Adam Heinrich Müller Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland Gehalten zu Wien im Frühlinge 1812 Leipzig Bei Georg Joachim Göschen 1816 Herrn Moritz Grafen Odonell Sr. Kaiserlich- und Königlich-Apostol. Majestät Kämmerer und Obristen Als Zeichen dankbarer Verehrung und Freundschaft vom Verfasser I. Vorwort Die Betrachtungen über die Beredsamkeit, welche wir miteinander anzustellen im Begriff sind, müssen, so scheint es, auf die Verherrlichung einer benachbarten Nation führen, welche durch die Gewalt und den Reiz der Rede eine Art von Weltherrschaft vorbereitet hat, – und auf eine gewisse Demütigung unseres deutschen Volkes, welches die Kunst, mit der lebendigen Rede zu zwingen und zu verführen, oder sonst den Augenblick zu ergreifen, eigentlich nie besessen, und welches das Wort nie bei der Hand gehabt, sondern meistenteils in der Feder erkalten lassen. – Können wir Deutsche von Beredsamkeit sprechen, nachdem längst aller höhere Verkehr bei uns stumm und schriftlich, oder in einer auswärtigen Sprache getrieben wird? – Wenn die gesamten Staatsgeschäfte einer Nation mit der Feder abgemacht werden; wenn alle größeren Geister, welche sich in ihr regen und sie ergreifen oder doch berühren wollen, statt der Rednerbühne einen Schreibtisch bereitet finden; wenn die heiligsten und erhabensten Ideen niemals mit der Gewalt, welche die Natur in die Brust des Menschen und in seine Stimme legte, unmittelbar an das Herz der Nation schlagen können; endlich, wenn in der höheren Gesellschaft, wenn da, wo sich alle besonderen Sitten der Nation in eine einzige Sitte vereinigen, wo sich aus unzähligen Beschränkungen und Rücksichten nun die eigentümliche, vaterländische Grazie des Lebens, des Umgangs und der Mitteilung ergeben soll; wenn in der Gesellschaft, da – wo nun endlich alles Vorlaute zur Ruhe gebracht ist, wo niemand reden darf, der nicht zu hören versteht, wo also Schicklichkeit und Anstand nun endlich eine wahre Schule der Beredsamkeit eröffnet hätten – wenn da die Sprache des Landes verdrängt ist von einer fremden, wo sollen die Redner herkommen? Etwa aus der kleinen Provinzialkrämerei des alltäglichen Lebens, oder aus der Gesprächigkeit des häuslichen Elends, – oder aus dem telegraphischen Verkehr, den die Philosophen und Gelehrten der einzelnen Sekten, jeder in seiner besonderen Terminologie, über die weite Fläche von Deutschland hin miteinander treiben? – Und wenn die Natur Talente für die Beredsamkeit über Deutschland so reichlich ausstreute, wie über den Boden irgend eines anderen Landes, so sind es ja in Deutschland nur einzelne, die hören; es gibt kein Ganzes, keine Gemeinde, keine Stadt, keine Nation, die wie mit Einem Ohre den Redner anhörte. Im Gespräch mit dem einzelnen sind wir zu ungebunden, zu unbeschränkt; wir lassen uns gehn, wir reden nachlässig, und so verliert sich aus der Sprache des Volks der allgemeine, bindende Geist; sie zerbröckelt sich in unzählige Dialekte und Idiome; jede Sekte und jede Kotterie verunstaltet sie in ihrer eigenen Manier. Nun mögen die Klopstock, die Lessing, die Schiller, die Goethe alle Strahlen dieser zerstreuten Sprache wie in einen Brennspiegel versammeln; das, was allen gemeinschaftlich ist in Wort und Klang, mag von einzelnen wirklich niedergeschrieben, auch ausgesprochen werden: die Nation liest sie, verschluckt sie, aber hört sie nicht, spricht ihnen nicht nach. – Wer überhaupt lernt reden aus dem Papier, aus der toten Schrift? Hören muß und gehört werden, wer sprechen lernen will. – Der Taubgeborne ist notwendig zugleich stumm. Die gesamte deutsche Literatur zerfällt in zwei Teile: der eine und bei weitem größere Teil begreift die wissenschaftlichen, die Lehrbücher; in diesen zeigen sich Redner, die eigentlich niemanden anreden, sondern in sich selbst hineinsprechen. Während man nämlich in den wissenschaftlichen Werken der Franzosen, z.B. eines Montesquieu, Buffon, d'Alembert, oder Diderot, oder auch in denen der Italiener ganz deutlich im Lesen fühlt, daß man angeredet wird, daß der Autor einen bestimmten Menschen von Fleisch und Bein vor sich hat, den er überreden, den er überzeugen will; während die leichteste Flugschrift der Engländer, wenn es sich nur irgend tun lassen will, an einen bestimmten Menschen, an eine bestimmte Gemeinde oder Korporation gerichtet wird; während die abstraktesten Werke der Alten unser Ohr bezaubern und uns zum Gespräche wohltuend einladen, weil sie für ein lebendiges Ohr geschrieben sind; während nach dem Ausdruck des Quintilian und dem Gefühle der Alten kein Wort zur Audienz der inneren Empfindung oder des Verstandes gelangen konnte, welches im Vorzimmer des Ohrs beleidigt hätte, – baut der deutsche Gelehrte ein Gebäude von Chiffren, sinnreich aber einsam, unerwärmend, unerfreulich, ohne Antwort oder Erwiderung von irgendeiner Seite her! Dies ist der eine, der wissenschaftliche Teil unserer Literatur. Wir finden es auffallend, wenn in einer gewöhnlichen Gesellschaft jemand laut mit sich selbst redet: hier hätten wir viele tausend Redner, die sich öffentlich vor ganz Deutschland sprechend, und weitläufig sprechend, hinstellen, – ohne irgend jemand anzureden. Der andere, der schöne Teil unserer Literatur, die insonderheit sogenannte Literatur, bietet eine ebenso befremdende Erscheinung dar: Hier zeigen sich nun Redner, die wirklich anreden, welche die Nation oder wenigstens die Edelsten der Nation wirklich vor sich hinstellen im Geiste, die es auf Begeisterung, auf ein Ergreifen der Persönlichkeit anlegen; ja es zeigt sich einer, der, die Seele ganz erfüllt von der Herrlichkeit wie von den Leiden, von dem Beruf wie von dem Mißgeschick seiner Nation, eine Antwort herausschlagen will aus ihr, wie einen Funken, oder einen Quell, oder irgend etwas Lebendiges aus dem Felsen; es zeigt sich Schiller, ein Dichter, oder vielmehr ein Redner, der noch überdies in allen seinen Werken und unter den größten und mutigsten Gedanken so stolz und so gebeugt, so wehmütig zugleich klingt, wie, ich möchte sagen, Deutschland selbst Man erinnere sich, daß diese Reden 1812, ein halbes Jahr vor dem Brande von Moskau, und geraume Zeit vor der Schlacht von Leipzig gehalten wurden. klingen müßte, wenn es reden könnte: – dieser ganze Teil unserer Literatur wird nicht gelesen, wird nicht etwa mißgönnt dem Papier, nicht etwa herausgerissen aus den toten Lettern von einer auf ihre Zierden eifersüchtigen Nation, nicht etwa der Buchdruckerkunst zum Trotz zu einer lebendigen Tradition, so wie alle Abdrücke von Corneille und Racine und Ariosto und Tasso heut untergehen könnten, und nichtsdestoweniger sie selbst vollständig fortleben würden in der begeisterten Überlieferung ihrer Mitbürger; – sondern er wird dechiffriert und verschluckt, und wenn sich nicht etwa das Theater einzelner Werke erbarmte, so hätten wir die ganz eigne Erscheinung einer Literatur von wenigstens vierzig Autoren vom ersten Range, die es mit allen Vierzigern (Quarantes) der Welt aufnehmen könnten, und deren Werke kaum ein einziges Mal Von einer menschlichen Brust in den angemessenen, artikulierten Tönen wirklich ausgesprochen worden wären. Es gibt also nicht bloß lebendige Literaturen und tote Literaturen, sondern auch stumme Literaturen, und unsere Betrachtungen über die Beredsamkeit mußten mit der Klage anfangen, daß die deutsche Literatur bis auf die neuesten Zeiten zu den stummen Literaturen gehört hat. Ein gewisser allgemeiner Drang zum Vorlesen und Deklamieren der Nationaldichter, so ungeschickt er sich mitunter auch äußern mag, so vielen Anteil auch zuzeiten noch die Eitelkeit und der Eigennutz daran haben mögen, ist dennoch ein erfreuliches Zeichen, daß sich die Verzauberung unsres Ohrs und unsrer Stimme wieder allmählich lösen will, und daß unsre schöne Literatur von dem lebendigen Odem der Rede wieder ergriffen werden soll. Würde in der Erziehung die Hälfte des ungebührlichen Eifers, den man in neueren Zeiten auf den Mechanismus des Lesenlernens gewendet hat, auf den Ausdruck des Tons und die Gebärde der Brust und der Seele im Lesen gewandt, so würde der deutschen Redekunst damit vielleicht mehr gedient, als mit Vorlesungen über die Beredsamkeit. Indes sind auch solche öffentlichen Vorlesungen über Gegenstände der Wissenschaft oder der Kunst vor einer Versammlung von Personen, die weniger die Absicht, zu erlernen oder Kenntnisse zu erkaufen, als ein allgemeines, wahrhaft menschliches und gesellschaftliches Interesse an den Fortschritten der Bildung vereinigt, förderlich für die Belebung unsrer Sprache, und überhaupt eine neue, sehr ehrenwerte Gattung in Deutschland. Auch der erste, der wissenschaftliche Teil unserer Literatur, will also endlich gesellig werden; es soll nicht mehr ins Blaue und Unbestimmte hin, es soll nicht mehr den Wänden und Wüsten gepredigt werden, man will ein Lebendiges, ein Ganzes, eine würdige Stellvertretung des Publikums, zu dem man spricht, sich gegenüber haben; man sucht die Schranken, man verlangt Antwort und Urteil: die deutsche Wissenschaft zeigt sich auf dem Wege nach einer großen Wahrheit, die bei uns mehr als irgendwo sonst vergessen worden ist, nämlich daß es nur ein einziges Kennzeichen des Verständigen gebe, nämlich die Verständlichkeit, und daß man nur in demselben Grade selbst verstehe, als man verstanden wird. Die größten wissenschaftlichen Autoritäten Deutschlands in und außer den hohen Schulen haben in den letzten zwanzig Jahren die Form solcher Vorlesungen gewählt, und haben sie in dieser kurzen Zeit weiter ausgebildet, als es in Frankreich und England, wo sie längst in Gebrauch waren, gelungen ist. Die hier anwesenden, verehrungswürdigen Personen haben mir durch die Güte und Nachsicht, mit der sie auf meine Einladung erschienen sind, die Befugnis eingeräumt, so großen und guten Mustern nachzustreben. Ich habe meine Rede angefangen mit einer Anklage der deutschen Literatur, sogar mit einer verdeckten Verteidigung derer, die in den höheren Verhältnissen der Gesellschaft sich einer fremden, und dem vaterländischen Sinne nicht eben angemessenen Sprache und Manier der Beredsamkeit bedienen. Denn die Schuld der Verwahrlosung unsrer Muttersprache liegt so wenig in der Gleichgültigkeit der höheren Gesellschaft gegen sie, als in der Nachlässigkeit, der barbarischen Gesinnung der übrigen. Was vermöchte unser, der Kinder dieses Augenblicks, Unart, Wohlwollen oder Abneigung über das innerliche Wesen und die Kraft und das äußere Ansehn einer Sprache, die von Karl dem Großen bis heut, und von dem Gipfel der Alpen bis an die Küsten des Finnischen Meerbusens geredet worden, in der sich alle großen Ideen und Weltschicksale des letzten Jahrtausends ausgedrückt, und die eigentlich zu groß und zu gewaltig ist für irgendeine fürstliche oder akademische Pflege? – Die Schuld liegt in den dermaligen öffentlichen und bürgerlichen Verhältnissen der Nation: daß der ausschließend schriftliche Betrieb der Staats- und gelehrten Angelegenheiten und die Anwendung der französischen Sprache in den höheren Sphären des gesellschaftlichen Lebens, wo allein sich die vaterländische Sprache und Rede würde ausbilden und verfeinern können, die Entwicklung der Redekunst in Deutschland verhindre, habe ich zeigen dürfen, was uns aber in allen redenswerten Dingen entweder zur Schrift oder doch zu einer fremden Sprache verdammt, kann ich nicht zeigen, ohne Dinge zu berühren, über die man nie halb, sondern lieber gar nicht reden sollte. Halten wir uns also vorläufig an die Erscheinung, wie sie einmal ist. Das Sprechen, das erste unter allen menschlichen Geschäften, wie der erfreulichste und edelste unter allen menschlichen Genüssen, wird in England, Frankreich und Italien mit der natürlichen Vorliebe getrieben, aus der sich notwendig Redner und eine Kunst des Redens ergeben müssen. In Deutschland wird dieses Geschäft im Durchschnitt mit dem anderweitigen Schaffen und Arbeiten, und Essen und Trinken ungefähr in eine Reihe gesetzt. Jene scheinen zu leben, um zu sprechen; wir nur zu sprechen, um die übrigen Lebensfunktionen zu befördern und im Gange zu erhalten. – Ich gestehe es ein, und vergebe dennoch, wie der Verfolg zeigen wird, der Ehre und dem alten Adel der Sprache nichts, in der ich das Wesen und die Natur der Beredsamkeit zu beschreiben unternehme. Der größte Redner der deutschen Nation Friedrich Schiller, der die dichterische Form nur wählte, weil er gehört werden wollte, und weil die Poesie eine Art von Publikum in Deutschland hatte, die Beredsamkeit aber keines, – klagt über eine gewisse Flüchtigkeit, oder vielmehr über ein gewisses Verfliegen des Gedankens in der Sprache, klagt, daß die Seele, wenn das Wort ausgesprochen werde, schon weit über dem Worte, oder weit voran vor dem Worte sei. » Spricht die Seele,« sagt er, »so spricht, ach schon die Seele nicht mehr.« – Das ist in wenigen Silben das Unglück einer Nation wie die deutsche, die lange in sich und auf ernste und ewige Dinge gekehrt, nun auf einmal gewahr wird, daß sie das äußere Leben, Vaterland und Gesellschaft versäumt hat; daß ihre Gedanken unendlich weiter reichen als ihre Sprache; daß sie viel mehr besitzt, als sie mitzuteilen imstande ist – während sie zu fühlen anfängt, daß die Fähigkeit, ihn mitzuteilen, den Besitz erst zum Besitze; daß die Fähigkeit, ihn auszusprechen, den Gedanken erst zum Gedanken macht; und der wahre Ernst und die eigentliche Ewigkeit des Sinnes nur darin liegt, daß er sich mit dem bürgerlichen und gesellschaftlichen Leben verträgt. Es gibt in Deutschland ein Ringen mit der Sprache , ein Drängen des Unermeßlichen in Worte, ein unglückliches aber rührendes Bestreben, welches nie gelingen kann, nicht weil das Unternehmen etwa über die Grenzen der Sprache überhaupt ginge, aber weil der einzelne mit seinem Gedanken weit vorausgelaufen ist der Nation mit ihrer Sprache, und weil er nun mit den beschränkten Kräften seiner Brust ausdrücken will, wohin er erst die Nation erheben muß, damit er es sagen könne. Der Gesichtskreis der Deutschen, so habe ich das Unglück an einem anderen Orte ausgedrückt, ist unendlich größer als unser Wirkungskreis: unser Gedanke reicht weiter als unsere Sprache. Die Worte Schillers: Spricht die Seele usw. gelten also nicht etwa überhaupt als eine traurige Wahrheit von aller Sprache, sondern von der dermaligen deutschen; die Seele ist nicht etwa an sich vornehmer und größer als die Sprache, sondern die Sprache ist das göttliche Siegel, wodurch alle sonderbaren, eignen und weitläufigen Gedanken des einzelnen Menschen erst zu ernsthaften und wahrhaftigen Gedanken werden. Das Schönste, was die Seele in ihrem einsamen Bezirke hegt, bleibt Vision und Traum, und ohne Einfluß auf die Welt, also ohne freundliche Bestätigung von außen, bis es deutlich gesagt werden kann, d. h. bis ein überschwengliches Wesen, worin alle vorangegangenen Jahrhunderte, und alle Geschlechter bis auf den Einzelnen, Ärmsten das schönste Erbteil ihres Lebens niedergelegt haben, die Sprache es bestätigt; bis der Gedanke durch dasjenige zum Gedanken wird, wodurch der Mensch zum Menschen wird. Kurz, es ist mit dem Besitz der Seele, wie mit allem Besitz; er ist nicht eher sicher, als bis er zum Gemeingut geworden; und dies wird er durch die Sprache. – Der Deutsche ist in einem unbequemen Verhältnis zur Sprache, er ringt mit ihr, sage ich, er zwingt sie, wozu sie nicht geneigt ist, und sie ihrerseits zwingt ihn durch das ewige Gesetz der Reaktion wieder dahin, wohin er nicht will. So regiert der deutsche Gelehrte auf dem Papier den Staat, gibt Gesetze, verbessert die Sitten, erfindet Terminologien, martert die Sprache, und wird gegen den wirklichen Staat, die wirklichen Gesetze und Sitten nur immer feindseliger gestellt, von den äußeren Bedingungen des Lebens nur immer mehr gepeinigt, von der wirklichen Sprache zerrissen und von der eignen Terminologie verwirrt. In dem einen Augenblick hantieren wir mit der Sprache despotisch und eigenmächtig, als wenn sie ein erfundenes Wesen, eine Art von Chiffre oder Signal wäre, das man willkürlich verändert, wenn der Schlüssel in Feindes Hände gefallen ist; in dem anderen Augenblick hantiert dafür die Sprache mit uns, verwandelt wider unsern Willen die Gedanken unter unsern Händen, zähmt sie, bändigt sie. – In welchem bequemen, schwebenden Verhältnis steht dagegen der Franzose zu seiner Sprache: Spricht die Seele – so hat sie auch genau im Worte Platz. Daher die gewisse Befriedigung im Sprechen, und in dem Gedanken des Gesprochenhabens und Sprechenwerdens, worüber sich wohl spotten läßt, und von Armut reden, die sich leichter in Schranken und zu Rate halten ließe, als der Reichtum –, während wir innerlich, wenn wir gerecht sein wollen, mit Neid anerkennen müssen, daß, wer erst die Sprache in solche Eintracht gebracht hat mit dem Gedanken, mit der Sprache auch zugleich viel anderes gewinnt, was wir entbehren müssen. Zu dieser Harmonie der Sprache mit dem Gedanken lenken wir aber allgemach zurück, halb von der Not gedrängt, halb getrieben von einem alten, guten, ernsten und göttlichen Verlangen, das nie ganz von uns gewichen ist, und das die deutsche Kunst sogar in diesen letzten Zeiten der Barbarei und Sprachverwirrung bei Ehren erhalten hat. Der Mensch soll nicht denken über die Sprache hinaus, oder in Gedanken weiter schweifen als die Sprache reicht: Die Grenzen der Sprache sind die göttlichen Grenzen, die allem unserm Tun und Treiben angewiesen sind; und diese Grenzen sind keine Mauern; sie wachsen, wie die innerliche, treibende Kraft unserer Seele wächst. Wir sollen alles aussprechen können, was wir denken: denn nur die Gedanken, die das Vaterland mit uns denkt durch die Sprache, sind gute Gedanken. Der einzelne Geist, der hoffärtig heraustritt aus seiner Nation und ihrer Sprache, sich erheben will über sie, muß über kurz oder lang eben so weit unter sie hinab: um so viel er mehr verstehn will als sie, wird er auch weniger verstehn. Kurz, in jedem einzelnen Augenblick versteht er ganz in demselben Maße und nicht mehr, als er verstanden wird. Ein einzelner deutscher Dichter und Werkmeister hat es auf diese Weise erreicht, im Niveau seiner Nation dreißig Jahre hindurch zu bleiben, und sich in ein bequemes, schwebendes Verhältnis zur Sprache zu setzen. Niemand wird es wagen, in der Größe der Absicht, in der Reinheit und Göttlichkeit des Willens Goethe mit Schiller zu vergleichen; aber es ist dafür auch ein Ebenmaß der Kräfte und des Stoffs, ein Verstand und ein Verstanden werden, kurz eine Wechselwirkung zwischen Goethe und der deutschen Nation, und ein Einfluß Goethes über diese, wie sie nicht leicht von einem einzelnen erfahren. Daß es die Nation selbst ist, nicht etwa ein vorübergehender akklamierender Haufe von Tagesgenossen, was von Goethe ergriffen worden, so erinnere man sich des nun bald vierzigjährigen Werther, der noch heute, nachdem eine ganze Generation und ein wirkliches Gedränge von Revolutionen in den Sitten und Ansichten, wie in der Sprache der Deutschen, vorübergegangen, mit derselben Frische der Beredsamkeit unser Herz anregt. Man erschrickt, wenn man in diesem Romane unverhofft etwa den Schnitt und die Farbe der Kleidung Werthers berührt findet, und nun erfährt, daß man ihn sich in der steifen, gespannten Eleganz jener Zeit denken soll, die uns eigentlich viel altertümlicher dünkt und viel entfernter liegt, als die Kostüme des Mittelalters. So erhaben ist die Beredsamkeit des Werther über die Mode, daß sie selbst wie die andern lebendigen Menschen die Mode wechselt. Aber das eigentlich Charakteristische in Goethe ist sein Gleichgewicht mit der Sprache, also mit der äußeren Welt, also vor allen Dingen mit der Nation; er hat alles ausgesprochen, ausgeschrieben, ausgedrückt, was er gedacht und begehrt und empfunden. Es war eine glückliche Sinnlichkeit in ihm, die sich von den lebendigen Gestalten des Lebens nie ableiten ließ, eine glückliche Genügsamkeit und Behaglichkeit, die ihn von allen geistigen und philosophischen Schwärmereien seiner Kunstgenossen zurückhielt. Indes beweisen die Vorrechte einer einzelnen, hochbegünstigten Natur nichts gegen die Regel. Ein gewisses Mißverhältnis zwischen dem Wollen und dem Vermögen ist der charakteristische Grundzug unsrer Literatur. So leicht es wäre, grade in dieser Eigenheit den unvergleichlich hohen Beruf unsrer Nation nachzuweisen, und grade in der Ursache des Verfalls der deutschen Beredsamkeit die sichre Bürgschaft unsrer dereinstigen Größe zu finden, so habe ich dennoch vorgezogen, meine Betrachtungen mit einer unumwundenen Anklage der Deutschen zu beginnen, weil ich darauf ausgehe, sie gründlich und befriedigend zu verteidigen. Es ist eine goldne Regel, eine Haupterfahrung, die uns bei allen unsern Erwägungen der Redekunst an keiner Stelle verlassen darf, daß nämlich das Gemüt des vollständigen und gesunden Menschen beständig in kriegerischer Disposition und zum Widerspruche geneigt ist. Wollen wir also mit den Waffen der Rede oder des Arms verteidigen, so müssen wir anzuklagen und anzugreifen wissen, was verteidigt werden soll. Der Sachverwalter eines Verbrechers muß die stärkste Anklage gegen ihn führen, um ihn mit wahrem Erfolge verteidigen zu können: der Sachwalter der Tugend muß alle Ränke kennen, die seinen Gegenstand verunglimpfen können, ebenso wie der wahre Gottesgelehrte ohne gründliche Erkenntnis des Teufels nicht zu denken ist. Dies ist die erhabene Kunst, welche unter den Lobrednern des letzten Jahrhunderts den großen Bossuet so weit über den Thomas, und die unter den gerichtlichen Sachwaltern den britischen Redner Erskine weit über alle seine Standesgenossen erhebt. Dies ist die zierliche Kunst, welche die Frauen mit dem sichersten und glücklichsten Erfolge üben, ja das ganze Geheimnis ihrer weltlichen Herrschaft: sie klagen an, was sie verteidigen, raten ab von dem, was sie erreichen wollen: sie verdecken Falten und Eigenheiten der Seele, die sie zeigen wollen, sie scheinen auszuweichen dem, was sie wünschen: kurz dies Geschlecht versetzt alles in die Disposition, es zu verteidigen. Auf gleiche Weise kann man sicher glauben, daß überhaupt die Anhänglichkeit an einen geliebten Gegenstand noch nicht weit bei uns gediehen, so lange unser Lob noch unbegrenzt ist: aber wenn wir bescheiden werden, im Namen des geliebten Gegenstandes, wenn wir ihn mit Rückhalt, mit Einschränkung und Ausnahmen zu loben anfangen, so etwa, wie ein Bruder von der Schönheit seiner Schwester spricht, dann beschäftigt er uns ganz. Kurz, wo wir aus Liebe ungerecht werden könnten gegen die Welt, und ausschweifend und abgöttisch werden könnten im Lobe, da hat uns die Natur schon wieder sanft in die Bahn der Gerechtigkeit eingelenkt. Was aber sagt diese ganze Regel: »Wisse anzuklagen, wo du verteidigen willst« – anders als in andern Worten meine frühere Regel: Wisse zu hören, wenn du reden willst; versetze dich in das Herz, dahinein du greifen willst, in den verwirrten Sinn, welchen du bekehren, in die Krankheit, welche du heilen willst. Verstehe, Redner, mich, deinen Gegner, wenn du dich verständlich machen willst: bist du verständlich, dann will ich glauben, dann werde ich es im innersten Herzen empfinden, daß du verstehst. Kurz, es gibt kein Mittel, den Verstand zu beweisen, als die Verständlichkeit ; kein Mittel, das Geliebte und Verehrte und Angebetete wahrhaft zu verteidigen, zu erheben, als die Gerechtigkeit . Möge es uns gleichergestalt mit der deutschen Beredsamkeit überhaupt gelingen: mit Anklage haben wir ihr Lob und ihre Verteidigung eröffnet. Wer wirken will, muß seinen Gegenstand zu ergreifen wissen: die gemeine Eroberung, Besitznahme und Unterwerfung genügt der größeren Seele nicht. Die Beredsamkeit will ergreifen, aber durch Reiz, durch Motive, die in der Brust dessen liegen, auf den sie es abgesehn: sie will ihre Beute nicht tot haben wie der gemeine Eroberer, aber im vollen Sinne des Wortes lebendig. Sie will eine freie Seele bezaubern und beherrschen; sie will ihren Gegner nur zwingen und reizen, niederzuknien vor der Wahrheit, die größer ist als sie beide. Sobald also der Redner allein spricht, ohne seinen Gegner, vielmehr sobald in der Rede des Redners nicht alle Argumente des Gegners enthalten sind, sobald ist er seines Gegenstandes Meister noch nicht und seines Sieges nicht gewiß. Jede wahre Rede ist also Gespräch : in dem Munde des einen Redners sprechen notwendig zwei, er und sein Gegner. Das ist der Punkt, wohin meine ganze heutige Darstellung führen sollte. Um die Beredsamkeit in allen ihren unendlichen Formen zu verstehn, muß man das Gespräch verstehn. Dies ist es, was Schillern und auch Goethen und Lessingen unwiderstehlich auf die Bühne drängte, wo sich das Streben einer echten und wahrhaftigen Natur in tausendfältigen Wendungen und Gestaltungen des Dialogs auseinanderlegen konnte. Wie konnte das Theater einer zerrissenen Nation an sich reizen, solche Geister reizen; aber einstweilen, und bis sich das Zerstreute und Zersplitterte wieder fügte, und Deutschland wieder auferstand, und dann ein wahres Theater, ein heiliger Spiegel der Nationalschicksale und eine Durchsicht in die freie Zukunft eröffnet wurde, haben diese drei Helden unsrer Literatur das Wesen der deutschen Rede und der Beredsamkeit überhaupt, nämlich das Gespräch in seiner Würde, behauptet. Die dramatischen Werke Schillers, Lessings Nathan, Goethes Tasso und Egmont gehören viel mehr in die Gattung des Gesprächs, als des Dramas. Ist es nicht ein größeres Gespräch, ein Wechselreden zwischen sich und seinem Gegner, welches der Feldherr in seinem Busen trägt, wenn er seinen Plan entwirft. Kann er siegen, wenn er an irgendeiner Stelle seines Kalküls die Antworten, die Gegenwirkungen seines Feindes unbeachtet gelassen, wenn der Feind ihm größere Argumente und Kräfte entgegensetzt, als von denen er selbst schon überzeugt ist. Mit der Idee des Gesprächs beginnen alle Wissenschaften: zwischen zwei ewig streitenden Formen der Wahrheit, die sich in tausendfältigen Metamorphosen der verschiedenartigsten Naturen, Neigungen, Ansichten und Lebensweisen darstellen, erhebt sich in steigender Herrlichkeit unergreiflich, unergründlich die Eine ewige Wahrheit; aus dem Feuer des Streits und des Gesprächs, bevor es noch zur Asche zusammensinkt, geht sie glänzender, überzeugender, empfundener hervor. Die einzelnen Sprecher verstummen, die Systeme, die sie in hoffärtiger Anmaßung selbst herrschend aufgetürmt, versinken, aber das Wort selbst, das lebendige Wort, das Gespräch und die darin als Seele waltende Wahrheit ist ewig. II. Vom Gespräch Wenn ich unter allen Genüssen und Ergötzlichkeiten des Lebens dem Gespräch die unbedingt erste Stelle einräume, so habe ich gewiß alle Stimmen in dieser hochgeachteten Versammlung für mich. In allen den Beschäftigungen, die der Mensch dem ernsthaften und notwendigen Gange seines Lebens entgegensetzt, und die er Spiele genannt hat, wird dem Zufall, dem Schicksal, kurz einer gewissen unbekannten Macht Raum gegeben: mit diesem freiwillig anerkannten Zufall, mit diesem selbst geschaffenen Geheimnis wetteifert der Mensch im Spiele, und es erzeugt sich eine gewisse wohltätige Spannung zwischen dem Spieler und jenem unbekannten Wesen, eine anmutige Reihe von sehr verschiedenartigen Gemütsbewegungen; von Hoffnungen und Besorgnissen, von Täuschungen und Erfüllungen, in denen sich die Seele wohlgefällt, weil sie weiß, daß der Zufall, mit welchem sie spielt, von ihr abhängig ist, daß sie ihn auf den Thron erheben, und nach Belieben wieder absetzen kann. Es ist aber etwas Antwortendes, Erwiderndes in den Weltumständen, welches die Seele des Cäsar in den Ebenen von Pharsalus und den letzten Spieler an seinem Kartentische ergötzt; und so wenig in den Spielen, die aufgelegt gewonnen sind, als in den Schlachten, die nur geschlagen zu werden brauchen, ist jenes Antwortende, welches ein gesundes, kriegerisches Herz sucht, und das den Zuschauer zum Anteil und zur Bewunderung hinreißt. Es soll ein Pompejus gegenüber stehn, es sollen Schicksalsknoten geschlungen werden ohne unser Mitwissen, es sollen die Lose geheimnisvoll gemischt werden, wir brauchen viel Täuschungen, viel Unerwartetes und mancherlei Mißlingen, wenn etwas Höheres gelingen soll, das wir eigentlich meinen, wenn eine Leere erfüllt werden soll, die uns eigentlich peinigt. – Wie ist es denn mit jener Verwicklung der Herzen, welche die schönsten und jugendlichsten Gefühle unsrer Zeitgenossen an sich zu reißen pflegt? Hat dieses Spiel mit der heiligsten Flamme des Lebens, worin die Seele so leicht ihre Flügel versengt, – so wie es alle Romane der Welt darstellen – seinen Reiz anderswoher als aus dem Geheimnis, das in diesem innigsten Gespräche über Frage und Antwort schwebt? In dem Verhältnis der Geschlechter zu einander, da wo die Natur die höchste Verschiedenartigkeit der Neigungen, der Ansichten, der bürgerlichen und sittlichen Eigenschaften angeordnet hat, wo sie am meisten mit sich selbst zu streiten, und sich selbst zu widersprechen scheint, zeigt sich das lebendigste und unwiderstehlichste Gefühl des für einander Bestimmtseins. Hier ist von beiden Seiten so viel Unerwartetes, Herausforderndes, Antwortendes, daß ein lebendiges Gespräch, der höchste Genuß des Lebens, erfolgen muß, und daß, wenn ein mündiges Talent diese Gespräche ans Licht bringt, sich alle Blüten der Beredsamkeit zeigen müssen! Diese tiefere dialogische Natur der Liebe gibt der Fiametta, der neuen Heloise, der Clarissa und dem Werther ihre Lebensfrische und ihren Glanz. – Worin endlich liegt der Reiz und die Art von Genuß, die das Regieren, das Anordnen der Verhältnisse der Völker gewährt? – Sicherlich nicht in der Nachgiebigkeit der Völker, in ihrer Unterwürfigkeit und mechanischen Abhängigkeit? Gewiß nicht darin, daß ein kalter, einsamer Herrschergedanke, in breiten Massen, in einem gigantischen Stoffe ausgedrückt wird; gewiß nicht darin, daß der Regent ein riesenhaftes Gespenst von sich selbst neben sich herwandeln und in der Außenwelt nichts sieht, als die kolossalen Schriftzüge seiner eignen Gedanken. Es ist das Antworten der Völker; es ist das Geheimnis ihrer Eigentümlichkeit, es ist die Beredsamkeit ihrer Freiheit, welches die große Seele reizt, sich mit ihren Geschäften und Sorgen zu befassen. Kurz, das Gespräch ist der erste aller Genüsse, weil es die Seele aller anderen Genüsse ist: auf diese einfache Formel reduziert sich das ganze verschlungene Treiben unsers Lebens. Was uns in allen Geschäften des Lebens reizt, anspornt, erhebt, was wir aber dort erst zusammengreifen und in einen einzigen Körper zusammenbauen müssen, damit es wie mit einer Stimme uns antworte, steht in dem lebendigen, freien Gespräch schon verkörpert als Freund und Gegner gegen uns über; in der Brust des Freundes streiten alle feindseligen Mächte, die sich draußen im Felde und auf dem Forum nur irgend begegnen können; das Geheimnis eines einzigen Herzens ergründen heißt die Welt ergründen. Zu einem wahren Gespräch gehören gewisse Erfordernisse, die sich, zumal in unsrer Zeit, seltner beisammen finden, als man denken sollte. Zuvörderst zwei durchaus verschiedene Sprecher, die einander geheimnisvoll und unergründlich sind; dann zwischen beiden eine gewisse gemeinschaftliche Luft, ein gewisser Glaube, ein Vertrauen, ein gemeinschaftlicher Boden der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Beide Forderungen sollte der Mensch eigentlich erfüllen, inwiefern er Mensch ist: indes finde ich besonders die heutige Generation so einförmig und so zerrissen, von dem, was sie vereinigen sollte, nämlich den Ideen, so abgewendet, und in den Formen des Geistes, darin sie sich brechen sollte, so gleichartig, daß es mich nicht befremden kann, wenn es überhaupt viel mehr Redende als Hörende, viel mehr Lehrende als Lernende, und wenig wahres Gespräch gibt. Die ein Gespräch führen sollen, müssen einander etwas zu sagen haben, etwas Freies, Eigentümliches; die Form des Geistes in ihnen muß eine durchgängig verschiedene sein; jedermann gibt das auf den ersten Blick zu. Aber daß ein ebenso mächtiges Gemeinschaftliches zwischen ihnen sein müsse, so wie ich eben von dem Verhältnisse der Geschlechter bemerkte, daß neben dem höchsten Zwiespalt, den die Natur angerichtet, sie ein desto gewaltigeres Streben nach der Vereinigung und dem Frieden gelegt, also, ein wahres und inniges Gespräch begründet habe, – bedarf einer näheren Auseinandersetzung. – Für sich allein oder für jedermann, – ist niemand ein Redner: wem nicht gewisse Personen, gewisse Arten des Widerspruchs den Mund verschließen, der mag ein geübter Sophist sein, aber ein Redner ist er sicherlich nicht. Wer nicht über gewisse Dinge mit mir einig ist, mit dem kann ich über die anderweiten nicht streiten. Glaubt ihr an mich, so bin ich ein Redner; zweifelt ihr an mir, so bin ich stumm: nicht etwa aus Absicht oder mit Vorsatz, aber weil mir wirklich das Vermögen, das Talent der Rede im Munde verlöscht. Glaubt ihr an mich, kann wohl nichts anderes heißen, als, glaubt ihr, daß ich etwas Höheres will als mich: nämlich die Wahrheit, oder die Gerechtigkeit. Die beiden Sprecher also im Gespräch müssen aneinander glauben, eine Luft des Vertrauens muß sie beide umfangen, ein Boden der Gesinnung muß sie beide tragen; mindestens muß ein gemeinschaftliches Gesetz des Anstandes und Wohllautes zwischen ihnen obwalten. Jenes große französische Gespräch über die höheren Angelegenheiten des Lebens, welches im Jahrhundert Ludwigs XIV. begann, zuvörderst alle ausgezeichneten, kräftigen, besonders aber alle galanten und liebenswürdigen Naturen jener Zeit mit sich fortriß, dann alle Höfe von Europa und von dort aus die Sitten und Meinungen der Völker ergriff, von einer Reihe glänzender Schriftsteller an allen Enden der gesitteten Welt wiederholentlich von neuem angefacht wurde, und erst seit zwanzig Jahren allmählich zu verlöschen und in ein totes Formenwesen zu zerfallen scheint, wie hätte es sich erhalten und eine Art von Weltherrschaft vorbereiten können, ohne ein gewisses Gesetz des Anstandes, dem sich die verschiedenartigsten Naturen mit Neigung unterwerfen konnten. Es ist dies Gesetz jenes geheimnisvolle Wesen, womit die Kritik des XVIII. Jahrhunderts sich vielfältig gequält, ohne es ergründen zu können: guter Geschmack wird es genannt, sehr sinnreich und bezeichnend, für eine unbekannte und unergreifliche Eigenschaft vielmehr der Verhältnisse der Dinge untereinander, als der Dinge selbst. Wir werden es im Verfolge näher betrachten: es ist das Element, es ist die gemeinschaftliche Luft, ohne welche die höhere französische Konversation nicht zu denken ist. – Ferner, was erhält, was belebt jenes beinahe tausendjährige britische Gespräch über das Recht, die Freiheit und alle Heiligtümer der Menschheit, dessen Herd und Mittelpunkt das Parlament ist, von wo es sich unaufhörlich verbreitet über die Gerichtshöfe und über alle Gemeinden und Familien, und alle Gewerbe und Gespräche jener wunderbaren Insel? Nicht bloß, daß sich Charaktere von seltner Vortrefflichkeit und Eigentümlichkeit in jenem Lande begegnet sind, sondern daß frühe der Sinn für ein großes Gemeingut erweckt worden, worüber alle Parteien einverstanden waren, für die Verfassung nämlich. – Daß man über eine gewisse Grundform des öffentlichen Lebens einig war, war die Bedingung des britischen Gesprächs, wie, daß es eine gewisse sittliche, von niemandem bezweifelte Grundform des Privatlebens gab, die Bedingung des französischen Gesprächs, seiner Verbreitung, seiner Belebung. Kurz, man muß über gewisse Hauptsachen einig, man muß an Geist, an Sinn, an hervorstechender Zuneigung und Abneigung wenigstens von einerlei Art sein, um über das andre recht lebhaft, innig und ohne Ende streiten zu können. Mit dem Türken und allem, was außer der großen europäischen Glaubensverbindung stand, gab es nach den Ansichten unsrer Vorfahren keine Negoziation, kein Gespräch – und es ist sicherlich ein Sophist und kein Redner, der nicht bloß schweigt, aber dem nicht das Talent der Rede ohne Absicht, ohne Vorsatz im Munde verlöscht, wenn er sprechen soll mit Gegnern, die dieses Gemeinschaftliche verleugnen. Jeder von uns hat es erfahren, daß, wenn es darauf ankommt, einen andern zu überzeugen, und alle Gründe und alle Beweise, welche der kalte Verstand gesammelt hat, nunmehr erschöpft und an der verschlossnen Herzenstür des Gegners ohne Wirkung umgekehrt sind, sich, vielleicht bei der zufälligen Erinnerung an etwas gemeinschaftlich Verehrtes oder Geliebtes, plötzlich ein Verständnis eröffnet. Dies ist der Augenblick, wo wir den Geist der Beredsamkeit über uns kommen fühlen, wo das eigentliche Gespräch beginnt, und wo nun jedes Wort seine Stelle findet. Deshalb verfehlen die Rührungen, auch in dem Munde des schlechten Redners, so selten ihren Zweck: sie bereiten ein gemeinschaftliches Element zwischen dem Redner und seinem Hörer, worin sich dann alles übrige leichter berührt. Die erste Konversation mit einem neuen Menschen hat etwas Unerfreuliches, Beschwerliches, bis man ein Gemeinschaftliches zwischeneinander gefunden: das Wetter, die Beschaffenheit der Luft wird gern benutzt, als wenn man ahndete, daß jede Verbindung, jede Freundschaft, jedes Gespräch, eine eigne kleine Welt für sich werden müsse, mit ihrer eignen Luft, mit eignem Element, darin sie sich bewege. Man tastet umher nach gemeinschaftlichen Bekannten, nach Gegenständen der Zuneigung oder Abneigung, worin man sich etwa berühre; unsre Voreltern rechneten in solchen Fällen gern die wirkliche Blutsverwandtschaft herbei. Alle diese Fäden der Unterhaltung aber pflegen wieder zu zerreißen, bis man sich über Ideen berührt: von dem Augenblick an ist der Boden der Unterhaltung fest, und wölbt sich, ich möchte sagen, ein gemeinschaftlicher Himmel über beide. Nun, da das Gemeinschaftliche gefunden, muß die Verschiedenartigkeit der Naturen das schöne Werk fortsetzen, ja verewigen: Die Grundharmonie ist gegeben, ein Gesetz der beständigen Wiederkehr zueinander; beide Stimmen können sich mit Freiheit voneinander entfernen, jede kann ihre eigentümlichen Modulationen verfolgen; der Grundton hält sie fest; jede Stimme hört sich selbst, zugleich aber, was viel mehr sagen will, den Akkord, den sie mit der andern bildet, und was noch mehr sagen will, sie empfindet in allen Labyrinthen der Gedanken und Töne ein allgegenwärtiges harmonisches Gesetz. – Die Musik kann es verdeutlichen, wie sich an dieses erste Gespräch eine neue Stimme über die andre anschließen, und wie endlich eine ganze Nation es eingreifend fortbilden und vollenden kann. Übersehen wir den Hauptumstand nicht: ist das harmonische Gesetz für zwei gegeben, so ist es für Tausende da und für die Welt: zwei Liebende, sagt der Dichter in diesem Sinne, bilden ein versammeltes Volk – und je verschiedenartiger die Stimmen, je eigentümlicher die Instrumente, um so gewaltiger und tiefer wird der harmonische Eindruck. Darin nun liegt das Geheimnis der Leichtigkeit aller geselligen Berührung, alles Abords im ehemaligen Frankreich; es gab ein gewisses harmonisches Grundverhältnis in dem gesamten Gespräch jener Nation, in allen seinen Verzweigungen und in allen Ranken, die es über Europa ausstreckte: durch eine leichte Berührung der Zunge gleichsam, wie es das Wort Geschmack sehr sinnreich ausdrückte, war entschieden, was in die Sphäre dieses Gesprächs, d. h. überhaupt in diese harmonische Welt gehörte und was nicht. Die Bewegung aller Konversation war so einfach und natürlich regelmäßig, daß sie, ich möchte sagen, eins wurde mit dem körperlichen Pulsschlag der Nation: der Takt war leicht gefunden, ja es wurde schwer ihn zu verletzen. Es hat Zeit gebraucht, bevor wir Deutsche in dem Bewußtsein unsers ernsten und heiligen Willens, zu der gerechten Anerkennung dieser Vorzüge unsrer Nachbarn gekommen sind. Das ist die große Beschwerde unsers Lebens: statt jenes harmonischen Ineinandergreifens wirbelt es durcheinander bei uns wie der Gesang der Vögel im Walde, jede von den befiederten Familien hat ihren eignen Grundton, jede ihren besondern Takt, und wenn das Ganze auch den Eindruck gäbe, und die Vorahndung, daß der Frühling kommt, wenn es auch Vorgefühle erweckte von einer viel tieferen Harmonie, wer hört dieses Ganze, wer hört es vor seiner eignen Stimme? Jenes Element von Musik, jener eigentümliche Charakterzug unsers Planeten, welches noch außer der Atmosphäre, wie ein zarterer Dunstkreis in jenem gröberen, wie ein irdischer Äther diesen Wohnplatz der Menschheit umfängt, jenes Element von Musik, das keine Nation empfunden haben kann wie die, welche Gluck und Mozart und Haydn und Bach und Händel geboren, ist wirklich als Vorgefühl oder Nachgefühl in jedem deutschen Herzen, es lebt in unsrer Kunst, es regt sich an tausend Stellen unsrer Sprache, aber im wirklichen und gegenwärtigen deutschen Leben, d. h. im Gespräche und in den gesellschaftlichen Verbindungen entbehren wir es. – Die Dialekte unsrer Sprache sind, zumal was Betonung und Akzent angeht, schöne Denkmale vaterländischer Treue, festen Beharrens an dem Boden, der uns erzeugt, und an die Weise, wie seine Berge und Wälder, und die Herzen, die er trägt, den Ton der Herzlichkeit zurückgaben; aber wie schroff stehn sie untereinander, wie sperren und spannen sie die einzelnen Gebiete von Deutschland gegeneinander; so auch die Gesinnungen, die Gedanken: ein gemeinschaftlicher Grundton der Harmonie nirgends, wenn nicht etwa in dem Nachklang dessen, was wir einst waren, und in der Ahndung dessen, was wir werden können. Man werfe uns nicht vor, daß jeder Einzelne von uns nach dem Unendlichen strebe, alles umfassen, sich eine eigne Welt bauen wolle: er sucht, er strebt nur nach der Ganzheit, nach der Fülle seines zersplitterten Volks; im Innern seines Herzens will er umfassen, was sich in der äußeren Welt für den kurzen Zeitraum seines Lebens nicht hat finden und binden wollen; er versammelt die zerstreuten Züge des deutschen Gemeinwesens, wie eines abwesenden Freundes; er möchte, was in die Schicksale, in die Gedanken dieser großen Nation eingegriffen – und was hat denn nicht eingegriffen? – in ein großes Gebäude, in ein Vaterhaus für die deutsche Nachwelt zusammenfügen; er kann nichts Geringeres unternehmen als den Bau einer Welt, weil die Welt, für die er geboren worden, wirklich zerfallen ist. Jenes harmonische Grundverhältnis, welches die frühere französische Sprache, Konversation, Gesellschaft und Literatur auszeichnet, und welches noch heute, im Zustande der Barbarei und des Verfalls da, wo die großen Räder der europäischen Gesellschaft unter fürchterlichen Reibungen