Johann Nestroy Das Mädl aus der Vorstadt oder Ehrlich währt am längsten Posse in drei Akten Erstaufführung am 24. November 1841 Personenverzeichnis: Kauz , ein Spekulant Frau von Erbsenstein , Kornhändlerswitwe, seine Nichte Herr von Gigl , ihr Bräutigam, entfernt mit Kauz verwandt Schnoferl , Winkelagent Knöpfel , ein Pfaidler, Witwer Peppi , seine Tochter Madame Storch , Knöpfels Schwester, Witwe Rosalie und Sabine , Nähterinnen und Verwandte von Knöpfels verstorbener Frau Thekla , eine Stickerin Ein Kommis Nannette , S tubenmädchen der Frau von Erbsenstein Dominik , Bedienter des Herrn von Kauz Gäste, Krämer, Kommis, Putzmacherinnen   (Die Handlung spielt in den beiden ersten Akten in einer großen Stadt, im dritten Akte in Kauz' Landhause.) Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Erster Akt Elegantes Zimmer im Hause des Herrn von Kauz. Rechts und links eine Seitentüre, zwei Mitteltüren. Rechts und links Tisch und Stuhl. Erste Szene Mehrere Krämer und Kommis. Mehrere Putzmacherinnen. Dominik. Dominik (steht an einem Stuhl und zahlt den Anwesenden ihre Kontos aus) . Nicht wahr, so eine Kundschaft ist was Seltenes, a Braut, die vor der Hochzeit schon alles bezahlt. Alle . No, i glaub's. Dominik . Jetzt bleiben s' die Ausstaffierung oft bis nach der Scheidung schuldig. Krämer . Lass' uns der Herr Dominik nur wieder rekommandiert sein, wenn die gnädige Frau was braucht. Dominik . Sie haben mir dasmal allerseits einen honetten Rabatt gegeben, und wenn Sie ein andersmal ebenso – Krämer . Das versteht sich von selbst, wir wissen schon, was sich g'hört! Daß uns der Herr Dominik immer dran erinnert, is etwas schmutzig. Dominik . Konträr, das is sehr reinlich, denn ich halt' drauf, daß eine Hand die andere wascht! jetzt b'hüt' Ihnen Gott allerseits! Alle . Adieu, Herr Dominik! (Mitteltüre links ab.) Zweite Szene Dominik. Dann Frau von Erbsenstein und Nannette. Dominik (allein) . Ja, die Frau von Erbsenstein, da muß man Respekt haben. Ich kann mir auch schmeicheln, ihr ganzes Vertrauen – Frau von Erbsenstein (mit Nannette aus der Seitentüre rechts kommend) . Entweder die Uhr geht zu früh oder mein Bräutigam geht zu spät, wenn er bei mir erscheinen soll! – Dominik! Dominik . Befehl'n? Frau von Erbsenstein . Pack' Er sich hinaus! Dominik . Euer Gnaden wollen vielleicht –? Frau von Erbsenstein . Von einem neugierigen Tölpel nicht inkommodiert sein, ja, das will ich. Dominik (für sich im Abgehen) . Sonderbare Laune, die sie fast täglich kriegt! (Mitteltüre rechts ab.) Dritte Szene Frau von Erbsenstein. Nannette. Frau von Erbsenstein (ärgerlich und unruhig) . Seit einer Glockenstunde erwart' ich ihn, und er – richt' mir die Locken ordentlich! (Nannette tut es.) – Vor anderthalb Stund' schon wär' es seine Pflicht gewesen, – da schau den Ärmel an, steck' doch das Schnürl hinein! (Nannette tut es.) – Zwei Stund' läßt er mich passen! – Nannette . Ja, ja, seine Nachlässigkeit verdient allerdings einen kleinen Putzer. Frau von Erbsenstein . Was? Einen kleinen Putzer nur verdient das, daß er mich im größten Putz vernegligiert? Für ihn glänzt dieser Atlas, für ihn schwingen sich diese Marabus, für ihn schlaft mir der Arm völlig ein unter dem Bracelettengewicht, und er lest derweil wo die Zeitung oder spielt Billard, wenn nicht vielleicht gar – ha, welche Welt voll Plantierung liegt in diesem: »Wenn nicht vielleicht gar!« Nannette . Quälen sich Euer Gnaden nicht mit solchen Gedanken, er wird gewiß bald kommen, und soll er dann Falten auf Ihrer Stirn erblicken? Frau von Erbsenstein . Wenn Sie von Falten red't, müßt' ich Ihr eine glatte Grobheit sagen. Nannette . Ich mein' ja nur die Falten des Trübsinns. Frau von Erbsenstein . In der gebildeten Welt gibt's keine Falten, der Trübsinn wirft Schatten auf meine Züge, umwölkt kann meine Stirn sein, aber Falten bittet ich mir aus! Mit siebenundzwanzig Jahr' und acht Monat', lächerlich! Sie ist wirklich ein albernes Ding ohnegleichen! Nannette (beiseite) . An mir laßt s' den Zorn aus, das ist das Stubenmädllos auf Erden. Frau von Erbsenstein . Sie gibt überhaupt seit einiger Zeit so vielfältige Beweise von Einfältigkeit, daß ich – er kommt – der Gigl – nein, mein Herr Onkel ist's. (Nannette geht zur Seitentüre rechts ab. Kauz tritt zur Mitteltüre rechts auf.) Vierte Szene Kauz. Frau von Erbsenstein. Kauz (auffallend dick, aber sehr elegant gekleidet) . Schön' guten Morgen, Frau Nièce! Frau von Erbsenstein . Der Morgen kann gut und schön sein, ich bin aber bös und wild! Kauz . Bös, das kann sein, aber wild –? Im Gegenteil, ich find', daß dieser Anzug – Frau von Erbsenstein . Ach, der Herr Onkel g'fällt mir! Wenn ich per »wild« red', so werd'n Sie doch nicht glauben, daß ich mein Äußeres meine! An mir kann doch nur die Laune, die Gemütsstimmung wild sein. Kauz . Ich weiß – ich weiß! (Für sich.) Wenn die Frau nur nicht gar so eitel wär'! (Laut.) Unter anderem, Nièce, find'st du nicht, daß ich heut' etwas blaß ausseh'? Frau von Erbsenstein . Nein – Kauz . Ach ja, es muß vom schlechten Schlaf sein! Ich hab' in mein' G'sicht so etwas Herg'nommenes, und das macht mir so ein hingebendes Aussehen, so – Frau von Erbsenstein . Setz' sich der Herr Onkel nix Traurigs in Kopf! Kauz . Oh, ich kränk' mich nicht drüber, im Gegenteil, diese blassen Tage haben gar bunte Folgen, denn sie machen einen ohnedem interessanten Mann erst ganz unwiderstehlich. Frau von Erbsenstein (lachend) . Jetzt hör' der Herr Onkel auf! Kauz . Oh, ich weiß, du glaubst, ich zähl' gar nix mehr. Frau von Erbsenstein . Konträr, ich glaub', Sie müssen sehr viel zählen, sehr viel Geld aufzählen, wenn Sie was gelten wollen. Kauz . Und was is weiter? Gibt's denn eine Lieb', die ganz ohne Eigennutz is? Der sentimentalste Jüngling muß oft seinen schlankesten Gehrock versetzen, damit er die uneigennützige G'spusin auf 'n Saal führen kann! Warum soll ich, ein Mann, aus dem die Natur vier Jünglinge bilden könnte, nicht auch verhältnismäßig generos sein? Im weiblichen Herzen gibt's nie einen ganz freien Eintritt, und daß ich splendid bin, setzt meine Liebenswürdigkeit noch nicht herab. Frau von Erbsenstein . 's kommt halt alles auf eine Auslegung an! Kauz . Übrigens, in meinem Alter – Frau von Erbsenstein . Wie alt ist denn der Herr Onkel? Kauz . Erst soundsoviel Jahr', das is ja noch kein Alter! Bin dabei ein mordhafter Tänzer. Frau von Erbsenstein . Gewiß mordhaft! Kauz . Ich bin ein kecker leichter Reiter. Frau von Erbsenstein . Ihr Pferd wird anderer Meinung sein. Kauz . Ich werd's doch besser verstehen als a Roß! Frau von Erbsenstein . Statt sich selber zu loben, wär's g'scheiter, Sie täten über ein' andern schimpfen, da könnt' ich doch einstimmen. Kauz . Über wen soll ich denn schimpfen? Frau von Erbsenstein . Über meinen saubern Bräutigam, der am Verlobungstag auf sich warten laßt. Kauz . Na, es sind ja die Gäst' auch noch nicht da! Und dann sucht so ein junger Mensch sich dadurch interessant zu machen, daß er warten laßt auf sich! Das is eine Taktik, die wir sehr häufig anwenden. Frau von Erbsenstein (sieht ihn nach der Seite an, unterdrückt, was sie sagen wollte, und fährt fort) . Wenn ich denk', was der Mensch getrieben hat vor sechs Jahren, wie ich den Erbsenstein geheirat't hab', da war ja gar kein Tod, den er sich nicht hat antun woll'n. Kauz . 's hat a Weil' gedauert, bis er zur Vernunft kommen is. Frau von Erbsenstein . Ich hab'n damals nit mögen, weil er gar so ein Tschappel war. Er is es eigentlich noch, so übertrieben furchtsam und schüchtern. – Kauz . Na ja, wenn man jung is – wie lang is es denn her, daß ich so schüchtern war? Frau von Erbsenstein (sieht ihn an wie oben und fährt fort) . Kaum hört er, daß ich Witwe bin, stürzt er zu mein' Füßen, daß die Parketten krachen, ich lass' mich erweichen und jetzt – Kauz . Jetzt bist du ihm gewiß, und wenn wir einmal wissen, die kommt uns nicht mehr aus, so werden wir nachlässig. Das haben wir jungen Leut', das is schon so. Frau von Erbsenstein . Herr Onkel, wenn Sie sich immer unter die jungen Leut' rechnen, so werden S' mich vertreiben mit die jungen Leut. (Will fort.) Kauz . Na, na, sei nur g'scheit und bleib da! Frau von Erbsenstein . Mir fallt grad Verschiedenes ein wegen meiner Abendtoilette, da muß ich – auch erwart' ich eine Stickerin, die mir meine Nannette rekommandiert hat. Kauz . Stickerin? Jung, hübsch? Frau von Erbsenstein . Das weiß ich nicht – übrigens, was geht Ihnen das an, ob sie jung oder hübsch –? Kauz . Ich hab' nur fragen wollen, ob sie geschickt is. Ich will mir seidene Schnupftücheln sticken lassen, in ein' Eck' mein' Namen, in die andern Amoretteln oder Tauberln oder so was – Gott sei Dank, in der Lieb' schwing' ich mich zu höhere Gegenstände auf und hab's nicht nötig, mich zu Nähterinnen oder Stickerinnen herabzulassen. – Ich hab' ja die Einkäuf', die du g'macht hast, noch nicht g'sehn, du mußt also schon erlauben, daß ich dich in dein Zimmer begleit'. Frau von Erbsenstein . Na, so komm' der Herr Onkel! Kauz (für sich) . Ich geh' ihr nicht von Hals, bis ich die Stickerin seh'. In meinem Herzen sind noch eine Menge vorrätige Dessins. (Laut.) Ich sollt' von Rechts wegen bös sein auf dich. Wie kannst du glauben, ich werd' Ideen auf eine Stickerin –? Frau von Erbsenstein . Na, von Ihnen hört man allerhand. Kauz . Pfui, pfui! (Mit Frau von Erbsenstein Seitentüre rechts ab.) Fünfte Szene Schnoferl (allein). (Tritt während dem Ritornell des folgenden Liedes zur Mitteltüre links ein.) Lied 1               Mein G'schäft is nicht öffentlich, 's is nur privat, Mein G'schäft könnt' stark gehn, wann's wollt', 's geht aber stad, Ich g'hör' durchaus nicht zu die Kinder des Glücks, Plag' hab' ich a Menge, aber trag'n tut's mir nix. Leih' i wem was, so stirbt 'r oder kommt auf 'n Hund, Hingeg'n meine Gläubiger bleib'n frisch und g'sund. Mit der Lieb' ginget's prächtig bei mir, 's wär' schon recht, Aber nur mit der Gegenlieb' steht's allweil schlecht. Neunundvierzig Jahr' wart' i, und 's will anders nit wer'n – Na, der Mensch muß nit alles auf einmal begehr'n. 2 Schad', daß ich nit heiraten tu', das wär' schön, Die Seligkeit soll schon ins Aschgraue gehn. Wie schön, wenn man ein' Affen mit hambringt auf d' Nacht Und 's Weib ein'm acht Tag' drüber Vorwürfe macht! Wie schön, wenn man z'erst in Kaffeehaus verliert Und z' Haus von Weib extra noch ausgemacht wird! Wie schön, tut das Schicksal ein' Freund gleich bescher'n! Wie lieb, wenn die Kind'r in der Nacht unruhig wer'n! Und wie überraschend tut sich oft d' Famili vermehr'n! Na, der Mensch muß nit alles auf einmal begehr'n. (Nach dem Liede.) Mein Räsonieren überm Eh'stand is etwas fabelhaft, denn es hat sehr viel Fuchsundweinbeerartiges an sich. Meine Junggesellenschaft ist nicht als staubige Distl auf der rohen Pußta des Weiberhasses emporgeschossen, o nein, sie ist als düsterer Efeu dem Garten der Liebe entkeimt. Für mich war die Liebe kein buntes Gemälde in heiterer Farbenpracht, sondern eine in der Druckerei des Schicksals verpatzte Lithographie, grau in grau, schwarz in schwarz, dunkel in schmutzig verwischt. Die pragmatische Geschichte meines Herzens zerfallt in drei miserable Kapitel: zwecklose Träumereien, ab'brennte Versuche und wertlose Triumphe. Wenn der Mensch nie diejenige erringt, wo er eigentlich – wo es der Müh' wert, wo – ich kann mich nicht ausdrücken, mag mich eigentlich nicht ausdrücken – wenn der Mensch nicht Baumkraxler genug war, um die wahren süßen Früchte am Lebensbaum zu erreichen, wenn – ich find' nicht die gehörigen Worte, das heißt, ich findet s', aber grad die g'hörigen täten sich nicht g'hören – mit einem Wort, der Mensch verfallt nach einigen Desperationsparoxysmen in eine ruhige Sarkasmus-Languissance, wo man über alles räsoniert und andererseits wieder alles akzeptabel find't. – Heut' wird eine Verlobung gefeiert in diesem Haus – diese Witwe – noch eh' sie zum erstenmal – und dann fast ununterbrochen – und jetzt, wo sie zum zweitenmal – und auch in Zukunft immer – ich will nix verraten, was man ohnedies bald mit Händen greifen wird. – Man kommt, ich glaub', sie selbst. Sechste Szene Kauz. Frau von Erbsenstein. Voriger. Frau von Erbsenstein . Ah, Herr Schnoferl – Kauz . Unser scharmanter Agent – Schnoferl . A Diener, gnädige Frau, (zu Kauz) ebenfalls a Diener! Ich komm' Ihnen das zu wünschen, was Sie nicht brauchen, nämlich Glück, das haben S' so schon. Glück wünschen sollt' man einem Menschen, wenn's ihm schlecht geht, da hätt' 's Gratulieren doch ein' Sinn. Frau von Erbsenstein . Oh, Freund, der Schritt, den ich jetzt tu', is so riskiert – Schnoferl . Wie können Sie das sagen? Es is ja bei Ihnen nicht zum erstenmal, daß Sie heiraten, ein klarer Beweis, daß Sie den Ehestand überhaupt goutieren! Und dann sind Sie, aufs gelindeste ausgedrückt, der Inbegriff aller Vollkommenheit, er is ein lieber, guter Kerl, bei solchen Ingredienzen kann die Sache nur zum Glück – Kauz . Ja, mit die Heiraten geht's oft wie beim Krapfenbachen: man nimmt alles mögliche dazu, und sie g'raten doch nicht! Schnoferl . Aha? Und doch haben Sie mir oft Reprements wegen meiner langwierigen Jungg'sellenschaft geben. Frau von Erbsenstein . Da hat der Onkel recht g'habt. Sie hätten sich schon lange eine Lebensgefährtin – und selbst jetzt noch, Sie sind immer noch ein Mann – Schnoferl . Ja, ein Mann bin ich freilich noch, aber was für einer, nicht der, der ich war, und da bin ich viel zu g'scheit, als daß ich mir einbild', es wird sich eine reißen um meine beaux restes. Wenn sich einmal rote Nasen und Platten vereinigen, der Schönheit den G'nackstreich zu versetzen – Kauz . Nur nicht zu bescheiden! Sie können noch immer auf das Beiwort »liebenswürdig« – Schnoferl . Beiwort? Geben Sie sich keine so grammatikalische Blöße! »Liebenswürdig« ist im strengsten Sinn des Worts ein Zeitwort, weil es gänzlich der Abwandlung unterliegt: in der halbvergangenen Zeit heißt's »passé«, in der völligvergangenen »schiech« und in der längstvergangenen »grauslich«. Kauz . Na, es muß ja nicht grad eine Venus sein; Sie wer'n schon eine finden in Ihrer Par – Schnoferl . G'horsamer Diener, wenn eine mir nur halbwegs g'fallen soll, so muß sie ohne Vergleich schöner sein als ich. Frau von Erbsenstein . Schau, schau, is der Schnoferl so heiklich! Kauz . Dann müssen Sie auch bedenken, wenn Sie a Frau hätten, so wären Sie viel ein rangierterer Mann, denn Sie wären ein besserer Wirt. Schnoferl . Ich bin gar kein Wirt, denn ich zehr' von meinem Eigenen, und das tut kein Wirt. Wenn ein Wirt was verzehren will, schaut er sich um was Bessers um. Frau von Erbsenstein . Also kommen Sie nicht immer aus mit Ihrem Einkommen? Schnoferl . Wie man's nimmt! Zwischen Auskommen und Einkommen is es schwer, das gehörige Verhältnis herzustellen, denn 's Geld kommt auf schwerfällige Podagrafüß' herein und fliegt auf leichten Zephyrflügeln hinaus. Übrigens geht mir just nix ab, außer dann und wann die dreitausend Gulden, die ich in einem vorlauten Anflug von Kapitalistengefühl (zu Kauz) bei Ihnen angelegt hab', die ich schon öfters gebraucht hätt', die Sie mir aber nicht bezahlen können, seitdem Sie um hundertzwanzigtausend Gulden b'stohlen worden sind. Kauz . Oh, erinnern Sie mich nicht daran, das war – Schnoferl . Ein harter Schlag! Daß Ihnen bei dem Schlag nicht der Schlag troffen hat, das is der schönste Beweis, daß Sie trotz Ihrer Korpulenz gar kein Talent zur Apoplexie haben. Hundertzwanzigtausend Gulden auf einmal! Wann ei'm s' so a Dieb noch ratenweis' stehlet, tät's nit so weh, aber – Kauz . 's war grad, wie Sie wissen, der Anteil, den ich meinen Seitenverwandten von der in Empfang genommenen Erbschaft hab' auszahlen sollen. Die muß ich jetzt, so gut's geht, nach und nach befriedigen. 