August von Platen Geschichten des Königreichs Neapel von 1414 bis 1443 Oktober 1831 bis Mai 1832.   Altri studi men dolci, in ch'io riponga L'ingrato avanzo de la ferrea vita, Eleggerò. L'acerbo vero, i ciechi Destini investigar de le mortali E de l'eterne cose – E se del vero Ragionando talor, fieno a le genti O mal grati i miei detti o non intesi, Non mi dorrò, che gia del tutto vago Desio di Gloria antico in me fia spento: Vana Diva non pur, ma di Fortuna E del Fato e d'Amor, Diva più cieca. Leopardi.   Vorwort. Bei einem mehrjährigen Aufenthalte in Neapel konnte es nicht fehlen, daß ich mich mit der Geschichte dieses Landes zu befreunden suchte, und so geschah es auch, daß eine oder die andere Epoche derselben einen so großen Reiz auf mich ausübte, daß ich mich zu näherer Betrachtung und Nachspürung, ja zu eigener Darstellung aufgefordert fühlte. Dies war besonders bei dem vorliegenden Zeitraume der Fall, der einen höchst merkwürdigen Wendepunkt bildet. Da derselbe kaum drei Jahrzehnte begreift, so glaubte ich ihn bis in seine Einzelheiten verfolgen zu können, ohne den Vorwurf einer zu kleinlichen Ausführlichkeit zu verdienen. Teils war es mir um eine umfassendere Darstellung zu thun, als die bisherigen Erzähler jener Begebenheiten im Auge hatten, teils konnte es mir durch jene Einzelheiten am besten gelingen, die Sitten und Charaktere der damaligen Zeit in ein lebendiges Licht zu stellen, worauf mein Augenmerk vorzüglich gerichtet war. Es gibt zwei Arten von Geschichtschreibung, die betrachtende und erzählende. Erstere wird kurzgefaßt am meisten anziehn, letztere wird, wie das epische Gedicht, ohne Einzelheiten langweilig und ermüdend scheinen. In beiden wird freilich der ordnende Geist das Meiste thun müssen. Bei einer Nation, wie die deutsche, die so oft ihre eigene Universalität zu rühmen pflegt, mag ein so kleingezogener Kreis, wie der hier gegebene, befremdend erscheinen; aber zuweilen läuft die schwere Kunst, alles zu wissen, auf die leichte hinaus, nichts gelernt zu haben. In Italien fehlt es zwar an Weltgeschichten, woran wir so reich sind; doch findet man daselbst, fast durch alle Jahrhunderte hindurch, einen so reichhaltigen Schatz von Chroniken und vortrefflichen zeitgenossischen Geschichtschreibern, daß wir wohl Ursache haben könnten, dieselben mit Neid zu betrachten. Diese Bemerkung bezieht sich allerdings mehr auf Nord- und Mittelitalien, zumal Toscana und Venedig, als auf das Königreich Neapel, wo eher über Armut an historischen Quellen zu klagen wäre, und namentlich auch in dem Zeitraume, von welchem hier die Rede ist. Doch sind die Beziehungen des selben so mannigfach, daß da, wo einheimische Hilfsmittel abgehen, die genuesischen und aragonischen Geschichtschreiber, sowie die Biographen der Päpste, des Königs Alfons und der berühmtesten Feldherrn jener Zeit hinlängliche Aufklärung gewähren, Aber eben durch die große Verschiedenartigkeit der Quellen war die hier gesetzte Aufgabe schwerer zu lösen, als es, bei ihrem geringen Umfange, der Anschein zeigen möchte. Was die Anführung jener Quellen betrifft, so schien sie mir nur bei auffallenden und weniger bekannten Thatsachen nötig zu sein; bei solchen aber, die fast ohne Ausnahme von allen Gesamthistorikern Neapels erzählt werden, hielt ich sie für nutzlos, da es mir weder um Störung des unbefangenen Lesers, noch um Darlegung von Gelehrsamkeit zu thun war. Hoffentlich, wenn diese persönliche Schlußbemerkung erlaubt ist, wird man dem Dichter die Fähigkeit zu historischen Arbeiten nicht absprechen können, oder vielmehr, man wird gestehen müssen, daß es keinen Geschichtschreiber, der von poetischem Genie entblößt wäre, geben kann; denn wie wäre Geschichtschreibung möglich ohne darstellende Kraft? Das eigentliche Verdienst des Dichters beruht auf der Wahrheit seiner Darstellung, und die wirkliche Erfindung beschränkt sich auf die Kenntnis der Natur und der menschlichen Seele. Ohne diesen Grund und Boden der Wirklichkeit würden selbst Homer und Ariost als geringe Poeten erscheinen müssen; denn der würdige Mensch kann nichts Würdiges unternehmen, dessen Hintergrund nicht die Wahrheit wäre. Wie wohlfeil das bloße Aushecken phantastischer Begebenheiten und Abenteuer zu haben ist, dies erhellt täglich aus der Sündflut von Novellen und Romanen, die davon wimmeln. Eine solche, großenteils entnervende Lektüre allmählich zu verbannen und den Geist des Volkes an edlere Beschäftigungen zu gewöhnen, ist eine Aufgabe, zu welcher auch der Verfasser dieser Blätter sein Scherflein beizutragen sich berufen fühlt. Möchte es dieser und einigen andern noch vorbehaltenen Darstellungen gelingen, die Deutschen mehr und mehr zu überzeugen, daß bloß das Bedeutende ewig fortwirkt und daß kein Roman so romantisch ist, als die Geschichte selbst. Neapel im Mai 1832. Erstes Buch. Erstes Kapitel. Um den Süden Italiens kämpften, in der Auflösungsperiode des römischen Reichs, Griechen, Langobarden und Sarazenen wechselseitig. Ein solches Chaos zu entwirren und die herrlichen Länderstrecken, welche wir gegenwärtig unter dem Namen der beiden Sicilien begreifen, in ein Reich zu vereinigen, war normannischen Abenteurern vorbehalten, Graf Roger, dessen Vater die Insel Sicilien erobert, dessen Oheim den morgenländischen wie den abendländischen Kaiser besiegt hatte, setzte in Palermo im Jahre 1130 die Königskrone auf sein Haupt. Er und seine Vorfahren hatten sich der Päpste, die öfters als Gefangene in ihrer Gewalt und denen sie völlig überlegen waren, zur Bestätigung ihrer Rechte bedient; ja, sie hatten, unscheinbare Förmlichkeiten gering achtend, die eroberten Provinzen als Lehen aus den Händen der Statthalter Christi empfangen wollen. Schwer jedoch büßten die unterworfenen Länder und alle nachfolgenden Könige bis in die späteste Zeit die Gestattung kirchlicher Ansprüche, und in demselben Zeitpunkte, in welchem jene Königreiche gegründet wurden, ward auch der Same zu ihrem Verderben, zu ewigen Kriegen, zu Umwälzungen ohnegleichen ausgestreut. Vier und sechzig Jahre nach der Krönung Rogers regierten er und sein Stamm. Seine nachgeborene Tochter Konstanze brachte die Krone an das schwäbische Kaiserhaus, nicht ohne blutigen Zwiespalt der Parteien und eine mit Greueln befleckte Eroberung. Zwei und siebzig Jahre, bis zur Schlacht von Benevent, dauerte die Herrschaft der Deutschen. Die Päpste hatten den Bruder des Königs von Frankreich, Karl von Anjou, mit beiden Sicilien belehnt; er kam, die Hohenstaufen unterlagen ihm, und er vertilgte das Geschlecht. Seine Regierung jedoch war verhängnisvoll. Zwei Jahre vor seinem Tode (1282) verlor er Sicilien, das seine Nachfolger vergeblich wieder zu erobern suchten. Verzweifelnd und seinen einzigen Sohn in der Gefangenschaft seiner Todfeinde zurücklassend, starb er. Glücklicher war die Regierung Karls II., durch zahlreiche Nachkommenschaft gesegnet. Ungarn erbte er durch seine Gemahlin und ließ seinen ältesten Sohn, Karl Martell, der jedoch früh verstarb, zum dortigen König krönen. Ihm folgte in Neapel sein zweiter Sohn Robert, mit Uebergehung Caroberts, des Sohnes Karl Martells. Vier und dreißig Jahre, mit großem Ansehn und als Hort aller Welsen in Italien, herrschte König Robert. Dem raschen Tode Kaiser Heinrichs VII. und der Schwäche Ludwigs des Bayern verdankte er seine Größe. Er mußte jedoch den eigenen Sohn überleben und ernannte zur Nachfolgerin seine Enkelin Johanna, die er mit Andreas, dem Sohne Caroberts von Ungarn, verlobte. Zwei Jahre nach seinem Tode ward Andreas, als Ausländer verhaßt, durch neapolitanische Barone ermordet. Dessen älterer Bruder Ludwig, König von Ungarn und Polen, fällt in Neapel ein, um den Tod des Andreas, den er der Königin aufbürdet, zu rächen. Johanna entflieht nach der Provence, dem Erblande der Anjou, zu Papst Clemens VI., der dort seinen Hof hielt. Ihm verkauft sie aus Geldnot Avignon. Nach Ludwigs Abzug wird sie nach Neapel zurückgerufen, wo sie mild und weise herrscht, die Zügel der Regierung selbst führend, wiewohl sie sich, nach dem Wunsche des Volks, noch dreimal vermählt. Das letzte Mal mit Otto von Braunschweig im Jahre 1376. Dieser hatte sich im nördlichen Italien, durch die Vormundschaft der jungen Fürsten von Monserrat, einen ehrenvollen Namen erworben und war, schon seiner Familie nach, ein Welfe. Aber furchtbare Mißgriffe, die unabsehliches Elend über Neapel brachten, bezeichnen die letzten Regierungsjahre der Königin Johanna; und wenn unsre nachfolgende Erzählung nicht unverständlich bleiben soll, so müssen wir hier die damaligen Zustände Italiens näher betrachten. Seit 1305 war durch den Einfluß des Königs von Frankreich der Sitz der Päpste in Avignon. Die römischen Provinzen gerieten dadurch in Verfall, und die Sitten der Geistlichkeit verwilderten so sehr, daß der Unwille allgemein ward. Da geschah es im Jahre 1875, während der Regierung Gregor XI., daß die meisten Städte des Kirchenstaates sich empörten, teils die Freiheit wiederherstellten, teils unter die Gewalt kleiner Oberherrn sich schmiegten. Gregor sandte mit einem Söldnerheere den Kardinal von Genf, der sich jedoch unerhörte Grausamkeiten erlaubte. Nun erschien Gregor selbst, starb aber bald, indem er alles in der größten Verwirrung zurückließ. Die Kardinäle, meist Franzosen, versammelten sich im Konklave. Das römische Volk, im stürmischen Anlauf, forderte einen einheimischen Papst. Sie erwählten den Erzbischof von Bari, der den Namen Urban des Sechsten annahm, ein Charakter von unerbittlicher Strenge und herrisch bis zur Unbändigkeit. Den Lebenswandel der Kardinäle zu verbessern, war sein erstes Geschäft, Unzufriedenheit von Seite der letzteren dessen Folge. Die Franzosen sehnten sich nach Avignon zurück; König Karl V. sah einen römischen Papst höchst ungern. Otto von Braunschweig war von seiner Gemahlin an Urban gesandt worden, ihm ihre Unterwürfigkeit zu bezeugen. Allein sei es weil Johanna früher, im Bunde mit den Florentinern, den Aufruhr im Kirchenstaat unterstützt hatte, sei es, weil sie auf Beschränkung der Geistlichkeit antrug und gegen ihren ehemaligen Unterthan höhere Ansprüche für erlaubt hielt, sei es, aus was immer für Ursache, der Papst behandelte den Herzog hochfahrend und beleidigend, ja, er soll geäußert haben, daß er die Königin ins Kloster von S. Clara schicken wolle, um dort zu spinnen. Was Wunder also, wenn Johanna, als die französischen Kardinäle in Fondi, unter dem Vorwand, daß ihre Wahl in Rom durch den Pöbel erzwungen worden sei, den Papst in den Bann thaten und statt seiner den Kardinal von Genf unter dem Namen Clemens VII. erkoren, was Wunder, wenn sie zugleich mit Frankreich dem Gegenpapst huldigte? Bald aber mußte sie ihres Irrtums, den sie mit Krone und Leben bezahlte, gewahr werden. Nicht einmal in Neapel, wo sie ihn festlich empfing, war Clemens imstande, sich zu behaupten; das Volk stand wider ihn auf, und er war gezwungen, sich nach der Provence zu flüchten. Was frommte ihr ein ferner und machtloser Beschützer gegen einen nahen und unversöhnlichen Feind? Durch Verkauf der Kirchengüter bereitete sich Urban Hilfsmittel, ja, er verwandelte sogar die silbernen und goldenen Geräte, Kelche, Kreuze und Heiligenbilder in klingende Münze. Hierauf wandte er sich an den vermutlichen Thronerben Neapels, Karl von Durazzo; denn Johanna war kinderlos. Dieser, ein Abkömmling Karls II., befand sich lange in Ungarn und that Kriegsdienste bei seinem Oheim, der ihn nach Italien geschickt hatte, um an jenem berühmten Kriege teilzunehmen, in welchem Venedig von den Genuesern so hart bedrängt wurde. Jenen Karl nun berief Urban nach Rom und krönte ihn zum Könige von Neapel im Jahre 1381. Johanna, die keinen andern Stützpunkt als Frankreich hatte, ernannte Ludwig von Valois zu ihrem Nachfolger und bat ihn um Beistand. Dieser Schritt bereitete dem Lande Jahrhunderte langes Verderben, und brachte es zuletzt in die Hände der Könige von Frankreich und Spanien. Auch gereichte er der Königin nicht zum Heil; denn Ludwig ward durch den Zustand, in welchem sich damals Frankreich befand, und durch den Tod seines Bruders Karl V. abgehalten, ihr schleunige Hilfe zu gewähren. Unterdessen rückte Karl von Durazzo vor. Otto von Braunschweig stellte sich ihm an der Grenze entgegen; doch bei der geteilten Stimmung seines Heeres mußte er sich zurückziehen. Verräter öffneten Karl die Thore von Neapel, die Königin zog sich ins Castel nuovo zurück. Aber die dazu Beauftragten hatten verabsäumt, es mit Lebensmitteln zu versehen. Otto wagte noch eine Schlacht; er ward verwundet und gefangen, das Heer zerstreut, und Johanna kapitulierte. Sechs Tage später kam der Graf von Caserta mit zehn Galeeren aus Frankreich, um die Königin zu entsetzen. Ludwig von Valois bemeisterte sich jedoch der Provence, welche seinen Nachkommen verblieb und nie mehr mit Neapel vereinigt wurde. Im folgenden Jahre sammelte er ein bedeutendes Heer und rückte in Italien ein. Karl III., so nannte sich jetzt der neue König, wandte alles an, um Johanna für sich zu gewinnen. Er vergönnte ihr, mit den Befehlshabern der provençalischen Galeeren zu sprechen, um diese zur Unterwerfung aufzufordern. Aber Nachgiebigkeit lag nicht im Charakter dieser an Geist wie an äußerer Gestalt großartigen, an Herrschaft gewöhnten Frau. Sie erklärte den Provençalen, Karl von Durazzo, von ihr einst mit Wohlthaten überhäuft, sei der schnöde Räuber ihrer Krone, ihr einziger Erbe Ludwig, dem zu gehorchen sie sie feierlichst beschwöre. Sie selbst betrachte sich als tot, und nur ihres Leichenbegängnisses eingedenk zu sein, bitte sie die Getreuen. Hierauf ließ sie der König auf eines seiner Schlösser in der Provinz Basilicata führen und erwürgen. Dies geschah im Jahre 1882. Ihr Leichnam ward nach Neapel gebracht und öffentlich ausgestellt. In Clara liegt sie begraben. Zweites Kapitel. Wir können nun das Folgende kürzer zusammenfassen, Um uns dem eigentlichen Anfangspunkte unserer Erzählung zu nähern. Nur wenige und sehr stürmische Jahre genoß Karl III. seines Triumphs. Ludwig von Valois eroberte Apulien, starb jedoch unverhofft nach der Einnahme von Bisceglia, zum großen Glück seines Gegners. Dieser hatte sich unterdessen mit Urban VI. völlig entzweit. Dem Neffen des letzteren, Namens Butillo, hatte er früherhin Capua, Nocera und Amalfi versprochen, und der Papst kam nun nach Neapel, um den König an seine Zusage zu mahnen. Butillo jedoch, ein Wüstling, war in ein Frauenkloster eingedrungen und hatte dort einer Nonne Gewalt angethan, worauf er, nach den bestehenden Gesetzen, zum Tode verurteilt wurde. Der Papst sprach ihn los, entschuldigte den Vierzigjährigen mit seiner Jugend und bestand auf Abtretung der Fürstentümer, worauf er sich selbst mit seinem Neffen nach Nocera begab. Karl, des Papstes Ränke fürchtend und besorgend, daß er dem Butillo das ganze Reich in die Hände spielen wolle, wünschte ihn außer Landes oder unter seinen Augen in Neapel. Heftige Streitigkeiten entstanden, und Urban belegte Neapel mit dem Interdikt, dem jedoch keine Folge geleistet ward. Nun ließ Karl durch seinen Feldhauptmann, Alberigo da Barbiano, Nocera belagern, und der Papst verfluchte den König täglich dreimal. Ersterm gelang es jedoch, zu entwischen, und in Salern ging er auf genuesischen Schiffen zur See. Schon früher war in Ungarn König Ludwig gestorben. Er hinterließ zwei Töchter, wovon die eine Polen erhielt, die andere von den Ungarn erwählt wurde, die ihr den Titel »König Maria« gaben. Karl III. jedoch glaubt nähere Ansprüche an das Reich seines Oheims zu besitzen, und kaum ist er des päpstlichen Besuchs entledigt, so begibt er sich jenseits des adriatischen Meers; und da er als schon Bekannter auftritt und den meisten männliche Herrschaft wünschenswert scheint, so findet er großen Anhang und wird in Buda gekrönt. Aber die Königinnen (denn Ludwigs Witwe lebte noch), die zuerst in verstellter Freundlichkeit ihn als Beschützer bewillkommten, verrieten ihn. In ihrer Gegenwart ward er erstochen (1386). Groß hierüber war die Bestürzung seiner Gemahlin Margarete in Neapel, die sich mit zwei unmündigen Kindern, Ladislaus und Johanna, allein sah. Der französische Anhang erhob sich mächtiger als je, und an die Venetianer, die sie beleidigt hatte, verlor Margarete Durazzo und die Insel Corfu. Bald darauf mußte sie auch Neapel, das von den Häuptern der provençalischen Partei, den Sanseverinen und Otto von Braunschweig erobert wurde, verlassen. Sie zog sich mit ihren Kindern nach Gaeta zurück, wo sie eine Reihe von Jahren verblieb. Ludwig II., Sohn des in Apulien verstorbenen Valois, wurde ins Land entboten. Er schickte einstweilen den Herrn von Montjoie mit einem Heere, den er zum Vicekönig ernannte. Dieser hatte jedoch zu wenig Geschmeidigkeit und entfremdete sich die Barone. Selbst der Braunschweiger, der sich zurückgesetzt fand, spielte den Condottiere und ging später zu der Partei des Ladislaus über. So lange Papst Urban lebte, verhielt sich dieser ebenso feindlich gegen das Haus Durazzo als gegen die Franzosen; als jedoch Bonifaz IX. im Jahre 1389 den apostolischen Thron bestieg, erklärte er sich offen für Ladislaus, da Ludwig II. durch den Gegenpapst belehnt worden war. Dieser letztere starb 1394, und an seiner Stelle wurde in Avignon ein Spanier, Benedikt XIII., gewählt. Es gehört nicht zu meiner Aufgabe, die wechselnden Kriegsfälle zu beschreiben, die zwischen Ludwig von Valois, der seinen Sitz in Neapel hatte, und dem nun herangewachsenen Ladislaus stattfanden. Ueberdies leiden die Geschichten dieser Epoche an Verworrenheit, da sich an einheimischen und gleichzeitigen Berichterstattern ein großer Mangel zeigt. So viel ist klar, daß die provençalische Partei sich von Jahr zu Jahr verkleinerte und endlich durch den Abfall der mächtigen Sanseverinen den letzten Stoß erhielt. Ladislaus eroberte die Hauptstadt 1400, und Ludwig schiffte sich in Tarent nach Frankreich ein. Vier Jahre später, durch das Beispiel seines Vaters ungewarnt, machte Ladislaus einen Kriegszug nach Ungarn; doch war ihm der Anhang Sigismunds (Gemahls der Königin Maria und nachmaligen Kaisers) überlegen, und Ladislaus mußte sich zurückziehen. Bloß Zara behielt er und verkaufte es im Jahr 1409 an die Venetianer. Desto mehr beschäftigten ihn die Angelegenheiten Italiens. Er hatte, wie mehrere Herrscher der damaligen Zeit (vor allen Gian Galeazzo Visconti), den Gedanken gefaßt, sich zum König der ganzen Halbinsel auszuwerfen, ja, die Kaiserkrone schwebte ihm vor, und sein Wahlspruch war: »Aut Caesar aut nihil.« Sein Augenmerk hatte er vorzüglich auf Rom gerichtet, und die Gelegenheit schien günstig. Schon 1404, bei der Wahl Innocenz VII., hatte er sich der Engelsburg bemächtigt, mußte sie aber, als der Papst sich mit den Römern aussöhnte, wieder preisgeben. Auf Innocenz folgte Gregor XII. Da dieser jedoch, trotz des lebhaften Wunsches der ganzen Christenheit, mit dem Gegenpapst Benedikt zu keiner Verständigung gelangen konnte, so versammelten sich 1409 die Kardinäle in Pisa und erwählten einen Kandioten, Alexander V., welchem bald der in damaliger Zeit so berüchtigte Balthasar Coscia, unter dem Namen Johann XXIII., nachfolgte. Deshalb gaben nun aber Gregor und Benedikt ihre Ansprüche keineswegs auf; Ladislaus nahm den erstem in Schutz, eroberte unter diesem Vorwande den größten Teil des Kirchenstaats und drang bis Cortona und Siena vor. Da kam Ludwig von Valois mit einem Heere noch einmal nach Italien. Im Bündnis mit den Florentinern machte er den Paolo Orsino, des Ladislaus Feldhauptmann, von jenem abtrünnig, und unter dessen Anführung ward Rom im Namen Alexanders erobert. Zwei Jahre später erfolgte die Schlacht bei Roccasecca, in welcher Ladislaus gänzlich geschlagen wurde. Da er jedoch einen Separatfrieden mit den Florentinern schloß und die Genueser, die sich der französischen Herrschaft kurz vorher entzogen (daher den Franzosen sich feindlich zeigten), einen glücklichen Seekrieg für ihn führten, da endlich Ludwig durch gänzlichen Geldmangel gelähmt war, so ward jene Niederlage zum Sieg, und Ludwig ging in die Provence zurück. Johann XXIII. mußte den Frieden mit Geld erkaufen, und dafür verjagte Ladislaus den Papst Gregor, der sich bei ihm niedergelassen, aus seinen Staaten. Ladislaus jedoch hatte das Geld, nicht den Frieden gewollt. Im Jahr 1413 ließ er seinen Feldhauptmann Sforza in die Mark Ancona einfallen, und den Tartaglia, einen andern Condottiere, schickte er nach Rom, wo er später selbst, unter glänzenden Festen, seinen Einzug hielt. Johann XXIII. hatte sich zuerst nach Florenz, dann nach Bologna zurückgezogen, und da er eines Bundesgenossen bedurfte, so wandte er sich an den Kaiser Sigismund, der damals in Krieg mit den Venetianern verwickelt war. Er wußte den Kaiser, der vor allem das Ende der Kirchenspaltung wünschte, durch den Vorschlag eines allgemeinen Konzils zu gewinnen und traf mit ihm in der Lombardei zusammen. Das Konzil wurde, gegen die Meinung des Papstes, in Costnitz ausgeschrieben. Johann hatte Ursache, seinen voreiligen Schritt zu bereuen; denn bald darauf erfuhr er den Tod seines Feindes, des Königs Ladislaus. Dieser, der in beständigen Ausschweifungen lebte, ward in Perugia durch ein Mädchen vergiftet. Er ließ sich unter großen Schmerzen zuerst nach Rom, dann ins Castel nuovo zu Neapel tragen, wo er im August l414 verschied. Da die Lustseuche in damaliger Zeit noch unbekannt war, so hielt man es für ein künstliches Gift, das der Vater jenes Mädchens, ein Arzt, ans Anstiften der Florentiner, seiner eigenen Tochter beigebracht haben sollte. Ladislaus starb im acht und dreißigsten Jahre seines Alters, der letzte männliche Sproß des Hauses Anjou. Drittes Kapitel. In Neapel ward nun des Verstorbenen Schwester, drei Tage nach dessen Tode, zur Königin ausgerufen. Johanna II., so nannte sie sich, war früher an Wilhelm von Oesterreich, Sohn Leopolds III., vermählt gewesen; nach dem Tode ihres Gemahls, dem sie keine Kinder gebracht hatte, kehrte sie in ihr Vaterland zurück. Bei ihrer Thronbesteigung fuhr sie, die Krone auf dem Haupte, durch die Stadt, ließ Geld unter das Volk streuen, befreite alle, die sich in den Gefängnissen befanden, und verzieh den abgefallenen Baronen, was bei der Durazzischen Partei keine gute Wirkung hervorbrachte. Mazella, Vite dei Rè di Napoli Unverweilt nach ihrem Regierungsantritt erschien Sforza Attendolo an ihrem Hofe, unter den Feldhauptleuten des verblichenen Königs der angesehenste. Da er eine Hauptrolle in der nachfolgenden Erzählung spielt, so gereicht es vielleicht den Lesern zur Aufklärung, aus seiner frühern Geschichte das Wichtigste zu vernehmen. Sforza ist uns zugleich als ein Musterbild des damaligen Condottierencharakters und als Stammvater eines berühmten Fürstengeschlechts merkwürdig. Jakob Mutius degli Attendoli kam im Jahre 1369 zu Cotignola, einem Städtchen bei Faenza, zur Welt. Seine Familie war begütert und angesehen, ohne vornehm zu sein. Einundzwanzig Kinder hatte seine Mutter geboren, und der strenge Charakter dieser Frau hatte die Knaben frühe an geringe Kost, an Abhärtung und soldatische Uebungen gewöhnt, so daß das Haus der Attendoli eher einem Waffensaale als einem Wohngebäude gleich sah. Jovius, Vita Sfortil. Da habe nun einmal, so wird erzählt, der junge Mutius, den Kopf voll kriegerischer Träume, im Garten seines Vaters mit dem Karst gearbeitet; aber des bäurischen Geschäfts müde und vom Himmel sich einen Schicksalswink erflehend, habe er die Hacke nach einem hohen Eichbaum geschleudert. Falle sie herab, so solle er seine Feldarbeit fortsetzen, bleibe sie hangen, so sei er zu Kriegsdiensten bestimmt. Die Hacke jedoch blieb in den Zweigen hängen, und der junge Mutius griff zu den Waffen. Von vielen wird diese Geschichte bezweifelt, wiewohl sie von Sforza selbst in einem Witzwort, das man ihm beilegt, anerkannt und von seinen Nachkommen geglaubt wurde. Wie dem auch sei, er entfloh in seinem dreizehnten Jahre mit einem Pferde aus dem väterlichen Hause, und der erste Feldhauptmann, unter welchem er diente, war Boldrino, ein Mann, der eines so großen Rufs bei seinen Truppen genoß, daß diese sogar seinen Leichnam einbalsamierten, auf allen Kriegszügen mit sich führten und jedesmal im Lager ein eignes Zelt für ihn aufschlugen; denn sie hielten auch seine Hülle noch für die beste Gewähr des Siegs. Später begab sich Sforza unter die ersten Feldherrn seiner Zeit, den Giovanni Acuto, wie er von den Italienern genannt wird Er hieß Hawkwood. und den Alberigo da Barbiano, Großkonnetabel von Neapel. Durch letztern erhielt er wegen seiner Hartnäckigkeit bei Gelegenheit einer Beuteverteilung den Beinamen Sforza. Dem erstem eiferte er vor allen andern nach und bewunderte ihn besonders deshalb, weil er, ein Fremdling und aus einer barbarischen Insel stammend, durch Klugheit und Tapferkeit zu so hohen Ehren gelangt war, daß selbst ein Visconte ihm seine Tochter antraute und die florentinische Republik ihn mit Reichtümern überhäufte, ja, nach seinem Tode sein Andenken durch eine Reiterstatue ehrte, welche letztere noch heutzutage im Dom von Florenz vorhanden ist. In jene Jugendzeit fällt auch Sforzas Freundschaft mit Braecio da Montone aus dem Peruginischen, einem der größten Kriegshelden jener Epoche. Viele Jahre hindurch schienen beide unzertrennlich; Waffen, Pferde und Gefahren waren gemeinschaftlich, selbst Farben und Abzeichen. Wir werden im Laufe dieser Geschichte sehen, wie ein so langdauernder Bund zerrissen ward. Wir finden sodann Sforza zuerst als Anführer von den Peruginern gewählt, die ihre Freiheit gegen Gian Galeazzo Visconte verteidigten. Die Stadt unterlag; Galeazzo jedoch, der Sforzas Verdienste zu schätzen wußte, nahm ihn in seinen Sold, entließ ihn aber nach kurzer Zeit, weil er ihm als Welse verdächtig schien. Hierauf begab sich dieser zu den Florentinern, welche im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts den Kaiser Ruprecht von der Pfalz nach Italien riefen, um ihnen gegen den Visconte beizustehn. Jenem stellte sich Sforza mit seiner Schar im Paduanischen vor. Der Kaiser bewunderte die schöne Haltung der Truppen, sowie des Anführers Gewandtheit als Reiter, und bemerkend, daß Sforza (auf den Namen seiner Vaterstadt anspielend) eine Quitte im Schilde führte, sagte er ihm: »Ich will dir einen Löwen beilegen, der deinen Apfel hält.« So entstand das Wappen der Sforza. Cribellus, Vita Sforti. Jovius, I. α Als im Jahre 1402 Gian Galeazzo, dem sich die Florentiner widersetzten, Bologna eroberte, ward Sforza durch die feige Flucht Tartaglias, der neben ihm eine Schar befehligte, gefangen; Alberigo da Barbiano jedoch, Galeazzos damaliger Feldhauptmann, entließ ihn, und mit dreihundert Reitern, denen man ebenfalls Pferde und Waffen abgenommen, kehrte er zu Fuß über die Apenninen nach Florenz zurück. »Wir haben tapfer gefochten,« sagte er zu den Vorstehern der Republik; »aber das Glück war uns abhold. Gebt uns Pferde und Waffen, und unsere Anstrengungen werden eurem Vertrauen entsprechen.« Bald nach der Einnahme von Bologna starb der Visconte. Seinem natürlichen Sohne Gabriel (der später in Genua enthauptet wurde) hatte er Pisa hinterlassen. Dieser verkaufte es an die Florentiner; die Pisaner jedoch waren keineswegs damit einverstanden, und es entspann sich ein Krieg, in welchem die seit ältester Zeit so berühmte und als Königin der Meere begrüßte Republik zu Grunde ging. Hier leistete Sforza den Florentinern so wichtige Dienste, daß sie ihm nicht nur die Lorbeerkrone zuerkannten, sondern auch ihm einen Sold von jährlichen 500 Liliendukaten aussetzten. Als hierauf Florenz einige Friedensjahre genoß, trat er in die Dienste des Beherrschers von Ferrara, Nikolaus von Este. Dieser war in einen Krieg mit Ottobono Terzo verwickelt, welcher letztere, früher ein Feldhauptmann Gian Galeazzos, nach dessen Tode sich Parmas bemächtigt hatte. Ottobono, durch Sforza gedrängt, wünschte den Frieden, doch wahrscheinlich nur, damit Nikolaus seine Söldner entlassen und desto wehrloser erscheinen möge. Eine Zusammenkunft beider Fürsten ward verabredet, unterblieb aber, da Nikolaus durch Ottobons Boten gewarnt wurde. Bald darauf fiel Ottobono in die Hände der Sforzesken und wurde von Michael Attendolo niedergestoßen. Cribellus. (1409.) Michael war nämlich früher mit andern Gefährten in Ottobons Gefangenschaft geraten, und dieser hatte sie sämtlich in Ketten legen und den ganzen Winter hindurch jede Nacht nackend ausziehn und mit kaltem Wasser begießen lassen. Einige schreiben Ottobons Tod dem Sforza selbst zu. Wie dem auch sein mag, so viel ist gewiß, daß diese Todesbotschaft von Ottobons Unterthanen mit Jubel aufgenommen wurde. Als sein Leichnam nach Modena gebracht ward, zerriß ihn das Volk, und einige aßen von seinem Fleische. Nachdem Sforza für die Estenser Parma erobert hatte, kehrte er zu den Florentinern zurück und wohnte noch in demselben Jahre der Einnahme von Rom unter Ludwig von Valois bei. Auch die Schlacht von Roccasecca wurde durch ihn entschieden, und Johann XXIII., in dessen Sold er stand, seit die Florentiner sich mit Ladislaus ausgeglichen, verlieh ihm Cotignola, seine Vaterstadt, worüber Sforza die reinste Freude empfand. Schon früher hatte er sich manche Besitzung erworben. Nikolaus hatte ihm Montecchio, ein Schloß im Parmesanischen, geschenkt, und durch seine erste rechtmäßige Gemahlin, eine Saneserin aus dem berühmten Geschlecht der Salimbeni, besaß er die Stadt Chiusi und einige andere Kastelle in Toscana. Jovius. Wegen der Beleidigungen und beständigen Nachstellungen des Paolo Orsino verließ Sforza Rom und trat später in den Dienst des Königs Ladislaus, nachdem er sich feierlich vom Papste losgesagt und dessen Sold zurückgewiesen hatte. Johannes war jedoch hierüber so sehr erbittert, daß er ihn, nach damaliger Sitte, am rechten Fuß aufgehenkt malen ließ, zugleich mit einer ehrenrührigen Inschrift, in der ihm seine niedrige Abstammung vorgeworfen ward, Antonino Petri, Diarium Romanum ab anno 1404-1417. Ladislaus empfing ihn freundlich; aber da dieser König die Condottieren, deren er sich nur aus Not bediente, haßte, so mußte Sforza seinen ältesten Sohn Francesco (den er mit einer Beischläferin erzeugt hatte) aus Ferrara, wo er Edelknabe bei dem Estenser war, kommen lassen, und Ladislaus behielt denselben als Geisel, wiewohl er ihn, den damals zwölfjährigen Knaben, zum Grafen von Tricarico ernannte. Als Ladislaus gestorben war, eilte Sforza nach Rom; doch konnte er die Stadt gegen den allgemeinen Volksaufstand nicht behaupten. Bloß Ostia, Civita Vecchia und die Engelsburg erhielt er im Gehorsam der Königin, zu welcher er sich, wie bereits erwähnt worden, nach Neapel begab. Den Befehl der Truppen im Römischen hatte er dem Micheletto, einem Verwandten, übertragen. Viertes Kapitel. Johanna II., bereits im fünfundvierzigsten Jahre ihres Alters, trug keine jener Eigenschaften in sich, die einen Herrscherberuf beurkunden. Da sie an den Männern eigentlich nichts liebte als das Geschlecht, so fehlte ihr der weibliche Scharfblick anderer auf den Thron berufener Frauen, welche die tüchtigsten Charaktere leicht zu unterscheiden und an die Spitze zu stellen imstande sind. In Vergnügungen und Hoffesten hatte sie bisher gelebt, geheimen Lieblingen ihre Gunst geschenkt. Aber weil bei verborgener Neigung die Gefahr um so größer, die Entdeckung um so leichter scheint, je höher der Gegenstand gestellt ist, zu dem sie sich erhebt, so hatte die Fürstin, Vornehmere zurückweisend, ihre Blicke auf einen Diener des Hauses, den Mundschenken Pandolfello Alopo geworfen, einen damals sechsundzwanzigjährigen Jüngling von ausgezeichneter Körperschönheit, der ihr bereits als Knabe nach Oesterreich gefolgt war. Cronica di Napoli im 4. Band der Raccolta dei storici Napoletani Als jedoch Ladislaus gestorben, konnte sie der Versuchung nicht widerstehn, den Geliebten zu erhöhen. Bald sah sich Pandolfello als Großkämmerer im Besitz eines der ersten Kronämter, und sein Wille ward auch der Wille der Königin. Bedeutend war hierüber die Entrüstung des Adels. Der Partei Durazzo, den Vertrauten des verstorbenen Königs, verdankte Johanna den Thron, und der nächste Platz an demselben ward einem Manne vergönnt, den sie als Knecht verachteten. Maßregeln gegen die Barone schienen notwendig, und Johanna begann mit der Witwe ihres Bruders, deren Einfluß, durch große Besitzungen verstärkt, sie fürchtete. Denn Maria besaß durch ihren ersten Gemahl, Raimund Orsino, das Fürstentum Tarent nebst andern Ländereien. Als sie sich daher nach Lecce begeben wollte, ward sie samt ihren Kindern erster Ehe in Castel nuovo, wiewohl in ehrenvoller Gefangenschaft, zurückgehalten. Die Reihe kam nun an Sforza, der als Gebieter eines Heers vor allem gefährlich schien, sei es, daß man ihn wegen seiner Verbindung mit den Baronen in Verdacht hielt, sei es, wie viele Erzähler jener Begebenheiten behaupten, aus persönlicher Eifersucht Alopos. Wohl mochte Sforza, wenn auch bei vorgerücktem Alter, durch seine hohe Gestalt, seine kriegerische Haltung und den Reiz, den der Ruhm verleiht, die Aufmerksamkeit der Königin fesseln, und als einmal Alopo beide in einem scherzhaften Gespräche begriffen fand, worin Johanna dem Feldhauptmann wegen seiner Witwerschaft Vorwürfe machte, so säumte er nicht, letztern des Einverständnisses mit dem unzufriedenen Adel bei der Königin anzuklagend. Constanzo, Storia di Napoli Diese verlieh dem Großkämmerer zu jeder nötigen Vorkehrung Vollmacht, und als Sforza am nächsten Morgen ins Castel nuovo kam, um die Königin zu sprechen, so wurde ihm gemeldet, sie befinde sich im Turm Beverella. Dort aber ward er festgehalten und in die unterirdischen Kerker gebracht, in denen sich bereits sein Todfeind, Paolo Orsino, befand. Diesen nämlich hatte Ladislaus, kurz vor seinem Ende, unter friedlichem Vorwand in seine Gewalt gebracht und dessen Hinrichtung befohlen, welche jedoch durch das Ableben des Königs hintertrieben wurde. Die Festnehmung Sforzas steigerte noch mehr die Verstimmtheit der Barone. Die Grafen von Gerace und von Troja, nebst andern Edelleuten, begaben sich zur Königin, über ein so rechtswidriges und ohne Befragung der Staatsräte begonnenes Verfahren Beschwerde führend und auf eine gerichtliche Untersuchung antragend, der sich auch die Königin nicht widersetzte. Sie machten auf die Gefahren des ganzen Landes aufmerksam, welche aus einer Vereinigung der Sforzeskischen und Orsinischen Heerhaufen, die ihre Führer zu befreien strebten, erfolgen könnten, und vor allem wiederholten sie ein schon früher geäußertes Verlangen, daß Johanna durch die Wahl eines Gemahls sich selbst eine Stütze, dem Reiche Beruhigung und wo möglich einer uralten und seit anderthalbhundert Jahren in Neapel herrschenden Dynastie Nachkommen verschaffen möchte. Constanzo. Vieler Fürstensöhne wurde gedacht, und aus Aragonien war bereits ein Gesandter gegenwärtig, der um die Hand der Königin für Don Juan, den zweiten Sohn König Ferdinands, werben sollte. Eine solche Verbindung schien von allen die vorteilhafteste. Denn die Aragonesen waren im Besitze von Sicilien; von ihnen konnte man im Falle eines Kriegs schleunige Hilfe, ja vielleicht die Wiedererwerbung jener schönen Insel erwarten. Ein Rechtsgelehrter und ein Geistlicher wurden nach Spanien abgeschickt und in Valencia ein Vertrag abgeschlossen. Als aber Johanna erfuhr, daß der Prinz erst achtzehn Jahre zähle, zeigte sie sich völlig abgeneigt, sei es aus Scham, sei es, weil Pandolfello einen so jugendlichen Nebenbuhler scheute. Nicht dem Don Juan war Neapel bestimmt, wohl aber einst seinem Sohne, Ferdinand dem Katholischen, nachdem fast ein Jahrhundert verstrichen war und das unglückliche Reich mehr als ein Herrschergeschlecht hatte zu Grunde gehn sehn. Die Wahl der Königin fiel endlich auf Jakob Bourbon, Graf von Marche, mit der herrschenden Familie Frankreichs verwandt und in männlichen Jahren. Je mehr hierüber die Barone ihre Zufriedenheit an den Tag legten, desto mehr fürchtete Pandolfello. Daß der künftige Gemahl der Königin im Bunde mit dem Adel ihn leicht unterdrücken würde, schien vorauszusehen, und er wandte sich daher an den einzigen Verbündeten, dessen Beistand von Gewicht sein und dessen Wohlthäter er werden konnte. Er stieg in Sforzas Kerker hinab, und diesen seiner Freundschaft versichernd und jede Schuld in Bezug auf dessen Gefangenschaft von sich abwälzend, behauptete er, für dessen Befreiung beständig gewirkt zu haben. Diese sei jedoch nicht ihm selbst, wohl aber seiner Schwester Katharina Alopa gelungen, welche bei der Königin in großer Gunst stehe. Von Sforza hänge es nun ab, die Haft zu verlassen, den Titel eines Großkonnetabels und einen bedeutenden Sold für seine Truppen in Empfang zu nehmen, und zugleich biete er ihm seine Befreierin mit reichlicher Mitgift zum Weib an. Sforza ging diese Bedingungen, die für einen hoffnungslos Gefangenen glänzend waren, ein und trat in die ihm übertragene Würde. Nie konnte der Königin seine Hilfe erwünschter sein als eben damals; denn die Stadt Aquila befand sich im Aufruhr, und mehrere Barone zeigten widerspenstige Gesinnungen. Sforza zog nach Aquila, und in kurzer Zeit gelang es ihm, alles zu beruhigen. Die Aquilaner wurden bei einem Ausfalle, den sie wagten, gänzlich geschlagen, und Sforza bemächtigte sich der Stadt, die er jedoch nur mit Vergessenheit alles Vergangenen bestrafte. Cribellus. Der Graf von Fondi und der Herzog von Sessa sahen sich beim Herannahen des siegreichen Feldherrn veranlaßt, in Bedingungen einzugehn. Auch Julius Cäsar von Capua, ein leidenschaftlicher und nach hohen Dingen strebender Mann, der nach dem Tode des Ladislaus einen Teil von dessen Söldlingen an sich gezogen, ward zur Unterwerfung und Aussöhnung mit der Königin gezwungen. Hiedurch ward der Haß dieses Mannes gegen Sforza begründet, der beiden schlechte Früchte trug. Allgemeinen Neid unter den Baronen erregte jedoch Sforzas Empfang in Neapel und der königliche Pomp, welcher dessen Hochzeit begleitete. Constanzo. Fünftes Kapitel. Im Juli 1415 erfuhr man, daß Jakob von Bourbon sich bereits in Venedig befinde und nach Manfredonia sich einzuschiffen im Begriff sei, und es ward in die Königin gedrungen, ihm Gesandte entgegenzuschicken. Als aber Johanna zauderte, da sie den künftigen Gemahl an Abhängigkeitsverhältnisse zu gewöhnen wünschte, so machten sich Julius Cäsar von Capua, der Graf von Troja und andere Barone aus eigner Machtvollkommenheit auf den Weg. Nun mußte auch die Königin nachgeben und schickte den Großkonnetabel mit anständiger Begleitung ihrem Bräutigam entgegen, mit welchem man schon früher festgesetzt hatte, daß er bloß den Titel Graf und Generalgouverneur des Königreichs führen solle. Die Barone jedoch, die drei Tage eher als Sforza abgereist, trafen in der Ebene von Troja (einer von den Griechen während ihres Kampfs mit den Longobarden erbauten Stadt) auf den ersehnten Fürsten. Da stieg Julius Cäsar vom Pferde und sprach: »Erlauchter König! Deine Majestät sei uns allen willkommen!« Die übrigen, die nicht zurückbleiben wollten oder im Einverständnis mit dem Capuaner standen, stiegen nun ebenfalls ab und begrüßten Jakob als König. Sie wurden freundlich empfangen, und Julius Cäsar gewann hinlängliche Zeit, um von dem Stand der Dinge in Neapel den König zu unterrichten, den er selbst geschaffen hatte. Denn erst in der Nähe von Benevent erschien Sforza mit seiner Schar, dem ein Herold vorausging und rief: »Dies ist der Großkonnetabel!« Nicht minder soldatisch unbeholfen war sein eigner Gruß, und auf dem Pferde sich verneigend, sagte er: »Erlauchter Graf! Die Königin, deine Gemahlin, erfreut sich deiner Ankunft und erwartet dich mit Ungeduld.« Hierauf erwiderte Jakob nichts anderes als: »Wie befindet sich die Königin?