Johann Nestroy Frühere Verhältnisse Posse mit Gesang in einem Akt Erstaufführung am 7. Januar 1862 Personenverzeichnis: Herr von Scheitermann , Holzhändler Josephine , dessen Frau Anton Muffl , Hausknecht Peppi Amsel , Köchin   Ort der Handlung: eine große Stadt Elegantes Zimmer im Hause des Holzhändlers mit Mittel- und Seitentüren Erste Szene Scheitermann. Josephine. (Scheitermann tritt in einem eleganten Schlafrock aus der Seitentüre rechts, Josephine, ebenfalls im eleganten Negligé, folgt ihm.) Scheitermann . Aber, liebste Gemahlin, Herzensweiberl, ich kann nix davor! Josephine . Keine Entschuldigung! Ich hab' es nur dir zu verdanken, wenn ich am Ende ohne Dienstboten bin. Vorgestern hast du den Hausknecht fortgejagt – Scheitermann . Weil ich eine Eigenschaft an ihm entdeckt hab': er war Zigarrendieb. Josephine . Wegen ein paar elende Zigarren! Scheitermann . Erlaub' du mir, Engel, meine Zigarren kosten 's Hundert fünfundzwanz'g Gulden, sind also nicht elend, und 's Elend besteht nur darin, daß die guten so teuer sind. Hätt'st du die Sali nicht weggegeben, wären wir in keiner Verlegenheit. Aber da war keine Ruh' – fort hat s' müssen, die Sali, und warum? – Weil – Josephine . Weil du ihr die Wangen gestreichelt hast. Scheitermann . Ich? Da wirst du dich irren. Josephine . Ich hab' es selbst gesehn. Scheitermann . Wie doch die Frauen immer nach dem Schein urteilen! Willenlose Handbewegung, unabsichtlicher Dienstbot', zufällige Durchkreuzung der Handbewegungslinie durch die übers Zimmer schusselnde Dienstbotenwange – da muß man nicht gleich eine Intention drin suchen wollen. Josephine . O, deine Freundlichkeiten kennt man schon. Scheitermann . Ich habe nie eine bevorzugt, ich bin mit alle Dienstboten gleich, (beiseite) wenn s' sauber sind. Josephine . Hast du schon Kommission gegeben? Scheitermann . Freilich, Engel, die Kräutlerin wird uns eine schicken. Josephine . Wie ordinär! »Kräutlerin!« – Man bezieht die Domestiken jetzt aus anständigerer Quelle, man schickt ins Dienstvermittlungs-Comptoir. Scheitermann . Und glaubst du, daß die aus 'n Comptoir besser sind? Möglich; wir haben aber von der Kräutlerin schon recht gute Dienstboten g'habt; so a Kräutlerin – Josephine . Schon wieder! Mann, gewöhne dir endlich diese gemeine Redeweise ab! Was würde mein seliger Vater, der verstorbene Professor, sagen, wenn er von dort aus hören könnte, was er für einen ordinären Schwiegersohn hat! Scheitermann . Ich weiß nicht, Engel, aber ich find', daß du heut' recht ein z'widerer Engel bist. Josephine . Schweig! Du weißt, daß ich als Tochter aus einem guten Hause an Bedienung gewöhnt bin; wenn ich nicht in einer halben Stunde ein Dienstmädchen habe, so verlasse ich dein Haus und ziehe zu meiner Tante. – O, mein Vater Professor, warum mußtest du so früh sterben! Scheitermann . Manchmal red'st, Engel, als ob ich ihn um'bracht hätt'; von mir aus könnt' er noch lang Professor sein. Josephine . Jetzt zögre nicht, in einer halben Stunde längstens muß die Person da sein! Merk' dir das! (Geht durch die Seitentüre links ab.) Zweite Szene Scheitermann (allein) . Scheitermann . Prächtige Frau, saubere Frau, junge Frau, superbe Frau – aber mir g'schieht doch leichter, wann s' aus 'n Zimmer geht. Nicht etwan, als ob ich keine Inklination zu ihr hätt', o nein! Konträr! Sie hat nur einen für mich schrecklichen Fehler – sie is aus ein' guten Haus. Das geniert mich, das beengt mich, ich stich ab gegen sie. O, es ist etwas Unangenehmes, wenn man mehr in der Niedrigkeit is und man muß immer emporblicken zu der Stufe, auf der die Frau steht. Es tut ei'm moralisch das G'nack weh. Wenn sie erst wüßt', die überbildete Professorstochter, daß meine Eltern Schuster waren, daß ich selbst – (sich erschrocken umsehend) o Gott, wann's wer höret! – Hausknecht gewesen bin! Das sind die früheren Verhältnisse, und 's Fatalste bei die früheren Verhältnisse is, daß sie oft später aufkommen tun. Es wäre gräßlich! Jetzt werd' ich mich anziehn und unterwegs ein Glas Wein trinken – da vergiß ich's noch am leichtesten, daß ich a Frau aus ein' guten Haus hab'. (Geht durch die Seitentüre rechts ab.) Dritte Szene Peppi (allein) . Peppi (tritt während dem Ritornell des folgenden Liedes zur Mitteltüre ein; sie ist in sehr moderner, aber bereits abgetragener Toilette) . Lied 1.         Theater! O Theater, du     Der Kunst geweihter Tempel! Raubst viel Geschöpfen Herzensruh' –     Ich bin so ein Exempel. Als Köchin lebt' ich ungetrübt,     Da konnt' ich lachen, scherzen, Die Herrn war'n alle in mich verliebt,     Sonst hatt' ich keine Schmerzen. Nur eins hat manchmal mich gequält:     Sehnsucht nach der Theaterwelt! 2. Ich tat den Schritt – doch welch Gewinn!     Man zahlte keine Gage, Auch blühte meinem Liebessinn     Manch kränkende Blamage. Liebhab'r und Helden war'n mir hold,     Es sagte jed'r: »Ich schwöre Dir Treu', und Treue zwar wie Gold« –     Doch 's Gold ist nur Chimäre. So hat in Liebe und in Geld     Getäuscht mich die Theaterwelt. (Nach dem Liede.) Es ist ein ungeheurer Sprung von den Kehlheimer-Platten, wo der Maschin'-Herd steht, bis auf die Bretter, wo die Lorbeerkränze blühn; ich hab' ihn riskiert, um mich aufs höhere Drama zu werfen. Die »Jungfrau von Orleans« war meine erste höchst gewagte Leistung; der Erfolg war täuschend glänzend. Ich hab' dann allerseelentäglich dem Müller sein Kind gehustet und schmeichle mir, daß dieses hektisch aufgeschossene Kind noch von keiner so gehustet wurde. Ich habe als »Grille« Schatten geworfen, ich bin überzeugt, so einen Schatten bringt die Goßmann nicht zustande. Was hab' ich gehabt davon: Gagen zahlen war bei diesen Direktionen nicht üblich, und wegen mir konnte man nicht abgehen von diesem Grundprinzip. Es kommt weniger darauf an, was man leistet, als vielmehr darauf, wo man es leistet. Ich hab' es leider nie zu einer guten Bühne bringen können. Eine gute Bühne ist nämlich die, wo in jeder Loge ein Millionär und auf jedem Fauteuil ein Kapitalist sitzt; da hat man doch Hoffnung, die sich dann und wann zur Möglichkeit, manchmal sogar bis zur Aussicht steigert. Aber bloß auf Lorbeer reduziert sein, das kann einer eh'maligen Köchin, die den praktischen Wert der Lorbeerblätter nur als einen das Kuttlkraut kaum überragenden kennt, unmöglich genügen. Nein, ich kehre wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens, zu meinen früheren Verhältnissen zurück. Meine Fräul'n, die Professorstochter, die mich, so oft sie ihr Herz verschenkte, folglich unzähligemal, mit ihrem Vertrauen beehrt hat, ist im Laufe der Jahre eine junge Frau geworden – soll sie sich deswegen das Herz abgewöhnt haben? Eine Ahnung sagt mir, bei ihr kann ich wieder ein glücklicher Dienstbot' werd'n. Man kommt – sie ist's. Vierte Szene Josephine. Die Vorige. Josephine (aus der Seitentür links kommend) . Wer ist denn da –? (Peppi erblickend, für sich.) Ah – eine Dame! (Laut.) Zu wem wünschen Sie? Peppi (beiseite) . Sie kennt mich nicht – meine Toilette is zu fräul'nhaft. (Zu Josephine, ihr nähertretend.) Gnädige Frau –! Josephine . Was seh' ich –!? (Sie erkennend.) Das ist ja die Peppi! Peppi . Peppi Amsel, eh'mals Köchin beim Herrn Papa, dem seligen Professor, jetzt stabile erste Liebhaberin bei ambulanten Bühnen. Josephine . Du bist beim Theater? Peppi . Eigentlich nur noch, um es für immer zu verlassen; ich sehne mich in die gemütlichen früheren Verhältnisse zurück, drum war jetzt mein erster Weg zu Ihrer Frau Tant', und mein zweiter Weg is zu Euer Gnaden selbst, weil die mir g'sagt hat, daß Sie einen Dienstboten brauchen. Josephine . Ich habe eine fortgeschickt, die mir in dem Grade mißfiel, als sie meinem Manne zu sehr gefiel. Peppi . Nicht möglich!? – Kann man, einen Dienstboten auch nur bemerken, wenn man eine solche Gemahlin hat? Josephine . Schmeichlerin, du kennst die Männer nicht. Peppi (halb für sich) . Jetzt könnt' ich auch Schmeichlerin sagen. Josephine . Es ist mir doppelt lieb, daß gerade du – ich bedarf einer Vertrauten. Könntest du gleich hier bleiben? Peppi . O freilich, das is prächtig! Sie sind jetzt meine gnädige Frau. Josephine (seufzend) . Ach, leider, Frau! Es war das unglückselige Flötenspiel, das mir nie hätte einfallen sollen. Wo sind die goldenen Zeiten der Freiheit! Und mein Mann hat große Fehler. Peppi . Fehlerfreie Männer gibt's nicht, also heißt's entweder ledig bleiben oder einen nehmen mit die Fehler. Josephine . Mein Mann besitzt für mich zu wenig Geist, er ist, offen gesagt, etwas dumm. Peppi . Is er reich? Josephine . Hast du je einen armen Holzhändler gesehen? Peppi . Reich und dumm?! – Sie sind ja ein Glückskind! Josephine . Er ist aber dabei auch rätselhaft, beinahe unheimlich. Trotz seiner Borniertheit kommt es mir vor, als verheimlichte er mir was. Peppi . Was könnt' das aber sein? Josephine . Ich kann mir nichts anders denken als ein Verbrechen. Peppi . Ich krieg' eine Ganshaut! Josephine . Er ist unruhig, meidet den Umgang, flieht die Bekanntschaften – Peppi . Das haben wohl viele Verbrecher, aber – Josephine . Und im Schlaf, im Schlaf! Peppi . Schnarcht er vielleicht? Josephine . Nicht immer. Peppi . Übrigens kann das auch mancher Unschuldige perfekt. Josephine . Er spricht häufig im Schlaf, nicht deutlich gerade – Peppi . Aha, nur so? (Macht das Murmeln eines im Schlafe Sprechenden nach.) »Mnamnamnam!« Das heißt dann gewöhnlich: »Ah, das is eine Hitz', nicht zum Aushalten!« Josephine . Es kann aber auch heißen: »Wenn es entdeckt wird, bin ich verloren.« Und mir hat es beinahe so geklungen. (Schaudernd.) Peppi, wenn er am Ende einen Mord – Peppi . Nein, das gewiß nicht! Es müßt' nur sehr ein alter Mord sein, denn von die neuen is überall der Täter bekannt. Josephine . Sei es was immer, du, meine erprobte Vertraute, mußt mir behilflich sein, das Geheimnis zu erforschen. Peppi . O, spionieren, das is mein Fach! Josephine . Und nun komm, hilf mir bei der Toilette; ich habe dir auch noch andere Dinge eine Menge zu vertrauen. (Geht mit Peppi durch die Seitentüre links ab.) Fünfte Szene Muffl (allein) . Muffl (tritt während dem Ritornell des folgenden Liedes durch die Mitteltüre ein; er ist ziemlich ordinär und herabgekommen in der Kleidung) . Lied   1.               Die Rasse guter Mensch'n is noch lang' nicht ausg'storb'n, Doch werd'n s' durch böse Leut' oft verleit't und verdorb'n. – Man hat Geld, fangt ein G'schäft an, da b'sucht ei'm ein Mann, Tragt mit redlichem Sinn Kompagnieschaft ei'm an – Er sagt, er hat Vermög'n, versteht alls aus 'n Grund, Man schließt ab – jetzt kommt 's G'schäft durch ihn etwas au'm Hund. Manchen Mißgriff zwar könnt' er noch gutmachen wohl; Doch da rat'n ihm die Freund', daß 'r in d' Schweiz flüchten soll – Er nimmt 's Rest'l aus der Kassa und 's Tags drauf is er weit – So gibt's viel gute Mensch'n, aber grundschlechte Leut'. 2. Man lernt eine kennen, die der Himmel schön schuf, Sie is grad' ka Must'r, aber bess'r als ihr Ruf; Man denkt sich: »Wann i nur ihre Liebe erst hab', Dann g'wöhn' ich für immer ihr den Flattersinn ab –« Doch da kommen zwei, wie s' schon fast völlig war brav, Tun sich ausgeb'n bei ihr für Baron und für Graf, Und richtig, d' Gebesserte laßt sich betör'n, Verlaßt den Getreu'n und nimmt ein' von die Herrn – Ohne Zweif'l hat s' den Schritt hundertmal schon bereut – So gibt's viel gute Mensch'n, aber grundschlechte Leut'. (Nach dem Liede.) Grad' so war auch ich ein Opfer der Freundschaft und Liebe. Mein großartiges Materialgeschäft konnte, in dieser materiellen Zeit, durch einen allein nicht heruntergebracht werd'n. Ich hab' mir einen Kompagnon genommen, und das Tschaligehn war dadurch ermöglicht. Nach Kridagebrauch hab' ich mir wohl einen Notpfennig von zehntausend Gulden gerettet, aber es hat mich doch so angegriffen, daß ich eine Bad-Kur hab' gebrauchen müssen – natürlich keins von die ersten renommierten Bäder, denn das wär' aufg'fall'n bei einem eben erst Vergleichsverfahrenwordenen, sondern ich bin in ein kleines Bad, in ein neuentdecktes, das heißt, sie haben erst ein' Doktor entdeckt, der ihnen durch chemische Analyse hat entdecken müssen, daß der Kubikmeter von ihrem G'schwabetz dritthalb Gran Jod-Kali, ein neunundzwanzigstel Hektoliter kohlensaures Natron und vierdreiachtel Milligramm Schwefel-Sublimat enthalt't, folglich allen übrigen Bädern vorzuziehen ist, bei welchen durch mineralischen Hydro-Pepsin das Kalzinierungs-Ferment mehr oder minder neutralisiert und dadurch offenbar die Heilkraft um sieben dreisechzehntel Prozent, bei Unterleibskrankheiten sogar um neun elfachtzehntel Prozent, vermindert wird. – Wer daran zweifelt, dem bleibt es unbenommen, seine eignen