Die schöne Lotti und andere Damen Ein Geschichtenbuch von Adam Müller-Guttenbrunn 1920 Wiener Literarische Anstalt Gesellschaft m. b. H. Wien                           Berlin Vorbemerkung Es ist erstaunlich, wie vielen Frauen man im Leben begegnet, die wert erscheinen, daß man ihr Bildnis festhält. Und wie wenigen Männern, die uns zur Gestaltung reizen. Ich habe hier eine Galerie weiblicher Begegnungen – es ist nur eine kleine Auslese – zu einem Buche vereinigt, Arbeiten, die sich über drei Jahrzehnte erstrecken und sehr ungleichwertig sein mögen, aber eines ist ihnen gemeinsam: es sind Bilder nach dem Leben. Nicht Photographien, nicht Steckbriefe, sondern Bildnisse, wie sie der Schriftsteller auf verschiedenen Altersstufen zu zeichnen vermag. A. M.-G. Inhalt:     Die schöne Lotti Wenn's die Mütter eilig haben Alte Photographien Sidonie Vorspiel im Theater Die unsterbliche Naive Die Bella Begegnung Die Kopal-Mizzi Das Maschinfräulein Eine Romanheldin Die Fremde Allerlei Weihnachten Morgennebel Nach dem Konzert Die erste Amme Die kleine Postmanipulantin Die Ludmilla Wohltätige Frauen Die historische Tür Die schöne Lotti Ein schwarzgerändertes Blatt aus weiter Ferne. Eine Todesanzeige. Also war auch sie dahin. Und das Geheimnis ihres Lebens hat sie wohl mitgenommen in das Grab. Die Anzeige ihres Todes ist von keinem Familienangehörigen gezeichnet, nur »eine Freundin« gibt Nachricht von ihrem erfolgten Ableben. Und auch das Alter der Verstorbenen ist nicht angegeben. Merkwürdig. Sonst zieht der Tod selbst von diesem letzten Schlupfwinkel weiblicher Eitelkeit den Schleier hinweg; hier geschah es nicht. Die diskrete Freundin wußte, was der schönen Frau zeitlebens am schmerzlichsten war, und sie hob auch diesen Schleier nicht. Es lagen ja so viele dichte Gewebe über diesem Leben, daß es auf eines mehr oder weniger nicht mehr ankam. Die Frage, wie alt sie wohl gewesen sein mochte, läßt mich aber nicht mehr los, seitdem das Trauerblatt im Hause ist, und sie rollt an einem langen Faden einstige Erlebnisse in Bildern vor mir auf. Meine erste Begegnung mit der schönen Frau entbehrte nicht eines komischen Beigeschmacks, und doch hatte sie etwas Romanhaftes an sich. Ich war als junger Fuchs zu einer kleinen Staatsanstellung in L. gekommen und dünkte mich ein Gott in meiner neuen Würde. Im Amte machte ich nach und nach allerlei Bekanntschaften mit Kollegen. Die ledigen zogen mich in ihre Wirtshausgesellschaften, die verheirateten luden mich in ihren Familienkreis. Meine Mama hatte mich aber, als ich von Wien fort mußte, gewarnt vor den Einladungen der letzteren Art, denn ich sei, so meinte sie, eine ganz gute Partie und ich möge vorsichtig sein. Den Töchtern meiner Kollegen sollte ich direkt ausweichen, denen meiner Vorgesetzten vom Regierungsrat aufwärts möge ich immerhin den Hof machen, aber nur mit größter Vorsicht. Höflich, zuvorkommend, dienstwillig, aber nur ja nicht vertraulich sollte ich sein. Ein allzu warmer Händedruck, ein unbedachtes Wort könne über mein ganzes Leben entscheiden. Zunächst sah ich in L. keine Gefahren für mein Seelenheil. Der einzige von den älteren Herren, der sich näher für mich interessierte, war eine etwas komische Figur und er sah mir nicht danach aus, als ob er gefährliche Töchter hätte. Es war der Offizial Franz Jakob Kargl. Er führte das Einreichungsprotokoll und wußte alles im Hause. Darum behandelten ihn auch alle gut, obwohl sie sich heimlich lustig über ihn machten. Herr Kargl war von kleiner, gedrungener Gestalt und so wohl genährt, daß man meinte, die dicken roten Wangen seines bartlosen Faunengesichtes müßten platzen. Seine listigen, dunklen Äuglein wären unsichtbar gewesen, wenn sich nicht die kräftig gezeichneten Brauen über ihnen gewölbt hätten; so klein waren sie. Und dieser Mann hatte eine schöne Seele. Er führe das Einlaufsprotokoll mit der einen Hand und mit der anderen dichte er, spotteten die Kollegen. Immer lag ein Manuskript in seinem Pult, an dem er schrieb, und sobald ihm ein Kollege in die Nähe kam, hatte Kargl das Bedürfnis, ihm etwas vorzulesen. Er wurde denn auch gemieden und belächelt. Das sah ich. Aber in welchem Grade und warum er eigentlich gemieden wurde, wußte ich noch nicht. Ahnungslos geriet ich in seine Netze. Und ich fühlte mich geschmeichelt durch sein Vertrauen. Auch fand ich seine dramatischen Versuche gar nicht so übel. Etwas altväterisch kamen mir die Dialoge allerdings vor, aber das erklärte sich vielleicht daraus, daß er zumeist historische Stoffe behandelte. Und es imponierte mir, daß er sich an jedes Thema wagte. Viel später erst gestand er mir, daß die meisten seiner Arbeiten keine Originale wären insofern, als er den Stoff prinzipiell nicht erfinde, sondern immer einem Roman oder einer Novelle entlehne. Von all seinen Stücken, und er hatte damals schon einunddreißig geschrieben, sei nur eines vollständig Original, ein Zauberdrama im Stile Ferdinand Raimunds. Doch das könne er mir im Amte nicht vorlesen. Da müsse ich ihm schon einmal zu Hause das Vergnügen machen. Eines Tages lief ich ihm auf der Straße direkt in die Arme. Ich war rasch um die Ecke gebogen beim Palais des Fürsten M. und rannte an einen keuchenden, rundlichen Herrn an. Mein flüchtiges »Pardon!« wurde durch den Zuruf erwidert: »So eilig, Herr Kollega?« Da blieb ich denn stehen und plauderte ein paar Worte mit Herrn Kargl. Und er schob seinen Arm unter den meinen und sagte: »Eigentlich könnten Sie mich nach Hause begleiten.« Mein Bestreben, ihm zu entrinnen, war nicht sehr groß und es hätte auch nichts genützt. So fügte ich mich denn. Daß nun die große Stunde gekommen war, in der er mir sein Originaldrama vorlesen würde, das fühlte ich. Wir gingen nur ein paar Schritte neben einander her, denn ehe ich ihn noch gefragt hatte, wo er eigentlich wohne, bog er schon in ein Haustür mit mir ein. Wir waren zur Stelle. Als wir im ersten Stockwerke angelangt waren, zog Herr Kargl einen Schlüsselbund hervor und öffnete eine schmale, einflügelige Tür. Da es schon dämmerte, entschuldigte er sich und ging voran, um Licht zu machen. Ich trat hinter ihm in das dunkle Zimmer und er zündete eine Stehlampe an, auf die er sogleich einen grünen Schirm stülpte. Ein schöner Bücherschrank fiel mir zuerst auf in dem halbdunklen Raum und ich trat auf ihn zu. Er enthielt altväterisch gebundene Klassikerausgaben. Den auffallenden Mittelpunkt bildeten zehn rotgebundene Bände Byron. »Das ist mein Liebling«, sagte Herr Kargl und tippte auf die Glastür des Bücherschrankes. »Byron ist der größte Dichter der Welt!« Ich opponierte, indem ich ablehnend lächelte. Er aber riß die Schranktür auf und griff einen Band heraus. »Soll ich Ihnen den Childe Harold vorlesen?« Er drückte mir das aufgeschlagene Buch in die Hand und sagte: »Vielleicht lesen Sie einstweilen ein bißchen, ich habe einen dringenden Gang.« Und schon bei der Tür, durch welche wir soeben eingetreten waren, angelangt, rief er zurück: »Aber, lieber Herr Kollega, warum setzen Sie sich denn nicht? Ich bin sogleich wieder hier!« Als er fort war, besah ich mir den Raum ein wenig näher. Ein ganz stilvoll eingerichtetes kleines Herrenzimmer. Nicht ganz modern, aber gediegen. Ich hatte dergleichen bisher nur in den besten Familien gefunden und gar nicht vorausgesetzt, daß unser Offizial aus dem Einreichungsprotokoll so eingerichtet sein könnte. Eine Tür nach rechts stand offen und sie führte in ein dunkles Zimmer. Ich ließ mich endlich auf dem Sofa bei der Lampe nieder und blätterte über Auftrag des Hausherrn in Childe Harolds Pilgerfahrt. Das war ja nun wirklich kein schlechter Geschmack, diesen Dichter zu lieben. Die Strophen haben einen Wurf . . . herrlich . . . »François!« rief plötzlich eine melodische weibliche Stimme und ein Lichtstrahl fiel durch eine geöffnete Tür in das dunkle Zimmer nebenan. »Bist du hier, François?« Ich war in einer lächerlichen Verlegenheit. Sollte ich antworten? Nicht einmal geahnt hatte ich, daß der Mann verheiratet war. Nie kam mir bei seinem Anblick der Gedanke an eine Frau oder eine Familie Kargl. Und das war nun offenbar seine Frau. Ich schwieg und dachte, sie würde sich schon einstweilen beruhigen, wenn sie keine Antwort erhalte. Nun rauschte aber ein Kleid näher und plötzlich stand eine hohe weibliche Gestalt im Rahmen der offenen Tür. Ich erhob mich rasch und die Frau stieß einen Schrei des Entsetzens aus, sie wankte und hielt sich am Türpfosten. »Ich bin kein Einbrecher, meine Gnädige«, sagte ich und stellte mich als Assistent Fritz Berger und jungen Amtskollegen des Hausherrn vor. Während sie die linke Hand auf das Herz gedrückt hielt, streckte sie mir die rechte entgegen. Sie stützte sich auf mich und kam näher, um sich auf einen Stuhl niederzulassen. »Nein, wie ich erschrocken bin!« sagte sie. »Der Schlag könnte einen treffen . . . Wie konnte ich so etwas vermuten?« Meine Verlegenheit wuchs, als ich diese Frau jetzt vor mir sitzen sah. Sie hatte ein ovales Madonnengesicht, das von dunkelbraunen Haaren eingerahmt war. Über ihre volle Büste floß ein eleganter hellblauer Schlafrock malerisch an ihr nieder, und die Hand, die sie mir gereicht hatte, fühlte sich so weich und gepflegt an, wie die einer Prinzessin. Ich war ganz befangen und brachte kein Wort hervor. Das sollte die Frau meines Kollegen Franz Jakob Kargl sein? Ich konnte es nicht glauben und war gespannt auf die Lösung dieses Rätsels. Sie folgte rasch und war nüchtern genug. »Mein Mann«, sagte sie jetzt mit weicher Stimme, »hat mir Ihren Namen schon genannt. Sie haben seine ganze Sympathie gewonnen. Er lobt besonders Ihr Verständnis für seine Arbeiten.« Sie lächelte fein und ironisch, als sie die letzten Worte sprach und blickte mich forschend au. Ich verstand diesen Blick und sagte: »Ja, ich höre ihn immer mit Interesse zu. Der Gegensatz zwischen seinem eintönigen Beruf und seiner phantastischen Gedankenwelt ist mir merkwürdig. Und er ist so dankbar für jedes Wort der Anerkennung.« »Ich danke Ihnen, daß Sie ihn nicht verspotten wie die anderen. Er ist ein guter Mensch, wenn auch ein Original.« Sie reichte mir die Hand, drückte die meine und schloß: »Bleiben Sie ihm gut.« Nun trat Herr Kargl endlich ein. Und er war nicht wenig erstaunt, als er seine Frau neben mir sitzen sah. Sie zankte ihn ein bißchen aus und machte ihm Vorwürfe, daß er mit einem Gast durch seine Junggesellentür eintrete und sie einem solchen Schreck preisgebe. Man lachte über den Zwischenfall und die Dame erhob sich. Sie wolle uns nicht weiter stören, sagte sie, neigte den Kopf und rauschte wie eine Königin davon. Der Herr Kollege traf mit großer Umständlichkeit die Vorbereitungen zu der beabsichtigten Vorlesung, aber ich hatte keinen Sinn für dieselbe. Mich beschäftigte die Frau, an mir bohrte das Widerspruchsvolle im Leben dieses dicken Männchens mit den kleinen Schweinsäuglein. Er bewirtete mich mit Benediktiner aus einer echten Flasche und verwendete dabei die Gläser eines Likörservices, das einmal ein Ausstellungsobjekt gewesen sein konnte. Und er rauchte Zigarren mit einem Aroma . . . Na, endlich fand ich die Lösung. Der Mann war offenbar sehr wohlhabend, er wurde es vielleicht durch eine Erbschaft, durch einen Haupttreffer, und aus Gewohnheit behielt er seine kleine Amtsstellung bei. Diese schöne Frau wird nicht den Offizial Kargl geheiratet haben, sondern den vermögenden Mann. Wie alt sie wohl sein mochte? Sie hatte mich ganz verwirrt gemacht. Herr Kargl las. »Schatten« hieß der Titel des Stückes. Aber schon das Personenverzeichnis, das von Feenköniginnen und Geistern wimmelte, prallte ab an mir und als er einen Akt an meine Ohren vorbeigelesen hatte und mich fragte, wie mir sein Stück gefalle, da merkte er, daß ich nicht bei der Sache war. Ich schützte Kopfschmerzen vor und verabschiedete mich. Herr Kargl ließ mich aber nicht durch seine sogenannte Junggesellentür hinaus, er gab mir das Geleite durch ein geräumiges Speisezimmer, an welches sich ein Salon anschloß. »Lotti! Lotti!« rief er, »Herr Berger will sich verabschieden.« Und die schöne Frau kam aus einem vierten Wohnraume, der offenbar das Schlafzimmer war, lächelnd herbei. »Sie gehen schon?« fragte sie und reichte mir die Hand, die ich jetzt küßte. Als sie da unter dem grellen Lichte des Gaslusters neben ihrem dicken Männlein stand, erschien sie mir wie ein erhabenes Wesen. Aber es kam mir in jenem Augenblick vor, als ob sie um zehn Jahre älter wäre als er. Ihre wohlgepflegte Schönheit täuschte jedoch über diesen Eindruck hinweg, und sie konnte bezaubernd lächeln. Nach dieser ersten Begegnung mit der Frau meines Kollegen vom Einreichungsprotokoll erkundigte ich mich ein wenig über die Leute. Auch schilderte ich meiner Mama das Milieu derselben in einem ausführlichen Brief. Niemand wollte etwas Näheres wissen. Der Kollege Kargl sei vor etwa acht Jahren aus Wien hieher versetzt worden und habe seine Frau von dort mitgebracht. Kein Mensch kenne ihre Familie. Im Anfang habe sie sehr viel Aufsehen in L. gemacht und die Frauen fast noch mehr beunruhigt als die Männer, denn sie sei immer allein spazieren gegangen, man wußte lange gar nicht, daß sie verheiratet war. Es war ihr aber nichts nachzuweisen, sie gab dem Klatsch keine Nahrung. Die Offiziere liefen ihr lange nach, aber schließlich ließen sie es sein. Sie galt gar bald als ein Bild ohne Gnade, als eine kalte, gefühllose Schönheit, der die Pflege ihres Teints und die gleichmäßige Erhaltung ihres Körpergewichtes wichtiger war, als irgendein Mann der Welt. Heute sei man so gewöhnt an ihre Erscheinung, daß sie gar niemand mehr auffalle. Mit ihrem Manne sehe man sie freilich nie, aber die Leute sollen ganz gut miteinander leben, obwohl sie so gar nicht zu einander zu gehören scheinen. Was sie für ein Vermögen haben, wisse auch niemand. Aber es sei ganz klar, daß die Frau nicht einmal ihre Schlafröcke von dem Gehalt ihres Mannes bezahlen könne. Im übrigen verkehre man mit ihnen fast gar nicht. Die Frau suche keinen Verkehr und er sei ein halber Narr. Das alles las ich im Amte auf, bei den Herren Kollegen, und es war mir einstweilen genug. Etwas Schlechtes wußten sie trotz des besten Willens nicht zu sagen und ich verkehrte ganz unbefangen weiter mit Herrn Kargl. Aber nur im Amte. Er sagte nichts von seiner Frau und ich wollte auch nicht von ihr sprechen. Eine unerklärliche Scheu verschloß mir den Mund. Das Mißverhältnis zwischen den beiden Menschen war ein so himmelschreiendes, daß es in den Augen der Menge nur dadurch überbrückt werden konnte, daß man sie öffentlich niemals nebeneinander sah. Die Frau schien sehr klug zu sein. Wenn die dreimal Arm in Arm mit ihrem Manne über den Hauptplatz von L. geschritten wäre, hätte sie sich hundert Spione auf den Hals gehetzt, denn niemand würde es verstanden haben, wie dieses Paar zusammengekommen war. Man würde das Ungewöhnliche ihrer Erscheinung neben ihm zehnfach stärker empfunden haben. Ihre Zurückhaltung schien mir wohlberechnet zu sein und ich wollte nicht weiter eindringen in ihren Zauberkreis. Denn ein solcher war es, das empfand ich dunkel. Ich war ein gewitzigter Großstadtjunge, aber solche stilisierte Frauen mit einem unklaren Hintergrund hatten immer eine magnetische Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Und einer solchen in dieser Kleinstadt zu begegnen, war mir ganz besonders interessant. Frau Lotti schien meiner erregten Phantasie aus dem Holze geschnitzt zu sein, aus dem die großen Abenteurerinnen gebildet sind, und ich reimte mir einen ganzen Roman zusammen, den ich ihr auf den schönen Leib dichtete. Im stillen bat ich sie wieder um Verzeihung für die Unbill, die ich ihr im Geiste angetan hatte. Ein Brief meiner Mama bestärkte mich in meinen Phantasien über Frau Lotti. Sie sah sogleich die Sirene in der Frau, die mich an ein gefährliches Gestade locken wolle. Sie habe sich in Wien augenblicklich nach den Leuten erkundigt und mehr erfahren als ich. Vor allem, daß Kargl ganz untergeordneter Herkunft und ohne alles Vermögen sei. Seine Frau soll ehemals die Mätresse irgendeines hohen Herrn gewesen sein, und sie habe in die Heirat mit Kargl nur unter der Bedingung gewilligt, daß er sich von Wien in die Provinz versetzen lasse. Die Ehe wurde erst vor acht Jahren geschlossen. Leute, die sie damals gesehen haben, schätzten sie auf sechsunddreißig. Ihr Trauzeuge war ein Wiener Rechtsanwalt; von einer Familie habe niemand etwas gesehen oder gehört. Sie dürfte eine schöne Jahresrente, aber kein Vermögen haben. Woher? Das sei die Frage! Ein Bekannter behaupte, sie sei einmal ein Makartsches Modell gewesen und habe nur die »schöne Lotti« geheißen. »Vorsicht! Vorsicht, mein Junge!« Ja, meine Mama war eine weltkundige Frau, die in der Pflege ihrer »Beziehungen« eine der größten Lebensaufgaben sah. Und mit Hilfe derselben hatte sie das alles in drei Tagen erfahren. Ich erschrak über die Fixigkeit dieses Apparates und bedauerte es schon, ihr über die Frau Kargl geschrieben zu haben. Wie kam die schöne Frau dazu, daß man ohne jeglichen Grund ihr Leben ausspioniere? Weil sie interessant war und ihr bloßer Anblick schon die Phantasie der Menschen beschäftigte, deshalb sollte sie vogelfrei sein? Wahrscheinlich hatte sie so manches Leid erfahren, ehe sie sich zu einer solchen Heirat entschloß, ehe sie zur Flucht in eine obskure provinziale Anständigkeit griff. Daß sie aus einer anderen Sphäre stammte, hatte ich auf den ersten Blick erkannt und das schmeichelte mir; daß zwei Menschen, deren Milieu ein so grundverschiedenes war, miteinander leben konnten, begriff ich nicht. Aber ich faßte den Entschluß, mich nicht mehr mit der Angelegenheit zu beschäftigen und meiner Mama keine weiteren Anhaltspunkte zu Nachforschungen zu liefern. In diesem Entschluß wurde ich bestärkt durch eine flüchtige Begegnung, die ich mit Frau Lotti auf der Straße hatte, eigentlich auf dem Postamt. Sie kam aus der Tür, in die ich einzutreten im Begriffe war. Noch reckten sich drin alle Hälse nach ihr, als ich sie unter der Tür begrüßte und einen Schritt zurücktrat, um ihr den Weg freizuhalten. Die schöne Frau war verschleiert. Ein feiner Duft ging von ihr aus und es war, als ob er aus ihrem Munde ströme, als sie mich ansprach. Warum ich ihren Mann so vernachlässige, fragte sie leichthin. Und ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Langweilen Sie sich recht in L.? Ja, das muß man erst gewöhnen, hier zu leben. Wenn es nur wenigstens eine ordentliche Leihbibliothek hier gäbe. Ich habe mir soeben wieder einmal ein paar Bücher aus Paris bestellt.« »Warum aus Paris, gnädige Frau?« warf ich ein. »Ja, gibt es denn interessante deutsche Bücher? Ich kenne keine«, sagte sie und reichte mir die Fingerspitzen ihrer elegant behandschuhten Rechten zum Abschied. »Auf Wiedersehen, Herr Berger!« Sie neigte leicht den Kopf und ging. In der linken Hand hielt sie neben einigen Briefschaften ein Exemplar des Pariser »Figaro«. Daß die Kreuzbandschleife ihre Adresse trug, hatte ich ganz deutlich gesehen. Die Frau des Herrn Offizials Franz Jakob Kargl vom Einreichungsprotokoll unseres Amtes war also Abonnentin dieses Blattes. Und sie bezog auch ihre sonstige Lektüre aus Paris. Dieser neue, unvermutete Einblick in das Milieu dieser Frau überraschte mich nicht, aber er gebot mir die größte Zurückhaltung. Und ich blieb meinem Entschlusse treu: meine Mama erfuhr nichts mehr über Frau Lotti von mir. Ihr gegenüber war die Angelegenheit abgetan; so oft sie auch fragte, ich erwiderte auf diesen Punkt ihrer Briefe nichts. Der Karneval kam und mein Bekanntenkreis in L. erweiterte sich immer mehr. Ich hatte es darauf angelegt, in einem Winter die ganze Stadt kennenzulernen, und das schien mir gelingen zu wollen. Ein paar Empfehlungen hatten genügt, mich einzuführen, und da ich auch ein Tänzer war, standen mir alle Türen offen und ich amüsierte mich, mit der gebotenen Vorsicht, die mir meine Mama anerzogen hatte, vortrefflich. So war mir, obwohl ich den Herrn Kargl fast jeden Tag im Amte sah, sein Haus ganz aus dem Gesichtskreis gerückt, ich dachte den ganzen Winter nicht daran, seinen wiederholten Einladungen Folge zu leisten. Einmal, im Februar, hatte er mir, während er eine offene Postkarte las, zugerufen, seine Frau lasse mich grüßen. Ich dankte und fragte, ob sie denn verreist wäre. »In Monaco ist sie seit vierzehn Tagen«, flüsterte er mir zu und sein feistes Gesicht strahlte. Ich erwiderte kein Wort, mußte aber ein sehr erstauntes Gesicht gemacht haben, denn er fügte hinzu: »Eine gute Freundin, eine sehr reiche Witwe, hat sie mitgenommen.« Nach Wochen, der Frühling war schon ins Land gezogen, begegnete ich der Dame wieder einmal auf der Straße. Sie war schöner als je, dankte lächelnd für meinen höflichen Gruß, sprach mich aber nicht an. Sie schritt durch die Menge hin wie eine Fremde. Alle wußten, wer sie war, und doch kannte sie niemand. Es war etwas Einsames um sie. Ich folgte ihr unauffällig und beobachtete die Menschen. Alle blickten sich um nach ihr, die Frauen mit Neid, die Männer mit Bewunderung, aber niemand grüßte sie. Mein Bekanntenkreis in dieser Stadt war in sechs Monaten weitaus größer geworden als der ihre in acht oder neun Jahren. Sie hatte eine eigene Art, an den Menschen vorbeizusehen; ohne Hochmut behandelte sie alle Welt als Luft. Die dreistesten Blicke der Männer glitten ab an ihr, und ich verstand den Ruf, den sie genoß: Ein Bild ohne Gnade! Und eines Tages war sie dennoch die Heldin eines sensationellen Ereignisses. Ein junger Husaren-Rittmeister war ganz plötzlich in L. aufgetaucht. Er war von kernigem, kräftigem Wesen, nicht eigentlich schön, aber voll Schwung und Energie in seiner ganzen Erscheinung. Seine braune Gesichtsfarbe, sein blitzendes Auge und sein Akzent verrieten sogleich den Magyaren. Er hatte die Tochter einer der ersten Kaufmannsfamilien von L. zur Frau, eine hübsche, kleine, blonde Dame, die noch ganz mädchenhaft aussah. Das junge Ehepaar war zu längerem Besuch bei den Eltern erschienen, und eine Amme führte das Kinderwägelchen, in dem das Erstgeborene lag, vor dem schmucken Paare her, wenn es auf der Promenade erschien. Der ganze Zauber jungen Glückes lag über dem Bilde dieser kleinen Familie. Eines Tages begegnete Kalman v. Balogh der Frau Lotti Kargl und es war um ihn geschehen. Der Rittmeister wurde wie von einem Fieber geschüttelt, als er den Blick dieses Weibes einen Moment auf sich ruhen fühlte. Und er lauerte ihr von da ab täglich auf, er verfolgte sie auf Schritt und Tritt. Ging sie nicht aus, promenierte er halbe Tage lang vor ihren Fenstern, so daß es alsbald zum Stadtgespräch wurde. Er ließ kein Mittel unversucht, sich der Dame zu nähern, aber alle schlugen fehl. Seine Blumensendungen wurden von Frau Lotti schon am zweiten Tage zurückgewiesen, seine Briefe nicht mehr geöffnet und sein Gruß fand keine Erwiderung. Ein Versuch, sie auf der Straße, im Gewühle der Leute, anzusprechen, wurde kalt und schroff abgelehnt. Dies geschah vor Zeugen und der Skandal in der kleinen Stadt wurde so arg, daß die Schwiegereltern auf der Abreise ihrer Gäste bestanden. Die junge Frau weigerte sich, sie sprach von Scheidung und Trennung, aber schließlich fügte sie sich weinend in ihr Schicksal und die Stunde der Abreise wurde festgesetzt. Doch der Rittmeister, der sich vor dem Ansturm der ganzen Familie gebeugt hatte und am Vorabend der Abreise ganz zerknirscht zu sein schien, war nicht zur Stelle. Er war durch all die Vorgänge im Schoße der Familie und durch die spröde Abweisung, die seine tiefe Leidenschaft erfuhr, allmählich in einen Zustand der Raserei versetzt worden und er wußte nicht mehr, was er tat. Anstatt sich zur Abreise zu rüsten, drang er gewaltsam in die Wohnung der Frau Lotti ein und suchte sie zu überfallen. Der Skandal war ungeheuer, und während die Dame sich auf den Gang hinausflüchtete und Lärm schlug, erschoß sich der Rittmeister vor ihren Augen. Die Berichte über diesen seltsamen Vorfall gingen durch die Blätter der ganzen Welt. Aber an Frau Lotti Kargl blieb nicht der leiseste Tadel haften. Selbst der sonst so bösartige Klatsch der Kleinstadt machte Halt vor ihrer Handlungsweise. Sie war die völlig unschuldige Heldin eines Familiendramas geworden und sie sandte jetzt die uneröffneten Briefe des Rittmeisters an dessen Witwe. Das wurde allgemein bekannt und das machte sie nur noch interessanter. Der Ruf ihrer Tugend war bald noch größer als der ihrer Schönheit. Herr Franz Jakob Kargl saß während all dieser Vorgänge mit brennendem Kopfe im Einreichungsprotokoll der Statthalterei und gab keinerlei Auskunft. »Sie kennt ihn gar nicht!« »Sie hat nie ein Wort mit ihm gesprochen!« »Er muß verrückt gewesen sein!« Das waren die einzigen Sätze, die man in jenen Tagen von ihm hören konnte. Und bald sah man ihn wieder ruhig an der Arbeit. Wenn er nicht protokollierte, löste er Romane und Novellen in Dialoge auf, was er Dramatisieren nannte. Ein ironischer Kollege meinte: jetzt dramatisiere er vielleicht doch endlich den Roman seiner Frau. Er sagte das mit einer so höhnischen Miene, daß ich unwillkürlich mehr hinter diesen Worten suchte. Er verstand meinen überraschten Blick und zischte mir zu: »So dumm wie der Rittmeister wäre ich auch beinahe einmal gewesen!« Der Sprecher war der Konzeptsbeamte Dr. Paul Kling. Nicht sehr beliebt unter den Kollegen ob seines spöttischen Wesens. Auch ich hatte seinen Umgang nicht gesucht. Oft fühlte ich mich von ihm beobachtet und jetzt sagte er mir ins Gesicht: »Ich hielt auch Sie schon für ein Opfer. Sie taten mir schon leid.« Lächelnd lehnte ich dieses Mitgefühl ab. »Die Frau interessierte mich sehr,« sagte ich, »aber sie gab mir gar keine Gelegenheit, warm zu werden. Ich stehe ihr heute genau so nahe wie am ersten Tage, da ich mit ihr sprach.« »Das ist es ja! Der Teufel soll sie holen!« polterte Dr. Kling. »Ich bin ja seit drei Jahren verheiratet und kümmere mich gar nicht mehr um sie, aber ich bin fest davon durchdrungen, daß sie nur eine Maske trägt. Sie ›wildelt‹ ganz bedenklich.« Ein Abgeblitzter, sagte ich mir und schwieg. Das reizte ihn aber und er rief: »Sie glauben es nicht?« Ich zuckte mit den Achseln. »Diesen Verdacht hatte auch ich. Aber nichts hat ihn bestätigt und niemand teilte ihn. So bin auch ich längst bekehrt«, erwiderte ich auf seine Frage. Dr. Kling sah sich um, ob ihn auch niemand höre, dann flüsterte er mir zu: »Sie verreist sehr oft . . . Früher war sie fast jede Woche einmal fort. Immer bei einer anderen Freundin zu Besuch . . . Glauben Sie das? Ich nicht! Und sie reist immer ohne Gepäck, nur mit einer Handtasche . . . Wir liegen hier ja so recht in der Mitte zwischen Berlin und Wien – ich bin überzeugt, die hat da und dort ein Absteigquartier, hier spielt sie die Heilige, dort ist sie die Kameliendame.« Er war zornig geworden und rot im Gesichte, und die Augen quollen ihm hervor, während er sprach. Ein tiefer Groll, eine brennende, lange verhaltene Leidenschaft schien mir aus diesen Worten des Spötters hervorzuzischen. »Haben Sie auch nur den Schatten eines Beweises dafür?« fragte ich. »Tausend Verdachtsmomente,« sagte er, »Beweis gar keinen.« Da ich schwieg und sehr wenig Neigung zeigte, ihm weiter auf diesem Gebiet zu folgen, brach er das Gespräch jetzt mit den Worten ab: »Übrigens interessiert mich die Person heute gar nicht mehr. Hüten Sie sich nur vor der schönen Maske!« Dieses Gespräch war mir höchst merkwürdig und ich wurde es lange nicht los. Es bestätigte mir die geheimsten Gedanken und Phantasien meines eigenen Kopfes. Und doch bestätigte es sie wieder nicht. Nur das war bewiesen, daß diese Frau in ganz verschiedenen Männern dieselben Gefühle, Vorstellungen und Zweifel erweckte, und daß ein erregendes Fluidum von ihr ausging, dem niemand ganz widerstehen konnte. Sie lebte in einem falschen Milieu. Sie saß wie ein fremder bunter Vogel in einem engen Bauer und wir alle witterten ein Geheimnis. Und es war gewiß ein solches vorhanden, das bewies ja der Brief meiner Mama. Aber das allein konnte doch nicht der Zauber sein, der da wirksam war. Denn, wenn es auch gelungen wäre, den Schleier, der dieses Geheimnis bedeckte, ein wenig zu heben, die ungewöhnliche Persönlichkeit dieser Frau würde noch immer das gleiche Interesse geweckt haben. Davon war ich überzeugt. Und der liebestolle Rittmeister bestätigte es mir. Es erschien mir daher perfid von denen, die sie nicht erhörte, hinter das Geheimnis ihres Lebens kommen zu wollen. Und es gelang ihnen auch nicht. Ich war noch einige Jahre in L., dann avancierte ich und kam wieder in die Hauptstadt. Das hatte meine Mama mit ihren Beziehungen durchgesetzt. Und während jener Zeit geschah nichts, was die tausend Verdachtsmomente des Dr. Kling bestätigt hätte. Seit dem Vorfall mit dem Rittmeister zeigte sich Frau Lotti noch seltener als früher öffentlich. Auch begann sie sichtlich zu altern. Sie hielt bei keiner Begegnung lange stand und war fast immer verschleiert. Es schien, daß ihr das Altwerden damals viel Kummer bereitete. Als ich ihr meinen Abschiedsbesuch machte, empfing sie mich in ihrem Salon, in dem eine künstliche Dämmerung herrschte. In dieser Beleuchtung sah sie überraschend aus, fast so schön wie damals, als ich sie so unvermutet kennen lernte. Und sie wurde beinahe weich, daß ich jetzt für immer ging. Sie habe an jenem ersten Abend den Eindruck empfangen, als ob ich ihrem Hause näher treten würde als alle anderen Kollegen ihres Gatten. »Warum geschah das eigentlich nicht?« fragte sie plötzlich. Ich schwieg und blickte zu Boden. Sie griff mir an das Kinn und hob mir den Kopf in die Höhe. Mit einem unbeschreiblich gütigen Blick sah sie mir in die Augen und eine Verklärung breitete sich langsam über ihr Madonnengesicht. »Auch Sie  . . .?« sprach sie jetzt weich, gütig, mitleidig und doch von einem Gefühl der Befriedigung erfüllt. »Ich könnte ja Ihre Mutter sein«, fügte sie leise aufseufzend hinzu. Ich nahm ihre Hand und preßte meine Lippen auf dieselbe. Dann eilte ich, als würden mich Furien jagen, von dannen. Seitdem sind fünfundzwanzig Jahre verflossen. Mein einstiger Kollege in L. ist längst gestorben und jetzt ist auch sie dahin, die schönste der Frauen. Von dem Geheimnis ihres Lebens habe ich nie mehr erfahren, als ich damals wußte, nur hat sich mir eine Bemerkung aus dem Briefe meiner Mama auf eine überraschende Weise bestätigt. Als ich vor einigen Jahren wieder einmal die Hamburger Gemäldegalerie besuchte, blieb ich wie gebannt vor dem Makartschen Bilde »Der Sommer« stehen, auf dem sich so viel Weiblichkeit tummelt. Und die eine, herrliche – die nach dem Bademantel greift, das war sie! Ihre blühende, hüllenlose Schönheit lebt fort auf jenem Bilde. Das Madonnengesicht mit dem braunen Haar, diese Büste, diese hohe Gestalt und die schwellende Pracht der Glieder – das war sie, ehe sie hinabstieg in eine dunkle, lächerliche Ehe mit einem gemästeten Faun, und niemand wird uns heute das Rätsel lösen, warum sie das getan. Frau Lotti Kargl hat ein ansehnliches Vermögen hinterlassen und verfügt, daß damit ein Asyl gegründet werde – ein Asyl für verlorene Mädchen. Wenn's die Mütter eilig haben Es war im Juni. Ich wollte an meinem Schreibtisch sitzen bleiben wie jeden Tag, aber es litt mich nicht, mir war, als ob mein Geist stumpf geworden wäre für das Alltagswerk. Die Sonne lachte heute so festlich und so übermütig zugleich zu meinen offenen Fenstern herein und die frisch begossenen Blumentöpfe auf demselben dufteten so ungewöhnlich; der Kanarienvogel meiner Nachbarin, einer dunkeläugigen Witwe, die des Abends oft so tief aufseufzte, wenn sie wie ich einsam in den Mond blickte, und die bei Tag jeden Versuch, sie zu grüßen, kalt abzulehnen wußte, der Kanarienvogel dieser Witwe zwitscherte heute noch viel heller und munterer als sonst, auf der Straße aber war es so still. Schon am Morgen hatte ich gemerkt, daß mein Stubenmädchen hurtiger aufräumte und ihre Schürze war mir viel weißer vorgekommen als gewöhnlich; selbst die Lämmerwölkchen, die ich jetzt in dem tiefen Blau des Stückchens Himmel schwimmen sah, das meinem Blick erreichbar war, schimmerten so eigen in ihrem silbernen Glanze. Es lag etwas Befreiendes in der Luft, so eine Stimmung, die einem das Gewöhnliche verleidete, und ich kam endlich auf den Gedanken, daß heute wohl ein besonderer Tag sein müßte. Ja, endlich merkte ich, daß es Sonntag war. Es ist doch etwas eigenes um den Zauber dieses Tages, der die arbeitenden Menschen von den Fesseln der Alltäglichkeit befreit und seine stille Macht übt auch an den einsamsten und verschlossensten. Durch irgendeine Ritze dringt der Glanz des Sonntags in die düsterste Zelle und schon das Bewußtsein, heut ist Sonntag, erhellt dem Volksgemüt den trübsten Tag. Nur ein Griesgram verleugnet den Sonntag und weist ihn von der Schwelle. Und man sagte damals, ich wäre ein solcher. Was ging mich einsamem Junggesellen, dem jeder Tag gleichwertig war, dem nie ein Geburts- oder Namenstag verschönt wurde, der selbst am Weihnachtsabend daheim ein Buch las oder hinter einer Zeitung im Kaffeehaus saß, was kümmerte mich dieser Sonntag? Ich ging mißmutig zu Tisch, früher als sonst. Auf der Ringstraße herrschte buntes Leben, die Menschen flogen nach allen Richtungen der Windrose aus. Während ich aß, zogen wohl Tausende zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß an dem Restaurant vorüber, ganze Familien, auch steifbeinige Hagestolze und aneinandergeschmiegte Liebespaare. Ich fühlte, daß auch ich allmählich von dem allgemeinen Fieber ergriffen wurde. Der Gedanke, jetzt an meinen Schreibtisch heimzukehren, war mir unsäglich widerwärtig und ich beschloß, eine mir befreundete reichsdeutsche Familie auf dem Lande zu besuchen. Ich benützte die Pferdebahn bis zur Endstation in Döbling und ging dann zu Fuß. Der Weg erfrischte mich trotz seiner landschaftlichen Reizlosigkeit, trotz der großen Hitze, und ich war froh, der Stadt entronnen zu sein. Ich traf die Familie, die eine ganze Schar Gäste hatte, bei der Jause im Garten, beim Kaffee. Es waren zumeist Bekannte, was noch nicht bekannt war, wurde vorgestellt, und ich saß bald im Kreise und erhielt ebenfalls mein Schälchen gefüllt. Das hübsche Landhaus lag in der Mitte eines Gartens, auf einer Anhöhe fast am Ende des langgestreckten Ortes, und an dem hölzernen Gittertor, das von der Straße in den Garten führte, flutete die ganze sonntägliche Volksbewegung vorüber, die sich aus Wien hieher ergoß, Man saß hier ganz gemütlich im Schatten des Nußbaumes und sprach über dies und jenes. Von neuen Theaterstücken und von Politik, von Musik, von Büchern, von der Freude des Landlebens, von der Hitze in der Stadt und von den Weltübeln im allgemeinen. Mir gegenüber saß die Professors-Witwe Petersen. Von ihren fünf Kindern tollten drei mit denen des Hauses im Garten umher, das vierte und fünfte, die sechzehn- und siebzehnjährigen Töchter Alma und Käthe, tuschelten am unteren Ende des Kaffeetisches mit einem jungen Manne, dem gerade der erste Flaum über den Lippen anzufliegen begann. Die Mutter Petersen liebte es, den Ellenbogen des rechten Armes auf die Fläche der linken Hand zu stützen und das seitlich geneigte Haupt an die rechte Hand zu lehnen. So saß sie wie sinnend da. Aber sie hörte aufmerksam zu, sie seufzte, nickte, schlug die wasserblauen, schwimmenden Augen zum Himmel empor, oder sie verwunderte sich so sehr, daß ihre Arme auseinander flogen und sie ein langgezogenes Oh – oh! zwischen die Reden warf, das stets in einer Atemnot gipfelte. Selbst zu reden oder etwas zu erzählen dünkte ihr meist überflüssig. Von ihren Verhältnissen sprach sie stets nur in Ausrufungssätzen. Da erzählte eine junge Ehefrau von ihrer Hochzeitsreise in Italien und schloß: »Kennen Sie Italien, Frau Professor?« »Ach, was haben wir für Reisen gemacht! Ich und mein Mann! Rom! Neapel! Pompeji!« Damit war sie fertig und die junge Frau schwieg betroffen. Ein Besuch von jenseits des Kahlenberges rühmte seinen schönen Sommeraufenthalt. »Wohnen Sie auch auf dem Lande, Frau Professor?« »Ach! Was haben wir für ein Gut! In Deutschland! Am Rhein!« Und sie schwieg. Der Mann schaute sich verlegen um, als ob er fragen wollte, ob er denn etwas so Dummes gesagt hätte. Ich hatte den Professor, ihren Gatten, gekannt. Er war ein schlichter Mann und deutete niemals an, daß er's dick habe. Auch seine Frau erschien mir bei Lebzeiten ihres Mannes weniger großsprecherisch. Ihre beiden ältesten Töchter, die schon genannte Alma und die etwa siebzehnjährige Käthe, waren damals nicht daheim und es gab nicht den geringsten geselligen Verkehr im Hause. Jetzt schien das anders zu sein. Wenigstens deuteten mehrfache Ausrufungssätze der Frau Professor darauf hin, daß sie »ein Haus machte«. Nach dem Kaffee begab sich die Gesellschaft in den oberen Garten. Ich schloß mich der Jugend an, die im unteren blieb und allerlei Unsinn trieb. Namentlich mit Alma wollte ich reden, der ich erst heute war vorgestellt worden und welche die Nennung meines Namens mit einem lauten »Ach!« begleitete. Sie war eine schlank aufgeschlossene Mädchenknospe mit hellen Augen und glänzendem kastanienbraunen Haar. Und fröhlich und munter schien sie zu sein wie eine Lerche. Sie plauderte allerliebst. Im Institut war es ihr so gut ergangen, »sie habe so vielerlei lernen dürfen«, sagte das Professorenkind. Jetzt aber sei es Ernst mit dem Leben, ganz abscheulicher Ernst. Ich lachte hell auf und sie sah mich verdutzt an. »Ja, ja! Da hat so eine Gesanglehrerin meine Stimme entdeckt und ich soll nun durchaus eine berühmte Wagnersängerin werden.« »Oh!« »Oder ich muß heiraten.« »In der Tat, Fräulein, eines so abscheulich wie das andere. Und wen sollen Sie denn heiraten?« »Ja« – und sie lächelte halb übermütig, halb betrübt – » das wissen wir noch nicht.« Ich lachte wieder, sie aber lenkte plötzlich in einen Seitenpfad ab und rief: »Welch himmlische Rosen! Haben Sie ein Taschenmesser?« »Gewiß!« Und ich reichte es ihr. Sie griff in den Rosenstrauch und sogleich erfolgte ein wahrhaft walkürenhafter Aufschrei. Weit streckte sie die Linke von sich und das Blut troff von ihrer Hand herab in den weißen Sand. Zuerst erschrak ich nicht wenig, als ich aber sah, daß sie sich bloß in den Finger geschnitten, griff ich nach meinem Taschentuch, drückte es auf die kleine Wunde und preßte den verletzten Finger fest zwischen den Daumen und Zeigefinger meiner Rechten. »Ihr garstiges Messer!« sagte sie schmollend. »Ich werde es nie wieder einer ungeschickten jungen Dame leihen.« »Das hat etwas zu bedeuten«, sagte sie, mich voll ansehend, nach einer Pause. »Wir kennen uns kaum, und schon fließt Blut zwischen uns.« »Rosenblut!« parodierte ich. »Ach, Sie können doch gar nicht ernst sein. Ich glaube, Sie bedauern mich nicht einmal. Sind Sie ein kalter Mensch?« »Ein Eisklotz! Und unerhört mißtrauisch.« »Wirklich?« Sie lachte hell und fügte hinzu: »Am Ende glauben Sie gar nicht, daß ich mich geschnitten habe?« »Das muß ich wohl.« »Aber an Vorbedeutungen glauben Sie nicht?« »Durchaus nicht.« »Na, na, denken Sie an diese Rose. Sehen Sie, sie hängt ganz lose, der Stiel ist durchschnitten. Können Sie sie herablangen?« »Ich muß jetzt Ihren Finger noch ein wenig halten.« »Ach so! Dauert das noch lange?« »Ist es Ihnen unangenehm, Fräulein?« »Nee.« – »Warum sagen Sie das im Dialekt?« »Ja, das weiß ich nicht. Sie fragen ein bißchen viel. Geben Sie mir lieber die Rose.« Ich ließ ihren nach aufwärts gewendeten Finger, der ganz blutleer geworden, los, langte nach der Rose und reichte sie ihr. Dann hob ich mein Messer aus dem Sande auf, denn Alma hatte es fallen gelassen. »Schenken Sie mir dieses Messer«, bat das Mädchen. »Aber Fräulein! Was fällt Ihnen ein? Ich werde doch einer jungen Dame nicht ein so scharfes Instrument schenken.« »Sie sind also doch ein wenig abergläubisch?« »Nein – hier ist das Messer.« »Und hier, mein Herr – die Rose.« Sie lachte wie ein Kobold und hüpfte davon. Ich stand, die Rose in der Hand, mit ziemlich gemischten Gefühlen da. War das naiv oder kokett, kindisch oder berechnet? Als ich mich wieder zur Gesellschaft begeben hatte, fiel jedermann die Rose in meinem Knopfloch auf. Die Hausfrau, eine prächtige Dame aus Pommern, rief schon von weitem: »Nanu, Herr Robert, Sie sehen man aus wie 'n Bräutigam!« Alma aber, die bereits zwischen ihrer Mutter und der Hausfrau stand, blitzte mich mit ihren hellen Augen so eigen an. Der Vorfall erschien ihr offenbar als ein ganz großartiges Abenteuer und sie tat sich etwas zugute darauf, mit einem Manne ein Geheimnis zu haben. Ihre Mutter lächelte ebenfalls ganz merkwürdig, so daß ich einen Augenblick glaubte, Alma hätte den Vorfall erzählt. Aber da niemand davon sprach, durfte auch ich es nicht tun. Und doch drückte es mich, im Verdacht zu stehen, als ob ich mir mutwilligerweise erlaubt hätte, eine der vom Hausherrn selbst gezogenen schönen Rosen abzubrechen. Was man Alma verziehen hätte, sah bei mir gewiß aus wie eine Dreistigkeit. Nach dem Abendbrot, das ein durchaus norddeutsches Gepräge hatte, kehrten wir, die Gäste, gemeinsam nach Wien zurück. Bis nach Döbling gingen wir unter allerlei munteren Gesprächen zu Fuß, von dort benützten wir die Pferdebahn. Und weiß Gott, wie es gekommen, Alma und ich waren immer beieinander. Als wir in die Pferdebahn stiegen, schien es mir, als ob ihre Mutter uns mit Absicht zusammensetzte. Alma erzählte mir allerlei Schnurriges aus ihrem Pensionsleben, sie sprach von ihren Neigungen und Bestrebungen. Käthe wolle Lehrerin werden, sie aber tauge weder dafür, noch für das Theater. Am liebsten würde sie reisen. Eine Hochzeitsreise rund um die Erde, das wäre ihre Passion. »Darf Mama Sie einladen? Werden Sie uns besuchen?« sagte sie plötzlich, als wir knapp vor dem Abschiednehmen standen. »Gerne werde ich kommen, mein Fräulein.« »Und wenn Sie einmal zufällig in die Schottengasse geraten, da werfen Sie einen Blick in die Höhe zu den Fenstern meiner Professorin. Dort übe und quäle ich mich, um berühmt zu werden.« »Haben Sie oft Stunde?« fragte ich gleichmütig. »Ach« – sie blinzelte mich an und sprach plötzlich gedämpfter als bisher – »Sie möchten mich wohl einmal von dort nach Hause begleiten? Jeden Mittag um 1 Uhr habe ich ganz allein den weiten Weg von der Schottengasse nach der Landstraße zu machen, wo wir wohnen. Ich gehe immer über die Freyung.