Wilhelm Raabe Im Siegeskranze Ja, mein liebes Kind, ich wundere mich wahrlich oft selber darob, daß der Himmel über einer alten Frau noch so blau sein kann und daß das Lachen immer noch gern mit ihren lahmen Füßen Schritt hält und nicht längst weiter gesprungen ist, dem jüngeren Volk nach und zu, was ihm viele Leute gewiß nicht verdenken würden. Aber es ist so, trotzdem es wohl recht hätte, anders zu sein, und weil wir grad dabei sind, so will ich die gute Stunde benutzen, um dir einmal ein wenig von dem zu erzählen, was alles der Mensch erfahren und ertragen kann, ohne in der Hand des Schicksals zu vergehen wie ein Flöckchen Werg auf einem Kohlenbecken. Man hat wohl Gelegenheit gehabt, etwas zu erleben, wenn man im Jahre achtzehnhundertundeins geboren wurde und seine Tage bis in diesen unruhvollen und angsthaften Frühling des Jahres sechsundsechzig fortspinnen durfte; und was die Eltern und Großvater und Großmutter anbetrifft, so ist das, als ob man hinabsieht in eine große dunkle Tiefe und sieht Lichter in dem Dunkel und Gestalten und hört allerlei Töne, daß einem ein Sehnen und ein Grauen um das Vergangene zu gleicher Zeit ankommt. Sieh, hier sitzen wir auf der Bank vor deines Vaters Hause, und du bist nun auch schon ein großes Mädchen geworden, und wer weiß, ob du nicht bald eine Braut sein wirst; das Plätzchen ist gut, und in den Wind werd ich auch nicht reden, du wirst's schon verstehen, wie ich's meine. Da drüben raucht des Nachbars Schornstein, und dort guckt seine weiße, dumme Zipfelmütze über die Hecke, der Nachbarin nichtswürdiger blauer Unterrock dorten auf der Leine gehört gleichfalls zu unserer Aussicht, und wir kennen alle Kinderstimmen um uns her. Ja, rings um uns her liegt das deutsche Land im Frühlinge, und du und ich, dein Vater und deine Mutter wissen es gar nicht anders, als daß wir immer und ewig dazu gehört haben, daß wir zu dem Boden, den wir betreten, gehören, gleichwie das Gras und der Baum, und daß wir daraus emporwuchsen wie der Weizenhalm, der wohl im Wind sich neigt und schwankt hierhin und dahin, aber nimmer seinen Fuß hervorziehen kann und mag. Nun merke auf, mein Kind; es ist doch nicht ganz so, wie wir meinen, und wenn ich nicht eine alte dumme Frau wäre, möcht ich wohl zu manchem ein recht kluges Wörtlein darüber reden können. Es wird aber wohl grad so recht sein, daß die Menschen sich einbilden, sie seien mit ihren Zuständen immer in der Art dagewesen, wie sie am heutigen Tage vorhanden sind. Ist übrigens am End auch ein übel Ding, wenn einem das Leben nicht paßt und anwuchs wie der Schnecke ihr Schneckenhaus. Was nun unsere Familie betrifft, so hat es damit folgendermaßen seine Bewandtnis. Als zu Ende des vorigen Jahrhunderts da drüben im Franzosenlande die große Revolution angegangen ist, ist es über die einen gekommen wie eine schnelle Wassersnot von einem Wolkenbruch und über die andern gleich einem Feuer, welches bei Nacht ausbricht. Und weil mit einem Male alles anders wurde und das Unterste zu oben kam, so haben sich viele, viele Menschen nicht darein finden können, haben sich nicht zu raten und zu helfen gewußt und sind in ein großes Unglück gefallen. Da ist alle Ruhe und Stille, alle Reinlichkeit und Zierlichkeit des Lebens plötzlich in Unruhe, Angst, Gefahr, Wüstenei und Verwirrung verkehrt worden, und Hunderttausende haben alles, was sie nicht auf den Schultern und unter dem Arm forttragen konnten, hinter sich gelassen und haben sich auf die Flucht begeben mit ihren Angehörigen oder auch wohl allein. Wenn die Flut heranschießt oder das Feuer aufgeht über Nacht, so verlieren die einen den Kopf, die andern das Herz und wieder andere beides, und es sind immer wenige, die beides zusammen behalten. Also ist's mit den Menschen in ihrer Schwachheit beschaffen, und also wird's auch fürs erste mit ihnen bleiben. In jenen Zeiten nun kam mit den Fliehenden ein französischer Mann aus Frankreich über den Rheinstrom und führte mit sich eine Frau, ein klein Töchterchen und eine Magd und war noch glücklich vor Tausenden zu nennen, denn er brachte auch einen geringen Teil seines Vermögens mit. In seiner Heimat war er ein sehr reicher Mann gewesen, doch das ist heut alles einerlei; aber was anderes ist wohl in unserm Haus im Gedächtnis zu behalten, nämlich sein Kind ist meine Mutter und deine Urgroßmutter geworden. Ich hab sie aber nicht gekannt, denn sie ist mit ihrer Mutter, meiner Großmutter, nach ihrem Herzenswunsch in ein und derselben Stunde gestorben und in ein und dasselbe Grab gelegt worden; das ist mir alles wie ein ganz nebeliger Tag, oder als ob man durch ein dichtbeschlagenes Fenster auf die Straße hinaussieht, und für dich, mein Kind, hat es wohl gar keinen Sinn, keinen Klang und keine Farbe. Es haben mir alte Leute, die jetzt auch schon dreißig oder vierzig Jahre tot sind, von diesen Voreltern erzählt; allein auch die haben wenig mehr sagen können; es hat ja der Einfältigste so viel für sich selbst zu bedenken, daß er wenig Gedächtnis für andere übrigbehält. Meine Mutter soll sehr schön gewesen sein, als sie zu einer Jungfrau herangewachsen war, zierlich und fein und nicht gar groß; sie hat jedoch in dem fremden Land, welches jetzt längst unser Mutterland ist, ein einsam Leben führen müssen, recht wie eine Nonne; denn ihr Herr Vater, dein Ururgroßvater, hat niemandem mehr in der Welt getraut. Er hat im Gegenteil eine hohe Mauer um sein Haus und seinen Garten gezogen und ist gar nicht so lustig und flink gewesen, wie du und ich uns heute die Franzosen vorstellen, sondern ein gar stattlicher und recht finsterer und langsamer Mann, der den Mund selten aufgetan und noch seltener den Leuten ein Kompliment gemacht hat. Was meine französische Mutter angeht, so hat sich denn das zu seiner Zeit doch gefunden – sie ist aus ihrem Versteck herausgezogen worden, grad so wie das auch heut noch geschehen mag, und auch davon will ich dir erzählen. An deines Ururgroßvaters hohe Gartenmauer hat ein Haus gestoßen, das hat ein einzig Stüblein gehabt, von welchem aus man den Garten des Nachbars überschauen konnte. In dem Hause hat mein Vater gewohnt, und der war schon ein Witwer und hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, und war der Arzt im Städtchen und ein guter Mann, aber auch still für sich hin und wenig freudig und nicht mehr recht voll Zuversicht in sein Leben. Zu dem, nämlich meinem Vater, ist einmal, und das war im Jahr achtzehnhundert, ein junger Mensch aus der Stadt, auch ein Mediziner, jedoch vorerst nur ein Herr Studiosus, gekommen, und hat ihn mit vieler Verlegenheit und großem Erröten himmelhoch gebeten, er möge ihm doch jenes Stübchen vermieten, von welchem ich dir eben gesprochen habe. Hat gesagt, er wolle nur gestehen, daß er auf Universitäten nicht so fleißig und sedat gewesen sei, als seine Verwandtschaft von ihm erwartet habe, daß er aber nun aus großer Furcht und Angst vor dem Examen in sich gegangen sei und still und zurückgezogen in dem besagten Stüblein sitzen wolle und arbeiten, daß ihm der Kopf brenne. Das hat meinem Vater natürlicherweise merkwürdig gut gefallen, und er hat dem jungen Herrn bestens zu seinem Vorsatz gratuliert; aber seine Gewohnheit ist ihm ebenso lieb gewesen, wie sie allen andern Menschen ist, und seine Stube hat er nicht gern hergegeben, denn er hat viele Bücher und sonst allerlei Sachen darin aufgestellt gehabt und oftmals, wenn die Kinder drunten im Haus ihm zu laut wurden oder sonst das Bedürfnis und die Stimmung ihn trieb, sich dahin zurückgezogen wie in einen Schlupfwinkel, aus welchem ihn nur die höchste Not hervorpochen durfte. So hat er also dem Herrn Studio angeboten, er wolle ihm mit Freuden ein noch viel stilleres Gemach mit der Aussicht auf den Hof, oder vielmehr gar keiner Aussicht zu seinem Gebrauch anweisen, und zwar ganz umsonst, das andere aber könne er nicht ablassen, denn es sei ihm selber zu seiner Bequemlichkeit unentbehrlich. Da ist mein junger Mann erst noch viel röter und dann ganz bleich geworden und hat sehr gestottert und noch viel flehentlicher gebeten, ihm seinen Willen zu tun; aber gestanden hat er nicht, weshalb er sein Herz so auf dieses Zimmer gerichtet habe. Ich weiß es jedoch von einer alten Tante, die hat mir anvertraut, es sei das junge französische Mädchen, deine Urgroßmutter, schuld daran gewesen, solche habe er auf dem Kirchweg dann und wann zu Gesicht gekriegt und sie gar lieb gewonnen. Die alte Tante aus der Blasiengasse wußte die Umstände ganz genau, wie er sich vergeblich abgemüht habe, ihr nahe zu kommen, und wie alle seine Listen und Anschläge zu nichts halfen, wie er um das Haus und den Garten schlich und wie man gewissermaßen sehr fälschlich sage, daß die Liebe blind sei. Die alte Tante wußte ganz genau, daß die Liebe des Studiosen nicht blind gewesen sei, und hielt dafür, daß in Anbetracht der Verhältnisse der Anschlag mit dem Stübchen nicht der schlechteste gewesen sei; denn von da aus hätte er die schöne Jungfrau in ihrem Garten belauschen können, ohne jemand um die Erlaubnis bitten zu müssen, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn er seinen Willen bekommen hätte! Er bekam ihn aber nicht; denn da er seinen Mund nicht zur rechten Zeit auftat, so hat mein Vater seine Bequemlichkeit nicht einer fremden Grille opfern wollen, und ich habe am allerwenigsten das Recht, zu sagen, daß es schade drum war. Mit grollendem Herzen ist der junge Doktor fortgegangen und hat sich anderswo in den Winkel gesetzt; mein Vater aber hat sein Recht und Reich behauptet, ist über seinen Büchern sitzen geblieben und hat nach seiner Art in seiner Kunst und Wissenschaft weiter studieren wollen, nachdem er den betrüblich abziehenden armen Jungen insgeheim einen Narren geheißen hat. Mit dem Studieren ist's aber eine eigene Sache gewesen, und der Herr Vater hat an diesem Tage nicht in gewohnter Weise weiterkommen können. Er ist, wie