« Und als die ihm zur Seite reitenden Barone für den Konnetabel Platz machen wollten, bat er sie, ihn nicht zu verlassen. Costanzo . Im Schlosse von Benevent angelangt, versäumten auch die mit Sforza gekommenen Barone nicht, dem neuen Könige die Hand zu küssen. Als jedoch Sforza selbst sich zu demselben begeben wollte, vertrat ihm Julius Cäsar den Weg auf der Treppe, ihn als Verräter behandelnd und fragend, weshalb er, in einem Städtchen der Romagna geboren, dem rechtmäßigen Oberherrn die Huldigung zu versagen sich erdreiste, während die einheimischen Großen des Reichs ihn anerkannten? Nach heftigem Wortwechsel warfen sie ihre Kopfbedeckung einander vor die Füße; doch nur von Sforza ward das hingeworfene Kampfzeichen von der Erde aufgegriffen. Cribellus . Da erschien der Graf von Troja, und als oberster Seneschall trennte er die Streitenden und ließ sie verhaften, worauf aber Julius Cäsar bald wieder entlassen, Sforza in einen Kerker gebracht wurde. Ueber alles dies erhielt die Königin schleunige Nachricht. Vom Adel verlassen, ihres Feldhauptmanns beraubt und erfahrend, daß allerorts, wo Jakob durchzog, ihm ein Lebehoch als König gebracht wurde, blieb ihr keine andere Wahl, als Einwilligung in das Geschehene. In der Eile ward ein goldener Baldachin zugerüstet, und als der Fürst erschien, ward er unter demselben, bei lautem Volkszuruf, durch alle Sitze von Neapel geführt. Die Stadt war in Sitze (Seggi) eingeteilt. Sie wurden so von den steinernen Sitzen genannt, auf welchen sich die Vornehmeren des Stadtviertels, nach Art der südlichen Völker, über die öffentlichen Angelegenheiten öffentlich besprachen. Ueber die Form dieser Sitze dient zur Aufklärung, daß sie von mehreren Geschichtschreibern Theatra genannt werden. Sie dienten auch zu Tanz und Gesang bei feierlichen Gelegenheiten. Auf der Brücke des Castel nuovo kam ihm Pandolfello in zahlreicher Begleitung entgegen, küßte ihm den Fuß und hielt ihm den Steigbügel. Oben empfing ihn mit verstellter Freundlichkeit Johanna, von ihrem Hofe umgeben, und stellte ihn den Versammelten mit den Worten vor: »Wer mich liebt und das Haus Durazzo, der begrüße diesen meinen Gemahl als König!« Worauf alle riefen: »Es lebe die Königin Johanna und der König Jakob, unsre Herrn!« Giornali del duca di Monteleone. Cronica di Napoli Selten ist wohl ein Ehebund unter schlechtem Vorbedeutungen geschlossen, selten eine Brautnacht unter unerfreulichern Gesprächen verbracht worden. Der Erfolg derselben zeigte sich bereits am andern Morgen. Die versammelten Gäste, die ein mehrtägiges Fest zu feiern erwarteten, wurden zurückgewiesen, Alopo, der sich in die Zimmer der Königin geflüchtet hatte, festgesetzt und ins Castel dell' Ovo (einer von Friedrich II. auf der Insel Megaris erbauten und durch eine Brücke mit dem festen Lande verbundenen Festung) abgeführt, wohin auch Sforza gebracht wurde. Auf der Folter gestand Pandolfello alles, was der mehr als billig vorwitzige Gatte über den Lebenswandel der Königin zu erfahren verlangte. Sodann ward der Ueberwiesene auf dem Mercato enthauptet, durch die Stadt geschleift und am rechten Fuß aufgeknüpft. So rücksichtslos gegen die Ehre seiner Gemahlin handelte der neue Monarch, und zu solcher Höhe steigerte er ihren heimlichen Haß. Auch Sforza ward gefoltert, um von ihm die Abtretung seiner Besitztümer im Königreich zu erzwingen, ja selbst dem Tode würde er nicht entgangen sein, wenn ihn nicht der Mut seiner Schwester gerettet hätte. Die Geschichte ist zu schön, um sie nicht zu erzählen. Daß Lorenzo und Micheletto, die an der Spitze der Sforzeskischen Heerhaufen standen, die Gefangenschaft ihres Verwandten und Führers nicht gleichgültig betrachten würden, war vorauszusehen. Sie hatten sich in Tricarico festgesetzt und verheerten das Land bis an die Thore von Neapel. Julius Cäsar ward gegen sie abgeschickt; da dieser jedoch auf friedlichem Wege eher zum Ziel zu gelangen hoffte, so wurden Unterhändler aus vornehmen Geschlechtern der Hauptstadt nach Tricarico gesendet. Schon waren Micheletto Attendolo und Michelino Ravignano, Sforzas Schwager, in Unterhandlungen begriffen, als Margarete, ihres Heldenstamms würdig, den Panzer anschnallte und, so durch die Stadt eilend, mit männlicher Beredsamkeit eine zahlreiche Schar um sich versammelte. In solcher Begleitung trat sie in den Saal, wo die Gesandten sich aufhielten, und, gegen diese gewandt, sprach sie: »Wie konntet ihr, die offenbaren Feinde meines Hauses, mein Gebiet zu betreten wagen? Nicht diesen Männern, mit denen ihr Verträge schließen wollt, gehört die Stadt; wohl aber den Meinigen, und so lange sie ihrer Freiheit beraubt sind, bin ich allein Verweserin. An mich müssen eure Forderungen gerichtet sein; doch jetzt erkläre ich euch nach Kriegsrecht für Gefangene, und nur wenn ihr meinen Bruder ledig gebt, mögt ihr dem Aeußersten, das Sterbliche betreffen kann, entgehn.« Cribellus So wurden die Abgesandten festgehalten, und da deren Verwandte in Neapel um das Leben derselben besorgt waren und den König deshalb beschworen, so nahm alles eine gelindere Wendung. Alle Angehörigen Sforzas wurden frei gegeben; Margarete und ihr Gemahl Michelino durften im Königreiche ungekränkt verweilen, ebenso Katharina Alopa, die sich ins Kloster S. Clara geflüchtet hatte. Ueber Sforza selbst gab der König die heilige Versicherung, daß dessen Leben nicht in Gefahr stehe, und er ward mit seinem ältesten Sohn Francesco (dem nachmaligen Herzog von Mailand) in ein anständiges Gefängnis im Castel nuovo gebracht. Micheletto wurde mit seinen Söldlingen in den Kirchenstaat entlassen, wo ihm jedoch ein ungünstiges Schicksal bevorstand. Er hatte sich an Braccio da Montone angeschlossen, der ihn auch wirklich in Sold nahm. Aber da dieser ehrgeizige Mann, der Perugia in Besitz genommen, nach der Herrschaft des verwaisten Roms strebte, so war es ihm vor allem darum zu thun, sich den Tartaglia, einen Anführer zahlreicher Söldlinge, zu verbinden. Diesem vergönnte er nun, sich der Besitzungen Sforzas in Toscana zu bemeistern, die dem Braccio selbst zum Schutze anvertraut worden waren. Bitter beklagte sich Micheletto über diese Treulosigkeit, welche auch einen Bruch zwischen Sforza und Braccio zur Folge hatte. Hierauf entließ letzterer den Micheletto, dessen er weniger bedurfte, und enthielt ihm sogar den Sold für seine Truppen vor. Da verkaufte der später so berühmt gewordene Niccolo Piccinino, der damals unter Braccio diente, sein eignes Silberzeug und bezahlte, über des Feldherrn Betragen entrüstet, den Sold an Micheletto, welcher letztere nun wenigstens Acquapendente in Sforzas Namen behaupten konnte. Jovius. Cribellus. Sechstes Kapitel. Unterdessen hatte König Jakob seine neue Regierung angetreten. Zu seinen ersten Handlungen gehörte die Freilassung der verwitweten Königin Maria, die mit ihren Söhnen nach Tarent zurückkehren durfte. Sie hatte sich nämlich an Tristan von Clairmont, einen mit Jakob ins Land gekommenen und dessen höchste Gunst genießenden Franzosen, gewendet und demselben ihre Tochter erster Ehe mit der Grafschaft Copertino als Mitgift versprochen, welches Bündnis auch zustande kam. Aber nicht, wie es vielen anfangs scheinen mochte, um sich die mächtige Familie der Orsini zu befreunden, hatte Jakob von Bourbon in diesen Bund gewilligt, wohl aber um seinen Freund zu bereichern, wie der Erfolg lehrte. Weit entfernt, die eingebornen Barone durch Wohlthaten an sich zu ziehn, vergab er die ersten Kronämter an Franzosen. Denn außer den Würden des Großkämmerers und Großkonnetabels, die Alopo und Sforza bekleidet hatten, war auch das Seneschallenamt durch den Tod des Grafen von Troja, der, wie einige glauben, an Gift starb, ledig geworden. Niemand fühlte sich durch solche Uebergehungen mehr beleidigt, als Julius Cäsar von Capua, der sich hierauf nach Morcone zurückzog und selten in Neapel erschien. Auch Paolo Orsino, der Condottiere, wurde von Jakob seiner Haft entlassen; doch er genoß der Freiheit nur kurze Zeit. Auf Braccios Befehl ward er vom Tartaglia und Ludwig Colonna, während er zu Colfiorito außerhalb der Mauern spazieren ging, ermordet. So gnädig sich König Jakob jedoch gegen die Vorstehenden erwiesen hatte, um so strenger verfuhr er gegen seine Gemahlin und, neue Nebenbuhler fürchtend, ließ er sie, einer Gefangenen gleich, bewachen. Ein alter Franzose, den die Italiener Berlingiero nennen, ward ihr beigegeben, und so argusartig war seine Hut, daß Johanna selbst der gewöhnlichen Bedürfnisse wegen sich nicht entfernen durfte, ohne dessen Erlaubnis einzuholen. Giornali des Duca. Große Unzufriedenheit entstand hierüber in der Stadt und zumal bei Hofe. Man war an glänzende Feste gewöhnt, die nun für immer geschlossen schienen, und besonders unwillig waren die jungen Männer von Adel, die sich der Königin in Ritterspielen zu zeigen pflegten, um durch Wohlgestalt oder kriegerische Geschicklichkeit ihre Aufmerksamkeit anzuziehn. Monatelang war auf diese Weise Johanna den Blicken ihres Volks entzogen. Da geschah es gegen Ende des Jahrs 1415, daß fast alle neapolitanischen Edelleute sich nach dem Castel nuovo begaben und die Königin zu begrüßen wünschten. Berlingiero wies sie zurück; sie versicherten aber, nicht eher das Schloß verlassen zu wollen, bis sie nicht ihre Monarchin mit eignen Augen gesehen hätten. Endlich erschien der König selbst, entschuldigte seine Gemahlin mit Unwohlsein und bat die Gegenwärtigen, entweder ihr Anliegen ihm selbst zu vertrauen oder ihren Besuch zu verschieben. Hierauf versetzten jene, sie begehrten nichts anderes, als daß er seine Gemahlin in der Art behandle, wie es der Enkelin so vieler Könige gebühre, und nur insoferne sie ihm teuer wäre, würde er selbst auch ihnen teuer sein. Jakob erwiderte, er würde seiner Pflicht nachkommen, und entließ die Barone. Bei dieser Szene war zufällig der Schreiber des Julius Cäsar gegenwärtig, und als er nach Morcone zurückkehrte, erzählte er den ganzen Vorfall seinem Herrn. Dieser baute darauf einen Plan, der dem Ehrgeize gemäß, aber aller Klugheit entgegen war. Im Jänner des folgenden Jahrs begab er sich nach Neapel, und teils durch sein Ansehn, teils weil er als Entferntlebender weniger verdächtig schien, gelang es ihm, die Königin ohne Zeugen zu sprechen. Indem er sich selbst und sein früheres Betragen gegen sie anklagte, äußerte er den Wunsch, ihr eine glänzende Genugthuung geben zu dürfen. Ihm solle sie sich vertrauen; er wolle sie der verlorenen Freiheit wieder teilhaft machen und, wenn es nötig schiene, den überlästigen König aus dem Wege räumen. Johanna besaß Verstellung genug, um nicht zu stutzen. Seinem Anerbieten mit Dank entgegenkommend, beschied sie ihn nach Verlauf von einigen Tagen wieder ins Kastell, um Näheres mit ihm zu besprechen. Aber zu tief war in ihrem Herzen der Groll gegen Julius Cäsar gewurzelt, dem sie ihr ganzes Unglück schuldig war; zu sehr beweinte sie noch täglich den Pandolfello, um seinem Todfeinde sich anzuvertrauen. Dabei schien die ganze Unternehmung höchst gefährlich, ja, es war die Möglichkeit vorhanden, daß der Capuaner vom Könige selbst geschickt worden, um ihr absichtlich eine Falle zu legen. Johanna war ohne große Gemütseigenschaften, aber nicht ohne Klugheit. Den Tod Alopos zu rächen und sich selbst bei ihrem Gemahle ein Verdienst zu erwerben, schien von allen der sicherste Ausweg. Sie entdeckte daher dem Könige alles und bat ihn, wenn Julius wiederkehren sollte, denselben zu behorchen, um sich von der Treue dessen zu überzeugen, den er als seinen ältesten Freund im Königreich anerkenne. Als daher der Capuaner sich abermals bei der Fürstin melden ließ, verbarg sich der König hinter den gewirkten Teppichen, mit denen man in damaliger Zeit die Gemächer, anstatt der Tapeten, zu behängen pflegte. Behind the arras , wie es im Hamlet heißt. Julius Cäsar entwickelte nun ungescheut seinen Mordanschlag. Den Abend des andern Tags wolle er der Königin reiche Geschenke zusenden; sein Schreiber, der von allem unterrichtet sei, würde dieselben begleiten; er selbst wolle sich verkleidet unter die Lastträger mischen. So würde es ihm leicht werden, sich im fürstlichen Schlafgemach zu verbergen, und ebensoleicht, den entschlummerten König zu töten und dessen Haupt in den Hof des Kastells zu werfen, um die erschreckten Franzosen zu schleuniger Flucht zu bewegen. Costanzo Julius Cäsar ging sodann auf gleichgültige Gespräche über und beurlaubte sich mit heiterer Miene bei Johanna, woraus er noch dem Könige, der sich unterdessen in sein Zimmer zurückgezogen hatte, einen kurzen Besuch abstattete. Von da im Hof des Kastells angelangt und eben den Fuß in den Steigbügel setzend, ward er festgehalten und sogleich nach der Vicaria gebracht. Zwei Tage reichten zum Urteil und dessen Vollstreckung hin. Julius ward mit seinem Schreiber enthauptet, die Körper in der Nunziata begraben, die Köpfe auf einen Pfahl gesteckt, wo sie nach dem Zeugnis eines Gleichzeitigen noch lange nachher sichtbar blieben, bis sie, vom Winde herabgeweht, von den Hunden verschlungen wurden. Giornali del Duca. Siebentes Kapitel. König Jakob hatte Ursache zur Dankbarkeit gegen seine Gemahlin, und wirklich ward, von jener Zeit an, der Zwang gemildert, unter dem sie bisher gelitten hatte. Auch trafen aus Frankreich günstige Nachrichten ein; denn Ludwig II. von Valois war gestorben, und wiewohl er drei Söhne hinterließ, so schienen doch, ihrer Minderjährigkeit wegen, die früheren Ansprüche auf Neapel allmählich einzuschlafen. Auch war damals Frankreich in einem Zustande, der das Einmischen in fremde Händel wenig begünstigte. Da geschah es im Dezember desselben Jahres (1416), daß Johanna den Garten eines florentinischen Kaufmanns besuchte, um dort den Abend bei einem fröhlichen Gastmahle zuzubringen. Kaum war in der Stadt bekannt geworden, daß die Königin das Kastell verlassen, als Adel und Volk sich scharenweis nach jenem Versammlungsorte zudrängte, wobei Johanna nicht versäumte, eine abgehärmte Miene zur Schau zu tragen und Klagen über ihre beschränkten Verhältnisse fallen zu lassen. Sei es Eingebung oder, wie es wahrscheinlicher ist, Verabredung, genug, als die Königin wieder in den Wagen steigen wollte, erregten zwei junge Edelleute, Ottino Caracciolo und Anecchino Mormile, die großen Anhang im Volke hatten, einen Tumult und befahlen dem Kutscher, nach dem erzbischöflichen Palast zu fahren. Johanna rief: »Meine Getreuen, verlaßt mich nicht!« worauf alles erwiderte: »Es lebe die Königin Johanna!« Giornali del Duca. Als Jakob Nachricht von diesem Aufruhr erhielt, flüchtete er, seiner Sicherheit wegen, ins Castel dell' Ovo. Die Königin, durch das zaghafte Benehmen ihres Gemahls vollkommen ermutigt, schlug nun ihren Sitz im Castel Capuano auf, das zur Uebergabe vermocht wurde. Laut erklärte sich nun die Jugend, man müsse den König belagern und aufs Aeußerste bringen; die Bedächtigem jedoch waren weit entfernt, der Königin unumschränkte Gewalt verschaffen zu wollen, da sie ebensowenig von den fremden Günstlingen Jakobs, als von Johannens einheimischen Lieblingen beherrscht sein wollten. Ein Vergleich wurde daher zustande gebracht, den der Großkämmerer, ein Franzose, der die Achtung beider Parteien genoß, vermittelte. Der König solle zu seiner Gemahlin zurückkehren, ein bedeutendes Einkommen und den Titel eines Großvikars des Königreichs erhalten; der Königin jedoch bleibe es überlassen, ihren Hof nach eigenem Gutdünken zu bilden. Die Stadt Neapel gewährleistete den Vertrag. Johanna ließ hierauf Sforza befreien und verlieh ihm die Stelle des Konnetabels aufs neue. Zugleich schenkte sie ihm Troja und seinem Sohne Francesco Ariano. Zum obersten Seneschall ernannte sie späterhin den Sergianni Caracciolo, den sie vor allen Männern ihres Hofes begünstigte. Sergianni stand nicht mehr in der Blüte der Jugend; doch vereinigte er eine kräftige und ausdrucksvolle Gestalt mit großer Klugheit, und Johanna hatte bereits die Erfahrung gemacht, daß Wohlgestalt ohne geistige Ueberlegenheit kein Halt in der Not für weibliche Schwäche sei. Sergianni, den wir bald einen langdauernden Einfluß auf die Angelegenheiten des Königreichs werden ausüben sehen, war aus einer alten, doch güterarmen Familie entsprossen. Durch die Vorsorge eines Oheims ward er einer standesmäßigen Erziehung teilhaft, und bald wurde er vom König Ladislaus, der mit ihm in gleichem Alter stand, seiner kriegerischen Eigenschaften wegen ausgezeichnet. Dieser gab ihm eine Filangieri zur Gattin, wodurch er Graf von Avellino wurde. Als Ladislaus die nachmalige Königin Maria in Tarent belagerte, forderte einer von Mariens Rittern die Ritter des Königs zu einem öffentlichen Zweikampf. Sergianni übernahm diesen Kampf und besiegte den Gegner. In der Schlacht bei Roccasecca ward er verwundet, weil ihn Ladislaus, damaliger Sitte gemäß, mit dem blauen Mantel und den Lilien, seiner eigenen Kleidung, geschmückt hatte, um die Feinde über die Person des Königs zu täuschen, – eine Ehre, die bloß den Tapfersten zu teil wurde. Tristanus Caracciolus, Vita Serzani Caraccioli. Dieser Mann war es, dem Johanna die Leitung ihrer Person vertraute. Die Art und Gelegenheit, die sie ergriff, um ihn ihrer Neigung zu versichern, werden auf eine wunderliche Weise erzählt, die wir, ohne sie verbürgen zu wollen, mitteilen. Sergianni hatte, wie dergleichen Eigenheiten häufig vorkommen, einen unüberwindlichen Abscheu vor Mäusen. Als er nun einstmals im Vorzimmer der Königin Schach spielte, ließ diese, um ihn zu necken, eine Maus auf das Schachbrett werfen, worauf Sergianni wie ein Rasender aufsprang und sich ins Gemach der Königin flüchtete, welche diese Zusammenkunft nach ihrer Weise zu benutzen wußte. Corio, Storie Milanesi. Collenuccio, Compendio della Storia di Napoli. Letzteres ist das älteste Gesamtwerk über Neapel. Collenuccio schrieb es am Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts für Herkules von Este, welcher seine Jugendjahre am Hofe zu Neapel verbracht hatte. Daß die schnelle Erhebung Sergiannis den Neid der Barone erregen mußte, lag in der Natur der Sache. Vor allen unzufrieden zeigten sich Ottino Caracciolo und Anecchino Mormile, denen die Königin ihre Befreiung zu danken hatte und deren sie zu vergessen schien. Ersteren wußte Sergianni durch Verleihung der Grafschaft Nicastro zu beschwichtigen. Vor allem aber dachte er daran, diejenigen zu entfernen, die er als Nebenbuhler an Wohlgestalt oder Ansehn zu fürchten hatte. So ward namentlich Urbano Origlia, der seiner außerordentlichen Schönheit wegen gefährlich schien, als Gesandter nach dem Costnitzer Konzil verbannt und Sforza nach Rom geschickt, wo Braccio da Montone bereits die Engelsburg belagerte. Auf diese Weise gesichert, suchte Sergianni die Barone durch Aemter und Gehalte, die er den Franzosen abgenommen, und durch Verschwägerungen mit seiner Familie zu gewinnen, das Volk durch Austeilung von Lebensmitteln um geringen Preis. Nun, glaubte er, könne die Königin einen Schritt gegen ihren Gemahl wagen. Eines Abends beim Nachtmahl verlangte sie gebieterisch, daß Jakob alle Franzosen entferne. Bloß bei bewilligtem Schadenersatz, erwiderte jener, könne eine solche Verbannung stattfinden, und als die Königin darauf beharrte, stand er unwillig auf und begab sich in seine Gemächer, wo ihn Johanna sogleich bewachen und als Gefangenen behandeln ließ. Hierauf reisten alle Franzosen ab, und auch Castel dell' Ovo war durch eine Geldsumme zur Uebergabe bewogen worden. Unterdessen war Sforza gegen Rom vorgerückt. Doch vergeblich blieb seine Bemühung, den Braccio, dem er als Herausforderung einen blutigen Handschuh auf einer Lanze zusandte, zur offenen Schlacht zu bewegen. Er begab sich hierauf nach Ostia und ging über die Tiber auf einer Schiffbrücke, die er hinter sich zerstören ließ, um den Seinigen keine Wahl als den Sieg zu lassen. Als man ihm den Mangel an Lebensmitteln bemerklich machte, deutete er auf sein Schwert, das diese und alles andere zu erwerben imstande sei. Zur guten Vorbedeutung gereichte es den Truppen, als des Nachts ein aufgejagter Hirsch sich in Sforzas Zelt verirrte, der ihn mit den Händen fing und erlegte. Cribellus . Auch entsprach der Erfolg dem Vorzeichen. Braccio, der sich übermannt glaubte und den Römern mißtraute, wiewohl sie ihm mit Palmzweigen in den Händen entgegen gezogen waren und: »Es lebe Braccio!« gerufen hatten, floh nach Umbrien und ließ den Ponte molle hinter sich abbrechen, wodurch für den Augenblick Verfolgung unmöglich wurde. Sforza zog durch die Engelsburg in Rom ein, beruhigte die Stadt und übergab sie dem Kardinal Isolani, nachdem er den Senator und die Proveditoren ernannt hatte. Antonius Petri, Diarium . Hierauf schlug er den Tartaglia bei Toscanella, und dieser rettete sich selbst nur dadurch, daß er die Zugbrücke der Stadt aufziehn ließ und dabei einen Teil der Seinigen, die sich noch außerhalb befanden, preisgab. Den Niccolo Piccinino, der, in Palästrina zurückgeblieben, die römischen Herden auf seinen Streifzügen plünderte, nahm Sforza gefangen. Dies alles geschah im Sommer und Herbst 1417. Im November desselben Jahrs ward zu Costnitz der Kardinal Otto Colonna zum Papst erwählt und nahm, dem Tage seiner Wahl zu Ehren, den Namen Martin des Fünften an. Achtes Kapitel. Martin V., einer berühmten römischen Familie entsprossen, hatte seine Studien in Perugia vollendet und war von Innocenz VII. zum Kardinal ernannt worden. Weniger durch Gelehrsamkeit als durch geistige und gemütliche Vorzüge, namentlich Mäßigung und Gerechtigkeitsliebe, ausgezeichnet, hatte er sich in Costnitz die allgemeine Verehrung der Prälaten und die Zuneigung des Kaisers erworben und war sofort einstimmig auf den Stuhl des heiligen Petrus erhöht worden. Kaiser Sigismund wünschte ihn in Deutschland festzuhalten, um die so sehr in Verfall geratenen geistlichen Angelegenheiten zu ordnen; die Franzosen luden ihn dringend nach Frankreich ein; doch sein ganzes Gemüt war nach Italien gerichtet, wo sich namentlich der Kirchenstaat im Zustande der äußersten Verworrenheit und des Abfalls befand, während Braccio Umbrien, die Königin Johanna Rom in Besitz hatte, Bologna hingegen sich als Freistaat regierte. Nicht eher glaubte der Papst der dreifachen Krone sicher zu sein, als bis er sie in der Hauptstadt der Christenheit zu tragen ermächtigt wäre. Durch Savoyen begab er sich nach Mailand, wo ihn Philipp Visconte mit großem Pomp empfing, und verweilte sodann einige Zeit in Mantua. Dort begrüßten ihn die Abgesandten der Königin Johanna, die auf Sergiannis Rat einen Bund gegen Braccio und ihre eignen auswärtigen Feinde mit ihm schloß und ihm das römische Gebiet abzutreten versprach, wofür denn der Papst ihr Anerkennung und Belehnung mit dem Königreich zusagte. Indessen war Sforza nach Neapel zurückgekehrt. Johanna überhäufte ihn mit Ehrenbezeugungen, schenkte ihm Benevent und einen Teil der Einkünfte von Manfredonia. Aber bald fühlte er, daß er alles Einflusses beraubt und Sergianni an die Spitze der Angelegenheiten gestellt sei, was um so mehr ein Mißverhältnis zwischen beiden hervorbrachte, als Sforza während seines Feldzugs Ursache hatte, sich über den Seneschall wegen Vorenthaltung des Soldes zu beklagen. Letzterm wie auch der Königin mußte es Besorgnisse einflößen, daß Sforza seine Gewalt vermehrte, indem er sich mit den ersten Baronen des Reichs verschwägerte. Seine Tochter Elise gab er dem Leonardo Sanseverino und seinen Sohn Francesco, der bei Toscanella seine ersten Heldenproben abgelegt hatte, vermählte er mit Polyxena Ruffa, die ihm bedeutende Besitztümer in Kalabrien zubrachte. Als Francesco, um nach Kalabrien zu ziehen, Abschied genommen, soll ihm der Vater lange nachgesehn und dann zu seinen Begleitern gesagt haben: »Wahrlich, dieser wird einst über Italien herrschen!« Cribellus. Daß Sforza sich solchen Planen hingab, konnte am Hofe der Königin nicht verborgen bleiben. Da geschah es, daß Sergianni den Anecchino Mormile, der laut in allen Volksversammlungen gegen ihn sprach, festnehmen und foltern ließ, weil man eine von ihm an Sforza gerichtete Chiffer aufgefangen haben wollte. Anecchino gestand nichts, und man glaubte allgemein, daß die Chiffer eine Erfindung von Sergianni sei, was jedoch hinreichte, die Königin wider Sforza zu reizen. Als dieser sich nun in die Provinz Basilicata begab, um einen Streit zwischen seinem Schwiegersohn Leonardo und dessen Oheim zu schlichten, so wurde ihm berichtet, daß ihm Sergianni Nachstellungen auf der Brücke bei Scafati, die über den Sarno führt, bereit hielte. Er schickte daher seine Begleiter über Scafati; er selbst jedoch verkleidete sich als Pferdeknecht und entkam, Sieb und Striegel in der Hand, durch einen weiten Umweg nach Acerra, von wo er sich zu seinen Heerhaufen, die bei Mazzone standen, begab. Zu Eboli hatte er mit Francesco Mormile, dem Bruder Anecchinos, unterhandelt und dieser ihn zu anberaumter Zeit mit seiner Schar zu unterstützen versprochen. Als dieser ankam, begaben sich Sforza und Francesco Mormile mit den Ihrigen nach Neapel, durchritten die Stadt und riefen: »Langes Leben der Königin und Tod ihren Ratgebern!« Sergianni jedoch hatte seine Anstalten so gut getroffen, daß die Stadt völlig ruhig blieb und jene beiden sich in die Nähe von S. Maria Incoronata zurückzogen, welcher Ort damals zu den Vorstädten gehörte. Dorthin schickte die Königin den Feldhauptmann Francesco Orsino, um Unterhandlungen anzuknüpfen. Sforza ging darauf ein und verteilte seine Truppen in die umliegenden Quartiere. Aber als er eines Tags sorglos am Ufer des nahen Meers spazieren ging, überfiel ihn plötzlich Orsino mit einer auserlesenen Schar. Der Kampf war ungleich. Sforza, der in Eile einen Heerhausen zusammengerafft, zog sich fechtend längs des Strandes (wo gegenwärtig der westliche Teil der Stadt liegt) zurück und entrann durch die Grotte des Posilipps nach Casal di Principe. Da jedoch ein großer Teil des Adels, zumal die Familie Origlia, auf seine Seite trat, so stellte er seine Scharen bald wieder her, zog sich nach Acerra und sodann nach Fragola, von wo er beständige Streifzüge in die Umgegend der Stadt ausführte, die Zufuhr abschnitt und die Landgüter verheerte. Da gerade die Zeit der Weinlese eingetreten war, so fielen diese Beeinträchtigungen den Neapolitanern doppelt beschwerlich. Die Bürger versammelten sich, und obwohl es die Königin zu hintertreiben suchte, wählte man zehn Abgeordnete aus dem Adel und zehn aus dem Volk, die die öffentlichen Angelegenheiten übernehmen sollten. Diese schickten Gesandte an Sforza, der der Königin seine Unterwürfigkeit zu bezeugen sich willig erklärte, jedoch Schadenersatz und die Vertreibung Sergiannis verlangte. Johanna, von den Abgeordneten angegangen, ja bedroht, mußte sich dem Vertrage anschließen. Sforza erhielt eine bedeutende Geldsumme für den Verlust, den er bei der Incoronata erlitten, Anecchino ward freigelassen, und Sergianni fand für gut, sich selbst nach Procida zu verbannen, wiewohl er von dort, als einer so nahe dem festen Lande gelegenen Insel, fortfuhr, die Königin und Neapel zu beherrschen. Costanzo . Während jener Vorfälle befand sich Antonio Colonna, der Neffe des Papstes, in Neapel. Er war von seinem Oheim vorzüglich deswegen gesandt worden, um die Befreiung des Königs Jakob auszuwirken, für den sich besonders der Herzog von Burgund, damals Regent von Frankreich (da Karl VI. wahnsinnig und dessen Sohn minderjährig war), auf das dringendste bei dem Papst verwendete. Johanna versprach die Freilassung ihres Gemahls, sobald die Verhältnisse des Landes geordnet wären, und Sergianni überhäufte den jungen Colonna mit Ehrenbezeugungen. Letzterer trug viel dazu bei, Sforzas Haß gegen Sergianni zu mildern; denn Sforza aufzuopfern konnte keineswegs im Plan des Papstes liegen, der sich seiner gegen Braccio zu bedienen hoffte. Johanna, die sich auf alle Weise bestrebte, unter irgend einem Vorwande den Sergianni aus seinem Exil zu befreien, ernannte ihn zu ihrem Botschafter nach Florenz, wohin sich Martin V. im Anfange des Jahrs 1419, von den Florentinern eingeladen, begeben hatte. Dort wurde ihm die Genugthuung zu teil, daß sich ihm Johann XXIII. freiwillig unterwarf und seine Füße küßte, nachdem er sich, lange in Heidelberg gefangen, durch eine Geldsumme vom Pfalzgrafen zu lösen gewußt hatte. Er ward von Martin zum Kardinal ernannt, starb jedoch bald und liegt im Baptisterium zu Florenz begraben. Sergianni indessen ward von Antonio Colonna begleitet und übergab diesem im Namen der Königin Ostia, Civitavecchia und die Engelsburg, die bis dahin neapolitanische Besatzung hatten. Den Papst wußte er bald für sich einzunehmen, ihm vorstellend, welche Vorteile ein enger Bund zwischen ihm und der Regierung von Neapel beiden Teilen gewähren würde, wie der heilige Vater nur durch die Waffen der Königin in seine Staaten wieder eingesetzt werden könnte, und wie sehr letztere bedacht sein würde, dem Hause Colonna ansehnliche Besitzungen in ihren eignen Staaten zuzuteilen. Gleichwohl läßt sich kaum bezweifeln, daß Martin schon damals mit Ludwig III. von Valois, ältestem Sohn Ludwigs II., in Unterhandlungen wegen der Belehnung mit Neapel stand; doch darf man deshalb nicht annehmen, daß er der Königin einen Nebenbuhler, sondern vielmehr, da sie kinderlos war, einen Nachfolger in Ludwig von Valois zu geben wünschte. Den Antonio, sowie seinen eignen Bruder Giordano, sandte er abermals nach Neapel, um die endliche Befreiung Jakobs zu erhalten. Zugleich erschienen zwei Kardinäle, welche die Königin krönen sollten. Da letztere diesen entscheidenden Schritt von seiten des Papstes wünschte, so durfte sie dessen Mahnungen nicht länger widerstehn. Jakob wurde freigelassen, und um ihn bei dem Volke in der verlornen Achtung wieder herzustellen, begleiteten ihn die Colonnesen zu Pferde und mit großem Gefolg der Barone durch die ganze Stadt. Jakob begab sich jedoch ins Castel Capuano, da er im Castel nuovo fürchten mußte, jeden Augenblick wieder verhaftet zu werden. Giornali del Duca. Sergiamii war indessen von Florenz nach Livorno gegangen, wo ihn eine Galeere der Königin erwartete. Er hielt sich jedoch in Gaeta auf und schützte Uebelbefinden vor, indem er die Königin bat, den Sforza mit einem Heere sogleich ins Römische zu senden, um dem heiligen Vater, der Verabredung gemäß, gegen Braccio beizustehn. Johanna, die vor Begierde brannte, ihren Sergianni wiederzusehen, raffte so schnell als möglich die nötigen Geldsummen zusammen und entsandte den Großkonnetabel. Hierauf kehrte der Seneschall nach Neapel zurück und wurde mit Ehrenbezeugungen empfangen. Um so mehr wünschten nun die Barone, daß ein dauerndes Verhältnis zwischen König Jakob und seiner Gemahlin zustande käme und daß ersterer zugleich mit ihr gekrönt würde. Um dies zu hintertreiben, belehnte Johanna die Colonnesen mit Salern und Amalfi. Costanzo . Doch Jakob von Bourbon schien endlich der traurigen Rolle, die er an jenem Hofe zu spielen hatte, müde zu sein. Als er eines Tags (im Mai 1419) mit einigen Vornehmen durch die Straßen ritt, begab er sich auf den Molo, bestieg eine kleine Barke und ließ sich auf ein genuesisches Schiff geleiten, nach welchem er bereits einige seiner Vertrauten geschickt hatte. Dieses brachte ihn nach Tarent, wo er von der Dankbarkeit der Königin Maria Beistand erwartete. Diese empfing ihn zwar als ihren Monarchen, wich jedoch der Zumutung aus, das Haus Orsini um seinetwillen in einen Bürgerkrieg zu verwickeln. Auswärtige Geschichtschreiber, worunter auch Sansovino , Storia di Casa Orsino , behaupten, Maria hätte den König in Tarent belagert, wovon jedoch die einheimischen nichts wissen. Seiner Gemahlin that Jakob zu wissen, sie möchte über seine plötzliche Abreise nicht erstaunen, da es ihm um Sicherheit seiner Person zu thun gewesen, die er an jedem andern Orte leichter zu finden hoffe, als in seinem eignen Hause. Johanna ließ jedoch das genuesische Fahrzeug, als es nach Neapel zurückkehrte, aus dem Hafen jagen. Giornale del Duca . Jakob hatte nun keine andere Wahl, als in sein Vaterland heimzuziehn. Die Königin Maria besorgte seine Einschiffung; doch ward er lange von ungünstigen Winden umhergetrieben, nach Cephalonien verschlagen und landete endlich in Venedig, in anderer Gestalt jedoch, als er es bei seiner Hinreise verlassen hatte, wo ihm der Doge selbst auf dem Bucentoro mit großem Pomp entgegengefahren war. Ein Jahr noch blieb er in Treviso. Redusio, Cronicon Tarvisium . Sodann nach Frankreich zurückreisend, begab er sich, lebenssatt, wie es scheint, in ein Franziskanerkloster zu Besançon, wo er die Königin Johanna noch um drei Jahre überlebte. Letztere ward nach seiner Abreise, im Oktober 1419, von einem der Kardinäle im Castel nuovo gekrönt, und zwei Monate lang dauerten die Feste, die sich an diesen feierlichen Akt anreihten. In diese Zeit mag es auch fallen, daß Johanna ihren verstorbenen Bruder vom Kirchenbann lossprechen und ihm das große Grabmal errichten ließ, das noch heutzutage in S. Giovanni a Carbonara wohlerhalten zu schauen ist. Die architektonische Anordnung desselben ist geschmacklos, die Skulptur für die damalige Zeit von Wert und auf Ähnlichkeit der dargestellten Personen abzweckend. Neuntes Kapitel. Unterdessen war Sforza, den der Papst zum Gonfaloniere der Kirche ernannt und der zwei Söhne Sergiannis, die Ränke des letztern fürchtend, als Geiseln erbeten und nach Benevent geschickt hatte, bis über Rom hinaus vorgerückt und schlug ein Lager zwischen Viterbo und Montefiascone. Da es ihm an Fußvolk fehlte, so hatte er bereits seinen Sohn Francesco und seinen Schwiegersohn Leonardo Sanseverino mit den Ihrigen aus Kalabrien entbieten lassen und bat indessen die Viterbienser, ihm ihre Mannschaft zu Hilfe zu senden. Allein diese Schar ward des Nachts von Braccio plötzlich überfallen und ein großer Teil davon gefangen genommen. Hierauf bedrohte Braccio Viterbo und verkündigte, im Weigerungsfalle an den Gefangenen Rache zu nehmen. Viterbo jedoch hielt stand, und Sforza beeilte sich, die bedrängte Stadt zu retten, und war bereits in der Nähe derselben angelangt. Aber mehrere seiner Hauptleute, worunter Niccolo Orsino, hatten sich heimlich mit Braccio verständigt, und als dieser heranrückte und Sforza eben auf Kundschaft ausgeritten war, brachten jene das Heer in Unordnung, und Niccolo Orsino, wie zur Flucht genötigt, warf sich nach Viterbo. Vergebens bestrebt sich Sforza, die Reihen wieder herzustellen; er eilt in die Stadt, um die Seinigen zu einem Ausfall aufzufordern; aber nur dreißig Mann folgen ihm. Mit diesen dringt er bis zu den feindlichen Feldzeichen vor und befreit viele seiner Gefangenen. Aber schwer am Halse verwundet und die Abnahme seines Häufleins bemerkend, wird er endlich von den Seinigen vermocht, sich zurückzuziehn. Cribellus. Während dieser Zeit hatte sich Francesco Sforza mit seinen Heerhaufen genähert, und in Rom von dem großen Verluste, den sein Vater bei Viterbo erlitten, benachrichtigt, beschleunigte er seine Reise, und die Vereinigung gelang glücklich zur Nachtzeit. Nun wagte Sforza ein neues Treffen, in dem er viele Gefangene machte, jedoch abermals auf seinen Rückzug bedacht sein mußte, weil Niccolo Orsino, dessen Verrat bisher, als Unfall angesehn, verborgen geblieben war, öffentlich mit seiner Schar zu Braccio überging. Aber nichts vermochte Sforzas Ausdauer, seinen Mut und Unternehmungsgeist zu bezwingen. Die Gefangenen hatte er, der damaligen Sitte gemäß, frei gegeben; aber Braccio befolgte sein Beispiel nicht und schickte die seinigen nach den kleinen Inseln im See von Bolsena. Da ließ Sforza in Viterbo einige Kähne zimmern, und diese wurden glücklich bei Nacht in den See geschafft, jeder nur mit einem einzigen Fährmann versehn. Als sie sich in der Nähe der Inseln befanden, stießen die Schiffer in die mit sich geführten Trompeten, wodurch die Wächter, erschreckt, den Feind in der Nähe glaubten. So gelang es, vierzig der vornehmsten Gefangenen zu befreien, da die Fahrzeuge keine größere Anzahl aufzunehmen vermochten. Cribellus. Hierauf ließ Sforza seinen Sohn ein Lager bei Viterbo aufschlagen, da innerhalb der Stadt die Pest ausgebrochen war, und er selbst eroberte auf Streifzügen mehrere dem Feinde zugehörige Kastelle, aus denen er Beute und Lebensmittel zurückbrachte. Diese waren um so willkommener, als Sergianni den Truppen keinen Sold gesandt hatte und der Mangel immer fühlbarer wurde. Fast im Angesichte des Feindes erstürmte Sforza die kleine Stadt Capitone bei Todi, wiewohl er anfangs, von einem Steinwurf in den Graben hinabgeschleudert, lange ohne Bewußtsein gelegen hatte. In Capitone nahm er den Grafen Brandolino, der ihn bei Viterbo verwundet hatte, und den Gattamelata aus Narni gefangen, welcher letztere nachmals als venetianischer Feldherr berühmt geworden und dessen Reiterstatue noch heutzutage, von der Hand des trefflichen Donatello gearbeitet, den Platz vor der Hauptkirche zu Padua ziert. Zugleich gelang es, den Tartaglia von Braccio abspenstig zu machen und mit dem Papste auszusöhnen. Sforza verschwägerte sich mit ihm, und Tartaglias Tochter ward mit Johannes, einem Sohne Sforzas, vermählt. Die Winterquartiere bezog Sforza, um in der Nähe des Papstes zu sein, in Acquapendente; Braccio stand in Assisi. Aufs höchste war indessen der Papst gegen die Königin Johanna und ihren Seneschall aufgebracht. Denn weit entfernt, daß man Sforza dem Vertrage gemäß unterstützt hätte, ward der Sold sogar an Braccio verschwendet, den man fürchtete, indes man die Sforzesken, nach der Schlacht von Viterbo, für verloren hielt. Um den Haß Sergiannis gegen Sforza noch mehr zu steigern, trat der Umstand hinzu, daß einer der Söhne des erstern, als er auf den Zinnen eines Turms in Benevent spazieren ging, herabstürzte und starb, ein Unfall, den man, wo nicht für beabsichtigt hielt, doch der Nachlässigkeit der Wächter schuld gab. Cribellus. Als Martin auf diese Weise durch seine eignen Verbündeten seinen Feind unterstützt fand, hielt er es für geraten, sich mit letzterm zu vergleichen, wozu die Florentiner, die dem Braccio geneigt waren, willig die Hände boten. Braccio kam nach Florenz, wo er vom Volke mit großem Jubel und ausgezeichneten Ehren, vom Papste ziemlich kalt empfangen wurde. Doch löste ihn dieser vom Interdikt, das er über ihn ausgesprochen, verleibte Orvieto, Narni und Terni dem Kirchenstaat wieder ein, belehnte den Braccio jedoch mit Perugia und den umliegenden Ortschaften. Wofür denn Braccio versprach, dem Papste Bologna wieder zu erobern, was er späterhin auch ausführte. Martin konnte endlich mit Sicherheit nach Rom zurückkehren, und er that es um so lieber, als er sich von den Florentinern durch einige Spottlieder, welche die Knaben in den Straßen auf ihn absangen, für beleidigt hielt. Leonardus Aretinus, Historia sui temporis . Der Gesang war zu Ehren Braccios gedichtet. Leonardo, der sich vergebens bestrebte, durch vernünftige Gründe die Empfindlichkeit des Papstes zu beschwichtigen, führt zwei Verse aus jenem Volkslied an: Papa Martino Non vale un quattrino. Noch in Florenz jedoch beschied er den Sforza zu sich, und im Beisein der Vertrautesten entdeckte er ihm seine feste Absicht, Ludwig III. von Valois auf den Thron von Neapel zu setzen. Sforza zauderte lange, hiezu behilflich zu sein; doch der Papst machte ihn aufmerksam, daß die Schlüssel von Viterbo, wo sich Sforzas Hauptmacht befand, in seiner (des Papstes) Hand seien. Das Haus Durazzo drohe ohnedem auszusterben, und baldige Fürsorge sei notwendig, um jenes große Lehen dem päpstlichen Stuhl zu erhalten. Sforza sandte hierauf die Insignien des Großkonnetabels an die Königin zurück, und Ludwig III., der sich längst nach dieser Unternehmung gesehnt hatte, verlieh ihm die künftige Würde eines Vicekönigs und die Summe von 30 000 Dukaten, um seine Kriegshaufen herzustellen. Cribellus. Im Juni 1420 rückte Sforza ins Königreich ein, verbot jedoch jede Feindseligkeit, da er wünschte, daß Johanna in seine Bedingungen eingehn und Ludwig den Dritten zu ihrem Nachfolger erklären möchte. Hierauf erfolgte jedoch eine abschlägige Antwort, und Sforza lagerte sich bei Neapel, auf den Hügeln vor der Porta Capuana, die Flotte der Provençalen erwartend, die ihm von Ludwig angekündigt worden war. Johanna hatte indessen den