« Das war deutlich. Ich versprach, es nicht zu vergessen und verabschiedete mich. Nach Hause begleitete ich die sechsköpfige Familie nicht, das überließ ich zwei jungen Herren, die zur Gesellschaft zählten. Die Mama lud mich, und ich hatte genau aufgepaßt, ohne daß Alma vorher ein Wort mit ihr darüber hätte sprechen können, dringend zu Besuch. Hatte das Mädchen ihr diesen Wunsch schon früher ausgesprochen? Tat die Frau Professor es aus eigenem Antrieb? Das Mädchen hatte keinen durchaus unbefangenen und befriedigenden Eindruck auf mich gemacht. Aber es war doch ein hübsches, lebhaftes Kind, und der Gedanke, mit ihm manchmal zu plaudern, eröffnete die Aussicht auf angenehme Stunden. Der Schottengasse aber wich ich um die Mittagsstunde jetzt stets ängstlich aus. Je mehr ich mir's überlegte, desto weniger passend fand ich eine Fortsetzung meines Verkehrs mit Alma auf solchen Wegen. Ich wollte keine Heimlichkeiten mit ihr und beschloß, alles zu vermeiden, was ihrer Sucht nach geheimnisvollen Beziehungen Nahrung zuführen konnte. Sobald es mir passen würde, wollte ich die Familie besuchen, aber auch das hatte keine Eile. Wochen vergingen, dann trat ich meinen Urlaub an und kam erst im September wieder zurück. Ich machte wieder einen Besuch bei der mir befreundeten reichsdeutschen Familie auf dem Lande, und da sagte mir die Hausfrau, daß Fräulein Alma sich außerordentlich wundere, mich seit jener Begegnung im Juni nicht wieder gesehen zu haben. »Petersens haben jetzt einen Jour. Gehen Sie nur bald einmal hin.« Das erleichterte die Sache allerdings und ich ließ mich nicht länger mahnen. In einem Hause, das seinen Empfangstag hat, konnte man ja ohne weiteres verkehren, das verpflichtete zu nichts. So ging ich denn hin. Die freudige Überraschung, die mein Erscheinen hervorrief, war groß. Die Mutter, die etwas mangelhaft frisiert war, fühlte sich sehr geehrt und verschwand, Käthe schoß von einem Zimmer in das andere und las Hüte, Jacken und Schulhefte auf, die überall herumlagen, Alma aber ließ ihre schmale Hand in der meinen ruhen und sah mich lange und forschend an. »Nach drei Monaten?« sagte sie und ihr tiefer Alt klang wunderbar. Es lag mir aber zu viel Pathos in dieser Begrüßung und ich machte ihr durch einen Scherz ein Ende. Auch blieben wir nicht lange allein. Es kamen allerlei Leute, der Herr Nachbar X. mit seiner Frau, die Rechnungsrätin Y. und der Hausherr Z. mit seinem Sohn. Auch die zwei jungen Herren, die im Juni dabei waren, erschienen, und sie begrüßten mich wie einen alten Bekannten. Man setzte sich alsbald an eine lange Tafel und es wurde von der flachsblonden, stillen Käthe eine üppige Jause aufgetragen. Eine Fülle von Backwerk und Süßigkeiten bedeckte den Kaffeetisch, aber der Kaffee wurde aus Schalen getrunken, die verschiedenen Servicegattungen angehörten. Der schwarze Kaffee war in einer hohen weißen Kanne aufgetragen worden, das Obers aber in der eisernen »Rein«, in der es abgekocht wurde. Alma hatte mich heimlich gebeten, mich ja neben sie zu setzen und ich tat es gern, denn ich wußte mit niemandem sonst ein Wort zu sprechen. Das Backwerk, Gugelhupf, Torten und dergleichen, verschwand rascher als ich es für möglich gehalten hätte und dann wurde ein Spiel arrangiert, bei welchem man sehr viel lachte, dazu wurde Wein getrunken, guter Rotwein. Ich wollte am selben Abend noch in die Oper und mußte mich empfehlen. Die Mama, Käthe und Alma geleiteten mich bis zur Tür. Als ich im Vorzimmer schon den Überrock angelegt hatte, schoß Alma heraus, tat überrascht, daß ich noch hier sei, drückte mir kräftig die Hand, sah mich von unten herauf recht eindringlich an und sagte: »Nicht wieder drei Monate warten lassen, bitte, bitte. Und singen lernen geh ich noch immer.« Damit verschwand sie in der Küche. Der Weg zur Oper war weit und ich hatte Zeit, die empfangenen Eindrücke zu überdenken. Wieder waren sie nicht ungetrübt günstig und doch gefiel mir das Mädchen auch heute noch. Alma war voll Anmut, und so frisch, so jung. Aber ein bißchen zu sehr – wie soll ich sagen? verliebt; vielleicht ein wenig aufdringlich. Doch meine Eigenliebe nahm sie gegen solche Vorwürfe sogleich wieder in Schutz, denn daß sie mit einem Anderen so gewesen wäre, wie mit mir, das konnte ich nicht behaupten. »Sie wird eben ein bißchen verbrannt sein in dich«, sagte ich mir. Ganz zuletzt fiel mir ein, was mich am meisten gestört hatte an Alma. An dem Kleid, das sie getragen, fehlte ein Knopf und eine Stecknadel ersetzte ihn. Der Stoff war an jener Stelle ganz zerstochert. Die Nadel ersetzte den Knopf wohl schon lange . . . Ich fand mich nun in Zwischenpausen von drei bis vier Wochen immer wieder bei den »Jours« der Familie Petersen ein. Aufrichtig gesagt, interessierte mich niemand dort außer Alma und auch sie gefiel mir nur, sie fesselte mich nicht. Die Freunde der Familie standen sämtlich unter dem Bildungskreise des Professors Petersen, den ich gekannt, und von dem Toten wurde nie ein Wort gesprochen. Erst allmählich merkte ich, daß keiner von den regelmäßigen Gästen des Hauses den Verstorbenen gekannt. Das waren alles neue Freunde. Die Frau Professor gestand mir ganz offen, daß ihr Mann für ihre geselligen Bedürfnisse nie ein Verständnis hatte; sie habe in dem gastfreundlichen, gemütlichen Wien jahrelang geistig gedarbt neben dem Professor, jetzt aber wolle sie sich allmählich einen Kreis von Freunden schaffen. Und das sei gar nicht so leicht, denn alle die, welche bei Lebzeiten Petersens gerne mit ihnen verkehrt hätten, wenn ihr Mann gesellig gewesen wäre, sie alle kümmerten sich um die Witwe mit ihren fünf Kindern nur wenig oder gar nicht. Sie müßte also mit einem Umgang von geringerem Bildungsgrad vorlieb nehmen und sie sei mir ganz besonders dankbar, daß auch ich manchmal komme. Die neuen Freunde der Familie, die mich ein- oder das anderemal vom Professor reden gehört hatten, hielten mich wahrscheinlich für einen alten Freund des Hauses. Wenn ich eintrat, erhoben sie sich, als ob ich zur Familie zählen würde und es war gewissermaßen selbstverständlich, daß Alma sich stets sofort an mich anschloß und für den Abend ganz mir gehörte. Ich war eine Respektsperson für die Gesellschaft, ohne zu ahnen warum. Alma hatte mir stets tausend Dinge zu erzählen und ihre Art brachte es mit sich, daß sie mir so manches davon ins Ohr flüsterte, was sie ganz offen hätte sagen können. Ihr machte das Spaß und mir war es auch nicht unangenehm. Die zwei Jünglinge, die unzertrennlich vom Hause schienen, beneideten mich ganz augenscheinlich um die Vertraulichkeiten mit Alma, und die Rechnungsrätin Y. lächelte mich einmal mit einer Verschmitztheit an, daß ich über die Gedanken, die sie sich über mich und Alma machte, ganz im klaren war. Was ging es mich an, was die Alte sich dachte? Ich fühlte, daß ich durch nichts Veranlassung gegeben zu solchen Gedanken und das genügte mir. Aber ich wollte nun doch einmal eine größere Pause zwischen meinen Besuchen eintreten lassen. Das unvorsichtige Mädchen sollte nicht ins Gerede kommen mit mir. Und ich blieb vier Wochen aus. Da kam ein Brief von Mama, was es denn wäre mit mir. Alma sei sehr besorgt, sie bilde sich ein, ich sei krank. Dem konnte ich nicht widerstehen. Als ich diesmal hinkam, fand ich auch das befreundete Ehepaar dort, in dessen Hause ich Alma zuerst begegnet war. Das war mir sehr lieb und ich hielt mich diesen Abend ganz und gar an das liebenswürdige Frauchen, eine gar gescheite Pastorstochter aus Stolp, mit der sich trefflich plaudern ließ. Alma schien etwas zu schmollen. Nach der Jause wurde wieder ein Spiel arrangiert und die Jugend unterhielt sich trefflich. Plötzlich ging die Sache in ein Pfänderspiel über und wir älteren Leute – ich zählte schon dreißig – wurden auch mit hineingezogen. Das erste Pfand holte sich Alma. Was sollte sie tun? In einen Brunnen fallen. Wie tief? Drei Klafter. Wer sollte sie daraus erlösen? Eine spannungsvolle Pause folgte und Alma nannte meinen Namen. Ich war nie ein Spielverderber, ging hin und küßte die Kniende dreimal auf den Mund – damit war sie erlöst. Die Wiener Gesellschaft lachte, Alma errötete, das Frauchen aus Pommern sprang von ihrem Sitze auf und rauschte in das Nebenzimmer. Ihr Mann folgte, die Frau Professor ebenfalls und Alma wurde vom Spiel, das seinen Fortgang nahm, abberufen. Die Spielenden achteten nicht sonderlich auf diese Vorgänge, ich aber bemerkte sie gar wohl. Und ich stand zufällig nahe an der Tür, die offen blieb. Da hörte ich staunend, in gedämpfter Entrüstung eine Flut von Fragen auf das Mädchen einstürmen: »Bist du verlobt mit ihm?« »Wird er dich heiraten?« »Wie kannst du dich küssen lassen?« »Aber Kind,« sagte der Mann, »das ist mal hier so Sitte.« »Ich habe nie einen anderen Mann als dich geküßt. Du bist der Vormund Almas, rede mit Herrn Robert.« Ich sah unwillkürlich nach der Ausgangstür. Wispernd, mit einem Strom von beschwichtigenden Zischlauten mischte sich jetzt die Frau Professor in das Gespräch und die Gemüter beruhigten sich, ohne daß ich ein weiteres Wort verstanden hätte. Eines nach dem andern erschien unbefangen wieder und sah dem Spiele zu, alt und jung küßte sich lachend, ohne irgendein Arges dabei zu denken. Das Frauchen aus Pommern aber schüttelte fortwährend den Kopf über diese Sittenlosigkeit. Endlich brach man auf und ich war unter den ersten, die gingen. Als das kleine Frauchen sich von Alma verabschiedete, küßte sie das Mädchen ganz feierlich und sagte: »Ich wünsche dir Glück dazu!« Mir reichte sie die Hand mit den Worten: »Das hätten Sie man nicht tun sollen.« »Was, gnädige Frau?« »Na, Sie verstehen schon. Aber wenn es so ist, wie die Mama sagt . . . Gut' Nacht.« Mich überlief es kalt. Ich war also so gut wie verlobt mit Alma? Mit welchem Recht? Was, zum Kuckuck, hatte ich getan? Weil ich mich nötigen ließ, dieses Haus fünf- oder sechsmal zu besuchen, wäre ich der Ehe verfallen? Nee, sagte ich mir, da spiele ich nicht länger mit. Und kurzen Grußes ging ich von dannen. Es war Fasching geworden und ich erhielt von der Mama stets eine Einladung für jene Bälle, welche sie mit Alma besuchte. Das war ganz gut, denn so wußte ich, wo ich nicht hingehen durfte. Ich meldete mich bei Petersen stets krank. Einmal schrieb mir Mama, Alma habe in den Blumensälen auf dem Roten-Kreuz-Ball wahre Triumphe gefeiert, ein Stabsoffizier habe sieben Touren mit ihr getanzt und ihr heute ein Bukett gesandt. Nun antwortete ich überhaupt nicht mehr. Dem Glücke Almas durfte ich nicht hinderlich sein. Gerne hätte ich ihre holde Gestalt einmal im Ballkleid gesehen, doch ich versagte es mir. Ich hatte im Grunde gar nichts gegen die Ehe, aber mit solcher Selbstverständlichkeit wollte ich meine Schicksalsfäden nicht von anderen Leuten spinnen lassen, dazu war ich zu alt geworden. Und ich zog resolut den Kopf aus der Schlinge. Im darauffolgenden Sommer machte ich wieder einmal einen Besuch bei jener Familie auf dem Lande. Ich wurde kühl, aber nicht unfreundlich empfangen. Im Laufe des Tischgespräches erfuhr ich ganz zufällig, daß Petersens kürzlich ganz auf ihr kleines Gut am Rhein übersiedelt wären und daß Alma sehr, sehr krank gewesen. »Was hat ihr denn gefehlt?« fragte ich voll wahrer Teilnahme. Die Frau des Hauses sah mich mit einem unbestimmten Lächeln an. »Was ihr gefehlt hat?« fragte sie gedehnt. »Hm.« Und sie wendete sich zu ihrer Nachbarin und sprach von der Dienstbotenmisere und den Eierpreisen. Still und nachdenklich trat ich den Heimweg an, den ich vor einem Jahre so fröhlich mit Alma verplaudert. Es war also doch keine bloße Komödie? Wenigstens von Almas Seite nicht? »Die Arme!« Ihre Mutter hatte es aber auch gar zu eilig. Ich verkehre noch heute in jenem Hause, wo ich Alma zum erstenmal gesehen, aber man spricht nie mit mir von ihr und ich weiß nicht, ist sie berühmt oder geheiratet worden. Alte Photographien Zutiefst in meinem Schreibtische liegt ein Bündel alter Photographien. Bescheidene Bilder in Visitkartenformat, wie sie noch vor einem Vierteljahrhundert üblich waren. An die Stelle des Stammbuches war damals das Album getreten, die Photographie, was als ein ungeheurer Fortschritt galt. Man gab sein Bild gern an Freunde und Bekannte, behielt aber die Sitte des Stammbuchverses bei und schmückte damit die Rückseite. Schon als Student begann für jeden die Sammlung seines Bekanntenkreises in Bildern, und es gibt wohl kein Haus, in dem sich nicht eine solche Sammlung findet. In dem einen wird sie mehr, in dem anderen weniger in Ehren gehalten, und von Zeit zu Zeit wird wohl auch ausgemustert. Als ich einmal eine solche Musterung hielt unter den alten, ausgeblaßten Bildern und mit dem Zerreißen der weniger wichtigen begann, hielt ich plötzlich inne. Reue erfaßte mich und ich schnürte die schon zerrissenen Bilder mit anderen Photographien zusammen in ein Bündel und hob sie gut auf. So gut, daß ich sie fast nie mehr unter die Augen bekam. Nur in Zwischenräumen von Jahren stoße ich einmal darauf. So oft man umzieht und den Ballast, den man durch das Leben mitschleppt, kritisch überprüft, kommt man auf so gut aufgehobene Dinge. Es kostet dann nur einen resoluten Entschluß und man ist von so mancher Last befreit. So erging es mir auch kürzlich wieder mit jenem Bündel alter Bilder. Ich war unverhofft auf sie gestoßen und öffnete den Bindfaden, der ein Jahrzehnt nicht mehr aufgeknüpft worden war. Es quollen mir die Kopfe und Füße der einst zerrissenen Bekannten aus der Jugendzeit zuerst entgegen. Eine melancholische Sammlung. So recht geeignet, stille Zwiesprache zu halten mit jenen goldenen Jugendtagen, deren Hoffnungen sich nicht erfüllt haben. Da lagen sie alle vor mir, die einst mitgeschwärmt und mitgehofft hatten. Was war aus ihnen geworden? Welcher von ihnen hat jene Ziele, die er sich damals gesteckt, wirklich auch erreicht? Der und jener ist zwar höher gestiegen, als wir alle vorausgesehen, als er selbst zu hoffen gewagt. Aber die anderen? Diese zwei schönen Krausköpfe waren immer unsere Vorzugsschüler, sie machten sich den Primus immer streitig, und da es doch nur einer von ihnen werden konnte, hatten wir unsere liebe Not mit der Feindschaft, die zwischen ihnen herrschte. Beim Einsagen brauchten wir beide, wir durften es sich also mit keinem verderben. Was ist aus ihnen geworden? Sie haben beide die Matura mit Auszeichnung gemacht, der eine ist sogar sub auspiciis imperatoris zum Doktor Juris promoviert worden. Was ist ans ihnen geworden? Einer starb als bescheidener Landarzt in ziemlich traurigen Verhältnissen, der andere, der Jurist, wurde Advokat und man hat nie etwas Besonderes von ihm gehört. Seit zwanzig Jahren habe ich ihn aus den Augen verloren. Sie waren einst der Stolz eines ganzen Gymnasiums. Und das war ihr Lebensweg? Ein anderer Vorzugsschüler wurde Offizier. Als Oberleutnant begegnete ich ihm wieder und er war in diesem reifen Alter zum lyrischen Dichter geworden. Niemand war sicher vor ihm und seinen Gedichten. So oft eine Pause im Gespräche entstand, zog er sein Notizbuch aus der Tasche und las einem etwas vor. Er war der Schrecken seines ganzen Regiments und wurde bald nicht mehr ernst genommen von den Kameraden. Daß er einem recht lästig werden konnte, das wußte ich aus eigener Erfahrung. Als Hauptmann schon ging er in Pension, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen, aber man hat nie etwas von ihm gehört. Ein vierter aus jenem Kreise war mit hochfliegenden Plänen Schauspieler geworden. Er lebt als geachteter kleiner Provinzdirektor in Deutschland und spielt längst nicht mehr selbst. Ein fünfter wurde Professor und ist jetzt Gymnasialdirektor. Die am höchsten stiegen – man soll so etwas, namentlich wenn man Söhne hat, eigentlich nicht sagen – die waren nicht gerade die besten Schüler. Gerade die Ach-und-Krach-Studenten bewährten sich später im praktischen Leben, wurden Hofräte und Sektionschefs in den Ministerien. Da liegt so einer mit einem halben Kopfe vor mir, der nach dem Untergymnasium Kaufmann geworden. Er erwarb sich ein großes Vermögen und spielte auch im öffentlichen Leben eine Rolle. Ohne Matura. Ein anderer, der zwei Klassen wiederholen mußte, weil er zu viel Indianergeschichten las, hat sich als Reiseschriftsteller und Forscher einen Namen gemacht; er ist gegenwärtig in Uganda oder irgendwo Minister einer schwarzen Majestät. Es sind aber auch andere, Gescheiterte, in der Sammlung. Der eine heiratete als Beamter eine allzu schöne Frau und ging zugrunde in der Bestreitung ihres Putzes, dann, als seine Mittel nicht mehr ausreichten, betrog sie ihn, und als er fremde Gelder angriff, war es schon zu spät – sie ging ihm durch. Er endete im Irrenhause. Und noch zwei endeten ähnlich . . . Der Begabteste aus dem ganzen Jugendkreise aber war mit zweiundzwanzig Jahren an Lungenschwindsucht gestorben. Sein Bild liegt vor mir und – welche Ironie! – er hat kolorierte Wangen. Um dem blassen Jungen eine Freude zu machen, hatte seine Mutter die Bilder einst kolorieren lassen. Er ist seit achtundzwanzig Jahren tot und lebt frisch in meinem Gedächtnisse. Ich höre seine Stimme, ich fühle den Druck seiner Hand, wenn ich sein Bild betrachte. Und doch sind auch einige Photographien da, von denen ich nicht mehr weiß, wen sie vorstellen. Sie sind bis auf den Namen verblaßt. Man trinkt bei einer Kneipe Bruderschaft mit einem Altersgenossen, tauscht Kuß und Bild, und in einiger Zeit weiß man nichts mehr von einander. Verschollen und vergessen. Da liegen aber auch einige eigene Jugendbildnisse. Wie seltsam sich doch der Mensch verändert. Ich würde mich nicht wieder erkennen in dem Jüngling mit den gesträubten Haaren, wenn ich mir irgendwo begegnen würde. Auch junge Ehepaare sind unter den Photographien, Leute, bei denen ich wohlgelitten war als junger Mensch, deren Vertrauter ich gewesen. Sie enthüllte mir seine Fehler, er mir ihre Schwächen. Bei so jungen Paaren, die sich noch nicht ineinandergefunden, die noch im Stadium der Kriegsjahre sind, kann ein ehrlicher Freund oft wohltätig wirken. Aber es ist doch so mancher Ehe zuträglicher, wenn die Kriegsjahre ohne fremde Einmischung vorübergehen, wenn die Freunde erst nach dem Friedensschlusse der Temperamente im Hause Einzug halten. Eine dieser Frauen, ihr Bild ist auch einzeln in dem Bündel vorhanden, fühlte sich so unglücklich, sie war so viel allein. Ihr Mann, ein Freund, der um zehn Jahre älter war als ich, stak den ganzen Tag im Geschäfte und sie war jung und hübsch und hatte zwei liebe Kinder. Doch diese füllten sie nicht aus, ihr Sinn stand nach der Welt. So oft ich konnte, besuchte ich sie, denn Frau Therese wollte es. Sie hatte glänzendes rotes Haar, blaue Augen und einen durchsichtigen, weißen Teint. Sie war wie transparent, wenn sie redete, alles leuchtete an ihr von innen heraus. Und ihre molligen, frauenhaften Formen und ihre liebe, tiefe Stimme hatten es mir angetan. Ich war wahnsinnig verliebt in sie, aber ich blieb stumm wie das Grab. Denn ihr Mann war mein Freund. Und das galt damals, namentlich bei einem Zweiundzwanzigjährigen, noch als ein Grund . . . Doch ich kam immer öfter und auch sie brannte lichterloh. Wenn wir uns die Hände reichten, zitterten wir. Da geschah es eines Tages, daß wir erst um Mitternacht von einem Ausfluge heimkamen. Als ich mich vor dem Haustore verabschieden wollte, um in meine entlegene Vorstadtwohnung zu pilgern, beredete mich ihr Mann, bei ihnen zu schlafen. Therese sagte kein Wort. Ich sträubte mich anfangs, aber schließlich gab ich nach. »Er kann doch im Kabinett, auf der Ottomane, schlafen«, sagte Karl, und sie stimmte zu. Am frühen Morgen weckte mich Frau Therese mit einem Kusse. »Sie müssen mit meinem Mann fort,« sagte sie rasch; »man redet schon über uns.« Und so eilig, wie sie gekommen, war sie verschwunden. Ihr erster Kuß brannte noch auf meinen jungen Lippen, als ich mich erhob, und ich zögerte einen Augenblick, ihn mit kaltem Wasser wegzuwaschen. Nach dem Frühstücke gingen wir, Karl und ich. Und als wir das Haus verließen, sagte die Hausmeisterin zur Greislerin laut und lachend: »Jetzt schlaft er gar schon da!« Ich sah meinen Freund erschrocken von der Seite an, aber er hatte es nicht gehört, er war blind und taub für das, was sich in seinem Hause vorbereitete. Und er war mir so dankbar dafür, daß ich seiner Frau oft gute Bücher brachte und zu ihrer Zerstreuung beitrug, so viel ich konnte. Seit jenem Morgen aber betrat ich sein Haus nur noch zu solchen Stunden, wo ich wußte, daß er daheim war. Wir wurden uns scheinbar Fremde, Frau Therese und ich. Und sie schien verstimmt zu sein gegen mich. Aber als ich einmal erkrankte, besuchte sie mich ohne weiteres. Eine Stunde saß sie an meinem Bette, hielt meine fieberheiße Hand in der ihren und streichelte mir das Haar und die Wangen. Sie plauderte heiter und harmlos, und als sie ging, ließ sie, wie eine gute Fee, einen goldenen Schimmer zurück in meinem kahlen studentischen Heim. Ich vergaß jene Stunde nie, aber ich ging nach meiner Genesung nicht mehr zu Frau Therese. Ich traute uns nicht. Und um meiner Gesundheit willen strebte ich fort von Wien. Es gelang, ich erhielt auswärts eine Stelle und ich verabschiedete mich von Therese in einem überschwenglichen Dankbriefe, der manches Geständnis enthielt. Ein paar höhnische Zeilen über meine »Flucht« waren ihre Antwort . . . . Da liegt ihr Bild. Gelockte Haare umfließen den schönen Kopf. Ein leidender Zug liegt auf dem Gesichte und die halbbeschatteten, sentimentalen Augen verraten noch heute eine heimliche Glut. Ich habe Therese nie vergessen, eigentlich immer an sie gedacht. Und oft hatte ich den unwiderstehlichen Drang, nach Wien zu eilen und mich zu ihren Füßen zu werfen. Aber ich überwand mich immer wieder. Das Leben schob andere Gestalten an ihre Stelle und die junge Liebe verblaßte mehr und mehr. Ich kam später wieder nach Wien, nahm aber die alten Beziehungen zu meinem Freunde Karl nicht mehr auf. Nach langer, langer Zeit kam er einmal zu mir, um irgendeine Empfehlung. Er habe gehört, daß ich wieder hier sei und daß ich ihm in einer bestimmten Sache dienlich sein könne. Er war recht alt geworden. Wie mochte sie heute aussehen? Fast getraute ich mich nicht, nach ihr zu fragen, denn ich fürchtete eine Einladung. Beim Abschied tat ich es doch. »Meine Frau? Du meinst Therese? Ach, die ist ja schon dreizehn Jahre tot!« Es traf mich wie ein Schlag. Therese lebte in meinem Geiste so frisch und jung und sinnlich, wie sie war. Ein Zauber ging von der Erinnerung an sie aus, der mir nach vielen Jahren noch alle Sinne belebte. So rein und unschuldig hatte ich sie geliebt und mich aufgeopfert für die Erhaltung ihrer Frauenehre. Denn ihr Mann war mein Freund, sie war die Mutter seiner Kinder. Und ich wollte sie auch jetzt nicht wiedersehen, um mir jenes lebendige Jugendbild von ihr zu bewahren. Aber der Mann hatte seit zehn Jahren ein anderes Weib im Hause, Therese war tot. So lange tot. Niemand hat es mir mitgeteilt, niemand ahnte, daß ich mich auch ein wenig dafür interessieren könnte. Das Porträt liegt jetzt wieder bei den anderen, zutiefst in meinem Schreibpulte. Denn ich habe das Bündel auch bei meiner jüngsten Übersiedlung noch nicht ins Feuer geworfen, habe es wieder mitgenommen. Und auch die schon vor Jahren zerrissenen sind dabei geblieben. Sind sie so lange mit mir gewandert, warum sollte ich mich jetzt von ihnen trennen? Sie mahnen mich zwar deutlicher als alles andere daran, daß der Höhepunkt des Lebens überschritten, daß der Weg sich neigt, denn es sind zu viel Tote unter ihnen. Aber ich sehe sie ja so selten. Ich habe sie recht gut aufgehoben. Sidonie In den Wiener Musikvereinssälen gab man ein italienisches Kostümfest. Die beste Gesellschaft, der Adel des Geistes, der Geburt und des Geldes brach für eine Nacht den Bann einer nüchternen Gegenwart und hüllte sich in die blendende Gewandung vergangener Jahrhunderte. Man lustwandelte scherzend unter einem erträumten südlichen Himmelsstrich, Arm in Arm mit Laura und Petrarca, mit Tasso und Michelangelo. Die farbensatten Kostüme eines halben Jahrtausends brannten nebeneinander, und Männer, die in der Geschichte durch Jahrhunderte getrennt erscheinen, drückten sich hier als Zeitgenossen die Hände. Dazu ertönten Straußsche Melodien. Es war eben ein phantastisches Zauberfest, ein Mummenschanz der wunderlichsten Art: in seinem Wesen ein Unsinn, in seiner Erscheinung nicht ohne einen Beigeschmack von Genialität. In der Mitte des großen Saales stand eine Gruppe von Herren in kleidsamen soldatischen Kostümen alter Zeiten. Dieselbe war soeben erst eingetreten und benahm sich sehr burschikos. Man sah es diesen Herren auf den ersten Blick an, daß sie von einem guten Abendessen kamen. Sie bildeten einen festgeschlossenen Kreis und musterten die bunte Gesellschaft. Wenn ein schönes Weib in ihre Nähe kam, gab es stets lautes, übermütiges Beifallsgemurmel und kecke Komplimente; war die Schöne ohne Herrenbegleitung, so nahm der ausgelassene Kreis sie in seine Mitte und überschüttete sie mit den zweifelhaftesten Artigkeiten. Die auf diese Art Attackierten waren bisher sämtlich so klug gewesen, standzuhalten und den Scherzen der Übermütigen nicht unfreundlich zu begegnen, ja es gab sogar Modedamen, die sich an diese vorlauten Gäste herandrängten, um mit ihnen anzubinden. Und das machte dieselben nur noch verwegener. Der Ausgelassenste unter ihnen war Graf Fedor, ein als verschwenderisch und abenteuerlustig bekannter polnischer Kavalier. Er hatte das Souper gegeben, von dem die ganze Gruppe gekommen, und zwar aus einem festlichen Anlaß: es war ihm nämlich bei einem stadtbekannten, überaus geriebenen Wucherer ein großartiger Pump gelungen. Man kann sich die Wirkung vorstellen, die es auf den ganzen Kreis ausüben mußte, als Graf Fedor sich plötzlich von einem kugelrunden Orientalen angeblinzelt sah, der niemand anderer war als Jakob Stern, sein Pumpjude. Die große Heiterkeit, die das erregte, kam jedoch nicht ganz zum Durchbruch, denn Herr Jakob Stern war nicht allein. An seinem Arm hing ein üppiges, schönes junges Weib in einem prunkvollen Kostüm, das eine Vereinigung von venezianischem und altjüdischem Charakter war. »Sie ist die Schönste!« flüsterte hörbar die ganze Gruppe und aller Augen hingen an der berauschenden Erscheinung. Graf Fedor aber sagte ausgelassen: »Ich handle sie ihm ab!« und trat auf Stern zu. »Bei der Harfe Davids,« hub er pathetisch an, »du führst die schönste Tochter Zions am Arme, doch wie ich dich kenne, großmütiger Jakob, leihst du auch diesen Schatz auf Zinsen. Sieh, wir alle verschreiben uns dir dafür mit Leib und Seele.« Fedors Genossen lachten, Stern grinste halb geschmeichelt, halb verlegen, aber das schöne junge Weib an seiner Seite, das gesenkten Hauptes die frivolen Worte angehört, hob jetzt die langen Wimpern und aus dessen verschleierten dunklen Augen traf den Sprecher ein Blick funkelnden Zornes, der ihn verstummen machte. Und das Gelächter schwieg in der Runde, der Kreis, der sich geschlossen hatte, öffnete sich und ließ die stolze Erscheinung am Arm des runden Manichäers unbehelligt passieren. »Teufel,« sprach ärgerlich Fedor, »war das eine Abfuhr!« Und seine Freunde verhöhnten ihn. Doch sie gestanden, daß auch sie sämtlich den gleichen, ihren Übermut lähmenden Eindruck von der Schönen empfangen hatten. Und das ärgerte sie jetzt, ihre Eitelkeit lehnte sich dagegen auf. Plötzlich schlug einer vor, die hoheitsvolle Hebräerin zu verfolgen. Das gefiel. Da rief Baron Hammerschlag: »Das ist nichts! Beauftragen wir einen von uns, z. B. Fedor, diese Königin ihres Geschlechtes noch in dieser Nacht zu erobern.« Dieses tolle Wort zündete. und Fedor, dessen Nimbus als Frauenjäger durch die erhaltene Lektion einen empfindlichen Stoß erlitten hatte, zögerte keinen Augenblick, der allgemeinen Stimme zu folgen. Doch stellte er schließlich die Frage: »Was denkt ihr euch unter erobern? Ihr könnt doch unmöglich fordern, daß ich eine tief gekränkte, uns völlig fremde und gewiß nicht schutzlose Dame noch in dieser Nacht dazu bringe, mich zu heiraten. . . . .« Man lachte hell auf und er drehte unternehmend die Enden seines hübschen blonden Schnurrbartes. »Du mußt für morgen ein Rendezvous von ihr zugesagt erhalten!« rief einer. »Zu dem du einen von uns schickst!« ein anderer. Baron Hammerschlag formulierte endlich die »Order« für Fedor: »Wenn du morgen nicht ein Rendezvous von der Zürnenden erhältst, zahlst du zwanzig Flaschen Sekt. Dagegen zahlen wir dasselbe, wenn du dein Ziel erreichst.« Das wurde angenommen und Fedor verpflichtete sich, am nächsten Abend im Jockeyklub über den Erfolg seiner Mission zu berichten. Jetzt stürzte er sich in das Gewühl der bunten, farbenprächtigen Menge, um Herrn Jakob Stern und seine schöne Begleiterin zu suchen. Jakob Stern war vor zehn Jahren aus Galizien nach Wien gekommen, um hier Geschäfte zu ordnen. Es lebte hier eine große Anzahl von Beamten und Offizieren, die einst in Galizien gewesen und an deren Kreditfähigkeit zu glauben er damals versucht worden war. Er glaubte gern, aber er forderte nun auch den Lohn für seine Güte. Das hielt ihn einige Wochen in Wien zurück, und da er seine kostbare Zeit nicht verlieren wollte, ließ er sich auch hier in Geschäfte ein. Doch hielt er auf kurze Termine. Er wollte nicht von Wien als Gläubiger kleiner Leute scheiden. Und klein waren die Leute, denen er seine Gulden gegen die Bagatelle von zehn bis zwanzig Kreuzer Zinsen per mese borgte. Jakob Sterns Kapitalien bewegten sich nur zwischen fünfhundert und tausend Prozent, aber im übrigen war er ein ehrlicher Mann. Auch gefiel es ihm in Wien so vortrefflich und er fand den Boden so ergiebig, daß er alsbald seine Familie hieher berief und sich fest niederließ. Er selbst kultivierte sich rasch, und auch die Seinen folgten dem guten Beispiel. Seine Söhne hießen Salomon, Ephraim und Nathan, und sie nannten sich Siegfried, Eberhard und Norbert. Zwei wurden früh seine Konkurrenten, der dritte fiel ab von seinem Volke, um eine blonde Christin heiraten zu können. Nur sein Liebling Sarah, die sich Sidonie nannte, war den Eltern bis heute treu geblieben. Sidonie war herangewachsen in geistiger Dürftigkeit, ohne eigentliche Bildung; halb im Verborgenen hatte sie sich zu einer blendenden Schönheit entfaltet, und sie lechzte danach, sich geltend zu machen. Das wenige, das sie von der Welt zu sehen bekam, reichte hin, ihre Sehnsucht nach Glanz und Größe zu nähren, und ihr Bruder Norbert, der sich allen Bitten und Flüchen zum Trotz konfessionslos erklärt hatte, um seine Ziele zu erreichen, erschien ihr wie ein Held. Auch verkehrte sie heimlich mit dem Geächteten und seiner Frau. Und das hatte die größte Bedeutung für Sidonie. Sie kam dadurch allmählich zu freieren Lebensanschauungen, gute Bücher waren ihr zugänglich und dieselben erschlossen ihr eine neue Welt, sie wurde romantisch und dachte bald gering von den Geschäften ihres Vaters . . . . Eines Tages sah sie einen bildschönen, jungen Reiteroffizier, der schon einige Male da gewesen, in das Heiligtum ihres Vaters treten, und tiefes Mitleid befiel ihr Herz. Sie lauschte. Er war hart bedrängt. Er hatte Spielschulden zu decken, ehe er nach Bosnien ins Feld zog, doch er schilderte umsonst die glänzenden Verhältnisse seiner angesehenen Familie. Herr Stern blieb spröde. Er forderte eine Deckung von dem auf dem Kriegsfuß stehenden Offizier, die dieser bisher nicht beizubringen vermochte – die Unterschrift seines Vaters. Heute aber brachte er sie. Herr Stern starrte den jungen Mann einen Augenblick durchdringend an, doch als derselbe errötete und die Augen zu Boden schlug, wurde er sehr liebenswürdig und willfährig. »Versprechen Sie mir, Herr Stern,« sagte der Leutnant und hielt das Papier noch immer fest, »den Wechsel nicht zu begeben. Ich selbst will ihn aus Ihren Händen wieder haben.« Stern grinste lächelnd und erhöhte für dieses Verlangen seine Forderungen ins Maßlose. Sidonie riß unwillkürlich die Tür auf, als wollte sie den Jüngling warnen vor ihrem Vater. Dieser wies sie schroff hinaus. Ein ihrer Schönheit huldigender Blick traf den ihren, und sie ging. Ihr fünfzehnjähriges Herz entbrannte in so heftiger Liebe für den jungen Leichtsinnigen, daß sie eines Tages seinen Wechsel aus der Mappe ihres Vaters entwendete, um denselben heimlicherweise dem geliebten Manne zuzusenden. Herr Stern raste vor Schmerz über den rätselhaften Verlust, indes Sidonie das Papier auf ihrem Herzen trug und täglich in den Kriegsberichten nach dem Namen des Fernen spähte. Endlich fand sie ihn – doch der Träger des Namens war gefallen, war tot. Ein großer Schmerz überfiel sie, aber als derselbe überwunden war, da legte sie den einst entwendeten Wechsel ruhig wieder in die Mappe ihres Vaters. Die Ehre des Toten und die seiner Familie war ihr nichts. Mit dem Helden ihrer Träume starb auch ihr romantischer Edelmut. Seit diesem Ereignis waren einige Jahre verflossen. Sidonie hatte bisher alle Heiratsprojekte ihres Vaters in entschiedenster Weise abgelehnt, und sie stand nun im Zenith ihrer Schönheit, denn sie zählte bereits zwanzig Jahre, und man weiß, daß jüdische Mädchenschönheit das zwanzigste Jahr nur selten überdauert. Ihre innere Welt war reiner geworden, Herz und Kopf hatten sich geklärt und mehr als je erfüllten ehrgeizige Träume ihr vereinsamtes Herz. Aber sie harrte vergeblich, der Held dieser Träume, das Ideal eines vornehmen Mannes, der bereit war, sie aus ihrem Nichts emporzutragen, wollte nicht auf dem Schauplatz erscheinen, ihrem ersten poetischen Herzensroman schien kein zweiter folgen zu wollen. Endlich, endlich tauchte ein Mann in ihrem Gesichtskreise auf, der so recht ihren törichten Mädchenträumen entsprach. Es war ein hochgewachsener, blonder Pole, ein Kavalier, der einige Male bei ihrem Vater vorgesprochen hatte und auf ebenso plötzliche Weise wie ihr erstes Ideal ihr Herz gefangen nahm. All ihr Blut geriet in Wallung, wenn sie ihn sah, und ihre innere Stimme sprach: Der ist's! Auch war die Situation die frühere: dieser Mann brauchte Geld und sie horchte unbemerkt. Herr Stern machte Schwierigkeiten, aber schließlich gab er das Geld, und der Graf ging, um vielleicht nie wieder zu kommen. Diesen Gedanken ertrug Sidonie nicht, sie mußte ihn wiedersehen – er mußte sie sehen. Und sie zog das Faktotum ihres Vaters ins Vertrauen, einen Burschen, dessen Lebensaufgabe darin bestand, die Verhältnisse jener Bedrängten auszuspionieren, die Geld von Stern begehrten. So erfuhr sie denn von dem Fest und von der Absicht des Grafen, dasselbe zu besuchen . . . Hochklopfenden Herzens betrat sie den Saal und ihre Augen spähten sogleich nach dem einen aus, um dessentwillen sie gekommen war. Aber es befiel sie gar bald die Angst, sie werde in dem bunten Gewühl untergehen und den Zweck ihres Kommens verfehlen. So flüchtete sie denn bald in eine der erhöhten Seitenlogen, um das Ganze übersehen zu können. Hier saß Sidonie neben ihrem Vater, anfangs die trunkenen Augen weidend an dem glänzenden Menschenschwarm, dann allmählich ermüdend und vereinsamend, den Torenstreich einsehend, den sie begangen. Was wollte sie hier? Unter tausend schöneren, glänzenderen Erscheinungen als sie wollte sie von ihm bemerkt werden, an dem ihr Verlangen hing, ohne daß er es ahnte. Und wo war er denn? Sie sah ihn nicht, und sie mußte selbst die Hoffnung aufgeben, ihn zu erkennen, wenn sie ihn kostümiert sah. Ihr Vater langweilte sich, und als er sah, daß auch sie unbefriedigt schien, da begann er von den unsinnigen Kosten dieses Abends zu reden und Sidonie zu schmähen, daß sie ihn zu solchen Ausgaben verleitet . . . Es war schon fast Mitternacht und Sidonie stand im Begriff, das Fest gänzlich enttäuscht zu verlassen. Da bemerkte sie, daß eine neue, gleichmäßig kostümierte Gruppe von Herren sich wie ein Keil in das Gewoge der Menge schob und bis in die Mitte des Saales vordrang. Wortlos nahm sie den Arm ihres Vaters und zog den Willenlosen mit sich hinab in den Saal. Eine günstige Strömung führte sie sogleich bis in die Mitte desselben, und – sie hatte sich nicht getäuscht. In dem Stimmengewirr schlug ein Ton an ihr Ohr, der ihr Herz erschauern machte. Das war seine Stimme und dort stand er! Sie wurde im ersten Augenblick sehr befangen, ja verwirrt. Aber sie gewann sogleich die Fassung, sich im stillen selbst töricht zu schelten. Er hatte sie ja nie gesehen und konnte keine Ahnung von ihren Empfindungen haben! Dieser Gedanke beruhigte sie, ermutigte sie, und fast unbewußt drängte sie ihren Vater mit sanfter Gewalt nach der Richtung, wo die Gruppe stand, zu welcher er gehörte. Sie wagte es kaum, ihn anzusehen. Erst als sie das beifällige Geflüster seiner Freunde hörte und die ihrer Schönheit huldigenden Bemerkungen derselben vernahm, fand sie ihren ganzen Mut. Und sie hatte ihn sehr nötig, denn schon stand der Graf vor ihr und hub zu sprechen an. Und wie seltsam, wie – ernüchternd, wie demütigend war das, was er sagte! Die Ironie, die Verachtung gegen ihren Vater und namentlich die Ungezogenheit gegen sie, die in jener Anrede zum Ausdruck kam, verletzten ihr Herz tief, sie empörten ihren Stolz. Schmerz und Zorn sprachen ans jenem flammenden Blick, der Fedor verstummen machte und dem beleidigten Mädchen den Kreis seiner Freunde ohne Widerstand öffnete. Welch ein Erlebnis für ein von Illusionen trunkenes, von Ehrgeiz erfülltes Mädchenherz! Sie hätte aufschreien und das prunkvolle Gewand, das sie angetan, um ihm zu gefallen, von sich herunterreißen mögen, aber sie bewahrte ihre Haltung und schritt stolzer von dannen als sie gekommen war. Erst als sie sich verlor in der Menge und vor seinen und den Blicken seiner Freunde sicher war, knickte sie zusammen. Sie kam sich unendlich elend und verachtet, wie eine Ausgestoßene vor, und fest umschlang sie den Arm ihres Vaters. Aber als dieser nun zu sprechen begann und den Grafen einen »lustigen« großen Herrn nannte, der gern seinen Spott treibe mit ihm und seinem Volke, da wurde die Verschlingung ihres Armes loser, denn es dämmerte die Erkenntnis in ihr auf, daß sie nicht um ihret-, sondern um der Begleitung willen verletzt wurde, in der sie hier erschien. Sie schämte sich ihres Vaters. Und als derselbe augenzwinkernd fortfuhr, sie möge sich nicht kränken, denn dieser »Spaß« werde dem leichtsinnigen Grafen teuer zu stehen kommen, da hätte sie am liebsten den Arm, auf den sie den ihren stützte, von sich geschleudert, so tief war sie empört und gedemütigt. Sie begriff plötzlich alles und es fand sich keine Stimme mehr in ihrem Innern, die gegen den auftrat, der sie, ohne es zu ahnen, so tief verletzt hatte. Ein Gedanke beherrschte sie ganz: fort, fort aus diesem Saale, aus diesem Hause! Das ging indessen nicht so rasch, und sie war mit ihrem schwerfälligen Begleiter noch lange nicht am Ende des Saales angelangt, als Graf Fedor plötzlich an ihrer Seite erschien. Sidonie sah ihn sprachlos, erbleichend an. Er war sehr ernst und wendete sich an Stern mit den Worten: »Wollen Sie die Freundlichkeit haben, Herr Stern, mich der Dame vorzustellen?« »Herr Graf,« sagte dieser betroffen, »das – das ist meine Tochter. Und Sidonie heißt sie.« »Ich bitte Sie, mich vorzustellen«, sprach lächelnd Fedor. Nun erst nannte Stern seiner Tochter den Namen des Grafen. Sidonie erhob ihre dunklen Augen jetzt wie ein eingeschüchtertes, demütiges Kind zu dem Manne, den sie vorhin durch einen einzigen Blick in seine Schranken zurückgewiesen hatte. »Was kann er wollen?« fragte sie ihr banges Herz und ihre Augen fragten es den Grafen. Und Fedor, dem die Wandlung, die so plötzlich in ihrem Wesen vorgegangen schien, sehr wohl gefiel, ließ sie nicht lange im unklaren über den Zweck seines Erscheinens. »Ich bin Ihnen nachgeeilt, mein Fräulein, weil ich mich schuldig fühle. Ich habe mich Ihnen gegenüber, um es mit einem sehr milden Worte zu bezeichnen, äußerst undelikat benommen und ich bitte Sie deshalb um Verzeihung.« Sidonie sah ihn strahlenden Blickes an, aber sie sprach kein Wort. »Der ganze Kreis,« fuhr der Graf fort, »in dem Sie mich sahen, ist heute etwas übermütig gestimmt, und da einige Damen unsere Ungezogenheiten mit Beifall, wie eine Art Maskenscherz, aufgenommen haben, so waren wir bereits verwöhnt, als Sie, mein Fräulein, erschienen; Ihre Lektion tat uns sehr wohl. Aber ich müßte es doch als eine allzu harte Strafe betrachten, wenn Sie mich nun noch länger nach Worten der Entschuldigung für einen unzarten Karnevalsscherz suchen ließen. Sprechen Sie das Wort der Vergebung!« schloß er und bot ihr die Hand. Seine Worte waren so schlicht, der Ton derselben so warm und herzlich, und seine hellen Augen leuchteten so treuherzig, daß Sidonie alles vergaß und ihm lebhaft die Hand reichte. »Sie handeln wie ein ritterlicher Mann,« sprach sie, »und ich nehme Ihre Entschuldigung mit um so größerer Genugtuung an, als ich dieselbe nicht erwartet habe.« Er drückte die dargereichte Hand leise und entgegnete lächelnd: »So schlimm dachten Sie von mir?« Sie errötete. Daß sie ihn für zu stolz gehalten, ihr, der Tochter Jakob Sterns, seine Entschuldigung zu machen, durfte sie ja nicht sagen, und sie lispelte befangen: »Allerdings.« Er sah sie mit heiterer Miene, aber prüfenden Auges an, und sie erwiderte seinen forschenden Blick mit einem liebenswürdigen, ihr Wort vollständig entkräftenden Lächeln. »Vielleicht haben Sie recht, mein Fräulein. Ich bin wirklich etwas schlimm geartet, und nicht alle Damen, die hier sind, hätte ich in dieser Form für einen Scherz um Entschuldigung gebeten. Auch ich leide an der modernen Unart, meine Ritterlichkeit gegenüber einer Dame immer nach dem Grade ihrer Anmut, ihrer Schönheit zu bemessen.« »Ei, wie fein«, sagte Sidonie geschmeichelt, »wissen Sie Ihre Selbstanklage zu einem Kompliment zuzuspitzen. Nun würde es die Artigkeit erfordern, daß ich Sie gegen Sie selbst in Schutz nehme und Ihnen das Kompliment zurückgebe. Das tue ich aber nicht, denn Sie sind ein Schalk, und ich glaube Ihnen nichts.