ineinandergreifen, wie ein geschmeidiges Öl die Bewegung erleichtert, war zu den Zeiten der Größe von Frankreich, allen Formen der Bildung, ja der tiefsinnigsten Entwicklung des Geistes, wie der leichtesten, vergänglichsten Blüte der Phantasie gleich günstig. Es ist falsch, daß in dem Geiste der französischen Konversation an und für sich etwas liege, was der Ergründung der Dinge in ihrer Tiefe, dem Haften und Beharren an ernsten Bestrebungen des Geistes ungünstig ist. Jener Charakter einer gewissen Nullität, den ihr Goethe zuschreibt, jenes libellenartige, farbenspielende Flattern an der Oberfläche des Lebens, mit gelegentlichem leichtem Eintauchen und Benetzen der Flügel, jene Scheu vor dem Ergründen, und vor allem Großen, Überlegenen und Herrschenden, – gilt nur von der gegenwärtigen weichlichen, kränklichen Reizbarkeit der Gesellschaft: es ist die Scheu des Alters vor dem gesunden Luftwechsel des Lebens; das siècle de Louis XIV. berührt dieser Vorwurf nicht. Freilich wird Maß und Takt begehrt; freilich wird begehrt, daß sich jeder Sprechende dem Gesetz der gesellschaftlichen Harmonie unterwerfe; freilich soll nicht mehr gesprochen werden als gehört, nicht mehr gelehrt werden als gelernt; freilich reißt dieser lebendige Strom alles stehende Gewässer mit sich fort, und leidet keine trübe, einsame, unnützliche Tiefe – aber sind dies nicht Eigenschaften der wahren Konversation, der echten Gesellschaft überall? Frankreich wäre nicht die Schule der Beredsamkeit geworden für ein ganzes Jahrhundert, wenn es seinen großen Geistern gestattet hätte, tiefsinnig zu sein ohne die Klarheit, welche das unendliche Gespräch gab, dahin sie fortgerissen wurden, eigentümlich ohne die Allgemeingültigkeit, welche jeden Gedanken und jeden besonderen Besitz, unsern neulichen Betrachtungen zufolge, bekräftigt, besiegelt, indem sie ihn zum Gemeingut erhebt. Daher nun ist für den ganzen Kreis des Bewußtseins und der Anschauung der Franzosen, ihre Sprache so vollendet, so ausgesprochen, so ausgespielt, wie man von musikalischen Instrumenten zu sagen pflegt. Unendlich ärmer an Worten als die deutsche, ist unter ihren Worten ein leichtes, graziöses Verhältnis: die Worte untereinander haben denselbigen leichten Abord wie die Personen in der Gesellschaft: bei allem Mißklang in den einzelnen Worten hört man ganz deutlich einen Wohlklang in den Zusammenstellungen der Worte. – Dies sind die Vorzüge einer Sprache, die aus dem lebendigen Gespräch hervorgegangen; die nicht wie die deutsche mehr geschrieben als gesprochen, und zu einem Signale einsamer Geister gemißbraucht worden ist. – Ich glaube, daß aus meiner ganzen bisherigen Darstellung deutlich hervorgeht, was die bisherige Theorie der Beredsamkeit versäumt hat, und was sogar die französische Rhetorik, im eigentlichsten Verstände vor Bäumen den Wald nicht sehend, nicht nachzuweisen versteht. Die bisherige Redekunst fordert vom Redner, daß er beweise, und falls dieses, wie in den meisten Fällen, nicht viel verfangen will, so gibt sie ihm eine gewisse Nachhülfe, ein Kapitel von der Erregung der Leidenschaften: sie geht sehr weit, wenn sie dem Redner gestattet, gelegentlich einen Einwurf gegen sich selbst zu wagen. Ich habe die Protestation gegen sich selbst, das Mißtrauen und den Zweifel an der eignen Wahrheit, um der göttlichen und ewigen Wahrheit willen, zur ersten Forderung an den Redner erhoben: er soll die eigne Wahrheit unterwerfen der göttlichen Wahrheit, weil nur diese ihm die Macht geben kann, zweierlei Wahrheit, seine und seines Gegners Wahrheit, zu versöhnen oder wahrhaft zu überreden, zu überzeugen; er soll die Gegenstände irdischer Verehrung, die er zu verteidigen unternimmt, zuvörderst opfern, er soll sie anklagen, darbieten der ewigen Idee der Schönheit, damit diese durch seinen Mund rede, und ihn und seinen Gegner über den irdischen Gegenstand des Streits versöhne. Was heißt dies anders, als seinen Gegner auf den gemeinschaftlichen Boden herüberziehn, über sich und ihn den gemeinschaftlichen Himmel wölben, beide in eine und dieselbe Luft versetzen, einen Grundakkord zwischen beiden anordnen. Das Anregen der Leidenschaften und Rührungen ist ein armseliges Substitut dessen, was ich hier meine: es heißt den Menschen bei seiner einzelnen schwachen Seite fassen, wo wir ihn zum Ausweichen nötigen, befangen, allenfalls verzaubern, aber nie besiegen können: es ist ein augenblickliches, fruchtloses Einweichen des Gegners, dessen Starrheit unmittelbar zurückkehrt, sobald ihn der austrocknende Hauch der Welt wieder berührt. Entweder ihr ergreift den Gegner bei seiner gewaffnetsten Seite, den Stier bei seinen Hörnern, indem ihr vorwegnehmt seine Gründe, sie verstärkt, sie durch den Zusammenhang eurer Anklage belebt, indem ihr alle die Wunden zeigt, die er erst schlagen will; und ihr erhebt euren Gegner an seiner schwächsten Seite, die nämlich, die empfänglich ist für das Göttliche, und an welcher stärker sein als er, euch zum Redner macht, und ihn zum Hörer – oder ihr ergreift ihn gar nicht, ihr spielt an der Oberfläche seines Herzens umher, ihr bestimmt das Tun seiner Hände, aber nicht seinen Willen, ihr habt Maschinen in Bewegung gesetzt, aber nicht Herzen. Was tut also der Redner anders, als mit Bewußtsein das, was in jedem wahren Gespräch bewußtlos geschieht: er stellt dar 1. den Streit zweier ganz eigentümlichen und verschiedenartigen Naturen, 2. das Gemeinschaftliche, Höhere, was in dem lebendigen Gespräch unsichtbar wie ein Schutzgeist des Gesprächs, oder wie die Grundharmonie in der Musik, zwischen den beiden Sprechenden waltet. Eine Rede ist also nichts anders als ein abgeschlossenes Gespräch, welches in allen seinen wesentlichen sichtbaren und unsichtbaren Teilen durch den Mund eines Menschen an die Welt tritt. Der Redner vereinigt drei Personen in sich, zuvörderst die beiden Sprecher des Gesprächs in ihrer eigentümlichen Farbe und Manier, dann aber beide gedämpft, veredelt sichtbar, und unsichtbar versöhnt durch eine dritte höhere Person, die Seele des Redners, die über dem Streite der Glieder thront. Von dieser unbefangenen, besonnenen Stellung über dem Kampf der Lebenselemente, den der Redner darstellt, finde ich in den Lehrbüchern der Redekunst nichts. Ich höre gern dem Streit der Klugen zu, sagt die Prinzessin in Goethes Tasso, wenn an die Kräfte, die des Menschen Brust so freundlich und so fürchterlich bewegen, mit Grazie die Rednerlippe spielt. Daß diese Regel, dieser Kanon der Rede für alle Formen der Rede, für alle Bürger, für jede Art der Darstellung gilt, springt in die Augen. Der Kanzelredner, welcher das Gemeinschaftliche allein zur Sprache bringen wollte, der die göttlichen Wahrheiten, der die harmonische Regel für das höhere Leben unsres Geschlechts allein darreichen wollte, ohne die Parteien, ohne den Kampf der irdischen Wahrheit mit dem irdischen Irrtum, würde einsam bleiben in seiner Höhe, zurückschrecken, anstatt zu erheben. Der Sachwalter vor Gericht andrerseits, der bloß die Eigentümlichkeit seiner Partei zu verteidigen unternähme, der nicht von dem Geiste des Gesetzes beseelt über seinen Parteien schwebte, und ihren Handel mit einer gewissen heiligen Besonnenheit vor die Seele des Richters brächte, würde die Sache tiefer verwickeln als sie zum Spruche zu bringen. Was macht Macchiavelli und die Alten in ihren Geschichten so groß, als bei der Klarheit, mit der die handelnden Parteien in ihrer Eigenheit auftreten, der alles umfangende göttliche Hauch einer großen Seele, die ein Bestimmtes will, die ein höchstes Gut hat, die Freiheit oder das Vaterland, vor dem sich alle die streitenden Helden, die sie darstellt, beugen sollen: sie erhebt die Parteien, damit der Sieg des ewigen Gedankens über die vergänglichen Helden glänzender werde. Je mehr die Begebenheiten auseinander streben, um so gewaltiger rafft sie zusammen und bändigt sie der Gedanke, bei Tacitus. Zum letzten Male nunmehr lassen Sie uns einen strengen, ungefälligen Blick auf Deutschland werfen. Also eine Sprache, die mehr gelesen und entziffert wird als gesprochen, in der viel mehr gelehrt wird als gelernt und gehört; ein Gespräch, das nur durch die Schrauben der Not zustande gebracht wird; ein Volk zersplittert in sich selbst, viel weniger das Ausland achtend, als sich selbst geringschätzend, und alle seine Institute, neben der allzu großen Erinnerung an ehemals, und der allzu ungemessenen Forderung an die Zukunft; alle seine größeren Geister entfernt, zerstreut über das unermeßliche Gebiet des Wissens, vertrauter mit dem Altertum als mit der Gegenwart, freundlicher verkehrend mit dem entferntesten Orient als mit der Nachbarschaft, lieber den Toten die Hand reichend als den Lebendigen, lieber mit denen redend, die nicht mehr hören und antworten können, und die, wenn sie hörten, uns zurückschrecken würden in unser Jahrhundert, hier dasselbige Tüchtige zu sein, was sie in dem ihrigen waren; endlich die wenigen, welche den Gram und die Größe dieses Volks zugleich empfinden, und dennoch nicht weichen können von diesem Boden oder aus diesem Gefängnis, die von der Gegenwart nicht lassen können, diese wenigen einsam bauend neue Welten aus den alten Materialien, welche das vergangene Jahrtausend hier reichlicher als auf irgendeinem andern Boden hinterließ; ohne Berührung, ohne Gespräch miteinander unternehmend, was nur die Begeisterung der Gemeinschaft, welche alles um sich her allmählich in ihren Strudel reißt, vollenden könnte. Ich frage Sie, ist es unter solchen Umständen nicht endlich Zeit, gründlich zu fragen, was Frankreich groß gemacht; was Frankreich vermocht und in Stand gesetzt hat, vollständig auszusprechen, d. h. nach meiner neulichen Erklärung ganz auszudrücken in Leben und Tat, was es gewollt hat? Ist es nicht Zeit, die Gründe der höchsten Mitteilung, die zwischen menschlichen Wesen möglich ist, die Gründe jenes Verkehrs durch Wort und Rede, in den sich alle Kriege, alle Arbeiten, alle Genüsse der Menschheit zuletzt auflösen, zu untersuchen; zu fragen, was uns den Mund gegeneinander verschließt, da tausend Zeugnisse niedergelegt sind in Schrift für die Ewigkeit, daß wir reden können? Es ist ein schlechter Trost, den wir auf allen Straßen hören müssen, daß uns nämlich statt Deutschland das Instrument der deutschen Sprache verblieben sei. Was ist diese tote Schriftsprache ohne das lebendige Gespräch und ohne die deutsche Rede, die daraus hervorwachsen sollte. Ich wünsche Deutschland Glück, daß jenes Schrift- und Formelwesen allmählich zerfällt, daß das Ansehn der Druckerpresse durch den Mißbrauch allmählich abnimmt, daß die Liebhaber dieses Unwesens von den Zeitumständen mehr und mehr mit Auswahl zu kaufen, und anstatt zu lesen lieber zu sprechen genötigt werden; was echtes Gold ist, wird dennoch bestehen. Wie könnte ich gezeigt haben, daß das Gespräch die Quelle der Beredsamkeit überhaupt sei, ohne jenes großen Deutschen zu gedenken, mit dem die deutsche Beredsamkeit erwacht, der mit der Flamme des Gesprächs alles ergriff, was dem deutschen Herzen nahe geht, und was, da er seine Stimme erhob, in unnatürlicher Verzauberung oder Versteinerung dalag, G. E. Lessing. Er ward gehört, er drang tiefer in das Ohr und in die Seele seiner Nation als irgendein Zeitgenosse; er zwang durch ein echtes Talent der Rede die Nation zur Antwort; streute über die Furchen, die ein unglücklicher Krieg in Deutschland hinterlassen, den Samen eines geistigen Krieges aus; weckte, wie es dem freien Geiste ziemt, der für die Freiheit der übrigen lebt, viel mehr Gedanken als er aussprach, und blieb als ein unbegriffenes Wunder in dem Andenken seiner Freunde zurück; was er geringgeschätzt hatte an sich, wurde zum Muster gewählt; der Schnitt und alle Äußerlichkeiten seines Wesens, und was niemand gründlicher verachtete als er, fand in allen literarischen Werkstätten Nachahmer und Sklaven, bis ein Freund in einem höheren Sinne des Worts, ein Pair seines Geistes, endlich einer neuen Generation, die indes aufgegangen, sagte, wer und wie er gewesen sei. Es ist nicht unmerkwürdig, das Geschlechtsregister eines tüchtigen und gründlichen Gedanken zu wissen. Daß das Gespräch die Seele aller Rede sei, hat Lessing durch sein kriegerisches Leben betätigt, aber ausgesprochen, deutlicher empfunden als Lessing selbst und mir überliefert hat ihn der große Gelehrte, den ich als Muster, Freund und als unmittelbaren Vorgänger bei diesem Geschäfte der Vorlesungen auf gleiche Weise verehre. Friedrich Schlegel, der eben seine Vorlesungen über die Literatur beschlossen hatte, als die gegenwärtigen über die Beredsamkeit ihren Anfang nahmen. III. Von der Kunst des Hörens Es gibt eine Kunst des Hörens wie des Redens, und da der Redner, meiner Vorschrift gemäß, außer sich selbst noch die Person seines Gegners sprechen lassen soll, so ist klar, daß er die Kunst des Hörens, die Kunst des Innewerdens fremder Naturen, und ihrer Art und Eigenheit in demselben Maße besitzen müsse, als die Kunst des Eindringens in fremde Naturen vermittelst seiner Rede: diese beiden Künste bedingen einander; niemand kann größerer Redner sein als Hörer. In der Musik wird die Welt diese meine Forderung leicht zugeben; wer singen lernen will, muß ein musikalisches Ohr haben; und wer Musik als Kunst und nicht als bloße Schmeichelei des Ohrs empfinden will, soll sein Ohr für die Musik ausgebildet haben, wie derjenige seine Stimme oder seine Instrumentalfertigkeit, der sie hervorbringt. Überhaupt glaubt man von allen Künsten, daß, um sie zu genießen in der Fülle dessen, was sie gewähren, man sie selbst üben müsse. Nur in der Redekunst soll es hinreichen, daß der empfangende Sinn, das Ohr, offen stehe und über sich ergehen lasse. Man setzt vielleicht dunkel voraus, daß ein Sinn, der täglich geübt werde, durch eine Kunst, wie die des Redens, die in keiner Lage des Lebens ganz entbehrt werden könne, keiner absichtlichen Nachhilfe bedürfe, und daß die Seele, diese Künstlerin aller Kunst, schon von selbst kluge und eifrige Türhüterin des Haupteinganges, der zu ihr führt, sein werde. – Zuvörderst aber übersieht man dabei, daß die ganze Welt durch die Rede ausgedrückt wird, wie denn überhaupt für alles, was die Welt dem Menschen gewährt, an Gütern, an Schätzen, an Genuß, an Erkenntnis, nur ein einziges würdiges Äquivalent von Seiten des Menschen an die Welt zurückerfolgt: nämlich die Rede, d. h. die vermenschlichte Welt: man übersieht also, daß durch diesen Sinn des Ohrs Großes empfangen wird und Kleines, Gewaltiges und Schwaches, Unermeßliches und Geringfügiges, daß also in sehr verschiedener Art, bald in großer bald in leichter und flüchtiger Manier empfangen werden muß; daß also dasjenige Ohr, welches nur gewöhnt ist zu empfangen: – guten Morgen oder wie geht es? oder was kostet das? – um deswillen nun noch nicht grade geeignet ist, eine Rede von Johannes Müller an die Schweizer, oder von Gentz für das europäische Gleichgewicht oder irgendeinen andern Wortredner der Völker nach Würden anzuhören. Nicht etwa weil die Kenntnisse, die wissenschaftlichen Vorbereitungen fehlen, die zum Verständnis dieser Redner gehören, sondern weil das Ohr an großartige Wendungen der Rede nicht gewöhnt ist, weil von den breitgetretenen, zerbröckelten Tönen des gemeinen Lebens, worin kein Gesetz herrscht, als das der Not, kein Takt, als der der Faulheit, eigentlich kein Übergang stattfindet zu dem harmonischen Ganzen, was ein überlegender Geist mit Freiheit und rhythmisch angeordnet hat. – Ferner übersieht man, indem man dem Ohr an und für sich schon die gehörige Bildung zutraut, die Eitelkeit der Menschen; sich untätig verhalten, über sich ergehen lassen, ist keine Kunst, aber zu leiden, mit Verstand und Würde zu empfangen , ist überall eine ebenso große Kunst, als zu handeln, oder mit Geist, mit Geschmack und mit Kraft zu geben . Aber weil die Kunst des Handelns und so auch des Sprechens sichtbar ist, weil die Wirkung von ihr auszugehen scheint, weil sie ganzen Massen von Menschen und Kräften angenehme Gewalt anzutun scheint; dagegen die Kunst des Leidens und des Hörens weniger in die Augen springt – so ergibt es sich, daß zuletzt in jeder gegebenen Gesellschaft viel mehr Personen reden als hören wollen, während die Natur das ganz Entgegengesetzte zu wollen scheint, indem sie angeordnet hat, daß zwar viele hören können was einer spricht, unmöglich aber einer hören kann, was viele zu gleicher Zeit reden. Die Eitelkeit der Menschen macht, daß das Sprachorgan viel mehr geübt wird als das Ohr, daß man von der Seele, die, wenn irgendwo, so in der Mitte zwischen diesen beiden erhabenen Organen liegt, sich mehr und mehr entfernt, und auf mechanischem Wege die höchste Wirkung hervorbringen will, die dem Geist über den Geist je gelingen kann. Das Auge empfängt alle Bilder, alle Farben, alle Eigentümlichkeiten der Welt: was gibt es der Welt zurück als seinen zwar ausdrucksvollen, aber stillen Glanz? Der Geschmack, der Geruch, für welche die Natur die zartesten Verhältnisse der Körperwelt zu mischen scheint, was geben sie der Natur zurück? Womit antwortet der Mensch auf alle Wohltaten und Schmeicheleien seines Gefühls und aller dieser Sinne? – Alle seine Schuld bezahlt er, all dieses unendliche Empfangen vergilt er, auf alle Fragen der Natur antwortet er mit dem Vermögen der Rede: aus allen diesen Bildern, diesem Glanz, diesem Duft, diesem Wohlgeschmack, diesen tausendfältigen Anregungen des Gefühls bereitet sich ein einziger, einfach-unendlicher Stoff: das Wort . Der Sinn also, dem die Natur das Vermögen der Antwort beigegeben, der nicht bloß zum Leiden bestimmt ist wie die übrigen, hat einen höheren Beruf als die übrigen. Auch zeigt sich die Wahrheit dieser Behauptung deutlicher darin, daß unser Ohr das Gesetz der Welt ganz für sich, und fast ohne Beihülfe der übrigen empfinden kann: an der Musik ist wahrzunehmen, und die meisten musikalischen Virtuosen bestätigen es, daß dieser Sinn der unabhängigste von allen ist, ja, ich möchte sagen, daß der ganze Mensch sich in das Ohr zurückziehn, mit diesem einen Organe leben, denken und dichten, und alle andere Organe im tierischen Zustande hinterlassen kann. Wie Großes haben die Alten gemeint, als sie von einer Harmonie der Sphären redeten, als wenn die Gesetze der wunderbaren Anordnung des Weltbaus doch eigentlich nur das Ohr empfinden könnte! – Die Eitelkeit der Menschen nun will lieber auf diesen Sinn wirken, als Eindrücke durch ihn empfangen; darüber geht das Vermögen, höhere Eindrücke dieser Art zu empfangen, und natürlich auch die Kunst, sie durch die Rede zu bewirken, allmählich verloren. Und gesetzt auch, die Natur sorgte für die Bildung des Ohrs, so verdirbt sie der Mensch durch das eitle, unglückliche Bestreben, mehr auf die Welt zurückzuwirken, als diese auf ihn einwirkt. – Endlich übersieht man, indem man unsrem, der heutigen kultivierten Europäer Ohr von selbst schon die gehörige Bildung zutraut, die Verwirrung und Verkehrung im Reiche der Geister, welche die Buchdruckerkunst angerichtet. – In den Zeiten vor dieser segensreichen, aber auch verderblichen Erfindung, wurde die Kunst der Schrift nur angewendet für die Abwesenden und Nachkommen: für die Gegenwärtigen hingegen, für die Zeitgenossen, für alles, was man mit seiner Brust und Stimme erreichen konnte, galt die lebendige Rede. Es war wie mit den Geldverhältnissen: wo man sich erreichen konnte, da vergalt man einander mit der Kraft seiner Hände und mit Diensten, man zahlte dem Gegenwärtigen und Zeitgenossen mit der Person: nur für die Entfernten, für die Abwesenden, für die Zukunft bediente man sich des Goldes und Silbers. – Gold und Silber verhält sich zur lebendigen Tat grade wie die Schrift sich zu dem lebendigen Worte verhält. Als sich alle praktischen Verhältnisse des Menschen in Geldverhältnisse, und alles Reden der Menschen in den höheren Geschäften des Lebens, nämlich im Regiment der Staaten und des Reiches der Wissenschaften in schriftliche Verhandlung auflöste; als nunmehr keine unbezahlte, persönliche Hilfsleistung im ganzen Gebiete des bürgerlichen Lebens, als etwa zwischen Eltern und Kindern zurückblieb, als die lebendige Rede nur in den ganz gemeinen und alltäglichen Verhältnissen des Lebens ihr Recht behielt – wem möchte es befremden, daß von da an die Tatkraft dieses Geschlechts gelähmt, die Gewalt des göttlichen Organs der Rede gebrochen und gebeugt, und das Ohr für alle höheren Eindrücke, die man höchst unnatürlicher Weise dem dechiffrierenden Auge zuwies, verschlossen wurde? – Wurde dieses Geschlecht um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, wo diese große Verwandlung vor sich ging, plötzlich so gebrechlich, ohnmächtig, oder durchdrungen von dem Gedanken seiner Vergänglichkeit, daß es sich an dem Golde und an der Schrift, an den bleibenden Eigenschaften dieser Dinge festhalten wollte, oder ist es nur durch den Mißbrauch jener beiden Gaben, des Geldes, wozu Amerika, der Schrift, wozu die Buchdruckerkunst verleitete, in Tat und Wort so zurückgekommen? – Ich will es nicht entscheiden – aber ich weiß, daß jedes gesunde Gemüt diese Umkehrung der Natur mit mir empfinden und beklagen muß. – Seitdem die Buchdruckerkunst gemein wurde, verschwindet nun nicht mehr das Schlechte, Falsche und Unbedeutende, wie ehemals gleich nachdem es gesagt wurde, zerfließt nicht mehr in die gemeine Luft, der es mehr angehörte als dem Geist: es bleibt, es rückt in ganzen Geschwadern, nach beschleunigtem Verhältnisse wachsend, wie die Bibliotheken unsrer Zeit zeigen, auf die unglücklichen Nachkommen los; genau ebenso wie das ökonomische Unglück, welches in früheren Zeiten von dem Geschlecht, das es betraf, unmittelbar getragen, abgeschüttelt wurde, und dann mit den Leidenden dahinstarb, sich nunmehr, seitdem alle Tat und Handlung in Golde ausgedrückt wird, in schweren und immer schwereren Schuldenmassen auf die Nachwelt wälzt. – Die Organe der Sprache und des Gehörs sind ihrer edelsten Funktionen beraubt, sie feiern, sie verrichten unnütze Dinge oder doch nur den allergemeinsten Hausdienst; nur ganz auf der Höhe des europäischen Lebens, im Privatleben der Franzosen, und im öffentlichen Leben der Briten, den beiden besten Früchten, welche die letztvergangenen Jahrhunderte erzeugt, dauert, wie ich neulich gezeigt, ihre alte Bedeutung fort. Wie kann man also voraussetzen, daß das Ohr schon von selbst hinlänglich gebildet werde, in einer Zeit, wo von allem Klange der Rede, von aller Lebensfülle, von allem Brausen der bürgerlichen Taten, von allem Gesange der Poesie früherer Jahrhunderte nichts zurückgeblieben, als ein einförmiges Rauschen der Bücherblätter in einsamen Gemächern, wie ein ähnliches totes Rauschen der Blätter im Herbst statt allen fröhlichen Tumultes der schöneren Jahreszeit zurückbleibt! – Nachdem die Rede aus dem Gebiet des Ohrs in das Gebiet des lesenden Auges, nachdem sie aus dem Gebiete der Stimme in den Wirkungskreis der schreibenden Hände einmal höchst unnatürlicherweise versetzt worden, so erstirbt sie nun auch, schrumpft zusammen, vertrocknet mehr und mehr: Das Wort schwindet ineinander und wird mehr und mehr zur Zahl. Alle Wissenschaften, alle bürgerlichen Geschäfte lehnen sich, halten sich an der geliebten Zahl, sie verpuppen sich, wie gefräßige Insekten, in Gespinsten von Zahlen und Formeln. Die Popularität der Kartenspiele zuletzt parodiert auf eine sehr zierliche Weise das ganze sonderbare Wesen, die ganze Zeit spiegelt sich in diesem einfachen Vergnügen: eine Kombination gewisser Zahlenverhältnisse statt des gesellschaftlichen Gesprächs, und ein kleiner Geldkommerz statt der persönlichen Berührung. – – Sie sehn, ich gehe etwas weit in der rhetorischen Wendung, mit der ich diese Vorlesungen eröffnete, – nämlich in den Anklagen dessen, was zu verteidigen meine Schuldigkeit und meine Absicht ist: zuerst war es Deutschland, in dessen Sprache und in dessen Sinn ich doch eigentlich rede, nun ist es gar das gesamte Zeitalter, das ich doch eigentlich nicht fallen lassen darf, aus dem einfachen Grunde, weil ich einmal nicht heraus, und mir ein andres suchen oder schaffen kann. Aber ist es denn so etwas Kleines, einen vergeßnen, stiefmütterlich vernachlässigten Sinn des Menschen zu verteidigen und zu reiten, da nur noch vier andre sich, gar nicht einmal zu schließen, sondern nur auf ähnliche Weise abzustumpfen brauchen, damit von dem ganzen Geschlecht, seinem Tun und Treiben nichts Redenswürdiges mehr übrig bleibe? Ist die Kultur dieses adligsten Sinnes und mit ihm die Beredsamkeit wieder herzustellen durch bloße Vorlesungen und Regeln über die Beweisführung, über die Erregung der Leidenschaften usw. in Blairs und Priestleys und Batteuxs Manier? Ganz Griechenland hat Jahrhunderte hindurch sprechen müssen, erst mußte das letzte Bauerweib auf dem Markte von Athen durch bloße Bildung des Ohrs unterscheiden können, was attisch und was schön griechisch war, was nicht, bevor Demosthenes kommen durfte. Dass ein Einziger sprechen kann wie es sich gehört, dazu muß beitragen die Nation, müssen beitragen die Weltumstände, so gut als der, der die Beredsamkeit lehrt. Weil ich eine einzelne Wissenschaft, eine einzelne Kunst erlernen will, so schließt sich deshalb auf so lange die Welt nicht zu, noch steht sie unterdes stille: weil ich nun aber nicht sprechen kann, wenn mein Volk nicht mitspricht, und weil die Welt aber, indem sie fortläuft, stören könnte mein Werk und mein Lernen, und weil sie zuletzt doch all mein Lernen erst erfrischen, beleben muß, und weil es ihr zugute kommen soll, so habe ich mich früh gewöhnt, die lebendige Welt mit der Wissenschaft und Kunst von vornherein zu verweben. Das Band der Dinge ist ja was wir eigentlich suchen; in dem was das Wort und die Tat, den Gedanken und das lebendige Leben miteinander verknüpft, liegt das Geheimnis der Beredsamkeit; läge es in den Häkchen und Fäden, welche Worte an Worte und Redensarten an Redensarten binden, so wäre es von der Silbenstecherei unsres Jahrhunderts längst entdeckt. – So viel zur Entschuldigung, wenn ich oft von etwas mehrerem rede, als der Beredsamkeit. – – Es gibt also eine Kunst zu hören, und ich bin fest überzeugt, daß wer sie in gehörigem Maße besäße, durch bloßes Ausüben dieser Kunst, durch bloßes sinnreiches und lebendiges Anhören einen andern zum Redner machen könnte. Man kann in jedem Theater bemerken, wie viele Grade gesteigerter Aufmerksamkeit es in einer Versammlung von Menschen gibt, und wie viele Grade der Stille, die in gewissen Momenten jene Atemlosigkeit der ganzen Natur erreicht, die man auf den Gipfeln sehr hoher Berge wahrnimmt: man kann unzählige Arten der Aufmerksamkeit und des Anteils bemerken, und man wird innewerden, daß der Mensch deshalb, weil, und solange als er hört, nicht auch stumm ist. Der große Schauspieler weiß, was er von den bestimmten und hergebrachten Manieren der Antwort von seiten des Publikums, vom Händeklatschen, und von dem eigentlich schreienden und brausenden Beifall zu denken hat: aber wenn eine große Versammlung von der Macht der Rede so überwältigt wird, daß sie die konventionelle Antwort vergißt, daß sie wie mit einem einzigen Ohre horcht, und jeder Atemzug nur sorgt, wie er sich in die gelegentlichen Pausen der Rede fügt, und einzelne leise, kurze Laute der Bewunderung mit unverabredeter und doch überraschender Gleichförmigkeit aus der immer tieferen Stille heraustreten, wenn die ganze Versammlung sich unsichtbar, aber ganz deutlich aneinander lehnt, jeder empfindet, daß er nur Glied eines größeren Menschen ist, der angeredet wird, dann ergreift auch den Künstler auf der Bühne etwas ihm selbst Unerwartetes, größer als Menschliches, nicht etwa eine gemeine Verwandlung in das was er darstellt, nicht etwa eine Trunkenheit der Begeisterung, aber eine gewisse göttliche Ruhe; das ganze Gerüst von Vorübung und Studium seiner Rolle verschwindet, die Bemühung wird unnütz, das Talent selbst tritt zurück; es ist als wenn ein höherer Geist, der Dichter oder irgendwer sonst den ganzen irdischen Apparat dieser Kunst entrückt hätte, als wenn er durch den Mund des Künstlers redete, und als wenn derselbige Geist in seligem Anschaun seines eignen Werks auch durch das Ohr der Versammlung wieder horchte; es ist als wenn jene glückliche Gemeinschaftlichkeit des Bodens und des Himmels, von der wir in unsrer vorigen Unterhaltung sprachen, alle überkäme, und als wenn zwischen Parterre und Bühne die Grenze des Proszeniums verschwände, welche die Kunst eigentlich immer aufheben sollte, wie die Alten andeuteten, indem sie die Bildsäule des Gottes, die Neueren, indem sie die Musik an diese Grenze hin verlegten. – Dies sind die Augenblicke, wo jeder im Hören empfindet, daß auch er reden könne: in solchem Moment mag Schiller sich selbst, und außer sich etwas Göttliches, und somit seinen ganzen Beruf in seiner Brust empfunden haben. Wenn wir uns aber erinnern, daß dieser Zustand der Vereinigung in dem Wort, der uns in den dermaligen betrübten Umständen unsres Lebens nur selten, und dann zufällig und vorübergehend befällt, der eigentlich natürliche Zustand des Menschen ist, daß wie das Element des Fisches das Wasser, des Vogels die Luft – so das Element des Menschen die lebendige, die gesprochene, die empfundene Sprache ist; wenn wir uns ferner erinnern, daß wir die gegenwärtige unmittelbare Gewalt der Töne, und somit das eigentliche Element unsres Daseins aus allem höheren Leben verdrängt haben, daß wir dieses Element, das nur gehört werden kann, sehen wollen in Zeichen und Schriftzügen, daß selbst die Franzosen in ihrer glänzendsten Zeit es doch auch nur geschmeckt haben – so müssen wir eingestehn, daß wenn auch von Deutschland insbesondre, doch nicht weniger vom ganzen Zeitalter die Klage unsres Dichters gilt: Spricht die Seele usw. – Sie ist um so wahrer, als sie auch vollständig gilt, wenn man sie umwendet und sagt: Hört die Seele usw. – – Nur unter großartigen Leiden lernt der Mensch großartig handeln, nur durch den Gehorsam lernt er herrschen, nur durch Hören lernt er reden. Das Handeln, das Befehlen an sich, etwa durch ein Vormachen und Vorbefehlen – läßt sich nicht lernen; ebensowenig das Sprechen durch Vor- und Nachsprechen, wie unser ganzes Zeitalter glaubt. Einem großen und beredten Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts ward ein vornehmer Zögling gebracht, daß er an dem immer gegenwärtigen Muster seiner Sprache und seiner Schrift die Kunst der Beredsamkeit sich aneigne: Schreibt, antwortete ihm dieser, so will ich Euch sagen ob Ihr schreiben könnt; mehr vermag ich nicht über Euch. Dieser Autor fühlte, daß in dieser erhabenen Kunst kein gemeines Übertragen stattfinde; noch sinnvoller aber hätte er sagen können: lest, so will ich euch sagen ob ihr schreiben könnt; hört mich an, und ich will euch bestimmt anzeigen, ob ihr reden könnt. – Aber, höre ich mir einwenden, ist denn das Hören, und zwar selbst das recht künstliche Hören, mehr als ein geistiges Nachsprechen; ist denn das Hören nicht eben deshalb die Schule des Redners, weil es ein stilles Angewöhnen des Redens ist? – Was? Genügt es mir, wenn ich rede, daß sich jedes meiner Worte in dem Hörer eindrückt und abformt wie das Siegel in dem Wachs, und daß jede Wendung meiner Rede ihn bewußtlos und durch eine kalte Notwendigkeit stellt und richtet, wie die Wetterfahne der Wind? Ich verlange ja eine Antwort, ich will ja Freiheit gegen mir über, und Selbstbestimmung; keine Maschine, die zu regieren es ja noch mechanische Kräfte in der Welt gibt, und wozu nicht die Wunderkraft des Wortes erst auf eine lächerliche Weise gemißbraucht werden darf. Sie sollen ja nicht verstummen, sondern sie sollen hören! – Ich will ein Bestimmtes erreichen durch meine Rede – wohlan! weil ich ein Mensch bin; aber noch eifriger will ich, daß meine Rede andre Redner erwecke, daß sie entzünde das Gespräch meines Volks und meiner Zeit, daß sie andern den Mut gebe, zu sagen und auszusprechen die Leiden, die Hoffnungen und den Stolz dieses Jahrhunderts – warum? weil noch außer dem Menschen etwas Göttliches in mir ist, etwas, das ich selbst mit der Erreichung aller meiner Wünsche, und mit der Überredung aller meiner Gegner nicht zur Ruhe bringe! – Das Hören ist eine Manier des Antwortens; und da in jedem gegebnen Augenblick die Natur, wie der Sprecher im britischen Parlament, nur einem einzigen, der grade zuerst aufgestanden ist, das Wort erlaubt, so hat sie andrerseits die, welche für diesen Augenblick nachstehn, schweigen und hören müssen, mit einer unsichtbaren Beredsamkeit begabt, mit Zeichen, mit einem stillen Widerstreben gegen jede rednerische Gewalttat, mit sehr vernehmlichen Andeutungen, mit sehr empfindlichen Belohnungen, und – was mehr als alles dies ist, in den Augenblicken wahrer Berührung mit dem Redner, oder des vollständigen Gelingens seiner Absicht – mit dem stolzen, verklärten Gefühl des Erfülltseins von demselbigen göttlichen Geist, der durch den Mund des Redners spricht. – Auch hier nötigt die Natur (grade in dem Augenblick des menschlichen Gelingens, wo die Abgötterung anfangen könnte dessen, dem es gelungen ist) sanft zur Gerechtigkeit. So überhaupt, wenn der Mensch am größten wird, so wird er gehorsames Instrument eines höheren Geistes; man kann ihn nicht achten, ohne zugleich etwas Höheres anzubeten; und in ihm selbst –, je mehr äußere Ursachen zum Stolz, um so mehr innere Gründe zur Demut; so wie ich oben zeigte, daß die Liebe zu einem irdischen Gegenstand am höchsten stiege, wenn sie fromm und gerecht würde. – Vergessen Sie gütigst für den Augenblick uns lesende, schreibende Redner, und alle gelehrte Barbarei und alle Stubenangewöhnungen unsrer Zeit. Denken Sie sich einen lebendigen, improvisierenden Redner, der nicht die eigentliche Rede schon zum voraus an das Papier gehalten hat, den nicht Bibliotheken und Drucklettern und der Flitterglanz des schriftstellerischen Ruhms, auch nicht weiter die stumme Natur mit ihren sogenannten Schönheiten zum Reden begeistert, sondern der menschliche Gesichtszüge vor sich haben muß, den zum Reden antreibt, was den wahren Helden zum Siegen, nämlich die Fähigkeit der Antwort, die Unüberwindlichkeit, die Freiheit, das Heldentum seines Gegners, der, wie die Helden der Ilias, nur redet, wenn er gefragt wird, oder angeredet, oder wenigstens angelächelt, oder doch von nichts Geringerem als einem Gott angetrieben wird. – Solchem Redner gegenüber läßt sich erkennen, daß der Hörer, wenn er schweigt, nicht stumm ist, daß er unaufhörlich eingreift und tragen hilft, daß er mit leisen Bewegungen des Blickes oder der Augenbraunen, mit leisem Zucken der Muskeln, mit unmerklichem Lächeln, mit Rührungen, die kaum den Kristall der Augen anhauchen, mit Atemzügen, mit Pulsschlägen möchte ich sagen, und mit allen den leichten Geberden, die von dem gewöhnlichen Tumult des Lebens übertäubt werden, den gewaltigsten Redner regiert. Glauben sie mir: jeder große Buchredner oder wahrhafte Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts wurde was er war hauptsächlich durch die Kraft seiner Phantasie, mit der er diese stillen Geberden eines aufhorchenden Volks in die Zwischenräume seiner Reden flocht, mit der er alles Geliebte, Geachtete, Verehrte, alles was je auf seine Bitten gehört, auf seine Fragen geantwortet hatte, im Geist um sich her versammelte: er wurde nur Redner inwiefern er die Kunst besaß in tausendfältigen Weisen und in der freien Manier der verschiedenartigsten Naturen sich selbst anzuhören; nicht die armselige Kunst sich mit gelehrter, einsamer Selbstgefälligkeit selbst im Geiste nachzusprechen, sondern die Kunst sich anzuhören wie ein Dritter, mit Protestation, mit Opposition, mit andern Gesinnungen, nicht bloß mit einem andern Ohr, sondern fast mit einem andern Herzen als dem seinigen. – Darum gedeiht in Republiken die Beredsamkeit, nicht bloß, weil jedem mitzureden erlaubt ist, sondern weil jeder frühe gewöhnt wird einzugehn in die freie Gesinnung, in das Ohr des Nachbars, weil, wer herrschen will, so vieles Unabhängige, so viel eigentümliche Weise zu hören und zu empfinden, neben sich dulden muß, und so vielen gehorchen muß. Darum ist man auch in unsrer Zeit den Frauen gegenüber gewöhnlich beredter, als den Männern, weil man mit einem zarteren Ohre, mit einer gewissen Empfindlichkeit des Anstands und der Sitte, kurz mit einem fremden Ohre, dem sich keine Gewalt antun läßt, auf das hören muß, was man sagt. – Die Kunst zu hören besteht also in der freien Herrschaft, die man über diesen Sinn erhält, in der Fähigkeit im Sinn des andern zu hören, und doch zugleich sich selbst zu hören; kurz, sie besteht, wie alle Kunst, wie insbesondere die musikalische, in der Fähigkeit Akkorde, Harmonien zu empfinden, die nicht jedem angeboren ist, oder nicht etwa deshalb schon geübt wird, weil das Ohr offen steht und mit sich geschehen läßt. – Schärfer den Ton von dem Nichtton und einen Ton von dem andern unterscheidet der Wilde; das Tier sogar ist in der Fertigkeit, die Eindrücke der Sinnenwelt zu zerlegen, ohne weitere Lust kalt zu zerlegen, geschickter als der Mensch; aber den Wohlklang, die Akkorde unter dem was zugleich geschieht, das Ebenmaß, den Rhythmus, die Melodie zwischen dem was aufeinanderfolgt, die Macht, das Feindselige, das anscheinend Unvereinbare, durch ein Gesetz der Harmonie in seiner Brust zu versöhnen, die Kunst, aus den streitenden Kräften dieser Erde sich ein Gefühl der ewigen Ruhe zu bereiten, die Last zweier erbitterten Parteien wie zwei schwere Flügel auf seine Schultern zu nehmen, sich grade mit dem, was die andern Geschlechter der Erde dumpf zu Boden drückt durch sein Gewicht, durch Ebenmaß um so freier zu erheben – darin besteht die adlige Natur des Menschen. – Alle Sinne des Menschen sind für diese schönste Eigenheit empfänglich: aber ihre Lehrmeister, die selbst, ich möchte sagen, unmittelbar von Gott dieses große Gesetz empfangen, und es vor allen andern pflegen und bilden müssen, sind die Organe des Gehörs und der Stimme. Tiefsinnig schweigt die mosaische Offenbarung von allem andern Unterricht Gottes: er lehrt den ersten Menschen nichts weiter als die Sprache, das ganze harmonische Gesetz der Welt; die eigentliche Herrschaft über die Welt ist ihm hiermit übergeben, und die Schöpfung des Menschen ist nunmehr vollendet. – – Es gilt also nicht von dem menschlichen Gehör, sondern nur von dem spürenden, unterscheidenden Instinkt des Wilden und des Tiers, daß es von Natur schon in der gehörigen Verfassung, und durch bloßes Offenstehn der Ohren schon so gebildet sei als es werden könne. Wie aber, fragen wir, soll das Ohr sich künstlerisch ausbilden, wenn nicht gesprochen wird, wenn das Zeitalter schreibt wo es reden sollte? Wohlan, üben wir diese wichtige Kunst zugleich mit der Gerechtigkeit gegen die großen verstorbenen, und die zu unsrer Freude noch fortlebenden Zierden der Nation, die einsam, ohne Berührung mit dem Volke, zu dem sie sprachen und für das sie lebten, ohne Antwort, als die sie selbst sich zurückriefen indem sie gehorsam eingingen in das Gemüt und die Denkweise der Mitbürger, ohne Belohnung, außer dem zweideutigen, vielbeneideten und viel verbitterten Lobe entfernter Zeitgenossen, denen sie nie ins Auge gesehn, und außer dem Zeitungsruhm, den sie mit den Unwürdigsten ihrer Zeit teilen mußten, die dennoch, ohne alle Gunst der Umstände, ohne alle Witterung des Glücks, diese deutsche Sprache so ausgesprochen haben, so erfüllt und beseelt, daß sie sich heut ganz behaglich anhört, ganz mutig neben die andern vielbegünstigten Sprachen Europas stellen kann. Seien wir gerecht gegen die Dichter und Redner der Nation, indem wir sie lesen lernen, was wir jetzt noch nicht können: ich meine lesen, mit lebendiger artikulierter Stimme, indem wir sie – damit ich mich selbst wiederhole, wo es an seinem Ort ist, »eifersüchtig mißgönnen dem Papier, herausreißen aus den toten Lettern, der Buchdruckerkunst zum Trotz mündlich, wie Frankreich und Italien die seinigen längst, mündlich überliefern« der deutschen Nachwelt, die uns dann, frühe geübt, frühe gewöhnt an die vaterländische Harmonie, in der Kunst zu hören, also auch in der Beredsamkeit übertreffen möge. IV. Verhältnis der Beredsamkeit zur Poesie Nachdem wir in unsern bisherigen Unterhaltungen den toten Begriff der Sprache zu seinem Ursprung, nämlich der lebendigen Idee des Gesprächs, zurückgeführt haben, nachdem der Persönlichkeit des Menschen, seiner Brust und Stimme, zurückgegeben worden ist, was ihnen gehört, und was, unnatürlich zur Sache und Ware herabgewürdigt, in den Banden des Buchstabens und der Schrift gefangen lag, so stehn wir nun an dem Scheidewege, wo sich die göttliche Kunst der Rede in ihre beiden Hauptformen, die Beredsamkeit im engeren Sinne des Worts und die Poesie bricht, und wo wir, wenn wir unsrer Verabredung gemäß, der ersteren ungestört folgen sollen, ihres Verhältnisses zur letzteren gedenken müssen. – »Poesie, sagt Hugh Blair in seinen Vorlesungen über die Rhetorik, ist die Sprache der Leidenschaft oder der in Tätigkeit gesetzten Einbildungskraft, die sich gemeiniglich auch durch einen besonders geordneten Silbenfall unterscheidet. Alle anderweiten Erklärungen der Poesie sind von ähnlichem Schlage: die Kritik bleibt im ganzen genommen dabei stehn, eine gewisse größere Lebhaftigkeit, Bilderfülle oder das wahrzunehmen, was sie mit einem vielbeliebten Ausdruck Schwung nennt. So viel scheint bei allen ausgemacht zu sein, daß es aufwärts geht, daß sich etwas geflügelt losreißt von den Banden dieser Erde und seine eigentümliche Bahn verfolgt: über die nähere Bewandtnis der Sache sucht man vergeblich Auskunft. Wenn man alle die Sagen von dem Wahnsinn der Begeisterung betrachtet, der den Dichter ergreifen soll, und erwägt, wie man übereingekommen ist, dem Dichter aus dem Wege zu gehn, ihm gewisse Freiheiten zu gestatten, ihn gewähren zu lassen, ihn zu behandeln wie einen, der sich in sehr unnatürlichem und ungewöhnlichem Zustande befindet, und nun dabei bedenkt, daß der eigentümliche Pulsschlag seiner Werke, nämlich das Silbenmaß wirklich auf etwas Besonderes, von dem übrigen Treiben des Lebens Unabhängiges, seinem eigenen Gesetze Folgendes hindeutet, so ergibt sich, daß, wie es auch in der Ordnung ist, das Wesen des Dichters eigentlich vielmehr empfunden, als durch Worte ausgedrückt worden ist. Es gehört zu dem Wunder der Poesie, daß so viele zu sagen wissen, wie ihnen zu Mut gewesen, da sie von ihr ergriffen wurden, und doch so wenige anzuzeigen vermögen, was sie denn eigentlich ergriffen hat. – Eine der interessantesten Bemerkungen, die uns zuerst bei der Erwägung des Verhältnisses