Max Nordau Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit Vorworte Vorwort zur ersten Auflage. Dieses Buch erhebt den Anspruch, die Anschauungen der meisten auf der Höhe der zeitgenössischen Bildung stehenden Menschen getreu wiederzugeben. Es sind gewiß Millionen Angehörige der Kulturvölker durch eigenes Nachdenken dahin gelangt, an den bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen genau dieselbe Kritik zu üben, die in den nachfolgenden Blättern enthalten ist, und die hier ausgesprochene Ansicht zu theilen, daß diese Einrichtungen unvernünftig, der naturwissenschaftlichen Weltanschauung widersprechend und darum unhaltbar sind. Trotzdem kann es nicht ausbleiben, daß man beim Lesen dieses Buches die Augen verdrehen und die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen wird, und wohl nicht am wenigsten eifrig Mancher, der darin seine eigenen geheimsten Meinungen ausgedrückt findet. Das ist es eben, weshalb der Verfasser geglaubt hat, es sei nothwendig, es sei unerläßlich, dieses Buch zu schreiben. Die schwere Krankheit der Zeit ist die Feigheit. Man wagt nicht, Farbe zu bekennen, für seine Ueberzeugungen einzutreten, seine Handlungen mit seinen Empfindungen in Einklang zu bringen; man hält es für weltklug, äußerlich am Hergebrachten festzuhalten, wenn man auch innerlich damit völlig gebrochen hat; man will nirgends anstoßen, keine Vorurtheile verletzen; das nennt man wohl »die Ueberzeugungen Anderer respektiren«, jener Anderen, die ihrerseits unsere Ueberzeugungen durchaus nicht respektiren, sondern sie verunglimpfen, verfolgen, am liebsten mit uns zugleich ausrotten möchten. Dieser Mangel an Ehrlichkeit und Mannesmuth erstreckt die Lebensfrist der Lüge und verzögert unabsehbar den Triumph der Wahrheit. So hat denn wenigstens der Verfasser seine Pflicht gegen sich, die Wahrheit und die Gesinnungsgenossen erfüllen gewollt. Er hat seine Ueberzeugungen laut und ohne irgend einen Rückhalt ausgesprochen. Wenn die Geschickten, die Schlauen, die Diplomatisirenden, die Opportunisten, oder wie sich die Heuchler und Lügner sonst noch beschönigend nennen, dasselbe thun wollten, so würden sie – vielleicht zu ihrem Erstaunen – bemerken, daß sie vielerorten schon die Mehrheit sind, daß sie sich nur zu zählen brauchen, um die Stärkeren zu werden, und daß es bald für sie leichtlich vortheilhafter sein dürfte, ehrlich und folgerichtig, als doppelzüngig und hinterhältig zu sein. Im Sommer 1883. Der Verfasser. Vorwort zur vierten Auflage. Die ersten drei Auflagen dieses Buches, das am 20. Oktober, vor weniger als sechs Wochen, zur Versendung gelangte, wurden so rasch vergriffen, daß ich nicht Zeit fand, daran das Geringste zu ändern und zu bessern, oder selbst nur die Neudrucke zu revisiren. Kritische Stimmen sind bisher erst in sehr geringer Zahl laut geworden, sei es wegen Kürze der Zeit, sei es, weil man sich da und dort schmeichelt, das Buch todtschweigen zu können. Von den wenigen Besprechungen, die ich zu sehen bekam, sind etwa neun Zehntel offen feindselig. Freunde, die mir dieses Buch bereits erworben hat, und denen ich für ihren warmen Antheil an dessen Geschicke innig danke, beschwören mich, meinen Angreifern entgegenzutreten. Ich bedaure, ihnen nicht willfahren zu können. Ich will grundsätzlich nicht zum Kritiker meiner Kritiker werden. Des Verfassers Rolle ist zu Ende, wenn er sein Buch geschrieben hat. Das Einzige, was er dann noch thun kann, ist, es zu verbessern, sofern er dies vermag. In keinem Falle aber soll er mit seinen Rezensenten polemisiren. Denn entweder kann sein Buch mit der eigenen Lebenskraft die Angreifer niederringen, dann ist die Hilfe des Verfassers überflüssig, oder es hat nicht genug Lebenskraft, um sich allein seiner Haut zu wehren, dann ist diese Hilfe erfolglos. Doch auch abgesehen von diesem allgemeinen Grundsatze habe ich meinen Angreifern wirklich nichts zu sagen. Bei denen, die persönlich sind, brauche ich mich gar nicht aufzuhalten. Wenn man zu verstehen giebt, dieses Buch sei eine Buchhändler-Spekulation, so drücke ich den armseligen Menschen, die vor Allem in den niedrigsten Beweggründen die Ursache einer Manneshandlung zu erspüren glauben, mein tiefes Mitleid aus. Auf Ungerechtigkeit und Haß, auf Unglimpf und Verleumdung war ich übrigens gefaßt, und es kann noch viel schlimmer kommen, ohne daß ich so naiv sein werde, überrascht zu sein oder mich zu beklagen. Aber auch die Rezensenten, die sich den Anschein geben, sachlich zu sein, erfordern bisher keine Antwort. Die einen erzählen ihren Lesern mit äußerst kundiger Miene, meine Gedanken seien nicht neu. Was wissen diese braven Leutchen davon? Ich habe ihnen nicht den Gefallen gethan, bei jeder mir allein gehörenden Untersuchung zu gackern wie ein Huhn, das ein Ei gelegt hat, und da sie gar nicht in der Lage sind, zu unterscheiden, was neu und was alt ist, so glauben sie sehr schlau zu sein, wenn sie die Nase rümpfen und mit der Geberde von Kostverächtern sagen: »das Alles haben wir längst gewußt«. Sie beweisen durch diese drollige Kennermiene nur den wirklichen Kennern, wie wenig sie von den hier behandelten Fragen wissen. Der Fachmann wird gerechter sein und mir lassen, was in den Betrachtungen über die Wurzeln des religiösen Gefühls, in der Kritik der landläufigen Volkswirthschaftslehre, in den zahlreichen anthropo-, sozio- und psychologischen Anwendungen des Evolutionsprinzips mein ist. Andere Kritiker lassen mich Dinge behaupten, von denen ich das gerade Gegentheil gesagt habe, und belehren mich dann triumphirend eines besseren, indem sie mir – meine wirklichen Aeußerungen wie einen eigenen Freund entgegenhalten. Wieder andere dichten mir Widersprüche an, die sie nur finden konnten, weil sie das Buch entweder nicht gelesen oder nicht verstanden haben, oder weil sie nicht guten Glaubens sind. Gegen alle diese Einwendungen und Ausstellungen vertheidigt sich das Buch selbst. Auf einen Vorwurf indeß will ich meinen kritischen Gegnern die Antwort doch nicht schuldig bleiben. Er hat sich, das ist bezeichnend, unter der Feder aller meiner Angreifer gefunden. Sie werfen mir nämlich wie auf Verabredung vor, ich sei nicht berufen, ein Buch wie dieses zu schreiben. Ah, wie ich da meine geliebten Deutschen erkenne! Nicht berufen? Weshalb diese Umschreibung? Sagt doch geradeheraus, was ihr meint: ihr wollt sagen, daß ich weder Professor noch Rath bin, nicht das geringste staatliche Titelchen, nicht die kleinste amtliche Anstellung habe. »Was, ein freier, unabhängiger Schriftsteller wagt es, sich mit wissenschaftlichen Fragen ernst zu beschäftigen, selbstständig zu denken und zu untersuchen, eigene Lösungen vorzuschlagen? Das ist wirklich nicht zu dulden. Wenn er durchaus schreiben will, so schreibe er lyrische Gedichte; das ist das Grundrecht eines jeden Deutschen; aber nach Wahrheit forschen? lehrhaft sein wollen? in das Gebiet einbrechen, das den mit Ernennungsdekret angestellten zünftigen Weisen vorbehalten ist? Wehe ihm! Hinaus mit dem Eindringling! Alle Hunde hinter ihn gehetzt! Er ist ein Unberufener! Ein Unberufener! Diese kümmerlichen Polizei- und Ranglisten-Seelen, die mir so den Beruf aberkennen, der Wahrheit nachzugehen und sie auszusprechen, wenn ich sie gefunden zu haben glaube, einen Beruf, den doch jeder vollwüchsige und ehrliche Mensch hat, sie gehören einer wohlbekannten Gattung an. Sie haben Vorfahren in der Geschichte und Legende. Ihr Schrei ist so alt wie die organisirte Autorität. Seit es eine amtliche Weisheit giebt, hat man dem Geiste, der nicht im obrigkeitlichen Schematismus steht, die Berechtigung abgesprochen und das Gehör verjagt. Unendlich Größere als ich, denen ich nicht das Fußwasser zu reichen würdig bin, sind diesem Schicksale nicht entgangen. »Was kann Gutes kommen von Nazareth?« hat man jedesmal voll Verachtung gefragt, so oft ein neuer Gedanke nicht aus dem Sanhedrin, sondern einer obskuren Hütte hervorging. Aber das hat seltsamer Weise die Gedanken von Nazareth niemals gehindert, ihren Weg zu machen. Ich bin ein Unberufener. Das ist also wohl verstanden. Ihr habt ganz Recht. Ich gehöre nicht zum Sanhedrin. Ihr dürft mich ignoriren, ihr dürft mir achselzuckend den Rücken wenden. Ich hoffe aber, daß die armen Fischer, Zöllner, kleinen Leute, daß die Unglücklichen und Elenden mir zuhören werden. Und das genügt mir. Am 27. November 1883. Der Verfasser. Vorwort zum 59. Tausend. Am 20. Oktober sind es 25 Jahre geworden, daß dieses Buch erschienen ist. In diesem Vierteljahrhundert ist der Verfasser weit mehr gealtert als sein Werk. Dieses ist zeitgemäß und wahr geblieben, wie es am ersten Tage war – leider. Der Verfasser hätte allen Grund, mit den Geschicken seines Buches zufrieden zu sein. Mit dem Erfolge ist er es; ob auch mit der Wirkung? Ach, wer doch die hochgemute Selbstsicherheit der Jugend immer bewahren könnte! Als der Verfasser »Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit« schrieb, war er fest überzeugt, daß entlarvte Lügen ihre Rolle rasch ausgespielt haben müssen. Er dachte, alle kernfaulen Einrichtungen, alle abgestorbenen Überlieferungen, alle sinnlosen Vorurteile, aller gewohnte Betrug würden vor der Verkündigung der Wahrheit, vor dem erlösenden Worte der Vernunft verschwinden wie Nachtspuk vor dem Hahnenschrei. Ein Vierteljahrhundert lehrte ihn, daß dies eine freundliche Selbsttäuschung war. Seit dem Erscheinen dieses Buches hat sich der Anblick der Welt vielfach geändert, der sachliche wie der geistig-sittliche. Die Erkenntnis hat sich ausgebreitet und ist in die Tiefe gedrungen. Millionen Seelen haben sich aus den Finsternissen urzeitlichen Aberglaubens zur Helle wissenschaftlicher Weltanschauung emporgerungen. Der kritische Sinn hat sich allgemein entwickelt und übt sich methodisch an allen dogmatischen Behauptungen. Die Folgen davon sind auf vielen Gebieten handgreiflich. Das Herrschertum von Gottes Gnaden weicht überall vor der verfassungsmäßigen Bekräftigung der Volkssouveränetät zurück. Frankreich hat das erste Beispiel der vollständigen Verweltlichung eines Staatswesens gegeben, das sich nicht mehr auf den Glauben stützt und ihn weder in der Schule noch im öffentlichen Leben in Erwartung nützlicher Gegenseitigkeit begönnert. Die Ehe ist auf die Anklagebank gesetzt und hat sich gegen schwere Beschuldigungen zu verantworten. Die Persönlichkeit ist freier, positiver, von sich und den anderen höher gewertet als früher. Mit den Ansprüchen der Enterbten rechnen die rückständigsten Gewalten. Aber neben diesen erfreulichen Zeichen der Vorwärts- und Aufwärtsbewegung wie viel Beweise des toten Stillstandes! Wie viel Vorgeschichte ragt noch in die Geschichte herein! Wie tief wurzeln noch die gröbsten Irrtümer in den Geistern! Wie fest verschlossen und verriegelt bleiben selbst Menschen mit formalem Buchwissen gegen die wissenschaftliche Wahrheit! Heute wundert dies den Verfasser nicht mehr. Der Zweiunddreißigjährige, der dieses Buch zu schreiben unternahm, glaubte an die unwiderstehliche Macht der Vernunft. Der Neunundfünfzigjährige, der ihm ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen dieses neue Geleitwort mitgibt, hat gelernt, daß die Menschen von ihrem Gefühle beherrscht werden, nach ihrem Gefühle handeln und sich gegen die Vernunft wütend sträuben, wenn sie das Gefühl in ihre Zucht zu nehmen sich anschickt. Die Gefühle sind die Wacht der konventionellen Lügen. Darum behaupten sie sich noch gegen die vernünftige Einsicht. Aber der Verfasser ist an der Schwelle des Alters so wenig entmutigt wie auf der sonnigen Höhe seines Lebens. Er hegt die Zuversicht, daß für die Vorbereitung der Geister zur Aufnahme der Wahrheitssaat dieses Buch auch in kommenden Jahrzehnten sich als taugliches Ackergerät bewähren wird wie in den drittehalb vergangenen. Im immer gewaltigeren Ringen der Vernunft mit altererbtem Gefühl werden Untergründe der Seele und des Gemüts wie mit dem Tiefpflug aufgewühlt, uralte Trugvorstellungen werden entwurzelt und dem Aufsprießen neuer Erkenntnis die Vorbedingungen geschaffen. Dazu ein wenig beigetragen zu haben gibt dem Leben eines Schriftstellers Wert und Bedeutung. Im Frühling 1909. Der Verfasser. Mene, Tekel, Upharsin. I. Die Menschheit, die gleich Faust Erkenntniß und Glück sucht, war vielleicht zu keiner Zeit so weit entfernt wie jetzt, dem Augenblicke zuzurufen: »Verweile doch, du bist so schön!« Bildung und Gesittung breiten sich aus und nehmen von den wildesten Weltgegenden Besitz. Wo gestern noch Finsterniß herrschte, da flammen heute Sonnen. Jeder Tag sieht eine neue wunderbare Erfindung emporsprießen, welche die Erde wohnlicher, die Widerwärtigkeiten des Daseins erträglicher, die dem Menschenleben gewährten Befriedigungen mannigfaltiger und eindringlicher macht. Aber trotz dieser Vermehrung aller Bedingungen des Behagens ist die Menschheit unzufriedener, aufgeregter, rastloser als je. Die Kulturwelt ist ein einziger ungeheuerer Krankensaal, dessen Luft beklemmendes Stöhnen füllt und auf dessen Betten sich das Leiden in all seinen Formen windet. Wandere von Land zu Land und rufe die Frage hinein: »Wohnt hier Zufriedenheit? Habt ihr Ruhe und Glück?« Überall wird dir die Antwort entgegentönen: »Zieh weiter, wir haben nicht, wonach du fragst.« Horche über die Grenzen: der Wind trägt dir überall die wüsten Geräusche von Streit und Kampf, von Aufruhr und gewaltsamer Unterdrückung ans Ohr. In Deutschland nascht der Sozialismus mit hunderttausend Mauszähnen an den Pfeilern aller staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen und nicht die Lockpfeife der Rattenfänger Staats-, Katheder- und christlicher Sozialismus, noch die verschwenderisch umhergestellten Fallen der Ausnahmsgesetze, des kleinen Belagerungszustandes und der Polizeiwillkür wenden die unermüdlichen Nager auch nur einen Augenblick lang von ihrem unheimlich geräuschlosen unterirdischen Zerstörungswerk ab. In der Verkleidung des Antisemitismus, dieses bequemen Vorwandes zur Bekundung von Leidenschaften, die sich unter ihrem eigentlichen Namen nicht sehen lassen dürften, tritt bei den Armen und Unwissenden der Haß gegen die Besitzenden, bei den Nutznießern mittelalterlicher Vorrechte, also bei den sogenannten privilegirten Klassen, die Furcht vor begabteren Mitbewerbern um Einfluß und Macht, bei der verworren idealistischen Jugend eine übertriebene und unberechtigte Form des Patriotismus, nämlich die unerfüllbare Forderung nicht blos politischer Einheit des deutschen Vaterlandes, sondern auch ethnischer Einheit des deutschen Volkes zu Tage. Ein geheimes Weh, das hundertfach gedeutet und kein einziges Mal erklärt wurde, treibt jeden Monat Zehntausende aus dem Lande übers Meer und Guß auf Guß, immer erstaunlicher anschwellend, fließt der Auswandererstrom aus jedem deutschen Hafen gleich einer schweren Blutung des nationalen Leibes, die keine Verwaltungskunst zu stillen vermag. Die politischen Parteien führen gegen einander einen barbarischen Ausrottungskrieg und die Güter, um die sie ringen, sind hier das Mittelalter und die monarchische Selbstherrlichkeit, da die Neuzeit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker. In Österreich-Ungarn stehen zehn Nationalitäten gegen einander im Felde und suchen sich gegenseitig so viel Böses wie möglich zuzufügen. Die Mehrheiten setzen in jedem Kronlande, ja fast in jedem Dorfe, den Minderheiten den Fuß auf die Brust und die Minderheiten, wo sie nicht mehr widerstehen können, heucheln eine Ergebung, gegen die sie sich im innersten Herzen wüthend auflehnen, ja gegen die sie die Zerstörung des Reiches selbst als die einzige Möglichkeit einer Erlösung aus der unleidlichen Lage inbrünstig anrufen. In Rußland herrschen solche Zustände, daß man beinahe von einem Rückfall in urweltliche Barbarei sprechen kann. Der Verwaltung ist jedes Gemeingefühl verloren gegangen und der Beamte denkt nicht an die Interessen des Landes und Volkes, die ihm anvertraut sind, sondern nur an die eigenen, welche er durch Raub und Diebstahl, durch Bestechlichkeit und Verschacherung des Rechts schamlos fördert. Die Gebildeten suchen im Nihilismus die Verzweiflungswaffe gegen das unleidliche Bestehende und setzen tausendfach ihr Leben ein, um mit Dynamit und Revolver, mit dem Dolch und der Brandfackel das blutige Chaos herbeizuführen, das ihr Fiebertraum ihnen als unerläßliche Vorbedingung eines neuen Gesellschaftsaufbaus zeigt. Die Staatsmänner, die berufen sind, ein Heilmittel für diese entsetzliche Krankheit zu finden, verfallen auf die wunderlichsten Kuren. Der eine sieht das Heil in der Mündigsprechung des russischen Volkes und in seiner Begabung mit parlamentarischen Einrichtungen; der andere hat nur zu einem entschlossenen Sprung ins Schlammbad des franken Asiatenthums Vertrauen und fordert die Austreibung aller europäischen Errungenschaften und die Kräftigung des angestammten heiligen Zaren-Despotismus; der dritte glaubt an die Wirksamkeit der ableitenden Behandlung und empfiehlt einen frischen, fröhlichen Krieg gegen Deutschland, Österreich, die Türkei, gegen alle Welt, wenn es sein muß. Die dunkle Masse des Volks aber unterhält sich während dieser langwierigen Berathung ihrer Ärzte mit der Plünderung und Ermordung der Juden und wirft bereits Seitenblicke auf das Herrenschloß, indeß sie den Krug und die Synagoge des Hebräers der Erde gleich macht. In England scheint bei oberflächlicher Betrachtung der Boden fest und der Staatsbau ganz. Wenn man aber das Ohr an die Erde legt, so fühlt man sie beben und hört die dumpfen Schläge der unterirdischen Riesen, die mit den Hämmern an die Decke ihres Gefängnisses pochen und wenn man die Mauern ganz nahe besieht, so erkennt man unter dem Firniß und der Vergoldung die gefährlichen Sprünge, die von unten bis oben laufen. Die Kirche, der Geburts- und der Geldadel sind stramm organisirt und stützen einander in richtiger Erkenntniß der Gemeinschaftlichkeit ihrer Interessen. Die Bürgerschaft fügt sich ergeben den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen der herrschenden Kaste und heuchelt Frömmigkeit und bekundet Ehrfurcht vor einem Titel und schwört darauf, daß nur das, was den oberen Zehntausend nach dem Strich geht, anständig, was aber deren Vortheile zuwiderläuft, gemein und unaussprechlich sei. Allein der Arbeiter, der Pächter stehen außerhalb des Banns dieser Verschwörung; sie fordern ihren Antheil am Kapital und am Boden; sie bilden Vereine von Freidenkern und Republikanern; sie ballen die Faust gegen das Königthum und gegen die Aristokratie und wer die Zukunft nicht im Kaffeesatz, sondern in den Augen der englischen Proletarier zu lesen sucht, der sieht sie finster und gewitterhaft. Von Irland spreche ich gar nicht. Dort ist die wirthschaftliche Revolution in donnerndem Gang, der Mord hält den Straßendamm im Besitze und wenn die englische Regierung das Volk nicht in einem Blutmeer ertränken kann, so wird sie zugeben müssen, daß der Besitzlose sich der Güter des Besitzenden gewaltsam bemächtige und ein Beispiel schaffe, das bald genug in England selbst und noch an vielen anderen Orten Nachahmung finden würde. In Italien hält sich ein schwachwurzelndes Königthum mühsam gegen die steigende Fluth des Republikanismus. Die fiebergeschüttelten, vom Pellagra verwüsteten Tagelöhner der lombardischen Reisebene und der romagnischen Sumpf-Einöden wandern aus, oder wenn sie im heimischen Elend bleiben, so fragen sie untereinander nach dem Rechtstitel der Großgrundbesitzer, denen sie um 50 Centesimi täglich das Mark ihrer Knochen verkaufen. Die Irredenta sucht der Jugend, welcher seit der Einigung Italiens das feste Ziel traditioneller begeisterter Sehnsucht genommen ist, ein neues Ideal an Stelle des verwirklichten zu bieten. Die geheimen Leiden des Volks verrathen sich durch einzelne böse Anzeichen, die im Süden Camorrra und Maffia heißen und im Toskanischen die Form religiösen Fanatismus und kommunistischen Urchristenthums annehmen. Frankreich konnte sich unter allen europäischen Ländern bis vor Kurzem vielleicht des besten staatlichen Gesundheitszustandes rühmen; aber auch da wie viele Krankheitsanlagen, wie viele Keime zukünftiger Übel! An allen Straßenecken der Großstädte predigen aufgeregte Volksredner Gütervertheilung und Petroleum, der vierte Stand rüstet sich, bald lärmend, bald in der Stille, von der Regierung Besitz zu ergreifen und die seit 1789 alleinherischende Bourgeoisie aus den Amtsstuben und Sinekuren, aus dem Parlament und den Gemeinde-Vertretungen hinauszujagen; die alten Parteien sehen den Tag des unvermeidlichen Zusammenstoßes kommen, und bereiten sich, aber zaghaft, ohne Vertrauen, ohne Hoffnung, ohne Einigkeit, mit klerikalen, monarchischen und militär-diktatorialen Komplotten auf ihn vor. Wozu noch bei den kleineren Ländern verweilen? Der Name Spanien erweckt sofort die Darstellung des Karlismus und Kantonalismus. Bei Norwegen denkt man an den Konflikt zwischen Regierung und Volksvertretung, der die Republik in sich schließt wie das Fruchtfleisch den Samenkern. Dänemark hat seine Bauernpartei und chronische Ministerkrise, Belgien seinen wehrhaften Ultramontanismus. Alle Länder, die mächtigen so gut wie die schwachen, haben ihr besonderes schweres Gebreste und sie glauben Erleichterung, wenn schon keine Heilung zu finden, indem sie mit wachsender Beklemmung Jahr für Jahr Milliarden auf dem Altar des Militarismus opfern, wie im Mittelalter die Großen von gefährlichen Krankheiten genesen zu können hofften, wenn sie ihr Vermögen der Kirche darbrachten. II. Die Gegensätze zwischen Regierung und Volk, die Ergrimmtheit der politischen Parteien gegeneinander, die Gährung in einzelnen Gesellschaftsklassen sind aber nur eine Form der allgemeinen Zeitkrankheit, die in allen Ländern dieselbe ist, trotzdem sie überall einen anderen lokalen Namen trägt und bald Nihilismus, bald Fenianismus, bald Sozialismus, Antisemitenthum oder Irredenta-Bewegung heißt. Eine andere weit schwerere Form derselben Krankheit ist die tiefe Verstimmung und Zerrissenheit, die unabhängig von nationaler und Parteizugehörigkeit, ohne Rücksicht auf politische Grenzen und gesellschaftliche Stellung jeder Vollmensch, der auf der Höhe der zeitgenössischen Kultur steht, in seinem Gemüthe empfindet und welche die charakteristische Tonart unserer Epoche ausmacht wie die unbefangene Daseinsfreudigkcit die des klassischen Alterthums und die Frömmigkeit die des frühen Mittelalters. Jeder Einzelne fühlt ein zorniges Unbehagen, dem er, wenn er ihm nicht analytisch auf den Grund geht, tausend naheliegende, zufällige, immer unrichtige Ursachen zuschreibt und welches ihn alle Erscheinungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens mit herber Kritik auffassen und grausam tadeln, wenn nicht verurtheilen läßt. Diese Ungeduld, auf welche alle äußeren Eindrücke aufregend und erbitternd wirken, nennen die einen Nervosität, die anderen Pessimismus, wieder andere Skeptizismus. Die Vielheit der Bezeichnungen deckt aber nur eine Einheit des Übels. Dieses Übel tritt in allen Kundgebungen des menschlichen Geistes zu Tage. Die Literatur und die Kunst, die Philosophie und die positive Wissenschaft, die Politik und die Ökonomie sind von seiner Blässe angekränkelt. In der schöngeistigen Literatur finden wir seine ersten Spuren bereits am Ausgange des vorigen Jahrhunderts, wie denn die dichterische Hervorbringung diejenige Verrichtung des menschlichen Geistes ist, an der die leisesten Störungen und Veränderungen in der Verfassung der Menschheit am frühesten wahrnehmbar sind. Als die vornehmen Klassen sich noch in verderbten Lebensgenüssen wälzten und aus ihrem Dasein eine einzige Orgie machten, während die Philister nicht über ihre Nase hinaussahen und mit dem Weltlauf stumpf zufrieden schienen, da stieß Jean Jacques Rousseau seinen Sehnsuchtsruf nach Befreiung aus einer Gegenwart aus, die doch so viele Reize hatte, und schwärmte von einer Rückkehr in den Naturzustand, welchen er gewiß nicht buchstäblich als die ursprüngliche Barbarei, sondern blos allegorisch, als etwas von der Wirklichkeit Verschiedenes, ihr möglichst direkt Entgegengesetztes auffaßte. Sein Schrei erweckte in allen Zeitgenossen ein Echo, wie ein angeschlagener Ton alle in der Nähe befindlichen auf denselben Ton gestimmten Saiten zum Klingen bringt. Ein Beweis, daß Rousseaus Stimmung in allen Seelen vorbestand. Schwelger und Philister duselten sich mit Entzücken in ein heißes Verlangen nach Urwäldern und Wildniß-Existenzen hinein, das damals noch einen komisch wirkenden Kontrast zum Eifer bildete, mit dem sie sich alle Überfeinerungen und Laster der geschmähten Zivilisation für ihre Genüsse zu Nutzen machten. Von Rousseaus Verlangen einer Rückkehr zum Naturzustande stammt die deutsche Romantik in gerader Linie ab. Sie ist ein inkonsequenter Rousseauismus, der nicht den Muth hat, bis ans Ende des eingeschlagenen Weges zu wandern. Die Romantik kehrt nicht bis zur vorgeschichtlichen Epoche um, sondern macht schon auf einer früheren Station, im Mittelalter, Halt. Das Mittelalter, das die Romantik mit so leuchtenden Farben malt, ist ebenso wenig das wirkliche historische Mittelalter, wie Rousseaus Naturzustand der wirkliche Zustand des primitiven Menschen ist. In beiden Fällen handelt es sich um eine willkürliche Schöpfung der Phantasie, die ihre künstliche Welt nach einer identischen Methode, nämlich in allen Theilen im Gegensatz zur bestehenden, aufbaut; in beiden Fällen handelt es sich um eine Kundgebung desselben, bewußten oder instinktiven, Grundgefühls, nämlich eines Hinausstreben aus einer als unzulänglich empfundenen Gegenwart, mit dem unausgesprochenen Hintergedanken, daß jeder Zustand ein besserer sein müsse als der thatsächliche. Verfolgen wir die Genealogie dieser literarischen Tendenz weiter, so gelangen wir zur französischen Romantik, die eine Tochter der deutschen ist, und zur Byronschen Weltverachtung, die einen besonderen Zweig derselben Familie bildet. Von der Byronschen Linie stammen in Deutschland die Weltschmerzpoeten, in Rußland Puschkin, in Frankreich Musset, in Italien Leopardi ab. Der gemeinsame Zug in ihrer geistigen Physiognomie ist die tragische Unzufriedenheit mit der Weltrealität, die der eine in beweglicher Klage, der andere in bitterer Selbstverhöhnung, der dritte in exaltirter Sehnsucht nach neuen besseren Verhältnissen aushaucht. Und ist denn die Literatur unserer eigenen Generation, die schöngeistige Hervorbringung der beiden letzten Jahrzehnte, nicht durchaus ein Fluchtversuch aus der Zeit und ihren Widerwärtigkeiten? Das Publikum verlangt Romane und Gedichte, die ihm von möglichst fernen Ländern und Epochen sprechen. Es verschlingt die altgermanischen Lebensbilder von Gustav Freytag und Felix Dahn, die mittelalterlichen Lieder von Scheffel und seinen Nachäffern, die ägyptischen und korinthischen und römischen Geschichten von Ebers und Hausrath-Taylor, oder wenn es seine Gunst auch einmal einem Buche zuwendet, das vorgibt, einen modernen Vorwurf zu behandeln, so muß dieses Werk sich durch einen unwahren, krankhaft sentimentalen Idealismus empfehlen, es muß ein Versuch sein, in unsere Tracht Menschen und in unsere Umgebung Vorgänge hineinzulügen, wo sie unsere Sehnsucht wünscht, aber wie sie nie jemand gesehen hat. Die englische Belletristik hat längst aufgehört, ein Spiegelbild der Wirklichkeit zu sein. So weit sie nicht mit greisenhafter Wollust Verbrechen und Schandthaten aller Art, Todtschlag, Raub, Diebstahl, Verführung, Erbschleicherei schildert, zeigt sie eine für Wohlgesinnte eingerichtete Musterwelt, in der die Edelleute schön, stolz, weise, großmüthig und reich, die gemeinen Bürgerlichen gottesfürchtig und den Vornehmen voll Untertänigkeit ergeben sind, die Tugendhaften von Grafen und Baronen gnädig gelobt, die Schlechten von der Polizei eingesperrt werden, – eine Welt, die mit einem Worte die naive Idealisirung der in allen Fugen krachenden, innerlich bereits abgestorbenen und verwesten gegenwärtigen Gesellschaftsordnung Englands darstellt. Die französische Literatur scheint auf den ersten Blick in diesen allgemeinen Rahmen nicht zu passen. Aber auch nur auf den ersten Blick. Es ist wahr, sie beschränkt ihren Ausblick mit gewollter Ausschließlichkeit auf das Gegenwärtige und Thatsächliche. Sie versagt sich jedes Hinüberahnen und Hinübersehen in Vergangenheit oder Zukunft, in eine bessere oder doch andere Idealität. Sie huldigt einem Kunstprinzip, wofür sie die Bezeichnung Naturalismus gefunden hat. Aber man sehe einmal näher zu: ist der Naturalismus etwa ein Beweis von Zufriedenheit mit dem Bestehenden und in diesem Sinne ein Gegensatz zu dem pseudohistorischen und phantastischen Idealismus, den ich als eine starke Kundgebung von Ekel am Thatsächlichen und von Sehnsucht nach einer Erhebung über die wirklichen Verhältnisse anspreche? Welches sind die Gegenstände, die der Naturalismus mit einer Einseitigkeit, welche man ihm kurzsichtig vorgeworfen hat, behandelt? Zeigt er uns etwa Bilder des Glücks? Malt er uns etwa schöne und erfreuliche Seiten des Erdenlebens? Nein. Er verweilt bei den häßlichsten und trostlosesten Zügen der Zivilisation, namentlich der großstädtischen Zivilisation. Er bemüht sich, überall die Fäulniß, das Leiden, die sittliche Haltlosigkeit, den todtkranken Menschen und die agonisirende Gesellschaft darzustellen, und am Schlusse eines jeden Buches, das dieser Richtung angehört, scheint eine traurige Stimme den eintönig wiederkehrenden Satz zu murmeln: »Du siehst, gequälter Leser, dieses Leben, das hier mit unerbittlicher Nichtigkeit geschildert wurde, ist wahrhaftig nicht werth, gelebt zu werden.« Das ist die unausgesprochene These, deren Beweis jede Schöpfung der naturalistischen Literatur darstellt; sie ist der Ausgangspunkt und die Endmoral dieser Bücher. Und sie ist nicht verschieden von der These, auf welcher der unwahre Idealismus der deutschen und englischen Literatur sich aufbaut. Die beiden Richtungen, weit entfernt, einander zuwider zu laufen, führen vielmehr zu demselben Ziele. Der Naturalismus spricht die Prämisse aus, der Idealismus zieht den Schluß aus ihr. Jener sagt: »Die realen Zustände sind unleidlich,« dieser fügt hinzu: »Darum fort mit ihnen, suchen wir sie einen Augenblick lang zu vergessen und uns in die tröstlichen idealen Zustände hineinzuträumen, die ich meinen Lesern vorgaukle.« Der Schriftsteller, der in schwärmerischen Versen fröhliches Leben fahrender Leute, holde Jungfrauen mit Liebe im Herzen und Lilien in den Händen und abenteuerliche Burgen auf morgenrothumglühten Bergspitzen singt und den der gerührte Philister den«edlen Dichter« nennt, ist blos die ergänzende Antinomie jenes andern Schriftstellers, der mit der Feder wie mit einem Stöberhaken in jedem Schlamme wühlt und für den derselbe Philister nicht genug kräftige Ausdrücke der Verachtung hat. Ich bin bei der Literatur etwas länger verweilt, weil sie schließlich die vielseitigste, vollständigste Form ist, in welcher sich das Geistesleben einer Epoche äußert. Aber auch alle übrigen Kundgebungen des menschlichen Denkens in unserer Zeit lassen dieselben Züge erkennen, aus welchen sich die Physiognomie des zeitgenössischen Schriftthums zusammensetzt. Immer und überall Unruhe, Verstimmtheit, Erbitterung, die in den einen beim Schmerz oder Zorn über die unerträgliche Weltwirklichkeit stehen bleibt, bei den anderen sich zum bestimmten Verlangen einer Änderung aller Daseinsbedingungen weiterentwickelt. Die bildenden Künste hatten in früheren Epochen die Darstellung des Schönen zum Inhalt. Der Maler, der Bildhauer schilderte blos die gefälligen Anblicke ab, welche Welt und Leben boten. Wenn Phidias seinen Zeus skulpirt, wenn Raphael seine Madonna malt, so führt eine naive Bewunderung der menschlichen Form ihre Hand. Diese Künstler empfinden eine fröhliche Zufriedenheit mit den Hervorbringungen der Natur und wo ihr seines Gefühl ihnen eine leichte Unvollkommenheit derselben verräth, da eilen sie mit diskret nachbessernder, das heißt enschuldigender und idealisirender Hand darüber hinweg. Die heutige Kunst kennt weder jene naive Bewunderung noch diese fröhliche Zufriedenheit. Sie betrachtet die Natur mit gerunzelten Brauen und einem boshaften Blick, der besonders auf die Entdeckung der Fehler und Häßlichkeiten eingeübt ist; sie verweilt unter dem Vorwand der Wahrheit bei allen Mangelhaftigkeiten der Erscheinung, die sie unwillkürlich übertreibt, indem sie auf sie hindeutet und sie betont. Ich sage unter dem Vorwand der Wahrheit, denn die Wahrheit selbst liegt doch nicht in unseren Mitteln. Der Künstler gibt das Objekt nothwendig so wieder, wie er es persönlich schaut und empfindet, und der häßliche Steinklopfer Courbets ist ebenso subjektiv und von der absoluten Wahrheit in entgegengesetzter Richtung ebenso weit entfernt wie die holde Mona Lisa des Lionardo, für die sich Basari gerade um ihrer Naturtreue willen begeistert. Und selbst wo die moderne Kunst nicht umhin kann, die Schönheit anzuerkennen, wo sie ihr widerstrebend einen Tribut zollt, indem sie sie nachbildet, da sucht sie noch einen Makel auf sie zu werfen, indem sie eine Andeutung einschmuggelt, daß die edle und reine Form niedrigen Zwecken dient und durch sie entweiht wird. Die Hoheit des nackten Frauenleibes wird durch einen Zug von Sinnlichkeit und Liederlichkeit verleumdet, der in keinem derartigen zeitgenössischen Bilde fehlt und der auf einen Beschauer mit empfindlichen Sinnen ungefähr so wirkt wie das tückische: »Ja, wenn die Welt Alles wüßte«, das eine Klatschbase im Salon ihrem Nachbar ins Ohr zischt, nachdem jemand die Tugend einer Bekannten gepriesen. Die ältere Kunst zeigt ein behagliches Genügen an der Erscheinung, die neue eine selbstverbitternde Unzufriedenheit mit der Natur. Jene rühmt das Objekt, diese beklagt sich darüber. Jene ist eine stete Dithyrambe, diese eine endlose und nicht einmal immer gerechte Kritik. Die Grundanschauung, aus der beide hervorgehen, ist in dem einen Falle die, daß wir in der schönsten aller Welten leben, in dem andern die, daß unsere Welt kaum häßlicher sein könnte als sie ist. In der Philosophie, sowohl in der zünftigen, die von den Lehrstühlen der Hochschulen herab gepredigt, wie auch in der, welcher in aller Freiheit von den Gebildeten gepflegt wird, die ohne Fachmänner zu sein, sich doch für die hohen Probleme der menschlichen Erkenntniß interessiren, in der Philosophie ist die Modeströmung der Pessimismus. Schopenhauer ist Gott und Hartmann sein Prophet. Der Positivismus Auguste Comtes macht als Doktrin keine Fortschritte und breitet sich als Sekte nicht aus, weil selbst seine Anhänger eingesehen haben, daß seine Methode zu eng und sein Ziel nicht hoch genug ist. Die französischen Philosophen studiren fast nur noch die Psychologie oder genauer Psycho-Physiologie. Die englische Philosophie kann kaum mehr Metaphysik genannt werden, da sie darauf verzichtet hat, sich mit ihrer erhabensten Aufgabe, dem Suchen einer befriedigenden Weltanschauung, zu befassen, und sich nur noch mit praktischen Fragen zweiten Ranges beschäftigt: John Stuart Mill schloß sich wesentlich in die Logik, also in die Formenlehre des menschlichen Denkens ein; Herbert Spencer vertritt die Gesellschaftslehre, das heißt die geistigen und sittlichen Fragen, welche sich aus dem menschlichen Zusammenleben ergeben, Bain kultivirt die Theorie der Erziehung, treibt also angewandte Psychologie und Moralphilosophie. Nur Deutschland hat noch eine lebendige Metaphysik und diese ist eine düstere, trostlose. Der gute Doktor Pangloß ist todt und hat keine Erben hinterlassen. Der Hegelianismus, der für alles Vorhandene einen zureichenden Grund fand und in der Selbstüberredung, daß das Seiende ein logisch Bedingtes und Nothwendiges sei, doch noch eine Art kümmerlicher Beruhigung und Zufriedenheit schöpfte, ist in die Rumpelkammer der eingetragenen Systeme gewandert und die Welt wird von der Philosophie erobert, die tragisch darin gipfelt, daß der unleidliche Kosmos durch den Willen zum Nichtsein aller Wesen ins Nichts zurückgeführt werden soll. Auf ökonomischem Gebiete äußert sich dieselbe Zeitkrankheit in anderer, aber nicht minder bezeichnender Form. Beim Reichen suchen wir vergebens die Empfindung geruhiger Sicherheit des Besitzes und der Freude an demselben, beim Armen ebenso vergebens ein geduldiges Sichbescheiden mit der nach menschlicher Voraussicht doch nicht zu ändernden Dürftigkeit. Jenen verfolgt die unbestimmte Besorgniß vor einer nahen Gefahr, er fühlt aus den Menschen und Verhältnissen eine dunkle, aber sehr wirkliche Drohung heraus und sein Vermögen scheint ihm ein bloßes Lehen, das ihm von einem Augenblick zum andern rauh abgefordert werden kann; diesen erregt der Neid die Gier nach dem Besitze des andern, er findet weder in sich noch in der Weltordnung, wie er sie erfassen gelernt hat, überzeugende Gründe dafür, daß er arm und von der Tafel der Lebensgenüsse ausgeschlossen bleiben soll, und er horcht voll grimmiger Ungeduld auf innere Stimmen, die ihn Überreden, daß sein Anrecht auf einen verhältnißmäßigen Theil aller Güter so groß sei wie das des Besitzenden. Der Reiche fürchtet, der Arme hofft und erstrebt einen Wechsel der wirthschaftlichen Zustände und der Glaube an die Möglichkeit einer unveränderten Fortdauer derselben ist bei allen erschüttert, selbst bei jenen, die sich ihre Zweifel und Besorgnisse nicht eingestehen wollen. Was lehrt uns die innere Politik in allen Kulturländern, in allen ohne Ausnahme? Die Gegensätze sind überall schroffer, die Parteikampfe erbitterter als jemals vorher. Die gemäßigten Vertheidiger des Bestehenden sterben aus und werden an einem dieser Tage von der Erdoberfläche verschwunden sein. Vergebens wird man nach einem politischen Quietisten auslugen, der den Versuch wagen würde, Anhänger für die Anschauung zu werben, daß man an die bestehenden Einrichtungen nicht rühren, sie so erhalten solle, wie sie sind. Es gibt keinen Konservativen mehr. Die Bezeichnung müßte aus dem politischen Sprachgebrauche verschwinden, wenn man sie streng nach dem Wortsinn verwenden wollte. Ein Konservativer ist der, welcher bewahren will, was vorhanden ist. Darauf beschränkt sich niemand. Die Defensive hat aufgehört, eine politische Kampfesmethode zu sein. Nur die Offensive wird geübt. Es gibt nur noch Reaktion und Reform, das heißt Revolution nach rückwärts oder nach vorwärts. Jene will die Vergangenheit zurückbringen, diese das Herannahen der Zukunft beschleunigen. Die Gegenwart verabscheut der Reaktionär ganz so wie der Liberale. Die allgemeine Rastlosigkeit und innere Zerrissenheit hat mannigfaltige und mächtige Rückwirkungen auf das individuelle Leben. In tausend Zügen gibt sich eine erschreckend weit verbreitete Scheu vor der Betrachtung und Erfassung der Weltwirklichkeit kund. Man fälscht eifrig die Werkzeuge der sinnlichen Wahrnehmung und des Bewußtseins, indem man durch aufregende oder narkotische Gifte aller Art das Nervensystem umstimmt, und beweist dadurch eine instinktive Abneigung gegen die Wahrheit der Erscheinungen und Verhältnisse. Das alte Problem des »Dinges an sich« sei hier nicht tiefer erörtert. Es ist sicher, daß wir blos Veränderungen in unserem eigenen Organismus, nicht solche, die außer uns vorgehen, direkt wahrnehmen können. Aber die Veränderungen in uns werden höchst wahrscheinlich durch Objekte außer uns veranlaßt und es ist gewiß, daß unsere Wahrnehmungen uns ein ungleich richtigeres Bild des Objekts geben, wenn sie blos durch die natürliche Mangelhaftigkeit unseres normal funktionirenden Organismus beeinflußt werden, als wenn zu dieser unvermeidlichen Fehlerquelle noch eine absichtliche Störung der Thätigkeit des Nervensystems durch verschiedene Gifte kommt. Nur wenn die Wahrnehmungen der Vorgänge um uns ein beständiges, sei es bewußtes oder unbewußtes Unbehagen in uns hervorrufen, werden wir das ebenso beständige Bedürfniß empfinden, diese Wahrnehmungen von uns abzuhalten oder sie derart zu modifiziren, daß sie angenehmer werden. Das ist der Grund, weshalb die Statistik überall eine fortwährende Zunahme des Alkohol- und Tabakverbrauchs nachweisen kann, weshalb die Gewohnheit des Opium- und Morphiumgenusses sich unheimlich verbreitet, weshalb die Gebildeten sich mit Gier auf jedes neue Betäubungs- und Reizungsmittel werfen, das die Wissenschaft ihnen zur Verfügung stellt, und weshalb wir heute neben Alkoholikern und Morphiomanen auch schon gewohnheitsmäßige Chloral-, Chloroform- und Äthertrinker kennen. Die Kulturmenschheit wiederholt im Großen das Vorgehen des Individuums, das einen Kummer in der Flasche zu ersäufen sucht. Sie will der Wirklichkeit entfliehen und verlangt die ihr notwendigen Illusionen von den Stoffen, welche ihr dieselben gewähren können. Hand in Hand mit dieser instinktiven Selbsttäuschung und zeitweiligen Flucht aus der Wirklichkeit geht die endgiltige Flucht aus der letztern: der Selbstmord nimmt allenthalben, besonders in den hochzivilisirten Ländern, in demselben Maße zu wie der Verbrauch von Alkohol und narkotischen Stoffen. Eine dumpfe Verbitterung, die manchmal bewußt ist, manchmal blos in Gestalt einer vagen, treibenden Unzufriedenheit empfunden wird, erhält jeden Strebenden in einer grimmigen Aufregung und gibt dem Kampfe ums Dasein in der modernen Gesellschaft wilde und diabolische Formen, die er in früheren Epochen nicht gehabt. Dieser Kampf ist nicht mehr ein Gefecht höflicher Gegner, die einander grüßen, ehe sie blank ziehen, wie Franzosen und Engländer vor der Schlacht von Fontenoy, sondern das wüste Handgemenge blut- und weinberauschter Gurgelabschneider, die thierisch zustoßen und Pardon weder erwarten noch gewähren. Man beklagt das Seltenwerden der Charaktere. Was ist ein Charakter? Eine Individualität, die in sicherer Orientirung einigen einfachen moralischen Grundsätzen folgt, welche sie als gut erkannt und zu Führern über die ganze Lebensbahn erkoren hat. Der Skeptizismus gestattet keine Charakterentwickelung, weil er den Glauben an leitende Grundsätze ausschließt. Wenn der Polarstern erlischt und der elektrische Pol verschwindet, hört der Kompaß auf, von Nutzen zu sein. Es gibt den festen Punkt nicht mehr, auf den er weisen könnte. Der Skeptizismus, auch eine Modekrankheit, ist aber wieder nur eine andere Form des Gefühls der Unzufriedenheit mit dem Bestehenden. Denn zur Anschauung, daß Alles eitel, daß nichts eine Aufregung, eine Anstrengung, einen Kampf zwischen Pflicht und Laune werth sei, gelangt man nur, wenn man alles Vorhandene als ärgerlich mangelhaft und unzulänglich empfinden und verachten gelernt hat. Literatur und Kunst, Philosophie, Politik und Wirthschaftsleben, alle Erscheinungen des gesellschaftlichen und individuellen Daseins lassen also einen einzigen gemeinsamen Grundzug erkennen: die bittere Unbefriedigung über die Weltwirklichkeit. Aus diesen verschiedenartigen Kundgebungen des menschlichen Geistes tönt uns ein einziger schmerzlicher Schrei entgegen, den wir, wenn wir ihn volksthümlich artikuliren sollen, mit dem Rufe übersetzen können: »Hinaus, hinaus aus dem Bestehenden!« III. Hier drängt sich eine Frage auf: Ist dieses Bild blos das der Gegenwart? Paßt es nicht auch auf alle früheren Epochen? Ich bin weit entfernt, nach dem Worte des römischen Dichters ein »Lobpreiser der Zeiten, die gewesen«, zu sein. Ich glaube nicht an ein goldenes Zeitalter in der Vergangenheit. Die Menschen haben ohne Zweifel immer gelitten; sie sind immer unzufrieden und unglücklich gewesen. Der Pessimismus hat eine physiologische Begründung und ein gewisses Maß von Leiden ist durch die Beschaffenheit unseres Organismus bedingt. Wir werden uns ja unseres Ich nur dadurch bewußt, daß wir leiden. Unser Ich wird uns nämlich blos durch die Empfindung seiner Begrenzung zum Bewußtsein gebracht und die Empfindung der Begrenzung wieder wird einzig durch einen mehr oder minder unsanften Zusammenstoß mit den Dingen hervorgerufen, die außerhalb unseres Ich vorhanden sind. So wird man in einer dunklen Stube des Vorhandenseins der Wände blos dadurch gewahr, daß man mit Kopf oder Zehen gegen sie anrennt. Der Mensch erkauft also sein Bewußtsein durch Schmerzempfindungen und der Gegensatz zwischen dem Objekt und dem Subjekt wird ihm blos durch beständiges Unbehagen zur Erkenntnis gebracht. Allein wenn es wahr ist, daß die Menschheit immer litt und klagte, daß sie zu allen Zeiten den schmerzlichen Gegensatz zwischen Wunsch und Besitz, zwischen Ideal und Wirklichkeit empfand, so ist es nicht minder wahr, daß die menschliche Unzufriedenheit noch nie so tief und weit verbreitet war, sich noch nie gegen so viele Veranlassungen zugleich richtete, noch nie in so radikalen Formen auftrat wie heute. So weit wir die Geschichte überblicken, weiß sie von Parteikämpfen und Revolutionen zu berichten. Es mag oft den oberflächlichen Anschein haben, als wäre der selbstsüchtige Ehrgeiz einiger Führer der einzige Anstoß zu solchen Bewegungen, denen nach dieser kurzsichtigen Auffassung die Massen, welche ihnen ihre Wucht geben, innerlich völlig fremd blieben. Ich glaube aber nicht an die Berechtigung der Identifikation dieser Bewegungen mit ihren Führern. Parteien bilden und schaaren sich nur um Schlagwörter, in denen Theile eines Volkes den Ausdruck ihrer dunklen Aspirationen zu finden glauben, und wenn eigennützige Ambition in der Regel die elementaren Volksleidenschaften zu ihrem Nutzen arbeiten läßt wie ein Fabrikant die Wasser-, Dampf- oder Windeskraft, so kann sie ihren Zweck doch nur erreichen, indem sie heuchelt, die Verwirklichung großer allgemeiner Wünsche anzustreben. Parteikämpfe sind für ein Volk, was für den Lastträger die Bewegung ist, mit der er die Bürde von einer Achsel auf die andere hinüberschwingt um sich eine kleine und im Grunde trügerische Erleichterung zu schaffen, und Revolutionen sind Sturmfluthen, durch welche eine Ausgleichung des Niveaus der Volksideale und der wirklichen Zustände versucht wird. Sie sind nie willkürlich, sondern ganz so die Wirkung eines physikalischen Gesetzes wie der Orkan, der die durch Temperaturunterschiede verursachte Dichtigkeits-Verschiedenheit der Luft ausgleicht, oder wie der Katarakt, der die Spiegel zweier Wasserläufe auf dieselbe Richthöhe bringt. So oft zwischen den Volkswünschen und den tatsächlichen Verhältnissen der Niveauabstand zu weit wird, bricht mit Naturnotwendigkeit eine Revolution aus, welche die organisirten Gewalten eine Weile künstlich aufdämmen, auf die Dauer aber nie hintanhalten können. Die Umwälzungen sind es deshalb allein unter allen Zeugnissen der Geschichte, die uns gestatten, aus ihrer Gewalt, ihrem Umfang und ihren Zielen mit Sicherheit auf den Grad und die Objekte der jeweiligen menschlichen Unzufriedenheit zu schließen. Nun denn: alle Revolutionen, welche die Geschichte bis zur neuesten Zeit verzeichnet, hatten eine verhältnißmäßig geringe Ausdehnung und richteten sich gegen eine beschränkte Anzahl als unleidlich empfundener Verhältnisse. Den Inhalt der inneren Politik des republikanischen antiken Rom bildet der Kampf der Plebejer gegen die Patrizier. Was waren die Aspirationen der niedriggeborenen Masse, die sich in den Namen Catilinas und der Gracchen verkörpern? Sie wollten einen billigen Antheil am gemeinsamen Grundbesitze, sie wollten ein mitentscheidendes Wort über die Angelegenheit des Staates. Im antiken Gemeinwesen hatte der einzelne Bürger ein außerordentlich stark entwickeltes Gefühl für den staatlichen Zusammenhalt und die sich daraus ergebenden Pflichten und Rechte. Auf sich selbst gestellt, empfand sich das Individuum als klägliches Fragment, ein Ganzes und Volles wurde es in den eigenen Augen erst, wenn es an richtiger Stelle als nöthiger Theil ins Staatsgefüge hineingepaßt war. Der römische Plebejer sah sich als ungerecht verachteten und enterbten jüngeren Sohn eines reichen Hauses an und stritt um den Platz am väterlichen Tische und um die Stimme im Familienrats. Allein es fiel ihm nicht ein, sich gegen die bestehende Ordnung des Staates und der Gesellschaft aufzulehnen. Er war auf sie stolz und bot ihr eine frohe Unterwerfung. Er schätzte den Patrizier um seiner vornehmen Geburt willen und neidete ihm weder die erblichen Ehren im Tempel der Götter noch die äußeren Abzeichen des höheren Ranges. Zufrieden nahm er die Stufe auf dem ragenden Treppenbau der gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Rangordnung ein, auf die ihn der unabänderliche Zufall der Geburt gestellt hatte, und wenn er mit Ehrfurcht über sich die ritterlichen und senatorialen Familien sah, so erblickte er mit Selbstgefühl unter sich die Menge der ganz und halb Unfreien, der Sklaven und Freigelassenen. Tiefer war die Unzufriedenheit jener Sklaven, welche sich in der verworrenen Zeit des Übergangs der Republik ins Kaiserreich wiederholt empörten und mit dem Opfer ihres Lebens in furchtbar tragischen Kämpfen gegen die bestehende Gesellschaftsordnung protestirten. In diesen namenlosen Haufen, die den lebendigen Unterbau für die überraschend monumentale Gestalt des Spartacus bilden, ahnen wir zum ersten Male das Fressen und Wühlen des weißglühenden Zweifels, ob Alles, was ist, auch wirklich so sein müsse, wie es ist, jenes Zweifels, der sich nie in die Striemen der lastenschleppenden Ägypter eingebrannt zu haben scheint, welche uns die alten Wandmalereien der Tempel und Gräber in langen, stummen, trostlosen Reihen zeigen, und dessen marternde Berührung die zweihundert Millionen geduldiger Inder noch nicht gespürt haben, welche heute schweigend das Joch der Engländer tragen, wie sie seit Jahrtausenden das ihrer Kasten-Ordnung ertrugen. Aber auch die Parteigänger des Spartacus waren weder Radikale noch Pessimisten in unserem Sinne. Sie stießen auch blos gegen den Stachel, nicht gegen den, der ihn hielt. Ihr Zorn galt nicht der Weltordnung, sondern ihrem Platze in derselben. Sahen sie ein, daß der Verstand es nicht rechtfertigen könne, Menschen mit Willen und Einsicht wie Vieh und leblose Sachen als Eigenthum zu behandeln? Mit Nichten. Die Einrichtung der Sklaverei nahmen sie an und ließen sie gelten, sie wollten nur selbst nicht Sklaven sein. Ihr Ideal war nicht die Zerstörung einer unvernünftigen Gesellschaftsform, sondern ein Rollentausch. Diese Revolutionäre konnten leicht befriedigt werden. Ein Sieg machte aus den Verzweifelten Zufriedene und aus den Rebellen Stützen der Gesellschaft! Eine tiefere geistige Bedeutung wohnt den großen Bewegungen des Mittelalters inne. Die Bilderstürme, die Kreuzzüge, die Waldenser- und Albigenser-Fanatismen enthüllen uns einen Zustand schwerer Beunruhigung der Seelen. Der geheimnißvolle Zauber des Fabellandes im Sonnenaufgang kann seine lockende Gewalt auf rohe Gemüther nur üben, wenn ein dunkler Drang nach Änderung der gewohnten Verhältnisse sie quält. Die Hunderttausende, die aus Europa nach dem Palästina strömten, welches ihnen wie das unbekannte Verderben erscheinen mußte, hatten zur Führerin nicht so sehr die Kreuzesfahne, wie eine leuchtende Wolkengestalt, die ihnen voranzog und die sie alle mit den Augen der Seele sahen, und diese Führerin war das Ideal. Der Glückliche verließ gewiß nicht sein heimisches Behagen, um nach dem heiligen Grabe zu wallen; dies that nur der Suchende und Sehnende, der Wechsel und Besserung verlangte. Und die Menschen, die für ihren Glauben tödteten und sich schlachten ließen, die um eines winzigen Zweifels willen den Scheiterhaufen bestiegen oder ganze Bevölkerungen ausrotteten, waren zuverlässig auch keine zufriedenen Genießer der Gegenwart. Denn wer eine so fieberhafte Angst um sein Seelenheil, das heißt um die Bedingungen seines Glücks im künftigen Dasein hat, wer sich dieses versprochene Leben jenseits des Grabes mit solchen Opfern, Anstrengungen und Leiden vorbereitet, dem hat das Diesseits, das Leben im Fleische, gewiß keine ausreichenden Befriedigungen gebracht. Die mittelalterliche Menschheit war also zweifellos ebenfalls unzufrieden und aufgeregt; was sie jedoch von gewaltsamer Auflehnung gegen das Bestehende abhielt, das war, daß sie in ihrem Glauben einen Trost und eine Beruhigung hatte, welche sie alle irdischen Übel leicht und beinahe fröhlich ertragen ließen. Wer mit Zuversicht ein neues Glück erwartet, der bescheidet sich mit einstweiligem Ungemach und empfindet es kaum. Aber die Menschheit entwickelte sich weiter und der Trost des Glaubens begann zu versagen. Es kam der Moment, wo die Religion nicht mehr das sicher wirkende Ventil gegen den aufrührerischen Unmuth der Unzufriedenen war. Dieser Augenblick war kritisch. Um ein Weniges geschah es, daß die Skepsis und Zerrissenheit, die erst unserer Zeit eigen sind, vierhundert Jahre früher in die Gemüther einzogen. Die Menschen ließen sich indeß ihre lieben Illusionen nicht ohne Widerstand rauben, sondern machten eine große Anstrengung, um sie noch festzuhalten. Diesen Kampf um ein tröstliches Ideal nennt die Geschichte die Reformations-Bewegung. Sie hatte die Wirkung, das Erwachen der Menschen aus einem angenehmen Dusel um Jahrhunderte zu stunden. Dennoch treten damals bereits einzelne Zeichen zu Tage, die für das Entstehen eines Pessimismus sprechen, welchen der Glaube an ein besseres Jenseits nicht mehr zu bändigen vermag. Der deutsche Bauernkrieg war die That verzweifelter Menschen, denen das Paradies keine hinlängliche Entschädigung für irdisches Elend zu sein schien und die sich mit gewaltthätiger Faust schon hienieden eine Abschlagszahlung auf die Summe künftiger Freuden sichern wollten. Bis zur französischen Revolution müssen wir gehen, um ein Volk in einer Verfassung zu finden, in welcher ihm alles Bestehende genug unleidlich scheint, um es mit jedem Opfer und um jeden Preis wegzuräumen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit beobachten wir da eine breite volksthümliche Bewegung, die nicht gegen ein bestimmtes einzelnes Objekt, sondern gegen die Gesammtheit aller Zustände anstürmt. Da wollen nicht mehr die Armen sich in den Besitz des ager publicus setzen wie die römischen Plebejer, nicht mehr Enterbte und Bevormundete das Recht der Selbstbestimmung und der Menschenwürde erstreiten wie die Sklaven des Spartacus, nicht mehr einzelne Klassen sich beschränkte Vorrechte sichern wie die Bürger in den Städte-Aufständen des Mittelalters, auch nicht trostbedürftige Träumer sich gegen geistigen Zwang die ihnen am tröstlichsten scheinende Form ihres Traumes wahren wie die Waldenser, die Albigenser, die Hugenotten, die Reformationskrieger. Das Alles ist in der großen Revolution, aber noch mehr, noch Andres. Sie ist zu gleicher Zeit materiell und intellektuell. Sie verneint den Glauben und stellt die herkömmliche Form des individuellen Besitzes in Frage. Sie sucht den Staat und die Gesellschaft auf neuer Grundlage und nach neuem Plane aufzubauen. Sie hat den Willen, dem Leibe und der Seele angenehmere Daseinsbedingungen zu schaffen. Sie ist eine Explosion, die nicht blos auf einzelne schwächere Stellen sondern auf die ganze ihr entgegenstehende Oberfläche mit gleichmäßiger Wucht einwirkt und den ganzen Rahmen der kulturmenschlichen Verhältnisse auseinandersprengt. Gewiß, um sich so wild gegen alle Einrichtungen aufzubäumen und sie so vollständig bis auf den Erdboden wegfegen zu wollen, muß man sie furchtbar intensiv als absurd empfunden und unter ihrem Zwange überaus schwer gelitten haben. Und doch – wir überraschen in der großen Revolution einen Zug, der es uns unmöglich macht, den Seelenzustand, aus dem sie hervorgegangen ist, für einen so qualvollen zu halten wie den der Jetztzeit; und dieser Zug ist ihr unerschöpflicher Optimismus. In der That: die Männer der großen Revolution waren völlig frei von der Krankheit des Pessimismus. Hoffnung und Zuversicht erfüllte sie zum Überströmen. Sie hatten die feste Überzeugung, unfehlbare Mittel zur Sicherung des absoluten Menschenglücks zu besitzen, und mit dieser Überzeugung ist es unmöglich, nicht selbst glücklich zu sein. Es ist in diesen Männern die Frühlings- und Morgenrothstimmung, aus der heraus Uhland sein jubelndes: »Die Welt wird schöner mit jedem Tag – Nun muß sich Alles, Alles wenden!« singt. Diese Jugendlichkeit, ja Kindlichkeit der Hoffnungen und Illusionen, diese Freudigkeit beim Ausblick in die Zukunft ist vielleicht das allermerkwürdigste Phänomen an der großen Revolution. Von unserer raschen Wanderung durch die Jahrhunderte bringen wir die Lehre mit, daß die heutige Zeitstimmung in der Vergangenheit ihres Gleichen nicht hat. Nur einen Moment gibt es in der Weltgeschichte, der in dieser Hinsicht an die Gegenwart erinnert, und das ist die Epoche des Todeskampfes der antiken Welt. Diese Ähnlichkeit ist wiederholt hervorgehoben worden. Die ererbte Weltanschauung hatte sich überlebt und eine neue, die sie ersetzen konnte, war nicht gefunden. An das, was die Priester predigten und die Schule lehrte, glaubte man nicht mehr; die Voraussetzungen, auf denen die ganze Lebensführung beruhte, waren hinfällig und letztere dadurch anstößig, unlogisch und sinnlos geworden. Der Menschen hatte sich infolge dessen eine Ermüdung, eine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bemächtigt, die ihnen das Leben unerträglich machte. Sie fanden weder in sich noch außer sich einen Trost, sie verloren bis auf die letzte Spur den Glauben an die Möglichkeit einer Besserung, eines erfreulicheren Morgen, und wie eine unheimliche moralische Epidemie raffte sie der Selbstmord zu Tausenden hin. Nur in jener schreckhaften Zeit, in der das römische Weltreich verfiel und das alte Heidenthum unterging, finden wir dieselbe Bangigkeit der einen und düstere Verzweiflung der anderen, dieselbe suchende Unruhe und bittere Tadelsucht, denselben Skeptizismus bei den Oberflächlichen und Pessimismus bei den Tiefen, welche unsere eigene Kulturepoche charakterisiren. Aber auch zwischen diesen beiden ähnlichen Epochen besteht doch noch ein letzter Unterschied: im kaiserlichen Rom ergriff die bis zum Todesverlangen gesteigerte Verzweiflung blos die geistig Vornehmen, also eine im Verhältniß zur Gesammtheit ganz kleine Schaar von Auserlesenen, während die große Menge in dumpfer Gedankenlosigkeit hinlebte und die ungeheure Tragik des Moments höchstens als äußerliche, materielle Noth der Zeit empfand; in unserer Zeit dagegen erstreckt sich diese Stimmung wie eine allgemeine, eine ganze Erdhälfte beschattende Dämmerung über die riesige Mehrheit aller Kulturmenschen. Wohl ist das nur ein Mengen-, kein Gattungs-Unterschied. Allein was eine schwere Krankheit grauenhaft macht, das ist eben ihre weite Verbreitung. IV. Woher nun dieser unleidliche Seelenzustand der Kulturmenschheit? Woher diese in solcher Tiefe und Ausdehnung beispiellose Verstimmtheit und Verbitterung aller Denkenden in einer Zeit, die doch selbst den Ärmsten eine Fülle geistiger und materieller Befriedigungen leicht erreichbar macht, welche sich früher selbst ein König nicht verschaffen konnte? Woher? Aus derselben Ursache, welche die gebildeten Spätrömer mit jenem Ekel vor der Leere des Daseins erfüllte, von dem sie sich blos durch den Selbstmord befreien zu können glaubten; aus dem Gegensatz zwischen unserer Weltanschauung und allen Formen unseres individuellen, gesellschaftlichen und bürgerlichen Lebens. Jede unserer Handlungen widerspricht unseren Überzeugungen, verhöhnt sie, straft sie Lügen. Ein unüberbrückbarer Abgrund klafft zwischen unserer Erkenntniß, zwischen dem, was wir als Wahrheit empfinden, und den herkömmlichen Einrichtungen, unter denen wir zu leben und zu wirken gezwungen sind. Unsere Weltanschauung ist die naturwissenschaftliche. Wir fassen den Kosmos als eine Stoffmasse auf, welche als Attribut die Bewegung hat, die, im Grunde eine einzige, uns in der Form verschiedener Kräfte zur Wahrnehmung gelangt. Die Bedenken, die vom erkenntnißtheoretischen Standpunkte aus gegen diese Weltanschauung erhoben werden können, sind mir recht wol bekannt. Ich kann mir ebensowenig wie ein Anderer ein Atom vorstellen, das noch ein Körper sein, aber keine Theile mehr haben soll; ich weiß ebensowenig wie ein Anderer, auf welche Art die Kraft, die etwas Unkörperliches sein muß, auf Körper zu wirken vermag. Aber diese erkenntnißtheoretischen Schwierigkeiten sind nicht entfernt so groß wie die der theologischen Weltanschauung mit ihrer Annahme einer Schöpfung von Stoff aus dem Nichts und eines undeterminirten Prinzips, das selbst determinirt handelt, das keinen Ursprung und keine Ursache hat und doch in einem gegebenen Moment in sich die Ursache zu einer Handlung, nämlich Weltschöpfung findet u. s. w. Und doch haben sich die gläubigen Philosophen durch ihr absolutes Unvermögen, eine annehmbare Erkenntnißtheorie zu bieten, nie an ihrer theologischen Weltanschauung irre machen lassen. Die Bewegung sehen wir von bestimmten Gesetzen regiert, die wir zum Theil erkannt, definirt, experimentell erprobt haben, denen wir zum andern Theil auf der Spur sind, die wir für unwandelbar halten und von denen wir keine Ausnahme kennen. Die Frage nach dem letzten Grund und nach dem Anfang der Dinge haben wir als eine mit den Mitteln unseres Organismus unlösbare aufgegeben. Zur Bequemlichkeit, als provisorischen Abschluß einer Gedankenreihe, die formal nicht Fragment bleiben kann, nehmen wir, allerdings willkürlich, eine nicht direkt zu erweisende Ewigkeit des Stoffs an. Diese Annahme, die einzige arbiträre in unserem System, reicht uns vollständig zur Erklärung aller übrigen Phänomene aus und widerspricht nicht unserer Einsicht in das Walten der natürlichen Gesetze. Sie macht uns die ebenso willkürliche, ebenso unerweisbare Annahme eines ewigen Willens oder Intellekts oder wie man immer »Gott« umschreiben will, unnöthig, die den Nachtheil hätte, zu einer Reihe anderer Annahmen – wie Vorsehung, Seele, Unsterblichkeit u. s. w. – zu führen, welche unfaßbar und unvernünftig sind und zu allen unangreifbar bewährten Naturgesetzen in Widerspruch stehen. Wenn wir vom Weltganzen zu unserer Gattung, zur Menschheit, herabsteigen, so ergiebt sich aus unserer naturwissenschaftlichen Auffassung mit Nothwendigkeit, daß wir im Menschen ein Lebewesen sehen, welches sich ohne Unterbrechung an die Reihe der Organismen anschließt und in jeder Hinsicht von den allgemeinen Gesetzen der organischen Welt regiert wird. Wir erkennen keine Möglichkeit, dem Menschen Sondervorrechte oder Zustände der Gnade zuzugestehen, welche nicht auch jedem andern Thier- oder Pflanzen-Individuum zukämen. Wir glauben, daß die Entwicklung der menschlichen wie die aller anderen Gattungen durch die Zuchtwahl vielleicht erst ermöglicht, jedenfalls aber gefördert wurde und daß der Kampf ums Dasein im weitesten Sinne die ganze Menschheitgeschichte ebenso wie das Dasein des obskursten Individuums formt und allen Erscheinungen der Politik wie des Gesellschaftslebens zu Grunde liegt. Das ist unsere Weltanschauung. Aus ihr ergeben sich all unsere Lebensgrundsätze und unsere Rechts- und Moralauffassung. Sie ist ein Elementarbestandtheil unserer Kultur geworden. Sie durchdringt uns mit der Luft, die wir athmen. Es ist unmöglich geworden, sich gegen sie abzuschließen. Der Papst, der sie in der Encyklika verdammte, stand unter ihrem Einflusse. Der Jesuitenzögling, von dem man sie fernzuhalten sucht, indem man ihn in einer künstlichen Atmosphäre von mittelalterlicher Theologie und Scholastik aufzieht, wie man Seethiere in Binnland-Aquarien in weithergeholtem Meerwasser zu erhalten sucht, der Jesuitenzögling selbst ist von ihr erfüllt, er nimmt sie in sich auf, indem er die Maueranschläge in den Straßen sieht, indem er die Lebensgewohnheiten seiner Gesinnungsgenossen beobachtet, indem er fromme Zeitungen liest, indem er bei einem wohlgesinnten Buchhändler ein Brevier kauft, sein ganzes Seelenleben ist unbewußt von ihr gefärbt und durchtränkt, er hat unwillkürlich Gedanken und Empfindungen, wie sie der Mensch des elften Jahrhunderts nie gehabt hatte, und er hat gut das Unmögliche versuchen: er kann sich nicht verhindern, der Sohn der Neuzeit und ihrer spezifischen Zivilisation zu sein. Und mit dieser Weltanschauung müssen wir in einer Kultur leben, die willig zugibt, daß ein Mensch durch den Zufall der Geburt die weitgehendsten Rechte über Millionen seiner ganz gleich, in vielen Fällen sogar weit besser organisirten Mitmenschen erlange, daß ein Mann, welcher sinnlose Worte spricht und zwecklose Bewegungen macht, als sichtbare Verkörperung übernatürlicher Gewalten verehrt werde, daß ein Mädchen in gewisser Lebensstellung ein schönes, kräftiges, blühendes Individuum nicht, wol aber ein häßliches, schwächliches, verkümmertes heiraten dürfe, weil jenes einem sogenannten niedern, dieses einem ebenbürtigen Range angehört; daß ein gesunder und starker Arbeiter hungere, während ein kränklicher und unfähiger Müßiggänger in einem Überfluß schwelgt, den er gar nicht zu genießen vermag. Wir, die wir glauben, daß die Menschheit aus niedrigeren Lebensformen hervorgegangen ist, und die wir wissen, daß alle Individuen ohne Unterschied nach denselben organischen Gesetzen werden, dauern und vergehen, wir müssen uns vor einem Könige neigen, müssen in ihm ein unter besonderen Lebensgesetzen stehendes Wesen verehren und dürfen nicht lächeln, wenn wir auf den Münzen und in den Regierungsakten lesen, daß er durch eine mystische »Gnade Gottes« sei, was er ist. Wir, die wir überzeugt sind, daß alle Weltvorgänge von unabänderlichen und keine Ausnahme duldenden physikalischen Gesetzen bestimmt werden, müssen sehen, wie der Staat Priester besoldet, deren erklärte Aufgabe es ist, Zeremonien aufzuführen, die angeblich einen die Naturgesetze überwiegenden und unterjochenden Einfluß auf die Weltvorgänge üben sollen, wir müssen gelegentlich feierlichen Messen oder Gottesdiensten anwohnen, in denen für unser Gemeinwesen besondere geheimnißvolle Begünstigungen von einer der naturwissenschaftlichen Auffassung unfaßbaren übernatürlichen Kraft erbeten werden, und wir weisen den Individuen, die solche widersinnige Gaukeleien verüben, im Staate und in der Gesellschaft einen hohen Rang an. Wir glauben an die große und wohlthätige Wirkung der Zuchtwahl und vertheidigen dennoch gleichzeitig den Konventionalismus der Ehe, die in ihrer gegenwärtigen Form die Zuchtwahl direkt ausschließt. Wir erkennen im Kampfe ums Dasein die Grundlage allen Rechts und aller Moral und geben täglich Gesetze und stützen fortwährend Einrichtungen, welche das freie Spiel der Kräfte absolut verhindern, den Starken und Lebensberechtigten den Gebrauch ihrer triumpfsichernden Fähigkeiten wehren und den naturgemäßen Sieg über die Hinfälligen zu einem todeswürdigen Verbrechen machen. So ist unser ganzes Leben auf hergebrachten Voraussetzungen einer anderen Zeit aufgebaut, die unseren heutigen Anschauungen in keinem Punkte mehr entsprechen. Form und Inhalt unseres bürgerlichen Daseins schließen einander heftig aus. Das Problem unserer offiziellen Kultur scheint zu sein, einen Würfel in einer Kugel von gleichem Rauminhalt unterzubringen. Jedes Wort, das wir sprechen, jede Handlung, die wir üben, ist eine Lüge gegen das, was wir in unserer Seele als Wahrheit erkennen. So parodiren wir uns gleichsam selbst und spielen eine ewige Komödie; die uns trotz aller Gewohnheit ermüdet, die von uns eine beständige Verleugnung unserer Erkenntniß und Überzeugungen verlangt und uns in Momenten der Selbsteinkehr mit Verachtung vor uns und dem Welttreiben erfüllen muß. Wir tragen bei hundert Gelegenheiten mit feierlichen Mienen und gesetztem Anstand ein Kostüm, das uns selbst eine Narrenjacke scheint, wir heucheln äußerliche Verehrung vor Personen und Einrichtungen, die uns innerlich im höchsten Grade absurd dünken und halten feige an Konventionen fest, deren vollständige Unberechtigtheit wir mit allen Fibern unseres Wesens fühlen. Die Rückwirkung eines solchen ewigen Konflikts zwischen den Daseinsformen und den Überzeugungen auf das innere Leben des Individuums ist eine tragische. Man erscheint sich selbst wie ein Clown, der Alles lachen macht, aber den seine eigenen Spaße anekeln und tief traurig lassen. Die Unwissenheit ist mit einer Art thierischen Behagens ganz gut vereinbar und man kann glücklich und zufrieden sein, wenn man alle Einrichtungen, von denen man umgeben ist, als nothwendig und vollberechtigt empfindet. Die Inquisitoren, die den Zweifel mit dem Würgstock und Scheiterhaufen verfolgten, wollten in ihrer Weise der Menschheit eine Wohlthat erweisen und ihr die Lebensfreudigkeit retten. Sowie man aber erkennt, daß die überkommenen Institutionen abgestorben und innerlich vermodert, daß sie leere, sinnlose Scheingebilde sind, halb Vogelscheuche, halb Theaterdekoration, muß man die Schrecken und Empörungen, die Entmuthigungen und Galgenhumoranfälle erleiden, die etwa ein Lebendiger hätte, welcher in eine Gruft unter Leichen gesperrt wäre, oder ein Vernünftiger, der unter Wahnsinnigen leben und, um nicht mißhandelt zu werben, auf alle ihre Verrücktheiten eingehen müßte. Dieser beständige Widerspruch zwischen unseren Anschauungen und allen Formen unserer Kultur, diese Notwendigkeit, umgeben von Einrichtungen zu leben, die wir als Lügen betrachten, sie sind es, die uns zu Pessimisten und Skeptikern machen. Das ist der tiefe Riß, der durch die ganze Kulturwelt geht. In diesem unerträglichen Zwiespalt verlieren wir alle Daseinsfreude und alle Strebenslust. Er ist der Grund des fieberischen Unbehagens, das die Gebildeten aller Nationen verdüstert. Das unheimliche Räthsel der Zeitstimmung hat ihn zur Lösung. Aufgabe der folgenden Kapitel wird es sein, diesen Zwiespalt zwischen den herrschenden konventionellen Lügen und der sich gegen sie empörenden naturwissenschaftlichen Weltanschauung im Einzelnen nachzuweisen. Die religiöse Lüge. I. Die verbreitetste und mächtigste unter den Einrichtungen, welche uns die Vergangenheit hinterlassen hat, ist die Religion. Unter ihrem Banne steht die ganze Menschheit. Sie umschlingt mit demselben Bande die höchsten und die niedrigsten Racen und ihr verknüpfender Knoten macht den Australneger zum Gesinnungsverwandten und Kulturnachbar des englischen Lords. Die Religion durchdringt alle Formen des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens und der Glaube an ihre übersinnlichen Lehrsätze ist die stillschweigende oder ausgesprochene Voraussetzung der Giltigkeit, ja der bloßen Möglichkeit einer ganzen Reihe von Handlungen, welche die kritischen Entwickelungs-Stationen und bestimmenden Wendepunkte des individuellen Daseins bilden. Es gibt noch zahlreiche Kulturländer, wo jedermann einer Religion angehören muß. Um seinen Glauben, seine Überzeugungen kümmert man sich nicht; aber äußerlich muß er zu einer bestimmten Konfession zählen. Man steht nicht mehr ganz auf dem Standpunkte Spaniens im sechzehnten Jahrhundert, Englands während der Gegenreformation unter der blutigen Mary oder der neuenglischen Kolonien zur Zeit der Puritaner-Tyrannei, da man mit furchtbarer Strenge darauf achtete, daß jeder Bürger an den Handlungen des Kults theilnehme; aber der Fortschritt ist im Ganzen ein geringer; denn wenn der Staat nicht mehr fordert, daß man zur Messe und Beichte gehe, und wenn er nicht mehr die Strafe des Feuertodes darauf setzt, daß man Sonntags beim Gottesdienste gefehlt hat, so besteht er doch noch in vielen europäischen und amerikanischen Ländern darauf, daß man im Mitglieder-Verzeichnisse einer religiösen Gemeinde eingetragen sei, und treibt mit Hilfe seiner Gerichte und Gendarmen von allen Bürgern Geldbeiträge zu konfessionellen Zwecken ein. Die Religion nimmt den Kulturmenschen bei seinem Eintritt ins Leben in Empfang, sie ist seine hartnäckige, aufdringliche Begleiterin durchs ganze Dasein und läßt selbst bei seinem Tode noch nicht von ihm. Der Staatsbürger wird geboren – die Eltern müssen ihn taufen lassen, wenn sie sich nicht, wenigstens in manchen Ländern, einer Strafe und einem gewaltsamen Einschreiten des Staates aussetzen wollen; er will heiraten – er kann es nur in der Kirche und unter Mitwirkung eines Priesters thun. Allerdings besteht mancherorten die Zivilehe, aber erstens ist sie nicht überall eingeführt, zweitens bemühen sich in einigen Ländern, wo sie errungen wurde, mächtige Einflüsse, sie wieder abzuschaffen, drittens haben die gesellschaftlichen Sitten selbst dort, wo die Zivilehe eine unausrottbare Einrichtung ist, mit dem Gesetz nicht gleichen Schritt gehalten und geben vor, dieselbe nicht als Vollehe zu betrachten. Der Weltbürger stirbt, seinem Leichenwagen muß ein Priester folgen, über seinem Sarge müssen Gebete gesprochen werden und er kann nur in sogenannter »geweihter« Erde eine Ruhestätte finden, umgeben von Abzeichen und Inschriften religiöser Natur. Bei zahlreichen Anlässen kann er seine berechtigtsten Interessen blos mit Hilfe eines Eides wahrnehmen, der auf religiösen Anschauungen beruht. Er soll seinem Vaterlande als Soldat das Opfer seines Blutes bringen – er kann es nicht, ohne bei Gott einen Fahneneid zu schwören; er soll vor Gericht sein gutes Recht erstreiten – er kann es nur darthun, indem er einen Eid ablegt. Ohne Eid kann er nicht als Geschworener seinen Mitbürgern Recht sprechen, kann er nicht als Abgeordneter die Interessen des Volkes wahrnehmen, kann er kaum irgend eine öffentliche Stellung bekleiden. Der Versuch, den man in England und Frankreich gemacht, den religiösen Eid durch eine feierliche Versicherung bei Ehre und Gewissen zu ersetzen, hat leidenschaftlichen Widerstand erregt. In der ganzen weiten Kulturwelt ist noch kaum ein Winkelchen oder Endchen zu entdecken, das die Allherrschaft der Religion abgeschüttelt hätte. Die Formen, unter welchen sich die Zivilisation geschichtlich entwickelt hat, sind die Familie, das Eigenthum, der Staat und die Religion. Nun denn: keine dieser vier Formen umfaßt eine so große Zahl von Individuen wie die letzte. Es gibt viele Menschen, die außerhalb der Familie stehen; so die Findlinge und die Straßenaraber der Großstädte, wenn sie nicht im reiferen Alter durch Ehe oder Konkubinat eine Familie gründen. Die völlig Besitzlosen und die Gewohnheitsverbrecher, die von Raub und Diebstahl leben, erkennen den Grundsatz des Eigenthums nicht an. Mitten in unserer reglementirten Zivilisation mit ihrer Vielregiererei, ihrem Verwaltungsapparate und ihrer Beamtenarmee gibt es ansehnliche Gruppen, – beispielsweise in fast allen Ländern Europas die Zigeuner – die sich nicht in den Rahmen der Staatsorganisation fügen, deren Geburten, Ehen und Sterbefälle nirgends verzeichnet werden, die nirgends Steuer zahlen, nirgends eine Militärdienstpflicht erfüllen, keine Ortsangehörigkeit, keine politische Nationalität besitzen und, selbst wenn sie es wollten, nur sehr schwer in die normale bürgerliche Gesellschaft eintreten könnten, weil ihnen die verschiedenen mit unleserlichen Unterschriften und respektablen Polizeisiegeln bedeckten stempelpflichtigen Papiere fehlen, ohne deren Besitz der nummerirte und etikettirte Sohn der Zivilisation eine rechtsgiltige Anerkennung weder seines Lebens noch seines Todes erlangen kann. Dagegen ist die Zahl derjenigen, die außerhalb der Religion stehen, überaus klein. In Deutschland wurde ein Freidenkerbund gegründet, der solchen, die den Konfessionalismus überwunden haben, Gelegenheit bietet, sich auch äußerlich als von den ererbten Ketten des Aberglaubens befreit zu verkünden. Er zählt nach mehrjährigem Bestande kaum tausend Mitglieder und selbst von diesen werden viele noch amtlich in den Listen der Angehörigen religiöser Gemeinden geführt. In Österreich gestattet ein Gesetz den Austritt aus den bestehenden Religionen. Nicht fünfhundert Personen haben sich dieses Gesetz zu Nutzen gemacht, um sich als konfessionslos zu erklären, und auch von diesen waren die meisten nicht durch die Ehrlichkeit gedrängt, ihre Handlungen und Lebensführungen auch äußerlich mit ihren Überzeugungen in Einklang zu bringen, sondern die einen wollten eine Ehe mit einer andersgläubigen Person eingehen, was den Austritt beider Parteien aus ihrer Konfession zur Voraussetzung hat, und die anderen waren Juden, welche sich dem Wahn hingaben, sie würden dem ihren Stamm verfolgenden Vorurtheile entgehen können, weil sie offiziell nicht mehr zur jüdischen Glaubensgemeinde zählten. Dieser Beweggrund trat so häufig ins Spiel, daß in Österreich konfessionslos und jüdisch fast synonym werden konnten und der Sekretär der Wiener Universität, wenn er bei den Einschreibungen auf die dort noch übliche Frage nach der Religion des Studenten die Antwort erhielt: »Konfessionslos!« mit gutmüthigem Lächeln zu bemerken pflegte: »Warum sagen Sie denn nicht lieber gleich, daß Sie ein Jude sind!« Frankreich ist dasjenige Kulturland, wo die Geistesfreiheit dem Konfessionalismus in den Gesetzen – nicht auch in den Sitten – bisher das weiteste Gebiet abgerungen hat. Doch bleiben auch in Frankreich weitaus die meisten Freidenker im Schoße der Kirche, der ihre Eltern angehört haben, sie gehen zur Messe und Beichte, verheiraten sich vor dem Altar, lassen ihre Kinder taufen und konfirmiren und rufen den Priester zu ihren Todten. Noch nicht nach Hunderten zählen diejenigen, die ihre Kinder ohne Taufe und Firmung aufwachsen lassen und für sich letztwillig ein sogenanntes Zivilbegräbniß fordern. In dem freien England gestatten Gesetz und öffentliche Meinung, daß man Sekten und Religionen stifte, daß man sich zum Buddhismus oder zur Sonnenanbetung der Parsis bekenne, nicht aber, daß man eingestandener Atheist sei. Bradlaugh hatte die Kühnheit, seinen Atheismus offen zu verkünden. Er wurde dafür gesellschaftlich geächtet, aus dem Parlament gestoßen, in haarsträubend kostspielige Rechtshändel verwickelt. So mächtig ist der Einfluß der Religion auf jeden Geist, so schwer ist es, sich der Gewohnheit des Konfessionalismus zu entschlagen, daß selbst die Gottesleugner, wenn sie im Gemüthe des Menschen den Glauben durch ein anderes, unserer Weltanschauung angepaßtes Ideal ersetzen wollen, schwach genug sind, für ihre vernünftige Konzeption die an die Albernheiten des Kindesalters der Menschheit erinnernde Bezeichnung Religion beizubehalten. In Berlin und an anderen Orten Norddeutschlands haben Vereinigungen von Freidenkern für ihre Gesellschaft keinen anderen Namen gefunden als den einer »freireligiösen Gemeinde« und David Friedrich Strauß nennt einen Idealismus, dessen Wesenheit das Nichtvorhandensein einer übersinnlichen Religion ist, die »Religion der Zukunft«. Erinnert das nicht ein wenig an den Atheisten der bekannten Anekdote, der ausruft: »Bei Gott, ich bin ein Atheist!