Untersuchungen zu machen. – Da bin ich hin und war wirklich überrascht; es war zwar alles schlecht, aber teuer wie in die berühmtesten Badeorte. Auch für Unterhaltung war gesorgt; 's Theater war klein, die Künstler gar nicht, das heißt, es waren keine eigentlichen Künstler, nur so Spieler, daß der Abend auf dramatisch hin wird und daß man etwas deprimiert und mit geringeren Anforderungen ins Gasthaus kommt – da stoßt auf einmal eine verspätete Sternin erster Größe zur Trupp' als glanzpunktlicher Umundauf der ambulanten Entreprise. Gleich nach ihrer ersten Vorstellung hab' ich mir kühn den Weg zu ihr gebahnt; es war nicht leicht, schon wegen ihrem Künstlerstolz, sie hat sich noch viel mehr eingebildet, als wirklich dran war – wie s' schon sind bei die kleinen Theater, bei die großen is das anders! – Ihre zweite Rolle war die Pompadour. »Narziß« wird überall gegeben, also haben schon viele gepompadourt, aber so was –! Nein! – Mit einem Wort, ich bin ihr den andern Tag mit dem Ausruf: »Pompadour!« zu Füßen gestürzt. Sie hat mir früher schon Avancen gemacht, denn kokett war sie – wie s' schon sind bei die kleinen Theater, bei die großen is das anders! – Wir waren Verliebte, nach mehreren Tagen Verlobte – aber ohne Erfolg; denn es sind bald drauf sehr reiche Ausländer ins Bad kommen, ich glaub', Russen und Engländer, jeder ein gelernter Krösus, und da is sie mir – wie s' schon sind bei die kleinen Theater, bei die großen is das anders! – da is sie mir untreu geword'n. Ich bin dann mit meinen Vermögensresten ein Weinreisender geword'n – das heißt, ich bin unstät herumgereist und hab' in der Desperation nix als Wein trunken. Schuldenarrest, Unterstandslosigkeit, gänzliches Verkommen waren die reizende Stufenleiter nach abwärts – o, es is ein bitteres Gefühl, wenn man oft so hungrig is, daß man vor Durst nicht weiß, wo man die Nacht schlafen soll! Ich hab' das durchgemacht. Da is mir die Idee gekommen, Hausknecht zu werd'n. Es is durchaus keine schöne Idee, die Wirklichkeit is aber noch viel wilder. So war ich Sklav' nacheinand' bei zwei Herrn – das hier is der dritte Versuch, den ich als lichter Neger mach' – es kommt wer – aha, mein künftiger Prinzipal. Sechste Szene Scheitermann. Der Vorige. (Scheitermann kommt, vollständig angekleidet, mit Hut und Stock durch die Seitentüre rechts.) Muffl (ihm entgegentretend) . 'täniger Diener! Scheitermann . Was steht zu Diensten? Muffl . Ich! Sie haben alles, was Ihr Herz begehrt, nur keinen Hausknecht. Scheitermann (für sich, ihn oberflächlich musternd) . Kurioses Subjekt! (Zu Muffl.) Hat man Ihn vom Dienstbotencomptoir zu mir gewiesen? Muffl (einen Zettel hervorziehend) . 's Hausnumero is richtig, zweiter Stock – Namen steht keiner da – Scheitermann . Ganz recht, ich bin's schon. Hat Er Seine Zeugniss' –? (Sieht ihn näher an.) Himmel –! (Fast sprachlos vor Erstaunen.) Kruzi –! Kruzi –! Muffl . Na? Was hab'n Ihnen die »Türken« getan, daß Sie s' nicht loslassen? (Betrachtet ihn näher und prallt mit einem halbunterdrückten Ausruf zurück.) Ah Scheitermann , Muffl (zugleich, aber jeder für sich) . Das is ja –! Muffl (für sich) . Der Johann, mein eh'maliger Hausknecht – Scheitermann (für sich) . Der Muffl, mein eh'maliger Prinzipal – Muffl (staunend, für sich) . Is der obenauf! Scheitermann (staunend, für sich) . Hat der abg'wirtschaft't! (Tut sich eilig den Rockkragen in die Höhe, um sein Gesicht einigermaßen zu verbergen.) Mich treffet der Schlag –! Muffl (geht auf der andern Seite ihm ganz nahe) . Teuxelspursch'! Kennst mich nicht mehr? Scheitermann (in größter Verlegenheit) . Sie scheinen in einem Irrtum – ich bin nicht der, den Sie zu meinen scheinen. Muffl . Verstell' dich nicht, sonst hilf ich dir aus 'n Traum. Scheitermann (sich mit Anstrengung aufrichtend und ermutigend) . Mein Herr, ich ersuche Sie, sich zu entfernen. Muffl . Ich werd' doch meinen eh'maligen Hausknecht kennen! – Keine Dummheiten, Johann, sonst –! (Verfällt in etwas drohenden Ton.) Scheitermann (für sich) . Da nutzt nix, ich komm' ihm nicht aus. (Laut zu Muffl.) Na ja, ich bin's, aber – um alles in der Welt – daß nur kein Mensch – Muffl . Also wirklich –!? Reich geworden is der Kerl –! Das is stark –! Und ich betteltutti – da heißt's auch: je größer – Scheitermann (ängstlich) . Ich bitt' Ihnen, Herr Muffl, schreien S' nicht so – wenn's meine Frau höret, ich wär' des Todes –! Muffl . A Frau hast? Und fürcht'st dich vor ihr? Das söhnt mich wieder a bissel aus mit 'n Schicksal. Hast halt auch dein G'frett'. Scheitermann . Sie sind abermals in Irrtum; sie is eine noch junge, schöne Frau. Muffl . Und du bist ihr Mann – armer Teufel, jetzt krieg' ich schon ein Mitleiden mit dir. Scheitermann . Eine Frau aus sehr ein' guten Haus, eine Professorstochter. Sie kennt mein Vorleben nicht, ich hab' mich für den Sohn eines Realitätenbesitzers ausgegeb'n, sonst besitzet ich sie ja gar nicht. Muffl . Also Realitäten hast du vorspiegeln müssen, um etwas Unreelles zu kriegen? Ah, es gibt schlechte Leut', b'sonders unter die Weibsleut'. Scheitermann . Erlauben Sie mir, Sie beleidigen meine Frau. Muffl . Du bist noch der nämliche dumme Kerl, der du warst. Scheitermann (beleidigt) . Sie reden überhaupt in einem Ton – Muffl . Das Unglück hat mich so verstimmt, daß ich immer die Wahrheit sag'. Schmeichelei hast du von mir nicht zu befürchten. Scheitermann . Sie sind also wirklich bis zum Hausknecht herabgesunken? Muffl . Das hat von nun an nicht mehr das Drückende, weil ich jetzt dein Hausknecht werd'. Scheitermann . Sie – mein Hausknecht –? Muffl . Na, du wirst deinen ehemaligen Prinzipal doch nicht vazierend lassen? Scheitermann . Sie mein –? Nein, Sie, das geht nicht! Muffl . Warum nicht? Alles geht! Scheitermann . Ich könnt' nie so gehörig grob werden mit Ihnen. Muffl . Ich hab' dir die Höflichkeit nicht verboten. Scheitermann . Der alte Respekt machet es unmöglich, daß ich mir von Ihnen die Stiefeln putzen ließ'. Muffl . Ich bin nicht eifersüchtig auf diese Dienstleistung; kannst dir s' putzen lassen, von wem du willst. Scheitermann . Dann kann ich auch keinen Menschen ins Haus nehmen, der sich bereits mehrmalen an mir vergriffen hat. Muffl . Ja, richtig! Ich hab' dich öfters durchkarbatscht – ich bin nicht unversöhnlich und hab' das längst vergessen. Scheitermann . Ich aber nicht; es