Fritz Reuter Schurr=Murr Inhalt Wat bi ’ne Aewerraschung ’rute kamen kann. Abenteuer des Entspekter Bräsig, bürtig aus Meckelborg=Schwerin, von ihm selbst erzählt. Von ’t Pird up den Esel. Haunefiken. Meine Vaterstadt Stavenhagen Wat tausamen is schrapt ut de hochdütsche Schöttel, Ut den plattdütschen Pott un den missingschen Ketel. Seinem lieben Freunde, dem Gerichts=Secretair Karl Schmidt zu Wismar. Weist woll? Hest mi mal sekundirt, Tau Ziegenhain bi Jena wir ’t. "So lag ich aus, So fiel ich aus, So führte ich meine Klingen!" Un wenn ick an dit Stück heww dacht, Denn heww ick ümmer gelbunt lacht, Dat mi dat kunn gelingen; Un ümmer dacht ick so bi mi: Süh, Körling Bohm, de stunn di bi; En trugen Fründ sall gellen! Vel beter is in Fällen En richt’gen Sekundanten, As Unkel un as Tanten. – So nimm denn hen dit lütte Bauk Un, Korl, wenn ick mal wedder Pauk, Denn stah mi düchtig wedder bi; För ditmal, Körling, grüß ick Di. Wat bi ’ne Aewerraschung ’rute kamen kann. Wenn de schöne Wihnachtstid herankamm, denn was dat in unsern Hus’ en Lopen un Tuscheln un Flustern, en Heimlichdauhn un en Versteken; in de ein’ Stuw’ dürwten wi Gören gor nich ‘rinner, dor satt min leiw Mutting mit en por Sniderinnen un neihte niges Tüg tau Wihnachten för min Swestern un för uns Jungs, denn dunnmalen würden de Jacken un Hosen för de Jungs noch glatt weg in den eigen Hus’ makt un nich bi de Modensniders. – Denn un wenn würd mal ein von uns raupen, un em würden denn de Ogen verbunnen un Fusthanschen antreckt, un so würd hei denn ‘rinner leddt in de verbadene Stuw’ tau ‘t Anpassen. De Fusthanschen hadd min Großmutter upbröcht, as min öllst Swester Lisette verleden Johr mit de Hänn’ ‘rümmer grawwelt hadd, üm tau fäuhlen, von wat Ort Tüg ehr Rock makt wir. "Nu kik de Dirn!" säd min Großmutter. "Wat de Düwel klauk is! Täuw, dit will’n wi Di verpurren!" un treckt ehr de Fusthanschen an, un sörredem würd keiner ahn Fusthanschen mihr ‘rinner laten in de Stuw’. Hadden de Ollen dat heimlich, den hadden wi Gören dat ok heimlich. – Vör Wihnachten würden de ird’nen Sporbüssen intwei slahn, un wat dat Johr afsmeten hadd, würd ‘ruter halt un denn würd inköfft. Min Vader kreg von Jedwereinen regelmäßig ‘ne Stang’ Sigellack un ‘ne Blifedder, denn wi wüßten, wenn wi em de tau Wihnachten schenken deden, denn kregen wi sei tau Nijohr wedder. – Späder kreg hei von min Swestern regelmäßig en Por stickte Morgenschauh, de hei nich antrecken ded, denn as hei sturw, stunnen saeben Por von de Ort in sin Schapp. – Wenn denn min Tanten Schaening noch en nigen Kamm kreg un Großmutting ‘ne nige warme Kapp, wotau wi all tausamschoten, denn blew för Mutting noch dat meiste Geld aewrig, un denn gung eigentlich de Heimlichkeit irst an, denn dat anner wiren von Öllers her faststellte Saken, von de nich afgahn würd. Wenn ick denn mit mi in ‘n Kloren was, un bi Jud’ Meiern en schönes Stück köplich an mi bröcht hadd mit de utdrückliche Bedingung – denn dat was uns inrems’t worden – dat dat ümtuscht warden künn, denn gung ick in mine Hartensfreud’ nah min Mutting un säd: "Mutting, ick smit Di ok wat tau Julklapp!" Denn säd sei: "Segg man blot nich, wat dat is." "Ne," säd ick, "ick segg dat keinen Minschen, blot Di will ick ‘t seggen, dat is dat un dat." Na, ick würd öller un lihrt ok swigen, un as ick von de hogen Schaul dat irstemal tau Wihnachtstid tau ‘m Besäuk in Vaders Hus’ was, dunn was ick so heimlich mit min Geschenk, dat sülwst min Unkel Matthies nicks dorvon tau weiten kreg. – Grad’ aewerst, as ick dat inpacken ded un mihr Sigellack un Bindfaden un Poppir dortau brukte, as de ganze Bettel wirth was, dunn kamm hei doraewer tau un frog: "Wat hest dor?" – Aewer ick kunn swigen un säd: "Oh, nicks nich!" – "Nicks nich?" frog hei. "Ick seih doch, dat Du dor wat hest." – "Dat brukst Du nich tau weiten," segg ick. – "Is dat ‘ne Antwurt för Dinen Unkel?" un – swabb! – Hadd ick eins an den Hals. – Na, nu brus’te ick denn nich för de lang’ Wil’ tau Höcht, denn ick was en Tertianer un ick frog em, ob hei woll wüßt, dat ick en Tertianer wir? – "Leider Gotts," säd hei, "weit ick, dat Du man noch en sihr dummen Jung’ büst; aewer wenn Du ok de Öbberst von de ganze Schaul wirst, twischen uns Beiden will’n wi ‘t man in den ollen Verfat laten." – Na, ick gruns’te mi denn nu un bos’te mi denn nu, denn ut so ‘n föfteihnjöhrigen Slüngel steckt de Bös’ sin Hürn’ all verdeuwelt spitz herut; doch min Unkel was en Mann, bi den was en gauden Spaß woll anbröcht; aewer in Irnst was mit em slicht Kirscheneten, un ick treckte der Hürn’ wedder in. –"Na," frog hei ruhig wedder, "wat hest Du denn?" "Unkel," säd ick, "dat segg ick nich; ick will min Mutter dormit aewerraschen, un will ehr ‘ne heimliche Freud’ dormit maken." – "So," seggt min Unkel’ "also willst sei aewerraschen? – Na, denn lat Di seggen, ick bün in minen Lewen wat Ihrlichs aewerrascht worden, un all de Aewerraschungen gew ick för ‘ne Pip Toback, un ut de heimlichen Freuden, min Saehn, de annere Lüd’ uns maken, dor warden männigmal apenbore Leiden, tau ‘m wenigsten vel Verdreitlichkeit un Argerlichkeit. – Wat heww ick nich mit Tanten Schaening för Elend hatt; ick weit, dat sei kein Dos’ hett un ümmer ut de Tüt snüwwt, un so wull ick ehr denn verleden Sommermark ‘ne heimliche Freud’ maken un schenkte ehr ‘ne schöne Snuwtobacksdos’; aewer de Freud’ bekamm mi slicht, denn sei smet mi dat Ding an den Kopp un säd, ick wir en ollen utverschamten Husorenspitzbauw’. Un denn, min Saehn, wat was dat för ‘ne schöne Aewerraschung, as vergangen Johr de grote Utspelung för de Armen hir was, un ick dat Spinnrad gewunn, un Din Mutter de schöne Pudelmütz mit den gollen Quast, un Fru Boldten de Ridhosen, un de Herr Paster de lütte Dreihörgel." – "Ja, Unkel," segg ick, "tau Wihnachten is jo dat doch na einmal Mod’, un dor kaenen doch ok so ‘ne Verdreitlichkeiten un Verdreihtheiten nich vörkamen." – "Verlat Di dor nich up!" seggt hei. "Sett Di dal! – de Nutzanwenning hest Du all vörweg kregen, nu will ick Di ok de Geschicht vertellen." As ick vör Johren mal ‘ne Tidlang in Parchen wahnen ded, dunn lewte Herr Rathsherr Zarnekow in Güstrow noch mit sin Fru un sin Dochter un hadd ok sin Swägerin bi sick. Na, de drei Frugenslüd’ führten alle Morgen, de Gott in ‘n Himmel warden let, twischen elben un twölwen spaziren up so ‘n lütten Jagdwagen langs mit ‘ne Wust. Vörn up den lütten Buck, de afschraben warden kunn, satt de Kutscher, de Fru Rathsherrn un de Swägerin seten hinnen up de Bänk, un de Dochter red up de Wust. – Eins Dags – ‘t was nich lang’ vör Wihnachten – kamm de Kutscher ‘rin: "Herr Rathsherr," säd hei, "sei hewwen uns dese Nacht unsen Buck von den Wagen stahlen." Na, de Herr Rathsherr Zarnekow, de schull denn nu un gung in de Stuw ‘rüm un argert sick. Grad’ as hei dit Geschäft nah Kräften besorgen deiht, führt sin Swager, de Herr Rathsherr Darjus ut Parchen, vör de Dör vör. Tau de dunnmaligen Tiden höllen de Parchenschen sihr up Rathsherrn von verstännige Johren, bi de de grise Esel all ‘rut was, un blot den Herrn Rathsherrn Darjus würden noch allerlei lustige Streich nahsein, denn hei was noch Supernumeror. Dit was hei nu frilich all dreiuntwintig Johr lang west un hadd nu ok mit de Wil’ von de Schelmenstück laten künnt; aewer hei dacht ok so: "wer giwwt mi wat dorför? Ümsüs möt ick doch Rathsherr spelen’ wotau sall ick mi mit ihrwürdige Gedanken min glattes Gesicht verschampfiren?" un makt denn noch ümmer tau af un an so ‘n lütten Witz up anner Lüd’ Kosten. Ick hadd dat aewer Keinen raden wullt, up sine Kosten en slichten Witz tau maken, denn denn kihrte hei den Herrn Rathsherrn nah buten ‘rut, un wat em an Ihrwürdigkeit afgung, dat makte sine Kraetigkeit wedder gaud. As de Herr Rathsherr Darjus nah de Stuw ‘rinner kamm, was hei sihr lustig von wegen dat Wedderseihn, un de Herr Rathsherr Zarnekow sihr verdreitlich von wegen den Buck; un as de Frugenslüd’ nu dortau kemen, dunn was dat halw ‘ne Freud’ von wegen dat Wedderseihn von den Brauder un halwen Leid von wegen dat Nichwedderseihn von den Buck. De Spazirfohrten müßten instellt warden, de Kutscher kunn jo nich sitten, denn dat hei mit de Dochter tausamen up de Wust red, dat paßte sick doch nich. – Doraewer würd denn nu ‘ne Tidlang hen un her judizirt, un tauletzt besegen sei sick All dat Flag, wo de Buck seten hadd, un de Herr Rathsherr Darjus besach sick dat ganz genau un dachte so bi sick: "Dat wir en schön Geschenk för Din Swester tau Wihnachten!" Hei müßt so as so nah Rostock wegen sinen groten Prozeß un kunn denn de Buckangelegenheit dor glik mit besorgen. Den Abend nah dat Abendbrod redten de Güstrowsche Rathsherr un de Parchensche Rathsherr denn sihr stark in städtischen Angelegenheiten, wo sei in Güstrow dat bi dat Sprüttenprobiren höllen un in Parchen bi dat Bullenstöten, wo oft de Straten fegt warden müßten, un in wecke Wis’ de wollöbliche Magistrat sick dorinner tau leggen hadd. De Herr Rathsherr Darjus was aewerst sinen Swager in ‘t Diskuriren sihr aewerlegen, denn as Supernumerorius hadd hei noch vele schöne nige Ideen, de den Herrn Rathsherrn Zarnekow bi de alljährliche Gehaltsinnam’ Stück för Stück allmählich afhannen kamen wiren. Un as sei dit Allens tau ‘m Nutzen von de Vödderstadt Güstrow un de Vödderstadt Parchen dörchspraken hadden, gungen sei tau Bedd un slepen den Slap der Gerechten. "Ick för min Part," säd min Unkel Matthies un rew sick den Kopp, as süllen dor binnen ok Ideen jung warden, "ick kann nich ümhen, de Frag’ uptausmiten: Worüm, wenn de Herrn Burmeisters alle Johr ehren Polizei= un Brand=Konvent hollen, saelen de Herrn Rathsherrn nich ok einen Sprütten= un Bullen= Konvent hollen? Natürlich up Stadtkosten. Denn dat steiht fast, sörre de Tid, dat unsre beiden Herrn sick richtig bespraken hewwen, warden de Sprütten in Güstrow un Parchen ümmer vör dat Füer probirt: un de Nutzen von dese Inrichtung liggt up de Hand." Herr Rathsherr Darjus führte also nah Rostock, un nah fiw, söß Dagen kamm hei wedder taurügg un hadd, ne grote Kist hinnen up den Wagen, un sin Swager Zarnekow fröggt: "Wat is in de grote Kist?" – Den Herrn Rathsherrn Darjus prickelte aewer de Hawer un de Supernumerorius sleiht em in den Nacken un hei denkt: Sallst en lütten Witz maken! Un seggt also: "Je, denk Di mal! In Rostock was en Kirl mit wille Dir un hadd ok ‘ne Gir=Aff, un dat Dirt müßt em dor krepiren, un wil ick weit, dat ick unsern Schauldirekter dor ‘ne Freud mit mak, heww ick em de Knaken un dat Fell mitbröcht, denn de Mann geiht dormit üm, för unsere grote Schaul en Naturalienkabinet antauleggen, un so ‘ne Gir=Aff, dücht mi, wir doch en schönen Anfang." Un hei denkt bi sick: Wat ward dat för ‘ne Aewerraschung warden, wenn sei nu ut Niglichkeit de Kist upmaken, üm de Gir=Aff tau beseihn, un sei finnen den Buck. Aewer de Herr Rathsherr Zarnekow un sin Frugenslüd’ wiren nich niglich up Gir=Affen, un as an den annern Morgen Herr Rathsherr Darjus afreist is un mit Flit de Kist dor vergeten hett, geiht sin Swager Zarnekow aewer de Del’ un süht de Kist mit de Gir=Aff un seggt: "Gottsdausend! Dor hett Darjus sin Gir=Aff vergeten! – Fik! Lop, rüm un säuk Frachtgelegenheit nah Parchen!" De findt sick denn ok bald, un Herr Rathsherr Zarnekow seggt tau den Fuhrmann: "En Breif is wider nich nödig. Grüßens S’ man velmal, un ick schickt em hir sin Gir=Aff." De Fuhrmann führt in Parchen vör de Dör von den Herrn Rathsherrn, un as hei de Kist von den Wagen laden ward, steiht oll Goldsmid Bohn vör de Dör un fröggt: "Wat is in de Kist?" – "‘Ne Gir=Aff," seggt de Fuhrmann. Un Goldsmid Bohn vertellt dat an Jud’ Freudenthalen, un Jud’ Freudenthal an Brenner Staudy’n, un Brenner Staudy an Bäcker Hilgendörpen, un ‘t wohrt kein Stunn’, dunn weit dat de ganze Stadt: "Herr Rathsherr Darjus hett sick ‘ne Gir=Aff anschafft." Während deß kümmt denn nu de Rathsherr Darjus ut den Rath taurügg, un as hei in sin Strat ‘rin kümmt, steiht oll Jochen Hilgendörp in de Dör un seggt: "Gu’n Morrn, Herr Rathsherr, Ehr Gir=Ap is ok ankamen." – "Wat Deuwel!" denkt de Rathsherr, un as hei nah sinen Hus ‘ran kümmt, seggt oll Goldsmid Bohn: "Herr Rathsherr, wenn Sei den Gir=Apen ‘rut laten ut den Kasten, wisen S’ mi dat Beist ok mal." – Den Herrn Ratsherrn schütt dat Blatt bi dese Red’, un as hei up de Del’ kümmt – richtig! – Dor steiht sin Gir=Affen=Kist. "So ‘n Daesbartel von Swager!" röppt hei. "Ick will em ‘ne heimliche Freud’ maken, un hei makt mi hir tau ‘m öffentlichen Skandal vör de Lüd’. – Schafft mi de verdammte Kist ut den Hus’" De Fru Rathsherrn Darjussen schickt nu also bi de Koplüd’ in de Stadt ‘rüm, wat sei kein Frachtgelegenheit nah Güstrow un nah Rostock wüßten; sei hadd ‘ne Kist nah Güstrow tau schicken un ‘ne Partie leddige Win=Ankers nah Rostock. Ehr Dirn kümmt denn ok bald taurügg un seggt: "‘Ne Empfehlung von Herrn Kopmann Zichuriussen, un Fuhrmann Snakenborg führt morgen früh aewer Güstrow nah Rostock, un de Fru Rathsherrn süll em man de Saken henschicken, hei wull ‘t woll besorgen." Un dat schüht denn ok, un as de Frachtfuhrmann den annern Morgen führen will, seggt de Kopmann Zichurius: "Na, un de Kist von de Fru Rathsherrn..." – "Ja," lacht de Fuhrmann, "de Kist mit den Gir=Apen! Ick weit – ick weit! Ick heww mit de Fru Rathsherrn sülwsten redt. – En snaksches Stück, Herr Zichurius!" – "Na, denn weiten Sei jo Bescheid," seggt de Kopmann, un de Fuhrmann führt los. De Herr Rathsherr würd denn nu en beten stark mit sinen Gir=Apen brüdt, un sine leiwe Fru hadd en beten vel von sine Verdreitlichkeit tau liden; aewer nah en drei, vir Dag’ gaww sick dat denn ok, un de Fru Rathsherrn sitt eines Nahmiddags recht still taufreden bi ehren Koffe un seggt tau sick: "Gott sei Dank, dat de verdammte Geschicht ut de Welt is!" dunn geiht de Dör up un de Postbad’ bringt twei Breif’, einen an den Herrn Rathsherrn un einen an de Fru Rathsherrn, beid’ ut Rostock. – De Fru Rathsherrn breckt ehren up, un as sei les’t, sacken ehr de Arm an den Liw’ hendal un sei röppt: "Himmlischer Vater! Wat ‘s dit?" – Sei les’t un les’t, aewer ümmer dat sülwige: de Winhändler Ahlers in Rostock schriwwt ehr, de Anker wiren richtig ankamen; aewer ok ‘ne Kist, worin nah Utsag’ von den Fuhrman en Gir=Ap in sitten süll, un hei frog nu an, wat mit den warden süll. Grad’ as sei in ehre Vertwiwlung in de Stuw’ up un dal gung, kamm ick – Din Unkel Matthies – ‘rinner, un sei stellte sick vör mi hen un säd: "Unkel Matthies" – denn jedwerein unkelt mi dunn all – "wo geiht mi dit! Wo geiht mi dit! – Weiten Sei, wo de ßackermentsche Gir=Aff nu is?" "In Güstrow," segg ick. – "Ne, in Rostock," seggt sei un vertellt mi de ganze Geschicht utführlich un seggt: wenn ehr Mann dit Stück nu wedder tau weiten kreg’, denn würd hei jo woll wild, un sei hadd keine ruhige Stunn’. Un dorbi fung sei bitterlich an tau rohren. Ick natürlich müßt mi afwennen, denn mi kamm dat Lachen an, fat’t mi aewerst bald christlich un tröst’t sei un säd: "Laten S’ dat man sin! Wi krigen dat mit de Gir=Aff endlich doch tau Schick. Morgen möt ick nah Rostock, un wenn Sei mi dat Tauvertrugen schenken," segg ick, "denn besorg’ ick de daemliche Gir=Aff richtig an den Herrn Rathsherrn Zarnekow, wenn ick aewer Güstrow taurügg kam. Hüt is Dingsdag, un den Fridag hewwen wi heilig Abend, denn kümmt sei grad’ noch tau rechter Tid an." – Na, sei freut sick denn nu wedder un bedankt sick; dunn kümmt de Herr Rathsherr Darjus, rin un seggt: "Gu’n Abend," un sei plinkt mi ümmer tau, dat ick bi Leiw’ nicks seggen sall, un giwwt em den Breif ut Rostock. Hei les’t den Breif, un as hei ‘n lesen hett, smit hei ‘n verdreitlich up den Disch un seggt: "Hal de Kukuk den Prozeß! Nu möt ick morgen wedder nah Rostock!" – "Dat paßt sick schön," segg ick, "ick möt morgen ok hen, denn reisen wi tausam." – Dat ward denn ok afspraken, un den annern Morgen tidig sitten wi up den Wagen un führen nah Rostock. As wi nah Güstrow kamen, segg ick: "Willen Sei nich’ währenddeß Middag faudert ward, en beten nah Ehren Herrn Swager gahn?" – "Ne," seggt de Herr Rathsherr un ward falsch, "min Swager is en Daesbartel’ un sin Frugenslüd’ sünd nich anners. Wildeß ick ehr ‘ne heimliche Freud’ maken will, maken sei mi tau de Uhl von de ganze Welt." – "Haha!" segg ick, "wegen de Gir=Aff." – "Hollen S’ Ehr Mul!" seggt hei. "Ick will nicks mihr dorvon weiten. Min Swager hett de Kist nu’ un utlachen will ick mi nich von em laten." Wi kamen also nah Rostock un stigen in de Sünn af un krigen twei Stuwen neben einanner; ick Nummer 8 un hei Nummer 9; un as ick min beten Packeneelken ‘ruppe besorgt heww’ denk ick: sallst man glik din Gäng’ begahn, un gah vör Allen nah den Winhändler Ahlers. "Gu’n Dag," segg ick, "Ahlers" – denn wi kennten uns – "Sei hewwen jo woll ‘ne Kist von de Fru Rathsherrn Darjussen ut Parchen kregen?" – "Ja," seggt hei un lacht, "wo de Gir=Ap in is." – "Richtig," segg ick. "Schicken S’ mi de doch morgen früh nah de Sünn, ick logir up Nummer 8." – "Schön," seggt hei, "aewer wenn dat Beist lebennig west is, denn ward dat nu woll dod sin, denn faudert hewwen wi ‘t nich." – "T’ is ok egal," segg ick nu un gah. As ick nu des Abends späd nah min Quartir taurügg kam, will ick up min Stuw’ gahn’ dunn seggt de Kellner: "Ne, hir! Sei slapen up Nummer negen. Den Herrn Rathsherrn was sin Bedd tau kort, un hei hett mit Sei tuscht." – "Ja" segg ick un denk ok an wider nicks Böses, "wat lang is hei," un gah tau Bedd un slap bet den annern Morgen. Ick sitt nu all up un drink minen Koffe, dunn hür ick neben an un up den Vörplatz einen gruglichen Larm, un as ick ut Niglichkeit ut min Dör kik, dunn springt de Herr Rathsherr Darjus dor buten herüm in ‘n blanken Hemd un schimpt un schandirt un schümt vör Wuth, un twei Arbeitslüd’ stahn bi ‘ne hartliche Kist un dreihen ehr Mütz un kratzen sick in den Kopp. – "Wat is ‘e?" frag ick. – "Der verfluchte Gir=Aff!" röppt de Herr Rathsherr un springt in sin Stuw’ taurügg un smitt de Dör in dat Slott, dat Hus bewert. Ick wink nu de Arbeitslüd’ mit de Kist in min Stuw’ herin, lat sei bi dat Bedd setten un smit de Bedd’deck doraewer. Dat wohrt denn nu ok nich alltaulang’, dunn kümmt de Herr Rathsherr nah mi ‘rüm un sett’t sick ganz unschüllig up sin Gir=Affen=Kist un schandirt up de Lüd’ un schellt up de Welt: dat wir en afkort’t Spill, un hei kennt sin gauden Frünn’ in Parchen ganz genau, de hadden em dit hir anricht’t, hei wull ‘t ehr aewer gedenken. – "Wo hewwen Sei de Kist denn hen beordert?" frag ick. – "In de Warnow, heww ick tau de Kirls seggt, saelen sei sei smiten!" röppt hei. – "Na, denn gewen S’ sick taufreden!" segg ick, "denn ward sei dor nu ok woll liggen." Wi reden nu von uns’ Reis’ un dat wi morgen vör Dau un Dag’ afreisen müßten, denn de Weg’ wiren bi dat Däuweder gor tau slicht worden, un as ick mark, dat hei gahn will, segg ick – denn de Gir=Aff=Geschicht kettelt mi doch hellschen: – "Herr Rathsherr," segg ick, "setten S’ sick hir leiwerst up en Staul, Sei künnen den Deckel von de Kist insitten." – "Wat för ‘ne Kist?" frog hei un fohrt tau Höcht, as hadd em ‘ne Adder steten. – "Oh," segg ick’ "Ehr Gir=Affen=Kist," un namm de Deck ‘run un mag jo woll ok en beten dorbi lacht hewwen. – En Tidlang stunn hei dor un sach ut as en Bull, wenn em en roden Dauk vör de Ogen hollen ward, denn kek hei mi an, denn kek hei de Kist an, un ick denk all: nu fohrt hei di in de Hor! Dunn spuckt hei ‘n pormal