« II. Hier ist der Platz, einem Mißverständnisse zuvorzukommen. Wenn ich die Religion eine konventionelle Lüge des Kulturmenschen nenne, so verstehe ich unter dem Worte Religion nicht den Glauben an außerirdische, übersinnliche Gewalten. Dieser Glaube ist bei den meisten Menschen ehrlich. Unbewußt lebt er selbst noch bei Männern der höchsten Geistesbildung fort und nur die allerwenigsten Söhne des neunzehnten Jahrhunderts sind mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, von deren Richtigkeit ihre Vernunft überzeugt ist, so eins geworden, daß dieselbe auch bis in das Nachtleben ihrer Seele vordringen konnte, in deren dem Willen fast unzugänglichen Verstecken die unbestimmten Gefühle, Träumereien und Stimmungen ihren Ursprung nehmen. In diesem geheimnißvollen Dunkel wahren die uralten Vorurtheile und abergläubischen Vorstellungen ihre Herrschaft und sie daraus zu verjagen ist unvergleichlich schwerer, als Eulen und Fledermäuse aus den Winkeln und Thurmhelms zu verscheuchen. In diesem Sinne, das heißt als ein halb oder ganz unbewußtes Festhalten an transszendentalen Einbildungen, ist also die Religion in der That ein noch äußerst weit verbreitetes psychisches Überlebsel des Kindesalters der Menschheit; ich gehe weiter und sage, daß sie eine durch die Unvollkommenheit unseres Denkorganes bedingte funktionelle Schwäche, daß sie eine der Formen unserer Endlichkeit ist. Ich werde mich bemühen, diese Behauptung zu erklären damit sie nicht dunkel erscheine. Die Philologie, vergleichende Mythologie und Ethnographie haben bereits zahlreiche Beiträge zur Geschichte des Entstehens und der Entwickelung des religiösen Gedankens herbeischaffen können und die Psychologie hat den erfolgreichen Versuch unternommen, die seelischen Eigenheiten nachzuweisen, infolge welcher der ursprüngliche Mensch zur Vorstellung des Übernatürlichen gelangen mußte und der Kulturmensch diese Vorstellung festhält. Erst nach mehreren Jahrtausenden der Zivilisation, erst ungezählte Generationen nach so umfassenden Denkern wie Pythagoras, Sokrates und Plato gelangte ein intensiver Mensch dazu, gewisse Vorstellungen als nicht wesenhaft, als bloße Formen oder Kategorien unseres Denkens zu erkennen. Beim ersten Dämmern eines lichteren Seelenlebens mußten diese Vorstellungen natürlich das ganze rudimentäre Denken des Urmenschen mit einer Gewalt beherrschen, von der sich der Sohn der Zivilisation, der an Abstraktionen gewöhnt ist und die ungeheure Geistesanstrengung, die sie kosten, gar nicht mehr empfindet, keinen Begriff machen kann. Dem Wilden sind Zeit und Raum und Kausalität etwas ganz so Wirkliches und Stoffliches wie die Dinge selbst, die ihn umgeben und die er mit seinem gröbsten Sinne, dem Tastsinne, wahrnehmen kann. Er stellt sich die Zeit als ein Ungeheuer vor, welches seine Kinder frißt, der Raum erscheint ihm als eine Mauer, welche den Gesichtskreis umbaut, oder auch als ein Zusammenfließen des als Dach oder Sturz gedachten Himmels mit der Erde, und die Ursächlichkeit empfindet er als so nothwendig, als so untrennbar von der Erscheinung, daß er ihr die Nächstliegende und ihm verständlichste Form gibt: die einer bewußten Handlung, eines Wesens gleich ihm selbst. Fällt ein Baum in seiner Wildniß, so kann ihn nur ein organisches Wesen umgeworfen haben; bebt die Erde, so hat sie offenbar jemand erschüttert, und da die Vorstellung »jemand« für seinen armen Geist noch zu unbestimmt und darum zu schwer erfaßbar ist, so gibt er ihr die bequeme Form eines Menschen. Derselbe Denkprozeß wird durch alle Phänomene angeregt, die sich um ihn ereignen. Widerstandsloser Sklave der Kausalitäts-Vorstellung, sucht er für jede Wahrnehmung die Ursache, und da er als Ursache der von ihm verübten Handlungen seinen eigenen Willen kennt oder zu kennen glaubt, so überträgt er diese individuelle Beobachtung auf die Natur und erkennt in deren Erscheinungen die Wirkung der Willkür eines menschenähnlichen Wesens. Hier aber tritt zum ersten Mal ein Grund der Verwirrung und des Erstaunens an ihn heran. Wenn seine Frau mit Hilfe von Reibhölzern Feuer anzündet, wenn sein Stammesgenosse mit seiner Steinaxt ein Thier tödtet, so nehmen seine Sinne die Ursache des Aufloderns der Gluth und des Umsinkens des Thieres wahr. Wenn aber der Sturm seine Hütte umreißt oder der Hagel ihn verwundet, so sieht er das Wesen nicht, das ihm diese Gewalt anthut. Daß dieses Wesen existirt, daß es ihm ganz nahe ist, daran zweifelt er nicht, denn die Hütte liegt in Trümmern da und die Wunde, die ihm der Hagel geschlagen, blutet und das muß doch jemand gethan und thun gewollt haben. Da er aber den Missethäter nicht findet, so bemächtigt sich seines Geistes die entsetzliche Angst, welche die unbekannte Gefahr, gegen die man sich nicht vertheidigen kann, stets erweckt, und dieses Gefühl ist der Anfang der Religion. In der That: alle Reisebeschreiber, welche Wilde beobachten konnten, sind darin einig, daß das religiöse Gefühl sich in den letzteren ausschließlich als abergläubische Furcht äußert. Und das ist natürlich. Die unangenehmen Empfindungen sind nicht nur weit häufiger, sondern auch weit stärker als die angenehmen und sie regen eine ungleich höhere und lebhaftere äußere und innere Thätigkeit an als diese. Eine angenehme Empfindung wird stumpf und passiv ertragen; der Geist braucht sich sie nicht zu verdeutlichen; Muskeln und Hirn können bei ihr ruhen; eine unangenehme dagegen gelangt zunächst klar zum Bewußtsein und macht dann eine Reihe von Denk- und Willensakten zur Entdeckung und Abwehr ihrer Ursache nothwendig. So kommt es, daß der primitive Mensch ungleich früher auf die ihm feindlichen Kräfte der Natur aufmerksam wird als auf die, welche seine Wohlthäter sind. Daß ihn die Sonne wärmt und die Frucht nährt, darüber macht er sich keine Gedanken, weil er nur denkt, wenn er dazu genötigt wird, und er die Frucht verzehren und sich in der Sonne ausstrecken kann, auch ohne dabei zu denken. Die Gefahren und Widerwärtigkeiten dagegen erwecken seine Seelenthätigkeit und bevölkern seine Vorstellungswelt mit dauernden Bildern. Erst auf einer sehr hohen Stufe geistiger Entwickelung gelangt der Mensch dazu, sich auch die Annehmlichkeiten des Lebens deutlich zu vergegenwärtigen, sie nicht blos instinktiv, sondern mit Bewußtsein zu genießen, hinter ihnen ebenfalls die Willkür eines menschenähnlichen Wesens als Ursache zu suchen und für dieses Liebe, Dankbarkeit und Bewunderung zu empfinden. Bis zu diesem vergleichsweise späten Stadium der Kultur begnügt er sich damit, vor dem unsichtbaren und unbekannten Willen, welcher stürmt und donnert und blitzt, ihn mit allerlei Übeln quält und ihm Schmerz und Ungemach bereitet, Angst und Grauen zu haben. Aus diesem Gefühle der Furcht gehen alle ursprünglichen Handlungen des religiösen Kults hervor. Man vermeidet es, Dinge zu thun, die den unsichtbaren mächtigen Feind reizen könnten, und die rege, kindische Phantasie, der sprunghafte Gedankengang des primitiven Menschen lassen ihn in allen möglichen Thätigkeiten eine Ursache der Mißstimmung dieses Feindes besorgen. Ist derselbe aufgebracht, so muß man ihn mit allen Mitteln versöhnen. Man fröhnt seiner Habgier, indem man ihm Geschenke macht, ihm Opfer bringt. Man schmeichelt seiner Eitelkeit, indem man ihn preist und seine Eigenschaften rühmt. Man demüthigt sich vor ihm, sucht ihn durch Bitten zu rühren, gelegentlich auch durch Drohungen einzuschüchtern. Gebet, Opfer, Beschwörung sind also Äußerungen desselben Gefühls, aus welchem Darwin in seinem Buche über den Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei Menschen und Thieren die Grußformen also das Wedeln und Kriechen des Hundes, das Schnurren der Katze, das Sichverneigen und Hutabnehmen des Kulturmenschen ableitet: nämlich Akte der Unterwerfung unter einen stärkern Gegner. Fassen wir diese Ausführungen kurz zusammen. Die Kausalität, die eine Form oder Kategorie des menschlichen Denkens ist, wird vom primitiven Menschen grob materiell und wesenhaft aufgefaßt. Er sucht für alle Erscheinungen, die ihn beunruhigen, naheliegende Ursachen. Seine Unfähigkeit, abstrakt zu denken, gestattet ihm blos konkrete Vorstellungen, die vor seinem Geiste stets im Gewande ihm geläufiger Bilder erscheinen; so gelangt er zum Anthropomorphismus, das heißt, er denkt sich alle Kräfte, Alles, was im Stande ist, ein Phänomen zu verursachen, in der Gestalt eines Menschen mit Bewußtsein, Willen und Organen zur Vollziehung des letztern, da er eben eine Kraft, losgelöst von der organischen Form, in der er ihre Thätigkeit gewöhnlich beobachtet, noch nicht zu erfassen vermag. Die Kausalität führt ihn also zur Annahme einer Ursache aller Phänomene, seine Abstraktions-Unfähigkeit zum Anthropomorphismus, zur Bevölkerung der Natur mit einem persönlichen Gott oder mit persönlichen Göttern, seine Furcht vor diesen, die ihm Feinde zu sein dünken, zu Opferhandlungen und Gebeten, mit einem Wort zu einem äußerlichen Kult. Das ist die eine Wurzel der Religion beim primitiven Menschen und sie ist auch aus dem Gemüthe des Kulturmenschen nicht herausgerissen. Selbst Geister, die gebildet und im Denken geübt genug sind, um Zeit und Raum nicht mehr als etwas stofflich Vorhandenes zu betrachten, empfinden die Kausalität noch immer als wesenhaft und haben sich nicht zur Höhe der Abstraktion emporarbeiten können, von der aus man auch die Kausalität nicht als eine Bedingung der Erscheinungen, sondern als eine Form unseres Denkens erkennt. Und was den Anthropomorphismus betrifft, so wird er noch heute fortwährend geübt; nicht blos vom Kinde, das sich an den Märchen erbaut, die den Wind und die Bäume reden und die Sterne Ehen schließen lassen, sondern auch vom Erwachsenen in der geheimsten Intimität seines Seelenlebens, das sich kaum je vollständig von den Nachwirkungen der Kindesgewohnheiten befreit. Ist es nicht bezeichnend, daß der Modephilosoph unserer Tage mit einer seltsamen Rückkehr zu urmenschlichen Vorstellungen sein System auf denselben Voraussetzungen aufgebaut hat, aus welchen die frühesten Rudimente einer Weltanschauung bei den Zeitgenossen des Höhlenbärs und bei den heutigen Australnegern erwuchsen: nämlich auf der Annahme eines Willens als Grundbedingung nicht allein irgend einer Thätigkeit, sondern schon des bloßen Bestehens jedes Objekts? Dieses Hineintragen eines uns vertrauten, weil häufig in uns selbst beobachteten Vorganges in die uns umgebenden Dinge, dieses Bestreben, sich deren Vorhandensein durch die Existenz eines Willens in ihnen zu verdeutlichen, weil man auch die Vorstellung eines Menschen nicht von dem eines in ihm waltenden und sein ganzes Thun bedingenden Willens trennen kann, gehört durchaus der ersten Stufe der menschlichen Geistesthätigkeit an. Schopenhauer mag seinem System durch Sublimirungen und Raffinements äußerlicher Natur und durch dessen Einkleidung in die Kunstsprache der Wissenschaft ein genug vornehmes Ansehen gegeben haben, um es Bildungsmenschen mit guter Art vorstellen zu können, in seinem Kern bleibt dasselbe dennoch der erstaunlichste Atavismus, den die Geschichte der Philosophie, die so wesentlich eine Geschichte der Rückfälle des menschlichen Geistes in überwunden geglaubte alte Träumereien und Thorheiten ist, aufzuweisen hat. Wenn selbst ein auf der Höhe unserer Kultur stehender Denker wie Schopenhauer die unorganischen Dinge mit einem Willen gleich dem menschlichen belebt, um sie zu begreifen (obwohl doch im Menschen selbst einige der wichtigsten Vorgänge, z. B. die des Stoffwechsels, ohne den Einfluß des Willens stattfinden), wenn diesem System bei zahlreichen Geistern der Elite eine billigende Aufnahme wird, wie sollte man es nicht verstehen, daß der Mammuthjäger der Quaternärzeit, die an seinem beschränkten Ich gemachten armseligen Erfahrungen verallgemeinernd, die Natur nur begreifen konnte, wenn er hinter ihren Erscheinungen einen Urheber nach seinem Ebenbilde, nur stärker und schrecklicher, mit größerer Steinaxt und kräftigerem Appetit, annahm und dadurch zu den Anfängen einer Religion gelangte? Die Vorstellung eines Willens als Ursache der Weltphänomene, also der Glaube an einen persönlichen Gott oder an Götter, ist aber blos ein Theil der Religion, die ihre transszendentalen Erklärungsversuche nicht auf die Natur beschränkt, sondern auch an dem Menschen und an seiner Stellung in der Natur übt. Zu den religiösen Vorstellungen gehören auch die einer Seele im Menschen und einer Fortdauer derselben nach seinem Tode. Erst der Glaube an die Unsterblichkeit vervollständigt den Glauben an Gott zu einem umfassenden Systeme, das die Grundlage einer Gesellschaftsordnung und einer Moral abgeben konnte, da es eine sichere Definition von gut und schlecht, eine Unterscheidung von Tugend und Laster gestattete und in einer künftigen Belohnung und Bestrafung, deren erste Voraussetzung die Unsterblichkeit des Individuums mit seinen wesentlichen Attributen: der Empfindung und Vorstellung ist, die Mittel fand, die Menschen in ihrem Handeln zu bestimmen. Der Glaube an die Seele und deren Unsterblichkeit entspringt indeß nicht mehr aus der Kausalität und dem Anthropomorphismus, sondern aus ganz anderen psychologischen Quellen, denen wir ein wenig nachgraben wollen. Spezialforscher haben vielfach die Frage erörtert, ob der Glaube an eine Seele und deren Unsterblichkeit dem Glauben an Gott vorangegangen oder nachgefolgt sei und ob nicht alle religiösen Vorstellungen überhaupt sich aus dem Seelenkult durch die Zwischenstufe des Dämonenglaubens hindurch entwickelt haben. Daß vielen alten Völkern und modernen wilden Stämmen der Glaube an die Seele ein wesentlicherer Bestandtheil der wirklich empfundenen innern Religion ist als der Glaube an ein höchstes Wesen, das scheint der Todtenkult der Egypter, die Laren- und Ahnen-Verehrung der Römer, das Trinken des Blutes geschlachteter Feinde bei antiken Celten und Germanen und die Menschenfresserei mancher innerafrikanischer und Südseeinsel-Stämme zu beweisen, welch letztere namentlich ganz gewiß nicht aus einem unwiderstehlichen Fleischbedürfnisse hervorgeht, wie oberflächliche Beobachter angegeben haben, sondern aus der mystischen Hoffnung, daß die Eigenschaften des getödteten Feindes auf denjenigen übergehen werden, der von ihm ißt. Alles in Allem ist die Frage, ob der Seelen- oder Gottglaube der ältere ist, eine untergeordnete. Das Eine steht fest, daß der Mensch sehr früh die zwei Vorstellungen hatte, in ihm sei etwas vom Körper Verschiedenes, welches das Leben bedinge, und dieses Etwas überdaure den Tod, die Zerstörung der äußern Form. Zu der ersten Vorstellung mußte eine ungenaue Beobachtung und eine mangelhafte Einsicht in die Naturgesetze führen. Man fühlte im lebenden Menschen mannigfache geheimnißvolle Bewegungen, das Klopfen des Herzens, das Schlagen der Pulsadern. Im todten Menschen ist Alles still und unbeweglich. Die Rolle, welche das Herz als Sitz der Gefühle im Sprachgebrauche noch heute spielt, legt als Überlebsel Zeugniß für das Interesse ab, welches diese auffallenden Bewegungen des Herzens früh im Menschen erregten. Dem ungeschulten Denken ist nichts geläufiger, als aufeinanderfolgende Erscheinungen in ursächlichen Zusammenhang zu bringen. Da im Todten sich nichts regt, so muß das, was im Lebenden hüpft und sich wirft, das Lebenbedingende sein. Wenn man lebt, so ist es da; wenn man stirbt, so geht es davon, verläßt es den Körper. Was ist es aber? Auf diese Frage antwortet die Phantasie des primitiven Menschen vielfältig. Darin sind fast alle Völker einig, dem Lebensprinzip, der Seele, eine Thierform zu geben. Dem einen ist die Seele eine Taube, dem anderen ein Schmetterling. Andere, die bereits abstrakterer Vorstellungen fähig sind, denken sich dieselbe als einen Windhauch oder als einen Schatten. Die beunruhigenden und unerklärlichen Erscheinungen des Schlafes und Traumes werden durch solche Annahmen einer Erklärung zugänglich, welche dem primitiven Geiste genügt. Die Seele, dieser materielle und organisirte Bewohner des Körpers, diese Art Schmarotzer des Lebendigen, empfindet manchmal das Bedürfniß, ihren Käfig zu verlassen. Dann fällt der Leib in einen Zustand, welcher dem ähnlich ist, welcher seiner harrt, wenn die Seele für immer von ihm geht; er weiß und fühlt nichts, er bewegt sich nicht: er schläft. Die Seele ergeht sich irgendwo; sie thut und erfährt allerlei; davon bleibt eine dunkle Erinnerung, wenn sie in ihren ordentlichen Aufenthaltsort zurückgekehrt ist: das sind Träume. Jakob Grimm verzeichnet eine Sage, nach Paulus Diakonus, welche erzählt, der fränkische König Guntram sei eines Tages auf der Jagd eingeschlafen und der ihn begleitende Knecht habe aus seinem Munde ein schlangenähnliches Thierchen hervorkriechen und bis zum nahen Bache eilen gesehen, über den es nicht gekonnt. Der Diener habe darauf sein Schwert aus der Scheide gezogen und über den Bach gelegt. Das Thierchen sei hinüber gegangen, nach einigen Stunden wiedergekommen und in des Königs Mund zurückgeschlüpft, worauf dieser erwachte und dem Begleiter erzählte, er habe geträumt, einen großen Fluß gesehen zu haben, über den eine eiserne Brücke gebaut war, über die sei er gegangen u. s. w. In einer andern Sage, ebenfalls bei Grimm, wird von einer schlafenden Magd erzählt, aus deren Munde ein rothes Mäuslein hervorgegangen sei; man habe die Schläferin umgewandt, worauf die Maus bei der Wiederkunft den Mund nicht finden gekonnt und die Magd nicht mehr erwacht sei. Und wo war dieser geheimnißvolle Bewohner des Menschenleibes, der die großen Räthsel des Lebens und Todes, des Schlafes und Traumes so faßlich erklärt, vor der Geburt seines Beherbergers und wohin geht er nach dessen Ende? Er war vorher in anderen Leibern und bezieht nachher andere Leiber; das ist der Glaube an die Seelenwanderung. Oder er entsteht erst mit dem Leibe und bleibt auch nach dessen Tode in seiner Nähe: das ist die altegyptische Vorstellung, die zur sorgsamen Erhaltung der Leichen führte. Daß er mit dem Leibe zugleich vergehe, nimmt der primitive Mensch nirgends an. Und das ist ganz natürlich! das absolute Nichtsein ist eine Vorstellung, der das menschliche Denken fremd und feindlich gegenübersteht, ja die voll zu realisiren ihm unmöglich ist. Man kann von einer Maschine keine Kraftleistung verlangen, die über das Vermögen ihrer Bestandteile geht. Die Vorstellung des Nichtseins ist eine Kraftleistung, die über das Vermögen des menschlichen Denkapparats hinausgeht. Man spricht von horror vacui der Natur. Ganz so groß ist der horror vacui des menschlichen Denkens. Das, was im Menschen denkt, das ist sein Ich; dasselbe bildet die Unterlage, die notwendige Voraussetzung des Denkakts; ohne Ich kein Gedanke, keine Vorstellung, selbst keine Empfindung; die Vorstellung des Nichtseins wird ebenfalls vom Ich konzipirt, aber während das Ich sich bemüht, das Nichtsein sich zu vergegenwärtigen, hat es gleichzeitig das volle Bewußtsein seines Seins und diese Gleichzeitigkeit verhindert vollständig die wirkliche, deutliche Vorstellung des Nichtseins. Um sich von diesem einen überzeugenden, klaren Gedanken machen zu können, müßte das Ich einen Augenblick lang aufhören, sich als seiend zu fühlen, das heißt, es müßte unbewußt sein, es dürfte nicht denken. Dann könnte es aber auch das Nichtsein nicht denken. Hier ist der circulus vitiosus , über den der Mensch infolge der Natur seines Denkapparates nicht hinauskömmt. So lange er denkt, ist sein Ich sich seines Daseins vollbewußt und kann das Nichtsein nicht ernstlich konzipiren; ist der Mensch aber seines Daseins unbewußt, dann denkt er nicht, also auch nicht den Gedanken des Nichtseins. Durch Wunder der Abstraktion ist die indische Philosophie zur Vorstellung des Nirvanah, des absoluten Nichts, der absoluten Stoff- und Bewegungslosigkeit gelangt. Dem Gedanken dieses absoluten Nichts, des Aufhörens der Welt sowol als des Ich, ist der Menschengeist eher zugänglich. Aber gegen einen Untergang des Ich bei einer Fortdauer der Welt lehnt er sich unbeugsam auf. Wie, diese Dinge, die nur da sind, weil wir sie wahrnehmen, ja deren Existenz außer unserer Wahrnehmung wir uns gar nicht vorstellen können, sollen fortdauern, und das, was ihnen erst ihr Dasein gibt, das sie wahrnehmde Ich, soll aufhören? Das ist undenkbar. Das mit dem Ich zugleich das ganze Weltphänomen verschwindet, daß dann das Nirvanah eintritt, das ist eine mögliche, ja in gewissem Sinne egoistisch-tröstliche Vorstellung. Daß aber das Ich aufhört und die Welt unverändert weiter besteht, ist ein Gedanke, der im Rahmen unseres auf dem Ich beruhenden Denkens nicht Platz findet. Wir können uns mit einem Wortschwall und Phrasenguß fast ertränken, wir können uns philosophische Formeln und Definitionen vormachen und uns mit hochmüthigem Selbstbetrug überreden, daß wir uns etwas Deutliches, Anschauliches dabei denken, wenn wir die Definitionen und Formeln emsig wiederholen. In Wirklichkeit haben wir vom Nichtsein nicht mehr eine Vorstellung als von der Unendlichkeit, die wir ja auch wol in Formeln, aber nicht in unser Gehirn bringen konnten. Es ist schon ein ungeheurer Triumph des menschlichen Geistes, daß auserlesene Kraftseelen zu einer Art schattenhafter, nicht recht in Worte zu fassender Ahnung dieser beiden Vorstellungen des Nichtseins und der Unendlichkeit gelangt sind; man könnte das, wenn dieser Vorgang möglich wäre, ein Hinaustreten des Menschen aus sich selbst, ein Sichemporheben über sich selbst nennen. Wie sollte der primitive Mensch solche fast übermenschliche Gedankenarbeit leisten? Sie mußte erst durch viele Jahrtausende harter Geistesdisziplin vorbereitet werden. Bei geringerer Entwickelung des Denkvermögens mußte dem Menschen das Nichtsein unfaßbar, die ewige Dauer des Ichs selbstverständlich, gar nicht anders denkbar sein. Er mußte zu der groben Vorstellung einer leiblichen Auferstehung der Todten und zu der feineren einer Unsterblichkeit der unkörperlichen, aber seltsamerweise dennoch die geistigen Attribute des Individuums: Willen, Empfindung und Vorstellung wahrenden Seele gelangen. Das ist es, was ich meinte, als ich oben sagte, die Religion sei eine durch die Unvollkommenheit unseres Denkorgans bedingte funktionelle Schwäche und eine der Formen unserer Endlichkeit. Durch die Wirkung der Kausalität und der den Anthropomorphismus bedingenden Unfähigkeit, sich Kräfte anders als in gewohnten, organischen Formen vorzustellen, kam der Mensch zum Gottbegriff; durch die ungenaue Beobachtung der Erscheinungen des Lebens und des Todes, des Schlafes und Traumes zur Annahme einer Seele und durch das Unvermögen des Ich, sich als nichtseiend vorauszusetzen, zum Glauben an die individuelle Unsterblichkeit in irgend einer Form. Die Annahme einer Fortdauer nach dem Tode ist nichts Anderes als eine Erscheinungsform des Selbsterhaltungstriebes, wie der Selbsterhaltungstrieb selbst nichts Anderes ist als die Form, in welcher die Lebenskraft, die ihren Sitz in jeder einzelnen Zelle unseres Organismus hat, uns zum Bewußtsein kommt. Die Kraft zum Leben ist identisch mit dem Willen zum Leben. Wer viele Leute sterben gesehen hat, der weiß, wie leicht sich das Individuum mit dem Gedanken des Todes abfindet, wenn er seine Lebenskraft durch Alter oder Krankheit wirklich erschöpft fühlt, und wie furchtbar schwer es die Nothwendigkeit des Endes akzeptirt, wenn es etwa durch einen Unfall mitten in blühendem und zukunftberechtigtem Leben getroffen wird. Der Selbstmord ist nur ein scheinbarer Widerspruch gegen meine Behauptung; er setzt allerdings einen äußerst kräftigen Willen voraus, der selbst nur die Kundgebung einer ebenso kräftigen Vitalität sein kann; und somit schiene es, als wäre in diesem Falle die Kraft zum Leben das Gegentheil vom Willen zum Leben, in Wirklichkeit ist aber der Selbstmord, so weit er nicht das Ergebniß einer augenblicklichen Verdunkelung des Bewußtseins ist, ein unzweckmäßiger Akt der Vertheidigung des Lebens gegen Gefahren, die es bedrohen; man gibt sich den Tod, wenn man leibliches oder seelisches Ungemach, also Lebenshindernisse fürchtet, und man würde diese extreme Handlung nicht verüben, wenn man nicht unbewußt am Leben hinge, da man sonst keine Ursache hätte, Widerwärtigkeiten zu fürchten, die im schlimmsten Falle blos das Leben zerstören können. Jeder Selbstmord hat etwas von der oft beobachteten Handlung des Soldaten an sich, der sich vor der Schlacht tödtet, weil er von der Angst vor ihren Gefahren überwältigt ist, der also gewiß nicht aus Überdruß am Leben oder Gleichgiltigkeit vor dem Tode, sondern im Gegentheile aus bis zur Unzurechnungsfähigkeit gesteigertem Lebensverlangen zum Selbstmörder wird. Der Satz, daß die Kraft zum Leben mit dem Willen zum Leben identisch ist, duldet also keine Ausnahme und dieser Wille zum Leben macht selbst vor der Erscheinung des Todes nicht Halt. Der Organismus, der in allen seinen Zellen den Drang und Wirbel der Lebensvorgänge fühlt, ist der Vorstellung eines völligen Aufhörens dieser fruchtbaren und wonnigen Bewegung unzugänglich. Das Individuum empfindet das eigene Sein als ein ewiges, das eigene Ende als ein unabsehbares, obwol es seltsamerweise die Vorstellung des Aufhörens eines andern Individuums recht wol konzipiren kann. Nur bei höchster Geisteskultur gelangt man mit Hilfe zahlreicher mühsamer Abstraktionen und Analogien wie ebenso vieler Leitersprossen zu einer Idee, welche das intime Verständniß des Aufhörens unseres individuellen Seins unserem Geiste oder vielmehr unserem Gefühle vermitteln soll, nämlich zur Idee einer so engen Solidarität des Einzelmenschen mit der Gattung, daß man die nachgeborenen Geschlechter als unmittelbare Fortsetzungen und weitere Entwickelungsstufen der vorangegangenen empfinden und in der Dauer der Menschheit Trost und Ersatz für die Vergänglichkeit des Individuums schöpfen kann. In dem heutigen Kulturmenschen wirken die Gründe, welche im Urmenschen transszendentale Vorstellungen erweckt haben, theils noch immer in ihrer ursprünglichen Form nach, theils üben sie ihren Einfluß in der Sphäre des Unbewußten. Der Anthropomorphismus ist noch immer eine Neigung eines jeden Geistes, der nicht mit größter Strenge die Keimung und Entfaltung seiner Vorstellungen überwacht und da es so überaus bequem ist, Abstraktionen in familiäre Bilder zu kleiden, so ertappt sich wol jeder von uns jeden Augenblick dabei, wie er sich Unsittliches in der grob sinnlichen Form der im Thier- oder Pflanzenleben beobachteten organischen Vorgänge vergegenwärtigt. Und die Unfähigkeit, sich das Aufhören des Ich mehr als äußerlich vorzustellen, ist noch heute so groß wie zu irgend einer Zeit. In der Sphäre des Unbewußten wirkt der urmenschliche Aberglaube kraft des Gesetzes der Vererbung fort. Die Vererbung, sagt der französische Philosoph Th. Ribot, ist für die Gattung dasselbe, was für das Einzelwesen das Gedächtniß ist. Kürzer gesagt: Die Vererbung ist das Gedächtniß der Spezies. In jedem einzelnen Menschen leben also die Vorstellungen der Ahnen in Form häufiger unbewußter, verdunkelter, jedoch stets gegenwärtiger Erinnerungen fort, die nur einer äußern Anregung bedürfen, um mit voller Klarheit aufzublitzen, ja das ganze Seelenleben zu überstrahlen. Die Vererbung ist ein Bann, dem wir uns nicht entziehen können. Wie wir unvermögend sind, unsere Gesichts- und Leibesbildung willkürlich zu bestimmen, so sind wir unfähig, die intimste Physiognomie unseres Gedankens zu ändern. Das erklärt die Züge unkontrolirbaren, dem Willen nicht zu unterwerfenden Aberglaubens, die wir häufig selbst bei sehr hellen Geistern mit schmerzlichem Staunen überraschen, und die Regungen religiöser Sentimentalität, denen namentlich dichterisch angelegte Gemüther unterworfen sind, weil in ihnen die Heredität besonders vorwiegt. Diese Quelle übersinnlicher Vorstellungen, die Vererbung, werden wir nur allmälig, durch die angehäufte Arbeit vieler Generationen, versiegen machen, und erst in Jahrtausenden wird der Mensch von Geburt angelegt sein, die Erscheinungen der Welt und des Lebens naturwissenschaftlich und vernünftig zu betrachten, weil hundert Geschlechtsfolgen ihm so vorgedacht haben werden, wie wir von Geburt angelegt sind, diese Erscheinungen abergläubisch und irrationell anzuschauen, weil nicht hundert, sondern vielleicht hunderttausend Generationen vor uns die Gewohnheit des fehlerhaften Denkens gehabt haben. Zu den Gründen, welche, wie sie den Transszendentalismus ursprünglich entstehen ließen, ihn noch fortwährend im menschlichen Geiste unterhalten, treten einige andere, welche vielleicht unfähig gewesen wären, für sich allein die Vorstellungen eines Gottes, einer Seele und der Unsterblichkeit derselben anzuregen, die jedoch mächtig beitragen, diesen Vorstellungen, da sie einmal bestehen, Fortdauer zu sichern. Der eine dieser akzessorischen Gründe des Weiterbestandes religiöser Empfindungen im Menschengemüthe trotz der neuzeitlichen Aufklärung ist die natürliche Feigheit des Menschen, der nicht gern auf mächtige Bundesgenossen verzichtet und nicht leicht den Gedanken verträgt, ganz allein auf sich selbst gestellt zu sein, sich blos auf die eigene Kraft verlassen zu dürfen, auf keinen unsichtbaren Helfer und Schützer rechnen zu können. Selten bringt die Menschheit ein Individuum hervor, das im Gefühl seiner Kraft und getragen von hohem Selbstbewußtsein bereit ist, das Leben als einen Einzelkampf aufzufassen, in welchem es Schwert und Schild stark und geschickt benutzen muß, um als Sieger oder doch heil aus demselben hervorzugehen. Diese Ausnahmsmenschen, welche den stolzesten und vollendetsten Typus unserer Gattung darstellen, werden Parteiführer, Eroberer, Hirten der Völker. Sie verachten die Heerstraßen und brechen sich neue Bahnen. Sie nehmen nicht geduldig das Schicksal hin, das ihnen die Umstände bereiten, sondern suchen sich ein Sondergeschick zu schmieden, und wenn sie über dieser Arbeit zu Grunde gehen sollten. Aber die große Herde der Menschen hat nicht die trotzige Unabhängigkeit. Die Durchschnitts-Individuen wollen den Kampf ums Dasein nicht als Einzelkampf bestehen, sondern als Massengefecht in geschlossener Schlachtreihe. Sie wollen Schwertgenossen an beiden Ellenbogen und im Rücken, womöglich auch vor sich spüren. Sie wollen Kommandorufe hören und ihre Handlungen von höheren Verantwortlichkeiten bestimmt wissen. Diese Menschen klammern sich an den Glauben als an eine Waffe und einen Trost. Welch eine Beruhigung, sich einbilden zu können, daß man mitten im gefährlichsten Lebensgewühle unter dem besonderen Schirm eines Gottes oder Schutzengels steht! Man hat auf diese Weise die Genugthuung, als simpler Schneider oder Taglöhner das Privilegium des Achilles zu theilen, den im Getümmel der Trojerschlacht der unsichtbare Schild der Pallas Athene schirmte. Und welch ein Kraftgefühl zieht man aus dem Bewußtsein, in jeder Lebenslage mit einer mächtigen Waffe ausgerüstet zu sein – dem Gebet! Man verzweifelt schwer, wenn man überzeugt ist, jedes Ungemach durch ein Wort, eine Anrufung abwenden zu können. Ich nehme einen extremen Fall. Ein Luftschiffer fällt in einer Höhe von tausend Fuß aus dem Nachen seines Ballons. Ist er ein Freidenker, so weiß er, daß er unrettbar verloren ist und daß es die Macht nicht gibt, die seinen Leib verhindern kann, fünf Sekunden später zu einem blutigen Brei zerklatscht auf der Erde zu liegen. Ist er aber ein Gläubiger, so behält er während der ganzen Dauer des Falles, so lange ihn das Bewußtsein nicht verlassen hat, die Hoffnung, daß eine übernatürliche Gewalt, die er durch ein Stoßgebet zum Einschreiten veranlassen kann, ihm zuliebe die Gesetze der Natur einen Augenblick aufheben und ihn sachte und unbeschädigt auf den Boden niedersetzen wird. So lange das Bewußtsein dauert, wird es vom Selbsterhaltungstrieb beherrscht und es hält hartnäckig an seinem Rechte fest, gegen ein noch so unumstößliches Todesurtheil an eine fabelhafte, verschwommene Möglichkeit zu appelliren. Die Menschenseele hat kein theureres Gut als die Illusion. Und welche großartigere und tröstlichere Illusion könnte es geben als die Selbsttäuschung durch den Glauben und das Gebet! Darum werden gewöhnliche Menschen in äußersten Bedrängnissen immer Rückfälle in Vorstellungen kindlichen Aberglaubens erleiden, so lange sie nicht von der naturwissenschaftlichen Weltanschauung genug durchdrungen sein werden, um den Tod eines Individuums, und wäre es selbst ihr eigenes, als eine Begebenheit von winzigster Bedeutung für die Gattung und das Weltganze zu empfinden, und so lange nicht die Solidarität der Menschheit genug allgemein und fest organisirt sein wird, daß in Bedrängnissen jedes Individuum mit absoluter Zuversicht und schon instinktiv bei seinen Nebenmenschen und nicht bei unfaßbaren überirdischen Gewalten nach Hilfe wird ausschauen dürfen. Ein zweiter jener Gründe des Fortbestehens religiöser Empfindungen, die ich akzessorische genannt habe, ist das Bedürfniß eines Ideals, das in jedem Menschengemüthe, selbst im rohesten, unausrottbar bestellt. Was ist das Ideal? Der entfernte Typus, nach dem hin die Menschheit sich entwickelt und vervollkommnet; nicht blos der Typus körperlicher Erscheinung, sondern auch der Typus des Gemüthslebens, der Denkungsweise, der Gesellschaftsverfassung. Der Auftrieb zu diesem Ideal, die Sehnsucht danach ist jedem geistig und leiblich normal gebildeten Menschen eingeboren; es handelt sich da um etwas Organisches, das nicht nothwendig bewußt sein muß, ja in das sich selbst beim klarsten und tiefsten Denker viel Unbewußtes mischt. Wer je einen Eisenbahndamm aufwerfen gesehen hat, der weiß, daß dies so geschieht: man pflanzt zuerst hölzerne Gestelle auf, welche das Profil des Dammes verzeichnen, dann häufen die Arbeiter so lange Erde auf, bis die Masse die mit Latten vorgebildete Form und Höhe erreicht hat. Jedes Lebewesen hat in sich ein Bildungs- und Entwickelungsgesetz, das ihm gegenüber dieselbe Bedeutung hat wie die Stecklatten gegenüber dem aufzuwerfenden Damme; es entsteht von vornherein mit einem unsichtbaren, aber durchaus wesenhaften Rahmen, in den es hineinwächst, den es auszufüllen sucht, wie der Damm in sein vorgebildetes Profil hineinwächst und es ausfüllt. Gelangt ein Organismus bis zu der Form, welche das äußerste Ziel seiner Entwicklungsfähigkeit darstellt, so hat er die Vollkommenheit erreicht und sich selbst idealisirt. Gewöhnlich bleibt das Einzelwesen hinter dem Ideal seines Typus zurück, aber das Streben danach ist die geheimnißvolle Triebkraft seiner Selbsterhaltung und Entwickelung, das heißt aller organischen Vorgänge in ihm. Die Gattung hat ihr Entwickelungsziel und Alles, was nöthig ist, um es zu erreichen, ganz so in sich wie das Individuum. Wie das Individuum hat jede Spezies ihr Wachsthumsgesetz. Sie entsteht, ist beanlagt, eine bestimmte Größe und Kraft zu erreichen und eine bestimmte Dauer zu leben, wächst bis zu einer gewissen Höhe, geht dann wieder zurück und verschwindet zuletzt, indem sie einer andern, höhern Bildung Platz macht, für die sie als Vorstufe, ich möchte sagen als Versuch oder Entwurf gedient hat. Die Paläontologie lehrt uns eine ganze Reihe von Thiergattungen kennen, die während einer bestimmten geologischen Epoche gelebt haben und dann ausgestorben sind. All das findet auch auf die Menschheit seine Anwendung. Sie ist in ihrer Gesammtheit eine zoologische Einheit und wird von einem einzigen Lebensgesetze regiert. Sie ist in einer bestimmten geologischen Zeit entstanden (ob diese Zeit in die Anfänge der Quaternär-Epoche fällt oder ob man sie in die mittleren oder jüngsten Abschnitte der Tertiär-Epoche verlegen soll, ist für das Argument gleichgültig), sie wird nach allen Analogien in einer bestimmten geologischen Zeit aufhören. Die Formen, die ihr vorangegangen sind, können wir erst vermuthen; diejenigen, die ihr folgen werden, entziehen sich selbst unserer Ahnung. Aber so lange die Menschheit auf Erden lebt und so lange sie noch nicht den Gipfelpunkt ihrer Entwickelung erreicht hat, so lange strebt sie unausgesetzt, den unsichtbaren vorbestimmten Rahmen ihrer Bildung auszufüllen, und dieses Streben nach der Verkörperung ihres vollendeten Typus, dieses Wachsthum zur Höhe ihres idealen Maßes wird von allen Menschen, mit einziger Ausnahme der Idioten, empfunden, wenn auch von den meisten nur dumpf und unklar. Bei den Menschen der Elite steigert sich die Empfindung bis zum Bewußtsein. Bei den anderen bleibt sie im Stadium einer unbestimmten, ahnungsvollen Sehnsucht, die man nach Belieben Drang zum Höheren oder Bedürfniß des Ideals nennen mag und die unter diesem oder jenem Namen nichts Anderes ist als ein mächtiges Verlangen, aus der individuellen Vereinzeltheit herauszutreten und die Zusammengehörigkeit mit den Nebenmenschen deutlich zu fühlen. Das Band, das alle Individuen zu einer Gattung verknüpft und die Spezies selbst wieder zu einer zoologischen Einheit, zu einem Individuum höherer Ordnung macht, schlingt sich um jedes Menschenherz und wird deutlich als Solidarität empfunden. Diese Solidarität wird sich aber äußern. Jeder Mensch hat Stunden, in denen es ihm unabweisbares Bedürfnis ist, sich als Theil eines großen Ganzen zu wissen, sich zu überzeugen, daß in seinem individuellen Dasein das große Gattungsdasein mit seiner gewaltigeren Lebenskraft mitwirkt; daß seine Sonderentwickelung die winzige Episode der wuchtigen Massenentwickelung der Menschheit ist; kurz, aus dem Bewußtsein der Identität mit einem überwältigend erhabenen Organismus, der glorreich lebt, gedeiht und wächst und noch kein betrübendes Ende absehen läßt, eine unsagbar tiefe Tröstung für die Enge, Noth und Kürze der eigenen Existenz zu schöpfen. Der Mensch der Elite hat tausend Mittel, dieses Bedürfnis zu befriedigen, ohne daß er seine Studirstube oder doch mindestens seinen Salon verläßt. Die Betrachtung der menschlichen Entwickelung durch die Geschichtsepochen hindurch, die Versenkung in die großen Denker und Dichter aller Zeiten, die Erfassung der durch die Wissenschaft geoffenbarten Weltharmonie, und, wenn diese einsamen Erhebungen nicht genügen, der gesellschaftliche Verkehr mit Geistern von gleich weitem Gesichtskreise sind völlig ausreichend, um ihm den Ausblick und Austritt aus seiner individuellen Vereinzeltheit in die Großartigkeit des menschheitlichen Gesammtdaseins zu jeder Stunde weit offen zu halten. Aber der Mensch aus dem Volke, wie steht es mit ihm? Wo hat er die Gelegenheit, sich als Mensch mit allen anderen Menschen zu empfinden? Wann wird ihm bewiesen, daß er berechtigt und befähigt sei, sich über die Daseinsbedingungen des fressenden, zeugenden und vergehenden Viehs emporzuschwingen? Wann findet er im Kampfe um das tägliche Brod, in der Mühsal eines ausschließlich auf die Befriedigung gröbster Bedürfnisse gerichteten Strebens den Augenblick der Einkehr in sich selbst, des Aufschauens über sich, der Orientirung über seine Stellung in der Menschheit und in der Natur? Bisher hat der gemeine Mann die Gelegenheit zu höherem Dasein blos durch die Religion erlangt. Das Ideal war ihm nur in der Form des Glaubens zugänglich, der Sonntag bedeutete ihm nicht blos leibliche Ruhe, sondern auch Entfaltung aller Blüthen des Geistes. Die Kirche war sein Festsaal, der Priester sein höherer Umgang, Gott und die Heiligen seine vornehmen Beziehungen. Im Tempel sah er sich in einem stolzen, prächtigen Monumentalbau, der ihm doch ebenso angehörte wie die elende Hütte, die seine Alltags-Armuth beherbergt. Im Gottesdienste fand er sich Theilnehmer an einer Handlung, die nicht direkt seine Ernährung und Bekleidung, nicht ein rohes Leibesinteresse zum Gegenstande hat. Mitten unter den anderen Gläubigen fühlte er sich als gleichberechtigtes Mitglied einer großen Gemeine und die Beziehungen, die ihn mit allen Nachbarn verknüpften, verdeutlichten sich auch seinen Sinnen in den Kultusübungen, den Kniebeugungen, Bekreuzungen u. s. w., die er gemeinsam und gleichzeitig mit ihnen vornahm. Die Predigt war das einzig höhere Menschenwort, das an sein Ohr schlug und ihn doch ein wenig, wenn auch noch so wenig, aus der Dumpfheit seines gewöhnlichen rudimentären Denkens wachrief. Das war ein mächtiger Grund seines Festhaltens am Glauben und das wird ein mächtiger, ja unabschwächbarer Grund bleiben, so lange die neue Kultur dem gemeinen Manne keinen Ersatz für die Gemüthsbewegungen und bescheidenen Befriedigungen seines menschlichen Selbstbewußtseins bietet, die er in der Religion immerhin findet. Dieser Ersatz wird geboten werden, er wird es zum Theil jetzt schon. Das Wort des Dichters und Denkers wird das des Predigers, der Theater- und Konzert- oder Versammlungssaal die Kirchenhallen überflüssig machen. Die Keime der künftigen Gestaltungen sind bereits allenthalben wahrnehmbar. In den Ländern, die politische Freiheit besitzen, sucht die ungebildete mühselige Menge in Volksversammlungen, wo ihr von den gemeinsamen Interessen des Ortes oder des Landes gesprochen wird, die Sonntagserholung und die ideale Erhebung. An Wahltagen fühlt sich dort, wo das allgemeine Stimmrecht besteht, der gemeine Mann mit noch ganz anderem Stolze als Vollmensch, denn in den gemeinsamen Kultushandlungen des Abendmahls u. s. w. In den vielerorten bestehenden Vereinen, welche Vorträge oder Vorlesungen aus poetischen Werken veranstalten, spricht ein menschlicheres und verständlicheres Wort zu der Masse, als es die Predigt ist, und man kann nur bedauern, daß diese Vereine ihre Wirkung noch nicht auf die tiefsten Schichten des Volkes üben, die solcher Anregung am meisten bedürfen. Und diese Keime werden sich entwickeln. Einer vielleicht nahen Zukunft ist es vorbehalten, eine Zivilisation zu sehen, in der die Menschen ihr Bedürfniß nach Erholung, nach Erhebung, nach gemeinsamen Emotionen und nach menschheitlicher Solidarität nicht mehr transszendental, sondern vernünftig befriedigen. Mit einem Zurückgreifen auf Uraltes, Längstvergangenes, wie es die Kulturgeschichte nicht selten verzeichnet, wird das Theater wieder wie in seinen griechischen Anfängen vor dritthalbtausend Jahren eine Kulturstätte der Menschen sein, allerdings ein Theater, das nicht von der Zote, der Gassenhauer-Melodie, dem beschränkten Gelächter, der lüsternen Halbnacktheit beherrscht sein, sondern wo man in schöner Verkörperung die Leidenschaften mit dem Willen und die Selbstsucht mit der Entsagungsfähigkeit ringen sehen und aus allen Reden wie ein ewiges Grundmotiv den Hinweis auf das Gesammtdasein der Menschheit heraushören wird. Gemeinsame Handlungen der Wohlthätigkeit werden auf die Handlungen des Kultus folgen. Und wie ganz andere Gemüthsanregungen wird der Mensch in diesen Gemeinfesten der Zukunft empfinden! Mit der klaren, verständlichen Schönheit des Dichterworts kann der Mystizismus des Predigers nicht wetteifern. An den menschlichen Leidenschaften eines edlen Dramas erbaut sich ein Geist, für den der Symbolismus einer Messe ohne Verstand und Bedeutung ist. Den Erklärungen eines Gelehrten, der die Erscheinungen der Natur auseinandersetzt, der Rede eines Politikers, der die Tagesfragen der Gemeinde und des Staates behandelt, bringt der Zuhörer ein ungleich lebendigeres und unmittelbareres Interesse entgegen, als dem schwülstigen Gewäsch eines Kanzelredners, der Mythen erzählt oder Dogmen verwässert. Die Adoption von Waisen durch die Gemeinde, die Vertheilung von Kleidern und anderen Geschenken an arme Kinder und Ehrenerweisungen an verdiente Mitbürger in festlichen Räumen, im Beisein der Bevölkerung, unter Begleitung von Gesang und Musik, unter Beobachtung würdiger, feierlicher Formen, gibt dem Theilnehmer eine ganz andere Empfindung der wechselseitigen Verpflichtungen der Bürger, der Menschen gegen einander und ihre Verknüpftheit durch ein Band der Zusammengehörigkeit, mit einem Worte der Solidarität, als gemeinsames Eintauchen schmutziger Finger in ein Weihwasserbecken oder gemeinsames Beten und Singen. So stelle ich mir die künftige Kultur vor. So wird eines Tages meiner Überzeugung nach auch der niedrigste Mensch sein Einzelleben mit dem Leben einer Gemeinde verknüpft sehen, in solchen Festen der Dichtung, der Kunst, des Gedankens, der Menschlichkeit die Enge seines individuellen Horizonts zum umfassenden Gesichtskreise des Gattungsdaseins ausweiten, so zur Anschauung höherer Entwickelungsziele gelangen und sich mit dem Menschheitsideale durchdringen. Allein bis zur Verwirklichung dieses Zukunftsbildes ist es verständlich, daß die Masse die ideale Erhebung, welche sie nirgends sonst findet, in der Religion oder vielmehr in deren Äußerlichkeiten: in der weiten Kirchenhalle, in den Festgewändern des Priesters, im Orgelklang und Gesang, in den mystischen Handlungen des Kultus sucht. III. Die vorausgeschickten Entwickelungen schließen ein Mißverständniß wol aus: das Bedürfniß der Menschen nach höheren geistigen Anregungen und einem Ideale, nach einem allzeit bereiten Troste und sogar nach der Selbsttäuschung eines ebenso mächtigen wie geheimnißvollen Schutzes in allen Nöthen ist kein geheucheltes, kein erlogenes, sondern besteht wirklich und unausrottbar und wir haben gesehen, wie dieses Bedürfniß aus geschichtlichen, physiologischen und psychologischen Gründen es nothwendig am bequemsten finden muß, seine Befriedigung im herkömmlichen Gott-, Seelen- und Unsterblichkeitsglauben zu suchen. Das Festhalten an diesen transszendentalen Grundvorstellungen ist bei den meisten Menschen keine bewußte Lüge, kein absichtlicher, höchstens ein unwillkürlicher Selbstbetrug; es ist eine ehrliche Schwäche; ein aufrichtiges Gebrechen; eine Gewohnheit, die man nicht ablegen kann; eine poetische Sentimentalität, die man pietätvoll der rücksichtslosen Vernunftanalyse entzieht. Unter der religiösen Lüge verstehe ich etwas Anderes. Ich verstehe darunter die Verehrung, welche auf der Höhe der Kultur stehende Menschen den positiven Religionen, ihren Glaubenssätzen, ihren Einrichtungen, Festen, Zeremonien, Symbolen und Priestern zollen. Diese Verehrung ist eine Lüge und eine Heuchelei selbst bei jenen, die noch im Transszendentalismus befangen sind, wenn sie sonst den Anschauungen und der Bildung ihrer Zeit nicht völlig fremd gegenüberstehen; sie ist eine Lüge und Heuchelei, deren Ungeheuerlichkeit die Angesichter nur darum nicht mit beständiger Schamröthe bedeckt, weil man die meisten Dinge gedankenlos thut, ohne sich über ihre Bedeutung Rechenschaft abzulegen. Gewohnheitsmäßig geht man in die Kirche, grüßt man den Priester, behandelt man die Bibel mit Ehrfurcht, mechanisch nimmt man eine Miene der Sammlung und Andacht an, wenn man an Kultushandlungen theilnimmt, und man vermeidet es, sich deutlich zu vergegenwärtigen, welchen schändlichen Verrath man mit diesen Akten an all seinen Überzeugungen, an seiner Erkenntniß, an all dem, was man als Wahrheit erfaßt hat und festhält, begeht. Die geschichtliche Forschung hat uns gelehrt, wie die Bibel entstanden ist; wir wissen, daß man mit diesem Namen eine Sammlung von Schriften bezeichnet, die an Ursprung, Charakter und Inhalt so verschieden sind, wie es nur etwa ein Buch sein könnte, das beispielsweise die Nibelungen, eine Zivilprozeßordnung, Mirabeaus Reden, Heines Gedichte und einen Leitfaden der Zoologie, fortlaufend gedruckt, stückweise durcheinander gewürfelt und in einen Band vereinigt, enthalten würde. Wir unterscheiden in diesem Wust altpalästinischen Aberglauben, dunkle Anklänge an indische und persische Fabeln, mißverstandene Nachahmungen egyptischer Lehren und Bräuche, ebenso trockene wie geschichtlich unzuverlässige Chroniken, allgemein menschliche, erotische und nationaljüdisch-patriotische Poesien, die sich selten durch Schönheiten ersten Ranges, häufig durch Überschwenglichkeit, Rohheit, schlechten Geschmack und echt morgenländische Sinnlichkeit auszeichnen. Als literarisches Denkmal ist die Bibel weit jünger als die Veden und ein Theil der Kings; an poetischem Werth steht sie hinter Allem zurück, was selbst Dichter zweiten Ranges in den letzten zwei Jahrtausenden geschaffen haben, und nun gar sie mit den höchsten Leistungen Homers, Sophokles', Dantes, Shakespeares oder Goethes vergleichen zu wollen, könnte nur einem fanatisirten Geiste einfallen, der auf den Gebrauch seiner Urteilskraft verzichtet hat; ihre Weltanschauung ist kindisch und ihre Moral, wie sie sich im alten Testament in der nachtragenden Rachsucht Gottes, im neuen in der Parabel des Arbeiters der letzten Stunde, in den Episoden Magdalenens und der Ehebrecherin, im Verhältnis Christi zu seiner Mutter ausdrückt, empörend. Und dennoch heucheln Menschen, die gebildet und urtheilsfähig genug sind, dies alles zu erkennen, unbegrenzte Ehrfurcht vor diesem alten Buche, sie nehmen Anstoß daran, daß man darüber wie über ein anderes Erzeugniß des Menschengeistes in aller Freiheit spricht, sie bilden mächtige, über ungeheuere Summen verfügende Gesellschaften, um dasselbe in Millionen von Abdrücken über die ganze Welt zu verbreiten, und geben vor, selbst erbaut und erhoben zu sein, wenn sie darin lesen. Die Liturgien aller positiven Religionen beruhen auf Vorstellungen und Gebräuchen, die in der ältesten Barbarei Asiens und Nordafrikas ihren Ursprung haben. Der Sonnenkult der Arier, die Mystik des Buddhismus, der Isis- und Osiris-Dienst der Egypter haben in den religiösen Handlungen und Gebeten, in Festen und Opfern der Juden und Christen ihren Niederschlag abgesetzt. Und die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts wahren eine ernste, ja feierliche Miene, während sie Kniebeugungen, Handbewegungen, Zeremonien und Sprüche wiederholen, die vor Jahrtausenden, in der Stein- und Bronzezeit, am Nil oder Ganges von armselig unentwickelten Menschen erfunden wurden, um den Vorstellungen des rohesten Heidenthums von dem Weltursprung und der Weltregierung eine sinnliche Form zu geben! Je mehr man sich in diese unwürdige Komödie vertieft, je mehr man sich den grotesken Gegensatz zwischen der Zeitbildung und den positiven Religionen verdeutlicht, um so schwerer wird es, mit Gleichmuth über diesen Gegenstand zu sprechen. Der Widersinn ist so unmenschlich toll, so überwältigend, riesenhaft, daß das Einzelargument der detaillirenden Kritik ihm gegenüber so ohnmächtig dasteht wie etwa der beste, tadelloseste Kehrbesen gegenüber den Sandbergen der Sahara und nur das Gelächter eines Rabelais oder der zornige Tintenfaßwurf eines Luther der Aufklärung mit ihm fertig werden könnte. Wie soll man jeden einzelnen Zug der religiösen Lüge nachweisen? Man muß sich damit begnügen, aufs Gerathewol Beispiele anzuführen. Die Diplomaten wenden Bestechungen und Drohungen an, um die Kardinäle zur Ernennung eines Papstes ihrer Wahl zu bestimmen; und nachdem die mühsamen und hartnäckigen Intriguen zu einem Ergebniß geführt haben, gestehen dieselben Diplomaten, welche die Fäden des Puppenspiels gezogen, dem Papste eine Autorität zu, die die Fiktion zur Voraussetzung hat, daß der heilige Geist ihn zum Nachfolger des heiligen Petrus ausersehen hat. Die Papstwahl wird als ernstes und bedeutendes Ereigniß behandelt von Tausenden, die mit breitem Lächeln die Erzählungen von der Einsetzung eines neuen Dalai-Lamas nach dem Tode seines Vorgängers lesen, obwol doch beide Vorgänge die größte Ähnlichkeit mit einander haben. Die Regierungen unterhalten Vertretungen bei einem Manne, dessen Bedeutung darin besteht, daß er Gott neue Heilige beigeben, den Seelen der Menschen überirdische Belohnungen zusichern und Sünder aus den Qualen posthumer Verbrennung befreien kann, und indem sie mit ihm Staatsverträge schließen, erkennen sie in der feierlichen Form von Gesetzen an, daß der Papst in der That einen besonderen Einfluß bei Gott besitzt und daß man einer Person, die dem Weltgeist so nahe steht und von ihm mit einem Theile seiner Gewalt über die Natur und die Menschheit ausgerüstet ist, Rücksichten schulde, auf die kein anderer Mensch Anspruch erheben dürfte. Und dieselben Regierungen bedenken sich nicht, Expeditionen nach Innerafrika zu senden und sich über einen schwarzen Zauberer lustig zu machen, der etwa ihren Sendlingen verbieten würde, in sein Gebiet vorzudringen, da er sie im Falle der Nichtbeachtung seines Verbots mit dem Zorn des Fetisch heimsuchen werde, dessen allmächtiger Günstling und Rathgeber er sei. Wer zeigt mir den Unterschied zwischen diesem armen Teufel von Neger und dem römischen Papste, da sie doch beide behaupten, erster Minister Gottes zu sein, dessen Donner und Blitze lenken zu können, ihm Leute zur Auszeichnung empfehlen oder zur Ungnade vorschlagen zu dürfen? Und wo ist die Logik der gebildeten Europäer, wenn sie den einen als lustige Person, den andern als eine verehrungswürdige Gewalt behandeln? Jede einzelne Religionshandlung wird zur sträflichen Komödie und lästerlichen Satire, wenn sie der Bildungsmensch des neunzehnten Jahrhunderts übt. Er besprengt sich mit Weihwasser und drückt dadurch die Anschauung aus, daß einige Worte, welche ein Priester in Begleitung gewisser Gesten darüber gesprochen, es in seinem Wesen verändert, ihm geheimnißvolle Tugenden mitgetheilt hat, obwol die einfachste chemische Analyse ihn überzeugen kann, daß zwischen diesem und jedem andern Wasser schlechterdings kein anderer als höchstens ein Reinheits-Unterschied besteht! Man spricht Gebete, macht Kniebeugungen, nimmt an Messen und sonstigen Gottesdiensten theil und geht dadurch auf die Voraussetzung ein, daß es einen Gott gebe, der durch Anrufungen, Bewegungen, Weihrauchdüfte und Orgelklänge angenehm berührt werde, jedoch nur dann, wenn die Anrufungen in bestimmten Worten, die Bewegungen nach bestimmten Formen geschehen und wenn das Zeremoniell von Personen in bestimmter bizarrer Kleidung, in Mäntelchen und Roben von einem Schnitt und einer Farbenzusammenstellung, wie sie kein vernünftiger Mensch tragen würde, geübt wird. Die bloße Thatsache, daß eine Liturgie festgestellt und peinlich beobachtet wird, kann nur so in die Sprache des gesunden Menschenverstandes übersetzt werden: die Priester haben aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, daß Gott nicht nur die Eitelkeit hat, allerlei Komplimente, Lobsprüche und Schmeicheleien hören, seine Größe, seine Weisheit, seine Güte, all seine sonstigen Eigenschaften unmäßig gerühmt wissen zu wollen, sondern daß er mit dieser Eitelkeit auch noch die Grille verbindet, all diese Lobsprüche und Komplimente nur in einer bestimmten und keiner andern Form anzunehmen. Und die Söhne des Zeitalters der Naturwissenschaft affektiren Achtung vor Liturgien und dulden nicht, daß man diese Narrenspossen mit der allein ihnen gebührenden Verachtung behandle! Noch unerträglicher und empörender als die religiöse Lüge des Einzelnen ist die religiöse Lüge des Gemeinwesens. Der einzelne Bürger, selbst wenn er äußerlich einer positiven Religion angehört und an ihren Praktiken theilnimmt, macht oft kein Hehl daraus, daß er innerlich dem Aberglauben fremd gegenüberstehe und nicht überzeugt sei, durch das Aussprechen bestimmter Worte den Lauf der Weltgesetze ändern zu können, durch die Besprengung eines Kindes mit Wasser dasselbe dem Teufel zu entreißen und durch den Gesang und die Besprechung eines Mannes in schwarzem Talar einem todten Angehörigen den Eingang ins Paradies zu erleichtern oder wol auch erst zu ermöglichen. Aber als Glied der Gemeinde und des Staates zögert derselbe Bürger nicht, alle Einrichtungen für nothwendig zu erklären, welche die positive Religion erfordert, und er bringt für dieselben alle materiellen und moralischen Opfer, welche die besoldeten Heger des staatlich anerkannten und aufrechterhaltenen Aberglaubens von ihm verlangen. Derselbe Staat, der Universitäten, Schulen, Bibliotheken errichtet, baut auch Kirchen; derselbe Staat, der Professoren anstellt, besoldet auch Priester; dasselbe Gesetzbuch, das die Schulpflichtigkeit der Kinder verfügt, bestraft zugleich Gotteslästerung und Verspottung oder Beleidigung anerkannter Religionen. Man vergegenwärtige sich nur recht, was all das bedeutet: Du sagst die Erde stehe fest und die Sonne drehe sich um sie, obwol man dir mit allen Mitteln der Wissenschaft unanfechtbar das Gegentheil beweist, oder du behauptest, die Erde sei erst fünftausend und etliche Jahre alt, obwol man dir Denksteine aus Ägypten und anderswoher zeigen kann, die allein um einige tausend Jahre älter sind, niemand kann dir das Geringste anhaben, man sperrt dich nicht einmal in ein Irrenhaus, man erklärt dich nicht einmal für unfähig, Ämter und Würden zu bekleiden, trotzdem du doch den auffallenden Beweis geliefert hast, daß du vollständig urtheilsunfähig bist und nicht die Geisteseigenschaften hast, die zur Besorgung der eigenen und namentlich der öffentlichen Angelegenheiten mindestens theoretisch unerläßlich sind. Du behauptest im Gegentheil, daß du an das Dasein eines Gottes nicht glaubst, daß der Gott der positiven Religionen die Ausgeburt kindischer oder gemeiner oder bis zum Blödsinn beschränkter Geister sei, und du setzest dich gerichtlicher Verfolgung aus und wirst für unfähig erklärt, Ämter und Würden zu bekleiden, obwol für das Dasein Gottes noch nie ein ernster wissenschaftlicher oder vernünftiger Beweis beigebracht wurde, obwol namentlich die angeblichen Beweise, welche selbst der gläubigste Theologe für das Dasein Gottes anführen kann, nicht entfernt so klar und zwingend sind wie die Beweise, mit denen der Archäologe und Geologe das Alter der menschlichen Zivilisation und der Erde, der Astronom die Bewegung der Erde um die Sonne darthun, und man unter allen Umständen selbst vom Standpunkt der Theologen aus weit eher zu entschuldigen ist, wenn man an Gott, als wenn man an den greifbaren Ereignissen der wissenschaftlichen Forschung zweifelt. Doch weiter: der Staat ernennt Professoren, besoldet sie aus Steuergeldern, verleiht ihnen Titel und Würden, kurz, überträgt auf sie einen Theil seiner Autorität, und diese Professoren haben den direkten Auftrag, zu lehren und zu beweisen, daß die Weltvorgänge von natürlichen Gesetzen regiert werden, daß die Physiologie keinen Unterschied zwischen den organischen Verrichtungen aller Lebewesen kenne und daß zweimal zwei vier sei; allein neben diesen Professoren der exakten Wissenschaften ernennt er auch Professoren der Theologie, welche den ebenso direkten Auftrag haben, zu lehren, und wol nicht zu beweisen, aber zu behaupten, daß die neugeborenen Menschen mit einer Erbsünde behaftet seien, daß Gott eines Tages einem Menschen ein Buch in die Feder diktirt habe, daß bei zahlreichen Anlässen die Naturgesetze aufgehoben wurden, daß sich ein Mehlteig durch einige darüber gemurmelte Worte in Fleisch, und zwar in das Fleisch eines bestimmten, nach ihrer eigenen Behauptung vor bald zwei Jahrtausenden verstorbenen Menschen verwandeln könne und daß drei eins seien und eins drei. Wenn ein gesetzliebender Bürger der Reihe nach einen Vortrag eines staatlich ordinirten Professors der Naturwissenschaften und einen Vortrag eines mit derselben Autorität ausgerüsteten Professors der Theologie anhört, so wird er sich in einem schweren Gemüthszwiespalt befinden. Der eine hat ihm gesagt, nach dem Tode löse sich der Organismus in seine elementaren Bestandteile auf, der andere hat ihm erklärt, gewisse Personen seien nach ihrem Tode nicht nur unversehrt geblieben, sondern sogar wieder zum Leben erwacht. Und beide Lehren treten ihm unter der Autorität des Staates entgegen, beide Lehrer bezahlt er mit seinem Steuerpfennig, beide Fakultäten erklärt der Staat für gleich nothwendig, gleich berechtigt. Welchem Professor soll nun der unglückliche Bürger glauben? Dem Theologen? Dann lügt ja der Physiologe und der Staat besoldet einen Lügner und gibt ihm mit vollem Bewußtsein den Auftrag, Lügen unter die Jugend zu bringen! Oder soll er dem Physiologen glauben? Dann ist der Theologe der Lügner und der Staat begeht mit der Bestallung des Theologen dieselbe Schuld des bewußten Betrugs. Wäre es ein Wunder, wenn der loyale Bürger angesichts dieses Dilemmas etwas von seiner Achtung vor der Autorität des Staates verlieren würde? Das ist noch lange nicht Alles. Das Gemeinwesen verfolgt durch seine Gesetze und Gerichte alte Frauen, welche Dienstmädchen Geld entlocken unter dem Vorwand, ihnen dafür das Herz ihres flatterhaften Liebhabers wieder zuzuwenden; aber dasselbe Gemeinwesen besoldet Männer und zollt ihnen öffentliche und private Achtung, welche denselben Dienstmädchen Geld entlocken unter dem nicht minder betrügerischen Vorwand, durch allerlei Hokuspokus ihre gestorbenen Verwandten aus dem Fegefeuer zu befreien. Die Sitte will, daß man Geistliche und namentlich hohe Würdenträger der Kirche, Bischöfe, Kardinäle, mit Verehrung und Untertänigkeit behandle, und dieser Sitte fügen sich Männer, welche dieselben Geistlichen für Betrüger oder Einfaltspinsel halten, die sich in nichts Wesentlichem von den Medizinmännern der Rothhäute unterscheiden, jenen Medizinmännern, welche auch eine Liturgie befolgen, Zeremonien anstellen, Gebete sprechen, sich vor ihrem Stamme als Besitzer übernatürlicher Einflüsse ausgeben und über die zu lachen dieselbe Sitte gestattet, welche den Pantoffelkuß beim Papste und den Handkuß beim Prälaten vorschreibt. Amtliche und halbamtliche Zeitungen berichten ab und zu mit humoristischen Randbemerkungen, daß in China die Regierung einen Gott mit der Strafe der Absetzung bedrohe, wenn er gewissen Bedürfnissen des Landes nicht Rechnung trägt, wenn er beispielsweise nicht regnen läßt, den kaiserlichen Truppen keinen Sieg verleiht u. s. w. Dieselben Zeitungen aber drucken an ihrer ersten Stelle eine Regierungs-Verfügung ab, welche – wie in England nach dem Siege von Tel-el-Kebir – anordnet, an einem bestimmten Tage Gott in amtlich festgestellten Worten dafür zu danken, daß er dem betreffenden Volke bei einer gewissen Gelegenheit seinen besonderen Beistand geliehen. Was ist der wesentliche Unterschied, zwischen der Verordnung der chinesischen Regierung, die einem nationalen Gott einen Theil seiner Opfer entzieht, weil er die Verheerungen einer Epidemie zuläßt, und der Verordnung der englischen Regierung, die Gott eine öffentliche Anerkennung ausspricht, weil er die Interessen der englischen Politik in Ägypten brav wahrgenommen, sich als ein Freund der Engländer und Feind der Araber erwiesen hat? Beide Verordnungen gehen von derselben Anschauung aus; nur sind die Chinesen muthiger und folgerichtiger als die Engländer, die sich im Falle einer Niederlage nicht getrauen würden, Gott ihr Mißfallen über seine Lauheit in der Erfüllung seiner Pflichten gegen die ihn verehrende Nation auszudrücken, wie sie ihm bei einem Siege ihr Lob für seinen Eifer aussprechen. Ich habe es oben gesagt: man kann die religiöse Lüge nicht in allen Einzelheiten nachweisen, man muß sich auf Stichproben beschränken, wenn man sich nicht tausendmal wiederholen soll. Diese Lüge durchdringt und demoralisirt unser ganzes öffentliches und privates Dasein. Der Staat lügt, wenn er Bitttage verordnet, Priester anstellt, Kirchenfürsten in sein Oberhaus beruft, die Gemeinde lügt, wenn sie Kirchen baut, der Richter lügt, wenn er Verurtheilungen wegen Gotteslästerung und Beleidigung von Religionsgenossenschaften ausspricht; der neuzeitlich gebildete Priester lügt, wenn er sich dafür bezahlen läßt, daß er Handlungen vornimmt und Worte spricht, von denen er weiß, daß sie alberner Hokuspokus sind, der aufgeklärte Bürger lügt, wenn er für den Priester Verehrung affektirt, zum Abendmahl geht, sein Kind taufen läßt. Das Hereintragen der alten, zum Theil noch urweltlichen Kultusformen in unsere Zivilisation ist eine monströse Thatsache und die Stellung, welche der Geistliche, dieses europäische Äquivalent des amerikanischen Medizinmannes und afrikanischen Almamy, unter uns einnimmt, ein so insolenter Triumph der Feigheit, Heuchelei und Geistesträgheit über die Wahrheit und Gesinnungsfestigkeit, daß er allein genügen würde, um unsere heutige Kultur als eine durch und durch verlogene, unsere staatlichen und gesellschaftlichen Lebensformen als schlechterdings unhaltbare zu charakterisiren. Die monarchistisch-aristokratische Lüge I. Wenn man die bestehenden Einrichtungen blos vom künstlerisch-ästhetischen Standpunkte besprechen könnte, wenn es möglich wäre, sie mit dem unpersönlichen Interesse des Prinzen Üsbeck der persischen Briefe Montesquieus zu beobachten und zu beurtheilen, der in einer fremden Welt blos Eindrücke sucht und ihren Staub von den Füßen schüttelt, nachdem er sie verlassen hat, man würde wol nicht zögern anzuerkennen, daß die gegenwärtige Weltordnung eine geschickt gefügte, folgerichtige, im Ganzen sehr vollkommene ist. Da halten sich alle Theile, da entwickeln sich alle Glieder nothwendig aus einander; da läuft eine einzige logische Linie verknüpfend vom obersten zum untersten Ende. Als der mittelalterlich gothische Staats- und Gesellschaftsbau noch mit allen Pfeilern und Räumen aufrecht stand, muß er imposant gewesen sein und denen, die er beherbergte, ein sicherer, zugleich stolzer und behaglicher Aufenthaltsort geschienen haben. Heute ist nur noch die Façade übrig geblieben, während das ganze nützliche Bauwesen hinter ihr in Trümmer gefallen oder ganz verschwunden ist und dem Obdachsucher nicht ein einziges Gelaß mit unversehrter Decke und tauglichem Gemäuer zum Schutze gegen Regen und Wind mehr läßt; aber die Façade hat die unanfechtbaren Verhältnisse des alten Palastes bewahrt und erweckt im Geiste des Beschauers noch immer die Vorstellung eines bemerkenswerth klugen Planes. Was einst tüchtige Konstruktion war, ist heute zu einer ganz äußerlichen Dekoration ohne Tiefe geworden; aber diese Theaterdekoration ist ein architektonisches Kunstwerk, an welchem alle Einzelheiten einander streng bedingen. Man darf das Baudenkmal freilich nicht mitten im Schuttfelde stehend von der Innenseite betrachten; allein wenn man sich der Außenseite in perspektivischer Entfernung gegenüberstellt und gleichmüthig Kunstkritik an derselben übt, so wird man nicht umhin können, zu sagen: »Der Werkmeister hat seine Sache gut gemacht.« Das Königthum hängt untrennbar mit der Religion zusammen. Es hat dieselbe in seiner gegenwärtigen geschichtlich gewordenen Form zur unerläßlichen Voraussetzung. Das Gegentheil ist nicht der Fall. Die Religion kann eine Staatseinrichtung sein, ohne gleichzeitig die Monarchie zu bedingen. Theoretisch bedarf dies keines Beweises. Praktisch wurde derselbe durch die von Jesuiten regierten Indianer- und Mestizen-Republiken Südamerikas, durch die auf religiöser Grundlage aufgebauten Vereinigten Staaten von Nordamerika u. s. w. geliefert. Die Monarchie dagegen ist ohne Gottesglauben undenkbar. Man kann sich vorstellen, daß ein starker und gewaltthätiger Mensch sich der Herrschaft in einem Lande bemächtigt und sie mit Mitteln der Klugheit oder Macht festhält; er unterwirft sich die Nation durch einen Handstreich, er stützt sich auf eine Gesellschaft eigennütziger Anhänger, die er durch materielle Vortheile, Ehren und Würden an sein Interesse kettet, und auf eine Armee, der er die erste Stelle im Staate einräumt, die er zu Siegen führt, mit Geld, Orden und Titeln überschüttet; er setzt sich nach seinem Belieben eine Kaiser- oder Königskrone auf, nennt sich Monarch, Protektor, Diktator oder Präsident. Seine Herrschaft wird geduldet, weil er die Macht hat, sich Gehorsam zu erzwingen. Es ist sogar möglich, daß die große Mehrheit des Volkes sich willig vor seinem Ehrgeiz beugt, nicht nur, weil es in der Menschennatur liegt, vom Zauber des Erfolges bis zur Begeisterung hingerissen zu werden, sondern auch, weil es für Dutzendmenschen ein Vortheil und eine Bequemlichkeit ist, das Bestehende gutzuheißen, und weil der Cäsar, wenn er ein Mann von höherer Begabung ist, ganz gut so regieren kann, daß Handel und Gewerbe blühen, die Rechtspflege rasch und zuverlässig ist und die Masse derjenigen Staatsbürger, die sich blos um ihre materiellen Interessen kümmern, dankbar ihren Mittagstisch reichlich bestellt und ihren Sparbeutel sich runden sieht. Ein solcher Usurpator könnte es wagen, aufgeklärt zu sein. Er allein verlöre nichts dabei, wenn er auf die Bundesgenossenschaft der Religion verzichtete. Aufs Schwert gelehnt, bedürfte er nicht der Stütze des Kreuzes. Er hätte die Kritik der Vernunft nicht zu scheuen, weil er deren Folgerungen seine Macht entgegenhalten könnte. Dem Logiker, der ihm sagen würde: »Da du ein Mensch bist, wie wir Übrigen auch, da wir dich nicht freiwillig zu unserm Hirten bestellt haben, so haben wir gar keinen Grund, dir einen vornehmen Platz einzuräumen und deinen Befehlen zu gehorchen,« diesem Logiker könnte der Tyrann antworten: »Dein Argument ist unanfechtbar, aber meine Armee ist es auch. Du gehorchst mir, nicht weil es vernünftig und einleuchtend ist, sondern weil ich dich dazu zwingen kann.« In dieser Lage bedarf ein Herrscher keiner Berufung auf Gott; die Berufung auf seine Faust genügt. Er kann auf Salböl und Priestersegen verzichten, da er das Pulver für sich hat, und seine Bajonette leuchten der unterwürfigen Menge mindestens ebenso ein wie der religiöse Mystizismus einer pomphaften Krönung. Aber selbst für diesen Usurpator ändern sich die Verhältnisse sofort, wenn er etwa einen Sohn hat und ihm sein Reich vererben will. Dann erbittet er sich den Schutz der Religion. Dann erinnert er sich plötzlich, daß die Kirchen im Mittelalter Asyle waren, und er flüchtet sich an den Fuß des Altars vor den Verfolgungen der Vernunft. Jetzt genügt mit einem Male die Klinge des Schwertes nicht, es muß ihr ein Kreuz als Knauf angeschmiedet werden. Die Ursprünge von Cäsars Macht liegen zu klar am Tage: sie werden durch Weihrauch umnebelt. Man löst die festen Linien der Geschichte kunstvoll in die unbestimmten Umrisse der Legende auf und der Priester bekommt den Auftrag, der vorwitzigen Frage: »Weshalb soll der schwache Sohn, der sich niemals eine Krone selbst hätte schmieden können, die seines starken Vaters erben?« die Antwort entgegenzusetzen: »Weil es Gott so will!« Das ist die Klippe, an der junge Dynastien scheitern. Unter den Blicken eines aus Söhnen des neunzehnten Jahrhunderts bestehenden Publikums will sich das Feuer der Füsillade eines Staatsstreichs nicht in die Flammen des Dornbusches Mosis verwandeln und es geht schwer in die Köpfe unserer Zeitgenossen hinein, daß ein Straßenkampf eine Offenbarung des göttlichen Willens sei. Es ist eine verlegene Arbeit, nachträglich einen Heiligenschein um die prosaischen Maueranschläge zu wirken, welche das Geburtszeugniß einer Diktatur bilden, und wenn der Erbe eines Diktators dessen Thron nicht mit dessen Machtmitteln zu behaupten vermag, so hilft es ihm schwerlich etwas, sein Recht zur Herrschaft vom Himmel abzuleiten. Die katholische Kirche hat streng verboten, jemand früher als vier Menschenalter nach seinem Tode heiligzusprechen. Man muß den Gläubigen Zeit lassen, sein alltägliches Menschenthum zu vergessen; denn es ist selbst beim besten Willen schwer, sich zu überreden, daß der Hans oder Kunz, mit dem man auf derselben Schulbank gesessen, nun Engelsflügel hat und vor dem Throne Gottes als einer der vornehmsten Solisten in den Chören der seligen Kantatensänger mitwirkt. Die Kirche war auch in diesem Punkte schlauer als jene Cäsaren, welche ihre Umwandlung in Halbgötter vor den Augen der Zeitgenossen vernehmen möchten, ohne abzuwarten, bis diese die Erinnerung an ihre krummgetretenen Stiefelabsätze und unbezahlten Rechnungen verloren haben. Es war der große politische Fehler der Bonapartes, daß sie sich nicht damit begnügten, Frankreich tatsächlich zu beherrschen, sondern sich in der Notredame-Kirche das mystische Ursprungszeugniß einer Krönung ausstellen ließen. Dem 18. Brumaire und 2. Dezember machte dergleichen überflüssig. Dem Adler des Kaiserreichs durfte nicht die Taube des heiligen Geistes zugesellt werden. Allein wenn ein Diktator der Religion nicht bedarf, so ist ein legitimer Monarch durchaus auf dieselbe angewiesen. Sie ist seine natürliche und nothwendige Voraussetzung. In der weitaus größten Mehrzahl der Fälle steht er persönlich eher unter als über der Durchschnittshöhe menschlicher Begabung. Es ist schon eine seltene Begabung, daß ein Fürst das ist, was man im gewöhnlichen Leben einen fähigen Kopf nennt, und ein über das Alltagsmaß hinausragendes Talent oder gar ein Genie auf dem Throne kommt in den geschichtlichen Dynastien in Jahrhunderten einmal vor. Unter den lebenden Herrschern zivilisirter Länder gibt es solche, die sich für Heerführer, andere, die sich für Gelehrte, Rechtskundige, Schriftsteller, Maler, Musiker halten. Sie geben sich zum Theil ernste Mühe, es in dem Fache, für welches sie Anlagen zu haben glauben, möglichst weit zu bringen, und ihre Leistungen sind gewiß die volle Summe ihres Könnens. Und was kommt bei all ihren Anstrengungen heraus? Wenn man sie nicht als Hofschranze, sondern als unabhängiger Kritiker beurtheilt, so muß man zu dem Schlusse gelangen, daß sie es ohne ihre fürstliche Geburt in den gewählten Gebieten aus eigener Kraft nie zu einer ansehnlichen Stellung gebracht hätten. Dieser Fürst, der sich auf den Soldaten hinausspielt, wäre nie ein kommandirender General geworden; jener, der mit der Rechtsgelehrtheit kokettirt, hätte schwerlich viele Prozesse gewonnen, der Astronom nicht den winzigsten Universitäts-Lehrstuhl erlangt, der Dramatiker keine Aufführung seiner Stücke erlebt, der Maler nie ein Bild verkauft. Hießen sie Mayer oder Durand oder Smith, sie würden im allgemeinen Ringen um die ersten Plätze kläglich zurückbleiben. Es ist fraglich, ob auch nur einer von ihnen seinen Lebensunterhalt mit bürgerlicher Arbeit gewinnen, eine Familie gründen und erhalten könnte. Man muß schon Zugeständnisse machen, um nur zuzugeben, daß sie sich mit ihren gegenwärtigen Gaben, doch einer andern Erziehung, als kleine Gewerbetreibende, Gewürzkrämer ohne persönliche Physiognomie, Beamte nach der Schablone oder Routine-Offiziere durchzubringen vermöchten. Einige haben wenigstens gesellschaftliche und menschliche Vorzüge. Sie sind schöne Männer. Sie wissen in der Intimität anziehend zu plaudern. Sie könnten Erbinnen den Kopf verdrehen und reiche Partien machen, was auch eine Art Talent ist. Anderen muß man selbst diese, wenn nicht bedeutenden, so doch gefälligen Eigenschaften absprechen. Sie sind häßlich, schwächlich, kränklich, zu geistesarm, um selbst die platteste Salon-Konversation zehn Minuten lang in flottem Gange zu erhalten, zu verzweifelt alltäglich, um je von einem bessern Weibe um ihrer selbst willen geliebt zu werden. Nun denn: jeder dieser Fürsten nimmt in seinem Lande seinen Ranggenossen gegenüber ganz dieselbe Stellung ein; Friedrich der Große dieselbe wie Ferdinand VII. von Spanien, Joseph II. dieselbe wie Ferdinand von Neapel, genannt Rè Bomba , Leopold I. von Belgien dieselbe wie Ludwig XV. oder Georg IV. von England. Sie sind gleich geheiligt, gleich unantastbar gleich unfehlbar. Ihr Name leuchtet mit gleichem Glanze auf den amtlichen Urkunden, ihre Entschließungen haben die gleiche Kraft und Wirksamkeit. Alles bückt sich gleich tief vor ihnen, gibt ihnen denselben Titel Majestät, nennt sie ohne Unterschied erlaucht, großmächtig und allergnädigst. Angesichts dieses Schauspiels lehnt sich der natürliche Menschenverstand auf. Er fragt: »Du Feigling, du Unfähiger, warum gebietest du großen Heerführern und mächtigen Armeen? du unwissender Strohkopf, der du deine Muttersprache nicht orthographisch zu schreiben weißt, warum bist du oberster Schutzherr der Akademien und Universitäten? du Verbrecher, warum spendest du das Recht aus und entscheidest über Leben und Tod von Angeklagten? du unflätiges Schwein, warum bist du der Belohner von Tugend und Verdienst? du Schwächling, warum lenkst du die Geschicke eines starken Volkes und bestimmst auf viele Menschenalter hinaus die Richtung seiner Entwickelung? Warum? Warum?« Da es eine vernünftige Antwort auf diese Frage nicht gibt, so bleibt der Monarchie nichts übrig, als zu erwidern: »Warum? Weil es Gott so angeordnet hat.« Mit dieser stereotypen Antwort kommt sie jeder indiskreten Neugierde und jeder unbequemen Kritik zuvor. Sie läßt ihrer eigenen Majestät überall die Majestät Gottes wie einen Herold vorangehen. Sie weist jedesmal, so oft sie ihre Vorrechte ausüben will, zuerst auf diese geheiligte Quelle ihrer Macht hin. »Von Gottes Gnaden« heißt es auf den Münzen; »Von Gottes Gnaden« in Gesetzen, Verträgen, Urkunden. Die Gnade Gottes ist gleichsam die Referenz, welche die Monarchie aufgibt, so oft man sich nach ihrem Kredit erkundigt. Damit aber diese Begründung der Königsmacht ausreichend sei, muß man an Gott glauben, und darum hat das Königthum schlechterdings kein dringlicheres und größeres Interesse, als im Volke mit allen Mitteln der List und Gewalt den Glauben an Gott zu erhalten. Die überzeugten Monarchisten, welche die Aufklärung mit Erbitterung bekämpfen und sie mindestens nicht von Staatswegen fördern wollen, haben tausendmal Recht. Sie sind folgerichtig, wenn sie predigen: »Das Volk muß einen Glauben haben,« folgerichtig, wenn sie sich der Gründung konfessionsloser Schulen widersetzen, folgerichtig, wenn sie die Trennung der Kirche vom Staate für gleichbedeutend mit der Untergrabung der Hauptpfeiler des Staatsbaues selbst erklären. Ihre Forderung, daß der Staat christlich sei, ist eine nothwendige Folge ihrer Anschauung. Freilich sind sie nicht ehrlich, wenn sie hinzufügen: »Denn ohne Religion hat das Volk keine Moral und der Staat, der aufhört christlich zu sein, wird eine Tummelstätte aller bösen Leidenschaften, Laster und Verbrechen.« Der richtige Nachsatz muß lauten: »Denn die Religion ist die einzige Begründung eines Erbkönigthums, denn die Aufklärung führt unaufhaltsam zur Herrschaft des Stärksten oder Fähigsten, das heißt zur Diktatur oder Republik.« Es ist nur ein Beweis mehr für die Verlogenheit unserer Zeit, daß selbst die unerschrockensten Monarchisten nicht den Muth haben, den wahren Grund zu bekennen, aus welchem sie das Volk in die Hürde der Kirche zurücktreiben wollen. Sie sollten keck heraussagen: »Wir brauchen die Religion als Schild für die Monarchie!« Das wäre tapfer. Daß sie vorgeben, die Religion im Namen der Ordnung, der Moral und des Volkswols aufrecht zu erhalten, ist eine Feigheit. Unser Jahrhundert hat nichts Widersinnigeres erfunden als die liberale, konstitutionelle Monarchie. Man hat da versucht, zwei politische Formen, zwei Weltanschauungen zu verschmelzen, die einander unbedingt ausschließen. Es ist ein Glück, daß die menschlichen Angelegenheiten nicht von der Logik, sondern von der Trägheit, vom Beharrungsvermögen des Bestehenden regiert werden, oder vielmehr, um in der Wahrheit zu bleiben, daß die Logik nur in längeren Zeiträumen zur Geltung gelangt, denn sonst könnte dieses irrationelle Ding, das man konstitutionelle Monarchie nennt, nicht eine Stunde lang bestehen. Wie, die Monarchie hat das Dasein Gottes zur Voraussetzung und ist von Gott selbst eingesetzt, und sie theilt ihre heilige Macht mit Sterblichen? Der Monarch läßt sich seinen Willen durch die Vertreter des Volks, also durch Menschen einschränken, und dieser Wille ist doch direkt die Verdolmetschung des Willens Gottes? Der Monarch gibt also zu, daß man den Willen Gottes einschränke? Ist denn das vor allen Dingen möglich? Und ist es nicht eine Art Auflehnung gegen Gott, eine Gotteslästerung? Und ein gottgläubiger Monarch bestimmt durch ein Grundgesetz ausdrücklich, daß eine solche Gotteslästerung gestattet sei? So stellt sich die Lage dar, aus dem Gesichtspunkte des Königthums von Gottes Gnaden angesehen. Umgekehrt, vom Standpunkte der Volkssouveränetät betrachtet, ist die konstitutionelle Monarchie ganz ebenso unvernünftig. Der Konstitutionalismus beruht auf der Voraussetzung, daß das Volk das Recht habe, seine Geschicke selbst zu bestimmen. Woher hat es dieses Recht? Von der Natur selbst. Es ist eine Form seiner Lebenskraft. Das Volk hat das Recht, sich zu regieren, weil es die Kraft dazu hat, wie das Individuum das Recht zu leben hat, weil und so lange es die Kraft dazu hat. Wenn aber dieser Ausgangspunkt richtig ist, wie gelangt man dann dazu, einen erblichen König zu dulden, dessen Wille allein so viel Gewicht hat wie der Wille des ganzen Volkes, der das Recht hat, sich dem Volkswillen zu widersetzen, wie das Volk das Recht hat, sich dem Willen des Königs zu widersetzen? Wenn das Volk kraft seiner Souveränetät den König absetzen oder das Königthum selbst abschaffen wollte, würde der König sich fügen? Wenn der König kraft seiner Souveränetät das Parlament unterdrücken wollte, würde das Volk sich dies gefallen lassen? Wenn nicht, wo bleibt dann die Souveränetät des einen oder des andern? Zwei Souveränetäten in einem Staatswesen sind ebenso unmöglich wie zwei Götter in der Natur, nämlich Götter mit den Attributen, welche die Gläubigen ihrem einzigen Gotte zuschreiben. Dem König von Gottes Gnaden muß das Volksrecht eine Leugnung der Allmacht Gottes scheinen, dem aufgeklärten Volke das Königthum von Gottes Gnaden eine Leugnung der doch so leicht nachweisbaren Nationalkraft. Das konstitutionelle Königthum ist nur zu erfassen, wenn man das Denkvermögen zum Opfer bringt. Es verhält sich zum absoluten wie der orthodoxe Protestantismus zum Katholizismus. Der Katholizismus ist konsequent, der Protestantismus willkürlich. Jener gibt seinem Oberhaupte das Recht, zu verkünden, was geglaubt werden muß, und verbietet jede Kritik dieser Anordnungen. Dieser gestattet die Kritik des Glaubens an der Hand der Bibel, untersagt aber die Kritik der Bibel selbst. Bis zur Offenbarung hat die Vernunft das Recht der freien Bewegung. Bei der Offenbarung muß sie still halten. Warum? Es gibt keinen Grund. Weil es eben so ist und nicht anders. Es ist die Vernunft mit beschränkter Zirkulation, die Kritik mit einer Stellschraube, welche das Vordringen nur bis zu einem gewissen Punkte ermöglicht. Ganz so gibt die konstitutionelle Monarchie bestimmte Prämissen zu, erlaubt aber nicht, aus ihnen die Konsequenzen zu ziehen. Sie erkennt den Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Nation an, leugnet ihn aber gleichzeitig, indem sie ihr eigenes Recht als ein höheres und ursprüngliches verkündet. Sie duldet die Logik in ihrem Gefolge, aber mit ausgebrochenen Zähnen und amputirten Beinen. Da lobe ich mir das absolutistische Königthum, umgeben von mittelalterlichen Staatseinrichtungen. Es befriedigt die Logik, es schmeichelt dem Sinne, der Ebenmaß und Einklang sucht. Man braucht nur ein einziges Vernunftopfer zu bringen, man muß nur einen Ausgangspunkt ohne Kritik annehmen, nämlich den Ausgangspunkt, daß der Monarch seine Vorrechte der besondern Gnade Gottes verdankt, dann leiten sich alle übrigen Verhältnisse der absolutistischen Monarchie mit wolthuender Folgerichtigkeit von selbst ab. Es ist dann nichts mehr gegen den obersten Rechtsgrundsatz einzuwenden, daß der König nicht fehlen könne, auch wenn er mordet, schändet, stiehlt und falsch schwört; es ist dann selbstverständlich, daß der König mit seinem Volke und Lande und jedem einzelnen Unterthan anfangen dürfe, was ihm beliebt, ohne daß ein Sterblicher das Recht hätte, ihm seine Willkür zu wehren; es ist dann einleuchtend, daß seine Person geheiligt, daß er ein verkörpertes Stück himmlischer Vorsehung sei. Wer ein direkter Bevollmächtigter Gottes ist, der hat ein unzweifelhaftes Recht auf solche übermenschliche Stellung und Macht. So ist der Bau der Monarchie von Gottes Gnaden in ihrer theoretischen Vollkommenheit, unverstümmelt durch Abbrüche, unentstellt durch stylwidrige Einbauten von Volksrechten; ein schönes Werk der menschlichen Einbildung, an dessen symmetrischen Aufrißlinien das Auge mit Befriedigung weilt. Der Unterthan, zum Gehorchen geboren, arbeitet in Frieden mit der gleichmäßigen Stetigkeit einer Maschine; wenn es ihm wol ergeht, so mästet er sich behaglich; leidet er Hunger, so tröstet er sich damit, daß es so sein müsse und in der Weltordnung so vorgesehen sei; Sorgen braucht er sich keine zu machen, denn der König denkt für ihn und richtet seine Gegenwart und Zukunft ein, wie es am besten ist. Und steigt einmal in ihm ein quälender Zweifel daran auf, daß Alles zum Besten bestellt sei in dieser besten aller Welten, so ist die Kirche da und beruhigt ihn mit der Versicherung, daß auch das scheinbar Unbefriedigende geradeswegs von Gottes Rathschluß herstamme, der doch wissen müsse, was recht, und daß er es nur seiner eigenen Kurzsichtigkeit und Beschränktheit zuzuschreiben habe, wenn er die Vortrefflichkeit alles Bestehenden nicht einzusehen vermöge. Die Monarchie und Religion stehen da als verschworene Spießgesellen zu einander und fechten treulich gegenseitig ihre Sträuße aus. Der König schickt das Volk in die Kirche und der Priester predigt ihm, vor dem Palaste niederzuknieen. Der König psalmodirt: »Es gibt einen Gott, und wer nicht an ihn glaubt, für den besolde ich Kerkermeister und Henker;« der Priester antwortet mit der Gegenstrophe: »Der König ist von Gott selbst eingesetzt, und wer dies nicht glaubt, der hat, von irdischen Strafen nicht zu sprechen, seine Seligkeit verwirkt.« Der König versichert, daß der Priester nicht lügt, und der Priester bestätigt, daß der König sich nichts anmaßt. Nun wird aber durch zweier Zeugen Mund allerwärts die Wahrheit kund und auf den schlichten Geist des Volkes muß eine Aussage um so tiefern Eindruck machen, wenn von den übereinstimmenden Zeugen der eine einen Purpurmantel und eine Krone auf dem Haupte, der andere goldgestickte Kleider und ein edelsteinbesetztes Kreuz auf der Brust trägt. Vor einem Landgerichte würde freilich die gegenseitige Zeugenschaft zweier Interessen-Verbündeter nichts gelten, vor den Völkern aber gilt sie seit so und so viel tausend Jahren. II. Ich mache hier nicht der Monarchie den Prozeß, um sie zu Gunsten der Republik fachfällig zu erklären. Ich bin sogar weit entfernt, für die Republik mit der Naivität jenes marktläufigen Liberalismus zu schwärmen, der sich am Klang eines Wortes entzückt, ohne nach dessen Sinne zu fragen. Für viele sogenannte Freisinnige ist die Republik ein erstes Ziel des Strebens, für mich ist es ein letztes. Die Republik, wenn sie ein Fortschritt und eine Wahrheit sein soll, hat eine ganze Reihe von gesellschaftlichen, wirthschaftlichen und politischen Einrichtungen zur nothwendigen Voraussetzung, die von den bestehenden völlig verschieden sind. So lange das alte Europa in seinen gegenwärtigen Kulturformen lebt, ist die Republik ein Widersinn und ein unwürdiges Spiel mit einem Namen. Eine rein politische Umwälzung, die eine der europäischen Monarchien in eine Republik umwandelt, thut ganz dasselbe, wie die Heidenapostel des frühen Mittelalters thaten, als sie den zu bekehrenden Völkern ihre Götter, Feste und Gebräuche ließen und denselben nur christliche Namen gaben. Die ganze Thätigkeit solcher Revolutionen beschränkt sich darauf, alte unverkäuflich gewordene Waaren mit neuen Etiketten zu bekleben und dem leichtgläubigen Volke als ein anderes und besseres Erzeugniß anzuhängen. Die Republik ist das Endglied einer langen Kette von Entwickelungen: sie ist die staatsrechtliche Form, in welcher der Gedanke des unbeschränkten Selbstbestimmungsrechts der Volksgesammtheit zur Anschauung gelangt. Mit dieser Form, wenn sie organisch bedingt und nicht bloß äußerlich aufgeklebt und angepinselt sein soll, sind erbliche Vorrechte und Auszeichnungen, ist der überwiegende Einfluß des Großkapitals, die Macht der Beamtenhierarchie, jede Bevormundung der breiten Massen des Volks unvereinbar. Das Staatswesen jedoch zu lassen wie es ist und nur seine Bezeichnung von Monarchie in Republik zu ändern, ist einfach ein politisches Seitenstück zum bekannten Kniff der Buchhändler, die in zensurbehaftete Länder verbotene Bücher einschmuggeln, indem sie deren erstes Blatt mit dem auf der Polizeiliste stehenden Titel wegschneiden und durch das harmlose Titelblatt einer Jugendgeschichte oder eines Gebetbuchs ersetzen. Was waren die italienischen Republiken von 1848, was war die spanische Republik von 1868, was ist die französische von 1870 anders als Monarchien mit erledigtem Thron, Monarchien, die sich die Kurzweil einer republikanischen Maskerade gönnen? Man denke sich eine Karnevalsgesellschaft von Edelleuten, die eine Bauernhochzeit oder ein Zigeunerlager darstellen. Ihre Tracht und Geräthe, ihr Thun und Reden sind die des niedern Volks, dessen Erscheinung sie nachahmen, aber sie bleiben darum doch die Frau Fürstin und der Herr Graf, und wirkliches Volk, das etwa von den Galerien des Ballsaals zuschauen dürfte, würde den Mummenschanz gewiß nicht als ein thatsächliches Verschwinden der Standesunterschiede auffassen. Dasselbe Volk aber glaubt merkwürdigerweise, daß etwas Wesentliches sich vor seinen Augen ereignet, wenn in einem politischen Schönbartfeste eine Monarchie sich als Republik verkleidet und demokratische Tänze mit feinem Anstande ausführt! Eine einzige Revolution hat begriffen, daß es nicht genüge, den König aus dem Staatsbau hinauszujagen und dessen Aufschrift zu ändern, um eine Republik aus ihm zu machen. Das war die große Revolution Frankreichs. Sie zerstörte mit dem Königthum zugleich alle Einrichtungen der alten Monarchie. Wie nach dem Tode eines Pestbehafteten begnügte sie sich nicht damit, den Leichnam aus der Wohnstätte der Lebendigen fortzuschaffen, sondern sie verbrannte auch die Kleider und Geräthe des Verstorbenen. Die französische Revolution grub die Monarchie mit allen ihren Wurzeln aus und wandte die Schollen des geschichtlichen Grundes um, welchem sie entwachsen war. Sie hob den Adel auf, vernichtete, so weit es möglich war, die Urkunden, aus denen derselbe seine Vorrechte ableitete, riß dessen Schlösser nieder, verfolgte selbst die Überlebsel, welche die feudalen Standesunterschiede im Sprachgebrauche zurückgelassen haben, indem sie die an Gewohnheiten der Herrschaft und Unterthänigkeit erinnernde gesellschaftliche Ansprache, das »Herr« der höflichen Rede, unterdrückte. Sie that noch mehr. Sie suchte die ganze Gedankenwelt des Volks zu erneuern. Keine einzige Umrißlinie seines geistigen Gesichtskreises sollte unverändert bleiben. Sie wollte sogar verhindern, daß die alten Vorstellungen, welche man durch das Hauptthor des Staatsgesetzes ausgetrieben hatte, durch das Hinterpförtchen der bequemen und denkfaulen Gewohnheit wieder einziehen. Sie schuf also eine neue Religion, erfand einen neuen Kalender, in welchem alles: Jahresbeginn, Zeitrechnung, Monats- und Tagesnamen von der alten Eintheilung abwich, ordnete neue Feste an, schrieb neue Trachten vor – kurz, sie baute eine neue Welt auf, in der nicht einmal eine Erinnerung an die vorausgegangene geschichtliche Entwickelung Platz fand – und doch, was half das alles? Kleider und Sprache konnten geändert werden, aber das Gehirn der Menschen vermochte die französische Revolution nicht umzukneten. Das in Ägypten geborene Geschlecht war unfähig, Kanaan zu besiedeln. Die jahrhundertelange Gewöhnung hatte größere Gewalt über die Franzosen, als selbst das Gesetz, das die Guillotine zur Klausel hatte. Die Dubarry, als sie das Blutgerüst betrat, sagte zum Bürger Sanson: »Verzeihung, Herr Henker,« unmittelbar nach dem Ende der Schreckensherrschaft gestand man den millionengechwollenen Räubern und Dieben, die sich durch gaunerische Lieferungen an den Staat oder den Schacher mit den Gütern der Ausgewanderten schamlos bereichert hatten, den Vorrang zu, den in der alten Gesellschaft der Geburtsadel eingenommen, so daß Napoleon später diesen Emporkömmlingen nur noch Titel zu schenken brauchte, um sie zu einer regelrechten Aristokratie nach dem Muster der zerstörten zu gestalten und kaum hatte das Erdbeben der Revolution ausgeschwankt, als auch schon der mittelalterliche Gesellschaftsbau wieder aufrecht stand, zum Theil mit anderen Steinen und Balken, jedoch genau nach dem alten Grund und Aufriß. Es ist eben unnütz, ein Stück der alten Weltordnung zu zerstören und den Rest übrig zu lassen. Es war ein zweckloses Verbrechen, dem einfältigen Ludwig XVI. den Kopf abzuschneiden, wenn das französische Volk dennoch fortfahren sollte, auf dem Boden seiner alten Weltanschauung zu stehen, an ein höchstes Wesen und eine übersinnliche Vorsehung zu glauben, die Bibel zu verehren, Todtenkult zu treiben u. s. w. Eine ausschließlich politische Umwälzung, welche nur die Regierungsform ändert, die gesellschaftlichen, wirthschaftlichen und philosophischen Voraussetzungen jedoch, aus welchen die Monarchie logisch hervorgeht, unberührt läßt, hat weder Folgerichtigkeit noch innere Berechtigung. Sie ist eine rohe, rein äußerliche Störung, nicht anders als es etwa die Verfügungen eines wahnsinnigen Tyrannen wie Iwan der Schreckliche wären, wenn man sich eine solche Erscheinung auf dem Throne in unserer Zeit denken könnte. Die Logik der Thatsachen lehnt sich gegen sie auf und gestattet ihr nur eine kurze Dauer. Im Volksorganismus wiederholt sich die bekannte Erscheinung, welche man bei Verstümmelten so oft beobachtet. Wie ein Individuum, dem ein Bein abgesetzt worden ist, in der fehlenden Gliedmaße Schmerz empfindet, so hatte eine Gesellschaft in ihrer heutigen Beschaffenheit, wenn man ihr das Königthum amputirt und durch eine hölzerne republikanische Krücke ersetzt hat, nach wie vor monarchisches Zucken und Jucken. Ja in diesem Punkte gleicht die Gesellschaft nicht einmal einem Menschen, sondern jenen niedrigen Organismen, denen abgeschnittene Theile nachwachsen; es lebt in ihr ein Drang, das fehlende Organ, ohne daß sie sich nicht vollständig fühlt, das nach dem ihr innewohnenden Bildungsgesetze zu ihrer planmäßigen Gänze unerläßlich ist, neu hervorzubringen. Ich nehme also keineswegs an dem entweder heuchlerischen oder einfältigen Lippendienste jener seltsamen Freisinnigen theil, die vor dem bloßen Worte »Republik« die Kniee beugen und Hosiannah singen. Diese Religion, deren Gott ein leerer Name ist, sie ist nicht die meine. Damit die Republik die nothwendige äußere Form der inneren organischen Staatseinrichtungen sei, muß das Volk, daß sich in diese Form hineinkristallisiren will, auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Weltanschauung stehen und allen mittelalterlichen Schutt, den Transzendentalismus, die erblichen Standesunterschiede, den Kapitalismus aus sich ausgeschieden haben. Eine Republik mit staatlich anerkannten Religionen, den transzendentalen Eidesformeln, mit Gesetzen, welche Gotteslästerung bestrafen, mit erblichem Adel und Geburtsvorrechten, mit vorwiegendem Einfluß des ererbten Besitzes ist kein Fortschritt für die Menschheit und hat nichts Wesentliches vor der Monarchie voraus, ja sie steht hinter dieser zurück, insofern sie nicht einmal die Logik und Ästhetik befriedigt, wie es der geschichtlich gewordene, einheitliche, in sich geschlossene Bau der absoluten Monarchie wohl zu thun vermag. Aus diesen Darlegungen geht hervor, daß ich die historische und logische Berechtigung der Monarchie verstehe und zugebe. Jawol, ein Volk, das glaubt, die Welt sei von einem persönlichen Gotte regiert und die Bibel sei der authentische Ausdruck seiner Meinungen und die Priester seien die von ihm selbst eingesetzten Deuter des Wortes, hat Recht am Königthum zu hängen, denn der über den Gesetzen stehende König, der unverantwortlich nach eigenem Rathschluß und mit einer keinen Widerstand duldenden Gewalt die Geschicke des Staates lenkt, ist ein getreues Abbild Gottes, seiner Stellung im Weltall, seiner Aufgabe und der Art seines Handelns, die Bibel erklärt ihn als von Gott eingesetzt und die Priester bestätigen, daß es mit seiner übermenschlichen Macht und dem unbedingten Gehorsam, den ihm die Unterthanen schulden, seine Richtigkeit habe. Und ein Volk, welches nichts Unnatürliches darin sieht, daß man als Besitzer von Millionen und Adelstiteln geboren wird und auf diese Weise die sichere Anwartschaft auf Ehren, Macht und Genüsse ganz so wie die Haut oder Kopfhaare als Bestandtheile des Individuums mit auf die Welt bringt, ist folgerichtig, wenn es monarchisch ist, denn daß ein einzelnes Menschenkind mit dem Rechte, über ein ganzes Land zu herrschen, im Magen oder im Kopfe oder wo immer der anatomische Sitz dieses wunderbaren Rechtes sein mag, zur Welt kommt, ist ebenso vernünftig und nicht schwerer zu begreifen, als daß einige hundert Menschenkinder mit einem ihnen gleichsam angewachsenen organischen Rechte auf Reichthum und Vorrang vor Millionen geboren werden. Als abstrakte Konzeption kann die Monarchie aus der theologischen Weltanschauung heraus leicht und mit Siegesgewißheit vertheidigt werden und wer diese Weltanschauung theilt, für den ist jene durchaus keine Lüge. Allein eine Lüge ist die Monarchie zunächst all denen, welche die Welt naturwissenschaftlich auffassen, und zur Lüge wird sie, wenn auch nicht grundsätzlich, so doch in ihrer thatsächlichen Erscheinung und ihrem praktischen Getriebe selbst den Gläubigen, die von ihrem göttlichen Ursprung überzeugt sind. Denn das ist ja die Tragik unserer zeitgenössischen Kultur, daß die alten Institutionen nicht mehr den Muth und das Selbstvertrauen haben, sich in ihrer allein logischen geschichtlichen Form schroff und unabänderlich vor die Menschen hinzustellen und ihnen den Jesuitenspruch zu wiederholen: »Sein wie wir sind oder nicht sein!