Frank Norris Der Ozean ruft Erstes Kapitel Der Überfall Dies ist eine Geschichte von Kampf und Tod. Sie dürfte daher nicht mit einem Fünf-Uhr-Tee einsetzen, mitten in der Atmosphäre köstlicher Parfüms und dem eindringlichen, wunderbaren Duft aufblühender Rosen. Diese Saison war in San Franzisko reich an Empfängen, Teecercles und ähnlichen gesellschaftlichen Ereignissen gewesen. Der heutige Tee hatte seinen besonderen Anlaß in der Tatsache, daß Josie Herrick dem Backfischalter entschlüpft war. Ross Wilbur kam an dem Nachmittage vor dem Empfang bei Miß Herrick viel zu bald in das Haus in der Pazific-Avenue. Als er die teppichbedeckten Stufen emporschritt, sah er prachtvolle Toiletten, aus den Salons zu beiden Seiten der Halle schwirrte ihm lebhaftes Plaudern weiblicher Stimmen entgegen. Ein Zylinder, ein einziger in dem Räume, wo die Herren ablegten, bekräftigte seine Vermutung. »Ich hätte es mir aber auch denken können, daß es bis mindestens 6 Uhr ausschließlich Damengesellschaft sein würde«, murmelte er, sich seines Mantels entledigend. »Ich möchte wetten, daß ich nicht eine von den zwanzig Damen kenne, es sind wohl alle Freundinnen von Mama, unverheiratete Schwestern von Papa, Jos' Lehrerinnen und Erzieherinnen.« Er fand auch tatsächlich alle seine Erwartungen bestätigt. Ross Wilbur schritt auf Miß Herrick zu, welche gemeinsam mit ihrer Mutter und zwei anderen Damen die Gäste empfing. Ross Wilbur sprach zu ihnen: »Äußerlich mag ich vielleicht ganz ruhig erscheinen, aber in Wahrheit fühle ich mich keineswegs wohl. Sobald es nur irgend auf elegante Art und Weise möglich ist, sehe ich zu, fortzukommen, vielleicht noch früher, es sei denn, Sie geben mir etwas zu essen.« »Wenn ich mich nicht irre, haben Sie vor kaum zwei Stunden erst gegessen«, erwiderte Miß Herrick. »Aber kommen Sie, ich will Ihnen Schokolade geben, vielleicht, wenn Sie sehr nett sind, einige eingemachte Oliven. Ich habe welche besorgt, weil ich wohl weiß, daß sie Ihnen schmecken. Eigentlich wäre es meine Pflicht, hier zu stehen und zu empfangen, deshalb kann ich Ihnen auch nicht allzulange Gesellschaft leisten.« Die beiden bahnten sich ihren Weg durch die überfüllten Räume zum Büfett, wo Miß Herrick Wilbur mit den versprochenen Oliven und der Schokolade versorgte. Sie fanden ein Plätzchen in einer Fensternische, um da einen Augenblick lang zu plaudern. Wilbur nahm sich sehr drollig aus, als er krampfhaft versuchte, seinen Teller auf den Knien zu halten. »Ich glaubte fest«, begann Miß Herrick, »daß Sie heute nachmittag an Ridgeways Segelpartie teilnehmen würden. Mir sagte Mrs. Ridgeway, daß sie mit Ihrem Erscheinen rechne. Sie segelt mit dem ›Petrel‹.« »Daran habe ich nie gedacht«, erwiderte Wilbur. »Ihre Einladung erreichte mich zuerst, darum sagte ich die Segelpartie ab!« Und meinte dann mit feinem Lächeln, über seine Tasse hinweg: »Ich glaube aber, ich hätte auch unter allen Umständen abgesagt.« »Sie Schmeichler«, wehrte sie ab – und fügte dann hinzu: »Ich muß nun gehen, Ross.« »Warten Sie doch wenigstens, bis ich den Zucker aus meiner Tasse gelöffelt habe«, bat Wilbur. »Sagen Sie mir«, meinte er noch, mit dem Löffel emsig auf dem Boden seiner Tasse schürfend, »sagen Sie mir doch noch, gehen Sie heute abend zu dem Ball?« »In die Festhalle? Ja, ich gehe.« »Werde ich den ersten und den letzten Tanz bekommen?« »Ich werde Ihnen den ersten geben, um den letzten können Sie dann bitten.« »Könnten wir das nicht aufschreiben? Ich weiß, Sie vergessen es sonst.« Dabei nahm Wilbur zwei Karten aus einer kleinen Ledertasche. »Eigentlich finde ich es nicht schön, sich auf ein Programm festzulegen«, bemerkte Miß Herrick »Ich finde es viel schlimmer, einen Tanz zu vergessen.« Ross sagte dies und füllte die beiden Karten aus, er schrieb auf die eine, die er selbst behielt: »Erster Walzer – Jo.« »Nun muß ich aber zurückgehen.« Miß Herrick erhob sich mit diesen Worten. »Dann muß ich fliehen – Ich habe Angst vor Damen.« »So kenne ich Sie gar nicht.« »Ja, doch ich sagte nicht: vor einer Frau, aber vor Damen in solcher Zahl«, Ross deutete mit dem Kopfe nach den gefüllten Räumen, »da laufe ich lieber davon.« »Also, dann auf Wiedersehen!« »Auf Wiedersehen. Bis heute abend, um –?« »Um neun Uhr.« »Also um neun.« Ross Wilbur nahm Abschied von Miß Herrick und verschwand. Als er aus dem Hause trat und einen Augenblick lang auf den Stufen verblieb, wobei er behutsam seinen Hut aufsetzte, als wollte er den Scheitel nicht zerstören, schien er durchaus kein übel aussehender Bursche. Seine Gestalt wirkte durch einen langen Mantel und den Zylinder noch großer. Sein Kinn verriet Energie Seine breiten Schultern waren keinesfalls Verdienst seines Schneiders. Vor drei Jahren noch war Ross Wilbur Nummer 5 In einem Achter der Yale-Universität gewesen, wo er seine Studien und viel Sport betrieben hatte. »Was soll ich nun anfangen mit so viel Zeit bis zum Nachtmahl?« sprach er vor sich hin und stieg, seinen Stock schwingend, die Treppe hinab. Für diese seine Frage fand er jedoch keine irgendwie befriedigende Antwort. Der Nachmittag war aber schon und so wanderte er durch die Straßen der Stadt, unbewußt die Absicht in sich tragend, seinen Klub aufzusuchen. Im Klub entdeckte er in seinem Fach einen Brief, Er war von einem Freunde, der diesen Monat in Oregon zugebracht hatte, um Elche zu schießen. »Lieber, alter Freund«, stand geschrieben, »ich werde gerade an dem Tag zurückkommen, da du diesen Brief erhältst. Mit dem Nachmittags-Dampfer treffe ich ein. Bitte, besorge Plätze für das beste Theaterstück, das man gibt, – auf meine Rechnung –, und – ebenfalls auf meine Kosten, – bestelle im »Schwarzen Pudel« ein sehr gutes Essen Ich bin übervoll von Geschichten, die ich noch vor Mitternacht anbringen muß. – Dein Jerry.« P. S. »Für dich habe ich ein prachtvolles Geweih mitgebracht, Ross, einfach ein Prachtstück!« »Nein, ich kann nicht gehen«, überlegte er, als er an den Ball und den Tanz dachte, den er Jo Herrick versprochen hatte. Das beste von allem würde sein, Jerry beim Dampfer abzuholen und ihm die Umstände zu schildern, wie sie lagen. Da im Klub kein Bekannter war, auch die Pariser Zeitschrift noch nicht auflag, beschloß er, nach dem Hafen zu bummeln. Ihm bereitete es Vergnügen, hier im Hafen Leben und Treiben zu beobachten, zudem mußte auch Jerrys Dampfer bald eintreffen. Wilbur konnte noch einige Zeit an den Kais verbringen: er bestaunte die großen Getreideschiffe, welche allmählich die ganze Weizenernte aus den Tälern von San Joaquin in sich aufnahmen, dann die Holzschiffe, welche für Durban und die südafrikanischen Häfen bestimmt waren, und immer tiefer in das Wasser sanken, da sie mit ganzen Wäldern amerikanischer Kiefern und Rotholz ihre Decks und Laderäume anfüllten. Dort lagen Schiffe, die Kohlen für Nanaimo trugen. An den Seiten gewaltiger Hochseeschiffe stampften und prusteten kleine, schnelle Schlepper, während die Frachter und Leichter ein- und ausliefen. Ein Raddampfer fuhr vorbei; sein Wasserrad, welches sich am Heck schäumend drehte, ähnelte einer riesigen Garnrolle. Vor dem Handelsdampfer einer Alaska-Kompanie wogte geschäftiges Treiben, denn am nächsten Morgen schon sollte er nach Dawson abgehen. Kein Viertel dieser lebhaftesten Stadt der Welt hatte für Wilbur mehr Anziehungskraft als das Hafengebiet. Es erstreckte sich fast zwei Kilometer weit oben von den Kais an, wo die chinesischen Schiffe anlegten, an den riesigen Hellingen vorbei bis unten zum Meiggs-Kai fand man darin alle Seemächte der Welt vertreten. Oftmals war Wilbur mit den Hafenbummlern ins Gespräch gekommen. Meistens waren es beschäftigungslose Frachtenpacker, Seeleute, die ihre nächste Ausfahrt erwarteten, Schiffsmakler und Kalfaterer, die – aber mit gemäßigtem Eifer – Arbeitssuche betrieben. So gab Wilbur auch gerne einem kleinen, stämmigen Burschen im schmutzigbraunen Sweater, der ihn um ein Streichholz anging, eine Zigarre und fing ein Gespräch an. Wilbur hatte keinesfalls vergessen, daß er in einem Gesellschaftsanzug stak, aber gerade die Widersprüche der Begebenheit amüsierten ihn. Nach einiger Zeit machte der Bursche den Vorschlag, einen Trunk zu tun. Nun zögerte Wilbur einen Augenblick. Es hieß sich bedenken, doch er erwiderte: »Nun gut, wir wollen eins trinken gehen.« Der Braunbesweaterte führte ihn zu einer nahen Seemannskneipe. Des Hauses Rückseite stand, auf Pfähle gebaut, über dem Wasser, an der Vorderfront war unten der Schankraum. »Einen Teufelsrum, Tuck, und was wünschen Sie, Herr, zu trinken?« »Ich weiß es eigentlich nicht«, zögernd kam es aus Wilbur, »einen ganz milden Manhattan.« Indes wurden die Getränke gemixt und da deutete der im Sweater auf einen Kriegskopfschmuck von den Marquesa Inseln, der über dem Speisetisch, gegenüber der Bar, an der Wand hing. Wilbur wandte sich herum, um hinzusehen, und verblieb so, den Rücken zum Mixer, bis dieser meldete, daß die Getränke bereit stünden. »Nun denn, Maat, Mast- und Spierenbruch«, polterte der braune Sweatermann herzlich. »Auf Ihre Gesundheit auch«, gab Wilbur zurück. Der Bursche fuhr mit hohler Hand über seinen dünnen Schnurrbart. »Ja, Herr«, fuhr er fort, wiederum den Kopfschmuck der Marquesa betrachtend. »Ja, Herr, sonderbare Menschen sind das da unten.« »Meinen Sie, auf den Marquesa-Inseln?« bemerkte Wilbur. »Ja, Herr. Ein ganz eigentümliches Volk. Manchmal tätowieren sie sich mit Bibelsprüchen, die sie von Missionären aufschnappten, oder aber sie rupfen sich zuweilen mit zwei Muschelschalen alle Haare aus dem Leibe. Stellen Sie sich vor, Haar für Haar.« »Sie reißen sich – – ihre Haare aus?« wiederholte Wilbur und war dann verwundert, was denn mit seiner Zunge sei. »Nun, sie denken eben, es sei klug – im Glauben, daß die Frauen dies lieben.« Wilbur hatte in der Meinung gelebt, daß sein kleiner Begleiter in einen braunen Sweater gekleidet war, als sie sich erstmals trafen. Aber, rätselhaft wieso, nun überraschte es ihn nicht denselben in allen Farben schillern zu sehen, wie die Brust eines Täuberichs. »Wart Ihr denn jemals dort unten?« forschte der kleine Mann nun. Die Worte hörte Wilbur wohl ganz deutlich, aber in sein Bewußtsein fanden sie keinen Eingang. Er faßte sich aber und lächelte verlegen. »Was – sagten – Sie?« Mit großer Mühe nur brachte er in abgerissenen Worten seine Frage heraus. Da aber wurde er gewahr, daß er sich mit dem Manne gar nicht mehr an der Theke befand, sondern in einem engen Zimmer. Ihm schien sich sein Ich zu teilen. Hier war ein Ross Wilbur, dessen Hände unbeweglich geworden waren und nicht mehr tun konnten, was er wollte, einer, der Worte sprach, anders als er sie dachte, und dessen Beine von den Knien ab aus Blei zu sein schienen. Da aber war noch ein anderer, auch ein Ross Wilbur, ein lebendiger Ross Wilbur. Dieser hatte den Sinn völlig klar und stand da, um zu beobachten, wie sein zweites Ego sich lächerlich benahm, hingegen selbst aber hilflos und sogar bar jeder Lust zu helfen. Eben dieser zweite Wilbur hörte aus dem schimmernden Sweater sprechen: »Nimm dich doch etwas zusammen, alter Freund, dann geht's schon wieder!« »Kann nicht haben – zurückgehen – ungewöhnlich – der runde Tisch – Haare reißen sie aus mit zwei..« Wilburs ohnmächtige Hälfte lallte so, und die klare Hälfte sprach mahnend: »Du bist nicht trunken, Ross Wilbur, bestimmt nicht. Was haben die nur in deinen Cocktail gemixt?« Der Mann im bunten Sweater stampfte zweimal gegen den Fußboden. Unter Wilburs Füßen öffnete sich plötzlich eine Falltür. Sein waches Ich sah unter sich Wasser blinken Die Ellbogen stießen im Fall gegen den Fußboden. Er selbst aber fiel lotrecht in ein Boot. Er hatte sogar noch Muße, zwei Männer an den Riemen zu erkennen, er vermochte die Pfähle zu unterscheiden, auf denen das Haus über ihm stand, weithin übersah er die Bucht und ferne die Küste von Contra Coste. Kein, auch nicht das geringste Erstaunen über das Geschehene überkam ihn, nur der eine Gedanke war da, wie gut es eigentlich sein müßte, sich flach ins Boot zu strecken und – – zu schlafen. Auf einmal – wieviel Zeit indes dahingegangen war, wußte er nicht – fanden seine Gedanken zurück und sammelten sich, wie ein Schwarm wild auseinandergestobener Vögel nach vergangenem Schreck wieder zusammenfliegt. Rasch nahm er seine Umgebung in sich auf. Unmittelbar um ihn war das blaue Wasser der Bucht, er selbst stand auf dem Deck eines Schoners, längsseits lag das Boot. Vor ihm aber stand ein Riese, mit einem Gesicht wie der untergehende Mond, und haderte mit dem Manne im Sweater, der nun nicht mehr farbenbunt schillerte. »Wie nennst du so was?« schrie der mit dem feuerroten Gesicht. »Ich will einen tüchtigen Matrosen, habe aber keine Lust, das Schiff mit Tanzmeistern zu bemannen, verstehst du mich?« Er schnaufte. »Glaubst du etwa, wir tanzen hier an Deck Quadrille? Wenn wir mit der Kreatur nicht achtsam umgehen, zertreten wir den da. Daß so etwas ohne Mutter ausgelassen wird!« »Blödsinn!« grollte der Mann im Sweater zurück, »ich sage dir, das ist einer der besten Segler an der ganzen Küste. Wenn er zu nichts taugt, kriegst du dein Silber zurück. Nun, Kapitän Kitchell, nun haben wir genug gewagt, diese Entführung hellichten Tags war durchaus nicht nach meinem Gusto. Unterschreibst du oder nicht? Da ist der Wisch. Ich mach' mich fort oder ich habe das Polizeiboot hinter mir.« »Ich unterschreibe schon«, knurrte der andere, indes er seinen Namen aufs Papier kritzelte. »Aber wenn dieser Knabe zu nichts ist, schicke ich ihn als Frachtgut retour, und wenn ich selbst kommen müßte, um Freund Jim aufzusuchen und ihm deutlichst meine Meinung zu sagen. Verlaß dich drauf, Billy Trim!« Der Freund im Sweater steckte das Papier in die Tasche, schwang sich über Reeling und ruderte ab. Wilbur stand auf Deck eines Schoners, der im Strom vor Anker lag. Auf dem Vorderschiff mischte ein Chinese im braunen Hemd Farbe. Wilbur fand sich im Abendanzug, nur der Stock war weg und sein grauer Handschuh lag auf den Brettern des Decks. Vor ihm brannte das feuerrote Gesicht des Riesen. In seine Nase drang ein ekelhafter Geruch von ranzigem Fett oder Öl. Drüben bei Alcatraz heulte ein Fährboot, das sich freie Bahn durch die Fahrrinne schaffen mußte. Wilbur fühlte, daß er sich wieder in der Gewalt hatte. Sein Bewußtsein war in aller Klarheit zurückgekehrt. Die Lage aber, vor der er sich sah, war ihm noch gänzlich unbegreiflich. »Komm näher«, herrschte ihn der Gigant an. Wilbur gehorchte wütend. »Hör zu«, fing er an. »Was soll das bedeuten? Ich weiß wohl, daß ich betäubt und verschleppt wurde. Ich wünsche, sogleich an Land gebracht zu werden. Verstanden!« »Mein Engel!« höhnte der Hüne. »Mein Liebling, ich bin tief betrübt, dir so viel Leid bereitet zu haben. Mein Schmerz ist untröstlich, daß du deine lilienweißen Füße auf dies gemeine, schmutzige Deck setzen mußtest. Aber für morgen breiten wir für dich einen phantastischen Teppich, sicherlich!« stieß er hervor, plötzlich in Wut geratend. »Hieher komm! Hörst du! Ich bin der Kapitän dieser Badewanne, mehr brauchst du zunächst nicht zu wissen. Für gewöhnlich sage ich dies einem Manne nur einmal, dir aber will ich es noch einmal ganz deutlich klarmachen, nur aus Liebe für dich, mein Engel! Nun, komm!« Wilbur stand regungslos – starr. Noch nie war er in ähnlicher Lage gewesen. »Höre«, sagte er, »ich ...« Der Kapitän schlug ihm eine seiner gewaltigen Fäuste ins Gesicht und als Wilbur schon auf dem Deck lag, gab er ihm noch einige Stöße in den Magen. Dann ließ er ihm Zeit, sich zu erheben, packte ihn am Mantelkragen und zerrte ihn bis zu einer Luke am Vorderdeck. Dort warf er ihn in einen dunklen Raum. Wilbur saß noch betäubt am Fuße der steilen Treppe und versuchte mit verschwollenen Augen um sich zu blicken, als von oben auf seinen Kopf Ölzeug, Südwester, ein Paar Lederhosen, wollene Socken und zuletzt noch ein Tabaksbeutel niedersausten. Von der Luke her aber bellte die Stimme des Kapitäns: »Da, deine Ausrüstung, meine Lilie, unser alter Freund Jim verehrt sie dir ganz gratis, aus purer Liebe. Zwei Minuten hast du Zeit zum Umziehen, ich hoffe, du wartest nicht, daß ich dir helfen komme.« Es wäre wissenswert, die Vorgänge verfolgen zu können, die sich nun nacheinander im Kopfe Wilburs abspielten. So kurz die Zeit war – zwei Minuten waren ihm bemessen, seine Kleider zu wechseln –, aber Wilbur wechselte in der übelriechenden Dunkelheit des Vorderschiffes mehr denn nur sein Gewand. Es war mehr als eine Verwandlung – eine Revolution war es. Es ist schwer wiederzugeben, welchen Entschluß er faßte, was in seinem Innern vor sich ging, wie er sich der neuen Lage gegenüberstellte. Die Wandlung war nur am Endbild zu erkennen. Kapitän Kitchells Fußtritt ließ ihn durch die Luke fahren – im Gesellschaftsanzug, mit Lackschuhen, Mantel und Lederhandschuhen. Zwei Minuten später stieg an Deck eine Gestalt in Ölzeug und Südwester, Blut im Gesicht, Schmutz an den Händen. Wilbur war's und doch nicht Wilbur. Zwei Minuten hatte seine – sagen wir – Neugeburt gewährt. Lediglich die Lackschuhe, friedlich im alten Glanze leuchtend, gemahnten an sein früheres Sein, im strahlenden Widerspruch zu den weiten Ölhosen. Kaum war Wilbur an Deck, sah er die Besatzung des Schoners – sechs Chinesen in braunen Hemden und schwarzen Filzhüten – nach vorne zu rennen. Wilburs Augen starrten den Kapitän hilflos an. »Du verstehst nicht, was?« fragte ihn Charlie von der Kombüse. »Zieh doch an diesem Tau!« Wilbur zog das Tau straff, auf welches der Chinese gedeutet hatte. »Gut so, beleg das Fall«, sagte Kapitän Kitchell. Wilbur befestigte das Tau. Das Hauptsegel war gesetzt und hing schlagend und flatternd im Winde. Dann wurde auch das Vorsegel in gleicher Weise gesetzt. Wilbur vernahm den Befehl: »Klettere auf den Klüverbaum und löse die Zeisinge des Klüvers!« Ross kletterte, so gut er konnte, machte die Zeisinge frei – wenn er auch vom Segeln kaum so viel verstand, um diesen oder jenen Befehl gerade noch zu erfassen. Als er wieder auf das Vorschiff zurückglitt, sah er die Chinesen schon am Fall des Klüvers und sie hißten ihn vor. »Alles fertig! Belegt Klüverfall!« Die »Bertha Millner« drehte sich in den Wind und zog am Anker. »Alle Mann an die Ankerwinde!« Wilbur und die Chinesen sprangen wiederum an das Ankerspill. »Anker hoch!« Die Ankerkette, bereits dicht geholt, zitterte und fuhr rasselnd durch die Klüsen, als alle Hände in die Speichen griffen. Triefend und schlammbedeckt kam der Anker hoch. Ein Nordwest blähte die Segel des Schoners und starke Ebbeflut drückte ans Unterwasserschiff. »Nun sind wir los«, murmelte Wilbur, als die erste Bö die »Bertha Millner« erfaßte. Doch es schien, als segelte das Schiff doch nicht die San-Franzisko-Bay aufwärts. »Ob es etwa nach Vallejo oder Benicia geht?« riet Wilbur, als die Segel immer mehr Wind nahmen und die Wellen lauter am Steven schlugen. »Vielleicht holen sie Heu oder Weizen?« Der Schoner kreuzte und hielt gerade auf die Werft-Meiggs zu. Immer dichter ging es heran, so nahe, daß die Gespräche der Fischer, welche dort an ihren Netzen arbeiteten, deutlich zu ihm klangen. Eben meinte er, daß man anlegen sollte, da ... »Klar zur Wende«, rauh kam vom Steuer her der Befehl des Kapitäns. Wild flatterten die Segel, als der Schoner drehte. Dann faßte die »Bertha Millner« wieder Wind, legte sich ruhig über und glitt friedlich ihren Weg dahin. Der nächste Luftstoß brachte das Schiff bis knapp unterhalb Alcatraz. Immer schwerer wurde die See und steifer die Brise, die schon den Atem des Ozeans an die Nase trug. Im Westen öffnete sich das »Goldene Tor«, eine weite graugrüne Fläche mit unzähligen, weißen Schaumkronen. »Klar zur Wende!« Als das Steuer herumging, stand die »Bertha Millner« wieder, tanzend mit flatternden Segeln, ungeduldig nach dem Winde haschend, wie ein kleines Kind, dem man das Spielzeug nahm. Wieder fing sie dann den Nordwest mit ihren dicht gesetzten Segeln und legte sich zufrieden auf den neuen Schlag, der Bugspriet wies nach dem Wachthaus. »Bald wenden wir noch einmal«, sagte Wilbur bei sich, »dann aber halten wir auf die Contra-Coste-Küste zu.« Ein kräftiger Windstoß traf den Segler. Sofort legte sich das Schiff über, Wellen schäumten rauschend über das Deck, aber es hielt den Kurs. Wilbur versank in Nachdenken. Noch nie in seinem Leben hatte er soviel Spannung empfunden. »Ich muß doch gleich wieder über Stag gehen«, brummte er unbehaglich, »wenn wir nach Vallejo segeln.« Da durchfuhr ein jäher Schreck ihn. Kaum noch meisterte er seine Nerven. Die »Bertha Millner« blieb im Kurs. Fünfzig Meter vor dem Wachhaus scholl wieder das Kommando: »Klar rum Wenden!« Nochmals drehte der Schoner mit tanzendem Bug, peitschendem Tauwerk und knatternden Segeln. Aufgeregt beobachtete Wilbur. Das Bugspriet drehte sich wie die Nadel eines Kompasses. Wohin mochte es nun gehen? Es drehte, schwankte, hob sich, fiel dann und zeigte nun nach Lime Point. Wilbur fühlte sein Herz erstarren. »Eine vergnügliche Angelegenheit scheint es ja nicht zu werden«, kam es gepreßt zwischen seinen Zähnen hervor. Also war der Schoner weder nach Vallejo um Korn, noch nach Alviso bestimmt. Der Ruck nach Lime Point hinüber konnte demnach nur eine Bedeutung haben! Der Nordwest drückte immer stärker, die Ebbe wälzte sich rauchend wie ein Mühlwasser in den Ozean hinaus. Das »Goldene Tor« weitete sich jeden Augenblick mehr und mehr. Auf dem Achterdeck stand der Kapitän und grollte seine Befehle. »Ach, seht doch unsere Lilie«, schrie er, als Wilbur so gänzlich verändert in sein Blickfeld kam. »Greif zu bei der Ankerwinde, Sonny.« Wilbur bemerkte, wie die Chinesen nach der Bugseite des Schoners rannten, an ein Gerät, das er für die Ankerwinde hielt. Er folgte ihrem Beispiel und griff mit in die Speichen. »Anker dicht holen!« schrillte der nächste Befehl. Wilbur und die Chinesen gehorchten und drehten das Ankerspill, bis die Ankerkette dicht geholt war und straff, triefend aus dem Klüspot hing. Als Wilbur der Ankerkette den Rücken wandte, um den nächsten Befehl zu erwarten, fiel sein Blick auf die Bucht . . ., dort, kaum hundertfünfzig Meter weit weg, schoß mit noch schäumender Bugwelle, blank, leuchtend und stolz, die Jacht »Petrel«, Ridgeways Jacht, wie ein lebendes Wesen vorbei. Die weißen Segel dicht gesetzt, klingenden Wind im Tauwerk, durchglitt der schmale Schiffsleib elegant die Wogen. Wilbur erkannte Ridgeway selbst am Steuer. Mädchen in vornehmen Schiffskostümen, die Jugend in weißen Hosen und Jachtmützen – alles seine Freunde – waren da an Deck. Eine kleine Kapelle spielte einen Quickstep. Ein Korken knallte, Lachen und heitere Reden klangen zu ihm empor. Wilbur stierte ausdruckslosen Blickes auf dies Bild. Die Jacht kam heran – nur mehr dreißig Meter trennten sie vom Deck des Schoners. Wilbur, als guter Schwimmer, hätte diese Entfernung mit wenigen Stößen überwunden. Vor zwei Minuten noch . . . »Jetzt das Hauptsegel.« klang Kapitän Kitchbells Stimme. »Holt Piek- und Klaufall dicht!« Die Chinesen rannten. Wilbur ihnen nach. Zweites Kapitel Erziehung zum Seemann Während das Schiff in Fahrt kam und Ridgeways Jacht »Petrel« in blauer Ferne verblaßte, hatte Wilbur Zeit, in seiner neuen Umgebung allerhand Beobachtungen zu machen. Der Schoner, auf dem er sich wiedergefunden hatte, trug den Namen »Bertha Millner«. Es war ein Kielschoner von 28 Tonnen, mit zwei Masten von 40 Fuß Länge, und war mit allerhand Dingern versehen, wie Hauptsegel, Vorsegel, Klüver, Flieger, zwei Toppsegel und einem Stagsegel. Das Schiff war gräßlich schmutzig und stank allerorts entsetzlich; es mochte ranziges Öl sein, wonach es stank. Die Bemannung bestand aus Chinesen; seltsamerweise gab es keinen Steuermann, jedoch der Koch – auch er ein Chinese –, der sich von Zeit zu Zeit in der Tür der Kombüse zeigte, mit einem Kartoffelquetscher in der Hand, schien den Männern gegenüber eine gewisse Respektsperson darzustellen. Er war so etwas wie ein Verbindungsmann zwischen dem Kapitän und der Mannschaft, indem er des öfteren dessen Befehle auslegte und gelegentlich selbst welche gab. Wilbur hörte, wie der Kapitän ihn mit Charlie ansprach. Seine Sprache war ein Kauderwelsch von Englisch und Chinesisch. Der Rest der Besatzung, die fünf Chinesen, blieb für Wilbur unenträtselt. Diese sprachen nie, weder zu Kapitän Kitchell, noch zu Charlie, dem Koch, auch nicht untereinander, und er sah sich selbst von ihnen ebensowenig beachtet wie ein Sandsack. Wilbur fühlte unwillkürlich, daß sein Erscheinen auf der »Bertha Millner« ein ganz besonderes Ereignis bedeuten mußte. Doch die unendliche Gleichgültigkeit dieser braun gekleideten Mongolen, die Ausdruckslosigkeit ihrer platten, feisten Gesichter, die Stumpfheit ihrer schlitzförmigen Fischaugen, die ihn nie anblickten, nicht einmal in seine Richtung sahen, muteten ihn unheimlich, beunruhigend an. Welch seltsames Abenteuer umfing ihn, in welchen ungeahnten Strudel würde ihn dieser Strom treiben, der ihn plötzlich aus dem festen Grunde seines gewohnten Lebens entwurzelt hatte. Er gab sich dem Glauben hin, vielleicht kostenlos eine Segelfahrt längs der San-Franzisko-Bay, etwa bis Alviso, zu machen. Möglich auch, daß die »Bertha Millner« sogar die Bucht aufwärts segelte, ehe sie nach San Franzisko zurückkehrte. Sollte das Abenteuer auch eine ganze Woche dauern! Wilbur träumte schon im Geiste von den Schlagzeilen in den Morgenzeitungen, die das rätselhafte Verschwinden eines »wohlbekannten Mitgliedes der Gesellschaft« meldeten. »Hallo, das geht dich an, meine Lilie, setze das Klaufall durch!« Kaum waren zwei Minuten nach dem letzten Kreuzschlag vergangen, so lag die »Bertha Millner« in einer schweren Bö, die zwischen den beiden Landzungen geradewegs aus dem offenen Pazifik hereinschlug. schwer über. »Klar zum Wenden!« Wie zuvor griff einer der Chinesen an die Schoten des Klüvers. »Klüver holen!« Der Klüver fing Wind. Der Schoner legte sich auf den Backbordschlag, Lime Point verschwand unter der Reeling des Hecks. Die gewaltigen Grundseen kamen näher und als sich die »Bertha Millner« vor der ersten hob und senkte, schien es, als wollte sie ihre Ehrerbietung dem großen, grauen Ozean bezeigen, der nun erstmals auf der Steuerbordseite voll in Sicht kam. Das Schiff rauschte durch den Mittelkanal in die offene See hinaus. Kaum durch das »Goldene Tor« geglitten, nahm der Schoner seinen Kurs auf Cliff House. Im nächsten Stoß legte er Point Benito hinter sich. Das Meer wogte auf und ab, schauerlich und ernst anzusehen, jetzt kreuzten sie auf das Riff. Alles war festgemacht, durch die Speigatts rann das Wasser, die Ankerlöcher sprudelten nach dem Niedertauchen wie Springbrunnen. Einmal befahl der Kapitän alle Mann in die Strickleitern, gerade noch zur rechten Zeit, um einer gigantischen, grünen Rollflut zu entwischen, die wie ein Niagarafall über den Bug des Schoners hereinstürzte und im Augenblick das Deck fußhoch mit Wasser überschwemmte. Der Wind blieb stark und kalt, der Gischt spritzte wie kleine Eiskugeln. Unermüdlich rollte und tauchte, hob und senkte sich die »Bertha Millner«. Wilburs Gewand war völlig durchnäßt, seine Glieder schmerzten, da er dauernd zwischen Reeling und Mast wie ein Spielball hin- und hergeschleudert worden war. Im Tauwerk sang es wie in den Saiten einer Harfe, des Schoners Vordersteven durchschnitt zischend die anstürmenden Wellen, dazwischen brüllte der Kapitän seine Befehle, Tauenden prallten gegen das hohle Deck, bis es wie ein Trommelfell bebte. Das Umkreuzen des Schiffs bedingte eine ewiglange halbe Stunde voll Tumult und Geschrei. Endlich hatten sie die Sandbank hinter sich; da befahl der Kapitän dem Koch, der Besatzung das Essen auszugeben. »Komm herbei, Sonny!« fügte er, Wilbour betrachtend, seinem Befehle hinzu. »Komm, hier ist unsere Table d'hôte, nobel, wie?« Wilbur arbeitete sich kriechend das rollende Deck vorwärts, einmal an den Mast geklammert, dann nach einer Beleglampe fassend, dort an einem Stag Halt suchend, immer bedacht, die Pausen in den schwankenden Bewegungen des Schiffes zu nützen. Nun stieg er durch die Lücke hinunter ins Vorderschiff. Hier fand er die Chinesen bereits anwesend, sie saßen auf den Rädern ihrer Schlafstellen. Am Fuße der Leiter, auf dem Boden, glimmten Holzreiser in einer alten Tomatendose. Charlie brachte die Abendmahlzeit, gekochtes Rind- und Schweinefleisch in einer Bratpfanne und einen hölzernen Eimer. Schweigend aßen die Chinesen mit Messern von den Zinntellern. Dazu trank man eine Flüssigkeit, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Kaffee hatte. Später erfuhr Wilbur, daß dieser aus Gerste bereitet war, mit Melasse gesüßt wurde und »Schwarzer Jack« hieß. Mitten über der Gruppe schwang eine qualmende Lampe mit den Schwingungen des Schiffes. Lange nachher noch haftete Wilbur dieses gräßliche Bild in der Erinnerung: Die glimmenden Holzreiser, die Eisenpfanne gefüllt mit Fleischstücken, der ölige, widerliche Geruch und rings der schweigsame Kreis der Chinesen, die, auf den Schlafstellen sitzend, ihre Fleischstücke emsig verschlangen und zwischen die Füße die Kanne mit dem »Schwarzen Jack« klemmten, um sie gegen das Schlingern des Schiffes zu sichern. Entsetzt blickte Wilbur auf die Masse in der Pfanne; seine Gedanken wanderten zu seinem letzten Lunch, zu Schokolade und eingemachten Oliven. »Nun denn«, murmelte er, die Zähne zusammenbeißend, »früher oder später muß ich mich doch daran gewöhnen.« Sein Taschenmesser steckte in der Westentasche unter dem Ölzeug. Er klappte es auf, spießte ein Fleischstückchen auf und legte dieses auf seinen Zinnteller. Er aß es langsam, aber mit wilder Entschlossenheit. Doch der »Schwarze Jack« überstieg das Maß des Erträglichen. »Dazu fehlt mir noch der nötige Appetit«, meinte er bei sich. »Hör, Jim«, redete er den Chinesen an, der neben ihm auf der Schlafstelle saß, »sag, was ist das für ein Schiff? Was macht Ihr? wohin fahrt Ihr?« Doch der andere aß mit Zeichen von Ungeduld weiter. »Nichts verstehen, nichts verstehen«, antwortete er schließlich, kopfschüttelnd und grinsend. Dies waren die einzigen Worte, die während des seltsamen Mahles laut wurden. Als Wilbur wieder an Deck war, bemerkte er, daß die »Bertha Millner« längst über die äußerste Tonne hinaus war. Weit im Osten nahm er ein Lotsenboot wahr, mit der Nummer 7 im Hauptsegel, die Segel ragten noch gerade über die Wellen hervor. Als der Abend sich senkte, waren die Faralloninseln dicht vor ihnen. In äußerster Ferne, in schweren Schatten, die blauer waren als der Himmel, sah er blinkende Lichter – San Franzisko. Eine halbe Stunde später kam Kitchell aus der hinteren Kabine von seinem Nachtmahl. Sein Blick spähte nach dem Festlande, das jetzt kaum noch zu sehen war, dann nahm er einem Chinesen das Steuer aus der Hand und befahl: »Wirf Vor- und Hauptsegel los!« Die Männer hasteten dahin und das Schiff ging vor Wind. Das Stagsegel wurde gesetzt. Die »Bertha Millner« nahm Kurs auf Südwest und glitt leicht, mit acht Knoten Geschwindigkeit, dahin. Dann hieß der Befehl: »Alle Mann nach achtern!« Wilbur und die übrige Mannschaft liefen nach dem Achterdeck. Charlie ergriff das Steuer und er und Kitchell fingen an, die Leute für die Wache auszusuchen. Wilbur entsann sich, daß man in seiner Schulzeit genau so die Parteien zum Baseball gewählt hatte. »Sonny, ich wähle dich, du gehörst zu meiner Wache«, sagte der Kapitän zu Wilbur, »ich will doch die Verantwortung für deine seemännische Ausbildung auf mich nehmen.« »Ich muß dir gleich melden«, sprach Wilbur, »daß ich kein Segler bin.« »Aber du wirst bald einer sein«, gab der Kapitän, tröstend und drohend zugleich, zurück. »Du wirst es bald sein, meine Lilie, verlaß dich drauf; bald bist du einer der besten Segler an der ganzen Küste, wie unser treuer Freund Jim zu sagen pflegt. Du gehörst zu meiner Wache, tritt herüber, mein Sohn.