kort vör sick hen un stödd mit den Bein nah de Kist: "Verfluchte Gir=Affen=Trödel!" un ‘rut was hei ut de Dör. Den ganzen Dag aewer gung hei nu üm mi ‘rüm as de Katt üm den heiten Bri un wohrschugt mi ümmer so von Firn’, un wenn ick em taufällig ankek, denn kek hei bi Sid’ dat ick tau mi seggen müßt: "Na, wo dit woll möt? Hei führt am Enn’ morgen gor nich mit di." Uterdem hadd ick jo ok de Fru Rathsherrn verspraken, de Kist nah Güstrow mit tau nemen, un wenn hei tau weiten kreg, dat sei mit em up den sülwigen Wagen wir, aewer nich lang’ duren. Knapp was hei so recht warm un behaglich worden, dunn kamm de Herr Rathsherr Zarnekow up em los, läd em so recht fründlich de Hand up de Schuller un frog: "Na, min leiw’ Swager, hest Du denn ok Din Gir=Affen=Kist richtig kregen?" – De Herr Rathsherr Darjus kek em so unseker in de Ogen, wo dit woll meint wir, un denn kek hei mi an, wat ick woll lachte; aewer, as hei sach, dat sin Swager ganz ihrlich dorbi utsach, un ick ganz unschüllig, denn ick verbet mi dat Lachen, dunn säd hei kort weg: "Ja, ja! Un ‘t is all in Richtigkeit!" – Nu kemen aewer de Frugenslüd’ un frogen, ob sick de Schauldirekter sihr freut hadd? Un ob dat Beist all utstoppt wir? Un wo grot dat Kreatur wesen ded? Un deden de Herrn Rathsherrn Judas=Matern an, un de rückte up sinen Staul hen un her un säd blot "Ja" un "Ne" un plückt de Fidibussen in lütte Enns un streut sei giftig üm sick ‘rüm in de Stuw’ Aewer bald hürten all de Verdreitlichkeiten up, denn dat Bescheren gung los! De Fru Rathsherrn kreg en swart siden Kled, stiw von Sid’, dat dat binah in de Eck stellt warden kunn, un de Herr Rathsherr kreg en Slaprock, dormit hei mit sinen Slap doch nich allein up de Rathstuw’ anwesen wir un de Swägerin kreg en halwen Stuartkragen – de anner Hälft was noch nich farig – un drüddhalw Por Strümp – an den einen knütt’te de Dochter noch – un en Neidisch, woran noch de Bein un dat Babengestell fehlen ded. De Dochter œwer, de kreg so vel, dat gaud twei Döchter von baben bet unnen dormit utstaffirt warden künnen. Dorup kamm ‘ne grote Bowl’ Punsch in de Stuw’ un Kauken un Nœt un Appeln, un nu würd de Herrlichkeit irst recht. De Herr Rathsherr Zarnekow gung in de Stuw ‘rüm un putzte de Lichter un brummte allerlei lustige Lieder mang de Tähn un plinkte mi tau un lachte un flusterte "Dit is man de Vörsmack dat Best kümmt irst nah; Ick Heww för min Frugenslüd’ noch ‘ne lustige Aewerraschung." De Fru Rathsherrn bögte sick nah mi dal un säd: "Seihn S’ mal, wat Zarnekow lustig is, œwer wat ward hei irst nahsten springen? Wi œwerraschen em nämlich mit ‘ne Julklapp." Na, ‘t wohrt denn ok nich lang’, dunn gung de Aewerraschung los. "Julklapp!" rep Einer nah de Dör ‘rinner un schow en grotes in Linnen packt Packet in de Stuw ‘rin. An den Herrn Rathsherrn was dat adressirt; hei makt dat also ok up, un wat kamm ‘rut? – En nigen Kutschenbuck. In de Irst makte de Herr Rathsherr so ‘n ungewiß Gesicht un kek de Frugenslüd’ an as de Kauh dat nige Dur, doch mit de Wil’ föllt em wat in, un hei säd tau sick: "Kik dat Rackertüg! Sei hewwen min Present utspionirt un nu bedrüppeln sei mi mit min eigen Fett. – De Spaß is nett," sett’t hei lud’ hentau un lacht un fröggt: "Na, freut Ji Jug denn?" – Sin Frugenslüd lachten denn ok, un sin Swägerin frog: "Zarnekow, dor hest Du doch woll nich an dacht?" – "An dacht? Ick nich an dacht? Na, wer hett dor denn an dacht? Ick dacht so – dacht ick...." – "Je," seggt sei, "un wi dachten, Du haddst dor gor nich an dacht, un ‘t süll för Di ‘ne Aewerraschung sin, dachten wi." – "För mi?" fröggt de Herr Rathsherr ganz verstutzt. – "Ja, för Di," seggt sin leiw, Fru. – "Dit is am Enn’...." seggt de Dochter. – "Julklapp!" röppt wedder Einer in de Dör un schüwwt eben so ‘n Packet ‘rinner ‘an de Fru Rathsherrn!’ un wat is ‘t? – En nigen Buck. De Herr Rathsherr Zarnekow kek fin Frugenslüd’ an un nahsten mi un nahsten sinen Swager Darjus un schöw sick De Slapmütz achter aewer un säd endlich: "Na, twei Bück! Dat kann sick helpen!" – "Twei Bück!" rep sin leiw’ Fru un slog de Hänn’ in enanner un säd: "Leiwer Gott! Zarnekow, wi dachten...." – "Ja," seggt hei, "un ick dacht ok...." un nu fungen sei en Jeder an, sick tau verdeffendiren, un ut dat Verdeffendiren würden apenbore Verdreitlichkeiten. Blot de Herr Rathsherr Darjus, de lacht so heimlich vör sick hen un bückt sick nah mi ‘ran un seggt: "Gott sei dusendmal Dank, dat min insamte Kist up Reisen is – de Kukuk mag weiten, wo – wenn de hüt Abend noch ankamen wir, denn wir de Sak vullstännig." – "Julklapp!" röppt dat up de Del’. – "So," segg ick tau mi, "Unglück, nu gah Dinen Gang!" denn ick kennte Jochen sin Stimm. De Dör geiht up, un mine swarte Kist kümmt ‘rin mit de Upschrift: ‘An den Herrn Rathsherrn un de Fru Rathsherrn Zarnekow; denn de hadd ick vörher dorup backt. Knapp hadd de Herr Rathsherr Darjus de swarte Kist seihn, as hei ok upsprung un üm de Kist ‘rümgahn würd; hei kek de Kist an, as wir em nich gaud tau Maud’, as hadd hei Tähnweihdag’, un ut de kist süll dat Handwarksgeschirr tau ‘m Tähnuttrecken utpackt warden; hei kek de Kist an, as wull hei mit sine Ogen den Düwel dod slahn, wenn de dorin set. "Dit is jo woll....?" säd hei un kek mi dorbi an, as hadd hei Prenzlow verraden, "dit is jo woll...?" – "An mi un min Fru adressirt," säd Rathsherr Zarnekow un sned dat swarte Waßlinnen ‘runne. Aewer knapp kamm de nakte Kist mit de Teiken tau ‘m Vörschin, as de Herr Rathsherr Darjus den Herrn Rathsherrn Zarnekow bi de Sid stödd un sick – baff! – Up den Kistendeckel sett’t un de Rockslippen d’raewer deckt. – "‘T is en Irrthum!" schregs hei, "‘t is en Irrthum! Hir ‘s en Sadel in för Schregeln aus Möderitz." – "Ne!" säd de Herr Rathsherr Zarnekow, "ne!" säd de Fru Rathsherrn, "ne!" säden de beiden annern Frugenslüd’, un "ne!" säd ick ok, "hei will blot Spaß maken!" – Nu würd hei denn mit Lachen von de Kist tau Höchten treckt, un as nu de Teikens von de Kist tau ‘m Vörschin kemen, dunn röppt de Herr Rathsherr Zarnekow: "Meines Lebens! Darjus, dit is jo Din Gir=Affen=Kist!" – "Verfluchte Kist!" rep de Herr Rathsherr. "Lat’t mi ‘rut! Lat’t mi ‘rut! Ick will nah Hus!" Aewer twischen em un de Dör stunnen de Frugenslüd’ un redten un deden: wenn dat ok ‘rutkamen wir, dat dat Present von em kem’, so wir jo dat doch ‘ne Aewerraschung för sei, denn ‘t wüßt jo noch Keiner, wat dorin wir. – De Herr Rathsherr Darjus smet sick in stille Wuth in de Sofaeck un lachte ingrimmig aewer dat ganze Gesicht un rep: "Schön! Schön! Na, denn lat’t Jug aewerraschen! Ick heww von de Orts nu naug; un Sei," dreiht hei sick nah mi ‘rüm, "Sei kaenen morgen allein führen! Keinen Schritt führ ick wider mit Sei!" De Kist was nu apen makt, un herut kamm? – En nigen Buck. – Leiwer Gott! Wo sach de Herr Rathsherr Zarnekow ut, un wo sach sine leiwe Famili ut! De Herr Rathsherr Darjus was nu aewer in ‘ne giftige Lust geraden un lachte ut vullen Hals’: "Süh so, Zarnekow, Du Daesbartel! Du hest mi mit Din Kisten=nahschicken tau de Uhl von ganz Parchen makt; nu hest Du de Gir=Aff! Süh so, Zarnekow, wenn ‘t kümmt, denn kümmt ‘t mit Hupen! Süh so, Zarnekow, nu will’n wi sei alle drei in eine Reih stellen, dat Ji doch de Bescherung aewerseihn kaent. Süh so, Zarnekow, nu fehlt man noch ein, denn hett Jeder von Jug sinen eignen Privat=Buck." Aewer blaß vör Schreck würd hei utseihn, as be Dör upgung. Den Herrn Rathsherrn Zarnekow sin Kutscher Friedrich kamm ‘rin un hadd wat up be Schuller un säd: "Herr Rathsherr, ick wull Sei doch hüt Abend tau ‘m heiligen Christ ok ‘ne heimliche Freud’ maken, uns’ oll Buck hett sick wedder anfunnen. Hir is ‘e!" Un dormit sett’te hei den virten Buck in de Stuw’ ‘rinner. Un nu, min Saehn, "sett’te min Unkel Matthies hentau, as hei dese Geschicht vertellt hadd, "nu hest Du nahgradens woll naug heimliche Freuden un Aeweraschungen, nu säuk Di dor ein’ von ‘t beste Enn ut, un denn wis’ mi doch nu mal, wat Du Din Mutter för ‘ne Aewerraschung maken willst?" – Ick pack denn nu min Packet utenanner, un wat kamm herut? – ‘Ne Brill.-"Süh!" säd hei, "‘ne Brill? Wo kümmst Du dorup?" – "Je," säd ick, "as wi nilich Abends all so üm den Disch ‘rümseten, dunn wull Mutting ‘ne Neihnadel infädeln, un dat wull nich recht gahn, dunn würd sei verdreitlich un säd: Ick möt mi noch schir ‘ne Brill anschaffen; un dat markte ick mi." – "Na, denn kumm mit!" säd min Unkel un rep min Swester Lisette un frog: "Lisette, wat schenkst Du Muttern?" – "Möst nich wedderseggen, Unkel" säd sei, "‘ne Brill." – "Un Du, August?" – August was dunn so ‘n rechten dicken Blösser un stamert en beten, un wenn hei in Verlegenheit kamm, denn kunn hei kein Wurt ‘rutbringen; aewer singen kunn hei, un dorüm hadd Unkel Matthies dat bi em inführt, dat hei in so ‘ne Ümstänn’ sin Antwurt singen müßt. –August makte nu also en breid Gesicht un fung an tau stamern. – "Sing’, Jung’!" säd Unkel Matthies, un August sung denn mit schöne helle Stimm nah de Melodi von den Jumfernkranz: "Ick schenk min Mutting ok ‘ne Brill – Veilchenblaue Sei-i-de." "Schön, min Saehn," säd Unkel Matthies un dreiht sick nah mi üm: "Wat seggst Du nu?" – Ick säd nicks. – "Nich wohr?" säd hei, "Din Mutting hadd sick aewer de drei Brillen woll mihr argert as freut, un wenn sei nich so ‘ne verstännige Fru wir, hadd sei maeglich dorin ‘ne Spitz finnen künnt. Kumm hir mal her!" sett’te hei hentau un gung an ‘t Finster ‘ran, "wat liggt dor up de Strat?" – "Snei" säd ick "‘t is jo Winter." –"Richtig!" säd hei, un de Snei un de Winter warden vergahn, un dat Frühjohr ward herantrecken, aewer nich mit einen Slag, ne, allmählich: un so geiht dat mit den Sommer un den Harwst, bet de Winter wedder anrückt dat ganze Johr dörch; un aewerascht uns uns’ Herrgott mal bi Winterstid mit warm, weik Weder, oder bi Sommerdagen mit en kollen, sturren Nordostwind, denn krigen Ji Gören den Snuppen, un wi Ollen verküllen uns bet up den Dod. Doch dat deiht uns’ Herrgott, un hei weit, wo tau dat gaud is; wenn wi Mischenwörm aewer em dat nahmaken willen, denn maken wi Dummheiten un stellen abellsches Tüg an – Freud’ un Leid, wenn s’ uns œwer den Hals kamen, sünd en tweisnidig Swert, un ‘t hürt en fasten Kopp un en fastes Hart dortau, sei von uns aftauwehren, dat s’ uns nich in den Grund stöten. – Ja, min Saehn, ok de Freud’, wenn sei unverhofft kümmt, hett ümmer en Bismack; is sei lütt, von Verdreitlichkeit un Verlegenheit, is sei grot, von taukünftiges Unglück – Kik den Möllergesellen an, de eben den Schepel Weitenmehl nah dat Hus rinner bringt, wenn de hüt dat grote Loß gewinnt, is hei för sin Lewenstid de unglücklichste Minsch, un wenn morgen de König von Preußen uns’ Koelsch frigt – wat sei sick maeglich inbilden mag, denn dat dumme Kreatur les’t in Romanenbäuker – denn ward sei as Königin de Spektakel för ‘t ganze Land, denn sei is ‘ne oll Zanzel un bliwwt ne oll Zanzel un is nich mal as Kaeksch taubruken. – Jeder verstännige un erfohrne Landmann seggt, dat gesegnetste un rikste Johr is dat, wat sinen ruhigen un richtigen Verlop hett, un ick segg Di, dat glücklichste Minschenlewen is dat, wat so vel as maeglich von Aewerraschungen fri bliwwt." – Un dormit dreiht hei sick üm, un sin oll lustig Gesicht was trurig worden. Nu weit ick, dat hei Recht hadd, dunn wull ick ‘t em noch nich tau glöwen; aewer behollen heww ick sin Würd’, un einen Nutzen hewwen sei för mi hadd: ick heww meindag’ nich in de Lotteri spelt. Abenteuer des Entspekter Bräsig, bürtig aus Meckelborg=Schwerin, von ihm selbst erzählt. Hochgeehrtester Gönner und Freund! Besinnen Sie sich wohl noch auf mir und auf dem Anfange unserer edelmüthigen Freundschaft? — Es war auf dem Sommermark zu Wahren vor ein Jahrener zwanzig. — Ich habe meinen mir zugeschworenen Antheil unserer Freundschaft redlich gehalten, indem ich Ihnen Beweise davon in Worten und auch in Substanzen zukommen ließ. Ich that dies ohne Eigennützlichkeit, und dabei hätt’s denn auch sein Bewenden gehabt; aber die Schlechtigkeit und die Hinterlistigkeit und die Heimtückschichkeit miserabler Mitmenschen zwingen mir dazu, Ihnen um Hülfe in meinen Nöthen anzurufen. Und worum? — Stefanen von Mederitz und mir haben sie in unserer Gegend höllischen auf den Zug gekriegt mit allerlei spitzfindigen Redensarten un Foppereien; Steffanen mit seine Rambulljetts aus die Lüneburger Haide und mir wegen eine daemliche Judengeschichte, wo ich so unschüllig an bin, wie eine Neugeburt. Dies mir betreffende Letztere soll sich von einen dummen Schnack von einem Gewissen herstammen, der mit gedruckte Lügen die Leute unter die Augen geht, und der auf der offenbaren Kegelbahnen erzählt haben soll, sie hätten mir in Berlin grün angemalt und mir darnach in den großen Affenkasten in dem zotologischen Garten gesetzt. Dieses will ich nicht für mein Voll haben, und wenn ich auch kein Fomilienvater und gekränkter Ehemann bin, so gereichen mir solche ausgestunkene Historien doch zum großen Treff=Coeur, indem daß ich, obschonst ein alter Junggesell, doch noch lange nicht for einen Affen passiren will. Erst wollte ich die Spötter puncto cichuriarum verklagen; es ist mir aber dabei eingefallen, daß dann die Kosten auf jeden reparirt werden möchten, was mich sehr störend wäre, vermöge meiner übrigen vielen Ausgaben diesen Herbst. Und so bin ich denn auf Ihnen verfallen, daß Sie die Geschichte und was daran herumbammeln thut, zu meiner Ehrenrettung drucken werden lassen möchten, wie sie wirklich passirt ist. Die Sache ist nämlich so: Ich bün von meine hochgräfliche Herrschaften aus meinem Verhältniß als praktiver Oekonomiker entlassen, nicht etwa wegen, unbestimmter Geld= oder Korn=Rechnung, sondern wegen der Gicht, oder wie sie auf Hochdeutsch sagen: wegen dem Podagra. Ich habe mir in meinem langjährigen Verhältniß eine Kleinigkeit verdient, auch mit Pferdehandel, und dazu kriege ich eine kleine Pangsionierung und zwölftausend Torf, den ich aber nie kriege; denn worum? Mein Nachfolger als Entspekter wirthschaftet nach einem ökonomischen Kalender, und dies dumme Creatur besagt for den November: ‘schöne Zeit Brennmaterial einzufahren.’ Nun frag’ ich jeden gebildeten Menschen, ob Torf im November noch for Brennmaterial gelten kann? – Sei haben’s auch mal versucht und wollten ihn einfahren, sie mußten ihn aber mit Worpschüppen aufladen von wegen der Nassigkeit. Ich bin also unschuldigerweise aus dem Dienst gekommen, denn for die Gicht kann ich nicht, die hätte ich mir nämlich schon in der Jugend zugelegt, als ich noch Schaaf hütete, denn dazumalen wurden die alten Schnucken schon des Frühjahrs in den ersten Andäu ausgetrieben, was meines Wissens die schönste und paßlichste Witterung for die Gicht ist. Nun is das anders: nu hüten die Schäfer bloß in’s Trockne und in der Warmniß, und die alten Schnucken werden wie Prinzessinnen aufgewartet, sie sagen ja, Steffan will for seine Nambulljetts Regenröck und Unterhosen machen lassen. Es ist möglich, daß sich das lohnt; aber ich muß die Geschichte erzählen; also: Ich steh eins ‘s Morgens vor der Thür und rauch Toback und kuck ins Wetter, denn was soll ein alter, immeritierter Entspekter anders anfangen, da kommt ein Wagen angefahren mit einem Bläßten vor. Ich seh den Bläßten nachdenklich an und sag’ endlich zu mir: Dieser Bläßten muß aus Deiner Bekanntschaft sein. – Das ist am Ende Moses Löwenthaler seiner. Und richtig! die Sache hatte einen Grund, denn Moses Löwenthal saß auf dem Wagen. Als er ‘ran kommt, sagt er: "Gu’n Morgen, Herr Entspekter Bräsig," sagt er; "Gu’n Morgen, Moses Löwenthal," sag’ ich. – "Herr Entspekter," sagt er, "‘s ist mir ‘ne große Ehre, Ihnen schon so zeitig zu treffen, ich hab ‘ne Bitt an Ihnen." – "Wo so?" frag’ ich. – "Es wird Ihnen nicht unbewußt sein," sagt er, "daß heut in Bramborg Wullmarkt is, und wir haben von’s große Haus Meier \& Comp. in Hamborg große Pföste in Kummischon übernommen, und mein Bruder, was sonst in Perdukten macht, und en Wullkenner is, hat’s kalte Fieber, und heute is sein schlimmer Tag." – "Schön," sag’ ich. – "Den Deuwel schön!" sagt er, "denn ich versteh nichts von der Boniteh von der Wull, ich bin for gewöhnlich for die Bücher; und wir sind in der größten Verlegenheit, und wir haben an Ihre Menschenfreundlichkeit gedacht, daß Sie als kenntnißreicher Mann in Wullsachen kommen würden, uns zu helfen bei’s Geschäft." – "So?" sag’ ich und kuck ihm an. "Natürlich," sagt er, "gegen Diäten." – "So?" sag’ ich und kuck ihm noch mal ernstlich an. – "Natürlich," sagt er, "gegen ‘ne Provision; und heut Abend sind wir wieder hier." Und, sehn Sie, so perswadirt mir dieser drehbeinige Judenbengel zu en Stück ausgesuchte Dummheit; ich geh in meine Stube, zieh mich Stiebel an – denn for gewöhnlich geh ich zu Haus’ auf Toffeln – steck Stahl un Stein in die Tasche und setz mich bei das hinterlistige Creatur auf den Wagen und sag’ noch zu ihm: "Heute Abend sind wir also doch wieder zu Hause?" – "Ja woll," sagt er und sieht mir frech dabei an; und ich Unschuldslamm muß den Karrnalljen trauen. Wir fahren abso nach Bramborg. Als wir da ankommen, sagt Moses Löwenthal: "Herr Entspekter, wo is es mit Ihnen, ich for mein Part kehr bei Bäcker Zwippelmannen ein, denn ich bün ümmer da angekehrt." – "Moses," sag’ ich, "thun Sie das. Die Gewohnheit is das halbe Leben; ich habe hier in Bramborg immer im goldenen Knop meine Niederkunft gehalten; ich geh in den goldenen Knop." – "Schön," sagt er, "denn treff ich Ihnen da, wenn ich mich in’s Geschäft einlasse." – Und ich geh. Knappemang daß ich in den goldnen Knop meinen Eintritt nehme, seh ich Christian Knollen un Jochen Knusten un Jehann Krüppeln, die sitzen da un trinken Panchamber, und Knoll, was ein zuvorkommender un höflicher Mann is, ruft, als er mir ansichtig wird: "Unkel Braesig," ruft er, "wo karrt Ihnen der Deuwel hier her? – Markür, ein rein Glas for Unkel Braesigen!" – Na, der bringt denn auch ein Glas und setzt mir en Stuhl hin und sagt höflich: "Prenneh Platz!" – Ich nehme also Antheil an der Sitzung un Knust sagt: "Braesig," sagt er, "seid Ihr hier aus Ver gnügung?" – "Ne," sag’ ich, "ich bin hier aus Diäten," und erzähl ihnen mein Verhältniß mit Moses Löwenthalen. "Markür!" ruft Johann Knüppel, der immer voll plaisirliche Witzen steckt, "noch zwei Pötteljen auf Braesigen sine Diäten." – Na, der bringt sie, und wir geben unsern Affen Zucker und werden fidel wie die Maikäwer um Pfingsten, und Knoll fängt schon an: "So leben wir, so leben wir," da kommt Moses Löwenthal ‘rein: "Herr Entspekter Bräsig, – Diener, meine Herrn! – ‘ne Partie von 200 Centnern..." aber mit seine Anrede konnte er hier natürlich nicht zu Stande kommen, denn Johann Knüppel, der steckte voll allerhand verfluchte Witzen und ging mit ein volles Glas auf ihm los und sagte: "Moses Löwenthal, hol mich dieser oder jener! Ihr seid der nobelste mosaische Glaubensgenosse, der mir aufgestoßen is, und das nächste Jahr kriegt Ihr meine Wolle, nu kommt aber her un trinkt ein Glas Jubb." – Moses Löwenthal is keiner von den Juden mit Kalbfellen und Kuhhörnern und Hammelbeinen, sein Geschäft is Wolle und Rapps und Kleesamen, kauft auch Erbsen, wenn sie gut sind; er wird der ‘raiche’ beigenannt und kriegt alle Augenblick Briefe aus Hamborg und London, er hat Bildung und weiß sich in ‘ner gebildeten ökonomischen Gesellschaft zu benehmen. Sehn Sie, nimmt also richtig das Glas und macht en Diener: "Sangteh, meine Herrn!" und