Johann Nepomuk Nestroy Der Zerrissene Posse mit Gesang in drei Akten Erstaufführung am 9. April 1844 Personenverzeichnis: Herr von Lips , ein Kapitalist Stifler , Sporner und Wixer , seine Freunde Madame Schleyer Gluthammer , ein Schlosser Krautkopf , Pächter auf einer Besitzung des Herrn von Lips Kathi , seine Anverwandte Staubmann , Justitiarius Anton , Josef und Christian , Bediente bei Herrn von Lips Erster , zweiter , dritter und vierter Knecht bei Krautkopf Gäste , Bediente , Landleute Die Handlung geht im ersten Akt auf dem Landhause des Herrn von Lips vor. Der zweite und dritte Akt spielt auf Krautkopfs Pachthofe um acht Tage später. I. Akt II. Akt III. Akt Erster Akt Die Bühne stellt einen eleganten Gartenpavillon vor. Im Prospekte rechts und links Türen, zwischen beiden in der Mitte des Prospektes eine große Glastüre, welche nach einem Balkon führt. Seite links Glastüre, Seite rechts ein Fenster. Durch die Glastür, welche auf den Balkon führt, hat man die Aussicht in eine pittoresk-gigantische Felsengegend. Rechts und links Tische und Stühle. Hinter der Mitteltüre rechts ein Ruhebett. Erste Szene Anton , Christian , Josef (kommen durch die Türe links aus dem Hintergrunde vor) Anton (zu Christian und Josef, welche jeder drei Champagnerbouteillen tragen) So, tragt sie nur hinein, 's werden nicht die letzten sein! Wenn die einmal ins Trinken kommen – Josef Is doch ein guter Herr, was der für seine Gäst' alles springen laßt. Christian Wer sagt denn, daß er nur für die Gäst' g'hört? Er trinkt schon selber auch sein honettes Quantum. Josef Und is doch immer so übel aufg'legt dabei; unbegreiflich bei dem Wein! Anton Das versteht ihr nicht! Er hat ein zerrissenes Gemüt, da rinnt der Wein durch und kann nicht in Kopf steigen. Jetzt kümmerts euch nicht um Sachen, die euch nix angehn, und schauts zum Servieren! Christian (indem er mit Josef abgeht) Ein zerrissenes Gemüt mit dem Geld! Josef 's is stark! (Beide in die Türe nach dem Speisesalon Mitte rechts ab.) Zweite Szene Anton , dann Gluthammer und\> ein Bursche (der einen Teil eines eisernen Geländers trägt) Anton (nach dem Balkon, Mitte des Hintergrundes, sehend) Wenn s' nacher herauskommen, die ganze G'sellschaft, und der Herr sieht, daß die Altan' noch kein G'länder hat, da krieg' ich wieder d' Schuld. Gluthammer (tritt durch die Mitteltüre links herein und trägt mit Anstrengung ein eisernes Balkongeländer; ein Bursche, der einen Teil des Geländers trägt, kommt mit und geht, nachdem er es auf den Balkon gestellt hat, sogleich ab) Meiner Seel', so ein eisernes G'länder wägt über sieben Lot. Anton Na, endlich! Ich hab' schon glaubt, der Herr Gluthammer laßt uns sitzen. Gluthammer Von unserm Ort bis da herüber is 's über a halbe Stund', wenn man leer geht; jetzt, wenn man so ein G'wicht tragt und a paarmal einkehren muß, da is a halber Tag weg, man weiß nicht, wo er hinkommen is. Anton ja, das Einkehren, das hat mich auch schon oft in der Arbeit geniert. Gluthammer Wir werden gleich fertig sein. (Öffnet die Balkontüre, tritt hinaus und stellt das Geländer auf.) Anton Nicht wahr, das is völlig schauerlich, wenn man über die Altan' ins Wasser hinunterschaute Gluthammer 's Wasser is halt immer ein schauerlicher Anblick. Anton Und was 's da draußt für ein' Zug hat! Gluthammer Mir scheint, von dem Zug hat der Fluß so 's Reißen kriegt, das Ding schießt als wie a Wasserfall! Anton Ich hätt' eher das Fenster, was da war, zumauern lassen, unser Herr aber laßt's zu einer Tür ausbrechen und eine Altan' baun, wegen der Aussicht! Lauter so verruckte Gusto! Gluthammer So, jetzt werden wir gleich – (fängt an, tüchtig draufloszuhämmern.) Anton Aber, Freund, was fallt Ihm denn ein, so einen Lärm zu machen! Da drin is Tafel! Gluthammer Ja, glaubt denn der Mussi Anton, ein eisernes Geländer pickt man mit Heftpflaster an? Anton Da darf jetzt durchaus nicht klopft werd'n! Gluthammer Na, so lassen wir's halt derweil stehen, bis später. (Läßt das unbefestigte Geländer auf dem Balkon stehen und verläßt denselben.) (Man hört im Speisesalon, Mitte rechts, den Toast ausbringen: »Der Herr vom Hause lebe hoch!«) Gluthammer Da geht's zu! Ihr müßts einen recht fidelen Herrn haben. Anton Seine Gäst' sein fidel, aber er – keine Spur! Ich muß jetzt nachschaun, ob s' kein' frischen Champagner brauchen. (Geht in den Speisesalon, Mitte rechts, ab.) Dritte Szene Gluthammer ; dann Kathi Gluthammer (allein) Die reichen Leut' haben halt doch ein göttliches Leben. Einen Teil vertrinken s', den andern Teil verschnabulieren s', a paar Teil' verschlafen s', den größten Teil verunterhalten s'! – Schad', ich hätt' zum Reichtum viel Anlag' g'habt; wenn sich so ein Millionär meiner angenommen hätt', hätt' mich ausg'bild't und hätt' mir mit der Zeit 's G'schäft übergeben – aus mir hätt' was werden können. Kathi (tritt zur Mitte links ein) Da werd' ich den gnädigen Herrn finden, haben s' g'sagt. (Gluthammer bemerkend.) Das is ja – is's möglich!? – Meister Gluthammer –!? Gluthammer (Kathi betrachtend und seine Ideen sammelnd) Geduld – ich hab' noch nicht den rechten Schlüssel zum Schloß der Erinnerung. Kathi Ich bin's – die Krautkopfische Kathi! Gluthammer Richtig – die Kathi! Na, was macht denn mein alter Freund Krautkopf? Kathi Was wird er machen? Bös is er auf 'n Meister Gluthammer, daß er sich seit anderthalb Jahren nicht bei ihm sehen laßt, und da hat er recht! Pichelsdorf is doch nur vier Stund' weit von der Stadt. Gluthammer Ich bin ja nicht mehr in der Stadt. Aber wie kommt denn die Jungfer Kathi da her? G'wiß das Pachtgeld vom Freund Krautkopf dem gnädigen Herrn überbringen? Kathi Muß denn ich nur Gäng' für 'n Herrn Vettern machen, kann denn ich nicht meine eig'nen Angelegenheiten haben? Gluthammer Freilich! Ich kenn' der Jungfer Kathi ihre Angelegenheiten nicht. Kathi Um eine Zahlung handelt sich's aber doch, das hat der Meister erraten. Der gute gnädige Herr von Lips – er hat mich aus der Tauf' gehoben – Gluthammer Das kann so schwer nicht g'wesen sein – Kathi Meine Mutter hat einmal gedient im Haus, wie noch der alte Lips, der Fabrikant, g'lebt hat. Wie dann der junge Herr die vielen Häuser und Landgüter gekauft hat – das Pachtgut vom Vetter Krautkopf war auch dabei – da haben ich und meine Mutter uns gar nicht mehr in seine Nähe getraut als noblen Herrn, aber – (traurig) vor drei Jahren – wie's uns gar so schlecht gangen is, die Weißnähterei wird zu schlecht bezahlt – Gluthammer Wie überhaupt die weiblichen Arbeiten; wenn man selbst Marchandmode war, kann man das am besten beurteil'n. Kathi Das wohl, aber ein Schlossermeister wird da nicht viel davon verstehn. Gluthammer (seufzend) O, ich war auch Marchandmode! Kathi Hör'n S' auf mit die G'spaß! Gluthammer Nein, 's is furchtbarer Ernst, ich war Marchandmode, im Verlauf der Begebenheiten wird dir das alles klar werden. Kathi Da bin ich neugierig drauf. Gluthammer Erzähl' nur erst deine G'schicht' aus. Kathi Die is schon so viel als aus. Wie's uns so schlecht gangen is und d' Mutter war krank, da bin ich zu meinem gnädigen Herrn Göden und hab' hundert Gulden z' leihen g'nommen; er hat mir's an der Stell' geben und hat g'lacht, wie ich vom Z'ruckzahlen g'red't hab'! Meiner Frau Mutter hab' ich aber noch auf 'n Tot'nbett versprechen müssen, recht fleißig und sparsam zu sein und auf die Schuld ja nicht zu vergessen; und das hab' ich auch g'halten. Ich bin nach der Frau Mutter ihr'n Tod zum Vetter Krautkopf kommen, da hab' ich gearbeitet und gearbeitet und gespart und gespart, und nach dritthalb Jahren waren die hundert Gulden erübrigt! Jetzt bin ich da, beim Herrn Göden Schulden zahl'n. Gluthammer Schulden zahl'n –?! An so was denk' ich gar nicht mehr. Kathi Wie kann der Meister so reden als ordentlicher Handwerksmann und Meister? Gluthammer Meister? Ich bin ja seit fünf Monaten wieder G'sell' und nur mit Krebsaugen blick' ich auf meine Meisterschaft zuruck. Kathi (erstaunt und mitleidvoll) Is's möglich! Gluthammer Wenn man Marchandmode war, is alles möglich. Kathi Das is aber das Unbegreifliche – Gluthammer Im Verlauf der Begebenenheiten wird alles klar. Ich hab' mich verliebt – jetzt wird's bald zwei Jahr', in eine Putzerin, in eine reine, schneeblühweißgewasch'ne Seele. Kathi (mit gutmütiger Ironie) Und aufs Waschen scheint der Herr große Stück' zu halten. Gluthammer Hab' es noch keinen Samstag unterlassen. Daß ich also weiter sag': sie hat mich ang'red't, ich soll ihr d' Marchandmoderei lernen lassen. Ich hab' sie also gleich in die Lehr' geb'n, und in kurzer Zeit hat sie alles in klein' Finger g'habt – was man nur von einer Mamsell wünschen kann und so war sie Mamsell. Da stirbt die alte Marchandmode, 's Heirat'n is uns von Anfang schon in Kopf g'steckt – so hat sie mir zug'red't, ich soll ihr das G'schäft von der toten Madame kaufen. Um viertausend Gulden war's z' hab'n, d' Hälfte hab' ich gleich bar aus'zahlt, und so war die Meinige Madame, nur 's Heiraten hat noch g'fehlt zur vollständigen Glückseligkeit. Da – (seufzt.) Kathi Sie wird doch nicht g'storben sein? Gluthammer Im Verlauf der Begebenheiten wird das alles klar. Die Hochzeit war bestimmt, 's Brautkleid war fertig, mein blauer Frack g'wend't, (mit Schluchzen) die Anginene begelt, d' Gäst' eing'laden – Person à zwei Gulden – (beinahe in Tränen ausbrechend) ohne Wein – Kathi (tröstend) Na, g'scheit, Herr Gluthammer! Gluthammer Den Tag vor der Hochzeit geh' ich zu ihr, sie war aber nicht z' Haus. Kathi War sie eine Freundin vom Spazier'ngehn? Gluthammer Im Verlauf der Begebenheiten wird das alles klar. Sie is von der Stund' an nicht mehr nach Haus kommen, ich hab' s' g'sucht, ich hab' s' g'meld't, ich hab' s' woll'n austrommeln lassen, aber 's derf nur a Feuerwerk aus'trommelt wer'n in der Stadt – mit ein' Wort, es war alles umsonst, ich war Strohwitiber, bin Strohwitiber geblieben, und das Stroh bring' ich auf der Welt nicht mehr aus 'n Kopf. Kathi Mein Gott, man muß sich gar viel aus 'n Kopf schlagen. Gluthammer O, so was bleibt! Und dann die Folgen: 's G'schäft war einmal kauft, zweitausend Gulden war ich drauf schuldig – denk' ich mir, zu was brauch' ich zwei G'werber, es is das g'scheiteste, ich verkauf' eins. Da hab' ich mein Schlosserg'werb' verkauft und bin Marchandmode blieben. Kathi Das war aber auch ein Gedanken – Gluthammer Wär' kein schlechter Gedanken g'wesen, aber man war ungerecht gegen mich. Die Kundschaften haben g'sagt, ich hätt' keinen Geschmack, weil ich alles in Schwarz und Hochrot hab' arbeiten lassen. Nach vier Monat' war ich nix als eine zugrund'gegangene Marchandmode, und um meinen Gläubigern aus 'n G'sicht zu kommen, hab' ich müssen auf's Land als Schlosserg'sell gehn. Das is der vollständige Verlauf der Begebenheiten, wie sie sich nacheinander verloffen haben. O, meine Mathilde –! Kathi Die Person war eine Undankbare, is gar nicht wert, daß sich der Herr Gluthammer kränkt um sie. Gluthammer Was!? Sie liebt mich! Sie is offenbar mit Gewalt fortgeschleppt worden, wird wo als Gefangene festgehalten und hat keinen andern Gedanken, als nur in meine Arme zurückzukehren. Kathi Da g'hört sich ein starker Glauben dazu. Gluthammer O Gott! Wenn ich alles so g'wiß wüßt' –! Wenn ich den Räuber so g'wiß ausfindig z' machen wüßt' – Jungfer Kathi – (nimmt sie bei der Hand) dem ging's schlecht! – (Ihre Hand heftig schüttelnd.) Der wurd' auf schlosserisch in die Arbeit g'nommen – Kathi Na, na –! Denk' der Herr nur, daß ich kein Rauber bin. Gluthammer Nehmen Sie's nicht übel, aber wenn ein Schlosser in die Aufwallung kommt – Vierte Szene Anton ; die Vorigen Anton (aus der Mitte rechts des Speisesalons kommend; die Türe bleibt offen) Leuteln, machts, daß 's fortkommts, der Herr kommt gleich mit die Gäst' heraus. Kathi Das is g'scheit, ich kann also da sprechen mit 'n gnädigen Herrn? Anton Beileib nicht! Das wär' jetzt höchst ungelegen! Kathi So werd' ich halt draußen warten. Anton Geh' d' Jungfer in Garten spazieren! Gluthammer Meine Arbeit mach' ich halt später. Anton Freilich! Gluthammer Komm' die Kathi! Die Mathilde is verloren (nimmt sie beim Arm) aber ihn werd' ich finden, den Mathildenschnipfer – (grimmig) und dann werden wir was erleben von einer nagelneuen Zermalmungsmethod'- Kathi (aufschreiend) Ah, probierte die Methode, wo Ihr wollt, aber nicht an mein' Arm! Gluthammer Nehmen Sie's nicht übel, aber es gibt Momente, wo der ganze Schlosser in mir erwacht, und da merkt man keine Spur, daß ich jemals Marchandmode g'wesen bin. (Geht mit Kathi durch die Glastüre links ab.) Anton (nach dem Speisesalon sehend, dessen Türe offen geblieben) Da kommt der Herr – und das G'sicht, was er macht – ich geh'! (Geht ebenfalls durch die Glastüre links ab.) Fünfte Szene Lips (allein) Lips (tritt zur Mitte rechts während dem Ritornell des folgenden Liedes aus der Türe des Speisesalons auf) Lied 1.             