« Die Wachen waren eingeteilt, Charlie und drei andere Chinesen an Backbord, Kitchell, Wilbur und zwei Chinesen auf Steuerbord. Die Leute gingen wieder nach vorne. Die kleine Welt des Schoners war in tiefe Stille gesunken. Die »Bertha Millner« war jetzt von der Küste klar, die tief im Osten, in ungewissem, purpurnem Dunste, der immer undurchdringlicher wurde, lag. Die Farallonen wiesen nur ihre Spitzen über den Horizont. Weit ab vom Lande lag das Schiff, sogar jenseits der Straße der Küstendampfer und Passagierschiffe, die den Handel vom Nordwesten führten. Die Sonne versank majestätisch, die weite Fläche des Ozeans schimmerte wie Mosaik. Die See lag glatt, vergessen war die stürmische Fahrt über die Sandbank. Auch die Wärme der Luft hatte zugenommen. An Bord befanden sich die beiden Wachen, rauchten Opium und spielten, es war so etwas ähnliches wie Damespiel. Drei wuschen das Deck rein. Zum ersten Male, seit Wilbur an Bord gekommen war, vernahm er den Klang ihrer Stimmen. Prachtvoll war der Abend. Niemals war das Meer Wilbur so unendlich weit, so leuchtend, so göttlich erschienen. Die ersten Sterne blinkten allmählich am Himmel auf, da, wo sein Rot in das Blau überging. Charlie bewegte sich nach vorn und setzte die Seitenlichter, rot backbord, grün steuerbord. Als er an Wilbur vorbeikam, der über Reeling lehnte und die Phosphorstrahlen unter dem Wasserspiegel betrachtete, sagte er: »He, du gehen sprechen zum Boß – verstehen Boß – chin – chin –« Wilbur ging nach achtern, zum Steuerhaus, wo Kitchell am Steuerrad stand und seine Pfeife rauchte. »Nun, mein Sohn«, fing Kitchell an, »ich liebe dich so sehr, daß ich dir eine große Gunst erweisen will, verstehst du? Ich will dir erlauben, in der Kajüte zu schlafen, neben mir und Charlie, zudem kannst du dich auch auf dem Achterdeck aufhalten. Mag sein, daß dir die Gebräuche der Seeleute fremd sind, aber verlaß dich drauf, es sind zwei große Zugeständnisse, verstehst du? Ich bin kein Dummrian wie mein Freund Jim. Du aber bist kein Gauner, das seh' ich, selbst wenn man mir meine Hand auf den Rücken bindet. Du bist nur ein Salonheld, das bist du und so siehst du auch aus. Ich frage dich nicht aus, du bist, glaube ich, klug und so werde ich aus dir mehr herausholen, wenn ich dir den Willen ein wenig freilasse. Aber merk dir eines, wenn du übermütig wirst, Sonny, oder probieren willst, mich zu übertölpeln, oder etwa vergessen solltest, daß ich der Boß von dieser Badewanne bin, und mich dann hinters Licht zu führen gedenkst, so jage ich dir mein Messer zwischen deine Rippen, darauf kannst du dich verlassen, mein Sohn. Also, nun kennst du das Spiel: du bedienst das Schiff, zusammen mit den Kulis, führst meine Befehle gut aus, ich aber lehre dich die Navigation und will dir die Seefahrt so angenehm wie möglich machen. Willst du es so nicht, werde ich dich behandeln müssen, daß dir dabei die Knochen durch das Fell kommen.« »Mir bleibt keine Wahl«, meinte Wilbur, »ich muß aus dieser peinlichen Lage das beste für mich herausholen.« »Wie ich es sagte, du hast Verstand«, bemerkte der Kapitän. »Aber, da hab' ich auch noch so eine Sache«, fuhr Wilbur fort, »wenn du mir doch, wie du sagtest, ein bißchen meinen Willen lassen willst, siehst du es bestimmt auch ein, daß wir einander besser verstehen werden, wenn du mir diese ganze Geschichte etwas erklärst. Warum wurde ich eigentlich an Bord geschleppt, warum gibt es hier nur Chinesen, wohin segeln wir, was wollen wir laden und wie lange wird die Fahrt dauern?« Kitchell spuckte im Bogen über Bord und sog den braunen Rest aus seinem Schnurrbart. »Gut denn«, sprach er, und steckte die Pfeife wieder zwischen die Zähne. »Also, das ist so, mein Sohn. Das Schiff ist Eigentum einer der »Sechs chinesischen Kompanien« in Chinatown in Frisko. Charlie, der Koch, ist einer der Gesellschafter in der Firma. Wir fahren zweimal des Jahres nach Cap Saint Lucas in Unter-Kalifornien und fangen blaue Haifische oder auch weiße, wenn wir solche erwischen. Wir entnehmen ihnen die Leber, um daraus Öl zu pressen. Dies bringen wir heim und die Chinesen verkaufen es in ganz Franzisko als echten Lebertran, verstehst du? Das wirft einen Gewinn ab, wie ein Salpeterbergwerk, Ich aber bin da, weil es eine Verfügung der Zollbehörde gibt, daß kein Chinese ein Schiff aus Frisko leiten darf.« »Und weshalb bin ich hier?« forschte Wilbur. »Mein guter Freund Jim warf ein Betäubungsmittel in deinen Cocktail. Eine Pille war es mit einem Schlafmittel. Du wurdest shanghaied, mein Sohn«, sagte der Kapitän frei heraus. Eine Stunde danach ging Wilbur in die Kabine. Kitchell wies ihm seine »Hundehütte«, worin eine übel duftende Decke lag. Der Verschlag war gerade unter der Kajütentreppe, die in die Kabine führte. Hier schlief Kitchell auf der einen, Charlie auf der anderen Seite. Ein alter Kieferntisch, dessen Füße am Boden festgeschraubt waren und den ein Wachstuch bedeckte, weiters eine Hängelampe, zwei Stühle, ein Bücherbrett, einige Kisten und ein grelles Bild, aus dem Plakat eines Balletts ausgeschnitten, bildeten Inventar und Zierde des Raumes. Wilbur saß auf dem Rande seiner Koje, ehe er sich entkleidete. Nun überdachte er noch einmal die seltsamen Ereignisse dieses Tages. Da nahm er in einer der anderen Kojen Bewegung wahr. Er sah Charlie auf der Seite liegen und in die Flamme einer Spirituslampe einen Spieß halten, an dem eine dicke, braune Masse prasselte und zischte. Diese Masse füllte er in den Kopf einer großen Pfeife und zog hörbar einige Male daran. Im nächsten Augenblick sank er wie ohnmächtig auf sein Lager, einen langen Seufzer seliger Befriedigung tuend. »Vieh!« sagte Wilbur mit tiefer Verachtung vor sich hin. Er entledigte sich des Ölzeugs und suchte in der Tasche seiner Weste, die er anbehalten, als er im Vorschiff seine Kleider wechseln mußte, nach seiner Uhr. Nun zog er sie hervor. Sie zeigte gerade neun Uhr. Ein Gedanke durchfuhr ihn. Er griff in seine andere Tasche und entnahm ihr eine Visitkarte. Einen Atemzug lang saß er regungslos auf der Kante seiner Koje und lächelte verbittert, während sein Blick durch die dürftige Kabine der »Bertha Millner« und über den opiumberauschten Chinesen in der »Hundehütte« glitt, um dann auf die Karte in seiner Hand gebannt zu bleiben. Auf die Karte hatte er vor Stunden geschrieben: »Erster Walzer – Jo.« Drittes Kapitel Lady Lette Ein anderer Tag verging, ein zweiter. Ehe es Wilbur zu Bewußtsein kam, hatte er sich in sein neues Leben eingewöhnt. Eines Morgens erwachte er sogar mit dem echten Gefühl einer Freude an diesem Leben. Mit jedem Tage wurde die Luft wärmer. Am fünften Tag nach ihrer Ausfahrt aus San Franzisko wurde es wahrhaftig heiß. Das Pech in den Decknähten der »Bertha Millner« wurde weich, aus den Masten träufelte das Harz. Die Chinesen trugen auf dem Deck nur mehr einen ganz leichten Anzug aus Baumwollstoff. Kitchell nahm längst weder Rock noch Weste. Das Ölzeug fing an, Wilbur unerträglich zu werden. Schließlich sah er sich in der Notlage, von Charlie einen baumwollenen Anzug und ein Paar Sandalen, ebensolche, wie sie die Kulis trugen, gegen sein Taschenmesser einzuhandeln. Er nahm sich sonderbar darin aus. Der Kapitän unterwies ihn, wie er das Steuer führen müßte, und versprach sogar, ihm den Gebrauch des Sextanten und eine leichtverständliche Art der Küstennavigation zu erklären. Ferner zeigte er ihm, wie man das Log las und den zurückgelegten Weg ungefähr errechnete. Während seiner Wachen beschäftigte sich Wilbur zumeist damit, das Innere der Kajüte zu streichen, ebenso Türen, Schwellen und brüchige Leisten. In der Mitte der folgenden Woche, als die »Bertha Millner« etwa in Höhe von Point Conception war, befestigte er mit drei Chinesen am Vormast einen Mastkorb nach Kitchells Anweisung. Am nächsten Morgen, gerade während Charlies Wache, wurde ein Chinese hinaufbeordert; von da ab befand sich nun immer ein Wachtposten auf dem Mast. Mehr denn einmal ließ Wilbur seinen Blick über die weite, glänzende Fläche des indigoblauen Ozeans wandern, um den Zweck des Ausgucks zu ermitteln. Schließlich trieb ihn seine Wißbegier zu Mitchell. Der Kapitän war inzwischen ganz freundlich zu Wilbur geworden. Einerseits freute ihn die Gesellschaft eines Weißen, anderseits begann er Vertrauen in Wilburs Urteil zu fassen. Kitchell hatte schon des öfteren erwähnt, daß Wilbur scheinbar Verstand hätte. »Siehst du, mein Sohn«, erklärte er Wilbur. »wir jagen natürlich dem Lebertran der Haie nach, aber außerdem beobachten wir jede Gelegenheit, die sich uns bietet, mag dies nun ein Wrack sein oder irgend ein anderer Fang. Bedenke nur die Prämien, welche die Versicherungen für die Bergung leck gewordener Schiffe bezahlen. Neben dem regulären Handel bietet die See tausend günstige Gelegenheiten zum Verdienen. Glaub mir, diejenigen, welche auf die großen Städte verzichteten und auf die See hinausfuhren, verdienten Tausende. Wegen der Wache aber, glaub mir's, mein Sohn, wenn du dein Auge umher spähen läßt«, er wies mit der Hand über den weiten Ozean, »scheint es wohl, als sei nichts da, aber glaub mir's, kein Fleckchen gibt es auf dieser dreckigen Erdkugel, wo du leichter Sachen, unerhoffte Sachen finden kannst, als auf der See. Wenn du das Land einmal hinter dir hast, kannst du tausend gegen eins wetten, daß sich etwas Unerwartetes ereignet.« Am nächsten Tag war völlige Flaute. Der kräftige Nordwest, der sie vom »Goldenen Tor« hiehergebracht hatte, war zum Zephyr verwandelt. Der Schoner glitt langsam nach Süden, gemach wie ein Tier auf der Weide. Mittags, gerade nach der Mahlzeit, kam das milchblaue Wasser der durchsichtigen Flut in Strömung. Unter dem Bugspriet sangen die Wellen ihr Lied. Es war heiß. Über dem Hauptmast stand die Sonne als goldener Teller. Die Chinesen schliefen oder sogen Opium. Charlie hatte Wache. Kitchell döste in seiner Hängematte im Schatten des Hauptsegels. Wilbur nahm seinen Farbentopf in die Kajüte und strich. Tiefe Stille herrschte. Es war die Mittagsstille auf sommerlicher See. Da brach ein Ruf der Wache im Mastkorb die Stille. »Hoi – ho! Hoi – ho!« schrie der Mann und lehnte sich aus dem Korbe. Dann legte er die Hände an den Mund: »Hoi – ho, zwei, viele, viele Schildkröten voran, hoi – ho, alles die gleichen großen Schildkröten.« »Hallo, hallo!« rief nun auch der Kapitän, aus der Hängematte gleitend. »Schildkröten? Wo denn?« »Ich denke, etwa einige hundert Meter voran, vier Schildkröten, gerade vor unserem Bug.« »Schildkröten, he! Steuer herum, Jim. Hole den Klüver dicht!« befahl er dem Manne am Ruder. Dann rief er den Leuten vorne zu: »Macht das Boot klar! Mein Sohn, Charlie und du, Wing, hinein ins Boot. Wacht doch auf und schlaft nicht schon wieder ein!« Das Boot wurde hinausgeschnellt. Die Männer kletterten hinein, setzten sich schnell an die Plätze bei den Riemen. »Nun los«, rief der Kapitän, der sich mit einem Fischhaken an die Spitze des Bootes gesetzt hatte. »Hallo, Jim«, schrie er zu dem Manne im Korbe hinauf. »Sag uns den Kurs an!« Die Wache nickte, daß sie verstanden hatte. Die Ruder tauchten ins Wasser und das Boot schnellte in die angegebene Richtung. »Kannst du rudern, mein Sohn?« klang Kitchells mißtrauische Frage. Wilburs Antwort war ein Lächeln. Dann fügte er hinzu: »Sag Charlie und Wing, sie sollen die Riemen einziehen und gib mir ein Paar.« Zögernd stimmte der Kapitän zu. »Nun«, meinte er bärbeißig, »was gedenkst du zu tun, Sonny?« »Dir den Bob-Cock-Schlag zeigen, mit dem wir unser Boot führten, als wir Harvard schlugen«, gab Wilbur zurück. Kitchell beobachtete voll Zweifel die ersten Schläge, dann sah er mit steigendem Interesse die Reichweite, die vortreffliche Beinarbeit, den Schwung, den leichten Einsatz und die tadellose Auslage Das Boot schnitt wie ein Motorboot das Wasser, zwischen zwei Schlägen nahm man kaum ein Vermindern des Tempos wahr. »Wenn ich auch jetzt etwas außer Form bin«, meinte Wilbur, »und noch an den Rollsitz gewöhnt aber ich glaube, es geht an.« Kitchell bestaunte die menschliche Maschine, welche einst Nr. 5 in dem Yale-Boot gewesen war und sah, wie das Wasser vom Bug des Bootes sprühte. »Mein Gott!« entfuhr es ihm unwillkürlich. Weit spuckte er über Bord und sog nachdenklich den braunen Saft aus dem Schnurrbart. »Sagte ich's nicht schon, daß du was verstehst, mein Sohn«, meinte er dann. An der Spitze des Bootes stand nun der Kapitän und seine Augen suchten den Ozean ab, dann sah er wieder zu dem Chinesen hinauf im Mastkorb des Schoners. Er rief: »Halt! Riemen einziehen, langsam, ruhig jetzt, verdammte Gesellschaft! Dicht daran sind wir – bei Gott, vier Dinger, so groß wie die Platte eines Eßtisches!« Man zog die Riemen ein. Der Schuß des Bootes verlangsamte. »Paddel heraus, setzt euch auf die Borde und paddelt behutsam.« Die Männer taten so. Des Kapitäns Stimme senkte sich zum Flüsterton, er kehrte den Leuten den Rücken, die freie Hand gab ihnen Zeichen. Als Wilbur über das Wasser blickte, sah er nah unter der Oberfläche, kaum sechzig Meter weg, etwas Rundliches, Grünes. Es sah aus wie ein schwimmender Seetank. »Halt – steuerbord«, flüsterte der Kapitän. »Vor wärts – backbord, alles stop, halt, halt!« Die Begebenheit nahm die Spannung eines Dramas an – ein kleines Drama mitten auf hoher See. Unmittelbar packte Wilbur Erregung. Er fand, daß dies Leben trotz allem nicht so reizlos sei. War das doch ein ebenso aufregender Sport wie das Jagen der Hirsche! Zoll um Zoll stieß das Boot nach vorne. Kitchells flüsternde Stimme wurde so leise wie die eines verscheidenden Kindes. »Alles ruhig – – ru – hig –« Plötzlich stieß er mit dem langen Haken schnell zu und schrie: »Ich hab sie, faß doch die Schwanzflosse, dummes Luder, schnell, laß nicht los, hast du sie, Charlie? Wenn sie auskommt, du Schwein, ich spieß dich mir dem Haken auf ... so ... recht so ... weg von dem Maul. Zum Teufel, ist das ein gewaltiges Vieh! Schon dachte ich, sie kommt uns aus. Genau, als ich den Haken zustieß, sah sie mich und tauchte.« Schnell zerrte man das rosig-grüne Tier über Bord. Es schlug, stampfte, plantschte und warf sich wild herum. Der Schildpattrücken maß beinahe einen Meter im Durchmesser. Der Haken in seinem Leibe saß fest, gerade unter dem einen Vorderbein. Unter dem Schild stand der Schlangenkopf und der Nacken hervor, runzlig wie der eines Greises. Es schnellte den Kopf von einer Seite zur anderen und schnappte. Kitchell schlug nach ihm mit einem Paddel. Die Schildkröte fuhr mit dem Kopfe danach, faßte das Holz und teilte es, mit einem Biß nur, in zwei Stücke. »Seht ihr, ich sagte es, aufpassen, wenn das ein Arm gewesen wäre, he? Hallo, was gibt es?« Vom Schoner scholl ein gedehnter Ruf. Kitchell erhob sich im Boot und beschattete mit dein Hute seine Augen. »Was fehlt ihm denn jetzt wieder«, brummte er mit dem unguten Gefühl eines Kapitäns, der sein Schiff sich selbst überlassen hat. »Ich hätte Charlie oder dich, Sonny, an Bord lassen sollen, Wer plärrt denn da so, ich werde nicht schlau daraus.« »Der oben im Mastkorb«, rief Wilbur, »Jim ist es, schau, er schwenkt die Arme.« »Warum denn schwenkt er mit den verdammten Armen?« knurrte Kitchell, denn es schien sich etwas zu begeben, was er nicht begriff. »Da, schon wieder ruft er, horch – ich kann gar nichts verstehen, was der brüllt. Der wird gleich aufhören, wenn ich ihn am Kragen fasse. Ich dreh dem Kujon den Kragen um, bis er nach hinten schauen muß, wenn er sehen will, wohin er geht. Wozu schwingt er so blödsinnig die Arme und brüllt wie ein Besessener. Was will er denn, Charlie?« »Verstehe Jim nicht, kann nichts sagen. Vielleicht er sagen, kommen zurück – zu Schiff, Schiff.« »Werden ja sehen. Riemen heraus, Leute, vorwärts. Nun, mein Sohn, leg ein bißchen von deinem Yale-Schlag an.« Jim im Mastkorb schrie und schwenkte seine Arme immer noch wie ein Irrer, als das Boot schon wie ein Blitz zum Schoner zurückflog. Kitchell war mit Wut geladen: »Oh«, knurrte er durch die zusammengepreßten Zähne, »wenn ich dich nur schon mit meinen beiden Händen packen könnte, du brüllende, gelbe Galgensuppe, glaub mir, du wirst tanzen. Halt's Maul«, schrie er, »du blöder Hund, kommen wir nicht so rasch wie nur möglich?« Das Boot legt sich längsseits, der Kapitän, beweglich wie Quecksilber, schwang sich über die Reeling. Die gesamte Besatzung stand am Bug, schaute und zeigte nach Westen. Jim rutschte die Strickleiter herunter und sprudelte seine Neuigkeiten heraus. Ehe noch seine Füße das Deck berühren konnten, hatte Kitchell ihn wieder in die Wanten gestoßen, ihn mit wütenden Schimpfworten überhäufend. »Schrei doch«, rief der Kapitän, als er den Chinesen wie einen geschreckten Affen wieder hochklettern sah. »Schrei doch noch ein wenig, ich würde noch schreien, wäre ich an deiner Stelle. Warum schreist du nicht und schwenkst die Arme, du verdammter, gelber Filou?« »Yes, Sir«, brachte der Kuli heraus. »Was sagst du? Charlie, frag ihn du, warum er so schrie.« »Ich glauben – Schiff«, antwortete Charlie seelenruhig und sah nach der Steuerbordseite. »Schiff! sein sehr, sehr krank«, kauderwelschte der Chinese auf der Strickleiter und sagte dann noch einige Worte auf Chinesisch für Charlie. »Er glaubt, daß das Schiff in Seenot ist«, dolmetschte Charlie. Inzwischen konnten der Kapitän, Wilbur und alle andern, etwa acht Seemeilen entfernt, ein Segel erkennen. Trotz der großen Entfernung konnten sogar die ungeübten Augen Wilburs auf den ersten Blick wahrnehmen, daß etwas da nicht war, wie es sein sollte. Keinesfalls ging jenes Schiff vielleicht nicht richtig über die Wellen, oder erweckten Takelage und Segel auch nur den Anschein einer Unordnung; solche Einzelheiten zu unterscheiden, verhinderte die zu große Entfernung. Aber in gleicher Weise, wie ein erfahrener Arzt, nach einem Blick nur in das Gesicht seines Patienten, aus dem sonst unklaren Ausdruck schon das Urteilswort »Tod« sprechen kann, erfaßte Kitchell den Fremdling mit einem Blick und rief aus: »Wrack!« »Yes, Sir, ich denken, sehr krank.« »Ach, geh zum Teufel, oder – geh nach unten und hol schnell mein Glas – los!« Das Glas wurde gebracht. »Mein Sohn«, rief Kitchell, »wo ist der Mann mit dem Verstand, Sonny, komm mit mir herauf.« Beide kletterten in die Wanten zum Mastkorb hoch. Kitchell blickte durch das Glas. »Es ist eine Barke«, stellte er beobachtend fest, »mit Eisen gebaut, – etwa siebenhundert Tonnen – und in Seenot. Dort am Besan sieht man ihre Flagge – könnte norwegisch sein – vor der Gaffel des Besans flattert das Notsignal. Schau durchs Glas, was sagst du, mein Sohn? Bei Gott, die wirft es mächtig hin und her.« Wilbur griff nach dem Glase und bekam den Fremdling nach mühevollen Versuchen endlich mitten ins Blickfeld. Es war wirklich, wie Kitchell gemeint hatte, eine Barke, die Flagge ließ auf einen Norweger schließen. »Wie sie rollt!« sagte Wilbur erregt. »Mir eigentlich unerklärlich«, gab Kitchell zu, »so eine Barke müßte doch vom Ballast fest genug sein, um nicht so zu rollen.« »Was mögen die beiden Flaggen am hintern Mast bedeuten, rot und weiß im Viereck die eine, ein Spitzwimpel in derselben Farbe die andere?« »Das heißt H B: ich brauche Hilfe.« »Ich kann niemand an Bord ausnehmen. Wo kann die Besatzung sein?« »Die ist sicher da«, bemerkte Kitchell. »Dann ist sie aber sehr gut getarnt«, wandte Wilbur ein, indem er dem Kapitän das Glas zurückreichte. »Und doch scheint sie fast leer zu sein«, meinte nun der Kapitän und in seinen Worten lag ein Wilbur unbegreifliches Interesse. »Wo können die Boote sein?«, fuhr Kitchell fort, »ich sehe kein einziges Boot.« Dann folgte lange Stille. »Es sieht wie Dunst aus, was über ihr schwebt«, bemerkte Wilbur. »Auch ich sehe das, die Luft zittert sogar etwas. Keine Boote – kein einziges Boot, und kein Mensch an Bord.« Da senkte auf einmal Kitchell das Glas und wandte sich zu Wilbur. Er war plötzlich völlig verändert. In seinen Augen erschien ein anderer Ausdruck, über der Nase furchte eine Zornesfalte, sein Kiefer streckte sich nach vor. »Sonny«, sprach er und starrte Wilbur mit verkniffenen Augen an. »Ich habe wohl gemerkt, daß du schlau bist. Ich könnte wohl den Kulis etwas vormachen, dich aber vermag ich bestimmt nicht anzuführen. Der Anschein zeigt uns ein treibendes Wrack, weißt du auch, was das für uns bedeutet? Denk einmal nach darüber!« »Ein treibendes Wrack?« wiederholte Wilbur. »Sollte eine Bemannung an Bord sein, ist diese wohl verborgen – wohin kamen aber die Boote? Ich möchte annehmen, daß das Schiff verlassen wurde. Ist es dir klar, was das für uns – für dich und mich bedeutet? Es heißt«, er nahm Wilbur bei den Schultern und keuchte ihm die Worte in gieriger Erregung ins Gesicht. »Es bedeutet – Bergungslohn, weißt du – Bergung, Bergung! Hast du eine Vorstellung, wie hoch eine Bergungsprämie ist, für einen Siebenhunderttonner? Nun, ich will es in deinen Schädel einprägen, verlaß dich drauf. Das heißt also ungefähr fünfzig- bis siebzigtausend Dollar, ohne Rücksicht auf die Ladung, die das Schiff hat. Wir wollen sagen sechzigtausend – macht für jeden dreißig! Was sagst du jetzt? Und was habe ich gesagt? Tausend zu eins kann man wetten, auf See stößt du immer auf Überraschungen!« »Dreißigtausend«, sprach Wilbur gedankenlos nach. »Ja doch, freu dich mein Sohn«, rief der Kapitän. »Hör zu«, führte er weiter aus und schob das Glas hastig in das Futteral zurück, »ich bin Alvinza Kitchell, neunundneunzig Lumpen und ich geben einhundert. Ich fasse jede Gelegenheit, die sich mir zeigt. Wenn jene Barke verlassen ist, und ich sage dir, sie ist es, dann gehört sie uns. Ich bin von Natur aus mehr ein Küstenpirat als alles andere. Mag dies Kulischiff zur Hölle fahren, wir gehen auf Seeraub, du und ich. Wir nehmen die Barke und schleppen sie in den nächsten Hafen – wenn ich mich nicht irre, ist es San Diego – dort holen wir uns die Bergungsprämie und wenn wir mit ihr schwimmen müßten. Bist du dabei?« Er streckte Wilbur seine Hand hin. Der Mann zitterte wirklich vom Kopf bis zu den Füßen. Es war unmöglich, sich dem Reiz zu entziehen, der in der Ungewöhnlichkeit der Situation lag: Der Mastkorb des Schoners, die scharfe salzige Luft, die bewegte Gruppe der Chinesen, das Indigoblau des warmen Ozeans und dort drüben das verlassene, treibende Wrack. Der leichte Schiffskörper rollte auf den Wogen, der helle Streif des Unterwasserschiffs blinkte in der Sonne. »Natürlich bin ich dabei, Kapitän«, sagte Wilbur, und nahm Kitchells dargebotene Hand, »wenn dabei dreißigtausend Dollars für fast nichts zu haben sind, werde ich genau so Seeräuber spielen wie du.« »Nun gut, doch kein Wort davon zu den Kulis.« »Aber, wie willst du mit den »Sechs Kompanien« fertig werden? Bist du nicht verpflichtet, die »Bertha Millner« heimzuführen?« »Verdammt«, rief Kitchell aus, »ich hab' keine Lust mehr, Kapitän eines Ölschiffes zu sein, ich bin Pirat.« Mit funkelnden Augen liebkoste er die schwankende Barke. »Mein Gott«, brummte er, »sie ist doch sauber? Eine kleine ›Klondike‹, komm, mein Sohn.« Sie kletterten beide die Strickleiter abwärts. Kitchell befahl einige Leute ins Boot, das am Heck festlag. Dann folgte er mit Wilbur. Charlie verblieb an Deck mit dem Auftrage, den Schoner zu steuern. Das Boot huschte über die Wellen, Wilbur bediente die Ruder. In kürzester Zeit erreichten sie die Barke. Wenngleich diese wesentlich größer war als die »Bertha Millner«, rollte sie doch in beunruhigender Weise. Jedes Aufsteigen des Schiffskörpers ließ das Unterwasserschiff zum Vorschein kommen, über und über mit Muscheln behangen, mit Seetang bedeckt. Die Vorder-, Haupt- und Marssegel waren gesetzt, ebenso die unteren Stagsegel und Royals. Doch die Brassen, die Taue an den beiden Rahenden, schienen gelöst zu sein, die Rahen schwangen in ihren Blöcken. Der Besan geigte auf, der Besanbaum schlug lose über dem Steuerhaus, wenn das Schiff bald links, bald rechts rollte. Der Hauptmast bewegte sich in seinem Schuh, die Enden und Backstage hämmerten. Eine unbeschreibliche Verlassenheit und Öde herrschte auf der Barke. Noch nie hatte Wilbur etwas so trostlos Einsames gesehen. Drei Schiffslängen vor der Barke stand der Kapitän auf und schrie: »Bark ahoi!« Keine Antwort kam. Dreimal ließ er den Ruf hinüberhallen, dreimal bildete der Schlag des Besanbaumes, begleitet vom Klatschen der Segel, den einzigen Widerhall. Frohlockend kehrte sich Kitchell zu Wilbur. »Ich glaube, sie ist unser!« flüsterte er. Nun waren sie nahe genug heran, um am Achterschiff den Namen lesen zu können: Lady Letty ... Eben las Wilbur laut den Namen, als eine mächtige braune Rückenflosse, wie das dreieckige Segel eines Luggers, die Wellen zwischen Boot und Barke teilte. »Haifische«, meinte Kitchell. »Da, noch einer!« rief er schon im nächsten Augenblick, »wieder einer! verflucht, da wimmelt das ganze Wasser von ihnen! Die wittern etwas auf der Barke, verlaß dich drauf.« Dann wiederholte er, von Ungewißheit getrieben; »Bark ahoi!« Wieder blieb der Ruf ohne Antwort. Das Boot war jetzt unmittelbar zur Barke gekommen. Gleich darauf vernahmen sie ein gedehntes, zitterndes Zischen. »Was war das?« fragte Wilbur überrascht. Kitchell schüttelte nur den Kopf. In dieser Minute neigte sich die Barke nach ihrer Seite, sie konnten rasch einen Blick aufs Deck werfen. Es war nur einen Atemzug lang, bis die Barke wieder nach Steuerbord rollte, aber er reichte für Wilbur und den Kapitän aus, um die klaffenden, aufgerissenen Deckplanken, das aufgewölbte Deck, welches in einer Ecke geborsten und zersplittert war, zu überblicken. Kitchell schlug sich auf den Schenkel: »Kohle!« rief er erregt, »Anthrazitkohle, die hat Gas gebildet, ohne sich zu entzünden, nur Gas ohne Feuer. Dieses Gas trieb das Deck auf, da half eben nichts, das Deck mußte aufplatzen. Riechst du das Gas? Kein Wunder, daß die »Lady« zischt und rollt – die ganze Ladung ist zu Gas gewandelt – die Barke wird immer leichter. Ich grübelte lange nach, wie sie bei solchem Wetter Schiffbruch leiden mochten. Mein Gott, nun ist alles restlos klar!« Das Boot lag längsseits. Kitchell wartete ab, bis sich die Barke zu ihnen herüberlegte, ergriff dann ein Tau der Hauptrahe, das über die Reeling hing, und schwang sich aufs Deck. »Gib acht!« rief er dem nachfolgenden Wilbur zu, »es wäre gewiß kein Spaß, mitten zwischen die Haie zu fallen, mein Sohn. Schau, zu Hunderten sind sie da. Die wittern etwas an Bord, ganz sicher.« Wilbur richtete sich auf dem schwankenden, geborstenen Deck hoch, überall strömte Kohlengas hervor. Es gab eine Hitze wie im Backofen. Metall konnte man überhaupt nicht anfassen. »Das Schiff ist bestimmt verlassen«, brummte der Kapitän. Er zeigte nach den losen Tauenden. »Ach, es ist eine verfluchte Situation, mein Sohn glaub mir das. Aber jetzt sehen wir uns erst die Kajüte an!« Er stürzte nach achtern. Aber es war unmöglich, die Kajüte zu betreten Sobald die Tür derselben aufgerissen wurde, wallten dichte Gaswolken heraus und warfen sie zurück. Nach dem dritten Versuch taumelte der Kapitän zurück. »Wir können einstweilen nicht hinein«, würgte er hervor, »doch ich konnte einen Toten sehen, neben dem Tisch auf dem Boden. Es scheint der alte Kapitän zu sein. Er hat seine falschen Zähne ausgespuckt. Ich ahnte es, daß an Bord eine Leiche sei.« »Es ist noch eine da«, meinte Wilbur, »sieh doch dort hin!« Hinter dem Steuerhaus auf dem Achterschiff ragte eine Hand und ein Unterarm aus dem Ölzeugärmel heraus. Wilbur lief hin und schaute in den engen Raum zwischen Steuer und Steuerhaus. Erstarrt blickte er in ein Paar Augen, – Augen, die lebten. Kitchell kam herbei. »Also, doch noch einer, der lebt«, sagte er, über Wilburs Schultern blickend, »ein Matrose, der soll uns an der Bergung nicht hindern. Die Barke ist und bleibt ein Wrack. Zieh ihn doch da heraus, mein Sohn, merkst du nicht, der Junge ist vom Gas betäubt« In dem schmalen Raum zwischen Steuerhaus und Rad hockte, niedergekauert wie ein verschreckter Hase im Versteck, ein junger Bursche. Er war so fest in die Ecke geklemmt, daß Kitchell das Haus wegstoßen mußte, um heranzukommen. Der Junge brachte kein Wort heraus. Vom Gas betäubt, glurte er sie mit glasigen Augen an. Wilbur schob seine Hand unter den Arm des Burschen und hob ihn auf. Es war ein großer, starker Junge mit gerötetem Gesicht und milchig grauen Augen. Wie in schwerem Wetter war er ins Ölzeug gekleidet. »Nun, Sonny, das ist ja eine schöne Geschichte bei euch hier an Deck«, sagte Kitchell. Der Junge – er mochte zweiundzwanzig sein – stierte ihn an und lächelte hilflos. »Heraus mit ihm aus dem Gas. Bring ihn zum Boot, mein Sohn, Ich schau nochmals in diese vermaledeite Kajüte.« Kitchell drehte sich um und stieg ins Achterschiff hinunter. Wilbur aber legte seine Arme um den Jungen und folgte dem Kapitän. Kitchell war bereits außer Hörweite und Wilbur stolperte über das schlingernde Deck, den jungen Burschen an seiner Seite stützend, da hörte er diesen einen tiefen Atemzug tun. Seine Brust hob sich, Wilbur starrte ihn mit dem unterdrückten Ausruf an: »Mein Gott, es ist ein Mädchen!« Viertes Kapitel Moran Inzwischen steuerte Charlie die »Bertha Millner« in Rufweite der Barke. Kitchell befahl Wilbur, nach dem Schoner zurückzukehren und einige Äxte mitzubringen. »Wir müssen etliche Löcher schlagen und alle Luken aufbrechen, damit das Gas entweichen kann. Vordem können wir gar nichts unternehmen. Bring den Jungen hinüber, gib ihm Whisky, dann aber komm rasch zurück und hilf mir.« Wilbur kämpfte mit großen Schwierigkeiten, um mitsamt seiner fast ohnmächtigen Last von dem schwankenden Deck der Barke in das Boot zu gelangen. Selbst als er schon an dem Tau hinab in das kleine Boot glitt, und dem Mädchen half, ihm zu folgen, sah er, wie knapp unter dem Wasserspiegel, wenige Meter entfernt, zwei undefinierbare braungrüne Schatten dahinhuschten. Er bemerkte, daß er heimlich beobachtet wurde. Die Chinesen schenkten dem Überlebenden der »Lady Letty« kaum Beachtung, sie verharrten in der sonderbaren Gleichgültigkeit, welche dieser Rasse eigen ist. Sie glaubten, einen Matrosen zu sehen. Wilbur beobachtete das Mädchen jedoch mit großem Interesse, als es am Heck des Bootes saß, traurig, in stummer Abwehr und Angst, sprachlos. Sie war nicht schön zu nennen – dazu war ihre Gestalt zu groß –, maß sie doch fast gleichviel wie Wilbur und hatte den robusten Knochenbau eines Mannes. Ihr Gesicht war rot, ihre Augen schienen wie blaues Eis. Lider und Augenbrauen, auch der kaum sichtbare Flaum ihrer Wangen, erschienen, gegen das Licht gewandt, hellblond, fast weiß. Ihre Schönheit war die der harten nordischen Rasse. Rot und hart waren ihre Hände, selbst unter dem Ölzeug mochte man kräftige Muskeln ahnen. Sie war bestimmt körperlich wie geistig derb, aber ihre Herbheit war gewiß die eines einfachen und nicht die eines verweichlichten Charakters. Wilbur wurde es jedenfalls in den Minuten des Weges von der Barke zum Schoner ernsthaft klar: die Entdeckung, daß sein Schützling ein Mädchen war, mußte Kapitän Kitchell ein Geheimnis bleiben. Wilbur kannte ihn nun gut. Es war zu erwarten, daß Kitchell und er die »Lady Letty« so rasch wie möglich in den nächsten Hafen bringen würden. Das Geheimnis brauchte also nur ein bis zwei Tage gewahrt werden. Er ließ das Mädchen an Bord des Schoners und kehrte mit einigen Äxten zum Wrack zurück. Dort fand er Kitchell am Kajütenhaus stehen, eben von einer flüchtigen Untersuchung des Schiffes zurückgekehrt. »Ein schmuckes Schiff«, rief er Wilbur entgegen, »ich habe mir es schon ein wenig angesehen. Es ist nagelneu, Sieh doch, dort ist das Datum. Sein Heimathafen ist Christiania, es wurde auch auf einer norwegischen Werft gebaut. Nur die Schiffspapiere müssen wir noch suchen. Dann werden wir ganz genau Bescheid wissen. – Was macht denn unser Findling?« »Es geht ihr gut«, erwiderte Wilbur, bevor er seine Worte überdacht hatte. Der Kapitän aber glaubte, die »Bertha Miliner« sei gemeint. »Ich fragte nach dem Jungen, den wir im Steuerhaus fanden. Er soll für unsere Bergung kein Hindernis sein. Die Barke ist jedenfalls restlos verlassen. Hätte ich befürchtet, daß er uns behindern könnte«, Kitchells Kinn streckte sich vor, »so würde ich ihn zu dem Alten in die Kajüte gesteckt haben, bis auch er erledigt gewesen wäre. Nun, mein Sohn, zunächst müssen wir das Kajütenhaus erschließen.« »Warte – das können wir bequemer haben«, meinte Wilbur, um die wütende Ungeduld Kitchells zu besänftigen. »Schlag die große Luke ab, sie wackelt ohnedies schon.« Einige Männer des Schoners wurden an Bord der »Lady Letty« geholt. Sie halfen die Luke beseitigen. Vorerst waren die entströmenden Gasmengen überwältigend, doch mit der Zeit wurden sie schwächer. Nach einer halben Stunde verlor Kitchell den letzten Rest Geduld. »Komm«, rief er und nahm eine Axt, »jetzt ist mir alles gleich!