« Herr Stern sah voll Erstaunen, wie seine Tochter mit dem Grafen eine Konversation führte, von der er nichts verstand. Und das schmeichelte ihm unendlich; so stolz war er nie auf seinen Liebling. Er fühlte, daß er höchst überflüssig sei und sprach kein Wort. Um keinen Preis der Welt hätte er stören mögen. Das würde den Grafen vielleicht daran erinnert haben, daß er wieder zu seiner Gesellschaft zurückkehren müsse. Und um das zu vermeiden, hätte er gern noch viel mehr getan als geschwiegen – er wäre am liebsten unauffällig verschwunden. Da kam als guter Engel ein Klient auf ihn zu, der ein Freund von Prolongationen war. Einen prächtigeren Vorwand zum Verschwinden hätte er sich nicht wünschen können. Stern ließ den Arm seiner Tochter aus dem seinen gleiten und streckte seinem erschrockenen Schuldner voll Freude die Hand entgegen. Sidonie war im eifrigsten Gespräch mit dem Grafen, als ihr Vater dies Manöver ausführte, und sie bemerkte es kaum. Erst als der Graf ihr mit Artigkeit seinen Arm bot, vermißte sie ihren Vater. Es standen bereits Menschen zwischen ihm und ihr und sie konnte nichts anderes tun, als sich dem Schutze Fedors anzuvertrauen. Als sie nun Arm in Arm mit dem Manne ihrer Sehnsucht dahinschritt, überkam sie ein Gefühl des Glücks, des Stolzes, wie sie es bis dahin noch nie empfunden hatte. Er fand sie unter Tausenden, es war in Erfüllung gegangen, was ihr törichtes Herz geträumt und ersehnt. Und doch, was sie so klug vorher berechnet und als ganz natürlich sich ausgedacht hatte, es mutete sie jetzt an wie ein Märchen, wie ein Wunder. Sidonie und Graf Fedor saßen abseits, doch allen Augen sichtbar, im eifrigsten, lebhaftesten Gespräch beieinander. Die bunte Menge, das Fest, nichts schien für sie vorhanden zu sein, so sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt, ein so tiefes Interesse schienen sie für einander gefaßt zu haben. Sidonies Geist sprühte und sie erstaunte oft über sich selbst, wenn sie sich sprechen hörte. Sie gebot heute über Talente und gesellige Gaben, von deren Besitz sie bislang keine Ahnung gehabt hatte. Herr Stern betrachtete seine Tochter entzückt aus der Ferne und es schmeichelte ihm nicht wenig, sowohl von Herren als von Damen da und dort die Frage zu vernehmen, wer die interessante Eroberung des Grafen sei. Die Freunde Fedors beschäftigte sich nicht weniger mit dem Paare als Herr Stern. Einige von ihnen fanden die Situation ganz erstaunlich, anderen, die auf Fedors Unwiderstehlichkeit schworen, kam dieselbe sehr natürlich vor. Alle waren jedoch darin einig, daß ihr Abgesandter die erhaltene Order ausführen und noch in dieser Nacht der stolzen Hebräerin das Rendezvous abringen werde. Der morgige Abend im Klub dürfte sich recht interessant gestalten, denn Fedor erzählte gut. Er weiß alles, was er erlebt, so geschickt zu gruppieren, daß es stets einem Roman gleich sieht und sich wie ein solcher anhört. Graf Fedor wich nicht mehr von der Seite Sidonies. Herr Stern erschien zwar ab und zu, aber er verschwand immer wieder. Und so war es dem Weltmanne ein Leichtes, das Herz der Unerfahrenen, die wie ein voll aufgeblühtes Weib aussah und im Grunde ein törichtes junges Mädchen war, vollständig zu berücken. Er plauderte im Anfang über allgemeine Dinge und bestach mehr durch die Art, wie er Sidonie behandelte, als durch das, was er sagte. Erst nach dem Souper – er hatte sie auch zu Tisch geführt – als Herr Stern abermals verschwand und er mit ihr im Saal promenierte, begann er von dem Zufalle zu sprechen, der ihn in dieser tollen Nacht eine schöne Frauenseele finden ließ. Dabei fielen halbe Worte über seine gehobene Stimmung und seine rätselhaften, ihn berauschenden Empfindungen. Sie hielt das für eine unzweideutige Liebeserklärung und es dauerte nicht lange, so sagte das törichte Mädchen ihm ohne Rückhalt – daß es seine Gefühle teile, ja, daß es ihn seit dem Tage, da er zum erstenmal bei ihrem Vater erschien – liebe . Als dies Wort fiel, erschrak Fedor. Es tat ihm beinahe leid, daß er da sein Spiel trieb. Als Sidonie das große Wort ausgesprochen hatte, errötete sie tief und senkte das Haupt. Sie harrte auf seine Antwort. Hätte sie ihn angesehen im ersten Augenblick, sie würde dieselbe in seinen verlangenden Blicken, in seinem Lächeln gelesen haben. Aber das wagte sie nicht, sie war zu befangen und verschämt dazu. Und er sagte so lange nichts, er folterte sie und wartete, bis sie den Blick wieder zu ihm erhob. Dann sprach er leise: »Sie machen mich glücklich durch dieses Geständnis.« Und seine Augen schwelgten im Anblick ihres blendenden Nackens. Ob er ihre Gefühle erwidere, davon sagten seine ersten Worte nichts. Er erwog noch immer, wie er es anfassen solle, zu dem gewünschten Ziele zu gelangen. Die hingebungsvolle Weichheit ihres Wesens, die jetzt noch mehr als vorher zum Durchbruch kam, berauschte ihn plötzlich, und er wagte es! Gedämpft, weich, in süßen Schmeichelworten sprach er nun zu ihr. Ihre Wangen glühten tiefer und sie schloß die Augen von Zeit zu Zeit, als wolle sie jede äußere Ablenkung von dem, was sie bewegte, fernhalten und nur auf das hören, was er sprach. Allmählich veränderte sich der Ausdruck ihrer Züge und plötzlich entfaltete sie ihren Fächer und hielt ihn vor das Gesicht. Eine Träne rieselte unter Sidonies festgeschlossenem Augenlid hervor und sie wollte sich rasch von dem Grafen entfernen. Doch mit einem einzigen, in weichem, flehendem Ton gesprochenen Wort hielt er sie zurück: »Sidonie!« Sie sah ihn mit feuchten Augen, prüfend, zweifelnd, vorwurfsvoll an. »Hätte ich ahnen können,« sagte er, »daß meine Worte Sie verletzen würden! Aber ich liebe Sie und kenne Sie kaum. Und dies Glück kam so plötzlich. Nur der Gedanke, ich könnte Sie wieder verlieren, ließ mich so weit gehen. Vergeben Sie es mir. Wir werden uns also nicht sehen. Ich werde meinem Herzen Schweigen gebieten und es dem Zufall überlassen, ob wir uns je wieder begegnen. Er war uns heute günstig, hoffen wir, daß er uns auch künftig hold ist. Und jetzt kein Wort mehr von meinem vermessenen Vorschlag.« Und leise, zärtlich schloß er: »Bist du mir nun wieder gut, Sidonie?« Sie lächelte ihn strahlend an und ihr Arm schmiegte sich wieder vertrauensvoll an den seinen, doch ehe sie noch ein Wort erwidern konnte, stand ihr Vater vor ihr und mahnte zum Aufbruch. Er hatte sie beobachtet und das Benehmen der Beiden kam ihm nicht recht geheuer vor. Er wußte wohl die Ehre zu würdigen, seine Tochter von einem Grafen eine halbe Nacht amüsiert zu sehen, aber mit dieser Ehre war er vollkommen zufrieden. Nach einem Mehr von gräflicher Herablassung gelüstete es ihn durchaus nicht. Dazu war er nicht eitel und gebildet genug. Übrigens war es auch schon spät und Sidonie bemerkte erst jetzt, daß der Saal sich schon fast geleert hatte. Sie reichte dem Grafen zum Abschied die Hand und er führte sie galant an seine Lippen. Die törichte Hand! Sie erbebte unter dem unerwarteten Kusse. Sidonie wandte sich rasch zu ihrem Vater und verließ mit ihm den Saal. Fedor stand in der Mitte des Saales und drehte ärgerlich die Enden seines hübschen, blonden Schnurrbartes. Er schien bis zum allerletzten Augenblick die Hoffnung nicht aufgegeben zu haben, und nun war sie ihm doch entflohen. Und sie war gegangen, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach ihm umgesehen zu haben. Aber war sie denn wirklich schon fort? Raschen Schrittes folgte er den Beiden und in den Garderoberäumen traf er sie wieder. Sidonie stand vor einem Spiegel und hüllte ihr Haupt in ein kostbares Spitzentuch, während ihr Vater den zudringlichen Mann abwehrte, der ihm mit Gewalt behilflich sein wollte beim Anlegen seines Pelzes. Als er den Grafen sah, ließ er sichs ruhig gefallen und verabschiedete sich nochmals recht laut von demselben. Dann suchte er recht lange in seinem Portemonnaie nach kleinem Geld – es war umsonst, er fand keine Münze, die so klein war, daß er sie hätte verschenken mögen. Unterdessen war der Graf rasch zu Sidonie getreten. Sie reichte ihm nochmals die Hand und er küßte sie wieder. Keines von ihnen sprach ein Wort, aber während seine Lippen ihre Hand berührten, wechselten sie einen langen, inhaltsvollen Blick. Langsam stieg eine dunkle Röte in Sidoniens Gesicht empor, und – sie neigte bejahend das Haupt. Fedor bezeugte durch einen leisen Druck ihrer zitternden Hand, daß er sie verstanden, und sie erwiderte auch diesen Druck. Dann sagten sie sich einfach: »Gute Nacht – –« Als Graf Fedor am nächsten Abend im Jockeyklub erschien, bestürmte man ihn mit Fragen und beglückwünschte ihn zu dem unzweifelhaften Sieg, er aber erklärte zum Erstaunen aller seine Mission für gescheitert und zahlte die zwanzig Flaschen Sekt . . . Vorspiel im Theater Personen: Der Theaterdirektor. Der Direktionssekretär. Frieda Lanz. Ein Herr aus Baden. Der Theaterdiener. Schauplatz: Das Direktionsbureau eines neueren Wiener Theaters. Zeit: Von 6 bis 8 Uhr abends. Erste Szene: Der Direktor (ein Mann in der Mitte der Vierzigerjahre, welliges, dichtes braunes Haar, hohe Stirn, noch keine Glatze, lebhafte Augen. Er begleitet seine Rede stets mit einem lebendigen Gebärdenspiel. Sitzt bei seinem Schreibtisch, hat ein Manuskript vor sich, versucht zu lesen, ist aber sehr zerstreut und voll innerer Unruhe. Es ist der Abend der ersten Klassikeraufführung an seinem Theater. Liest. Blättert. Klingelt.) Der Theaterdiener (ein behäbiger, gemütlicher Plauscher, tritt ein) : Befehlen, Herr Direktor? Direktor: Sehen Sie doch einmal nach, ob alles im Hause ist. Und zeigen Sie mir jedes Mitglied schriftlich an, das nicht eine Stunde vor Beginn hier war. Diener: Ich hab' schon . . . Direktor: Es darf uns nicht wieder ergehen, wie neulich, wo Sie den Herrn Schildmann erst knapp vor seiner Szene aus dem Kaffeehaus geholt haben. Diener: Ja, Herr Direktor. Die zehn Kronen Straf' haben ihm aber nicht g'schmeckt. Ich wollt' melden, Herr Direktor, daß ich die Runde bei den Garderoben schon g'macht hab'. Es war alles da, bis auf Fräulein Hiller. Direktor: Was? Ach so, die Orsina. Na, die hat noch Zeit. Diener: Ja, Herr Direktor. Vierter Akt, dritte Szene. Direktor: Sehr richtig. Aber vor Beginn der Vorstellung hat auch sie im Hause zu sein. Der Vorhang geht nicht in die Höhe, ehe nicht alles in seinen Garderoben ist. Melden Sie das dem Inspizienten ein für allemal, wenn er mein Zirkular etwa vergessen hat. Diener: Sehr wohl, Herr Direktor. Heut' spielen ja aber so wenig Personen. Direktor: Trotzdem. Diener: Das neue Kleid von der Orsina ist schon da. Wird sie auch nit weit sein. Das ist eine Pracht, Herr Direktor, das Kleid. Direktor (wendet sich seinem Manuskript zu) : Es ist gut, Hofer. (Der Diener geht ab. Der Direktor zündet sich eine Zigarette an, liest, schüttelt den Kopf, blättert, pfeift, stöhnt.) Solch ein Quark! . . . Wer hat mir denn diesen Blödsinn wieder zugemutet? (Er findet den Begleitbrief im Buch.) Hm! Der Herr Vizepräsident Hokubek. Ach so! Und seine Frau glaubt . . . (Er klingelt zweimal. Der Theatersekretär kommt durch eine Seitentür. Ein hagerer, glatter, pfiffiger Mensch.) Guten Abend, lieber Mayer. Bitte geben Sie dieses Buch doch dem Lektor. Er soll es lesen und mir ein schriftliches Referat darüber machen. Aber so höflich, daß es auch der Verfasser lesen kann. Der Direktionssekretär (verschmitzt lächelnd) : Verstehe, Herr Direktor. Nicht so wie . . . Direktor: Erinnern Sie mich daran nicht! So etwas! Wer wird einem Dilettanten die Wahrheit sagen über ein Stück? Die vertragen nur große Talente. Der Sekretär: Ja, Herr Direktor. Sie haben seit dieser Taktlosigkeit des Herrn Lektors einen Todfeind mehr. Direktor: Todfeind? Sie sind ein angenehmer Mensch. Warum mögen Sie den Dr. Grünberger eigentlich nicht? Der Sekretär: Ich kann die Idealisten beim Theater nicht leiden. Der sucht immer nach Talenten in unserem Stückeinlaufe. Und die Sendungen der Theateragenten läßt er liegen. Ein Idealist. Und Briefe an Autoren soll er keine schreiben. Er umgeht mich. Direktor: Ach, diese Eifersüchteleien. (Es klingelt.) Was ist das für ein Zeichen? Der Sekretär: Der polizeiliche Rundgang ist zu Ende, das Publikum wird eingelassen. Direktor: Alles in Ordnung gewesen? Der Sekretär: Der Kommandant der Feuerwehr war sehr zufrieden. Verzeihen, Herr Direktor, ich muß jetzt zur Kasse hinunter. Direktor: Auch heute? Der Mittagsrapport war doch sehr gut. Der Sekretär: Ja, aber die Logen! An die Klassiker glaubt nur noch der Mittelstand. Ich hab' mir eigens ein paar feine Familien ins Foyer bestellt. Direktor: Haha! Ich weiß, wer keinen Smoking hat, dem geben sie keine Loge. Der Sekretär: Smoking oder Uniform. Damen in Soireetoilette. Das kann man doch verlangen. Und meine Leute sind gar nicht gekränkt, wenn die Abendkasse glänzend geht und sie nichts bekommen. Sie sind nur für alle Fälle bestellt . . . Man kann doch am ersten Klassikerabend die Logen nicht leer lassen. Direktor: Nein, nein! Aber wie sind die Galerien? Der Sekretär: Schwach. Das Stück hat zu wenig Personen. Direktor: Der arme Lessing! Der Sekretär: Ja, das Volk! Je größer der Theaterzettel, desto mehr gibt es zu sehen, denkt es. Verzeihen Sie, Herr Direktor, der Einlaß . . . Ich bringe den Schlußrapport dann in die Loge. (Er verbeugt sich und geht ab.) Direktor: Adieu, lieber Mayer! (Er geht auf und nieder. Sieht auf feine Taschenuhr. Bleibt vor dem Zettel von »Emilia Galotti« stehen. Schüttelt den Kopf.) Zu wenig Personen? Der Theaterdiener (tritt sehr rasch ein, er ist bleich und außer Atem) : Herr Direktor, Herr Direktor! Direktor: Was ist denn los, was haben Sie denn? So reden Sie doch! Diener: Ich war in ihrer Wohnung – Direktor: In meiner Wohnung? Brennt es oder ist das Haus eingestürzt? Sind meine Kinder tot? Diener: Viel – schlimmer, Herr Direktor. Wir haben keine Orsina! Direktor: Was? Diener: Sie ist nicht zu Haus. Fräulein Hiller ist nicht zu finden. Direktor: Sie sind wohl verrückt? Sie war wahrscheinlich schon unterwegs. Sie macht vielleicht noch einen kleinen Spaziergang und überdenkt ihre Rolle. Jetzt ist es ¾7 Uhr. Vor ½9 kommt die Dame nicht dran. Diener (mit Tränen in der Stimme) : Nein, Herr Direktor, wir hab'n heut' keine Vorstellung . . . Sie ist um 5 Uhr mit einem Automobil abg'holt worden. Nach Baden is s' g'fahrn. Herr Direktor, wir hab'n heut' keine Vorstellung. Direktor (bleich, erschreckt, faßt sich gewaltsam) : Nur Ruhe . . . Alarmieren Sie mir nicht das Haus . . . Sie wird gewiß kommen; der Regisseur soll zehn Minuten zugeben und dann anfangen. Diener: Aber Herr Direktor . . . . Direktor: Machen Sie mich nicht nervös . . . Geben Sie mir rasch die Mappe dort mit dem Rollenverzeichnis der Mitglieder. Und dann melden Sie dem Regisseur, was ich gesagt habe und kommen sogleich wieder. Der Kapellmeister soll eine längere Musik spielen. Fünfzehn Minuten zugeben. Nicht mehr! Und seinen Frack soll der Regisseur anziehen. Ich komme sogleich hinab. (Er blättert fieberhaft in der Mappe und ruft dem Diener, der gehen will, nach) : Halt, Hofer, halt! Hier ist es schon . . . Hm! Orsina . . . Orsina . . . Holen Sie mir sogleich Fräulein Lanz. Mit keinem Wort verraten, um was es sich handelt. Ich muß sie sehr dringend sprechen. Sofort! Ich lasse höflich bitten, sehr höflich, Hofer! Weiter kein Wort! Diener: Ja, Herr Direktor, ja. Das ist vielleicht gut. Direktor: Pappeln Sie nicht! Laufen Sie! Nehmen Sie einen Fiaker! (Der Diener geht ab. Der Direktor atmet tief aus. Dann nimmt er seinen Zylinder und geht sinnend ab.) Zweite Szene: Spielt zwanzig Minuten später. Der Direktor (tritt langsam ein) : Ich habe anfangen lassen. Fast zweitausend Menschen sitzen im Hause und niemand ahnt . . . Pah, bis zum vierten Akt ist's noch lange . . . Unbegreiflich, unbegreiflich . . . Solch ein bodenloser Leichtsinn . . . (Er geht auf und nieder.) Ich habe mich gescheut, in meine Loge zu treten . . . Wo nur der Hofer bleibt? Wenn die Lanz am Ende auch . . . Es wäre entsetzlich. Der Theaterdiener (tritt rasch ein) : Sie kommt, Herr Direktor, sie kommt! Im Schlafrock, so wie sie war, habe ich sie mitgenommen. Direktor: Und wo ist sie? Diener: Sie liest nur einen Brief beim Portier und kommt gleich herauf. Direktor: Sie weiß von nichts? Diener: Kein Wort. Möcht' s' da noch einen Brief lesen? Direktor: Gut, sehr gut. Und jetzt, lieber Hofer, bringen Sie mir rasch aus der Garderobe des Fräulein Hiller alle Rollen, die Sie von ihr vorfinden. Auch die Besetzungsbogen. Diener: Die Lady Milfort hat sie noch nicht bestätigt. Direktor: Um so besser. Nur her damit! Eilen Sie! Diener (geht rasch ab, macht dann die Tür nochmals auf und ruft) : Fräulein Lanz ist schon da, Herr Direktor! Frieda Lanz (eine stattliche, üppige Blondine, erscheint unter der Tür. Sie trägt ein elegantes Negligé, ist etwas burschikos und hat einen bajuvarischen Dialekteinschlag in ihrer Rede) : Guten Abend, Herr Direktor! Ja, was ist denn das, einen so Knall und Fall holen zu lassen? Direktor: Verzeihen Sie vielmals, liebes Fräulein. Das ist reizend, daß Sie so schnell gekommen sind. Nehmen Sie Platz. Fr. Lanz: Wenn mein Direktor ruft? Wär' nicht schlecht. Ich bin ein Theaterkind. Unsereins hat Disziplin im Leib'. Direktor: Das höre ich heute gern. Fr. Lanz: Aber was ist denn los, Direktor? Wollen S' mir die Gage erhöhen oder endlich eine schöne Rolle geben? Direktor: Erraten, liebe Lanz! Beides will ich. Ja, ich habe eine große, große Bitte an Sie. Fr. Lanz: Das muß wohl sein, Direktor, denn solche Umstände haben Sie mit mir noch nie gemacht. Ich hab' viel bittere Tränen in diesem Engagement vergossen. Mehr als in meinem ganzen früheren Leben. Direktor (nervös) : Keine alten Geschichten jetzt, liebe Lanz; es kommen auch für Sie bessere Zeiten, Sie sind schon da! Fr. Lanz: So, so. Na, schießen S' doch endlich los. Sehr schlecht haben Sie mich bisher behandelt, das ist wahr, aber wenn ich Ihnen gefällig sein kann – bitte. Direktor: Danke sehr. Aber ich bin in einiger Verlegenheit. Fr. Lanz: Regen Sie mich nicht auf, Direktor. Soll ich morgen irgendeine Urgroßmutter spielen? Nur her mit der Rolle. Direktor (langsam, zögernd) : Nein, liebes Fräulein, Sie sollen noch heute spielen. Fr. Lanz: Was? Ich? Die Klaudia vielleicht? Ich, neben der Hiller, eine Mutter? Nie, nie, nie! Ich bin um zehn Jahre jünger wie sie. Direktor: Sie irren. Sie sollen heute noch die Orsina spielen. Fr. Lanz (fällt in einen Fauteuil) : Jesus, Maria und Josef! Direktor: Erschrecken Sie nicht. Sie sind ja ganz blaß . . . Was ist Ihnen denn? Die Orsina, nicht die Klaudia. Die Orsina! Fr. Lanz: Mir ist das Herz stehen geblieben, Direktor; es kann nicht Ihr Ernst sein. Direktor: Mein heiliger Ernst. Fr. Lanz (in Tränen ausbrechend) : Wie habe ich Sie gebeten um die Rolle . . . Und jetzt rufen Sie mich? Jetzt? Das ist ja nicht möglich. Der erste Akt ist gleich aus. Unmöglich! Das wäre Selbstmord. Die Kritik bringt mich um. Ich bin gar nicht studiert. Ich habe ja nichts anzuziehen. Gar nichts. Wenn Sie mich erschlagen, mir fällt kein Wort ein von der Rolle. (Sie weint.) Der Theaterdiener (kommt diskret herein, legt die Rolle auf den Schreibtisch des Direktors. Dieser gibt ihm leise eine Instruktion. Hofer lächelt pfiffig, deutet auf die Lanz und gibt zu verstehen, daß er bald wiederkommen werde. Geht ab.) Fr. Lanz (murmelt unterdessen) : Ich bin doch zu Dosalo? Zu demselben Dosalo, wo mir sonst ein ganzes Heer geschäftiger Augendiener entgegenstürzte? Wo mich sonst Lieb' und Entzücken erwarteten? Direktor: Bravo! Bravo! Und Sie sagen, Sie seien nicht studiert? Besser hat das die Wolter auch nicht gesprochen. Fr. Lanz: Aber weiter? Weiter? Ich weiß kein Wort . . . Nein, nein, das tue ich nicht. Nicht um eine Million! Wo ist denn Ihr Liebling, Ihr neuer Stern? Ist sie durchgegangen mit ihrem Grafen? Hahaha! Ich bin nicht boshaft, Herr Direktor, aber meiner Seel', das gönn' ich Ihnen. Direktor: Und ich nehme es Ihnen gar nicht übel. Hahaha! Aber Sie irren sich. Fräulein Hiller ist ein leichtsinniges Genie. Sie hat sich auf irgend einer Partie verspätet. Vielleicht ist sie verunglückt. Morgen ist sie wohl wieder da. Vielleicht kommt sie heute noch . . . Doch ich will sie unerhört bestrafen und Sie sollen mir dabei helfen . . . Dort liegen all ihre Rollen. Wählen Sie sich, was Sie wollen. Tun Sie es aber sogleich, denn wer weiß . . . Fr. Lanz (ist aufgesprungen und zu dem Schreibtisch geeilt) : Ah! Maria Stuart gehört mir. Die Magda kann doch nur ich an diesem Theater spielen. Die Lady Milfort – die Elisabeth in »Essex« – das sind doch alle meine Rollen. Direktor: Nehmen Sie! Nehmen Sie! Wir streichen auf dem Besetzungsbogen sogleich den Namen Hiller durch. Bestätigen Sie den Empfang. Fr. Lanz: Aber die Bedingung? Direktor: Selbstverständlich die Orsina. Sie haben noch eine Stunde Zeit. Ich schicke Ihnen die Souffleuse in die Garderobe. Fr. Lanz: Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ich weiß kein Wort von der Rolle. Direktor: Liebste Lanz, das ist eine Einbildung. Sie haben die Rolle in Ihrem klassischen Repertoire als erste angesetzt. Fr. Lanz: Das ist Ihnen zu spät eingefallen. Direktor: Liebste, Beste, ich bitte Sie! Nie werde ich es Ihnen vergessen. Ich selbst werde Sie beim Publikum ankündigen, werde um Nachsicht für Sie ersuchen und den Leuten sagen, daß Sie die Rolle ohne Probe, nur aus Gefälligkeit für die vielleicht verunglückte Kollegin . . . Fr. Lanz: Für die? Auch noch Reklame? Nein! Direktor: Die Kritiken werden glänzend sein. Sie werden siegen über die Rivalin. Fr. Lanz: Versuchen Sie mich nicht. Es geht ja doch nicht. Ich habe nichts anzuziehen. Direktor: Auch dafür ist gesorgt. Sie werden das pompöse neue Kostüm der Hiller tragen. Fr. Lanz (wie elektrisiert) : Wie? Was? Direktor: Auf meine Verantwortung. Sie haben die gleiche Figur. Es wird passen. Fr. Lanz: Ja, es wird mir sehr gut passen. Sie sind ein Göttermensch, Direktor. Aber die Hiller wird Ihnen die Augen auskratzen. Sie zerspringt. Der Theaterdiener (rasch) : Herr Direktor, Herr Direktor! Direktor (winkt ab) : Schon gut. (Leise:) Jetzt nicht mehr nötig. Diener: Aber, Herr Direktor! Ein Herr aus Baden bittet dringend, vorgelassen zu werden. (Pfiffig:) Er hat eine weinende Dame unten im Automobil, die sich nicht herauftraut. Fr. Lanz: Himmel, sie? (Sie rafft alle Rollen zusammen.) Direktor, ich spiele, ich, ich! Direktor (nach einem kurzen, scheinbaren Kampfe) : Ja, liebe Lanz, es bleibt dabei. Eilen Sie. Fr. Lanz (umarmt und küßt den Direktor stürmisch) : Das ist tapfer, lieber Direktor. Ich werde Ihnen keine Schande machen. Aber, daß Sie in Ihrer Loge sind, wenn ich auftrete! Adieu! Adieu! (Sie stürzt fort.) Direktor (trocknet sich den Schweiß von der Stirn) : Lieber Hofer, das haben Sie sehr gut gemacht. Sie sind ein famoser Schauspieler. Nur ein klein wenig früher hätten Sie mir helfen müssen. Diener: Aber, aber, Herr Direktor! Direktor: Was denn? Hier, diese zehn Kronen vertrinken Sie auf das Wohl der »Emilia Galotti«. Diener: Dank' schön, Herr Direktor. Aber Sie haben mich vorhin nicht . . . Jessas, Jessas, das Malheur! Direktor: Welches Malheur? Diener: Na, draußen wartet doch der Herr aus Baden. Und drunten . . . Jessas! Jessas! Direktor: Wie? Sind Sie toll? Ihre Meldung geschah nicht auf unsere Verabredung? Diener: Aber nein, Herr Direktor! Sie hab'n mir leise g'sagt, ich soll in zehn Minuten melden, daß die Hiller telephoniert hätt', sie kommt. Aber unterdessen ist sie wirklich gekommen mit dem Herrn aus Baden. Direktor: Mensch! Und ich habe . . . Nein, so etwas! So etwas! Lassen Sie doch den Herrn . . . Nein, sagen Sie . . . Warten Sie . . . (Er läutet energisch an seinem Schreibtischtelephon, horcht, spricht:) Sind Sie selbst da, Wagner? Ja? Hören Sie: Wenn das Fräulein Hiller unten ist oder wenn sie kommt, höflich abweisen. Es spielt Fräulein Lanz . . . Heute nicht mehr ins Haus lassen . . . Ja? Sie weiß schon? Gut. Aber sie darf nicht auf die Bühne, verstehen Sie? Nicht in ihre Garderobe. Schluß! So, Hofer, jetzt den Herrn aus Baden. Diener (leise) : Es ist ihr Graf. Der wird schauen. (Ab.) Der Herr aus Baden (tritt im Automobilkostüm ein. Ein schlanker, hübscher, blonder Dutzendmensch, nichtssagend, beschränkt, willensschwach) : Pardon, Herr Direktor, daß ich so eintrete. Komme von Strecke. Kennen mich gewiß aus Loge sechs. Besuche oft Ihr Theater. Direktor: Ich habe das Vergnügen, Herr Graf. Was verschafft mir heute die Ehre? Der Herr aus Baden: Dumme Geschichte. Mit Irma Helenental gewesen. Panne gehabt. Pneumatik geplatzt. Stunde verloren. Irma heulte schauderhaft. Direktor: Warum haben Sie nicht aus Baden telephoniert? Der Herr aus Baden: Vergessen! Fürchterliche Szene gewesen. Gejammert. Kontraktbruch! Entlassung! Theaterskandal! Karriere vernichtet! Was weiß ich. Einfach schauderhaft gewesen . . . . Möchte alles gutmachen, liebster Direktor. Haben gewiß Schaden heute. Direktor: Das läßt sich leider nicht mehr gutmachen. Habe alle Rollen des Fräuleins bereits neubesetzt. Sie wird hier nicht mehr spielen. Der Herr aus Baden: Teufel! Erschrecken mich. Also Bruch? Aus? Aus? Direktor: Eine Dame, die solche Situationen heraufbeschwört, ist unbrauchbar beim Theater. Der Herr aus Baden: Hm! Was tun? Irma unterwegs untröstlich gewesen. Habe ihr Ehe versprechen müssen, wenn Entlassung erfolgt. Direktor: Meine herzlichsten Glückwünsche. Das Pönale bei mir beträgt nur sechzehntausend Kronen. Der Herr aus Baden: W–a–as? Direktor: Verzeihen Sie, Herr Graf, ich muß jetzt auf die Bühne, um Fräulein Lanz anzukündigen. Was soll ich dem Publikum von Ihrer Braut sagen? Der Herr aus Baden: Sagen Sie, wir sind verunglückt. Guten Abend, Herr Direktor. Direktor: Gute Nacht, Herr Graf. (Er klingelt.) Hofer, Hofer, rasch meinen Frack. Die unsterbliche Naive Als unsere Großeltern noch in das alte Burgtheater gingen, im Vormärz, da debütierten die Naiven entweder als Gurli in den »Indianern in England« oder als Suschen im »Bräutigam aus Mexico«. Beliebt war auch die Agnes im »Gänschen von Buchenau«. So stellten sich einst die Neumann und die Haizinger in Wien vor. Als dann unsere Eltern die Traditionen des Burgtheaters stützten, waren die Sabine in der »Einfalt vom Lande«, das süße Röschen in »Rose und Röschen«, die Hermanne im »Kind des Glücks« und die Karoline in Töpfers Lustspiel »Ich bleibe ledig!« die unumgänglichen Debütrollen. Mit ihnen führten sich die Goßmann und die Baudius in Wien ein. Und als wir endlich selbst in die Reihen des mündigen Publikums einrückten, einst, im Mai, da mußten uns die Naiven unbedingt die Fanchon in der »Grille« und das Lorle in »Dorf und Stadt« vorspielen, wollten sie die Probe bestehen. Bestenfalls die Marianne in den »Geschwistern« und das »Käthchen von Heilbronn«. So kamen die Hartmann, die Schratt und die Hohenfels. Damit ist es nun, Gott sei Dank, vorbei. Wir Modernen haben den Töpfer und die Birch-Pfeiffer überwunden und alle Fachsimpelei. Wir haben die Dressur ganzer Schauspielergenerationen auf ein zur Schablone erstarrtes Modell mit Hohn begraben und uns losgesagt von den Bravourarien der Fröhlichkeit und der überlieferten theatralischen Gebärde kindlicher Naivität. Unsere dramatische Kunst ist endlich literarisch geworden. Gewiß, sie ist auch ernst und unfroh geworden, sie hat das Lachen verlernt. Was liegt daran? Der Spaß hat lang genug gedauert auf dem Theater. Freilich, die unerforschliche Natur schafft auch heute noch manchmal absonderliche Exemplare von Menschenkindern. Sie liebt noch immer den alten Stil. Aber wir werden ihr das schon abgewöhnen., wir lassen diese Geschöpfe nicht mehr für voll gelten, sie sind unliterarisch. Kommt da nicht eines Tages ein rundliches junges Mädel zu mir, mit blauen Augen und blonden Zöpfen, mit blitzenden Zähnen und Grübchen in den frischen, roten Wangen? Und lachen konnte dieses unmoderne Geschöpf, lachen, daß einem unwillkürlich das Herz im Leib hüpfte, wenn man es hörte. Und wie sie plauderte! Frisch darauf los, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Das nannte man seinerzeit entzückend. Und wie mußte dieses Mädel erst sein, wenn es schmollte und trotzte, wenn es unter Tränen lachte, wenn es unter einer großen Freude erschauerte und aufjubelte in kindlicher Glückseligkeit. »Zum Anbeißen!« pflegten unsere Altvorderen zu sagen, wenn sie so etwas auf dem Theater sahen. Und dieses Mädel – es ist zu komisch – wollte zur Bühne gehen, zur modernen Bühne. Da ich bei der Nachbarschaft im Ruf eines häufigen Theaterbesuchers stehe, traute man mir auch einige Sachkenntnis zu und man fragte bei mir an, ob ich die Gretel nicht prüfen und ihr einen Rat geben wolle. Wozu prüfen? Das sah man doch auf den ersten Blick, daß alles da war, was einst bei den Theaterbesuchern das höchste Wohlgefallen erregte. Die Natur hatte es parterre nicht fehlen lassen. Wie es im Oberstübchen aussah, das war damals eine Frage zweiter Ordnung. Aber heute? Auch kannte ich das Mädel schon länger. Sie hätte sich gern mit meiner Tochter angefreundet, aber die hat den ganzen Stolz der Gymnasiastin in sich und sie fand, daß die Gretel dumm sei. Lange warb sie um die Gunst meiner Eva, und ich beobachtete es. So oft ich den munteren Backfisch sah, dachte ich mir, wie schade, daß die nicht vor fünfzig Jahren gelebt hat. Man hätte ihr nach jeder Vorstellung des »Gänschens von Buchenau« die Pferde ausgespannt, sie wäre mit ihren siebzehn Jahren der Stern eines großen Theaters geworden. Aber ich hütete mich wohl, ein solches Wort vor ihr oder ihren Eltern auszusprechen. Denn ich habe einmal von autoritativer Seite gehört: Auf die Idee, zum Theater zu gehen, müsse man von selber kommen. Wenn einem die anderen die Sache einreden, sei es fast immer ein Malheur. War die Gretel jetzt selbst auf die Idee gekommen? Sie konnte es nicht ganz bestimmt behaupten. Da ich Professor der Mathematik bin und auf eine genaue Definition etwas halte, so fragte ich sie auf ihr Gewissen, wie sie zu dem Entschluß gekommen sei. Obwohl ich ihn heimlich billigte, wollte ich doch vorerst wissen, ob er ihr alleiniges geistiges Eigentum sei. Errötend gestand die Gretel jetzt, daß kürzlich ein Herr auf der Straße sie verfolgt habe. Gar kein junger Herr, er sei so in meinen schlimmen Jahren gewesen, und der habe sie flehentlich gebeten, ihm doch zu sagen, bei welchem Theater sie engagiert wäre. Sie sei wie närrisch nach Hause gerannt und habe es ihrer Mutter erzählt. Und diese hätte ihr geantwortet: »Das habe auch ich mir schon lange gedacht. Du könntest eigentlich zum Theater gehen.« So also war die Geschichte. Einer von den vielen graumelierten Mädchenjägern hatte einen besonderen Trick ersonnen, um einen Anknüpfungspunkt für ein Gespräch zu finden. Und sein Wort fiel auf fruchtbaren Boden, es wurde aufgeschnappt wie ein lockender Köder, Mutter und Tochter zappelten an der Angel. Was denn der Vater dazu sage? Der wisse noch nichts. Aber er schlage ihr gewiß nichts ab, wenn sie ihn recht schön darum bitte und wenn ich, der »Herr Professor«, ihr zu dem Schritt rate. Ja, freilich, und wenn ich die Verantwortung trage! Ich bin zwar ein alter Theaternarr, aber das täte ich nicht, sagte ich ihr. Da müsse sie schon zu einem Professor anderer Art gehen. Die Gretel weinte. Sie weinte so entzückend, daß ich unwillkürlich einlenkte und fragte, was sie eigentlich spielen möchte auf dem Theater. »Nur lustige Sachen!« rief sie und es war drollig, wie ihr dabei noch die Tränen über die Wangen perlten. Eine dieser Perlen geriet in ein Grübchen und es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder zum Vorschein kam. »Fröhliche junge Mädchen, ja, die möchte ich spielen!« fügte sie hinzu. »Aber, liebes Kind, die gibt es doch gar nicht mehr«, erwiderte ich der Gretel. »Ich habe seit Jahren kein fröhliches Mädchen gesehen. Auf dem Theater schon gar nicht. Nein, nein, das gibt es nicht mehr.« Sie sah mich zuerst erschrocken an, dann lachte sie unbändig. »Nein, wie Sie mich erschreckt haben, Herr Professor«, sagte sie jetzt. »Ich lebe doch!« Das war nicht zu bestreiten. Sie lebte. In ihrer ganzen altväterischen Lieblichkeit und frischen Fröhlichkeit stand sie vor mir. »Ja, Sie!« entgegnete ich ihr, »Sie sind ein Überbleibsel aus alten Zeiten. Ich weiß gar nicht, wie Sie in unsere moderne Welt kommen. Wenn Sie Ihre Großmutter gewesen wären, dann wäre es Ihnen vielleicht geglückt mit dem Theater. Aber heute? Die moderne Kunst läßt Ihr Dasein nicht gelten. Das Theater der früheren Zeit hat sich mit solchen Typen wohl abgegeben. Aber literaturfähig waren sie nie!« Sie war ganz verzagt geworden und sah mich sprachlos an. Sollte meine Gymnasiastin recht haben? Endlich stotterte sie: »Ich weiß nicht, Herr Professor, mir ist gerade so, als ob Sie spanisch mit mir reden würden.« Na ja, meine Eva hatte also recht. Ich rede ihr zu hoch. Sie hat keine Ahnung von der modernen Welt, von den ungeheuren Umwälzungen in unserem Kunstleben. »Sie stellen sich das mit dem Theater zu einfach vor, liebes Fräulein«, sagte ich. »So leicht, wie einst, als es noch Backfische gab und Soubretten und komische Alte, ist es heutzutage nicht. Alles, was Sie spielen könnten, existiert nicht mehr. Sie kamen zu spät zur Welt.« »Ich sehe schon, Herr Professor, Sie machen sich einen Jux mit mir. Ich war doch erst neulich im »Verschwender« und habe mir gedacht, daß ich die Rosel auch spielen könnte.« »Ja, wenn Sie zum »Verschwender« gehen! Wer sieht sich denn heutzutage so ein kindliches Stück an? Der gute Raimund hat für die harmlosen Menschen seiner Zeit geschrieben, nicht für die der unseren. Und weil es in ein paar alten Stücken noch Rollen gäbe für Sie, können Sie doch nicht zum Theater gehen. Sie müssen sich fragen, ob Sie Ihre Individualität im Rahmen der heutigen Kunst zur Geltung bringen können. Wenn nicht, dann müssen Sie es bleiben lassen, denn dann haben Sie keine Zukunft beim Theater. Und Sie haben keine, denn Sie sind unmodern!« »Ja, wie soll ich denn die heutige Kunst kennenlernen? Ich war einmal mit der Mutter in den »Gespenstern« im Burgtheater, und da ist uns beiden so schlecht geworden, daß wir das Theater wieder haben verlassen müssen. Dann war ich noch im Volkstheater beim »Blitzmädel«, und dem »Müller und sein Kind« habe ich auch gesehen. Das ist alles, was ich von der heutigen Kunst kenne. Am modernsten ist mir der »Müller und sein Kind« vorgekommen!« »Sehen Sie, daß ich recht hatte!« rief ich lachend. »Sie stammen schon aus einer Familie, die nichts mit unserer Zeit zu schaffen hat. Bei dem einzigen modernen Stück, das Sie gesehen haben, ist Ihnen übel geworden. Mit einer so ungenügenden Vorbildung geht man heutzutage nicht zum Theater. Sie tun mir ja herzlich leid, Fräulein Grete. Mein Großvater hätte Ihnen sicherlich die Pferde ausgespannt, aber wir Modernen glauben nicht mehr an die Gurli oder an die »Einfalt vom Lande«. Ihre Zeit ist vorbei. Die sogenannte »Naive« ist längst gestorben!« »Das möchte ich doch sehen«, sagte die Gretel. »Schreiben Sie nur ein Stück für mich. Sie werden sich wundern, wie ich den Leuten gefalle.« Das war zum Totlachen. Ich alter Mathematikus sollte ihr ein Stück schreiben? Und wie selbstbewußt sie auf einmal war. Das mußte man ein bißchen dämpfen. »Liebes Kind,« sagte ich zu ihr, »ich werde Sie auf die Probe stellen. Ich gebe Ihnen eine Anzahl der besten und bewährtesten Stücke der heutigen Literatur zum lesen, damit Sie einen Begriff bekommen von dem, was heute verlangt wird. Suchen Sie sich in jedem dieser Stücke die Rolle, die Sie spielen möchten, und sagen Sie es mir dann.« Sie strahlte vor Freude. Und ich legte ihr Buch um Buch vor: »Die Wildente«, »Fuhrmann Henschel«, »Rosenmontag«, »Die Weber«, »Die versunkene Glocke«, »Rose Bernt«, »Die Ehre«, »Sodoms Ende«, Strindbergs »Julie«, Tolstois »Macht der Finsternis«, aber auch Fuldas»Maskerade«, Dreyers »Siebzehnjährige« und was ich sonst zur Hand hatte. »Wenn Sie das alles gelesen haben,« sagte ich ihr, »dann beehren Sie mich wieder. Ich will mich bis dahin über die ersten Schritte, die zu unternehmen sind, wenn ein junges Mädchen zum Theater geht, genau erkundigen.« »Küss' die Hand!« rief die Gretel und lief mit hochgeröteten Wangen davon, den Binkel moderner Literatur unterm Arm. Ich blickte ihr recht ironisch nach. Die kommt nicht wieder! dachte ich. Nach einigen Tagen kam ihre Mutter zu mir und machte ein furchtbares Donnerwetter. »Ein solcher Herr sind Sie?« rief die Mama. »Mein Kind wollen Sie mir verderben? Beschmutzen wollen Sie mir das Mädel? Da haben Sie Ihre Schandbücher wieder, Sie alter Don Juan, Sie! Wenn mein Mann das erfährt, klagt er Sie beim Bezirksgericht!« Ich war ein wenig fassungslos, aber als die gute Frau endlich Atem schöpfte, warf ich rasch die Worte ein: »Ich wollte Ihr Mädel ja kurieren durch diese Bücher! Es war nur eine Probe. Wenn sie sie bestand, war sie reif für das moderne Theater. Sind Sie froh, daß sie die Probe nicht bestanden hat!« »Ach so, Sie haben ihr den Appetit verderben wollen für's Theater?« »Ich habe ihr die sittliche Atmosphäre, die moderne Gefühlswelt zeigen wollen, in der sie künftig leben müßte, wenn sie zum Theater ginge. So, wie Ihre Gretel heute ist, gilt sie dort nichts. Das moderne Theater kennt keine Naivität und kennt keine Unschuld. Man lacht dort nicht und ist nicht mehr fröhlich. Das, was Sie in diesen Büchern so schrecklich finden, würde Ihre Tochter ja vor tausend Zuschauern spielen müssen. Warum soll sie es nicht still für sich lesen? Kann sie das eine nicht, kann sie das andere erst recht nicht!« »Aber ich bitt' Sie, Herr Professor, machen S' doch nicht so viele Worte«, erwiderte die resolute Mama. »Ich bin eine einfache Frau, aber ich sage Ihnen, eine Mode vergeht und das Theater besteht. Und mein Mädel geht justament zum Theater. Wozu wären denn die vielen Theaterschulen da, wenn das Kind nicht langsam vorbereitet werden könnte auf all die modernen Geschichten und Sachen.« Sie war unversöhnt davongerauscht und ich hatte Muße, über ihre volkstümlichen Worte nachzudenken, die offenbar viel Wahres enthielten. Eine Mode vergeht . . .? Pah! Aber die Frage, wozu die vielen Theaterschulen da wären, die hatte ich mir selbst noch nie beantwortet. Jetzt wußte ich es. Sie werden wohl da sein zur Vorbereitung der theatralischen Jugend für die neue Kunst. Und die Frau hatte vollkommen recht, ich war wieder einmal als ein schwerfälliger Pedant entlarvt. Die Wahrscheinlichkeit, daß ihre Gretel so naiv und so unschuldig, wie sie war, bis an die Pforten eines Theaters gelange, die war wirklich nicht groß. Wozu wären denn die vielen Theaterschulen da? Heute, es sind gerade sechs Monate seit diesem Erlebnisse verstrichen, erhielt ich zu meiner Verwunderung die Einladung zur Schülervorstellung einer bekannten Wiener Theaterschule von der Gretel zugesendet. Ein Billett lag bei und ein Programm. Und was wird gespielt? Ich glaubte zu träumen, als ich es las. Szenen aus »Dorf und Stadt«, »Die Grille«, »Sie hat ihr Herz entdeckt«, »Die Bekenntnisse« und – wahrhaftig! – als Ganzes wird aufgeführt werden: »Das Gänschen von Buchenau«. Das ist doch stark. Fünfzehn Jahre nach dem Berliner »Sonnenaufgang« der Moderne tappen unsere öffentlichen Theaterschulen noch in solcher Finsternis? Ich bin empört! Das soll ich mir ansehen? Nie! Und wenn jemand eine Urgroßmutter hat, die noch so rüstig ist, daß sie diese Vorstellung besuchen kann, soll er getrost zu mir schicken um mein Billett. Ich wünsche ihr gute Unterhaltung. Die Bella Wieder einmal saß ich fest in einer kleinen Stadt Mährens, und diesmal sollte es drei Tage dauern. Mein Neffe, dessen Vormund ich war, hatte das Gymnasium zum zweitenmal wechseln müssen, und jetzt sollte er die Aufnahmsprüfung in die siebente Klasse bestehen. Wenn ich nicht mitkomme, nicht mit dem Direktor und allen Professoren spreche und in seiner Nähe bleibe, falle er durch, sagte er. Ja, er drohte damit. Was wollte ich tun? Ich steckte die Gespräche Goethes mit Eckermann in meine Reisetasche und fuhr mit ihm. Dieses unerschöpfliche, niemals auszulesende Buch sollte meine Zuflucht bilden in allen Nöten. Wir trafen den Direktor des Gymnasiums, an den ich gut empfohlen war, nicht sogleich an, er sei auf der Jagd, hieß es, und komme erst am Abend. Da war also der erste Tag schon hin. Wir nahmen Quartier bei der»Blauen Traube« und gingen spazieren, denn in dem Zimmer mit dem großen Konsolspiegel in strotzendem Goldrahmen, den grünen Möbeln und dem schreiend roten Teppich litt es mich nicht. So etwas Unwohnliches hatte ich schon lange nicht gesehen. Nach einer Viertelstunde war die Stadt abgelaufen und wir suchten ein Kaffeehaus aus. Es schlug die sechste Stunde vom Kirchturm, als wir in das leere Café, einen langgestreckten gewölbten Raum, eintraten. Wir setzten uns, griffen nach den exotischen alten Zeitungen, die da herumhingen, und warteten. Im tiefsten Hintergrunde zischelten wohl ein paar weibliche Wesen, aber um uns kümmerte sich keines. Endlich trommelte ich. Eine sehr ungnädig dreinblickende junge Dame erschien. »Wünschen?« sagte sie, sonst nichts. »Zwei Kaffee!« »Bedaure«, erwiderte sie und verzog ihr hübsches Mäulchen mit unsäglicher Arroganz. Ich sah sie mir näher an. Sie war eine fesche Blondine mit dunkel gefärbten Augenbrauen, wahrscheinlich sehr verwöhnt durch die Gäste. Mit aller Bescheidenheit fragte ich: »Pardon, sind wir hier in einem Kaffeehause?« »D' Jausen is vorüber,« erwiderte sie, »Gäste kommen zu der Zeit nie, und die Köchin schlaft. Einen Schnaps g'fällig?« »Oh, bitte. Wenn Sie die Gnade haben wollen.« Sie funkelte mich zornig an und ging, sich selbstgefällig in den Hüften wiegend. Mein Neffe lachte. Nach langer Zeit brachte sie uns irgendeinen süßen Saft in grünlichen Gläsern, stellte die Tasse hin und sagte: »Eine Krone.« Ich schaute sie mir noch einmal an und fragte dann, ob ich nicht vielleicht den Herrn dieses Kaffeehauses sprechen könne. Ich sei an höfliche Bedienung gewöhnt. »Da ist jetzt niemand zu sprechen«, entgegnete sie keck. »Da müssen S' schon um Mitternacht kommen und sich beschweren.« Sie lachte hell auf und verschwand in der dämmernden Tiefe des Lokals. Die Krone, zu der ich nicht einen Heller hinzugefügt hatte, ließ sie spöttisch in ihre Tasche gleiten. Wir verließen alsbald die gastfreundliche Stätte und gingen abermals spazieren. Auf dem Hauptplatz war Korso und dort verbummelten wir eine Stunde. Endlich konnte man sich ja doch bei der »Blauen Traube« nach einem Abendessen umsehen. Die Wirtin, eine nette schwarze Person von peinlicher Sauberkeit, erkundigte sich selbst nach unseren Wünschen. Sie erkundigte sich aber auch nach unserem Vorhaben in der Stadt und zeigte uns dann sogleich diesen und jenen Professor des Gymnasiums, denn sie waren alle ihre Gäste. Mein Begleiter studierte ihre Physiognomien nicht ohne Bangen und zog sich dann auf unser Zimmer zurück, er wollte noch lernen. Es war erst acht Uhr, und vor zehn oder elf kann doch ein Großstädter nicht schlafen gehen. Darüber konnten nur die Gespräche Goethes hinweghelfen. Als ich nach einiger Zeit aus meinem Buche aufblickte und mir noch ein Glas Bier wollte geben lassen, saß ich so ziemlich allein in dem Lokal. Die Wirtin, die gerade vorüberkam, lächelte mich an und winkte die Kellnerin herbei, da sie mein leeres Glas sah. Ich aber fragte sie, ob die Leute hier so solid wären und so früh nach Hause gingen. »Ach, wo werden sie denn! Die Herren laufen jetzt alle noch zur »Roten Rose«. Sie kommen zuerst her, um zu zeigen, daß sie uns mit der Kundschaft nicht fortgehen; um a neune aber rennen s' alle davon, damit sie nur ja noch a Platzerl kriegen.