trinkt, Christian Knoll versteht kein Französisch, aber er versteht Spaß und sagt: "Was hier Thee? Moses, dies is das richtige Rappswasser! Hier ein Glas auf Eure Blümchen!" – und Knust trinkt mit ihm auf seine kleine israelitische Nachkommenschaft, und so trinken sie ihm alle auf dem Leibe. Moses Löwenthal hat en guten Kopp for die Bücher; aber man en swachen for geistreiche Getränke; er wird also lustig und noch lustiger und entschlägt sich ganz das Geschäft: "Moses," sag’ ich endlich, "ich bin zwarsten nicht als Vormund von Sie angkaschirt, aber dennoch, wenn wir noch wollen, denn wollen wir jetzt, denn nachher wird’s dunkel in dem Magazin, oder wenigstens wird’s dunkel vor unsen Augen." – "Wahrhaftig, Sie haben Recht," sagt Moses und steht auf und stellt seine an sich schon falsch ein geschrobenen Beine so kreuzweis, daß der größte Kunststückmacher da nicht hätte auf stehen können, verliert natürlich die Blansirrung und setzt sich mit einer Nachdrücklichkeit auf sein System, daß ich denke, dies muß vor die Hunde gehn oder auch der Rohrstuhl. Ich spring’ also zu: "Moses," sag’ ich, "haben Sie sich was verstaucht" Er lächelt mir aber mit ‘ner großen Zutraulichkeit an und sagt mit freundlicher Wehmüthigkeit: "Noch en Bischen warten." – Na die Andern lachen, und Knüppel macht wieder ein paar capitale Witze, und Moses wunkt den Markür und faßt ihn um und sagt: "Bocherleben, noch ein paar Pottelljen von das." – Die werden denn nun auch gebracht und werden consumtirt, da kommt Moses sein Kutscher in die Stube hinein zu stehn und sagt: "Herr Löwenthal, wir müssen nach Haus’, denn ‘s is Schawwesabend, und die Stern’ werden bald am Himmel stehn." – Moses stellt sich wieder auf seine kreuzweisen Beine und fällt wieder retour: "Jochen, noch en Bischen warten." Und ich geh ‘raus mit Jochen und sag’: "Jochen," sag’ ich, "in Ermangelung dessen wär’s wohl am Besten, Du fährst nach Hause und sagst, wir säßen hier zu stark in der Wolle und in’s Geschäft, und wenn wir kämen, kämen wir morgen mit der Post, und von das Andere wird nichts nich gesagt." Jochen verstand mir denn auch gleich, nickköppte mir zu und gung, und mitderweil fuhren auch Knoll und Knust und Knüppel ab, alle in einem fröhlichen Zustand, und Knüppel machte zum Schlußtermin noch den köstlichen Witz, daß er Mosessen mit en Proppen schwarz anmalte, was eigentlich en dummer Witz war, denn Moses war in stillen Schlummer gefallen. Als sie Alle weg sind steh ich mit den Knopwirth vor das Unglücksworm, und wir judiziren mit einander. "Es ist ‘ne christliche Barmherzigkeit," sagt er, "wenn wir ihn zu Bett bringen." – "Ganz diese Meinung," sag’ ich, und wir protokolliren ihn ‘rauf und kriegen ihn richtig zu Bett; aber mit Umständen. Den annern Morgen komme ich zu Mosessen und sag’: "Na, Moses?" – "Herr Entspekter," sagt er, "Ihnen schickt mir der gnädige Gott; sagen Sie mir um Moses Willen, habe ich gestern 200 Centner Wull gekauft?" –"Ne," sag’ ich, "Woll nicht; aber en Affen habt Ihr Euch gekauft" – "Waih geschrie’n!" sagt er, "was thu ich mit en Affen? Aber die ganze Nacht ist mir gewesen zu Sinn, als hab’ ich 200 Centner Wull gekauft und hab’ den Centner mit 5 Thlr zu theuer bezahlt, und im Leibe is mir zu Sinn als wenn mir alle Knochen inzwei sind." – "Moses," sag’ ich, "das kommt von der heftigen Sitzung auf dem Rohrstuhle. Wo kann ein billig denkender Mensch einen bestimmten Theil seines Körpers so abstrappzieren! Das hält auch die gemüthlichste und unschülligste Seele auf die Länge nicht aus. Aber hier ist unsere Rechnung, meine Diäten stehen da mit auf; und Jochen hab’ ich nach Hause fahren lassen." – "Schön," sagt er, "Herr Entspekter," und bezahlt die Rechnung, denn er gehört zu die liberalen Juden und ist neugläubig, "Schön! Aber ohne Wull kann ich nicht nach Hause. Wissen Sie was Neues, wir fahren nach Prenzlau; ich hab’ gestern Brief gekriegt von Moses Freudenthal, der schreibt mir, daß Moses Lilienthal von Moses Braunthal hat Brief gekriegt, daß Moses Hirsethal ‘ne Partie Kammwull hat gekriegt von Moses Rosenthal, und sie lagert in Prenzlau bei Moses Mosenthal." – "Moses Löwenthal," sag ich, "das ist alles recht schön; aber auf ‘ne Reise in’s Preußische bün ich nicht präkawirt, denn ich bün mitgefahren, wie ich ging und stand." – "Haben Sie Gebräuche an Wäsche," sagt er, "ich habe Wäscheartikel genug bei mich. Hier," und, denken Sie sich! perswadirt mir richtig ein reines Kollorett an den Hals und ein paar steife jüdische Vatermörder an die Kinnbacken, und ich fahr mit ihm nach Prenzlau. Als wir in Prenzlau unsere Ankunft gehalten hatten, gehen wir zu Moses Mosenthalen. "Herr Moses Mosenthal," sagt Moses Löwenthal, "mein Name is Moses Löwenthal aus Wahren." – "Ach, nehmen Sie doch en Stuhl!" ruft Moses Mosenthal. "Sie sind doch gewiß en Bruder von dem Reichen." – "Der bün ich selbst," sagt Moses Lömenthal und sieht ihm mit großer Ausdrucksvolligkeit an. – "Ach, nehmen Sie doch zwei Stühle!" ruft Moses Mosenthal und springt vor Höflichkeit in die Stube ‘rum und fährt sich durch dem Haare und zupft an den Vatermördern und zieht schnell ein paar ausrangirte Glacéhandschen an, und ich kriegte auch einen Stuhl, und Moses Mosenthal machte mir auch ‘ne Aufwartung und sagte zu Moses Löwenthalen: "Gewiß ein Herr Onkel von Sie. Ich seh’s an die Aehnlichkeit," sagt er; "so hier herum," und damit zeigt er auf die Gegend, wo mir die jüdischen Vatermörder saßen. Das hatt ich nun von die entsamten Biester, die mir schon unterwegs die Ohrläppken durchgescheuert hatten, daß man mir for einen alten Judenonkel ansah. Ich ärgerte mir also nicht schlecht und gruns’te mir inwendig, und die andern Beiden sprachen über’s Geschäft, und endlich stand Moses Löwenthal auf und sagte: "Nun, wenn die Wull nach Berlin is, denn muß ich auch nach Berlin." Und somit gungen wir. "Moses," sag’ ich, als wir auf der Straße sind, "die Einbildung ist doller als die Pestilenz; und wenn Sie sich einbilden, daß ich in meinen alten Taqen hinter ein paar hundert Centner Woll auf die wilde Gaus’jagd geh, denn schneiden Sie sich, sag’ ich Ihnen, denn ich bin bloß bis Bramborg veraccordirt." – "Herr Entspekter," sagt er, "bedenken Sie, was ‘ne Sache ist. Wo haißt veraccordirt? Sie können’s thun, Sie können’s auch lassen, Sie sind ein freier Mann; aber auf der Eiserbahn ist Berlin ein Rutsch – ein Rutsch hin, ein Rutsch her – und Berlin ist ‘ne metropolitanische Stadt, ist ein Weltkörper, ist ein Kunstwerk in ‘ner Sandwüste, ist ‘ne Idee von Großartigkeit mit Gasbeleuchtung und Momente von Friedrich den Großen und Opernhaus, ist ‘ne königliche Residirung mit die verschiedensten Mysterien – kurz ist en Punkt auf Erden. haben Sie gesehn ‘ne Eiserbahn? Haben Sie gesehn ‘ne Gas= beleuchtung? Haben Sie gesehn en Thiergarten mit wirkliche natürliche Thiere?" "Nein" sag’ ich, "Moses, die Eiserbahnen waren dazumalen zu meiner Zeit noch nicht begänge, von ‘ner Gasbeleuchtung habe ich nur en Schatten von einer dunkeln Vorstellung, und in Hinsicht dessen, was mich von einem Thiergarten vorgekommen ist, so bezieht sich das bloß auf daemliche Dammhirsche, die wie natürliche Ziegen aussehen, aber dennoch" – "Herr Entspekter, lassen Se, lassen Se! Was kost’t ‘s Ihnen?" ruft Moses. "Die Diäten bezahl ich." Und sehn Sie! so perswadirt mir dieser Zackermenter von Perduktenhändler in den Postwagen hinein, und wir fahren nach Passow und schließen uns an die Eiserbahn an. Soll ich Ihnen nun meine Gefühle bei ‘ner Eiserbahn mittheilen, so verlangen Sie das nicht. ‘Ne Eiserbahn ist ‘ne Eiserbahn und for einen Unbekannten sehr mit Ueberraschung, also auch for mir; denn persönlich hatte ich bis dato ihr nicht kennen gelernt, und durch Lekthüre war ich erst bis anno 1835 gekommen, indem daß ich durch Wohlgewogenheit von dem Herrn Pastor die Großherzoglich Mecklenburgischen Staatskalender beziehe, die deren Erwähnung in diesem Jahrgange noch nicht thun. Ich steh also auf dem Parron oder Patron, wie sie’s nennen, da kommt Moses zu mir und sagt: "Herr Entspekter," sagt er und giebt mir en Zettel in die Hand, "hier ist dritter Classe, hart aber kühl und Tabakrauchen; wollen Sie aber zweiter Classe fahren, warum nicht? es ist da aber sehr heiß, und Tabakrauchen ist verboten; und wollen Sie erster Classe fahren, da ist’s noch heißer, und Sie sitzen verhältnißmäßig allein, bloß mit geborene Fürsten und geborene Garde=Leutnants." – "Ja," sag’ ich, "Moses, soll ich einmal meinen Leichnam dieser Höllenmaschine anvertrauen, denn will ich lieber hart und kühl mit Tabakrauchen dritte Classe sitzen, als ohne Tabakrauchen und heiß zweite Classe und mit Garde=Leutnants noch heißer erste Classe." Ich stieg also in die dritte Classe. – Ich bin oftmals in meinem Leben sehr glücklich gewesen, z. B. auf die verschiedenen Erndtebieren, die ich durchgemacht habe, und dann erstens auf unsrer Küstertochter ihre Hochzeit, wo ich mir das erstenmal in meinem Leben verbobte, woraus nachher nichts wurde; aber ein so seliges Gefühl hatte sich meiner nie beschlichen, als dieses in dritter Classe: ich war frei; Moses hatte für mich bezahlt, kein Mensch kennete mir, ich konnte mich bequem hinlegen ohne Rücksicht, denn hinter mir und neben mir saß Keiner, ich konnte ohne Beleidigung frei ausspucken, denn Jeder spuckte frei aus; kurzum es war ein Gefühl von Freiheit, und ich war inkonito. Gut! ich genieße dies. Mit einmal sagt ein sehr netter Mann, der mir schräg gegenüber saß: "Herr Entspekter Bräsig....." – "Herr....." sag’ ich verdutzt. – "Ja," sagt er, "ich kenne Ihnen, ich hab’ Ihnen mal Hammel abgekauft." – "Herr Entspekter Bräsig," sagt ein Anderer, "wo kommen Sie in’s Ukermärksche? Was macht die Essexsau von mich?" – Knappemang hat dieser. Schweinezüchter dies gesagt, so ruft Einer aus ‘ner andern Ecke: "Guten Tag, Herr Entspekter. Kennen Sie mir noch?" Und ein anderer langbeinigter Vokativus klettert über die Arriéren und Geländer herüber und kloppt mir auf die Schulter und sagt: "Gu’n Dag, Unkel Braesig! Meine Herrn," sagt er und wend’t sich an die Gesellschaft, "ich habe die Ehre, Ihnen hier den Herrn Entspekter Bräsig vorzustellen, den größten Stammschäfer, scheert sechs ein halb Pfund pro Kopp Spritzwäsche." – "Haha," sag’ ich, "nun kenn ich Ihnen endlich, Herr Trebonius; an’s Lügen kenn ich Ihnen." – "Sprechen Sie nicht darüber," sagt er. "Erlauben Sie, daß ich die Herren vorstelle; z. B. Herr Livoinius, Herr Colonius, Herr Prätorius und Herr Pistorius, lauter gebürtige Mecklenbürger und Okonomiker, die, wie ich selbst, wegen ihrem lateinischen Namen haben auswandern müssen, indem daß man in unserm Vaterlande mit einem lateinischen Landwirthe die Idee von Unpraxis verbindet, und für uns kein Fortkommen war." – "Na, lüg’ du und der Deubel!" sag’ ich zu mir, denke aber doch: "Eine Höflichkeit ist die andere werth" und weil ich in dem Augenblick nichts Paßlichhes zu sagen wußte, stelle ich in Ermangelung dessen Moses Lörwenthalen vor. Nun fungen die fünf Lateinischen eine interessante Unterhaltung an von Schlagordnung und Wechselwirthschaft und vnn Einträglichkeit der letztjährigen Erndte, daß mich grün und gelb vor die Augen wurde, denn sowas von Roggen und Weizen war mich von Natur noch nicht vorgekomnen; und ich dacht so bei mir, was diese Landmänner doch for ein Segen for ihr Vaterland hätten werden können, wenn sie drin geblieben wären, denn von das, was Prätorius und Pistorius for ihr Part allein gebau’t hatten, hätte man alle Dürftigkeit in Mecklenburg fett machen können; aber Trebonius war sie doch noch überlegen, indem er ganz einfach die Sätze der beiden Andern dubblirte. – "Herr Entspekter Bräsig," sagt Pistorius und zeigt aus der Eiserbahn heraus, "sehn Sie hier, dies ist mein Gut."- "Und da haben Sie all den Weizen und den Roggen auf gebaut?" frag’ ich. "Denn haben Sie an der Eiserbahn grade nicht das Schau=Ende hingehängt, denn dies ist ja der entsamteste Sand, den man sich einbilden kann." – "Und doch habe ich auf diesem Boden im vergangenen Jahre, obschonst es ein trockenes Jahr war, Flachs gebaut, so hoch," und zeigt Ihnen dieser Mensch gut halbkerlshoch! – "Ja," sagt denn nun Trebonius, "dieser Sand sieht sandig aus, ist’s aber nicht, denn es steckt Cultur darin, und ich habe auf welchen, der noch flüchtiger aussieht, Flachs gebaut, den ich zweimal habe durchschneiden müssen, bloß damit ich ihn in den Ofen hineinkriegte." – Na, nu hürt Allens auf. Sie halten dir for dumm, sagt ich zu mir, du sollst ihnen wieder for dumm halten, und das that ich. – "Ich glaub’s," sag’ ich also, "aber mir is mal ‘ne ähnliche Erscheinung passirt. Als ich noch in Funkschon als praktiver Entspekter war, da hatte ich mal an meiner Scheide ein Stück Sandacker, was mich eigentlich gar nicht hörte, denn es war meinen Nachbar sein Sand und war mal bei Gelegenheit eines Windsturms über meine Feldscheide gelaufen. Was sollte ich nun mit diesem Racker von Wehsande arnfangen? Ich besäe ihn also mit Buchweizen, und da Buchweizen mein Fach sonst nich is, und ich keinen Geschmack an diese dreikantige Weizenart hege, so kümmere ich mich auch gar nicht drum. Somit begiebt sich denn die Erndte, und inein Staathalter kommt und sagt: "Herr Entspekter, der Buchweizen ist auch reif, er muß ‘runter." "Gut," Sag’ ich "denn man zu!" – Nach ‘ner Weile geh ich über dem Hofe, da kommen zwei Tagelöhner und stellen ihre Sensen an die Wand und gehen in’s Hauschauer, und Jeder kommt mit einem Beile wieder heraus und holen sich die Leiter von dem Hühnerstalle und dem Taubenschlag. – "Was soll dieses?" frag’ ich. – "Herr, wegen dem Buchweizen," sagt der eine. – "Wo so," sag’ ich, "wegen dem Buchweizen?" – "Ja," sagt er, "mit Sensen is da nichts zu machen, wir müssen mit Beile darüber." – Na, das war denn nu stark, und ich wundre mir, faß mir aber doch un frag’: "Was soll denn aber die Leiter?" "Jar" sagt er, "wir wollten uns das bequemer machen, und daß kein Unglück geschieht, und wollten ihm erst die größten Zweige aus der Spitze aushauen." – Na, nun – werd’ ich denn auch neubegierig rtnd reite ‘raus, und – sehn Sie! – da steht mein Buchweizen wie ‘ne stattliche Dannenschonung." – Das war denn nu woll meine fünf lateinische Mitkollegen doch ein Bischen zu streifig, und sie fungen schon an: "Ja, aber...." und "Aber dennoch....." – Ich sah aber gefährlich ernsthaft und einerlei aus, als wäre mir sowas in meinem Leben schon oft passirt, und plötzlich rief Moses Löwenthal: "Herr Entspekter, sehn Sie ‘raus; hier is Berlin!" Na, ich seh ‘raus, ich seh oben, ich seh unten, ich seh rechts, ich seh links; nichts als der vortrefflichste Buchweizenboden unten, und oben zwei Schornsteine for Kartoffelbrennerei, und links ein einsamer Eingang zu ‘ner Art Sandkuhl mit Kegelbahn und der Aufschrift ‘Sommervergnügen.’ "Moses...," sag’ ich, denn ich denk, ihn reitet der Ehrgeiz noch doller zu lügen, als wir Ökonomiker. "Herr Entspekter," sagt er, "‘s ist wahr, es präsentirt sich nich; ‘s ist aber der Anfang und, mit Erlaubniß zu sagen, die hinterste Seite; aber passen Sie Achtung, es kommt gleich." Und es kam auch gleich. Wir fuhren in einer Art von gewölbten Glashause hinein, welches das Ab steigequartier der Eiserbahn darstellt, und Moses sagt: "Herr Entspekter, wundern Sie sich noch nicht; dies ist Allens erst von hinten. Aber," sagt er, "haben Sie en Paß?" – "Wo soll ich en Paß haben?" sag’ ich, – "‘S ist wahr," sagt er ; "aber ‘s ist schlimm," sagt er, "und wir müssen uns zu helfen suchen. Nun fassen Sie mir hinten an den Rock und halten Sie fest un sagen Sie kein Wort. Was zu machen ist, wird gemacht." Wir kommen nun in ein grausames Gedränge von Menschheit und mit die lateinischen Ökonomiker auseinander, drängen uns aber Durch und kommen zu ein paar Militörpersonen. – "Das sind die Schutzmänner," sagt Moses mir heimlich zu. – "Also, das sünd die," sage ich zu mir und seh sie mir forschend an; aber sie sahen mir auch forschend an; und der eine sagte: "Meine Herren, Ihren Paß." – Beinah hätt ich mich vergessen; aber Moses war fix bei der Hand: "Hier ist meiner: Und dies ist en Onkel von mich, Levi Josephi aus Prenzlau, der wegen die dringliche, plötzliche, nächtliche Abreise in Geschäftssachen.keinen Paß hat; aber ich..." – "Sie müssen warten," sagt der Schutzmann, und so warten wir denn, bis sich die Menschheit verlaufen hat. – "Moses," sag’ ich, "hol Euch..." – "Herr Entspekter," sagt er, "wir kommen damit durch! schweigen Sie, er kommt schon." Der Schutzmann kam denn auch und kuckte mir sehr bedenklich an und verglich mein Aussehen mit seine schriftliche Notizen; denn, wie er mir nachher selbst sagte, hat er mir anfangs for einen gewissen, berühmten schlesischen Mordbrenner gehalten; endlich aber fragt er mich, ob ich nicht einen ansässigen, zuverlässigen Mann hätte, der sich meiner verbürgte, und ich will schon meine Unbekanntschaft eingestehn, da fällt mir Moses ein: "Ja," sagt er, "der raicher Bankier Bexbacher." – Wir nehnmen uns also eine Droschke, was man bei uns einen gewöhnlichen Einspänner nennt, und fahren zu Bexbachern. Als wir unsern Eintritt bei ihm nehmen, springt dieser hinter einen Tisch vor, der voll lauter doppelte Luggerdohrs liegt, denn die Art beschäftigt sich den Tag über mit das nützliche Geschäft, doppelte Luggerdohrs einzuwechseln – weshalb man die Bankiers auch Bankerts und Wechselbälge zu nennen pflegt – und des Abends geben sie sogenannte Sauereien mit Gelehrte und Künstler und Musik. Na, also Bexbacher springt in die Höh und ruft: "Straf mich Gott, Herr Moses Löwenthal!" und Moses Löwenthal macht en Diener und sagt auf mich zeigend: "Mit meinem Onkel Levi Josephi aus Prenzlau." – "Halt!" rief der Militör=Beamte, "dieses wollte ich fragen. – Herr Bexbacher, kennen Sie diesen Herrn hier?" – Aber er kam zu spät mit seiner Frage, denn Moses hatte Bexbachern schon einen Augenzwinker apoplexirt, und der seine Takt und das augenblickliche Verständniß von jüdischhe Glaubens genossen ist in knüffliche Fälle wirklich bewunderungswürdig. Bexbacher fiel mir also um den Hals, fieß mich rund um und küßte mir zweimal in’s Gesicht: "Gott!" rief er, "ob ich ihn kenn! Ist er nicht meine erste Jugendfreundschhaft? – Levi Josephi, weißt Du noch, as ich Dich immer das doppelte Vieh nannte? – Weißt Du noch, as Du mich dafür die Haare ausrissest?" – Und dabei zeigt diese verlogene Karnallje auf seinen kahlen Kopp, und Moses, dieser Hallunke, zieht en Taschentuch vor und wischt sich die Augen und sagt zu der arglosen Polizei: "Ach, wo rührend! Ich kann mir nicht helfen; aber ‘s ist rührend!" – Nun bitte ich Ihnen um Alles in der Welt, was sollte ich zu diese Anstellungen der heuchlerischen Lügenbrut sagen? Ich wollte diesem Schutzmanne schon mit einer wahrhaften Erklärung unter den Augen gehen, da sagte er zu mir: "Schön,"sagte er, "ich habe mich persönlich von Ihrer Persönlichkeit überzeugt, und das ist Ihr Glück, denn sonst hätten wir Ihnen einspunnen müssen." – Na, diese Redensart machte mich benn verstutzt und ich dachte: "Also so ist die Meinung. Na, denn wart zu!" – "Aber," sagt er, "die Herrens müssen jetzt mit auf die Polizei, denn en Paß müssen Sie haben." Wir fahren also auf die Polizei, und Moses flustert mir zu: "Herr Entspekter, sein Sie standhaft! Besser ein paar Tage einer von unsere Leut, als vierzehn Tage in Prisong." Aber als meine Sache vor einen Herrn Rewerendarius auf dem