bleibt immer eine gewisse Erinnerung – Muffl . Daß du alle Sonntag' b'soffen nach Haus kommen bist, liederlichs Tuch! Scheitermann . Mit einem Wort, es geht durchaus nicht. Muffl . Du elender Parfimör – (sich korrigierend) Parfenü will ich sagen. Deinen Brotherrn von eh'mals wolltest du brotlos hinausstoßen? Ah, was es für schlechte Leut' gibt, b'sonders unter die g'wesenen Hausknecht'! Undankbarer Glückspilz! Hast du vergessen, daß ich dir immer ein gnädiger Prinzipal war? Daß ich dir immer durch die Finger g'sehn hab', wenn du lange Finger hast g'macht? Scheitermann . Keine Verleumdung Muffl . Du hast nie etwas Anständigs g'stohlen, du warst nie kriminalfähig, aber du hast alle Augenblick' vergessen, a Guldenzettel z'ruckz'bringen, dann hast wieder a paar Sechserln verloren, dann hab'n s' dir nicht richtig g'wechselt oder du hast 's kleine Geld verstreut – mit einem Wort, du warst ein sanfter Dieb, aber mit der Zeit macht es auch was aus. Scheitermann (aufgebracht, nach der Tür weisend) . Augenblicklich hinaus! Muffl . Gut, ich gehe, aber ich erzähle der Residenz eine Geschichte, wie man Holzhandler wird. (Wendet sich zum Abgeben.) Scheitermann (will ihn ängstlich zurückhalten) . Halt, bleiben Sie –! Muffl . Warum? Die Bevölkerung soll erfahren, daß du mir drei Jahr' – wenn auch nicht immer treu und redlich – aber doch gedient hast; daß du dann beim Bankier Reichenbach – Scheitermann (sich ängstlich an ihn klammernd) . Sie werd'n mir doch das nicht antun –? Wenn meine Frau – es wäre schrecklich – wenn sie, die aus einem so entsetzlich guten Haus is – (sehr freundlich) Sie sollen bei mir als Hausknecht angestellt werden, wenn Sie's durchaus wünschen, aber Sie schwören mir, daß Sie keine Silben – Muffl . Du bist ein Esel. Scheitermann (pikiert) . Hören Sie – Muffl . Tracht' du nur, daß du dir immer meine Zufriedenheit erwirbst, und du hast nix zu befürchten, denn nur in Zorn oder wann ich in Trübsinn verfall', da plausch' ich alles aus. Scheitermann (desperat beiseite) . Das is ein Höllenkerl –! Muffl . Und was is es denn wegen Lohn? Wieviel krieg' ich denn? Scheitermann (etwas zaghaft) . Ein Hausknecht hat bei mir acht Gulden monatlich und die Kost. Muffl . Schmutzian! Du hast bei mir zehn Gulden g'habt; bin ich etwan weniger wert? Was du bist, das bin ich auch, du Lump, du! Scheitermann (erbost) . Das verbitt' ich mir –! Sie entwickeln eine Grobheit – Muffl . Erst entwickeln? Meine Grobheit datiert sich schon lang her, ich hab' ein historisches Recht, mit dir grob zu sein. Scheitermann (wieder begütigend) . Sie müssen aber doch einsehn, daß die gegenwärtigen Verhältnisse – Muffl . Der Historische hat nie ein Einsehn. Übrigens, zehn Gulden Monatslohn und einen Gulden 's Tags Kostgeld, sind wir in der Ordnung. Scheitermann . Zu was Kostgeld? Meine Leut' haben alle im Haus – Muffl . Das geht nicht bei mir; ich müßt' da auftrag'n sehn und will nicht wissen, wie du dich anfrißt, während ich bloß Suppen, Rindfleisch und Zuspeis – das erreget Empfindungen, vor deren Folgen ich dich bewahren will. Ein' Gulden kannst mir gleich drangeben. Scheitermann . Ein' Gulden? (Nimmt sein Portemonnaie aus der Tasche und sucht darin.) Ich hab' da lauter Zehner-Banknoten – Muffl . Na, so gib halt eine her, kannst mir s' ja aufnotieren. Scheitermann . Na ja, 's is wahr – (gibt ihm eine Banknote) . Muffl (dieselbe einsteckend) . So – aber halt! Ich könnt' noch allerhand – gib noch ein' Zehner her! (Greift ungeniert in Scheitermanns Portemonnaie, welches dieser noch offen in der Hand hält, und nimmt sich.) Scheitermann (verblüfft) . Sie nehmen sich aber da eigenmächtig – Muffl . Glaubst, ich nimm dir z'viel? Mißtrauischer! Da hast 'n wieder, den zweiten Zehner, heb' mir 'n auf! Mußt mir ja doch geb'n, was ich will, sonst schauet's schlecht aus mit meiner Verschwiegenheit, das derfst du nie vergessen. Scheitermann (beiseite) . Der Schuft is mein Tod! (Laut.) Und, lieber Muffl, sagen Sie nicht immer »Du« zu mir. Muffl . Das is ja nur unter vier Augen, du Dalk! Aber du hast ausgehn wollen, was stehst denn so lang herum? Scheitermann . Ich hab' Ihnen nur sagen wollen, wenn Sie zufällig mit meiner Frau zusammenkommen, reden Sie nur unendlich artig und devot, denn ihre Nerven gehören der feinen Welt an, und Sie haben keinen Begriff, was sie in die guten Häuser für Nerven haben. Muffl . Is schon recht, schau, daß du weiter kommst! Scheitermann (für sich) . Gräßlicher Kerl! (Geht desperat zur Mitteltüre ab.) Siebente Szene Muffl (ihm nachsehend) . Muffl . Plebejer! So reich, so dumm und doch so verheiratet! Der hätt' ein zu degoutantes Glück gehabt, aber die Heirat is das Sordindl auf die Geigen, von denen sein Himmel vollhängt. Wär' er nicht so reich, hätt' sie ihn nicht geheirat't; wär' er nicht so dumm, hätt' er sie nicht geheirat't; so aber is beides der Fall, er hat Reichtum und Dummheit gesät, hat also müssen eine sekkante Gattin ernten. So schafft man sich selber sein Haus-Nemesiserl zur Privat-Marterei und arbeitet so der großen Nemesis in die Händ', daß sie nicht ganz den Kredit der Gerechtigkeit verliert. – Schad', daß mein Äußeres nicht mehr auf Hinterlassung verführerischer Eindrücke berechnet is, diese Frau hätte sonst – aber a bissel imponieren müssen wir ihr doch! – In Haltung und Physiognomie es erraten lassen, daß hier einer auf den Trümmern einer brillanten Vergangenheit steht, durch ein stolzes Zugeknöpftsein angezeigt, daß man es verschmäht, mit Wäsch'luxus zu kokettieren – so gewinnt auch das Herabgekommene einen sympathischen Schimmer! – (Nach links blickend.) Die Tür geht auf –! (Zieht sich etwas zurück.) Ein weibliches Wesen – Volants flattern – Gestärktes rauscht – sie is es – das is die Frau vom Haus. Achte Szene Peppi. Der Vorige. Peppi (durch die Seitentüre links kommend, ohne Muffl zu bemerken, für sich) . Wo sind denn die Theater-Annoncen –? (Sucht unter den auf dem Tische rechts liegenden Zeitungen und steht so, daß Muffl sie nicht im Gesicht sehen kann. Aus einem Blatte lesend.) »Fünfundsiebzigste Vorstellung im Logen-Abonnement –« Muffl (für sich) . Ich war auch einmal ein halbeter Logenabonnent; ein Buckliger hat mir seine graden Tag' abgetreten. – Wo sind jene Zeiten! Peppi (die Journale durchblätternd) . Ah, ein großer Diebstahl – das is interessant! Muffl (für sich) . Kleinigkeiten werden immer g'stohlen, Portemonnaies, Herzen, Silberlöffel, Couplets – es tut ei'm völlig wohl, wenn einmal was Großartigs passiert. Peppi (im Journale lesend) . »Zweihundert Dukaten Belohnung für die Entdeckung des Täters, welcher beim Bankier Reichenbach mittels gewaltsamen Einbruchs zwanzigtausend Gulden gestohlen hat.