrulje bin ick; ick habe jar keene Lust, bei euch zu bleiben, laßt mir man wieder los, da sollt ihr sehen, wie ick nach Hause loofe.« Die Franzosen verstanden dies Hochdeutsch nicht, bewunderten aber die Laune und Frische des Mannes. Ich erfuhr später, auf deutscher Seite, wie der Mann hierher gekommen war: Er hatte sich freiwillig zu einer Schleichpatrouille gemeldet und sich in den Kopf gesetzt, ein französisches Käppi zu erbeuten, um an der Nummer zu sehen, welche Truppen hier lägen. So war er offenbar in der Nacht durch die französische Linie hindurchgekrochen und da verwundet worden. Übrigens störten uns in unserer Arbeit bei Nacht oft deutsche Patrouillen, die Handgranaten in unsere Gräben warfen. In diesen Tagen kam die Nachricht von dem Untergang Seiner Majestät Schiff »Blücher«. Das Seegefecht wurde als ein Riesenerfolg der Engländer hingestellt, und die Siegeszuversicht der Franzosen war groß, da man noch immer von der russischen Dampfwalze sprach und den Untergang der Russen in den masurischen Seen nur als einen geschickten strategischen Rückzug kannte. Die deutschen Soldaten wurden trotz allem, was man an der Front erfuhr, in den französischen Zeitungen als törichte und feige Männer hingestellt, und es war allgemein bekannt, daß nur die Furcht vor ungeheuren und grausamen Strafen die Deutschen noch im Kampfe festhalte. Gegen diese unsinnige Lügerei schrieb Hervé, der französische Sozialist, in seiner Zeitschrift einen Aufsatz, den ich Pinter gab, und der die Überschrift trug: »Das achte Gebot.« Da hieß es etwa: »Es ist allgemein Sitte, es so darzustellen, als ob zehn Deutsche vor einem Franzosen fliehen. Was sagt ihr aber zu den Taten der »Emden«? Ihr werdet doch nicht etwa behaupten, daß es ces rudes marins (diese wetterharten Seeleute) Feiglinge seien!« Pinter bemerkte dazu: »Es gibt doch noch kluge und feine Leute in Frankreich.« Pinter und ich hörten von den Schleichpatrouillen, daß es möglich sei, sich in der Nacht den deutschen Stellungen zu nähern. Die Gefahr war nur, von den Deutschen beschossen zu werden. Wir dachten, uns zu einer Patrouille zu melden, in der Nähe der deutschen Stellung liegen zu bleiben und uns den Deutschen bei Tage durch Rufen zu erkennen zu geben, damit die uns in der nächsten Nacht, ohne zu schießen, aufnähmen. Man wies uns aber zurück und sagte, Maschinengewehr-Mannschaften dürften nicht Patrouille gehen. Kurze Zeit darauf bot sich mir allein eine Gelegenheit, zu fliehen. Die einzig mögliche Zeit zur Flucht war die Dämmerung, wenn Ziele nicht mehr deutlich zu erkennen waren und Schleichpatrouillen noch nicht hinausgegangen waren. Eines Abends nun bekam ich in der Dämmerung den Auftrag, von einem Strohhaufen, der vor dem Stacheldraht stand, Stroh zu holen, das zum Abdecken eines neugeschaffenen Unterstandes dienen sollte. Als ich an dem Strohhaufen stand, sah ich, daß ich nicht beobachtet wurde. Vor mir lag der Bois des Allemands (der Wald der Deutschen), ein Gehölz, in dem schon mancher gefallen war. Einen Augenblick war ich unentschlossen und wollte laufen; dann aber fiel mir Pinter ein, mit dem ich unzertrennlich gesehen worden war und den meine Flucht ganz gewiß verdächtigt hätte. Deshalb kehrte ich zurück. Es war aber noch mehr Stroh nötig, und ich erreichte es, daß Pinter mit mir hinausgeschickt wurde, weil ich vorschlug, wir wollten auf zwei Stangen einen ganzen Haufen Stroh hereinbringen. Wir waren zur Flucht bereit; als wir aber hinausgelassen wurden, war der Mond schon hochgekommen, und wir wurden zu gut gesehen. In dieser Nacht wurde der Holländer de Boers, als er neben mir stand, von einer verirrten Kugel in den Kopf getroffen. Er stöhnte nur: »Je ...