Ich hab' vierzehn Anzüg', teils licht und teils dunkel, Die Frack' und die Pantalon, alles von Gunkel, Wer mich anschaut, dem kommet das g'wiß nicht in Sinn, Daß ich trotz der Garderob' ein Zerrissener bin. Mein Gemüt is zerrissen, da is alles zerstückt, Und ein z'riss'nes Gemüt wird ein' nirgends geflickt. Und doch – müßt' i erklär'n wem den Grund von mein' Schmerz, So stundet ich da als wie 's Mandl beim Sterz; Meiner Seel', 's is a fürchterlichs G'fühl, Wenn man selber nicht weiß, was man will! 2. Bald möcht' ich die Welt durchflieg'n, ohne zu rasten, Bald is mir der Weg z'weit vom Bett bis zum Kasten; Bald lad' ich mir Gäst' a paar Dutzend ins Haus, Und wie s' da sein, so werfet ich s' gern alle h'naus. Bald ekelt mich 's Leben an, nur 's Grab find' ich gut, Gleich drauf möcht' ich so alt wer'n als der ewige Jud'; Bald hab' ich die Weiber alle bis daher satt, Gleich drauf möcht' ich ein Türk' sein, der s' hundertweis' hat; Meiner Seel', 's is a fürchterlichs G'fühl, Wenn man selber nicht weiß', was man will! Armut is ohne Zweifel das Schrecklichste. Mir dürft' einer zehn Millionen herlegen und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet s' nicht. Und was schaut anderseits beim Reichtum heraus? Auch wieder ein ödes, abgeschmacktes Leben. Langweile heißt die enorm horrible Göttin, die gerade die Reichen zu ihrem Priestertum verdammt, Palais heißt ihr Tempel, Salon ihr Opferaltar, das laute Gamezen und das unterdrückte Gähnen ganzer Gesellschaften ist der Choral und die stille Andacht, mit der man sie verehrt. – Wenn einem kleinen Buben nix fehlt und er is grantig, so gibt man ihm a paar Braker, und 's is gut. Vielleicht helfet das bei mir auch, aber bei einem Bub'n in meinem Alter müßten die Schläg' vom Schicksal ausgehn, und von da hab' ich nix zu riskier'n; meine Gelder liegen sicher, meine Häuser sind assekuriert, meine Realitäten sind nicht zum Stehlen – ich bin der einzige in meiner Familie, folglich kann mir kein teurer Angehöriger sterben, außer ich selber, und um mich werd' ich mir auch die Haar' nicht ausreißen, wenn ich einmal weg bin – für mich is also keine Hoffnung auf Aufrieglung, auf Impuls. – Jetzt hab' ich Tafel g'habt – wenn ich nur wüßt', wie ich bis zu der nächsten Tafel die Zeit verbring'! – Mit Liebesabenteuer? – Mit Spiel –? Das Spielen is nix für einen Reichen; wem 's Verlier'n nicht mehr weh tut, dem macht 's Gewinnen auch ka Freud'! – Abenteuer –? Da muß ich lachen! Für einen Reichen existieren keine Liebesabenteuer. Können wir wo einsteigen? Nein, sie machen uns so überall Tür und Tor auf! – Werden wir über a Stieg'n g'worfen? Nein, Stubenmädl und Bediente leuchten uns respektvoll hinab. Werden auf uns Sulteln gehetzt? Wird was hinabg'schütt't auf uns? Nein, Papa und Mama bitten uns, daß wir ihr Haus bald wieder beehren. – Und selbst die Eh'männer – sind auch meistens gute Leut'. Wie selten kommt eine Spanische-Rohr-Rache ins Spiel? Die korsische Blutrache liegt gar ganz in Talon. Wann hört man denn, daß ein Eh'mann einen Kugelstutzen nimmt und unsereinem nachschießt? Ja, anreden tun s' ein', daß man ihnen was vorschießt. (Deutet Geldgeben.) Das is die ganze Rache! Wo sollen da die Abenteuer herkommen? Man is und bleibt schon auf fade Alletagsgenüsse reduziert, die man mit Hilfe der Freundschaft hinunterwürgt. Das is noch das Schönste, über Mangel an Freunden darf sich der Reiche nicht beklagen. Freunde hab' ich und das, was für Freunde! Den warmen Anteil, den sie nehmen, wenn s' bei mir essen, das heiße Mitgefühl, wenn s' mit mir z'gleich einen Punschdusel kriegen, und die treue Anhänglichkeit! Ob einer zum Losbringen wär'! – Keine Möglichkeit! Ich bin wirklich ein beneidenswerter Kerl, nur schad', daß ich mich selber gar nicht beneid'! – Sechste Szene Stifler , Sporner , Wixer (kommen aus der Mitte rechts); der Vorige Stifler (zu Lips) Aber, Herr Bruder, sag' doch, was ist's mit dir? Die Gesellschaft wird immer lauter, du wirst immer stiller, alle Gesichter verklären sich, das deine verdüstert sich, endlich lassest du uns ganz in Stich – Wixer Sein auch richtig alle ang'stochen! Stifler (zu Lips) Es herrscht eine allgemeine Bestürzung unter den Gästen, weil sie dich nicht sehn. Lips Sie sollen sich trösten, früher haben s' mich alle doppelt g'sehn, also gleicht sich das wieder aus. Wixer Wenn s' sehn, du kommst nicht, so verlier'n sie sich halt schön stad, die Anhänglichkeit, die wir haben, die kann man nicht prätendieren von so gewöhnliche Tischfreund'. Lips Freilich! Wixer Bist du lustig, ist's recht, bist du traurig, sind wir auch da und essen stumm in uns hinein, das heißt Ausdauer im Unglück! Stifler , Sporner Auf uns kannst du zählen! Lips An euch drei hab' ich wirklich einen Terno g'macht. Stifler Komm, trink noch ein Glas Champagner mit uns! Lips Ich hab' keine Freud' mehr dran. Wie ich noch zwanzig Jahr' alt war, damals ja – aber jetzt! Stifler Ich finde jetzt alles am schönsten. Lips Ja, wenn man so jung is als wie du! Stifler Nu, gar so jung – ich bin wohl erst im Vierundfünfzigsten. Lips Ich aber schon im Achtunddreißigsten! Stifler Das schmeckt ja noch nach dem Flügelkleide! Lips Und doch schon Matthäi am letzten! Stifler Laß dir nichts träumen! Lips Eben die Träum' verraten mir's, daß es auf die Neig' geht, ich mein', die wachen Träum', die jeder Mensch hat. Bestehen diese Träum' in Hoffnungen, so is man jung, bestehen sie in Erinnerungen, so is man alt. Ich hoff' nix mehr und erinnere mich an vieles, ergo: alt, uralt, Greis, Tatl! Wixer Du mußt dich zerstreuen. Lips Das is leicht g'sagt, aber mit was? Wixer Wir begleiten dich, geh auf Reisen! Lips Um zu sehn, daß es überall so fad is als hier? Stifler Nein, er meint Naturgenuß, Alpen, Vulkane, Katarakte – Lips Sag' mir ein Land, wo ich was Neues seh'; wo der Wasserfall einen andern Brauser, der Waldbach einen andern Murmler, die Wiesenquelle einen andern Schlängler hat, als ich schon hundertmal g'sehn und gehört hab'! – Führ' mich auf einen Gletscher mit schwarzem Schnee und glühenden Eiszapfen, segeln wir in einen Weltteil, wo das Waldesgrün lilafarb, wo die Morgenröte paperlgrün is! – Laßts mich aus', die Natur kränkelt auch an einer unerträglichen Stereotypigkeit. Wixer (zu Sporner) Gib ihm doch auch einen Rat, du Engländer ex propriis. Sporner Ich sage: Pferde, nichts als Pferde! (Zu Lips.) Halte dir zehn bis fünfzehn Stück Vollblut, verschreibe dir Jockeis, besuche alle Wettrennen, und du wirst ganz umgewandelt! Lips Am End' gar selbst zum Roß! Nein, Freund', ich reit' gern aus zur Bewegung, ich fahr' gern aus zur Bequemlichkeit, und meine Pferd' hab'n g'wiß nix Fiakrisches an sich – aber wie man alle seine Gedanken und Ideen bloß auf Rasse, Vollblütigkeit und Familienverhältnisse der Pferd' konzentrieren kann, dafür hab' ich keinen Sinn, so leer is weder mein Kopf noch mein Herz, daß ich Stallungen draus machen möcht – Wixer So mach' sonst verruckte G'schichten, begeh Narrenstreich', das is auch eine Unterhaltung. Sporner Und überdies englisch! Lips (zu Sporner) Freund, blamier' dich nicht, du kennst die Nation schlecht, die du so mühselig kopierst, wenn du glaubst, daß die Narrheit eine englische Erfindung is. An Narren fehlt's nirgends, aber es sind meist arme Narren, folglich red't man nicht von ihnen, und dann sind's Narren, die mit einer erbärmlichen Ängstlichkeit sich in den Nimbus der G'scheitheit einhüllen! Der Engländer hat das Geld, seine narrischen Ideen zu realisieren, und hat den Mut, seine Narrheit zur Schau zu tragen; darin liegt der Unterschied, von daher stammt das Renommée. Stifler Bruder, jetzt treff' ich das Rechte. Eins ist dir noch neu – der Eh'stand. Lips Eh'stand? Das is, glaub' ich, wenn man heirat't? Darüber existieren so viele Beschreibungen, so viele Sagen der Vorzeit und Memoiren der Gegenwart – was soll ich da Neues finden? Stifler Treffe nur eine originelle Wahl! Lips Eine originelle Wahl? Wie is das möglich? Wähl' ich vernünftig, so haben schon Hundert' so gewählt, und wähl' ich dumm, so haben schon Millionen Leut' so gewählt; aber wenn ich – ja, freilich – (von einer Idee ergriffen) ich hab's! Stifler und Wixer Was? Lips Die originelle Wahl! Ich wähle ohne Wahl, ich treffe eine Wahl, ohne zu wählen. Stifler Erkläre mir, o Örindur, diesen Zwiespalt der Natur! Lips (mit festem Entschluß) Das erste fremde Frauenzimmer, welches mir heut' begegnet, wird meine Frau! Stifler Bist du toll –? Wixer (zugleich) Laß nach –! Lips Schön oder wild, gut oder bös, jung oder alt – alles eins – ich heirat' sie! Sporner Das ist echt englisch! Stifler Wenn aber – setzen wir den Fall – Lips (in heiterer Stimmung) Kein Aber, kein positus! Unbedingt die erste, die mir begegnet! Ich sag' euch, Freunde, ich g'spür' jetzt schon die heilsame Wirkung von diesem Entschluß, die Spannung, die Neugierd', wer wird die erste sein? Siebente Szene Anton ; die Vorigen Anton (zur Mitte links eintretend, meldend, zu Lips) Die Frau von Schleyer wünscht ihre Aufwartung zu machen. Lips Schicksal, du hast gut pausiert, du fallst a tempo ein! Anton Sie hat g'sagt, sie möchte unbekannterweis' die Ehre haben. Stifler Wer ist sie denn, diese Unbekannte? Wixer Sollt' mich wundern, wenn ich s' nit kenn'. Anton Sie hat heraußt ihre Sommerwohnung in der Feldgassen – Lips Das is egal, nur herein, sie is willkommen! Anton Sehr wohl! (Geht nach der Türe Mitte links.) Lips (Anton nachrufend) Halt, du mußt erst fragen, ob sie Witwe is. Anton Sehr wohl! Lips Wohlgemerkt, nur im Witwenfall wird sie vorgelassen. Anton Sehr wohl! (Geht zur Mitte links ab.) Achte Szene Die Vorigen ohne Anton Lips (in sehr aufgeregter Stimmung) Brüderln, was sagt ihr dazu? Stifler Die Sache spielt sich ins Verhängnisvolle hinüber. Lips (nach dem Garten sehend) Am End' – richtig – sie kommt – sie is also Witwe! Stifler Meiner Seele –! Lips Gehts jetzt, meine Freunde, laßt mich mit meiner Zukünftigen allein! Stifler Du wirst doch nicht des Teufels sein? Lips Vielleicht auch des Engels, das muß sich erst zeigen, aber der ihrige werd' ich auf alle Fäll'. Sporner Goddam! Wixer (zu Sporner) Das is ein guter Rat. Stifler Promenieren wir ein wenig durch den Garten! (Geht mit Sporner und Wixer durch die kleine Glastüre links nach dem Garten ab.) Lips (allein) Das is Aufregung, so ein Moment reißt ei'm die Schlafhauben vom Kopf, das is Senf für das alltägliche Rindfleisch des Lebens. Neunte Szene Anton , Madame Schleyer , Lips Anton (tritt zur Mitte links, meldend, mit Madame Schleyer ein) Die verwitwete Frau von Schleyer. (Geht wieder in den Garten ab.) Lips Unendlich erfreut – Madame Schleyer (sehr elegant und auffallend gekleidet) Herr von Lips entschuldigen – Lips Was verschafft mir das Vergnügen? Madame Schleyer Ich komm' als Ballgeberin – es wird sehr glänzend werden. Lips Der Glanz alles Glänzenden wird durch schwarze Unterlag' gehoben, drum sind immer die Bälle die glänzendsten, denen das Unglück den dunklen Grund abgibt, für welches dann der Glanz des Balles zum Strahl des Trostes wird. So wird auch ohne Zweifel Ihr Ball einen wohltätigen Zweck haben. Madame Schleyer Das heißt' – mein Ball hat allerdings einen wohltätigen Zweck, insofern das Vergnügen wohltätig auf den Menschen wirkt – Lips Aha, und insofern der Ballertrag wohltätig auf die Finanzen der Ballgeberin wirkt. Madame Schleyer Insofern es ferner eine Wohltat für die Leut' ist, die einem kreditiert haben, wenn sie zu ihrem Geld kommen. Lips Mit einem Wort, zu Ihrem Besten und zum Besten Ihrer Gläubiger wird der Ball gehalten; jetzt brauchen Sie nur noch die Gäste mit dem Ball zum besten zu halten, so is ein allgemeines Bestes erzweckt. Madame Schleyer Der Herr von Lips machen Spaß mit einer Witwe, die im Drang der Verhältnisse – Lips Haben Sie so viele Verhältnisse, daß ein förmlicher Andrang daraus entsteht? Madame Schleyer Mir hätt' nie die Idee kommen sollen, den Schleyer zu nehmen. Lips Was? Sie haben den Schleier nehmen wollen? Madame Schleyer Ich hab' ihn genommen, der Himmel hat mir'n aber wieder genommen. Lips Ja so! Der selige Herr Gemahl hat Schleyer geheißen? Madame Schleyer Aufzuwarten! Lips Und hat Ihnen nichts hinterlassen? Madame Schleyer Nichts als das kleine Haus da heraußen, von dem ich die Hälfte an eine Sommerpartei verlass'. Jetzt hab'n mir die Gläubiger auf das Haus greifen wollen. Lips Fatal, vorm Feuer kann man ein Haus assekurieren lassen, aber an eine Assekuranzanstalt vor Gläubigern hat man noch immer nicht gedacht, und doch werden offenbar mehr Häuser den Gläubigern als den Flammen zum Raube. Madame Schleyer In der Desperation hab' ich den Entschluß gefaßt, einen Ball zu geben; denn das Haus, worin mein Mann g'storben is, lass' ich mir nicht entreißen. Lips Natürlich, so was is als Tempel süßer Erinnerung unschätzbar. Madame Schleyer Konträr, Herr von Lips, daß ich ihn in dem Haus los'worden bin, das is die unschätzbare Erinnerung. Lips Also unglückliche Ehe und wahrscheinlich ohne Delikatesse? Madame Schleyer O! Der Schleyer war kotzengrob. Lips Wer war denn der Herr Gemahl? Madame Schleyer Ein alter Streich- und Projektenmacher. Sie glauben nicht, wie der mich hintere Licht geführt hat. Herr von Lips müssen wissen, ich war in der Stadt bei der Handlung. Lips Bei was für einer Handlung? Madame Schleyer Putzhandlung. Lips Eine schöne Handlung, die durch Wechsel floriert, während so manche andre Handlung durch Wechsel falliert. Madame Schleyer Er is öfters in Equipage zu mir kommen – zu einer unerfahrnen Marchandmode gefahren kommen, is das sicherste Verfahren, ihr Herz in Gefahr zu bringen. Lips Mit einem Wort, Sie wurden geblendet, ohne weder Fink noch Belisar zu sein. Madame Schleyer Die Equipage war ausg'liehen – das Vermögen Schein – das heißt nicht etwa Wiener Währung – Lips Wir kommen aber ganz vom Ball ab. Madame Schleyer Hier hab' ich die Ehre, ein Billett – (übergibt ihm ein Ballbillett). Lips (es besehend) Der Preis is fünf Gulden – Madame Schleyer Der Drucker hat vergessen, draufzusetzen: »Ohne Beschränkung der Großmut«, was ich ihm doch so aufgeboten hab'. Lips »Standespersonen zahlen nach Belieben« wär' besser, denn das Prädikat »großmütig« reizt die allgemeine Eitelkeit weit weniger als der Titel »Standesperson«. Ich hab' nicht gewechselt, Madame Schleyer müssen schon gütigst diesen Hunderter annehmen. Madame Schleyer Herr von Lips – Ihre Großmut – Ihre – (eilfertig) ich verharre mit untertänigstem Dank die tiefergebenste Dienerin! (Verneigt sich und geht rasch durch die Mitte links ab.) Lips (allein) Mein Kompliment! Wie sich die tummelt, die muß einen Abscheu vor dem Herausgeben hab'n. (Sich besinnend.) Aber halt, ich vergess' ja ganz, daß sie meine Braut is. (Eilt zur Türe und ruft ihr nach.) Ich bitt', Madame – hab'n S' die Güte – auf ein' Augenblick – (für sich) sie kommt zurück. Madame Schleyer (zurückkommend) Herr von Lips haben gerufen? Ich hätte vielleicht herausgeben sollen –? Lips O nein, das war's nicht. Madame Schleyer Oder wünschen vielleicht noch ein