« (Spricht.) Zweihundert Dukaten –! Das wär' kein übles Geschäft, den Dieb zu entdecken. Muffl (für sich) . 's Kriminal is ihre Leidenschaft; das spricht für eine weiche, romantische Seele. (Laut zu Peppi, etwas vortretend.) Ich habe die Ehre, meine Gnädigste, einen guten Morgen – (verneigt sich tief) . Peppi (fährt etwas betroffen auf, für sich) . »Gnädigste?« – (Muffl messend.) Wer ist denn dieser Mensch? Muffl . Entschuldigen, hochverehrte Anwesende, der Herr Gemahl hat mich zu seinem ersten Leib-Hausknecht befördert. Peppi (überrascht von Muffls Stimme) . Diese Stimm' – das is ja (ihn näher anblickend) der Muffl! Muffl (erstaunt, beiseite) . Sie kennt mich!? (Sie näher ansehend.) Himmel und Erden –! Sie ist's! – Die Pompadour! Peppi (ärgerlich für sich) . Muß der grad' in das Haus kommen – ich genier' mich vor ihm in meiner untergeordneten Sphäre. Muffl (tragisch) . Also so müssen wir uns wiederfinden, du stets so hochrot geschminkte und nur als miselsüchtige Pompadour so unvergeßlich kasweiße Künstlerin! Ich dem niedrigen Dunkel der häuslichen Knechtschaft verfallen, du die stolze Gattin eines vor dir im Staub kriechenden Holzhandlers – o Weib! Ich wollte, ich hätte dich nie geboren! (Sich korrigierend.) Gesehen, hab' ich sagen wollen. Peppi (für sich) . Er halt't mich für die gnädige Frau, das laßt sich benutzen. (Laut.) Mein Herr Hausknecht Muffl, Sie werden einsehen, daß in diesem Hause Ihres Bleibens nicht sein kann. Muffl . So? Wenn dieses aber gerade das ist, was ich nicht einsehe? Der Herr Gemahl hat festen Vertrag mit mir geschlossen. Peppi . Sie werden doch Verträge nicht als etwas hinstellen wollen, was man hält? Lesen Sie künftighin fleißiger Zeitung. Muffl . O schnöde, auch durch moderne Politik verbumfeite Seele! Peppi . Bedenken Sie, es is ja für Sie eine Lebensfrage – der Großvater meines Gemahls und der Othello haben zueinander »Du« gesagt. Muffl . Plausch' nicht, Peppi! Peppi (nähert sich bittend) . Schonen Sie meinen Ruf! Muffl (mit schroffer Kälte) . Drei Schritt Distanz! Peppi . Wenn es aufkommt, daß ich Sie geliebt, daß ich Sie vielleicht noch liebe – (hat sich bittend und schmeichelnd ihm genähert und legt den Arm um seinen Nacken) Anton –! (Mit schmelzendem Tone.) Fliehe dieses Haus! Muffl (sieht sie einen Augenblick zärtlich an, dann erwacht neuerdings der Ingrimm in ihm) . Es gibt doch schlechte Leut', besonders unter die abgedankten Theaterprinzessinnen. (Abwehrend.) Machen Sie mir nicht die Cour! Das Stück spiel'n s' nicht, und kommet's doch wieder aufs Repertoire, so wird's kein Zugstück mehr. Peppi . Bedenken Sie die Schmach, wenn es herauskäme – ich und ein – damals waren freilich andere Verhältnisse; aber ich und ein Hausknecht –! Muffl (erbittert) . Was!? So spricht ein Weib, die einen Mann hat, der früher selbst – (sich besinnend) nicht immer Holzhandler gewesen is!? (Sich wieder vergessend.) Die selbst einen eh'maligen – (ärgerlich, für sich, beiseite) dumme Verschnapperei! (Schlägt sich auf den Mund.) Genug – (laut) du hast mich nie geliebt. Jetzt sei es meine höchste Wonne, dir lästig, recht unausstehlich lästig zu sein. Peppi . Sie gehn also nicht? Gut, Barbar, du sollst daran denken. (Im Abgehen, für sich.) Jetzt verschwärz' ich ihn bei der Gnädigen, die muß ihrem Gemahl befehlen, daß er durch 'n Hausmeister für seine nachdrückliche Entfernung sorgen laßt. (Geht durch die Türe links ab.) Neunte Szene Muffl (allein) . Muffl . Ich glaub', sie hat mir gedroht, eh' sie sich gedraht hat? Törichte Wurmin, die ich mit etliche mehrsilbige Worte vernichten kann! Die früheren Verhältnisse deines Gatten, dein früheres Verhältnis mit mir, das ist alles so despektierlich, daß ihr zittern müßt vor mir wie Espenläube! O, ich will euch ein furchtbarer Hausknecht sein. (Mit innerer stolzer Befriedigung.) Ah, es gibt Geheimnisse, die von gute Eltern sind! (Mitte ab.) Zehnte Szene Josephine. Peppi. (Beide kommen im Gespräch aus der Türe links.) Josephine (ärgerlich) . Das sieht ihm gleich, den nächstbesten hergelaufenen Menschen ins Haus nehmen, ohne mich zu fragen. Peppi . Es is ein Heruntergekommener, und mit die hat es fast immer ein Nisi. Josephine . Ein Glück, daß du den Mann in seinen früheren Verhältnissen gekannt hast. Peppi . Ich glaub', zwischen ihm und dem gnädigen Herrn hat es auch ganz ein eignes Bewandtnis – dieser neue Hausknecht hat so etwas fallen lassen, als ob er Geheimnisse wüßt' – Josephine . Von meinem Mann? Peppi . Mir is es so vorgekommen. Josephine . Siehst du –?! O meine Ahnung! Ich lass' es mir nicht nehmen, mein Mann hat ein Verbrechen begangen – Peppi . Das wär' schauderhaft, aber großartig! Denken Sie sich – wenn einmal die ganze G'schicht' der Geschichte angehört, und Sie gehn nach zehn Jahren ins Theater und sehn dann, wie das auf die Tat Ihres gnädigen Herrn Mannes verfaßte Stück die »Beiden Grasel« verdrängt!? Josephine . Es wäre allerdings ein ungeheurer Triumph, aber – Peppi . Ich weiß, was Sie sagen wollen; diese nachträgliche Glorifizierung entschädigt den erhabenen Verbrecher selbst nur dürftig für die Unannehmlichkeiten, die ihm die Justiz so rücksichtslos bereitet. (Für sich.) Zarter kann man eine gewisse tragische Verwicklung nicht bezeichnen. Josephine . Ich bin in einer fieberhaften Spannung – Peppi . Still – ich hör' kommen – Elfte Szene Scheitermann. Die Vorigen. Scheitermann (Zur Mitteltüre eintretend) . Hab' schon eine kriegt, gleich wird s' da sein! Josephine . Ist nicht mehr nötig, ich habe schon selbst dafür gesorgt. Scheitermann . Du hast mir aber den Auftrag – Josephine (auf Peppi zeigend) . Hier steht die neue. Scheitermann . Meine is aber auch nicht alt. Peppi (sich Scheitermann vorstellend) . Ich küss' die Hand, Euer Gnaden. Scheitermann . Also die da? Aha –! (Beiseite.) Auch sehr sauber – was es jetzt für Dienstboten gibt –! Peppi (beiseite) . Mir kommt vor, er kokettiert auf mich. Josephine (zu Scheitermann) . Nun, was stehst du so