« und war sofort tot. Ein anderer wurde schwer am Arm verwundet, und am nächsten Morgen zerstörte die deutsche Artillerie unsern ganzen neuen Unterstand völlig. Der Sergeant, der unsere Arbeit beaufsichtigte, war ein harter Mensch und lag schon drei Monate in dieser Stellung. Eines Abends suchte er seine Leute zur Arbeit zusammen, da sah er den Polen Michalski stehen und rief ihn an: »He, der Österreicher, wie heißt du?« Das Wort »Österreicher« war für die Tschechen beleidigend. Der Angerufene drehte sich ganz langsam um, machte eine gesellschaftliche Verbeugung und sagte: »Baron von Michalski«. Der Sergeant wollte das ins Lächerliche ziehen, verbeugte sich ebenfalls und sagte: »Sultan von Marokko; Baron oder nicht, hier faß mal an!« »Ich bin Korporal«, antwortete Michalski und zeigte auf sein Abzeichen, das kaum zu sehen war, weil jetzt nur unauffällige Zeichen getragen wurden. »Ach so,« sagte der Sergeant, »das hättest du gleich sagen sollen!« Als Pinter und ich glaubten, alle Umstände genügend zu kennen, beschlossen wir an einem Abend, die Flucht zu wagen. Wir hatten einige Tage vorher beobachtet, wie ein Unteroffizier abends, obwohl das streng verboten war, vor den Stacheldraht gegangen war und einen Hasen hereinholte, den er bei Tage geschossen hatte. Auf diese Beobachtung bauten wir unsern Plan. Als die Zeit des Abendessens kam, gingen wir an das Ende eines ganz neuen Laufgrabens, der nicht weit von der deutschen Linie in einem viereckigen Raum endete. Dort stand ein Doppelposten. Hier begann der Stacheldraht, dann kam ein großes Rübenfeld, das nicht abgeerntet worden war, dahinter sahen wir die deutschen Gräben. Der Weg, den Kirsch in der Kriegszeit mit feindlicher Hilfe zurücklegte. Wir unterhielten uns mit den beiden Zuaven, die hier Posten standen. Als sie abgelöst wurden, kamen zwei junge Leute der Fremdenlegion. Die sahen uns schon da stehen und dachten wohl, wir hätten hier irgend etwas zu suchen. Pinter sprach so, als ob er ein angefangenes Gespräch fortsetze, und sagte: »Jetzt müssen wir ihn holen, es wird bald zu dunkel.« Die Posten fragten: »Was wollt ihr holen?« Und Pinter antwortete gelassen: »Ach, wir haben hier einen Hasen umgelegt, und den wollen wir reinholen«, und als die Posten sagten, sie könnten uns nicht hinauslassen, es koste sechzig Tage Haft, da sagte Pinter spöttisch: »Na, ihr habt ja noch gar keine Ahnung von dem Betrieb hier, so was Grünes hat man noch lange nicht gesehen.« Dadurch ließen sich die Soldaten einschüchtern und sagten: »Dann macht aber schnell.« Ich zögerte nicht lange und stieg vorsichtig über den Draht, was nicht leicht war. Ich wandte meine ganze Aufmerksamkeit auf das, was ich vor mir hatte, als mich im letzten Augenblick ein junger Spanier vom Graben her am Mantel faßte und sagte: »Wo willst du hin? Bleib doch hier.« Ich sagte nichts, schüttelte ihn ärgerlich ab und ließ mich nicht von meiner Aufgabe ablenken. Pinter kletterte hinter mir. Als wir über die Stacheldrähte hinüber waren, gingen wir in halbgebückter Haltung zwischen den Rüben vorwärts und taten so, als ob wir etwas suchten. Ich merkte, daß Pinter mir folgte, sah mich aber nicht nach ihm um. Wir sagten auf französisch: »Hier muß er doch liegen.