Billett? Lips Nein, das ebensowenig. Für einen Ledigen is ein Billett genug, und selbst wenn ein Lediger die Ballgeberin heirat't, braucht er nur eins, denn die Ballgeberin hat ja freies Entree auf ihrem eig'nen Ball. Madame Schleyer Ich versteh' Ihnen nicht – Lips Werd' mich gleich ganz verständlich machen; ich hab' Ihnen auf einen Augenblick zurückgerufen, weil ich mich auf ewig mit Ihnen verbinden will. Madame Schleyer Fünf Gulden kommen aufs Ballbillett, fünfundneunzig auf den Spaß, den Sie sich machen, das kann man sich schon g'fallen lassen. Lips Ich mach' aber Ernst, und das is eigentlich der Hauptspaß – Madame Schleyer (äußerst erstaunt) Ich trau' mein' Ohren nicht – Lips Is es denn so wunderbar? Mir is der Schuß zum Heiraten kommen, und der Schuß trifft zufällig Sie. Besser als ein anderer Schuß, der bald mich selbst getroffen hätt'. Madame Schleyer Wie das!? Lips Sie müssen wissen, mein Inneres is zerrissen wie die Nachtwäsch' von einem Bettelmann – da hab' ich mich also unlängst erschießen wollen, und derweil ich so im Schuß ein Testament aufsetz' zugunsten meiner Freunde, is mir der Schuß zum Erschießen vergangen. Madame Schleyer So einen veränderlichen Herrn tät' auch 's Heiraten bald reuen. Lips Dafür is ja eben 's Heirat'n erfunden, daß's nix mehr nutzt, wenn's einem reut; wenn die Reue nicht wär', wär' ja die Liebe genug. Also jetzt in vollem Ernst: Ihre Antwort! Madame Schleyer (für sich, in Freude und Ungewißheit schwankend) Ich weiß nicht, träumt mir – oder – Lips Spielen Sie mir jetzt die Komödie vor, als ob nicht mein Reichtum, sondern meine liebenswürdige Persönlichkeit Ihren Entschluß bestimmt! Madame Schleyer Komödie würden Sie das nennen – wenn –? Lips Aha, Sie gehn schon drauf ein, das is recht. Wir Reichen verdienen's, daß man mit uns Komödie spielt, weil uns unsere Eitelkeit undankbar gegen den Reichtum macht. Glauben Sie denn, ein alter Millionist, wenn er aus einer G'sellschaft nach Haus kommt, knieet sich nieder vor seine Obligationen, küsset diese himmlischen Bilder und saget: »Euch nur verdank' ich's, daß diese Frau auf mich gelächelt, diese Tochter mit mir kokettiert hat. Euch nur, ihr göttlichen Papiere, daß diese Cousine mich heiraten will!«? – Kein Gedanken! Er stellt sich voll Selbstgefühl vor 'n Spiegel, find't in seine Hühnertritt' interessante Markierungen und meint, er is ein höchst gefährlicher Mann. Mit Recht hat die Nemesis für diesen Undank an den Papieren den Reichen zum Papierltwerden verdammt. Also heraus jetzt mit dem Entschluß, meine Holde! Madame Schleyer (sich zierend) Aber, Herr von Lips, ich muß ja doch erst – Lips Ich versteh', vom Neinsagen keine Red', aber zum Jasagen finden Sie eine Bedenkzeit schicklich! Gut, wie Sie wünschen! Zehnte Szene Kathi ; die Vorigen Kathi (zur Mitte links eintretend) Ah, da is ja der Herr Göd! Lips (zu Kathi) Wen sucht Sie? Kathi Kenn S' mich denn nicht mehr, ich bin die Kathi, die Euer Gnad'n aus der Tauf' g'hoben haben. Lips (sie erkennend) Richtig, aber du bist g'wachsen seit der Zeit, das heißt, nicht seit der Tauf', sondern seit die drei Jahr' – Kathi Wo ich 's letztemal bei Euer Gnaden war, wo Euer Gnaden Herr Göd so hilfreich – Lips Na, 's is schon gut, mein Kind, aber jetzt hab' ich hier – (macht eine Bewegung, daß sie sich entfernen soll.) Madame Schleyer Entfernen Sie sich doch, meine Gute, Sie sehen ja, daß Herr von Lips über und über beschäftigt is. Kathi (zu Lips) Ich bin wegen der gewissen Schuld gekommen, die hundert Gulden, die Euer Gnaden Herr Göd meiner verstorbenen Mutter so großmütig geliehen haben – Lips Später, später – jetzt hab' ich durchaus keine Zeit. Geh nur, Kind, geh! (Zu Madame Schleyer.) Ich geb' Ihnen also Bedenkzeit, aber nicht mehr als eine Viertelstund'! Madame Schleyer Was kann man in einer Viertelstund' bedenken? Im Grund is eigentlich gar nichts zu bedenken – und der Herr von Lips durchschauen ohnedies jede Ziererei – ich könnte also gleich – Lips Ich weiß, Sie könnten gleich Ja sagen, aber mir g'fallt das jetzt mit der Bedenkzeit, diese Spannung, ich bild' mir jetzt ein, ich bin in einer ängstlichen Erwartung – das unterhalt't mich. Sehn S', so muß sich der Mensch selber für ein' Narren halten. Glauben Sie mir, das is eine schöne und nicht so leichte Kunst. Um andere für einen Narr'n zu halten, braucht man nix als Leut', die einem an Dummheit übertreffen; um aber mit Vorsatz sich selbst für ein' Narren zu halten, muß man sich selbst an G'scheitheit übertreffen. Also in einer Viertelstund', Angebetete – ich werde die Sekunden zählen – das Blut drängt sich zum Herzen, das Hirn pulsiert – der Atem stockt! – In einer Viertelstunde – Leben oder Tod! (Eilt in den Speisesalon Mitte rechts ab.) Elfte Szene Madame Schleyer , Kathi Madame Schleyer (für sich) Ich mach' da ein Glück! – Wenn er mir nur nicht mehr auskommt – ein verruckter Millionär is was G'fährliches bis nach der Kopulation. Kathi (für sich) Ich wart' halt doch, bis er wiederkommt, das Geld will ich nicht wieder nach Hause tragen. Madame Schleyer (sehr vornehm zu Kathi) Der Herr von Lips is also Ihr Göd oder eigentlich Pate, wie wir Noblen uns ausdrücken. Kathi (schüchtern) Ja, Euer Gnaden. Madame Schleyer Er hat das Geld nicht zurückverlangt, und du bringst es aus eig'nem Antrieb!? Kathi Freilich, wenn man was schuldig is, muß man zahlen. Madame Schleyer (für sich) In dem Hause gehen lauter ungewöhnliche Sachen vor. Kathi (nach und nach mehr Mut fassend, nähert sich Madame Schleyer) Euer Gnaden sind so herablassend, mit mir zu reden, werden mir also eine Frag' erlauben, 's is vielleicht eine dumme Frag' – (etwas ängstlich) hab' ich recht, mir is vor'kommen, als wenn mein Herr Göd heiraten möcht'? Madame Schleyer Er projektiert so was dergleichen. Kathi (etwas betroffen) Er heirat't? – Und wen will er denn heirat'n? Madame Schleyer (stolz und kurz angebunden) Mich! Kathi (ihre innere Bewegung verbergend) Ihnen! – Nicht wahr, Sie haben ihn recht gern? Er is so gut – so ein herzensguter Herr – er verdient's, und ihm fehlt ja nix zu seinem Glück als ein treues Herz – o, Euer Gnaden werden ihn g'wiß recht glücklich machen. Madame Schleyer (schroff) Ich glaub' gar, Sie will mir Lektion geben, wie man einen Mann glücklich macht? Kathi (eingeschüchtert) O, ich bitt', nur nicht bös' werden, wenn ich was Dalkets g'sagt hab'. Zwölfte Szene Stifler ; die Vorigen Stifler (zur kleinen Glastüre links eintretend) Nun! Schon alles in Ordnung? – (Lips suchend.) Er is nicht da? Madame Schleyer (sich rasch umwendend) Wen suchen Sie? Stifler (sie erkennend) Was tausend! Sie sind's? Madame Schleyer (angenehm überrascht) Ah! Das ist wirklich unverhofft! Wie kommen Sie daher? Stifler Das muß ich Sie fragen, liebenswürdige und so plötzlich verschwundene Mathilde. Kathi (welcher der Name auffällt, für sich) Mathilde? Madame Schleyer Mit mir haben sich wohl merkwürdige Schicksale zugetragen in die anderthalb Jahr', und das neueste Schicksal is das, daß ich seit fünf Minuten dem Herrn von Lips seine Braut bin. Stifler Das is allerdings merkwürdig. Madame Schleyer So einen Goldfisch zu fangen bei der Zeit, wo jede Gott dankt, die einen Hechten erwischt! Kathi (für sich) Aber das is eine abscheuliche Frau! Madame Schleyer Übrigens wird's gut sein, lieber Papa Stifler – Stifler Scharmant – Papa Stifler, so hat mich die aimable Mathilde Flinck immer genannt. Madame Schleyer Es wird aber gut sein, hier nichts von früheren Zeiten zu erwähnen. Stifler Natürlich! Wir sehen uns zum erstenmal. Es sind aber noch ein paar Ihrer ehemaligen Anbeter hier, die müssen wir avisieren; ein indiskretes Wort könnte viel – suchen wir sie im Garten auf! Die werden staunen! Madame Schleyer Ich muß aber in zehn Minuten wieder da sein. Stifler Das versteht sich, lassen Sie uns eilen! (Bietet ihr den Arm.) Madame Schleyer Einen Millionär, der die Sekunden zählt, darf man nicht eine Minute warten lassen. (Beide Seite links durch die kleine Glastüre ab.) Dreizehnte Szene Kathi ; dann Gluthammer (Während dieser Szene wird es rückwärts und in den Kulissen zugleich sehr langsam Nacht.) Kathi (allein) Ich versteh' blutwenig vom Heiraten, aber daß so eine einen Mann glücklich macht, das glaub' ich mein Lebtag nit. Gluthammer (links hereineilend) Kathi! – Kathi! – Ich lass' mir's nicht nehmen, ich hab' was g'sehn. Kathi Wer will Ihm was nehmen? Und was hat Er g'sehn? Gluthammer Ich hab' von weiten was g'sehn, was mich sehr nahe angeht, und das lass' ich mir nicht nehmen. Kathi Er is ja ganz außer sich! Gluthammer Nit wahr? O, ich hab' wie ein Wütender mit allen vieren um mich geschlagen; der dumme Anton hat mir den Hammer wegg'nommen. Kathi Das war recht g'scheit von ihm. Aber jetzt red' der Herr, über was is Er denn wütend worden? Gluthammer War nicht früher eine da? Kathi Grad den Augenblick is eine fort'gangen. Gluthammer Jetzt schlag' die Kathi d' Händ' über 'n Kopf z'samm', diese eine war in der Entfernung deutlich die Meine. Kathi Warum nit gar! Es war ja die Braut vom gnädigen Herrn. Gluthammer Kann's nicht glauben, der Anton hat mir offenbar einen falschen Nam' g'sagt. Kathi Hier hat ein Herr mit ihr g'red't und hat s' Mathilde Flinck g'nennt. Gluthammer (laut aufschreiend) Mathilde Flinck –!? Flinck!? Mathilde!? Sie is's! Sie is's!! Kathi Wer? Gluthammer (außer sich) Meine Geraubte! Hier halt't man sie gefangen, die treue Seele, hier hat sie zwei Jahre lang allen Rauberkünsten getrotzt! O Gott – o Gott!! Kathi Die da war, hat sehr freundlich mit 'n Herrn vom Haus disk'riert. Gluthammer Aha! Das war, um den Rauber zu beschwichtigen. O Mathilde! Zur List nimmst du die Zuflucht!? Geduld, Engel, ich komm' dir mit Gewalt zu Hilf'! (Rennt wütend zur Türe des Speisesalons Mitte rechts.) Kathi (erschrocken ihn zurückhaltend) Was will denn der Herr Gluthammer –!? Gluthammer (grimmig) Sein Leben will ich, nix als sein Rauberleben. Is denn nirgends ein Mordinstrument? Mein Hab und Gut für einen Taschenfeidl! Eine Million für a halbe Portion Gift! Ein Königreich, wenn mir ein Tandler a alte Guillotine verschafft! Kathi Is Er rasend? Gluthammer Ja, rasend dumm, daß ich mich um ein Instrument alterier'; diese Fäust' sind Dietrich genug, um einem die Pforten der Ewigkeit aufzusperren. Kathi Was? Ich sag' Ihm's, meinem Herrn Göden lass' ich nix g'schehn! Gluthammer (mit zunehmendem Ungestüm) Wo is er? Kathi (ängstlich) Er is – er is in Garten gangen. Gluthammer (außer sich vor Grimm) Gut, dort will ich ihm zur Hochzeit gratulieren! (Indem er wütend während der folgenden Worte alle Hiebe, Stiche, Stöße und Tritte pantomimisch ausdrückt.) Glück – Freud' – Gesundheit – langs Leb'n – und alles Erdenkliche, was er sich selbst wünschen kann. Wart', Rauber!! (Rennt wütend durch die Mitte links ab.) (Es ist mittlerweile etwas dunkel geworden.) Vierzehnte Szene Kathi ; Madame Schleyer , Stifler , Sporner , Wixer (treten Seite links durch die Glastüre ein) Kathi Gott, was hab' ich getan? Ich hab' mein' Herrn Göden verraten! Ich bin eine unglückselige Person – Stifler (mit Mathilde, Sporner und Wixer zur kleinen Glastüre Seite links aus dem Garten eintretend) Kommen Sie, liebenswürdige Mathilde, die Abendluft ist kühl. Wixer Auf unsern Freund seine Braut müssen wir ja weiter nit schaun! Madame Schleyer Zu gütig, meine Herren! Kathi (welche erst ängstlich nach der Mitteltüre links gelaufen, läuft jetzt Mitte rechts an die Türe, welche in den Speisesalon führt, und ruft an der zugemachten Türe) Herr Göd –! Lieber gnädiger Herr Göd!! Stifler Was macht denn das Geschöpf für einen heillosen Rumor? Kathi Ach, meine Herren, ich muß mit mein' Herrn Göden sprechen, und das an der Stell'! Stifler Das geht jetzt nicht an! Madame Schleyer Geh, Kind, geh und komm ein andersmal! Kathi O Madame, ich muß! Madame Schleyer (ungeduldig und gebieterisch) Ein andersmal, hab' ich gesagt! Und jetzt bitt' ich mir's aus – (zeigt nach der Türe Mitte links). Stifler (zu Madame Schleyer) Ärgern Sie sich nicht! Kathi (eingeschüchtert, für sich, indem sie sich rückwärts nach der Türe zieht) Der alte Bediente muß ihn warnen – den muß ich schaun, daß ich find'. (Eilt in die Mitte links ab.) Fünfzehnte Szene Die Vorigen ohne Kathi Stifler Wir bringen also heute noch der baldigen Gebieterin dieses Hauses ein Lebehoch. Madame Schleyer Meine Herren, Ihre Huldigung erfreut mich unendlich, und ich werde Ihnen stets eine freundliche Hauswirtin sein. Wixer Wirtin, das is das echte Wort. Madame Schleyer Wir wollen einen kleinen, aber um so fröhlicheren Zirkel bilden. Wixer Das is das Wahre. Klein muß a G'sellschaft sein, aber honett, nacher is's a Passion. Stifler Jetzt lassen wir aber Freund Lips nicht länger schmachten. Madame Schleyer Nicht wahr, die Viertelstund' is schon vorbei? (Zwei Bediente treten, jeder mit zwei angezündeten Armleuchtern, zur Mitte links ein und stellen jeder einen davon auf den Tisch rechts und links. In den Kulissen Tag, im Hintergrunde bleibt es Nacht.) Stifler (zu Madame Schleyer) Erlauben Sie mir, daß ich ihm sein Glück verkünde. (Er öffnet Mitte rechts die Türe nach dem Speisesalon, und man sieht Lips auf einem Diwan ausgestreckt liegen und schlafen.) Er schlaft –!? (Die zwei Bedienten, welche die beiden andern Armleuchter nach dem Speisezimmer tragen wollten, haben sich in dem Moment der Türe genähert, als Stifler selbst öffnete, so daß sie unwillkürlich den schlafenden Lips beleuchten.) Sporner und Wixer (erstaunt) Er schlaft –!? Madame Schleyer (überrascht und ihren Ärger kaum bezwingend) Er schlaft! – Das is etwas stark – Stifler Ohne Zweifel hat ihn infolge der Gemütsaufregung und der eingetretenen Dunkelheit ein leiser Schlummer überfallen. (Lips schnarcht.) Madame Schleyer Das scheint schon mehr als ein Schlummer zu sein. Wixer Was man sagt, ein Roßschlaf. Stifler (zu den Bedienten) Stellt nur die Lichter hinein! (Die Bedienten stellen die Lichter in den Speisesalon.) Madame Schleyer