gesagt, ein recht nachdenklicher, nachgrübelnder Mann gewesen, den man wohl auf manche Dinge recht mit der Nase stoßen mußte, der aber auch, wenn ihm einmal etwas im Sinne lag, schwer wieder davon losgekommen ist, der im Notfall jeden Stein auf seinem Wege dreimal umwendete und einer Wolke am Himmel vom Anfang bis zum Niedergang nachsehen konnte. Dazu war nun die Gelegenheit vorhanden, und der Herr Vater hat allgemach den Kopf immer stärker geschüttelt und hat sich denselben Kopf immer mehr zerbrochen um die Frage, was wohl den jungen Freund zu solchem Gebaren getrieben haben möchte. Da hat er alle vier Wände, den Fußboden und die Decke tiefsinnig beobachtet; aber nirgends stand die Auflösung des Rätsels angeschrieben. Nun ist er mit den Händen auf dem Rücken hin und her gegangen von einem Bücherbrett zum andern und hat wiederum keine Aufklärung gefunden. Er hat lange den Ofen angesehen, ohne daß es ihm etwas half, und weder die ausgestopfte Gabelweihe, noch was sonst an der Wand zum Aufputz diente, erleuchtete ihn mehr. Natürlich hat er das Richtige erst ganz zuletzt und durch Zufall entdeckt, und dann hat er den Kopf noch mehr geschüttelt. Es ist gewesen wie immer, wenn man etwas sucht: entweder liegt das Ding einem vor der Nase, oder es liegt ganz unten im Kasten. Ganz zuletzt trat mein Herr Vater an das Fenster, und nachdem er eine halbe Stunde lang nach den ziehenden Wolken emporgestarrt hatte, sah er endlich auch in den Garten des französischen Nachbars hinunter. Da hatte er's, und nun ist es ihm merkwürdig ergangen! – Im allerersten Anfang hat er gelächelt und sich die Stirn gerieben und wieder leise gelacht und zu sich gesprochen: »Ja, das ist etwas anderes, ei, ei, ei, Herr Kollega; na, sintemalen sich die Sache also verhält, junger Mann, so soll er das Winkelchen haben und das Fenster obendrein; wünsch ihm viel Pläsier dazu!« – Hat also einen Briefbogen genommen, um dem betrübten Verliebten seine veränderte Meinung mitzuteilen. Er mag auch wohl schon die Feder ins Dintenfaß getaucht haben, aber dabei ist's geblieben; und, mein liebes Kind, so geht es mit den guten Vorsätzen der Menschen sehr häufig in dieser wankelmütigen Welt. Mein Herr Vater hat erst noch einen Blick in des Nachbars Garten tun wollen, und dann hat er sein Schreiben auf den folgenden Tag verschoben, und dann ist ihm der Zweifel gekommen, ob er auch recht an dem Nachbar handle, wenn er solche Liebelei begünstige, und so hat er die Ausführung seines guten Willens von einem Tage auf den andern und von einer Woche auf die andere verspart. Der Garten des Nachbars aber ist währenddem immer grüner und lustiger geworden; denn auf den Märzen folgte der April, und das war denn der rechte Monat für diesen Geisteszustand. Am Ende hat der Herr Vater nicht mehr mit Lächeln an den armen Studenten gedacht, sondern er ist ganz verdrießlich und hitzig geworden, wenn die Rede auf ihn gekommen ist, und der Student hätte doch ein viel größer Recht gehabt, ärgerlich auf den Herrn Vater zu sein; aber so ist die Welt, mein Kind, und so ist sie immer gewesen. Ja, so geht's in der Welt, und es würde mir, wie gesagt übel anstehen, meinen eigenen Vater und deinen Urgroßvater anzuklagen, weil er nicht tat, was er nicht zu tun brauchte, und tat, was er nicht lassen konnte. Daß ich es nur kurz sage, es hat ihn eine gar heftige Neigung und Liebe zu dem jungen französischen Mädchen, meiner Mutter und deiner Urgroßmutter, erfaßt, trotz seiner Witwerschaft und seiner drei Kinder; und nachdem er seine Zeit mit seiner Neigung gekämpft hat und von ihr überwunden ist, ist er zum Nachbar gegangen und hat um sein schönes Kind angehalten. Um den Studenten hat er sich dabei gar keine Sorgen gemacht. Nun denke nach darüber, mein Kind! Es sind dein Ururgroßvater und deine Ururgroßmutter damals keine jungen Leute mehr gewesen, und die Not in ihrer eigenen Heimat, die Flucht mit ihren Drangsalen und Ängsten und der Aufenthalt in dem fremden Lande unter den fremden Menschen haben sie auch nicht jünger gemacht. Mit großer Furcht haben sie ihres Kindes wegen an ihren Tod gedacht und an die Verlassenheit, welcher es anheimfallen möchte, wenn es so allein und fremd in der Fremde zurückbliebe. Es war damals so viel Krieg und Blutvergießen von Mittag bis Mitternacht, von Morgen bis Abend, daß ein Elternpaar noch viel ungerner als heute solch ein arm, unschuldig, jung Wesen allein und ohne Hülfe ließ. Als deshalb der wackere, geachtete, vermögliche Mann kam und dem Ururgroßvater antrug, er wolle die Sorge um die Tochter, wie er es vermöge, von ihren Schultern nehmen und das Kind sein Leben lang halten wie sein Herzblatt, da haben sie sich nicht lange bedacht, sondern haben ihm nach einem kurzen Rat ihrer Tochter Hand zugesagt. Es ist nämlich im Franzosenland so die Sitte, daß man die Kinder niemals fragt, ob sie auch nicht einen andern lieb haben, sondern die Eltern wählen den Bräutigam oder die Braut nach ihrem Gefallen und Verstande, und die Kinder werden dann in die Stube gerufen, um ja zu sagen, und weil sie es nicht anders gewohnt sind, so fügen sie sich und nehmen ihr Los, wie's kommt. Ob meine Mutter sich um den Studenten ihr Herzlein sehr zerbrochen hat, weiß ich nicht; vielleicht hat sie wohl nicht eben mehr von ihm gewußt als sonst von der Welt; gewehrt hat sie sich nicht gegen ihrer Eltern Willen und ist also schon im Sommer des Jahres achtzehnhundert meines Vaters Frau geworden. Im Sommer des folgenden Jahres bin ich dann geboren, und so kommt eins aus dem andern, wie es Gottes Wille ist. Von dem Studenten weiß ich weiter nichts zu sagen; heut ist's ihm sicherlich einerlei, ob er damals gewonnen hat oder nicht, und damals wird er sich gewiß auch getröstet und sein Herz anderswo unter Dach und Fach gebracht haben. Seltsam ist's aber doch, daß wir hier so sitzen, ich eine alte Frau und du meine Enkelin, und sehen seine Gestalt in der Ferne vorübergehen und schreiben das Jahr achtzehnhundertundsechsundsechzig! Deine französischen Urureltern haben mit ihrer Eile, ihr Kind in eine gute Versorgung zu geben, wohl recht gehabt, insofern ihre Tage auf Erden freilich gezählt waren; sie haben aber doch nicht recht gehabt, denn der Tochter Tage waren ja mit den ihrigen gezählt; so etwas will jedoch das Alter zu keiner Zeit glauben. Grand-père ist bald nach der Hochzeit gestorben, und grand-mère hat mit meiner Mutter meine Geburt nur um eine kurze Zeit überlebt. Sie liegen in dem Boden, aus welchem wir aufgewachsen sind; wo ihre Wiege stand, das weiß niemand mehr zu sagen. Das sind Schatten, nichts als Schatten, und wie einem von einem hohen Berge aus die Menschen, ihre Häuser und Dörfer und Städte verschwinden in der weiten Ebene, so sind uns ihre Not und Sorge verschwunden, daß wir uns ganz genau darauf besinnen müssen, um daran glauben zu können. Was aber nun kommt, das tritt klarer hervor aus der vergangenen Zeit; meine eigene Seele muß für alles eintreten, und wenn ich für so schwere Erlebnisse, wie sie mir beschieden waren, noch gar jung war, so mußt du bedenken, daß auch der Schmerz nur allzugern auf ein weißes Blatt schreibt. Doch ich will fortfahren, wie ich angefangen habe. Mein Vater ist nun zum zweiten Male ein Witwer und diesmal ein tiefgebeugter und gebrochener Mann gewesen; ich sehe ihn in diesem Augenblick ganz genau vor mir, wie ich diese meine alte, trockene, runzelige Hand sehe. Hätte er dem Studenten seinen Willen gelassen, so würde er sich wenigstens einen großen Kummer erspart haben, es war ihm deshalben doch die Hülle und Fülle zugeteilt. Eine andere Person richtet sich auf und geht hervor aus der Dunkelheit; deren Geschick wurde mit feurigen Buchstaben in mein Herz gegraben, und war's bestimmt, daß sie um diese Zeit mein ganzes Leben einnehmen sollte. Das ist meine Stiefschwester Ludowike. Liebes Kind, als ich geboren wurde, da war gewiß eine merkwürdige Zeit, aber die Zeit war noch viel merkwürdiger, als ich den Kopf aus der ersten Unmündigkeit erhob und anfing, über die Dinge nachzudenken. Ach, ich habe solches viel früher tun müssen, als es gottlob dir und manchem andern, glücklicheren Kinde beschieden worden ist. Damals hatte die Welthistorie das arme Deutschland im Schoß wie eine Kaffeemühle, und wir waren die Bohnen, deren durfte nicht die kleinste ausspringen. Die Franzosen, welche deine Ururgroßeltern und deine Urgroßmutter in unser Vaterland ausgetrieben hatten, waren ihnen dann in hellen Haufen mit Roß und Wagen nachgedrungen, und wie sie in ihrem eigenen Reiche alles auf den Kopf gestellt hatten, so schüttelten sie nunmehr auch bei uns alles nach ihrer Art und Lust zusammen, und da ist es gewesen, wie wenn man einen alten Rock wendet und daraus zurechtschneidet, was das Zeug hergibt und wie es passen oder auch nicht passen will. Sie hatten ihr Königreich Westfalen aufgerichtet, und des Napoleons Bruder, der auch Napoleon hieß, aber Hieronymus dazu, war unser König; denn wir gehörten mit zu jenem Königreich Westfalen, wie das in jedem Geschichtsbuch zu lesen ist und wie man es euch auch in der Schule erzählt haben wird, wenn man noch davon spricht. Ja, was mag man euch erzählen? Wenn der Schulmeister nicht selber dabei gewesen ist, so kann er doch nichts davon wissen, so etwas muß man selbst erleben; und wenn man auch nur ein zwölfjähriges Kind gewesen ist, so hat man doch sein volles Maß von der Welthistorie auf sein Teil bekommen. Der Mensch zieht sich jede Zeit nach seinen eigenen Schicksalen und denen der Personen, mit welchen er während des Tumultes oder auch während der Windstille verkehrte, zusammen, und so ist es auch mit mir. Von den großen Schlachten kann dir natürlich der Präzeptor hundertmal genauer Bericht geben als ich; aber von meiner Schwester Ludowike weiß er nichts, und mit ihr habe ich doch die Jahre achtzehnhundertdreizehn und -vierzehn wie in ein Tuch gefaßt und halte sie wie