« Alle räuberischen Instinkte dieses Mannes waren entfesselt und hetzten ihn vorwärts. Er glich einem Wolfe, der seine Beute wittert – einer Hyäne, die über ihr Opfer herfällt. »Mein Gott«, rief er, »wenn ich mir vorstelle, daß alles, was wir hier sehen, was wir finden, unser ist!« Seine Erregung riß Wilbur mit. In irgend einem verborgenen Winkel jedes Seefahrers schlummern die uralten Instinkte seiner Vorfahren. Mochte er als guter Bürger gelten und ein anständiger Steuerzahler sein wollen, das Blut der Wikinger forderte manchmal sein Recht. Eine Treppe mit sechs Stufen, messingbeschlagen und geziert mit dem doppelten L, dem Monogramm der Barke, führte in eine Art Vorraum hinunter. Hier aber öffnete sich eine Tür unmittelbar zur Hauptkabine. Dort traten sie ein. Die Kabine maß etwa sechs Meter in der Länge und war außergewöhnlich geräumig. Wenn Wilbur einen Vergleich mit dem Schoner anstellte, mußte er diesen Raum als ausgesprochen vornehm bezeichnen: sein Anstrich war in Blau, Gold und Pfaugrün gehalten. Auf jeder Seite führten drei Türen in die Schlafräume und Privatkabinen. Bei der leisesten Bewegung des Schiffes schlugen diese Türen zu, als würden da unten Revolverschüsse gewechselt. In der Mitte stand ein Speisetisch, mit einer roten Decke behangen, um ihn herum vier Sessel, deren Beine an den Boden geschraubt waren, am Ende der Tafel aber stand ein großer Lehnstuhl. Auf schwingenden Regalen an den Wänden befanden sich Gläser, Whiskyflaschen und Weinbouteillen. Die anheimelnde Stimmung in der Kajüte störte lediglich der leblose Körper des Kapitäns, dessen Gesicht nach oben gerichtet war. Er war ein wohlgenährter Mann in mittleren Jahren und trug jene Pelzkappe mit Ohrklappen, die Norweger selbst in den Tropen nicht entbehren können. Weit geöffnet starrten seine Augen, fahl war sein Gesicht. Sein letztes Ringen mit dem Tode hatte die falschen Zähne aus dem Munde gleiten lassen, nun gaben diese dem Gesicht den Ausdruck eines affenartigen Grinsens. Kitchells Blick haschte sofort nach dem Gold, in welches die Zähne gefaßt waren. »Da sind schon etwa hundert Dollar«', rief er, nahm das Gebiß und ließ es in die Tasche gleiten. Der Körper des toten Kapitäns wurde durch die Luke hinaufgebracht, Wilbur und Kitchell betrachteten nun mit viel Interesse die Kabine. Der Raum des Kapitäns war der größte von den sechsen, die neben der Hauptkabine lagen. »Nun sind wir endlich da!« sagte Kitchell, als er mit Wilbur eintrat, »hier wohnte bestimmt der Kapitän!« Außer der Schlafkoje befand sich in dem Raum noch ein mit rotem Plüsch bezogenes Ruhebett, welches mit Schrauben an der Wand befestigt war. In einer Ecke lehnte eine Rolle Karten, da stand ein Wecker, dessen Zeiger auf 1.15 stehen geblieben waren, daneben waren mehrere Bücher – Romane – und in einem Trinkglas befanden sich Zigarren. Über dem Sofa war ein Regal mit Instrumenten an der Wand befestigt: Sextant, Barometer, Chronometer und Thermometer nebst anderen Meßgeräten. Gegenüber aber vor einem festgeschraubten Lederfauteuil stand ein verschlossener Sekretär. »Da, weitere tausend Dollar, sieh doch, schau doch bloß her!« rief Kitchell, und streichelte liebevoll das blinkende Messing der Instrumente. »Dieser Chronometer von Bennet \& Sons allein ist fünfhundert wert.« Dann wandte er sich dem Sekretär zu. »Endlich!« Ein tiefes Aufatmen begleitete seinen Ausruf. Was aber nun folgte, erfüllte Wilbur mit aufregender Spannung und gleichzeitig wurde er durch das Erlebnis von Entweihung und Schändung tief aufgewühlt. Um keinen Preis der Welt konnte er dies mit seinen Augen für Recht ansehen, hatte aber andererseits weder Willenskraft noch Macht, Kitchell an seinem Tun zu hindern. Der Kapitän schob die Schneide der Axt in die Fuge der Schreibtischtüre und knackte sie auf. Die Türe klappte nieder, eine Schreibplatte bildend, dahinter wurden eine Reihe Fächer und zwei kleine, verschlossene Türchen sichtbar. Diese Türchen drückte Kitchell mit dem Axtkopf ein. Dann ließ er sich in den Drehstuhl nieder und war eifrig mit der Sichtung des Inhalts beschäftigt. Wilbur blickte über Kitchells Schulter. Aus dem Raum unter ihnen strömte eine fast unerträgliche Hitze. In der Kajüte knallten die sechs Türen noch immer mit betäubendem Lärm, als hörte man ein halbes Dutzend Männer ihre Revolver wirr durcheinander abfeuern. Durch die offene Luke kam von draußen das Sing-Sang-Geschwatze der Chinesen und das Klatschen der Wellen. Die beiden Schiffe lagen jetzt Seite an Seite. Die Luft war entsetzlich schlecht und es roch nach Messing. In den Köpfen rauschte und schmerzte es, als müßten sie davon platzen. Aber, die beiden waren so vertieft, daß sie sich weder der fliehenden Zeit, noch der unerquicklichen Lage bewußt wurden. Während der Untersuchung der Schiffspapiere schickte Kitchell Wilbur zweimal in die Kajüte, um von dem pendelnden Regal Whisky zu holen. »Hier sind die Ladepapiere«, erklärte Kitchell, sie einzeln ausbreitend, »das hier die Zollpapiere aus Blyth in England. Hier die Versicherung und da, – verdammt, das ist nichts ... nur die Statuten für die Besatzung ... für uns ganz wertlos.« In einem besonderen Umschlag, gewissenhaft versiegelt und verschnürt, befanden sich die Privatdokumente des Kapitäns: eine Heiratsurkunde über die Ehe zwischen Eilert Sternersen aus Fruholmen, Norwegen, und Sarah Moran, aus einem Seehafen Nordenglands – der Name war unleserlich. Ein Geburtsschein einer Tochter mit dem Namen Moran kam zu Tage, das Datum wies zweiundzwanzig Jahre zurück, weiters ein Verkaufsvertrag der Barke »Lady Letty«, wonach zwei Drittel des Wertes von dem früheren Eigentümer einer Schiffswerft in Christiania an Kapitän Eilert Sternersen übertragen wurden. »Der alte Mann war also sein eigener Herr«, bemerkte Kitchell. »Hallo!« rief er plötzlich, »sieh her!« Seine Hand hielt eine vergilbte Photographie, das Bild einer kräftigen, blondhaarigen Frau von etwa vierzig Jahren, mit riesigen Ohrringen. Darunter war geschrieben: In memoriam S. Moran Sternersen. »Die alte Dame ist also schon gestorben«, meinte Kitchell, »besser für uns, können also keine Erben jemals in die Quere kommen. Doch da – ich glaube – es ist das Testament, unser Glück!« Der einzige wesentliche Punkt in dem letzten Willen war die Bestätigung des Todes seiner Frau und die klare Bestimmung: »Die Barke, bekannt und segelnd unter dem Namen »Lady Letty«, gehört meiner einzigen und geliebten Tochter Moran.« »Gut«, brummte Wilbur. Der Kapitän sog an seinem Bart, dann ließ er wütend die Faust auf die Tischplatte fallen. »Die Barke ist unser!« Seine Stimme verbarg eine gewisse Überwindung. »Zum Teufel mit dem Testament! Ich bin mir nicht so ganz klar über das Gesetz, aber ich will es schon klar machen.« »Wie denn?« fragte Wilbur. Kitchell warf das Papier durch die offene Luke in die Wellen. »So!« rief er, »der Erbe bin ich. Ich habe die Barke gefunden, mein ist sie und bleibt sie – uns beiden gehört sie, will ich sagen.« Doch Wilbur vermochte nicht die Freude mitzuempfinden, die aus den Worten des Kapitäns klang. Ein Gedanke fuhr ihm durch den Kopf. Das Mädchen, von ihm an Bord der Barke entdeckt, das rotbackige blonde Mädchen mit dem freien Nordlandstyp, war doch wohl die Tochter, war Moran. Klar stand in seiner Vorstellung der Hergang vor ihm: Vater und Tochter, unzertrennliche Freunde, beide Segler ihr Leben lang, fanden in der »Lady Letty«, die ihr Ehrgeiz, ihr Traum gewesen war, die Erfüllung und konnten schließlich das Schiff ihr Eigen nennen. Dann aber diese verhängnisvolle Fahrt – es war vielleicht die erste auf dem neuen Schiff –, die Entzündung der Kohle, die Panik unter der Besatzung und das fluchtartige Verlassen der Barke, sie wurden nicht der Anlaß für den verbissenen Entschluß von Vater und Tochter, allein die »Lady Letty« in den Hafen zu führen. Das Vorhaben mißlang, das Gas tötete den Vater, das Mädchen wurde – vorübergehend – von den Dünsten betäubt. Die Erbin also befand sich an Bord. Kitchell war im Irrtum, wenn er die Barke als treibendes Wrack ansah, auch nicht einen Heller konnten sie für die Bergung bekommen. Einen Augenblick lang empfand Wilbur doch ganz leise Enttäuschung, als er die dreißigtausend Dollar in nichts zerrinnen sah: doch schnell siegte seine Rechtlichkeit über solche Gefühle. Oder war nur der Steuerzahler stärker in ihm als der Pirat. Er sah es als eine Verpflichtung für sich an, dafür zu sorgen, daß jenes Mädchen nicht um sein Recht komme. Kitchell mußten die Zusammenhänge klar gemacht werden, er mußte ihm sagen, daß Moran, des toten Kapitäns Tochter und Erbin, sich hier an Bord des Schoners befinde, daß eben der Junge, den sie aus dem Steuerhaus gerettet hatten, Moran sei. Als jedoch Wilbur dies überlegte, fand er, daß er vor einer Unmöglichkeit stünde: unter keinen Umständen durfte er diese Bestie Kitchell wissen lassen, daß sich an Bord seines Schoners, auf dem er unumschränkt herrschte, ein Mädchen befinde. Abgesehen aber von Morans Geschlecht, mußte es Geheimnis bleiben, daß sie Erbin der Barke sei. Wilbur erkannte den Zwiespalt in dem Kapitän: der eine, der alltägliche Kitchell war ein Schwächling, gemessen an dem anderen Kitchell, dem Piraten und Räuber. Diese Trennung wurde angesichts der Beute erst so richtig sichtbar. »Mein Sohn«, sagte der Kapitän, und schnürte die Papiere zu einem Bündel zusammen, »nimm dies hier mit in meine Schlafkoje, versteck es dort unter meiner Decke.« »Wart noch einen Augenblick«, fügte er hinzu, als Wilbur sich zum Gehen wandte, »ich will doch mitkommen. Wir müssen ja den alten Kapitän versenken.« Während des ganzen Nachmittags hatte Kitchell aus der Whiskyflasche getrunken, welche sie in der Kajüte vorgefunden hatten. Jetzt erhob er sich taumelnd und rief, sein Glas erhebend, aus: »Sonny, wir trinken auf das Wohl von Kitchell, Wilbur \& Co., unbeschränkte Freibeutergesellschaft. Was hältst du davon?« »Ich möchte nur die Gewißheit haben, daß wir ein Recht auf die Barke besitzen«, sagte Wilbur. »Ein Recht darauf, R-Recht, da-darauf«, gluckste Kitchell, »den möchte ich kennen, zum Teufel nochmal, der den Versuch wagt, jetzt dem Alvinza Kitchell die Barke zu nehmen.« Er reckte sein Kinn nach vor. »Na, dann ist es ja gut«, meinte Wilbur und steckte die Papiere in die Tasche. Dann stiegen die beiden an Deck. Die Versenkung des Kapitäns Sternersen war eine entsetzliche Szene. Neben dem Kajütenaufbau stand Kitchell in ziemlich trunkenem Zustande, er erteilte von da seine Befehle, und trank zwischendurch aus der Flasche, die er mitgenommen hatte. Zuvor hatte er die Taschen des Toten durchsucht und dessen Stiefel und Pelzmütze an sich genommen. Man riß Stoff vom Besan und hüllte den Körper des Toten darin ein. Dann wand Kitchell die Fahnenleine um die Leinwand, in der der Leichnam lag. Das Notsignal – die roten und weißen Flaggen – haftete noch daran. »Dranlassen – laßt sie nur dran«, befahl er hastig, »laßt sie als Leichentuch. Alles klar – herunter lassen!« Wilbur warf einen Blick nach dem Schoner und stellte zu seiner großen Erleichterung fest, daß von Moran nichts zu sehen war. Da vollzog sich plötzlich an dem trunkenen Kitchell eine Veränderung. »Nein, ohne Zähne kann ich ihn nicht beisetzen«, murmelte er feierlichen Gesichts. Er schlug das Segelleinen zurück und legte dem Toten das Gebiß in den Mund. »Der alte Mann würde mich nicht schlafen lassen, wenn ich seine Zähne behielte. Verdammt, sieh doch, verkehrt hab' ich sie ihm eingesetzt! Das ist egal – oben unten, unten oben – ist doch alles gleich für den alten Bill – he, alter Bill, alles gleich, he?« Unvermittelt schüttelte ihn ein krampfhaftes Lachen. »Wenn ich mir vorstelle, mit verkehrten Zähnen ins Grab zu müssen. Mag er nun mit ihnen knirschen. Hebt den alten Onkel Bill hinüber –fertig, los – hebt – nachlassen! Da fährt er dahin.« Er lief zur Seite; sah hinüber und schwenkte seinen Hut. »Fahr wohl, alter Bill, fahr wohl. Da fährst du hin mit dem Notsignal: ich brauche Hilfe. Mein Gott, da kommen die Haie heran, schau! Schaut, wie sie sich raufen, jetzt fassen sie den alten Bill! Ich brauche Hilfe! Wahrhaftig, Bill, du brauchst sie!« Wilbur blickte in das sprühende, schäumende Wasser, dann wandte er sich angeekelt ab, ihm war übel bis zum Erbrechen. Nach kaum dreißig Sekunden war es ruhig im Wasser, kein Hai mehr zu sehen. »Los, fahr mit den Papieren zur ›Bertha‹ hinüber«, befahl Kitchell, »ich will dableiben und weiter forschen. Ich will diese alte Pillenschachtel von vorn bis hinten durchstöbern, bevor ich sie verlasse. Auch nicht eine Kupferniete lasse ich an ihr, nicht eine, hörst du mich?« Er gröhlte diese Worte mit unbegründeter Wut, feuerrot im Gesicht. Wilbur fuhr mit den beiden Chinesen nach dem Schoner zurück, Kitchell sich selbst überlassend. In der Nähe des Steuers fand er das Mädchen. Es saß da in der gleichen Stellung, beinahe, wie er es verlassen hatte. Ihre Augen waren ausdruckslos, ihr Blick nahm nichts auf. »Du heißt doch Moran, nicht?« fragte er sie, »Moran Sternersen?« »Ja«, kam es nach einer Pause aus ihr, dann blieb ihr Blick an dem Ende eines geteerten Tau's haften. Mehr als dieses Wort war aus ihr nicht herauszubekommen. Lange sprach Wilbur auf sie ein und versuchte ihr die Lage begreiflich zu machen, aber sie faßte nichts. Nur jedesmal, so oft ihr Name genannt wurde, nickte sie: »Ja, ja, ich, ich bin Moran!« Wilbur ließ von ihr ab und biß sich verlegen auf die Unterlippe. »Was tu' ich nur?« sagte er für sich, »eine verwickelte Geschichte! Sage ich zu Kitchell ein Wort, so ist des Mädchens Urteil gesprochen. Entweder würde er sie töten oder ihr noch Schlimmeres antun – oder beides. Erzähle ich ihm aber nichts, ist ihr Erbrecht, sechzigtausend Dollar beim Teufel, die Arme steht allein in der Welt.« »Es geht schon los«, fügte er hinzu, das Geräusch erlauschend, das von der Barke kam. Da tobte Kitchell in seinem Rausch, mir der Axt in der Hand, in der Kabine umher und zerschlug die Gläser, hackte in das Holz. Dabei sang er, so laut er konnte. »Mit so etwas von Menschen lebe ich«, brummte Wilbur, »nicht gerade erhebend; dabei kann ich mit niemandem reden. Was helfen mir die Chinesen und das fast bewußtlose Mädchen noch weniger! Es ist die schwierigste Lage, der ich jemals in meinem Leben gegenübergestanden bin, allein noch dazu! Der Teufel hole alles, was tu' ich nur?« Es stand fest, daß er Kitchell in keiner Weise ankonnte, dieser war stärker, und was noch schlimmer war, viel gemeiner als er. Jetzt, die Macht in Händen, war der Kapitän in seinem Element. »Aber soll ich hier stehen und ruhig mitansehen, wie das Schwein alles demoliert, was ihm in den Weg kommt! Was ist zu tun? An Land, da hätte es etwas anders ausgesehen! In der Stadt, wo überall Polizisten in der Nähe waren, würde er schon gewußt haben, was zu tun wäre. Auf einmal, noch während er überlegte, war die Sonne vom Himmel gelöscht, wie die Schrift von einer Schiefertafel. Der Horizont schwärzte sich und verschwamm, eine lange weiße Schaumlinie rauschte mächtig über das Meer. Das tiefe Brausen, immer stärker werdend, wuchs zu einem wilden Gebrüll an. Eisigkalt war die Luft Eine Sturmböe fiel ein. Der schwarze Himmel drohte auf den Ozean zu fallen, wie ein Deckel auf einen kochenden Topf. Vor- und Hauptsegel des Schoners, die nicht festlagen, scherten sich beim ersten Anprall aus und begannen wild hin- und herzuschlagen. Auf dem Deck kauerten die Chinesen, klammerten sich an den Klampen, Stagen und Masten an. Sie waren verzagt – entsetzt vor Angst. Charlie krallte sich an einen Stag, den einen Arm über dem Kopfe, als hätte er einen Schlag abzuwehren. Wilbur hing am Reling, die Zähne zusammengebissen, mit weitgeöffneten Augen starrte er vor sich und wartete auf den Untergang des Schoners. Nur ein Gedanke beherrschte ihn: das Ende konnte nicht mehr ausbleiben. Er hatte schon von plötzlichen tropischen Sturmböen gehört, diese kamen zumeist so schnell, wie Szenen im Film wechseln. Das Schiff legte sich mächtig über. Der Anfang vom Ende, noch eine solche Welle wie die letzte und der Ozean würde über sie hinwegrauschen. »Und ihr wollt Seeleute sein! Wollt ihr wie die Ratten auf einer Planke ersaufen?« Eine Stimme, für Wilbur unbekannten Klanges, drang hart durch das chaotische Brüllen von Wind und See wie der Ruf eines Hornes. Er wandte sich schnell um und sah Moran aufrecht auf dem Achterdeck stehend das Steuer des Schoners fest in der Hand. Die Verwirrung dieses furchtbaren Augenblickes hatte der Besatzung den Verstand betäubt, ihren aber wieder erweckt. Nun war sie wieder sie selbst, wild, herrlich, überragend, prächtig in ihrem Zorne über die Schwäche und Feigheit der Mannschaft. Über ihren flammenden Augen waren die Brauen zusammengezogen, der Hut war weg und die schweren Flechten ihres blonden Haares wehten im Sturme, leuchtend wie die Strahlen des Nordlichts. Sie rief und gestikulierte erregt mit den Männern, dabei glitt die Haut ihres Ölzeuges herunter, und ihr Arm, kräftig und rund, weiß wie Alabaster, wurde frei, die gebräunten Hände und Gelenke erschienen wie mit Handschuhen bedeckt. Sie schrie und tobte über die Ohnmacht der Besatzung. »Faßt zu, Leute! Packt an! Kommt zu euch! Macht die Falle des Stagsegels am Tau des Bootes fest. Die Enden los, alles klar! Holt das Ende außen um die Wanten herum! Außen! Ihr Idioten! Vorn festlegen – loslassen, so – da, er dreht!« Das Boot war hinten am Heck festgelegt gewesen, die überstürzenden Seen hatten es vollgeschlagen. Moran hatte den rettenden Gedanken gefunden, das vollgeschwemmte Boot als Treibanker zu benützen, indem sie dieses nicht am Heck, sondern vorne am Bug festlegen ließ. Der Bug der »Bertha« reagierte auf den Zug und der Schoner drehte in den Wind. Die »Bertha« kehrte die Nase in den Wind und nahm die Böen. Es war richtig eine Meisterleistung der Besatzung. im Augenblicke höchster Gefahr vollbracht, und rettete so das Schiff. An sich selbst zu denken, fand keiner Zeit. An Bord der Barke war noch kein Segel gesetzt. Die Böe stieß breitseits in die »Lady Letty« die sich auch gleichzeitig überlegte, aber dann wieder aufrichtete. Doch nun hatten sich die Kohlen verlagert. Des Schiffes Schicksal schien besiegelt: Wilbur sah einen Atemzug lang durch einen Schleier von sprühender See, von Schaum und Regen hindurch die Gestalt Kitchells, der mit der Axt um sich schlug. Dann legte sich die »Lady Letty« über, so tief, daß ihre Masten das Wasser berührten, ein Augenblick noch und sie ging nach oben. Ihr Kiel und das rote Unterwasserschiff tauchten für einen Moment durch Nebel und Gischt auf. Plötzlich sank sie . . . und verschwand. Mit einem Male war die Sturmböe vorüber. Die Sonne rang sich durch, der Himmel leuchtete In reinem Blau, der Ozean wurde spiegelglatt und die Wärme der tropischen Lüfte umfing die »Bertha Millner«, welche leicht über die Wellen glitt. Keine Spur verriet mehr etwas von der Existenz der »Lady Letty« und dem betrunkenen Kapitän. Kitchell war mit seiner Beute zum Meeresgrund gesunken. Die Besatzung der »Bertha Millner« drängte sich auf dem Vorderschiff zusammen, sprach erregt durcheinander und deutete angsterfüllt über Bord. Wilbur und Moran waren allein auf dem weiten Pazifik. Fünftes Kapitel Ein weiblicher Kapitän Als Wilbur am Morgen nach dem Untergang der Barke an Deck kam, bot sich ihm der überraschende Anblick, daß die »Bertha Millner« segelte. Wilbur und Charlie hatten diese Nacht im Vorschiff geschlafen, Charlie bei den Chinesen, Wilbur hatte die Hängematte des Kapitäns gewählt. Ein Befehl Morans während der Wache am vergangenen Abend hatte die Ursache für jene Abweichung gebildet. Offen, jedoch finsteren Blicks hatte Moran ihn angesehen und mit ihrer schönen Altstimme, deren Wohlklang ihm erstmalig auffiel, einfach kurz zu ihm gesagt: »Ich schlafe achtern, in der Kajüte, du und der Chinese vorn, verstanden?« Moran war aber damit nur Wilburs heimlicher Absicht zuvorgekommen. Nach der wundersamen Rettung des Schoners durch ihre Tüchtigkeit erwiesen ihr Charlie und die übrigen Chinesen einen Respekt, der abgöttischer Verehrung ähnelte. Wilbur sah sie erst wieder beim Frühstück. Sie war in Männerkleidung, welche zum Teil aus Kitchells Ausrüstung stammte, in hohen Stiefeln, trug aber keinen Hut, so daß ihr kornblondes Haar, in lange Zöpfe fast armdick geflochten, zu sehen war. Die Röte ihres Gesichtes bildete einen sonderbaren Gegensatz zu ihren hellblauen Augen und den sandfarbenen Brauen, die stets etwas zusammengezogen waren. Sie aß mit ihrem Messer und, nachdem sie den Teller weggeschoben hatte, beobachtete Wilbur, daß sie ein halbes Glas Whisky mit Soda trank. Die Zwiesprache zwischen den beiden war karg. Es fehlten die gemeinsamen Berührungspunkte. Vom Tode ihres Vaters, der wohl schon vor ihrer Rettung eingetreten war, erwähnte sie kein Wort und ihr Verhalten gegen Wilbur schien von Abwehr und Mißtrauen bestimmt zu sein. Und doch ging sie, einmal nur, aus sich heraus: »Wie kamst du eigentlich an Bord zu diesen Rattenfressern, du bist doch kein Seemann?« fragte sie unvermittelt. »Ich!« Wilbur lachte gezwungen, »ich wurde shanghaied.« Moran schlug mit ihrer roten Faust auf den Tisch und sagte mit einem tiefen, glockenreinen Lachen: »Shanghaied? – das ist gut. Was aber gedenkst du jetzt zu tun?« »Was willst du tun?« lautete Wilburs Gegenfrage. »Dem ersten heimfahrenden Schiff Signal geben und mich nach Frisco fahren lassen. Ich muß doch meine Versicherungssumme einfordern.« Sie war durch Wilbur in den Besitz der Papiere der »Lady Letty« gekommen. »Ich muß auch dort das Unglück melden«, setzte sie fort. »Nun, ich bin ja auch nicht gerade auf Haifischfang eingestellt«, meinte Wilbur; jedoch Moran hatte anscheinend kein Interesse für seine Pläne. Sie mußten beide sehr bald merken, daß man sie nicht signalisieren ließ: am Mittag desselben Tages sichteten sie am Horizont den Rauch eines Dampfers, dem sich ihr Schoner rasch näherte, und Moran setzte sofort das umgekehrte Nationale. Am Ruder aber stand Charlie, der einige Worte auf Chinesisch sagte, worauf einer der Chinesen sein Messer zog und das Notsignal einholte. Moran trat mit finsteren Augen vor Charlie. »Nein! Nein!« sang Charlie, schloß dabei die Augen und wackelte mit dem Kopfe. »Nein! Viel Zeit verloren, nicht können stoppen. Kommen in Kajüte, du und Boß Nummer zwei – haben chin – chin.« Offenbar meinte er mit letzterem Wilbur. Um Kitchells Tisch fand sich eine seltsame Gesellschaft – der Mann vom Klub, das Mädchen in Männerkleidung und der Chinese. Eine heftige Auseinandersetzung entspann sich, wobei Wilbur und Moran darauf beharrten, an Bord eines Dampfers gehen zu wollen, während Charlie mit ruhiger Standhaftigkeit sich weigerte. »Ich hatte ein chin-chin letzte Nacht mit Chinaboys. Chinaboys Angst haben, sollen kein Dampfer stoppen. Angst vor viel Rede – viel Rede. Nicht stoppen – wollen fischen. Ich glaube, du können«, wies er auf Moran, »ich glauben, du gut kennen diese Wasser. Boß zwei nicht können segeln Schiff, aber viel wissen.« »Und deshalb sollen wir an Bord eures Backtroges bleiben und ihn für euch führen?« empörte sich Moran. Charlie nickte einfach: »Ich glauben ja!« »Und du meinst, daß wir die Angelegenheit für euch regeln, wenn wir in den Hafen zurückgekehrt sind?« Charlie lächelte bloß: »Ich denken, die »Sechs Kompanien« sehr reich.« »Gut, geh!« befahl Moran, als wäre sie Gebieter des Schoners, »wir wollen es besprechen.« »Chinaboy dich sehr lieben«, sagte Charlie zu Moran. sich zum Gehen wendend, »du können sehr gut Schiff segeln, wollen dich als Kapitän .... aber«, fügte er hinzu und plötzlich schwand sein Gleichmut, als wäre eine Maske gefallen, und darunter blitzte momentan das bösartige Auge des Kantonesen hervor, »Chinaboys keinen Verrat lieben, verstanden?« Moran und Wilbur waren im Augenblick völlig hilflos. Sie waren nur zwei, gegen sieben Chinesen. Wenn die Kulis es so wünschten, mußten sie an Bord verbleiben, blieben sie aber, mußte es im Interesse ihrer eigenen persönlichen Sicherheit sein, daß die Führung der »Bertha Millner« gut war. »Ich will sie führen«, entschloß sich Moran endlich verdrossen nach Ablauf des Gesprächs. »Du mußt mein Maat sein, Wilbur. Bilde dir aber nicht ein, nach deinem Willen handeln zu können, weil du ein junges Mädchen vor dir hast. Bei mir gilt schlechte Arbeit ebensowenig wie bei Charlie.« »Du brauchst nicht zu denken«, gab Wilbur gekränkt zurück, »daß ich ein Taugenichts bin. Ich finde hingegen, daß du ein schönes Mädchen bist, du bist so ganz anders als alle weiblichen Wesen, denen ich begegnet bin, du bist, ich schwöre es, du bist herrlich. Wenn ich an den letzten Abend denke, in der Sturmböe, wie du am Steuer standest, mit goldenem Haar –« »Laß das!« erwiderte das Mädchen geringschätzig, und ging an Deck. Doch Wilbur folgte, er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. Sie riefen Charlie nach achtern und teilten ihm ihren Entschluß mit. Moran wollte die »Bertha Millner« führen, Wilbur mit ihr die Wache übernehmen, Charlie versprach seinerseits, für den Gehorsam der Mannschaft zu bürgen. Ihre vordringliche Aufgabe bestand darin, den Kurs nach der Magdalena-Bai zu finden. Moran und Wilbur studierten gemeinsam die Karten und Logbuch, doch das Mädchen warf dann alles verächtlich beiseite. »Der fuhr nur nach ungefähren Berechnungen, seine Navigation war Stumpfsinn; ein Schiffsjunge hätte es klüger gemacht. Zu allem Mißgeschick kommt noch, daß der Chronometer abgelaufen ist. Ich werde nun die Greenwicher Zeit suchen müssen, indem ich in der Nacht die Höhe eines Sternes nehme und daraus unsere Länge ausrechne. Hast du unsere Sextanten herübergebracht?« Wilbur schüttelte den Kopf: »Nein, nur die Papiere«, erwiderte er. »Hier sehe ich nur einen alten Quadranten aus Ebenholz«, sagte Moran, »aber er muß uns genügen.« Diese Nacht noch, flach mit dem Rücken auf dem Deck liegend, den Quadranten beobachtend, nahm Moran, wie sie sagte, einen Stern und brachte ihn zum Horizont herunter. Dann saß sie fast die ganze Nacht bei der qualmenden Lampe in der Kajüte und rechnete, bis schließlich vier Seiten der Logtafel mit ihren Berechnungen gefüllt waren. Bis zu Tagesanbruch hatte sie die genaue Greenwicher Zeit gefunden und bestimmte den Standort des Schoners. Zwei Tage vergingen, ein dritter folgte, und Moran steuerte den Kurs des Schoners. Sie blieb ganz für sich allein. Wenn sie nicht am Steuer war oder die Höhe der Sonne maß und Eintragungen ins Logbuch machte, stand sie beim hinteren Reling und starrte in das Kielwasser des Schiffes. Wilbur wußte nicht, wie er ihr Verhalten deuten sollte, denn noch nie war er einem Mädchen begegnet, das Moran auch nur im geringsten ähnelte. Sie hatte sich so dem rauhen einfachen Seemannsleben angepaßt, daß sie ehrlich gemeinte Bewunderung – anders mochte er seine Verehrung nicht zu äußern – als simple, arglistige Annäherung ansah. Sie traute ihm nicht, hegte Verdacht gegen ihn und spottete unverhohlen über sein mangelhaftes seemännisches Können. Moran war nicht schön, aber sie begann auf Wilbur mit immer stärkerer Anziehungskraft zu wirken. Er liebte einfach ihre herrlichen Flechten, ihre tiefe Altstimme, die schöne Kraft ihres Körpers. Er bewunderte ihren unentwegten Mut und ihr Selbstvertrauen, während zugleich ihr großes navigatorisches Wissen und ihre Seefahrerkunst ihm wortlose Anerkennung abgewann. Die Mädchen, welche er gekannt hatte, mochten wohl verstanden haben, wie man sich bei einem Fünfuhrtee unterhalten konnte oder wie sie eine deutsche Zeitschrift zu lesen hatten, aber ein zweiundzwanzigjähriges Mädchen, das die geographische Länge aus der Höhe eines Sternes zu berechnen vermochte, hatte er noch nirgends kennengelernt. Je mehr er sie kennenlernte, desto tiefer wurde sein erster Eindruck bestätigt. Sie pflegte nach den Mahlzeiten Whisky zu trinken und konnte fluchen wie ein Pirat. Wenn sie zornig war, wie es sehr oft vorkam. Man mochte oft wähnen, sie sei geschlechtslos, wild, ja hemmungslos und doch glücklich in ihrer Uneingeschränktheit und strengen Abgeschlossenheit. Ihr Nacken war stark und schwanenweiß, ihre Hände rauh und schwielig und die Männerkleidung machte sie groß, kräftig und frei. Mehr als einmal fühlte Wilbur, wenn er in ihre Nähe kam, daß ihr Haar, ihr Nacken, ihr ganzes Wesen einen herrlichen, reinen Wohlgeruch von Ozean und Wind ausströmten. Eines Tages beobachtete er, wie sie ein riesiges Wasserfaß auf dem Rücken trug, mit einer Kraft, die wohl größer sein mußte als seine eigene: ihre Brauen zogen sich bei der Anstrengung zusammen, ihr Haar rollte in schweren Zöpfen vom Nacken, die starken, runden Arme waren bis zum Ellbogen entblößt. Er wurde von einer Begeisterung erfaßt, die ihn die Worte murmeln ließ: »Mein Gott, welch ein Weib!« Die »Bertha Millner« fuhr weiter ihren Kurs nach dem Süden. Ruhig glitt sie über den spiegelglatten Ozean. Der Wind strich über eine unbewegliche Oberfläche, und manchesmal, am Mittag, ging der Schimmer der weiten Wasserfläche in den Schein des blauen Himmels über, Wasser und Himmel waren kaum zu unterscheiden. Das kleine Schiff schien in einer weiten kristallenen Fläche zu schwimmen, die weder Höhen noch Tiefen bot – bewegungslos im heißen, funkelnden, opalisierenden Raum, allein mit der Sonne. Eines Morgens kam der Schoner, nachdem er in den letzten vierundzwanzig Stunden nach Osten gesegelt war, endlich in die Nähe der Küste. Am Nachmittag war das Schiff etwa eine Seemeile von dem flachen Sandstreifen entfernt, der in der glühenden Luft zitterte; dann gingen sie zwischen dem großen Blattang der Magdalenabai vor Anker. Nun übernahm Charlie den Befehl. An den zwei vergangenen Tagen hatten die Chinesen Kübel, Leinen, Fischhaken, Spaten und anderes Gerät für den Haifischfang, welches im Vorschiff verstaut gewesen war, herausgebracht. Die Segel wurden heruntergeholt und eingebänselt, das Deck von sämtlichen Hindernissen befreit; im Laderaum standen Tonnen und riesige Fässer bereit. Die lässige Trägheit der verflossenen Woche wurde von einer außergewöhnlichen Emsigkeit abgelöst und am Tage nach ihrer Ankunft beschäftigte sich die ganze Mannschaft damit, in der Bai Köder zu fangen. Als Köder dienten eine Art Lippfische von prächtiger, rotgoldener Färbung; sie hatten etwa die Größe eines gewöhnlichen Kabeljaus. Sie bissen gut an, aber von zehn geangelten Fischen wurden drei von den Haien geschnappt, ehe man sie an Bord bringen konnte. Eine andere Schwierigkeit ergab sich daraus, daß, sei's durch die große Hitze oder wegen des starken Salzgehaltes des Wassers, die Köder, an die Luft gebracht, schnell verendeten. Ringsum wimmelte es von Schildkröten. Mit grau grünen Schildern bewehrt, schwammen sie dicht unter der Wasseroberfläche dahin. Große Scharen von Seevögeln bevölkerten während des ganzen Tages die Küste und deren Sandhügel. In langen Zwischenräumen flitzten fliegende Fische wie geschleuderte flache Steine über die Wellen. Rudel von Meerschweinen kamen von draußen herein und hüpften unbeholfen am Rande der Bucht. Aufgescheuchte Landvögel sammelten sich in der Takelage des Schoners. Früh, des Morgens schon konnte man an Land, wo sich ein Frischwasserstrom ins Meer ergoß; das lustige Pfeifen der Wachteln vernehmen. Wilbur war es, dem es am zweiten Morgen nach Ankunft der »Bertha Millner« in der Magdalena-Bai gelang, den ersten Haifisch zu fangen. Man hatte eine Menge Köder geangelt, diese für die Haifische in Hälften geteilt. Wilbur besteckte eine der langen Leinen, welche man am Vorabend an Deck gebracht hatte, mit den Ködern und schleuderte sie über Bord. Dann beobachtete er, wie sich der helle Schein des Fischleibes, in den Tang versinkend, in silbriges Grün wandelte. Fast im selben Augenblick huschte ein länglicher Schatten, um etwas dunkler als die blaugrüne Flut, in einiger Entfernung vorbei. An jeder Seite saßen mächtige Flossen, eine davon ragte aufrecht wie ein riesiger Hahnenkamm auf dem Rücken des Tieres, unmittelbar über dem Kopfe schwammen zwei Lotsenfische, welche den Anschein erweckten, als gehörten sie tatsächlich zu diesem Körper. Zwei-, dreimal umkreiste der große Menschenfresser, er maß vom Maul bis zur Schwanzspitze fast vier Meter, langsam den Köder, die Flossen wie Fächer im Wasser bewegend. Einmal näherte er sich, berührte mit der Nase den Köder, schnellte zurück und verblieb im Schatten des Schoners regungslos auf der Lauer, das Wasser mit den Flossen streichelnd. Moran blickte über Wilburs Schulter. »Nun ist er so gut wie gefangen«, bemerkte sie, »sowie die Fleisch zu sehen bekommen –« Dann rief sie: »Aufpassen, jetzt!