verdutzt? Scheitermann . Weißt, ich studier' grad', was ich jetzt mit der meinigen anfang'. Josephine . Das ist sehr einfach, du schickst sie fort. Scheitermann . Das is wahr, das is das einfachste. Aber du, da fallt mir was Zweifachs ein, was auch nicht schlecht – es wird dann und wann zu viel für eine. Probieren wir, welche besser kocht, und die andere behalten wir nachher mehr fürs Zimmer. Josephine . Nein, nein! Das tut kein gut. Scheitermann . Konträr, Weiberl – Peppi . Mir is es am liebsten, wenn ich die einzige bin im Haus; ich werde die gnädige Frau sehr gut bedienen, (etwas reprimandierend zu Scheitermann) und Sie sollen ihr nicht immer widersprechen, der gnädigen Frau. Scheitermann . Ich hab' noch was sagen wollen – ja richtig – (zu Josephine) ein' Hausknecht hab' ich auch schon. Josephine . O, ich weiß. – (Gebieterisch.) Du wirst ihn sogleich wieder fortschicken. Scheitermann (etwas böse werdend) . Ja, nimm denn ich d' Leut' nur zum Fortschicken auf? Schau dir 'n zuerst an. Josephine . Gar nicht nötig! Peppi . Er mißfällt der gnädigen Frau. Scheitermann . Ung'schauter? Josephine (scharf betonend zu Scheitermann) . Wenn man eine Frau aus einem guten Hause hat, nimmt man keine zugrunde gegangenen Subjekte ins Haus, die – Scheitermann (etwas verlegen) . Seine Zeugniss' –! Josephine . Sagen freilich nichts davon – Peppi . Daß er einmal ein großes Materialg'schäft gehabt – Josephine . Dann ein Weinreisender geworden ist – Peppi . Oder hat werden wollen. Scheitermann (sehr betroffen, beiseite) . Fatal, sie wissen alle zwei – Josephine . Ein Mensch, der überdies noch mit Geheimnissen droht, die er preisgeben könnte – Scheitermann (unruhig, beiseite) . Der Satans-Muffl plauscht am End' – Josephine (Scheitermanns Unruhe beobachtend, leise zu Peppi) . Siehst du seine Verlegenheit –? Peppi (leise zu Josephine) . Alle drei Minuten wechselt er d' Farb' – (Zu Scheitermann im Tone des Vorwurfs.) Die gnädige Frau hat sich schön geärgert über Euer Gnaden. Scheitermann (beiseite) . Jetzt fangt die auch an –! Josephine . Ach, meine Nerven –! Komm, Peppi, führe mich auf mein Zimmer. Scheitermann . Aber, Weiberl –! Josephine (schreit) . Du schickst ihn fort – (plötzlich mit sehr schwacher Stimme) oder ich gehe zur Tante – Peppi (im Tone des Vorwurfs zu Scheitermann) . So eine Frau muß gar sanft behandelt werden, das geht nicht, daß man so herumschreit mit ihr. (Führt Josephine durch die Seitentüre links ab.) Zwölfte Szene Scheitermann. Dann Muffl. Scheitermann (allein, wartet, bis beide ab sind, dann losplatzend) . Himmelkreuztausend! Wenn das Weib nicht aus einem so übertrieben guten Haus wär', der wollt' ich zeigen, was Nerven sind! Aber so, leider –! Und der niederträchtige Muffl hat sich offenbar Anspielungen erlaubt – er muß fort an der Stell' –! (Zusammenfahrend, als er Muffl eben eintreten sieht, und kleinlaut.) O je! Da is er – Muffl (durch die Mitteltür eintretend) . Was? Du bist schon wieder z' Haus? Scheitermann . Mein Geschäft war gleich in Ordnung – aber Sie – Muffl . Was ich derweil g'macht hab', willst wissen? Ich hab' mir mein Zimmer ang'schaut. Scheitermann . Ihr Zimmer? Muffl . Das heißt, wo halt dein früherer Hausknecht g'wohnt hat; is a schöne Chaluppen! Da werd'n wir uns ein anders aussuchen. Scheitermann . In meinem Haus? – Da muß ich bedauern – Muffl (sieht ihn mit mitleidiger Geringschätzung an) . Bedauerlicher Greis! Scheitermann (beleidigt) . Greis? Was wollen Sie damit sagen? Muffl . Nix! Mich g'freut's nur, daß es so viel schlechte Leut' gibt. (Mit tückischem Lächeln.) Tochter aus ein' guten Haus – na ja –! Scheitermann (auffahrend) . Herr Muffl, meine Frau anbelangend, dulde ich nicht – Muffl . Ah, da g'hört sich a Geduld dazu! Grad' deine Frau anbelangend, kommt es mir vor, daß du ein Dulder bist. Scheitermann (sich fassend und mit stolzer Ruhe) . Herr Muffl, ich sehe mich genötigt, Ihnen anzukündigen, daß meine Frau den Antrag auf Ihre unmittelbare Entlassung gestellt – Muffl . Und deine leere Kammer da oben (auf Scheitermanns Stirne zeigend) hat den Antrag durchgehen lassen. Ich geh' aber nicht, ich behaupte mich in meiner Stellung. Scheitermann . Aber Saprament! Meine Frau will's einmal nicht, und dagegen kann ich nix machen. Muffl (erbost) . Deine Frau, die lackierte Professorstochter, will's nicht? Scheitermann . Mein Herr! (Sich stolz aufrichtend und mit Heftigkeit.) Wenn Sie sich nochmal unterstehen – Muffl (losbrechend) . Ah, jetzt soll der Schleier des Geheimnisses einen Riß um den andern kriegen und bei jedem eine schauerliche Wahrheit herausschauen! Du bist zwar ein enormer Schafskopf, aber du bist doch teilweis' ein guter Kerl und dermalen mein Prinzipal, dem ich Hochachtung schuldig bin. (Tritt näher an ihn und sagt geheimnisvoll.) Johann, ich muß dich aufklären – Johann, zittre vor der Entdeckung! Scheitermann . Ich? Zittern? – Meiner Seel' – mir scheint – Muffl . Ja, ja, du fangst schon an. Also wisse, du bist betrogen! – Deine Frau is nicht das, was du meinst. Scheitermann (verblüfft) . Warum? Muffl . Sie ist erstens keine Professorstochter. Scheitermann . Lächerlich – Muffl . Ich kenne deiner Josephine ihre früheren Verhältnisse. Scheitermann (sehr herabgestimmt) . Sie kennen sie? Muffl . Genau! In einer vertrauten Stunde hat sie mir entdeckt, daß ihr Vater Kellner war. Scheitermann (entsetzt) . Kellner –!? Muffl . Und ihre Mutter Wäscherin. Scheitermann (wie oben) . Wäscherin –!? Muffl . Sie selbst war teils Dienstbot', teils Köchin. Scheitermann . Schrecklich –! Muffl . Kommt noch viel schrecklicher! Ein Agent, zugleich Dramaturg und Geheimer Talententdecker, hat Bühnenbefähigung bei ihr gefunden und sie als traurige erste Liebhaberin zum Theater gebracht. Scheitermann . Herr Muffl, wann ich alles glaub', das glaub' ich nicht. Muffl . Wenn ich dir aber sag', sie hat mich als solche geliebt; traurig, aber wahr! Wir waren sogar verlobt. Scheitermann . Sie mit Ihnen? Muffl . Gegenseitig; dann hat sie es aber vorgezogen, die Treue zu brechen, und is mit einem andern fort; ich weiß nicht, war's ein Engländer oder ein Russ', weil's zwei waren. Und bei alledem hat sie mich geliebt. Scheitermann (kleinlaut) . Ihnen? Muffl . Ich glaub' sogar, sie hat das noch in sich, diese Liebe zu mir. Scheitermann . Noch? Das müßt' ich mir verbieten. Muffl . Ja, wenn man die Gefühle verbieten könnt'! O, es gibt schlechte Leut', besonders unter die Holzhandlerinnen, die früher beim Theater waren. Wenn du sie vor einer halben Stund' g'hört hätt'st, dieses Bitten, diese Beschwörerei, daß ich mich retten soll vor deiner Eifersucht – wenn du's g'sehen hätt'st, wie sie mir die Locken gestreichelt, den Arm um den Nacken gelegt – du, das war a bissel a Anblick! Und wie dann – Scheitermann (wütend) . Ich bring' euch um, alle zwei! Muffl . Aushalten, Freund! Mein Benehmen war reine Kopie des Ägyptischen Joseph, wie der zu seiner pharaonisch-bureaukratischen Verführerin gesagt hat: »Ich verwerfe dich, ein deutscher Jüngling!