's is eigentlich ein Glück für die Leut', daß sie 's Geld nicht auf einmal bekommen, so können sie's nicht auf einmal durchschlagen. Sie kommen aber schon auch noch dran! – Schnoferl . Ich bitt', ich hab's nicht deßtwegen g'sagt. Sie sind ja keiner von die, die sich durch eine Art Falliment bereichert haben. Kauz . Im Gegenteil, ich hab' gar nichts und leb' bloß von dem Überfluß meiner Nièce. Frau von Erbsenstein . Na, na, Herr Onkel, gar so arg – Schnoferl . Ich hab' den ganzen Gegenstand nur berührt, weil ich auf der Spur bin, zu beweisen, daß damals unschuldigerweis' der Verdacht auf den armen Menschen, Ihren – Kauz (schnell unterbrechend, halbleise zu Schnoferl) . Da reden wir später davon, wenn wir allein – (laut) schauen S' lieber, daß Sie meine Nièce a bisserl aufheitern. Schnoferl . Ja, ja, ich hab' früher schon bemerkt: eine kleine Sonnenfinsternis an dem Himmel dieser Seraphszüge, dieser Cherubsphysiognomie. Frau von Erbsenstein . Keine Schmeicheleien, lieber Schnoferl! Schnoferl . Von Schmeicheleien kann da nicht die Rede sein, wo die Wahrheit bei der knickrigen Sprache vergebens um Ausdrück' bettelt. Ich wollt', der Adelung lebet noch, ich versprechet ihm ein Trinkgeld, daß er mir Worte erfindet, die dieser Reize würdig wären. Frau von Erbsenstein . Gehn S', wer'n S' nicht fad! Schnoferl (für sich) . Fad! Diese Silbe enthalt't dreitausend Maß Wasser für den Krater des hier tobenden Vulkans! (Aufs Herz deutend.) Frau von Erbsenstein . Nicht mit Worten, mit Taten sollen Sie mir Ihre Freundschaft beweisen! Schnoferl . Mit Taten? Ich bin bereit, mit Gefahr meines Lebens – Frau von Erbsenstein . Nicht Ihr Leben, aber ihre Freundschaft zu meinem Bräutigam wird in Gefahr kommen. Sie müssen ihn verraten, mir sagen, wo er steckt, was er tut, was er treibt! Schnoferl . Ich hab' gehofft, ihn hier zu Ihren Füßen zu finden, denn Männer sind immer zu Füßen, wenn sie auf a Hand spekulieren. Kauz (schmunzelnd) . Ja, ja, das is so unsere Art. Schnoferl . Aber jetzt is es akkurat ungefähr beiläufig ein Monat, daß ich ihn nicht zu G'sicht kriegt' hab'. Frau von Erbsenstein . Grad so lang is es, daß seine Besuche bei mir immer kürzer wer'n, immer – Schnoferl . Hm, bei Ihnen is er also nicht, bei mir is er auch nicht – dieses Zusammentreffen von Umständen würde in Frankreich schon für einen Beweis gelten, daß er wo anders is. Frau von Erbsenstein . Dieses Anderswo zu ergründen, ist Ihre Aufgab'. Kauz . Aber, Nièce, sei doch g'scheit, wir Männer müssen ja alle a wenig austoben! Zum Solidwerden is ja noch Zeit. Frau von Erbsenstein (zu Schnoferl) . Sie müssen das Innerste seines Herzens erforschen. Kauz . Ein Herz erforschen, is denn das a G'schäft für 'n Herrn Schnoferl? Schnoferl . O ja, denn ich bin Winkelagent, und welcher Gegenstand in der Welt hat mehr Winkeln als das menschliche Herz? Frau von Erbsenstein . Sie können ihm grad heraussagen, er braucht sich wegen meiner gar nicht zu genieren! Nannette (zur Mitteltüre, meldend) . Herr und Frau von Blümerl – Frau von Erbsenstein . Schon gut, ich komm' gleich! (Nannette ab.) Frau von Erbsenstein (immer aufgeregter fortfahrend, zu Schnoferl) . Es kost't ihm nur ein Wort, und er hat seine Freiheit wieder, und er soll ja nicht glauben – Dominik (zur Mitteltüre, meldend) . Frau von Stutzmann mit die Fräulein Töchter – Schnoferl . Die Stutzmannischen Töchter – Kauz . Jetzt rucken s' ein, die Gäst'- Frau von Erbsenstein (ärgerlich zu Dominik) . Auf was wart't Er denn? Ich komm' ja gleich! (Dominik ab.) Frau von Erbsenstein (immer aufgeregter fortfahrend, zu Schnoferl) . Und er soll ja nicht glauben, daß sich eine Frau wie ich kränkt um einen Mann, der ihren Wert nicht zu schätzen weiß, nicht einmal ärgern kann sich so eine Frau wie ich – Kauz (für sich) . Das is schön von ihr, daß sie sich nicht ärgert! Frau von Erbsenstein . Denn, Gott sei Dank, eine Frau wie ich hat nicht nötig – Nannette (zur Mitteltüre, meldend) . Die Bitzibergrische Famili! Frau von Erbsenstein (sehr ärgerlich) . Na, ja, sag' ich, ich komm' schon. (Nannette ab.) Schnoferl . Die Bitzibergrischen! Frau von Erbsenstein . Nein, wenn die Gäst' wüßten, wie z'wider sie einem oft sind, es ließ' sich gar kein Mensch mehr einladen auf der Welt. (Mitteltüre ab.) Schnoferl (indem er gedankenvoll der Frau von Erbsenstein nachblickt) . Die Bitzibergrischen! Siebente Szene Kauz. Schnoferl. Kauz . Jetzt sind wir allein, jetzt können wir eher von einer odiosen Geschäftssache – Schnoferl . Na, Sie wissen, daß damals der Verdacht von dem Diebstahl auf ihren Geschäftsleiter oder Kassier, was er war, auf 'n Herrn Stimmer gekommen is. Kauz . Er hat sich selbst diesem Verdacht preisgegeben, er is auf und davon, eh' noch eine Untersuchung – ich hab' damals die Sache zwar angezeigt, es is mir aber gar nicht eing'fallen, den Stimmer als verdächtig anzugeben. Schnoferl . Ich hab' ihn nicht genau gekannt, aber immer als einen braven, rechtschaffenen Mann von ihm reden g'hört, so daß ich durchaus nicht hab' glauben können, daß er einen Kassaeinbruch – und wie ich mich schon um alles annehm', so hab' ich auch schon die ganze Zeit her immer laviert und sondiert, ob man nicht auf Umstände kommen könnt', die seine Unschuld beweisen. Kauz . Was nehmen Sie sich aber um eine Sach' so an, die Ihnen im Grund' nichts angeht und die auch ganz zwecklos – der Stimmer is durch'gangen, man hat ihm nachgesetzt, aber sie hab'n ihn nicht kriegt. Er is also in Sicherheit, was weiter –? Schnoferl . Was weiter? Rechnen Sie die verlor'ne Ehr' für gar so ein' klein' Verlust? Freilich, 's gibt Leut', denen die Ehr' nicht ganz zwei Groschen gilt – Kauz . Ah, das wird wohl bei niemandem der Fall sein. Schnoferl . O ja! Vorgestern spielen zwei in Kaffeehaus miteinander Billard, d' Partie um a Sechserl. Einer verliert etliche Partien, sagt er: »Ah, das kommt mir z' hoch, wir spielen s' jetzt bloß um die Ehr'«, ein Zeichen, daß der die Ehr' nicht ganz auf zwei Groschen taxiert. Kauz . Sie Spaßvogel – Schnoferl . Gehn wir aber gleich wieder aufs Ernsthafteste über! Der Stimmer hat eine Tochter, die folglich auch unter der verlornen Reputation des Vaters leiden muß. Kauz . Mir hat er nie was von einer Tochter g'sagt. Schnoferl . Weil er ein g'scheiter Mann war und Ihnen, ohne lateinisch zu können, doch ang'sehn hat, daß Sie ein Vokativus sind. Kauz . Oh, Sie – Sie sind heut' sehr spaßig aufg'legt! Schnoferl . Gehn wir gleich wieder aufs Ernsthafteste über! Er hat diese Tochter, wie er Wittiber wor'n is, noch als kleins Mädl zu einer Verwandten gegeben. Weiter hab' ich nix erfahren können, indessen bin ich doch hinter was anders gekommen. Kauz . Sie haben den Namen Schnoferl wirklich nicht umsonst! Schnoferl . Ein g'wisser Käfer, mit dem Sie in G'schäftsverbindung waren, der damals auch kurz nach dem Diebstahl von hier fort is, soll Reden fallen haben lassen, als ob er mehr wüßte über die Sach' – Kauz (etwas betroffen) . Käfer –? Schnoferl . Ich hätt' ihm schon lang gern geschrieben, aber dieser Käfer kriecht bald dort, bald da herum, seine Geschäft' erlauben ihm keinen stabilen Aufenthalt. Kauz . Is ein schlechter Mensch, dieser Käfer, sollen sich in nichts einlassen, ihm gar nicht nachforschen! Schnoferl . Was fallt Ihnen ein? Im Gegenteil – Kauz . Lassen wir das jetzt! Sie glauben nicht, die Erinnerung an diesen Gegenstand greift mir völlig die Nerven an. Schnoferl . Das find' ich begreiflich. Um also auf was Lustigeres zu kommen, sagen Sie mir, Sie Spekulant, was haben denn Sie in der Bruckengassen herumzuspekulieren? Kauz . In der Bruckengasse? Das is ja da draußten – Sie werden doch nicht glauben, daß ich Amouretteln in einer so entlegenen Vorstadt such'? Schnoferl . Das tun ganz andere Leut' als Sie! Kauz . Gott sei Dank, mein Glück in der eleganten Welt, mein feiner Geschmack – Schnoferl . Deßtwegen! Die feinsten Fasan- und Austernesser gehn dann und wann wohin auf Knödl und a G'selcht's! Kauz . Der Stadtgraben bildet die Grenze von meinem Herzensrevier', und noch nie hab' ich meine Leidenschaften über a Glacis getragen. Schnoferl . Na, so hab' ich Ihnen verkennt, aber der Taille nach waren Sie's! Übrigens, Schönheit bleibt Schönheit, und wenn die Schönheit auch auf einem Grund wo draußt is, so is das noch kein Grund, sie gering zu schätzen. Auch unter die Spenserln schlagen die Herzen auf eine sehr beglückende Weise und auch die niedre Volée hat hohe Genüsse aufzuweisen. Kauz . Wie der Herr Schnoferl das alles kennt! Ich kenne nur eine Sphäre, die noble, die elegante! Schnoferl . Geben S' acht, daß ich Ihnen nicht einmal in einer anderen Sphäre erwisch' – Kauz . Da bin ich sicher, ich vergiß mich nie! Schnoferl . Insofern Sie Egoist sind, könnt' man das glauben, aber die Lieb' is der Punkt, wo sich auch die Egoisten dann und wann vergessen. Unter anderm aber, stark is das, daß der Gigl – ah, da is er ja! Achte Szene Gigl. Die Vorigen. Kauz (zu Gigl, welcher zur Mitteltüre eintritt) . Aber, Gigl, was machst denn für G'schichten? Gigl . Is sie bös? Schnoferl . Am Verlobungstag retardieren, was zeigt das für 'n Eh'stand für ein Tempo an? Gigl . Is sie sehr bös? Kauz . Welche Frau sieht sich gern vernachlässigt von uns?! Gigl . Also is sie ganz bös? Schnoferl . So bös is keine, daß s' nicht zum Gutmachen wär'. Kauz . Ich hab' noch jede zurecht'bracht. Gigl . Aber mit was? Kauz . Mit Liebkosungen. Schnoferl . Warum nicht gar! Kauz . Ich mach's wenigstens immer so, und wenn ich zärtlich werd', da is jede weg! Schnoferl . Oder wünscht wenigstens, weg zu sein! Gigl, wenn man verstimmte Frauen, notabene solche, die nicht auf Präsenten anstehen, umstimmen will, so g'hören zwei Stimmschlüsseln dazu: der eine heißt: Imponieren, der andere: Niederknien. Gigl . Imponieren, wie tut man das? Schnoferl . Da macht man ein finsters G'sicht, wirft einen strafenden Blick auf sie und macht ihr Vorwürfe für das, daß man gefehlt. Kauz . So hab' ich's auch g'macht. Gigl . Nein, imponieren kann ich nicht. Schnoferl (zu Gigl) . Wenn du das nicht kannst, so wandle den andern Weg, verkürze deine Gestalt um die Knie- und Fersendistanz, halt d' Händ' z'samm' und stottre die Zerknirschungsfloskel: »I werd's nimmer tun!« Gigl . Das bring' ich eher z'samm', aber ich trau' mich nicht. Kauz . Ich will dir's erleichtern. Ich red' vorläufig mit ihr, dann kommst du nachläufig dazu, und sie wird gut – nur auf mich verlassen, ich hab' ja ein' Art magische Gewalt über Weiberherzen, wirklich magisch! (Eilt zur Mitteltüre rechts ab.) Neunte Szene Gigl. Schnoferl. Gigl (desperat) . Schnoferl, rett' mich vom Abgrund! Schnoferl . Was is denn g'schehn? Gigl, red'! Gigl . Kennst du die Empfindung, die vor fünfhundert Jahr' die Burgfräulein g'habt haben, wenn s' bei die Haar' zur Trauung g'schleppt worden sind? Schnoferl . Nein, die kenn' ich nicht! Gigl . Ich hab' die Empfindung, wenn ich an meine Heirat denk'. Schnoferl . Kennst du die Empfindung, wenn man einen auf freiem Fuß sieht, der alle Ansprüche auf ein Extrazimmer im Narrenturm hat? Gigl . Nein, die kenn' ich nicht! Schnoferl . Ich hab' diese Empfindung, wenn ich dein' Diskurs anhör'! Du hast dich damals meucheln wollen, wie s' ein anderer kriegt hat. Gigl . Und jetzt kruselt Selbstmord in mir, weil ich s' krieg'. Schnoferl, rett' mich vom Abgrund, sag' ihr, daß ich s' nit mag! Schnoferl . Zu solchen Blasphemien lass' ich mich nicht mißbrauchen. Sag' ihr's selber! Gigl . Das trau ich mich nicht. Im Gegenteil, wie ich ihr in d' Näh' komm', bitt' ich s' um Verzeihn, dulde Verlobung, dulde Kopulation, alles duld' ich und welk' dem Grabe zu, wenn ich nicht gar durch einen Gewaltstreich – Schnoferl . Hörst, darin liegt doch kein Quintel Verstand. Gigl . Aber ein zentnerschweres Gemüt. Schnoferl, rett' mich vom Abgrund! Ich hab' einst geglaubt, in der Frau von Erbsenstein mein Ideal zu erblicken, aber das war optische Täuschung. Schnoferl . Und jetzt erscheint dir eine andere idealisch? Gigl . So is es! Schnoferl . Und diese Täuschung wird erst recht optisch sein. Wer ist sie denn, diejenige? Gigl . Ein Mädl! Schnoferl . Hör' auf! Von der Natur mit jedem Reiz verschwenderisch begabt, mit holdem Anmutszauber übergossen, doch hoch überragt die Schönheit ihrer Seele jeden körperlichen Vorzug, und weit über das alles strahlt noch ihr Herz in himmlischer Verklärungsmilde! Gigl . Du kennst sie? Schnoferl . Nein, aber die Ideal' schaun ja alle so aus. Notabene durchs Liebhaberperspektiv betrachtet, dem unbewaffneten Auge erscheinen diese Meisterstücke als gewöhnliche Dutzendfabrikswar' in gefälliger Form. Und was is sie denn? Gigl . Sie hat allweil fleißig gestickt, und a Menge schmutzige Haub'n war'n im Quartier. Schnoferl . Also a Stickerin, a Haubenputzermadl. Wie heißt s' denn? Gigl . Thekla! Schnoferl . Und mit 'm Zunam'? Gigl . Um den fragt die wahre Liebe nie! Schnoferl . Wo logiert s' denn? Gigl . Sie logiert gar nicht, wenigstens für mich nicht mehr, sie is ausgezog'n. Schnoferl . Wohin? Gigl . Sie is heimlich aus'zog'n mit ihrer alten Mahm, oder wer sie war. Schnoferl . A Mahm hat s' auch? Die G'schicht' wird immer obskurer. Gigl . Es schwebt ein undurchdringliches, wahrscheinlich fürchterliches Geheimnis über ihrer Person. Mit vieler Müh' nur hab' ich Zutritt erhalten, es muß s' aber wieder g'reut haben; drum is sie fort aus dem Logis, aber der Grund – Schnoferl . Is kein anderer, als daß s' dich nicht mag. Gigl . Schnoferl, glaubst wirklich –? Schnoferl . Die einen mögen, verschweigen ein' nie 's Quartier, wenn s' ausziehn, im Gegenteil, sie reden ein' noch sehr häufig um 'n Zins an. Gigl (desperat) . Also verloren! Schnoferl . Sei froh und lamentier' nicht wegen so einem Mädl, geh hin zu der Frau von Erbsenstein, mach' sie wieder gut und genieße ein unverdientes Glück in ihren Armen. Gigl . Is denn das wirklich a Glück mit der Erbsenstein? Schnoferl . Freund, wiederhol' diese Frag' ja nicht, wennst bei ein' Fleischhacker vorbeigehst! Ich weiß nicht, für was er dich anschaut und was dir g'schicht. Sie is ja das Schönste, das Beste, das Himmlischste, was die Erde tragt! Nur dem Umstand, daß mein Alter um zehn Jahr' über »liebenswürdig« und meine Schönheit um zwanzig Grad unter »liebenswürdig« steht, hast du's zu verdanken, daß ich dir diesen guten Rat gib, sonst hätt' ich von deiner Dummheit profitiert und hätt' g'schaut, daß ich s' selber erschnapp'; denn wisse, Jüngling, ich glühe für die Erbsensteinin mit einer Glut, die ebenso intensiv als hoffnungslos is, und nur deswegen red' ich dir zu, weil ich dir sie eher als jedem andern vergönn'! Gigl . Also, wenn's möglich wär', fischest du mir s' ab? Wie geht denn das mit deiner Freundschaft zu mir zusamm'? Schnoferl . Freund, in dem Punkt gibt's keine Freundschaft und nutzet auch nix. Is eine zum Abfischen, so wird sie auch abg'fischt, und da is es immer viel besser, es fischt ein'm s' ein feindlicher Freund vor der Hochzeit, als es fischt ein'm s' ein freundlicher Feind nach der Hochzeit ab. Gigl . Also glaubst, ich soll s' heiraten? Schnoferl . Na, ob! Gigl (mit Resignation) . Meinetwegen, aber nur g'schwind, daß ich's bald überstanden hab'. Schnoferl . Sie kommt! Zehnte Szene Frau von Erbsenstein. Kauz. Die Vorigen. Kauz (mit Frau von Erbsenstein zur Mitteltüre rechts eintretend) . Na, Gigl, da is sie. Ich hab' Wunder gewirkt zu deinem Besten, du brauchst jetzt nur ihren Zorn zu besänftigen, und sie is versöhnt. Schnoferl . Ich hab' ihm g'sagt, er soll Ihnen gar nicht gut machen, gnädige Frau, denn wie kann man denn die gut machen, die ohnedies die Güte selber is. Übrigens kann ich versichern, er war krank. Frau von Erbsenstein . Krank war er? Schnoferl . Ja, so Beklemmung mit Entzündung. Frau von Erbsenstein . Da hätt' er wenigstens schreiben sollen! Schnoferl (zu Frau von Erbsenstein) . Ich will ihn übrigens gar nicht verteidigen, denn vor einem so zarten Tribunal werden die Sachen nicht im Rechtsweg, sondern im Gnadenweg entschieden. Frau von Erbsenstein . Wenn er seinen Fehler einsieht, wenn er bereut – Schnoferl . Oh, Sie glauben gar nicht, was er schon alles bereut hat – Frau von Erbsenstein . So bin ich nicht abgeneigt – Schnoferl (zu Gigl) . So red' was oder küss' wenigstens die Hand, du Gegensatz des Cicero! (Gigl küßt Frau von Erbsenstein die Hand.) Schnoferl . Jetzt g'schwind die Kontraktssachen in Ordnung gebracht! Kauz . Komm, Gigl, daß ich dir die Beiständ' aufführ'. (Nimmt Gigl unter den Arm.) Schnoferl . Und ich führ' die holde Braut. Frau von Erbsenstein (zu Kauz und Gigl) . Wir kommen gleich nach! (Zu Schnoferl.) Ich hab' noch was zu sprechen mit Ihnen. Kauz (zu Gigl) . Nur g'schwind! Sie warten schon. Das hast alles mir zu verdanken. (Mit ihm durch die Mitteltüre ab.) Elfte Szene Schnoferl. Frau von Erbsenstein. Schnoferl (für sich) . Sie hat allein mit mir zu sprechen! Jetzt, Schnoferl, sei standhaft, für dich blüht diese Blume nicht, drum handle als Freund und leiste Verzicht auf das, was du nicht erringen kannst! (Zu Frau von Erbsenstein.) Sie wünschen, Frau von Erbsenstein? Frau von Erbsenstein . Wahrheit wünsch' ich, Wahrheit aus Ihrem Mund, ich hab' bereits eine Ahnung. Schnoferl . Dann haben Sie auch alles, denn die größten Gelehrten haben von der Wahrheit nie mehr als eine Ahnung g'habt. Übrigens, welche Ahnung können Sie haben? Seit Erfindung der elastischen Strumpfbänder hat das aufg'hört, jetzt kann einem Frauenzimmer nicht einmal 's Strumpfbandl mehr aufgehn. Frau von Erbsenstein (heftig) . Also is er mir untreu gewesen? Schnoferl . Wer sagt denn das? Die ganze Sache is eigentlich nicht der Müh' wert. Frau von Erbsenstein . Keine Ausflüchte! Wenn Sie mein Freund sind, reden Sie! Schnoferl . Das will ich auch. Sie sind eine zu gescheite Frau, als daß man Ihnen Ixe für Ue vormachen könnt' – drum – Frau von Erbsenstein . Heraus mit der Sprach'! Was war's? Schnoferl . Kinderei, Dummheit, Irrtum! Er hat in der Zerstreuung sein Herz für a Haub'n ang'schaut und hat's in Vorbeigehn zu einer Haubenputzerin geben. Frau von Erbsenstein . Also ein Liebesverhältnis? Wart', du undankbarer Duckmauser – jetzt is es aus auf ewig. Schnoferl . Aber, gnädige Frau, das is ja nicht so, wie Sie meinen! Sie legen viel zu viel Wert in die Sache! Es is nur so eine Mamsell Thekla, sonst hat s', glaub' ich, gar kein' Namen. Wenn es sich um so Mädln, Haubenputzerinnen, Nähterinnen, Seidenwinderinnen etc. handelt, da heißt dieser chemische Herzensprozeß nicht einmal »Liebe«, da wird das Ding nur »Bekanntschaft« genannt, und mit dem veränderten Namen entsteht auch in der Sache ein himmelweiter Unterschied. Bei der Liebe nur wird man bezaubert, bei der Bekanntschaft, da sieht man sich gern; bei der Liebe nur schwebt man in höheren Regionen, bei der Bekanntschaft geht man in einen irdischen Garten wohin, wo 's Bier gut und 's kälberne Bratl groß is; bei der Liebe nur heißt's: »Er is treulos, meineidig, ein Verräter!