an den vier Zipfeln zusammen. Anno zwölf waren die Franzosen nach Rußland gegangen und hatten unsere Landsleute zu Haufen mitgeschleppt, daß sie ihnen die Stadt Moskau mit erobern helfen sollten. Ihre Heeresmacht war gleich einer Schlange, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte, denn während der Kopf mit den giftigen Zähnen schon längst den Leib des Feindes gepackt hatte, ringelten sich die letzten Glieder ihres Leibes noch immer durch unser Land. Und als der Herr der Schlange den Kopf zerbrach, da wand sich der zuckende Schweif noch über ein Jahr auf dem deutschen Boden in einem blutigen Knäuel, bis ihn der alte Blücher über die Schwelle gekehrt hat, wie es im Buche steht, oder noch besser in den Gassen gesungen wird. Wie solches zu unserem Weinen und Lachen, zu unserer Trauer und unserem Triumph sich ereignete, wie es damals in den Häusern und Herzen aussah, das will ich dir nunmehr beschreiben und kann es auch; denn der kleinste Ort war wie der allergrößte, und durch ganz Europa, wo der Franzos den Fuß niedergesetzt hat, sind der Menschen Gedanken, Wünsche und Taten auf die gleiche Art durcheinandergegangen. Nun gehe ich weiter. Es lagen in unserem Städtlein vier Schwadronen von einem Husarenregiment, und dabei standen zwei Leutnants, deren einer hat Wilhelm Kupfermann geheißen und der andere Honold, dessen Vorname ist mir nicht bewußt. Mit dem Kupfermann ist meine Stiefschwester Ludowike verlobt gewesen, und er hatte einen Bruder, der war Handlungs-Kommis in einem Kaufmannsladen am Markt, und der Polizeikommissarius in der Stadt hieß Schulz, der war ein böser, heimtückischer Gesell und ganz französisch gesinnt, denn sonst hätte das französische Regiment ihn ganz gewiß nicht in seine Stelle eingesetzt. Als ich im vergangenen Jahre zum ersten Male nach so langer, langer Abwesenheit auf Besuch dort in meinem Geburtsort war, da habe ich mit Staunen wieder erfahren, wie das Neue ganz leise und allmählich über das Alte kriecht und das Ganze doch so sehr denselben Anschein behält. Sie hatten hier gebaut und dort niedergerissen, hier das Morsche verputzt und dort das Wackelnde gestützt; aber heute wollte ich dir noch die Fenster der beiden Soldaten zeigen, mein Kind, und den Türpfosten, an welchem der Kommis zu lehnen pflegte, und das Haus des Polizeikommissärs und noch so manches andere, von welchem ich dir sagen werde. Es ist zum Kopfschütteln, wie solch eine alte, alte Geschichte nach fünfzig und mehr Jahren immer noch ihren Unterschlupf auf der Stelle findet, wo sie passierte. O, es hat auch viel, viel Platz auf einem gar kleinen Raum: die Russen waren schon in Deutschland, die Preußen waren zu Hunderttausenden aufgestanden, wir aber waren noch gefangen in diesem Königreiche Westfalen und hielten uns selber gefangen, und das alles ging wie durch unser Gemüt, so durch unser Haus und Städtlein. Es mußte vieles, vieles Platz darin finden, und der Himmel behüte dich, mein Kind, daß du nicht gleichfalls erfahren mußt, wieviel solcher großer Verwirrungen, Angst und Hoffnung sich in eine Viertelstunde, in die blühende Fliederlaube oder an den Platz am warmen Ofen drängen kann. Da hat man bei Tag und bei Nacht gehorcht und zu jeder Stunde geglaubt, den Schall der Kanonen zu vernehmen, da hat man die Suppe stehen lassen und die Stühle zurückgestoßen und ist vor die Tür gestürzt, und es fuhr doch nur ein Wagen über die Brücke, oder der Zimmermann klopfte auf seinem Zimmerplatz, oder es war sonst dergleichen alltäglich gewohnt Geräusch. Ich bin ein klein Mädchen gewesen und habe den Erwachsenen oft mit offenem Munde nachgesehen, aber mein Teil an aller Erwartung habe ich auch gehabt und weiß wohl Rechenschaft darüber zu geben. Und wenn ich, solang ich jung war, nicht viel zum Lesen kam, weil der Haushalt und mein seliger Alter und die Kinder es nicht litten, so habe ich doch den Kommis Kupfermann ganz genau gekannt, und das ist jetzt, wo es so still um mich her geworden ist und so lange Jahre vergangen sind, auch etwas recht Nachdenkliches und Verwunderungswürdiges, obgleich er nur ein ganz schmächtig Männchen mit ganz blöden Augen und einem zu kurzen Bein war. Sein Bruder Wilhelm ist der schönste Mann gewesen, aber in dem Kleinen und Schwachen war das Feuer und der Verstand und der mächtige Wille; er hat gut Bescheid gewußt in der Welthistorie, dieser Kommis Kupfermann, niemand hat gleich ihm die Zeit angeben können – ach, ach, er verrechnete sich zuletzt nur um eine Viertelstunde, ja nur um die Hälfte einer Minute, und zu blutig, zu schrecklich ist das ausgeschlagen! Im März sind die Russen zum erstenmal in Hamburg eingerückt, und am zweiten April haben die Preußen bei Lüneburg einen Sieg gewonnen; sie ritten schnell, aber doch nicht schnell genug für die angekettete Ungeduld. Das war das Verderben für meine Ludowike. In dem Kaufmannshause am Markte, in welchem der Älteste der Brüder Kupfermann diente, ist ein versteckt Hinterstübchen gewesen, darin hat der Kommis sein Bett und seinen Tisch gehabt, und darin hat er seine Verschwörung mit dem Leutnant Wilhelm und dem Honold gemacht. Nachher hat man viel darüber gesprochen, und jedermann hat sein kluges oder dummes Wort dazu gegeben, und mit dem Bedauern und der Trauer ist das Besserwissen und Besserkönnen aufgestanden und hat gedeutet und die Achseln gezuckt – das ist leicht und behaglich genug gewesen; wenn es uns heute noch etwas anginge, würde ich auch ein Wörtlein darüber zu sagen wissen. Ich war nicht unter den Leuten, welche in der Stille und Heimlichkeit in der Kammer des älteren Kupfermann zusammensaßen, ich weiß nur von meiner Schwester Ludowike und der Stunde, in welcher sie Abschied von ihrem Bräutigam nahm und ihn herausreiten ließ und hieß in sein Verhängnis. Der Himmel war rot im Schein der Abendsonne über unserm Garten, und an der Hecke hielten sich die Brautleute umfangen und küßten einander heiß und konnten nicht voneinander lassen. Ich saß im Grase an dem Schneckenhügel, und sie achteten nicht auf mich, noch sonst auf die Welt, bis ich ihnen zurief, der Herr Leutnant Honold komme auch. Der ritt auf der Landstraße her an die Hecke und beugte sich herüber und rief den beiden etwas zu, was sie sehr bewegte. Ich sah, wie meine Ludowike den Arm ihres Bräutigams fester ergriff, und ich sah, wie alle drei sich darauf die Hände reichten wie zu einem Schwur. Nicht genau weiß ich mehr, ob auch der Kaufmann Kupfermann zu ihnen trat, ich glaube es aber; ich weiß nur, daß an diesem Abend und in dieser Nacht eine große Unruhe in der Stadt herrschte und daß der Polizeikommissär an den Häusern hingeschlichen ist und auf die Gespräche und das Flüstern der Leute auf den Bänken vor ihren Haustüren gehorcht hat. Die Husaren, welche bei den Bürgern im Quartier lagen, saßen mit auf den Bänken; denn es sind ja lauter Landsgenossen gewesen, welche ganz zu uns gehörten, und die einen haben die Kinder ihrer Wirte auf den Knieen gehalten und die anderen in ihrer Hand eine andere Hand; der Schulz hatte viel zu erhorchen, denn die Marwitzschen Reiter waren bis über die Vorberge des Harzes herangestreift. Jeden Augenblick erwartete man, die Lärmtrompete zu vernehmen und das Befehlwort zum Satteln und Aufsitzen gegen die, welche in jenen Stunden noch unsere Feinde genannt wurden. Es kam jedoch nichts dergleichen; ob aber auch die fernen, blauen Berge allgemach im Abendnebel versinken mochten, das Fieber und die Ruhelosigkeit in den Herzen wollten nicht stille werden. Ich schlief mit meiner Ludowike in einer Kammer. Erst hatte meine Wiege neben ihrem Bett gestanden, und jetzt stand mein Bettchen daneben. In dieser Nacht sah die arme Schwester den Mond kommen und gehen, und wenn ich aus meinem Kinderschlaf emporfuhr, so lag sie entweder knieend neben einem Stuhl oder stand am Fenster, jetzt im hellen, weißen Licht, jetzt in der Dämmerung, und hielt die Brust mit der Hand. Wenn ich sie dann leise anrief, so merkte ich, daß ich sie stets aus einer Art von Verzückung erweckte; sie zitterte, schüttelte den Kopf, strich mit der Hand über die Stirn und kam auch wohl zu mir und setzte sich auf den Rand meines Bettes und flüsterte: »Sei still, sei still!« – Einmal hat sie mir auch die Hände zusammengelegt, wie man sie zum Gebet faltet, doch immer sprang sie gleich wieder von neuem auf und lief zum Fenster zurück, um zu lauschen. Ich hörte die Glocke Mitternacht schlagen und eins und zwei; dann bin ich mit dem nahen Morgen in einen festern Schlaf verfallen, und als ich daraus erwachte und jach aufrecht im Bette saß in einem kalten, fröstelnden Luftzug, da ging in diesem kalten Hauch es vorüber wie ein Gespenst und verkündigte das, was kommen sollte. Die graue Helle blickte in die Kammer, Ludowike hatte die Fensterflügel weit aufgeworfen. Sie mußte laut gerufen haben; denn ich war mir nun deutlich bewußt, daß ein Ruf, ein Schrei mich erweckt habe; – von der Landstraße her, über den dämmerigen, nebeligen Gärten erklang scharf und klar eine Reitertrompete und verhallte in der Ferne, und das ist der Abschied des Leutnants Kupfermann gewesen. »Ade, ade, mein Lieb, ich gebe dich hin, leb wohl in Ewigkeit, ich muß dich geben fürs Vaterland, – lebe wohl, lebe wohl!