Tapete kam, schämte ich mir in die grobe Grund, und wenn der Schhutzmann nicht mein Schutzengel geworden wär und den Auftritt bei Bexbachern erzählt hätte, denn wär Allens ‘rausgekommen, und ich ‘rein, nämlich in’s Loch; aber die beiden Küsse von Bexbachern, die schlugen bei dem Herrn Rewerendarius zu ‘ner Ueberzeugung durch; ich kriegte den Paß, und Moses bezahlte einien Thaler und acht Groschen. Ich war somit ein gesetzlich attestirter, alttestamentarischer Glaubensgenosse und Judenonkel. Was sich in mir entwickelte, als ich mit Mosessen ohne dem Schutzengel die Straßen entlang fuhr, war vorzugsweise eine innere Schamhaftigkeit und eine Angst vor Bekannten, daß se mir begegnen möchten und mir den ausgetauschten Glaubenstand von’s Gesicht lesen. Aber nebenbei kam ein Grimm gegen Mosessen über mir, der mit unschuldig lächelnden Zügen neben mir saß, und vor Allem gegen Bexbachern, der mir mit en paar Judasküsse for die Judenschaft eingewechselt hatte. Ich sah nichts von Berlin, ich hörte nichts von Mosessen seinen Draehnschnack und dachte bei mir: sollst auch nichts sagen! denn ich hatte die innere Vefürchtung, daß ich an zu mauscheln fangen würde, so wie ich den Mund aufthäte. Endlich hält der Wagen still, und Moses steigt aus und sagt: "Dies ist der Schangdarmen=Markt; Herr Onkel, steigen Sie aus, wir sind in’s Quartier." – "Entsamter Judenbengel!" rief ich und griff rechts und links nach einem Stock oder Regenschirm oder so was, um ihn damit zu begrüssen, "wart, ich will Dir beonkeln!" – Aber die Schicklichkeit verbot mich dieses, denn ein sehr feiner Mann, der den Wirth vorstellte, und ein liebenswürdiger. junger Mann mit ‘ner grünen Schürze, der Markür war, was sie hier einen Kellnöhr nennen, schoben sich damang, und ich wurde in’s Haus ‘reingekomplementirt und von da immer Trepp auf und lange Corydons entlang nach Nr. 83. Knappemang war ich mit Mosessen wieder allein, als auch der Zorn wieder in mir aufbegehrte, ich drehte den Schlüssel in’s Schloß um, griff nach einem Stücke Dings und ging auf ihm los. – "Herr Entspekter," rief er, "ich bitt Ihnen um ‘ne gewisse Mäßigung! Schlagen Sie zu! Sie können mir verschiedene Löcher in den Kopp schlagen, Sie sind in ‘ner tigerischen Wuth, ich bin ein Lamm gegen Sie. Aber worum?" – "Worum?" ruf ich. – "Aus Revansche, Du angeborne Hinterlistigkeit!" – "Was heißt Revansche? Was thun Sie mit der Revansche?" schrie Moses. "Nehmen Sie lieber die Diäten, nehmen Sie lieber die Tantième von’s Wull geschhäft: Bin ich nicht gewesen ein liberalischer Freund zu Ihnen, hab’ ich nicht bezahlt for Sie, hab’ ich nicht gelogen for Sie, hab’ ich nicht geschwindelt for Sie?" – Dieses Letztere war wahr und entwaffnete mir vollständig; ich legte also das Stück Dings weg und schloß die Stube auf. Als Moses dies sah, kam er freundlich auf mich zu und sagte: "Herr Entspekter, was machen Sie sich aus en Juden. Sie sind ja kein religiöser, moralischer Jude, Sie sind ja man en polizeilicher Jude, ‘ne Art jüdisches Legitemationspappier, auf drei Tage gültig, was Schweinefleisch essen kann und nicht nöthig hat in den Temnpel zu gehn." – Aber ich war noch zu sehr in Zornigkeit, als daß ich ihm Gehör gab; und Moses fuhr weiter fort: "Und dafür, daß Sie den israelitischen Schein auf sich laden, was haben Sie nicht? Sie können das majestätische Schloß besehen von außen und das Museum von innen; Sie können die nackigte streitbare Jugend auf die Schloßbrück besehen, ganz for umsonst; Sie können den alten Fritz reiten und den alten Blücherten fechten sehn, kost’t Sie nichts; Sie können des Mittags auf der Parade die lebendigen Generals ansehn und die grausame, militörische Musik anhören, Sie können frei alle Schildwachen von ganz Berlin besehn – Allens for umsonst; Sie können kommen zu gehn spazieren unter die Linden, Sie können kommen zu gehn spazieren in den Lustgarten, in den Thiergarten, kein Mensch fordert Sie was ab. Sie können auch in’s Medizinische gehn, Sie können sich die Monstrums beseihn und die verschiedenen menschlichen Krankheiten in Spiritus – kost’t Sie en Trinkgeld; Sie können auch in die Naturgeschichte gehn, in den zotologischen Garten, was enthält Affen und Bären und Kameele in ihrer natürlichen Wildheit – kost’t vier Groschen; Sie können auch in die Kunst gehn – kost’t auch vier Groschen – in’s Ägyptische, wo Allens eingebalsemirt ist, Schafböcke und Götzen, und Allens beschrieben ist mit ägyptische Hämorrhoiden; Sie können auch gehn in’s Griechische und können sich besehn die Wandgemälde, die an die Wand sind gemalt von en großen Künstler, Alles aus freier Hand mit en bloßen Pinsel; da können Sie die Auswanderer sehn von den Babylonischen Thurm, wie sie reiten auf die Pferde, und wie sie reiten auf die Ochsen, und die Blumen aus Griechenland, wie sie schwimmen in den Kahn und singen auf der Zither, und die grausame Schlacht, was gefochten haben die Römers in die freie Luft; und denn können Sie sehn Kaiser Karl den Großen, wie er die Welt regiert, in der einen Hand die Weltkugel, in der andern den blanken Degen. – Sehn Sie, so sitzt er!" – Und nun, denken Sie sich! setzt sich dieser vermisquemte Schmachtlappen von Judenjungen in einen vorhandenen Lehnstuhl, nimmt in die eine Hand eine runde Wasserpottellje und in die andere einen aufgewickelten Regenschirm, giebt sich ‘ne vornehme Ehre und will mich so Kaiser Karl den Großen vormachen. Na, ich muß laut auf lachen, und wie er sieht, daß mich lächerlich ist, springt er auf und sagt: "Es freut mich, Herr Entspekter, daß Sie wieder sind in ‘ner Stimmung, und ich muß in’s Geschäft; aber einen Gefallen thun Sie mir, es kann sonst ein Unglück geben, ziehn Sie die Vatermörder länger ‘raus, denn so lange Sie sind in Berlin, müssen Sie. passiren for einen von unsere Leut, und passen Sie Achtung, die geheime Polizei wird hinter Ihnen her sein, ob’s auch stimmt mit Levi Josephi aus Prenzlau." und damit gung er. Ich war aber gar nicht in ‘ner Stimmung, und die letzte Bemerkung ärgerte mir. Nun hatte ich mir aber heute schon so viel geärgert, daß ich einen bedeutenden appetitlichen Hunger verspürte, denn ich kriege immer Hunger nach einem Ärger, und als Moses weg war, denke ich, selbst ‘runtergehn und sollst en Bischen was essen; zu dem war’s Vesperbrotzeit, was meine Hauptnahrungszeit ist. Ich geh also ‘runter und sage zu dem jungen, liebenswürdigen Menschen mit der grünen Schürze: "Haben Sie die Güte und bringen Sie mir ein Bischen was zu essen." – "Was befehlen Sie?" fragt er. – "Oh," sag’ ich, "so’n Bischen allerhand. "Na, er bringt auch ein Schnibbelken von dies und en Schnibbelken von das, und ich setze mir hin und sage: "Bringen Sie mich auch eine Pottellje Wein." – "Was for ‘ne Art befehlen Sie?" fragt er und giebt mich einen Zettel in die Hand. – "Langkork," sag’ ich. – "Langkork?" fragt er und sieht aus, als wären ihm seine Schafe in den Weizen gelaufen. – "Ja," sag’ ich – "Den haben wir nicht," sagt er. – Nun bitte ich Ihnen, dies war nun mit das erste Gasthaus in Berlin und hatten keinen Langkork. "Na, denn man feinen Medoc," sag’ ich. – Ich krieg ihm, und wie ich gerade anfangen will, was zu mir zu nehmen und auf ein paar Stücke schönen Schinken eingehen will, setzt sich ein Herr meiner grade gegenüber und kuckt mir immer an. Halt! sage ich zu mir, das könnte einer von das geheime Observationschor sein, von dem Moses gesagt hat, und laß den Schhinken liegen und begnüge mir mit kalten Kalbsbraten. Aber er kuckt mir immer zu an. Na, ich ärgere mir und will ihm schon mit ausgezeichnete Höflichkeit bedienen, da fängt er an: "Um Vergebung zu fragen, Sie gehören gewiß unserm geheimen Post= und Eiserbahn=Verein an?" – "Was for en Ding?" frag’ ich. – "Geheimer Post= und Eiserbahn=Verein," sagt er. "Ich sah’s an der Art, wie Sie Messer und Gabel zusammenlegten, und wie Sie das Glas anfießen. "Was for eine Bewandtniß hat es mit diesem Verein?" frage ich. –"Es ist," sagt er, "wie alle Vereine, ‘ne edle Anstalt zur Erleichterung der menschlichen Beschwerden. Dieser z. B. erlaubt sich das Vergnügen, den Publikum von Post= und Eiserbahn=Geld frei zu. machen." – "Und kann da Jeder als praktives Mitglied ein treten?" fragte ich, indem mir das durch den Kopp schoß, daß ich vermöge dieses Vereins for umsonst aus Mosessen seine Hände und aus dem Judenonkel=Schwindel heraus kommen könnte. – "Ja wohl," sagt er, "wenn er in die geheime Zeichensprache eingeweiht ist." – "Und Sie können das?" frage ich. – "Aufzuwarten," sagt er. "Es ist meine Pflicht, jeden achtbaren Herrn über 25 Jahre aufzunehmen, denn ich bin Meister vom Postwagen im Osten und Westen und bin Ritter mit der rothen Feder von der Eiserbahn dritte Classe." – "Kellnöhr," rufe ich also auf Berlinisch, "en Teller und en Glas for diesen Herrn!" und nöthige ihn mit Höflichkeit, was er denn auch mit freimüthigem Zulangen erwiedert. "Na," denke ich so bei mir, "dies trifft sich noch glücklich, und wenn du nun nach Kräften dich satt issest, denn kannst du bis Bramborg aushalten und brauchst bei freie Passage keinen Schilling." Ich esse also demgemäß in dieser Voraussetzung; er war mich aber über. Wie eine lebendige Verheerungsmaschine hausete er mang die Victualitäten, und auch den Rothspohn, obgleich for feinen Medoc höllischen sauer, sprach er so zu, daß ich in beiden Artikeln immer nachbestellen mußte. Endlich hatte es sich bei ihm gestoppt, und er fragte mich: "Um Vergebung, Sie sind wohl ein Mecklenbürger?" – "Ja," sag ich, "en rechten Nationalen." – "Na," sagt er, "das paßt sich schön, die Stettiner Eiserbahn geht in ‘ne viertel Stunde ab, und da können Sie Probe fahren." – Wir gehn also, und ich sage noch zu dem Markür: "Wenn Herr Moses Löwenthal kommt, denn grüßen Sie ihm, und ob er auch was zu Hause zu bestellen hat;" und lache dabei von Herzen. Als wir auf den Bahnhof kommen, sagt er: "Hier, kommen Sie, steigen Sie ein," und nöthigt mir in die dritte Classe, wovon er Ritter mit der rothen Feder war. Er steht nun noch draußen und redte mit einem Eiserbahnmenschen. Endlich soll’s abgehen und er steigt auch ein und sagt: "Nun passen Sie auf und machen’s eben so, wie ich." – Na, ich paß also auf, und wie nun der Eiserbahnmensch kommt und die Billetter einfordern will, steht er so halb auf und pfeift dreimal, und bei jeden Pfiff schlägt er sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die Nase. Der Mensch lacht und nickt ihm zu, als wollt er sagen: "Haha! ‘S – ist All gut, dir kenne ich." Und als er bei mir komnmt, mache ich Allens ebenso, und er lacht auch, als wollt er sagen: "Dir kenne ich auch." Na, wir fahren also ruhig bis zur nächsten Station, da steigen wir aus und er umarmt mir sehr gerührt: "Kommen Sie," sagt er, "legen Sie mir die Hand auf’s Herz, ich lege Sie wieder die Hand auf’s Herz; Sie sind nun Einer von uns. Und nun reisen Sie, so weit Sie können, Sie wissen nun Bescheid," und damit nahm er Abschied von mir, und ich steh da, ganz in das selige Gefühl versunken, Mitglied von dem freien, geheimen Post= und Eiserbahn=Verein und Mittkollege von edeldenkenden Bunbesbrüdern zu sein. Leider hatte ich zu lange mich dies Gefühl hingegeben; es pfiff, die Eiserbahn saus’te ab, und ich blieb als einsamer Rest stehen. Dies war mich sehr verdrießlich; ich tröste mir aber und frage einen Menschen, der auch so einen fliegenden Markurius an der Mütze hatte: "Wann geht die Eiserbahn wieder nach Stettin?" – "Heute nicht mehr," sagt er, "aber morgen; heute um 7 Uhr geht nur noch ein Zug nach Berlin." – Dies war mich wieder sehr verdrießlich; aber was hilft’s? Ich kannte das Sprichwort: "Geduld, Vernunft und Hafergrütz, die sind zu allen Dingen nütz," und beruhigte mich. "Sollst wieder nach Berlin zurückfahren," dacht ich, "morgen willst du’s nicht verpassen;" und um’s heute nicht zu verpassen, will ich nach meiner Uhr sehn – und nun denken Sie sich meine Ueberraschung – meine Uhr war weg. – Mein erster Gedanke war: "Himmel Donnerwetter!" mein zweiter: "Die haben sie Dir gestohlen!" und mein dritter: "Nun flöt ihr nach!" Aber auch wenn die Eiserbahn ihr nachgepfiffen hätte, sie wäre nicht wieber gekommen. Höchst verdrießlich setzte ich mich auf den Perron und bammle mit die Beine, bis der Zug kommt. Endlich kommt das schnaubende Biest angebrummt, und ich steige in dritter Classe. Mitderweile kommt denn auch der Mensch, der die Billetter einfordert und ruft mich zu: "Sie da!" – Ich erhebe mir denn halb, pfeife dreimal und schlage mir bei jedem Pfiff mit dem Zeigefinger der rechten Hand dreimal auf die Nase. – "Ihr Billet, mein Herr!" ruft der Mensch. – Ich sage also: "Verstehen Sie denn nicht?" und mache ihm die geheime Zeichensprache nochmal. – "Herr," ruft der Mensch, "wollen Sie mich zum Besten haben? Ich bin Eiserbahnbeamter." – "Und ich," rufe ich, "bin Mitglied des freien, geheimen Post= und Eiserbahn=Vereins." – "Ein Narr sind Sie! Und ‘raus mit Ihnen, wenn Sie nicht bezahlt. haben!" ruft der Kerl. – Ich stieg denn nu würklich aus, bloß um ihn zu zeigen, was ‘ne Harke ist. "Herr," sag’ ich.... – Swabb! schlägt der Kerl die Thüre zu. – "Herr," sag’ ich nochmal.... Wupp! ist der Kerl aus die Maschinerie hinauf und Heidi! geht die Eiserbahn. Nun denken Sie sich bloß mal dies Stück an! Da steh ich nun einsam und unbekannt in ‘ner wüsten Gegend, ohne Geld und Versatz=Mittel, zwei Meilen von Berlin und zwanzig von Bramborg. "Bräsig," sage tch also sehr ärgerlich zu mir, denn Levi Josephi war mir noch nicht geläufig, "Bräsig, was nun? du hast dir hier schön in den Nessel gesetzt, denn nach Bramborg das halten deine Knochen und dein Magen nicht aus. Also wohin? – Nach Berlin, und tritt wieder als Judenonkel bei Moses Löwenthalen in’s Geschäft." – In verlegenen Verhältnissen bin ich immer kurz resowirt, ich gehe also immer die Eiserbahn nach; ich geh bis es stickdunkel is, komme aber endlich in eine brilljante Erleuchtung, denn sie hatten an diesen Abend die ganze Gasbeleuchtung angesteckt. Ich. überlaß mich also dem erhebenden Eindruck dieses glänzenden Lichtschimmers und geh förfötsch weiter; ich geh aus das eine Thor ‘raus, kehr um und geh aus das andere, ich geh rechts und links und geh grad aus und wieder zurück und kann wohl sagen, ich habe mir an diesem Abend die ganze Gasbeleuchtung besehn mit Ausnahme von die Laternen auf den Schangdarmen=Markt, wo ich hin wollte. Ich frage einen späten Nachtwandler: "Wo ist der Schangdarmen=Markt?" – "Oh, der ist noch weit." – Ich frage einen andern. –"Oh, der ist noch sehr weit." Und je mehr ich fragte, je mehr wurde er sehr weit. endlich sagte Einer: "Oh, der ist dicht dabei." – Dieser Balsam in meine Ohren versetzte mich in Freude, aber machte mir nicht unbesonnen; statt wieder in die Ungewißheit umherzulaufen, wo er wieder sehr weit werden konnte, setzte ich mich rittlings auf ein befindliches Treppengeländer mit dem Bewußtsein: "du bist doch nun in der Nähe von deinem Gasthofe." So sitz ich denn nun also und ruh mir und danke meinen Schöpfer, daß er for den Juni schöne lauwarme Nächte gestiftet hat, als ich eine Art von fröhlichen Scandal höre, der sich mir entgegen bewegt. "Das sind wilde Nachtflatterer," sage ich zu mir, und will schon aus dem Wege gehn, als mich eine Stimme sehr bekannt for kommt. Ich bleibe also, und wissen Sie, wer sich mir in der Gasbeleuchtung offenbarte? – Trebonius mit die vier andern lateinischen Ökonomiker. – "Trebonius," rufe ich, und er sieht mich an meinem Aufenthaltsort und ruft: "Wahrhaftig, Unkel Braesig!" – "Still," sag’ ich, "keinen Namen nennen!" – "Was Deuwel!" sagt er. "Plagt er Euch, daß Ihr hier bei nachtschlafender Zeit auf ein Treppengeländer reitetet" – "Je, sagen Sie man mal!" antwort ich und erzähl ihm, daß mich mein Gasthaus abhanden gekommen wäre. – "Onkel Bräsig," sagt Prätorius.... – "Still, um Gotteswillen!" sag’ ich. "Ich bin Levi Josephi aus Prenzlau." – Erst kuckten sie mir Alle stumm an, und darauf brachen sie in ein honoriges Gelächter aus. "Wer seid Ihr?" – "Levi Josephi aus Prenzlau," sag’ ich, "und hier könnt Ihr’s lesen; aber still, um Gotteswillen, wegen dte geheimen Schleichwächter," und damit gebe ich ihnen meinen Paß. – Nun lachten sie denn wieder Alle, und endlich ruft Pistorius: "Kinder," sagt er, "das is ‘ne Geschichte, die muß er uns erzählen. "Ja," sagt Trebonius, "er muß mit in unserm Gasthofe." "Allens in der Welt," sag’ ich, "aber nennt mir mit meinem polizeilichen Namen." – Und nun levi=josephiten sie mir vorn und levi=josephiten sie mir hinten, daß mir grün und gelb vor denn Augen wurde. "Herr Levi Josephi aus Prenzlau," sagt Pistorius und präsentirte mir den Portier von das Gasthaus. "Ein Bett und ein Zimmer for meinen Freund, Herrn Levi Josephi aus Prenzlau," commandirte Trebonius einen Kellnöhr. – "Treten Sie ein, Herr Levi Josehi," sagte Livonius. – "Setzen Sie sich, Herr Levi Josephi," sagte Colonius. – "Befehlen Sie noch etwas, Herr Levi Josephi?" fragte der Grasaff von Kellnöhr. – "Nein, zum Deuwel!" sag’ ich. "Halten Sie Ihr Maul!" – Und als er weg ist, da muß ich denn erzählen, wo ich zu dem Namen und wo ich auf das Treppengeländer zu reiten kam. Na, sie lachten denn nicht schlecht und meinten, der Bundesbruder wäre woll ein richtig Berliner, Kind gewesen, der sich einmal ordentlich hätte satt essen wollen und sich in meine Uhr verliebt hätte. Endlich gingen die vier Andern zu Bette, und ich blieb noch eine Zeit lang mit Treboniussen allein. "Unkel Braesig," sagte Trebonius, "Euer ganzes bedrängtes Verhältniß stammt sich aus Eurem baren Geld=Mangel. Glaubt mich das zu! – Ein Mensch ohne Geld ist wie ein Schiff ohne Ballast, es fehlt ihm die Haltung." – "Trebonius," sage ich, "Ihr braucht nicht zu diese überflüssige Bemerkung ein Gesicht zu machen wie der Prediger Calomonis, das weiß ich allein. "Unkel Braesig," sagt Trebonius, "Ihr habt mir in meinen unbemittelten Zeitumständen oft mit Schuldendeckung und Vorschuß unter bie Arme gegriffen, und ich habe Euch in ein dankbares Gedächtniß. Woviel braucht Ihr?" – "Habt Ihr denn was?" frag’ ich, denn ich wußte aus den Klagen seiner beiderseitigen Herrn Eltern, daß er man swach stand. – "Ich?" fragte er und kuckte mir groß an. "Ich habe gestern an 2500 Thaler für Wolle eingenommen, indem ich 7 Thaler mehr pro Centner erhalte als die Uebrigen – aber sprechen Sie nicht darüber – for 3000 Thaler Rapps steht auf bem Felde, 4000 Thaler liegen zu Hause in meinem Sekretähr, ohne die ausstehenden Forderungen. – Es ist wahr, vor ein paar Jahren wollte ich mich for insolent erklären, aber Unkel Braesig, die Ideen! Ich habe immer Ideen; wenn die eine alle geworden ist, hab’ ich ‘ne neue! Ich verfiel in meine Verlegenheit aus drei neue Ideen: aus eine großartige Bienenzucht, auf eine großartige englische Hühnerzucht und auf eine großartige Karpfenzucht, denn ich habe hinter meinem Garten einen kleinen Teich mit ausgesuchtes Karpfenwasser. Mit diese drei Züchtungen bezahl ich meine Pacht, und was die Wirthschaft extra noch einträgt ist reiner Ueberschuß und wird in den Sekretähr gelegt." – "Na, lüg’ du und der Deuwel!" denk ich; aber wegen meiner Verlegenheit und seiner Gutmüthigkeit wollte ich ihm eine Anpumpung nicht abschlagen und sage: "Ja, wenn ich so’n sechs Luggerbohr..." – "Weiter nichts?" sagt er. "Sollen Sie haben. – Morgen." Somit sage ich ihm denn wohlschlafende Nacht und gehe in mein Loschih, was neben ihm an befindlich