zwischen der Poesie und Beredsamkeit aufstößt, ist die, daß die Beredsamkeit es allezeit auf einen bestimmten Zweck absieht, während die Poesie überhaupt keinen Zweck, und wenn ja einen, doch gewiß keinen hat, der im Bezirke unserer irdischen Neigungen und Bestrebungen liegt. Es ist eine gewisse Selbstgefälligkeit in den Werken der Dichter, ein sich selbst genug sein, ein sich selbst spiegeln, und, bei aller innern Bewegung im einzelnen, eine Ruhe des Ganzen, die keine Begierde nach außen zuzulassen, und auf dieser Erde eigentlich nur das Gleichartige, in gleicher Seligkeit Befangene aufzusuchen scheint. Das Wort Schwung deutet auf eine Art von Anstrengung, von effort , und scheint auf diese Beschreibung nicht zu passen – ich bitte Sie aber nicht zu vergessen, daß die Kritiker, wie schon bemerkt, meistenteils nur ihren Zustand und ihr Verhalten bei Gelegenheit der Poesie, nicht aber die Poesie selbst beschreiben; und so bezeichnet denn jenes Wort (Schwung) nur die Resolution, die Art von Anlauf, die sie selbst nehmen müssen, um dem Dichter zu folgen. Aber da es keineswegs zum Wesen des Dichters gehört, daß er sich notwendig erhebe in sogenannte höhere Regionen, da ihm die Tiefe gehört so gut als die Höhe, da die Flügel, die wir ihm beilegen, nur andeuten sollen, daß er im Gleichgewichte sei mit dem Elemente, darin er lebt, daß Hoch und Tief, Groß und Geringe, und alles Maß und Gewicht des gemeinen Lebens vor ihm zuschanden werde – so ist es allerdings belustigend zu sehn, wenn die Kritik, wo sie einen Dichter gewahr wird, sich auf einen Schwung ins Unendliche gefaßt macht, während es doch meistenteils mit einem ruhigen Wandeln in den Tälern dieser Erde schon getan ist. Grade weil der Dichter sich dieser Erde entziehen kann, wann er will, so wird er wahrscheinlich mit besondrer Freiheit und mit besondrer Liebe in den irdischen Verhältnissen verweilen. – Indes ist der Redner befangen, verwickelt in diesen Verhältnissen, er will bestimmte Wirkungen hervorbringen, er will eingreifen in den Gang der Dinge, weil er einer bestimmten Zeit, einem bestimmten Orte angehört. Die Notwendigkeit und der Ernst bezeichnen das Geschlecht des Redners, Spiel und Freiheit das des Dichters. Das unendliche Gespräch aller der vielgestalteten Naturen im Umkreise dieses Lebens, welches ich in früheren Stunden beschrieben, ist zwar der Gegenstand beider: der Redner so gut als der Dichter vereinigt die drei Personen des Gesprächs, die beiden streitenden und die höhere friedenstiftende, nur daß er, der Redner, in dem Standpunkte einer der beiden streitenden Parteien residiert und dahin immer wieder zurückkehrt, während dem Dichter wie einem höheren Geist jene dritte heitre friedenstiftende Stelle über aller Zwietracht dieser Erde zur Heimat angewiesen worden, von wo er parteilos und gerecht, zwar tief hinabsteigt in die Herzen der Menschen, in ihre Feindseligkeit und ihren Schmerz, richtend, versöhnend, aber immer zuletzt von jedem irdischen Anfluge reingebadet, sich wieder zu der ruhigen Klarheit seines Wohnsitzes erhebt. Der Redner so gut als der Dichter vermag nichts ohne den Gott, wenn auch jener vielmehr als Held und Streiter für die göttliche Sache, dieser, der Dichter, vielmehr als Priester und Stellvertreter des Gottes erscheint, wie schon die Alten sehr richtig andeuteten; und wenn die höhere Würde der Menschheit eigentlich in der Verbindung des Göttlichen und Menschlichen beruht, und, wie ich neulich zeigte, gerade die Sprache göttliches Siegel oder Kennzeichen aller menschlichen Taten ist, so steht der Redner vielmehr in der Region des Menschen und befangen in der Tat und herabziehend zu ihrer Hilfe und ihrem Gedeihen das Göttliche, der Dichter hingegen vielmehr in der Region des Gottes, und lebend in der Sprache, im Wort, alles Trübe, Schwere und Verwirrte auflösend in die Klarheit seines Elements, und es, wie im Ion des Platon so schön beschrieben wird, hinaufziehend in den Kreis des Göttlichen. Der Redner nach Art des Hausvaters ist befangen in den Geschäften der Erde, schaffend, erwerbend, streitend für das Bedürfnis, für den Staat, die Wissenschaft, den Glauben, ohne Ende herbeiführend die Materialien des Baus, das Feindselige abwehrend und sein Unternehmen durch die Hilfe höherer Mächte verbürgend, indes die Poesie nach Art der Hausmutter alle diese versammelten Schätze ordnet, und in ein ruhiges Ganze zusammenfügt, und zu einem Wohnsitz des Göttlichen einweiht. Die Poesie wie die Hausmutter bleibt frei von den eigentlichen Banden des Besitzes, und während der Redner nach Art des Hausvaters das irdische Eigentum behauptet, verteidigt und auf die Nachkommen eigenmächtig und selbstherrschend überträgt, so ist die ganze Bestimmung der Poesie, wie der Frauen, frei von allen irdischen Banden die heilige Flamme des Lebens und des Sinnes, der das Leben zur Ewigkeit macht, zu bewahren und weiterzugeben. Die starren Gesetze des äußeren bürgerlichen Lebens berühren die Frauen so wenig, als die Zwecke, die Pflichten, die Rücksichten des Redners irgend etwas über die Poesie vermögen; und wie sich auf dem Gebiete der weiblichen Wirksamkeit ein eignes und unabhängiges Gesetz der Harmonie bildet, welches wir Sitte nennen, so hat auch die Poesie ihre eigne Regel des Wohlklangs, an der sich alle Wogen der Rede brechen: diese Regel, welche über alles Wirken des Redners dieselbe unsichtbare Gewalt ausübt, welche die Sitte über die Geschäfte des Mannes, möchte ich den wahren Geschmack nennen, wenn dieses Wort von allem Konventionellen, von aller falschen Verzärtelung und von jedem unedlen Beisatz gereinigt wäre. Sicher haben alle wahrhaft schönen Gemüter unter dem Worte Geschmack diese höhere Regel innerlich gemeint, wenn auch durch Zeiteinflüsse tausend unwesentliche Nebenbegriffe sich angeschlossen hätten. Daher nun in allen Werken der Poesie die tiefe Spur des freien Ursprungs, aus dem sie stammen: daher der eigentümliche Pulsschlag des Silbenmaßes, daher die Freiheit, ich möchte sagen die Selbstbestimmung, ja die Unabhängigkeit jedes poetischen Werkes (dessen Geburt vollendet ist) sogar von dem Dichter, wie des Kindes sogar von der Mutter: es gibt dann noch eine äußere Pflege, Feile, Politur – aber über den eigentlichen Kern des Werkes, über die innerste Flamme des Lebens, die durch ein göttliches Geheimnis entzündet worden, vermag der Dichter so wenig, als die Mutter über ihr Kind: erhalten, reinigen, schützen, auch zerstören läßt es sich oder opfern, aber nicht zurücknehmen, nicht umgestalten! Daher auch die anscheinende Zwecklosigkeit der Poesie, deren wir oben erwähnten, es läßt sich von ihr so wenig als vom Leben selbst der bestimmte Nutzen und die Art der Verwendung angeben, wofür sie eigentlich bestimmt sei. – In den Werken der Beredsamkeit andrerseits scheint die Unruhe des Ursprungs unverkennbar: statt des einen innern unsichtbaren und geheimen Gesetzes der Poesie, welches sich in dem Ebenmaß der Symmetrie und der Vollendung aller poetischen Werke äußert, scheinen hier vielfältige, äußere, selbst noch unvollendete Gesetze zu regieren; die Bewegung gleicht dem unbestimmten Wellenschlag des Meeres, über das die Strömung, der Zug der Winde und auch der Einfluß der Pflanzen wechselweise gebietet, indes der Puls der Poesie ruhig und einförmig, und fast von allen irdischen Einflüssen unabhängig fortschlägt. Man muß die Erde im ganzen, und lange Zeiträume hindurch betrachten, dann wird sich auch in den Bewegungen der Gewässer jenes heilige Gesetz des Lebens offenbaren, welches wir in dem abgeschlossenen Leben des Kindes unmittelbar, und wie durch Inspiration empfinden. – Die Beredsamkeit des einzelnen Redners an sich betrachtet, hat im Vergleich mit der Poesie etwas Fragmentarisches und etwas von der Person des Redners immer Abhängiges; es ist, als wenn sie nicht immer zugleich die ganze Fülle, sondern nur eine Seite des Lebens darstellte, und als wenn der Redner selbst, die Kenntnis seines Charakters und seiner Lebensumstände erst sein Werk erklären müßte. Und doch erscheint auch dann noch sein Wesen einseitig und von höheren Umständen abhängig: man braucht die Werke der antwortenden Redner, man muß die Wechselrede einer ganzen Nation Jahrhunderte hindurch verfolgen, man muß des gesamten Nationalgesprächs inne werden, um dann endlich auch hier in jedem einzelnen Redner, unter allem Schein der Unregelmäßigkeit, wie dort in dem Tumulte der Meereswogen den heiligen Pulsschlag wiederzufinden, den wir unmittelbar empfanden, indem wir die Hand an ein menschliches Herz legten. – Nirgends zeigt sich die Wahrheit dieser Darstellung deutlicher als in der Betrachtung der britischen Beredsamkeit: jeder einzelne Redner des britischen Parlaments steht auf einem ganz bestimmten Parteistandpunkte, er ist notwendig einseitig und fragmentarisch, wenn man ihn mit dem Dichter vergleichen wollte. Außer diesem Parteistandpunkte trägt er in sich einen instinktartigen Respekt vor seinem Gegner, und – die an Anbetung grenzende Verehrung vor dem ganz unaussprechlichen Wesen, welches britische Verfassung heißt. Er vereinigt also meiner Forderung gemäß die drei Personen des vollständigen Gesprächs: indes residiert er, wie es sich gehört, derb, tüchtig, kriegerisch gesinnt in seinem Parteistandpunkt, und kann durch die einzelne Rede zwar eine erhabene Gesinnung, aber niemals die ganze Fülle des politischen Lebens so ausdrücken, wie der Dichter die Fülle des Lebens, welches er darstellt. Indes ist es eine sonderbare Erfahrung, die der unparteiische Ausländer im fortgesetzten Studium der Parlamentsredner notwendig machen wird, nämlich daß man im Verfolg des Parlamentsgesprächs durch eine lange Reihe von Jahren ganz deutlich unter aller einzelnen Unregelmäßigkeit, im Gange des Ganzen einen Rhythmus wahrnehmen wird, über welchen die Ausschweifungen der einzelnen Redner so wenig Gewalt haben, als die einzelne Ausschweifung des wahren Dichters über den Rhythmus der Verse und Silben, der ihn einmal ergriffen hat. Der Ausländer nun, im Studium des englischen Parlamentsgesprächs, vereinigt so gut wie der einzelne Redner alle drei Personen des Gesprächs, die beiden streitenden Parteien und das dritte höhere, allen gemeinschaftliche Wesen: weil er aber nicht im Standpunkte einer einzelnen Partei wohnt , sondern, wenn irgendwo, so auf der höheren gemeinschaftlichen Stelle, da wo das Gemeingut aller Parteien, nämlich die Konstitution steht, seinen Sitz hat, so befindet er sich in einer ähnlichen Lage, wie, meiner obigen Beschreibung zufolge, der Dichter: er übersieht, ich möchte sagen poetisch, also mit Ruhe, leidenschaftslos, ohne bestimmten Zweck, wie solcher den einzelnen Redner regiert, mit Liebe, und fast ohne Vorliebe das Ganze; und das Gesetz, der Rhythmus dieses Ganzen steht in voller Klarheit vor seiner Seele. – Aus diesen Gründen möchte es wohl dereinst zuerst einem Ausländer gelingen, das innere Leben und Wesen jener Verfassung, des würdigsten Gegenstandes des Neides und der Bewunderung aller europäischen Völker, vollständig auszusprechen. – In dem Maße, als der einzelne Redner nach der Fülle seines Gegenstandes strebt, wird auch seine Rede rhythmischer, seine Prosa nähert sich der Poesie, nicht etwa indem sie sich poetischer Mittel, Bilder oder gar, wie es mitunter schlechte Prediger auf der Kanzel versucht haben, der Verse und des Reims bedient, sie wird nicht etwa zu dem ekelhaften Zwitter, den man poetische Prosa genannt hat, und die mit den weibischen Männern zu vergleichen sein möchte, sondern wie der recht männliche Mann im Umgang mit Frauen, durch das Gesetz der Schönheit, durch die Sitte gedämpft und veredelt wird, so wird der wahre Redner durch den Umgang mit der Poesie, durch das Leben in ihrem Elemente, durch Aufenthalt als Gast in jener göttlichen Region, die sie immerwährend bewohnt, kurz durch den Einfluß des wahren Geschmacks' , der im Gebiete der Poesie einheimisch ist, auf gewisse Weise verklärt, beruhigt: seine Rede wird, obwohl auf ganz andre eigentümliche, männliche Weise, rhythmisch und vollendet. – Von seiner Art kann er nicht lassen: als Redner muß und soll er bestimmte Zwecke, bestimmte Wirkungen hervorbringen wollen; er muß festhalten an Zeit und Ort; an das Universum, an alle Jahrhunderte zugleich lassen sich keine Reden halten; die äußere Form seines Werkes bleibt notwendig Prosa, weil die fortgehenden Weltumstände, die wechselnden Zeiten unaufhörlich darin eingreifen und die Richtung seiner Bahn verändern. Glücklich, wenn zuletzt sein ganzes Leben mit Inbegriff der Werke, so vollständig, so ebenmäßig, so frei, so göttlich erscheint, wie ein einzelnes Werk der Poesie. Seine Lorbeern grünen erst da, wo sein Werk geschlossen ist, und sich über ihn ein Urteil fassen läßt: auf seinem Grabe. Das einzelne Größte, was er getan, trägt den Charakter seiner Zeit, die Farbe seines Orts, und kann nicht erhaben sein über die Unruhe, daraus es entsprungen; der Sturm, den der Redner bespricht, flattert in seinen Haaren und in allen seinen Gewändern: wie kann er der Welt ruhig erscheinen, gegen die er kämpft: wer kann ihn richten, als sein eignes Bewußtsein und die Nachwelt? – Es fragt sich nun, ob sich in dieser ganzen Darstellung des Verhältnisses der Poesie zur Beredsamkeit keine Parteilichkeit gezeigt hat für eines von beiden. Sie haben mich in diesen Vorlesungen auf einige Stunden für den Wortredner der Beredsamkeit gelten lassen wollen, ich habe mich zu diesem Geschäfte angeboten, weil meine ganze Persönlichkeit, wenn es in der Gegenwart so großer Gegenstände erlaubt ist, einer solchen Kleinigkeit zu gedenken, sich vielmehr auf die Seite der Beredsamkeit, als auf die Seite der Poesie hinüberneigt. Habe ich indes meinen Zweck erreicht, hat meine Rede, oder damit ich wahrer, obwohl nicht ohne einiges Mißbehagen sage, hat meine Feder mir gehorcht, so muß ich Ihnen vielmehr als Wortredner der Poesie, denn als Wortredner der Beredsamkeit erschienen sein; sie muß aus unsrer Betrachtung in einer gewissen Sonnenklarheit hervorgehn, während die Beredsamkeit mit allen Wolken und Nebeln und Stürmen der Erde ringt. Ich habe Deutschland angeklagt, um es würdig zu verteidigen; ich habe gründliche Beschwerde über meine Zeit geführt, um mir die Ehre zu verdienen, ihr Wortredner zu sein; nun beschließe ich die Reihe der Anklagen, indem ich den eigentlichen Gegenstand meiner Rede im ungünstigen Lichte zeige neben einer höheren Schönheit; und doch ist es gerade diese höhere Schönheit, der in Deutschland auf Unkosten der Beredsamkeit schon allzu sehr gehuldigt wird; wie manchen tüchtigen Entschluß das Vaterland in der kriegerischen Manier des Redners zu verteidigen oder gar zu retten, habe ich in Deutschland zu einem schlechten Sonett, oder zu einem noch schlechteren Trauerspiele werden sehn. Aber freilich gehört zu dem rednerischen, wie zu allem praktischen Wirken einige Mithilfe der Umstände, einige Witterung des Glücks, und daher war es in Deutschland wohl natürlich, daß man, da der irdische Parteistandpunkt, den der Redner braucht, unter unsern Füßen verschwand, sich auf jenen dritten, höheren, reineren Standpunkt zurückzog, der uns allein zu verbleiben schien. Unerachtet also die Vorliebe der edleren deutschen Naturen für die Poesie schon bis zur Unart geht, so habe ich es in der Vergleichung der Poesie und der Beredsamkeit dennoch auf die Verherrlichung der Poesie angelegt: zuvörderst , weil, wie schon gesagt, ihr die Würde der Frauen im Hause gehört, weil ihr der pas zukommt, und weil ein Deutscher der ehrenvollen Anerkennung des größten Römers, des Tacitus, nicht widersprechen darf, daß wir die ersten waren, die vor dem andern Geschlechte die Knie beugten, die recht antirömisch ein Recht des Schwächeren anerkannten, während Rom nur ein Recht des Stärkeren. Dann aber, weil ich wenigstens streben will, die ganz verschiedene Macht, den ganz eignen Reiz der Poesie auf männliche, prosaische Werke zu begreifen, weil ich mich durch ihr Wesen vervollständigen, weil ich meinen rednerischen Bestrebungen durch den Umgang mit der Poesie, durch gastlichen Aufenthalt bei ihr, den Geist des Anstandes und der Sitte mitteilen möchte, den der Mann im Umgang mit den Frauen gewinnt, und den man mit dem bis jetzt völlig unbegriffenen und unerklärten Worte Geschmack eigentlich gemeint hat. Dies habe ich gewollt, ohne der männlichen Natur der Beredsamkeit und ihrem prosaischen Charakter etwas zu vergeben, ohne alles neidische Bestreben über ihre natürlichen Grenzen hinaus, ohne Begierde nach etwas, was mir einmal nicht gewährt ist, sondern weil ich weiß, daß ich meine Kunst nicht höher ehren kann, als indem ich ihr Gegenteil anerkenne. Unterscheiden Sie wohl die poetische Gerechtigkeit von der rednerischen: jene ist gerecht auf göttliche Weise, die Gerechtigkeit ist ihr ruhiger Zustand; diese ist gerecht mehr auf menschliche, männliche, kämpfende Weise, indem sie sich selbst widerstrebt: von dieser lernt man gerecht handeln, in jedem einzelnen Augenblick Gegengewicht, ja Gegengift werden für das Unrecht; von jener lernt man gerecht sein, man lernt die Gemütsverfassung der Gerechtigkeit. – Wenn nun der Redner im Kampfe für die Gerechtigkeit, der Dichter aber in der ruhigen Übung der Gerechtigkeit lebt und webt, so wird die Stellung des Hörers eines Redners viel Ähnlichkeit haben mit der Lage des Dichters. Wir haben neulich beschrieben, welchen leisen aber gewaltigen Einfluß der Zuhörer über den Redner durch Geberden, Rührungen, ja durch die bloßen Stufen seiner Aufmerksamkeit und seines Schweigens ausübt: wahrlich, diese Gewalt kommt ihm, weil er wirklich auf jene ruhige, leidenschaftslose, selige Höhe des Dichters über die Parteien erhoben wird. Ebenso ist das Verhältnis der Frauen zu den männlichen Geschäften, immer klar ihr Urteil, natürlich wie ihre Briefe und Erzählung, oft, und grade in den verwickeltsten Lagen des männlichen Lebens, oft orakelhaft und unbegreiflich weise; warum? weil sie mit Rücksicht auf die männlichen prosaischen Geschäfte in der höheren, leidenschaftslosen, poetischen Region stehn, weil sie überhaupt, wie jeder dritte bei einem Gespräch, wie jeder teilnehmende Zuhörer, notwendig dahin treten müssen, wo die Gerechtigkeit ein Zustand ist. In dieser leidenschaftslosen, und, erlauben Sie mir immerhin das, wie Sie sehn, sich aufdrängende Wort, in dieser poetischen Stellung sollte eigentlich die Krone jedes Landes stehn, darum haben die Frauen, die Marie Theresien, sie mit so viel Anstand getragen. Endlich wo wird dieser Zustand der Gerechtigkeit so rein gefunden als im Muttergefühle, welches besänftigend schwebt über die kleinen Rhetoren und über die unaufhörlichen Parteiungen der Kinderwelt. Wo auf der Erde lebt ein Herz so gerecht gegen jede Partei, so eingehend in jede der streitenden Neigungen und Wünsche, so allmählich und doch so gewaltig hinaufhebend alle die Gleichgeliebten in eine gewisse Region der Ruhe, die uns durch unser ganzes Leben mit dem Andenken an die Mutter begleitet. Wenn alle Dichter der Welt mit ihren Werken untergingen, so wäre das eigentliche Gesetz der Poesie unmittelbar wiederzuerkennen in seiner reinsten Gestalt in dem Muttergefühle, das nur aussterben kann mit der Welt. – Hier endigen die Beispiele: sie können sich nicht weiter überbieten; um zu empfinden, was ich meine, ist es nun genug. – Weil die Poesie den pas hat vor der Beredsamkeit, so ist sie deshalb nicht etwa von einer vornehmeren Natur, als die Beredsamkeit; sondern beide gehen Hand in Hand, stützen einander, helfen einander, leben wie in einer Art von Ehe – grade wie die beiden Geschlechter, von deren Verschiedenheit alle irdische Unterscheidung herkommt, wie von ihrer wahren Vereinigung das Gesetz aller Gemeinschaftlichkeit auf dieser Erde ausgeht. Die beiden Geschlechter in ihrer Bestimmung und ihrem Verhältnis begreifen, heißt allen Streit, alle Kriege, allen Zwiespalt, die nur Variationen jenes Hauptthemas sind, begreifen: die Ehe verstehn, heißt alle Verbindungen dieser Erde, alles Gemeinsame, verstehn. Dies ist das Maximum der irdischen Weisheit, wiewohl es der Mensch nicht begreifen könnte ohne eine höhere Auskunft darüber. Meine beständige Rückkehr auf dieses Hauptthema des Verhältnisses der beiden Geschlechter hat man mystisch gefunden; die Philosophie aus einer unbestimmten Ferne, aus einer zweideutigen Höhe herabgetragen zu haben auf die Erde und unter die Menschen, ist der ewige Ruhm des Sokrates: in der babylonischen Sprachverwirrung unsrer Zeiten heißt es Mystizismus, wenn man das ganze Leben auf das wichtigste, mittelste, verständlichste, menschlichste Verhältnis des Lebens bezieht, wenn man die menschliche Wissenschaft von demselben Kern abhängig macht, der den menschlichen Staat zusammenhält, und in dieser Manier jenem großen Muster nachfolgt. Wo ist der Mensch? damit ich in seiner Betrachtung all mein Wissen vermenschlichen könnte? – ich sehe nur Männer und Frauen, in ihrer Wechselwirkung erkenne ich erst den Menschen, wie darin sein wirklicher Ursprung liegt: der Mensch selbst ist mir nicht gegeben, damit ich nicht etwa sein Wesen beisteckte, – auswendig lernte und beisteckte; ich muß ihn in Wechselblicken selbsttätig erzeugen; oder wenn mir gezeigt worden wäre, wie er sei, so soll ich mir sein Bild durch eine ewig streitende Betrachtung der Geschlechter ohne Ende erneuern und anfrischen. – Also so wenig als unter den beiden Geschlechtern, ist ein eigentlicher Vorrang zwischen der Beredsamkeit und Poesie. Und dennoch schien ich im Anfang unsrer heutigen Unterhaltung einen Scheideweg zwischen beiden anzudeuten, als wenn von Vorzug die Rede wäre, den man einem vor dem andern geben müsse? Allerdings halte ich es für die wichtigste und ernsthafteste Alternative, in die jeder tüchtige Mensch beim Austritt aus der Schule und beim Eintritt in das wirkliche Leben gestellt ist, zu entscheiden, welches der eigentliche Geschlechtscharakter seines Geistes sei, ob er sich mehr hinüberneige zum äußeren, praktischen öffentlichen Leben, also zur Beredsamkeit, oder zu dem innerlichen Wirken der Poesie, zu ihrem häuslichen, weiblichen Wirken, das, unberührt von den Wogen des öffentlichen Lebens, nur leicht bestimmt von den Bedingungen der Zeit und des Orts, eigentlich vielmehr der Ewigkeit und dem ganzen Geschlechte, als dem einzelnen und der Gegenwart angehört. Die Majorität der besseren Naturen muß der Gegenwart, muß dem öffentlichen Leben, also der Beredsamkeit verbleiben: aber besonders in Deutschland kommt es darauf an, sich deutlich sagen zu können, ob man zum Dichter und zu poetischem Leben geeignet sei oder nicht. Hier bei uns grade, weil das öffentliche Leben weniger reizt, als irgendwo sonst, werden in den großen öffentlichen Geschäften die angemeßnen Talente seltner; viele, welche die Natur mit den herrlichsten Anlagen ausschmückte, ziehen sich in eine Art von Dichterwelt zurück; ohne die Resignation, die Bereitschaft des Leidens und der Geduld mitzubringen, welche die poetische wie die weibliche Sphäre erfordert, wollen sie den Geschlechtscharakter ihres Geistes ändern wie ein Kleid, und bringen allen Ungestüm des Herzens, alle Glut der Leidenschaft, alles Feuer irdischer Wünsche, welches im praktischen Leben, wo es hingehört, sich allmählich dämpfen und veredeln würde, mit in eine Region, wo die Gerechtigkeit ein Zustand sein soll. – Ich muß an dieser Stelle erinnern an das erhabenste Beispiel eines solchen Mißgriffes, an das glücklichste Mißlingen eines solchen Entschlusses, dessen Erzeugnisse noch heut in aller ihrer Disharmonie und Melancholie Deutschland entzücken und erheben, weil sie nämlich das grade redenswerte, nämlich unser Leiden, mit unwiderstehlicher Gewalt ausdrücken, und weil Deutschland im Großen den ähnlichen Mißgriff begangen, weil es unter unbesänftigten Begierden nach europäischer Bedeutung und Unabhängigkeit sich in Dichtungen und Träume verloren hat, die ebensowenig befriedigen können, als jenen dichterischen Redner, den ich meine, seine Werke. – Schiller war, wie ich schon gesagt habe, zum Redner geboren, und strebte nach Kränzen, die nicht für ihn geflochten waren, und die er doch zu gut kannte, als daß ihn der Lorbeer, den ihm sein Vaterland wirklich reichte, und mit dem es seinen frühen Sarg umflocht, je hätte befriedigen und entschädigen können. Es war der Lorbeer vielmehr des Helden als des Dichters; der Lorbeer, der ihm, dem Vorkämpfer seiner Nation, gebührte, der gerungen hatte mit der Wahrheit, mit dem Guten, mit der Schönheit, der für alle Ideen, für alle Heiligtümer, und für alles Würdige und Große im Umkreis seines Vaterlandes gestritten, gelebt und sich in seinem eignen Feuer verzehrt hatte. Dieser Lohn konnte ihn nicht befriedigen, nicht etwa weil er unempfindlich dafür gewesen wäre: denn wer hat ausgesprochen wie einem Helden zumute ist wie er? sondern weil er sein ganzes Leben hindurch nach einem andern gestrebt hatte, der ihm nicht beschieden war. Dieser Deutsche, dem, wie ein großer Autor sich ausdrückte, die Natur die Brust und die Stimme gegeben hatte, die Menschheit auszusprechen – und der alle tragischen Gefühle der Menschheit auch wirklich ausgesprochen hat, ohne je eine Tragödie zu vollenden, ohne je lächeln zu können in Tränen, wie die Homerische Andromache, der er den schauerlichen Wechselgesang in den Räubern nachgesungen hat – dieser trefflichste Deutsche endigte mit jenem grausamen Wort der Thekla im Wallenstein über die Lose der Menschheit, das man durch alle seine späteren Werke deutlich hindurchklingen hört: das Schicksal ergreift die Schönheit »und wirft sie unterm Hufschlag seiner Pferde, das ist das Los des Schönen auf der Erde«. Wir verlassen das Gebiet der Poesie nach der leichten Begrüßung, nach der unerschöpften Betrachtung dieser Stunde: ich zumal, meiner Grenzen mir bewußt, geschreckt durch das erhabene Beispiel, dessen wir uns nur auf dem Gebiete der eigentlichen Beredsamkeit, welches wir jetzt betreten werden, wahrhaft erfreuen können. Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst, sagte Schiller, noch recht streng sondernd, geflissentlich zerschneidend die Gebiete, an deren einem, dem Leben, sein Beruf, an deren anderm, der Kunst, seine Wünsche mit gleich starken Ketten angeschlossen lagen. Könnte ich die noch unentschlossene Jugend meines Vaterlandes, die von jener Zauberstimme der Poesie gelockt wird (welche für sie, wenn sie es so ernsthaft meint als er, eine Sirenenstimme werden kann, wie für ihn), überzeugen davon, daß die Heiterkeit der Kunst, in das ernsthafte Leben mitgenommen, darauf übertragen werden kann. Die Heiterkeit der Kunst ist nicht etwa Leidenslosigkeit, sondern eine göttliche Ruhe, die der Redner so gut als der Dichter genießen, wenn auch vollständig nur erst durch sein abgeschlossenes Leben ausdrücken kann. V. Vom guten Geschmack In dem Umgang mit der Poesie, habe ich gesagt, schleift die Beredsamkeit ihr allzu rauhes, männliches Wesen ab, sie dämpft und mäßigt ihre Leidenschaftlichkeit, sie erfüllt sich von jenem Geiste des Anstands, von jenem Sinn für sittliche und gesellschaftliche Beschränkung, der mit dem Worte Geschmack bezeichnet wird. Das Beispiel Frankreichs, des Vaterlands des guten Geschmacks im heutigen Europa, scheint mir zu widersprechen: vielmehr aus dem Umgang mit der Welt, aus den Berührungen des gesellschaftlichen Lebens, aus der Protektion glänzender Höfe, aus dem Wetteifer ausgezeichneter Talente, die sich anerkennen, also achten, also gegenseitig beschränken müssen, wenn sie miteinander bestehen wollen, scheint die eigentliche Blüte des Geschmacks hervorzugehen. In Frankreich scheint vielmehr sich aus der Beredsamkeit der Nation die geschmackvolle Form der Poesie zu entwickeln, als die Beredsamkeit sich im Umgange mit der Poesie zu veredeln und zu läutern. – Aber, könnte man fragen, sind es nicht eigentlich die Alten, deren Studium im heutigen Europa und zumal in Frankreich die Bildung des Geschmacks erweckt hat; war vor dem Wiederaufleben der griechischen und römischen Literatur und Kunst in Europa vom Geschmack die Rede? Hat sich nicht eigentlich das siècle de Louis XIV. nur angeschlossen an das Jahrhundert Leo X., dieses an das Jahrhundert Augusts, wie früher das Jahrhundert des August an das Zeitalter des Perikles, und fließen also nicht alle Schönheiten der Form, die wir in der französischen Literatur entdecken, und die jene geheimnisvolle Forderung des guten Geschmacks befriedigen in letzter Instanz, aus jener griechischen Quelle? Nirgends aber haben sich Poesie und Beredsamkeit gleichmäßiger entwickelt, als in jenem griechischen Vaterlande der Beredsamkeit, nirgends ist die Grenze beider strenger gezogen worden als dort: nirgends fühlt man wie im Studium der griechischen Literatur, daß sie in einem Geschlechtsverhältnis zueinander stehn, daß sie sich untereinander veredeln und vermenschlichen, nirgends sind die Zwittergattungen der poetischen Prosa und der prosaischen Poesie so unerhört, oder doch der Gegenstand eines so entschiedenen Abscheus. Nirgends läßt sich so deutlich nachweisen, daß die später vollendete Beredsamkeit zwar von dem gesellschaftlichen und politischen Leben erweckt, aber nur im Umgange mit der Poesie veredelt, und den Forderungen eines reinen Geschmacks gemäß ausgebildet worden sei. – Aus dem Kampfe der Parteien, aus der vielfältigen Berührung des gesellschaftlichen Lebens, muß sich ein lebendiges Gespräch, also auch die Beredsamkeit entwickeln, aber der Sinn für die Schönheit muß weit verbreitet sein, er muß wie Luft und Himmel alle Parteien, alle Glieder der Gesellschaft umfangen, wenn die Erzeugnisse der Beredsamkeit jenen unaussprechlichen Reiz erwecken sollen, der umso wunderbarer wirkt, als er unsichtbar, unbegreiflich nur im Ebenmaß, in den Verhältnissen, in der Ruhe des Werks besteht. Das was den Geschmack befriedigt an einem Werke, ist eben jenes Unsichtbare, was alle folgende Jahrhunderte reizt und anspricht: die Zeiten mögen sich ändern, andre Forderungen, andre Sitten, andre Wünsche mögen kommen, den Durst, die Sinnlichkeit des Tages mag man auf andre, mag jede Zeit auf ihre eigentümliche Weise befriedigen – was aber den Geschmack der Seele, den guten Geschmack einmal wahrhaft befriedigt hat, befriedigt ihn immer. Wie die kommenden Zeitalter äußerlich gestaltet sein werden, wissen wir nicht, – daß ihnen Thucydides, Platon, Demosthenes gefallen werden, wissen wir. – Wie aber wird der Sinn für die Schönheit allgemein, so daß er den Redner im Tumulte des Forums bezwingt, daß er den Sturm der erhabensten Leidenschaft selbst, der Leidenschaft für das Gemeinwesen, für die Gesetze, für das Vaterland mäßigt, daß der Rhetor die gewaltigsten Mächte in seiner Brust ruhen läßt oder der Schönheit zum Opfer bringt? – Die Beredsamkeit muß oft gastlich einkehren dürfen in jener höheren Region, in jener Heimat der Poesie: oft dasselbige Vaterland, in dessen Parteiungen sie lebt, mit dem klaren Auge, mit der ruhigen Seele des Dichters unter ihren Füßen erblicken: sie muß sich oft erhoben haben über ihre Zeit, wenn auch in ihren Werken jede kommende Zeit etwas empfinden soll, was erhaben ist über die Zeit. Also der Konflikt der Kräfte allein, die Bewegung des Marktes, der Reiz der Gegenwart allein ruft nicht hervor, was hinauszuklingen verdient über die Gegenwart: die ewige Schönheit selbst, oder doch ihr Geist, ihre Enthaltsamkeit, ihr Maß, wie die Werke der Poesie es niedergelegt haben für den edelsten Sinn, den Sinn der Rede und des Wortes, – muß den Redner ergreifen. Nun sagt er, was, sobald es gesagt worden, allen kommenden Jahrhunderten gehört, was also niedergeschrieben zu werden, in die Literatur seines Volks, ja in die Literatur der Menschheit, möchte ich sagen, überzugehen verdient. – Wie die höhere Gesellschaft aller Nationen des heutigen Europa eine Neigung zeigt sich untereinander zu verbinden und zu verähnlichen; wie ungeachtet aller schroffen Gegensätze in den Meinungen der einzelnen Völker auf der Höhe sich alles wieder ausgleicht, und nach einerlei Form und Geschmack, wenn auch nicht grade nach Einheit der Gesinnung strebt, – dieselbe magnetische Anziehung untereinander zeigen die vier erwähnten Epochen des Perikles, des Augustus, Leo X. und Ludwig XIV., die ich die vornehmen Epochen der Weltgeschichte nennen möchte. Es ist Griechenland, welches in der Weltgeschichte den vornehmen Ton angibt, wie es im heutigen Europa Frankreich ist: Rom und Frankreich eigneten sich nur das Allgemeingültige aus den griechischen Formen an, so wie die heutigen europäischen Höfe das Allgemeingültige von den französischen Formen: wir hätten also die Genealogie des guten Geschmacks nachgewiesen, das Eigentümliche jener vier Epochen war eine höhere Blüte der Beredsamkeit, ihre nächsten Veranlassungen eine lebhaftere Berührung und Wechselwirkung der verschiedenartigsten Talente, aber alles daran was den guten Geschmack befriedigte, die unhandgreifliche Schönheit, welche die Welt bezauberte, ist aus der harmonischen Bildung der Griechen und dem Umgange ihrer Beredsamkeit mit ihrer Poesie herzuleiten. So groß war der Einfluß der griechischen Bildung auf die Nachwelt, daß die Franzosen, welche die Werke der Griechen von den Römern, also aus der zweiten Hand empfingen, noch Gesetzgeber des guten Geschmacks für ein ganzes Jahrhundert und für einen ganzen Weltteil werden konnten. – Ich will nicht leugnen, daß in den drei letzten Epochen des August, Leos und Ludewigs der jedesmaligen Blüte des Geschmacks eine gewisse Einheit der Gesinnung vorausgegangen war, die bei Erklärung dieser Epochen am allerwenigsten vergessen werden darf, und die dem Geschmack einer jeden dieser Zeiten eine ganz eigentümliche Sicherheit, wie seinen Werken einen ganz frischen, unerborgten Glanz mitteilt. So in dem Zeitalter des August der gewaltige Nachklang römischer Freiheit, ein gewisses Heldentum des Herzens, ein Panzer der Gesinnung, den die weiche Brust eines Virgil noch mit Anstand zu tragen weiß, eine gewisse Ritterlichkeit, die in harmonischer Verbindung mit einem so sanften Gemüt zumal auf Frankreich eine unwiderstehliche Wirkung machen mußte: so ferner im Jahrhundert Leo X. das Bewußtsein der großen vorangegangenen Glaubensverbindung und der Größe des christlichen Italien, welche den Häuptern der Literatur und Kunst eine Sicherheit, ein Selbstgefühl und eine unzerstörbare Jugendlichkeit gibt, wie die anderen Epochen nicht aufzeigen können: so endlich würde dem Zeitalter Ludwig XIV. ohne die vorhergegangene höchste Ausbildung des Rittertums und der Galanterie, ohne Franz I. und Bayard grade der höchste Reiz mangeln. Aber was ist es, das, wenn durch solche nähere, auch mitunter größere und heiligere Veranlassungen ein Jahrhundert seiner selbst bewußt wird, unmittelbar an die früheren Epochen erinnert? Wie kommt es, daß jede spätere dieser Epochen eine innere Notwendigkeit empfunden hat, sich anzuschließen an die frühere? Wie kommt es, daß grade bei der Verschiedenartigkeit der näheren Veranlassungen der republikanischen Größe der ewigen Stadt, des Glanzes der katholischen Religion im späteren Italien, und der ritterlichen Galanterie von Frankreich, die Führer dieser verschiedenen Literaturen doch solche Verwandtschaft fühlen, daß sie sich aneinander fügen, daß Virgil, Tasso und Racine, daß Cicero, Macchiavelli und Bossuet, kurz, daß alle großen Geister der einen Epoche unwillkürliche Freundschaft empfinden für die der früheren, und daß jede kommende Zeit an diesen Bund des Geschmacks sich notwendig anschließen muß? – Es ist der alte griechische Wein, der sich notwendig im Fasse wieder rührt, wenn es draußen Sommer geworden ist und die Reben wieder blühen. – Es ist die griechische Poesie und ihr harmonisches Verhältnis zu der Beredsamkeit jenes Volks; der gute Ton für die Geister aller Jahrhunderte ist einmal angegeben, sie können der eignen Größe, der eignen Anmut sich nicht bewußt werden, ohne diesen reinsten Formen der irdischen Schönheit zu huldigen! – Sie empfinden mit unmittelbarem Wohlgefallen was sie sind, aber sie erkennen es nur an dem Maßstabe, welchen sie von den Griechen empfangen. – Übersehen wir neben dieser historischen Darstellung des Einflusses der Poesie auf die Beredsamkeit nicht, daß die Forderung des Geschmacks eigentlich nur an die Beredsamkeit gemacht wird oder an die rhetorischen Dichter, an die vornehmen Dichter: man fühlt einen Mißbrauch des Wortes Geschmack, wenn man es auf Homer, auf Dante, auf die Nibelungen, ja selbst auch auf Ariosto und Shakespeare anwenden wollte, zum deutlichen Zeichen, daß von diesen Dichtern, welche unzertrennlich sind von dem Geiste der Poesie, verschmolzen in die Harmonie der Natur, welche sie aussprachen, vielmehr alles Gesetz des Geschmacks abgeleitet wird, als daß sie selbst irgend einem solchen Gesetze unterworfen werden könnten. – Versetzen wir uns also in unsre Zeit, in eine Zeit, die sich dem Gesetze des Geschmacks unterwerfen möchte, wenn sie es selbst zu finden und auszusprechen imstande wäre; nehmen wir an, wir wüßten von Griechenland so wenig als von Virgil und Tasso und irgendeinem andern Zeitalter, als dem Ludwigs XIV., und versuchen wir aus der instinktartigen Forderung und Nachfrage der gebildeten Leute unsrer Zeit, bloß mit Hilfe der französischen Literatur, das Wesen des guten Geschmacks aufzufinden. Es gibt nichts abgeschmackteres als das deutsche Wort geschmackvoll; man kann einen Kunstrichter, einen Philologen, einen Dichter, ein Gemälde, ja die unbedeutendste Gartenanlage, oder ein Zimmerameublement nicht schlechter empfehlen, als wenn man sie geschmackvoll nennt. Es ist als wenn sich der Deutsche die Schönheit nur unter der Gestalt großer Vorräte, oder den Wohlgeschmack überhaupt nur bei einem vollen Munde denken könnte. Die Seele, indem sie ihren Geschmack veredelt, wird nicht etwa erfüllt, sondern sie wird vielmehr geleert, sie entäußert sich des unnützen Überflusses, sie ordnet sich, sie fügt sich unter gewisse Verhältnisse, die mit dem mehr und weniger durchaus nichts zu schaffen haben. Durch das Aufhäufen der Erscheinungen und Werke, die im Rufe stehn den guten Geschmack zu befriedigen, wird in der Regel grade der Reiz, den sie einzeln für sich haben mochten, wieder zerstört. Der gute Geschmack offenbart sich vielmehr in dem was verschwiegen, als in dem was gesagt wird, vielmehr im Vermeiden, im zierlichen Ausweichen als im Schaffen, im Geben – vielmehr in der Resignation als im wirklichen und im positiven Genuß. – Das Wort Geschmack ist uns Deutschen im Anfange des vorigen Jahrhunderts zugleich mit den freien Künsten selbst aus Frankreich zugekommen, in einem Augenblick, wo wir völlig uneingedenk waren des Großen und Unermeßlichen, was wir selbst in früheren Zeiten im Gebiete der Kunst geleistet, und so haben wir denn den unverhofften Reichtum nicht recht zu sortieren gewußt: es war uns in dem Zustande der gelehrten Austrocknung etwas blühendes angeflogen, ein Füllhorn von Schönheit war über uns ausgeschüttet worden, und so wußten wir denn in dieser Wohltat eine geraume Zeit hindurch nichts wahrzunehmen als die Fülle: ein Stil voller Bilder, ein sogenannter blühender Stil hieß ein geschmackvoller Stil; ein Philolog, der seinen alten kritischen Kram mit Exklamationen über die Schönheit seines Autors durchspickte, hieß ein geschmackvoller Philolog; ein Pedant, der den alten hergebrachten Schulverstand mit einigen eleganten gesellschaftlichen und artistischen Leichtfertigkeiten versetzt hatte, hieß ein geschmackvoller Gelehrter und Kunstrichter. Es ist offenbar, daß der Mensch an wahrem Reichtum nicht zunehmen kann, ohne sich zugleich immer mehr zu beschränken; jeder Besitz eines geliebten Gegenstandes nimmt vielmehr ungefälliges von uns, schleift vielmehr rohe Seiten unsres Wesens fort, schäumt den unnützen Überfluß ab, als daß er den Vorrat unsrer Güter vermehrte: wir erkennen immer bestimmter unsre Schranken, werden das was wir sein können und sollen, und so schmeckt zuletzt die Welt uns an, sie spürt es jeder Bewegung unsrer Person, jeder Wendung unsrer Werke an, daß wir in vielfältiger Berührung mit ihr gewesen sind. Der gute Geschmack ist eine Eigenschaft, welche sowohl Personen als Werke nur in der menschlichen und bürgerlichen Gesellschaft erlangen können. Von der Schönheit eines Kindes oder irgendeines reizenden Gegenstandes, der entfernt von der bürgerlichen Gesellschaft in seinem eignen Gesetze lebt und blüht, wäre die Forderung des guten Geschmacks so unpassend als von Homer. Diese natürlich schönen Gegenstände können den Geschmack bilden helfen, aber ewig nicht seiner Regel unterworfen oder danach beurteilt werden. – Es ist in dem menschlichen Gemüte eine dunkle Forderung, daß das gesellschaftliche Leben und alle Werke der absichtlichen Kunst das durch Bewußtsein, durch vielfältige Berührung der Außenwelt, und durch den Einfluß der Regel werden sollen, was jene natürlich schönen Gegenstände bloß dadurch schon sind, daß sie da sind. Der Jonische Himmel, die Jugendschönheit gesangreicher Völker, und alle die Umstände, aus denen die Homerischen Lieder entsprossen sind, wie Zweige aus dem Baume, treffen nicht wieder zusammen: aber alle diese Bedingungen leben, wenn auch zerstreut, fort in der menschlichen Brust; das Wesentliche in ihnen dauert. Nur die Seele des Homer war so einfach, daß sie alle Vielfältigkeit der Welt durch den klarsten offensten Sinn, den Sinn des Auges, in sich einströmen lassen konnte: die Töne, in welchen sie zurückgab, waren dennoch harmonisch. Wir Spätgebornen hingegen, die wir am Ende der Zeiten stehn, müssen gegen die Vielfältigkeit der Welt, gegen die erdrückende Masse der Erscheinungen die Augen schließen: denn wir bringen ihnen eine zerstreute Seele entgegen; wir schließen den klarsten Sinn, damit er uns nicht zerstreue, und öffnen dagegen den dunkelsten Sinn, den Sinn des Geschmacks, um die harmonischen Verhältnisse, die wir mit Absicht erreichen wollen, herauszuspüren. So richtig gewählt und so tief bedeutend ist das Wort Geschmack! – Wer vieles genießen will, sagt der Dichter, genieße jedes in seiner Art, so ist er am besten besorgt! Wollen wir Homer und Shakespeare und alle aus dem mütterlichen Schoß der Natur vollständig gerüstet entsprungene Dichter einerseits, aber auch andrerseits, die absichtlichen Werke des Virgil, des Tasso, des Racine, beide genießen, gegen beide gerecht sein, so lassen Sie uns den jedem von ihnen angemeßnen Sinn eröffnen. Es ist ungeschickt auf beiden Seiten, wenn man die Schönheit des Shakespeare bloß schmecken will wie die Franzosen, oder wenn man die