« Sie streben einen unmöglichen Ausgleich zwischen ihren Voraussetzungen und den Überzeugungen der Neuzeit an, sie machen den letzteren Zugeständnisse, sie lassen sich von geistigen Elementen durchdringen, die ihrem Wesen fremd sind und es zersetzen; die Neuerungen, zu denen sie sich bequemen, sind eine direkte Leugnung der alten Bestandtheile und so gleichen sie einem Buche, das auf derselben Seite eine alte Fabel als Text und deren Kritik, Widerlegung und Verspottung als Randglosse und Fußnote vereinigen würde. In dieser Form werden die sich selbst negirenden und parodierenden Einrichtungen den Aufgeklärten zum Gespött und selbst den Zurückgebliebenen eine Quelle des Ärgernisses und peinlichen Zweifels. Das Königthum hat sich geschichtlich aus verschiedenen Wurzeln entwickelt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Menschen schon bei ihrem frühesten Erscheinen auf der Erde gesellige Wesen waren und truppweise lebten wie noch heute die Affen und zahlreiche andere Herdenthiere. Jede Bande hatte wol ein Oberhaupt, das sie führte und vertheidigte und ohne Zweifel das stärkste Männchen war. In der Morgendämmerung der Gesittung, deren Abglanz auf den ältesten Schriften der Bibel, den Veden und den heiligen Büchern der Chinesen ruht, ist die Familie die Grundlage der Gesellschaft und der Stammvater der natürliche Herrscher, Richter und Berather seiner Angehörigen. Die Menschen vermehren sich, die Familien wachsen ansehnlich und erweitern sich zu Stämmen. Aus dem Familienvater wird der Stammeshäuptling, dessen Autorität wol noch zum Theil auf der Fiktion beruht, daß sämmtliche Stammesmitglieder aus seinem Blute hervorgegangen sind – eine Fiktion, welche bis in die neuere Zeit die Grundlage der schottischen Clanverfassung geblieben ist – zum andern Theil aber auf den greifbareren und sicheren Stützen, auf welchen die Gewalt des Leitthieres einer Herde steht: nämlich auf seiner vorwiegenden Macht, die durch größere Leibesstärke, Klugheit oder Reichthum an Herden, Weiden, Geräthen und Knechten bedingt sein kann. In dieser Phase ist der Abstand zwischen dem Herrscher und Beherrschten noch gering und die Quellen der Macht des ersten liegen allgemein verständlich zu Tage. Der Sohn gehorcht dem Vater aus Liebe und Ehrfurcht, der Schwache dem Starken aus Furcht, der Arme dem Reichen in der Hoffnung auf Vortheile. Ein Erbrecht auf Herrschaft wird kaum anerkannt. Der thatsächliche Besitz der Machtmittel reicht auch zur theoretischen und moralischen Rechtfertigung der Machtansprüche aus. Noch komplizirt kein übernatürliches Element diese einfachen Verhältnisse, in welchen der Häuptling befiehlt, weil er kann, und der Stamm gehorcht, weil er will oder weil er muß. Allein in dem Maße, in welchem die Kultur fortschreitet, erwacht im Häuptling das Bedürfniß, seinem natürlichen Ansehen das Grauen des Überirdischen anzufügen. Seine überwiegende Klugheit, sein Reichthum, seine Leibesstärke scheinen ihm nicht mehr ausreichend, um ihm den Besitz der Macht zu sichern und ihn gegen den Neid und Ehrgeiz von Nebenbuhlern zu schützen, und er macht die Götter zu seinen geheimnißvollen und darum doppelt furchtbaren Bundesgenossen. Er wirft sich zum Oberpriester der Stammesreligion auf, stellt unsichtbare Schreckgeister in seinen Dienst und entwickelt den Aberglauben zur stärksten Wurzel seiner Gewalt. Das ist die Lage der Dinge bei allen Völkern in dem Augenblicke, in welchem sie in das Tageslicht der Geschichte treten. Das Königsgeschlecht rühmt sich, in gerader Linie von den Göttern abzustammen. Die Pharaonen, die Inkas sind die Söhne der Sonne. Die germanischen Heerkönige gehen aus den Lenden Thors hervor. Die Maharadschas Indiens sind einem Avater Wischnus entsprossen. Das Volk sieht im Herrscher ein geheiligtes Wesen und schreibt ihm übernatürliche Eigenschaften zu. Im Orient darf man ihm nicht ins Antlitz blicken, wenn man nicht auf der Stelle mit Blindheit geschlagen werden will. Die Könige von England und von Frankreich besitzen die Gabe, durch die Auflegung ihrer Hand Fallsucht, Veitstanz und eiternde Schwären zu heilen. Wer sich an der Person des Königs vergreift, der ruft den ewigen Zorn der Götter auf sich, seine Familie, sein Volk herab. Neben seinen menschlichen Söldlingen hat der König alle Götter und Heiligen des Himmels zu Wächtern seines Throns, »sechstausend zur Rechten, sechstausend zur Linken«, wie Heine singt. Nun ist der Abstand zwischen dem Könige und dem Volke bereits ein ungeheurer. Er ist nicht mehr einfach der erste unter seines Gleichen, der Vater seines Stammes, sondern ein Wesen von anderer Beschaffenheit wie die Unterthanen, das außerhalb der Natur steht und auf das sich die Geltung der allgemeinen Lebensgesetze nicht erstreckt. Zwischen dem Könige und dem Volke schlingt sich keinerlei menschliche Beziehung mehr; er ist unnahbar; er wandelt wol unter den Sterblichen, aber wie ein verkleideter Gott, und hat mit den Menschen, die um ihn wimmeln, nichts gemein. Der Himmel kann nach seinem unerforschlichen Rathschlusse zugeben, daß er den Thron verliere; der Himmel kann einem Niedriggeborenen erlauben, die Krone aufs eigene Haupt zu setzen. Allein auch vom Throne gestürzt sinkt der legitime König nicht in die gemeine Menschheit zurück und selbst mit der Krone geschmückt hat der Usurpator nicht die Weihe der Göttlichkeit. Jener bleibt die erdentrückte Majestät, dieser der Plebejer vom Fleisch und Blut des Volks, der früher oder später wieder in die namenlose Masse aufgehen muß wie ein Eiskristall im chemisch gleichartigen Wasser, während jener stets sein Sonderdasein bewahrt wie ein Diamant in allen Flüssigkeiten. Seltsame Paradoxie der menschlichen Kultur-Entwickelung! Das Königthum, das sich aus der Nacht der urweltlichen Barbarei bis in unsere Zeit herüber zu retten vermochte, hat von seinen verschiedenen Rechtstiteln die, welche vor der Vernunft bestehen können, als überflüssig aufgegeben und gerade nur diejenigen bewahrt, die vor dem ersten Sonnenstrahl der vernünftigen Kritik sich spurlos verflüchtigen. Die heutige Monarchie leitet ihre Berechtigung nicht mehr von ihrer thatsächlichen Macht ab, sondern von ihrem göttlichen Ursprunge. Sie befiehlt nicht mehr im Namen ihrer Armee, sondern mit Berufung auf die Gnade Gottes. Ein Heer, das bereit ist, das Gebot des Königs auszuführen, ist auch in unseren Tagen ein unwiderstehliches Argument. Dieses Argument verschmäht die Monarchie. Die Behauptung, daß Gott dem König das Anstellungspatent ausgestellt habe, scheint heute selbst einer Kaffeeschwester ein Märchen zum Lachen. Dieses Märchen erzählt die Monarchie mit einem Ernste, dem Gendarmen Nachdruck verleihen. Im Alterthum, im Mittelalter, zu einer Zeit, da es keine Geschichtswissenschaft gab und die Kritik den Überlieferungen und Quellen unbekannt war, hatte bei der herrschenden Geistesdämmerung der Heiligenschein der Göttlichkeit um das Haupt des Königs eine begreifliche Leuchtkraft, wenigstens in den Augen des Volkes. Das Nationalgedächtniß reichte kaum über ein Menschenalter hinaus. Das Dunkel der Vergangenheit war undurchdringlich und verschlang rasch die Ursprünge aller Dinge. Wer erinnerte sich an die Anfänge der Dynastie? Es fiel niemand schwer, den Sängern zu glauben, welche die Herrscher von einer um so höheren Gottheit abstammen ließen, je freigebiger sie diese genealogische Dichtung belohnten. Allein in unseren Tagen der quellenmäßigen Geschichtsforschung haben Balladen und Fabeln keine Geltung. Wir kennen recht genau die frühesten und späteren Geschicke der europäischen Herrscherhäuser, welche heute die klassischen Vertreter des Legitismus von Gottes Gnaden sind. Bei den Bourbonen, dem ältesten und geheiligtsten Königsgeschlecht Europas, haben wir die Wahl, in ihrem ersten Ahn mit der zweifelhaften Geschichte einen rebellischen Großgrundbesitzer Hugo Capet oder mit der nicht unglaublichen Volkstradition den Pariser Metzgerknecht Robert Le Fort zu sehen. Die Habsburger, von denen übrigens schwerlich ein Blutstropfen in den Adern der Familie fließt, die gegenwärtig Österreich beherrscht, sind die Nachkommen eines armen fränkischen Edelmannes, der so etwas wie besoldeter Klopffechter oder Polizeimeister im Dienste verschiedener Herren, bald eines Bischofs, bald einer Stadt war. Von den Romanows sprechen wir besser nicht. Unleserliche Texte kann der Geschichtsforscher manchmal entziffern. Aber zur Lösung des Problems, wer der Vater eines Sohnes der Kaiserin Katharina II. gewesen sei, dürfte die Methode selbst des scharfsinnigsten Historikers schwerlich ausreichen. Die Hohenzollern haben wenigstens einen reinlichen Geburtsschein, der sich sehen lassen kann. Sie stammen von armen, aber ehrlichen Eltern ab. Die Burggrafen von Nürnberg waren zweifellos ganz tüchtige kleine Beamte des heiligen römischen Reichs und bei ihrer Beförderung zu Großmeistern des deutschen Ritterordens, zu Markgrafen von Brandenburg, zu Kurfürsten, Königen und Kaisern ist es durchaus mit rechten Dingen zugegangen. Man kennt das Datum jeder einzelnen Vorrückung und weiß, daß dieselben Menschenwerk waren und daß zu ihrer Erklärung keine Dazwischenkunft des Übernatürlichen erforderlich ist. Die englische Dynastie gibt ein überraschendes Beispiel der abenteuerlichen Wanderungen, welche das Blut, der Träger der Legitimität, durch ein Dutzend und mehr verschiedener Familien unternehmen kann, ohne etwas von seinem Vorrecht der Herrschaft zu verlieren. Die grillenhafte Zickzacklinie, welche die legitime Abstammung vom Herzog der Normandie bis zum Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha beschreibt und die zu verfolgen so mühsam ist, scheint höchstens zu beweisen, daß ein gutes Princip, ganz so wie ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange sich des rechten Weges stets bewußt ist. Wo bleibt nun in der Geschichte all dieser Familien der Platz für die Intervention Gottes, von dessen Gnade sie ihre Herrscherrechte ableiten? In welchem Augenblicke sind sie dieser Gnade theilhaft geworden? Etwa als Wilhelm der Eroberer bei Hastings Harald den Sachsenkönig besiegte? Oder als Hugo Capet sich gegen seinen rechtmäßigen Herrn aus karolingischem Stamme auflehnte, wie Pipin es einst gegen seinen merovingischen Herrn gethan hatte? Oder als Rudolf der Habsburger seinen Wettbewerber Ottokar von Böhmen schlug? Und wenn die drei Gründer von legitimen Dynastien in ihren Unternehmen den Kürzeren gezogen hätten? Wenn Wilhelm über den Ärmelkanal zurückgeworfen und Hugo als Rebell aufgehängt und Rudolf auf dem Marchfeld todtgeschlagen worden wäre? Wie hätte es dann mit der Gnade Gottes ausgesehen? Wären dann die waghalsigen Persönlichkeiten nicht Ahnen geheiligter Herrscherhäuser, sondern gemeine Räuber, Abenteurer und Aufrührer gewesen? Oder ist es der Erfolg, der entscheidet? Erkennt man die Gnade Gottes eben daran, daß es einer Persönlichkeit gelingt, sich der Herrschaft zu bemächtigen, und wird dieselbe in dem Augenblicke legitim, in welchem sie sich in den Besitz der höchsten Gewalt zu setzen versteht? Das läßt sich hören. Die Volksweisheit glaubt: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Es ist nicht unlogisch, daß derselbe Gott nach demselben Vorgange dem, welchem er einen Thron gegeben hat, auch Legitimität gibt. Aber in diesem Falle ist ja auch jeder Revolutionär legitim, wenn sein Anschlag gelingt? Cromwell ist dann ein so legitimes Staats-Oberhaupt wie Karl I., dem er den Kopf abschlagen ließ, Barras, Bonaparte so legitim wie Ludwig XVI., dem derselbe Unfall widerfuhr, Ludwig Philipp so legitim wie Karl X. und Napoleon III. so legitim wie Ludwig Philipp? Die Monarchisten haben dann überhaupt nicht das Recht, sich der Autorität eines Staatsoberhaupts zu widersetzen oder selbst nur damit zu schmollen, sobald dasselbe thatsächlich den Platz eines solchen einnimmt; sie müssen dann von ihrem Standpunkte aus erkennen, daß Rienzi, Masaniello, Mazzini, Kossuth, Hecker von Gottes Gnaden Staatsoberhäupter gewesen wären, wenn eben ihre Wagnisse den Erfolg für sich gehabt hätten; ja noch mehr, der Holzspalter Lincoln, der Schneider Johnson, der Advokat Grevy müssen ihnen ganz so geheiligte Persönlichkeiten sein wie ein Wilhelm von der Normandie, ein Hugo Capet, ein Rudolf von Habsburg, denn den Erfolg und den thatsächlichen Machtbesitz haben sie ganz so für sich wie die letzteren! Der Standpunkt der Monarchisten ist dann genau derjenige der Frösche in der Fabel, die mit gleicher Unterwürfigkeit jedem Könige zu gehorsamen haben, den Zeus über sie setzt, ob er nun ein Holzpflock oder ein Kranich ist! Wenn der Erfolg der Beweis von Gottes Gnade sein soll, dann ist er auch die einzige Quelle der Legitimität und die Monarchisten müßten vernünftigerweise jedem Staatsoberhaupt: dem fremden Eroberer, dem Präsidenten der Republik, dem Verüber des Staatsstreichs, mit einem Worte jedem, der den Erfolg für sich hat, die Legitimität zuerkennen. Oder hat diese Quelle der Legitimität nur in früheren Zeiten geströmt und ist jetzt versiegt? Waren Gewalt, Empörung, Lehenseidbruch und Wahlintrigue nur in vergangenen Tagen die Form, in der Gottes Gnade auf ein Menschenhaupt herniederstieg, und haben sich die Beziehungen zwischen dem Himmel und den Herrscherpalästen in der Folge geändert? Dann wäre es von der größten Wichtigkeit, zu wissen, in welchem Augenblicke diese Änderung eingetreten ist. Die Monarchisten schulden uns in diesem Falle die genaue Angabe des Jahres, des Monats und Tages eines so bedeutungsschweren Ereignisses. Denn in ganz naher Vergangenheit haben sich in Schweden und Norwegen, in Belgien, in Serbien, Rumänien, Griechenland und der Bulgarei Dynastien häuslich eingerichtet; diese Dynastien berufen sich gleichfalls auf die Gnade Gottes; ihre Völker gestehen ihnen Herrscherrechte zu; die jahrhundertealten Dynastien behandeln sie als ihres Gleichen; da ist es denn nicht gleichgiltig, einen Aufschluß darüber zu erhalten, ob diese neuen Könige auch durch die Gnade Gottes solche geworden sind oder ob sie mit dieser Gnade nur flunkern, ob sie, Snobs auf dem Throne, sich einer hohen Beziehung rühmen, die sie nicht besitzen. Sind Bernadottes, Koburger, Obrenoviche u. s. w. Könige von Gottes Gnaden, dann ist der Beweis erbracht, daß die Gnade Gottes auch heute noch wie zur Zeit der mittelalterlichen Usurpationen sich beeilt, zur Macht das Recht hinzuzufügen, und in diesem Falle müssen die Monarchisten zugeben, daß ein beliebiger Sozialdemokrat, wenn es ihm gelänge, sich durch eine Umwälzung an die Spitze des deutschen Reichs zu stellen, Staatsoberhaupt von Gottes Gnaden und zur Herrschaft ebenso berechtigt, persönlich ebenso geheiligt, im Besitze einer ebenso legitimen Autorität wäre wie gegenwärtig der deutsche Kaiser. Oder das Argument ist richtig, daß seit dem Mittelalter die Gnade Gottes, die Monarchenmacht, erschöpft ist wie ein Acker, auf dem Raubbau getrieben wurde, dann sind jene Könige aus jungen Herrscherhäusern nichts Anderes als Schwindler, die durch falsche Vorspiegelungen Vortheile zu erlangen suchen, ein Vorgehen, worüber in einem Artikel des Strafgesetzbuchs nähere Auskunft ertheilt wird, dann ist es eine unfaßbare Anmaßung von ihnen, daß sie von ihren Völkern Untertänigkeit verlangen, und die Monarchen aus alten Dynastien begehen eine schwerzubegreifende Unvorsichtigkeit, wenn sie die Giltigkeit des Rechtstitels derselben zugeben und sie als gleichberechtigte Genossen anerkennen. Ich höre einen letzten Einwand der Monarchisten gegen meine Argumentation. Dieser Einwand ist nicht etwa der, auf welchen ein logischer Geist verfallen würde, daß nämlich die neuen Dynastien ihre Herrscherrechte vom Willen des Volkes herleiten, welches ihnen diese Rechte freiwillig zugestanden hat. Der Wille des Volkes darf beileibe nicht als Quelle dynastischer Rechte anerkannt werden; denn wenn dieser Wille einen König machen kann, so kann er auch einen König stürzen und die Republik ausrufen, und das wird doch ein Monarchist nicht zugeben! Nein, der Einwand ist ein anderer: die Männer, welche in unserer Zeit neue Dynastien begründet haben, sind Sprossen alter Herrscherhäuser, in welchen das Regieren seit Jahrhunderten endemisch ist; sie sind mit einer latenten erblichen Legitimität geboren, die nur einer günstigen Gelegenheit harrte, um in einer sichtbaren Krone zum Ausbruch zu gelangen. Das kann nun zwar weder von den Bernadottes noch von den Obrenovich mit Recht behauptet werden, da es aber auf die belgischen Koburger, die rumänischen Hohenzollern, die griechischen Glücksburger und die bulgarischen Hessen Anwendung findet, so will ich das Argument nicht gleich als Lüge behandeln, um so weniger, als es mir außerordentlich gefällt. Es ist also wolverstanden: die Legitimität ist eine natürliche Erbeigenschaft bestimmter Familien; ein Prinz wird mit dem Rechte zum Herrscher geboren; nicht etwa mit dem Rechte, über ein gewisses Volk und kein anderes zu herrschen, sondern mit dem Rechte des Herrschers im Allgemeinen, mit einem vagen Herrscherrechte ohne bestimmtes Objekt, daß sich indeß später hinzufinden kann. Ein Koburger, ein Hohenzoller bringt von Geburt aus die Gnade Gottes mit; wenn ihn die Belgier, die Rumänen zum König wählen, so geben dieselben seiner bevorstehenden Legitimität blos eine praktische Geltung. Gottes Gnade wird etwa so ertheilt wie das Diplom einer Fakultät. Mit seinem Diplom in der Tasche hat der junge Doktor wol das Recht, sich eine ärztliche Praxis zu schaffen, aber die Praxis selbst wird ihm von der Fakultät nicht zugesichert. So gibt dem Prinzen aus legitimem Herrscherhause sein Gottesgnadenthum das theoretische Recht, irgendwo zu regieren, doch garantirt es ihm kein Land, wo er dieses Recht thatsächlich ausüben kann. Das ist doch ein Argument, das sich sehen lassen kann. Es erklärt Manches, was sonst unerklärlich wäre. An der Hand desselben kann man verstehen, wie ein legitimer König von Gottes Gnaden einen andern legitimen König von Gottes Gnaden seines Thrones und Landes beraubt. So ist die Annexion Hannovers, Kurhessens, Nassaus durch Preußen, Neapels, Toskanas, Modenas, Parmas durch Sardinien nicht mehr eine Verleugnung der Grundlage, auf welcher doch auch der Thron der Hohenzollern und der Savoyer steht. Der Eroberer nimmt dem Verjagten nicht etwa seine Legitimität, ich hätte fast gesagt sein Herrscherdiplom, er nimmt ihm nur sein Land. Er bleibt nach wie vor König von Gottes Gnaden und es ist ihm unbenommen, sich ein anderes Reich zu suchen, über welches er, wenn er eins findet, mit ungeschwächter Legitimität und in der That ganz besonders sichtbarer Gnade Gottes herrschen wird. Die Loslösung des abstrakten Herrscherrechts legitimer Dynastien von der Geltung für ein bestimmtes Land und Volk ist ein unentbehrlicher Bestandtheil der monarchistischen Theorie. Ohne sie wären die erobernden und annektirenden Könige die ärgsten Revolutionäre, würden sie den Unsinn des Gottesgnadenthums am klarsten nachweisen und den Völkern am faßlichsten zeigen, welchen Werth die Rechte eines legitimen Monarchen haben und wie man es anfangen müsse, um einen solchen aus dem Lande zu jagen. Mit Hilfe dieses Gedankens der Unabhängigkeit theoretischer Legitimität von tatsächlicher Herrschaft kann man endlich auch ohne Auflehnung des Verstandes begreifen, daß das Haus Hannover ein Jahrhundert lang von Gottes Gnaden England legitim beherrschen konnte, während die Erben des Hauses Stuart in St. Germain und Rom von Gottes Gnaden legitim verkamen, und daß nach Viktor Emanuel König Humbert von Gottes Gnaden in Italien regiert, während König Franz II. von Neapel, seit bald einem Vierteljahrhundert von Gottes Gnaden sich in Paris zerstreut. Doch wozu noch länger im Absurden waten? Es ist nicht der Mühe werth, an einem einzigen Rechtstitel der Monarchie, an ihrem göttlichen Ursprunge, eine ernste Kritik zu üben. Diese ist so leicht, daß man, erstaunt von der Geringfügigkeit der Anstrengung, sich manchmal fragt, ob man nicht mit herkulischen Geberden offene Thüren einrenne? Die weitverbreitete Kenntniß der geschichtlichen Anfänge aller Dynastien, von denen einige sozusagen vor einer Stunde unter den Augen Prosaischer Zeitungsberichterstatter entstanden sind, das immer häufiger werdende Schauspiel legitimer Souveräne, welche aus dem ihnen angeblich vom Himmel selbst verliehenen Amte von Völkerhirten hinausgejagt werden, die geringe Achtung, welche gesalbte Könige vor den übernatürlichen Rechten ihrer Standesgenossen bethätigen, machen es dem Gottgläubigen fast noch schwerer als dem Atheisten, zuzugeben, daß die Gnade Gottes den Königen die Krone aufs Haupt gesetzt habe. Die Gnade Gottes kann doch nicht intermittirend sein! Ein Staatsvertrag kann sie doch nicht verleihen, eine verlorene Schlacht sie doch dem Begnadeten nicht rauben! Das sind Konzeptionen von einer Frivolität, gegen die sich alle Überzeugungen eines Gläubigen empören müssen. Der Aufgeklärte kann das Gottesgnadenthum allenfalls als einen jener herkömmlichen Scherze betrachten, die ein Haruspex dem andern mit einem Blinzeln des Einverständnisses, doch unter Wahrung eines würdigen Ernstes rezitirt; dem Gläubigen muß es eine Blasphemie scheinen. Wo jener das Recht hat, zu lächeln, da darf dieser nur zürnen. Lassen wir indeß die Ursprünge und Rechtstitel der Dynastien ruhen. Thun wir, als glaubten wir Alles, was uns die Monarchie erzählt. Nehmen wir einen Augenblick lang die Miene eines Haruspex während seiner Amtshandlung an. Es ist also Alles wahr und bewiesen: der König wird mit dem Rechte geboren, mir zu befehlen; ich, der Unterthan, komme zur Welt mit der Pflicht, zu gehorchen, das hat Gott so eingerichtet, und wenn ich mich dagegen auflehne, so greife ich in Gottes eigene Weltordnung freventlich ein. Gehen wir nun von diesem Ausgangspunkt weiter, so sind wir beim nächsten Schritte mitten im Reiche der Lüge. In Europa haben nur noch Rußland und die Türkei den Absolutismus, der, ich habe dies oben erörtert, die allein logische Form der Monarchie ist. Alle übrigen Länder haben, soweit sie nicht Republiken sind, die monarchische Regierungsform durch Verfassungen mehr oder weniger mit sich selbst in unauflöslichen Widerspruch gebracht. Der Konstitutionalismus verurtheilt alle, die in seiner Komödie eine Rolle spielen, zu ewiger Lüge und Heuchelei. Dort, wo der Parlamentarismus eine Wahrheit und das Königthum nur eine geduldete Zierde ist, in England, Belgien, Italien, lügen die Gesetze, wenn sie die Form von Willenskundgebungen des Königs annehmen, denn sie sind Ausflüsse des Parlamentwillens und kommen zu Stande, der König mag wollen oder nicht; die Minister lügen, wenn sie sich der üblichen Redeweise bedienen! »Im Auftrage Sr. Majestät thun wir dieses,« »auf Befehl Sr. Majestät unterlassen wir jenes,« »wir werden die Ehre haben, Sr. Majestät dies und das zu empfehlen«: denn sie wissen und alle Welt weiß mit ihnen, daß der König nicht aufträgt und nicht befiehlt und daß sie ihm nichts zu empfehlen haben, sondern daß sie beschließen, daß sie vor den König mit fertigen Thatsachen hintreten, die unabhängig von seinem Willen geschaffen werden, und daß der König in Wirklichkeit den Ansichten und Entschließungen des Parlaments und der Minister unweigerlich zu gehorchen hat; der König endlich lügt, wenn er zur Volksvertretung in der ersten Person spricht, denn seine Thronrede ist nicht der Ausdruck seiner eigenen Gedanken, sondern ein aus fremder Initiative hervorgegangenes Schriftstück, das ihm fertig in die Hand gegeben wird und welches er so vorliest, wie ein Phonograph die in seinen Trichter hineingesprochenen Worte wiederholt; er lügt, wenn er auf die Fiktion eingeht, daß der Ministerpräsident der Mann seiner Wahl und seines Vertrauens ist, denn es steht ihm durchaus nicht frei, diesen nach seinem Belieben zu wählen, er muß sich vielmehr zu der Persönlichkeit bequemen, welche ihm die Mehrheit der Volksvertretung bezeichnet, er mag sie noch so sehr verabscheuen und ihr eine andere noch so sehr vorziehen; er lügt endlich bei jeder einzelnen Ernennung, Verleihung und Verordnung, bei jeder Regierungshandlung, an der er theilnimmt, wenn er sie für seine eigenen Entschließungen ausgibt, denn sie sind ihm von den Ministern vorgeschrieben und er muß sie oft trotz seiner heftigen Abneigung gegen sie unterzeichnen. Umgekehrt in den Ländern wo die Verfassung das Wesen des Königthums von Gottes Gnaden unberührt gelassen hat und der Parlamentarismus ein bloßer Aufputz des alten Absolutismus ist wie in Deutschland und Österreich, lügt die monarchische Regierungsform nicht dem Könige, sondern dem Volke. Die Monarchie fordert, als sichtbare Bevollmächtigte und Vertreterin des göttlichen Willens anerkannt zu werden und nimmt ganz folgerichtig die Unfehlbarkeit für sich in Anspruch, die eine Eigenschaft Gottes selbst ist; dennoch gestattet sie theoretisch dem Volke einen Einfluß auf ihre Entschließungen, sie gibt also zu, daß das Volk die Maßregeln einer von Gott eingesetzten und inspirirten Gewalt beurtheile, billige, verwerfe oder ändere, sie unterstellt gleichsam Gott einer menschlichen Kritik und begeht damit eine Gotteslästerung, die sie bei Unterthanen mit dem schwersten Kerker bestrafen würde. Doch verhält sich dies, wie gesagt, nur in der Theorie so. Praktisch geschieht der Wille des Königs und alle konstitutionellen Vorgänge sind bloße Opportunitätslügen des Absolutismus. Man lügt dem Volke, wenn man es auffordert, seine Vertreter zu wählen, man lügt dem Parlamente, wenn man ihm Regierungsvorlagen unterbreitet und es über dieselben abstimmen läßt, denn die Volkswahl ist unvermögend, auf die Vertreter die Willenskraft zu übertragen, welche die verfassungsmäßige Fiktion dem Volke zuschreibt, und die Abstimmungen des Parlaments vermögen an den Regierungsentschlüssen nichts zu ändern. In den wirklich konstitutionell regierten Ländern ist die Stellung des Monarchen eine unwürdige, aber die ihn umgebende Fiktion seiner Gewalt wird von allen Seiten so sorgsam gewahrt, man vermeidet es so geschickt, die Thatsache seiner absoluten Bedeutungslosigkeit im Staate brutal vorlaut werden zu lassen, die mit seinem Amte verbundenen äußeren Ehren und persönlichen Vortheile und Annehmlichkeiten sind noch immer so große, daß man es verstehen kann, wie Männer mit Selbstachtung und auch nur einiger Empfindlichkeit sich herbeilassen, die Rolle einer solchen willenlosen Puppe zu spielen, deren Zunge und Glieder von der Willkür der jeweilig ihre Fäden handhabenden Minister in Bewegung gesetzt werden. In den Ländern mit Scheinkonstitutionalismus dagegen ist der Narrenpart den Volksvertretern zugetheilt und es ist schon viel schwerer zu begreifen, daß Männer, die diesen Namen verdienen, sich jenen gefallen lassen, da die kleinen Eitelkeitsbefriedigungen, die er etwa gewähren mag, doch kaum für die inneren Demüthigungen entschädigen können, welche er seinem Träger zu jeder Stunde zufügt. In seinem prächtigen Palaste, in seiner zierlichen Uniform, beim Empfang seiner erklecklichen Zivilliste, wenn er rings um sich gekrümmte Rücken sieht und die ausgesuchtesten Höflichkeitsfloskeln, »Majestät« und »gnädigst« und »geruhen«, schneeflockendicht um seine Ohren wirbeln, kann der konstitutionelle König vergessen, daß er sich in einer Fastnachtsrolle bewegt, die in dem Augenblicke ein Ende mit Schrecken nähme, in welchem er seine Rolle ernstlich durchführen wollte. Was aber bestimmt den Parlamentarier im scheinkonstitutionellen Lande, sich durch Reden ohne Wirkung, Gesten ohne Zweck und Voten ohne Folge lächerlich zu machen? Doch kaum die Verachtung der Minister und der Hohn und die Verleumdung der im Regierungssolde stehende Presse. Also vielleicht die Hoffnung, den Schein des Parlamentarismus in Wirklichkeit zu verwandeln? Die Hoffnung kann und darf der Volksvertreter nicht hegen, der auf die Fiktion des göttlichen Ursprungs der Königsrechte eingeht. Für den Verächter der konventionellen Lügen gibt es kein ergötzlicheres Schauspiel, als das Dilemma, in welches jener unerbittliche Logiker, der Fürst Bismarck, die sogenannten Liberalen des deutschen Reichstags einklemmt, indem er ihnen durch seine bevollmächtigten Parlamentsredner und auf Vorstehen und Apportiren dressirten Journalisten immer wieder sagen läßt: entweder sie seien Republikaner und heucheln, wenn sie einander in Loyalitäts-Versicherungen überbieten, oder ihre Königstreue sei ehrlich und dann haben sie sie durch Gehorsam vor dem Königswillen zu beweisen. Dieses »entweder – oder« ist ein Hammer und Amboß, zwischen welchen der monarchische Liberalismus zu einem Brei zerhauen wird, von dem kein Hund fressen möchte. Es ist unsagbar lustig anzusehn, wie sich die schwachmüthigen Oppositionsparteien unter dem eisernen Griff jener schonungslosen Logik winden! Wie sie sich losmachen, wie sie auskneifen möchten! Sie seien der Dynastie bis in den Tod ergeben, der König habe keine zuverlässigeren Diener als sie, die Republik sei für sie der Greuel der Verwüstung, aber die Verfassung bestehe doch sozusagen auch, und der König selbst habe ja die Gnade gehabt, sie zu beschwören, und mit seiner allerhöchsten Erlaubniß werde man sich unmaßgeblich unterthänigst unterfangen, von den darin den Volksvertretern huldreichst zugestandenen Rechten und Freiheiten in Demuth ersterbend Gebrauch zu machen u. s. w. Es hilft ihnen aber Alles nichts. Die Faust, die sie gepackt hat, drückt sie an die Wand, daß ihnen der Athem vergeht, und man verdonnert sie mit dieser klaren Rede: Gebt ihr zu, daß der König von Gott eingesetzt ist, euch zu beherrschen? Ja? Wie wagt ihr es dann, ihm zu widerstehen, wie wagt ihr es, euch auf eine Verfassung zu berufen, die sein Geschenk ist und die er kraft seiner göttlichen Autorität zurücknehmen kann, wie er sie euch kraft seiner göttlichen Autorität gegeben hat? Oder gebt ihr nicht zu, daß der König seine Rechte von Gott selbst hat? Dann seid Ihr Republikaner. Ein drittes giebt es nicht.« Nein, ein drittes gibt es nicht. Republikaner oder Absolutisten. Alles andere ist Lüge und Heuchelei, und eine Regierung, welches jenes Dilemma aufgestellt, verdient den begeisterten Dank aller Aufgeklärten. Freilich begeht sie damit eine außerordentliche Kühnheit, denn sie riskirt, daß ein Politiker, dessen Zunge nicht eingerostet ist, den Spieß umdreht und ihr antwortet: »Wenn Logik Trumpf ist, so seid ihr die ersten Heuchler und Lügner. Denn ist der Wille des Königs der Wille Gottes, wie könnt ihr dann die Gottes- und Königslästerung begehen, eine Verfassung bestehen zu lassen, welche die Möglichkeit der Einschränkung des Königswillens durch den Volkswillen zur ersten Voraussetzung hat? Eure vornehmste Pflicht wäre dann Abschaffung der Verfassung. Entweder ist es euch mit der Verfassung Ernst, dann gebt ihr also zu, daß die Stimme des Volks im Staate so viel gilt wie die des Königs von Gottes Gnaden und dann seid ihr ja Republikaner. Oder die Verfassung ist euch ein leeres Wort, ihr beruft einen Reichstag nur zum Schein ein, ihr seid von vornherein entschlossen, zu thun, was euch beliebt und das Parlament einen guten Mann sein zu lassen, und dann ist jede eurer konstitutionellen Handlungen: die Ausschreibung von Wahlen, die Einberufung des Reichstags, die Einbringung von Regierungsvorlagen u. s. w., eine bewußte Lüge. Also Lügner oder Republikaner. Ein drittes gibt es nicht!« Das ist eben die große Lüge des modernen Konstitutionalismus, daß derselbe von einer Leugnung der göttlichen Autorität des Königs ausgeht und diese Autorität, der er die Grundlage entzogen hat, die nun kläglich in der Luft hängt, dennoch fortbestehen läßt. Das Mittelalter kannte die Ständeverfassung, welche die Königsgewalt auch einschränkte; das Mittelalter kannte Empörungen des Adels gegen den König und erbittertes Ringen der bevorrechteten Stände mit der Krone um die Gewalt. Aber die Einschränkung der Königsgewalt, die Auflehnungen des Adels gegen dieselbe geschahen nicht im Namen eines ihre ursprüngliche Berechtigung ausschließenden Grundsatzes, geschahen nicht im Namen der Volkssouveränetät. Die hohen Barone, die den König in seiner Burg bedrängten, erkannten willig an, daß der König von Gott eingesetzt sei, allein sie behaupteten, daß die Gnade Gottes nicht ihm allein, sondern auch ihnen gelächelt habe. Das war nicht eine Leugnung, sondern eine sinnreiche Erweiterung der Lehre von der überirdischen Autorität der Herrschenden. Wie der Monarch König von Gottes Gnaden war, so erklärten sie, Barone von Gottes Gnaden zusein. Es ist die Geschichte jenes Irrsinnigen, der die fixe Idee hatte, Gott zu sein. Als eines Tages ein anderer Kranker, der dieselbe Wahnvorstellung hatte, in die Anstalt gebracht wurde, wo er eingesperrt war, da war er der erste, über die Einbildung dieses Menschen zu lachen. »Wie kann denn der Mensch Gott sein!« rief er ein über das anderemal. »Warum denn nicht!« fragte der Wärter, der schon glaubte, sein erster Patient sei geheilt. »Weil es nicht zwei Götter gibt. Und da ich Gott bin, so kann er es nicht sein.« Wie dieser Narr, so war der mittelalterliche Adel von seiner eigenen Göttlichkeit überzeugt und er bekämpfte das absolute Königthum nicht im Namen der Vernunft, sondern im Namen seiner Wahnvorstellung. Das macht, daß man im Mittelalter in aller Ehrlichkeit zugleich an der Monarchie und an den Ständevorrechten festhalten konnte, während Volkssouveränetät und gottentstammte Königssouveränetät einander unbedingt ausschließen. Doch neben der staatsrechtlichen hat die monarchische Lüge auch eine rein menschliche Seite, gegen die sich Vernunft und Ehrlichkeit nicht minder auflehnen als gegen jene. Wie erniedrigen, wie entwürdigen sich alle, die mit dem Könige in persönliche Berührung kommen, vor der Fiktion der Erhabenheit, der Übermenschlichkeit des Königthums, die sie im Herzen verlachen! Das Schauspiel des Königsdaseins war zu jeder Zeit und an jedem Orte denen, die eine Rolle darin zu spielen hatten, eine Komödie. Aber jeder Einzelne spielte mit Ernst und Überzeugung, er fiel, wenn er auf der Szene stand, nie aus der Rolle, er bemühte sich, in den Zuschauern, von denen er durch die unüberschreitbare Feuerlinie der Fußlampen geschieden war, eine poetische Illusion zu schaffen und zu erhalten, und nur die wenigen Vertrauten, denen der Eintritt durch das Künstlerpförtchen gestattet war, durften sehen, daß die prächtigen Paläste der Dekorationen auf verschlissene Leinwand gepinselt seien, daß der goldene und purpurne Pomp der Staatsgewänder aus Flicken und Zindel bestehe und der Held zwischen zwei heroischen Bewegungen das Verlangen nach einem Seidel Bier in die Coulissen hinausflüsterte. Die heutigen Komödianten des Königthums dagegen fallen fortwährend aus der Rolle und machen sich sichtbar über diese, über sich selbst und über das verehrungswürdige Publikum lustig. Sie gleichen den biederen Liebhaber-Künstlern im Sommernachtstraum, denen Zettel die weise Empfehlung gibt: »Ihr müßt den Namen des Löwendarstellers nennen und sein halbes Gesicht muß durch des Löwen Hals sichtbar sein; er selbst kann hindurchsprechen und sich dabei mit rechtem Affekt etwa so ausdrücken: Gnädige Frauen, oder schöne Frauen, ich wollt' euch ersuchen, oder ich wollt' euch bitten, oder ich wollt' euch anflehen, nicht furchtsam zu sein, nicht zu zittern; mein Leben bürge für das euere. Glaubt ihr, ich käme als Löwe hierher, so wär's schade um mein junges Blut. Nein, ich bin kein solches Wesen, ich bin ein Menschenkind wie andere Menschenkinder, und darauf laßt ihn seinen Namen nennen und ganz offenherzig sagen, daß er Schnock, der Schreiner, sei.« Der Königspalast, in der guten klassischen Zeit der Monarchie ein Allerheiligstes, in das der gemeine Sterbliche nur mit Schauern der Ehrfurcht trat, steht heute dem Reporter offen. Alle seine Skandale, alle seine Verbrechen, alle seine Lächerlichkeiten werden auf dem Bazar herumerzählt. Der letzte Unterthan kennt die geheimen Laster dieses Königs, die häßlichen Krankheiten jenes Prinzen, den Namen der Maitressen dieses Monarchen und die Liebschaften jener Fürstin, man weiß, daß der Kaiser oder der König an der Börse spielt, daß er ein Idiot ist, man kennt seine Unwissenheit, man kolportirt seine unorthographischen Briefe, man zitirt seine albernen Aussprüche – und dennoch wirft man sich gleichzeitig angesichts allen Volkes vor ihm in den Staub, spricht von ihm öffentlich nur in den überschwenglichsten Phrasen der Unterthänigkeit und macht sich einen Ruhmestitel daraus, daß man ihm eifriger den Schmutz von den erlauchten Füßen leckt als ein anderer. Welch ein Schauspiel für den Unbefangenen und Aufgeklärten! Welch eine Quelle beständigen Ekels vor der erblichen Herdenvieh-Natur der zivilisirten Menschen! Der edle Künstler, der eben ein unvergängliches Kunstwerk geschaffen hat, wünscht sich für seine Anstrengung keinen höheren Lohn als den Besuch des Königs; aus der erhabenen Aufregung des Erfindens und Vollendens sinkt er ohne Vermittelung in die niedrige kindische Eitelkeit, seine Arbeit vom König besichtigt zu wissen. Er ist vielleicht ein Beethoven, ein Rembrandt, ein Michelangelo; er wird gekannt und bewundert werden, wenn vom König längst nichts anderes übrig sein wird als eine Zeile im Lexikon der hunderttausend Königsnamen, das den überflüssigen Anhang der Weltgeschichte bildet; er hat das volle Bewußtsein des eigenen Werthes; er weiß, daß der König von seiner Musik oder seinem Bilde, oder seiner Statue nichts versteht, daß dessen Ohr verbunden, sein Auge blöde, seine Seele aller Schönheit verschlossen ist, daß seine Urtheile grotesk sind, daß er im Allgemeinen auf der Höhe der ästhetischen Bildung eines slovakischen Mausefallenhändlers steht – und sein Herz klopft doch höher, wenn der König den zerstreuten bleiernen Blick auf seinem Kunstwerk ruhen läßt oder duselnd seine Musik anhört. Der Gelehrte, der mit angestrengter Geistesarbeit der Menschheit neue Wahrheiten erobert und ihren Gesichtskreis erweitert, hat den Ehrgeiz, in eine Narrenjacke von offiziellem Schnitte gekleidet vor den König zu treten und ihm einige Worte von seinen weltbewegenden Erfindungen und Entdeckungen zu sagen, die vielleicht die Einheit der Kräfte, oder die Spektral-Analyse oder das Telephon sind; er weiß, daß der König unfähig ist, ihm zu folgen, daß derselbe sich für den ihm absolut unverständlichen Gegenstand auch nicht interessiren kann, ja daß er ihn und die gesammte Wissenschaft mit dem ganzen Dünkel eines Barbaren verachtet und einen gut gewachsenen Flügelmann des Garderegiments allen Gelehrten der Welt vorzieht; er weiß auch, daß ihm nur einige Minuten gegönnt sind, in denen er mit fliegender Eile, stammelnd und sich überstürzend sagen kann, was er zu sagen hat, während der König an tausend andere Dinge denkt und auf seinem Gesichte deutlich lesen läßt, wie langweilig ihm die Erfüllung der Pflicht ist, die ihm seine Stellung auferlegt – und der Gelehrte kriecht doch unter dem Joche all dieser demüthigenden Bedingungen durch und nimmt zufrieden seinen Platz ein zwischen einem Kammerherrn, der seine Ankunft in der Residenzstadt meldet, und einem Leutnantchen, das sich für einen ihm verliehenen Orden bedankt. Wie viele Dichter und Schriftsteller betteln um die Erlaubniß, dem Könige ihre Werke darzubringen, blos damit dieselben ungelesen in die hintersten Ränge einer Bibliothek gestellt werden, in welcher genealogische Almanache, Schematismen und Rang- und Quartierlisten den Ehrenplatz einnehmen. Die Geburtsaristokratie ist natürlich dem Könige gegenüber – so weit dies nämlich möglich ist – noch niedriger, noch hündischer gesinnt als die Geistesaristokratie. Sie, die den König unmittelbar und beständig umgiebt, die unter der Krone die Schlafmütze und unter dem Purpurmantel die Flanelljacke sieht, von der alle Karikirungen, alle Verhöhnungen und Verleumdungen des Königs ausgehen, die sich über seine Schwächen lustig macht und seine Verbrechen unter die Leute bringt, die Geburtsaristokratie hat dennoch keinen höheren Ehrgeiz, als die Gunst des Königs, auch wenn derselbe Ludwig XV. oder Philipp IV. hieße, zu erkriechen und zu erschmeicheln; sie begeht alle Niedrigkeiten, um einen Blick des Königs zu erhaschen; sie verkauft ihm ihre Frauen und Töchter; sie erfindet das schmachvolle Wort, daß »das Blut des Königs nicht beflecke «; ein Aristokrat, der zu stolz ist, um seinen eigenen Diener direkt anzuschauen oder anzusprechen, bewirbt sich emsig darum, selbst der Diener des Königs zu sein und bei feierlichen Anlässen ihm die Hände zu waschen, die Speisen aufzutragen, das Glas zu füllen, Botengänge zu thun, mit einem Worte ihm – wenn auch meinethalben nur symbolisch – Kellners-, Hausknechts- und Eckenstehersdienste zu leisten. Eine bekannte Anekdote, die darum nicht wahr zu sein braucht, erzählt, daß Peter der Große bei einem Besuche in Kopenhagen, um dem König von Dänemark zu beweisen, wie ergeben ihm seine Unterthanen seien, einem Kosaken befohlen habe, sich von einem hohen Thurm hinabzustürzen; der Unglückliche habe sich darauf bekreuzt und sei ohne Zögern ins Leere gesprungen. Es ist nicht zu bezweifeln, daß der größte Theil der Hofschranzen noch heute eine ähnliche Prüfung ähnlich bestehen würde. Warum? Aus Heroismus? Dieselben Helden würden sich häufig keiner Erkältung aussetzen, um einen Ertrinkenden zu retten. In der Hoffnung auf einen Lohn im Jenseits? Diese Hoffnung mag dem Kosaken Peters das Opfer des Lebens leichter gemacht haben, aber die zeitgenössischen Aristokraten sind in vielen Fällen die Söhne Voltaires und halten von etwaigen Paradieses-Freuden ungleich weniger als von den in ihrem Handbereiche liegenden Befriedigungen, welche dieses irdische Jammerthal bietet. Ich kann mir die wunderbare Erscheinung der bis zur Selbstzerstörung gehenden Verehrung eines vielleicht durch keinerlei Geistes-, Gemüths- und Leibesvorzüge ausgezeichneten, möglicherweise sogar widerwärtigen und hassenswerthen Individuums nicht erklären. Der vortreffliche Münchhausen berichtet von einem merkwürdigen Jagderlebnisse; er jagte eines Tages mit einer trächtigen Hündin eine trächtige Häsin; einen Moment lang verlor er Verfolgte und Verfolgerin aus den Augen; als er ihrer wieder ansichtig wurde, erblickte er zu seinem Erstaunen sieben winzige Hündchen, welche ebenso vielen winzigen Häslein nachsetzten; die beiden Mutterthiere hatten im Laufen geworfen und die neugeborenen Jungen unter einander sofort die Jagd aufgenommen. Etwas Ähnliches scheint zwischen Königen und Unterthanen vorzugehen. Der Unterthan ist von Geburt an dem Könige zum Sterben ergeben, wie bei Münchhausen der Hund von Geburt an den Hasen jagt. Das meine ich ganz ernst, obwol ich es etwas frivol ausdrücke. Nur das Phänomen des Atavismus gibt den Schlüssel zum Verständniß einer die Manneswürde, das Selbstgefühl, ja manchmal sogar den Selbsterhaltungstrieb überwiegenden Königstreue. Es ist offenbar ein Rückfall in urmenschliche Vorstellungen, ein dunkles Nachwirken von Gewohnheiten, die sich durch Tausende von Generationen ohne Unterbrechung vererbt haben, wenn Menschen für ein Individuum, das sie nicht kennen, das sie vielleicht nie gesehen haben und das jedenfalls ihre Gefühle nicht individuell erwidert, eine Zärtlichkeit empfinden oder heucheln, wie sie sie nicht für ihre eigenen Angehörigen, vielleicht nicht einmal für sich selbst fühlen. Gewiß, es ist tief in der Menschennatur begründet, sich vor jedem in den Staub zu werfen, den die Menge als hervorragend anerkennt. Ich sage: den die Menge als hervorragend anerkennt, nicht: der hervorragend ist. Der Mensch ist eben ein Herdenthier und hat alle Instinkte eines solchen. Zu diesen gehört in erster Linie die Unterordnung unter den Führer. Führer ist aber nur der, den die Herde als solchen annimmt und duldet. Nur eine winzige Gruppe auserlesener Geister beurtheilt eine Persönlichkeit nach ihren Eigenschaften; die große Mehrzahl zieht blos deren Wirkung auf die anderen in Betracht. Die Elite prüft das Individuum an sich, losgelöst von seinen Beziehungen zu den übrigen Menschen; der Mensch der Masse fragt nur nach der Stellung, die jenem von der Allgemeinheit zugestanden wird, und hat den unwiderstehlichen Drang, die Anschauungen dieser Allgemeinheit zu seinen eigenen zu machen. So erklärt es sich, daß jeder berühmte oder selbst nur bekannte, oft sogar einfach berüchtigte Mensch Anhänglichkeiten und Ergebenheiten findet, die dem einsamen, die Welt und Volksthümlichkeit verachtenden Werthe versagt sind. Man braucht kein König zu sein, um Schranzen um sich zu haben. Dazu genügt die bloße Notorietät. Komödianten, Taschenspieler, Zirkusclowns haben ihre Höflinge. Es gibt Leute, die sich an bekannte Verbrecher herandrängen und sich mit diesem Umgange brüsten. Vor Viktor Hugo wurden täglich Selbsterniedrigungen begangen wie kaum vor dem Zaren aller Reußen oder einem indischen Großkönig. Man fiel vor allen greisenhaften Kundgebungen eines bis zur Unbewußtheit geschwächten Verstandes in Ekstase. Man drängte sich an ihn zum Handkusse. Man verehrte und bewunderte seine alte Maitresse und rechnete es sich zur Ehre an, ihrem Leichenbegängnisse zu folgen. Man übertrug die Anbetung des alten Dichters auf seine Enkel, von denen man bisher nichts weiß, als daß sie ungewöhnlich affektirte und verzogene, schon in so jungen Jahren mit Größenwahn behaftete Kinder sind. Was ist es, was die Menschen zu dieser gemeinen und albernen Aufdringlichkeit bestimmt? Was verschafft Brummel und Cartouche ganz so einen Hof wie einem großen Künstler oder Gelehrten? Die Antwort liegt nahe und wird oft gegeben: die Eitelkeit; allein es ist eine oberflächliche Antwort. Weshalb setzt man denn aber eine Eitelkeit darein, zum Troß berühmter Persönlichkeiten zu gehören? Weshalb gewährt es eine Befriedigung, in der Meute, die einen bekannten Menschen umspielt, mitzuwedeln? Weil man damit den urmenschlichen Herdenthier-Instinkt der Unterwürfigkeit unter das Leitthier befriedigt. Der Snobismus ist anthropologisch begründet und das hat Thackeray vergessen, als er mit bitterm Hasse gegen denselben zu Felde zog. Die Loyalität, in dem Sinne, wie die Monarchisten dieses Wort verstehen, ist aber der höchste und vollendetste Ausdruck des Snobismus. Man sieht, daß ich mich bemühe, für den Byzantinismus mildernde Umstände zu finden. Ich möchte mich gern überreden, an die Aufrichtigkeit der Gefühle zu glauben, welche zahlreiche Leute für Könige und Prinzen zur Schau stellen. Ich bin bereit, zuzugeben, daß der russische Bauer nicht heuchelt, wenn er seinem Selbstherrscher dem Rocksaum küßt, und daß der deutsche Soldat nicht lügt, wenn er es für sein höchstes Glück erklärt, das Leben für den Kaiser hinzugeben. Allein Anthropologie und Atavismus und Heredität, alle die schönen Worte, die ich zum Verständniß der Loyalität des unwissenden und gemeinen Volks anrufe, lassen mich im Stiche, wenn ich vor dem Byzantinismus der Vornehmen und Gebildeten stehe. Dieser Byzantinismus ist und bleibt bewußte Lüge. Er hat keine Wurzel im Gemüthe. Er ist eine Komödie, in der jeder Einzelne für ein Spielhonorar mitwirkt; der eine für Ämter und Würden, der andere für Titel und Ehrenzeichen, der dritte aus einem politischen Grunde, weil ihm das Königthum augenblicklich noch fürs Volkswol oder für seine eigenen Standesinteressen nöthig scheint, alle miteinander aber für einen unmittelbaren oder mittelbaren Vortheil. Und das ist es, was die monarchische Lüge zu einer viel Widerwärtigern macht als die religiöse. Der Aufgeklärte, der in der Kirche die Kniee beugt und Gebete murmelt, thut dies aus Geistesträgheit oder aus Gleichgiltigkeit oder aus feiger Anbequemung an die Gepflogenheit; selbst wenn er ein Streber ist, der durch geheuchelte Frömmigkeit die Gunst der Priester und ihrer mächtigen Verbündeten zu erschleichen sucht, so demüthigt er sich doch nur vor einem Symbol und küßt mindestens nicht direkt die Hand, von der er das Trinkgeld erwartet. Allein der speichelleckende Hofschranze, der illuminirende und sein Haus mit den dicksten Blumengewinden behängende Bürger, der Dichter von Hymnen auf Königshochzeiten und Prinzengeburten demonstrirt blos um den baaren Lohn, den er sogleich dahin haben will, und unterscheidet sich in nichts von der Prostituirten, welche Worte der Liebe spricht und deren Handlungen übt und alle die Zeit nur an ein Geldstück denkt. Viele Leute, welche einen König für einen Menschen wie alle anderen auch, nur häufig für einen unbedeutenderen, weniger begabten als die übrigen, halten, die über die vorgeschützte göttliche Mission der Dynastien lächeln und zugeben, daß sie ihre inneren Überzeugungen verleugnen, wenn sie in Ausdrücken der Unterwürfigkeit, Verehrung und Liebe vom Monarchen und seinen Angehörigen sprechen, suchen vor anderen und oft genug sogar vor sich selbst ihren Mangel an Aufrichtigkeit und Überzeugungstreue damit zu entschuldigen, daß die monarchische Lüge im Grunde eine harmlose sei. Das Königthum, sagen sie, ist, mindestens in ehrlich konstitutionellen Ländern, eine bloße Dekoration. Der Monarch hat da weniger Gewalt als der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika. England, Belgien, Italien, das sind in Wirklichkeit Republiken mit Königen an der Spitze und die herkömmlichen, meist gedankenlos geübten Formen der Unterthänigkeit, mit welchen man die Krone umgiebt, hindern in keiner Weise die freie Bethätigung des Volkswillens, und des Volkswillens allein. Das ist ein schwerer Irrthum, der für die Völkergeschicke noch oft verhängnißvoll werden wird. Die Macht der Könige ist noch immer eine ungeheuere; ihr Einfluß selbst in Ländern wie Belgien und Rumänien, England oder Norwegen ein allmächtiger, wenn er auch nicht durch die Verfassung, sondern neben und unter ihr hinweg geübt wird. Wir haben dafür die zuverlässigsten Zeugnisse. Der recht ehrenwerthe Gladstone, der in der Sache kompetent ist, hat sich über den Einfluß der Könige in einer früheren Nummer des » Nineteenth Century « bedeutungsvoll ausgelassen. Gewisse Veröffentlichungen unserer Zeit, insbesondere der »Lebensbeschreibung des Prinzgemahls« von Martin, mit dem Briefwechsel zwischen dem Prinzen Albert und dem Prinzen Wilhelm von Preußen, dem spätern König und Kaiser, und dem Bericht über die Beziehungen zwischen Napoleon III. und dem englischen Hofe die Denkwürdigkeiten des Barons Stockmar, manche zuverlässigere Theile der Memoiren des Hofraths Schneider, Medings u. s. w. verbreiten über diesen Punkt ein ausreichendes Licht. Wir sehen, wie zwischen den Kabineten der Könige über die Häupter der Völker, Parlamente und Ministerien hinweg die Fäden intimer Beziehungen gesponnen werden, wie die Monarchen einander direkt berathen und berichten; wie sie jedes politische Ereigniß zunächst vom Gesichtspunkte ihrer dynastischen Interessen beurtheilen; wie sie sich der Bewegung gegenüber, welche die Völker zur Erkenntniß ihrer Stärke und Rechte führt, solidarisch fühlen; wie sie sich in den größten Entschließungen, welche in Millionen Einzelgeschicke umwälzend oder zerstörend eingreifen, von kleinen Launen, von persönlichen Freundschaften und Abneigungen bestimmen lassen. Die Volksredner sprechen in Meetings große Phrasen aus; die Abgeordneten deklamiren im Parlamente; die Minister geben mit wichtiger Miene Offenbarungen; alle zusammen sind überzeugt, daß sie allein den maßgebenden Einfluß auf die Schicksale ihres Landes haben; mittlerweile aber lächelt der König verächtlich und schreibt vertrauliche Briefchen an seine königlichen Freunde jenseit der Grenze und verabredet mit ihnen allerlei: Bündnisse und Ausschließungen, Krieg und Frieden, Eroberungen und Abtretungen, Beschränkungen und freiheitliche Zugeständnisse, und wenn der Plan festgestellt ist, wird er ausgeführt, die Parlamente mögen schwatzen, was sie wollen. Werkzeuge, welche ihren Willen sogar in korrekt konstitutioneller Form vollziehen, finden sich eher hundert als eins, im Nothfalle ist es auch nicht schwer, Strömungen der öffentlichen Meinung zu erzeugen, und so begibt es sich am Ende, daß die Könige, die angeblich nur noch eine dekorative Rolle im Staate spielen, deren durch die Verfassung eingeschränkte bloße Existenz keine politische Bedeutung mehr haben soll, das entscheidende Wort im Leben der Völker sprechen, heute ganz so, wie im Mittelalter, ja heute mehr als damals, weil zu jener Zeit die Verbindung zwischen den Königen eine losere war, das Gefühl der Solidarität zwischen ihnen nicht bestand und ihre natürliche Umgebung, die Aristokratie und die Prälatur, ihnen weit weniger zu Willen war als heute. Die Feigheit der Menschen, welche wider ihre Weltanschauung, Vernunft und Überzeugung auf die monarchische Lüge eingehen, rächt sich an ihnen, oder vielmehr am menschlichen Fortschritt; die schlauen Pseudoliberalen, welche die Könige zu betrügen glauben, indem sie ihnen äußerliche Vorrechte und Ehren zugestehen, denen nach ihrer Meinung keine wirkliche Macht entsprechen soll, werden in Wirklichkeit von den Königen betrogen, die dem ihnen gelassenen Schein der Gewalt sehr geschickt das Wesen derselben hinzuzufügen wissen, und die leere Form ist nicht, wie sich die Loyalitätslügner weißzumachen suchen, die Monarchie, sondern das Selbstbestimmungsrecht der Völker. III. Das Verhältniß zwischen der Monarchie und der Aristokratie ist ein ähnliches wie das zwischen der Religion und der Monarchie. So wie jene wol ohne diese, nicht aber diese ohne jene bestehen kann, so ist wol eine Aristokratie ohne Monarchie, nicht aber eine Monarchie ohne Aristokratie dauernd möglich. Es gibt Königreiche, welche keinen Erbadel besitzen, – Griechenland, Rumänien, Serbien – andere – Norwegen, Brasilien – die denselben abgeschafft haben. Doch das sind Kunstbildungen ohne Zukunft. Entweder werden diese monarchischen Staaten alsbald das Königthum zum Adel werfen und sich in Republiken verwandeln, oder sie werden schon in der nächsten, spätestens in der zweiten Generation einen Erbadel emporkommen sehen, der vielleicht keinen gesetzlichen Bestand und keine Titel, aber um so wesenhaftere Vorrechte haben wird. Die erbliche Monarchie hat den natürlichen Drang, sich mit erblichen Angelegenheiten zu umgeben. Man weiß, daß zahlreiche Gattungen der Kerbthiere für ihre Nachkommenschaft in der Weise sorgen, daß die Weibchen ihre Eier in die Nähe oder in die Mitte der für sie bestimmten, zum Theil aus lebendigen Thieren bestehenden Nahrung legen; damit die Raupen gleich beim Ausschlüpfen ihren Tisch gedeckt finden. So will jeder König, daß sein Thronerbe schon in der Wiege eine Treue und Ergebenheit vorfinde, die er sich noch nicht selbst wird erworben haben können, und diese Gefühle erwartet er von der Dankbarkeit einer Anzahl Familien, die er selbst oder seine Vorfahren mit Gütern und Ehren beschenkt haben. Die vorsorgende Zuversicht der Könige wird oft genug getäuscht; das lebende Geschlecht der Aristokraten vergißt in Augenblicken der Gefahr über dem Nächstliegenden eigenen Interesse die von den todten Ahnen zugleich mit den beneidenswerthen Vorrechten hinterlassene Dankesschuld und überläßt den Prinzen, der in der erkauften und reich bezahlten Treue des Adels seine Sicherheit finden sollte, recht wol seinem widrigen Schicksal. Es wäre müßig, alle derartigen Beispiele aus der Geschichte zusammenzulesen; es genügt, an das Verhalten des englischen Adels gegen den König Wilhelm von Oranien und Georg I., an das des französischen legitimistischen Adels gegen Napoleon I. und III. und Ludwig Philipp und umgekehrt des napoleonischen Adels gegen das wiederhergestellte Bourbonenkönigthum zu erinnern. Allein die Könige klammern sich nichtsdestoweniger an diese hinfällige Bürgschaft der Zukunft und schöpfen aus dem Bestande einer Aristokratie ein trügerisches Gefühl der Geschütztheit, wie der Soldat im Felde sich häufig durch eine Deckung beruhigt fühlt, von der er gleichwol weiß, daß sie der Feindeskugel keinen größeren Widerstand entgegensetzt als die Luft allein. Seltsames Schauspiel, zugleich Verwunderung und Ärger, Unglauben und Heiterkeit erregend, diese mittelalterliche Komödie mitten in unserer neuzeitlichen Kultur! Eine Menschenklasse spielt in der kaukasischen Menschheit altägyptische oder indische Kaste; sie legt sich Titel bei, die einst Ämter bedeuteten, heute aber gar keinen Sinn mehr haben; sie malt, meißelt und ritzt auf ihre Wagen, Häuser, Siegelringe unvernünftige und häßliche Bilder, Kampffschilde darstellend, die seit einigen Jahrhunderten außer Gebrauch sind und deren hartnäckige Beibehaltung auf uns so wirkt wie etwa das Gehaben eines Menschen, der sich das Gesicht tätowiren würde wie die vorgeschichtlichen Celten oder einen Feuerstein als Taschenmesser mit sich herumtrüge oder mit einem Fischgrätenpfeil auf die Hasenjagd zöge Wie lacht man nicht, wenn sich jemand Herzog nennt, was einen Feldherrn, den Anführer einer Armee bedeutet, und in Wirklichkeit ein kleiner Stutzer ist, der nie etwas anderes als einen Kotillon angeführt hat? oder wenn ein anderer seine edle Geburt rühmt und sich für ein auserlesenes Individuum in der Nation hält, während er einen Buckel und Skropheln hat und geistig hinter einem Straßenkehrer steht? Unsere Zivilisation schließt kaum ein absurderes Überlebsel in sich als einen Adelsstand, der sich gesetzlich nur noch durch Titulaturen und Wappen kennzeichnet. Will ich etwa damit gesagt haben, daß die Gleichheit eine vernünftigere Verfassung der Gesellschaft wäre? Ich bin davon weit entfernt. Die Gleichheit ist ein Hirngespinnst von Stubengelehrten und Träumern, die niemals die Natur und die Menschheit mit eigenen Augen beobachtet haben. Die französische Revolution glaubte die Gedanken der Enzyklopädisten zusammenzufassen, als sie ihre Forderungen in die drei Worte verdichtete: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.« Freiheit? Ganz recht. Wenn dieses Wort überhaupt eine Bedeutung hat, so kann es nur die sein, daß die Hindernisse weggeräumt werden, durch welche die der Willkür und Einfalt kurzsichtiger Menschen ihr Dasein verdankenden Gesetze das fruchtbare Spiel der natürlichen Kräfte des Individuums und der gesellschaftlichen Gruppen erschweren oder völlig unterdrücken. Brüderlichkeit? Oh, das ist ein herrliches Wort, das ideale Ziel der menschlichen Entwickelung, eine Vorahnung des Zustandes unserer Gattung zur Zeit ihrer noch sehr entfernten erhabensten Vollkommenheit. Aber Gleichheit? Das ist ein Fabelding, wofür in einer vernünftigen Erörterung kein Platz ist. Die Vorläufer der großen Revolution haben übrigens, man muß ihnen diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, niemals von der gesellschaftlichen Gleichheit gesprochen, sondern nur von der Gleichheit vor dem Gesetze. Das zu betonen haben die Redner und Publizisten der großen Revolution unterlassen; ihnen war es um wirkungsvollen Lapidarismus zu thun und sie opferten der Kürze die Deutlichkeit. So erschien die »Gleichheit« ohne erläuterndes Beiwort in der Dreieinigkeit des Revolutions-Programms und wurde von dem Haufen, der Schlagworte gedankenlos wiederholt, mißverständlich in dem Sinne aufgefaßt, in welchem die »égalité« seither auf der Speisekarte der Bierkeller-Demokratie figurirt. Ist doch selbst die Gleichheit vor dem Gesetze nur theoretisch möglich, praktisch aber undurchführbar! Gewiß, wenn eine Maschine die Gesetze anwenden würde, so wäre man sicher, daß dies stets in gleicher Weise nach den mechanischen Grundsätzen ihrer Konstruktion geschähe; allein sowie lebendige Menschen dieses Geschäft besorgen, ist die Ungleichheit schlechterdings unvermeidlich; der gewissenhafteste, gegen menschliche Eindrücke am undurchdringlichsten gewappnete Richter wird unbewußt von der körperlichen Erscheinung, der Stimme, dem Geiste, der Bildung und Stellung der Parteien beeinflußt und die Spitze des Gesetzes wird in seiner Hand von Gunst und Abgunst abgelenkt wie die Magnetnadel von elektrischen Strömen. Es besteht da eine Fehlerquelle für das gleichmäßige Wirken des Gesetzes, die auf ein Minimum eingedämmt, doch nie ganz verstopft werden kann. Ist aber schon die Gleichheit vor dem Gesetze schwer, so ist die gesellschaftliche Gleichheit gar nicht denkbar. Sie steht im Widerspruch zu allen Lebens- und Entwickelungsgesetzen der organischen Welt. Wir, die auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Weltanschauung stehen, erkennen gerade in der Ungleichheit der Lebewesen den Anstoß zu aller Entwicklung und Vervollkommnung. Was ist denn der Kampf ums Dasein, diese Quelle der schönen Mannigfaltigkeit und des Formenreichtums der Natur, anderes als eine stete Bethätigung der Ungleichheit? Ein besser ausgerüstetes Wesen läßt die Artgenossen seine Überlegenheit fühlen, verkürzt ihnen ihren Antheil an dem Mahle, das ihnen die Natur bereitet, und verkümmert ihnen die Möglichkeit der vollen Geltendmachung ihrer Individualität, um für die Manifestation seiner eigenen mehr Raum zu gewinnen. Die Unterdrückten widerstehen, der Unterdrücker vergewaltigt sie. In diesem Ringen steigern sich die Kräfte der Schwächeren und entfalten sich die des Stärksten zu ihrem höchsten Vermögen. Jedes Erscheinen eines bevorzugten Individuums ist auf diese Weise eine Förderung für die ganze Gattung und hebt diese um eine Stufe empor. Die unvollkommensten Individuen werden im Kampfe um den ersten Platz vernichtet und verschwinden. Der Durchschnittstypus wird fortwährend besser und edler. Die heutige Generation steht in ihrer Masse so hoch wie die Ausnahmswesen der gestrigen und die morgige hat den Drang, den Führern von heute gleich zu werden. Es ist ein Wettlauf ohne Ende, doch immer nach vorwärts. Die Menge sucht den Bevorzugten gleich zu werden, die Bevorzugten suchen die sie auszeichnende Ungleichheit zwischen sich und der Menge zu erhalten und sogar zu vergrößern. Fortwährende Anspannung der Fähigkeiten, unermüdliche Anstrengung bei den einen wie bei den anderen und als Ergebniß der beständige Aufstieg zum Ideal. Die Besten nennen das Bestreben der Geringeren, mit ihnen in eine Linie zu gelangen, Neid; die Geringeren das Bemühen der Besseren, ihren Vorsprung zu behaupten, Hochmuth. Das sind aber nur Erscheinungsformen der natürlichen Trägheit des Stoffs, welcher jede Anstrengung, auch wenn sie nothwendig und heilsam ist, als augenblickliche Unannehmlichkeit empfindet, und die scheinbare Unzufriedenheit mit dem Zwang der Mühe kann niemals als Beweis gegen deren Nützlichkeit gelten. Die Ungleichheit ist also Naturgesetz und aus diesem schöpft die Aristokratie ihre Berechtigung. Auch daß dieselbe einen erblichen Stand bildet, hat nichts, was die Vernunft beleidigen könnte. Wenn es eine Beobachtung gibt, deren Richtigkeit nicht angezweifelt werden kann, so ist es die, daß Eigenschaften des Individuums auf dessen Nachkommen übergehen. War der Vater schön, stark, muthig, gesund, so ist es sehr wahrscheinlich, daß seine Söhne sich derselben Vorzüge erfreuen werden, und hat jener sich durch die letzteren einen ausgezeichneten Platz in der Gesellschaft errungen, so ist kein Grund vorhanden, daß die Erben seines Blutes diesen Platz nicht auch behaupten. Es wäre wol besser für sie und die Gesammtheit, wenn sie gezwungen wären, den vornehmsten Rang aus eigener Kraft von Neuem zu erobern; das würde sie gegen Erschlaffung und Rückgang sichern; wahrscheinlich würden jedoch auch beim freien Wettbewerb die Söhne der Besten unter den Siegern weitaus die Mehrheit bilden. Eine erbliche Aristokratie ist jedoch nicht blos natürlich, sie hat auch ihren Nutzen für das Gemeinwesen. In einer Demokratie, deren Ideal das mißverstandene »Egalité« der großen Revolution ist, werden in der Regel nur alte oder doch ganz reife Männer zu Stellungen gelangen, in welchen sie auf die Entwickelung der Gesammtheit Einfluß üben können. Blos in den allerseltensten Ausnahmen wird da ein Mann in jungen Jahren bereits Gelegenheit gefunden haben, die Mitstrebenden zu besiegen und Abgeordneter, Parteiführer, Minister, Staatsoberhaupt zu werben. Beispiele wie die der Feldherren der ersten französischen Republik, Bonapartes, Washingtons, Gambettas beweisen nichts gegen diese These. Die angeführten Persönlichkeiten wurden durch plötzliche Umwälzungen an die Spitze ihrer Nation gestellt. Da entschied nicht allgemeine Fähigkeit, sondern einerseits der Zufall, daß sie im Augenblicke, als Plätze zu nehmen waren, sich in der Nähe dieser Plätze befanden, und andererseits die Enthaltung zahlreicher vollberechtigter Mitbewerber, die es verschmähen, sich in Momenten der Verwirrung durch einen Handstreich der Gewalt zu bemächtigen. Revolutionen können allerdings ganz junge Männer in die ersten Stellen befördern. Aber Revolutionen sind Ausnahmefälle und Übergänge, die sich nicht ewig wiederholen. Sie sind nicht die normale Verfassung der Demokratie. Ist diese einmal zur Ruhe gelangt und lebt sie regelmäßig unter ihren natürlichen Bedingungen, so bietet sie für die meteorischen Laufbahnen eines Washington, Bonaparte oder Gambetta keinen Raum. Es ist aber von größter Wichtigkeit für den menschlichen Fortschritt, daß ab und zu junge Leute das maßgebende Wort im Staate sprechen. Die Alten sind neuen Ideen nicht zugänglich und haben nicht die Kraft und Geschicklichkeit, nach neuen Grundsätzen zu handeln. Das physiologische Gesetz, nach welchem Nervenreize gewohnte Bahnen am leichtesten durchlaufen und nur sehr schwer neue Wege einschlagen, ist in seinen Wirkungen verhängnißvoll. Es macht aus dem älteren Menschen einen Automaten, dessen sämmtliche organische Funktionen von der Gewohnheit beherrscht werden und dessen Denken und Fühlen fast nur noch Reflexthätigkeit ist. Man setze nun diesen gealterten Organismus neuen Anregungen aus! Man zwinge seine Anschauungen, aus den gewohnten, bequem ausgefahrenen Geleisen auszubiegen und über frischaufgebrochenen Grund hinzuholpern! Wo der junge Geist blos nöthig hat, einen neuen Gedanken zu erfassen, da muß der alte Geist erstens dasselbe thun, das heißt den neuen Gedanken nachdenken, zweitens jedoch überdies gegen seine Neigung ankämpfen, den betreffenden Gedanken in der hundertmal geübten alten Weise zu formen. Er hat also eine doppelte Anstrengung zu liefern und seine Kraft, weit entfernt, eine größere zu sein als die des jungen, ist im Gegentheil eine ansehnlich geringere. Das ist die physiologische Erklärung der sogenannten Verknöcherung der Alten. Dieselben finden es zu mühselig, sich ihrer Gewohnheit zu entringen; ihr Zentralnervensystem ist oft auch schlechterdings unfähig, Impulse von genügender Stärke hervorzubringen, um die Widerstände neuer Nervenbahnen zu überwinden. Darum ist ein von alten Leuten geführtes Gemeinwesen zur Routine verurtheilt und hat die Neigung, ein Museum von Überlieferungen zu werden. Wo dagegen die Jugend regiert, Gesetze giebt und verwaltet, da finden alle Neuerungen raschen Eingang und das Herkömmliche, dem nicht die Gewohnheit als Leibgarde zur Seite steht, hat fortwährend den Beweis seiner Vortrefflichkeit zu liefern, auf daß man es verschone. Die Unerfahrenheit und Schnellfertigkeit der Jugend, welche den vervollständigenden Nachtheil dieses Vortheils bilden, können keinen großen Schaden anrichten, da im komplizirten Mechanismus des Staates der Weg von der geistigen Initiative zur thatsächlichen Durchführung ein langer ist und die vielen Räder, die in Bewegung gesetzt werden müssen, den stärksten Impuls genügend aufbrauchen, um für den letzten Nutzeffekt immer nur eine sehr kleine Kraft übrig zu lassen. Das Vorhandensein einer erblichen Aristokratie nun macht es auch in normalen Zeiten einer größeren Anzahl bevorzugter Personen möglich, in der Blüthe ihres Lebens zu hohen und verantwortungsreichen Stellen zu gelangen. Denn der Aristokrat hat vor der dunklen Masse der Namenlosen die Notorietät voraus, die er schon bei der Geburt als Wiegengeschenk vorfindet, während der unbekannte Sohn des Volkes in der Regel die besten Jahre seines Lebens daran wenden muß, um sie mit betrübsamer Kraftverschwendung und Charaktereinbuße zu erringen. Im natürlichen Laufe der Dinge ist der Platz, auf dem er für das Gemeinwol arbeiten kann, dem Plebejer das Ende, dem Aristokraten der Anfang seiner Laufbahn und dem letztern bleibt alle die Energie für den Dienst der Gesammtheit, die der erstere in der Mühsal des Emporkommens verbraucht. Noch einen zweiten Nutzen hat der Bestand einer erblichen Aristokratie für das Gemeinwesen. Der Besitz eines berühmten und angesehenen Namens bietet außergewöhnliche Bürgschaften dafür, daß sein Träger eine sichere Auffassung der Pflicht und ein höheres Ideal des Menschenthums haben wird als ein Individuum von niederer Herkunft. Natürlich kann diese allgemeine Regel nicht auf alle Einzelfälle angewandt werden. Ein Fürst oder Herzog von ältestem Adel kann ein Lump sein und der Sohn eines Tagelöhners oder der Findling, der in der Gosse der Großstadt aufgelesen wurde, das glänzendste Beispiel von Charaktervornehmheit und selbstverleugnendem Heroismus geben. Das erstere ist aber doch wol die Ausnahme und von letzterem weiß ich nichts, so lange es nur nicht bewiesen ist. Da ist eine Stelle, von deren Inhaber Muth, Ehrlichkeit und Pflichttreue gefordert wird. Ich bin mit meinen Mitbürgern berufen, sie durch Wahl zu besetzen. Mehrere Bewerber stehen vor mir, ich kenne aber keinen von ihnen persönlich: der eine stammt aus altem, vornehmem Hause, der andere trägt einen Namen, den ich zum ersten Male höre. Nun denn: wenn ich in dieser Lage den Eingebungen der oberflächlichen Demokratie folge, so werde ich für den Plebejer stimmen, von dem ich nichts weiß, nur um für den chimärischen Gleichheitsgrundsatz zu demonstriren; wenn mir aber das Interesse des Gemeinwesens am Herzen liegt, wenn ich gewissenhaft bemüht bin, wenigstens die Wahrscheinlichkeit zu vergrößern, daß der öffentliche Dienst reinen und starken Händen anvertraut sei, so werde ich meine Stimme für den Aristokraten abgeben. Ich kenne freilich auch diesen nicht, aber von den beiden Unbekannten ist er derjenige, dem die stärkere Voraussetzung der moralischen Zuverlässigkeit zur Seite steht. Warum? Nicht blos aus dem gemeinhin angegebenen Grunde, weil er eine bessere Erziehung erhalten hat und weil ihm früh die Anschauungen der sogenannten Ritterlichkeit eingepfropft wurden. Das ist ein Argument, das nur zu häufig im Stiche läßt. Aristokratische Geburt ist durchaus keine Gewähr guter moralischer Erziehung und jeder kennt Beispiele von Prinzen, die, in der erbärmlichsten Umgebung aufgewachsen, Lügner, Feiglinge, Wüstlinge, ja gemeine Diebe – oder feine Diebe, wenn es etwa feiner ist, Brillantenschmuck als Baumwolltaschentücher zu stehlen – geworden sind. Nein, nicht in der Erziehung liegt die Bürgschaft eines höheren moralischen Niveaus des Aristokraten, sondern in seinem Familienstolze, nennen wir es meinethalben sogar Ahnendünkel. In ihm ist das Gefühl der Solidarität mit seinem ganzen Geschlechte äußerst lebendig. Die Individualität tritt bei ihm weit mehr hinter die höhere Einheit des Hauses zurück als beim Plebejer. Dieser ist er selbst und sonst nichts, also eine Einheit; jener ist der Vertreter einer Gesammtheit. Er weiß, daß seine Handlungen auf alle Träger seines Namens zurückwirken, wie die von anderen Trägern seines Namens erworbenen Ehren ihm zugute kommen. Ein Aristokrat ist also eine Kollektiv-Individualität, bestehend aus den Vorfahren, Mitlebenden und Nachkommen seines Geschlechts, und die Sicherheiten, die er gewährt, verhalten sich theoretisch und bis zum Beweise des Gegentheils zu den Sicherheiten, die der Namenlose bietet, so, wie die Sicherheiten eines Verbandes zu denen eines Einzelnen. Selbst wenn man persönlich feig und gemein angelegt wäre, würde man sich als Träger eines historischen Namens bei sich ergebender Gelegenheit zu einer heroischen Anstrengung gestachelt fühlen, weil man sich sagen würde: »Auch wenn ich persönlich zu Grunde gehe, so war meine That doch nicht vergebens geübt – sie wird meinem Geschlechte, den Menschen aus meinem Blute, angerechnet; ich vermehre damit den Glanz meines Namens, ich vergrößere also den positiven Besitz meiner Erben.« Der Durchschnitts-Müller oder -Schulze hat nicht diesen Sporn zum Heroismus. Seine Selbstaufopferung kommt keinen bestimmten Personen zugute und das Wohl der Gesammtheit ist ein Gedanke, der in Augenblicken der Gefahr für die Fassungskraft eines gewöhnlichen Hirns vielleicht doch etwas sehr unbestimmt ist. Gewiß, dem kategorischen Imperativ gehorcht auch die Masse. Die Geschichte legt Zeugniß dafür ab. Auf den Schlachtfeldern thun die Müller und Schulze ihre Schuldigkeit trotz den Dalberg und Montmorency. Allein beim heutigen Entwickelungszustande der Menschheit scheint mir die abstrakte Allgemeinheit des kategorischen Imperativs ein minder fester aprioristischer Baugrund für mein Vertrauen als das greifbare Interesse einer Familie. Gerade für die Fälle, wo es gilt, das Leben für den Staat einzusetzen, kommt dies sehr in Betracht. Das mächtige Verlangen nach individueller Dauer, über das ich mich im vorigen Kapitel des Weiteren verbreitet habe, erleichtert dem Aristokraten die Selbstaufopferung weit mehr als dem Plebejer. Jener ist der Unsterblichkeit sicherer; dieser hat in der Regel das Bewußtsein, daß kein Hahn nach ihm, seinem Namen, seiner Heldenthat kräht. Der dunkle Heros hat im besten Fall eine Sekunde der Selbstbefriedigung und wird dann ins Massengrab geworfen; der vornehme begeistert sich an der Gewißheit, ein besonderes Grabmal und eine weithin sichtbare Ehrensäule im Camposanto der Geschichte zu erhalten. Ich habe die feste Hoffnung, daß sich das Bewußtsein der menschlichen Solidarität allmälig steigern wird. Auserlesene Menschen haben es zu allen Zeiten außerordentlich klar gehabt und sind ohne Zögern Blutzeugen für das künftige Wol des Menschengeschlechts geworden. Aber im Allgemeinen stecken wir heute noch im Individualismus und Egoismus. Nur ganz langsam erweitert sich die enge Empfindung für das unmittelbare Eigeninteresse zum Verständniß der Einheit des Gemeinde-, des Volks-, des Gattungsinteresses und die Menschheit muß noch ein gar großes Stück voranschreiten, ehe der gemeine Mann eine Großthat, die Selbstaufopferung erfordert, ganz so aus dem Grunde üben wird, weil er den der Gesammtheit dadurch erwachsenden Nutzen als einen persönlichen Vortheil empfindet, wie der Aristokrat, weil er das Gefühl hat, sein persönliches Interesse wahrzunehmen, indem er seinem Geschlechte die Erinnerung eines heroischen Aktes hinterläßt. Es ist aber für den Staat wichtig, eine Klasse zu besitzen, von der man bestimmt weiß, daß sie Gründe hat, die Pflichterfüllung über das Leben zu stellen. Man braucht dann in Momenten der Gefahr die Freiwilligen der ersten Linie nicht erst zu suchen. Man hat dann zu allen Zeiten die Winkelriede unter der Hand, die sich mit offenen Augen, zielbewußt und bei voller Erkenntniß des sicheren Unterganges, für das Gemeinwesen opfern. Gewiß stehen diesen Vortheilen einer erblichen Aristokratie auch Nachtheile gegenüber; das ist ja in den menschlichen Dingen unvermeidlich. Vor Allem übt eine Aristokratie nur auf den Charakter, aber nicht auf den Geist eines Volkes einen vortheilhaften Einfluß. Förderung des Geisteslebens, Erweiterung der Anschauungen, Erhöhung des intellektuellen Niveaus darf man von ihr nicht erwarten. Die bevorrechtete Klasse kann körperlich tüchtiger sein als die Menge, weil sie sich besser nährt, unter günstigeren Gesundheitsverhältnissen lebt und die durch diese vortheilhaften Daseinsbedingungen erworbenen leiblichen Vorzüge zu Racemerkmalen steigert, welche sich in den Nachkommen fixiren. Geistig wird sie aber niemals hervorragen, weil eben geistige Vorzüge sich nicht vererben und in Bezug auf Talent buchstäblich jeder sein eigener Ahnherr, der erste Begründer seines Hauses sein muß. Das ist eine merkwürdige Thatsache, die man noch nicht genug hervorgehoben hat. Das Genie, ja selbst das ungewöhnlich bedeutende Talent entgeht vollständig der Genealogie. Es hat keine Abstammung. Es ist und bleibt streng individuell; es kommt plötzlich und verschwindet plötzlich in einer Familie und ich weiß schlechterdings kein einziges Beispiel, daß es sich, wie körperliche Vorzüge, auf Nachkommen in einer Steigerung oder selbst nur in gleichmäßiger Stärke vererbt hätte. Ja noch mehr: die großen Talente sind in der Regel überhaupt ohne Nachkommenschaft, und wenn sie Kinder haben, so sind diese schwächlich, verkümmert und weniger lebensfähig als der Durchschnitt der Menschen. Man spürt da das Walten eines geheimnißvollen Gesetzes, welches verhüten zu wollen scheint, daß innerhalb eines einzelnen Stammes allzugroße Verschiedenheiten in der Richthöhe der Geistesgaben entstehen. Man bedenke nur, was die Folge davon wäre, wenn das Genie sich wie hoher Wuchs, Muskelkraft und Lebensschönheit vererbte! Es lebte dann in einem Volke eine kleine Klasse von Shakespeares, Goethes, Schillers, Heines, Humboldts – zwischen dieser Klasse und der großen Menge bestände ein ungeheurer Abstand; jene müßte der letztern immer fremder werden; sie könnte die allgemeinen Daseinsbedingungen nicht erdulden und würde versuchen, entweder Sondergesetze für sich zu schaffen, also einen der Masse unbegreiflichen Staat im Staate zu bilden, oder die allgemeine Gesetzgebung für ihre eigenen Bedürfnisse einzurichten, was natürlich der Menge ebenso verderblich wäre, wie wenn man sie dazu verurtheilte, beständig reinen Sauerstoff zu athmen. Eine höhere Intelligenz besiegt stets die niedrigere und wenn die letztere mit noch so überlegener Körperkraft gepaart wäre. Wo geistig entwickeltere Racen auf solche stoßen, die es minder sind, da gehen diese unrettbar zu Grunde. Vielleicht würde eine wenn auch wenig zahlreiche Aristokratie von Genies auf ihr eigenes Volk so wirken wie die Weißen auf die Rothhäute oder Australneger. Allein zur Bildung einer solchen Aristokratie kommt es eben nie. Das Genie gibt, indem es sich thätigt, so viel organische Kraft aus, daß ihm für die Zeugung keine übrig bleibt. Seltsame Theilung der Arbeit im Menschengeschlechte! Die gemeinen Menschen haben das Geschäft der materiellen Erhaltung ihrer Spezies zu besorgen, die großen Geister sich nur mit der ruckweisen Förderung der intellektuellen Entwicklung zu befassen. Man schafft nicht zugleich Gedanken und Kinder. Das Genie ist eine Zentifolie prächtig, aber unfruchtbar, der vollkommenste, ja zu übermäßiger Entfaltung gelangte Typus der Gattung, doch zur direkten Fortpflanzung untauglich. Man hat gut, Goethe und Schiller, Walter Scott und Macaulay in den Adelsstand zu erheben, ihre Nachfahren, selbst wenn sie welche haben, werden in der Erbaristokratie doch niemals die höchste Geisteselite des betreffenden Volks vertreten. Auch wenn ausnahmsweise ein geborener Aristokrat, wie etwa Byron, die Erscheinung des Genies darbietet, macht dies noch immer den Stand nicht zu einem solchen der Talente. Die besten Intelligenzen einer Nation werden sich also nicht in deren Erbaristokratie finden und als Kaste wird diese nur durch Leibes- und Charakter-Eigenschaften über den Rest der Nation hervorragen. Sie wird infolge dessen das Interesse und das Bestreben haben, die Eigenschaften, die sie besitzt, höher zu stellen als die, welche ihr abgehen; sie wird vom Menschen und Bürger ein Ideal entwerfen, das nicht durch Geistesgaben glänzen wird, und wo ihr Einfluß ein vorwiegender ist, da wird die Intelligenz nicht darauf rechnen dürfen, den Rang eingeräumt zu erhalten, den einzunehmen sie sich berechtigt fühlt. Ein zweiter Nachtheil der Erbaristokratie ist der, daß ihr Bestand unvermeidlich zu Ungerechtigkeiten gegen einzelne Bürger führt. Sie nimmt manchen ihren natürlichen Antheil an Luft und Sonne. Sie hat einen Vorsprung gegen Plebejer, die diesen im Wettlauf zu den Lebenszielen den Sieg erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Alle Gesetze, welche die Gleichberechtigung der Bürger ohne Rücksicht auf die Geburt verfügen, helfen da nichts: bei gleicher Begabung wird in jeder Bewerbung von zwei Rivalen der aristokratische triumphiren und oft genug wird der Sieger sogar nicht der gleich-, sondern der minderbegabte sein. Doch das ist eben nicht zu ändern. Die absolute Gerechtigkeit ist eine theoretische Konzeption, die sich nicht verwirklicht. Die Gerechtigkeit, die wir erlangen können, ist die Diagonale eines Kräfteparallelogrammes, dessen Seiten die Macht und das Rechtsideal sind. Das Gefüge der Gesellschaft erlegt jedem Individuum gewisse Verkümmerungen auf und der vortheilhaftere Standort des Aristokraten auf der Walstatt des Kampfes ums Dasein ist eine davon. Wir müssen sie mit den übrigen tragen. Wir können es ja immerhin versuchen, uns in den ersten Rang durchzudrängen! Haben wir genug starke Schultern und Ellenbogen, so wird es uns gelingen. Haben wir dieses natürliche Rüstzeug nicht, nun, dann steht uns die Klage über die Vorrechte der Aristokraten nur etwa in dem Maße zu wie der Antilope die Klage über die Unbescheidenheit des Löwen, der sie frißt. Wenn man also auf dem naturwissenschaftlichen Standpunkte steht und zugiebt, daß die allgemeinen Lebensgesetze der organischen Welt auch den Aufbau und das Wirken der menschlichen Gesellschaft bestimmen, so kann man nicht zögern, den Bestand einer erblichen Aristokratie natürlich und in einigen Hinsichten sogar nützlich zu finden. Was immer die philosophische Spekulation, die nicht mit den Thatsachen rechnet, gegen das Dasein einer bevorrechteten Kaste einwenden mag, eine solche wird sich dennoch unfehlbar herausbilden, sowie mehr als zwei Menschen in einen dauernden Interessen-Verband treten. Das Beispiel aller Gemeinwesen, die sich ursprünglich auf die Grundlage der absoluten Gleichheit gestellt haben, ist da, um dies zu beweisen. Die große nordamerikanische Republik ist theoretisch eine vollkommene Demokratie. Praktisch bildeten in den Südstaaten die Sklavenbesitzer eine Erbaristokratie mit allen Institutionen und Attributen einer solchen, in den Staaten des Ostens suchen sich die Abkömmlinge der ersten puritanischen Einwanderer und holländischen Ansiedler von der nachdrängenden Masse der Spätergekommenen abzuschließen und mindestens gesellschaftliche Privilegien zu üben und die durch die verwerflichsten Mittel der List, und Gewalt reich gewordenen Börsenpiraten gründen förmliche Dynastien, deren Mitglieder nicht blos im geselligen Leben die Vorbilder für die Nachahmung der Menge sind, sondern auch mit sehr reeller Gewalt in die Geschicke der Gemeinde und des Staates eingreifen. Bei den Franzosen soll der Instinkt der Gleichheit ganz besonders mächtig sein. Er hinderte sie aber nicht, auf den Trümmern ihres alten Adels einen neuen zu errichten, der zwar keine Titel und Wappen hat, aber alle wesentlichen Attribute einer Aristokratie besitzt und dessen Ahnen – Ironie der Geschichte! – gerade die unerbittlichsten Gleichheitsfanatiker der großen Revolution sind. Wolgemerkt: ich spreche jetzt nicht von den Königsmördern des Konvents, aus denen Napoleon nach dem Muster des geschichtlichen Adels seine imperialistische Aristokratie formte, sondern von den Familien, in denen seit der großen Revolution politischer Einfluß und Reichthum erblich sind, blos weil ihr Ahn damals eine mehr oder minder hervorragende Rolle gespielt hat. Man vergleiche einmal die Verzeichnisse der Personen, die in den letzten vier Menschenaltern Frankreich als Minister, Senatoren, Abgeordnete und hohe Verwaltungsbeamte regiert haben: man wird erstaunt sein, seit 1789 viele Namen in jener Generation wiederzufinden. So haben die Carnot, die Cambon, die Andrieux, die Brisson, die Bessou, die Perier, die Arago u. s. w. Politiker-Dynastien von großer Gewalt gegründet und wer die heutigen Träger dieser Namen kennt, der weiß, daß die Epigonen ihre ersten Stellen im Staate nicht der eigenen Kraft verdanken, sondern dem Namen, den sie tragen. Auch das ottomanische Reich hat eine streng demokratische Verfassung und kennt außer der Dynastie der Osmanen und den Nachkommen des Propheten, denen aber nicht das geringste Ansehen geschenkt wird, keinen Erbadel. Jeden Tag sieht man Lastträger oder Barbiere Paschas werden und die Laune des Padischah, welche allein Rang und Ehren vertheilt, fragt niemals nach der Abkunft eines Günstlings. Dennoch wird das Land in der Hauptsache von den Söhnen der Emporkömmlinge, von den Effendis, regiert und wenn der Pascha seinen Sprößlingen auch nicht gerade seinen Titel hinterlassen kann, so vererbt er ihnen doch in den meisten Fällen einen Theil seines Einflusses. Der Nepotismus ist die letzte Wurzel eines bevorrechteten Standes, die noch triebkräftig bleibt, wenn die demokratische Haue alle übrigen ausgerodet hat. Es ist so menschlich, den eigenen Sohn und den Sohn des Freundes vor Fremden und Unbekannten, und hätten sie noch so große Verdienste, zu fördern! Darum wird der Schwiegersohn des Professors vor dem minder vorsichtig verheirateten Mitbewerber stets schwerwiegende wissenschaftliche Titel voraushaben, dem Sohne des Ministers die diplomatische Karriere leicht werden, jeder Nachwuchs, der im Salon der hochgestellten Väter einst zusammen auf dem Teppich gespielt hat, eine geschlossene, sich gegenseitig unterstützende Phalanx bilden, die der Außenstehende schwer durchbricht, und derjenige, welcher am nächsten zur Schüssel ist, den Löffel zuerst in sie tauchen. IV. Ich habe anerkannt, daß die Aristokratie eine natürliche und darum unvermeidliche und voraussichtlich ewige Einrichtung der Menschheit ist, und mich gegen die ihr zugestandenen erblichen Ehren und Vorrechte nicht aufgelehnt; aber nur unter einer Bedingung: daß die Aristokratie wirklich aus dem besten und tüchtigsten Menschenmaterial des Volkes bestehe. Wenn eine Adelskaste berechtigt sein soll, so muß sie eine anthropologische Begründung ihrer Ansprüche nachweisen können. Sie muß ursprünglich aus einer auserlesenen Gruppe hervorgegangen sein und durch Zuchtwahl ihre Vorzüge erhalten und vergrößern. Geschichtlich sind in der That alle Aristokratien so entstanden. In den Völkern von gleichmäßiger Zusammensetzung sind früh die stärksten und schönsten, die tapfersten und klügsten Männer zu Macht und Ansehen unter ihren Stammesgenossen gelangt und ihre Nachkommen haben ihren Familienstolz aus diesen natürlichen Gaben der Ahnen gezogen. Sie haben das Gefühl gehabt, daß sie ihre Erhöhung nicht der grillenhaften Menschengnade, sondern der ewigen Mutter Natur verdanken, und sie haben dies, urmenschlicher Vorstellungsweise entsprechend, so ausgedrückt, daß sie sich rühmten, von den Göttern ihres Volks, anders gesagt, von dessen Idealtypen, abzustammen. Solchen Götteradel hatten die Germanen, solchen haben noch heute die Hindus und gewisse primitive Stämme wie die nordamerikanischen Rothhäute. Wo dagegen eine Nation aus einer Mischung verschiedener ethnischer Elemente entstanden