«, bei der Bekanntschaft heißt's bloß: »Jetzt hat er a neue Bekanntschaft gemacht.« Die Liebe nur hat so häufig einen Nachklang von Zetermordio-Geschrei der Eltern, bei der Liebe nur krampeln sich Familienverzweigungen ein in alle Fasern unserer Existenz, so daß oft kein Ausweg als Heirat bleibt; bei der Bekanntschaft wird bloß ein Zyklus von Sonntäg' – Maximum: ein ganzer Fasching – prätendiert, ewige Dauer is da Terra incognita, und lebenslängliche Folgen sind da gar nicht modern. Frau von Erbsenstein . Sie sind also der Meinung, daß diese G'schicht' nicht unverzeihlich –? Schnoferl . Ganz zur Milde geeignet! Frau von Erbsenstein . Ja – wenn ich wüßte, daß er einsieht – Schnoferl . Er sieht ein, daß er salva venia ein Esel war, und ich hoffe, er wird als wahrer Esel handeln. Frau von Erbsenstein . Wie meinen Sie das? Schnoferl . Er wird nie mehr einen Fehltritt tun, denn bekanntlich geht der Esel nur einmal aufs Eis. Frau von Erbsenstein . Und im Grund – es is mancher, der noch ein viel ärgerer Hallodri war, nach der Hand doch ein recht guter Gatte und Vater geworden. Schnoferl . Gewiß! Übrigens muß man das nicht immer so paarweis' aussprechen, denn guter Gatte und Vater, das trifft sich in praxi nicht immer so paarweis' als wie die Strümpfe oder die Ohrfeig'n beisamm'. Es ist sehr leicht, ein guter Vater zu sein; guter Gatte, das is schon mit viel mehr Schwierigkeiten verbunden. Die eigenen Kinder sind dem Vater g'wiß immer die liebsten, und wenn's wahre Affen sein, so g'fallen ein' doch die eigenen Affen besser als fremde Engeln. Hingegen hat man als Gatte oft eine engelschöne Frau, und momentan wenigstens g'fallt ei'm a and're besser, die nicht viel hübscher is als a Aff'. Das sind die psychologischen Quadrillierungen, die das Unterfutter unseres Charakters bilden. Frau von Erbsenstein . Gut also, ich will großmütig sein, wiewohl die Männer es gar nicht verdienen, daß man – Schnoferl . Warum sollen wir keine Großmut verdienen? Es gibt Fälle, wo wir auch unverkennbare Züge von Großmut entwickeln. Wir haben zum Beispiel a sekkante Frau, die uns nicht a Stund' ein' Ruh gibt, und wir wünschen ihr dafür die ewige Ruh! Wenn das nicht großmütig ist, nachher weiß ich's nit. Frau von Erbsenstein . Auf diese Art allenfalls – Zwölfte Szene Nannette. Die Vorigen. Nannette (eintretend) . Gnädige Frau, der Kommis vom Juwelier is da. Frau von Erbsenstein . Ich komm' gleich, er soll warten. Schnoferl . Und ich geh' gleich, denn er wird auch warten. (Frau von Erbsenstein spricht leise mit Nannette weiter.) Schnoferl (für sich) . Ich habe mit Selbstaufopferung zugunsten des Freundes gehandelt. Tröste dich, Schnoferl, mit dem Bewußtsein und denke: Die edelste Nation unter allen Nationen is die Resignation. (Verneigt sich gegen Frau von Erbsenstein und geht durch die Mitteltüre ab.) (Nannette geht gleichzeitig in die Seitentüre ab.) Dreizehnte Szene Frau von Erbsenstein (allein). Frau von Erbsenstein . Ja, ja, ich muß nolens volens nachsichtig sein. Wär' ich lieber vorsichtig gewesen und hätt' mein Jawort nicht so g'schwind gegeben! Das is schon so unser Los. Tritt unsereins diesem vertrakten Geschlecht auch mit noch so vieler Vorsicht entgegen, das Fazit is immer, daß man sich zur Nachsicht bequemen muß. Lied 1               Wir sind vorsichtig, wenn sich ein Liebhaber zeigt, Und verbergen ihm's langmächtig, daß wir ihm geneigt; Wir sein vorsichtig vor dem entscheidenden Schritt Und erkundigen uns genau um sein' Konduite; Wir frag'n vorsichtig nach, dort und da in der Stadt, Ob er Liebschaften, Schuld'n od'r ein' Dusel oft hat. Da erfahrt m'r allerhand und sagt: »Freund, es is nix!« – »Ha!« schreit er, »du magst mich nicht? – Gut, augenblicks Schieß' ich mir drei Kugeln in d' Herzgrub'n hinein!« – Was bleibt ein' da übrig als nachsichtig sein? 2 Wir sind vorsichtig, wach'n üb'r d' Kassa als Fraun, Daß wir sehn, wenn er heimlich ein Geld tut verhaun: Wir sind vorsichtig, wenn wir ein' Mann hab'n, und schaun, Wenn er ausgeht alleinig, ob ihm auch zu traun. So kommt man ganz vorsichtig ihm auf die Schlich' Und schreit dann: »Ha, Elender, so täuschest du mich!« Da wird er kasweiß, verliert d' Fassung und schwört, Es wird nie mehr geschehn, kniet sich nieder auf d' Erd' – Na, jetzt, 's eigne Gewiss'n is just auch nicht ganz rein, Was bleibt ein' da übrig als nachsichtig sein? 3  Repetitionsstrophe Wir sind vorsichtig, wenn der Mann 's Podagra hat, Damit er nicht in seine Launen h'nein g'rat't; Wir schaun vorsichtig, daß er sein' Tee pünktlich kriegt, Daß die Schlafhaub'n auf 'm nämlichen Platzl g'wiß liegt; Wir sind vorsichtig, daß ka Speis' schlecht auf 'n Tisch kummt, Weil er weg'n einer Einmachsoß vierzehn Tag' brummt; Man laufet gern vorsichtig auf und davon, 's is nix G'schenkts, wenn die Zeit anruckt, wo so ein Mann Statt der Zärtlichkeit kagetzt jahraus und jahrein: Da bleibt wohl nix übrig als nachsichtig sein. (Durch die Seitentüre rechts ab.) Vierzehnte Szene Gigl. Dann Schnoferl. Gigl (zur Mitteltüre links hereineilend) . Sie war's! Durch 'n Hof is sie gegangen! Sie war's, ich hab' s' vom Fenster g'sehn! Das Mädl in perkallenem Kleid war sie, keine andre als sie. Jetzt kann s' auf der Stieg'n sein. (Auf die Mitteltüre links deutend.) Da muß sie hereinkommen, da stell' ich mich her. (Stellt sich an die Mitteltüre links.) Schnoferl (zur Mitteltüre rechts eintretend) . Was rennst denn wie ein B'seßner? Gigl (für sich) . Da hat ihn der Teuxel! (Laut.) Dich hab' ich g'sucht. Schnoferl . Ich bin ja neben deiner g'standen. Gigl . Das hab' ich übersehn, du sollst g'schwind zum Herrn von Kauz kommen. Es hat mit 'n Eh'kontrakt ein neues Nisi, die Beiständ' und der Notarius stecken die Köpf' z'samm'. Schnoferl . Was kann denn das sein –? Ah, da muß ich gleich – (durch die Mitteltüre ab). Fünfzehnte Szene Gigl. Dann Thekla und Nannette. Gigl . Den hätt' ich an'bracht. (Nach der Mitteltüre links horchend.) Ich hör's – dieses zarte Zeberln, das is ihr Gang, sie is's! (Stellt sich verbergend in eine Ecke des Zimmers.) Nannette (mit Thekla zur Mitte links eintretend) . Gedulden Sie sich da einen Augenblick, ich werd' schauen, ob 'die gnädige Frau – Thekla . Oh, ich kann schon warten. (Nannette durch die Mitteltüre rechts ab.) Sechzehnte Szene Gigl. Thekla. Gigl (vortretend) . Thekla –! Thekla (erschrocken) . Ha, Sie sind da –? Gigl . Leider nicht als a ganzer! Was der nagende Gram noch übrig lassen hat von mir, das is da. – Wodurch hab' ich das verdient? Thekla . Was denn, Herr von Gigl? Gigl . War mein Betragen nicht artig? Bin ich nicht überhaupt still, bescheiden und eingezogen? Thekla . Gewiß! Gigl . Und Sie sind ausgezogen und hinterlassen mir keine Adress'? Thekla . Wenn Sie wüßten – Gigl . Wenn Sie lieber wüßten, was das für ein trostloser Zustand is, ein Liebhaber ohne Adress' – ein junger Spatz, der aus 'n Nest fallt, ein Hecht, den s' in ein' Körbl tragen, ein Pinsch, der ohne Halsband umlauft, das alles is noch Gold gegen einen Liebhaber ohne Adress'! Thekla . Sie haben mir einen großen Dienst geleistet, wie Sie mich damals abends vor den Zudringlichkeiten eines kecken Menschen beschützt haben! Sie haben mich nach Haus g'führt, und aus Dankbarkeit hab' ich Ihnen erlaubt, mich zu besuchen. (Seufzend.) Es war unrecht, und ich darf Ihnen nicht mehr wiedersehn. Das war der Grund – Gigl . Lügen S' nit, Sie können mich nicht leiden! Der Grund kommt mir viel gründlicher vor. Thekla (ihr Gefühl mühsam verbergend) . Glauben Sie, man darf nur die Leut' nicht wiedersehn, die man nicht leiden kann? Gigl (entzückt) . Also Sie sind mir gut? Thekla, göttliche Thekla! Dann is es was anderes, was Ihnen geniert. Haben S' vielleicht recht a schlechts Quartier, was macht das? An ihrem vorigen war ja auch nix dran. Oder haben S' kein' Extra-Eingang? Ich lass' durchbrechen, an welcher Seiten als Sie wollen! Oder haben S' keine Möbeln? Ich stell' Ihnen Einrichtung hinein, daß S' Ihnen nicht mehr rühren können. Thekla . Herr von Gigl, Sie beleidigen mich – Gigl . So war's nicht g'meint! Ich weiß, Sie sind ohne Intresse, das is schön, aber ich bin ohne Adresse, das is nicht schön, das is schauderhaft. Thekla . Denken Sie gar nicht mehr an mich, Sie müssen mich vergessen! (Sehr ernst.) Wenn Sie alles wüßten – Gigl (dringend) . Ich weiß ja gar nix. Wo logieren Sie? Thekla, wo wohnen Sie? Thekla, wo sind Sie zu finden? Thekla . Das werden Sie nie erfahren! Gigl (immer dringender) . Ich lass' Ihnen nicht mehr aus, ich folg' Ihnen Schritt vor Schritt, ich werde zudringliche Kletten, mein Entschluß ist fest, eher den Tod als ein Leben ohne Adress'! – Thekla . Sie werden mich bös machen! Schämen Sie sich, ein armes Mädel so – Gigl . Ich lass' nicht nach, und wenn die Welt einstürzt – (erschrocken zurückweichend) muß der Teuxel grad jetzt – Siebzehnte Szene Kauz. Schnoferl. Die Vorigen. Kauz (mit Schnoferl aus der Mitteltüre rechts eintretend, Thekla bemerkend) . Schau, der junge Herr hat G'sellschaft! Schnoferl (leise zu Gigl) . Du bist ein lieber Kerl, mir scheint, deßtweg'n hast mich fortg'schummelt. Kauz (hat Thekla näher betrachtet und erkennt sie) . Sie wollen mit jemand sprechen? Thekla . Mit der Frau von Erbsenstein, wegen Chemisetten – Kauz (für sich) . Sie kennt mich nicht, das is g'scheit. Schnoferl . Übrigens unterhalt'st du dich recht gut? Gigl (verlegen) . Ich kenn' die Mamsell – von – von dazumal – wie – vor a vier bis fünf Wochen war's einmal hübsch dunkel abends, und da hat sich einer ang'macht an sie und war zudringlich, keck – ich geh' hinten drein – seh' ihre Angst – Schnoferl . Also eine Rettungshistorie? Gigl . Und 's war ein alter, schiecher Ding – Kauz (beleidigt, für sich) . Strohkopf! (Laut zu Gigl.) In der Finster kann man so was nicht beurteil'n. Gigl . Ich werd' giftig, lauf' hin und gib dem verliebten alten Kater ein' Renner, daß er auf ja und nein vis-à-vis auf 'n Eckstein g'sessen is. Kauz (sich vergessend) . Also du warst das –? Gigl . Wie meinen der Herr von Kauz –? Kauz (sich korrigierend) . Ich will nur sagen, du warst so ein Held? – (Abbrechend.) Unter anderm aber, was laßt denn du mir durch 'n Herrn Schnoferl sagen, im Eh'kontrakt hätt' sich ein Nisi ergeben? Gigl (verlegen) . Ich – ich hab' nur – Kauz . Es is ja nicht wahr, 's is ja alles in der schönsten Ordnung, und deiner Heirat steht gar kein Hindernis im Weg. Thekla (zu Gigl) . Sie heiraten? Gigl (in der peinlichsten Verlegenheit, leise zu Thekla) . Glaub'n Sie's nicht, es is nicht dem so – Schnoferl (zu Gigl, leise) . Also komm, Gigl, mach' ein' G'scheiten, schlag dir dein dalkets Ideal aus 'n Sinn! Betracht' zum Beispiel nur die (auf Thekla deutend) , da kannst dir ein Muster nehmen, was es für Mädln gibt auf der Welt! Da parier' ich doch ung'schauter, deine Thekla is nicht halb'n Teil so sauber als diese Putzerin. Gigl . Die Parie tätst verlier'n. Achtzehnte Szene Nannette. Die Vorigen. Nannette (aus der Seitentüre kommend) . Mamsell Thekla, die gnädige Frau erwart't Ihnen. Thekla . Ich bin zu Befehl. (Geht zur Seitentüre mit Nannette ab.) Neunzehnte Szene Gigl. Kauz. Schnoferl. Schnoferl . Thekla heißt die? Mir geht ein Licht auf – Kauz . Ein hübscher Name, Thekla! Gigl (nimmt rasch seinen Hut, zu Kauz) . Sie verzeihn, ich hab' einen notwendigen Gang! (Will Mitteltüre links ab.) Schnoferl (ihn zurückhaltend, spricht, daß es Kauz nicht hören kann) . Halt, das also is diese Thekla –? Gigl (sich losmachen wollend) . Geht's dich was an? Schnoferl . Dageblieben! Du willst jetzt auf der Gassen unt' passen auf sie – Gigl . Geht's dich was an? Schnoferl . Nicht von der Stell'! Deine unverdiente herrliche Braut willst du so blamieren vor der ganzen Gesellschaft? Gigl (wie oben) . Geht's dich was an? Kauz (für sich) . Was streiten denn die miteinand'? Schnoferl (noch immer Gigl am Rockschoß haltend) . Wenn du nicht Räson annimmst, so zieh' ich meine Hand ab von dir. Gigl . So tu's nur einmal! Schnoferl (wie oben) . Renn' in dein Verderben! Gigl . Das will ich, aber du laßt mich nicht aus. Kauz . Gigl, dein' Braut kommt. Zwanzigste Szene Frau von Erbsenstein. Die Vorigen. Frau von Erbsenstein (aus der Seitentüre links kommend) . Gottlob, daß ich diese Leut' einmal vom Hals hab'. Kauz . Ja, ja, die Gesellschaft wart't auf dich. Schnoferl . Is die Stickerin fort, die bei Ihnen –? Frau von Erbsenstein . Das is eine verruckte Person! Ich will ihr neue Arbeit geben, und sie nimmt's nicht an, sagt, sie hat ihre Wohnung verändert und muß ihre neue Adress' durchaus verschweigen. Kauz . Is sie noch in dein' Zimmer, Nièce? Frau von Erbsenstein . Nein, sie hat gebeten, ich sollt' s' nur g'schwind über die andere Stiege hinunterlassen. Gigl (halb für sich) . Fort!? Da muß ich nach! Schnoferl (ihn zurückhaltend) . Halt, dageblieben! Frau von Erbsenstein (über Gigls Benehmen befremdet, zu Kauz) . Was hat er denn? Kauz . Ich weiß nicht, der Mensch is ordentlich damisch, seitdem er diese Mamsell Thekla da g'sehn hat. Frau von Erbsenstein (auffahrend) . Thekla heißt sie? Diese Stickerin is diese Thekla!? Kauz . Der Namen Thekla hat eine eigene Wirkung. Jetzt keine Dalkereien g'macht! Der Herr Notarius glaubt sonst, wir halten ihn für ein' Narren. G'schwind zur Unterschrift! Gigl . Unterschrift –? Hier (aufs Herz deutend) is eine Inschrift, die keine Unterschrift duldet, der Namen Thekla is hier mit unauslöschlicher Merktinten geschrieben. – Mir wird kurios – mich wandelt was an – ich lös' mich auf – ich fall' um – (Sinkt in einen Stuhl links.) Schnoferl . Da liegt er! Kauz (auf Frau von Erbsenstein deutend) . Da steht sie wie versteinert – Schnoferl (hat nach der Mitteltüre rechts gesehen) . Und da kommt Notarius und Gesellschaft. Frau von Erbsenstein . Nein, die Schand! Ich sink' in die Erd'! Schnoferl . Das is nur in ein' Zauberstück möglich, hier is keine Red' davon. Frau von Erbsenstein . Eine Braut hat das Recht, in Ohnmacht z' fallen, aber ein Bräutigam – Kauz . 's is infam! – Schnoferl (zu Frau von Erbsenstein) . 