« Du mußt mir einen Mantel kaufen, damit er im Wiederholungsfall als Beweis meiner Unschuld in ihren Händen bleibt. Scheitermann (grimmig) . Die Elende! (Sich besinnend.) Aber eines is mir unerklärbar, es is ja doch ihre leibliche Tant' hier. Muffl . Als ob das eine Kunst wär', eine Tant' zu haben. Ein' Gulden 's Tags und 's G'wand herleihen, zieht sich gleich eine an als Tant'. Scheitermann . Aber ihre Manier, ihre Bildung –? Muffl . Alles Verstellung! Scheitermann . Es is zu arg! Fälschung der Eltern, Herbeischaffung einer künstlichen Tante, authentische Liebe zum Hausknecht – Muffl . Schimpf' nicht! Warst selber einer! Scheitermann (entschlossen) . Ich lass' mich scheiden! Muffl . Recht so! Fort mit Schaden! Dreizehnte Szene Peppi. Die Vorigen. Peppi (kommt aus der Seitentüre links, von den beiden Anwesenden unbemerkt) . Ach, da sind s' schon beisamm' –! (Verbirgt sich, um zu lauschen, hinter einem in der Nähe der Türe stehenden Fauteuil.) Scheitermann (zu Muffl) . Sie werden vor Gericht als Zeuge erscheinen müssen. Muffl . Na ob! Schwören! Alles! Du wirst deine Freud' dran haben, wie ich zu dir halt'. Peppi (hinter dem Fauteuil etwas hervorsehend, erstaunt für sich) . Er sagt »Du« zu der gnädigen Frau ihrem Herrn –!? Scheitermann . Wann sie aber ins klare kommt und mir vorwirft, was so fürchterlich auf mir lastet –? Peppi (wie oben) . Aha, jetzt kommt das Wahre –! Muffl . Von mir wird sie nie was erfahren. Gegen meine Verschwiegenheit kann man das Grab eine Kaffeeg'sellschaft nennen; und sonst weiß es ja kein Mensch, daß du zuerst in der Neugassen mir als Helfer – Peppi (wie oben) . Zuerst als Helfer, dann als Helfershelfer –! (Verbirgt sich wieder.) Muffl . Und daß du dann erst als wirklicher – Scheitermann (ängstlich, daß es jemand hören könnte) . O, ich bitt' Sie, sei'n Sie still! Erinnern Sie mich nicht daran! Peppi (wie oben) . Gräßlich! Wie er Wirklicher geworden is, hat er als Meisterstuck einen umgebracht. (Verbirgt sich wieder.) Muffl . Und das weiß auch niemand als ich, daß du beim Bankier Reichenbach die Schreibstuben und die Kassa – Scheitermann (wie oben) . Ums Himmels willen still! Wenn jemand – Peppi (wie oben) . Herr Gott! Die haben die Reichenbachschen Gelder in Kompagnie ,g'stohlen! – Eine ganze Bande! (Entweicht schnell durch die Seitentüre links.) Scheitermann (in der Meinung, Muffl habe gesprochen) . Was haben Sie gesagt? Muffl (laut) . Gar nix! Scheitermann (ängstlich) . Schreien Sie nicht so, die Wände haben Ohren. Muffl . Ach, schieb's nicht auf die Wänd'; du hast Ohren, die alles zehnmal so stark hören; das is schon bei manche Menschen, daß sich gerade auf dieses Organ die ganze Entwicklung schlagt. – Jetzt ruf sie her, ich geh' derweil hinaus, du halt'st ihr die früheren Verhältnisse vor, und wie sie leugnet, läut'st du; da erschein' ich dann als Posaunenengel, und wir halten in verjüngtem Maßstab ein Jüngstes Gericht, welches sich von dem wirklichen nur durch Ausschließung der Öffentlichkeit unterscheiden soll! (Geht durch die Mitteltüre ab.) Vierzehnte Szene Scheitermann. Dazu Josephine und Peppi. Scheitermann (allein, in heftiger Aufregung) . Ja, entlarven will ich sie! Ein junger Nero will ich sein, der falschen Fälscherin gegenüber! (Josephine und Peppi kommen aus der Seitentüre links, ohne Scheitermann zu bemerken.) Josephine (ängstlich) . Unglaublich! Es kann nicht sein, sag' ich dir! Peppi . Aber, Gnädigste, ich hab's ja ganz deutlich gehört. Scheitermann (für sich) . Sie is da – mein Zorn wachst und ersetzt die Einbuß' an Kurasche. (Vortretend, laut.) Peppi, gehe Sie hinaus, ich hab' mit meiner Frau zu reden. Josephine . Peppi, du bleibst! Scheitermann (auf Peppi zugehend) . Na, wird's bald? Peppi (sich ängstlich retirierend) . Ums Himmels willen, Euer Gnaden –! (Für sich.) Man weiß nicht, wem man folgen soll. Josephine (zu Scheitermann) . Was soll das heißen? Scheitermann . Das wirst du erfahren, europäische Krokodilie! (Geht, sich immer mehr ermannend, heftig auf und nieder.) Peppi (für sich) . Ich geh' zum Muffl, wenn ich dem schmeichel und schön tu', g'steht er mir alles. (Eilt durch die Mitteltüre ab.) Fünfzehnte Szene Josephine. Scheitermann. Josephine . Mann, du wirst mir eine Frage beantworten. Scheitermann . Weib, du wirst mir Rede stehn. Josephine . Eins nach dem andern. Scheitermann . Insofern Mann und Weib ein Leib sind, können auch beide zugleich reden. Josephine . Vor allem – kennst du den Bankier Reichenbach? (Fixiert ihn scharf bei dieser Frage.) Scheitermann (heftig erschreckend, beiseite) . Reichenbach –? Sie weiß alles, ich bin matsch! Josephine . Mann, deine Verlegenheit – deine Verwirrung – Unglücksmensch! Warst du's wirklich –? Sprich! Scheitermann (kleinlaut) . Wenn du's schon einmal weißt – na ja – ich bin's gewesen; ich hab' Ängsten g'nug ausg'standen. Josephine . Es ist also wahr!? O, ich unglückliches Weib! (Bricht in Tränen aus.) Scheitermann (sich ermannend) . Was is denn aber im Grund gar so Entsetzliches dran? – Josephine (empört) . Was Entsetzliches dran ist? Frecher Mensch! Und früher auch schon einmal – (ihn wieder scharf fixierend) in der Neugasse – Scheitermann (wie oben) . Na ja, da auch –! (wird, nachdem er volle Fassung errungen, immer wütender.) Aber – hast du mich weniger betrogen? Man kennt dich durch und durch, (sie scharf fixierend) Kellnerabkömmling, Wäscherinsprosse, nervöse Kuchelgrazie, ambulante Komödiantin! (Immer näher auf sie zugehend.) Such' s' heraus jetzt aus deinem reichhaltigen Repertoire, die Griseldis, und spiel' s', bis sich die Ewigkeit zu Tod ennuyiert! Ich lass' mich scheiden, jetzt gleich auf der Stell'! Josephine (sich retirierend) . Himmel, er ist verrückt geworden! – Hilfe! Hilfe! (Vor seiner Wut sich flüchtend.) Er will mich umbringen –! Hilfe! Hilfe! (Lauft durch die Seitentüre links ab.) Scheitermann (allein) . Die Entlarvung im großartigsten Maßstab' wäre vollzogen. – Der Muffl hat recht, 's gibt schlechte Leut'! – Mir disputieren s' auf der Welt keine Professorstochter mehr auf. Sechzehnte Szene Scheitermann. Muffl. Muffl (durch die Mitteltüre eintretend) . Hörst, Johann, alles, was recht is – aber wie mir deine Frau zusetzt! Scheitermann (ohne besondere Notiz von Muffl zu nehmen, mehr für sich) . So niedergeschmettert sind noch wenige word'n! Muffl . Es ist unangenehm, wenn einem eine so verfolgt mit die Zärtlichkeiten. Geheimnisse will s' allweil von mir wissen, die ich selber nicht weiß. Scheitermann . 