ist, wo ein kräftiger Stamm sich einen schwächern unterworfen hat, da bilden die Nachkommen der Eroberer, also der tüchtigeren, mindestens körperlich höher stehenden Race die Aristokratie. Dies ist der Ursprung des Adels in allen europäischen Ländern, welche zur Zeit der Völkerwanderung oder später den Einfall fremder, meist germanischer Stämme zu erdulden hatten. Der französische Uradel ist fränkisch, burgundisch und sächsisch-normannisch, der spanische westgothisch, der italienische vandalisch, gothisch und longobardisch, theilweise auch schwäbisch, französisch und spanisch, der russische warägisch, das heißt skandinavisch, der englische normannisch, der ungarische magyarisch, der chinesische mandschurisch. Auf eine Aristokratie, die aus den vollkommensten Individuen des Stammes oder aus einer höheren Erobererrace hervorgegangen ist, findet Alles Anwendung, was ich von der Berechtigung der gesellschaftlichen Ungleichheit gesagt habe. Eine solche Aristokratie wird mit Recht die ersten Stellen im Gemeinwesen einnehmen, denn sie wird die Macht haben, dieselben an sich zu reißen und zu behaupten. Von Haus aus besser organisirt und höher gesinnt als die Masse der Plebejer, wird sie ihre Stärke und ihren Muth fortwährend üben und entwickeln müssen, da sie sonst dem Andrang der niedrigen Stände nicht wird widerstehen können. Dadurch bleibt ihr der Vorsprung vor dem Reste des Volkes beständig erhalten. Das Walten der natürlichen Gesetze läßt ihr nur die Alternative, ihre Vorzüge unverkümmert zu bewahren oder zu verschwinden. Sie muß heroisch sein, denn wenn sie in einem Augenblicke der Gefahr ihr Leben über ihre Privilegien stellt, so entwinden andere, die keine Furcht vor dem Tode haben, ihr diese. Sie muß die Pflicht von Vorkämpfern und Bannerträgern auf allen Wegen erfüllen, denn wenn sie sich nicht entschlossen an den ersten Platz stellt, wird sie überfluthet und in die hinteren Reihen gedrängt. Sie darf endlich keine geschlossene Kaste bilden, weil sie sonst der Verkümmerung anheimfällt und an dem Tage, an welchem ihre Neider merken, daß sie nicht mehr die bessere Race sei, von ihrem Sockel gestoßen wird. Sie darf sich dem freien Spiel des Naturgesetzes, aus dem sie ihre Berechtigung zieht, nicht widersetzen. So oft im Volke eine Individualität auftaucht, welche Proben einer besondern Überlegenheit liefert und den Haufen zur Anerkennung ihrer höhern Organisation zwingt, muß die Aristokratie sich beeilen, derselben ihre Reihen zu öffnen und sich sie einzuverleiben. Zu den unvermeidlichen Degenerirungen muß eine beständige Blutverbesserung das Gegengewicht bilden und das Emporkommen der Besten, das zur Entstehung einer Aristokratie geführt hat, darf nie verhindert werden. Das ist die Theorie einer Aristokratie, deren Berechtigung man anerkennen, deren Überlegenheit man tragen müßte. Wie steht es nun aber mit der Praxis? Ist der Adel, der in fast allen Ländern Europas den Vordergrund der Szene erfüllt, die Aristokratie, welche ich definirt habe? Es giebt keinen seiner Sinne Mächtigen, der diese Frage bejahen könnte. Der sogenannte Adel, das heißt die Klasse, die sich durch erbliche Titel vor dem Reste der Nation auszuzeichnen versucht, erfüllt keine einzige der Bedingungen einer natürlichen Aristokratie. Der Uradel, also bei den Völkern, über die sich kein fremder Herrenstamm gesetzt hat, der Stammes- oder Götteradel, bei den anderen, die einst unterjocht wurden sind, der Erobereradel, ist überall ausgestorben oder verdorben. Ausgestorben oder verdorben durch eigene Schuld, weil er sich gegen sein natürliches Lebensgesetz aufgelehnt hat, ausschließlich geworden ist und es nicht verstanden hat, sich zu verjüngen. In vielen Familien hat sich dadurch die Fruchtbarkeit erschöpft und sie haben eines Tages keinen Erben mehr hervorbringen können; in anderen sind die Nachkommen hoher Ahnen allmälig dumm, feig und schwach geworden, sie haben weder ihr Gut noch ihren Rang gegen die Gier von kräftigeren Nachstellern verteidigen können und sind in Armuth und Dunkelheit versunken, so daß ihr Blut gegenwärtig vielleicht in den Adern von Tagelöhnern oder Bauern fließt. Ihren Platz, durch Tod oder Verfall erledigt, nehmen allerlei Leute ein, die ihre Größe nicht einer höheren Organisation, nicht der Natur, sondern der Gnade von Monarchen oder anderen großen Herren verdanken. Aller heutige Adel – ich glaube nicht, daß es authentische Ausnahmen von dieser Regel gibt – ist Briefadel, in weitaus der größten Anzahl von Fällen sogar sehr junger. Ein individueller Willensakt, nicht ein anthropologisches Gesetz schuf die Rechtstitel der vornehmen Geschlechter. Wie erwirbt man aber seit dem Mittelalter, über das kein Stammbaum in Europa hinausreicht, die Gunst der Fürsten, die in der Adelung ihren Ausdruck findet? Etwa durch ideal-menschliche Eigenschaften, durch Vorzüge, die es wünschenswerth machen, ihre Besitzer als Zuchtmaterial zur Veredelung des Stammes zu benutzen? Die Geschichte der Adelsfamilien aller Länder ist da, um auf diese Frage die Antwort zu ertheilen. Es gibt fast kein Beispiel, daß eine hohe und edle Natur, die einen idealen Typus der Menschheit darstellt, in den Adelsstand erhoben worden wäre. Wenn selten einmal wirkliches Verdienst einen Adelsbrief auf seinem Lebenswege gefunden hat, so muß es zu seinen vortrefflichen unbedingt auch niedrige und verächtliche Eigenschaften gehabt haben und die letzteren allein erklären es dann, daß es fürstliche Anerkennung gefunden hat. Die Ursachen der Erhöhung zahlreicher Familien sind so schmutzig, daß man sie in anständiger Gesellschaft gar nicht erwähnen kann; diese Familien verdanken ihre Ehren der Schande ihrer weiblichen Vorfahren und ihr stolzes Wappen erhält in monumentaler Weise die Erinnerung daran, daß sie gefällige Väter und Gatten und vorurtheilslose Dämlein zu ihren Mitgliedern zählten. In anderen Fällen war der Adelsbrief der Lohn einer Schurkerei oder eines Verbrechens, womit der Ahnherr des Hauses sich seinem Fürsten dienstfertig erwiesen hat. Ich gebe übrigens zu, daß die Unzucht und der Meuchelmord, obwol häufig genug der Ausgangspunkt glänzender Erdengeschicke, immerhin nur die Minderheit des Adels zu ihren Privilegien verholfen haben. Die Mehrheit hat ihren Vorrang auf weniger großartige Weise erworben. Wir finden als Grund der Erhebung in den Adelsstand gewöhnlich Reichthum oder langjährige Dienste in Regierungsämtern und in der Armee. Wie gelangt man zu so großem Reichthum, daß man mit demselben die Augen des Fürsten auf sich zieht? Durch Unskrupulosität oder Glücksfälle, weit öfter durch die erstere als durch die letzteren; zur Zeit der Reformation beraubte man die Kirche; etwas später rüstete man Kreuzer aus, das heißt war Seeräuber; dann vielleicht Sklavenhändler oder Sklavenbesitzer und -Ausbeuter; in neuerer Zeit ist man Armeelieferant und bestiehlt den Staat, oder Spekulant und reißt Hunderttausenden durch verwegene Börsenhandstreiche den mühseligen Sparpfennig aus der ängstlich geschlossenen Faust, oder im reinlichsten Falle Großindustrieller und erpreßt seine Millionen einigen hundert oder tausend kümmerlich entlohnten Fabrikarbeitern. Und wie sehen die Leute aus, die sich durch Kriegs- oder Friedensdienste ihrem Fürsten bemerkbar machen? Es sind immer, ich sage immer ohne jede Einschränkung, klebrige Molluskenseelen, schleichende, kriechende Streber, die ihr Leben damit zubringen, jede Regung männlicher Selbstständigkeit in sich zu unterdrücken, die letzte Spur von Stolz und Selbstbewußtsein aus sich auszumerzen, sich vor allen Höherstehenden zu bücken, ihnen durch Annahme ihrer Eigenheiten angenehm zu werden, überschwengliche Loyalität zu heucheln und zuletzt, als würdige Krönung einer Laufbahn, die auf dem Bauche zurückgelegt worden ist, um die Adelung zu betteln. Männer, die aus dem guten, starren Menschenstoffe gemacht sind, die ein widerstandskräftiges Rückgrat haben, die nicht ruhig und glücklich sein können, wenn sie nicht sie selbst sind, solche Männer werden sich nie herbeilassen, ihre Eigenart zu verleugnen, stets der Meinung ihrer Vorgesetzten zu sein, zu schmeicheln, zu intriguiren und zu bitten und sich mit diesen Mitteln, den einzigen, die zum Ziele führen, die Fürstengunst zu erwerben. An diese Männer denkt man, wenn man Posten der Gefahr zu besetzen, nicht wenn man Gnaden zu vertheilen hat. Diese Männer drängen sich vor, wenn es gilt, dem Gemeinwesen aufopferungsfähig zu dienen, aber sie wenden nicht die Ellenbogen an, um bei Einzügen und in Festsälen den Blick des Monarchen auf sich zu ziehen. So ist der Briefadel in der That eine Einrichtung, welche der Menschenzucht dient, wie die Wettrennen der Pferdezucht, aber die zur Zucht einer neuen Race bestimmten Sieger und Renner sind die Besitzer von Eigenschaften, die ein gemeiner Vater wol seinem Sohne wünschen kann, damit er, was man so nennt, in der Welt seinen Weg mache, mit denen aber kein Dichter seinen Helden auszustatten wagen wird, weil die Poesie das Menschenideal reiner erhält als Gesetz und Sitte, weil das ästhetische Gewissen sich dort noch empört, wo das moralische Gewissen nichts mehr zu sagen hat, und weil man den auf gesellschaftsübliche Art erfolgreichen Menschen wol die Hand drückt, aber nicht duldet, daß eine Dichtung sie verherrliche und der Menschheit als Muster vorhalte. Die Individuen, welche durch Ordens- und Adelspatente in jedem Menschenalter aus der Masse der Nation ausgelesen werden, sind wol in Hinsicht auf ihre Geistesgaben nicht die am schlechtesten betheilten; dumm werden sie in der Regel nicht sein. im Gegentheil, es ist wahrscheinlich, daß sie schlau und geschickt sein werden; auch an Ausdauer, Zähigkeit und Willenskraft werden sie der Durchschnittsmenge meist überlegen sein. Was ihnen aber sicher fehlen wird, das ist der Charakter und das ist die Selbstständigkeit, also gerade die Eigenschaften, die eine natürliche, das heißt Blut-Aristokratie haben könnte und die eine gesellschaftliche Ungleichheit zu ihren Gunsten und zum Nachtheil der Plebejer ganz von selbst, auch ohne die Dazwischenkunft geschriebener Gesetze, schaffen würde. Ich habe nun das Porträt des Individuums gezeichnet, das seiner Familie den Adel erwirbt. Seine Nachkommen werden meist moralisch höher stehen als ihr Ahn. Um einen Rang zu erhalten, braucht man nicht so erbärmlich zu sein, wie um ihn zu erwerben. Man muß nicht mehr ein rücksichtsloser Egoist, ein Schranze oder Intrigant sein. Der Charakter verbessert sich durch die allmälige Einwirkung der Standesanschauungen, welche noch auf der ursprünglichen Theorie beruhen, daß die Aristokratie die Gesellschaft der Besten und Edelsten des Volkes sei. Denn wenn der Briefadel mit dem Blutadel auch nichts gemein hat, so hält er doch an den theoretischen Fiktionen fest, aus welchen der letztere hervorgeht. Allein welche anthropologischen Geschicke sind dem modernen Adel bereitet? Er wird entweder, den mittelalterlichen Vorurtheilen huldigend, sich nur innerhalb des eigenen Kreises verheiraten, also ›Mesallianzen‹ scheuen, oder Mißehen in gewissen Fällen eingehen. Die erstere Lebensregel führt sehr rasch zur völligen Verkümmerung der Adelsfamilien. Denn diese, die nicht wie der Blutadel von ursprünglich besser organisierten Individuen abstammen, sind von vornherein mit keinem Überschuß an organischer Kraft ausgerüstet und die Inzucht muß nothwendig die baldige Erschöpfung des Lebenskapitals zur Folge haben, das, obwohl an sich nicht größer als bei den Individuen des gemeinen Volks, dennoch die größeren Ausgaben leisten soll, welche das mit höherer Stellung verbundene intensivere Leben erfordert, ohne sich durch Zuschüsse aus dem unerschöpflichen Sammelbecken der allgemeinen Volkskraft erneuern zu können. Wenn aber ein Aristokrat außerhalb seines Kreises heiratet und seiner Familie neues Blut zuführt, welcher Art ist dieses Blut, welches sind die Gründe, die ihn bei seiner Zuchtwahl bestimmen? Der Fall, daß ein vornehmer Mann ein Mädchen aus dem Volke aus Liebe um körperlicher und sittlicher Vorzüge willen zu seiner Gattin macht, ist überaus selten, für die Blutverbesserung der Familie wären aber nur solche Ehen vorteilhaft, denn um eine gute Stamm-Mutter zu werden, braucht ein Weib neben der normalen Leibesbildung die als harmonische Schönheit empfunden wird, auch Gesundheit und Gleichgewicht der Seele, Eigenschaften, die in der Form einer ruhigen, ja etwas spießbürgerlichen Sittlichkeit zur Erscheinung gelangen. Gewöhnlich wird die Mesallianz eines Vermögensvortheils oder einer leidenschaftlichen Laune willen vollzogen. Analysieren wir die Bedingungen, unter welchen Mesallianzen der einen und der andern Art vorzukommen pflegen. Ein vornehmer Mann heiratet eine reiche Bürgerliche, um, wie man das wohl ausdrückt, sein Wappen neu zu vergolden. Er ist dann entweder ein Wüstling, der sich in Ausschweifungen zu Grunde gerichtet hat und in die Ehe wie in eine Versorgungsanstalt eintritt, oder er ist ein verkümmerter Mensch ohne Lebenskraft, denn wer sich mit organischer Energie geladen fühlt, der ist stolz und unternehmend, der hat den Drang, ein Weib seiner Wahlverwandtschaft zu freien, und die Zuversicht, auch ohne die Mitgift einer ungeliebten Frau in der Welt eine gute Figur zu machen; er ist aber auch ein Mensch von gemeinem Charakter und niedrigen Anschauungen, denn er muß bereit sein, zu heucheln und zu lügen, da reiche Erbinnen in der Regel wenigstens während ihres Brautstandes fordern, daß man das rohe Streben nach ihrem Vermögen hinter dem Anschein der Neigung verberge. Sie, die reiche Erbin, repräsentiert ebenfalls einen sehr tiefstehenden Typus der Menschheit; sie stammt zunächst von einem geistig beschränkten und würdelosen Vater ab, denn ein anderer würde das Glück seines Kindes nicht äußerm Schein opfern und auch nicht in Familienbeziehungen zu einer Gesellschaft treten wollen in der man ihn und die Seinigen doch stets als Eindringling mit Hohn und Verachtung behandeln wird. Das Mädchen selbst ist entweder mit seinem Lose zufrieden, es willigt ein, die Gattin eines Mannes zu werden, dem sie gleichgiltig ist, dann ist es ein Geschöpf ohne Herz und Seele, eine alberne eitle Zierpuppe, oder es hat das Verlangen, zu lieben und geliebt zu werden, fügt sich aber dennoch dem Schicksale, das seine Familie ihm bereitet, dann ist es eine Natur ohne Willenskraft und ein verwaschener Charakter. Ähnlich stehen die Dinge in den Mißehen, die nicht wegen der Mitgift eingegangen werden. Von den Fällen, in denen echte, sittliche Liebe zu einem Bunde zwischen Vornehm und Gering führt, spreche ich nicht. Wir können dieselben um so mehr vernachlässigen, als sie vielleicht in einem Jahrhundert einmal vorkommen und auf die Racenverbesserung der Aristokratie um ihrer Seltenheit willen keinen berechenbaren Einfluß üben können. Die Regel ist, daß ein Aristokrat in Mesallianzen aus Liebe eine Bühnenkünstlerin, Zirkusreiterin oder auch nur einfach eine geschickte zweideutige Schöne der Kurorte und internationalen weltstädtischen Salons heiratet. Von dem so gebildeten Paare ist dann der weibliche Theil ein anormales Wesen, das sich als ein außerhalb der Durchschnittsform stehender Typus schon dadurch zu erkennen gegeben hat, daß es eine exzeptionelle, oft sogar exzentrische oder verwerfliche Laufbahn wählte, ungewöhnliche Schicksale anstrebt und sich gegen die Pflichten auflehnt, welche die heutige Gesellschaft ihren weiblichen Mitgliedern auferlegt, der männliche Theil aber ist das, was die Psychiatrie einen ›Degenerirten‹ nennt, das heißt ein Individuum, in welchem Wille und Vernunft verkümmert sind, der moralische Sinn rudimentär ist und die geschlechtliche Leidenschaft, oft in seltsamer Entartung, allein das Seelenleben beherrscht; solche Individuen können dem Wunsche nach dem Besitze eines Weibes. welches sie zu erregen weiß, nicht widerstehen; um ihn zu erfüllen, begehen sie Thorheiten, auch Unwürdigkeiten, und, wenn es nicht anders geht, selbst Verbrechen. Man untersuche nur genau – in den Romanen, die mit der Ehe zwischen einem Prinzen und einer Schauspielerin enden, wird man fast immer finden, daß der Mann ein »Degenerirter« in wissenschaftlichem Sinne, eine schwache, sinnliche und impulsive Natur ist. Die Mesallianz, wie man sie erfahrungsgemäß einzugehen pflegt, ist also, weit entfernt, der Aristokratie anthropologische Vortheile zu bringen, im Gegentheil ein Vorkommniß, das förmlich scharfsinnig ausgesonnen scheint, um das allerschlechteste Menschenmaterial des Adels und Bürgerstandes zu einer Ehe zu vereinigen, aus welcher nur moralische Siechlinge hervorgehen können. Das ist die Entstehung des Briefadels und das sind seine nothwendigen weiteren Geschicke. Der Ahn ist ein Selbstling, Ränkeschmied oder Schranze, am besten alle drei zugleich, der Abkömmling wie durch Schicksalsschluß zur Verkümmerung verurtheilt, sei es, daß er sein Blut durch die ungünstige Inzucht innerhalb eines engen Kreises gleich fehlerhaft qualifizirter Familien erschöpft, sei es, daß er Mißehen mit unentwickelten oder mit desäquilibrirten Ausnahmstypen der Weiblichkeit eingeht. Diese soziologischen und anthropologischen Thatsachen liegen klar vor Aller Augen und sind allen Gebildeten bekannt. Und dennoch – hier steigt wieder groß und überwältigend das Bild menschlicher Feigheit, Dummheit und Heuchelei vor uns auf – und dennoch erfreut sich der Adel eines gesellschaftlichen Ansehens, vor dem sich weitaus die meisten Menschen willig und sogar mit einer gewissen inneren Genugthuung beugen. Der Snobismus, der sich besonders angenehm gekitzelt fühlt, wenn er sich an Aristokraten reiben kann, ist in allen Ländern zu Hause, in allen, auch den demokratischsten. Der Franzose, der sich rühmt, die Gleichheit erfunden zu haben, ist stolz auf die Bekanntschaft eines Herzogs oder Marquis und interessirt sich für das Leben und Treiben seines nationalen Adels trotz einem englischen »Flunkey«. Der Amerikaner, der angeblich blos den allmächtigen Dollar verehrt und sich über die Standesunterschiede im alten Welttheil lustig zu machen affektirt, ist im innersten Herzen entzückt, wenn er seinen Salon mit einem Edelmann schmücken kann. Wer es wissen will, der weiß, wie man heutzutage einen Adelstitel – wenn auch vielleicht nur in gewissen Ländern – erlangt. Man kennt den genauen Preis einer Fürsten-, Grafen- oder Freiherrn-Krone. Man weiß, daß dieses Schmuckstück das Äquivalent einer bestimmten Summe ist, und man zollt doch jenem eine Achtung, die man dieser versagt. Hier sei ein kleiner Zug angeführt, der die Verlogenheit der Zivilisationsmenschen besser demonstrirt, als es bändelange Argumentation vermöchte. Ein französischer Abgeordneter hat der Kammer einen Gesetzentwurf vorgelegt welcher es jedermann freistellt, gegen Bezahlung einer festgestellten Summe an den Staatsschatz sich einen Adelstitel beizulegen und sich desselben in allen Aktenstückes u. s. w. zu bedienen; um 60,000 Fr. könnte man sich Herzog, um 50,000 Marquis u. s. w., um 15,000 einfach »Herr von« nennen. Wenn dieser Entwurf zum Gesetze würde, so dürfte es kaum jemand geben, der dieses offene, ehrliche Geschäft machen, und sich vor aller Welt einen Adelstitel wie einen Frack oder eine Uhrkette kaufen wollte. Man versuche dagegen mit einem Blatte eine Anzeige zu veröffentlichen, daß man im Stande sei, die Adelung wohlhabender Personen diskret zu vermitteln, und man wird mit jeder Post hundert Anfragen erhalten; man verspreche nun Adelstitel der Republik San Marino oder des Fürstentums Reuß-Schleiz-Greiz zu demselben oder einem höhern Preise wie die vom französischen Abgeordneten vorgeschlagenen – man wird für die Waare Nehmer finden. Und doch handelt es sich dort um eine korrekte!, hier um eine schleichende und zweideutige Operation; dort um einen Titel, der in einem Staate von 37 Millionen Einwohnern giltig ist, hier um einen, der blos in einigen Dörfern gesetzliche Geltung hat. Ja, aber in jenem Falle wird offen ausgesprochen, daß der Adelstitel für jedermann auf der Straße feil ist, in diesem dagegen die Fiktion gewahrt, daß der Adel der Lohn des Verdienstes und der Geadelte ein Wesen höherer Ordnung sei, und so erschachert man sich einen Adelsbrief lieber durch die Dazwischenkunft eines verdächtigen Maklers, als daß man ihn reinlich in einem Stempel- oder Steueramt kaufen würde, weil man eben die Lüge der Adelseinrichtung mindestens äußerlich aufrecht erhalten will. Die Vorrechte, die man der Aristokratie eingeräumt, sind übrigens nicht blos gesellschaftlicher Natur und bestehen nicht in Titulaturen und Komplimenten allein. Der Adel hat in den monarchischen Ländern unbeschadet der gesetzlich gewährleisteten Gleichheit der Rechte und Pflichten aller Bürger einen sehr reellen und sehr großen Einfluß, der ihm namentlich den Besitz sämmtlicher Sinekuren des Gemeinwesens sichert. Ich verstehe hier das Wort Sinekure im weitesten Sinne. Bei der heutigen Organisation des Besitzes und Erwerbs muß man Stellen, die bei ehrenhaftem Range sicheres Einkommen gegen geringe Anstrengung gewähren, als Geschenke des Staates betrachten. Alle diese Stellen, für die es keiner besonderen Fähigkeiten bedarf, die jeder Durchschnittsmensch bekleiden kann, wenn man sie ihm nur anvertrauen will, für die mit einem Worte das Sprichwort erfunden worden ist, daß Gott dem auch Verstand gibt, dem er ein Amt gegeben, also die Offiziers-, die höheren Beamtenstellen, die Pfründen, die besoldeten Hofwürden u. s. w., sind tatsächlich dem Adel vorbehalten. Das Gemeinwesen macht sie einer kleinen Gruppe von Individuen, die hierauf nicht den geringsten vernünftigen Anspruch haben, zum Geschenk; es deckt diesen Privilegirten den Tisch und setzt ihnen ein reichliches und leckeres Mahl vor, blos weil sie sich, wie Beaumarchais sagt, die Mühe gegeben haben, geboren zu werden. Die Lüge des Briefadels der sich schmarotzend in die geschichtlichen Formen und Vorrechte des Blutadels hineingestohlen hat, welcher eine anthropologische Grundlage hatte, weil er aus den Nachkommen der tüchtigsten Individuen des Stammes oder einer höheren Race von Eroberern bestand, diese Lüge, obwol von der Geschichte, der Vernunft, dem Augenschein stündlich entlarvt, wird geduldet und sogar gehätschelt. Sie ist ein Eckpfeiler des monarchischen Staatswesens. Man thut, als glaubte man daran, daß ein beschränkter, frivoler Laffe, der sich Herr Graf oder Herr Baron nennt, aus vorzüglicherem Stoffe bestehe als der Rest des Volkes; man thut, als ginge man auf die Annahme ein, es sei dem Fürsten möglich, durch Bekrittelung eines Papierwisches oder Pergamentfetzens aus einem gemeinen Menschen ein feines und edles Wesen zu machen. Übrigens warum sollte dies auch dem Fürsten nicht möglich sein? Ihm steht ja die Gnade Gottes zur Verfügung und von dieser kann man sich eines solchen Verwandelungs-Wunders wol versehen, das schließlich nicht unbegreiflicher ist als die übrigen Wunder der Bibel und Liturgie. Die Politische Lüge I. Nehmen wir einen inmitten der neuzeitlichen Kultur stehenden Menschen aus der Masse des Volkes, ohne Familienverbindungen oder sonstige Beziehungen, die ihm die Gunst der Mächtigen und durch sie allerlei Vorrechte verschaffen, und sehen wir, welcher Art sein Verhältniß zum Gemeinwesen ist. Ich schicke voraus, daß ich hier den Bürger eines schematischen Staates Europas im Auge habe. Einzelne Züge des, Bildes, das ich malen will, mögen auf dieses oder jenes bestimmte Land nicht passen. Das Maß der dem Individuum zugestandenen Freiheit ist an verschiedenen Orten verschieden; ebenso die Form, in welcher deren Beschränkung geübt wird. Allein in den großen Umrissen gibt die Schilderung die Lage, welche die Zivilisation dem Staatsbürger in Europa bereitet hat, doch wol getreu wieder. Mein als Beispiel verwendeter typischer Kulturmensch ist in dem Alter, in welchem seine Eltern die Nothwendigkeit erkennen, seinen Geist bilden zu lassen. Er wird in die Volksschule geschickt. Ehe man ihn zuläßt, fragt man zunächst nach seinem Geburtszeugniß. Man sollte denken, daß man, um der Segnungen des öffentlichen Unterrichts mit Nutzen theilhaftig werden zu können, blos überhaupt zu sein und ein gewisses Maß körperlicher und geistiger Entwickelung erreicht zu haben brauche. Irrthum. Man muß auch ein Geburtszeugniß besitzen. Dieses respektable Aktenstück ist der unerläßliche Schlüssel zum Geheimniß des Lesens und Schreibens. Hat man es nicht, so muß man durch ein weitläufiges Amtsverfahren, dessen Umständlichkeit eingehend darzustellen mich zu weit führen würde, den nummerirten, gestempelten und von bestimmten Personen unterzeichneten Beweis herstellen, daß man geboren sei. Der Junge ist glücklich in der Schule untergebracht und verläßt sie einige Jahre später, um sein Erwerbsleben zu beginnen. Er fühlt in sich den Beruf, seinen Mitbürgern in Rechtshändeln mit Rath und Vermittelung beizustehen. Das ist ihm aber verboten, wenn er dazu nicht die Erlaubniß des Staates in der Form verschiedentlicher Diplome besitzt. Dagegen ist es ihm unbenommen, sich durch Anfertigung von Schuhen nützlich zu machen, obwol ein schlechtgemachter Schuh sicherer Leiden verursacht als ein einfältiger Rath in einem Rechtsstreite. Er ist nun zwanzig Jahre alt und möchte zu seiner Ausbildung eine Reise unternehmen. Das darf er nicht. Er muß seine Militär-Dienstpflicht erfüllen, sich auf einige Jahre seiner Individualität begeben, was noch ganz anders schmerzlich ist, als nach dem Beispiele Schlemihls seinen Schatten zu verlieren, und zu einem willenlosen Automaten werden. Ganz gut. Man schuldet dieses Opfer dem Staate, dessen Sicherheit ja eines Tages durch Feinde bedroht sein könnte. Während seiner Dienstzeit findet mein Hans – ich will ihn der Bequemlichkeit wegen Hans nennen – Zeit und Gelegenheit, sich in irgend eine Grete zu verlieben. Er ist eine korrekte Natur und verschmäht es, mit seinem Schatze nach der in Garnisonen herkömmlichen bequemen Methode in der Küche glücklich zu sein. Er will heiraten. Freilich wol. Er will, aber er darf schon wieder nicht. So lange er Soldat ist, muß er ledig bleiben. Es würde zwar Niemandes Rechte beeinträchtigen, die Wehrfähigkeit des Staates nicht schmälern, überhaupt Niemand nah oder fern angehen, wenn er ein verheirateter Soldat wäre, es hilft Alles nichts, er muß warten, bis er den bunten Rock ausziehen darf. Das ist endlich geschehen. Jetzt wird er doch wol seine Grete heimführen können? Allerdings, wenn er und sie alle nöthigen Papiere besitzen, deren eine stattliche Menge gefordert wird. Fehlt auch nur eins dieser Papiere, so ist es nichts mit der Hochzeiterei. Auch diese Klippe hat Hans mit Geschicklichkeit und Glück umsegelt, und er möchte nun eine Weinwirthschaft eröffnen. Das kann er nicht, wenn es ihm die Polizei nicht erlaubt, und die Polizei erlaubt es ihm nur, wenn es ihr beliebt. Dieselbe Erfahrung würde er mit einer ganzen Anzahl anderer Gewerbe machen, deren Betrieb weder in die Rechte Anderer eingreift, noch lärmend, unsittlich oder für Dritte gesundheitsschädlich ist. Hans wünscht sein Haus umzubauen. Nicht rühren, ehe die Polizeierlaubniß zur Hand ist! Das begreift sich. Die Straße gehört aller Welt, sein Haus steht an der Straße – da muß er sich allgemeinen Vorschriften unterwerfen. Er hat auch einen weitläufigen Garten und inmitten desselben, fern von allen öffentlichen Wegen, an einer Stelle, die nie ein fremdes Auge zu sehen und ein fremder Fuß zu betreten braucht, will er sich ein Gebäude errichten. Auch das ist ihm ohne den Polizeischein, diesen wahren Hans Dampf in allen Straßen, nicht erlaubt. Hans hat einen Laden, und kein Bedürfniß eines Ruhetages in der Woche. Er möchte Sonntags verkaufen wie alle Tage. Das darf er nicht, wenn er nicht von der Polizei am Kragen gefaßt und ins Kühle gesetzt sein will. Der Laden ist eine Speiseanstalt. Hans leidet an Schlaflosigkeit und es macht ihm nichts, die ganze Nacht seinen Laden offen zu halten. Die Polizei schreibt ihm eine Sperrstunde vor und schreckt ihn mit Drohungen für den Fall, daß er nicht gehorchen sollte. Seine Grete beschenkt ihn mit einem Kinde. Neue Plagen. Er muß es beim Standesbeamten einschreiben lassen, sonst wird es dem Kleinen eines Tages schlimm ergehen. Er muß es sogar impfen lassen, obwol er gesehen hat, daß Nichtgeimpfte bei Gelegenheit einer Pockenepidemie nicht gelitten, Geimpfte aber die Krankheit bekommen haben und gestorben sind. Über hundert schmerzliche Erfahrungen, die Hans im Laufe der Jahre macht, eile ich hinweg. Er wollte einen Omnibus durch die Straßen seiner Vaterstadt verkehren lassen, er durfte es nicht ohne Polizeierlaubniß. Ihm gefiel eine hübsche Partie des öffentlichen, aus dem Stadtsäckel unterhaltenen Gartens, er durfte sie nicht, betreten. Er wollte eines Tages eine längere Fußreise durch seine Provinz unternehmen; nach einer Wanderung von wenigen Stunden stieß ein Gendarm auf ihn, richtete an ihn allerlei diskrete Fragen über seinen Namen und Stand, seine Herkunft, sein Ziel und als er dem ihm gänzlich unbekannten Menschen, der sich seinerseits nicht einmal durch Nennung seines Namens und mit dem üblichen Gruße vorgestellt hatte, die Auskunft verweigert, bereitete ihm derselbe allerlei schwere Unannehmlichkeiten, die ihm den Ausflug verleideten. Ein Nachbar nahm ihm eines Tages ein Stück seines Gartens mit offener Gewalt weg und zäunte es mit seiner eigenen Besitzung ein; der Fall war äußerst einfach, der Beweis des Unrechts leicht und bündig; Hans erhob Klage; die Sache zog sich monatelang hin; er gewann den Prozeß, allein sein Gegner erwies sich zuletzt als zahlungsunfähig und so bekam er zwar seine Gartenecke wieder, hatte aber an Zeit und Geld ungefähr zwanzigmal so viel verloren, als sie werth war, vom Arger nicht zu sprechen, den er nicht berechnete, weil er ihn von Kindesbeinen gewöhnt war. Er hatte im Museum ein schönes Bild aus der Renaissancezeit gesehen und die Kleidung der dargestellten Personen gefiel ihm so wol, daß er sich ganz ähnliche machen ließ und in ihr eines Sonntags auf der Straße erschien; die Polizei zwang ihn sofort unter Androhung des Einsperrens von dem, was sie eine Maskerade nannte, abzulassen. Er fand einige gleichgesinnt Freunde und beschloß, mit ihnen einen Verein zu bilden und in häufigen Zusammenkünften seinen Ärger über die bestehenden Gesetze auszusprechen. Die Polizei forderte flugs von ihm eine Namensliste der Vereinsmitglieder und verbot sogar nach einiger Zeit den Verein wegen seines politischen Charakters. Zäh wie Hans nun einmal war, gründete er einen zweiten Verein, der blos wirthschaftliche Zwecke verfolgte; es war ein Spar- und Konsum-Verein. Die Polizei löste denselben auf, weil Hans es verabsäumt hatte, zuerst ihre Erlaubniß einzuholen. Unter mancherlei Wechselfällen wurde Hans grau und alt. War er in zufriedener Stimmung, so tröstete er sich damit, daß es die Russen in ihrem Lande doch noch schlimmer haben als er in dem seinigen; war er im Gegentheil gallig aufgelegt, so reizte er sich mit dem Gedanken, um wie viel die Engländer und Amerikaner unbehinderter seien als er; das glaubte er nämlich, weil er es so in Zeitungen gelesen hatte; er selbst besaß keinerlei Erfahrung darüber. Eines Tages starb ihm seine Grete. Er wollte sie auch im Tode nicht von sich lassen und begrub sie, kurz entschlossen, unter ihrem Lieblingsbaume in seinem Garten. Da hatte er wieder einmal etwas Schönes angerichtet! Ein wahres Polizeiungewitter entlud sich über seinem Haupte. Es war ihm ja nicht erlaubt worden, den Leichnam auf seinem Grunde zu beerdigen! Hans wurde in schwere Strafe verfällt und Grete ohne Umstände ausgescharrt und durch die Behörde auf den Kirchhof geschafft. Hans stand nun allein in der Welt, er wurde trüb und muthlos, sein Geschäft ging zurück und bald war er vollständig verarmt. In seiner Verzweiflung kam er soweit, daß er sich eines Abends an eine Straßenecke stellte und bettelte. Alsbald war ein Polizeibeamter neben ihm und verhaftete ihn. Man führte ihn aufs Amt, wo er mit dem Polizeikommissar eine lehrreiche Unterhaltung hatte. »Sie wissen, daß das Betteln verboten ist,« herrschte ihn dieser an. »Ich weiß es, aber ich begreife es nicht,« erwiderte Hans sanft, »da ich doch niemand im Wege war, niemand belästigte, nur schweigend meine Hand ausgestreckt hielt.« »Das ist faules Geschwätz und ich kann damit meine Zeit nicht verlieren. Sie gehen auf acht Tage ins Gefängniß.««Und was soll ich anfangen, wenn ich wieder freigelassen werde?« »Das geht mich nichts an. Das ist Ihre Sache.« »Ich bin alt und kann nicht mehr arbeiten. Ich habe nichts. Ich bin kränklich ...« »Wenn Sie kränklich sind, so gehen Sie ins Spital;« rief der Beamte ungeduldig, fügte jedoch gleich hinzu: »Nein ins Spital können Sie nicht gehen, wenn Sie blos kränklich sind. Dazu müssen Sie eine ernste Krankheit haben.« »Ich verstehe,« sagte Hans, »eine solche, an der man bald stirbt, wenn man nicht rasch genesen kann.« »Ganz richtig,« bestätigte der Beamte und wandte sich einer andern Angelegenheit zu. Hans saß seine Strafzeit ab und war dann so glücklich, in ein Armenhaus angenommen zu werden. Da hatte er nun Obdach und Nahrung, aber diese war schlecht und jene dadurch unleidlich gemacht, daß man ihn wie einen Missethäter und Gefangenen behandelte. Er mußte eine Art Uniform tragen, die ihm auf der Straße Blicke der Verachtung zuzog. Einmal begegnete er einem Mann, den er in besseren Tagen gekannt hatte. Er grüßte ihn, jener erwiderte aber den Gruß nicht. Hans ging gerade auf ihn zu und fragte ihn: »Weshalb diese Geringschätzung?« »Weil Sie es nicht verstanden haben, das Beispiel der achtbaren Leute nachzuahmen, die reich geworden sind,« erwiderte der Mann und ging mit dem Ausdrucke des Ekels im Gesichte rasch seiner Wege. Hans wurde trübsinnig. Allerlei schwarze Gedanken bemächtigten sich seines Geistes. Auf einem Spaziergange, den er eines sonnigen Morgens unternahm, überdachte er sein ganzes Leben und sprach anfangs leise, dann immer lauter und heftiger vor sich hin: »Da bin ich nun siebzig Jahre alt geworden und wie ist es mir alleweile ergangen? Ich bin nie ich selbst gewesen. Ich habe nie wollen gedurft. Sowie ich einen gefaßten Beschluß ausführen wollte, drängte sich die Obrigkeit hindernd heran. In meine persönlichsten Angelegenheiten haben immer fremde Leute ihre amtliche Nase gesteckt. Ich hatte auf alle Welt Rücksichten zu nehmen, die niemand einzeln forderte, und auf mich nahm niemand Rücksicht. Unter dem Vorwande, die Rechte der Übrigen zu schützen, raubte man mir die meinigen und, wenn ich's recht überlegte, eigentlich auch allen Übrigen die ihrigen. Ich durfte mein Lebelang höchstens mit meinem Hunde umspringen, wie es mir behagte und selbst mit dem nicht, denn wenn ich das Vieh prügelte, rückte mir der Thierschutzverein mit der Polizei auf die Bude. Daß ich mich als Soldat drangsaliren lassen mußte, das versteh' ich noch, obwol der Feind, wenn er mangels einer Vertheidigungs-Armee ins Land einfallen könnte, mir Einzelnem schwerlich größere Noth bereiten würde als meine eigene geliebte Obrigkeit; auch daß ich schwere Steuern zu zahlen hatte, begreif ich, denn die Polizei, die mich immer so väterlich im Auge behalten hat, muß doch besoldet werden, wenn es auch nicht gerade nöthig gewesen wäre, mich für einen Gewerbebetrieb, der mich nicht nährte, zu schätzen und meine Zahlungsunfähigkeit durch Pfändung zu bestrafen. Allein weshalb die übrige Bedrückung und Vedrängung? Welche Vortheile hat mir die Polizei für alle Opfer an Selbstständigkeit geboten, die sie von mir forderte? Sie hat mein Eigenthum geschützt – gewiß und das war leicht, denn ich habe keins und als man mir das bischen, das ich hatte, ein Stück meines Gartens, wegnahm, da hatte ich noch mich dafür zu ärgern und dafür zu zahlen. Wenn es keine Polizei gäbe, so würde jeder nach Willkür handeln – nun, was weiter? Dann hätte ich den Nachbar todtgeschlagen oder der Nachbar mich und damit hätte der Spaß ein Ende gehabt. Die Polizei sorgt dafür, daß man gute, gepflasterte Straßen hat – Donnerwetter, ich weiß nicht, ob ich nicht lieber in Schaftstiefeln durch den Koth gehe, als daß ich mir die ewigen Schurigeleien gefallen lasse. Und so hole denn der Teufel die ganze Geschichte –« Und als er bei diesem Punkte seines Selbstgesprächs angelangt war, stürzte sich Hans in den Strom, an dessen Ufer er eine ganze Weile hinging. Die Polizei war aber auch jetzt zur Stelle, fischte ihn heraus und brachte ihn vor den Polizeirichter, der ihn wegen Selbstmordversuches zu längerer Haft verurtheilte. Ich weiß nicht soll ich sagen: zum Glück oder zum Unglück, hatte sich Hans bei seinem Sprung ins Wasser erkältet, er bekam Lungenentzündung und starb im Gefängniß. Sein Tod gab zu einem letzten Polizei-Protokoll Anlaß. II. Mein armer Hans hat wie ein erbitterter und wie ein ungebildeter Mensch gedacht. Er hat immer nur von der Polizei gesprochen, weil er vom Staate nur diese sah und sie ihm das Gemeinwesen und dessen Gesetze verkörperte, und er hat unleugbar die Mißstände der Zivilisation übertrieben und deren Segnungen unterschätzt. Aber im Grunde genommen hat er Recht: die Beschränkungen, welche der Staat dem Individuum auferlegt, stehen ganz außer Verhältniß zu den Lebenserleichterungen, die er ihm im Austausch dafür bietet. Der Bürger begibt sich seiner menschlichen Unabhängigkeit offenbar nur zu einem bestimmten Zweck und in der Erwartung gewisser Vortheile. Er setzt voraus, daß der Staat, in dessen Hand er einen großen Theil seines Selbstbestimmungsrechts legt, ihm dafür die Sicherheit des Lebens und Eigenthums verbürgt und die vereinigte Kraft Aller auf bestimmte Punkte lenkt, um Unternehmungen mit derselben auszuführen, die dem Einzelnen vortheilhaft sind und die er allein nicht hätte planen und verwirklichen können. Nun denn; man muß zugeben, daß der Staat diese theoretischen Voraussetzungen nur äußerst unvollkommen erfüllt, kaum besser als die primitiven barbarischen Gemeinwesen, die ihren Mitgliedern ein unvergleichlich größeres Maß individueller Freiheit lassen als der Kulturstaat. Dieser soll uns Leben und Eigenthum sichern. Er thut es nicht, denn er kann Kriege nicht verhindern, welche den gewaltsamen Tod einer entsetzlich großen Zahl von Bürgern herbeiführen. Die Kriege sind zwischen zivilisirten Völkern nicht viel seltener und nicht weniger blutig als zwischen wilden Stämmen und mit allen Gesetzen und Freiheitsbeschränkungen erkauft sich der Sohn der Zivilisation keine größere Sicherheit vor der Mordwaffe eines Feindes als der von den Segnungen der Polizei-Bevormundung noch nicht heimgesuchte Sohn der Barbarei. Um einen Unterschied zwischen beiden Verhältnissen zu finden, müßte man rein nur der Ansicht sein, daß der Tod, wenn man ihn in Uniform und von einem gleichfalls uniformirten und auf Kommando handelnden Mörder erleidet, weniger der Tod sei, als wenn etwa ein rothbemalter Krieger ihn mit einer Steinaxt und ohne Rücksicht auf militärische Reglements verursacht. Einzelne Geister träumen von der Abschaffung des Krieges und seinem Ersatz durch Schiedssprüche. Was sein wird, wird sein. Ich spreche auch nicht von einer Zukunft, die noch vorläufig ohne Verfallsfrist ist, sondern von der Gegenwart. Heute aber enthebt alle Verkümmerung seiner Freiheiten in der Friedenszeit das Individuum nicht der Notwendigkeit, sich in kritischen Augenblicken ganz so selbst seiner Haut zu wehren wie der Wilde, der durch die Urwälder schweift. Aber auch völlig abgesehen vom Kriege sichert der Reglementarismus und Protokollismus das Leben des Einzelnen nicht mehr, als es die Ungebundenheit der Barbarei thut. Innerhalb wilder Stämme ist Todtschlag zwischen Stammesangehörigen nicht häufiger als innerhalb gebildeter Gemeinwesen. Gewaltthaten werden fast immer in der Leidenschaft verübt und diese entzieht sich vollständig der Einwirkung unserer beschränkenden Gesetze. Die Leidenschaft ist ein Rückfall in den Urzustand des Menschen. Sie ist dieselbe beim wolerzogenen Salonmenschen wie beim Australneger. Man tödtet und verwundet in der Leidenschaft ohne jede Rücksicht auf Gesetz und Obrigkeit. Für den Gemordeten, dem etwa ein Mitbewerber um ein Weib einen Messerstich in die Brust versetzt hat, ist es ohne Werth, daß die Polizei seinen Mörder verhaften und vielleicht auch bestrafen wird – sicher ist das letztere nicht einmal, denn wie oft lassen gerührte Schwurgerichte die Verüber von Gewaltthaten der Leidenschaft ungestraft! Und schließlich hat diesen schwachen und namentlich praktisch völlig bedeutungslosen Trost, daß der Mord an dessen Urheber geahndet wird, der Wilde auch, ja noch viel sicherer als der Zivilisirte, denn der Blutrache oder Stammesacht der Barbarei entzieht sich der Verbrecher ungleich schwerer als der Nachstellung der Polizei trotz Steckbrief im Polizei-Anzeiger. Neben dem Verbrechen aus Leidenschaft kommt das kaltblütig und mit Vorbedacht begangene Verbrechen in Betracht. Dieses ist nun in der Zivilisation entschieden häufiger als in der Barbarei. Es ist hauptsächlich das Werk einer bestimmten Menschenklasse, die überhaupt nur der Zivilisation ihre Entstehung verdankt. Es ist wissenschaftlich festgestellt, daß die Gewohnheitsverbrecher degradirte Organisationen, Abkömmlinge von Säufern oder Wollüstlingen und selbst mit Epilepsie oder andern Entartungs-Krankheiten des Zentralnervensystems behaftet sind. Das Elend, welches namentlich die Großstädte den Armen auferlegen, bringt diese körperlich und geistig so weit herunter, daß bei ihnen der pathologische Zustand der Kriminalität zum Ausbruche kommt. Alle Gesetze vermögen die Verbrechen nicht zu verhüten, welche die Folge der durch die Zivilisation geschaffenen Verhältnisse sind, und die Raubmörder und Einbrecher sind mitten in unserer protokollirten Gesellschaft drohendere Erscheinungen, als sie die Smalah des Beduinen ohne Standesamt, Steuerbehörde und Grundbuch hervorbringt. Mit der Sicherheit des Eigenthums verhält es sich nicht viel anders als mit der des Lebens. Trotz allen Gesetzen und Reglements wird gestohlen und geraubt, theils geradezu aus der Tasche in die Hand, theils indirekt durch kleine und große Beschwindelung einzelner und der Massen. Welchen Schutz hat man gegen den Gründer, der dem sparenden Volk Millionen wegnimmt, oder gegen den Baissespekulanten der Börse, der durch einen Gewaltstreich zahlreiche Vermögen zerstört oder doch vermindert? Und hat der Kulturmensch, der sein in Papier angelegtes Geld verliert, weniger sein Vermögen verloren als der Barbar, dem man seine Herde wegtreibt? Man kommt mir vielleicht mit einer naheliegenden Antwort: gegen den Gründer und Jobber kann man sich schützen; es zwingt einen ja niemand, dem erstem sein Geld hinzutragen und die vom letztern künstlich entwerteten Papiere zu besitzen. Darauf erwidere ich: Ei freilich, man kann sich schützen. Der Einsichtsvolle, der Verständige kann es. Die Menge kann es nicht. Und wenn es auf Selbstschutz ankommt, wozu dann das Gesetz? Wozu dann die Opfer an Freiheit und Steuergeld? Auch der Barbar, sofern er nur tüchtige Hunde, gute Waffen und ein ausreichendes Gesinde hat, sofern er nur stark und wachsam genug ist, hütet sein Vermögen mit ausreichendem Erfolge auch ohne Polizei. Und wer in der zivilisirten Gesellschaft nicht Klugheit, die auch eine Kraft ist, und Wachsamkeit besitzt, der verliert seinen Sparpfennig aus der Truhe und den Geldbeutel aus der Tasche trotz den zahllosen Federn, die in Amtsstuben den ganzen Tag gestempeltes Papier vollschmieren. Dabei ist noch Eins zu betrachten. Der Zivilisationsmensch, nicht nur, daß er sich in erster Linie doch auch selbst zu schützen hat wie der Barbar, muß überdies für den Schutz, den ihm der Staat angeblich gewährt und der nur in der Theorie ausreichend ist, fortwährend Vermögensopfer bringen, welche oft ansehnlicher sind als der Betrag, für den man allenfalls eines Schutzes bedürftig sein könnte. Der Reiche gibt natürlich an das Gemeinwesen weit weniger ab, als ihm übrig bleibt; allein die Millionäre sind überall eine Ausnahme. Die Regel ist, daß die große Mehrheit in jedem, auch dem reichsten Lande dürftig oder doch nur im Besitze des Nothwendigen ist. An Steuern aber zahlt jeder, auch der Arme, so viel, daß er am Ende seines Lebens wohlhabend wäre, wenn er die Früchte seiner Arbeit, die er dem Gemeinwesen abliefern mußte, hätte für sich behalten dürfen. Daß dem Barbaren sein Eigenthum genommen wird, ist nur möglich; daß es dem Kulturmenschen vom Staate in Form von direkten und indirekten Steuern genommen wird, ist sicher. Und wenn dem letztern nach Entrichtung aller Abgaben noch etwas übrig bleibt, so kann es ihm dennoch gestohlen oder abgeschwindelt werden, wenn er es nicht ganz so behütet wie der erstere, der dafür mindestens nicht zu zehnten hat. Die Lage des Kulturmenschen ist also die des Handwerksburschen in der Anekdote, der den Schiffer fragt, was er zu bezahlen habe, wenn man ihn von Straßburg nach Basel mitfahren lasse, und der die Antwort erhält: Vier Gulden im Schiffe, aber nur zwei Gulden, wenn er auf dem Taupfad ziehen helfe. Die Lage des Kulturmenschen ist sogar schlechter, denn ihm ist nicht einmal die Alternative gelassen; er muß, er mag wollen oder nicht, auf dem Taupfad ziehen und dafür noch die zwei Gulden bezahlen. Bleibt der letzte Staatszweck: die Vereinigung der Kräfte Aller zur Erreichung von Nutzwirkungen, die dem Einzelnen zugute kommen und von ihm allein nicht erzielt werden könnten. Diese Aufgabe erfüllt der Staat, das ist nicht zu verkennen. Allein auch sie erfüllt er schlecht und unvollkommen. Der Kulturstaat ist in seiner gegenwärtigen Organisation eine Maschine, welche mit ungeheurer Kraftverschwendung arbeitet. Für die nützliche Produktion bleibt nur ein verschwindend kleiner Theil der Kraft übrig, welche mit den denkbar höchsten Kosten erzeugt wird; der Rest wird zur Überwindung der inneren Widerstände verbraucht, geht in Rauch und Geräusch der Dampfpfeife auf. Die Form, in der heute alle europäischen Staaten regiert werden, gestattet die Vergeudung der vom Bürger geforderten Leistungen an thörichte, leichtfertige und verbrecherische Unternehmungen. Die Laune einzelner Menschen, das selbstische Interesse verschwindend kleiner Minderheiten bestimmt nur zu häufig allein das Ziel, auf welches die Anstrengungen der Gesammtheit gerichtet werden. So arbeitet und blutet der einzelne Bürger, damit Kriege geführt werden, die sein Leben oder seinen Wolstand zerstören, damit man Festungen, Paläste, Eisenbahnen, Häfen oder Kanäle baue, aus denen weder er noch neun Zehntel der Nation jemals den geringsten Nutzen ziehen werden, damit neue Ämter entstehen, welche die Staatsmaschine noch schwerfälliger, die Reibung ihrer Räder noch härter machen, in welchen er noch einen Theil seiner Zeit verlieren, noch ein Stück seiner Freiheit lassen wird, damit man Beamte hoch besolde, die keinen andern Zweck haben, als auf seine Kosten eine ornamentale Existenz zu führen und ihm das Dasein zu erschweren; er arbeitet und blutet mit einem Worte, um selbst sein Joch lastender und seine Ketten fester zu machen und um die Möglichkeit zu schaffen, von ihm noch mehr Arbeit und noch mehr Blut zu erhalten. Nur in sehr kleinen Staaten oder in solchen mit weitgehender Dezentralisation und Selbstverwaltung wird die Leistung des Bürgers nicht so unverantwortlich verpraßt; derartige Gemeinwesen nähern sich in ihrer Natur und ihren Existenzbedingungen den Kooperativ-Genossenschaften, in denen jedes einzelne Mitglied die Verwendung seiner Beträge leicht übersehen, unnöthige Ausgaben verhüten, aussichtslose Unternehmungen von vornherein bekämpfen oder rechtzeitig aufgeben kann; man fühlt da jeden Nutzen und jeden Verlust unmittelbar, sieht sich durch jenen für gebrachte Opfer entschädigt und wird von diesem vor dem Weiterschreiten auf falschen Wegen behütet. Es ist in solchen Gemeinwesen freilich schwer, für idealere oder ferner liegende Aufgaben, deren Lösung nicht sofort jedem Einzelnen abschätzbaren Vortheil oder Annehmlichkeiten verspricht, die Mittel aufzubringen, aber noch schwerer ist es da, individuelle Grillen mit Hilfe der Gesammtheit zu befriedigen oder von dieser das Geld zum Ankaufe des Stockes zu erhalten, mit dem sie geprügelt werden soll. Ich fasse das Vorhergehende zusammen. Durch die moderne Vielregiererei, durch das endlose Schreiben, Protokolliren, Amten, Verbieten und Erlauben wird Leben und Eigenthum des Individuums nicht mehr geschützt als ohne diesen ganzen verwickelten Apparat. Für alle Opfer an Blut, Geld und Freiheit, die der Bürger dem Staate bringt, empfängt er von diesem kaum andere Lebenserleichterungen als die Gerechtigkeit, die überall unverhältnißmäßig theuer und langwierig, und den Unterricht, welcher nicht entfernt Allen in gleichem Maße zugänglich ist. Um dieselben Vortheile zu haben, bedürfte es kaum einer einzigen der zahllosen Beschränkungen, denen seine Selbstständigkeit unterworfen wird. Der Vorwand, daß die Freiheit des Einzelnen nur aus Rücksicht auf die Rechte der Anderen geschmälert wird, ist ein schlechter Scherz; diese angebliche Rücksicht verhindert nicht die Vergewaltigung Einzelner und beraubt Alle des größten Theils ihrer natürlichen Bewegungsfreiheit; das Gesetz übt also von vornherein und mit Sicherheit auf jedermann den Zwang, den ohne es nur einzelne gewaltthätige Naturen in Ausnahmsfällen vielleicht auf Einige üben würden. Es ist wahr, daß in unserer heutigen Zivilisation die durchschnittliche Lebensdauer des Individuums länger, seine Gesundheit besser geschützt, die Richtlinie der allgemeinen Sittlichkeit höher, das Zusammenleben friedlicher, die Gewaltthat, sofern sie nicht von Gewohnheits- und Erbverbrechern begangen wird, seltener ist, als im Zustande der Barbarei; allein das ist in keiner Weise das Verdienst der Ämter und Reglements, sondern die natürliche Folge höherer Bildung und besserer Einsicht der Menschen. Der Bürger ist in den Fesseln, die ihm die Staatseinrichtungen auferlegen, ganz so auf Selbstschutz angewiesen wie der freie Wilde, findet sich aber dazu ungeschickter als dieser, weil er es verlernt hat, für sich selbst zu sorgen, weil er nicht mehr den richtigen Sinn für die Wahrnehmung seiner nahen und fernen Interessen besitzt, weil er von Kindheit an gewöhnt ist, Druck und Zwang zu dulden, gegen den sich dieser im ersten Augenblicke, wenn es sein müßte mit Darbringung seines Lebens, empören würde, weil ihm der Staat die Vorstellung anerzogen hat, daß Ämter und Behörden für ihn in allen Lagen zu sorgen haben, weil das Gesetz die gegenstrebende Elastizität seines Charakters gebrochen, durch seine beständige Pressung jede Widerstandskraft zermalmt und ihn dahin gebracht hat, Vergewaltigung gar nicht mehr als Unrecht zu empfinden. Es ist nicht wahr, daß es all unserer Polizeivorschriften bedarf, um unser Leben und Eigenthum zu schützen; in den Goldsucherlagern des amerikanischen Westens und Australiens nahmen die Individuen ihren Schutz in die eigene Hand, indem sie die sogenannte »Vigilance Committees« bildeten, und ohne jeden Amtsapparat herrschte alsbald die musterhafteste Ordnung; es ist nicht wahr, daß wir uns allen gesetzlichen Quengeleien unterwerfen müssen, damit unter uns Gerechtigkeit herrsche; in denselben primitiven Gemeinwesen, die ich eben angeführt habe, entstand ohne Amtsstuben, Instanzen und Protokoll, ganz von selbst aus dem allgemeinen Billigkeitsgefühl heraus, welches die Kultur nun schon in den Menschen entwickelt hat, ein öffentliches und privates Recht, welches dem ersten Besitzergreifer seinen » claim « und alle Früchte seiner Arbeit sicherte. So gestalteten sich die Verhältnisse bei einem Zusammenlauf der rohesten, leidenschaftlichsten und rücksichtslosesten Individuen aller Nationen. Und die große Mehrheit der Sanften, Friedfertigen und Ruheliebenden sollte des unlösbaren Gängelbandes bedürfen? Wenn man heute neun Zehntel der bestehenden Gesetze und Reglements, der Ämter und Behörden, der Urkunden und Protokolle abschaffte, so würde die Sicherheit der Person und des Vermögens dieselbe sein wie gegenwärtig, jeder Einzelne würde fortfahren, alle seine Rechte ungeschmälert zu genießen, von den wirklichen Vortheilen der Zivilisation ginge niemand auch nur das Geringste verloren und dabei würde das Individuum eine Freiheit der Bewegung erlangen, sein Ich mit einer wonnigen Intensität empfinden und ausleben, von der es sich in seinem heutigen Erbzustand der allseitigen Gebundenheit gar keine Vorstellung machen kann. Vielleicht würde ihm solche Freiheit im ersten Augenblicke sogar Unruhe und Angst einstoßen wie einem in der Gefangenschaft erzogenen Vogel, dem man das Bauer öffnet; es müßte erst lernen, vor der Ausbreitung seiner Flügel bis zu ihrer äußersten Klafterung keine Furcht zu haben und seine Raumscheu zu überwinden. Aber andererseits ist es sicher, daß ein an Selbstbestimmung und Selbstleitung gewöhnter Barbar sich nicht ohne scharfes und beständiges Leiden in ein Leben finden könnte, in welchem das Individuum fortwährend eine Hand auf seiner Schulter, ein Auge auf seinem Gesichte, einen Befehl in seinem Ohre empfindet, stets von fremden Impulsen getrieben ist, stets fremdem Willen gehorcht; ja die Verordnungen und das Stempelpapier würden ihn vielleicht in kurzer Zeit tödten. Ist der Zustand, den ich als wünschenswerth hinstellte, die Anarchie? Nur ein oberflächlicher oder zerstreuter Leser kann das aus dem Vorangegangenen verstanden haben. Die Anarchie, die Abwesenheit einer Regierung, ist ein Hirngespinnst verworrener und beobachtungsunfähiger Geister. Sowie zwei Menschen in ein Verhältniß dauernden Zusammenlebens zu einander treten, bildet sich eine Regierung zwischen ihnen heraus, daß heißt es entstehen Formen des Verkehrs, Regeln des Verhaltens, feste Rücksichten und Unterordnungen. Der natürliche Zustand der Menschheit ist eben nicht der eines amorphen Agglomerats, sondern der eines Kristalls, also einer bestimmten gesetzmäßigen Anordnung der Moleküle, und in jeder Mischmasse eines gesellschaftlichen Chaos formt sich sofort von selbst eine staatliche Organisation, wie in der Mutterlauge solcher Stoffe, die von Natur aus kristallinisch sind, unverzüglich Kristalle aufschießen. Keine Anarchie also fordert die vernünftige Kritik, denn eine solche ist schlechterdings undenkbar, aber eine Aut- und Oligarchie, eine Selbst- und Wenigregierung, eine weitgehende Vereinfachung der Regierungsmaschine, die Unterdrückung aller unnöthigen Räder, die Befreiung des Individuums von zwecklosem Zwang, die Beschränkung der Ansprüche des Gemeinwesens an die Bürger auf das, was zur Erfüllung seiner Aufgaben offenbar unentbehrlich ist. Auch in diesem idealen Zustande würde der Einzelne für das Gemeinwesen arbeiten, mit anderen Worten Steuer zahlen müssen, allein den öffentlichen Abgaben würde nicht mehr der Charakter einer Erpressung innewohnen, der sie heute hassenswerth macht. Jedermann kauft ohne Widerstreben Brot, zahlt das Eintrittsgeld im Theater, entrichtet seine Beiträge in Vereinen und Klubs und bedauert höchstens, daß er die erforderlichen Beiträge nicht leicht aufbringen kann. Warum? Weil er für seine Leistung augenblicklich die Gegenleistung erhält, weil in ihm die Empfindung nicht aufkommen kann, daß man ihn beraube. Wo eine Regierung so einfach ist, daß jeder Bürger ihre Zwecke erkennen, ihre Arbeit überblicken, die Richtung ihrer Thätigkeit mitbestimmen kann, da sieht er die Steuer als eine Auslage an, für die er den vollen Gegenwerth empfängt; er weiß gleichsam, was er sich für jeden Steuerpfennig kauft, und die handgreifliche Billigkeit eines solchen Handels macht das Entstehen einer Mißstimmung über denselben unmöglich. Im heutigen Staate dagegen muß die Steuer nothwendig odios sein; nicht nur, weil sie infolge der durch seine schlechte Konstruktion bedingten Kostspieligkeit des Regierungsapparats überall weit höher ist, als nothwendig wäre, nicht nur wegen der durch die geschichtliche Organisation der Gesellschaft und durch blitzdumme Gesetze bedingten Ungerechtigkeit ihrer Umlage, sondern hauptsächlich darum, weil sie durch den Fiskalismus und nicht durch den vernünftigen Staatszweck bestimmt wird. Der Fiskalismus ist die zum System erhobene Ausbeutung des Volks um ihrer selbst willen, um möglichst große Summen aufzutreiben, ohne Rücksicht auf den rationellen Staatszweck und auf ihre wirthschaftlichen Folgen für den Einzelnen. Der Fiskalismus fragt nicht: »Welche Opfer sind zur Erfüllung der wirklichen und berechtigten Aufgaben des Staates nöthig?« sondern:«Wie muß man es anstellen, um aus dem Volke die denkbar größte Steuerleistungen herauszuschlagen?« Er fragt nicht: »Wie kann man am besten die Interessen des Einzelnen schonen, ohne darum die der Gesammtheit leiden zu lassen?« sondern: »Auf welche Weise gelangen wir, die Steuereintreiber, am leichtesten, mit dem geringsten Aufwand an Geistesarbeit, Aufmerksamkeit und unbequemer Rücksicht, zum Gelde des Volkes? Die moderne Auffassung sieht im Staate eine Einrichtung zur Förderung des individuellen Wols; die feudale dagegen im Individuum einen Zwangsarbeiter zur Förderung des Ansehens und der Gewalt des Staates, und der Fiskalismus beruht auf dieser mittelalterlichen Auffassung. Ihm ist der Staat das Vorbestehende und natürlich herrschende, der Bürger das Spätergekommene und natürlich beherrschte; die Steuer ist ihm nicht eine Ausgabe, die man sich selbst auferlegt, die man gleichsam sich selbst leistet und für die man sich Vortheile erkauft, sondern ein Tribut, den man einem Dritten zollt und für den dieser Dritte, der unheimliche Moloch Staat, nichts anderes schuldet als eine Quittung. Wir fühlen uns als Mitglieder einer freien Vereinigung zur Erreichung gemeinsamer Zwecke, der Fiskalismus sieht in uns rechtlose Gefangene des Staates. Wir nennen uns Bürger, der Fiskalismus nennt uns Unterthanen. Der ganze Gegensatz zwischen den beiden Weltanschauungen ist in diesen Worten ausgedrückt. Die geschichtliche Entwickelung des Steuerwesens hat nothwendig zum Fiskalismus führen müssen. Im primitiven Gemeinwesen bestanden keine Abgaben. Der Stammesfürst bestritt seinen größeren Aufwand aus seinem größern persönlichen Vermögen, im Kriege sorgte jeder wehrhafte Mann für die eigene Nothdurft und nur dem Priester wird allenfalls gezehntet. Der Staat hatte keine Bedürfnisse, brauchte also von seinen Angehörigen auch nichts zu fordern. Dies änderte sich jedoch sofort überall, wo sich entweder aus der Fiktion eines göttlichen Ursprungs der Person und Gewalt des Königs orientalischer Despotismus herausbildete oder wo ein fremder Erobererstamm über ein unterjochtes Volk herrschte. In beiden Fällen war die Masse des Volkes eine Sklavenherde, das persönliche Eigenthum des Königs oder der Eindringlinge und sie hatte Abgaben zu leisten nicht für den Staatszweck, sondern für die Schatzkammer ihrer Herren, deren natürliches, sie zu keinerlei Gegenleistung verpflichtendes Einkommen die Steuern des Volkes ebenso bildeten wie der Ertrag ihres Landesbesitzes oder ihrer Viehherden. Freie Völker sahen denn auch Steuern als eine Schmach und als Beweis der Knechtschaft an und es hat vieler Jahrhunderte harten Herrscherdrucks bedurft, ehe man beispielsweise die germanischen Stämme dahin bringen konnte, die Abgaben zu liefern, die sie gewöhnt waren, den unterjochten Nationen mit der Spitze des Schwertes abzuzwingen. Die Fiktion, welche in der Bürgern Hörige sieht, die in erster Linie für ihren Eigenthümer, den König, zu arbeiten haben, ist seit dem ausgehenden Mittelalter die Grundlage des Staatsrechts und des Verhältnisses zwischen dem Unterthan dem ganz allein den Staat verkörpernden Herrscher geworden und diese Fiktion ragt in Gestalt des Fiskalismus noch in unseren angeblich auf der Volkssouveränetät beruhenden modernen Staat mit seinen Konstitutionen und Parlamenten herein. Auf ganz derselben Fiktion beruht auch die Organisation des Beamtenthums und die Stellung der Staatsbeamten zum Bürger. Die moderne Staatsauffassung würde erfordern, im Beamten einen Beauftragten des Volks zu sehen, der, wie sein Gehalt, so auch seine Vollmachten, sein Ansehen, seine Stellung zum Volke hat. Der Beamte müßte sich nach dieser Auffassung stets als Diener des Gemeindewesens und diesem verantwortlich fühlen, er müßte sich stets gegenwärtig halten, daß er eingesetzt sei, die Interessen der Einzelnen wahrzunehmen, welche diese nicht mit der gleichen Sicherheit und Bequemlichkeit selbst besorgen können, er dürfte nie vergessen, daß das Gemeinwesen theoretisch seiner ebenso wenig bedarf, wie etwa ein Haushalt eines Dieners, daß jedes Individuum, wie sich selbst die Stiefel wichsen und Wasser holen, so den auf es entfallenden Theil der Verwaltungsgeschäfte theoretisch selbst erledigen könnte und daß nur die Erkenntniß des Vortheils der Arbeitstheilung zur Anstellung der Beamten führt. In Wirklichkeit aber fühlt sich der Beamte nicht als Diener, sondern als Herrn des Volks. Er glaubt seine Autorität nicht dem Volke, sondern dem Herrscher, heiße dieser nun König oder Präsident der Republik, zu verdanken. Er sieht in sich den Träger eines Theils der transszendentalen Herrschergewalt. Er fordert also für sich von den Bürgern die Achtung und Unterwürfigkeit, welche sie dem Prinzip der Herrschaft schulden. Geschichtlich hat sich das Beamtenthum aus der Vogtschaft entwickelt. Der Schreiber, der in einer Amtsstube den zu ihm befohlenen Bürger anschnauzt, ist der historische Erbe des Befehlshabers oder Aufsehers, den ein Despot der finsteren Jahrhunderte über sein Volk von Sklaven setzte, um es mit der Peitsche und dem Spieße seiner Leibwache von Reisigen beim Gehorsam zu erhalten. Da der Beamte ein Partikel des Gottesgnadenthums ist, so nimmt er für sich die Unfehlbarkeit des letzteren in Anspruch. Er steht unter dem Staatsoberhaupt, jedoch über den Regierten. Da diese die Herde sind und das Staatsoberhaupt der Hirt, so ist er der Schäferhund. Er darf bellen und beißen und das Schaf muß es dulden. Und was das Allermerkwürdigste ist: das Schaf duldet es auch! Der gewöhnliche Bürger, ich meine den vom Schlage meines Hans, geht durchaus auf die Voraussetzungen des Beamten ein. Er gesteht ihm das Recht des Befehlens zu und nimmt die Pflicht des Gehorchens auf sich. Er kommt zur Behörde, nicht wie an einen Ort wo er ihm Gebührendes zu fordern, sondern wie an einen solchen, wo er Gnaden zu erflehen hat. Es wäre übrigens auch thöricht von ihm, wenn er sich gegen dieses paradoxale Verhältniß auflehnen wollte, denn im Streite mit dem Beamten würde voraussichtlich dieser Sieger bleiben und selbst im günstigsten Falle würden seine Interessen während der Dauer des Streits Verzögerungen und schwere Einbußen aller Art erleiden. Der Fiskalismus hat zum ergänzenden Seitenstück den Mandarinismus und beide sind logische Ableitungen der Konzeption eines Herrschers von Gottes Gnaden und einer Unterthanschaft von Gottes Fluch. Die Gesetzgebung steht heute wie vor Jahrhunderten vollkommen unter dem Einfluß des Fiskalismus und des Mandarinismus. Von hundert Gesetzen, die, sei es unter Mitwirkung des Volks, sei es ohne dieselbe, gegeben werden, haben sicherlich neunundneunzig den Zweck, nicht den Bürgern die Freiheit der Bewegung und die Annehmlichkeit des Daseins zu vergrößern, sondern den Vögten und Bütteln die Ausübung ihrer angemaßten Herrenrechte zu erleichtern. Man unterwirft uns hundert Unbequemlichkeiten, damit dem Beamten das Negieren und Schätzen bequemer gemacht sei. Man zeichnet uns wie das liebe Vieh mit Nummern und Buchstaben, damit man uns müheloser zusammenhalten und zehnten könne. Man straft uns Alle von vornherein mit mißtrauischen Beschränkungen, weil einer von uns einmal ausnahmsweise über die Schnur zu hauen fähig sein möchte. Soll ich dies mit Beispielen belegen? Alle Kaufleute sind gezwungen, ihre Geschäftsbücher in einer bestimmten, vom Gesetze genau vorgeschriebenen Weise zu führen. Warum? Weil einer von ihnen einmal betrügerisch bankbrüchig werden könnte und der Untersuchungsrichter nur dann den Stand der Dinge ohne Anstrengung überblicken kann, wenn alle Angelegenheiten an der dafür vorgeschriebenen Stelle fein ordentlich eingetragen sind. Gäbe es keine Bücher, so hätte der Untersuchungsrichter seine liebe Noth, in dem Wuste der geschäftlichen Aufzeichnungen klar zu sehen. Um ihm diese Noth zu ersparen, der er im Falle eines Bankerotts ausgesetzt wäre, nimmt das Gesetz hundert Kaufleuten, die nie daran denken, ihre Gläubiger zu verkürzen, die Freiheit der Bewegung. Jeder von uns hat sein Kommen und Gehen, namentlich in großen Städten, der Polizei gehorsamst anzumelden. Warum? Weil einer von uns einmal irgend eine Missethat begehen könnte, in welchem Falle ihn die Polizei suchen müßte; er wird dann leichter zu finden sein, wenn überhaupt jedermann ihr seinen Aufenthaltsort anzuzeigen gezwungen ist. Um sich vorkommendenfalls die Mühe des Suchens zu ersparen, für die sie doch gerade bezahlt wird, zwingt die Polizei uns, fortwährend die Mühe der Anmeldungen auf uns zu nehmen. Ich könnte diese Beispiele verhundertfachen, wenn ich nicht ihre Einförmigkeit fürchtete. Dabei verfehlen alle die Beschränkungen, welche der Staat seinen Bürgern auferlegt, völlig ihren Zweck. Die Gesetze drücken blos die, welche nicht daran denken, sich über sie hinwegzusetzen; dagegen haben sie noch niemals die gehindert, welche entschlossen sind, sich keinen Zwang gefallen zu lassen. Der Bigame begeht sein Verbrechen trotz den Förmlichkeiten, welche dem anständigen Menschen die Eheschließung umständlich, kostspielig und schwierig machen. Der Räuber führt Messer und Revolver bei sich trotz den Vorschriften, die den friedlichen Bürgern das unbefugte Waffentragen verbieten. Und so ist es in allen Dingen. Es ist immer, wenn auch weniger tragisch, das System des Herodes, der alle Knaben zu tödten befiehlt, weil einer von ihnen zum Thronprätendenten heranwachsen könnte, und der Metzelei natürlich gerade den einen entrinnen läßt, der ihm wirklich gefährlich werden wird. Die philosophische Auffassung des Staates hat sich geändert, das Verhältniß des Bürgers zu demselben ist theoretisch das eines gleichberechtigten Theilhabers zu einer Genossenschaft geworden, alle seit 1789 entstandenen Verfassungen gehen von der Annahme der Volkssouveränetät aus, praktisch ist aber die Staatsmaschine dieselbe geblieben, sie arbeitet heute ganz so wie zur finstersten Epoche des Mittelalters, und wenn ihr Druck auf das Individuum geringer geworden ist, so ist dies nur als Abnützungs-Erscheinung aufzufassen. Die stillschweigende Voraussetzung aller Gesetze und Verordnungen ist nach wie vor die, daß der Bürger das persönliche Eigenthum des Staatsoberhauptes oder doch mindestens jenes unpersönlichen Phantoms, Staat genannt, ist, das alle Vorrechte der alten Despoten geerbt hat und dessen sichtbare Verkörperung die Behörden sind. Der Beamte ist nicht der Angestellte des Volks, sondern der Bevollmächtigte der über dem letztern stehenden Staatsgewalt, sein Feind, sein Aufseher und Gefangenwärter. Die Gesetze sollen dem Beamten die Möglichkeit bieten, die Interessen seines reellen oder ideellen Herrn, des Monarchen oder des Staats, gegen das Volk zu vertheidigen, dem von vornherein die beständige Neigung zugemuthet wird, sich seines Herrn zu entledigen. Nur aus dieser Voraussetzung erklärt es sich, daß das Mandarinat in unseren Tagen noch immer so großes Ansehen und eine so hervorragende Stellung im Gemeinwesen hat. Der Beamte kann der gemeinen Anschauung nicht durch reiche Bezüge, durch Glanz und Üppigkeit seiner Lebensweise imponiren; den edlen Geistern zwingt er nicht durch höhere Bildung, nicht durch größere Begabung Achtung ab; die Utilitarier können seine Arbeit unmöglich für nützlicher halten als die der direkt produzirenden Klassen, der Ackerbauer, Handwerker, Künstler, Forscher. Wenn aber Beamter zu sein weder große Einkünfte noch besondere Geistesbildung und Fähigkeiten bedeutet, weshalb knüpft sich dann an den Besitz eines Staatsamtes ein Ansehen, das man keinem andern Stande als solchem zugesteht? Weshalb? Weil der Beamte ein Theil der Herrschergewalt ist, die das Volk unbewußt, aus ererbter Gewohnheit, als etwas Geheimnißvolles, Übernatürliches, Ehrfurcht und Grauen Erregendes ansieht. Die Gnade Gottes, in welcher sich der König sonnt, bestrahlt auch den Beamten; von dem Salböl, mit dem der Monarch bei der Krönung geheiligt wird, fällt ein Tropfen auch auf die Stirne des Beamten. Diese Vorstellung wirkt sogar in jenen Ländern nach, die gar keinen König, keine Krönung und keine Gnade Gottes mehr haben. Sie ist eine Reflexaktion der Volksseele geworden. III. Wo bleibt nun aber der Parlamentarismus? Gibt er nicht dem Individuum die Freiheit der Bewegung wieder, welche ihm der Fiskalismus und der Mandarinismus und die in deren Interesse arbeitende Gesetzgebung genommen haben? Macht er nicht aus dem feudalen Unterthan den modernen Staatsbürger? Legt er nicht in die Hand jedes Einzelnen das Recht, sich selbst zu regieren und seine Geschicke im Staate selbst zu bestimmen? Ist der Wähler nicht am Tage, da er seinen Abgeordneten ernennt, ein wirklicher Souverän, der, wenn auch indirekt, die alten Königsrechte übt, Minister zu stürzen und zu erheben, Beamte abzusetzen und zu bestellen, Gesetze zu geben, Steuern auszuschreiben, der auswärtigen Politik die Richtung vorzuzeichnen? Ist nicht mit einem Worte der Stimmzettel die allmächtige Waffe, mit der unser armer Hans den Druck des schon von Shakespeare angeklagten Beamten-Übermuths von sich abwenden und alle ihn beengenden Einrichtungen bekämpfen und besiegen kann? Gewiß. Der Parlamentarismus hat alle diese Wirkungen. Aber leider nur in der Theorie. Praktisch ist er ganz so eine ungeheuere Lüge wie alle übrigen Formen unseres heutigen Staats- und Gesellschaftslebens. Allerdings muß ich hier bemerken, daß die Lügen, welche uns von allen Seiten angrinsen, von zwei verschiedenen Arten sind. Die einen tragen die Maske der Vergangenheit, die anderen die der Zukunft. Die einen sind Formen, die nicht mehr, die anderen solche, die noch nicht einen Inhalt haben. Die Religion, das Königthum sind Lügen, weil wir ihre Äußerlichkeiten bestehen lassen, obwol wir von der Absurdität ihrer Voraussetzungen durchdrungen sind. Der Parlamentarismus dagegen, trotzdem er eine logische Folge unserer Weltanschauung, ist eine Lüge, weil er bisher blos als Äußerlichkeit besteht, die innere Organisation des Staates aber völlig unverändert gelassen hat. In jenem Falle ist neuer Wein in alte Schläuche gefüllt, in diesem alter Unrath in neue Gefäße übergeleert. Der Parlamentarismus soll der Mechanismus sein, mittels dessen der Grundsatz der Volkssouveränetät zur Wirksamkeit gelangt. Nach der Theorie müßte eigentlich das ganze Volk in Vollversammlungen seine Gesetze machen und seine Beamten ernennen, seinen Willen also direkt ausdrücken und sogleich in Handlungen umwandeln, ohne ihn dem Kraftverlust und den Umgestaltungen auszusetzen, welche eine nothwendige Folge wiederholter Übertragungen sind. Da aber die geschichtliche Entwickelung die Richtung hat, die Individuen in immer größere Gemeinwesen zu gruppiren, ganze Sprachgemeinschaften, ja bald vielleicht ganze Racen zu einzigen Nationen zu verschmelzen und die Grenzen der Staaten ins Ungemessene hinauszurücken, so ist die direkte Ausübung der Selbstregierung durch die Versammlung des ganzen Volkes in weitaus den meisten Ländern schon jetzt eine materielle Unmöglichkeit geworden und wo sie es noch nicht ist, da wird sie es wol in naher Zukunft werden. Das Volk muß also seine Souveränetat auf eine kleine Anzahl Auserwählter übertragen und es diesen anheimstellen, seine Selbstbestimmungsrechte auszuüben. Die Auserwählten können auch noch nicht selbst direkt regieren, sondern übertragen ihre eigenen Vollmachten ein zweites Mal auf eine noch viel kleinere Zahl von Vertrauensmännern, die Minister, welche endlich thatsächlich die Gesetze vorbereiten und anwenden, die Steuern ausschreiben und einheben, die Beamten ernennen und über Krieg und Frieden entscheiden. Damit bei diesen Veranstaltungen das Volk noch immer souverän bleibe, damit trotz der zweimaligen Übertragung noch immer sein Wille und kein anderer seine Geschicke bestimme, müßten verschiedene Voraussetzungen erfüllt werden. Die Vertrauensmänner des Volkes müßten sich ihrer Persönlichkeit entkleiden. Auf den Bänken des Parlaments müßten nicht Menschen sitzen, sondern Mandate, die sprechen und stimmen. Der Wille des Volks dürfte, indem er durch die Vertreter desselben hindurchgeht, in ihnen keinerlei Färbung oder Brechung, keinerlei individuelle Beeinflussung erleiden. Die Minister müßten ihrerseits ebenso unpersönliche, ebenso mechanische Aufnahms- und Durchleitungsgefäße der Meinungen und des Willens der Parlamentsmehrheit sein. Jede Nichtbeachtung des Auftrags, den die Minister von den Abgeordneten und diese vom Volk empfangen, müßte unverzüglich für jene den Sturz, für diese den Verlust des Mandats zur Folge haben. Vor Allem aber müßte dieser Auftrag klar und bestimmt ertheilt werden. Die Wähler hätten sich immer über die Gesetzgebungs- und Verwaltungsarbeiten zu einigen, die ihnen im Staatsinteresse nothwendig erscheinen, und die Durchführung dieser Arbeiten unter strengem Festhalten an den von ihnen zu diesem Zwecke aufgestellten Grundsätzen von ihren Vertretern zu fordern. Sie dürften zu ihren Vertretern nur solche Männer wählen, deren Charakter und geistige Begabung ihnen bekannt sind, von denen sie wissen, daß sie die Fähigkeit haben, das von den Wählern aufgestellte Programm zu erfassen und durchzuführen, daß sie von der ihnen gezogenen Linie nicht abweichen werden und daß sie genug selbstlos sind, dem Gemeinwol ihre Zeit, ihre Arbeit und namentlich ihr eigenes Interesse, so oft es jenem zuwiderläuft, zu opfern. Das wäre der ideale Parlamentarismus; auf diese Weise würde die Gesetzgebung wirklich vom Volke, die Verwaltung vom Parlament ausgehen; der Schwerpunkt des Staatsbaues läge in den Wählerversammlungen und jeder Bürger hätte sichtbar und fühlbar seinen Antheil an der Besorgung der öffentlichen Geschäfte. Wenden wir uns nun aber von der Theorie zur Praxis. Welche Enttäuschung müssen wir da erleben! Der Parlamentarismus, wie er selbst in seinen klassischsten Ländern, in England und Belgien, tatsächlich fungirt, erfüllt nicht eine einzige der aufgezählten Voraussetzungen. Die Wahl bringt in keiner Weise den Willen der Bürger zum Ausdruck. Die Abgeordneten handeln in allen Fällen nach ihrer individuellen Willkür und fühlen sich nur durch die Besorgniß vor Rivalen, nicht aber durch die Rücksicht auf die Anschauung ihrer Wähler gebunden. Die Minister beherrschen nicht blos das Land, sondern auch das Parlament; statt daß man ihnen die Richtung vorschreibt, zeichnen sie dieselbe dem Parlament und der Nation vor. Sie gelangen zur Regierung und verlassen dieselbe, nicht, weil es die Nation so will, sondern weil ein mächtiger individueller Wille sie dazu zwingt. Sie springen mit allen Kräften und Hilfsquellen der Nation nach ihrem Gutdünken um, theilen Gnaden und Geschenke aus, lassen zahlreiche Schmarotzer auf Kosten der Gesammtheit wolleben und haben nie ein Wort des Tadels zu besorgen, wenn sie nur die Mehrheit des Parlaments mit einigen Abfällen von der reichgedeckten Tafel bedenken, welche ihnen der Staat anrichtet. Praktisch sind die Minister ebenso unverantwortlich, wie die Abgeordneten; für hundert Mißbräuche, Ungerechtigkeiten und Willkürakte, die sie täglich begehen, bleiben sie völlig straflos und wenn sich einmal in hundert Jahren der Fall ereignet, daß ein Minister, sei es, weil er wirklich ganz ausnahmsweise schurkisch gehandelt oder weil er leidenschaftlichen Haß gegen sich erweckt hat, zur Verantwortung gezogen wird, so läuft es immer mit einer geräuschvollen und pomphaften Gerichtsverhandlung und einer lächerlich unwesenhaften Strafe ab. Das Parlament ist eine Anstalt zur Befriedigung der Eitelkeit und des Ehrgeizes und zur Förderung der persönlichen Interessen der Abgeordneten. Die Völker sind seit Jahrtausenden gewöhnt, von einem souveränen Willen gelenkt zu werden und eine bevorrechtigte Aristokratie über sich zu haben, der sie Ehren erweisen und alle Reichthümer des Staates zum persönlichen Gebrauch überlassen; große Geister, in welchen sich die Zukunft spiegelte, haben ihnen im Parlamentarismus eine Regierungsform gegeben, welche ihnen gestattet, an die Stelle des Herrscherwillens ihren eigenen zu setzen und der Aristokratie die Verfügung über das Staatsvermögen abzunehmen; und was haben die Völker gethan? Sie haben sich beeilt, den Parlamentarismus ihren alten Gewohnheiten anzupassen, so daß nach wie vor ein individueller Wille sie beherrscht und eine bevorrechtete Klasse sie ausbeutet; nur heißt dieser individuelle Wille nicht mehr König, sondern Parteiführer, und diese bevorrechtigte Klasse nicht mehr notwendig Geburtsaristokratie, sondern herrschende Kammermehrheit. Das alte Verhältniß des Durchschnittsbürgers zum Gemeinwesen ist durch den Parlamentarismus unbeeinflußt geblieben; mein Hans, auf den ich immer wieder zurückkomme, hat überall Steuern zu zahlen, die nicht er sich auferlegt und deren Verwendung nicht er bestimmt, Gesetzen zu gehorchen, die nicht er sich gibt und deren Nutzen er nicht einsieht, vor Beamten den Hut zu ziehen, die ein fremder Wille ihm ins Genick setzt, Hans mag nun in England Johnny heißen oder Iwan in Rußland. Einen Vortheil gewährt der Parlamentarismus; er ermöglicht Ehrgeizigen, auf die Schultern ihrer Mitbürger zu steigen. Ich werde gleich nachweisen, daß dies wirklich ein Vortheil ist. Jedes Volk, besonders aber ein noch in aufsteigender Entwickelung begriffenes und von unerschöpfter Lebenskraft durchfluthetes, bringt in jedem Menschenalter Individuen hervor, in denen ein besonders mächtig gestaltetes Ich ungestüm zu freier Entfaltung drängt. Das sind Herrschernaturen, die kein Joch über sich und keinen Zwang um sich dulden. Sie wollen den Kopf und die Ellenbogen frei haben. Sie können sich nur der Disziplin ihres eigenen Willens und ihrer eigenen Einsicht unterwerfen, nie der eines fremden. Sie gehorchen, weil sie wollen oder sollen, nie weil sie müssen. Diese Individualitäten können nie eine Schranke fühlen, ohne sie umzustoßen oder sich an ihr matt zu rennen. Das Leben scheint ihnen nicht des Lebens werth, wenn es ihnen nicht die Befriedigung bringt, welche das ungehinderte Sichausleben aller Fähigkeiten und Neigungen gewährt. Ein Bewußtsein, das ein großes Stück des eigenen Horizonts durch ein seinem Einfluß wie seiner Betrachtung entzogenes fremdes Bewußtsein verdunkelt sieht, dünkt sie nur ein halbes Bewußtsein, ein Ich, das nicht immer und überall es selbst sein darf, nur ein schmerzlich verschrumpftes halbes Ich, ein Dasein, das von äußeren Anstößen bewegt und gelenkt ist, dünkt sie unleidlich. Solche Individuen brauchen Raum. In der Einsamkeit finden sie ihn ohne Kampf und Schwierigkeit. Wenn sie Anachoreten der cyrenaischen Wüste, wenn sie Säulenheilige oder Fakire, kanadische Fallensteller oder Pioniere der Hinterwäldler werden, so können sie ihr Leben ohne Konflikte verbringen. Allein wenn sie in der Gesellschaft bleiben sollen, so gibt es für sie nur einen Platz: den des Führers. Die Lage meines Hans nehmen sie keinen Augenblick lang an. Sie sind kein weiches Plasma, sondern diamantharte Kristalle. Sie können sich nicht in die Lücke hineinschmiegen, welche der Staatshalt für sie offengelassen hat und die ohne Rücksicht auf ihre Formen und Maße ausgespart ist. Sie müssen eine Zelle für sich haben, die ihren Kanten und Flächen angepaßt ist. Sie empören sich gegen das Gesetz, das sie fertig vorfinden und zu dem man nicht ihre Zustimmung verlangt hat, und sie halten die Faust unter die Nase des Beamten, der ihnen befehlen wollte, statt sich von ihnen Aufträge zu holen. Im absolutistischen Staatswesen ist für solche Naturen kein Platz. Diese Staatsform ist in der Regel stärker als ihre Ausdehnungskraft und sie unterliegen in der Anstrengung, dieselbe zu sprengen. Aber ehe sie unterliegen, erschüttern sie den Staat, daß der König auf seinem Throne zittert und der Bauer in seiner Hütte zu Boden fällt. Sie werden Königsmörder oder Aufrührer, mindestens aber Straßenräuber oder Flibustier. Im Mittelalter streifen sie als Robin Hood durch die Wälder oder sind als Condottieri an der Spitze einer Söldnerschaar der Schrecken der Fürsten und Völker; später erobern und verwüsten sie als Cortes, als Pizarro, die neue Welt, raufen als Landsknecht-Hauptleute bei Pavia, machen als Miethlinge aller Kriegführenden im dreißigjährigen Kriege Fortune oder lassen sich, minder glücklich, als Schinderhannes und Cartouche rädern. Heute heißen sie in Rußland Nihilisten, wie sie gestern im osmanischen Reiche Mehemet Ali hießen. Der Parlamentarismus nun gestattet diesen Menschen mit dem gewaltigen Ich, ihre Individualität zu wahren, ohne die Staatsform zu zerstören oder doch zu bedrohen. Abgeordneter zu werden kostet viel geringere Anstrengung, als zu Wallensteins Stellung zu gelangen, und selbst Ministerpräsident wird man in einem parlamentarischen Staate leichter, als man einen alten Thron stürzt. Als Abgeordneter aber kann man schon bei den meisten Gelegenheiten aufrecht stehen, wo Hans sich ducken muß, und als Ministerpräsident hat man wol zu kämpfen, aber nicht mehr einem fremden Willen zu gehorchen. So ist der Parlamentarismus das Sicherheitsventil, das die spannkräftigen Individuen der Nation verhindert, verheerende Explosionen hervorzubringen. Man studire die Psychologie der Berufspolitiker in allen parlamentarisch regierten Ländern: man wird finden, daß das, was sie ins öffentliche Leben hinaustreibt, das Bedürfniß ist, ihr Ich intensiv zu fühlen und allseitig zu bethätigen. Man nennt das Ehrgeiz oder Herrschsucht. Ich habe nichts gegen diese Bezeichnungen, wenn man sie nur definirt. Was ist Ehrgeiz? Ist es wirklich der Geiz, die Gier nach Ehre, das heißt nach äußerlichen Befriedigungen der Eitelkeit? Dieser Beweggrund mag einen im Kaffeehandel reich gewordenen Gewürzkrämer bestimmen, sich um eine Stelle in der Handelskammer oder im Stadtrath zu bemühen. In der Laufbahn eines Disraeli, Kossuth, Lassalle, Gambetta spielt er keine Rolle. Diesen Männern ist es nicht darum zu thun, auf der Straße von wichtigthuenden oder aufdringlichen Dummköpfen gegrüßt zu werden, eine bunte Uniform zu tragen, beständig Reporter, Biographen und Porträtzeichner für illustrirte Wochenblätter hinter sich her zu haben und von Zöglingen höherer Töchterschulen Bettelbriefe um Autographen zu empfangen. Um solcher Genugthuungen willen würden sie sich nicht den grausamen Beschwerden des öffentlichen Lebens aussetzen, in welchem man mitten in unserer friedlichen Zivilisation alle Bedingungen des urmenschlichen Daseins wiederholt findet: wo es keine Ruhe und keine Rast gibt, wo man beständig kämpfen, lauschen, lugen, lauern, Spuren suchen und die eigenen verwischen, mit den Waffen in der Hand und mit halbgeschlossenen Augen schlafen muß, wo jeder Begegnende ein Feind ist, wo man die Hand gegen Alle und die Hand Aller gegen sich hat, wo man unaufhörlich verunglimpft, gehetzt, verleumdet, verwundet wird und überhaupt so lebt, wie die Rothhaut auf dem Kriegspfade im Urwalde. Der sogenannte Ehrgeiz, welcher Berufspolitiker bestimmt, ein so mühseliges und gefahrvolles Dasein zu wählen, ist nichts anderes als das Bedürfniß, die eigene Persönlichkeit ganz und voll zu fühlen, ein unsagbar wonnesames Hochgefühl, das der verkümmerte Philister nicht kennt und das man nur erlangt, wenn man entweder nie ein Hinderniß des Willens angetroffen oder es wohl begegnet, aber bekämpft und besiegt hat. Mit der Herrschsucht verhält es sich ähnlich. Dem richtigen, geborenen Parteiführer ist es weit weniger darum zu thun, über andere zu herrschen, als darum, niemand über sich herrschen zu lassen. Wenn er den Willen anderer unter seinen eigenen beugt, so ist es, um sich die Stärke und den Umfang des eigenen Willens wonnig zum Bewußtsein zu bringen. Für denjenigen, der inmitten der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung steht und nicht etwa freiwillig als Einsiedler in der Wildniß lebt, gibt es keine andere Wahl als die, zu beherrschen oder beherrscht zu werden. Da starke Naturen das letztere nicht dulden können, so müssen sie sich zum erster entschließen; nicht weil es ihnen eine besondere Freude macht, sondern weil es heute noch die einzige Form ist, in der das Individuum sich frei und unabhängig fühlen kann. Wenn die Herrschsucht wirklich das wäre, was der wurzelhafte Sinn des Wortes zu besagen scheint, so würde sie immer unter sich blicken und nicht über sich; sie würde die Häupter zählen, die tiefer stehen, nicht die, welche über sie hinausragen. Sie thut aber in der Regel das Gegentheil. Cäsar will lieber der erste sein in einem Dorfe als der zweite in Rom. In diesem Falle würde er einer Million befehlen und ihm nur einer, in jenem blos einigen hundert Menschen. Würde die Herrschsucht in Rom nicht tausendmal größere Befriedigung finden als im Dorfe? Ja, wenn Cäsar blos herrschen wollte. Er will aber nur sein Ich fühlen und dieses stößt sich an eine Schranke, wenn Cäsar in Rom der zweite ist, es entfaltet sich aber frei in dem Dorfe, wo kein stärkerer Wille den seinen drückt. In diesem einen Worte Cäsars liegt die ganze Theorie des Ehrgeizes, der Politiker ins öffentliche Leben stößt. Die kleinen Leute, die nur als Choristen und Statisten im Parlamentarismus mitwirken, mögen andere Beweggründe haben; ihnen ist es darum zu thun, Ämter für sich und die Ihrigen zu erhalten, das Staatsfaß versteckt anzubohren und einen Strohhalm ins Loch zu praktiziren, damit sie sich ohne Kosten volltrinken können; diese »politicans« und »carpet-baggers«, wie man sie in Nordamerika nennt, diese Stellenjäger, Ordensbettler und Budgetschmarotzer sind blos die bezahlten Handlanger der Führer; sie sind Füllsel, keine wesentlichen konstruktiven Bautheile des Parlamentarismus. Für die Führer aber sind die materiellen Vortheile ihrer Stellung das Nebensächliche. Die Hauptsache ist ihnen die ungehinderte Entfaltung eines Ichs, das schmerzliche Krämpfe bekommt, wenn es zusammengekrümmt bleiben muß. Kein Wort ist in dieser Betrachtung so häufig vorgekommen, wie das Wort »Ich«. Ich und immer nur Ich. Das macht: Der Parlamentarismus ist der Triumph, die Apotheose des Egoismus. Theoretisch soll er die organisirte Solidarität sein, praktisch ist er die zum Systeme erhobene Selbstsucht. Nach der Fiktion gibt der Abgeordnete seine Individualität auf und verwandelt sich in ein selbstloses Kollektivwesen, durch welches die Wähler denken und sprechen, wollen und handeln; in Wirklichkeit entäußern sich die Wähler durch den Wahlakt aller ihrer Rechte zu Gunsten des Abgeordneten und dieser erlangt die ganze Gewalt, welche jene verlieren. In seinem Programm, in den Reden, mit welchen er um die Stimmen der Wähler wirbt, geht der Abgeordnete natürlich auf jene Fiktion ein; da ist immer nur vom öffentlichen Interesse die Rede, da ist er der Arbeiter und Sachwalter des allgemeinen Wols, da will er über dem Gemeinwesen sich selbst vergessen. Das sind aber Formeln, die selbst der gutmüthigste Tropf schwerlich mehr buchstäblich nimmt. Was ist dem Abgeordneten das allgemeine Interesse und das öffentliche Wol? Noch weniger als Hekuba dem Komödianten. Er will emporkommen und der Wähler soll die Leitersprosse sein. Für