Lassen S' mich jetzt allein, meine Herren, mit dem – (halbleise) Murmeltier. Stifler Gehn wir zu den übrigen ins Billardzimmer! Wixer (indem er mit Stifler und Sporner durch Mitte rechts in den Speisesalon nach rechts ab- und an dem schlafenden Lips vorübergeht, den Bedienten, welche die Lichter in den Speisesalon gestellt, zurufend) G'schwind, Bediente, aufzünden beim Billard, eine à la guerre geht los. (Die Bedienten folgen ihm.) Sechzehnte Szene Madame Schleyer , Lips Madame Schleyer Die poltern an ihm vorbei, und er rührt sich nicht! – (Dem schlafenden Lips nähertretende.) Herr von Lips – (Lips schnarcht sehr stark.) Madame Schleyer (erschrocken einen Schritt zurücktretend) Nein, wie der schnarcht – wie mein Seliger – liebenswürdige Eigenschaft! (Tritt ihm näher und ruft laut.) Herr von Lips! Herr von Lips! Lips (erwachend und aufspringend) Was gibt's –? Ah, Madame, Sie sind's – entschuldigen! Madame Schleyer Sie schnarchen ja, daß einem die Haar' zu Berg stehn. Lips Da bitt' ich um Vergebung, das kommt vom Träumen, ich hab' g'rad so einen g'spaßigen Traum g'habt. Madame Schleyer Sonst is das nur bei beängstigenden Träumen der Fall, oder wenn die Trud – Lips Mir hat von Ihnen geträumt. Sie haben mich verschmäht, haben meine Hand ausgeschlagen. Madame Schleyer Und das is Ihnen gar so spaßig vorgekommen? Lips Im Traume kommt einem ja alles anders vor als in der Wirklichkeit. Madame Schleyer Träume bedeuten auch gewöhnlich das Konträre. Die Viertelstunde, die Sie mir gegeben, is vorüber und – Lips (zerstreut) Was für eine Viertelstund'? Madame Schleyer (pikiert) Na, die Bedenkzeit! Lips Ah, ja so, richtig – das hätt' ich bald verschlafen. Sie verschmähen mich also nicht? Madame Schleyer Beinahe hätten Sie's verdient; demungeachtet will ich diesmal – Lips (im ruhigen, gleichgültigen Tone) Gnade für Recht ergehen lassen, weil – etcetera, gut! Wir wollen also, weil mein Traum nicht ausgeht, weiter träumen, das heißt, von der Zukunft diskurier'n; das is auch ein Traum, der selten ausgeht. Is Ihnen nicht gefällig, Platz zu nehmen? (Rückt einen Stuhl zurecht.) Madame Schleyer (für sich) Is das eine Hindeutung, daß er mich sitzen lassen will? Lips (sich setzend, ohne in der Zerstreuung zu bemerken, daß Madame Schleyer sich nicht setzt) Bis wann glauben Sie also, daß unsere Verlobung –? Madame Schleyer Hm! Da eben Gäste, folglich auch Zeugen anwesend sind, so meinet ich – heut' abends. Siebzehnte Szene Gluthammer ; die Vorigen Gluthammer (tritt, von beiden unbemerkt, zur Mitteltüre links ein und bleibt, im Hintergrunde lauschend, in heftiger Aufregung stehen, für sich) Sie is's!! – Das Lamm steht vor dem Opferer. Lips Und bis wann meinen Sie die Hochzeit? Madame Schleyer Ich glaub', das wär' wohl an Ihnen, den Tag zu bestimmen. Gluthammer (betroffen, für sich) Was? Dem Lamm is's recht, wann's dem Opferer gefällig is. Lips So können wir also in sechs Wochen ein Paar sein. Madame Schleyer (beleidigt) Sechs Wochen?! – Ich glaub', wenn die Braut in einer Viertelstund' den Entschluß faßt, so könnt' der Bräutigam doch längstens in acht Tagen mit die Anstalten fertig sein. Gluthammer (furchtbar enttäuscht) Wie g'schieht mir denn? 's Lamm kann's nicht erwarten, bis's geopfert wird –!? Lips (mit forcierter Laune) Acht Tag', sagen Sie? Zu was? Das wär' traurig, wenn man einen Geniestreich nicht in vierundzwanzig Stund' zusamm'brächt'. Morgen muß die Hochzeit sein. Gluthammer (vorstürzend) Und heut' noch is die Leich'! Lips (erstaunt) Was will denn –? Madame Schleyer (aufschreiend) Ah! Der Gluthammer! (Hält sich an einen Stuhl.) Gluthammer Ja, Elende, der Gluthammer in der furchtbarsten Hitz'! Lips Und sie erstarret zu Eis! Gluthammer (wütend zu Lips) Mach' dein Testament, Glückzerstörer! Seligkeitsvernichter! Madame Schleyer Ich bin verloren! – Lips Für mich keineswegs. Glauben Sie, dieses schmutzige Verhältnis (auf Gluthammer deutend) schreckt mich ab? Glauben Sie denn, ich hab' Ihnen für eine reine Seele gehalten? Eine Narrheit will ich begehn, und ich sehe immer mehr und mehr, ich hätte keine würdigere Wahl treffen können. (Schließt sie in seine Arme.) Gluthammer (grimmig) Ha, dieser Anblick Madame Schleyer (zu Lips) Rufen S' Ihre Bedienten! Lips Zu was? Ich krieg' selbst einen Gusto, eine alte Gymnastik regt sich in mir. Gluthammer (sein Schurzfell aufrollend, zu Lips) Heraus, wennst Courage hast! Lips (zu Gluthammer) Prahlhans, ich bin ein g'lernter Boxer. (Zieht den Rock aus.) Gluthammer (die Fäuste ballend) A solche Lektion hast aber sicher noch keine kriegt. (Beide stürzen aufeinander los und ringen.) Madame Schleyer (während dem Kampf) Aber Herr von Lips – geben Sie sich nicht ab – (ängstlich) zu Hilf'! Bediente! Gluthammer (im Ringen zu Lips, den er gegen die Mitte links gedrängt) Dir hilft kein Bedienter mehr! Lips (indem er seine Kraft zusammennimmt) Ich will dir zeigen, daß ich keinen brauch'. (Drängt Gluthammer in die Mitte links zur Türe hinaus.) Madame Schleyer (ängstlich) Is denn niemand da? Gluthammer (Mitte links zurückkommend) Ich bin wieder da! Lips Noch keine Ruh'? Na, wart' – Kerl, g'freut' dich! (Stürzt ihm entgegen und beide kommen, indem sie ringen, in die Nähe der Balkontüre, die offensteht; unwillkürlich drängt einer den andern hinaus auf den Balkon. Beide stürzen während eines Schreckensrufes, indem sie sich umklammert halten, samt dem noch nicht festgemachten Eisengitter über den Balkon hinab.) Madame Schleyer (laut aufschreiend) Ah –!! Er is des Todes! (Stürzt zum Balkon.) Himmel –! Ins Wasser! – Rettung! Tod! Hilf'! Achtzehnte Szene Madame Schleyer , Stifler , Sporner , Wixer , mehrere Herren (aus Mitte rechts). Anton , Christian , Josef (aus Mitte links) Stifler (mit den übrigen eilig und in ängstlicher Verwirrung aus der Türe des Speisesalons kommend) 's ist nicht möglich! Wixer Vom Billardzimmer hat man's deutlich g'sehn. Madame Schleyer In Abgrund g'stürzt, alle zwei –! (Sinkt auf einen Stuhl links.) Stifler Der Mörder mit? Wixer Nur g'schwind, Schinakeln, Schiffleut'! (Mitte links ab.) Die Herren Ja, Schiffleute! Stricke! Stangen! (Eilen mit den Bedienten zur Mitte links ab.) Neunzehnte Szene Madame Schleyer , Stifler , Sporner Stifler Erholen Sie sich, schöne Frau! Madame Schleyer Das is zuviel! Vor zwei Minuten haben noch zwei Männer um mich g'rauft, und jetzt macht mich ein zweifacher Tod zur dreifachen Witib. Stifler Beruhigen Sie sich, Herr von Lips muß gerettet werden. (Zu Sporner.) Sie könnten sich auch ein wenig tätiger annehmen! Sporner (ganz ruhig) Goddam! Stifler Damit ist ihm nicht geholfen. Zwanzigste Szene Wixer (mit mehreren Herren durch die Mitte links eintretend); Die Vorigen Wixer Beim Mondschein hat man einen Kopf ober'n Wasser g'sehn, sie rudern schon nach. Stifler Treten wir auf den Balkon. Die Herren Von hier kann man's sehen. (Alle, auch Madame Schleyer, drängen sich auf den Balkon.) Wixer Dort – sehn S' – Alle Wo? Wo? Wixer Dort! Sieht man nix mehr? Die Herren Da ist keine Rettung! Stifler Offenbar Mord –! Wixer Ein Glück für 'n Mörder, wann er auch ersoffen is. Einundzwanzigste Szene Lips und die Vorigen (auf dem Balkon) Lips (ist, ohne von den Anwesenden, welche, um die Balkontüre gedrängt, ihre Blicke nach außen richten und folglich Lips den Rücken kehren, bemerkt zu werden, ganz durchnäßt zur Mitteltüre links eingetreten und hat die letzten auf dem Balkon geführten Reden gehört) Schauderhaft, er is nicht ersoffen, der Mörder lebt – lebt fürs Kriminal –! (Faßt sich verzweifelt mit beiden Händen an den Kopf.) Die Herren (auf dem Balkon) Tot ist tot! Lips (in größter Angst) Flucht! – Flucht! – Schleunige Flucht! (Eilt zur Seite links ab.) (Im Orchester fällt passende Musik ein.) Der Vorhang fällt. Zweiter Akt Die Bühne stellt das Innere eines Wirtschaftsgebäudes und Getreidespeichers auf dem Pachthofe Krautkopfs vor. Rechts, links und in der Mitte des Fußbodens befinden sich drei praktikable Falltüren. Rechts führt eine Seitentüre nach dem Wohngebäude, links eine Seitentüre ins Freie. Im Hintergrunde in der Mitte ist ein großes Tor, welches zur Dreschtenne führt; im Hintergrunde derselben liegen Getreidegarben hoch aufgeschichtet, rechts im Vordergrunde stehen ein Tisch und zwei Stühle, links zwei Stühle. Erste Szene Krautkopf , Kathi , zwei Bauernknechte Krautkopf (zu den Knechten) Is der Kleeacker schon g'mäht? Erster Knecht Das g'schieht heut'. Krautkopf Is 's Heu schon aufg'schobert? Zweiter Knecht Das g'schieht heut'. Krautkopf (ärgerlich) Heut', heut', alles g'schieht heut'! Erster Knecht Wir können's auf morgen auch lassen. Krautkopf Ich werd' dich gleich umbringen; gestern, gestern hätt's schon soll'n g'schehn sein. Gedroschen muß auch werd'n – au weh, mein Kopf! – Auf alls soll man denken! – Die Drescher soll'n kommen, sonst bring' ich s' auch um. Erster Knecht Sie wer'n noch beim Fruhstuck sein. (Die beiden Knechte gehen zur Seite links ab.) Krautkopf (zu Kathi) Und du kommst wieder gar nicht von Fleck? Rühr' dich, lustig, lebendig! Kathi (welche traurig im Vordergrunde rechts gestanden) Ich soll lebendig sein, und er – er is tot! (Bricht in Tränen aus.) Krautkopf Alles mit Maß, die Weinerei is z'viel! Wenn ein Göd stirbt, so weint man in der ersten Stund' und in der zweiten fragt man, ob er ei'm was vermacht hat, und is das nicht der Fall, so schimpft man in der dritten Stund' über ihn und in der vierten arbeit't man wieder darauf los wie vor und eh'. Kathi Der Herr Vetter kann das Gefühl nicht haben, der Vetter hat ihn nicht kennt, hat ihn gar nie g'sehn, den guten Herrn, aber ich – (weint). Krautkopf Warum war er nie heraußt? Wann hätt' ich Zeit zu Visitenmachen g'habt? Ich weiß eh' nicht, wo mir der Kopf steht. Dritter Knecht (tritt mit einer hochaufgetürmten Butten von Krauthäupteln Seite links ein) Wo kommt denn das Kraut hin? Krautkopf (eilig die Falltüre rechts öffnend) Da in den Keller herunter! Leer' die Butten um! (Dritter Knecht stürzt die Butten um und läßt die Krauthäupteln in den Keller hinabrollen.) Krautkopf So – (Der Knecht geht Seite links ab.) (Vierter Knecht tritt Seite links ein mit einer Butten voll weißer Rüben.) Krautkopf Was bringt denn der? Vierter Knecht Ruben haben wir ausgenommen. (Will die Butten in denselben Keller hinableeren.) Krautkopf Halt! Nicht da herein! (Eilt zur Falltüre links.) Da g'hören die Ruhen her! (Indem er die Falltüre öffnet.) An keine Ordnung g'wöhnt sich das Volk. – Kraut und Ruben werfeten s' untereinand' als wie Kraut und Ruben! (Vierter Knecht hat abgeleert, wie ihm befohlen, und geht Seite links ab.) Krautkopf (zu Kathi) Und du, Kathi, schau nach wegen Fruhstuck – und jetzt soll ich noch wegen Robotausweis – und wenn extra heut' noch die Herrn mit 'n Herrn Justitiarius – auf was soll ich noch alles denken! Au weh, mein Kopf! (Eilt in die Seitentüre rechts ab.) Zweite Szene Kathi ; dann Lips Kathi (allein) Manchen Augenblick is mir g'rad nicht anders, als ob die ganze Welt g'storben wär', und manchen Augenblick denk' ich mir wieder, es kann nicht sein, er muß leben, er muß wieder zum Vorschein kommen. Lips (als Bauernknecht verkleidet, mit ängstlicher Vorsicht durch die Türe Seite links hereinkommend) Kathi! Kathi! Kathi (zusammenfahrend) Gott im Himmel –! Das war seine Stimm' –! Lips (vortretend) Es is mehr, es is der ganze Herr von Lips! Kathi (im höchsten Ausbruch der Freude) Is's möglich! Ja – ja, er lebt! Mein Herr Göd is nicht ertrunken –!! Lips Nein, das Wasser hat mich verschont, ich scheine eine andere Bestimmung zu haben. Kathi Gott – die Freud' –! Herr Vetter, der gnädige Herr als Bauer verkleidet –! Ich ruf's ganze Haus z'samm'! Lips Still, um alles in der Welt – ich bin ja kriminalisch! Kathi Ah, gehn S' doch –! Lips Ja, ja, Kathi, in Ernst, was du da siehst, (auf sich zeigend) das is dem Kriminal verfallen. Kathi Warum nicht gar! Weil a paar dumme Leut' aussprengen, Sie haben absichtlich – Lips 's waren Zeugen! Meine G'sellschaft hat 's Fenster aufg'rissen in Billardzimmer – in dem Augenblick, wie ich auf 'n Balkon zum Schlosser g'sagt hab': »Wart', Kerl, g'freu' dich!« – In dem »Wart', Kerl, g'freu' dich!« liegt scheinbar vorsätzlicher Mord, das »Wart', Kerl, g'freu' dich!« bricht mir 's G'nack und wird zum furchtbaren »Wart', Kerl, g'freu' dich!« für mich selbst. Kathi Ich darf also dem Vetter Krautkopf nix sagen? Lips Keine Silb'n, ich bin ersoffen für die ganze Welt! Auf dem allgemeinen Glauben, daß ich bereits den Grundeln Magenbeschwerden verursach', gründet sich meine Existenz. 