« »Sie haben da ein Varieté?« »Ach, wo werden wir denn! 's Kaffeehaus zur »Roten Rose« hat seit vier Wochen a neue Kellnerin, und in die sein alle Männer verschossen.« »Was? Die Blonde mit den schwarzen Augenbrauen –?« »Ja die! Sie kennen s'?« rief die Wirtin und setzte sich rasch zu mir. »Sie sein bekannt mit der Fräul'n Bella?« »Sehr gut!« lachte ich. »Ich bin heute gegen Abend beinahe intim geworden mit dem arroganten Frauenzimmer . . . . Und das ist der Magnet in dieser Stadt?« »Ja, gelten S', man begreift's nit. Aber sie dudelt den Männern jeden Abend etwas vor, sauber ist sie auch, und ein Mundwerk hat sie . . . . Der Meine lauft m'r auch noch hin, wenn wir 's G'schäft schließen. Die andern Wirt' haben schon ihre Abschaffung aus der Stadt verlangt. Einer hat ihr aufbracht, sie wär' a verdächtige Person; aber 's is nix nachzuweisen.« Am nächsten Morgen traf ich den Gymnasialdirektor, einen behäbigen, jovialen Herrn, in seiner Kanzlei. Er zog seine buschigen Augenbrauen ein bißchen zusammen und hielt meinem Schützling sogleich eine Moralpredigt. Er möge ja nicht glauben, daß an seinem Gymnasium die Prüfung leichter wäre als anderswo. Er hätte sich ebensogut bei den »Schotten« in Wien können prüfen lassen. Von Vorteil sei nur, daß an seiner Anstalt bloß zehn oder fünfzehn jährlich zur Matura kämen, man könne sich mehr beschäftigen mit den Schülern als in Wien. Und daß er in Sitten bloß »entsprechend« habe, das sei keine Empfehlung. In der Provinz heißt es doppelt brav sein. . . . Aber nach dieser Verwarnung bat er den Ordinarius der Siebenten zu sich und übergab ihm den Hospitanten. Die Prüfung könne sogleich beginnen, der Stoff sei auf zwei Tage zu verteilen. Als das Opferlamm abgeführt war, wurde der Direktor erst gemütlich. Er habe gestern meine Karte vorgefunden und gehofft, er würde mich am Abend noch bei der »Roten Rose« kennen lernen. Und er schwärmte von Wien. Er lebe hier ohne Musik, und die wäre seine Leidenschaft. Ob mein Neffe irgendein Instrument spiele? Ob er singe? Das zu erfahren, interessierte ihn fast mehr als dessen Noten in Latein und Griechisch, denn er arrangiere, wie er mir erzählte, jeden Winter eine musikalische Soiree. »Violin spielt er? Das ist ja herrlich!« rief er aus. Und ich möge mich am Nachmittag um vier nach dem Ergebnis des heutigen Prüfungstages erkundigen, es werde hoffentlich gut sein, der Bursche sehe ja intelligent aus. Der Direktor machte mich in der Pause mit allen Professoren bekannt, und jedem sagte er, daß der Neuling der längst ersehnte Violinspieler wäre. Goethes Gespräche halfen mir über diesen Tag ein wenig hinüber. Das Ergebnis der Prüfung, das ich um vier Uhr erfuhr, war erfreulich. Der joviale Gymnasialdirektor ging dann mit mir auf den Korso, und ehe es dunkelte, kannte ich die ganze Stadt. Meine saubere Frau Wirtin war nicht wenig erstaunt, daß auch ich an diesem Abend so zeitlich aufbrach. Ich schickte meinen Jungen zu Bett und drückte ihm auch den treuen Eckermann in die Hand, denn die Gespräche Goethes brauchte ich bei der »Roten Rose« wahrscheinlich nicht. Alle hatten mich gefragt, ob ich hinkäme, und so ging ich denn hin. Das Lokal war strahlend beleuchtet und sah gar nicht übel aus. Die Gäste standen bis zur Tür und es befanden sich auch ein paar Frauen darunter; aber ich drang doch durch. Schon weil ich ein Fremder war, ließ man mich passieren. Die schöne Bella und zwei mindere Sterne bedienten. Bella, in einer grünen Seidenbluse und dunklem Rock, hatte die Tasche der Zahlkellnerin über einer koketten Schürze hängen; sie lächelte süß und versendete gewährende Blicke nach allen Richtungen. Als sie meinen Augen begegnete, fiel sie ein wenig aus der Rolle; sie wurde rot. Und sie schien betroffen, daß die Honoratioren mich an ihre drei zusammengerückten Marmortische, die eine Art Ehrentafel bildeten, nötigten. Als ich zwischen dem Gymnasialdirektor und dem Bezirksrichter saß, ließ sie sich herab, auch mich nach meinen Wünschen zu fragen. Höflicher als gestern, aber sehr selbstbewußt. Ich ließ kein Auge von ihr und beobachtete sie. Fast jeder der Herren schüttelte ihr die Hand. Ihr lauter Gruß war: »Servus, Herr Doktor!« »Servus, Herr Gemeinderat!« Und zu einem wohlbeleibten Herrn, der auch zu uns kam, sagte sie: »Servus, Bürgermeister!« Und sie animierte zu Bestellungen, es gab teure Schnäpse und Schaumweine, die Pfropfen knallten, und sie nippte an jedem Glas, das ihr hingereicht wurde. Auf einmal saß sie auf einem kleinen Podium und sang zur Laute. Ihre Stimme war nicht übel, aber ungeschult, ihr Vortrag dilettantisch, doch es ging etwas von ihr aus wie der Atem einer starken Sinnlichkeit. Sie wollte diesen Männern gefallen, und sie gefiel ihnen. Drei sittsame Lieder sang sie, dann ging sie wieder animieren; wo sie ein leeres Glas sah, schenkte sie ein, und wenn sie dem Bürgermeister ihre Hand vertraulich auf die Achsel legte, lag ihr Busen auf dem Rücken des Apothekers, der neben ihm saß. Sie hielt stets mehrere Eisen im Feuer, mengte sich in jedes Gespräch, reagierte auf jeden Scherz, kassierte Gelder und Trinkgelder in Hülle und Fülle ein und nahm auch künstlerische Bestellungen entgegen. Manches ihrer Kabarettlieder wurde jeden Abend gewünscht und sie ließ sich erbitten. In der zweiten Serie sang sie wieder drei Lieder, nicht mehr, denn das Geschäft durfte nicht vernachlässigt werden. Aber diese zweite Reihe unterschied sich schon sehr von der ersten und sie gipfelte in einem Schnalzer über die eheliche Pflicht, den sie mit schauspielerischer Wirkung und unnachahmlicher Lüsternheit vortrug: »Als einst ein alter Herr ein junges Mädchen freite Und ihr sein schlapper Leib nichts Gutes prophezeite, Sprach er zu ihr: »Mein Kind, du mußt dich halt bequemen Und meine Ehepflicht quartalsweis' von mir nehmen.« »O süßer Mann,« sprach sie, jungfräulich unbedacht, »Wie viel Quartale, sag', gibt's denn in einer Nacht?« Die biederen Ehemänner grinsten. Und sahen sich lachend nach den neugierigen weiblichen Wesen um, die an jeder Türe die Kopfe hereinsteckten. »Dös Luader!« schrie eine. »So geht's da zua? Pfui der Teufel!« »Schmeißt sie doch hinaus!« rief die Bella und wiederholte den Schnalzer auf allgemeines Verlangen. Vor Mitternacht trat ein Gast ein, dem sich einen Moment lang alle Blicke zuwandten. Er salutierte dem Honoratiorentisch und trat dann beiseite. Es war der Gendarmeriepostenführer. Die schöne Bella eilte auf ihn zu. »Oh, der Herr Wachtmeister gibt uns auch die Ehre!« Sie machte ihm einen förmlichen Knicks und rückte ihm einen Stuhl hin, damit er sich setzen könne. Den Helm nahm sie ihm ab und hing ihn an einen Nagel. So höflich war sie den ganzen Abend mit niemand gewesen. Der Mann aber verzog seine dienstliche Miene kaum. Der Bezirksrichter und der Bürgermeister tauschten einen Blick; jeder schien sich etwas zu denken, aber jeder schüttelte es wieder ab, denn sie war schon wieder da. Und sie sang alsbald ihre dritte Serie. Lauter bestellte Sachen. Vorher fragte sie frech: »Ist noch ein Frauenzimmer hier?« »Nein! Nein!« brüllte es ihr lachend entgegen. Und nun gab sie dem Abend seine Würze. . . . Um dieser dritten Serie willen waren die meisten gekommen. Sie wieherten der liebenswürdigen blonden Dirne zu, und sie berauschte sich an dem Beifall, den sie fand, und gab immer noch ein Zötchen als Draufgabe. Am nächsten Morgen war ich wie vergiftet von dem elenden Wein, den diese Circe uns eingeschenkt hatte. Der Gymnasialdirektor desgleichen. Er behauptete, diese Bella verdiene mindestens zweihundert Kronen jeden Abend. Und außerdem regiere eigentlich sie die Stadt . . . Mein Schützling bestand auch den zweiten Prüfungstag, den ich halb verschlief, sehr gut, und ich konnte noch vor Abend mit dem getreuen Eckermann heimfahren. Nach zwei Wochen schrieb mir mein Neffe, die schöne Bella sei verduftet und habe große Schulden hinterlassen. Die meisten schämten sich, einzugestehen, wie viel sie ihr geborgt hatten. Begegnung Die Luft war mild, die Sonne lockte ins Freie. Alle Welt schien auf den Beinen zu sein. Und im dichtesten Gewühl der Menge schritt ich einsam dahin. Mit dem vollen Bewußtsein: hier kennt dich niemand. Es ist ein eigenes, nur dem Großstädter bekanntes Gefühl, das Alleinsein unter Menschen. Da hasten tausende, zehntausende Mitbewohner desselben Gemeinwesens an dir vorüber und du weißt von keinem etwas anderes, als was du siehst. Sie gehen auf zwei Beinen aufrecht und tragen die Larven von Menschen. Alles andere liegt im Dunkeln. Woher sie kommen, wohin sie gehen, was sie denken, hoffen, wünschen, leiden, das alles deckt ein dichter, undurchsichtiger Schleier. Und du willst ihn auch gar nicht heben. Da sprüht auf einmal ein Funke aus diesem Dunkel hervor, es blitzen zwei Augen in die meinen. Vorüber. Nach einigen Schritten wende ich mich um. Sie tut dasselbe. Doch jedes geht seinen Weg weiter. Und wieder ist es dunkel in der Menge, die auf der unabsehbar langen Vorortestraße hinausstrebt aus Wien. Da winkt ein Park mit Musik, dort tun sich Heurigenschenken auf, drüben liegt ein vielbesuchter Friedhof. Hinter ihm der Wienerwald. Die Menge strahlt nach allen Richtungen aneinander und ich kenne niemanden aus ihrer Mitte. Es ist ein eigenes Gefühl. Auch sie kenne ich eigentlich nicht. Nur ihre seltsamen Augen. Vor langen, langen Jahren habe ich sie manchmal gesehen, in einer fernen Stadt, wenn ich mittags aus dem Gymnasium ging, diese eigentümlich braunen Augen mit den hellen Ringen um die Pupille, mit jenem Leuchten und Flimmern . . . So stellte ich mir damals die Sirenenaugen vor. Und jetzt sah ich sie wieder. Wie wunderbar, daß ihr Blitz noch traf so wie einst, und daß eine ganze Lebensstrecke, die weit hinter mir liegt, auf einmal hell wurde unter dem Fünkchen, das da so unverhofft aufsprühte. Wie eine vulkanische Insel plötzlich aus dem Meer emporsteigt, so tauchte aus dem Unbewußten in mir alles auf, was zu diesen Augen einst in Beziehung stand. Sie war nicht allein an mir vorübergegangen. Neben ihrer stattlichen, runden Gestalt trippelte ein hagerer Alter einher. Und auch ihn glaubte ich zu kennen. Ja, er war es ganz bestimmt. Aber wie hatte der Mann sich verändert . . . Ach, es ist lange her! Die liebe, freundliche Provinzstadt L. mit ihren hellen Gassen und großen Plätzen, ihrer hügeligen Landschaft und dem Strom, der mitten hindurch fließt, ersteht vor meinem geistigen Auge. Und ich sehe das Haus, in dem wir wohnten. Hell und sauber getüncht, mit grauen, gesprisselten Fensterläden, zwei Stock hoch. Dicke, bombenfeste Mauern. Wenn man die schmale, einflügelige Haustür, die ein dickes, mit schönen Eisenbeschlägen verziertes Eichenbrett aus einem Stück war, öffnete und in den Hof blickte, sah man ein Gärtchen, aus dem einem die bunten, spiegelnden Glaskugeln auf hohen Staketen entgegenleuchteten. Fuchsien, Pelargonien, Pfingstrosen und Asternstauden schlossen sich zu dem freundlichen Gesamtbild eines philiströsen Geschmackes zusammen und darüber wiegten sich ein paar Rosenstöcke. Ein Springbrunnen von dünnster Strahlung belebte das Ganze. Über der Haustür im ersten Stock befand sich ein breites Fenster, das einen Erker vorstellen sollte. Ein großer, weißer Glaskasten, der wie ein Balkon gestützt war, schob sich ziemlich weit in das Straßenbild hinaus. Und in diesem Lugaus sah ich, wenn ich mittags heimkam, immer dasselbe Familienbild: die gestrenge Hausfrau mit ihren drei Hunden. Sie lag mit dem Bauche auf dem Fensterbrett. Links hockte ein weißer Spitz, rechts ein schwarzer, vor ihr ein kleiner Rattler. Und alle vier, die Herrin und die Hunde, blickten gespannt nach derselben Richtung. Es läutete zwölf. Die Hälse der Wartenden wurden länger und länger. Noch nicht? Plötzlich wurden die Hunde unruhig, der Rattler bellte und hob sich mit den Vorderfüßen an der Fensterscheibe empor. Das breite, fette Gesicht der Frau Windischbauer verzog sich zu einem Grinsen und sie begann mit einer Lebhaftigkeit zu nicken, daß das Häubchen auf ihrem Kopfe zu wackeln begann. Unten aber war ein großer, auffallend nett gekleideter, jüngerer Herr erschienen, der den Zylinder flüchtig lüftete oder mit der Hand winkte und lächelnd in das Haus eintrat. Der Glaskasten oben leerte sich, die Frau begab sich mit ihren Hunden auf den Gang hinaus und der Ankömmling wurde laut und lärmend begrüßt. Die drei Hunde bellten, Frau Windischbauer rief: »Grüß dich Gott, Franzl!« und küßte den Ankömmling schnalzend auf den Mund. »Die Suppe steht schon auf dem Tisch«, sagte sie. Als ich zum erstenmal Zeuge dieser Szene geworden war, glaubte ich, die Hausfrau habe da einen heimkehrenden verlorenen Sohn begrüßt. Ich erfuhr aber bald, daß der Mann mit dem stattlichen Schnurrbart und den lebhaften Augen ihr Mann war. Nicht der Hausherr, bloß ihr Gatte. Denn das Haus gehörte ihr, und es fiel niemandem ein, die Würde dieses Besitzes auch auf ihn zu übertragen. Die Hausfrau war eine Respektsperson für die Jugend. Ganz im stillen nannten wir sie aber auch die »Hundsmutter«. Wie sie zu dem offenbar viel jüngeren Gemahl gekommen war, wußte ich nicht. Ich sah nur, daß sie ihn fest an der Leine hielt, denn so wie mittags, so wachte sie auch abends über sein pünktliches Erscheinen. Und wenn man ihren Schlüsselbund rasseln und die Hunde bellen hörte, dann wußte das ganze Haus, daß jetzt der Herr von Windischbauer heimkommt. Selten ging das ungleiche Ehepaar spazieren. Ob sie nicht wollte oder er nicht mochte, weiß ich nicht. Das Salettl in dem kleinen Hausgarten genügte dem Ehepaar. Am Sonntag ging die Hausfrau allein in die Halbzwölfuhrmesse und am Arm des Gemahls kam sie wieder. Er ging ihr nach dem Geschäftsschluß zur Domkirche entgegen und geleitete sie heim. Das blieb jahrelang so. Ein Tag war wie der andere. Die Hunde bellten, der Schlüsselbund rasselte, ein Kuß schnalzte, die Suppe stand schon auf dem Tische. Auf einmal klappte etwas nicht. Der Mann fing an, sich zu verspäten. Mittags ein wenig, abends oft recht ausgiebig. Türen wurden aufgerissen und flogen wieder zu, die Hunde stürmten zu wiederholten Malen auf den Gang hinaus, aber es war immer blinder Lärm, stets tauchte ein anderer Hausgenosse aus dem Halbdunkel der Stiege empor, nicht aber der Ersehnte, dem sie mit der Lampe entgegenleuchtete. Die Züge der Frau verzerrten sich jedesmal, wenn ihr eine neue Enttäuschung beschieden war, und sie wurde langsam zum Gespötte des Hauses. Manchmal setzte sie sich auf den obersten Treppenabsatz und wartete. Die Begrüßung, wenn der Mann dann endlich kam, war noch lauter als sonst. Nur das Schnalzen hörte auf. Man würde sich gar nicht gewundert haben, wenn es anstatt dessen manchmal geklatscht hätte. Es wurde gebrummt, gezankt, gestritten, gegrollt und geschmollt. Er hatte so viel Arbeit, er war so sehr überbürdet. Wenn das Geschäft geschlossen sei, habe er erst recht zu tun. Jahresabschluß! Bilanz! Solche und ähnliche Worte drangen durch den Lärm. Dann wieder sie: »Du wirst die Stell' aufgeben. Mein Mann hat's nicht nötig, sich so zu rackern . . . Ach so, du willst nicht? O, o, ich werd' dir schon hinter deine Schliche kommen.« Türen flogen und es war wieder still. Das ging nun auch lange so fort. Bald loderte die Zwietracht offen empor, bald fraß sie leise weiter. Manchmal schnalzte es wieder ein paar Tage bei der Begrüßung. Aber die Rückfälle wurden immer heftiger und das ganze Haus lachte über die eifersüchtige »Hundsmutter«, die so dumm gewesen, sich einen jüngeren Mann zu nehmen. In jenen Tagen sah ich die seltsamen braunen Augen mit den hellen, flimmernden Ringen zum erstenmal. Hinter den Spiegelscheiben des Konfektionsgeschäftes auf dem Hauptplatze leuchteten sie plötzlich auf. Eine neue Verkäuferin oder Probiermamsell war da offenbar eingetreten. Eine biegsame, geschmeidige, jugendliche Gestalt, das Gesicht nicht gerade hübsch. Aber diese Augen, diese Augen! Wir Jungen versammelten uns stets vor dem Schaufenster und starrten das Mädchen an. Sie lächelte, kokettierte wohl gar mit uns. Und nicht selten verscheuchte uns der Buchhalter, der Herr Windischbauer, in eigener Person. Wir sollten den Kunden nicht den Platz verstellen. Als er sah, daß er nichts ausrichtete, erhielt das Mädchen einen anderen Sitzplatz. Um sie zu sehen, warteten wir dann oft den Geschäftsschluß ab. Und da merkte ich gar bald, daß die Sirene – wir nannten sie nicht anders – an der nächsten Ecke zögerte, bis der Herr Windischbauer sie eingeholt hatte. Er begleitete sie. Da konnte er freilich nicht mehr so pünktlich heimkommen wie ehedem. Die Sirene veränderte sich binnen Jahresfrist vollständig. Aus dem schlanken, biegsamen Mädchen war eine mollige, runde, frauliche Erscheinung geworden. Nur ihre Augen waren dieselben geblieben. Die flimmerten und lockten wie Irrlichter. Der eheliche Zwist im Hause Windischbauer aber flammte immer wilder empor. Der Mann wollte die Scheidung, sie drohte mit Polizei und Gericht. »Nie, nie, nie!« schrie sie jeden Abend mit gellender Stimme, und die drei Hunde sekundierten ihr so lange, bis einer seinen Fußtritt hatte und laut aufheulte. Auf einmal wurde es ganz still in dem Hause. Frau Windischbauer saß, umringt von den Fuchsien, Pelargonien und Astern, tagelang allein unter den Glaskugeln ihres Hausgartens und strickte. Auf drei Kissen räkelten sich die Hunde in der Sonne. War schlechtes Wetter, lag sie mit ihren Lieblingen droben im Glaskasten des Fensters wie ehedem. Aber alle vier schauten jetzt trutzig nach der anderen Richtung, sie warteten nicht mehr auf ihren Herrn. Der hatte seine Frau verlassen, so erzählte man, und war nach Wien gegangen, sich eine Stelle zu suchen. Und bald darauf verschwand auch die Sirene aus L. Es war dringend nötig geworden, daß sie sich zurückzog. Nie wieder habe ich etwas von ihr gehört. Ein Vierteljahrhundert und mehr ging dahin. Und auf einmal leuchtete ihr seltsames Augenpaar vor mir auf. Doch nur für den Moment einer flüchtigen Begegnung: sogleich versank sie mitsamt ihrem Schicksalsgenossen wieder in der Flut der Großstadt, die hinter ihnen zusammenschlug. Denn er war es gewiß, der da mit kleinen Greisenschritten neben ihr hertrippelte. Sie ist ihm also treu geblieben, sie hat ihm vielleicht Kinder geboren und ein Heim bereitet nach jenem Irrtum seiner jungen Jahre. Ob sie aber jemals Mann und Frau werden konnten? Das: »Nie, nie, nie!« gellt mir noch in den Ohren. Und die Frau war boshaft genug, beide zu überleben. Wie wunderlich, daß die altgewordene »Sirene« den Kopf nach mir wandte. Sie konnte unmöglich wissen, daß da unter Hunderten ein Mann an ihr vorüberschritt, der ihr einst in L., als junger Grünschnabel, so oft zu Gefallen ging und nach einem Blick von ihr lechzte. Und doch muß so etwas in ihr aufgedämmert sein wie eine unbewußte Erinnerung, wie ein Lichtstrahl aus fernen Jugendtagen. Die Kopal-Mizzi Die Kopal-Mizzi war das schönste Mädchen in der Burggasse und am ganzen Neubau, das war längst ausgemacht. Aber ihr Ruf war nicht der beste. Man munkelte schon lange allerlei über sie im Hause, sie war den Frauen viel zu elegant gekleidet und wenn sie sich auch die Hüte und Kleider angeblich selber machte, es blieb doch noch immer unverständlich, woher sie alles hatte. Ein kleiner Flickschuster war der Vater und die Mutter wusch die Wäsche von drei Parteien des Hauses. Woher also die Eleganz? Und die Hübschheit überhaupt? Benahm sie sich wie die Tochter solcher Eltern? Sie war bei einer Modistin in der Inneren Stadt tätig (was das hieß, wußte man ja) und sah auf die braven Töchter der Postoffiziale und Rechnungsräte, die im selben Hause wohnten, sehr von oben herab. Sie schätzte sich viel höher ein als diese armen Hascherl, die ihren Müttern am Morgen das Stubenmädchen ersetzten und nachmittags auf dem Klavier paukten, um sich standesgemäß auszubilden. Gelernt hatte die Mizzi nichts und daheim tat sie auch nichts. Sie machte sich morgens schön und ging aus, kam mittags zum Essen und ging dann wieder fort, hatte aber womöglich einen anderen Hut auf als vormittags. Und wenn sie abends wiederkam, begleitete sie immer ein eleganter junger Herr bis zum Haustor. Die Frau Rechnungsrätin im ersten Stock behauptete, es wäre jedesmal ein anderer. Und so weit ihre Beobachtungen reichten, kam die Schustermamsell sehr oft gar nicht heim. Aber es war aus dem Hausmeister nichts herauszubringen. Wahrscheinlich erhielt er an den Tagen, wo die Mizzi spät – oder früh? – nach Hause kam, ein gutes Trinkgeld von ihr. Oder von ihm? Aber sie wird es schon noch herausbringen, die Frau Rechnungsrätin. Und wenn sie auch eine ganze Nacht opfern müßte. Man wird sich vielleicht wundern, warum die Dame, die die beste Gassenwohnung des Hauses innehatte, sich so sehr für das Schustermädel aus der letzten Parterrewohnung des Hoftraktes interessierte. Denn ganz hinten, neben dem kleinen Hausgärtchen, wo die Hausfrau ihre große Hühnersteige hatte und die Düngergrube des Pferdestalles war, lag die Wohnung des Schusters Kopal, die man mehr als eine Höhle hätte bezeichnen können als eine menschliche Behausung. Aber wenn die goldblonde Mizzi aus jener dunklen Ecke des Morgens hervorkam, war es immer, als ob erst jetzt die Sonne über den Hof schritte. Der Kutscher der Hausfrau rief ihr die erste Schmeichelei zu und hinter allen Fenstern des langen Hoftraktes reckten sich die Hälse nach ihr. Nicht nur die der Frauen. Das war es eben. Alle Männer des Hauses blickten der Mizzi nach und einige, die ihr Beruf zur selben Stunde fortrief, beeilten sich immer, ihr nach- oder zuvorzukommen, um sie dann auf der Gasse zu grüßen und ein freundliches Lächeln von ihr zu erhaschen. Denn daheim, im Hofe selbst, trauten sich nicht alle, dies zu tun. Das hätte in mancher Ehe einen Skandal gegeben. Und neuestens lief auch der pensionierte Gutsinspektor aus dem zweiten Stock, der Herr von Zierl, jeden Morgen hinter ihr her. Der hatte doch gewiß nichts Dringendes zu tun zur selben Stunde. Seinen Morgenspaziergang hätte er ja auch früher oder später unternehmen können. Aber nein, punkt halb acht lief er davon, knapp vor der Mizzi, und immer kam er lächelnd zurück wie ein Beglückter. Daß er dieses Schustermädel genau so höflich grüßte wie ihre Olgerl, hatte die Rätin mit Verdruß schon früher bemerkt. War der Witwer denn blind? War er taub? Da mußte etwas geschehen, diesem Provinzler mußte man aus dem Traum helfen. Wenn er wieder zum Kaffee kommt, wird man deutlicher sein müssen. Er zählte einundfünfzig, ihr Olgerl einunddreißig. Das wär gerade der richtige Altersunterschied. Was wollte er mit dem Flitscherl aus dem Hinterhaus? Die Rechnungsrätin zitterte für ihren Feldzugsplan. Denn daß der Herr von Zierl wieder heiraten wollte, hatte er offen gesagt. Es war nicht anzunehmen, daß er jetzt nur auf ein galantes Abenteuer spekulierte. Der mußte gerettet werden, denn er war vielleicht im Begriffe, in eine Falle zu gehen. Die blonde Kopal-Mizzi ging unbekümmert ihres Weges, all der Neid und all das Gezischel im Hause berührte sie nicht. Dazu war sie zu lustig und hatte einen zu leichten Sinn. Und eine Heilige war sie wirklich nicht. Sie mußte verdienen, mußte etwas ins Haus bringen und durfte keinen Heller kosten. Seit ihrem sechzehnten Jahre ging sie zur Marchand-Modes und erhielt sich selbst. Ja, sie kleidete sogar ihre jüngeren Geschwister und gab dem Vater noch immer etwas auf den Zins. Niemand fragte, woher sie es hatte. Als der erste Mann sich ihr näherte und allerlei Ungebührliches von ihr verlangte, da war sie noch so naiv, ihre Mutter zu fragen, was sie tun solle. »Wann er was hat, geh mit ihm«, sagte die Brave. »Wer waaß, zu was 's guat is. Gib aber acht! Kumm m'r mit nix . . . Du verstehst mi schon!« Und sie kam mit nichts. Nach einem halben Jahre ließ der Max sie sitzen und ging andere Wege. Aber es kam bald ein zweiter und den hielt sie fest. Schon drei Jahre ging sie mit dem Huber Franzl, dem Hausherrnsohn aus der Siebensterngasse. Sie hatte ihn närrisch gern. Und er wollte auch Ernst machen, sagte er, wenn sein Alter einmal nicht mehr lebte. Früher durfte er nicht daran denken. Der wäre imstande, nicht ihm, dem Ältesten, das Geschäft zu übergeben, sondern dem Bruder. Da wär' er ruiniert, der Franz. Also nur g'scheit sein, predigte er der Mizzi, wenn sie ihn wieder einmal mahnte. Und auf jede Träne, die sie gelegentlich weinte, legte er einen Zehner. Das ging seit mehr als drei Jahren so fort, sie sah ihre Blütezeit unter seinen Händen hinweggleiten. Und es war ihr jetzt zum zweitenmal etwas passiert. Beim erstenmal wurde ja geholfen, aber sie wäre beinahe daran gestorben. Und sie erschrak nicht wenig bei dem Gedanken, so etwas noch einmal durchzumachen. Aber sie merkte auch, wie sehr es den Franz verstimmte. Einen Riß hatte es ihm gegeben und groß sah er sie an, als sie es endlich sagen mußte. Seit jenem Augenblicke ist er verändert. Sie fühlt, er möchte los von ihr. Immer gibt es jetzt Szenen zwischen ihnen und Vorwürfe. Auf jeder Landpartie zerzanken sie sich. Sie können sich nicht einigen über das, was zu geschehen hätte . . . Er ist entsetzt vor dem Gedanken, hinter dem Rücken seines Vaters eine Familie zu gründen. Und offen reden? Sein Alter würde ihn »derschlag'n«. Sie aber ist sich zu gut dafür, ihr Leben und ihre Gesundheit ein zweitesmal in die Schanze zu schlagen. Sie will nicht. Und sie tut es nicht. So gehen sie neuestens immer auseinander. In ziemlich plumper Weise hatte die Frau Rechnungsrätin dem Herrn von Zierl gegenüber die Sprache auf die Mizzi gebracht, die »Schustermamsell«. Die Olga wurde eigens hinausgeschickt, zu fragen, ob denn auch richtig das Schlagobers gekommen wäre für den Herrn Gutsinspektor. Denn ohne solches mochte er keinen Kaffee, das hatte sie bald aus ihm herausgebracht. Er war so verwöhnt worden auf den großen Herrschaften, wo er als Inspektor lebte, und seit seiner seligen A melie (er betonte das Wort auf der ersten Silbe) verstand es niemand mehr, ihm einen so guten Kaffee zu bereiten, wie das Fräulein Olga. Er war ein guter Bekannter des verstorbenen Rechnungsrates, und als es der Zufall wollte, daß er einen Winter im selben Hause wohnte, verabsäumte er nicht, der Witwe seine Aufwartung zu machen. Und er nahm gern die Einladung an, wöchentlich einmal bei den Damen zu jausen. Dafür revanchierte er sich manchmal mit zwei Theaterkarten, die er ihnen brachte. Zur dritten Karte, die für ihn selbst gewesen wäre, konnte er sich nicht entschließen. So weit wollte er es doch nicht treiben, daß konnte mißdeutet werden. Und als jetzt die Olga draußen war, sagte die Rechnungsrätin geradezu: »Mir scheint, mir scheint, Herr von Zierl, Sie gehen jeden Morgen jemand zu Gefallen.« Er wurde ein wenig verlegen. »Wieso? Wieso?« Sie drohte ihm neckisch mit dem Finger. »Geben Sie acht, Herr von Zierl, geben Sie acht . . . Die beobachte ich seit Jahren. Mir scheint, sie ist gegenwärtig wieder einmal ohne. Es hat sie wieder einmal einer sitzen lassen.« »Ich verstehe Sie nicht, Frau Rätin,« entgegnete der Herr von Zierl, »wen meinen Sie?« »Aber geh'n Sie doch, Herr Inspektor. Ich hab' Sie doch neulich bei St. Ulrich mit ihr sprechen gesehen. Sie macht Ihnen doch den Hof. So wie allen Männern.« »Ach so, das Fräulein Kopal meinen Sie? Ist ein fesches Mädel, nicht wahr? Ich seh' sie sehr gern, die Mizzi. Ein echtes Wienerblut.« Die Rätin machte ein langes Gesicht. Dann lachte sie nervös auf. »Hahaha . . . Hahaha . . . Ja so!« Und da kam auch schon die Olgerl und hinter ihr erschien das Mädchen mit dem Jausenkaffee und einer großen Kristallschale voll köstlichem Schlagobers. Olga tänzelte geschäftig um den Gast herum und bediente ihn wie einen verhätschelten Liebling, aber es wollte keine rechte Stimmung aufkommen heute. Und früher als sonst empfahl sich der Herr von Zierl. Der Tag war herrlich schön und der Duft des Frühlings lag über allen Dächern, als die Mizzi am nächsten Morgen durch den Hof heraufkam. Das ärmliche kleine Großstadtgärtchen, in dem die Hausfrau unter einer Kastanie ihr Salettl hatte (in das niemand sonst einen Fuß setzen durfte), war auch schon in Bereitschaft, den Frühling zu empfangen. Mizzi merkte es heute zum erstenmal. Ihr war recht weh ums Herz. Dieser Frühlingsduft machte sie müde. Aber Kopf hoch, hieß es, wenn sie durch diesen Hof schritt, wo hundert Augen sie umlauerten. Und ein Liedchen geträllert. Einen Schmarren sollten sie merken, wie ihr war. Bei St. Ulrich grüßte sie das freundliche Gesicht eines alten Herrn und ein kleiner Veilchenstrauß duftete ihr entgegen. »O danke! Danke!« Sie nahm die Blumen gern. Und sie hatte nichts mehr gegen die Begleitung des Herrn Inspektors, so wie in der ersten Zeit. Wenn er nur so rasch mitkonnte, sie hatte es heute schon eilig. Aber er konnte. Er hielt sich stramm an ihren elastischen Schritt. Doch sie verlangsamte ihr Tempo gar bald, denn der Begleiter sprach von sehr ernsten Dingen. Und als sie beim Weghuber-Park waren, lenkten sie ihren Schritt dort hinein, sie fand, daß sie heute auch eine Stunde später ins Geschäft kommen könne. Zierl war dringend. Er wollte mit ihren Eltern sprechen, wenn sie es erlaube. Es sollte aber kein Aufsehen im Hause geben, er mußte ganz sicher sein. Und dann wollte er im Mai Hochzeit machen. Nicht ein Tag sollte ihm verloren gehen von dem Glücke, das er sich an ihrer Seite erwarte. Die Mizzi war beglückt und bestürzt zugleich von der seltsam dringlichen Werbung des Alten. Und sie sah ihn zum ersten Male prüfend an. Der war ja gar nicht alt. Sein Blick war feurig, er hatte alle Zähne und nicht einmal eine Glatze. Hübsch war er nicht. Etwas zu klein neben ihrer Figur. Aber ehrlich schien er zu sein, ein Herz schien er zu haben. »Sein S' denn nicht gewarnt worden vor der Kopal-Mizzi?« fragte sie. »Das sollte mich recht sehr wundern.« »Gerade darum!« erwiderte er. »Was diese bösen Zungen alles sagen, ist mir gleich. Sie sind eben jung und fesch. Ihr künftiger Mann wird Ihnen manches zu verzeihen haben.« Sie senkte den Kopf. »Ja, es gibt Männer, die nicht wert sind, daß ein ehrliches Mädel sie gern hat.« »Ich weiß es. Aber sie brauchen keinem von denen mehr in die Augen zu sehen. Sie geh'n mit mir nach Kärnten.« »Fort von Wien? Jessas, na, bin ich erschrocken.« »Ich hab' ein kleines Gütel. Dort wirtschaften wir miteinander und ich werde Sie sehr lieb haben, Mizzi.« »Lassen S' mir Zeit, Herr von Zierl, ich kann heute nicht ja sagen«, sprach Mizzi warm und herzlich. »Und kommen S' mir nit weiter nach. Es fallt auf. Morgen! Morgen!« Und fort war sie. Er folgte ihr ganz von ferne mit den Augen, bis sie hinter dem Volksgarten verschwunden war. Dann ging er heim. Mit strahlender Miene grüßte er hinauf zur Frau Rechnungsrat. Die erschrak über sein gerötetes Gesicht. »Den Mann wird einmal der Schlag treffen auf diesen Morgenspaziergängen«, sagte sie zur Olgerl. Mizzi schrieb ihrem Franzl, der sich seit Tagen nicht sehen ließ, alles. Wenn er sich nicht besinne und nicht den Mut habe, sich zu ihr zu bekennen, so nehme sie den Gutsbesitzer aus Kärnten, obwohl sie nur ihn liebe, nur ihn und sonst niemand auf der Welt. In drei Tagen sei sie verlobt, wenn er sich nicht melde, ihr Brief sei dann ein Lebewohl für immer. Auch für die Wiener Stadt. Es war der letzte Versuch, den Abscheulichen zu sich zurückzuführen, den sie heiß liebte und nicht lassen wollte. Und fort von Wien? Sie konnte es nicht ausdenken. Am nächsten Morgen kam der Herr Inspektor sehr betrübt von seinem Spaziergang zurück. Die Mizzi konnte sich nicht entscheiden. Und sie hielt ihn auch am zweiten Tage hin. Am dritten aber packte er seine Koffer und reiste allein nach Kärnten. Die Mizzi hatte ihm ihre Verlobung mit Herrn Franz Huber, Gesellschafter der Firma Bartholomäus Huber und Komp. mitgeteilt und ihn zur Hochzeit im Mai eingeladen. Ehe der Herr von Zierl abreiste, schickte er den Damen im ersten Stock noch zwei Billette als Revanche für die letzte Jause. »Zu was denn?« rief da Olgerl. Zum »Herbstmanöver«, antwortete die Rätin. »So, so . . So, so . . Herbst . .« Hinten im Hof aber sprach eine brave Mutter zur selben Stunde: »Na alsdann, Mizzerl, is 's halt doch gut ausgegangen, 's kommt halt immer auf's Madl an, das sich auf so was einlaßt. G'scheidt muaß mar sein.« Das Maschinfräulein In meinem Schreibtisch liegt ein kleiner Revolver. Er ist in Papier eingeschlagen und darauf steht geschrieben: »Eigentum des Fräuleins Minna Kober.« Aber ich gebe ihn nicht her, obwohl ich gar kein Recht dazu habe, ihn zu behalten; ich lasse ihn nicht aus meiner Verwahrung, obgleich ich weder der Vater noch der Vormund des Fräuleins Kober bin. Eine so niedliche, zarte Waffe. Als ob sie in ein Puppenzimmer gehören würde. In der kleinsten Faust kann sie verschwinden. Aber ihre Schlagkraft ist nicht gering und das Kaliber wird doch wohl fünf Millimeter sein. Blitzblank und funkelnd lag die kleine Mordwaffe eines Tages vor mir, und ein schreckensbleicher Mensch hatte sie mir gebracht. Es war mein Buchhalter, der alte Pollak. »Da . . . da . . . .« sprach er mit schwerer Zunge, »ich habe ihr ihn abgenommen.« »Was denn? Wem haben Sie ihn abgenommen?« »Ja, Herr Franke, haben Sie denn nichts gehört?« rief er aus. »Gar nichts. Was ist denn los?« Und er erzählte mir hastig, bald stockend, bald übersprudelnd, daß das Fräulein Minna, unser »Maschinfräulein«, sich soeben angeschossen habe. Bei der Schreibmaschine sitzend, habe sie plötzlich einen Revolverschuß gegen ihre Schläfen abgegeben und sei vom Stuhl gestürzt. »Ist sie tot?« »Nein . . . Sie hat nur eine Wunde an der Stirn. Die Kugel hat sie bloß gestreift. Aber das Mädel lamentiert fürchterlich.« Ich war schon nach seinen ersten Worten von meinem Sitz aufgesprungen. Die kleine Waffe, deren Lauf sich noch warm anfühlte, kam mir ganz lächerlich vor, aber ich eilte jetzt doch auf den Schauplatz der Tat. Durch drei Bureauzimmer war ich von dem Kabinett getrennt, in dem unser »Maschinfräulein« saß und den ganzen Tag die Geschäftskorrespondenz abtippte. Ich hatte wohl so etwas wie ein dumpfes Geräusch gehört und ins Schloß fallende Türen, war aber so in die Lektüre eines neuen Verlagswerkes vertieft, daß mich der Lärm nicht störte. Das Fräulein Minna saß totenbleich auf dem Fußboden. Sie war umringt von den bestürzten Kontoristen, und zu ihnen hatte sich jetzt auch die Tochter der Hausbesorgerin gesellt, die mit einem Waschbecken in den Händen neben der Verwundeten kniete und ihr die Stirne wusch. Als ich eintrat, wichen die jungen Herren zurück und machten mir Platz. Ich beugte mich nieder und griff nach der Rechten der Unglücklichen. Kalt und welk lag ihre Hand in der meinen. Und leise sprach sie: »Verzeihen Sie mir.« Ich hatte mich rasch überzeugt, daß der Streifschuß wirklich nur eine Hautabschürfung auf ihrer Stirne zurückgelassen. Im ersten Augenblick hielt sich das Mädchen wohl selbst für tödlich getroffen. Ihr Fall vom Stuhl auf den Fußboden mußte die Folge einer Autosuggestion gewesen sein, anders war er gar nicht zu erklären. Sie mußte sich fest eingebildet haben, jetzt sei sie tot, und dabei ließ sie sich vor Schreck über ihre Tat wohl selbst fallen. Dann heulte und weinte sie, als ob sie unsägliche Schmerzen litte, und es war doch alles nicht wahr . . . Jetzt aber war sie ganz ruhig und wir setzten sie wieder auf ihren Stuhl neben die Schreibmaschine. Auf alle meine teilnehmenden Fragen blieb sie stumm. »Verzeihen Sie mir!« rief sie noch einmal. Dann stürzten ihre Tränen wieder in hellen Bächlein über die fahlen Wangen ihres schmalen Gesichtchens. Wie eine mater dolorosa saß sie da, mit eingesunkener Brust und verschlungenen Händen, und starrte zu Boden. Ihre rabenschwarzen Haare, die sie in exzentrisch-moderner Weise in flachen Scheiteln über die Ohren gekämmt trug, waren ein wenig in Unordnung geraten, der griechische Knoten im Nacken war auseinandergeflossen, doch sie fühlte es nicht. Mit einem flehenden Blicke ihrer dunklen Augen, den sie mir zuwarf, machte sie der Szene ein Ende. Denn als ich sah, daß sie durchaus nicht sprechen wollte, bat ich alle, das Zimmerchen zu verlassen, und zuletzt ging auch ich. Den Buchhalter, der im Nebenzimmer Wand an Wand mit Fräulein Kober an seinem Schreibtisch saß und der ihr der nächste war, bat ich, doch ein wenig aufzupassen. Er zuckte die Achseln und nickte mit dem Kopf. Als ich die drei Bureauräume wieder durchschritt, summte es an allen Schreibtischen. Offenbar erörterte man die Gründe der Tat. Und sie beschäftigten auch mich. Was mochte der Armen begegnet sein? Sie war ein ganz interessantes Mädchen. So auffallend in ihrer äußeren Erscheinung, daß ich sie anfangs gar nicht in das Kontor nehmen wollte. Aber sie war mir so warm empfohlen worden. Von wem doch nur? . . . Auch hatte sie sich gut bewährt. Sie stenographierte ganz famos und tippte die Briefe, die man ihr diktierte, auf der Schreibmaschine so sauber und korrekt ab, daß ich oft darüber verwundert war. Sie mußte einen guten Fonds von allgemeiner Bildung und Weltkenntnis in sich haben, denn es passierte ihr selbst bei besonderen Namen von öffentlichen Persönlichkeiten fast nie ein Malheur. Ihre Vorgängerin war wie ein Phonograph. Was man zu ihr sprach, das gab sie mechanisch, mit allen Fehlern halbverstandener Worte, wieder. In ihr aber wurde alles beseelt von dem Verständnis und der Anteilnahme, die sie allen Zweigen unseres Geschäftes entgegenbrachte. Ich sah sie gern im Hause und räumte ihr für ihre Arbeiten schon nach den ersten acht Tagen jenes Kabinett ein, in dem sie jetzt die Tat begangen hatte. Seit einem Jahre tat sie redlich ihre Pflicht. Und ich hatte auch nie etwas gehört . . . Um sie vor Taktlosigkeiten oder Zudringlichkeiten des Kontors zu schützen, hatte ich sie in das Kabinett gesetzt. Von wem doch war sie mir . . .? Richtig, von Freund Lehmann! Hm, hm. Herein! Mein Buchhalter steckte den Kopf zur Tür herein. Fräulein Kober lasse fragen, ob ich heute keine Arbeit für sie hätte. Was? Ich soll ihr jetzt, zehn Minuten nach einer solchen Sache, Geschäftsbriefe diktieren? Sie soll nach Hause gehen zu ihren armen Eltern und morgen wieder kommen! Apropos, haben auch Sie keine Idee? . . . Der alte Pollak zuckte wieder mit den Achseln wie vorhin und ging. Ich blieb mit meinen Gedanken allein. Das zierliche Mordinstrument, das noch immer auf meinem Tische lag, wickelte ich jetzt in einen blanken Bogen Schreibpapier und steckte es in eine Lade. Ich wollte es nicht mehr sehen. So etwas! In meinem Bureau! Das hätte sich gut gemacht in allen Abendblättern: »Selbstmord einer jungen Dame im Verlagshause Theodor Franke!« Ich danke! Mein Schreibtischtelephon klingelte. Halloh! Wer dort? . . . Grüß Gott, Lehmann. Neues? Bei uns? Daß ich nicht wüßte. Alles im alten Geleise . . . Danke, danke. Meinen Handkuß deiner Frau. Schluß. Erst als ich wieder abgeläutet hatte, fiel mir ein, daß ich ihm ja doch etwas Neues hätte sagen können. Die Geschichte von dem Fräulein Kober. Hm . . . Warum hat der überhaupt so nervös gefragt, ob es bei uns nichts Neues gäbe? Am Ende hatte er schon davon gehört. Leicht möglich, daß schon telephonisch geklatscht wurde. Was wird er von mir denken, daß ich geleugnet habe? Es pochte schüchtern an meine Tür. Herein! Auf der Schwelle erschien die schlanke Gestalt des Fräuleins Minna in Straßentoilette, einen dichten Schleier vor dem blassen Gesicht. Ich erhob mich und sie trat ein. Teilnahmsvoll reichte ich ihr die Hand und hieß sie Platz nehmen. Denn ich merkte, daß sie mir jetzt mehr sagen wollte als vorhin. »Ich kam nur, Herr Franke, Sie nochmals um Entschuldigung zu bitten. Es war recht undankbar von mir, in Ihrem Hause eine solche Tat zu unternehmen. Aber es kam so plötzlich . . . Den Revolver besitze ich schon seit einem Jahr. Ich kaufte ihn mir, als ich das Lehmannsche Haus so plötzlich verlassen mußte . . . Aber ich schob die Tat immer wieder auf.« »Soso. Und warum haben Sie denn damals so plötzlich fort müssen von Lehmann?« »Seine Frau . . . Es war ganz grundlos, ich versichere Sie!« »Sie wissen, daß Sie nur ihm ihre Stelle bei mir verdanken. Er hat mich so gebeten, er hat Sie so warm empfohlen . . . Also, es war ganz grundlos?« »Ja, Herr Franke . . . Darf ich jetzt um meinen Revolver bitten?« »O nein. Den gebe ich Ihnen nicht in die Hand.« »Aber ich bin ja schon wieder bei Vernunft. Es wird nicht mehr geschehen.« »Nein, nein. Wenn Sie die Waffe haben wollen, schicken Sie mir Ihren Vater oder Ihre Mutter. Ihnen gebe ich sie nicht.« »Sie glauben . . .?« »Sie sind eine verstockte Sünderin, mein liebes Fräulein. Auch nicht ein Wort haben Sie mir über den Grund Ihrer Tat gesagt. Daß Sie dieselbe schon vor einem Jahre haben vollführen wollen, das erklärt gar nichts. Nur der Zusammenhang mit dem Hause Lehmann ist nicht zu verkennen. Ich werde Sie nicht ausforschen. Aber merkwürdig ist es mir, daß mein alter Freund soeben telephonisch die dringliche Frage an mich richtete, was es bei uns Neues gäbe. Er schien sehr nervös und aufgeregt zu sein. Ich bin davon überrascht.« Fräulein Minna war dunkelrot geworden hinter ihrem Schleier und knickte zusammen. Ich sah es mit Erstaunen. Aber sie sprach kein Wort. Vergeblich wartete ich auf eine Erklärung. »Mein liebes Fräulein,« sagte ich endlich, »diese Sache paßt mir ganz und gar nicht.« »Nicht kündigen! Nicht kündigen!« rief sie flehend und richtete ihren Madonnenblick auf mich. »Ich wollte Sie heute nicht mehr sprechen,« erwiderte ich, »und ich habe Herrn Pollak gesagt, er soll Sie nach Hause schicken. Lassen wir die Sache also bis morgen, bis Sie ganz ruhig geworden sind.« Sie erhob sich. »Sie sehen, Herr Franke, daß ich ganz ruhig bin. Was Sie mir morgen sagen wollen, kann ich auch heute hören.« »Wirklich? Na, ich will doch zuerst einmal meinen Freund Lehmann ins Gebet nehmen. Vielleicht sagt er mir, was ich mit Ihnen machen soll.« »Er? Er ist ein Schuft!« »Erlauben Sie! Was unterstehen Sie sich? . . . Und jetzt schweigen Sie wieder? . . . Sie müssen mir dafür doch endlich eine Erklärung geben.« »Die mag er Ihnen geben, Herr Franke. Ich habe ihm einen Eid darauf schwören müssen, daß ich ihn nie verrate. Und ich halte meine Eide . . . Ich habe nur die eine Bitte: Kündigen Sie mir nicht! Mein Glück und meine Ehre sind hin. Lassen Sie mir das Brot! Meine Mutter rechnet mit den paar Gulden. Ich könnte mir keine neue Stelle suchen. Dazu habe ich die Kraft nicht mehr.