das Gemeinwesen arbeiten? Warum nicht gar! Das Gemeinwesen soll für ihn arbeiten. Man hat die Wähler Stimmvieh genannt. Das ist ein bildlicher Ausdruck von seltener Nichtigkeit. Der Parlamentarismus schafft Verhältnisse, welche denen der Patriarchenzeit ganz analog sind. Die Abgeordneten nehmen die Stelle der Patriarchen ein; ihre Macht beruht wie die der letzteren auf ihrem Reichthum, der im Besitze großer Heerden besteht. Nur setzen sich diese Heerden heute nicht mehr aus wirklichem, sondern aus jenem figürlichen Horn- und Kleinvieh zusammen, das am Wahltage seine Stimme in die Urne wirft. Rabagas sollte eine Karikatur und Satire sein. Mir scheint er vielmehr eine schematische Zeichnung. Warum sich darüber wundern und lachen, daß Rabagas, der große Revolutionär, wenn er mit Hilfe des Volks zur Macht gelangte, gegen das Volk ganz dieselben Regierungs- und Bedrückungsmittel anwendet, die er in seinen Brandreden seinen Vorgängern im Ministerium als Verbrechen angerechnet hat? Ich finde diese Wandlung natürlich und folgerichtig. Der Politiker hat kein anderes Ziel und keinen andern Beweggrund für sein Handeln als die Befriedigung seines Egoismus. Um diese zu erreichen, muß er die Unterstützung der Masse erlangen. Diese Unterstützung erhält man nur durch allerlei herkömmliche Versprechungen und Schlagworte, die man so mechanisch herunterleiert wie ein Kirchenbettler das Vaterunser. Der Politiker unterwirft sich unbedenklich diesem nicht zu umgehenden Gebrauch. Er hat nun die Unterstützung der Wähler und gelangt zur Macht. Damit ist sein Egoismus befriedigt und die Masse verschwindet vollkommen aus seinem Gesichtskreise, um erst wieder aufzutauchen, wenn sie ihn etwa damit bedroht, die Macht aus seiner Hand zu reißen. Dann wird er das Nöthige thun, um dieselbe festzuhalten, wie er das Nöthige that, um sie zu erlangen; er wird also, je nach den Erfordernissen der Lage, entweder wieder den Rosenkranz der Versprechungen und Schlagworte abhaspeln oder die Murrenden mit der Faust bedrohen. Diese Kette logischer Prämissen und Konsequenzen nennt man eben mit einem Worte Parlamentarismus. IV. Man muß nur das politische Getriebe in der Nähe und den Blick auf seine Einzelheiten geheftet betrachten, um zu erkennen, wie schamlos die Praxis des Parlamentarismus seiner Theorie lügt. Wie wird man Abgeordneter? Daß die Wähler einen weisen und guten Mitbürger aufsuchen und ihn bitten, sie im Parlamente zu vertreten, das kommt kaum in Jahrzehnten einmal vor und auch dann nur unter dem Einflusse bestimmter Umstände, welche von diesem Vorgange die anscheinende Idealität vollkommen abstreifen. Eine Partei muß ein Interesse daran haben, das Mandat in den Händen dieses auserlesenen Mannes zu sehen, vielleicht, weil es ihr nützlich ist, sich mit seinem Namen zu schmücken, vielleicht auch, weil der betreffende Wahlkreis sonst einem gefährlichen Gegner anheimfällt. In diesem Falle wird allerdings, um mich einer modernen Redeweise zu bedienen, für einen Namen Reklame gemacht, ohne daß dessen Träger sich um dieselbe bemüht, die Wähler scheinen ihr Vertrauen aus eigenem Antriebe einem Verdienste entgegenzubringen, das um keine Anerkennung bettelt, und das Mandat fällt wirklich, wie die Theorie es fordert, dem Besten unter den Bürgern zu. Gewöhnlich aber vollziehen sich die Dinge ganz anders. Ein Ehrgeiziger tritt vor seine Mitbürger hin und sucht sie zu überzeugen, daß er mehr als alle anderen ihr Vertrauen verdiene. Aus welchem Grunde thut er diesen Schritt? Weil er den Drang hat, dem Gemeinwesen nützlich zu sein? Wer daran glauben könnte! Die Menschen, in denen das Gefühl der Solidarität mit dem Volke, mit der ganzen Menschheit so rege ist, daß es sie drängt, Selbstbefriedigung in der Arbeit und Aufopferung für die Gesammtheit zu suchen, sind zunächst in unserer Zeit noch überaus selten; außerdem liegt es in der Natur der Sache, daß solche Naturen idealistisch angelegt, mit zarten Sinnen ausgerüstet und gegen rauhe und gemeine Berührungen empfindlich sind. Und solche Idealmenschen sollten sich den geistigen und leiblichen Widerwärtigkeiten eines Wahlfeldzugs freiwillig aussetzen wollen? Niemals! Sie können für die Menschen leiden und sterben, aber keiner stumpfsinnigen Wählerhorde banale Komplimente machen. Sie können ohne Aussicht auf Lohn und Anerkennung das thun, was sie für ihre Pflicht halten, aber nicht einer Volksversammlung in schwunghaften Phrasen ihr Selbstlob singen. Sie ziehen sich in der Regel mit jener Scheu, welche der Unverstand oft Hochmuth nennt, die aber nur die Angst vor der Besudelung ihres heiligen Ideals ist, in ihre Arbeitsstube oder in einen engen Kreis gleichgesinnter Geister zurück und vermeiden das rohe Gewühl des Marktes. Die Reformatoren und Märtyrer suchen manchmal die Menge auf, aber nur um sie zu belehren, um ihre Fehler zu tadeln, um sie aus ihren Gewohnheiten herauszureißen, nicht aber um ihr zu schmeicheln, sie in ihren Irrthümern zu bestärken und ihr mit honigsüßen Lippen das zu sagen, was sie gern hört. Darum werden sie öfter gesteinigt als mit Blumen beworfen. Wycliff und Knox, Huß und Luther, Arnold von Brescia und Savonarola haben sicherlich auf große Menschenmassen tiefe Wirkung geübt und neben gewaltigem Haß auch leidenschaftliche Liebe erregt. Doch glaube ich nicht, daß sie, oder daß ein Rousseau, ein Goethe, ein Kant, ein Carlyle mit eigenen Mitteln, ohne die Unterstützung eines Wahlkomités je ein Abgeordnetenmandat in einem ländlichen oder selbst in einem großstädtischen Wahlkreise erlangt hätten. Diese Menschen erniedrigen sich nicht dazu, den Wählern um ihrer Stimme willen den Hof zu machen, namentlich aber einen Gegner zu bekämpfen, der auf den allbegangenen ausgetretenen Pfaden sein Ziel zu erreichen sucht. Die Art, wie man sich um ein Volksmandat bewerben muß, schreckt von vornherein die vornehmen Naturen zurück und bildet nur für die Egoisten kein Hinderniß, die entschlossen sind, zu Ansehen und Einfluß zu gelangen und Alles zu thun, was dazu erforderlich ist. Da haben wir nun einen Mann, der die politische Laufbahn einschlagen will. Die Triebfeder seines Handelns ist Selbstsucht; da er jedoch einer gewissen Volksthümlichkeit bedarf, um zur angestrebten Stellung zu gelangen, Volksthümlichkeit aber gewöhnlich nur dem zutheil wird, der das Wol der Gesammtheit fördert oder zu fördern scheint, so wird er sich mit den öffentlichen Interessen beschäftigen oder doch vorgeben, es zu thun. Er muß, um Erfolg zu haben, mit verschiedenen Eigenschaften ausgerüstet sein, die einen Menschen nicht sympathisch machen. Er darf nicht bescheiden sein, denn sonst würde er sich nicht vordrängen können, und das muß er doch, wenn er bemerkt werden will. Er muß heucheln und lügen können, denn er ist gezwungen, Menschen, die ihn anwidern oder ihm mindestens gleichgiltig sind, freundliche Mienen zu zeigen, da er sich sonst zahllose Feinde schaffen würde, und Versprechungen zu machen, von denen er vorausweiß, daß er sie nicht halten kann. Er muß es über sich bringen, die gemeineren Neigungen und Leidenschaften der Menge, ihre Vorurtheile, ihre herkömmlichen Vorstellungen anzurufen, weil diese eben die verbreiteteren sind und er die Mehrheit gewinnen muß. Diese Züge geben zusammen eine Physiognomie, die einen edleren Menschen abstößt. In einem Roman könnte eine solche Figur niemals die Neigung eines Lesers erwecken. Im Leben aber gibt derselbe Leser dieser Figur seine Stimme bei allen Wahlen. Der Wahlfeldzug hat ganz so wie der wirkliche Krieg seine Fachwissenschaft, seine Strategik und Taktik. Der Kandidat findet sich nie unmittelbar dem Wähler gegenüber. Zwischen beiden steht ein Komité, das seine Vollmacht immer der eigenen Frechheit verdankt. Jemand empfindet das Bedürfniß, sich geltend zu machen. Er beruft also ganz einfach auf eigene Faust seine Mitbürger zu einer Versammlung ein. Fühlt er, daß er noch kein genügendes Ansehen besitzt, um dies mit Aussicht auf Erfolg allein thun zu können, so gesellt er sich einige Freunde zu oder er begibt sich zu einigen reichen und eitlen Dummköpfen, denen er sagt, sie hätten das Recht und die Pflicht, sich an die Spitze ihrer Mitbürger zu stellen, die öffentliche Meinung zu leiten u. s. w. Die Idioten fühlen sich durch diese Einladung sehr geschmeichelt und beeilen sich, unter einen Maueranschlag oder eine Zeitungs-Anzeige eine Unterschrift zu setzen, die in den Augen all jener Tröpfe einen Glanz hat, welche einen Mann nach seinen Geldsäcken, Titeln oder Ehrenstellen beurtheilen. So ist nun eine Wählerversammlung einberufen und ein Komité gegründet, welches sich ihrer Leitung bemächtigt. Jedes derartige Komité besteht aus zwei Elementen, aus energischen und rücksichtslosen Strebern, die einen persönlichen Vortheil moralischer oder materieller Natur verfolgen, und aus wichtigthuenden, ernst und geschäftig dreinschauenden, aber blödsinnigen Gäuchen, welche jene als dekorativen Ballast in ihre Barke einschiffen. Man kann in das Komité gelangen, auch wenn man weder einer seiner Gründer war, noch von diesen zur Mitwirkung eingeladen worden ist. Man braucht nur in der Versammlung laut und häufig zu sprechen und die Aufmerksamkeit der Menge durch Vordringlichkeit auf sich zu lenken. Ein Mensch, der eine kräftige Stimme besitzt und geläufig schwatzen kann, ganz gleichgiltig was, wird in einer Menge unfehlbar alsbald eine gewisse Autorität erlangen, die ihn für diejenigen, welche sich zu Führern dieser Menge aufgeworfen haben, als Bundesgenossen erwünscht, als Gegner hinderlich machen. Sie werden sich deshalb beeilen, ihn gleichfalls in ihr Komité aufzunehmen. Die Komitébildung kann sich um den Mann vollziehen, der selbst Abgeordneter werden will, oder sie kann unbeeinflußt von diesem vor sich gehen. In jenem Fall lenkt der Kandidat selbst die ganze Bewegung; er organisirt sich seinen Generalstab, er beruft die Wähler ein, er bestellt die Redner, welche zu ihnen sprechen sollen, und kämpft selbst um seinen Sieg. Im zweiten Falle dagegen ist das Komité eine Landsknechtschaar, die von irgend einem unternehmenden Hauptmann geworben ist und an einen Kandidaten vermiethet wird, um seine Schlachten zu schlagen. Viele Politiker haben, ehe sie selbst Abgeordnete wurden, auf diese Weise für Andere gearbeitet; sie machten und stürzten Volksvertreter; sie vergaben oder vielmehr verkauften Mandate, sei es einfach um baares Geld für sich und ihre Reisigen, sei es um Ämter und Vortheile anderer Art, in den allerseltensten Fällen wol auch nur um der Eitelkeit willen, als die einflußreichsten Männer eines Wahlkreises anerkannt zu sein. In den Wählerversammlungen herrscht notwendig die Phrase. Die Menge hört nur auf den, der laut spricht, verführerische Zusagen macht und sich in leicht verständlichen Alltäglichkeiten bewegt. Am Wahltage stimmen einige Wähler, die einflußreichsten, die man sich die Mühe nimmt, individuell zu gewinnen, nach den Eingebungen ihrer Eitelkeit oder ihres Interesses; die weitaus überwiegende Mehrzahl aber gibt ihre Stimme für einen der Kandidaten ab, für die eben die Komités gearbeitet haben. Man wirft den Namen in die Urne, den man einem wochenlang in die Ohren gebrüllt hat. Man kennt den Menschen nicht, weiß nichts von seinem Charakter, seinen Fähigkeiten, seinen Neigungen; man wählt ihn aber, weil einem sein Name geläufig ist. Wenn man dem Manne einen alten Theekessel auf vier Stunden leihen sollte, so würde man sich jedenfalls weit eingehender nach ihm erkundigen; die höchsten Interessen des Gemeinwesens, also auch die eigenen, vertraut man ihm jedoch an, ohne mehr von ihm zu wissen, als daß ein Komité von Leuten ihn empfiehlt, die dem einzelnen Wähler oft ebenso unbekannt sind wie der Kandidat selbst. Und es hilft nichts, sich gegen diese Vergewaltigung – denn eine solche ist es – aufzulehnen. Ein einzelner Bürger, der seine verfassungsmäßigen Rechte ernst nimmt und sich den Mann genau besehen will, dem er die wichtigsten Vollmachten in die Hand geben soll, hat gut, sich der Tyrannei eines Komités zu widersetzen, das ihm einen Vertreter von ungenügend bekanntem Charakter aufnöthigt, seine Gewissenhaftigkeit wird unfehlbar im Schlendrian der Menge ertränkt. Was kann er thun? Er kann am Wahltag daheim bleiben oder für den Kandidaten seiner eigenen Neigung stimmen. Weder jenes noch dieses Vorgehen wird ihm das Geringste nützen. Abgeordneter wird doch immer der werden, für den die große Masse der Gedankenlosen oder Gleichgiltigen oder Verschüchterten stimmt, und diese Masse proklamirt stets den Namen, für den am gewaltthätigsten, lautesten und ausdauerndsten gearbeitet worden ist. Es ist wahr: theoretisch steht es jedem Bürger frei, seinen eigenen Kandidaten zu empfehlen, für denselben zu agitiren und ihm unter seinen Mitbürgern eine Partei zu schaffen. Praktisch aber gewinnt derjenige, der blos mit Hinweisen auf die vortrefflichen Eigenschaften eines Kandidaten kommt, weit schwerer Bundesgenossen als der, welcher Vortheile aller Art verspricht, und darum muß der Bürger, der bei der Ausübung seiner politischen Rechte gewissenhaft das Wol des Gemeinwesens ins Auge faßt, stets den Kürzeren ziehen gegen eine Gruppe berufsmäßiger Politiker, die das öffentliche Leben in regelrechten Ausbeutungs-Betrieb nehmen. Das ist die Physiologie der Wahlen für alle Vertretungs-Körperschaften. Der Gewählte soll der Mann des Vertrauens der Mehrheit sein, er ist aber nur der Vertrauensmann einer oft winzigen Minderheit, die jedoch organisirt ist, während die Mehrheit der Wähler einen Wust zusammenhaltsloser Moleküle bildet, und die darum der letzteren ihren Willen aufnöthigen kann. Das Mandat soll dem zufallen, welcher der tüchtigste und weiseste unter den Bürgern ist; es fällt aber dem zu, der sich am kecksten vorwärts drängt. Für einen Kandidaten sind hohe Bildung, Erfahrung, Gewissenhaftigkeit, geistige Überlegenheit unwesentliche Eigenschaften. Sie schaden ihm nicht, aber sie helfen ihm nicht im Geringsten im politischen Kampfe. Was er in erster Linie braucht, das sind Selbstbewußtsein, Keckheit, Redegewandtheit und Vulgarität. Im besten Falle mag also der Kandidat ein ehrlicher und kluger Mann sein, eine vornehme, zartfühlende und bescheidene Natur wird er nicht sein können. Das erklärt es, weshalb in Vertretungskörperschaften Talente nicht selten sind, Charaktere aber äußerst spärlich. Der Berufspolitiker hat durch lügnerische Versprechungen, durch Schweifwedelei vor der Menge, durch unverschämtes Selbstlob, durch deklamatorischen Vortrag von Gemeinplätzen und durch die Unterstützung von Spießgesellen, die mit ähnlichen Mitteln kämpfen, das Mandat erlangt. Unter welchen Bedingungen wird er es ausüben? Er ist entweder eine mächtige Individualität oder ein Dutzendmensch. In jenem Falle wird er eine Partei bilden, in diesem sich einer bestehenden anschließen. Die Eigenschaft, die den Parteiführer macht, ist der Wille. Das ist eine Gabe, die nichts mit dem Verstande, der Phantasie, der Voraussicht, der Großherzigkeit gemein hat. Ein mächtiger Wille kann recht gut mit Beschränktheit des Geistes, Niedrigkeit der Gesinnung, Unehrlichkeit, Selbstsucht und Bosheit einhergehen; er ist eine organische Stärke und kann einem moralischen Monstrum eigen sein, wie sich der unbedeutendste oder verworfenste Mensch eines hohen Wuchses und großer Muskelkraft erfreuen kann. Welches immer seine sonstigen Eigenschaften sein mögen, der Mensch, der die gewaltigste Willensstärke hat, wird naturnothwendig in einer Versammlung von Menschen der erste, der leitende und befehlende sein. Er wird den schwächern Willen, der sich ihm widersetzt, zermalmen; sein Kampf gegen die anderen wird immer der des eisernen Topfes gegen den irdenen sein. Eine hohe Intelligenz kann auch einen starken Willen ihrer Herrschaft unterordnen. Aber wie? Nicht durch Unterwerfung im offenen Ringen, sondern dadurch, daß sie sich scheinbar unter seinen Befehl stellt und ihm in Wirklichkeit ihre Anschauungen so geschickt einflüstert, daß er sie für seine eigenen Eingebungen hält. Die wichtigste Bundesgenossin des Willens im Parlamente ist die Beredsamkeit. Auch diese ist eine natürliche Fähigkeit, die von hoher Geistes- und Charakter-Entwickelung durchaus verschieden ist. Man kann der größte Denker, Dichter, Feldherr oder Gesetzgeber sein und keine wirkungsvolle Rede halten können und umgekehrt kann man die besondere Gabe der Rede besitzen und dabei eine durchaus gewöhnliche Intelligenz sein. Die Geschichte der Parlamente nennt wenige oratorische Größen, die zugleich den geistigen Gesichtskreis der Menschheit erweitert hätten. Die berühmtesten Improvisationen, welche in weltgeschichtlichen Debatten folgenschwere Entscheidungen herbeigeführt und ihrem Urheber Ruhm und Macht gegeben haben, machen gelesen einen so kläglichen Eindruck, daß man sich fragt: »Was muß es doch sein, wodurch diese Rede eine so unbegreifliche Wirkung geübt hat?« Nicht das vernünftige Wort ist es, das in größeren Versammlungen Gehör findet, sondern das schwunghaft vorgetragene. Das einleuchtendste und faßlichste Argument, wenn es ohne lange Vorbereitung und zahlreiche Wiederholungen vor eine größere Zahl von Hörern tritt, hat äußerst wenig Aussicht, sie fortzureißen. Dagegen geschieht es sehr häufig, daß sie den Inspirationen einer thörichten Deklamation blind gehorchen und in jäher, fast unzurechnungsfähiger Übereilung Beschlüsse fassen, die sie sich später bei kühler Überlegung selbst nicht erklären können. Wenn der Parteiführer mit einem starken Willen auch das Talent der Beredsamkeit vereinigt, so spielt er auf der offenen Szene aller Welt sichtbar die erste Rolle. Ist ihm dagegen die Gabe der Rede versagt, so hält er sich als Regisseur hinter den Coulissen auf und leitet, dem Publikum weniger sichtbar, doch den Darstellern die höchste Autorität, den ganzen Gang der parlamentarischen Komödie. Er hat dann Redner, die für ihn sprechen, wie er in vielen Fällen hohe, aber schüchterne und unentschlossene Intelligenzen hat, die für ihn denken. Das Werkzeug, mit dessen Hilfe der Führer seine Macht übt, ist natürlich die Partei. Was ist eine parlamentarische Partei? Theoretisch sollte sie ein Bund von Menschen sein, die ihre Kräfte vereinigen, um gemeinsame Anschauungen in Gesetzen und in der Richtung des Staatslebens zum Ausdruck zu bringen. Praktisch gibt es keine einzige große, namentlich keine einzige herrschende oder durch ihre Zahl regierungsfähige Partei, die durch das Band eines Programms zusammengehalten wäre. Es kommt vor, daß kleine Gruppen, zehn, höchstens zwanzig Personen, durch die Gleichartigkeit ihrer Ansichten über die Dinge des öffentlichen Lebens zusammengeführt werden; große Parteien aber bilden sich immer nur unter dem Einflusse privaten Ehrgeizes, privater Selbstsucht und der Anziehungskraft einer überlegenen zentralen Persönlichkeit. Die Menschen zerfallen von Natur aus in zwei Klassen, von denen die eine so organisirt ist, daß sie keine Herrschaft über sich dulden kann, also, wie ich oben auseinandergesetzt habe, in der heutigen Weltordnung selbst herrschen muß, während die andere zum Gehorchen geboren ist, weil sie die Notwendigkeit, fortwährend Beschlüsse zu fassen und Willensakte zu üben, sowie die Verantwortlichkeit gegen sich selbst für alle Folgen der Beschlüsse, unerläßliche Ergänzungen der Freiheit und Selbstbestimmung, nicht ertragen kann. Die erste Klasse ist natürlich in verschwindender Minderheit gegenüber der andern. Sowie nun ein Mensch des bequemen Gehorchens einem der starken Menschen des Wollens und Gebietens gegenübertritt, beugt er sich ganz von selbst vor ihm und legt vergnügt, ja mit merklicher Erleichterung seines Herzens, die Leitung seines Handelns und die Verantwortlichkeit für dasselbe in seine Hände. Solche Gehorchende sind oft im Stande, die Aufgaben, welche ein fremder Wille ihnen auferlegt, mit großer Kraft, mit Klugheit und Ausdauer, ja mit Selbstaufopferung durchzuführen. Aber der Impuls muß ihnen durchaus vom fremden Willen kommen. Sie haben alle Gaben; es fehlt ihnen nur die der Initiative, ein Wort, welches nichts anderes ist als eine Umschreibung des Begriffs »Wille«. Diese Menschen nun treten sofort in die Dienste eines Führers, wenn sie ihm begegnen. Sie erkennen, daß er eine Macht sei, und sie stellen seinem Willen gern ihre Einzelkräfte zur Verfügung, weil sie spüren, daß er sie zum Siege und zur Beute führen werde. Alle wesentlichen Funktionen des Parlamentarismus werden ganz allein von den Parteihäuptern geübt. Sie beschließen, sie kämpfen, sie triumphiren. Die öffentlichen Sitzungen sind Schaustellungen ohne Bedeutung. Man hält Reden, um die Fiktion des Parlamentarismus nicht untergehen zu lassen. Nur äußerst selten aber hat eine Rede einen wichtigen Parlamentsbeschluß herbeigeführt. Reden dienen dazu, dem Redner Ansehen, Macht und Stellung zu geben; aber sie sind in der Regel ohne den geringsten Einfluß auf die Handlungen, das heißt Abstimmungen der Abgeordneten. Wie diese votiren werden, das wird außerhalb des Sitzungssaals geregelt; maßgebend sind da der Wille des Führers, die Interessen und Eitelkeiten der einzelnen Abgeordneten, seltener und nur in großen, einfachen, scharf umschriebenen Fragen der Druck der öffentlichen Meinung; was etwa im Laufe der Debatte gesagt werden mag, ist für den Ausgang derselben ganz gleichgiltig und so könnte man eigentlich die Verhandlungen völlig unterdrücken und nur die innerhalb der Parteien hauptsächlich nach dem Willen des Führers gefaßten Beschlüsse der entscheidenden Probe einer Abstimmung unterwerfen. Das, was einen zur Regierung gelangten Parteiführer stürzt, das sind nicht die Fehler, die er in der Ausübung der Regierungsgewalt begehen mag, diese dienen immer nur zum Vorwande der Angriffe auf ihn: sondern es ist entweder ein mächtigerer gegnerischer Wille oder die Fahnenflucht von Söldlingen, deren Ansprüche auf Beute der Sieger nicht befriedigen gewollt oder gekonnt hat, oder ein Zusammenwirken dieser beiden Gründe. Das ist so wahr, daß ein Ministerwechsel, auch wenn durch ihn die Gewalt aus den Händen einer Partei in die einer ihr schroff und scheinbar wurzelhaft entgegengesetzten übergeht, an den tieferen Vorgängen des Staatslebens nicht das Geringste ändert. Im Verhältniß des Individuums zum Staate bleibt Alles beim Alten, der einzelne Bürger braucht, wenn er keine Zeitung liest, gar nicht zu merken, daß ein anderes Kabinet und eine andere Partei an die Spitze der Geschäfte gelangt sind und die Worte liberal oder konservativ sind bloße Masken für die eigentlichen Beweggründe aller parlamentarischen Kämpfe, Aufzüge und Wandlungen: Herrschsucht und Egoismus. Das ist die dicke und vielfache Schichtung der politischen Lüge unserer Zeit. In vielen Ländern ist der Parlamentarismus überhaupt nur die spanische Wand, hinter welcher der Absolutismus des Königtums von Gottes Gnaden sein Ergötzen hat. Dort, wo derselbe eine Wirklichkeit ist, wo thatsächlich das Parlament herrscht und regiert, bedeutet er auch nichts anderes als die Diktatur einzelner Persönlichkeiten, die sich abwechselnd der Gewalt bemächtigen. Theoretisch soll der Parlamentarismus der Mehrheit maßgebenden Einfluß sichern, praktisch ruht dieser Einfluß in der Hand eines halben Dutzends Parteiführer, ihrer Berather und Schildknappen. Theoretisch sollen die Überzeugungen sich durch die Argumente bilden, welche die Parlamentsdebatten zu Tage fördern, praktisch bleiben sie von den Debatten unbeeinflußt und werden vom Willen der Führer und von Rücksichten auf Privatinteressen bestimmt. Theoretisch sollen die Abgeordneten blos das Wol der Gesammtheit vor Augen haben, praktisch sorgen sie auf Kosten des Gemeinwesens in erster Linie für ihr eigenes Wol und das ihrer näheren Freunde. Theoretisch sollen die Abgeordneten die besten und weisesten unter den Bürgern sein, praktisch sind sie die ehrgeizigsten, vordringlichsten, derbsten. Theoretisch bedeutet die Abgabe des Stimmzettels für einen Kandidaten, daß der Wähler diesen kennt und ihm vertraut; praktisch stimmt der Wähler für einen Menschen, von dem er meist nichts weiß, als daß eine Gruppe von Lärmmachern ihm dessen Namen wochenlang ins Ohr gebrüllt und vor den Augen herumgeschwungen hat. Die Kräfte, die theoretisch die parlamentarische Maschine bewegen sollen, sind Erfahrung, Voraussicht, Selbstlosigkeit; praktisch sind es Willensstärke, Egoismus und Beredsamkeit. Hohe Intelligenz und edle Gesinnung erliegen gewandter Phrasendrescherei und unerschütterlicher Keckheit und nicht die Weisheit leitet die Parlamente, sondern ein hartnäckiger individueller Entschluß und ein dröhnendes Wort. Von dem Selbstbestimmungsrechte der Völker, deren Sanktion der Parlamentarismus ist, gelangt auf den einzelnen Bürger nicht ein Titelchen, mein armer Hans hat zu zehnten und zu gehorchen und sich die Ellenbogen an tausend sinnlosen Einschränkungen blau zu stoßen wie je zuvor und der Parlamentarismus mit seinem ganzen Geräusch und Geberdenspiel kommt ihm nur zum Bewußtsein, wenn er am Wahltag seine Beine mit dem Gange zur Urne ermüdet und in seiner Zeitung das Überwuchern meist langweiliger Parlamentsberichte über den anderweitigen unterhaltlicheren Lesestoff konstatirt. Die wirthschaftliche Lüge. I. Diejenigen Übelstände der Zivilisation, die von der größten Anzahl Menschen und zugleich am tiefsten und dauerndsten empfunden werden, sind die wirthschaftlichen. Es gibt genug Individuen, die sich nie mit übersinnlichen Fragen beschäftigen, denen Gott ebenso gleichgiltig ist wie die Materie, die Enzyklika ebenso uninteressant wie die Deszendenz-Theorie und bei denen der Glaube oder das Wissen gleich oberflächlich bleibt. Auch die Politik läßt Viele kühl und größer vielleicht als man gewöhnlich annimmt ist die Menge der Leute, die sich nicht darum scheeren, ob sie im Namen eines persönlichen Herrschers oder einer unpersönlichen Republik regiert werden, so lange der Staat ihnen unverändert blos in der Form des Polizeibeamten, des Steuerboten und des Drill-Unteroffiziers sichtbar wird. Dagegen gibt es den Kulturmenschen nicht, der nicht täglich vor die Frage des Erwerbs und Verbrauchs gestellt wäre. Die Erscheinungen des Wirthschaftslebens drängen sich auch der stumpfsten Beobachtung und der verschlossensten Intelligenz auf. Wer überhaupt bei Bewußtsein ist, der empfindet Bedürfnisse, murrt über die Schwierigkeit oder empört sich gegen die Unmöglichkeit ihrer Befriedigung, sieht mit Bitterkeit das Mißverhältniß zwischen seiner Arbeitsanstrengnng und den Genüssen, die er sich um deren Preis verschaffen kann und vergleicht seinen eigenen Antheil an den Gaben der Natur und künstlichen Gütern mit dem der anderen. Hungrig wird man alle paar Stunden, müde ist man am Abend eines jeden Arbeitstages, jedesmal, so oft man einen durch Glanz und gefällige Form ins Auge fallenden Gegenstand sieht, hat man infolge des natürlichen Instinkts der Geltendmachung der eigenen Individualität durch auszeichnende, schmückende oder sonst den Blick anziehende Anhängsel die Begier, sich denselben anzueignen und so wird man durch Leibeszustände fortwährend darauf geführt, sein Verhältniß zur allgemeinen wirthschaftlichen Bewegung, zur Hervorbringung und Benutzung der Güter, zu überdenken. Es gibt denn auch nichts, was die Massen so leidenschaftlich erregen könnte wie dieser Gegenstand. Im Mittelalter setzte man Millionen in Bewegung, indem man ihnen von Religion sprach. Am Ausgang des vorigen Jahrhunderts und noch bis in die Mitte des unsrigen entflammten sich die Völker für ihre idealen Bedürfnisse der Aufklärung und politischen Freiheit. Das Ende des neunzehnten Jahrhunderts erfüllt der Ruf nach Brod für die große Mehrheit. Dieser Ruf ist der einzige Inhalt der Politik, die manchmal versucht, durch allerlei packende Zwischenspiele, namentlich durch Hetzerei gegen einander oder gegen einzelne Gesellschaftsklassen, durch Kriege, Kolonisation, Ausstellungen, dynastische Komödien, parlamentarische Schwätzereien und sogenannte Reformen die Völker von dem sie ganz ausfüllenden Gedanken abzulenken, jedoch immer wieder durch den Druck der öffentlichen Meinung genöthigt ist, zu der einzigen großen Weltsorge, zur Erwerbsfrage, zurückzukehren. Kreuzzüge sind heute nicht mehr für die Befreiung eines heiligen Grabes, nur noch für Eroberung des goldenen Vließes, Wolstand genannt, denkbar und man macht Revolutionen nicht mehr um papierener Verfassungen und demokratischer Schlagworte willen, sondern um weniger hart zu roboten und reichlicher zu essen. Zu keiner Zeit sind die Gegensätze zwischen Reich und Arm so schroff und gewaltsam gewesen wie gegenwärtig. Diejenigen Nationalökonomen, welche ihre wissenschaftlichen Werke mit dem Axiom beginnen, daß der Pauperismus so alt sei wie die Menschen selbst, spielen leichtfertig oder betrügerisch mit Worten. Es gibt eine absolute und eine relative Armuth. Absolute Armuth ist der Zustand, in welchem ein Mensch seine wirklichen Bedürfnisse, d. h. diejenigen, die durch seine organischen Lebensakte entstehen, gar nicht oder nur unvollständig befriedigen kann, wo er also keine genügende Nahrung findet oder dieselbe nur mit solcher Anstrengung erlangt, daß ihm die Ruhe und der Schlaf zu karg zugemessen sind, deren sein Organismus bedarf, wenn er nicht verkümmern und vorzeitig zu Grunde gehen soll. Relative Armuth bedeutet dagegen das Unvermögen, solche Bedürfnisse zu befriedigen, die man sich künstlich angewöhnt hat, die keine nothwendigen Bedingungen der Lebens- und Gesundheitserhaltung sind und die dem Individuum großentheils nur durch Vergleichung seiner eigenen Lebenshaltung mit der der Anderen zu Empfindung und Bewußtsein gelangen. Der Arbeiter fühlt sich arm, wenn er nicht rauchen und Branntwein trinken, die Krämerin, wenn sie sich nicht in Seide kleiden und mit überflüssigem Hausrath umgeben, der Mann der liberalen Professionen, wenn er sich nicht durch Anhäufung eines Kapitals der quälenden Sorge um die Zukunft seiner Kinder oder um seine eigenen alten Tage entledigen kann. Diese Armuth ist offenbar nicht allein relativ, insofern z. B. die Krämerin dem Arbeiter reich scheint und der Professor eine Lebensweise luxuriös fände, die dem in Gewohnheiten der raffinirten Üppigkeit aufgewachsenen Aristokraten dürftig schiene, sie ist auch subjektiv, insofern sie blos in der Einbildung des betreffenden Individuums besteht und keineswegs eine objektiv feststellbare Nichterfüllung nothwendiger Daseinsbedingungen und dadurch eine Verkümmerung des Organismus nach sich zieht. Es ist mit einem Worte keine physiologische Armuth und schon der alte Diogenes hat gezeigt, daß diese allein die Grenze der subjektiven Glücksempfindung bezeichnet, daß man sich dagegen sehr wol befinden kann, so lange man die Nothdurft des Leibes reichlich und leicht befriedigt. Vom Standpunkte eines Kulturmenschen des neunzehnten Jahrhunderts angesehen, der ein Sklave aller Gewohnheiten und Bedürfnisse des zivilisirten Lebens ist, scheint die große Mehrheit der Menschen allerdings immer relativ arm gewesen zu sein, so weit man in die Vergangenheit blickt, und um so ärmer, je weiter man sich von der Gegenwart entfernt. Die Kleider der Menschen waren gröber und wurden seltener erneuert, ihre Wohnung war schlechter, ihre Nahrung einfacher, ihr Geräth spärlicher, sie hatten weniger Baargeld und geringeren Überfluß an Tand. Diese relative Armuth ist aber wenig rührend. Nur eine hirnlose Zierpuppe wird es tragisch finden, daß etwa eine Eskimofrau sich gegen die Kälte durch einen sackähnlichen Anzug aus Seehundsfell statt durch verwickelte und ebenso theure wie geschmacklose Konstruktionen aus Seide schützen muß, und ich bezweifle, daß der sentimentale Wunsch des guten Königs Heinrich IV., jeder Bauer möge allsonntäglich sein Huhn im Kochtopf haben, wirkliche Bauern jemals gerührt und begeistert hat, so lange sie sich mit Rindfleisch sattessen gekonnt. Allein die absolute, die physiologische Armuth tritt nur im Gefolge einer hohen und ungesunden Zivilisation als dauernde Erscheinung auf. Sie ist im Naturzustände des Menschen und selbst noch bei einem niedrigem Grade der Gesittung sogar undenkbar. Es ist der erste und vornehmste Lebensakt eines jeden organischen Wesens, von der Monade bis zum Elephanten, von der Bakterie bis zur Eiche, sich ausreichende Nahrung zu suchen. Findet sie es nicht, so geht es eben zu Grunde. Freiwillig aber bequemt es sich dem anhaltenden Mangel derselben nicht an. Das ist ein biologisches Gesetz, was den Menschen ebenso beherrscht wie alle übrigen Lebewesen. Der primitive Mensch findet sich mit der Noth nicht unterwürfig ab, sondern bekämpft und besiegt sie oder wird sehr rasch von ihr besiegt. Ist er Jäger und zieht sich das Wild von seinen Jagdgründen zurück, so sucht er neue Jagdgründe auf. Sitzt er als Ackerbauer auf unergiebiger Scholle, so genügt die erste Kunde von fruchtbareren Gefilden, daß er sich aufmache, um diese zu besiedeln. Stellen sich andere Menschen zwischen ihn und seine Nahrung, so greift er zur Waffe und schlägt todt oder wird todtgeschlagen. Der Überfluß ist dann der Preis der Stärke und des Muthes. So braust der Strom der Völkerwanderung aus undankbaren Erdgegenden in die Länder, welche von der Sonne gesegnet sind, der Heroismus eines Geiserich und Attila, eines Dschengis-Chan und Wilhelm von der Normandie hat seinen Ursprung im Magen und auf den blutigsten und glorreichsten Schlachtfeldern, von welchen die Poeten singen und die Geschichte spricht, wird durch die eisernen Würfel die Frage des Mittagstisches entschieden. Mit einem Worte: der primitive Mensch duldet die wirkliche Armuth, d. h. den Hunger, nicht. Er greift gegen das schleichende Elend unverzüglich zu den Waffen und erobert sich den Überfluß oder stirbt unter dem Beile des Feindes, ehe ihn die Entbehrung langsam aufgerieben hat. Auch mit einer Zivilisation, die noch nicht über den Standpunkt der Physiokratie hinauslangte, ist absolute Armuth unvereinbar. So lange ein Volk nur Ackerbau, Viehzucht und Hausindustrie kennt, mag es an Edelmetall und Luxusgegenständen arm sein, aber es fehlt keinem seiner Mitglieder an Lebensmitteln. Erst wenn der Mensch den Zusammenhang mit der nährenden Mutter Erde verliert, erst wenn er sich von der treuen Furche des Ackers losreißt und von der Natur nicht mehr erreicht werden kann, die ihm Brod und Früchte, die Milch und das Kalb der Kuh, Wildpret und Fische darbietet, erst wenn er sich hinter Stadtmauern hockt, seinen Antheil am Boden, Wald und Flusse aufgibt und nicht mehr mit eigenen Händen aus den Vorrathskammern des Thier- und Pflanzenreichs seinen Bedarf an Speise und Trank schöpfen kann, sondern auf den Austausch der Erzeugnisse seines Gewerbefleißes gegen die von Anderen monopolisirten Naturprodukte angewiesen ist, erst dann beginnt mit der Möglichkeit für eine kleine Minderheit, große Reichthümer aufzuhäufen, für eine zahlreiche Klasse die Möglichkeit absoluter Armuth, physiologischen Elendes. Eine Nation, die aus freien Bauern besteht, ist niemals arm. Das kann sie erst werden, wenn der Bauer in Leibeigenschaft gezwungen wird und ein Herr ihm den Ertrag seines Ackers wegnimmt, oder ihn durch anderweitige Verwendung und Vergeudung seiner Arbeitskraft an der Bestellung seiner Hufe hindert und wenn die Städte sich vervielfältigen und einen großen Theil der Nation an sich ziehen. Die hohe Zivilisation endlich verurtheilt eine täglich ansehnlicher werdende Menge der Volksgenossen zur absoluten Armuth, indem sie die Vergrößerung der Städte auf Kosten der Landbevölkerung, die Entwickelung der Großindustrie auf Kosten der Thier- und Pflanzen-Produktion begünstigt und ein zahlreiches Proletariat schafft, das keinen Zoll breit eigenen Bodens besitzt, aus den natürlichen Daseinsbedingungen des Menschen herausgeschleudert ist und an dem Tage verhungern muß, an welchem es seine Werfte, Fabrik oder Werkstatt gesperrt findet. Auf diesen Standpunkt sind die Länder Westeuropas gelangt, die gerade für die reichsten und zivilisirtesten gelten. Ihre Bevölkerung zerfällt in eine kleine Minorität, welche in einem anstößigen und geräuschvollen Luxus lebt und zum Theil von einem wahren Vergeudungswahnsiun ergriffen scheint, und einer großen Masse, die entweder nur mit härtester Mühe ihr Leben fristet oder trotz aller Anstrengung zu keinem menschenwürdigen Dasein gelangen kann. Jene Minderheit wird täglich reicher, der Abstand zwischen ihrer Lebenshaltung und derjenigen des Volksdurchschnitts täglich weiter, ihr Ansehen und Einfluß im Gemeinwesen täglich gewaltiger. Wenn man von der nie dagewesenen tollen Verschwendung zeitgenössischer Millionäre und Milliardäre spricht, so nehmen gewisse Kultur-Historiker überlegene Mienen an und zitiren mit mitleidigem Lächeln über solche Unwissenheit irgend einen lateinischen Schmöker, der beweisen soll, daß es heute noch lange nicht so arg getrieben wird wie im Rom der Kaiserzeit und selbst wie im Mittelalter, und daß das Mißverhältniß zwischen den Überreichen und Bettelarmen innerhalb derselben Nation früher weit größer war als gegenwärtig. Das ist aber nur aftergelehrter Schwindel. Vermögen wie die eines Vanderbilt, Baron Hirsch, Rothschild, Krupp u. s. w., Vermögen von 400 Millionen Mark und darüber hat es im Mittelalter nicht gegeben. Im Alterthum mag einmal der Günstling eines Despoten oder ein Satrap oder Prokonsul, nachdem er eine Provinz oder einen Welttheil gründlich ausgeraubt hatte, einen ebenso ungeheuren Besitz aufgehäuft haben, aber dieser Reichthum hatte keine Dauer. Er war wie die Schätze, von denen die Märchen erzählen. Man besaß ihn heute und hatte ihn morgen verloren. Sein Besitzer träumte einen kurzen Traum, aus dem ihn der Stahl eines Mörders, die Verfolgung seines Herrschers, eine brutale Beschlagnahme seines Vermögens weckte. Daß so ungeheurer Reichthum von Vater auf Sohn auch nur durch drei Generationen sich vererbt, daß sein Besitzer sich seiner in ruhigem und unangefochtenem Genusse erfreut habe, dafür findet sich in der ganzen Geschichte der römischen Kaiserzeit und der orientalischen Reiche kein einziges Beispiel. Und jedenfalls sind die Millionäre und Milliardäre früher unvergleichlich seltener gewesen als heute, wo man die Zahl der Privatleute, die mehr als fünf Millionen Mark besitzen, in England allein auf etwa achthundert bis tausend schätzt und die Zahl derjenigen, deren Vermögen über eine Million beträgt, in ganz Europa – die übrigen Welttheile gar nicht mit gerechnet – hunderttausend mindestens erreicht, wahrscheinlich sogar bedeutend übersteigt. Andererseits gab es zu keiner Zeit eine solche Menge völlig besitzloser Individuen, Armer im Sinne meiner oben gegebenen Definition, Menschen, die des Morgens nicht wissen, was sie am Tage essen und wo sie des Abends schlafen werden. Der Sklave im Alterthum, der Leibeigene im Mittelalter war freilich völlig besitzlos, da er selbst Eigenthum, Sache war, aber für seine einfachsten Bedürfnisse war gesorgt, er hatte von seinem Herrn Nahrung und Obdach. Im Mittelalter waren nur die unehrlichen Leute, Landstreicher, Gaukler, Zigeuner, fahrendes Volk aller Art, völlig enterbt. Sie nannten nichts auf Erden ihr Eigen, für sie war nirgends ein Tisch gedeckt, die herrschende Rechtsanschauung verweigerte ihnen selbst die theoretische Berechtigung, die Gaben der Natur als auch für sie vorhanden zu betrachten. Sie halfen sich aber durch Bettel, Diebstahl und Raub aus dem Elend heraus, in das die damalige Gesellschaft sie grundsätzlich einkerkerte, und wenn auch Galgen und Rad häufiger ihre Todesursache waren als Altersschwäche, so gelangten sie doch meistens satt und fröhlich bis an den Fuß des Hochgerichts. Das heutige Proletariat der Großstädte hat keine Ahnen in der Geschichte. Es ist ein Kind unserer Zeit. Der moderne Proletarier ist elender als der Sklave des Alterthums, denn er wird von keinem Herrn ernährt und wenn er vor jenem die Freiheit voraus hat, so müssen wir zugeben, daß dieselbe vornehmlich die Freiheit, Hungers zu sterben, ist. Er hat es nicht einmal so gut wie der unehrliche Mann des Mittelalters, denn er besitzt nicht die frische Unabhängigkeit dieses ausgestoßenen Landfahrers, er lehnt sich nur selten gegen die Gesellschaft auf und hat nicht das Auskunftsmittel, sich durch Diebstahl oder Raub das anzueignen, was ihm die bestehende Besitzordnung versagt. Der Reiche ist also reicher, der Arme ärmer, als er je in geschichtlicher Zeit gewesen. Dasselbe gilt vom Übermuth der Reichen. Man schwatzt uns fortwährend die Ohren voll mit den Gastmählern des Lucullus, von deren Abfällen sich noch heute anekdotenkramende Historiker und Archäologen nähren. Es soll aber noch bewiesen werden, daß das alte Rom je ein Fest gesehen hat, welches 400,000 Mark gekostet hat, wie der Ball eines New-Yorker Krösus, von dem die Zeitungen kürzlich berichtet haben! Ein Privatmann, der seinen Gästen Nachtigallenzungen-Pasteten vorsetzte oder einer griechischen Hetäre einige hunderttausend Sesterzen schenkte, erregte in Rom solches Aufsehen, daß alle Satiriker und Chronisten der Mit- und Nachwelt seinen Namen wiederholen. Heute spricht Niemand von den Tausenden und Tausenden, die 200,000 Mark für ein Service aus altem Sèvres oder 600,000 Mark für ein Rennpferd bezahlen oder einer käuflichen Dirne die Verschwendung einer Million in einem Jahre gestatten. Der orgienhafte Luxus des Alterthums und Mittelalters war eine äußerst seltene Einzelerscheinung, die gerade um ihrer Seltenheit willen auffiel. Jener Luxus hatte überdies die Scham, sich innerhalb eines engen Gesellschaftskreises zu verbergen. Die enterbte Masse bekam nichts von ihm zu sehen. Heute schließt sich der Übermuth der Reichen nicht in die Fest- und Speisesäle der Privathäuser ein, sondern wuchert mit Vorliebe auf die Straße hinaus. Die Stätten, wo sich ihre anstößige Üppigkeit entfaltet, sind die Promenaden der Großstädte, die Theater und Konzertsäle, die Wettrennplätze, die Kurorte. Ihre Gespanne fahren überall, wo sie barfüßige Hungerleider mit Koth bespritzen, ihre Brillanten scheinen ihr volles Feuer nur dort zu entwickeln, wo sie Proletarieraugen blenden können. Ihre Verschwendung nimmt gerne die Journalistik zur Zuschauerin und sucht sich durch die Zeitung der Kenntniß von Kreisen aufzudrängen, die keine Gelegenheit haben, mit eigenen Sinnen das ewige Gelage, die lebelange Fastnacht der Reichen zu beobachten. Dadurch wird dem modernen Proletarier ein Element der Vergleichung geboten, das dem antiken Dürftigen fehlte. Die Vergeudungen der Millionäre, deren Zeuge er ist, werden zum genauen Maßstab seines eigenen Elendes, das ihm dadurch mit mathematischer Klarheit in seiner ganzen Breite und Tiefe zum Bewußtsein gelangt. Nun ist aber die Armuth nur dann ein Übel, wenn sie subjektiv als solches empfunden wird; darum verschärfen die Millionäre durch die unklug herausfordernde Unverhohlenheit ihrer Prasserei das Leiden der Proletarier; das vor Aller Blicken offen gegebene Schauspiel ihres Lebens von Müßiggang und Genuß erweckt nothwendig die Unzufriedenheit und den Neid der letzteren und dieses moralische Gift frißt stärker an ihrem Gemüthe als die materiellen Entbehrungen. Diese materiellen Entbehrungen dürfen aber darum auch nicht unterschätzt werden. Die große Masse der Besitzlosen in den Kulturländern fristet ihr nacktes Dasein unter Bedingungen, wie sie keinem einzigen freien Thiere der Wildniß bereitet sind. Die Wohnung des Proletariers der Großstädte ist ungleich schmutziger und ungesunder als die Lagerstätte der großen Raubthiere, ein Dachs- oder Fuchsbau. Gegen die Kälte ist er unvollkommener geschützt als diese. Seine Nahrung ist gerade nur ausreichend, um ihn nicht gleich verhungern zu lassen, obwohl auch tatsächlicher Hungertod in den Weltstädten ein tägliches Vorkommniß ist. Die Nationalökonomen haben zur Tröstung des unruhigen Gewissens der Besitzenden eine Phrase erfunden, die sie pomphaft das »eiserne Lohngesetz« nennen. Nach diesem Gesetze soll der Tagelohn mindestens so viel betragen, als an dem betreffenden Orte zur Erhaltung des Lebens eben nothwendig ist. Das hieße mit anderen Worten, daß der Arbeiter sicher sein kann, wenn schon keinen Überfluß, so doch wenigstens Befriedigung seiner Nothdurft zu erwerben. Das wäre ja sehr schön, wenn es sich so verhielte. Dann könnte sich ja der Reiche früh und Abend vorsagen, daß Alles aufs Beste bestellt sei in dieser besten aller Welten und Niemand das Recht habe durch Stöhnen oder Fluchen seine Verdauung und Nachtruhe zu stören. Das Unglück ist nur, daß das berühmte eiserne Lohngesetz ein jesuitisches Spiel mit Worten ist. Es findet zunächst auf diejenigen keine Anwendung, die sich überhaupt keine Arbeit verschaffen können. Und während der Zeit, wo er wirklich arbeitet, kann der Proletarier nirgends in Westeuropa so viel erwerben, daß er für die Zeit der Arbeitslosigkeit etwas erübrigt. Er ist also während eines Theils des Jahres auf Bettel oder langsame organische Verkümmerung durch Entbehrung angewiesen. Das eiserne Lohngesetz hat aber auch für das Ausmaß des Tagelohns der wirklich Beschäftigten keine Geltung. Was ist das Minimum dessen, was das Individuum zur Fristung seines Daseins braucht? Offenbar so viel, daß das Individuum damit seinen Organismus in gutem Stand erhalten, sich voll entwickeln und die natürlichen Grenzen seines Lebens erreichen kann. Sowie es sich mehr anstrengt, als seinem Organismus zuträglich ist, oder nicht so viel Nahrung, Wärme und Schlaf hat, wie sein Organismus erfordert, wenn er auf der vollen Höhe seines Typus bleiben soll, verfällt das Individuum dem physiologischen Elend. Überarbeitung ist als Ursache organischer Verkümmerung gleichwerthig mit Unternährung, diese aber ist gleichbedeutend mit langsamem Verhungern. Wenn das »eiserne Lohngesetz« wirklich wäre, was es zu sein vorgibt, so müßte der Tagelöhner durch seine Arbeit mindestens seinen Organismus zu der Beschaffenheit bringen und in derselben erhalten können, die zu erlangen ihm infolge seiner natürlichen Anlage möglich ist. Das kann aber der Tagelöhner erfahrungsgemäß nirgends in Europa. Der optimistische Nationalökonom weist triumphirend auf sein eisernes Lohngesetz hin, wenn er sieht, daß der Tagelöhner nicht gleich am Ende eines jeden Arbeitstages verhungernd niederfällt, sondern sich den Magen mit Kartoffeln füllt, seine Pfeife raucht, seinen Schnaps trinkt und sich selbst einredet, daß er nun satt und behaglich sei. Da kommt aber die Statistik und zeigt, daß die durchschnittliche Lebensdauer des Tagelöhners um ein Drittel, in manchen Fällen sogar um die Hälfte kürzer sei als die der wohlhabenden Individuen derselben Nation, die unter den gleichen klimatischen Bedingungen und auf dem gleichen Boden leben. Wer raubt den Proletariern die Lebensjahre, auf die sie als Söhne einer gegebenen Race und als Bewohner eines gegebenen Erdstrichs natürlichen Anspruch hätten? Wer anders als der Hunger, das Elend, die Entbehrung, die langsam ihre Gesundheit untergraben und ihren Organismus schwächen! Der Tagelohn reicht also höchstens aus, um den Proletarier vor dem schleunigen Verhungern und Erfrieren, nicht aber, um ihn vor dem vorzeitigen Zugrundegehen durch ungenügende Ernährung, Bekleidung und Ruhe zu bewahren, und die Krankheits- und Sterblichkeitsausweise der Arbeiterbevölkerung brandmarken das »eiserne Lohngesetz« als eine schamlose Lüge. Das Bild der wirthschaftlichen Organisation der Gesellschaft wäre nicht vollständig, wenn ich neben dem übermüthigen Millionär und dem zu Krankheit und frühem Tode verurtheilten Proletarier nicht noch eine andere Klasse von Besitzlosen zeigen würde, die in der bestehenden Wirtschaftsordnung nur unwesentlich minder stiefmütterlich bedacht sind als der Industriesklave der Großstädte. Es sind dies die Gebildeten, die, von Hause aus vermögenslos, durch geistige Arbeit ihren Lebensunterhalt zu gewinnen haben. Das Angebot überwiegt auf diesem Arbeitsgebiete allenthalben in schreckenerregendem Maße den Bedarf. Die sogenannten liberalen Carrièren sind überall so überfüllt, daß diejenigen, welche sie verfolgen, einander erdrücken und der Kampf ums Dasein in denselben die grausamsten und häßlichsten Formen annimmt. Diese Unglücklichen, die eine öffentliche oder private Anstellung, ein Lehramt, den Erfolg als Künstler, Schriftsteller, Advokaten, Arzte, Ingenieure u. s. w. erstreben, sind wegen ihrer höhern geistigen Entwicklung einer größeren Intensität der Empfindung ihres Elends fähig; ihr intimerer Verkehr mit Wohlhabender stellt das Bild des Reichthums fortwährend gegensätzlich neben das ihrer Armuth und erhält in ihnen das Bewußtsein der letzteren weit mehr wach; vom gesellschaftlichen Vorurtheil ist ihnen eine Lebenshaltung auferlegt, die, ohne hygienisch werthvoller zu sein, ihnen dennoch ungleich größere Opfer aufbürdet als dem Proletarier die seinige, und der Wohlstand ist in ihrer Laufbahn der Preis von Demüthigungen, Charakter-Erdrückungen und Entäußerungen des eigenen Ichs, die gut angelegten Naturen noch schmerzlicher sind als materielle Entbehrungen. Weil diese Individuen subjektiv stärker leiden, ertragen sie auch den Zwang der wirthschaftlichen Ordnung ungeduldiger als die Proletarier. Der Besitzende nennt diejenigen unter ihnen, die ohne Erfolg gerungen haben, Deklassierte und heuchelt, sie zu verachten. Die Deklassirten sind aber die todesmuthigen Vorstreiter des Heeres, das die trotzige Veste des Gesellschaftsbaues belagert und sie früher oder später dem Boden gleichmachen wird. II. Analysiren wir die einzelnen Elemente des im Vorstehenden gezeichneten Bildes nun etwas eingehender. Wir haben da den ohne Arbeit im Überfluß schwelgenden Reichen, den zur organischen Verkümmerung verurtheilten Proletarier und den durch eine mörderische Konkurrenz erdrückten geistigen Arbeiter gesehen. Leuchten wir zunächst der reichen Minderheit ins Gesicht. Welches sind die Quellen des Reichthums dieser Minderheit? Dieselbe hat ihr Vermögen entweder geerbt und beschränkt sich darauf, es zu erhalten, oder sie hat es vermehrt oder selbst geschaffen. Von der Vererbung wird später ausführlicher die Rede sein. Hier sei nur bemerkt, daß der Mensch das einzige Lebewesen ist, welches die natürliche Fürsorge für die Nachkommen, eine der Kundgebungen des Gattungs-Erhaltungstriebes und die nothwendige Ergänzung des Fortpflanzungsaktes, so übertreibt, daß es nicht nur die nächste Generation bis zur erreichten Vollentwickelung, sondern noch die fernsten Geschlechtsfolgen während ihrer ganzen Lebensdauer der Notwendigkeit, für sich selbst zu sorgen, entheben will. Die Vermehrung der ererbten großen Vermögen geschieht in den meisten Fällen ohne das geringste Dazuthun des Besitzers und ist namentlich nicht die Folge seiner Arbeit. Die großen und alten Vermögen bestehen hauptsächlich in unbeweglichem Besitze, in Landgütern und Stadthäusern. Der Boden und Häuserwerth nun steigt überall von Jahr zu Jahr und das Einkommen aus diesen Vermögensquellen wächst in dem Maße, in welchem die Zivilisation zunimmt. Die Hervorbringungen des Gewerbefleißes werden billiger, die Lebensmittel beständig theurer und das Obdach wird in den unaufhörlich anwachsenden Städten immer beschränkter und kostspieliger. Einzelne Nationalökonomen leugnen das Theurerwerden der Nahrungsmittel. Sie können aber für ihre Ansicht nur sophistische Beweise anführen. Gewiß, in den Zeiten des schwierigeren Verkehrs waren Hungersnöthe häufiger und Mißwachs konnte an einzelnen Orten Getreidepreise von einer Höhe veranlassen, die heute undenkbar wäre. Die Plötzlichkeit und Weite der Preisschwankungen in der Vergangenheit hat aufgehört, aber die durchschnittliche Höhe der Getreide- und Fleischpreise steigt fortwährend und dieser Anstieg wird durch die unvorsichtige Ausbeutung ungeheurer Strecken jungfräulichen Bodens in Amerika und Australien nicht aufgehalten, nur etwas verlangsamt. An dem wol nahe bevorstehenden Tage, da der Raubbau auch die neuen Kontinente erschöpft haben und der Pflug keine herrenlosen Länder mehr zu erobern finden wird, muß der Werth der Lebensmittel maßlos wachsen, während bei den fortwährenden Vervollkommnungen der Maschinen und der immer großartigeren Ausnutzung der außermenschlichen Naturkräfte ein Aufhören des Sinkens der Preise aller Industrieerzeugnisse nicht abzusehen ist. Diese doppelte Strömung im Wirthschaftsleben, die Neigung der Lebensmittelpreise, zu steigen, die der Industrieproduktenpreise, zu sinken, macht den Industriearbeiter immer ärmer, den Grundbesitzer immer reicher. Jener muß immer mehr arbeiten, eine immer größere Menge Waaren hervorbringen, um sich die zu seiner Erhaltung nöthigen Naturerzeugnisse zu verschaffen, dieser kann die Hervorbringungen seines Bodens von Jahr zu Jahr gegen eine größere Menge von Industriegegenständen vertauschen. Dem Proletarier wird die Sättigung immer schwerer, dem Grundbesitzer die Vergeudung der Arbeitsprodukte des ersteren immer leichter und die Zahl der Poletarier, die für den Luxus des Grundbesitzers arbeiten, die also seine Sklaven sind, hört nicht auf, größer zu werden. Nicht sein Verdienst macht also den Erben des Landes und der Stadthäuser immer reicher, sondern die fehlerhafte Organisation des wirthschaftlichen Zustandes der Gesellschaft, die den Boden, das natürliche Arbeitswerkzeug der Menschheit, in die Hände Einzelner legt und den seines Antheils an der Erde beraubten Proletarier in den Großstädten anhäuft. Neue Vermögen werden durch Handel, Spekulation oder Großindustrie geschaffen. Die Fülle, in welchen ein Einzelner durch die Mitwirkung des Zufalls große Reichthümer erlangt, indem er zum Beispiel Goldminen, Diamantengruben oder Petroleumquellen entdeckt und sie Dank den herrschenden Eigenthumsbegriffen für sich behalten und zu seinem eigenen Vortheil ausbeuten kann, dürfen wir vernachlässigen, weil sie allzu seltene Ausnahmen sind. Immerhin haben diese Ausnahmen übrigens einen theoretischen Werth als Beweise gegen die Richtigkeit einer andern sogenannten wissenschaftlichen These der Volkswirthschaftslehre, der These, daß Kapital in allen Fällen aufgesparte Arbeit sei. Welche Arbeit repräsentirt etwa ein Diamant von der Größe des Koh-i-Noor, den ein Abenteurer in Südafrika auf dem Boden findet und um mehrere Millionen verkauft? Ein Professor der Nationalökonomie ist um die Antwort nicht verlegen: der Edelstein ist allerdings ein Lohn der Arbeit; nämlich der Arbeit, daß der Finder sich gebückt und ihn aufgelesen hat. Die kodifizirte Wissenschaft nimmt eine solche Erklärung mit wolgefälligem Kopfnicken auf und proklamirt die Theorie als gerettet. Der gesunde Menschenverstand aber treibt mit Fußtritten diese Pseudo-Wissenschaft von sich, die von Dummköpfen für Dummköpfe erfunden ist und den Zweck hat, die Ungerechtigkeiten des Wirthschaftslebens mit windigen Floskeln zu beschönigen und zu entschuldigen. Der legitime Handel, das heißt derjenige, der den Verkehr zwischen dem Erzeuger und Verbraucher der Boden- und Gewerbe-Hervorbringungen vermittelt und sich seine Dazwischenkunft durch eine Steuer bezahlen läßt, die er dem letzten Käufer in Gestalt eines mehr oder minder ansehnlichen Preiszuschlags auferlegt, führt in unseren Tagen nur ausnahmsweise zur Ansammlung großer Reichthümer. Es gibt zu viele Leute, die nicht mehr wollen, als nur ihr Leben fristen oder sich einen mäßigen Überfluß verschaffen, und die Wettbewerbung um den Auftrag des Konsumenten ist eine zu große, um dem Kaufmann einen besonders hohen Gewinn zu gestatten. Die allgemeine Tendenz des großen und kleinen Handelsverkehrs ist die, alle überflüssigen Vermittler zu unterdrücken, den Verbraucher möglichst direkt mit dem Erzeuger in Verbindung zu setzen und den Zuschlag des in vielen Fällen doch nicht völlig entbehrlichen Vermittlers zu den die Herstellungskosten im weitesten Sinne darstellenden Preisen der Güter auf einen Betrag herabzudrücken, der dem Vermittler gerade nur noch die Deckung seiner Kosten und die Erhaltung seines Lebens gestattet. Größer und dann allerdings räuberisch groß kann der Gewinn des Kaufmanns werden, wenn es ihm gelingt, die freie Konkurrenz zu lähmen oder doch abzuschwächen. Wer Waaren unter schwierigen Verhältnissen oder Gefahren, in Innerafrika oder bei wilden Völkerschaften Asiens, erwirbt, der wird sie mit sehr großem Gewinn verkaufen können, weil die Zahl derjenigen, welche bereit sind, ihr Leben oder ihre Gesundheit für die Möglichkeit der Erwerbung von Reichthümern einzusetzen, denn doch eine geringe ist und man ihm eine Weile das Feld ziemlich ausschließlich überlassen wird. Lange dauert die konkurrenzlose Ausbeutung einer solchen Handelsbeziehung freilich nicht, da deren Gefahren in dem Maße abnehmen, in welchem sie älter und bekannter wird und die Erschließung von Ländern, welche bisher unzugänglich waren, sie unter die Herrschaft des Gesetzes der allgemeinen Wettbewerbung stellt. In zwanzig, in dreißig Jahren wird voraussichtlich diese Quelle großer Reichthümer vollkommen versiegt sein. Man wird nach Innerafrika, Zentralasien und China ebenso leicht und gefahrlos gelangen wie nach irgend einem europäischen oder amerikanischen Lande, die Händler werden dort mit dem Einkaufspreise so weit hinauf- und mit dem Verkaufspreise so weit heruntergehen, als es ihnen ohne Verlust möglich sein wird, und beim Handel mit Elephantenzähnen am Congo oder mit Baumwolle in China wird man auch nur seinen Lebensunterhalt finden wie beim wenig abenteuerlichen Schnupftabaksverkauf in Leitmeritz. Unverhältnismäßig große Gewinne können ferner gemacht werden, wenn es einem einzelnen Kaufmann oder einer geschlossenen Verbindung von Kaufleuten gelingt, einen nothwendigen Gebrauchsartikel zu monopolisiren, so daß der Käufer ihn nur aus ihren Händen erhalten kann und keine andere Wahl hat, als auf den Artikel zu verzichten oder für denselben den Preis zu bezahlen, den die verschworenen Raubgenossen für ihn fordern. Dieses Verfahren liegt aber nicht mehr im Gebiete des legitimen Handels, sondern bildet eine Gewaltthätigkeit, welche gewisse Gesetzgebungen (z. B. die französische) als Verbrechen ansehen und bestrafen, und führt uns zur zweiten Quelle großer Vermögen, zur Spekulation. Die Spekulation ist eine der unleidlichsten Krankheitserscheinungen im wirthschaftlichen Organismus. Die tiefsinnigen Weisen, die finden, daß Alles, was ist, vortrefflich ist, haben auch die Spekulation zu vertheidigen gesucht, sie berechtigt und nothwendig genannt, ja sich geradezu für sie begeistert. Ich werde diesen unvorsichtigen Panegyrikern gleich zeigen, für welchen Grundsatz sie da eingetreten find. Der Spekulant spielt im Wirtschaftsleben die Rolle eines Schmarotzers. Er produzirt nichts, er leistet nicht einmal wie der Kaufmann die fraglichen Dienste eines Vermittlers und beschrankt sich darauf, den wirklich Arbeitenden den größten Theil ihres Erwerbes mit List oder Gewalt abzunehmen. Der Spekulant ist ein Wegelagerer, der den Produzenten ihre Erzeugnisse gegen geringe Entlohnung förmlich raubt und die Konsumenten zwingt, sie ihm weit theurer abzukaufen. Die Waffe, mit der er Produzenten und Konsumenten wie ein Buschklepper überfällt, ist doppelläufig und heißt »Hausse und Baisse«. Er bedient sich seines Mordgewehrs auf folgende Weise: Wenn sein Beutezug die Plünderung des Produzenten zum Ziele hat, so verkauft er eines Tages Waaren, die er nicht besitzt, um einen billigern als den Marktpreis und verspricht, sie dem Käufer später, nach vierzehn Tagen, nach einem Monate, nach drei Monaten, abzuliefern. Der Käufer deckt seinen Bedarf natürlich lieber beim Spekulanten als beim Produzenten, weil der erstere geringere Preise fordert. Der Produzent steht nun mit seiner Waare da und hat nur zwei Wege vor sich: entweder er ist reich genug, um ohne Drangsal auf die Verwerthung seiner Erzeugnisse warten zu können, dann wird sich der Spekulant dieselben am Tage, da er sie abzuliefern versprochen hat, allerdings nicht so billig verschaffen können, wie er gehofft hat, er wird vielmehr gezwungen sein, die vom Produzenten geforderten Preise zu bewilligen, und aus dem Räuber wird ein Beraubter werden; oder der Produzent ist auf den sofortigen Verkauf seiner Waare angewiesen – und das ist der weitaus häufigere Fall –, dann muß er sich bequemen, mit seinen Preisen so weit herunterzugehen, bis er endlich Käufer findet; er muß jedenfalls den Spekulanten unterbieten und sein Käufer wird nothwendig der Spekulant selbst sein, denn der Verbraucher hat seinen Bedarf bereits beim Spekulanten gedeckt; dieser wird also die billig verkaufte Waare am Lieferungstage noch billiger erhalten. Der Produzent geht dabei vielleicht zu Grunde, der Spekulant aber hat sich aus dessen Flanke sein Pfund Fleisch herausgeschnitten. Ist die Razzia im Gegentheil gegen den Konsumenten gerichtet, so kauft der Spekulant alle Waare, deren er habhaft werden kann, zu dem vom Produzenten geforderten Preise; er kann das ohne Anstrengung thun, denn das Geschäft kostet ihn keinen Heller; er bezahlt seinen Einkauf nicht baar, sondern mit einem Versprechen; er braucht den Preis erst nach Wochen und Monaten zu berichtigen; ohne einen eigenen Besitz, ohne einen Pfennig ausgelegt zu haben, ist also der Spekulant Eigenthümer der Waare geworden und wenn der Konsument sich dieselbe verschaffen will, so muß er sie beim Spekulanten und zu dem von diesem geforderten Preise erstehen. Der Spekulant nimmt mit der einen Hand das Geld, das ihm der Konsument reicht, läßt davon einen möglichst ansehnlichen Theil in seine eigene Tasche fallen und gibt den Rest mit der andern Hand dem Produzenten hin. Auf diese Weise wird der Spekulant ohne Arbeit, ohne Nutzen für die Gesammtheit reich und mächtig; das Kapital erweist ihm die höchste Gunst, indem es ihm unbegrenzten Kredit einräumt; wenn ein armer Teufel von Arbeiter sich selbstständig machen will, so hat er alle Mühe, die kleine Summe geliehen zu erhalten, deren er zur Anschaffung seines Werkzeugs und Rohstoffs und zur Fristung seines Lebens bis zum Verkaufe seiner ersten Hervorbringungen bedarf; wenn dagegen ein Müßiggänger mit eiserner Stirne, der beschlossen hat, von der Arbeit der Anderen zu leben, spekulative Käufe oder Verkäufe ausführen will, so stellen sich ihm Produzenten und Konsumenten zur Verfügung, ohne sich einen Augenblick lang bitten zu lassen; man sagt sich, daß man ja keinerlei Gefahr laufe, daß der bewilligte Kredit blos theoretisch existire; der Produzent gibt nicht die Waare aus der Hand, sondern nur die Zusicherung, sie an einem bestimmten Tage zu einem bestimmten Preise abzuliefern, natürlich unter der Bedingung, daß der Preis auch baar bezahlt werde; der Konsument seinerseits erlegt nicht den Kaufpreis, sondern ertheilt nur das Versprechen, ihn an dem Tage zu bezahlen, an welchem ihm die Waare übergeben wird. Dieser theoretische Kredit genügt aber, um dem Spekulanten aus Nichts die skandalösesten Reichthümer zu erschaffen. Jeder Arbeiter, jeder ohne Ausnahme ist dem Spekulanten tributär. Alle unsere Bedürfnisse sind vorausgesehen, alle Gebrauchsgegenstände werden von der Spekulation auf Kredit vorgekauft und uns gegen baar nach Möglichkeit verteuert zurückverkauft. Wir können keinen Bissen Brod essen, unser Haupt unter keinem Obdach ausruhen, keinen Sparpfennig in einem Werthpapier anlegen, ohne dem Getreide-, dem Grund- und Haus-, dem Börse-Spekulanten seine Brandschatzung zu zahlen. Die Steuer, welche wir dem Staate leisten, ist drückend genug, doch nicht entfernt so drückend wie die, welche uns die Spekulation unerbittlich auferlegt. Man hat es gewagt, die Börse als eine notwendige und nützliche Einrichtung zu vertheidigen. Erstickt der Anwalt nicht an der Ungeheuerlichkeit seiner Behauptungen? Was, die Börse soll nützlich und nothwendig sein? Hat sie sich denn jemals innerhalb der Schranken ihrer theoretischen Aufgabe gehalten? Ist sie jemals blos der Markt gewesen, wo der bona fide Käufer dem bona fide Verkäufer begegnet, wo ehrliche Nachfrage und ehrliches Angebot einander ausgleichen? Das Bild, das die Börse mit einem Giftbaum vergleicht, ist schwach und namentlich unvollständig, denn es versinnlicht nur eine Seite des Börsentreibens, dessen Wirkung auf die moralischen Begriffe des Volkes. Die Börse ist eine Räuberhöhle, in welcher die modernen Erben der mittelalterlichen Raubritter hausen und den Vorübergehenden die Gurgel abschneiden. Wie die Raubritter bilden die Börsenspekulanten eine Art Aristokratie, welche sich von der Masse des Volks reich ernähren läßt; wie die Raubritter nehmen sie für sich das Recht in Anspruch, den Kaufmann und Handwerker zu zehnten; glücklicher als die Raubritter, riskiren sie jedoch nicht, hoch oder kurz gehenkt zu werden, wenn sie einmal ein Stärkerer bei der Beutelschneiderei ertappt. Man tröstet sich manchmal damit, daß die Spekulation in Augenblicken der Krise mit einem Schlage Alles verliert, was sie in Jahren ungehinderten Raubes zusammengerafft hat. Das ist aber ein schöner Wahn, mit dem sich die Pastorenmoral zu beruhigen sucht, welche gern am Ende des Verbrechens die Strafe als Schlußpunkt sieht. Selbst wenn eine Krise den Spekulanten zwingt, seinen Raub von sich zu geben, so kann sie doch nichts daran ändern, daß er bis dahin, vielleicht viele Jahre lang, auf Kosten der arbeitenden Glieder des Gemeinwesens ein empörend üppiges Dasein geführt hat. Der Spekulant verliert dann vielleicht sein Vermögen, aber den Champagner, den er in Strömen hat fließen lassen, die Trüffeln, die er verschlungen, die Goldhaufen, die er am grünen Tische verspielt, die Stunden, die er bei seiner Maitresse verbracht hat, die nimmt ihm keine Macht der Welt. Übrigens ist aber eine Krise nur einzelnen Spekulanten, nicht aber der Spekulation im Allgemeinen verhängnißvoll. Im Gegentheil, die Krisen sind die großen Erntefeste der Spekulation, die Gelegenheiten zur Massen-Abschlachtung der ganzen erwerbenden und sparenden Menge eines Volks oder Welttheils. Da thut das Großkapital seinen Rachen auf und verschlingt nicht blos den Wolstand des anlagesuchenden Publikums, sondern auch den unsittlichen Erwerb des kleineren Raubzeugs der Börse, das es sonst gutmüthig um sich spielen läßt wie der Löwe die Maus. Große Baissen werden vom Großkapital herbeigeführt und ausgenützt. Es kauft dann Alles auf, was Werth und Zukunft hat, und verkauft es bald darauf, sowie das Ungewitter vorübergezogen und der Himmel wieder heiter geworden ist, mit ungeheurem Nutzen an dieselben Leute zurück, welche das Papier früher zu Spottpreisen abgegeben haben, um es bei einer neuen Krise wieder sehr billig zu erstehen und dieses grausame Spiel zu erneuen, so oft einige Jahre friedlichen Erwerbes die periodisch geleerten Spartruhen der Produzirenden wieder gefüllt haben. Finanzkrisen sind einfach die regelmäßigen Kolbenstöße, mit welchen das Großkapital den gesammten Erwerbsüberschuß eines Volks in seine eigenen Sammelbecken pumpt. Die Vertheidiger der Spekulation sagen: Der Spekulant hat im Wirthschaftsdrama eine berechtigte Rolle, sein Gewinn ist der Lohn größeren Scharfblicks, weiserer Voraussicht, rascherer Beurtheilung einer Lage und kühneren Wagens. Das Argument gefällt mir; halten wir es fest. Weil also der Spekulant über Mittel, sich zu unterrichten, verfügt, die dem großen Publikum unzugänglich sind, weil er vor Verlusten weniger Angst hat als der redliche Sparer und allerlei Möglichkeiten schlauer abschätzt als dieser, so hat er das Recht, dem Arbeitenden seinen Erwerb wegzunehmen und im Müßiggang Reichthümer aufzuhäufen. Dieses Recht beruht demnach darauf, daß er bessere Waffen hat – seine Information, größeren Muth – das Geld anderer aufs Spiel zu setzen, und überlegene Kraft – des Urtheils und Verstandes. Nun will ich einmal annehmen, daß Proletarier noch bessere Waffen haben – Repetirgewehre oder Dynamitbomben, noch größeren Muth – den, ihr Leben in die Schanze zu schlagen, und noch überlegenere Kraft – der Muskeln und Knochen. In diesem Falle müssen die Vertheidiger der Spekulation den Proletariern also das Recht zugestehen, ihrerseits den Spekulanten ihr Geld wegzunehmen, oder die Theorie, mit welcher man die Berechtigung der Spekulation nachzuweisen sucht, ist eine Lüge. Die dritte Quelle großer Reichthümer ist die Großindustrie. In dieser beutet ein Besitzer, oder Nutznießer von Kapital die Tagelöhner aus, die ihm ihre Arbeitskraft vermiethen. Der Unterschied zwischen dem wirklichen Werthe dieser Arbeitskraft, wie er im Preise ihrer Erzeugnisse ausgedrückt ist, und dem Lohne, der für dieselbe gezahlt wird, bildet den Gewinn des Unternehmers, der in den meisten Fällen ein unverhältnißmäßiger, wucherischer ist. Dieser Gewinn wird oft als der Lohn der geistigen Arbeit des Unternehmers angesprochen. Allein darauf ist zu erwidern, daß die geistige Arbeit, welche die technische und kaufmännische Leitung einer großen Fabrik erfordert, keinen Vergleich mit der aushält, welche in wissenschaftlicher Forschung oder literarischer Produktion verbraucht wird, und höchstens mit der eines höhern Staatsbeamten oder Gutsverwalters in eine Linie gestellt werden kann, also mit der von Personen, deren Leistungen die bestehende wirtschaftliche Ordnung nicht entfernt so hoch bewerthet wie das Jahreseinkommen eines großen Fabrikanten. Als bloße Kapitalsverzinsung kann der Unternehmergewinn ebenfalls nicht angesehen werden; denn kein Fabrikant bemißt den Preis seiner Erzeugnisse nur gerade so hoch, daß ihm nach Abzug der Herstellungskosten, zu denen ich auch die Entlohnung seiner eigenen geistigen Arbeit rechnen will, die vier- bis sechsprozentige Rente bleibt, welche das Kapital heute bei risikofreier Anlage auch dem Müßiggänger abwirft; diesen Preis bestimmt vielmehr die Rücksicht einerseits auf die Wettbewerbung der übrigen Fabrikanten, andererseits auf das größere oder geringere Angebot der Arbeitskraft. Der Fabrikant trachtet zunächst, dem Arbeiter möglichst wenig zu zahlen, und dann, dem Käufer möglichst viel abzunehmen. Wenn ihm der Andrang von Arbeitern gestattet, solche um einen Spottpreis zu miethen, und die Abwesenheit von Konkurrenz oder sonstige Umstände ihm ermöglichen, das Fabrikat sehr theuer zu verkaufen, so bedenkt er sich auch keinen Augenblick lang, einen Gewinn zu nehmen, der nicht vier bis sechs, sondern hundert oder noch mehr Prozent des Kapitals ausmachen kann. Die Vertheidiger der kapitalistischen Ausbeutung des Arbeiters sagen, die Vertheilung des Unternehmergewinns an die Arbeiter würde wol den Fabrikanten arm, aber die Arbeiter nicht reich machen und ihren Tagelohn nur unwesentlich, oft blos um einige Pfennige täglich, erhöhen. Ein edles, ein sittliches Argument fürwahr! Nicht auf die Höhe des Betrages, um den der Arbeiter geschätzt wird, kommt es an, sondern auf die Thatsache, daß er zu Gunsten eines Kapitalisten überhaupt geschätzt wird. Es ist möglich, daß der Tagelöhner täglich nur um einige Pfennige mehr verdienen würde, wenn er die ganze Frucht seiner Arbeit für sich behalten könnte. Aber mit welchem Rechte verhält man ihn, auch nur den allerkleinsten Theil seines Erwerbs an einen Unternehmer zu verschenken, der ohnehin bereits die Zinsen seines Kapitals und den überreichen Lohn seiner problematischen Geistesarbeit dahin hat? Man denke sich nur einmal, daß ein Gesetz bestimmte, jeder Bewohner des deutschen Reichs habe jährlich einen Pfennig an irgend einen Schmidt oder Meyer, nicht als Dank für Verdienste um das Gemeinwesen, nicht als Lohn für irgend eine Leistung, sondern als einfaches Geschenk, zu zahlen! Der so Begünstigte erhielte dadurch eine Jahresrente von fast einer halben Million Mark; jeder einzelne Steuernde aber würde seinen Beitrag gar nicht empfinden. Ein Pfennig! das ist so wenig, daß man darüber kein Wort zu verlieren braucht. Und doch würde, ein solches Gesetz von der ganzen Nation mit einem Schrei der Entrüstung beantwortet werden und jeder Bürger sich gegen dessen rohe Willkür und Ungerechtigkeit empören. Allein das wirtschaftliche Gesetz, welches einem Theil der Nation, dem ärmsten, den Proletariern, eine Steuer, nicht von einem Pfennig, sondern im bescheidensten Falle von 30 bis 40, oft von 2 bis 300 Mark jährlich zu Gunsten dieses selben Schmidt oder Meyer auferlegt, finden die, welche ihm nicht unmittelbar unterworfen sind, ganz natürlich. Die Ungerechtigkeit ist in beiden Fällen genau dieselbe. Man fühlt aber die, welche am Proletarier begangen wird, wenig oder gar nicht, weil sie seit Jahrhunderten besteht, weil man sich an sie gewöhnt hat, vielleicht auch, weil sie nicht in der paradoxalen Form auftritt, die eine Wahrheit annehmen muß, um in verschlossene Geister einzudringen. Wir haben also gesehen, daß großer Reichthum in allen Fällen nur durch die Aneignung der Frucht fremder, nie durch eigene Arbeit erworben wird. Mit eigener Arbeit kann man meist nur sein Leben fristen, manchmal etwas für die Zeit des Alters oder der Krankheit erübrigen, selten mäßigen Wolstand erlangen. Einzelne Ärzte, Advokaten, Schriftsteller, Maler und darstellende Künstler vermögen allerdings ihre direkten, persönlichen Leistungen so hoch zu verwerthen, daß sie Jahreseinkünfte bis zu einer Million Mark beziehen und am Ende ihres Lebens ohne Hilfe der Spekulation, ohne illegitimen Gewinn ein Vermögen von zwanzig Millionen aufgehäuft haben können. Aber solche Persönlichkeiten leben gleichzeitig in der ganzen zivilisirten Welt wahrscheinlich nie mehr als zweihundert, vielleicht nicht einmal hundert. Und auch ihr Reichthum hat, wenn man genauer zusieht, eigentlich bereits einen parasitären Charakter, welcher einzig und allein dem des Schriftstellers nicht anhaftet. Wenn ein solcher eine Million verdient, weil er im Stande war, ein Buch zu schreiben, das in einer oder zwei Millionen Exemplaren abgesetzt wurde, so stellt diese Million einen Lohn der Geistesarbeit dar, den die ganze Menschheit freiwillig und gern bezahlt hat. Wenn aber ein Maler ein Bild um eine halbe Million verkauft, ein Chirurg für eine Operation 50,000 Mark erhält, einem Advokaten für eine Vertheidigung dieselbe Summe bezahlt wird oder eine Sängerin für eine Vorstellung 20,000 Mark bekommt, so drücken diese Beträge nicht einen von der Masse legitim befundenen und unbedenklich bewilligten Lohn individueller Leistungen aus, sondern sind der arithmetische Beweis der Thatsache, daß es in der Kulturwelt eine Minderheit von Millionären gibt, denen, weil sie ihren Reichthum nicht mit eigener Arbeit erworben haben, jeder Maßstab für den Werth einer Leistung fehlt, die jede Laune ohne Rücksicht auf die Kosten befriedigen und seltene Produktionen, wie ein gewisses Bild, den Gesang einer bestimmten Künstlerin, die Thätigkeit dieses einen Arztes oder Advokaten und keines andern, einander um jeden Preis streitig machen. Sieht man jedoch von den Wenigen ab, die in den freien Berufsarten ganz ausnahmsweise erfolgreich sind, so bleibt keine einzige Ausnahme von der Regel bestehen, daß die großen Vermögen von der Ausbeutung der Nebenmenschen herrühren und schlechterdings keinen anderen Ursprung haben. Wenn der ererbte Landbesitz des Grundeigenthümers große Werthzunahme erfährt, so ist es, weil die Zahl der vom Grund und Boden losgerissenen Arbeiter wächst, die Industrie an Ausdehnung gewinnt, die Großstädte überwuchern, die hauptsächlich auf das Gewerbe gerichtete Arbeit der zivilisirten Gesellschaft den Preis der Nahrungsmittel in demselben Maße steigert, in welchem sie den der Industrieprodukte herabdrückt, mit einem Worte, weil andere Individuen arbeiten, nicht, weil der Grundbesitzer selbst thätig ist. Wenn der Spekulant Millionen anhäuft, so erwirbt er sie durch Mißbrauch einer überlegenen Kraft, heiße diese nun Klugheit oder Informationen oder Verbindungen, mit welcher er den Arbeitenden und Sparenden ihr Vermögen abpreßt, wie der Brigant dem Reisenden seinen Geldbeutel mit dem Tromblon. Wenn der Industrie-Unternehmer zum Krösus wird, so geschieht dies durch die methodische Ausbeutung der Arbeiter, die wie ebenso viele Hausthiere für ihre Leistungen Futter und Stall – beides möglichst nothdürftig – erhalten, während der ganze Werth ihrer Hervorbringungen ihrem Herrn in die Tasche fließt. In diesem Sinne ist der übertriebene und darum unwahre Ausspruch Proudhons, daß Eigenthum Diebstahl sei, richtig zu stellen. Dieses Wort kann man nur dann richtig nennen, wenn man sich auf den sophistischen Standpunkt stellt, daß Alles Seiende für sich selbst vorhanden ist und aus der Thatsache seines Daseins sein Recht, sich selbst anzugehören, schöpft. Bei einer solchen Anschauung stiehlt man allerdings den Grashalm, den man rupft, die Luft, die man athmet, den Fisch, den man angelt; aber dann stiehlt auch die Schwalbe, wenn sie eine Fliege schluckt, und der Engerling, wenn er sich in eine Baumwurzel einfrißt, dann ist überhaupt die Natur von den Erzdieben bevölkert, dann stiehlt überhaupt Alles, was lebt, das heißt von außen Stoffe, die ihm nicht gehören, in sich aufnimmt und sie organisch verarbeitet, und ein Platinblock, der nicht einmal aus der Luft etwas Sauerstoff anwendet, um sich zu oxydiren, wäre das einzige Beispiel von Ehrlichkeit auf unserer Erdkugel. Nein, Eigenthum, das vom Erwerb, das heißt vom Austausch eines bestimmten Maßes Arbeit gegen ein entsprechendes Maß von Gütern, herrührt, ist nicht Diebstahl. Wol aber ist Großkapital, das heißt die Anhäufung von Gütern in einer Hand, die ein Individuum auch bei höchster Bewerthung seiner Arbeit in einem Menschenleben nie mit eigener Produktion erwerben kann, immer ein an anderen Arbeitenden begangener Raub. Die Minderheit von Räubern, für welche das ganze Gemeinwesen arbeitet, hat sich mächtig organisirt. Sie hat vor Allem die Gesetzgebung, die seit Jahrhunderten in ihrer Hand ist, ganz und gar ihrem Interesse dienstbar gemacht. Bei jedem Gesetze der zivilisirten Staaten möchte man mit Molière ausrufen: »Vous êtes orfèvre, Monsieur Josse!« »Sie sind ein reicher Mann, Herr Gesetzgeber, oder hoffen es zu werden und erklären Alles für ein Verbrechen, was Sie hindern könnte Ihren Reichthum zu genießen und zu mißbrauchen.« Alles, was ein Mensch anders als mit offenbarer Faustgewalt an sich raffen kann, ist sein und bleibt sein. Und selbst wenn die Genealogie eines Vermögens zu buchstäblichem Raub oder Diebstahl (Eroberung, Einsteckung von Kirchengütern, politischer Vermögenskonfiskation) führt, so wird auch das Verbrechen zu einem unantastbaren Besitztitel, sofern man nur das Eigenthum durch so und so viel Jahre festzuhalten vermocht hat. Das Staatsgesetz, das den Gendarmen in Bewegung setzt, genügt dem Millionär nicht. Er macht auch den Aberglauben zu seinem Bundesgenossen und verlangt von der Religion ein Schloß für seine Geldspinde, indem er in den Katechismus einen Satz einschmuggelt, der das Eigenthum für heilig, den Neid nach dem Besitze des Nachbars für eine mit Höllenfeuer strafbare Sünde erklärt. Er fälscht sogar die Moral, auf daß sie seine selbstsüchtigen Zwecke fördere, indem er der für ihn arbeitenden und von ihm ausgebeuteten Mehrheit ohne das geringste Lächeln weismachte Arbeit sei eine Tugend und der Mensch blos zu dem Zwecke da, möglichst viel zu arbeiten. Wie kommt es, daß die besten und ehrlichsten Geister diesen Unsinn jahrtausendelang geglaubt haben? Arbeit soll eine Tugend sein? Kraft welches natürlichen Gesetzes? Kein Organismus in der weiten Lebewelt arbeitet, um zu arbeiten, sondern stets nur zum Zweck der Selbst- und Gattungserhaltung und gerade nur so viel, wie dieser Doppelzweck erfordert. Man macht wol geltend, daß Organe nur durch Arbeit gesund bleiben und sich entwickeln, jedoch verkümmern, wenn sie feiern. Die Vertheidiger der großkapitalistischen Moral, die dieses Argument aus der Physiologie holen, verschweigen aber, daß Organe durch übermäßige Arbeit noch viel rascher zerstört werden als durch gar keine. Ruhe, behaglicher Müßiggang ist dem Menschen wie allen anderen Thieren unendlich natürlicher, angenehmer und wünschenswerther als Arbeit und Anstrengung. Diese ist nur eine peinliche Nothwendigkeit, durch die Erhaltung des Lebens bedingt. Der Erfinder des Märchens vom biblischen Paradiese hat dies in seiner Naivetät ganz klar empfunden, indem er seine ersten Menschen im Zustande der ursprünglichen Seligkeit ohne alle Bemühung dahinleben läßt, und die Arbeit, die den Schweiß von der Stirne rinnen macht, als härteste Strafe für das Verbrechen des Sündenfalls hinstellt. Die natürliche, zoologische Moral würde die Ruhe als höchstes Verdienst erklären und dem Menschen nur so viel Arbeit als wünschenswerth und rühmlich erscheinen lassen, wie zur Fristung seines Daseins unerläßlich ist. Dabei würden aber die Ausbeuter ihre Rechnung nicht finden, deren Interesse erfordert, daß die Masse mehr arbeite, als für sie nöthig ist, und mehr hervorbringe, als ihr eigener Verbrauch erheischt, weil sie sich eben des Überschusses der Produktion bemächtigen wollen, und darum haben sie die natürliche Moral unterdrückt und eine andere erfunden, durch ihre Philosophen begründen, ihre Prediger preisen, ihre Dichter besingen lassen, nach welcher Müßiggang aller Laster Anfang und Arbeit eine Tugend, die vornehmste aller Tugenden sein soll. Freilich widersprechen die Ausbeuter sich selbst auf das unvorsichtigste. Sie vermeiden es zunächst sorgfältig, sich ihrem eigenen Moralkodex zu unterwerfen und beweisen damit, wie wenig ernst sie ihn nehmen. Der Müßiggang ist nur bei den Armen ein Laster. Bei ihnen ist er ein Attribut höheren Menschenthums und das Erkennungszeichen ihres vornehmeren Ranges. Und die Arbeit, die ihre zweiseitige Moral für eine Tugend erklärt, ist gleichzeitig in ihrer Anschauung eine Schande und bedingt eine gesellschaftliche Inferiorität. Der Millionär klopft dem Arbeiter auf die Achsel, schließt ihn aber aus seinem Verkehr aus. Die Gesellschaft, welche sich die Kapitalisten-Moral und -Denkungsweise angeeignet hat, rühmt den Fleiß mit ausgesuchten Lobsprüchen, weist aber dem Fleißigen den untersten Rang an. Sie küßt die behandschuhte Hand und spuckt auf die schwielige. Den Millionär sieht sie wie einen Halbgott, den Tagelöhner wie einen Paria an. Warum? Aus zwei Gründen. Erstens wegen des Nachwirkens mittelalterlicher Vorstellungen, zweitens weil Handarbeit in unserer Kultur mit Unbildung gleichbedeutend ist. Im Mittelalter war Müßiggang das Vorrecht des Adels, das heißt der höhern Race von Eroberern, Arbeit die Zwangsleistung des Volks, das heißt der niedrigen Race von Besiegten und Unterjochten. Dadurch, daß man arbeitete, bekannte man sich als Sohn der Leute, die auf dem Schlachtfelde den Beweis geringerer Mannhaftigkeit und Tüchtigkeit geliefert hatten, und der freie Herr, der seinen Lebensunterhalt von einem Lehngute oder seinem Schwerte verlangen durfte, sah auf den mit produktiver Arbeit Beschäftigten mit der Geringschätzung hinab, die der Weiße für den Buschmann oder Papua empfindet und die im Selbstgefühl anthropologischer Überlegenheit begründet ist. Heute haben Müßiggang und Arbeit aufgehört, Racenmerkmale zu sein. Die Millionäre sind nicht mehr die Nachkommen des Erobererstammes, die Proletarier nicht mehr die Söhne des unterjochten Volkes. Allein wie in so vielen anderen Fällen hat auch in diesem das geschichtliche Vorurtheil die Verhältnisse überdauert, aus denen es entsprang, und der Reiche, der sich vom Armen erhalten und ihn für sich arbeiten läßt, sieht in diesem noch in unseren Tagen wie vor Jahrhunderten der Edelmann in seinem Hörigen nur eine Art Hausthier und durchaus keinen ihm ebenbürtigen Vollmenschen. Handarbeit ist ferner in unserer Kultur mit Unbildung gleichbedeutend. In der That: die ganze Organisation der Gesellschaft macht dem Besitzlosen höhere Bildung unzugänglich. Der Sohn des Armen kann kaum eine Volksschule, geschweige denn das Gymnasium und die Universität besuchen, weil er auf Erwerb angewiesen ist, sowie er für seine Kräfte überhaupt einen Miether finden kann. Man bewundere einmal an diesem Beispiele die Zweckmäßigkeit der bestehenden Einrichtungen; die kostspieligen Unterrichtsanstalten werden vom Staate, das heißt von den Steuerzahlern, also von den Arbeitern, den Proletariern so gut wie von den Millionären, erhalten, kommen aber nur denen zugute, die mindestens so viel besitzen, daß sie bis zu ihrem 18. oder 23. Lebensjahr ohne Erwerbsthätigkeit leben können. Der Proletarier, der seinem eigenen Sohne keine höhere Bildung angedeihen lassen kann, weil er zu arm dazu ist, muß dennoch den Sohn des Reichen auf seine Kosten studiren lassen, indem er mit die Steuern zahlt, aus denen Mittel- und Hochschulen erhalten werden. Die Engländer, die Amerikaner sind noch bis zu einem gewissen Punkte logisch. Ihre höheren Unterrichtsanstalten, wenn sie schon nicht der Gesammtheit zugänglich sind, werden wenigstens auch nicht zu einer Last für die Gesammtheit, sondern sind Privatunternehmungen oder leben von Stiftungen. In den Kontinentalstaaten aber wird, getreu dem in ihnen herrschenden System der Ausbeutung des Volks zum Nutzen einer kleinen Minderheit, das höhere Unterrichtswesen vom Budget, das heißt von den Steuerleistungen aller genährt, obwol seine Wolthaten blos einer geringen Anzahl Privilegirter, noch lange nicht einem Prozent der Bevölkerung, zugewendet werden. Und wer sind die Bevorzugten, für die der Staat aus den Steuerbeiträgen der Gesammtheit Gymnasien, Realschulen, Fakultäten mit einem Aufwände von vielen Millionen erhält? Sind es die Fähigsten einer Generation? Sorgt der Staat dafür, daß in die Hörsäle seiner Lehranstalten nur Solche Einlaß finden, bei denen der Unterricht der theuer bezahlten Professoren fruchtbringend angelegt ist? Sichert er sich eine Bürgschaft, daß sich nicht Strohköpfe der Plätze auf den Schulbänken bemächtigen, die blos für Intelligenzen da sein sollten? Nein. Der Staat, der seinen hohem Unterricht nicht für Alle, sondern nur für sehr Wenige hat, trifft seine Auswahl nicht mit Rücksicht auf die geistige Berechtigung der Schüler zu reicherer Ausbildung, sondern mit Rücksicht auf ihre Vermögenslage. Der talentloseste Klotz kann sich auf Gymnasien und Fakultäten breit machen und die ihm gereichte geistige Nahrung ohne Nutzen für das Gemeinwesen absorbiren, wenn er nur wolhabend genug ist, um die Kosten des Studiums zu bestreiten, der begabteste Jüngling dagegen bleibt vom höhern Unterricht ausgeschlossen, wenn es ihm an den nöthigen Mitteln fehlt, zum großen Schaden der Gesammtheit, die dadurch vielleicht einen Goethe, Kant oder Gauß verliert. So verketten sich die gesellschaftlichen und ökonomischen Mißstände zu einem circulus vitiosus , aus dem es keinen Ausweg gibt: der Arbeiter ist verachtet, weil er ungebildet ist, er kann sich aber nicht bilden, weil Bildung Geld kostet, das er nicht hat. Die Reichen haben sich nicht nur alle materiellen, sondern auch alle geistigen Genüsse mit Ausschluß der Armen vorbehalten; die erhabensten Güter der Zivilisation: Geisteskultur, Poesie, Kunst, sind tatsächlich nur für sie vorhanden und Bildung ist mit eines der vornehmsten und drückendsten ihrer Privilegien. Wenn sich ein Sohn der unteren Klassen durch Entbehrungen oder Erniedrigungen, durch Bettel oder übermenschliche Anstrengung dennoch die höhere Schulbildung angeeignet, Universitätsdiplome errungen hat, so kehrt er nicht etwa zur Arbeit seiner Väter zurück, so hat er nicht das Bestreben, das Vorurtheil, welches den Männern der Handarbeit den untersten Rang in der Gesellschaft anweist, zu brechen, indem er das Beispiel eines Handarbeiters zeigt, der auf derselben Stufe geistiger Kultur steht wie der tintenklecksende Beamte oder stubenhockende Professor, sondern er beeilt sich, dieses Vorurtheil zu bestärken, indem er auch die Handarbeit verachtet, eine Stelle in den Reihen der Privilegien beansprucht und sich wie die übrigen Mitglieder der höheren Klassen vom arbeitenden Volke ernähren lassen will. Es gibt Handwerke, in denen man bei einiger Geschicklichkeit ohne Mühe 3000 Mark jährlich verdienen kann; andererseits gewähren neun Zehntel aller Anstellungen im Staats- und Gemeinde-, Eisenbahn- und Handelsdienste bei ungleich größerer individueller Abhängigkeit nicht über 2400 Mark Jahresgehalt. Der Studirte zieht dennoch unbedenklich die 2400 Mark mit Bureausklaverei den 3000 Mark mit Freiheit vor, denn als Beamter gehört er zu den gesellschaftlich Privilegirten, zur geschlossenen Bruderschaft der Bildungs-Philister, als Arbeiter aber steht er außerhalb der gesellschaftlich in Betracht kommenden Kasten und wird als ein Barbar betrachtet, der nicht in derselben Geistesatmosphäre athmet wie der Gebildete. Das würde an dem Tage anders werden, an dem ein Studirter sich an die Hobelbank stellen wollte, an dem man einem Mann im Schurzfell mit dem Horaz in der Hand begegnen würde und an dem der Schmied oder Schuster gewordene Abiturient nach gethaner Arbeit in einem ästhetischen Theekränzchen ganz so mitschwatzen könnte wie der Referendarius, oder Kanzlei-Akzessist. Denn die ehrliche Arbeit an sich hat die gleiche Würde, ob sie die Erzeugung von Überröcken oder die Herstellung von Eisenbahnen bezweckt, und, gleiche Geistesbildung vorausgesetzt, hat am Feierabend der Ingenieur nicht den geringsten Anspruch auf Vorrecht vor dem Schneider. Der Studirte thut aber nichts zur Herbeiführung solcher vernünftigen Verhältnisse; er läßt die Blouse die Uniform des Kafferthums bleiben und ehe er sich in dieser sattessen würde, darbt er lieber im schäbigen Überrocke. Daraus ergibt sich eine der drohendsten Formen der sozialen Frage: die Überfülltheit aller freien Berufsarten. Der Studirte hält sich für zu gut – und muß sich bei den herrschenden Anschauungen für zu gut halten –, um in die tiefste Schicht der Gesellschaft, in den Stand der Handarbeiter, niederzutauchen, und verlangt von der Gesellschaft, daß sie ihn wie einen Herrn ernähre. Die Gesellschaft hat aber nur einen begrenzten Bedarf für die Gattung Arbeit, welche der Studirte heute leistet und so ist in den alten Kulturländern wol die Hälfte aller Studirten dazu verurtheilt, ihr Lebelang zu hoffen und zu gieren und nichts zu erlangen, um den beschränkten Bissen zu kämpfen und dabei zu verhungern, vor der Tafel der schmausenden oberen Zehntausend zu stehen und sich den Schmachtriemen eng zu schnallen. Menschenfreunde jenes Schlags, die Krieg und Pest für einen Segen erklären, weil sie Raum schaffen und den Überlebenden bessere Daseinsbedingungen gewähren, haben denn auch die Bildung für ein Übel angesehen und die Vermehrung der Mittel- und Hochschulen als ein Attentat gegen das Volksglück bezeichnet, weil dadurch nur noch mehr Deklassirte, Unzufriedene, künftige Barrikadenkämpfer und Petroleure großgezogen werden. Sie haben beim heutigen Stand der Dinge nicht Unrecht. So lange sich der Studirte durch Handarbeit erniedrigt fühlt, weil der Arbeiter verachtet ist, so lange er in seinem Diplom eine Anweisung auf Versorgung durch die Gesellschaft sieht und sich durch seine Bildung zum Schmarotzerdasein der Reichen berechtigt glaubt, wird ihn die letztere in fünf Fällen unter zehn weit unglücklicher machen, als er es ohne sie im Handwerker- oder selbst Tagelöhner-Dasein je hätte sein können. Dem ist nur dadurch abzuhelfen, daß man der Bildung ihre natürliche Rolle wiedergibt. Sie muß Selbstzweck werden. Man muß zur Anschauung gelangen, daß die Bildung an sich ein ausreichender Lohn der Anstrengung, um sie zu erlangen, ist, daß man kein Recht hat, für diese Anstrengung noch einen anderen Lohn zu erwarten, und daß die Bildung der Pflicht produktiver Arbeit nicht enthebt. Der Gebildete hat ein reicheres und volleres Bewußtsein seines Ichs, er erfaßt tiefer die Erscheinungen der Welt und des Lebens, ihm sind künstlerische Schönheiten und geistige Genüsse zugänglich und sein Dasein ist ein ungleich weiteres und intensiveres als das des Unwissenden. Es ist undankbar, von der Bildung außer dieser unschätzbaren Bereicherung des innern Lebens auch noch das Brod zu verlangen, das zu liefern Pflicht der Hände ist. Wenn aber seinerseits der Gebildete die unmittelbare Güterproduktion nicht verschmähen sollte, so müßte andererseits die Gesellschaft die Bildung allen Bildungsfähigen dem Maße ihrer Fähigkeit entsprechend zugänglich machen. Der Schulzwang ist dazu nur ein schwacher Anfang. Wie will man arme Eltern verhalten, ihre Kinder bis zum zehnten oder zwölften Jahre zur Schule zu schicken, wenn sie nicht im Stande sind, die Kinder zu ernähren und zu bekleiden, und dieselben arbeiten lassen müssen, damit sie zu ihrer Erhaltung beitragen? Und ist es berechtigt, ist es logisch, daß der Staat sagt: »Du mußt Schreiben und Lesen lernen, darüber hinaus aber darfst du nicht gehen!