« Das hat die Schwester gerufen und umschlang mit beiden Armen das Fensterkreuz. Ich weinte laut und habe die Hände nach ihr ausgestreckt, und sie ist auch zu mir gekommen, nachdem die Trompete verklungen und alles wieder still war. Das Rotkehlchen auf dem Dachfirst mochte wohl singen und sich auf den Sonnenuntergang freuen; wie die Ludowike und ich aber zusammengekauert gelegen und auf den Tag gewartet haben, das ist fast zu schlimm, um davon sagen zu können. Mein Kind, mit diesem Sonnenaufgang ist es wie ein Sturmwind über die Stadt gegangen, daß die beiden Leutnants mit ihren Zügen statt auf den Exerzierplatz den Preußen entgegengeritten seien. Da haben sie denn wirklich die Lärmtrommeln an allen Ecken geschlagen und zum Nachsetzen geblasen, und die Kameraden mußten in hellem Galopp hinter den Kameraden drein, sie zu fangen oder zu Boden werfen. Das war ein arger Tag! Wie ein schönes, bleiches Bild ist die Ludowike ruhelos umhergegangen; sie war wie ein gefangenes Tier in seinem Käfig, ihre Augen waren so groß und so starr, und immer hat sie nach dem fernen Gebirge hinübergesehen – o wie muß sie ihren Schatz in ihren Gedanken begleitet haben! Vor unseren Fenstern vorüber führte der Polizeikommissarius mit seinen französischen Gendarmen den Kommis Kupfermann in Ketten geschlossen und grüßte höhnisch und drohend, und die Bürgerschaft stand und ballte nur die Faust in der Tasche, gezeigt hat sie aber niemand. Und nun flogen die Gerüchte wie die Schwalben, bald hoch, bald niedrig. Einmal hat es geheißen, ein Mann habe die Nachricht gebracht: des Herrn von Marwitz Reiter kämen wirklich und mit ihnen im Triumph der Honold und der Kupfermann. Da ist ein verhalten Jauchzen im ganzen Städtchen gewesen; Nachbarn, welche zehn Jahre lang in Todfeindschaft lebten, haben sich die Hände über den Zaun gereicht, und der alte Stimmler, welcher der geizigste Mann im Orte gewesen ist, hat einen Sack voll Kartoffeln ins Armenhaus geschickt. Darüber hat man trotz aller Beklemmung so gelacht, daß ich dir heute noch davon erzählen kann; der Jammer aber kam doch über alles Lachen mit der richtigen Botschaft. Sie brachte keiner aus unserem Volke, sondern ein französischer Trompeter, welcher schwarz und verstaubt auf abgehetztem Gaul zum Marktplatz und zur Kommandantur gesprengt ist und mit seinem »Vive l'empereur!« verkündigt hat, daß die abtrünnigen Schwadronen samt ihren Führern eingeholt, umstellt und nach harter Gegenwehr gefangen seien und daß der Kaiser Napoleon auch sonsten noch wohlauf sei und sieghaft und großmächtig sich verhalte. Da konnte man wieder einmal recht die Menschen in ihrer Art sehen. Es hatte ein jeglicher solchen Ausgang vorhergesehen und vorhergesagt, ein jeglicher wusch wie Pilatus seine Hände in Unschuld. Sie verkrochen sich alle wieder im Dunkel, aus welchem sie die Köpfe erhoben hatten – das war, wie wenn ein Bub am Ufer mit dem Stock aufschlägt und die Frösche auf allen Seiten mit einem Satz ins Wasser springen und unterducken. Ein Wunder ist's gewesen, daß sie nicht ihre Häuser zur Feier des Ereignisses illuminierten, und wenn das der Kommissär Schulz verlangt hätte, so würden sie es gewiß getan haben. Mit Hohnlachen und grimmigen Drohungen ist dieser Schulz in seiner französischen Uniform in unser Haus gekommen, als könne er sich hier an seinem höchsten und besten Triumph weiden. Da hat er geschrieen, wie jetzt alle Verräter an dem Kaiser Napoleon und dem König Hieronymus ihren Lohn dahinnehmen müßten und wie er sich kein größeres Gaudium wisse, als daß es so gekommen sei. Denn nun habe man alles Recht, zuzugreifen und dem Verrat die Kehle zusammenzudrücken. Die Leutnants mit ihren Folgern seien schon auf dem Wege nach Kassel zum Kriegsgericht, und den Kommis Kupfermann werde er an diesem Tage noch expedieren, aber es sei noch manch anderer vorhanden, welchen er lehren wolle, wie es dem Menschen vor den neun Exekutionsflinten zumute sei. So hat er geschrieen, und da ist ihm meine Schwester Ludowike entgegengetreten, von allen die einzige, daß ihr hohes Gedächtnis bis an den Tod in meiner Seele leuchtet. Ja, sie wußte wohl, daß sie am meisten hingegeben und verloren habe, daß keine Rettung für den gefangenen Bräutigam sei; aber sie hat sich nicht gebeugt, solange ihr Geist hell war, und der Schulz hat das auch verspürt; es ist ihm selber gezeigt worden, wie es einem vor dem Schwert des Richters zumute sein kann. Unter den Verschüchterten hat die Schwester aufrecht gestanden mit erhobener Hand und den wahren Verräter und Niederträchtigen mit ihrem Wort zurück und aus dem Hause getrieben; – es ist herrlich und schrecklich zugleich gewesen, und obgleich ich nur ein einfältig dummes Kind war, so hat sich doch mein Herz in allen Tiefen bewegt. Nachdem aber die Ludowike den Schalk fortgetrieben, hat sie sich umgewendet und ist still hinausgegangen; auch ich hab ihr nicht folgen dürfen, man hat sie ihren Weg allein gehen lassen wollen, denn sie haben gemeint, daß es gut sei, wenn sie sich nun in der Stille ausweine; jawohl, für ein ander Mädchen hätte das wohl genügen mögen, aber nicht für meine Ludowike! Ja, hätte sich die Stadt anders gerührt, hätte man die Sturmglocken geläutet gegen die Unterdrücker, so wär's ein ander Ding gewesen, und die Schwester wär sicherlich gerettet worden. Da hätte auch sie hinausstürmen können, wie es nachher andere Frauen und Mädchen getan haben, die verkleidet in die Regimenter getreten sind und den ganzen wilden Krieg mit durchmachten. Aber es blieb ja alles still, und so mußte auch die Ludowike still bleiben, das war ihr Verderben. Freilich hat sie ruhig gesessen, aber schon in den ersten Tagen nach dem Unheil nicht als eine Ergebene, sondern als eine Geistesabwesende. Sie ist auch immer ruhiger geworden, wie die Zeit vorüberging bis zu der Stunde, in welcher die Nachricht gekommen und von dem Maire der Stadt bekannt gemacht worden ist, daß die beiden Leutnants Honold und Kupfermann samt einem Teil ihrer treuen Reiter vom Kriegsgericht verurteilt und erschossen seien, und folgende Umstände haben sich dabei in unserem Hause begeben und sind mir so klar in Erinnerung, wie wenn sie mir gestern gleich einem Stein auf den Kopf gefallen wären. Es ist ein lieblicher, stiller Tag gewesen, an welchem die Sonne hell durch die Fenster schien, und an dem Tische zwischen den beiden Fenstern saß die Ludowike und schrieb. Sie hat einen Trostbrief an den alten Vater ihres Bräutigams geschrieben, einen stolzen, tapfern Brief, denn einen andern hätte ihr das starke Herz nimmer zugelassen. Wir, die wir seit dem großen Unglück immer auf den Zehen, wie in einem Krankenzimmer, um sie herumgingen, taten das auch an diesem Morgen; wir wußten alle, was kommen mußte, aber keiner hat doch geglaubt, daß der Schlag so schnell herniederfallen werde, und mein jüngster Stiefbruder, der, mit hoch erhobenen Händen vom Markt hereinstürzend, die blutige Nachricht ausschrie, hätte sich auch zusammennehmen können. Er war aber außer sich und wußte nicht, was er tat, – mit einem Weheruf sahen wir alle auf die Schwester, welcher ja jetzt das Elend den Kranz aufsetzte. Mein Kind, sie ist nicht vom Stuhl gesunken, sie hat nicht das Haar zerrauft, auch hat sie nicht wie wir andern laut aufgeschrieen. Sie saß mit dem Rücken uns zugewendet und hielt sich über ihren Briefbogen geneigt; – sie hat weiter geschrieben, und wir haben ihre Feder in der tiefen Stille, welche es jetzt in der Stube gab, leise kritzeln hören. Sie hat nicht den Kopf erhoben, sie fuhr nicht zusammen; es war, als habe sie weder die Botschaft noch unsere Wehklage vernommen; der Vater, der hinter sie trat und seine Hand auf ihre Schulter legte, zitterte wie im Fieber, aber Ludowike zitterte nicht. Mein Kind, mein Kind, es war viel schlimmer! – Bei der leisen Berührung wendete sie sich um, sah auf den alten Mann, sah auf uns, lächelte und zeigte ihre weißen Zähne. O, da hat man ganz genau gewußt, daß sie alles vernommen habe und daß das Schlimmste für sie und uns eingetroffen sei; sie ist nicht wieder bei sich gewesen von dem Augenblick an, bis auf eine Minute vor ihrem Tod; ihr Leben und das meinige aber sind in dieser Zeit so zu einem gemacht, daß kein Jammer, welcher den Menschen hienieden treffen kann, darüber geht. Sie zeigte ihre weißen Zähne, lachte und sagte: »Zu früh um eine Stunde, um eine Stund zu früh!« Nichts weiter. Ich umklammerte sie mit lautem Angstschrei, aber sie kannte an diesem Tage keinen mehr, und der Vater machte mich los von ihr und trieb mich hinaus. Da bin ich bis zum Abend wie verstört umhergelaufen, habe an allen Türen und Fenstern gehorcht und gebeten und gefleht, man möge mich wieder hineinlassen zu der Schwester, mich habe sich doch am liebsten von allen, und wenn sie von niemanden mehr wisse, mich müsse sie doch noch kennen. Vergebens; an diesem Tage hat keiner auf mich gehört; aber nachher hat es sich erwiesen, daß ich recht hatte, da habe ich meinen Willen bekommen, und wie sie mich in meiner Unmündigkeit verpflegte, so ist sie nunmehr mir zur Pflege hingegeben worden. Zuerst hat mein Vater freilich alle Doktoren, deren er habhaft werden konnte, zusammenberufen, um ihre Meinung zu vernehmen, weil kein Arzt sich selber genug traut, wenn es sich um ihn selbst oder die Seinigen handelt. Da ist der Brief, über welchem sie das Schicksal mit seiner unbarmherzigen Hand schlug, wie ein schreckliches Wunder umhergezeigt und von einem zum andern gegangen; denn was in einem Nu aus dem Menschen werden kann, das hat man niemals klarer sehen können, als auf diesem Blatt Papier. Die Schwester hat so schön geschrieben wie der beste Schreibemeister, und ihre Gedanken konnte sie mit der Feder so trefflich hinstellen, daß keiner es besser machen konnte. Wie sie ihre Füße immer so zierlich setzte und aufrechten Leibes so stolz und anmutig einhertrat und wie jeder Wink und jede Bewegung ihrer Hände gleich einem Zauber gewesen ist, so war es auch mit ihren Buchstaben und ihren Meinungen auf dem Papier. Sie sind dahingezogen, wie der Schwan auf dem Wasser schwimmt, und so auch in diesem letzten Briefe bis zu dem Punkt, bei welchem der Bruder in die Stube gestürzt ist und ausgerufen hat: »Am Freitag ist er erschossen worden!