« Der Hai schoß vorwärts, warf sich plötzlich mit einer langsamen, leichten Drehung gänzlich auf den Rücken, sein weißer Bauch blinkte im Wasser wie Silber und der Köder war verschwunden. Als der große Seewolf anzog, rannte die Leine zwischen Wilburs Handflächen, daß die Haut wie Feuer brannte. Moran machte die Leine fest. Beim Emporziehen der schweren Last flogen ihre Körper hin und her, es warf sie gegeneinander. Ihre nackten kühlen Arme wurden dicht an seine Knöchel gepreßt. »Hiev up!« rief sie in der Erregung des Augenblicks lachend. »Hiev all!« stimmte sie den Sang der Seeleute beim Holen der Taue an. Die Füße gegen die Reling des Schoners gestemmt, rangen sie gemeinsam gegen den Fischriesen. Aus einem Schaumwirbel tauchten Kopf und Hals an die Oberfläche, die Flossen peitschten das Wasser, bis es kochte, wie das Kielwasser unter der Schraube eines Dampfers. Kaum waren aber diese großen Flossen über Wasser, wurde das Tier still und hilflos. Charlie lief mit einem langen scharfen Spaten herbei. Während der Hai noch an der Seite lag, schlitzte er ihn, mit einer Bewegung nur, von unten nach oben auf. Ein anderer Chinese fing mit einem langstieligen Fischhaken die rotschwarze Leber heraus, holte sie über Bord und warf sie in einen der Kübel an Deck. Der Hai schlug noch immer, wand sich, die Flossen bebten, die Kiemen klafften geöffnet. Wilbur vermochte einen Ausruf nicht zurückzuhalten. »Hohes Geschäft!« knurrte er. »Ha!« rief Moran zornig, »töten ist für ihn zu milde. Jeder Seemann haßt diese Bestie!« Nun wurden auch andere Leinen besteckt und über Bord geworfen. Die eigentliche Aufgabe der Fahrt begann für die Leute. Viel Geschick gehörte nicht dazu. Die Haie bissen gierig, bald schwärmten sie zu hunderten um das Schiff. Selten verging eine halbe Minute, da nicht einer der vier angelnden Chinesen einen Fang meldete. Charlie und Jim aber hatten mit Spaten und Haken reichlich Arbeit. Als es Mittag wurde, waren die Fässer auf dem Deck gefüllt bis an den Rand. Man holte die Leinen ein, die Leute schleppten die Kübel an die Sonne, um das Öl auszulassen. In der tropischen Hitze schmolz die Leber fast sichtbar zusammen. Um vier Uhr nachmittags waren die Kübel mit einem dicken gelben Öl gefüllt, dessen Geruch Wilbur sofort an den ranzigen Gestank erinnerte, der ihm am ersten Tage an Bord des Schoners entgegengeschlagen hatte. Die Kübel wurden in riesige Fässer und Tonnen gefüllt, welche im Laderaum der »Bertha Millner« standen. Charlie verschwand in die Kombüse, um die Abendmahlzeit zu bereiten, welche man in der Farbenpracht und Glut des Sonnenunterganges auf Deck verzehrte. Moran setzte die Lichter, die Chinesen versammelten sich am Ende des Vorschiffes und rauchten Opium. Der Tag ging zu Ende. So gingen die Tage dahin. Bald wußte Wilbur nicht mehr, ob Donnerstag oder Sonntag sei. Da er des mechanischen Schlachtens der Haie bald überdrüssig wurde, schenkte er seine Aufmerksamkeit nur noch der Küste, um von der Eintönigkeit des Fangs abgelenkt zu werden. Moran und Wilbur waren vollkommen sich selbst überlassen. Charlie hatte jetzt das Kommando. »Maat«, sprach Moran eines Tages zu Wilbur, nachdem sie eine Mahlzeit, bestehend aus Schildkrötensuppe und Fischen, draußen auf dem Achterdeck eingenommen hatten, »Maat, das ist eine langweilige Angelegenheit. Zudem stinkt, der Schoner entsetzlich Wollen wir nicht das Boot losmachen und an Land gehen? Nehmen wir ein Faß mit, um Wasser zu holen. Unser Tank ist dreiviertel leer. Wir können uns ansehen, wie es in Mexiko aussieht« »Mexiko?« meinte Wilbur, »du hast recht, im Süden der Staaten ist ja Mexiko. Beinahe hätte ich es vergessen!« Sie verbrachten den Nachmittag beim Frischwasserstrom, füllten da ihr Faß und sammelten Abalonen und Muscheln, welche die Ebbe auf den Felsen zurückgelassen hatte. Moran stellte fest, daß diese köstlich schmeckten. Die Eintönigkeit dieser Küste und des Landes dahinter, die unter der tropischen Sonnenglut bebten, war unvergleichlich: niedrige, mit Gestrüpp bedeckte Hügel zogen sich landeinwärts. Am östlichen Horizont, weit in der Ferne, schimmerten bläuliche Berggruppen wie eine Fata Morgana in der Luft. Der Sand war so heiß, daß man ihn kaum berühren konnte. Drüben in der Bai hing der Schoner mit seinen kahlen Masten als ruhe er auf einem umgekehrten Spiegelbilde. Das aber war alles: das flache, heiße Land, die endlose Fläche des Pazifik und der einsame Schoner. »Welche Einsamkeit«, sagte Wilbur zu sich und zweifelte, ob es überhaupt ein San Franzisko mit gepflasterten Straßen und Trambahnen gäbe, ob die Menschen, die einst seine Freunde gewesen waren, wirklich existierten. »Gefällt es dir?« fragte ihn da Moran schnell, und ihre Augen blickten ihn voll an. Die Daumen ihrer Hände staken im Gürtel. »Es macht mir Spaß – und was meinst du?« erwiderte er. »Es ist nicht anders als mein ganzes bisheriges Leben. Ich glaube wohl, daß du es als ein eigenartiges Leben für ein Mädchen ansiehst. Aber mein Leben bestand darin, daß ich tat, nicht jedoch nur dachte oder las, was andere Menschen getan oder gedacht haben. Meiner Meinung nach ist, was man tut, nicht, was man denkt oder liest, die Hauptsache im Leben. – Wo ist denn die Brechstange? Wir wollen doch noch einige Abalonen zum Abendessen mitnehmen und dann hinüberrudern.« Diese Worte waren das einzige kurze Gespräch, das sie im Verlauf des Nachmittags führten. Die übrige Unterhaltung beschränkte sich nur auf die Dinge, die eben ihre Aufmerksamkeit erregten. Um fünf Uhr kehrten sie zum Schoner zurück; sie fanden die Chinesen bestürzt und erschrocken, aber keiner konnte ihnen Aufklärung geben. Charlie verabreichte ihnen wortlos das Abendbrot. Während sie die Abalonen, die Moran in Teig gebacken hatte, aßen, erklärte Charlie: »Hai alle fort! Keinen mehr fangen – alle weggegangen.« »Gegangen – wieso?« »Nicht wissen, warum«, sagte Charlie, sehr schlecht, sehr schlecht, Chinaboy sehr sonderbar finden, zu sonderbar.« Tatsächlich war es so: den ganzen folgenden Tag über ließ sich kein Hai blicken. Geduldig fischte die Besatzung bis zum Abend und doch wurde sie durch keinen einzigen Fang belohnt. Keiner wußte dies zu deuten. »Das ist wirklich seltsam«, sprach Moran, »ich habe noch nie davon gehört, daß ein Hai von seiner Beute gelassen hätte. Man sieht es mit bloßem Auge, daß die Chinesen große Angst haben. Solche abergläubische Geschöpfe!« In derselben Nacht erwachte Wilbur in seiner Hängematte am Vorschiff, es war halb drei. Der Mond war untergegangen, der Himmel mit Sternen besät, kein Hauch regte sich. So still war es, daß Wilbur hören konnte, wie die großen Fische im Wasser spielten und zur Küste plätscherten. Ohne besondere Vorzeichen begann sich der Schoner unter ihm zu heben. Wilbur rollte aus der Hängematte und trat auf Deck Keinen Zweifel gab's mehr, es hob sich das ganze Vorschiff unter ihm, er konnte wahrnehmen, wie das Bugspriet von dem einen Stern zum nächsten wanderte. Immer höher hob sich der Schoner. Die Gegenstände auf Deck begannen nach achtern zu gleiten, aus den Kübeln rann das Öl heraus, dann aber – die Chinesen waren aus dem Vorschiff herausgestürzt – sank der Schoner, erst allmählich, dann mit einem jähen Ruck, der Wilbur beinahe hinwarf, in seine ursprüngliche Lage zurück. Mittschiffs fand er Moran. Auch Charlie kam nach achtern gerannt. »Was war denn das? Sind wir auf Grund gestoßen?« »Nein, nein, wir liegen fest vor Anker. Sollte es eine Flutwelle gewesen sein?« »Unsinn, die könnte uns nicht so heben.« »Nun also, was war es dann? Hört! Seid doch um Gottes willen ruhig da auf dem Vorschiff!« Wilbur blickte über die Reling ins Wasser. Die Wellen rollten noch immer vom Schoner weg. Sonst gab es nichts zu sehen. Wiederum war tiefe Stille. Kein Laut war zu vernehmen. Sechstes Kapitel Ein Meeresgeheimnis Wenn sich Wilbur auch zusammennahm, meinte er doch, es griffe eine kalte Hand an sein Herz. Dieses beängstigende, geheimnisvolle Heben und Senken des Schoners im ruhigen Wasser zu einer Zeit, da kaum Wind genug war, um die Oberfläche zu kräuseln, jagte ihm einen entsetzlichen Schrecken in die Glieder. Wieder sah er über die Seite in das tankgefüllte Wasser. Nichts – nicht einmal ein Lufthauch. Das Sternenlicht ließ keine einzige Welle auf der Magdalena-Bai sichtbar werden, auch am Lande regte sich nichts. »Ruhig, da vorne!« übertönte Morans Stimme die schreienden Kulis. Sofort war tiefe Stille. Alles an Bord lauschte angespannt. Vom Heck der »Bertha Millner« tropfte das Wasser, als ob ein Uhrwerk tickte. Der Bug des Schoners hob sich empor, das Schiff sank fast bis an die Reling ins Wasser. »Sonderbar«, murmelte Moran finsteren Blicks. Charlies Schrei zerriß die Stille: »Ich Angst, ich Angst!« kreischte er mit schriller Stimme, und sein Antlitz färbte sich plötzlich grün. Wilbur konnte den Schimmer der geweiteten Augen sehen, die denen einer angstgepeinigten Katze glichen. Als sie dann, Moran, Wilbur und Charlie, in der Mitte des Schiffes standen, einander anstarrend, verspürten sie auf einmal Brandgeruch. Am Vorschiff hatten die Chinesen Räucherstäbchen angezündet, die Kulis lagen da, mit den Stirnen das Deck berührend. Moran ging nach vorne, brachte sie auf die Beine und warf ihre Götzenfackeln in die See. »Feng Shui! Feng Shui!« schrien sie außer Atem, »wir Feng Shui fürchten!« Fern im Osten hob sich allmählich der Horizont vom Himmel ab. Es kam der Morgen. Die Chinesen wurden nach unten geschickt, eine Wache an Deck gelassen. Wilbur ging die Runde ab, horchte und wartete, ob jene erschreckende Bewegung wiederkehren würde. Endlich bei Tagesanbruch begann Charlie in der Kombüse mit seinem Geschirr zu klappern, er bereitete das Frühstück. Der Rest der Nacht war ohne Zwischenfall abgelaufen. Nach dem Frühstück fand sich das merkwürdige Trio – Moran, Wilbur und Charlie – in der Kajüte zu einer Besprechung ein. Sie faßten den Entschluß, nach der anderen Seite der Bai zu segeln. »Feng Shui auf diese Platz, wir Angst«, meinte Charlie. »Wer ist denn Feng Shui?« Charlie schwieg sich aus, Moran und Wilbur vermochten nun zu erraten, daß es wohl die Götter seien, die diesen Teil der Magdalena-Bai beherrschten. Auf keinen Fall waren in diesem Grunde noch Haie zu fangen, daher ging man unter Segel und gegen Mittag warf die »Bertha Millner« am gegenüberliegenden Ende der Bai Anker, eine halbe Seemeile von der Küste entfernt. Hier war keine Not an Haien und der Fischfang begann von neuem. Manchen der Haie holte man an Deck, betäubte ihn mit einem Schlag auf den Kopf und schnitt ihm dann die Flossen ab. Die Chinesen verpackten diese Flossen dann in besondere Fäßchen, wohl um sie nach China zu schicken. Zwei, drei Tage vergingen, die Besatzung arbeitete mit Feuereifer. Es geschah nichts, keine Unterbrechung der Eintönigkeit der glühenden Tage und regungslosen Nächte. Der Schoner lag bewegungslos auf dem Wasser, als stünde er auf freiem Grunde. Bald zog man auch die Nachtwache ein. Die drei Führer lebten in diesen Tagen geradezu üppig. Es gab reichlich Schildkröten und die Tafel prunkte mit ihrem Fleisch und den Suppen, mit gebackenen Abalonen, Seefischen, wirklich köstlichen Haifischflossen, besonders aber mit Wachteln, welche Charlie und Wilbur an der Küste fingen. Das Trio konnte sich keine besseren Leckerbissen wünschen. Die Küste und das Innere waren völlig öde, sie boten den Anblick einer unberührten Wildnis aus Sand und Steinen. Oft trieb Wilbur die Langeweile an Land und er wanderte rings um die Bucht, von einer Landzunge zur anderen. Wenn er auf einer stand, den Ozean überblickend, schien er ihm ebenso öde und leer wie das Land. Niemals durchfurchte eines Schiffes Kiel die Flut, nie tauchte am Horizont ein Segel auf, keine Rauchfahne schattete in der Ferne. Alles war leer – weit und unsagbar einsam –, zitternd vor Hitze. Wiederum verrann eine Woche. Charlie klagte bereits von neuem, daß die Haie wieder selten würden. »Ich denken sie gehen – dann wieder Angst.« In eben dieser Nacht weckte Wilbur, der in der Hängematte schlief, die Berührung eines Armes. Moran stand neben ihm, als er aufsah. »Hörtest du etwas?« fragte sie leise und sah ihn gespannt an. »Nein! Nichts!« sagte er, stand auf und tastete nach seinen Sandalen. »Du, etwa?« »Mir kam es so vor – irgend etwas! Fühlst du etwas?« »Ich schlief, bemerkte gar nichts. Geht es wieder los?« »Ja, der Schoner hebt sich, kaum merklich. Ich war gerade wach, sonst hätte ich nichts gemerkt.« Sie sprachen leise, wie es Menschen im Dunkeln tun. »Da, horch, was war das?« stieß Wilbur hervor. Ein feines Zittern, unmerklich fast, lief durch den Schoner. Wilburs Hand, die Reling umklammernd, spürte das leise Beben des Schiffes. Es schwand, begann von neuem und verebbte allmählich. »Teufel nochmal, was mag das sein?« brummte Wilbur ungeduldig, und bemühte sich, die wieder aufsteigende Angst niederzuzwingen. Moran schüttelte den Kopf und biß sich mißmutig auf die Lippe. »Ich verstehe es einfach nicht«, versetzte sie mißmutig, »kannst du etwas sehen?« In unendlicher Einsamkeit lagen Himmel, See und Land. Nicht einmal ein Windhauch regte sich. »Horch!« sagte Moran. Von weither kam das zarte schlaftrunkene Glucksen einer Wachtel und das Zirpen einer Grille. Eine lange Welle lief zum Ufer und glitt in den Ozean zurück. Wilbur schüttelte den Kopf. »Ich vermag nichts zu hören«, flüsterte er. »still ... da – ich fühlte wieder das Beben.« Noch einmal lief ein langanhaltendes, doch schwaches Zittern vom Bug zum Heck und vom Kiel zur Mastspitze durch die »Bertha Millner«. Man vernahm ein kaum hörbares Ächzen des Holzes. Das Öl in den Kübeln an Deck bewegte sich. Das Beben war so fein und so stoßweise, daß es Wilbur wie ein Kitzeln spürte, als er auf Deck stand. »Ich würde zwei Finger meiner Hand opfern, wenn ich wüßte, was das alles heißen soll«, sagte Moran leise. »Ich bin auf See gewesen«, – dann rief sie plötzlich: »Aufpassen! Der Schoner hebt sich wieder!« Wirklich, der Schoner hob sich wieder unter ihnen, ganz langsam, diesmal beim Heck. Höher, immer höher ging es. Wilbur erfaßte ein Stag, um sich festzuhalten. Er suchte sein Herz zu beruhigen, es schlug ihm bis zum Halse. »Mein Gott!« rief Moran aus, seltsamen Glanz in den Augen, »das – ist doch –« Die »Bertha Millner« ging auf einmal wieder nieder und stampfte in dem glatten Wasser wie in einer Flutwelle. Vom Deck triefte das Öl. In den vom Schoner weglaufenden Wellen tanzte drüben in der Bai das Spiegelbild der Sterne. Die Chinesen kamen lärmend die Treppe herauf. Wiederum begann das Heben und Senken der »Bertha Millner«, die Kübel rutschten das Deck entlang. Die Masten bebten, Balken ächzten. Am Heck aber krachte und splitterte etwas. Dann war es wieder vorüber, die Wogen glätteten sich, das Schiff lag regungslos. »Schau«, sprach Moran und blickte nach dem Heck, »das Ruder löste sich aus den Ösen.« Es stimmte, das Steuer der »Bertha Millner« war auch herausgesprungen. An Bord schloß in dieser Nacht niemand mehr ein Auge. Wilbur irrte auf dem Achterdeck herum, ihn peinigte ein Gefühl, das er nicht zu deuten wagte. Moran saß neben dem zerborstenen Ruderkopf, in der Hand sinnlos eine Pistole haltend, und ließ von Zeit zu Zeit einen Fluch vernehmen. Hin und wieder zeigte sich Charlie auf dem Achterdeck, starrte auf Moran und Wilbur mit weit aufgerissenen Augen und verschwand sogleich. Auf dem Vorschiff klebten die Kulis rote Papierstreifen, die mit Sprüchen beschriftet waren, an die Maste. Dann entzündeten sie wieder ihre Götzenfackeln, deren Gestank die Luft erfüllte. »Wenn wir nur feststellen könnten, was das war«, grübelte Moran verbissen, »Aber dieses – dieses vermaledeite Heben und Zittern mutet mich so sonderbar an.« »So ist es«, stimmte Wilbur bei, mit einem raschen Blick auf sie, »was sollen wir tun, Moran?« »Durchhalten!« rief sie dann aus und schlug mit der Faust auf ihr Knie. »Wir können dieses Schiff nicht verlassen – ich lasse es nicht im Stich. Ich will auf diesem alten Backtrog bleiben, so lange noch zwei Planken aneinanderhalten. Hast du etwa im Sinn, fortzugehen?« Fest und forschend richtete sich ihr Blick auf Wilbur. Dieser betrachtete sie, wie sie da aufrecht neben dem Ruder saß, ohne Hut, die blonden Zöpfe hingen ihr über die Brust. Sie, in Männerkleidern und Stiefeln, die Pistole neben sich, ein seltsamer Anblick. Er schüttelte den Kopf. »Ich verlasse diese ›Bertha Millner‹ nicht eher, als du es tust«, erwiderte er, und fügte hinzu: »Ich bleibe bei dir, Kamerad, bis wir –« »Fühlst du es?« warf Moran ein und hob die Hand. Ganz fein lief ein Zittern durch den Körper des Schoners, jedes Tau schwang und sang wie die Saite einer Harfe. Es ging vorüber, doch ehe noch Moran und Wilbur ein Wort äußern konnten, war es schon wieder da, nur deutlicher noch wie zuvor. Charlie kam nach achtern gestürzt, fliegenden Zopfes. »Was machen schütteln?« rief er, »warum schütteln? Nicht wissen, nicht lieben, viel, viel große Angst, ay – yah, ay – yah!« Langsam hob sich das Schiff, als trüge es der Rücken einer großen Welle, langsam senkte es sich, wiederum ging es empor. Wilbur mußte sich an der Reling festhalten. Immer heftiger wurde das Zittern, zum Zähneklappern. Sie hörten, wie unten in der Kajüte mancherlei Gegenstände von den Regalen und vom Tische polterten. Da, mit einem jähen Ruck fiel die »Bertha Millner« nieder, das ausgeschüttete Öl lief durch die Speigatts Speigatt – Loch in der Reling, Abfluß für das Wasser auf Deck. die Maste ächzten, das Wasser schäumte und spritzte um die Seiten. Doch das war alles. Kein Laut zu vernehmen, nichts zu sehen, nur das furchtbare Zittern des kleinen Schoners und immer das gleiche, langsame Heben und Senken. Wieder kam der Morgen. Verstört und wortlos verzehrte man das Frühstück. Nun war das Ruder zerstört, man konnte nicht mehr fort. Die »Bertha Millner« mußte verharren, wo sie eben war. »Wenn der Tanz so weiter geht«, rief Moran, »springen die Planken aus dem Achtersteven!« Charlie nickte feierlich mit dem Kopfe. Er sprach nichts – seine schweigsame Würde war wiedergekehrt und im vollen Licht des hellen Tages, da die »Bertha Millner« wie eine Möwe auf den Wellen schwamm, war er wieder Herr seiner Nerven. »Ich glaube ja«, sagte er zögernd. »Nun denn, ich meine, wir würden richtig handeln, wenn wir versuchten, das Ruder in Ordnung zu bringen und nach Frisko zurückzukehren«, erklärte Moran. »Auf diese Weise macht ihr ohnedies kein Geld. Hier gibt es keine Haie mehr. Sie sind alle verschwunden, es muß etwas los sein. Die Besatzung bringt ja gar nicht genug herein, um auch nur die Unterhaltskosten zu decken. Was meinst du?« »Ich glaube ja.« »Wenn ich dich recht verstehe, meinst du auch, heimfahren sei besser?« »Ich denken, ja, morgen!« »Morgen?« »Ja.« »Also einverstanden denn«, drängte Moran, von einer so schnellen Bereitwilligkeit überrascht, »wir fahren also morgen los?« Charlie nickte: »Morgen«, wiederholte er. Es ergab sich, daß der Schaden am Ruder gar nicht so übermäßlig war, wie man ursprünglich angenommen hatte. Bald war alles behoben, doch es war notwendig, daß einer der Leute über Bord kletterte. »Jim, geh du hinunter!« befahl Moran. »Charlie, sag ihm, was er zu machen hat, wir können den Ruderhaken nicht von Deck aus hineinstecken.« Doch Charlie schüttelte den Kopf. »Er nicht gehen, viel zu viel Angst.« Moran fluchte gewaltig. »Was kümmert mich, daß er Angst hat. Er muß den Ruderhaken in die untere Öse stecken.« »Mein Gott«, brach sie in tiefer Verachtung aus, »welch ein feiges Pack! Eine Besatzung Affen wäre mir lieber. Wilbur, ich muß dich ersuchen, hinunterzuklettern. Ich lebte im Glauben, hier Kapitän zu sein, aber die erbärmliche Feigheit dieses Gesindels betäubt mich der Macht.« »Viele, sehr viele Haie«, rief Charlie. »Leute fürchten, Haie zurückkommen und sie fressen.« »Einige Spaten müßt ihr zur Hand nehmen«, erklärte Moran, »und die Haie verjagen. Nun, Maat, bist du bereit?« Wilbur gab seinem Herzen einen Stoß. Er warf Rock und Sandalen ab und schwang sich über die Reling des Hecks. »Leg das Ohr aufs Wasser«, rief ihm Moran von oben zu, »oft kann man so schon ihre Flossen hören.« Eine Minute währte es bloß, um den Ruderhaken einzusetzen, dann kam Wilbur wieder triefend und ein wenig blaß an Deck. Er war ahnungslos, welch ein entsetzlicher Tod da unten auf ihn gewartet hätte. Als er sich eben trockene Kleider holen wollte, war er überrascht, als Moran ihm lächelnd die Hand entgegenhielt »Brav gemacht«, sagte sie, »ich danke dir dafür. Ich habe schon Seeleute gesehen, die viel älter waren als du und diese Tat doch nicht gewagt hätten.« Nie zuvor war sie ihm schöner erschienen als eben in dieser Stunde. Nachdem er im Vorschiff seine Kleider gewechselt hatte, saß er noch lange Zeit, das Kinn in beide Hände gestützt und tief in Gedanken versunken. Als er sich dann endlich erhob, sprach er laut, als müßte er das Ergebnis seiner Überlegungen in diese Worte fassen: »Dass ist natürlich ausgeschlossen.« Er dachte eben daran, daß morgen doch die Rückfahrt beginnen sollte, in vierzehn Tagen sollte er wieder in San Franzisko sein, als Steuerzahler, als Bürger im wohligen Schutze der Polizei. Trotz allen Widerwärtigkeiten war das Leben auf der »Bertha Millner« in diesen drei Wochen doch sehr interessant gewesen, eine sonderbare Episode, welche völlig aus dem Rahmen seines gewohnten Lebens herausfiel. Im Geiste ließ er die Ereignisse dieser denkwürdigen Fahrt an sich vorüberziehen: Kitchell erst, dann die Schildkrötenjagd, die aufregende Entdeckung des Wracks, der tote Kapitän, das schauerliche Bild der versinkenden Barke, – Moran –, Moran am Steuer, das widrige Geschäft des Haifangs und nun die rätselhaften Bewegungen, das Heben und Zittern des Schoners. Niemals wohl würde er die Enthüllung dieses Geheimnisses erleben. Dieser Tag galt zur Gänze den Vorbereitungen für das Klarmachen des Schoners. Man verstaute die Kübel und Fässer unter Deck und räumte die Angelleinen auf. Bis Abend war alles klar, bei Tagesanbruch konnten sie schon unter Segel sein. Es war anzunehmen, daß der Schoner mit dem Boot herausgeschleppt werden mußte, es war zu wenig Wind, erst draußen, wenn sie einmal die Bai verlassen hatten, konnte man mit Sicherheit eine Brise erwarten. Gegen zehn Uhr nachts durchschauerte den Schoner wieder das gleiche unheimliche Beben. Eine halbe Stunde später etwa hob es das Schiff ein-, zweimal leicht auf. Dann lag es still. Es war schon spät in dieser Nacht, dem frühen Morgen nahe, da erwachte Wilbur plötzlich aus dem Schlummer in seiner Hängematte, ohne sich einer Ursache dieses Erwachens bewußt zu werden. Er stand auf und horchte. Die »Bertha Millner« lag vollkommen ruhig. Die Nacht war heiß und ringsum alles still. Der zunehmende Mond stand wie das Bild eines sinkenden Schiffes tief am Himmel. Wilbur lauschte angestrengt. Jetzt, jetzt nahm er etwas wahr. Zwischen dem Schoner und der Küste konnte er ein leises Plätschern hören, in regelmäßigen Zeitabständen quietschten Riemen auf. Sollte zwischen der Küste und dem Schoner ein Boot sein? Konnte dies sein? Was mochte das für ein Boot sein und wer? Unverkennbar klang das Geräusch der Wellen, klatschten die eintauchenden Riemen. Da rief Wilbur laut an: »Boot ahoi!« Nichts; keine Antwort kam. Das Geräusch der Ruder entfernte sich. Moran kam aus der Kajüte gelaufen, ihr Ölzeug erst im Laufen anziehend. »Was ist geschehen – was gibt es?« »Ich glaube, es ist ein Boot; es kann gar nicht weit sein. Still – hörst du die Riemen?« »Du hast recht. Ruf die Leute herbei, wir wollen das Boot aussetzen und das andere verfolgen. Hallo, da vorn, Charlie, alle Mann an Deck!« Dann sahen Moran und Wilbur einander fest in die Augen. Etwas Ungewisses – wohl die unheimliche Stille, die auf dem Schoner herrschte – ließ sie fühlen, daß sie ohne Antwort bleiben würden. Sie eilten beide nach vorne. Moran schwang sich in die Luke des Vorschiffes und sprang, ohne die Leiter zu benützen, auf das untere Deck. »Die Kojen sind alle leer, die Chinesen sind fort, sie haben uns verlassen.« Sie kletterte die Leiter herauf. Als sie wieder an Deck kam, sagte Wilbur zu ihr: »Sie haben das Boot mitgenommen, unser einziges Boot war es, nun können wir nicht mehr ans Land.« »Solche feige, abergläubische Ratten! Ich hätte damit rechnen müssen. Die wären gewiss vor Angst gestorben, hätten sie noch länger an Bord des Schoners bleiben müssen. Die und ihr Feng Shui!« Als es Morgen wurde, konnten sie die Flüchtigen an der Küste lagern sehen, dicht dabei lag das Boot. Moran und Wilbur waren außerstande, die Absichten der anderen zu deuten, aber es war nun eines klar, daß die Chinesen, erfüllt von ihrem tiefen, orientalischen Aberglauben, sich lieber jedem, auch einem ungewissen Schicksal ausgesetzt hätten, als auf dem Schoner zu verbleiben. »Nun, werden wir auch ohne die fertig werden?« fragte Wilbur, »vermögen wir beide ohne Hilfe das Schiff in einen Hafen zu bringen?« »Wir wollen allenfalls den Versuch wagen, Maat«, bedeutete Moran, »vielleicht schaffen wir es bis San Diego.« Die Chinesen hatten hinreichend Verpflegung an Bord zurückgelassen und so schickte sich Moran an, das Frühstück zu bereiten. Zu ihrem Glück stieg gegen acht Uhr eine leichte Brise vom Westen auf, Moran und Wilbur banden die Zeisinge auf und setzten Vor- und Hauptsegel. Wilbur war eben daran, den Anker zu holen und Moran stand auf ihrem Platz am Steuer, da rief sie plötzlich: »Segel ahoi! – Gott steh' mir bei, was ist das für ein Segel?« Ein sonderbar gestaltetes Fahrzeug erschien am Eingang der Magdalena-Bai. Siebentes Kapitel Strandräuber Wilbur ging zu Moran auf das Achterdeck, die das fremde Schiff schon durch das Glas beobachtete. »Das ist eine ganz neue Art von Schiff für mich«, meinte sie und reichte Wilbur das Glas. Wilbur sah lange und aufmerksam hindurch. Die Erscheinung hatte das Aussehen und die Größe einer portugiesischen Karavelle des fünfzehnten Jahrhunderts – hoch am Bug und Heck – und schien ebenso seefest zu sein wie eine Suppenterrine. Nur auf alten Drucken erinnerte sich Wilbur, ein ähnliches Schiff gesehen zu haben. Das Fahrzeug besaß nur einen Mast, der nach vorn geneigt war. Das Luggersegel überspannte zwölf Bambusstäbe. Ein riesiges, rotes Auge war auf jeder Seite des hohen, stumpfen Bugs gemalt, hinter dem Schiffsrumpf aber ragte ein mächtiger Riemen in die Luft, ganze zwölf Meter in der Länge, länger als das Schiff selbst. Er mochte sowohl zur Fortbewegung als auch zum Steuern dienlich sein. »Sie haben Kurs auf uns zu«, erklärte Wilbur, als er Moran das Glas zurückgab. »Stimmt«, bestätigte sie und sagte im gleichen Augenblick: »Schrecklich! Schon wieder Chinesen, die Kiste wimmelt von Kulis; es dürfte eine chinesische Dschonke sein.« »Ach«, rief Wilbur aus und erinnerte sich an Charlies Worte, »ich weiß schon!« »Du weißt es?« »Ja, das sind richtige Küstenräuber. Ich hörte aus den Reden der Chinesen, daß solche an der Küste leben. Die Dschonke wird jede Nacht ans Ufer geschleppt und da schlägt die Bande ihr Lager auf. Sie sind wie Straßenkehrer, sammeln und stehlen alles, was sie an der Küste finden: Abalonen, Haiflossen, Wrackteile, altes Messing, Kupfer und Eisen, Seehunde, Schildkröten und Schildpatt. Oft fischen sie auch Garnelen, und ich hörte Kitchell erzählen, daß sie oft Perlen machen, indem sie Schrotkörner in die Austern einführen. Von allen Menschen werden sie gefürchtet, denn es ist das abscheulichste Gesindel, das an der Küste lebt.« Langsam näherte sieh die Dschonke dem Schoner. Schneller als erwartet lag sie längsseits. Außer den riesigen roten Augen fehlte dem Fahrzeug jede Färbung. Mit Schmutz und Schlamm überzogen, stank die Dschonke entsetzlich. Die Besatzung bestand aus Chinesen, aber was für einer Sorte Chinesen! Im Vergleich zu diesen waren die Kulis der »Bertha Millner« die reinsten Engel. Die Küstenfledderer, dreizehn an der Zahl, waren kleinwüchsig, und ihre Gesichter hatten Sonne und Schmutz zugleich fast schwarz gefärbt. Ihre Köpfe waren nicht geschoren, obgleich sie Zöpfe trugen, so daß ihr starres, schwarzes Haar in Strähnen und Knäueln unter den breiten, korbförmigen Hüten her vortrat und über die Augen fiel. Sie waren alle barfuß. Keiner trug mehr als zwei Kleidungsstücke, eine kurze Hose und die Bluse. Das waren die verkommensten Geschöpfe, welche Wilburs Augen jemals gesehen hatten. Die Gesichter ähnelten denen von Menschenaffen, die untere Partie – Kinnladen, Lippen und Zähne – war vorspringend, die Nasen aufgestülpt, ihre winzigen Augen flackernd, die Stirne niedrig und faltig –durch all dies unnatürlich alt erscheinend. Der allgemeine Anblick verriet die Affen eigene Verschlagenheit, tierische Wildheit ohne Mut. »Ah«, sagte Moran mit zusammengebissenen Zähnen, »wäre der Satan ein Hirte, das wäre die richtige Herde für ihn. Aber, meine Freunde, ihr werdet diesen Schoner nicht betreten! Ich wünsche so lange zu leben, wie ich kann und kann sterben, wenn es sein muß. Boot ahoi!« Als Antwort kam ein chinesischer Sing-Sang von der Dschonke herüber und der Sprecher wies auf den Ozean hinaus. Dann entspann sich ein langes Hin und Her. Eine halbe Stunde lang hörten Moran und Wilbur einen Vorschlag an, den die Küstenräuber unermüdlich immer wieder in fürchterlichem Englisch vorbrachten, aber trotz dieser Geduldsübung konnten beide nichts davon begreifen. Es war unmöglich, zunächst auch nur ein Wort zu verstehen. Endlich gelang es ihnen, herauszuhören, daß von einem Walfisch die Rede war; es stellte sich heraus, daß er sogar tot sei und schließlich, nach langen, weiteren Pantomimen, Gesten und Worten, erriet Moran, daß die Chinesen die »Bertha Millner« verwenden wollten, um den Leviathan hochzuholen, während man ihm Öl und Fischbein entnahm. »Das muß es sein«, meinte Moran zu Wilbur, »darum deuten sie dauernd nach unseren Masten und der Takelage. Mit ihrem Streichholz bringen sie das selbstverständlich nicht fertig, aber sie wollen uns ein Drittel der Beute überlassen.« »Maat, wir wollen zustimmen, ich will dir sagen, warum. Der Wind liegt stiller, die aber können uns hinausschleppen. Wenn sie einen Pottwal gefangen haben, dann hat dieser mindestens vierzig Faß Öl, ohne vom Speck und Fischbein zu reden. Das Öl steht jetzt etwa auf fünfzig Dollar und Walrat bringt immer hundert Dollar ein. Wir wollen das Angebot annehmen, Maat, aber wir dürfen diese Ratten keine Sekunde aus den Augen lassen. Unter keinen Umständen will ich sie an Bord haben. Sieh dir diese Gürtel an, fast jeder trägt einen kleinen Dolch. Pfui Teufel!« »So eine Teufelsbrut!« Es erwies sich, daß Moran richtig verstanden hatte. Ein Tau kam zur »Bertha Millner« herübergeflogen, die Dschonke streckte ihre langen Riemen heraus und bei einem langgedehnten, schauerlichen Gesang wurde der Schoner aus der Bai geschleppt. »Was werden nun wohl Charlie und unsere Chinaboys denken?« meinte Wilbur, mit einem Blick nach der Küste, wo die Fahnenflüchtigen eine schweigsame, betrachtende Gruppe darstellten. »Wir haben sie vom Halse«, sagte Moran, die Daumen in den Gürtel gehakt, »aber nie und nimmer werden wir wissen, was in diesen vergangenen Nächten mit dem Schoner vorgegangen ist. Eigentlich wundere ich mich gar nicht so sehr, daß die Burschen auswischten.