war. Es wäre nun schon sehr spät, und müde wäre ich auch; ich denk also, sollst man gleich zu Bette gehn und suche mich den Stiewelknecht. Dieser Stiewelknecht war ein doppelter; er hatte auf jedem Ende eine Klemme. Ich hatte eine solche Erfindung noch nicht gesehen und denke so bei mir: was sie in die großen Gasthöfe doch all for Bequemlichkeiten haben! Hier kannst du dir die beiden Stiewel mit einmal ausziehen. Ich klemm mir also den einen Haken ein und mit Umstände auch den andern, und will nu ziehen; Gott in dem hohen Himmel! ich saß in einen spanschen Buck, ich hatte mir in Fußangeln gelegt. Ich will mir nu losmachen, aber wenn ich mich bückte, verlor ich ümmer die Blansirung, und kein Stuhl war in meiner Nachbarschaft; knapp daß ich mich an die Wand halten konnte. Da stand ich nu mit auswärtsige Beine, un was nu? Noth kennt kein Gebot; ich kloppe also an die Wand nach Treboniussen und rufe ihm um Hülfe. Er Kommt denn auch; aber als er mich da an die Wand genagelt stehen sieht und die natürliche Ursache an meinen Füßen gewahr wird; fängt dieses Undirt aus vollem Hals’ an zu lachen und lacht sich aus aller Contenanß. "Dummheit lacht" sage ich, "machen Sie mir lieber aus diesem Verhältnisse los" Er aber läuft hin und holt die andern Ökonomiker, und da stehen sie nu um meiner Person herum in dem Hemden und in, kurzen Zeuge und lachen und amusiren sich mit meinem Anblick. "Nu haben wir en ollen Voß gefangen " sagt Trebonius, und ich denk: "Komm mir bloß en Bitschen neger!" – "Herr Levi Josephi" sagt Pistorius, "wollen Sie die Wand umliegen" "Er warmt sich an ihr," sagt Prätorius; und so machen sie ihre Witze und danzen und jökeln um mich herum, jeder mit en Licht in der Hand, aber in Armweite; denn sie mußten es mir woll ansehen, daß ich in einen gefährlichen Zustand übergegangen war. Endlich bückte sich Livonius, was der Gutmüthigste von der Bande war, und machte mir aus die Angeln los; aber so drad ich los war, brach auch bei mich die Wuth aus, und indem die Andern weggelaufen waren, gab ich – Livoniussen ein paar nachdrückliche Maulschellen. Was mich nacher sehr leid war, indem es einen undankbaren Schein auf mich lud: worin ich mir aber in dem Augenblick nicht helfen konnte.... Den annern Morgen exkusirten sie sich bei mir sehr wegen der Lächerlichkeit, und ich bei Livoniussen wegen der Maulschellen, und daß ich ihn nicht damit hätte beleidigen wollen, was auch genügend angenommen wurde, und Trebonius gab mir das verabredete Geld. Es kam mir aber so vor, als wenn es nicht aus Treboniussen seine Tasche allein stamme, denn als dieser es mich gab, standen die andern Lateiner um mich ‘rum un gaben mich gute Lehren: wo ich hingehen sollte, was ich dafor besehen un kaufen sollte, wo ich es verstecken sollte, und daß ich es mich jo nich stehlen lassen oder es verlieren sollte, grade wie es die Wohlthätigkeit bei die Snurrers macht. Dies kam mich schon dunnmals hellschen allmohsenmäßig vor aber wenn ich dazumalen wüßte, was ich nu weiß, nämlich daß Trebonius for mich, als verschämten Armen, mit einem Töller bei die Andern ‘rumgegangen war, und sie sich vor mich subscribirt hatten, so hätte ich dagegen prostituirt und hätte ihnen das Geld vor die Füße geworfen; aber meine Seele hatte keine Idee davon, und ich war in Hinsicht dessen unschüllig wie ein Aulamm indemdaß ich schon wegen der Abtragung dieser Vorstreckung meinen Ueberschlag machte. "Wir frühstücken denn nu ganz auf mecklenburgsche Manier mit Mettwurst un Schinken un suren Aal un allerlei geistreiche Getränke, und als die lateinischen Ökonomiker abreisen, schüttele ich diese entsamtigen Bengels noch alle die Hände, ohne Wissenschaft, was sie mich hinterrücks for einen Lack als Powerinsky angehängt haben. Als sie weg sünd, mache ich mir einen ordentlichen Schlachtplan for meine Umstände zurecht und judicire so: mit zwei Luggerdohr kommst du gut und gerne retuhr, du hast also vier Luggerdohr zum Besehen der hiesigen Stadt, und da du einmal hier büst, so besieh sie dich von Ur tau End! Vor allen Dingen sorg’ aber dafor, daß deine augenblicklichen Geldmittel nicht achter deine Uhr herlaufen; denn wo ich gung und stund, stund mit gold’ne Buchstaben angeschrieben: Vor Taschendieben wird gewarnt, was in mich eine sehr unbehagliche Stimmung verursachte. Ich geh also mit mir zu Kehr, ob ich mich eine Knipptasche, die sie hier ein Portepeh nennen, oder einen Geldbeutel kaufen soll; stimm aber endlich for einen Geldbeutel, weil er mich geläufiger war, und kauf mir einen kleinen seidenen, der sich nachher aber als einen gewöhnlichen, bomwullenen auswieß. Wo aber mit die Creatur hin? In die Tasche ging’s nich wegen die Taschenbiebe; also auf bloßem Leibe. Ich suche mich nun also ein stilles, verschwiegenes Plätzchen auf, knöpfe mir die Extremitäten los und binde mir meine Habseligkeiten unterhalb die Magengegend fest. Dies hat mich auch nicht gereuet bis auf die Letzt, wo es zu meinem Schaden ausschlug. Da ich mir nu in Sicherheit wußte, geh ich denn ‘rum un beseh mir Allens. Das erste war denn nu der grosse Kuhrfürst auf der Brücke, wo er über die erbärmliclhen Sklaven fortreitet. Hat ‘ne P’rÜk auf, ‘ne unverschämte P’rük! Ich trage auch ‘ne P’rük, was man im Hochdeutschen eine Tuhr nennt; aber so ‘ne P’rük! Hellisch forscher Herr übrigens, dieser olle Kuhrfürst! Aber nichts gegen den ollen trächtigen Hengst, den er unter sich hat. Das ist’s! Der thut’s! Diese runden Knochen und das platte Kreuz, nichts von Spatt und Hasenhack! Der könnt unser olles meckelburgsches Blut noch mal aufrischen besser als diese olle Zegens von engelsche Windschneider. Ich frag’, wo soll Einer up Stunns noch richtige Sadelmähren herkrigen? Dieser is einer; aber auch woll lang’ all dod. Na, wir können nicht ewig leben; aber Schad’, daß die Raße ausstirbt. Darauf besah ich mich das Sloß, d.h. auswendig, denn inwendig ging’s nicht, indem daß Königs augenblicklich eigenhändig darin wohnen; aber von auswendig besah ich es mich sehr genau, auch von, der verkehrten Seite, allwo ich wieder ein paar Pferde antraf mit zwei nackigte Figuren von junge Menschen, die sie stats ‘Reitknechte’, ‘Pferdebändiger’ benennen. Das glaub’ ich, mit diese ollen Schinder werden sie woll fertig, das sünd Bauerklöpper und keine Raß’ is nich drin; ich möcht aber bloß mal sehen, wenn sie den ollen Kuhrfürsten=Hengst so mit der alleinigen Trense auf’s Hintertheil setzen wollten, wo der woll mit ihnen bliebe. Es soll dies russisches Geblüt sein und soll von dem seligen Kaiser Nikolas herstammen, das heißt als Present. Von hier ging ich ‘rüber nach dem Mauseum. Das laß ich mir gefallen! Ein schönes Pferd, ein bischen weich in die Fessel, aber elegant, scheint mich Ivenacker Herodothen=Blut in zu sein; is ein Jagdpferd, wie’s in’s Buch steht. Es wird hier auch auf Jagd geritten, indem daß eine Amazonin darauf sitzt und sich mit en Undirt fecht’t. Was mich nicht gefällt, is, daß das Frauenzimmer wie ein Mannszimmer reitet; ich habe Eddelfrölens und Gräwinnen zu Pferde gesehen, saßen aber alle verdwas un hätten Federhüte auf und lange Kleider. Diese hätte aber eine Nachtmütze auf und geht sehr in kurzen Zeuge. Na, lasse ihr; es mag bei ihr zu Lande jo woll so Mode sein. Was ihre persönliche Körperbeschaffenheit anbetrifft, so ist genug davon zu sehen, daß man sie nicht zu die Häßlichen zu rechnen braucht; indessen is dies nicht mein Fach, ich bün mehr for Pferde. Nach der Besichtigung dieser Amazonin gehe ich denn nun über eine Brücke, allwo verschiedene weibliche und männliche Geschlechter in weißen Marmor auf das Brückengeländer herumstanden. Die weiblichen Geschlechter waren halbwege in Kleidung, die männlichen hingegen waren in vollständiger Unbekleidung. Ich muß sagen, ich bün sonst nicht sehr schimpflich; aber dies schanirte mich doch sehr, und warum soll ein Mann in meine Jahren sich mit das verletzte Gefühl abquälen? Ich gung also weiter, und als ich en Bischen gegangen war, sah ich Einen, ‘der mit en Degen non sein Postament herunterfuchtelte; er kam mir sehr bekannt vor: ich ging ‘ran. Wer war’s? Der olle Blüchert. – Da stand er und zwar lebenslänglich. Er sah sich hellschen ähnlich, und ich freu’te mich ungeheuer ihn hier zu sehen, denn ich hatte ihn in Rostock oftmals auf dem Hoppenmarkt bemerkt. Hier trägt er einen gewöhnlichen Soldaten=Mantäng und hat einen Degen in der Hand, was ihm sehr gut kleidet; in Rostock geht er in einem Löwenfelle und hat einen abgebrochenen Knüppel in der Hand, den sie einen Feldherrnstab nenne; auch hat er eine Inschrift, welche die Stadt Rostock for hundert Luggerdohr bei einen gewissen Goethe bestellt hat, die aber auch man so knappemang for den halben Preis ausgefallen is. Mich ist sie aus dem Gedächtniß gefallen, denn ich habe for Verse keine Andacht. Na, ich steh nun also da und freu mich über ihm als Landsmann, da kommt ein junger Mensch angegangen, ein netter Mann, augenscheinlich ein eingeborener Berliner, stellt sich bei mir hin und sieht auch den ollen Blüchert an und sagt endlich näher tretend zu mir: "Gefällt er Sie?" – "Natürlich," sag’ ich, "aber was mich wundert, is, daß sie so einen ollen Helden, der bei der Kafallerie gestanden hat un sein Leblang auf die Mähren ‘rum gerangt hat, ümmer ein Postament zu Fuß setzen." "Sie haben Recht," sagt er, "aber Sie haben sich weiß gemacht," und stellt sich hinter mir und kloppt mir höfich den Puckel ab. "Indessen," sagt er, "for gewöhnliche Generals wird auf Postamenten kein Pferd gut gethan, das is bloß for die allerhöchsten Herrschaften, wie Sie das an den ollen Fritz sehen können," und somit zeigt er mich ihm, wie er aus die grünen Linden herausreitet. Ich bedanke mich nun bei ihm for das Abkloppen und er sagt höflich: "O dafor nich!" und sagt: "Adjes," und geht seiner Wege, und ich geh zum ollen Fritz. Na, hören Sie, wo is das möglich! So ‘ne Aehnlichkeit! Grad’ so, als auf die alten preußischen Zweigroschenstücken. Allens ganz richtig! Und das soll ein gewisser Professor gemacht haben, und soll sich das all erst aus gewöhnlichen Lehm ausgeknädt haben? Das mag der Deuwel glauben, denn wenn einer das Pferd ansieht, denn denkt er nicht an so einen lateinischen Professor, sondern an einen richtigen Stallmeister. Ne, hören Sie! Das Pferd! Ja, ‘s ist wahr, ein Bischen hohe Aktion in den Vorderknochen aber freie Brust. Wo pastetisch geht das Thier in bloßen Schritt in die Welt hinein! Grad’, als wenn das dumme Creatur wüßte, daß ein König auf seinen Puckel sitzt. Rechts und links un vorne sünd an den Postament den ollen Fritzen seine Herrn Generals und Feldmarschalls angebracht, alle so ‘ne olle ehrliche, dickköppige, pommersche Gesichter, und damang steht der olle Ziethen; der mir besonbers bekannt is, denn was mein Großvater=Bruder gewesen is, hat mit ihm dazumalen achter’n Busch gesessen und in unserer Familie hat sich noch ein alter inzweiiger Stiefel aufbewahrt, der von ihm stammt, und den meine Brudertochter, die Madame Ziehlken in Lübs, unter ‘ne Glasklocke in ausgestopften Zustand auf ihre Kommode zu stehn hat. Das Einzigste, was mich bei dieser Bildsäuhle nicht gefällt, is, daß die Sivilisten hinten unter dem Pferdeschwanz sitzen, was mich doch zu sehr gegen den Respekt scheint. Nu war mich aber durstig geworden, und ich sehe mir nach einem Erfrischungszimmer um, deren Anzahl in Berlin in Menge zu finden is. Ich finde denn auch eins und gehe hinein. Da sitzen sie nun Alle und lesen aus der Zeitung. Ich nehme mir also auch eine und lasse mir ein Glas Bier kommen. Meine Zeitung war aber nur eine Beilage, was mir lieb war, denn ich lese die gewöhnlichen bürgerlichen Zustände, als verlorne Sachen, Gummikaloschen, Ausverkauf und neusilberne Theekessel, lieber als die königlichen Regierungs=Verhältnisse. So komme ich denn also auf den Artikel ‘verlaufen’. Da is denn nu erst ein Pinscher, dunn ein Hühnerhund un dunn ein Spitz un dunn ich selber. Denken Sie sich ich selber! Aber Gott sei Dank, als Jude; mein christlicher Name war nicht darin bekannt. Dieser mir sehr unangenehmer Parragraf der Zeitung lautete folgendermaßen: ‘5 Thaler Belohnung!’ Seit gestern Nachmittag ist aus dem Scheible’schen Hotel am Gensdarmen=Markt mein Onkel Levi Josephi aus Prenzlau spurlos verschwunden. Menschenfreunde werden aufgefordert, denselben, wo sie ihn auch finden mögen, aufzugreifen und gegen obige Summe in dem benannten Hotel an mich abzuliefern. Moses Löwenthal, Wollhändler und betrübter Neven Signalenment des Herrn Levi Josephi. Größe . . . klein. Stärke . . . sehr stark. Nase . . . dick und schnupft. Augen . . . grau und wohlwollend. Mund . . . gewöhnlich, aber ausdrucksvoll. Haar . . . unnatürlich,eigentlich eine fuchsige Perücke,die nicht mit Eiweiß, sondern mit einem schwarzen Bande unter dem Kinne befestigt wird. Religion . . . mosaisch. Sprache . . . ein sehr richtiges Hochdeutsch, ohne jede jüdische Beimischung. Nun thun Sie mir den Gefallen und machen Sie sich eine Einbildung von meinem Ärger. Läßt mir dieser Judenbengel unter die verlaufenen Hunde in die Vossische Zeitung setzen! So lange hatte ich mir nur vor der geheimen Polizei wegen der ßackermentschen Judenschaft in Acht zu nehmen, nun konnte mich Jeder, der fünf Thaler verdienen wollte, arretiren und abliefern. Ich sehe mich um in dem Lokahle und sehe dort verschiedene Gesichter, die im Stande waren, ihren eigenen Vater und Mutter an Moses Löwenthalen abzuliefern. Ich male mir dies vor Augen, und der Angstschwitz bricht mir aus, nicht for den dummerhaften Judenjungen, ne, for den Scandal, der auf mein Renommeh fallen mußte. Ich will mir diesen Schwitz abtrocknen, lange in die Tasche und suche nach dem Schnupptuch. – Ja, prost Mahlzeit! Hätte ich auch einen? Ich hätte keinen, und ich hätte doch heute Morgen einen gehabt als die lateinischen Ökonomiker abreisten, hätte ich ihnen mit einem roth= und gelbseidenen Schnupptuch noch freundschaftlich nachgeweht. Kein Mensch war mir sörredessen zu nahe gekommen – ja doch! – der eingeborne Berliner, der mich bei Blücherten abgekloppt hatte; aber wie wäre das möglich? – Der Mann wäre ein gebildeter Mensch, und denn in Gegenwart von den ollen Blüchert! – Aber der Schnupptuch blieb weg. Mir wurde doch ganz ängstlich bei dieser offenbaren Taschendieberei, ich denke also an meinem Gelde und fasse mich unter die kurzen Rippen, wo ich es verfestigt hatte. Gott lob! das Geld war noch da; aber nun fiel mir ein, daß ich mein Bier bezahlen mußte. Aber wie? Ich konnte mich hier im Beisein der ganzen Gesellschaft doch nicht entkleiden, eines Theils wegen der Schicklichkeit, andern Theils wegen des Verraths meines geheimen Aufbewahrungsplatzes. Ich denke also: sollst vor die Thür gehen, denn wird sich das woll finden. Aber so wie ich den Drücker anfieß, sprang mit einem Male ein sogenannter Kellnöhr vor mich zu und sagte: "Um Vergebung! Sie haben vergessen, Ihr Bier zu bezahlen." "Dieses nicht, junger Mann," sage ich. "Lassen Sie mich bloßs heraus; ich komme gleich wieder ‘rein, und bezahle Sie Allens." "Wer ein Narr wär’," sagt dieser Bengel, "ich habe schon Viele geseh’n, die ‘rausgegangen sünd, aber Wenige, die wieder ‘rein gekommen sünd." Na, nu begehre ich denn auf, und es wird ein sehr lauter Spektakel, und die verschiedenen Leser kucken aus ihren Zeitungen in die Höhe. Mit einem Male springt Einer auf und ruft: "Wo is die Beilage zu der Vossischen? Das is er, das muß er sein!" Und die Andern springen auch auf, und dauert nicht lange, kommt die ganze Gesellschaft um mich ‘rum zu stehen und kuckt mir neubegierig an. Und der Eine sagt: "um Vergebung zu fragen!" sagt er, "sind Sie nicht Herr Levi Josephi aus Prenzlau, auf den seinen Kopp fünf Thaler Belohnung stehen?" "Hol Sie der Deuwel!" sag’ ich. "Aber," sag’ ich, "Noth kennt kein Gebot," und damit drehe ich mir halb gegen die Wand zu und knöpfe mir die Weste ekzetera und so weiter auf. Nun wird es denn um mich herum ein großes Gelächter, welches sich augenscheinlich auf meine Aufknöpfung bezog. Aber ich war nun über die Schanierlichkeit weg und sage ganz ruhig zu dem Kellnöhr: "Hier is ‘ne Luggerdohr. Geben Sie mich klein Geld wieder ‘raus." Und stell’ mich mit dem Rücken gegen die Wand in Erwartung, daß mich nu Einer arretiren wird; aber sie lachen bloß, und ich sehe ihnen stumm in das Gesicht. Der Kellnöhr bringt mich das kleine Geld; ich stecke die harten Dahlers in meinen vermeintlichen seidenen Geldbeutel, binde ihn an Ort und Stelle fest, steck die Viergroschenstücke for zukünftige Fälle in die Westentasche, knöpfe mir wieder zu und gehe in ruhiger Gelassenheit an die Thür. Da kömmt Einer, der vorzüglich ‘Hans vor allen Haegen’ war, an mich ‘ran und sagt: "Herr Levi Josephi aus Prenzlau, ich werde mir die fünf Thaler verdienen und werde Ihnen an Ihren betrübten Neven: ausliefern." "Schön," sag’ ich, "kommen Sie man ‘ran! Ich werde Ihnen auch was ausliefern." Zu diesen Austausch von gegenseitigen Liebesdiensten schien er keine Lust weiter zu haben, und ich ging aus der Thür; abersten in derselben blieb ich bestehen und drehete mich um und sagte mit eindringlicher Nachdrücklichkeit: "Schämen Sie sich, Herrens, wegen der Spitzbubenzustände von Berlin, was ‘ne Haupt= und Residenz=Stadt sein will, in welcher aber ein ehrlicher Mann sein Bischen Vermögen auf nackigtem Leibe tragen muß, stats in der Hosentasche. Nein! Malchin und Wohren" – denn nun rührte sich mein vaterländisches Gefühl auf – "sünd viel kleiner als Berlin; abersten da können Sie von einem Thor zum andern geh’n, mit einem Geldbeutel hinten und einem Geldbeutel vorn, und wenn er auch ‘ne halbe Elle aus der Tasche ‘raus hängt, aber kein Schilling wird Sie da entfernigt." Und damit schmiß ich die Thür zu unb stürzte mich aus der Restauresteratschon auf die Straße. Ich ging nu eine Alleh lang, die aus Linden besteht – weshalb sie auch ‘die Linden’ genannt wird – und komme so an einem Thore, welches das Bramborgsche genannt wird, weil es da nach Scharlottenburg zugeht. Grade so, wie bei alle andern mir bekannten Thore fährt man hier durch, bloß eine eiserne Bildsäuhle fährt mit Vieren – breitgespannt – über dem Thore weg. Als ich draußen nun so steh und mir das obige Fuhrwerk anseh, kommt ein Herr, und ich wende mich an ihm und frage: "Um Vergebung! Wer is die Persohn da oben? Wen stellt sie dar?" "Das is die Victoria," sagt er und geht weiter "Also die is das!" sage ich zu mir. "Das streit ich gar nicht. Und zum Zeichen, daß sie Königin von Engelland is, haben sie ihr mit Flüchten abgebildet." Sie is aber wohl schon in ihrer Jugend abgenommen, denn nach meiner Rechnung und nach dem mecklenburgschen Staatskalenner muß sie auf Stunns auch schon in die Jahren sein. Sie kutschiert sich selbst, wie das die Engelländerinnen auch thaten, die bei meinem früheren gnädigen Herrn Grafen zum Besuch kamen; auch fährt sie langengelsch, aber mit vier Pferde breit – zwei auf der Wildbahn – wie ich das männigmal im früheren Zeitalter bei polnische Juden gesehen habe. Was den Pferden betrifft, so waren sie mir zu entfernt; auch konnte ich sie nicht von allen Seiten munstern, indem mir namentlich ihre Hinterknochen verborgen blieben Sie schienen’ mir aber eine gute Art Kutschschlag zu sein; auch kulören sie. Ich hätte aber Geld darum gegeben, die Anspannung zu besehen; denn wo is das möglich, daß Einer – und noch dazu eine Dame – mit vier Pferden