Antonio Caraffa, genannt Malizia, an den Papst nach Florenz geschickt, um dessen Vermittlung auszuwirken; doch es zeigte sich bald, daß auch der Papst Ludwigs Partei ergriffen hatte, oder vielmehr an deren Spitze stehe. Unbegreiflich erscheint auf den ersten Blick die Weigerung der kinderlosen Johanna, dem Valois die Nachfolge des Reichs zu sichern. Um diesen Umstand zu erklären, muß man zuerst Sergiannis Haß gegen Sforza zu Hilfe rufen, sodann erwägen, wie sehr die Durazzische Partei den Franzosen abgeneigt war, und auch die Unglücksfälle bedenken, von denen sich Sforza im Anfange seiner Unternehmung betroffen sah. Denn abgesehn, daß die verheißene Flotte lange vergebens auf sich warten ließ und viele das Gerücht verbreiteten, daß sich dieselbe zerstreut habe, lag auch Francesco Sforza an einer für tödlich gehaltenen Wunde darnieder; seine Gemahlin Polyxena nebst einer Tochter, die sie ihm geboren, waren vergiftet worden, wodurch er seine Besitzungen in Kalabrien verlor, und Leonardo Sanseverino, Sforzas Schwiegersohn, ward in einem Zweikampfe von Carafello Caraffa getötet. Während sich nun aber Malizia, der Gesandte der Königin, in Florenz befand, erschien am päpstlichen Hofe Don Garzias Cavanilla, den Alfons, König von Aragonien, dorthin geschickt hatte, um mit dem Papste wegen Korsikas, das Alfons zu erobern strebte, zu unterhandeln, während Martin die Genueser, welche jene Insel in Anspruch nahmen, begünstigte. Mit diesem Don Garzias hatte Malizia Rücksprache, entdeckte ihm die traurige Lage der Königin Johanna und stellte die Meinung auf, daß Alfons, wenn er die in Sardinien liegende Flotte nach Neapel zur Rettung der Königin senden wolle, er sich ein blühendes Königreich statt eines unfruchtbaren Eilands zueignen könne. Denn es ließe sich von der Dankbarkeit Johannens erwarten, daß sie ihn an Kindesstatt annehmen und zum Erben einsetzen würde. Don Garzias ging darauf ein und bat den Malizia, sich selbst nach Sardinien zu begeben, wo gegenwärtig König Alfons sich aufhalte. Malizia begab sich hierauf nach Piombino und schickte einen Schreiber der Königin in einer Fregatte an sie ab, um sie um Vollmacht zu bitten, mit Alfons zu unterhandeln. Johanna, die sich durch Sforza, der von der Landseite bereits alle Zufuhr abgeschnitten, bedrängt sah und jeden Tag der Ankunft der provençalischen Flotte entgegenblickte, sandte aufs schleunigste die Vollmacht nach Piombino, und Malizia schiffte sich nach Sardinien ein. Zehntes Kapitel. Ehe wir nun aber einer neuen Verwicklung in dieser Geschichte entgegengehn und einen der bedeutendsten Charaktere in dieselbe eingreifen sehn, ist es vielleicht nicht am unrechten Orte, über Alfons, seine Verhältnisse und Herrschaften sowie über seine vorausgegangenen Unternehmungen einiges mitzuteilen. Alfons, in Aragonien der Fünfte, war der Sohn Fernandos, eines kastilischen Prinzen, welcher, als der Stamm der Grafen von Barcelona ausgestorben, auf den Thron von Aragonien berufen wurde, weil seine Mutter, die Königin von Kastilien, eine Schwester Martins, des letzten aragonischen Herrschers, gewesen war. Fernando, der zuerst Vormund seines Neffen Don Juan, Königs von Kastilien, gewesen, bestieg den ererbten Thron fast ganz ohne Kampf, wiewohl neben ihm noch vier andere Kronbewerber auftraten; so streng geordnet waren jene Länder durch die Reichsstände, die sich vorbehalten hatten, die Rechte der Bewerber zu untersuchen, Don Fernando hielt 1412 seinen Einzug in Saragossa und beschwur die Verfassung, worauf ihm gehuldigt wurde. In Katalonien mußte er einen dreifachen Eid an verschiedenen Orten ablegen. Zurita, Annales de Aragon. Von Alfonsens früherer Jugend ist wenig bekannt; doch erhellt, daß ihn sein Vater an Weihnachten 1413 nach Tortosa zu Papst Benedikt XIII. schickte, wo er nach alter Sitte in Priesterkleidung und mit entblößtem Schwert beim Hochamte das Evangelium lesen mußte. Im Anfange des folgenden Jahrs erfolgte die Krönung Don Fernandos, wobei Alfons den Titel eines Prinzen von Girona erhielt, indem sein Vater ihn mit dem Mantel bekleidete und ihm einen goldnen Stab in die Hand gab. Später wurde er zu Valencia mit Donna Maria, der Schwester des kastilischen Königs, vermählt. Aber schon 1416 starb Fernando im siebenunddreißigsten Jahr seines Alters. Alfons, der erste von fünf Brüdern, wovon jedoch einer bereits gestorben war, bestieg den Thron in seinem zwanzigsten Jahre. Als die katalonischen Stände, wegen seiner Jugend, vorschlugen, ihm sieben Männer an die Seite zu setzen, welche Gott fürchteten, die Gerechtigkeit übten, den Leidenschaften nicht unterworfen und unbestechbar wären, versetzte der junge König, wenn es nur einen einzigen solchen Mann gebe, so wolle er ihm die ganze Regierung abtreten. Panormita, de dictis et factis Alfonsi Primi. Außer Aragon und Katalonien erbte Alfons die Königreiche Valencia, Majorka, Sicilien, Sardinien und Korsika. Den Besitz der beiden letztgenannten Eilande teilte er jedoch mit den Genuesern, mit denen schon seine Vorfahren in beständige Kriege verwickelt gewesen waren. Benedikt XIII. hatte zwar seinen Vater damit belehnt; doch schon Don Fernando hatte die Partei jenes Papstes auf die vielfachen Beschwörungen des Kaisers Sigismund verlassen, und Alfons lud die Kardinäle, die sich bei dem heiligen Vater in Penniscola befanden, ein, sich nach der Kirchenversammlung in Costnitz zu begeben, dem jedoch nicht alle Folge leisteten. Der König war übrigens mit dem Betragen seiner Gesandten bei dem Konzil nicht völlig zufrieden, sei es, daß er die Wahl eines spanischen Kardinals gewünscht hatte, sei es, daß Martin V., als Lehensherr der italischen Inseln, ihm nicht alle jene Vorteile zusicherte, die der König in Anspruch nahm. So geschah es, daß dieser sich nicht völlig entschied und die Auslieferung Benedikts an den römischen Hof verweigerte. Zurita. Alfonsens ältester Bruder, Don Juan, war bei des Vaters Tode in Sicilien. Da jedoch die Sicilianer, die zu keiner Zeit gern unter auswärtiger Herrschaft standen, Miene machten, den Prinzen zu ihrem Könige auszurufen, so beschied ihn Alfons nach Spanien. Don Juan gehorchte, und sein Bruder wußte ihm für die verlorenen Hoffnungen diesseits und jenseits des Pharus (denn er war, wie schon erzählt, ein Jahr früher mit der Königin von Neapel versprochen gewesen) einigen Ersatz zu leisten, indem er ein Ehebündnis zwischen ihm und der ältesten Tochter des Königs von Navarra zustande brachte, welcher nach des Vaters Tode jenes Reich als Erbteil anheim fiel. Seine Schwester Maria vermählte Alfons mit dem Könige von Kastilien, dem Neffen seines Vaters. Mit den Ständen geriet er bald nach seinem Regierungsantritt in Streit, weil sie den Gesetzen gemäß verlangten, daß er die Kastilianer, die in seinen Diensten waren, verabschiede. Zwei der Vornehmsten, welche hohe Gerichtsämter bekleideten, mußte er auch wirklich entlassen; denn die Kortes erklärten, daß sie ihm im Nichtfalle den Gehorsam aufkündigen würden, der nur bedingnisweise geschworen sei. Die Formel lautete bekanntlich folgendermaßen: «Nosotros, que cada uno por si somos tanto como os, y que juntos podemos mas que os, os hacemos nuestro Rey, contanto que guardareis nuestros fueros; si no, no!« Aus diesen engen Verhältnissen mochte sich der König, der von Unternehmungsgeist beseelt war, heraussehnen, und so rüstete er im Frühling 1420 eine Flotte, um nach Sardinien zu segeln und auch die verworrenen Zustände von Korsika zu seinem Vorteile zu lenken. Als Verweserin der spanischen Reiche ließ er seine Gemahlin zurück. Mit 24 Galeeren und 6 Galeoten segelte der König nach Majorka, wo noch vier venetianische Schiffe zu den seinigen stießen. Auf Sardinien landete er in Alghero auf der Westküste und verband sich dort mit seinem Statthalter Artal de Luna. Diesem gelang es, die in Aufruhr begriffenen Städte Terranuova und Longosardo zu bezwingen, worauf sich das wichtige Sassari ergab und die Insel zum Gehorsam des Königs zurückkehrte. In diese Zeit fällt die Gesandtschaft des Malizia Caraffa. Um jedoch den Lauf der späteren Begebenheiten nicht mehr unterbrechen zu müssen, wird es geratener sein, hier sogleich Alfonsens Kriegszug gegen Korsika anzureihen. Wem diese Insel damals eigentlich zugehörte, ist schwer zu sagen. Barone und Bischöfe bekriegten sich untereinander beständig; die eine Partei rief dann die Genueser, die andere die Aragonier zu Hilfe, wovon jedoch keine jemals das ganze Eiland in Besitz nehmen konnte. Bloß die Stadt Bonifazio an der Südspitze desselben hatte ein dauerndes Bündnis mit Genua geschlossen. Wechselseitig gewährten beide Städte sich Zollfreiheit; Bonifazio wurde das Auge Genuas genannt. Die Genueser schickten dahin einen Podesta, welcher in Verbindung mit vier Aeltesten, von den Bonifaziern gewählt, die Stadt regierte und das Recht über Leben und Tod hatte. Petrus Cyrnaeus. De Rebus Corsicis. Als der König von Aragon auf der Insel landete, hatte seine eigne Partei die Oberhand, an deren Spitze Vicentello Istria stand, der sich Graf von Korsika nannte. Leicht gelang daher dem erstern die Einnahme von Calvi, und die übrigen diesseits des Gebirgs gelegenen Städte kamen ihm von selbst entgegen; nicht so die transmontanischen, worunter Bonifazio, zu dessen Belagerung er sich anschickte. Elftes Kapitel. Bonifazio liegt auf einem Felsen, dessen Oberfläche zweitausend Schritt im Umfange zählt und außer der Stadt noch einen Wald enthielt, dessen Bäume zu fällen streng verboten war. Gegen Sardinien zu ist der Fels schroff und unersteiglich. Der Hafen ist auf der Nord- und Ostseite vollkommen geschützt, schmal, aber tief, so daß er die größten Fahrzeuge aufzunehmen vermag. An seinen Ausgängen befinden sich zwei Türme, die ihn beschützen, und wovon einer zum Leuchtturm dient. Am frühen Morgen drang Alfons mit der Flotte gegen den Hafen vor und suchte sich der Türme zu bemächtigen. Die Wächter derselben verkündeten der Stadt die Gefahr durch aufsteigenden Rauch, und es eilte sogleich eine Schar von Jünglingen nach dem Leuchtturme, an dem bereits Alfons seine Leitern angelegt und seine Fahne aufgepflanzt hatte. Ein harter Kampf entspann sich, in welchem die Bonifazier siegten. Die Leitern wurden zertrümmert, die Fahne zerrissen und der König zurückgetrieben, der sich jedoch des gegenüberliegenden Turms bemächtigte und somit den Eingang in den Hafen erzwang. Er eroberte die Fahrzeuge der Feinde, die Wein- und Kornbehältnisse, die sich am Ufer befanden, und ließ sogleich dreizehn größere Schiffe unmittelbar an die Mauern der Stadt sich anlegen; denn die Felsen, auf denen sie ruht, sind ausgehöhlt und erlauben den Schiffen, in die Grotten derselben einzudringen. Die Katalanen suchten nun, von den Mastkörben aus, die Mauern zu erklimmen, die sich jedoch augenblicklich mit feindlichen Bewaffneten erfüllten. Alfons indessen, der seine Truppen ausgeschifft, griff die Stadt von der Landseite an und bemächtigte sich zweier Thore, so daß die Bonifazier ihn mit Mühe vom Eindringen zurückhielten. Er ließ hierauf einen Hügel in der Nähe der Mauern besetzen, und aus den Bombarden wurden ungeheure Steine in die Stadt geschleudert, die bedeutende Zerstörungen anrichteten. Da der Fels ohne Quellen ist, so litten die Bonifazier (es war im August) an Wassermangel, bis endlich ein erquickender Regen fiel und die Zisternen wieder anfüllte. Cyrnaeus Alfons, dessen Freigebigkeit zu allen Zeiten grenzenlos war, setzte seinen Tapferen ungeheure Preise aus, und fünfhundert Goldstücke waren dem bestimmt, der zuerst die Mauer ersteigen und die Zeichen des Königs aufpflanzen würde. Mit Jubel ward dies Aufgebot im Heere vernommen und der Sturm zu Wasser und zu Lande erneut. Viele Bonifazier erlagen den Geschossen der Wurfmaschinen, die auch von den Schiffen aus geschleudert wurden; aber auch viele Katalanen stürzten, von feindlichen Pfeilen durchbohrt, aus den Mastkörben ins Meer. Da fiel plötzlich der Turm Scarincio, durch die Bombarden erschüttert, zusammen, und die Belagerer sprangen von den Segelstangen auf die Trümmer hinüber und richteten die königlichen Standarten auf. Laut erscholl der Siegsruf, die Stadt sei genommen. In der That war bereits eine beträchtliche Anzahl in dieselbe eingedrungen; sie warfen Feuerbrände in die vorzüglichsten Gebäude, und das Kornmagazin ging in Flammen auf. Da eilte die Mannschaft der weniger bedrohten Türme von allen Seiten herbei; ein hartnäckiges Gefecht entstand, und alle Katalanen, die sich innerhalb der Stadt befanden, wurden getötet. Indessen schleuderten die auf den Mauern Stehenden Feuer in die aragonischen Schiffe. Drei davon waren bereits halb verzehrt, und die übrigen sahen sich gezwungen, aus dem Hafen zurückzuweichen. Während auf diese Art alles auf der Seeseite beschäftigt schien, stürmten die Landtruppen des Königs die verlassenen Mauern. Aber Margarete Bobia, eine edle Korsin, die auf den Zinnen des bedrohten Thors mit den Ihrigen Wache hielt, ließ die Leitern durch große Steine zerschmettern, und eine Schar von Tapfern öffnete plötzlich die Pforten und trieb die Feinde mit entschiedener Niederlage zurück. Cyrnaeus Drei Tage und drei Nächte hatte ununterbrochen dieser Kampf gedauert, und die eintretende Pause benutzten die Bonifazier, um den zerfallenen Turm durch eingerammtes Pfahlwerk zu befestigen. Da sie sich weigerten, mit dem Könige zu unterhandeln, so ließ dieser Briefe, an Pfeile befestigt, in die Stadt schießen und versprach denjenigen, die sich zu ihm flüchten würden, große Geldsummen zur Belohnung. Nur zwei, worunter ein Genueser, folgten dieser Lockung und berichteten dem König, daß Antonio Salvi, der Podesta der Stadt, schon vor Ankunft der Flotte gestorben und der Kornvorrat verbrannt sei, worauf Alfons beschloß, die Bonifazier durch Aushungerung zu bezwingen. Nichtsdestoweniger ließ er einen andern, östlich gelegenen Hügel besetzen, um auch von dorther den Feind durch Wurfmaschinen zu beunruhigen, und der Hafen ward durch eine Kette geschlossen, damit kein genuesisches Fahrzeug den Bonifaziern Zufuhr und Hilfe zu bringen imstande wäre. Wohl hatte man in Genua aus andern Teilen der Insel die Nachricht von Bonifazios Belagerung erhalten, und der Doge Thomas Fregoso ließ sich zu diesem Behuf sieben Schiffe ausrüsten. Aber abgesehn, daß die Pest in Genua wütete und der Doge bemüht war, Ludwig III. beizustehn, so waren auch den ganzen Herbst hindurch die Winde so ungünstig, die See so stürmisch, daß kein Fahrzeug den Hafen verlassen konnte. Johannes Stella, Annales Genuenses. Cyrnaeus. Indessen war Bonifazio durch die Wurfmaschinen des Königs in einen so traurigen Zustand geraten, daß kaum ein einziges Haus noch Sicherheit darbot und die meisten in Trümmern lagen. Alle Einwohner daher, die nicht unmittelbar auf den Mauern Wache hielten, zogen sich in den nahe gelegenen Hain zurück, wo sie Hütten und Zelten aufschlugen. Alfons bot sich häufig zum Vergleich an und versprach sogar der Stadt ihre Freiheiten erhalten zu wollen. Dennoch zauderten die Bonifazier, und als von aragonischer Seite die Unmöglichkeit dargestellt wurde, dem Hunger zu widerstehn, von dem schon viele der Einwohner zu Gerippen verzehrt waren, so wurden von mehreren Seiten der Mauer Brotlaibe in das Lager des Königs hinabgeworfen und ihm selbst ein aus Frauenmilch bereiteter Käse zum Geschenk gebracht. Cyrnaeus Hierauf begann Alfons, der unterdessen aus Spanien Verstärkungen erhalten, den Sturm aufs neue, sowohl von der Landseite als von den Schiffen aus, und die in den Mastkörben befindlichen Seesoldaten bedienten sich außer der Geschosse auch der Feuergewehre, denen viele Bonifazier zum Opfer wurden. Diese jedoch ließen den Mut nicht sinken. Statt der zerstörten Zinnen standen die Männer auf den Wällen, und die Frauen trugen ihnen Wein und Pfeile zu. Besonders nahmen diese sich der Verwundeten an und besorgten die Leichen, während die Vorsteher verordneten, daß alle Arzneien auf öffentliche Kosten verabreicht und die für die Freiheit Gefallenen vom Staate beerdigt würden. Cyrnaeus Viele der Frauen gingen überdies bewaffnet, und andere gossen siedendes Wasser und Oel oder heißes Pech auf die Feinde. Selbst die Priester stießen Körbe voll zerstampften Kalks auf die Belagerer mit den Füßen hinunter, indes sie mit den Händen entzündete Reisigbündel hinabwarfen. Groß war jedoch die Not der Stadt, als ein Thor von den Katalanen gesprengt wurde. Aber die Bonifazier erfüllten in so dichter Menge den offenen Eingang, und die Hintenstehenden drängten die Vorderen mit solcher Gewalt, daß die Feinde zurückwichen und der veranlaßte Schaden wiederhergestellt werden konnte. Vor allem beschwuren die Weiber ihre Gatten, ihre Väter und Angehörigen, sie nicht der Schande anheimzugeben, nicht schnöder Entehrung durch katalanische Seeräuber. Den Männern selbst drohe der Sklavendienst auf des Königs Galeeren, der schmählicher als der Tod sei. Cyrnaeus Alfons ließ nun hölzerne Wälle und Belagerungstürme bauen, um sie, die den Mauern an Höhe gleichkamen, denselben zu nähern. Da öffnete sich plötzlich das Thor, und eine Schar von Jünglingen erschien mit unzähligen Fackeln, und in Verlauf einer Stunde ging das Werk so vieler Tage in Flammen auf. Aber nichtsdestoweniger zehrten Elend und Hunger an der unglücklichen Stadt. Tag und Nacht von den Feinden beunruhigt, schlaflos, abgezehrt irrten viele der eingeschlossenen Helden wie Schatten umher, und einige, aus Verzweiflung, gaben sich selbst den Tod. Cyrnaeus Andere, schon durch Wunden geschwächt, rieb der Hunger auf. Tiere, die nie zuvor der menschliche Gaumen gekostet hatte, Kräuter, die selbst das Vieh verschmäht, und Baumrinden dienten zur Nahrung. In diesem Zustande entschlossen sich die Aeltesten mit Alfons zu unterhandeln. Sollte in 40 Tagen keine Hilfe erscheinen, so wollten sie sich dem Könige ergeben. Ihm wurden 32 edle Knaben als Geiseln überliefert, und so ruhte wenigstens vom Kampfe die Stadt. Aber der König wollte nicht erlauben, daß eine Botschaft nach Genua gesandt würde. Da bauten die Bonifazier heimlich und in großer Eile ein kleines Fahrzeug und ließen dieses bei Nacht an Seilen ins Meer hinunter, an jener schroffen Stelle gegen Sardinien zu, die von feindlichen Schiffen unbesetzt war. Mit dem Fahrzeug zugleich 24 Jünglinge, denen Briefe an den Dogen und die Republik eingehändiget wurden. Aber da die Hinwegfahrenden keine Speise mit sich nehmen konnten (denn das wenige Gebliebene war in der Stadt am nötigsten), so bestrebten sich die Frauen um die Wette, sie mit der Milch ihrer Brüste zu nähren, um der Anstrengung des Ruderns nicht zu erliegen. Ja, es erzählt uns ein korsischer Geschichtschreiber, kein Tapferer sei damals in Bonifazio gewesen, der nicht irgend einmal am Busen eines Weibes getrunken hätte. »Nemo enim fuit Bonifacii, qui non suxerit mammas alicujus mulieris ea in obsidione.« Cyrnaeus. Heiße Wünsche und Gelübde begleiteten die abreisenden Freunde. Der Senat ordnete öffentliche Gebete an, und mit nackten Füßen, wiewohl im strengsten Winter, zogen die Bonifazier von einer Kirche zur andern und priesen in lauten Gesängen den Gott der Heerscharen, ihn um die Rettung der Vaterstadt anflehend. Unterdes waren die Abgesandten in einer Fahrt bis Porto Palo vorgedrungen, wo sie sich mit Speise erquickten. Aber kaum hatten sie Aleria im Rücken, als sie sich von zwei katalanischen Galeeren verfolgt sahen, aus denen mit Flinten nach ihnen geschossen wurde. Den Bonifaziern blieb kein Ausweg, als das hohe Meer zu verlassen, und zur Küste flüchtend ans Land zu steigen. Die Einwohner von Campoloria, in deren Gebiet sie gelandet, eilten sogleich in Menge herbei, trieben die Katalanier, von denen sie einige gefangen nahmen, zurück und eroberten die Barke wieder, deren sich jene bereits bemächtigt hatten. Nun konnten die Abgesandten, gastfrei gestärkt und reichlich mit Mundvorrat ausgerüstet, ihre Reise fortsetzen. Aber erst spät und von ungünstigen Winden verfolgt, erreichten sie Genua. Zwölftes Kapitel. Alfons, der die Eroberung Bonifazios für gesichert hielt, glaubte nun auch die übrigen, auf der Ostseite des Gebirgs gelegenen Städte in seiner Gewalt zu haben und schickte seine Beamten aus, um die Abgaben einzutreiben. Aber jene kehrten mit dem Bemerken zurück, daß niemand in Korsika einen Tribut zu bezahlen gewillt sei. Hierauf sandte der König seinen Konnetabel mit zahlreichen Kriegsscharen. Viele Städtchen wurden schonungslos verheert; die Einwohner jedoch flüchteten mit ihren Gütern in die Gebirge, indes die Waffenfähigen dem Feind entgegengingen und sich in einem festen Lager verschanzten. Als sie jedoch der Konnetabel mit den Bombarden beschießen ließ, konnten sie der Uebermacht nicht widerstehen und flehten alle umliegenden Orte um Hilfe an. Die Korsen bedienten sich damals bei großen Gefahren eines kriegerischen Rufs, der von Nachbar zu Nachbar, von Feld zu Feld, von Hügel zu Hügel sich ununterbrochen fortpflanzte, so daß in kurzer Zeit eine Nachricht von einem Ende der Insel zum andern gelangen konnte. Cyrnaeus Da erschien zu ihrem Beistande Mariano Cajo, ein edler und reicher Korse, mit 3000 Streitern. Jubelnd umgab ihn die Menge und begrüßte ihn mit dem vaterländischen Ruf: »Es lebe das Volk!« Er aber ermahnte sie zum Streit und beschwor sie, für die Insel, für sich selbst, für die Freiheit, für die Kinder alles zu wagen. Cyrnaeus Zuerst in kleinern Scharmützeln versuchte er die Stärke des Feinds, und als er sich ihm gewachsen fühlte, bot er ihm eine Schlacht, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit der größten Erbitterung gekämpft wurde. Des Nachts zogen sich beide Teile in ihre Schanzen zurück, und als die Korsen am nächsten Morgen umherblickten, war das Lager der Feinde leer und der Konnetabel zu seinem Könige zurückgekehrt. Mit banger Erwartung sahen unterdessen die Bonifazier der Wiederkunft ihrer Gesandten entgegen. Während dieser Zeit befand sich das Volk, den Tag über, beständig auf dem Forum und der Senat in der Madonnenkirche; denn das Rathaus war zerstört. Endlich nach fünfzehn Tagen wurde bei Nacht die Rückkehr der Boten gemeldet. Unbemerkt landeten sie an jener verborgenen Stelle, unbemerkt wurden sie an Stricken emporgezogen. Alles eilte nach der Kirche, wo die Briefe des Senats von Genua, die schleunige Hilfe zusagten, verlesen wurden. Und nicht bloß Briefe, auch Getreide hatten die Genueser gesandt. Jubel und Dankgebete schollen in Bonifazio. Aber es nahte der Tag der Uebergabe, und die Botschafter des Königs erschienen in der Stadt. Die Aeltesten erbaten sich nur eine Nacht Bedenkzeit. Sollte bis zum nächsten Morgen keine Rettung sich zeigen, so seien sie bereit, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Diese Bekanntmachung versetzte die Bonifazier in die tiefste Trauer. Ueberdies war ihnen von den Insulanern, die sich im Lager des Königs befanden, der Rat erteilt worden, sich nicht zu ergeben; denn das Los sei bereits über die Stadt und ihre Güter geworfen. Alfons habe beschlossen, sie sämtlich nach Katalonien zu schleppen, und wolle die verlassene Stätte mit seinen Kriegern bevölkern. In dieser Not versammelte der Senat das ganze Volk; jeder solle über das Heil des Staats beratschlagen. Da begann vor allen Wilhelm Bobia, der selbst dem Senat angehörte, die Menge zur Ausdauer zu ermuntern. Nie seien dem Feinde, sagte er, die Schlüssel zu übergeben! Wenn man die Freiheit bereits verloren hätte, würde nicht jeder trachten, sie aufs neue zu erobern, und jetzt, da sie sich noch im Besitz derselben befänden, wollten sie ihr freiwillig entsagen? Er beschwor hierauf den Schatten des Grafen Bonifazio, des Erbauers der Stadt, der die maurischen Seeräuber viermal überwunden habe. Dieser blicke vom Himmel auf sie herunter. Nicht am Beistande Genuas sollten sie verzweifeln. Furchtbare Stürme, wie jeder sähe, erregten das Meer; aber der nächste günstige Windstoß würde die ersehnten Schiffe herbeiführen. Ihre Knaben zwar seien in den Händen der Feinde; aber besser sei es, die Kinder zu verlieren, als die ganze Stadt dem Untergang preiszugeben. Cyrnaeus Da zollte die ganze Versammlung dem Redner ihren Beifall, seinen Vorschlag als das einzige Heil betrachtend. Alle Glocken wurden geläutet, ein Freudengeschrei erhob sich, und man rief von den Mauern herab, daß die gehoffte Hilfe erschienen sei. Dies wurde den Boten des Königs berichtet, die den andern Morgen die Uebergabe zu heischen kamen. Auch die Weiber kleideten sich in Harnische, und dreimal zog die ganze Schar, an der Spitze die Fahnenträger, auf der Mauer, die den Feinden zugekehrt war, auf und nieder, um den König über ihre Anzahl zu täuschen. »Haben die Genueser Flügel,« sagte Alfons, »um in die von allen Seiten belagerte Stadt sich einzuschleichen?« Da begann der Kampf aufs neue. Vier Tage nach diesem Vorfall zeigten sich endlich die genuesischen Schiffe, sieben an der Zahl, die Genua kurz vor Weihnachten, von günstigen Nordwinden geleitet, verlassen hatten. Die Bonifazier schickten ihnen sogleich den Angelo Bobia mit einigen andern Männern entgegen, die bei Nacht nach den Schiffen schwammen. Die Genueser erstaunten über das leichenartige Aussehen der Bonifazier. Aber vier von den genuesischen Schiffshauptleuten erklärten, nur Lebensmittel ihnen darzureichen, seien sie befähigt; unmöglich sei es, gegen die unzähligen Fahrzeuge des Königs einen Kampf zu bestehen, unmöglich, in den mit Ketten geschlossenen Hafen einzudringen. Als Angelo diese Erklärung vernahm, legte er vor Erstaunen den Zeigefinger an den Mund und sagte nach einer Pause: «Digitum a pollice proximum ori admovens et in stuporem attonitus.« Cyrnaeus. »Euch ziemt es, zu wagen; wir selbst werden euch von der Stadt aus Hilfe leisten. Alle unsere Hoffnungen waren auf Gott und euch gerichtet!« Die Schiffsführer jedoch beharrten auf ihrer Weigerung. Verzweiflung ergriff bei dieser Nachricht die belagerte Stadt. Die Frauen lagen auf ihren Knieen in den Tempeln und flehten den Himmel an, sie zu retten, den Genuesern Tapferkeit einzuflößen. Doch nicht alle Genueser dachten wie jene vier. Der Befehlshaber der Flotte, Giovanni Fregoso, des Dogen Bruder, ein zwanzigjähriger Jüngling, war vom Geiste seiner Ahnen beseelt. »Cito assuefactus ad ardua.« Johannes Stella. Eben so Raphael Negro, der Hauptmann des zweiten Schiffs, das seiner Größe wegen der »schwarze Berg« hieß. Vor allem beschämte Jakob Bonissia, wiewohl plebejischer Abkunft, die Zaghaften, und in feuriger Rede forderte er zu den Waffen auf. Der Himmel schien sein Vorhaben zu begünstigen; denn am nächsten Morgen erhob sich ein heftiger und den Aragonesen ungünstiger Wind. Alle Segel aufgespannt, flog das Schiff des Bonissia voran, mit eisenbeschlagenem Vorderteil zersprengte es die Kette des Hafens gewaltsam; die beiden andern folgten ihm. Gedrängt zwischen die Schiffe des Königs, entspann sich ein blutiges, siebenstündiges Gefecht. So viel waren der Geschosse, daß sie die Luft verfinsterten. Mit Wurfzeugen, mit Pfeilen, ja mit dem Schwerte wurde gekämpft. Fast erlag der »schwarze Berg« den katalanischen Bombarden; doch mit dem Anker hielt er sich an das Schiff des Bonissia fest. Ein genuesischer Taucher, Namens Andreas, stahl sich unter dem Wasser zu den feindlichen Schiffen und schnitt ihnen mittels eines scharfen Messers die Taue ab, mit denen sie an den Strand befestigt waren, so daß sie plötzlich in ein heftiges Schwanken gerieten. Dieser Umstand, als etwas Unerklärliches, brachte eine große Bestürzung hervor. Bracelli, De bello inter Genuenses et Hispanos. Ungeheure Steine wälzten indes die Belagerten auf die aragonischen Fahrzeuge. Viele aus der Stadt ließen sich zu den Genuesern herab, da die Bonifazier im Seekrieg für besonders erfahren galten. Flüssiger Kalk und ausgelöste Seife wurden auf die feindlichen Verdecke ausgeschüttet, und bei jedem Schritte glitten die Katalanier ins Meer hinunter. Allgemeine Erschöpfung trennte zuletzt den Kampf; doch behaupteten die Genueser den Hafen, und auch die vier zurückgebliebenen Schiffe drangen hinein. Reichlich wurde nun die Stadt mit Lebensmitteln und Vorrat aller Art versorgt. Mehrere Tage blieben die Genueser im Hafen, vom Dank der Geretteten überhäuft. Am fünften Morgen sollte der günstige Wind zur Abfahrt benutzt werden. Da reihten die Katalanen eine dichte Schlachtordnung von Schiffen an der ganzen Breite des Hafens auf, um die Heransegelnden wie in einem Netze zu fangen. Aber diese hatten einen alten, in Bonifazio vorgefundenen Wrack zum Brander benutzt, mit brennbaren Stoffen angefüllt. Ein kleines Boot folgte ihm. Als sie sich nun der Flotte näherten, warfen die Matrosen Feuer in den Brander und sprangen ins Boot zurück. Mächtige Flammen nach allen Seiten sprühte das entzündete Fahrzeug; nach allen Seiten stoben die Schiffe des Königs auseinander. Die Erschreckten noch mehr zu betäuben, erhoben die Genueser, bisher in Totenstille verharrend, ein ungeheures Geschrei, und es antworteten die Bonifazier, den Freunden, den Rettern, den Befreiern eine glückliche Fahrt von ihrem Felsen herunterwünschend, mit unermeßlichem Jubelruf. Cyrnaeus. Frei zogen die Schiffe der Republik von dannen; von Ruhm beladen, langten sie in Genua an. Während dieser Zeit hatte auch Calvi sich befreit. Die Besatzung des Königs hatte Geiseln verlangt, die Calvenser sich Bedenkzeit ausgebeten. Als am andern Morgen das Hochamt in der Johanniskirche gehalten wurde, begaben sich dorthin die Jünglinge, die über den Panzer Weiberkleider geworfen hatten. Nach vollendeter Messe erklärte der Magistrat, daß keine Geiseln gegeben würden. Die Katalanen begannen den Kampf mit den Eingebornen; aber plötzlich stürzten die Jünglinge aus der Kirche heraus, die Schwerter unter den Röcken hervorziehend. Die ganze Besatzung bis auf einen wurde getötet. Cyrnaeus. Als der König, der die Hoffnung, Bonifazio zu bezwingen, aufgegeben, diese Nachricht erfuhr und auch der Westseite der Insel nicht mehr vertrauen durfte, steuerte er im Januar 1421 mit seiner Flotte gegen Neapel zu, nachdenklich über die Freiheitsliebe Italiens, die der katalonischen wenig nachgab. Die Ketten des Hafens von Bonifazio aber wurden als Triumphzeichen in Genua aufgehängt. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Als Malizia Caraffa vor dem Könige erschien, ließ er kein Mittel unversucht, denselben zu der in Vorschlag gebrachten Unternehmung anzufeuern. Was als Ruhmbegier jugendliche Gemüter begeistern kann, die Pflicht des Ritters, einer bedrängten Frau beizustehn, die großen Vorteile, die einem Könige von Sicilien aus dem Besitze Neapels erwachsen mußten, alles ward in Anregung gebracht, um Alfons zu bestimmen. Dieser wollte jedoch die um ihn versammelten Großen nicht ungefragt lassen, welche fast einstimmig von einem solchen Vorhaben abrieten. Eine Frau, meinten sie, könne sich nicht leicht so viele Feinde, außer durch eigene Verschuldung, erweckt haben; sie würde eines beständigen Schutzes bedürfen, ihr Unbestand mache den Gewinn einer Unternehmung, die schwierig und weitaussehend sei, zweifelhaft. Die Kräfte von Aragonien dürften nicht an ein Land verschwendet werden, das, von ewigen Parteiungen zerrüttet, seine Herrscher in raschen Umwälzungen zu wechseln pflege. Hierauf versetzte Alfons, er gedenke zu helfen, wo man seiner Hilfe bedürftig sei; den Räten eines Königs ziemten königliche Gesinnungen, wo nicht, so schicke sich doch für den Alexander nicht, was dem Parmenio schicklich wäre. Panormita. Zu gleicher Zeit erschien bei Alfons auch ein Gesandter Ludwig III., der ihn zu einem Bündnisse mit letzterm (beide waren durch Verwandtschaft verknüpft) einlud. Alfons versetzte, da sich Ludwig mit den Genuesern, den erbitterten Feinden der Katalanen, verbunden hätte, so müßte er erst dieser Freundschaft entsagen, ehe er der seinigen teilhaft werden könne, wozu sich aber Ludwig keineswegs verstand. So traten denn zwei Jünglinge einander gegenüber, deren Väter bereits sich in den Ansprüchen auf die Krone von Aragon begegnet waren, und später sehen wir noch einmal Franz I. und Karl V., diesen Geschlechtern entsprossen, in unversöhnlicher Nebenbuhlerschaft sich bekämpfen. Alfons ließ nun den Malizia rufen und erklärte ihm, daß er, trotz der ihm vorgestellten Hindernisse, der Königin Johanna 16 Galeeren zur Entsetzung Neapels senden wolle; um jedoch den Argwohn der Spanier zu beschwichtigen, müsse die Königin ihm ein Pfand ihrer Treue zusichern und ihm die Kastelle einräumen lassen. Hierauf sandte Malizia sogleich den Pasquale Cioffo, um der Königin die günstige Nachricht zu überbringen; er selbst schiffte sich mit der kleinen Flotte, zu deren Admiral Alfons den Raimund Perellos ernannt hatte, nach Sicilien ein, um sich dort mit Getreide und andern Lebensmitteln, deren die belagerte Stadt so sehr bedurfte, zu versehn. Pasquale war indes in Civita Vecchia, wo er einiges zu besorgen hatte, ans Land gestiegen; da übereilte ihn die Flotte Ludwigs, die nach Neapel segelte: er wurde gefangen, und seine Papiere fielen den Provençalen in die Hände, die daraus die Plane der Aragonesen kennen lernten. Das Fahrzeug jedoch, auf dem sich Pasquale befunden hatte, entwischte und brachte nach Neapel die Nachricht, daß zwar Alfons seine Hilfe versprochen habe, Ludwig aber herannahe und stündlich erwartet werden dürfe. Costanzo. Dieser zeigte sich auch bald mit neun Galeeren und einigen genuesischen Lastschiffen, die Battista Fregoso befehligte. Sforza zog sich ans Gestad herab und empfing den Fürsten, der an der Mündung des Sebeto landete. Die Schiffe kreuzten nun täglich vor der Stadt, um die provençalische Partei zur Empörung anzulocken. Doch wußte Sergianni Neapel im Zaum zu halten, und den Baronen der Gegenpartei ward bei Lebensstrafe verboten, ihre Wohnungen zu verlassen. Endlich zeigten sich zur großen Freude der Belagerten die aragonischen Schiffe zwischen dem Kap Minerva und der Insel Capri. Ludwigs Galeeren konnten, ihrer Minderzahl wegen, in keinen Kampf eingehn; sie zogen sich nach Castellamare zurück, und Perellos landete mit den Seinigen am Castel nuovo. Ausgezeichnet war der Empfang, den ihm die Königin bereitete. Mit eigner Hand hing sie ihm eine goldne Halskette um, übergab ihm die Schlüssel vom Castel dell' Ovo und ließ am folgenden Tage den König Alfons öffentlich als ihren Nachfolger und als Herzog von Kalabrien ausrufen. Die Stadt war nun von der Seeseite entsetzt und mit Lebensmitteln reichlich versorgt; auch kehrte Battista Fregoso mit seiner Flotte nach Genua zurück, da Ludwig alle seine Kräfte, einen Landkrieg zu führen, anspannte. Später verlor jedoch Battista unweit der Mündung des Arno eine Schlacht gegen den aragonischen Admiral Romeo de Corbera, der ihn gefangen nahm. Die Folgen hievon waren für Genua bedeutend. Der Doge Thomas Fregoso, Battistas Bruder, mußte abtreten und flüchtete sich nach Sarzana. Die Republik übergab sich dem Herzog von Mailand, Philipp Visconte, dessen Schiffe die Stadt einschlossen, während sie Carmagnola zu Land belagerte. Johannes Stella. Die Lage Neapels war indes trotz der Abfahrt der Genueser bedenklich; um so mehr, da sich Sforza bald darauf Aversas bemächtigte und dieser nur ein paar Meilen von der Hauptstadt entlegene Ort nun zum Mittelpunkte der feindlichen Streitkräfte und den provençalisch gesinnten Baronen zur Zuflucht diente. Die Königin hatte daher sogleich einen Boten nach Umbrien gesandt, um Braccio da Montone in ihren Sold zu nehmen, welcher jedoch Aquila und Capua zu Lehen verlangte, was ihm zugesagt ward. Unterdessen hatten die Sforzesken einen nächtlichen Einfall in die Stadt versucht, während ihnen von einigen Verschworenen ein abgelegenes Thor geöffnet worden. Dies Unternehmen mißlang jedoch, da man einen vorgeschobenen Balken, ohne Lärm zu machen, nicht durchsägen konnte und daher die Pferde gar nicht, die Fußgänger aber nur einzelweise Zutritt erhalten konnten. Sie wurden wieder verjagt, die Verschwörung unterdrückt und einige Barone hingerichtet. Nun schickte Johanna abermals drei Gesandte an Alfons nach Korsika und bat ihn, sein Werk zu vollenden und selbst in Neapel mit dem Rest seiner Flotte zu erscheinen. Worauf Alfons erwiderte, daß er nicht zaudern werde, sobald einmal Braccio mit den Seinigen sich dem Königreich nähere; denn ohne ihn würde er selbst bloß die Zahl der Belagerten unnütz vermehren. In der That war damals fast das ganze Reich in Ludwigs Händen. Nach Kalabrien hatte dieser den Francesco Sforza als Vicekönig geschickt, und auch die Abruzzen waren von der Königin abgefallen. Zweites Kapitel. Hierauf begab sich Alfons zuerst nach Sicilien, teils um in der Nähe zu sein, teils um sich dort zu verstärken, und von dort aus sandte er einen Botschafter an Ludwig, ihm die Wahl zwischen Krieg und Räumung des Königreichs anbietend. Nur mit Widerwillen, hieß es, ergreife Alfons die Waffen gegen einen Freund und Anverwandten; doch einer unglücklichen Frau, die seinen Schutz erfleht, beizustehen, halte er für unabweisliche Pflicht. Habe Ludwig Ansprüche auf das Reich, so solle er wenigstens den Tod der Königin abwarten. Uebrigens habe niemand ältere Rechte auf Neapel, als Alfons, weniger durch die Adoption Johannas, als durch Constanze, die Tochter Manfreds, seiner Vorfahren Ahnfrau. Unter diesem Titel besitze er bereits Sicilien, während die Herrschaft Karls von Anjou bloß auf Anmaßung beruht habe. Hierauf entgegnete Ludwig: Nicht das Alter der Ansprüche, bloß ihre Rechtmäßigkeit käme in Betracht; das Reich gehöre dem Papst, der die Anjous damit belehnt habe. Nicht Mitleid, Eroberungssucht sei der Beweggrund des aragonischen Monarchen; doch sollten ihn dessen Drohungen keineswegs abschrecken, und die gerechte Vorsehung würde den Kampf zwischen beiden entscheiden. Fazius, De rebus gestis ab Alfonso primo. Endlich, nachdem florentinische Kaufleute sich für Alfons und die Königin Johanna wegen des Soldes verbürgt hatten, verließ Braccio Perugia und drang im Juni 1421 durch die Abruzzen ins Königreich ein. Weniger durch Waffengewalt als durch Ueberraschung und den Schreck seines Namens eroberte er Sulmona und Castel di Sangro nebst andern Schlössern und drang mit solcher Schnelligkeit nach Capua vor, welches noch der Königin zugehörte, daß die Feinde, die nicht weit davon in S. Maria Maggiore standen, seine Ankunft nicht gewahr wurden. Zwei feste Türme in der Nähe von Capua eroberte er durch List. Der eine schien durch seine ungeheure Höhe unbezwingbar. Braccio versteckte daher in einem benachbarten Hause eine Anzahl von Bogenschützen und trat selbst bewaffnet hervor, um mit den Befehlshabern, die sich auf der Zinne befanden, zu unterhandeln. Während nun jene sprachen und die Uebergabe verweigerten, wurden sie von Pfeilen durchbohrt, und die übrigen ergaben sich. Der andere Turm, ein antiker Bau in der Nähe des alten Theaters von Capua, war durch außerordentliche Festigkeit ausgezeichnet. Braccio ließ 20 bewaffnete Fußgänger in den umliegenden Fruchthainen sich verbergen, wo die tausendfach mit Reben verschlungenen Pappeln nach Art des dortigen Himmelstrichs ein undurchdringliches Dickicht bilden. Hierauf mußten zwei wehrlose Knaben als Flüchtige an der Festung vorüberlaufen, und da hier der Weg über antike Gewölbe führt, so wurden ihre widerhallenden Tritte von den Wächtern leicht vernommen. Die Knaben erkundigten sich um den Weg nach Maddalone, wo die Sforzesken standen, und gaben sich für Ueberläufer aus Braccios Lager aus. Da sie den Wächtern jedoch in dieser Gestalt eher entsprungene Diebe zu sein schienen, so eilten mehrere vom Turm herab, um sie einzufangen. Da brachen die Braccesken aus dem Versteck hervor, bemächtigten sich der Herabgestiegenen und brachten sie zu ihrem Anführer. Dieser bedrohte sie als Verräter der Königin mit den äußersten Martern, bis einer, um sein Leben zu retten, versprach, die Festung zu überliefern. Er wurde hierauf freigelassen, kehrte in den Turm zurück und fand Mittel, diesen dem Feinde zu öffnen. Campanus, Vita Braccii. Ueber Marigliano, das er erstürmte, drang nun Braccio bis Neapel vor, ohne daß es Sforza verhindern konnte. Johanna schickte den erstern sogleich nach Castellamare, dessen feindliche Nachbarschaft ihr am meisten gefährlich schien. Braccio überfiel bei nächtlicher Weile die Stadt, nahm sie ein und ließ sie durch die Seinigen plündern. Da jedoch Sforza mit großer Uebermacht herankam, war Braccio genötigt, sich über Torre del Greco (von dem dort wachsenden Wein so genannt) in großer Eile zurückzuziehen, nachdem er beim Uebergang des Sarno einen Teil der Mannschaft in den Wellen verloren hatte. Unterdessen hatte Alfons mit einer beträchtlichen Flotte auf Ischia Anker geworfen. Als die Königin seine Ankunft erfuhr, schickte sie ihm sogleich den Sergianni entgegen, der ihn einlud, sich samt den Schiffen nach dem Castel dell' Ovo zu begeben, bis seine feierliche Aufnahme in Neapel vorbereitet sei, – welcher Einladung der König folgte. Am Tage sodann, der zu seinem Einzuge bestimmt war, begab er sich zu Schiffe nach der Sebetomündung, wohin ihn die Galeeren der Königin mit Blumen bekränzt und mit Teppichen geschmückt begleiteten. Um der Stadt ein Schauspiel zu geben, hatte er dem Perellos mit seinen Truppen befohlen, den Strand zu besetzen und ihm gleichsam die Landung zu versagen, die er in einem vorgestellten Seetreffen erzwang. Die Reiter Braccios waren längs der Porta del Carmine aufgestellt. Ein langer Damm von Brettern, der auf Fahrzeugen ruhte, war ins Meer hinausgebaut, dessen Höhe der Höhe des königlichen Verdecks gleich kam. Auf dieser Brücke begrüßte Braccio den König, der den sich kniefällig Beugenden aufhob und umarmte. Da geschah es, daß eines der Bretter nachgab und Alfons in den untern, mit Wasser gefüllten Raum eines Schiffs versank. Wiewohl er dem Unfalle eine scherzhafte Wendung zu leihen wußte, so diente dieser doch vielen zur unglücklichen Vorbedeutung, und der Boden des Landes schien Fremdlingen zwar eine günstige Aufnahme, doch wenig Sicherheit zu gewähren. Collenucio Durch die Porta Capuana betrat Alfons die prächtig geschmückte Stadt. Alle Seggi waren von den schönsten Frauen Neapels besetzt worden, die beim Schall der Halbtrommel teils in festlichen Tänzen den unter dem Baldachin reitenden König bewillkommten, teils in lauten Gesängen seinen Ruhm erhoben. An der Brücke des Castel nuovo empfing ihn die Königin, die ihn als Mutter umarmte und ihm die Schlüssel des Kastells zu übergeben befahl. »Dem Allmächtigen danke ich,« sprach sie, »daß ich dich, dem Gegenwärtigen gegenwärtig, erblicke, dem ich als Abwesenden schon mein Heil verdankte. Denn gern gestehe ich, daß alles, was ich besitze, durch deine Wohlthaten mein ist. Durch dich hat mich Raimund von der feindlichen Flotte und Braccio von den Angriffen des Landheers befreit, und deine Ankunft läßt den Rest meiner Furcht verstummen. Deine Würdigkeit und Klugheit, dein großer Sinn blieben auch uns im fernen Italien nicht unbekannt. Laß mich also diesen Tag als den glücklichsten meines Lebens preisen, an dem ich dich in dieser Stadt aufnehme, deren Bürger, wie du siehst, dich jubelnd begrüßen!