Schönheit des Racine bloß sehen will wie die Deutschen. Die eigentümliche Schönheit eines Kunstwerks versteht niemand, der nicht in die Bedingungen eingeht, unter denen der Meister arbeitet, der nicht vorwalten läßt in sich den Sinn und die Gesinnung, die im Meister bei der Entstehung des Werkes vorwalteten. – Ich darf nunmehr hoffen verstanden zu werden, wenn ich die Dichter der obenerwähnten vier glänzenden oder vornehmen Zeiträume der Weltgeschichte rhetorische Dichter nenne. Die eigentlichen poetischen Dichter, mit deren jugendlicher Schönheit ein gütiges Schicksal die alternde Welt immer wieder hat erfrischen wollen, fallen in die dunkleren Zeiträume zwischen jenen glänzenden. Die französischen Dichter des siécle de Louis XIV., so gut als Virgil, und in vieler Rücksicht auch Tasso gehören der Redekunst: sie stehn unter der Regel des Geschmacks so gut als die Beredsamkeit; sie veredeln sich, sie bilden die eigentümliche Schönheit im Umgange mit den eigentlich poetischen Dichtern; jedes poetische Zeitalter ruft ein rhetorisches hervor; die selbstzufriedene, in sich selbst lebende und blühende Schönheit des Homer ruft den Sophokles hervor, und noch mehr den Virgil, die Epoche des Dante das Zeitalter des Tasso, der Shakespeare den Pope: die rhetorischen Dichter sind nicht selbstzufrieden und göttlich in sich beschränkt wie die poetischen, sie haben einen äußeren Zweck wie der Redner, sie wollen das innre Leben jener, der poetischen Dichter, äußerlich, im Leben, in der Gesellschaft ausdrücken. Und so bietet die Kunstgeschichte der Welt eine schöne Reihe von wechselnden Zuständen dar, von poetischen Zeiten, die unerbeten, unerfleht, wie ein reines Geschenk des Himmels auf die Erde kommen, und das eigne Maß und Gesetz ihrer Schönheit mitbringen, und von rhetorischen, die in dem großen Stoff des Lebens, in der Gesellschaft auszudrücken, auszuprägen unternehmen, was sie in der Überlieferung aus den Händen ihrer Vorgänger empfangen. Die Gerechtigkeit zugleich gegen den poetischen Shakespeare und gegen den rhetorischen Racine kann also unmöglich schwer sein, da sie so natürlich ist, und das Gegenteil so unvernünftig, als wenn man neben der Blüte die Frucht, oder die Frucht neben der Blüte verachten wollte. – Wir haben warnen müssen, daß man den Geschmack, der bloß mit der Form und den Verhältnissen der Schönheit zu tun hat, nicht mit ihrem Gehalt verwechsle; daß man den Geschmack nicht aufzuspeichern, aufzustapeln unternehme, wie unsre deutschen Pedanten; wir haben gezeigt, daß es dabei auf mehr oder weniger durchaus nicht, und wenn ja auf eines von beiden, gewiß vielmehr auf das weniger ankomme. Es gibt aber auch eine französische Art, das zarte Wesen des Geschmacks zu mißhandeln, da man ihn mit dem Konventionellen verwechselt, da man ihn fixiert, in Versteinerung übergehen läßt, oder wohl gar auf den konventionellen Geschmack eines einzelnen Jahrhunderts eine Theorie des Geschmacks zu begründen unternimmt. Noch mehr: viele Menschen wollen den Geschmack selbst wieder schmecken, zu welchem Zweck er erst Speise werden, also aufhören müßte Geschmack zu sein, so wie viele Deutsche ihr Sehen selbst wieder sehen wollen, aus welchem wunderlichen Bestreben sich dann beiderseits nur der Tod und das Nichts, aber nicht die Einsicht in die Wahrheit, nicht das Gefühl der Schönheit ergeben kann. Weil aber die Verwechslung des Konventionellen mit dem, was der gute Geschmack anordnet und verlangt, so viel weniger auffällt auf den ersten Anblick, und so viel verderblicher auf den Geschmack selbst wirkt, so verdient dieser Punkt eine besondere Erörterung. Wir fragen z. B.: erfordert der gute Geschmack unerbittlich die Einheit der Zeit und des Orts auf der Bühne? – Der gute Geschmack erfordert, daß jede Kunst in ihren Schranken bleibe, daß sie nicht aus dem Bezirk heraustrete, in den sie gehört, daß sie sich nicht anders geberde als es sich für Ort und Zeit schickt. Es gehört zum Wesen der französischen Tragödie, daß die Einheit der Zeit und des Orts beobachtet werde; – etwa weil die Verwandlung der Szenen, und eine raschere Zeit auf der Bühne unwahrscheinlich wäre? Eine kurzsichtige Kritik hat diesen seichten Grund angegeben, und eine andre noch plattere Kritik hat sich die törichte Mühe geben wollen ihn zu widerlegen, und die Wahrheit gegen die Wahrscheinlichkeit verteidigen wollen. Was? es wäre die gemeine Scheu vor der Störung der Illusion; nichts mehr, nichts höheres? es wäre bloß flache Liebhaberei zur Natürlichkeit, bloß Scheu vor allem Gedanken der Kunst, was die Einheit der Zeit und des Orts zur Bedingung der französischen Tragödie machte, während der französische Zuschauer ja grade in allen andern Rücksichten nichts mehr auf der tragischen Bühne verabscheut, als die gemeine Natürlichkeit, während er verlangt, daß die Kunst grell heraustrete, und sich die Übertreibung sogar, wie der Grieche die Maske gefallen läßt, damit nur das worauf es ankommt, Wort und Tat gehörig, wie auf der griechischen Bühne, verkörpert werde. Hätte das französische Publikum für diese Forderung seines Gefühls wirklich keinen besseren Grund, so wäre sie bloß konventionell, eine schlechte Angewöhnung, ja sie wäre geschmacklos, weil sie allen übrigen Forderungen des französischen Zuschauers widerspräche. – Ich will einen bessern Grund angeben! Die französische tragische Bühne ist ein auseinandergelegter Rednerstuhl, aufgeschlagen für diesen bestimmten Ort, für diese bestimmte Zeit, für diesen Hof, für diese wahre Volksversammlung von Talenten, die über dem Jahrhundert Ludwig XIV. zusammenkamen. Die französische Tragödie geht nicht aus auf die allgemeine Erhebung des menschlichen Gefühls, sie will eine ganz bestimmte Wirkung, einen ganz bestimmten Zweck: Racine hat vor seinem Schreibtisch das Porträt seines großen Monarchen, und sein ganzes Gefolge von Heldentum und Schönheit steht vor seiner Seele; er buhlt weder um den Beifall der Welt, noch ist er sich selbst genug; er will Frankreich gefallen, und denkt nicht an mehr: er läuft in jeder Tragödie fünfmal Sturm auf das Herz von Frankreich, und wäre Sieger, wenn er durch die Gewalt der Rede seine Nation bezwänge, obschon die ganze übrige Welt unberührt bliebe von seinen Worten. Britannikus soll in dieser französischen Hoftracht erscheinen: das römische Kostüm beobachten wäre geschmacklos, weil der Redner aus seinen Schranken treten würde; die Verwandlung der Szene wäre geschmacklos, weil eine Prätension auf Natürlichkeit darin läge, die das ganze übrige Werk und seinen Charakter zerstörte. Die französische tragische Bühne verlangt im Ton aller Schauspieler eine Art von Gesang, der allen gemein ist: man will erinnert sein, daß eigentlich nur einer spricht: der Dichter, der rhetorische Dichter. Spräche jeder Schauspieler in seinem eignen Ton und Rhythmus, so wäre es ebenso geschmacklos, als wenn ein Redner seine Stimme verwandeln, seine Partei nachmachen wollte, während er sie redend einführt. Die französische Tragödie will den Tod nicht auf der Bühne dulden, wie überhaupt die rednerische Handlung durch kein Schauspiel, kein Spektakel irgendeiner Art, durch keine unnützen Requisiten unterbrochen werden soll. – Aus allen diesen Gründen, und weil beide Völker dieselbe Forderung an die Bühne machen, vertragen sich Aristoteles mit seinen Griechen und Frankreich sehr wohl. Es ist keine Forderung, die sich an die Beredsamkeit, an eine Rede, die an ein solches Volk und solchen Hof gehalten wird, machen ließe, welche die französische Tragödie nicht zu vollkommener Befriedigung des Geschmacks erfüllte; ja es läßt sich auf dem ganzen Gebiete der Kunst keine Erscheinung nachweisen, die nach Maßgabe der Umstände so vollständig wäre, was sie sein kann, und so genau der Absicht gemäß das was sie sein soll. – Sind aber deshalb die klaren hohen Weltgemälde William Shakespeares geschmacklos, weil sie sich nicht an die Einheit der Zeit und des Orts halten, weil die Schauspieler in Stimme und Kleidung sich verwandeln sollen, weil wirkliches Spektakel der Rede zu Hilfe kommt, weil die einzelnen Personen in dem Charakter ihrer Natur handeln und wirken, weil der Dichter sie wirklich entläßt, unabhängig, mündig heraustreten läßt an die Welt, weil sie wie Statuen freistehn: während die Personen der französischen Tragödie halb erhaben, wie im Basrelief, auf einem festen Hintergrunde, nämlich der Seele des rhetorischen Dichters erscheinen? Sie sehn in diesem Beispiele ganz deutlich, wie der poetische Dichter für Auge und Ohr, der rhetorische Dichter für das Ohr und den Geschmack, nach Art des Redners arbeitet: wie also auch jener nur durch jene, dieser durch diese Sinnenallianz gerichtet werden kann, Shakespeare – und dasselbe gilt von Homer und von allen poetischen Dichtern – ist nicht geschmacklos: sondern seine Werke fallen überhaupt nicht in das Gebiet des Geschmacks, weil die Klarheit seiner Gestaltungen, die tüchtigen, aus der innersten, geheimsten Tiefe der Natur nach außen hin gezeichneten Umrisse seiner Schöpfungen sich überhaupt nicht schmecken lassen, weil sich das Licht nicht mit einem dunkeln Sinne ergreifen läßt. Nicht er ist also geschmacklos, sondern das Urteil über ihn, welches, ganz gegen die sicher und schön durchgeführte Regel der französischen Bühne, verlangt, daß die Intention des Autors sich selbst widerspreche, verlangt, daß er ein andrer sein soll, als der er den Neigungen seiner Nation, seinen eignen Wünschen und seiner Elisabeth gegenüber sein kann – dies Urteil ist geschmacklos, und so liegt überhaupt in sehr vielen Fällen die Geschmacklosigkeit vielmehr in der Ansicht des Kritikers, als in dem Künstler, dem sie Schuld gegeben wird. – – Die Fähigkeit: der Absicht, den Umständen, der Schicklichkeit, kurz den Bedingungen, welche die Gesellschaft auflegt, gemäß zu handeln, zu sprechen und zu sein, das zu viel zu vermeiden, und – dann immerhin auch – das zu wenige zu ergänzen – ist im allgemeinen genommen Gerechtigkeit . Im wirklichen Leben, wo sich tausend Gestalten im bunten Gewühle der Erscheinungen dem Richter aufdrängen, ihn zu verführen, zu bestechen drohn, schließt sie die Augen; dies ist die bekannte Gerechtigkeit, welche eine Binde trägt: sie schmeckt das richtige heraus. Es würde paradox scheinen, wenn man vom Oberrichter der Kingsbench in England, oder von den abstimmenden Zuhörern des dortigen Parlamentsgesprächs sagte: der Geschmack sei ihr höchstes Gesetz. Nichtsdestoweniger läßt sich von dem wahren Richter nichts bestimmteres, treffenderes sagen: er ist Richter der Beredsamkeit, die Advokaten, die Parlamentsredner, die Landesgesetze, die Landesgeschichte – alles spricht vor ihm – und über die Beredsamkeit gibt es kein andres Gericht als das des Geschmacks; in allen Verhältnissen des wirklichen Lebens kein unentbehrlicherer Sinn als der des Geschmacks. Im idealischen Leben der Poesie hingegen, wo die Gestalten schon geordnet sind, schon alle einem Gesetz, einer Regel, einem Rhythmus unterworfen, wo sie sich nicht mehr zerstreuen, nicht mehr zerfließen können in Gestaltlosigkeit, da müssen die beiden Haupteingänge der Seele, Auge und Ohr geöffnet werden: diese Gerechtigkeit kann keine Binde tragen, denn sie soll ja ihr Gesetz empfangen von der Poesie, die es aus einer schöneren Welt, aus einer höheren Ordnung der Dinge, sanft vermittelnd ihr herüberreicht. – Es springt in die Augen, daß das Urteil des Geschmacks nie ruhen, nie stillstehen, nie zur konventionellen Regel werden darf. Wie die wirkliche Welt in rastloser Umgestaltung sich fortbewegt, wie heut in den Umständen dieses Tages unschicklich wird, was gestern schicklich war, in derselben Beweglichkeit folgt das Urteil des echten Geschmacks dem Wechsel der Welterscheinung; nur das Steife, das Starre, das Ungelenksame, die Versteinerung des Konventionellen, dann das Überfließende aus sich selbst, unaufhörlich aus seinen Grenzen herausschwankende, unsichre, ist das ewig Geschmacklose. Der Gipfel des Geschmacklosen ist zu verlangen, wie Lessing sagt, daß allen Bäumen eine Rinde wachse. – Daher sind es reiche Welterfahrungen, vielseitige Wechselwirkungen mit dem lebendigen Leben, die den Geschmack des Menschen anregen und bilden, weil sie ihn fortreißen in den Gang der Welt, weil, im Fügen unter tausend wechselnde Umstände des äußerlichen Lebens, auch seine Seele allmählich sich fügen lernen in die verschiedenartigsten Formen. So erwirbt der Mensch, was ich den à plomb des Geistes, die äußere Haltung in der Rede, wie in der Handlung nennen möchte: aber ganz sicher, und ganz bewußt der erhabnen Mitgift des Geschmacks wird der Mensch, zumal der Redner, nur durch den stillen Umgang mit der Poesie, d.h. mit dem Göttlichen. Das Wesen des echten Geschmacks ist, glaube ich, angedeutet, indem seine Grenzen gezogen sind, was bisher noch nicht geschehen war: das Wesen der Beredsamkeit ist bestimmt, auch – indem ihre Grenzen gezogen sind – gegen das Gebiet der Poesie, von der sie streng getrennt sein soll, damit sie ewigen Umgang und innige Freundschaft mit ihr pflegen könne. Wir haben die rhetorische Poesie, die wesentlich auf unser Gebiet gehört, mit herüber genommen; dafür geben wir der Poesie was ihr gehört, die poetische Beredsamkeit, nämlich jene Meisterwerke zurück, welche durch eine äußere prosaische Form unsre rhetorische Betrachtung herauszufordern scheinen, wie Don Quixote und Wilhelm Meister, aber durch alle ihre inneren Eigenschaften, ihre Absichtslosigkeit, ihre Freiheit, ihre Ironie, ihren poetischen Bau, in jene Sphäre gehören, über die, da der Geschmack allein unsre Richtschnur sein muß, wir nichts vermögen. VI. Von der politischen Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland Demosthenes wurde einst gefragt, welches das erste und wichtigste Erfordernis der Beredsamkeit sei; er antwortete darauf, nach dem Zeugnisse des Cicero und Quinctilian: es sei der Vortrag . Auf die Frage, welches das zweite Hauptstück der Redekunst sei, antwortete er abermals, der Vortrag ; auf die Frage, welches das dritte, gab er dieselbe Antwort. Es sei nicht bloß das erste, sondern das einzige Erfordernis, schien er damit sagen zu wollen. – Wir , in der Verzauberung der Schrift Befangene, vernehmen diesen Ausspruch des großen Mannes nicht ohne einiges Befremden, und trösten uns über die darin enthaltene Paradoxie damit, daß wir annehmen, der Redner lege dieses ungebührliche Gewicht auf den Vortrag, weil dieser die Schwierigkeit gewesen sei, mit welcher er besonders zu kämpfen gehabt habe. Aber sollte das Geheimnis der Redekunst wirklich wo anders liegen, als in dem Momente, wo sie durch das Ohr in das Herz des Hörers überströmt? Von der dunklen, verborgnen Stelle an, wo der Gedanke des Redners entspringt, bis dahin, wo er in seiner vollendeten Klarheit und Majestät ans Licht tritt, geht er allerdings durch unzählige Verwandlungen hindurch; die mannigfaltigsten Gefühle erwachen, drängen sich durch Seitenwege ihm nach, ergießen sich in ihn, färben, erheben ihn. Aber die allergrößte Verwandlung erfährt er erst, wenn er nun wirklich als lebendiges Wort an die Brust des Hörers schlägt. – Die Verlegenheit, die jeder empfindet, der eine vorbereitete Rede vor einer Versammlung aussprechen will, ist höchst natürlich; sie enthält das einfache Geständnis: »Was ich euch sage, sollte frisch und lebendig aus meinem Herzen in das eurige übergehn, in jedem folgenden Gedanken sollte schon enthalten sein, sollte schon einfließen eure lebendige Antwort , und was wir Auge in Auge, an diesem Orte und zu dieser Stunde in einander finden und lesen, und was nur dieser unvorhergesehene Moment, und kein anderer, je wieder ebenso zusammenfügt. Statt dieser Frische nun bringe ich euch etwas kalt gewordenes, und deshalb schäme ich mich; statt daß meine Rede euch unmittelbar ergriffe, und fester und fester uns umstrickte in dem großen Gedanken, auf den ich es abgesehn, läuft sie nun neben euch her, berührt euch gelegentlich, und wo es etwa der Zufall will, verfehlt euch aber da, wo sie es bestimmt auf euch angelegt hatte, gewiß.« Man kann eine Rede mit der größten Genugtuung niedergeschrieben haben; und da sie gehalten werden soll, findet man das meiste an der unrechten Stelle. Es ist ein Gefühl, wie es ein junges Mädchen bei der Toilette und bis zu dem Augenblick, wo sie in die Gesellschaft eintritt, haben mag; der Mut, die Zuversicht, die Vorstellung von dem Eindruck, von der bestimmten Wirkung, die sie machen werde, das ganze Gebilde einsamer Selbstgefälligkeit verschwindet vor der völlig unerwarteten, völlig unberechneten Wirklichkeit; was man mitbrachte, worauf man am sichersten baute, gilt wenig, wird überglänzt; man herrscht nicht, wie man geglaubt hat, man muß sich schicken, fügen; die Seele muß in der Geschwindigkeit, mitten in der Versammlung, eine ganz neue Toilette machen. Sie hatte unter den Träumereien am Spiegel vergessen, daß solch eine Versammlung antwortet und ihre besonderen Gedanken hat, und nicht die eigenen Phantasien wieder zurückgibt, wie der Spiegel. – So nun ist es mit der Rede; sie ist eigentlich nicht eher da, als bis sie leibhaftig vor denen ausgesprochen wird, die dadurch ergriffen werden sollen. Pronunciatio übersetzt Quinctilian das Wort des Demosthenes; das deutsche Wort Vortrag bezeichnet nur unvollständig was er meint. Seine eigentliche Meinung war: es redet ein Gott durch den Mund des Menschen, wo dieser wirklich redet ; und der Gott soll nicht etwa auf die Hörer warten, sondern diese müssen erst zugegen sein, dann erscheint er. – Das ist der Zauber jener unwillkürlichen Beredsamkeit, welche der große Moment selbst herbeiführt; wenige abgerissene Worte, weil sie recht in die Gegenwart hineinfallen, und der Disposition des Redners, und seiner Versammlung gegeneinander, wie auch den Veranlassungen, dem Gemütszustande recht angemessen sind, können Wirkungen hervorbringen, welche die absichtliche Redekunst nie erreicht. Es gehört ein gewisses Zusammentreffen dazu, welches ganz außer dem Gebiete der einsamen menschlichen Kraft, oder auch der Verabredung liegt, einer Fügung, die, am natürlichsten, göttlichen Einflüssen zugeschrieben wird, wie auch die unerwartete Klarheit göttlicher Ideen, die solchen Wirkungen immer zum Grunde liegen, die Nähe des Überirdischen andeutet. Es ereignet sich dieses Höchste in allen Künsten; und so wird das Hauptstück der Beredsamkeit eine gewisse gehorsame Stimmung der Seele, wie der besonders tätigen Organe, der Stimme nämlich und des Ohrs sein, damit sie unmittelbar eingreifen können in solches Zusammentreffen, die Nähe des Göttlichen aussprechen und verkündigen können. Diese erhabene Gegenwart des Geistes, wie der Organe, – denn eines ist unzertrennlich von dem andern, – meint Demosthenes unter der pronunciatio ; und wer will leugnen, daß, wenn irgendeines, so dieses das Hauptstück der Redekunst sei? Erlauben Sie mir ein Beispiel, welches durch seine Eigentümlichkeit sich besonders empfiehlt, und um so mehr hierher gehört, weil zwei der größten Redner unsrer Zeit, Burke und Fox , die handelnden Personen sind. Bekanntlich war der britische Parlamentsredner Edmund Burke der erste Mensch in Europa, der den Charakter der französischen Revolution erkannte, der schon damals, als noch alle diejenigen, denen es vergönnt war, eine solche Begebenheit frei von allem Privatinteresse zu erleben, noch von ihr befangen und umstrickt waren, ihre Richtung, ihr Folgen nicht bloß erkannt, sondern ausgesprochen hatte. Er war in dem Augenblick der größten Gefahr, die sein Vaterland und diesen Weltteil bedrohte, ich möchte sagen, die einzige Schildwacht, die an ihrem Posten war. Eine beinahe zwanzigjährige Freundschaft, geschlossen an dem einzigen Ort in Europa, wo es der Mühe wert sein kann, Verbindungen auf Leben und Tod einzugehen, teils weil er nie entweiht worden, teils weil es ein ernsthafter Ort ist, und die meisten andern gegen ihn nur Lustörter, im Parlament von Großbritannien , verband mit jenem großen Manne den jüngeren Fox . Eine Verbindung, die auf nichts anderem beruhen konnte, als auf der Größe und Göttlichkeit ihres Gegenstandes, mußte erschüttert werden, als über das Wesen der bürgerlichen Freiheit, über den altbritischen und neufranzösischen Sinn dieses Wortes, erst ein Streit über die wörtliche Auslegung, dann über die praktische Anwendung sich erhob, und dann unmittelbar das ganze Gebäude dieser Freundschaft ergriff und verzehrte. Fox sah in der Revolution nichts, als den Triumph der Sache, für die sie beide gelebt hatten; Burke hingegen ihren Untergang, und mit einer Rührung, die zu menschlich ist, als daß sie sich nicht jedem Herzen von selbst darstellen sollte, das Opfer, welches sie ihm selbst abforderte in seinem Freunde. Es kostete ihm den schönsten Irrtum seines Lebens, die Meinung, die er zwanzig Jahre hindurch von Fox genährt hatte. Die Trennung war beinahe ein Jahr hindurch undeklariert geblieben. Die Täuschung, einander selbst festzuhalten, nachdem der gemeinschaftliche Boden verschwunden ist, auf dem man miteinander gelebt, nährt jeder, so lange er kann, bewußtlos. – Beide Freunde hatten sich vermieden, und eine heilige Scheu, die solcher Bund, wie solche Trennung wohl verdient, hielt jeden Dritten von aller versöhnenden, wie von aller entzweienden Einmischung zurück. Es war in der Nacht vom 11. zum 12. Februar des Jahres 1791, als diese große Angelegenheit, als die Staatsangelegenheit dieser Freundschaft endlich im Parlamente zur Sprache kam. Die Beredsamkeit hat nie größere Wunder getan, als in dieser Nacht; alles aber war unerwartet, wie von einer höheren Macht zubereitet. Die beiden Redner, und mit ihnen alle Zeugen, vergaßen sich selbst; die Ordnung des Parlaments, seit einem Jahrhunderte ununterbrochen, stand stille; wo man keinen Namen nennen darf, damit sich die Persönlichkeit nicht aus den großen Verhandlungen ungebührlich heraushebe, da galt es zehn Stunden hindurch nur die Persönlichkeit zweier Mitglieder. Der Anfang war kalt und ruhig; es betraf die Verfassung jenes Teils von Nordamerika, der England nach dem letzten Frieden verblieben war. Es lagen zwei Pläne auf dem Tische, der erste im altbritischen, der andere im neufranzösischen Sinne der Freiheit. Gleichgültige Redner sprachen lange, und die Nacht war schon sehr vorgerückt, als Burke das Wort nahm. Nach wenigen schneidenden Urteilen über den vorliegenden Gegenstand und die bisherige Erörterung, ging er mit einer kurzen Katonischen Wendung auf die größere Sache der französischen Revolution über. In der peinlichen Stimmung, in der die Fürsten und Helden von Troja die warnenden Verwünschungen der Cassandra angehört haben mögen, wartete das Parlament auf die Rückkehr des Redners zu dem vorliegenden Gegenstande über eine Stunde lang. Es schien kein Gefühl zu antworten, aber die Scheu der Ehrfurcht, wie vor einem großen Kranken, verhinderte die Unterbrechung; die prophetische Melancholie einer einzigen Seele lag drückend auf der ganzen Versammlung, bis eine Wendung der Rede eine neue, tiefere Erörterung der Folgen der Revolution ankündigte, und somit noch eine Stunde in Beschlag zu nehmen schien. Ein fast allgemeines Geschrei zur Ordnung unterbrach ihn; Fox schwieg; der große William Pitt , allein in der ganzen Versammlung, erklärte seine Meinung, daß der Redner sehr wohl in der Ordnung sei. Es ward über die Frage gestimmt, und das Parlament von England entschied, daß Burke in der Ordnung sei. Hierauf erhob er sich von neuem, und fuhr fort in einem Strom von Beredsamkeit, dem keine Feder folgen konnte. Die Zeitungsschreiber gaben angefangene Perioden, und bemerken zu mehreren Malen in dem Text ihres Berichts die Totenstille, die über der ganzen Versammlung ruhte. Plötzlich, da er das Gemälde der Wirkungen der französischen Revolution mit einem Zitat aus dem Macbeth vollendet hatte, stockte Burke . Es war Mitternacht; niemand wagte aufzustehen, und, mit verhaltenen Tränen, mit ungewöhnlich sanfter Stimme fuhr er fort, einen Blick auf Fox werfend: »Das Gift der Revolution ist mit gemeinen Opfern nicht zufrieden; sein Stachel sucht das Hohe auf Erden, das Stolze, das Schöne, das recht Erprüfte, die heiligsten Verbindungen des Lebens, und wird nichts verschonen. Ich selbst, am Rande des Grabes, müde nach dreißigjähriger rechtschaffener Arbeit für England und für die Freiheit, hatte mich umgesehen nach einem Erben, dem ich das Vermächtnis meiner Sorgen, meiner Hoffnungen, meiner geheimen Gedanken über dieses Jahrhundert, und über dieses mein Vaterland getrost übertragen, und dem ich sagen könnte: Vollende, du Glücklicher, was ich gewollt! – Ich habe ihn gefunden; achtzehn Jahre hat er mein Testament und mich, wie das Bild seines Vaters, am Herzen getragen; – die Revolution ist ausgebrochen, und ich habe ihn nicht mehr; ich bin allein, mein Blut ist ausgestorben in diesem Hause, ich sterbe unbeerbt.« – Bei diesen Worten hörte man vernehmlich, daß Fox , ohne aufzustehn, den Blick vor sich hingesenkt, sagte: Unsrer Freundschaft wird das nichts anhaben . – Lassen Sie es sich von Zeugen beschreiben, wie diese alltäglichen Worte, im Tone einer gewissen Beklemmung und Unsicherheit gesagt, die Versammlung getroffen haben. Fünfhundert Personen waren nunmehr in Zwei verwandelt, in Einen vielmehr; ganz England hing an den Lippen dieses Einen Menschen, der mit einer eiskalten Stimme fortfuhr: »Diese Freundschaft ist zu Ende!« – dann aber plötzlich, wie von dem ganzen Feuer seiner Jugend überkommen, Fox und seine Sorgen und seine Jahre abschüttelte, die alten, längst entschlafenen Helden der britischen Freiheit herbeirief, tröstend von der Freiheit sprach, die das Volk dieser unüberwundenen Inseln eigentlich meinte, er, der Einsame, eine große Partei aus dem britischen Altertum um sich her versammelte, und, wie von einer fernen sonnenhellen Zukunft seines Vaterlandes verklärt, die vierstündige Rede beschloß. Es war ein Viertel nach zwei Uhr morgens; die Versammlung erschrak, als er aufhörte; niemand war zum Reden gefaßt. Fox stand auf, und im Augenblicke war die Totenstille wieder da; ein Strom von Tränen brach ihm aus den Augen; er setzte sich sprachlos nieder. Das Parlament wartete einige Minuten; alle Augen gerichtet auf die beiden Freunde, die stumm einander gegenüber saßen. Man fand es unanständig, nach solchem Ereignis weiter zu reden; die Sitzung wurde aufgehoben. – Ich behalte mir vor, die Geschichte jener merkwürdigen Nacht, in der, wenn je aus dem Gefühle einer Stunde Weltbegebenheiten herzuleiten sind, das Schicksal von England, und von mehr als England, entschieden worden ist, aus allen zerstreuten Materialien, Zeitungsberichten, Parlaments-Rapports, mündlichen Aussagen u. s. f. vollständig zusammen zu tragen. Man hat in den Künsten die Erfahrung gemacht, daß die größte augenblickliche Wirkung, z. B. die des Schauspielers, die vergänglichste ist; und daß jede Kunst von der ewigen Gerechtigkeit der Weltordnung für die geringere augenblickliche Wirkung entschädigt wird durch die Dauer. Etwas Ähnliches wird der Beschreiber jenes großen Auftritts anerkennen müssen. Nur die äußeren Umstände lassen sich wiederherstellen und festhalten; das eigentliche Wunder der Beredsamkeit ist nur für die beneidenswürdigen Gegenwärtigen. Und wären uns alle Worte jener Nacht zurückgeblieben: wer kann die Töne wiedergeben? – Das ist der Vorzug des Dichters! Für alle Leiden, für alle Resignation, für das Entbehren der gegenwärtigen, anwesenden Majestät entschädigt ihn die Dauer . Eine Rede, wenn sie einmal erkaltet ist, wenn sie herausgenommen wird aus dem Zusammenhange ihrer Geburt, möchte ich sagen, niedergelegt in die Schrift, kann auf unzählig verschiedene Weise gelesen werden, weil sie eben, ohne ihren Autor, nichts ist, weil sie nicht unabhängig, nicht entlassen ist vom Verfasser, nicht emanzipiert, nicht freigesprochen, wie das Werk der Poesie: so muß der Vorleser den Mangel ergänzen, aus freier Kraft die Seele, die dazu gehört, die Persönlichkeit des Redners hinzutun; und so erhalten wir etwas andres, als die Rede. Ich glaube, eine Rede läßt sich deutlicher und wahrer beschreiben, als rezitieren, ein Werk der Poesie hingegen trägt seine Seele in sich; es ist völlig unverständlich ohne diese Seele, ohne diesen ganz eigentümlichen Ton und Bewegung: es kann unempfunden durch eine ganze stumme Generation hindurchgehn. Der erste Enkel, der es versteht, und, was ich voraussetze, und was von aller Bildung vorausgesetzt werden sollte, nur die Organe der Stimme und des Ohrs in Bereitschaft hat, kann es nur auf Eine mögliche Weise verstehen und lesen. Ort, Zeit, äußere Umstände, alles, was auf den Redner einwirkt (einen Akkord der äußeren Gegenwart möchte ich es nennen), treffen nie wieder so zusammen, hier nur flammt das Göttliche auf, es erscheint im Fluge. In der Poesie wohnt es; diese Akkorde stammen aus der Seele des Dichters; nichts Äußeres, Augenblickliches hat eingegriffen; jedes reine Gemüt, still in sich selbst, und auf die Kräfte, auf die Begebenheiten in seiner menschlichen Brust beschränkt, kann sie wiederherstellen. Es ist also klar, daß der ganze Standpunkt für die Theorie der Beredsamkeit verrückt wird, wenn man ihr eigentliches Wesen, wie es die ganze neuere Rhetorik tut, in das Konzept setzt, in das vorbereitende häusliche Erdichten und Aufschreiben der Rede. Die Rede kann durchaus nicht eher vorhanden sein, als der ganze Akkord von Menschen und Umständen, in den sie eingreifen soll, wirklich da ist; also kann sie nicht eher vorhanden sein, als in dem Augenblicke, wo sie auch schon gesagt werden muß; folglich ist das Sagen, das Aussprechen der Rede nicht bloß das Haupterfordernis, sondern das einzige Erfordernis zur Beredsamkeit; folglich hat Demosthenes recht. – Im britischen Parlament schreibt bekanntlich nur der Anfänger seine Rede auf; und wer eine wahrhafte Rede niederschreiben will, vermag es nur, indem er alle äußern Verhältnisse durch eine poetische Fiktion hinzusetzt, die Rede selbst aber vielmehr durch die Feder ausspricht, als schreibt. – Dies ist die praktische Natur der Beredsamkeit! Die Schule der Beredsamkeit eröffnet sich also mit der Übung und Bildung der Stimme, wie des Gehörs, und nicht etwa mit dem, was man in unsern Schulen sehr ungeschickt Stilübung nennt. Stil in der Rede ist jenes Unaussprechliche, und im gemeinen Wege völlig Unerlernbare, welches das lebendige Leben hinzutut. Der Charakter, den die Waffenübung der Seele, den die Heldengenossenschaft mit großen Männern, und ihrer selbst bewußten Meistern absetzt, klingt durch die Rede hindurch, dies ist die Seite, von welcher auch der späteste Vorleser einer Rede gebunden ist; dieser Grund der Rede ist ein bestimmter, der nicht verändert werden darf, nicht verändert werden kann. In den griechischen und britischen Rednern drängt er sich von selbst auf. – Mit dem erhabenen Wesen nun, mit jener freien Eigentümlichkeit einer ganzen Gemeinde von Rednern und Helden, denen sich der einzelne Redner, wenn er nach vielfältigen Kämpfen den Meridian seiner Kraft erreicht hat, mit ebenso freiem Bekenntnis, mit einer Art von männlichem Gelübde anschließt, – soll unsere früheste Jugend vertraut werden; zehnjährige Knaben sollen sich, die Feder in der Hand, diesen Stil des Geistes angewöhnen. Ein gewisses Gesichterschneiden der Seele wird ihnen gelehrt. Erst lernen wir lesen und schreiben, dann den Stil und wären nun ungefähr auf dem Punkte, wo die Griechen aufhörten, als ihre Nationalbildung erreicht war. – Wir aber treten nun erst ins Leben, und lernen stammeln, sprechen, wenn's glückt, reden wenige; überglücklich, wenn in den spätem, reiferen Jahren des Lebens uns etwas entschlüpft, was niedergeschrieben zu werden und zu bleiben verdient; überglücklich, wenn in dieser reiferen Zeit wir endlich einen der großen Autoren der Vorzeit verstehen lernen, und sich dann nun endlich die Mühe bezahlt macht, mit der wir so frühe lesen gelernt. Der Stil aber? des Lebens, der Rede, der Schrift? – wird er in der Stuben-Konversation über die Zeitungen, und über die Schnitzer der Feldherren und Regenten gelernt, oder im Studierzimmer, in den Büros, in den einsamen Werkstätten handwirkender, nachahmender Künste, ohne Händereichen und Gemeinschaft der Geister? – »Ich habe wenige Frauen gefunden, sagt der Verfasser des Woldemar, die ihren Anzug auf eigentümliche Weise zu besorgen wußten«; ich habe wenige Männer gefunden, füge ich hinzu, die nur im Privatleben, wohin alle ihre Sorge gerichtet war, unabhängig gewesen wären und selbständig, und frei von Manier und Ziererei. Wie sollte ich von ihnen verlangen einen Stil, ein freies Eingreifen in das öffentliche Leben, ein sich selbst Behaupten, indem man sich einer ganzen Republik von Geistern anschließt, der Denk-, Sprech- und Handlungsweise einer ganzen Korporation großer Naturen sich mit Freiheit, mit Stolz und Demut unterwirft. Dies ist das Wesen des Stils, worin wir unsere Knaben üben! Ich glaube, ich habe in einzelnen großen, vielleicht noch allzu harten Zügen ausgedrückt, was der Anfang, was das Ende der Redekunst sei. Der einzelne kann für diese gewaltigste und gegenwärtigste unter allen Künsten nichts tun, als seinen Mund bilden; die Nation bildet im Laufe der Jahrhunderte durch die anbetende Ehrfurcht, mit der sie an ihren Helden hängt, mit der sie alles Große, was ihr Boden erzeugt, zusammenknüpft, wie in ein Pantheon zusammenstellt, das andere Hauptstück hinzu, nämlich den Stil ; die Nation bildet hinzu jene gewisse harmonische Einheit unter allen Erzeugnissen ihrer Kunst, zumal der höheren Beredsamkeit, um derentwillen nun das einzelne zu bleiben, durch den Stil, durch die Feder fortzuleben verdient. Nichts bestätigt diese Darstellung so als der einzige Schauplatz echter Beredsamkeit, der diesem unserm stummen Jahrhundert verblieben ist, und den ich im Anfange meiner heutigen Vorlesung zu vergegenwärtigen suchte: das britische Parlament. Die Grundlage der Erziehung des britischen Redners ist der Umgang mit den Alten, die nur versteht, wer sie sich sprechend, nicht aber schreibend denkt; keine Stilübungen, aber vielfältige Versuche in Versen. Die Poesie, die Quelle des Geschmacks, wird gegenwärtig erhalten, künstlich hereingeleitet in die Brust des künftigen Redners. So vorbereitet, ergreift ihn das politische Leben, und das unnachlassende Gespräch des Parlaments, der Gerichtshöfe, und zuletzt der Stil der Redner von England. Dies war die einfache Vorschule des großen William Pitt-Chatham , Burkes , des jüngeren und größeren William Pitt , und Foxens , dieser großen Heerführer der britischen Beredsamkeit, durch deren Mund England gesagt hat, was es sei. Die erhabensten ihrer Werke – eines davon habe ich zu beschreiben versucht – sind hingestorben mit ihnen selbst; – denn es muß bemerkt werden, ausdrücklich bemerkt, daß England noch besteht, nachdem diese Säulen eingestürzt sind, die es zu tragen schienen. Die erhabensten ihrer Werke sind dahin, wie die großen Veranlassungen, die sie erzeugten. Von Fox sind kaum wenige Worte erhalten, aber nichtsdestoweniger wird alle Erinnerung an seine Irrtümer und Schwächen niedergehalten, aufgewogen durch den wortlosen Nachklang dessen, was er durch die Gewalt seiner Rede für die Gegenwart gewesen ist. Stat nominis umbra, nur der Schatten seines Namens ist geblieben, und dennoch heute, mehrere Jahre nach seinem Tode, sind die Gemüter von dem Eindruck seiner Stimme noch nicht zurückgekehrt in ihre alten Fugen. Dieser Wortredner des Verderbens, gepeitscht von allen Furien des Ehrgeizes und einer Sinnlichkeit, wie sie sonst nur der tropische Himmel auszubrüten pflegt, wußte einzugehen in allen Eigensinn, in alle Unart, wie in allen Stolz seines Volkes; die ganze Vergänglichkeit von England, folglich auch alle Macht über die Gegenwart, standen ihm zu Gebote, und die ungezogene, aber im Grunde wohlwollende, schwache und immer berauschte, aber freigebige, großmütige Seele dieses Mannes spiegelte das wirkliche England mit allen seinen Einzelheiten und Sichtbarkeiten so deutlich und doch so veredelt ab, daß er der Mann des Volkes bleiben mußte bis an sein Ende. Ihm achtzehn Jahre zur Seite, und dann fünf Jahre gegenüber stand der königliche Redner Edmund Burke , Stellvertreter des unsichtbaren Englands, der Geisterseher seiner Geschichte, der Prophet seiner Zukunft; ein rechtschaffenes, still bürgerliches Herz, das nichtsdestoweniger England ganz ausfüllte bis an den Rand; ein behaglicher, sich in alle nahen Umstände einwohnender Geist, dem nichtsdestoweniger Europa zu enge war, und eine Rede, an der selbst die Gegner nichts auszusetzen wußten, als die mitunter allzu blendende Hoheit, die allzu schlagende Kraft und den kassandrischen Trübsinn, in dem sie sich verlor, unter den Gewitterwolken, welche die letzten Jahre seines Lebens hindurch über England ruhten. Ich habe es oben angedeutet, er hatte keine Partei in dem wirklichen Parlament und dem damaligen Volk. Im Parlament, wo sich die Parteien, soviel es gehen will, auch in den Sitzen absondern und gegenüberstellen, setzte er sich unten im Grunde des Hauses allein; William Pitt, die Grenville's und alle Regierenden seiner Zeit horchten still auf ihn; – aber seine Partei war bei denen, die nicht sterben in England wie anderswo, deren Geist fortsitzt im Parlament, wo ihn keine Gegenwart, und sollte sie selbst durch Foxens Mund reden, verdrängen kann. Und so hat er mit dem Beistande dieser Partei, oder – haben sie durch seinen Mund mehr gewirkt und vollendet, als alle Parteien der Zeit durch ihre Heerführer. Wenn die weltliche Beredsamkeit, und alles, was die Kunst der Rede über derbe, tüchtige, wohlgenährte, lüsterne Weltkinder vermag, in Fox seinen Gipfel erreicht hat: so hat die heilige Beredsamkeit in diesem Jahrhundert nur durch Einen Mund geredet, durch den Mund Burkes . Wer möchte dieser Zeit predigen, ohne die teuren Überreste dieses großen Mannes, insbesondere die der letzten Epoche seines Lebens zu studieren, zu verehren, in allen feierlichen Augenblicken des Lebens; wie in einer Wallfahrt, dahin zurückzukehren. Welcher Ohnmächtige wird es wagen, über die Angelegenheiten der Völker zu reden, ohne die Gewalt über das teure Abwesende, Untergegangene, von unkeuscher Größe Verdrängte, von Burke zu lernen, ohne von ihm zu lernen die gewaltige, ihm ganz eigentümliche Waffe des tragischen Witzes. Diese beiden großen Redner haben England ausgedrückt, der eine, wie es ist, der andre, wie es war; den beiden andern, den Pitts, den größten Staatsmännern ihres Jahrhunderts, verdankt England, daß es, wie es war, so blieb, und, indem es blieb, größer wurde, als es war. Auch sie haben mit der unmittelbaren Gewalt der Rede viel mehr, als durch schriftlichen Befehl England regiert; sie haben verdient, jener im Rednerstuhl, inmitten des Parlaments und seiner Taten, und der Denkmale seines Lebens, und bestrahlt von dem Glänze seines Vaterlandes, den er entzündet, zu sterben; dieser, der jüngere Pitt, verdient, daß, als er nach sechzehnjährigem Ministerium am Tage nach seiner Verabschiedung ins Parlament trat, und an den Sitzen der Minister vorüberging, diese, die Neuerwählten, ihm instinktartig Platz machten, und das ganze Gespräch der ersten Abende verrückt war, da man diese Stimme von einer andern Seite her vernahm. Bin ich von meinem Gegenstande abgekommen, habe ich mich bloß überwältigen lassen von der Erinnerung an diese großen Charaktere, oder gab es wirklich keinen kürzeren Weg für die Anregung dessen, was mit diesen Vorlesungen ich eigentlich meine; als sich in die Mitte des Gegenstandes zu versetzen; – die Konzeptansichten der deutschen Redekunst, das stumme Vergnügen, eine Mosaik aus fremder Gesinnung zusammenzusetzen, die rhetorischen Adressen an die Wand, oder wenn's hoch kommt, an den Spiegel, beiseite zu werfen; – und die Meinung, als hätte ich es auf Regeln für die Abfassung und Korrektur solcher Konzepte abgesehen, zu widerlegen, durch eine Erzählung von großen Rednern und ihren Taten? – Entweder wird der Geist des lebendigen Wortes geweckt; entweder Deutschland bekennt die unermeßliche Macht der Rede, die es schlummern läßt, oder die es doch vergräbt in die Einsamkeit der Bibliotheken; entweder die Jugend erkennt, daß die Frucht alles Denkens und Lernens lebendig auf den Lippen schweben müsse, daß man wohl dichten könne für die Welt, so wie die Welt für uns, aber keiner reden könne für den andern: oder dies Geschlecht möge nur unter seinen Stilübungen, unter seinen poetischen und philosophischen Phrasen vollends ersterben und verstummen. – Vergiß nicht, möchte ich der Jugend meines Vaterlandes zurufen, die große Lehre des Demosthenes: Was du deiner Zeit etwa Großes oder Tüchtiges zu sagen hast, – und es wird sie nichts treffen, wenn du sie nicht wirklich und leibhaftig anredest, – also, was du wirklich sagst und in Schriften niederlegst, liest nicht der trefflichste Zweite so wieder, wie du es empfunden hast; er trifft deinen Ton nicht, er liest sein Gemüt hinein, seine Zeit und die Umstände seines Orts. Du kannst ihm nicht befehlen, wie er dich lesen soll, so wie es der Dichter kann. Also wirf die Feder beiseite, wo sie nicht hingehört; denke nicht früher an die Nachwelt, als bis du die Gegenwart besorgt, schreibe nicht eher, bis du reden kannst, damit du zuletzt wenigstens Gesprochenes niederschreibst, und nicht Gedanken, die schon deine Seele geschrieben hat, statt zu denken, sprechend zu denken; totgebornes, kaltes Wesen, vor dem die besser empfindende, hoffentlich warmblütigere Nachwelt zurückscheuen wird. Sieh, die reichen Saatfelder, die jene großen Redner bestellten; die üppige Frucht, welche sie gebaut, hat die Jahreszeit, hat die Gegenwart, haben die Zeitgenossen weggemäht; sie lebt in der Kraft ihres Volkes und in neuen Ernten fort. Sie haben die Ewigkeit besorgt, indem sie des Augenblicks wahrnahmen; um die Spuren ihres großen Geistes zu kosten, halten wir ängstliche Nachlese auf den Feldern. Seine Werke auf die Zukunft zu bringen, ist, wenn überhaupt eine Rücksicht des Redners, doch nur eine zweite Rücksicht: die Werke des Redners müssen eigentlich sterben, allmählich, wie der Samen in der Erde , sie werden unlesbar, ihre Farben erblassen; nur die Werke der Poesie haben ewiges Leben; nie verlöschende Farben, oder doch einen Balsam, ein Salz des Lebens in sich, welches sie erhält, solange die Völker leben, welche sie gesungen. Der Redner hat die Gegenwart, der Dichter die Zukunft; resigniere er auf die Zukunft, wie sie auf die Gegenwart Verzicht tut. Was ihnen beiden gemein ist, worin beide eigentlich leben, das ist ja