« Der tote Wal lag ungefähr vier Seemeilen vor der Einfahrt in die Magdalena-Bai und erschien, als Dschonke und Schoner nahe kamen, wie die Silhouette eines großen dunklen Bootes, das kieloben schwamm. Um den Walfisch schwärmten und kreischten Tausende von Seevögeln, im Wasser aber wimmelte es von gierigen Haien. Es war ein Potwal, zweimal so lang wie die »Bertha Millner« und sie brauchten einen ganzen Tag, um ihn nur ein Stück hochzuwinden. Es wurde unmöglich, die Chinesen vom Schoner fernzuhalten, Moran und Wilbur waren auch zu klug, um diesen Versuch zu wagen. Auf dem Vorschiff und in der Takelage wimmelte es von den Chinesen; wie eine Schar schmieriger Affen kletterten sie mit einer Behendigkeit und Beweglichkeit, die Wilbur vor Staunen den Atem raubte. Sie waren so unterschiedlich von den übrigen Chinesen, die er bisher zu Gesicht bekommen hatte, so abscheulich, wie er es bei einem menschlichen Wesen nie für möglich gehalten hätte. Zweimal kam es zu einem Zwist, sogleich blitzten die kleinen Messer auf, wie die Zähne einer Schlange. Als der Abend kam, kehrte einer, quieckend wie ein gestochenes Schwein, auf die Dschonke zurück. Man hatte ihm ein Stück Kinn abgebissen. Moran und Wilbur blieben auf dem Achterdeck, stets in Reichweite der großen scharfen Spaten, aber die Küstenräuber waren von ihrem Fang so in Anspruch genommen, daß sie den beiden kaum Aufmerksamkeit schenkten. Das tote Ungeheuer war aber auch wirklich eine wahre Schatzkammer. Als der Tag zur Neige ging, war der Wal vom Vordermast aus emporgezogen; alle Mann eilten an die Winde und allmählich tauchte der große Kopf aus der Flut. Als die Chinesen auf den glatten schwarzen Riesenkörper kletterten, rutschten ihre nackten Füße bei jedem Schritt aus. Sie fanden nur dadurch Halt, daß sie ihre Messer in die Haut feststachen, wie Erkletterer von Gletschern ihre Eispickel handhaben. Der Kopf spendete tonnenweise Öl und eine beträchtliche Menge Fischbein; der Speck wurde auf die Dschonke gebracht, mit Messern geteilt und die Stücke in Fässer gestopft. Schließlich schnitten die Chinesen noch ein Loch in den Wal und stiegen im wahrsten Sinne des Wortes in den Kopf des Tieres hinein, holten den Walrat heraus, der klar war wie Kristall, packten ihn in einen Eimer, welcher an Deck der Dschonke befördert wurde. Die Arbeit währte drei Tage. Während der ganzen Zeit war die »Bertha Millner« infolge des Gewichtes des toten Fischriesen, bis fast zwanzig Grad übergeneigt. Doch Moran und Wilbur duldeten es ohne Widerspruch, die Chinesen sollten tun können, was notwendig war, das war vereinbart. Sie gaben auch den Schoner nicht früher frei, ehe sie nicht alles Öl, den gesamten Speck, Walrat und Fischbein herausgeholt hatten. Endlich, es war der Nachmittag des dritten Tages, kam der Kapitän der Dschonke, der Hoang hieß, auf das Achterdeck. Er war nackt bis zu den Hüften, sein brauner Oberkörper glänzte von Öl und Schweiß, sein Zopf war wie eine Schlange im Nacken zusammengeringelt, im Gürtel stak sein Messer. »Nun?« fragte Moran im Herbeikommen. Wilbur beobachtete den Gegensatz zwischen den beiden, wie sie da nebeneinander standen. Der Mann, Mongole, klein, faltig und lederfarben, verschlossen – ein Andersgearteter, wie vom Geheimnisvollen des Orients umgeben, das Mädchen hingegen, groß, blond, kräftig und frei, einfach und klar wie der Tag, die langen, gelben Zöpfe fielen über ihre Brust, reichten fast bis an die Knie. Wilbur mußte sich fragen, als er die beiden so betrachtete, wo sonst wohl in der Welt, außer in Kalifornien, solche Gegensätze bestünden. »Alles fertig«, verkündete Hoang, »alles Öl haben, Fischbein alles viel. Ihr helfen, jetzt haben Anteil, nicht so?« Die Einigung erfolgte schnell und ohne Schwierigkeiten. Wie alle Chinesen, hielt auch Hoang Wort und hatte bereits dreieinhalb Tonnen Walrat, zehn Tonnen Öl und etwa zwanzig Pfund Fischbein für die Hilfe beiseite gestellt. Kein Wort wurde darüber mehr verloren. Er teilte den beiden mit, daß er damit seine Verpflichtungen erfüllt hätte, und eilte, um seine Leute auf die Dschonke zu rufen und loszufahren. Die Küstenräuber kehrten auf ihr Schiff zurück und Wilbur begann mit Moran, den Körper des Wales loszumachen. Sie merkten bald, daß es leichter sein würde, rund um die Haken die Haut auszuschneiden, als die Taue selbst zu lösen. »Die Knoten sind fest wie Eisen«, erklärte Moran, »gib mir einen Spaten und nimm du einen andern, versuchen wir gleichzeitig loszuschneiden, damit der Zug zugleich von den Tauen läßt. Fertig, schneide!« Moran legte den Haken in der schwarzen Haut mit wenigen Hieben bloß, Wilbur aber war unbeholfen, die Haut gab nicht nach. Er hieb kräftig mit dem schweren Spaten zu, die Schärfe traf aber den Eisenhaken, glitt ab und plötzlich klaffte ein Schlitz unterhalb des Walkopfes, Eingeweide quollen hervor, Moran wetterte. »Los, mach schnell! Du wirst bald den Mast ausheben – los! Packe den Spaten – aber, was ist denn das?« Wilbur hatte einen fürchterlichen Gestank aus dem toten Tier erwartet, umso überraschter war er, als ihm plötzlich ein starker, wohliger, würziger Geruch entgegenströmte, der schnell rings die ganze Luft durchsetzte. Der aromatische Geruch war stärker als der Atem des salzigen Ozeans, stärker als der Gestank des Öls und Specks vom Schoner. Süß wie Weihrauch, eindringlich wie Parfüm, köstlich wie ein Sommerwind war dieser Duft. »Was es auch sein mag, es riecht vorzüglich«, erwiderte er. Moran kam näher, bis zu ihm, und sah in den Spalt der von Wilburs Hieb in dem Körper klaffte. Eine unbestimmte trübe, weiße Masse, graugefleckt, ragte daraus hervor: es war ein festes Stück von ungleichmäßiger Form und der Größe eines Fasses. Moran warf einen Blick auf die Dschonke, die noch nahe lag. Die Chinesen hißten ihr Luggersegel. Hoag stand am Steuerruder. »Bring es an Bord«, rief Moran leise. »Dies hier?« rief Wilbur, und deutete auf das Stück, In Morans Augen leuchtete es auf. »Ja, natürlich, mach schnell, bevor die Kulis dich sehen.« »Aber ... ich versteh das nicht!« Moran begab sich zum Achterdeck, löste die Hängematte, in der Wilbur immer schlief, und warf sie ihm zu. »Pack es da hinein, ich werfe dir noch eine Leine zu, dann wollen wir es an Bord holen. Geb's Gott, daß diesen Banditen drüben genug anderes in die Nase weht, daß sie nichts hievon bemerken. Beeile dich Maat, nachher erklär ich's dir!« Wilbur schwang sich über die Reling und holte, so gut als möglich auf dem glitschigen Wal stehend, den Klumpen heraus und barg ihn in der Hängematte. »Ah!« frohlockte Moran überrascht, »was für eine Menge, welch ein großes Stück!« Ihre Stimme ging in Flüstern über. »Ist nicht noch mehr davon da, Maat? – Schau genau nach.« »Nein, es ist schon alles. Gib nur acht, wenn du es hochholst«, erwiderte Wilbur, »Hoang und seine Chinesen passen gut auf. – Was ist es denn eigentlich. Warum legst du so großen Wert darauf? Ist es so kostbar?« Moran zog das Bündel an Bord, Wilbur kletterte nach. »Angelangt«, rief er mit halb geschlossenen Augen. »Es ist wie in der Geschichte von Simson und dem toten Löwen. Das Süße kommt vom Starken.« Der ganze Schoner war in eine Wolke von Wohlgeruch gehüllt. »Es erscheint unglaublich«, sagte Moran vor sich hin, »aber es kann kein Irrtum sein. Es ist sicherlich jene Masse. Ich hörte schon davon, aber das da ... dies ..« Erregt sprang sie auf und warf ihr Haar zurück. »Nun«, fragte Wilbur, »was ist es denn?« »Im Augenblick ist die Hauptsache«, gab Moran zurück, »so rasch und unauffällig wie möglich von hier zu verschwinden und diesen Klumpen mitzunehmen. Ich kann es dir noch nicht erklären, aber er ist wertvoll – äußerst wertvoll. Sein Wert kommt beinahe der Bank von England gleich.« »Ich fürchte, die Räuber haben Wind davon bekommen«, meinte Wilbur, »sieh, wie sie uns beobachten. Dies Ding duftet ja über den ganzen Ozean.« »Verdammte Kulis! Gott sei Dank, haben wir ein wenig Wind, können daher schneller vorwärts kommen als sie. Wenn sie nur schon weg wären.« Moran sprach's und trug die Hängematte in die Kajüte. Als sie wieder an Bord kam, half sie Wilbur, noch das letzte Tau zu lösen. Der Schoner richtete sich langsam auf. Mittlerweile hatten die auf der Dschonke ihre Luggersegel gesetzt und die Leute hatten die langen Ruder hinausgelegt. Hoang ergriff das Steuerruder und führte sein Schiff bis auf einige Meter entfernt quer vor den Bug der »Bertha«. »Sie bewachen uns genau«, sagte Wilbur. »Hoch dein Hauptsegel«, befahl Moran. Die beiden setzten mit großen Mühen die Vor- und Hauptsegel. Moran übernahm das Steuer, Wilbur aber ging nach vorne, um die Leine loszuwerfen, die an einer Flosse des Wals befestigt war. »Abschneiden!« rief ihm das Mädchen zu, »halte dich nicht mit dem Loslösen auf!« Die Küstenräuber schrien etwas herüber, die Riemen auf Steuerbord der Dschonke tauchten ein und das Fahrzeug näherte sich. »Beeil dich!« sagte Moran, kümmere dich nicht um sie. Sind wir vorne klar? Was ist denn da jetzt los? Irgend etwas bremst das Schiff.« Der Schoner legte sich langsam nach Steuerbord und lag vorne fest. »Wir sitzen fest«, rief Wilbur vom Bug her, »was ist geschehen?« »Der Schoner ist leck«, erwiderte Moran wütend, »bei dem ewigen Auf und Nieder, dem Heben und Tanzen ist er leckgesprungen.« Wilbur rannte nach dem Achterdeck. »Das ist eine vermaledeite Lage«, sagte er zu Moran, »jetzt kommen uns die Verbrecher wieder an Bord. Sie wittern etwas und gerade in dem unglückseligen Zeitpunkt muß der Schoner leck werden.« »Sie jagen hinter dem Ambra her«, preßte Moran durch die Zähne, »sie haben es schon gerochen, diese Schweine!« »Ambra?« »Ja, Ambra ist es, was wir im Wal fanden.« »Und?« Moran sagte gereizt, »nun weißt du es, der Klumpen, den wir fanden, wiegt fast 250 Pfund, und ich sage dir noch, daß man in San Franzisko eine Unze davon – etwa 28 Gramm – mit 40 Dollar verkauft! Bist du dir klar darüber, daß wir hier aus dem Ozean fast 180.000 Dollar gefischt haben und nun nahe daran sind, sie wieder zu verlieren?« »Können wir nicht entwischen?« »In einem Schiff, das leck ist wie ein Sack? Unser Boot ist dahin und die »Bertha Millner« sinkt. Was tun wir nun? Wenn wir wenigstens unsere Leute an Bord hätten, wenn wir zehn zu zwölf wären – nur sechs sagen wir –, bei Jupiter, ich würde den Kampf wagen!« Die beiden großen, roten Augen der Dschonke nahten längsseits, starr auf das Deck der »Bertha Millner« gerichtet. Hoang kam, gefolgt von sieben Kulis, an Bord. »Was wollt ihr?« rief ihnen Moran entgegen, als sie ihnen gegenüberstand. Ihre Augen drohten. »Ist dies euer oder mein Schiff? Wir waren es, die für euch eure schmutzige Arbeit verrichteten. Macht, daß ihr von dem Deck kommt!« Wilbur stellte sich neben sie, unentschlossen, was er beginnen sollte, aber bereit, sie unter allen Umständen zu verteidigen. Hoangs Blicke wanderten suchend über den Schoner. Er sagte: »Ich denken, ihr etwas finden, sehr riechen!« Moran gab sofort zurück. »Ich fand gar nichts weiter, als diesen scheußlichen Gestank hier.« Als Hoang Miene machte, in die Kajüte zu dringen, stellte sich ihm Moran in den Weg. »Nein, du gehst nicht weiter!« Die anderen Chinesen kamen heran. Wilbur glaubte bei einem das Messer gelockert zu sehen. »Dies ist mein Schiff«, rief Moran. den Weg zur Kajütentür versperrend. Wilbur blieb dicht hinter ihr. Bald waren beide von den Chinesen umringt. »Es hat nicht viel Sinn, Moran«, flüsterte er ihr zu. »im Nu werden sie uns überwältigt haben.« »Aber das Ambra gehört mir – gehört mir«, antwortete sie und ließ keinen Blick von den Kulis. »Wir finden Wal«, erklärte Hoang, »ihr nicht finden Wal, Wal unser, alles im Wal unser, verstanden?« Auch die Verwirrung des Augenblicks konnte in Wilbur den Gedanken nicht übertönen, daß eigentlich zwei Drittel des Ambra den Chinesen gebühre. Schließlich hatten diese doch den Wal gefunden. Als er dies später bedachte, entsann er sich beim besten Willen nicht mehr, ob er es auch zu Moran gesagt hatte. Wenn er es wirklich getan hatte, war sie taub dafür gewesen. Die Wut der Verzweiflung drang plötzlich in ihre blauen Augen. Wilbur, der neben ihr stand, konnte hören, wie ihre Zähne knirschten. Der Augenblick machte sie blind gegen alle Gefahr und erfüllte sie nur mit Zorn über die vermeintliche Ungerechtigkeit. Hoang sagte dann etwas auf chinesisch; da sprang einer der Kulis vor. Die Faust Morans traf sein Gesicht und er stürzte zu Boden. Nun kam der Angriff, den Wilbur geahnt hatte. Er konnte eben noch sehen, wie Moran Hoang packte, gerade als das kleine Messer über ihr blitzte. Wilbur schlug wild zwischen die Chinesen ... als er die Augen öffnete, wurde er gewahr, wie Moran das Blut von seinem Haar wusch, – er lag auf dem Deck, den Kopf in ihren Armen. Alles war still. Die Chinesen waren wie ein Spuk verschwunden. »Hallo, was ... was ... was ist mit uns?« fragte er und sprang auf die Füße, doch sein Kopf war benommen und schmerzte. »Wir haben gekämpft, nicht wahr? Haben sie dich verletzt? Ach, nun entsinne ich mich, ich erhielt einen Stich in den Kopf ... einer dieser Messerstecher ... bist du verletzt?« »Das Ambra haben sie«, erwiderte sie, »das vermaledeite Gesindel! Und um das Unheil vollkommen zu machen, beginnt unser Schiff zu sinken.« Achtes Kapitel Die Flucht an Land »Wir sinken?« wiederholte Wilbur. Moran war aufgesprungen. »Wir müssen an Land«, rief sie, »und wir sind noch sechs Seemeilen davon entfernt. Setz den Klüver!« Die beiden setzten den Klüver, Flüger- und Stagsegel. Vor- und Hauptsegel standen bereits. Unter ihrer gesamten Leinwand lief die »Bertha Millner« zur Küste an. Als sie jedoch den Eingang der Bai erreicht hatten, war das Heck schon so tief unten, daß der Vordersteven aus dem Wasser ragte und das Bugspriet steil in den Himmel wies. Moran war am Steuer, ihre Miene war finster, der Blick maß die Strecke, welche den Schoner von der Küste trennte. »Bei Gott, wir werden es nicht schaffen«, seufzte sie auf, als sie hörte, wie unter ihr das Wasser in der Kajüte gegen die Wände schlug. Im Laderaum schwammen die leeren Fässer und knallten mit hohlem Klang aneinander. »Wir sitzen in einer verdammten Klemme, Maat!« »Wenn es schief geht«, tröstete Wilbur, den es überraschte, daß sie, die Unentwegte, nun so leicht den Mut verlieren konnte, »wenn es wirklich ganz bös werden sollte, können wir auf ein paar Planken schwimmen.« »Schwimmen?« wiederholte sie, »ich denke nicht daran, freilich können wir schwimmen, aber ...« »Warum nicht?« »Haie!« Wilburs Zähne klappten hart aneinander, er vermochte nichts zu erwidern. Als das Wasser höher stieg, verlangsamte der Schoner seine Fahrt, je näher sie der Küste kamen, umsomehr schirmte das Land sie ab und es gab keinen Wind mehr. Schon stand das Wasser am Deck eine Handbreite unter der Reling. Die nächste schmale Landzunge war noch zwei Seemeilen entfernt. Wilbur befestigte am Vordermast ein Notsignal, in der Hoffnung, daß Charlie und seine Chinesen ihnen das Boot zu Hilfe schicken würden, aber von den Abtrünnigen war nichts zu sehen. »Was ist denn aus der Dschonke geworden?« wandte sich Wilbur unvermittelt an Moran. Sie deutete nach Westen. »Da draußen liegt sie noch!« Zwanzig Minuten gingen vorbei. Moran sprach ein einziges Mal. »Wenn wir sinken« sacken wir ganz plötzlich ab. Spring möglichst weit weg, sonst reißt dich der Soog mit in die Tiefe.« Die beiden hatten alle Hoffnung aufgegeben. Moran krampfte die Hand mit verbissener Wut um das Steuer, es war eigentlich nur noch Gewohnheit. Neben ihr stand Wilbur und hielt die Fäuste in den Taschen zusammengepreßt. Beider Augen waren auf den gelben Strich des fernen Strandes gerichtet. Langsam wandte sich Moran mit seltsamem Lächeln ihm zu. »Ein eigenartiges Paar geht da zusammen in den Tod«, sprach sie. Wilbur blickte ihr einen Atemzug lang in die Augen. Da er keine Antwort fand, sah er starr gerade aus, als wollte er sagen, daß er das gleiche denke. »Ein sonderbares Paar, das miteinander stirbt«, wiederholte Moran, »aber vielleicht können wir besser mitsammen sterben, als wir« – ihr Blick wandte sich von Wilbur – »als wir gemeinsam hätten leben können«, sagte sie abschließend, und fand ihr Lächeln wieder. »Und dennoch«, meinte Wilbur, »haben wir zwei in den letzten Wochen an Bord dieses Schiffes so viel – gemeinsam erlebt. Ich weiß nicht«, setzte er nachdenklich fort, »wann ich, ob ich jemals glücklicher gewesen bin, als gerade in diesen letzen Wochen. Seltsam ist das, nicht wahr? Ich kann es mir denken, was du sagen willst. Ich gehöre der Stadt, meinem vergangenen Leben dort, du aber, du gehörst dem Ozean. Nie habe ich ein Mädchen gekannt, das dir hätte gleichen können, das dir gleich war. Kannst du dir vorstellen, wie sonderbar mich dies alles anmutet? Du fluchst wie ein Mann, du kleidest dich wie ein Mann, ich glaube auch, daß du nie andere Frauen beachtet hast. Du bist stark, ich weiß es, ebenso kräftig wie ich; du bist dir dessen nicht bewußt, wie ganz anders du bist als die Mädchen, denen ich begegnete: denk dir einmal, daß diese Art Frauen einem Hoang und seinen wilden Gesellen mit den Dolchen im Gürtel gegenüberstehen sollen. Ich gebe zu, daß gerade deshalb sich dieses Gefühl für dich regt, weil du dich von jenen Frauen derart unterscheidest. Ich kann's nicht sagen. Ich weiß nur, daß es sonderbar ist. Vor einem Monat noch weilte ich bei einem Tee in San Franzisko und jetzt befinde ich mich an Bord eines Haifängers, der im Begriffe ist, in der Magdalena-Bai zum Meeresgrund zu fahren. Dies alles aber gemeinsam mit einem Mädchen, das ich, welches ... ich ..., nun denn, ich bin ja lang genug bei dir, und du weißt es wohl selbst ganz gut, ich kann es ruhig sagen, ich liebe dich mehr, als ich jemals für möglich gehalten hätte, daß ich ein Mädchen lieben könnte.« Moran zog die Stirn in Falten. »Ich höre das nicht gerne«, sagte sie, »ich bin es nicht gewöhnt, weiß auch gar nichts anzufangen damit. Glaube mir, Wilbur«, seltsam lächelnd sagte sie's, »es ist alles vergebens. Ich kann niemals einen Mann lieben. Bin nicht für Männer geschaffen.« »Nein«, gab Wilbur zu, »aber für Frauen auch nicht.« Er versank in Schweigen. Dieser Augenblick erhellte ihm etwas Morans Leben und Wesensart: sie blieb den Männern aus dem Wege und von Frauen wurde sie gemieden. So war sie ein seltsames, einsames Wesen, einsam wie das Meer, dem ihr Leben gehörte. In ihrer Art war Moran schön, wenn auch ohne Geschlecht, aber stolz, ungebändigt, prachtvoll in ihrem Zorn, in ihrer urwüchsigen Freiheit, ein Geschöpf, ungekünstelt, von der Zivilisation unangetastet. Moran war ihm eine Erscheinung gleich Brunhild, der Walküre jener Sage ähnelnd, eine Fremde, Heimatlose in diesem Jahrhundert. Ihre Reinheit war die Unberührtheit der urzeitlichen Gletscher. Ihm war es begreiflich, daß solch einem Mädchen die Liebe eines Mannes Demütigung, Erniedrigung bedeuten müßte. Dennoch, sie vermochte zu lieben, wie hätte er sie sonst lieben können? Wilbur ertappte sich in diesem Augenblick bei dem Gedanken, wie es wohl sein würde, wenn die unberührte Harfe in ihr anklänge. Wenn sie eines Morgens erwachen würde, um zu erkennen, daß sie – – Moran, Seefahrer, triumphierende Jungfrau, Mensch ohne Gesetz, ohne Heimat, ohne Geschlecht, wider alles Erwarten ein Weib sei. »Bei Gott, Maat!« fuhr sie plötzlich auf, »die Fässer tragen uns – die leeren Tonnen im Laderaum – Hoi, wir kommen doch an Land!« Aber das hatte eine bestimmte Ursache. Die für das Öl bestimmten leeren Fässer wurden von dem steigenden Wasser gegen das Dach des Laderaumes gepreßt und übernahmen so die Wirkung vieler Bojenschwimmer. Der Schoner konnte also nicht tiefer sinken. Eine Stunde mochte vergangen sein, da lief die »Bertha Millner«, das Achterdeck überschwemmt, den Bug hoch oben, bedenklich nach Steuerbord hängend, an der Küste der Magdalena-Bai bei Eintritt der Ebbe auf Land. Moran schwang sich gleich über Bord, watete, bis zu den Hüften im Wasser, mit einer Leine dem Lande zu und befestigte diese dort an dem riesigen Schädel eines Wals, dessen Gerippe vom Sande leicht verdeckt war. Schnell folgte ihr Wilbur. Der Schoner hatte das südliche Horn der Bucht angelaufen und lag still auf dieser Landzunge. Sie vermochten jedoch frühestens am darauffolgenden Morgen die Art des Lecks sicher festzustellen, wenn das Wasser sich nicht senken würde. »Nun, da wären wir«, sagte Moran, die Daumen im Gürtel; »was aber jetzt? Mag sein, daß wir nur zwei Tage hier bleiben, es kann aber auch zwei Jahre dauern. Alles hängt davon ab, wie groß das Leck ist und wir können erst morgen früh sagen, ob wir zur Ausbesserung hier anliefen, oder ob wir Schiffbruch erlitten haben. Doch indessen stellt sich bei mir der Hunger ein.« Die Hälfte der Vorräte auf dem Schiffe waren wassergetränkt. Wilbur stellte jedoch fest, daß noch immer genug da war, um für den Moment alle Bedenken zu beseitigen. »In dem kleinen Bach drüben ist genug Wasser«, meinte er, »Wachteln können wir fangen, so viele wir brauchen. Zudem gibt es Fische und Muscheln. Auch wenn der gesamte Vorrat verdorben wäre, hätten wir genug zu essen.« Die Kajüte des Schoners war unter Wasser, Wilburs Hängematte nicht zu finden. Sie entschlossen sich daher, an der Küste ihr Lager aufzuschlagen; bei dieser Hitze mußte es ein Vergnügen sein, unter freiem Himmel zu schlafen. Bestens gelaunt ließen sich beide zu ihrer ersten Mahlzeit an Land nieder. Moran bereitete das Abendmahl – abgesehen vom Fehlen des Kaffees, war es herrlich. Von Bord holten sie sich Whisky und tranken einander zu. »Moran«, sprach Wilbur zu ihr, »du hättest ein Mann werden sollen!« »Stimmt, allenfalls, Maat!«, gab sie zurück. »Keinesfalls aber bin ich ein Mädchen.« »Nein!« gab ihr Wilbur recht und stopfte seine Pfeife, »du bist eben Moran, Moran von der ›Lady Letty‹.« »Das will ich auch bleiben«, meinte sie sehr entschieden. Niemals in seinem Leben hatte Wilbur einen Abend schöner gefunden. Kein Lufthauch regte sich. Die Stille war so vollkommen, daß man das Pochen des Blutes gegen das Trommelfell vernehmen konnte. Leise schob der Ozean plätschernde Wellen an den Strand. Im Westen leuchtete es wie ein monumentales farbiges Fenster, und die weite Fläche des Ozeans schillerte wie Opal. Purpurrote Wolken, Bergkuppen gleich, wanderten am Horizont. Bald schob sich die runde Scheibe des Mondes hervor. Wilbur, mit kurzen Hosen, einer Bluse und Sandalen, nach Chinesenart, bekleidet, saß mit dem Rücken an den Schädel des Wals gelehnt. Behaglich rauchte er seine Pfeife. Lange Zeit verging und sie hatten noch kein Wort gesprochen. Endlich brach Moran das Schweigen: »Dies hier ist das Leben, für welches ich mich geschaffen fühle. Innerhalb von sechs Jahren habe ich keine drei Wochen an Land verbracht.« »Nun aber, da Eilert«, sie nannte ihren Vater immer nur beim Taufnamen, »nun, da Eilert nicht mehr ist, habe ich keine Bindung mehr, keinen Verwandten, keinen Freund. Ich bin darüber eigentlich froh.« »Aber die Einsamkeit solch eines Lebens, das Alleinsein«, meinte Wilbur, »kann ich nicht verstehen. Dachtest du noch nie daran, daß ein Glück, welches man teilt, das Schönste ist?« Moran schloß die Hände um ihre beiden Knie und ihr Blick ging fern über die See. Sie trug wie stets auch jetzt keinen Hut und ihr roggenfarbenes Haar wandelte der rote Schein der Abendsonne in Safran. »Ach!« rief sie, und ihre tiefe Stimme erklang leiser als gewöhnlich, »wer denn könnte meine Freuden verstehen. Wer sie teilen oder glücklich sein, wenn ich Glück empfinde? Außerdem fühle ich das höchste Glück, wenn ich für mich bin, nein, ich brauche niemanden.« »Aber«, zögernd sagte es Wilbur, »man kann nicht immer allein sein. Du bist eben trotz allem ein Mädchen und bedenke: Männer, sonderlich Seeleute, sind wie Tiere, wenn es um eine Frau geht, um eine schutzlose Frau!« »Ich habe mehr Kraft, als die meisten Männer«, erklärte Moran einfach, »wärst du zum Beispiel wie die andern Männer gewesen, hätte es Kampf gegeben mit dir. Es wäre nicht das erstemal geschehen.« Wilbur betrachtete sie mit großer Spannung und bemerkte, als sähe er es zum ersten Male, den groben, blauen Overall, der, in den Stiefeln stak, ein rauhes Flanellhemd, am Halse offen, den Gürtel mit dem Messer, ihre Arme, die nach Seemannsart tätowiert waren, den kräftigen Nacken, das frische Gesicht mit den klaren, blauen Augen, das energische Kinn und ihr Haar, jenes schwere, goldene, duftende Haar, das über Schultern und Brust fiel und sich in ihrem Schoß ringelte. »Nein«, ein tiefer Atemzug begleitete seine Worte, »ich begreife es nicht; ich wüßte wohl, daß dein Bild über meinen Erfahrungen steht, aber ich vermeine bald zu glauben, daß es auch jenseits meiner Vorstellung schwebt. Du sagst mit Recht, du müßtest für dich allein sein. Du solltest einsam bleiben, dein Gefährte ist noch nicht geschaffen. Du bist schön, Moran, gerade so wie du bist.« Leise fügte er für sich hinzu: »Und Gott weiß es, ich liebe dich immer noch!« Die Zeit schritt vor, es wurde spät. Den Himmel zierten unzählige Sterne; hoch oben stand der Mond. Moran gähnte. »Maat, ich glaube, es ist für mich Zeit zum Schlafengehen. Morgen müssen wir bald am Schoner sein, denn ich fürchte, er wird uns viel Arbeit bereiten.« Wilburs Antwort blieb erst aus, da er wartete, was sie noch sagen werde. »Es ist ganz schön warm, wir können hier schlafen, ohne mehr an Bord zu gehen«, sagte sie, »wenn wir auch noch einige Decken gebrauchen könnten, der Sandboden ist hart wie eine Schiffsplanke.« Wilbur reichte ihr, ohne ein Wort zu sagen, einige Decken. Er hatte diese am Nachmittag vom Schoner geholt, als er einen Teil der Verpflegung ausgeladen hatte. Moran nahm eine der Decken und breitete sie neben dem sonnengedörrten Schädel des Walfisches auf den Sand. Sie entledigte sich der Stiefel und streckte sich vollkommen unbefangen auf die Decke hin, die Hände unter dem Kopf verschränkt. Wilbur machte sich ein Kissen aus seinem zusammengerollten Rock und richtete sein Lager für die Nacht. Seine Ruhe war nicht echt, er beherrschte sich mit Gewalt. Kein Wort fiel, eine lange Stille war eingetreten. Moran gähnte wieder. Schläfrig sagte sie: »Heute morgen riß ich mir den Absatz von dem einen Stiefel, ich hinkte den ganzen Tag.« »Ich habe es wohl gemerkt«, gab Wilbur zu, »aber Kitchell hatte doch am Schiff irgendwo ein neues Paar, hoffentlich hat es das Wasser nicht verdorben.« »Meinst du?« tat sie gleichgültig, »wir wollen gleich morgen früh nachsehen.« Wiederum war Schweigen. »Hoffentlich hat Charlie nicht die Bratpfanne mit sich genommen, als er uns verließ«, begann Moran wieder und sah in die dunkle Nacht. »Ich kann's nicht sagen«, erwiderte Wilbur, »aber ich nehme es schon an.« »Nur in ihr können wir die Abalonen zubereiten. Erinnere mich daran, daß ich morgen in der Kombüse nachsehe. – Nein, dieser Boden ist trotz deiner guten Decke hart wie Eisen. Nun, gute Nacht, Maat, ich will schlafen.« »Gute Nacht, Moran« Nach drei Stunden, noch hatte er kein Auge geschlossen gehabt, richtete sich Wilbur auf und sah nach Moran, deren Atem ruhig ging. Ihr Kopf war bekränzt von der blonden Pracht ihrer Haare. Still betrachtete er sie und dann das ruhige, einsame Land. »Bin ich nun ein richtiger Mann oder ein Waschlappen, oder ein ängstlicher, empfindsamer Junge, der nicht Haut und Knochen aufs Spiel setzen will? Ich möchte wirklich klar sein darüber.« Doch bald fragte er sich ernsthaft: »Liebe ich sie zu sehr oder zu wenig, oder ist es nur eine besondere Art von Liebe?« Er neigte sich zu ihr, so nahe, daß er ihren Atem und den Wohlgeruch des Nackens fühlen konnte, warm vom Schlaf. Ein Ärmel ihres groben Hemdes hatte sich hinauf gestreift und Wilbur war's, als ströme ihr ausgestreckter bloßer Arm einen ganz sonderbaren süßen Duft aus. Wilbur legte sich wieder behutsam zurück. »Nein«, sagte er sich schließlich, »ich glaube, ich bin zu gut erzogen.« Dann übermannte ihn der Schlaf. Als er die Augen wieder aufschlug, sah er das Meer im Rot der aufgehenden Sonne erglänzen, eine der Landzungen sah aus wie eine Märchenlandschaft. Es war bereits sehr heiß. Wenige Schritte von ihm saß Moran. Sie flocht ihr Haar. »Hallo, Moran!« sprach Wilbur, aufspringend. »Wie lange bist du denn schon munter?« »Schon vor Sonnenaufgang«, erwiderte sie, »ich habe bereits ein Bad genommen, dort in der Flußmündung.« »Hast du irgendwo etwas von Charlie und seinen Leuten gesehen?« Sie lagen auf der anderen Seite der Bucht. Aber schau doch einmal dorthin!« Über Nacht war die Dschonke hereingekommen und ungefähr eineinhalb Seemeilen von der Küste entfernt geblieben. »Zum Teufel!« rief Wilbur, »was mögen sie denn wollen?« »Ich glaube, die suchen frisches Wasser«, sagte Moran, während sie das Ende ihres Zopfes knüpfte, »wir wollen schnell unser Frühstück einnehmen und uns an die »Bertha Millner« machen. Das Wasser geht schon zurück. Während sie aßen, sahen sie oft nach dem Schoner und betrachteten, als das Wasser sank, seine Seiten. »Ich kann bis jetzt nichts Schlimmes sehen«, sagte Wilbur. »Es ist irgendwo am Heck«, erklärte Moran. Kaum war eine Stunde vergangen, lag die »Bertha Millner« frei und trocken. Sie konnten sie daher genauestens untersuchen. Moran fand gleich das Leck. »Kleinigkeit!« rief sie lachend, »das können wir in einer halben Stunde in Ordnung gebracht haben.« Eine Planke nur hatte sich vom Achtersteven losgelöst. Das war der ganze Schaden. Ansonsten war der Schoner genau so beisammen, wie an dem Tage, als er San Franzisko verlassen hatte. Moran und Wilbur gelang es, den Schaden bis Mittag zu beseitigen. Sie nagelten die Planke an ihren Platz und dichteten die Fugen mit Lampendocht ab. Weitere Beschädigungen vermochten sie nicht zu entdecken. »Sobald sie wieder schwimmen kann, segeln wir«, meinte Moran, »wir werden den Bug etwas freilegen und dort drüben an dem Felsen eine Leine befestigen, dann können wir das Schiff bei Eintritt der nächsten Flut hinausziehen. – Hallo, wer ist da?« Es war Charlie. Während sie in ihre Arbeit vertieft gewesen waren, hatte er unbemerkt um die Bucht herumkommen können. Nun blieb er in einiger Entfernung stehen und lächelte den beiden ruhig zu. »Nun, was willst du denn?« rief Moran ihn verärgert an, »eigentlich müßte man dich kielholen, werter Freund.« »Ich denken sehr heißer Tag.« »Bist du denn hiehergekommen, um uns das zu erzählen? Was willst du eigentlich?« »Ich kommen machen Rede – Rede.« »Aber wir wollen keine Rede – Rede mit einem Gauner wie du bist. Verschwinde!« Charlie setzte sich und wischte den Schweiß von der Stirne. »Ich komme, kaufen Stück Speck, Chinaboys haben nichts.« »Wir verkaufen keinen Speck, schon gar nicht an Deserteure«, sagte Moran, »ich werde dir etwas erklären, du schmutziger, winziger Affe: Mister Wilbur und ich fahren heute nachmittag los, zurück nach San Franzisko, du aber und dein Gesindel könnt' hier in der Bucht von mir aus verkommen, wenn euch die Küstenräuber nicht vorher kaltmachen.« Dabei wies sie nach der Dschonke hinüber. Charlie sah aber gar nicht in diese Richtung hin. Der vollkommene Gleichmut Charlies gab Wilbur Anlaß zu der Mutmaßung, daß der geriebene Chinese gerade der Banditen wegen zu ihnen gekommen sei, um zu verhandeln. »Ihr nicht haben Speck?« winselte Charlie und zog die Augenbrauen vor Überraschung hoch. »Ganze Berge haben wir, aber nicht für euch.« Charlie zog einen Lederbeutel aus der Bluse und zählte aus diesem eine Handvoll Silber und Goldmünzen auf. »Ich kaufen zwei Pack Tabak.« Wilbur erwiderte ruhig: »Höre, mach uns nichts vor, Charlie. Wir kennen dich viel zu genau. Du bist weder auf Speck noch auf Tabak aus.« »Chinaboys sein sehr krank. Zwei Boys sehr krank. Ich glauben, morgen sterben. Ihr haben Apotheke. Gib mir fünf, sieben Leberpillen. Was ihr wollen?« »Nein, aber ich werde dir klarmachen, was ihr wollt«, rief Moran dazwischen und hielt den Finger wie einen Pistolenlauf gegen ihn, »euch hat die Angst gepackt, weil diese Strandräuber in die Bucht gekommen sind. Vor denen aber habt ihr mehr Furcht als vor dem Geist des Schoners. Ihr möchtet nun, daß wir euch mit nach Hause nehmen.« »Wieviel?« fragte Charlie. »Tausend Dollar«, gab Moran zurück. Überrascht blickte Wilbur auf das Mädchen. Er hatte eine glatte Absage erwartet. »Ihr haben keine Leberpillen?« fragte Charlie mit großer Freundlichkeit. Moran kehrte ihm den Rücken. Leise sprach sie auf Wilbur ein. »Es ist besser, wir nehmen die Leute mit zurück, wenn es irgendwie geht. Der Schoner ist in Frisko natürlich bekannt. Er lief mit Kitchell und diesen Kulis aus. Wenn er aber nur mit dir und mir zurückkommt, wird auch die Wahrheit wie eine Lüge wirken und wir haben dort eine Reihe von Schwierigkeiten zu erwarten. Außerdem ist zu bedenken, ob wir beide allein die »Bertha Millner« in den Hafen zu bringen vermögen? Wenn das Wetter so bleibt, mag es leicht sein, aber denke dir, wenn wir schweres Wetter bekämen? Und das kann man nie sicher wissen.« Charlie sagte wieder: »Ich geben zehn Dollar für zehn Leberpillen.