« Von hier an ist's gewesen, als ob eine Kugel auch den schönen Schwan getroffen habe, daß er nun durch das Wasser taumele, mit den Flügeln schlage, versinke, sich wieder hebe und die Wellen mit seinem Blute färbe. Der Brief ist mit einem Male irr gewesen wie die, welche ihn schrieb, und in solcher Weise wohl noch eine halbe Seite hinuntergelaufen, Verstand und Unverstand, Sinn und Nichtigkeit durcheinander. Ja, sie konnten sich wohl die Köpfe darüber zerbrechen, die Herren Doktoren, was half es aber der armen Ludowike? Und nun, mein Kind, wie es Finsternis wurde in der armen Seele der Schwester, so wurden auch die Wolken über aller Welt dunkler und dunkler; die großen Gewitter drängten von allen Seiten gegeneinander, und noch ein Stündlein, so war's, wie wenn das Wetter einem grad über dem Haupte steht, daß man zwischen dem Blitz und dem Donnerschlag nicht einen Augenblick einschieben und nicht eins zählen kann. Jetzt hat jeder Tag, jede Stunde so allmächtig zugegriffen, daß selbst die allernächste Liebe nicht das Gesicht zur Seite wenden konnte zu einem Trostwort oder einer Wehklage über das kleinere Schicksal der Angehörigen. Und wie das bei dem einen war, so war's bei dem andern, und auch unser betrübtes Haus hat keine Ausnahme machen dürfen. Was in ruhigeren Zeiten die Stützen unseres ganzen Daseins zerbrochen hätte, das wurde nun mit wilder Dumpfheit als das Gleichgültigere angesehen, und kein Nachbar hat sich darüber verwundert; und ein Wunder war's auch nicht, daß die Alten, weil ihnen der Kopf von den großen Schlachten so sehr dröhnte, die häusliche Last auf die Schultern des Kindes, auf meine eigenen Schultern legten. Achthundert französische Kürassiere waren an die Stelle unserer einheimischen Reiter in unser Städtchen und die umliegenden Dörfer eingezogen, und unser Haus war auch voll von ihnen. Sie rasselten freilich noch mit Harnisch und Schwert und sperrten immer noch die Mäuler auf, als wollten sie die ganze Welt hinunterschlucken; aber trotz alledem war's doch mit dem alten, übertrotzigen Mute vorbei, und unter den blanken Harnischen klopfte es oft lauter, als sie wissen lassen mochten. Sie stellten mehr Feldwachen und Vorposten als sonst aus, auf den Kirchturm hatten sie einen Wächter zum Auslug hingesetzt, und in einer Woche bliesen sie jetzt häufiger Alarm als sonst während ihrer Prachtzeit in einem ganzen Jahre. Da mußten mein Vater, mein Halbbruder, unsere Nachbarn und guten Freunde das Leben der Zeit leben; ich aber habe mein besonderes Dasein gehabt, und das war, wie ich ganz gewiß weiß, viel schlimmer als alles, was die andern erdulden oder womit sie sich quälen mochten; denn über ihnen regte immerdar die schönste Hoffnung die Flügel; aber ich war so jung, so jung und mußte die Wärterin meiner wahnsinnigen Schwester spielen – das war ein Spiel für ein Kind von dreizehn Jahren! Ja, mein Liebchen, wenn ich heute um mich sehe und die Menschen von heute in ihrem Treiben und bunten Wesen betrachte, so kommt mich oft ein Staunen an um ihre Hast und Ungeduld. Ich sehe sie rennen und laufen, ich sehe sie auf ihren Eisenbahnen dahinfliegen; ich sehe sie ihre Gebäude aufrichten über Nacht und ihre Gewohnheiten und Meinungen, ihre Kunst und Wissenschaft, alles das, worin und wonach sie leben, ändern, wie man die Hand umkehrt. Ich höre ihr Sprechen und Seufzen, wie alles so schlecht bestellt und wie's kaum noch der Mühe wert sei, Atem zu holen; und mit all dem kommt mir der Wunsch und Gedanke, daß der Herr sie plötzlich mit Haut und Haar zurückversetze in die Welt vor fünfzig Jahren und sie da einmal acht Tage lang ihren Weg suchen lasse. Da würden sie schön in die Kniee fahren. Es war mit den meisten Dingen anders bestellt als heute und mit sehr vielen gewiß nicht besser; aber wenn ich davon anfangen wollte, so möchte ich schwerlich an diesem Abend noch ein Ende finden. Ich will also nur von den armen Irren reden, wie die vor fünfzig Jahren behandelt wurden – das ist ein Greuel gewesen! Mit dem Lichte der Vernunft schienen sie in jenen Zeiten jeden Anspruch an das Licht des Tages, an die freie Luft, an die gewohnte Kost und Kleidung verloren zu haben, und die Menschheit, die ihren Verstand durch die Güte Gottes noch behalten hatte, stand ihnen ganz und gar ratlos gegenüber. Die Häuser, welche der Staat oder das Land oder die Regierung zu ihrer Aufnahme unterhielten, waren gewöhnlich mit den Zuchthäusern verbunden und sind solche Schreckensorte gewesen, daß es gar nicht auszusagen ist. Mit einer und derselben Peitsche hat man die Verbrecher und die Kranken geschlagen, und deshalb behielten die Leute, welche mit einem solchen unglücklichen Wesen von der letzteren Art in ihrer eigenen Familie behaftet waren, solches, wenn sie es irgend vermochten, bei sich im Hause und sperrten es selber ab. Es war ja eine Schande, ein Kind, einen Bruder, eine Schwester im Irrenhause zu haben, und jeder band im Notfalle lieber selber dem Verwandten die Hände zusammen und legte ihn an die Kette. Auch die stillsten Kranken wurden abgeschlossen gehalten wie die bösesten Tiere; man fürchtete sich eben viel mehr vor ihnen als heutzutage. Unsere Ludowike war nun im Anfang so still, so friedlich und sanft in ihrer Verdunkelung wie ein Engel, oder besser wie ein gutes Kind, das dann und wann wohl auch seinen Eigenwillen hat und sein Stündlein weint und schreit und strampfelt, aber im ganzen doch nur Sanftheit, Lachen und Lust ist. Jaja, so viel hatte die hohe, stolze Jungfrau für das Vaterland gegeben, daß ihr nichts von ihrem schönen, jungen Leben übriggeblieben war; und sie, deren Gedanken mit denen der Höchsten und Edelsten zogen, sie mußte zu mir im kindischen Spiel niederkauern. Daß die Kranke ihre Neigung für mich behielt, das haben die andern als ein Glück in allem Elend angesehen und sind darüber sehr froh gewesen. So haben sie mir die Schwester und mich ihr überliefert, und ach, ich glaube nicht, daß sie recht hatten; denn ob ich gleich die arme Ludowike so lieb, so lieb hatte, flößte sie mir doch ein fürchterliches Grausen ein. Ich war ein so junges Kind, und die Scheu der älteren Leute wurde bei mir durch meine Unmündigkeit vermehrt, welche das Schreckliche noch mit dem Geheimnisvollen umhüllte, und auch mir hätte man beinahe meine Seele gebrochen. Sie sperrten uns zusammen für den Anfang in dem Stübchen, von welchem aus der Vater zuerst meine junge französische Mutter in ihrer Schönheit unter ihren Blumen lustwandeln sah, und an keinen Raum auf der weiten Erde gedenke ich mit solcher Angst wie an dieses enge Gemach. Ach, sie hatte mich so weich und warm in ihrer Liebe gehalten, die gute Schwester! Aus meiner toten Mutter Armen war ich in die ihrigen gefallen, und sie hatte mich aufgezogen, wie man wohl einen jungen Vogel, der aus dem Neste fiel, aufzieht. Wir hatten so gut zusammengehalten zu jeder Zeit, und ich wußte es nicht anders, als daß ich zu ihr emporsehen mußte in allen Dingen und daß ich in allen Dingen ihr folgen und gehorchen mußte. Ich hatte auch stets zu ihr aufgesehen wie zu dem schönsten Wunder, und nun kroch sie auf dem Boden und tändelte mit der Puppe, welche ich schon weggeworfen hatte, und schwatzte, wie ich vor zwei oder drei Jahren geschwatzt hatte! Da war's kein Wunder, wenn alles auch in meinem Kopf ins Schwindeln und Schwanken kam. Und unterdessen ging es draußen immer wilder her. Der großmächtige Schlachtenherbst von Anno dreizehn war herangekommen, der Tod zog mit seiner Sichel durch das deutsche Land und mähte nach rechts und nach links in immer weiteren, weiteren Kreisen! Es ist gewesen, als ob fortwährend eine große Glocke Sturm läute über der Welt; es war ein Sausen und Brausen um alle Menschen, ein Dröhnen in jedem Hirn; wie ein gewaltig Wehen hat es jedem den Atem genommen. Die große unsichtbare Glocke läutete nun die rechte Stunde ein, auf welche der Schwester Liebster nicht hatte warten können; aber die arme Braut saß jetzt auf der Erde und hatte den Schoß voll Kinderspielzeug und begriff den Sturm, den sie so sehr ersehnt hatte, nicht mehr. Und der Sturm fuhr heran und auch über unsere Stadt. Die Marwitzschen Kosaken, welchen der Leutnant Kupfermann um eine Stunde zu früh entgegengeritten war, sind nun im vollen Rosseslauf gekommen und haben des Feindes gepanzerte Reiter vor sich her getrieben, daß wir sie nimmer wieder sahen. Aber des Herrn von der Marwitz Kosaken sind auch eigentlich gar keine Kosaken gewesen, sondern es waren viel wildere und tollere Leute, es waren unsere eigenen guten oder vielmehr sehr bösen Landesgenossen, die meisterlosen Brauseköpfe, welche in den Feind brachen, wie sie vordem in des Nachbars Obstgarten oder Vorratskammer gebrochen waren, und auf die Franzosen schlugen, wie sie früher in den Gassen aufeinander geschlagen hatten. Das waren die jungen Wildfänge, welche dem ersten besten Bauer den Gaul aus dem Stall gerissen, die erste beste Bohnenstange zu einer Pike umgewandelt hatten und im Notfall ihrem eigenen Vater das Haus über dem Kopfe angezündet hätten, wenn sie dadurch eine welsche Streifschar ausräuchern konnten. Mit Gejauchz und Hurra kamen sie im Sturm an und fuhren durch die Tore, gleich ihren Namensgenossen weit vorgebeugt über die Pferde hängend. Es sind grimmige Rächer gewesen, und sie hatten ihren eigenen Weg; denn es war niemand da, ihnen einen Zügel anzulegen, und eben weil sie aus ganz Deutschland zusammengeweht und -geblasen waren, ist's gewesen, als ob jeder Ort einen gesendet habe, den anderen die rechten Türen zu weisen. Da wußten sie denn auch anzuklopfen nach ihrer Art, und die war gar nicht fein, und, liebes Kind, ich hab so einen gesehen und denke heute noch mit Schauder daran; das hängt aber wieder mit dem Bruder Wilhelms, mit dem Kommis Kupfermann zusammen. Diesen hatten sie endlich doch frei lassen müssen in Kassel; denn trotzdem der Kommissarius Schulz alles, was er wußte und vermochte, dransetzte, um ihn zu verderben, konnten sie ihn nicht erschießen wie den Bruder, und so haben sie ihn zu aller Leute Verwunderung heimgehen lassen. Zu langen Prozessen hatten sie eben auch in Kassel keine Zeit mehr. Dieser Kommis Kupfermann ist denn also wirklich zurückgekommen, noch ein wenig magerer und finsterer als sonst, übrigens aber ganz der vorige, und er ist wieder in sein Geschäft eingetreten und hat wieder wie früher an seinem Türpfosten gelehnt und mit seinen blöden Augen in die Welt hinausgestarrt. Umgang hat er aber gar nicht mehr gehabt und gesucht, und die Stadt hat sich fast vor ihm gefürchtet. Was ich aber erzählen wollte, das ist folgendes. Ich bin auch in der Gasse gewesen, die Marwitzschen zu sehen, und ich habe sie gesehen und vorzüglich einen von ihnen. Der kam, angetrunken und zerlumpt, auf einem kleinen, abgehetzten, zottigen Gaul um die Ecke; die Lanze ließ er über das Pflaster nachschleifen, die Zügel hielt er mit den Zähnen, und mit der rechten Faust hielt er den Polizeikommissarius am Kragen gepackt und schleppte ihn ebenfalls an dem Boden nach. Das war ein betrübter Anblick, denn der schlechte Mann hatte seine Perücke verloren und ist halb tot gewesen unter der Faust des wilden Reiters. Und dicht vor dem Kommis Kupfermann an seinem Pfosten hat dieser Reiter sein Pferd so plötzlich angehalten, daß es schier mit dem Hinterteil zu Boden lag und daß die Funken aus dem Pflaster sprangen. Mit einem jähen Schwung schleuderte er den Kommissarius dem Bruder des Leutnants Kupfermann vor die Füße, hob sich im Sattel, die Lanze über dem Kopf schwingend, und schrie: »Da hast du ihn, Fritz, nun spuck ihm ins Gesicht!