's bleibt nichts übrig, als Sie fall'n in der G'schwindigkeit auch um! (Führt sie zum Stuhl rechts.) Frau von Erbsenstein . Sie hab'n recht, Schnoferl, mir wird ohnedem – (Sie sinkt in den Stuhl.) Schnoferl . Jetzt kann man den Leuten doch sag'n – Frau von Erbsenstein (aufspringend) . Daß ich zuerst umg'fall'n bin! Schnoferl . Freilich! Freilich! Legen S' Ihnen nur nieder, sie sind schon da! (Frau von Erbsenstein sinkt schnell wieder in einen Stuhl.) Einundzwanzigste Szene Gesellschaft. Notar. Die Vorigen. Chor der Gesellschaft . Das Brautpaar nicht zu sehn, Was is denn da geschehn? Schnoferl . Die Braut is in Ohnmacht g'fall'n, d' Nerven sind schwach! Über das trifft den Bräutigam völlig der Schlag! Chor der Gesellschaft . Ah, das is ein Malheur, Nur schnelle Hilfe her! (Ein Teil der Gesellschaft drängt sich um den Stuhl, in welchem Frau von Erbsenstein in Ohnmacht liegt, ein anderer um den Stuhl, in welchem sich Gigl zu erholen anfängt; unter allgemeiner Verwirrung fällt der Vorhang.) Zweiter Akt Ordinäres Zimmer in einem Vorstadthause mit zwei Seitentüren und einer Mitteltüre, welche in das Vorhaus führt; rechts und links Stühle. Erste Szene Knöpfel. Madame Storch. Rosalie. Sabine. Peppi. (Rosalie, Sabine, Peppi sitzen an dem Tische rechts und sind mit Nähterei beschäftigt. Madame Storch steht beim Tische links und ist beschäftigt, fertige Arbeiten zu ordnen. Knöpfel sitzt an demselben Tisch und schreibt in einem großen Buch.) Rosalie , Sabine , Peppi (lachen) . Ha, ha, ha, ha! Knöpfel . So hört doch zu lachen auf! Seht ihr denn nicht, ich mach' grad mein' Inventur oder was? (Schreibt emsig fort.) Madame Storch . Lacht's weniger und arbeit't's mehr! Rosalie . Wir lachen und arbeiten zugleich. Sabine . Wenn man sich nicht einmal aufheitern dürft' – Rosalie . A Nähterin is eh' ein traurig's G'schäft! 's ganze Jahr an Ausstaffierungen arbeiten mit dem Gefühl, selbst nie in die Lag' zu kommen, wo man eine Ausstaffierung braucht. Sabine . Wer sagt denn das? Ich glaub', wir machen Eroberungen g'nug! Peppi . Gott sei Dank! Rosalie (zu Peppi) . Du gar, du eroberst alles z'samm. Madame Storch . An Eroberungen ist freilich kein Mangel. Rosalie (zu Sabine) . Aha, fangt schon wieder an, die Eitle! Jetzt red't die auch! Knöpfel (rechnend) . Achtunddreißig und drei is einundvierzig oder wie – Rosalie (Sabine zuwinkend, zu Madame Storch) . Haben Sie schon lang keine Eroberung gemacht, Madame? Madame Storch . Die Tag' erst is mir einer nach'gangen, ein gesetzter, bejahrter Herr. Sabine . Ein Alter! Knöpfel (rechnend) . Neunundfünfzig und sieben is sechsundsechzig oder was. Madame Storch . Das gibt der Sache einen Wert, von junge G'schwufen red' ich gar nix. Rosalie (spöttisch, für sich) . Ich glaub's! (Zu Madame Storch.) Hat sich aber nicht wieder gezeigt, der gesetzte Herr? Madame Storch . Ich hab' ihn abgetrumpft, ich bin nicht so, daß ich mich gleich in Diskurs einlass'. Knöpfel . Oder was. Madame Storch . Ich bin aber überzeugt, er paßt mir wieder wo auf. Sabine . Freilich! Rosalie . Wenn sich so ein g'setzter Mann einmal was in Kopf setzt – Madame Storch . Unter anderm, wißt's ihr, mit wem ich heut' g'sprochen hab'? Sabine . Wie können wir das wissen? Rosalie . Wir kommen ja den ganzen Tag nicht von der Arbeit weg. Knöpfel (aufstehend) . Schwester, das int'ressiert mich, mit wem hast denn g'red't oder was? Madame Storch . Mit unserer Nachbarin, mit dem Mädl, die die Tag' erst ein'zogen is. Rosalie . Mit der Langweiligen von der rückwärtigen Stieg'n? Knöpfel (sehr neugierig) . Na, und was hast du heraus'kriegt aus ihr? Madame Storch . Sie bleibt ein' nie stehen, ich hab' s' aber dasmal festg'halten beim Fürtuch, so hat s' reden müssen. Ich hab' s' eing'laden, daß s' uns besucht. Sie sagt aber, sie geht nirgends hin, sie will weder Leut' sehn noch g'sehn werden von d' Leut'. Sabine (spöttisch lachend) . Jetzt will die keine Leut' sehn! Rosalie . Da wird weiter den Leuten nicht leid sein drum! Knöpfel . 's Ganze is auf 'n Schein oder wie? Madame Storch . Na, es scheint doch, daß eine innere Kränkung – Knöpfel . Oder was. Madame Storch . Wie ich s' aber wieder begegn' untern Tor, so kommt s' mir g'wiß nicht mehr aus, ich führ' s' herein, und sie muß uns ihr ganzes Schicksal haarklein erzählen. Rosalie . Da wird halt ein ganz gewöhnliches Schicksal herauskommen. Sabine . Man weiß ja, wie die Schicksale sind. Knöpfel . Natürlich. Jetzt muß ich aber nochmals ins G'wölb' hinunter, muß mir ein paar Belege zur Inventur holen, und das zwar gleich oder wann. Zweite Szene Die Vorigen. Schnoferl (tritt zur Mitte ein). Alle . Der Herr Schnoferl! Knöpfel . Servus, Freund, Servus oder was. Madame Storch . Was? Sie sein auch noch auf der Welt? Sabine . Ich wär' lieber gar nicht mehr kommen! Rosalie . Er hat wichtige Geschäfte! Sabine . Und kommt viel in noble Häuser! Madame Storch . Ordinäre Leut' wie wir sind ihm zu wenig! Knöpfel (zu Schnoferl) . Sie nehmen's nicht übel, ich hab' noch ein'n Augenblick z' tun im G'wölb' oder wo. Schnoferl . Ich hab' schon später noch das Vergnügen. Knöpfel . Denn i muß jetzt die Inventur machen oder was. (Eilt zur Mitte ab.) Sabine . Wir werden jetzt gleich hören, was er für Entschuldigung hat. (Zu Schnoferl.) Reden Sie! Schnoferl . Wie befinden Sie sich? Sabine . Glauben Sie vielleicht, wir härmen uns ab über Ihr Ausbleiben? Schnoferl . Sie befinden sich? Rosalie . Es is nur die Red' von der Unart. Schnoferl (mit noch mehr Nachdruck) . Wie befinden Sie sich also? Madame Storch , Rosalie , Sabine , Peppi . Gut, sehr gut! Schnoferl . Das is schön, um so mehr Teilnahme sind Sie dem schuldig, der sich nicht gut befindet. Rosalie . Wer befind't sich denn schlecht? Schnoferl . Ein meiniger Freund. Madame Storch , Rosalie , Sabine , Peppi . Ein Freund –? Schnoferl . Ich hab' einen Freund – Sie werden wissen, was Freundschaft ist, denn Sie haben ja auch jede einen Freund – mein Freund ist unglücklich, er leidet sehr. Sabine . Wer hat ihm denn was getan? Schnoferl . Ein Mädl! Madame Storch . Also eine Liebesg'schicht'! Was geht das uns an? Schnoferl . Kritische Fälle pflegt man immer Sachverständigen vorzutragen. Mein Freund is wahnsinnig, will sich umbringen aus Liebesgram. Sabine . 's gibt halt doch noch Leut', die eine Bildung haben. Peppi . Is diejenige also spröd'? Schnoferl . Gegen meinen Freund ist sie's. Rosalie . Und gegen andere is sie's vielleicht nicht? Schnoferl . Darüber schweigt der Historiker. Mein Freund hat an dem, daß sie ihn nicht mag, hinlänglichen Verzweiflungsstoff. Rosalie . Is er vielleicht recht schiech? Schnoferl . Schiech, unendlich schiech über sein Schicksal. Sabine . Wir meinen sein Äußeres, is das schön? Schnoferl . Schön, unendlich schön, wenn eine halbwegs glühende Phantasie das ruhige Anschaun unterstützt. Übrigens will ich gar nix davon sagen, daß er reich is. Rosalie , Peppi , Sabine . Reich? Schnoferl . Ich weiß, das int'ressiert euch Mädln nicht, aber er is sehr reich. Rosalie (mitleidsvoll) . Der arme Mensch! Sabine . Bedauert mich von Herzen! Peppi . Wirklich jammerschad'! Schnoferl . Wie g'schwind sich 's Mitgefühl zeigt, wenn so ein armer Mensch reich ist! Sie allein können helfen, meine Aimablesten. Rosalie , Peppi , Sabine . Wir? Schnoferl . Reißen Sie diese Lieb' aus seinem Herzen heraus! Wer verstünd, das besser als Siel Sabine (geziert) . Was können wir da machen? Rosalie (ebenso) . Ich wüßt' gar nicht – Peppi (ebenso) . Hör'n S' auf! Schnoferl . Mein Freund is krank, herzenskrank durch ein Mädl, ich will diesen Zustand durch Mädln vertreiben. Rosalie (geziert) . Warum nicht gar! Sabine (ebenso) . Was fallt Ihnen ein! Schnoferl . Ich setz' einen Preis auf sein Herz; die ihn auf andre Gedanken bringt, erhält – Madame Storch . Das wär' überflüssig, das Herz eines schönen reichen Menschen ist ja ohnehin Preis genug. Ich hab' jetzt nur so ein' wichtigen Gang. (Nimmt ein Paket vom Tische links.) In jedem Fall aber, Herr Schnoferl, hab' ich noch das Vergnügen, Ihnen samt Freund zu sehn. (Eilt zur Mitte ab.) Dritte Szene Die Vorigen ohne Madame Storch. Schnoferl . Der Unglückliche sitzt daneben im Kaffeehaus und starrt mit düsterm Blick in seinen Schwarzen hinein. Ich hol' ihn herauf. (Eilt zur Mitte ab.) Vierte Szene Die Vorigen ohne Schnoferl. Rosalie . 's is eigentlich eine rechte Verlegenheit für uns. Sabine . Wenigstens müssen wir so tun, als ob's eine wär'. Peppi . Sollt' ich wirklich mein'n Eduard kränken? Rosalie . Ich bin gar nicht recht in der Stimmung, eine Falschheit zu begehn. Sabine . Und was geht uns im Grund der ganze Mensch an? Rosalie . Nehmen wir gar keine Notiz von ihm. Peppi . 's wird 's G'scheiteste sein. Sabine (zu Peppi) . Du, schau, das Tüchel schlieft mir so herauf, richt' mir's! (Peppi ordnet ihr das Halstuch.) Rosalie . Mir halten heut' wieder die Locken nicht. (Richtet sich am Spiegel die Frisur.) Peppi . Sali, find'st du nicht, daß ich heut' so trübe Augen hab'? Rosalie . Warum lest immer halbe Nächt'! (Zu Sabine.) Du, Sabin', schau, ob mir da nicht 's Mieder vorgeht. Sabine (ordnet an Rosaliens Anzug) . Nein, nein, bist schon schön! Rosalie . Grad heut' hab' ich mich so nachlässig ang'legt. Peppi (hat nach der Mitteltüre gehorcht) . Ich glaub', er kommt. Rosalie . Setzen wir uns zur Arbeit! Sabine . Sonst schaut das Ding aus, als ob wir g'wart't hätten auf ihn. Fünfte Szene Schnoferl. Gigl. Die Vorigen. Schnoferl (Gigl vorstellend) . Hier, meine Scharmantesten, hab' ich die Ehre, Ihnen meinen Freund aufzuführen. Peppi . Sie verzeihen – Rosalie . Bei uns is alles so in Unordnung, wir war'n gar nicht gefaßt. Sabine . Wir erhalten nie Besuche. Schnoferl (zu Gigl) . Is das was Liebes – diese gänzlich unbesuchten Geschöpfe! So red' doch was! Rosalie . Wir haben gar keine Zeit, Bekanntschaften zu machen. Sabine . Sind immer so mit Arbeit überhäuft. Schnoferl (leise zu Gigl) . Siehst, Sie haben gar keine Zeit, diese guten überhäuften Wesen. Red' doch was, sag' eine Galanterie! Gigl . Ich bin so frei – Schnoferl (zu den Mädchen) . Sehn Sie, Sie haben glaubt, er is so schüchtern, und jetzt sagt er's selber, daß er so frei is. Ah, 's is ein lustiger Ding, jetzt noch nicht, aber später vielleicht. Peppi (Gigl einen Stuhl anbietend) . Is es gefällig, Platz zu nehmen? Gigl . Ich bin so frei. Rosalie (zu Sabine) . Die hat nit warten können, bis wir ihm einen Sessel offerieren. Sabine . Sie will die Zuvorkommende spielen. Schnoferl (leise zu Gigl) . Sag' jetzt was vom »Schlaf nicht austragen« oder »Platz an Ihrer grünen Seite« oder sonst was, was dich als Mann von Welt charakterisiert. Gigl . Ich bin so frei. Sabine . Das sind Sie nicht, im Gegenteil, Sie sind bescheiden. Rosalie . Und das is das, was wir schätzen an einem Mann. Sabine . Wenn man Männer mit Blumen vergleichen dürft' – Rosalie . So könnt' man Ihnen mit dem bescheid'nen Veilchen vergleichen. Sabine (ärgerlich beiseite) . Das is stark, die schnappt mir 's Wort vom Maul weg, und der klassische Gedanke is von mir. Schnoferl . Erlauben Sie, daß ich gegen das unverdiente Renommee dieser Blume einen Einspruch tu'. Das Veilchen drängt sich z' allererst hervor, kann's kaum erwarten, bis 's Frühjahr wird, überflügelt sogar das Gras, damit's nur ja früher als alle andern Blumen da is auf 'n Platz – wo steckt da die Bescheidenheit? Aber 's geht schon so, so kommt auch mancher Mensch zu einem Renommee, er weiß nicht wie. Weltlauf! Peppi (hat Gigl betrachtet, für sich) . Ich find', er sieht ganz mein'm Eduard gleich. – Rosalie (ebenso) . Augen hat er wie der Subjekt, der immer aus der Offizin da drüben auf mich herüberschaut. Sabine (ebenso) . Den Wuchs hat er ganz von dem herrschaftlichen Laufer, der mir so nachsetzt. Gigl (leise zu Schnoferl) . Sag' mir nur, wegen was d' mich herg'führt hast? Schnoferl (leise zu Gigl) . Undankbarer, um dir zu zeigen, daß außer deiner Thekla die schöne Welt noch nicht mit Brettern verschlagen is. Gigl (leise zu Schnoferl) . Ich soll also einer die Cour machen? Schnoferl (leise) . Freilich. Gigl (wie oben) . Welcher denn? Schnoferl . Egal, die Sabin' is schön wie ein Engel, die Rosalie und Peppi sind schön wie die Engeln, also is es ein Teufel, die welche du nimmst. Gigl . Nein, du, es geht nicht! Sechste Szene Madame Storch. Die Vorigen. Madame Storch (in großer Aufregung zur Mitte eintretend) . Mir wird übel! Alle (außer Gigl, der wenig Anteil nimmt) . Die Madame –! Madame Storch . Mir wird übel! Schnoferl . Was is denn da gut dafür? Madame Storch . Ein' Sessel! Schnoferl (zu Gigl) . Gigl, steh auf! Madame Storch . Ah, ist das Ihr Freund? Freut mich, die Ehre zu haben. Gigl . Ich bin so frei – Madame Storch (für sich) . Recht ein artiger Mann! Schnoferl (Madame Storch den Stuhl präsentierend) . Is Ihnen vielleicht noch gefällig, unwohl zu sein? Madame Storch . Es wird bereits besser. Schnoferl . Was is Ihnen denn passiert? Madame Storch . Eine Keckheit, eine Verwegenheit – wenn nur mein Bruder da wär' – ein Herr is mir nachgegangen. Schnoferl . Und das hat Ihnen um die Fassung gebracht? Rosalie (zu Peppi und Sabine) . 's g'schieht ihr halt nicht gar oft. Sabine (zu beiden) . Da müßten wir alle Tag' ohnmächtig nach Haus kommen. Madame Storch (zu Schnoferl und Gigl) . Und stellen Sie sich vor, bis ins Haus herein verfolgt er mich! Schnoferl . Ja, die jungen Leut' haben eine Effronterie – Madame Storch . Oh, der war nicht jung. Schnoferl . Aber die Effronterie wird er noch von der Zeit her haben, wie er jung war. Madame Storch (affektiert ängstlich) . Ich hör' was an der Tür, wenn er etwan gar – oh, meine Herren, schützen Sie mich! Rosalie (zu Sabine) . Die braucht ein'n Schutz! Sabine . Jetzt wird gleich mir übel wer'n. Schnoferl (zu Madame Storch) . Sei'n Sie ruhig, den woll'n wir – Gigl, geh her! Gigl . Was soll denn g'schehn, niederschlag'n oder hinauswerfen? Schnoferl . Keins von beiden, wir müssen ihm was tun, was ihn geistig demütigt, ohne ihn körperlich zu verletzen. Gigl . Wie tut man das? Schnoferl . Was im Mittelalter ein Schlag mit der flachen Klinge auf den Rücken war, das is in der neueren Zeit ein Schlag mit der flachen Hand auf den Hut. Stell' dich da her! (Gigl und Schnoferl stellen sich zu beiden Seiten dicht an die Türe.) Madame Storch . Wie glücklich ist man, wenn man unter Männerschutz – Schnoferl (mit gedämpfter Stimme) . Still! Siebente Szene Kauz. Später Knöpfel. Die Vorigen. Kauz (öffnet leise die Mitteltüre und spricht, noch außerhalb) . Da muß es sein! (Er schleicht einen Schritt herein, a tempo schlagen ihn Gigl und Schnoferl zugleich auf den Hut, daß er ihm übers Gesicht herab bis auf die Schultern zu sitzen kommt.) (Die Mädchen lachen.) Kauz . Zu Hilfe! Zu Hilfe! (Bemüht sich, den Hut wieder in die Höhe zu ziehen.) Schnoferl . Sie ist vollbracht, die kühne Tat! Gigl (Kauz von allen Seiten betrachtend) . Das is ja – Kauz (hat endlich den Hut wieder hinaufgebracht) . Verdammt, ich wär' bald erstickt! Schnoferl (ihn erkennend) . Was Teuxel?! Seh' ich recht –!? Gigl . Der Herr von Kauz! Kauz (äußerst betroffen) . Schnoferl, Gigl –!? Madame Storch , Peppi , Sabine , Rosalie (für sich) . Sie kennen sich!? Kauz (aufgebracht zu Gigl) . Und du hast dich unterstanden – Gigl . Ich bitt' um Verzeihn, ich hab' Ihnen nicht aus eigenem Antrieb den Hut angetrieben, (auf Schnoferl deutend) von dem is diese Idee. Schnoferl . Oh, ich bitt', diese Idee is nicht neu und wahrscheinlich mit der Erfindung der Hüte selbst von gleichem Alter. Übrigens haben wir in Sachen geängstigter Tugend kontra unbekannten Verfolger gehandelt, das adelt unsere Tat und überhebt uns jeder Entschuldigung. Madame Storch (zu Kauz) . Mir is unendlich leid, ich hab' nicht gewußt, daß Sie ein Bekannter von diesen Herren – Schnoferl (Kauz präsentierend) . Ein, das abgerechnet, scharmanter Partikulier. Madame Storch (sehr höflich zu Kauz) . Oh, ich bitte, gefälligst Platz zu nehmen. Kauz . Oh, ich dank', die Füß' tun mir nicht weh, eher der Kopf. Schnoferl . G'schicht Ihnen recht! Warum haben Sie diesen Kopf in ein Haus gesteckt, wo Sie nix zu suchen haben? Kauz . Ich hab' hier was zu suchen! (Auf Gigl zeigend.) Den jungen Herrn da hab' ich gesucht, meine Nièce hat mir den Auftrag gegeben, seine Schritte zu beobachten. Schnoferl . Und deßtwegen –? Kauz . Ja, deßtwegen. Madame Storch (für sich) . Der alte Herr is ein Pfiffikus! Schnoferl (zu Kauz) . Was g'schieht mir denn, wenn ich's nicht glaub'? Kauz (erbost) . Und überhaupt is das Ganze kein Grund, einen distinguierten Mann, der doch kein Schulbub' mehr is, auf eine so normalmäßige Weise zu behandeln. Schnoferl . Trösten Sie sich, kurz war der Schmerz, und wenn auch die Freude nicht ewig is, so soll sie doch den ganzen Abend dauern. (Ihm die Anwesenden vorstellend.) Hier die aimable Pfaidlerin, Wäschfabrikantin und Hemdhandlerin Madame Storch und hier ihre Nichte und Verwandten. Knöpfel (eintretend) . Ich hör' ein' Lärm oder was! Schnoferl (Knöpfel präsentierend) . Und hier vor allem Herr Knöpfel, der Herr vom Haus und Bruder der Madame Storch. Kauz . Bitte, es nicht ungütig zu nehmen. Schnoferl (zu Knöpfel, Gigl und Kauz vorstellend) . Meine intimsten Freunde Gigl und Kauz. Knöpfel (komplimentierend) . Dero Besuch ist mir