doch ewig! – Seine Werke der Zukunft zu übergeben und zu erhalten, ist des großen Redners zweite , sich selbst im Ganzen, wenn auch namenlos, in der Begeisterung des Ganzen fortzusetzen, ist des Redners erste Rücksicht. VII. Von deutscher Sprache und Schrift Ich habe dem lebendigen Wort die Ehre und den Vorrang gegeben, wie es die Natur will: ich habe Deutschland gegenüber einen besonders großen Nachdruck auf diese erhabene Materie gelegt, nicht bloß weil unsre Nation abgefallen ist von dem lebendigen Wort, nicht bloß weil unter allen europäischen Staaten insbesondere die Deutschen der Herrschaft der Feder am meisten eingeräumt, sondern vielmehr weil Deutschland insbesondere berufen ist für das lebendige Wort, weil Deutschland vor allen andern zeigen könnte die Macht und die unendliche Beweglichkeit des Wortes! – Ich habe mich in einer früheren Stunde, da es an seinem Orte war, über die unzähligen Dialekte, Idiome, wissenschaftliche und gesellschaftliche Kosterieformen unsrer Sprache beschwert: keine europäische Sprache ist nach Maßgabe der Umstände und der Örter, der Gebirge und der Niederungen, wie auch der Grenzberührungen ihrer Nachbarn so verschiedenartig individualisiert worden; keine Sprache ist in so verschiedenartigem Stoffe ausgeprägt worden. Wie wäre es, und würde ich mich über diese Dialekte noch beschweren, wenn diese Sprache einen Mittelpunkt hätte, worin sich alle jene Besonderheiten begegnen könnten, worin alle Breiten und Kürzen, alle Härten und Weichheiten, alle Rauhigkeit und Sanftmut, alle Bildung und alle Unschuld der verschiedenen deutschen Mundarten sich untereinander ausgleichen könnten? Wenn sich also das Ungleiche durch die Berührung und den Zusammenhang veredelte, wenn die ungeheure Skala von Ausdrücken und Tönen in dieser Sprache wirklich sich darstellen könnte in einer einzigen Stimme, und alle schroffen Kontraste sich untereinander dämpfen und mildern möchten dadurch, daß sie einem und demselben harmonischen und philosophischen Gesetze untergeordnet würden? – Das Allgemeine entsteht nicht durch ein Wegwerfen des Besonderen, die Tugend entsteht nicht durch ein Vernichten jener Kräfte, die durch ihren Mißbrauch das Laster erzeugen, die Vollendung der Sprache nicht durch ein bloßes Absondern der Dialekte, wie man vor dreißig Jahren glaubte, als man einen einzelnen meißnischen oder thüringischen Dialekt zum Hauptdialekt, zum Hochdeutschen, wie man es nannte, zu stempeln sich unterfing, und in dem beständigen Reinwaschen und Abfeilen dieses Dialekts das ganze Kulturgeschäft der Sprache finden wollte! Es ist in Italien nicht wahr, daß mit der Pflege der toskanischen Mundart nunmehr alles getan sei, was für die Sprache jenes herrlichen Landes getan werden könne, obgleich Florenz einen ganz anderen Beruf zur Gesetzgeberin der Sprache für Italien, als Meißen oder Thüringen für Deutschland, nachweisen könnte. In Florenz und den Nachbarstädten ist wirklich zu mehrerenmalen alles Große und Bedeutende zusammengeströmt, was der Boden Italiens erzeugte; es lag inmitten der Kraft, des Reichtums, ja ich möchte hinzusetzen, der Schicksale dieses Landes. Aber auch dort geht der höhere Geist und das Lebensprinzip der Sprache verloren, wenn man den Lauf der Lebenskräfte hemmen wollte, die von allen Grenzen und Küsten des Landes unaufhörlich nach dem Mittelpunkt einströmen müssen. Was wäre Reinheit und Glätte ohne Kraft; was wäre Schönheit der Form ohne Charakter? und wie erhalten wir die Kraft und den Charakter der Sprache, als indem wir die einsamsten Bergtäler, die entlegensten Küsten, und alle die Stellen, auf denen sich der Mensch mit seiner Stimme der Natur gemäß ausdrückt, unaufhörlich einwirken lassen auf den Mittelpunkt; indem wir die Bildung unaufhörlich anfrischen lassen durch die Unschuld. – Man denkt sich das Geschäft der Läuterung und Kultur einer Sprache so leicht, weil man das heilige Wesen der Sprache vergißt! Ist es denn bloß Unart des Österreichers, daß er nicht hochdeutsch, oder des Neapolitaners, daß er nicht toskanisch spricht? Hat denn nicht jede Provinz eines Landes ihre sehr vollwichtigen Gründe, wenn sie die Töne so anders formt? Kann es denn der Schweizer ändern, nach Willkür ändern, wenn ihn die breiten, rauhen Töne der Landsleute im Gebirg, und der Ausdruck in den vaterländischen Chroniken mehr anspricht als jene sächsische Buchsprache, die, was das ärgste ist, eigentlich nur geschrieben, nie ausgesprochen worden ist? – Ich habe mich seit vielen Jahren um die deutsche Aussprache bekümmert, aber noch heut weiß ich keinen Ort in Deutschland anzugeben, wo die Sprache gut gesprochen würde oder nur besser als anderswo. Ich habe wohl Personen angetroffen, von denen in Schwaben, in Franken, in Sachsen, an der Mündung der Elbe wie in Österreich gesagt werden würde: sie sprechen gut. Aber kein Ort hat dieses Privilegium für sich. Die Örter sind, was die Sprache angeht, gleich gut: sie müssen echt republikanisch alle gelten, sie müssen alle ihre Stimme hergeben, wenn ein guter deutscher Sprecher werden soll, – und so habe ich auch immer gefunden, daß die, welche gut sprachen, an recht verschiedenartigen Stellen von Deutschland gelebt und gesprochen hatten. Sie hatten unter der Rauhigkeit der Gebirgstöne, und unter den weichen, platten Klängen, die das deutsche Niederland spricht, in Städten und auf dem Lande, an den südwestlichen Grenzen, wo die romanischen Sprachen, und an den nordöstlichen, wo die slawischen Sprachen Deutschland berühren – kurz sie hatten aus den verschiedenartigsten Dialekten sich das eigentlich Deutsche herausgehört, herausgefühlt. Wenn nun was sie herausgehört hätten, niedergeschrieben würde, so wäre es freilich für heute und morgen das beste Deutsch, das reichste, edelste, und im höheren Sinne des Worts gebildetste Deutsch. Aber auch für die Folge der Jahre? – Gewiß nicht. Ein Wörterbuch, aus lauter solchen guten und lebendigen Sprechern abgezogen, kann keine gesetzgebende Kraft erlangen in einem Volke, das innerlich frei ist. Besser ist es, daß solche gebildete Sprache wieder zurückströmt in die Dialekte, sich wieder unaufhörlich erfrischt in dem Bade der Natur, daß, was Mühe, Fleiß und Geschick erreicht haben, sich immer wieder anschließe an jene alte Naturstimme der Gebirge und Täler; daß dieses echte und lebendige Hochdeutsch sich beständig wieder nicht auf unedle Weise vermische, aber – vermähle mit den Dialekten. Also kein Wörterbuch, auch keine Hauptstadt, die nur den Wahn nähren kann, als gebe es in Sprachangelegenheiten einen privilegierten Ort, keine Akademie, deren ganze Kunst doch nur im Waschen, Feilen, Absondern der Sprache, in der Verordnung einer strengen Diät für dieselbe, im Bewirken einer künstlichen Magerkeit bestehen würde – kann helfen. Es muß gesprochen werden, man muß reisen für die Sprache, man muß ihre Dialekte hören lernen, aus der österreichischen, schweizerischen, fränkischen, niedersächsischen Mundart das Deutsche herausfühlen lernen: Die größten Autoren und Sprecher der deutschen Sprache, Goethe, Schiller, Herder, Johann Müller, Gentz usw. verdanken einen großen Teil ihrer Sprachkraft dem Umstande, daß sie umhergelebt haben in Deutschland oder aus dem Norden in den Süden, aus dem Westen in den Osten verpflanzt worden sind. – Wie müßte grade unsre Sprache mit ihrem Reichtum, mit allen tausendfältigen Sitten und Lebensweisen, die sie jetzt einzeln ausdrückt, ergötzen können, wenn sie nur zwanzig Jahre hindurch ordentlich ineinander gesprochen wäre; wenn die naive Roheit der Naturtöne und Dialekte nicht weiter getrennt wäre von der gebildeten Flachheit der hochdeutschen Buchsprache, und nun durch jede Reihe von Tönen in dieser so veredelten dritten, mittleren Sprache Deutschland hindurchklänge, während es doch nur immer Paris ist, das unaufhörlich in Eine Hauptstadt zusammenstrebende Frankreich, welches man durch die französische Sprache hindurchhört. – So wäre Deutschland, wenn es spräche: wie aber die Umstände jetzt stehn, so spricht es nicht, hört nicht, sondern schreibt und liest. Ich habe meine Seele gerettet, indem ich gesagt habe was uns fehlt und wie es sein sollte: jetzt muß ich mich allerdings einlassen auf das was ist, also auf das Schreiben, auf die Beschreibsamkeit unsrer Nation, da von ihrer Beredsamkeit dermalen nicht viel zu rühmen ist. – Was ich von unsern hochdeutschen korrekten Schriftstellern denke, die sich schon vor dreißig Jahren untereinander zu klassischen Autoren ernannten, die Literatur in allgemeinen deutschen Bibliotheken und gelehrten Zeitungen zu regieren unternahmen, und ihr Zusammentreffen frischweg, und ohne die eigentliche Nation weiter zu fragen, für das goldne Zeitalter der Literatur erklärten, habe ich hinlänglich angezeigt. Wenn wir aber auf die eigentlichen Schriftsteller der Nation sehn, so werden wir genötigt, sowohl bei uns, als auch bei unsern Nachbarn und in der Literatur überhaupt, zwei sehr verschiedene Formen der Beredsamkeit zu unterscheiden. Ich muß mich der Deutlichkeit wegen auf einen Autor beziehn, der beide Formen in sich vereinigt, auf Goethe. Vergleichen Sie die Beredsamkeit im Werther und im Wilhelm Meister; Sie werden eine große Verschiedenheit wahrnehmen: es ist ein gewisser Kothurn, eine edle Getragenheit in der Schreibart des Werther, während der Meister, wie das antike Lustspiel, nur auf Socken zu gehen scheint: an Anmut, Lieblichkeit, Beweglichkeit wird W. Meister den Preis davontragen; an Würde, Anstand, einer gewissen allgegenwärtigen Fülle der Brust wird jener Roman mit dem Werther nicht zu vergleichen sein. Dabei ist freilich nicht zu übersehn, daß der Verfasser des Werther etwas zu tief in dem Ernste des Lebens befangen ist, der Verfasser des Meister hingegen sich etwas zu mutwillig spielend über das Leben erhoben hat; daß jener etwas berauscht unter, dieser etwas allzunüchtern über dem Niveau des ruhigen Lebens steht; daß der Verfasser des Werther etwas zu tief im Rätsel des Lebens verstrickt ist, während der Verfasser des Meister etwas zu keck dem Schicksale seine Netze nachzustricken unternimmt. Es ist nicht zu übersehn, daß Goethe im Werther vielmehr Redner als Dichter ist, obwohl er die Gegenpartei seines Helden und seiner Liebe etwas unrhetorisch in den Schatten stellt, und Albert und die Gesellschaft von Regensburg und die Gesetze der bürgerlichen Ordnung, und alles was in die Schwärmereien des Helden einzugehen strebt, etwas hart behandelt; nicht zu übersehen, daß Goethe im Meister vielmehr Dichter als Redner ist. Aber wir wollen absehn von der Gesinnung des Dichters. Mir scheint es, daß in der Schreibart des Werther und des W. Meister ein Unterschied sei, wie zwischen J. J. Rousseau und Diderot: niemand wird denselben Kothurn, dieselbe Getragenheit und gehaltene Würde im Rousseau wie im Werther, dagegen etwas dem W. Meister nahe Verwandtes, Gefälliges, Leichtes, Bewegliches, Belustigendes in der Schreibart des Diderot verkennen. Man muß Deutscher sein, um die Schreibart des Meister, Franzose, um die Schreibart des Diderot zu empfinden und zu würdigen: indes jeder gebildete Bürger unsers Weltteils empfänglich ist für Werther und Rousseau, und eines wahren Urteils darüber fähig. Diesen wichtigen Unterschied drücken wir folgendergestalt aus: es gibt zweierlei Federn, die eine Feder, welche sich geflügelt bequemt in allen Wechsel der Zeiten und Gestalten, welche ohne sich grade zu verwandeln, nach Art des Proteus, dennoch nach Maßgabe des Gegenstandes ernst, leicht, außerordentlich, gewöhnlich, tief und oberflächlich, kurz in gewissem Sinne alles das wird was sie darstellt – diese Feder waltet im W. Meister und im Diderot: die andre Feder, die vielmehr wie ein eiserner Stift, wie der stilus der Alten geführt wird, der ewige Gefühle und Gedanken, vor allen Dingen aber die ernsthafte Gesinnung des Autors eingraben soll, wie in Wachs oder in Holz und Stein für die Ewigkeit. Wenn die geflügelte Feder vielmehr ihr Gesetz erhält von den Dingen, den Umständen, von der Natur, also vom Auge des Menschen, so ist es vielmehr die Gesinnung, es ist das Herz , welches die Hand führt, die mit jener zweiten eisernen Feder schreibt. – Lassen wir Rousseau, Diderot und Goethe, und wählen wir zu unserm Verständnis noch höhere Beispiele: wer erinnert sich nicht jener Feder, die am Schlusse des unübertrefflichsten aller Romane, des Don Quixote, von dem Autor selbst im Bewußtsein des Gelingens zum Andenken aufgehängt wird; wie eine glorreich geführte Waffe, wie das Schwert, welches der Autor in der Schlacht bei Lepanto trug; kann ich unter meiner geflügelten Feder eine andre gemeint haben als diese, eine geringere als diese; gibt es eine Laune in der Natur, gibt es in dem unendlichen Helldunkel des Lebens irgendeine Schattierung, kann ein menschliches Angesicht in allen seinen Verwandlungen eine Rührung ausdrücken, gibt es eine Temperatur, die das menschliche Herz überhaupt zu ertragen imstande wäre, von dem Fieberfrost bis zur höchsten Glut der Leidenschaft – welche diese Feder nicht wiederzugeben imstande wäre? Und doch wiederholt diese Feder nie die Natur, doch erhalten wir nicht das draußen in den Dingen Befindliche bloß zum zweiten Male zurück; wir erhalten es wirklich aus der zweiten Hand, mit jener ganz anderen tieferen Verständlichkeit, welche die Welt annimmt, wenn wir sie widerstrahlen sehn aus der Seele des Künstlers. Das Kind sucht die Sonne: aber die Sonne blendet; das Kind gewöhnt sich die beleuchtete Natur zu betrachten, aber das unmittelbare Licht der Sonne zu vermeiden. Aber auch die Natur blendet, sie blendet und zerstreut, wenn man sie zu lange betrachtet; wir brauchen einen zweiten, milderen Reflex, und zuletzt wenden wir uns an den Menschen, den der Strahl der Natur erleuchtet, wie der Strahl der Sonne die Natur, d. h. an den Künstler; von diesem nun empfangen wir alles zurück verständlich, klar, in der gehörigen Milde und Besänftigung, ohne Blendung, ohne Zerstreuung. Das ist – ich muß es noch einmal wiederholen, was Milton so zart und schön die Eva bitten läßt, als ihr Jehovah die Sprache lehren will: sie bittet, daß sie von Adam lernen dürfe, weil sie ihn besser verstehe. – Diese durch Künstlerhand vermenschlichte Welt drückt sich in den Gedanken, in Bildern, in den lebendigen Worten zumal höchst vernehmlich aus, aber selbst die stumme Feder kann durch ihre scheinbar so einförmigen Bewegungen das ausdrücken, was ich beschrieben; sie kann es – denn wir haben den Cervantes. Aber Cervantes vermöchte es nicht allein durch die Feder: daß auch durch die Hand ein Gott reden könne, das eigentlich wissen wir vom Cervantes; auch die geflügelte Feder muß von einer heiligen Gesinnung geführt werden, wenn sie das Größte verrichten soll, obwohl die Gesinnung selbst nicht herauszutreten braucht. – Betreffend die andre, die ich die eiserne Feder nannte, so könnte ich Bossuet, ich könnte Machiavelli zitieren; lassen Sie mich indes zurückkehren zu dem, der meinem Herzen, meiner Neigung und aller unserer Sorge am nächsten steht, zu Burke. Die Betrachtungen über die französische Revolution, die man deutsch lesen kann oder englisch, weil die meisterhafte Übersetzung oft zweifelhaft läßt, wem dieses große Werk mehr angehöre, der deutschen Gesinnung oder der britischen Beredsamkeit, – geben sehr deutlich zu erkennen, was ich die eiserne Feder nenne. Das alte Bild vom Strome gilt insbesondre von dieser Gattung der Schreibart; während die geflügelte Schreibart sich um alle Formen, von allen Seiten her anschmiegt wie die Luft, wie sie eindringt tief in den Stoff, und nach Willkür ihren eignen Zustand, ihr Wetter verändert, so strömt ewig sich selbst gleich, gleich klar und gleich tief, nach einer Richtung, von einer erhabenen Seite her, wie das Wasser eines Flusses, die andre Schreibart. Es ist in aller Flüssigkeit der Sprache doch eine gewisse, eiserne Richtung darin, die wie ein Pfeil nach bestimmtem Ziele läuft. Ich wünschte recht verstanden zu werden: ich meine nicht bloß in den Gedanken und in der Gesinnung, wovon ich hier nicht spreche, sondern Wort, Ausdruck, alles was die Feder gibt, ist gerichtet nach einer bestimmten Seite hin; es steht und läuft, wie in Schlachtordnung, dem bestimmten Feinde entgegen; während in der geflügelten Schreibart die Worte sich nach allen Seiten dehnen und biegen und wiegen, frei und spielend gruppieren. Alle Bewegungen der Natur finden sich in der Schreibart des Cervantes wieder, während die des Burke in einer gewissen erhabenen Einförmigkeit hier schäumt und braust, dort mit ruhiger Gewalt fortdringt, und die Gestirne des Himmels milder zurückstrahlt, immer aber deutlich einen gewissen sanftharmonischen Wellenschlag vernehmen läßt. – Lassen Sie uns von den erhabensten Beispielen zu den nächsten zurückkehren: ist nicht jene geflügelte Feder grade der Reiz aller Schriften, welche von weiblichen Händen herrühren; was bezaubert in den Briefen der Madame de Sevigné als dieses leise, zärtliche und doch so empfindliche, schmeichelnde und doch so ernste Berühren aller Verhältnisse des Lebens: es ist eine anscheinend beschränkte Welt in der sich diese Frau bewegt, es sind die Geheimnisse, es sind die Labyrinthe des Herzens, und dann wieder die vielfältigen Kollisionen des Herzens mit der Welt und mit der Gesellschaft, aber wie biegsam legt sich diese Feder um alle Formen des Lebens her; die Schrift atmet ; wie leicht bewegte Lüfte spielen die Worte durcheinander. Ebenso die Briefe der Lady Montague: in den deutlichsten Umrissen, wie durch eine recht klare südliche Luft angesehn, erscheinen alle Gegenstände, an denen ihre wunderbare Reise vorüberführt. – Daher ist es den Frauen auch so natürlich, daß sie das eigentlich zwecklose Briefschreiben, das Hin- und Herübertragen stiller Weltanschauungen und jeder Erfahrung des Herzens lieben, während doch die meisten Männer nicht ohne einen tüchtigen Grund die Feder zum Briefe ansetzen: es muß etwas bewegt, von seiner Stelle gebracht, erlangt, erprozessiert werden können, wenn ein männlicher Brief abgehn soll. – Werden wir nicht auch im Laufe unserer Untersuchungen über diese wichtige Distinktion der beiden Hauptgattungen der Schreibart zurückgedrängt auf das, was ich Ihnen als Schema aller menschlichen Distinktionen überhaupt aufführte: kann ich für den beschwerlichen Ausdruck: geflügelte Feder, einen bezeichnenderen Namen finden, als weibliche Feder, und für die eiserne Feder einen besseren, als männliche Feder. Liegt nicht in der ganzen männlichen Bestimmung dieses Gerichtetsein in jedem Momente nach einem bestimmten Zweck, mit allen Gedanken, mit allen Fertigkeiten und allen Neigungen der Seele, während das weibliche Dasein auf einen engen Raum beschränkt, pflanzenartig, möchte ich sagen, nach allen Seiten hinauswächst, sich sanft beugt unter den Stürmen des Elements, in welchem es lebt, sich nach allen Seiten hinbeugt, nicht unmittelbar eingreift in das Treiben der übrigen Wesen, aber Blüten und Früchte und Duft im leisen Gange der Jahreszeiten bringt und gibt. – Dies ist genau die Empfindung, welche unter allem Getümmel des reichsten, buntesten Lebens Cervantes zurückläßt, am Ende, da wo er die Feder aufhängt neben den Waffen. – Es ist das Weibliche, sagen wir es nur gleich gradheraus, das Charakteristisch-Poetische in der Schreibart des Cervantes, welches den ausgebildeten Mann so anzieht, indes die Frauen, wenn sie ihrer Neigung natürlich folgen, obwohl sie selbst mit der geflügelten Feder schreiben, doch die strengere prosaische Feder lieber lesen werden. Hundert Frauen, die lieber die Clarissa, die Heloise, und den Werther, gegen eine, die lieber den Meister oder den Don Quixote liest. – Wir hätten also wieder das Gebiet der Poesie berührt; auch die Schreibart des Don Quixote oder des W. Meister gehört so wenig als der Gehalt, als der Gedanke dieser Werke in das Gebiet der Beredsamkeit, und wir fänden uns zuletzt beschränkt auf ein durch und durch männliches, ernstes und gleichförmiges Wesen, wir fänden uns hinausgedrängt aus dem Gebiete der freien Phantasie in das bürgerliche und öffentliche Leben, in den Tumult des Markts und der Ekklesie. Wir mußten um der Gerechtigkeit willen, die unser höchstes Gesetz ist, die beiden Gattungen der Schreibart sondern: denn wie viele Ungerechtigkeit begangen worden, da man einerseits von dem Ideal einer gewissen gleichförmigen klassischen Schreibart ausgehend, die romantischen Spiele der poetischen Feder nicht für wahre Kunst der Rede und für Stil hat gelten lassen wollen; und andrerseits den Ernst des praktischen Lebens, wie er sich in den schriftlichen Verhandlungen der Bürger und der Völker und der Wissenschaften ausdrückte, neben der poetischen Feder überhaupt für keine Feder anerkennen wollte. – Auf einer sonderbaren Schwelle zwischen beiden Gattungen, obwohl er den Kothurn, von dem ich sprach, eigentlich nie abgelegt hat, sooft er auch Form und Richtung seines Geistes zu ändern schien, stand ein großer, uns erst vor kurzem entrissener Landsmann, Johannes von Müller . Er gehört der Beredsamkeit an, er hat in jedem Augenblick seines Lebens männlich nach bestimmten Zwecken gestrebt, aber eine gewisse poetische Empfänglichkeit vermochte ihn so oft sein Ziel zu wechseln, daß er mitunter den falschen Schein eines Dichters von sich gibt, so sehr die tüchtige Natur solchem Scheine, wie aller Lüge überhaupt, auch innerlich widerstrebte. Es hat sich nicht leicht solch eine Masse – nicht etwa von Kenntnissen, dieser Begriff wäre zu trocken und zu kalt für die Lebenswärme, für die Begeisterung, womit dieser Mann wußte was er wußte – aber von Bildern des Lebens in eine menschliche Seele zusammengedrängt als in ihm. Nicht leicht hat bei einer gewissen Unempfänglichkeit für die Dichter selbst, die ihm eigen war, ein Redner so den Buchstaben der Vorzeit zu beleben, zu ergänzen gewußt als er, nicht leicht hat ein menschliches Ohr die Stimmen des Altertums so zu unterscheiden gewußt als das seinige. Ich möchte ihn einen Geisterbeschwörer nennen, wie Burke einen Geisterseher der Vorzeit: mit gewissen Formeln von Ruhm, von Freundschaft, von Freiheit, mit einem beständigen Schlachten- und Waffenruf hatte ihn in früher Jugend das Studium der Geschichte angesprochen, gereizt, und leider für sein ganzes Leben bezaubert; mit diesen Formeln, die er nicht ohne eine gewisse Weihe aussprach, lockte er selbst wieder und beschwor die Geister der Vorzeit: es war bei ihm ein Werk mühseliger Arbeit, was bei Burke natürliche Verfassung der Seele; daher wußte Burke die Geister zu rufen und zu entlassen, während Müller sie heranbeschwor, in immer dichteren Massen um sich her versammelte, bis er zuletzt in dem Gedränge sich selbst verlor. Burke erschienen sie als Geister gewissermaßen verklärt: dem Johann Müller in einer gewissen ungebührlichen Deutlichkeit, mit einem Schein des gemeinen Lebens und in dessen Farben und Art, so daß sie selbst Platz einnahmen, und die Welt und das Zeitalter verwirrten, worin Müller stand, und wohin sie nicht gehörten. Der treffliche Mann nannte sein Studium der Geschichte ein Wandeln durch die Jahrhunderte, und meinte, ihm stehe nach Belieben die Rückkehr frei in seine Heimat, und fühlte nicht wie er verwirrt wurde durch die zu große Klarheit seines Seelenauges; er zog die Umrisse der einzelnen Gestalten so streng, er wohnte sich, ich möchte sagen, auf jeder Herberge seiner Weltumwanderung gleich so ein, daß er nur mit Schmerz sich davon loszureißen vermochte. So ward sein ganzes Leben eine ununterbrochene Kette heftig ergriffener Freundschaften und bittrer Trennungen; ungebührlicher Hoffnungen und unzeitiger Verzweiflungen. Außer einem Herzen, das wo er stand gleich Wurzel schlug, und einen Bau anfing wie für ferne Jahrhunderte nach ihm, hatte die Natur ihm das unglückliche Geschenk einer geflügelten Einbildungskraft gegeben, die ihn allzu leicht von einem Lande in das andre, von einem Jahrhundert in das andre trug. Eine Eigenschaft demnach, die ich vom Redner begehrte, besaß er im Übermaß: das Eingehen in die entgegengesetzte Partei. Dieser Wortredner seines Jahrhunderts mit seinem göttlichen Talent für die Sprache konnte keine große Sache, keinen großen Prozeß führen, weil er die Gegenpartei allzu heftig auffaßte, weil er allzu tief einging in das Bedürfnis und in die Situation des Gegners. Daher seine Unbefangenheit, sein Befremden, wenn man ihm vorwarf, daß er seine Partei verlasse: Freund und Feind waren in seiner Seele beides treffliche Leute; es gab im Grunde keinen Streit zwischen ihnen, denn sie hatten beide auf gleiche Weise seine Einbildungskraft entzündet und bestochen, und so erscheint er am Rande seines Lebens auf der Seite, gegen die das ganze Wirken der schöneren Hälfte seines Lebens gerichtet war, und es begleitet ihn nichts in den Tod als der rührende Glaube an jenes Wesen, für welches er in seinem reichen Leben keinen andern Namen gefunden hatte, als den unvollständigen Namen der Freundschaft. Er hatte in allen das Leben, wenigstens den Schlag des Herzens, wenn auch nicht das höhere Leben empfunden, wie sollte er nicht mit dem Glauben sterben, daß sie sich dereinst untereinander empfinden würden wenn auch seine schöne Seele blutete, daß er sie in der Entzweiung zurückließ, und daß ihm nicht vergönnt war, mit den Herren der Erde Hand in Hand zu wandeln, oder sich mit ihnen auf der Sonnenwolke des Ruhms zu erheben über die Erde. – Ein großes lehrreiches Beispiel für uns an dieser Stelle unsrer Betrachtungen. Wir haben die Beredsamkeit streng geschieden von der Poesie, wir haben ihr die Flügel genommen, welche wegtragen über Länder, Meere und Zeiten, wir haben sie in die Gegenwart gebannt, auf den Ernst des Lebens, auf bürgerliche Taten beschränkt: die Beredsamkeit konnte nicht erkennen was sie sei ohne die Poesie, wie der Mann erst im Umgang der Frauen erkennt was er sei. Wir mußten die hergebrachten Theorien der Beredsamkeit verwerfen, weil sie die Beredsamkeit für sich betrachten, absondern von ihrem Gegenteil, lostrennen aus dem Verhältnis zur Poesie. Aber noch lebendiger als diese tote und kalte Theorie zeigte es das Schicksal des großen Rednertalentes bei Johann Müller: er kannte, er verstand das Eigentümliche der Poesie nicht. Hören Sie ihn reden von Homer, den er bewundert; er greift ihn auf nicht wie einen Dichter, sondern wie einen Redner, mit bestimmten Zwecken der Belehrung, der politischen Begeisterung; das weibliche, in sich selbst geheimnisvolle Wesen der Poesie, die Unabhängigkeit ihrer Erzeugnisse versteht er nicht. Ich wüßte das ganze Problem, das Rätsel seines Charakters, seine reiche Armut, seine zaghafte Entschlossenheit, das eilige Verfliegen seiner Begeisterungen, die weichliche Härte seines Stils, seine treulose Treue, und vor allen den Mangel des Geschmacks selbst in seinen vortrefflichsten Werken nicht anders zu erklären. Die Satzungen der Völker interessieren ihn viel mehr als ihre Sitten: nur die Dichtkunst öffnet den Blick in das geheime Hauswesen der Völker, wovon die Geschichten Johannes von Müllers eigentlich keine Kunde geben. – So viel über die Gebrechen eines großen Mannes: zu unserm Verständnis war ein deutliches Bild dessen, was er gewesen, auch eine Zerlegung seiner Natur notwendig. Dieses nicht ohne Rührung vollbrachte Geschäft, unter welchem wir alle die in früheren Stunden entworfenen Züge des echten Redners zuzammenzufassen strebten, erinnert uns, nun zu sagen, daß er sein Leben hindurch unter allen Irrtümern das Allerhöchste gewollt, und auch in vielen großen Augenblicken seines tatenreichen Lebens die Nähe des Göttlichen empfunden hat. Es war etwas Prometheisches in ihm: er trug das Feuer des Himmels in seiner Brust, aber die Züge des Göttlichen selbst zu schauen, war ihm versagt; die Kriegeslust der irdischen Mächte kannte und verstand er, aber das Wehen ihres Friedens hat seine unruhige Seele eigentlich nie gekühlt. Weil er der Natur selbst ins Antlitz sah, so blendete sie ihn auf allen Wegen: beruhigen kann sie nur, ich wiederhole es, wenn sie widerstrahlt aus der Seele des Künstlers, des Dichters. Burkes gesellschaftliches Leben war geteilt zwischen den Künstlern und den Rednern seines Vaterlandes: kein neuerer Engländer hat den Shakespeare und die Dichter des Altertums verstanden wie er. VIII. Von dem moralischen Charakter des Redners und der geistlichen Beredsamkeit Die Alten waren des festen Glaubens, nur der gerechte und rechtschaffene Mann könne ein großer Redner sein: vir bonus, ein guter Mann, sagt Quintilian. Worin besteht die Güte des Mannes, als darin, daß er sich gering achtet neben dem Guten, also in dem Glauben an, in dem Leben für ein höheres Gut. Hätte er kein höheres Gut, als sich selbst, so müßte er alles, was ihm widerstrebte, für verwerflich und schlecht halten; er könnte nicht eingehen in die Güte, in die Seele seines Gegenteils; er könnte sich selbst nicht anklagen, also überhaupt nicht sprechen, sich nicht verteidigen; er könnte nur unterwerfen, aber nicht erheben, nur strafen, aber nicht versöhnen. Die gewaltigste Wendung der Rede, die größte, stolzeste Empfindung des Herzens fehlte ihm, nämlich die freie Demütigung vor dem Höhern. Als nach dreißigjähriger unbezahlter Heldenarbeit in den Staatssachen von England Burke von der Gnade seines Königs für sich und seine Witwe einen Jahrgehalt empfing – es war wenige Jahre, nachdem er alle Verbindungen seines Herzens England, wie neulich beschrieben, zum Opfer gebracht, und sich mit seinen Ahndungen, seinen Sorgen, und mit den großen Schatten der Vorzeit zurückgezogen hatte, erst in den Hintergrund des Parlaments, dann in die Einsamkeit von Beaconsfield, und er nun allein war – wenn man so sagen darf; es war wenige Tage, nachdem der Tod die größte irdische Hoffnung seines Lebens, seinen einzigen Sohn hinweggenommen, und der große Mann nun daniederlag, wie er sich selbst ausdrückte, – wie eine von jenen alten, morschen Eichen, die der letzte Orkan zu Boden gestreckt hatte vor seiner ländlichen Wohnung – als diese finstren Tage seines Lebens für einen Augenblick erhellt worden waren, mehr dadurch, daß sein königlicher Herr sich seiner in seinem Unglücke hatte erinnern wollen, als durch die freilich sehr notwendige häusliche Erleichterung – da erhoben sich im Parlamente von England, wohlzumerken in der Abwesenheit Burkes, der forthin auf diesem Schauplatz seiner ehemaligen Größe nicht mehr erschien, also in der Abwesenheit des Angeklagten – Mylords von Bedford und Lauderdale, klagend über die königliche Verschwendung, den Mißbrauch der Staatsgelder, und daß nun der eigentliche Grund der Abtrünnigkeit Burkes von seinen Freunden und von der alten Sache der Freiheit gefunden sei. – Der Herzog von Bedford ist bekanntlich durch die Gnade der Vorfahren Sr. Britischen Majestät der reichste Pair von England; der Graf Lauderdale andrerseits ist einer der gelehrtesten Staatswirte jenes Landes, der folglich über die gerechte Verwendung der öffentlichen Gelder eine Stimme haben mußte. Ein gehöriges Gefühl der Indignation, wie zu erwarten stand, äußerte sich diesmal nicht unter den anwesenden Mitgliedern; die Minister rechtfertigten mit einiger Kälte die königliche Gnade: auch werden selten im englischen Parlament viele Worte verloren über die Angelegenheiten einzelner Personen, nur Burke durfte es wagen, wie wir gesehn, über sich selbst zu sprechen, eben weil, wenn er selbst sprach, fast nicht zu unterscheiden war, was in ihm Burke sei, und was England. So war der Stand der Sachen: die Beleidigung zu groß, die Art der Wunde, eben weil die häuslichen Verhältnisse, weil das ehrenwerte Geheimnis einer rechtschaffenen bürgerlichen Haushaltung angegriffen wurde, zu schmerzlich, als daß Burke hätte schweigen können. Er hat geantwortet, er hat sich verteidigt: diesmal schriftlich, von seiner ländlichen Wohnung aus; keine Silbe ist verloren gegangen; dieses heilige Testament seines Geistes, diese kurze Geschichte einer großen Seele, die an doppelter Verletzung hier des Schicksals, dort der eignen Freunde seines Lebens blutete, die, aufgefordert an sich selbst zu denken, von der Güte, von dem Verdienst des eignen Charakters zu sprechen, mit einer gewissen natürlichen, leisen Ungerechtigkeit des Schmerzes anhebt, mit ihrem Doppelschmerz vor unsern Augen kämpft, aber alles überwindet, und zu dem Grundgedanken ihres Wesens, zu dem was größer ist als die eigne Güte, und mächtiger als aller eigne Schmerz, und als alle Feinde, zu der Idee des Vaterlandes zurückkehrt – liegt in allen ihren Zügen vor uns. – Es ist als wenn in diesem Briefe an die Lords von Bedford und Lauderdale, einem der letzten Werke des großen und guten Mannes, sich die irdische Beredsamkeit und die göttliche, jene, die auf der Selbstheit, auf der Leidenschaft beruht, diese, welche aus der Güte und der Gerechtigkeit kommt, sich um den Besitz dieses gewaltigen, dieses goldnen Mundes stritten. Burke war diesmal in einer Lage, wo es Pflicht ist an sich selbst zu denken, sich selbst zu loben; seine Persönlichkeit war in ihren Grundfesten angegriffen: in solchem Schmerz und bei solcher Beleidigung ziemt es sich, nichts anderes zu sein als Mensch; wenn irgendwo, so schickte es sich diesmal, an nichts anderes zu denken, als an sich selbst. Aber wenn er im Anfange dieses Briefes dem Herzoge von Bedford mit gleichen Waffen vergilt, wenn er ihn auf den Stammbaum seiner Familie und seines Reichtums zurückführt, wenn er ihm zeigt wie die Krone von England ihm auf alle nachkommende Generationen schon vorausbezahlt habe, während sie hier nur nachbezahle, dreißigjährige Arbeiten vergelte, überhaupt im ganzen ersten Teil dieses Werkes fühlen wir, daß Burke den Gegner niederwirft, aber wir sehen den großen Redner noch nicht: wir werden mehr bewegt als erhoben, mehr gepreßt als überwunden. – Auch er, wenn er sein arbeitsvolles Leben erwogen, und seinen Sohn betrachtet, habe in aufgeweckten Stunden gehofft eine Art von Familienstifter zu werden in seiner Weise, eine Art von Stammbaum zu eröffnen, seinen Enkeln die Bahn zu ebnen, ihnen einen Namen mitzugeben, dessen die Nation noch spät sich erinnern würde, und vielleicht den Nachkommenden vergelten würde die uneigennützige Vorarbeit des Ahnherrn. Aber eine höhere Macht, vor deren dunklen Beschlüssen das leichte, flatternde Wesen unsrer Wünsche wie ein Traum verfliegt, hatte anders verordnet, fährt er fort: bei mir ist die Ordnung der Dinge umgekehrt, die nach mir kommen sollten, sind vorangegangen, die mich wie ihren Ahnherrn verehren sollten, nach denen, in den Wohnungen des Friedens muß ich, gemarterter Greis, sehnsüchtig hinaufschaun wie nach meinem Ahnherrn. Meinen Nachkommen ist nichts zu vergelten, denn ich habe keine mehr: man muß mich selbst bezahlen, die letzten Tage meines Lebens erleichtern, wenn man mir danken will; man tut es reichlich, vielleicht gegen die Grundsätze eurer Staatswirtschaft, aber gewiß nicht gegen die natürliche Ordnung der bürgerlichen Dinge, reichlich, da ich ja viel gearbeitet, und nur kurze Zeit und unter Tränen genießen kann. Ist dies die Sprache gegen meinen königlichen Herrn? unterbricht er sich, – gegen England? dieses Geschwätz von Verdienst, von Bezahlung, von Vergeltung? nichts habe ich getan, alles ist Gnade, keine Rechnung ist abzuschließen, ich bin der Schuldner, das Vaterland hat von mir zu fordern, ich bin ihm noch die Tage schuldig, die ich zu leben habe, die letzten hinsinkenden Kräfte, die letzten Funken dieses verlöschenden Geistes gehören ihm. Aber das ist die alte Doppelsprache des gebrechlichen Herzens des Menschen: warum soll es jenem frommen Patriarchen der Geduld, dem Hiob anstehn zu schreien über den Schmerz, sich zu widersetzen dem Feinde und der Freundschaft kalter Trostsprecher bei aller Demütigung unter die Ratschlüsse Gottes – und nicht mir. Anders ist die Sprache gegen den Feind, anders gegen meinen königlichen Wohltäter und England! – Wenn ich von Verdienst rede, so gilt das dem Herzog von Bedford und nicht England: denn um ihn habe ich es verdient, grade um ihn, der bei geringen Verdiensten und unermeßlichen Belohnungen sich wärmt, und wächst und immerfort gedeiht am Strahle dieser Sonne der Gerechtigkeit, dieser Verfassung, die ich habe verteidigen und retten helfen. Es ist die besondre Eigenheit dieser Verfassung, daß beide bestehen durch sie, der müßige Besitzer uralter Rechte, und der schweißbedeckte Arbeiter mit dem sorgenvollen Erwerbe dieser Stunde, daß wir beide bestehn durch sie, er, ein sehr junger Mann mit alten Pensionen, ich, ein alter Mann mit sehr jungen Pensionen. Grade diese Eigenheit der Verfassung habe ich verteidigt; für seine Meiereien habe ich gesprochen, und für seine Äcker; und gegen die Revolution, die in der Seele ihrer unschuldigsten Freunde ja nur den einen Zweck hat, Arbeit und Verdienst allein zu erheben, und die müßigen Besitzer zu verdrängen. Wer hat denn die Rechte des Herzogs von Bedford verteidigt, als ich? – Nun verschwindet der Herzog von Bedford – und Burke sich selbst – vor den höheren Gegenständen, die sich aufdrängen, vor den Gefahren, die England bedrohen und die Verfassung; dieses Zion, wie er sie nennt: templum in modum arcis, diesen Tempel in Gestalt einer Burg: Gegenstände, sagt er, gegen die er, und sein Schmerz, und seine Feinde, und selbst der Herzog von Bedford mit allen seinen Feldern, und Schlössern, und Reichtümern viel zu gering seien. Es ist eine gewisse Region der Tugend, sage ich, eine gewisse Bergesluft der Gerechtigkeit, worin der große Redner atmen muß, wenn die eigentliche Rede beginnen soll: diese Rede kommt, diese Region hat Burke erreicht, er hat sich hindurchgearbeitet durch die Zuckungen des Schmerzes, durch das Gedränge seines Kummers, durch die Angriffe der Persönlichkeit: die Notwehr, die mehr schlagen muß als sprechen, weil sie keine Zeit hat zum sprechen, ist zu Ende an der Stelle dieser göttlichen Rede wo ich sie abbreche, weil sie selbst vorliegt, und für sich selbst besser sprechen wird, als ich in der Beschreibung vermöchte. Ich höre den Ton, worin sie gesprochen wurde, als der große Mann sie niederschrieb, weil ich manche Zeit meines Lebens damit zugebracht habe, nachzuempfinden, wenn es möglich wäre, wie ihm zu Mute gewesen: ich habe den Ton zu beschreiben unternommen, in welchem diese Rede gelesen werden muß, und die leidensvolle, dunkle Stimmung des Gemüts, aus welcher dieser Sturm der Beredsamkeit hervorbricht. Die tugendhafte Klarheit, in die sich zuletzt alles auflöst, läßt sich nur sehn, nicht beschreiben: ich wünsche Deutschland Glück, daß es auch dieses Werk des göttlichen Redners in seiner eignen Sprache besitzt. Befremdlich ist, daß es nicht schon im Jahre 1797 unmittelbar bei seinem Erscheinen tausenden von unsern taubstummen Sprachgenossen die Zunge gelöst und das Ohr entbunden hat. Mir wenigstens wurde dabei zu Mut, als könne ich auch sprechen. Diese Rede, besser als irgendein andres Werk unsrer Mitwelt, deutlicher und lebhafter als irgend eines der Vorwelt, zeigt wie niemand für sich selbst, sondern nur im Namen des höheren, und für ein höheres Gut sprechen könne. Ich habe mit Bedacht ein Beispiel gewählt, wo der Redner gedrängt wird von sich selbst zu sprechen, wo seine Persönlichkeit und ihre Rechtfertigung allein im Spiel zu sein schien: denn wie wir überhaupt dem Göttlichen, nicht durch ein Entsagen des Menschlichen dienen können, sondern das Höhere erst recht zu merken anfangen unter Leiden, d. h. wenn wir unser persönliches Wesen am tiefsten und gründlichsten empfinden, wie wir die Höhe erst recht merken neben der Tiefe, so entwickelt sich auch das Göttliche der Rede erst recht inmitten der menschlichsten Angelegenheiten und Schmerzen. Es muß vieles zu verzehren sein, Untergeordnetes, Persönliches, Irdisches – wenn sich diese Flamme entzünden soll. Auch die Tugend des Redners kann nur eine streitende sein. Ich will ihn auf Knien sehn vor dem höheren Gute, sage ich, aber zugleich aller geringeren Güter und Sorgen sich bewußt: diese Forderung ergeht an den geistlichen Redner so gut als an den weltlichen. In keine unnatürlichere Stellung könnte sich der Redner versetzen, als wenn es bei ihm Grundsatz würde, von seiner eignen Persönlichkeit zu abstrahieren, und diese ganz aus dem Spiel zu lassen. Es ist genau ebenso untugendhaft sich selbst zu vergessen, als des Göttlichen: ich kann euch das Göttliche nicht zeigen, muß der Redner denken, als durch die Strahlen, die es auf mich geworfen hat; das Licht an sich läßt sich nicht weitergeben, nicht zeigen als allein in dem erleuchteten Gegenstande, und der erleuchtete Gegenstand bin ich, ist meine Persönlichkeit. Je tiefer dieser Glanz hereinscheint in die Angelegenheiten meiner Person, je eigentümlicher der Strahl sich bricht in meinem Herzen, um so begreiflicher wird die Bewandnis, die es mit dem Lichte hat: wozu überhaupt ständen wir in dieser dunkelnden Welt, und hätten nur Farben und Schatten, aber kein Licht, wozu wiese uns die Sonne geblendet zurück, wenn wir sie selbst betrachten wollen, wenn sich das Licht nicht besser verstehen ließe in den gefärbten Schatten, als in sich selbst. Die klarste, sorgloseste Stirn würde einen toten Schimmer zurückgeben gegen das Lebenslicht, welches in jener Verteidigungsrede aus dem finstern, zerrissenen, zerschmetterten Herzen Burkes hervorbricht. Deutlicher wird die Heiligkeit dieses Redners in seiner Behandlung dieser allerweltlichsten, dieser Geldangelegenheit, als sie es in der unmittelbaren Behandlung der heiligsten Ideen nicht werden könnte. – Wer kennt nicht die berühmte Rede Bossuets auf den Tod des großen Condé, womit der Redner die Reihe seiner Gedächtnisreden beschloß? Ich will nicht weiter reden zum Andenken großer Verstorbener, sagt er: »au lieu de déplorer la mort des autres, grand Prince! dorénavant je veux apprendre de vous à rendre la mienne sainte. Heureux, si averti par ses cheveux blancs du compte, que je dois rendre de mon administration, je reserve au troupeau, que je dois nourrir de la parole de vie, les restes d'une voix, qui tombe, et d'une ardeur, qui s'éteint.« »Anstatt fremden Tod zu beklagen, großer Fürst! will ich von jetzt ab durch Euch lernen, den meinigen heilig zu machen. Ein Glück, wenn ich, gemahnt durch diese weißen Haare an die Rechenschaft, die ich von meinem Dienst zu legen haben werde, für die Herde die ich mit dem Worte des Lebens speisen muß, die Reste einer Stimme mir erhallte, die verhallt und eines Eifers der verlischt.