's gibt kein Geheimnis mehr, ich hab' ungeniert alles gestanden. Muffl . Was? Scheitermann . Meine früheren Verhältnisse, daß ich Hausknecht war. Muffl . Sonst nix? Scheitermann . Was denn sonst noch? Muffl . Hausknecht, das wär' das Geringste. Sie hat dich in Verdacht – man kann's gar nicht sagen, 's is zu dumm, und die Leut' sind zu schlecht – Scheitermann . Heraus damit, ohne –! Muffl . Ich käm' da auch mit ins Spiel – sie glaubt – man sagt so was schwer ohne Umschreibung – sie glaubt, daß wir beim Bankier Reichenbach auf Teilung Mammonpossessunegalitätsapplanierungsexperimente gemacht haben. Scheitermann . Sie halt't mich für einen Spitzbuben?! Muffl . 's is gar arg! So Menschen wie du müssen doch wenigstens ehrlich sein. Scheitermann . Zweiter Scheidungsgrund! Muffl . Ich hab' ihr deine ganze Biographie als Skizze mitgeteilt, deine frühere Gemeinheit, dein späteres Narrenglück – Scheitermann . Und sie? Muffl . Sie is immer zärtlicher word'n, ich hab' schon völlig glaubt, daß ich mich nicht derretten kann. Scheitermann (wütend) . Millionhimmeltausend jetzt hört sich alles auf! Ich bin Tiger, grimmig g'schecketer Tiger! (Stürzt außer sich durch die Seitentüre links ab.) Muffl (allein, ihm nachsehend) . Jetzt wird der ein Tiger! Das is noch der größte Übergriff, zu dem je die Gewerb'freiheit verleitet hat. Tiger! Da gibt's doch Tiere, die ihm näher liegen; wozu in die Ferne schweifen – Siebzehnte Szene Muffl, Josephine. Scheitermann. Scheitermann . Heraus, elende Heuchlerin! (Zieht Josephine an der Hand aus der Seitentüre links.) Heraus! Da, (auf Muffl zeigend) schau dir 'n an, diesen Mann, und erblasse! Josephine (sehr böse) . Aber was soll es denn schon wieder?! Muffl (für sich) . Was will er denn mit der G'statzten da? Scheitermann (grimmig) . Muffl, reden Sie! Weib, gestehe! Hast du diesen da mit Liebe verfolgt? Josephine (verzweifelt, beiseite) . Er ist übergeschnappt! Muffl (zu Scheitermann) . Aber du, du irrst di, du! Dö? Dö da, die is ja gar nit dö! Scheitermann (wie oben) . Geständnis, Weib! Kennst du diesen Menschen? (Auf Muffl zeigend.) Muffl (besorgt zu Scheitermann) . Aber, Johann, du phantasierst dir ja das Restl Verstand aus 'n Kopf! Dös is ja gar nicht deine Frau. Scheitermann . Was!? Muffl . Diese Dame is mir im höchsten Grad unbekannt. Josephine . Auch ich habe dieses Individuum nie gesehn. Muffl (beleidigt) . Individuum? Keine Schimpfworte! Ich war (auf Scheitermann deutend) dem sein Herr. Scheitermann (entrüstet zu Muffl) . Also hat Er mich foppen wollen!? (Packt ihn.) Elender Wicht, hinaus! Muffl . Aber, Johann, sei doch g'scheit! Scheitermann . Sag' Er nicht »Du« zu mir! (Hält ihn fest.) Muffl . Laß mich los, sonst erwacht die Erinnerung, daß du mein Hausknecht warst, und wann solche Bilder lebendig werd'n, (drohend) dann –! Scheitermann (ihn loslassend) . Es ist eine heillose Konfusion! Achtzehnte Szene Peppi. Die Vorigen. Peppi (durch die Mitteltüre eintretend) . Himmel, was für ein G'schrei –!? Muffl (ihr entgegeneilend und sie in den Vordergrund ziehend) . Das is die Pompadour! Das is die Aufdringliche! Das ist die Kellnerstochter! (Zu Scheitermann.) Das is deine Frau! Josephine . Die Peppi!? Scheitermann . Unsre neue Köchin!? Muffl (verblüfft) . Köchin –!? Peppi . Ich muß nur alles aufklären. Ich hab' mich beim Herrn Muffl für die gnädige Frau ausgegeb'n, damit er nicht merkt, wie ich herabgestiegen bin aus der Sphäre, in der er mich hat kennen und lieben gelernt. Muffl (beiseite) . Ich hab' ihr »lieben« gelernt? Scheitermann (zu Josephine) . Gattin, Engel, kannst du mir verzeihn? Josephine . Zurück! Denk' an die Kassa bei Reichenbach –! Muffl . Die hat er alle Tag' auskehren müssen sowie die Schreibstuben. Peppi (zu Josephine) . Das Verhältnis des Herrn Gemahls zu Bankier Reichenbach war nur ein dienstliches. Muffl . So wie das frühere bei mir in der Neugassen. Scheitermann (zu Josephine) . So ist es, Engel, ich war – Josephine . Ich hab' es längst gewußt, was du früher warst, aber nie darüber gesprochen – aus Delikatesse. Scheitermann . O delikates Weib! (Küßt ihr entzückt die Hand und spricht mit ihr im stillen weiter.) Muffl (für sich) . Jetzt hat der sich umsonst hinunterg'martert – nein, was es für Leut' gibt unter die Leut' –! Peppi (zu Muffl) . Und lassen Sie jugendlichen Leichtsinn für keine Entschuldigung gelten –? Muffl . Pompadour, komm' ich dir nicht vor, als ob ich dein Narr-ziß wär'? Scheitermann (zu Josephine, welche ihm im stillen ihren Plan mitgeteilt) . Ob ich einverstanden bin! Du grundg'scheiter Engel, du! Josephine (zu Muffl und Peppi) . Ihr beide werdet begreifen, daß ihr früherer Verhältnisse wegen nicht im Hause bleiben könnt. Muffl . Das begreif' ich nicht. Josephine (zu Muffl) . In einem etwas fern gelegenen Städtchen werden Sie ein Handelsgeschäft beginnen; die Herbeischaffung des hiezu nötigen Kapitals wird meine und meines Mannes Sache sein. Muffl (freudig überrascht) . Jetzt begreif' ich! Josephine (zu Scheitermann) . Nur so bist du sicher, daß nichts unter die Leut' kommt. Muffl . Ich bin wieder eigener Herr, und das (auf Peppi deutend) wird meine eigene Frau, wenn sie einen Einäugigen nehmen will. Josephine , Scheitermann , Peppi . Einäugig –? Muffl . Offenbar, denn das andere muß ich zudrucken über die früheren Verhältnisse. Scheitermann . Das is die Hauptsach'! Muffl . Nein, die Hauptsach' is, (mit Bezug auf das Publikum) daß auch sonst niemand die »früheren Verhältnisse« uns übelnimmt. Der Vorhang fällt.