's fatalste is aber, mir is 's Geld aus'gangen, bei einer so unverhofften Wasserreis' steckt man nicht besonders was zu sich. Dieses Bauerng'wand war meine letzte Dépense. Kathi Lieber Himmel, wenn ich nur die hundert Gulden noch hätt', die ich Ihnen schuldig war, aber ich hab's Ihrem alten Bedienten übergeben. Lips Da haben wir einen Beweis, was das für üble Folgen haben kann, wenn man zu voreilig is im Schuldenzahlen. Kathi Ein Glück, daß Euer Gnaden so viel Freunde haben. Lips Freunde? Kind, ins Wasser g'fall'n bin ich eh schon, soll ich jetzt abbrennen auch noch wie jeder, der im Unglück auf Freunde baut? Kathi Wer hat Ihnen denn gerettet? Lips Ich selbst war der edle Mann, dem ich so hoch verpflichtet bin; ich bin ans Land geschwommen, aber jetzt erst, seitdem ich im Trocknen bin, fang' ich an unterzugehn. Ich hab' zwar drei Freunde, das sind treue Freund', die drei! Die werden viel für mich tun, das kann aber erst in einige Wochen g'schehn! Dann flücht' ich ins Ausland. Jetzt soll'n s' aber noch gar nix erfahren – Kathi Also haben Sie doch Hoffnungen für die Zukunft? Lips Das wohl, aber die Zukunft is noch nicht da, und wie hinüberkommen in die Zukunft? Ohne Essen kommt man nicht durch die Gegenwart. Wenn ich jetzt das Geld hätt', was ich so oft auf ein einziges Garçondiner ausgegeben hab'! Heut' z' Mittag komm' ich auf den Punkt, wo ich jeden vierfüßigen Garçon um sein Diner beneiden werde. Kathi (die Hände ringend) Mein Herr Göd in Not –! Nein, das kann, das derf nicht sein! Lips Ich hab' da heraußt so ein schönes Schloß, ich war schon jahrelang nicht da, weil's mir zu fad war. Wenn ich jetzt einbrechen könnt' in mein Schloß, wie ich mir alle wertvollen Gegenstände raubet –! Aber 's geht nicht, mein Inspektor tät' mich erwischen, mein eigener Amtmann liefert' mich ins Kriminal. Kathi Gott, wenn ich jetzt eine Millionärin wär' –! Aber ich hab' nichts – gar nichts – 's is schrecklich! Was werden S' denn jetzt anfangen, mein lieber, guter gnädiger Herr? Lips Sag' deinem Vetter, du kennst mich, ich war Geschäftsführer bei deiner Mutter ihrem ehemaligen Miliweib, und leg' ein gutes Wort ein, daß er mich in Dienst nimmt. Kathi Was? Euer Gnaden wollen dienen auf dem Grund und Boden, wo Sie Herr sind? Lips Red' nicht, Kathi, ich bin ja kriminalisch! Kathi Aber bedenken S' doch – (nach der Seitentüre rechts sehend) der Vetter Krautkopf – Lips Jetzt, Kathi, red'! Dritte Szene Krautkopf ; die Vorigen Krautkopf (aus der Seitentüre rechts kommend) Au weh, mein Kopf – g'schwind, Kathi, schau nach – (Lips bemerkend) wer is denn das? Kathi Es is – (für sich) ich trau' mir's nicht zu sagen – (stockend) es is – Lips Ein Knecht. Kathi Er möcht' gern hier bei Ihnen, Herr Vetter, in Dienst. Krautkopf Mir sind die z'wider, die ich schon in Dienst hab', der ging' mir g'rad noch ab! Kathi Sie haben ja vorgestern zwei fortgejagt. Krautkopf Richtig, hast recht. Man kann nicht auf alles denken – Kathi Und der is so brav, so gut – Krautkopf Woher kennst du ihn denn? Kathi Ich – ich kenn' ihn – (stockend) aus der Stadt. Krautkopf Aus der Stadt? Lips (ganz bäurisch) Ich hab' d' Mili einig'führt. Krautkopf Bei wem war Er denn? Lips (grob) Wo werd' ich denn g'wesen sein? Bei ein' Miliweib. Krautkopf (über Lips' Ton aufgebracht) Wie red't denn Er mit mir? Lips G'rad so, wie ich mit mein' Miliweib g'redt't hab'. Kathi (ihn leise zurechtweisend) Aber, Euer Gnaden – Krautkopf (zu Lips) Möglich, daß 's Miliweib ihre Ursachen hat g'habt, ich vertrag' aber Seinen Ton nit – (für sich) und wo nur die Kerl'n wieder bleiben – (ruft zur Seitentüre links hinaus) he, Seppel, Martin! Lips (zu Kathi) Ich hab' glaubt, auf 'n Land is die Grobheit z' Haus, und nach dem Grad von Flegelei, der in der Stadt Mode is, hab' ich mir denkt, muß ich recht – Kathi Ach nein, bei die Bauern halt't man doch auf Art! Krautkopf (Lips messend) Der Pursch schaut mir so ung'schickt aus. (Laut zu Lips.) Versteht Er was? Kann Er ordentlich ackern? Lips (erschrocken) Ackern –? Werden hier Menschen vor den Pflug gespannt –? Krautkopf Red' Er nicht so einfältig! Kann Er anbauen? Lips An'baut hab' ich wohl schon viel – Krautkopf Aber auch ordentlich, daß was aufgehn kann? Lips Bei mir is sehr viel auf'gangen. Krautkopf Aber noch kein Licht über d' Landwirtschaft. Lips Ich war zehn Jahr' bei einem Miliweib. Krautkopf Also paßt er vermutlich mehr zum Vieh. Lips Soll das eine Kränkung für mich oder fürs Miliweib sein? Krautkopf Ich mein', ob Er Kenntnis für den Viehstand hat. Was habts denn für Küh' g'habt? Lips Eine Schweizer Kuh, die hat alle Tag' sechs Maß Obers gegeben. Krautkopf Warum nicht gar ein' Milirahm! Lips Für die g'wöhnliche Mili haben wir ordinäre Küh' g'habt. Krautkopf (für sich) . Ich werd' nicht klug aus dem Menschen. (Zu Lips.) Habts ihr Stallfütterung g'habt? Lips G'schlafen haben wir im Stall, aber gegessen in Zimmer. Krautkopf Wer red't denn von euch? Ich mein' die Küh'. Lips Die hab' ich alle Tag' auf die Wiesen begleit't. Krautkopf Schlechte Manipulation! Warum war die Milifrau gegen die Stallfütterung? Lips Vermutlich hat sie den Jodl nicht beleidigen wollen. Krautkopf Er is a Narr. Von die Schaf' und von die Ziegen wird Er wohl auch nicht zuviel verstehen? Lips Hm! Die Schaf', wenn s' fromm sein, gehn viele in einen Stall, und wenn's donnert, stecken s' die Köpf' z'samm'; sonst is an ihnen nichts Bemerkenswertes. Um die Geißböck' hab ich mich nie umg'schaut, die sind mir zu fad. Krautkopf Fad? Warum sollen g'rad die Geißböck' fad sein? Lips Daß s' b'ständig den nämlichen Witz anbringen mit 'n Schneider-Ausspotten, das heißt nix. Kathi Nehmen S' ihn nur, Herr Vetter – was er nicht kann, wird er schon noch lernen. Lips Freilich, bedenken S' nur meine Jugend! Krautkopf Na, meintwegen, probieren will ich's mit Ihm, Er kann gleich beim Dreschen mithelfen, das wird Er doch können? Lips Lassen S' a Fruhstuck bringen, nach dem Sprichwort: »Der ißt wie ein Drescher« werd' ich Ihnen gleich zeigen, daß ich als solcher zu großen Erwartungen berechtige. Krautkopf Bei mir wird zuerst gearbeitet und nachher gegessen. Vierte Szene Drei Knechte ; die Vorigen (Die drei Knechte treten zur Türe links herein.) Krautkopf Na, seids einmal da? G'schwind dazu g'schaut, sonst bring' ich euch um! (Die Knechte sind zur Tenne gegangen und fangen zu dreschen an.) Krautkopf (zu Lips, welcher zögert) Is's Ihm g'fällig –? Lips Na, ich glaub's, das is ja sehr eine angenehme Beschäftigung. (Geht zur Tenne und nimmt einen Dreschflegel zur Hand.) Kathi (ängstlich für sich) Wenn er's nur trifft, wie sich's g'hört! Krautkopf (zu Lips) Aber, Mensch, was treibt Er denn? Er nimmt ja den Flegel verkehrt. Lips Das derf man ja nur sagen, die größten Künstler haben schon manches vergriffen. (Wendet den Dreschflegel um und drischt mit den übrigen, ohne sich in den taktmäßigen Schlag dieser Arbeit finden zu können.) Krautkopf (zu Kathi) Du, mir scheint, mit dem wird's es nicht tun. (Zu Lips.) Nicht einmal g'schwind, einmal langsam! Das muß nach 'n Takt gehn. Lips (indem er drischt, zu Krautkopf) Die sollen mir nachgeben! Schreiben Sie ihnen ein colla parte vor! (Trifft den einen Knecht mit dem Dreschflegel auf den Kopf.) Erster Knecht (schreit) Ah! Der haut uns auf d' Köpf' – Zweiter und dritter Knecht Zum Teufel hinein! Krautkopf (ärgerlich zu Lips) Aber Er haut ja die Leut' auf die Köpf', was is denn das? Lips (nach vorne kommend) Ich hab' halt in Gedanken leers Stroh gedroschen, das hab'n schon gar viele getan. Erster Knecht (zu Krautkopf) Der kann ja nicht dreschen. Schick' ihn der Herr Krautkopf lieber aufs Feld zum Aufladen hinaus. Krautkopf Was? Is noch nicht alles hereing'führt? Erster Knecht Freilich nit! Krautkopf Nit? Ich muß euch umbringen. Laufts nur gleich aufs Feld und helfts z'samm', daß noch alles hereinkommt vor 'n Regen. Die drei Knechte Schon recht, gleich! (Gehen durch die Türe Seite links ab.) Krautkopf Auf was ich alles z' denken – halt, das darf ich nit vergessen. – (Lips, welcher den übrigen folgen will, nachrufend.) He – hört Er nicht –? Dummkopf! Lips (sich umwendend) Was schaffen S'? Krautkopf Wenigstens versteht Er's doch gleich, wenn man Ihn bei sein' Nam' nennt. Lips Eigentlich heiß' ich Steffel. Krautkopf Er geht jetzt an der Stell' zum Herrn Justitiarius. Lips (erschrocken) Zu was für einen Arius? Krautkopf Zum Justitiarius, mach' Er die Ohren auf! Lips (für sich) Das Wort »Justiz« verursacht mir so ein halswehartiges Gruseln – Krautkopf Und sag' Er, ich lass' fragen, ob die Herren schon da sein und bis wann er mit ihnen herkommen wird. Lips (stutzend) Was denn für Herrn? Krautkopf Geht Ihn das was an? Tu' Er, was man Ihm schafft. (Zu Kathi.) Kathi! Führ' ihn bis ans Eck, da kannst ihm von weitem 's Amtshaus zeigen. Lips (für sich) Wenn s' mich erkenneten auf 'n Amt! (Zu Krautkopf.) Aber was es in Ihrem Stadl für einen Zug hat, (nimmt ein Schnupftuch hervor) die Türen, scheint mir, schließen so schlecht! (Bindet sich mit dem Schnupftuche das Gesicht ein.) Krautkopf Was wären denn das für Heiklichkeiten –? Lips Ich hab's Reißen – mein rechter Weisheitszahn is in einem elendigen Zustand. (Zu Kathi.) So, Kathi, jetzt gehn wir zum Justitiarius. (Geht mit Kathi Seite links ab.) Fünfte Szene Krautkopf ; dann Gluthammer Krautkopf (allein) So ein Knecht is mir noch nicht vorgekommen. Das muß mir auch noch g'schehn, wo ich ohnedem – au weh, mein Kopf! Gluthammer (steckt aus dem Getreideschober nur den Kopf heraus) Krautkopf! Krautkopf (sich umwendend und Gluthammers Gesicht erblickend) Was is das für ein Kopf –!? Gluthammer (sich aus den Getreidegarben herauswühlend) Der meinige –! Krautkopf (staunend) Gluthammer Gluthammer Ein Kopf, den 's Gericht gleich beim Kopf nehmen wird – Brüderl, versteck' mich! (Sinkt an Krautkopfs Brust.) Krautkopf Ich hab' glaubt, du bist ersoffen! Gluthammer Nicht ich, der Herr von Lips. Krautkopf Ich hab' glaubt, alle zwei. Gluthammer 's Gericht weiß das besser, man forscht mir nach – in jedem Dorf hab' ich einen Wachter g'sehn. (Aufschreiend.) Ha, sie kommen – Rettung –! Verschluf –! Krautkopf (erschrocken) Wer –? Wo –? Es is ja nix! Gluthammer (sich erholend) Nein, es is nix – mir war nur so – Krautkopf Ich bin erschrocken, daß ich keinen Tropfen Blut gäbet. Gluthammer So erschreck' ich schon seit acht Täg! – Wie ich herausg'schwommen bin, bin ich ins Gebüsch gekrochen, die Lipsische Dienerschaft is an mir vorbei mit den Worten: »Er is tot, er is tot!« – Seitdem is das ganze Land mit Wachtern übersät – man forscht – man spürt – ich glaub' sogar, das Unglaublichste is geschehn – Krautkopf Was denn? Gluthammer Man hat einen Preis auf meinen Kopf gesetzt. Krautkopf Ah, 's Gericht wirft 's Geld nicht so hinaus. Aus welchem Grund sollten sie denn glauben, daß du mit Vorsatz – Gluthammer Ich bin Schlosser, ich muß verstehn, was ein unangenageltes Geländer is. (Aufschreiend.) Ha – da sind sie –! Stricke – Ketten! Zurück! Zurück! (Umfaßt Krautkopf krampfhaft.) Krautkopf (erschrocken) Wer –? Wo –? Gluthammer (sich erholend) Es is nix – mir war nur so – Krautkopf Ich krieg' völlig 's Herzklopfen – hörst, wenn du mich nochmal so erschreckst – Gluthammer Brüderl, du hast keinen Begriff, was das is, wenn man nix als Wachter in Kopf hat. Krautkopf Wo hast dich denn aufgehalten, was hast denn g'macht in die acht Täg? Gluthammer (seufzend) Ich hab' ein sehr freies Leben geführt, aber ganz ohne Wonne, der Wald war mein Nachtquartier, der Mond war meine Sonne – (heftig zusammenfahrend) ha –!! Krautkopf (ebenfalls zusammenfahrend) Was? Gluthammer (aufatmend) Nix! – Gestern abend bin ich in diese Gegend kommen, du warst nicht z' Haus, so hab' ich mich da in deinem Stadl ins Getreid' verkrochen, bin eing'schlafen, mir hat von nix als Gericht geträumt, man hat mich verhört, man hat die Bank bringen lassen – da hat mich 's Dreschen aufg'weckt. Krautkopf Und was soll denn jetzt g'schehn? Gluthammer Brüderl, versteck' mich! Krautkopf (ängstlich) Wenn aber – Gluthammer Und wenn's dein Tod wär', du bist mein Freund, du mußt mich verstecken! Krautkopf Wenn ich nur wüßt', wo – ich muß erst derweil – übermorgen wird gebacken – ich versteck' dich in die Backstub'n. Komm! Gluthammer Gut, schieb' mich in Backofen hinein! Wenn s' ihn auch heizen, ich rühr' mich nit. Alles eher, nur kein Gericht, nur kein – (heftig aufschreiend) ah!! Ha, dort – Schergen Hochgericht – Rad!! (Klammert sich in großer Angst an Krautkopf.) Krautkopf (sich von ihm losmachend) Du bist ja narrisch. Wie kommt denn auf mein' Traidboden a Hochgericht –? Gluthammer (vergeblich bemüht, sich zu sammeln) Siehst es, diese Anwandlungen wandeln immer mit mir auf der Flucht. – Die Knie schnappen z'samm', (matt) ich schnapp' auf (Sinkt.) Krautkopf (ihn im Zusammensinken auffangend) So wart' nur, bis wir in der Backstuben sind. Gluthammer (sehr matt) Schlepp' mich, Brüderl – du bist mein Freund – du mußt mich schleppen. Krautkopf (indem er mühsam Gluthammer in die Seitentüre rechts hineinzieht) Das is a gute Kommission – ich weiß mich nicht aus – au weh, mein Kopf! (Beide Seite rechts ab; es wird nicht abgeräumt, Tisch und Stühle bleiben in der Verwandlung stehen, die Seitentüren bleiben in der Verwandlung ebenfalls stehen. Verwandlung fällt vor. Die Bühne stellt eine Stube in Krautkopfs Pachthof vor. Mitteltüre, Seitentüren, Tisch und Stühle von früher. Rechts changiert ein Kasten heraus, links im Hintergrunde ein Bett, welches mit Vorhängen ganz geschlossen ist, im Kasten ist eine große Flasche Wein, ein kälberner Schlegel, eine Laterne, Feuerzeug und Brot.) Sechste Szene Kathi (allein) (Aus Mitteltüre kommend, bringt Milch und Brot.) Kathi Da hab' ich ihm sein Frühstück gericht't, so gut als wir's halt haben auf 'n Land. (Stellt das Mitgebrachte in einen Schrank rechts.) Jetzt muß ich nur g'schwind hier, weil der Vetter Krautkopf g'schafft hat – mir geht alles so g'schwind von der Hand, ich leb' neu auf, weil mein Herr Göd nicht mehr tot is. Wenn ich ihm nur – Siebente Szene Krautkopf ; die Vorige Krautkopf (aus der Seitentüre links kommend und in dieselbe zurücksprechend) Bleib nur ruhig, ich werd' dir gleich – (bemerkt Kathi) was machst denn du da? Kathi Ich mach' Ordnung. Krautkopf Ich brauch' keine Ordnung. Hinaus, geh dem neuen Knecht entgegen, schau, wo er bleibt. Kathi (halb für sich) O, das lass' ich mir nicht zweimal sagen. (Geht zur Mitteltüre ab.) Achte Szene Krautkopf ; dann Gluthammer (inner der Szene) Krautkopf (allein, indem er zu einem Schranke rechts gebt) Das is a Verlegenheit mit dem Gluthammer! Wenn er nur nicht mein Freund wär', ich werfet ihn für mein Leb'n gern hinaus, aber – Gluthammer (von innen links) Was z' essen, Freund! Was z' essen! Krautkopf Gleich, Brüderl, gleich! (Hat aus dem Schranke eine Schüssel mit den Überresten eines Kalbsschlegels und ein Stück Brot genommen und eilt damit in die Seitentüre links ab, spricht dann inner der Szene) So, da stopf' dir 's Maul! (Aus der Türe herauskommend und noch zurücksprechend.) Und verhalt dich still, bis ich wiederkomm'. (Macht die Türe zu. Ängstlich, für sich.) Wann das verraten wurd', daß ich mich untersteh' und einen Unterstandgeber mach' – Gluthammer (von innen) Was z' trinken, Brüderl! Was z' trinken! Krautkopf Gleich, Freund, gleich! Schrei nur nicht so! (Eilt zum Schranke