« (Die Übersetzung ist vom Herausgeber.) Ist dies ein bloßes rhetorisches Kunststück, ist es ein bloßer Abgang, wie man im Theater jene nichtswürdigen Herausforderungen des Beifalls nennt, wenn das Kunststück des Schauspielers in den Augenblick hineingedrängt ist, wo er die Bühne verlassen soll, wenn eine Reihe von Sentenzen mit einer gewissen tragischen Pointe beschlossen wird, und es eigentlich vielmehr auf den Schrecken der Zuhörer bei dem plötzlichen Abreißen der Rede, als auf die wahre Wirkung abgesehn ist? Die Wendung des Bossuet ist schön, weil sie natürlich ist, sie ist erhaben, weil sie so menschlich ist: wie Burke von sich ausgeht und in den höheren Gegenständen verloren schließt, so kehrt Bossuet von dem erhabenen Gegenstande, davon er ausging, still in sich selbst zurück. Wir empfinden in beiden Fällen gleich lebhaft, daß uns genuggetan wird, wir empfangen das Göttliche und Menschliche zugleich; beides ist unsere Heimat; aus welchem in das andre wir zurückkehren mögen, immer empfängt uns eine wohlbekannte, eingewohnte Heimat, und dieses befriedigt uns. Das ist die wohltätige Spur, welche alle echte Beredsamkeit in uns zurückläßt; das Allgemeine und Besondre, das Höhere und das Niedre, der Himmel und die Erde haben sich berührt: der Redner schweigt, wir finden uns wieder in den bekannten Tälern dieser Erde, wir verweilen noch immer in besonderen, wohnen noch immer hier in den Niederungen, aber ein himmlischer Tau ist zurückgeblieben, beglänzt die Erde, und wenn er auch sanft verduftet, indem die Geschäfte der Erde uns forttreiben, so bleibt doch unser ganzes Dasein auf lange Zeit erfrischt. – Darum ist die gewaltigste Wendung der Rede, wie ich im Anfang sagte, die freie Demütigung vor dem Höheren, und der Mensch überhaupt nie unwiderstehlicher und mächtiger als in seiner Demut: je tiefer er sich beugt vor den himmlischen Mächten, um so weniger vermag die gemeine Gewalt dieser Erde über ihn. Darum gibt es im Grunde keine andre Beredsamkeit als die göttliche; und die göttlichste ist keine andre als die allermenschlichste; das im Munde führen, das Auseinanderzerren des Göttlichen an sich, das breite Sichauslassen und Abhandeln und Sichvernehmenlassen von den göttlichen Dingen an sich ist eben so unnatürlich und unrednerisch, als das egoistische Verweilen in den eigennützigen Interessen dieses Lebens. Auf dem Wege, der hinaufführt, wie wir an Burke, auf dem Wege, der hinabführt, wie wir an Bossuet gesehn, ist das Wesentliche der Beredsamkeit zu ergreifen; weder oben allein noch unten allein ist es zu finden. – Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß der Gegenstand meiner heutigen Betrachtung die Kanzelberedsamkeit ist, die heilige Kunst der Massillon, Flechier und Bourdaloue: das Wesentliche derselben ist schon erörtert, bevor der Ort erwähnt ist, nach welchem die heilige Beredsamkeit ihren Namen führt. Es ist eine der beneidenswertesten, aber auch leider eine der entweihtesten Stellen dieser Welt. Könnte es eine größere Bestimmung geben, als die, das Vorrecht der Menschheit, die Rede anzuwenden auf die besonders ernsthaften Gelegenheiten des Lebens, den Menschen zu empfangen und zu begrüßen bei seinem Eintritt in die Welt mit der Kraft des Wortes, ihn mit derselbigen zu begleiten durch alle Hauptstationen des Lebens und bis über das Grab hinaus; auch da ihm noch nachzurufen die Abschiedsgrüße dieser Erde, auszusprechen den Gedanken seines Herzens, zusammenzufassen, möchte ich sagen, alle Rede seines Lebens in den einzigen Nachruf; im Namen des Abgeschiedenen zurückzusprechen an die Lebendigen; hinauf- und herunterzureichen, nach diesseits und jenseits herüberzusprechen, zu versöhnen die Unverträglichkeiten der höheren und niederen Dinge ein ganzes Leben hindurch: die Lebendigen zu rufen, die Toten zu beklagen, die Blitze des Schicksals zu brechen mit menschlichem, wie die Glocke unsers Dichters mit ihrem metallnen Munde? – Kann nun, frage ich, die flache Moral, welche wir an dieser Stelle meistenteils erhalten, und die verderblicher ist als der Anblick des Lasters selbst, weil sie den Wohlgeschmack der Tugend verwässert, weil sie allen Stachel der Seele abstumpft, weil sie das mutige, lebenslustige Herz hinausscheucht aus den Wohnungen des Heiligen, und nur die mattherzige Feigheit sich gegen den Schein und Folgen des Lasters sicherstellen lehrt; kann die geschmückte Magerkeit angewöhnter Formeln, kann das leicht übertünchte Skelett einer toten Abhandlung irgend eine jener großen Bestimmungen erfüllen? – Statt des Himmels empfangen wir eine zusammengeschrumpfte Erde; statt des Göttlichen empfangen wir etwas, von dem sich nichts weiter sagen läßt, als daß es unweltlich, nicht einmal weltlich ist; statt des Geistigen etwas das unkörperlich oder vielmehr auch nicht einmal körperlich ist. Lassen wir dieses Unwesen; erkennen und erheben wir die wenigen, welche die Würde der Kanzel behaupten; und fragen wir, was sind die Hauptstücke der geistlichen Beredsamkeit? – Ermüden Sie nicht, ich muß mich wiederholen; die beiden Hauptstücke sind, das eine: anzuklagen die eigne Anschauung des Göttlichen, die man in sich trägt, die immer noch nicht groß, immer noch nicht menschlich genug ist, die immer wieder verzehrt werden muß und reiner hervorgeht aus ihrer Asche; das andre: die noch seltnere Kunst, erlauben Sie mir den Ausdruck, Brücken zu schlagen über den breiten Strom, der die weltlichen Angelegenheiten des Menschen von seinen ewigen trennt, die Kunst Türen durchzubrechen in die übersteinerten Herzen. – Was soll ich, sagt das gesunde Weltkind, mit eurer breiten und starren Auseinanderlegung geistlicher Dinge: das Heiligste, wenn die Lebenswärme daraus entwichen und es kalt geworden ist – widersteht mir grade wie das Gemeinste, was mir keinen Eindruck des Lebens gibt: mir widersteht es grade weil es wärmer, weil es lebendiger sein sollte, – und weil es durch ein menschliches Herz hindurchgegangen, und dort, grade dort erkaltet ist. Ich will es glauben, daß was ihr mir sagt herstammt aus dem Buche des Lebens selbst, daß ihr eure Weisheit da heraus geschrieben, da heraus filtriert habt: mich aber berührt sie nicht, ich verstehe sie nicht, wie ihr sie gebt. Seht ihr zu wie ihr euch in toten Formeln erbaut: wie ihr es anstellt begreife ich nicht; ich verstehe nicht, was tot ist: ich suche das Leben mir auf, und fände ich es im Allergemeinsten, so erbaut mich das besser als eure Beredsamkeit. Wohlan, zu überreden versteht ihr mich nicht; den Sturm, der in mir braust, beschwören könnt ihr nicht; zwingen? lasse ich mich nicht, denn ohne freie Anerkennung, ohne die innere Einwilligung meines Herzens kann das Göttliche für mich nun überhaupt gar nicht bestehn. Was? und ihr für eure Person wäret nunmehr fertig mit eurem Glauben, ihr hättet ihn abgemacht, während ich ihn noch nicht angefangen? euch wäre ohne euer Verdienst zum ruhigen Besitz gegeben, was mir Kämpfenden versagt ist? ihr wäret fertig mit dem Zweifel, ihr hättet die Ruhe eures Lebens beigesteckt, unter Schloß und Riegel gebracht, wie irgend ein andres Besitzstück, und ich sollte fortringen mit den Gebrechlichkeiten, den Reizungen und den Widerwärtigkeiten der Welt, fortringen mit den Täuschungen der Sinne, den Labyrinthen des Verstandes und den Irrtümern eines gutwilligen Herzens? – Es war überhaupt nicht viel zu beruhigen in euch, Freunde, wenn ihr schon fertig seid! Seid Vorfechter des Glaubens, so will ich euch nachfechten: was mich bekehren soll, das muß ich streiten sehn! – Ich glaube an den Zusammenhang der menschlichen Dinge; es mag einen göttlichen Gedanken geben, der sie untereinander alle verbindet und beruhigt, aber die menschlichen Dinge schreiten fort, umstalten sich in unendlichen neuen und unerwarteten Bildungen, sie wollen also immer von neuem angeknüpft sein an den Einen göttlichen Gedanken, und das geschieht nicht ohne Schmerz und Kampf: die Dinge wollen unabhängig bleiben, für sich bestehn, sie sind eifersüchtig, sie wollen auch außer dem Zusammenhange mit dem göttlichen Gedanken gefallen; man muß sie bändigen durch Gewalt und Reiz. Gesetzt, ich brächte dir mein zerrissenes, und ich läugne es nicht, rebellisches Herz, und ich bäte dich, du möchtest es anknüpfen an das Ewige, versöhnen mit demselben: wie wolltest du denn dieses Herz angreifen, dessen Neigungen und Sprache du nicht verstehst, und die du einer höchst unnatürlichen Leidenschaft für das Schlechte und Böse in mir zuschreibst? Wie sollte ich, damit ich mich der Worte eines großen Heiligen bediene, ausgehn können durch deine Tür, wenn du nicht einzugehn verstehst durch die meinige? – Das sind die Forderungen der Zeit an den geistlichen Redner, darum sage ich 1. er soll sich anzuklagen, mit sich selbst zu kämpfen, die Sprache der Gegenpartei zu führen wissen, kurz er soll den Teufel verstehn und den Zweifel; er soll das Geheimnis verstehn, wie es möglich ist, daß ein menschliches Herz abfalle von seiner Bestimmung; er soll die Welt kennen, und alle die irdischen Ketten, welche, bald aus Blumen, bald aus Eisen geflochten, unsre Herzen bestreiten; – er soll die Götzen dieser Welt verstehn, in deren Dienst umhergeschächtert sich der geängstete Mensch zu entschädigen versucht für das Entbehren des Göttlichen. Allerdings gibt es Augenblicke im Leben, wo die Seele, vorbereitet durch langen Kampf, nur das Wort des Rätsels braucht um jenes Göttliche zu erkennen; wo sie ein gewisses Ahndungsvermögen erworben hat unter mannigfaltigen Leiden, und nun durch die kälteste Beredsamkeit, durch den vertrocknetsten Buchstaben hindurch die Lebensader wahrnimmt; und wo ein Wort, ein Name noch so leise, noch so flüchtig und unabsichtlich ausgesprochen, den ganzen zerrütteten Gesichtskreis des Menschen in seine Fugen rücken kann. – Ich habe ein solches Vertrauen in die Gewalt der Rede, und weiß aus den Erfahrungen der Geschichte her sehr wohl was ich sage, daß in den äußeren Weltumständen selbst ohne daß wir es ahndeten ein unsichtbares Zusammenneigen, Sichberühren und Versöhnen stattfinden könnte, und daß irgendein einziges Wort dann nur in dem rechten Augenblicke ausgesprochen, die zerrüttete Welt selbst in ihr altes Gelenk wieder einrichten könnte: mit einem ähnlichen Vertrauen spricht Burke in seinem Briefe an Elliot über die Macht des Einzelnen, Verlassensten, Gebeugtesten durch die Rede. – Aber solche Wirkungen streitlos, solche Wunder mit dem bloßen Worte des Friedens hervorzubringen, muß die Befriedigung der Welt in dem Herzen dessen, der das Wort ausspricht, schon kämpfend vollzogen sein, damit er die Beredsamkeit ersetze durch die Vorbereitung und Wahl des glücklichen Augenblicks. Immer will das Wort ergänzt sein durch die Tat, diese möge nun außer dem Worte oder in dem Worte leben und wirken. Das wahre Sprechen also ist eine wirkliche Tat: und es sind solche rednerische Taten, die ich von der Kanzelberedsamkeit verlange. Sie soll 2. Brücken zu schlagen wissen aus einem Herzen in das andre, und über den Strom, der die Gebiete der beiden Herren trennt, zwischen denen meistenteils unser Herz geteilt ist. In jedem Hauswesen, in jedem Herzen walten leider zwei Herren statt des Einen; das ökonomische Gesetz des Lebens und die höhere, überirdische Forderung der Seele sind uneins miteinander; die Bedürfnisse des Augenblicks verdrängen, übertäuben, unterdrücken das ewige Verlangen des Menschen. Fruchtloses Bestreben dieses zu wecken und zu stillen, ohne jene und den Kampf mit ihnen zu verstehn! Meine ich aber, daß der Geistliche wirklicher Arzt werden soll, und Landwirt und Kaufmann? Es gibt ein heiliges Eingehn in diese Dinge, in ihre Wesenheit, ohne daß man Hand anzulegen braucht, und die Schlacken und den ganzen Umstand der Gewerbe zu berühren. Es gibt eine heilige Versatilität des Geistes, eine Füglichkeit desselben, die niemand weniger entbehren kann, als der Redner: das war die Meisterschaft Burkes. Es war ein Mann, sagte Dr. Goldsmith, der, wenn er des Regens wegen zufällig untertrat in dem Flur eines Hauses, und dort den letzten Reitknecht vorfand, und einige Worte mit ihm wechselte, denselbigen Reitknecht in der Überzeugung zurückließ, daß er mit dem ersten Stallmeister der Welt gesprochen habe. – Es war ein Mann, füge ich hinzu, der seine Seele hinaufsteigern konnte, daß sie die Seele eines ganzen Volkes zu sein schien, und der sie wieder einzuschmiegen wußte in den beschränktesten Gesichtskreis des Einzelnen. Er war ein Baumeister solcher Brücken, die ich verlangt habe: jedes Herz war ihm zugänglich; darum ist er uns allen, entferntesten selbst wieder so zugänglich, so verständlich, so nahe: niemandem näher, als dem wahren geistlichen Redner, der ganze Jahre hindurch nicht bereuen wird, die er in dem Studium dieses unvergleichlichen Mannes und seiner Werke zugebracht hat. In den Werken Burkes finden sie die Angelegenheiten der Welt, den Streit der hohen irdischen Interessen, den sie nicht ungestraft versäumen dürfen, schon zugerichtet, schon zubereitet für den heiligen Gebrauch. Der Staat in seiner Seele, wie in seinen Schriften ist eine arx in modum templi, eine Burg in Tempelsgestalt. Man verweilt mit ihm wie in der Vorhalle eines Heiligtums; unberührt, unbefleckt von dem gemeinen Anfluge des Lebens sieht man hinaus über den Markt der Welt; man lernt verstehn die irdischen Mächte, man lernt was dasselbe sagt, sie versöhnen untereinander und mit dem Göttlichen. Im Laufe dieser Werke, die Augen gerichtet auf die Gegenstände, welche er behandelt, wird man fortgerissen in die Dialektik, in den kriegerischen Gang seines Geistes und seiner Rede, und bleibt dennoch ruhig angeschlossen an sein großes Herz. IX. Von der neueren Schriftstellerei der Deutschen Die in unsern Tagen am weitesten verbreitete Anwendung der Redekunst ist die Schriftstellerei. Es ist bekannt, daß wenn im Laufe des Jahres Italien etwa 500, Frankreich 700, England 800, so Deutschland auf seinen Messen zwischen 2 und 3000 neue Schriften ans Licht bringt. Die bei weitem größte Anzahl dieser Schriften ist entstanden, nicht etwa weil der Autor eine besondre Veranlassung hatte zu reden, nicht weil irgendeine große Angelegenheit des Augenblicks ihn drängte, sondern weil er sich einmal auf dieses oder jenes Fach menschlicher Wissenschaft gelegt hat und voraussetzt, daß die Welt in einer gewissen gespannten Erwartung sei, überhaupt zu vernehmen, was er eigentlich meine; ferner haben unzählige Bücher gar keine andre Veranlassung ihres Erscheinens anzuführen, als daß dieser und jener Gegenstand, wie sie sich ausdrücken, noch nicht bearbeitet sei. Man hört sehr häufig in den öffentlichen Blättern den Wunsch aussprechen: Möchte sich doch der und der Unterrichtete entschließen, dieses noch völlig unbearbeitete Feld der Literatur zu bebauen, oder diese und jene bedeutende Lücke unserer Literatur auszufüllen. Ja es hat Literatoren in Deutschland gegeben, die, während andre die Kenntnis dessen was geschrieben war, zu dem Geschäfte ihres Lebens machten, sich hauptsächlich darauf verlegten, aufzufinden worüber nicht geschrieben worden sei; aufzufordern, Gegenstände unter den Fuß zu geben, piquante Titel zu erfinden, um den Schriftsteller zu reizen, oder den Buchhändler anzutreiben, daß er wieder den Schriftsteller, wenn nicht durch den Ehrgeiz, doch durch anderweite Mittel reize. Dies sind nun freilich Spekulationen des Gewerbes: indes da jede Spekulation ein Bedürfnis und einen Markt voraussetzt, so müssen auch die Gründe dieser unnatürlichen Erscheinungen nicht in den Schriftstellern und im Buchhandel, sondern in der Nation selbst gesucht werden. Wir nähren nämlich in Deutschland die dunkle Vorstellung von einem großen geistigen Flächeninhalte unsers Landes, von einem literarischen Areal, das wie der wirkliche Boden unsers Landes auf den höchsten Grad der Kultur getrieben werden, und wo eigentlich kein Fleck unbenutzt bleiben sollte. Der deutsche Patriot hat seine stille Freude darüber, daß überhaupt geschrieben wird, daß eine so und so große Anzahl von Federn, wie der Staatswirt, daß so und so viele Pflüge in Bewegung sind: nicht grade weil er lesen will, sondern es gehört überhaupt zu dem vollständigen Gefühl seiner Behaglichkeit, daß auch dieses Gewerbe, dieser große Zweig der Industrie noch immer in Blüte stehe; deshalb braucht er gelehrte Zeitungen, die ihn augenscheinlich überzeugen, daß noch alles im alten Gange sei, daß doch eigentlich kein Feld ganz brach liege, und daß der und der wackre und würdige Gelehrte nicht feire: kurz er hat eine allgemeine, väterliche Freude an der literarischen Geschäftigkeit. – Ich bin überzeugt, daß Sie mir in Erwägung dieses unnatürlichen Zustandes nachträglich verzeihen die Klage, welche ich über die Erfolge der Buchdruckerkunst zumal als Deutscher in einer früheren Stunde zu führen genötigt war. Wenn sich eine Art des Despotismus entschuldigen ließe, so wäre es sicher die, welche das unanständige Gewerbe der Schriftstellerei einer strengen Zucht unterwürfe: selbst in dem glücklichsten Falle, wo große, neue und ergreifende Gedanken durch die Presse mitgeteilt werden, stände dem rechtlichen Mann immer frei zu fragen: aber während in allen übrigen Geschäften des Lebens die Mittel und Ursachen in einigem Verhältnisse stehen müssen zur Wirkung, und große Wirkungen immer große Taten, die freien und kräftigen Anwendungen großer Mittel voraussetzen, soll hier ein so leichtes, ich möchte sagen feiges Mittel, als die Presse, allgemeine Wirkungen auf den Gang des menschlichen Geistes äußern, die Geister regieren, antreiben, entzünden? Es wäre der Welt besser geholfen, wenn der, der einen neuen, großen Gedanken gedacht hätte, genötigt wäre, ihn praktisch in allerhand lebendigen Stoff auszudrücken, oder doch ihn durch die lebendige Rede mitzuteilen: der Gedanke würde sich allmählicher, aber tiefsinniger, gründlicher, anwendbarer ausgesprochen, verbreiten; während er jetzt körperlos in flachen Blättern umherfliegt, vielmehr durch äußeren Glanz und Schein als durch seinen Gehalt wirkt, und von dem Pöbel schon zertreten ist, wenn er endlich durch das Besprechen der Nation eine gewisse innre Reife erlangt hat. Ich muß oft die Phrase hören: ich bewundre den Mut dieses oder jenes Schriftstellers! Wenn man doch ein großes Wort, welches auf die Schlachtfelder und in die großen Angelegenheiten des Lebens hingehört, immer aber nur an seiner Stelle ist, da, wo mit der Persönlichkeit selbst gezahlt werden muß, nicht auf das bequemste Geschäft des Lebens anwenden möchte. Eben dieser einsame Mut in den Studierstuben und unter der Druckerpresse, dieses unedle Sichhinaufsteigern zu einer Tapferkeit, die keinen Feind gegen sich über hat, und die noch überdies, wenn sie etwa ganze Stände oder Nationen angreift, allen einzelnen die Türe zum entwischen vorsichtig offen läßt – hat uns um den höheren Mut bringen helfen. Jeder große Entschluß, den dieses Zeitalter eingeben möchte, findet sich gleichsam parodiert durch irgendeinen solchen literarischen Spiegelfechter, der ihn schon in Gedanken und auf dem Papiere ausgeführt hat: die kurzsichtigen Zeitgenossen setzen diese papierne Taten mit den wirklichen Taten in eine Reihe; auf dem Papiere nimmt sich die Sache freundlicher und bequemer aus; dem Helden der Feder ist in Gedanken leichter nachzufechten als dem wirklichen Helden: der Sporn der Taten, der Stachel eines gerechten Hasses stumpft sich ab, und in den besseren Seelen bleibt eine Gleichgültigkeit gegen das öffentliche Leben überhaupt zurück, weil ein einziges Gewerbe über Verdienst und ohne Mühe öffentlich ist, und alle anderen Wege in den Gang des öffentlichen Lebens einzugreifen mit Beschwerden und Mühseligkeiten überladen sind. Glücklicherweise muß zuletzt das ganze Unwesen sich in sich selbst zerstören; die Fabel von der Wirkung der Schriftstellerei, die eigentlich viel mehr gewirkt hat, als die Schriftstellerei selbst, wie denn sogar in den ersten Tagen der Revolution das Gerücht von dem Einfluß der Autoren auf den Gang der Dinge immer noch viel größeren Einfluß auf die Gemüter gehabt hat, als die Autoren selbst, wird allmählich zu einem Gespötte des Zeitalters; wir fragen uns: hat denn wirklich in jenen früheren Zeiten, wo auch wir dem Jahrhundert unsern Tribut an Irrtümern bezahlten, irgendeine Lektüre uns bestimmt, war es denn ein Schriftsteller, der uns verführte: hatten wir unsern flachen Materialismus von Helvetius, unsre Gleichgültigkeit gegen Glauben und Autorität von Voltaire, unsre geschminkte Philanthropie von Raynal, unsre Vorstellungen von Freiheit und Verfassung von Montesquieu, oder lag nicht die Ursache jener Irrtümer vielmehr in den ganzen Verhältnissen jener Zeit, in ihrer Luft, möchte ich sagen; es war eine schreckliche Epidemie der Geister, die wir in völliger Unwissenheit über ihren Ursprung und ihre näheren Veranlassungen nicht grade den Gestirnen, aber doch jenen literarischen Meteoren zuschrieben: es ist eine demütigende, aber wahre Bemerkung, dass wir Freiheitsschwindler solche geistige Despoten wie Voltaire, Rousseau und Raynal brauchten, um die eigne Freiheitswut zu erklären, dass wir Freigeister doch wieder der Götzen nicht entbehren konnten, um nur zu erklären, wie wir in den Unglauben verfallen waren. Die Schriftsteller hatten allerdings einen großen und mächtigen Einfluss auf jene Zeiten, weil sie so genau im Niveau derselbigen standen: es war keine Kleinigkeit, der Vorzug, sagen zu dürfen was so viele dachten, und die Einförmigkeit der Geister wie mit einem Zauberschlage zur Einheit und Einigkeit dieser Geister zu erheben. Aber untersuchen Sie es genauer, der Name dieser Rädelsführer des Jahrhunderts, und daß man überhaupt nur wußte, daß sie geschrieben hatten, wirkte eigentlich vielmehr als ihre Schriften, die viel weniger gelesen als gekauft, viel weniger gekauft als gepriesen, vielweniger gepriesen als kalt und mechanisch zu einer Art von Stempel oder Signatur aller Gedanken des Jahrhunderts, wie durch allgemeine Übereinkunft, gebraucht worden sind. – Nachdem wir aber die Sage von der Wirkung dieser Schriftsteller auf ihr gehöriges Maß zurückgeführt, so können wir allerdings nicht in Abrede sein, daß sie auf einzelne Geister eine Macht ausübten, die der, welche die lebendige Rede mit sich führt, sehr nahe kam. Es waren gesprochene Schriften, sie hatten eine anständige, glänzende, geschliffene äußere Form, sie waren aus dem Mittelpunkte der europäischen Gesellschaft hervorgegangen; sie gehörten durch und durch in das Gebiet der Beredsamkeit. Die Beifallsbezeugungen von ganz Europa, der Anteil der aufgeklärtesten Souverains des Jahrhunderts Josephs, Friedrichs und der Katharina, die, wenn auch nicht eben Gönner der geistlichen Macht, doch durch ihr Betragen gegen jene französischen Autoren eine geistige Macht, außer und neben ihren Thronen feierlich anerkannten, illustrierten die Schriftstellerei überhaupt; man fing mancherlei über eine Republik der Gelehrten zu denken und zu träumen an; es schien für das eigentliche Talent eine Laufbahn ganz außerhalb den bürgerlichen Verhältnissen und ihren Beschwerden eröffnet, eine Lotterie der Talente, in der Voltaire das große Loos gezogen hatte, und, was die Nachkommenden nur sehr allmählich einsehen wollten, für sie nur einige geringere und sehr viele Nieten zurückgeblieben waren. – Dieses auf einem fast zufälligen Wege entdeckte Reich der literarischen Macht ward von den vielen bei seiner Fortdauer interessierten Personen nach und nach wirklich organisiert: man brauchte Vorfahren, eine Art von Vorzeit für die Republik: die großen Autoren andrer Nationen und früherer Zeiten, wiewohl sie in ganz andern Intentionen, für ganz andre Zwecke geschrieben, und in einem völlig verschiedenen Verhältnisse zu ihren Lesern gestanden hatten, wurden mit Gewalt herbeigezogen; es wurden, wie zu einer Art von Hofstaat, ihre vornehmen Namen versammelt, wie später die Antiken in Paris: nicht was sie gesagt oder gedacht, vielmehr ihre Celebrität brauchte man, um dem neuen Stande die gehörige Würde zu geben. Die Gewerbe des Buchdruckens und Buchhandels bildeten die ökonomische Grundlage des neuen Staates : die Gelehrten selbst den Stand der Patricier. Es geschah aber bald was in der Geschichte nicht ohne Vorgang war; die Ökonomie trug über den Geist, das Gewerbe über den Adel den Sieg davon: die ihre Hand der mechanischen Besorgung übergaben, die das praktische übernommen und getrieben hatten, fingen sich an zu fühlen; wenige Jahre verflossen, so waren sie die Patronen, und die bisherigen Patricier die Klienten. So wie Mirabeau eine Fabrik gekauft und in den tiers état übergegangen war, als das Übergewicht dieses Standes entschieden war; so sahen wir zuletzt die Gelehrten selbst zu Buchhändlern werden, und diese eingebildete Republik so gut als die meisten wirklichen, in allgemeiner Armut, Niedergeschlagenheit, Ohnmacht und Anarchie endigen. – Wenn ich es deutlich gemacht hätte, wie durch diesen unnatürlichen Zustand die Erziehung der ganzen gegenwärtigen Generation verwirrt worden ist, so würde ich mir kein geringes Verdienst zuschreiben. Wie hat das Namensverzeichnis, der Schematismus – denn mehr war es nicht – jenes literarischen Hofstaats, den man uns, wie zur Anfeurung unsres Ehrgeizes, in unsrer Jugend vorhielt, wie hat der Glanz des Namens, von dem wir schon absichtlich geblendet wurden, als wir noch kein einziges praktisches oder literarisches Verdienst zu beurteilen wußten, unsre Jugend verderbt; wie hat dieser literarische Olymp mit seinen großen Männern uns die wahren Muster, die wahren Götter und Helden der Geschichte verdeckt; wie hat dieser imaginäre Staat uns abgewendet von der gründlichen Erwägung des wirklichen. Der Lohn, der Ehrenkranz aller Werke, zumal der schriftstellerischen, wurde uns unaufhörlich vor Augen gehalten, selbiger wo möglich in Zahlen ästimiert, so daß wir über die Betrachtung der unzähligen großen Loose, die allen Wissenschaften und Künsten angesteckt zu sein schienen, nie auch nur zum Einsatz kamen, und daß wir grade in der Zeit, wo die Beredsamkeit zu einem Weltgewerbe wurde, und alle Talente in Beschlag zu nehmen schien, im eigentlichen Sinne des Worts das Sprechen verlernten. Alle Ehren der Welt, allen schon an sich überhäuften Lohn jener französischen, literarischen Oligarchen zusammen genommen, häuften wir im Traum über unsern Scheitel, und so begann dann unsre lasterhafte Jugend mit dem, was sie am Ende der rühmlichsten Laufbahn immer noch weit über alles gedenkbare Verdienst würde belohnt haben. – Indes schon jetzt ist dieses alles ganz anders: es ist eine Antiquität, wovon wir gesprochen haben: es wird bald dahin gekommen sein, daß wir mit allen Flügeln der Buchdruckerkunst nicht weiter reichen, als mit der gewöhnlichen Stimme; und mit aller Vervielfältigung unsrer Geistesprodukte nicht weiterreichen, als mit einem gewöhnlichen Brief. Die Not hat bereits hinlänglich, wenn auch noch nicht an höhere, doch an nähere Bedürfnisse erinnert; jeder einzelne hat sich die Kraft zugetraut für die Presse zu schreiben, und das Zeitalter auf seine Weise in Bewegung zu setzen, und in dem Maße, als sich die Anzahl der Schreibenden der Anzahl der Lesenden nähert, oder als jene diese übertrifft, legt sich das Schreiben von selbst, und der vermeintlich so mächtige Hebel der Geister, die Buchdruckerkunst, der so töricht gepriesen als gefürchtet worden ist, tritt zuletzt in die Reihe der gewöhnlichen Kopiermaschinen zurück, und dient nur noch für die Zeitungen, Gelegenheitsschriften und Affichen des Tages fort, wo er allerdings unter der übrigen Maschinerie unsres heutigen Lebens ehrenvolle Auszeichnung verdient; so daß der Despotismus etwas lächerlich erscheinen würde, der jetzt noch ein großes Gewicht auf die ganze Anstalt legen wollte, die nur durch ungebührliche Besorgnisse von Seiten der Regierenden einige Bedeutung erhalten könnte.– Diesen Ausgang der Sache übersehen wir jetzt, aber merkwürdig ist allerdings, daß der gute Genius von Östreich auch hier, wie in so vielen andern Fällen, mit dem eigentlich wesentlichen Gange der Dinge Schritt gehalten hat: daß er, solange die Presse Bedeutung hatte, sie beschränkte, und jetzt, wo man dieses unschuldig gewordene Instrument ohne Gefahr sich, selbst und seiner eignen Ohnmacht überlassen darf, ihr die Freiheit läßt, die eigentlich niemanden mehr beeinträchtigen kann. – Nichtsdestoweniger wird noch immerfort geschrieben und gedruckt werden, höre ich einwenden! – Allerdings, aber nur die ganz großen Autoritäten, die in allen Jahrhunderten haben sprechen dürfen, werden durchdringen und allein reden: ihnen werden die Vorteile der Buchdruckerkunst zu gute kommen. Das Instrument selbst ist im Laufe der letzten Jahre auf den Gipfel der technischen Vollendung gebracht worden; so bleibt es, so gehört es dem ganzen Geschlechte: eine flache Philosophie, wie die des Voltaire oder des Helvetius wird es nie wieder für sich anwenden dürfen; Gedanken, Ansichten, bon mots über heilige Dinge in Europa mit Windesschnelle umherzutragen wird es nie wieder dienen: die Gedanken fliegen schon von selbst umher auf allen Gassen, man braucht nur zu atmen, um sie zu haben; seine gehörige Weltansicht hat jeder Schulknabe; und das Scherzen über sehr heilige und ernsthafte Dinge? Dafür lassen wir den Hunger sorgen, und die Teurung und den Krieg, und andre uralte scherzvertreibende Mittel. Durch die Buchdruckerkunst wird in der Folge der Zeiten nur wirken können, der, was er sagen wird, vorher ausgesprochen, erlitten, erlebt haben wird; es wird nur wirken können, was wirken wird, wie die lebendige Tat selbst; denn es gehörte eine künstliche Appretur der Geister, eine verdrehte, verzerrte Bildung eines ganzen Geschlechts dazu, daß jenes allgemeine Wohlgefallen an einer Bücherwelt, an körperlosen Gedanken, an einem wesenlosen Flattern des Verstandes, an einem umrißlosen Farbenspiel der Phantasie über uns kommen konnte; alles dies wird und kann nie wieder kommen. Die Buchdruckerkunst bleibt: kein Mächtiger der Erde darf es vergessen; in kleinen Händen ist sie nichts, aber in den Händen der ganz Tüchtigen, derer, die das Leben selbst geschmiedet, und das Leben demnach selbst schon in sich tragen, denen deshalb auch der Buchstabe gehorcht, ist sie furchtbarer als je; noch heut können Millionen Geister von dem rechten Feldherrn, wenn er kommt, wie mit einem Schlage ihr Losungswort erhalten; noch heut findet das Leidende, Duldende, Unterdrückte ein Einreichungsprotokoll eröffnet, das ihre Appellation unmittelbar an die Menschheit selbst, und auch sicherlich wie alle ungerochene Ungerechtigkeit an die Richter der Nachwelt bringt. – Wem kann dieser Gang der Sache zugute kommen, als der eigentlichen Beredsamkeit. Es wird nur gedruckt werden, was gesprochen worden: die Druckerkunst wird nur gelten als eine dienende Beihülfe für die eigentliche rednerische Tat. – Man liest die offiziellen Schriften, die von Staatsbehörden kommen, wie es sich ziemt, schon heute mit einem ganz anderen Auge, mit einer gewissen tiefer gehenden Aufmerksamkeit, als das übrige noch so geistreiche Privatgeschwätz in Büchern. So wie nun der britische Leser eine Rede von Pitt, Burke, Fox und andern wirklichen Autoritäten mit einem ganz andern Eifer ergreift, als was irgend ein glänzendes jüngeres Talent geschrieben, das sich noch nicht zu der Öffentlichkeit und Officialität jener großen Charaktere erhoben hat, wie er das Buch ganz anders anfaßt, und die Lettern in seine Seele hineindrücken läßt, und sich leidend verhält, während er bei der Lektüre andrer Schriften dieselbige Seele zwischen den Zeilen spielen und einfügen läßt, was ihr beifällt – diese alte Würde des geschriebenen Wortes muß auch bei uns zurückkommen. Nur dem in jenem Sinne des Wortes öffentlichen, nur der Officialität selbst, die jeder erlangen kann, wer mit Gehorsam und Fleiß einer großen Sache, wenn auch nicht grade einer Regierung dient, wird jenes Zaubermittel der Öffentlichkeit, die Buchdruckerkunst selbst, zu Gebote stehn: nur wer schon die Ohren eines Volks bereit findet, weil es ihn kennt, seine Persönlichkeit, seine Taten oder doch seine Gesinnung, wird durch die Presse reden dürfen. Das Höhere, Prophetische, Umfassende, was allerdings einzelne verborgene Geister der Nachwelt zu sagen haben, weil die Gegenwart zu tief in sich selbst befangen ist, um sie zu verstehn, lebt im Manuscript eben so sicher fort; so sicher als die Werke des Homer oder des Platon wandeln sie durch die Stürme der Jahrhunderte hindurch. Die Kommentarien des Cäsar haben das Triumvirat, und alle Proscriptionen, und alle Barbaren in wehrlosen Rollen überlebt: der Weltgeist ist im Bunde mit allen empfundenen, großen, gottähnlichen Dingen; aus dem Schutte versunkener Städte treten sie zur rechten Zeit ans Licht: an die Nachwelt gelangt jede ordentliche Adresse, und keinen zuverlässigeren Boten an sie gibt es, als den eigenen Genius eines großen Werkes. Aber auch für die Gegenwart ist das Werk besser besorgt in der Abschrift als im Druck: niemand liest weniger, als der selbst viel Bücher hat, oder die Zuversicht, daß er jederzeit erreichen kann was er braucht. Alles dies würde beim Manuscript wegfallen: die Hauptsache aber wäre: es würde mehr vorgelesen, also dem Geiste des Autors mehr nachgesprochen; er gefiele wenigen, diesen dafür aber auch desto mehr. So wird es sein: die Excesse in der Anwendung der Schrift, der Buchdruckerkunst und des Metallgeldes sind zu Ende; alle echten Vorteile dieser großen Erfindungen verbleiben uns; die Losung der Folgezeiten wird sein: Rede und Schrift, Manuscripte und gedruckte Bücher, Metallgeld und persönliche Dienste oder Papier, welches sie ersetzt. – Ich war mir und Ihnen den Beweis schuldig, daß es sehr an der Zeit ist über das Wesen der Beredsamkeit zu sprechen, da wir an der Schwelle eines Jahrhunderts stehn, mit welchem sich ein ganz neues, oder vielmehr das ganz alte Feld für die Beredsamkeit eröffnet: ich glaube nicht, daß man mit den gewöhnlichen Tugenden einer fertigen Feder, eines gewählten Ausdrucks, eines sogenannten blühenden Stils durch dieses Jahrhundert hindurch kommt; ich glaube nicht, daß man auf den Flügeln des sogenannten schriftstellerischen Ruhms sehr tief in die Zeit hineinkommen wird, welche sich eröffnet; ich glaube nicht, daß unter den 10 000 Namen lebender deutscher Schriftsteller in Meusels gelehrtem Deutschlande viele sein werden, welche sich dieses Jahrhundert merken, oder gar welche es lesen, oder vollends nach welchen es sich richten wird. Ich war ferner den Beweis schuldig, daß ich es nicht allein bin, der etwa aus Paradoxie, oder weil er grade durch vielfältiges lautes Lesen deutsche Worte artikulieren gelernt hat, worin sein ganzes Verdienst besteht, auf die Kultur der Rede dringt, vielmehr daß die Zeit und die unglücklichen Folgen des stummen schriftlichen Lebens, zumal unsrer Nation, viel lauter daran erinnern, als der gutgesinnteste Einzelne vermag. Der Wunderglaube an die edlen Metalle und an die Presse, der noch vor zwanzig Jahren die Gemüter dergestalt beherrschte, daß er allen andern Wunderglauben der früheren Welt abgelöst zu haben schien, ist zu Ende: kein Montecuculi der Nachwelt wird sagen dürfen, das erste Requisit des Krieges ist Geld, das zweite Geld, das dritte Geld; kein Friedrich der Nachwelt wird sagen dürfen, wer den letzten Taler in der Tasche behalte, werde siegen: kein Voltaire der Nachwelt wird ohne irgendeine große Tat eine Weltherrschaft über die Meinungen bloß mit der Buchdruckerkunst durchzusetzen unternehmen. Buchdruckerkunst und Metallgeld haben ihre Macht verloren durch den Mißbrauch: mächtig sind diese wie alle anderen Hülfsmittel der Menschheit, nur durch das Maß und die Schranken, in welchen sie gebraucht werden, mächtig nur neben den andern Dingen, welche sie in unsrer ausschweifenden Zeit zu verdrängen unternommen haben. Alle die von den Wundern der Buchdruckerkunst früher Bezauberten werden erstaunen über die ganz andern Wunder dieser Kunst, wenn das Manuscript erst wieder in seine Rechte getreten sein wird. Besonders nachteilig wurde die Buchdruckerkunst den Werken der Poesie, die, da sie der Ewigkeit angehören, wenn das Interesse der Neuheit vorüber war, nun, in der Vervielfältigung des Drucks, nun um so sichrer in den Bibliotheken vergraben wurden, wie wir vor zehn Jahren empfanden, als Schiller und Friedrich Schlegel uns nach langer Zeit zuerst wieder sagten, was es mit der Poesie für eine Bewandnis habe, und welche unermeßliche Schätze zumal das Mittelalter in unsere Bibliotheken niedergelegt. Die Art der Öffentlichkeit, welche die Poesie durch die Buchdruckerkunst erhalten hat, macht auf mich einen widrigen Eindruck, etwa als wenn: eine Frau auf dem Forum, auf dem Markte öffentliche Reden vor Tausenden halten wollte, wie ich denn auch die Reden geistreicher Frauen viel lieber in zierlichen Abschriften lesen würde, als in dem Druck, wozu sie leider jetzt verdammt sind, da es nur diesen Einen Weg gibt, mit den verwandten Geistern ferner Zeiten und Örter zu sprechen. Der Poesie und ihrem weiblichen Wesen ist das häusliche Wesen der Abschrift viel angemessener, als der Druck für alle Welt, die nicht lesen kann, und die es doch für eine Gewissenspflicht hält, grade über das am strengsten zu urteilen, was sie am wenigsten versteht. – Die Buchdruckerkunst demnach gehört vielmehr der Beredsamkeit an als der Poesie: sie ist ein Mittel die gewaltigen Schläge der Rede über entfernte Gegenden und Zeiten fortzupflanzen, obgleich man auch hier gestehn muß, daß sich die eigentliche Wirkung nach Maßgabe der Entfernung, wie die Wellenkreise im ruhigen Strome, welche das Schiff zieht, nach und nach in weiterer Entfernung schwächer und schwächer werden, verhält. Die Werke Voltaires, Rousseaus, Raynals bestätigen diese Behauptung, wenn man untersuchen will, wie sie in Frankreich und wie sie in Deutschland wirkten: für Frankreich scheinen sie gesprochen, für Deutschland nur geschrieben, für die glücklicheren entlegeneren Länder eigentlich nur gedruckt. – Aber was soll ich sagen zur Entschädigung, zur Rechtfertigung jenes stummen Treibens unsrer Nation, worin sie sich nun einmal so lange gefallen hat; jenes Fleißes, der versammelt hat was alle Jahrhunderte geschrieben, erläutert, erklärt, korrigirt, kompilirt. Sie erinnern sich der 10 000 Stummen, von denen ich im Anfange dieser Vorlesungen gesprochen: war es doch nicht vielleicht zu hart sie anzuklagen, da sie sich nicht verantworten können? Die ganze Erscheinung erklärt sich sehr natürlich. Es gab in der Zeit vor und auch noch lange nach der Erfindung der Buchdruckerkunst eine sehr fleißige Gattung von Menschen, welche dem mühseligen und höchst verdienstlichen Geschäft des Abschreibens und Revidirens und Korrigirens ihr Leben bestimmten. Dieses heilige, würdige Geschäft der Erhaltung der tiefsinnigsten Spur, der Pflege und Verwaltung des erheblichsten Nachlasses, welche ein Jahrhundert dem andern zurückließ; ein Geschäft, welches keinem andern ähnlichen Dienst bei den Heiligtümern der Menschheit an Bedeutung nachstand – kam durch die Buchdruckerkunst in Abnahme, fiel in Verachtung: und es kam über diesen ehrenwerten Stand der hoffärtige Geist der eignen, originalen Autorschaft. So entwickelte sich dann allmählich das beschriebene Unwesen: der Autorschaft selbst waren sie nicht näher gerückt durch die überkommene Eitelkeit; also entweihten sie nur die ehrwürdige alte Bestimmung, und die Autoren, welche sie extrahirten und kompilirten, durch den Schein einer Würde, die unbeschadet ihres eignen Ansehns ehemals nur den schmückte, der sie ganz unabhängig unter großen Taten und Leiden erworben hatte, der zu sprechen und zu leben wußte noch außer dem Schreiben. – Die wohltätigste, erfreuliche Empfindung, welche die Erinnerung an die Excesse der verflossenen Zeiten zurückläßt, ist die, daß auch das Maß der Ausschweifung schon überschritten ist, daß also die Dinge zurückmüssen in ihre natürlichen Schranken. Weil also die schriftstellerischen Excesse, zumal in Deutschland, das Maß ihrer Ausschweifung schon wirklich überschritten haben, so geht es zurück zur Ordnung der Natur, zur lebendigen Rede . Früher daran erinnert zu haben ist verdienstlich – besonders um der Erziehung willen, damit man nicht mit veralteten Unarten, mit völlig unnützen Künsten eine Generation quäle, der wir wahrscheinlich nicht viel mehr als die Erfahrungen unsrer Leiden und Irrtümer zu hinterlassen haben werden. X. Von der Kanzlei-, Geschäfts- und historischen Beredsamkeit Nachdem wir die Beredsamkeit in ihren Beziehungen auf die Kanzel und auf die Schriftstellerei erwogen, würde nunmehr zu erwägen sein, was sie mit Rücksicht auf das Staats- und Geschäftsleben sei und wirke. Die gerichtliche Beredsamkeit, der man in unsern Tagen nach dem Beispiele der britischen Staatsverfassung wieder einigen Einfluß zu vergönnen angefangen hat, ist nur ein Teil dessen, was ich meine. Der Staatsmann in allen gedenkbaren Funktionen seines großen Berufs agirt als Richter, indem ihm zwei streitende Parteien unterworfen sind, deren Interesse er zu versöhnen hat, aber auch wieder als Anwalt, indem er sein Departement, seinen Geschäftszweig gegen die übrigen, oder seinen Staat gegen die Nachbarstaaten zu vertreten hat: wie nun die gerichtliche Beredsamkeit nach Maßgabe der Stellung des Redners sich in die beiden Gattungen der richterlichen und der parteilichen Beredsamkeit teilt, so würde, wie es sich von selbst versteht, die gesamte politische Beredsamkeit eine bloße Erweiterung der gerichtlichen sein, und nach demselben Einteilungsgrunde in zwei Hauptgattungen zerfallen müssen. Die Stellung des Anwaltes würde beiden, dem Erskine und dem Burke gemeinschaftlich sein, wenn auch jener nur Individuen, dieser nichts geringeres als Amerika, Ostindien, Großbritannien selbst, ja den alten gesellschaftlichen Zustand von Europa zu vertreten hätte: die Stellung des Richters würde beiden, dem Lord Mansfield und dem jüngeren Pitt gemeinschaftlich sein, wenn auch jener als Oberrichter nur die Händel der Privatpersonen, dieser dagegen die gesammten streitenden Kräfte einer großen Monarchie zu vertragen und zu vermitteln hätte. – Wir haben im Laufe dieser Vorlesungen an keiner Stelle der Poesie vergessen: wir wären sicher von unsrer Bahn gewichen, hätten unsers eignen Geschlechts vergessen, hätten den Standpunkt für unsre Untersuchungen und uns selbst verloren, ohne jenes leitende Gestirn, das, wenn auch nur Strahl aus einer andern Welt, dennoch das ganze irdische Treiben der Beredsamkeit ordnen, und ganz wie die Gestirne, den rednerischen Geschäften die Richtung und das Maß mitteilen mußte. Sie erinnern Sich jener