« Hierauf erwiderte Alfons: »Wenn meine Hilfe dir nützlich war, o Johanna, so gereicht mir dies zur schönsten Befriedigung. Seitdem dein erster Gesandter mich in Sardinien antraf, hielt ich immer die Nichtachtung deiner Gefahren für schändlich. Jetzt, da ich dich in wachsender Bedrängnis erblicke, komme ich selbst, und für den günstigen Ausgang bürgt mir die Gerechtigkeit deiner Sache, die im Kriege der größte Schutz ist.« Fazius. Drittes Kapitel. Der Sommer verstrich hierauf in Festen. Dabei wurden häufige Gespräche zwischen Alfons und Braccio und ihren Hauptleuten über den Krieg und dessen Führung unter den verschiedenen Völkern gehalten. Ein einheimischer und gleichzeitiger Geschichtschreiber hat uns einiges davon aufbewahrt. Gian Antonio Campano, von seinem Vaterlande so genannt. Er war in einem Dorfe bei Capua zu Hause und zu seiner Zeit Braccios Unterthan. Seine Jugend brachte er in Neapel zu, wo er, als Hofmeister bei einer adeligen Familie, sich über die hier erzählten Begebenheiten genau unterrichten konnte. Später, an der Schule zu Perugia angestellt, welches damals von Braccios Ruhm noch voll sein mußte, schrieb er das Leben dieses Feldherrn ungefähr in den fünfziger Jahren; denn er erwähnt beiläufig, gegen das Ende des Werks, den eben vorgefallenen Tod des Alfons, der 1458 starb. Campano war übrigens, nebenbei gesagt, kein sonderlicher Freund von Deutschland, und als er dasselbe auf einer Gesandtschaftsreise verließ, richtete er folgenden Vers an dasselbe, den wir nicht zu übersetzen wagen: »Adspice nudatas, barbara terra, nates!« Die Spanier warfen den Italienern die Art vor, den Krieg im Kleinen und mehr durch List als Kraft zu führen. In ihren Schlachten zähle man kaum einen oder den andern Toten, und die Gefangenen würden nach vollendetem Treffen freigelassen. Die Spanier hingegen, nach Weise der Deutschen und Franzosen, die für die tapfersten Völker gehalten würden, stürzten sich mit ganzer Gewalt auf den Feind und suchten ihn, wären sie siegreich, bis auf den letzten Mann zu vernichten. Hierauf vom Könige selbst aufgefordert, die Ehre Italiens zu verfechten, entgegnete Braccio: Klugheit vermöchte im Kriege das Meiste, und große Massen wären in der Schlacht mehr hinderlich als nützlich. Ein Land, das man erobern wolle, vorher zu zerstören, wäre grausam und thöricht zugleich. Die überalpischen Völker führten den Krieg wie Tiere und suchten durch Ungestüm zu ersetzen, was ihnen an Geschicklichkeit gebreche. Die Anführer Italiens hingegen und ihre Scharen würden von frühster Jugend in Waffenübungen eingeweiht, an alle Beschwerlichkeiten und Gefahren der Feldzüge gewöhnt. Ihnen diene der Krieg als Handwerk, und sie suchten ihn zur Kunst zu steigern. In diesen Tagen geschah es auch, daß der König mit seiner kriegerischen Begleitung eine Lustfahrt nach dem Golf von Bajä beschloß. Man bewunderte den schönsten Busen des tyrrhenischen Meers, seine heilsamen Quellen, seine myrtenreichen Gestade. Man besuchte den Avernersee und stieg in die Höhlen der Sibylle hinab. Campanus . In Pozzuoli zog vor allem das Amphitheater den Blick der Beschauenden an, wovon zwar gegenwärtig nur geringe Trümmer emporstehn, welches aber damals, vor mehr als 400 Jahren, der Zeit noch trotzen mochte. »Prominens auperata vetustate theatrum.« Campanus. Den Rückweg nahm der König zu Lande, und aus der Grotte des Posilipps hervortretend, begrüßte er das Grab Virgils. Campanus . An demselben Tage langten sicilische Schiffe mit Lebensmitteln beladen an; Ueberfluß erfüllte die Stadt, ritterliche Spiele und vaterländische Feste wurden mit Pracht gefeiert. Braccio jedoch dachte bald an kriegerische Unternehmungen. Er durchzog das Land, bemächtigte sich mehrerer kleinen Städte und Festungen und drang bis ins Päpstliche vor, das er verheerte. Dadurch sah sich der Papst gezwungen, ihm auf sein Verlangen Citta di Castello, eine Stadt in Umbrien, abzutreten, worauf Braccio die eroberten Plätze frei gab. Martin V. hatte schon früher den Tartaglia, der in seinem Solde stand, mit tausend Reitern Sforzan zu Hilfe geschickt; denn er konnte nicht mit gleichgültigen Augen ansehn, daß Braccio, sein Vasall, derjenigen Partei entgegentrat, die von der Kirche begünstigt wurde. Braccio verlangte nun von der Königin, daß ihm der Uebereinkunft gemäß Capua als Eigentum abgetreten würde. Sergianni widersetzte sich dieser Forderung; aber Alfons, der den erfahrenen Feldherrn auf keine Weise verlieren wollte, brachte es bei der Königin dahin, daß die Stadt dem Braccio überliefert wurde, wodurch die erste Mißhelligkeit zwischen dem König und Sergianni entstand. Die beiden Festungen Capuas wollten aber die Kastellane nur unter Erlegung einer bedeutenden Geldsumme abtreten; auch diese bezahlte Alfons, um den Braccio zu beschwichtigen. Die eine davon mußte dieser gleichwohl halb mit Betrug und halb mit Gewalt erobern. Ein Versuch übrigens, den Braccio machte, die Sforzesken, die zur Einbringung von Lebensmitteln sich aus Aversa entfernt hatten, von der Stadt abzuschneiden, mißlang durch Sforzas Wachsamkeit. Bei dieser Gelegenheit aber führte Braccio eine eigne List aus. Zwischen Capua und Aversa befindet sich ein stehendes Gewässer, welches gegenwärtig unter dem Namen Regi lagni bekannt ist. Nur im höchsten Sommer war es zu durchwaten, und die wenigen Brücken oder Furten, die sich darboten, waren durch feste Türme geschützt. Einen davon mußte nun Braccio in seine Gewalt bekommen, wenn er den Uebergang ausführen wollte. Er ließ daher einen unbärtigen, aber tapfern jungen Soldaten in Weibertracht kleiden, und dieser mußte als fliehende und von der Unverschämtheit der Kriegsleute verfolgte Dirne dem Turm sich nähern, um Schutz und Aufnahme bitten. Der Wächter läßt ihn ein, und der Vermummte steigt auf die Zinne, unter dem Vorwande, sich nach den Verfolgern umzusehn. Dort zieht er sogleich die Leiter, auf welcher er emporgestiegen, weg, zieht das verborgene Schwert hervor, verwundet die Schildwache und stürzt sie hinab. Den Wächter, der sich noch im untern Raume befand, erschreckt er durch Drohungen und Steinwürfe, so daß dieser die Thür des Turms öffnet, um sich ins Freie zu retten. Dort wird er von den herbeieilenden Braccesken gefangen, nachdem der wieder herabgestiegene Jüngling ihn mit gezogener Klinge verfolgt hatte. So fiel der Turm in Braceios Hände. campanus Da nun bereits die letzten Tage des Weinmonats herangerückt waren, so gedachte Alfons in diesem zu Ende gehenden Jahre, bei so bedeutenden Streitkräften noch irgend eine entscheidende Waffenthat auszuführen, und wählte dazu die Belagerung Acerras, eines in der Nähe der Hauptstadt gelegenen Orts, durch welchen letztere beunruhigt wurde. Hiezu ward er besonders durch Sergianni angefeuert, der einen tödlichen Haß auf die Familie Origlia geworfen hatte, welcher Acerra gehörte. Der König führte eine große Anzahl Truppen, worunter alle seine Seesoldaten, und viele Belagerungswerkzeuge nach jener Stadt. Ein Sturm jedoch, den er wagte, wurde von den Acerranern mit bedeutendem Verlust der Seinigen zurückgeschlagen. In Acerra befand sich außer Gian Pietro Origlia auch Santoparente Attendolo, ein Verwandter Sforzas, der den besten Kriegsmännern seiner Zeit beigezählt wurde. Sforza selbst zog mit seinem Heere gegen Acerra, um die Stadt zu entsetzen. Doch Alfons schickte ihm den Ventimiglia, einen Sicilianer, und den Piccinino mit allen Seesoldaten entgegen, zu denen sich später auch Braccio gesellte. Bei der Brücke von Casolla kam es zur Schlacht; ein Teil der Sforzesken hatte den Fluß bereits überschritten, sie wurden aber wieder zurückgedrängt. Sforza war bei der Ueberzahl der Feinde nicht imstande, die Brücke zu behaupten, und ging nach Aversa zurück. Auch Santoparente, der diese Zwischenzeit zu einem Ausfall benutzt hatte, ward von Alfons wieder in die Stadt gedrängt. Letzterer hatte bereits einen doppelten und durch Bastionen geschützten Graben um Acerra ziehn lassen, die Zufuhr abzuschneiden. Unterdessen bedrohten die Belagerungswerkzeuge, zum Teil vierrädrige Türme, welche die Höhe der Zinnen erreichten, die Stadtmauer unaufhörlich und richteten bedeutende Zerstörungen an; aber die Acerraner stellten bei Nacht mit großer Ausdauer die beschädigten Teile wieder her. Das Heer des Königs befand sich überdies in einer mißlichen Lage. Die Regenzeit war eingetreten, und die ohnedem sumpfige Gegend, schon bei den Römern als ungesund berüchtigt, bereitete den Gelagerten unerträgliche Beschwerden. Da beschloß Alfons, um den Krieg zu endigen, einen allgemeinen Sturm. Hievon wurde er durch die Anmahnungen des Papstes zurückgehalten, welcher an die beiden Könige zwei Kardinäle, Fonseca und Fiesco, gesandt hatte, um den Frieden zu vermitteln. Als jedoch Ludwig diese Zwischenzeit benutzte, um heimlich einige Verstärkungen nach Acerra zu werfen, so kehrte Alfons zu seinem frühern Vorhaben zurück. Die Stadt ward bestürmt, doch verteidigten sich die Acerraten mit Heldenmut, und da bedeutende Regengüsse eintraten, so wurde der Boden so schlüpfrig, daß weder Fußgänger noch Reiter sich zu halten vermochten. Alfons verlor ein paar seiner besten Hauptleute und eine große Anzahl Söldlinge, die durch Steinwürfe und Pfeile von der Mauer herab getötet wurden. Hierauf boten die Legaten abermals ihre Vermittlung an, und es wurde festgesetzt, daß ihnen, im Namen des Papstes, Acerra bis zur Herstellung des Friedens übergeben würde. Crivelli behauptet, Acerra sei nicht den Legaten, sondern erst später dem Könige, nach dessen Aussöhnung mit Sforza, übergeben worden. Diese Meinung ist wahrscheinlicher; aber alle übrigen Berichterstatter weichen von ihr ab. Alfons kehrte sodann nach Neapel zurück. In dieser Zeit geschah es, daß Sforza den Tartaglia plötzlich bei einem Gastmahle verhaften ließ. Letzterer wurde des Einverständnisses mit Braccio beschuldigt und hatte auch vom Könige Alfons Pferde zum Geschenk erhalten. Der Papst sandte einen Abgeordneten, der die Sache untersuchen mußte. Tartaglia ward schuldig befunden und auf dem Platze von Aversa enthauptet. Seine Söldlinge jedoch, auf Sforza erbittert, gingen größtenteils zu Braccio über, der sich nach Capua begeben hatte. Viertes Kapitel. Im März des folgenden Jahrs (1422) ward endlich durch die Legaten der Friede oder vielmehr ein unbestimmter Waffenstillstand zwischen beiden Parteien abgeschlossen. Ludwig übergab den Kardinälen Aversa und das feste Schloß von Castellamare und begab sich, an Mitteln erschöpft, nach Rom an den Hof des Papstes. Bald nachher wurden die Schlüssel der den Legaten anvertrauten Städte von diesen dem Könige eingehändigt. Höchst auffallend würde diese plötzliche Nachgiebigkeit des römischen Stuhls erscheinen, wenn man nicht folgende Umstände in Erwägung zöge: Martin befand sich in entschiedener Geldnot und war großer Summen zur Wiederherstellung seiner ganz in Verfall geratenen Hauptstadt bedürftig, wie er denn auch wirklich in architektonischer Hinsicht der Gründer eines neuen Roms genannt zu werden verdient, – ein Beispiel, das fast von allen seinen Nachfolgern bis tief ins nächste Jahrhundert hinein aufs eifrigste befolgt wurde, so daß die Aufführung von Gebäuden eine Lieblingsbeschäftigung der Päpste geworden ist. Sodann war Martin V. auf seine unbestrittene Würde vor allem eifersüchtig, und Alfons bedrohte ihn beständig mit der in seinen Königreichen zu erfolgenden Anerkennung Benedikts XIII., der sich noch immer hartnäckig in Spanien verschanzt hielt. Ein zweiter Popanz, vom Papste wenigstens ebensosehr gefürchtet und dessen sich der König bediente, war Braccio da Montone, welcher auch wirklich bald darauf nach dem Kirchenstaate zog und Citta di Castello belagerte. Diese Stadt war ihm vom Papste zwar abgetreten worden; aber die Bürger, die sich als Freistaat regierten, waren mit dieser Abtretung keineswegs einverstanden. Diejenigen, welche sich in damaliger Zeit eine Herrschaft im mittleren Italien oder vielmehr in Toscana (denn auch Perugia und alle auf der Westseite des Apennins gelegenen Städte wurden mit Recht zu Toscana gerechnet) gründen wollten, hatten einen schweren, ja unmöglichen Stand. Dieser kleine hetrurische Volksstamm, einer der begabtesten von allen, die uns die Weltgeschichte kennen lehrt, und welcher in seiner Blütezeit eine größere Fülle bedeutender Menschen, geistvoller Dichter, Geschichtschreiber, Politiker und Künstler hervorbrachte, als das übrige Europa zusammengenommen, – dieser Volksstamm, sage ich, war damals von dem entschiedensten republikanischen Geiste beseelt. Jedes Städtchen war eine Welt für sich und mußte besonders überwunden werden, worauf es dann immer, sobald es nur einigermaßen aufatmen konnte, die Freiheit wieder herstellte. Deshalb erhielten sich die toscanischen Republiken bis gegen die Hälfte des folgenden Jahrhunderts, während das übrige Italien, Venedig ausgenommen, längst unterlegen war. Dies mochte die Hauptursache sein, weshalb Braccio trotz aller Gewandtheit und kriegerischen Ueberlegenheit keine dauernde Herrschaft begründen konnte, ein Versuch, der den Sforzesken, welche die Lombardie und Genua zu unterwerfen hatten, gelang. Von dieser, wie zu hoffen steht, erlaubten Abschweifung, kehren wir zum Gange der Erzählung zurück. Ehe noch Braccio das Königreich verließ, ward zwischen ihm und Sforza, dem bei dem Waffenstillstande vergönnt worden war, sich nach Benevent zurückzuziehn, eine Zusammenkunft verabredet, die im Walde Saccomano stattfand. Die alte Freundschaft ward, so weit es thunlich schien, erneuert, und Braccio wandte alles an, seinen ehemaligen Waffengefährten zu bereden, sich mit der Königin auszusöhnen, worauf auch Sforza, der sich ohne Sold in einer ziemlich beschränkten Lage befand, einging. Cribellus. Campanus. Unterdessen hatte Alfons das Reich bis auf einen gewissen Grad beruhigt. Die provençalisch gesinnten Barone hielten sich in zweideutiger, doch unteilnehmender Entfernung; nur die Grafen von Maddalone und Caserta führten den Krieg fort. Das Schloß Maddalone, dessen schöne Trümmer noch heutzutage sichtbar sind, war dem Ottino Caracciolo zugehörig, der, wie wir schon wissen, gegen Sergianni erbittert war. Alfons, um zu schrecken, sandte die Gefangenen Ottinos als Landesverräter auf die Galeeren, worauf Ottino den katalanischen Gefangenen ein Auge ausreißen, Nase und Hände verstümmeln ließ und in diesem Zustande dem Könige zurückschickte. Costanzo. Cronica di Napoli . Da brach im April dieses Jahres in Neapel die Pest aus, und der Hof begab sich nach Castellamare. Diese Stadt liegt, Neapel gegenüber, an der Wurzel eines Vorgebirgs, das sich 15 000 Schritte ins Meer hinausstreckt, durch seine gesunde Luft, seine Weine, seine Pomeranzengürten und Oelberge berühmt. Es scheidet den diesseitigen Golf von dem salernitanischen Meerbusen, und auf der Seite von Neapel liegen außer Castellamare noch Vico, Sorrent und endlich am Kap Minerva, der Insel Capri benachbart, Massa. Auf der salernitanischen Seite ist Amalfi der bedeutendste Ort. Alle diese Städte waren von Ludwigs Partei, und Alfons begann damit, Vico zu belagern, welches sich ihm, schlecht befestigt wie es war, bald ergab. Hierauf zog er nach Sorrent, wo man sich längere Zeit widersetzte. Als ihm jedoch Amalfi und Massa ihre Schlüssel übersandten, als er auch die Insel Capri durch eine nächtliche Landung überrumpeln ließ und seine Besatzung in den gleichnamigen Hauptort derselben legte, so glaubten auch die Sorrentiner nicht länger Trotz bieten zu können. Diese Städte wurden aber in des Königs Namen vereidet, ein Umstand, der der Königin und ihrem Sergianni aufs höchste mißfiel und der zuerst eine Spannung zwischen Mutter und Sohn hervorbrachte. Beide begaben sich bald darauf nach Gaeta, sei es, daß sie der Pest so weit als möglich entfliehen wollten, sei es, daß Castellamare zwei Hofhaltungen nicht zu fassen vermochte. Da wir im Laufe dieser Geschichte noch mehrmals auf Gaeta zurückkommen werden, so ist es vielleicht nicht am unrechten Ort, von der Lage dieser Festung einen Begriff zu geben. Zwischen dem Kap Fontania und dem Kap Mondragone erhebt sich ein Vorgebirg, dem sich ein seiner Länge nach gegen Süden gekehrter Bergrücken anschließt, so daß zwischen diesem und dem festen Land Italiens ein kleiner Golf entsteht, dessen Ufer zu den lieblichsten und fruchtbarsten Küstenstrichen der ganzen Halbinsel gehören. Hier gedeihen alle Südfrüchte, und zwischen Hainen von Granatbäumen, die in dieser Gegend vorzüglich häufig sind, erheben sich Trümmer des römischen Altertums. Unter ihnen die Villa Ciceros. in deren Nähe jener Römer ermordet wurde. Der vorerwähnte Bergrücken aber, den die jetzigen Festungswerke einfassen, ist ihretwegen kahl und durch die Natur schon von dem Rest des Vorgebirgs abgeschlossen; denn nur eine schmale Landzunge verbindet ihn mit demselben, und auch diese ist großenteils mit Sand bedeckt, da sie bei stürmischer Witterung zur Hälfte überspült wird. Auf der höchsten Spitze des Bergs steht das kolossale Grabmal des Munatius Plancus, vom Volke der Turm des Orlando genannt, welcher heutzutage als Telegraph benutzt wird. Ueber den Munatius Plancus sehe man die bekannte Ode im Horaz: »Laudabunt alii etc.« (I, 7.) Wohl ist dieser Punkt wert, einen Augenblick dabei zu verweilen; denn die Aussichten, die sich hier vom Vorgebirg der Circe bis zum Vesuv hin darbieten, mögen in der Welt nicht leicht ihresgleichen finden; sei es, daß man die offene, mit Inseln reich geschmückte See, sei es, daß man den lachenden Golf mit seinen Orangengärten und die herrlichen Gebirgsküsten Italiens, wo Hügel über Hügel sich auftürmen, betrachtet. Dieser Berg nun läuft gegen Süden in einen weit niedrigern, aber schroffen Felsen aus, und auf diesem Felsen ist das eigentliche Gaeta erbaut. Südwärts und westwärts fällt er steil ins Meer ab, so daß hier an keine Landung zu denken ist; nach der Seite des Golfs aber senkt er sich allmählich und bildet eine Fläche, die den untern Teil der Stadt enthält und durch Mauern geschützt ist, um welche ein Molo herumläuft. Aus dieser Lage geht hervor, daß Gaeta von der Landseite fast unbezwinglich ist und durch eine kleine Anzahl Truppen geschützt werden kann, von der Seeseite aber nicht allzulange haltbar, sobald einmal den feindlichen Schiffen der Eingang in den Golf offen steht. Dieser schöne Landstrich war es, den das fürstliche Paar besuchte. Alfons jedoch bewohnte einen Palast an der Küste, jenseits der Landzunge, Johanna befand sich in der Stadt. Hieher kam Sforza von Benevent, um beiden seinen Hof zu machen; doch schien es, daß er von der Königin günstiger als vom König empfangen wurde, wiewohl er während eines mehrwöchentlichen Aufenthalts die katalanischen Großen häufig bei sich bewirtete. Mit ihm erschienen noch andere, ehedem provençalisch gesinnte Barone. Als nun der spanische Kardinal Fonseca nach Gaeta kommen sollte, um dem König die päpstliche Bestätigung der Adoption zu überbringen, Zurita meint, daß diese Bestätigung wegen des plötzlichen Todes des Kardinals dem Könige nie übergeben worden. Wahrscheinlicher ist, daß sie der Papst niemals ausgestellt, wiewohl es auch Fazio behauptet. fuhr ihm Alfons auf einer Galeere entgegen, und Sforza stieg mit ihm zu Schiff. Die Biographen des letzteren erzählen uns einstimmig, daß der König bei dieser Gelegenheit einen Mordanschlag gegen Sforza gebrütet habe. Strick und Sack seien schon bereit gewesen, um ihn zu fahen und zu ersäufen. Bloß das schnellere Eintreffen des Kardinals habe diesen Plan zerstört, und die Sforzesken sollen ihren Führer, den sie für verloren hielten, mit großem Jubel empfangen haben. Letzteres mag gegründet sein; im übrigen ist es schwer, jemanden eines Verbrechens zu zeihen, das nicht wirklich begangen worden, und Alfonsens Charakter widerspricht einer solchen Beschuldigung ganz und gar. Auf der andern Seite aber mochte dem politischen Scharfblicke des Königs nicht entgehen, daß Sforza der einzige sei, der ihm den ruhigen Besitz des Reichs streitig zu machen, der einzige, der dem Argwohn der Königin einen hilfreichen und mächtigen Arm zu leihen imstande sei. Oeffentlich ward festgesetzt, daß beide den Sforza in ihren Sold nehmen sollten, daß dieser jedoch, wo es keine gemeinschaftliche Unternehmung gelte, demjenigen, der ihn zuerst beriefe, gehorchen sollte. Cribellus . Heimlich aber ermunterte Johanna, oder vielmehr Sergianni, der die Seele dieser Ränke war, den Sforza, die provençalische Partei nicht allzusehr schwächen zu wollen, damit sich die Königin derselben im Fall der Not gegen Alfons bedienen könne. Als im September die Pest in Neapel nachgelassen, begab sich Johanna nach der Insel Procida und von dort in das nahe Pozzuoli. Alfons, um keinem Verdachte Raum zu geben, folgte ihr dorthin zu Lande und nahm unterwegs Capua in Augenschein, das er noch nicht kannte. Aber die Königin hielt diese rasche Einholung für Verfolgung und ward um so mehr in dem Argwohn bestärkt, daß sie Alfons, wie Sergianni behauptete, nach Katalonien senden wolle, um unbeschränkter Herr von Neapel zu sein. Als dieser daher nach Aversa ging, eilte sie schnell nach Neapel und schlug ihren Sitz im Castel Capuano auf, da sie fürchtete, im Castel nuovo als Gefangene behandelt zu werden. Es ist schon erwähnt worden, daß Castel nuovo und Castel dell Ovo den Katalanen übergeben worden waren. Fünftes Kapitel. Wiewohl der König fortfuhr, seine Mutter zu besuchen, so war doch die Entfremdung beider selbst bei dem Volk schon offenkundig geworden, und wo sich die katalanischen Barone blicken ließen, wurde ihnen »Durazzo! Durazzo!« oder: »Es lebe die Königin Johanna!« entgegengerufen. Collenuccio . Sergianni Caracciolo, der sich häufig ins Castel nuovo, um dem Staatsrate beizuwohnen, begeben und gar wohl die nicht unverdiente Abneigung Alfonsens gegen seine Person bemerken mußte, bat sich von diesem einen Schutzbrief, versehn mit dem königlichen Insiegel, aus, der ihm bewilligt wurde. Aber im April 1423 veranstaltete der König nach seiner festlustigen Weise einen öffentlichen Aufzug, bei welchem ein Elefant, der einen Turm trug, vorgestellt wurde. In dem Turme befanden sich viele katalanische Ritter, die als Engel gekleidet sangen und die Laute schlugen. Da erfuhr er, daß Sergianni einen andern Aufzug von neapolitanischen Baronen, als Teufel vermummt, verabredet hatte, sei es, bloß mit dem Könige zu wetteifern, sei es, eine öffentliche Feindseligkeit anzuspinnen. Giornali del Duca. Cronika di Napoli . Dieser letztere Zug unterblieb zwar durch den Tod eines der Teilnehmer, mit dem alle übrigen verwandt waren; doch Alfons wurde dadurch noch mißtrauischer, und als ihm sein Gesandter in Rom, Francisco de Ariño, schrieb, daß eine Verschwörung gegen ihn angezettelt sei, an deren Spitze Sergianni stehe, so ließ er diesen trotz des Geleitbriefes im Castel nuovo verhaften. Hierauf begab er sich unmittelbar zu Pferde nach dem Castel Capuano, um der Königin diesen Gewaltstreich anzuzeigen, oder vielleicht, wie auch ein aragonischer Geschichtschreiber nicht in Abrede stellt, um sie selbst in seine Gewalt zu bekommen. Denn er glaubte dadurch den furchtbaren Parteikämpfen, von denen das unglückliche Königreich zerrissen war, auf immer ein Ende zu machen. Sein Vorhaben mißlang. Ein Knabe, der im Dienst eines Florentiners stand, wußte sich unbemerkt durch die Pferde Platz zu machen und eilte, die Königin zu benachrichtigen. Diese ließ sogleich dasjenige Thor schließen, das nach der Stadt führte, auf welchem gegenwärtig der kaiserliche Adler zu sehen ist; Alfons jedoch ritt auf das außerhalb der Stadt befindliche Thor zu (denn Castel Capuano lag damals zur Hälfte außer-, zur Hälfte innerhalb der Mauern), um sich dessen zu bemächtigen. Schon hatte das Pferd die Zugbrücke betreten, als diesem einer der Obenstehenden einen Mörser an den Kopf schleuderte, wodurch es zurückwich. Cronica di Napoli. Andere sagen, der Kastellan Sanuto da Capua, ein starker und handfester Mann, habe es beim Zügel ergriffen und mit Gewalt jenseits der Brücke zurückgestoßen, die sogleich in die Höhe gezogen ward. Juan de Bardaxi, der mit dem Könige gekommen, gab diesem seinen Helm, um ihn gegen die Steinwürfe, die von oben herabflogen, zu schützen. Verschiedene katalanische Barone wurden verwundet, einer getötet. Der König, um des Volkes wegen die engen Straßen zu vermeiden, begab sich nach dem Mercato und später ins Castel nuovo. Daß die provençalische Partei über diese Vorfälle erfreut war, läßt sich vermuten, doch auch viele von den Durazzischen wollten Alfonsen belagern. Die Klügern aber, um den Bürgerkrieg zu vermeiden, rieten zu einem Vergleich und begaben sich unbewaffnet zum Könige. Dieser war um so mehr zu einer gütlichen Ausgleichung geneigt, als er aus Spanien betrübende Nachrichten, die seine Gegenwart dort nötig machten, erhalten hatte. Diese Nachrichten mochten auch das Meiste zu seinem Entschluß beigetragen haben, sich Sergiannis zu bemächtigen, um sich keine Feinde im Rücken zu lassen. Kastilien war nämlich wegen der zarten Jugend Johanns II. der Schauplatz beständiger Zwistigkeiten und Unruhen geworden. Alfonsens Brüder Don Juan und Don Enrique, die große Lehne in Kastilien besaßen, hatten sich beide dort eine Partei gebildet und haderten wechselseitig. Don Enrique hatte sich überdies ohne die Einwilligung des Königs mit dessen Schwester Donna Catalina vermählt und verlangte von demselben das Herzogtum Villena als Mitgift. Johann verweigert es, lockt den Don Enrique nach Madrid und nimmt ihn gefangen. Hierauf belagert er seine Schwester in Segura. Der Konnetabel von Kastilien aber, von Enriques Partei, entführt sie glücklich nach Valencia. Auch andere von Enriques Anhang suchen Schutz in Alfonsens Staaten, und dieser wird nun durch kastilische Gesandte in Neapel zur Auslieferung aufgefordert. Zurita . Unterdessen suchte die Königin Johanna, die jedem Vergleich entgegen war, durch Zögerung Zeit zu gewinnen und hatte sogleich Boten an Sforza geschickt, der sich damals in einem Kloster bei Mirabello befand. Im Namen der Gevatterschaft (denn durch dieses kirchliche Band war sie mit Sforza verknüpft) beschwor sie ihn, ihr augenblicklich zu Hilfe zu eilen. Sforza, wiewohl er nur 600 schlechtbewaffnete und schlechtberittene Streiter aufzubringen vermochte, während der König gegen 4000 Mann besaß, eilte sogleich herbei. Unterweg trafen ihn die Abgesandten Alfonsens, die ihn ebenfalls zum Beistand aufforderten. Sforza versetzte, daß der Ruf der Königin zuerst zu ihm gedrungen sei, daß er übrigens nichts so sehr als eine Versöhnung zwischen Mutter und Sohn wünsche und auf der Stelle zurückkehren wolle, wenn Alfons verspräche, die Königin nicht zu beunruhigen und ihr zu erlauben, sich an irgend einen festen Platz des Königreichs zu begeben. Dies wollte ihm Alfons keineswegs bewilligen und versetzte, daß er ihn, sobald er mit den Waffen in der Hand komme, weder zum Richter noch zum Vermittler wolle. Als Sforza der Stadt sich näherte, schickte er noch einmal Friedensunterhändler an den König, doch mit demselben Erfolg. Alfons hatte das Heer unter Bernaldo Centellas auf der Straße von Acerra, woher Sforza zog, in Schlachtordnung treten lassen, und so kam es bald zwischen Poggio Reale und dem Castel Capuano zu einem blutigen sechsstündigen Gefecht. Sforza machte die Seinigen auf die schönen Harnische und Pferde der Katalanen aufmerksam, mit denen sie ihrer eignen Armut ein Ende zu machen hoffen konnten. Er rief: »Alli ben vestiti, alli bene a cavallo«, Giornali del Duca . Dem Cicco Antonio, einem Neapolitaner, entriß er selbst die königliche Fahne, und als die Seinigen vor der Ueberzahl zu weichen begannen, bahnte er sich durch die umliegenden Gärten den Weg und stürzte plötzlich im Rücken des Feindes hervor, indem er eine Gartenmauer, die von Lehm war, durchbrechen ließ. Hierauf erfolgte eine gänzliche Flucht und Niederlage des königlichen Heers. Bedeutend war die Beute der Sforzesken. Achthundert Pferde fielen in ihre Hände, und hundertundzwanzig der vornehmsten sicilianischen und aragonischen Barone wurden gefangen. Der König mußte sich ins Castel nuovo flüchten, die Häuser der Katalanen wurden geplündert, und Johanna empfing den Sforza mit ehrenvollem Jubel als ihren Retter. Dieser, nachdem er bei der Königin bewirkt hatte, daß die Barone der französischen Partei nach Neapel zurücklehren durften, wandte sich gegen Aversa, um es zur Uebergabe zu zwingen. Jene Schlacht war am 30. Mai 1423 gekämpft worden; noch vor Mitte Juni erschien eine katalanische Flotte vor Neapel. Einige behaupten, daß Alfons sie berufen habe, um seine Unternehmungen gegen Korsika fortzusetzen; andere, daß sie bestimmt gewesen sei, die Königin mit Gewalt nach Aragonien abzuführen. Wie dem auch sein mag, nichts konnte Alfonsen erwünschter kommen, als jene Flotte, die von dem Grafen von Cardona befehligt wurde. Die Landung konnte von der Königin nicht verhindert werden. Alfons ließ den Platz vor dem Castel nuovo, der damals außerhalb der Stadt lag, mit Wällen und Gräben befestigen, damit die Reiterei den Seinigen keinen Schaden zufügen konnte. Da jedoch die in diesem Lager eingeschlossenen Aragonesen von den Neapolitanern beständig geneckt wurden, so wagten sie einige glückliche Ausfälle, ja, einer Schar gelang es, sogar in die Stadt selbst einzudringen. Innerhalb der Porta Petruccia nämlich (die jetzt nicht mehr vorhanden ist) befand sich ein Haus, an dem sich ein Weinstock emporschlang, um die offenen Arkaden desselben, wie man es noch jetzt häufig sieht, zu beschatten. Dieser Weinstock wurzelte außerhalb der Stadtmauer, und desselben bedienten sich die Katalanen, um hinaufzuklimmen, worauf sie die Thorwache überwältigten. Zu gleicher Zeit drang der Infant Don Pedro, Alfonsens Bruder, von der Seeseite in die Stadt ein, wovon der gegen den Hafen gelegene Teil in Flammen aufging. In dieser Not sandte die Königin Boten an Sforza, der von Aversa herbeieilte. Aber da die Neapolitaner anfingen, sich leidend zu verhalten, und dem Kampf wie einem Schauspiele zusahen, so war Sforza mit seiner Reiterei nicht imstande, sich in den Straßen zu behaupten; denn die Katalanen hatten sich in den Häusern verschanzt und warfen Ziegel und Steine auf den Feind, der, ohne sich widersetzen zu können, vertrieben wurde. Da begab sich Sforza ins Castel Capuano und entführte die Königin mit ihren Kostbarkeiten nach Nola. Ein großer Teil der Bevölkerung Neapels, über 5000 Männer und Weiber, folgten ihr weinend und wehklagend nach. Weithin leuchteten die Flammen. Collenucolo. Summonte, Stora di Napoli. Indessen hatte Juanotto Pertusa, ein Katalonier, der in Aversa befehligte, dem Sforza zu wissen gethan, daß er ihm die Stadt übergeben wolle, mit der seltsamen Bedingung, daß sie Sforza plündern und zerstören solle. Man glaubt, daß Pertusa dadurch an den Aversanern, die ihn beleidigt hatten, Rache nehmen wollte. Sforza nahm die Stadt, erfüllte jedoch die Bedingung keineswegs, wofür die Aversaner ihn mit Dank überhäuften. Johanna begab sich nun der Sicherheit wegen nach Aversa. Das Castel Capuano jedoch war von Sforza einem Faentiner, Namens Graziano, zur Verteidigung übergeben worden; dieser, wahrscheinlich bestochen, überlieferte es dein Könige unter der Bedingung eines freien Abzugs. Er wurde dafür von Sforza, wie einige behaupten, mit eigner Hand aufgeknüpft. Giornali del Duca. Johanna hegte nun keinen sehnlichern Wunsch, als die Auslieferung Sergiannis. Auch hiezu bot Sforza, wiewohl zu gunsten seines Todfeinds, bereitwillig die Hand. Denn als der König, der die Schwachheit der Königin kannte, zwölf, nach anderen zwanzig der vornehmsten katalanischen Barone für den Caracciol verlangte, gab sie Sforza heraus und erhielt von der Königin dafür die Städte Trani und Barletta, in deren eigentlichen Besitz er aber wegen seines frühzeitigen Todes nie gelangt ist. Nach seinem Tode wußten auch die übrigen Gefangenen aus Benevent zu entfliehen. Sechstes Kapitel. In diesen Tagen erschien vor Alfons Michael Cossa, ein Ischiot, der Sergiannis Feind war, und lud den König ein, Ischia zu erobern, wozu er ihm behilflich sein wolle. Fazius. Die Insel selbst, von einem Vulkan gebildet, dessen verwitterte Laven mit Weinpflanzungen bedeckt sind, konnte wenig Schwierigkeiten darbieten. Wohl aber die Hauptstadt. Diese, wiewohl sie sich gegenwärtig weiter verbreitet, war damals auf den Fels beschränkt, der an der südöstlichen Spitze des Eilands aus dem Meer hervorragt und durch eine Brücke mit der Insel verbunden ist. Dieser Fels, wegen seiner Steilheit, ward für unersteiglich gehalten. Jedoch behauptete Cossa, daß man sich leicht der Brücke bemächtigen und, der Stadt alle Zufuhr abschneidend, dieselbe durch Hunger besiegen könne. Alfons schickte in der Nacht sogleich einige Fahrzeuge aus, die die Brücke besetzten und die Tiefe des Meers, die sie für größere Schiffe empfänglich fanden, ausmaßen. Er machte sich hierauf selbst mit einer kleinen Flotte auf den Weg und forderte die Ischioten zur Uebergabe auf, behauptend, daß er nicht der Feind der Königin Johanna, wohl aber ihrer schlechten Ratgeber sei. Die Stadt war jedoch in zwei Parteien geteilt, wovon die eine dem Cossa, die andere dem Christoph Manoccio gehorchte. Dieser letztere wußte die Uebergabe zu hintertreiben, und Alfons rüstete sich zum Kampf. Er ließ eines der größern Schiffe, so nahe es möglich war, an den Fels anlegen und bemühte sich, eine Brücke auf denselben werfen zu lassen. Da jedoch die See zu stürmisch war, so forderte er drei Jünglinge auf, den Fels schwimmend zu erklettern und die Brücke mit Seilen an Bäume und Gestrüpp zu befestigen. Zwei von ihnen wagten es, an Gesträuchen sich festhaltend, weiter emporzuklimmen, da sie der Steilheit des Abschusses wegen von den Feinden nicht gesehn werden konnten. Ihnen folgten nun viele aus dem Schiff und hielten die Schilde übers Haupt, um vor den Steinwürfen der herbeieilenden Ischioten gesichert zu sein. Alfons suchte nun die Feinde von dem bedrohten Orte abzulenken, indem er die am Fuß des Felsen auf der andern Seite gelegene Vorstadt angreifen ließ. Um die Seinigen zu ermuntern, stieg er selbst in einen Kahn und näherte sich den Schiffen. Aber der Kahn, zu voll von Menschen, schlug um, und der König war in Gefahr zu ertrinken; doch ward er glücklich von einigen Matrosen aus dem Wasser aufgefangen. Die Stadt, von zwei Seiten angegriffen, konnte ihrer geringen Bevölkerung wegen nicht widerstehen, und die Ischioten wurden gezwungen, die Waffen niederzulegen. Da Alfons die Gefangenen frei ließ und mit Milde behandelte, so ergab sich auch bald die feste Burg, und der König kehrte nach Neapel zurück. Fazius Unterdessen hatten seine Feinde in Aversa bei der Königin alles angewandt, ihn zu verderben. Besonders war Sergianni erbittert und behauptete, daß man ihn während seiner Gefangenschaft durch Schlaflosigkeit zu töten gestrebt habe, indem sich Tag und Nacht Besuche bei ihm einfanden, die durch fortgesetztes Gespräch ihn wach zu erhalten versuchten Tristanus Caracciolus Johanna ward leicht dahin gebracht, die Adoption Alfonsens aus dem Beweggrund seines Undanks feierlich zu widerrufen; ja, es gelang, wiewohl nicht ohne große Schwierigkeit, sie zu bewegen, Ludwig III. zu ihrem Nachfolger zu erklären. Hiezu wirkte besonders auch der Papst, der zugleich den Herzog von Mailand in den Bund zu ziehen gewußt hatte. Letzterer, der, wie schon erwähnt worden, damals im Besitz von Genua war, versprach, eine Hilfsflotte nach Neapel zu senden. Alfons, über diese Nachrichten aufs höchste beunruhigt und durch die Umstände genötigt, nach Spanien zurückzukehren, ließ dringende Bitten an Braccio ergehn, sich sogleich mit den Seinigen nach Neapel zu begeben. Braccio hatte während dieser Zeit Citta di Castello erobert, sodann sich in Perugia, das er durch Bauwerke verschönte, aufgehalten und in Foligno sich zum Fürsten von Capua krönen lassen. Campanus Als des Königs Gesandte ankamen, befand er sich in Aquila, das ihm, wie schon gesagt, zuerkannt worden, das er jedoch mit Gewalt erobern mußte, da es der provençalischen Partei ergeben war. Auf keine Weise wollte er nun von dieser Belagerung ablassen; denn sein Ehrgeiz beredete ihn, das ganze Königreich in seiner Gewalt zu haben, sobald er Capua und Aquila besäße. Doch sandte er dem Könige den Jakob Caldora nebst andern Feldhauptleuten zu Hilfe. Unterdessen war Ludwig III. bereits in Aversa angekommen und von der Königin freundlich empfangen worden. Festgesetzt wurde, daß er den Königstitel beibehalten solle, um desto würdiger einem Könige entgegenzutreten; sonst aber solle er bloß das Herzogtum Kalabrien besitzen. Sforza zog nun mit seinem Schützlinge nach Neapel; Alfons schickte ihnen den Caldora mit einer Anzahl Truppen entgegen. Bei der Magdalenenbrücke, wo der Sebeto ins Meer fließt, kam es zur Schlacht; Sforza