breit fahren kann ohne Distel! Indem daß ich mir hierüber noch den Kopf zerbreche, gehe ich weiter und befinde mich bald darauf nach Aussage eines angetroffenen Schutzmanns in dem Thiergarten. "Um Vergebung!" zu ihm, "in diesem Garten sollen jo woll noch würkliche wilde Biester sein, wie Affen, Bären und Kameeler!" "Oj ja," sagt er, "es sünd noch welche; aber nicht in der Freiheit hier herum, das wäre polizeiwidrig; nee! sie sitzen alle in Prisong in einem eingerichteten Garten, und wenn Sie dahin wollen, dann müssen Sie erst hier links und dann rechts und dann so und dann so und dann ümmer grad’ aus gehen." Na, ich bedanke mir denn natürlich und geh natürlich nun auch rechts und links un so un so un zuletzt auch grad’ aus, und ver biester mir denn nu auch natürlich, indem daß ich grade auf einem Stackettengeländer loskam. – Weilen dessen ich nun hier noch stand und ruminirte, wo ich mich hinschlagen sollte, kommt ein Mensch, den ich so for einen Maurergesellen außer Dienst taxire, auf der andern Seite von das Stackett zu stehen. "Lieber Freund, wo komme ich woll von hier in den wilden Thiergarten?" "Kommen Sie mal en Bischen besser ‘ranner," sagt er; und ich komme auch dicht an das Stackett heran’ – "Sehen Sie woll da das Hesternest in jener Pappel?" sagt er und zeigt über meiner Schulter ‘rüber. – Ich dreh mich also um und seh auch das Hesternest und sag’: "Ja," sag’ ich "ich seh’s." – "Na," sagt er, und legt mir die Hand vertrauensvoll auf die Schulter, "denn sehen Sie nich rechts noch links, sondern sehen Sie sich ümmer das Hesternest an." – "Schön," sag’ ich, denn ich denke, er will mir ‘ne Art von Contenanz=Punkt geben, wonach ich mir richten kann. – "Und denn leben Sie wohl!" sagt er und nimmt mir meinen Hut ab, macht mir mit meinem eigenen Hut ‘ne Verbeugung, schmeißt mir über das Geländer das seinige schauderhafte Etablissemang von einem Maurerhut vor die Füße und verliert sich ohne Wiedersehen in die nebenbei befindliche grüne Buschkasche – Und zwischen uns das vierfüßige Stackettengeländer! Da stand ich nu und sah mir abwechselnd den Maurerhut und das Hesternest an, wobei sich mir eine große Aehnlichkeit zwischen beiden aufdrang. Aber was thun? – Ueber das Geländer könnte ich nicht herüber, und den Hut könnte ich doch nicht aufsetzen; ich resolvirte mich also rasch und ging denselben Weg wieder zurück, daß ich doch erst bloß wieder in bewohnte Gegenden käme Dies Glück gelang mich denn auch bald, indem daß ich einen kleinen nüdlichen, auferweckten Straßenjungen traf, der mich for einen Silbergroschen nach dem zotologischen Garten brachte, natürlich in bloßem Kopfe, d.h. mit bloßer Perrücke. – Entreh: vier Groschen. – Ich bezahlte und konnte nun ‘rein gehen. Hier ist nun eine merkwürdige Einrichtung getroffen, die mir dem bekannten Post= und Reise=Spiel aus meiner Jugendzeit ent nommen zu sein scheint. Es stehen nämlich an den Wegen lauter Wegweiser, – die ümmer von einer Creatur zur andern zeigen, wobei man sich aber in Acht nehmen muß, daß man keine überschlägt, wie mich das passirt ist; denn dann kann es existiren, daß man total in Biesterniß kommt, und daß man, wie ich z.B., einen Eisbären for eine Löffelgans hält. Hier in diesem Garten sünd nun sehr verschiedene Markwürdigkeiten, meistens vierfüßige, aber auch Vögel und Ungeziefer. Sie alle zu beschreiben is nich nöthig, denn sie stehen schon gedruckt in einer kleinen Naturgeschichte, die man for vier Schilling beim Entreh mitkauft. Außer Affen, Bären, Kameeler, die auch bei uns in Meckelnborg in der Vorzeit auf Jahrmärkte begänge waren, nu aber an der Gränze von der Polezei als Tagediebe abgewiesen werden, habe ich allhier kennen gelernt: den Pepita=Hirsch, ein Prachtstück von einem Achtzehnender, vorne gut aufgesetzt und mit schöner Aktion in dem Hintertheile; dann zweierlei Schweineraßen aus Amerika, von denen die eine der Markwürdigkeit wegen keinen Schwanz hatte; scheinen mich aber beide keine Mastungsfähigkeit zu haben; ferner die sogenannten reißenden Thiere, wie Hiähnen, Tigers und Löwen, die zum Frühstück und zum Mittag= und Adend=Essen rohe Biefstücks essen; aber ohne Pfeffer und Zwieweln, wie es jetzund die Reisenden genießen. – (Ahpropoh! Dies soll von mich ein Witz sein!) – Wie ich man gehört habe, haben sie hier eine kleine Löwenzucht einrichten wollen; es is aber nich gegangen, – weil mang die drei Löwen keine Löwen=Sie gewesen is. Ferner war hier auch eine Art von Vogel=Strauß zu sehen, der sich bei sich zu Hause aber ‘Casimir’ nennt; er soll natürliche Eier legen, obgleich er von die schwarzen Mohren zum Spazierenreiten benutzt wird. Ih, ja! Knochen hat er; aber man zwei; von Vordertheil und Hintertheil is gar nicht bei ihm die Rede, und wo soll denn da die richtige Gangart herauskommen? Es is also wohl nur ein Läuschen. Nachdem ich dies und noch vieles Andere gesehen hatte, will ich schon nach Hause, d.h. nach Berlin, gehen, da fällt mir ein Parragraf aus der kleinen Naturgeschichte in die Augen, welcher lautet: ‘Der Lama. Er trägt Wolle und Lasten, läßt sich auch reiten und ist sehr flüchtig, ist also gleichsam aus einer Vermischung von Schaaf, Kameel und Hirsch entstanden.’ Dies war mich denn doch ein Bischen zu bunt, darauf konnte ich mir keinen Vers machen; ich denke also, das Beste is, Du besiehst ihn Dir perßöhnlich. Ich suche ihn und finde ihn. Da steht er: dallohrig, vorne französch und hinten kuhhessig, mit ‘ner Farbe, die’s gar nicht giebt. Wie er mir bemerkt, kommt er piel auf mich los und steckt den Kopf über die Stacketten, legt seine Dallohren zurück und zeigt mir sein Gebiß. Ih, denk ich, büst Du so Einer, der von Natur schon falsch is, denn sollst Du noch falscher werden; ich narr’ ihn also, indem ich ihm mit einem Stock auf die Nase kloppe. Seh’n Sie, da wurde dieser Lama doch so boshaftig, daß er ordentlich mit die Beine trampelte. Na, ich hau’ ihm noch eins auf die Schnautze; aber da...! – Gott soll mich bewahren! – spuckt mich das entsamte Biest eine stinkerige Salwe über den bloßen Kopp und das Gesicht und die übrigen Kleidungsstücke, daß ich denke, mich sollen die Ohnmachten antreten. "Wischen Sie ab! Wischen Sie rasch ab!" ruft mich eine Stimme zu, die ich aber nicht sehen kann, weil mich die Augen verkleistert sind, "wischen Sie rasch ab! Der Gift frißt Ihnen sonst die Kleider entzwei." Aber womit? Mit dem Schnupptuch? Ja, hätte ich auch einen? – Ich hätte keinen. – Ich fühle aber, wie mich der bis jetzt noch ganz unbekannter Freund zu fassen krigt und mir wischt, und als ich die Augen aufmachen kann, sagt er: "Aber warum holen Sie nicht Ihren Schnupptuch ‘raus?" – "Weil sie mich den gestohlen haben." – "Wo haben Sie denn Ihren Hut?" "Weil sie mich den auch gestohlen haben." – "Haha," sagt er und lacht, "Sie sind also woll noch ein Grüner?" Sehen Sie, das is das Ganze, woher sich der obige dumme Schnack auf der Kegelbahn stammt, mir hat keiner grün angemalt, sondern dieser Mann hat mir bloß grün benannt, und das is nich in den Affenkasten gewesen, das passirte mir bei der Lama=Bucht. Wie er mich nun so abwischt, kommt er auch unterhalb die Magengegend und fragt: "Was haben Sie denn hier für einen Knudel?" – "Das ist mein Geldbeutel," sag’ ich, "den ich da wegen der Taschendiebe verfestigt habe." – "Das is recht," sagt er. "Sie scheinen mich ein vorsichtiger Mann zu sein. Aber wo in aller Welt kommen Sie zu diesem Lama?" – "Je," sag, ich, "ich wollt ihn bloß en Bischen brüden," und dabei seh ich mir meinen neuen Freund genauer an. Er hätte Stulpenstiewel und einen Möckintosch an, obschonst die Witterung trocken wie ein Spohn war, und in der Hand hätte er eine Reitpfeitsche. Ich sage also zu ihm: "Auch woll ein Okonomiker?" – "En richtigen!" sagt er. – "En Meckelbürger?" frag’ ich. – "Beinah," sagt er. "En Ukermärker." "Kennen Sie woll einen gewissen Trebonius, Colonius, Pistorius, Prätorius unb Livonius?" – "Sehr gut," sagt er. "Sind meine besten Freunde." – Na, nu wußte ich denn, daß ich mit einem ordentlichen Menschen zu thun hatte, und wir gehen zusammen aus bem wilden Thiergarten. Mein neuer Freund und Mitkollege erzählt mich denn Vielerlei, denn er hatte es hellischen mit’s Maul. "Herr Entspekter Bräsig," sagt er – denn ich hatte mir mit meinem christlichen Namen namkünnig gemacht, und er auch, und hieß ‘Bohmöhler’ – "Herr Entspekter," sagt er also, "Sie is es akkerat mit dem Lama so gegangen, wie die Zehlendorfer Bauern mit dem großen französischen Filosofen Wolltähr. Kennen Sie ihm?" – "Ne," sage ich, "einen gewissen Wollter kenne ich wohl, aber das ist ein Zuckerkanditer in Stemhagen." – "Den meine ich nicht," sagt er, "ich meine Wolltähren, welcher ein Zeitgeist von den ollen Fritz war. Na, diesen hatte sich der olle Fritz aus Frankreich verschrieben, indem daß er bei ihm noch in die französischen Provatstunden gehen wollte. Na, er kam auch, war aber schauderhaft häßlich anzusehen, und dabei war er ein nichtswürdiger falscher Karnallje. Nun begab es sich aber, daß dieser Wolltähr einmal bei ‘ner Gelegenheit einen von den ollen Fritzen seine Kammerjunkers häßlich auf die Leichdörner trat. Na, die Kammerjunkers – haben Sie die Art auch bei sich zu Hause?" – "Natürlich," sage ich, "denn wir leben in Meckelnborg auch in einem nützlichen Staate." – "Na, also die Kammerjunkers sünd überall hellisch pfiffige, junge Menschen, und dieser war einer von der richtigen Sorte. Er wollte Wolltähren einen Sticken stechen, und weil er wußte, daß dieser in einer Kutsche zu dem alten Fritz nach Potsdam in die Provatstunden fahren wußte, jagte er zu Pferde vorauf nach Zehlendorf und sagte zu die Bauern im Kruge, sie sollten aufpassen es würde eine Kutsche kommen, da säß’ den ollen Fritzen sein Leibaffe in und sollten ihn jo nich ‘rauslassen, denn das Biest wär falsch und rackerig und biß auch. Na, als die Kutsch nu anhielt, stellten sich die Bauern um den Wagen, un als Wolltähr nu ‘raus wollte, kloppten sie ihn immer auf die Finger un tahrten ihn: "Trrr Ap! Bittst ok?" Und – wenn er die Nase ‘rausstreckte, denn kriegte er eins auf den Schnabel: "Trrr Ap! Bittst ok?" "Herr Entspekter Bohmöhler," sage ich, "Ihre Geschichte paßt auf meinem Lama ganz genau, bloß daß mich zuletzt dieser seinen Gift in die Augen verabfolgte." "Oh," sagte der Herr Entspekter, "wenn’s weiter nichts ist! – Das hat Wolltähr auch gethan, der hat seinen Gift nicht bloß über die dummen Zehlendorfer Bauern, nein, über den König und das ganze preußische Land ausgespieen." In dieser Art unterhalten wir uns denn nu miteinander und kommen in die Stadt und gehen hier hin und da hin, und endlich sagt mein Mitkollege zu mir: "Wollen ein Glas Bier trinken." Und ich sage: "Man zu!" Wir gehen denn also in einen Keller; aber – hören Sie mal! – wie ich darin meinen Eintritt nehme, da is mir denn doch auch grade, als wenn mir Einer mit der Äxt vor den Kopp schlägt, so verschrak ich mich, denn – sehen Sie – vor mir an den Tisch saß der offenbare Hallunke von Bundesbruder, der Meister vom Postwagen im Osten und Westen und Ritter von der Eiserbahn dritter Classe, und trank sein Bier, wie die unschuldigste Seele. Na, ich fahr denn nu natürlich auf ihm los und sage: "Entfamtigter Karnallje...!" – "Ach, so" fiel mir hier mit ein ziemlich langes Gesicht der Herr Entspekter Bohmöhler in die Rede, "die Herren kennen sich?" – "Ei was!" sag’ ich. "Was hier von Kennen? Dieser abgefeimter Hallunke hat mich schön in die Tinte gebracht!" und ich erzähle die ganze Geschichte, wobei alle die Umstehenden um mich herumstanden und lachten; – bloß dieser heimtückische Attenthäter sagte kein Wort und trank ruhig sein Bier. Als ich nun von meiner langen Verzählung und vor Bosheit aus der Pust war, sagte er ganz ruhig: "Sünd Sie nu fertig? – "Ja" ruf ich – "Na," sagt er, "denn geigen Sie mich mal, woans Sie ‘s gemacht haben, als Sie wieder nach Berlin retuhr wollten." – "So hab ich’s gemacht," sag’ ich und pfeif dreimal und kloppe mir mit dem Zeigefinger der rechten Hand dreimal auf die Nase. – "Ja," sagt er, "denn bedaure ich sehr, denn haben Sie’s falsch gemacht; wenn Sie wieder retuhr wolten, denn hätten Sie mit der linken Hand sich in der Zeichensprache ausdrücken müssen." – "Ja," sagt der Herr Entspekter Bohmöhler, "denn haben Sie’s falsch gemacht." – "Ja," sagt ein sehr nobel aussehender Herr, "denn haben Sie’s falsch gemacht, denn – sehen Sie – wir Alle hören zu diesem wohlthätigen Verein, und hier werden unsere Sitzungen gehalten und wir müssen’s doch woll wissen." Was sollte ich dazu sagen? – Ich schwieg, gruns’te mir aber inwendig, und endlich sagte ich giftig zu diesen nobeln Herrn: "Wenn Sie denn doch Allens so genau wissen, denn werden Sie auch woll wissen, wo meine Taschenuhr geblieben ist." Sehen Sie – da stand mein erster Bundesbruder in der Höhe, drückte mir mit ernsthafter Zutraulichkeit die Hand und sagte: "Ich weiß es, und hier is sie," und damit überreichte er mir herzlich meine langjährige Taschenuhr. "Herr," sage ich, "wo kommen Sie zu meine Taschenuhr?" "Das ist ein Geheimniß," sagt er, "und wenn Sie nochlänger mit unserm wohlthätigen Verein verkehren, dann werden Sie noch die verschiedensten Geheimnisse kennen lernen. Fragen Sie jetzt nicht darnach. Vorläufig gereicht es mir zu ‘ner besonderen Ehre, daß ich einem Ehrenmann sein ehrenwerthes Eigenthum restatuwiren kann," und dabei wischte sich dieser Krokodill eine feuchte Thräne aus seinem Auge. Na, nu wäre es gegen alte christliche Besinnung gewesen, wenn ich nun noch an meine Bunbesbrüder Zweifel hätte hegen wollen; aber bei die vielen Geschichten, die mir passirt waren, war ich doch etwas koppscheu geworden und ich setze mir also vorsichtig hinter einen langen Tisch mit dem Rücken gegen die Wand, wodurch ich ihn mir kluger Weise zu decken dachte, was sich aber nachher als eine ausgesuchte Daemlichkeit auswies. Neben mir saß mein Bundesbruder, und auf der andern Seite setzte sich der benannte noble Herr, und mir gegenüber mein Mitkollege, der Herr Entspekter Bohmöhler. Wir tranken also unser Bier und sprachen von dies und das, und darauf ließ sich mein nobler Herr Nachbar Karten geben und spielte mit seinem Fisawih Sechs und sechzig. Ich kuckte zu. "Spielen Sie auch Sechs und sechzig?" fragte er. – "Oh, woll!" sag’ ich. – "Na," sagt er, "denn sehn Sie mal. Soll ich decken?" – "Natürlich!" sage ich, denn er hätte eine Marriasche und die beiden öbbersten Trümpfe und eine starke Garrantion in Piek. "Wenn er deckt, denn verliert er," ruft mein Mitkollege Bohmöhler über dem Tische herüber, denn er kuckte dem andern Spieler in die Karten. "Er gewinnt denn dreifachen!" ruf ich. – "En Thaler," ruft er, "er verliert das Spiel." – "Einen Thaler gegen," ruf ich, denn ich war hitzig geworden; aber mich wurde bald wieder so zu Muth; als wenn mich Einer ein Eimer kalt Wasser über dem Kopfe stülpte, denn denken Sie sich, das dumme Vieh von noblen Herrn, auf welchen ich mein Parreh hielt, spielte die Garrantion in Piek aus, welche Schläge kriegte; das andere Part riß ihm nu die Marnasche inzwei, und das Spiel lag in den Graben. "Gewonnen!" rief der Herr Entspekter Bohmöhler.- "Ja," sag’ ich, "wenn’s so geht!" Aber weil daß es eine von meine angenommenen Prinzips ist, mich nie bei’s Spiel zu streiten, so drück ich mich ganz dicht an den Tisch heran und knöpfe mir heimlich auf, wobei ich mir nicht entsagen konnte, in meinem Herzen zu denken: von einem Ochsen ist nicht mehr als Rindfleisch zu verlangen. Womit ich den nobeln Herrn meinte. Als ich nun meinen Geldbeutel losgebunden hatte, hole ich aus ihm einen harten Thaler ‘raus und recke ihm über dem Tische meinem Mitkollegen zu, indem ich den Geldbeutel noch verloren in derselben Hand behalte. Bei dieser Gelegenheit stehe ich auf und werde mit meinen aufgeknöpften Gegenständen sichtbar; der Herr Entspekter Bohmöhler fängt über mir an zu lachen und zeigt auf meine Verlegenheit, und, indem daß ich mich mit meiner linken Hand zu verhüllen suche, nimmt er mir den Thaler aus meiner rechten – aber auch den Geldbeutel. "Herr," sage ich kurz und ärgerlich, denn ich war falsch geworden, "geben Sie mich den Geldbeutel wieder her!" – Er steht da und lacht. – "Herr," sag’ ich, "Dummheit lacht. Geben Sie mich mein Eigenthum." – Er lacht weiter, geht aber auch weiter nach der Thür zu – "Da soll doch das Donnerwetter dreinschlagen," sage ich und will hinter dem Tisch ‘raus, kann aber nicht, denn hinter mir hätte ich die Wand, vor mir den Tisch und zu beiden Seiten den Bundesbruder und den nobeln Herrn. Und – sehen Sie – dies war die obenbenannte Daemlichkeit, die ich aus Vorsichtigkeit begangen hatte. Was hatte ich mich an die Wand zu setzen! "Lassen Sie mich ‘raus!" sage ich zu dem Bundesbruder. – "Oh, lassen Sie doch!" sagt er. "Er macht ja bloß Spaß." Und dabei lacht mich der Hallunke von Entspekter gerade in das Gesicht, macht die Thür auf, nickt mir noch mit einem Abschiedsgruß zu und geht ‘raus. Nu aber war’s denn auch ‘rein mit mir zu Ende; ich kriege den Bundesbruder links und den nobeln Herrn rechts zu packen und sage: "Karnalljen, entfamtigte Spitzbuben=Karnalljen, laßt Ihr mich nicht ‘raus?" Und somit spring’ ich auf den Stuhl und will dwas über den Tisch. Da halten sie mir an die Rockschlippen fest, und was mein Karnallje von Bundesbruder war, sagt: "Ich bitt Ihnen um tausend Pfund! Sie können doch in diesem Zustand Ihrer Extremitäten nicht auf die offenbare Straße?" "Meine Herrens!" sagt er, "halten Sie ihn fest, ich will ihn erst zukönpfen," und dabei fängt dieser Krokodill an, mir hülfreiche Hand zu leisten. Oh Judas! Judas! Dieselbe Taschenuhr, die er mich vor einer halben Stunde mit Thränen in den Augen restatuwirte, hat er mich, wie sich nachher auswies, mit heimlichen Lachen beraubt! Aber ich schlug um mich wie ein angeschossen Hauptschwein und stürz’ mich auf die Straße, habe aber noch so viel Besinnung, die Schlippen vorn zusammen zu nehmen. Ich laufe die Straße ‘rauf, ich lauf sie wieder ‘runter. Je,ja! je,ja Da war kein Bohmöhler und kein Ökonomiker zu sehen; aber alle Leute stehn still und sehn mich an. Was sollte ich verathenes Wurm nun thun? Da tritt ein Schutzmann an mich heran und sagt: "Sie is gewiß was passirt?" – "Ja," sag’ ich, "das kann ein alt Weib mit dem Stock fühlen." – "Wenn Sie würklich was passirt is," sagt er, "denn sagen Sie’s nur, denn ich bin dafor angestellt." Und ich sage ihm denn den betreffenden Umstand. "Wo is dies gewesen?" fragt er.