« Nach diesen Worten setzte sie sich wieder und weinte leise. »Mein liebes Fräulein, Sie bringen mich da in eine große Verlegenheit. Und so leid es mir tut – eine bestimmte Zusage kann ich Ihnen heute nicht machen. Weit näher als Herr Lehmann steht mir seine Frau, stehen mir seine Kinder. Seine Frau hat ihre Jugend in meinem Vaterhause verbracht, sie war eine Waise. Ich bin da gröblich getäuscht worden durch Lehmann, er hätte Sie mir nicht empfehlen dürfen, gerade mir nicht. Er hat mich unbewußt zu seinem Mitschuldigen gemacht. Und er hat Sie hier wohl öfter gesehen als ich weiß und ahne? Er konnte ja hier ungeniert aus- und eingehen, auch wenn ich verreist war, er ist ja mein Freund! Je mehr ichs bedenke . . . Es ist empörend!« »Ich bin daran ganz schuldlos, Herr Franke.« »Gleichviel! Sie werden einsehen, daß Sie in meinem Hause nicht bleiben können.« »Herr Fr . . . .!« »Ruhe, Ruhe. Nach dem heutigen Vorfall wird niemand etwas dabei finden, wenn Sie nicht mehr hier erscheinen. Ich werde Ihnen ein dreimonatiges Gehalt auszahlen lassen; Sie aber melden sich krank und kommen nicht wieder. Ein gutes Zeugnis kann ich Ihnen mit dem besten Gewissen ausstellen« »Ich werde es nicht mehr brauchen«, sagte sie langsam und erhob sich. »Geben Sie mir den Revolver, er ist mein Eigentum.« »Um gar keinen Preis. Aus meiner Hand erhalten Sie ihn nicht.« Kaum hatte sie sich entfernt, stürzte Lehmann in mein Zimmer. Der kam mir gerade recht. So hatte ich noch niemanden im Leben meine Meinung gesagt. Er war im ersten Augenblick sprachlos über meine Entrüstung. Als er aber aus all meinen Worten doch das eine entnommen hatte, daß die Sache diesmal noch gut abgelaufen sei, zündete er sich eine Zigarette an und sagte zynisch: »Der Teufel soll alle Frauenzimmer holen! Keine versteht einen Spaß. Alle werden sie gleich tragisch! Zuerst hat meine Frau angefangen . . . Weiß der Kuckuck, wie es kam. Die schwarze kleine Hexe war kaum drei Wochen bei mir im Geschäfte, da fing meine Frau eines Tages einen Blick auf, mit dem ich das Mädchen an der Schreibmaschine streifte, und sie war wie tobsüchtig. So hätte ich sie nie angesehen, niemals, und sie sei doch meine Frau! »Du kennst Jenny, wie exaltiert sie ist. Verlangt die von mir, nach zehnjähriger Ehe, ich soll sie so anschauen wie ein hübsches Maschinmädel, das mir gefällt. Aber ich war mir gar nicht bewußt, die kleine Hexe, die vom ersten Tag an ein wenig mit mir kokettierte, in jenem Augenblick so besonders angeblickt zu haben. Da hatte es manchmal schon viel mehr Feuer gegeben. Doch es war noch nichts Ernstes zwischen uns vorgefallen, ich gebe dir mein Wort, Theodor, gar nichts. Und jetzt sollte ich sie augenblicklich fortschicken. Wenn ich mich weigere, gebe es einen Riesenskandal, sagte Jenny. Sie verlasse mich mit den Kindern, sie gehe in die Donau . . . Und ich ließ mich wirklich einschüchtern. Jenny, die nur zu Besuch in das Geschäft gekommen war, rauschte trotzig von dannen und ich ließ mir das Fräulein Minna kommen. Ich war in der peinlichsten Verlegenheit, wie ich ihr die Sache beibringen sollte. Meine exaltierte Frau hatte ohneweiters ein Liebespaar aus uns gemacht und wir hatten doch bis zu jenem Augenblick noch kein verfängliches Wort miteinander gesprochen. Vielleicht wäre das Gewitter, das in unseren Nerven lag, ohne zu zünden an uns vorübergegangen, wenn nicht dieser gewaltsame Eingriff stattgefunden hätte. Jetzt aber drängte sich alles in einen Augenblick zusammen. Und ich sagte dem Mädchen ganz undiplomatisch: ›Mein liebes Fräulein, wir müssen uns trennen.‹ Die Wirkung hättest du sehen sollen. Sie war wie vom Donner gerührt. Dann schluchzte sie laut auf und ich war derart erregt, daß ich sie umarmte, um sie zu beruhigen, und auf einmal hatte ich sie geküßt, ohne daß ich es gewollt.« Lehmann war aufgesprungen und hatte sich eine neue Zigarette angezündet. Jetzt fuhr er fort: »Was dann weiter geschah, brauche ich dir wohl nicht zu sagen. Aber sie ist hochanständig: ich bot ihr an, ihren Monatsgehalt auch ferner an sie zu bezahlen. Sie lehnte es ab. Ich sprach ihr von einer hübschen kleinen Wohnung und führte sie in Versuchung wie der Böse, aber sie wies mich mit Entrüstung zurück. Sie sei ein anständiges Mädchen und sie wolle nichts als eine Stelle, so gut wie die, aus der meine dumme Frau sie vertrieben habe. Na, und da kam ich dann zu dir. Und du nahmst sie.« »Ah! Und das ist alles?« »O nein. Als sie sich von mir verabschiedete, da gab mir die Hexe einen Kuß, den ich in meinem ganzen Leben nicht vergesse. Und jeden Tag hatte ich Durst nach solchen Küssen. Kurz, es war geschehen um mich. Aber wer ist schuld an allem? Meine Frau!« »Du nimmst die Sache ein wenig leicht. Gib nur acht, daß dir da nicht etwas passiert, das du in deinem Leben nicht mehr überwindest.« »Meinst du im Ernste? Ja, sie hat den Teufel im Leib. Weil ich drei Tage nicht zum Rendezvous kam, teilte sie mir pneumatisch mit, sie werde sich erschießen. Ich bin gefangen! Gefangen! Die zu Hause droht mit der Donau, die andere mit dem Revolver. Es ist ein Jammer! Freund – willst du die Minna nicht doch behalten?« »Davon kann gar keine Rede sein. Das bin ich deiner Frau schuldig. Sei froh, daß ich mich nicht für verpflichtet halte, mehr zu tun.« »Theodor, du wirst schweigen?!« rief Lehmann gerührt. »Ich danke dir . . . Na, und jetzt heißt es bei einem anderen Freunde eine Stelle für Minna suchen. Wenn sie nur lieber ihren Monatsgehalt von mir nehmen würde. Oder die hübsche kleine Wohnung, von der ich den zweiten Schlüssel hätte. Aber nein, das tut sie nicht. Der Teufel soll alle anständigen Frauenzimmer holen. Das sind die Gefährlichsten!« Damit lief er davon. Und so ist mir der kleine Revolver geblieben. Denn das Fräulein Minna hat mir noch immer nicht ihre Eltern geschickt, ihn zu holen. Aber ich bin jeden Tag gefaßt darauf, daß sie selber ihn wieder einmal benötigt. Eine Romanheldin Kürzlich begegnete ich in der Inneren Stadt einer Dame, die mir auffiel durch ihre Beweglichkeit, den koketten Wurf ihres Kopfes und ihre ein klein wenig aus der Mode fallende Eleganz. Die spiegelblanken Lackstiefletten hatten ein bißchen zu hohe Absätze, der raschelnde schwarze Seidenrock war vielleicht ein wenig zu kurz, die Ärmel der Jacke hatten nicht den neuesten Schnitt und der Hut, der auf dem braungelockten Kopfe saß, schien mir zu klein zu sein. Und vor allem: ihre Wespentaille, die war doch ganz aus der Mode. Die Dame trug einen dichten Schleier vor dem Gesicht und ich konnte ihre Züge nicht sehen, aber alles an ihrer Gestalt mutete mich so bekannt an, namentlich die Taille. Der mußte ich vor langer Zeit einmal begegnet sein. Aber das konnte doch wieder nicht sein. Denn die Dame, die da vor mir hintänzelte, schien sehr jugendlich zu sein. Jene Taille aber, die ich meine, mußte heute mindestens ihre fünfundvierzig Jahre angesetzt haben. Ich wollte mir Gewißheit verschaffen und ging der Unbekannten vor. Bei einem Schaufenster blieb ich ein wenig stehen, wendete mich und fixierte sie. Ganz unmerklich zuckte es unter dem dichten Schleier und auch mir gab es einen Ruck. Schon hatte ich ihren Namen auf den Lippen, aber ich beherrschte mich. Und sie tänzelte noch zierlicher dahin, sie schwebte wie auf einer Walzermelodie von dannen. »Sapperment, die hat sich gut erhalten«, würde ich sicherlich in meinen Bart gemurmelt haben, wenn die Monologe heutzutage auf dem großen Welttheater noch gestattet wären. So aber schwieg ich und ging gedankenvoll meines Weges. Unter den Mädchen und Frauen, die einem jungen Manne, der ein paar Jahre in Gesellschaft geht, begegnen, gibt es so hundertfältig differenzierte Spielarten, daß es sehr schwer hält, das Typische in ihnen zu erkennen. Selten trifft man eine, die sich gibt, wie sie ist. Jede spielt bis zu einem gewissen Grade Komödie, mimt eine Rolle. Und es ist nicht immer eine selbst gewählte. Oft üben die besonderen Umstände einen Zwang aus, nicht selten steht die Mama oder die Erzieherin als dirigierender Regisseur hinter dem Mädchen, das uns gefallen will, noch öfter ist es die Mode des Tages, die die Persönlichkeiten verwischt und uns die Erkenntnis ihres Wesens erschwert. Von jedem, der dir durch das Leben schritt, Bleibt eine Spur an deiner Seele hangen, So bringst du am Gewand ein Stäubchen mit Von jedem Weg, den du gegangen. Dieses schöne Wort eines Unbekannten gilt aber doch von allen. Irgendein Schimmer bleibt von jeder Begegnung mit einem weiblichen Wesen in uns zurück, wenn wir auch nie bis zu der Erkenntnis vorgedrungen sind, ob der Glanz echt war oder erborgt. Zu den Mädchenbegegnungen, die mir ein ungelöstes Rätsel aufgegeben haben, muß ich auch Marietta zählen, die ich kürzlich wiedersah. Sie war mir mehr als eine Begegnung, sie wurde mir beinahe zu einem Roman, und ich weiß doch nicht, wer sie ist. Daß sie die einzige Tochter einer wohlhabenden Witwe gewesen und wie sie hieß, das blieb mir natürlich kein Geheimnis, aber welch eine Art Mensch in ihr lebte, das konnte ich nicht ergründen. Es war in Pörtschach am See. Der Badeort war damals noch kaum entdeckt und man konnte dort einsam und weltabgeschieden leben. Noch durchfurchten keine Segelboote den Wörthersee, kein »Hipp, hipp, hurra!« ertönte an seinen Ufern, und man zahlte monatlich bloß fünf Gulden für die Miete eines zweiruderigen kleinen Kahnes zu persönlichem Gebrauche. Und zwei Gäste konnte man in einem dieser hellgelb gestrichenen Boote immerhin mitnehmen, wenn man zu einer Jause nach Maria-Wörth hinüber oder gar nach Velden hinaus rudern wollte. Den geringen Fremdenverkehr auf dem See hielt damals ein kleiner alter Dampfer, die »Carinthia«, aufrecht. Und auf dem Schiffe gab es ein hübsches, schwarzbraunes Wiener Mädel, die Tochter der Eigentümerin des Dampfers, das den ganzen Sommer als Kassierin und Kontrollorin zwischen Klagenfurt und Velden hin- und herfuhr und mit allen Passagieren plauschte. Begegnete man diesem alten Schnellsieder auf hoher See und war des Ruderns müde, rief man ihn an, stieg aus und ließ sein Boot mitschleppen. O, es war damals noch sehr gemütlich am Wörthersee. Jeden Samstag abends fand sich die kleine Gemeinde der Pörtschacher Sommerfrischler in dem im Entstehen begriffenen Etablissement Wahliß zu einem Kränzchen zusammen, und ich ging ganz gern hin. Es war gute, bürgerliche Gesellschaft, die man dort traf, angesehene Familien aus Wien, und sehr viel Jugend. Auch ein paar Schriftsteller und Künstler kamen an solchen Abenden aus ihren Schlupfwinkeln rings um den See hervor. Julius Rosen, der halbvergessene Lustspieldichter, hatte dort eine Villa, die Bianchi war auf einem Schlosse zu Gast und sie sang einmal bei uns, der alte Geiger Miska Hauser und andere, jüngere musikalische Größen verbrachten ein paar Urlaubswochen am Wörthersee, wo damals noch nicht der große Heuschreckenschwarm von Budapester Sommerfrischlern alljährlich einfiel. Der Tanz war schon in vollem Gange. Ich aber saß in einer gemütlichen Ecke bei ein paar Genossen. Wir machten uns nichts aus dem Tanze und stritten gerade über den neuesten Moderoman von Georg Ebers. Da kam der liebenswürdige Badearzt, der Typus eines hübschen, eleganten Frauenarztes, auf unseren Tisch zugeeilt und bat mich dringend, die Qnadrille mitzutanzen, die er soeben auf dem Klavier anschlagen ließ. Und da ich zögerte, flüsterte er mir zu, eine junge Dame habe ausdrücklich den Wunsch geäußert, mich kennenzulernen. Aha! dachte ich, das ist seine Leimrute. Aber der Gimpel flog doch darauf. Ich wurde einem sehr stattlichen, fast frauenhaft molligen Fräulein vorgestellt. Das Mädchen hatte helle, große, braune Augen und schönes Haar, eine weiche, sonore Stimme, der man augenblicklich anhörte, daß sie musikalisch gepflegt war. Wir sprachen uns leicht und tanzten die Quadrille mit jener Unachtsamkeit, die schon damals für schick galt. Und so oft meine Tänzerin hinüberschwebte zu den anderen Paaren, bewunderte ich ihre entzückende Taille. Unter ihrer üppigen Büste hätte man so etwas von einer Taille gar nicht vermutet. Ich konnte sie sicherlich mit meinen beiden Händen umspannen. Das Gesicht meiner Tänzerin war rosig angehaucht und ihr leicht geöffneter Mund, der immer lächelte, zeigte eine Reihe schöner, kräftiger Zähne, von denen nur ein einziger das Goldauge einer Plombe aufwies. Nach der Quadrille promenierten wir. Und meine Schöne – das kann ich ihr heute noch nicht vergeben – machte mir den Hof. Sie habe mich oft am Ufer sitzen gesehen und schwärmen. Sie beobachte mich, wenn ich manchmal stundenlang einsam auf dem See herumtreibe in meinem Boot. Auch daß es auf der »Carinthia« einen Anziehungspunkt für mich geben müsse, besprach sie mit einem schalkhaften Lächeln. Und das und jenes hatte sie von meinen ersten schriftstellerischen Arbeiten gelesen. Daß sie mich kennengelernt habe, sei doch reizend. So etwas wie eine Dichterbekanntschaft habe sie sich schon lange gewünscht. Auf diese Art bestrich sie mich mit Lob und Artigkeiten wie mit Honig und ich blieb richtig an ihrer Seite kleben. Als wir den zweiten Walzer miteinander getanzt hatten und wieder promenierten, blieb sie plötzlich stehen, zog ihren Arm ein wenig aus dem meinen, sah mir voll ins Gesicht und fragte: »Lieben Sie mich?« Ich war im Augenblick sprachlos. Dann antwortete ich lächelnd: »Was würden Sie von mir denken, wenn ich Ja sagte?« »Was sollte ich denken,« erwiderte sie und setzte die Promenade mit mir wieder fort, »gibt es denn nicht eine Liebe auf den ersten Blick?« »Ja, das mag wohl sein«, sagte ich ausweichend, aber ich könne im Moment doch keine rechte Antwort auf ihre Frage geben. »Warum nicht? Ich habe mir die Künstler nicht so zaghaft gedacht. Verdrehen Sie mir doch den Kopf. Bitte, bitte. Ich möchte mich einmal so recht närrisch verlieben.« Ich lachte herzlich. Aber das nahm sie übel, sie schmollte. Und das Gespräch kam nicht mehr los von dieser Klippe. Sie schilderte sich selbst und ihre Tugenden, ihre Neigungen; auch ihre materielle Unabhängigkeit und die Freiheit ihrer Herzenswahl betonte sie. Und im Vorbeigehen stellte sie mich flüchtig ihrer dicken Mama vor, die einen südslawischen, dalmatinischen Typus hatte und mit einem italienischen Akzent redete. »Unter'alten Sie meine Marietta nur reckt gut, 'err Doktor«, sagte sie und wir gingen weiter, unsere Arme innig aneinander schmiegend. Das Mädel machte mir heiß. Meine Eitelkeit fühlte sich mächtig geschmeichelt durch die Art und Weise, wie ich da ausgezeichnet wurde, und ehe zwei Stunden vergangen waren, glaubte ich die Frage Mariettas, ob ich sie liebe, mit Ja beantworten zu können. Ich sagte es nicht, aber sie fühlte, daß ihr Sturm auf mein eitles junges Herz gelungen war, daß es ihr zu Füßen lag. Nach Mitternacht brachen die Mütter auf und ich geleitete Marietta Arm in Arm nach Hause. Die Mutter mit einigen Freundinnen ließ Marietta schlauerweise vorangehen und wir beide zögerten hinterdrein. Schwärmend, kosend, seufzend, aufgewühlt in allen Nervensträngen. Aber es kam zu keinem Kuß. Nein, nein, das wollte die Marietta nicht. Aber wiedersehen wollte sie mich schon am nächsten Morgen. Nach dem Kirchgange würde sie mit ihrer Mutter im Park am See spazierengehen und da solle ich ihnen zufällig begegnen. Mein Rückweg führte mich wieder in das Etablissement Wahliß, wo ich meinen Tisch noch besetzt fand. Der Doktor mitten unter den Herren bei der Exkneipe. Er lächelte sehr ironisch, als er mich sah, und die Freunde trieben ihren Spaß mit mir, sie bezeichneten mich für diesen Sommer als einen Verlorenen. Das Mädel sei verteufelt hübsch. Aber kokett. Sie klappere ein bißchen viel mit ihren schönen Augen. Und so jung, als sie sich gebe, sei sie auch nicht mehr. Sie müsse schon Erfahrungen haben. So lauteten die neidischen Urteile der Männer in dieser Ecke über Marietta. Der Badearzt aber nahm sie in Schutz. Sie sei ein sehr feines, sehr gebildetes, aber auch sehr selbständiges Mädchen; sie besitze eine wunderschöne Altstimme, und wenn sie es nötig hätte, wäre sie wahrscheinlich schon längst bei der Bühne. Aber sie sei sehr wohlhabend und sie habe sich als einzige Tochter ihrer Mutter selbst erzogen. Ihr Vater, der als Offizier in Dalmatien stationiert war und dort heiratete, sei als junger Major in Bosnien gefallen. Seine Witwe sei eine Contessa gewesen. Daß die beiden Damen im Winter in Wien, im Frühling in Istrien und im Hochsommer gewöhnlich in Pörtschach lebten, wußte der Doktor genau. Und er würde sie sehr ungern hier vermissen, sagte er, denn die Tochter putzte die ganze Gesellschaft auf. Das alles hörte ich schweigend an und dachte an den nächsten Morgen. Und an manches, was diesem Abend folgen würde, dachte ich. Aber als ich heimkam, lag auf meinem Nachtkästchen ein Telegramm, das mich nach Wien berief und meinem Urlaub ein Ende machte. Ich konnte meinen Aufenthalt bestenfalls noch um zwei Tage verlängern, dann aber war alles vorbei. Nun, diese zwei Tage wollte ich nützen. Marietta hatte sich pünktlich im Park eingefunden. Sie ging voran, ihre Mutter und deren Schwester, der ich jetzt vorgestellt wurde, folgten. Ich dachte, wir würden uns wieder hinter die Gardedamen begeben, wie in der verflossenen Nacht. Aber Marietta war sehr steif und wahrte auf der Promenade die Form. Ihre schönen Augen waren überall und unser Gespräch kam nicht recht in Fluß. Erst als ich ihr sagte, daß ich am nächsten Tag abreisen müsse, schlug sie einen anderen Ton an und wurde wärmer. Ob das sein müsse und ob ich denn gar nicht mehr kommen könne während des ganzen Sommers? Schwerlich. »Aber Sie schreiben mir doch recht viele und schöne Briefe?« Wenn sie das erlaube, wolle ich es gewiß tun. Aber wir könnten doch nicht so von einander gehen. Wir müßten uns doch ein einziges Mal allein sprechen. Ganz allein sagte ich leise. Sie sah mich seltsam an. Halb fragend, halb drohend. Dann zeigte sie mir in der Ferne eine Landspitze, die vom Ufer in den See hineinragte. »Das ist unser Garten«, sagte sie. »Wenn Sie heute abends gegen zehn Uhr dort hinrudern, können wir uns noch einmal sprechen . . . Aber leise, leise.« Ihre Augen fackelten wieder nach allen Seiten, und es schien mir, als wolle sie jeden, der ihr begegnete, in Brand stecken. Schon regte sich eine bedenkliche Eifersucht in mir, ich fühlte mich als den Herrn der Situation und gedachte Marietta diese Koketterie künftig abzugewöhnen. Als wir uns, bei der Villa angelangt, förmlich verabschiedeten, glitt der Blick Mariettas verheißend gegen den See hin und ich prüfte die Landungsverhältnisse . . . Dieser Sonntag war der längste meines ganzen Lebens. Ich ging umher wie ein Schlafwandler, und so oft ich auch erwachte, es wollte nicht Abend werden. Das Abenteuer, das mich erwartete, lag mir wie ein Gewitter in den Gliedern. Ein nächtliches Rendezvous, zu dem mich eine halbstündige Seefahrt bringen sollte . . . Eine ferne, jetzt im Sonnenglanz flimmernde kleine Bucht, in die ich mit leisen Ruderschlägen einzudringen geladen war . . . Und die Schönste von allen, die in diesem lieblichen Tale lebten, erwartete mich dort voll Sehnsucht. Das Herz schlug mir bis zum Halse herauf, so oft ich daran dachte. Schon um acht Uhr saß ich in meinem Boot. Die Sonne lag noch auf dem Wasser, als ich ausfuhr, und der See wimmelte noch von Sonntagsgästen aus Klagenfurt und all den Sommerfrischen ringsum. Der Tag war heiß gewesen und jetzt suchte alles Kühlung auf dem Wasser. Ich zog die Ruder ein und ließ mein Boot treiben. Die »Carinthia« machte gerade ihre letzte Fahrt von Velden herab; das Schiff war überfüllt und mitten in der Menge saß ein Quartett und sang Kärntner-Lieder. Es klang gar traurig und doch so lieblich und weich, das »Verlassen, verlassen bin ich«. Die schöne Anna, das schwarzbraune Wiener Mädel, winkte mir mit einer ablehnenden Gebärde zu. Es sei heute kein Platz mehr für mich, wollte sie andeuten. Daß ich da draußen heute auf anderes Wild birschte, ahnte sie nicht. Noch lange hörte ich den Gesang von der »Carinthia«, die in der Dämmerung verschwand, als ob sie in den See hinabgetaucht wäre. Die Seefläche hatte sich endlich völlig geleert und mein Boot schaukelte allein auf dem leise bewegten Wasser, das glucksend an das Schifflein schlug. Durch die Bäume und Büsche am fernen Ufer blinkten die Lichter des spärlich beleuchteten Dorfes, es war dunkel geworden und ich legte die Ruder aus. Meine Stunde nahte und ich glitt unhörbar dahin. Nur bei der Einfahrt in die kleine Bucht, wo ich durch einen Schilfkranz hindurch mußte, raschelte es ein wenig lauter. Endlich war ich gelandet und stand vor dem Gitterzaun. Ein Türchen sah ich nicht, denn es war ganz finster. Da hörte ich ein Wegbiegen von Zweigen und Blättern hinter dem Zaun und eine leise Stimme begann zu flüstern: »Herrlich, herrlich sind Sie daher gekommen. Wie Lohengrin zu Elsa.« Sie streckte ihre Hand durch das Gitter und streichelte mir die Wangen. »Das ist reizend, daß Sie gekommen sind, wirklich reizend.« Ich küßte ihre Hand zärtlich und fragte, wo denn der Eingang wäre. »Eingang? Wie – Sie haben geglaubt, daß ich Sie da herein lasse?« »Ganz gewiß«, sagte ich. »Und wenn es keine Tür gibt, werde ich hinübersteigen.« »Nicht unterstehen!« flüsterte sie scharf. »Wir können auch so ganz gut miteinander sprechen. Ich bin ein anständiges Mädchen. Muß ich Ihnen das erst sagen?« Meine Hoffnungen begannen zu versinken. Ich erinnerte sie noch einmal an meinen bevorstehenden Abschied. Wir würden uns vielleicht nie wiedersehen, es sei möglicherweise eine letzte Begegnung und ich liebe sie wahnsinnig, sagte ich ihr durch einen Spalt des Gitterzaunes. Ich möchte sie nur einmal umarmen und sie küssen, ehe ich gehe. Ich hörte ihren Atem, aber sie schwieg. Ich griff durch einen Spalt im Zaun und preßte sie mit der Hand an das Brett, daß es knackte. Ich tastete im Dunkeln und nestelte ihren Schlafrock auf, meine Rechte lag auf ihrem Busen und sie litt es. »Ach, wie schön ist das,« seufzte sie, »wie himmlisch schön!« und legte ihr Ohr an den Spalt, daß ich es küssen konnte. Schön? Das konnte ich durchaus nicht finden, ich wurde wütend. Zu jeder Tollheit aufgelegt, wollte ich den Zaun ersteigen, als im Innern des Hauses plötzlich der Ruf ertönte: »Marietta!« »Marietta!« Es war die Stimme der Mama. Und meine Nachbarin hinter dem Zaune antwortete zu meiner Überraschung mit dem Walkürenruf: »Hojotoho!« Der herrliche Klang dieser Stimme zitterte weithin über den See und weckte ein fernes Echo. Aber auch mich weckte es vollends. »Jetzt muß ich gehen«, zischelte sie leise durch den Spalt. »Sie haben eine wundervolle Stimme«, sagte ich. »Sie werden eine berühmte Sängerin werden.« »Darüber reden wir morgen«, sagte sie. »Ach, wie Sie glühen, Sie Ungestümer . . . Reißen Sie den Zaun nicht ein!« »Morgen Mittag«, gurgelte ich in brünstiger Aufregung, »reise ich ab und ich werde Sie ewig hassen.« »Liebster, vorher sprechen wir uns noch allein«, flüsterte sie. »Ganz ungestört.« »Wo? Wo?« »Im Wasser.« »Im Wasser?« »Ich bin die beste Schwimmerin hier am See. Um elf Uhr werde ich drüben sein auf Ihrer Insel«, flüsterte Marietta. »Gute Nacht.« Die Zweige des Gebüsches knackten und sie war fort. Noch ein, zweimal schmetterte sie ihren Hojotoho-Ruf aus der »Walküre« in die dunkle Nacht hinaus und dann war es ganz still. Zerknirscht ruderte ich heim. Und ich blickte an diesem Abend in keinen Spiegel mehr. Die beiden, oft feindlichen Gegenpole des Pörtschacher »Badelebens« waren immer die zwei Schwimmschulen von Wahliß und Werzer. Ich wohnte bei Wahliß und gehörte zur Südpartei, im unteren Teile des Ortes; Marietta zählte zur Nordpartei, sie hauste weit droben. Die Insel im See aber gehörte zu uns, die wir auf der großen Landzunge bei Wahliß oder dessen Nähe wohnten. Und dahin wollte Marietta schwimmen, um noch einmal mit mir allein zu sein? Die Sache an sich war ja nicht so seltsam, ein Rendezvous im Wasser etwas Alltägliches. In den beiden Badeanstalten gab es allerdings der Form halber getrennte Bassins für Damen und Herren. Aber von jedem dieser Bassins, die nach dem See hin offen waren, führte eine Treppe hinaus ins große Wasser. Wer dort hinausschwamm, war frei von der Konvention; dort mischten sich Herren und Damen in bunter Reihe und es wurde von niemandem Anstoß daran genommen. Die Damen in koketten Badekostümen und wasserdichten Häubchen aus Wachsleinen in allen Farben und Formen, die Herren unter großen Strohhüten. Man plätscherte lustig im See herum und plauderte wie auf einer Soiree. Nur ein bißchen lauter. Ehepaare, Brautpaare, die sich an der Pforte der Badeanstalt trennen mußten, vereinigten sich außerhalb derselben wieder zu fröhlichem Plausch. Und die Damen waren viel weniger dekolletiert als auf einem Hofball. Wer nicht ausdauernd schwimmen konnte, nahm sich zwei Binsenbüschel mit und legte sich darauf. Die trugen ihn sicher, wenn er müde war. Bis zur Insel aber, die gegen Maria-Wörth hin liegt, verirrte sich nie jemand. Sie war nicht zu weit, denn das Wasser hatte durchschnittlich zwanzig Grad und die Dauer eines Bades war unbegrenzt. Aber der Zugang zu der Insel erschien unwirtlich, er war von hohem Schilf bestanden. Und da wollte Marietta durch, sie wollte sich ihre schönen Arme und Beine zerschneiden oder doch zerkratzen für ein kleines Rendezvous? Grollend, beinahe fluchend war ich abends zu Bett gegangen, aber um acht Uhr früh war ich schon im Wasser. Die Luft war noch kühl und wenn man nach den schneeigen Gipfeln der Karawanken sah, hatte man das Gefühl, als ob man in ein warmes Wannenbad gestiegen wäre, während draußen der Schnee auf den Dächern liegt. Der See war heute unleidlich warm und ich stieg nach einer Stunde doch wieder heraus. Daß auch ich zur Insel schwimmen sollte, hatte Marietta ja nicht verlangt. Vielleicht war es ihr sogar recht, wenn ich mit meinem Boot dort war. Das konnte der Ermüdeten Schutz bieten. Meine Phantasie begann schon wieder ihre geschäftige Tätigkeit und ich erwartete goldene Berge von diesem Rendezvous im Wasser. Ich mußte mich immer wieder selbst ernüchtern. Was konnte mir noch blühen? Meine Koffer waren gepackt. Der Zug ging um eins. Um elf sollte die Zusammenkunft da drüben sein. Ich frühstückte für alle Fälle kräftig, damit ich das Mittagessen entbehren konnte vor der Abfahrt. Und dann fuhr ich hinaus auf die sonnige Fläche des Seespiegels. In der Ferne tauchte alsbald ein roter Punkt auf, der sich auf der Wasserfläche fortbewegte und näher kam. Ich ruderte klopfenden Herzens gegen das Schilf an, der Insel zu. Es gab Stellen, wo das Schilf sehr schütter stand, und ich hieb es mit den Rudern um. Alles für Marietta. Endlich landete ich und band mein Boot an einen Ast. Ein paar Seemöven und ein Reiher flogen auf. Der Boden war dort und da sumpfig und ich suchte ein festes, trockenes Plätzchen. »Hojotoho! Hojotoho!« Sie war schon da. »Marietta!« rief ich und stürzte an das Ufer. Sie lag wie ein Meerweib halb im Wasser, halb auf dem Sande und winkte mir zu. Ich konnte aber nicht hin. Nur mit Röhrenstiefeln wäre das möglich gewesen. Und ich bat sie, ans Land zu kommen. Sie aber fand, daß es im Wasser viel besser wäre und zeigte mir die Zähne. Ihr rotes Badekostüm kleidete sie himmlisch und sie blickte mich sieghaft lächelnd an. Etwas ironisch, kam mir vor. Sie konnte mich hinschicken, wo sie wollte, ich war dort. Und wieder hatte sie eine Schranke zwischen uns aufgerichtet. Sie ließ sich auf jedes Abenteuer ein – aber aus Distanz. Wir plauderten. Und wieder fand sie dieses Zusammentreffen reizend, ja einzig. Sie war entzückt von sich selbst und ihrem Vorschlage und beklagte es aufrichtig, daß ich schon reisen müsse. Was hätte man in diesem Sommer nicht noch alles unternehmen können! »Ach ja,« seufzte ich, »so hübsch gemeinsam, wie gestern und heute.« Sie lachte wie ein Schalk. Im Winter würde sie sich für alles revanchieren, sagte sie. Auf zwanzig Kränzchen und Bällen könne ich sie umarmen genug. Sie sichere mir schon heute sämtliche Walzer zu. Ich solle ihr einstweilen nur recht oft schreiben. Ihr Stubenmädchen heiße Lisbeth Würzl. »Ist sie hübsch?« fragte ich verwundert. – »Beinahe so hübsch wie die Anna auf der ›Carinthia‹, neckte sie. »Schreiben Sie nur an Lisbeth und machen Sie außen ein Zeichen auf den Umschlag. Ein ›F‹ genügt. Das ›F‹ heißt ›Fräulein‹ und ich bekomme den Brief. Direkt an mich keine Zeile! Nur an Lisbeth Würzl.« Das betonte sie dreimal, und ich versprach, mir den Namen zu merken. Auf dem Rückwege von der Insel, die sie mit keinem Fuße betrat, durfte ich sie begleiten. Ich ruderte und sie schwamm nebenher. Sie suchte hinter meinem Boote Deckung gegen die Neugierigen von der Südpartei. Es schien ihr, als hätte man sie gesehen. Wenn ich sie bis auf den halben Weg mit dem Boote decke, käme Sie unbemerkt in das obere Gebiet. Und so geschah es. Sie schwamm wie ein Hecht. Ich hatte Mühe, mich neben ihr mit dem Boote zu behaupten. Als wir an dem feindlichen Gebiete vorbei waren, reichte sie mir zum Abschied plötzlich eine Hand aus dem Wasser und ich hielt sie fest. Ich wurde sentimental, legte mich flach in mein Boot und bat um einen Abschiedskuß. »Das ist reizend!« sagte sie. »Für diesen originellen Einfall verdienen sie wirklich einen Kuß.« Und sie küßte mich wie eine Teufelin. Aber es war nur ein Moment, und ehe ich zur Besinnung kam, war sie lachend fortgeschwommen, wie eine Meerjungfrau. Ihr heißer Atem hatte mir im letzten Augenblicke wie eine Flamme ins Gesicht geschlagen. Und gänzlich behext verließ ich eine halbe Stunde später Pörtschach. Meine Briefe an Lisbeth Würzl begannen schon unterwegs. Und sie überstürzten sich in den nächsten Tagen und Wochen. Aber es kam kein Echo. Ich konnte es mir nicht erklären und knüpfte mit Freunden in Pörtschach einen Briefwechsel an, um auf Umwegen zu erfahren, was es Neues am Wörthersee gebe. Eigentlich war ich tief unglücklich, aber ich ließ es mir nicht anmerken. Und so erfuhr ich allen erdenklichen Klatsch, auch über Marietta. Wenn nur der hundertste Teil davon wahr gewesen, dann war ich bloß eine von den zahllosen Schachfiguren, mit denen sie spielte. Ich stellte meine Briefe ein. Und jetzt kam einer von ihr. Voll süßer Romanphrasen und faustdicken Lügen. Ihre Mutter sei schwer krank gewesen, sie sei seit jenen unvergeßlichen Tagen noch nicht aus der Krankenstube gekommen. Ein für sie verlorener, trostloser Sommer. Sie sehne sich so sehr nach mir und ich möge ihr meine »große, männliche Liebe in Treue bewahren«. Da ich genau vom Gegenteil ihrer Lebensführung unterrichtet war, überwand ich mich und gab keine Zeile mehr von mir. Vorbei! – Und jetzt, nach so vielen Jahren, hatte ich sie wiedergesehen. Mit gestutzten, gelockten Haaren, ganz so kokett und so geschmeidig wie einst, doch alles an ihr verriet die alte Jungfer. Wie viele Romane mochte sie mit Männern angezettelt und doch nicht erlebt haben? Ihr Drang nach Abenteuern war groß, doch es fehlte ihr der Mut, ein Abenteuer auszuschlürfen. Aber wer weiß, ob sie nicht glücklich ist? Wenn die Erinnerung der Nachsommer der menschlichen Freuden ist, dann wird dieser freundliche Nachsommer bei ihr ewig währen. Denn an schönen Erinnerungen kann es ihr nicht fehlen. Die Fremde Schlaftrunken verließ ich in Linz nach Mitternacht das Coupé des Eilzuges. Ein freundlicher Reisegenosse, der schon lange danach gestrebt hatte, sich recht breit zu machen, warf mir rasch mein Handgepäck nach und ein gefälliger Packträger geleitete mich in strömendem Regen bis zu einem Hotelomnibus vor der Bahnhofhalle. Im Inneren des Wagens saß bereits ein Gast; ich war aber so verdrießlich, daß ich ihn keines Blickes würdigte. Wir saßen eine gute Weile neben einander, der Eilzug war längst in St. Valentin, unser Hotelwagen jedoch blieb hartnäckig stehen. Endlich begehrte ich auf. Weder ein Kutscher noch ein Kondukteur war zu erblicken, und es dauerte lange, bis mich der erstere hörte. »Wir müssen auf den nächsten Zug warten!« hieß es ziemlich barsch. Und wir warteten in dem Omnibus, auf dessen Blechdach der Regen klatschte und durch dessen zersprungene Fensterscheiben ein feiner eisiger Wind blies, auf den nächsten Zug. Da mein Genosse, trotzdem er ein Frauenzimmer war, mit seinem Los zufrieden schien, wollte auch ich es sein. Der nächste Zug brachte niemanden und wir fuhren endlich nach der Stadt. »In welchen Gasthof?« fragte ich. » Hôtel l'Archiduc Charles «, erhielt ich zur Antwort. Was der Tausend! dachte ich. In einer deutschen Stadt Österreichs heißt man einen Gasthof nach einem österreichischen Erzherzog, der für »Deutschlands Ehre« focht (wie auf seinem Denkmal zu lesen) zum » Archiduc Charles «. Als der Wagen vor dem Hotel hielt, ließ ich meiner tief verschleierten Nachbarin, deren runde, schwellende Formen mindestens auf Jugend, wenn auch nicht auf Schönheit schließen ließen, den Vortritt. Sie suchte sich ihr zahlreiches Schachtelgepäck und hüpfte hinaus. Der Kondukteur rasselte mit einem riesigen Schlüssel im Türschloß und öffnete dasselbe nach vieler Mühe. Wir traten in die dunkle Torhalle. Der Kondukteur schien der einzige Vertreter des Hotels » L'Archiduc Charles « zu sein und er machte jetzt Licht und ging vor uns her. »Ein Zimmer gefällig?« Zwei »Ja« antworteten ihm. Er geleitete uns und wir folgten ihm schweigend in den ersten Stock. Vor einer Tür blieb er stehen: »Bitte, ein Zimmer mit zwei Betten.« »Was fällt Ihnen ein?« sagte ich. »Wir gehören ja nicht zusammen!« rief mit heller Stimme die verschleierte Fremde. Ein Schmunzeln zog das von der Kerze grell beleuchtete Gesicht des Hausknechts – denn ein solcher war es – in die Breite und auch wir lachten. Der Mann wurde sehr ernst und sagte: »Sonst ist nichts frei.« »Gar nichts?« zirpte es hinter dem Schleier. Jetzt schlug sich der Hausknecht vor die Stirne: »Bitte, das sind ja zwei Zimmer nebeneinander.« Die Fremde war bei diesen Worten rasch in das Gemach getreten, doch blieb sie sogleich stehen, als unser Begleiter seinem Ausspruch den Nachsatz hinzufügte: »Aber diese Zimmer haben nur einen Eingang!« Mit einem plötzlichen Ruck wandte die Fremde den Kopf nach mir um und ich fühlte ihren prüfenden Blick auf mir ruhen. Ich glaubte den Schleier knistern zu hören unter dem Feuer dieser unbekannten Augen, doch war ich so müde und ruhebedürftig, daß ich ohne Umstände von dem ersten Zimmer Besitz ergriff. Mit einer Handbewegung, die durch einen Gähnanfall noch unterstützt wurde, bedeutete ich der Fremden, daß sie ohne weiteres über das zweite Zimmer verfügen möge. Sie zögerte, dann zuckte sie mit den Achseln und ging. Wir hatten kein Wort mit einander ausgetauscht. Der Hausknecht brannte mir eine Kerze an, folgte der Dame, tat bei ihr dasselbe und kam wieder zurück. Mit einem Geräusch, das ich höchst überflüssig fand, drehte meine Nachbarin den Schlüssel zweimal um. Zu ihrer Beruhigung rief ich dem Hausknecht laut nach, daß ich um 6 Uhr geweckt sein und mit dem Dampfschiff nach Wien fahren wolle. Daß ich mich dort verloben wolle, sagte ich nicht, obwohl es mir auf der Zunge lag. Er versprach mir, zu klopfen und verschwand. Als ich am Morgen erwachte, schien mir die Sonne hell ins Bett. Nebel stiegen vor dem Fenster empor und auf einem nahen Bergrücken sah ich in der Ferne ab und zu die von der Morgensonne strahlend beleuchtete Kirche blinken. Der Pfiff eines Dampfers gellte plötzlich scharf durch die Morgenluft, ich erhob mich rasch und trat an das Fenster. Der Unglücksmensch hatte mich zu wecken vergessen! Das Schiff wiegte sich jetzt in den Fluten der Donau und fuhr ab. Grollend suchte ich mein Lager wieder auf und wollte weiter schlafen. Um mit der Bahn nach Wien zu fahren, war ja noch lange Zeit . . . Ein heftiges Pochen an meiner Tür schreckte mich aus jenem ungesunden Halbschlaf auf, der oft die gute Wirkung einer ganzen Nacht beeinträchtigt, wie manchmal die Nachschrift eines Briefes, in dem wir »angepumpt« werden, den Eindruck des letzteren und sei er auch noch so freundlich, aufhebt. Der Dummkopf pocht mir lange gut, dachte ich, und kümmerte mich nicht weiter darum. Das Klopfen ließ nach und ich unterschied zwei Stimmen. Die Sprecher entfernten sich, doch sie kamen wieder und polterten abermals. »Was gibt's?« schrie ich. »Aufmachen! Bitte, aufmachen!« Ich ging zur Tür und schimpfte, daß man mich habe verschlafen lassen und jetzt, da das Schiff längst fort sei, einen solchen Lärm schlage. »Aufmachen!« erscholl es wieder, und zwar sehr aufgeregt. Auch war das nicht die Stimme des Hausknechts. Ich fragte »Wer ist's?« Ein Faustschlag gegen die Tür antwortete. Dann sprudelte es: »Fragen Sie nicht! Ich bin es, der Mann! Und ich hole die Polizei!« Das war mir doch zu bunt, ich glaubte in einem Irrenhaus zu sein. Ich ging und kleidete mich an, um den Störenfried würdig empfangen zu können. Als ich mich umwandte, sah ich ein angstvoll verzerrtes Frauengesicht an der Tür, die in das Nebenzimmer führte. Die Fremde hatte ich ganz vergessen! Jetzt leuchtete mir manches ein. »Um Gotteswillen, öffnen Sie nicht! Er wird uns nicht glauben! Ich bin verloren!« flüsterte sie. Das ging mir gerade noch ab, Heimlichkeiten mit einer unbekannten Frauensperson! Eine solche Lage an dem Tage, da ich mich verloben wollte! »Ich bedauere, meine Gnädige,« sagte ich ziemlich gereizt, »aber ich werde öffnen. Sie hätten auch in einem anderen Hotel absteigen können.« »Ich hätte euch auch dort gefunden!« rief es von draußen. Der Mann hatte gelauscht und falsch verstanden. Auch das noch! Mit raschen Schritten näherte ich mich der Tür und riegelte sie auf, während die Fremde mit einem Aufschrei in ihr Zimmer flüchtete. Der Mann, den ich da vor mir sah, erbarmte mir. Mit blutunterlaufenen Augen und Schaum an den Lippen stand er da, die Fäuste ballend, und doch mit scheuem Blick an mir vorbeisehend, ohne die Entschlußkraft, dem vermeintlichen Räuber seiner Ehre den Hals zu brechen. »Mein lieber Herr,« sagte ich, »Sie sind vollkommen im Irrtum.« »Oh, ich weiß!« stöhnte er und sank auf das Sopha. »Wo ist sie?!« schrie er dann auf. »Dort, wo sie die Nacht hindurch war, in ihrem Zimmer. Ich kenne Ihre Frau nicht, habe sie nie gesehen.« »Diese Komödie haben Sie mit dem Hausknecht gut gespielt. Mich belügen Sie nicht! Endlich hab' ich Sie ertappt!« Jetzt wurde ich grob. »Gehen Sie zu Ihrer Frau und fragen Sie dieselbe, ob sie mich je in ihrem Leben gesehen. Ich werde den Tropf herbeirufen, der uns hier einquartiert hat!« Nach diesen, mit der größten Entschiedenheit gesprochenen Worten, die nicht ohne Eindruck blieben, klingelte ich dem Hausknecht. Der Mensch war soeben wieder als »Kondukteur« zur Bahn gefahren! Die Frau nebenan aber rührte sich nicht. Wie sollte ich dem vor Wut Stöhnenden nun beweisen . . . »Es ist ein bloßer Zufall,« begann ich, »daß Sie mich noch hier finden.« »Oh, ich weiß!« rief er höhnisch. »Sie wollten sehr früh fort. Aber man hat Sie vergeblich geweckt und als der Hausknecht merkte, daß Sie taub seien, da wußte er auch, daß Sie ihm einen Auftrag gegeben, der nicht ernst gemeint war.« Der Mann war, während er dies sprach, aufgestanden und ging raschen Schrittes auf und nieder. Ich wurde durch seine Worte ziemlich verblüfft, fast verlegen. Er und der Hausknecht hatten sich das ganz gut zusammengereimt, und etwas dagegen zu sagen, mochte sehr wenig helfen. Mit dem Eifersüchtigen zu rechten, erschien mir überhaupt unmöglich. Was tun? Da kam mir ein rettender Gedanke. »Mein Herr,« sagte ich, »seien Sie mein Gast heute Abend in Wien. Ich soll mich noch heute verloben.« »Deshalb ist sie Ihnen nachgefahren, die Elende! Nicht nur mein Lebensglück zerstörte sie, auch das eines jungen Mädchens will sie untergraben!« Der Rasende schien keine Vernunft annehmen zu wollen und besaß eine große Geschicklichkeit, aus allem, was ich sagte, die Bestätigung dessen zu hören, was er nun einmal hören wollte. Aber seine Wut hatte sich von mir abgelenkt, er schmähte nur seine Frau. Das war schon etwas. »Zu ihrer Mutter wollte sie fahren! Die Lügnerin!« Dabei schlug er an die Tür des Nebenzimmers, daß sie dröhnte. Hinter derselben hörte man ein bitterliches, herzzerbrechendes Schluchzen. Ich stand ziemlich ratlos da. Ich war, ohne zu wissen wie, in einen ehelichen Zwist zwischen zwei mir völlig fremden Menschen verflochten und es zeigte sich gar kein Ausweg aus demselben. So oft ich auch einen neuen Versuch machte, den Mann von seinem Wahn zu heilen, es fruchtete nichts. Jeder Angriff meinerseits wurde zurückgeschlagen Endlich entschloß ich mich, den Mann toben zu lassen und mich zur Abreise vorzubereiten Er trat, während ich meinen Handkoffer in Ordnung brachte, an die Seitentür und rief: »Wirst du mich endlich hinein lassen?« Die arme Frau antwortete, von Schluchzen unterbrochen: »Ich will dich nie wieder sehen! . . . Meine Mutter holt mich um 9 Uhr ab . . . Geh' ihr nur aus den Augen . . . Jetzt ist alles aus . . . Solch ein Skandal.« »Du erwartest deine Mutter hier?« stotterte er und erblaßte. Dann schritt er auf mich zu: »Sie haben also kein Rendezvous mit meiner Frau gehabt. Und Sie lassen mich hier verzweifeln!« Jetzt schwoll mir der Kamm. Ich hieß ihn einen Narren, drohte ihm mit der Polizei, lud ihn gleichzeitig vor die Mündung meiner Pistole und bramarbasierte fürchterlich. Er war ganz gebrochen, doch wie es sich zeigte, hatte meine Donnerrede keinen Teil daran. Seine Schwiegermutter, erzählte er jetzt stockend, habe ihn nie mögen. Sie sei eine reiche Grundbesitzerin in der Nähe von Linz, er ein kleiner Eisenbahnbeamter in Steyr, nur die große Liebe seiner Frau habe diese Ehe nach jahrelangen Kämpfen möglich gemacht. Und jetzt sei er so unglücklich. Jeder Blick, den seine Frau für einen Andern habe, treffe ihn wie ein Dolchstoß. Und sie sei so gefallsüchtig. Er habe sie so schwer errungen und fürchte immer, sie zu verlieren. Sein Mißtrauen fresse ihm und ihr das Herz ab . . . »Werter Herr,« sagte ich, »Sie dauern mich. Ich bin erst im Begriffe, mich zu verloben und kann Ihnen daher noch keine guten Lehren geben, aber dieses Erlebnis, Ihr Unglück und dessen Ursachen werden für mich sehr lehrreich sein.« Während dieser Worte legte ich bereits meinen Überrock an und die Uhr schlug das letzte Viertel vor Neun. Der zerknirschte Ehemann schreckte empor. »Sie gehen? Sie reisen schon? Ach, das ist gut! Gehen Sie nur rasch!« rief er. »Meine Schwiegermutter darf Sie nicht mehr hier finden.