rechts, wie früher, und nimmt eine große Flasche Wein heraus.) Macht der a Spektakel, als wenn er schon verdursten müßt'! (Eilt in die Seitentüre links ab, spricht inner der Szene.) Jetzt iß und trink und gibt mir einmal ein' Ruh'! (Tritt wieder aus der Türe, in welche er noch zurückspricht.) Meine Leute merken's ja sonst. (Macht die Türe zu.) Das is ein Kerl, mein Freund, so eine Einquartierung hat mir noch g'fehlt! – Was hab' ich denn jetzt –? Ich werd' ganz konfus. Gluthammer (von innen) Brüderl, ein Polster! Bring' mir ein Polster! Krautkopf (die Hände zusammenschlagend) Nein, was der alles braucht –! Gleich! (Eilt zu seinem im Hintergrunde links stehenden Bette.) Es is zum Fraiskriegen –! (Nimmt ein Polster.) Kann der nicht so auf der Ofenbank liegen? (Eilt in die Seitentüre links ab, spricht inner der Szene.) Da hast, mach' dich kommod! Wennst jetzt aber noch einen Muxer machst, (tritt wieder aus der Türe) meiner Seel', ich geh' aufs Gericht und geb' dich an. – (Schließt die Türe ab.) Ich glaub', wenn s' in einem Haus Drilling' kriegen, es is kein solches Spektakel. Ich weiß wirklich nicht – au weh, mein Kopf! (Geht zur Seitentüre rechts ab.) Neunte Szene Lips und Kathi Kathi (mit Lips durch die Mitte eintretend) Ich kann mir's denken, daß Euer Gnaden müd' sind; wer g'wohnt is, in Equipagen z' fahr'n und nur auf Teppich' zu gehn – Lips Wenn ich nur die Dichter, die die Wiesen einen Blumenteppich, die den Rasen rasenderweise ein schwellendes grünes Sammetkissen nennen – wenn ich nur die a drei Stund' lang barfuß herum jagen könnt' in der so vielfältig und zugleich so einfältig angeverselten Landnatur – ich gebet was drum. Kathi (Milch und Brot aus dem Schrank rechts bringend und auf den Tisch rechts setzend) Um so besser, hoff' ich, wird Ihnen 's Fruhstuck schmecken. Lips Was servierst du mir denn da? Kathi Brot und Milch. Lips Kipfeln habts ihr nicht? Kathi Das is unser schönstes Brot. Lips Und euer einziger Kaffee besteht in Milich? Wenigstens hat man keine Wallungen zu riskieren. Frische Beeren und kristallhelles Quellwasser ging' jetzt noch ab. Kathi Ich wär' glücklich, wenn ich Euer Gnaden alle Leckerbissen der Erde vorsetzen könnt', aber – Lips Du liebe Kathi, du bist so eine liebe Kathi, daß mir dieses Fruhstück, von deiner Hand gereicht, zum allerleckersten Leckerbissen wird. Kathi Nein, nein, das Leben hier muß Ihnen schrecklich sein. Lips Na, so viel merk' ich wohl, daß's mir früher zu gut gangen is und daß nur diese Einförmigkeit des beständigen Gutgehens die Sehnsucht nach besonderer Gemütsaufregung in mir erzeugt hat. Jetzt geht's aber schon acht Tag' so, und acht Tag' Aufregung wäre genug Aufregerei; und jetzt hab' ich erst noch eine ganze aufgeregte Zukunft zu erwarten. Und dann is noch was – noch was – Kathi (teilnehmend) Was denn? Sag'n S' mir alles, Herr Göd! Lips O du liebe Kathi, du kommst mir allweil lieber vor! (Will sie ans Herz drücken.) Kathi Aber, Göd – Lips Gleich a Milich drauf, das kühlt. (Frühstückt gierig und spricht währenddem weiter.) Was mir außerdem is, das kannst du gar nicht beurteilen. Nicht wahr, du hast noch niemanden umgebracht? Kathi Was fallt Ihnen nicht noch ein! Lips Na, wenn sich zum Beispiel einer aus Lieb' zu dir was angetan hätt', wärst du seine indirekte Mörderin, Todgeberin par distance. Kathi Gott sei Dank, so eine grimmige Schönheit bin ich nicht. Lips O Kathi! Du weißt gar nicht, was du für eine liebe Kathi bist! (Umfaßt sie.) Kathi (sich losmachend) O, gehn S' doch – Lips Gleich wieder a Milich drauf! (Trinkt.) So, jetzt bin ich wieder ein braves Bubi. – Daß ich dir also sag', ich hab' Visionen. Kathi Die Krankheit kennen wir nicht auf 'n Land. Lips Das sind Phantasiegespinste, in den Hohlgängen des Gehirns erzeugt, die manchmal heraustreten aus uns, sich krampusartig aufstellen auf dem Niklomarkt der Einsamkeit erloschne Augen rollen, leblose Zähne fletschen und mit drohender Knochenhand aufreiben zu modrigen Grabesohrfeigen, das is Vision. Kathi Nein, was die Stadtleut' für Zuständ' haben – Lips Wenn's finster wird, seh' ich weiße Gestalten – Kathi Wie is das möglich? Bei der Nacht sind ja alle Küh' schwarz. Lips Und 's is eigentlich eine Ochserei von mir, hab' ich ihn denn absichtlich ertränkt? Nein! Und doch allweil der schneeweiße Schlossergeist! – Du machst dir keine Vorstellung, wie schauerlich ein weißer Schlosser is. Kathi So was müssen S' Ihnen aus 'n Sinn schlagen. Lips Selbst diese Milch erinnert mich – wenn s' nur a bisserl kaffeebraun wär'- aber weiß is mein Abscheu. (Stoßt die Milchschüssel von sich, daß einiges davon auf den Tisch herausläuft.) Zehnte Szene Krautkopf ; die Vorigen Krautkopf (welcher bei den letzten Worten aus der Seitentüre rechts getreten ist, mit einem Schreibzeug in der Hand) Der pritschelt ja mein' ganzen Tisch an, was wär' denn das für a Art? Lips Ich hab' g'frühstückt. Krautkopf Das tun die Knecht' bei mir in Vorhaus. (Zu Kathi.) Ich glaub', du bist b'sessen, daß du den Purschen da herein – Kathi Weil er Zahnweh hat. Krautkopf Na ja, wickel ihn lieber gar in Baumwoll' ein, den lieb'n Narr'n. Kathi (den Tisch abwischend) Wird gleich wieder alles sauber sein. Krautkopf Weiter mit der Milchschüssel, da g'hört 's Tintenzeug her. (Stellt das mitgebrachte Schreibzeug auf den Tisch.) Lips Der Herr Justitiarius laßt sagen, die Herren sind schon da, und er wird gleich kommen mit ihnen. Krautkopf So? Komm, Kathi, wir gehn ihnen entgegen. Kathi Wem denn? Krautkopf Den lachenden Erben des seligen Herrn von Lips. Lips (erschrocken aufschreiend) Des seligen –!? Krautkopf Na, was is? Was schreit Er denn? Lips Der Lipsische Tod geht mir so z' Herzen, 's war so ein lieber, scharmanter Mann. Kathi Ein herzensguter, vortrefflicher Herr! Lips 's is ewig schad' – Krautkopf Warum nit gar! Jetzt is halt um ein' Narr'n weniger auf der Welt – den Schaden kann die Welt verschmerzen. Lips Erlaub'n S' mir, er war – Krautkopf Halt' Er 's Maul, ich weiß's besser, was er war, er war ein Verruckter – Lips Er war ein Zerrissener – Krautkopf Nit wahr is's! Er war ein ganzer Dalk, darüber is nur eine Stimm'. Komm, Kathi – und Er (zu Lips) bleibt da zur Bedienung bei der Amtshandlung, wann die Herren was schaffen. (Geht mit Kathi zur Mitteltüre ab.) Elfte Szene Lips (allein) Lips Der red't recht hübsch über mich, ich muß das alles anhören und tun dabei, als ob ich's gar nit wär'! Da braucht man schon eine Portion Verstellung. Übrigens is es nicht gar so arg; mein Trost is, es gibt Situationen, wo die Verstellung eine noch weit schwierigere Aufgabe ist – Lied 1.             's betrügt ein' die Frau, 's wird ein' g'steckt von die Leut'. »Ha, Elende, jetzt mach' zum Tod dich bereit!« So möcht' man ihr donnern ins Ohr in der Hitz' Und ihr antun zehn Gattungen Tod auf ein' Sitz. Doch halt – lieber nachspionieren ohne G'säus, Sonst lacht s' ein' noch aus, sagt, man hat kein' Beweis. Jetzt kommt s'auf'putzt ins Zimmer. »Ich geh' in d' Visit', 's hat a Freundin mich eing'lad'n!« – »No ja; warum nit! A Busserl, mein Herz, unterhalte dich nur!« [Sich so zu verstell'n, na, da g'hört was dazur.:] 2. Man red't mit ein' Herrn, der kann nutzen und schad'n, Mit dem sich z' verfeinden, das möcht' ich kein' rat'n, Sein Benehmen is stolz, was er spricht, das is dumm, Den ein' Esel zu heißen, man gäbet was drum! – Doch halt – für den Esel müßt' teuer man büßen Lieber legt man sich ihm untertänig zu Füßen: »Euer Gnaden, Dero Weisheit und hoher Verstand Geht mit Hochdero Edelsinn stets Hand in Hand, Euer Gnad'n strahl'n als Musterbild uns allen vur!« [Sich so zu verstell'n, na, da g'hört was dazur.:] 3. Ein Herr, der macht Musik, blast fleißig Fagott, Seine Frau, die macht Vers', man möcht' krieg'n d' Schwer'not, Der Sohn patzt in Öl. – »Leut', wo habts euer Hirn?« Möcht' man ihnen gern sag'n, »ös tuts euch nur blamier'n!« Doch halt – man is ja in die Tochter verliebt, Und die kriegt a drei Häuser, wann 's Elternpaar stirbt, Jetzt muß man dem Alten sein' Blaserei lob'n, Der Frau sag'n: »Sie stehen auf dem Parnaß ganz ob'n«, Dem Lackel: »Sie sein ein' Correggio-Natur« [Sich so zu verstell'n, na, da g'hört was dazur.:] 4. Man liebt eine Schwärmerin, jausent bei ihr, Sie bringt ein' a Mili, und im Leib hat man Bier, Dann kommt s' noch mit Erdbeer'n, die sie selber tut pflücken, Man möcht' ihr gern sag'n: »Kind, da krieg' i ja's Zwicken!« Doch halt – das zerstöret die Illusion, Der Schwärmerin z' lieb muß man essen davon – Und ausrufen während dem Schmerzenverbeißen: »Ach, sieh dort die Taube, die Lämmer, die weißen, O wie reizend der Abend auf der blumigen Flur!« [Sich so zu verstell'n, na, da g'hört was dazur.:] 5. Ein' dramatischen Künstler wird mitg'spielt oft übel, Und dann hat man Täg, wo man b'sonders sensibel, Man feind't d' ganze Welt an, sich selber am meisten, Nein, in dieser Stimmung, da kann ich nichts leisten – Doch halt – glaubst denn, Dalk, daß das wen int'ressiert, Ob ein Unrecht dich kränkt oder sonst was tuschiert? 's is simi, 's wird auf'zog'n, jetzt renn' auf die Szen'! (Im Thaddädl-Ton.) »O jegerl, mein' Trudl, die is gar so schön, Und i g'fall' ihr, ich bin ein kreuzlustiger Bur!« [Sich so zu verstell'n, na, da g'hört was dazur.:] (Seite rechts ab.) Zwölfte Szene Stifler , Sporner , Wixer , Justitiarius , Krautkopf , Kathi ; dann Lips (kommen zur Mitteltüre herein) Krautkopf (im Eintreten zu den Herren) Bitte untertänigst, meine niedrige Wohnung zu beehren. Stifler Wir werden Sie nicht lange inkommodieren. Justitiarius Nach nunmehro gepflogener Besichtigung des Schlosses wolle es den verehrlichen pleno titulo Herren Erben des verewigten Herrn von Lips beliebsam sein, zur Beaugenscheinigung der Pachthöfe zu schreiten. Krautkopf He, Steffel! Lips (das Gesicht mit dem Schnupftuch verbunden, aus der Seite rechts kommend, mit verstellter Stimme) Was schaffen S'? Krautkopf Den Tisch in d' Mitte und noch a paar Sesseln herg'stellt! (Lips stellt die Stühle und den Tisch mit Hilfe des Krautkopf und der Kathi in die Mitte.) Wixer Auf Ehr', so a Gut is nit übel. Sporner Goddam! Justitiarius Pächter Krautkopf, Ihr könnt den morgen fälligen Pachtzins sogleich an die laut hier in Händen habenden Testamenti (zieht eine Schrift hervor) neuen Gutsherren Stifler, Sporner und Wixer pleno titulo erlegen. Lest hier den Paragraphum primum! (Zeigt Krautkopf das Testament und legt es auf den Tisch.) Wixer (zu Stifler und Sporner, ohne den ganz nahe stehenden Lips zu beachten) Ich bin nit bös drüber, daß der Lips ersoffen is. Stifler Ich auch nicht, bei Gott! Sporner Sein Spleen war unerträglich. Stifler Die passendste Grabschrift für ihn wäre: »Er war zu dumm für diese Welt.« Wixer 's is eigentlich a Schand' für uns, daß wir so einen Freund g'habt haben. Lips (erstaunend, für sich) Meine Ohren kriegen den Starrkrampf. Kathi (für sich) Sind das auch Menschen –! (Leise zu Lips.) Und denen haben Sie Ihr Vermögen vermacht? Lips (leise zu Kathi) Alles; 's war an dem Tag, wie ich mich hab' erschießen woll'n. Krautkopf (zu Lips) Nimm Er doch's Tüchel vom G'sicht! Lips (zu Krautkopf) Ich kann nicht, mein Weisheitszahn zeigt sich immer miserabliger. Stifler Also vorwärts! Sehen wir uns alles an! (Will die Seitentüre links öffnen und findet selbe verschlossen.) Oho – Krautkopf (verlegen) Ich werd' gleich den Schlüssel – wo hab' ich ihn denn nur hing'legt –? Wollten die gnädigen Herren indessen die Wirtschaftslokalitäten besehn? Kathi, führ' die Herren! Stifler ja, ja, schönes Kind, führ' uns herum! Justitiarius Wenn es den verehrlichen pleno titulo – Lips (für sich) Halunken! Justitiarius Gefällig ist – Wixer Gut, schaun wir die Lokalitäten an! (Stifler, Sporner, Wixer, Justitiarius und Kathi gehen zur Mitteltüre ab.) Krautkopf (nachrufend) Ich werd' die untertänige Ehre haben, nachzufolgen! – (Zu Lips.) Was hat Er da Maulaffen feil? Lips (zögernd) Ich hab' nur – Krautkopf Marsch, begleit' Er die Herren! (Lips geht zur Mitteltüre ab.) Krautkopf (allein) Wo steck' ich jetzt den Freund Gluthammer hin –? (Indem er die Seitentüre links aufschließt.) Wenn ich nochmal auf d' Welt komm' – alles – nur keinen Freund! (Geht zur Seitentüre links ab.) Dreizehnte Szene Lips (allein, zur Mitteltüre vorsichtig eintretend) Lips Herr Krautkopf! Er is nicht da! G'scheit! Also so betrauern die Erben einen Dahingeschiedenen? Den möcht' ich sehen, dem da nicht der Gusto zum Sterben vergeht! – Ha – der Gedanke is Gold wert! – (Er setzt sich an den Tisch und schreibt auf der anderen Seite des daselbst liegengebliebenen Testamentes.) Über den Artikel sollt ihr euch wundern! Wart'ts, meine guten Freund', weil ihr gar so gute Freund' seids – muß ich euch eine kleine Überraschung machen. – So, den 19. Juni – am 20. bin ich ins Wasser g'fall'n, am 19. war ich noch Mann und Bürger. Punktum, aber keinen Streusand drauf! (Er steht auf.) Jetzt is mir um einige Zenten leichter ums Herz! (Eilt durch die Mitteltüre ab.) Vierzehnte Szene Krautkopf , Gluthammer Krautkopf (aus der Seitentüre links tretend und in dieselbe zurücksprechend) Wart' nur, ich mach' dir ein Licht. (Indem er eine auf dem Schranke stehende Laterne und Feuerzeug nimmt und Licht macht) Ich werd' den Augenblick – Gluthammer (Weinflasche und Schlüssel in der Hand, das Polster unter dem Arm, kommt aus der Seitentüre links) Aber du, Brüderl – Krautkopf Was bleibst denn nicht drin, wir müssen ja bei der drinnigen Türe hinaus in Stadl. Gluthammer Du mußt nit etwan glauben, daß ich den ganzen Tag auskomm' mit dem Lackerl Wein und dem bisserl Schlegel. Krautkopf Wirst schon mehr krieg'n, fürcht' dich nit! Gluthammer Für einen Freund is nix zuviel. Krautkopf Merk' auf jetzt, in mein' Getreid'stadl, wo ich dich g'funden hab', sind drei Falltüren; 's is alles eins, in welche du hinuntersteigst, denn die Türen von einem Keller in andern sind offen. Gluthammer Brüderl, das treff' ich nicht, du mußt mich begleiten. Krautkopf (ärgerlich) Ich soll ja aber – hörst, mit dir hab' ich viel Keierei! Gluthammer Was man für einen Freund tut, darf einem nie schwer ankommen. Und in deinem Keller wird's weiter keine Kälte haben! Du, ich nehm' mir noch was mit. (Geht zu Krautkopfs Bett, nimmt Bettdecke, Schlafhaube und die noch übrigen zwei Pölster.) Krautkopf (wie oben) Du nimmst mir ja mein ganz's Bett – Gluthammer Mußt dich halt so behelfen. Krautkopf Der Kerl raubt mich förmlich aus. Gluthammer Für einen Freund derf ei'm 's Leben nicht z'viel sein. Krautkopf (die Laterne, dann die Weinflasche und Schüssel, welche Gluthammer, als er die Betten nahm, auf den Tisch gesetzt, mitnehmend) Jetzt schau, daß d'weiterkommst! Gluthammer (im Abgehen) Für so erhabene Gefühle hat halt mancher Mensch keinen Sinn! (Mit Krautkopf zur Seitentüre links ab.) Fünfzehnte Szene Stifler , Sporner , Wixer , Justitiarius , Lips (treten zur Mitteltüre ein) Stifler (mit seinen Freunden in Streit) Ich werde der Erbschaft wegen nicht zum Bauer werden, ich verkaufe das Gut. Sporner Und ich behalte es der Jagd wegen. Wixer Da hab' ich, glaub' ich, auch was dreinzureden; Eigenmächtigkeiten leid' ich nicht. Stifler Die Stimmenmehrheit entscheidet. Sporner Goddam! Wixer Ich werd' euch gleich zeigen, daß meine Stimm' die ausgiebigste is! Stifler Du hast uns gar nichts zu zeigen, verstanden! Wixer Mir wird's jetzt gleich a paar Grobheiten herauslassen. Stifler Du bist ein gemeiner Mensch! Justitiarius Erlauben die pleno titulo Herren Erben – Wixer (aufgebracht) Ei was –! Justitiarius Wir wollen sehen, ob nicht vielleicht ein Paragraphus testamenti die in Rede stehende Causam litis entscheidet. Wixer Mein'twegen, schaun S' nach, aber das sag' ich gleich – Sechzehnte Szene Krautkopf ; die Vorigen Krautkopf (zur Seite links eintretend) Ich hab' schon den Schlüssel untertänigst gefunden. Justitiarius (hat im Testamente gelesen) Hm, sonderbar – diesen Artikulum hab' ich doch früher gar nicht bemerkt – Krautkopf (zu den drei Herren) Wenn es den sämtlichen Euer Gnaden jetzt gefällig is – Justitiarius (kopfschüttelnd) Hm! Hm! Stifler Was ist's, Herr Justitiarius? Wixer Was bedeutet der juridische Humser? Justitiarius Hier steht ja ein förmlicher Widerruf des Testamentes. Stifler , Sporner , Wixer und Krautkopf Widerruf –!? Justitiarius Eigene Handschrift des Wohlseligen, unterzeichnet den neunzehnten Juni – alles richtig! (Liest.) »Da es möglich ist, daß ich morgen mein Grab in den Wellen finde, so erkläre ich hiermit obiges Testament für null und nichtig und ernenne zur Erbin meines sämtlichen Vermögens sowohl im Baren wie in Realitäten: meines Pächters Peter Krautkopf Nichte, Katharina Walter.« Krautkopf (in größtem Staunen aufschreiend) Die Kathi –!? Stifler , Sporner , Wixer (ebenso) Was für eine Kathi –!?? Krautkopf Die Kathi –!! (Allgemeine Gruppe des höchsten Erstaunens, Lips schleicht sich mit triumphierendem Lächeln nach dem Hintergrunde. Im Orchester fällt passende Musik ein.) Der Vorhang fällt. Dritter Akt Dieselbe Stube wie am Ende des vorigen Aktes Erste Szene Stifler , Sporner , Wixer , Justitiarius , Krautkopf , Lips (im Hintergrunde) (Beim Aufrollen des Vorhangs sind alle in derselben Gruppe des Erstaunens wie am Ende des vorigen Aktes.) Stifler , Sporner , Wixer , Krautkopf Die Kathi –!! Sporner (zum Justitiarius) Und können wir da nicht prozessieren? Justitiarius (die Achseln zuckend) Prozessieren wohl – Wixer Aber g'winnen tät' am End' nur der Advokat dabei. Justitiarius Der hier geschriebene Widerruf ist vollkommen rechtskräftig. (Alle verlassen den Tisch.) Krautkopf Und der Herr Justitiarius is der Mann, der's versteht. Meine Kathi erbt universal. Stifler (für sich) Das Mädchen is hübsch, jetzt sogar schön wenn es mir gelänge – Sporner (für sich) Wenn ich sie zu meiner Lady machte – Wixer (für sich) Wann ich mich ansetz', g'hört d' Kathi und 's ganze Gerstel mein. Krautkopf (für sich) Schon viele Vettern haben ihre Muhmen geheirat't. Justitiarius (für sich) Ich Dummkopf mußte gerade vergangenen Winter die dritte Frau nehmen! Krautkopf Der Kathi muß ich aber vor allem ihr Glück verkünden. Lips (im Hintergrunde für sich) Jetzt, feines Gehör, lausch' hinter dem groben Vorhang. (Versteckt sich hinter Krautkopfs Bettvorhang.) Krautkopf (ist zur Seitentüre rechts gegangen und ruft hinein) Kathi –! Zweite Szene Kathi ; die Vorigen Kathi (trägt einen Präsentierteller mit Weinflasche und Gläsern, tritt durch die Seitentüre rechts ein) Da bin ich schon, Herr Vetter! (Setzt das Mitgebrachte auf den Tisch.) ( Stifler , Sporner , Wixer und Krautkopf zugleich, indem sie sich scherwenzelnd um Kathi drängen:) Stifler Reizendes Wesen! Sporner Schöne Miß! Wixer Engel von ein' Schatz! Krautkopf Meine liebe Kathi! – Kathi (auf den Wein zeigend) Wann's den gnädigen Herrn beliebt – Stifler Von deiner Hand kredenzt, muß jeder Trank zum süßen Nektar werden. Kathi Nektar? Da wachst keiner bei uns. Wixer (ihre Hand ergreifend) Liebes Handerl das! (Hält seine Hand zu der ihrigen.) Was glaubst a so? Stund' gar nit übel z'samm' das Paar Händ'? Sporner (sich ihr zärtlich nähernd) Mistreß Kitty –! Wixer (Sporner wegdrängend) Du wirst gleich ein Schupfer bis London krieg'n! Stifler (zu Kathi) Die elegantesten jungen Leute werden sich bemühn – ich zum Beispiel – man sieht mir's nicht an: ich bin fünfundvierzig! Die Vierzig sind das schönste Alter für den Ehemann. Krautkopf (zu Kathi, kokettierend) Ich bin noch schöner in die Vierzig, ich bin siebenundvierzig. Kathi (halb für sich) Ich weiß gar nicht, was die Herrn alle woll'n? Sie schaun mich an mit ganz halbverdrehte Augen – Justitiarius Sie wünschen samt und sonders die reizende pleno titulo Universalerbin des seligen Herrn von Lips zu eh'lichen. Kathi (verwundert) Wer is Universalerbin? Krautkopf Du, meine Kathi, du! Justitiarius (auf das in Händen haltende Testament zeigend) Unbestreitbare Heres ex asse, hier steht's geschrieben. Kathi (mit Entzücken) Seine Erbin –?! – Ich – ich bin seine Erbin – Gott, diese Freud' –!! Krautkopf Ich g'freu' mich mit dir und will mich ewig mit dir g'freun, du mein Augapfel, du! Kathi (in freudigster Aufregung) Wo ist denn der Steffel? – Ich muß mit 'n Steffel reden! Stifler , Sporner , Wixer (befremdet) Steffel –!? Krautkopf (ärgerlich) Zu was mit 'n Steffel? Ich glaub' gar – Kathi Wo is er? – Ich muß ihm's sagen! Krautkopf Ich glaub' gar – mir war schon früher so – du, ich wollt' dir's nicht raten, in den Purschen verliebt zu sein. Stifler , Sporner , Wixer Wo ist der Steffel? Wixer (die Reitgerte schwingend) Ich hab' ein Hausmittel, ihm die Lieb' z' vertreiben. Krautkopf Wo steckt denn der Kerl? Kathi (ängstlich, für sich) Wenn s' über ihn herfallen, erkennen sie ihn, und er is verloren – Stifler , Sporner , Wixer Den Steffel aufgesucht! (Wollen zur Mitteltüre links ab.) Kathi (hat eine Idee erfaßt) Halt – halt, meine Herrn!! Stifler , Sporner , Wixer (umkehrend) Was ist's, Kathi? Kathi Wer sagt Ihnen denn, daß ich in Steffel verliebt bin? Stifler Du willst ihm ja so eilig dein Glück verkünden. Kathi Das hat ganz einen andern Grund! Muß man denn gleich in jeden Steffel verliebt sein, wenn man ihm was zu sagen hat? Stifler , Sporner , Wixer Also nicht –? Krautkopf Steffelt sich nix in dein' Herzerl? Kathi Könnt' mir nicht einfall'n. Is denn was Schöns an ihm? Stifler Die tölpelhafte Haltung! Kathi Nicht wahr? Krautkopf Das Kopfhinunterstecken! Kathi Keinen aufrichtigen Blick! Sporner Ein Maul wie ein Bulldogg! Wixer Mir kommt er auch kralewatschet vor. Kathi Das hab' ich alles auch bemerkt. Wie können Sie mir so einen Gusto zutrau'n? Stifler , Sporner Verzeih, holdes Kind! Wixer (zugleich) Nur kein' Verschmach deßtwegen! Krautkopf Ich hab' dir Unrecht getan. Kathi (beiseite) Ich muß alles anwenden, daß sie mir nicht über den armen Herrn kommen. (Laut.) Um Ihnen einen Beweis zu geben, kündig' ich Ihnen allerseits an, daß ich mir noch heut' meinen Zukünftigen wähl'. Stifler , Sporner , Wixer Scharmant! (Jeder für sich.) Ich bin der Glückliche. Krautkopf (zu Kathi) Könntest du undankbar sein für alle Wohltaten –? Kathi (mit Beziehung) Undankbar –? Das soll mir kein Mensch nachsag'n. Krautkopf (zärtlich) Also hab' ich Hoffnung? Kathi (für sich) Der geniert mich am wenigsten und muß mir helfen, daß ich die andern los werd'! – (Laut und etwas kokett zu Krautkopf.) Ich will noch nix verraten – aber – 's hat stark den Anschein – man kann nicht wissen, Herr Vetter, was g'schieht. (Läuft zur Mitteltüre ab.) Krautkopf (sich vor Freude mit beiden Händen am Kopf fassend) Glücklichster aller Krautköpf' –!! Stifler , Sporner , Wixer (betroffen) Was wär' das? Wär' nicht übel – Kathi! (Eilen ihr nach, zur Mitteltüre ab.) Justitiarius (für sich) Bin neugierig, ob sie was ausrichten, die pleno titulo Herrn. (Geht den Vorigen nach.) Dritte Szene Krautkopf ; dann Lips Krautkopf (allein) Wenn die mir s' umstimmten – ich lass' 's Madl nicht mehr aus 'n Augen. (Will mit großen Schritten zur Mitteltüre abeilen.) Lips (aus seinem Versteck hervorstürzend, hält Krautkopf am Rockschoß fest) Halt! Nicht von der Stell'! Krautkopf (erschrocken aufschreiend) Ah! (Steffel erkennend.) Er is's!? Impertinenter Pursch, Er wird gleich was fangen. Lips (durchaus in heftiger Aufregung) Ich hab' schon was g'fangt, Sie kommen mir nicht mehr aus. Krautkopf Kecker Knecht Lips Wahnsinniger Herr! Krautkopf (sich losmachen wollend) Er untersteht sich, sich zu vergreifen? Lips Sie unterstehn sich, sich zu vereh'lichen? Krautkopf Ich sag' Ihm's in guten – Lips Ich sag' Ihnen's in bösen. Krautkopf Er wagt es, zu drohen? Lips Sie wagen es, zu lieben? Krautkopf Geht das Ihn was an? Lips Heiraten –? Greis, was ficht dich an?! Krautkopf Was Greis? Ich bin ein rüstiger Mann in besten Jahren. Lips (grimmig) Werden wir gleich sehn – gut für dich, wenn du rüstig bist! (Streckt sich die Ärmel auf.) Krautkopf (ängstlich werdend, für sich) Er is aus Lieb' rasend worden – ich muß andre Saiten aufziehn. – (In freundlichem Tone, indem er die Türe zu gewinnen sucht.) Aber, Steffel –! Lips (ihm den Weg abschneidend) Wart', Pachter, deine Seel' wird jetzt gleich ihren irdischen Pachthof verlassen. Krautkopf (immer ängstlicher) Steffel – gewissenloser Steffel, du willst meine Altersschwäche mißbrauchen –? Lips Aha, jetzt is er auf einmal alt und schwach! Warum, du rüstiges Bräutigamml du in die besten Jahre! Das Jahr ist dein schlechtestes, denn es enthalt't deinen Todestag! Krautkopf (für sich) Einem Narr'n muß man nachgeben – (laut, in sehr begütigendem Tone) sag' nur, Steffel, was d' willst? Lips (gebieterisch) Sie werden die Kathi nicht heiraten! Krautkopf (sehr nachgiebig) Mein'twegen, so heirat't s' ein andrer. Lips (wie oben) Die andern derfen s' auch nicht heiraten. Krautkopf Weißt was? Wirf s' hinaus, die andern. Lips Das is Ihr Geschäft, Sie sind Herr im Haus, drum befehl' ich Ihnen – Krautkopf Ich sag' den Herrn, du laßt sie hinauswerfen. Lips Auf meine Verantwortung! Krautkopf Siehst, ich tu' dir ja alles z'lieb'. (Für sich.) Der soll sich g'freun! (Laut.) Adieu! (Geht zur Mitteltüre ab.) Lips (barsch) Adieu! (Für sich.) Imponieren muß man dem Bauernvolk – Krautkopf (den Kopf zur Türe hereinsteckend) Schaffst vielleicht sonst noch was? Derfst es nur sagen! Lips (sehr barsch) Nein, sonst nix! Krautkopf (den Hohn durchblicken lassend) Siehst, Stefferl, ich bin ganz zu dein' Willen. (Zieht den Kopf zurück.) Vierte Szene Lips (allein) Lips Ich glaub', der halt't mich für ein' Narr'n –? Egal; weit g'fehlt hat er auf kein' Fall, in meiner Lag' wär's G'scheitbleib'n ein Mirakel. Ich hab' zu viel Malheur mit meine Erben – so red't die Kathi über mich in dem Augenblick, wo ich ihr Allesvermacher bin? Tölpel, kralewatschet, Bulldogg – diese Bemerkungen hat sie auch gemacht, 's is zu arg! Meiner Seel', wenn ich nochmal stirb, so vermach' ich alles dem Taubstummeninstitut, diese Erben können mir doch nix nachreden. Ja, solche Leut' wie die Kathi und meine Erben muß's auch geben; es muß a Unterschied sein unter d' Menschen, das laßt sich die Welt nicht streitig machen; es is ja eine ihrer famosesten Eigenschaften, daß allerhand Leut' herumgehen auf ihr. Lied 1.                         Zwei hab'n miteinander gehabt einen Streit Und hassen sich bitter seit dieser Zeit, 's red't keiner, 's schimpft keiner, doch lest man den Pick Nach zwanzig Jahr'n noch ganz frisch in die giftigen Blick'! – Zwei andere, die schimpfen sich Spitzbub', Filou, Betrüger und Lump, Gott weiß, was noch dazu, Jetzt zahlt ein Vermittler a Champagnerboutelli, Beim zweiten Glas lächeln die Todfeind' schon seli, Beim dritten schluchzt jeder: »Freund, ich hab' g'fehlt!« – So gibt es halt allerhand Leut' auf der Welt. 2. 's hat einer von d'Güter sechstausend Guld'n Renten Und extra ein Pack Metallique noch in Händen, Er zahlt alls komptant, und doch sagt er zum Schneider: »Hab'n S' die Güte, bis morgen machen S' mir den Rock weiter!« – Ein andrer, der grad aus 'n Schuldenarrest kummt, Macht Spektakl im Gasthaus, daß alles verstummt, Er wirft jedem Kellner die Teller an 'n Kopf, Er beutelt den Schusterbub'n jedesmal den Schopf, Und doch sieht der Wirt und der Schuster kein Geld! – So gibt es halt allerhand Leut' auf der Welt. 3. Ein Herr, der sieb'n Sprachen hat gründlich studiert, Der Französisch als wie Deutsch sowohl schreibt als parliert, Der setzt sich hinein ins französische Theater, Sein Lächeln ist still und sein Beifall ein stader. – Ein andrer, der, wenn er nit Deutsch zur Not kunnt', Sich rein müßt' verleg'n drauf, zu bell'n wie a Hund, Der tut, wie die Leut' über einen französischen Spaß lachen, Der für ihn spanisch is, gleich einen Mordplärrer machen, Schreit: »Très-bien!« und: »Charmant!«, Wie von Wohlg'fall'n beseelt! – So gibt es halt allerhand Leut' auf der Welt. 4. 's geht einer um neune aus 'n Wirtshaus. »Schau, schau, Der traut sich nit, daz'bleib'n«, sag'n d' Freund', »wegen der Frau!