« Warum hört der Schulzwang bei der Elementarschule auf? Warum erstreckt er sich nicht auf den höheren Unterricht? Entweder ist Unwissenheit ein nicht blos dem Individuum, sondern auch der Gesammtheit gefährliches Gebrechen, oder sie ist kein solches. Ist sie keines, dann wozu die Kinder auch nur zum Elementarunterricht zwingen? Ist sie eines, warum es nicht durch ausgedehntere Bildung möglichst vollständig heilen? Ist die Kenntniß der Naturgesetze nicht ebenso werthvoll wie die des Einmaleins? Braucht der künftige Wähler, der die Geschicke seines Vaterlandes mitbestimmen wird, keine Bewandertheit in der Geschichte, Politik und Nationalökonomie? Kann er aus der ihm beigebrachten Kunst des Lesens den vollen Nutzen ziehen, wenn man ihn nicht bis zum Verständniß der poetischen und prosaischen Meisterwerke seiner Literatur führt? Das setzt mindestens Mittelschulbildung voraus. Warum dann den Schulzwang nicht auch auf die Mittelschule ausdehnen? Das Hinderniß ist ein materielles. Der arme Mann, der schon so große Noth hat, sein Kind auch nur bis zum Verlassen der Volksschule zu erhalten, könnte unmöglich die Last der Versorgung desselben bis zu einem vorgerückteren Alter, etwa bis zum achtzehnten oder zwanzigsten Lebensjahre, tragen. Er ist gezwungen, die Arbeitskraft des Kindes so früh wie möglich zu verwerthen. Damit die Mittelschulbildung ebenso allgemein werde wie die Volksschulbildung, müßte entweder die Arbeit der Schuljugend so organisirt werden wie in gewissen Bildungsanstalten der Vereinigten Staaten, wo die Zöglinge neben dem Studium Ackerbau und Handwerke mit genügendem Erfolge betreiben, um sich vom Ertrag ihrer Arbeit, allerdings unterstützt durch menschenfreundliche Stiftungen, ernähren zu können, oder, was weit logischer und besser wäre, das Gemeinwesen müßte nicht blos für den Unterricht, sondern auch für die volle materielle Erhaltung der studirenden Jugend sorgen. »Das wäre der helle Kommunismus!« rufen wol die entsetzten Anhänger jenes organisirten Egoismus, den man die bestehende Wirthschaftsordnung nennt. Ich könnte ihnen den Gefallen thun, das grausame Wort zu vermeiden, zu sagen: Nein, das wäre nicht der Kommunismus, sondern die Solidarität. Ich verschmähe es aber, mit dem Gedanken Versteckens zu spielen. Nun denn: ja, das wäre ein Endchen Kommunismus! Aber stecken wir denn nicht ohnehin in vollem Kommunismus? Ist es nicht Kommunismus, daß der Staat für die ganze Kindergeneration vom sechsten bis zum zwölften Lebensjahre unentgeltlichen Schulunterricht besorgt? Ist die so gereichte Geistesnahrung nicht auch eine Nahrung? Kostet sie nicht auch Geld? Ist es nicht die Gesammtheit, die dieses Geld aufbringt? Und die Armee? Beruht sie nicht auf reinem Kommunismus? Erhält nicht die Gesammtheit eine ganze Generation von Jünglingen zwischen dem 20. und 23. Lebensjahre und zwar vollständig, nicht bloß mit geistiger, sondern auch mit leiblicher Nahrung, mit Wohnung und Kleidung? Weshalb sollte es schwerer oder unvernünftiger sein, eine Million Kinder während der vollen Schulzeit bis zur Universität, als eine halbe Million Jünglinge während der Militärdienstzeit auf Gemeinkosten zu erhalten? Die Kosten? Sie wären nicht größer als die der Armee-Erhaltung. Und die Heranbildung einer Armee ist für die Sicherheit und das Gedeihen einer Nation nicht wichtiger als die höhere Schulung der heranwachsenden Generation. Und übrigens: Weshalb sollte man nicht beide Zwecke verbinden? Weshalb nicht die ganze männliche Jugend bis zum siebenzehnten oder achtzehnten Jahre wie jetzt das Heer auf Staatskosten kleiden und ernähren und ihr neben dem Volks- und Mittelschulunterrichte gleichzeitig die militärische Ausbildung geben? Die nationale Arbeit würde die ökonomisch werthvolleren Arme 20- bis 23jähriger Arbeiter gegen die minder kostspieligen Arme von Knaben einlösen und der Gewinn, welcher der Gesammtheit daraus erwüchse, würde genügen, den Betrag zu decken, um den eine Schülerarmee mehr kosten würde als die gegenwärtige Armee zu dreijähriger Unproduktivität verurteilter vollentwickelter Arbeitskräfte. Damit ein solches System vollständig sei, setzt es noch eine Einrichtung voraus. Nicht jede Intelligenz ist geeignet, höhere und höchste Bildung in sich aufzunehmen. Wenn der Staat die ganze Schuljugend erhält und dadurch die Bildung auch dem Sohne des Ärmsten zugänglich macht, so muß er dafür sorgen, daß seine Wolthat nur solchen zukomme, die ihrer würdig sind und denen sie zum Nutzen wird. Am Ende eines jeden Schuljahres müßte eine mit jeder Stufe strengere Wettprüfung vorgenommen werden und nur die als Sieger aus ihr hervorgehen, hätten das Recht, in die höheren Lehranstalten vorzurücken. So würde der Unbegabte die Schule mit dem leichten, aber für seine Tragkraft gerade ausreichenden Gepäcke der Elementarkenntnisse, der mäßig Begabte sie mit einigem oder dem ganzen Mittelschulwissen verlassen und nur der Hochbegabte zu den obersten Lehranstalten, zu den Fakultäten und wissenschaftlichen, technischen oder Kunst-Fachschulen zugelassen werden. So ist es zu erreichen, daß höhere Bildung Gemeingut des ganzen Volkes wird und nicht länger das Vorrecht der Reichen bleibt; die Blouse des Handarbeiters ist dann nicht mehr mit Rohheit gleichbedeutend und der Studirte vergibt sich nichts, wenn er seinen Lebensunterhalt von der unmittelbaren Gütererzeugung verlangt; die Überfüllung der freien Berufsarten mit anmaßenden und unberechtigten Mittelmäßigkeiten ist verhütet; das wirkliche Talent, das gezwungen war, in einem Dutzend Wettprüfungen immer schwerere Proben seiner vollen Begabung zu liefern, findet nach der letzten Prüfung in seinem Diplom eine absolute Garantie ehrenvollen Erwerbs, die Deklassirten verschwinden, das Elend im Überrock hört auf und eine der gefährlichsten Wunden am Gesellschaftskörper ist geheilt. Neben der Minderheit reicher Müßiggänger, die von der Arbeit der Fleißigen leben, und der Gruppe der Unnöthigen, die aus dem Besitze irgend eines Diploms das Recht ableiten zu dürfen glauben, gleich den Millionären zu schmarotzen, haben wir in unserem Bilde der wirtschaftlichen Zustände den besitzlosen, von der natürlich nährenden Scholle losgerissenen Industriearbeiter gesehen. Welch eine tragische Gestalt mitten in unserer gerühmten Zivilisation, dieser Proletarier, welch eine furchtbare Kritik unserer Kultur! Man zitirt oft die Zeilen, in denen La Bruyère den leibeigenen französischen Bauer seiner Zeit schildert: »eine Art finstern scheuen Thieres, ausgemergelt, in Höhlen wohnend, auf allen Vieren Gras fressend, mit Lumpen bedeckt, bei der Annäherung eines Menschen erschrocken fliehend, und doch mit einem menschlichen Gesichte versehen, und doch ein Mensch«. Die Schilderung gilt vom Tagelöhner unserer Tage. Elend genährt, hauptsächlich auf Kartoffeln und Fleischabfälle in Wurstform angewiesen, mit Fusel vergiftet von dem er den Selbstbetrug eines lügnerischen Kraft- und Sattheits-Gefühls verlangt, schlecht gekleidet, in eine besondere Tracht gehüllt, die ihn schon von Weitem als den Armen, den Enterbten bezeichnet, aus Mangel an Zeit und Geld zur körperlichen Unreinlichkeit verurtheilt, steckt er in den finstersten, schmutzigsten Winkeln der Großstädte. Er hat nicht nur keinen Antheil an den besseren Nahrungsmitteln, welche die Erde hervorbringt, auch Licht und Luft, die doch in unbeschränkter Menge für alle Lebewesen da zu sein scheinen, sind ihm aufs kargste zugemessen oder ganz vorenthalten. Seine ungenügende Nahrung und sein übermäßiger Kraftverbrauch erschöpfen ihn so, daß seine Kinder rhachitisch werden und er selbst einem frühen Tode anheimfällt, dem oft genug langes Siechthum vorangeht. Seine ungesunde Wohnung macht ihn und seine Nachkommenschaft unrettbar zur Beute der Skrophulose und Tuberkulose. Er ist eine Art verlorenen Postens, den jede Seuche zu allererst niedermetzelt. Er ist schlechter daran als der Sklave des Alterthums, denn ganz so gedrückt, ganz so abhängig vom Herrn und Vogt, wie dieser, kann er für den Verlust seiner Freiheit nicht einmal auf die beständige Hausthier-Versorgung mit Stall und Futter rechnen und hat überdies vor seinem antiken Leidensgenossen das fressende neuzeitliche Bewußtsein seiner Menschenwürde und seiner natürlichen Rechte voraus. Er ist aber auch übler daran als der Wilde, der in den Urwäldern Amerikas oder Grasebenen Australiens umherschweift, denn gleich diesem ganz allein auf seine eigene Kraft angewiesen, gleich diesem Tag für Tag aus der Hand in den Mund lebend und vom Hunger heimgesucht, wenn er einige Stunden lang nichts erbeutet hat, ist er überdies des hohen Genusses beraubt, den die volle Auslebung aller Leibes- und Geisteskräfte im Kampfe mit natürlichen Hindernissen, Thieren und Menschen gewährt, und muß er von seinem ohnehin weitaus unzulänglichen Arbeitsertrag auch noch einen ansehnlichen Theil an das Gemeinwesen abgeben, das ihm als Gegenleistung Ketten und Hiebe bietet. Die Zivilisation, die ihm Befreiung und Wolbefinden versprochen, hat ihm allein nicht Wort gehalten. Er ist von ihren höchsten Gütern ausgeschlossen. Die moderne Hygiene, die das Heim des Wohlhabenden so behaglich gestaltet, ist in seine Schlupfwinkel nicht eingedrungen; in der vierten Wagenklasse der Eisenbahnen reist er unbequemer als einst zu Fuße oder in einem Plachenwagen, den eine Schindmähre zog; die Errungenschaften der Forschungen gelangen nicht bis zu seinem Verständniß; die Hervorbringungen der schönsten Künste, die dichterischen Meisterwerke seiner Sprache bereiten ihm keinen Genuß, weil er nicht erzogen ist, sie zu begreifen; selbst die Maschine, die ihm zum Segen werden sollte, hat seine Sklaverei eher erschwert als erleichtert. Es ist gewiß ein großer Schritt zur Beglückung der Menschheit, daß man die Naturkräfte zur Verrichtung aller brutalen Arbeit einspannen kann; denn das Wesentliche und Hohe am Menschen ist nicht seine Muskulatur, sondern sein Gehirn; als Kraftquelle steht er hinter dem Rind und Maulesel, und wenn man von ihm blos mechanische Arbeit verlangt, so erniedrigt man ihn zum Range des Saumthiers. Allein die Maschine ist bisher nicht der Heiland, der Erlöser und Befreier des Arbeiters geworden, sondern hat ihn im Gegentheil zu ihrem eigenen Diener gemacht, weil seine Enterbung von Grund und Boden und die sich daraus ergebende Unmöglichkeit, der Natur seinen Bedarf an ihren Erzeugnissen unmittelbar abzuringen, ihn nach wie vor auf die bloße Verwerthung seiner Muskelkraft in der Industrie anweist und zum schwächern, unvollkommenern, demüthigen Konkurrenten der Maschine hinabdrückt. Die Solidarität des Menschengeschlechts empfindet er nur insofern, als sie ihm viele Pflichten auferlegt, während sie ihm kaum irgend ein Recht einräumt. Wenn er seine Arbeitskraft nicht verwerthen kann oder durch Krankheit oder Altersschwäche an nützlicher Thätigkeit verhindert ist, so übernimmt es die Gesellschaft wol, für ihn zu sorgen; sie schenkt ihm Almosen, wenn er bettelt, sie legt ihn auf ein Spittelbett, wenn er fiebert, sie steckt ihn – manchmal – in ein Armenhaus, wenn er vor Bejahrtheit nicht weiter kann; aber mit wie unwirschen, mürrischen Mienen erfüllt sie diese Pflichten! Sie reicht ihrem unwillkommenen Kostgänger mehr Demüthigungen als Bissen und während sie auf der einen Seite mit Ächzen und Krächzen seinen Hunger stillt und seine Blöße bedeckt, erklärt sie es auf der andern Seite für die größte Schande, diese Wolthaten aus ihrer Hand anzunehmen, und hat für den Unglücklichen, der ihre Milde in Anspruch nimmt, die tiefste Verachtung. Für seine Tage der Arbeitslosigkeit, der Krankheit und des Alters selbst zu sorgen ist dem Proletarier unmöglich. Wie sollte er, der nicht das Nöthigste verdient, noch erübrigen? Für seinen Arbeitstag einen Preis zu fordern, der ihm mehr gewähren würde als die Befriedigung seiner allerdringendsten Bedürfnisse, daran kann er nicht denken, denn die Zahl der Enterbten ist zu groß und die Enterbung der Massen macht noch immer Fortschritte und es werden sich nothwendig Wettbewerber finden, die sich für ihre Arbeit mit einem Lohn begnügen, der sie eben nur davor bewahrt, gleich Hungers zu sterben. An diesem Verhältniß kann der Proletarier aus eigener Kraft schlechterdings nichts ändern. Es hilft ihm nichts, noch so fleißig zu sein; mit der größten Anspannung seiner Kräfte wird er nie über die strikte Befriedigung seiner unmittelbarsten Bedürfnisse hinausgelangen, ganz abgesehen davon, daß selbst das niedrigste Ausmaß des Tagelohns bereits die äußerste Ausnützung der Leistungsfähigkeit des Arbeiters zur Voraussetzung hat. Im Gegentheil: je mehr der Proletarier arbeitet, um so mehr verschlimmert er seine Lage. Das scheint Paradox und, ist doch durchaus wahr. Produzirt der Proletarier mehr, so wird sein Erzeugniß billiger und seine Entlohnung bleibt dieselbe, wenn sie nicht geringer wird; so verdirbt er sich durch angestrengte Thätigkeit selbst seinen Markt und entwerthet nur seine Arbeitskraft. Diese Erscheinung würde nicht eintreten, wenn die Produktion der Großindustrie durch die Nachfrage bestimmt würde. Dann könnte eine Überproduktion nie vorkommen, der Preis der Güter würde nicht durch ihre Menge gedrückt und der Arbeiter erhielte für mehr Arbeit auch höhern Lohn. Der Kapitalismus fälscht aber dieses natürliche Spiel der wirthschaftlichen Kräfte. Ein Unternehmer legt eine Fabrik an und läßt Waaren herstellen, nicht weil er die Überzeugung erlangt hat, daß für die letzteren unbefriedigter Bedarf vorhanden ist, sondern weil er Kapital besitzt, für dasselbe Verzinsung sucht und einen Nachbar kennt, der mit seiner Fabrik Reichthümer erworben hat. So tritt individuelle Laune oder Unverstand an die Stelle der Wirthschaftsgesetze und der Markt wird mit einem Überschuß von Gütern überschwemmt, weil ein Einzelner in der Jagd nach Millionen eine falsche Fährte verfolgt. Der Irrthum rächt sich freilich; der Unternehmer drückt die Preise, bis sie nicht mehr lohnend sind, und geht zu Grunde; alle übrigen Fabrikanten desselben Artikels werden mit ihm zu Boden gerissen; über einen ganzen Produktionszweig bricht eine Landes- oder Weltkrise herein. Das eigentliche Opfer ist aber doch der Proletarier, der, bis der Unternehmer sein Kapital erschöpft hat und nicht mehr weiter kann, gegen immer geringern Lohn immer mehr hat arbeiten müssen und am Schluß des ungleichen Kampfes zwischen Nachfrage und Angebot, der mit der Besiegung des letztern endet, auf kürzere oder längere Zeit sogar völlig brodlos wird. Das ist die Rolle des Proletariers und Unternehmers in der Großindustrie: der erstere ermöglicht dem letztern die Anhäufung mächtiger Kapitalien; die Kapitalien suchen Verwerthung und glauben sie in der Anlage neuer Fabriken zu finden; dadurch entsteht Überproduktion und scharfe Konkurrenz mit ihrem Gefolge von Preiserniedrigung und Lohnherabsetzung und zuletzt tritt die Krise ein, die den Arbeitern ihren Erwerb raubt. So macht der Industriesklave seinen Herrn reich, dafür wird ihm sein Brod zuerst geschmälert und zuletzt entzogen. Gibt es eine schönere Illustration der Gerechtigkeit des bestehenden Wirthschaftszustandes? III. Die erste Frage, die sich bei der Betrachtung dieses Bildes aufdrängt, ist die: Muß die ökonomische Lage sein, wie sie ist? Stehen wir vor einem unabänderlichen Naturgesetze oder vor den Folgen menschlicher Thorheit und Beschränktheit? Warum schwelgt eine Minderheit im Genüsse aller Güter, an deren Erzeugung sie nicht theilnimmt? Warum ist eine nach Millionen zahlende Menschenklasse zum Hungern und Darben verurtheilt? Hier stoßen wir auf den wichtigsten Punkt des Problems, das gelöst werden soll. Es handelt sich darum, zu wissen, ob die Dürftigen hungern, weil die Erde für sie keine Nahrung in genügender Menge hervorbringt, oder ob sie hungern, weil die Nahrung, obwol vorhanden, nicht an sie gelangt. Nun denn, die letztere Alternative können wir unbedingt ausschließen. Wenn Nahrungsmittel in reichlicher Menge und guter Beschaffenheit für Alle vorhanden wären, so müßte der Theil, der auf den Armen entfällt, den er sich aber nicht verschaffen kann, unverbraucht übrigbleiben. Die Erfahrung lehrt, daß nichts derartiges geschieht. Ein jedes Jahr verbraucht seine ganze Ernte an Körnerfrüchten und sonstigen Nährpflanzen aller Art; wenn die neue Ernte eingeheimst wird, ist die vorjährige fast immer bereits völlig erschöpft, ohne daß darum die ganze Menschheit im abgelaufenen Jahre täglich satt geworden wäre; man hat noch nie gehört, daß Getreide dem Wurmfraß überlassen wurde, weil keine Verwendung dafür zu finden war, und Fleisch ist noch nie aus Mangel an Käufern verfault. Gewiß, die Reichen vergeuden mehr Güter, als sie brauchen und als auf sie entfallen würden, wenn nur die Ansprüche ihres Organismus maßgebend wären; aber unter diesen Gütern nehmen die wesentlichsten, die Nahrungsmittel, die kleinste Stelle ein; der Millionär verpraßt Menschenarbeit für seine Launen, seinen Übermuth oder seine Eitelkeit, er wirft Kleider weg, die noch nicht entfernt ausgedient haben; er läßt Häuser von unnöthiger Ausdehnung bauen und füllt sie mit überflüssigem Geräth; er entzieht Menschen der nützlichen Produktion und erhält sie im lasterhaften Müssiggang von Lakaien und Gesellschafterinnen oder in der Scheinthätigteit von Kutschern, Leibjägern u. s. w.; Nahrungsmittel jedoch verbraucht er, die liederlichste Wirtschaft vorausgesetzt, höchstens viermal so viel, als zur Befriedigung seiner organischen Bedürfnisse nöthig wäre. Setzen wir voraus, daß es in der zivilisirten Welt eine Million solcher Verschwender gibt; mit ihren Familienmitgliedern würden sie fünf Millionen Individuen ausmachen; diese fünf Millionen würden Nahrungsmittel für zwanzig Millionen, also außer ihrem eigenen natürlichen Antheil den von fünfzehn Millionen anderer Menschen verbrauchen. Damit würde erst erklärt sein, daß 15 Millionen gar nichts, oder 30 Millionen blos halb so viel, als sie unbedingt brauchen, für sich auftreiben können. Man kann aber die Zahl der Nothleidenden und Entbehrenden in Europa allein mit Sicherheit auf das Doppelte, auf 60 Millionen veranschlagen. Es bleibt also nichts übrig als die andere Annahme: daß nämlich die Erde keine genügende Nahrung für Alle hervorbringt und daß darum ein Theil der Menschheit ohne Gnade zum physiologischen Elend verurtheilt ist. Ist das eine Folge natürlicher Verhältnisse? Erzeugt die Erde nicht mehr Nahrungsmittel, weil sie dazu unvermögend ist? Nein. Sie gibt keine Nahrung, weil man sie nicht von ihr verlangt. Als die kapitalistische Moral vor das Problem des Mißverhältnisses zwischen den hungrigen Mündern und den zu ihrer Sättigung vorhandenen Nährstoffen gestellt wurde, da zerbrach sie sich nicht lange den Kopf über die Lösung, sondern fand alsbald einen biedern Malthus, der unbefangen sagte:«Die Erde vermag die Menge der Menschen nicht mehr zu ernähren? Nun denn, so muß man einfach diese Menge vermindern.« Und er predigte die geschlechtliche Enthaltsamkeit, aber nur für die Armen. Um ein weniges hätte er vorgeschlagen, daß man jedes Individuum, das nicht mit Renten geboren ist, kastrire und die Menschheit nach dem idealen Muster der Ameisen- oder Bienengesellschaft reformire, in der einige wenige Individuen das Privilegium der Fortpflanzung besitzen, während die große Masse geschlechtslos ist und nur für die vollentwickelten Individuen zu arbeiten das Recht hat. In einer solchen Gesellschaftsordnung würde zum Glücke der Millionäre in der That gar nichts fehlen. Den Satz umzukehren, zu sagen: »Die Menge der Nahrungsmittel reicht für die Menschen nicht mehr aus? Nun denn, so muß man sie eben vermehren!« das ist dem frommen Malthus und seinen Nachbetern nicht eingefallen; und doch sollte man denken, daß dieses Heilmittel der wirthschaftlichen Nöthe nahe genug liegt. Oder sollte es wirklich einen Menschen im Besitze seines gesunden Verstandes geben, der zu behaupten wagen würde, daß es unmöglich sei, die Nahrungsmittel-Production der Erde zu vermehren? Einem solchen Kauz hätte man bald genug mit einigen Zahlen heimgeleuchtet. Europa ernährt auf 9,710,340 Quadratkilometern 316 Millionen Bewohner; das heißt, es ernährt sie höchst unvollkommen, denn es bezieht aus Indien, dem Kapland, Algerien, Nordamerika und dem australischen Festlande Getreide und Fleisch in großen Mengen, ohne selbst von seinen Nahrungsmitteln etwas anderes als höchstens Wein abzugeben, und läßt trotz diesen Lebensmittel-Anleihen bei allen übrigen Welttheilen einen großen Theil seiner Bevölkerung darben. Europa erweist sich also im Ganzen betrachtet scheinbar unfähig, auf einem Quadratkilometer 32 Menschen ausreichend zu ernähren. Nun erhält aber Belgien auf 29,455 Kilometer 5,536,000 Einwohner; in diesem Lande ist also ein Quadratkilometer völlig ausreichend, 200 Menschen zu ernähren, mehr als sechsmal die Durchschnittszahl; die wir für ganz Europa gefunden haben. Würde der Boden ganz Europas so bearbeitet wie der Belgiens, so könnte es statt seiner 316 Millionen darbender Menschen 1950 Millionen ernähren, weit mehr als die ganze Menschheit heute beträgt oder wenn es bloß seine 316 Millionen enthielte, so müßten für jeden einzelnen von diesen sechsmal so viel Lebensmittel vorhanden sein, als er bei reichlichstem Ausmaß verbrauchen kann. Ein Einwand ist hier vorauszusehen: Belgien genügt eben seinem Bedarf nicht und muß Lebensmittel einführen. Gut. Nehmen wir an, daß Belgien ein volles Viertel seines Lebensmittelbedarfs im Auslande kauft. Es ernährt dann noch immer 150 Menschen auf einem Quadratkilometer, was für ganz Europa 1458 Millionen ergäbe, noch immer mehr als die ganze Menschheit zählt. Nehmen wir ein anderes Beispiel. China (ohne die Nebenländer) mißt 4,024,890 Quadratkilometer, auf denen 405 Millionen Menschen wohnen. Der Quadratkilometer nährt also über 100 Menschen, und zwar vollständig, denn China, weit entfernt Lebensmittel einzuführen, verkauft noch große Mengen Reis, Konserven, Thee u. s. w. Auch ist in China nach dem übereinstimmenden Zeugnisse aller Reisenden Hunger und Elend nur in Jahren des Mißwachses bekannt, was sich aus den unentwickelten Verkehrsverhältnissen erklärt und nicht einem Nahrungsdefizit des ganzen Reiches zugeschrieben werden darf. Also wenn Europa auch nur so bewirthschaftet wäre wie China, so könnte es noch immer gegen 1000 Millionen Menschen ernähren statt seiner 316, die sich da so schlecht befinden, daß ihrer jährlich viele Hunderttausende nach den übrigen Welttheilen auswandern. Warum stellt man nun an den Boden keine größeren Anforderungen, da doch die Erfahrung lehrt, daß er ihnen durchaus entsprechen kann? Warum bemüht man sich nicht, so viel Nahrung hervorzubringen, daß alle Menschen im Überflusse schwimmen könnten? Aus einem einzigen Grunde; weil der Kapitalismus zu einer einseitigen und unnatürlichen Entwicklung unserer Kultur geführt hat. Alle Zivilisation drängt zur Industrie und zum Handel und lenkt von der Nahrungsmittel-Erzeugung ab. Der Physiokratismus, welcher lehrt, daß der einzige wahre Reichthum eines Landes seine Bodenprodukte seien, wird seit einem Jahrhundert von der offiziellen nationalökonomischen Wissenschaft, die sich zum Hofnarren der egoistischen und kapitalistischen Wirtschaftsordnung erniedrigt hat, als ein naiver Irrthum verlacht. Wie der einzelne Sohn des Feldes seine Scholle, die Freiheit der ländlichen Natur, den Überfluß an Licht und Luft verläßt, um sich mit einer Art selbstmörderischen Triebes in die tödtlichen Gefängnisse der Fabrik, der großstädtischen Arbeitsviertel zu stürzen, so reißt sich auch die Kulturmenschheit in ihrer Gesammtheit immer mehr vom nährenden Acker los und drängt sich in das Pferch der Großindustrie, wo sie erstickt und verhungert. Das ganze Genie der Menschheit, all ihre Erfindungskraft, ihr ganzes Sinnen und Forschen, ihre Ausdauer im Nachspüren und Versuchen ist der Industrie zugewendet. Die Ergebnisse sehen wir; es sind immer wunderbarere Maschinen, immer vollkommenere Arbeitsmethoden, immer größere Gütererzeugung. Mit der Nahrungsmittel-Produktion aber beschäftigt sich von hundert Erfindungsgenies vielleicht nicht eins. Würde dieser Produktion nur halb so viel Forschung und Findigkeit gewidmet wie der gewerblichen, physiologisches Elend wäre auf Erden einfach undenkbar. Gerade dieser wichtigste Zweig menschlicher Thätigkeit ist aber in einer Weise vernachlässigt, daß man darüber die Hände zusammenschlagen möchte. Wir sind hochzivilisirte Wesen auf gewerblichem Gebiete und mitternachtfinstere Barbaren im Ackerbau. Wir bilden uns mit Recht etwas darauf ein, daß wir in der Fabrikation mit staunenerregendem Scharfsinn die scheinbar völlig unverwerthbaren Abfälle auch noch ausnutzen und verbrauchen können; dabei überlassen wir wenigstens die Hälfte aller Abfälle der menschlichen Ernährung, den Inhalt der städtischen Abzugskanäle, unbenutzt in die Flüsse ablaufen, die wir dadurch noch obendrein vergiften, und in die See, die uns in Gestalt von Fischen und Schalthieren nicht ein Tausendstel dessen wiedergibt, was sie von uns empfängt. Diese Vergeudung von Millionen Tonnen der werthvollsten Rückstände ist zugleich himmelschreiend und doch auch komisch, wenn man sie mit der Ängstlichkeit vergleicht, mit der man jedes Tröpfchen Schwefelsäure in der Chemikalien-Fabrikation zu Rathe zieht, und mit der mitleidverdienenden Hast, mit der ein Erfinder ein Patent nimmt, wenn es ihm gelungen ist, ein Verfahren zu ersinnen, das die Verwerthung irgend eines Fabrikskehrichts gestattet. Wir rühmen uns, die Naturkräfte unterjocht zu haben, und lassen ruhig Millionen Quadratkilometer Wüsten bestehen, obwol wir theoretisch wissen, daß es schlechterdings kein Gebiet gibt, das nothwendig Wüste sein muß, und daß jeder Boden, und wenn er aus eisernen Schuhnägeln oder kleingeschlagenen Pflastersteinen bestände, durch Wärme und Wasser, die herbeizuschaffen nur am Pole – vielleicht! – über menschliche Kräfte geht, fruchtbar gemacht wird. Wir zeigen mit Stolz auf Kohlen- und Kupferbergwerke, die mehrere tausend Fuß tief unter die Erde und unter die See gewühlt sind, und schämen uns nicht angesichts nackter Bergwände, denen der Mensch, derselbe Mensch, der sich in jene Gruben eingebohrt hat, angeblich nichts abgewinnen kann. Wir beherrschen den Blitz des Himmels und wissen dem Weltmeer, das drei Viertel unseres ganzen Erdballs einnimmt, von seinen unerschöpflichen Nahrungsschätzen kaum ein Atom abzugewinnen. Wie darf es in einer Zeit, die solche mechanische Wunder wie unsere Werkzeugsmaschinen und Präzisionsinstrumente spielend hervorbringt, noch mitten in Europa Sümpfe, fischarme Flüsse, Triften, Brachäcker geben? Wie kann eine Generation nach Gauß in der Rechenkunst noch so schwach sein, daß man sich nicht an den Fingern abzählt, um wie viel theurer es ist, den Bedarf der Menschen an Eiweißstoffen mit Vieh zu decken, das zu seiner Erhaltung unsere fruchtbare Erde in Anspruch nimmt, als mit Fischen, die uns das sonst zu nichts anderem zu gebrauchende Meer fertig bietet, oder mit Geflügel, das keine weiten Wiesen braucht und von unseren Abfällen reichlich leben kann? Doch ich will mich nicht weiter in Einzelheiten verlieren. Die Thatsache scheint mir genügend erwiesen, daß die Bodenbearbeitung das Stiefkind der Kultur ist. Sie macht kaum einen Schritt nach vorwärts, wenn die Industrie deren hundert macht. Alles, was man seit Jahrhunderten zur reichlicheren Ernährung der Menschheit gefunden hat, ist die Einführung der Kartoffel in Europa, die dem Proletarier ermöglicht, sich einzubilden, daß er satt sei, wenn sein Körper in Wirklichkeit aus Mangel an Nährstoffen langsam verhungert, und die dem Kapitalisten gestattet, den Tagelohn seines Industriesklaven auf das geringste Maß herabzudrücken. Obstgärten, Gemüseäcker, Pilzkeller zeigen, welche Nahrungsfülle das geringste Bodenstückchen zu liefern vermag: die Erfahrung lehrt, daß Menschenarbeit überhaupt nicht lohnender verwerthet werden kann, als wenn sie der Erde gewidmet wird; wenn man das Feld mit Schaufel und Grabscheit statt mit dem summarischen Pflug bearbeitete, so würde wahrscheinlich ein sacktuchgroßer Fleck Erde zur Erhaltung eines Menschen ausreichen; wir leiden aber an Nahrungsmangel, die Lebensmittel werden immer theurer und der Industriearbeiter muß immer länger tagwerken, um sich zu sättigen. Die Natur zeigt dem Menschen, daß er nicht ohne den Acker leben kann, daß er des Feldes bedarf wie der Fisch des Wassers; der Mensch sieht, daß er zu Grunde geht, wenn er sich von der Scholle losreißt, daß nur der Bauer sich ununterbrochen fortpflanzt, gesund und stark bleibt, während die Stadt ihren Bewohnern das Mark ausdörrt, sie siech und unfruchtbar macht, sie unrettbar nach zwei oder drei Generationen ausrottet, so daß alle Städte in hundert Jahren Kirchhöfe ohne ein einziges lebendes Menschenwesen wären, wenn die Todten nicht durch Einwanderung von den Feldern her ersetzt würden; er besteht aber darauf, den Acker zu verlassen und in die Stadt zu wandern, sich vom Leben loszureißen und den Tod zu umarmen. Da kommt nun wieder der Professor der Nationalökonomie und belehrt uns mit unerschütterlicher Miene, daß das Maß der Entwickelung des Großgewerbes eines Landes zugleich das Maß seiner Zivilisation sei und daß eine reichentfaltete Industrie einer Nation zum Segen gereiche, indem sie die Güter billig und dadurch auch den Ärmsten zugänglich mache. Das ist eine der verbreitetsten und am häufigsten wiederholten kapitalistischen Lügen. Die Pest über die Billigkeit der Industrieerzeugnisse! Sie erweist niemand eine Wohlthat, oder nur dem Unternehmer und Zwischenhändler. Wie die Billigkeit erzielt wird, das haben wir gesehen: durch kapitalistische Konkurrenz, deren Kosten der Arbeiter trägt; durch gewissenlose, verbrecherische Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft. Der Tagelöhner muß zehn, zwölf, vielleicht vierzehn Stunden täglich an seine Maschine gekettet sein, damit das Baumwollzeug so billig werde, wie es ist. Er gelangt eigentlich gar nicht mehr dazu, sich leben zu fühlen. Er verbringt sein Dasein innerhalb kahler Fabriksmauern mit einer Reihenfolge ewig identischer automatischer Bewegungen. Er ist das einzige Lebewesen im Weltall, das während eines so großen Theils seiner Lebenszeit widernatürliche Arbeit verrichten muß, um seinen Organismus zu erhalten. Gewiß, um den Preis solcher Menschenarbeit wird die Waare billig. Aber zunächst wird sie auch schlechter. Unsere ganze Industrieentwickelung führt zum Ersatz besseren Rohstoffs durch geringeren und zur möglichsten Verminderung seiner Menge im fertigen Artikel. Warum? Weil der Rohstoff, namentlich so weit er organischer Natur ist, also aus dem Thier- und Pflanzenreiche herstammt, nur um den vollen Gegenwerth an menschlicher Arbeit zu erhalten, also kostspielig ist. Die Erde läßt sich nicht betrügen; sie gibt Baumwolle und Flachs, Holz und Leim nur dann, wenn sie das Äquivalent an Arbeit und Dünger unverkürzt empfangen hat; nicht einmal die Kuh, das Schaf kann man hintergehen; sie bringen Wolle und Felle, Hörner und Klauen blos im Verhältniß zu ihrer Nahrung hervor. Nur der Mensch ist dümmer als die Erde und einfältiger als Schaf und Kuh und gibt seine Muskel- und Nervenkraft um weniger als den vollen Werth hin. Der Unternehmer hat also alles Interesse daran, mit dem theuren Rohstoff zu sparen und mit der billigen Menschenarbeit freigebig zu sein. Er fälscht und vermindert daher jenen oder gibt den Waaren durch mühsame oder verwickelte Arbeitsmethoden, das heißt durch reichlichen Verbrauch von Menschenarbeit, ein gutes Ansehen. Im fertigen Stücke Baumwollzeug, das der englische Fabrikant auf den Markt bringt, steckt möglichst wenig Baumwollfaser und möglichst viel Menschenkraft. Dieses Zeug ist billig, weil der Fabrikant seine menschlichen Sklaven nicht so zu entlohnen braucht wie die Erde, die ihm die Baumwollfaser liefert. Es ist aber gar nicht nöthig, daß die Waaren so billig seien. Ihre Billigkeit reizt zu verschwenderischem Verbrauch. Auch der Arme erneuert in der heutigen Kultur Kleider und Hausrath öfter, als unbedingt erforderlich ist, und legt Gebrauchsgegenstände ab, die noch dienen könnten, die in Wirklichkeit noch dienen, wie es der große Handel mit alten Kleidern u. s. w. aus Europa nach überseeischen Ländern beweist. Bei aller Billigkeit der Dinge hat der Europäer, wenn das Jahr herum ist, für sie doch so viel ausgegeben, als wenn sie viel theurer wären, da er sie in diesem Falle einfach länger benutzt hätte. Da haben wir also das praktische Ergebniß dieser berühmten Billigkeit, des Stolzes unseres Wirthschaftslebens. Für den Konsumenten bedeutet sie keine Erleichterung und keine Ersparung, weil sich mit ihr gleichlaufend die tyrannische Gewohnheit der Gütervergeudung entwickelt. Für den Produzenten aber ist sie ein Fluch, denn sie vermindert immer mehr den Preis seiner Arbeit und zwingt ihn zu immer größerer Anstrengung. Da nun jedes nicht zur müßiggängerischen Minderheit gehörige Individuum zugleich Produzent für den einen und Konsument für die übrigen Artikel ist, so kommt bei der ganzen gerühmten Entwickelung der Großindustrie nichts heraus als eine immer heißere, immer wildere Hetzjagd, in welcher jeder Einzelne zugleich Wild und Jäger ist, sich die Seele aus dem Leibe rennt und am Ende mit heraushängender Zunge und ohne Athem zusammenbricht. Längere, härtere Arbeit des Gütererzeugers, wahnwitzige, sündhafte Güterverschwendung – das ist das unmittelbare Ergebniß der auf Massenproduktion und Billigkeit gerichteten Industrie-Entwickelung. Nehmen wir einmal an, alle Industrie-Erzeugnisse würden bei unverändertem Lebensmittelpreise genau viermal so theuer werden, als sie heute sind, was denkbar wäre, wenn die Entwickelung der Landwirthschaft die der Industrie ein- und überholen würde. Wo wäre das Übel? Ich sehe keines, wol aber ungeheuere Vortheile. Jeder Einzelne würde seine Kleider nur einmal statt viermal im Jahre und seinen Hausrath nur alle zwanzig statt alle fünf Jahre erneuern. Der Industriearbeiter bekäme für seine Arbeit viermal höhern Lohn; das heißt, wenn er heute zwölf Stunden arbeiten muß, um seine Lebensbedürfnisse befriedigen zu können, so würde er dann dasselbe Resultat mit dreistündiger Arbeit erreichen. Ziffermäßig würde Alles beim Alten bleiben; die Ausgaben des einzelnen Konsumenten hätten keine Änderung zu erleiden. Aber ein ungeheures Resultat wäre erreicht: der Arbeiter wäre vom Galeerensklaven zum freien Manne geworden. Ihm wäre jener höchste Luxus, von dem er heute völlig ausgeschlossen ist, zugänglich gemacht: die Muße. Das bedeutet, daß er an den höheren Freuden des Kulturdaseins teilnehmen, daß er Museen und Theater besuchen, lesend plaudern, träumen könnte, daß er aufhören würde, eine dumme Maschine zu sein, und neben den anderen Menschen seinen Menschenrang einnehmen dürfte. Man muß den Arbeitern zurufen: Ihr seid vom Wirbelschlunde eines furchtbaren circulus vitiosus erfaßt. Macht euch los oder ihr geht zu Grunde. Je mehr ihr heute arbeitet, um so billiger werden eure Produkte, um so toller wird der Konsum, um so mehr müßt ihr morgen arbeiten, um euer nacktes Leben herauszuschlagen. Feiert! Geht müßig! Vermindert eure Arbeit auf die Hälfte, auf ein Viertel. Euer Erwerb wird derselbe sein, wenn jeder nur verbraucht, so viel er muß, und nur arbeitet, so viel er soll. Die Professoren der Nationalökonomie sind anderer Meinung. Ihnen graut vor dem Müßiggange der Menschen und sie sehen alles Heil in der äußersten Ausnutzung der Arbeitskraft. Ihre Lehre läßt sich in zwei Geboten zusammenfassen: Verbraucht möglichst viel, gleichviel ob der Verbrauch durch ein wirkliches Bedürfniß gerechtfertigt ist oder nicht, erzeugt möglichst viel, gleichgiltig, ob das Erzeugniß nöthig ist oder nicht. Diese weisen Männer machen keinen Unterschied zwischen dem Feuerwerk, das bestimmt ist, zum albernen Augenaufreißen müßiger Dummköpfe in einer Minute verpufft zu werden, und der Werkzeugmaschine, welche jahrelang nützliche Betten und Schränke erzeugt. Jenes Feuerwerk kostet 50.000 Mark; es repräsentirt außer dem Rohstoff die einjährige Arbeit von fünfzig Arbeitern, die fortwährend in Lebensgefahr waren. Diese Werkzeugmaschine kostet 10,000 Mark. Der Nationalökonom stellt gleichmüthig seine Berechnung an und dozirt: das Feuerwerk sei genau fünfmal so viel werth wie die Maschine; die Arbeiter seien in beiden Fällen gleich zweckmäßig verwendet worden; die Hervorbringung des Feuerwerks habe das Land in demselben Maße bereichert wie die Hervorbringung von fünf Arbeitsmaschinen; und wenn es möglich wäre, eine Million Arbeiter mit der Erzeugung von Feuerwerkskörpern zu beschäftigen, jährlich um eine Milliarde dieser Güter hervorzubringen und abzusetzen, so könnte man dem Lande zur Blüthe dieser interessanten Industrie und den Arbeitern zu ihrem Fleiße und ihrer Leistungsfähigkeit Glück wünschen. Formell ist dieser Gedankengang tadellos. Essentiell ist er ein scholastischer Sophismus schlimmster Art. Gewiß, wenn man für eine Rakete irgendwo so viel Geld bekommen kann wie für ein Huhn, so ist eine Rakete genau so viel werth wie ein Huhn und wer eine Rakete anfertigt, hat den Nationalreichthum um denselben Betrag vermehrt, wie wer ein Huhn großzieht. Und doch ist es eine Lüge. Nein, es ist der Menschheit nicht gleichgiltig, ob Raketen oder Hühner erzeugt werden. Nein, der Alpenführer hat für sie nicht dieselbe Bedeutung wie der Heizer der Mähmaschine, obwohl sie den erstern vielleicht höher entlohnt als den letztern. Ich weiß wol, daß man mit diesen Unterscheidungen dahin gelangt, allen Luxus-Industrien den Prozeß zu machen. Ich schwanke denn auch nicht, es auszusprechen, daß kein Mensch das Recht hat, Befriedigung seiner Launen zu fordern, so lange noch wirkliche Bedürfnisse anderer unbefriedigt sind, einen Arbeiter zu der als Exempel gewählten Feuerwerks-Erzeugung anzustellen, so lange andere hungern, weil dieser Arbeiter dem Ackerbau entzogen ist, oder einen Fabriks-Tagelöhner zu vierzehnstündiger Sklavenarbeit zu verurtheilen, damit der Sammt billig genug hergestellt werde, daß er sich in diesen Stoff kleiden könne, der seinem Schönheitsgefühl angenehmer ist als glattes Zeug. Das große wirthschaftliche Interesse der Menschheit ist nicht, Güter zu erzeugen, für die ein Preis erzielt werden kann, sondern mit ihrer Arbeit zunächst ihre wirklichen organischen Bedürfnisse zu befriedigen. Wirklicher Bedürfnisse gibt es nur zwei: die Ernährung und die Fortpflanzung. Jene bezweckt die Erhaltung des Individuums, diese die Erhaltung der Gattung. Scheinbar könnte man sogar diese beiden Bedürfnisse auf ein einziges zurückführen und die Erfüllung des Fortpflanzungs-Bedürfnisses aus der Reihe des unbedingt Notwendigen streichen. Aber nur scheinbar. Der Gattungserhaltungsdrang ist um so viel stärker als der individuelle Selbsterhaltungsdrang, um wie viel die Lebenskraft und Lebensfülle der Gattung mächtiger ist als die des Individuums. Man hat es noch nie erlebt, daß eine genügend große Menschenzahl, etwa ein ganzer Volksstamm, während einer genügend langen Zeit an der Befriedigung des Gattungserhaltungs-Bedürfnisses vollständig verhindert gewesen wäre. Würde sich ein solcher Fall ereignen, käme es zu einer allgemeinen nationalen Geschlechtsnoth, man würde Leidenschaften und Handlungen sehen, gegen welche die gräßlichsten Szenen von Hungersnoth zu Kinderstuben-Scherzen herabsinken würden. Die beiden großen organischen Bedürfnisse muß also der Mensch befriedigen, alles übrige hat untergeordnete Bedeutung. Ein Individuum, das satt ist, nicht friert, ein Obdach gegen Wind und Regen über sich und einen Genossen des entgegengesetzten Geschlechts um sich hat, kann nicht nur zufrieden, sondern absolut glücklich und wunschlos sein. Ein Individuum, das hungert, kann schlechterdings nicht glücklich und zufrieden sein und wenn es im vatikanischen Museum bei einem Orchesterkonzerte in Goldbrokatkleidern lustwandelte. Das ist so klar, daß es platt ist. Es ist der Prosaauszug aus der Fabel vom Huhn, welches eine Perle findet und sich beklagt, daß sie kein Hirsekörnlein ist. Und doch geht dieser Truism über den Gedankenkreis der offiziellen Nationalökonomie und es ist noch keinem Professor dieser hehren Wissenschaft eingefallen, seine Lehrsätze an der schlichten Weisheit des Lafontaineschen Fabelbuchs zu erproben. Auf die wirthschaftliche Entwickelung der Kulturmenschheit angewendet, bedeutet die Fabel vom Huhne und der Perle einfach: »Weniger Manchester Baumwollzeug und Sheffielder Messer und mehr Brod und Fleisch!« Was die Theorie bisher zu thun unterlassen hat, das wird sich die Praxis bald genug angelegen sein lassen: nämlich die Verkehrtheit der heute für unanfechtbar angesehenen Lehrsätze der kapitalistischen Nationalökonomie nachzuweisen. Schon heute wird überall unvernünftig viel gearbeitet und weit über den Bedarf produzirt. Fast jedes Kulturland sucht Waaren auszuführen und muß Lebensmittel einführen. Die Märkte für die ersteren beginnen zu fehlen. Man kann ja ohne Übertreibung sagen, daß die Großindustrie der Hauptvölker Europas fast nur noch für Innerafrika zu arbeiten sucht. Das kann nur schlimmer, nicht besser werden. Die Länder, die noch nicht industriell entwickelt sind, werden es allmälig werden. Man wird die Arbeitsmethoden noch mehr verbessern, die Maschinen noch vermehren, noch vervollkommnen. Und dann? Dann wird jedes Land seinen eigenen Bedarf befriedigen und einen Überschuß hervorbringen, den es dem Nachbar wird anhängen wollen, der aber dafür keine Verwendung haben wird. Der letzte nackte Neger vom oberen Congo wird schon seine fünfzig Yards Baumwolle und seine Flinte haben, der letzte Papua bereits in Stiefeln und Papierhemden gehen. Der Europäer wird dahin gebracht sein, jede Woche einen neuen Anzug zu kaufen und sich beim Zeitungslesen sein Blatt von einer Maschine umwenden zu lassen. Das wird das goldene Zeitalter der Nationalökonomen sein, die für Produktion ohne Grenzen, Konsum ohne Maß und Industrieentwickelung ohne Ziel schwärmen. Und in diesem goldenen Zeitalter, wo ganze Länder mit Fabrikschlöten wie jetzt mit Bäumen bestanden sein werden, werden die Völker sich mit chemischen Surrogaten statt mit Brod und Fleisch nähren, achtzehn Stunden am Tage arbeiten und sterben, ohne zu wissen, daß sie gelebt haben. Vielleicht wird man aber nicht bis zum Anbruch dieses goldenen Zeitalters warten müssen, um in weiten Kreisen die Erkenntniß aufgehen zu sehen, daß der übertriebene, einseitige Industrialismus ein Massenselbstmord der Menschheit und Alles, was die Nationalökonomie zu seinen Gunsten anführt, Lug und Betrug ist. Zu der Einsicht ist man schon gekommen, daß ein Land, welches Getreide ausführt, welches seinen Boden erschöpft und demselben die ihm entzogenen Stoffe nicht in irgend einer Form wiedergibt, verarmt und wenn es jährlich ungezählte Tonnen Goldes einnähme. Man wird schließlich auch zur Einsicht kommen, daß auch die Ausfuhr von Arbeitskraft, von Muskel und Nerv, in Gestalt von Industriewaaren, ein Volk auf die Dauer arm macht und wenn es noch so viel Geld für die letzteren bekommt. Der europäische Fabrikarbeiter ist schon heute der Sklave des Schwarzen von Mittelafrika; er stillt seinen Hunger mit Kartoffeln und Schnaps, verbringt ein Leben ohne lichten Augenblick im Maschinenraum und stirbt an Tuberkulose, damit ein Wilder noch behaglicher leben könne, als er es ohnehin schon thut. Die fieberhafte Arbeit, die nicht auf die Gewinnung von Nahrungsmitteln, sondern auf die industrielle Überproduktion gerichtet ist, schafft zuletzt eine Nation geldreicher Hungerleider. Die Welt mag dann das Schauspiel eines Landes erleben, wo in jeder Hütte ein Piano neuester Konstruktion steht, die in immer funkelnagelneue Stoffe gekleidete Bevölkerung aber den Rhachitismus in den Knochen, kein Blut in den Adern und Schwindsucht in der Lunge hat. IV. Das Gefühl der Unleidlichkeit der bestehenden Wirthschafts-Zustände ist ein allgemeines. Der enterbte Proletarier, dessen Denken durch den täglichen Hunger immer wieder in diesen Stoffkreis zurückgeführt wird, erkennt, daß er mit der Arbeit seiner Hände Reichthümer schafft, und fordert seinen Antheil an denselben. Er begeht aber dabei das Unrecht, seine Forderung mit allerlei Theorien zu begründen, die vor der Kritik nicht bestehen. Es gibt nur ein einziges wahres und natürliches Argument, worauf er sich berufen könnte und das unwiderleglich wäre: das Argument, daß er die Kraft besitzt, sich der Güter, die er hervorbringt, zu bemächtigen, daß die Minderheit der Reichen unvermögend ist, diese Aneignung zu verhindern, und daß er darum das Recht hat, zu behalten, was er schafft, und zu nehmen, was er braucht. Auf diesem einzigen Argument beruht der ganze heutige Gesellschaftsbau. Dasselbe hat aus schwächeren Individuen und Völkern Sklaven der stärkeren, aus klugen und rücksichtslosen Menschen Millionäre, aus dem Kapital den unumschränkten Herrn der Welt gemacht. Die Minorität der Müßiggänger und Ausbeuter stützt sich täglich auf dieses Argument, um die Ansprüche der Arbeitenden und Ausgebeuteten zurückzuweisen. Nur der Proletarier, dessen Geist trotz allem Radikalismus in den kapitalistischen Rechts- und Moralanschauungen befangen ist, zögert, sich dieses unwiderleglichen, aus der natürlichen Neuordnung gezogenen Arguments zu bedienen, und zieht es vor, den Beweis für die Berechtigung seiner Ansprüche rechts und links in allerlei Hirngespinsten zu suchen, unter denen der Kommunismus das weitest verbreitete und meist geglaubte ist. Er begibt sich damit thörichter Weise auf ein Gebiet, auf dem er unterliegen muß. Dem Kapitalismus ist es spielend leicht gemacht, das Unsinnige dieser Theorie nachzuweisen. In der That, der Kommunismus, wie ihn alle sozialistischen Schulen verstehen und predigen, ist die thörichte Ausgeburt einer Phantasie, die sich ohne Rücksicht auf die Weltwirklichkeit und Menschennatur blauen Träumereien hingibt. Eigentliche Gütergemeinschaft hat nie in der Welt bestanden. Die in geschichtlichen Zeiten vorhanden gewesene, in Überlebseln da und dort noch heute zur Beobachtung gelangende Verfassung des Eigenthums, welche man bei oberflächlicher Betrachtung für Kommunismus halten könnte, hat durchaus die Vorstellung individuellen, aus der Masse des Vorhandenen ausgeschiedenen, streng begrenzten Besitzes zur Voraussetzung. Wenn innerhalb einer kleineren Anzahl von Individuen aus Gründen gemeinsamer Abstammung oder anderen Ursachen eine so vollkommene Zusammengehörigkeit und Solidarität besteht, daß eine Familie, oder eine Gemeinde, oder gar ein ganzer Stamm sich gleichsam nur als ein einziges zusammengesetztes Wesen höherer Ordnung empfindet, dann ist es denkbar, daß dieses Kollektiv-Individuum einen untheilbaren Kollektiv-Besitz hat, den der Einzelne nicht zum eigenen Vortheil und zum Nachtheil der Übrigen an sich reißen darf. Daß solcher Kollektiv-Besitz, wie er im russischen Mir, in den kroatisch-slavonischen Hausgemeinschaften u. s. w. noch mitten in unseren europäischen Eigentumsverhältnissen überlebt, mit Kommunismus, das heißt grundsätzlicher Weltgütergemeinschaft, nicht das geringste gemein hat, ist leicht zu erproben. Es versuche nur ein Dritter, ein nicht in den Kreis der solidarisch Besitzenden Aufgenommener, sich eines Stückes des Gemein-Eigenthums zu bemächtigen! Der Eindringling wird sofort den Stamm, die Gemeinde, den Mir u. s. w. gegen sich in Waffen sehen. Die Gemein-Eigenthümer haben so sehr das Gefühl persönlichen Besitzes, daß sie den Eingriff in ihre Kollektiv-Rechte mit nicht geringerer Lebhaftigkeit empfinden, als es der individuelle Voll-Eigenthümer nur immer vermag, wenn ihm an den Beutel gegangen wird. Und selbst dieser Kollektiv-Besitz, der kein prinzipieller Kommunismus, sondern nur eine primitivere Form des persönlichen Eigenthums ist, kann nur so lange bestehen, als alle Betheiligten ihre Zusammengehörigkeit tief und unmittelbar empfinden und als ihre Beschäftigung eine durchaus gleichartige ist, so daß die Leistungen der Einzelnen leicht mit einander verglichen werden können und über den Werth dieser Leistungen und über die Höhe der Entlohnung, auf welche dieselben Anspruch gewähren, kein Zweifel aufkommen kann. Sowie aber Theilung der Arbeit eintritt und die Produktion eine mannigfache wird, sowie infolge dessen sich die Nothwendigkeit ergibt, ein Werthverhältniß zwischen sehr verschiedenartigen, obwohl gleich brauchbaren Leistungen zu bestimmen und festzustellen, in welchem Maße jede der höchst ungleichen Arbeiten auf Lohn Anspruch hat, hört die Möglichkeit des Fortbestandes eines kollektiven Besitzes auf und das Eigenthum individualisirt sich im Handumdrehen. Nicht im Kommunismus ist also die Lösung der wirthschaftlichen Probleme zu suchen; denn er ist nur bei den sehr niedrig stehenden Kollektiv-Organismen ein natürlicher Zustand, kann jedoch auf eine so hoch entwickelte Form animalischen Lebens, wie es die menschliche Gesellschaft ist, keine Anwendung finden. Nicht nur für den Menschen, sondern auch für weitaus die meisten Thiere ist individueller Besitz der natürliche Zustand. Die Quelle des Dranges nach solchem Besitze ist die Nothwendigkeit der Befriedigung individueller Bedürfnisse. Jedes Thier nährt sich, viele bedürfen eines künstlich bereiteten Obdachs oder natürlichen Unterschlupfs. Seine Nahrung nun und sein Nest oder Lager, die es sich selbst verschafft oder bereitet hat, empfindet das Thier als sein Eigenthum. Es fühlt, daß diese Dinge sein und keines Andern sind, und es gestattet nicht ohne Versuch der Abwehr, daß sie ihm von einem andern Individuum genommen werden. Eine Lebensweise, die Voraussicht und Sorge für die Zukunft nöthig macht, führt zur Erweiterung des Eigenthumsgefühls und zur Entwickelung des Dranges nach Erwerb eigenen Besitzes. Ein Raubthier, das blos von frischem Fleische lebt, grenzt aus der Gesammtmenge des Vorhandenen blos so viel als sein Eigenthum ab, wie für eine einzige Mahlzeit nöthig ist. Ein Pflanzenfresser dagegen, der in einer Region lebt, wo es einen Winter gibt, während dessen nichts wächst, nimmt aus der gemeinsamen Vorrathskammer der Natur weit mehr an sich, als zur Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse nöthig ist, er rafft in der Regel sogar weit mehr zusammen, als er in der Folge verbrauchen kann, er verringert dadurch ohne organische Notwendigkeit die Nahrungsmenge der Übrigen, er wird zum Kapitalisten und rücksichtslosen Egoisten. So häufen Eichhörnchen, Hamster, Feldmaus u. s. w. ansehnliche Mengen von Früchten und Pflanzensamen aller Art für den Winter auf, die sie im Frühling, wenn sie ihren Bedarf wieder in Feld und Wald decken können, meist nicht verbraucht haben. Sie legen also nicht blos individuelles Eigenthum an, sie erwerben nicht blos Vermögen, sie sind sogar reich in dem Sinne, daß sie mehr besitzen, als für ihre Bedürfnisse erforderlich ist. Der Mensch gehört in die Kategorie der Thiere, die auf Voraussicht angewiesen sind. Der Erwerb individuellen Eigenthums, dessen Vermehrung über das augenblickliche Bedürfniß hinaus, dessen Vertheidigung gegen etwaige Versuche Anderer, sich desselben zu bemächtigen, sind ihm also natürliche Lebensakte, Instinkte, die aus dem Grundtrieb der Selbsterhaltung abgeleitet sind, die nicht ausgerottet werden können und unter dem härtesten Zwang einer entgegenstehenden Gesetzgebung immer wieder mit Elementargewalt durchbrechen würden. Allein wenn individuelles Eigenthum natürlich und darum schlechterdings nicht zu unterdrücken ist, so gibt es dafür eine mißbräuchliche Erweiterung des Rechtes auf persönlichen Besitz, gegen die sich die Vernunft allerdings auflehnt und die mit natürlichen Gründen nicht zu vertheidigen ist, und das ist die Vererbung. Wol drängt der Trieb der Gattungserhaltung alle Lebewesen, für ihre Nachkommenschaft zu sorgen und ihr möglichst günstige Daseinsbedingungen zu schaffen. Allein diese Fürsorge erstreckt sich nie weiter als bis zum Augenblicke, wo die junge Brut genügend entwickelt ist, um ganz so für sich selbst sorgen zu können, wie es die Alten gethan haben. Im Pflanzensamen ist nur so viel Stärkemehl, im Ei nur so viel Eiweiß angehäuft, als der Keim zur Ernährung in seinem frühesten Lebensstadium völliger Hilflosigkeit nöthig hat. Das Säugethier gibt dem Jungen seine Milch nur so lange, als dieses nicht selbst weiden oder jagen kann, und der nesthockende Vogel hört auf, seinen Kleinen die Atzung zuzutragen, wenn sie ihren ersten vollständigen Ausflug unternommen haben. Nur der Mensch will seine Nachkommenschaft auf ungezählte Generationen hinaus mit Stärkemehl und Eiweiß, mit Muttermilch und Atzung versehen; nur der Mensch will seine Kinder und deren Abkömmlinge bis in die fernste Zukunft in dem embryonalen Zustande erhalten, in welchem die Brut sich von den Zeugern ernähren läßt und nicht selbst für die Erhaltung ihres Daseins kämpft und sich müht. Der Ahn hat Vermögen erworben, er will es seiner Familie hinterlassen, um sie womöglich für immer der Arbeit eigenen Erwerbs zu entheben. Das ist eine Auflehnung gegen alle Naturgesetze. Es ist eine schwere Störung der Weltordnung, welche das ganze organische Leben beherrscht und die bestimmt, daß jedes Lebewesen sich selbst seinen Platz am großen Tische der Natur erzwingen oder untergehen muß. Von dieser Störung rühren alle Übelstände des wirthschaftlichen Lebens her und während sie über ungeheure Massen von Individuen den Fluch der Noth und Verkümmerung verhängt, rächt sie sich doch auch gleichzeitig an ihren Urhebern. Es hilft nichts, daß die Reichen mit unbewußt verbrecherischem Egoismus ihre angehäuften Güter dem Gemeinwesen entziehen, um ihren Kindern und Kindeskindern für immer ein Wolleben im Müßiggange zu sichern; ihre Absicht erreichen sie doch nie. Die Erfahrung lehrt, daß es ohne Erwerbsthätigkeit keinen Reichthum auf viele Generationen hinaus gibt. Ererbtes Vermögen bleibt nie bei einer Familie und selbst Rothschilds Millionen können seine Nachkommen in der sechsten oder achten Geschlechtsfolge nicht vor Elend schützen, wenn diese nicht jene Eigenschaften besitzen, die es ihnen auch ohne Erbmillionen ermöglichen würden, sich einen guten Platz unter der Sonne zu erobern. Es waltet da ein unerbittliches Gesetz, welches die durch die unnatürliche Thatsache der Güter-Vererbung gesetzte Störung im Wirthschaftsleben der Gesellschaft auszugleichen strebt. Ein Individuum, das sich niemals in der Nothwendigkeit befunden hat, seinen primitivsten organischen Instinkt, den der Erwerbung seiner Lebensmittel, zu üben, verliert auch sehr bald die Fähigkeit, seinen Besitz zu erhalten und gegen die Gier der demselben nachstellenden Besitzlosen zu vertheidigen. Nur wenn alle Nachkommen einer Familie absolut mittelmäßige Naturen sind, sich von allen öffentlichen und privaten Kämpfen fernhalten, in vollständiger Dunkelheit und sozusagen von aller Welt vergessen ein gleichmäßiges Pflanzendasein leben, können sie hoffen, den ererbten Besitz ungeschmälert zu erhalten. Sowie aber diese Familie ein einziges Individuum hervorbringt, das einigermaßen mit Phantasie begabt ist, in irgend einer Richtung über die kahlste schematische Norm hinausragt, Leidenschaften oder Ehrgeiz hat, glänzen oder nur sich leben fühlen will, ist die Verminderung oder der Verlust des Erbvermögens unvermeidlich, weil der reger lebende Sprößling der reichen Familie durchaus unfähig ist, auch nur einen Pfennig von dem, was er zur Befriedigung irgend einer Laune gegeben hat, wieder zu ersetzen. Es ist mit dem Vermögen wie mit einem Organismus. Dieser muß lebensthätig sein, wenn er bestehen soll; sowie die Lebensvorgänge in seinen Zellen aufhören, fällt er der Fäulniß anheim und wird von den mikro- und makroskopischen Wesen, die, auf Beute lauernd, die ganze Natur erfüllen, verschlungen. Ganz so kann man sagen, daß ein Vermögen, in welchem nicht ein reger wirtschaftlicher Lebensprozeß den Kreislauf und Stoffwechsel unterhält, gleichsam stirbt, und von den gierigen Fäulnißorganismen: Schmarotzern, Betrügern, Schwindlern, Speculanten aufgefressen wird. Man kann die Leiche eines Vermögens wie die eines Lebewesens künstlich vor dem Zerfall und der Zerstörung bewahren; letztere durch antiseptische Mittel, erstere durch Ausnahmsgesetze, welche die Konservirungsflüssigkeit der Erbvermögen darstellen, nämlich durch ihre Errichtung zu Fideikommissen. Das Fideikommiß ist eine Erfindung, welche einen kuriosen Beweis dafür liefert, daß die reichen Egoisten stets eine dunkle Ahnung von der Unnatürlichkeit des Erbrechtes hatten. Der Erblasser fühlt, daß er einen Frevel an der Menschheit begeht und daß die Natur sich an seinen Nachkommen für die Verachtung ihrer Gesetze rächen wird, und er sucht einen letzten Damm gegen ihren Ansturm aufzuwerfen; er sieht voraus, daß seine Kinder nicht genug starke Arme haben werden, um ihr Erbvermögen selbst festzuhalten, und er bemüht sich, dasselbe durch unlösbare Taue an ihren Leib festzubinden. Aber selbst das Fideikommiß, diese Karbolsäure todter Vermögen, verliert auf die Dauer seine anhaltende Kraft und schützt den Reichthum nicht vor der Zersetzung und die Familie nicht vor dem wirthschaftlichen Untergange. Die Vererbung muß also abgeschafft werden; das ist das einzig natürliche und darum auch einzig mögliche Heilmittel aller wirthschaftlichen Gebreste des Gesellschaftskörpers. Auf den ersten Anblick erscheint eine solche Maßregel äußerst radikal, kaum weniger als etwa die einfache Konfiskation alles individuellen Besitzes; wenn man aber genauer zusieht, so ist sie nur die logische Weiterentwickelung vorhandener Erscheinungen, die niemand beunruhigen. Gerade in den Ländern, wo man an der feudalen Organisation der Gesellschaft am zähesten festhält, besteht das Recht der Primogenitur; das heißt die Enterbung, die ich als allgemeine Maßregel für alle Nachkommen ohne Ausnahme fordere, wird systematisch an allen Kindern bis auf das erstgeborne geübt; der konservativste Peer von England verwirklicht also einen Gedanken, der manchen Lesern vielleicht eben noch äußerst revolutionär geschienen hat. Wenn man nun nichts Unrechtes und namentlich nichts Unmögliches darin sieht, daß die nachgeborenen Kinder eines englischen Edelmannes vom proportionellen Genuß des väterlichen Vermögens ausgeschlossen sind, weshalb sollte es unrecht oder unmöglich sein, alle Kinder aller Besitzenden ebenso zu behandeln? Es ist wahr, der Peer, der seine jüngeren Kinder enterbt, gibt ihnen doch ein anderes Gut, die Erziehung, die sie befähigt, eine Figur in der Welt zu machen. Aber wenn alles Erworbene nach dem Tode des Erwerbers an die Gesammtheit heimfällt, so kann der Staat der ganzen Jugend des Volkes die ihren Fähigkeiten entsprechende Erziehung und Bildung geben und der enterbte Sohn des Reichen hat dann mindestens dieselben Vortheile, deren sich heute der enterbte jüngere Sohn des Peers erfreut. Der Peer thut aber für seine Kinder, denen er kein Vermögen hinterläßt, noch etwas anderes: er benutzt seine Familien- und Standesverbindungen dazu, um sie mit Stellen in der Staats-, Gemeinde- oder Privatverwaltung zu versorgen, die mehr oder weniger den Charakter von Pfründen haben. Was ist das anderes als die Organisation der Solidarität, die dem Einzelnen fast noch größere Sicherheiten des Daseins gewährt als ein unabhängiges Vermögen? Allerdings ist diese Solidarität eine enge, selbstsüchtige; es ist die einer Kaste und sie hat die Ausbeutung der Mehrheit zu Gunsten einiger Schmarotzer zum Zwecke. Man denke sich nun die Bande einer solchen Solidarität um ein ganzes Gemeinwesen geschlungen und nicht auf Parasitismus, sondern auf nützliche Produktion gerichtet; man denke sich einen Staat, der seiner ganzen Jugend die Erziehung und – wenn die Eltern dazu unvermögend sind – den Unterhalt bis zum erwerbsfähigen Alter gewährt und ihr, wenn sie in dieses Alter tritt, die Werkzeuge selbstständiger Arbeit bietet; ist in einem solchen solidarischen Gemeinwesen nicht jedes Individuum besser versorgt, als heute der jüngere Sohn eines englischen Peers und ist dann die Einziehung des väterlichen Vermögens durch den Staat noch eine Ungerechtigkeit gegen die Kinder? Die praktische Durchführung dieses Gedankens würde in der ersten Zeit gewiß mancherlei Schwierigkeiten begegnen, das leugne ich keinen Augenblick lang. Die Eltern würden versuchen, durch Schenkung unter Lebenden das Heimfallsgesetz auszuspielen, und es würde dem Staate nicht leicht werden, diesen Betrug zu verhüten, der dann doch einen Theil des väterlichen Vermögens auf die Kinder übergehen lassen würde. Aber das ist eine Fehlerquelle, die für das System von sehr geringer Bedeutung ist. Unter der Herrschaft des letztern würde sich die menschliche Anschauungsweise rasch genug gründlich ändern; die Eltern würden erkennen, daß in dem reorganisirten Gemeinwesen Vermögenslosigkeit für ein Kind nicht Noth und Elend bedeutet, und der Drang, die Nachkommen als Rentner in die Welt eintreten zu lassen, würde bedeutend schwächer werden. Die Kontrole des Besitzes und der Übertragung von Werthpapieren, in denen doch wol der größte Theil des beweglichen Vermögens angelegt sein wird, ist nicht unmöglich, nicht einmal schwierig, Hausrath und einzelne Werthgegenstände, Kunstwerke u. s. w., könnte man als Andenken an die Eltern ohnehin von der Konfiskation durch den Staat ausnehmen und für den unbeweglichen Besitz wäre die Möglichkeit einer Umgehung des Heimfallsgesetzes ausgeschlossen. Das ist aber der wichtigste, ja der einzig wesentliche Punkt des Systems. Das ganze Land mit allen Gebäuden, Fabriken, Verkehrsanlagen u. s. w., die darauf stehen, muß unveräußerliches Eigenthum der Gesammtheit werden und nach einem Menschenalter immer wieder in seiner Gänze an sie zurückfallen. Wer sich darum bewirbt, soll vom Staate Grundbesitz oder Fabriken auf Lebenszeit erhalten und dafür einen jährlichen Pacht bezahlen, der einer angemessenen Verzinsung des leicht feststellbaren Kapitalwerths der Besitzung entspricht. Das ist wieder nicht etwa eine unerhörte revolutionäre Neuerung, sondern einfach die weitere Ausgestaltung von Verhältnissen, wie sie an vielen Orten, namentlich in England und Italien, schon bestehen. In diesen Ländern gibt es Großgrundbesitzer, die ihren Boden nicht selbst bearbeiten, sondern durch Pächter bewirthschaften lassen. Nichts verhindert die Gesellschaft, alle Bodenbearbeiter und Fabrikanten in das Verhältniß der englischen Farmer zu bringen und nur noch einen Großgrundbesitzer zuzulassen: den Staat. Bei dieser Organisation ist es dem Einzelnen möglich, persönliche Reichthümer zu erwerben, wenn diese auch schwerlich zu so ungeheurer Höhe anwachsen können wie die Vermögen der Ausbeuter und Schmarotzer in der heutigen Wirtschaftsordnung. Der Begabte, der Fleißige findet in üppigerem Leben den Lohn seiner größeren Tüchtigkeit, der Mittelmäßige oder Trägere muß sich mit knapperem Auskommen begnügen, der Arbeitsscheue allein findet sich zur Entbehrung, ja zum Untergange verurtheilt. Der Ansammlung sehr großen Grundbesitzes in der Hand eines einzigen Pächters ist dadurch vorgebaut, daß der Unternehmer nur sehr schwer Arbeiter finden wird; denn, da derjenige, welcher arbeiten will, eigenes Land vom Staat erhalten kann, so hat er keine Ursache, sich an einen anderen zu verdingen und sich von einer Mittelsperson, einem Unternehmer abhängig zu machen. Die Entwickelung des Systems führt nothwendig dahin, daß bald der Einzelne nur so viel Land verlangen wird, als er selbst – allenfalls mit Hilfe seiner Familie – bearbeiten kann. Auch die unnatürliche Entwickelung der Industrie auf Kosten der Nahrungsproduktion wird dadurch verhütet. Denn da der Einzelne ebenso leicht unabhängiger Farmer wie Fabrikarbeiter werden kann, so wendet er sich der Industrie nur dann zu, wenn sie ihm ein angenehmeres und reichlicheres Dasein gewährt als der Ackerbau, und der Andrang einander unterbietender, sich mit dem geringsten Maße von Lebensgütern und Genüssen begnügender Arbeitsucher zu den Fabrikräumen ist undenkbar. Wahre Schwierigkeiten können sich erst ergeben, wenn der Staat übervölkert und der Boden knapp wird. Dann wird es zur Unmöglichkeit, allen Bewerbungen um Ackerland oder Gewerbe-Anlagen zu entsprechen, und ein Theil der heranwachsenden Jugend muß sich zur Auswanderung entschließen. Sehr intensive Bodenkultur kann jedoch, wie ich oben gezeigt habe, diese Nothwendigkeit in eine sehr ferne Zukunft hinausverlegen. Dieses System ist ohne Zweifel auch eine Art Kommunismus. Wer sich jedoch durch dieses Wort ins Bockshorn jagen läßt, der sei daran erinnert, daß wir ohnehin in vollem Kommunismus leben, nur nicht in einem aktiven, sondern in einem passiven. Wir haben keine Gemeinschaft der Güter, aber eine Gemeinschaft der Schulden. Kein Reaktionär erschrickt darüber, daß jeder Staatsbürger durch die bloße Thatsache der Zugehörigkeit zum Staate Schuldner einer Summe ist, die sich in Frankreich zum Beispiel auf nahezu 600 Franken für den Kopf beläuft. Warum sollte es ihn erschrecken, wenn durch eine gründliche Umwälzung der Staatsbürger vom Schuldner zum Besitzer eines entsprechenden Vermögensantheils würde, wenn der Staat nicht blos allgemeine Schulden, sondern auch allgemeines Vermögen hätte und seinen Angehörigen nicht immer nur Steuern abnehmen, sondern auch Güter mittheilen würde, wie er es ja einer kleinen Anzahl von Individuen auch heute schon thut? Denn der Staat besitzt ohnehin bereits Eigenthum aller Art, Paläste, Wälder, Farmen, Schiffe, und die Thatsache, daß das Vorhandensein nicht individuellen, allen Bürgern zugleich untheilbar gehörenden Besitzes praktischer Kommunismus ist, kommt den meisten Leuten nur darum nicht klar zum Bewußtsein, weil die noch immer bestehenden mittelalterlichen Staatseinrichtungen die Vorstellung begünstigen, daß das allgemeine Vermögen ein individuelles Vermögen sei, das Eigenthum des Fürsten oder sonstigen Staatsoberhauptes. Die Staatsschuld, das Staatseigenthum, die Steuern sind nicht die einzigen Formen, unter welchen der Kommunismus unter uns besteht. Gewisse Arten des Kredits sind ebenfalls nichts anderes als der blanke Kommunismus. Wenn ein Einzelner einem andern Einzelnen aus seiner Tasche Geld leiht oder eine Anweisung auf sein persönliches Vermögen zur Verfügung stellt, die von Dritten wie Baargeld angesehen wird, so ist das ein Austausch individuellen Besitzes; allein wenn eine Bank, die unbedeckte Noten ausgibt – und bei vielen Banken erreicht der Betrag der unbedeckten Noten ein Drittel und mehr der ganzen Notenmenge – einem Individuum auf seine Unterschrift hin ein Darlehn in Noten gewährt, für die dasselbe sich alle Güter verschaffen kann, so ist dies Geschäft ein Akt des vollen Kommunismus. Die Bank gibt nicht von ihr erworbene aufgesparte Arbeit, das heißt Geld, sondern eine Anweisung auf künftig zu leistende Arbeit, und daß diese Anweisung vom Gemeinwesen respektirt wird, daß das Gemeinwesen gegen unbedeckte Noten Güter ausliefert, das ist eine dem Grundsatze der menschlichen Solidarität dargebrachte Huldigung, das ist eine Anerkennung der Thatsache, daß das Individuum Anspruch auf einen Antheil an den vorhandenen Gütern besitzt, auch wenn es für diesen Antheil noch nicht einen persönlich hervorgebrachten Gegenwerth zum Austausch bieten kann. Der Heimfall aller Güter an den Staat nach dem Tode ihrer Erwerber schafft ein nahezu unerschöpfliches gemeinsames Vermögen, ohne den individuellen Besitz aufzuheben. Jedes Individuum hat dann ein Eigen- und ein Gesammtvermögen, wie es einen Tauf- und Familiennamen hat. Das Staatsvermögen, mit dem es geboren wird, ist gleichsam sein Familien-, das eigene Vermögen, das es sich während seines Lebens erwirbt und dessen alleiniger, ungestörter Nutznießer es ist, sein Taufname und beide zusammen umschreiben seine wirthschaftliche wie die Namen seine bürgerliche Persönlichkeit. Indem das Individuum für sich arbeitet, arbeitet es zugleich für die Gesammtheit, welcher eines Tages der ganze Überschuß seines Erwerbes über seinen Verbrauch zugute kommen wird. Das Gesammtvermögen bildet das ungeheure Sammelbecken, welches aus dem Überfluß der einen dem Mangel der anderen abhilft und nach jedem Menschenalter die immer wieder entstehenden Ungleichheiten in der Gütervertheilung ausgleicht, welche die Vererbung im Gegentheil fixirt und mit jeder Generation schroffer macht. Zu einer solchen Neuordnung der wirthschaftlichen Organisation der Gesellschaft muß es kommen, weil die Vernunft und die naturwissenschaftliche Weltanschauung sie gleichzeitig fordern. Ein einziges Grundprinzip muß die Gesellschaft beherrschen und dieses Grundprinzip kann nur entweder der Individualismus, das heißt der Egoismus, oder die Solidarität, das heißt der Altruismus sein. Gegenwärtig herrscht weder der Individualismus noch die Solidarität in voller Logik, sondern ein Gemisch von beiden, das unvernünftig und unlogisch ist. Der Besitz ist individualistisch organisirt und der Egoismus geht in der Vererbung bis zu seinen äußersten Grenzen, indem er nicht blos mit List und Gewalt an sich rafft, was er kann, sondern den Raub auch für ewige Zeiten festzuhalten, aus seinem Mitgenusse die Gemeinschaft der Menschen für immer auszuschließen sucht. Allein den Nichtbesitzenden gesteht der Besitzende nicht das Recht zu, sich auf das Prinzip zu berufen, dem der letztere seinen Reichthum verdankt. Das Vermögen wird im Namen des Individualismus erworben und festgehalten, vertheidigt aber wird es im Namen der Solidarität. Der Reiche genießt den unverhältnißmäßig großen Antheil an den Gütern, den er an sich zu bringen verstanden hat, mit verhärtetem Egoismus; wenn aber der Arme ebenfalls egoistisch und individualistisch sein und die Hand nach dem Besitze des andern ausstrecken will, so wird er eingesperrt oder gehenkt. In Form von Wucher und Spekulation ist die rücksichtslose Verfolgung des selbstischen Interesses gestattet, in Form von Raub und Diebstahl ist sie verboten. Derselbe Grundsatz ist in der einen Anwendung ein Verdienst, in der andern ein Verbrechen. Dagegen empört sich der gesunde Menschenverstand. Ich gebe zu, daß man den Egoismus predige, aber dann habe man den Muth, ihn in allen Fällen gutzuheißen. Ist es recht, daß der Reiche in Müßiggang schwelge, weil er es verstanden hat, das Land an sich zu reißen oder die Menschenarbeit auszubeuten, so muß es auch billig sein, daß der Arme ihn todtschlage und sein Vermögen als gute Prise behandle, wenn er zu einem solchen Unternehmen den Muth oder die Stärke hat. Das ist logisch. Freilich geht bei dieser Logik die Gesellschaft zu Grunde und die Zivilisation zum Teufel und die Menschen werden zu Raubthieren, die einzeln in den Wäldern schweifen und einander zerreißen. Wer also einen solchen Zustand nicht für das ideale Ziel der gesellschaftlichen Entwickelung hält, dem bleibt nichts übrig, als sich für den andern Grundsatz, die Solidarität zu entschließen. Da heißt es nicht mehr: Jeder für sich, sondern: Einer für Alle und Alle für Einen. Da erkennt es die Gesellschaft als ihre Pflicht, die noch nicht erwerbsfähige Jugend zu erhalten und zu bilden, das nicht mehr erwerbsfähige Alter zu versorgen, dem Gebrechen zu Hilfe zu kommen und die Entbehrung nur noch als Strafe willkürlichen Müßigganges zu dulden. Diese Pflicht zu erfüllen ist aber schlechterdings nur unter einer Bedingung möglich: wenn die Vererbung der Güter unterdrückt wird. Große Katastrophen stehen auf wirtschaftlichem Gebiete bevor und es wird nicht mehr lange möglich sein, sie aufzuhalten. So lange die Menge gläubig war, konnte man sie für irdisches Elend mit unbestimmten Versprechungen himmlischer Glückseligkeit trösten. Heute, wo die Aufklärung immer allgemeiner wird, verringert sich die Zahl der Geduldigen immer mehr, die in einer Hostie den Ersatz für ein Mittagsmahl finden und die Anweisung eines Priesters auf einen Platz im Paradiese dem unmittelbaren Besitze eines guten irdischen Ackers gleichachten. Die Besitzlosen zählen sich und die Reichen und sie finden, daß ihrer mehr und daß sie stärker sind. Sie prüfen die Quellen des Reichthums und sie finden, daß Spekulation, Ausbeutung und Erbschaft nicht mehr vernünftige Berechtigung haben als Raub und Diebstahl, welche das Gesetzbuch schwer ahndet. Bei der fortschreitenden Enterbung der Massen durch ihre Losreißung vom Grund und Boden und bei der wachsenden Anhäufung der Vermögen in wenigen Händen werden die wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten immer unleidlicher und an dem Tage, an welchem sich bei der Menge zum Hunger die Erkenntniß der ferneren Ursachen desselben gesellt, gibt es das Hinderniß nicht, welches sie nicht beseitigen und niederwerfen wird, um zum Rechte der Sättigung zu gelangen. Hunger ist eine der wenigen Elementargewalten, gegen welche auf die Dauer weder Drohung noch Überredung hilft. Das ist denn auch die Kraft, die voraussichtlich den auf Aberglauben und Selbstsucht ruhenden Gesellschaftsbau, dem die Philosophie allein nicht beikommen kann, dem Boden gleichmachen wird. Die Ehelüge. I. Der Mensch hat zwei mächtige Grundtriebe, die sein ganzes Leben beherrschen und den ersten Anstoß zu allen seinen Handlungen geben: den Trieb der Selbsterhaltung und den Trieb der Gattungserhaltung. Jener kommt am einfachsten als Hunger, dieser als Liebe zur Erscheinung. Die Kräfte, welche bei den Verrichtungen der Ernährung und Fortpflanzung wirken, sind uns noch dunkel, ihr Walten aber sehen wir klar. Wir wissen nicht, weshalb ein Individuum seinen Entwickelungskreis gerade in einer gegebenen und nicht in einer andern Zahl von Jahren durchläuft; weshalb das große und starke Roß nur 35, der kleinere und schwächere Mensch dagegen über 70 Jahre alt werden kann; weshalb der kleine Rabe bis zu 200, die weit größere Gans nur bis zu 20 Jahren lebt. Was wir aber wissen, das ist, daß jedes Lebewesen schon im Augenblicke seiner Geburt auf eine bestimmte Lebensdauer gestellt, wie ein Uhrwerk für eine bestimmte Ablaufszeit aufgezogen ist, die durch Einwirkung zufälliger äußerer Gewalten verkürzt, in keinem Falle aber verlängert werden kann. Ebenso vermuthen wir, daß auch die Gattungen für eine bestimmte Dauer angelegt sind, daß sie wie die Individuen in einem genau feststellbaren Augenblicke entstehen, gleichsam geboren werden, sich entwickeln, ihre Reife erreichen und sterben. Der Lebenszyklus einer Gattung ist zeitlich zu ausgedehnt, als daß die Menschen seinen Anfangs- und Endpunkt auch nur in einem einzigen Falle durch direkte Beobachtung hätten feststellen können; allein die Paläontologie gewährt zahlreiche sichere Anhaltspunkte, mit deren Hilfe man ohne Wagniß dahin gelangen kann, den Parallelismus der Lebens- und Entwickelungsgesetze des Individuums und der Gattung als Thatsache zu verkünden. So lange das Einzelwesen die ihm bei seiner Erzeugung mitgetheilte Lebenskraft nicht aufgebraucht hat, strebt es mit aller Anstrengung, deren es fähig ist, sich zu erhalten und gegen seine Feinde zu schützen; wenn seine Lebenskraft erschöpft ist, so empfindet es kein Nahrungsbedürfniß und keinen Vertheidigungsdrang mehr und stirbt. Ebenso kommt in der Gattung die Lebenskraft als Fortpflanzungstrieb zum Ausdruck. So lange die Lebenskraft der Gattung mächtig ist, strebt jedes vollausgestaltete Individuum derselben mit Anspannung all seiner Kräfte nach Paarung. Beginnt die Lebenskraft der Gattung zu ebben, so werden deren Individuen im Punkte der Fortpflanzung gleichgiltiger und hören zuletzt ganz auf, dieselbe als Nothwendigkeit zu empfinden. Wir besitzen im Verhältniß des Egoismus zum Altruismus innerhalb einer gegebenen Gattung und selbst innerhalb einzelner Menschenracen oder Völker ein sicheres Maß der Lebenskraft, welche diese Gattung, Race oder Nation noch besitzt. Eine je größere Anzahl Individuen derselben ihr Eigeninteresse höher stellt als alle Pflichten der Solidarität und alle Ideale der Gattungs-Entwickelung, um so näher ist das Ende ihrer Lebensfähigkeit gerückt. Je mehr Individuen einer Nation im Gegentheil den Instinkt des Heroismus, der Selbstlosigkeit, der eigenen Opferung für die Gesammtheit haben, um so gewaltiger ist ihre Lebenskraft. Die Verkümmerung nicht nur der Familie, sondern auch des Volkes beginnt mit dem Überwiegen der Selbstsucht. Das Vorherrschen des Egoismus ist das untrügliche Anzeichen der Erschöpfung der Gattungsvitalität, welcher sehr rasch die Erschöpfung der individuellen Lebenskraft folgen muß, wenn letztere nicht durch günstige Kreuzungen oder Umgestaltungen eine Fristerstreckung erfährt. Ist eine Race oder Nation auf diesen Punkt ihrer absteigenden Lebensbahn gelangt, so verlieren ihre Individuen die Fähigkeit, gesund und natürlich zu lieben. Der Familiensinn geht unter. Die Männer wollen nicht heiraten, weil es ihnen unbequem scheint, sich die Lasten der Verantwortlichkeit für ein anderes Menschenleben aufzubürden und für ein zweites Wesen außer sich selbst zu sorgen. Die Frauen scheuen die Schmerzen und Unbequemlichkeiten der Mutterschaft und streben auch in der Ehe mit den unsittlichsten Mitteln nach Kinderlosigkeit. Der Fortpflanzungsinstinkt, der nicht mehr die Fortpflanzung zum Ziele hat, verliert sich bei den einen und entartet bei den andern zu den seltsamsten und irrationellsten Verirrungen. Der Paarungsakt. diese erhabenste Funktion des Organismus, welche dieser nicht vor ferner vollen Reise verrichten kann und mit welcher die gewaltigsten Sensationen verbunden sind, deren das Nervensystem überhaupt fähig ist, wird zu einer ruchlosen Lüstelei entwürdigt und nicht mehr im Interesse der Gattungserhaltung vollzogen, sondern nur noch im ausschließlichen Interesse einer für die Gesammtheit zweck- und werthlosen individuellen Vergnügung. Wo die Liebe überhaupt noch, als Überlebsel oder Atavismus, auftritt, da ist sie nicht die Zusammenfügung zweier unvollständiger, halber Individualitäten zu einem ganzen und vollkommenen Individuum höherer Art, nicht die Entfaltung eines sterilen Einzellebens zu einem fruchtbaren Doppelleben, das sich in Nachkommenschaft unbegrenzt fortsetzen kann, nicht die unbewußte Hinüberleitung des Egoismus in den Altruismus, nicht das Einmünden der isolirten Individual-Existenz in den frischen, brausenden Strom des Gattungsdaseins, sondern eine wunderliche, sich selbst unverständliche und darum unmöglich zu befriedigende Bangniß, halb Träumerei, halb Hysterie, theils Selbstbetrug, Reminiszenz, Anempfindung' von Gelesenem und Gehörtem und krankhafte, sentimentale Phantasterei, theils ganz direkt Überschnapptheit, impulsiver oder melancholischer Wahnsinn. Unnatürliche Laster nehmen überhand. allein während im Geheimen die Schamlosigkeit Orgien feiert, wird öffentlich im Gegentheil eine überaus empfindliche Zimperlichkeit zur Schau getragen und im Sinne des Sprichworts, daß man im Hause des Gehenkten nicht vom Stricke sprechen dürfe, vermeidet ein solches Volk, das hinsichtlich seines Geschlechtslebens ein böses Gewissen hat und sich seiner Begehungs- und Unterlassungssünden wohlbewußt ist, mit der Angst eines ertappten Verbrechers, diesen Punkt in Rede und Schrift auch nur von ferne zu streifen. Das ist das Bild der Geschlechtsbeziehungen einer niedergehenden Race, die entweder durch die natürliche Abnutzung, welche eine Folge des Alters ist, oder durch ungünstige Daseinsbedingungen oder durch das Walten schädlicher und thörichter Gesetze bis zur Erschöpfung ihrer Lebenskraft gelangt ist. Wenn man mir nun zugibt, daß die Form der Beziehungen beider Geschlechter zu einander innerhalb eines Volkes ein Gradmesser der Lebenskraft des letzteren ist, und diesen Maßstab an die Kulturvölker des Westens legt, so gelangt man zu äußerst alarmirenden Wahrnehmungen. Die Verlogenheit der ökonomischen, sozialen und politischen Einrichtungen hat bei diesen Völkern auch das Geschlechtsleben vergiftet, alle natürlichen Instinkte, welche die Erhaltung und Vervollkommnung der Gattung sichern sollen, sind gefälscht und auf Abwege geleitet und der herrschenden Selbstsucht und Heuchelei werden die künftigen Generationen gerade des geistig entwickeltsten Theils der Menschheit ohne Zögern geopfert. Zu allen Zeiten hat die Menschheit zuerst instinktiv gefühlt, dann vernünftig begriffen, daß es für sie nichts Wichtigeres als gebe ihre eigene Fortdauer, und alle Empfindungen und Handlungen, welche zu diesem vornehmsten Interesse der Gattung in irgend einer Beziehung stehen, haben von jeher den breitesten Platz in ihrer Gedankenwelt eingenommen. Die Liebe bildet ungefähr den ausschließlichen Inhalt der schönen Literatur aller Zeiten und Völker und jedenfalls den einzigen, der die Masse der Leser oder Hörer dauernd zu fesseln vermochte; das Endergebniß der Liebe, die Verbindung des Jünglings und Mädchens zu einem fruchtbaren Paare, ist anfangs von der Sitte und dem Gewohnheitsrechte der Völker, später von den geschriebenen Gesetzen mit so viel Zeremonien und Festgebräuchen, Vorbereitungen und Umständlichkeiten umgeben worden wie keine andere Handlung des menschlichen Lebens, selbst nicht die Wehrhaftmachung der Jünglinge, die doch bei barbarischen Stämmen, welche im Stande unausgesetzter Angriffe und Nothwehr leben, ein Akt von größter Wichtigkeit ist. Durch diese Förmlichkeiten, welche die Hochzeit umständlich machen, hat sich das Gemeinwesen stets eine Kontrolle über die Geschlechtsbeziehungen seiner Angehörigen gesichert und die Feierlichkeit, mit der es die Vereinigung eines Liebespaares behandelte, sollte in diesem das Bewußtsein erwecken, daß seine Umarmungen keine bloße Privatangelegenheit seien wie eine Mahlzeit, ein Jagdzug oder ein Abendvergnügen mit Gesang und Tanz, sondern ein Ereigniß von hoher öffentlicher Wichtigkeit und Bedeutung, welches dem ganzen Gemeinwesen nahegeht und auf dessen Zukunft mitbestimmend einwirkt. Um eine Herabwürdigung der Liebe zu einer bloßen Unterhaltung nach Möglichkeit zu verhüten, um ihren hehren Zweck, die Gattungserhaltung, thunlichst zu betonen, hat die Gesellschaft seit den ersten Anfängen der Gesittung grundsätzlich nur solche Beziehungen zwischen Mann und Weib als ehrenhaft anerkannt und durch ihre Achtung ausgezeichnet, deren Ernst die Probe eines öffentlichen Zeremoniells bestanden hat, diejenigen dagegen, welche sich dieser Weihe entzogen, mißbilligt und mit ihrem Abscheu oder sogar mit materiellen Ahndungen bestraft. Auch in unserer hohen Kultur wie in deren barbarischen Anfängen