« Der Kupfermann aber hat sich gottlob nur umgewendet und mit der Hand abgewinkt; da hat der Reiter den bewußtlosen elenden Menschen wieder von der Erde aufgegriffen; es sind seine Kameraden, die auch schon halb betrunken waren, mit lautem Geschrei herzugekommen, und so haben sie den Franzosenfreund zwischen den Pferden weiter geschleift. Niemand hat erfahren, was dann unter ihren unbarmherzigen Händen aus ihm geworden ist, aber zu einem Spuk ist er nachher in dem Hause, welches er bewohnt hat, geworden. Der Reiter, der ihn zuerst gepackt hielt, soll ein Stadtkind gewesen sein, der wilde Reichert genannt. Bei Waterloo wird ihm das Bein zerschossen, und als die Chirurgen ihn nach der Schlacht auf ihrem Tische haben, um es ihm abzusägen, da sieht er ihnen ruhig ohne einen Laut zu, mit der Pfeife im Munde; als sie ihn jedoch verbunden haben und alles soweit gut ist, da tut es plötzlich einen Ruck in ihm, als wolle er aufspringen, und dann fällt er zurück und ist tot. Der gehörte auch recht in die Zeit; allein ganz sicher ist's doch nicht, ob er's war, welcher den Kommissarius dem Fritz Kupfermann zum Gericht brachte; denn andere wollen sagen, es sei Franz Hornemann gewesen, der sich nach dem Kriege in der Fremde aus Eifersucht vor den Augen seiner Braut erschoß und auch zu den wüstesten, aber lustigsten und gutmütigsten Burschen im Städtchen gehört hat. Ist das aber heute nicht eins wie das andere? Ach Gott, mein Kind, fünfzig Jahre sind eine lange Zeit! Niemand, der den nassen Rock zum Trocknen an den Ofen hängt, gedenkt noch des einzelnen Tropfens; nur solch eine alte, müßige Frau gleich mir, die in dem Leben des Tages wie in einem Halbschlummer sitzt, hat die Zeit und die Kunst, sich solcher Einzelheiten zu erinnern. Die Erde hat sich ihres Rechtes auch wieder erinnert, nachdem die großen Geschwader vorbeigerauscht waren; sie hat die Verwüstung mit Blüten und Erntekränzen gedeckt, hinter dem Feldgeschütz ist der Pflug gegangen, und die Krähen, die auf den Schlachtfeldern sich sättigten, sie hüpften wieder hinter dem Bauern in der Ackerfurche her. Über alle Gräber ist Gras gewachsen und auch über das unserer Ludowike. Aber vor den neuen Frühlingen zog erst der Winter von dreizehn auf vierzehn. Der Feind war aus den Grenzen des Landes getrieben, und die Wetterwolken, die früher im Osten standen, die hatten sich nun nach Westen gezogen, und ihr Donner verrollte immer ferner. Alle Sommer- und Herbstblumen aus dem Garten meiner seligen Mutter waren in dem Wasserglase in unserem Gefängnisstübchen verblüht; das Gezweig wurde kahler, der Himmel grauer, die Winde kälter, und mit der Verwandlung des Jahres ist auch allgemach eine Verwandlung über meine Kranke gekommen. Sie wurde mürrischer, heftiger, boshafter und fing an, nach den erwachsenen Leuten zu schlagen oder sie zu beißen, wenn sie sich ihr zu nahe wagten. Sie ist auch recht weinerlich geworden, nicht wie jemand, der aus seinem großen Kummer oder sonst aus Melancholie weint, sondern wie ein krankes, unzufriedenes Kind, das selbst nicht weiß, was es will, und dem nichts recht zu machen ist. Mit der Schwester Zustand hat sich natürlich auch der meinige verändert, und dieses Zusammensein mit der Irrsinnigen, diese ewige geheime Angst und Unruhe, dieses Aufmerken auf jede ihrer Bewegungen den ganzen Tag über mußten mich ihr allmählich ganz gleich machen. Ach, mein Kind, wie hat man meine Kindlichkeit zerbrochen, als man mich, die eben noch mit der Puppe spielte, zum Spiel mit diesem allergrößten Unglück und Kreuz, welches den Menschen treffen kann, einschloß! Ich hatte keinen, der mir half; meine Mutter, die es gewiß getan hätte, lag unter ihrem grünen Hügel, und den anderen allen hatte die wilde Zeit so sehr den Sinn eingenommen, daß es ihnen nicht möglich gewesen ist, auf etwas so Kleines zu achten. Da haben wir denn gesessen, die Kranke und ich, stundenlang, halbe Tage lang, jedes in einer Ecke, und haben einander angestarrt, bis für mich jeder Ton im Hause jenseits der verriegelten Tür wie ein Geräusch aus einer Welt war, mit der ich nichts mehr zu tun hatte. Ich habe auch meine Gespielen in der Gasse lachen hören und habe mir die schmerzenden Augen zugehalten und die Ohren verstopft; ich war noch ein junges Kind, aber den Tod hab ich mir doch wünschen können, und das hat gewährt bis zu dem Tage, der mich freilich von meiner grausigen Wache erlöste, aber die arme Ludowike in ein noch viel größeres Elend stürzen sollte. Das ist ein dunkler Tag zu Anfang des Dezembers Anno dreizehn gewesen; die Kranke zeigte sich an demselben noch ruheloser und unzufriedener als gewöhnlich, und alle meine schwachen Bemühungen, sie zu besänftigen und zu erheitern, sind vergeblich gewesen. Sie stand jetzt am Fenster, blickte stier und gleichgültig nach dem langsam ziehenden Gewölk und nahm nur von Zeit zu Zeit eine Flechte ihres langen, vollen, schönen Haares und zog sie durch den Mund. Sie könnte dort unter dem Apfelbaum stehen, ich würde sie darum nicht deutlicher erblicken, als ich sie jetzt vor mir habe. Sie hatte ihr Gewand zerrissen in ihrem Unmut, die eine Schulter war entblößt; sie griff öfters mit den Fingernägeln in das weiße Fleisch und achtete es nicht, daß das Blut schon hervorquoll. Ich hatte am Morgen aus ihrer kleinen Bibliothek Schillers Gedichte mit mir heraufgenommen in unser Gefängnis, saß in meinem Winkel und las laut und eintönig ein Gedicht nach dem andern her, denn wir hatten gemerkt, daß sie das wohl mochte, obgleich sie nichts mehr davon verstand. Dieses Lesen schläferte sie häufig ein, oft aber hörte sie auch stundenlang zu, indem sie vor mir knieete, den Kopf in meinen Schoß gelegt, und mich jedesmal, wenn ich ermüdet das Buch zuklappen wollte, in das Bein kniff und mich so zwang fortzufahren. Heute jedoch hatte mein Lesen keinen Einfluß auf ihre Stimmung, sie war und blieb, so wie ich sie dir beschrieben habe, mein Kind, stand am Fenster, drehte mir den Rücken zu und wiegte den Oberkörper verdrießlich hin und her. Plötzlich stößt sie einen Ruf aus, wie vor Überraschung und Freude. Sie tritt zurück, und ich springe auf, um zu erfahren, was sie draußen gesehen haben könne; aber in demselben Augenblick hat sie bereits das Fenster aufgerissen und sich in die Fensterbank geschwungen. Sie will hinaussteigen, und ich, in Todesangst, unter gellendem Hülferuf, suche sie zu halten; aber sie schlägt mir lachend mit der Linken auf die Hände und setzt mir die Zähne in das Handgelenk, aber zugebissen hat sie nicht! Es zog sich ein Lattenwerk für den wilden Wein an der Hausmauer bis zu unserem Fenster empor; dasselbe hätte unter meinem eigenen leichten Gewicht sicherlich zusammenbrechen müssen, aber die Ludowike hat es wie durch ein Wunder getragen. Gleich einer Katze hing sie daran, und nachdem sie sich von meinem schwächlichen Griff frei gemacht hatte, setzte sie ihren Willen geschickt durch, wo jeder andere den Hals gebrochen haben würde. Im Hause vernahmen sie endlich mein helles Rufen und achteten darauf. Sie eilten schnell genug die Treppe empor, allein in ihrer Aufregung vergaßen sie natürlich, daß sie selber uns eingeschlossen hatten, und so mußten sie vor der Tür warten, bis der Schlüssel geholt war. Bis dahin hatte die Irre übergenug Zeit, ihren gefährlichen Weg fortzusetzen, und als die Hausgenossen endlich in die Stube drangen, da stand sie schon in dem Garten meiner Mutter, warf triumphierend die Hände über das Haupt, lachte wild und schrie lauter als wir alle. Sie jauchzte in ihrer Freiheit gleich einem wilden Tier, rannte im Kreis umher und warf sich zu Boden und wälzte sich. Nun stürzte man schnell wieder die Treppe hinab, und die Leute, welche zu dieser Zeit in dem Hause meines Großvaters wohnten, kamen ebenfalls hervor; aber es dauerte eine Weile, ehe man sich genug gefaßt hatte, um Jagd auf die Kranke machen zu können, denn das Entsetzen und die Scheu waren zu groß. Ich für meinen Teil habe mich auch zu Boden geworfen und die Augen mit den Händen bedeckt, als man sie endlich doch jagen und fangen mußte. Sie schrie so laut, daß auch die Leute in der Gasse stehenblieben und horchten, und als man sie wieder in ihr Gefängnis halb trug, halb schleifte, da hab ich mir wohl die Ohren verstopft, aber ihr Geschrei drang doch durch, und jetzt noch höre ich es dann und wann in einer schlaflosen Nacht und muß danach den Tag über in großer Zerschlagenheit umhergehen. Es hat sich ein preußisches Militärhospital damals in unserer Stadt befunden, und ein ganz berühmter Arzt war