« Moran erwiderte ihm: »Wollt ihr uns tausend Dollar zahlen, wenn wir euch nach San Franzisko bringen?« Charlie erhob sich. »Ich zurückgehen. Ich erzählen Chinaboys, was ihr sagen von Leberpillen. Ich zurückkommen.« »Soll das heißen, daß er das Angebot seinen Freunden vortragen will?« meinte Wilbur halblaut. »Lauf zu, schnell«, rief er Charlie nach, »wir segeln bald los.« »Er weiß ganz genau, daß wir vor der Flut, vor morgen früh, nicht loskommen«, erklärte Moran, »er wird sich also Zeit lassen.« Am späten Nachmittag beobachteten Moran und Wilbur, wie ein kleines Boot von der Dschonke zur Strommündung fuhr. Die Strandräuber holten Wasser an Bord. Drei Fahrten unternahm das Boot bis zum Abend, die Räuber näherten sich aber weder dem Schoner noch dem Lager Charlies, das sich jenseits der Bucht befand. »Nein«, zischte Moran zwischen den Zähnen hervor, während sie zusammen mit Wilbur das Nachtmahl bereitete, »sie haben es bestimmt nicht notwendig, wenn sie an Bord einen Schatz von etwa einhundertachtzigtausend Dollar haben – unser Eigentum! Mein Gott! Das wurmt mich, verdammt, immer noch!« Der Mond stieg an diesem Abend wesentlich früher auf. Gegen Mitternacht war die ganze Bucht mit klarem, silbernem Licht überzogen. Moran und Wilbur vermochten die Dschonke, welche ganz nahe dem Ufer lag, klar auszunehmen. Gegen ein Uhr wurde Wilbur wach, Moran berührte seinen Arm. Sie flüsterte: »Da drüben stimmt es irgendwie nicht; mit der Dschonke muß etwas geschehen sein. Hörst du die Schreie? Schau! Schau einmal dahin!« Ihre Stimme wurde immer erregter. »Jetzt sind die dran!« Wilbur erblickte die Dschonke und ihre toten, roten Augen, den hohen Steven und Bug ebenso klar und deutlich wie am hellichten Tage. Als er genau hinsah, schien es ihm, als trüge eine große Welle die Dschonke plötzlich empor. Hoch wurde das Räuberschiff aus der Flut gehoben, schlug klatschend zurück, hob sich abermals und prallte in die Wellen hinein, die auseinanderliefen und mit leisem Geplätscher bis an den Rand der Bucht schnellten, dicht vor Wilburs Füße. Mit einem Male legte sich der Tumult. Auch die Bucht lag wieder stille. Es verrann eine Stunde, eine lange zweite folgte. Der Mond begann unterzugehen. Moran und Wilbur, ermattet vom Wachsein, hatten sich nochmals zur Ruhe gelegt. Quietschen von Riemen, Knirschen des Sandes unter einem anlegenden Boot machten die beiden munter. Die Kulis .... die Deserteure von der »Bertha Millner« waren angekommen. Charlie stand vor ihnen. »Hoi – Yah»«, tat er, »Dschonke geschlagen, Räuber kommen an Land, denken wollen Schoner, sie!« Neuntes Kapitel Hoangs Gefangennahme »Wodurch wurde denn die Dschonke zerschlagen?« fragte Moran. Ängstlich standen die Chinesen um Charlie geschart. Dicht drängten sie sich aneinander, als sollte das Gefühl des Naheseins ihren Mut aufwärmen. »Ich nicht kann sagen«, gab Charlie zur Antwort, »Dschonke stark geschüttelt, dann gehoben, wie damals wir, vielleicht noch mehr, alles, alles in Stücke, viel Chinesen ertrunken.« »Ertrunken?« erstaunte Moran. »Ja, viel ertrunken«, wiederholte Charlie, »nur neun an Land kommen, nur neun!« »Wo sind denn diese jetzt?« Charlie wies nur mit der Hand in die Nacht »Ein Lager machen bei altem Haus.« »Ach, dort bei der alten Walfischfängerhütte«, erwiderte Moran. Dann meinte sie zu Wilbur: »Erinnerst du dich – etwa hundert Meter vom Bache nach Norden!« Moran, Wilbur und Charlie gingen etwas abseits von der übrigen Besatzung der »Bertha Millner«. In einer langen Reihe standen die Chinesen entlang der Küste, wo sie schweigend, Schrecken im Herzen, seewärts in die Nacht blickten. Moran ergriff wieder das Wort: »Warum meinst du denn, daß die Piraten unser Schiff haben wollen?« »Bestimmt wollen haben Schoner. Wollen heimfahren. Nichts mehr haben, alles verloren.« »Ich glaube, wir entschließen uns am besten, noch über Nacht loszusegeln«, schlug Wilbur vor. »Das Wasser steht zu niedrig!« warf Moran ein, »und noch etwas, Charlie, hast du die Leute ganz nahe gesehen?« »Nein«, sagte Charlie, »nicht nahe genug sehen!« Moran ließ nicht locker: »Hatten die Piraten etwas bei sich, ein Ding in eine Hängematte gewickelt, es roch so süß! Wie eine Opferkerze!« Charlie verneinte: »Nicht ich wissen, nicht sagen können. Sicher sie wollen nehmen Schoner. Sehr schlimm Chinesen. See Yup Chinesen, sehr bös. Ich sein Sam Yup, du wissen?« »Aha, diese Stämme!« »Ja, ich Sam Yup, die da«, dabei wies er auf das Lager der Küstenräuber, »alle See Yup! Verstehen?« »Das ist Stammhaß!« erklärte Wilbur, »es sind Todfeinde, die See Yup und die Sam Yup!« Moran war in Gedanken vertieft. Sie grub die Absätze in den Sand und hakte die Daumen in den Gürtel – ihre Stirn war in Falten gezogen. Alles schwieg. Endlich brach sie die Stille. »Eines steht fest! Den Schoner geben wir nicht preis. Die Bande würde auch unsere Vorräte mitnehmen, was aber machen dann wir? Wir wären zum Verzweifeln hilflos. Wie weit, meint ihr, ist wohl die nächste Stadt entfernt? Bestimmt einige hundert Meilen. Unsern Schatz, unser Ambra haben die Schufte ganz gewiß, ich könnte es beschwören. Sie ließen es sicherlich nicht an Bord, als die Dschonke sank.« »Höre zu, Charlie«, sagte sie weiter, zu dem Chinesen gewendet, »wenn die Banditen unseren Schoner, unsere »Bertha Millner« nehmen, müssen wir hier an der Bucht umkommen!« »Ich glauben so!« gab Charlie zu. »Wie kommen wir denn von hier weg? Sollen wir das so zulassen? Wollt ihr denn das Schiff einfach preisgeben?« »Ich glauben, das unmöglich!« »Höre nun«, ihre Worte erfüllte ein tatkräftiger Ton, »jetzt sind es nur mehr neun Räuber, gegen uns acht. Also sind wir fast gleich stark. Wir können getrost den Kampf wagen. Ich bin überzeugt, daß wir es schaffen. Wenn wir plötzlich das Lager der Schurken angreifen, können wir alle ins Meer jagen, Maat!« Ein rascher Blick auf Wilbur begleitete den Ruf, »du machst doch mit! Die Bande greift uns gewiß morgen an, ehe die Flut da ist – das ist klar. Also Kampf gibt es auf jeden Fall. So einfach können wir den Schoner nicht lassen. Tun wir das, ist es unser Ende. Sie wollen die »Bertha« anfallen, wir müssen uns zur Wehr setzen. Weshalb sollten wir nicht angreifen? Mein Vorschlag ehe es hell wird, noch im Schutze der Nacht, greifen wir das Lager an, wir überraschen sie und packen die Burschen. Einen oder zwei erledigen wir, wenn es nicht anders geht, und das Ambra, unser Ambra, holen wir uns auch. Dann aber schnell zurück zum Schoner, die Segel hoch und fort! Die Flut muß uns hinausnehmen. Es muß gelingen – ich weiß es. Maat, hilfst du mit?« »Helfen? Moran, du weißt, daß ich zu dir stehe!« »Aber«, Wilbur sagte es zögernd, »können wir sie nicht erfolgreicher vom Deck des Schoners aus bekämpfen? Weshalb erwarten wir sie nicht am Schoner? Die Segel könnten schon hochgezogen sein, es gilt nur, die Piraten so lange in Schach zu halten, bis das Wasser hoch genug ist. Geht es nicht auch so?« Charlie pflichtete bei: »Ich denken auch, besser warten auf Schiff!« »Ja, warum nicht so, Moran!« fragte Wilbur. »Weil sie unsere Beute haben!« rief das Mädchen, »ich will nicht um einhundertachtzigtausend Dollar bestohlen werden, wenn ich es verhindern kann.« »Was du sagen?« forschte da Charlie, »hundertachtzigtausend Dollar ihr haben gefunden?« »Ja, ich hatte sie gefunden, wir, will ich sagen, mein Maat und ich. Wir zogen einen Pottwal hoch für diese Kerle und als sie meinten, alles herausgeholt zu haben, fanden wir noch einen Klumpen Ambra darin, der etwa zweihundert Pfund wog. Nun höre, Charlie, dieses Stück Ambra haben uns diese Banditen geraubt. Es ist aber mein, ich muß es wieder haben. Ich will dir etwas vorschlagen, wir wollen ein Geschäft machen, doch du mußt kämpfen und deine Leute müssen kämpfen. Wenn ihr uns helft, das Ambra wieder zu erlangen, so will ich, wenn wir es wieder in Händen haben, jedem deiner Leute tausend Dollar, dir aber fünfzehnhundert geben. Wie du willst, du kannst zugreifen und das Geld haben, kannst aber auch ablehnen und hier in der Bucht dein Ende erwarten. Wir haben die Wahl, entweder verteidigen oder verlieren wir unser Schiff. Doch du weißt das ebensogut wie ich. Wenn also der Kampf unabwendbar ist, warum nicht erst recht dann, wenn er am meisten lohnt?« Charlie stutzte und machte einen spitzen Mund. »Was meinst du, Moran?«, flüsterte Wilbur ihr leise zu, »ich dachte eben darüber nach, ob wir denn tatsächlich ein Recht haben auf das Ambra? Die Räuber fanden doch den Wal. Er war ihr Eigentum. Wir haben aber ebensowenig ein Recht, ihnen das Ambra streitig zu machen, wie wir es ja auch nicht bei Öl und Walrat gemacht haben. Es ist einmal ihr Fund. Ich bin im Zweifel, ob ein Recht von uns darauf besteht.« »Blödsinn!« empörte sich Moran, »ein Recht, ein Recht darauf! Wenn es nicht uns gehört, wem gehört es denn! Wer war der Finder! Diese schmutzigen Affen hätten zumindest eine Teilung vorschlagen müssen, wenn schon diese Verabredung bestand. Aber wir waren die Schwächeren. Jetzt würde ich einem solchen Vertrag nie mehr beistimmen, um zusehen zu müssen, wie sie mit hunderttausend Dollar abziehen. Mein Recht darauf ist ebensogut wie das ihre. Aber es wäre nutzlos, sich Gedanken zu machen, sie haben es nun. Jetzt gibt es kein Teilen mehr. Dem Stärkeren gehörte auch der Fund – jetzt freut mich das! Denn die Banditen glaubten, die Stärkeren zu sein, nun werden sie aber Augen machen. Uns hat es an diese gottverlassene Küste verschlagen, hier aber gilt kein Gesetz. Das Leben gehört dem Starken, der Schwache aber gehört dem Tode. Ich will und werde leben, werde auch meine Beute mir wieder holen, nicht lange um Recht und Unrecht mit diesen Räubern hadern. Alles will ich haben, das ist das Gesetz, unter dem du im Augenblick stehst, mein rechtsbeflissener Freund!« Moran wandte sich kurz von ihm, Wilbur gab ihr innerlich nicht recht und empfand doch Stolz auf dieses Mädchen. »Ich gehen reden mit Chinaboys«, näherte sich Charlie. Die Chinesen berieten einige Minuten lang, wobei sie In einem Kreise am Strande beisammenhockten. Moran schritt neben dem Boote auf und ab. Wilbur lehnte sich mit dem Rücken an den bleichen Schädel des Wals, die Hände in den Hosentaschen. Er blickte auf die Uhr, es war zwei. »Wir sind uns einig!« sagte Charlie, sich endlich von der Chinesengruppe lösend, »wir wollen kämpfen.« »Nun denn«, ermunterte Moran, »nun ist keine Zeit zu verlieren. Wie steht es um unsere Waffen?« »Wir besitzen die fünf langen Spaten«, antwortete Wilbur, »jeder fast drei Meter lang, mit Schneiden scharf wie Messer. Bessere Waffen können wir uns nicht wünschen.« »Das läßt sich hören«, sprach Moran, die gestimmt schien, ihren Zornesausbruch zu vergessen, sie hatte ihn wohl schon bereut. Sie gingen, die Waffen zu holen, jene fünf langen Spaten, und fanden auch ein schweres Messer. Wilbur hatte seinen Revolver. Moran war mit ihrem eigenen Messer bewaffnet, es war ein Dolchmesser ohne Heft, wie es alle Norweger, Landmenschen oder Seeleute, mit Vorliebe tragen. Erst wurden die Waffen geprüft, dann entwarf Moran einen Plan für den Angriff. Da tauchte plötzlich an der Küste in einiger Entfernung Hoang, der Führer der Strandräuber, auf und hinter ihm folgte ein anderer Chinese. Der Mond stand schon sehr tief, hell war es nun nicht mehr, aber die Räuber nahmen dennoch das Blitzen der Spaten wahr. Sie hielten inne, beobachteten aufmerksam und sahen mit Mißtrauen zu der Gruppe hin. »Bestie!« wütete Moran, »nun wissen sie Bescheid, eine Überraschung können wir ihnen nun nicht mehr bereiten. Charlie, geh, rede mit Hoang, hör einmal, was er will!« Moran, Wilbur und Charlie gingen Hoang entgegen und hielten dann in einiger Entfernung. Nun entspann sich eine längere Unterhaltung. Allmählich brachten sie heraus, daß Hoang den Wunsch hatte, die »Bertha Millner« für die Heimfahrt zu chartern. »Das ist nicht seine wahre Meinung!« flüsterte Moran zu Wilbur, dabei ließ sie keinen Blick von den Räubern. »Er glaubt vielleicht, er kann den Schoner doch nehmen, ohne auch nur einen Cent zu bezahlen. Die kamen doch nur, um zu spionieren und das gelang ihnen auch. Der Überfall ist gescheitert. Jetzt gehen sie zurück und warnen die anderen.« Noch immer herrschte Dunkelheit. Die Besatzung stand in der Nähe des Schiffes. Ein jeder hatte einen langen, hellebardenähnlichen Spaten zur Hand, alle lauschten gespannt auf die Auseinandersetzung ihrer Führer. Inzwischen war der Mond ganz tief gesunken und verfärbte sich blutrot, sein Spiegelbild glitt über die graue glatte Flut der Bucht. Das Wasser war ganz zurückgegangen und schlug leise gegen den nassen Sand. In den Pausen der Unterhaltung herrschte jedesmal eine so tiefe, lautlose Stille, als hätte jemand momentan eine Tür geschlossen. Was nun geschah, wer den Anfang machte, ob es nun so oder anders geplant war, wo die Ursache lag, konnte Wilbur später nicht mehr enträtseln. Es folgte eine unvermittelte Bewegung, ein Laufen über die knirschende Fläche des Sandes, ein kurzes Ringen mit einer halbnackten, kleinen Gestalt, welche mit Messer, Nägeln und Zähnen kämpfte – dann war rings wieder tiefe Stille, nur von keuchendem Atem unterbrochen. In dem Chaos der Ereignisse behielt Wilbur nur zwei Bilder vor Augen: Ein Chinese, der Begleiter Hoangs, der wie ein Amokläufer die Küste entlang rannte, dann Hoang selbst, der mit ungeahntem Schwung in die Arme der Kulis von der »Bertha Millner« flog, dann Moran mit blitzenden Augen, flatternden Zöpfen, gehobener Faust, als sie schrie: »Jedenfalls, dich haben wir!« Hoang war gefangen, war nun Verrat im Spiel gewesen oder nicht, Wilbur wußte es nicht genau. Es mochten auch unehrliche Kriegsmittel angewandt worden sein, aber die Freude war doch in ihm, die Befriedigung, sich sagen zu können, daß er und seine Gefährten in dem sich entspinnenden Gefechte schon den ersten Vorteil in Händen hatten. Je mehr die Geschehnisse dieser Nacht anwuchsen, desto sichtbarer wurde für Wilbur eine seltsame Veränderung im Wesen Morans. Offenbar war das Kämpferblut der alten Nordmänner in ihr lebendig geworden: gewalttätig, erbarmungslos und in voller Wildheit Als der Beginn der Feindseligkeiten ganz nahe bevorstand, erschien Moran wie besessen von wilder Kampfeslust, die keine Hindernisse kannte, und sie wurde taub gegen jede hemmende Mahnung. Sie hörte gar nicht hin, was er zu ihr sagte, und wenn sie es tat, erfaßte sie den Sinn seiner Worte nicht mehr. Ihre Augen verschleierten sich. Sie erschien Wilbur nicht mehr als eine Frau aus dieser Zeit, aus diesem Zeitalter, dem der Zivilisation. Moran schien wieder ins achte Jahrhundert versetzt, die Zeit der Wikinger, der Seewölfe, der Berserker. »Jetzt werden wir dich sprechen machen«, fuhr sie Hoang an, als dieser, den Rücken, an den Walfischschädel gelehnt, in Fesseln auf dem Sande saß. »Charlie, frag ihn, ob er das Ambra gerettet hat, ehe die Dschonke unterging, und wo es jetzt ist.« Charlie verdolmetschte Hoang diese Fragen, doch der Räuberhäuptling zwinkerte nur mit den Augen und sprach kein Wort. Moran schlug ihn mit der Faust ins Gesicht. »Willst du jetzt reden?« schrie sie, Hoang wischte Blut von seinem Gesicht. Aber er schwieg. »Du wirst bald Worte finden, mein Freund, täusche dich nicht!« fuhr Moran mit zusammengebissenen Zähnen fort. »Charlie«, sagte sie zu diesem, »befindet sich an Bord des Schoners eine Feile?« »Denken ja, Boß haben Feile.« »Im Werkzeugkasten, nicht?« Charlie nickte; Moran aber befahl, die Feile zu holen. »Wenn wir den Kampf gegen diese Bande aufnehmen müssen«, sprach Moran zu sich mit hastiger, leidenschaftlicher Stimme, »so ist es unumgänglich, zu wissen, wo der Fund versteckt ist, welche Waffen sie besitzen. Sollten sie ein Gewehr oder Geschütz haben, wird die Lage für uns unangenehm. Der andere Schurke entkam uns und warnte die andern. Jetzt gibt's nur eines, Kampf!« Einer der Chinesen brachte vom Schoner eine grobkörnige Feile mit. Moran nahm sie sogleich an sich. Sie stellte sich vor Hoang hin. »Also«, erklärte sie, »eine Gelegenheit zu antworten will ich dir noch geben. Hast du das Ambra an Land gebracht, als deine Dschonke sank? Wo ist es jetzt? Wie viele seid ihr, und was für Waffen habt ihr? Habt ihr ein Gewehr? Charlie, sag ihm das in seiner Sprache, ich will sicher sein, daß er alles verstanden hat. Sag ihm auch, wenn er nicht sprechen will, werde ich Mittel finden, ihn dazu zu zwingen!« Charlie übertrug Hoang alle Fragen ins Chinesische, immer entsprechende Pausen einschaltend. Hoang verharrte in Schweigen. »Ich habe dich gewarnt«, schrie Moran voll Wut. und wies auf die Feile, »willst du Antwort geben?« »Er wird nicht sprechen«, bemerkte Charlie. »Dann hol eine Leine«, befahl Moran. Man brachte die Leine und allem Drehen und Widerstreben Hoangs zum Trotz wurde die Feile in seinen Mund geklemmt. Die beiden Kiefer preßte man mit der Leine, welche ihm um Kopf und Kinn gebunden wurden, fest zusammen. Einige Zentimeter der Feile sahen aus seinem Mund hervor, Moran faßte das Ende, zog sie zwischen den Zähnen hervor und schob sie langsam wieder in seinen Mund. Gräßlich klang das Kratzen und Knirschen an Wilburs Ohr und ließ sein Blut erstarren. Er mußte fortblicken, auf die See, über die Bai, wohin auch immer, nur um nicht zu sehen, was vorging. Aber das Schleifen und Scharren blieb in seinem Gehör. Er wandte sich ab. »Ich – ich – ich will nur entlang der Bucht gehen«, sagte er hastig, »ich will es nicht – ich muß achtgeben, ob etwa die Piraten kommen.« Wenige Augenblicke später vernahm er, wie ihn Charlie rief: »Chin-chin – will sprechen«, sagte er mit hämischem Grinsen, als Wilbur, seinem Rufe folgend, herankam. Hoang saß inmitten des Kreises. Neben ihm im Sande lagen die Feile und die Seilschlingen. Der Piratenhäuptling sprach in einem hohen Sing-Sang, doch lispelte er dabei. Zum Teil in gebrochenem Englisch, mit eingeflochtenen chinesischen Brocken, die Charlie verdolmetschte, brachte Hoang heraus, daß sie acht Mann waren. Sie hätten den Plan gefaßt, die »Bertha Millner« in dieser Nacht zu überfallen, was nun durch seine Gefangennahme zunichte geworden sei. Gewehr besäßen sie keines. An Bord der Dschonke sei wohl ein Geschütz gewesen, das wäre aber mit in die Tiefe gesunken. Das Ambra hätten sie in zwei Teile geschnitten und läge nun in zwei alten Mehlsäcken verpackt im Heck des Bootes, in dem sie das Land erreicht hätten. Allesamt trügen sie als Waffen nur ihre kleinen Dolche, zwei Leute hätten außerdem Messer. Revolver oder Pistolen besäße keiner. »Es scheint, daß der Vorteil bei uns liegt«, warf Wilbur ein. »Wir haben fangen Führer«, zeigte Charlie auf Hoang. »Wir haben die besseren Waffen«, fügte Moran hinzu, »unsere guten langen Spaten.« »Außerdem den Revolver, mit dem man weit schießen kann, wenn der Schlag nicht mehr hinreicht.« Doch Moran mahnte: »Sie werden sich zähe zur Wehr setzen.« »Oh, die Chin-Chin kämpfen wie Teufel.« »Gib deinen Leuten einen Schnaps, Charlie«, befahl Moran, »wir wollen doch das Lager überfallen.« Der Whisky wurde gebracht und ging in der Runde. Moran und Wilbur tranken aus einem Zinnbecher, die Kulis aus der Flasche. Hoang wurden Fesseln angelegt und in die Kajüte eingesperrt Dann drängte Moran: »Nun, sind wir bereit?« »Ich glauben, alles in Ordnung«, erwiderte Charlie. Entlang der Bucht bewegte sich die Reihe. Der Mond war schon lange untergegangen, über dem Horizont im Osten stand die Dämmerung. Landeinwärts ruhten dichte Schwaden des morgendlichen Nebels über den Senken. Lautlose Stille herrschte allerorts. Noch funkelten vereinzelte Sterne. Die Fläche der Magdalena-Bai war glatt wie graue Seide. Minuten gingen dahin, eine halbe Stunde, eine Stunde. Immer weiter zog der kleine Trupp, Moran, Wilbur und Charlie an der Spitze. Dicht aufgeschlossen folgten die Kulis, die langen Spaten geschultert. Behutsam und schweigend gingen sie, schon war die halbe Bucht umgangen. Weit draußen in der Ferne lag die »Berta Millner«, ein grauer, formloser Schatten im blassen Scheine des frühen Morgens. »Hast du in deinem Leben schon gekämpft?« fragte Moran Charlie unvermittelt. »Ich – – einmal kämpfen, in San Franzisko in Washingtonstraße, kämpfen mit See Yup.« Wieder schwand eine halbe Stunde. Manchesmal, wenn sie innehielten; konnten sie das Murmeln des Baches vernehmen, der gerade hinter einer zerfallenen Hütte dahinfloß, dem Überrest eines alten Lagers eines portugiesischen Walfischfängers, wo nun die Banditen lagerten. Sie befolgten Charlies Vorschlag und gingen in einem Halbkreis dem Lande zu, um sich im Schutze der Sandhügel dem Feind zu nähern. Einige Minuten später standen sie bereits wohl vierhundert Meter von der Küste entfernt, vor dem Bach. Hier löste sich die Gruppe in eine lange Kette auf, einer mehrere Meter hinter dem anderen, pirschten sie sich vorsichtig vorwärts. Das hügelige Gelände verbarg die Küste vor ihnen Blicken, Moran und Wilbur aber wußten genau, daß sie direkt zu dem Hause gelangen mußten, wenn sie den Fluß immer zur linken Hand ließen. Bald hob Charlie die Hand, die Leute hielten. Deutlich konnte man hören, wie drüben der Bach in die Bucht flutete. Vor ihnen lag noch ein Streifen sandigen Landes, mit niedrigem Buschwerke bedeckt, von ihm stieg eine dünne Rauchsäule in der Luft. Sie standen also dicht vor dem Lager. Die Chinesen deckten sich schnell im Sand, die Gruppe der drei Anführer bewegte sich kriechend zur Höhe hinan. Wilbur lag flach auf dem Boden, einige Büsche verdeckten ihn, sein Blick war zur Bucht gerichtet. Erst bot sich ihm der Anblick eines seltsamen, dachlosen Hauses, aus Treibholz erbaut, Schlamm verklebte die Spalten, die Türe war eingestürzt. Drüben an der Bucht lag ein flaches, farbloses Boot, von Schmutz starrend. Rings um das Haus war der Sand zu einem niedrigen Wall aufgeworfen und hinter diesem Schutz konnte Wilbur die Köpfe der Banditen ausnehmen. Alle waren wach und kampfbereit, die Dolche blitzten in ihren Händen, ihre Blicke verkrampften sich gerade in die Sandwelle, welche Führer und Mannschaft der »Bertha Millner« verbarg. Wilbur hatte den Eindruck, als starrten sie ihm gerade ins Auge. Nichts rührte und regte sich drüben. Schauerlich, grausig, wirkte die Starre und Stille dieser kleinen, halbnackten Chinesen mit ihren affenähnlichen Mäulern und den blinkenden Augen. Es gab keinen Zweifel, dieses Räubergesindel war genauestens über jede Bewegung des Feindes unterrichtet und mußte auch wissen, daß sich er hinter der Düne befand. Moran stand auf, Wilbur und Charlie folgten ihrem Beispiel. »Es ist sinnlos und ohne Zweck, sich zu verstecken. Die wissen doch genau, daß wir da sind!« Charlie rief seine Chinesen heran. Nun standen sich die beiden Gruppen gegenüber. Über dem östlichen Horizont des Ozeans verwandelte sich die bläuliche Weiße der Morgendämmerung in hauchartiges, rosarotes Gold, welches die aufgehende Sonne ankündete. Die Sandzungen der Magdalena-Bai hoben sich dunkel aus diesem blassen Schimmer, darüber glitzerte nur noch das Licht der ganz großen Sterne. Eintönig plätscherte ferne der Bach, es war der einzige Laut. Jetzt mochte es etwa vier Uhr sein. Zehntes Kapitel Der Kampf Wilbur hatte es sich so ausgemalt, daß sie vom Abhang der Bucht aus plötzlich vorstoßen würden, um erst den Sandwall zu zerstören. Dann würde sich ein Handgemenge um die Hütte entwickeln. Diese Vorstellung stammte aus Büchern, die er gelesen hatte, und die nun seine Phantasie beeinflußten. Seiner Meinung nach mußten die beiden Parteien erst aufeinander losstürzen, dann in einem wilden Gewirr von Staub und Rauch fünf Minuten mit Messern, Keulen und Pistolen kämpfen, bis alles vorübergegangen war ohne daß einem Zeit geblieben wäre, zu überlegen oder auf Angstgefühle zu achten. Aber nichts dergleichen ereignete sich an diesem Morgen. Die Mannschaft der »Bertha Millner«, voran Moran und Wilbur mit Charlie in der Mitte, kam Schritt für Schritt an die Reihe der Banditen heran. Kein Ruf war zu vernehmen. Jeder hatte sich seinen Feind ausgesucht, und Schritt langsam, die Waffe bereit, den Blick fest auf den Feind gerichtet, auf diesen zu, ohne sich um das Tun der Gefährten zu kümmern. Moran brach plötzlich die Stille des Augenblicks: »Siehst du Gewehre bei ihnen. Charlie?« »Nein, nichts sehen«, erwiderte Charlie. Wilbur tat wieder einen Schritt nach vor und spannte seinen Revolver. Drüben stieß einer der Piraten einen zornigen Fluch aus. Charlie gab ihn sofort zurück. Die Linie der Angreifer bewegte sich immer noch langsam auf die Feinde zu. Wilbur begann zu überlegen, wie lange noch diese entsetzliche, atemraubende Spannung währen möge. Diese Art Kampf enttäuschte all seine Vorstellungen. Nur noch wenige Meter trennten ihn von seinem Manne. Deutlich erkennbar funkelte der bösartige Blick der kleinen, schiefen Augen des halbnackten Gelben. Jetzt ging es Fuß um Fuß vorwärts. Die Chinesen begannen in beiden Fronten einander Schimpfworte zuzurufen und die stille, heiße Luft des tropischen Morgens hallte von den knappen, chinesischen Ausrufen wider, welche, wie Tennisbälle über den glatten Sand, hin und hergeschleudert wurden. Alles schien in eine Komödie ausklingen zu wollen; die Chinesen von der »Bertha Millner« würden kaum mehr kämpfen. Als sie noch im Schutze ihres Schiffes gewesen waren, war alles gut gegangen, als sie sich auf Hoang gestürzt hatten, zeigten sie allerhand Tapferkeit. Hier aber, Auge in Auge mit dem Feinde, mit funkelndem Sonnenspiel auf Messer und Spaten, war es doch anders. Nach Wilburs Meinung hätte der Überfall schlagartig erfolgen müssen, um einen Erfolg zu zeitigen. Nun erschien ihm als bestes, sich vom Feinde zu lösen und einen neuen Plan zurechtzulegen. Charlie rief ihn an; Worte in gebrochenem Englisch waren es, die er nicht verstehen konnte, aber dennoch beantwortete, dabei vorwärts schreitend, um mit dem Kuli zur Linken gleiche Linie zu halten. Mit einem Male begann der Whisky, den er zuvor genossen hatte, zu wirken, wenngleich er sich bewußt war, einen klaren Kopf zu haben. Es widerstrebte ihm, vor allen davonzulaufen, aber er würde viel darum gegeben haben, wenn sich ein passender Anlaß gefunden hätte, die Kampfhandlung aufzuschieben, wenn sie schon unumgänglich sein mußte. Doch er hatte ja einen Revolver, fiel ihm ein, er hob diesen und nahm seinen Mann aufs Korn. Der Revolver versagte. Wilbur sagte zu dem Chinesen neben ihm in erregtem Tone: »Gib schnell ein Messer her, oder sonst etwas, womit ich kämpfen kann, dieser Revolver ist ja nichts.« Morans Ruf gellte dazwischen. »Aufpassen, sie kommen!« Zwei der Räuber sprangen über den Sandwall und rannten auf Charlie zu, ihre Messer vorgestreckt, bereit, ihn aufzuschlitzen. »Schieß, schieß!« schrie Moran. Wilbur hob abermals den Revolver und zog ab. Ein Knall folgte und die Waffe prellte seine Hand. Pulvergeruch drang in seine Nase. Erstaunt konnte er sich selbst laut schreien hören. »Los jetzt, alle Mann auf sie! Los!« Die Chinesen der »Bertha Millner« stürmten vor, hinter den Dreien nach. Charlie rang mit einem Räuber, der ein Messer mit beiden Händen hielt, und Wilbur sah im Moment auch, wie ein anderer, die Hand im Munde, im Sande hockte, und zwischen seinen Fingern spritzte Blut hervor. Wilbur fand sich selbst, ein Messer in der Hand, vor dem Sandwall stehend. Er konnte sich nicht entsinnen, woher er das Messer hatte, obgleich ihm später die Erinnerung sagte, daß er den geladenen Revolver von sich geschleudert habe. Er wußte noch, daß er den Wall übersprungen hatte. Vor sich sah er einen Chinesen, der sich mit bereitem Dolche zurückzog und ihn beobachtete. Wilbur konnte gerade noch die Erwartung fühlen, im nächsten Augenblick getötet zu werden, da hielt der Chinese an, machte einen Schritt nach vor, wider Wilburs Erwarten, warf sich auf die Knie, um sein Messer mit aller Wucht in Wilburs Wade zu stoßen. Nur das dicke Leder seiner Stiefel bewahrte ihn vor einer Verletzung seiner Wadensehnen. Er fühlte, wie das Messer abgleitend fast bis an den Knochen stieß, Blut rann in den Stiefel; im Augenblick begann er zu schwanken und wäre fast über den Mann vor ihm gestrauchelt. Der Chinese sprang auf, doch Wilbur faßte sogleich zu, instinktiv empfindend, daß es sein Vorteil sein müsse, wenn er den Kerl umklammerte und ihn mit seinem Gewicht niederzwänge. Unermüdlich bemühte er sich, den geschmeidigen Körper zu halten, doch der Gegner duckte und wand sich, glitt fort, schwerer greifbar als ein Aal. Rings um sich hörte Wilbur jetzt ein Trampeln und Rennen, kurze, heiße Schreie und das dumpfe Fallen der Körper. Nun war es doch keine Komödie geworden. Es war wirklicher, ernsthafte Kampf – da ganz dicht neben ihm rangen sie, einer des anderen Todfeind –, alle mitsammen Chinesen. Sie kämpften auf ihre barbarische, asiatische Art, nahmen Nägel und Zähne zu Hilfe, wenn Messer und Dolche nicht mehr genügten. Was aber tat er, ein Städter, ein Klubmensch, in diesem furchtbaren Ringen, das sich in der heißen, tropischen Bai hier unter glühender Morgensonne abspielte? Jäh schoß eine rote Flamme auf, gefolgt von einer Wolke dicken, gelben Rauches, die bald die Luft erfüllte. Die Hütte brannte. Der Chinese, welcher Wilbur angesprungen hatte, war im Begriff, in diese Richtung zu flüchten. Er war bereits dicht neben dem Hause, als das Feuer aus dem Fenster loderte; der Weg war ihm versperrt. Nun versuchte er zwischen seinem Feinde und dem brennenden Hause zu entweichen. Wilbur schob rasch seinen Fuß vor, der Räuber stolperte und fiel, im Fallen noch konnte ihm Wilbur das Messer in die Rippen stoßen. Da erwachte in ihm, eben als der besiegte Gegner vor seine Füße fiel, der Urmensch, das Tier in Wilburs Brust erstand, er fühlte, wie ungeahnte Kräfte seine Muskeln spannten. Die Nerven fieberten, in den Adern schwoll das Blut. Ihn überkam ein wilder Rausch, wie er ihn noch nie gefühlt hatte. Das Bewußtsein, daß er zu töten imstande war, belebte ihn mit einem Kraftgefühl, das er herrlich empfand. Ihm schien es, eine körperliche Vervollkommnung erreicht zu haben. Es war die Kampfeslust, die grauenhafte Lust am Töten, das Tier im Menschen, die Bestie in Menschengestalt, die vorsprang und alles andere niederzwang. was ihn gefühls- und gewohnheitsmäßig an jahrhundertelange Zivilisation band. Und weiter tobte der Kampf. Wilbur konnte nur mehr den Lärm hören, obgleich ihm von der brennenden, qualmenden Hütte alle Sicht genommen war. Als er sich umwandte, sein Messer noch in der Hand, und tatenlustig Umschau hielt, trat aus dem Qualm, dunkel und schemenhaft, eine Gestalt auf ihn zu. Moran war es, doch eine Moran, wie er sie nie gesehen hatte. In ihren Augen flackerte es wie der brennende Dornbusch, die Arme waren bis zum Ellbogen entblößt, die schweren Zöpfe flatterten wirr. Moran sang, mit einer Stimme, die vom Schreien heiser war, sang in längst vergessener Nordlandsprache verbliebene Stücke alter Schlachtlieder, Worte, Sätze, deren Sinn ihr selbst verborgen war. Die Wut des Kampfes hatten sie in Wahn versetzt. Sie kannten sich vor Zornekstase selbst nicht mehr. Nun war Moran wieder jenen Wikingern und Seeräubern des zehnten Jahrhunderts angehörig – wieder erstandene Brunhild, ein Mädchen, kämpfend mit Speer und Schild, eine Walküre, Berserkerin etwa sogar, Tochter der Berserker! Sie kämpfte auch wie diese, im Herzen die Kampfeslust, geblendet, betäubt, alle Sinne ausgeschaltet, die Kräfte ins Gigantische gesteigert, unempfänglich wider jeden Schmerz, unzugänglich aller Vernunft. Das Messer hoch erhoben trat sie auf Wilbur zu, immer noch singend. Dieser erschrak bei ihrem Anblick so tief, daß er seine Sprache nicht fand, aber sein klares Denken war infolge dieses ungeahnten Angriffs wieder da. Sie kam näher, Wilbur rief sie an: »Moran! Moran!« rief er, »was geschah mit dir? Du irrst! Ich bin es doch! Wilbur – dein Maat, erkennst du mich nicht mehr?