warf die Aragonesen zurück und pflanzte seine Zeichen vor den Thoren der Stadt auf. Alfons, der zu Wasser auf einer Galeere dem Kampfe zusah, ward von Sforzas Tapferkeit zur Bewunderung hingerissen und befahl den Seinigen, ihn zu schonen. Costanzo Endlich, Mitte Oktobers 1428, schiffte sich Alfons nach Katalonien ein, da er fürchten mußte, daß die Kastilianer seine Erbstaaten mit Krieg überzögen. In Neapel ließ er als seinen Statthalter den Infanten Don Pedro zurück. Die See war ihm lange Zeit ungünstig. Er mußte sich zuerst in den Hafen von Gaeta flüchten und ward später noch einmal dahin zurückverschlagen. Endlich sammelte er die Flotte bei Ponza und beschied sie nach der Inselgruppe, die Marseille gegenüber liegt. Denn diesen Ort, als die Hauptstadt seines Feindes, gedachte er zu erobern. Ein Teil der Schiffe fand sich wirklich ein, und Alfons bemächtigte sich Marseilles durch einen nächtlichen Sturm. Drei Tage wurde geplündert. Ein großer Teil der Stadt verbrannte, weniger durch die Schuld der Katalanen als durch den mehrmals nach allen Seiten sich drehenden Wind. Die von Aix kamen den Marseillern zu Hilfe; allein da sie gleiche Feldzeichen mit den Katalanen hatten, vermehrten sie nur die Verwirrung. Bouche, Histoire de Provençe Die Frauen hatten sich in die Kirchen geflüchtet, und Alfons sorgte dafür, daß sie nicht beleidigt wurden. Sie wollten ihm hierauf ihren Schmuck zum Geschenk reichen lassen, den er zurückwies. Doch nahm er den Körper des heiligen Ludwigs, Bischofs von Toulouse, mit sich, der später in Valencia verehrt wurde. Besatzung ließ er nicht in Marseille, da er seiner Mannschaft in Spanien benötigt war. Noch mannigfach von den Winden umhergeworfen, landete er zuletzt in Barcelona. Siebentes Kapitel. Unmittelbar nach Alfonsens Abreise ward Sforza von der Königin nach den Abruzzen geschickt, um Aquila, von Braccio belagert, zu entsetzen. Mit häufigen Botschaften hatten die Aquilaner um Hilfe gefleht. Sforza, nachdem er seinen Sohn Francesco und eine andere Schar, die sich in Apulien befand, an sich gezogen, drang in die Abruzzen vor und nahm mehrere kleine Städte, die in Braccios Gewalt waren. Die Weihnachten feierte er in Ortona. Als sich nach vollendetem Hochamt die Hauptleute um ihn versammelten, erzählte er ihnen seinen Traum in der verwichenen Nacht. Er habe sich mitten in einem See befunden, den heiligen Christoph aber von fern gesehen und um Beistand angerufen. Jener habe sich aber von ihm abgewandt. Cribellus. Jovius. Simoneta Vita Francisci Sfortii . Francesco und die übrigen baten ihn, seinen Aufbruch zu verschieben; denn er wollte am andern Morgen bei Pescara über den Sangro gehen. Sforza jedoch versetzte, daß niemals Eile so nötig gewesen sei als eben jetzt. Die Besorgnisse der Freunde vermehrten sich, als beim Auszuge aus der Stadt der Fahnenträger mit dem Pferde stürzte und die Standarte zerbrach. Man gelangte an den Fluß. Der Feind stand auf der andern Seite der Furt und hatte dort Pfähle eingerammelt und Bogenschützen aufgestellt. Da versuchte Francesco mit seiner Schar den Uebergang an der Mündung des Stroms ins Meer, das hier lagunenartig und sumpfig ist. Er kam glücklich ans andere Ufer und jagte den Feind nach Pescara zurück. Mit begeisterter Freude gewahrte Sforza von fern die Tapferkeit seines Sohns und forderte nun die Seinigen ebenfalls zum Uebergang auf. Aber diese zauderten, da sich eben ein heftiger Ostwind erhob und die Wellen des Meers den Fluß anschwellten und zurücktrieben. Um den Untergebenen Mut einzuflößen, ritt Sforza mit einem Knaben, der ihm den Helm trug, voran; niemand folgte. Als sie sich in der Mitte des Wassers befanden, begann der Knabe zu sinken. Sforza griff nach ihm und wollte ihn bei den Haaren emporziehn. Da wichen dem Pferde auf dem schlammigen Boden die Hinterbeine, und Sforza glitt vom Sattel. Schwer geharnischt, wie er war, vermochte er nicht zu schwimmen. Zweimal wurden seine eisernen Handschuhe über dem Wasser gesehn; dann verschwand er. Vergebens ward späterhin sein Leichnam gesucht, den der Fluß ins Meer schwemmte. Cribellus. Jovius. Flavius Blondus Historia . Merkwürdig ist, daß Sforzan in seiner Jugend einmal ein ähnliches Wagestück glücklich gelungen war. Bei der Belagerung von Pisa setzte er an der Mündung des Arno über diesen von Regengüssen mächtig angeschwollenen Fluß. So starb Sforza am 3. Jänner 1424 im fünfundfünfzigsten Jahr seines Alters, nachdem er so vielen Schlachten getrotzt, so vielen Nachstellungen entgangen war. An Geist mochten ihm vielleicht andere Feldherrn seiner Zeit überlegen sein, an Tapferkeit kam ihm keiner gleich. Gegen Feinde war er großmütig, gegen Verräter unerbittlich, in der Mannszucht streng, zum Schutz des Landvolks stets bereitwillig, von Habsucht so weit entfernt, daß er die Truppen häufig mit den Einkünften seiner Schlösser bezahlte. Bei wichtigen Unternehmungen pflegte er alle seine Hauptleute um Rat zu fragen; doch um nicht ihren Dünkel zu nähren, fing er von gleichgültigen Dingen zu sprechen an und gelangte wie von ungefähr auf den Gegenstand, den er beraten wollte. Jovius. In Religionsübungen war er pünktlich und unterschied sich hierin von Braccio, dem die Zeitgenossen vorwarfen, daß er nie in die Messe ginge. Seine Verwandten behandelte er mit Zärtlichkeit, und als zwei seiner Brüder an der Pest krank lagen und von allen verlassen waren, hielt er bis zum letzten Atemzuge bei ihnen aus und ließ ihnen nach ihrem Tode eine Kapelle bauen. Er haßte die Schalksnarren und das Spiel. In müßigen Stunden beschäftigte er sich mit Leibesübungen, schleuderte große Steine und Wurfspieße, oder übte sich im Springen und Laufen. Des Abends oder bei Regenwetter las er. Da er kein Latein verstand, so begnügte er sich mit den Abenteuern der Paladine. Doch war er besonders wißbegierig nach Geschichten und suchte sich die Alten in Übersetzungen zu verschaffen. Einem gewissen Porcello, der ihm den Cäsar und Sallust übersetzen mußte, schenkte er ein Haus und einen Garten. Schreiben konnte er nicht und bediente sich zu diesem Geschäft der Mönche, die er auch als Spione verwendete, wozu er sie vor allen andern wegen ihrer Schlauheit und Straflosigkeit für tauglich hielt. Jovius. Was die äußere Gestalt betrifft, so war Sforza von ungewöhnlicher Größe, breitschultrig, von starkem Muskelbau, um die Mitte des Leibs aber so schlank, daß man ihn fast mit den Händen umspannen konnte. Dabei von dunkler Gesichtsfarbe, die Augen blau, tiefliegend, mit buschigen Brauen, die Nase gebogen. In der Kleidung einfach, liebte er jedoch die Blankheit der Waffen und Harnische. Er war im Essen und Trinken mäßig, bei Feldzügen aber und besonders in der Schlacht oft einem plötzlichen Durst unterworfen, so daß er beständig einen Knaben an der Seite hatte, der ihm Wein oder Wasser nachtrug und ihn auch in der größten Hitze des Gefechts nicht verlassen durfte. Oefters äußerte er, nicht durchs Eisen, wohl aber durch Wassermangel fürchte er zu sterben. Jovius. Als Braccio die Nachricht vom Tode seines Gegners erfuhr, wollte er derselben lange keinen Glauben schenken. Er empfing die Botschaft schwermütig, mit finstrer Stirn; sei es, daß er sich der Jugendfreundschaft erinnerte, sei es, daß er seines eignen Schicksals gedenk war. Denn die Astrologen hatten ihm vorhergesagt, daß Sforza eines plötzlichen Todes sterben, er selbst aber ihm in kurzer Zeit nachfolgen werde. Jovius. Achtes Kapitel. Mit tiefem Schmerz, doch mit voller Besonnenheit des Geistes ertrug Francesco das Ende seines Vaters. Da seine Gegenwart am andern Ufer nötiger schien, wo der größte Teil des Heeres sich befand, so ruderte er sich allein in einem kleinen Nachen hinüber und ermunterte in einer Rede, zusammenzuhalten und ihn nicht zu verlassen. Hierauf ließ er eine Besatzung in Ortona zurück und begab sich nach Benevent, um des väterlichen Besitztums nicht verlustig zu gehen, und von dort nach Aversa zur Königin. Diese bestätigte ihn in seines Vaters Rechten und verordnete, daß er und seine Brüder den Namen Sforza dem ihrigen beifügen sollten, dem Verstorbenen und ihnen selbst zu Ehren. Simoneta. Cribellus Hierauf gedachte sie ihn vorerst zur Eroberung Neapels zu verwenden, welche Stadt fast allein noch in den Händen der Feinde war. Denn es hatte unterdessen der Visconte, unter den Befehlen des Guido Torello, eine Flotte von 12 größern Schiffen und 22 Galeeren gesandt, von denen einige durch Ludwig III. ausgerüstet wurden. Die Flotte erschien zuerst vor Gaeta, wo Alfons den Antonio de Luna zurückgelassen. Da dieser die Einwohner wenig geneigt sah, eine doppelte Belagerung auszuhalten (denn Guido Torello hatte auch eine bedeutende Anzahl Truppen mit sich geführt), und da vom Könige zuvörderst durchaus keine Hilfe zu hoffen war, so übergab er die Stadt unter Bedingung eines freien Abzugs. Torello fuhr sodann gegen Neapel. Er bemächtigte sich der Insel Procida, und die Bürger von Castellamare kamen ihm freiwillig entgegen, nachdem sie den katalanischen Statthalter ermordet hatten. Ebenso die übrigen Ortschaften auf der Nordseite des Golfs. Er belagerte hierauf die Hauptstadt zur See und schiffte einen Teil seiner Truppen am Carmine aus, zu denen sich Francesco Sforza gesellte. Der Infant, auf diese Weise bedrängt und wenig Vertrauen auf die Neapolitaner setzend, von denen sich täglich viele ins Lager der Feinde begaben, um mit ihnen zu turnieren oder Brüderschaft zu trinken, beschloß, die Stadt eher verbrennen zu lassen, als zu übergeben. Diesem Vorhaben widersetzte sich jedoch aufs eifrigste Jakob Caldora. Weder der Infant, sagte er, noch dessen Vorfahren hätten jemals eine so schöne Stadt wie Neapel erbaut, und der König hätte sie ihm anvertraut, um sie zu behüten, und nicht, um sie anzuzünden. Cronica di Napoli. Giornali del Duca. Die Mißverständnisse zwischen den Spaniern und den italienischen Feldhauptleuten wuchsen überhaupt mit jedem Tage, da überdies Don Pedro dem Caldora den verlangten Sold nicht auszubezahlen imstande war. Als daher ein Waffengefährte des letzteren von den Feinden gefangen ward und diese ihn mit heimlichen Aufträgen an Caldora zurücksandten, so horchte dieser einem Vorschlag zur Ausgleichung um so lieber, als er, da Sforza tot war, hoffen konnte, die erste Stelle im Heer der Königin zu bekleiden. Da nun der Herzog von Mailand sich anheischig machte, ihm den rückständigen Truppensold zu bezahlen, so versprach er die Uebergabe Neapels, dessen Schlüssel er in seiner Gewalt hatte. Als daher Guido und Francesco scheinbar die Mauern bestürmten, machte Caldora einen Ausfall und ließ sich von den Feinden bis in die Mitte der Stadt verfolgen, die somit von dem Heer der Königin erobert wurde. In den Sold der letztern trat nun auch Caldora. Castel Capuano ward eingenommen, und der Infant behielt bloß die beiden Kastelle an der Seeküste. Hierauf kehrte Guido Torello mit seiner Flotte nach Genua zurück. Vor allem lag nun der Königin die Befreiung Aquilas am Herzen. Nur höchstens vierzehn Tage, erklärten die Gesandten, könne die Stadt sich halten, wegen des gänzlichen Mangels an Lebensmitteln. Auch der Papst, dem Braccio hatte drohen lassen, er wolle ihn zwingen, hundert Messen für einen Pfennig zu lesen, wünschte die Vertilgung seines Todfeindes. Ebenso der Herzog von Mailand; denn die Florentiner, mit denen er in Krieg verwickelt war, wollten den Braccio nach der Einnahme von Aquila in ihren Sold nehmen und hatten ihm zu diesem Zwecke bereits eine bedeutende Geldsumme zugesandt. So wurde nun bald ein Heer gerüstet und im Juni 1424 gegen Aquila geschickt. Das Schicksal Italiens sollte von einer Schlacht abhangen. Dem Jakob Caldora ward der Oberbefehl übertragen; ihm folgten die Sforzesken unter Francesco, und Ludwig Colonna führte die päpstlichen Truppen an. Tausend Maultiere mit Lebensmitteln zogen vor ihnen her. Man besitzt ein eignes lateinisches Gedicht über die Schlacht von Aquila, aus welchem jedoch, außer der Langenweile, wenig zu erbeuten ist. Die meiste Auskunft über diesen Feldzug geben Simoneta und Campanus. Aquila liegt auf Hügeln, die ein anmutiges, mit Wein und Korn gesegnetes Thal umgibt. Der Aterno durchströmt dasselbe, ein mäßiger Fluß; gegenwärtig kahle, damals aber waldige Berge schließen es ein. Als die Verbündeten den letzten Gebirgszug überschritten, der sie noch von der Ebene trennte, erschraken sie über die Schwierigkeit ihrer Lage. Nur schmale und schroffe Pfade führten hinunter, nur zwei Mann hoch konnten sie sich reihen, die Rosse am Zügel führend. Zwei Millien standen sie von dem feindlichen Heere entfernt, vier von der Stadt. Vor den Thoren derselben hatte Braccio den Niccolo Piccinino mit den Seinen sich aufstellen lassen, um die Aquilaner von einem Ausfalle abzuhalten. Geratener schien es daher dem Caldora, eine Schlacht mit Braccio zu vermeiden, doch alles zu versuchen, um die Stadt mit Lebensmitteln versorgen zu können. Dieser Plan, den Braccio voraussah, widersprach seiner Ungeduld. Mit einem Schlage wünschte er dem ganzen Kriege ein Ende zu machen, mit einem Schlage den Papst, die Königin und die lange belagerte Stadt zu überwältigen. Die Feinde verachtete er. Dem Caldora, der unter ihm gedient hatte, wußte er sich überlegen; Francesco galt als Knabe. Er schickte deshalb einen Herold an die Verbündeten und verpflichtete sich mit einem Schwur, sie nicht eher angreifen zu wollen, als bis sie ins Thal herabgestiegen seien. Diese Bedingungen schienen annehmbar. Ludwig Colonna begann den Zug mit den Päpstlichen; ihm folgte Francesco. Dieser wie seine Truppen waren in Trauer gekleidet wegen Sforzas Tod. Zuletzt kam Caldora mit den übrigen Anführern. Vergebens ward Braccio von den Seinigen beschworen, die einzeln Herabsteigenden zu überfallen, um so mehr, da seine Reiterei kaum ein Drittel so zahlreich war als die feindliche. Nicht eine einzelne Schar, versetzte er, alle wolle er ins Netz locken, und alle Pferde, die er den Felsenweg sich herabwinden sehe, sollten bald an seiner eignen Krippe fressen. Simoneta. Francesco Sforza unterdes befeuerte die Seinigen in einer Anrede, da ihm eine natürliche Beredsamkeit eigen war. Sie sollten ihrer frühern Thaten gedenken und einsehn, daß ihnen keine Wahl als Sieg oder Tod gelassen war. Denn auf der einen Seite hemme sie das Gebirg, auf der andern der Fluß, durch welchen Braccio einen Teil der Felder hatte überschwemmen lassen. Als nun ein großer Teil der Verbündeten das Thal erreicht hatte, begann der Kampf. Erst stritt man mit Lanzenwürfen, dann ward zum Schwert gegriffen. Im Anfange des Gefechts ward Francescos Bruder Leone (nach dem Wappen so benannt, das Kaiser Ruprecht seinem Vater gegeben) aus dem Sattel gehoben und gefangen. Dies entmutigte die Sforzesken. Lang schwankte die Schlacht; endlich schien sie sich auf Braccios Seite günstig zu neigen. Da verließ Niccolo Piccinino seinen Posten vor den Thoren von Aquila; sei es, daß er dem Kampfe den Ausschlag geben wollte, sei es, daß er ihn für beendigt hielt und nach Beute lüstern war. Augenblicklich stürzten die Aquilaner hervor, die sich längst bewaffnet hatten. Nicht Männer bloß, auch die Frauen kamen in Harnische gekleidet, und die Braccesken sahen sich unvermutet von beiden Seiten angegriffen. Nun fassen auch die Verbündeten neuen Mut; die päpstlichen Scharen, die bereits zerstreut schienen, sammeln sich aufs neue und dringen dem Feind entgegen. Ueberall sieht man den schwarzen Federbusch Francescos, der den Seinigen zum Sammelpunkte dient. Simoneta. Vergebens erhebt Braccio seine Stimme, sie verhallt im Getöse; vergebens winkt er mit dem Schwert, der Staub verhüllt es. Ein Sforzeske, Pellino aus Cotignola, erbeutet die feindlichen Feldzeichen. Leone wird wieder befreit, Braccio zieht sich zurück, um Zuflucht in einem nahen Kastell zu finden. Um nicht erkannt zu werden, nimmt er den Helm ab, der mit einem silbernen Kranze geziert war. Aber Francesco hat ihn während des Treffens nie aus dem Blick verloren; er verfolgt ihn mit seiner Schar, und der vorderste, ein gewisser Armaleo Brancaleone aus Foligno, ruft ihm zu, sich seinem Herrn zu ergeben. Dieser Name, der sonst nirgend erwähnt wird, findet sich in: Frammonto d'una storia die Foligno in der Sammlung Tartinis. Die Aquilaner, wie ich in Aquila erfuhr, nennen einen ihrer Landsleute als Braccios Ueberwinder. Aber Braccio antwortet nichts, und Armaleo verwundet ihn am Genick, so daß jener vom Pferde sinkt. Nun ward er auf einem Schilde in Sforzas Zelt getragen. Dieser beschied sogleich die Wundärzte und sprach dem Gefangenen auf das freundlichste zu. Aber Braccio äußerte keinen Laut, sei es, daß ihn die Wunde daran verhinderte, oder der Seele Stolz. Sprachlos, Trank und Speise zurückweisend, starb er am dritten Tage. Er war sechsundfünfzig Jahre alt; seine Mutter überlebte ihn. Braccio war aus einem der ältesten und vornehmsten Geschlechter Perugias entsprossen; auch hielt er, so lange er lebte, beständig die Partei des Adels aufrecht. Nach manchem Kampf ward er Herr seiner Vaterstadt. Doch wiewohl man die damaligen kleinen Fürsten Italiens Tyrannen zu schelten pflegt, und wiewohl der Vertrag, den die Peruginer und Braccio abschlossen, mit den Worten beginnt: »Das peruginische Volk übergibt dem Braccio die Stadt, das Feld, die Straßen, die Kirchen, die Brunnen und sich selbst,« so würde man doch sehr unrecht haben, sich einen Tyrannen nach unsern ukasischen Begriffen darunter vorzustellen. Das damalige Volk behielt sich immer bedeutende Rechte vor, und am Schlusse desselben Vertrags heißt es: »Neue Steuern, wider den Willen des Volks, darf Braccio nicht ausschreiben. Gewaffnete Scharen darf er, ohne Befehl des Volks, in der Stadt nicht halten. Die Decemvirn darf er nicht verachten. Der Altvordern Gesetze muß er aufrecht halten. Die Einrichtungen des Staats, wenn das Volk sie nicht abschafft, darf er nicht verletzen.« »Novas exactiones invito Populo ne cogito. Delectus in urbe, nisi Populus jusserit, ne habeto. Decemviros ne contemnito. Majorum decreta servato. Civitatis instituta, nisi quea Populus abrogasset, ne violato.« Campanus. Von seinen Zeitgenossen ward ihm, außer einem unbegrenzten Ehrgeiz, zu große Nachsicht gegen seine Truppen, Grausamkeit und Haß gegen die Geistlichkeit vorgeworfen. Er habe weder an Gott noch an die Heiligen geglaubt und sich gerühmt, daß er dreißig Jahre lang in keine Kirche gekommen. Einmal habe er sogar sechs Franziskanermönche, die auf einem Kirchturme in sol fa sangen, herabwerfen lassen, so daß sie sämtlich den Geist aufgaben. Giornali del Duca. Corio. Cronica di Napoli. So viel ist gewiß, daß Braccios Leiche dem Ludwig Colonna übergeben wurde, um dem Papst ein Geschenk damit zu machen. Feuerwerke und Tänze wurden in Rom über diesen Todesfall angeordnet, und im feierlichen Zuge zu Pferd begleiteten die Römer mit Fackeln in den Händen den Bruder des Papstes durch die Stadt. Infessura, Diarium Romanum. Martin ließ den im Banne Gestorbenen außerhalb des Weichbilds, unweit der Basilika S. Lorenzo beerdigen und eine Säule auf das Grab setzen. Später aber, als Braccios Neffe Rom eroberte, grub er den Leichnam wieder aus und ließ ihm ein prächtiges Denkmal in Perugia aufrichten. Kurze Zeit nach Ludwig Colonna kam auch Francesco Sforza nach Rom, um den päpstlichen Segen zu empfangen. Vorher hatte er noch samt Caldora das Kastell Paganica bei Aquila belagert, in welches sich Niccolo Piccinino geflüchtet hatte und wo Braccio die von den Florentinern empfangenen Gelder aufbewahrte. Ein Vergleich ward geschlossen, Niccolo sollte frei abziehn und die Hälfte der Geldsumme behalten. Aber Caldora wollte ihm einen Hinterhalt legen, um ihn seines Anteils zu berauben. Dies verhinderte jedoch Francesco, indem er dem Niccolo eine Bedeckung von Sforzesken mitgab. Eine edle Erkenntlichkeit für den einst seinem Vater von Piccinino geleisteten Dienst. Siehe das fünfte Kapitel des ersten Buchs. Francesco ward nun vom Papste gegen den Tyrannen von Foligno, Braccios Freund, verwendet. In demselben Jahre hatte Martin noch ein anderes Freudenfest ähnlicher Art zu feiern. Benedikt XIII. starb in Spanien in einem Alter von beinahe neunzig Jahren. Aber Alfons, dem es mehr als je darum zu thun war, dem heiligen Vater ein Gegengewicht zu halten, ließ von den beiden übrigen Kardinälen einen neuen Papst wählen, der sich Clemens VIII. nannte. Neuntes Kapitel. Sobald Alfons von der Einnahme Neapels Nachricht erhielt, sandte er einen Teil seiner Flotte von Barcelona aus dahin, unter der Anführung des Don Fadrique de Luna, eines natürlichen Sohns König Martins von Sicilien. Früher hatte schon ein aus Sicilien kommendes Proviantschiff Mittel gefunden, ins Castel nuovo einzudringen und dasselbe mit Lebensmitteln zu versehn. Das Unternehmen der Flotte jedoch mißlang. Johanna hatte sogleich die vornehmsten Barone mit ihren Heerhaufen in der Hauptstadt versammelt; man trieb die Schiffe, die sich des kleinern Molo bemächtigen wollten, von allen Seiten zurück, und diese mußten sich begnügen, den Infanten aus dem Kastell zu befreien, in welchem ein Katalonier, Namens Dalmeo Cacirera, als Kastellan zurückgelassen ward. Zurita. Der Infant hatte sich unterdessen eine andere Kriegsthat ausgedacht. Er war mit dem vertriebenen Dogen von Genua, Thomas Fregoso, in Verbindung getreten, und die Absicht war, diesen aufs neue in Genua einzusetzen und den Visconte der Herrschaft zu berauben. Wobei der Doge versprach, nach erlangter Gewalt auch dem Könige zur Wiedereroberung Neapels zu verhelfen. Don Pedro begab sich mit seiner Flotte nach Porto Pisano, wo sich einige florentinische Schiffe mit den seinigen vereinigten, da die Florentiner in einem langwierigen Kriege mit dem Visconte begriffen waren. Zugleich erschienen die Brüder des Dogen, Battista und Abraham. Zuerst versuchten sie, im Hafen von Genua sich zeigend, die Stadt aufzuwiegeln, indem sie den Ruf: »Es lebe das Volk und die Fregosen!« ertönen ließen. Doch selbst die fregosische Partei hielt sich ruhig, da man die Gemeinschaft mit den verhaßten Katalanen verabscheute. Hierauf wurden genuesische Küstenstädte von der Flotte verheert, Sestri und Rapallo, ersteres auf einer blühenden Landzunge gelegen, eingenommen. Die Genueser sandten fünfzehn Galeeren und einige größere Schiffe unter der Anführung des Antonio Doria. Mehrere Schlachten wurden gekämpft, doch ohne glücklichen Erfolg für Genua, wiewohl auf der andern Seite auch Giovanni Fregoso, der jüngste Bruder des ehemaligen Dogen, tödlich verwundet wurde. Endlich entschloß sich der Herzog von Mailand zum Frieden, da er zugleich in der Lombardie von den Venetianern, in deren Dienste Carmagnola übergetreten war, hart bedrängt wurde. Er wollte dem König von Aragon Calvi und Bonifazio abtreten; diesem widersetzte sich jedoch der genuesische Senat aufs entschiedenste, und der Visconte übergab nun den Katalanen Porto Venere und Lerici zum Pfand, zwei damals stark befestigte Orte, wovon der erstere auf einem Vorgebirge des Golfs von Spezzia, der andere in einer östlichen Bucht desselben, am Fuß des Gebirgs liegt. Der Infant fuhr hierauf mit seiner Flotte nach Sicilien. Zurita. Johannes Stella. Das Königreich Neapel genoß während dieser Zeit und eine Reihe von Jahren hindurch der Ruhe, welche bloß durch die Ränke und das ehrgeizige Umsichgreifen Sergiannis und die Habgier des Papstes unterbrochen wurde. Martin V. glaubte seine Verwandten noch nicht hinlänglich begabt. Vor allem wünschte er Astura und Nettuno zu besitzen, welche dem Grafen von Nola, einem Orsino, zugehörten. Der Graf trat sie ab; die Königin mußte ihm jedoch Sarno und Palma dafür versprechen, und die Familie Gianvilla ward gezwungen, sie abzutreten. Hierauf verlangte der Papst für seinen Neffen Antonio, der bereits Salern besaß, das benachbarte Eboli nebst andern umliegenden Kastellen. Sie gehörten dem Francesco Mormile, einem Hause entsprossen, dem Johanna ehemals ihre Befreiung zu danken hatte. Nichtsdestoweniger sandte sie ihre Truppen nach Eboli, und Francesco ward aus seinen Besitztümern verjagt. Antonio Colonna vermählte sich nun mit der Erbin von Cotrone und Catanzaro, wodurch ihm auch ein großer Teil von Kalabrien zufiel, und seine Schwester gab er dem Gian Antonio Orsino, Fürsten von Tarent, zur Gemahlin. Bonincontrius, Annales. Dieser, der älteste Sohn der Königin Maria, war der mächtigste Vasall des Reichs. Im Jahr 1428 kamen Johanna und Ludwig III. von Aversa nach Neapel, und letzterer wünschte um so mehr seinen Wohnsitz in Neapel aufzuschlagen, als dies dem Willen der Barone gemäß war, die ihn wegen seiner Milde und Bescheidenheit ebensosehr liebten, als sie den Einfluß des Seneschalls fürchteten. Aber Sergianni bestand bei der Königin darauf, daß Ludwig nach Kalabrien geschickt werde, teils weil ihm diese Provinz zugeteilt war, teils weil noch einige der dortigen Städte der katalanischen Partei huldigten, welche Ludwig erobern solle. Dieser hatte bald ganz Kalabrien unter sich gebracht und genoß die allgemeine Liebe des Volks, bei welchem er bis zu seinem Tode verblieb. Doch behaupten einige, daß er im Jahre 1429 der Krönung seines Vetters, Karls VIl., in Reims beigewohnt. Bouche. Durch mächtige Verbindungen suchte nun Sergianni sein Ansehn immer mehr zu befestigen. Eine seiner Töchter vermählte er mit dem Sohne Jakob Caldoras, welcher letztere unterdessen Herzog von Bari geworden war, und eine andere ward dem Gabriel Orsino, Bruder des Fürsten von Tarent, angetraut. Auch dem Einflusse des ohnedem entfernten Ludwigs wußte er auf mehrfache Weise zu begegnen. Die Belagerung des Castel nuovo ließ er auf das lässigste betreiben und durch Waffenstillstände unterbrechen; und so geschah es, daß die Katalanen bis zum Tode der Königin im Besitz des Kastells blieben und täglich sogar, um Lebensmittel zu kaufen, sich in die Stadt begaben. Auch verschmähte er nicht, heimlich mit Alfons zu unterhandeln, und da er nicht wagte, etwas Schriftliches von sich zu geben, so ließ er den König mündlich an eine Prophezeiung erinnern, die ihm dieser früherhin unter vier Augen vertraut hatte. Zurita. Papst Martin hatte gleichfalls für gut gehalten, den König von Aragonien nicht aller Ansprüche zu berauben, und unterhielt mit ihm einen Briefwechsel, worauf Alfons den Gegenpapst fallen ließ. Clemens VIII. entsagte seiner Würde und ward zum Bischof von Majorka ernannt. Martin selbst genoß der Alleinherrschaft jedoch nur kurze Zeit: er starb im Februar 1431 im dreiundsechzigsten Jahre seines Lebens und ward im Lateran bestattet. Sein größter Ruhm ist, daß er Rom im Zustande der äußersten Auflösung gefunden und im tiefsten Frieden hinterließ. Dieser Friede überlebte ihn jedoch nicht lange. An seiner Stelle ward im März desselben Jahrs ein Venetianer aus der alten Familie Condolmieri gewählt, der sich den Namen Eugen IV. beilegte. Seine frühern Jahre hatte er im Kloster zugebracht, welches er zugleich mit seinem Jugendfreunde Antonio Cornaro betrat, nachdem er sein Vermögen der Kirche geschenkt. Als Antonios Oheim, Gregor XIII., den päpstlichen Stuhl bestieg, machte er seinen Neffen zum Kardinal, welche Würde dieser jedoch nur unter der Bedingung annahm, daß auch Condolmieri derselben teilhaftig werde. Vespasiano, Vita del Papa Eugenio. Als Kardinal hatte sich Eugen durch Stillung eines Aufruhrs in Bologna und durch Wiederherstellung des von Trajan erbauten Hafens von Ancona einen würdigen Ruhm erworben. Seine Gestalt überdies war ausgezeichnet, sein Aeußeres ehrfurchtgebietend auf eine seltene Art. Ohne gelehrt zu sein, besaß er viele historische Kenntnisse, und die berühmtesten Geschichtschreiber der Zeit, worunter Poggio Bracciolini, Flavia Biondo und Leonardo Bruno, waren an seinem Hofe versammelt. Die Baukunst liebte er, und zu den Kunstwerken, die unter seiner Regierung entstanden, gehören die ehernen Thüren von Sankt Peter. Vespasiano. Platina. Im Leben beobachtete er gegen sich und andere eine mönchische Strenge, und sein erster Regierungsakt war gegen die Familie seines Vorgängers gerichtet. Denn man beschuldigte die Colonnesen, daß sie nicht nur den bedeutenden Geldschatz Martins V., sondern auch Juwelen und kostbare Kirchengeräte an sich gebracht. Auf der andern Seite wurde dem Papste schuld gegeben, daß er bloß im Interesse der Orsini, die an seiner Wahl Anteil hatten, verfahre. Wie dem auch sei, der Schatzmeister Martins und der Bischof von Tivoli wurden gefangen gesetzt, Stefano Colonna, Antonio, des vorigen Papstes Neffe, und dessen Bruder, der Kardinal Prospero Colonna, flohen aus der Stadt. Sie sammelten auf ihren umliegenden Gütern, wozu besonders Genzano und Marino gehörten, einige Heerhaufen, bemächtigten sich der Porta S. Sebastiano und drangen in Rom ein, wo es gegen die päpstlichen Truppen, zu denen sich die römischen Sackträger gesellten, auf dem venetianischen Platz und der Piazza Colonna zur Schlacht kam. Da die Colonnesen jedoch von ihrem Anhange schlecht unterstützt wurden, mußten sie sich zurückziehn. Eugen rief den Jakob Caldora aus Neapel in seinen Sold; doch diesen bestach Antonio Colonna, dessen Reichtümer unermeßlich waren. Da nun aber der Papst den Caldora, dem alles feil war, ebenfalls bestechen ließ und sowohl die verbündeten Venetianer und Florentiner dem Papste ein Hilfsheer schickten, als auch die Königin Johanna ein anderes unter Marino Caracciolo, dem Bruder des Seneschalls, so trat Caldora auf die päpstliche Seite zurück, und die Colonnesen wurden vollständig besiegt. Fünfundsiebzigtausend Dukaten mußte Antonio der Kirche herausgeben; Eugen schleuderte eine Bannbulle gegen die Familie Colonna, in welcher er sie aller ihrer Güter, Lehne und Würden entsetzt, ihre Paläste der Zerstörung preisgibt, die gekrönte Säule, welche sie im Wappen führen, allenthalben auszumerzen befiehlt, ihnen ein ehrliches Begräbnis versagt und selbst ihren entferntesten Nachkommen einen ewigen Fluch hinterläßt. Sie sollen nie ein Amt bekleiden, nie ein Erbe erwerben können, beständige Armut soll ihr Los, das Leben ihnen zur Last, der Tod zur Erquickung sein. »De testamento aliorum nihil capiant, sint semper egentes et pauperes, ut iis perpetua egestate sordentibus sit mors solatium et vita supplicium.« Bulla Eugenii Papae IV. adversus Prosperum de Columna Cardinalem. Dies war bereits der dritte Bannsfluch, der von den Päpsten gegen die Colonnesen geschleudert wurde. Der erste rührte von Alexander III., der zweite Von Bonifatius VIII. her. Zehntes Kapitel. Da in der Bulle des Papstes die Colonnesen nicht nur ihrer Besitztümer verlustig erklärt, sondern zugleich verboten war, dem Antonio Colonna auch nur den Titel eines Fürsten von Salern zu geben, so zog die Königin Johanna alle Güter jener Familie ein, und Caldora war hiezu behilflich, da er selbst einen Teil des Raubs zu erhalten hoffte. Antonio verlor auch Catanzaro und Cotrone, da seine Gemahlin ermordet ward und das Erbe der jüngern Schwester zufiel. Unter diesen Umständen begehrte Sergianni von der Königin Salern und den Fürstentitel. Die Königin versetzte, daß er bereits Capua besäße und sich Fürst von Capua nennen könne. Hierauf entgegnete Sergianni, daß Capua fast immer mit der Krone vereinigt gewesen und ihm daher von einem allenfallsigen Nachfolger im Königreich gewiß entzogen werden würde. Er bestand daher auf dem Besitz von Salern, Johanna beharrte auf ihrer Weigerung. Denn teils war ihr persönliches Verhältnis zu dem Seneschall wegen des vorgerückten Alters erkaltet, teils ward sie von Covella Ruffa, der Herzogin von Sessa, zur Festigkeit aufgemuntert. Diese Frau, die der Sprödigkeit ihres Charakters willen von ihrem Gemahl getrennt lebte, hatte sich in der letzten Zeit an die Königin, mit welcher sie verwandt war, besonders angeschlossen und wohnte mit ihr im Castel Capuano. Stolz und Herrschbegierde waren die Triebfedern ihres Wesens, und so konnte sie nicht lange mit dem Seneschall in friedlichen Verhältnissen ausharren. Letzterer, da er abschlägiger Antworten ungewohnt war, wurde durch die Weigerung Johannas aufs äußerste erbittert und vergaß sich so weit, daß er sie mit pöbelhaften Vorwürfen überhäufte. Als er dieselbe verlassen, trat die Herzogin hervor, die das beiderseitige Gespräch belauscht hatte, und als sie die Königin in Thränen fand, warf sie sich derselben zu Füßen und beschwor sie mit Leidenschaft, nicht länger die Sklavin eines armen Edelmanns sein zu wollen, den sie aus dem Staube gezogen, was der Enkelin so vieler Könige nicht gezieme. Nichts fehle mehr zum Uebermut des Seneschalls, als daß er selbst an die geheiligte Person der Monarchin Hand anlege, und nichts könne sie davor schützen, da sie völlig in seiner Gewalt und selbst der Kastellan des Schlosses ein Verwandter und Geschöpf Sergiannis sei. Johanna umarmte hierauf die Herzogin und versprach, die herrische Selbstsucht des Seneschalls nicht länger zu dulden. Der Kastellan wurde gewechselt und ein Vasall der Herzogin an dessen Stelle gesetzt. Die Edelleute des Hofs waren längst gegen Sergianni aufgebracht; ja, es ging ein Gerücht, daß dieser nach dem Tode der Königin mit Caldora und dem Fürsten von Tarent eine Art von Triumvirat errichten und das Land mit denselben teilen wolle, welches sie dann als päpstliche Statthalter zu regieren gewillt seien. Constanzo. Die Herzogin wandte sich vor allem an Ottino Caracciolo, den wir schon als einen alten Feind des Seneschalls kennen. Diesem verschaffte sie Gehör bei der Königin zugleich mit Pietro Palagano von Trani und Marino Boffa, die ebenfalls vor Begierde brannten, den Sergianni zu stürzen. Doch vermochten sie der Königin kein Todesurteil zu entlocken. Sie sei zu alt, um sich mit einem Verbrechen zu beladen, und müsse bald vor ihren Richter treten; doch wünsche sie die Verhaftnahme des Seneschalls. Im Rat der Verschworenen wurde jedoch beschlossen, ihn zu ermorden; denn eine bloße Gefangensetzung schien bei dem Wankelmute der Königin allzugefährlich und hätte das Verderben auf die Häupter der Teilnehmer zurückwälzen können. Unter diesen Planen war der August des Jahrs 1432 herangekommen. Sergianni, um sich mit Caldora, dem er mißtraute, noch näher zu verbinden, hatte dessen Tochter mit seinem einzigen Sohne Trojano Caracciolo verlobt. Die Hochzeit sollte mit großer Pracht und auf Kosten der Königin im Castel Capuano gefeiert werden. Acht Tage waren dazu anberaumt, die unter Tänzen, Ritterspielen und Gastmählern verbracht werden sollten. Der Abend des sechsten Tags war von den Verschworenen zur Ausführung ihres Vorhabens festgesetzt worden. Das Brautpaar hatte sich bereits in seine Behausung zurückgezogen und Sergianni, der im Kastell wohnte, in sein Schlafgemach. Da sandten die Verschwornen einen Deutschen, der als vertrauter Diener der Königin ihr aus Oestreich gefolgt war, voraus. Dieser pocht an die Thür und meldet dem Seneschall, daß die Königin durch einen heftigen Anfall von Gicht auf dem Tod liege und ihn auf der Stelle zu sprechen verlange. Sergianni richtet sich sogleich auf, begehrt von einem Knaben die Kleider und befiehlt diesem, die Thür zu öffnen, um sich näher zu unterrichten. Der Knabe öffnet und ruft: »Sie sind bewaffnet!« Worauf Sergianni versetzt: »Schließe! Schließe!« Zugleich bemächtigt er sich des Schwerts, das zu seinen Häupten hing. Aber die Verschworenen brachen durch die geöffnete Thüre mit Gewalt herein und stürzten sich auf den nur zur Hälfte Bekleideten, den sie bald mit Dolchen und Messerstichen niederstrecken. Giornali del Duca. Tristanus Caracciolus. Dies waren vorzüglich der Bruder Ottinos, Pietro Palagano, und ein Diener der Herzogin. Ottino selbst und Marino Boffa waren im Hofe des Kastells geblieben, um sogleich, wenn der Streich mißlingen sollte, zu entfliehen. Diese befahlen nun, die Thore zu schließen und niemanden herauszulassen. Hierauf ließen sie den Sohn und Bruder Sergiannis nebst andern Verwandten desselben unter dem Vorwande ins Kastell entbieten, daß die Königin im Sterben sei. Alle kamen und wurden sogleich verhaftet, ihre Häuser geplündert. Caldora selbst war jedoch nicht bei der Hochzeit gegenwärtig und in den Abruzzen zurückgeblieben. Sergiannis entstellter Leichnam ward, das eine Bein noch barfuß, ins Vorzimmer auf eine Bahre gelegt. Mit Tagesanbruch erschien die Herzogin von Sessa, welche die Nacht außer dem Kastell zugebracht hatte, betrachtete den Toten und rief: »Dies ist der Sohn der Isabella Sarda, der mir den Rang wollte streitig machen.« Sergiannis Mutter war die Tochter eines pisanischen Kaufmanns. Siehe Fra Luigi Contarino, Antichità di Napoli. Des Abends kamen einige Mönche aus S. Giovanni in Carbonara, wo sich Sergianni eine Kapelle hatte bauen lassen, und bestatteten ihn ohne Sang und Klang. Die Königin erteilte den Mördern einen Schutzbrief, erklärte jedoch, daß sie keineswegs den Tod des Seneschalls gewollt habe. Jene entschuldigten sich, daß der Seneschall sich widersetzt und ihn lebendig zu fahen unthulich gewesen sei. So starb Sergianni im sechzigsten Jahr seines Alters. In der erwähnten Kapelle, die hinter dem großen Denkmal des Königs Ladislaus befindlich, wurde ihm später ein Monument errichtet, das noch heutzutage wohlerhalten zu sehen ist. Sergianni ist auf demselben geharnischt in Lebensgröße abgebildet; seine kräftigen, aber wenig sympathischen Züge verraten einen Mann, der nicht immer die lautersten Wege, um zu seinen Zwecken zu kommen, einschlug. Das Volk übrigens haßte ihn, wie jeden Günstling, und noch lange nach seinem Tode wurde in den Straßen Neapels ein Lied in der Landesmundart auf ihn gesungen, von welchem jede Strophe mit den Worten schloß: »Muorto è lo pulpo e sta sotto la preta, Muorto è Ser Janne, figlio de Poeta.