demselben vorgesetzt; auch dieser gelehrte Mann wurde nun von meinem Vater herbeigerufen; aber auch seine Meinung ist gewesen, daß die Kranke jetzt in Dunkelheit, Hunger und Kälte gehalten werden müsse, um ihre Tobsucht und Raserei zu bändigen. Da ist denn ein Strohlager in der schwarzen Rauchkammer, wo sonst die Schinken und Würste im Rauch aufgehängt wurden, zubereitet worden und meine Schwester in diese Kammer gesperrt, die nur durch den Schornstein erwärmt wurde und die ihr Licht durch ein einziges, winziges Fenster bekam, welches so hoch in der Wand angebracht war, daß niemand ohne eine Leiter dazu gelangen konnte. Und alles, alles, was der Mensch sonst zu seinem Leben nötig hat, ist der Schwester genommen; sie wurde mit sich selber allein gelassen, und auch ich durfte nicht mehr zu ihr. Liebes Kind, ich konnte nichts dafür, daß ich fast alles Mitgefühl mit den Menschen verloren hatte. Meine Jugend war mir so zerstört und zunichte gemacht, daß es gewesen ist, als ob niemals die Sonne über mein Kinderspiel geschienen, niemals die Lerche über meiner Wiege gesungen habe. Ja, ich hatte endlich selbst ein gut Teil von dem Gefühl für die kranke Schwester, der man mich zugesellt hatte, verloren; doch das kam in der Zeit der Trennung von ihr schnell zurück. Nun saß ich wieder unter den Vernünftigen und Verständigen und hörte in dumpfer Gleichgültigkeit ihren klugen Reden, ihren Späßen und ihrem Gezänk zu und begriff fast nichts mehr von ihrem Leben; denn alles, was man sagte und tat, war mir gleich dem Kratzen an einer Kalkwand. Aber das begriff ich klar, daß man die Ludowike schier zu den Toten rechnete und daß ein jeder jeden Gedanken an sie so hastig als möglich aus seinem Sinne zu verscheuchen bemüht war und daß man stillschweigend ein Übereinkommen getroffen hatte, die dunkle, kalte Kammer, in welcher sie gefangen saß, so wenig es sein konnte, unter sich und gar nicht gegen andere zu erwähnen. So war denn die Schwester rein eine Lebendigbegrabene geworden; aber mit mir ging man sehr lieb und zärtlich um, denn sie sahen wohl ein, was sie angerichtet hatten, und sie mochten sich wohl häufig im geheimen bittere Vorwürfe machen. Was sie aber auch taten, das Verlorene ließ sich nicht so leicht wieder ersetzen, das Verworrene und Verunstaltete ließ sich nicht so leicht wieder ins Rechte zurückführen. Ich fürchtete mich vor ihrem Lachen fast noch mehr, als ich mich vor dem der Irrsinnigen gefürchtet hatte, und als sie nach Neujahr, um den Übergang der verbündeten Heere über den Rhein zu feiern, zum Tanz auf das Rathaus gingen, als ob alles im Haus und im Herzen in der schönsten Ordnung sei, da hab ich mich die Bodentreppe hinaufgeschlichen und saß nieder auf der letzten Stufe vor der verschlossenen Türe der armen Verlassenen und saß da im tiefsten Gram. Ich war leise, leise gekommen und dachte, niemand solle mich aufjagen, aber die Kranke drinnen merkte bald wie durch Instinkt meine Gegenwart und kratzte an dem Schloß und rief mich bei meinem Namen. Freilich biß ich die Zähne aufeinander und wollte nicht antworten, denn man hatte mir ja jetzt allen Verkehr mit ihr streng untersagt; aber ich mußte es doch, und die Stimme von drinnen klang mir nun wieder vertrauter als all der Lärm des Tages unter den Vernünftigen drunten in der Wohnstube. Die Kranke sang in ihrem Gefängnis, und dann sang ich ebenfalls in meiner Betrübnis lauter Lieder aus dem Gesangbuche, bunt durcheinander, wie sie mir grad einfielen; das dauerte wohl über eine Stunde, bis wieder der böse Augenblick kam und die Wahnsinnige anfing, wie ein Hund zu bellen und mit den Fäusten gegen die Tür zu schlagen. Da bin ich im allergrößesten Schauder dann wieder treppab geflohen zu der Magd in die Küche, und während die Schwester heiser durch das Haus schrie, sind wir am Herde zusammengekrochen und haben fort und fort gebetet, ich das Vaterunser, und die Magd, welche aus der katholischen Gegend gewesen ist, »Gegrüßet seist du Maria«, und was sie sonst noch wissen. Das war ein harter Winter, liebes Kind, und unsere Heere befanden sich nun in Frankreich, und dort wurden immer noch die blutigsten Schlachten geliefert; denn der Napoleon wollte sich noch lange nicht geben, obgleich man schon in Deutschland seiner Niederlegung wegen, wie ich dir eben erzählt habe, zum Tanze ging. Sonst aber ist es doch ganz still bei uns gewesen im Gegensatz zu der jüngstvergangenen Zeit. Das einzige kriegerische Leben brachten die Hörner und Trommeln der Haufen, welche den andern gen Westen nachzogen; aber das war doch ein ganz anderer Klang als in jenen Tagen, da der Feind noch in unsern Häusern und auf unsern Wegen lag. So sind der Januar und Februar des Jahres vierzehn vorübergegangen, und oft genug kam's noch von Sonnenuntergang herüber wie ein heißes Wehen mit dumpfen Gerüchten, mit Ahnungen und Grauen und bösen Ängsten. Ganz glatt ist es in dem fernen Franzosenland nicht abgelaufen, und es hat noch viel Blut gekostet bis zum April und dem großen Jauchzen der Völker über die eroberte Hauptstadt des Feindes. Im April jedoch haben sich alle Leute wie die Kinder auf den Maien freuen dürfen, denn nun war ja alles gut, und Friede war wieder in der Welt; selbst die, welche Brüder oder sonst liebe Verwandte auf den Schlachtfeldern verloren hatten, wollten es sich nicht nehmen lassen, zu Christi Himmelfahrt einen grünen Busch vor die Tür zu Stellen. Es ist ein Aufatmen in der Welt gewesen, wie die Welt es seit langer Zeit nicht mehr gekannt hat; und du, mein Kind, wirst's auch wohl dann und wann noch erfahren, wie leicht der Menschen Sinnen und Fühlen sich bewegt und mit dem Wind wechselt. Du wirst es erfahren im Guten wie im Bösen, und es muß wohl recht verständig in solcher Weise bestellt sein, denn der verständige Mensch siehet solches je klarer ein, je älter er wird. Jaja, es war auch ein schönes Jahr, und wer irgend vergnügt sein konnte, der nahm nur sein volles Recht, wenn er sich aus vollem Herzen der guten Tage freute und kein eisern Gitter mehr gelten ließ. Es wäre ja auch zu betrübt gewesen, wenn das Volk die Kettenglieder, welche es denn doch immer mit sich hinausschleppt in das junge Grün, in ihrem vollen Gewicht hinter sich gespürt hätte. Ich habe es häufig bedenken müssen, ob wohl jemals, auch jenseits des Kirchhofes, ein Augenblick kommen könne, in welchem ich diesen Himmelfahrtstag des Jahres vierzehn vergessen haben würde, – es müßte jedenfalls eine entlegene, entlegene Zeit sein! – In frühester, grauer, warmer Stunde bliesen sie schon einen Choral von dem Kirchenturm, ich lag in meinem kleinen Bett, erwachte davon, horchte und hörte, wie die Hausgenossen sich regten, hin und wider liefen, einander fröhlich begrüßten und sich zu ihrer Waldfahrt rüsteten. Man klopfte auch an meine Tür, und der Vater rief mich; aber wie gewöhnlich hatten mich so böse Träume in meinem Schlafe geschreckt, daß ich mich nicht mit den andern ermuntern, nicht mit ihnen freuen, nicht mit ihnen in den Wald hinausgehen konnte. Meine trüben Sinne drückten mir den Kopf wieder in die Kissen hinab, und ich schlief von neuem ein, während alle das Haus verließen. Sie drängten mich nicht, mit ihnen zu gehen, sie ließen mir in allen diesen Dingen meinen eigenen Weg, und das war auch gut. In diesem zweiten Schlafe vernahm ich nun die Lieder der fröhlichen Menschen draußen, darauf die ersten Kirchenglocken, und als ich endlich zum zweiten Male erwachte, war's heller Tag und ein so blauer, so lichter Tag, wie die arme Erde sich ihn zu ihrer schönen Frühlingsfeier nur wünschen konnte. Da hab ich noch eine ziemliche Weile aufrecht im Bett gesessen und mich auf mein Dasein besonnen, dann bin ich aufgestanden. Es ist nun ganz still, still im Hause und auch im Städtchen gewesen; denn auch die Mägde hatten sich natürlich fortgeschlichen, und wer nicht in den Wald gegangen war, der rüstete sich nunmehr zum Kirchgange; ich aber hatte alles verschlafen, war ganz allein in der Stille, und wie ich mich auch auf mein Dasein besinnen mochte, ich konnte es sozusagen an diesem Morgen in keiner Weise wiederfinden; ich hatte an diesem Morgen mein ganzes Leben vergessen, und das war mein Geschenk vom Himmel für diesen Festtag. Ich bin jetzt aufgestanden und habe mich langsam, noch immer schläfrig und träumerisch, angekleidet; dann saß ich nieder am Fenster vor der armen Schwester Nähtischchen, hielt die Hände untätig im Schoß gefaltet und sah den Sonnenschein auf dem reinlichen Straßenpflaster liegen; und das Glas mit Malblumen, das neben mir in der Fensterbank stand, ist allein schon ein ganzes Reich der Wunder gewesen. Nun ist eine Unruhe wieder leise durch meine Glieder gekrochen; ich bin in den Garten gegangen. Im Hause auf dem Hausflur war es dunkel und kühl; in dem Garten schien die Sonne so hell und warm, und grad darum hat es mich gefröstelt; aber das hat nicht lang dauern können. Es blühte alles bis tief unter die Hecken, und die Bienen summten, ein süßer Schwindel griff mir an die Stirn; es war auch ein Bienengesumm in meinen Ohren, wie man es hat nach einer unruhigen, ängstlichen Nacht, wenn man hinausgetreten ist aus der dumpfen Kammer in solche freie, warme Luft, in solchen Duft von Buchsbaum und Holunder. Der Kirschenbaum ließ seine ersten weißen Blütenblätter fallen; die Apfelbäume und Kastanienbäume standen in weiß und roter Pracht, und ich stand zwischen den Stachelbeerhecken und beugte das Gesicht nieder in das Leuchten und Duften. In diesem Augenblicke, diesem kurzen, kurzen Augenblicke hat mir die Schönheit und Lieblichkeit der Welt alle meine Kindermärchen wiedererzählt; es war ein Zauber, der alle Süßigkeit und alle Wehmut, alle Kraft und alle Müdigkeit in sich schloß. Und immer seltsamer wurde mir zumute; ich vernahm eine singende Stimme, und nun ist es mir gewesen, als sei diese Stimme schon ganz lange Zeit in mein Ohr geklungen und ich habe nur