« So entfernten wir uns Schritt für Schritt auf die deutsche Linie zu. Es waren aufregende Sekunden: Vorwärts gehen und sich doch nicht merken lassen dürfen, daß man eigentlich laufen, der Freiheit entgegenstürmen möchte! Da, mit einem Male, wir mochten etwa zwanzig Schritt gegangen sein, erscholl vom Graben her die laute Stimme eines Vorgesetzten: »Heda, ihr Kerle, was sucht ihr denn da, was treibt ihr euch da oben herum? Vous avez un toupet de vous balader lá-haut, voulez-vous descendre! Est-ce que vous êtes fous ?« (Ihr seid wohl des Deibels, Euch da oben rumzutreiben, macht mal, daß Ihr runterkommt.) So schalt er weiter. Wir hörten die Stimme hinter uns und fühlten die Gewehre der ganzen Linie auf uns gerichtet. »Jetzt lauf!« rief Pinter mir zu. Ich lief, was die Beine hergeben wollten, knickte aber gleich zu Anfang auf einer glitschigen Rübe aus und empfand einen Schmerz am Fuße. Pinter überholte mich. Jetzt folgte ein erregtes Rufen. » Halte-là , – – halte-là , – – halte-là !« (Halt – da!) Aber es gab kein Halten mehr: wir rannten so schnell wir konnten. Nach dem Rufen war eine kleine Pause, deren Sekunden mir wie eine Ewigkeit in Erinnerung sind, weil in ihnen die Spannung vor den nun erwarteten tödlichen Schüssen lag: Tscheng – tscheng! Die beiden Wachtposten hatten geschossen. Ein Zucken, ein Krampf der Nerven, dann das Bewußtsein: Wir sind nicht getroffen. Wieder eine kurze Pause, dann ein Knattern aus hundert Gewehren. Die Geschosse pfiffen uns um die Ohren. Ich spürte einen Schlag an der Schulter und merkte, daß die Achselklappe weggerissen und der Riemen der Pistole durchschossen worden war. Die beiden Teile des Riemens schlugen mir im Laufen gegen die Beine. Pinter lief etwas seitlich vor mir. Er war um mich besorgt, wandte sich im Laufen um und rief: »Schnell, schnell!« Die Geschosse pfiffen um uns. Ich sprang über eine Leiche weg, dann wieder über eine, da sehe ich Pinter vornüber fallen und werfe mich neben ihn hin. Ich schüttele ihn. Ein stöhnender Hauch kommt aus seinem Munde: »Lauf!« glaube ich zu verstehen. Der Mond war ein wenig hervorgekommen, ich beugte mich über Pinter und sah Blut in seinem Gesicht. Ich spürte seinen Atem nicht mehr und schüttelte ihn. Er rührte sich nicht. Das Schießen hatte aufgehört. Ich richtete mich halb auf und sah mich um. Da war es mir, als ob aus der Deckung Gestalten hervorkamen. Mein Atem flog; ich rüttelte Pinter noch einmal: er war leblos. Ich sprang auf, in furchtbarem Zweifel: mir war, als dürfte ich den Toten nicht verlassen. Als ich weiter rannte: Teng – teng, begann das Schießen wieder in aller Stärke. Ich lief nur wenige Sekunden und sprang über mehrere Menschen hin, die mit ihren Waffen, als ob sie noch lebten, dalagen, dann fiel ich halb willenlos vornüber auf die vorgestreckten Hände, und meine Rechte stieß dabei gegen einen Toten, dessen Brustkasten nachgab. In meiner erregten Vorstellung zeichnete sich ein Eindruck, der nie verwischen wird. Ich riß die Hand an mich und kroch weiter. Dann sprang ich wieder auf, sah einen kleinen Graben vor mir und setzte darüber hin, da sah ich dicht vor mir Linien von Stacheldraht. Zuerst erschrak ich: Sind das französische Gräben? Dann erkannte ich Drahtreiter, die es bei den Franzosen nicht gab, und schon blitzten dicht vor mir Schüsse auf. Ich schrie, ich brüllte: »Nicht schießen: Deutscher!« Eine unheimliche Ruhe folgte, mein Blut pochte; oder waren das Stimmen in der Erde? Lebte da was? Jetzt werden erregte deutsche Rufe laut: »Hände hoch!« »Stehenbleiben!« »Hände hoch!