« Nein, Moran konnte nicht mehr sehen. Ihr geblendeter Blick unterschied nicht Freund und Feind, sie hörte auch nichts mehr. Mit aller Kraft hieb sie auf ihn ein. Wilbur warf sein Messer fort und fing ihre rechte Hand im Gelenk ab. Im selben Augenblick fuhr ihre freie Hand an seine Kehle. Als Wilbur plötzlich ihre Kraft verdoppelt, verdreifacht in der Raserei ihres Rausches – an sich fühlte, wurde ihm klar, wie leicht auch er vorhin seinen Gegner besiegt hatte, nun aber war es an ihm, um sein Leben zu kämpfen. Vorerst versuchte es Wilbur, Moran nur abzuwehren und sie am Gebrauch ihrer Waffe zu hindern. Behutsam wehrte er sich, um sie nicht zu verletzen. Doch der Alkohol, den er vor dem Kampfe getrunken hatte, die Erregung des Ringens, das Wachwerden des Tierischen in ihm unmittelbar zuvor, all dies hatte sein klares Bewußtsein getrübt. Es begann sich alles zu verwirren. Seine neuentdeckte Kraft fand Freude an dem Zweikampf mit einer Gleichstarken. Er nahm den Kampf mit Moran auf, nicht etwa, wie er mit irgend einem anderen Manne oder auch mit einer Frau gerungen hätte, nein, nur um des Kampfes willen tat er es. Er rang mit ihr wie gegen eine unpersönliche Gewalt, der er Herr werden mußte, die er zu bezwingen hatte, wenn er sein Leben bewahren wollte. Schlug sie, so schlug er wieder, Hieb um Hieb. Mit Befriedigung stemmte er seine Kraft gegen die ihre, ohne jeweils zu vergessen, daß sein Gegner das Mädchen war, dem seine Liebe gehörte. Moran war es, mit der er rang, ihre Kraft, ihr Wagemut, ihr Wille, ihre stolze Freiheit meinte er überwinden zu müssen. Auch sie hatte ihr Messer bereits weggeschleudert und die Entscheidung des Kampfes gehörte der körperlichen Kraft. Nun mußte sich entscheiden, wer Herr des anderen sein sollte. Zweimal bereits war es Moran, mit der Hand sein Gesicht, den Kopf zurückstemmend, gelungen, Wilbur auf die Knie zu bringen, doch jedesmal wieder hatte er sich hochgerungen, außer Atem, blutend, mit dem trotzigen Entschluß, nicht zu unterliegen. Dann nahm er einmal seinen Vorteil wahr und hieb ihr die Faust zwischen die Augen. Er hoffte, sie dadurch zu betäuben und dem Kampfe so ein rasches Ende zu bereiten. Jedoch Moran schien dieser Schlag nicht im geringsten berührt zu haben. Nun beobachtete er aber, wie ihre Berserkerwut sich zu klären begann, als kläre sich gärender Wein. Jetzt wußte sie, mit wem sie kämpfte, und tat dies mit der Freude, ihre Kraft an der seinen messen zu können. Auch Wilbur erkannte den Sinn dieses Ringens und fand, daß es todernst war und um mehr ging, als ums Leben selbst. Einem Schwächling hätte nur Morans Verachtung gehört. Einen Atemzug lang ließen sie voneinander. Moran erhob sich keuchend, krempelte die Ärmel wieder hoch. Als das Mädchen wieder auf ihn losging, war Wilbur schon bereit, legte seinen Arm um ihren Nacken, drehte ihr linkes Handgelenk mit seiner rechten Hand auf ihren Rücken und beugte Moran mit aller Kraft nieder, bis es ihm endlich gelang, seine Hüfte als Stütze benützend, sie um den festen Stand zu bringen und dann auf den Rücken zu werfen. So drückte er sie nieder, stemmte sein Knie auf ihre Brust, ihre Handgelenke fest wie in einem Schraubstock umklammernd. Da gab Moran plötzlich nach und im nächsten Augenblicke erschlaffte sie. Wilbur erstaunte, als er sie nunmehr lächeln sah. »Hoi, Maat, das war ein Kampf, ich bin geschlagen: du bist stärker, als ich ahnen konnte.« Wilbur gab sie frei und erhob sich. »Da«, sprach Moran weiter, »gib mir deine Hand. Ich fühle mich schwach wie ein Kind.« Wilbur half ihr auf die Füße, Moran befühlte ihre Stirne, wo man deutlich die Spur von Wilburs Faust sehen konnte, und lächelte ihm zu. Sie war nicht böse. »Ein andermal«, meinte sie, »nimm doch einen Stein, oder einen Nagel, oder was anderes, das nicht verletzt, aber nicht deine Faust, Maat!« Voll Bewunderung blickte sie ihn an. »Wenn ich dir auch sagte, ich sei stärker als die meisten Männer, von uns beiden aber bin ich doch die Schwächere, nun ist es klar. Du hast mich besiegt, Maat, ich muß es zugeben. Du hast mich erobert. und –« Sie stockte einen Augenblick und fuhr dann fort: »Und weißt du, Maat, ich liebe dich darum!« Elftes Kapitel Die Führer wechseln »Komm, Moran«, sagte Wilbur später, als die Spannung der Kräfte wieder kam, »unser wartet noch viel Arbeit!« Nicht Moran war es mehr, die kommandierte. Jenes kurze Ringen an der Küste hatte viel geändert Nun führte Wilbur, tatenlustig geworden. Er empfand keine Furcht mehr und hatte aufgehört zu zaudern. Er fühlte, wie sich in ihm alle Kräfte seines Geistes und Körpers vervielfacht hatten. In dem Augenblick, als er den Räuber, vom Messerstich niedergeworfen, in den Sand rollen sah, hatte alles Starke, Männliche und Brutale in ihm begonnen, mächtig und groß zu werden. In Wilbur erwachte ein Siegesbewußtsein, ein unbegrenztes Selbstvertrauen und seine Freude mußte in einem Aufschrei Ausdruck suchen. Er packte einen schweren Spaten, welcher während des Kampfes neben der flammenden Hütte liegen geblieben war, schleuderte ihn hoch in die Luft und fing ihn beim Herunterkommen wieder auf. Er jauchzte dabei wie ein Wilder. »Komm«, rief er Moran zu, »wo blieben denn die Banditen? Ich muß noch einen umlegen, ehe der Kampf aus ist.« Sie traten mitsammen aus der Rauchwolke hervor, eben noch zurecht, um bei der anderen Seite der Hütte den Ausgang des Kampfes zu sehen. Eigentlich hatte die ganze Geschichte kaum eine Viertelstunde gedauert. Die Strandräuber waren besiegt. Vier hatten ihr Heil in der Flucht gesucht, zur Sandwüste hin, die im Hintergrunde der Bai lag; keiner verfolgte sie mehr. Ein fünfter war von einem der Kulis verletzt worden, er gab sich gefangen. Ein sechster, der wie eine Tigerkatze jammerte und brüllte, war ebenfalls gefangen worden, den siebenten hatte Wilbur zur Strecke gebracht. Wilbur und Moran sahen, als sie um die Hütte herumkamen, die Leute der »Bertha Millner« in der Nähe des Baches eine Gruppe bilden. Alle waren vom Kampf blutig und schmutzig, manche bis zum Gürtel entblößt, die Waffen hielten sie alle noch in Händen. Es waren alle da – doch – waren es wirklich alle? Als sie näher traten, löste sich die Gruppe, machte Platz, so daß Wilbur auf einmal vor einer Gestalt stand, deren Kopf auf einer eingerollten Bluse lag. Seltsam unbeweglich lag da einer auf dem zertretenen Sand. »Charlie ist es!« rief Moran bewegt. »Wo ist er denn verwundet? Jim!« Jim war außer Charlie der einzige der Besatzung, der Englisch verstand und sprach. »Räuber finden Pistole, deine, Revolver, Charlie viel kämpfen, als er nicht schauen, Räuber hinten schießen Charlie in Seite, so!« »Getötet hat er ihn? Ist Charlie tot?« »Nein, ich denken, bald tot, nichts hören, schlafen, glaube, bald für immer schlafen!« Als Wilbur den zerfetzten Ärmel einer Bluse, den man als Notverband gebrauchte, behutsam wegnahm, sah er nur wenig Blut. Die Kugel war unter der Achselhöhle eingedrungen. die kleine Öffnung hatte sich bereits geschlossen und lag verdeckt unter zwei Blutkrüstchen. Charlie hatte das Bewußtsein vollkommen verloren, die Augen standen weit geöffnet, der Atem ging hastig, unregelmäßig und schwach. »Was hältst du davon? Maat?« fragte Moran leise. »Ich glaube, die Kugel hat die Lunge verletzt«, erwiderte Wilbur bewegt. »Armer, alter Charlie!« Moran kniete nieder und legte einen Finger auf das schmale Handgelenk, das gelblich war wie altes Elfenbein. »Charlie«, rief sie, »Charlie, du, kennst du mich nicht? Komm zu dir, alter Knabe! Moran ist da. Ist es arg, doch nicht?« Charlies Augen öffneten sich, schlossen sich wieder, oftmals. »Nicht können sagen«, kam's mit leiser Stimme aus ihm, »sehr viel verwundet.« Dann hüstelte er. Wilbur entfuhr ein Seufzer der Erleichterung. »Wird schon noch werden mit ihm«, meinte er. »Ich will's auch glauben«, bekräftigte Moran. »Doch vorerst müssen wir ihn an Bord unseres Schoners, bringen«, erklärte Wilbur. »In dem Boot der Piraten können wir ihn hinüberschaffen. – Um Gottes willen!« rief er plötzlich, »wo ist das Ambra? Ich hatte das gänzlich vergessen.« In der Hitze des Gefechtes, im wahrsten Sinne des Wortes, war der Fund in Vergessenheit geraten. Sollte der Kampf vielleicht überhaupt vergeblich gewesen sein? Die Küstenräuber hatten rechtzeitig von dem geplanten Überfall erfahren, es wäre ihnen mit Leichtigkeit möglich gewesen, das Ambra zu verbergen oder zu vernichten. Mit zwei Schritten war Wilbur bei dem Boot und durchstöberte sofort alle Kästen. Ein Freudenruf wurde laut. Der ganze Schatz war da, der Klumpen war in vier Teile zerschnitten worden, drei davon steckten in Teekisten, der vierte war noch in die Hängematte gehüllt. »Moran, wir haben es wieder«, rief er freudig dem Mädchen zu, das ihm gefolgt war. »Wir haben alles wieder, Moran, über hunderttausend Dollar! Nun sind wir unermeßlich reich, du und ich! Es lohnte sich doch, gekämpft zu haben, nicht? Aber jetzt wollen wir zusehen, daß wir weiterkommen, heimwärts, Moran!« »Wenn ich dabei an Charlie denke ...« erwiderte sie zögernd, »wenn das nicht geschehen wäre, könnten wir uns richtig freuen. Ich weiß nun nicht mehr, ob es recht war, das Lager zu überfallen. Ich bin dessen nicht froh, daß wir Charlie in unserem Kampf mitnahmen und damit seinen Tod verursachten.« Wilbur sah mit großen erstaunten Augen auf Moran, diese gänzlich umgewandelte Moran. Wo war das wilde, keine Schranken kennende Mädchen der vergangenen Nacht geblieben, das ihn verdammt und seine Einwände wegen Recht und Unrecht verächtlich abgetan hatte. »Hoi«, meinte Wilbur ungeduldig, »Charlie wird schon wieder werden, wie er war. Ich habe ihn ja auch nicht gezwungen. Ich, besser gesagt, wir, wir befanden uns alle in gleicher Gefahr. Hätte ich meinen Mann nicht dort hinter der Hütte umgelegt, wäre ich jetzt auch nicht mehr. Jedenfalls ist das Ziel erreicht, das Ambra haben jetzt wir. Sie nahmen es uns mit Gewalt! Wir hatten nun Kraft genug, es uns wieder zu holen.« Moran nickte, anscheinend zufrieden mit seiner Schlußfolgerung, und meinte dazu: »Aber, was nun, Maat?« »Wir gehen wieder an Deck der »Bertha Millner' zurück und fahren los, sobald die Flut kommt! Jim und zwei andere Kulis werden Charlie im Boot hinüberbringen. Die übrigen werden um die Bai herumgehen.« »Aber mit Hoang müssen wir noch einiges besprechen, falls er sich nicht inzwischen befreit und das Schiff in Brand gesteckt hat. Ich habe keine Lust, diese Banditen mit nach San Franzisko zu nehmen.« »Was denkst du mit den Gefangenen zu tun?« fragte sie nach einer Pause. »Ich laß sie laufen, wir haben doch ihre Waffen.« Die beiden hatten die Rolle gewechselt. Nun war es Wilbur, der entschied, was geschehen sollte, Moran nahm seinen Rat willig an und vertraute auf sein Urteil. Wilburs Befehl gemäß trug man Charlie zum Boot. Mit zwei Chinesen an den Riemen, dem kostbaren Ambra im Kasten, glitt das Boot zum Schoner hinüber. Wilbur selbst löste die Fesseln der beiden gefangenen Räuber und jagte sie fort. Dann kehrte die gesamte Besatzung der »Bertha Millner« nach dem Schiff zurück. Gegen Mittag erst, die Sonne brannte mitleidslos hernieder, kam die Mannschaft des kleinen Schoners im Schatten seines Rumpfes zusammen. Alle waren völlig erschöpft. Nachdem Charlie an Bord gehoben worden war, schließlich auch das Ambra an Deck kam und in der Kajüte sicher verstaut war, bewilligte Wilbur den Chinesen drei Stunden Ruhe. Die Kulis waren bisher ohne Frühstück und ohne Mittagessen geblieben, doch ihre Müdigkeit war stärker als ihr Hunger; im Schatten des Vorsegels, das man zu diesem Zweck ausgesetzt hatte, lagen nach kurzer Zeit schon alle sechs Chinesen auf dem Vordeck zum Schlafe ausgestreckt. Moran und Wilbur suchten jedoch Hoang auf, den sie so wieder fanden, wie sie ihn zurückgelassen hatten: gefesselt auf dem Boden der Kajüte. »Nun wollen wir uns ein wenig unterhalten«, sprach Wilbur zu ihm, als er Hoangs Fesseln von den Handgelenken und Füßen gelöst hatte, »Wir haben uns unseren Fund doch wieder geholt, alter Freund, es kostete einem deiner Leute das Leben. Es war ein Unsinn, daß du dich mit uns eingelassen hast; du siehst dich nun in einer elenden Lage, alter Gauner: dein Schiff ist zerschellt, alle Beute vom Wal, Öl und Speck sind verloren, von deinen Leuten sind vier geflüchtet, einen fingen wir, ließen ihn jedoch laufen, einer ist verwundet, du selbst aber in Fesseln. Also«, setzte Wilbur seine Rede fort, »ich glaube, dies wird eine Lehre für dich sein.« Der kleine Pirat, er maß kaum mehr als eineinhalb Meter, rieb seine schmerzenden Handgelenke und glotzte Wilbur aus den winzigen, funkelnden Augen an. Wilbur sprach weiter: »Jetzt segeln wir heimwärts. Ich will dich und deine Leute hier in der Magdalena-Bai lassen. Als unsere Chinesen den Schoner verließen, nahmen sie eine Menge Lebensmittel mit. Ich will euch diese hier zurücklassen, zudem habt ihr genug Schildkröten und Muscheln. Ich vermute, daß amerikanische Kriegsschiffe zweimal im Jahr zu Schießübungen in diese Bucht kommen. Sollten wir diesen unterwegs begegnen, wollen wir ihnen Nachricht geben, daß hier Gestrandete leben. Das ist alles, was wir für euch tun können! Wenn es euch nicht gefällt, müßt ihr eben die Küste entlang marschieren, bis ihr zu einer Stadt kommt, aber ich kann euch nur abraten. Nun, was meinst du dazu?« Hoang blieb stumm. Sein Zopf hatte sich halb aufgelöst, er flocht ihn neu, dabei nachdenklich die Augen schließend. »Also, was denkst du davon?« drängte Moran. »Ich verlieren Gesicht«, gab Hoang endlich zur Antwort. »Ich verlieren Gesicht!« wiederholte er standhaft, dann erklärte er: »Ich schämen sehr. Du kämpfen meine Chinaboys, mich fangen, meine Boy nicht mehr haben mich für Boß. Ich zurückgehen, sie nicht mich mehr lieben. Vielleicht mich töten. Ich verlieren Gesicht – nicht mehr sein Boß.« »Eine feine Bande!« stieß Wilbur hervor. »Ich glaube schon, daß an seinen Worten etwas Wahres dran ist. Was sagst du, Maat?« bemerkte Moran, legte über jede Schulter eine Flechte und streichelte sie nach ihrer Gewohnheit. »Wir wollen Jim befragen«, bestimmte Wilbur. Jim bestätigte die Worte Hoangs. »Ach, die Piraten töten schlechten Boß gewiß«, sagte er. »Wollen wir ihn nicht doch mit nach Frisko nehmen, Maat?« meinte Moran, »es ist genug Blut geflossen.« So beschlossen sie gemeinsam, den besiegten Strandräuber, den gefangenen Freibeuter, mit seinem »verlorenen Gesicht«, den Boß, der seinen Leuten nicht länger in die Augen zu schauen wagte, an Bord der »Bertha Millner« zu behalten. Am nächsten Morgen um vier Uhr ließ Wilbur von den Chinesen den Sand vom Bug des Schoners graben. Die Leine, welche zum Hereinziehen dienen sollte, wurde um den Felsblock geschlungen, frisches Wasser an Bord gebracht und Proviant für die verbliebenen Küstenräuber hinterlegt. Dann holte man das Boot an Bord, löste die Zeisige und schloß die Luken. Mit einströmender Flut zogen sie den Schoner herunter, er entfernte sich bei der leichten Brise langsam von der Küste. Eine volle Stunde brauchte das Schiff, um allmählich aus der Bucht zu gleiten. Dann aber frischte der Wind auf. Moran faßte das Steuerrad, man setzte Flieger- und Stagsegel, am Heck schäumte das Kielwasser auf, der Bug rauschte durch die Flut. Immer weiter öffnete sich der Ozean, unendlich weit. Moran schlug das Ruder herum und rief, als sich der Bug des Schiffes nach Norden drehte, Wilbur zu: »Maat, sieh zu, wirf noch einmal einen Blick auf die Magdalena-Bai!« Wilbur stand neben ihr; mit einem Blick erfaßte er den weiten Bogen der Küste. Die endlosen, gelben Sandmassen, die drückende Hitze, die unendliche Fläche des blauen Wassers mit dem grünen Seetang muteten ihn vertraut an. Alles kannte er hier, – er fand freundlich, anheimelnd was er sah. An der ganzen, weiten Bucht gab es kaum eine Stelle, die nicht sein Fuß betreten hatte. Dort, der Platz am Strome, wo Moran und er erstmals gelandet waren, um frisches Wasser zu holen und Abalonen zu sammeln; da, der Bach selbst, wo er Wachteln gefangen hatte, hier der Sandhügel, mit dem gebleichten Walfischschädel, wo sie den Schoner hatten auflaufen lassen. Dort aber, der dunkle Fleck, über dem noch eine graublaue Rauchwolke schwebte, dort stand die verkohlte Ruine des alten portugiesischen Walfischfängerlagers, wo sie mit den Küstenräubern gefochten hatten. Einen Atemzug lang blickten Moran und Wilbur schweigend zurück. Sie standen auf dem Achterdeck im Schatten des Hauptsegels, abgesondert von den andern, für sich allein. »Nun heißt es Abschied nehmen von unserem alten Platz, nicht wahr?« sprach endlich Wilbur. »Ja«, erwiderte Moran, mit tieferer Stimme als gewöhnlich. »Maat, dort geschahen große Dinge!« »Es hat gar nicht den Anschein, als ob wir dort so heiß mit chinesischen Räubern gekämpft hätten, nicht?« sagte Wilbur, doch während die Worte noch klangen, fühlte er, daß er sie mit keinem Gedanken verbunden hatte. »Darauf kommt es doch gar nicht an«, sagte Moran mit einer unwilligen Kopfbewegung. »Dort habe ich zum erstenmal erkannt, daß du ein Mann bist und ich trotz allem ein Weib, und nur wir beide – du und ich ganz allein – in der Welt sind, daß du mich liebst und ich dich, daß sonst aber nichts die Mühe lohnt, daran zu denken.« Wilbur legte seine Hand auf die ihre, die eine Speiche des Steuerrades umkrampfte. »Moran, ich wußte dies schon lange«, gestand er, »Was für ein prachtvoller Monat war dieser doch! Es kommt mir vor, als hätte ich erst angefangen zu leben, seit ich dich liebe.« »Und du liebst mich wirklich und wirst mich immer lieben? Du weißt gar nicht, wie mich diese letzten Tage gewandelt haben. Da drinnen ging etwas vor sich« – sie legte beide Hände auf die Brust –, »ich fühle eine gänzliche Veränderung, Maat. Es ist alles dein. Und ich empfinde Schmerz – ich bin stolz darauf, daß es wehe tut!« rief sie aus, »ich kann noch nicht lieben und stelle mich sehr unbeholfen an, ich finde nicht die Worte, dir es zu sagen, was ich fühle, denn ich begreife es selbst noch nicht. Aber du mußt gut zu mir sein!« Ihre tiefe Stimme zitterte. »Du mußt gut zu mir sein und treu, mein Maat, sei immer lieb und gut zu mir! Ich bin nicht mehr ich, nicht mehr Moran! Nicht mehr die Stolze, Starke, Freie und ich will nicht mehr einsam sein. Ich will nur dich, will dich immer bei mir haben. Jetzt bin ich nur noch Frau, Liebster, eine Frau, die dich mit ihrem ganzen Herzen, das eben erwacht ist, liebt.« Wilbur konnte kein Wort herausbringen. Es lag etwas unsagbar Feierliches und gleicherweise Edles in Morans Hingabe, in ihrem Vertrauen zu Wilbur und in seine Güte, daß ihn jäh eine ehrfürchtige Scheu erfüllte vor der heiligen Pflicht, die ihm nun überantwortet war. Nun war Moran sein, er hatte sie zu bewahren, zu schützen und zu verteidigen – sie, die vordem so herrlich gewesen in ihrer Kraft, ihrer einsamen Größe, ihrem unberührten, vestalischen Mädchentum. Jedes Wort dünkte ihn wertlos und nichtssagend. Sie trat dicht an ihn heran, legte ihre Hände auf Wilburs Schulter, sah ihm gerade in die Augen und sprach: »Du liebst mich, Maat, willst du mich immer lieben?« »Immer, Moran«, sagte Wilbur schlicht. Er nahm Moran in die Arme und für einen Augenblick legte sie die Wange an die seine, nahm dann seinen Kopf sanft zwischen die Hände und küßte ihn. Zwei Tage vergingen. Die »Bertha Millner« hielt Kurs auf Norden. Moran steuerte das Schiff die Küste entlang. Wilbur befahl einen Chinesen als Wache in den Mastkorb, um nach dem weißen Kreuzer oder Schlachtschiff Ausschau zu halten, welches zu Schießübungen nach Süden fuhr. Bei den Lebensmitteln, die er für die verbliebenen Piraten hinterlassen hatte, war auch eine von Hoang geschriebene Botschaft dabei, die besagte, daß sie vielleicht innerhalb eines Monats von einem Kriegsschiffe abgeholt würden. Hoang war dauernd still und beklommen, die Mannschaft wollte mit ihm nichts gemein haben. Der gedemütigte Banditenhäuptling blieb für sich allein. Den ganzen Tag über saß er auf dem entlegensten Ende des Schiffes, rauchte seine Pfeife und brütete stumm vor sich hin. Moran hatte das Stück Ambra aus Kitchells Hängematte ausgepackt und die Matte mittschiffs befestigt. Dahin betteten sie Charlie, so bequem es ging. Sie konnten ihm jedoch wenig helfen; zeitweise schüttelten ihn heftige Hustenanfälle, welche große Schmerzen verursachten. Da kam ein Mittwoch. Gerade hatte Moran den Sonnenstand gemessen und errechnet, daß sie etwa acht Seemeilen südwestlich San Diego lagen, als sie überrascht vernahm, daß Wilbur sie heftig anrief. Sie lief zu ihm und fand ihn an Charlies Hängematte stehen. Charlie lag im Sterben, war aber bei vollem Bewußtsein. Mit leiser und matter Stimme sprach er zu Wilbur und versuchte ihm klarzumachen, wie sehr er es bereue, damals den Schoner in der Bucht verlassen zu haben. »Sein viel, viel traurig«, erklärte Charlie, »aber Chinaboy viel Angst haben vor Feng-Shui. Wenn Feng-Shui nicht gefallen, alle fortmüssen. Viel traurig, ich verlassen Schiff nachts, sehr leid – verstehen?« »Natürlich, wir verstehen dich, Charlie«, meinte Moran, »aber du hast im Kampfe deinen Mann gestellt.« »Ich bald sterben«, sprach Charlie ruhig, »ihr sagen, geben mir fünfzehnhundert Dollar?« »Ja, das haben wir versprochen. Was soll damit geschehen, Charlie?« »Ich wünschen sehr schöne Bestattung in Chinatown von San Franzisko. Sehr schöne! Ihr kaufen schönen Sarg, sehr feinen. Viel Silber – kostbares Gewand. Geben mein Geld der Hop Sing Assoziation, gegenüber Ming Yen-Tempel. Verstehen ihr? Hop Sing? Eine von »Sechs Kompanien! Sagen Hop Sing, ich wünschen Bestattung mit vier Pferden, nicht vergessen, Pferde!« »Nein, Charlie, wir werden die Pferde nicht vergessen. Du sollst vier Pferde haben.« »Mögen sechs Musiker – China-Musik – viel Gong dabei. Nicht vergessen? Zwei Priester – weiße Kleider – verstehen? Sarg ihr selbst besorgen. Sehr feinen Sarg, viel Silber und .... die vier Pferde. Kaufen Feuerwerk, fünf, siebenhundert Raketen, großen Lärm. Und Essen, Schweinebraten mit viel Reis, dazu Chinaschnaps. Schöne Bestattung, Kleider – fünfzehnhundert Dollar! Ich begraben sein wie Mandarin – wie, ›Kleiner Peter!‹ Ihr gewiß versprechen.« »Ich verspreche es dir ganz gewiß, Charlie Du sollst ein schöneres Begräbnis haben als der ›Kleine Peter‹!« Charlie nickte zufrieden und atmete vor Genugtuung tief auf. »Vielleicht senden Hop Sing meinen Leichnam zurück, China.« Er schloß die Augen und lag lange Zeit ermattet von dem anstrengenden Sprechen, unbeweglich, als wäre er eingeschlafen. Da öffnete er auf einmal weit die Augen und richtete sich auf. »Nicht vergessen, Pferde!« »Vier Pferde, Charlie! Ich werde gewiß daran denken.« Er sank wieder zurück, um wenige Minuten später abermals zu sagen: »Besten Sarg, viel Silber!« Etwas später wiederholte er mit schwacher Stimme: »Sechs Musiker – China-Musik – Vier Gong ... vier!« »Mein Wort darauf, Charlie«, sagte Wilbur. »Nun«, begann Charlie, »ich nun sterben!« Der unansehnliche, chinesische Kuli bereitete sich mit der Würde und Ruhe eines Cicero zum Sterben vor. Eine Stunde später wußten Moran und Wilbur, daß Charlie hinübergegangen war. Sie hatten sich keinen Augenblick von der Hängematte gerührt, konnten aber dennoch den Zeitpunkt nicht sagen, wann er gestorben war. Am gleichen Nachmittag, ein wenig später, erblickte Wilbur vom Ausguck den Leuchtturm auf Point Loma und den imposanten Palast des Coronadohotels an der Bucht. Sie waren einem Vorposten der Zivilisation nahe und standen vor dem Eingang zur Welt. Eine Stunde etwa von dem Hotel entfernt lag San Diego, dort gab es Eisenbahnen, Zeitungen, Polizisten. Genau vor dem Hotel konnte Wilbur den blanken Leib eines Kriegsschiffes ausnehmen. Mit dem Glase erkannte er, daß es ein Monitor, vermutlich der »Montery«, war. Erst beriet er sich mit Moran, dann beschlossen sie anzulaufen. Es gelang, dem »Montery« Nachricht über die Gestrandeten zu geben, und außerdem Charlies Leiche an seine Verwandten in San Franzisko zu senden. Zwei Stunden knapp brauchte der Schoner, um heranzukommen. Wilbur stand neben Moran am Steuer und betrachtete das Bild der Coronadobucht. »Es ist ein großer Winterkurort«, erzählte er ihr. »Ich war vor zwei Jahren mit einer Gesellschaft hier. Ich finde alles unverändert. Siehst du den runden Trakt mit den vielen Fenstern, Moran? Es ist der Speisesaal. Und dort sind die Bäder, da der Spielplatz. Die Leute an der Bucht dort, schau, die Mädchen in weißen Segelkostümen! Da die Veranda – reich mir das Glas –, da steht ein Dogcart. Ist es nicht sonderbar, all dies zu sehen – nach der Magdalena-Bai und den Strandräubern?« Moran drehte das Steuerrad, ohne ein Wort darauf zu sagen, und befahl Jim, das Vorsegel loszuwerfen. Zwölftes Kapitel Neue Umgebung Die Saison im Hotel von Coronado war in diesem Winter besonders lebhaft gewesen. Eine junge Dame, welche für eine der Wochenzeitschriften von San Franzisko die gesellschaftlichen Sensationen in Tagebuchform berichtete, hatte eine vortreffliche Schilderung der pausenlosen Folge der Feste des Hotels geboten. Sie hatte auch bei der Anführung der neuangekommenen »bekannten Persönlichkeiten« mitgeteilt, daß Mr. Nat Ridgeway aus San Franzisko auf seiner feudalen Yacht »Petrel« eine fröhliche Gesellschaft der populären Größen San Franziskos mitgebracht hatte. Unter diesen erschien der Name von Miß Josie Herrich, deren Fest am Beginn der Saison noch überall besprochen wurde, in der Folge konnte man dann das Alltägliche lesen. Die »Petrel« war erst wenige Tage im Hafen und an diesem Abend gab es einen Ball, zu ihren Ehren veranstaltet. Zu Beginn desselben tanzte man einen Kotillon, bei welchem Nat Ridgeway Josie Herrick führen sollte. Am Nachmittag hatte ein Ausflug nach Tia Juana stattgefunden und Miß Herrick hatte gerade noch Zeit genug gehabt, sich für den Abend anzukleiden. Gegen halb zehn Uhr war sie mit dieser sehr wichtigen Beschäftigung, bei der ihre Mutter, ihre jüngere Schwester, die Zofe und ein Stubenmädchen des Hotels geholfen hatten, endlich fertig geworden. Bald darauf schwebte sie in den Ballsaal, eine hauchzarte Wolke von Tüll, weißer Seide und Marschall Niel-Rosen, welche man telegraphisch aus Monterey hatte kommen lassen. Eine Stunde verflog. Ridgeway gab der Kapelle ein Zeichen, um gleich nach dem Takt eines Twosteps mit Josie Herrick dahinzufliegen, die auf dem Parkett des prachtvollen, runden Ballsaales des Coronado-Hotels die schönste Tänzerin war. Der Ball war ein Bombenerfolg. Die Kadetten und jungen Offiziere des Monitors waren in Uniform erschienen. Die erlesenste Gesellschaft San Franziskos hatte sich hier zusammengefunden. Selbst Jerry Haight, der den Beginn der Saison in Oregon verbracht hatte, um da Elche zu jagen, befand sich unter den Tänzern. Ridgeway war dem Tanz mit Miß Herrick hingegeben, welche die Schar der Tänzer überblickte und nach Jerry Haight suchte. »Sehen Sie Mr. Haight irgendwo?« fragte sie Ridgeway, »ich muß ihm diesen Tanz geben. Schon bin ich ihm zwei Tänze schuldig, er würde es mir niemals verzeihen, wenn ich ihn überginge.« Jerry Haight war für einen Moment in die Hotelhalle gegangen, um auszuspannen und eine Zigarette zu rauchen; keiner fand ihn da. Doch als Miß Herrick einen der folgenden Tänze mit einem jungen Kadetten tanzte, erblickte sie Jerry. »Ach«, rief sie, »Mr. Haight, Sie haben Ihre Chance versäumt, ich suchte Sie!« Doch Jerry hörte gar nicht – ihn schien irgend etwas sehr erregt zu haben. Er ging schnell, lief fast, quer über das Parkett, sprang aufs Podium, wo eben die Kapelle gefühlvoll »La Paloma« spielte und unterbrach die Musik. »Hallo! Haight!« rief Ridgeway, der wieder getanzt hatte, »wie kannst du so diesen meinen Tanz ...« »Gib ein Signal mit der Trompete, daß Ruhe wird«, rief Jerry einen der Musiker an, ohne auf Ridgeway zu achten. Der Tanz wurde richtig abgeblasen. Alle Füße standen still, die Unterhaltung schwieg. Was mochte geschehen sein? Hatte man einen Diamantenschmuck gefunden, sollte das Essen angekündigt werden? Aber Jerry Haight machte mit seinem Arm, zwischen den Fingern immer noch die Zigarette, eine heftige Geste und rief außer Atem: »Ross Wilbur, Ross Wilbur ist in der Halle des Hotels!« Ein Augenblick tiefer Stille folgte, – dann brach ein wilder Aufruhr los. Wilbur, Ross Wilbur ist gefunden? Ross Wilbur von den Toten zurückgekehrt? Ross Wilbur, den man von Buenos Aires im Süden bis zu den Alëuten im Norden fieberhaft gesucht hatte? Ross Wilbur, das Rätsel aller Detektivbüros an der ganzen Küste, der Mittelpunkt von unzähligen Theorien, ein Name, der in den Schlagzeilen sämtlicher Zeitungen westlich des Mississippi in großen Lettern gestanden hatte, Ross Wilbur, den man letztmalig an einem Nachmittag bei einem vornehmen Tee und später in einem Klub gesehen hatte, der daraufhin aber spurlos aus der Welt verschwunden war? Keine, auch nicht die geringfügigste Spur, hatte man von ihm entdecken können. Ross Wilbur, der Ermordete, Ross Wilbur, das Opfer einer Entführerbande, der Held eines schauerlich geheimnisvollen Romans, der ungeschildert bleiben würde. Nun war er, – er da! Zurückgekehrt aus dem Geheimnis, wie vom Himmel gefallen. Er mußte nun in alle Mutmaßungen, alle Gerüchte der letzten Wintermonate Licht bringen können! »Da kommt er!« schrie Jerry und sein Blick war wie gebannt auf eine Gruppe blinkender Uniformen und goldener Tressen gerichtet, die durch den Ballraum marschierte, auf den Schultern eine unbeschreibliche Gestalt. »Hier kommt er, die Jungen tragen ihn her! Oh!« rief er der Kapelle zu, »könnt ihr nicht irgend etwas spielen? Was auch immer! Los, so gut es geht!« »Ridgeway, Nat, hierher! Ihr wißt doch, Ross Wilbur war ein Yale Mann, wir sind doch genug Yale-Leute hier, um ihn mit unserem Schlachtruf zu begrüßen!« Die Kapelle schmetterte mit voller Kraft die Nationalhymne. Jerry, der auf einem Stuhl der Plattform stand, brachte Wilbur mit einigen Freunden, die ihn umringten, ein langes, donnerndes: »Brek - kek - kek - kek -, co - ex, co - ex.« In der Halle war heller Aufruhr. Erregte junge Mädchen und Mütter, die sich auf Stühle und Tische gestellt hatten, zerrissen vor Begeisterung ihre Handschuhe, indes die Kadetten in goldbetreßtem Frack und weißen Hemden schrien und johlten und einander bekämpften, um jenem Mann die Hand zu schütteln, den zwei ältere Yale-Leute, in Erinnerung an ihre gemeinsamen Sporttriumphe, hoch auf den Schultern durch den Ballsaal trugen. Er aber, der Held, Mittelpunkt dieser Ovationen, den man nun im Triumph in diese Gesellschaft in Abendanzügen und weißem Tüll, in den Duft kostbarer Parfüms, getragen hatte, war eine unsagbar schmutzige, verwahrloste Gestalt! Sein Haar war lang, über die Augen herabhängend. Ein zerzauster Bart ließ von Mund und Kinn kaum etwas sehen. Eine chinesische Bluse und Hosen, in zerrissenen Stiefeln steckend, bekleideten ihn dürftig. Sonne und Wasser hatten in diesen sechs Monaten sein Gesicht fast bis zur Unkenntlichkeit gebräunt. An Schläfen und Wangen waren halbverheilte Wunden zu sehen. Seine Hände und Fingernägel waren schmutzig. Die Kleidung klebte von Schlamm, Öl, Pech und allem Schmutz eines verwahrlosten Schiffes. Als dann die Träger sich an ihn drängten, hundert behandschuhte Hände sich ihm entgegenstreckten, fiel aus seinem Gürtel das Messer auf das glatte Parkett, mit dem er im Kampf in der Bucht getötet hatte und auf der Scheide waren noch dunkle, grausige Flecke. An diesem Abend wurde nicht mehr getanzt. Endlich ließen sie Wilbur herunter, mit wenigen Sätzen erzählte er von seiner Zwangsheuerung, von der Magdalena-Bai, von seinem kostbaren Fund und von dem Kampf mit den Strandräubern. »Ihr fahrt doch wieder zu Schießübungen da hinunter, nicht?« wandte er sich zu Offizieren des »Monterey«, die ihn umringt hatten. »Dort findet ihr die geflüchteten Chinesen in der Bucht, sie warten auf euch, alle sind da, bis auf einen«, bemerkte er grimmig. »Wir ließen sechs Mann dort, den siebenten brauchten wir nicht dort zu lassen. Sie wollten unser Schiff kapern, aber zum Teufel, die Suppe haben wir ihnen gründlich versalzen.« »Langsam, alter Freund!« rief Nat Ridgeway dazwischen und blickte besorgt auf die Damen ringsum, »du mußt bedenken, hier ist nicht die Magdalena-Bai.« Und nun erst empfand Wilbur Enttäuschung und Bedauern, daß es wirklich so sei. Eine halbe Stunde später zog ihn Ridgeway zur Seite. »Hör, Ross, wir wollen weggehen. Du kannst hier nicht stehen bleiben und die ganze Nacht erzählen. Jerry, du und ich wollen zu mir aufs Zimmer gehen. da können wir in Ruhe reden. Ich will noch Champagner bestellen.« »Verdammt mit deinem Champagner!« meinte Wilbur, »wenn du mich gern hast, gib mir lieber einen anständigen Tabak.« Als sie aus dem Ballsaal gingen, sah er Josie Herrick. Er ließ die Kameraden stehen und trat vor sie hin. »Ach!