dritten seligen Stelle über dem Gewühl der irdischen Parteien, welche wir als den Wohnsitz und die Heimat des Dichters anerkennen mußten! Wir überzeugten uns, daß die Poesie kein einzelnes irdisches Interesse mehr als Anwalt zu vertreten habe, daß sie ohne bestimmten Zweck, ohne gemeines Ziel ihrer Tätigkeit wie die Frauen, blos die Verewigung des ganzen Geschlechts und aller seiner Heiligtümer im Auge habe. Sollte nun nicht der Staatsmann, der Richter, da er ja gleichfalls über den Parteien schwebt, und das Glück des Einzelnen nie abgesondert als Parteiangelegenheit, sondern nur wie es aus der Seligkeit des ganzen Gemeinwesens hervorgeht, betrachten darf, im Wesen eins sein mit dem Dichter, und die ganze Unterscheidung nur in der Unvollkommenheit und Unreinheit unsrer Gesinnung, die den Ernst und das Spiel nicht zu vertragen, und das Gedicht nicht von der Erdichtung abzusondern weiß, ihren Grund haben? Es ist wahr, nur in der gemeinen, tierischen Region des politischen Lebens sind der Staatsmann und der Dichter unverträglich: sie scheinen sich zu nähern und zu versöhnen, je höher das Leben steigt; sie erkennen sich: in welchem Bade soll sich die Seele des großen Staatsmanns erfrischen als im Bade der Poesie? Wenn ungeheure Sorgen ihn von sich selbst loszureißen und mit sich selbst zu entzweien, wenn die Lockungen des Ruhms und aller irdischen Größe ihn in sich selbst zu verstricken drohn, was soll hier die Knoten lösen, dort das Getrennte sanft verknüpfen? Braucht nicht Alexander den Homer, um die brausende Seele nur die wenigen Jahre festzuhalten, die sein ungeheures Dasein dauert? Was soll denn denjenigen mäßigen, von dem die irdischen Dinge ihr Maß erwarten? Was soll den selbst erziehn, dem ganze Völker zur Erziehung übergeben sind? In seinem Geschlechte ist er der größte, und alles von ihm abhängig; hier ist er selbst der Ausfluß aller Gnade, alles Lohns, aller Beruhigung. Es muß etwas geben, ein andres Geschlecht; seines Gleichen, und doch unendlich verschieden von ihm, welches dem Himmel näher steht und ihn schwebend erhält in seiner Höhe, ihn selbst wieder belohnt, beruhigt, und für dessen Wirken es im ganzen Umkreise der irdischen Dinge kein Gleichnis gibt als die Mutter oder die Hausfrau. Wir reden von der Beredsamkeit, welche die erste unter allen Funktionen des Helden und Staatsmanns ist, wie denn alle Kräfte am letzten Orte doch nur bewegt werden durch das Wort: und so können wir jenes andre, heilige Geschlecht, dessen Begleitung wir bedürfen, nicht zweckmäßiger bezeichnen als durch das Gegenteil der Beredsamkeit, durch die Poesie: handelten wir vom Staate oder vom Fürsten, wie Macchiavelli so würden wir es anders nennen, nämlich Religion, die Fürstin, Königin, in deren Gefolge die wahre Poesie aller Zeiten aufgetreten ist, wie denn überhaupt der Charakter der Poesie nicht aufrecht zu erhalten, ihr Geschlecht nicht zu behaupten ist, ohne die Religion, welche demnach, beiläufig gesagt, die letzte und reinste Quelle auch des Geschmacks ist, den wir von der Poesie entlehnen, und wie eine gute Gewohnheit auf das Gebiet der Beredsamkeit hinübertragen mußten, um ihrer fragmentarischen Wirksamkeit Form und Haltung zu geben. – – Es fragt sich nun, geht der Staatsmann-Redner ganz über in den Dichter? Und da es keinen andern Umgang, keine Gemeinschaft für ihn gibt, da er sogar nach Art der Poesie in einer gewissen seligen Unbefangenheit über dem Kampfe der Parteien schweben soll – verliert er nicht den eigentümlichen rhetorischen Geschlechtscharakter? Und sollte nicht der gewisse blühende Stil und lebhafte Vortrag, den unsre Zeit nicht blos an den angehenden Geschäftsmännern rühmt, sondern überhaupt an die Stelle des alten trocknen Kanzleistils setzen möchte, eine Spur sein, daß sich die politische Beredsamkeit wirklich zu vermischen anfange mit, daß sie überzugehen anfange in die Poesie? – Ich glaube nicht, daß ein reines Gefühl durch eine größere Geschmacklosigkeit beleidigt werden könne, als durch eine poetische Phrase in Staatsschriften. Ja die Lebhaftigkeit selbst hat in einem richterlichen Urteil, oder überall wo der Staat selbst spricht, etwas anstößiges: je höher der Staatsmann gestellt ist, je mehr er sich also erhebt, ich möchte sagen zum Niveau der Poesie, je mehr er meiner Voraussetzung nach des Umgangs der Poesie bedarf, um so mehr verlangt ein unbestechliches Gefühl in uns, daß die Poesie selbst in seinen Werken nirgends wahrzunehmen sei, als allein unsichtbar zu spüren in dem Geschmack, der in seiner Lage eben die Poesie ausschließt. Wir lassen uns viel lieber von ihm einige Trockenheit und Steifheit gefallen, wiewohl diese ebensowenig der Charakter des Geschäftsstils ist, als etwa die Magerkeit der Charakter der männlichen Form. Dieses richtige, wenigstens unüberwindliche Gefühl scheint anzudeuten, daß bei aller Verträglichkeit zwischen der politischen Beredsamkeit und der Poesie dennoch die Geschiedenheit zwischen beiden fortdauern müsse, und daß die Beredsamkeit grade um so rhetorischer, um so prosaischer werden müsse, je mehr sie sich der Poesie hingebe, und je vertrauter sie werde mit ihr. Sie sehen, daß dieses wunderbare Verhältnis, mit dessen Erörterung sich bis jetzt die Kritik nur selten befaßt hat, unerklärt bleiben würde, wenn ich nicht durch den Lauf dieser Vorlesungen das einzige Gleichnis angewendet hätte, welches in dem ganzen Gebiete der menschlichen Angelegenheiten dafür vorhanden war, das Verhältnis der beiden Geschlechter. Grade in demselben Maße als das Bedürfnis des weiblichen Umgangs wächst, tritt der männliche Charakter deutlicher ans Licht: und ich behaupte, daß die wahre Poesie an dem Stil der Staatsschriften, die George Rex unterzeichnet sind, und die als unbedingtes erstes Muster dieser Art ausgezeichnet zu werden verdienen, dieselbige Freude hat, die eine echte Frau in der Betrachtung des wahrhaft männlichen Charakters empfindet. – Die beiden Hauptgebiete der menschlichen Wirksamkeit, das häusliche und das öffentliche Leben, wollen eben miteinander bestehn: eines ist nicht ohne das andre. Das Gesetz, die Frucht des öffentlichen Lebens, ist nichts ohne die Sitte, welche aus dem häuslichen hervorgeht. Das häusliche Leben, die Familie, darin die Frau herrscht, ist an keine Zeit gebunden, ist in gewissem Sinne ganz unabhängig von der Zeit, ist immer vollendet und geschlossen, hat keinen äußeren Zweck, als das Leben selbst, die Erhaltung, die Pflege des Lebens, eben so wie die Poesie. Das öffentliche Leben, der Wirkungskreis des Mannes, ist nie vollendet, ist aber streng an Zeit und Ort gebunden: es sollen bestimmte Wirkungen mit bestimmten Mitteln hervorgebracht werden; es soll ein Haus gebaut werden aus ganzen Nationen, ja der Menschheit selbst, worin die Poesie oder die Religion walten soll, wie die Hausmutter in der Familie. Dies aber ist das Geschäft des ganzen Geschlechts: der einzelne Mann, nur vorübergehender Arbeiter in dem ewigen Bau; sein eigentlicher Lohn kann nicht in den bestimmten Erfolgen seiner Wirksamkeit liegen, die immer unvollendet bleibt; das Maß des Werkes kann nicht aus dem Werke genommen werden, welches nie fertig vor ihm dastehen kann. Woher nimmt er es? als aus dem von dem seinigen ganz verschiedenen Wirken der Hausmutter: dieses bildet in engem Räume, eben so wie die Poesie, das ganze Leben und die Bestimmung des Geschlechts ab – und so erhält er aus einer ganz andern Sphäre den Glauben, die Hoffnung, die Liebe, kurz den eigentlichen Geist seines Werkes, den Geschmack, den Sinn, worin es getrieben werden muß. Der ohnmächtige, vergängliche Arbeiter an einem ewigen Werke müßte verzweifeln in seinem hoffnungslosen Geschäft, wenn er allein stände: das erhabenste Staatsgeschäft wäre Festungsbau, Galeerenarbeit, ohne die prophetische Beruhigung, welche das häusliche Leben gewährt, dieses beständig aufgeschlagene, sehr leserliche Buch über die Bestimmung des ganzen Geschlechts. Alles Leben des Mannes und alle Kräfte der Beredsamkeit sind gerichtet auf die Gesetze, auf jene großen fragmentarischen Ausdrücke des Allgemeingültigen, welches das Leben und die Taten der Nationen hinterlassen: immer ist an ihnen zu verändern, zu verbessern: wo aber, da das Ziel unsichtbar ist, soll die Richtschnur herkommen für die Verbesserung? Es ist die Sitte, es ist der Geist der Familie und des häuslichen Lebens, welche über die Ungewißheit des Ausgangs erhebt, welche die Wolken der Zukunft, die über den Erfolgen der männlichen Bestrebungen ruhen, zerstreut, und die Bürgschaften der fernsten Nachwelt für unsre Unternehmungen herbeibringt. Abschreiben lassen sich die Sitten nicht, auch lassen sich nicht unmittelbare Verfassungen der Völker daraus schneiden, so wenig man, wenn die Beredsamkeit verfallen ist, wie bei uns, sie durch einen Raub poetischer Phrasen, blühender Formen und kühner Wendungen ersetzen kann: Völker, die den Geist der Sitte nicht zu schonen wissen, oder die Sitten verloren haben, werden nichts gewinnen dadurch, daß sie selbige verordnen wie Gesetze: Sitte und Gesetz, häusliches und öffentliches Leben, die weibliche Wirksamkeit und die männliche, kurz die Beredsamkeit und die Poesie, durch deren Mund sich alle diese wesentlichen Unterschiede erhalten und befestigen, müssen alle ihren Geschlechtscharakter behaupten, wenn sie einander dienen und beruhigen sollen. – Wenn also das häusliche Leben und das öffentliche von einander gerissen sind, wie in unserm Jahrhundert, wenn das Privatleben und die Poesie weichlich, ohnmächtig auf der einen Seite daniederliegt; das öffentliche Leben und seine Offenbarung, die Beredsamkeit hart, steif und rauh auf abgesondertem Wege geht, so ist nichts gewonnen dadurch, daß man sie vermischt, aus der Beredsamkeit und Poesie, aus der Sitte und dem Gesetz ein drittes geschlechtloses zu bereiten sucht. Vielmehr, man muß sie sondern, ihre Eigentümlichkeiten streng unterscheiden: in Ansehung der Poesie und der Beredsamkeit hat die Kritik mir dieses wichtige Geschäft überlassen. Man muß sie unterscheiden für immer, so daß sie für immer nach engerer Vereinigung streben können: dies war nur möglich nach dem Schema, nach dem Muster der beiden Geschlechter. Wie die Beredsamkeit der künftigen Jahrhunderte, zumal Deutschlands, beschaffen sein werde, weiß ich nicht: so wenig als ich von den politischen Formen der Zukunft und dieses teuren Vaterlandes weiß. Auch ich bin ein Arbeiter in jenem großen Bau: die Gegenwart ist mein Erbteil; aber Richtung und Maß empfange ich von jenem weiblichen, mütterlichen, heiligen Wesen, welches das häusliche Leben anordnet, uns durch alle verwickelten Geschäfte des Lebens begleitet, alle Rätsel des Lebens löst, die Abwesenheit der zukünftigen Dinge ersetzt, und durch die feindselige Freundschaft, in der es mit mir lebt, mich mir selbst bewußt macht. Alle Beredsamkeit ist fragmentarisch, wie alle Arbeit des öffentlichen Lebens: ich würde mit Verdruß mich selbst sprechen hören, wie mit Verzweiflung mein eignes Werk betrachten; wenn sich der Geist des Ganzen nicht mir ewig offenbarte in der Poesie und in dem häuslichen Leben. – Wenn also der Staatsmann, der Richter über dem Streit der Parteien schwebt, so befindet er sich immer noch nicht auf jener seligen Höhe des Dichters oder der Hausfrau über einem Ganzen: er hört deshalb nicht auf selbst Partei zu sein, er steht immerfort inmitten eines unvollendeten Werkes, und hätte er nicht mit Feinden oder Rebellen zu tun, ist denn nicht die Zukunft selbst eine ungeheure Gegenpartei, muß er nicht ganz nach Art des Redners unaufhörlich anklagen die Gegenwart, für die er wirken und sorgen will, und Partei nehmen grade für die Geschlechter, die nachkommen, und die er noch nicht kennt? Der Staatsmann ist in unzähligen Beziehungen Richter, in eben so viel anderen aber auch wieder Anwalt und Partei. Wir werden also die politische Beredsamkeit einteilen können in die beiden Gattungen der richterlichen und der parteilichen. Ich habe schon früher angedeutet, daß ich für das höchste Muster in jener den jüngeren Pitt, in dieser Burken halten würde, – wie überhaupt in England beide Gattungen auf das bestimmteste und deutlichste abgesondert erscheinen. Wo im Namen des Staates gesprochen wird, habe ich bemerkt, müsse jede poetische Wendung einerseits, und alle parteiliche Lebhaftigkeit andrerseits vermieden, also nur mit richterlicher Ruhe und Einfalt gesprochen werden. Hier nun könnte man mich erinnern an jene außerordentlichen Lagen der Völker, wo alle Kräfte versammelt und begeistert werden müssen, um das Ganze zu retten, wo der Staat selbst Partei wird und werden soll, wo die ganze Macht nach Einer Seite hin gerichtet werden soll. Auch da, könnte man fragen, sollen Staatsschriften nicht den ruhigen Gang, die Einfalt ihres Charakters verleugnen dürfen? – Ich fühle in der gegenwärtigen Lage der Sachen die Notwendigkeit die Völker zu haranguiren, sie durch Proklamationen zu elektrisiren, wenn das Heiligste auf dem Spiel sieht. Warum aber sind die Regierungen genötigt selbst zu sprechen, in eine Lebhaftigkeit der Rede zu verfallen, die nur dem Einzelnen anzustehen scheint? – Weil sie keine Anwälte haben; weil die Staaten stumm sind; weil niemand sprechen würde, wenn die Regierung nicht spricht. In den Staatsschriften von England, ja in den geringsten officiellen Berichten erlaubt sich niemand eine Wendung der Leidenschaft oder einen Ausdruck der Begeisterung. Es sind einfache Darstellungen der Sache oder des grade vorwaltenden Bedürfnisses: bei sehr feierlichen Gelegenheiten erinnert man still und einfältig an Gott, Vaterland und Gerechtigkeit, und gibt statt aller oratorischen Impulse dem Volke, welches große Dinge erfahren, oder zu großen Opfern angehalten werden soll, nur den Eindruck der Ruhe, der Keuschheit, der politischen Unschuld: alles absichtslos, weil man nicht anders kann, weil es sich anders nicht schicken würde. – Was macht diese Ruhe möglich? – Daß die ganze Nation spricht, daß alle Talente zum Worte kommen, daß der Gedanke der Regierung tausend Stimmen in Bereitschaft findet, die ihn schon mit der Lebhaftigkeit ausdrücken, welche dem Einzelnen ansteht gegen den Einzelnen. Die keusche Beredsamkeit des Richters schließt die glühende Beredsamkeit des Anwalts nicht aus: wenn aber die Nation spricht durch ihre Anwälte, durch die Talente, welche ihr Boden erzeugt, wenn ihr nicht ein rechtlicher Weg eröffnet wird öffentlich zu sprechen, wie in England, so spricht die Regierung allein, und ist dann in außerordentlichen Gelegenheiten genötigt, selbst im Tone des Anwalts zu reden. – Die französische Revolution schien ein ungeheures Feld für die Beredsamkeit eröffnet zu haben: jede der aufeinanderfolgenden Regierungen aber ist der andern gleich in ihren Deklamationen und Proklamationen. Der einzige Moniteur enthält so viel Ausrufungszeichen und Gedankenstriche, als die ganze übrige Literatur der Beredsamkeit zusammengenommen: die Gesetze selbst haranguirten die Nation; jede Regierung hielt sich ihren eignen Phrasenmacher: mehrere aufeinanderfolgende Regierungen hat in dieser Art ein reduzirter, höchst mittelmäßiger Poet François de Neufchateau bedient. Von dem was ich die richterliche Beredsamkeit nenne, nirgends eine Spur: das lakonische sans phrase eines Elenden beweist, daß bei dem schrecklichsten Gerichte, das auf der Oberfläche dieser Erde gehalten worden ist, grade am meisten deklamirt wurde. Überhaupt ließe sich, wenn es der Mühe verlohnte, eine Blumenlese des unbedingt Schlechten und Geschmacklosen aus dem Moniteur sammeln, welche den Unterricht in der politischen Beredsamkeit sehr erleichtern würde. – Wenn ich also klage, daß andre Nationen gar nicht zum Worte kommen, so will ich gewiß nicht jene verherrlichen, welche auf diese ärgerliche Weise zum Worte gekommen ist. – In mehreren Teilen des nördlichen Deutschlands ist die alte deutsche Gewohnheitsform der richterlichen Beredsamkeit, der Kanzleistil, abgeschafft. Welchem Vorteil dieses ehrwürdige Monument besserer, keuscherer Zeiten eigentlich im Wege gestanden hat, weiß ich nicht: neue Gesinnungen brauchten wahrscheinlich eine neue Sprache. Ich glaube, daß Östreich viel erhalten, viel Wesentliches gerettet hat, indem es auch von dieser Seite keiner Neuerung Gehör gegeben. Was? ist es jetzt Zeit dem einzelnen Beamten zu gestatten, daß er nach Willkür im Namen des Staates rede? wohl gar die Beschlüsse des Staates in seiner eignen Manier mit seiner gewandten, blühenden Feder auszuschmücken und zu empfehlen sich unterfange? Soll etwa den Nationen, wie man es Kindern wollte, das Ernsthafte spielend beigebracht werden? Vergesse man nicht, daß die Autorität der Schulmeister dahin ist, seitdem sie sich zur Sprache der Kinder herabgelassen haben. – Jeder wahre Geschäftsmann weiß, daß es eine Beredsamkeit gibt eben sowohl im Kanzleistile, als in der Sprache der Bücher: Blumen, Bilder, Ausrufungszeichen, Gedankenstriche, und der ganze Tand, den die schöngeisterische Lektüre absetzt, vertragen sich nicht damit; ja es ist eben das Verdienst des Kanzleistils, daß er diese Nichtswürdigkeiten, diese Geschmacklosigkeiten ausschließt, herauswirft möchte ich sagen; aber die Klarheit, die Gründlichkeit der Ordnung der Argumente schließt er nirgends aus. Deshalb ist er eine Schule des Geschmacks für die jungen belesenen, blumenreichen Geschäftsmänner: ernötigt, erzwingt sie das Anständige auf anständige Weise zu tun. Woher denn aber das Steife, das Geschweifte, alle die unzähligen Härten dieses Kanzleistils, und alles was unsern poetisierenden Stilisten widersteht? Daher, daß er nicht gesprochen, sondern nur geschrieben worden ist: man fühlt wie ihn die Feder, sich selbst überlassen, auseinander geschnirkelt hat, und wie die Weichheit der menschlichen Brust mangelte. Aber auch so ist es wesentlich, daß er bleibe, und jeder Bauer des Landes an der wohlbekannten, alten Wendung der Rede merke, daß es der Landesherr selbst sei, welcher spricht. In England hat sich durch den beständigen Einfluß der parteilichen Beredsamkeit der Kanzleistil allmählich veredelt, ohne jedoch sich von den altertümlichen Wendungen loszusagen. Wenn das politische Leben wieder mehr zum lebendigen Worte kommen wird, so werden sich die barbarischen Angewöhnungen der Feder aus unserm Kanzleistile von selbst herausläutern, und nur das echt Altertümliche, wahrhaft Würdige, Richterliche darin zurückbleiben. – Aber, höre ich fragen, gehört denn der Kanzleistil überhaupt in das Gebiet der Beredsamkeit? – Der große Haufen unsrer Zeitgenossen spricht nur da von Beredsamkeit, wo sich die Rede erhebt, wo sie den Mund vollnimmt, wo sie sich mit einem gewissen falschen, erborgten poetischen Wesen vermischt, kurz wo sie, meiner Ansicht zufolge, von ihrer Art läßt, und einen fremden Geschlechtscharakter annimmt. Von der Poesie konnte sie nichts Wesentlicheres erlernen, als was sie selbst sei, wie der Mann im Umgang mit den Frauen vor allen Dingen auf sich selbst, auf die männliche Eigentümlichkeit seines Charakters, halten lernt; und wenn es der Geschmack ist, den die Beredsamkeit aus dem Umgange mit der Poesie davon trägt, so ist die erste Lehre dieses Geschmacks, daß er ein Redner bleiben, und nicht beide Geschlechter der redenden Kunst in sich vermischen wolle, damit er der Ehre des ferneren Umganges mit der Poesie würdig sei. Niemand überzeugt mich, daß er das Wesen, daß er den Geist eines Dinges suche, der mit habsüchtiger Voreiligkeit sich die Äußerlichkeit dieses Dinges anzueignen sucht. Ich spreche von England als einem Muster in Sachen der Beredsamkeit und des öffentlichen Lebens: aber wehe dem Staate, der die Äußerlichkeiten britischer Verfassung sich anzueignen suchte: er ist schlimmer daran als die, welche hartnäckig bei dem beharren, was sie aus sich selbst sind, wie wenig es auch sei. Die wahrhafte Bewunderung und das gründliche Verständnis einer großen Sache offenbart sich nirgends so deutlich, als in der Scheu sie nachzuahmen: die fromme Hingebung des bildenden Künstlers an die Natur, die Antike oder den Raphael erkenne ich nirgends so bestimmt als in dem gründlichen Widerwillen vor der Nachahmung der Natur, der Antike oder des Raphael. Alles was sich nachahmen läßt, hat nie gelebt: nur das im strengen Sinne des Wortes Unnachahmliche, also die eigne schöpferische Kraft anregende, zu eigenen unabhängigen Werken erweckende, begeisternde ist schön und gut. Die Schönheit der Poesie beruht darin, daß sie den Redner zwingt in seiner Art das rechte, d. h. ganz etwas andres zu sein als sie. Als die Syrakusaner sich vom ersten Erstaunen über die Wirkungen der Maschinen des Archimedes, und über die Resultate seiner Berechnungen erholt haben, kommen sie zu dem Weisen gelaufen, und wollen lernen wie er die menschlichen Kräfte überstiegen habe, durch welchen Handgriff und mit welcher Kunst. Er antwortet ihnen nach Schiller: wer um die Göttin freit, begehre nicht in ihr das Weib. Die Sklavin meint er. Wer um die Poesie sich selbst bewirbt, um ihren Umgang, ihre Liebe, der sei zuvörderst durch und durch ein Redner; nur als solcher vermag er sich um das Göttliche und Unvergängliche in ihr zu bewerben. – Was von der politischen Beredsamkeit gilt, gilt vom Geschichtsschreiber. Die Ruhe, die Parteilosigkeit scheint die erste Forderung, die an ihn gemacht werden kann: ganze Jahrhunderte liegen vor seinen Blicken da, wie das Leben und die Bedürfnisse einer Generation vor dem Staatsmann, dem Richter; aber ist denn sein Gegenstand geschlossen und vollendet wie der des Dichters? Rücksichtlich der neueren Staaten, als Gegenständen der Geschichte, beantwortet sich das von selbst. Aber selbst Rom und Griechenland? Leben sie nicht fort: wächst nicht jede wirkliche Form längst verschwundener Völker noch fort; greift sie nicht ein in unser Schicksal; ist nicht jede Gegenwart ein neuer, tieferer Kommentar der Vergangenheit; und die Helden der Geschichte? wird die Nachwelt sie nicht besser verstehn als wir? was wäre denn die Herrlichkeit des Großen auf dieser Erde, wenn man seine Betrachtung abschließen könnte, und vorgeben, es sei nunmehr für immer erkannt? was wäre die Unsterblichkeit des Schönen, wenn es nicht wirklich auch fortwüchse, wie es fortlebt? Also täuscht euch nicht! als wenn nach vierzig oder so und so viel Jahren die Gegenstände reif würden für die Geschichte, und ihr sie nun unbefangen, parteilos zu betrachten wüßtet, weil ihr nicht mehr unmittelbar beleidigt werden könntet! Was? droht Brutus nach Jahrtausenden nicht noch jedem Tyrannen fort? Wie kann der Tyrann unbefangen von Brutus sprechen? Greifen die Ideen der Menschen, greift der Widerstreit ihrer Neigungen und Wünsche nicht weiter als über den Raum einer Generation? Ist denn das Große, was ich wollte, schon deshalb zur Ruhe gebracht, weil vierzig Jahre meine Asche decken? Können meine Irrtümer den Enkel nicht mehr blenden und bestechen, weil ich selbst schon lange nicht bin? – Mich dünkt sie sind verderblicher dann, wenn meine persönliche Schwäche nicht mehr neben ihnen wandelt, wenn meine Gebrechlichkeiten vergessen sind, die einst meine Zeitgenossen erinnerten, womit der Gedanke zusammenhing, der jetzt den Enkel bezaubert. Sie sehn, was es mit der Unparteilichkeit der Geschichte auf sich hat. – Ist denn ein schwaches Jahrhundert bloß deshalb weil es später gekommen, reif zum Urteil über ein starkes Jahrhundert? – So sollten die Helden der Vergangenheit sein, wie sie widerscheinen aus kleinen Seelen, die ein Gewerbe machen aus engherziger Unparteilichkeit? Ich sollte mir die Geschichte gefallen lassen, wie sie meine Zeit zu Markte bringt? Um Karl V. zu erkennen sollte ich Robertson fragen, um Constantin und Julianus den Abtrünnigen, den Gibbon? Gehen wir alle von dem Grundsatz aus, daß die Geschichte unendlich anders und größer sei, als sie in den meisten Geschichtsschreibern erscheint, die wenigen ausgenommen, die wie Macchiavelli groß genug waren in ihrer Zeit, um ein früheres Zeitalter fassen zu können? Vergessen wir alles was wir von der Geschichte gelernt; dann sehen wir um uns, forschen wir wie es dem Zeitgenossen großer Begebenheiten, womöglich wie es dem Teilnehmer großer Taten zu Mute ist, dann wird uns allmählich der Sinn aufgehen über die Geschichte! Erst sei man Redner, dann Geschichtsschreiber, der andre Helden andrer Zeiten reden läßt. Darum liebte die Historie der alten Welt ihre Helden sprechen zu lassen! – Es ist also immer eine Täuschung, wenn man glaubt der Geschichtsschreiber könne in der seligen Unbefangenheit des Dichters über seinem Werke schweben, er könne sein Werk abschließen, entlassen, emanzipiren wie der Dichter, oder wie die Mutter ihr Kind. Wie alle Werke des Redners, so sind auch die seinigen Fragmente, angewendet auf die Gegenwart, auf große Gedanken, auf große Taten, die zu vollbringen sind; für die Nachwelt viel mehr Dokumente, um seine eigne Zeit zu beurteilen, als die Zeiten, von denen er handelt. Noch mehr als an den Geschichten, die ich von ihm lerne, erfreue ich mich an der großen Seele des Tacitus: Über die Sachen reden mir die Steine fast deutlicher und das Metall, aber was in einem verwandten Geiste vorging, unter ähnlichen Umständen, beim Untergang einer Welt, an die man geglaubt, auf die man gebaut, das erfahre ich nur von ihm. Den Geschichtsschreiber versteht nur, wer ihn als einen Redner versteht, als einen Freund der Poesie: er bringt sein Werk der Nachwelt, aber wie der Redner ohne Anspruch auf die Ewigkeit, die Geschlossenheit, die Unabhängigkeit des Dichters, dem keine Zukunft etwas anhaben kann, weiß er, daß er Vergängliches gebildet, daß die Nachwelt ihn in demselben Stoffe übertreffen werde. Dennoch bringt er es – opfert es, indem er es bringt. XI. Vom Einfluß der christlichen Religion auf die Beredsamkeit Ich hatte mir vorgesetzt die Beredsamkeit in den vorzüglichsten praktischen Funktionen, die ihr in unsern Tagen verblieben sind, darzustellen: nicht in der Absicht ihren Wirkungskreis zu umfassen, der unendlich ist, sondern um ihre Art, ihren Geschlechtscharakter so scharf als möglich zu bestimmen. Ich habe die politische, die schriftstellerische, die geistliche Beredsamkeit nicht sowohl selbst charakterisiren, als die Eigentümlichkeit des Redners in allen diesen verschiedenen Stellungen wahrnehmen lassen wollen. Die Lehrbücher unsrer Zeit, und so auch die über die Beredsamkeit, sind besonders mangelhaft in den Eingängen in der Bestimmung und generischen Absonderung ihres Gegenstandes: am lehrreichsten hingegen da, wo sie sich in das Einzelne verlieren, und der Natur gewissermaßen nicht ausweichen können, weil ihnen die Dinge selbst in ihrer praktischen Wahrheit zu nahe treten. Viele von den Kunstgriffen, welche ein solches Lehrbuch der Beredsamkeit lehrt, stimmen mit meiner allgemeinen Charakteristik der Beredsamkeit sehr wohl überein, und so vergeben Sie mir, wenn ich zuviel über das Verhältnis der Beredsamkeit zu andern Dingen gesprochen habe, indem Sie bedenken, wie meine Vorgänger allzu hartnäckig aus ihr selbst, aus ihrer abgesonderten Betrachtung haben entnehmen wollen, was sie sei. – Indes einen Vorzug meiner Behandlung dieser großen Angelegenheit einfinde ich zu tief, als daß ich ihn nicht aussprechen sollte: die Beredsamkeit jener Lehrbücher sollte den Gegner zum Schweigen bringen und ihn unterwerfen, die meinige geht vor allen Dingen darauf aus ihn zum Worte kommen zu lassen, und da wo sie ihn etwa bezwingt, immer mehr zu erheben als sie ihn unterwirft. Der Triumph des Redners ist jene erhabne Stimmung der Seele seines Zuhörers, welche Burke den »würdevollen Gehorsam, die freie Dienstbarkeit des Herzens« nennt. – Fragt man was eigentlich vorzuziehen sei, die neuere Welt oder die alte der Griechen und Römer, so ist freilich die Antwort schon sehr natürlich, die sich für die neue erklärt, weil sie etwas von der alten wisse, diese aber nichts von ihr: ich aber sage, daß es einen würdevollen Gehorsam, einen Stolz der Dienstbarkeit gibt, dies erhebt die neue Welt über die alte. Dies ist die große Empfindung, welche die größten unter den Alten entbehrten und welche selbst Platon nicht erschwungen hat. Diese Empfindung im Herzen, ist keine Vermessenheit zu sagen, daß wir von der Beredsamkeit mehr wissen als Demosthenes, Cicero und Quintilian. Denn wenn mit dem Gegenstande der Beredsamkeit, dem menschlichen Herzen eine solche Veränderung vorgegangen, ein so großes bis dahin unempfundenes entdeckt worden ist, wie möchte sich von den Alten die Beredsamkeit lernen lassen für unsre Zeit. Es geht durch das ganze Altertum eine Rede von der Freiheit. Die Alten bezeichneten unheimliche Dinge mit wohltuenden Namen: sie ahndeten die Wunder des Wortes: wo in der Wirklichkeit ein ungelöstes Rätsel zurückblieb, wo das Bild eines Dinges Schaudern erregte und Widerstreben, da suchten sie zu versöhnen durch die Milde und Freundlichkeit des Wortes. Euphemismus heißt dieser Kunstgriff der Sprache: die Forscher des Altertums haben unzählige solcher Euphemismen gesammelt, aber den ersten unter allen vergessen. Keiner springt in die Augen wie der des Wortes Freiheit . Die Dienstbarkeit, die Unterwürfigkeit ist das Los des menschlichen Geschlechtes: es kann also nur eine Freiheit gehen in der Dienstbarkeit, eine Würde im Gehorsam. Was war den Alten fremder, als die Freiheit zu suchen im Gehorsam? Dennoch läuft ein unheimliches Gefühl der Sklaverei durch alle Lebenslust des Altertums: dieses Gefühl ward überdeckt mit einem freundlichen Wortklange, mit einem Euphemismus: das ist die Freiheit der Alten. – Wir also, in der Verschlossenheit unsrer Sinne, sind durch das eine Gefühl der Freiheit in dem Gehorsam, des Stolzes in der Unterwerfung größer als die Alten, beredter als die Alten. Sich selbst anklagen, habe ich gesagt, sei die Bedingung aller Beredsamkeit: haben es die Alten gekannt, so wie ich es meine? – Sterben konnten sie für ein Vaterland, aber nicht sich opfern: verspotten konnten sie sich, aber nicht sich geringachten, sich anklagen; sie trugen nicht das Größere in sich, welches den Menschen um so höher erhebt, als er sich tiefer unterwirft. – Erwarten Sie von mir keine andre Rechtfertigung unsrer Zeit sowohl, als meines deutschen Vaterlandes, jetzt, wo sich diese unsre Betrachtungen ihrem Ende nähern. An eine Stelle, wo die neuere Welt anscheinend beschämt werden sollte von der alten, zur Unterredung über die große Materie der Beredsamkeit habe ich Sie eingeladen. Ich habe mehr zum Ruhme der Alten gesprochen als die meisten meiner Vorgänger, mehr von den Gebrechlichkeiten unsrer Zeit ausgesagt, als Ihnen vielleicht hier und dort wohlgefallen. Ich habe mich, meine Zeit, mein Volk erniedrigt – weil sich eben nicht anders zeigen ließ, was uns erhebt . Ein Virtuose der Redekunst bin ich nicht: wo ich Sie durch meine Rede unmittelbar getroffen habe, da war es ein größerer als ich, der durch meinen Mund sprach: mein größtes Verdienst war, daß ich den größten Redner meines Jahrhunderts, daß ich Burken verstanden hatte. Wenn aber durch meine Darstellung ausgedrückt worden ist jene freie Dienstbarkeit des Herzens, von der Burke spricht, dann habe ich meinen Zweck erreicht. Hat sich in allen Klagen über das Verstummen meines Jahrhunderts, zumal meines deutschen Vaterlandes, ein gewisses Gefühl der Freiheit, ich möchte sagen ein Vorgefühl künftiger Beredsamkeit, besonders aber ein Gefühl der Beruhigung in dem Schmerz, des Sieges in der Niederlage merken lassen? darauf kommt es an. Von dieser Seite, und es ist die einzige wesentliche, steht das Land, welches mich erzogen hat, über allen andern. Das Gefühl der freien Dienstbarkeit und des würdevollen Gehorsams ist das Palladium der Welt: Deutschland ist dessen Pflege anvertraut. Die erhabensten Gefühle des Lebens sind von den germanischen Völkern hinübergetragen worden in die bürgerlichen Verfassungen: wem gehört Karl der Große an, welchem Volke gehört dieser Ahnherr der Chevalerie? wo hat er die Gesinnung her, und wo Großbritannien seine Verfassung, als von Deutschen? ist nicht, was Burken begeisterte, nur deutsches Wesen, welches der unauflösliche Gürtel der See dort fester, reiner, unvermischter, jungfräulicher erhalten hat als bei uns? Deutschland hatte nicht sowohl durch seine Schlachten, als durch sein leidendes Widerstreben Rom überwunden, Deutschland hatte durch sein bloßes Wachstum Rom aus Europa verdrängt, darum nannte es sich heiliges Römisches Reich: es nannte sich nach dem Überwundenen, und fügte nur hinzu eine stille Andeutung der Waffe, womit es überwunden. Indem ich der früheren Zeiten gedenke, möchte ich mich fragen: wo im Leben, in den Sitten, in den Verfassungen der Deutschen sind die Spuren nicht, daß wir uns besser verstanden haben um jenes Gefühl, welches die neuere Welt über Rom und Griechenland erhebt, als die meisten übrigen Völker? – Dieses Gefühl – ich brauche die Quelle, aus der es geflossen ist, nicht erst zu nennen, genug, daß Deutschland die eigentliche Pflegerin desselben war – ist die charakteristische Eigentümlichkeit der neueren Beredsamkeit. Wer dieser Empfindung nicht fähig ist, der halte sich an die Alten und lerne ihnen nachsprechen: oder der schweige lieber ganz; auf den wesentlichen Gang der Dinge wird seine Beredsamkeit doch keinen Einfluß erhalten. Unter allen Anwendungen der Beredsamkeit, die in unsrer Zeit vorkommen, ist keine wichtiger als die, welche die nächstfolgende Generation, ihre Bildung, Erziehung und Belehrung im Auge hat. Hier steht dem Redner gegenüber jene Frische der Empfindung, jene Empfänglichkeit der Organe, jene Offenheit des Sinns, der zum Reden begeistert: in den übrigen Verhältnissen des Lebens Gehör zu finden, eigentliches Gehör, wie es der Redner braucht, ist selten; die Beredsamkeit muß die hellen Intervalle tief in sich selbst befangener und verwickelter Gemüter benutzen, sie kann nur aufflammen, sie hat keine Zeit sich in ihrem eignen Feuer zu läutern und zu beruhigen. Der Erzieher der Jugend hingegen hat grade jene Jahre des menschlichen Lebens zu seiner Disposition, wo die Seele noch mit einer gewissen Frömmigkeit, mit Glauben und Ergebung hinnimmt was ihr geboten wird, wo sie ein Bedürfnis hat zu empfangen. Das Studium der Sprachen, wie der Poesie und Beredsamkeit, füllt diese Jahre sehr natürlich aus: die Alten sind dabei unentbehrlich, was der Einzelne kann und vermag mit eigner Kraft, was die Persönlichkeit des Menschen an sich und ohne Hülfe höherer Mächte vollbringt, das zeigen die Alten: wie weit die Gewalt der Rede in dem Munde des Einzelnen reicht, hört und lernt man von den Alten. Aber es ist noch viel größeres von ihnen zu lernen; das Studium der Alten ist noch viel wesentlicher aus einem andern Grunde, den die neuere Erziehung weniger beachtet hat. Mich dünkt, die Alten haben mich vielmehr belehrt durch das, was sie nicht sind, durch das, was ich in ihnen vermißte, als durch alle großen positiven Vorzüge ihrer Werke: in der Betrachtung der größten Meisterwerke der griechischen Beredsamkeit empfindet man, daß man noch ganz etwas anderes, und in ganz andrer Art zu sagen hätte als sie, und daß selbst die zerschmetternde Beredsamkeit des Demosthenes die eigentliche Kraft, die wir empfinden wollen, entbehrt. In der Klarheit der Argumente, in der Kunst der Anordnung, in der Äußerlichkeit keiner Art liegt es: griechische und römische Redner lassen die Gegenpartei reden, sie sind Meister der Dialektik; auch wird ihre Rede getragen von der Aufmerksamkeit horchender und antwortender Nationen. Ungeachtet dessen geht ihnen die allerhöchste Wendung der Rede ab; diejenige Wendung, welche die Bezauberung, die sie hervorbringt, unmittelbar wieder selbst löst. Der antike Redner entwaffnet und bezwingt, aber er muß seinen Sklaven festhalten, oder jene Leidenschaften, jene augenblicklichen, unnatürlichen Zustände, durch die er ihn bezwungen, verlängern, um die Frucht seines Sieges zu behaupten: der Redner der neueren Welt kann durch die Beredsamkeit in eine Region erheben, die der überwundene Zuhörer nie wieder verlassen möchte. Die Schande der Niederlage ist nicht mehr, das Empörende in dem Gefühl der Untertänigkeit ist verschwunden, sobald der Sieger oder Herrscher nur dadurch siegt und herrscht, daß er sich von einer höheren Macht überwunden und ihr untertäniger bewiesen hat. Nun ist in dem Zuhörer ein gewisses inneres Ohr, eine ganz andere tiefere Empfänglichkeit eröffnet: er kann mit größerer Würde gehorchen, als mit der der Römer und Grieche befahl – warum sollte er nicht gehorchen; er kann mit größerer, stolzerer Erhebung der Seele dienen, als jener herrschte, warum sollte er nicht dienen? – Woher diese Umwandlung! Das Göttliche selbst ist sichtbar und deutlich geworden; bei den Alten konnte es dem Einzelnen zweifelhaft scheinen, da er nichts Höheres gewahr wurde als sich selbst, ob er selbst nicht vielleicht bestimmt sei zur Herrschaft; wenigstens war nichts da, welches verdiente, daß er sich ihm unterwarf; und so war die Knechtschaft wie die Herrschaft, wenn sie auch ein ganzes Leben peinigend und reizend, schwankend aufrecht erhalten konnten, gleich demütigend: nunmehr aber ist entschieden, daß alles dienen soll; wer herrsche ist nicht mehr zweifelhaft; über alles Geringere sind Mißverständnisse möglich, aber das Höchste ist erkannt: wer nunmehr gehorcht, gehorcht um dieses höchsten Gutes willen, wer dient, dient nicht mehr einem Wesen, was, wie groß es auch scheine, in der Folge der Zeit die eigne Gebrechlichkeit ausweisen, und den Dienenden in seinen eignen Augen erniedrigen kann: würdevoller Gehorsam, freie Dienstbarkeit ist möglich. Der Wahn, durch die Gewalt der Rede zu unterjochen oder von ihr unterjocht zu werden, ist zerstreut: eine ganz andre Gattung der Beredsamheit kommt, ein Unüberwindliches spricht durch den Mund des Menschen. Auch mit Beziehung auf die Beredsamkeit ist es wahr, daß, wie die Schrift sagt, das eigentliche Wort nunmehr in die Welt gekommen sei. – Von Erregung der Leidenschaften, von allen jenen kleinlichen Künsten der größten Redner des Altertums kann nun nicht mehr die Rede sein in einer Theorie der Beredsamkeit: es kommt darauf an, ein Gefühl anzuregen, was im Menschen, tief unter aller äußerlichen Bewegung, unter allem Wechsel der äußeren Zustände, unter allem Haß, aller Liebe, allem Zorn, allem Ehrgeiz, und allem was die Welt noch Leidenschaften nennen mag, vorhanden ist. Es kommt darauf an ein Gefühl zu entbinden, welches vom Geschwätze des Tages und vom Tumulte der Weltbegebenheiten überschrien sein mag wie es will, dennoch in jedem einzelnen Bürger des christlichen Europas vorhanden ist, und antwortet, und einen vernehmlichen Widerhall gibt, wenn es von dem rechten Redner angesprochen wird. Welches Wort eines griechischen Redners hätte die Tiefe des Herzens treffen mögen, wie Burke in der oben angeführten Stelle, da er an die ritterliche Galanterie des französischen Volkes appellirt. Welches Wort hatte der alte Redner dem Worte Ehre an die Seite zu setzen: was ist, an echt rhetorischer Wirkung die Appellation an den Ruhm des Alten, gegen die an die ritterliche Ehre der neueren Welt: der Ruhm buhlt an der Oberfläche des Menschen, an den äußeren Sinnen umher, aber tief im Inneren des Menschen ist eine Stelle, von da aus unser ganzes Wesen mit einem Schlage ergriffen werden kann, die wir nicht kennen würden, wenn wir nicht das Wort Ehre aussprechen gelernt; eine Stelle, die Epaminondas nicht kannte und Themistokles nicht, und Alexander und Cäsar und Tacitus und alle Helden des Altertums, die doch sonst wohl zu Hause waren in sich selbst, nicht kannten. – Die Eifersucht, mit welcher der Mensch über sich selbst, über seine Unbescholtenheit wacht, mit der er jeden Angriff dessen, was er seine Ehre nennt, bestraft, gilt doch nimmermehr ihn selbst, sein gebrechliches, wankelmütiges Wesen: nein, sie hat etwas von einer Tempelwacht, er scheint ein Heiligtum zu behüten, das er in sich trägt; es scheint eine Furcht vor Entweihung vorzuwalten, und dennoch kann er selbst in seiner Ohnmacht und Vergänglichkeit unmöglich das Heiligtum sein, das er schützt. – Er trägt also wirklich, wenn er es auch nicht weiß, sondern nur an solchen unwillkürlichen Empfindungen seines Herzens merkt, ein höchstes Gut in sich, das der Grieche und Römer entbehrte. Dies anregen, dies entwirren zu können aus den verschlungensten Knoten des Herzens, ist der Vorzug des Redners der neueren Welt, ist seine Bestimmung, ist der Inbegriff seiner Kunst. Alles andre Reden, mit geringeren Zwecken und schlechteren Mitteln, wenn es auch im Umkreise der rhetorischen Kunst der Alten lag, die das Höhere nicht kannten, verdient jetzt keiner Erwähnung mehr. Sich selbst anzuklagen wissen, sich an allen Stellen der Rede demütigen vor dem Höheren, das durch unsern Mund redet, tief eingehen in das Gemüt des Zuhörers, in seine Eigenheit; nie vergessen, daß man nur Glied eines Gesprächs sei, daß es das Antworten des Zuhörers sei, welches unsre Beredsamkeit trage und steigre, und daß es jener dritte, jener Geist, welcher unsichtbar im Gespräch waltet, sei, dem alle Frucht und Wirkung der Rede zugeschrieben werden müsse, – dies sind die Erfordernisse der neueren Beredsamkeit – von ihnen findet sich im Quintilian keine Kunde. – Wie sie mit der ewigen Natur der Beredsamkeit überhaupt streng übereinstimmen, glaube ich gezeigt zu haben. – Die Alten also sind eine Vorschule aller Erziehung, alles Unterrichts, besonders dessen in der Sprache und der Beredsamkeit; es ist unendlich viel von ihnen zu lernen; wie man die eigne Persönlichkeit, das ganze irdische Beiwesen unsrer unsterblichen Natur, das auch nicht weggeworfen werden darf, ordne, befestige, bewaffne, verteidige, ist noch heut direkt von den Alten zu lernen. Noch größeres aber ist zu ersehen aus dem was ihnen mangelt, und was wir Bürger dieses stummen Jahrhunderts, anscheinend verlassene, verwaiste Kinder besserer Geschlechter, dennoch in uns tragen als ein zwar dunkles, aber starkes Gefühl, welches sich offenbart in unsrer Art der Ehre und der Liebe, wie unedle Beimischung das eigentümliche Wesen dieser Empfindungen auch zu verbergen scheinen möge. Dem Redner also, der an das unbedingt beste Publikum für die Beredsamkeit, nämlich an die Jugend, zu sprechen hat, wird sicherlich nichts gelingen ohne die von mir beschriebene neuere, und im Vergleich gegen das, was die Alten durch die Kunst der Rede beabsichtigten und vollbrachten, heilige Beredsamkeit. Wer nicht auf die religiösen Unterschiede achtet, von denen ich gesprochen, der kann heute mit allem Strom der Worte nichts mehr bewegen, die