« – »Der Frau zulieb' g'schicht's allerdings«, antwortet er, Trotzdem aber weiß man, er is z' Haus der Herr. – Ein andrer, der haut mit der Faust auf 'n Tisch: »Wie die Meine an Mukser macht, kriegt sie glei Fisch, Ich bin rein Tyrann!« – Jetzt versagt ihm die Stimm', Im Spiegel hat er's g'sehn, 's steht sein Weib hinter ihm, Drauf laßt sich beim Ohrwaschel heimführ'n der Held! – So gibt es halt allerhand Leut' auf der Welt. 5. Ein Mädl is fröhlich, ohne sich viel z' genieren, Sie lacht mit, wenn d' Herren etwas Lustigs disk'rieren, Unterstund' sich aber wer, sie nur z' nehmen beim Kinn, Der derf schaun, daß er fortkommt, sonst hat er eine drin. – A andre schlagt d' Aug'n allweil nieder – o Gott! Wenn a Mann sie nur anschaut, so wird s' feuerrot, Sie lacht nit, sie red't nit, sie flüstert nur scheuch, Doch wie man ihr d' Hand drückt, erwidert sie's gleich Und sagt verschämt: »Ja«, wenn man sie wohin bestellt! – So gibt es halt allerhand Leut' auf der Welt. Verwandlung Die Bühne stellt denselben Getreidespeicher vor wie im Anfang des zweiten Aktes. Es ist Abend. Das Mitteltor der Dreschtenne ist geschlossen, ein Rechen lehnt an demselben. Fünfte Szene Kathi (allein) Kathi (kommt mit einer Laterne aus der Seitentüre rechts) Mein gnädiger Herr Göd is nirgends zu finden, und die Stadtherrn verfolgen mich überall. Da, hoff' ich doch, werd' ich Ruh' hab'n vor ihnen. (Indem sie die Laterne auf den Tisch stellt, nach der Türe links sehend.) Ich glaub' gar – (freudig) richtig, er is's –!! Sechste Szene Lips ; die Vorige Lips (zur Seitentüre links eintretend, für sich, ohne Kathi zu bemerken) Dableiben mag ich nit und fort kann ich nit, das ist die schönste Lag' – Kathi Herr Göd! Na endlich Lips (betroffen) Du bist da –? Kathi O, Herr Göd! Das war g'scheit von Ihnen, daß Sie Ihre habsüchtigen Freund' enterbt haben. Lips (frostig) Na, wann du's nur g'scheit find'st, das is ja sehr schmeichelhaft für mich. Kathi (ohne seinen veränderten Ton zu bemerken) Jetzt muß ich Ihnen gleich meinen Plan anvertraun. Lips (wie oben) Hast recht, zieh mich ins Vertrauen, vertrau mir's halt an, daß der Vetter Krautkopf noch halbwegs ein Mann is, den man halb aus Neigung, halb aus Dankbarkeit für ein' ganzen nehmen kann, und weil halt – und da schon einmal – und etc.! Warum traust dich denn nit heraus mit 'n Vertraun? Kathi (befremdet) Aber, Herr Göd, wer sagt Ihnen denn, daß ich den Vettern will? Ich betracht' den Vettern als einen Vater, weil ich keinen Vater, sondern nur einen Vetter hab'. Lips Also haben wir eine jugendliche Inklination? Nur anvertraut, schenk' mir das gar angenehme Vertraun! Unter welchem Militär steckt er, wo muß er los'kauft wer'n? Du bist Erbin, 's Vermögen is da! Oder is er desertiert, willst ihm nach? Heirat' mit Namensveränderung in der Schweiz, oder ohne Namensveränderung Vereinigung in die Vereinigten Staaten! 's geht alls, 's Vermögen is da! Kathi Sie glauben also, ich bin in einen jungen lüftigen Purschen verliebt? (Sieht Lips an und schüttelt verneinend den Kopf.) Lips Also in kein' Alten und in kein' Jungen? Du hast aber doch g'sagt, du hast einen Plan. Kathi O, einen Plan hab' ich freilich. Ich nehm' all Ihr bares Geld, verkauf' Ihre Häuser, Ihre Güter und petschier' das Ganze ein in einen großmächtigen Brief, den schick' ich Ihnen dann nach, daß's Ihnen recht gut geht in Ausland – das is mein Plan. Lips (in freudiger Verwunderung) Kathi –! Das wolltest du –!? Aber (sich mäßigend) wen heirat'st denn hernach? Kathi Niemand. Lips Also g'fallt dir gar keiner –!? (Kathi will sprechen, unterdrückt aber, was sie sagen wollte, und schweigt gedankenvoll.) Lips Hat denn die ganze Welt ein Bulldoggmaul oder kommt dir unser ganzes G'schlecht kralewatschet vor? Kathi Ich glaub' gar, Sie haben gehorcht, wie ich über Ihnen los'zogen hab'? Dann müssen S' aber auch g'merkt haben, daß das nur aus Besorgnis um Ihnen g'schehen is. Lips (seinen Irrtum einsehend) Ja – ja – ich hab's aber nicht g'merkt. Kathi Müssen nicht bös sein, Herr Göd, Sie merken überhaupt vieles nit. Lips Eine Bemerkung möcht' ich für mein Leben gern machen, aber – Kathi (schalkhaft) Welche denn zum Beispiel? Lips (in freudiger Aufwallung) Und ich bemerk' wirklich – ein klopfendes Herz – ein' verstohlnen Blick – einen wogenden – o Gott! Ich trau' mir 'n nicht aufz'Iösen, diesen Rebus! (Seine Bewegung unterdrückend.) In meine Jahr' blamiert man sich zu leicht und verschmerzt Blamagen zu schwer. (Man hört links die später Kommenden) . Was is denn das –!? Siebente Szene Stifler , Sporner , Wixer , die Vorigen ; dann Justitiarius , Knechte Stifler (mit Sporner und Wixer rasch zur Seitentüre links eintretend) Da is der freche Pursche –! Wixer Der Pachter Krautkopf hat uns deine Post ausg'richt't. Justitiarius (hereineilend) Mäßigung, meine Herrn! Wixer (zu Lips) Jetzt wer'n wir dir eine Cachucha einstudier'n. Sporner Unsre Reitgerten sollen die Kastagnetten sein. Stifler (auf Lips eindringend) Infamer –! (Erkennt ihn, als er ihn eben am Kragen fassen will, und ruft, ganz starr vor Erstaunen.) Ha –! Wixer (der ebenfalls näher getreten) Was is's? (Erkennt Lips.) Ha! Stifler Freund Lips –?! Sporner und Wixer Du lebst –! Lips Ja, ich leb', meine undankbaren, heuchlerischen, jämmerlichen Freund'! Stifler (verlegen) Verzeih –! Sporner und Wixer (verlegen) Wir konnten nicht wissen – Stifler Ein unbedachtes Wort – Justitiarius (erstaunt) Lipsius redivivus! (Ihm respektvoll nähertretend.) Euer Gnaden erlauben, daß ich mich von Dero Identität überzeuge. Lips Lassen S' mich ung'schoren! Ich will von der Welt und ihren Faxen nix mehr wissen, ich zieh' mich zurück in eine stille, reizende Verborgenheit. Justitiarius Still kann Dero Verborgenheit allerdings werden, aber reizend –? Quod nego. Lips Wie meinen Sie das? Justitiarius Auf Hochdenenselben lastet die Inkulpation einer Schlosserersäufungs-Inzicht, weshalb ich mich Dero vielwerter Person versichern muß. Lips Sie unterstehn sich –!? Justitiarius Ich handle amtlich nach höhernortiger Instruktion. Lips Mein Gegner is zufällig ertrunken, ich bin unschuldig. Justitiarius Diesfalls wird Ihnen eine Beweisführung obliegen, welche nach den absichtverratenden Worten des Testamentswiderrufes, die da lauten: »Da es möglich ist, daß ich morgen mein Grab in den Wellen finde –« sich einer bedeutenden Schwierigkeit erfreuen dürfte. Lips (sich vor die Stirn schlagend) Das hab' ich dumm g'macht – Kathi, ich bin verloren! Justitiarius (zum Tore hinausrufend) Heda, Knechte! Leute! Famuli! Kathi (in großer Angst um Lips) Gott, was tu' ich jetzt!? Justitiarius (zur Seitentüre gehend) Diese Türe ist von innen zu verschließen. (Sperrt selbe zu und steckt den Schlüssel zu sich.) Die Bauern müssen von außen Wache halten. Kathi (leise zu Lips) Sei'n S' ruhig, der Vetter Krautkopf muß Ihnen retten. (Läuft zur Türe links ab.) Justitiarius (zu Lips) Hochdieselben werden gnädigst bemerken, daß jeder Fluchtversuch vergeblich wäre. Wir lassen den pleno titulo Gefangenen allein. (Verneigt sich tief und geht mit Stifler, Sporner und Wixer durch die Seitentüre links ab; die Knechte folgen. Man hört die Türe links von innen schließen.) Achte Szene Lips (allein, wie aus einem Traume erwachend) Lips Wie g'schieht mir –? Ich war so selig – ich hab' gar nicht nachzählt, im wievielten Himmel als ich war – aber nur einen Augenblick bin ich in Wolken g'schwebt, jetzt steh' ich wieder da mit der Aussicht auf jahrelanges Sitzen. – Der Abstand is zu groß – Paradies und Untersuchung, Kathi und Kerker – Liebe und Kriminal! Das is Eiswassersturz im russischen Dampfbad des Geistes. Mich beutelt was, und weil ich allein bin, so kann's nur das Fieber sein. – 's is Abend – Licht und Wärme geht dem Übeltäter immer zugleich aus; wie's dämmert, fangt das unheimliche Frösteln an. Die Seel' eines Verbrechers is eine Nachteulen, beim Tag is sie stumpfsinnig, aber wie's dunkel wird, flattert s' auf, und mit der Finsternis wachst die Klarheit ihrer Katzenaugen – in jedem Winkel eine bleiche Gestalt. (Nachdem er sich unheimlich umgesehen, nach einer Ecke starrend.) Steht nicht dort –? Ja, er is's –!! Nein – nein , s is nix als ein Rechen, und ich hab' glaubt, es is sein Geist, der mich zur Rechenschaft zieht. – Wenn die Leut' wüßten, was das heißt, einen Schlosser ertränken, es ließ's g'wiß jeder bleiben. Mir scheint gar, d' Latern' geht mir aus. (öffnet die Laterne und geht dabei über die Mitte der Bühne.) Das ging' mir noch ab! – (Stolpert über etwas.) Stock an! – Was ist denn das? (An den Boden leuchtend.) Ein eiserner Ring –? Eisen, unheimliches Metall für den, der Anspruch auf Ketten hat! (Untersuchend.) Das is ja – (am Ring ziehend) richtig, eine Falltür' – da komm' ich in einen Keller hinab. – Da kann ich mich verstecken. – Alte Fässer – neue Erdäpfeln – vergebliche Durchforschung – Kathi um Mitternacht – vielleicht unterirdischer Gang – Rettung – Freiheit! Die ganze praktische Romantik liegt da vor meinem Blick –! (Öffnet die Falltüre in der Mitte der Bühne.) Da schaut's schauerlich aus – ah, was! Was sein muß, muß sein! (Steigt mit der Laterne hinab, im Orchester beginnt dumpfe Musik.) Neunte Szene Gluthammer ; der Vorige Lips (unten, stößt einen durchdringenden Schrei aus) Ah –!! Gluthammer (unten, ebenfalls erschrocken aufschreiend) Ah –!! Lips (unten) Höllengespenst –! Gluthammer (unten) Satanas –! Lips (eilig mit der Laterne ganz verstört heraufkommend) Zu Hilf'! Zu Hilf'! (Schlägt die Falltüre hinter sich zu.) Da drunt' – sein Geist – so deutlich hab' ich die Gestalt noch nie gesehn! Gluthammer (die Falltüre von unten öffnend und heraufkommend. Nur bis an die Brust sichtbar; er ist in Krautkopfs Bettdecke eingehüllt und hat die Schlafhaube auf. In großer Angst) Sein Geist verfolgt mich – Luft – Luft! Lips Der Schatten steigt herauf – hinab mit dir! (Läuft mit dem Mute der Desperation auf die Falltüre zu und tritt dieselbe mit den Füßen nieder.) Wart', Abgrund! Ich werd' dich lernen, Kobolde heraufschicken! – (Schwer aufatmend.) Haben wir auf der Oberfläche nicht so schon Schauerliches in Überfluß –? Gluthammer (erscheint wie früher, aber unter der Falltüre links) Mich bringt die Angst um! – Lips (entsetzt) Dort wieder –!? Höllisches Gaukelspiel –! (Eilt wie früher darauf los und tritt die Falltüre zu.) Ich hab' ja nur einen umgebracht, (kleinlaut werdend) zu was diese gräßliche Multiplikation!? Gluthammer (erscheint wie früher unter der Falltüre, aber in der Mitte der Bühne) Ich muß herauf – Lips (außer sich) Hinab mit dir! Was tot is, g'hört unter die Erd'! (Wirft sich mit ausgebreiteten Armen auf die Falltüre nieder, drückt dieselbe auf diese Art zu und Gluthammer wieder hinab.) Der ganze Erdboden is unterminiert, die Schlosser schießen wie d' Spargel in d' Höh'! Das halt' aus, wer will! (Will sich mühsam aufraffen.) Meine Knie – meine Sinne – meine Kraft – ich bin tot! (Sinkt wieder zusammen.) (Man hört einen zahlreichen Jubelruf von innen: »Es lebe der gnädige Herr!«) (Hier endet die Musikbegleitung.) Lips (auffahrend) Was war das –!? (Ruf von innen: »Es lebe der gnädige Herr!!«) Lips (matt) Ich soll leben!? – Dummköpf', ich hab' keine Zeit, ich bin grad mit 'n Tod beschäftigt! (Rafft sich mühsam auf. Man hört die Türe Seite links öffnen.) Zehnte Szene Krautkopf , Justitiarius , Stifler , Sporner , Wixer , Kathi , mehrere Bauern kommen mit; Der Vorige ohne Gluthammer (Alle eilen Seite links herein, der Justitiarius zuletzt.) Krautkopf (in freudiger Verwirrung) Hab' ich ein' Kopf? Hab' ich kein'?! Hab' ich ein' gnädigen Herrn, hab' ich kein'?! Kathi (auf Lips zeigend) Da is er! Justitiarius (zu Krautkopf) Wie kann Er die Leute zu Vivatrufen alarmieren? Krautkopf (ohne auf den Justitiarius zu hören) Und ich verworfener Grobian – erlauben mir Euer Gnaden, Ihnen im zerknirschtesten Triumph aufs Schloß zu tragen. Justitiarius (zwischen Lips und Krautkopf tretend) Halt! Ihre Gnaden gehören der Justiz. Krautkopf Er ist unschuldig, das werd' ich gleich beweisen. Justitiarius Der Schlosser ist einmal tot! Elfte Szene Gluthammer ; die Vorigen Gluthammer (hat die Falltür rechts von unten aufgehoben und kommt herauf) Wer hat Ihnen denn das gesagt? Der gnädige Herr ist tot! Krautkopf Wer hat dir denn das g'sagt? Der gnädige Herr lebt! Gluthammer Plausch' nicht! (Zum Justitiarius.) Nehmen S' mich, ich will lieber ein Gefangener als ein Lebendigbegrabener sein. Lips (Gluthammer mit freudigem Staunen betrachtend) Der Schlosser!? – Er is's wirklich –!? Er lebt!? Gluthammer (ebenso) Der gnädige Herr –!? Er is's richtig –!? Er is nicht tot!? Lips (ihm freundlich die Hand reichend) Nein, lieber Ermordeter! Gluthammer Ich auch nicht, Euer umgebrachten Gnaden! Justitiarius Keiner is tot, dann hat auch keiner den andern umgebracht, der Kriminalfall zerfällt in nichts. Stifler (sich Lips mit devoter Freundlichkeit nähernd) Wirst du unsern Glückwunsch verschmähn –? Lips Im Gegenteil, ihr könnt sehr viel zu meinem Glück beitragen. Stifler , Sporner , Wixer (äußerst zuvorkommend) O sag' nur, wie? Lips Wenn ihr euch an der Stell' zum Teufel packt! Justitiarius Prosit! (Stifler, Sporner, Wixer ziehen sich betroffen zurück und entfernen sich Seite links.) Lips (zu Gluthammer) Ich bin jetzt nicht mehr dein Nebenbuhler, nimm deine Witwe samt einer reichen Aussteuer von mir! Gluthammer Die Aussteuer nehm' ich und kauf' mir ein Schlosserg'werb', aber für d' Witwe dank' ich; mir is die ganze Mathildenlieb' vergangen. Lips Und in mir is eine Kathilieb' erwacht. Jetzt seh' ich's erst, daß ich nicht bloß in der Einbildung, daß ich wirklich ein Zerrissener war. Die ganze eh'liche Hälfte hat mir g'fehlt, aber gottlob, jetzt hab' ich s' g'funden, wenn auch etwas spät. Kathi! Hier steht dein Verlebter, Verliebter, Verlobter, hier steht meine Braut! (Umarmt Kathi.) Krautkopf Seine Braut! Schreits Vivat! Alle (zusammen) Vivat!! Der Vorhang fällt. Ende