« atemlos rief sie es, »es ist kaum auszudenken, daß Sie wieder da sind. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben! Die ganze Nacht werde ich daran denken müssen. Ich weiß nur, daß ich seliger bin, als je in meinem Leben. Ach!« sagte sie, »muß ich noch mehr sagen, wie sehr ich mich freue? Es ist zu schön, um es in Worte zu kleiden. Ich war der Mensch, mit dem Sie zuletzt gesprochen haben. Die Reporter kamen und alle ..... doch wir müssen darüber sprechen, wenn wir in Ruhe beisammen sind. Und unser Tanz? Wir kamen nie dazu! Noch habe ich Ihre Karte! Entsinnen Sie sich, die Karte, welche Sie mir bei dem Tee schrieben. Eine Faksimile davon brachten alle Zeitungen. Wenn Sie nach San Franzisko kommen, werden Sie als Held gefeiert werden. Ach, Ross Wilbur!« sagte sie, als ihr schon die Tränen in die Augen kamen, »Sie kamen wirklich zurück und freuen sich selbst, ebenso wie ich, daß Sie wieder da sind, bei mir sind!« Nachher in Ridgeways Zimmer berichtete Wilbur über seine Erlebnisse ausführlicher. Nur eines unterschlug er. Er brachte es nicht übers Herz, zu diesen Gesellschaftsmenschen von Moran zu sprechen. Er konnte sich keine Vorstellung machen, wie er sein künftiges Leben, sein Leben, das ihm wertlos erschien ohne sie, gestalten mochte. Das schob er für später auf. »Wir wollen einen anderen Ball veranstalten«, sagte Ridgeway, »in der Stadt – dir zu Ehren, Ross! Es wird das Ereignis der Saison sein!« Wilbur erwiderte voll Geringschätzung: »Mit solchen Unsinn laßt mich in Frieden!« »Ach was, stell dir vor, dir zu Ehren! Denk nur, alle Mädchen der Stadt werden da sein und du als Löwe inmitten.« »Du scheinst mich nicht zu verstehen!« rief Wilbur unruhig, »glaubst du, daß mir das wirklich Vergnügen bereiten würde? Mann, ich habe gekämpft, mit nacktem Messer gekämpft, mit einem Chinesen gerungen, der nach mir schnappte wie ein gereizter Affe, und du erzählst mir von Vergnügen, von Tanz! Euch Jungen würde es gar nicht schaden, wenn ihr auch einmal shanghaied würdet und wenn es sonst zu nichts nütze wäre, es gäbe euch zu mindestens den fehlenden Ernst. Ihr macht mich krank mit solchen Dingen, als existiere sonst nichts, als Tanz und neue Touren auszusinnen.« »Also denn, was gedenkst du zu tun?« fragte Nat Ridgeway, »wohin willst du jetzt – zurück nach jener Magdalena Bai?« »Nein, das nicht!« »Wohin denn sonst?« Wilbur schlug mit der Faust auf den Tisch. »Nach Kuba!« schrie er, »ich habe einen kleinen, aber seetüchtigen Schoner hier in der Bucht vor Anker und etwa hunderttausend Dollar an Bord! Ich habe auch eine Zeit Küstenräuber gespielt, warum soll ich nicht weiter auf Abenteuer gehen? Es mag verrückt klingen, diese Idee, aber besser ist sie gewiß, als ans Tanzen zu denken. Ich will lieber eine Expedition führen als einen Kotillon, verlaß dich drauf, Nathaniel Ridgeway.« Jerry musterte ihn aufmerksam, wie dieser Wilbur so vor ihm stand, in einer schmutzigen, scheußlich riechenden Bluse und Hose, den zerlumpten Stiefeln, einer wilden Haarmähne und dem struppigen Bart. Er gedachte jenes Wilbur mit den sorgfältig gebügelten Hosen, den seidenen Krawatten und Hemden. »Du bist ein anderer geworden, Ross!« versetzte Jerry. »Da hast du recht!« erwiderte Wilbur. »Doch ich will es wagen, dir etwas vorauszusagen!« meinte Jerry und blickte Wilbur ernst an. »Ross Wilbur, du bist durch und durch ein Stadtmensch, das sitzt dir in Fleisch und Blut. Ich gebe dir drei Jahre Zeit, bis dahin ist deine neue Ansicht verflogen. Jetzt glaubst du, den Rest deines Lebens als Abenteurer verbringen zu müssen. In nicht ganz drei Jahren wirst du deinen Schatz, wie du so sagst, oder dessen Zinsen dazu verwenden, um deine Steuern, den Schneider, die Miete für einen Kirchensitz und deine Klubbeiträge zu begleichen, du aber wirst das darstellen, was die Zeitungsschreiber »ein achtbares Mitglied der Gesellschaft« nennen.« »Hast du jemals einen Menschen getötet, Jerry?« fragte Wilbur, statt einer Antwort. »Nun denn, töte einen im ehrlichen Kampfe, und du wirst erfahren, was du fühlst, wie so etwas den Menschen ändert, und dann komm und sag mir deine Meinung!« Es war lange Mitternacht vorbei. Wilbur stand auf. »Wir wollen nach einem Boy läuten«, meinte Ridgeway, »damit du ein Zimmer bekommst. Ich kann dir morgen auch mit Kleidung aushelfen.« Wilbur sah ihn erstaunt an, dann erwiderte er: »Nein, ich muß nach dem Schoner, ich kann die Kulis nicht die ganze Nacht allein lassen.« »Du willst doch nicht sagen wollen, daß du jetzt noch, mitten in der Nacht, an Bord gehst?« »Selbstverständlich!« »Aber du kannst dich doch erkälten!« Wilbur sah Ridgeway an, entsetzt, aber dann nickte er resigniert, kratzte sich den Kopf und meinte halb laut: »Nein, es ist zwecklos, sie begreifen es nicht. Gute Nacht! Wir sehen uns morgen früh!« »Wir werden alle hinkommen und dich auf deiner Yacht besuchen!« rief Ridgeway ihm nach, doch Wilbur hörte nichts mehr. Auf einen Pfiff Wilburs holte Jim ihn mit dem Boot hinüber. Moran kam ihm entgegen, als er das Schiff betrat. »Ich nahm selbst die Wache über Nacht und ließ die Kulis schlafen gehen«, sagte sie, »wie ist es denn an Land, Maat?« »Moran, wir sind in die Welt der Nichtigkeiten zurückgekehrt«, erklärte Wilbur. »Aber am Morgen segeln wir los, damit wir in Gegenden gelangen, wo es Wirklichkeit gibt!« »Deine Nachricht ist gut, Maat! Laß uns aufs Achterdeck gehen, ich habe dir einen Vorschlag zu machen.« Moran legte ihren Arm um seine Schulter und beide begaben sich nach achtern. Länger als eine halbe Stunde legte er ihr ganz ernsthaft seine neuen Pläne vor. Als er von Kampf und Abenteuern zu sprechen begann, entflammte er sich bei dem bloßen Gedanken, seine Wangen glühten, in den Augen leuchtete es. Plötzlich aber brach er ab. »Nein, nein«, rief er aus, »du verstehst es doch nicht, Moran. Wie denn auch, du bist fremd in diesem Lande. Es wäre nichts für dich!« »Maat, Maat«, rief Moran wiederum, die Hände auf seine Schultern legend, »du selbst bist es, der nicht begreift, der mich nicht versteht. Fühlst du es nicht, siehst du's nicht? Dein Volk ist auch das meine. Ich kann nur glücklich sein, wenn du es bist! Du hattest recht, das schönste Geschenk ist jenes, welches man teilt. Deine Sorgen gehören auch mir, ebenso wie ich zu dir gehöre! Liebster! Deine Feinde sind auch die meinen, dein Kampf ist auch mein Kampf!« Sie zog seinen Kopf zu sich und küßte Wilbur. Am Morgen war von den beiden schon ein, wenn auch noch reichlich unbestimmter Plan festgelegt. Ein Ziel stand zunächst fest .... fort von hier, irgendwohin! Moran war von Natur aus nicht für die Zivilisation geschaffen, in Wilburs Blut aber war jäh der Drang nach Abenteuer und die Freude an Taten lebendig geworden. Sie beschlossen also, nach San Franzisko zu fahren, den Schatz zu verkaufen, die Versicherung flüssig zu machen, die Ausrüstung der »Bertha Millner« zu vervollständigen und wieder in See zu gehen. Sie hatten überlegt, ob es klug sei, Kap Horn in einem so kleinen Schiff zu umsegeln, aber Moran war entschieden dafür. »Ich habe den Schoner jetzt genau kennengelernt«, sagte Moran, »er ist gesund wie eine Nuß. Also nur weg von hier!« Gegen zehn Uhr morgens aber, als sie eben unter Segel gehen wollten, berührte Hoang Wilburs Arm. »Ein Dampfboot sehen, kommen, schnell!« Wirklich näherte sich eine Dampfpinasse rasch dem Schoner. Im nächsten Augenblick schon war sie längsseits. Jerry, Nat Ridgeway, Josie Herrick und eine ältere Dame, die Wilbur flüchtig als eine verheiratete Schwester Miß Herricks erkannte, befanden sich an Deck. »Wir sind gekommen, um ihre Yacht zu bewundern!« rief Miß Herrick Wilbur an, als die Pinasse gegen den Rumpf des Schoners anlief. »Können wir an Bord kommen?« Wilbur blickte sie groß an. »Du mein Gott!« brachte er hervor. »Ja, kommt doch!« Die Gesellschaft betrat das Deck. »0 Gott!« erschrak Josie Herrick und blieb wie gebannt stehen. Das Deck, die Masten, Reling des Schoners starrten vor Schmutz, die Segel waren grau, ein scheußlicher Gestank von Öl und Teer, Opium, chinesischem Feuerschwamm und getrockneten Fischen schlug den Gästen entgegen. Inmitten des Decks standen Hoang und Jim, entblößt bis zum Gurt, die Zöpfe um den Hals geschlungen. Die Chinesen machten gerade das Boot fest, einander chinesische Ausrufe wie Bälle zuwerfend. Die Schwester Miß Herricks war nicht mit an Bord gekommen. Die drei Besucher, Jerry, Ridgeway und Josie drängten sich nervös aneinander, als ob sie Angst hätten, ihre tadellose weiße Kleidung an dem dreckigen Schoner zu verunreinigen. Sie leuchteten aus dieser Umgebung hervor. »0 Gott!« wiederholte Josie vor Grauen mit halbgeschlossenen Augen, »was mögen sie alle durchgemacht haben! Ich war der Meinung, Sie hätten eine Art Yacht. Ich war ahnungslos, daß mich hier dieser Anblick erwarte.« Noch als sie sprach, trat Moran hinter dem Vorsegel hervor und ging auf die Gruppe zu. Überrascht hielt sie an, die Daumen im Gürtel festgehakt. Sie trug noch immer Männerkleidung und hohe Stiefel. Das derbe, blaue Hemd war am Halse geöffnet, die Ärmel halb hochgerollt. Im Gürtel stak das skandinavische Dolchmesser. Wie gewöhnlich war sie ohne Hut, die schweren Zöpfe ihres kornblonden Haares fielen ihr über Schultern und Brust bis unter den Gürtel. Miß Herrick zuckte erschreckt zusammen und Moran sah fragend zu Wilbur hin. Dieser nahm all seinen Mut zusammen. »Miß Herrick«, sprach er, »dies ist Moran – Moran Sternersen.« Moran trat ein wenig vor, streckte ihre Hand hin. Josie, noch immer erschrocken, legte ihre schmalen Finger in die große Hand und sah ängstlich in Morans Gesicht. »Ich freue mich«, meinte Josie schwach, fast ohne Atem, »ich freue mich, Miß Sternersen kennen zu lernen.« Es brauchte allerhand Zeit, bis dieses Bild aus Wilburs Geiste schwand. Josie Herrick, schmächtig, weiß gekleidet – und Moran, Tochter der Wikinger, gegürtet, in Stiefeln, Josie Herrick hoch überragend und die zierliche Hand in ihrer großen Faust einschließend. Dreizehntes Kapitel Moran Sternersen Wieder San Franziskol Zwei Tage lang hatte die »Bertha Miliner« bei ihrer Fahrt entlang der Küste gegen heftigen Nordwind und hohe See angekämpft. Die Wärme, die Ruhe, – die einschläfernde Stille der Magdalena-Bai, über welcher das goldene Auge eines tropischen Himmels strahlte, die helle Bai mit ihren Luftspiegelungen am Morgen und ihrem prachtvollen Sonnenuntergang, dem wunderbaren Geheimnis der purpurnen Nacht mit den funkelnden Sternen und dem leuchtenden Mond – war nun vom brüllenden Sturm abgelöst worden, der große Brecher gegen die Küste hetzte. Eine Unmenge grauer Seen schwemmte am Schoner entlang, brach sich auch zuweilen, das Schiff mit weißem Gischt umrauschend, das Deck mit gewaltigen Spritzern übersprühend. Es war sehr kalt geworden, stellenweise lagerte dicker Nebel über dem Wasser. Im Osten wanderte eine kahle Bergkette allmählich gegen Süden, man passierte Leuchttürme, am westlichen Horizont kündeten Rauchfahnen die Wege der großen Dampfer, hin und wieder begegneten sie einem riesigen Kap Horner, einem großen Viermaster, der, alle Segel aufgesetzt, ruhig und hoheitsvoll durch die Wellen, die den Schoner tanzen ließen, glitt. Endlich tauchten im Norden die Farallonen auf, dann kamen sie an der Signaltonne vorbei, an den Seal Rocks und Point Reyes, bis es schließlich durch das »Goldene Tor« nach Lime Point ging. Am Mittag eines dieser grauen, stürmischen Tage, bei heftigem Wind und kalten Regenschauern, ging die »Bertha Millner« in der San-Franzisko-Bai, wenige hundert Meter von der Rettungsstation entfernt, vor Anker. Seit ihrer Ausfahrt waren genau fünf Monate vergangen. Vom Ankerplatz zur Stadt und zum Hafen waren noch drei bis vier Seemeilen. Aber Moran scheute eine nähere Berührung mit der Zivilisation und Wilbur wollte zumindest noch für einen Tag die Aufregung hinausschieben, die die Heimkehr der »Bertha Millner« bestimmt auslösen würde. Zudem dachte er an die hunderttausend Dollar, die sich auf dem kleinen Schiff befanden. Bevor sie nicht sicher gelandet und unter Dach waren, fand er es nicht erstrebenswert, daß ihre Anwesenheit im Hafen bekannt würde. So viele Tage und Wochen hatte Wilbur Sehnsucht nach seiner Rückkehr gehabt. Er hatte sich im Geiste schon in seinen alten Lokalen, in seinem Klub, in den Häusern in der Pazifik-Avenue, wo er oft verkehrte, gesehen. Als aber die Ankerkette der »Bertha Millner« nun herunterrasselte, wandelte sich sein Gefühl auf einmal wieder. Der neue Mensch, der so jäh in ihm zum Leben erwacht war, Wilbur, der Maat auf der »Bertha Millner«, der Moran gehörte, glaubte nunmehr, daß ihm das Leben in der Stadt nichts mehr bieten könne. Ihn zog es mit mächtiger Sehnsucht nach dem schwankenden Deck des Schoners, nach den gewaltigen Stürmen, dem unendlichen Ozean und dem weiten Horizont, der ewig vor dem folgenden Bug des Schiffes zurückwich So sagte er sich's und glaubte auch daran. Was sollte ihm die Stadt an Freuden, an Vergnügungen bieten? Er hatte das geregelte, bürgerliche Dasein über Bord geworfen. Er hatte nun das romantische Leben kennengelernt und große, schlichte, aber echte Gefühle erlebt, er hatte mit Piraten gekämpft, und gesehen, wie starke, zügellose Leidenschaft aufloderte, er konnte empfinden, wie der Tod gleich einem kalten Lufthauch an ihm vorbeistrich. Sein früheres Leben, das Leben in der Stadt, bot ihm keinen Anreiz mehr. Wilbur hatte die feste Überzeugung, daß er bis in den tiefsten Grund seiner Seele völlig verändert war. Er glaubte, daß er gleich Moran ein Seemann sein werde und den Rest seines Lebens zusammen mit ihr auf dem kleinen, treuen Schoner verbringen würde. Die ganze Welt würde ihnen gehören, die Länder und die Meere, niemand konnte ihnen befehlen. Wenn sie nur erst wieder draußen wären! Alle die Städte mit ihren nichtigen Dingen mußten weit hinter ihnen bleiben! Sie würden beide wieder allein, allein inmitten der großen Welt der Romantik sein. Eine Stunde nach Ihrer Ankunft bei der Hafenstation sagte Moran tu Wilbur als Hoang und die Chinesen die Segel einrollten und das Boot hinausließen: »Es ist gut, daß wir schon da sind, das Glas fällt schnell, der Wind frischt von Westen her auf, es gibt Sturm, bald wird das Wasser ausfluten, wir wären niemals gegen Strom und Wind gelandet.« »Moran, ich geh' an Land«, sagte Wilbur, »dort zur Station, die haben gewiß ein Telephon, da, sieh die Drähte! Ich bin außerstande, etwas zu unternehmen, ehe ich nicht neue Kleider habe. Was glaubst du, was man mit mir tun würde, wenn ich in Kearney Street in so einem Aufzüge erscheinen würde. Ich will Langley \& Michaels anrufen, es ist die Großhandlung für Drogen hier, damit sie einen Vertreter herschicken, der mit uns über den Ankauf des Ambra verhandeln kann. Wir müssen den Kulis noch das versprochene Geld auszahlen. Sobald wir dann unser Geld haben, können wir an die Ausrüstung unserer ›Bertha Miliner‹ gehen.« Moran wollte ihn nicht in die Rettungsstation begleiten, sie hatte eine Abneigung gegen Häuser mit Dächern, sie fühlte sich schon beim Anblick des noch entfernten San Franzisko wenig behaglich, die vielen Straßen und Häuser, selbst der vom Lande umschlossene Hafen war ihr zuwider. Als Wilbur ihr das Palasthotel gezeigt hatte, das in der Ferne als großer, grauer Block schattete, hoch über die anderen Dächer ragend, hatte sie einen leisen Fluch hören lassen. »Da können Menschen leben? Gott im Himmel! Warum nicht gleich in Kaninchenlöchern? Maat, wann können wir wieder in See gehen? Ich hasse diese Stadt!« Wilbur fand den Kapitän der Station gerade beim Essen, es gab Rindfleisch mit Kohl. Der Mann war groß und stark, dem Äußeren nach glich er eher einem Soldaten, denn einem Seemann. Er hatte den Schoner bereits durch sein Fenster erblickt und auch erkannt. Sogleich fragte er nach Kapitän Kitchell. Wilbur berichtete von seiner Fahrt, soviel er für nötig hielt, doch entnahm er aus den Worten des Kapitäns, daß seine Rückkehr bereits von Coronado aus depeschiert worden war: somit war es ausgeschlossen, der allgemeinen Neugierde zu entgehen. Hodgson, so hieß der Kapitän, hieß Wilbur herzlich willkommen, er bestand darauf, daß er mit ihm speise, und nach dem Mahle rief er selbst Longley \& Michaels an. Hodgson gab ihm auch Aufklärung über das Rätsel des Hebens und Fallens des Schoners und das ebenso mysteriöse Zerschellen der Dschonke. Wilbur war wohl von dieser Deutung Hodgsons wenig befriedigt, aber es war die einzige, die er jemals hören sollte. Als Hodgson die Vorkommnisse beschrieben bekam, nickte er bloß mit dem Kopfe. »Schwefelgründlinge.« »Schwefelgründlinge?« fragte Wilbur erstaunt. »Ja, es ist dies eine Walgattung, auf deren Rücken sich Muscheln und Seeläuse festsetzen, dann kommen die Wale hoch und wetzen sich an dem Kiel des Schiffes, wie ein Schwein unter dem Gatter.« Wilbur hatte nun seine Geschäfte erledigt und wandte sich zum Gehen, um zum Schoner zurückzukehren. Da meinte Hodgson ganz unvermittelt zu ihm: »Ich habe gehört, daß Sie ein schönes Mädchen an Bord haben. Wie kamen Sie denn nur dazu?« Und er zwinkerte lächelnd. Wilbur erschrak aufs tiefste, als hätte ihn ein Schlag getroffen ... er stürmte davon. Jetzt machten ihn die Worte des Mannes nachdenklich. Dort oben in der Magdalena-Bai hatte Moran ihre Rolle in der Welt, doch hier ... was sollte er seinen Bekannten zur Aufklärung sagen? Sein Verhalten mußte von den Freunden im Klub, von den Frauen, deren Gast er wieder sein würde, seltsam angesehen werden. Keiner würde die Verwandlung begreifen können, die mit ihm erfolgt war. Kannte doch niemand Moran, die wilde Walküre, die urplötzlich ein irdisches Weib geworden war ... Bei größter Eile war nicht damit zu rechnen, daß der Schoner vor vierzehn Tagen in See gehen könnte. Wenn er auch diese Zeit über nur an Bord wohnen sollte, die Vorbereitungen für die Fahrt mußten ihn oft in die Stadt führen. Er vermochte Moran nicht zu verheimlichen. In der Tat wußte schon alle Welt um ihre Anwesenheit. Von einem anderen Standpunkt gesehen, konnte er die Ansicht Morans voll verstehen, ihr mußte es ganz selbstverständlich erscheinen, daß sie beide – sie liebten sich doch – weitersegelten, um ihr Leben auf See zu verbringen, wie sie und ihr Vater es bisher getan hatten. Wie alle Männer mußte er gehen, wenn er nachdenken wollte ... Wilbur sandte das Boot zum Schoner zurück, mit einer Botschaft für Moran, daß er einen Gang um die Bucht vorhabe und in ein bis zwei Stunden zurück zu sein gedenke. Er wanderte dann in die Richtung nach Fort Mason, der alten Befestigung aus roten Steinen, die in einer verlassenen Gegend an der Einfahrt des »Goldenen Tores« gelegen ist. Er folgte dem Verlauf der Küste, um zu dem alten Fort zu gelangen. Dort aber, an der Schwelle der westlichen Welt, dem Vorposten der Zivilisation, setzte er sich auf das zerfallene Gemäuer der Feste und ließ, Bild um Bild, die Begebenheiten der letzten sechs Monate an sich vorüberziehen. Vor ihm flutete der enge Strom des »Goldenen Tores«, rechts von ihm lagen Bucht und Stadt, zur Linken aber weitete sich der Pazifik. Er sah sich im Gesellschaftsanzug an Deck des Schoners kommen, kurz danach am Ankerspill, als die »Petrel« vorbeirauschte, ohne daß er die Lippen hätte bewegen können. Dann aber jagten sich die Ereignisse: Das Wrack der »Lady Letty«, bis zur Reling überhängend, gänzlich verlassen; der vermeintliche Junge am Steuerrad, Kitchell – als er den Schreibtisch in der Kajüte erbrach, dann die Bestattung Kapitän Sternersens auf hoher See, seine falschen Zähne, umgedreht im Munde; die schauerliche Sturmböe, und Moran am Steuer. Dieselbe Moran, später in voller Länge auf dem Deck liegend, wie sie die Höhe eines Sternes maß. Oben dann die Magdalena-Bai, der Haifischfang, das geheimnisvolle Zittern und Heben des Schoners; die Dschonke der Strandräuber, bemalt mit roten, starrenden Augen, Hoang, bis zum Gürtel nackt, glänzend vorn Schweiß und Walfischöl, das Ambra; des sinkenden Schoners Fahrt zur Bucht, die unvergleichliche Nacht, als er und Moran an der Küste geschlafen hatten; die Gefangennahme Hoangs, die entsetzliche Feile zwischen seinen Zähnen, die Strandräuber, wortlos und wachsam hinter ihrem Sandwall, der Chinese, den sein, Wilburs Messer zu seinen Füßen hingestreckt hatte; Moran, wie ein Berserker aus Staub und Kampfgetümmel auf ihn losstürmend; Charlies Tod an Bord des Schoners, die Bestellung seines eigenen Begräbnisses mit den »vier« Pferden; endlich Coronado, der Empfang im Ballsaal, Josie Herrick in weißer Robe, als sie Moran ihre Hand entgegenstreckte, Moran, wie stets, in langen Stiefeln, gegürtet und ohne Hut, die Ärmel hochgerollt, die weißen, kräftigen Arme frei, ihr frisches, rotes Gesicht, ihre hellen blauen Augen prüfend auf Josie gerichtet, die schweren Zöpfe, golden wie reifes Korn, über Schulter und Brust hängend. Eine kalte Böe aus dem Westen riß Wilbur schnell aus seinen Gedanken und ließ ihn aufblicken. Der graue Himmel hatte den Anschein, als eile er dahin, dicht über ihm. Die Bucht, der enge Kanal des »Goldenen Tores« und der weite Ozean schimmerten weiß von unzähligen Schaumkronen. Zu Wilburs Füßen dröhnten die gewaltigen grünen Grundseen im Ansturm gegen die granitenen Grundmauern der Feste. Die Bai schien durch das »Goldene Tor« in den unendlichen Ozean hinauszuströmen. Eine aufgescheuchte Möwe schoß vorbei und kämpfte mit den Böen, die sie hinaus aufs Meer wirbeln wollten. Gleich mußte der Sturm hereinbrechen. Wilbur erhob sich und .... sah, er wollte seinen Augen nicht trauen – die »Bertha Millner«, nicht weit von hier entfernt, ledig und frei wie ein Rennpferd, direkt auf die offene See zu treiben, hinausrauschen mit der verdoppelten Gewalt von Sturm und Strom. Vierzehntes Kapitel Der Ozean ruft Wenige Zeit, nachdem Wilbur zur Station gefahren war, erschien Jim an der Tür der Kajüte, eben als Moran am Tische die letzten Eintragungen in das Logbuch machte. »Was gibt's?« fragte sie aufblickend. »Chinaboy wollen gehen an Land, gehen Chinatown!« »Also Landurlaub, nicht?« forschte Moran, »ihr seid schon einmal verschwunden, ohne »Auf Wiedersehen!« zu sagen, ich will meine Hand ins Feuer legen, daß ihr diesmal mit einem Opiumrausch wiederkommt. Seht zu, daß ihr fortkommt! Wir werden in wenigen Tagen hier andere Leute an Bord haben.« »Gehen können?« fragte Jim unsicher? »Ja, melde unsere Ankunft an, bei den »Sechs Kompanien!« Hoang ruderte Jim und die Kulis an Land, kehrte aber dann mit dem Boot zum Schoner zurück und befestigte es am Heck. Als er dann am Weg nach vorne an der Kajütentüre vorbeikam, rief Moran ihn an. »Ich dachte, auch du bist mit an Land gegangen?« »Viel Furcht«, gab er zur Antwort, »andere Boys gehen Chinatown, erzählen Sam Jup, diese mich töten. Nicht wollen Schiff verlassen, zwei, drei Tage, dann vielleicht. Oregon gehen. Bleiben auf Schiff, ihr brauchen Koch, ich sehr gut kochen. Wache halten auch für euch!« Seit sie von Coronado weg waren, hatte sich der gezähmte Strandräuber tatsächlich auf dem Schoner nützlich zu machen gewußt. Er war die Unterwürfigkeit selbst und schien das Bestreben zu haben, sich Morans und Wilburs Zuneigung zu erringen. Er verstand das Englisch der Chinesen besser als Jim und sprach es sogar fließender als Charlie es einst konnte. Hoang hatte nun zwischen Wilbur und den Chinesen den Dolmetscher gespielt, hatte auch in der Küche gearbeitet und sich Wilbur von selbst angeboten, das Schiff oberhalb der Wasserlinie zu streichen. Moran wandte ihr Augenmerk wieder ihrem Logbuch zu, Hoang aber ging nach vorn. Während er auf dem Vorderdeck stand, beobachtete er, wie die Chinesen der »Bertha Millner« hinter einem Kiefernwäldchen verschwanden, um ihren Weg zur Stadt einzuschlagen. Wilbur war nirgends zu sehen. Hoang tat, als schösse er ein langes Tau auf, in der Tat beobachtete er aufmerksam die Station. Diese war außer Rufweite. Kein Mensch weit und breit zu sehen. Die lange Küste wie das Hinterland waren einsam und leer, die Stadt in weiter Ferne. Hoang kletterte ins Vorschiff und griff unter seine Koje. »Was gibt es denn?« fragte Moran, als der Räuber ihre Kajüte betrat und die Tür hinter sich schloß. Hoang blieb die Antwort schuldig, doch im selben Augenblick hätte sich diese auch erübrigt. Moran wußte nun ganz genau, warum er da vor ihr stand. »Mein Gott!« rief sie und sprang auf, »warum haben wir daran nicht gedacht?« Aus Hoangs Ärmel glitt ein Messer in seine Hand. Einen Atemzug lang erwachten in Moran alte Kräfte, ihr wilder Stolz und Zorn bäumten sich nochmals auf, um dann für immer in sich zusammenzusinken. Sie war längst nicht mehr die Moran, wie in dem ersten Kampf an Bord der »Bertha Millner«, als eben derselbe Räuber ihr den Schatz abgezwungen hatte. Vor zwei Tagen noch hätte sie keine Minute gezögert oder Erbarmen empfunden, sondern mit Hoang gerungen, sie würde einfach ein Tischbein ausgebrochen haben, um es ihm über den Schädel zu schlagen. Aber sie hatte seither fühlen gelernt, was es bedeutet, unfrei zu sein, sich unter den Schutz eines anderen zu begeben, der mehr Kraft besaß als sie, sie war sich ihrer Schwäche bewußt geworden, nun wußte sie, daß sie ein Weib war und hatte es mit Stolz empfunden. Sie kämpfte nicht, es kam ihr nicht einmal der Gedanke, zu kämpfen. Unwillkürlich schrie sie: »Maat – Maat! Ach, Maat, wo bist du denn? Hilf mir!« Unter Hoangs Messer erstickte der Notschrei in ihrer Kehle. Der »Schatz« lag in einem messingbeschlagenen Kasten unter einer der Kojen in der Kajüte, wohlverwahrt in zwei Säcken. Hoang zog diese hervor, band sie zusammen, schwang sie über die Schulter und begab sich an Deck. Er betrachtete aufmerksam den düsteren Himmel und die hochgehenden Wellen, prüfte Wind und Strom, um dann wieder nach vorne zu gehen, wo er die Ankerkette von der Winde löste, so daß sich der Schoner beim ersten heftigen Zuge unabwendbar losreißen mußte. Das Boot hing indes immer noch am Heck an der Belegleine. Hoang ließ die Säcke ins Boot fallen, schwang sich über Reling und ruderte gelassen zum Bollwerk der Station. Den ursprünglichen Gedanken, mit dem Schoner in See zu gehen, hatte er sofort aufgegeben. Nun war Chinatown sein Ziel, dort, im Schutze seiner Landsleute, glaubte er sich sicher. Kannte er doch die Verstecke, die von der See-Yup-Association für ihre Mitglieder bereitgehalten wurden, es waren Höhlen, von deren Bestehen selbst die »Polizei der weißen Teufel« keine Ahnung hatte. Unbehindert, unbeachtet vollzog sich seine Fahrt zur Station. Er war doch bloß ein Kuli, der ein paar Säcke auf der Schulter trug. Zwei Stunden später war Hoang im Chinesenviertel von San Franzisko untergetaucht. Wilbur war beim Anblick des ins Meer hinausstürmenden Schoners zunächst wie vom Blitz getroffen dagestanden. Was war geschehen? Wo war Moran? Da fuhr in ihm jäh eine dunkle, grauenvolle Ahnung hoch. Plötzlich vernahm er Pferdegetrappel auf der Straße, die zur Feste führte. Hongson war gekommen, er sprang von einem seiner Pferde, die sonst zum Einholen des Rettungsbootes dienten, er kam barhäuptig, außer Atem auf Wilbur zu. »Um Gottes willen«, rief er, »Ihr Schoner, sehen Sie hin! Das Schiff hat sich losgerissen, nachdem ich weggelaufen war, um Ihnen zu sagen – – zu sagen – – das Mädchen an Bord – – es war entsetzlich!« »Ist sie geborgen?« schrie Wilbur auf, brüllte, denn der Sturm wuchs mit jeder Sekunde an. »In Sicherheit? Nein, tot ist sie – – irgend wer, ich glaube, einer der Kulis – – hat sie erdolcht! Ich kam hin, um Sie zum Essen einzuladen ...!« »Getötet? Erdolcht? Wer? Ich kann's nicht glauben, nein?« »Geduld, also um euch beide zum Abendessen herüberzuholen, da fand ich sie am Boden der Kajüte. Sie atmete noch! Ich trug das Mädchen an Deck, dort, dort verschied sie. Nun aber stürzte ich hierher, um Ihnen Nachricht zu geben und ...« »Barmherziger Gott! Wer hat sie getötet? Wo ist Moran? Nein – – – es kann nicht wahr sein! Woher wissen Sie es? Moran – – – getötet!« Der Schoner riß sich los, kurz nachdem ich ihn verlassen hatte. »Moran getötet! Aber, nein, sie ist doch nicht tot, wir wollen uns überzeugen ...« »Doch, sie starb an Deck, ich selbst brachte sie hinauf und legte sie ...« »Wieso wissen Sie, daß sie wirklich tot ist? Wo ist sie? Kommen Sie, wir wollen zu ihr – – – zur Station!« »Sie ist doch an Bord – da draußen!« »Wo –, wo ist Moran? Mein Gott, Mann, sag mir, wo sie ist!« »Da draußen an Deck des Schiffes. Ich trug sie hinauf, ich ließ sie auf dem Schoner, einen Messerstich hatte sie durch den Hals, dann kam ich zu Ihnen. Während ich unterwegs zu Ihnen war, riß sich der Schoner los, da treibt er hin auf dem Meer.« »Wo ist sie, wo ist Moran?« »Das Mädchen, auf dem Schoner ist sie, der da auf hoher See treibt!« Wilbur preßte beide Hände an die Schläfen und schloß die Augen. »Jetzt muß ich zurück!« rief Hodgson, »wir wollen das Rettungsboot holen und nachfahren, wir werden ihre Leiche bergen.« »Nein, nein!« rief Wilbur, »es ist besser so! Laß sie, lassen wir sie, sie fährt hinaus in den Ozean, wieder in ihre See!« »Aber der Schoner hält sich bei diesem Sturm keine zwei Stunden, er wird sinken!« »Laß sein, es ist besser so, laß sie! Ich will es so!« »Ich kann nun wirklich nicht länger bleiben! Es geht nicht!« erklärte Hodgson. »Der Sturm steigt auf. ich muß zur Station, meine Pflicht ...!« Wilbur sagte nichts mehr, er sah nur nach dem Schoner. »Ich muß gehen«, rief der andere nochmals, »wenn die Wache Signal gibt, ich muß zu meinem Dienst. Kommen Sie mit? Sie können ja doch nichts mehr ändern!« »Nein!« »Also, jetzt muß ich weg!« Hodgson lief weg, schwang sich aufs Pferd und ritt in rasendem Galopp dahin, den Kopf unter den Böen geduckt. Inmitten der sprühenden Wellen und des weißen Schaumes, in spritzenden Gischt gehüllt, kam die »Bertha Millner« in die enge Straße des »Goldenen Tores«. Der Wind sang in der Takelage, die Wasser schäumten vorn am Bug, die Flagge knatterte im Sturm. Der Schoner stieß mit der Strömung hinaus. Gemeinsam mit den Wellen strebte er dem Ozean zu, der da draußen unter den hängenden Wolken nach ihm schrie. Wilbur erklomm die Höhe des alten Forts. Er stand nun hochaufgerichtet auf den Granitblöcken, blickte hinüber und wartete. Nicht ein einziges Mal hielt die »Bertha Millner« bei ihrer Todesfahrt an. Wie ein losgerissenes Rennpferd, das Zaum und Zügel abgeworfen hat, stürmte sie dem Ozean wie einer Weide zu. Immer näher kam sie, tanzend mit den Wellen, den Bugspriet wie einen Finger nach dem Meere gerichtet, nach Westen – in eine Welt der Romantik, der Abenteuer. Schließlich, als das Schiff gegenüber dem alten Fort, kaum hundert Meter entfernt, vorbeizog, sah Wilbur Moran mit ausgebreiteten Armen und ruhigem Gesicht auf dem Deck des verlassenen, fliehenden Schiffes liegen, wie auf einer Bahre, still und stumm, die goldenen Zöpfe über der Brust. Nun war sie allein mit der See, einsam im Tode, wie sie es im Leben gewesen war! Moran ging aus Wilburs Leben, wie sie gekommen war, allein, auf treibendem Schiffe, des Meeres Beute. Da zog sie hin mit dem Strom, dahin mit dem Sturm, weit, ewig weit hinaus auf den riesigen, grauen Ozean, der sie verstand und liebte und nun nach ihr schrie, der jubelnd dröhnte, da sie nun zu ihm kam, wie die Braut zum Bräutigam. »Fahr wohl, Moran!« rief Wilbur, als sie vorbeifuhr, »fahr wohl! Fahr wohl! Moran! Du warst nicht für mich – nein, nicht für mich! Der Ozean ruft dich, Liebste, hörst du ihn? Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« Der Schoner zog vorbei wie in einer wilden Jagd, schoß wie ein Pfeil durch den strudelnden Strom des »Goldenen Tores« und tauchte, neigte sich vor dem Pazifik, der ihm lockend seine Finger entgegenstreckte. Diese umkrallten ihn, packten fest zu und zogen das Schiff jäh hinaus an die große, wogende Brust, die voll gewaltiger Freude stürmte und wallte, im wilden Frohlocken des Besitzens. Wilbur blickte ihm nach. Der Schoner wurde in der Ferne immer kleiner, ward zum Schatten, der auf der großen, grenzenlosen Wasserwüste dahinzog. Immer schemenhafter wurde die »Bertha Millner«, schwand, erschien, hob sich empor, kaum mehr als ein Punkt am westlichen Himmel, ein Pünktlein, das schwand und blaßte, um endlich langsam eins zu werden mit dem Grau des Horizontes.