« Dabei trat er wieder an die Tür: »Klara, liebe, süße Klara, mach' auf. Ich bereue mein Ungestüm tief. Laß die Mutter nichts merken. Ich will gehen, wenn du es wünschest, aber sei wieder gut. Gib mir die Hand zum Zeichen der Versöhnung.« Die Tür knarrte und im nächsten Augenblick lag sich das holde Ehepaar schluchzend in den Armen. Ich griff nach meinem Hute und wünschte den Herrschaften einen guten Morgen. Sie hörten es nicht. Ich fühlte, daß ich jetzt höchst überflüssig geworden, aber ich konnte doch nicht so unhöflich sein, ohne Abschied von dannen zu gehen. So wartete ich denn, bis die süßliche Zärtlichkeit der Wiederversöhnten sich genug getan hatte. »Gnädige Frau,« sagte ich dann, »gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle.« »Nein, nein!« rief sie, »tun Sie das nicht! Ich will nie erfahren, wer mir dieses Vergnügen bereitet hat, und Sie sollen niemals meinen Namen hören. Mein Mann würde es nicht ertragen, daß Sie ihn wissen.« Ich verbeugte mich und verließ das glückliche Ehepaar, dem ich ein so angenehmes Reiseabenteurer verdankte. Als ich die Geschichte abends in Wien erzählte, wurde mehr über sie gelacht als ich erwartet hatte, denn mir kam sie sehr ernsthaft vor. Allerlei Weihnachten Sie saßen am Silvesterabend einander gegenüber und blickten sich vergnügt in die Augen. Die Kinder waren längst schlafen gegangen, sie aber wollten das neue Jahr abwarten. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und sie knabberte an allerlei Süßigkeiten. In einer Ecke des großen Speisezimmers stand noch der Christbaum. Er war überreich behängt mit Zuckerwerk und Obst, mit funkelnden Gold- und Silberfäden, und die Kerzchen waren noch nicht ganz abgebrannt. Sie konnten sich beide nicht trennen von dem Baume, von dem so viel Seligkeit ausging für die Kinder, und er mochte nur stehen bleiben bis zum Dreikönigstag. Es war der siebente Christbaum, den sie sich in ihrer jungen Ehe gestiftet hatten, und von Jahr zu Jahr wurde das Fest schöner und herzlicher gefeiert, denn mit den Kindern mehrte sich auch die Freude im Hause und das Verständnis für den tief menschlichen Inhalt dieses Festes. »Wie schön es bei uns am Weihnachtsabend war, das kannst du mir doch eigentlich gar nicht nachfühlen!« sagte Herr Wallner und blies den Ranch gegen die Hängelampe empor. »Wieso?« entgegnete etwas spitzig seine rundliche Frau. »Zu Weihnachten ist es immer schön, und jedes Jahr glaube ich, so schön wie diesmal war es noch nie.« »Das ist es ja, du kennst den Unterschied nicht. Ihr Frauen erlebt so wenig. Ihr bleibt bei Muttern hinter dem warmen Ofen sitzen und habt es eigentlich immer gut. Aber der Mann . . .« »Ja der, der muß hinaus ins feindliche Leben!« parodierte sie. »Freilich muß er das. Ich war achtzehn Jahre vom Hause fort, als ich endlich dazu gelangte, mir selbst ein Heim zu gründen. Weißt du, was es heißt, achtzehn Jahre sozusagen außerhalb der Familie zu stehen?« »Achtzehn Jahre! Das ist eigentlich schrecklich.« »Fortwährend unter fremden Menschen. Ich begreife heute gar nicht, daß ich das ertragen habe . . . Die peinlichsten Zeiten waren mir immer der Weihnachtsabend und mein Geburtstag. Das sind Tage, wo ein Mann, der von Haus aus auch nur ein bißchen Familiensinn besitzt, alle Qualen der Vereinsamung empfindet. Kannst du dir einen Geburtstag denken, wo niemand deiner gedenkt, und einen Weihnachtsabend, an dem du allein deiner Wege gehst und nicht einmal die Freude anderer mitgenießen darfst?« »Denken kann ich mir das wohl, aber . . .« »Du kannst es nicht! An solchen Tagen hatte ich oft Selbstmordgedanken.« »Aber warst du denn nicht da und dort eingeladen an Weihnachtsabenden?« »Eigentlich nur ein einziges Mal. Aber an diesem Abend habe ich auf Gold gespeist.« »Auf Gold!?« »Jawohl . . . Ich war schon Jahre in Wien, aber ich lebte einsam wie Robinson auf seiner Insel. Ein Anschluß an Familien wollte sich nicht ergeben und ich beging meinen heiligen Abend stets in einem fremden Café hinter einer recht großen Zeitung, wo niemand mich erkannte. Einen einzigen verheirateten Freund hatte ich in der großen Stadt, einen Schauspieler. Er hatte eine fesche, liebenswürdige Frau und ein reizendes Mäderl, das mich Onkel Wallner nannte. Ich ging gern von Zeit zu Zeit hin, um mich auszuplaudern, und einmal machte ich ganz zufällig vor Weihnachten dort meinen Besuch. Da lud man mich für den heiligen Abend ein. Ich nahm ganz gerührt die Einladung an und versprach, pünktlich zu erscheinen. Recht früh sollte ich kommen, denn die Mizzi müsse ja doch um Zehn schon zu Bette, der Baum dürfte also etwa um acht Uhr angezündet werden. Und das sollte ich nicht versäumen, die Freude der Kleinen sei ja das Schönste an der Sache. Ich steckte mir alle Taschen voll Spielsachen für die Mizzi, versah mich mit einer eleganten Bonbonnière für die Mama und war um halb acht Uhr vor dem Haustor. Das war mir aber doch zu früh. So ging ich denn langsam auf und nieder in der Gasse, um noch eine Viertelstunde totzuschlagen. Ein eleganter Wagen sauste an mir vorbei und hielt vor dem Tor des Hauses, das auch ich betreten sollte. Eine Dame kroch aus einem Berg von Paketen und Schachteln hervor, befahl dem Kutscher zu warten und verschwand im Hause. Diese Gestalt, diesen schwebenden Gang und auch die Stimme kannte ich. Es konnte nur die Heroine des X-Theaters sein. Sollte die bei Freund E. eingeladen sein? Ich fand das kaum glaublich, denn er hatte keine erste Stellung als Schauspieler. Und alsbald trat auch ich in das Haus und stieg langsam die vier Treppen empor. Diese Frau näher kennen zu lernen, das wäre interessant, sagte ich mir, denn ich hatte noch nie mit einer berühmten Dame vom Theater gesprochen Auf der letzten Treppe kam mir ein lauter Schwarm von Menschen entgegen, und ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, wer es war. Mein Freund samt Frau und Kind und Schwägerin, sowie sein Kollege R., der für diesen Abend bei ihm zu Gast gebeten war wie ich, umringten die Tragödin, welche Mizzi höchsteigenhändig trug und das Kind mit Zärtlichkeiten überhäufte. Ich war etwas verblüfft über diese Auswanderung, aber ich wurde der Künstlerin rasch vorgestellt als ein Gast des Hauses E., und als solcher ward ich von ihr ebenfalls eingeladen und mitgenommen. Frau E. entschuldigte sich bei mir, indem sie mir den Vorfall erzählte. Das Fräulein sei plötzlich gekommen und habe behauptet, sie hätten ihr im Sommer in Gossensaß das Versprechen gegeben, den heurigen Weihnachtsabend bei ihr zu verbringen. Sie habe schon oft daran erinnern wollen, aber immer vergessen, es zu tun. ›Wir wissen zwar nichts davon, aber was läßt sich da machen? Sie hat die großartigsten Vorbereitungen getroffen und für Mizzi eine sprechende Puppe in Bereitschaft. Das Mäderl war nicht zu halten. Und all unsere Gäste, so viel wir auch haben sollten, hat sie eingeladen.‹ Was wollte da ich tun? . . . Ich ging mit. Freund E. fand die Sache genial, ich fand sie vagabundenhaft. Aber was lag daran? Es reizte mich immerhin, einmal der Gast einer gefeierten Theaterdame zu sein.« »Und wie war's?« »Großartig! Die Wohnung war das schönste Märchen, das ein Tapezierergehirn jemals ausgedacht, und an Gästen fehlte es nicht. Unter dem Christbaum lagen die kostbarsten Geschenke, Galanteriewaren mit dem Bildnis der Hausfrau wurden an uns alle verteilt, ihr selbst überreichte ein langbärtiger, alter Herr, den alle wie den Hausherrn respektierten, allerlei Schmuckgegenstände. Über dreißig Personen saßen wir dann bei Tische, Mizzi mit ihrer sprechenden Puppe zur Linken, der Spender der Schmuckgegenstände zur Rechten der Tragödin. Mein Freund E. hatte das nötige Kind für das Weihnachtsfest beigesteuert . . . Das Menü war endlos und das Dessert wurde auf Gold serviert – für mehr als dreißig Personen auf Gold! Ich sage dir, ich bekam an diesem Abend einen ungeheuren Respekt vor der Kunst. Im Wintergarten spielte ein unsichtbares Quartett süße Weisen und im Salon wurde nach Tisch getanzt. Auch ich tanzte einen Weihnachtswalzer mit der Kameliendame des Hauses.« »Du bist aber sehr undankbar für den interessanten Abend!« fiel da Frau Wallner ein. »Ich habe mich durch ein Bukett von Fossatti für den Abend abgefunden . . . Willst du, daß ich die anderen siebzehn Weihnachtsabende meiner Junggesellenzeit schildere, wo ich nicht eingeladen war?« »Nein, nein!« »Na, wir haben noch eine Stunde Zeit und man kommt nicht alle Tage zu solchen Gesprächen. Ich habe allerlei Weihnachten erlebt und so manchen guten Menschen gerade an diesen Abenden kennen gelernt. Sogar mich selbst. Und auch dich.« »Mich? Wieso?« »Ach, liebes Kind, an dem Tage, an dem ich zum erstenmale mit dir sprach, lernte ich dich ja nicht kennen.« »Es gibt also einen anderen Tag, an dem du mich kennen lerntest?« »Gewiß! Aber ich wollte dir ja nicht von mir und dir . . .« »Nein, Albert, alles andere interessiert mich jetzt nicht mehr. Sprich jetzt von dir oder von mir.« Sie klingelte und das Mädchen erschien. »Fünf Minuten vor Zwölf, Lina, den Punsch.« »Ja, gnädige Frau!« Die Lina warf einen raschen Blick auf die Zimmeruhr und verschwand. »Ich habe mich da verplaudert und du nimmst mich jetzt beim Wort . . . Na, wenn du mir versprichst, mich gar nicht zu unterbrechen . . .?« »Das verspreche ich dir.« Wallner war aufgestanden. Er ging einige Male im Zimmer auf und nieder, drehte sich eine frische Zigarette und brannte sie an. Dann begann er: »Es war einmal ein junges Ehepaar. Sie waren erst sechs Monate verheiratet und mußten sparen, denn beide hatten sich getäuscht über die Kosten eines eigenen Haushaltes und sie gaben anfänglich mehr Geld aus, als sie einnahmen. Er war als Ingenieur bei der Direktion einer großen Bahn angestellt, nachdem er sich lange genug in der Fremde herumgetrieben und den Barbaren in Halbasien Eisenbahnen gebaut hatte. Er fühlte sich unendlich wohl in seinem jungen Haushalt, aber er neigte ein klein wenig zur Philiströsität und zur Pedanterie. Er war eben zu lange Junggeselle gewesen. Sein Stolz waren seine praktische Lebensanschauungen und er suchte dieselben auch seiner geliebten jungen Frau beizubringen. Sein zweites Wort war »praktisch«. In allem und jedem wollte er diesen Standpunkt gewahrt wissen und als zum erstenmal die schöne Weihnachtszeit herannahte, da predigte er seiner Frau, die er ein wenig im Verdacht hatte, daß sie große Dinge plane, Tag für Tag, wie praktisch man auch im Schenken sein müsse. Es lohne sich, stets für den anderen zu denken und ihm gerade das zu geben, was ihm fehle, was er sich selbst anschaffen müßte. Die junge Frau, die sterblich in ihren Mann verliebt war – ja, ja, sterblich! – und die seine Aussprüche wie die Offenbarungen eines Orakels hinnahm, fühlte sich doch ein wenig unbehaglich gegenüber diesem Evangelium der Nüchternheit. Und er beobachtete sie beim Herannahen des Festes. Wie gerne hätte sie das oder jenes getan, aber die Frage: ob es nicht etwas noch Praktischeres gebe, lag ihr fortwährend auf der Seele. Und sie mußte ja sparen! Sie durchstöberte alles, was ihr Mann mit in die Wirtschaft gebracht: seine Garderobe, seine Bücher, sein Rauchzeug, seine Wäsche . . .« »Albert!« rief, plötzlich erglühend, Frau Wallner. »Was hast du mir versprochen, Ada? Wenn du mich noch einmal unterbrichst, höre ich auf. Also bitte! – Beim Anblick seiner Wäsche leuchtete es aus in ihren blauen Augen; jetzt wußte sie, was sie zu tun hatte . . . Er selbst ging nicht minder ratlos umher. Er hätte schon etwas gewußt für seine hübsche, kleine Frau, der das Korsett damals schon ein bißchen lästig war: einen großartigen Schlafrock oder dergleichen, aber das kostete zu viel. Also etwas anderes. Aber er hatte wenig Zeit, nachzudenken, und er verließ sich schließlich auf die Eingebungen des letzten Tages. Er wird schon etwas Praktisches finden. Als selbstverständlich galt es, daß man allein blieb, daß man den heiligen Abend in der Familie feiere. Als ob zwei Leute eine Familie wären! Und ein Christbaum wurde gekauft, so groß, als sollten Gaben für zwanzig Hausgenossen darunter gelegt werden. Das tat die Frau. Er fand das schon ein wenig unpraktisch, aber er wollte ihr doch keine Vorwürfe machen. Vor den Geschenken zitterte er freilich nach diesem Beginn. Am Aufputz des Christbaumes beteiligte er sich hervorragend. Ganze Berge von Zuckerwerk sollten aufgebunden werden, und als die junge Frau sah, wie er erschrak über die Menge und die Kosten, da sagte sie demütig: ›Schau, ich habe mir gedacht, unser erster Christbaum soll recht schön werden.‹ ›Ja, das ist schon recht,‹ entgegnete er, ›aber eßbare Dinge in solcher Menge auf den Baum zu hängen, verstauben lassen und dann wegwerfen, das ist doch unpraktisch. Ich wäre künftig mehr für anderen Flitter, den man aufheben kann für den nächstjährigen Baum.‹ Sie nahm sich das wahrscheinlich zu Herzen, denn sie schwieg. »Am Morgen des schönen Tages ging die junge Frau selbst den Fisch besorgen. Sie kaufte einen lebenden Karpfen und legte ihn daheim in frisches Wasser. Er schlug die tollsten Kapriolen und spritzte die ganze Küche an. Die Köchin war in Verzweiflung, die Frau ergötzte sich an dem munteren Tier, das endlich doch getötet werden sollte. Aber die Frau entsetzte sich davor und die Köchin nicht minder. Sie hat sich das stets vom Fischweib besorgen lassen. Man entschließt sich, auf die Heimkunft des Herrn zu warten. Er wollte Mittag auswärts essen, aber abends recht früh kommen. Die Frau hatte alle Hände voll zu tun, der lebende Fisch genierte sie sehr, und ein wenig unwohl war sie auch . . . . Endlich kam der Mann. Er trug eine bunte Menge von ›Packerln‹ und wollte rasch in sein Zimmer verschwinden, aber die Köchin stürzte ihm entgegen und sprudelte ihren Jammer nur so heraus. Er verstand sie nicht, denn wenn sie aufgeregt war, redete sie noch böhmischer als sonst. Die Frau kam und gestand ihm ihren unpraktischen Einfall. Er sollte den Fisch töten. Wie kam er dazu? In seinem Leben hatte er keinem Tier etwas getan! Und wie macht man denn das? ›Nu, schlagt m'r Fisch ans auf Kupp mit Hammer!‹ belehrte ihn die Köchin. Und er schickte die Frau weg, wickelte den Kopf des Karpfen in ein Handtuch und schlug mit einem Schlägel einmal kräftig zu. Dann zog er sich rasch aus der Küche zurück und die weichherzige Köchin begann nun ihres Amtes zu walten. Als diese Episode verwunden war, entzündeten Mann und Frau gemeinsam die Lichter des Christbaumes, dann mußte die Frau hinaus. Er wollte zuerst sie beschenken. Er wird ihr läuten, wenn sie kommen darf. Dann wird er gehen und sie wird ihm läuten. So spielen sie Weihnachten miteinander wie die Kinder. Er hat seine Herrlichkeiten enthüllt, sie lauscht im Nebenzimmer, das Glöckchen, das er eigens mitgebracht, ertönt . . . Nicht einen Augenblick hat sie noch darüber nachgedacht, was er ihr schenken würde; daß er ihr überhaupt eine Freude bereiten wolle, das genügte ihr. Jetzt aber fragte sie sich doch: ›Was wird es sein?‹ Und sie trat strahlend in das Zimmer. Ein Armband für sie. Einige Toilettegegenstände zur Pflege ihrer Schönheit und – eine Fülle von Kindersachen. Ein reizendes, winzig kleines Geldtäschchen aus schneeweißem Ziegenfell, darin stak ein Glückskreuzer. Ein Paar herzige Kinderschuhe, ein Paar Kinderhandschuhe, die etwa für ein Sechsjähriges passen mochten und allerlei Spielsachen . . . Sie war zuerst starr. Nicht ein praktischer Gegenstand! Aber ein unwillkürliches Gefühl der Rührung bemächtigte sich ihrer beim Anblick all der nichtigen Dinge und sie fiel ihrem Manne um den Hals. Sie weinte. Er verstand sie nicht, küßte sie und verschwand. Jetzt kam ja die Reihe an ihn. Lange wartete er, dann läutete es, matt und zaghaft. Neugierig, hoch gespannt, steckte er zuerst den Kopf zur Tür herein. Ein feuchter, liebevoller Blick begegnete dem seinen. Als er näher trat, schlug die Frau die Augen nieder und streckte ihm wortlos entgegen, was sie in Händen hielt. Er war wie von einer Tarantel gestochen, aber er faßte sich. Drei frisch gekaufte, steif gebügelt Herrenhemden hatte ihm das Christkind gebracht. Sehr praktisch! dachte er sich. Er hätte sich ohrfeigen mögen. Da stand seine liebe, rührende Frau, mit dem lächerlichen Geschenk in der Hand, und sprach kein Wort. Er nahm ihr die Hemden endlich ab und legte sie beiseite. Sie wandte sich rasch seinen Gaben zu. An diesem Weihnachtsabend hat der Mann sich selbst kennen gelernt.« Frau Wallner streckte ihrem Mann die Hand über den Tisch hinüber. Die hellen Tränen waren ihr über die Wangen gelaufen, doch sie sprach kein Wort. Ein Engel flog durch das Zimmer, aber die Lina brachte jetzt den Punsch und verscheuchte ihn. »Soll ich dir nun auch noch den heiligen Abend schildern, an dem der Mann seine Frau kennen lernte? Dazu ist in diesem Jahr kaum noch Zeit. Laß mich dir also nur verraten, daß dies schon der zweite Weihnachtsabend in dem jungen Haushalt war. Das war ein Abend! Die junge Mutter war der Mittelpunkt des Festes. Ihr Wille fühlte sich längst frei von dem pedantischen Einfluß des Mannes, der im Munde die Praxis führte und selbst allerlei Dummheiten machte; sie hatte alle Fäden des Haushaltes in ihrer Hand und er redete ihr nicht mehr drein. Wie sie ihn selbst mit sinnigen Handarbeiten für sein Zimmer und seinen Schreibtisch beschenkte, wie sie ihr Kind bedachte, wie sie das ferne Kind der Amme, das es nicht so gut hatte wie das ihre, beschenkte, wie sie die Köchin und die Magd in den Kreis der Familie zog für den schönen Augenblick des Festes, wie ihr Christkind für die anwesenden Großeltern sorgte, das alles vergißt der Mann ihr nie. Sie strahlte in hausmütterlicher Glückseligkeit, und er erkannte, was er an ihr besaß.« Dumpfes Gejohle drang von der Straße herauf und in der Wohnung über ihnen erhob sich ebenfalls ein betäubender Lärm – der Zeiger stand auf Zwölf. Herr und Frau Wallner erhoben sich. Sie stießen mit ihren Punschgläsern an, umarmten und küßten sich, dann ließen sie das Ehepaar hochleben, dessen Geschichte sie beide zu Tränen gerührt hatte. Morgennebel Beim alten »Lothringer« auf dem Kohlmarkt hatten wir jeden Mittwoch eine Zusammenkunft nach freier Wahl. Einer oder der andere aus unserer Tafelrunde war sicher dort zu treffen. Wenn nicht früher, so kam man nach der Vorstellung des Theaters. Ganz allein blieb man am Mittwoch nie. Eines Abends, als ich dort saß, war nur M. anwesend, dem ich mich nie recht angefreundet hatte. Ich kannte ihn nur aus diesem Kreise. Er war nie zu mir, ich nie zu ihm gekommen, und so waren wir eben gute Bekannte und sonst nichts. Man nannte ihn immer bei seinem Beamtentitel, aber es ging die Sage von ihm, er habe vor Jahren einige Bändchen Gedichte veröffentlicht, und ein Kritiker aus unserer Tafelrunde behauptete, sie auch gelesen zu haben. So zählten wir ihn denn zu uns, und da M. sich nie aufdringlich geberdete und sein Urteil über künstlerische Fragen stets in den maßvollsten Worten abgab, war er bei allen wohlgelitten. Heute saßen wir uns zum ersten Male ganz allein unter einem Bogen des uralten Gasthauses gegenüber und M. sprach von sich selbst, er schien gar seltsam weich gestimmt und mitteilsam. Ich bezeugte mein warmes Interesse und ermunterte ihn auf diese Weise, fortzufahren. Er hatte seit langem wieder einmal ein Gedicht fertiggebracht, das ihn befriedigte, und er las es mir leise vor. Es war wirklich sehr stimmungsvoll. Ob ich denn nicht einmal eines seiner Bücher zu sehen bekäme? Darauf ging M. mit Freuden ein. Gewiß! Er werde mir nächstens eines mitbringen. Und er fing immer mehr zu plaudern an von seiner Jugend, seinen literarischen Bestrebungen, seinem einsamen, öden Beamtenleben. Fast verschämt und zaghaft. Ich mußte irgendeine Saite seines Innern unversehens zum Klingen gebracht haben. »Wenn ich auf die Zwanzigerjahre meines Lebens zurückblicke,« sprach M., »kommt es mir vor, als sehe ich eine in Morgennebel getauchte Landschaft. Da und dort ragt wohl schon ein kleiner Gipfel in das klare Sonnenlicht empor, aber die Ebene ist noch verschleiert, ich sehe keinen Weg, und in den Tälern braut es und brodelt es in den dichten Nebelmassen, als wollten sich dort die schwersten Wetterwolken bilden. Und in dieser Landschaft tappt man dahin. Die meisten geraten sogleich auf die große Landstraße, die in die Ebene hinführt, viele verirren sich auf Seitenpfaden und finden wohl nach Jahren den geraden Weg, einige stürzen in Abgründe und ein paar Auserwählte gelangen auf die sonnigen Gipfel. Keiner weiß, wohin er geht. Man könnte das Bild noch weiter ausmalen. Denn der Sommer des Lebens mit seinen heißen, schwülen Tagen, in denen man allen erdenklichen Leidenschaften und Versuchungen ausgesetzt ist, und der klare, heitere Herbst, der uns auf einmal die weitesten Ausblicke gewährt und vor dem nichts mehr verschleiert ist als das Letzte, sie ließen sich ganz gut in mein Bild einbeziehen, aber ich will mich darauf beschränken, Ihnen nur ein ganz kleines Erlebnis aus den Zeiten des Morgennebels zu erzählen.« Er stockte einen Augenblick und fuhr dann zaghaft fort: »Es ist so ganz nur ein seelisches Erlebnis, daß ich gar nicht weiß, wo ich es anfassen soll, damit der Schleier, der darüber gebreitet liegt, nicht reißt . . . Ich lebte als kleiner Beamter in L. Ich war Lyriker und ich war verliebt. Man kann unmöglich weniger sein, als ich damals gewesen bin, denn mit einem Adjutum von fünfundzwanzig Gulden monatlich galt es zu leben; und man kann unmöglich mehr sein, als ich damals zu sein glaubte, denn ein Jüngling, der dichterisch veranlagt ist, trägt den Himmel in sich, und ein Dichter, der verliebt ist, zählt überhaupt nicht zu den irdischen Wesen. Alles in mir war Musik. Ich redete zwar mit den Menschen von alltäglichen Dingen, ich erfüllte meine Pflichten im Amte, aber ich lebte außerhalb der Welt und ging wie ein Mondsüchtiger meiner Wege. Am Fenster ihres Vaterhauses auf dem Hauptplatze von L. hatte ich die blonde Schöne zuerst gesehen, der ich so ganz verfallen war. Ich ging täglich dort vorüber, wenn ich aus meinem Amte kam, und sie saß immer auf ihrem Erkerplätzchen. Unsere Augen suchten sich, unsere Seelen grüßten sich, und damit war's genug. Ich fragte nicht, wer sie sei, und sie wußte wohl kaum, wer ich war. So vergingen Monate stiller Seligkeit. Erst als ich sie unverhofft in einem Konzerte gesehen und die ganze Lieblichkeit ihrer siebzehn Jahre in mich aufgenommen hatte, regte sich der Wunsch in mir, ihren Namen zu erfahren. Sie war so jung. Und doch saß sie so ernst und schweigsam da in ihrem weißen Kleidchen. Auch kam sie mir ein wenig blaß vor. Aber der helle Strahl ihrer blauen Augen traf mich ganz munter, als sie sich zum Schlusse erhob und auf der Seite ihrer aufgedonnerten Mutter im Gedränge des Publikums verschwand. Ich würde viel darum gegeben haben, wenn ich ihre Stimme hätte hören können. Aber es gelang mir nicht, in ihre Nähe zu kommen. Daß sie ein klein wenig errötet war bei meinem Anblicke, das machte mich glücklich. Endlich erfuhr ich ihren Namen, sie hieß Helene. Aber was noch an diesem schönen Namen hing, das traf mich hart. Sie war die Tochter eines der reichsten Männer der Stadt. Und da ihr Bruder vor einigen Jahren auf tragische Weise verunglückte, war sie jetzt das einzige Kind eines Millionärs. Das hatte ich dem bescheidenen Hause, in dessen Eckfenster ich den Blondkopf immer sah, nicht anmerken können. Wunschlos liebte ich das aufblühende schöne Kind. Nur meine Träume beschäftigte sich mit ihm. Und zahllos waren die Gedichte, die ich schon an Helene gerichtet hatte, ohne daß sie es ahnen konnte. Es waren glückliche, idyllische Gesänge. Jetzt aber war unversehens eine Saite gerissen aus meiner Leier. Ohne mir jemals darüber Rechenschaft zu geben, was aus der Liebe werden sollte, hatte ich mich ganz und gar in sie hineingelebt. Rosiger Morgennebel lag ringsum. Vielleicht würde mich der Zufall doch einmal mit ihr zusammenführen, vielleicht der nächste Fasching . . . Aber mit diesen Träumen und Hoffnungen war es nun mit einem Schlage vorbei. Hart und grausam hatte mich die Wirklichkeit angefaßt und wachgerüttelt. Es wäre eine namenlose Narretei gewesen, auch nur eine Minute daran zu denken . . . Wie ein Hohn traf mich damals mein Avancement von drei- auf vierhundert Gulden jährliches Adjutum. Mein ganzes Nichts wurde mir dadurch nur noch klarer. Ich war ja nicht verpflichtet, mit zweiundzwanzig Jahren schon ein großes Einkommen zu besitzen. Aber vierhundert Gulden! Mit dem stillen, zarten Glücke dieser jungen Liebe war es vorbei. Ich führte einen erbitterten Kampf gegen mich selbst, und meine lyrischen Ergüsse hatten nun einen wehmütigen, klagenden Charakter angenommen. An dem Hause der Geliebten ging ich nicht mehr regelmäßig vorüber. Sie aber sah, daß ich absichtlich einen anderen Weg nahm. Und als es mich dann doch wieder hinzog zu ihr, da erhob sie sich und wandte mir den Rücken. Schmollte sie? Ich deutete es so und war davon beglückt. Und als ich dann wieder regelmäßig Tag für Tag kam, blieb Helene sitzen wie einst und sah mich ernst und fragend an. Sie zu grüßen, hatte ich kein Recht, und seitdem ich wußte, wer sie war, hätte ich es auch um keinen Preis gewagt. An manchen Tagen saß die Mutter neben ihr. Ein starkknochiges, gerötetes Gesicht mit gar strengen, hochmütigen Augen. An solchen Tagen schielte Helene nur nach der Seite zu mir herüber. Einmal hob sie den Kopf gar nicht und nur die Mutter sah nach mir. Abweisend, kalt, höhnisch. Ich schilderte sie, heimgekehrt, als einen Drachen, der die Pforte meines Paradieses bewacht. Das stille Einverständnis zwischen zwei Seelen war dadurch aufs neue getrübt worden. Während ich mich keinem Menschen anvertraute und Glück und Leid allein trug, war auf jener Seite offenbar über die Sache gesprochen worden. Wie? darüber konnte kein Zweifel sein. Wer aber gab ihnen das Recht dazu? Und was konnte man über ein Phantasie und Luftgebilde überhaupt reden? Ja, was wußte man überhaupt von mir und meinen Gefühlen? Sie waren mir zu heilig, um sie mit jemand zu teilen, und ich war zu stolz, mich ferner auch nur einem abweisenden Blicke auszusetzen Wieder stellte ich meine Promenaden zeitweilig ein, und wieder nahm ich sie auf. Auch im Theater sah ich Helene oft. Ihre Eltern hatten die Proszeniumsloge gegenüber der des Statthalters abonniert, und dort saß sie an jedem geraden Tage neben ihrer gestrengen Mutter. Alle jungen Männer von L. blickten nach dieser Loge. Warum sollte nicht auch ich hinsehen? Daß sie namentlich für alle Offiziere im Stehparterre ein Brennpunkt des Interesses war, jene Loge, das merkte ich gar bald. Und ich zog mich immer scheuer mit meinen Gefühlen in mich selbst zurück. Der Karneval war gekommen, und in den Fenstern Helenens türmten sich die Blumensträuße; fast sah man sie selbst nicht mehr, auch wenn sie auf ihrem Plätzchen im Erker saß. Und in den sonnigen Mittagsstunden wimmelte es jetzt immer von Herren auf dem Hauptplatze, die nach jenem Fenster auslugten. Besonders ein Ulane war immer dort zu sehen, ein stattlicher junger Rittmeister. Hübsch und sympathisch war er gerade nicht; er hatte etwas stark ausladende Unterkiefer, was seinem Gesicht einen hämischen Ausdruck gab. Ich redete mit niemand ein Wort über Helene und wußte doch alles. Das reiche junge Mädchen war in jenem Winter in die Gesellschaft eingeführt worden, und sogleich begann der Wettlauf um ihre Millionen. Ingrimm und Abscheu erfüllten mich. Die konnten sie doch nicht alle lieben! Eine solche Hexe war sie ja nicht, daß sie alles bezaubert hätte auf den ersten Blick. Zu diesen Glücksjägern wollte ich nicht gezählt werden. Und ich ging nirgends hin, wo ich Helene begegnen konnte. Was hätte es für einen Zweck gehabt? Um meinem nagenden Gram zu entfliehen, hatte ich mich in eine große Arbeit gestürzt, ich begann mein erstes Drama zu schreiben. Die Tage verbrachte ich im Amte, die halben Nächte am Schreibtische. Eines Tages schickte mich mein Amtsvorstand in Begleitung eines Dieners aus dem Bureau heim. Er hatte sich derart entsetzt über mein Aussehen, daß mir die Tränen aus den Augen perlten, so leid tat ich mir selbst. Der Arzt stellte einige Tage später seine Diagnose auf Typhus – Kopftyphus . . . Ich war in dieser Lage nicht ganz verlassen, denn ich wohnte bei einem gütigen alten Fräulein, einer armen Offizierswaise, die mich bemutterte. Sie pflegte mich auch jetzt. Der Arzt sagte ihr eines Tages, sie möge meine Eltern verständigen, denn die Sache sei sehr ernst. Sie aber wußte deren Adresse nicht, und mich zu fragen, hatte sie nicht den Mut. So verdoppelte sie ihre Sorgfalt um mich, damit sie sich keinen Vorwurf zu machen habe, wenn . . . Der Arzt kam jetzt zweimal täglich. Ich hatte schon viele Nächte nicht geschlafen, war meistens bewußtlos und phantasierte. Eines Tages sagte der Doktor meiner Pflegerin, heute möge sie ganz besonders auf mich sehen . . . Meine Pflegerin erzählte mir später die Vorgänge jener Nacht und ich ergänzte ihre Erzählung durch meine eigenen Erlebnisse. Ich sprach in meinen Phantasien von ihr . . . . Ich rezitierte Gedichte auf sie, tobte und schrie und wehrte mich gegen das Sterben. Es sei zu früh . . . . Dann kamen die Gestalten meines Erstlingsdramas und ich sprach mit ihnen wie mit lebenden Wesen, weinte und lachte . . . Dem armen Fräulein graute schon vor mir, und sie wollte sich jeden Augenblick von einem Offiziersdiener ablösen lassen, der in Bereitschaft war. Aber sie zögerte immer wieder. So wurde es ein Uhr nachts, und ich war auf einmal ganz stille. Sie glaubte, jetzt sei es geschehen um mich. Plötzlich hob ich mich halb aus den Kissen. Ich starrte mit einem überirdisch verklärten Gesicht in eine Ecke des Zimmers, nickte mit dem Kopfe, lispelte leise, unverständliche Worte, weinte beseligt und hauchte einen Kuß in die Luft. Dann sank ich wieder zurück. Und als ich so dalag, erhielt mein Körper einen derartigen Schlag, daß das Bett ächzte und stöhnte und die Pflegerin entsetzt von ihrem Sitze emporfuhr. War es jetzt geschehen? . . . Sie beugte sich über mich und ich sah sie lächelnd, mit klaren, hellen Augen an. Nach einer Pause sagte ich zu ihr: ›Jetzt werde ich wieder gesund‹, drehte mich gegen die Wand um und in wenigen Sekunden schlief ich ruhig und fest. Und ich schlief vierzehn Stunden. Als der Doktor am frühen Morgen kam und mich so ruhig schlafend fand, da sagte auch er, jetzt wäre das Schlimmste vorbei.« Mein Gegenüber machte eine kleine Pause in seiner Erzählung und zündete sich eine neue Zigarette an. »Und welches waren Ihre eigenen Erlebnisse?« fragte ich. »Ja«, sagte er, tief Atem holend, »Shakespeare prägte ein ewiges Wort, als er den Satz niederschrieb, es gäbe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lasse! Ich bin in keiner Weise zur Mystik veranlagt und bin gewohnt, für alles, was mir begegnet, natürliche Gründe zu suchen, aber über jenem Augenblick der Krisis, da ich zwischen Leben und Tod schwebte, liegt für mich ein mystischer Zauber. Helene, die mich krank gemacht, sie gab mir auch das Leben . . . In jener Ecke meines Zimmers, in die ich so verklärt und beseligt hinstarrte, stand das geliebte Mädchen. Sie trug jenes duftige weiße Kleid, das sie in dem Konzerte getragen hatte. Sie war zu mir gekommen, da sie gehört habe, daß ich schwer krank sei und mich so sehr nach ihr sehne. Und sie kam an mein Bett heran, strich mir das wirre Haar aus der Stirn und redete mit einer unsagbar süßen Stimme gar zärtliche Worte. Sie denke stündlich an mich. Ich solle nur trachten, wieder gesund zu werden, denn das Leben sei ja so schön, wenn zwei Menschen sich so innig lieben. Dann küßte sie mich und war verschwunden. Als ich in das Bewußtsein zurückkehrte und meine Augen öffnete, sah ich das besorgte, gütige, alte Gesicht meiner Pflegerin über mich gebeugt. Ich schloß die Augen rasch wieder, denn meine Enttäuschung war grenzenlos. Aber ich wußte in jenem Augenblicke, daß ich gerettet war . . . Sie werden mir sagen, daß in dieser Halluzination nichts Besonderes erblickt werden könnte, daß sie eine ganz natürliche Folge all der seelischen Erregungen gewesen, denen ich seit Monaten unterworfen war. Sie sei gewissermaßen der Höhepunkt des ganzen Dramas gewesen, das ich in meiner Einbildungskraft erlebt hatte. Und das alles gebe ich ohne weiteres zu. Aber am Morgen nach jener schweren Nacht war ein zierlicher kleiner Brief bei meinem Hausfräulein eingelaufen, in welchem sich eine Dame nach meinem Befinden erkundigte. Sie beantwortete diesen Brief, ehe ich wieder erwacht war, und legte ihn zu den übrigen, die während meiner Krankheit von Freunden und Kollegen eingelaufen waren. Erst nach Tagen, als ich wieder aufnahmsfähig war, erfuhr ich, daß auch eine Französin sich nach meinem Befinden erkundigt habe. Ich kannte keine Französin. Als ich nach Wochen im Lehnstuhl beim Fenster saß, um die gute Aprilluft einzuatmen, sah ich alles durch, was an Korrespondenz eingelaufen war, und da fiel mir auch jenes Briefchen in die Hand. Es enthielt die höfliche Bitte um Auskunft über mich. Eine zierliche, schlanke Mädchenschrift von energischem Zug . . . Die Antwort war erbeten an Madame N. N., französische Sprachmeisterin usw. Mich überfiel eine namenlose Freude. Es war mir nicht einen Augenblick zweifelhaft, von wem diese teilnehmenden Zeilen herrührten. Und sie waren an jenem Abende oder in jener Nacht geschrieben, in der die Erscheinung Helenens in meinem Zimmer stand. Der Brief lag wohl schon in einem Postkasten, als meine Krankheit um ein Uhr auf dem entscheidenden Gipfel anlangte. Aber daß das Mädchen, das einen solchen Schritt getan hatte, sich in jener Nacht mit mir beschäftigt haben mußte, darüber kann wohl kein Zweifel bestehen . . . Es gibt für mich eine Zwiesprache der Seelen, es gibt ein geistiges Fluidum, das von einem zum andern strömt und Verbindungen herstellt, von denen sich unsere Wissenschaft noch nichts träumen läßt. Es gibt überhaupt Kräfte, deren Vorhandensein wir mit unseren groben menschlichen Sinnen nicht wahrnehmen können. Nur wenn alles Irdische in uns schon tot ist und wir, losgelöst vom Stofflichen, reiner Vergeistigung zustreben, sind wir solcher Wahrnehmungen fähig, wie ich eine gemacht habe.« M. hielt inne. Ich war so verwundert über diese Wendung seiner Geschichte in das spiritistische Gebiet, daß ich vorerst gar nichts zu sagen wußte. Endlich mußte ich aber doch reden, und ich fragte ihn, ob er sich denn nie mit Helene über jenes Ereignis ausgesprochen habe. »Nie! Der französischen Sprachmeisterin aber machte ich einen Besuch und dankte für ihre Teilnahme. Ich erkannte in ihr eine häufige Begleiterin Helenens . . . Sie war sehr kühl, sehr diskret; legte den Zeigefinger an ihre Lippen und sprach von anderen Dingen. Bald darauf erfuhr ich, daß der junge Rittmeister Sieger geblieben war unter allen Bewerbern. Mit ihm hatte Helene sich verlobt, und ich habe nie im Leben ihre Stimme gehört. Aber ich kenne diese Stimme ganz genau, denn Helene hat ja in jener Nacht zu mir gesprochen.« An diese Erzählung knüpfte sich eine lange Debatte zwischen mir und M. Stundenlang wandelten wir auf dem Heimwege Straße auf, Straße ab, aber wir trennten uns, ohne daß es mir gelang, ihn in seiner Überzeugung, die sich seit zwanzig Jahren in ihm festgesetzt hatte, auch nur im geringsten zu erschüttern. Morgennebel stiegen auf, als wir von einander schieden, M. entschwand meinen Blicken hinter einer symbolischen Wolke. Nach dem Konzert Wir saßen im trauten Freundeskreise bei einander. Fast alle waren wir aus dem Konzert einer berühmten Künstlerin gekommen, das zu besuchen die Dame des Hauses uns dringend geraten hatte, und das Gespräch drehte sich während des Abendessens fast ausschließlich um die talentvolle Virtuosin. Jeder wußte etwas Merkwürdiges und Extravagantes von ihr zu berichten, und so einig man über ihre Bedeutung als Künstlerin war, so verschiedener Meinung war man über ihren Charakter als Frau. Es ward lebhaft hin und her gestritten, das Thema drohte unerquicklich zu werden – da hob unsere liebenswürdige Wirtin mit feinem Takt die Tafel auf. Das war teils ein Zeichen, daß unser Kreis, der nicht des gesellschaftlichen Klatsches halber zusammenkam, an etwas Ernsthaftes denken möge. Bald hatte dieser, bald jener ein kleines Manuskript bei sich, dessen Schriftzüge noch feucht waren und das aus der Taufe gehoben sein wollte, doch öfter noch gab es eine »Geschichte«. Immer fester hatte sich nämlich in unserer Gesellschaft die Sitte eingebürgert, daß jeder etwas aus seinem Leben erzähle, etwas, das ihm menschlich naheging oder sonstwie von Bedeutung für ihn war. Fast alle hatten dieser Sitte bereits genügt, doch gerade jenes Mitglied des kleinen Kreises, das am trefflichsten anzuregen und zuzuhören verstand, die anmutige Hausfrau, gerade sie verhielt sich bisher stets spröde gegenüber der Aufforderung, die auch an sie herantrat. Wir drangen nicht in sie, denn jeder von uns wußte, daß sie den berechtigten Ehrgeiz besaß, in dem Kreise gebildeter Männer, der sich um ihr gastfreundliches Haus scharte, als vollwichtig mitgezählt zu werden – – sie durfte sich also auf die Dauer nicht ausschließen. Und sie tat es auch nicht. Als wir uns nach aufgehobener Tafel wieder zusammenfanden und es sich zeigte, daß heute niemand geneigt war, etwas zu sprechen oder zu lesen, da richteten sich alle Blicke instinktiv nach der Dame des Hauses. Und sie verstand diese Blicke sehr wohl. Mit glühenden Wangen saß sie uns gegenüber, ihre dunklen Augen leuchteten, und der sonst so feste, tiefe Ton ihrer Stimme vibrierte vor innerer Erregung. Ihre ernste, frauenhafte Schönheit, die jeden anzog, indem sie ihn fernhielt, war plötzlich aufgelöst in eine reizende Verwirrtheit, unsere Freundin benahm sich unsicher wie ein schüchterner Backfisch, der eine schwere Prüfung zu bestehen hat. »Ich fühle,« begann sie, »daß ich nicht länger säumen darf, Ihnen gegenüber eine Verpflichtung einzulösen, und doch muß ich gestehen, daß ich einigermaßen in Verlegenheit bin. Es ist zwar nicht das erstemal, daß ich vor Ihnen spreche, aber ich soll heute von mir reden. Das ist für eine Frau nicht leicht – namentlich in der Gegenwart ihres Mannes.« Wir fanden diese Wendung köstlich und lachten von Herzen darüber. Diese beifallslustige Stimmung wirkte wohltuend auf die Sprecherin und der Ton ihrer Rede wurde plötzlich sicherer. »Eine Frau, wie ich, erlebt nicht viel, und von dem, was sie erlebt, scheut sie sich zu sprechen. Meine Kinderstube ist der Mittelpunkt der Welt für mich, aber Sie würden lächeln über die eitle Mutter, die Ihnen zumuten wollte, ihr dahin zu folgen. Verneinen Sie dies nicht aus Höflichkeit und fürchten Sie nichts. Das Beste, das Schönste, das eine Mutter von sich und ihren Kindern zu sagen vermöchte, das könnte sie ja hier doch nicht aussprechen, denn Männer, wie Sie, die noch keine Kinder haben, würden sie nicht verstehen.« Wir Junggesellen senkten zerknirscht das Haupt und sie fuhr fort: »Und dennoch will ich Ihnen von einem Kinde erzählen, aber von dem Kinde einer anderen Frau . . . Ich wurde in einem Institut erzogen, zu dessen Vorsteherin ich in einem sehr nahen Verhältnis stand. Eines Tages erkrankte plötzlich eine Lehrerin sehr schwer, und ich, ein grünes, fünfzehnjähriges Ding, wurde gebeten, in der Klasse der Kleinsten als Lehrerin zu wirken. Mit freudigem Stolz übernahm ich diese ehrenvolle Aufgabe, und die Kleinen hingen vom ersten Tage an mit Zärtlichkeit an mir. Selbst noch ein Kind, muß ich wohl den Ton getroffen haben, mit dem man Kinderherzen gewinnt. Aber auch in Respekt wußte ich mich bei den Kleinen zu setzen und meine Autorität bei denselben war groß. Von meinem Lehrsystem will ich lieber schweigen. Ich suchte mehr auf das Gemüt und die Phantasie der Kinder zu wirken, als auf ihren Verstand, und sobald das Notwendigste von dem vorgeschriebenen Lehrplan abgewickelt war, setzte ich mich zu meinen Kindern und erzählte ihnen Märchen. Welche Freude war es für mich, zu beobachten, wie das Seelenleben der Kinder bei solchen Anlässen erwachte und sich in den Gesichtern abspiegelte; wie rührten mich die Tränen, die aus ihren unschuldigen Augen perlten, als ich ihnen zum erstenmal das Märchen »Schneewittchen« erzählte, und wie ergötzte ich mich an ihrem stürmischen Lachen über »Hans im Glück«. Die Kinder waren vergnügt und brav, sie lernten gut und freuten sich immer auf die Märchenstunde, da ich mir noch eine besondere Art der Auszeichnung für die Kleinen erdacht hatte: die Bravste von ihnen durfte, während ich erzählte, auf meinem Schoß sitzen. Dadurch wurde ihr Ehrgeiz gestachelt und ich hatte mir auf die einfachste Art ein Mittel geschaffen, um zu belohnen und zu strafen. Die lebhaft angeregten Kinder erzählten das Gehörte in ihrer Weise, variiert und ausgeschmückt mit eigenen Zutaten, natürlich auch zu Hause, und eines Tages kam eine meiner kleinen Schülerinnen, ein hübsches, braunes Mädchen, das mir durch sein träumerisch stilles Wesen lieb geworden war, auf mich zu und sagte: »Papa läßt sich dem Fräulein Anna empfehlen und sagen, daß er nicht erlaube, daß man mir Lügen erzähle. Ich soll in der Schule nur die Wahrheit kennen lernen, diese dummen Märchen aber seien lauter Lügen.« Mir traten die Tränen in die Augen und ich fragte das Kind, ob auch seine Mama so denke. »Das weiß ich nicht,« antwortete Ernestine, »meine Mama spielt immer Klavier.« »Nun gut, mein Kind,« sagte ich, »so wirst du künftig stets das Zimmer verlassen, wenn ich den anderen Märchen erzähle.« Und so geschah's. Das Kind litt sichtlich darunter, es fühlte sich wie verstoßen und wurde noch stiller als sonst. Nun kam eine Botschaft von Ernestinchens Mama. Sie beklagte sich bei der Institutsvorsteherin, daß ihr Kind seit kurzem stets um eine Stunde früher nach Hause komme. Ich wurde gerufen und fand eine elegante, schöne, phantastisch aufgeputzte junge Frau, die sehr scharf mit mir ins Gericht gehen wollte, aber beschämt die Augen niederschlug, als ich den Sachverhalt erklärte. »Ja, ja,« sagte sie, »mein Mann hat nun einmal diese Grillen; mich aber stört das Kind zu Hause und ich muß Sie bitten, dasselbe auf andere Weise zu beschäftigen.