unendliche Ehre oder was. Kauz . Nur damit ich auf den jungen Menschen ein wachsames Auge haben kann, wage ich es, von Ihrer gütigen Erlaubnis zu profitieren. (Für sich.) Diese Mädeln, diese Madame – das wird ein deliziöser Abend! Ich bin in die Heimat der Grazien gedrungen, ich bin doch ein Teufelskerl, ich! Knöpfel (für sich) . Die Herren suchen meine Bekanntschaft oder was? Da muß ich mich zeigen und ein nobles Traktament – wenn ich nur bei Kassa wär' jetzt oder wann! (Zu Kauz und Gigl.) Sie entschuldigen einen Augenblick! – I muß geschwind rückständige Gelder eintreiben oder was. (Nimmt seinen Hut und eilt zur Mitte ab.) Schnoferl . Und jetzt wollen wir bloß auf Unterhaltung denken. Kauz (fidel) . Das is recht! Schnoferl . Ein großes Souper aus 'n Stegreif arrangieren. (Zu Madame Storch.) Nur geschwind nachg'schaut, was von Alimenten in Haus is und was fehlt – Kauz . Ich schaff' alles her, nur sagen, was abgeht! Alle . Scharmant! Schnoferl . Also in die Kuchel, Speis'zettel g'macht und z'samm'g'holfen von allen Seiten! Gigl, rühr' dich! Gigl . Was soll ich denn tun? Schnoferl . Feuer machen und als Kucheljung' die weitern Befehle dieser reizenden Köchinnen erwarten. Die Mädchen . Das wird prächtig wer'n! Madame Storch . Also, vorwärts! (Mit Gigl, Rosalie, Peppi und Sabine zur Seitentüre rechts ab.) Kauz (ihnen folgen wollend) . Bitte, mich auch als Küchenmädel zu betrachten. Schnoferl . Herr von Kauz, auf ein Wort! Achte Szene Kauz. Schnoferl. Kauz . Was denn? Nur g'schwind! Schnoferl . Sie gehn mir unter anderm a bissel stark in Füßen herum. Kauz . Ich hab' Ihnen schon g'sagt, warum ich da bin. Schnoferl (ihn messend) . Sie nobler Mann, der so viel Glück macht in der eleganten Welt, der seine Leidenschaften noch nie über a Glacis getragen, ich hab' halt doch recht g'habt mit der Bruckengassen! Sie steigen der Madame Storch nach. Kauz (verlegen) . Das heißt – Schnoferl . Was es heißt, das brauchen Sie mir nicht zu erklären. Kauz . Sie is wirklich nicht übel, diese Madame Storch, und auch ihre Arbeiterinnen, aber wie kommt's denn, daß Sie den Gigl –? Schnoferl . Das will ich Ihnen sagen. Er glaubt an einem solchen Mädl sein Ideal gefunden zu haben. Nun will ich ihm diese ganze Mädlgattung näher zu kennen geben, damit er dann einsieht, wie Ihre Nièce, die er plantieren will, hoch erhaben ist im Vergleich mit diesem Wesen-Genre. Kauz . Das is vernünftig. Oh, über diese rätselhafte Thekla werden wir bald Näheres – meine Nièce weiß schon was und is heut' ausgegangen, um mehr von ihr zu erfahren. Ich weiß nicht, was sie vorhat, aber so in Zorn hab' ich die Frau nicht g'sehn, seit ihr Mann tot is. Übrigens müssen Sie ihr nichts sagen, daß Sie mich da gefunden haben. Schnoferl . Schon recht! Kauz . Wissen Sie, man könnte mir das auslegen – Schnoferl . Na, ja, sag' i, 's is schon recht. Kauz . Und ich bin doch ein Mann, der – Schnoferl . Ich weiß schon, was Sie für ein Mann sein. Kauz . Aber sonst braucht's niemand z' wissen. Schnoferl . Parole! Unter anderm, wissen Sie, daß es sehr gut is, daß wir per ungefähr da zusamm'treffen? Ich hätt' sonst heut' noch zu Ihnen müssen. Wir haben heut' vormittag von dem gewissen Käfer gesprochen. Kauz (stutzend) . Nun? Schnoferl . Der is da. Kauz (etwas betroffen) . Was, der Käfer is hier? Schnoferl . Nicht in dem Haus! An'kommen is er hier, ein guter Freund hat mir schon seine Adresse verschafft. (Einen Zettel hervorziehend und Kauz zeigend.) Morgen vormittag geh' ich hin und heiz' ihm ein. Kauz (die Adresse besehend, decontenanciert) . Gehn S' ja nicht hin, is ein schlechter Mensch, der Käfer! Schnoferl . Nicht hingehen? Was fallt Ihnen ein? Kauz (sich korrigierend) . Das heißt, Sie sollen hingehn, hab' ich sagen wollen. Schnoferl . Mir scheint, Sie wissen vor lauter Madame Storch nicht, was S' reden. Jüngling, Jüngling, dich hat's kurios packt. Kauz . Morgen vormittag gehn Sie hin! Versäumen S' das ja nicht! Schnoferl (den Zettel nehmend und einsteckend) . Na ob! Kauz (beiseite) . Ich werd' aber schon in aller Fruh dort sein; ein Glück, daß ich jetzt die Wohnung weiß. Neunte Szene Madame Storch. Rosalie. Die Vorigen. Madame Storch (zu Rosalie) . Brav, da diskuriert er, und drin schreit alles um ihn! Schnoferl . Hat die Speis'zettel-Sitzung schon einen Beschluß gefaßt? Madame Storch . Vorderhand is man über einen Gugelhupf einig. Schnoferl . Und ich werde diesen Gugelhupf ins Leben treten lassen. Madame Storch . Schön, Sie haben darin eine eigene Geschicklichkeit. – Schnoferl . Dauerhaft mach' ich's wenigstens, nach drei Tagen muß man's noch g'spüren, wenn man von mir ein'n Gugelhupf gessen hat. (Zur Seitentüre rechts ab.) Zehnte Szene Die Vorigen ohne Schnoferl. Kauz . Und für mich haben Sie gar kein Geschäft? Madame Storch . Wär' nicht übel! So einen Herrn wird man belästigen! Rosalie . Schicket sich gar nicht. Kauz . Warum nicht? Im Dienste der Damen schickt sich alles. Madame Storch und Rosalie . Oh, zu gütig! Kauz (vertraulich) . Das einzige, was mich ein wenig geniert, is der Schnoferl. Madame Storch . Ich hab' geglaubt, er is Ihr Freund? Kauz . Ja, gar ein guter, lieber Freund, aber dabei ein äußerst mokanter Kerl; wir unterhalteten uns viel besser, wenn er nicht da wär'. Rosalie . Das wird sich für heut' nicht ändern lassen. Kauz . Für heut' nicht, aber für morgen. Ich hab' ein sehr schönes Landhaus in Weichselberg, einen prächtigen Garten mit Hutschen, Kegelstatt, Saletteln, Bosketteln und allem möglichen; da geben Sie mir morgen die Ehr', Frau von Storch, mit dem Herrn Bruder und der ganzen werten Familie, laden noch ein paar ein, wenn S' woll'n. Ich liebe Gesellschaft, vorzüglich weibliche Gesellschaft, bin ein jovialer Mann; da wird dann getafelt, gescherzt, geneckt, wir, werden uns prächtig divertieren. Aber nur dem Schnoferl nix sagen! Madame Storch . Also, so ein' schön' Garten haben der Herr von Kauz? Kauz . Das prächtigste Obst! Rosalie . Da darf man aber vielleicht nix abreißen davon. Kauz . Alles steht zu Befehl! Ich solltet's eigentlich verbieten, denn Sie reißeten 's deßtwegen doch ab, und verbotene Frucht schmeckt am süßesten. Elfte Szene Schnoferl (auf einem Teller aus Eiweiß einen sogenannten Schnee schlagend, kommt aus der Seitentüre rechts). Die Vorigen. Schnoferl . Madame Storch, wo is Mehl und Butter? Madame Storch (nach der Seitentüre links zeigend) . Da drin im Speis'kasten finden Sie alles. Schnoferl . Hören S' auf! Alles! Ja, 's fehlt überall hint' und vorn. Kauz . Was fehlt denn? Nur sagen, ich schaff' alles her! Schnoferl (zu Kauz) . Das is einmal a vernünftige Red! Gehn S' einkaufen! (Zu Madame Storch.) Hab'n S' kein Korb? G'schwind her damit! Rosalie (in die Türe links ablaufend) . Gleich! Kauz . Ich bring' also – Schnoferl . Schunken, Zungen, Kälbernes, kalte Pasteten, alle Punschingredienzen, Zucker, Rum, Lemoni, g'selchte Würsteln – Kauz . Schön, ich werd' mich auszeichnen. Rosalie (aus der Türe links zurückkommend) . Da is der Korb! (Bringt einen Einkaufkorb.) Schnoferl . Der is viel zu klein. Haben S' nicht noch ein'? Rosalie . O ja! (Geht wieder Türe links ab.) Kauz (den einen Korb nehmend) . 's halt't auch 's Gleichg'wicht besser, wenn man zwei Körb' tragt. Madame Storch . Ich geh' zu der Brotsitzerin ein Service ausleihn, und die Rosalie muß den Bürstenbinder um Trinkgläser anreden. Rosalie (aus der Türe links zurückkommend, einen großen Einkaufkorb bringend) . Der wird doch groß genug sein! Kauz . Nur her damit! (Nimmt auch den zweiten Korb.) Schnoferl . So, jetzt kaufen S' recht ein, dann sind Sie ein lieber Mann. Madame Storch . Komm, Sali! Rosalie (leise zu Kauz) . Aber sehn S', er is ja gar nicht mokant, der Schnoferl. Kauz (leise zu Rosalie, indem er abgeht) . Oh, ich sag' Ihnen, wenn er anfangt, ein infamer Kerl, mein Freund! (Kauz geht mit Madame Storch zur Mitteltüre ab, Rosalie geht bis an die Türe mit, dann kehrt sie rasch zu Schnoferl zurück.) Zwölfte Szene Rosalie. Schnoferl. Rosalie . Sie sind allein, Herr Schnoferl? Schnoferl . Gegenwärtig nicht, denn Sie sind bei mir! Rosalie (ohne auf Schnoferls Worte zu achten) . Das sollen Sie nicht leiden! Schnoferl . Ich kann Ihnen doch nicht fortschaffen. Rosalie . Was reden S' denn zusammen! Sie sollen nicht leiden, daß sich die Sabine Ihrem Freund so aufdringt. Er zeigt offenbare Absichten auf mich, und diese Sabine –! Sie sollten ihr das verbieten als ihr quasi Verehrer. Schnoferl . Jawohl, diese Verehrung ist immer nur äußerst quasi gewesen. Rosalie . Schad', daß auf meiner Gitarre keine Saiten sind! Wenn ich ihm was singet – Schnoferl . Ja, jemand durch Gesang erobern ist schwer, wenn man seinen Geschmack nicht weiß, denn der Gesang ist ein Proteus, der in gar vielerlei Gestalten erscheint. Rosalie . Freilich, freilich! Dem einen gefallt das, dem andern das – Schnoferl . Jetzt denken Sie sich erst, wenn man was singen will, was allen g'fallen soll, hören S', das muß eine Aufgabe sein. Quodlibet Rosalie . Singen kann der Mensch auf unzählige Arten, Lieblich, grimmig, piano und wieder mit Kraft – Schnoferl . Modern oder altmodisch, stürmischen G'sang oder zarten, Ernsthaft, g'spaßig, kurzum, wie man's nur schafft! (Mit sanftem Ton in veralteter Manier.) Urteil' bedächtig Von dem Verräter, Denk', er bereuet, Bereuet die Tat. Rosalie . Das is nix, jetzt muß man singen, Daß die Brust ein' möcht' zerspringen, Jetzt heißt's, wie ein Wachter schrein. Schnoferl (in moderner Art mit forcierter Stimme) . Ich sah dich zornerbleichen, Und zagst, die Hand zu reichen. Kann Mitleid dich beschleichen Mit unsrer Dränger Schar? Doch wenn sie frech es wagen, In Bande uns zu schlagen, Dann darf die Rache tagen, Dann trotzt man der Gefahr. Rosalie . Da ich's mit dieser Force nicht kann, So stimm' ich lieber »Flinserln« an: Mein Herzerl ist treu, 's is a G'schlösserl dabei, Und a einziger Bua Hat 's Schlüsserl dazua, Und a einziger Bua Hat 's Schlüsserl dazua. Beide . Erhabne Melodien Hab'n gar ein' schönen Klang, Alle Gattung Phantasien Druckt aus ein solcher G'sang; Es dringt tief in die Seelen Die Einfachheit nur ein, Drum darf bei solchen Stellen Kein Giegesgages sein, Giegesgages sein, Giegesgages sein, Darf kein Giegesgages sein. Schnoferl . Giegesgages sein. Sie . Giegesgages sein. Er . Giegesgages sein. Sie . Giegesgages sein. Beide . Kein Giegesgages sein. Er . Der Geschmack ist verschieden, Viele sind nicht zufrieden, Wenn s' nicht tausend Noten Herabgurgeln hör'n: Du hast mich verblendet, Mein Herz ist umgewendet, So sei es denn vollendet, Verbleib in deinem Wahn; So sei es denn vollendet, Verbleib in deinem Wahn. Sie . Nur muß ich hier bemerken, Auch in ältern Werken Gibt's schöne Kol'ratur la la. Er . Da is von Lärm gar keine Spur, 's Orchester deckt den G'sang nicht zur. Beide . Andern g'fallt's wieder, Wenn's drunter und drüber geht, nur. (Hier ist Nacht auf dem Theater, Blitz und Donner.) Er . O Nacht voll Schrecken und Qualen – Sie . O Nacht voll Schrecken und Qualen – Er . Gräßlich die Blitze strahlen – Sie . Gräßlich die Blitze strahlen – Er . Mein Herz bebt – Sie . Im Herzen – Er . Es bebt, es bebt vor Wut. Sie . Mir stocket – Er . Mein Herz bebt – Sie . Im Herzen stockt das Blut. Er . O Nacht voll Qualen! Sie . O Nacht voll Qualen! Beide . Der Himmel droht Verderben. Sie . Im Herzen stockt das Blut. Er . Es bebt mein Herz vor Wut. Beide . Da g'fallt's mir in d' Wirtshäuser, wenn s' musizieren Und allerhand Jux mit ein'm G'sangl aufführen. Nur lustige Lieder tun s' dort produzier'n, D' Harfenisten, die lassen ka Traurigkeit g'spür'n. – Schön macht sich auch der Liebessang Mit Wonne, Lust und Angst und Bang, Angst und Bang, Wenn zwei überfüllte Herzen Luft sich machen tun in Terzen – Duide – - a Fermat', Zwei Ellen lang. Zwei Ellen lang! (Beide ab.) Dreizehnte Szene Madame Storch. Rosalie. Thekla. Madame Storch (viele Teller tragend, noch unter der Türe mit Thekla sprechend) . Nein, ich tu's nit anders, Sie müssen herein zu uns. Rosalie (Eßzeug tragend, im Eintreten zu Thekla) . Wie kann man denn gar so wildfremd tun gegen Nachbarinnen? Madame Storch (hat ihre Teller auf einen Stuhl gestellt) . Wissen Sie, daß uns das kränkt? Thekla . Ich will ja niemand kränken, aber Sie dürfen mir's glauben, ich hab' keine Zeit. Madame Storch . Was, keine Zeit! Zum Arbeiten is es zu spät. Rosalie . 's hilft Ihnen nix, den heutigen Abend müssen S' bei uns zubringen. Thekla . Aber, liebe Mamsell – liebe Madame – Madame Storch . Ich müßt' nur sonst glauben, daß wir Ihnen zu schlecht sind – Rosalie . Daß Sie aus Stolz – Thekla . Du lieber Himmel, auf was sollt' ich stolz sein? Madame Storch . Also geben Sie uns den Beweis! Thekla . Nun gut, ich bleibe! Madame Storch . So is's recht! Rosalie . Sie müssen ja Leut' nicht zurückstoßen, die's herzensgut meinen mit Ihnen. (Leise zu Madame Storch.) Wenn die ein Glas Extrawein trinkt, bringen wir ihr ein Geheimnis nach 'n andern heraus. Madame Storch (zu Thekla) . Wir haben also Ihr Wort. (Zu Rosalie.) Rosalie, leih von der Konduktansagerin unten 's Gugelhupfbeck aus. (Rosalie geht zur Mitte ab.) Madame Storch (zu Thekla) . Sie nehmen's nicht übel, daß wir Ihnen einen Augenblick allein lassen, häusliche Geschäfte – wir haben heute G'sellschaft, Sie werden sich gewiß gut unterhalten. (Geht Türe rechts ab.) Vierzehnte Szene Thekla. Dann Gigl. Thekla (allein) . Also G'sellschaft is hier? – Dann kann ich nicht bleiben – Heiterkeit und Schmerz tun nicht gut unter einem Dach, es muß eins das andere verletzen. – Ich hab' zwar versprochen – ich werd' mich morgen entschuldigen, aber fort muß ich! (Will zur Mitte ab.) Gigl (kommt traurig aus der Seitentüre rechts mit einer Kaffeemühle im Arm) . Ich halt's nicht aus bei die Mädln, mir g'schicht leichter, wenn ich allein bin! Thekla (Gigl erblickend) . Seh' ich recht –!? Gigl . Thekla! (Läßt die Kaffeemühle fallen, daß die Kaffeebohnen herumrollen.) Da hab'n wir den Kaffee! Thekla . Sie sind hier? Gigl . Und Sie sind da? Thekla . Nicht mit Willen, meine Nachbarinnen haben mich völlig gezwungen! Gigl . Nachbarinnen –? Triumph, jetzt hab' ich so viel als die Adress'! Thekla . Was kann Ihnen das helfen? Sie haben eine Braut – Gigl . Ich habe keine mehr, ich hab' sie feierlich verschmäht! Thekla . Dann werden Sie gewiß unter den vielen Mädln hier eine nach Ihrem Sinn finden! Gigl . Glauben Sie, ich bin wegen die Mädln da? Mein Freund hat mich hergezaxelt, daß ich mich zerstreuen soll. Ich kann mich aber nicht zerstreuen; sein Sie versichert, ich hab' hier nichts getan als Kaffee g'rieben, das is doch g'wiß eine unschuldige Sach'! Thekla, ich bin jetzt frei, bin unabhängig, hab' Geld, Sie müssen mich heiraten, es kann kein Hindernis mehr sein! – Thekla . O ja, es ist eines! Gigl . Sie müßten nur einen heimlichen Mann haben, von dem ich nix weiß – Thekla, reden Sie! Thekla . Sie verdienen mein Vertrauen, so will ich Ihnen also offen alles sagen – Fünfzehnte Szene Schnoferl. Die Vorigen. Schnoferl (kommt mit Küchenvortuch, ein großes Geschirr, in welchem er Teig abrührt, tragend, aus der Türe links, ohne die beiden zu bemerken) . Der Teig muß nur noch ein wenig abg'schlagen werden, und es wird sich ein Gugelhupf bilden, über den die Nachwelt stau – (erblickt Gigl und Thekla) was is denn das!? – Mamsell! Gigl . Sie logiert in Haus. Thekla . Nur ein Zufall hat mich grad heut' hierhergebracht. Schnoferl . Ich führ' ihn her, daß er s' vergißt, und der Zufall führt sie her, daß s' ihn wieder dran mahnt! Ah, ich sag's, der Zufall muß ein b'soffener Kutscher sein – wie der die Leut' z'samm'führt, 's is stark! Gigl . Ich lass' nicht mehr von ihr! Schnoferl . Ob's d' stad bist! (Zu Thekla.) Und dann is noch sehr die Frag', ob das auch wirklich ein Zufall war. Mir scheint, Sie steigen dem jungen Menschen nach und delektieren sich an der sukzessiven Abnahme seiner Vernunft. Thekla (beleidigt) . Mein Herr – Gigl (böse werdend) . Schnoferl, ich sag' dir's – Schnoferl (zu Gigl) . Ruhig! (Zu Thekla.) Glauben Sie, ich genier' mich vor Ihnen? Ich sag' Ihnen offen, daß ich Sie für eine Versteckte halt'. Warum zeigen Sie sich nicht in Ihrer wahren Gestalt? Gigl (zu Schnoferl) . Hörst, jetzt wird's mir z' arg! Schnoferl (zu Gigl) . Ruhig! (Zu Thekla.) Sie sind eine Handarbeiterin, die Fuß fassen will in den Herzen der Männer, indem sie ihnen die Köpf' verrückt durch melancholischen Anstrich und scheinheilige Kokettur! Thekla (zu Schnoferl) . Was hab' ich Ihnen getan, daß – Gigl (drohend) . Schnoferl, zum letztenmal – Schnoferl (zu Gigl) . Ruhig! (Zu Thekla.) Sie werden um kein Haar anders sein als wie die, die um kein Haar anders sind als wie Sie, spielen aber die Überspannte, die Reine, die Verklärte, als wie die Jungfrau von Orleans, bevor s' zum Militär gangen is. Thekla . Das is zuviel! (Bricht in Tränen aus und sinkt in einen Stuhl.) Gigl . Jetzt muß ich zu einem verzweifelten Mittel schreiten! Schnoferl, wie du noch ein Wort red'st – (reißt den Kochlöffel mit einer Portion Teig aus dem Geschirr, welches Schnoferl hält) ich papp' dir die Lästerschul' zu. Da haben wir's, sie weint! (Wirft den Löffel in das Geschirr.) Schnoferl . Richtig, sie weint, ohne mir dabei ein Maul anzuhängen – das kann keine gewöhnliche Handarbeiterin sein! (Indem er sie betrachtet.) – Mamsell – sie tut sich völlig verschluchzen – (etwas gerührt) Mamsell – Sie müssen meine Worte nicht als Beleidigung nehmen. Gigl . Als was soll sie 's denn nehmen, du Grobian, du! Schnoferl (zu Thekla) . Ich habe dadurch nur – es is reine Freundschaft für meinen Freund – er paßt nicht für Ihnen, er hat eine höhere Bestimmung, drum meiden Sie ihn! Thekla . Das hab' ich ja so getan, ich bin deswegen ausgezogen. Schnoferl . Mit 'n Ausziehen allein is es nicht abgetan. Thekla . Ich hab' ihm g'sagt, daß er keine Hoffnung hat. Schnoferl . Das glaubt er nicht, bis Sie nicht einen andern Liebhaber nehmen. (Thekla schüttelt traurig den Kopf.) Schnoferl . Sollt' denn das gar so schwer sein? Thekla . So schwer, daß ich's nicht übers Herz bring'. Ich entsag' ihm, ich muß ihm entsagen, aber auch kein anderer soll – Schnoferl . Ja, dann nutzt's nix, und wenn S' ihn auch bei der Türe hinauswerfen, da bleibt er unt' auf der Gassen stehn und schmacht't Ihnen die Fenster an. Und was kommt am End' heraus? Ein zweiter Ritter Toggenburg wird aus ihm; das war der große Liebesmathematiker, der das Fensterln auf die höchste Potenz erhoben hat, der hat auch immer hinüberg'schaut und g'schaut, und so saß er, eine Leiche, eines Morgens da – Sie werden g'hört haben von der G'schicht'. Gigl . Ich heirat' s', ich seh' nicht ein – Schnoferl . Eben weil du nichts einsiehst, willst du s' heiraten und eine andere aufopfern, die so hoch über dieser steht wie die Zeder übern Petersil, wie die Giraff' über der Wildanten, wie der Himalaya über der Türkenschanz'! (Zu Thekla.) Mamsell, ich sag' Ihnen – Sechzehnte Szene Rosalie. Dann Madame Storch. Sabine. Peppi. Die Vorigen. Rosalie (zur Mitteltüre eintretend, ein kupfernes Gugelhupfmodel bringend) . Da is 's Gugelhupfbeck! Schnoferl . Nur her damit! (Stellt sich zum Tisch links und füllt während dem Folgenden den Teig in das Becken.) Madame Storch (kommt, Tischtuch und Servietten tragend, mit Peppi und Sabine aus der Türe rechts) . Jetzt g'schwind den Tisch gedeckt! Sabine, die Gläser sind noch beim Hausmeister drunt'. Sabine . Gleich! (Läuft zur Mitte ab.) Thekla (für sich) . O Gott! Wenn ich nur fort'gangen wär'! Madame Storch (zu Schnoferl) . Schnoferl, helfen S' den Tisch tragen. Schnoferl (mit dem Gugelhupf beschäftigt) . Stören Sie mich nicht – Sie sehen ja – Madame Storch . Sie werden doch nicht wollen, daß wir Frauenzimmer – Schnoferl (läßt ärgerlich seine Arbeit stehen und läuft zu einem im Hintergrund stehenden Tisch) . So komm, Gigl! (Er trägt mit Gigl den Tisch vor.) Madame Storch (zu Schnoferl) . Sie sind doch manchmal ein recht ungalanter Mensch. Schnoferl . Na, ja, es is ärgerlich – (eilt zu seiner früheren Beschäftigung am Gugelhupfbecken zurück) wenn man bei so einem Werk aus der Begeisterung herausgerissen wird, man find't sich nicht wieder drein. (Arbeitet fort.) Madame Storch (zu Thekla) . Was is denn das? Die trüben Augen – Thekla (welche mit Gigl den Tisch deckt) . Ich hab's Ihnen ja g'sagt, daß ich in keine fröhliche Gesellschaft pass'. Schnoferl (für sich, bei seiner Arbeit) . Er ist der Vollendung nah! (Laut.) Mamsell Peppi! (Ihr das gefüllte Gugelhupfbecken übergebend.) Hier übergeb' ich Ihnen diesen Gugelhupf, behandeln Sie ihn mit Sorgfalt, stellen Sie ihn in einen warmen Backofen, geben Sie oben Glut, unten brennendes Feuer und rundherum wieder Glut, auf daß er Farb' und Festigkeit gewinnen und recht bald wieder im Kreise teilnehmender Freunde erscheinen möge. (Peppi geht in die Türe rechts ab.) Madame Storch . Mit was werden wir beim Souper den Anfang machen? Schnoferl . Wir müssen erst sehen, was der Herr von Kauz alles bringt. Gigl (zärtlich) . Thekla! (Thekla seufzt.) Madame Storch (Gigl und Thekla betrachtend) . Mir scheint, die zwei kennen einand'. Siebzehnte Szene Die Vorigen. Kauz. Später Knöpfel. Kauz (ruft, noch unter der Türe) . Proviant! Proviant! (Kommt mit übervoll von Eßwaren bepackten Körben keuchend herein.) Madame Storch und Rosalie . Der Herr von Kauz kommt! Schnoferl . Na, hat hübsch eingekauft! Madame Storch (zu Kauz) . Aber wie können Sie so schwer tragen? Kauz (keuchend die Körbe niedersetzend) . Jugendkraft, meine Aimableste, nichts als Jugendkraft! (Thekla erblickend.) Was is das? Die Mamsell Thekla –? Thekla . Ein Zufall –! Rosalie (für sich) . Der kennt s' auch? Das is gut, ein jeder kennt sie, und sie tut so unbekannt. Knöpfel (tritt ein) . Was seh' ich? Man hat ein Souper bereitet? Man überrascht mich oder wen? Schnoferl . Nur auspacken nacheinand' und auf die Flaschen obacht geben! (Rosalie und Madame Storch packen mit Kauz die Körbe aus.) Knöpfel . Ah, die prächtige Westfälinger! Kauz . Daß nur der Kalten Pasteten nichts g'schieht! Rosalie . Und die delikate Zungen! Schnoferl . Ah, die muß sehr gut sein, das is gewiß keine böse Zunge. Knöpfel (Bouteillen aus dem Korbe besehend) . Champagner gar oder was? Kauz . Daß nur der kalten Pasteten nix g'schicht! Schnoferl . Hören S' auf mit Ihrer kalten Pasteten! Achtzehnte Szene Peppi. Vorige. (Peppi kommt a tempo aus der Türe rechts.) Schnoferl (auf sie zueilend) . Was macht mein armer Gugelhupf? Wie geht es ihm? Peppi . Er geht gar nicht, mir scheint, er wird, was man sagt, ein Dalk bleiben! Schnoferl . Wie unzart! Wenn einer einen Dalken erzeugt hat, muß man es ihm nicht ins G'sicht sagen, das tut weh! Kauz . Jetzt g'schwind die Sesseln gestellt! (Wirft einen Frauenhut von einem Stuhl herab und stellt ihn zum Tisch.) Rosalie . Aber was treiben S' denn? Sie ruinieren mein' Hut! Kauz . Absichtlich, um ihn morgen durch einen neuen zu ersetzen. Rosalie . Oh, zu gütig! (Thekla und Gigl stellen ebenfalls Stühle zum Tisch.) Schnoferl . Also Platz genommen allerseits und niedergesetzt! (Alle setzen sich, der Platz für Sabine bleibt leer.) Kauz . Die kalte Pasteten soll den Anfang machen mit 'n Kaviar. Unterdessen schneiden wir die Schunken auf, dann kommt der g'sulzte Fisch. Schnoferl . Und gleich einen Champagnerstoppel in die Luft spediert! (öffnet eine Bouteille.) Neunzehnte Szene Sabine (zur Mitteltüre herbeieilend). Vorige. Sabine . Eine noble Dam' kommt, eine vornehme Frau! Alle . Eine vornehme Frau? Sabine . Sie hat bei der Hausmeisterin um die Mamsell Thekla g'fragt, dann hat ihr die Hausmeisterin g'sagt, daß sie da heroben is, und was für Herrn da sind – Schnoferl . Wie kann denn die Hausmeisterin das wissen? Sabine . Wahrscheinlich hat ihr's eine von uns plauscht. Kauz , Schnoferl , Madame Storch (zugleich) . Was kann denn das für eine Dam' sein. Sabine (zur Mitteltüre hinaussehend) . Sie kommt – sie is ganz rabiat – hinter mir nach auf der Stieg'n. Zwanzigste Szene Frau von Erbsenstein. Vorige. Frau von Erbsenstein (zur Mitteltüre eintretend) . Verzeihn, wenn ich ungelegen komme – Schnoferl und Gigl (betroffen) . Die Frau von Erbsenstein! Kauz (ebenso, zugleich) . Meine Nièce! Frau von Erbsenstein . Das is ja recht eine scharmante Gesellschaft! Schnoferl (zu ihr) . Es is im Grund – keineswegs – weil eben – Kauz (zu ihr) . Ich bin bloß des Gigls wegen da – Frau von Erbsenstein . Wahrscheinlich, um seine Verlobung mit dieser Mamsell (auf Thekla zeigend) zu feiern? Kauz (verlegen) . Wer sagt denn so was –? Frau von Erbsenstein . Von mir aus ist keine Einwendung zu befürchten, ich will nur Herrn von Gigl seine Zukünftige zu erkennen geben. Thekla (erschrocken) . Himmel, sie weiß etwan – Frau von Erbsenstein . Sie ist die Tochter des durchgegangenen Herrn Stimmer, der Sie, Herr Onkel, um die ungeheure Summe bestohlen hat. Schnoferl (äußerst überrascht und gerührt) . Die Stimmerische –!? Madame Storch , Peppi , Rosalie , Sabine (untereinander) . Sie is die Tochter von ein' Dieb! Thekla (will aufstehen, sinkt aber Schnoferl in den Arm) . Ich kann nicht mehr! Schnoferl . Sei'n S' g'scheit, Herzerl, Stimmerische! Frau von Erbsenstein . Jetzt wünsch' ich allerseits die beste Unterhaltung! (Durch die Mitte ab.) Schnoferl . Wasser! Wasser! Kauz . 's is kein Tropfen da, nix als Wein! Gigl (zur Ohnmächtigen eilend, welche Schnoferl hält) . Sie stirbt! Schnoferl . Stimmerische, gib einen Laut von dir! (Im Orchester fällt eine kurze Musik ein, während der allgemeinen Verwirrung fällt der Vorhang.) Dritter Akt Eleganter Garten, über den Hintergrund zieht sich ein Gitter mit Tor, inner dem Gitter rechts steht ein Teil des eleganten Wohngebäudes, Parterre ein paar Stufen erhöht, mit praktikablem Eingang, rechts gegen den Vordergrund steht eine Schaukel, links ein Gartentisch mit Stuhl. Erste Szene Madame Storch. Rosalie. Sabine. Peppi. Knöpfel. (Madame Storch ißt Obst, Rosalie und Peppi pflücken Blumen, Sabine steht bei der Schaukel, Knöpfel raucht eine Zigarre.) Madame Storch . Mädln, reißt's nicht so viel Blumen ab! Knöpfel . Seid's nur nicht unbescheiden oder was! Sabine . Nehmt euch ein Beispiel an der Madame. Rosalie . Der ihre Lieblingsblumen sind die Plutzerbirn'! Sabine . Ich glaub' immer, der Blumen- und Obstverlust wird heut' dem Herrn von Kauz sein geringster Verdruß sein. Peppi . Warum aber der Schnoferl auch das Mädl, die Thekla, herausb'stellt hat? Sabine . Um die nimmt er sich auf einmal gar heiß an! Rosalie . Und erst seit er g'hört hat, daß ihr Vater g'stohlen hat! Das muß einen eignen Reiz für ihn haben. Madame Storch . Sie kann deßtwegen die ehrlichste Person sein. Rosalie . Kinder sind ja oft ihren Vätern ganz unähnlich, da hat man ja Beispiele – Sabine . Wenn jed's die Fehler seiner Eltern und Anverwandten haben müßt' – Rosalie . Ich hab' einen Vettern, der halt't's nirgends aus, der geht alle Jahr' drei-, viermal auf und davon. Sabine . Und du wirst vielleicht zeitlebens sitzen bleiben. Madame Storch . Still, still, niemand ausrichten! Knöpfel . Wär' nicht übel, in so einem Haus die Schicklichkeit verletzen oder was! Rosalie . Die Schicklichkeit verletzt der Herr vom Haus selbst am allermeisten. Sabine . Jawohl, Damen einladen und nicht zu Haus sein, das is etwas arg. Madame Storch . Mir hat der Bediente g'sagt, er is in der Früh um fünf Uhr zu einem wichtigen G'schäft, und er erwart't ihn alle Minuten. Sabine . Wann die Minuten einmal in die Stunden ausarten – Rosalie . Plündern wir ihm zur Straf' dort (nach rechts in die Szene zeigend) das ganze Rosenboskett. Sabine und Peppi . Ja, das tun wir! (Rosalie, Peppi, Sabine laufen rechts ab.) Madame Storch (ihnen nacheilend) . Aber, Mädln! Treibt's nur nicht gar zu arg, er könnt' doch bös werden! Mädln! (Geht ihnen nach.) Knöpfel (allein) . Die Madln treib'n's – wann s' nur an Buschen hab'n oder was, so sein s' schon glücklich oder wie! I estimier' die Blumen nit. Mich int'ressiert nur die Blume von Wein oder was. I geh' jetzt in 'n Keller von Herrn von Kauz oder wem; und wann i auffa kumm', bin ich gewiß recht lustig oder was! (Geht ins Haus ab.) Zweite Szene Kauz. Dann Dominik. Kauz (allein, durchs Gittertor kommend, sehr echauffiert) . Glücklich abgemacht! Mir is ein Stein vom Herzen. Spitzbub', der Käfer! Wie er gemerkt hat, mir liegt soviel an seiner augenblicklichen Abreis', verlangt er zweihundert Stück Dukaten Reisegeld von mir. Weil er nur fort is! Wenn er getrunken hat, der Schlingel, red't er gar unvorsichtig in den Tag hinein. Und den damaligen Brief von mir hat er richtig auch noch aufbewahrt! Daß ich den wieder hab', geht mir über alles! Der int'ressierte Schuft war obendrein noch dumm, ich hätt' ja nicht um tausend Dukaten den Brief in seinen Händen gelassen! Hat mich echauffiert, die G'schicht', sehr echauffiert! (Zieht den Rock aus und hängt ihn über einen Gartenstuhl.) Dominik! – Dominik! Dominik (aus dem Hause kommend) . Was schaffen Euer Gnaden? Kauz . Sind die Frauenzimmer da? Dominik . Schon über zwei Stund'! Kauz . Werden viel lange Weil' g'habt haben! Dominik . Nein, sie unterhalten sich recht gut. Kauz . Bring mir mein' Spenser! Dominik . Gleich! (Geht zum Stuhl und will den Rock mitnehmen.) Kauz . Nichts, den Rock laß da! (Dominik geht ins Haus ab.) Kauz (allein) . Wenn so ein Dumrian was herausfallen ließ' –! (Rollt den Rock sorgfältig zusammen.) 's steckt die Brieftaschen drin und in der Brieftaschen der Brief – wär' nicht übel! Dritte Szene Madame Storch. Rosalie. Sabine. Peppi. Der Vorige. (Die Mädchen tragen jede große Rosenbuketts am Kleid und in der Hand.) Madame Storch . Ah, endlich einmal! Rosalie , Sabine , Peppi . So spät? G'hört sich das? Kauz (läßt den Rock auf den Stuhl fallen, neben welchem er stand) . Meine Damen – Geschäftsüberhäufung – Pardon! – Und in Hemdärmeln! Pardon! Dominik, mein' Spenser! Pardon! Madame Storch . Genieren Sie sich nicht! Kauz . Sie werden sich ennuyiert haben? Madame Storch . Wir haben uns indessen im Garten alles ang'sehn. Kauz . Jetzt heißt's, das Versäumte nachholen! Rosalie . Spielen wir was! Kauz . Recht, mein Engel! Was wollen Sie spielen? Sabine . Verstecken! Kauz . Gut, spielen wir Verstecken, dazu is mein Garten wie gemacht. Oh, das is ein schönes Spiel, man versteckt, man sucht sich, man find't sich – ja, ja, spiel'n wir Verstecken! Madame Storch . Nein, das is nichts, Blindekuh is viel hübscher. Kauz . Blindekuh is auch nicht schlecht. Wer is die blinde Kuh? Sabine . Dem Herrn vom Haus gebührt das Vorrecht. Kauz . Gut, nur g'schwind verbunden! (Zu Madame Storch.) Madame, verwandeln Sie mich in den blinden Liebesgott. Rosalie . Das wär' ein Moment für einen Maler, jetzt könnt' er den Amor in Hemdärmeln malen. Sabine (für sich) . Den Witz hätt' ich auch noch z'samm'bracht. Kauz (indem ihm die Augen verbunden werden) . Nehmen Sie sich in acht, meine Damen! Die ich erwisch', lass' ich sobald nicht mehr aus. (Mit verbundenen Augen.) Also achtgeben, wir werden gleich eine haben! (Fängt an, nach den Mädchen zu haschen. Alle ziehen sich nach der Kulisse links, er verfolgt sie, plötzlich ziehen sich alle sehr schnell gegen den Hintergrund. Kauz vermutet sie noch immer links und geht haschend in die Kulisse links ab.) Vierte Szene Vorige ohne Kauz. Sabine . Jetzt sucht er uns dort! Alle (lachen) . Hahahaha! Sabine . Still! Madame Storch . Wenn er nur nicht ins Bassin fällt Sabine . Die armen Goldfisch'! A paar hundert erdruckt er als wie nix. Rosalie . Wißt's, was wir ihm tun? Verstecken wir ihm seinen Rock! Sabine . Oder ziehen wir ihn einer Statue an! Peppi . Hängen wir 'n dort auf einen Baum! Madame Storch . Aber zuerst die Säck' durchsuchen, ob nichts drin is, was verdorben werden könnt'! (Die Mädchen durchsuchen die Taschen.) Peppi . Ein ostindisches Schnupftuch! Sabine . Das wird keinen Sprung kriegen, wenn der Rock vom Baum herunterfallt. Rosalie . Eine Tabakdose! Sabine (in der Seitentasche suchend) . O je, die Brieftaschen! Madame Storch . Da gebt's gut acht drauf! Rosalie (zu Sabine, den Rock nehmend) . Steck' sie indessen ein! Sabine (die Brieftasche nehmend) . Wo soll denn ich die großmächtige Brieftaschen –? Rosalie , Peppi . Da kommt er – Madame Storch . G'schwind fort! Rosalie , Sabine , Peppi . G'schwind fort! (Alle laufen Seite rechts ab.) Fünfte Szene Kauz (allein). Dann Frau von Erbsenstein. Kauz (von der Seite links zurückkommend, mit verbundenen Augen haschend) . Hätt' mir's nicht gedacht, daß die Mädln so schwer zu bekommen sind. Hab' eine! (Umfängt einen links im Vordergrunde stehenden Baum.) Nein, das is wieder ein Baum! (Geht haschend nach dem Hintergrund.) Frau von Erbsenstein (von links hinter dem Gitter kommend, noch von außen zu einem Bedienten, weicher sie begleitet) . Der Wagen soll zurück ins Gasthaus fahren. (Der Bediente geht zurück, Frau von Erbsenstein tritt zum Gittertore ein.) Kauz (erhascht Frau von Erbsenstein in dem Moment, als sie zum Gittertor eintritt, in der Meinung, es sei eines von den