nicht darauf geachtet. Jetzt aber horchte ich, aber ohne daß mich der märchenhafte Zauber verließ. Ich hörte mich mit meinem Namen rufen, ganz weich und klagend und wie aus weitester Ferne, wie wenn einer fern, fern im Walde sich rufen hört. War das der singende Baum oder der sprechende Vogel? War das Schneewittchen oder das verlorene Kind? ... Ich fuhr zusammen und ließ den blühenden Zweig, den ich gefaßt hielt, jach zurückschnellen – die Schwester, die unselige, kranke, gefangene Schwester rief – rief mich – rief meinen Namen, und ich, ich hatte sie vergessen um die bunte, warme Frühlingsmorgenstunde – wie die andern! Da bin ich zurückgesprungen mit einem wilden Sprung durch ein rot und gelbes Tulpenbeet in die dämmerige Kühle des Hausflurs. Da hielt ich mich am Türpfosten und hörte die Stimme im Hause; – die Schwester, die Schwester rief mich! Das Herz klopfte mir in fieberhafter Aufregung; so allein wie heute war ich noch nie im Hause gewesen seit jenem Tage, an welchem man meine arme Ludowike in diese schreckliche dunkle Kammer eingeschlossen hatte. Ich war die Herrin heute, und niemand war da, mich in meinem Tun zu belauschen oder gar mich daran zu hindern. Da ist dann wieder eine neue Stimmung über mich gekommen, und die war auch sehr kurios; aber doch kann ich sie jetzt noch ausdeuten. Es ging mir ganz wild und zornig durch den Kopf, daß ich beide Hände ballte und mit dem Fuße fest auftrat und mit den Zähnen knirschte – alles ihm Hohn und Trotz gegen den Vater, die Stiefbrüder und die ganze übrige Verwandtschaft, welche es am letzten Ende doch so gut mit mir meinten und nur aus großer Not an mir gefehlt hatten. Was für ein Recht haben sie, dich jetzt auszuschließen von der Schwester? habe ich mich gefragt. Sie haben kein Recht; denn ihr beide ganz allein in der weiten Welt gehört doch nunmehr ganz zueinander; – ihr beide seid einander von dem lieben Gott im größten Elend anvertraut, niemand kann euch scheiden! Niemand soll dich jetzt hindern, der Schwester die Freiheit wiederzugeben und sie aus ihrer Finsternis herauszulassen in die Sonne, unter die Blumen, in den Garten, in den Frühling! so schallte es in mir, und mein Herz hämmerte; und horch, horch, von neuem hörte ich meinen Namen mit wehmutsvollen, leisen, leisen Klagen und Bitten aus der Höhe. Da bin ich geduckt, an der Wand hin, in die Stube geschlichen und habe mit einem hastigen Griff den Schlüssel zu der Kammer der Gefangenen von dem Nagel neben der Uhr herabgerissen; dann in Sprüngen die Treppe hinauf! O liebes Kind, die Ludowike hatte ihren Mund an das Schlüsselloch gelegt, als ich mich halb bewußtlos hinüberbeugte und durchlugen wollte; – ich spürte ihren Hauch, und sie bat: »Schließ auf, schließ auf, schließ auf!« – O liebes Kind, da hat eine andere Hand als die meinige den Schlüssel geführt und umgedreht, denn ich weiß nichts davon; aber eine gütige, eine barmherzige, sanfte Hand ist es gewesen – ich segne sie zu jeder Stunde, und alle Freude, alle Wonne, die ich nachher in meinem langen Leben bis zu dem heutigen Tage genossen habe, werden aufgewogen durch das Gedenken an jene hohe Vergünstigung, welche damals in meine kindische, unwissende Macht gelegt worden ist. Das Schloß hat nachgegeben, die Tür ist aufgesprungen, und auf der Schwelle ihres Jammerortes kniete die Schwester und hat mich nicht mit den Zähnen und Nägeln angegriffen und zerfleischt, wie es mir die verständigen Leute vorgemalt hatten. Sie ist auf den Knieen liegen geblieben mit weit ausgestreckten Armen. O, wie sah sie aus, wie sah sie aus! Es ist nun nichts, gar nichts mehr von der schönen Ludowike an ihr gewesen, der hohen stolzen Braut, die ihren Bräutigam mit ihrem vollen freien Willen in den Tod für das Vaterland sandte. Nichts ist mehr an ihr gewesen von jener Holdseligkeit, die sie auch dann noch behielt, als wir schon in dem Studierzimmer meines Vaters zusammengesperrt waren. Ich rief sie nun auch, ich nannte sie mit allen liebkosenden Namen, ich sank nieder zu ihr und umfaßte sie mit meinen Armen. Ich hielt sie und drückte sie; aber sie rührte sich eine lange, lange Weile gar nicht und war wie ein kaltes Bild aus Stein, bis sie plötzlich aus der Erstarrung erwachend in die Höhe sprang und wild die geballte Rechte erhob, daß ich mich im Schreck zurückbeugte und den Kopf mit den Ellenbogen schützte, weil ich glaubte, nun werde sie doch zuschlagen. Sie hat es aber nicht getan, sie hat nur meine beiden Handgelenke gefaßt und mich mit übermächtiger Kraft emporgerissen von den Knieen. Sie hat mich zur Treppe gezogen und schnell ihr nach, die Treppe hinab; ich aber habe mich nicht gewehrt, auch nicht wehren können; ich war wie ein Spielzeug in ihrer Gewalt; aber auch wenn ich stark wie eine Riesin gewesen wäre, ich würde in diesen Augenblicken mein Leben, meine gesunden Glieder ihr doch haben überlassen müssen. So hat sie mich jetzt zuerst in die Wohnstube gezogen und hier mich freigelassen; da ist sie im Kreise umhergelaufen, immerfort mit den Händen abwehrend oder sie wie im grimmigen Schmerz gegen die Stirn drückend. Auf einmal ist sie vor dem Spiegel stehen geblieben, aber schnell wieder zurückgefahren, als sie sich darin erblickte. Mit dem Finger auf dem Munde schlich sie auf den Zehen zum zweitenmal heran und sah sich zum zweitenmal in dem Glase. Da schüttelte sie hastig mit dem Kopfe und floh aus der offenen Tür, wie gejagt von ihrem eigenen Abbild; ich aber stürzte ihr nach durch den Hausgang in den Garten, so schnell, daß ich meine Schuhe auf der Schwelle verlor. Bin aber doch nicht schnell genug gewesen; denn als ich in das Freie kam, mußte ich mich nach ihr umsehen, nach ihr suchen; denn der Garten war voll hohen Gebüsches aller Art, und sie hatte sich untergeduckt wie ein Kind im Versteckspiel. Ich rief ihren Namen: Ludowike! Ludowike! so schmeichelnd und lockend, wie ich konnte, und da hörte ich sie hinter einem dichten Gesträuch lachen und schluchzen, und hastig brach ich durch das Gezweig zu ihr. Ach, da lag sie in dem hohen Grase, in dem Schein der warmen Sonne, und einen blütenvollen Zweig von einem Zwergapfelbaum hatte sie über sich hingezogen, und ihre großen, dunklen Augen leuchteten durch die Blüten. Als ich vor ihr stand, ließ sie diesen Zweig los, ergriff wieder meine Hände und zog mich herab auf die Kniee, doch nicht mehr heftig und ungestüm, sondern sanft und gemach. Es ging plötzlich wie ein Krampf über ihr armes, gelbes, hageres Gesicht, doch nach dem Krampf kam eine Stille, und da ist es gewesen, als ob für einen kurzen Augenblick ein Schleier von ihr gezogen werde: sie hat mich lange, lange mit ernsten, ernsten Blicken angesehen, und darauf hat sie mit ihrer Hand meine Stirne berührt und mit einer Stimme, die verklungen war seit jener Stunde, in welcher sie den Brief an den Vater ihres erschossenen Bräutigams schrieb, gesprochen: »Es soll dir gut gehen, dein ganzes Leben lang, liebe Schwester, denn du hast mich nicht verlassen in meiner Not! Lege deine liebe Hand auf mein Herz, was müßte ich dir alles sagen, wenn ich Zeit hätte! Du hast Barmherzigkeit an mir geübt und sollst viel Freude haben. Sei still, liege still, rühre dich nicht, daß das Schrecknis nicht erwache! Wir wollen einschlafen, und du sollst neben mir liegen wie sonst, als du noch ein ganz klein, klein Kind warst, und im Glück wollen wir beide erwachen!« Nun zieht sie mein Gesicht an ihren Busen und küßt mich, und ich liege weinend neben ihr, und sie hält mich so fest an sich gedrückt, daß mir fast der Atem entgeht: sie hält mich immer fester, und ich darf mich nicht rühren; aber es ist eine große Freude in mir, mein Herz klopft in aller jauchzenden Hoffnung. Jetzt ist ihre Seele licht, die Dunkelheit ist vergangen, und ich, ich habe sie in die Sonne, in den Frühling, in die Freiheit führen dürfen, ich habe in ihrer Gefangenschaft mit ihr gespielt, und ich habe ihr Gefängnis aufgeschlossen, als sie von allen andern verlassen und vergessen war! Wieder ist ein Krampf durch ihren Körper gegangen, und noch einmal hat sie mich fester ergriffen und an sich gedrückt; dann aber haben sich ihre Arme gelöst; sie seufzte tief und schwer, ihr Haupt schlug auf den Boden. Ich fuhr empor und starrte ihr in das Gesicht; – da war wieder alles anders, und so mußte es nun bleiben, – der ganze Friede war herabgekommen, – die Schwester Ludowike war tot. Wohl lange hab ich in Ohnmacht über ihr gelegen, und lange wieder hab ich in halber Bewußtlosigkeit von der Landstraße her über die Hecke die Lieder der aus dem Walde Heimkehrenden vernommen. »Zur Brautnachts-Morgenröte Ruft festlich die Trompete; Wenn die Kanonen schrein, Hol ich das Liebchen ein.« »Laß mich nicht lange warten! O schöner Liebesgarten, Voll Röslein blutigrot Und aufgeblühtem Tod!« so sind sie singend in unsern Garten durch die kleine Pforte, die von der Chaussee hineinführte, getreten, und als ich die Augen öffnete, hab ich sie alle um uns stehen sehen mit grünen Zweigen auf den Hüten und grünen Zweigen in den Händen. Sie haben aber nicht mehr gesungen, sie haben aufgeschrieen, und ich habe ihre Gesichter im Kreise gesehen, –-- also hat unser Haus im Jahr achtzehnhundertvierzehn die Himmelfahrt unseres Herrn Jesu Christi gefeiert! – Mein liebes Kind, wie die sterbende Schwester es mir gewünscht und vorausgesagt hat, ist mir nachher noch viel Gutes in meinem Leben widerfahren. Ich habe mein Teil von allem hingenommen, und daß ich heute hier sitze und dir bei so holdem Glanz des Abends von der Welt vor fünfzig Jahren erzählen kann, ist auch eine nicht kleine Vergünstigung des Himmels. Komm, laß dir die Haare aus der Stirn streichen, – weine nicht, halt dich wacker zu jeder Zeit; denn wer kann sagen, was du dereinst zu erzählen haben wirst, wenn deine Enkel zu deinen Knieen kommen und eine Geschichte aus den Tagen, in welchen auch du noch jung warst, von dir zu hören verlangen? –