« Diesem Wunsche war leicht genügt. Wenn ich Märchen erzählte, ging Ernestinchen künftig in die Stunde der Lehrerin für Handarbeiten. Welch ein Gegensatz bestand zwischen dieser Mutter und diesem Kinde! Ernestinchen war geradezu verwahrlost im Vergleich zu der Weltdame, die ich gesehen, und ich nahm mich des Kindes immer mehr an und suchte es aufzuheitern und auf jede Weise auszuzeichnen. Da kam die schöne Weihnachtszeit mit ihrer tiefen Poesie und ihrem für Kinderherzen so berauschenden Zauber. Welch geheimnisvolles Wispern herrschte unter den Kleinen, wie vieles hatten sie zu wünschen, welch ungeheuerliche Hoffnungen sollten ihnen nicht erfüllt werden durch das allmächtige Christkind! Gar manchen Brief an dasselbe mußte ich aufsetzen, manches ungelenke Händchen zu diesem Zwecke Buchstaben malen lehren. Ernestinchen nur stand auch diesem fröhlichen Treiben der Kleinen fern. Ich begriff es anfangs nicht, erst allmählich wurde mir klar, daß sie, als die einzige Jüdin in meiner Klasse, keine Ahnung haben konnte von der Poesie in den Herzen der anderen. Ich gestehe, daß diese Erkenntnis wahrhaft schmerzlich für mich war. Aber was konnte ich tun? Als Ernestinchen sich klar wurde über das, was die anderen taten, da besann auch sie sich nicht länger, sie schrieb ein Brieflein an jenes allmächtige Gotteskind und brachte es mir. Aber da hätte man die anderen kleinen Kreaturen sehen und hören sollen. Weiß Gott, wo sie ihre Wissenschaft her hatten, sie schrieen alle: »Was, du willst an das Christkind schreiben? Du darfst nicht! Du bist eine Jüdin! Wenn du ihm schreibst, bekommen wir alle nichts!« Und mit einer Grausamkeit, deren nur das ungezügelte Kinderherz fähig ist, überschütteten sie das arme Mädchen mit Beleidigungen. Ernestinchen biß, kratzte und schlug um sich wie eine kleine wilde Katze, und ich mußte all meine Autorität einsetzen, um der häßlichen Szene ein Ende zu machen. Was eine andere Lehrerin mit pädagogischen Grundsätzen getan hätte, weiß ich nicht; ich half mir auf meine Weise. In der Erholungsstunde, in der ich sonst Märchen erzählte, sprach ich an diesem Tage nicht über »Hans im Glück«, nicht über »Schneewittchen« oder »Aschenbrödel«, ich sprach über das Christkind, und Ernestinchen saß auf meinem Schoß. Ich erzählte den Kleinen von jenem hehren Gotteskinde, das so lieb und gut und brav gewesen, das alle Menschen ohne Ausnahme geliebt und zu dem alle ohne Ausnahme beten dürfen. Ich führte die Kinder ein in den Zauber der Milde und edlen Menschlichkeit, der gerade in der Verehrung jenes Kindes liegt, ich sprach – ich weiß nicht mehr was. Die Wirkung war eine große. Ernestinchens Brieflein an das Christkind wurde nicht nur abgeschickt, es wurde vorher auch mit den Kritzeleien vieler anderen Mädchen versehen, ein jedes der Kinder wollte seinen Namen darunter setzen. Ernestinchen begriff wohl nur dunkel, was da vorgegangen war, aber sie hing an meinem Halse und weinte und schluchzte. Ich hatte einen bösen Stachel aus ihrem Kinderherzen genommen und einen edlen Samen in die anderen gesenkt, und ich war stolz auf diese Tat. Das Bittgesuch an das Christkind hatte für Ernestinchen den besten Erfolg, denn ihr Vater beschenkte sie reichlich. Das Materielle von der Poesie des Weihnachtsabends hat ja Eingang gefunden in allen Kreisen und bei allen Konfessionen. Und auch an mich dachte das Christkind. Ernestinchen trat eines Tages scheu vor mich hin und überreichte mir ein Paketchen. Sie hatte oft gesehen, daß ich Geschenke von den Kindern zurückwies, und ihre großen schwarzen Augen hafteten mit einem so ängstlichen, flehenden Blick auf mir, daß ich unwillkürlich nach dem Päckchen griff und es öffnete. Es enthielt ein einfaches, kleines Tüchelchen, auf dem sie ihre ersten Stickversuche in der Handarbeitsschule gemacht – in jenen Stunden, da sie verbannt war aus meinem Lehrzimmer. Ich war gerührt von der Feinfühligkeit, die bei dem Mädchen gerade in dieser Gabe unbewußt zum Ausdruck kam, und nahm das Geschenk mit Freuden an. Das Kind war glückselig. Ich war der Pflichten als Lehrerin wieder enthoben, aber ich blieb im Institut. Und da sah ich Ernestinchen auch später manchmal. Es kam mir vor, als ob das arme Kind jener glänzenden Frau immer mehr verkümmere, als ob es krank sei in seinem innersten Wesen und nur durch übergroße Sorgfalt und Liebe dem Leben erhalten werden könnte. Das kleine Mädchen war nicht gesprächig und ich befragte es um nichts. So kam es, daß ich eines Tages vollständig überrascht wurde von der Kunde über das Unglück, welches dem Kinde schon vor Monaten zugestoßen war – es hatte seine Mutter verloren. Dieselbe war nicht gestorben, nein, das Unglück war viel größer – sie war ihrem Manne mit einem Künstler, ihrem Geliebten, durchgegangen. Das alles erfuhr ich erst an dem Tage, als der von Geschäften überhäufte Vater Ernestinchens uns sein kränkliches Kind brachte, und bat, es ganz aufzunehmen. Dieser Bitte bedurfte es nicht. Ernestinchen blieb im Institut und wurde ganz und gar meiner Sorgfalt anvertraut. Ihr Vater hatte eine Fülle von Geschenken für sie zurückgelassen und noch am selben Tage eine längere Reise angetreten. Das Kind war während des ganzen Tages von einer lärmenden Fröhlichkeit, es folgte mir auf Schritt und Tritt und bezeugte gegen mich eine rührende Anhänglichkeit. Des Abends, als die Kleine im Bette lag, begann sie zu weinen und mich nach ihrer Mama zu befragen. Ich weinte mit ihr und erzählte ihr von ihrer Mutter, die im Himmel sei, die rührendsten Geschichten. Aber sie wollte immer mehr wissen, sie wurde immer unruhiger, es war schon Mitternacht vorüber und ich wußte kein Mittel, sie einzuschläfern. Da verlangte Ernestinchen von den Geschenken ihres Vaters einen kleinen lichtblauen Sonnenschirm, der ihr besonders wohlgefallen hatte. In meiner Herzensangst spannte ich den Schirm über ihrem Köpfchen auf und siehe, die Kleine wurde ruhiger. Verklärt sah sie in den blauen Schirm empor. phantasierte vom Himmel und ihrer Mama und bat diese, recht bald zu ihr zu kommen, denn sie sei ein braves Kind. Und so entschlief sie. Ich kniete noch lange vor dem Bette des schlafenden Kindes, dessen Händchen den kleinen blauen Schirm, der ihm zum Himmelszelt geworden, fest umklammert hielten. Endlich ließen sie ihn sinken und auch ich ging zu Bette. Ich fand keinen Schlaf, denn ich mußte unaufhörlich an die Mutter denken, deren armes Kind neben mir lag. Gegen Morgen wurde Ernestinchen sehr unruhig und als ich nach ihr sah, fand ich sie mit offenen Augen und glühendem Gesichte schwer atmend daliegen. Sie erkannte mich nicht und gab keine Antwort auf meine Fragen. Mich befiel eine große Angst und ich sandte um den Arzt. Er kam und fand den Zustand des Kindes so gefährlich, daß er augenblicklich Auftrag gab, dem Vater zu telegraphieren. Das geschah. Wo die Mutter war, wußte kein Mensch. Soll ich von der liebevollen Sorgfalt, von den durchwachten Nächten sprechen, die ich Ernestinchen widmete? Ihr Vater kam erst in einigen Tagen – er hatte die Krankheit für nicht so ernst gehalten – und nun fand er sein Kind nicht mehr, es war tot. Sein Schmerz war groß und es erschütterte ihn, mich von den letzten Tagen der Kleinen erzählen zu hören. Aber ich bin fest überzeugt davon, daß jenem armen Kinde außer mir niemand auf Erden ein dauerndes Gedächtnis bewahrt hat.« Unsere Freundin hatte mit Tränen in den Augen geschlossen. Wir alle waren tief ergriffen von der schlichten Erzählung und eine geraume Weile sprach niemand ein Wort. Da gab einer von uns der Frage Ausdruck, die auf aller Lippen brannte: »Und die Mutter? Sind Sie ihr nie wieder begegnet? Haben Sie nie etwas von ihr gehört?« Die Hausfrau sah uns mit ihren großen, sprechenden Augen der Reihe nach an: »O ja«, sagte sie. »Sie ist eine berühmte Künstlerin geworden. Um den Preis ihrer Frauenwürde hat sie sie Ruhm und Ehre aller Art erworben, und Sie alle kennen sie.« »Wir?« »Sie haben ihr heute Beifall geklatscht, Sie haben sie vorhin gerühmt und gelästert . . . Wenn ich als Frau vielleicht zu weit ging und den Schleier, der über diesem scheinbar so glänzenden Frauenleben liegt, zu sehr gelüftet habe, so verzeihen Sie dies meiner Erregung. Dieses Wiedersehen hat allen Groll, den ich einst gegen Ernestinchens Mutter empfand, wieder in mir geweckt und ich mußte mich aussprechen.« Eine lebhafte Erörterung über diese unerwartete Enthüllung setzte ein, aber die feinfühlige Erzählerin schnitt uns die Rede ab. »Und nun lassen wir die arme Frau, die eine so schlechte Mutter war,« sagte sie, »ich habe sie mir gut angesehen und ich halte sie trotz ihres Ruhmes nicht für glücklich.« Die erste Amme Wir wohnten auf dem Lande und warteten auf den Storch. Das Haus gehörte zu einem großen Besitz von ursprünglich herrschaftlicher Anlage, hatte einen Haupttrakt und einige Zubauten und dahinter lag ein prächtiger Garten. Es war hinlänglich Raum für die fünf Sommerparteien, man konnte ganz ungeniert leben. Im Garten war jeder Partei ein eigenes »Platzerl« zugewiesen worden, das nur ihr zur Verfügung stand. Wir hatten ein schattiges Plätzchen unter einer Fichtengruppe, eine andere Partei eines mit einer schönen Weinlaube, eine dritte saß unter einer Obstbaumgruppe. Außerdem gab es aber auch ein gemeinsames Platzerl unter den Kastanien. Und es war ausgemacht worden, daß, wer auf seinem Gebiet bleibe, ungestört sein wolle; wer aber unter den Kastanien erschien, dem war Gesellschaft nicht unwillkommen. Um der Form zu genügen, fanden sich allmählich alle Sommerparteien unter den Kastanien ein und man lernte sich kennen. Aber je weiter der Sommer vorschritt, desto mehr wurden die Kastanien von uns allen gemieden, denn einer saß immer dort, einer wollte immer Gesellschaft haben: der neugierige, unermüdlich fragende Herr Meißl. Nichts war dem Menschen heilig, er konnte einem »die Seele aus dem Leibe fragen«. Damit schlug er alle in die Flucht. Er war aber sonst nicht indiskret, klatschte nicht und sagte nichts Übles von den Menschen. Nur wissen wollte er einmal alles. So erfuhr er eines Abends von mir – er war ungerufen auf unser Fichtenplatzerl gekommen – was kaum noch zu verheimlichen war, daß wir den Storch in den nächsten Tagen zu erwarten hätten. Das elektrisierte den Herrn Meißl und seine Fragen überstürzten sich. »An welchem Tage glauben Sie?« »Meinen Sie, daß es ein Bub sein wird?« »Wird Ihr Frauerl das Kind selbst stillen?« »Und haben Sie sich schon eine Amme gesichert?« »Wissen Sie überhaupt, wo man die besten Ammen bekommt?« »Und werden Sie erkennen, was eine gute Amme ist?« »Und wie wünscht Ihre Frau, daß sie aussieht? Klein? Groß? Blond oder schwarz?« »Will sie eine, die in Wien bekannt ist, oder eine vom Land?« »Soll dieselbe schon einmal geammelt haben oder nicht?« Ich war ganz betäubt von diesem Schwall von Fragen, von denen jede einzelne mir neue Gesichtspunkte erschloß. Die Schwiegermutter, die Madame und eventuell der Doktor sollten bei uns darüber entscheiden, was zu geschehen habe, sagte ich. Ich selbst sei ein grundsätzlicher Gegner des Ammenunwesens. Wie kämen wir dazu, eine solche Blutsteuer vom Volke zu erheben? Weil wir uns Ammen zahlen können, entziehen wir den Kindern der Armen die Muttermilch und ersparen es unseren Frauen, ihre Pflicht zu tun. Herr Meißl hielt sich die Ohren zu. »Aber ja, aber ja! Ich war ja auch einmal Ihrer Meinung. Aber schauen S' meine Frau an! Das Katzerl hätt' sechs Kinder ernähren sollen? 's ist einfach nicht möglich gewesen.« Und er stellte sich mir als den erfahrensten und gewiegtesten Spezialisten vor in der Frage, die in unserer jungen Ehe zu lösen war. Er habe sich früh von den Ratschlägen der Schwiegermutter und der Madame emanzipiert und selbst für alle seine Kinder Ammen besorgt. Das erste Kind sei an der Brust seiner Frau verhungert, die anderen aber seien lauter junge Bären geworden. Warum? Weil er ihnen Bauerngut besorgt hat. Was nützt die schönste Theorie, wenn die jungen Großstadtmütter nun einmal degeneriert sind? Und er machte mir die Hölle recht heiß. Als er merkte, daß ich mürbe zu werden begann, wuchs sein Selbstgefühl noch mehr. »Wollen Sie mir vertrauen? Möchten Sie morgen mit mir nach Wien fahren auf die Suche?« Als ich unter dem Vorwande ablehnte, daß ich meine Frau doch nicht auf solche Weise überraschen könne, da beteuerte er mir, daß eine Inspektionsfahrt in der Ammenangelegenheit unerläßlich wäre für mich und daß ich zu gar nichts verpflichtet werden solle. Aber Vorsorge müsse getroffen werden für alle Fälle, unterrichten müsse ich mich. Und ich sagte zu. Wer war dieser Herr Ignaz Meißl? Eigentlich war er ein Originalmensch; sonst aber war er nichts. Er stammte aus Oberösterreich. Eine breite, gedrungene Bauerngestalt. Sein runder Kopf war kurz geschoren, ebenso sein dunkler Vollbart; seine schwarzen Augen blickten schlau und vorsichtig in die Welt. Wenn er behäbig durch den Garten schritt, trug er den Nacken steif und hatte die Arme gewöhnlich auf dem Rücken gekreuzt. Meißl hatte mit heißem Bemühen Jus studiert, sich aber verheiratet, ehe der Doktor gemacht war. Und zwar gut verheiratet. Es war ihm als Student die einzige Tochter einer reichen, weltfremden, alten Witwe in die Arme gelaufen, eine schüchterne, flachshaarige kleine Person, die er vollständig in seinem Banne hielt, die er noch nach zehnjähriger Ehe mit einem Blick regierte. Als Krankenwärterin ihrer Mutter hatte sie die Mädchenjahre verbracht und als Meißls Frau kam sie nicht aus der Kinderstube heraus. Als sie einmal in einem altmodischen Seidenkleid, mit dem Schmuck ihrer Mama behangen, auf dem Kastanien-Platzerl erschienen war, um mit den anderen Frauen bekannt zu werden, sah sie ganz hübsch aus, und sie war glücklich über den Umgang, den sie da plötzlich gefunden hatte. Die Frauen fanden sie unerfahren wie ein vierzehnjähriges Mädchen. Und über so manches Selbstverständliche, was sie da zu hören bekam, war sie ganz erstaunt. Aber sie kam lange nicht wieder, und die Frauen hatten den Herrn Meißl im Verdacht, daß er seiner Frau das Wiederkommen ausgeredet habe. Er wollte sie nicht anders haben, als sie war. Er selbst bewegte sich mit der Ungeniertheit eines alten Studenten in der Welt, er tat, was ihm beliebte. Aber sein »Mutterl« – ah, das war ganz etwas anderes. Die hatte sechs Kinder zu über wachen, eine Amme zu bedienen, eine Köchin und ihn selbst. An manchen Tagen rannte Meißl, ein geschriebenes Heft mit juridischen Universitätsvorträgen in der Rechten, aufgeregt im Garten umher, laut vor sich hin sprechend und deklamierend. Wenn ihn wer ansprechen wollte, winkte er stets ab. Er müsse heute »schanzen«, sagte er und lief weiter. Und schwerste Schanzarbeit war, was er dann leistete. Er hatte nämlich seine Tage, an denen er sich daran erinnerte, daß er trotz seiner fünfunddreißig Jahre den Doktor noch nicht gemacht habe und daß er noch Advokat oder Notar in seiner oberösterreichischen Heimat werden wolle. Das hatte er seiner verstorbenen Schwiegermama versprechen müssen, ehe sie ihm die stattliche Mitgift ihrer Tochter eingehändigt hatte. Und von Zeit zu Zeit mahnte ihn jenes Versprechen an seine Pflicht. Mit diesem alten Studenten und sechsfachen Familienvater sollte ich am nächsten Morgen nach Wien auf die Ammensuche fahren. Meiner Frau aber hatte ich mich doch anvertraut . . . Sie wollte nichts von der Sache wissen und ihre Mutterpflicht selbst erfüllen, wenn sie dazu befähigt war. Wenn nicht – dann gäbe es ja künstliche Ernährungsmittel. Eine wildfremde Person, weiß Gott woher, weiß Gott, welchen Charakters, solle ihr Kind nicht anrühren. Dabei blieb sie. Am nächsten Morgen aber meinte sie, fahren könne ich ja; sich zu unterrichten über alle Möglichkeiten wäre ja nur nützlich. Das meinte ich auch. Ich klärte Herrn Meißl auf über den Standpunkt meiner Frau und wollte ihm keine unnötige Mühe machen. Er ließ sich aber nicht abhalten. Zwar hatte er gerade heute wieder »schanzen« wollen, aber diese Sache sei am Ende doch wichtiger. Er kenne die Scheu der jungen Frauen vor den Ammen; jede Mutter erblicke in einer solchen einen Vorwurf für sich selbst; aber wenn es am Ende doch nicht anders geht . . .? Und so fuhren wir denn nach Wien. Zuerst führte Herr Meißl mich in die Landes-Findelanstalt auf der Alserstraße Die Anstalt liegt seit einigen Jahren in Gersthof. . Er war mit den Ärzten bekannt, mit den Wärterinnen sehr vertraut. Ich möge mich auf nichts einlassen, ermahnte er mich. Nur um zu sehen, ob etwas Brauchbares da wäre, seien wir gekommen, nicht um eine Amme zu nehmen. »Die bekommen wir wo anders billiger«, sagte er leise. Herr Meißl war ein Mann, der alles, was er anstrebte, billiger haben wollte, als die anderen Menschen es erhalten. Sonst freute ihn eine Sache gar nicht. Und dieser Grundsatz leitete ihn auch hier. Ausspionieren wollte er, welche Ammen in den nächsten Tagen entlassen werden. Am Tage ihrer Entlassung seien sie alle bescheiden . . . Während er in mich hineinredete, drängten wir uns durch die Scharen von ländlichen Kostweibern, die den Hof füllten und auf den Treppen herumlungerten. »Die warten alle auf Beute«, sagte er mir. »Jede will ein Findelkind zur Pflege erhalten. Und die raffiniertesten von diesen Weibern verlangen Kinderln vom Zahlstock.« »Zahlstock? Was ist das?« »Das wissen Sie auch nicht? Es gibt in diesem Hause seit den Tagen Maria Theresias eine Abteilung, auf der jeder Frau, die sich anmeldet, gegen Bezahlung Hilfe geleistet wird und auf der sie niemand nach ihrem Namen oder ihrem Stand fragen darf . Sie kann auch maskiert gebären, wenn sie will. Sie hat bloß dreihundert Gulden zu erlegen und kann nach ihrer Genesung unbehelligt das Haus verlassen. Niemand darf nach ihr forschen, und für ihr Kind, dessen Namen sie zu bestimmen hat, wird gesorgt. Das ist der Zahlstock. Kostweiber, die sich von da ein Kind erobern, erleben später oft noch angenehme Überraschungen.« Als wir während dieser mir ganz erstaunlich dünkenden Eröffnung in den ersten Stock gelangten, huschten mehrere Klosterschwestern, die als Wärterinnen im Findelhause leben, an uns vorüber. Auf den Gängen, die mit Steinfliesen belegt sind, schlurften lautlos, in weiße Linnengewänder gekleidet, Pantoffeln an den Füßen, die jungen Mütter dahin, von denen viele, die als Köchinnen oder Stubenmädchen hiehergekommen, als Ammen das Haus wieder zu verlassen hofften. Blaß und hohlwangig schauten sie drein. Wir gelangten in einen großen Vorraum. Ein weiblicher Beamter saß vor einem Tischchen über ein großes Buch geneigt und schrieb. Neben einer Wage stand eine alte Wärterin. Eine Mutter nach der anderen kam, legte wortlos ihr Kind auf die Wage, und was die alte Wärterin ansagte, schrieb die andere in ihr Buch. »Sehen Sie,« sagte Herr Meißl zu mir, »durch diese Wage wird genau festgestellt, wieviel das Kind getrunken hat. Jede Amme hat zwei Kinder an der Brust, ihr eigenes und ein fremdes, dessen Mutter bereits entlassen ist. Damit man nun jederzeit erfährt, ob das fremde Kind auch genug Nahrung erhält, wird es alle zwei Stunden, so oft es getrunken hat, hier gewogen.« Wir traten vor und blickten in einen großen Saal. Am Mitteltisch saßen zwei Herren in weißen, gegürteten Leinenmänteln, es waren die Ärzte. Umringt von Ammen, Kostweibern und Parteien, die Ammen suchten, oblagen sie mit großem Gleichmut ihren Amtsgeschäften. Am Ende des Saales befand sich das ärztliche Untersuchungszimmer, in welchem jene Ammen verschwanden, die von einer der feilschenden Parteien in Aussicht genommen wurden. Herr Meißl wußte sich auf Grund seiner alten Beziehungen sogleich Gehör zu verschaffen, und wir erfuhren alsbald, daß noch fünf bis sechs Mütter da waren, die bereit seien, sich als Ammen auskaufen zu lassen. Einige seien zwei, die anderen drei Monate hier. Eine viermonatliche, die in drei Tagen das Haus verlasse, sei für ein neugeborenes Kind nicht zu empfehlen, für ein älteres ja. Und ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß jede dieser armen, jungen Mütter, die hier unentgeltlich aufgenommen werde, vier Monate Ammendienste leisten müsse. Erst dann werden die Kinder Pflegerinnen übergeben. Aus Humanität aber gestattet man den früheren Austritt, wenn eine einen guten Posten als Amme finde. Ihr eigenes Kind bleibt dann noch im Findelhaus zurück. Herr Meißl ließ sich die sechs Mütter vorführen. »Bett Nr. 47! Bett Nr. 23! Bett Nr. 91!« wurde gerufen, kein Name genannt. Eine erschien nach der anderen, jede hatte ihr Kind im Arm, den lebendigen, oft von Gesundheit strotzenden Beweis ihrer Tauglichkeit. Nun wurde gefragt und geforscht. Kein Fragebogen einer Versicherungsanstalt kann so neugierig sein als Herr Meißl es war. Wie alt? Das erste Kind? Wieviel Zähne? Wieviel Geschwister? An was starb die Mutter? Wo ist der Vater des Kindes? Wird er sie acht bis neun Monate in Ruhe lassen? Wohin kommt ihr Kind in Pflege? Zu fremden Leuten, die sie vielleicht fortwährend mit Geldforderungen drangsalieren, oder zu Verwandten? Zur Großmutter? Ah, das ist schon besser. Und als all dies beantwortet war, da kam die Hauptfrage: »Was verlangen Sie?« »Zwanzig Gulden monatlich, dreißig Gulden beim Austritt und halbe Wäsche.« Das war fast wörtlich übereinstimmend die Forderung aller. Es gab da offenbar einen Ring der Ammen. Sie alle wollten ihre Muttermilch an ein fremdes Kind nur verkaufen, wenn sie dadurch in die Lage versetzt würden, etwas für ihr eigenes Kind zu tun. Auch diese Begründung war bei allen übereinstimmend. Meißl schnarrte jede mit den Worten an: »Mehr als fünfzehn Gulden habe ich nie gegeben!« Und dann übte er, um seinem Angebot Nachdruck zu geben, Kritik: » Sie haben schlechte Zähne!« » Ihr Kind ist heut noch keine fünf Kilo schwer!« » Sie haben Ihren Liebhaber in Wien, Ihnen traue ich nicht.« » Sie scheinen jähzornig zu sein!« » Sie waren schon zweimal als Amme, Sie sind mir zu raffiniert!« usw. usw. Ich war vollständig verstummt angesichts all dieser mir neuen und mich tief verletzenden Vorgänge. Endlich fragte der diensthabende Arzt, welche von den Ammen Herr Meißl untersucht wünsche. »Eigentlich paßt mir keine,« sagte Meißl, »aber von dieser Slowakin da möchte ich doch die Milch sehen.« Dabei deutete er auf die jüngste und hübscheste, ein blondes Ding von zwanzig Jahren. Sie errötete und legte ihr Kind beiseite. Meißl hielt den Rücken seiner rechten Hand vor ihre entblößte Brust. Die Slowakin vollführte einen leichten Druck und auf seiner Hand perlten die hellen Tropfen. Er setzte sich seinen Zwicker auf die Nase. »Hm! Sehr blau. Mehr Wasser als Milch.« »Das wird sich ändern,« meinte der Arzt, »wenn sie nur ein Kind zu versorgen hat und besser genährt wird.« Herr Meißl dankte dem Arzt und versprach, sobald es not tut, wiederzukommen. Aber nun wisperte er im Vorraum mit einer Wärterin und fragte sie halbtot. Er erfuhr alles, was er wünschte, auch den Austrittstag einer jeden, die er für tauglich hielt. Er notierte sich alles. »Die werden in acht Tagen alle bescheidener sein!« sagte er und ging. Ich folgte ihm wortlos. Teils beschämt, teils empört über den Zynismus, mit welchem da Markt gehalten wurde mit dem unveräußerlichen Eigentum auch des ärmsten Kindes. Auf der Straße angelangt, winkte Herr Meißl einen Einspänner herbei. Zuerst blickte er sich noch suchend, scheu nach allen Seiten um. Er kenne eine »Zubringerin«, sagte er leise. Die schleiche oft da herum und fange die Austretenden ab, um ihnen Plätze zu verschaffen . . . Und wir fuhren jetzt zur Frau Rosalia Silberstein in die Leopoldstadt. Die habe gegen eine kleine Provision immer gute und billigere Ammen vorrätig. Zwölf bis fünfzehn Gulden monatlich, kein Austrittsgeld, keine »halbe Wäsche«. Da ich den letzteren Ausdruck nicht verstand, erläuterte er mir denselben. Er bedeute: von jedem Stück der weiblichen Leibwäsche sei die Amme mit einem halben Dutzend auszustatten. Kluge Frauen sorgten dafür zu allererst, damit ihre Amme stets nett und rein sei. Die meisten Ammen wollen diese Gabe aber erst am Schlusse ihrer Tätigkeit, für viele sei es dann die Ausstattung für die Ehe. Während der Fahrt trällerte Meißl ein Lied, das wie ein vorstädtischer Gassenhauer klang. Er lachte sich fast krank über den volkstümlichen Text, den eine seiner Ammen aus dem Findelhaus mitgebracht hatte. »Zwa Röck' und a Kasettl , Dös is mei' ganzes G'wand, Jetzt fehl'n m'r nur die Hatsch'n , Dann bin ich fesch beinand. Die Kost ist sehr gemessen, In Schüsserl is nix drin, Zwa Kinder hab'n wir immer, Da braucht m'r hübsch viel G'spinn .« »Ja, was es für Volksdichterinnen gibt und für Lieder, davon hat man gar keine Ahnung!« sagte er. Ich konnte nicht mit ihm lachen. Als wir bei der Frau Silberstein, die uns im Vorzimmer empfangen hatte, eintraten, zeigte sich mir ein überraschendes Bild. Ein bildhübsches, junges Mädchen, die Tochter dieser Frau, stand in der Mitte des Zimmers; sie hatte ein großes Notizbuch in der einen, den Bleistift in der anderen Hand und führte Buch. Um sie herum saßen sechs junge Mütter, die alle Kinder stillten. Einige ärmlich gekleidete Frauen standen dabei und verfolgten den Vorgang aufmerksam. Frau Silberstein erklärte mir: »Das sind meine Ammen. Die lassen die armen Kinder aus der Umgebung trinken. Mein Institut ist ein Segen für die armen Leute hier.« Herr Meißl aber flüsterte mir zu: »Sie läßt sich natürlich bezahlen dafür und die Tochter führt Buch. Die Frauen lassen da aufschreiben wie ihre Männer beim Wirt.« Das Geschäft war beendet und während die hübsche Tochter mit einer der Ammen verschwand, begann Frau Silberstein mit der Vorstellung. Von einer jeden wußte sie einen Roman zu erzählen. Die eine sei Amme bei der Gräfin Soundso gewesen, das Kind sei aber an Fraisen gestorben, darum sei sie jetzt frei. Die andere, die soeben mit ihrer Tochter hinausgegangen, sei aus Iglau und erst seit gestern in Wien. Die dritte sei zwar eine Wienerin, aber ihr Geliebter sei in Bosnien. Meißl stieß mich in die Rippen. »Sie spricht kein wahres Wort!« sagte er leise, ließ sich aber alle vorführen, prüfte von einer jeden die Milch auf dem Rücken seiner Hand und wiederholte all die Fragen, die ich schon von ihm gehört hatte. Auch hier fand er eine, die ihm gefiel, und wieder war es eine blonde Slowakin aus dem Preßburger Komitat. »Gutmütige Person. Phlegmatikerin!« sagte er. »Fünfzehn Gulden?« Sie bejahte. Frau Silberstein suchte ihn unter dem Vorwande, daß die Rosa Milch für drei Kinder habe, zu steigern, aber er wies dies rundweg ab. »Sie bekommen zehn Gulden Provision. Werde telegraphieren. Soll uns drei Tage im Wort bleiben.« Und damit wollte er gehen. Da trat die Tochter mit der »Iglauerin« ins Zimmer. Jetzt war diese Amme im Kostüm . »Aha!« sagte Herr Meißl sarkastisch. »Was meint der Herr Doktor?« entgegnete demütig Frau Silberstein. »Na, ich sitze Ihnen nicht auf!« rief lachend Herr Meißl, und wir gingen. »So eine Maskerade!« rief er noch zurück. Mein Cicerone, der in der behaglichsten Stimmung war, wollte mich noch zu einigen »Zubringerinnen« geleiten, aber ich lehnte ab, ich hatte genug für heute. Er schien Dank und Anerkennung zu erwarten, ich aber kargte damit. Und tief verstimmt kam ich von dem Ammenmarkte nach Hause, im stillen den innigen Wunsch hegend, daß es mir erspart bleiben möchte, diesen Weg noch einmal zu gehen. Aber er blieb mir nicht erspart, so ehrlich und hartnäckig wir auch dagegen ankämpften. Der Doktor erklärte schon am dritten Tage nach der Geburt des Kindes, es sei eine Amme nötig. Nach vierzehn Tagen, als alle erdenklichen Versuche mit der künstlichen Ernährungsweise waren gemacht worden, sagte der Arzt: » Ein Kind hält das aus, aber neunundneunzig halten es nicht aus.« Auf sozialethische Theorien ging er mir nicht ein, er lächelte nur ironisch. Und am zwanzigsten Tage stellte er fest, daß das arme, bleiche Hascherl weniger wog als am Tage seiner Geburt. Das erschreckte uns zu Tode. Nach einer schlaflos verbrachten Nacht sagte mir meine Frau mit niedergeschlagenen Augen: »Du wirst doch eine holen müssen.« Und abends brachte ich eine derbknochige, robuste Deutschböhmin mit aus Wien. Alle anderen waren schon vergeben, wir hatten zu lange gezögert. Mit angstvollen Augen starrte meine Frau uns entgegen, aber das runde, glatte Gesicht und das ganze freundliche Gehaben der Person flößte ihr Vertrauen ein. Sie führte die Fremde selbst zum Kinderwagen. »Oh! Oh! So blaß! So klein!« sagte die Amme, indem sie den Buben zu sich emporhob. Und sie setzte sich breitspurig auf das Sofa und knöpfelte sich die Bluse auf. Ich verfolgte diesen Vorgang mit dem lebhaftesten Interesse und war glücklich, als ich sah, daß das Kind die Brust nahm und gierig, mit allen seinen Kräften zu saugen begann. Ich sah mich suchend nach meiner Frau um, sie war fort. Sie hatte sich in den Garten hinausgeschlichen; dort, auf unserem Fichtenplatzerl, saß sie im Abenddunkel und weinte bitterlich . . . Unser Bub gedieh. Aber es kam der Tag, an dem die Amme weinte. Ihr verwaistes Kind, das am Tage der Geburt acht Pfund wog und das gesund wie ein Fisch in die Pflege armer Dorfleute gegeben worden war, starb nach drei Monaten. Tagelang weinte die Amme und die Schwiegermutter gab den Rat, sie wegzuschicken, weil unser Bub darunter leide. Dagegen lehnte ich mich auf. Wir behielten sie. Aber ihr Kind war für das unsere gestorben. Die kleine Postmanipulantin »Das Heiratsfieber ist eine Krankheit, die in einem gewissen Alter jeden überfällt. Aber sie geht vorüber, diese Krankheit, ihr Verlauf ist nicht immer ein tödlicher, es braucht nicht jedesmal die Freiheit auf dem Platze bleiben. Seht mich an, mich hat noch kein solcher Fieberanfall niedergerungen.« So deklamierte Robert Körner seit Jahren in dem Freundeskreise, der sich allwöchentlich zweimal im Extrazimmer des Hotels »zum grünen Kranz« versammelte. Professoren, Lehrer, höhere Beamte der Stadt, Offiziere. Daß der Kreis immer kleiner wurde, merkten viele mit Verdruß. Einzelne wurden versetzt, kamen nach Wien oder sie avancierten und gerieten in ferne kleine Provinznester, andere heirateten, und an Nachwuchs fehlte es. Da die Führenden des kleinen Kreises allmählich älter wurden, so glaubten sie, nur noch Herren ihres Alters heranziehen zu sollen. Wie hätte man auch über die veränderten Zeiten und die Jugend räsonieren können, wenn diese Jugend anwesend gewesen wäre. Auch ich gehörte dem namenlosen Klub seit Jahren an. Robert Körner war einer der jüngsten, aber er tat sich auf sein Junggesellentum schon damals viel zugute. Er lachte über jeden, der in aller Stille, ohne daß man es merkte, dem Eheteufel verfiel. Wie man heiraten könne, ohne von einer großen Leidenschaft gepackt zu werden, verstand er nicht. Nur die sinnlose Liebe galt bei ihm als Entschuldigungsgrund. Robert Körner war Beamter bei der Postdirektion der Landeshauptstadt, er rückte allmählich zu einem höheren Wirkungskreis vor, und sein hellblonder Scheitel lichtete sich. Als Privatmann war er ein Schöngeist, trieb Musik, las alles Neue, war bei jedem Konzert, jeder Vorlesung, jeder Neuaufführung im Stadttheater, gehörte dem Ausschuß einiger Vereine an und war über und über beschäftigt. Man traf sich immer nur beim »Grünen Kranz« näher, sonst blieb man einander fern. Erst als ich Abschied nahm, da auch ich endlich nach Wien versetzt worden war, besuchte ich Körner einmal in seiner Privatwohnung. Da saß er voll Behagen bei seiner Zigarre zwischen Büchern, Zeitungen und Musikalien, und eine altjüngferliche Schwester bediente uns geräuschlos und bescheiden bei der Jause, zu der ich mich nötigen ließ. Die Schwester verschwand und an ihrer Stelle erschien die Mutter. Die wurde von Körner selbst bedient. Er schenkte ihr den Tee ein und brummte, daß sie so spät komme. Er werde schon ganz schwarz sein, der Tee. Da meinte sie, das wäre sie schon gewohnt. Sie mache sich ihn mit einer Zitrone wieder hell. Und man plauderte von dem und jenem. Die nette alte Frau kam mir so bekannt vor. Ich mußte sie schon gesehen und gesprochen haben. Endlich fiel das aufklärende Wort – sie redete von ihrer Trafik. Ach ja, das war die Trafikantin von der Keplergasse. Ich hatte es nicht gewußt . . . Und als sie wieder ging und ihr Sohn ihr die Hand küßte, da hatte ich mehr von seinen Lebensumständen erfahren, als vorher in Jahren. Die Mutter hatte als Hauptmannswitwe eine Trafik erhalten, die Schwester, das Mädchen ohne Mitgift, fand keinen Mann, und so schloß sich der enge Kreis fest zusammen. Der Sohn und Bruder wurde verhätschelt, er war der Mittelpunkt des Hauses, die beiden Frauen teilten sich in die Aufsicht über die kleine Trafik und in die Sorge um sein Wohlbefinden. Er leistete einen kleinen Beitrag zum Haushalt und verfügte im übrigen frei über sich und den größeren Teil seines Einkommens, genoß alles, was die Provinzialhauptstadt bot, machte jeden Sommer seine Reise und lächelte über die Ehekrüppel, die sich das versagen mußten, weil es nirgends langte. Ich begriff: der brauchte keine Frau. Den befällt das Heiratsfieber nicht in dem öden Einerlei des Wirtshauslebens, das man eines Tages ganz einfach nicht mehr erträgt. In diesem Familienbeet gedeiht der richtige Junggesellenegoismus. Kein Wort sprachen wir von dem leidigen Heiratsthema; er zeigte mir seine zierlich gebundenen Lieblingsbücher, die er seit seiner Gymnasiastenzeit gesammelt und unter denen nicht eines war, das er nicht so und so oft gelesen hatte. Sie füllten einen ganzen Schrank. Und seine Briefmarkensammlung war eine Sehenswürdigkeit. Sein amtlicher Wirkungskreis erleichterte ihm die Erwerbung von Seltenheiten aus allen Erdteilen. In drei großen Mappen waren diese Schätze geordnet, eine eigene Ecke seines großen Herrenzimmers war ihnen eingeräumt. Ein Klavier und eine Violine waren weitere Beweise für seine wohlausgefüllten Mußestunden. Ja, ich begriff, das teilt der Mann mit keiner Frau. Hier wird niemals Kleinkindergeschrei ertönen. Ich reiste fort. Drei oder vier Ansichtskarten wurden gewechselt, und wir rückten allmählich ganz ab von einander. Ich hörte seit zehn Jahren nichts mehr von Robert Körner. Eines Tages verschlug mich der Zufall in eine ferne kleine Provinzstadt mit fast durchwegs slawischer Bevölkerung. Eine Insel deutscher Intelligenz schwamm obenauf und sie trug eine deutsche Mittelschule. An dieser hatte ich ein Geschäft, das nicht an einem Tag zu erledigen war; ich mußte übernachten. Auf dem abendlichen Korso, den man in keiner kleinen Stadt versäumen soll, sah ich die Auslese der Gesellschaft. Unter ihr auch einen behäbigen Herrn mit graumeliertem Bart und munteren Augen, der eine stattliche junge Frau am Arme geleitete. Er wurde viel gegrüßt, sein Hut flog immer mit einem großen Schwung durch die Luft, und seine Glatze leuchtete im rosigen Abendschein. Den Mann sollte ich doch kennen! Und wenn ich mich nicht sehr täuschte . . . . Ich fragte den Nächstbesten, wer der Herr wäre, denn sicher war ich nicht. »Der neue Postdirektor«, war die Antwort. Also doch! Ich eilte Körner nach, wollte die alte Bekanntschaft erneuern, aber als ich hinter dem Paar war, hielt ich meine Schritte an. Der Herr Postdirektor schien so vergnügt zu sein, er plauderte so angelegentlich mit seiner hübschen, gerundeten Frau, daß ich es nicht für taktvoll hielt, ihn hier zu überrumpeln. Er wäre sicherlich in Verlegenheit geraten. Am nächsten Morgen klingelte ich an seiner Wohnungstür. Ich hatte in dem einzigen Fremdenhotel der Stadt elend geschlafen und wartete ziemlich verdrießlich auf meinen Zug, der erst nach Tisch ging: Zeit genug, dem Herrn Direktor aufzuwarten. Die junge Frau, in einen weiten blauen Schlafrock gehüllt, öffnete mir selbst. Hinter ihr war eine Tür nach dem Innern der Wohnung offen geblieben und aus dieser streckte ein etwa zweijähriger Knirps seinen Blondkopf. Die Dame war sichtlich verlegen, sie hatte ihr Dienstmädchen vom Markt zurückerwartet, und nun stand ein ganz fremder Herr auf der Schwelle. Meine Karte klärte sie auf. Und mit einem sehr liebenswürdigen Lächeln wies sie mich in den Salon. Sie werde ihren Mann sogleich aus der Kanzlei herüberbitten lassen. Da stand der Bücherschrank mit den zierlichen Einbänden. Dort lagen die drei Mappen auf einem Stuhl im Erker. Alte Bekannte! Aber an die gleichmäßig gebundenen Bände reihten sich andere in allen Farben und Formen, auch broschierte Bücher. Fehlte die Liebe von einst? Die Violine, die über dem Klavier hing, hatte nur zwei Saiten . . . . Nebenan heulte der kleine Bub . . . Hm! Es war eine andere Atmosphäre in diesem Heim Körners als in dem einstigen. Photographische Aufnahmen des Ehepaares standen da und dort, auch hübsche Einzelbildnisse der Gemahlin und des Kindes. Erstaunt, lachend kam Körner in den Salon gestürzt, beide Hände streckte er mir entgegen. »Servus! Servus! Wie kommst du in dieses gottverlassene Nest?« Das war bald aufgeklärt, und wir saßen bei einer Zigarre ein Stündchen im Salon und plauderten von alten Zeiten. Aber er merkte, daß mich seine Gegenwart mehr interessierte als die gemeinsame Vergangenheit in L. »Du wunderst dich, was?« »Nun ja, ein bißchen wohl. Ich bin ja auch längst verheiratet, habe schon Gymnasiasten. Aber ich hab' es auch nie verschworen, im Gegenteil . . . Doch du? Wie hast du so umsatteln können?« »Man soll es nicht glauben,« begann er, »wie einfach das war. Mein Avancement hing davon ab, ob ich für einige Jahre in eine kleine Stadt gehen wolle oder nicht. Sollte ich verzichten? Meine Mutter wollte, daß man mich Direktor nenne, und ich tat ihr den Willen. Ich könnte ja kurz oder lang als solcher wieder zurückkommen, meinte sie . . . Ich komme hieher und steige in dem sogenannten Hotel ab, übernehme die Direktion, suche aber vergeblich nach einer passenden Wohnung. So bleibe ich einen Monat, einen zweiten, einen dritten. Und ich gerate langsam in Verzweiflung. Es soll ein neues Postgebäude aufgeführt werden, heißt es, und dort bekäme ich eine Dienstwohnung. Aber das dauert noch ein Jahr oder zwei . . . Als ich im vierten Monat in dem Gulasch- und Zwiebelgeruch dieses Gasthauses lebte, von allen guten Geistern meines früheren Heims verlassen, da ertappte ich mich eines Abends bei der lauten Frage: ›Na, du alter Esel, willst du endlich heiraten oder nicht?‹ Ich war auf und nieder gegangen und vor dem Spiegel stehen geblieben, erwägend, ob es denn noch möglich wäre . . . Ich hielt mir mein Sündenregister laut vor, prüfte meine Glatze mit einem Handspiegel, machte ein paar Kniebeugen – na, es ging wohl noch. Aber wo war die, die ich heiraten sollte? Wie sah sie aus? Ich hatte buchstäblich keine Ahnung. Und ich ließ alle weiblichen Wesen, die ich in den letzten Jahren gesehen oder gesprochen hatte, vor meinem geistigen Auge vorübergleiten. Nichts rührte sich in mir für die eine oder die andere dieser Schönen, sie waren mir alle gleichgültig. Auf einmal gab es mir einen Riß. Ein Bild tauchte auf aus einem kleinen Neste, wo ich einmal als Postkommissär die Kasse revidierte. Die Tochter jenes Postmeisters hatte mir damals ungemein gefallen. Ein liebes, braunes Mädel, kaum sechzehn, saß am Schreibtisch, bediente den Morseapparat flink und munter und war voller Freundlichkeit mit allen Leuten. Wenn die noch zu haben wäre, sagte ich mir – sie konnte jetzt zwei- oder dreiundzwanzig sein – die möchte ich nehmen. Ich erteilte mir am nächsten Morgen einen Urlaub und reiste ab. Und denke dir, sie saß noch an demselben Schreibtisch und war noch so freundlich und lieb, wie sieben Jahre vorher. Der Vater hatte sich's bequem gemacht, sie führte die Postalien. Als ich so unvermutet eintrat, glaubte sie, ich wäre wieder als Kontrollor gekommen. Sie wies mir all ihre Bücher, öffnete die Kasse. Ich aber fragte sie, ob sie verlobt oder verliebt wäre und ob einer, der sie haben möchte, nicht zu spät käme. Ganz blaß war sie geworden über diesen Einbruch eines Vorgesetzten in ihr Privatleben. Da wurde ich deutlicher. Ohne Umschweife fragte ich sie . . . Meinen Titel aber hab' ich verschwiegen. Sie war ganz verwirrt. Ich möchte in acht Tagen wiederkommen, sagte sie. Und mit dem Verlobungsring in der Westentasche bin ich eine Woche später wieder hingefahren. Daß sie mich genommen hat, siehst du aus allem. Und ich bin sehr glücklich mit ihr.« »Und das ging so ganz ohne Leidenschaft? Ohne die gewisse Liebe, die du immer fordertest, wenn einer heiraten wollte?« fragte ich ein bißchen ironisch. »Ja, ich gestehe, das hat vollständig gefehlt«, entgegnete Körner. »Es ging nur eine so angenehme Wärme aus von dem Mädchen, sobald ich an dasselbe dachte. So etwas Sicheres und Festes hatte sie. Was tut man mit der Leidenschaft in der Ehe? Da genügt ein warmer Ofen«, sagte er lachend. Und er holte seinen Buben und zeigte ihn mir voll Stolz, er rief seine Frau, und ich sah, daß er nicht allein der Glückliche war. Ihr Blick hing voll Zärtlichkeit an ihm. War er doch wie der Prinz im Märchen in ihr Leben getreten und hatte die kleine Postmanipulantin zur Postdirektorin gemacht. Die Ludmilla. Als Währing noch ein Vorort von Wien war und nicht ein Bezirk, ging ich mit meiner Braut dort eines Tages auf die Wohnungssuche und es fand sich alsbald ein Nest, das uns behagte. Die Gegend war damals beliebt bei Herrschaften a. D., die lieber außerhalb der Wiener Verzehrungssteuerlinie als in Linz oder Graz wohnten. Uns gegenüber hauste ein General außer Dienst, neben uns ein Hofrat in Pension, über uns ein Graf, dessen Töchter sich ihre Kleider selbst nähten. Zwei Gassenzimmer und ein Hofkabinett genügten uns. Und es war so idyllisch. Vorne rollte die Pferdebahn von sechs Uhr früh bis ein Uhr nachts fast unter den Fenstern, aber wir gewöhnten uns daran; rückwärts stießen mehrere Höfe aneinander, darunter war auch der eines Gasthauses, und sobald am Morgen in der Wirtsküche Feuer gemacht wurde, fingen sämtliche Saucen und Bratensäfte, die am Vortag auf dem Herd übergelaufen waren, aufs neue zu duften an. Das Kabinett konnte nur nach Mitternacht gelüftet werden. Doch auch daran gewöhnten wir uns. Damals war uns alles recht. Es war eine selige Zeit. Wenn ich vormittags ins Bureau ging, war meine junge Frau stets in Lebensgefahr. Sie neigte sich, um mir nachzusehen, stets so bedenklich weit zum Fenster hinaus, daß die schöne alte Generalin gegenüber manchmal nahe daran war, um Hilfe zu rufen. Zum Glück gewöhnt jede Frau sich solche Dinge mit der Zeit ab. Wir schwärmten für alles, was die Gegend an der Währingerlinie aufzuweisen hatte; nur einem traute meine Frau nicht: sie konnte nicht daran glauben, daß es möglich sei, dort eine Ballfriseurin zu finden oder daß ich mir dort in einem der vorortlichen Ateliers die Haare könne schneiden lassen, denn ich hatte damals noch Haare. Das müsse man eben versuchen, meinte ich. Und dies tat ich, soweit es mich anging, eines Tages, indem ich beim nächstbesten Friseur eintrat. Stephan Bogdanovics nannte sich der Künstler auf seinem funkelnden, offenbar ganz neuen Schild. Der Name flößte mir vollstes Vertrauen ein, denn einem Serben kann man seinen Kopf ruhig überlassen. Die besten Rasierer und Friseure in Europa sind Serben. Kaum saß ich in dem Drehstuhl unter dem weißen Mantel, öffnete sich die Tür hinter mir in jener geräuschvollen Art, die nervösen oder aufgeregten Menschen eigen ist: mit einem halben Druck der Klinke brechen sie in ein Zimmer ein, ohne zu ahnen, wie weh das denen tut, die dort weilen. So hier. Ich wendete mich erschrocken um. Eine nicht mehr ganz junge, hübsche Person, in ihrer Erscheinung mehr Frau als Mädchen, stürmte herein. Der Haarkünstler an meiner Seite verbeugte sich, ein Lehrbub im Hintergrund rief: »Küß die Hand!