Mädchen) . Erwischt! Erwischt! Frau von Erbsenstein (erschrocken) . Was soll denn –!? Kauz (triumphierend, noch mit verbundenen Augen) . Das ist jetzt die blinde Kuh! Frau von Erbsenstein . Aber, Herr Onkel-!? Kauz (erschrocken, als er die Stimme seiner Nièce erkennt, die Binde von den Augen reißend) . Meine Nièce! Frau von Erbsenstein . Was treibt denn der Herr Onkel für Faxen? Kauz (sehr verlegen) . Ich spiele ein Gesellschaftsspiel. Frau von Erbsenstein . Also haben Sie Gesellschaft? Kauz . Nein! (Beiseite.) Gott sei Dank, sie sind nicht da! (Laut.) Ich bin allein, wie du siehst, mutterseelenallein und spiel' Blindemäuserl. Frau von Erbsenstein . Da tappen Sie so allein herum? Kauz . Ich spiel' den ganzen Tag nichts als Blindemäusl. Aber wie kommt's denn, Nièce, daß du zu mir aufs Land heraus –? Das is dir schon ein paar Jahr' nicht eing'fall'n. Frau von Erbsenstein . Na, es is hier sehr hübsch, und der Schnoferl hat mir heut' früh ein Billett geschrieben, worin er mich ersucht, hier mit ihm zusamm'zutreffen, meine Gegenwart wäre äußerst notwendig, und da ich ohnedem noch eine Abrechnung mit ihm hab' – Kauz . Der Schnoferl –? Hm, hm –! Das is ein Mißverständnis. Der Schnoferl is nicht da, ich erwart' ihn auch gar nicht. Dann hast du auch den Tag nicht gut gewählt, es is ein Donnerwetter im Anzug, du fürchst dich davor, und auf 'n Land schlagt's gar so leicht ein, solltest wirklich lieber so g'schwind als möglich in die Stadt zurück – Frau von Erbsenstein . Ich muß doch erst hier im Garten ein wenig ausruhen. Kauz . Hat zu wenig Schatten, der Garten, Frau Nièce, dein weißer Teint ging z'grund', geh lieber ins Zimmer hinein, aber ins vordere Zimmer, wo die schöne Aussicht is, da steht ein Ruhbett. (Führt sie gegen das Haus.) Frau von Erbsenstein . Der Herr Onkel is ja heut' gar voller Aufmerksamkeit. Kauz . Nicht mehr als Schuldigkeit! Frau von Erbsenstein (für sich) . Mir kommt die ganze Sach' nicht richtig vor. (Geht in das Haus ab. Kauz hat sie bis an die Türe begleitet und kommt zurück.) Sechste Szene Kauz. Dann Gigl. Kauz (allein) . Lebensphilosophie, verlaß mich nicht! Was tu' ich jetzt mit die Mädln? Ich muß schauen, daß s' nicht daher kommen. – Ich schwitz' vor Verlegenheit, und jetzt auf einmal die kühle Luft! (Ruft gegen das Haus.) Dominik, meinen Spenser! Er kommt nicht – ich zieh' meinen Rock an. (Will den Rock vom Stuhle nehmen.) Wo is denn mein Rock? – Den haben g'wiß die Mädln – wär' nicht übel! Da muß ich gleich – (will rechts ab.) Gigl (zum Gittertore eintretend) . Grüß' Ihnen Gott, Herr von Kauz! Kauz (betroffen) . Der Gigl –!? Gigl . Wie lang soll ich denn dem Fiaker sagen, daß er warten soll? Kauz . Wie kommst denn du her? Gigl . Mit 'n Fiaker. Kauz (wie oben) . Ich will wissen, wer dich auf die Idee gebracht hat – Gigl . Weil's der Schnoferl so wollen hat. Kauz . Der Schnoferl –? Gigl . Hat mir ein Billett geschrieben, worin er mich ersucht, hier mit ihm zusamm'zutreffen, meine Gegenwart wäre äußerst notwendig! Kauz (für sich) . Ich weiß nimmer, bin ich Herr in mein' Hause oder der Schnoferl – ich muß 'n fortbringen – halt, so geht's! (Zu Gigl.) Weißt du, was der Schnoferl für eine Absicht hat? Gigl . Ja, er will hier mit mir zusammentreffen. Kauz . Aber weißt du, warum? Gigl . Das hat er mir nicht g'schrieben, also kann es nicht seine Absicht sein. Kauz . Er will hier zwischen dir und meiner Nièce eine Versöhnung – Gigl . Vor Versöhnung bin ich sicher, der beleidigte Stolz eines Weibes versöhnt sich nie! Ich wollt', ich wär' ebenso sicher vor ihrer Rache, denn die Rache des Stolzes eines beleidigten Weibes ist fürchterlich. Kauz . Das is es eben! Sie is da! (Man hört in der Szene rechts die Mädchen lachen.) Gigl . Da lacht was in Ihrer Einsamkeit. Kauz . Lachen? Ich hab' nichts g'hört – tumml dich nur! (Man hört wieder lachen.) Gigl . Sie haben Gesellschaft? Kauz . Was fallt dir ein! Es müßten nur Leut' in den Garten – es sind mehrere Aus- und Eingäng', die öfters offen – und da kommen einem öfters – Siebente Szene Madame Storch. Rosalie. Sabine. Peppi. Vorige. Die Mädchen . Ah, der Herr von Gigl hier? Gigl . Aufzuwarten! Die Mädchen . Das is scharmant! Gigl . Muß aber gleich wieder fort! Madame Storch . Was fällt Ihnen ein?! Sabine (zu Rosalie) . Nimm die Brieftaschen, ich kann mich nicht immer damit herumschleppen. (Gibt ihr die Brieftasche und tritt dann zu Gigl.) Nein, nein, Sie müssen dableiben, wir lassen Ihnen nicht fort. Rosalie (leise zu Gigl, ihn beiseite ziehend) . Wenn ich Ihnen aber sag', daß jemand in der Näh' is! Gigl (hastig) . Wer? Rosalie (leise) . Die Thekla! Gigl (freudig) . Is 's möglich –? Wo? Rosalie (leise) . Der Schnoferl hat sie herausb'stellt, er hat ihr Aufschlüsse über ihre Familienangelegenheiten (macht die Pantomime des Stehlens) versprochen. Sie will aber nicht eher her, bis der Schnoferl da is, sie wart't mit ihrer alten Mahm in einem Bauerngarten unt'. Stecken S' derweil die Brieftaschen ein, ich hab' s' von der Sabine – 's is wegen ein' Spaß – ich hol' Ihnen die Thekla. (Eilt zum Gittertore ab.) Gigl . Oh, Sie Engel –! (Die Brieftasche einsteckend.) Kauz . Gigl, verplausch' dich nicht, es is höchste Zeit, daß du gehst. Gigl . Nein, jetzt is es höchste Zeit, daß ich bleib'! Kauz . Fürchst du denn nicht die Rache des Zornes eines – Gigl . Nein, ich fürcht' nix, ich bin Mann, und wenn mir die Mädln hier alle beistehn, was kann mir die Erbsenstein tun? Kauz (für sich) . Da soll doch der Teufel Achte Szene Schnoferl. Dominik. Die Vorigen ohne Rosalie. Schnoferl (zum Gittertore eintretend) . Schaut's, der Herr von Kauz! Alle . Der Schnoferl! Schnoferl . Schaut's, da is er ja, mein lieber Freund Kauz, zugleich in einem buchstäblichen und in einem metaphorischen Rosengarten. Kauz (verdrießlich) . G'horsamer Diener, sehr verbunden! Schnoferl . Schaut's, der Herr von Kauz! Kauz (leise und ärgerlich zu Schnoferl) . Sie haben mir meine Nièce und den Gigl herausg'schickt! Schnoferl . Hab' ich Ihnen eine Freud' g'macht? Na mich freut's, mein lieber Herr von Kauz. Ich hab' zufällig g'hört, daß Sie heraußen sind. Denk' ich mir: machst ihm die Freud' und besuchst ihn, den Herrn von Kauz! Da fallt mir ein, daß ich mit der Frau Nièce und mit 'n Gigl Verschiedenes abzumachen hab', denk' ich mir, das sind Angehörige von Herrn von Kauz, der Herr von Kauz is gern im Kreis seiner Angehörigen, b'stellst ihm die Angehörigen alle heraus, dem Herrn von Kauz; na, mich g'freut's, mein lieber Herr von Kauz. Kauz . Obligiert! (Für sich.) Boshafte Bestie, der Schnoferl! Schnoferl (zu den Frauenzimmern) . Aber, meine Scharmantesten, Sie müssen dem Herrn von Kauz kurios eingeheizt haben. Madame Storch , Sabine , Peppi . Wieso? Kauz . Die Damen haben mir den Rock versteckt. Schnoferl . So? Sabine . Jetzt heißt's suchen! Kauz . Wo hab'n Sie meinen Rock? Sabine . Das werden Sie erfahren, aber nur unter der Bedingung, daß Sie sich zuerst hutschen mit uns. Kauz . Nein, zuerst muß ich – ich kaprizier' mich auf mein' Rock. Sabine . Und wir kaprizieren uns aufs Hutschen! Schnoferl (zu Kauz) . Und da die Damen, was die Kaprizen anbelangt, hoch erhaben sind über uns, so werden Sie sich nicht muxen und sich einsetzen. Kauz . Ja, wenn aber – Gigl . Sie kommt noch allweil nicht – Schnoferl . Also, Herr von Kauz, einen kühnen Hupfer und einen sanften Niedersetzer, daß kein Strick reißt – Kauz . Aber Sie Teufelsmensch, meine Nièce is ja da drin! (Aufs Haus deutend.) Schnoferl . Die umgarn' ich mit einer Diskursverwicklung, daß sie unter zwei Stund' nicht – Kauz . Schnoferl, wenn ich mich verlassen könnt' – Schnoferl . Nur einsteigen nacheinand'! (Hilft ihm mit Dominik in die Schaukel.) Gigl (wie oben) . Auf d' Letzt' kommt s' gar nicht! Kauz . Ich werd' schwindlich – Schnoferl . Üblichkeiten werden an diesem Ort verbeten. Kauz . Das sag' ich aber gleich, nur zweimal hin und her, dann erfahr' ich, wo Sie – Peppi . Nur vorwärts einmal! Schnoferl (nachdem Kauz vis-à-vis von Madame Storch Platz genommen) . Gigl, da is der Strick, du hutscht jetzt das edle Paar! – (Ab in das Haus.) Neunte Szene Die Vorigen ohne Schnoferl. (Gigl schaukelt.) Kauz . Nur langsam, Gigl, langsam! Zehnte Szene Schnoferl. Frau von Erbsenstein. Die Vorigen. (Schnoferl und Frau von Erbsenstein treten rasch aus dem Hause heraus, Frau von Erbsenstein lorgnettiert Kauz spöttisch, beide sagen:) Frau von Erbsenstein und Schnoferl (zugleich) . Schaut's, der Herr von Kauz! Kauz (für sich) . Ich sink' in die Erd'! Schnoferl (nähertretend) . Kann nicht sein, Sie schweben in der Luft. Kauz (leise zu Schnoferl) . Sie Höllenschnoferl! Schnoferl (leise zu Kauz, indem er ihm mit Dominik aus der Schaukel hilft) . Sie war nicht abzuhalten, unter der Tür schon is sie mir unaufhaltsam entgegengestürzt! Kauz . Das is ein eigner Spaß, Frau Nièce, du überraschst mich heut' bei einem Konversationsspiel nach 'n andern. Frau von Erbsenstein . Nur wär' ich der Meinung, daß ein Mann, der so viel Phantasie besitzt, um mit sich selbst Blindemäusel zu spielen, beim Hutschen noch viel leichter Gesellschaft entbehren könnt'! (Madame Storch ist mittlerweile ebenfalls abgestiegen.) Sabine (zu Schnoferl) . Das is ja die Souper-Zerstörerin von gestern! Peppi . Die Bissige – Kauz (zu Frau von Erbsenstein) . Mein Garten ist allen anständigen Personen geöffnet – Frau von Erbsenstein . Und da Ihnen alle Personen anständig sind, so is es ein vollkommen öffentlicher Garten. Kauz . Nièce, du verletzst mich! (Laut.) Und dann hab' ich früher im ganzen Garten herumg'schrien: »Wo is mein Rock?! Wo is mein Rock?!« Mir is nämlich mein Gehrock verlorengegangen – und da sind diese Damen herbeigestürzt und haben mir gesagt, daß – daß Madame Storch . Daß dort ein Rock auf einem Baum hängt. Kauz . Das hat mir ohne Zweifel jemand zum Schabernack – Madame Storch (zu Kauz) . Ist es gefällig, mit uns zu spazieren –? Frau von Erbsenstein (zu Kauz, welcher verlegen zögert) . Na, warum gehn S' denn nicht? Sie werden doch die Damen nicht warten lassen? Kauz . Aber, Nièce, du verletzst mich – das is nicht schön von der Nièce, wenn einem die Nièce allweil verletzen tut. (Geht verlegen schmollend ab, wo Madame Storch und die Mädchen inzwischen abgegangen sind.) Elfte Szene Frau von Erbsenstein. Schnoferl. Gigl. Frau von Erbsenstein (gespannt zu Schnoferl) . Darf ich jetzt bitten, mir in Kürze zu sagen, warum Sie mich hierher beschieden? Schnoferl . Der eine Grund (auf Gigl deutend) steht hier, der andere kommt nach. In diesem großen Augenblick möcht' ich diese kleine Hand (ihre Hand nehmend) in diese etwas größere (Gigls Hand nehmend) legen. Frau von Erbsenstein (die Hand zurückziehend) . Mir scheint, Sie sind verruckt! Schnoferl . Nicht zum Ehebund, nur zum Freundschaftsbund! Frau von Erbsenstein . Beides ganz überflüssig! Schnoferl . Oh, tun Sie's! Es is so edel, wenn man seine Hand einem Menschen in die Hand legt, dem man s' von Rechts wegen ins Gesicht legen sollt'. (Macht die Pantomime des Ohrfeigengebens.) Gigl (etwas sagen wollend) . Gewiß – Schnoferl (wie oben) . Ich hab' Ihnen gestern noch um eine ganz andere Art Verzeihung für ihn gebeten, davon is heut' keine Red' mehr. Frau von Erbsenstein . Ich glaub's! Schnoferl . Ich war gestern noch gegen 's Mädl, heut' (gerührt) bin ich fürs Mädl, denn ich hab' Mitleiden mit 'n Mädl, seit ich weiß, wer dem Mädl sein Vater is. Aber mir liegt alles dran, daß wir alle in Güte und Freundschaft – daß Sie keinen Verschmach weder auf diesen Jüngling noch auf mich werfen. Sie stehn ja auf 'n Gigl nicht an. Gigl (wie oben) . Gewiß – Schnoferl . In vielen Jahren, wenn Sie sich einmal die Liebenswürdigkeit ganz abg'wöhnt werden haben, kriegen Sie noch einen solchen, wie der Gigl is! Aber bedenken Sie, das Mädl, die arme Närrin, wär' ja ein armer Narr, wenn man ihr den Gigl entreißet. Frau von Erbsenstein . Ich steh' dem beiderseitigen Glück nicht im Weg. Schnoferl . Na, ja, aber wozu dieser kalte Groll!? Sie müssen ja den Gigl nicht verkennen, müssen ihn ja nicht als ein denkendes Wesen beurteilen. Gigl (wie oben) . Gewiß – Schnoferl . Daß er Ihnen verschmäht, zeugt ja deutlich genug von einer Unpäßlichkeit der Verstandeskräfte, es is eine Heiserkeit des Gehirns, ein Katarrh der Vernunft; und dann ist die Sach' eine Herzenssach' – Frau von Erbsenstein . So? Und in Herzenssachen ist alles verzeihlich? Schnoferl . Beinah'! Gigl (wie oben) . Gewiß – Schnoferl (leise zu Gigl) . Halt 's Maul! (Laut zu Frau von Erbsenstein.) Die Anatomen schon lehren uns, daß das kleine menschliche Herz zwei verschiedene Kammern hat, und wir sehn ja an den größten Ländern, was durch die Verschiedenheit der Kammern für Konfusionen entstehen; ferners zeigen uns die Anatomen, daß das Herz Ohren hat, und zwar verhältnismäßig sehr große Ohren! Dadurch allein schon ist jede Eselei, wo das Herz im Spiel is, zur Vergebung qualifiziert. Frau von Erbsenstein . Der Herr Schnoferl find't also das ganz leicht, wenn man beleidigt, gekränkt ist, zu vergeben. Haben Sie 's schon versucht? Schnoferl . O ja, ich hab' einmal ein' Kater vergeben, der hat mir drei Kanarienvögel g'fressen. Frau von Erbsenstein . Jedes Gemüt is halt nicht so aus Versöhnungsstoff gewebt. Bei mir kommt alles hauptsächlich auf einen Fürsprecher an! Wenn das aber ein Mensch ist, den man in gewissen Gesellschaften findet – Schnoferl . Verzeihn Sie, ich bin ein ausgebreiteter Geschäftsmann, unsereins kommt mit allen Nuancen der Menschheit in Konflikt. Frau von Erbsenstein (immer pikierter gegen Schnoferl) . Wenn aber der, der den Schuldigen auf Gaudee führt – Schnoferl . Lassen Sie sich dienen – Frau von Erbsenstein (wie oben fortfahrend) . Wenn der die Keckheit hat, sich zum Fürsprecher aufwerfen zu wollen – Schnoferl . Erlauben Sie, daß ich Ihnen dien' – Frau von Erbsenstein . Still, Sie haben ausgedient bei mir! Schnoferl . Lassen Sie sich dienen! Frau von Erbsenstein . Schweigen Sie! Schnoferl (kleinlaut) . Und ich dienet Ihnen so gern! Frau von Erbsenstein . Sie haben in meiner Achtung einen Purzler gemacht – Gigl (wie oben) . Gewiß – Schnoferl (leise zu Gigl) . Halt 's Maul! Frau von Erbsenstein . Einen Purzler – Schnoferl . Gnädige Frau – (für sich) ich muß eine mildere Stimmung erwecken. Frau von Erbsenstein (zu Gigl) . Mit Ihnen habe ich noch ein paar Wort' zu sprechen, folgen Sie mir! (Geht ins Haus ab.) Gigl (erschrocken, für sich) . Ich fürcht' mich – aber ich muß ihr folgen, denn wenn ich unfolgsam wär', da wär's gar aus. (Folgt ihr nach.) Schnoferl (allein) . Diese himmlische Frau hat den höllischen Gusto, mir Pfeile ins Herz zu bohren – na, laßt man ihr die Freud! Überhaupt, 's is 's Beste, man laßt ein' jeden seine Freud', denn die Freuden der Menschen sind meistens so, daß es sich nicht auszahlt – wenn man ihnen neidig wär' drum. Lied 1                     »Meine Frau, dieser Engel«, sagt einer, »die war, Wie ich s' g'heirat't hab', schon über sechsundzwanz'g Jahr', In dem Alter, da hätt' man doch glaub'n soll'n, sie wüßt', Was die Lieb' is und wie man sich herzt, druckt und küßt. Aber nein, sie hat mir's oft g'schwor'n nach der Hand, Sie hat bis auf mich gar kein Mannsbild gekannt. So a Glück is a Seltenheit jetzt bei der Zeit!« – Na, laßt ma ein' jeden sein' Freud'. 2 's Madl tanzt mit ein'm Fremden, und weil s' zu freundlich war, Führt s' der Liebhaber auf d' Seiten und gibt ihr a paar. Er schimpft und sie flennt: »Glaubst, i könnt' so schlecht sein?« Das rührt 'n, er versöhnt sich, drauf kehr'n s' nochmal ein. Er b'sauft sich, fangt Streit an, und weil sie sich drein mischt, Hat s' von d' Wix, die er kriegt, ihr'n Teil auch erwischt. So unterhalt'n alle Sonntäge sich die zwei Leut' – Na, laßt ma ein' jeden sein' Freud'. 3 's hat ein Kapitalist, um zugrund' z' gehn bestimmt, D' Passion, daß 'r auf alls, was 's gibt, Aktien nimmt. So a Aktie tut sich nix, macht s' auch ein'n Fall, 's blaue Aug', das kriegt nur der Aktionär allemal. Sein Freund warnt ihn: »Jetzt is der Zeitpunkt vor all'n, Wo d' Aktien öfter als die klein' Kinder fall'n.« – »Laßt ma s' fall'n«, sagt er, »wer'n schon noch steig'n mit der Zeit.« – Na, laßt ma ein' jeden sein' Freud'. 4 Ein Modeherr mit ein' enorm faden G'sicht Von gar nix als Rassepferd' und Hühnerhund' spricht, Doch hat bei ihm nie einen Hund gesehn wer, Denn den Hund, auf dem er is, den zeigt er nit her. Ein Rassepferd is jed's für ihn, denn jedes Roß, Wenn er's zahlen soll, is ihm zu raß; doch er tut groß Und glaubt fest, fürs Junge von ein' Lord halt'n ihn d' Leut' – Na, laßt ma ein' jeden sein' Freud'. 