« Pulpo (ital. polpo ), der Polyp, ist das Wappen der Caraccioli, preta das neapolitanische Wort für pietra . Sergiannis Vater war Notar; ob er nebenbei auch ein Dichter gewesen, steht sehr zu bezweifeln. Wahrscheinlicher ist, daß man in der damaligen Zeit, wo die Schreibekunst so selten war, jeden Verfertiger von Schriften einen Poeten nannte. Ein Umstand, der auch in unsern Tagen vorkommt. Das angeführte Distichon steht in den Giornali del Duca. Elftes Kapitel. Als Ludwig III. den Tod des Seneschalls erfuhr, gedachte er sich nach Neapel zu begeben; die Königin aber verhinderte es auf den Rat der Herzogin, und der stets Gehorsame gehorchte. Die Herzogin hatte nicht nur die Absicht, selbst zu regieren, sie war zugleich den Franzosen abgeneigt und im Interesse des Königs von Aragonien. Dieser letztere, der sich damals in Sicilien befand, wollte eine so günstige Gelegenheit, seinen Einfluß zu erneuern, nicht ungenutzt verstreichen lassen. Noch in demselben Jahre begab er sich trotz der Winterstürme nach der Insel Ischia, die von den Seinigen noch besetzt war. Ehe wir aber in dieser Erzählung fortfahren, dient es vielleicht zur Aufklärung, Alfonsens bisherige Unternehmungen seit dem Jahre 1424 nachzuholen. Sogleich nach seiner Ankunft in Spanien wurden Unterhandlungen mit dem Könige von Kastilien wegen der Freilassung des Infanten Don Enrique angeknüpft. Der König von Kastilien jedoch, der ganz von seinem Günstlinge Don Alvaro de Luna beherrscht wurde, suchte dieselben in die Länge zu ziehn und wich jeder entschiedenen Antwort aus. Don Alvaro war ein Neffe des verstorbenen Gegenpapstes Benedikt. Seine an sich selbst nicht unweise Politik hatte große Ähnlichkeit mit jener Sergiannis, indem er jeden fremden Einfluß zu entfernen suchte, um sich selbst desto fester zu behaupten. Da Alfons nun aber mit einem Einfall in Kastilien drohte und da es ihm gelang, seinen Bruder, den Infanten Don Juan, auf seine Seite zu bringen, so ward der kastilische Hof zur Nachgiebigkeit veranlaßt. Don Enrique ward freigelassen, mußte jedoch sowohl dem König von Kastilien als dem Don Juan Ergebenheit angeloben. Letzterer war unterdessen durch den Tod seines Schwiegervaters König von Navarra geworden (1425). Er ward mit seiner Gemahlin Bianca in Pampeluna gekrönt, und beide wurden nach damaliger Sitte von den Großen des Reichs auf Schilden emporgehoben. Zurita. Alfons, der indes mit seinen eignen Cortes nicht immer im besten Vernehmen stand, strebte vor allem dahin, die ganze Halbinsel in sein Interesse zu ziehn. In dieser Absicht vermählte er auch seine Schwester Donna Leonora mit dem Infanten von Portugal, eine Ehe, deren Frucht jene Leonora war, die später mit Kaiser Friedrich verbunden wurde. Der Stein des Anstoßes für Alfons war Don Alvaro, der den Anmaßungen der beiden Infanten beständig entgegentrat. Denn selbst Don Juan schätzte seine Besitzungen in Kastilien höher als sein Königreich Navarra und nahm es für eine Art von Verweisung, als ihm der kastilische Hof zu verstehn gab, er solle sich in seine eignen Länder begeben. Als nun im Jahre 1429, kurz vor dem Erscheinen des Mädchens von Orleans, der Dauphin von Frankreich sich in der äußersten Bedrängnis befand und Alfonsen um Hilfe anflehte, benutzte dieser einen solchen Vorwand, um gegen Kastilien zu rüsten, in das er wirklich einrückte. Don Alvaro zog ihm mit einem Heere entgegen. Da eilte der Kardinal von Foix, den Papst Martin gesandt hatte, zur Ausgleichung herbei, und die Königin von Aragonien, des kastilischen Monarchen Schwester, ließ ihr Zelt zwischen beiden Lagern aufrichten, um die Schlacht zu verhindern. Die Heere zogen sich nun wirklich zurück, ein gutes Verhältnis ward aber keineswegs hergestellt. Zurita. Noch über ein Jahr lang dauerten die gegenseitigen Ränke, der kleine Krieg, die nutzlosen Unterhandlungen fort. Auf beiden Seiten schien es jedoch an bedeutenden Hilfsmitteln zu fehlen. Zumal wollten die katalanischen und aragonischen Stände die Notwendigkeit eines solchen Kampfes nicht einsehn und verweigerten dem Könige Subsidien. Nur im Falle eines Angriffs der Kastilianer erklärten sie zu seinem Beistand bereit zu sein. Alfonsens Angelegenheiten verschlimmerten sich sehr durch den Abfall eines seiner mächtigsten Vasallen, des Don Fadrique de Lima. Dieser, wie schon erzählt worden, war ein natürlicher Sohn des verstorbenen Königs von Sicilien und also Enkel des letzten aragonischen Herrschers aus der frühern Dynastie. Er besaß große Besitztümer in Aragonien, und Alfons behandelte ihn wie einen seiner Brüder. Aber sei es nun, daß der eigene unruhige Charakter ihn verführte, sei es, daß der Kriegszug gegen Neapel und der Aufenthalt, den er mit Don Pedro in Sicilien gemacht, seinen Ehrgeiz geweckt hatte (denn die Sicilianer waren ihm sehr zugethan), oder auch, daß Don Alvaro ihn heimlich anspornte, genug, er entfernte sich plötzlich von Alfonsens Hof. Zum Vorwande diente, daß er mit seiner Schwägerin in einem blutschänderischen Verhältnis lebte, worüber die Verwandten derselben laute Klagen bei dem Könige erhoben. Alfons jedoch gewährte dem Don Fadrique einen Schutzbrief, um ohne Furcht zurückkehren zu können; dieser aber begibt sich 1430 nach Kastilien, spricht laut von seinen Erbrechten auf das aragonische Reich und noch mehr auf Sicilien und fordert endlich Alfonsen zu einem Zweikampfe heraus, welcher zurückgewiesen wurde. Der König von Kastilien empfing den Don Fadrique mit großer Auszeichnung und schenkte ihm die Stadt Arjona, worauf Alfons sich der Güter desselben in Aragonien bemächtigte. Diesen Anlaß benutzte der König von Kastilien, um auch die Besitzungen der Infanten in seinem Reiche mit Beschlag zu belegen. Es ist nicht unsre Aufgabe, in diese Geschichten näher einzugehn, genug, daß der diplomatischen Winkelzüge unzählige waren. Alfons zog den König von Granada in sein Interesse, und dieser mußte der Infantin Catalina (Don Enriques Gemahlin) zu Hilfe eilen, die in Segura von den Kastilianern belagert wurde. Dafür wandten sich die letzteren an die Genueser und versprachen denselben, ihnen wieder zur Freiheit zu verhelfen, wenn sie eine Flotte gegen Alfons auszurüsten willens seien. Desto fester verband sich nun Alfons mit dem Visconte in Mailand. Endlich ward auf Vermittelung des Königs von Portugal ein fünfjähriger Waffenstillstand zwischen Kastilien und Aragonien abgeschlossen. Don Fadrique jedoch schwur dem König von Kastilien feierlich den Vasalleneid und gelobte, nach damaliger Sitte, im Fall eines Wortbruchs barfuß nach Jerusalem zu wallfahrten. Durch jenen Waffenstillstand ward Alfons ermächtigt, seine Kräfte wieder auswärts zu verwenden, da der Aufenthalt in Spanien ihm zu keiner Zeit zu behagen schien. Er beschloß einen Kriegszug nach Afrika, teils aus eigenem Unternehmungsgeist und zum Schutze Siciliens, teils als Vorwand, um sogleich bei veränderten Umständen in Neapel gegenwärtig sein zu können. Mit sechsundzwanzig Galeeren und neun Lastschiffen segelte er von Barcelona hinweg. In Sardinien erhielt er Nachricht, daß die Stadt Tropea in Kalabrien, die seine Truppen noch besetzt hielten, von Ludwig belagert werde und nach zwanzig Tagen die Uebergabe versprochen habe. Alfons beeilte sich, den Seinigen Hilfe zuzuführen; allein die Ungunst der Winde warf ihn nach den sardinischen Häfen zurück, wo er zwölf Tage verweilen mußte. Endlich gelang die Fahrt nach Palermo, wo er nur ein paar Stunden blieb, um sogleich nach Tropea zu schiffen. Er langte noch an demselben Tage an, an dem die Uebergabe erfolgen sollte; allein der Wind verhinderte die Ausschiffung der Truppen, und als sie bewerkstelligt werden konnte, war die Stadt, die nicht unmittelbar an der See liegt, bereits in den Händen der Provençalen. Der König kehrte hierauf nach Sicilien zurück und segelte von dort nach der Insel Gerbes, die in der Nähe des festen Landes von Afrika mit demselben durch eine Brücke verbunden ist. Schwierig war es, sich derselben zu nähern, teils einiger Untiefen wegen, teils weil die Eingeborenen eine große Menge von Steinen zu beiden Seiten ins Meer gesenkt hatten. Als jedoch Alfons einen Teil derselben hatte hinwegräumen lassen, gewannen einige Schiffe Platz. Mehrere der tapfersten Katalanen sprangen ans Land und trieben den Feind von der Brücke zurück, die sie bald in ihre Gewalt bekamen. Da langte auf einem Dromedar ein Gesandter des Königs von Tunis an, der Alfonsen einen Brief überbrachte. Fazius. Die Eroberung einer so kleinen Insel, hieß es darin, sei eines so großen Monarchen unwürdig, vielmehr solle er die Ankunft des Königs von Tunis mit seinem Heere abwarten, damit auf eine würdige Art König und König sich gegenüberstünden. Alfons ging diese Bedingung ein, und nach einigen Tagen erschien der afrikanische Fürst mit einem unermeßlichen Heere. Eine Schlacht entspann sich, in welcher die Geschichtschreiber den Sieg Alfonsen beimessen. Da dieser jedoch, wie erzählt wird, sich bald darauf wegen Mangels an Lebensmitteln von der Insel wieder entfernen mußte, so scheint jener Sieg von sehr zweifelhafter Natur gewesen zu sein und hatte in jedem Fall keinen Erfolg. Auf der Insel Gozzo erfuhr Alfons den Tod Sergiannis und segelte sofort nach Ischia, wie bereits erwähnt worden. Vermittelst der Herzogin von Sessa gelangen ihm neue Unterhandlungen mit der Königin, welche ihn abermals an Kindesstatt annahm und zum Erben einsetzte. Zurita gibt das ganze Dokument; es ist vom 4. April 1433. Dieser Beschluß ward aber nie öffentlich bekannt gemacht und bald wieder zurückgenommen, indem die Herzogin mit Alfons zerfiel, weil dieser mit ihrem Gemahl, den sie haßte; ein Bündnis eingegangen war. Alfons schloß hierauf einen zehnjährigen Waffenstillstand mit der Königin und begab sich nach Sicilien. Zwölftes Kapitel. Im Anfange des folgenden Jahres 1434 erschien zu Schiffe im Golf von Neapel Margarete von Savoyen, die mit Ludwig III. verlobt war. Ihr Vater war jener Herzog Amadeus, der um dieselbe Zeit die Regierung niederlegte und sich mit seinen Vertrauten in eine Einsiedelei am Genfersee begab, später aber zum Gegenpapst vom Baseler Konzil gewählt wurde. Als Johanna die Ankunft der Prinzessin erfuhr, wollte sie dieselbe nach Neapel einladen, dahin auch den König Ludwig bescheiden, um das Hochzeitfest feierlich begehen zu lassen. Ihre Umgebungen rieten ihr jedoch davon ab. Wenn sie ruhig herrschen wolle, müsse sie ihren Adoptivsohn so sehr als möglich von sich entfernt halten. Die Prinzessin mußte daher trotz eines heftigen Sturmes in Sorrent landen, wohin ihr die Königin ein unbedeutendes Geschenk sandte. Sie schiffte sich hierauf nach Kalabrien ein, und die Vermählung ward in Cosenza gefeiert. In dieser Zeit kam Gian Antonio Orsino, Fürst von Tarent, nach Neapel. Auch gegen ihn betrug sich die Königin auf den Rat ihrer Ratgeber mit großer Kälte, und als er einst das Castel Capuano verlassen wollte und den ganzen Hof von Soldaten besetzt fand, geriet er in solche Furcht, daß er aus einem Fenster herausspringen wollte, um sich in Sicherheit zu bringen. Costanzo. Doch wurde er durch Ottino Caracciolo beschwichtigt, der ihm sagte, daß die Truppen wegen der Soldbezahlung versammelt seien, und ihm die Thore, welche verschlossen waren, öffnen ließ. Der Fürst begab sich jedoch spornstreichs nach Acerra, das sein Eigentum war. Ohne Zweifel rührte seine Furcht von seinen Verbindungen mit Alfons her, wiewohl die Geschichtschreiber darüber schweigen. Die Königin suchte ihn wieder zu begütigen und machte ihn zum Oberfeldherrn gegen die Sanseverinesken, welche damals (man weiß nicht, aus welcher Ursache) in Ungnade gefallen waren. Gian Antonio bemächtigte sich ihrer Besitzungen. Aber die Mutter des Grafen Sanseverino lag der Königin flehentlich an, ihre Söhne zu begnadigen, worauf Johanna dem Fürsten befahl, die eingenommenen Städte wieder zurückzustellen. Gian Antonio behielt jedoch diejenigen, die seinem Gebiet am nächsten lagen, und wollte dieselben bloß nach bezahlten Kriegskosten herausgeben. Diesen Umstand benutzten seine Feinde bei Hof, worunter vorzüglich der Graf von Caserta und Marino Boffa, die sich auf seine Kosten zu bereichern hofften. Auch Jakob Caldora, aus demselben Grunde, reizte die Königin gegen den Fürsten auf. Er wurde nach Neapel vorgeladen, und als er nicht erschien, ward ein Kriegszug gegen ihn angeordnet, den Caldora befehligte, während auch König Ludwig den Bescheid erhielt, ihn von Kalabrien aus anzugreifen. Der Fürst von Tarent, der fünftausend Reiter und viele Fußtruppen in Sold hatte, verzweifelte nicht an seiner Verteidigung. Er selbst trat dem König Ludwig entgegen, seinen Bruder Gabriel und seinen Feldhauptmann Ruffino, einen Lombarden, sandte er nach Ascoli di Satriano, um Caldora aufzuhalten. Als jedoch Gabriel sich nach Minerbino begab, wußte Caldora den Ruffino zu bestechen, und dieser verriet seinen Herrn und Wohlthäter, indem er Ascoli übergab. Er wurde aber später von Caldora auf das schnödeste behandelt und endigte sein Leben als Bettler in der Lombardie Giornali del Duca. Caldora eroberte nun die Besitzungen des Fürsten in Terra di Bari und vereinigte sich mit Ludwig, um Castellaneta zu belagern, welches sich auch ergeben mußte. Diesem Beispiele folgten viele andere Kastelle, und Gian Antonio mußte sich nach Tarent zurückziehn, das den Feinden widerstand. Ebenso Lecce, Gallipoli und einige andere feste Schlösser; alles übrige Land nahm Caldora für die Königin in Besitz, und da Ludwig kränkelte, wollte er demselben nicht einmal ein in gesunder Gegend gelegenes Kastell abtreten, um sich zu pflegen. Giornali del Duca. Ludwig, weil der Winter herannahte, ging daher nach Cosenza zurück. Aber ohnedem von zartem Körperbau, durch den Feldzug über Verhältnis angestrengt und durch die schlechte Luft in den Niederungen von Terra di Otranto mit Fiebern heimgesucht, erholte er sich nicht mehr, und im Ehebett überfiel ihn ein plötzliches Uebel, das ihn in wenigen Tagen ins Grab führte. Er starb Mitte Novembers 1434. In seinem letzten Willen verordnete er, daß sein Herz zu seiner Mutter nach der Provence gebracht werde und sein Leib im Dom von Neapel begraben. Dieses letztere ward jedoch nicht zur Ausführung gebracht, und er liegt in Cosenza. Seine Witwe wurde späterhin mit einem Pfalzgrafen von Bayern vermählt. Die Königin Johanna empfing die Nachricht von Ludwigs Tode mit dem größten Schmerz. Sie weinte und warf sich zur Erde, indem sie laut den Gehorsam und die sanften Gemütseigenschaften des Verstorbenen erhob und sich selbst über die kalte Behandlung, die sie ihm angedeihen ließ, anklagte. Hierauf legte sie die tiefste Trauer an, wie Mütter für ihre Söhne zu tragen pflegten. Desto schnöder betrug sich Caldora, und als er die Todesbotschaft erhielt, zog er ein scharlachenes Wams an, um seine Verachtung zu bezeigen. Giornali del Duca. Er hatte sich bereits nach Bari begeben und wollte dort seine Reichtümer in Ruhe genießen. Die beiden Unterfeldherren jedoch, die er zurückgelassen, Minicuccio von Aquila und Graf Onorato Gaetano, konnten sich nach Ludwigs Abzug gegen den Fürsten von Tarent nicht lange halten. Gaetano ward gefangen genommen, und in kurzer Zeit eroberte der Fürst, der die Liebe seiner Unterthanen in hohem Grade besaß, die ganze Provinz von Otranto wieder. Als Statthalter nach Kalabrien ward von der Königin Giovanni Cossa geschickt. Aber schon am 2. Februar 1435 starb Johanna II., die seit geraumer Zeit leidend war, nach zwanzigjähriger Regierung und im fünfundsechzigsten Jahre ihres Alters. Schwäche und Unbestand wird ihrem Charakter wie ihren Sitten vorgeworfen; doch verletzte sie niemals den äußerlichen Anstand. Ihr Ruf war übrigens so schlecht, daß einmal sogar ein florentinischer Gesandter es wagen konnte, ihr Liebesanträge zu machen, woraus sie ihn lachend fragte, ob dies auch in seiner Vollmacht stehe. Summonte. Außer den schon Erwähnten sollen besonders Artugio Pappacoda und Urbano Origlia ihre Gunst genossen haben. Auch wird erzählt, daß sie einige ihrer Liebhaber heimlich töten ließ, um mit ihnen die eigene Schuld zu begraben. Mazzella. Im übrigen erschien sie stets freigebig und herablassend und versagte zu keiner Zeit ihren Unterthanen Gehör. Ihren Hof unterhielt sie mit großer Pracht und zeigte sich selbst immer voll Würde und in königlicher Kleidung. Sehr frühe des Morgens stand sie auf, und nachdem sie eine Stunde lang in ihren Sälen auf- und niedergegangen war, hörte sie die Messe. Die kirchlichen Feste und Umgänge versäumte sie nie, und in der Fastenzeit besuchte sie sämtliche Kirchen zu Fuß. Sie war so wohlthätig, daß sie einmal hundert arme Mädchen zu gleicher Zeit ausstattete. Ein paar Stunden des Tags brachte sie jedesmal mit Musik zu. Sie war nicht ohne Kenntnisse und auch des Lateins kundig, in welcher Sprache noch im sechzehnten Jahrhundert einige Liebesbriefe von ihr vorhanden waren, die sie dem Pandolfello geschrieben hatte. Auf die Erhaltung ihrer Gestalt verwandte sie viele Sorgfalt, und jeden Morgen mußten hundert Eselinnen vor den Palast kommen, deren Milch sie zum Bad gebrauchte. Nichts jedoch kann ungereimter sein, als daß man ein berühmtes Bild von Leonardo da Vinci, das namentlich in der Galerie Doria zu Rom vorhanden ist, für eine Johanna II. ausgibt, mit deren authentischem Marmorbildnis (welches, nebenbei gesagt, nach Art griechischer Statuen einen leichten Anstrich von Farbe hat) es nicht die geringste Aehnlichkeit besitzt. Ein früheres Bild der Johanna zu kopieren, konnte Leonardo in seiner Zeit nicht die mindeste Aufforderung finden. Jenes einzige und unschätzbare Bildnis stellt übrigens allerdings eine Johanna vor, die Königin von Neapel gewesen. Es ist entweder Johanna von Aragonien, die zweite Gemahlin Ferdinands I., oder ihre gleichnamige und unglückliche Tochter, die mit Ferdinand II. vermählt war. Beide waren gleichzeitig mit Leonardo. Ihr marmornes Bild ist uns auf dem Grabmale des Ladislaus aufbehalten, wo sie sitzend, mit dem Reichsapfel in der Hand, abgebildet ist. Es verrät mehr starke und junonische als schöne Züge, die Augen groß, die Brauen sehr hoch, der Blick nicht ohne Verstellung. Die Geschichtschreiber schildern sie jedoch von üppigen Formen, blendender Gesichtsfarbe, blonden Haaren, hellen und heitern Augen. Ihre Art zu reden soll einschmeichelnd, ihr Anstand abgemessen und königlich gewesen sein. Mazzella. Als die letzte ihres Stamms fand sie niemanden, der ihr ein Grabmal errichtet hätte. Sie liegt unweit des Hauptaltars in der Annunziata unter einem einfachen Leichensteine. Drittes Buch. Erstes Kapitel. Nachdem die Königin gestorben war, kam ein Testament zum Vorschein, in welchem sie sechzehn von ihren Räten und Hofleuten zu Governatoren des Reichs ernannte und ihre Krone dem jüngern Bruder Ludwigs III., Renatus, Herzog von Lothringen, hinterließ. Der Stadt Neapel vermachte sie eine große Summe Geldes und verteilte noch mehrere Legate an die Ihrigen sowohl als an den Visconte in Mailand und die Genueser. Von vielen ward jenes Dokument für untergeschoben gehalten. Flavius Blondus , ein Zeitgenosse, sagt ausdrücklich von den Governatoren: »a quibus testamentum illius nomine, subornatis qui se notarios et testes subscribent, est confictum.« Die Neapolitaner jedoch pflanzten sogleich die Fahne des Renatus und die des Papstes auf und erwählten zwanzig Volksvertreter aus den höhern und niedern Ständen, um der Regierung zur Seite zu stehn, Zwiespalt und Ränke zu verhindern. Gesandte wurden sofort nach der Provence geschickt, um den neuen Oberherrn in sein Erbreich einzuladen. Bald nach dem Tode der Königin landete Giovanni Ventimiglia in Kalabrien, von Alfons gesendet. Er brachte dem Fürsten von Tarent Verstärkungen und zugleich den Stab des Großkonnetabels. Caldora lag unterdessen krank in Bitonto und schickte seine Söhne Antonio und Berlingiero gegen den Orsino, und diese forderten ihn zur offenen Schlacht heraus. Dem Fürsten riet jedoch Minicuccio von Aquila, den er in seinen Sold genommen, jene Ausforderung zurückzuweisen, da es ihm nicht gezieme, sich selbst und seine wieder erworbenen Besitzungen gegen zwei Abenteurer aufs Spiel zu setzen, die nichts zu verlieren hätten. Caldora indessen, der es nicht verschmerzen konnte, bei der Verteilung des königlichen Nachlasses entfernt zu sein, ließ sich in einer Sänfte nach Neapel tragen und erhielt einen Teil des Raubes, indem zugleich ein neuer Soldvertrag mit ihm abgeschlossen wurde. Ebenso wurden der Graf von Pontadera und Micheletto von Cotignola geworben, und das Heer bestand bald aus 6000 Reitern und 10 000 Mann Fußtruppen, Neapel stellte aus seinen Mitteln noch eine eigene Stadtwache, und es ward beschlossen, daß die Volksvertreter zweimal die Woche am Staatsrat teilnehmen sollten, welcher sich täglich drei Stunden vormittags und drei Stunden des Abends versammelte. Mazzella. Als Papst Eugen durch Gesandte erklären ließ, daß nur derjenige die Krone erhalten könne, dem er sie selbst verleihe, und daß er den Patriarchen von Alexandrien, Giovanni Vitellesco, als Statthalter nach Neapel senden werde, ward ihm zu wissen gethan, daß man dem rechtmäßigen König Renatus getreu bleiben wolle. Bloß die Städte und Flecken in den Abruzzen schlossen einen Bund und verkündeten, nur ein vom heiligen Vater eingesetztes Oberhaupt anerkennen zu wollen. Alfons hatte die Nachricht vom Tode Johannas in Messina vernommen und sogleich den Carasello Caraffa ins Königreich geschickt, um die Barone und ihre Gesinnungen auszuforschen. Dieser hatte mit dem Herzog von Sessa und andern unterhandelt, welche sich bereit zeigten, den König aufs entschiedenste zu unterstützen. Der Herzog hatte bereits seine Thätigkeit begonnen. Ein Vasall von ihm, Giovanni Caramanico, war Befehlshaber der Burg von Capua, und diesen suchte er zu bereden, ihm die Stadt in die Hände zu liefern. Caramanico zeigte sich bereitwillig, erklärte jedoch, daß vor allem das Kastell an der Volturnobrücke in seiner Gewalt sein müsse, ehe er die Stadt übergeben könne. Sollte ihm dieser Streich gelingen, so wolle er mit dem Horn ein Zeichen geben. Hierauf brachte er einen seiner Freunde, der auf der Brücke des Kastells die Wache hatte, auf seine Seite, und dieser ließ des Nachts verabredetermaßen ein Seil vom Turme herab, und an diesem kletterten die unten harrenden Soldaten des Herzogs von Sessa empor. Nur dreien jedoch glückte dieses Wagestück wegen der Höhe und Steilheit der Mauern. Caramanicos Freund verbarg dieselben, und da er gegen die Besatzung mit Gewalt nichts auszurichten vermochte, so lockte er sie einzeln unter dem Vorwande eines Auftrags zu sich und ließ sie gefangen setzen. Ebenso gelang es, den Befehlshaber selbst zu verhaften Caramanico wurde bald von diesem günstigen Ereignis unterrichtet, wagte aber noch nicht, die Maske fallen zu lassen, weil er sich vor dem Citatino, dem die Truppen in der Stadt anvertraut waren, fürchtete. Da geschah es, daß Citatino zwei Bürger, die miteinander haderten, festnehmen und in die Burg führen ließ. Hierauf benachrichtigte Caramanico den Citatino, die beiden Bürger wünschten sich in des letztern Gegenwart zu vergleichen, und er möchte sich daher in die Burg begeben. Citatino kam, ward aber auf der Schwelle des Schlosses verhaftet und von seinen Begleitern getrennt. Nun gab Caramanico das Zeichen mit dem Horn; der Herzog von Sessa führte die Seinigen heran und eroberte Capua ohne Blutvergießen. Fazius. Schleunig wurde hievon Alfons in Sicilien benachrichtigt und um baldige Hilfe angesprochen, da sich Capua gegen das Heer von Neapel, das zu erscheinen nicht lange zaudern würde, mit Schwierigkeit halten könne. Auch ward er um eine persönliche Zusammenkunft gebeten, da man sich über die fernere Führung des Kriegs nicht vereinigen konnte. Alfons begab sich hierauf mit sieben Galeeren nach Ischia, und von da landete er unweit Sessa auf dem Gebiet des Herzogs. Dieser nebst den andern Baronen ging ihm ans Ufer entgegen, und der König lud sie in sein Schiff, um bei einem fröhlichen Mittagsmahle die nächsten Angelegenheiten zu besprechen. Alfons hätte vor allen Dingen gern Gaeta wegen der Sicherheit des Hafens in seiner Gewalt gehabt. Die Barone erklärten jedoch, daß sie die Ihrigen in Capua nicht entbehren könnten, wenn man diesen wichtigen Besitz nicht wieder preisgeben wolle; ja, daß zur Behauptung dieses Platzes Truppenverstärkungen nötig seien. Einstimmig wurde beschlossen, den Fürsten von Tarent nach Capua zu berufen; unterdessen sollten die Infanten in Sicilien die königliche Flotte ausrüsten. Mitten durch die Feinde fand Carafello den Weg zu dem Orsino, der sich bereitwillig zeigte, mit einer bedeutenden Heerschar aufzubrechen. Als ihm Berlingiero Caldora bei den caudinischen Pässen die Straße versperrte, ging er über Cerito und schlug ein Lager bei Francolisi. Nachdem er eine Zusammenkunft mit Alfons gehabt, warf er einen Teil seiner Truppen nach Capua. Caldora und Pontadera eilten herbei, um die Stadt zu belagern, und mehrere unentschiedene Gefechte fanden statt. Doch verzögerte Caldora geflissentlich einen ernsthaften Angriff; denn er wünschte, daß ihn im Fall der Einnahme die Governatoren zum Herrn von Capua machten, wie es früher Braccio und Sergianni besessen hatten. Die Governatoren erklärten jedoch, hiezu keine Vollmacht zu besitzen. Zweites Kapitel. Alfons hatte sich unterdessen mit seinen Galeeren nach Gaeta begeben, dessen Besitz er als den Entscheidungspunkt des ganzen Krieges betrachtete. In Gaeta befanden sich damals Ottolin Zoppo, Gesandter des Herzogs von Mailand, und Francesco Spinola mit einer genuesischen Besatzung, welche der Senat von Genua, wie es schein:, aus eigner Machtvollkommenheit gesandt hatte, teils aus verjährtem Haß gegen die Katalanen, teils weil sich in Gaeta große Niederlagen genuesischer Kaufmannswaren befanden. Den Ottolino hatte der Visconte an die Königin Johanna geschickt, um ihr sein Beileid über den Tod Ludwigs III. zu bezeugen und wahrscheinlich um eigene Ansprüche auf Neapel geltend zu machen. Als jedoch Ottolino in Gaeta ankam, erfuhr er den Tod der Johanna. Summonte. Alfons belagerte nun die Stadt zu Wasser und zu Land und schnitt alle Zufuhr ab, nachdem er auch den Fürsten von Tarent mit einem großen Teil der Seinigen an sich gezogen hatte. In Capua blieb Ventimiglia zurück. Der Berg über Gaeta, auf welchem der sogenannte Turm des Orlando steht, geriet durch Bestechung in des Königs Gewalt. Er lag zwar schon damals innerhalb der Befestigungen, es war jedoch zwischen demselben und der eigentlichen Stadt noch eine zweite Mauer gezogen. Sofort sahen sich die Gaetaner aufs höchste bedrängt, und noch mehr als die Belagerungswerkzeuge, gegen welche sie sich durch Wollsäcke schützten, bestürmte der Hunger. Außer dem Getreide, wovon wenig vorhanden war, diente besonders der Zucker als Nahrungsmittel, dessen sich viel in den Warenspeichern vorfand und welchen Spinola in kleinen Raten verteilen ließ. Fazius. Endlich entschloß man sich, alle Waffenunfähigen mit Gewalt aus der Stadt zu stoßen. Die Begleiter des Königs rieten demselben, sie nach Kriegsrecht zurückzutreiben. Als jedoch diese Verjagten von den Gaetanern mit Steinwürfen verfolgt wurden und sich verzweifelnd vor dem Lager Alfonsens auf die Kniee warfen, erbarmte er sich der Unglücklichen und ließ sie mit Speise erquickt ihres Wegs ziehn. Während aber die Not in Gaeta wuchs, verlangten die Einwohner von Ottolino (Spinola lag an einer Wunde danieder), daß mit dem Könige unterhandelt würde, Ottolino erbat sich daher von Alfons als Unterhändler den unter dem Namen Panormita bekannten Lehrer des Königs, mit welchem dieser die Alten zu lesen pflegte. Panormita kam in die Stadt. Er stellte den Gaetanern die Uebermacht des Königs, die wenige Hoffnung auf Entsatz vor Augen, er nannte den Hunger das einzige Uebel, dessen Ertragung unmöglich sei. Sodann verwies er auf Alfonsens Großmut und erklärte, daß man entweder zu siegen fähig sein oder dem Sieger gehorchen müsse. Fazius. Die Gaetaner zeigten sich jedoch zu keiner Uebergabe geneigt und erbaten sich eine gewisse Frist, die der König um so weniger bewilligte, als unterdessen auch die Infanten mit der Flotte aus Sicilien angelangt waren. Ottolino, gegen den Willen Spinolas, erschien selbst im feindlichen Lager, um mit Alfons zu unterhandeln; jedoch ohne Erfolg. Letzterer begann einen allgemeinen Sturm, ward aber zurückgeworfen. Unterdessen hatte man in Genua vierzehn Schiffe ausgerüstet, um den Belagerten beizustehn. Nicht ohne Widerstreit des Adels und nur durch den herzoglichen Einfluß ward zum Befehlshaber Biagio Assereto ernannt, von plebejischer Abkunft, aber als Seeheld berühmt. Um die Stärke der aragonischen Flotte auszuforschen, war Benedikt Pallavicini unter dem Vorwand an Alfons gesandt, daß er sich mit ihm wegen der Uebergabe Gaetas verständigen solle. Ihm ward vom Könige vergönnt, sich in die Stadt zu begeben, die er zum Widerstand aufmunterte und schleunige Hilfe versprach. Dem Könige brachte er die Nachricht zurück, daß es unmöglich sei, die Gaetaner zur Nachgiebigkeit zu bereden, worauf er sich nach Genua zurückbegab. Lengueglia, Guerra de' Genovesi contro Alfonso Primo. Bald darauf langte im Lager des Königs die Nachricht an, daß eine genuesische Flotte herannahe. Da Alfons im Golf von Gaeta seine Schiffe nicht hätte entfalten können, beschloß er, dem Feinde ins offene Meer entgegen zu fahren. Er selbst übernahm den Oberbefehl, damit unter den Infanten kein Rangstreit entstehe, und steuerte nach der Richtung der Ponzainseln. Eine Anzahl Fahrzeuge ließ er zurück, um die Stadt blockiert zu halten. Als die Flotte von den Genuesern bemerkt wurde, schickten sie einen Trompeter an den König. Sie verlangten, hieß es, mit ihm keinen Krieg; er möchte erlauben, daß sie das ihnen verbündete Gaeta mit Lebensmitteln und Soldaten unterstützten, dann würden sie ohne Feindseligkeit nach Genua zurückkehren. Alfons behielt den Boten zwei Tage lang auf dem Schiffe und besprach sich erst vielfach mit den Seinigen. Seine eigene Meinung war ganz für das Wagstück einer Schlacht; er haßte die Genueser und glaubte ihnen wegen Bonifazio Wiedervergeltung schuldig zu sein. Ueberdies vertraute er auf die Größe seiner Schiffe, auf den Mut seiner Truppen, auf seine Ueberlegenheit an Streitkräften. Gleichwohl gab es manche im Rat des Königs, die sich einem zu liefernden Seetreffen widersetzten. Die Genueser, sagten sie, hätten bessere Matrosen, und daran läge in einer Seeschlacht mehr als an den Truppen selbst. Die Größe der aragonischen Schiffe sei kein Vorteil bei einer so windstillen Jahreszeit (es war im hohen Sommer), sie würden sich bloß durch ihre Unbeweglichkeit auszeichnen. In einem Kriege, bei dem so viel auf Wind und Wetter ankommt, dürfe man die Person des Königs nicht mutwillig aussetzen. Besser sei es, nach Gaeta zurückzuschiffen, um die Zufuhr zu verhindern, wozu die großen Lastschiffe tauglicher seien als zum Gefecht. Bracelli. Fazius. Alfons war für solche Vorschläge taub. Jedoch sandte er mit dem Trompeter den Grafen von Venafro, Francesco Pandone, an den genuesischen Admiral und ließ gemäßigte Bedingungen vorschlagen. Wolle Assereto sein Vorhaben aufgeben, so verspreche Alfons, dem Spinola mit den Seinigen freien Abzug zu gewähren, im Falle Gaeta erstürmt werde. Was die in der Stadt niedergelegten Kaufwaren betreffe, so verspreche er, dieselben unter seine eigene Obhut zu nehmen. Beschließe man aber einen ungleichen Kampf, so solle man die Uebermacht der königlichen Flotte in Erwägung ziehn und nicht Genua zu Grunde richten wollen, um Gaeta zu retten, das Alfons bloß als rechtmäßiger Besitzer in seine Gewalt bekommen wolle. Hierauf erwiderte Assereto: Den Belagerten beizustehn, habe Genua sein Wort verpfändet; nicht über die Sicherheit der Genueser wolle man unterhandeln, sondern über die der Gaetaner. Daß er unverrichteter Dinge umkehre, würden selbst seine Soldaten nicht zugeben. Lengueglia. So rüstete man sich gegenseitig zur Schlacht, die in den ersten Tagen des August unweit der Insel Ponza statthatte. Vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Nacht wurde gekämpft. Gleich im Anfange des Treffens hatte Assereto dem Jakob Giustiniani befohlen, mit drei Schiffen scheinbar die Flucht zu ergreifen. Der Infant Don Enrique wollte sie verfolgen, ward aber von Alfons zurückgehalten. Außer dem Admiralschiff Asseretos und noch zweier andern war jedes der genuesischen Fahrzeuge gezwungen, gegen zwei aragonische zu fechten. Die kämpfenden Schiffe ketteten sich mit Haken aneinander, so daß der Ausweg zur Flucht unmöglich wurde. Bald zeigte sich der Vorteil, den die seegeübten Genueser vor den Landtruppen des Königs voraus hatten. Von den letztern konnten sich wenige auf den Verdecken aufrecht halten, viele wurden von der Seekrankheit befallen. Das königliche Schiff, die Mañana, hatte gleich im Anfange das feindliche des Assereto mit großem Ungestüm angegriffen; aber dieses drehte sich plötzlich und stieß mit solcher Gewalt wider das Hinterteil der Mañiana, daß dieselbe sich völlig auf eine Seite neigte und den Geschossen der Genueser offnen Spielraum darbot. Hievon war besonders Ursache, daß Alfons außer dem obern Mastkorb noch einen zweiten in der Mitte des Hauptmastes hatte befestigen lassen, der mit Soldaten erfüllt war. Fazius. Der ganze Ballast war bereits auf die geneigte Seite herabgesunken, und der untere Raum begann leck zu werden. Während die Mañana sich in dieser Bedrängnis befand, sah sie mit einemmale die drei von Giustiniani befehligten Schiffe umkehren und gegen sich heransegeln. Der Angriff der Neuhinzugekommenen war so heftig, daß Alfons gezwungen war, sich mit einigen Fürsten unter das erste Verdeck zu verfügen, ohne sich jedoch ergeben zu wollen. Vergebens hatte sich eine aragonische Galeere an die Mañana angelegt, um den König zur Flucht zu bewegen. Das Verdeck war von den Pfeilen und Wurfzeugen der Genueser besät; sie bedienten sich zugleich des Oels, um den Boden zu verunsichern, und des Kalks, der die Luft dergestalt verfinsterte, daß kaum Freund und Feind sich mehr unterscheiden konnten. Giornali del Duca. Der König war wieder aufs Verdeck emporgestiegen, um mit den Seinigen zu sterben oder, wo möglich, zu entrinnen. Aber auch diese letzte Ausflucht wurde vereitelt. Die Genueser, deren viele bereits auf der Mañana kämpften, hatten die katalanischen Matrosen vermocht, die Taue des Mastbaums zu durchschneiden, so daß dieser mit Krachen herabstürzte. Als nun ein großes Wurfgeschoß unmittelbar an der Seite des Königs niederfiel und das Schiff jeden Augenblick mehr Wasser schöpfte, drangen die Fürsten auf das entschiedenste in Alfons, sich ins Unabänderliche zu fügen und nicht durch einen freiwilligen Tod die Hoffnung künftiger Triumphe zu vereiteln. Schon früher hatte sich der König von Navarra mit seinem Schiffe dem Galeotto Lomellino übergeben. Alfons forschte nun nach den Namen der feindlichen Hauptleute, und als er hörte, daß ein Giustiniani dabei sei, welche Familie damals die Insel Scios als Souverän beherrschte, so ergab er sich in dessen Hände und ward vermittelst einer Brücke auf das feindliche Verdeck gebracht. Collenucio. Bracelli. Am andern Morgen übergaben die verschiedenen Schiffshauptleute ihre Gefangenen dem Admiral, und Alfons erklärte, daß er sich in die Verfügung des Herzogs von Mailand stelle. Außer den beiden Königen fielen auch der Infant Don Enrique, der Fürst von Tarent, der Herzog von Sessa, der Graf von Venafro, Minicuccio von Aquila nebst einer namhaften Anzahl sicilianischer und katalanischer Großen in die Hände der Sieger. Die Menge der geringern Gefangenen war so bedeutend, daß sie Assereto ohne Lösegeld freiließ, weil sie seiner eignen Mannschaft überlegen waren. Bloß Don Pedro rettete sich mit den Galeeren und einem Kriegsschiff nach Ischia. Dreizehn Schiffe eroberten die Genueser, und als sie in Gaeta anlangten, verbrannten sie dieselben sämtlich im Uebermut des Siegs. Giornali del Duca Unterdessen hatten auch die Gaetaner einen Ausfall auf das Landheer des Königs, das sich wegen der Trauerbotschaft in großer Zerrüttung befand, gemacht, dasselbe zerstreut und im Lager eine ungeheure Beute vorgefunden. Jakob Caldora, der das Gebiet des Herzogs von Sessa verwüstete, kam herbei, um den Raub zu teilen. Assereto mit seinen Gefangenen verließ jedoch Gaeta bald wieder, unter dem Vorwand, einen Streich auf Ischia auszuführen. Der eigentliche Grund mochte sein, daß er nicht unter Spinolas Befehlen stehn wollte, welcher letztere der republikanischen Partei in Genua zugethan war, während Assereto sich unter dem Einflüsse des Visconte befand. Dem Könige ward nun der Antrag gestellt, Ischia und die Kastelle von Neapel den Siegern zu überliefern, was er jedoch auf das standhafteste ablehnte. Als die Flotte ungefähr tausend Schritte von Ischia entfernt war, wurde sie durch einen heftigen Sturm zerstreut und sammelte sich erst später wieder bei der Insel Ponza. Anstatt aber nach Ischia umzukehren, richtete Assereto seinen Lauf nordwärts und landete in Porto Venere. Dort fand er einen Boten des Visconte, welcher ihm befahl, den König nicht nach Genua, sondern nach Savona zu führen, von wo ihn der Herzog nach Mailand wolle bringen lassen. Im Angesicht der Schiffshauptleute, die sämtlich der genuesischen Adelspartei angehörten, ein solches Vorhaben in Vollzug zu setzen, wagte Assereto keineswegs. Er bediente sich daher folgender List: Alle Befehlshaber, so gebot er, sollten am nächsten Morgen die sämtliche Beute ausliefern, damit eine gleiche Verteilung derselben veranstaltet werde. Hiezu waren jene wenig geneigt und schifften voraus nach Genua. Fazius. Das Admiralschiff indessen, das zurückgeblieben, steuerte gegen Savona und gab dort den König in die Hände des herzoglichen Statthalters. Vergebens warteten die Genueser ungeduldig auf die Ankunft des erlauchten Gefangenen. Drittes Kapitel. Unterdessen waren die neapolitanischen Gesandten, welche den Thronerben aus der Provence abzuholen bestimmt waren, in Marseille angelangt. Hier erfuhren sie aber, daß Renatus sich in der Gefangenschaft des Herzogs von Burgund befinde, und so waren denn die beiden Kronbewerber des unglücklichen Reichs ihrer Freiheit beraubt. Renatus hatte sich in zartem Alter mit der Tochter des Herzogs von Lothringen vermählt und dieser ihn zum Erben eingesetzt, welches Erbrecht auch von Kaiser Sigismund anerkannt worden war. Renatus setzte sich in Besitz des Landes, nachdem der Kardinal von Bar, Bruder des letzten Herzogs, im Jahre 1430 gestorben. Aber Anton von Vaudemont, Neffe des in der Schlacht bei Azincourt getöteten Karls, behauptete, Lothringen sei ein Mannslehen und könne nicht auf die Tochter des Verstorbenen übergehn. Er gehörte zur burgundisch-englischen Partei, während Renatus, nachdem das Mädchen von Orleans den Dauphin nach Reims geführt, seine Waffen mit denen der Franzosen vereinigt hatte. Daher bewilligten die burgundischen Stände, die durch die Besitznahme des Renatus einen neuen Feind an ihren Grenzen sahn, eine Geldsumme, um die Ansprüche Antons zu beschützen. Hiezu forderte sie besonders der Marschall von Toulongeon auf, der Antons Freund war. Barante, Histoire des Ducs de Bourgogne. Schwer ward es jedoch diesen beiden, eine Anzahl Truppen zusammen zu bringen; denn Philipp der Gute von Burgund wollte seine übrigen Provinzen nicht entblößen. Endlich brachte man ein kleines Heer aus, meist aus Abenteurern und Bastarden vornehmer Familien zusammengesetzt. Das Heer des Renatus jedoch war ebenso zahlreich als ansehnlich; ihn begleiteten viele lothringische und deutsche Herren. Bei Bulligneville traf man zusammen. Der Marschall, der die Burgunder befehligte, wollte sich wegen der Uebermacht des Feindes zurückziehn; aber Renatus schnitt ihnen den Weg ab. Uebermut war die Stimmung seiner Truppen, welche von jeher zur Niederlage geführt hat. Die Burgunder verschanzten sich hinter ihr Gepäck und stellten auf beiden Flügeln einiges Geschütz auf. Man beschloß, zu Fuß, nach Weise der Engländer, zu kämpfen. Renatus, nachdem er eine Herausforderung an den Marschall erlassen, drang vor. Aber die Seinigen wurden gleich im Anfange durch die feindlichen Feldschlangen in Unordnung gebracht. Bald darauf fiel einer der angesehensten Hauptleute; Renatus selbst ward verwundet und gefangen, ebenso der Bischof von Metz. Der Sieg Burgunds war vollständig, und der Marschall führte den Renatus nach Dijon. Dort besuchte ihn sechs Monate später der Herzog von Burgund. Renatus, der sich in seiner Einsamkeit mit Poesie und Malerei beschäftigt, machte demselben ein Geschenk mit zwei Gemälden auf Glas, worauf er Philipp den Guten selbst und dessen Vater abgebildet. Der Herzog ließ sie in die Kirchenfenster der Kartause einsetzen. Barante. Isabelle, die Gemahlin des Renatus, wandte indes alles an, um ihren Gatten zu befreien. Ebenso der lothringische Adel. Diese Befreiung gelang endlich im Jahre 1432; doch unter der Bedingung, daß sich Renatus bei dem Aufruf des Herzogs wieder zu stellen habe. Seine Söhne gab er als Geiseln. Da man sich nun über die förmliche Auslösung nicht verständigen konnte, kehrte er später in seine Haft zurück und ward in einem Schlosse bei Salins gefangen gehalten. Der Herzog erlaubte ihm, als die Gesandten von Neapel in Burgund ankamen, dieselben in Dijon zu bewillkommnen. Doch gab er ihm trotz der Verwendungen des Königs von Frankreich seine Freiheit nicht zurück, da er mit Alfons ein freundschaftliches Verhältnis unterhielt. Die Gesandten beredeten nun des Renatus Gemahlin, ihnen nach Neapel zu folgen. Isabelle schiffte sich mit ihrem zweiten Sohne, der den Titel Marquis von Piemont führte, ein und landete im Oktober 1435 mit vier Galeeren in Gaeta. Da sie dem Ottolino Zoppo mißtraute, führte sie ihn als herzoglichen Botschafter mit sich nach Neapel und veränderte den Magistrat, welches ihr jedoch später zu großem Nachteile gereichte. In Neapel ward sie mit allgemeinem Jubel als Königin empfangen und unter dem Baldachin durch die Stadt begleitet. Selbst der Graf von Nola, wiewohl des Verständnisses mit Alfons verdächtig, huldigte ihr. Den Jakob Caldora ernannte sie zum Großkonnetabel. Dieser letztere hatte sich von Gaeta nach Sessa zurückgewandt und belagerte die Stadt. Um sich von ihm zu