muß der Geschlechtsdrang, wenn er nicht zu einem verächtlichen und verfolgten Laster herabsinken soll, die Gesellschaft zur Zeugin seiner Befriedigung anrufen und sich unter ihre Überwachung stellen; auch heute noch ist die Ehe die einzige Form der Beziehungen zwischen Mann und Weib, welche das Gemeinwesen gutheißt. Was hat nun die Lüge unserer Zivilisation aus der Ehe gemacht? Sie ist zu einer materiellen Übereinkunft herabgesunken, in welcher für die Liebe so wenig Platz bleibt, wie im Genossenschaftsvertrag zweier Kapitalisten, die zusammen ein Geschäft unternehmen. Der Vorwand der Ehe ist noch immer die Gattungserhaltung, ihre theoretische Voraussetzung noch immer die gegenseitige Anziehung zweier Individuen entgegengesetzten Geschlechts, tatsächlich aber wird die Ehe nicht im Hinblick auf die künftige Generation, sondern blos mit Rücksicht auf das persönliche Interesse der die Verbindung eingehenden Individuen geschlossen. Der modernen Ehe, besonders in den sogenannten besseren Klassen, fehlt jede sittliche Weihe und mit ihr die anthropologische Berechtigung. Die Ehe sollte die Sanktion des Altruismus sein, sie ist die des Egoismus. Die Eheschließenden wollen in dem neuen Verhältnisse nicht in und für einander leben, sondern bessere Bedingungen für die Fortsetzung eines behaglichen und verantwortungsfreien Sonderdaseins finden. Man heirathet, um die Vermögenslage günstiger zu gestalten, um sich ein angenehmeres Heim zu sichern, um einen gesellschaftlichen Rang einnehmen und behaupten zu können, um eine Eitelkeit zu befriedigen, um in den Genuß der Vorrechte und Freiheiten zu treten, welche die Gesellschaft den ledigen Frauenzimmern vorenthält und den verheirateten zugesteht. Man denkt bei der Eheschließung an Alles; an den Salon und die Küche, die Promenade und das Seebad, den Ball- und Speisesaal, nur an eins denkt man nicht, an das allein Wesentliche: an das Schlafzimmer, dieses Heiligthum, aus welchem wie ein Morgenroth die Zukunft der Familie, des Volkes, der Menschheit hervorbrechen soll. Muß nicht Verfall und Untergang das Los von Völkern sein, in deren Ehen die Selbstsucht der Gatten triumphirt, während das Kind in denselben ein unerwünschter, im günstigsten Falle gleichgiltiger Zufall, eine nicht leicht zu vermeidende, aber durchaus nebensächliche Folgeerscheinung ist? Man wendet vielleicht ein, daß bei Naturvölkern, die in ursprünglichen Verhältnissen leben, die große Mehrzahl der Ehen nicht anders geschlossen wird wie in unserer hohen Kultur. Auch bei jenen spielt die Neigung in der Gründung eines Hausstandes keine Rolle. In dem einen Stamme heiratet der Mann ein Mädchen, das er erst nach der Hochzeit zum ersten Male sieht. In dem andern raubt der heiratslustige Jüngling das erstbeste Weib eines Nachbarstammes, dessen er habhaft werden kann. Wo man die Gattin wählt, da geschieht es nach Erwägungen, die mit Liebe nichts gemein haben. Man macht ein Mädchen zu seiner Hausfrau, weil im Stamme bekannt ist, daß sie tüchtig arbeiten kann, das Vieh sorgsam wartet, geschickt spinnt und webt. Also auch hier ist die Erhaltung des Stammes dem blinden Zufall oder dem Egoismus anvertraut und doch sind solche Völker voll Jugendkraft und ihre Entwickelung, weit entfernt, unter diesem Stande der Dinge zu leiden, ist eine rasch und freudig aufsteigende. Auf diesen Einwand ist zu erwidern, daß die nicht auf Liebe, sondern auf Selbstsucht und Herkommen gegründete Ehe aus anthropologischen Ursachen bei Naturvölkern nicht dieselben schlimmen Folgen hat wie bei Kulturnationen. Innerhalb primitiver Völker sind die Individuen leiblich und geistig wenig differenzirt. Bei allen Männern wie bei allen Weibern herrscht die Stammesart vor, während eine Eigenart gar nicht vorhanden oder nur im Keim angedeutet ist. Alle Individuen sind wie in einer einzigen Form gegossen und einander zum Verwechseln ähnlich; alle haben als Zuchtmaterial ungefähr den gleichen Werth. Da braucht denn der Paarung keine Zuchtwahl voranzugehen; ihr Ergebniß wird ungefähr dasselbe sein, die Eltern mögen sich wie immer zusammengefunden haben. Große Gleichartigkeit der Individuen schließt nicht nur die Nothwendigkeit, sondern sogar die Möglichkeit der Liebe aus. Der Fortpflanzungsdrang erweckt da im Individuum blos einen allgemeinen Wunsch nach dem Besitz eines Individuums des andern Geschlechts, er individualisirt jedoch nicht, mit einem Worte, er steigert sich nicht zu einer höhern Form, welche eben die konkrete Liebe zu einem bestimmten und keinem andern Wesen ist. Das ganze eine Geschlecht hat eine allgemeine Neigung zum ganzen andern Geschlechte und dem Manne wie dem Weibe ist es völlig gleichgiltig, welches Weib oder welcher Mann sein Genosse wird. Kommt einmal in einem Naturvolke ein Individuum vor, das aus der Uniformität des Stammes kräftig heraustritt und sich vor den übrigen Mitgliedern desselben durch körperliche oder geistige Eigenschaften auszeichnet, so wird der Unterschied sofort mit einer Intensität empfunden, von der wir, die an große individuelle Verschiedenheiten der uns umgebenden Menschen gewöhnt sind, uns kaum eine Vorstellung machen können; das große zoologische Gesetz der Zuchtwahl beginnt mit der Gewalt einer Naturkraft zu walten und der Wunsch nach dem Besitze dieses ausgezeichneten Individuums erreicht die Stärke einer furchtbaren, sturmartigen Leidenschaft, welche die extremsten Handlungen veranlaßt. Bei den zivilisirten Völkern aber, deren Individuen hoch differenzirt sind, liegen die Dinge ganz anders. In ihren ungebildeten, also weniger entwickelten unteren Klassen tritt der Fortpflanzungsdrang wol auch noch mehr als allgemeiner Hang zum andern Geschlecht denn als aussondernde individualisirende Neigung auf und im Widerspruche zu den von schlecht oder gar nicht beobachtenden Dichtern verbreiteten sentimentalen Märchen ist da heftige Liebe zu einem bestimmten Wesen äußerst selten. In den höheren Klassen aber, wo die Individuen reich entwickelt, äußerst mannigfaltig und verschieden sind und scharf ausgeprägte Eigenarten darstellen, wird der Geschlechtstrieb ausschließlich und wählerisch und muß es auch werden, wenn die Nachkommenschaft lebensfähig und tüchtig sein soll. Da muß die Ehe, das heißt das einzige von der Gesellschaft für zulässig erklärte Verhältniß, aus welchem Nachkommen hervorgehen dürfen, ein Ergebniß von Liebe sein. Denn die Liebe ist der große Regulator des Gattungslebens. die treibende Kraft, welche zur Vervollkommnung der Art drängt und ihren physischen Verfall zu hindern sucht. Liebe ist die instinktive Erkenntniß eines Wesens, daß es mit einem bestimmten Wesen des andern Geschlechts ein Paar bilden müsse, damit seine guten Eigenschaften gesteigert, seine schlechten ausgeglichen werden und in seinen Nachkommen sein Typus wenigstens unverkümmert erhalten bleibe, womöglich aber eine Idealisirung erfahre. Der Fortpflanzungstrieb an sich ist blind und bedarf des sichern Führers, der Liebe, um sein natürliches Ziel zu erreichen, welches zugleich die Erhaltung und die Verbesserung der Art ist. Fehlt dieser Führer, wird die Paarung nicht durch gegenseitige Anziehung, sondern durch den Zufall oder durch anderweitige Interessen, welche mit ihrem physiologischen Zwecke nichts zu schaffen haben, bestimmt, so ist bei großer Verschiedenheit der Eltern das Kreuzungsprodukt wol immer ein gleichgiltiges oder schlechtes. Die Kinder erben die Fehler der Eltern, die in ihnen verstärkt erscheinen, die Vorzüge derselben sind abgeschwächt oder heben einander völlig auf und es entsteht eine unharmonische, in sich zerrissene, zurückgehende Race, die zu raschem Erlöschen verurtheilt ist. Daß seine Verbindung mit einem bestimmten Individuum im Interesse der Stammes-Erhaltung und -Vervollkommnung erwünscht, die mit einem andern dagegen beklagenswerth wäre, das sagt dem Individuum nur eine einzige Stimme: die der Liebe. Goethe hat das Wesen der Liebe mit einem einzigen Worte so wunderbar erfaßt und so erschöpfend definirt, daß dicke Bände der Definition nichts hinzufügen könnten, und dieses Wort heißt: »Wahlverwandtschaft «. Es ist eine der chemischen Wissenschaft entlehnte Bezeichnung und verknüpft aufs tiefsinnigste einen durch die hysterische Schwärmerei begriffsschwacher und einsichtsloser Poeten mystisch verdunkelten Vorgang im Menschen mit den großen elementaren Vorgängen in der Natur. Die Chemie nennt Wahlverwandtschaft den Drang zweier Körper, sich mit einander zu einem neuen Produkt zu verbinden, welches in fast all seinen Eigenschaften, in Farbe, Aggregationszustand, Dichtigkeit, Wirkung auf andere Stoffe u. s. w., von den Körpern, die ihn gebildet haben, völlig verschieden ist. Zwei Körper, die zu einander nicht im Verhältniß der Wahlverwandtschaft stehen, können durch die ganze Ewigkeit in der innigsten Berührung mit einander sein, ihre Beziehung wird immer ein todtes Nebeneinander bleiben, sie wird zu keiner neuen Bildung, keiner Kraftwirkung, keinem lebendigen Vorgang führen. Sind diese Körper jedoch wahlverwandt, so braucht man sie nur einander nahe zu bringen, um augenblicklich rege, schöne, fruchtbare Bewegungserscheinungen hervorzurufen. Der menschliche Organismus ist der Schauplatz ganz gleicher Vorgänge. Zwei Individuen üben auf einander Wechselwirkung oder nicht. Sind sie wahlverwandt, so lieben sie einander, fliegen einander unter stürmischen Erscheinungen zu und werden zur Quelle neuer Bildungen. Sind sie es nicht, so stehen sie kalt und wirkungslos vor einander und ihr Beisammensein wird nie zu einer Episode des allgemeinen Lebensprozesses. Wir stehen da vor Ureigenschaften, welche dem Stoffe inhärent sind und die wir nicht zu erklären versuchen. Weshalb verbindet sich der Sauerstoff mit dem Kalium? Weshalb nicht der Stickstoff mit dem Platin? Wer wüßte das zu sagen? Und weshalb liebt ein Mann dieses eine Weib und nicht ein anderes? Weshalb will ein Weib diesen Mann und verschmäht alle andern? Offenbar, weil diese Anziehung und Gleichgiltigkeit im innersten Chemismus des betreffenden Wesens begründet sind und aus denselben Quellen fließen wie die organischen Vorgänge des Lebens selbst. Die Ehe nun ist ein Gefäß, in welches zwei verschiedene Körper zwei chemische Individualitäten, miteinander eingeschlossen werden. Sind sie wahlverwandt, so ist das Gefäß vom Leben erfüllt; sind sie es nicht, so enthält das Gefäß den Tod. Wer fragt aber bei modernen Eheschließungen nach Wahlverwandtschaft? Es gibt nur zwei Arten von Beziehungen zwischen Mann und Weib: solche, die auf natürlicher gegenseitiger Anziehung beruhen und in diesem Falle immer die Reproduktion bewußt oder unbewußt zum Zwecke haben, und solche, bei welchen dieser letztere Zweck nicht in erster Linie angestrebt wird und in welchen man nur die Befriedigung der Selbstsucht in irgend einer ihrer mannigfaltigen Formen sucht. Die ersteren Beziehungen sind die berechtigten und sittlichen, die letzteren bilden die große Kategorie der Prostitution, sie mögen sich äußerlich wie immer präsentiren. Das verworfene Geschöpf, das nachts in den Straßen der Großstadt seinen Leib gegen ein Silberstück einem gleichgültigen Vorübergehenden anbietet, dessen Züge es in der Dunkelheit nicht einmal unterscheiden kann, prostituirt sich; der Schandkerl, der einer alten Närrin den Hof macht und sich seine Huldigungen baar bezahlen läßt, prostituirt sich; für diese Handlungen gibt es nur eine Auffassung. Ich frage aber: wo ist der Unterschied zwischen dem Manne, der von seiner Geliebten ausgehalten wird, und dem, der einer Erbin oder der Tochter eines einflußreichen Mannes, für die er nicht die geringste Liebe empfindet, den Hof macht, um mit ihrer Hand zugleich Reichthum oder Stellung zu erlangen? Und wo ist der Unterschied zwischen der Dirne, die sich an einen Unbekannten gegen eine kleine Vergütung verkauft, und der züchtigen Braut, die sich vor dem Altar mit einem ungeliebten Individuum vereinigt, welches ihr im Austausche für ihre Umarmung einen gesellschaftlichen Rang oder Toiletten, Schmuck und Dienerschaft oder auch nur das kahle tägliche Brod bietet? Die Beweggründe sind in beiden Fällen die gleichen, die Handlungsweise ist dieselbe, ihre Bezeichnung muß nach Wahrheit und Gerechtigkeit dieselbe sein. Die von aller Welt für äußerst ehrbar gehaltene, sich selbst als ungemein sittenstreng betrachtende Mama, welche ihrer Tochter einen wolhabenden Freier vorstellt und deren natürliche Gleichgiltigkeit durch klugen Zuspruch und gute Lehren, etwa von dem Schlage: daß es thöricht sei, eine anständige Versorgung von der Hand zu weisen, daß es im höchsten Grade unvorsichtig wäre, auf eine zweite Gelegenheit zu warten, die sich möglicherweise nie wieder darbieten dürfte, daß ein junges Mädchen an praktische Zwecke denken und sich den albernen Kram romanhafter Liebesgeschichten aus dem Kopfe schlagen müsse, – zu überwinden bemüht ist, diese musterhafte Mama ist eine Kupplerin, nicht mehr und nicht minder als die vom Strafgesetze verfolgte grinsende Vettel, die auf einer Bank der öffentlichen Promenade arbeitslosen Näherinnen verworfene Anträge ins Ohr zischelt. Der in allen Salons mit Auszeichnung aufgenommene elegante Streber, der in den verschlungenen Figuren des Cotillons der reichen Partie nachpürscht, zu der Erbin mit schwimmenden Augen und schmelzenden Biegungen der Stimme spricht, seine Gläubiger auf den Tag nach der Hochzeit vertröstet und seine Maitresse aus der erhaltenen Mitgift abfindet, ist ein Lotterbube ganz so wie der Zuhälter, den selbst der Schutzmann nur widerwillig mit unbehandschuhten Fingern anrührt. Eine Dirne, die sich verschachert, um eine alte Mutter oder ein kleines Kind zu ernähren, steht sittlich höher als die erröthende Jungfrau, welche zu einem Geldsack ins Ehebett steigt, um ihre leichtfertige Gier nach Bällen und Badereisen zu befriedigen, und von zwei Männern ist derjenige der weniger betrogene, der vernünftigere, der logischere, welcher der Genossin einer Minute ihre Gunst von Fall zu Fall baar bezahlt und ihr dann den Rücken wendet, als der, welcher sich mit gesetzlichem Ehevertrag eine lebenslängliche Beischläferin kauft, die es ganz so wie jene auf Entlohnung abgesehen hat. Jedes Bündniß zwischen Mann und Weib, welches der eine oder andere Theil nur eingeht, um materielle Versorgung oder sonstige egoistische Vortheile zu erlangen, ist Prostitution, es mag nun unter Mitwirkung eines Standesbeamten und Priesters oder blos durch freundliche Vermittelung einer Logenschließerin zu Stande gekommen sein. Das ist aber der Charakter fast aller Ehen: die seltenen Ausnahmsfälle, in welchen ein Mann und ein Weib sich in legitimen Formen vereinigen, ohne andern Grund und Wunsch, als um einander in Liebe anzugehören, werden von den vernünftigen Leuten förmlich verhöhnt und man warnt die Jugend vor ihrer Nachahmung. Arme oder mittelmäßig ausgestattete Mädchen werden von den vorsorglichen Eltern geradezu darauf abgerichtet, die gefahrvollen natürlichen Regungen ihres Herzens zu erwürgen und die Liebenswürdigkeit ihres Lächelns nach der Ziffer des Einkommens eines ledigen Mannes zu bemessen; wenn die eingepaukte Koketterie der Tochter nicht ausreicht, um einen zuverlässigen Ernährer zu ergattern, so eilen Mutter und Tanten zu Hilfe und unterstützen das Bemühen des unschuldigen Kindes mit weisen Manövern. Bei den reichen Mädchen verhält sich die Sache anders. Diese sind nicht Jäger, sondern Wild. Eine gewisse Klasse von Männern ist auf die Mitgifthatz berufsmäßig gedrillt und geht bei dieser Arbeit nach festen Regeln zu Werke. Das trägt Beinkleider und Westen von tadellosem Schnitte, Kravatten von sorgfältig gewählter Farbe und Form und ein einschichtiges Glas in ein Auge geklemmt; das hat gekräuselte Haare und duftet klafterweit nach allerlei Parfüms; das tanzt vortrefflich, ist in Gesellschaftsspielen sattelfest, rhapsodirt von Sportdingen und ist im Theaterklatsch bewandert; in einem späteren Stadium verschwendet das Blumensträuße und Bonbons und läßt es auch an Liebesbriefen in Prosa und Versen nicht fehlen. Mit diesen Mitteln wird der Goldfasan unschwer erbeutet und das einfältige Geschöpf, das in einem lyrischen Drama mitzuspielen geglaubt hat, findet zu spät, daß es nur als Faktor in einem Rechenexempel figurirt hat. Wo endlich beide Theile ungefähr die gleiche Lebens- und Vermögensstellung einnehmen, da wird von vornherein blos gewählt, gemessen und gewogen. Da gibt man sich nicht die Mühe, die wahren Beweggründe der Verheiratung und die eigentliche Auffassung der Ehe zu verleugnen. Man vereinigt zwei Vermögen, zwei Einflüsse, zwei Stellungen. Er will eine Hausfrau haben, die ihm die Suppe kocht und die Hemdknöpfe annäht oder die eine Seidenrobe mit Eleganz tragen und einem Galadiner mit Anstand Vorsitzen kann, sie will einen Mann, der für sie arbeitet oder der ihr ermöglicht, zu den Hofbällen zu gehen und die vornehme Gesellschaft bei sich zu empfangen. Bei ungleichem Rang und Vermögen ist diese Aufrichtigkeit ausgeschlossen. Da muß auf der einen oder andern Seite gelogen werden. Dem Geldsack heuchelt das arme Mädchen Neigung, dem Goldfisch der Streber Liebe. Natur und Wahrheit feiern wenigstens den einen melancholischen Triumph, daß der verworfene Egoismus, welcher die Ehe von ihrem natürlichen Ziele abgelenkt hat, deren eigentliche sittliche und physiologische Bedeutung grundsätzlich anerkennt, indem er es für nothwendig hält, bei der Werbung die Maske der Liebe vorzunehmen. Was ist das Los der Männer und Frauen, die auf solche Weise einen Ehebund geschlossen haben? Die Degenerirten, sittlich verschrumpften Nachkommen und Vorfahren, die sich ebenfalls blos nach dem Gebote des materiellen Interesses verheiratet haben, die ohne Liebe gezeugt und empfangen, ohne Zärtlichkeit erzogen wurden, sind der Fähigkeit der Liebe endgiltig verlustig gegangen und können allerdings alt werden, ohne die innere Verarmung ihres Lebens auch nur einen Augenblick lang zu empfinden. Der Mann pflegt seinen Gaumen und Magen, erwirbt große Kennerschaft in Weinen und Zigarren, erlangt durch Freigebigkeit einen geschätzten Namen in Ballerinenkreisen, wird in Klubs mit Achtung genannt, stirbt an staatlichen und gesellschaftlichen Ehren reich und würde, wenn er aufrichtig wäre, auf seinen Grabstein die Inschrift setzen: »Die einzige Liebe meines Lebens war – ich selbst«. Das Weib erfindet wahnsinnige Moden, sucht ihresgleichen an toller Verschwendung zu überbieten, träumt Tag und Nacht von Roben, Schmuck, Möbeln und Wagen, intriguirt, lügt, verleumdet andere Frauen, bemüht sich mit teuflischem Neide, fremdes Herzensglück zu zerstören, und läßt, wenn ihre Aktionsmittel ihren Neigungen entsprechen, auf ihrem ganzen Lebensgange eine breite Spur von Verheerung und Grauen hinter sich zurück wie Heuschreckenfraß oder Pestwanderung. Beide, er und sie, vegetiren in lichtlosen, mephitischen Sphären des Geistes. Ihrem Leben fehlt, jedes Ideal. Ihre Natur, aller Organe des Aufschwungs beraubt, ohne Flug- und Sprungkraft, kriecht platt im Schlamme. Sie sind »anaërobische«, das heißt luftscheue Zerstörungsorganismen, welche Krankheit um sich verbreiten, die Gesellschaft zersetzen und in der von ihnen hervorgerufenen Fäulniß selbst untergehen. Die Degenerirten finden sich hauptsächlich in den höheren Klassen. Sie sind zugleich Folge und Ursache der selbstischen Organisation derselben. Da heiratet man nicht nach Neigung, sondern nach Rang und Vermögen. Vermögen und Rang bleiben auf diese Weise erhalten, aber ihre Besitzer gehen zu Grunde. Das ist eine Wirkung der Selbstrichtungs- und Hemmungsvorrichtungen, mit denen jeder lebende Organismus, also auch die Menschenart, ausgerüstet ist. Die Unterdrückung der Liebe, die Großziehung des Egoismus, welche die herrschenden Tendenzen der obern Schichten sind, würden, wenn verallgemeinert, zum raschen Untergang der Art führen. Der Selbsterhaltungstrieb der Art äußert sich also darin, daß die auf Lieblosigkeit und Selbstsucht gegründeten Familien unerbittlich ausgerottet werden. Das allseitig festgestellte rasche Verkommen aristokratischer Häuser hat schwerlich einen andern Grund als diesen. Neben den Degenerirten sind aber noch die innerlich unzersetzten Organismen, die lebenstüchtigen und liebesfähigen Menschen, welche aus Unverstand, Gedankenlosigkeit oder feiger Angst vor den Gefahren des Kampfes ums Dasein mitten in einer roh egoistisch organisirten Gesellschaft eine Vernunftehe geschlossen haben, so genannt, weil sie die unvernünftigste unter allen denkbaren Arten der Ehe ist. An diesen rächt sich die gegen das Grundgesetz der Zuchtwahl begangene Sünde früher oder später und je später um so schwerer. Der Drang nach Liebe ist aus ihrem Herzen nicht zu entwurzeln und sucht mit fortwährender unendlich schmerzhafter Spannung einen Ausweg aus den starren Wänden des legalen und gesellschaftlichen Konventionalismus. Es kann geschehen, daß ein solches Individuum nie im Leben mit einem wahlverwandten zusammentrifft, dann bleibt die Ehe äußerlich ungestört und das Verhältniß der durch Bande der Berechnung verknüpften Gatten ein formell korrektes; aber ihr Dasein ist ein unbefriedigtes und unfertiges; sie haben ewig das quälende Gefühl einer bangen Unruhe und Erwartung, sie hoffen immer auf etwas Kommendes, das sie aus ihrer Dumpfheit eines inhaltslosen Lebens befreien soll; ihr ganzes Wesen empfindet sich selbst tief innerlich als fragmentarisch und sehnt sich nach einem Abschluß, den es in noch so glänzenden Befriedigungen des Ehrgeizes oder sonstiger Sehnsucht niemals findet, weil ihn eben nur die Liebe gewähren kann. Auch diese Individuen, wie die Degenerirten, entbehren ihr ganzes Leben hindurch der Weihe und des Ideals; aber subjektiv unglücklicher als die letzteren, haben sie das stets gegenwärtige Bewußtsein des Hohen, das ihnen fehlt. Sie sind keine Blinden, sondern Sehende, denen das Sonnenlicht entzogen ist. Das ist, wenn der Zufall des Lebens sie nie mit einem wahlverwandten Wesen in Berührung bringt. Stoßen sie jedoch auf ein solches, so ist die Katastrophe unvermeidlich. Der Konflikt zwischen der Ehepflicht und dem elementaren Streben nach Vereinigung mit dem wahlverwandten Individuum entbrennt gewaltig, der Inhalt, die Liebe, empört sich gegen die Form, die Ehe, und eine Zerstörung muß erfolgen. Entweder wird der Inhalt zermalmt oder die Form zerschleudert. Auch eine dritte Lösung ist denkbar und weil sie die erbärmlichste ist, so ist sie auch die häufigste: die Flächen der Form, welche nach oben gekehrt und Aller Augen sichtbar sind, bleiben unversehrt; an den abgewandten Seiten jedoch entsteht ein schmaler, geheimer Riß, der dem Inhalt gestattet, sich zu dehnen und auszutreten. Unbildlich gesprochen heißt das, daß der liebende Theil entweder die Ehe gewaltsam löst oder seine Liebe mit Aufopferung des Lebensglücks bekämpft und unterdrückt oder den Ehegenossen betrügt und zum geheimen Ehebrecher wird. Gemeine Naturen gerathen gleich auf dieses letztere Auskunftsmittel; edle haben die Tragödie der Empörung gegen die Vorurtheile der Welt und des tödtlichen Ringens zwischen Leidenschaft und Pflicht mit allen ihren Bitternissen durchzukämpfen und durchzulesen. Wäre die Gesellschaft von den Gattungsgesetzen regiert und solidarisch organisirt, so stände sie in diesem Kampfe auf der Seite der Liebe und würde den Rinnenden zurufen: »Ihr liebt, so vereinigt euch;« allein die offizielle Gesellschaft ist zur Feindin der Gattung geworden und vom Egoismus beherrscht; darum nimmt sie für die Ehe Partei und befiehlt den Kämpfenden: »Verzichtet!« Da sie sich aber trotz ihrer Unnatur noch die Erkenntniß gewahrt hat, daß dies unmöglich sei, daß man auf Liebe nicht leichter als auf das Leben verzichten könne und ein so grausames Gebot nicht häufiger befolgt werden dürfte als eines, das den Selbstmord heischte, so fügt sie leiser und augenzwinkernd hinzu: »oder gebt wenigstens kein Ärgerniß.« So gelangt die Liebe schließlich doch zu ihrem Rechte, aber nur bei denen, welche auf die Heuchelei der Gesellschaft eingehen wollen, und statt erhebend und veredelnd zu wirken, wird sie unter solchen Verhältnissen zu einer Ursache der Erniedrigung der Charaktere, indem sie Lüge, Wortbruch und Verstellung veranlaßt. Es findet unter ihrer Wirkung in der Ehe eine eigenthümliche Sonderung der Individualitäten statt; gerade die besten und tüchtigsten, diejenigen also, die für die Gattin als Zuchtmaterial den größten Werth hätten, verschmähen es, auf gemeine und unsittliche Kompromisse einzugehen, und da sie weder ein feierliches Gelöbniß hinterrücks brechen wollen, noch immer die Entschlossenheit oder selbst materielle Möglichkeit haben, ihr legitimes Verhältniß offen zu lösen, so gehen sie an ihrer verspäteten Liebe zu Grunde und dieselbe kommt der Gattung in keiner Weise zugute; die Alltagsnaturen dagegen, an denen der Gattung nichts zu liegen braucht und deren Fortpflanzung für sie von geringer Bedeutung ist, gehen dem Martyrium aus dem Wege und genügen ihrem Herzen auf Kosten ihres bürgerlichen Gewissens. Die konventionelle Ehe (also neun unter zehn, die innerhalb der Kulturvölker Europas überhaupt geschlossen werden) ist daher ein tief unsittliches, für die Zukunft der Gesellschaft verhängnißvolles Verhältniß. Sie bringt diejenigen, welche sie eingehen, früher oder später in einen Konflikt zwischen beschworenen Pflichten und der unausrottbaren Liebe und läßt ihnen nur die Wahl zwischen Gemeinheit und Untergang. Statt eine Quelle der Verjüngung für die Art zu sein, ist sie ein Mittel langsamen Selbstmordes derselben. II. Daß die Ehe, ursprünglich als einzig statthafte Form der Liebe zwischen Mann und Weib gedacht, ihren Inhalt vollständig verloren hat und zur größten aller Lügen der Gesellschaft geworden ist, daß man sich gewöhnlich heiratet, ohne nach Neigung zu fragen, daß Jüngling und Mädchen durch das Beispiel des Alltagslebens und fast noch mehr durch die Unterhaltungsliteratur aller Sprachen förmlich dazu erzogen werden, sich die Liebe von der Ehe durchaus gesondert vorzustellen, ja sogar jene und diese in der Regel als gegensätzlich zu empfinden, und daß sie bei der Vereinigung ihrer Hände im geheimsten Hintergrund ihrer Seele den klar bewußten oder unbestimmt geahnten Vorbehalt machen, die Beziehung ihrer Herzen durch diese Förmlichkeit nicht beeinflussen zu lassen, daran trägt hauptsächlich die wirthschaftliche Organisation der Kulturvölker die Schuld. Diese Organisation hat den Egoismus zur Grundlage; sie kennt nur das Einzelwesen und nicht die Gattung; ihre Vorsorge beschränkt sich auf das unmittelbare Interesse des Individuums und vernachlässigt vollständig das der Art; sie bedingt eine Raubwirthschaft, welche die Zukunft der Gegenwart opfert und hat unter ihren zahlreichen Wächtern und Stützen, Bütteln und Rathgebern keinen einzigen Anwalt der ungeborenen Generationen. Was liegt einer so organisirten Gesellschaft daran, daß die Fortpflanzung unter den ungünstigsten Bedingungen geschieht? Das lebende Geschlecht hat nur an sich selbst zu denken. Wenn es sein Dasein in möglichstem Behagen vollenden kann, so hat es vollauf seine Pflicht gegen sich selbst erfüllt und einer andern Pflicht ist es sich nicht bewußt. Das nachfolgende Geschlecht soll wieder allein für sich sorgen und wenn es durch die Schuld der Väter geistig und leiblich verarmt ist, um so schlimmer für es. Die Kinder der Ehe ohne Liebe sind Jammergeschöpfe? Was liegt daran, wenn nur die Eltern in dieser Ehe ihren Vortheil gefunden haben! Die Kinder der Liebe ohne Ehe gehen meist an der gesellschaftlichen Acht ihrer Mütter zu Grunde und werden zu Märtyrern der herrschenden Vorurtheile? Was schadet das, wenn nur ihre Erzeuger aus dem verbotenen Verhältnisse angenehme Augenblicke gezogen haben! Die Menschheit verschwindet aus dem Gesichtskreis des Menschen, das Solidaritätsgefühl, welches zu den ursprünglichen Instinkten des letzteren wie aller höheren Thiere gehört, verkümmert, das Leiden des Nächsten stört nicht mehr das Vergnügen seines Nachbars und selbst der Gedanke, daß die Menschheit mit der lebenden Generation aufhören soll, würde die Gesellschaft nicht bestimmen, eine Lebensführung zu ändern, bei der sich der Einzelne momentan Wohlbefinden kann. So ist auch der Geschlechtstrieb zum Gegenstande egoistischer Ausbeutung geworden und da er der mächtigste unter allen Trieben des Organismus ist, so kann man mit Sicherheit auf ihn spekuliren. Deshalb suchen Mann und Weib aus dem heiligen Akte, bei welchem es sich um die Erhaltung und Entwickelung der Menschheit handelt, nach Möglichkeit eine Quelle persönlicher Renten zu machen. Wie kann man es aber dem Kulturmenschen verdenken, daß er die Ehe als Versorgungsanstalt betrachtet und sich bei der Werbung von der Frage bestimmen läßt: »Wer bietet mehr?« Er sieht, daß die Welt die Größe des Vermögens zum Maßstabe des Werthes eines Individuums nimmt; er sieht den Reichen tafeln und Lazarus heute wie zu den biblischen Zeiten vor der Schwelle im Staube liegen; er kennt den Drang und die Gewalt des Kampfes ums Dasein und die Schwierigkeiten des Sieges in demselben; er weiß, daß er nur auf sich selbst und die eigene Kraft zu rechnen und, wenn er unterliegt, vom Gemeinwesen keine annehmbare Hilfe zu erwarten hat. Was Wunder, daß er jeden Lebensakt, also auch die Ehe, zunächst und häufig ganz allein vom Gesichtspunkte seines eigenen taktischen Vortheils im Kampfe ums Dasein betrachtet? Weshalb sollte er denn der Liebe einen Einfluß auf die Wahl seines Gemahls gestatten? Weil sich die Menschheit dabei besser befände? Was kümmert ihn die Menschheit? Was thut denn die Menschheit für ihn? Nährt sie ihn, wenn er hungert? Gibt sie ihm Beschäftigung, wenn er arbeitslos ist? Füttert sie seine Kinder, wenn sie nach Brod schreien? Und wenn er stirbt, wird sie seine Witwe, seine Waisen versorgen? Nein. Und da sie alle diese Pflichten gegen ihn nicht erfüllt, so will auch er nur auf sich bedacht sein, die Liebe als einen angenehmen Zeitvertreib betrachten und bei der Ehe darauf sehen, daß sie seinen Antheil an den Gütern der Erde vermehre. In weiterer Folge führt diese Anschauung zur raschen Entartung der Kulturmenschheit; ihr unmittelbares Opfer aber ist das Weib. Der Mann leidet bei einem solchen Stande der Dinge nicht allzusehr. Fühlt er sich nicht kräftig genug oder hat er nicht den Muth, die Verantwortlichkeit der Gründung einer Familie inmitten einer Gesellschaft auf sich zu laden, die eine Feindin und Ausbeuterin ist, statt, wie es natürlich wäre, ein Rückhalt zu sein, so bleibt er eben ledig, ohne darum auf die volle Befriedigung aller seiner Instinkte zu verzichten. Junggesellenthum ist weit entfernt, mit Enthaltung gleichbedeutend zu sein. Der Hagestolz hat von der Gesellschaft die stillschweigende Erlaubniß, sich die Annehmlichkeiten des Verkehrs mit dem Weibe zu verschaffen, wie und wo er kann, sie nennt seine selbstsüchtigen Vergnügungen Erfolge und umgibt sie mit einer Art poetischer Glorie und das liebenswürdige Laster Don Juans erweckt in ihr ein Gefühl, das aus Neid, Sympathie und geheimer Bewunderung gemischt ist. Hat der Mann ohne Liebe um materieller Vortheile willen geheiratet, so gestattet ihm die Sitte die Anregungen, die er bei seinem Weibe nicht findet, rechts und links zu suchen, oder wenn sie es ihm nicht geradezu gestattet, so behandelt sie es doch nicht als ein Verbrechen, welches ihn aus der Gemeinschaft der achtbaren Leute ausschließt. Ganz anders ist die Lage des Weibes. Das Weib der Kulturvölker ist auf die Ehe als auf seine einzige Laufbahn und sein einziges Lebensgeschick angewiesen. Es darf nur in der Ehe die Befriedigung all seiner engeren und weiteren physiologischen Bedürfnisse erwarten. Es muß heiraten, um zur Ausübung seiner natürlichen Rechte eines voll ausgebildeten, geschlechtsreifen Individuums zugelassen zu werden, um die Weihe der Mutterschaft empfangen zu dürfen, aber auch einfach, um vor materiellem Elend geschützt zu sein. Diese letzte Rücksicht fällt wol bei der Minderheit wolhabender Mädchen weg; allein obwohl diese meist die Empfindung der tiefen Unsittlichkeit einer Ehe ohne Liebe haben und der Wunsch, einen Mann ihrer Neigung zu wählen, (bei manchen bis zu einer Art Manie gesteigert ist, welche sie in allen Bewerbern Mitgiftjäger sehen läßt, so entgehen doch auch sie meist dem verhängnißvollen Walten der Verderbniß nicht, die bei der Eheschließung den rohen Egoismus an die Stelle der Liebe gesetzt hat. Es gibt zu viel Männer, die feig genug sind, das Los eines Ehepfründners anzustreben. Sie werden sich alle Mühe geben, das wolhabende Mädchen zu erbeuten, nicht weil sie es lieben, sondern weil sie dessen Vermögen wollen. Es kostet sie keine Überwindung, auf alle Schrullen desselben einzugehen; wenn das Mädchen Liebe verlangt, so werden sie solche um so überschwenglicher heucheln, je weniger sie davon empfinden, und es sind alle Wahrscheinlichkeiten dafür vorhanden, daß die Erbin jung und unerfahren, dem unwürdigsten unter den Werbern, der in der Regel der geschickteste und ausdauerndste Komödiant sein wird, die Hand reicht, um zu spät zu erkennen, daß auch sie trotz ihrer materiellen Unabhängigkeit nicht einen Wahlverwandten, sondern einen geldgierigen Mann geheiratet hat und auf Liebe entweder verzichten oder sie unter Gefahren und von der Verachtung aller Sittenrichter bedroht außerhalb der Ehe suchen muß. Die reichen Mädchen bilden aber die kleine Minderheit und die übrigen sind durch die heutige Organisation der Gesellschaft gezwungen, auf den Gatten als auf den einzig möglichen Retter vor Schande und Elend, ja vor dem baren Hungertode zu hoffen. Welches Los haben wir den unverheirateten Mädchen bereitet? Ihre volksthümliche Bezeichnung alte Jungfer, schlicht einen Stachel des Hohnes in sich. Die Solidarität der Familie hält meist nicht bis in das reifere Alter der Kinder vor. Sind die Eltern todt, so gehen die Geschwister auseinander, jedes sucht allein seinen Lebensweg zu wandeln, das Zusammensein wird von allen als Last empfunden und das Mädchen, das zartfühlend genug ist, um weder einem Bruder noch einer Schwester, namentlich wenn diese verheiratet sind, im Wege sein zu wollen, findet sich allein in der Welt, ungleich vereinsamter als der Beduine der Wüste. Soll sie ein eigenes Hauswesen gründen? Es wird ein ungastliches und verlassenes sein; denn ein männlicher Freund darf sich nicht an ihre Feuerseite setzen, wenn die üble Nachrede der Nachbarn sie nicht verfolgen soll, weibliche Freundschaften sind selten und sogar bis zu einem gewissen Punkte unnatürlich und am wenigsten wird sie dieselben unter den Schicksalsgenossinnen suchen wollen, die nur noch mehr Melancholie und Verbitterung in ein Heim tragen werden, das davon ohnehin genug und zu viel hat. Ein großer Geist ist rasch mit dem Rathe zur Hand: sie soll sich um den Klatsch der Fraubasen nicht kümmern und die Sympathien um sich sammeln, die ihr begegnen. Mit welchem Rechte verlangt aber der starke und unabhängige Charakter, der so weise spricht, daß ein armes schwaches Mädchen sein Lebelang auf die Genugthuung verzichte, welche selbst der Stärkste noch aus dem Bewußtsein schöpft, von der Billigung und Schätzung seiner Ranggenossen getragen zu sein? Der Leumund ist ein durchaus wesenhaftes Gut und die Meinung der Gleichgestellten spielt im innern und äußern Leben des Individuums die größte Rolle. Und auf dieses Gut soll nun das sitzengebliebene Mädchen kein Anrecht haben? Es wird also voraussichtlich sein Leben unter Fremden verbringen, abhängiger als in der Ehe, der Verleumdung mehr ausgesetzt als die verheiratete Frau, in qualvollem Zwange fortwährend ängstlich auf den Ruf bedacht, den die Gesellschaft rein fordert, ohne für denselben den natürlichen Preis, einen Gatten, zu bieten. Der Hagestolz läuft in Kaffeehäuser und Kneipen, tritt in Klubs ein, die schlecht und recht die Familie ersetzen, geht allein spazieren, reist allein und hat hundert Mittel, sich über die Kälte und Öde seiner Behausung ohne Weibes- und Kindesliebe hinwegzutäuschen. Alle diese Tröstungen sind der alten Jungfer versagt und sie bleibt zu lebenslänglicher Einzelhaft in ihrer Schwermuth über ein verfehltes Dasein verurtheilt. Besitzt sie einige Mittel, so wird sie sie schwerlich vermehren, wahrscheinlich vermindern oder einbüßen, denn sie ist zur Verwaltung, das heißt wesentlich zur Vertheidigung eines Vermögens gegen dessen zahlreiche Nachsteller, durch Erziehung und Sitte ungleich schlechter ausgerüstet als der Mann. Ist sie aber völlig vermögenslos, dann verdunkelt sich das Bild vollends zu trostloser Schwärze. Dem Weibe sind nur wenige und unausgiebige selbstständige Erwerbe offen. Das ungebildete Mädchen aus dem Volke dient und fristet dann wol sein nacktes Leben, erfährt aber nie, was Unabhängigkeit und Selbstbestimmung heißt, und muß sich die Erniedrigung zum Charakterkrüppel gefallen lassen. Bei freier Handarbeit stirbt es unbedingt Hungers und als Tagelöhnerin verdient es bei annähernd gleichen natürlichen Bedürfnissen im Durchschnitt nur halb so viel wie der Mann. Das Mädchen aus den besseren Klassen wendet sich dem Unterrichte zu, der auch in neun Zehnteln der Fälle die Form der Gouvernanten-Sklaverei annimmt; in einzelnen Ländern stehen ihm einige untergeordnete öffentliche Anstellungen in beschränkter Zahl offen, in welchen ein gebildetes und charaktervolles Mädchen niemals zu der die Armuth allein erträglich machenden Empfindung gelangt, einen inneren Beruf zu erfüllen und seine Gaben und Neigungen zweckmäßig auszuleben; und die so ankommen, sind noch die Glücklichen. Die übrigen bleiben arm, elend, sich und anderen eine Last, erdrückt vom Bewußtsein ihrer völligen Nutz- und Zwecklosigkeit, unvermögend, ihrer Jugend eine Freude, jedem Tag das nöthige Brod und dem Alter die Versorgung zu verschaffen. Und dabei muß das Mädchen, das in so grausamer Verlassenheit vegetirt, fortwährend übermenschlich charakterfest sein. Wir fordern, daß diese Schwermüthige, diese mit sich Zerfallene, diese Frierende, Hungernde, vor den Tagen des Alters Zitternde eine Heroine sei! Die Prostitution ist da, die auf sie lauert und sie lockt. Sie kann in ihrem einsamen und freudlosen Leben keinen Schritt thun, ohne von der Versuchung in tausend Formen bedrängt zu sein. Der Mann, der sich scheut, die Last ihrer dauernden Versorgung auf sich zu nehmen, bedenkt sich nicht, ihre Liebe als Geschenk zu fordern, das zu keiner Gegenleistung verpflichtet. Sein ruchloser Egoismus stellt ihr rastlos nach und wird ihr um so gefährlicher, als er ihre mächtigsten Triebe zu geheimen Bundesgenossen hat. Sie soll nicht nur Elend und Einsamkeit willig tragen, nicht nur den sinnlich entflammten Mann, einen starken, entschlossenen und unermüdlichen Gegner, bekämpfen, sie soll auch ihre eigenen Neigungen und die Empörungen ihrer gesunden natürlichen Instinkte gegen die gesellschaftlichen Lügen und Heucheleien besiegen. Aus solcher Bedrängniß ungeschädigt hervorzugehen erfordert ein Heldenthum, dessen unter tausend Männern kaum einer fähig wäre. Und der Lohn dieser Anstrengungen? Es gibt keinen. Die alte Jungfer, die unter allen Schwierigkeiten wie eine Heilige gelebt hat, findet nicht einmal in der tiefinneren Empfindung eine Entschädigung, daß sie mit ihren bitter mühseligen Entbehrungen einem großen Naturgesetz gehorcht, einen kategorischen Imperativ erfüllt habe; vielmehr ruft ihr, je älter sie wird, um so lauter, eine innere Stimme die Frage zu: »Weshalb habe ich gekämpft? Wem hat mein Sieg genützt? Verdient die Gesellschaft, daß man ihre rücksichtslos selbstsüchtigen Satzungen mit Aufopferung des Lebensglücks achte? Wäre mir nicht tausendmal besser gewesen, ich hatte mich widerstandslos besiegen lassen? Wenn dem Durchschnittsmädchen vor einem solchen Lose schaudert, wenn es ohne viel nach Neigung und Wahlverwandtschaft zu fragen den ersten Mann heiratet, der mit Freierabsichten in seinen Gesichtskreis tritt, hat es da nicht Recht? Es sind hundert Wahrscheinlichkeiten für eine, daß das Eheschicksal, es mag sich wie immer gestalten, freundlicher sein wird als das einer alten Jungfer in der heutigen Gesellschaft. Natürlich bleibt aber die Lüge, welche das Mädchen begeht, indem es ohne Liebe heiratet, nicht ungerächt. Es wird dem Manne weder eine treue Gattin noch eine pflichtbewußte Hausfrau sein. In ihrem unerfüllten Drange nach Liebe horcht die Frau unausgesetzt auf die Stimme ihres Herzens, hält jede leiseste und unklarste Regung desselben für die ersehnte Offenbarung der Leidenschaft, wirft sich dem ersten Manne an den Hals, der ihren müßigen Geist eine Sekunde lang zu beschäftigen vermag, erkennt alsbald, daß sie sich geirrt habe und schaut von Neuem nach dem Rechten aus, oft genug auf diesem gefährlichen Abhange bis zur Schande des sittlichen Unterganges rollend. Es ist noch ein günstiger Fall, wenn sie blos gefallsüchtig ist, ohne bis zum platonischen oder materiellen Ehebruche zu gelangen, wenn ihr Gefühl der Unabgeschlossenheit ihres Schicksals und der Nothwendigkeit, den ihr bestimmten, ihr Wesen natürlich ergänzenden wahlverwandten Mann erst noch zu entdecken, sich blos als halb unbewußte Koketterie offenbart, die sie antreibt, sich zu putzen, auf Bälle und zu Abendunterhaltungen zu laufen und gierig alle Gelegenheiten aufzusuchen, wo sie fremden Männern begegnen, ihre eigene Anziehungskraft erproben, die der Männer empfinden kann. Sie ist ganz von sich selbst erfüllt, pflegt nur ihre eigenen Interessen und fordert, daß das Leben ihr blos persönliche Annehmlichkeiten biete. Ihr Egoismus macht es ihr unmöglich, neben sich auch noch ihren Gatten zu sehen und zu berücksichtigen und sich in sein Wesen hineinzuleben. Das Hauswesen ist ihr gleichgültig, so weit es nicht für sie allein da ist. Sie verschwendet ohne Mitleid für die Anstrengungen des Mannes. Sie hat ihn ja nur geheiratet, damit sie sorglos und wohlhabend leben könne, und es ist doch so grausam menschlich, ihn dafür zu bestrafen, daß er ungeschickt genug war, sie zur Frau zu nehmen, ohne sich vorher ihrer Liebe zu versichern! Auf diese Weise ist ein fehlerhafter Zirkel hergestellt, der nichts als Trübsal einschließt. Die egoistische Organisation der Gesellschaft macht dem Individuum den Kampf ums Dasein unnöthig und widernatürlich schwer, infolge dessen sucht weder der Mann noch das Weib in der Ehe die Liebe, sondern die materielle Versorgung; der Mann stellt der Mitgift nach; das vermögenslose Mädchen, besorgend, daß es sitzen bleibt, fahndet nach dem erstbesten Manne, der es erhalten kann, und verwandelt sich nach der Hochzeit in ein kostspieliges Luxusthier, das für den Besitzer völlig werthlos und nur eine Ursache großer Auslagen ist; zahlreiche Männer, die ein Weib hätten erhalten und glücklich machen können, werden durch das Beispiel solcher Ehen erschreckt und verzichten darauf, sich zu verheiraten; dadurch findet sich die entsprechende Anzahl Mädchen zum Altjungfernthum verurtheilt, ihre Aussichten, einen Mann zu finden, verringern sich im Allgemeinen, damit steigt ihre Hast, unter die Haube zu kommen, die Frage nach Liebe wird noch entschiedener unterdrückt und die unter solchen Verhältnissen geschlossene Ehe für die möglichen Ehekandidaten noch abschreckender. Mann und Weib werden zu Feinden, die einander zu überlisten und auszubeuten suchen, niemand ist glücklich, niemand befriedigt und die Hände reiben sich blos der katholische Beichtvater und der Besitzer des großen Modegeschäfts, denn Beiden führt diese Lage der Dinge die größte Zahl ihrer Kunden zu. III. Wenn nun aber die wirthschaftliche Organisation auch die Hauptursache ist, welche aus der Eheeinrichtung eine Lüge macht, so ist sie doch nicht die einzige. Eine große Schuld an dem Gegensatze zwischen Form und Inhalt, zwischen Ehe und Liebe, und an den häufigen tragischen Konflikten zwischen natürlichen Gefühlen und konventionellem Zwange trägt auch die herrschende Geschlechtsmoral, welche eine Folge des Christenthums ist. Diese Moral betrachtet den Paarungsakt als ein abscheuliches Verbrechen, sie verhüllt sich vor demselben das Antlitz wie vor einem Greuel, was allerdings nicht ausschließt, daß sie verstohlen danach lüstern hinschielt, und sie umgibt Alles, was mit dem Geschlechtsleben zusammenhängt oder nur daran erinnert, mit dem Banne eines scheuen Schweigens. Das ist monströs, das ist unerhört. Diese Moral könnte sich nicht eine Stunde lang halten, wenn nicht alle Menschen, alle ohne Ausnahme, sich unter zwei oder vier, oder auch noch mehr Augen über sie so unbekümmert hinwegsetzen würden, als wenn sie gar nicht bestände. Sie hat nicht die schwächste natürliche Begründung und darum auch nicht den Schatten einer Berechtigung. Weshalb soll eine organische Funktion, welche die weitaus wichtigste ist, weil sie die Erhaltung der Art bezweckt, weniger sittlich sein als andere, welche blos die Erhaltung des Individuums, zum Zwecke haben? Weshalb sollen etwa Essen und Schlafen legitime Thätigkeiten sein, die man öffentlich üben, von denen man sprechen, zu denen man sich bekennen darf, und die Paarung eine Sünde und Schmach, die man nicht genug verbergen und ableugnen kann? Ist nicht die Geschlechtsreife die Krönung der Entwickelung des Individuums und dessen Reproduktion sein höchster Triumph und seine glorreichste Manifestation? Alle Lebewesen, Pflanzen wie Thiere, empfinden die Begattung als erhabenste Bethätigung ihrer Lebenskraft und rufen mit hohem Stolze die ganze Natur zur Zeugin derselben, die Blumen mit ihrer Farbenpracht und ihrem Duft, die Vögel mit ihrem schmetternden Gesange, die Leuchtkäfer mit ihrem strahlenden Glanze, die Säugethiere mit dem Lärm ihrer Werbung und dem Getöse ihrer Kämpfe; nur der Mensch soll sich seines mächtigsten Gefühls schämen und dessen Befriedigung wie eine Missethat verheimlichen. Das war allerdings nicht zu allen Zeiten die Meinung der Menschen; Tartüffe war nicht immer der Sittenlehrer derselben. Ich denke dabei nicht etwa an den Menschen im Naturzustande, sondern an den Menschen, der in der Verfassung hoher Kultur lebt. Reiche, geistig und sittlich vertiefte Zivilisationen, deren Idealität derjenigen unserer modernen Zivilisation weit überlegen war, so die indische und griechische, nahmen den Geschlechtsbeziehungen gegenüber einen natürlichen und unbefangenen Standpunkt ein, würdigten den Gesammtorganismus des Menschen, ohne in einem Organ etwas Schändlicheres zu sehen als in einem beliebigen andern, hatten vor der Nacktheit keine Scheu, konnten sich darum mit keuschen Augen und ohne verworfene Hintergedanken betrachten und sahen in der Vereinigung geschlechtsverschiedener Individuen blos den heiligen Endzweck der Vermehrung, der jene Handlung zu einer nothwendigen, edlen und besonders weihevollen macht und in einem gesunden und reifen Geiste unwürdige Nebenvorstellungen und Gedankenverknüpfungen gar nicht aufkommen lassen kann. Die indische wie die griechische Kultur hatten die ursprünglichen Instinkte des Menschen noch nicht so gründlich gefälscht und verdunkelt wie unsere eigenen und waren deshalb noch durchdrungen von der natürlichen Bewunderung und Dankbarkeit für den Vorgang, welcher die Quelle alles Lebens im Weltall ist, nämlich für den der Vermehrung. Man verehrte die Organe, welche bei diesem Lebensakte unmittelbar thätig sind, stellte deren Bild als Symbol der Fruchtbarkeit in Tempeln, Fluren und Wohnungen auf, ersann eigene Gottheiten der Fortpflanzung und widmete ihnen einen Kultus, der erst in den späten Zeiten des Sittenverfalls zu roher und namentlich zweckloser Sinnlichkeit ausartete. Umgeben von Sinnbildern, die ihre Wißbegierde anregen mußten, konnte die Jugend nicht in jener unnatürlichen Unwissenheit erhalten werden, die ein Hauptziel unserer Erziehung ist; da der Verstand von dem Augenblicke an, da dergleichen für ihn ein Interesse zu haben beginnt, die Erscheinungen des Geschlechtslebens klar begreifen durfte, so konnte die Phantasie nicht krankhaft arbeiten und auf Abwege gerathen; das, was offen vor Aller Augen dalag, hatte nicht den Reiz des Verheimlichten und Verbotenen und diese unbefangen aufgeklärte Jugend war sittenreiner und unberührter von vorzeitigen Begierden als die unsrige, die man trotz ängstlicher Bemühungen doch auch nicht in der als heilsam erachteten Unwissenheit erhalten kann, die aber ihre Wissenschaft aus den unlautersten Quellen, verstohlen und darum unter geistvergiftenden und nervenzerrüttenden Aufregungen schöpft. Eine so gründliche Änderung der Moralitätsbegriffe ist die Folge des Einflusses, welchen die christlichen Anschauungen auf den Geist der Kulturmenschheit gewonnen haben. Die Grundlehren des Christenthums, wie sie in den ältesten Urkunden dieser Religion vorgetragen werden, stehen zu einander in erstaunlichem Widerspruche und gehen von zwei gegensätzlichen Voraussetzungen aus, die einander unbedingt hätten ausschließen müssen, wenn das Christenthum von einem logischen Denker und mit klarem Bewußtsein gestiftet worden wäre. Auf der einen Seite predigen sie: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, liebe selbst deinen Feind; auf der anderen Seite erklären sie, daß das Ende der Welt bevorstehe. Fleischeslust die schwerste Sünde, Enthaltung die gottgefälligste aller Tugenden und absolute Keuschheit der wünschenswerthe Zustand des Menschen sei. Indem das Christentum die Nächstenliebe lehrt, erhob es den natürlichen Instinkt der menschlichen Solidarität zu einem religiösen Gebote und förderte den Bestand und das Gedeihen der Gattung; allein indem es gleichzeitig die Geschlechtsliebe verdammte, zerstörte es sein eigenes Werk, verurtheilte es die Menschheit zum Untergang und stellte sich der Natur mit einer Feindseligkeit gegenüber, die man mit seiner eigenen Ausdrucksweise nur teuflisch nennen kann. Das Dogma der Nächstenliebe mußte die Menschheit erobern, denn es appellirte an ihren mächtigsten Instinkt, an ihren Gattungserhaltungstrieb. Das Dogma der Keuschheit dagegen hätte jede Ausbreitung der neuen Religion verhindern müssen, wenn es nicht in einer Zeit aufgerichtet worden wäre, in welcher die Gesellschaft vollständig verfault war, der ruchlose Egoismus allein herrschte und das Geschlechtsleben, von seinem Zwecke der Artvermehrung abgelenkt, zu einer bloßen Quelle selbstsüchtigen Vergnügens erniedrigt, von allen Lastern besudelt, dem empörten Gewissen der Guten ein Greuel scheinen mußte. Als diese Voraussetzung wegfiel und das Christenthum sich nicht mehr als den Gegensatz des sittlich verkommenen Römerthums empfand, hielt es auch nicht mehr für nothwendig, gegen die Übertreibung des Lasters durch eine Übertreibung der Reinheit zu protestiren, und das finstere, menschenfeindliche Dogma der Keuschheit wurde in den Hintergrund gedrängt. Die Kirche erlegte es nicht mehr allen Gläubigen, sondern nur noch einigen Auserlesenen, den Priestern und Nonnen, auf und machte der Natur sogar das Zugeständniß, daß sie die Ehe zum Sakrament erhob. Das Keuschheitsgelübde der Mönche und Nonnen verhinderte freilich nicht die größten Ausschweifungen gerade in den Klöstern, im Mittelalter, als das Christenthum seine höchste Gewalt auf die Menschen ausübte, war die Zuchtlosigkeit fast wieder so arg wie zur Zeit des Niederganges von Rom und seit dem Bestande der Religion wurde die Lehre der Enthaltung eigentlich nur von solchen Individuen buchstäblich befolgt, die an religiösem Wahnsinn litten, einer Krankheit, die fast immer mit Störungen und Verirrungen des Geschlechtslebens einhergeht, wie diese letzteren eine Degenerationserscheinung ist und mit ihnen auf denselben pathologischen Veränderungen des Gehirns beruht. Grundsätzlich aber gab das Christenthum auch dieses Dogma nie auf, die Kirche sprach Gatten heilig, weil sie während einer langen Ehe einander nie berührt hatten, die Geschlechtsbeziehungen blieben theoretisch eine Sünde in ihren Augen, wenn sie dieselbe auch praktisch duldete, und im Laufe der Jahrhunderte brachte ihre stetige erziehliche Einwirkung die Kulturmenschheit dahin, wo sie heute ist, nämlich zu der Anschauung, daß Geschlechtsliebe eine Schande, Enthaltung moralisch und die Befriedigung des Grundinstinkts jedes Lebewesens eine die schwersten Strafen verdienende Sünde sei. Man hat in der Christenheit nicht weniger Begierden als im Heidenthum; man heischt und gewährt nicht weniger die Gunst des Weibes; aber man hat nicht die lautere, jede Herzensregung veredelnde Empfindung, daß man in löblichem Thun begriffen sei, sondern wird von der Vorstellung verfolgt, man wandle auf verbotenen Pfaden, man beabsichtige ein Verbrechen zu begehen, das verheimlicht werden muß, man fühlt sich durch den Zwang der Verstellung und Heuchelei erniedrigt und durch die Nothwendigkeit, das natürliche Ziel der Neigung, den Besitz der geliebten Person, uneingestanden zu lassen, zur beständigen Lüge gegen sich, das geliebte Wesen und die Menschen verurtheilt. Die christliche Liebe gibt nicht zu, daß die Liebe legitim sei; darum ist auch in den Einrichtungen, welche von jener durchdrungen sind, für die Liebe kein Platz. Die Ehe ist nun eine solche Einrichtung, ihr Charakter ist von der christlichen Moral beeinflußt. Nach der theologischen Anschauung hat sie denn auch mit der Liebe des Mannes zum Weibe nichts gemein. Wenn man heiratet, so geschieht es, um ein Sakrament zu erfüllen, nicht, um einander in Liebe anzugehören. Noch gottgefälliger wäre man freilich, wenn man überhaupt nicht heiratete. Der Priester, der ein Brautpaar vor dem Altar vereinigt, fragt das Weib, ob es bereit sei, dem Manne als Gattin zu folgen und ihm als seinem Herrn zu gehorchen. Ob sie ihn liebt, das fragt der Priester nicht, denn die Berechtigung eines solchen Gefühls erkennt er nicht an und für ihn hat das Bündniß, das er mit seinen Zeremonien besiegelt, seine Begründung in dem vor dem Altar abgelegten feierlichen Gelöbniß, keineswegs aber in einem menschlichen, organischen Drange, der zwei Wesen zu einander führt und an einander festknüpft. Das ganze offizielle Verhältniß der Gesellschaft zum Geschlechtsleben ist durch diese christlich-dogmatische Anschauung von der Sündhaftigkeit der fleischlichen, das heißt der einzig natürlichen und gesunden, Liebe bestimmt. Die Ehe ist heilig; man darf ihr Gebot der Treue nicht verletzen, auch wenn sie dem Herzen der Gatten nicht die geringste Befriedigung gewährt. Das Weib hat ohne Liebe geheiratet, es lernt später einen Mann kennen, der seine Leidenschaft erweckt – die Gesellschaft gibt die Möglichkeit eines solchen Vorganges nicht zu. Was, das Weib liebt? Das gibt es nicht, das kann es nicht geben! Ein solches Ding wie Liebe wird nicht anerkannt! Die Frau ist verheiratet; das ist Alles, worauf sie Anspruch hat. Sie hat ihren Mann, an den sie ihre beschworene Pflicht bindet, außerhalb dieser Pflicht enthält die Welt nichts für sie. Verletzt sie die Pflicht, so ist sie eine Sünderin und fällt dem Arm der Polizei, der Verachtung aller Wohlgesinnten anheim. Die Gesellschaft gibt dem Gatten das Recht, seine treulose Frau zu tödten, und sie beauftragt ihren Richter, sie zum abschreckenden Beispiel in den Kerker werfen zu lassen, wenn der Gatte zu nachsichtig gewesen ist. Ein Mädchen hat sich in einen Mann verliebt, es hat gethan, was die Natur ihr gebot, ohne auf das Gethue und Gekritzel eines Priesters oder Standesbeamten zu warten? Wehe der Verworfenen! Sie ist aus der Gemeinschaft der Anständigen ausgestoßen. Selbst dem unschuldigen Kinde, das eine Frucht ihrer Verirrung ist, haftet ein Schandfleck an, von dem es sich sein Lebelang nicht wird reinigen können. Auch der Diebstahl ist von der Gesellschaft verboten; aber ihr Richter hat doch manchmal Erbarmen mit dem Diebe, der aus Hunger ein Brod gestohlen hat, und läßt ihn ungestraft laufen. Das macht, die Gesellschaft gibt zu, daß der Hunger gelegentlich stärker sein könne als die Achtung vor ihrem Gesetze. Der Gattin aber, die trotz der Ehe, dem Mädchen, das ohne die Ehe geliebt hat, verzeiht sie nicht. Für die Übertretung des Gesetzes, mit dem sie die Beziehungen der Geschlechter geregelt hat, läßt sie keine Entschuldigung gelten. Sie will nicht sehen, daß auch die Liebe wie der Hunger stark genug sei, die Bande des geschriebenen Gesetzes zu zerreißen. Muß man nicht glauben, daß dieses Gesetz, diese Sitte von verschlackten und verkalkten Greisen oder von Eunuchen erfunden worden sind? Ist es möglich, daß eine solche Anschauung seit Jahrhunderten eine Gesellschaft beherrscht, in der die Eunuchen und Greise doch in der Minderzahl sind, die doch auch zwanzigjährige Mädchen und vierundzwanzigjährige Jünglinge enthält? Beherrscht – ja darin liegt es: diese Anschauung beherrscht die Gesellschaft eben nicht. Diese hat sich mit dem unmenschlichen Gesetze und der herzlosen Sitte abgefunden, indem sie ihnen ins Gesicht Achtung lügt und hinter dem Rücken Rübchen schabt. Ihre Nichtanerkennung der Liebe ist Heuchelei. Vor dem Richter, der die Ehebrecherin verurtheilt, vor der gestrengen Dame, die das verführte Mädchen von sich jagt, zieht sie den Hut; dem Dichter aber, der von Liebe singt, ohne der Ehe mit einer Silbe zu gedenken, klatscht sie Beifall, daß ihr die Handteller wund werden. Jeder Einzelne gibt öffentlich salbungsvoll zu, daß es eine Sünde sei, den Herzensregungen zu gehorchen, im Geheimen aber gehorcht er ihnen mit Begeisterung und hält sich darum nicht einmal für einen schlechteren Menschen. Die Theorie der christlichen Moral besteht nur darum, weil sich in der Praxis niemand an sie kehrt. Das Band einer ungeheuren Konspiration schlingt sich um die ganze Kulturmenschheit und macht deren sämmtliche Mitglieder zu Genossen eines Geheimbundes, dessen Angehörige auf der Straße das Haupt vor der theologischen Satzung neigen, in der Stube aber der Natur opfern und unerbittlich über jeden herfallen, der ihre eleusynischen Mysterien ausplaudert, sich gegen die allgemeine Verlogenheit auflehnt und keck genug ist, sich auch auf dem öffentlichen Platze zu den Göttern zu bekennen, die er wie alle Übrigen in seinem Larengemache verehrt. Um die Eheeinrichtung unbefangen zu beurtheilen, muß man sich, so schwer dies auch ist, von den Vorurtheilen, in denen wir großgezogen sind, befreien und von der mit unserem ganzen Denken innig verwachsenen Gewohnheit der christlichen Moralanschauungen völlig losmachen. Im Gegensatze zum Theologen muß man den Menschen als ein natürliches Geschöpf und im Zusammenhange mit der übrigen Natur betrachten; wenn man eine menschliche Einrichtung auf ihre Berechtigung prüfen will, so muß man fragen, ob sie der Beschaffenheit, den Grundtrieben, den höchsten Gattungsinteressen des Menschen entspricht. Legt man nun diesen Maßstab an die Einrichtung der Ehe, so ist es sehr zweifelhaft, ob sie vor der Kritik besteht, und es scheint äußerst schwer, zu beweisen, daß sie ein natürlicher Zustand des Menschen sei. Wir haben gesehen, daß die wirthschaftliche Organisation der Gesellschaft zur Eheschließung aus Interesse führt und daß die christliche Moral verbietet, die Liebe als berechtigt anzuerkennen. Nun drängt sich aber noch eine letzte und peinliche Frage auf: Ist die Ehe nur darum eine Lüge, weil es sich den meisten Gatten nicht um den Besitz des Individuums, sondern um die materielle Versorgung handelt, und ist sie nur darum ein Zwang, weil die christliche Moral nicht zugeben will, daß neben dem vom Priester geknüpften Bande noch ein solches Ding wie Liebe existirt? Ist nicht vielmehr die Ehe, wie sie heute in der Kulturmenschheit besteht, überhaupt eine unnatürliche Form des Verhältnisses der beiden Geschlechter zu einander und müßte sie in ihrer gegenwärtigen Ausbildung, nämlich als dauernder Bund für das ganze Leben, nicht auch dann eine Lüge sein, wenn man immer nur aus Liebe heiratete und der Leidenschaft ihre volle natürliche Berechtigung zugestehen würde? Wir sind gerade im Punkte der Beziehungen beider Geschlechter zu einander so weit vom Naturzustande entfernt, daß es äußerst schwer ist, heute noch mit Bestimmtheit zu erkennen, was in dieser Richtung physiologisch und nothwendig und was gefälscht, verdorben und angekünstelt und durch vielhundertjährige Vererbung scheinbar zuletzt doch auch natürlich geworden ist. Vorsichtig kritische Beobachtung der intimsten Regungen des Menschenherzens, zusammengehalten mit den Wahrnehmungen, welche das höhere Thierleben gestattet, scheint aber doch zu einem für die Anhänger der bestehenden Ordnung sehr entmuthigenden Ergebniß zu führen. Die Ehe, wie sie sich unter den Kulturvölkern geschichtlich entwickelt hat, beruht grundsätzlich auf der allgemeinen Anerkennung der Monogamie. Es scheint aber, daß Monogamie kein natürlicher Zustand des Menschen ist, und so scheint zwischen dem individuellen Triebe und der gesellschaftlichen Einrichtung ein prinzipieller Widerspruch zu bestehen, der immer wieder Konflikte zwischen dem Gefühl und der Sitte veranlassen, in gewissen Fällen die Form immer wieder in Gegensatz zum Inhalt bringen, die Ehe immer wieder zur Lüge machen muß und schwerlich durch irgend eine Reform so vollständig zu lösen sein dürfte, daß das äußerliche monogamische Eheverhältniß zweier Gatten unter allen Umständen auch ihre innere Zusammengehörigkeit und ihre geschlechtliche Neigung zu einander bedeuten würde. Die Einrichtung der Ehe überhaupt beruht, wie ich oben nachzuweisen gesucht habe, auf der Ahnung oder Erkenntniß, daß das Interesse der Gattungserhaltung und -Vervollkommnung eine gewisse Überwachung des Geschlechtstriebs durch die Gesammtheit erfordert. Daß aber diese Einrichtung gerade die Form eines theoretisch für das ganze Leben geschlossenen Bundes zwischen einem einzigen Manne und einem einzigen Weibe angenommen hat, das ist kein Ausfluß des Gattungsinteresses, das ist nicht eine Lebensbedingung der Art, folglich auch nicht durch ihren Selbsterhaltungsdrang herbeigeführt, sondern eine Folge der wirthschaftlichen Organisation der Gesellschaft und darum wahrscheinlich ebenso vorübergehend wie diese Organisation. Die Erkenntniß, daß die Ehe die Form der Monogamie haben müsse, eine Erkenntniß, die vielleicht nur halb bewußt, aber doch klar genug war, um in Gesetzen und Sitten Ausdruck zu finden, ging anscheinend aus diesem Gedankengange hervor: »In einer Gesellschaft, die keine wirthschaftliche Solidarität kennt, in der Jeder nur für sich arbeitet und sorgt und den Nächsten unbekümmert zu Grunde gehen läßt, müssen die Kinder verhungern, wenn die Eltern sie nicht großziehen. Die Mutter kann die Last der Erhaltung ihrer Kinder nicht allein tragen, denn in derselben egoistischen Gesellschaft wird die Frau, weil sie die schwächere ist, von dem seine Stärke mißbrauchenden Manne aus allen einträglicheren und leichteren, das heißt ihr allein zugänglichen Erwerben so vollständig hinausgedrängt, daß sie mit ihrer eigenen Arbeit kaum sich selbst, geschweige denn auch noch Kinder ernähren kann. Man muß also den Vater zwingen, dem Weibe diese Last tragen zu helfen. Dieser Zwang ist aber nur auf eine Weise wirksam auszuüben: indem man eine Fessel schmiedet, welche den Mann unlösbar an das Weib knüpft, das er zur Mutter zu machen wünscht. Diese Fessel ist die Ehe für's Leben. Und damit man leichter feststellen könne, welcher Vater für welches Kind aufzukommen hat, damit man nicht Gefahr laufe, die Erhaltungspflicht einem Unrichtigen aufzubürden, soll jeder Mann nur von einem einzigen Weibe, jedes Weib nur von einem einzigen Manne Kinder haben können. Das ist die Einzelehe. Und nun sind die Verhältnisse schön einfach und übersichtlich. Du wünschest ein Weib zu besitzen? Gut; verpflichte dich zuvor, für sie selbst und die dem Verhältnis etwa entspringenden Kinder dein Lebelang zu arbeiten. Du wirst später des Weibes überdrüssig? Um so schlimmer für dich. Du hast sie nun und mußt sie behalten. Du findest, daß du dich in ihrer Wahl geirrt, daß du dich selbst betrogen hast, als du glaubtest, daß du sie liebtest? du hättest dich besser prüfen, reiflicher überlegen sollen. Die Ausrede kann jetzt nicht mehr zugelassen werden. Du bist nun für eine andere entflammt? Das kümmert uns nicht. Du mußt die Last deines Weibes und deiner Kinder weiter tragen und wir, die Gesellschaft, dulden nicht, daß du dich ihrer auf unsere Schultern entledigst.« Der Selbsterhaltungstrieb der Gattung hört eben nie auf, thätig zu sein, so lange die letztere noch Lebenskraft besitzt. Die einzige Weise nun, auf welche die Gattung bei einer auf Egoismus und Individualismus beruhenden wirthschaftlichen Organisation das Leben ihrer Frauen und Kinder, also ihre eigene Fortdauer sichern kann, ist in der That die lebenslängliche Einzelehe. Unsere Wirthschaftseinrichtungen mußten unsere Eheeinrichtungen nach sich ziehen. Praktisch ist, wie vorher auseinandergesetzt wurde, die Ehe zu einem Mittel der Befriedigung des Egoismus der Eltern geworden, da man sie nicht aus Liebe, nicht nach den Gesetzen der Zuchtwahl, nicht im Interesse der Nachkommenschaft schließt; theoretisch aber ist sie eine vom Interesse – allerdings vom schlecht verstandenen Interesse – der Gattungserhaltung diktirte Institution und nicht für die Eltern, sondern für das Kind geschaffen. Das erwachsene Geschlecht wird theoretisch dem unentwickelten oder ungeborenen geopfert, das Magenbedürfniß der Kleinen vor dem Herzensbedürfniß der Großen berücksichtigt; unerbittlich in den Ländern, die noch voll unter dem Einfluß der christlich-theologischen Weltanschauung stehen, etwas schonender in denen, in welchen die Aufklärung natürlichere und menschlichere Vorstellungen verbreitet hat. Der Katholizismus, der, wie wir gesehen haben, die Liebe als unberechtigt und als Sünde betrachtet, gestattet überhaupt keine Lösung der Ehe und gibt nicht zu, daß zwei Menschen sich in einander geirrt haben können, oder wenn sie sich geirrt haben, daß ihr Lebensglück eine Scheidung erfordern könne. Die vom Katholizismus emanzipirten Völker machen der Liebe das Zugeständniß, daß sie existirt, daß sie Rechte hat, daß sie außerhalb des Ehebundes auftreten kann; aber sie machen es widerwillig und halb; sie erlauben die Scheidung nur unter Schwierigkeiten, sie verfolgen die Geschiedenen mit gehässigen Vorurtheilen und sie treiben die Herzlosigkeit so weit, daß sie verbieten, die Person zu heiraten, der zu Liebe man sich geschieden und die man noch vor der Scheidung von einem früheren Gemahl geliebt hat, ein Verbot, dessen Dummheit und Grausamkeit geradezu schaudererregend sind. Vom Standpunkte der egoistischen Wirtschaftsorganisation ist das tadellos folgerichtig; von dem der Physiologie und Psychologie dagegen sieht man die schwersten Bedenken auftauchen. Die Ehe wird für das Leben geschlossen. Nehmen wir den günstigsten Fall an: die beiden Gatten lieben einander wirklich. Wird diese Liebe so lange dauern wie das Leben? Kann sie so lange dauern? Sind die beiden Gatten berechtigt, einander Treue bis in den Tod zu versprechen? Begehen sie nicht eine Tollkühnheit oder Leichtfertigkeit, wenn sie sich für die Unwandelbarkeit ihrer augenblicklichen Gefühle verbürgen? Die Poeten, denen zweifellos das Verdienst zuzuschreiben ist, diese Frage fast hoffnungslos verwirrt und verdunkelt zu haben, zögern allerdings keinen Augenblick lang mit der Antwort. Ihnen steht es fest, daß die wahre Liebe ewig dauert. »Und sag, wie endet Liebe? Die war's nicht, der's geschah«, meint Friedrich Halm. Die war's nicht, der's geschah.« Hm, das ist nachträglich leicht gesagt. Jeder, der das Leben mit offenen Augen betrachtet, kann dem schnellfertigen Lyriker hundert Beispiele von Verhältnissen anführen, die sich sehr leidenschaftlich anließen und dennoch sehr rasch und sehr gründlich erkalteten. Wenn der Dichter dann mit seiner Phrase entwischen wollte, daß das nicht die wahre Liebe gewesen sei, so müßte er sich die Gegenfrage gefallen lassen, woran er denn eigentlich die wahre Liebe erkennen, wie er sie von der, »die es nicht gewesen ist,« unterscheiden will, da doch die letztere im Augenblicke ihres Entstehens und während ihrer allerdings kurzen Blüthe der andern zum Verwechseln ähnlich ist, in den Betroffenen dieselben Empfindungen erregt, sie zu denselben Handlungen veranlaßt, mit demselben Gefolge von Lärm und Aufregung, von Schwärmerei und Verzweiflung, von Zärtlichkeit und Eifersucht einhergeht wie jene? Gewiß, es gibt Fälle, in denen die Liebe nur mit dem Leben aufhört. Sehr nüchterne Untersucher würden vielleicht auch in diesen Fällen finden, daß ihre Dauer den günstigen Umständen, der Macht der Gewohnheit, der zufälligen Abwesenheit von Störungen und Versuchungen, mit einem Worte Einflüssen, die von den beiden Individuen unabhängig sind, mindestens in demselben Maße zugeschrieben werden kann wie der Qualität des Gefühls. Man wird indeß das Vorhandensein dieser Fälle nicht leugnen. Für sie ist die lebenslange Einzelehe ein wahrer, natürlicher und berechtigter Zustand. Da decken sich Form und Inhalt vollkommen und der sichtbare äußere Bund hört nie auf, der Ausdruck innern Zusammenhanges zu sein. Allein wenn solche Fälle zweifellos existiren, so sind sie doch selbst nach dem Zugeständniß der Lyriker selten. Wie sollen sich nun die zahllosen Individuen zur Ehe stellen, die in einem gegebenen Augenblicke ernstlich zu lieben glauben, obwol sich nach Monaten oder Jahren, vielleicht auch plötzlich bei der Begegnung mit einem andern Wesen herausstellt, daß es ein Irrthum gewesen sei? Sollten sie sich beeilen, sich mit einander fürs Leben zu verbinden? Bald hörten sie auf, einander zu lieben, und dann ist der Bund für sie ganz so eine unerträgliche Last, als wenn er von vornherein ohne Neigung geschlossen worden wäre. Oder sollen sie sich nicht heiraten, ehe sie die sichere Überzeugung gewonnen haben, daß ihre Liebe bis an den Tod dauern werde? Das wäre etwas schwierig; denn da die wahre Natur der Empfindung erst nachträglich bekannt werden kann, so müßten die Liebenden bis zur Sterbestunde warten, ehe sie mit gutem Gewissen das Wort sprechen könnten: »Unsere Liebe war in der That die richtige, sie hat so lange gedauert wie das Leben, wir können uns nun getrost miteinander – begraben lassen, ohne besorgen zu müssen, daß wir eins des andern überdrüssig werden.« Wollte man so strenge Prüfung und so zweifellose Überzeugung als Vorbedingung der Ehe fordern, die Menschheit müßte darauf verzichten, Brautpaare zu sehen. Es ist gut, daß Romeo und Julie jung gestorben sind. Wäre die Tragödie nicht mit dem fünften Akte zu Ende, ich bin nicht sicher, ob wir nicht sehr bald von Zerwürfnissen zwischen den beiden reizenden jungen Leuten hören würden. Ich habe schreckliche Angst, daß er nach wenigen Monaten eine Maitresse genommen und sie sich mit einem veronesischen Edelmann über ihre Verlassenheit getröstet hätte. Es wäre zu entsetzlich: ein Scheidungsprozeß als Epilog der Balkonszene. Ich gehe aber weiter und behaupte: wie ich Romeo und Julie kenne, wäre das sogar ganz sicher geschehen, denn sie sind beide sehr jung, sehr leidenschaftlich, sehr unvernünftig und sehr beweglich gewesen und eine Liebe, die auf einem Balle entsteht und durch den ersten Eindruck einer schönen leiblichen Erscheinung veranlaßt ist, pflegt erfahrungsgemäß nicht viele Nächte, in deren Morgendämmerung man »die Nachtigall und nicht die Lerche« zu hören glaubt, zu überdauern. Haben aber darum Romeo und Julie einander nicht geliebt? Ich möchte den sehen, der das zu behaupten wagte! Und hätten sie einander nicht heiraten sollen? Das wäre eine Todsünde gewesen, vom Standpunkte der Menschenzucht ebenso sehr wie von dem der Dichtung. Wenn ihre Ehe dennoch einen schlechten Verlauf genommen hätte, so wäre das kein Beweis gegen ihre Liebe, sondern ein solcher gegen die anthropologische Berechtigung der Ehe gewesen. Die Wahrheit ist, daß unter zehntausend Menschenpaaren sich kaum eins findet, welches einander während des ganzen Lebens und ausschließlich liebt und die andauernde Einzelehe für seine Bedürfnisse erfände, wenn sie nicht schon bestände. Sicher aber finden sich in derselben Anzahl neuntausend neunhundert, die in einem Abschnitt ihres Lebens den heftigen Wunsch empfunden haben, sich mit einem bestimmten Individuum zu verbinden, glücklich waren, wenn sie diesen Wunsch erfüllen konnten, bitter litten, wenn derselbe unbefriedigt bleiben mußte, und sich gleichwol nach kürzerer oder längerer Zeit zu ganz verschiedenen, oft entgegengesetzten Empfindungen für den Gegenstand ihrer leidenschaftlichen Neigung weiter entwickelten. Haben diese Paare das Recht zur Ehe? Zweifellos. Ihre Verbindung muß im Interesse der Gattung sogar gefordert werden. Wird aber die lebenslange Einzelehe dauernd mit ihrem Glücke verträglich sein? Kein ehrlicher Beobachter des wirklichen Lebens wird diese Frage bejahen. Der Mensch ist thatsächlich kein monogamisches Thier und alle Einrichtungen, die auf der Annahme der Monogamie beruhen, sind mehr oder minder unnatürlich, dem Menschen mehr oder minder lästig. Herkömmliche, infolge der Vererbung sehr tief wurzelnde Anschauungen beweisen nichts gegen diese biologische Thatsache. Man horche nur einmal sehr scharf auf die geheimsten und leisesten Stimmen im Herzen von Liebenden! Füllt das geliebte Wesen wirklich das liebende so vollständig aus, daß es keinen Platz für einen Wunsch oder mindestens für eine Wahrnehmung übrig läßt, die ein anderes Wesen zum Gegenstande hat? Ich leugne es. Wer aufrichtig ist, der wird zugeben, daß Mann und Weib selbst im höchsten Paroxysmus einer jungen Liebe noch eine dunkle Ecke in der Seele bewahren, die von den Strahlen der konkreten Leidenschaft nicht durchleuchtet ist, und wo sich die Keime abweichender Sympathien und Begierden zusammendrängen. Man hält diese Keime aus anerzogener Ehrlichkeit vielleicht in engem Gewahrsam, man gestattet ihnen nicht, sich gleich zu entwickeln, aber man ist sich ihres Vorhandenseins fortwährend bewußt und man fühlt, daß sie bald zu Macht und Größe erwachsen würden, wenn man sich ihrer Entfaltung nicht widersetzte. So anstößig das klingen mag, ich muß es doch sagen: man kann sogar gleichzeitig mehrere Individuen mit annähernd gleicher Zärtlichkeit lieben und man braucht nicht zu lügen, wenn man jedes seiner Leidenschaft versichert. Ob man auch in ein bestimmtes Wesen noch so verliebt ist, man hört doch nicht auf, für den Einfluß des ganzen Geschlechts empfänglich zu sein. Das keuscheste liebende Weib bleibt ein Theil der allgemeinen Weiblichkeit, wie der ehrlichste liebende Mann ein Theil der allgemeinen Männlichkeit der Menschheit bleibt; er wie sie fühlt immer die natürliche Anziehung des entgegengesetzten Geschlechts und unter nur einigermaßen günstigen Umständen kann diese allgemeine Anziehung ganz gut der Ausgangspunkt einer neuen Sonderneigung zu einem bestimmten Individuum werden, wie ja auch die erste Liebe in der Regel wol nichts anderes war als die Zusammenfassung und Übertragung der bevorstehenden allgemeinen Neigung zum andern Geschlecht auf eine bestimmte Verkörperung desselben, gewöhnlich die erste, die man näher zu kennen Gelegenheit hatte. Dabei habe ich, das sei ausdrücklich wiederholt, keusche Frauen und ehrliche, selbstbeherrschungsfähige Männer vor Augen. Von den Weibern, die mit der Anlage zur Dirne, von den Männern, die als oberflächliche Lüstlinge geboren sind und deren Zahl eine weit größere ist, als die kodifizirte Moral sich gerne eingesteht, spreche ich gar nicht. Die unbedingte Treue liegt nicht in der Menschennatur. Sie ist keine physiologische Begleiterscheinung der Liebe. Daß man sie fordert, ist ein Ausfluß des Egoismus. Das Individuum will im geliebten Wesen ganz allein herrschen, es völlig ausfüllen, in demselben blos sein eigenes Spiegelbild antreffen, weil diese Wirkung auf einen andern Menschen seine höchste Bethätigung und mächtigste Auslebung ist und das Selbstgefühl oder die Eitelkeit sich keine vollkommenere Befriedigung denken kann als die Beobachtung einer solchen Wirkung. Wie man sich besonders tief und ganz als volles Individuum empfindet, wenn man einen Gegner im freien Kampfe von Kraft gegen Kraft, von Menschen gegen Menschen überwunden hat, so fühlt man seine eigene Individualität ungemein intensiv und zugleich wonnig, wenn man sich als Vollbesitzer eines andern Individuums erkennt. Treue fordern, heißt also nichts anderes als die Grenzen der eigenen Wirkung auf ein Fremdes abgehen und sie erfreulich weit finden wollen und Eifersucht ist die furchtbar schmerzhafte Erkenntniß der Beschränktheit dieser Grenzen. Man kann darum eifersüchtig sein, ohne im Geringsten selbst zu lieben, wie man einen Genossen im Kampfspiel besiegen wollen kann, ohne ihn zu hassen; es handelt sich in beiden Fällen um die Eitelkeit, sich als tüchtiges Individuum zu fühlen; es ist eine Frage der Überlegenheit, der Kraft psychischer Gymnastik; und ebenso fordert man Treue, ohne sich darum nothwendig zur Gegenseitigkeit verpflichtet zu fühlen. Der beste Beweis, daß die Treue nicht durch den natürlichen Zweck der Liebe, nicht durch das Interesse der Fortpflanzung gefordert wird, sondern eine der Menschheit künstlich anerzogene Bedingung, ein Ausfluß der Eigenliebe, Eitelkeit und Selbstsucht ist, liegt eben in diesem Mangel an Gegenseitigkeit. Handelte es sich um eine organische Nothwendigkeit, so würde man die Treue des Mannes als eine ebenso unverletzliche Pflicht empfinden wie die des Weibes; da es sich aber um eine Forderung des Egoismus handelt, so mußte im Laufe der Sitten-Entwickelung der Egoismus des Stärkeren den Schwächeren besiegen und da der Mann der Stärkere ist, so hat er in der That Gesetz, Sitte, Anschauungsweise und Empfindung zu seinem eigenen Vortheile und zum Nachtheile des Weibes gebildet. Er heischt vom Weibe unbedingte Treue, räumt ihm aber nicht dasselbe Recht gegen ihn ein. Wenn sie sich vergißt, so hat sie eine Todsünde begangen, die mit der allgemeinen Verachtung noch am gelindesten bestraft ist; wenn er dasselbe thut, so hat er sich einen liebenswürdigen kleinen Fehltritt zu Schulden kommen lassen, für den das Gesetz keine Strafe hat, über den die Gesellschaft gutmüthig und diskret lächelt und den die Frau unter Thränen und Umarmung verzeiht, wenn sie ihn überhaupt ernst genommen hat. Und diese Ungerechtigkeit des zweifachen Maßes wird doch noch größer durch den Umstand, daß es von vornherein nicht dasselbe ist, ob das Weib oder ob der Mann eine Untreue begeht; denn wenn das Weib sündigt, so ist sie dabei wol immer passiv; sie wird von einem Mann, also einer Gewalt, die von ihrem Willen unabhängig ist, in Versuchung geführt; sie unterliegt einer Kraft, die stärker ist als ihr Widerstand; wenn aber der Mann sündigt, so ist er aktiv; er thut es, weil er es thun will; Joseph kommt außer der Bibel nicht oft vor und Frau Potiphar gehört zu den Seltenheiten; der Mann ergreift die Initiative zur Sünde, er sucht sie freiwillig auf und begeht sie mit konzentrirter Absicht und Vorbedacht, mit Kraftaufwand und trotz ihm entgegengesetzter Abwehr. Am weitesten ist der rohe Egoismus des Mannes in dieser Richtung in Indien gegangen. Er faßt da seinen Besitz des Weibes als einen so absoluten auf, er treibt da die Forderung der Treue so grausam weit, daß er die Witwe, ja sogar die Braut zwingt, dem gestorbenen Gatten oder nur Bräutigam auf den Scheiterhaufen zu folgen, während der Mann, wenn er seine Frau verliert, sich nicht ein Haar zu krümmen braucht und unter allgemeiner Billigung vom Leichenbegängniß geradenwegs in ein neues Brautgemach einkehren kann. In Europa hat die Selbstsucht des Mannes nicht ganz so zerstörende Formen angenommen. Nur einige sentimentale und hysterische Poeten haben sich bis zur Forderung einer das geliebte Wesen überlebenden Treue verstiegen und die mondsüchtigen Gestalten von Liebenden gezeichnet, die sich selbst zu ewiger Trauer und Enthaltung verurtheilten, weil sie das geliebte Wesen nicht heiraten konnten oder weil es starb. Wenigstens waren diese Schwärmer so gerecht, die Gleichheit der Verpflichtung bei beiden Geschlechtern zu dekretiren, und ihre Toggenburgs sind ebenso oft Männer wie Frauen. Leser von gesunder Empfindung glauben indeß nicht an diese Gestalten und halten sie, sofern sie überhaupt der Wirklichkeit nachgebildet sein sollten, für krankhaft entartete Naturen, die aus der Noth eines pathologischen Seelen- oder Leibeszustandes eine poetische Tugend machen. Die europäische Sitte gibt nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch zu, daß Liebe aufhören, daß man wiederholt lieben könne und daß die Treue die Liebe nicht zu überdauern brauche, denn sie läßt zweite Ehen verwitweter Gatten als vollmoralische, vor jeder gesellschaftlichen Kritik bestehende Verhältnisse gelten. Wäre jemals und irgendwo das Weib stärker gewesen als der Mann, so hätte ohne Zweifel unsere ganze Anschauung von der Treue eine andere Gestalt. Dann wäre die Leichtfertigkeit des Weibes eine reizende Schwäche, der etwas von der Natur eines Scherzes anhaften würde, während die Untreue des Mannes eine tragische Bedeutung hätte. Man würde vom Manne dieselbe Keuschheit außerhalb des Eheverhältnisses und insbesondere vor der Ehe fordern wie heute vom Weibe. Don Juan würde Donna Juana heißen und wir würden im Theater über den armen unschuldigen Othello Thränen vergießen, den die wild eifersüchtige Desdemona erwürgen würde. Ich verkenne nicht, wie ungeheuer schwierig es ist, die Frage der Treue und der natürlichen Dauer der Liebe aus unserer heutigen Moral und Sitte heraus peremptorisch zu lösen. Wenn man die höheren Thiere betrachtet, so erkennt man unschwer, daß bei ihnen die Leidenschaft des Männchens für das Weibchen nur während der Werbung und allenfalls noch während der Zeit, die man die Flitterwochen oder den Honigmond nennen könnte, dauert und daß die gegenseitige Treue, die nur bei einzelnen Arten überhaupt besteht, die Geburt des Jungen nicht überlebt. Unser menschlicher Stolz mag sich noch so ungeberdig dagegen sträuben, wir müssen doch nach diesen Analogien aus dem Thierreich, das eben von denselben Lebensgesetzen regiert ist wie die Menschenart, welche sich biologisch in nichts von ihm unterscheidet, die menschlichen Gepflogenheiten untersuchen, wenn wir wissen wollen, ob sie natürlich und nothwendig oder künstlich und willkürlich sind. Diese Vergleichungsmethode würde also zur Annahme führen, daß die Liebe sich in der Erreichung ihres Ziels und der Erfüllung ihrer Aufgabe erschöpft wie der Hunger in der Stillung des Speisebedürfnisses und daß auch für das Weib mit der Geburt des Kindes ein Akt seines Liebelebens vollkommen abgeschlossen sei und ein neuer Akt mit anderer Rollenbesetzung beginnen könne. Wenn dies, wie es den Anschein hat, der wahre und natürliche Zustand der menschlichen Empfindung ist, so hat die dauernde Einzelehe in der That keine organische Berechtigung, sie muß dann in den meisten Fällen nach den Flitterwochen oder doch nach der Geburt eines Kindes zur leeren Form und Lüge werden und zu Konflikten zwischen Neigung und Pflicht führen, auch wenn sie ursprünglich immer aus Liebe geschlossen wurde. Allerdings drängen sich sofort eine Menge Gegengründe gegen eine Beweisführung auf, deren logische Schlußfolgerung nur die Abschaffung der Ehe und die Rückkehr zur freien Paarung der Thiere sein könnte. Der nächstliegende Gegengrund ist dieser: Es mag ja sein, daß der Mensch seinem natürlichen Instinkte nach polygamisch ist, daß er den Hang hat, gleichzeitig oder nacheinander zu mehr als einem Individuum des entgegengesetzten Geschlechts in Beziehung zu treten; aber er hat auch andere Instinkte und es ist ja gerade die Aufgabe der Gesittung, den Willen des Menschen so zu erziehen, daß er seine Instinkte bekämpfen und unterdrücken kann, wenn er sie als schlecht erkennt. Dieses Argument ist leider kein überzeugendes; denn zunächst müßte erst noch bewiesen werden, daß der polygamische Instinkt für den Bestand und die Entwickelung der Menschheit schädlich wäre, weil man nur in diesem Falle berechtigt wäre, ihn schlecht zu nennen; ferner aber gibt es doch zu denken, daß die Gesittung, der die Bezähmung anderer Instinkte gelungen ist, tatsächlich nie dahin gelangte, den polygamischen Instinkt zu unterdrücken, trotzdem die Kirche ihn mit Höllenstrafen bedrohte, das Gesetz ihn verdammte, die offizielle Moral ihn für unsittlich erklärte; der Mann lebt in den Kulturländern trotz der gesetzlichen Monogamie in polygamischem Zustande; es dürfte da kaum unter hunderttausend Männern einen geben, der auf seinem Sterbebette beschwören könnte, im ganzen Leben nicht mehr als ein einziges Weib gekannt zu haben; und wenn von den Frauen der monogamische Grundsatz strenger befolgt wird, so ist es nicht immer, weil es ihnen an der Neigung gefehlt hat, sich über denselben hinwegzusetzen, sondern weil die Schutzwächter der offiziellen Moral das Weib schärfer überwachen und seine Auflehnungen härter bestrafen als die des Mannes; ein Instinkt aber, der den Gesetzen und der Sitte so hartnäckig und erfolgreich widersteht, muß doch wol tiefer begründet sein als die anderen Instinkte, deren die Zivilisation Herr werden konnte. Mehr Gewicht hat ein anderes Argument. Die menschliche Liebe, obwol in der Hauptsache auch nichts anderes als der Drang nach dem Besitze eines bestimmten Individuums zum Zwecke der Fortpflanzung, ist doch noch mehr; sie ist auch eine Freude an der geistigen Art des geliebten Wesens; sie ist auch Freundschaft. Dieses Element der Liebe überdauert deren physiologisches Element. Gewiß ist das, was man für das geliebte Wesen nach dem Besitze empfindet, nicht dasselbe wie vorher. Aber es ist noch immer ein Hohes und Mächtiges und es kann den Wunsch, ja die Nothwendigkeit eines lebenslangen Beisammenseins begründen, das dann seine Berechtigung nicht mehr vom natürlichen Zwecke der Ehe, der Vermehrung, sondern von dem Bedürfnisse eines geistig höher entwickelten Wesens nach dem Umgange mit einem Wesen von ähnlicher Gesinnung ableiten würde. Auch im treuesten Gemüthe, und wenn die Leidenschaft ursprünglich noch so mächtig war, erfährt die Liebe nach den Flitterwochen oder nach dem ersten Kinde diese Umgestaltung, in welcher sie die Fessel der Ehe noch immer nicht als lästig empfindet, freilich ohne ferner ein völlig sicherer Schutz gegen das Aufflammen einer neuen Leidenschaft zu sein. Es treten aber noch andere Umstände hinzu, die dem Willen den Kampf gegen die polygamischen Instinkte erleichtern. Wenn das Zusammenleben, zweier Menschen, die einander einen Augenblick lang geliebt und dadurch bewiesen haben, daß sie annähernd harmonisch zu einander gestimmt sind, eine Weile gedauert hat, so wird es zu einer Gewohnheit, welche die Treue mächtig unterstützt. Man empfindet vielleicht nach einiger Zeit gar nichts mehr für einander, nicht die geringste Liebe, ja nicht einmal Freundschaft aber die Gemeinschaft hält doch und hält sogar recht fest. Wie beim Vorgang der Versteinerung alle ursprünglichen Bestandtheile, einer Baumwurzel etwa, allmälig verschwinden und durch ganz fremde erdige Stoffe ersetzt werden, die sich jedoch sorgsam in die Stelle der verdrängten organischen Moleküle einstehlen und die allgemeine Form unverändert lassen, bis vom inneren Gefüge gar nichts mehr vorhanden ist, ohne daß die äußere Gestalt der Wurzel im Geringsten gelitten hätte, so ersetzt bei dieser Umgestaltung der Gefühle die Gewohnheit unmerklich Partikelchen für Partikelchen der sich verflüchtigenden Liebe und wenn diese vollends verschwunden ist, bleibt doch die Form des Lebensbundes der beiden Menschen erhalten; und ob diese Form auch starr und kalt und todt ist, so ist sie doch dauerhaft und widerstandskräftig. Ist die Ehe mit Kindern gesegnet, so überträgt sich die Zärtlichkeit der Eltern auf diese und aus ihrem Gemüthe erwächst eine neue Liebe, welche sich gleichmäßig um beide Eltern schlingt und sie fest zusammenhält wie eine Kletterpflanze, die mit ihren Ranken zwei Bäume umwuchert und unlösbar verknüpft und sie noch mit frischem Laub und Blüthen bedeckt, wenn sie bereits abgestorben und verdorrt sind. Überdies wird man in dem Maße, in welchem die Ehe dauert, älter, der Liebesdrang wird aus natürlichen Ursachen schwächer und wenn auch die Keime neuer Neigungen nicht absterben, nicht verschwinden, so wird es dem Willen und der Einsicht doch mit jedem Jahre leichter, ihre Entwickelung zu verhindern. Endlich bleibt nach einem Morgenroth der Liebe für den ganzen Lebenstag eine süße und tiefe Erinnerung zurück, die zur Dankbarkeit für das Wesen, das man geliebt hat, stimmt und ebenfalls zum Festhalten an demselben drängt. Aus allen diesen Gründen mag es thunlich sein, die Menschen in der Regel monogamisch und für die ganze Lebensdauer zu paaren, auch wenn ihre leibliche und geistige Anlage sie ursprünglich auf eine Mehrzahl gleichzeitig oder aufeinander folgender Verhältnisse angewiesen haben sollte. Immerhin wird es jedoch zahlreiche Fälle geben, in welchen gegen eine neue Leidenschaft nichts vorhält, nicht die Freundschaft, welche die Liebe begleitet, nicht die Dankbarkeit, welche sie übrig läßt, nicht die Gewohnheit, nicht das reifere Alter, nicht das Band des gemeinsamen Elternantheils an Kinderexistenzen; in diesen Fällen muß die Rücksicht der Treue schwinden und die Ehe hört auf, berechtigt zu sein. Die Gesellschaft gibt die Möglichkeit solcher Fälle ja zu und hat in den fortgeschrittenen Ländern die Scheidung eingeführt. Damit ist aber die Natur noch nicht zu ihrem Rechte gelangt. Das heuchlerische Vorurtheil, welches sich an die strenge monogamische Theorie festklammert, verfolgt die geschiedenen Gatten und heftet ihnen einen kleinen Schandfleck an, der sie zu einer Kategorie nicht mehr vollkommen ehrbarer Personen herabsetzt. Dadurch werden schwächere und furchtsamere Naturen veranlaßt, die Lüge der Wahrheit vorzuziehen, lieber das Gemahl zu betrügen, als sich ehrlich mit demselben auseinanderzusetzen, und das gesellschaftliche Los Geschiedener durch feiges Sichverkriechen in eine besudelte und zum Verbrechen gewordene Ehe zu vermeiden. Die Gesellschaft muß sich daran gewöhnen, in Geschiedenen muthige und wahrhafte Menschen zu achten, die sich zu keinem Ausgleiche mit ihrem Gewissen herbeilassen und entschlossen die Form zerbrechen, sowie sie inhaltslos geworden ist und ihre natürlichen Gefühle sich gegen sie auflehnen. Erst die Verallgemeinerung dieser Anschauungsweise würde dem Menschenherzen seine Rechte, der Ehe die Wahrheit und Heiligkeit wiedergeben, der Liederlichkeit und Flattersucht den Vorwand der Liebe entreißen und den Ehebruch zu einem abscheulichen Verbrechen machen, das nur noch die gemeinsten und verworfensten Naturen begehen würden. Die letzten Untersuchungen galten der Frage, ob ein Bund mit einem einzigen Wesen und auf Lebensdauer überhaupt der Menschennatur entspricht und nicht früher oder später nothwendig zur Lüge werden muß, auch wenn er ursprünglich immer nur aus Liebe geschlossen wird. Wie weit sind wir aber noch von einem Zustande entfernt, welcher der Gesellschaft die Nothwendigkeit einer solchen Untersuchung nahe legen würde! Ehe man an die Lösung des äußersten anthropologischen Problems schreiten kann, ob der Mensch nur einmal liebt und seine Paarungsinstinkte nur in einem einzigen Wesen des entgegengesetzten Geschlechts ausleben darf, müßte zunächst erreicht werden, daß jede Ehe Liebe zur Voraussetzung habe und der offizielle Bund mindestens im Augenblicke, wo er geknüpft wird, auf gegenseitiger Anziehung der Verbundenen beruhe. Dem widersetzt sich aber die gegenwärtige wirthschaftliche Organisation der Gesellschaft. So lange der Mann nicht sicher ist, immer Arbeit und durch diese ein angenehmes Auskommen zu finden, wird er stets in der Ehe seinen materiellen Vortheil suchen, oder wenn er einen solchen nicht erlangen kann, sie scheuen und ihr die schmutzigen Befriedigungen, welche ihm die Prostitution anbietet, oder flüchtigere Verhältnisse vorziehen, die ihm keine oder nur geringfügige Verantwortlichkeit auferlegen. Und so lange das Weib auf die Ehe als auf seine einzige Laufbahn und Versorgung angewiesen ist, wird es sich immer in die Ehe stürzen, ohne nach Liebe zu fragen, und nachträglich entweder furchtbar unglücklich sein oder sittlich zu Grunde gehen. An dem schrecklichen Lose, welches die Zustände besonders dem Weibe bereiten, werden die Quacksalber nichts ändern, welche die sogenannte Frauenemanzipation als Heilmittel der schwersten Gesellschaftskrankheit anpreisen. Ich lasse mich auf eine tiefere Kritik des Emanzipations-Gedankens gar nicht ein; nur in einigen Worten will ich bemerken, daß bei voller Gleichstellung beider Geschlechter der Kampf ums Dasein noch scheußlichere Formen annehmen würde als gegenwärtig. Ist das Weib erst die ernste Rivalin des Mannes auf vielen Gebieten der Erwerbsthätigkeit, so wird es, da es das schwächere Wesen ist, rücksichtslos zermalmt. Die Galanterie ist eine Erfindung des Wolstands und Müßiggangs. Die Noth und der Hunger rotten dieses Gefühl aus, auf welches die Frauen doch rechnen, wenn sie sich eine Welt ausmalen, in der das Weib mit dem Manne um den Bissen Brod ringt. Die schwersten und gerade die nothwendigsten Arbeiten wird der Mann allein verrichten müssen; er wird sie höher stellen als die, welche das Weib leistet, und wie heute die Frauenarbeit mit einem geringeren Preise entlohnen als seine eigene. Warum? Weil er die Kraft hat, seine Anschauung zum Gesetz zu erheben und seinen Willen durchzusetzen; aus keinem andern Grunde. Das Weib hat eine hohe und vornehme Stellung in der Kultur, weil es sich bescheidet, weil es zufrieden ist, die Ergänzung des Mannes zu sein und seine materielle Überlegenheit anzuerkennen. Versucht es indeß, diese in Frage zu stellen, so wird es alsbald gezwungen, deren Wirklichkeit zu empfinden. Das voll emanzipirte Weib, das sich vom Manne unabhängig, in vielen Fällen wegen aufeinander stoßender Interessen als dessen Feindin fühlt, muß alsbald in die Ecke gedrückt sein. Das ist dann der Kampf, der rohe Kampf, und wer in demselben siegt, das ist nicht zweifelhaft. Die Emanzipation bringt nothwendig Mann und Weib in das Verhältniß einer höheren und niederen Race – denn der Mann ist für den Kampf ums Dasein besser ausgerüstet als das Weib – und das Ergebniß ist, daß die letztere von der ersteren in eine schlimmere Abhängigkeit und Sklaverei gebracht wird, als die ist, aus welcher die Emanzipation das Weib befreien soll. Das Ziel der Emanzipationsprediger ist, dem Weibe zu ermöglichen, auch ohne den Mann zu leben und auf die Ehe zu verzichten. Diese Methode, einen Übelstand zu heilen, hat denselben Werth wie die eines Menschenfreundes. der etwa in einer Hungersnoth mit Vorschlägen hervortreten würde, wie man den Menschen am zweckmäßigsten das Essen abgewöhnen könnte. Es handelt sich darum, den Hungernden zu essen zu geben, nicht sie zu lehren, auf Nahrung zu verzichten. Und nicht der Ehe zu entrathen sollt ihr dem Weibe ermöglichen, ihr seltsamen Anwälte der Opfer unserer Zivilisation, sondern ihr sollt ihm seinen natürlichen Antheil am Liebeleben der Menschheit sichern. Wie ich es im vorigen Kapitel für eine Pflicht der Gesellschaft erklärt habe, für ihre Kinder zu sorgen, ihnen die volle Bildung und, so oft es nöthig ist, den Unterhalt bis zur eigenen Erwerbsfähigkeit zu gewähren, so halte ich es für eine Pflicht der Gesellschaft, ihre Frauen, ihr kostbarstes Zuchtmaterial, vor physischer Entbehrung zu schützen. Das Gemeinwesen schuldet dem Weibe Schutz und Erhaltung. Die Rolle des Mannes im Gattungsleben ist die des Broderwerbers, des Erhalters und Vertheidigers der lebenden Generation; die Rolle des Weibes ist die einer Erhalterin der Art, einer Vertheidigerin der künftigen Generationen, einer Veredlerin der Gattung durch die Zuchtwahl, indem sie unter den Männern den Kampf anregt, dessen Preis sie ist und in dem die tüchtigsten Streiter die kostbarste Beute davontragen. Als Kind muß das Mädchen die Vortheile der allgemeinen Jugenderziehung empfangen, später muß es, wenn es ihrer bedarf, Anspruch auf volle Versorgung, sei es im Elternhaus, sei es in eigenen Anstalten, haben. Die Gesellschaft muß dahin gelangen, es als eine Schmach zu empfinden, daß innerhalb eines zivilisirten Gemeinwesens ein Weib, sei es jung oder alt, schön oder häßlich, Noth leiden kann. In einer nach diesen Grundsätzen umgestalteten Gesellschaft, in der das Weib keine Sorge um das tägliche Brot hat und weiß, daß es vor Entbehrung gesichert ist, es mag heiraten oder ledig bleiben, in der die Kinder von der Gesammtheit erhalten und gebildet werden, in der der Mann nicht hoffen darf, sich um Geld so viel Frauen kaufen zu können, als er braucht, weil die Noth nicht länger seine Kupplerin sein wird, in einer solchen Gesellschaft wird das Weib bald genug nur noch aus Neigung heiraten, das Schauspiel von alten Jungfern, die keinen Mann gefunden haben, ein ebenso seltenes sein wie das von alten Junggesellen, die in einem freien Leben der Liederlichkeit alle Annehmlichkeiten ohne die sittlichen Lasten und Einschränkungen der Ehe genießen, und die Prostitution sich nur noch aus der sehr kleinen Minderzahl degenerirter Geschöpfe anwerben, deren ungeregelte Triebe keine Zucht vertragen, die nur in Verworfenheit und Schande athmen können und für die Arterhaltung ohnehin völlig werthlos sind. Wenn materielle Erwägungen nicht mehr bei der Eheschließung mitsprechen müssen, wenn das Weib frei wählen kann und sich nicht verschachern muß, wenn der Mann gezwungen ist, um die Gunst des Weibes mit seiner Persönlichkeit und nicht mit seiner Stellung und Habe zu werben, so kann die Eheeinrichtung von einer Lüge zur Wahrheit werden, bei jeder Umarmung waltet dann der hehre Geist der Natur, jedes Kind wird mit der Liebe seiner Eltern wie mit einem Heiligenschein geboren und empfängt als kostbarstes Wiegengeschenk die Kraft und Lebenstüchtigkeit, die jedes Paar, das sich in Wahlverwandtschaft zusammengefunden hat, seinen Sprößlingen vererbt. Allerlei kleinere Lügen. I Nur durch die Annahme, daß der Mensch seiner Anlage nach ein Herdenthier und das Zusammenleben mit seinen Artgenossen eine Grundbedingung seines Daseins sei, werden uns einige seiner ursprünglichsten und wesentlichsten Seeleneigenheiten verständlich, die durchaus unerklärlich blieben, wenn wir ihn als von Natur einsam und selbständig auffassen müßten und wenn das Bild, das mangelhaft unterrichtete, aber mit lebhafter Einbildung begabte Anthropologen uns vom Urmenschen entwerfen und das ihn uns als wilden, gattungsfeindlichen, allein durch die Wälder schweifenden, mit Keil und Steinmesser bewaffneten Jäger zeigt, in irgend einem Augenblicke seiner Entwickelung wahr gewesen wäre. Einzig auf seiner Herdenthier-Natur beruht sein Solidaritätstrieb, den die selbstische Ausbildung der Kultur schwächen und verdunkeln, aber nicht unterdrücken konnte; dieser Trieb wäre zwecklos und darum unberechtigt bei einem Wesen, das durch seine Beschaffenheit und Bedürfnisse auf ein schroff individuelles, allseitig von der Gattung losgelöstes, blos sich selbst, seine eigenen Neigungen und Interessen berücksichtigendes Sonderdasein hingewiesen wäre. Der Solidaritätstrieb bewirkt, daß der Mensch bei allen seinen Entschlüssen und Handlungen unausgesetzt die Vorstellung der Gattung, der Herde, gegenwärtig hat, sich fragt: »was werden die Übrigen dazu sagen?