Gemüter nur bestärken in ihrem Eigensinn: sowohl die Beredsamkeit, welche er übt, als die, welche er lehrt, gehen erfolglos vorüber; es sind ganz andre Kräfte in der Welt anzureden und zu ergreifen, als die, an welche er sich wendet. Die Rede, welche der Schüler nach dem Cicero und ihm gelernt hat, muß er erst wieder vergessen, selbst wegsprechen aus seiner Seele, wenn ein Mann aus ihm wird, wenn er nicht bloß andre, sondern zumal und vor allen Dingen sich selbst überreden und beruhigen will. Doch wozu Umschweife! es gibt nur eine heilige, eine christliche Beredsamkeit! Wenn alle Hausmittelchen der Überredung, wenn alle die ängstlichen Lehren der Alten befolgt und erschöpft sind, wenn man Hörer hat wie sie sein sollen, wenn sich die Kunst abgemattet, um eine große Wirkung hervorzubringen – dann fühlt man, daß ohne jene Quelle, aus der die Gefühle der Ehre, der Liebe, des Gehorsams, der freien Dienstbarkeit geflossen sind, die ganze Mühe der Rede, sowohl was ihre Form, als was ihren Stoff betrifft, nicht belohnt werden kann. XII. Von dem letzten Zwecke dieser Reden über die Beredsamkeit Die Scheu unsrer gebildeten Zeitgenossen vor der Erwähnung heiliger Dinge in der Betrachtung der weltlichen hat so verschiedene Veranlassungen, daß sie sich weder unbedingt loben, noch auch unbedingt verdammen läßt. Im schlimmsten Falle aber rührt sie aus wirklicher Gottesscheu her, wie ein geistreicher deutscher Schriftsteller diese Krankheit der Seele nennt. Ich will nicht grade behaupten, daß eine gemeine Natur dieser Krankheit fähig wäre; es gehört eine gewisse Geschlechtslosigkeit der Seele dazu, und eine gewisse Klarheit ihrer Organe, die glücklicherweise sich selten beieinander finden. Ich hätte unrecht gehabt, im Laufe dieser Vorlesungen ein so großes Gewicht auf die Geschlechtsunterschiede gelegt zu haben, es wäre eine falsche Spitzfindigkeit gewesen, wenn diese Unterschiede bloß das körperliche Wesen des Menschen angingen, also in solchen Materien, wie die welche uns beschäftigte, nur gleichnisweise eingriffen. Es ist sehr geschmacklos, gewisse Gleichnisse in der Rede ohne Ende umherzuzerren, sie, ich möchte sagen, bis auf den letzten Faden abzutragen: es macht den Eindruck der Armut und der Schwäche, wenn der Redner gewisse Bilder, die ihn geblendet, nicht wieder loswerden kann, wenn sie wie das Bild der Sonne in einem schwachen Auge eine langnachklingende Spur hinterlassen, und die Gegenstände der Natur wie die Gedanken mit allerhand überflüssigen farbigten Flecken verunstalten. Dies wäre der Fall im Laufe dieser Vorlesungen mit den Geschlechtsverschiedenheiten gewesen, wenn ich mich ihrer nur gleichnisweise bedient hätte: so aber ist es nicht; dem ordentlichen Manne erscheint die ganze Natur weiblich; die Frau ist ihm nur das konzentrirte Bild seiner Welt; alle seine anderweiten Neigungen werden denselben Charakter annehmen, je trefflicher er wird, um so mehr. Deshalb finde ich die Ritterzeiten schon an und für sich, ohne Rücksicht auf die Religion, welche sie adelte, viel menschlicher als die der Römer und Griechen. Was ist der Geist jener frommen Liebe, mit dem wir die Helden des Mittelalters geschmückt finden, anderes, als höchst entwickelte Männlichkeit. Die Tapferkeit, die Haupt- und Kardinaltugend des Mannes, die seine ganze Wirksamkeit, die unendlich mehr als den Schutz der Frauen umfaßt, nimmt nichts desto weniger durch und durch die Farbe der Liebe an; sie wird mit der ehrfurchtsvollen Bewunderung des andren Geschlechts so getränkt, daß die späteren, schwächeren Nachkommen in dem Worte, welches diese vollkommenste Tapferkeit bezeichnete, nämlich Galanterie, nichts mehr fühlen als die Liebe, als das edle Betragen gegen das andre Geschlecht. Man fühlt ganz deutlich die Steigerung, wenn in England, wo das Wort galant am besten die alte Farbe gehalten hat, im Parlament von einem Feldherrn, der den Waffenruhm der Nation auf den höchsten Gipfel erhoben, erst alle gewöhnlichen, ich möchte sagen römischen Beiworte für die Tapferkeit gebraucht werden, und nun zuletzt gesagt wird, er sei a galant man . Hier ist die Grenze; weiter geht die Steigerung nicht: vom alten Feldherrn, vom Cäsar kann man alles sagen, aber nie ihn nennen a galant man; in dem galant ist etwas, was den Cäsar überwindet. Sehen Sie da beiläufig einen solchen Drucker der christlichen Beredsamkeit: nicht bloß unübersetzlich in die römische Sprache; aber auch nicht zu umschreiben: der ganze Thesaurus der römischen Sprache reicht nicht hin, um dies eine Wort zu umschreiben. Ein einzelnes römisches Wort virtus spielt allerdings hinüber aus der Tapferkeit in die Männlichkeit und in die Tugend überhaupt: aber Sie fühlen das in Sich selbst gerichtete, einsame Wesen dieses Wortes und dieser Männlichkeit; es ist nichts darin als Tapferkeit, in dem galant ist noch außerdem die ganze Welt: in dem Worte ist schon verbunden was die Welt zusammenhält, die Tapferkeit und die Liebe, das Erhabene und das Schöne. So ist also auch das recht Göttliche und das recht Menschliche darin: nirgends sonst wird die Vereinigung beider in dem Maße empfunden; die in solcher Art vollendete Männlichkeit setzt die ebenso vollendete Weiblichkeit und also die Liebe voraus, ein Wort, das nun ebensoweit hinausgreift über den Begriff der gewöhnlichen Liebe unter den Geschlechtern, als das Wort Galanterie über das edle Betragen gegen das andre Geschlecht. Wie eng umgrenzt, wie eingespannt sind dagegen die römischen und griechischen Worte, welche die Liebe bezeichnen? wie unfähig der einzelne Alte von dem Begriff der Liebe also des Geschlechtsverhältnisses hinaufzuklettern zur Religion, was in dem Worte Liebe wie mit einem Schlage, mit einem Klange geschieht. Das Verhältnis der Geschlechter hatte mit dem, was die Alten Religion nannten, nichts zu schaffen: das Verhältnis, woran die Natur die irdische Fortdauer der Menschheit geknüpft hatte, hatte nichts zu schaffen mit den Gedanken über die ewige Fortdauer: das Verhältnis, welches die irdischen Angelegenheiten des Menschen, welches den Staat zusammenhält und die eigentliche Kette formirt, die das übrige unhaltbare Wesen verbindet, war losgetrennt von dem Gedanken über seine ewige Bestimmung. So bei den Alten: in der neuen Welt finden wir alle diese Widerstreite des Irdischen und des Ewigen versöhnt; es sind Worte möglich, welche die beiden großen Interessen des Menschen umfassen; es sind Empfindungen möglich, die jenen Doppeldurst des Menschen wie aus Einer Schale befriedigen; es sind Taten möglich, die wie mit einem Schlage beides erfüllen, das Göttliche und das Menschliche begehren. Gottesdienst und Dienst der Menschlichkeit sind Eins geworden. – Sie verstehen nunmehr, was ich unter der Geschlechtslosigkeit des Geistes meine, und wie sie mit jener Verrückung der Gottesscheu zusammenhängt: ich finde sie bei den Alten; sind die menschlichen Angelegenheiten von den göttlichen getrennt, wie kann der Mensch Gott verstehn oder sich verbinden mit ihm? Wie kann der Mensch von göttlichem Wesen durchdrungen sein, wenn er kein Wort hat, keinen Gedanken, keine Tat, die beides umfaßt? – Es existirt ein Jugendversuch in Versen von unserm Schiller: die Götter Griechenlands betitelt: eine gewisse kindische Freude an dem bunten Wesen der alten Mythologie, zugleich mit der bekannten Melancholie seines Geistes, die sich schon in seiner frühesten Jugend, als er noch schwerlich zu sagen wußte, worüber er klagte, äußerte, und seine Neigungen alle Zeit je weiter je besser aus der Gegenwart hinaus in die recht unbestimmte Ferne trieb, ließen sich in klagenden Versen aus über die Kälte und Unannehmlichkeit der Religion, und über das Verschwinden jener alten muntern, aufgeweckten Götterfamilie der Griechen. Da die Götter menschlicher noch waren, waren Menschen auch noch göttlicher, sagt er. Die Jugendzeit unsres Dichters, in der diese Worte niedergeschrieben wurden, war eine solche Zeit der Absonderung des Göttlichen von den menschlichen Dingen; man abstrahirte und destillirte sich einen Gott aus der Welt, wie man jetzt will, daß überall von Gott abstrahirt werden soll; es drängte diese liebenswürdige Natur sich zu dem Göttlichen zu erheben oder das Göttliche herabzuziehn: er sehnte sich, wie jeder ordentliche und vollständige Mensch nach der Verbindung des Göttlichen und Menschlichen; der abgezogene Gott jener Zeit war ihm so zuwider, als in späteren Jahren die abgezogene, gottentblößte Welt seiner Zeitgenossen. Die griechischen Götter trugen wenigstens Masken von Menschen, und so übertrug er in rührendem Irrtume alle jene romantischen Empfindungen seines Herzens, welche er mit der Luft der neueren Zeiten eingesogen, auf jene alten, kalten, geschlechtslosen Gestalten; er übertrug das Eigentum christlicher Sprache und Beredsamkeit, das göttliche Wort Menschlichkeit auf Wesen, die nichts damit gemein hatten, eben so wie später ein ähnlicher Irrtum aus der römischen Welt das Wort Humanität erborgte, und des schöneren deutschen Wortes Eigentümlichkeit nicht eben glücklich auf dieses ungeratene Pflegekind übertrug. – Brauche ich deutlicher zu sagen, worin das Wesentliche der neueren Beredsamkeit besteht? Ein ganz anderer tieferer Sinn der Worte, ein Hindurchklingen des ganzen Lebens durch jede einzelne Empfindung, die sich darin ausdrückt; in jedem einzelnen Menschen werden unendlich viele, ja alle angeredet, die neueren Sprachen reden in der Mehrheit an, das antike Du drückt den Sinn nicht aus, in welchem man den Einzelnen anreden will; man meint immer etwas noch viel Höheres in der Anrede; man will sagen du und die bürgerliche oder menschliche Gesellschaft mit dir, oder du und zugleich Gott mit dir. So wie das Du der Alten in das Sie übergegangen, so fühlt der echte Sprachforscher, deren es indes wenige gibt, in allen Worten der christlichen Sprachen den Übergang aus der Starrheit und Einzelnheit in die gesellige Mehrheit: in jedem Worte der neueren Sprachen ist für den rechten Kenner außer dem Dinge, welches damit bezeichnet wird, noch etwas Göttliches daneben wahrzunehmen. Man hat in neueren Zeiten Akademien errichtet, um diesen heiligen Nebensinn in den Worten totzuschlagen; gegen alle rhetorischen Meisterwerke unsrer französischen Nachbarn können wir stumme Deutschen nichts vorbringen, als das Bewußtsein, daß unsre Sprache sich auf solchem Wege nicht abtöten läßt: dafür aber sind wir zu einer höheren Beredsamkeit berufen, als die französische. Kann, frage ich wiederholend, die Regel des Cicero oder Quintilian angewendet werden auf diese ganz anders gebauten Sprachen? Muß nicht die Beredsamkeit der neueren in ihrem ganzen Bau verschieden sein von der der Alten, nachdem sie über ganz andre Mächte disponirt, nachdem ein Geist in den Worten, in den Wendungen waltet, den die Alten nicht ahndeten? – Diese Eigentümlichkeit der neueren Beredsamkeit hatte ich zu zeigen; ein geringerer Zweck bei diesen Vorlesungen war unter Ihrer und meiner Würde: ein flaches Gedankenspiel oder ein gemeiner Austausch von Kenntnissen konnte uns nicht genügen; der Leute, die solches Spiel und solchen Kram miteinander treiben, gibt es genug in der Welt, geistige Zerstreuung und Kenntnisse für den Hausgebrauch stehen überall feil. – Diese Vorlesungen aber haben gehandelt von der christlichen Beredsamkeit: alles andre, was wir vorbereitend beibringen mußten, war nur Gerüst: jene Formen des Gesprächs der Selbstanklage, des Geschmacks u. s. f. bildeten den Körper, der nur leben kann inwiefern ihm diese Seele eingehaucht wird, mit deren vorsichtiger Betrachtung wir schließen. Erst spät habe ich das Wort zu nennen gewagt, um das sich alle Kunst und alles Leben bewegt: ich habe Ihr Vertrauen und Ihren Glauben zu verdienen gestrebt, bevor ich an den gemeinschaftlichen höchsten Gegenstand des Glaubens und Vertrauens zu erinnern wagte: erst mußten wir auf dem gemeinschaftlichen Boden des wahren Gesprächs miteinander stehn, bevor ich auszusprechen wagen durfte jenes Einzige Gemeinschaftliche zwischen uns und allem Großen und Schönen dieser Erde. Denn es ist nicht jene gebildete Verrückung der Gottesscheu, die man billig sich selbst und ihrer eignen Verzweiflung überläßt, die ich schonen will aber es ist eine sehr achtungswürdige Besorgnis vor der Entweihung des Allerhöchsten, welche lieber von göttlichen Dingen in solchen Unterhaltungen, wie die Unsrigen, nichts hören will. Trauen Sie mir zu, daß die ästhetischen Spielereien eines neumodischen Apostels der Religion, wie Chateaubriand, mir widerstehen wie Ihnen, schon ein gewisser natürlicher Sinn für den Adel und die Gediegenheit der Form, schon der bloße Geschmack empört sich gegen diese Barbarei aller Barbareien: auch Deutschland verliert viele Zeit und viele Kraft, und manches schöne Talent in solchen Kunstfaseleien über die Religion. Aber dieses Unwesen ist viel zu vergänglich in sich, viel zu krankhaft, als daß es sich der Mühe verlohnte, sich viel daran zu ärgern. Welchem großen und ernsthaften Bestreben läuft denn nicht eine Karikatur nach? ist denn nicht überall das rechtverehrungswürdige in der Entweihung das Verächtlichste? – Aber jene, welche vermeinen, daß von irgend einem Gegenstande, im Gebiete welcher Wissenschaft oder Kunst es auch sei, gründlich gehandelt werden könne ohne Erwähnung der göttlichen Dinge – diese sind ernsthaft und kurz abzuweisen. Vertieft euch erst in das Leben selbst, wie wir; erfahrt, erlebt erst ein zwanzig Jahre hindurch jene Zustände, auf denen die Welt beruht; forscht erst nach den Bedürfnissen der bürgerlichen Gesellschaft, nach den Bedingungen ihres Bestehens, ihrer Dauer, wie wir; geht erst ein in so viele Herzen, und ihre geheimsten Neigungen, wie in ihre verdecktesten Schmerzen; verfolgt erst eine Weile euer Jahrhundert und seine vielfältigen Deutungen; erhebt euch erst eine Zeitlang zur Mitleidenheit mit dem menschlichen Geschlechte; lernt erst ordentlich unter gehörigen Leiden die irdischen Mächte kennen, greift ein, praktisch in ihr lebendiges Gespräch – dann kommt wieder und antwortet auf die Frage, ob ihr der himmlischen Mächte irgendwo, in welcher Wissenschaft oder Kunst oder Lebensgeschäft es sei, entbehren könnt? – Weil ich die irdischen Dinge mit tüchtiger Absicht behandelte, so hat mir frühe eingeleuchtet, daß ich der göttlichen nicht entbehren könne. Seht doch nur mit ruhigem, männlichen Blick auf die Erfolge: betrachtet doch diese lahmen, hinsterbenden, geistlosen Wissenschaften, die immer noch mit ihren Fortschritten prahlen, während das praktische Leben für dessen Nutzen sie zu arbeiten vorgeben, mehr und mehr in Staub zerfällt; retten denn diese von Gott entblößten Staatswissenschaften den Staat; bereichern ihn denn diese unzähligen Erfindungen der Naturwissenschaft; greifen denn diese Finanzwissenschaften den Finanzen unter die Arme; wird denn das Rätsel der Welt erklärt, das Herz beruhigt durch diese Fortschritte der Philosophie? Nichts von allem, kein praktischer Fortschritt, als in der Verarmung und in der Verzweiflung. – Und diese Praktiker, welche ihr Einzelnes Rad in dem Mechanismus dieses entgöttlichten bürgerlichen Lebens mit verbundenen Augen treten, und die zurückscheuen wenn ein Sehender vorübergeht und ihnen vom Lichte erzählt, was bringen sie denn zu Stande? Erlassen Sie mir das Weitere. Wie nur reine und göttliche Hände, und kein Talent, keine gemeine Geschicklichkeit, wie keine gemeine römische Tapferkeit, sondern nur Galanterie in dem alten Sinne des Wortes dereinst die Welt in ihre Fugen zurück setzen wird, und wie jedes ungöttliche Bestreben an dem scharfen Grund und Eckstein des Unglücks dieser Zeit notwendig zu Schanden werden wird; so auch wird das Gebiet der Wissenschaften nur Friede erhalten, und die Klarheit und den wahren Reichtum, wonach unser Geschlecht mit eigenmächtigem Vorwitz, und daher so unglücklich gegriffen hat, aus galanten, tugendhaften, d. h. christlichen Händen! Diesem tugendhaften, gerechten und galanten Sinn, wie es mir in meiner Mittelmäßigkeit gelingen wollte, durch diese Vorlesungen auszudrücken, habe ich gestrebt! Wer, wo mir meine Absicht gelungen ist, etwas anderes lobt, oder wo sie verfehlt wurde, etwas anderes tadelt, zu dem haben meine Worte, aber habe ich selbst nicht gesprochen. – Je aufrichtiger aber ich es mit den göttlichen Dingen meine, um so mehr muß ich mich verwahren und sträuben gegen jene, welche die irdischen Dinge wegwerfen und vernichten wollen, um den göttlichen zu dienen. Meine Welt, das was mich hier erfreut, diese bestimmten Gegenstände, welche ich liebe, diese Familie, dieses Haus, diese Freunde, dieser Staat müssen sich vertragen mit dem Göttlichen: jede irdische Neigung, zu der mein Bewußtsein schweigt, kann ihm nicht widersprechen: wie sie sich wehren möchte, ich muß um ihren Gegenstand werben, und kann ihn nicht lassen; je mehr und je gründlicher ich das Menschliche empfinde, um so mehr und gründlicher das Göttliche. – Die Scheu vor der Erwähnung heiliger Gegenstände in weltlicher Unterhaltung kann also auch den sehr vernünftigen Sinn und Grund haben, daß es uns widersteht über das Göttliche an sich schwatzen zu hören, daß wir es am liebsten unsichtbar in den menschlichen Dingen, wie die Seele in ihrem Körper walten sehn. Wir verstehn die Seele besser, wenn wir ein menschliches Auge ansehn, als wenn wir einen schlechten Philosophen von Psychologie und den Eigenschaften der Seele schwatzen hören. Diese Art des Widerwillens gegen die Erwähnung des Heiligen lasse ich mir gefallen: der Name tut nichts zur Sache, meinen diese rechtschaffenen Leute, obgleich ich sie erinnern möchte, daß es das Eigentümliche unsers Glaubens ist, daß wir sagen und nennen können, und von Angesicht zu Angesicht sehen können, was wir glauben. Ich habe es genannt, weil ich mußte, weil es stärker war als ich. Der alte mürrische Cato schloß jede mögliche Verhandlung des Senats, sie mochte Karthago betreffen oder nicht, mit den Worten: nächstdem aber bin ich der Meinung, daß Karthago zerstört werden müsse. Ich habe die verschiedenen Reihen von Vorlesungen, die ich gehalten habe, auf ähnliche Weise, wie anscheinend unverträglich die Gegenstände auch waren, mit einer Erinnerung an die göttlichen Dinge beschlossen: ich konnte nicht umhin, alles drängte mich zu diesem Schluß, mein Gegenstand selbst am stärksten; ich wußte mich selbst nicht anders zu befriedigen; das Verständigste, das Scharfsinnigste was mir gelingen wollte, blieb ohne Haltung. Indes Sie erinnern sich: der Standpunkt des Göttlichen selbst ist nicht die Heimat des Redners, wie wesentlich es auch ist auf ihm als Gast zu verweilen, immer muß er auf den Parteistandpunkt zurückkehren. Und so will ich mich denn daran erinnern, daß ich ein Deutscher bin, und daß ich der Beredsamkeit meines Volkes, die früherhin, da wir die rhetorische Kunst an sich betrachteten, neben der französischen zurückgesetzt werden mußte, jetzt, wo wir eine höhere Rhetorik kennen gelernt haben, eine glänzende Genugtuung schuldig bin. Erst muß man sich des zerrissenen bürgerlichen Zustandes unsres Volks recht lebhaft erinnern; man muß bedenken, wie keine vornehme Gesellschaft, keine Hauptstadt, kein Hof diese unsre Literatur getragen hat, bedenken, wie diese Sprache in einzelnen stillen Verbindungen näherer Freundschaft, aber nie in großen Versammlungen des Volks oder Parlamentern ausgesprochen ist, wie alle Rede sich in den Buchstaben flüchtete, wie die Luft, in die der große Dichter und Redner gesprochen hatte, keinen Ton zurückbrachte, keinen artikulirten Beifall, keine Antwort als etwa die des einzelnen schönen Herzens – alles dies muß man bedenken, um die innere, leider verdeckte und verborgene Kraft unsres Volkes zu fühlen. Wie haben wir in diesen letzten fünfzig stummen Jahren sprechen gelernt? Wie hat sich diese Sprache gebildet grade in der Zeit, wo alle Glieder der höheren Gesellschaft sich von ihr abwendeten? Es lebt in ihr ein Geist, der sie bildet und keiner vornehmen Stütze bedarf: wer das recht Empfundene, aus den Tiefen der Seele, aus jenen geheimnisvollen Wohnsitzen des Heiligen Kommende, wo das Gefühl der ritterlichen Ehre und Liebe, des stolzen Gehorsams u. s. w. herrührt – aussprechen will, der kann diese Sprache nicht entbehren; und wer nicht so etwas zu sagen hat, der würde ihr und ihrer Ausbildung nichts helfen können. Von selbst in den Mund legt sie sich nicht! ohne Charakter, ohne Selbstständigkeit, ohne Ursprünglichkeit der Geisteskraft ist es unmöglich diese Sprache gut zu sprechen. Mit Phrasen, die für jeden Mund passen, mit künstlich appretirtem Glanz, mit einem Schein von Geist und Witz, den der Geistloseste sich aneignen könnte, kann sie nicht aufwarten: sie hat keine Corneilles, keine Racines, keine Bossuets, keine Akademien, welche ein ganzes folgendes Jahrhundert mit schönen Wendungen der Rede im voraus versehn; kein siècle de Louis XIV., das für lange Zeiten nachher das Vortrefflichste schon vorweggesprochen hätte. Es fehlt ihr, habe ich gesagt, die gesellige Vollendung: das Bestreben der einzelnen deutschen Redner und einige glückliche Wendungen des öffentlichen Lebens der Nation können selbige erreichen, darum muß auch an die mechanischen Vorzüge der benachbarten Sprachen erinnert werden. Ich habe es getan, mit Anklage meines Vaterlandes getan. Nichtsdestoweniger aber weil der neue, christliche Geist aller Worte und Wendungen dieser Sprache sich nicht töten läßt, so trägt sie das Siegel der Fortdauer an ihrer Stirn, wie keine andre Sprache. Um dieses Geistes willen kann man festiglich glauben, daß die Sprache der Besiegten länger leben werde als die der Sieger, und in diesem Sinne dann dreist verkünden, daß weil die Sprache fortdauern werde, auch das Volk nicht untergehen könne. – Dieser Geist nun gibt der Sprache die Gewandheit und Beweglichkeit, mit der sie eingeht in die Meisterstücke aller Völker und Jahrhunderte; was alle Nationen in der Zeit ihrer Blüte ersonnen, gesprochen und gesungen, ist in Deutschland versammelt. Nur in deutscher Sprache sind Übersetzungen möglich: aus dem Standpunkt dieser Sprache läßt sich, was alle andere in ihren glänzendsten Tagen gedacht und empfunden haben, wie mit einem Blicke übersehn. Diese Sprache kann es sich allenfalls gefallen lassen, wenn ihr der Zutritt in die höheren Kreise des vorübergehenden Gesellschaftslebens versagt wird; das Größte, was die bürgerliche Gesellschaft auf ihrer ewigen Laufbahn erschwingt, gehört ihr umso sichrer. Ihr fehlt nichts, als daß sie gesprochen werde, und glücklicherweise neigt sich die Herrschaft der Feder überall ihrem Ende entgegen: weder der Buchstabe noch das Geld werden unsre Staaten retten, dies Höchste, diese Bedingung aller unsrer Zukunft überhaupt gewährt nur das lebendige Wort und die lebendige Tat. – Sehr natürlich ist am Schluß dieser meiner Betrachtungen über die Beredsamkeit, die ich von allgemeinen Gegenständen zu den besonderen, von den entferntesten zu den nächsten beruhigend zurückzukehren wünsche, die Erinnerung an einen früh verstorbenen trefflichen Freund, der diesem Lande Östreich, für das er lebte, und uns allen so wert als freundlich bleiben wird. Die Natur hatte ihm ein großes Talent für die Beredsamkeit gegeben. – Sie sehen, daß es Collin ist, von dem ich spreche; ein Talent für die Beredsamkeit, ein deutsches versteht sich, dem ein männliches seiner eignen Kraft sich wohlbewußtes Herz zur Seite geht. Dies war ein Mann, der wohl zu empfinden und auszusprechen wußte, wie einem Volke zu Mute ist; der keinen Vorempfinder brauchte, wohl aber Vormund war für andre im strengen Sinne des Worts, wie die vielen Bürger des Landes bestätigen werden, die ihre Gesinnung in seinen Worten wiedergefunden. Was hätte er leisten können, wenn nicht die gegenwärtige Verfassung der bürgerlichen Angelegenheiten in allen Staaten das lebendige Wort zurückwiese? Es ist unmöglich, die Ähnlichkeit seines Schicksals, seiner Neigungen und der innern Form seiner Werke mit denen von Schiller zu verkennen. Wie jener war er rethorischer Dichter, vielmehr Redner als Dichter, und so behauptet er einen ehrenvollen Rang in der Literatur seines Vaterlandes, einen noch größeren aber in den Herzen, die ihn selbst aus seinen Werken herauszufinden wissen, den Ton nachzufühlen wissen, in dem er diese tragischen Reden, die zuletzt doch alle an sein Vaterland Östreich gerichtet waren, auszusprechen pflegte. Es ist dem Charakter des echten Redners gemäß, zunächst für das Vaterland zu leben, an dasselbige in allen großen Gelegenheiten zu sprechen, und wo etwan ihm dieses versagt ist, das Vaterland wenigstens mit edlen Werken zu schmücken. Das ist in kurzen Worten die Geschichte des öffentlichen Lebens von Heinrich von Collin. Sie sehn, auch diese Beute nehme ich noch mit mir fort für das Gebiet der Beredsamkeit, das ich abgesteckt: es wird ihn jeder falsch begreifen, der ihn nicht als Redner begreift; es wird, meiner Beschreibung zufolge, niemand ihn ganz verstehn, der nicht seine trefflichen Werke ergänzt, aus den teuern Überresten seiner Persönlichkeit, die er selbst in den Gemütern seiner Freunde am besten niedergelegt; das Werk seines Lebensbeschreibens gehört notwendig zu seinen Werken. Und so möchte ich nur seine Bescheidenheit tadeln, daß er sich selbst zu sehr in seinen Werken versteckt, daß ich die Persönlichkeit dieses herrlichen Menschen, der ich selbst allenthalben ins Gesicht sehen möchte, nur selten finde; wie er denn überhaupt in allen Geschäften am ersten sich selbst vergaß. Vergeben Sie mir dagegen, wenn Sie zuviel , auch für den Redner zuviel, von meiner Persönlichkeit in diesen Vorlesungen wahrgenommen haben. Aber zuförderst wollte ich die Wirkung zurückgeben, welche jede Spur der Persönlichkeit des Redners in der Rede auf mich macht. Sodann hatte ich die Irrtümer, gegen die ich sprach, an mir selbst erlebt, das Gute, das ich empfahl, in meinem eignen Herzen empfunden: es schien mir also am geratensten, die Empfindungen selbst wiederzugeben, unentkleidet von jenen Eigentümlichkeiten und Menschlichkeiten, deren man sich in dieser mittleren Region zwischen Himmel und Erde, wohin wir gestellt sind, doch niemals ganz entschlagen kann. Anhang Wie schon im Vorwort angedeutet wurde und hier nochmals ausdrücklich betont sei, hat der Herausgeber geflissentlich davon abgesehen, die unbefangene Aufnahme dieses Werkes durch kritische Stellungnahme zu dem Problemkomplex, damit dem Begriff »politische Romantik« bezeichnet ist und als deren typischer Vertreter Adam Müller gilt, zu stören. Diese Vorlesungen sollen durch ihren reinen Gehalt an Gedanken und Gesinnung wirken. Man lese sie so, als ob man nichts von »Romantik« und von der fragwürdigen Gestalt Adam Müllers wüßte. Gehört denn wirklich intellektueller Mut dazu, sich zeitweise von den schulmäßigen Kategorien und überlieferten Wertungen zu befreien? Die geistige Bewegung, die mit dem Begriff Romantik nicht sowohl zur Anschauung gebracht als vielmehr kritisiert wird, ist so reich an fruchtbaren Keimen, daß sie durch die übliche Systematisierung mehr abgetötet und verzwergt als erhellt und nutzbar gemacht wird. Die Romantik ist mehr und etwas anderes als eine bloße literarische Schule oder Moderichtung; in ihr als dem gemeinsamen Nährboden wurzeln nahezu alle geistigen Richtungen, die das, 19. Jahrhundert beherrscht haben: nicht nur jede Art des dogmatischen und liberalen Ultramontanismus, sondern auch die historische Rechts- und Staatslehre und der theoretische Sozialismus, dessen »romantische« Elemente noch nicht genügend beachtet sind. Schließlich führt eine gerade Linie der geistigen Entwicklung von der (französischen) Romantik über den Positivismus zu der jüngsten kollektivistischen Soziologenschule eines Durckheim u. a. Es wird noch Gelegenheit sein, den geistigen Standort von Adam Müllers Gesamtwerk zu fixieren und ihn selbst in einen größeren geistesgeschichtlichen Zusammenhang einzuordnen, wobei ich mir freilich – dies sei schon heute und vorweg bemerkt – nicht das Urteil seines neuesten Kritikers zu eigen machen kann, der in ihm nichts anderes sehen will als eine giftige Schmarotzerpflanze am Baume des deutschen Geistes und einen höchst lästerlichen und unappetitlichen Menschen obendrein. (Vgl. Schmitt-Dorotic;, Politische Romantik, München und Leipzig 1919, ferner S. Elkuß, Zur Beurteilung der Romantik und zur Kritik ihrer Erforschung, München und Berlin 1918.) Diese Einstellung heißt zu viel Verstand und zu wenig Verständnis haben. Auch ist nichts damit getan, wenn man wie Hebbel (Charakteristiken und Kritiken) apodiktisch erklärt: »Und daß Müller nur ein Träumer oder ein Heuchler sein konnte, steht doch gewiß fest, ist er doch als Protestant geboren und als Katholik gestorben!« (!!) – Dem Bedürfnis des Lesers nach allgemeiner Orientierung ist wohl Genüge getan, wenn hier die wichtigsten Daten aus Adam Müllers Leben einfach nebeneinander gestellt werden. Eine Biographie Adam Müllers gibt es noch immer nicht. Materialien dazu liefert eine ausgezeichnete, leider Torso gebliebene Göttinger Dissertation von Alexander Dombrowsky (Aus einer Biographie Adam Müllers, Göttingen 1911). – Adam Heinrich Müller (seit 1827 Ritter von Nitterdorf) stammt mütterlicherseits aus einer gelehrten protestantischen Theologenfamilie und ist 1779 in Berlin geboren. Er studiert in Göttingen Rechtswissenschaft, ist mit 21 Jahren ein begeisterter Gegner der Revolution und Konservativer, der seinen Kameraden Vorträge hält, geht dann zum Studium der Naturwissenschaften über, das er nach der Rückkehr aus Göttingen in Berlin fortsetzt. Gentz, der schon frühzeitig in Müller das Interesse für Politik wachgerufen hatte, lenkte ihn jetzt wieder ins politische Fahrwasser zurück. Müller wird Referendar in Berlin und reist in Dänemark, Schweden und Polen. Im Winter 1805 betritt er in der schicksalhaften Stunde seines Lebens zum M. de Bonald, ein französischer Emigrant von 1791, lebte in Heidelberg, später in Konstanz, wo 1796 seine Theorie du Pouvoir Politique et Religieux dans la société civile erschienen ist. In seinen späteren Werken (Essai Analytique sur les Lois Naturelles de l'ordre Social 1800 und La Législation Primitive 1821) hat er seine Ansichten weiter ausgeführt. Bei ihm bildet die Lehre vom Wesen und Ursprung der Sprache das wesentliche und grundlegende Bestandstück einer antirevolutionär, antirousseauistisch oder antirationalistisch gerichteten Geschichts- und Gesellschaftsphilosophie. De Bonald bekämpft die Lehre vom Gesellschaftsvertrag und von der Souveränität des Volkes als oberster gesellschaftlichen Autorität (die sich aber auch schon in der Staatslehre der Jesuiten findet und später von Lamenais leidenschaftlich verteidigt wird); er will zeigen, daß diese Lehren mit den Tatsachen der Geschichte in Widerspruch stehen. Nach ihm ist die Gesellschaft nicht eine willkürliche und konventionelle, sondern eine primäre, notwendige, gottgegebne Tatsache. Das sogenannte Individuum, das mit anderen zwecks Bildung der Gesellschaft zusammentritt und sich verträgt, sei eine reine Fiktion, Abstraktion oder – wie Ballanche sagt – eine reine »Potentialität«. – Jede konkret gegebne Gesellschaftsform hänge von einer ihr vorangehenden ab, die sie fortsetzt. Dasjenige, wodurch die gegenwärtige Gesellschaft von der früheren abhängt, sei die Verfassung, und das Werkzeug, dank welchem sich die gesellschaftliche Verfassung von Zeitalter zu Zeitalter fortpflanzt, sei die Sprache, das Wort. Autorität und Tradition und nicht Willkür und eine vorgebliche Souveränität des Volkes seien also die Grundlagen jeglicher Gesellschaftsverfassung. Die Gesellschaft aber, la race, sagen die Franzosen, ist letztlich in Gott verankert, der sich jeweils in einer aller individuellen übergeordneten allgemeinen Vernunft der Menschheit offenbart, deren Schatten sozusagen erst die individuelle Vernunft ist. Von dieser durchaus kollektivistischen Grundeinstellung aus gelangt er dann zum Traditionalismus und zur katholischen Glaubensübereinstimmung, wobei er sich stark mit orientalischen, insbesondre islamischen Theoremen (idjma!) berührt. Die Lehre vom Wesen und Ursprung der Sprache ist das geistige Band, das die einzelnen Glieder dieser Gesellschaftsphilosophie zusammenhält, zugleich ihr Prüfstein gegenüber den geschichtlichen Tatsachen. Wenn der Mensch nämlich die Sprache erfunden hätte, so hätte er auch Gesetze erfinden können. Bonald leugnet aber, daß der Mensch Gesetze erfinden konnte, daher konnte er auch die Sprache nicht erfinden. – Die Sprache ist vielmehr wie alle sozialen Urtatsachen überindividuellen und göttlichen Ursprungs. Sie ist nicht vom Menschen »gemacht«, Totalität aus und begnügen uns mit nichts Geringerem«, worauf Müller sofort in ähnlichem Sinne erwidert, daß seine Ansicht von der Welt eine ganze und vollständige sei ... Was Müller gelegentlich als die spezifische Aufgabe des deutschen Geistes bezeichnet: das »Mittlertum des Geistes«, dafür ist er selbst vielfach die lebendige Verkörperung in der Aufnahmebereitschaft und Verwertung oder Anverwandlung des fremden Stoffes. Edmund Burke ist in der Tat kein unwürdiger Gegenstand der Verehrung und ein hohes Muster vollendeter Beredsamkeit und adeliger Gesinnung. Diese rückhaltlose Bewunderung Burkes kommt doch zuletzt auch Adam Müller selbst zugute: denn ein wenig ist der Mensch doch immer so wie die Vorbilder, die er sich setzt und die Dinge, vor denen er Ehrfurcht hat. Zumindest engherzig wird man Müller nicht nennen dürfen, wenn man bedenkt, daß er sich zugleich zu de Bonald, dem Verächter des englischen Verfassungslebens und der Engländer überhaupt, die er als die am meisten zurückgebliebene unter den zivilisierten Nationen bezeichnet, und zu Burke als dem größten Parlamentsredner aller Zeiten und zum englischen Parlament als der einzigen Rednertribüne der Welt, bekennt. Was Müller an dem Redner und Staatsmann Burke zunächst bewundert und was er sehr richtig als dessen besondere Eigenart erkannt hat, das ist die geistige, literarische Bildung , die Burke auszeichnet. Burke ist – eine seltene und fast schon ausgestorbene Art – ein Politiker mit Bildung , was, nebenbei bemerkt, verständlich macht, daß auch schwächere Charaktere, wie z.B. W. Wilson sich gerade von ihm angezogen fühlen, und es ist wohl auch nicht zufällig, daß Disraeli sich besonders geadelt glaubte, wenn er sich nach dem Wohnsitze Burkes Beaconsfield genannt hat. Burke zeigte – so sagt sein Biograph J. Morley von ihm –, daß Bücher für die Laufbahn des Staatsmanns eine bessere Vorbereitung sind als frühzeitige Übung in untergeordneten Stellen und der ermüdende Dienst in den Kanzleien einer behördlichen Abteilung. Der Einfluß der Literatur auf Burke lag einerseits darin, daß sie ihn vor den mechanischen Formeln der praktischen Politik schützte, anderseits daß er durch sie die Verknüpfung zwischen Politik und den geistig-moralischen Kräften, das Band, das zwischen politischen Grundsätzen und den Urwahrheiten der Moral besteht, erkannte, daß sie ihn lehrte, selbst da, wo es auf Nutzen und Zweckmäßigkeit ankam, an die höchsten und weitesten verstehenden Gefühle zu appellieren, und schließlich lehrte ihn die geistige Bildung die Mannigfaltigkeit und Buntheit des menschlichen Charakters und der Situationen kennen und gab so seiner politischen Methode eine unvergleichliche Schmiegsamkeit. Es hat größere und wirksamere, auch tiefere Redner gegeben als Burke – so fährt Morley fort –, aber niemals einen, der es so wie Burke verstand, die großen Ideen des Denkers auf die konkreten Probleme des Staatsmanns anzuwenden. Nie ist jemand mit den Einzelheiten der praktischen Politik in so nahe Berührung gekommen und war sich dabei doch stets bewußt, daß auch diese nur verstanden und behandelt werden können mittels der umfassenden Begriffe der politischen Philosophie. Und was mehr ist als alles andere: er war einer der großen Meister in der hohen und schwierigen Kunst sorgfältiger Komposition. – Dies ist also das eine Moment, was Müller an Burke anzog und worin er ihm geistig verwandt war: die hohe, klassische Bildung, die sich auch in der Politik und gerade hier bewähren muß. Sodann aber fesselte ihn der moralische Charakter, die Gestalt Burkes; die tiefe und ernste Leidenschaft für adeliges, ritterliches Wesen, gerade das Element, durch dessen unverlierbaren Besitz alle Völker, die ein »Mittelalter« hatten, reicher sind als die Antike und was Müller schlechthin mit dem christlichen Charakter der modernen Beredsamkeit gleichsetzte, obgleich, historisch angesehen, das ritterliche Element, die freiwillige Dienstbarkeit des Geistes, die Demut des Intellekts nicht gerade christlichen Ursprungs ist. Burke war in dieser Hinsicht ein wahrhaft königlicher Redner, der immer den Stil seines Gegenstandes hatte, die Weite, das Gewicht, die Sorgfalt, den hohen Sinn und Flug, die Großartigkeit eines Mannes, der fürstliche Themen behandelt: die Schicksale großer Gemeinschaften, die Heiligkeit des Gesetzes, die Freiheit der Völker, die Gerechtigkeit der Herrscher. Und schließlich führte Müller etwas wie eine schicksalhafte Verwandtschaft zu Burke hin, indem Burkes Leben zeigte, was Müller hätte erreichen mögen und wozu er es vielleicht gebracht hätte – wenn die gesellschaftlichen Bedingungen in Deutschland für einen gebildeten und politisch interessierten Mann so günstig gewesen wären wie in England. Der in den Vorlesungen erwähnte Brief Burkes aus dem Jahre 1796 ist ebenso wie die Betrachtungen über die französische Revolution unter dem Titel: Edmund Burkes Rechtfertigung seines Politischen Lebens. Gegen einen Angriff des Herzogs von Bedford und den Grafen Landerdale bei Gelegenheit einer ihm verliehenen Pension, von Gentz meisterhaft übersetzt und mit einer Vorrede versehen (Berlin 1796). Die Szene des offenen Bruchs zwischen Burke und dem Verteidiger der französischen Revolution Fox, die Müller so wunderbar darstellt, ist in der englischen Parlamentsgeschichte berühmt. Über den großen rhetorischen Geschichtsschreiber des Schweizer Volkes, den Verfasser einer Weltgeschichte, seinen älteren Zeitgenossen Johannes von Müller, den er hier (S. 158 ff) einen »Geisterbeschwörer« nennt, wie Burke ein »Geisterseher« der Vorzeit gewesen sei, hat Adam Müller auch in den »Ölzweigen« geschrieben. Über ihn und seinen problematischen Charakter lese man bei Goethe und in Mme. de Staëls Buch über Deutschland nach. Die in der dritten und vierten Vorlesung erwähnten Blair, Priestley und Batteux sind berühmte Ästhetiker und Lehrer der Rhetorik des 18. Jahrhunderts. Der als Ossianforscher bekannte Hugh Blair, ein schottischer Geistlicher (1718–1800), war Professor der Beredsamkeit und der schönen Literatur in Edinburg. Seine Predigten (Sermons) sind deutsch von Sack und Schleiermacher in 5 Bänden herausgegeben. Ferner schrieb er Lectures on rhetoric and belles lettres (1783), deutsch von Schreiter (1785). Joseph Priestley (1735–1804), bekannt durch seine chemischen Forschungen, schrieb wie über alles andere so auch über Rhetorik. Charles Batteux (1713–1780) ist einer der Begründer der französischen Kunstphilosophie, dessen Ansichten bis auf Lessing und Winckelmann auch in Deutschland von Einfluß waren: Les beaux arts reduits à un même principe (1746), übersetzt von B(ertram), Gotha 1751. In einem Auszuge von J. G. Gottsched (1751). Mit einem Anhange eigner Abhandlung (und vielen Anmerkungen) von Joh. Adolf Schlegel 1752 und 1770; ferner dasselbe Werk sehr erweitert unter dem Titel Cours de belles-lettres ou principes de la litterature 1747–1750, deutsch (und auf Deutschland bezogen) von Ramler in 4 Bänden 1756–1758. Die Zeit der klassischen französischen Kanzelberedsamkeit (S. 179), verkörpert durch die Namen Bossuet, Bourdaloue, Massilon, Flechier, ist unlöslich mit dem Zeitalter Ludwigs XIV. verknüpft, zu dem und dessen Hof sie alle in naher Beziehung standen. Der Jesuit Bourdaloue (1652–1704) und J.B. Massilon (1663–1742), »der Racine der Kanzel«, waren Hofprediger Ludwigs XIV. – Berühmt sind Massilons, vor dem jungen Ludwig XV. gehaltene Fastenpredigten (Petit carême, deutsch von Pfister, Regensburg 1866) und seine Trauerrede auf Ludwig XIV). Flechier (1652–1710) war auch Lehrer der Rhetorik und Historiker, bekannt ist seine Leichenrede auf Turenne. Bossuet (1627–1714) ist als Redner, Geschichtsphilosoph und Politiker (vergl. seine Korrespondenz mit Leibniz) jedermann bekannt. Der liebenswürdige österreichische Dichter Heinrich Joseph von Collin, zuletzt Hofrat bei der Creditshofkommission (1771-1811), den Müller am Schlusse der Vorlesungen so warmherzig erwähnt (S. 269ff.), ist heute selbst seinen Landsleuten nur mehr oder kaum noch als der Verfasser der Romanze »Kaiser Max auf der Martinswand«, den literarisch Gebildeten vielleicht durch seine Wehrmannslieder, die er für die österreichische Landwehr im Kriegsjahre 1809 dichtete, und höchstens noch durch sein Drama »Regulus«, das Bürgertugend in römischem Kostüm verherrlicht, bekannt. Er war ein ungemein fruchtbarer dramatischer Schriftsteller und als solcher auch von Goethe – allerdings sehr bedingt – geschätzt. Seine sämtlichen Werke sind in sechs Bänden (1812 bis 1814 bei Anton Strauß in Wien) erschienen. Im Schlußband steht auch eine von liebender Bruderhand geschriebene Biographie dieses Ilassischen »Österreichers«, den Joh. von Müller gelegentlich den »österreichischen Corneille« genannt hat. Darin wird mit allem Respekt (S. 326 ff.) auch auf das Urteil Adam Müllers in den in Wien gehaltenen Vorlesungen über Beredsamkeit Bezug genommen. Adam Müller scheint (Biographie Collins S. 443) den Dichter erst in dessen letztem Lebensjahr (1811) durch den Legationsrat Buol persönlich kennen gelernt zu haben und schrieb ihm dann im österreichischen Beobachter einen warmen Nachruf. Über Collin vgl. auch Nagel und Zeidler, Deutschösterreichische Literaturgeschichte, Wien 1914, II, 1, S. 468ff. Es muß den Fachgelehrten überlassen bleiben, die Stellung von A. Müllers Vorlesungen über die Beredsamkeit innerhalb einer allgemeinen Geschichte oder innerhalb einer Geschichte der deutschen Beredsamkeit zu bestimmen. Nur soviel scheint mir sicher zu sein, daß sie nicht vom Standpunkt der gewöhnlichen Kunstlehren über Rhetorik zu beurteilen sind. Die überaus reichhaltige Literatur über Beredsamkeit aus älterer Zeit findet man bequem zusammengestellt bei Sulzer, Allgemeine Theorie der schönen Künste (1792); die spärliche neuere Literatur steht in der deutschen Stilistik von R.M. Meyer (München 1913) der, soviel ich sehe, Müllers Vorlesungen nicht einmal erwähnt.