befreien, pflanzten die Sessaner die Fahnen des Visconte auf, und Caldora ward auf Ottolins Mahnung veranlaßt, Sessa zu verlassen, und kehrte nun alle seine Streitkräfte gegen Capua, in dessen Besitz er als Fürst zu gelangen hoffte. Er schlug eine Schiffbrücke über den Volturno und schickte einen Teil des Heers unter Micheletto Attendolo und Antonio Pontadera auf das jenseitige Ufer, um die Stadt von beiden Seiten einzuschließen. Capua war durch Mangel an Lebensmitteln nicht minder als durch innern Parteizwist bedrängt; Ventimiglia jedoch wußte die Ordnung zu behaupten und knüpfte Unterhandlungen mit Pontadera an. Caldora erhielt hievon Nachricht und ließ den Pontadera zu sich entbieten. Dieser aber leugnete hartnäckig, und Caldora, der vielleicht einen Soldatenaufstand befürchtete oder den Micheletto, Antonios Freund, nicht beleidigen wollte, entließ ihn wieder zu den Seinigen. Fazius . Pontadera empfing nun von Ventimiglia dreitausend Goldgulden, verheimlichte den Verrat nicht länger und zog sich mit seinen Söldlingen nach der römischen Kampagne, wo seiner jedoch ein trauriges Schicksal harrte, das wir später erzählen werden. Micheletto allein vermochte sich nicht zu halten und vereinigte sich mit Caldora. Dieser hatte unterdessen die Nachricht erhalten, daß die Grafen von Sora und Laureto (von Alfonsens Partei) seine Besitzungen in den Abruzzen verheerten. Er hob daher, ohnedem geschwächt, die Belagerung von Capua aus und eilte nach den Abruzzen, wo er nicht nur sein Eigentum wieder eroberte, sondern auch die Feinde hart in die Enge trieb. Micheletto wandte sich nach Kalabrien und brachte die ganze Provinz bis auf die Stadt Scilla in seine Gewalt. Ihn begleitete der Marquis von Piemont, damals ein zehnjähriger Knabe. Viertes Kapitel. Die Königin Isabella erwarb sich indessen das allgemeine Zutrauen. Ihre glänzende Schönheit, ihr kluges und herablassendes Betragen, die Art, wie sie alle zu gewinnen, allen ein geneigtes Gehör zu schenken wußte; dabei die Sittsamkeit ihres Wesens, worin sie so sehr von ihrer Vorgängerin abwich, war für die Neapolitaner ein so seltnes und hinreißendes Schauspiel, daß sie mehr wie eine Gottheit als eine Sterbliche verehrt wurde. Mazzella . Leider sollte das glückliche Gestirn, unter dem sie ihre Herrschaft antrat, seine Stellung bald verändern. Während sie die Haft ihres Gemahls beklagte, konnte es ihr zum Troste gereichen, daß auch der Gegner sich in fremder Gewalt befinde; plötzlich aber langte die Nachricht an, Alfons sei befreit und nähere sich dem Königreich. Alfons, der mit königlicher Auszeichnung behandelt wurde, war von Savona nach Mailand gebracht worden. Bis zehn Millien vor der Stadt ging ihm Piccinino entgegen. Die Herzogin, welche ihm gleichfalls entgegenkam, kniete vor ihn: nieder. Zurita . Er ward außer der Stadt in den Palast geführt, welchen die letztere zu bewohnen pflegte. Nach dreien Tagen erst ward er in die Burg begleitet. Der Herzog hatte sich an einem Ort verborgen, wo er, ohne bemerkt zu werden, den König betrachten konnte. Filippo Visconte, einer der bedeutendsten aber rätselhaftesten Charaktere jener Zeit, lebte fast von aller menschlichen Gesellschaft getrennt mit einigen Lieblingen in den geheimsten Gemächern seiner Paläste. Von dort aus regierte er, und dort brütete er beständig kriegerische Plane, obwohl persönlich dem Waffenhandwerk abgeneigt. Bloß die Jagd liebte er leidenschaftlich. Feldherrntalente ehrte er vor allen, Kunst und Wissenschaft wenig; doch bezeugt die große Vorliebe, die er für Dante und Petrarca empfand, den Tiefsinn seines Geschmacks, während er die Dichter seiner eignen Zeit verachtete. Zweizüngigkeit in Rede und Schrift war ihm zur andern Natur geworden; in alle Kunstgriffe des Herrschens schien er eingeweiht. Aber während er auf der einen Seite seinen Umgebungen überlegen war, folterten ihn auf der andern Gespensterfurcht und ein bis ins Kleinlichste gehender Aberglaube; und die Widersprüche, von denen sein Leben voll war, begleiteten ihn bis ins Grab. Er, der unaufhörlich vor dem Tode gezittert hatte, starb zuletzt mit der größten Fassung, ja beinahe freiwillig, da er die Ratschläge der Aerzte zurückwies. Candidus Decembrius, Vita Philippi Vicecomitis. Dieser Mann war es, der in dem Zeitpunkte, von dem wir sprechen, zum Schiedsrichter Italiens berufen war. Schwer fiel es ihm, seine Menschenscheu zu überwinden und seinem erlauchten Gast persönlich entgegenzutreten. Endlich ward festgesetzt, daß bei der ersten Zusammenkunft bloß von gleichgültigen Dingen die Rede sein solle. Hierauf erschien der Visconte vor dem Könige mit entblößtem Haupte und gebeugtem Knie. Bracelli. Man unterhielt sich über Gegenstände der Jagd, einem Vergnügen, dem auch Alfons besonders ergeben war. Des andern Morgens schickte ihm der Herzog Falken und Pferde zum Geschenk. Sie sahen sich hierauf öfters und jagten zusammen im herzoglichen Park. Hier gelang es nun bald Alfonsen, den Visconte ganz für sich einzunehmen. Dazu trug nicht wenig Niccolo Piccinino bei, der seine Absichten gegen Francesco Sforza, den der König haßte, durch diesen durchzusetzen hoffen konnte. Auch bedurfte Filippo kaum der Einflüsterungen eines andern, um gewahr zu werden, wie gefährlich es sei, den Franzosen in Italien festen Fuß fassen zu lassen, da Mailand und Genua leicht die ersten Opfer davon sein konnten. Er entschied sich daher für die katalanische Partei, wiewohl der Erfolg auf die Länge den Erwartungen nicht entsprach. Seine Astrologen konnten ihm nicht vorhersagen, daß seine eigene Nachkommenschaft und die des Königs von Aragonien von demselben Schlage sollte zerschmettert werden, und noch weniger, welch ein Weltreich im Westen von Europa sollte gegründet werden, um den Ruin Italiens zu vollenden. Sehen wir doch in unsern eignen Tagen weit deutlichere Wahrzeichen verachten und aus ähnlicher Franzosenfurcht den Untergang von Europa beschleunigen! Der Visconte entließ alle seine Gefangenen ohne Lösegeld. Der König von Navarra und Don Enrique begaben sich nach Spanien, und ersterm wurde die Statthalterschaft von Aragonien anvertraut. Der Fürst von Tarent und der Herzog von Sessa wurden nach Neapel vorausgesandt, um ihre Partei aufs neue zu ermutigen. Alfons selbst eilte über Pontremoli nach Porto Venere, das noch von seinen Truppen besetzt war, um eine neue Flotte vorzubereiten. Welchen Eindruck diese Begebenheiten in Genua hervorbringen mußten, war vorauszusehn. Da befahl der Visconte den Genuesern, eine Anzahl Schiffe zu Alfonsens Unterstützung auszurüsten; ja, als gaetanische Gesandte nach Genua kamen, um dem Senat für ihre Rettung zu danken, ließ sie der Herzog nach Mailand bringen und als Gefangene behandeln. Nun riß den Genuesern die Geduld. Längst hatte Francesco Spinola auf eine Gelegenheit gelauert, seine Vaterstadt zu befreien. Früher in venetianischer Gefangenschaft, hatte er dort schon Plane zum Verderben des Visconte geschmiedet und Venedigs Beistand angerufen. Er versammelte nun viele der Edeln in seinem Palaste, und in feuriger Rede die Beleidigungen des Herzogs vorstellend, bot er sich zum Haupt der Verschwörung an, wenn es andern an Mut gebrechen sollte. »Nie soll es,« fügte er hinzu, »von Francesco Spinola gesagt werden, daß er sich weniger tapfer für Genua bewiesen als für Gaeta!« Lengueglia. Mit Thomas Fregoso, dem in Sarzana verbannten Dogen, wurden Unterhandlungen angeknüpft und der Plan gefaßt, den herzoglichen Statthalter, Opizino Alzate, am Weihnachtsabend zu ermorden. Dies ward jedoch wieder aufgegeben. Die ganze Unternehmung schien höchst bedenklich, da der Visconte das Castelletto in Genua und die Festungen im Polceverathale in seiner Gewalt hatte. Endlich bot sich eine andere Gelegenheit dar. Der Herzog, dem die Umtriebe in Genua nicht entgangen waren, schickte einen neuen Statthalter in der Person des Erasmo Trivulzio. Opizino zog demselben vor das Thor S. Tommaso entgegen. Diesen Augenblick eines festlichen Aufzugs benutzte Spinola und brach plötzlich mit einer bewaffneten Schar von Verwandten und Freunden hervor, die Freiheit ausrufend. Das Volk schloß sich ihm an; Erasmo flüchtete ins Castelletto, Opizino suchte in den Straßen der Stadt die Seinigen zu versammeln; doch ward er bald aus den Fenstern durch Steinwürfe von den Frauen verwundet, von dem entrüsteten Volke durchbohrt. Lange lag sein nackter Leichnam vor der Kirche S. Siro als Siegeszeichen. Giustiniano, Storie di Genova Seine Soldaten verschonte man, das Blut eines einzigen sollte genügen. Später wurden auch die Festungen erobert; vergeblich sandte der Herzog den Piccinino, um die Stadt wieder zu unterjochen. Acht Proveditoren wurden ernannt; sie erwählten den Isnardo Guarco, einen siebzigjährigen Greis, zum Dogen. Aber Thomas Fregoso erschien mit den Seinigen, vertrieb ihn aus dem Palast und verkündete, daß sein eignes früheres Recht weder durch die Tyrannei des Visconte, noch durch die Wahl des Isnardo erloschen sei. Folieta, Historia Genuensis. Fünftes Kapitel. Der Fürst von Tarent hatte sich zuerst nach Palermo eingeschifft, wo er den Infanten Don Pedro von dem Vorgefallenen benachrichtigte und ihn aufforderte, den König in Porto Venere abzuholen. Hierauf ging er über die Meerenge von Messina nach Kalabrien hinüber. Don Pedro rüstete seine Flotte und schickte ein Schiff mit Lebensmitteln nach Porto Venere voraus, welches, durch heftigen Wind getrieben, schon am dritten Tag anlangte. Er selbst jedoch sah seine Fahrzeuge durch den Sturm zerstreut, und erst im Golf von Gaeta, wo er in bedeutender Entfernung von der Stadt anlegte, gelang es ihm, sie wieder zu sammeln. Da begaben sich einige Männer von Gaeta, die der katalanischen Partei angehörten, zu ihm und stellten ihm als leichte Unternehmung dar, sich der Feste zu bemächtigen. In der Stadt wüte die Pest, der Governatore sei gestorben, die meisten Provençalischgesinnten hätten sich in gesündere Gegenden geflüchtet. Die Wachen seien nachlässig verteilt; man ruhe auf den errungenen Lorbeern. Fazius. Don Pedro ergriff eine so günstige Gelegenheit mit Freuden. Durch Ueberredung und Bestechung gelang es, noch mehrere zu gewinnen. In größter Stille näherte sich die Flotte des Nachts; Leitern wurden an einer wenig bewachten Stelle angelegt; eine Anzahl Katalanen bemächtigte sich des nächsten Turms und öffnete das Thor. Nun drang der Infant mit den Seinigen gewaltsam ein, und nach kurzem Widerstand ergab sich die Besatzung, welche aus der Stadt gejagt und durch aragonische Truppen ersetzt wurde. So erlag Gaeta einer nächtlichen List, um welches Achill und die tausend Kähne vergebens gekämpft hatten. Auf Panormitas Rat blieb Don Pedro in Gaeta und sandte den Perellos mit den Schiffen nach Porto Venere. Alfonsens Abreise verzögerte sich; denn der Visconte bat ihn, sich mit seiner Flotte gegen Savona zu wenden, welches damals noch in der Gewalt des Herzogs war. Aber ein anhaltend ungünstiger Wind verhinderte den König, den Hafen zu verlassen, und als er die Fahrt antreten wollte, befand sich Savona bereits in den Händen der Genueser, und der Herzog entließ ihn seiner Verpflichtung. Er segelte hierauf nach Gaeta, wo er am 2. Februar 1436, ein Jahr nach dem Tode der Königin Johanna, anlangte. Frühling und Herbst vergingen im Hin- und Herreisen zwischen Gaeta und Capua und in den Zurüstungen eines neuen Heers. Er erbaute damals das Kastell von Gaeta, wie es noch heutzutage vorhanden ist, und nahm den Minicuccio von Aquila mit 200 Lanzen in seinen Sold. Summonte. Währenddessen hatte sich Jakob Caldora nach Apulien geworfen und einen Krieg im Kleinen mit dem Fürsten von Tarent geführt, den jedoch ein Waffenstillstand beendigte. Denn im Oktober waren Minicuccio und Riccio von Montechiaro in den Besitz der Stadt Pescara gelangt, und Chieti war abgefallen. Dorthin eilte der alte unermüdliche Caldora, wiewohl im tiefsten Schmerz über den Tod seines Sohns Berlingiero. Dieser hatte sich in Bari in einen Pagen verliebt, und als er sich des Nachts zu demselben schleichen wollte, ward er von einem Steinwurfe getroffen. Aus Scham verheimlichte er die Wunde und starb daran. Giornali del Duca. Das Glück war indessen Alfonsen günstig. In Capua führte ihm der Fürst von Tarent seinen Vetter, den Grafen von Nola, zu, der zur katalanischen Partei übertrat. Alfons gab ihm seine Verwandte, Leonora von Aragonien, zur Gemahlin und zur Mitgift Amalfi. Und als Leonora, damals in Spanien, sich dieser Verbindung widersetzte, befahl der König, sie mit Gewalt zu Schiff zu bringen. Zurita. Auch der Graf von Caserta siel von der Königin ab. Mit Hilfe dieser beiden gelang es, Scafati zu erobern, dessen feste Burg auf einer Insel im Sarno lag. Da jedoch Brücke und Ufer des schmalen Flusses besetzt waren, so konnte die Burg nicht lange widerstehn. Alfons schenkte diese Herrschaft dem Grafen von Nola, der auch Sarno besaß. Hierauf wandte er sich gegen Castellamare; die Stadt ergab sich, das Kastell wurde erstürmt. Vergebens suchte er jedoch auf einem Zug durch die caudinischen Pässe den Trojano Caracciolo, Sergiannis Sohn, der Graf von Avellino war, auf seine Seite zu locken. Als er zurückkehrte, überfiel ihn mitten in den Apenninen ein ungewöhnliches Schneegestöber, wodurch viele seines Heers erkrankten. Der Fürst von Tarent bezog hierauf Winterquartiere in Apulien. Isabella, die bereits einen Teil der nächsten Umgebungen Neapels in der Gewalt der Feinde sah, schickte den Ottino Caracciolo an den Papst nach Florenz, seinen Beistand anflehend. Eugen sandte ihr wirklich ein Hilfsheer, dessen Anzahl sehr verschieden bezeichnet wird. Anführer desselben war Giovanni Vitelleschi, Patriarch von Alexandrien. Dieser merkwürdige Mann war in Corneto geboren. Nachdem er seine Studien in Bologna vollendet, kehrte er in seine Vaterstadt zurück, wo er sich zum Parteihaupt aufwarf. Ohne gelehrt zu sein, besaß er eine große Beredsamkeit und das Talent, die verwickeltsten Händel mit Leichtigkeit zu schlichten. Bald schloß er sich an den Tartaglia an, der sich damals in Toscanella aufhielt. Dieser benutzte ihn als Schreiber und zu Gesandtschaften, nicht selten auch zum Waffenhandwerk. Als Tartaglia in Aversa enthauptet wurde, kehrte Vitelleschi nach Rom zurück, und Martin V., der seine Gaben zu schätzen wußte, ernannte ihn zum Protonotar. Noch günstiger war ihm das Glück, als Eugen IV. an die Regierung kam. Er hatte diesen Papst früher als Kardinal von Siena kennen gelernt und ihm in Viterbo, wo Eugen sich seiner Gesundheit wegen aufhielt, dienstfertig und hilfreich zur Seite gestanden. Garimberti, Fatti memorabili di alcuni Papi e di tutti i Cardinali passati. Dessen erinnerte sich Eugen, der ein unterwürfiges Anschließen an seine Person besonders liebte, und ernannte ihn zum Bischof von Recanati und später zum Patriarchen von Alexandrien. Als hierauf der Papst durch einen Aufstand der Römer gezwungen ward, nach Florenz zu flüchten, Rom jedoch bald wieder durch eine List des Befehlshabers der Engelsburg in päpstliche Gewalt kam, ward Vitelleschi gesendet, um den Kirchenstaat aufs neue zu unterjochen. Hierbei entfaltete er sein ganzes militärisches Talent und seine ganze Grausamkeit. Er war der Ruffo jener Zeit. Vor allem wütete er gegen die Savellen und Colonnesen. Palästrina, das den letztern gehörte, ward dem Boden gleich gemacht. Den Antonio, Grafen von Pontadera, dessen Söldlinge, wie schon erzählt worden, die Campagna von Rom durchstreiften, nahm er bei Piperno gefangen und befahl, ihn an einen Oelbaum aufzuhängen. Als ihn Pontadera um eine seinem Range mehr angemessene Todesstrafe anflehte, ließ ihn der Patriarch höher als die übrigen und mit zwei Stricken zugleich aufknüpfen. Jovius, Elogia. Pontaderas Neffen erlitten später auf dem Kapitol dieselbe Strafe. Als hierauf der Patriarch seinen Einzug in Rom hielt, ward er mit großem Jubel empfangen. Teils weil er die unruhigen Barone ausgemerzt, teils weil er die Kornpreise (denn es herrschte eine große Teurung) herabgesetzt hatte. Magistrat, Priester und Volk, mit Fackeln und Olivenzweigen in den Händen, gingen ihm bis zum Lateran entgegen und führten ihn unter einem prächtigen Baldachin, der dann dem Volk zur Beute überlassen wurde, bis S. Lorenzo in Damaso, wo der Patriarch vom Pferde stieg und den Hochaltar küßte. Hierauf wurde ihm von der Bürgerschaft eine große Geldsumme in einem goldnen Becher überreicht. Paolo Petroni, Mesticanza, im Muratori. Sechstes Kapitel. Es war im April 1437, als der Patriarch die Grenzen des Königreichs überschritt, wohin er schon früherhin einen Streifzug unternommen hatte. Alfons, der ihm ohne die Hilfe des Fürsten von Tarent nicht gewachsen war, wollte sich auf den Rat der Katalanen nach Gaeta zurückziehn. Die neapolitanischen Barone vermochten ihn jedoch, in Kampanien zu bleiben, und da Capua nicht hinlänglich mit Lebensmitteln versorgt war, zog er sich mit dem Heere nach Tiano. Der Patriarch eroberte Cepperano nebst andern Kastellen und drang in Kampanien ein. Da er sich nicht stark genug fühlte, um Capua zu belagern, bat er die Königin um Hilfstruppen, und Isabelle sandte den Antonio Caldora, Sohn des Konnetabels, mit achthundert Reitern. Antonio jedoch verließ das Heer, um seine Gemahlin zu besuchen, und währenddessen ward sein Stellvertreter vom Ventimiglia geschlagen, und fast alle gerieten in Gefangenschaft. Hierauf entsagte der Patriarch der Belagerung von Capua und begab sich nach Neapel, wo ihn Isabella mit Ehrenbezeugungen empfing. Doch zeigte sich bald, daß die Caldoresken, auf seinen Einfluß eifersüchtig, ihn zu unterstützen wenig geneigt seien. Nach drei Tagen zog er sich gegen Aversa und sodann durch die caudinischen Pässe nach Montesarchio, das er verbrannte und plünderte. Unterdessen hatte Alfons den Fürsten von Tarent herbeigerufen, und dieser schlug ein Lager bei Montefuscolo, während Ventimiglia auf der andern Seite herankam, um den Weg nach Benevent abzuschneiden. Der Patriarch schickte hierauf eine Schar nach Benevent, um Lebensmittel herbeizuführen, indem er vier Schwadronen in den Hinterhalt legte. Der Fürst eilte heran, um sich der Lebensmittel zu bemächtigen, ward aber plötzlich überfallen und mußte sich in sein Lager zurückziehn. Die Folge dieses Siegs war, daß die Burg von Montesarchio, die bisher widerstanden hatte, sich ergab, worauf der Patriarch am frühen Morgen des andern Tags das Heer des Fürsten unversehens angriff und in die Flucht schlug. Der Fürst, der durch einen Weinberg entfloh, verwickelte sich in die Reben, das Pferd stürzte, und er selbst ward gefangen. Collenuccio. Als der Papst diese Nachricht erfuhr, schickte er dem Patriarchen den Kardinalshut. Auch Jakob Caldora, der ein Todfeind des Fürsten war, näherte sich nun dem Vitelleschi. Beide hatten eine Zusammenkunft im Lager des letztern; sie umarmten sich und wechselten ihre gegenseitigen Ansichten über die Führung des Kriegs. Doch war dies Bündnis von kurzer Dauer. Der Papst, der der Familie Orsino vielfach befreundet war, befahl, den Fürsten von Tarent zu befreien, wenn er die päpstlichen Zeichen aufzupflanzen geneigt sei, wozu sich Gian Antonio verpflichtete. Hiedurch fanden sich aber sowohl die Königin als Caldora beleidigt. Schwer ist es übrigens, während dieses ganzen Bürgerkriegs, bei so widersprechenden Nachrichten, den wahren Zusammenhang der Begebenheiten auszumitteln. So viel scheint gewiß, daß der Kardinal Vitelleschi das Land eher im Namen der Kirche als für den König Renatus zu erobern wünschte, während Caldora bei der provençalischen Partei seinen Vorteil zu finden glaubte, wiewohl er auch mit Alfons mehrmals Unterhandlungen anspann. Zurita. Wiewohl nun Caldora und Vitelleschi einige feste Plätze gemeinschaftlich eroberten, so wurde doch Alfons bald benachrichtigt, daß zwischen beiden eine neue Entfremdung eingetreten sei, wozu die Freilassung des Orsino, wie es scheint, den Anstoß gegeben. Der Kardinal zog allein nach Salern; Alfons hatte sich ins Nolanische geworfen, um ihm entgegenzugehn, dem er nach dem Abmarsche Caldoras beinahe überlegen war. Da kamen ein paar Vitelleskische Reiter ins Lager des Königs, die diesem vorstellten, daß der Kardinal leicht zu einem Waffenstillstande die Hand bieten würde, wozu sich Alfons geneigt zeigte. Doch glaubte er zu diesem Zweck das Vitelleskische Heer noch mehr in die Enge treiben zu müssen und eilte gegen Salern. Auf dem Wege schlug eine Schar Hilfstruppen, welche unter dem Befehl eines Deutschen von Montefuscolo herbeikamen, und nahm einen großen Teil derselben gefangen. Der Kardinal ging hierauf einen zweimonatlichen Waffenstillstand ein und versprach, zwischen König und Papst den Frieden zu vermitteln. Alfons schlug bald nachher ein Lager zwischen Aversa und Neapel, um der Hauptstadt die Lebensmittel abzuschneiden. Die Königin Isabella jedoch wandte alles an, um den Kardinal mit Caldora auszusöhnen, und es gelang ihr mittels des Erzbischofs von Benevent. Die beiden Heere vereinigten sich und zogen die ganze Nacht hindurch bei Fackelschein gegen das königliche Lager. Ein aragonisch gesinnter Baron hatte dem Könige zwölf Briefe in verschiedenen Richtungen zugesandt, die ihn von der bevorstehenden Gefahr benachrichtigen sollten. Alle bis auf einen wurden aufgefangen. Collenuccio, Fazius . Alfons jedoch, teils wegen der Entzweiung der Gegner, teils wegen des mit Vitelleschi abgeschlossenen Vertrags, schenkte der Nachricht keinen Glauben und setzte sich ruhig zur Tafel. Plötzlich erschien ein Bote, welcher aussagte, daß die Feinde bloß noch eine Millie entfernt seien. Alfons stieß den Tisch um und schwang sich aufs Pferd, den Weg nach Capua einschlagend. Nur ein geringer Teil der Mannschaft konnte ihm folgen. Doch dienten ihm die Sümpfe, die sich zwischen Capua und Aversa befinden, zum Anhaltspunkt, und die beutelustigen Feinde zeigten keine Lust, sich der stark besetzten Brücke zu bemächtigen. Gepäck und Hausrat nebst vielen Gefangenen fielen in ihre Hände. Auch die Aversaner machten einen Ausfall ins Lager des Königs, wo sie das Fleisch noch an den Spießen und die Tische gedeckt fanden. Giornali del Duca . Caldora und Vitelleschi begaben sich hierauf nach Neapel, wo jedoch neuerdings offene Feindseligkeit zwischen beiden ausbrach. Der Kardinal hatte von der Königin die Uebergabe von Aversa verlangt, teils um seine Gefangenen unterzubringen, teils um einen festen Wohnort im Königreich zu besitzen, Caldora hatte sich im Staatsrate diesem Ansinnen widersetzt und Isabella es abgeschlagen. Hierauf wandte sich Caldora nach seinen Besitzungen in den Abruzzen, und der Kardinal beschloß nach Apulien zu ziehn, um jene reichen Provinzen zu brandschatzen. Hierüber waren besonders die Bürger von Trani, einer sehr wohlhabenden Stadt, erschrocken. Ein großer Teil der Einwohner war erst vor Kurzem vom Judentum zur christlichen Religion übergetreten und fürchtete für die unter der Aegide des alten Glaubens erworbenen Schätze. Sie schickten daher die Schlüssel der Stadt an Alfons, welcher versprach, in Kurzem einige Galeeren zu senden, um das Kastell, das noch in den Händen der Gegner war, von der Seeseite zu belagern. Dorthin wandte sich nun Vitelleschi und ging zuerst nach Andria, wo der Fürst von Tarent sich aufhielt. Aber bald kam es zwischen den Vitellesken und den Bürgern zu einem blutigen Kampf, und nur mit Mühe gelang es dem Fürsten, die Ordnung herzustellen. Der Verdacht des Kardinals, der dem Fürsten bereits mißtraute, vermehrte sich, als dieser wegen Gesundheitsrücksichten sich weigerte, gegen Trani mitzuziehn. Doch gewährte er dem Kardinal einen großen Teil seiner Reiterei. Die von Trani, an deren Spitze Paolo Palagano stand, hatten zwischen der Stadt und dem Kastell, das auf einer Landzunge liegt, einen tiefen Graben gezogen, um einen Ausfall unmöglich zu machen. Um denselben zu überschreiten, ließ Vitelleschi die Reiter absitzen; aber die Reiterei des Fürsten weigerte sich, zu gehorchen, und der Kardinal, der sich verraten glaubte, verließ Trani und zog mit den Seinigen nach Bisceglia und Giovinazzo, wo er alles vorsätzlich verheeren ließ. Für jeden abgehauenen Olivenstamm gab er seinen Söldlingen einen Ablaß von hundert Tagen. Giornali del Duca. Als er aber mit jedem Augenblick den aragonischen Schiffen entgegensehen mußte und die ganze Macht des Fürsten von Tarent im Rücken hatte, als endlich Caldora, an den er Boten geschickt, sich weigerte, ihm zu Hilfe zu eilen, verließ ihn der Mut. Auf einer kleinen Barke schiffte er sich nach Ancona ein und ging von dort nach Ferrara, wo damals Eugen mit dem griechischen Kaiser eine Kirchenvereinigung bezweckte. Noch einige Zeit gelang es ihm sich in der Gunst des Papstes zu erhalten und einem großen Teile des Kirchenstaats vorzustehn. Doch endlich stürzten ihn seine eigenen Ränke oder der Haß des Patriarchen von Aquileja, von welchem Eugen beherrscht wurde. Vitelleschi ward beschuldigt, ein geheimes Verständnis mit Niccolo Piccinino, dem Feldhauptmann des Visconte, zu unterhalten, und als er eben im Begriff war, mit seinem Heere Rom zu verlassen, um nach Toscana zu ziehn, und vorher noch den prachtvollen Palast in Augenschein zu nehmen, den er sich in Corneto erbaut hatte, hielt ihn der Befehlshaber der Engelsburg auf der benachbarten Brücke an und lockte ihn unter einem Vorwande bis ans Thor des Kastells, wo er von den Wachen gefangen genommen und, da er sich zur Wehre setzte, verwundet wurde. An diesen Wunden starb er bald darauf, oder, wie es wahrscheinlicher ist, an Gift. Bonincontrius. Garimberti. Die Truppen, die er in Apulien zurückgelassen, wußte Caldora an sich zu ziehn, und diesem fiel auch der reiche Hausrat des Kardinals in die Hände. Die Burg von Trani jedoch, zu Land und See belagert, übergab sich nach tapferm Widerstand, und die genuesischen Galeeren, die ihr zu Hilfe eilen wollten, kamen zu spät. Der Fürst von Tarent ließ die päpstlichen Zeichen von den Zinnen seiner Schlösser abnehmen und erklärte sich wieder offen für Alfons. Siebentes Kapitel. Endlich im April 1438 langte in Neapel die Nachricht von der Befreiung des Renatus an. Er mußte dem Herzog von Burgund ein ungeheures Lösegeld bezahlen und vier lothringische Festungen zum Pfand geben. Barante. In der Provence mit Freudenbezeugungen aufgenommen und die Stände um Geld bittend, schiffte er sich mit fünf Galeeren nach Genua ein. Die Genueser gaben ihm sieben Schiffe zur Begleitung, und zwei andere fand er in Porto Venere. In Porto Pisano kam ihm Francesco Sforza entgegen und bot ihm seine Dienste an. Renatus lehnte sie ab, sei es aus Geldmangel, sei es, weil er fürchtete, Caldoras Eifersucht zu erregen. Zu Neapel landete er an der Magdalenenbrücke und begab sich ins Castel Capuano. Der Papst hatte ihm die Investitur zugeschickt, und am folgenden Himmelfahrtstage ritt er, die Krone auf dem Haupte, durch die Stadt. Auf das Verlangen seiner Gemahlin schlug er siebenundzwanzig vornehme Jünglinge zu Rittern, und die damit verbundenen Feste waren vom größten Jubel des Volks begleitet, das den ganzen Krieg für beendigt hielt. Aber Geldmangel vermochte ihn, die genuesische Flotte wieder zu entlassen, und als seine Armut bekannt wurde, nahm sein Anhang bedeutend ab. Giornali del Duca. Caldora wurde nun aus Apulien, Micheletto aus Kalabrien herbeigerufen, und beide stellten ihre Söldnerscharen dem neuen Könige vor. »Ich vermag,« sagte ihm Caldora, »deiner Majestät kein andres Geschenk zu machen als diese Leute und sterbe zufrieden, dein Angesicht gesehn zu haben; denn da ich alt bin, will ich mich zurückziehn, um auszuruhen.« Renatus versetzte: Im Kriegshandwerk seien die Alten die Erfahrensten, und er hoffe, seines väterlichen Rats zu genießen. Hieraus ging Caldora nach Scafati und nahm es ein. Da jedoch Alfons in die Abruzzen gezogen war, fürchtete Caldora für seine Güter und entbot den Micheletto mit seinen Heerhaufen zu sich, um dem Könige desto sicherer die Spitze bieten zu können. Micheletto bat ihn, noch ein paar Tage Geduld zu haben, worauf er ihm folgen wolle. Caldora, darüber entrüstet, ließ ihm sagen, er möchte nur zu den Stieren von Kalabrien zurückkehren; worauf Micheletto erwiderte, Caldora möchte nach Belieben die Schafe in den Abruzzen heimsuchen. Cronica di Napoli. Alfons war unterdessen gegen Sulmona vorgerückt, und diese Stadt hatte ihm ihre Schlüssel übersandt. Caldora folgte ihm und schlug ein festes Lager bei Casa Candidella unweit Sulmona. Beide Heere standen sich hier gegenüber, nur ein Bach trennte sie. Aber Alfons vernahm, daß Francesco Sforza nördlich durch die Marken ins Königreich eingedrungen, um die Besitzungen des Josua Acquaviva, seines persönlichen Feindes, zu verwüsten, der einer der Feldhauptleute des Königs war. Dieser, um nicht von beiden Seiten eingeschlossen zu werden, vermied eine Schlacht mit Caldora und zog sich nach Celano und Alba, die er eroberte. Sforza stand indessen in Atri und rückte nicht weiter vor, wahrscheinlich durch den Visconte zurückgehalten, der ihm seine Tochter Bianca zur Ehe versprochen hatte; wiewohl florentinische Geschichtschreiber behaupten, der Visconte hätte ihn geflissentlich als gelegentliches Schreckbild gegen Alfons in die Abruzzen einrücken lassen. Alfons schickte ihm drei schöne Pferde und ein prächtiges, mit Perlen gesticktes Kleid. Zugleich bot er ihm den Stab des Großkonnetabels und den Besitz von Salern an. Sforza schickte die Geschenke zurück, mit dem Bemerken, daß er bessere Pferde besitze als der König. Cronica di Napoli. Zurita. Caldora beschwor hierauf den Renatus, sich mit ihm zu vereinigen, um den Krieg mit einem Schlage zu beenden. Renatus machte sich mit Micheletto auf den Weg, und in Torrello erschien vor ihm der Graf von Caserta und huldigte ihm. Bei Sulmona vereinigten sich die beiden Heere; doch mißlang die Einnahme dieser Stadt. Die Aquilaner jedoch, der französischen Partei leidenschaftlich ergeben, sandten ihm siebentausend Mann Fußtruppen, so daß das Heer des Renatus bis zu achtzehntausend Mann stieg. Giornali del Duca Alfons erhielt hievon Nachricht, als er bei Castelvecchio sich sorglos dem Vergnügen der Jagd hingab. Er floh hierauf mit den Seinigen ins Lager. Doch Renatus bezweckte keinen Ueberfall. Er sandte Alfonsen einen Herold mit dem blutigen Eisenhandschuh, um ihn zur Feldschlacht, Heer gegen Heer, herauszufordern. Alfons nahm den Handschuh an und beschenkte den Herold reichlich, erwiderte jedoch, daß ihm selbst als Geforderten die Wahl des Kampfplatzes gebühre. Er bescheide daher seinen Nebenbuhler binnen acht Tagen nach Terra di Lavoro zwischen Acerra und Nola. Fazius Diesem Ruf zu folgen, war Renatus keineswegs geneigt, da er sich der Abruzzen mit leichter Mühe zu bemächtigen hoffte. Er eroberte verschiedene Kastelle und ward in Aguila mit großem Jubel empfangen. Dort hatte er mehrfache Unterredungen mit Fra Bernardino von Siena, der nachmals heilig gesprochen wurde, und besuchte dessen Predigten mit seinen Feldhauptleuten. Cirillo, Annali della città dell'Aquila . Im S. Bernardino zu Aquila bewundert man noch heutzutage das schöne Grabmal des Heiligen aus der besten Zeit der Kunst Durch die Geschenke der Aguilaner unterhielt er noch eine Zeitlang sein großes Heer; doch als der Sold erschöpft war, verließ es ihn größtenteils. Alfons erwartete unterdessen an der anberaumten Stelle den Feind, und als dieser nicht erschien, ließ er ein öffentliches Instrument darüber ausfertigen. Hierauf zog er durch die caudinischen Pässe nach Arpaja, bemächtigte sich der Stadt und nahm den Marino Boffa, dem sie gehörte, gefangen. Mit diesem versöhnte er sich und ließ ihn seine übrigen Kastelle abtreten, um sie ihm nach vollendetem Kriege zurückzustellen. Als der Graf von Caserta hörte, daß der König sich gegen seine Besitzungen wende, kam er ins Lager und schwur ihm abermals den Eid der Treue, indem er seinen Sohn als Geisel zurückließ; nicht ohne das Gespött des Lagers, wo man ihm vorwarf, in zwei Jahren die Feldzeichen fünfmal gewechselt zu haben. Zurita. Cronica di Napoli. Nachdem Alfons sich auch mit den Grafen aus der Familie Zurlo verständigt, rückte er gegen das Ende Septembers vor Neapel, um es zu Land und Meer zu belagern. Seine Galeeren beliefen sich auf zwölf, sein Landheer auf fünfzehntausend Mann. Neapel fand sich entblößt, da fast die ganze kriegsfähige Jugend den Renatus begleitet hatte. Ottino Caracciolo lag krank im Bette. Doch waren vier genuesische Schiffe in der Nähe, welche Lebensmittel herbeigeführt hatten, und es gelang diesen, ihre Mannschaft ans Land zu bringen, um der bedrängten Stadt beizustehn. Alfons bezog ein Lager auf der Nordseite, und nahe dabei hatte sich der Infant Don Pedro mit seinen Heerhaufen gelagert, unweit der Karmeliterkirche, in welcher Konradins Grab. Eines Tags, als eben der Infant die Seinigen anfeuerte, traf ihn eine Kugel vom Glockenturm jener Kirche. Sie zerschlug ihm den Schädel, den sie mit sich ins nahe Meer führte. Alfons erhielt diese Botschaft, als er eben in der Magdalenenkirche die Messe hörte. Doch erhob er sich nicht eher von den Knien, als bis der Gottesdienst beendigt war. Hierauf ließ er sich zum Leichnam seines Bruders führen, und weinend öffnete er dessen Harnisch und küßte die nackte Brust, indem er ausrief: »Frater, laborum et gloriae nostrae particeps, aeternum vale!« Mazella. Fazius. Don Pedro starb im siebenundzwanzigsten Jahr seines Alters, an Schönheit und Tapferkeit hervorragend, zum Krieger geboren. Ein Kalabrese hatte die seidene Mütze des Infanten gefunden und brachte sie in die Stadt zur Königin Isabella. Doch empfing diese die Nachricht unter Thränen, den Tod eines Verwandten in ihm beklagend. Sie bot Alfonsen an, den Infanten in der Stadt begraben zu lassen, und wollte ihm den ganzen Klerus heraussenden. Alfons lehnte es ab und ließ den Leichnam in einer verpichten Kiste nach dem Castel dell' Ovo bringen, um ihm dermaleinst ein feierliches Leichenbegängnis zu bereiten. Sechsunddreißig Tage stand der König vor Neapel. Da traten so heftige und andauernde Regengüsse ein, daß es unmöglich schien, sich länger im Lager zu halten. Gott wolle nicht, hieß es, daß Neapel genommen werde. Schon Don Pedros Tod hatte die Soldaten entmutigt; denn man schrieb seinen Fall einer göttlichen Strafe zu, weil er die Kirche hatte beschießen lassen. Zugleich tischten die Priester ein Wunder auf, dem auch der König Glauben schenkte. Er zog sich hierauf nach Capua und der Fürst von Tarent nach Apulien. Achtes Kapitel. Als Renatus von der Belagerung Neapels Kunde erhielt, zog er aus, die Hauptstadt zu retten, und schickte den Caldora gegen Ventimiglia, der ihm den Weg versperren wollte. Ventimiglia ward geschlagen, und Renatus drang bis Neapel vor. Caldora kehrte sogleich in die Abruzzen zurück und nahm den einzigen Sohn des Herzogs von Sessa, den er gefangen genommen, mit sich, da er ein großes Lösegeld für denselben erwartete. Dem Renatus, der seine persönliche Hilfe verlangte, machte er Vorschüsse, wofür ihm dieser Aversa verpfändete. Noch ehe dies geschah, hatte Alfons Caivano, einen zwischen Neapel und Caserta gelegenen Ort, erobert, welchem Renatus wegen Geld- und Truppenmangel keinen Beistand verleihen konnte. Doch fiel Caivano in seine Hände, nachdem Alfons sich gegen Ponte corvo gewandt hatte, um keinen Feind im Rücken zu behalten. Alfons kehrte nun sogleich zurück und bemächtigte sich des Städtchens abermals, worauf er seine Truppen nach Mondragone legte. In seine Fahnen hatte er einen gekrönten Drachen als Sinnbild der Wachsamkeit aufgenommen, im Gegensatz eines andern Emblems des Renatus, welches einen Stier vorstellte, mit der Aufschrift: Pas à Pas . Mazella. Um diese Zeit erschien ein französisch gesinnter Priester aus Pozzuoli vor dem Renatus und versprach, das Castel dell' Ovo in dessen Gewalt zu bringen. Unter der Besatzung befindet sich einer seiner Freunde und Landsleute, Namens Giacomo Cecato, Schwiegersohn des Kastellans, und ihn hoffe er vermittels Versprechungen leicht zu überreden. Renatus verhieß ihm eine bedeutende Belohnung, und der Priester offenbarte seinem Freunde den Vorschlag. Giacomo ging scheinbar darauf ein, teilte jedoch den Plan sogleich seinem Schwiegervater mit, der sich darüber bei Arnaldo Sanz, einem Katalonier, der im Castel nuovo befehligte, Rats erholte. Arnaldo schlug vor, sich einer List zu bedienen, um den Feind in die Falle zu locken. Giacomo mußte mit ein paar Franzosen, die Renatus unter dem Vorwande der Auswechslung von Gefangenen ins Castel dell' Ovo geschickt hatte, sich besprechen und zeigte sich bereitwillig, in einer anberaumten Nacht, wo er die Wache hatte, das Kastell zu überliefern. Renatus schickte zuerst fünf Mann und zwei Trompeter voraus, welche letztere, nachdem die beiden ersten Thore in ihrer Gewalt seien, ein Zeichen geben sollten. Jene fünf wurden von Giacomo festgehalten und die Trompeter zum Blasen gezwungen. Nun ließ Renatus die Seinigen über den Brückendamm nach dem Inselkastell vorrücken, während die Besatzung auf den Mauern stand, um sie mit Steinen zu zerschmettern. Da jedoch die Nacht sehr finster war, so hatten die Argonesen ihre Feinde nicht nahe genug herankommen lassen: die List wurde bald entdeckt, und nur wenige waren verwundet. Fazius Dieser Vorfall hatte jedoch sehr bedeutende und für Alfons nachteilige Folgen. Bald hierauf nämlich ließ Arnaldo Sanz die genuesischen Schiffe bombardieren, die sich noch immer, unter Anführung des Niccolo Fregoso, im Hafen befanden. Da geschah es, daß ein Stein (denn eiserner Kugeln scheint man sich noch selten bedient zu haben) unmittelbar bei dem Fregosen, der eben Geld zählte, niederfiel und das Schiff namhaft beschädigte. Niccolo schwur, dafür Rache zu nehmen. Er ließ auf dem Dach einer am Molo gelegenen Kirche eine Balliste aufpflanzen und das Kastell dergestalt mit Steinwürfen übersäen, daß die Wachen sich nicht mehr zu halten vermochten. Arnaldo schickte hierauf eine Barke ins Castel dell' Ovo und ließ jene fünf gefangenen Franzosen herbeiführen, welche er den Geschossen der Wurfmaschine aussetzte. Als die Genuesen gleichwohl fortfahren wollten, zu schießen, eilte ein französischer Anführer herbei, beschützte seine Landsleute und forderte den Fregosen auf, statt einer ungerechten, lieber eine ruhmwürdige Rache zu nehmen und den Turm S. Vincenzo, der dem Castel nuovo zum größten Schutz gereiche, zu erobern. Er selbst wolle ihm hierin mit den Seinigen beistehn. Niccolo willigte ein, und Renatus ward davon benachrichtigt. Der Turm S. Vincenzo lag unweit des Kastells, auf allen Seiten vom Meer umgeben; eine starke Mauer schützte ihn von der Seeseite gegen die Brandung. Arnaldo sandte sogleich zwanzig der Tapfersten nach dem Turm, die jeden Versuch der Uebergabe sich selbst dadurch zu vereiteln suchten, daß sie die Schlüssel ins Meer warfen. Fazius Aber Arnaldo, dessen Pulvervorrat erschöpft war, konnte nicht verhindern, daß eines der Schiffe zwischen Turm und Kastell seine Stellung nahm, so daß der erstere von allen Seiten umschlossen und bestürmt wurde. Die Besatzung stand auf der Plattforme, welche den Turm umgab: aber das Geschütz der umringenden Feinde wirkte so heftig, daß jene, bereits alle verwundet, ins Innere zurückzuweichen gezwungen waren. Die Franzosen bemächtigten sich der Plattforme, und es gelang ihnen, nach siebenstündigem Gefecht die Thüre des Turms in Brand zu stecken, worauf sie hineindrangen und die Besatzung zwangen, die Waffen niederzulegen. Renatus, die Tapferkeit der Feinde ehrend, ließ die Verwundeten verpflegen. In ihm war hiedurch der Gedanke aufgestiegen, sich auch des Kastells zu bemächtigen, da er bemerkt hatte, daß es gänzlich an Pulver fehle. Hierin bestärkte ihn ein Soldat, der sich aus dem Kastell an einem Seile heruntergelassen; dieser verriet ihm, daß die Lebensmittel beinahe aufgezehrt seien. Sobald Alfons, der in Gaeta stand, Nachricht von der Einnahme des Turms erhielt, sammelte er seine Truppen und zog gegen die Hauptstadt, nur daß er zuerst noch die Ankunft des Fürsten von Tarent