« und der Aufnahme, die seine Worte, Thaten und Unterlassungen bei ihnen voraussichtlich finden werden, den größten Einfluß auf sein Denken und Thun einräumt. Die öffentliche Meinung wirkt auf jeden Einzelnen mit einer ungeheuren Gewalt, der er sich schlechterdings nicht entziehen kann. Wenn er sich selbst anscheinend gegen sie empört, so gleicht diese Auflehnung gewissen loyalen Oppositionen, die vom schlecht unterrichteten an den besser zu unterrichtenden König appelliren; sie hat ausgesprochen oder uneingestanden den Zweck, nicht sich von der öffentlichen Meinung unabhängig zu machen, sondern sie so umzugestalten, daß sie mit dem Rebellen übereinstimmt. Auch wer, was man so nennt, seine eigenen Wege geht, der thut dies in der geheimen Hoffnung, auf diesem einsamen Pfade, wenn auch noch so spät, wenn auch in noch so weiter Entfernung, schließlich doch wieder zu einer Menge zu gelangen. Timon sucht sich selbst zu überreden, daß ihm die Menschen völlig gleichgiltig geworden seien; am Grunde seines ganzen Thuns und Seins liegt aber dennoch die Sehnsucht nach einer Menschheit, die seinen Wünschen und Neigungen entspräche und in der auch er Einer von den Vielen, ein Theil der Menge sein könnte. Der Wunsch, der öffentlichen Meinung zu gefallen, ist in der Regel sogar mächtiger als der Selbsterhaltungstrieb; denn zahllose Menschen opfern ihr Leben, nicht in der Vertheidigung eigener Interessen, nicht in der Bekämpfung einer persönlichen Gefahr, sondern um etwas zu thun, was die Übrigen preisen; mit anderen Worten: die öffentliche Meinung ist es, die Heroen macht. Die gewöhnlichen, die Durchschnitts-Menschen, diejenigen, die dazu geboren sind, im Rudel mitzutraben, wo es am dicksten ist, und die Richtung des Zugs, die Wahl der Weidegründe, die Feststellung der Stunde des Aufbruchs und die Ruhe und die Führung in Angriff und Abwehr Anderen zu überlassen, haben ihr ganzes Leben hindurch für ihre Handlungsweise überhaupt keine anderen Beweggründe als die Rücksicht auf die Übrigen; sie wagen nie, eigenen Eingebungen zu folgen oder persönlichen Geschmack zu haben; im Größten wie im Kleinsten gehorchen sie der öffentlichen Meinung; von der Farbe ihrer Kravatte bis zur Wahl ihrer Frau wird Alles mit Hinblick auf die Genossen bestimmt, von denen sie ihr ängstliches Auge keinen Nu abwenden. Die mächtigen Individualitäten, die natürlichen Leitthiere der Herde, wagen es eher, sie selbst zu sein und unbekümmert um fremden Beifall oder Tadel eigenen Eingebungen zu gehorchen. Aber die tiefere Analyse läßt erkennen, daß auch sie nur von der Hoffnung aufrecht erhalten werden, die Zustimmung, wenn nicht Aller, doch Einiger, der Besten, wenn nicht gleich, doch irgend einmal zu erlangen. Es gehört ein außerordentlicher Muth dazu, sich laut zu einer persönlichen Überzeugung zu bekennen, wenn man weiß, daß man sich mit derselben fast zu seiner ganzen menschlichen Umgebung in feindlichen Gegensatz bringt; die Sache des niedern Volks zu vertheidigen, wenn man wie Catilina als Aristokrat geboren ist; Rom den Krieg zu erklären, wenn man wie Luther ein geliebtes Mütterchen hat, das ihn zu ewigem Höllenfeuer verdammt glaubt; aber diese Helden hatten den Trost, sich in Übereinstimmung mit Minderheiten zu fühlen, die sie zu Mehrheiten machen zu können hofften. Andere einsame Heroen sahen unter ihren Zeitgenossen selbst die sympathischen Minderheiten nicht; allein sie konnten sich doch an der treuen Zustimmung eines einzigen Wesens, eines Weibes, Freundes, Kindes zur Ausdauer im Kampfe gegen die herrschenden Meinungen stärken; wenn ihnen selbst dieser Trost fehlte, so wurden sie von der Überzeugung gestärkt, daß die Menschheit doch einst gerechter und einsichtsvoller sein und ihre Andenken feiern werde, wenn sie schon die Lebenden gesteinigt hat. Allein ich halte es für völlig undenkbar, daß ein Mensch im Vollbesitze seiner Geistesfähigkeiten, um einer persönlichen Eingebung oder Überzeugung zu gehorchen, sich andauernd in heftigen Gegensatz zur öffentlichen Meinung bringe, wenn er absolut sicher ist, daß seine Handlungsweise in aller Ewigkeit, so lange es überhaupt Menschen auf Erden gibt, von Allen verdammt werden wird, eine Änderung der Beurtheilung seiner Handlungsweise vollkommen undenkbar ist, nie auch nur die kleinste Minderheit mit ihm übereinstimmen, alle Menschen ihn ewig als Verräther, Feigling oder Schurken verachten und verabscheuen würden – den Helden, den Blutzeugen, der diese endgiltige Ausstoßung ohne Appell aus der Menschheit, diese grauenhafte Vereinsamung in Gegenwart und Zukunft, diesen Haß in Aller Augen, dieses Ballen aller Fäuste, diese unabänderliche Abkehr aller Seelen für eine von ihm für richtig gehaltene Anschauung erduldet, gibt es nicht unter Menschen, die nicht geistesgestört sind. Die öffentliche Meinung ist nichts. anderes ist als die öffentliche Meinung innerhalb des Individuums. Der in Allen lebende gemeinsame Stammeserhaltungstrieb macht, daß die öffentliche Meinung, soweit sie ihrem natürlichen Gefühle überlassen und nicht durch künstliche Vorurtheile verdunkelt ist, in der Regel nur solche Handlungen, die das Wol der Gattung mittelbar oder unmittelbar fördern, gutheißen und nur solche verdammen wird, aus denen sich ein naher oder ferner Schaden für die Gattung ergibt. Umgekehrt ist das Gewissen der Anwalt der Gattungsinteressen in jeder einzelnen Menschenseele, der Vertreter, den die öffentliche Meinung innerhalb jedes Individuums besitzt und durch welchen das Individuum immer mit der Menschheit zusammenhängt und wenn es ganz allein auf einer wüsten Insel mitten im Ozean lebte. Der kategorische Imperativ ist nichts anderes als die Stimme dieses inneren Vertreters der öffentlichen Meinung. Wer das, was er als Recht anerkannt bat, auch dann thut, wenn es gegen seinen individuellen Vortheil geht, ja wer in der Erfüllung einer Pflicht unbemerkt und ohne Hoffnung, jemals gewürdigt zu werden, einen obskuren Heldentod stirbt, der handelt so, weil er einen immer gegenwärtigen Zeugen seines Heroismus in sich fühlt, weil er eine Stimme hört, die ihm laut im Namen der Menschheit Dank und Anerkennung spendet, weil er die sichere Empfindung hat, daß die öffentliche Meinung voll mit ihm ist und nur durch den Zufall verhindert wird, ihm ihre Zustimmung auch objektiv auszudrücken. Kategorischer Imperativ, Gewissen, öffentliche Meinung sind also wesentlich dasselbe: Formen, in welchen die Solidarität der Gattung dem Individuum zum Bewußtsein gelangt. In früheren Zeiten war die öffentliche Meinung etwas Ungreifbares; sie hatte keinen Körper, keine deutlichen Umrisse; sie entstand, man wußte nicht wie; sie setzte sich aus tausend kleinen Zügen zusammen: aus dem flüchtigen Worte des Prinzen und vornehmen Herrn, aus dem bedeutungsvollen Kopfschütteln des Gevatters Schneider in der Innungs-Kneipe, aus dem Geschwätze der Frau Base beim Nachmittagsbesuche, auf dem Markte, in der Spinnstube; eine bestimmte Gestalt nahm sie nur in der, wol nicht durch das geschriebene Gesetz, aber durch die Sitte eingesetzten Ehren-Gerichtsbarkeit an, welche jeder Stand, namentlich aber jede geschlossene Körperschaft über die eigenen Mitglieder übte und deren eine Höherberufung ausschließendes Urtheil den Betroffenen sicherer moralisch vernichtete als das Erkenntniß einer bestellten Gerichtsbehörde. Heute ist die öffentliche Meinung dagegen eine fest organisirte Gewalt und im Besitze eines Organs, das von aller Welt als ihr bevollmächtigter Vertreter anerkannt wird und dieses Organ ist die Presse. Die Bedeutung der Presse in der modernen Kultur ist eine ungeheuere; ihr Vorhandensein, der Platz, den sie im Leben des Einzelnen wie der Gesammtheit einnimmt, gibt unserer Zeit weit mehr ihren Charakter als alle die wunderbaren technischen Erfindungen, welche die materiellen und geistigen Bedingungen unseres Daseins gründlich umgestaltet haben. Die hohe Entwickelung des Zeitungswesens fällt mit diesen Erfindungen zusammen und ist eine ihrer Wirkungen; es ist darum schwer, sich unsere heutigen Zeitungen von diesen Erfindungen gesondert zu denken; man mache, aber den Versuch: man stelle sich unser Jahrhundert einmal im Besitze der Eisenbahn, des Telegraphen, der Photographie und der Kruppschen Kanonen, aber ohne andere Zeitschriften als die wöchentlichen Anzeige- und Rezensions-Blättchen des vorigen Jahrhunderts und dann stelle man es sich mit der alten Postkutsche, der zehntägigen Entfernung zwischen Berlin und Paris, der Talgkerze mit der Lichtscheere, dem Steinfeuerzeug und der Radschloßflinte, aber im Besitze der heutigen politischen Tageblätter vor; man wird dann finden, daß unsere Zeit in jenem Falle den früheren Zeiten weit mehr gleichen würde als in diesem, daß der eine Zug, den das Vorhandensein unserer Presse in die Physiognomie der zeitgenössischen Kultur bringt, diese Kultur kräftiger von allen früheren Kulturen unterscheidet als alle übrigen Züge, die das moderne Leben charakterisiren. Die Bedeutung der Presse ist von keiner Seite bestritten. Ein französischer Staatsmann hat sie die »vierte Gewalt im Staate« genannt, nämlich eine Gewalt, die mit den drei anderen, der Krone, der Pairs- und der Abgeordnetenkammer, Gesetze gibt und regiert, ein Ausspruch, welcher von Leuten, die nicht französisch können, als »sechste Großmacht« übersetzt wurde. Es ist sicher, daß heute auf die Dauer in keinem europäischen Staate ohne die Mitwirkung und trotz dem Widerstände der Presse regiert werden kann oder Gesetze aufrecht zu erhalten sind. Ein anderer Franzose, Girardin, hat in einem Anfall paradoxaler Laune die Macht der Presse geleugnet. Kurzsichtige Betrachtung wird ihm Recht geben, weitsichtige über ihn die Achsel zucken. Gewiß, ein bestimmtes Blatt wird in einem bestimmten Falle seinen Willen oft nicht durchsetzen können; selbst der ersten Zeitung der Welt gelingt häufig nicht einmal die Entfernung eines groben Bureaudieners aus einem öffentlichen Amt, geschweige denn die Verhinderung des Zustandekommens eines Gesetzes, die Erhaltung oder der Sturz eines Ministeriums, die Durchsetzung einer bestimmten Politik. Wenn aber alle verbreiteten Blätter des Landes mit Ausdauer einem gewissen Ziele zustreben, wenn sie nicht zu konkrete, sondern etwas allgemein ausgedrückte Gedanken unermüdlich durch Monate, durch Jahre wiederholen, ihre Leser immer wieder auf ihren Gesichtspunkt führen, so gibt es schlechterdings nichts, was sie nicht schließlich durchsetzen können, so gibt es die Regierung, das Gesetz, die Sitte, ja die Weltanschauung nicht, die ihnen widersteht. Worauf beruht nun die kulturelle Bedeutung, worauf der Einfluß der Presse? Man hat es versucht, die Vermittlung des Geschäftsverkehrs als die wichtigste Rolle derselben hinzustellen. Mit einem Geiste, der die Kulturbedeutung der Zeitung in ihren Anzeigespalten studirt, brauchen wir uns nicht in Erörterungen einzulassen. Auch daß sie Neuigkeiten mittheilt, gibt ihr nicht ihre Macht. Als bloße Chronik der Tagesereignisse hätte die Zeitung keine andere Stellung als der Bartscheerer an der Ecke, der auf diesem Gebiete, wenigstens was die örtlichen Vorfälle betrifft, ihr Nebenbuhler ist. Ein Blatt, das blos aus Nachrichten in trockener, objektiver Fassung bestände, würde schwerlich je eine Regierung beunruhigen, aber auch das Publikum nie bewegen. Man spricht die Presse endlich als die Lehrerin der Massen, die volksthümliche Verbreiterin der Ergebnisse fachwissenschaftlicher Forschung an. Auch damit ist ihre Wirkung nicht entfernt erschöpft, denn erstens ist es mit der Popularisirung der Wissenschaft durch die Tagespresse wirklich nicht weit her und zweitens lehrt die Beobachtung, daß das beste populär-wissenschaftliche Blatt auf den Geist seiner Leser einen ungleich geringeren Eindruck macht, als das schlechteste politische Käseblättchen. Nein; nicht das Inserat, auch nicht die Neuigkeit und selbst nicht der volksthümlich belehrende Aufsatz gibt der Presse ihre Macht im Staate und ihren bestimmenden Einfluß auf die Kultur, sondern ihre Tendenz, der politische oder philosophische Gedanke, der ihr zu Grunde liegt und der nicht blos im Leitartikel sondern auch in der Auswahl und Gruppirung der Neuigkeiten, in der Fassung der fernstliegenden Nachricht, in der Beleuchtung aller verzeichneten Thatsachen mehr oder minder deutlich zum Ausdrucke gelangt. Wäre die Presse eine bloße Erzählerin von Geschehnissen, so stände sie auf der ziemlich niedrigen Rangstufe eines Verkehrsmittels und ihr Platz in der Zivilisation wäre ein sehr geringer. Sie ist aber eine kritische Überwacherin der Tagesvorfälle, sie nimmt es auf sich die Handlungen, ja auch die Worte und selbst die unausgesprochenen Absichten der Menschen zu beurtheilen, diese zu brandmarken oder zu preisen, sie zu ermuthigen oder zu bedrohen, sie der Gesammtheit zur Liebe und Nachahmung zu empfehlen oder als Gegenstand des Abscheus und der Verachtung zu bezeichnen; sie verkörpert in sich die öffentliche Meinung, sie legt sich deren Rechte bei, sie übt deren Strafgewalt bis zu ihrer furchtbarsten Form, der Ächtung und moralischen Vernichtung; sie macht sich zur Handhaberin des objektiven kategorischen Imperativs, sie bestellt sich zum öffentlichen Gewissen der Gesammtheit. Da drängt sich denn die Frage auf: wer ist es, der die höchsten Attribute der öffentlichen Meinung besitzt? wer rüstet ihn mit denselben aus? woher nimmt er die Berechtigung, im Namen des ganzen Gemeinwesens zu regieren, zu urtheilen, bestehende Einrichtungen umzustürzen, neue Ideale der Moral und der Gesetzgebung aufzustellen? Von wem erhält der Journalist sein Mandat? Diese Frage haben sich die Regierenden beim ersten Auftreten einer im Namen der öffentlichen Meinung wirkenden Presse vorgelegt und weil sie sich dieselbe niemals zu ihrer Befriedigung beantworten konnten, haben sie die Presse immer verfolgt, sie auszurotten oder wenigstens unter ihrer Zuchtruthe zu halten, sie zu knebeln und zu fesseln gesucht. Der Instinkt der Menge war diesen Bestrebungen der Regierungen stets entgegengesetzt und die Preßfreiheit überall eine der ersten und stürmischsten Forderungen der Völker. Dieser wie fast jeder volksthümliche Instinkt war an sich richtig und im Interesse der Gesammtheit begründet; in seiner Anwendung aber erwies er sich als äußerst schlechter Logiker. Wenn die Völker Preßfreiheit forderten, so glaubten sie damit diese Vorstellung auszudrücken: »Die öffentliche Meinung, das heißt der vereinigte Gedanke und das vereinigte Gefühl, Rechtsbewußtsein und Gewissen Aller, ist in allen Fragen die höchste Autorität und die letzte Urtheilsinstanz des Gemeinwesens; es ist monströs, dieser höchsten Autorität die Freiheit des Wortes nehmen oder einschränken, diese letzte Instanz an der Verkündigung ihres Urtheils verhindern zu wollen; das bedeutet die Vergewaltigung Aller, es ist die Anmaßung eines Einzelnen oder einer Minderheit, den eigenen Willen gewaltsam an die Stelle des Willens Aller zu setzen und das kann ein Gemeinwesen, dessen Mitglieder freie Männer sind und ihre Geschicke selbst bestimmen wollen, nicht dulden.« Indem die Völker so dachten, begingen sie den schweren logischen Fehler, ihre Folgerungen aus einem Vordersatze zu ziehen, den sie als bewiesen annahmen, während es sich gerade darum handelt, seine Richtigkeit zu beweisen. Die Annahme, von der die volksthümliche Forderung der Preßfreiheit ausgeht, ist die, daß öffentliche Meinung und Presse dasselbe seien. Das ist es aber eben, was die Regierungen immer aufs entschiedenste bestritten, zweifellos mit unendlich größerer Berechtigung, als die Völker es behaupteten. Vor der öffentlichen Meinung beugen sich Regierungen immer ganz so wie Individuen, wenn sich dieselbe legitim und unzweideutig offenbart. Gelangt nun aber in der Presse die öffentliche Meinung legitim und unzweideutig zum Ausdruck? Wer diese Frage beantworten will, der vergegenwärtige sich, was eine Zeitung ist, wie sie entsteht, wie sie gemacht wird. Der erstbeste Mensch von der Straße, ein Lastträger, ein verbummeltes Genie, ein Spekulant kam, wenn er Geld hat oder eine Erbschaft macht, oder Kommanditäre findet, eine Zeitung größten Styls gründen, zahlreiche Journalisten von Beruf zu einem Redaktions-Stab um sich schaaren und sozusagen von einem Tage auf den andern zu einer Macht werden, die auf Minister und Parlament, auf Kunst und Literatur, auf Börse und Waarenhandel einen gewaltigen Druck ausübt. Eine Gegenbemerkung liegt hier nahe: wenn die neue Zeitung eine Macht werden soll, so kann sie dies nur auf eine Weise: indem sie große Verbreitung findet; das setzt voraus, daß sie von Talenten geschrieben wird und daß sie Gedanken ausspricht, die dem Publikum sympathisch sind; einerseits ist es nun nicht wahrscheinlich, daß Talente sich die Oberleitung und den beherrschenden Einfluß eines verächtlichen Individuums gefallen lassen werden; wir haben damit eine Bürgschaft für die Moral des Zeitungsgründers; andererseits ist nicht anzunehmen, daß das Publikum eine Zeitung massenhaft abonniren wird, wenn es nicht mit den Redakteuren einverstanden ist; wir haben damit eine Bürgschaft dafür, daß die Zeitung wirklich die öffentliche Meinung zum Ausdruck bringt; indem der Leser eine Zeitung abonnirt, wählt er gleichsam deren Redaktion zu seinen Wortführern; die Abonnentenliste ist das Mandat der Redaktion; jede Pränumerationserneuerung bedeutet zugleich eine Erneuerung der Vollmacht des Redakteurs, im Namen seiner sämmtlichen Leser zu sprechen. Das klingt sehr einleuchtend, ist aber vom ersten bis zum letzten Worte falsch. Die Erfahrung lehrt, daß man sich um Geld die Mitwirkung von charakterlosen Talenten immer und überall erkaufen kann. Man kennt zu Dutzenden Beispiele ehemaliger Annoncensammler und Zeitungsausträger, Wucherer und Bankbrüchiger, abgestrafter Verbrecher und Glücksspieler, Volksverhetzer und roher Ignoranten, die große Blätter gründeten, glänzende Federn für ihren Dienst anwerben konnten und ihr Unternehmen im Geiste ihrer eigenen Gemeinheit, Unsittlichkeit und Gesinnungslosigkeit leiteten. Auch das Argument der Abonnentenzahl verträgt keine Kritik. Ein gewissenloser Unternehmer braucht nur auf die erbärmlichen und verächtlichen Instinkte, welche in der Menge neben den edlen und guten Trieben vorhanden sind, zu spekuliren, um sicher zu sein, daß er Leser und Käufer findet. Wer erinnert sich nicht der Blätter, welche die unflätigste Zote pflegen, oder dem verleumderischen Klatsch über Privat-Personen und -Verhältnisse gewidmet sind, oder durch skandalöse Ausschreitungen in der Schreibweise zu wirken suchen, oder durch schlüpfrige Bilder die Geilheit der Leser reizen, oder einfach eine Lotterie darstellen und den Käufern Geldgewinnste oder andere Prämien versprechen? Alle diese Blätter können mit solchen mehr oder minder schändlichen Mitteln zu großer Verbreitung und damit zum entsprechenden Einfluß gelangen. Es ist sogar wahrscheinlich, daß ihre Verbreitung eine größere und damit ihr Einfluß ein stärkerer sein wird als der von anständigen Blättern, die nur erzählen, was sie wissen, die nur lehren, wenn sie selbst unterrichtet sind, die feste moralische Grundsätze haben und nie zu den gemeinen Instinkten ihrer Leser sprechen, sondern deren ideale Anlagen zu entwickeln bemüht sind. Ist dieser Einfluß nun berechtigt? Hat der Redakteur des Zoten- oder Privatskandalblattes wirklich ein giltiges Mandat, vor hunderttausend Lesern die Regierung anzugreifen, die Handlungen eines Bürgers zu beurtheilen, Stimmung zu machen und der öffentlichen Denkweise allmälig oder mehr oder weniger unmerklich ein Rinnsal von bestimmter Richtung zu graben? Wir stehen da vor einem der seltsamsten Widersprüche der neuzeitlichen Kultur. Die moderne Anschauungsweise lehnt sich gegen jede Autorität im Staate auf, die nicht vom Volke eingesetzt ist. Man läßt nicht einmal in der Monarchie das reine Gottesgnadenthum gelten, sondern schränkt die durch die Geburt erlangte Macht des Königs wenigstens theoretisch durch den Willen der Wähler ein. Der Minister muß vom Staatsoberhaupt ernannt, vom Parlamente genehmigt sein. Der Abgeordnete hat sich um die Stimmen seiner Mitbürger zu bewerben. Blos der Journalist, dessen Macht praktisch der der Gesetzgebung und der Regierung gleichkommt, der die Befugnisse des Abgeordneten und Ministers übt, braucht von Niemand ernannt und von Niemand gewählt zu werden. Er ist die einzige Autorität im Staate, die keiner Bestätigung von irgend einer Seite bedarf. Er macht sich selbst zu dem, was er ist, und kann seine Gewalt üben, wie es ihm beliebt, ohne für ihre Mißbräuche oder schwersten Irrthümer im Geringsten verantwortlich zu sein. Man sage nicht, daß dieses Bild übertrieben ist. Leichtfertige oder gewissenlose Journalisten haben schon Revolutionen und Kriege vorbereitet und direkt herbeigeführt, über ihr eigenes Volk oder fremde Nationen Unheil und Verwüstung gebracht. Wären sie Könige gewesen, man hätte sie weggejagt; wären sie Minister gewesen, man hätte ihnen einen Prozeß um den Kopf gemacht; als Journalisten blieben sie vollkommen unbehelligt und waren die Einzigen, die ohne Schaden aus dem allgemeinen Ruin hervorgingen, den sie allein verursacht hatten. Ist es nicht erstaunlich, daß man eine solche Willkürherrschaft, einen solchen Despotismus ohne den leisesten Versuch einer Auflehnung duldet, während man alle anderen Tyranneien leidenschaftlich bekriegt? Die Anomalie wird nicht geringer, wenn wir vom politischen Einflusse der Presse absehen und uns an den gesellschaftlichen halten. Der Richter, dem wir die Befugniß einräumen, über unsere Ehre, unser Vermögen, unsere Freiheit zu schalten, bedarf nach ernsten Studien und mehrjähriger Übung einer regelrechten Ernennung; er ist an strenge Gesetze gebunden; seine Verirrungen oder Ausschreitungen werden unverzüglich geahndet, in den meisten Fällen wol auch gutgemacht. Der Journalist nun vermag ebenfalls die Ehre und das Vermögen eines Bürgers zu schädigen, ja zu vernichten; er kann selbst dessen persönliche Freiheit beeinträchtigen, indem er ihm den Aufenthalt an einem bestimmten Orte unmöglich macht; er aber übt diese richterliche Strafgewalt, ohne den Beweis vorhergegangener Studien zu liefern, ohne von irgend jemand bestellt zu sein, ohne Bürgschaft der Unparteilichkeit und gewissenhafter Untersuchung zu bieten. Es ist wahr, man behauptet, die Presse heile die Wunden, die sie schlage, und der Bürger ist grundsätzlich gegen den Journalisten durch das Preßgesetz gewaffnet. Jene Behauptung und diese Thatsachen stehen auf schwachen Füßen. Ein Zeitungsangriff gegen einen Privatmann kann diesem einen schlechterdings unheilbaren Schaden zufügen. Alle Berichtigungen und Widerrufe sind unvermögend, ihm volle Genugthuung zu gewähren; denn mancher Leser wird wol den Angriff, aber nicht die in einer andern Nummer des Blattes erschienene Abwehr zu sehen bekommen, mancher aus Oberflächlichkeit die letztere nicht gelesen haben und in jedem Falle bleibt der Angegriffene bei einem kleineren oder größeren Theile des Publikums, vor dem man seine Ehre oder sein Ansehen geschädigt hat, hoffnungslos und dauernd angeschwärzt. Mit dem Prozeß des Privaten gegen eine Zeitung verhält es sich ähnlich. Ein Blatt hat tausend Mittel, einem Einzelnen das Leben unerträglich zu machen, ohne ihm eine Handhabe zu einer Prozeßklage zu bieten, und selbst wenn der Journalist so ungeschickt war, sich einer Verurtheilung auszusetzen, so steht die Sühne in der Regel in keinem Verhältnisse zur Schuld. Die Sachlage erklärt es, daß nicht nur alle Reaktionäre, sondern selbst viele Freisinnige offene oder geheime Feinde der Presse sind und um so erbittertere, als die Macht der Presse sie zwingt, ihre Gefühle denn doch zu verbergen und Freundschaft und Schätzung zu heucheln. Die meisten Leute sehen ein, daß in der Presse nicht nothwendig die öffentliche Meinung, vor der allein sie sich beugen wollen, zum Ausdruck kommt, sondern ebenso oft und vielleicht noch öfter die Unwissenheit, der Leichtsinn, die Bosheit, die Beschränkung oder die Unsittlichkeit eines Einzelnen, allein sie gehen aus Feigheit dennoch auf die Lüge ein, die Presse als das bevollmächtigte Organ der öffentlichen Meinung anzuerkennen, ja sie mit der letztern völlig zu identifiziren. Wie ist diese Lüge zur Wahrheit zu machen? Wie ist es zu verhindern, daß nicht autorisirte Usurpatoren eine Gewalt an sich reißen, welche nur die wirkliche öffentliche Meinung durch ausdrücklich ermächtigte Wortführer zu üben berechtigt ist? Das ist eine der wichtigsten politischen und kulturellen Fragen der Gegenwart, welche die Regierungen seit Jahrzehnten vergebens zu lösen suchen. Es ist allerdings ein bequemes Mittel, die Freiheit der Presse einzuschränken, aber dieses Mittel ist thöricht, es führt nicht zum Zwecke, es ist unsittlich und es setzt einfach die Willkür eines Beamten an die Stelle der Willkür eines Journalisten. Es ist unmöglich, die Freiheit des Denkens durch Gesetze zu beeinträchtigen und es begünstigt nur die allgemeine Heuchelei und Verlogenheit, wenn man den Menschen verhindert, all das, was er denkt, auch offen auszusprechen. Wozu aber die Gesammtheit berechtigt ist, das ist, dem Einzelnen zu verbieten, das, was er denkt, im Namen der Gesammtheit statt in seinem eigenen Namen vorzutragen und seinen individuellen Gedanken damit ein Gewicht und eine Tragweite zu geben, die ihnen in keiner Weise zukommen. Der Tag wird hoffentlich anbrechen, an dem alle Leser gebildet und urtheilsfähig genug sein werden, um diese Unterscheidung zwischen einer Einzelstimme und dem dröhnenden Worte der öffentlichen Meinung, das heißt der Gesammtheit, selbst zu machen. Dann werden blos die Blätter gelesen werden, in welchen wirklich die öffentliche Meinung zum Ausdruck gelangt, und diejenigen unbeachtet bleiben, in welchen nur eine individuelle Eitelkeit sich am eigenen Geschwätz ergötzt; dann werden blos die Journalisten, denen das Volk um ihre Geistes- und Charaktereigenschaften willen das Recht zugestehen wird, zu predigen und zu lehren und zu urtheilen, Einfluß besitzen, die anderen aber wegen ihrer Anmaßung einer öffentlichen Rolle einfach ausgelacht werden. Dann wird es aber auch überflüssig sein, das Recht der ärztlichen Praxis auf approbirte Personen einzuschränken, denn die Menschen werden selbst so vernünftig sein, sich blos bei Männern der Wissenschaft Rathes zu erholen und Quacksalber zu vermeiden. Dann werden überhaupt die meisten Gesetze unnöthig sein, da sie ja in der Regel keinen anderen Zweck haben, als der ungenügenden Einsicht des einzelnen Bürgers mit der weiseren Einsicht des Gesetzgebers zu Hilfe zu kommen. Bis aber die allgemeine Bildung und Urteilsfähigkeit sich zu dieser idealen Höhe entwickelt haben wird, ist ein mäßig bevormundendes Einschreiten der Gesetzgebung denkbar und begründet. Für Bücher, Broschüren oder selbst Maueranschläge oder einzelne Flugblätter, in denen ein Individuum unter seinem eigenen Namen oder unter der Bürgschaft und Verantwortlichkeit eines Verlegers oder Druckers vor das Publikum hintritt und für individuelle Ansichten um Zustimmung wirbt, soll es keine Einschränkung geben, jeder soll auf diesem Wege zu seinen Mitbürgern sprechen und ihnen Alles sagen dürfen, was ihm durch den Kopf geht. Vergreift er sich dabei an der Privatehre eines Bürgers, indem er ihn durch unwahre Behauptungen verleumdet, so soll er dafür zur öffentlichen mündlichen Abbitte und zu einer Berichtigung gezwungen werden, welcher eine anhaltende und weitgehende Publizität gesichert werden müßte, etwa durch monatelange Einschaltung in allen Blättern einer Stadt oder selbst Provinz, durch ebensolange Veröffentlichung in Maueranschlägen und durch häufiges Ausrufen an öffentlichen Plätzen; kann er die Kosten dieser Publizität nicht tragen, so werde er zu langer Zwangsarbeit verurtheilt, durch welche er diese Kosten aufbringen soll. Anders steht die Sache bei periodischen Schriften, welche sich an einen durch Abonnements gesicherten vorausbestehenden Kreis von Lesern wenden und eine fertige, ihrer Zuhörerschaft gewisse Tribüne für Alles bilden, was in ihnen vorgetragen wird. Eine solche Tribüne ist eine öffentliche Einrichtung, sie soll auch der öffentlichen Kontrole unterstehen wie alle anderen öffentlichen Einrichtungen, welche für das leibliche, geistige und sittliche Wol der Bürger von Bedeutung sind. Um eine öffentliche Schule, eine Apotheke, ein Hospital, ein Theater zu errichten, bedarf man einer Erlaubniß, deren Erlangung von der Erfüllung bestimmter Bedingungen abhängig ist, welche im Interesse der Gesammtheit gestellt werden. Eine Zeitung müßte mindestens solchen Anstalten gleichgestellt werden. Um eine Zeitung gründen und leiten zu dürfen, müßte man eine Erlaubniß haben; aber nicht die Genehmigung einer Behörde, sondern ein Mandat des Volks. Es wäre gesetzlich festzustellen, daß ein Kandidat, der sich um ein Redakteurs-Mandat bewirbt, ein bestimmtes, seine Reife verbürgendes Alter erreicht haben, völlig unbescholten sein und ein gewisses Maß von Bildung nachweisen müsse. Nur wer im Besitz dieser Eigenschaften wäre, dürfte sich seinen Mitbürgern vorstellen und von ihnen die Wahl zum Redakteur verlangen. Diese Wahl hätte mit Stimmenmehrheit der Wahlberechtigten zu erfolgen. Einmal im Besitze seines Mandats, dürfte der Journalist schreiben, was ihm beliebt; dasselbe ginge ihm aber verloren, wenn er wegen Privatverleumdung verurtheilt würde, und er hätte es etwa alle zehn Jahre durch eine wiederholte Volkswahl erneuern zu lassen. So würde ein Unbekannter oder der Vertreter von Meinungen, welche der Mehrheit der Bürger zuwider sind, schwerlich zu einem Redakteurs-Mandate gelangen, aber diesem unglücklichen Kandidaten wäre es ja unbenommen, als unabhängiger Schriftsteller für seine Ansichten zu wirken. Dem Besitzer eines Mandats würde es wahrscheinlich leichter werden, eine Zeitung zu finden als heute einem diplomirten Arzte, Advokaten, Lehrer oder Ingenieur, zu der Praxis, dem Amt, einem Bahnbau u. s. w. zu gelangen. Ein Mandat hätte für den Verwaltungsbezirk zu gelten, von dessen Hauptorte es ertheilt wurde, also für den Staat, wenn die hauptstädtische Bevölkerung für die Provinz, wenn die Wählerschaft ihres Vororts es votirt hätte u. s. w. Auf weitere Einzelheiten einzugehen, etwa einen förmlichen Gesetzentwurf über den Gegenstand auszuarbeiten, dazu habe ich hier keine Veranlassung. Ich wollte nur in großen Zügen ein System zeichnen, nach deren Verwirklichung der Journalist tatsächlich das Recht hätte, im Namen der Gesammtheit zu sprechen, seine Autorität der des Richters, des Lehrers, des Volksvertreters mit gutem Grunde gleichgeachtet würde und das Volk ihm in aller Form das Mandat übertrüge, sein Wortführer zu sein. Dann wäre die Presse wirklich, was sie jetzt fälschlich zu sein vorgiebt: das legitime Organ der öffentlichen Meinung, und sie würde in der Kultur und im Staatsleben mit Recht den großen Platz einnehmen, den sie heute usurpirt. II. Der Unterwürfigkeit fast aller Menschen gegen die öffentliche Meinung verdankt eins der seltsamsten Überlebsel einer längst überwundenen Gesittungsstufe sein Fortbestehen inmitten unserer Kultur, deren alle Begriffe den gewaltsamsten Gegensatz dazu bilden. Dieses Überlebsel ist der Zweikampf. Das Duell beweist, daß der Selbsterhaltungstrieb des Menschen schwächer ist als sein Herdeninstinkt; denn wenn jener stärker wäre als dieser, so würde sich niemals ein Mensch in offenbare und leicht zu vermeidende Todesgefahr begeben, blos damit seine Standesgenossen, von denen jeder einzelne ihm vielleicht vollkommen gleichgültig ist, in ihrer Gesammtheit fortfahren, von ihm eine gute Meinung zu bewahren und sein Anrecht auf einen Platz unter ihnen anzuerkennen. Das Duell ist eine vollständige Leugnung aller Grundsätze, auf welchen unsere heutige Zivilisation aufgebaut ist. Es ist ein roher Einbruch urmenschlicher Barbarei in unsere hochentwickelten Staats- und Gesellschaftseinrichtungen. Ursprünglich war der Zweikampf gewiß natürlich und berechtigt. Er gehört zu den ersten anthropo- oder vielmehr zoologischen Erscheinungen und ist nichts anderes als die einfachste Form des Kampfes ums Dasein, in dem wir die Quelle aller Entwickelung sehen. Wenn ein Urmensch in einem andern ein Hinderniß für die Befriedigung eines Bedürfnisses oder einer Laune sah, so bekämpfte er ihn ohne Zweifel ungesäumt. Er suchte seinen Nebenbuhler bei einem Weibe, den Plünderer seiner Fruchtbäume, den Eindringling in seine Schlafhöhle oder den Besitzer einer behaglicheren zu verjagen oder zu tödten. Der Kampf wurde um ein ernstes Interesse geführt und alle Waffen waren in demselben gut. Der Stärkere erwürgte den Schwächeren, der Klügere überlistete den Dümmeren, der Wachsame überfiel den Sorglosen im Nachtschlafe. Man setzte sich und das eigene Dasein ganz ein, aber man bezweckte auch die Vernichtung des Feindes. Diesem Zustand, in welchem man unter allen Verhältnissen und allen Menschen gegenüber der Überlegenere sein mußte, wenn man nicht getödtet werden sollte, machte die Ausbildung des Rechtsstaates ein Ende. Gewiß liegt auch dem Rechte die Gewalt zu Grunde und jenes hat seine letzte Wurzeln in der Anerkennung der Thatsache, daß der Schwächere dem Stärkeren weichen und dessen Willen und Gesetz anerkennen müsse. Allein der Fortschritt in der Entwickelung des natürlichen Rechts der Stärkeren zum Rechte der gesitteten Gesellschaft liegt eben darin, daß man das ursprünglich individuelle und konkrete Recht der Kraft zu einem objektiven und allgemeinen Grundsatze erhebt, dessen Bethätigung nicht mehr von der Kraft eines gegebenen Individuums abhängt. Der Barbar sagte: »Dieses Eigenthum gehört mir, weil ich stark genug war, es an mich zu reißen und niemand darf es mir nun nehmen, denn ich würde den tödten, der es versuchen wollte.« Dieser Ausspruch war richtig, wenn der Barbar die Macht hatte, ihn zu verwirklichen; er war falsch, wenn er einem Stärkeren gegenüber angewendet werden sollte. Die Gesittung kam nun und verallgemeinerte ihn. Sie sagte: »Das Eigenthum gehört nun einmal dir, und niemand darf es dir nehmen.« Jetzt war der Ausspruch in allen Fällen wahr. Seine Richtigkeit hing nicht mehr von der Stärke desjenigen ab, der ihn anwenden wollte. Wenn das Individuum zu schwach war, sein Eigenthum gegen einen kräftigeren Angreifer zu schützen, so rief es die Gesellschaft zu Hilfe und diese war doch stärker als der stärkste Einzelne. Das objektive Recht unterdrückt also das subjektive, das in der Macht wurzelt, und das Individuum hat es nicht nur nicht mehr nöthig, mit seiner persönlichen Kraft für sein Recht einzutreten, es darf dies nicht einmal, wenn es sich nicht gegen das Grundgesetz der Gesellschaft vergehen will, welches dieser allein die Vertheidigung der von ihr aufgestellten Rechtsgrundsätze gestattet und jede Selbsthilfe der Individuen ausschließt. Von dieser Rechtsentwickelung ist der Zweikampf völlig unberührt geblieben. Das Gesetz schützt das Eigenthum, es schützt nicht das Leben. Die Sitte und das geschriebene Recht gestattet nicht, daß ein Mensch dem andern eine Uhr aus der Tasche nehme, wol aber gestattet die Sitte und das geschriebene Recht verhindert nicht wirksam, daß derselbe Mensch den andern, wenn er ein besserer Fechter oder Schütze ist, ersteche oder todtschieße, also ihm das Leben nehme, das doch wol werthvoller ist als die Uhr. So lange die Menschen an persönliche Götter und eine von ihnen beherrschte Weltordnung glaubten, hatte der Zweikampf noch einen gewissen Sinn. Er bedeutete da theoretisch nicht das Faustrecht; die Gegner und ihre Zeugen gingen auf den Kampfplatz nicht mit der Annahme, daß der Stärkere den Schwächeren umbringen, sondern mit der Überzeugung, daß Gott dem Rechte den Sieg geben und der Ungerechte nicht gegen einen vielleicht schwächeren menschlichen Gegner, sondern gegen die unter allen Umständen überlegene übernatürliche Gewalt des unsichtbaren Weltherrschers und Weltrichters zu kämpfen haben werde. Bei einer solchen Weltanschauung war der Zweikampf eine Rechtseinrichtung und nicht ein Triumph der Gewalt. Diesen rechtlichen Charakter verliert er aber in einer Gesellschaft, die an keinen persönlichen Gott und an keine übernatürlichen Eingriffe in die Verhältnisse von Einzelwesen glaubt. Der aufgeklärte Duellant weiß, daß er keinen unsichtbaren Beschützer bei sich hat, wenn er sein gutes Recht vertheidigt, und er fürchtet nicht gegen Gott selbst zu fechten, wenn er das Schwert für eine ungerechte Sache zieht. Da ist denn der Zweikampf eine cynische Verfälschung aller Rechtsgrundsätze und eine Verkündigung des Urweltsgesetzes, welches das Leben des Schwächeren ohne Vorbehalt in die Hand des Stärkeren legt. Wie in allen ihren übrigen Thorheiten und Vorurtheilen ist aber die Gesellschaft auch in ihrem Verhalten dem Zweikampfe gegenüber völlig inkonsequent. Wenn sie schon gestattet, ja geradezu fordert, daß ihre Mitglieder auf den Standpunkt des menschenfressenden Wilden zurückzukehren und frei einem jeden ans Leben gehen, dessen Nase ihnen nicht gefällt, so müßte sie logischer Weise auch zugeben, daß dies unter den Bedingungen des wilden Urdaseins geschehe. Wenn man schon im allerwesentlichsten Punkte aus der Zivilisation heraustritt, so ist es lächerlich und unsinnig, sich noch mit irgendwelchen Rücksichten der Zivilisation zu beschweren und in der Freiheit der Bewegung hindern zu lassen. Es steht mir frei, Kulturmensch oder Rothhaut zu sein; wenn ich mich aber für das letztere entscheide, so muß ich doch ganz Rothhaut sein dürfen. Ich will dann das Recht haben, im Kampfe mit einem Gegner alle Vortheile zu benutzen, die ich mir verschaffen kann. Ich will ihn überfallen und ihm das Messer in den Rücken pflanzen, wenn ich besorge, ihn nicht anders bestehen zu können; ich will nachts sein Haus anzünden und ihm in der Verwirrung die Gurgel abschneiden. Auf dasselbe mache ich mich gefaßt und bin auf meiner Hut. Mag der Gegner sich auch vorsehen, soviel er kann. Auf welchen Grundsatz will sich die Gesellschaft berufen, um mir diese Art des Kampfes zu verbieten, um mich zu verhindern, den Hinterhalt und den rothen Hahn zu meinen Bundesgenossen zu machen? Doch nicht auf die bestehende Rechtsordnung? Wenn diese gelten soll, so muß ich zunächst die Möglichkeit ausschließen, daß zwei Menschen einander um eines in der Regel leichtfertigen und geringen Anlasses willen mit Mord und Todtschlag bedrohen. Aber nein. Die Gesellschaft erkennt die Logik nicht an. Sie befiehlt Selbsthilfe und verbietet zugleich, daß sie wirkungsvoll sei. Der Duellant soll sein Leben wie die Rothhaut auf der Hand tragen, aber er soll nicht wie die Rothhaut allen natürlichen Eingebungen des Selbsterhaltungstriebes gehorchen. Er soll nur halb wildes Thier werden und halb raffinirter Kulturmensch bleiben. So will es die Gesellschaft in ihrer Weisheit und Gerechtigkeit. Ein muthwilliger Tagedieb ist dir auf den Fuß getreten, du möchtest ihn am liebsten verachten oder seine Flegelhaftigkeit höchstens mit einer Maulschelle bestrafen? Das steht dir nicht frei. Du mußt ihn fordern, mußt dein Leben aufs Spiel setzen. Aber du hast dein Leben über Bücher gebückt zugebracht und nie ein anderes Mordwerkzeug gehandhabt als eine Nagelscheere, während der Beleidiger ein Müßigganger ist, der seit seiner Kindheit alle seine Zeit auf Fechtstuben und Schießständen verbracht hat? Du bist wirklich zu bedauern, denn da hast du kein Glück; aber du mußt losgehen. Du hast heilige Pflichten in der Welt, du bist der Ernährer deiner Familie, deine Eltern, deine Frau und Kinder müssen zu Grunde gehen, wenn du stirbst, während dein Beleidiger allein dasteht oder reich ist und mindestens nur sein eigenes Leben, nicht aber das seiner Theuern mit auf den Kampfplatz nimmt? Das kümmert niemand. Schlage dich, tödte oder stirb, denn thust du es nicht, so bist du ein Feigling und entehrt. Wenn du fällst und dein Weib bettelt und deine Kinder zu Dirnen oder Verbrechern werden oder alle zusammen Hungers sterben, so hast du von Niemand Mitleid oder Hilfe zu erwarten. Wenn du aber aus dieser Rücksicht dein Leben nicht aufs Spiel setzen willst, so spucken wir dir Alle ins Gesicht. So spricht die Gesellschaft und wer in ihr leben will, der muß sich vor diesen scheußlichen Anschauungen beugen. Die Schuld am Fortbestehen der Einrichtung des Zweikampfs trägt zweifellos in hohem Maße der Militarismus. Es ist kein Zufall, daß gerade in den stehenden Armeen das Duell ein ausdrückliches Gesetz ist und der Offizier mit Schmach und Schande aus dem Heere gejagt wird, wenn er sich nicht so leicht schlägt, wie er eine Zigarre anzündet. Der Krieg ist auch eine Anrufung der Stärke als letzten Quelle des Rechts und somit eine zeitweilige Aufhebung der Zivilisation und Rückkehr zum Urzustande. Was Wunder, daß Menschen, deren Lebensberuf der Krieg ist, geneigt sind, dessen Grundsätze auch in ihr Privatleben hineinzutragen und in ihrem Säbel und Revolver das einzige Gesetzbuch des gesellschaftlichen Verkehrs zu sehen, wie Kanone und Gewehr das einzige Gesetzbuch der Völkerbeziehungen sind? Da finden wir aber auch ein Mittel, dieses rohe Vorurtheil zu bekämpfen. Die beste Methode, ihnen Unsinn einleuchtend nachzuweisen und damit zu widerlegen, ist, ihn bis zu seinen äußersten Konsequenzen zu verfolgen. Es müßten sich entschlossene Männer finden, die, wenn man sie herausfordert, die Forderung annehmen, den Gegner auf beliebige Weise unterdrücken, sich dann verhaften und vor Gericht stellen lassen und zu den Richtern so sprechen: »Ich bin ein Kulturmensch und kein Rennthierjäger der Steinzeit. Meine Anschauungen sind die der Zivilisation. Ich achte das Gesetz und halte den Richter für die einzige Autorität, der es zukommt, dasselbe anzuwenden und seine Verletzung zu strafen. Da ist nun aber ein Mensch gekommen und hat mich in die Nothlage versetzt, mir selbst ein Gesetz zu machen, mein eigener Richter zu sein und meinen Schutz in den Waffen zu suchen. Mit einem Worte, er hat die normalen Bedingungen des zivilisirten Daseins für mich aufgehoben und mir den Krieg erklärt. Ich konnte nicht anders darauf eingehen. Ich habe aber den Krieg genau nach den Vorschriften geführt, die für die Kriege zwischen Kulturvölkern gelten. Die Aufgabe der Diplomatie eines Volks, das einen Krieg führt, ist, für Alliirte zu sorgen. Ich habe mir also Bundesgenossen gesucht. Ich beglückwünsche mich zu meinem diplomatischen Erfolge. Es gelang mir, mit zwei Circus-Preisringern, drei Fechtmeistern und fünf Schützenkönigen eine Allianz zu schließen. Die Aufgabe der Heeresleitung ist, dem Feinde überall mit Übermacht entgegenzutreten. Diese Aufgabe habe ich gewissenhaft erfüllt. Der Sieg ist demjenigen sicher, der rasch mobilisirt und geschickter operirt. Meine Mobilisation war eine raschere als die des Gegners. Ich habe ihn mit meinen Verbündeten überfallen, als er sich dessen am wenigsten versah. Er beklagte sich, daß ich ihn vom Ort und von der Zeit der Begegnung nicht im Voraus verständigt habe. Dieser Anspruch macht mich lachen. Ich habe in keinem modernen Lehrbuche der Kriegswissenschaft gefunden, daß es üblich sei, zu Entscheidungsschlachten Stelldichein zu geben. Wie immer war Gott mit den stärkeren Bataillonen. Wir haben unseren Feind übel zugerichtet. Wir hätten ihn tödten können, thaten es aber nicht. Wir wollten bis ans Ende zivilisirte Kriegführende bleiben. Dem Besiegten wurde eine entsprechende Schätzung auferlegt. Er hatte meine Kriegskosten, das heißt den Lohn meiner Verbündeten, und diesen etliche Flaschen Wein zu bezahlen. Bis zur Erfüllung dieser Friedensbedingungen hielten wir ihn besetzt, das heißt unter unseren Fäusten. Als er die Kriegsentschädigung entrichtet hatte, ließen wir ihn laufen. Das ist Alles. Da man mir einen Privatkrieg aufgenötigt hat, so habe ich ihn nach allen anerkannten Regeln diplomatisch, strategisch, taktisch und finanziell geführt.« Der so spräche, würde wahrscheinlich verurtheilt werden, etwa wegen Erpressung oder körperlicher Verletzung. Aber das schadet nichts. Jeder Fortschritt wird mit Opfern erkauft. Für die Denkfreiheit haben sich unzählige edle Männer foltern und verbrennen lassen. Einige Freiheitsstrafen dürfen nicht in Betracht kommen, wenn sie der einzige Preis sind, um den der Triumph der Gesittung über die Rohheit und der Vernunft über den Unsinn zu erlangen ist. Wenn sich nur hundert ernste und entschlossene Männer in einem Land opfern und das Duell auf diese Weise ad absurdum führen wollten, so wäre ein bestialischer Brauch der wildesten Barbarei bald ausgerottet, den unsere Zeit des Rechts und der Gesittung so zärtlich hegt. III. Neben den großen – wie viele kleine Lügen durchsetzen und durchwuchern unser ganzes Leben und tragen gleich einer Schimmelvegetation in alle Theile derselben Verderbniß und Fäule! Aber es ist ja nicht anders möglich. Wenn man in Lügen geboren wird und aufwächst, beständig von Lügen umgeben ist, lügen muß, so oft man öffentlich den Mund aufthut oder zu den staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen handelnd in Beziehung tritt, wenn man die Gewohnheit hat, immer anders zu sprechen und zu thun, als man fühlt und denkt, den beständigen Widerspruch zwischen den inneren Überzeugungen und den äußeren Lebensformen als etwas Selbstverständliches zu dulden, die Heuchelei als Weltklugheit und Bürgerpflicht und die Ehrlichkeit als Extravaganz zu empfinden, wie soll man da ein gerader Charakter bleiben, in den menschlichen Verhältnissen aufrichtig und im Privatleben wahr sein? Man lügt denn auch auf der Promenade und im Salon, wie man in der Kirche, in der Wählerversammlung, auf dem Standesamte und auf der Börse lügt. Aller gesellschaftlicher Verkehr hat den Charakter der Verlogenheit. Jener hat seine Wurzeln in der Herdenthiernatur und dem Solidaritätstriebe des Menschen. Er ist ursprünglich aus dem Drange desselben hervorgegangen, sich von Artgenossen umgeben zu sehen und die Vereinsamung als einen ihm unnatürlichen Zustand zu vermeiden. Die Formen des Verkehrs lassen noch diesen Ursprung erkennen. Sie deuten Freude am Beisammensein und sympathische Theilnahme der Menschen für einander an. Erblickt man einen Bekannten, so grüßt man ihn, das heißt man drückt ihm Wünsche für sein Wohlergehen aus; erhält man einen Besuch, so zeigt man sich darüber erfreut, überredet den Besucher, zu bleiben, dringt in ihn, bald wieder zu kommen; man gibt Feste, um den Nebenmenschen eine Gelegenheit zu mannigfaltigem Vergnügen zu bieten; man veranstaltet Gastmähler zu ihrer Sättigung; man macht ihnen Geschenke; wenn ihnen etwas Trauriges oder Heiteres widerfährt, so eilt man zu ihnen, um sie zu trösten oder sich mit ihnen zu freuen; hat man sie eine Weile nicht gesehen, so sucht man sie auf, um sich von ihrem Wolergehen zu überzeugen und zu fragen, ob sie keiner Dienste bedürfen. Das ist der theoretische Sinn unserer Umgangsformen. Thatsächlich aber ist ungefähr jede Berührung eines Menschen mit seinem Nachbar eine Heuchelei und Unwahrheit. Wir wünschen einem Vorübergehenden einen guten Tag und würden am liebsten hören, er habe beim nächsten Schritt beide Beine gebrochen. Wir fordern einen Besucher auf, bald wiederzukommen, und haben bei seinem Anblick dieselbe Empfindung, wie wenn wir unversehens eine Blindschleiche berühren. Wir veranstalten Feste und laden zu ihnen Leute, die wir verachten, die wir hassen, denen wir hinter dem Rücken alles Böse nachsagen, oder, die uns im besten Falle so gleichgültig sind, daß wir nicht einen Handschuh ausziehen möchten, wenn wir ihnen mit dieser geringen Anstrengung ein Vergnügen bereiten könnten. Wir gehen zu Festen Anderer, verbringen Nachtstunden, die wir tausendmal lieber dem Schlafe widmen möchten, mit albernem Geschwätz, lächeln verbindlich, während uns der Gähnkrampf fast überwältigt, drechseln Komplimente, von denen wir kein Wort glauben, danken der Hausfrau für ihre liebenswürdige Einladung, für die wir sie im Herzen zu allen Teufeln wünschen, versichern den Hausherrn unserer beständigen Ergebenheit und lassen uns am nächsten Morgen von unserem Diener verleugnen, wenn er etwa kommt, uns um eine ernste Gefälligkeit zu bitten. Leute, die wir verabscheuen, besuchen wir, blos weil wir ihnen den Besuch schulden; wir machen um Weihnachten oder bei anderen Gelegenheiten Geschenke und ärgern uns schwarz darüber, zu solchen Auslagen gezwungen zu sein; wir verkehren in anscheinender Intimität mit Leuten, von denen wir alles Böse denken und sagen und von denen wir wissen, daß sie uns gegenüber ganz so handeln. Durch diese innere Unwahrhaftigkeit wird uns das gesellschaftliche Zusammenleben, das theoretisch die Ergänzung des fragmentarischen Einzellebens und die Vermehrung des individuellen Wolbefindens bezweckt; zu einer Quelle beständigen Unbehagens, und so oft wir mit den Nebenmenschen in Berührung kommen, bringen wir davon Langeweile, Ärger, Neid, Verachtung, Beschämung, Hohn, kurz die widerwärtigsten und peinlichsten Empfindungen heim. Und doch verurtheilt man sich freiwillig zu diesen Unannehmlichkeiten, und die meisten Menschen aus den sogenannten besseren Ständen gehen ganz in dem Gesellschaftsleben auf, von dem sie wol wissen, daß es ihnen weder Freuden, noch Anregungen, noch Erhebungen gewähren kann. Was veranlaßt sie zu dieser unaufhörlichen anstrengenden Komödie, in der sie lächeln müssen, wo sie die Zähne fletschen möchten, und mit Leuten schön thun, die ihnen den Tag verleiden, an dem sie ihnen vor die Augen kommen? Die Selbstsucht, welche wir als Grundgedanken aller heutigen Einrichtungen kennen gelernt haben. Der Eine, der noch die Welt zu erobern hat, läuft zu Festen und Empfängen, zu Nachmittagsthees und Abend- at homes , um Bekanntschaften zu machen, die er zu Gönnerschaften zu züchten trachtet, um eine gute Partie aufzujagen, um seinen Ruhm zu pflegen, um sich durch die Schwächen und Fehler der Anderen sicher und bequemer fördern zu lassen, als es durch die Bethätigung eigener Vorzüge möglich wäre. Der Andere, der bereits eine Stellung errungen hat, verurtheilt sich zu den Mühen und Geldopfern der Repräsentation, um gegen Ranggenossen zu intriguiren oder sie einfach zu ärgern, um den Leuten einen hohen Begriff von seinem Reichthum, seinem Ansehen und Einflusse beizubringen, um Hofmacher um sich zu versammeln, kurz um seine Eitelkeit mannigfach zu befriedigen. Im dicksten Menschengewühle sehen diese Geschäftsleute nur eine einzige Person: ihre eigene; im lebhaftesten Gespräche, während sie auf zehn Stimmen zu horchen, den Gedankengang von zehn Anderen in sich aufzunehmen, ganz von sich abzusehen und im Worte Anderer zu leben scheinen, denken sie nur an eins und hören sie nur eins: ihr Ich. So fälscht der Egoismus auch die harmlosesten Beziehungen der Menschen zu einander und alle Umgangsformen, die vom Solidaritätstriebe geschaffen worden sind, werden zu Lügen, weil rücksichtsloser, selbstsüchtiger Individualismus sie als einziger Inhalt erfüllt. Schlussharmonie Wir haben nun gesehen, wie Alles, was uns umgibt, Lüge und Heuchelei ist; wie wir eine tiefe unsittliche Komödie spielen, wenn wir in die Kirche und den Königspalast, den Parlamentssaal und die Amtsstube des Standesbeamten treten; wie sich unsere Vernunft und Erkenntniß, unser Gefühl für Wahrheit und Gerechtigkeit gegen alle staatlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen, gegen alle bestehenden Formen des Gesellschafts- und Geschlechtslebens empören: wir sind lange in trostloser Dunkelheit zwischen unheimlichen Ruinen und lächerlichen Theaterdekorationen gewandert; es ist Zeit, daß uns endlich wenigstens der entfernte Anblick von Licht und einem wohnlichen rastverheißenden Obdach stärke und ermuthige. Der Widerspruch zwischen der neuen Weltanschauung und den alten Institutionen wüthet in der Seele eines jeden Kulturmenschen und jeder wünscht sehnlichst, dem innern Tumult zu entfliehen. Man glaubt nun vielfach, daß es zwei Methoden gebe, den verlorenen Frieden des Geistes wiederzufinden und daß man die Wahl habe, sich der einen oder der andern zu bedienen. Entschlossene Umkehr hieße die eine, entschlossener Fortschritt die andere. Entweder man gebe den Formen, die ihren Inhalt verloren haben, diesen Inhalt wieder, oder man reiße sie vollständig nieder und räume sie aus dem Wege. Man lehre also das Volk von Neuem glauben; man locke oder jage es in die Kirche zurück; man stärke die Gewalt des Königs; man erhöhe das Ansehen des Priesters; man streiche das Andenken der Revolution aus der Erinnerung der Völker; man verbrenne die Bücher des freien Gedankens und bei dieser Gelegenheit auch ein wenig die freien Denker; man zertrümmere die Lehrstühle und baue Kanzeln; man bete, faste, singe Psalmen und gehorche der Obrigkeit; man vergnüge sich an Kirchenfesten; man zerstreue sich mit dem Leben der Heiligen; man erbaue sich an Wundergeschichten; der Reiche gebe dem Armen genügend Almosen und wenn das den Armen nicht vollkommen sättigt, so gedulde er sich bis zum Himmelreich, wo er täglich Braten und Wein haben wird; so ist wieder Glück auf Erden, wer etwas ist oder hat, der genießt in Ruhe das Seinige, wer nichts hat, und nichts ist, dem bleibt die Hoffnung auf ein besseres Jenseits, und dem Unzufriedenen steht es frei, nach einer wüsten Insel auszuwandern, sofern er nämlich noch eine solche in irgend einem Meer finden kann. Oder man fege den ganzen Plunder mittelalterlicher Einrichtung weg; man behandle die Pfarrer und Pastoren und Rabbiner auch äußerlich wie Medizinmänner, wenn man sie innerlich dafür ansieht; man komplimentire die Könige zu ihren Palästen hinaus, wenn man sie für Gliederpuppen oder Usurpatoren hält; man schaffe alle Gesetze ab, die vor der naturwissenschaftlichen Kritik nicht bestehen können und lasse in allen Beziehungen der Menschen zu einander die Vernunft und Logik allein herrschen. Das sind die beiden Methoden und die Anhänger der ersten bekämpfen die der anderen und ihr verzweifeltes Ringen bildet den einzigen Inhalt des politischen und geistigen Lebens der Zeit. Nun denn: der Ausgangspunkt dieses Streites zweier Parteien, deren jede der Menschheit den inneren Frieden wiedergeben zu können behauptet, ist ein Irrthum. Es gibt keine zwei Methoden, es gibt nur eine. Die Umkehr ist unmöglich, der Stillstand ist es auch. Man kann nur vorwärts gehen und je rascher man geht, um so früher gelangt man ans Ziel, wo man ausruhen kann. Es mag ja sein, daß die Anwälte der Vergangenheit ebenfalls das Glück der Menschen bezwecken, es wäre ja denkbar, daß alle Welt sich subjektiv woler befände, wenn man sie auf den geistigen Standpunkt des Mittelalters oder Alterthums zurückversetzen könnte; aber was hilft den Reaktionären dieses Zugeständniß, da ihr System doch schlechterdings keiner Verwirklichung fähig ist? Es liegt nicht im Bereiche der Menschenkraft, den Menschengeist zu bestimmen, daß er errungene Wahrheiten wieder aufgebe. Das ist eine Frage der natürlichen Entwickelung und des organischen Wachsthums. Das Kind ist in seiner Unbewußtheit und Unverantwortlichkeit ja auch glücklicher als der Erwachsene; es ist schöner, anmuthiger, lebensfreudiger; man mag sich als Mann, als Greis nach den Wonnen der Kindheit zurücksehnen, aber sind sie einmal vorüber, so sind sie es auf ewig und keine Willensanstrengung bringt sie wieder. Todtschlagen kann man einen Erwachsenen; ihn wieder zum schönen, anmuthigen, glücklichen Kinde machen nicht. Ebensowenig ist es möglich, den Menschen von heute zum Menschen von vor tausend oder zweitausend Jahren zu machen. Alle Erkenntniß, alle Aufklärung ist der Menschheit im Laufe einer natürlichen Entwickelung und als Ergebniß der ihr innewohnenden lebendigen Kräfte gekommen. Dem Wirken dieser Elementarkräfte entgegentreten wollen ist ein so aussichtsloses Beginnen, wie die Erde verhindern wollen, daß sie kreise. Die Dinge liegen nicht so, daß die wissenschaftlichen Wahrheiten zufällig gefunden werden, doch auch hätten nicht gefunden werden können; sie sind eine Begleiterscheinung der Reife; sie werden gefunden, wenn die Kultur der Menschheit ein bestimmtes Alter erlangt hat. Man kann ihre Entdeckung und Verallgemeinerung vielleicht verzögern, man kann diese vielleicht beschleunigen, obwol das letztere weit unwahrscheinlicher ist als das erstere; aber man kann sie nun und nimmer vollständig verhindern. Das ist so klar, daß man gar nicht begreift, wie man in die Lage kommen kann, es beweisen oder selbst nur ausdrücklich versichern zu müssen. Was würde man mit einem Menschen anfangen, der auf offenem Markte erklärte, er wolle machen, daß die Menschen mit jedem neuen Lebensjahre, das sie erfüllen, um ein Jahr jünger werden? Man würde ihn muthmaßlich in ein Narrenhaus sperren. Und doch kann man ungestraft eine ganz ähnliche Behauptung zum Inhalte eines Regierungsprogramms machen und viele Hörer bleiben ernst, wenn ein Staatsmann empfiehlt, zu den alten theologisch-feudalen Anschauungen zurückzukehren und dadurch die Zeitkrankheiten zu heilen. Heißt das denn nicht auch, der Menschheit vorschlagen, daß sie sich aus dem reifen Alter zur glücklichen Kindheit zurückentwickele und mit jedem Jahr um ein Jahr jünger werde? Nein, nein; das ist nicht ernst und es handelt sich doch da um hohe Fragen, die nur ernst behandelt werden dürfen. Angenommen, die Menschheit war glücklicher, als sie in tiefster Unwissenheit, innerhalb eines engen, von groben Irrthümern und albernem Aberglauben erfüllten geistigen Gesichtskreises ein dumpfes Pflanzerleben führte; dieses Glück der Kindheit ist dahin und es zurückzuwünschen ein müßiges und thörichtes Beginnen. In der Vergangenheit liegt also nicht das erreichbare Heil der Menschheit. Die Gegenwart ist unleidlich. Sie muß daher ihre ganze Hoffnung auf die Zukunft stellen. Was die Gegenwart unleidlich macht, das ist, wie wir gesehen haben, der innere Zwiespalt, der jeden Menschengeist der Kulturwelt unsäglich schmerzhaft zerreißt; das ist der Gegensatz zwischen unserem Denken und Handeln, zwischen unserem Empfinden und Verkünden, es ist die unaufhörliche Verhöhnung allen Inhalts durch alle Form, die unablässige Ableugnung aller Form durch allen Inhalt. Die Notwendigkeit, zwei Existenzen zu führen, eine äußerliche und eine innerliche, die einander verspotten, parodiren und in ewigem Hader mit einander liegen, führt zu einer Ausgabe moralischer Kraft, die über Menschenvermögen geht und ein Wehegefühl der Erschöpfung zurückläßt. Das Fehlen der Wahrheit in unserem Leben macht uns bettelarm. Weil wir der Stimme, die infolge der Konstruktion unseres Denkapparats bei Allem, was wir thun, »warum« frägt, keine vernünftige Antwort geben können, macht sie uns ungeduldig und elend, und das um so mehr, als es uns unmöglich ist, ihr Schweigen aufzuerlegen. Das laute Zanken unserer Überzeugung mit unserer werkthätigen Heuchelei verfolgt uns beständig und raubt uns die Ruhe und den Frieden. Das ist unsere Lage. Sie schließt die Möglichkeit der Glücksempfindung vollständig aus. Denn diese hat innere Einheitlichkeit, das heißt Abwesenheit von Kampf und lauter Streitrede, Frieden und Stille in der Seele zur ersten Voraussetzung. Es liegt ein tiefer menschlicher Sinn darin, daß die Inder sich das Glück in Gestalt der Nirwana denken. Nirwana ist die absolute Ruhe. Es ist die wonnige Entspannung des Geistes, die eintritt, wenn derselbe keinen Wunsch und keine Sehnsucht mehr hat, wenn er außerhalb seiner selbst keinen fremden Punkt mehr wahrnimmt, der ihn anzieht oder abstößt und ihn zur schmerzlichen Arbeit einer Flucht- oder Annäherungsbewegung anregt. Es ist ein Zustand der Seligkeit, den sich der in ewigen Gedankenwirbeln umgetriebene Kulturmensch gar nicht mehr vorstellen kann. Er ist nur in zwei Verhältnissen erreichbar: im Verhältnisse der absoluten Unwissenheit, wenn es dem Geiste noch an Organen fehlt, die außerhalb desselben bestehenden Anziehungs- und Abstoßungspunkte wahrzunehmen oder in dem des absoluten Wissens, wenn der Geist so weit und hoch entwickelt ist, daß er Alles, was ist, in sich schließt, so daß außerhalb seiner gar nichts mehr existirt, was ihn zu einer Bewegung anregen, in ihm einen Wunsch, eine Sehnsucht, eine Sorge erwecken könnte. Der letztere Zustand ist dem Menschen ein wol unerreichbares Ideal; er wird schwerlich jemals dahin gelangen, alle Wahrheit zu besitzen, die verwickelten Erscheinungen auf ihre einfachen Gesetze zurückzuführen und der absolut Wissende zu sein, vor dessen Anschauung die Mannigfaltigkeit der Weltphänomene sich als nothwendig, vernünftig und einheitlich darstellt. Doch auch über den andern Zustand ist er längst hinausgewachsen; er ist nicht mehr unwissend; er sieht schon die Erscheinungen, die außerhalb seiner sich ereignen; er sucht schon die Wahrheit, sehnt sich nach der Erkenntniß und ist in fieberhafter, athemloser Bewegung nach einem Ziele, das ihn anzieht und wo er Ruhe zu finden hofft. Das Schlechteste, was der Mensch in dieser Lage thun kann, ist, seinem Bewegungsdrange zu widerstehen und seine Kraft im Kampfe gegen die mächtige Anziehung seines natürlichen Entwickelungsziels statt im Fluge zu diesem Ziele hin zu verbrauchen. Dieser Kampf ist nicht nur unvernünftig, weil aussichtslos, sondern auch ungleich ermüdender und schmerzhafter als das Nachgeben. Darum ist der heute so weit verbreitete Opportunismus, der die gründlichen Lösungen scheut, die zur Wahrheit aufstrebende Menschheit in der Lüge festhalten will und im Ansturm der neuen Weltanschauung gegen die alten Formen die letzteren vertheidigt, ohne den ersteren Unrecht zu geben, zugleich der grausamste Feind des Menschengeschlechts und die vollkommenste Unsittlichkeit. Das, was der Menschheit zunächst noththut, das ist, daß sie sich die Möglichkeit schaffe, nach ihrer Erkenntniß zu leben. Die alten Formen müssen verschwinden; sie müssen neuen Platz machen, welche die Vernunft befriedigen; das Individuum muß von seiner innern Zerrissenheit geheilt, es muß wieder wahr und ehrlich werden. Wol erreicht der Mensch auch damit noch nicht das volle Glück der Nirwana, der Ruhe ohne Anstrengung, der Zufriedenheit ohne Wunsch: denn dieses absolute Glück ist durch das organische Leben ausgeschlossen. Organisches Leben ist gleichbedeutend mit Entwickelung. Diese aber ist der Drang nach Erreichung eines Ziels, bei dem der Organismus noch nicht angelangt ist. Entwickelung ist also Streben nach noch nicht Erreichtem, folglich Unbefriedigtheit von bereits Erreichtem, Unbefriedigtheit aber ist mit absoluter Glücksempfindung unvereinbar. Das einzelne Individuum muß diese Unbefriedigtheit um so stärker empfinden, als es ein Bruchstück eines großen Ganzen, der Gattung, ist und mit seiner Entwicklung weniger für sich als für das Ganze arbeitet. Die Folgen seiner Vervollkommnungsarbeit kommen nicht ihm, sondern den Erben zu Gute; jede Geschlechtsfolge strebt für die nächste, jeder fragmentarische Einzelorganismus für die Gesammtheit, das Individuum kann darum nie zum Gefühle des Abschlusses, der Vollendung, der Verwirklichung seines eigenen Ideals, des Belohntseins für seine Mühe gelangen. Dieses Gefühl, wenn es überhaupt denkbar ist, kann nur von der Gattung, die ein Ganzes ist, aber nie vom Individuum, dem unabgeschlossenen Theile, empfunden werden und wird nur vielleicht einst, in einem idealen Entwickelungsstadium der Menschheit, als eine allgemeine, die Gattung charakterisirende Weltstimmung vorhanden sein, die sich in jedem individuellen Bewußtsein als heiterer Grundton und helle Grundfarbe des ganzen Seelenlebens wiederspiegeln wird. Allein, wenn das absolute Glück nicht im Bereiche des Menschenlebens liegt, wenn der organische Vorgang der Entwickelung dasselbe ausschließt, so kann das Individuum doch wenigstens seinem Entwickelungsdrange folgen und fühlen, daß es sich in der Richtung zu seinem Ziele, dem Ideale, bewegt. Das Gefühl, sich dem Entwickelungsziele zu nähern, ist schon ein Vorgeschmack des Gefühls, dieses Ziel erreicht zu haben und im Stande, das nicht zu erlangende absolute Glück zu ersetzen. So ist ein Mensch, der mit äußerster Ungeduld danach verlangt, an einem bestimmten Orte anzukommen, schon ruhig und zufrieden, wenn er sieht, daß er in einem Eisenbahnzuge sitzt, der ihn mit gleichmäßiger Geschwindigkeit seinem Reiseziele näher bringt. So viel aber ist zu erreichen. Man braucht nur dem Fortschrittsdrange der Kulturvölker kein künstliches Hinderniß in den Weg zu legen und ihre Entwickelung nicht durch die Erhaltung und Verteidigung der sie einengenden und erstickenden geschichtlichen Institutionen, denen sie entwachsen sind, mühseliger und schmerzhafter zu machen. Vor der Zerstörung zu bewahren sind diese doch nicht; früher oder später werden sie doch gesprengt werden und so wäre es eine Wolthat, das zum Untergang Bestimmte gleich wegzuräumen und die unbehagliche Periode der Niederreißung, während welcher man von formlosen Trümmern umgeben ist, durch Koth und Staub watet, über Blöcke stolpert und von fallendem Gebälk bedroht wird, nach Möglichkeit abzukürzen. Wir stehen ohnehin mitten in dieser Demolitionsepoche und erleiden all ihr Ungemach. Vielleicht wird noch eine, vielleicht werden noch mehrere Generationen zum trostlosen Aufenthalt auf einer wüsten Baustätte und zu geistiger Obdachslosigkeit verurtheilt sein. Was aber dann folgt, das wird sicherlich Bequemlichkeit und Behagen sein. Wir sind geopfert; uns werden sich die prächtigen Säle des neuen Palastes, an dessen Ausführung wir arbeiten, nicht aufthun; allein die kommenden Geschlechter werden sich in ihnen ergehen, stolz, ruhig und heiter, wie ihre Vorfahren auf Erden es nie gewesen sind. Denn was der Menschheit bevorsteht, daß ist Erhebung und nicht Erniedrigung, ihre Entwickelung macht sie besser und edler, nicht schlechter und gemeiner, wie ihre Verleumder behaupten, durch die reine, durchsichtige Atmosphäre der naturwissenschaftlichen Weltanschauung sieht sie ihr Entwickelungsideal klarer und strahlender als durch die dicken Wolken und Nebel des transszendentalen Aberglaubens. Das muß man denen antworten, die ehrlich der Meinung sind, daß ohne Religion keine Moral und kein Idealismus, ohne den despotischen Staat, das selbstische Eigenthum und die liebensfeindliche Ehe keine Gesittung bestehen kann. Den Betrügern, die, ohne davon überzeugt zu sein, dasselbe proklamiren, blos weil es in ihrem persönlichen Interesse liegt, die bestehende Ordnung zu vertheidigen, schuldet man überhaupt keine Argumentation. Die gutmüthigen, aber kurzsichtigen Menschenfreunde dagegen, denen die Zukunft Angst macht, weil sie Rohheit und Zügellosigkeit, ja die Rückkehr zum Thierzustande in ihrem Gefolge zu sehen glauben, können sich beruhigen. Die Menschheit ohne Gott, ohne Herrscherwillkür und ohne Egoismus wird unendlich sittlicher sein als die, welche »zu Gott betet und ihr Pulver trocken hält«. Die Aufklärung lehrt den Menschen Wahrheiten, welche seinen durch lügenhafte Schmeicheleien verwöhnten Ohren zu allererst allerdings unangenehm klingen mögen. Sie lehrt ihn: »Du bist ein Einzelthier in einer Thiergattung, Menschheit genannt. Die regieren genau dieselben natürlichen Gesetze wie alle anderen Lebewesen. Dein Platz in der Natur ist der, den du dir durch passende Benutzung aller in deinem Organismus vorhandenen Kräfte erobern kannst. Die Gattung ist eine höhere Einheit, von der du ein Theil, ein Gesammtorganismus, von der du eine Zelle bist. Du lebst das große Leben der Menschheit mit, ihre Lebenskraft bringt dich hervor und erhält dich bis zu deinem Tode, ihr Aufstieg nimmt dich mit in die Höhe, ihre Genugthuungen sind deine Freuden.« Das kitzelt die Eigenliebe der Menschen weniger, als wenn ein Medizinmann ihm sagt: »Du bist der besondere Liebling eines allmächtigen Weltherrschers, Gott genannt, du hast eine bevorzugte Stellung im Weltall und kannst dir noch ferner Privilegien verschaffen, wenn du mir Zehnten zahlst und meinen Befehlen gehorchst.« Aber wenn er einmal reif genug ist, das kindische Vergnügen an leeren Schmeicheleien als unstatthafte Schwäche zu erkennen, und wenn er die Doktrin der Aufklärung und die der Theologie eindringlicher erwägt, so findet er unschwer, daß die erstere die schönere und die tröstlichere ist. Sie schneidet ihn vom Himmel ab, aber wie tief und innig läßt sie ihn dafür in der Mutter Erde wurzeln! Sie nimmt ihm die Beziehungen zu einem Gotte, zu Heiligen, Engeln und anderen nie gesehenen Fabelwesen, aber sie gibt ihm dafür die ganze Menschheit zur Familie, sie schenkt ihm tausend Millionen Blutsverwandter, die ihm Liebe, Schutz und Hilfe schulden und von deren Zusammengehörigkeit mit ihm alle seine Sinne ihn überzeugen. Sie bekämpft seinen hoffärtigen Anspruch auf ewiges Leben, aber sie beugt seiner Verzweiflung über seine Endlichkeit vor, indem sie ihn lehrt, sich als eine unwichtige Episode im allein wesentlichen Vorgänge des All-Lebens zu bescheiden, und indem sie ihm die Möglichkeit einer unabsehbaren Fortdauer seines individuellen Daseins in daraus hervorgegangenen Nachkommen zeigt. Sie zerstört die bestehende, auf Religion gegründete Moral, das ist gewiß; aber diese Moral ist eine willkürliche, oberflächliche und geradezu unsittliche; sie erklärt nicht, weshalb sie diese Handlungen gute und jene schlechte nennt; als Grund, weshalb man das Gute thun soll, gibt sie an, daß man sich dafür einen Platz im Paradiese sichere, und als Grund, weshalb man das Schlechte lassen soll, daß man dafür in der Hölle brenne; und damit man nicht in Versuchung gerathe, zu betrügen, im Geheimen schlecht und offen gut zu sein, macht sie weis, man sei immer beobachtet und immer überwacht. Das ist also die religiöse Moral: ihre Triebkräfte sind Eigennutz und Angst vor Leibesstrafen; die Hoffnung auf paradiesische Vortheile oder die Furcht vor dem Schwefelfeuer des Teufels. Es ist eine Moral für Egoisten und Feiglinge, namentlich aber für Kinder, denen man mit der Drohung der Ruthe und der Verheißung von Gerstenzucker beikommen kann. An die Stelle dieser Moral, welche an die erbärmlichsten Triebe im Menschen appellirt, setzt die Aufklärung einen allgemeinen Grundsatz, die Solidarität der Menschheit, aus welcher sich eine neue ungleich tiefere, erhabenere und natürlichere Moral ergibt. Diese gebietet: »Thue Alles, was das Wol der Menschheit fördert; unterlasse Alles, was der Menschheit Schaden oder Schmerz zufügt.« Sie hat auf jede Frage eine vernünftige Antwort »Was ist gut?« Die Theologie sagt: »Das, was Gott wolgefällt,« ein Bescheid, der durchaus keinen faßbaren Sinn hat, es sei denn, man glaubte, daß Gott seine Ansichten geoffenbart hat. Die Solidaritätsmoral sagt:«Gut ist, was, wenn es verallgemeinert wäre, der Gattung günstigere Daseinsbedingungen schaffen würde.« »Was ist schlecht?« Die Theologie leiert wieder: »Das, was Gott verboten hat.« Die Solidaritätsmoral antwortet: »Schlecht ist, was, wenn es verallgemeinert wäre, das Leben der Gattung gefährden oder erschweren würde.« »Warum soll ich das Gute thun und das Schlechte lassen?« Die Theologie sagt: »Weil es Gott so will.« Die Solidaritatsmoral: »Weil du nicht anders kannst. Die Gattung hat, so lange sie Lebenskraft besitzt, auch Selbsterhaltungstrieb; dieser giebt ihr ein; das, was ihr schädlich ist, zu vermeiden, was ihr förderlich ist, zu thun. Dieser Trieb wurzelt im Unbewußten, läutert sich aber bis zum Bewußtsein empor. Wenn einst die Lebenskraft der Gattung erschöpft sein wird, dann wird sich auch ihr Selbsterhaltungstrieb abstumpfen. Dann werden die Begriffe von Gut und Schlecht allmälig verloren gehen, es wird in der That keine Moral mehr geben und das Verschwinden der Moral wird die unmittelbare Todesursache der altersschwach gewordenen Menschheit sein. Sie wird dann förmlich einen Selbstmord begehen.« »Welcher Lohn, welche Strafe steht mir für meine Handlungen bevor?« Die Theologie kommt mit ihrem Himmel- und Höllengefasel; die Solidaritätsmoral sagt einfach: »Da du ein Theil der Menschheit bist, so ist ihr Gedeihen dein Gedeihen und ihr Leiden dein Leiden. Thust du also das, was ihr gut ist, so erweisest du dir ein Gutes; thust du aber das, was ihr schlecht ist, so fügst du dir ein Schlechtes zu. Die blühende Menschheit ist dein Paradies, die verkümmernde deine Hölle. Und da der Selbsterhaltungstrieb der Gattung die Quelle deiner Handlungen ist, so wirst du instinktiv das Gute thun und das Schlechte lassen, so lange du in normaler Verfassung bist. Du wirst gegen die natürliche Moral erst dann sündigen, wenn du der krankhaften Entartung verfallen bist, welche auch das Individuum zur Selbstverstümmelung und zum Selbstmord treibt.« Das ist der kurze Katechismus der natürlichen Moral, deren Quelle die Solidarität der Gattung ist. Die natürliche Moral ist die einzige, welche die Menschheit immer wirklich empfunden hat; alle anderen Moralprinzipien waren und sind äußerliche Heuchelei, Selbstbetrug und Betrug Anderer. Sie ist ausgedrückt in Rabbi Hillels: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,« in des Evangeliums Gebote, auch dem Feinde zu vergeben und ihn zu lieben, in Kants kategorischem Imperativ. Wer immer nach einer sichern Grundlage der Moral gesucht hat, der Religionsstifter oder der Philosoph, ist zuletzt auf dieses ewige, felsenfeste Prinzip der Solidarität gestoßen; denn es bildet einen fundamentalen Bestandteil des menschlichen Bewußtseins, es ist eine der organischen Triebkräfte seines Handelns. Nur die Religionen, welche das Solidaritätsprinzip zu ihrem Hauptdogma machten, konnten eine allgemeine Verbreitung finden und dauern. Dann war es aber auch nur dieses unverwüstliche Prinzip, welches die übrigen Dogmen trug, wie das leichte Gas, welches den Luftballon aufsteigen macht, alle schwereren Bestandtheile des letzteren mit sich in der Höhe erhält. Wenn man die theologische Moral durch die natürliche, das Christenthum durch die Solidarität ersetzt, so vollzieht man nur ein Werk der Reinigung und Vereinfachung; man behält das, was die Religion aus dem ewigen Sammelbecken menschlicher Umtriebe geschöpft und sich angeeignet hat und man verwirft die abgenutzten Hüllen und Verkleidungen, welche den wahren Kern derselben umgeben. Aber nicht blos die Quelle aller Moral, sondern auch die aller Einrichtungen muß die Solidarität werden. In den bestehenden Formen kommt der Egoismus zum Ausdruck, die Formen, welche ihre Stelle einzunehmen berufen sind, wird der Altruismus vorzeichnen. Die Selbstsucht erweckt den Wunsch, Andere zu beherrschen, sie führt zum Despotismus, sie macht Könige, Eroberer, eigennützige Minister und Parteiführer, die Gattungsliebe gibt den Wunsch ein, der Gesammtheit zu dienen, sie führt zur Selbstverwaltung, zur Selbstbestimmung, zu einer Gesetzgebung, die blos von der Rücksicht auf das Gemeinwesen inspirirt ist. Die Selbstsucht ist die Ursache der schlimmsten Ungerechtigkeiten in der Gütervertheilung, die Solidarität gleicht diese Ungerechtigkeiten so weit aus, daß Bildung und tägliches Brod jedem Bildungsfähigen und Arbeitswilligen gesichert sind. Der Kampf ums Dasein wird so lange währen wie das Leben selbst und er wird immer die Ursache aller Entwicklung und Vervollkommnung sein; aber er wird mildere Formen annehmen und sich zu seinem heutigen Wüthen so verhalten wie die Kriegführung gebildeter Nationen zum Würgen von Menschenfressern. Auf die Zivilisation von heute, deren Kennzeichen Pessimismus, Lüge und Selbstsucht sind, sehe ich eine Zivilisation der Wahrheit, der Nächstenliebe, des Frohmuths folgen. Die Menschheit, die heute ein abstrakter Begriff ist, wird dann eine Thatsache sein. Glücklich die spätergeborenen Geschlechter, denen es beschieden sein wird, umspielt von der reinen Luft der Zukunft, übergossen von ihrem hellern Sonnenschein, in diesem Bruderbunde zu leben, wahr, wissend, frei und gut!