« Ich glaubte hundert Augen, hundert entsicherte Gewehre auf mich gerichtet. Der eigentümliche Ton der Stimmen aus der Erde machte mich zittern: deutsche Laute! In aller Bereitwilligkeit riß ich die Arme hoch, aber nur ein Arm folgte, und ich spürte einen Schmerz an der linken Schulter. »Beide Hände hoch!« rief es wieder aus dem Dunkel. »Bin verwundet, kann nicht!« Ich hörte Gemurmel, dann, nach einer Pause von Sekunden, stiegen mehrere Gestalten aus der Erde. »Jetzt muckst du dich nicht«, hörte ich in schlesischer Mundart. Ein Mann rief: »Hier durch!« Und ich fand, der Richtung folgend, eine Stelle, wo ein Drahtgestell halb geöffnet war. Ich wurde angepackt: »Komm mal hier durch – vorsehen!« Da war ich aber schon auf die Kante eines Grabens getreten, die Erde rutschte mit mir ab, und ich schlug schwer in den Graben hinein. Da blieb ich willenlos und erschöpft liegen. Ich hörte deutsche Laute um mich herum, deutsche Sätze, die ohne Vorsicht gesprochen wurden. Alle Angst machte einer tiefen Ruhe Platz: ich war am Ziel. Man gab mir etwas zu trinken, dann faßten Feldgraue mich unter die Arme und sagten: »Nun komm mal mit.« Ein junger Offizier stand vor mir und fragte mich mühsam in französischer Sprache. Da fuhr hinter mir einer mit der Bemerkung heraus: »Der Kerl spricht Deutsch«, und ich sagte glücklich: »Bemühen Sie sich nicht, ich spreche Deutsch.« Man führte mich in einen der ersten Unterstände. Da bemerkte ein Feldwebel meine Pistole und griff danach. »Ach,« sagte ich spöttisch lächelnd, »Sie entwaffnen mich!« Dann fühlte ich einen Schmerz und griff nach meiner Schulter. »Bist du verwundet?« fragte ein Sanitätssoldat, der dabeistand. »Ich glaube, ja«, antwortete ich, und während ich verbunden wurde und ruhig dastehen mußte, waren meine Gedanken mit einem Male bei Pinter. Ich wollte vorwärts eilen, faßte gegen die Wand und rief »Pinter«. Aber die Soldaten brachten mich gleich wieder zur Besinnung, hielten mich fest und fragten: »Wo willst du denn hin?« Ich wurde weitergebracht. Aus allen Löchern kamen Feldgraue heraus. Mit einem Male stand ich vor einer Tür und wurde in einen fein eingerichteten Raum hineingeführt. Ich glaubte zu träumen, als ich inmitten von Möbeln, Teppichen, Vorhängen und Bildern auf einem Sofa einen freundlich und ernst aussehenden Hauptmann sitzen sah, der das Eiserne Kreuz an der Hüfte trug, was ich noch nie gesehen hatte. »Ein Überläufer«, hieß es. » Venez ici !« (Kommt hierher!) »Ach, der spricht wunderbar Deutsch, Herr Hauptmann.« »So?« Der Offizier merkte, daß ich erschöpft war, und fragte: »Habt Ihr Hunger?« »Nein, Durst!« Man reichte mir ein Glas Wasser und ein Kommißbrot mit Schinken; ich konnte aber nicht essen. »Was seid Ihr denn eigentlich? Von welchem Regiment?« »Fremdenlegion!« »Was, liegt denn hier Fremdenlegion gegenüber?« »Jawohl, Herr Hauptmann, ich bin Deutscher!« »Das ist toll!« Mehrere Offiziere standen um mich herum. Alles staunte mich an. Ein Feldwebel kam und brachte die Papiere, die man mir abgenommen hatte. Ich konnte die vielen Fragen, die mir gestellt wurden, doch nicht mit einmal beantworten und sagte deshalb: »Erlauben Herr Hauptmann, daß ich meine lange Geschichte erzähle?« »Ihr sprecht ja wunderbar Deutsch! Das ist so seltsam in der Uniform. Aber wo kommt Ihr denn eigentlich her?« »Aus Kamerun!« Die Herren sahen sich verblüfft an. »Wollt Ihr uns anulken?« Ich bat um meine Papiere und gab die Erläuterungen. »Das Einjährigen-Zeugnis habt Ihr auch noch? Das ist ja alles unglaublich! Und Ihr habt viel bei den Franzosen gesehen?