- "Hier in diesem Keller," sag’ ich. – "Na," sagt er, "denn sünd Sie auf’s richtige Flach gekommen." Damit geht er in den Keller, und ich folge hinter ihm. Hier aber hatte eine Eule gesessen, der ganze Eiserbahnverein hatte sich aufgelös’t und war flöten gegangen; kein Mitglied war vorhanden. Die Polka=Mademoiselle, welche das Bier eingeschenkt hatte, hatte keinen von die anwesenden – jetzt abwesenden – Herrn gekannt, bloß mich erkennete sie wieder, was sehr freundlich von ihr war, und wobei sie auch lachte. "Haben Sie denn keinen mit Namen nennen hören?" fragt der Schutzmann. – "Ja woll!" sage ich. "Der Hauptschpitzbube war der Herr Entspekter Bohmöhler aus der Ukermark und en Mitkollege von mir." – "Na, ob der einer gewesen is, wird sich ausweisen," sagt er, "aber Sie sind also einer?" – "Ja," sage ich, "en richtigen. Entspekter Bräsig aus Meckelnborg." – "Haben Sie einen Paß?" fragt er – "Hier," sage ich. Aber – hören- Sie – indem daß ich dies sagte, wurde ich mir wieder als Levi Josephi bewußt, was ich in der Hitze meiner Aufregung ganz vergessen hatte. Mit meiner Besinnung war es aber zu spät, er hatte mich den Paß schon: abgenommen, und als er meine jüdische Qualität darin fand, wurde er verdeuwelt hellhörig aussehen. Er zog nun noch ein anderes gedrucktes Pappier heraus und las darin und denn in dem Paß, und denn munsterte er mir von oben bis unten, und denn las er wieder, und denn munsterte er wieder. Ich stand da, wie Botter an de Sünn. Endlich sagt er zu mir: "Kommen Sie man mit, es ist dies eine Prüfung, die Ihnen. Gott schickt." – "Wenn das ‘ne Prüfung sein soll," sage ich, "denn is es man eine sehr dumme, denn ich bün ein ehrlicher Mann," gehe aber mit ihm; aber natürlich in Haaren, d.h. in der bloßen P’rük. Aber wo bringt mich der Kerl hin? In dem Hohtel an dem Schangdarmen=Markt. Als ich da vor die Thür zu stehen komme, springt der kleine Kellnöhr aus der Thür und ruft: "Hier is er!" Und der Wirth kommt ‘raus und sagt: "Gottlob, da is er!" und der Schutzmann fragt: "Nicht wahr? das is er!" Und somit arretiren sie mir da sämmtlich und bringen mir nach Moses Löwenthalen seine Nummer rauf und der kleine Kellnöhr reißt die Stubenthür auf und ruft: "Herr Löwenthal hier is er!" Moses Löwenthal sprang vom Stuhl in die Höhe und rief: "Onkel, lieber Herr Onkel, was haben Sie mich for ein Elend gemacht, mich zu versetzen in die Unruhigkeit und in die Ungewißheit, und nicht zu wissen, wo Sie sind gestochen und geflogen." Nu war mich aber verdeuwelt wenig judenonkelig zu Sinn, und ich sage: "Halten Sie Ihr Maul mit der Judenschaft und der Onkelschaft! Ich will nichts davon wissen. Ich bün nu wieder Entspekter Bräsig." Während ich nu so meinen Grimm auslasse, geht der Schutzmann mit vorgehaltene offene Hand auf Mosessen los und sagt: "Ich bitte mir das versprochene Dußöhr von fünf Thalern aus for die Beibringung des Herrn da." Nu verschrak sich Moses, nu wollte nich; aber er hätte es einmal ausgepriesen, un nu müßte er. Der tiefbetrübte Newöh bequemte sich endlich mit Hängen und Würgen, und als er nu glaubte, nu wäre Allens glatt und schier, da kehrte dieser Schutzmann seine rauhe Seite zum Vorschein und erklärte uns wegen gefälschte Paßverhältnisse arretiren zu müssen, und als Moses mit Hand und Fuß dagegen renommirte, sagte der Schutzmann ganz ruhig er solle sich man en Bischen gedulden, es würde sich Allens finden. Mir hielte er bloß for einen ollen, einfältigen Vogelbunten, der sich dummerweise mit die Berliner Schwindler eingelassen hätte; aber Mosessen hielte er for eine abgefeimte Karnallje, denn er hätte es wohl mit angesehn, wie fein er gestern dem Rewerendarius den Judenpaß abgeschwindelt habe. Was half das All? Wir mußten in die Droschke steigen; der Wirth – ein braver Mann, der mir ordentlich lieb gewonnen hatte – lieh mich einen Hut, der mir natürlich viel zu groß war, weil wir mit Köpfen nicht stimmten, und so ging’s denn hin nach Nummer Sicher. Mit der Weile war es aber dunkel geworden, und zu einer Vornahme zum Verhör konnte es nicht kommen, sondern wir wurden einfach in ein Behältniß eingespunnt, worin sich außer zwei Strohsäcken nur wir allein befanden. Moses resaunte und posaunte die halbe Nacht, er schimpfte auf die Berliner Polizei, auf mir und auf die Flöhe; denn es war in der heißen Sommerzeit. Ich war still, ich hatte mich drein gefunden, denn ich hatte mir selber wieder gefunden, und Flöhe thun mir nichts, was ich dem frühzeitigen und mannichfaltigen Umgang mit Pferden zuschreibe; ich schlief ruhig ein, denn ich war müde und hatte die vorige Nacht wenig geschlafen. Den andern Morgen wird die Thür aufgeschlossen, und herein kommt ein Mensch mit ein großes Bund Schlüssel und sagt weiter nichts als: "Guten Morgen! Zum Rasieren." Und hinter ihm her kommt en langer Mensch mit aufgekrämpte Ärmel und en Scheerbeutel. Nu hatte ich allerdings natürlich schon einen dreitägschen Bart; aber noch meintage nich hatte ich mir eine frömde Hand in das Gesicht kommen lassen. Ich sage also: "Bitte, geben Sie mich das Geschirr her, ich will mich selbst rasieren." – "Daß Sie sich hier vor unseren sichtlichen Augen den Hals abschneiden!" sagte der. Kerl mit die Schlüssel. "Ne," sagt er, "so dumm sünd wir hier nicht." – Gott soll mich bewahren! Wo schlecht mußte meine Sache stehen, daß sie eine Handanlegung bei mir vermutheten! Na, ich sage aber nichts und setze mich wie ein Lamm auf die Schlachtbank; aber was ich geduldet, kann sich Jeder denken; denn ich habe überall einen starken Bart, und diesmal einen dreitägschen, und dazu bün ich noch in meinen jungen Jahren hellschen mit die Pocken behaft gewesen, weswegen Knüppel – der ümmer voll schlechte Witzen steckt – mein Gesicht ümmer das Waffelkucheneisen nennt. Denken Sie sich nun bei diesen Voraussetzungen dazu, daß dieser Balbierer nur ein einzigstes Messer besaß, was for Alle passen mußte, und Sie können sich meine Tortuhr einbilden. Er schund mir also auch gehörig und mußte mir wegen der Blutung Feuerschwamm auflegen, wodurch es sich auch stoppte. Mit Mosessen gung es besser, weil er bloß einen eintägschen hatte, obschonst er auch nüdliche Gesichter zog, als er unter dem Messer befindlich war. Sie gingen, und wir waren wieder eine Zeit lang allein; da wird wieder aufgeschlossen, und der Kerl mit das Schlüsselbund kuckt in die Thür und ruft: "Mitkommen!" Das ist nämlich hier die eingeführte Manier, womit sie Einen eine Einladung anzeigen. Na, wir gungen nun auch mit und kamen endlich auf einem Hofe, allwo ein einfacher Stuhl stand, und hinter dem eine Art Bettschirm. "Sitzen gehn!" rief der Kerl und winkte mir. "Wie Sie sehen," sagte ich, "bün ich schon balbirt, und zu’s zweitemal habe ich keine Lust." – "Maul halten!" sagt er. "Sitzen gehn!" – Na, was sollte ich dazu sagen? Die Gewalt hätten sie, und ich könnte mich jo auch hinsetzen, das thäte mir jo doch noch nichts. Ich setze mir also. Wie ich nun so in der Erwartung sitze, kommt ein Mensch mit einer abschreckenden Maschinerie zum Vorschein und stellt sie mir gerade gegenüber; indem daß er sie auf mich richtet. – Na, das is mir denn doch nich gleichgültig, ich springe also auf und sage: "Bleiben Sie mich mit das Ding vom Leibe!" – "Sitzen bleiben!" ruft der entsamte Kerl wieder. "Ganz still sitzen bleiben!" – Na, was sollte ich thun, die Gewalt hätten sie. Ich setz mir also wieder. Da fängt Moses an zu lachen und sagt: "Herr Entspekter, wissen Sie was Neues? Sie sollen potografirt werden, ich kenn die Maschinerie, und der Mann mit der Decke über’m Kopp ist ein gewöhnlicher Meschantikus." – "Potografirt?" frage ich. "Moses, thut das weh?" – "Gar nich," sagt er, "es ist ‘ne bloße Abbildung von Ihnen." – "Also," sag’ ich, "es thut nich so weh, als das Balbiren?" – "Gott bewahre," sagt er "aber Sie müssen still sitzen und dabei lächeln, denn wenn’s gut werden soll, müssen Sie still sitzen und wenn’s schön werden soll, müssen Sie lächeln." – Na, ich sitz nu also auch still und lächel nun also auch auf meine Art, so gut ich’s gelernt habe. Sehen Sie, nu saßen mir aber bei diesem Lächeln die entsamten Schwammproppen von wegen des Balbirens in dem Wege, und wenn ich recht schön lächerlich aussehen wollte; denn schreinte mich das, und aus diesem Gesichtspunkte ist ein Bild entstanden, welches mich – wie nachher uns’ Herr Paster sagte –,unter Thränen lächelnd’ darstellte. Knappemang war der Meschantikus mit meiner Abbildung fertig, so kam der Schutzmann von gestern angelaufen und ranzte den Kerl mit den Schlüsseln an und sagte: "Petermüller, was machen Sie hier for dummes Zeug? Sie sollen den Raubmörder von Nummer 134 potografiren lassen und nu potografiren Sie Nummer 135, meinen Levi Josephi aus Prenzlau!" "Herr," sagte ich falsch, denn diese Schinderei war mich denn doch über – erst balbirt und denn noch potografirt – "der Deubel is Ihr Levi Josephi, ich bün der Entspekter Bräsig." "Was Sie sünd, wird sich ausweisen," sagt er und wendet sich auch an Mosessen: "Rasch! Sie kommen gleich vor." So ging denn Moses vor mir auf, und ich folgte; aber als wir so die Treppen und die langen Corridons lang gingen, konnte ich sehen: Mosessen bäwerten die Büxen. Mich war auch nicht besonderlich zu Sinn, indessen doch verließ mich nicht das Bewußtsein: Du büst wieder Entspekter Bräsig. Als wir hereinkamen, d.h. ich allein, denn Moses und der Schutzmann blieben vor der Thüre, saß da wieder ein Herr Rewerendarius, von welcher Art sie in Berlin mannigfaltig haben. Er stand auf und kuckte mir grade in das Gesicht: "Sünd Sie ein Jude oder sünd Sie’s nicht?" – "Ich hab’ meinen Herrn Jesum Christum meindag noch nicht verleugnet," sage ich. – "Schön," sagt er, "denn sünd Sie der Entspekter Bräsig." – "Aufzuwarten," sag’ ich. Bei dieser von mir ertheilten Antwort stand er auf und besann sich – ich besann mich auch. Darauf setzte er sich und stippte seine Feder in das Dintenfaß und schrieb was un murmelte in den Bart: "Indintifenzirt." Mit einmal stand er wieder auf und sah mich höllischen an, als wenn ich männigmal in früheren Zeiten so einen Talps von Hofjungen ankuckte, bloß daß ich denn mehr von oben, er aber mehr von unten kuckte, indem daß er noch kürzer verpahlt war, als ich selber. "Herr," sagte er, "Sie haben sich unter einem nachgemachten Namen mit ‘ner ganzen Schwindlerbande befaßt." "Das wäre nüdlich!" sage ich. "Ne! die Schwindlerbande hat sich mit mir befaßt, und das gründlich! Denn sie haben mich mein Geld, meine Uhr, meinen Hut und meinen Taschentuch genommen." – Wie kommen Sie aber zu dem Judennamen? Warum haben Sie sich ihn gegeben? fragte er. – "Ich habe ihn mir nicht gegeben," sage ich, "Moses Löwenthal hat ihn mich gegeben und Bexbacher, und ein Mitkollege von Ihnen hat ihn mir gesetzlich in den Paß geschrieben." – "Erzählen Sie mal die ganze Geschichte," sagte er. Na, ich erzähl nun also auch, und er wurde immer freundlicher und zuletzt ordentlich lustig, und als ich ihm die Geschichte mit meinem Hut in dem Thiergarten erzähle, springt er auf, läuft aus der Thür und kommt mit einem Herrn wieder, der alle himmlischen Sterne unb Kreuze auf einer sogenannten Heldenbrust trägt – wie ich mich das von Anno 13 und 15 her zu erinnern pflege – und sagt zu mich: "Der Herr Polizeipresendent!" – Ich stehe denn in der Höhe und mache ihm einen Diener und sage höflich: "Wohl der Öbberste von die Herren" – Worauf er mir zutrauensvoll und bereitwillig zunickte, darauf mich auf meinen Platz niederwinkte und höflich zu mir sagte: "Erzählen Sie mir auch die Geschichte, aber gründlich!" Das that ich denn nun auch, indem daß ich mit Moses Löwenthalen seinen Bläßten anfing und mit den zuletzt aufgeknöpften Extremitäten aufhörte... Als ich zu Ende war, lachte er sehr freundlich und sagte zu dem Herrn Rewerendarius: "Rufen Sie mich mal Petschken hinein!" Petschke kam. "Petschke," sagt er, "wer mag wohl von unsern üblichen Bekannten um diese Jahreszeit einen Ökonomiker vorstellen?" – So’n Mensch, wie Petschke, weiß Allens; er sagte also ohne Besinnung: "Herr Presendent, wenn ich’s sagen soll, so is das kein Anderer nich, als Korl Pihmüller, denn der zieht sich ümmer zu Wullmarktzeiten mit Stulpenstiewel an und fängt in ihnen die fremden Ökonomiker ein, wie sie in Polen die Affen in Pechstiewel fangen." – "Schaffen Sie mir den Menschen," sagt er. – "In fünf Minuten," antwortet er und dreht sich um "Petschke," sagt der Presendent und kloppt ihm auf die Schulter, "Sie sünd eine Stütze des Staats!" und damit geht Petschke. "Herr Entspekter," sagt der Presendent zu mir, "Sie sind während dessen in meiner Achtung gestiegen, denn Sie sind bloß ein erbärmlich betrogener Mann; wir müssen Sie aber telegrafiren." –"Danke schön!" sage ich. "Von der Art habe ich nu genug. Heute morgen zum Koffe balbirt, zum Frühstück potografirt und nun zum Mittagessen telegrafirt!" – "Herr Entspekter," sagt er, "hilft Ihnen nichts! – Wo wohnen Sie?" – "Zu Haunerwiem," sage ich. – "Ist es ‘ne Stadt?" sagt er. – "Nein," sage ich, "es ist aber ein kleiner lebhafter Ort, zwei Meilen von der Schosseh, mit einem verlassenen Müllerhaus und zwei Tagelöhner=Kathen." – "Unter was for einer Gerichtsborkeit?" fragt er. "Weiß ich nich," sag’ ich, "die Tagelöhner kriegen ihre Prügel ümmer von’s Patrimonial; das Müllerhaus, worin ich wohne, is noch nich in solche Lage gekommen." – "Aber," sagt er, "Sie müssen doch wissen, unter welchem Richter Sie stehen." – "Herr Presendent," sage ich, "Sie verlangen von mich zu viel! Sehn Sie, ich bün ein alter Mann und ein aufrichtiger Mann, aber Auskunft geben kann ich Sie nich; denn – sehn Sie – welche stehn unter der Justiz=Kanzlei, welche unter dem Herrn Burgermeister, welche unter dem Patrimonial und welche unter dem Domanial, welche die unglücklichsten sünd, indem daß sie denn nich wissen, ob sie unter dem gnedigsten Herrn Landdrosten oder dem Herrn Amtmann oder unter einem jungen Auditer stehn." Der Herr Presendent ging bei diesen meinen Worten auf un dal un schüttelte mit den Kopp. "Herr," sagt er endlich, "Sie scheinen mich mit Ihren landesüblichen Zuständen sehr bekannt zu sein; aber das hilft uns nich; wir müssen hier eine Attestirung Ihrer Qualifikation haben. Wie heißt Ihre nächste Stadt? und haben Sie darin keinen wohlhabenden Mann, der sich für Ihre Eigenschaften verbürgen kann?" – "Meine nächste Stadt," sage ich, "is Bramborg, wird buchstabirt : N-e-u-B-r-a-n-d-e-nb-u-r-g. Mein bester Freund darin ist ein Gewisser" – und ich nenne den Namen – "ein alter Mitkollege von mir, der sich im zurückgezogenen ökonomischen Zustand mit Schriften befleißigt, indem daß er davon seine Nahrung sucht." Hören Sie mal, indem daß ich dies sage, springt dieser Presendent in der Höhe und ruft dem Herrn Rewerendarius zu: "Holen Sie mich mal die Personal=Akten von diesem Gewissen," und dauert auch nichts denn sie wissen hier Allens, und sie haben hier Allens – kommt der Herr Rewerendarius mit ein Packet Akten in die Thür hinein, und hinter ihm kommen noch zwei andere Unterrwerendariussen her und legen auch zwei auf den Tisch, und der Herr Presendent fragt mich: "Wissen Sie, daß dieser Gewisse gesessen hat?" – Und ich sage: "Ja," sage ich, "denn er fängt seine Geschichten ümmer an: Als ich noch auf der Hausvogtei saß, oder: als ich noch auf dem Sülwerberg studirte." – "Wissen Sie auch, worum er gesessen hat?" – "Nein" sage ich. "Glaubs’," sagt er, "er wird es nicht Jedermann auf der Nase binden; aber hier" – und damit zeigte er auf die Akten – "hier steht’s All d’rin, wie er schon in seinem neunzehnten Jahre in seiner natürlichen Boshaftigkeit so weit ging, den Anfang seiner Missethaten mit der Umstürzung der ganzen preußischen Monarchie und des deutschen Bundestages zu beginnen, indem daß er am hellenlichten Tage auf einer deutschen Universität mit den deutschen Farben umherging. Hier in diesen Akten steht’s, wie er davor zum Tode durch das Beil verurtheilt, nachher aber mit einer dreißigjährigen Gefängnißstrafe beschenkt worden ist, von die er aber leider nur sieben Jahre gesessen hat, und darauf zur Freude seiner Angehörigen als abschreckendes Beispiel in die Welt retuhr gestoßen worden ist. – Und solchen Menschen wollen Sie für sich zum Bürgen stellen?" – "Gott soll mich bewahren, Herr Presendent, nehmen Sie’s nich übel," sag’ ich, "aber wie kann Einer einen funfzigjährigen Menschen·es an der Nase ansehen, was er in seinem neunzehnten Jahre for Schauderhaftigkeiten begangen hat?" Und mich überschlich das beschämde Gefühl, wenn man sich for einen Freund schämen muß. "Ja," sagt der Herr Presendent, "Sie müssen sich andere Bürgen versichern. Wissen Sie sonst keine?" – "Ja," "sag’ ich, "in, Bramborg ist außerdem noch ein echter Hawanna=Cigarren: Importöhr und ein richtiger Musik=Kompohsitöhr, die mir die Echtheit und Richtigkeit bezeugen können; der eine heißt Fritzing Volkshagen und der andere Jöching Lehndorf." – "Nu schweigen Sie rein still," sagt der Presendent, "das sünd unsere brauchbaren Männer! Wollte Gott, wir hätten diese legitihmen, aufstrebenden Talente in unserm preußischen Staat! Die sünd uns sicher, und wir wollen Sie gleich an diese Beiden telegrafiren." Na’ während dessen dies nun mit meinerseitigen entschiedenen Verdrießlichkeit vollzogen worden, kommt der berühmter Petschke in die Pohlizei hinein zu stehen und hat in jeder Hand einen Kerl bei’m Kragen. "Hier sünd sie!" sagt er. – "Welche sünd es?" fragt der Presendent. – "Der Ökonomiker mit die Stulpenstiewel is der besagte Pihmüller, und der Bundesbruder is der vielfach bestrafte Zihmüller." – "Na, das wußte ich schon," sagte der Presedent – denn sie wissen hier Allens – und stellte sich mit seine Stern, Kreuz, Kringel und Zwieback auf der hocherhobenen Heldenbrust, grade wie ein neugegossenes Talglicht in der Höhe und fragte, als ob er ebenfalls zu Pferde gegossen auf den ollen Fritzen sein Postatment stünde, von oben herunter: "Korl Pihmüller, genannt Bohmöhler; kennst Du mir und kennst Du diesen hier vorstehenden Herrn Entspekter Bräsig?" – "Herr Presendent," sagt er, "aus verschiedene Verhältnisse kenne ich Ihnen, und ich kenne auch den Herrn Entspekter Bräsig von dem Lama her in dem zotologischen Garten." und auch der andere Hallunke war so gütig, mir zu kennen, und nu nenneten sie mir ümmer ümschichtig: ‘lieber Kollege’ und ‘lieber Bundesbruder’ und ‘Bruder Bräsig’, was mir in Gegenwart von den Herrn Presendenten hellschen schanirlich war, indem daß er einen unredlichen Begriff von mir kriegen konnte. Aber wo gung dieser Herr Presendent mit die beiden Spitzbuben um! Wie die Sau mit dem Bettelsack! – Ich habe all mein Lebtage Keinen in Stulpenstiewel so herunter machen gehört, als diesen nachgemachten Entspekter Bohmöhler, mit Ausnahme von Knollen zu Rammelin seine Wirthschafter, wenn ihnen Knoll über die Landwirthschaft belehren thut. Und nu der Bundesbruder! Dieser Krokodill griff wieder zu seine Thranen und stand da, als Waddick und Weihdag’, indem er bald mich und bald den Herrn Presendenten erbarmungswürdig ankuckte und dabei süfzte, als ein Windaben, wo’s Schott nich zugemacht is. Aber all seine Leidigkeit half ihn nichts, er sollte die Uhr ‘rausgeben. – Die hätte er nich, sagte er. Und Bohmöhler sollte das Geld herausgeben. Das hätte er auch nicht, sagte er. Da stellte sich der Herr Presendent mitten in die Stube un wieß mit der linken Hand aus die beiden criminalischen Bösewichter und sagte ruhig: "Man führe ihnen ab." Na; dies geschah, und wie sie ‘rausgebracht wurden, kam ein Telegraf hinein, der schon die Antwort von meine Bramborgschen Freunde brachte. Jöching Lehndorf erklärte darin, ich sei ihm stellenweise von Perßohn bekannt geworden, und könne er mich bezeugen, daß ich seines Wissens keinen unmoralischen, wohl aber einen unmusikalischen Lebenswandel geführt hätte, indem daß ich mal in seinem musikalischen Concert mich mit Johann Knüppeln laut über meinen gnedigsten Herrn Grafen seine Kutschpferde unterhalten hätte; aber for einen offenbaren Spitzbuben hielte er mir dennoch nich. Fritzing Volkshagen erklärte: er kennete mir sehr genau, indem daß er vermöge meiner Mithülfe allen Sandhäger Toback kaufe, der ihm durchaus zur Anfertigung der Importirten unentbehrlich sei; er stehe deshalb for meine Moral ein, aber nich sor meine etwaigen Schuldenverhältnisse; dies könnte