5 's wart't einer in ein'm Vorzimmer bei ein' reichen Herrn Auf die Gnad', daß er einmal wird vorg'lassen wer'n. Nach drei Wochen kommt d' Reih' an ihn, und er darf's wag'n, In Demut seine Bitt' um ein Dienstl vorz'trag'n. Man hört ihn in Gnaden und antwort't ihm dann: »Wir woll'n sehn, was sich tun läßt. Adieu, lieber Mann!« Der jubelt jetzt froh: »Ich hab' mein Glück gemacht heut'!« – Na, laßt ma ein' jeden sein' Freud'. (Ab.) Zwölfte Szene Thekla. Rosalie. Thekla (tritt, von Rosalien geführt, zum Gittertore ein) . Ich hab' eine Bangigkeit in mir, ich trau' mich gar nicht herein. Rosalie . Courage! Warten S' einen Augenblick, mir scheint, sie sind dort. (Nach rechts in die Szene sehend.) Ich bring' Ihnen den Schnoferl, oder wenn ich den nicht find', jemand andern, der – (Eilt rechts ab.) Thekla (ihr nachrufend) . O nein, nur niemand andern als den Schnoferl. Dreizehnte Szene Thekla (allein). Thekla . Der gute Mensch nimmt sich so herzlich an um mich, und er hat mir wichtige Aufschlüsse versprochen. Sollt' er etwan gar ein Mittel gefunden haben, die Rechtfertigung meines Vaters – -?! O Gott, ich trau' mich gar nicht zu hoffen auf so ein Glück. Vierzehnte Szene Gigl. Dann Schnoferl. Dann Frau von Erbsenstein. Die Vorige. Gigl (eilig aus dem Haus kommend) . Unglückliche, du rennst in dein Verderben, die Furie is da! Thekla (erschrocken) . Wer? Gigl . Laufen wir auf und davon, das is 's Gescheiteste – zu spät, da is sie! (Frau von Erbsenstein kommt.) Schnoferl (eilig aus dem Hause kommend) . Fassung, Mamsell Thekla! Fassung, sie ist in der schrecklichsten Stimmung, aber ich schütz' Ihnen gegen den ersten Anfall ihrer Wut. Thekla . Himmel, was wird – Frau von Erbsenstein (zu Thekla) . Mamsell, ich hab' gestern mich in der Aufwallung des Zorns zu Äußerungen hinreißen lassen, die ich von ganzem Herzen bereue – Thekla (Frau von Erbsenstein die Hand küssen wollend, was diese jedoch nicht geschehen läßt) . Gnädige Frau – Schnoferl (ganz verblüfft) . Gigl – Gigl (ebenso) . Schnoferl – Frau von Erbsenstein (zu Thekla) . Ich hab' mich genau um Sie erkundigt und gesehen, wie sehr ich Ihnen unrecht getan. Lassen Sie mich jetzt, um es gut zu machen, Ihre aufrichtigste Freundin, Ihre eifrigste Beschützerin sein. (Schließt sie in ihre Arme.) Schnoferl (für sich) . Ha, das Weib ist ein Stern erster Größe, und ich Stockfisch hab' sie einer kleinlichen Rachsucht fähig gehalten, die mit ihr einen Kontrast bildet wie der Olymp mit 'n Naschmarkt! (Zur Frau von Erbsenstein.) Heraus muß es jetzt, gnädige Frau, was seit, ich weiß gar nicht wie viel Jahren, in mir wogt: Sie sind das Götzenbild im heiligen Hain meiner Gefühle, Sie sind das Omlett, was ich unsichtbar um den Hals getragen und so mich stärkte in jeglicher Gefahr! Frau von Erbsenstein (welche bisher immer mit Thekla gesprochen) . Zu was strapazieren Sie sich da? Arrangieren S' lieber wo eine Abendunterhaltung! Schnoferl (niedergedonnert, für sich) . Die vermudelt mich schön! Gigl . Thekla, liebe Thekla Frau von Erbsenstein (zu Thekla) . Erzählen Sie weiter! Thekla . So hab' ich also meinen Vater an dem verhängnisvollen Abend besucht. Auf einmal sagt er: »Ich hab' was vergessen in der Schreibstuben, ich komm' gleich wieder zurück«, und geht fort. Nach einer Viertelstund' kommt er wieder, totenblaß, und sinkt mit den Worten: »Thekla, ich bin verloren!« in einen Sessel. Wie er sich erholt hat, sagt er: »Die Kassa vom Herrn von Kauz is erbrochen und ausgeraubt, auf niemand kann der Verdacht kommen als auf mich, man wird mich einziehen, ich komm' in Untersuchung und hab' nichts, mit was ich mich rechtfertigen kann! Mir bleibt kein Ausweg als Flucht!« Auf das is er fort und erst nach einiger Zeit hat er mir geschrieben, unter welchem Namen und wo er verborgen lebt – wie er lebt, das können Sie sich denken, denn er hat nichts als das wenige, was ich ihm schicken kann. Frau von Erbsenstein . Armes Kind –! Schnoferl (gerührt, zur Frau von Erbsenstein) . Hab' ich mich nicht für ein gutes Geschöpf interessiert? Ich bin so fest überzeugt, daß ihr Vater unschuldig is – Frau von Erbsenstein . Wie aber der Welt es beweisen? Gigl . Ich brauch' keine Welt, ich heirat' sie, und wenn auch ihr Vater nicht unschuldig wär', ihr Vater is ja majorenn und kann folglich schnipfen, was er will. Frau von Erbsenstein . Sie reden wieder in den Tag hinein! Gigl . Wenn auch der Vater lange Finger hat, was geht das die Hand der Tochter an? Thekla . Der Herr Schnoferl hat mir versprochen, heut' wichtige Entdeckungen – Frau von Erbsenstein (zu Schnoferl) . Haben Sie was getan in der Sach'? Das könnt' Ihnen wieder heben in meiner Freundschaft. Schnoferl . Ich war heut' vormittag bei dem Mann, der Näheres um die Sache wissen muß, bin aber zu spät gekommen. Ein ältlicher Mann war heut' in aller Fruh dort, hat zwei Stund' mit ihm gesprochen; auf das is er abg'reist, kein Mensch weiß, wohin! Frau von Erbsenstein (Schnoferl verächtlich messend) . Also zu spät gekommen? Natürlich, früher hat halt der ausgebreitete Geschäftsmann wichtigere Sachen zu tun gehabt. Adieu, Herr Schnoferl, das war Ihr Gnadenstoß! (Zu Thekla.) Kommen Sie mit mir, meine Liebe! (Zu Gigl.) Gigl, schaun S', daß mein Wagen vorfahrt. (Zu Thekla, im Abgehen.) Wir werden schon Leute finden, die sich um Ihre Sache tätig annehmen sollen. (Mit Thekla ins Haus ab.) Fünfzehnte Szene Schnoferl. Gigl. Schnoferl (ganz niedergeschmettert) . Ah, wie diese Frau mich in den Schlamm der Vernichtung schleudert und umtritt auf mir – das is arg! Da is ja jedes Wort eine moralische Blausäure, mein Inneres zerfallt wie Zunder, ich trag' meine Seel' in Schnopftüchel heim. So verkannt zu werden! Ich, der ich alles so gern in Güte ausgleichen möcht', der ich gegen die ganze Welt so dienstwillig, so hilfleistig bin – Gigl (für sich) . Sie fahrt mit der Erbsenstein und ich mit 'n Fiaker, da fahr' ich alle Augenblick' vor und kokettier' hinein in Wagen! – (Zu Schnoferl.) Du, Schnoferl, da nimm die Brieftaschen, ich hab' s' von der Rosali zum Aufheben. Eigentlich g'hört s', glaub' ich, der Sabin'. (Gibt sie ihm.) Schnoferl . Die Brieftaschen der Sabin'? Gigl . Na, ja, verstehst denn nicht Deutsch, jetzt muß ich wegen die Wägen schaun. (Geht durchs Gittertor ab.) Sechzehnte Szene Schnoferl (allein). Schnoferl (die Brieftasche besehend) . Die Brieftaschen is von der Sabin'? – Das is doch keine Damenportifölie, diese Brieftaschen is offenbar männlichen Geschlechts. – Hm – wie kommt sie da dazu? – Eigentlich geht's mich nix an – (öffnet die Brieftasche) den Namen des Eigentümers möcht' ich vor allem – (die Papiere durchblätternd) ah, da is ein offner Brief – da werden wir die Adress' – (liest) »An Herrn Kä – Käfer« – is es möglich? »An Herrn Käfer«? – Und die Unterschrift? (Entfaltet den Brief.) Keine da – Macht nix, da muß die Sabin' Auskunft wissen. – Was steht denn in Brief? – (Liest murmelnd den Brief, indem er bisweilen durch Exklamationen sich unterbricht.) Was –!? – Was wär' das –!? – Teufel hinein! – (Den Brief wieder zusammenlegend.) Triumph! Triumph! Gigl! Mamsell Thekla! Frau von Erbsenstein! Triumph! Mamsell Gigl! Mussi Thekla! Triumph! Siebzehnte Szene Frau von Erbsenstein. Gigl. Thekla. Der Vorige. Gigl (durchs Gitter zurückkommend) . Die Wagen sind b'stellt. Schnoferl . Triumph! Schrei Triumph, Gigl, ich bitt' dich! Gigl (schreit) . Triumph! – Aber du, wegen was denn? Frau von Erbsenstein (mit Thekla aus dem Hause) . Was is denn g'schehn? Schnoferl . Gnädige Frau! Mamsell Thekla, ich bitt' Sie um alles in der Welt, schreien Sie Triumph! Aber aus vollem Hals, Sie haben gar nix zu tun als Triumph zu schreien, alles andere hab' ich schon getan. Frau von Erbsenstein . Werden S' jetzt g'scheit werden oder nicht? Schnoferl (zu Thekla) . Die Ehre Ihres Vaters is gerettet! Thekla . Wär's möglich –?! Schnoferl . Ich hab' einen Brief entdeckt, der seine Unschuld sonnenklar beweist. Hören Sie nur! (Liest.) »Lieber Käfer! Heut' muß die Sach' geschehn, ich bin auf ein paar Tage aufs Land, um jede Idee von mir abzulenken. Der alte Stimmer geht täglich um sieben Uhr aus der Schreibstube, halb acht Uhr is also die beste Stund'. Die Schlüssel zu Vortür und Zimmer hast du, du brichst die Kassa auf, wie verabredet, bringst mir heute noch den Inhalt derselben, nachdem du dir deine Belohnung per zweihundert Dukaten abgezogen, und die Komödie is in Ordnung.« – Das is ein Einbruch durch Prokuration, und der nennt das eine Komödi! Frau von Erbsenstein . Ja, von wem ist denn der Brief? Schnoferl . Keine Unterschrift, aber wir kommen schon drauf. Offenbar is der Käfer der Helfershelfer, und der, der den Brief geschrieben hat, is der Täter. Frau von Erbsenstein (einen Blick in den Brief werfend, welchen Schnoferl noch in Händen hält) . Wenn man nur die Schrift erkennen könnt' –! (Heftig erschreckend, beiseite.) Um Gottes willen, das is mein' Onkel seine Schrift – Schnoferl (welcher gegen Thekla gewendet war, sich zu Frau von Erbsenstein kehrend) . Was sagen Sie? Frau von Erbsenstein (sich zu fassen suchend) . Nichts, ich – kenn' die Schrift nicht – Schnoferl . Na freilich, wie sollen Euer Gnaden einem jeden Halunken seine Schrift kennen, ich kenn' s' auch nicht! Aber nur Geduld, wir kommen schon auf 'n Grund. Achtzehnte Szene Madame Storch. Rosalie. Peppi. Sabine. Kauz. Vorige. Kauz (tritt, mit den Frauenzimmern zankend, von Seite rechts auf) . Erlauben Sie mir, das is keine Sach', um ein' Spaß z' machen. Madame Storch , Peppi , Rosalie . So sein Sie nur nicht so kindisch! Kauz . Was, kindisch? Eine Brieftaschen is kein Gegenstand zu einem Jux. Sabine . Sie werden Ihre Brieftasche gleich wieder kriegen. Schnoferl (für sich) . Ihm g'hört die Brieftaschen? – Ha, Stearin-, Milly-, Apollo-Licht, was mir aufgeht –! Sabine (zu Kauz) . Wie ich Ihnen sag', ich hab' s' der Rosali geben. Kauz . Und die Rosalie –? Rosalie . Ich hab' s' dem Herrn von Gigl gegeben. Kauz . Also, Gigl, heraus damit! Gigl . Ich hab' s' dem Schnoferl aufz'heben geb'n. Kauz (erschreckend) . Dem Schnoferl –? (Mit erzwungener Fassung.) Herr Schnoferl, hab'n S' die Güte, meine Brieftaschen – Schnoferl . Gleich, gleich, 's pressiert ja nicht! Wissen Sie, Herr von Kauz, daß Ihr Landhaus wirklich eine scharmante Lage hat? Kauz (sehr unruhig) . Ja, ja – aber – Schnoferl . Diese herrliche Luft, mitten im Sommer so kühl, gar nicht schwül, ich begreif' nicht, warum Sie so schwitzen? Kauz (seine Unruhe verbergen wollend) . Begreif's selbst nicht – aber geben Sie jetzt – Schnoferl . Sehen Sie, wohl verwahrt! Kauz (ihn beiseite ziehend) . Herr Schnoferl – Schnoferl (leise zu ihm, indem er ihm den Brief zeigt) . Diese Handschrift ist Ihnen ohne Zweifel bekannt? Kauz (ganz kleinlaut) . Herr Schnoferl, Sie werden doch nicht – Schnoferl (leise, ihn stark fixierend) . Sie haben sich durch die dritte Hand selbst beraubt, um einen Vorwand zu haben, sich arm zu stellen und Ihren Seitenverwandten den Erbschaftsteil nur zizerlweis hinauszuzahlen? Kauz (leise zu Schnoferl) . Eine verunglückte Spekulation! Schnoferl (wie oben) . Schaut's, der Herr von Kauz! (Laut.) Mir sehr angenehm, daß Zeugen vorhanden sind, Zeugen, die die Sach' gewiß in alle Weltgegenden verbreiten werden. Kauz (leise, bittend) . Schnoferl – Schnoferl (laut) . Der Vater von diesem armen Mädl hier war unschuldig in Verdacht, seine Ehre is unbefleckt wie der Tag, niemand kann daran zweifeln, denn der Herr von Kauz is gar nicht bestohlen worden. Thekla . Ich bin überglücklich! Gigl . Thekla –! Frau von Erbsenstein (in größter Angst leise zu Schnoferl) . Um's Himmels willen, tun S' unserm Haus die Schand' nicht an – ich bin seine Nichte – Schnoferl (leise zu Frau von Erbsenstein) . Gerechtigkeit is das erste, strenge Gerechtigkeit! (Laut.) Das Geld nämlich hat der Herr von Kauz – Kauz (in Desperation, leise zu Schnoferl) . Wollen Sie mich unglücklich machen –? Schnoferl . Das Geld hat der Herr von Kauz nur verlegt. Alle . Verlegt Schnoferl . Sehen Sie, an seinem verlegnen G'sicht sieht man's, daß das Ganze nur verlegt war. Soeben hat er mir angezeigt, daß er in dieser Brieftaschen alles wiedergefunden. (Zu Kauz, ihm die Brieftasche gebend, nachdem er vorher den Brief herausgenommen.) Da haben Sie's, (leise) den Brief behalt' ich aber noch! Sabine . Kurios, wir haben sie doch durchsucht – Schnoferl . Ja, es muß ganz ein verborgenes Fach sein – Kauz . Ich fang' an, Atem zu schöpfen, aber noch nicht recht. Frau von Erbsenstein (leise zu Schnoferl) . Sie sind ein Engel – Schnoferl (leise zu Kauz) . Jetzt kommen aber erst die Bedingungen, unter denen ich schweigen und Ihnen auch den Brief zuruckgeben will. (Laut.) Schön, Herr von Kauz, schön, das macht Ihnen Ehre. (Sich zu den andern wendend.) Der Herr von Kauz versichert mich soeben, daß er seinen Seitenverwandten ihren ganzen Erbschaftsanteil sogleich, samt sechsprozentigen Interessen für die Zeit, als das Geld verlegt war, herauszahlen wird. Mir zahlt er ebenfalls meine dreitausend Gulden, na, das versteht sich von selbst. Übrigens, das is alles nur Schuldigkeit! jetzt kommt aber erst das Edle – Kauz (beiseite) . Was denn noch Schnoferl (laut zu allen) . Der Tochter des Mannes, der unschuldig im Verdacht war, schenkt er zehntausend Gulden zur Aussteuer. Kauz (beiseite) . Verdammt Schnoferl (wie oben) . Ihrem Vater aber, der am meisten bei der G'schicht' gelitten, fünfzehntausend Gulden als Entschädigung für ausgestandenes Ungemach. Kauz (wie oben) . Verfluchter Kerl –! Schnoferl (wie oben) . Das is schön, Herr von Kauz, wirklich schön, und extra noch – Kauz (leise zu Schnoferl) . Ja, ist's denn noch nicht g'nug? Schnoferl (wie oben) . Extra noch, weil sich die Sach' so glücklich gestaltet hat, schenkt er zehntausend Gulden an die Armen. Kauz (desperat, leise zu Schnoferl) . Mensch, Hyäne, du ruinierst mich –! Schnoferl (Kauz umarmend) . Edler Mann, du rührst mich! (Zu den Anwesenden.) Das is großartig; er sagt, zehntausend Gulden sind zu wenig, er will durchaus zwölftausend Gulden an die Armen zahlen. Kauz (für sich) . Ich fahr' aus der Haut! (Leise zu Schnoferl.) Satansschnoferl, ausgezeichneter Folterknecht von der Seelentortur – Schnoferl (zu Kauz, leise) . Wie S' ein Wort reden, sag' ich: fünfzehntausend Gulden, ich hab' Ihnen ja in der Hand. (Zeigt den Brief, laut.) Über alles dieses wird der Herr von Kauz noch in dieser Stund' mir die nötigen Dokumente ausstellen. (Leise zu Kauz.) Dann kriegen S' Ihren Brief. Sabine . Ich bin neugierig, weil der Herr von Kauz heut' seinen großmütigen Tag hat, wie er sich bei seinen Freundinnen einstellen wird. (Die Mädchen und Madame Storch nähern sich.) Kauz (sehr ärgerlich) . Gehn Sie zum – ihr seid's schuld an allem! Die Mädchen und Madame Storch . Was –!? Rosalie , Sabine . Was wär' das?! Madame Storch (böse zu Kauz) . So eine Aufnahme sind wir nicht g'wohnt. Kommt's, Mädln! Sabine . Wir verbieten uns aber alle ferneren Besuche. Madame Storch und Die Mädchen (im Abgehen) . Schaut's den impertinenten Menschen an! (Zum Gittertor ab.) Neunzehnte Szene Die Vorigen ohne Madame Storch und die Mädchen. Frau von Erbsenstein . Lieber Schnoferl, wie soll ich Sie für Ihr schonendes Benehmen lohnen? Schnoferl . Durch einen gnädigen Blick, wenn S' einen bei der Hand haben. Frau von Erbsenstein . Ich hab' einen, wie ich glaub', Ihnen angenehmeren Lohn bei der Hand – die Hand selbst, wenn Sie s' wollen! – Schnoferl (aufs höchste überrascht) . Is – is das Ihr Ernst? Frau von Erbsenstein . Mein völliger Ernst! Schnoferl (in Ekstase) . Ha, so zerschmettert, ihr Kniescheiben! Stürz' nieder, Winkelagent! So eine Seligkeit kann der Mensch nicht als a stehender ertragen! (Stürzt der Frau von Erbsenstein zu Füßen und küßt ihr die Hand.) Kauz (grimmig, beiseite) . Jetzt kommt der Kerl noch in meine Familie hinein! Schnoferl (aufstehend) . Also hier (auf Thekla und Gigl zeigend) steht ein glückliches Paar; hier (auf sich und Frau von Erbsenstein zeigend) ein gar enorm glückliches; und Sie, Herr von Kauz, klauben sich unter die Sprichwörter: »Der Krug geht so lang zum Brunnen, bis er bricht«, oder »Tue recht und scheue niemand!«, oder »Nichts ist so fein gesponnen, es kommt dennoch an die Sonnen«, oder »Ehrlich währt am längsten« – unter diesen Sprichwörtern suchen Sie sich das passendste als Moral heraus! (Während ein paar Takten fröhlicher Musik im Orchester fällt der Vorhang.)