« »Jawohl, ich kenne die Stellungen gegenüber genau.« »Ruht Euch erst mal aus. Könnt Ihr heute noch weiter?« »Jawohl!« Er ging an den Fernsprecher und meldete mich bei einer höheren Stelle an. Inzwischen hatten einige Offiziere meine Kleidung gemustert und gezählt, daß sie von elf Streifschüssen getroffen war. Ich zitterte nachträglich, als mir das zum Bewußtsein kam, und dachte an meinen Kameraden, der mein Glück nicht erleben konnte. Der Offizier wandte sich mir wieder zu und sagte: »Herr Kirsch, wir glauben Euch alles, entschuldigt, wenn Ihr von Soldaten bewacht werdet, das ist Kriegsrecht.« Damit drückte mir der freundliche Herr die Hand. Lange hatte ich so etwas nicht erlebt. Ich konnte jetzt die Tränen der Rührung über meine wundervollen Landsleute nicht zurückhalten. In welchem Gegensatz stand alles, was ich in letzter Zeit erfahren hatte, zu dem, was ich hier erlebte! In Feldgrau gekleidet. In Pflege der Köche des Armee-Ober-Kommandos III im Café Lepage in Vouziers an der Aisne. Draußen standen unzählige Feldgraue, unter denen sich schon die tollsten Gerüchte verbreitet hatten. »Bravo!« riefen die Soldaten von allen Seiten, »das hast du fein gemacht, Kamerad!« und suchten meine Hand zu fassen. Überall, wo wir durchkamen, gaben meine Begleiter wichtig Erläuterungen. Als wir bei den Bayern vorbeikamen, sagten die: »Na, bei uns wärst g'wiß nicht 'neinkummen!« Butterbrote, Zigaretten und andere Liebesgaben wurden mir entgegengehalten. Wir kamen an einen Wald und an ein Haus und gingen an mehreren Posten vorbei. In einem Zimmer saßen ältere Offiziere, denen ich meine Geschichte erzählen mußte. Wieder wurde ich weitergeführt bis in ein Dorf. Dort war der Divisionsgeneral. »Na, haben die Franzosen denn die Nase noch nicht voll?« fragte er. Ich bekannte, daß man in Frankreich nur von den Verlusten der Deutschen spreche, nicht von Erfolgen. Auch von den Russenniederlagen wisse man dort nichts, und von der Tat von » U 9« habe ich erst heute abend, nach vier Monaten gehört. In einem Hause, in dem eine Wache war, schlief ich bis zum Morgen, und als die Feldgrauen aufwachten, war der Schreck groß, daß ein ungefesselter französischer Soldat dalag, der sich in der Nacht zwischen sie gelegt hatte. Ich wurde durch ein Dorf geführt, wo französische Einwohner mich mitleidig betrachteten, weil sie nicht wußten, daß ich ein Deutscher war, dann wurde ich vor den Generalstab gebracht. »Wir werden Sie um einige Aufklärungen bitten, wollen Sie uns die, bitte, geben? Wenn Sie irgendeine Mundart reden, reden Sie, wie Sie können, es kommt uns nur auf die Tatsachen an. Können Sie die Karte lesen?« »Selbstverständlich«, sagte ich und zeigte alle die Orte, die in Frage kamen. »Diese blaue Linie«, erklärte der Offizier, »das ist unsere, und die stimmt, das wissen wir. Aber hier die rote Stellung, stimmt das?« Im Marinekleide. Ich kannte alles genau und berichtigte vieles. Ich erbat einen Bleistift, zeichnete eine Karte und merkte, daß die Offiziere sehr zufrieden waren. Man dankte mir und gab mir ein Essen, wie ich es lange nicht bekommen hatte. Dann wurde ich anderen Generalen, Heerführern und Fürsten vorgestellt, bis ich die Uniform wechselte und in Feldgrau Dolmetscherdienste tat. Endlich hatte die Ortsbehörde auch ihre Nachforschungen in meiner Heimat beendet, und ich konnte meine Eltern daheim besuchen. Einige Wochen später zog ich die blaue Uniform der Kaiserlichen Marine an und bekam das Eiserne Kreuz.