erwarten wollte. Eine zweite Verzögerung wurde ihm durch die List eines gewissen Marco Persico bereitet, der als scheinbarer Ueberläufer ihm versprach, die Karmeliterkirche Neapels, welche am Ausgange eines Thors nach der Seeseite gelegen und stark befestigt war, in seine Gewalt zu bringen. Doch müßte man der Sicherheit wegen den Neumond abwarten. Unterdessen hatte Renatus vor dem Castel nuovo ein Lager geschlagen, das er mit einem Walle und doppelten Graben umzingelte. Zugleich wurde eine Balkenkette vom Turm S. Vincenzo bis zum Molo gezogen und dieselbe durch die genuesischen Schiffe bewacht. Endlich kam der König Alfons über die Berge herbei und lagerte auf dem Pizzofalcone, welcher damals außerhalb der Stadt lag. Doch war diese Stellung, da sie dem Geschütz von S. Elmo ausgesetzt war, unhaltbar. Einzelne Kämpfe entspannen sich nun zwischen beiden Lagern, und unter andern drang Pierluigi Origlia, des Renatus Haushofmeister, ins aragonische Lager ein, um seine Lanze zu brechen. Alfons bewunderte dessen Tapferkeit und verbot, bei dem Verlust der beiden Hände, nach dem Origlia mit einem Feuergewehr zu zielen. Bloß Schwert und Lanze seien gegen ihn erlaubt. Collenuccio. Um diese Zeit wollten sich die Provençalen eines Geschützes bemächtigen, das vor dem Thore des Kastells ausgepflanzt war. Sie drangen mit Ungestüm vor, befestigten an der Kanone ein Seil und zogen sie gegen den Molo zu. Aber Arnaldo ließ sogleich eine Menge Steine auf sie hinabwerfen, und unmittelbar darauf machten die Katalanen einen Ausfall, trieben den Feind zurück, zerschnitten das Seil mit den Schwertern und brachten die Kanone im Triumph zurück. Bei diesem Anlasse hatten sich drei genuesische Schiffe jenseits des Molo gezogen, und diesen Augenblick benutzte der Kastellan des Kastells dell' Ovo, um ein Boot mit achtunddreißig Mann und einigen Lebensmitteln nach dem Castel nuovo zu senden, welche glücklich, wiewohl nicht ohne hartnäckigen Kampf, ihre Bestimmung erreichten. Bald hierauf gelang es auch dem Arnaldo, durch zwei in einem Kahne befindliche Seesoldaten die Hafenkette zu brechen, indem sie einen eisernen Haken daran befestigten, welcher vom Kastell aus durch ein Seil gelenkt wurde. Doch frommte dieses Wagestück wenig, da die Genueser ihre Wachsamkeit verdoppelten. Indessen unterhielt Arnaldo seinen Verkehr mit Alfons durch einen Schwimmer, der die in eine Wachskugel verpichten Briefe unter dem Wasser beförderte. Fazius. Constanzo. Da im Kastell die Lebensmittel sowohl als Steine und Wurfgeschütz völlig ausgingen, vergönnte Alfons dem Kastellan, in Unterhandlungen einzugehn. Er selbst zog sich mit dem Heere nach Castellamare, weil in seinem Lager, das beständig von S. Elmo beschossen wurde, die größte Unzufriedenheit überhand nahm. Man wolle gern, hieß es, im Kampfe sterben, aber nicht wie Ziegen erlegt werden. Um diese Zeit waren Gesandte des Königs von Frankreich angekommen, die den Frieden vermitteln sollten. Wolle Alfons (so wurde vorgeschlagen) dem Renatus einen jährigen Waffenstillstand bewilligen, so solle nach Ablauf dieser Zeit das Castel nuovo sein gehören, unterdessen aber in der Gewalt der Gesandten verbleiben, denen es Arnaldo um freien Abzug bereits übergeben hatte. In diesen Vorschlag einzugehn, war Alfons wenig geneigt. Da geschah es, als sich die Abgesandten von Neapel aus zum Könige begeben wollten, daß sie auf dem Wege von katalanischen Kriegsknechten überfallen und geprügelt wurden. Hierüber erbittert, reisten sie sogleich ab und übergaben das Kastell dem Renatus, die Rache ihres Monarchen androhend. Giornali del Duca. Diese blieb jedoch aus, da Karl VII. zu viel bei sich selbst beschäftigt war. Die Uebergabe erfolgte im August 1439. Alfons ging hierauf von Castellamare nach Salern, welche Stadt er, nicht aber das feste Schloß, einnahm und dem Raimund Orsino schenkte. Sodann eroberte er Capaccio, versöhnte sich mit den Sanseverinen und ging nach Kampanien zurück, als er hörte, daß Jakob Caldora aus den Abruzzen herannahe. Er versperrte diesem den Uebergang des Volturno unweit S. Agata. Caldora, welchem ohnedem die Nachricht zukam, daß Neapel an Lebensmitteln Mangel habe, zog sich ins Beneventanische. Hier wollte er seine Soldaten in eine kleine Stadt, Namens Colle, einquartieren; doch widersetzte sich der Magistrat. Caldora beschloß nun, die Stadt mit den Waffen zu nehmen. Als er nun außerhalb derselben mit dem Grafen Altavilla und einigen andern spazieren ritt, rühmte er sich, bald gewaltsam nach Neapel vordringen zu wollen. Er habe siebzig Jahre, doch fühle er die Kraft eines Fünfundzwanzigjährigen. Aber bei diesen Worten überfiel ihn ein Schlagfluß, und er stürzte, von den Seinigen aufgefangen, vom Pferd. Cronica di Napoli. Ins Zelt getragen, starb er bald nachher im November des oben erwähnten Jahrs und ward in Sulmona begraben. Er hinterließ den Ruf des erfahrensten Feldherrn seiner Zeit und des habgierigsten. Uebrigens besaß er außerdem eine große Beredsamkeit und jene feinere Bildung, die nur aus Büchern erlernt wird. Den Herzogstitel, der ihm erteilt war, legte er sich niemals bei. Auf dem Harnisch seiner Pferde und den Bedeckungen der Wagen war folgendes Motto angebracht: » Coelum coeli Domino, terram autem dedit filiis hominum. « Neuntes Kapitel. Bald hierauf geschah es, daß Acerra sich dem König Alfons übergab und seinen ehemaligen Herrn, den Fürsten von Tarent, zurück verlangte. Nun ward auch trotz des strengen Winters Aversa eingenommen und das feste Schloß durch Giovanni Ventimiglia belagert. Renatus, der ganz Kampanien in den Händen des Königs sah und dem Aversa wegen der Zufuhr von Lebensmitteln vor allem wichtig war, entbot den Antonio Caldora mit seinem Heere nach Neapel. (Denn dieser hatte sich nach den Abruzzen gezogen, weil er nach dem Tode seines Vaters einen Abfall der Vasallen befürchtete.) Zugleich bestätigte ihn Renatus in den Lehen und Würden seines Vaters. Aber Antonio entschuldigte sich, daß er als neuer Feldherr, ohne vorher die Truppen zu besolden, einen solchen Zug nicht wagen könne; vielmehr solle sich Renatus nach den Abruzzen begeben, wo er die ihm ergebenen Provinzen leicht zu einer Beisteuer bewegen könne. Renatus, der einen Verrat von seiten Antonios besorgte, wollte demselben jede Ausflucht abschneiden und beschloß, ihm nach Apulien entgegenzukommen. Mit den Truppen war dies unmöglich, teils weil sie der Macht Alfonsens nicht gewachsen waren, der alle festen Plätze in seiner Gewalt hatte; teils weil Neapel nicht entblößt werden durfte. Er bediente sich daher einer List und ließ öffentlich bekannt machen, daß er seine Sache für verloren erachte und auf einem genuesischen Fahrzeuge nach der Provence zu schiffen gewillt sei. Diese Nachricht wurde sogleich dem König von Aragon hinterbracht, der Neapel bereits für erobert hielt, weshalb dann auch die Zugänge von Campanien nachlässiger bewacht wurden. Giornali del Duca. Cronica di Napoli. Da ließ Renatus gegen Ende Januars 1440 eine Anzahl seiner Getreusten bei Nacht zu sich einladen, teilte ihnen seinen Plan mit, heimlich zu den Caldoresken zu entfliehn, und empfahl ihnen seine Gemahlin und Kinder. Vierzig Ritter begleiteten ihn und einiges Fußvolk. Mehrere junge neapolitanische Edelleute gingen zu Fuß mit, da sie keine Zeit mehr fanden, ihre Pferde zu holen. Einsame Feldwege einschlagend, sahn sie sich mit Tagesanbruch im Angesichte Nolas. In Bajano wurden sie angehalten und gaben sich für Aragonesen aus, die Summonte erobern wollten, indem sie » Orso! Orso! «, den orsinischen Kriegsruf, ertönen ließen, der von denen in Bajano wiederholt wurde. Bei hellem Tage schien es nicht länger ratsam, auf offenkundigen Straßen zu verweilen, und Fra Antonello, ein Mönch aus Monte Vergine (einem berühmten Wallfahrtsort bei Avellino), führte sie übers Gebirg, wo sie jedoch einige Fuß hoch Schnee trafen. Dabei trat Regen und Schneegestöber ein, und mehrere verunglückten. Auch fehlte es an Nahrungsmitteln. Nur ein Soldat hatte dreizehn Brote und eine Flasche Wein bei sich, die Renatus selbst unter die Ermatteten verteilte. So kamen sie nach S. Angelo della Scala, einem befreundeten Ort, der dem Ottino Caracciolo zugehörte. Der Kastellan empfing den Monarchen aufs beste und gab ihm seine Kleider zum Wechseln, da Renatus durchnäßt war und die Mantelsäcke verloren gegangen. Zugleich schürte er ein großes Feuer an, und Renatus sott sich selbst die Eier; denn es war Fasttag. Auch schaffte der Kastellan mit Mühe ein kleines Glas für den König herbei, da sonst nur irdene Krüge vorhanden waren. Doch Renatus versetzte, er wolle die Landessitte nicht verderben, und trank aus dem Krug. Giornali del Duca. Erquickt und getrocknet schlugen sie die Straße von Benevent ein. Die Bauern von Pietra Stornina überfielen den Zug mit Geschrei, da sie den König nicht erkannten. Aber ein französischer Hauptmann mit einigen Reitern trieb sie zurück und machte fünf von ihnen zu Gefangenen, die er dem Renatus, der sich bereits bei Altavilla befand, zuführte. Die Landleute knieten vor demselben nieder; doch er hieß sie aufstehn und frei in ihre Heimat zurückkehren, indem er sagte: »Ich bin Renatus, der gekommen ist, das Land zu retten, und nicht, es zu verderben.« Als die von Altavilla dessen gewahrten, brachten sie Lebensmittel aus der Stadt und luden den König ein, bei ihnen zu übernachten, wiewohl sie der feindlichen Partei angehörten; denn der Graf hatte sich nach Calderas Tode mit Alfons verglichen. Renatus nahm diese Einladung nicht an und ritt noch in der Nacht bis Benevent, wo ihn der Erzbischof in sein Haus aufnahm und ihm fünfzig Dukaten vorstreckte. Des andern Tags aß Renatus in der ärmlichen Wohnung des Fra Antonello, der in Benevent zu Hause und leidenschaftlicher Anhänger der provençalischen Partei war. Diese Huld und Leutseligkeit des Königs erwarb demselben allenthalben Freunde, und viele boten sich an, ihn zu begleiten. Er hieß sie jedoch zurückkehren und bat sie, wenn sie ihm wahrhaft dienen wollten, auf Schleichwegen Lebensmittel nach Neapel schaffen zu lassen. Constanzo. Er selbst ging nach Padula. In der Nähe standen ein paar der feindlichen Partei angehörige Condottieren mit einer kleinen Truppenzahl, die ihm jedoch zwei Pferde und sechs silberne Tassen überschickten und sich bereit zeigten, in seinen Sold zu treten, was Renatus auch annahm. Sodann ging er nach Lucera und endlich nach Aquila. Ueberall wurden ihm Geldgeschenke überbracht, die aber nicht hinreichten, um den Antonio Caldora zu befriedigen. Unterdessen hatte Alfons die Flucht des Renatus mit großem Unwillen vernommen. Er schalt diejenigen, die ihm die Nachricht von dessen Einschiffung überbracht hatten, und sagte zu den Umstehenden: »Nun gilt es, dich jeder seine Schuldigkeit thue, da jener Löwe entfesselt ist!« Cronica di Napoli. Die Belagerung der Burg von Aversa ward nun mit großem Eifer und bedeutenden Kriegsanstalten betrieben. Renatus wandte alles an, um diesen wichtigen Punkt zu retten; allein Antonio Caldora war den ganzen Frühling hindurch zu keinem Aufbruch zu vermögen. Endlich, gegen Ende Mais, war Renatus bis Dragonara vorgerückt, in der Hoffnung, Caldora werde nachfolgen. Dieser aber befand sich in Carpenone bei seiner Gemahlin, die er auf das zärtlichste liebte. Als Renatus ihn auch bis dorthin aufsuchen wollte, kam ihm Antonio beschämt bis Bajano entgegen, und empfing von ihm das demselben noch übrige Geld, womit er sich aber auch nicht beruhigen wollte, wiewohl Renatus versprach, ihn in Neapel besser zu befriedigen, wo er von den Florentinern geschickte Summen erwarte. Cronica di Napoli. Mit Mühe ließ sich Caldora endlich von seinem Schwager Trojano Caracciolo, den Alfons aus Avellino verjagt hatte, bereden, sich dem Heer des Renatus anzuschließen. Durchs Beneventanische wollte dieser letztere gegen Aversa vordringen. Aber Alfons kam ihm durch die caudinischen Pässe entgegen. Als sich die Heere gegenüberstanden, sandte Renatus einen Herold ins aragonische Lager, um dem König Alfons abermals einen Zweikampf, sei es Mann gegen Mann oder Schar gegen Schar, anzubieten, welcher über die Herrschaft des Landes entscheiden solle. Aber Alfons antwortete, daß er bereits die meisten Plätze des Reichs in seiner Gewalt habe und nicht mehr darum kämpfen könne. Auch sei das Ziel eines guten Feldherrn nicht der Kampf, sondern der Sieg. Zurita. Renatus entschloß sich hierauf zur Schlacht und griff das Lager des Königs mit außerordentlichem Ungestüm an. Auch begannen bereits die Aragonesen zu weichen, und Alfons, welcher sich Unwohlseins halber in einer Sänfte tragen ließ, war nahe daran, in Gefangenschaft zu geraten. Da rief Antonio Caldora plötzlich seine Leute aus dem Treffen zurück, und als ihm Renatus darüber Vorwürfe machte, versetzte er, der Feind sei überlegen, es sei ein Hinterhalt zu befürchten, und Renatus sei von der Art, in Italien Krieg zu führen, nicht unterrichtet. Schon früher soll Riccio da Montechiaro, Antonios Freund, einen Reiter an Alfons geschickt haben, um ihm zu versichern, daß Antonio und er selbst seine Diener seien. Vielleicht hätte Caldora diesen Tag zu völligem Abfall benutzt, wenn er nicht bemerkt hätte, daß Renatus die Truppen durch seine Tapferkeit begeistert habe. Cronica di Napoli. Dieser letztere eilte nun gegen Neapel, und Antonio, wiewohl widerwillig, mußte nachfolgen. Da Proviant von Genua ankam, so fiel Antonios Vorwand, in Neapel Hungers sterben zu müssen, zu Boden. Während Alfons nach Aversa zurückgekehrt war, jedoch vergeblich den ihm vom Visconte mit viertausend Reitern zu Hilfe gesandten Niccolo Piccinino erwartete (denn dieser war unterdessen von den Florentinern besiegt worden), schlug Renatus ein Lager bei Neapel, auf dem Weg nach Nola, und lud die sämtlichen Feldhauptleute zu einem Mittagsmahle ins Castel nuovo ein. Hier richtete er folgende Worte an Caldora: »Herzog, Ihr wißt, daß ich Euch nach dem Tode Eures Vaters in allen seinen Würden und Besitzungen bestätigte und Euch bat, hieher zu eilen, um mir und dieser Stadt beizustehn. Ihr fandet für gut, mich zu überreden, zu Euch zu kommen, und ich, den königlichen Anstand auf die Seite setzend, folgte Eurem Rate. Mit Gefahr meines Lebens durchzog ich die Provinzen, nicht als König, sondern vielmehr als Euer Steuereinnehmer, und alles Geld, das ich eingetrieben, übergab ich Euch. Gleichwohl wißt Ihr, wie viele Mühe es mir kostete, Euch zum Abmarsche zu bewegen. Auf der Reise, wenn ich eine Sache anordnete, befahlt Ihr das Gegenteil, und bei den caudinischen Pässen habt Ihr mir den sichern Sieg entrissen. Aus Liebe zu Eurem Vater will ich Euch in allen Euren Titeln und Güterbesitzungen ungekränkt lassen; aber ich will, daß Eure Truppen, die ich bezahlen muß, auch meinen Befehlen gehorchen.« Cronica di Napoli. Giornali del Duca. Antonio wollte sich entschuldigen; Renatus aber ließ ihm ein Zimmer des Kastells zur Haft anweisen. Als jedoch des erstern Dienerschaft diese Nachricht im Lager verbreitete und hinzufügte, daß Antonio solle enthauptet werden, entstand ein Tumult unter den Caldoresken, und die provençalischen Feldzeichen wurden zerrissen. Raimund Caldora jedoch, Antonios Oheim, beruhigte die Truppen und begab sich zum Renatus, um diesen zu bewegen, dem Antonio die Freiheit zu schenken; dann wolle er für das Heer gut stehen. Antonio wurde nun befreit und als Vicekönig nach den Abruzzen abgeschickt, worauf die Truppen den Eid der Treue leisteten. Aber bald erfuhr man, daß Antonia, statt abzureisen, sich an der Magdalenenbrücke befinde und den größten Teil des Heers um sich versammelt habe. Er schickte einen Boten um den andern an Renatus und bat um seine Wiedereinsetzung als Feldherr, indem er die Schande nicht ertragen könne, allein und mit der Fahne im Sack nach den Abruzzen zurückzukehren. Giornali del Duca. Renatus, mit Recht entrüstet, wollte sich zu keinem Vergleich verstehn, und endlich ließ ihm Antonio sagen, er befände sich auf der Magdalenenbrücke und nicht im Kastell und könne jeden Augenblick zu Alfons nach Aversa abziehn. Endlich auf das Zureden von Antonios Verwandten schickte ihm Renatus zweitausend Dukaten und befahl ihm, zurückzukehren. Aber Antonio, der sich von Alfons einen Geleitsbrief ausgewirkt, ging mit den Truppen nach den Abruzzen. Ihm folgte auch Trojano Caracciolo, sein Schwager, nachdem er sich bei Renatus beurlaubt. Dieser letztere, durch solche Treulosigkeit außer Fassung gebracht, schickte auch den Raimund Caldora mit den Seinigen von sich; denn obgleich er ihn, wie er sagte, für einen Biedermann halte, so genüge doch der Name Caldora, um ihn abzuschrecken. So blieb Renatus mit wenigen Kriegshaufen in Neapel zurück. Ehe jedoch Antonio abreiste, hatte er noch eine heimliche Unterredung mit Alfons in einem Wäldchen bei Acerra, wohin sich der König unter dem Vorwand der Jagd begab. Alfons soll hier, über die außerordentliche Schönheit und kriegerische Gewandtheit Antonios erstaunt, zu den Seinigen geäußert haben: »Dieser Mann würde der erste Ritter in der Christenheit sein, wenn er reiner Gesinnungen fähig wäre.« Constanzo. Eine nähere Verbindung kam jedoch nicht zustande, da beide den Fürsten von Tarent scheuten, der, ein Todfeind der Caldoresken, die Würde des Großkonnetabels bekleidete. Antonio aber, um dem Könige seinen guten Willen zu beweisen, vermochte den Kastellan von Aversa, dessen Freund er war, zur Uebergabe der Burg. Zehntes Kapitel. Nachdem Aversa verloren war, hielt Renatus seine Lage für so unsicher, daß er Frau und Kinder nach der Provence zurückschickte. Zugleich sollte ihr Bestreben sein, ihn von dorther mit Geld und Truppen zu unterstützen. Auch wurden Unterhandlungen solcher Art mit Alfons angeknüpft, daß dieser letztere in den vollen Besitz des Königreichs gesetzt werden solle; nach seinem Tode jedoch, da er keine rechtmäßigen Erben habe, solle das Land an die Söhne des Renatus zurückfallen. Alfons hatte wenig Veranlassung, in solche Bedingungen einzugehn, und auch die dem Renatus leidenschaftlich ergebenen Neapolitaner widersetzten sich jeder Aussicht auf katalanische Herrschaft. Unterdessen hatte Alfons, wiewohl fruchtlos, Pozzuoli und Torre del Greco belagert, die einzigen außer Neapel ihm in Kampanien noch abspenstigen Orte, und Garzia Cavanilla hatte auch Benevent durch Vertrag in die Hände des Königs gebracht. Sodann hatte Caldoras Statthalter in Apulien sowohl Bari als andere Städte dem Fürsten von Tarent überliefert. Antonio, der bisher eine zweideutige Rolle gespielt hatte, glaubte nun, wenn er nicht alles verlieren wolle, sich ernstlich der aragonischen Partei anschließen zu müssen. Er sandte daher seinen Sohn dem Könige als Geisel. Alfons gab denselben als Gesellschafter seinem eigenen natürlichen Sohn Ferrante bei, den er, einen achtzehnjährigen Jüngling, kürzlich aus Spanien entboten hatte. Wer die Mutter dieses Don Ferrante, der nachmals in der Geschichte Italiens eine so bedeutende Rolle spielte, gewesen, ist nie bekannt geworden. Da einmal Alfons geäußert haben soll, sie stünde höher als er selbst, so schloß man daraus, daß er mit seiner Schwägerin Donna Catalina von Kastilien in einem unerlaubten Umgang gelebt habe. Wahrscheinlicher ist, daß sie eine Ehrendame seiner Gemahlin gewesen, welche letztere vergiften ließ, worauf Alfons den Schwur solle gethan haben, die Königin niemals wiederzusehn, den er auch gehalten hat. Zurita. Wie dem auch sei, Alfons hatte sich den Don Ferrante zum Nachfolger in dem Lande erkoren, dessen Eroberung er bald zum Ziele zu führen hoffen konnte. In diesem Falle versprach er auch dem Antonio Caldora reichen Ersatz für die in Apulien eingebüßten Besitzungen, die er dem Fürsten von Tarent zu entreißen keineswegs gewillt war. Unterdessen hatte sich Renatus an den Papst und an Francesco Sforza gewandt, die ihm schleunige Hilfe zusagten. Francesco, welcher in Apulien Troja, Manfredonia, Lucera und andere Orte besaß, sandte den Cäsar Martinengo mit einem Heerhaufen, und dieser schloß sich an die Sforzeskische Besatzung an, die Viktor Rangone in Troja befehligte. Auch Renatus schickte seinen Feldherrn Lionello, Grafen von Celano, nach dieser Seite. Alfons, der Cajazza und einige andere feste Plätze eingenommen, zog sich nun nach Apulien. Antonio Caldora verstärkte ihn mit fünfhundert Reitern, da er selbst die Abruzzen wegen der Nähe Sforzas, der in den Marken stand, nicht verlassen wollte. Troja liegt auf einem Hügel, der die apulische Ebene beherrscht. Die Stellung des Feinds war vorteilhaft; doch Alfons, der zuerst seine Anzahl ausgekundschaftet, bot ihm die Schlacht an. Rangones Rat war, sich auf der Höhe zu halten und die Stadt zu verteidigen. Martinengo jedoch glaubte den rechten Flügel des Königs umgehen zu können und warf sich in die Ebene. Durch eine Wendung schnitt ihn Alfons von der Stadt ab, und indem jener sich wieder zu nähern strebte, entstand unter den Seinigen eine allgemeine Flucht. Der Graf von Celano mußte sich an einem Seil auf die Mauern von Troja emporziehn lassen. Cronichette antiche. Dem Francesco Severino gelang es, mit unerhörtem Sprunge, über den Stadtgraben zu setzen. Ein ebenso seltner Fall wird von einem aragonischen Ritter erzählt, der, den Feind verfolgend, bis in die Stadt hineinsprengte, aber wohlbehalten durch das entgegengesetzte Thor wieder hervorkam. So groß war die Verwirrung. Alfons selbst hatte sich zu weit hervorgewagt; er ward von einem Sforzesken angehalten, der ihn zum Gefangenen machen wollte und um seinen Namen befragte. Als jedoch Alfons mit entschiedener Fassung antwortete, er sei der König, fiel ihm jener zu Füßen und ergab sich ihm als Gefangener. Fazius. Das katalanische Heer begab sich hierauf nach Biccari, um dieses Kastell einzunehmen. Die Belagerten warfen volle Bienenkörbe auf den Feind herab, wodurch dieser erst zum Weichen gezwungen, sodann aber, durch den Mut des Lodovico Podio angetrieben, das Städtchen einnahm und plünderte. Fazius. Unterdessen hatte Francesco Sforza seinen Bruder Alexander ins Königreich geschickt, und dieser hatte bei Chieti den Raimund Caldora aufs Haupt geschlagen und gefangen genommen. Sodann knüpfte Francesco Unterhandlungen mit Antonio an und beredete ihn, die Partei des Königs, in dessen Heere er doch nur eine untergeordnete Rolle spielen könne, zu verlassen, wofür er seinen Oheim befreien wolle. Antonio, der gegen Alfons wegen der Nichtzurückgabe von Bari erzürnt war, fand sich zum abermaligen Wechsel geneigt und schloß sich mit den Seinigen an die Sforzesken an. Vorher ließ er jedoch den König bitten, ihm seinen Sohn auf einige Tage nach Carpenone, wo die Mutter krank läge, zu senden, welches ihm auch Alfons bewilligte. An demselben Tage, an welchem Alfons Caldoras Verrat erfuhr, verriet ihm ein Priester die Insel Capri, die er sogleich von seinen Galeeren besetzen ließ. Kurz darauf landete dort ein provençalisches Schiff, von jener Uebergabe nicht unterrichtet, und fiel mit einer großen Geldsumme in die Hände der Katalanen, wodurch die letzte Hoffnung des Renatus, den Krieg mit einigem Erfolge fortzusetzen, zu Grunde ging. Zwar hatte Eugen den Kardinal von Tarent mit einem Heere über die Grenze geschickt; aber dieser schloß bald darauf einen Waffenstillstand mit Alfons und zog sich wieder ins Römische zurück, wahrscheinlich weil dem Papste Francesco Sforza gefährlicher schien als Alfons. Die Genueser hatten den Arunzio Cibo mit achthundert Bogenschützen nach Neapel gesandt, und von dorther kamen auch von Zeit zu Zeit Lebensmittel; gleichwohl wuchs die Not in Neapel täglich, und das Getreide stieg zu ungeheuren Preisen. Das nicht waffentragende Volk mußte sich mit Kräuterkost begnügen. Denn Alfons hielt die Stadt bereits in strenger Belagerung und bemächtigte sich einer Bastei, die Renatus auf dem Pizzofalcone hatte erbauen lassen. Fazius. Dort ließ er seinen Sohn zurück und ging nach Pozzuoli. Diese auf einem schroffen, in den Golf von Bajä sich hinauserstreckenden Felsen erbaute Stadt war ihrer Lage nach unbezwingbar; da sie aber Alfons zu Land und Wasser umzingelte, zwang sie der Hunger zur Uebergabe. Diesem Beispiele folgte auch Torre del Greco. Auch Vico und Massa am sorrentinischen Vorgebirge wurden im Frühling 1442 von den Galeeren des Königs erobert, die Ebene von Sorrent, welche Stadt sich nicht ergeben wollte, verwüstet. Denn von dorther kamen noch häufig Barken mit Lebensmitteln nach Neapel. Während dieser Zeit hatte Riccio da Montechiaro unter dem Vorwand, daß er zu Alfonsens Partei gehöre, den Durchzug durch San Germano verlangt, den ihm der dortige Kastellan Arnaldo Sanz bewilligte. Als er sich jedoch auf dem Marktplatze befand, nahm er den Arnaldo gefangen und brachte die Stadt in seine Gewalt. Hierauf belagerte er das feste Schloß, das auf der Höhe unweit des Klosters von Monte Casino liegt. Alfons aber, davon unterrichtet, zog ihm in Eilmärschen entgegen. Sodann ließ er durch Mendoza den Berg umgehn, während er selbst die Truppen des Riccio von der Stadtseite angriff. Letzterer, der sich umzingelt sah. flüchtete zuerst mit den Seinigen ins befestigte Kloster und sodann nach den Grenzen des Kirchenstaats. San Germano öffnete dem Könige die Thore, worauf dieser zur Belagerung von Neapel zurückkehrte. Fazius. Elftes Kapitel. Da geschah es, daß zwei Brüder, der Maurerzunft angehörig, durch den Hunger aus der Stadt getrieben wurden und sich zu Alfons, der sich gerade in Aversa aufhielt, begaben. Sie entdeckten ihm, daß sie früher an dem Aquädukt, der das Wasser von Ogliuolo nach Neapel bringt, gearbeitet und daß die Stadt durch diesen Zugang am leichtesten zu erobern sei. Alfons, höchst erfreut über diesen Vorschlag, teilte ihn den Seinigen mit, die ihn jedoch als schwierig und unnütz zurückwiesen, indem die ausgehungerte Stadt keinen langen Widerstand mehr zu leisten fähig sei. Der König beschloß jedoch, diese Gelegenheit zu ergreifen, da er wußte, daß Antonio Caldora mit den Sforzesken sich anschicke, Neapel zu entsetzen. Cronica di Napoli. Das Nötige wurde verabredet, den Maurern große Belohnungen versprochen. Die Sache wurde jedoch in der Stadt ruchbar, und Renatus befahl zweien Anführern, der Wasserleitung zu wahren, und diese ließen innerhalb des Aquädukts eine dreifache Mauer erbauen, durch welche vermöge eines Gitters das Wasser seinen Durchfluß nehmen konnte. Am Fronleichnamsfeste, das Renatus feierlich beging, kam ein Neapolitaner aus dem aragonischen Lager in die Stadt und erzählte, Alfons hätte behauptet, binnen achtzehn Stunden in Neapel sein zu wollen. Dies wurde jedoch als leere Drohung verachtet. Die der Wasserleitung Vorgesetzten bedienten sich zur Untersuchung derselben eines gewissen Sacchitello, welcher aber, wahrscheinlich von den Feinden bestochen, einen ungetreuen Bericht abstattete. Wenigstens verschwand er kurz darauf aus der Stadt, indem er sich von der Mauer hinunterließ. Cronica di Napoli. An einem Abende in den ersten Tagen des Junius 1442 beorderte Alfons zweihundert Mann, welche samt den beiden Maurern mit Fackeln versehn durch einen außerhalb Neapel gelegenen Brunnen in den Aquädukt hinabstiegen. Sobald die ersten in der Stadt seien, solle der letzte ein Zeichen geben, auf welches der König mit dem Heere gegen die Stadtmauern vorrücken sollte. Alfons wartete lange vergeblich, endlich rückte er vor; da aber von den Seinigen keine Stimme laut wurde, zog er sich wieder zurück, indem er sie für verunglückt hielt. Dieser Zufall schlug ihm zum Vorteil aus, da die Wachen auf den Zinnen, als sie ihn abziehn sahen, nachlässiger wurden und zum Teil der Ruhe pflegten. Die Ursache jedoch der langen Zögerung derjenigen, die sich in der Wasserleitung befanden, war die vorgefundene Sperrmauer, welche erst zerstört und sodann der Weg geebnet werden mußte. Die Soldaten, die der Niedrigkeit des Gewölbes wegen bloß mit Armbrüsten und kurzen Picken bewaffnet waren, kamen endlich an den ersten Brunnen innerhalb der Stadt, unweit des Thors S. Sofia. Mit großen Schwierigkeiten war das Emporklettern im Brunnen verbunden, das sie jedoch, indem sich einer auf die Schultern des andern stellte, ausführten. Fazius. . Die Maurer steigen zuerst hinauf und sehn sich in einer kleinen Wohnung, wo sie eine alte Frau mit ihrer Tochter finden. Die Alte, welche Lärm schlagen will, wird teils mit Gewalt, teils mit Versprechungen zurückgehalten, indem auch die Tochter die Partei der Ankömmlinge ergreift. Vierzig Mann sind auf diese Weise glücklich emporgestiegen, da man sogleich Strickleitern hinabgelassen hatte. Da pocht der von der Arbeit zurückgekommene Sohn der Alten an der Thüre. Man beschließt, ihn zu töten, wird jedoch durch die Bitten der Mutter zurückgehalten. Als dieser nun bei geöffneter Thür die Gewaffneten wahrnimmt, ergreift er die Flucht und ruft durch die Straßen, daß der Feind in der Stadt sei. Die Soldaten, in Verzweiflung, stürzen aus dem Hause, um sich über die nahe Stadtmauer zu retten. Da sie aber dieselbe schlecht beschützt finden, töten sie die Wachen und suchen das Thor zu öffnen. Dieser Versuch mißlingt, und sie bemächtigen sich des nächsten Turms, auf dem sie die aragonische Fahne aufpflanzen. Alfons, der unterdessen das verabredete Zeichen erhalten, war wieder umgekehrt. Es war allmählich Tag geworden, und Renatus eilte sogleich mit einer Schar nach dem Thor S. Sofia. Die Eingedrungenen werden hart bedrängt, und viele retten sich durch einen Sprung von der Mauer ins Freie. Renatus tötet mehrere mit eigner Hand. Alfons läßt auf der Außenseite Sturmleitern anlegen. Ein Pferd, dessen sich ein Katalane bemächtigt, vermehrt die Verwirrung; denn Renatus glaubt, die feindliche Reiterei sei durch ein offnes Thor gedrungen. Collenuccio. Unterdessen vernahmen dreihundert gepanzerte Genueser, welche das Thor S. Gennaro bewachten, das aragonische Heer sei in der Stadt. Da sie den tödlichen Haß der Katalanen gegen die Genueser kannten, verlassen sie ihren Posten und flüchten sich ins Castel nuovo. Das oben erwähnte Thor lag damals, bei kleinerem Umfang der Stadt, unweit des Frauenklosters Donna Regina. Einige Nonnen, welche bei dem Heere des Königs Verwandte und Brüder hatten, steigen auf das flache Dach und geben den Feinden Winke, sich dieser schwach besetzten Seite zu nähern. Giornali del Duca Pedro de Cardona mit vierhundert Mann eilt sogleich dem Thore zu, und ein gewisser Spiccicaso, der ein Handgeld verdienen wollte, läßt ihnen Strickleitern von der Mauer hinab. Bald war nun die Stadt voll von Feinden, und das Thor S. Sofia ward gesprengt. Renatus, um nicht gefangen zu werden, zog sich ins Castel nuovo zurück. Vier Stunden lang plünderten die Katalanen Neapel; endlich zeigte sich Alfons und gebot bei Todesstrafe, der Plünderung Ziel zu setzen. Bei Renatus befanden sich von neapolitanischen Edeln vor allen Giovanni Cossa und Ottino Caracciolo. Da Weib und Kinder des erstern im Castel Capuano wohnten, so ließ Renatus bei freiem Abzug dieses letztere dem Könige übergeben, da es aus Mangel an Lebensmitteln ohnedem nicht zu behaupten war. Er selbst schiffte sich auf einem genuesischen Schiffe, das einen Tag nach der Eroberung Neapels am Castel nuovo mit Lebensmitteln gelandet war, ein, oft die sehnsüchtigen Blicke nach der schönen Stadt zurückwendend und sein eignes Schicksal verwünschend. Fazius. Auch er sollte des oft erprobten Sprichworts gewahr werden, daß die Lilie in Italien keine Wurzeln schlägt. Zuerst ging er nach Pisa und von dort nach Florenz zu Papst Eugen. Später ließ er auch Castel nuovo überliefern, unter der Bedingung, daß Giovanni Cossa und Ottino Caracciolo von Alfons Verzeihung erhalten sollten, welches bewilligt ward. Auch mußte Alfons dem Kastellan, einem Genueser, Namens Antonio Calvo, die große Geldsumme ausbezahlen, welche Renatus diesem letztern schuldig war. Das Castel St. Elmo wurde schon früher eingenommen. Kurze Zeit nach dem Fall von Neapel zog Alfons mit dem Heere nach den Abruzzen, wo Antonio Caldora und Giovanni Sforza mit auserlesenen Truppen standen. Antonio beeilte sich nicht, dem Könige entgegenzukommen, da er ihn vielmehr in den ihm selbst ergebenen Provinzen, deren Oertlichkeit ihm genau bekannt war, erwarten wollte. Er stand zwischen Castel di Sangro und Trivento. Der König rückte bis Isernia vor und nahm diese Stadt. Hierauf ging er nach Carpenone, wo Caldoras Familie und Schätze sich befanden. Antonio Reale, Caldoras Milchbruder, versprach, den Ort in vier Tagen zu übergeben, wenn keine Hilfe sich zeige; wahrscheinlich in der Absicht, Alfonsens Heer bei Carpenone festzuhalten. Caldora kam indessen heran und suchte den König in dem engen Thal einzuschließen, das von dem Berge, auf dem Carpenone liegt, und zweien andern gebildet wird. Geteilt waren die Meinungen im aragonischen Lager, ob hier eine Schlacht zu liefern sei. Ventimiglia riet hiezu, wofern die unschätzbare Person des Königs nicht zugegen wäre. Alfons erwiderte, seinetwegen solle eine große That nicht unterbleiben, und setzte den Helm auf. Fazius. Indessen gelang es, durch einen gefangenen Caldoresken den Paolo Sangro, einen der besten von Antonios Hauptleuten, zu bestechen. Die Schlacht begann hierauf mit großer Hartnäckigkeit von beiden Seiten und neigte sich zuerst zum Vorteile Caldoras, der das erste Treffen des Königs durchbrach. Aber da Alfons immer neue Mannschaft voranschickte, da ein Teil der Caldoresken, um das Gepäck der Katalanen zu plündern, sich entfernt hatte, da endlich Paul Sangro mit seiner Schar unter dem Ruf: » Aragona! Aragona! « sich gegen die Seinigen umwandte, erfolgte in Caldoras Heer allgemeine Flucht und Entmutigung. Antonio, der sich einen Ausweg mit dem Schwerte bahnen wollte, wehrte sich mit großer Tapferkeit gegen acht bis zehn katalanische Reiter. Da kam Alfons herbei und rief dem Umzingelten zu: »Graf, Ihr habt uns lange genug zu schaffen gemacht; es ist nun Zeit, daß wir zu Tische gehn.« Cronica di Napoli. Antonio sprang hierauf vom Pferde und ließ sich vor dem Könige auf ein Knie nieder, der ihn jedoch wieder aufsitzen hieß. Unterdessen war Giovanni Sforza mit fünfzehn Reitern nach der Grenze entflohn. Carpenone öffnete nun die Thore. Nachdem der König gespeist hatte, ließ er den ganzen Schatz des Antonio Caldora, von dessen Vater gesammelt, vor sich bringen. Außer einer großen Summe in Gold fanden sich eine Menge von Kostbarkeiten. Alfons aber eignete sich nichts zu, als einen kristallenen Becher. Collenuccio. Fazius. Panormita u. s. w. Alles andere übergab er der Gemahlin Antonios, Sergiannis Tochter. Dem Antonio selbst ließ er alle Erbgüter der Familie; nur die von den beiden Caldoras zu Lehn getragenen verteilte er unter die Getreuen seines Heers. Gerechtigkeit, pflegte er zu sagen, sei bloß den Guten angenehm, Milde aber auch den Schlechten. Panormita. Hierauf übersandten Aquila und andere Städte freiwillig ihre Schlüssel. Alfons zog durch Apulien, nahm die Sforzeskischen Besitzungen weg und brachte das ganze Land zur Ruhe. So gelangte er nach zweiundzwanzigjähriger Ausdauer in den friedlichen Besitz des Königreichs. Beruhte sein Unternehmen auf einem strafbaren Ehrgeiz, so haben wenigstens seine Nachkommen teuer dafür gebüßt. Zwölftes Kapitel. Für den Jänner des folgenden Jahrs 1443 hatte Alfons ein Parlament nach Benevent zusammenbeschieden, da er Neapel als eine ihm zu abgeneigte Stadt betrachtete. Die Neapolitaner baten jedoch dringend, daß jene Zusammenkunft nach alter Weise in der Kirche S. Lorenzo zu Neapel gehalten werde. Alfons bewilligte dies mit Freuden, verschob aber seinen Einzug, da ihm ein Triumph nach Art römischer Feldherren sollte bereitet werden. Die Mauern der Stadt wurden beim Carmine niedergerissen, um den hohen Wagen aufzunehmen. Dieser war vergoldet, der Sitz von Purpur; vier weiße, prächtig geschirrte Pferde zogen ihn. Ueber ihm trugen zwanzig aus den ersten Häusern den Baldachin. Nur der Fürst von Tarent wollte sich zu dieser demütigen Rolle nicht bequemen und ritt neben den Wagen her. Cronica di Napoli. Der König trug ein seidnes, mit Zobel besetztes Kleid, sein Haupt war unbedeckt; denn den Lorbeerkranz, den man ihm anbot, wollte er nicht annehmen. Indem er die sämtlichen Sitze in der Stadt durchzog, die mit Blumen bestreut und mit Teppichen behangen waren, begrüßten ihn dort unter Gesang und Musik die tanzenden Frauen. Fazius. Hinter den Wagen gingen Klerus und Adel, und es folgten sodann einige festliche Aufzüge, unter denen sich besonders der von den Florentinern veranstaltete auszeichnete. Zwölf schön gekleidete Jünglinge mit klingendem Roßgeschirr ritten voraus. Ihnen folgte die Fortuna mit ihrer Kugel. Sodann erschienen die Tugenden, Gerechtigkeit am höchsten, und hinter ihnen ein gekrönter Julius Cäsar, der vor den König trat und ihm die Tugenden vorstellte. »Du hast sie bisher gepflegt,« sagte er, »bewahre sie bis ans Ende! Denn nicht sie, wohl aber das Glück ist unsicher. Doch bitte ich zu Gott, daß er dir dein Glück erhalte und der Stadt Florenz ihre Freiheit!« Panormita. Hierauf folgten ähnliche Züge der Spanier und Neapolitaner. Vom Parlamente wurde dem Könige eine Beisteuer von einem Dukaten für den Feuerherd bewilligt und sein Sohn Ferrante als Nachfolger und Herzog von Kalabrien anerkannt. Später erschien auch die Investitur des Papstes. Jener Triumphzug jedoch sollte durch ein plastisches Kunstwerk dargestellt und verewigt werden, welches noch bis auf den heutigen Tag über dem innern Portal des Castel nuovo wahrzunehmen. Dieses vorzügliche und seiner Zeit voraneilende Werk wird vom Vasari dem Giuliano da Majano, einem Florentiner, zugeschrieben. Aus einer Grabschrift in der Kirche S. Maria nuova erhellt jedoch, daß es von einem mailändischen Meister, Pietro di Martino, verfertigt worden, der, von Alfons in den Ritterstand erhoben, erst 1470 starb. Eugenio, Napoli Sacra. Summonte. So viel scheint gewiß, daß Alfons auch den Giuliano mit großen Ehren überhäufte und dessen Leichenbegängnis auf das feierlichste begehn ließ. Das Castel nuovo ließ er verschönern, den Molo vergrößern, die Grotte des Posilipps erweitern. Außer der Kunst erfreute sich auch die Wissenschaft, zumal Geschichtschreibung und Gottesgelehrtheit, seines ausgezeichneten Schutzes. Er rühmte sich, die ganze Bibel vierzehnmal durchlesen zu haben, und besuchte häufig die theologischen Hörsäle. Panormita. Mit seinem Lehrer Panormita pflegte er die alten Historiker zu lesen. Den Livius und Cäsars Kommentarien führte er beständig bei sich. Bei der Belagerung von Gaeta wollte er sich der Steine aus Ciceros nahgelegener Villa nicht bedienen, wiewohl daran Mangel war. Die Gelehrten seiner Zeit wurden reichlich von ihm beschenkt, unter ihnen Lorenzo Valla, der ihm den Herodot und Thucydides übersetzen mußte. Von Georg von Trapezunt ließ er den Aristoteles, von Poggio die Cyropädie übertragen, vom Filelfo den Xenophon und einige Lebensbeschreibungen des Plutarch, wofür er jenem 12 000 Thaler und zwei Ringe von großem Wert schenkte. Als er hörte, daß der Kanzler des genuesischen Senats, Jakob Bracello, beschäftigt sei, den Krieg der Republik gegen die Katalanen zu beschreiben, schickte er ihm eine reiche Halskette mit goldnem Gehänge, auf welchem auf einer Seite die Wahrheit, auf der andern der Ruhm abgebildet waren. Mazzella. ] Einen Hof ohne Gelehrte pflegte er eine sternlose Nacht, Könige ohne Bildung gekrönte Gimpel zu nennen. Was das Aeußere betrifft, so war Alfons von mittlerer Statur und zart gebaut, die Farbe bleich, das Angesicht heiter, die Nase gebogen und das Haar dunkel. Von Hochmut war er so weit entfernt, daß er einmal einem Bauern seinen Esel aus dem Kote ziehen half, und bei der Belagerung von Pozzuoli, als das Meer den Leichnam eines Genuesers ausspülte, ließ er denselben beerdigen und schnitzte selbst das hölzerne Kreuz, um es auf den Hügel zu pflanzen. Panormita. Als ihm einmal ein Höfling zum Verdienst anrechnete, daß er Sohn, Bruder und Enkel eines Königs sei, antwortete er mit einem Vers von Dante: »Che sol grande è colui chi per se splende.« Mazzella.