« sie aber grüßte mich. Eine temperamentvolle Prinzipalin, dachte ich mir und wendete mich wieder dem Spiegel zu, um eingehend zu erläutern, wie ich meine Haare geschnitten haben wollte. Denn ich war plötzlich mißtrauisch geworden, als ich ahnte, daß der junge Mann neben mir nicht der Bogdanovics sein dürfte. »Wo ist der Stephan?« fragte aus dem Hiutergrund des langgestreckten Lokales, das in eine Art Alkoven mündete, eine weibliche Stimme. »Beim ›Wilden Mann‹«, antwortete lakonisch mein Haarkünstler und zuckte mit den Achseln. Ein Wispern hub an und alsbald flog der Lehrling aus der Tür, wie die gestrenge Prinzipalin – denn dafür mußte ich sie halten – vorhin hereingeflogen war. Und während der Gehilfe sich mit meinem Kopfe beschäftigte, ging die junge Frau in die »Sitzkassa« und vertiefte sich dort in ein Einschreibbuch. Ich sah es im Spiegel, wie sie rechnete und sich Notizen machte. Plötzlich fing sie mit sich selbst zu reden an: »Samstag 17 Gulden, Sonntag 25 Gulden, Montag 5 Gulden, Dienstag 11, Mittwoch 13 Gulden – das Geschäft geht ja gut!« – »Sehr gut geht es, Fräulein Ludmilla!« erwiderte ungefragt mein Künstler und riß mir dabei ein paar Haare aus, denn er zog die Schere zur Seite, ohne sie vollständig geschlossen zu haben. So wie sie, die also ein Fräulein war, die Türklinke, so behandelte er die Schere. Ich seufzte entrüstet auf und er entschuldigte sich. Das genügte, denn aus ein paar Haaren machte ich mir damals noch nichts. – Da erschien Stephan Bogdanovics, den man vom »Wilden Mann« hatte holen müssen, in der Tür. Es riß ihn nach zwei Seiten. Indem er eine Hand der Dame in der Kassa hinreichte, verbeugte er sich unaufhörlich vor der neuen Kunde unter dem weißen Mantel und die »ergebenden Diener« flossen ihm wie Honigseim von den Lippen. Dann wendete er sich plötzlich von mir ab und küßte das Fräulein Ludmilla, daß es schnalzte. Sie drängte ihn halb unwillig von sich fort, folgte ihm aber in den hinteren, alkovenartigen Raum des Lokals. Als der Herr Stephan an mir vorüber ging, sagte er, mit halbverglasten Augen, süß lächelnd: »Meine Braut«. Das erklärte alles und entschuldigte ihn in meinen Augen vollkommen. Seine Braut kann ein Friseur auch vor Kunden küssen. Während das Paar nun hinten wisperte und von Minute zu Minute erregter wurde, stutzte der Gehilfe mir den Bart. Sein Mund war ganz nahe bei meinem rechten Ohr und er flüsterte mir zu: »Sie hat ihm das Geschäft gekauft. Er war früher Gehilfe da . . . Sie hat einen Narren gefressen an ihm . . . Er aber trinkt, ist ein Lump. Hab' ihm auch schon gekündigt. Bin ganzen Tag allein . . .« Und er stutzte den Bart an der linken Seite: »Sie ist Kammerfräulein bei einer Gräfin. Hat sich was erspart . . . Ihm alles gegeben für's Geschäft . . . In zwei Monaten soll Hochzeit sein . . . Haare einbiegen gefällig?« »Keinen Kreuzer hast du von der ganzen Wochenlosung?« schrie rückwärts Fräulein Ludmilla auf. »Pst! Pst! Pst!« ertönte es dazwischen und die entrüstete Braut dämpfte den Ton ihrer Rede. Wispernd wurde weiter gestritten. Man hörte nur Zischlaute und der Gehilfe lachte in sich hinein. »Er wird ihr wieder schwören, daß er sich bessert! . . . Armes Mädel . . . Ergebenster Diener!« Und er nahm mir den Mantel ab. Als ich mich vom Lehrbuben abbürsten ließ und nach Kleingeld in meinem Portemonnaie suchte, kam das Fräulein Ludmilla mit verweinten Augen aus dem Hintergrunde hervor. »Lieber Adolf,« sagte sie, »verlassen Sie das Geschäft nicht auch noch! Bleiben Sie wenigstens so lange, bis ich da bin, bis wir geheiratet haben. Ich werde ihn dann schon halten. Er ist zu schwach. Bleiben Sie mir zuliebe so lang . . .« Der Adolf, der eigentlich, was ich erst jetzt bemerkte, ein ganz hübscher Bursche war, sah die künftige Prinzipalin mit einem Blick an, der von ihr als Zustimmung gedeutet wurde, denn sie dankte ihm mit einem Händedruck. Beruhigt verließ ich den merkwürdigen Friseurladen, denn auch ich hatte die Überzeugung gewonnen, daß diese junge Frau dem Stephan den »Wilden Mann« schon abgewöhnen würde. Meine Frau war nicht sehr erbaut von der Kunst des Adolf, aber sie lachte doch herzlich über die Schilderung, die ich ihr von den Verhältnissen in diesem vorortlichen Etablissement gab. Und nach vier Wochen gestattete sie mir, mich wieder zu Stephan Bogdanovics zu begeben. Am Ende würde ich diesmal das Glück haben, von dem Meister selbst bedient zu werden. Das war auch mein stiller Wunsch. Aber er sollte nicht in Erfüllung gehen. Es waren mehrere Kunden da und ich mußte mich gedulden, denn der Adolf und der Lehrjunge waren wieder allein. Der letztere reichte mir als Lektüre den »Hansjörgel«. Der Adolf schien mir sehr gedankenvoll zu sein. Er schnitt emsig darauf los und sprach kein Wort. Der Lehrbub rasierte einen Fuhrmann, daß ihm die hellen Tränen über die Backen liefen. Der Mann blieb stumm und ich bewunderte ihn. Aber als er zum Schluß seine Kreuzer auf das Pult warf, ingrimmig»Adjes!« rief und die Tür hinter sich zuschlug, da fühlte selbst der Junge, daß dies ein Abschied war fürs Leben. Der Adolf lachte. Und jetzt erfuhren wir, daß der Fuhrmann das erste Opfer des Buben gewesen. Na ja, einer mußte dies ja schließlich sein und mir war es viel lieber, daß der Fuhrmann es gewesen . . . Ein neuer Gast erschien. Protzig, breitspurig, mit dem Hut auf dem Kopfe. »Ergebenster Diener, Herr v. Huber!« Dieser erwiderte nichts auf den Gruß des Gehilfen und des Lehrjungen, sondern fragte einfach: »Der Master da?« Auf die Antwort, er werde sogleich kommen, sagte jener brüllend: »Kenn' ich! Ich such 'n beim ›Wilden Mann‹, vielleicht balbiert er mich dort!« Und alle höflichen Aufforderungen des Lehrjungen, Platz zu nehmen, mißachtend, ging er von dannen. Adolf versicherte uns hierauf, daß sein Prinzipal heute etwas ganz anderes zu tun hätte, als beim »Wilden Mann« zu frühstücken. Er sei bei der Toilette. Heute gehe er mit seiner Braut zum Herrn Pfarrer und am nächsten Sonntag fände das erste Aufgebot des Paares in der Kirche statt. Die Kunden nahmen diese Mitteilungen sehr kühl auf und da Adolf auch keine Anstrengungen machte, das Thema weiter auszuspinnen, wurde nichts weiter darüber geredet. Der Herr Stephan Bogdanovics schien seinen Kunden persönlich so wenig bekannt zu sein als mir. Sie interessierten sich jedenfalls nicht für ihn. Ich hatte nur noch einen Vordermann, da erschien die Braut. Ganz anders als damals, gewissermaßen feierlich, trat sie ein, verneigte sich nach allen Seiten und schritt dem Hintergrund zu. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid, das einmal die Büste ihrer Gräfin umspannt haben mochte, denn ihr war es zu eng, einen hübschen Sommerhut und weiße Handschuhe. Ohne ein Wort zu sprechen, ließ sie sich nieder und wartete eine Weile. Dann winkte sie den Buben zu sich heran, gab ihm leise einen Auftrag und dieser entfernte sich durch einen rückwärtigen Ausgang. Mein Vordermann war endlich auch erledigt und ich kam an die Reihe. Kaum saß ich vor dem Spiegel, stürzte der Lehrjunge rückwärts herein mit den Worten: »Ich find' den Herrn nit! Seine Kammer ist zug'spirrt. Die Hausmasterin sagt, er is schon lang fort.« »Und uns sind fünf Kundschaften davongegangen, weil er nicht da war!« rief der Adolf gereizt. »Ja, wo kann er denn sein?« fragte zaghaft das Fräulein Ludmilla. Und der Lehrjunge kam ihr zu Hilfe mit den resoluten Worten: »Ach was, ich lauf zum ›Wilden Mann‹!« Und fort war er. Das Mädchen begann zu weinen. Sie kam hervor und entschuldigte sich bei mir. Sie sei in heller Verzweiflung, sagte sie schluchzend. Alles, was sie sich in zwölfjährigem Dienst erspart, habe sie dem Stephan hingegeben, damit er sich dieses Geschäft kaufen und sie heiraten könne. Und sie habe ihn so vom Herzen lieb gehabt. Jetzt aber sei er ihr widerwärtig, denn er trinke und spiele und durchschwärme die Nächte, er betrinke sich selbst bei Tag und sein Geschäft sei ihm gleichgültig. Und doch werde sie ihn heiraten müssen, denn sie sei zweiunddreißig Jahre alt und könne nicht von vorne beginnen. Die Schande, wenn ihre Gräfin erfahre, was sie für einen Mann genommen habe. »Aber,« fuhr sie mit plötzlicher Entschiedenheit fort, »wenn er jetzt wieder im Wirtshaus war – ich weiß nicht, was geschieht.« Ich wußte ihr nichts Tröstliches zu sagen und schwieg. Sie ging einigemale auf und nieder, dann blieb sie wieder bei mir stehen und sprach: »Ich war nicht so dumm, ihm alles ohne Schrift zu geben. Er hat mir bestätigt, daß das Geschäft mit meinem Gelde gekauft worden ist und daß eigentlich alles, was hier ist, mir gehört.« Sie schien auf ein erlösendes Wort von mir, dem ihr gänzlich Fremden, zu warten, und ich kam ihr endlich entgegen: »Da sind Sie ja an den Mann gar nicht gebunden!« sagte ich. »Nicht wahr!?« jubelte sie auf und klatschte in die Hände. Als ich sah, was ich da angerichtet, suchte ich den früheren Ausspruch abzuschwächen. Ich riet ihr, denn doch abzuwarten oder ihm noch eine Probezeit zu stellen . . . »Nein, nein! Wenn er jetzt aus dem Wirtshaus kommt, geschieht etwas!« Der Adolf hatte mich heute rasch erledigt und kein Wort gesprochen. Er war blaß und seine Bewegungen verrieten eine Nervosität, die ich das erstemal an ihm nicht wahrgenommen hatte. Mit kurzem Gruß verließ ich den Laden und trat auf die Straße. Der Lehrjunge rannte mir direkt in die Beine, er war atemlos. Und was er der harrenden Braut berichtete, hörte ich noch: »Jessas, Fräul'n, unser Herr hat an Rausch – an Rausch –!« Und dort kam er auch schon herangetorkelt, der edle Stephan Bogdanovics. Den Hut auf dem Hinterkopf, beide Daumen in den Achsellöchern der Weste, laut mit sich selbst redend, so kam er die Straße herab und die Schuljungen trieben ihren Schabernak mit ihm. Es war ein Bild tiefer Verlotterung, das er darbot. Ein Wachmann, der ihn offenbar kannte, nahm ihn unter dem Arm, führte ihn zu seinem Geschäft und vertrieb die kecken Buben, die ihnen gefolgt waren. Ich war in eine benachbarte Tabaktrafik getreten, um einige Briefmarken zu kaufen, doch als ich wieder auf der Straße erschien, war dort der Lärm viel größer als vorher. Das Fräulein Braut und der blasse Adolf hatten den Herrn Stephan Bogdanovics aus seinem Geschäfte hinausgeworfen. So erzählte man sich lachend. Und siehe, dort lag er neben den Stufen, die zur Eingangstür emporführten, ballte die Fäuste und stieß furchtbare Flüche aus in seiner ohnmächtigen Wut. Dazwischen sang er eine serbische Weise. Die Schulbuben tanzten um ihn herum und verhöhnten ihn. Zuerst warf er seinen Zylinder nach ihnen. Dann seine silberne Uhr, mit welcher er einen am Kopfe verwundete, so daß dieser heulend die Flucht ergriff. Endlich zog er seine Zugstiefletten aus und warf damit nach den Buben. Der Auflauf von vorstädtischem Publikum wurde immer größer, so daß der Tramwayverkehr in der Straße zu stocken begann und Herr Stephan weggetragen werden mußte, denn die Tür seines Geschäftes war für jedermann geschlossen. Als die Menge sich verlaufen hatte und die Gasse wieder ihr Alltagsgepräge trug, öffnete sich die Tür des Friseurladens, der Lehrjunge trat heraus und spähte straßauf, straßab, dann erschienen auf seinen Wink Fräulein Ludmilla und Adolf. Arm in Arm schritten sie in eifrigem Gespräch dahin und verschwanden im Pfarrhof. Die Ludmilla hielt auf Ordnung. Der Pfarrer sollte sie nicht umsonst erwartet haben. Wohltätige Frauen An die Wiener Theaterkreise war – es ist nun schon mehr als zwanzig Jahre – wieder einmal die Pflicht herangetreten, in irgendeiner Form einen Akt der Wohltätigkeit zu vollführen. Es handelte sich darum, eine ehemals sehr beliebte und durch langwierige Krankheit ins Elend geratene Künstlerin in ausgiebiger Weise zu unterstützen; denn ihr Arzt sagte, man könne ihr noch das Leben retten, wenn man ihr den Aufenthalt im Süden ermögliche. Es mußte rasch gehandelt werden und man wollte daher keine Zeit mit dem Entwerfen eines Programmes zu einer Wohltätigkeitsvorstellung verlieren, deren Ertrag am Ende doch zweifelhaft war. Ein guter Gedanke war in dieser Lage Goldes wert und er war plötzlich da, ohne daß man wußte, wer ihn zuerst ausgesprochen. Die Künstlerinnen, die sich an dem Akte der Wohltätigkeit für ihre Genossin beteiligen sollten, wurden nicht dazu verpflichtet, ein Lied zu singen, ein Gedicht vorzutragen, eine Gavotte zu tanzen, Zigarren oder Blumen zu verkaufen, nein, sie brauchten nichts zu tun, als zu Hause zu bleiben und Besuche zu empfangen. Es war eine reizende Idee! Medea, Emilia Galotti, das Käthchen von Heilbronn, Brunhild und die Nachtwandlerin, die Elsa von Brabant, die Großherzogin von Gerolstein und die Gebildete Köchin, alle erklärten sie sich bereit, an zwei bestimmten Tagen zu einer bestimmten Stunde zu Hause zu sein und jeden bei sich empfangen zu wollen, der eine Spende – und sei sie auch noch so klein – für ihren Schützling bei ihnen abgeben wolle. Diese Spekulation auf die Neugierde des Publikums konnte nicht mißlingen. Überall hatte man diese und jene Künstlerin schon wohltätig wirken gesehen, in Konzerten, Akademien und Matinees, bei Basaren und Kostümfesten, selbst in Wärmestuben und Volksküchen, in Suppen- und Kleinkinderbewahranstalten – aber daheim, als Repräsentantin ihres Hauses, sah man noch keine. Das war neu, es bot einmal ein anderes gesellschaftliches Bild als das alltägliche Einerlei und es brachte eine gewisse Aufregung in die beteiligten Kreise. Unter den Künstlerinnen des Laubeschen Wiener Stadttheaters, die bereit waren, zu wohltätigem Zwecke Leute zu empfangen, war eine, die sich erst kürzlich verheiratet hatte. Sie sträubte sich lange, denn sie wußte sehr wohl, daß eine Theaterdame in dem Augenblicke für große Kreise uninteressant wird, in dem sie sich für einen Mann entscheidet. Und als die Stunde kam, in der sie empfangen sollte, da zitterte sie vor dem möglichen Fiasko. Das Erträgnis, sagte sie sich, das jede einzelne erzielt, wird morgen in die Welt posaunt werden, und man wird nach diesem Maßstab auf die Beliebtheit schließen, die sie genießt, ja auf das Talent, das sie besitzt. Um wieviel lieber wäre es ihr, auf der Bühne stehen und handeln zu dürfen für diesen Zweck, für den sie heute still zu Hause sitzen und warten muß, ob von jenen Hunderten, die ihr sonst Beifall klatschen, jemand ihrer gedenkt. Sie hatte große Toilette gemacht und sie war schön. Das mußte sie sich selbst gestehen, als sie jetzt vor den Spiegel trat, um einen letzten prüfenden Blick in denselben zu werfen. Sie war wieder einmal viel schöner, als abends im Theater. Oft schon hatte man ihr dies zum Vorwurf gemacht, aber sie begriff es nie so ganz wie heute, und wenn sie jetzt ihr Direktor sähe, der brummige Direktor Laube . . . Es klingelte. Endlich ein Wohltäter! – »Ach, Papa Laube, Sie sind es?« – »Na, was ist denn das für ein Empfang? Glauben Sie etwa, ich komme heute mit einer schlechten Rolle?« – »Nein, lieber Papa, ich glaube, Sie bringen mir Geld.« – »Meinen Sie?« Er sah sie an. »Sagen Sie mir, warum sehen Sie denn abends nie so hübsch aus?« Sie biß sich auf die Lippen und erwiderte: »Weil ich mich nicht schminken kann!« – »Hab' ich schon oft gesagt. Aber wer sich nicht schminken kann, der ist auch kein Schauspieler. Merken Sie sich übrigens den Ton, in dem Sie das gesagt haben. Er war ganz brauchbar für's Theater.« Es klingelte wieder. »Na, ich glaube, jetzt kommen die Wohltäter. Es soll mich wundern, wenn Sie mehr als die fünf Groschen, die ich Ihnen gebe, zusammenkriegen. Es werden gewiß lauter Frauenzimmer zu Ihnen kommen mit ersparten Küchengeldern. Ich habe Ihnen ja gesagt: Heiraten Sie nicht! am allerletzten einen Kavalier! Jetzt sind Sie für mein Herrenpublikum eine uninteressante Person geworden.« – »Aber Papa!« schmollte sie. – »Na, na, na!« sagte der brummige Alte und streichelte ihr begütigend die Wangen. »Sie werden ja sehen!« Dann griff er in die Tasche und legte eine große Note auf den Tisch. Eine Dame trat ein. Mit der Rechten hielt sie den »Stecher« vor die Augen, um sich zurecht zu finden, die Linke streichelte ein zierliches kleines Hündchen, das sie stets in der Tasche ihres Kleides trägt. »Guten Abend, Baronin«, schnarrte der Alte, während die Dame des Hauses der Eintretenden entgegenging und sie wie eine gute Bekannte begrüßte. Dieser Dame folgte bald eine zweite, eine dritte und vierte, sogar junge Mädchen kamen, öffneten schüchtern ihre Börschen und traten scheu beiseite, als sie den so unartig lachenden, berühmten alten Herrn erkannten, der sie mit seinen strahlenden blauen Augen verschlang. Endlich ging er fort, ohne daß sie begriffen hatten, warum er so gelacht. Am nächsten Morgen bei der Probe fragte der Direktor die Künstlerin: »Na, wie war's?« Das Käthchen machte ein wahrhaft verzweifeltes Gesicht und schwieg, er aber fuhr unerbittlich fort: »Ja, man muß heiraten, sich mit Sorgen beladen und die Karriere verderben! Wenn ich noch einmal den Kontrakt einer ersten Liebhaberin unterzeichne, muß er die Klausel enthalten: Heirat ist Kontraktbruch! – Vorwärts!« »Hans Fourchambault« wurde zu Ende probiert, der Direktor war sehr zufrieden und er sagte: »Es wird geh'n.« Das war sein höchstes Lob. Als er zum Abschied seinem Liebling die Hand reichte, fragte er: »Na, wann empfangen Sie wieder?« – »Am Neujahrstag.« – »Der Tag ist gut, aber das wird Ihnen nichts helfen.« – »Dann helfen Sie mir, lieber Doktor! Lassen Sie in die Zeitungen setzen, mein Mann sei nicht zu Hause, oder ich sei überhaupt nicht verheiratet.« »So,« entgegnete er, »jetzt soll ich Sie wieder interessant machen? Nichts da. Das soll Ihr Mann besorgen.« Er zwinkerte mit den Augen und ging, sie schlug die ihren nieder und verzog den Mund. Am Neujahrstag, nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr, entfaltete sich im Salon derselben Künstlerin ein ganz ähnliches Bild wie einige Tage vorher. Die schönsten Frauen Wiens kamen zu ihr, und doch wären die häßlichsten Männer vom Schottenring ihr lieber gewesen. Der Direktor schickte diesmal seine Gabe durch den Bedienten, und sie mußte sehr bedeutend gewesen sein, denn die Augen der schönen Frau leuchteten, als sie die Note sah. Der Schwarm von Damen, der im Salon versammelt war, unterbrach plötzlich sein Geplauder. Ein Mann war eingetreten. Ein Mann! Er schien noch jung zu sein, doch waren seine Züge schlaff und müde, sein Haar hing ihm in langen Strähnen in den Nacken und sein bleiches Gesicht war ganz glatt rasiert. Das gab ihm etwas Gespenstisches und die junge Frau erschrak ein wenig, als sie ihn sah. Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, war er nur zögernd gefolgt, die Möbel schienen ihm zu kostbar zu sein zum Daraufsitzen. Seine Kleidung war überaus schlicht, doch trug er eine weiße Binde. In der Hand hielt er eine Rolle. Die Dame des Hauses war begierig, zu erfahren, was dieser Gast ihr bringe, und sie setzte sich zu ihm. Er nannte ihr erst jetzt seinen Namen und fuhr leise fort: »Ich bin Schriftsteller. Das heißt, ich gehöre zu jenen Parias des literarischen Lebens, die Kolportageromane schreiben, und so jung ich auch bin, ich habe doch heute schon mehr geschrieben als Lessing, Goethe und Schiller zusammen. Ich muß täglich fast zwei Druckbogen schreiben, wenn ich leben will, und ich arbeite oft an drei Romanen zu gleicher Zeit, von denen jeder unter einem anderen Autornamen und bei einem anderen Verleger erscheint. Sie lächeln, gnädige Frau? Ich erhalte von dieser Tätigkeit eine ganze Familie . . . Aber im letzten Jahre ging es mir gar nicht so schlecht. Ich habe einen Verleger gefunden, der mich etwas besser bezahlt, der mich für ein Talent hält, das sich noch emporarbeiten wird. Dieses Vertrauen hat mich begeistert und angeeifert und ich verwendete meine Feierstunden zu einer Arbeit, die meinen wahren Namen hinaustragen soll in die Welt. Es ist ein Lustspiel. Es enthält eine glänzende Rolle für Sie . . .« »Haben Sie mich je gesehen?« fiel die Dame ihm ins Wort. »Nein«, entgegnete er. »Den Besuch des Theaters trägt mir meine Tätigkeit nicht. Aber ich las so viel über Sie. Nehmen Sie sich meines Werkes an, gnädige Frau, ich widme meine Tantiemen der ersten zwei Vorstellungen Ihrem wohltätigen Zwecke. Und zweimal«, fügte er zaghaft hinzu, »wird ja jedes Stück gegeben.« Sie nahm schweigend die Rolle in Empfang und er erhob sich. Als er ging, drückte sie ihm die Hand und versprach ihm, das Stück ihrem Direktor empfehlen zu wollen. Die Empfangsstunde war schon fast abgelaufen, einige Damen erhoben sich und gingen, diese und jene hatte sich so gut amüsiert, daß sie vollständig vergaß, weshalb sie eigentlich gekommen war, und die Guldennoten auf der großen silbernen Tasse, die sich auf dem zierlichen Arbeitstischchen der Hausfrau breit machte, vermehrten sich nur langsam. Unter den bis zuletzt Gebliebenen war noch eine Frau, deren Name die Hausfrau nicht kannte, und es fiel ihr erst jetzt auf, daß jene gar so bescheiden in ihrer Ecke saß, sie hatte noch kein Wort mit ihr gesprochen, und doch fühlte sie die Augen dieses Gastes immer auf sich ruhen. Zuerst hielt sie die einfache junge Frau für die Begleiterin einer der anwesenden Damen, und sie fand es nicht für nötig, derselben ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Jetzt aber sah sie, daß dem nicht so war, und sie trat zu der Fremden, um sich neben ihr niederzulassen. Die Frau errötete tief und die Dame des Hauses vermutete, daß diese schlichte Wohltäterin wohl eine ähnliche Angelegenheit auf dem Herzen haben müsse, wie der arme literarische Taglöhner, der, um eine Wohltat ausüben zu können, erst selbst gefordert sein wollte. Doch die Künstlerin blieb nicht lange im Zweifel über die Absichten der Fremden, denn diese sprach: »Entschuldigen Sie, gnädige Frau, daß eine so einfache Frau wie ich Sie belästigt. Aber ich verehre Sie schon lange und ich wollte Sie einmal ganz in der Nähe sehen und sprechen hören. Und ich wollte Ihnen auch danken dafür, daß Sie sich für Ihre unglückliche Kollegin so warm angenommen haben.« – »Für wen?« – »Nun, für die arme Kranke, für die Sie sammeln.« Die Hausfrau schien sich nur mit Mühe daran erinnern zu können, für wen sie eigentlich sammle, und sie sagte gedehnt: »Ach so!« Dabei errötete sie flüchtig und es fiel ihr auf, daß bisher niemand ein Wort von der Kranken gesprochen hatte in ihrem Salon . . . »Ich hab' die Arme sehr gut gekannt, als sie noch berühmt und glücklich war,« fuhr die schlichte Frau in unverkennbar wienerischer Tonart fort. »ich hab' zwei Jahre in ihren Diensten gestanden als Köchin. Sie hat ein gutes Herz und ich hätte sie sehr gerne aufgesucht, um ihr meine Hilfe anzubieten. Aber ich hätt' nicht viel tun können, denn die Zeiten sind schwer und wir haben vier kleine Kinder. Und wer weiß, ob es sie nicht beleidigt hätt', wenn ihre ehemalige Köchin . . . So wie Sie's gemacht haben, ist es viel besser! Aber Sie müssen mir auch erlauben, etwas für die Arme zu tun . . . Hier hab' ich einen Ring. Sie hat ihn mir, als sie noch berühmt und glücklich war, an meinem Hochzeitstage geschenkt. Ich hab' ihn bis heute in Ehren gehalten und wollte mich nie von ihm trennen, aber jetzt nehmen Sie ihn nur hin. Ich weiß nicht, was er wert ist. Verkaufen Sie ihn und legen Sie das Geld zu dem übrigen . . .« Die Künstlerin nahm tief gerührt den Ring, sie küßte die einfache Frau aus dem Volke, die unter all den Damen, die sie an diesen zwei Tagen bei sich gesehen, das zarteste Herz betätigte. Am nächsten Tage erzählte sie die Geschichte auf der Probe. Dann zeigte sie den Ring und bot ihn aus, doch als keine Steigerung mehr erreichbar war, da überbot sie selbst die Summe und behielt den Ring für sich. Er ist ihr ein wertvolles Andenken; und nur eines kränkt sie oft – daß sie jene einfache Frau mit dem goldenen Herzen nicht einmal um ihren Namen gefragt hat. Die historische Tür Kürzlich starb in Berlin eine Schauspielerin, die einst sehr beliebt und sehr berühmt war. Sie galt viele Jahre hindurch, namentlich in den mittleren Städten, als der beste Gast für die Direktoren. Das Publikum hatte an ihrer rundlichen, gemütlichen Persönlichkeit seine Freude und sie brachte immer die neuesten Stücke von Paris, Berlin oder Wien mit. In den kleinen deutschen Residenzstädten stand sie in hoher Gunst. Aber sie wußte sehr wohl, daß dies nicht lange dauern würde, wenn sie nicht immer in Fühlung bliebe mit den großen Mittelpunkten des künstlerischen Lebens. Darum legte sie Gewicht darauf, jeden Winter eine Zeitlang entweder in Wien oder in Berlin zu wirken. Durch die hauptstädtische Presse ließ sie auf solche Art ihren Ruhm stets wieder auffrischen. Das hat sie mir, wie oft, versichert, daß es ohne diese Mithilfe nicht ginge. Der Resonanzboden der großen Städte und der großen Zeitungen, sagte sie, sei für die Gastspieler und Virtuosen das Sprungbrett für den breiten Froschteich der Provinz. Und jedes Jahr mindestens eine schöne neue Rolle sei auch nötig. Daran aber fehlte es oft. Und wenn keine solche Rolle da war, dann hieß es schwimmen. Und manchmal mußte auch zu dem Auskunftsmittel eines mehrmonatigen Engagements »als Gast« gegriffen werden. Ich sah meine liebe Freundin Hilda zuletzt im Salzkammergut. Es war vor fünf Jahren. Lange hatten wir uns nicht gesehen, aber sie war nur wenig verändert. Warum sie denn nicht mehr gastiere? war meine erste Frage. Über ihre heiteren Züge flog ein Schatten. »Weil heutzutage nur lauter Quatsch geschrieben wird«, sagte sie in ihrer kurzangebundenen Weise und fing von anderen Dingen zu reden an. Aber sie kam doch bald von selbst auf das Theaterthema zurück, als wir im Rauchsalon des Hotels beieinander saßen und uns ausplauderten. Sie beklagte sich bitter über die moderne Literatur. Sie war als Darstellerin naiver Frauencharaktere groß geworden und sie wagte sich selbst mit vierzig Jahren manchmal sogar noch an junge Mädchenrollen. Ihr liebes Gesicht blieb immer dasselbe und der Ton heiterer Schalkhaftigkeit versagte ihr nie. Aber was half das Gesicht? Das Gewicht verdarb zu viel. Es kam bei ihrer kleinen Figur immer darauf an, wieviel Kilogramm sie wog. Wenn sie es durch scharfes Training wieder einmal auf siebzig herabgebracht hatte, konnte sie auch junge Mädchen spielen. Sobald sie aber wieder auf ihre fast normalen achtzig kam, war es damit aus. Das Gretchen war längst in ihrem rosigen Speck erstickt, der Nora und der Francillon drohte dasselbe Schicksal. Und neues wurde ja nicht mehr für sie geschrieben von den modernen Milieudichtern. Hilda gestand mir einmal, daß sie den festen Entschluß gefaßt habe, sich an dem Tage, da ihr Körpergewicht neunzig Kilo erreiche, zu erschießen. Und um dieser Lebensgefahr zu entgehen, lief sie auf alle Berge und radelte jeden Sommer ein paarmal von Toblach über die Ampezzostraße nach Venedig. So erhielt sie sich aufrecht. Aber die Dichter verließen sie immer mehr. Es gab keine neuen naiven Rollen mehr für sie und Bestien konnte sie nicht spielen. Sie mußte lachen können und fröhlich sein auf dem Theater. Und da es das nicht mehr gab, ihr altes Repertoire aber keine Anziehungskraft mehr ausübte, so verbitterte sie langsam und zog sich zurück. Aber alt wollte sie trotzdem nicht werden. Sie hielt sich streng an ihre achtzig Kilo, was für ihre Figur nicht gerade zu viel war und sie glaubte fest an den Wandel der jetzigen Literaturmode. Immer hielt sie Umschau nach einem neuen Stück, in dem sie ihre Auferstehung feiern könne. Nur nicht bei Lebzeiten vergessen werden! Das war zur fixen Idee bei ihr geworden. Und Mütterrollen zu spielen, war ihr ein Greuel. Dafür fand sie den Ton nicht. Sie hatte den Übergang in das ältere Fach nicht finden können und sie wollte ihn auch gar nicht finden. Lieber entsagte sie ganz. Hilda kam mir recht wunderlich vor mit dieser Schrulle. Und ich sagte mir im stillen, daß das doch eine Art Wahnsinn sein müsse bei Theatermenschen. Selbst die Illusion der Bühne hat ja ihre Grenzen, namentlich für die Frau, und mir waren die bis an das Kinn eingemummelten fünfzigjährigen Naiven, die ihren Hals nicht mehr entblößen können, weil dort die Zahl ihrer Lenze am sichersten eingekerbt ist, immer ein komisches Rätsel. Aber Hilda schien ein Anrecht auf ewige Jugend zu haben. Ihr rundliches glattes Gesicht hatte einen rosigen Schimmer beibehalten und ihre Stimme war hell geblieben wie die eines Mädchens. Wir hatten gut gegessen und waren allein im Rauchsalon geblieben. Draußen goß es in Strömen und sie beschloß, ihre Dachsteintour, auf der sie drei Kilo lassen wollte, um einen Tag oder zwei zu verschieben. In dieser Stimmung taute sie auf und gab ein paar Geschichten aus ihrem Wanderleben zum besten, die mich höchlich ergötzten. Eine davon will ich hier mitteilen. Hilda erzählte: »Du weißt, daß ich so dumm war, mit zwanzig Jahren einen Tenoristen zu heiraten. Na, wir haben uns nach drei Kriegsjahren friedlich getrennt und jedes ging seine eigenen Wege. Ich war ganz frei und unabhängig und habe mich nie wieder gebunden. Das taugt für uns Zigeuner nicht. Wenn mir einer gefiel, habe ich ihn nicht verschmachten lassen, so grausam war ich nie. Aber wie einer den leisesten Versuch machte, an meine Freiheit zu rühren, flog er 'raus. Ich war ja gewitzigt. Nur einmal im Leben ist mir das selber passiert. Und zwar mit einem sehr, sehr hohen Herrn.« »Erzähle, erzähle!« »Der Theatermarkt hatte mir wieder einmal nichts Brauchbares gebracht, ich hatte gar keine neue Gastierrolle und saß fest. Da gab ich dem Drängen des Hoftheaterintendanten in – in . . . na, sagen wir X. nach und ließ mich für ein paar Monate mit einer mäßigen Gage, aber allen erdenklichen Vorrechten, als Gast vor seinen kleinen Thespiskarren spannen. Ich war dort von meinen Gastspielen her sehr beliebt und man sagte mir, der Landesvater selber wünsche mein Engagement. Als ich das letztemal dort gastiert hatte, umschmeichelte mich eine alte, pensionierte Sängerin des Hoftheaters, von der die Sage ging, daß sie einmal sehr beliebt und geschätzt war bei Hofe. Sie bot mir in einer ganz auffallenden Art ihre Gastfreundschaft an für die Zeit meiner Anwesenheit in X. Man habe ihr aus Gnade eine große Wohnung gelassen, sie wisse gar nicht, was sie mit derselben beginnen solle und sie beherberge stets mit der größten Freude berühmte Gäste oder auch engagierte Kolleginnen, die ihr gefallen. Und in mich sei sie ganz verliebt, versicherte sie. Wann immer ich komme, zwei oder auch drei Zimmer stünden zu meiner Verfügung. Dieses Angebotes der alten Frau Galimberti – so hieß die ehemalige Primadonna – erinnerte ich mich jetzt. Denn du weißt, sparsam war ich immer. Und wenn man einen Winter schon weniger verdient, so darf man doch ein so großmütiges Angebot nicht von der Hand weisen. Ich sah mir daher die Wohnung jetzt an und sie gefiel mir ungemein. Das Haus lag im Zentrum der Stadt, dicht neben den weitläufigen Nebengebäuden des Schlosses, es war an diese sogar angebaut, aber durchaus als Miethaus behandelt, obwohl es zum Besitz des Hofes gehörte. Und man sagte mir, dasselbe sei ausschließlich von alten, pensionierten Hofbeamten und Militärs bewohnt, die da gegen billige Miete ein Unterkommen gefunden hätten. Die Galimberti hatte die Wohnung als pensionierte Primadonna frei und sie bot mir dieselbe ebenfalls umsonst an. Ich möchte mich als ihren Gast betrachten für drei Monate. Sie selbst habe noch zwei Hofzimmer für sich und sie werde mich gar nicht genieren. Das nahm ich nicht an und sie willigte schließlich ein, daß ich ihr ein paar Mark monatlich bezahle. Ich war glücklich über dieses Arrangement und richtete mir es ganz behaglich ein. Allzu viel Arbeit gab es in X. nicht und ich konnte hier gemächlich Umschau nach Novitäten für mich halten und abwarten, bis sich wieder ein Ausflug als Gast verlohnte. Im Theater verwöhnte man mich. Was ich wollte, kam dran, was ich nicht spielen wollte, blieb weg. Dreimal wöchentlich gehörte die Bühne mir; an den anderen Tagen der Woche mochten sie mit der Bude machen, was sie wollten. Der Intendant wagte sogar ein paar pikantere Sachen mit mir, die sonst am Hoftheater verpönt waren. Der Hof selbst aber, der sonst immer anwesend war, wenn ich spielte, erschien an solchen Abenden nicht. Doch bewegte sich manchmal im Hintergrund einer Inkognitologe, die ganz im Proszenium lag, auch an solchen Abenden ein dunkler Schatten. Der Landesherr, ein robuster Vierziger, hatte eine fromme Gemahlin und auch er galt als ein Mucker. Sein Hofkaplan, so erzählte man sich, dirigierte ihn. Derselbe zensurierte uns manchmal auch die einzelnen Stücke. Francillon zum Beispiel durfte ich nur einmal spielen. Die Szene, weißt du, in der ich mein langes Blondhaar immer aufrollte und wie eine kleine Wilde dastand, die fand der Hofkaplan anstößig. Im Text war sehr viel gestrichen. Selbst Worte, wie die, daß die Frauen, die ihre Kinder selbst stillen, ihre Männer meist entwöhnen, durften nicht gesprochen werden. Ich war sehr rabiat darüber. Die Galimberti hetzte mich noch. Sie sagte mir, man habe an höchster Stelle diese Schikane auch schon übel vermerkt. Und ich faßte den Entschluß, um eine Privataudienz zu ersuchen, da der Intendant machtlos war. Meine Hausfrau lächelte ganz eigen. Sie werde das arrangieren, sagte sie. Ich möge mich morgen Abend als Francillon ankleiden, aber nicht schminken. Vielleicht wäre es möglich, daß ich die ungestrichene Rolle jemandem vorspreche, der Einfluß habe. Wem? Das könne sie noch nicht sagen. Und mehr war aus ihr nicht herauszubringen. Am nächsten Abend saß ich als Francillon wie auf Kohlen in meiner Wohnung. Die Galimberti war aber unsichtbar. Wollte sie mich etwa abholen und in einem Wagen wohin bringen zu der kleinen Komödie? Ich wußte es nicht. Endlich hörte ich, wie ein Schlüssel in einem Schloß knarrte. Was war das? Und jetzt klopfte es. Aber wie? Dieses Klopfen kam aus meinem Schlafzimmer! Ich trat an die Tür desselben und rief hinein: »Ist wer hier?« Da öffnete sich zu meinem sprachlosen Erstaunen die Wand neben meinem Toilettespiegel und es erschien ein Mann in derselben. Es war Serenissimus! Rasch kam er auf mich zu, reichte mir lächelnd die Hand und bat um Entschuldigung, wenn er mich erschreckt habe. Es sei ein Scherz. Diese geheime Verbindungstür mit dem Schloß, die niemand als er kenne, mache es ihm endlich möglich, mich zu sehen, mich ungestört zu sprechen, was er schon lange gewünscht. Eine Audienz sei ganz überflüssig, wann immer ich ihn sehen wolle, stünde er zu meiner Verfügung. Er redete fort, denn ich hatte meine Fassung noch immer nicht gewonnen. Und er reichte mir schließlich den Arm und führte mich in den Salon. So sicher, so selbstverständlich, als ob er hier zu Hause wäre und nicht ich. Als ich die Sprache endlich gefunden hatte, lachte er mich aus. Er hätte mich für couragierter gehalten. Und er bat mich nun wirklich um die Francillon. Was sein gestrenger Hofkaplan ihm im Theater verbiete, das müsse er ihm hier wohl oder übel gestatten. Und er lachte. Ich begann ihm die Rolle vorzusprechen, und denke dir, er verlangte ein Buch und brachte mir die Stichworte. So sicher, so einfach, als ob er das schon hundertmal getan, als ob das bisher zu seinen Regierungsgeschäften gehört hätte. Und während ich redete und redete und in der großen leidenschaftlichen Szene mein Haar schüttelte und es wie eine goldene Flut über meinen Rücken hinabfließen ließ, hingen seine Blicke verlangend an mir. Mich aber überfiel bei seinem lüsternen Anblick die Frage: wieviel Vorgängerinnen in dieser Wohnung ich wohl schon gehabt haben möge? Es wurde mir immer klarer, daß ich da in eine Mausefalle gelockt worden war und es empörte sich etwas in mir dagegen. Er schloß mich am Schluß der großen Rede in die Arme . . . Ich aber wollte nicht. Ich war gewohnt, mich zu verschenken; mich in einem Netz fangen zu lassen, widerstrebte mir. Und ich machte dem Herrn Landesvater eine Szene, wie er wohl noch keine erlebt haben mochte. Er mußte mich an diesem Abende verlassen, ohne sein Ziel erreicht zu haben. Ich gab ihm das Geleite bis zur Tapetentür. Und als er hinter derselben verschwunden war, rückte ich meine Toilette vor diese Tür, die der Fürst von außen selbst wieder abgeschlossen hatte. Nie wieder sollte er da eindringen! Aber man ist schwach . . . Als er am nächsten Abend wieder an jener Tür pochte, hatte ich nicht den Mut, Serenissimus den Eintritt zu verweigern. Ich beeilte mich, die Toilette wieder wegzurücken. Die Situation war mächtiger als mein Wille – in drei Tagen war ich doch seine Geliebte. Meine Phantasie half dabei mit. Schon die Romantik dieser heimlichen Zusammenkünfte bestach mich. Das Geheimnis, das nur wir zwei und die Galimberti kannten, hatte seinen eigenen Reiz. Er kam und ging und niemand in der ganzen Stadt hatte eine Ahnung von unseren Beziehungen. Der Hofkaplan dirigierte die Hausordnung im Schloß und beschnüffelte das Repertoire des Hoftheaters, aber bis hierher reichte seine Macht doch nicht. Mein »Fritzchen« – so wollte er von mir genannt sein – kam, wann es ihm beliebte. Nie, weder bei Tag, noch bei Nacht, war ich sicher vor seinen Besuchen. Aber es war mir nicht vergönnt, diese Besuche auch einmal zu erwidern. Nur »Er« besaß einen Schlüssel zu jener Türe. Das verdroß mich. Die neugierige Eva in mir lehnte sich auf gegen dieses Verhältnis und ich bat um einen Schlüssel. Er wurde mir verweigert. Als ich dringender wurde, sogar sehr schroff. Ich gehörte ihm, aber er nicht mir. Er blieb der Jupiter, der seine Lüste spazieren führte, wann es ihm beliebte. Ich hatte Liebesdienst, so oft er es wünschte. Meine ganze bisherige Laufbahn und mein selbständiger Charakter widersprachen einer solchen Lage und es bereitete sich allmählich eine Auflehnung in mir vor gegen diesen seltsamen Bund. Von der Galimberti hatte ich erfahren, daß sie einst dasselbe gewesen, was ich jetzt war. Aber bei seinem Vater . . . Diese Tür sei eine historische und sie hüte sie nun schon fast vierzig Jahre. Hinüber sei auch sie nie gekommen. Und nie habe eine dieses lächerliche Verlangen gestellt. Ich aber war übermütig, ich machte heimlich einen Wachsabdruck von seinem Schlüssel und ließ mir ebenfalls einen anfertigen. Ihn zu besitzen war mir schon ein befriedigendes Gefühl. Vielleicht benützte ich ihn eines Tages und machte dem Fritzchen einen heimlichen Gegenbesuch. Warum nicht? Was konnte mir geschehen, wenn ich im hellen Nachtgewand . . . Ich konnte schlimmstenfalls die »weiße Frau« dieses Fürstenschlosses werden. Die Mucker da drüben glaubten doch wahrscheinlich alle an Gespenster. So spielte ich mit dem Gedanken. Aber ihn auszuführen, hatte ich doch eine geheime Scheu. Ich war seit meiner Kindheit nicht frei von Furcht. Und wer weiß, durch welches Winkelwerk der Weg führte. Und so suchte ich denn durch »Fritzchen« etwas zu erfahren über die Situation hinter der Mauer meines Schlafzimmers. Meine Neugier war ihm sehr peinlich. Aber endlich erfuhr ich doch so viel, daß der Weg durch einen Nebenraum der Schloßkapelle führe. Das belustigte mich ungemein und in meinem Übermut ließ ich mich hinreißen, ihm anzukündigen, daß sich nächstens von dieser Kapelle aus ein Wunder begeben würde. Die »weiße Frau« werde aus der Tür der Kapelle treten, die Burgwache werde fliehen oder gelähmt sein vor Schreck; und so würde die Unheimliche ungehindert weiter und weiter vordringen bis an die Gemächer der Landesmutter. Käme ihr vielleicht zufällig dort der Hofkaplan entgegen, dann würde ihn der Geist fragen, wo der Herr Landesvater wäre, denn dessen Ahnfrau sei gekommen, ihm beizustehen gegen die Duckmäuser und Intriganten an seinem Hof. Nie vergesse ich das entsetzte Gesicht meines Gastes. Er nahm meinen tollen Scherz sehr ernst. Die Beine schlotterten ihm. »Du hast einen Schlüssel?« gluckste er endlich hervor. Ich schwang denselben in der Hand und mußte fürchterlich lachen über seine Todesangst, die ihn aller Würde beraubte. Er fühlte schon die Krone wanken auf seinem Haupte. Der Frömmler sah sich schon entlarvt und bloßgestellt und ich suchte der Sache zuletzt vergeblich eine harmlose Deutung zu geben. Schlechter Spaß . . . Sehr schlechter Spaß . . . sagte Serenissimus und zog sich zürnend zurück. Drei Tage kam er nicht. Ich hatte an diesen Tagen stets lange Proben und abends spielte ich zweimal. Meine sonstige häusliche Zerstreuung ging mir nicht sonderlich ab, aber als mein Jupiter auch am vierten Tage nicht kam, sagte ich mir, daß ich da eine Dummheit gemacht hätte. Denn nun tat es mir doch leid, in Ungnade gefallen zu sein. Ich suchte die alte Galimberti auf, die mir auch sehr verändert vorkam. Wortkarg, bissig, unhöflich über alle Maßen empfing sie mich. Als ich anfing, aufzuklären und einzulenken, fuhr sie mich wie eine Rasende an. »Suchen Sie sich die Tür!« rief sie. »Suchen Sie sich die Tür! . . . Zu! Zu!« schrie sie ununterbrochen. Was? Die Tür wäre . . .? »Zu! Zu! Zu!« rief sie unaufhörlich. »Ich selbst in Ungnade! Zu! Zu! Zu!« Ich lief in mein Schlafzimmer, tappte die Wand ab, fand aber die Tür nicht mehr. Nur wenn man sehr genau hinsah, merkte man, daß da die Tapete erneuert worden war. Die historische Tür war zugemauert worden, während ich bei einer Probe gewesen. Die Frau aber, die sie vierzig Jahre lang gehütet hatte, kündigte mir an, daß ich augenblicklich ausziehen könne. Und ich ließ mir das nicht zweimal sagen. Ich packte meine Koffer und fuhr fort aus X. Es war das einzige Mal, daß ich aus einem Engagement durchging. Aber es hat mich niemand wegen Vertragsbruch verfolgt, niemand verklagt. Die Tür hinter mir war zu und ich konnte gehen.« Das erzählte mir Hilda in ihrer flotten, frischen Weise vor einigen Jahren im Salzkammergut. Und jetzt ist sie tot. Sie hat ihre künstlerische Auferstehung, an die sie fest glaubte, nicht mehr erlebt. Ob sie Erinnerungen hinterlassen hat, weiß ich nicht. Die Geschichte von der historischen Tür würde darin sicherlich enthalten sein.