er nich, denn er wäre leider erst ein Anfänger. Wenn er es könnte, so könnte er es auch wohl thun, aber da er es nicht könnte, so könnte er es auch nicht thun. "Herr – Entspekter Bräsig," sagte der edle Presendent und reckte mir die Hand hin, "sehr gefreut Ihre Bekanntschaft zu machen, Sie sünd nach dem Zeugniß dieser Ehrenmänner ein moralischer Karakter und können·als solcher in Ihr geliebtes Vaterland zurückkehren. Mit Ihr Geld und – Ihre Uhr sünd wir noch, wie Sie sehen, in Dunkelheit; kriegen wir sie, denn kriegen Sie sie." – – "Sünd in guter Hand, Herr Presendent," sage ich höflich. – "Schön," sagt er, "ich werde Ihnen nun einen Zwangspaß ausstellen" – so nennen sie in Preußen die vornehmsten.und sichersten Regierungspässe – "und Sie werden vermöge dessen binnen zwei Stunden Berlin und die königlichen Staaten verlassen. Reisen Sie mit Gott! Aber warten Sie, erst will ich mir die beiden Juden noch kaufen." Somit wurde denn Moses Löwenthal und mein Jugendfreund Bexbacher hereingebracht. Gott im Himmel! Wo ging der edle Presendent mit diese beiden Glaubensgenossen um! Ich will das nicht weiter verpubliziren; aber Moses hatte dicke Schwitztropfen auf der Stirne, und Bexbacher rief alle Heiligen des jüdischen Kalenders an, um aus der Fitalität herauszukommen. "Meine Herrn," sagte der Herr Presendent zuletzt, "Sie haben es diesem moralischen Manne zu danken, wäre dieser z.B. ein Schinderhannes oder ein Käsebier, so würden Sie als Helfershelfer nach Landrecht Nummer so und so zu circa elf Jahren und einem halben-Monat verurtheilt; aber weil Sie mit einer so ausgezeichneten Perßöhnlichkein zu thun hatten" – da meinte er mir mit – "sei Ihnen die Strafe in Gnaden erlassen." Dies sagte er, und als er dies sagte, richtete ich mir im gerechten Wohlgefühle der moralischen Anwandelung in der Höhe, indem daß ich die mich verführte Judenpackasche von oben ansah, was mich sauer ankam, denn Bexbacher war lang verstiepert. Aber knappemang hatte ich mich über die Juden und Judengenossen erhoben, so kam en Mensch in die Thüre hinein zu stehen und sagte: "Herr Presendent ich presentire Ihnen hier das wohlgetroffene Portrett des berüchtigten Raubmörders." Gott soll mich bewahren! Zeigt der Kerl mein Gesicht mit sämmtliche Pockennarben und sämmtliche Schwamm=Proppens den erstaunten Anwesenden vor und kuckt mir an, als wäre ich Einer der mit’s Messer auf die Leute ginge. "Herr Presendent!" sage ich. "Schweigen Sie," sagt er, "Sie werden mit mir zufrieden sein. – Dieses Ihr Bildniß könnte ich als Illustrirung und Instruirung in mein Provat=Kabinett mit die übrigen Spitzbuben zusammen hängen, aber ich achte Sie, ich ehre Sie, ich schenke es Ihnen zum ewigen Angedenken. – Bexbacher, Sie können gehn, vorher bezahlen Sie aber sämmtliche Kosten; Moses Löwenthal, Sie können auch gehn; aber sofortig zur Eiserbahn und bezahlen for sich und den Herrn Entspekter Bräsig die Eiserbahn und die Post; auch etwaige Verzehrungsgegenstände. Und damit dies sicher geschieht, werde ich Ihnen einen sichern Menschen bis. an die meckelburgsche Grenze mitgeben, der Sie alle Beide da richtig ‘rüber bringt. For diesen sichern Menschen bezahlen Sie Post, Eiserbahn und Verzehrungsgegenstände hin und zurück, und nun reisen Sie innerhalb zwei Stunden mit Gott und dem Schutzmann. – Herr Entspekter," sagt er darauf zu mir, "behalten Sie mir in guten Andenken." "Herr Presendent," sage ich, "sollten Sie mal nach Haunerwiem in’s Meckelnburgsche kommen...." "Spreche ich bei Sie vor!" sagte er. Damit schüttelten wir uns die Hände und schieden mit gegenseitiger Hochachtung. Was is nu noch viel zu sagen? In Zeit von zwei Stunden saßen wir auf der Eiserbahn. Der mitgegebene Schutzmann war eben so hungrig und durstig wie ich; auf jede Statschon wurde ein Seidel Bier vertilgt, und wenn mein betrübter Newöh ein sauer Gesicht machte, indem daß er bezahlen mußte, denn tröstete ihn der Schutzmann ümmer: "Herr Moses.Löwenthal, Strafe muß sin! Worum haben Sie den Freund von unsern Herrn Polezei=Presendenten unwissentlich zu die Judenschaft verführt." So kommen wir denn gegen Wolfshagen, wo sich die Scheidung der meckelnburgschen und preußschen Grenze begiebt; hier sagte uns der Schutzmann adjöh, und mit würklicher Wehmütigkeit trennte ich mir von dem Mann, der so liebreich for unser sicheres Fortkommen gesorgt hatte. Aber es dauerte nicht lange. Möglich, daß es das vaterländische Gefühl war, möglich, daß es die mannigfaltigen consumirten Bierseidel waren, ich kam in eine große Lustigkeit, so daß ich das Singen kriegte, wobei zwei junge Dams, die mit in den Postwagen saßen, ümmer zusammen fuhren, as wenn ein Gewitter in der Luft wäre. Ich rechne das auf ihre Nerven; und ihre Nerven rechne ich wieder auf die neumodischen Kreolinen, wo eine Verkühlung nicht ausbleiben kann. So sung ich mir durch die kleine, aber ungebildete Stadt Woldegk hindurch bis gegen Bramborg, und als wir da bei’s Posthaus vorgefahren und ausgestiegen waren, sagt Moses, indem daß er hellschen dallohrig aussah und so vermisquemt, as en Pott vull Müs’: "Herr Entspekter," sagt er, "is das gewesen ein Geschäft! Hätt ich gewesen ein unmoralischer Freund, oder hätt ich selbst gewesen ein Christ, oder hätt ich Ihnen bloß einspunnen lassen in Berlin, hätt ich gemacht ein groß Geschäft. – Was soll ich sagen zu Hause? – Sie meinen doch nicht, daß ich soll nehmen für mein Geld noch ‘ne Extrapost über Haunerwiem nach Wahren? Wir werden uns doch woll hüten! – Wir bleiben die Nacht hier und ich telegrafir’, daß sie mich schicken meinen eignen Wagen – kost’t mich acht Groschen – und ich bleib’ bei Bäcker Zwippelmannen."- "Thun Sie das, Moses," sag’ ich, "ich geh in den goldnen Knop." Und ich geh, und als ich so geh, kommt mich einer von meine Retters entgegen, Fritzing Volkshagen, und reicht mir einen freundschaftlichen Händedruck und sagt: "Herr Entspekter nehmen Sie’s mich nich übel; aber ich könnte nich. Ich hätte in meine Verhältnissen, und ich könnte in meine Umständen..." – "Lassen Sie das!" sage ich. "lhr Telegraf hat mich ‘rausgerissen, und Sie haben als Freund an mir gehandelt." – Und als wir über den Mark gehen, kömmt Jöching Lehndorf angelaufen – denn er läuft ·immer wegen seiner nothgedrungenen Provat=Stunden – und sagt: "Nich übel nehmen; aber als ehrlicher Mann – nich anders als unmusikalisch zu taxiren...." – "Schon gut!" sage ich und sag’ ihm dasselbe, wie dem Andern, und so gehn wir in den Knop. Knappemang sitze ich nu hier mang verschiedene Dokters un junge Avkaten und genieße ein Bifftück – denn ich bün for Hausmannskost und kein leckermäuligter Bourbong, der ümmer was Separates haben muß – dunn kommt der Gewisse auch an, und als er mich sieht, sagt er auf gewöhnlich Plattdeutsch – denn das ist seine entfamtigte Mode, daß er sich ümmer in plattdeutsche Redensarten unterhält und nich in einem gebildeten hochdeutschen Stiele – sagt er also auf Plattdeutsch: "Gu’n Abend, Unkel Braesig! Wat maken Sei, oll Fründ?" – Sehn Sie, als er mir dies in Gegenwart von die gebildeten Dokters und junge Avkaten sagte, wurde mir inwendig doch so steinpöttig zu Sinn, und ich kuck ihn grad’ in die Fisasche und sage: "Freund? Freund? – Dieses noch lange nich! – Und for das Gewesene giebt der Jude nichts." – Da sah er mir mit ein hellisch langes Gesicht an und – frog: "Wo so? Wo ans?" – Da stand ich hinter mein Bifftück auf und sagte: "Jeder gebildete Ökonomiker befleißigt sich mit seiner hochdeutschen Muttersprache, und wenn mir einer von meine Mitkollegen – und wäre er auch man so so – in einer gebildeten Gesellschaft von anwesende Herrn Dokters un Avkaten mit plattdeutsche Redensarten unter die Augen geht, denn taxirt er mir for einen Haw’jungen und ich ihn wieder. – Und Freund? Freund?" – da drehte ich mir zur Gesellschaft um – "Meine Herrens, nennen Sie das einen Freund, for den man sich vor dem Herrn Polezeipresendenten in Berlin schaniren muß? Estimiren Sie das for einen Freund, der mit neunzehn :Jahren die ganze preußsche Monarchie und den wohllöblichen Bundestag hat umstürzen wollen? Taxiren Sie den for einen Freund, der, Einen durch seine Bürgschaft in offenbaren heimlichen Königsmord verwickeln kann? – Gehn Sie," sag’ ich und dreh mir wieder zu dem Judas um – "Sie passen nich mit Ihre Freundschaft und erst recht nich mit Ihre plattdeutschen Redensarten in diese anwesende, gebildete Gesellschaft, Sie sünd hier das föft Rad an ‘n Wagen!" Da grifflacht mich dieser Gewisse so venynschen in das Gesicht hinein und gung im begossenen Zustand aus der Thüre, und ich sah ihm das deutlich an, daß er mich hinterrücks einen Lack anhängen würde – was er auch mit dem Affenkasten und dem Grünanmalen gethan hat – aber die Herren Anwesenden freuten sich über meiner Geistesgegenwart, und der Eine sagte: "Der hat seinen richtigen Tappen!" und der Andere sagte: "Schaden schadt ihm das nichts," und der Dritte. sagte: "Wo zog er Pahl!" und ich sagte: "Dor rük an!" – Und dauert nich lange, da stießen sie mit mir an und wir wurden Alle eine Herzlichkeit und eine Seeligkeit, und als ich zu Bett gung, hatte ich stats dieses einen, falschen Freundes sieben richtige, und zwarsten lauter gebildete, hochdeutsche, und ein heimlicher Königsmörder war da nich mang. Nu sitze ich wieder auf meinem hochgräflfchen Wohnsitz in dem alten Müllerhaus zu Haunerwiem und lese in den Herrn Pastor seinen Staatskalender von anno 37; aber indem ich nun so viele Schosen erlebt habe, ist mir dabei nicht mehr so interessant zu Sinn; ich lege männigmal das Buch bei Seite und rufe mir die mannigfachen freudigen – Ereignisse auf der Reise und in Berlin in meine Besinnung oder beseh mir mein Portrett, was an der Wand hängt und zu meinem Geburtstag mit einen Eva=Kranz von meine olle Mariken frisch aufgeziert is. Es is dies ein theures Angedenken, indem daß ich Uhr und Geld nich wieder gekriegt habe. – Die Kerls sitzen aber. In die langen Winterabenden habe ich dies aufgeschrieben,als würkliche Begebenheiten. – Nun thun Sie mir den Gefallen und machen Sie’s bekannt; aber so, daß sich ein Gewisser grimmig darüber ärgert. Zu Dienst und Gegendienst bereit Ihr ergebenster Zacharias Bräsig, immeritirter Entspekter. Haunerwiem, den 1. May 1861. – Was ‘ne hellisch schlechte Jahreszeit for diese Temperatur is. Von ’t Pird up den Esel. En ollen Mantel sitt warmer, as de nimodschen Ekels von Ümknüppeldäuk; en ollen ihrlichen blagen Rock mit lange Schöt lett beter, as de ßackermentschen Dinger, de sei up Stunns dragen – hinn’n nicks, vörn nicks – un in en Por olle Stäweln geiht sick dat vel sachter, as in en Por nige, vör Allen, wenn Einer mit Likdürn’ behaft’ is. Un Likdürn’ hett up Stunns Jedwerein; den Einen drücken sei hir, den Annern dor. So denk ick hüt tau Dag in ollen Johren; aewer as ick so ‘n Jung’ was von Johrner twölw, dunn gung mi ‘t as all de Gören: ümmer wat Niges! – Hadd ick en niges Metz kregen oder en nigen Flitzbagen, denn brög ick mi dor en drei, vir Dag’ mit rümmer, as wenn s’ mi antrugt wiren, nahsten let ick sei liggen; oder ick verlür s’,.oder ick verschutert s’, denn hadd ick doch. wedder. wat Niges. Un von de Niglichkeit kamm ick in de Lust tau ‘m Schutern, un von de Schuteri hadd ick licht noch tau wat Slimmeres kamen künnt wenn uns’ Herrgott nich en Inseihn brukt hadd un mi von minen ollen Unkel tau rechter Tid en por richtige Mulschellen hadd veraffolgen laten. Tau jeder richtigen Schuteri hüren Twei, ein Klauk un ein Daemlich. För Beide kann de Sak heil leg warden: bi den Klauken bögt sick dat Haekschen all tidig tau ‘m Spitzbauwen, bi den Daemlichen tau ‘m Snurrer. Na, ick müggt mi woll, ahn dat ick ‘t wüßt, en beten nah de letzte Sid bögen, denn tau de Dœmlichen hewwen sei mi ümmer stark rekent, un wenn ick min Vermaegens=Ümstänn’ anseih, kann ick grad’ nich wedderspreken. – Na, as min Fründ Herr Gastwirth Gollenreider in Treptow, seggt: ‘dem sei nun, wie ihm wolle’ – de Mulschellen hadd ick weg, un wil dat in mine Vaderstadt dat Lübsche Recht güll, so müßt ick sei ok behollen. Aewer weswegen ick sei kreg, dat hängt so tausamen: Ick hadd einen wunderschönen Karninken=Buck, blag mit en witten Bliß, den wull min beste Fründ Fritz Risch, girn hewwen. Fritz Risch un ick wi schuterten ümmer tausamen, un ick hadd von em all en schön Deil von allerlei Herrlichkeiten kregen – man Schad’, ick wüßt nich recht, wat ick dormit anfangen -süll. – Na, ditmal wull hei, mi för minen Karninken=Buck acht Schachpuppen, drei utgepust’te Häunereier un ‘ne halw’ Lichtputzschir gewen, un denn süll ick noch en Jüngen von sin Tanten Rümplers ehren Teckel krigen, wenn de jungen ded, wat aewerst, as ick nahdräglich in Erfohrung bröcht, woll nich gaud wesen künn, wil dat en Köters was. – Na, dat Anner was jo all so, as dat müßt, blot mit de halwe Lichtputzschir, dat wull mi nich recht in den Kopp, un ick säd tau em: "Fritz," säd ick, "wat sall ick mit dat oll halw’ Ding?" – "Ih," seggt hei, "dese heww ick funnen, as ick gistern up den Buhof fel, Du kannst so de anner-Hälft dortau finnen un sei denn för acht Gröschen verköpen."so Na, dat künn ick denn sacht; aewerst ick was all oft sollen un hadd meindag’ nicks funnen, un de Sak was mi denn doch bebenklich. – Dunn seggt hei: "Fritz," – denn ick heit ok Fritz – "kik mal, min Vader is en bloten Smid un Din Vader is en Burmeister, worüm süllst Du nich so gaud wat finnen, as ick?" – Na, dat was denn nu wohr, un de Handel würd afmakt, un hei geiht. Un as hei nu so ut de Gorenpurt mit minen Karninken=Buck herute geiht, un ick nu noch so stah un mine acht Schachpuppen un mine drei utgepust’te Häunereier un mine halwe Lichtputzschir beseih – swabb, swabb! – dunn krig ick de beiden Mulschellen; un as ‘ck mi ümseih, dunn is ‘t min Mutterbrauder, Unkel Matthies, de hett achter ‘n Appelbom seten un hett den ganzen Handel mit anhürt. Min Unkel Matthies was en ollen Soldat un hadd narsches Moden an sick; hei slog ümmer irst, un nahsten säd hei irst, worüm dat hei slog. Hei was in Ungarn un in Polen west un hadd de Welt seihn un wüßt vele Geschichten tau vertellen; aewer dat Slimme was bi sine Geschichten, dat sei ümmer ‘ne Nutzanwenning hadden. De hadd ick em nu girn schenkt, denn wenn hei bet tau de kamen was, denn gaww dat ümmer ‘n Kattenkopp, dormit wi de Moral beter behollen süllen. As ick de Mulschellen nu weg hadd, dunn sett’te sick min Unkel Matthies up de Bänk unner den Appelbom un säd: "Jung’, weitst Du, worüm Du den Denkzettel kregen hest?" – "Ne," segg ick, "Unkel; Du hest jo noch keine Geschicht vertellt." – "De kümmt natürlich nah," seggt hei. "Den Denkzettel hest Du von wegen Din Schutern, denn so vel ick weit, will Din Vader keinen Roßkamm ut Di fäuden. Un nu kumm her un hür de Geschicht: As ick noch tau Peterwardein bi de Ungarschen Hulanen stunn, dunn hadden wi en Rittmeister bi de Swadron, dat.was en Kirl, as en Kes’ hoch un hadd en lütten Verdruß mang de Schullern, un ‘t Ding was iwrig un gnittrig, un müßt ümmer wat Niges hewwen un satt so vull Lunen as de Esel vull grise Hor, un wenn hei in den Rönnstein follen was, denn rauht hei nich ihre, bet dat hei nich ok in den Graben lagg, un hadd hei hüt Stäwel an, denn müßten ‘t morgen Schauh sin un aewermorgen Tüffeln. Un dorbi was dat Kraetending rik, un de Dummheiten, de sin Gaus’kopp utsunn, kunn sin Geldbüdel gaud uthollen, tau ‘m wenigsten ‘ne Tid lang. Wat was denn nu woll natürlicher, as dat uns’ lütt wahnschapen Rittmeister ümmer en ganzen Himphamps von hungrige Kammeraden üm sick hadd, de an em hackten as de Kliben, de an em sogen as de Ilen, un achter sinen Rüggen œwer em lachten as de Spitzbauwen. – Na, ein von dese Bräuderschaft; de bildte em denn nu in, dat grötste Vergnäugen in dese Welt wir, in ‘ne dichttaumakte Glaskutsch tau sitten, Einen hinn’n up, Einen vörn up, un denn mit vir Pird’ de Landstrat ümmer up un dal. – Dat schinte denn unsen lütten Rittmeister, dat hadd hei noch nich dahn, dat was jo noch wat Niges, un, as min Fründ, Schauster Samckow tau Rostock, tau seggen pleggt, ‘folglicher Weise’ würd de Glaskutsch un de Mähren anschafft, un dat grötste Vergnäugen up dese Welt namm sinen Anfang, aewerst ok ball sin Enn’; denn wenn uns’ lütt Wippwupp von Rittmeister in de Glaskutsch satt un von ein Finster nah ‘t anner herüm hüppen ded; as de Düwel in ‘ne Medizinbuddel, denn stunnen de Lüd’ still un lachten, as wenn sei einen Apen segen. Nah drei Dag’ was em de Sak olt, un en rechtes Glück was ‘t, dat de. Oberst von dat Regiment sick ‘ne junge Fru namen, un dat de sick ‘ne Glaskutsch un vir Pird’ un Einen hinn’n up un Einen vörn up in den Kopp sett’t hadd. De Oberst hadd nu œwerst nicks wider as sin Traktement un hadd lange Johren dörch ‘s Abends in de Fierabendstunn’n ümmer dat schöne Lied sungen: "Die Traktementen, die seind gar zu klein." Hei hadd aewerst ümmer dornah tracht’t, sine Innamen tau verbetern, un so hadd hei denn ok drei Dag’ vör sine Hochtid einen ungerschen Grafen – drei Pasch de Besten – einen Kaleschwagen un twei Pird’ afgewunnen, wovon dat ein’ dumm was. Hei geiht nu also tau minen lütten Rittmeister un malt em dat säut vör, wo dat plesirlich wir, wenn Einer Kutscher würd un sick sülwst führt; un wil nu dat, wat tau ‘ne richtige Schuteri hürt, hir tausamen kamm, nämlich ein Klauk un ein Daemlich, so würd de Handel slaten, un de gnedigste Fru Obersten kreg ‘ne Glaskutsch un Einen hinn’n up un Einen vörn up, un min Herr Rittmeister kreg den Kaleschwagen un den Dummen. – Un eines schönen Morgens, as sick ganz Peterwardein nicks Slimmes vermauden was, sett’t sick min lütt Rittmeister up den nigen.Kaleschwagen un führte de Fru Obersten mit den Distel un den Dummen in ‘t Finster ‘rinne. Dat wüld denn nu en groten Spermang, un wat den Herrn Obersten sin Adjudant sin süll, nu œwerst de Fru Obersten ehr worden wir, de kümmt ‘rut un fröggt em, ob de Düwel in em set. – "Ne,"- seggt be oll lütt pucklich Rittmeister, "in mi nich, aewer in de Mähren." Un sei reden doraewer un reden hen un reden her, un ut dat Reden ward en Handel, un ut den Handel ward ‘ne Schuteri, un de Adjudant, dat was ok Ein von de, de dorup tau lopen weiten, un de ‘t so intaurichten verstahn, dat ehr nicks Slimmes up de Lin’ kummt, wenn sei Hunn’ ledden saelen; un min lütt pucklich Rittmeister kriggt sör sinen Kaleschwagen un de beiden Mähren en Ridpird, en Grisschimmel, de, wenn hei vörn so west wir, as hei hinn’n sin süll, nicks tau wünschen œwrig let. Desen Grisschimmel kennt ick nu aewerst ganz genau, ick hadd em verleden Johr mit de Remont ut de Bukowina halt; un set in den lütten Rittmeister sine beiden Kaleschpird’ ein dumme Deuwel, denn seten in desen Grisschimmel teihn gläug’nige Deuwel un Füerfreters, un in de Ridbahn gung hei mit de Sandsäck mit alle vir Beinen tauglik hell in de Luft ‘rin, un was Gott in der Welt tau nicks tau bruken, as in ‘n Stall tau stahn un Hawern tau freten un de Stalllüd’ de Schänen intwei tau slahn. Na gaud Desen sülwigen Grisschimmel handelt sick nu mim lütt pucklich Rittmeister an, un dat negstemal sett’t hei sick dorup un ritt dörch de Straten, un ritt ut Peterwardein un ritt in ‘t Feld, un de teihn Düwels in den Schimmel riden mit, aewer slapen; un de Schimmel, de dammelt den Weg entlang as Schriwer Blocken sin oll swart Taet – Min pucklich Rittmeister ritt un denkt an nicks;. dunn kümmt en Jäger antaugahn mit en Hund, un min lütt Rittmeister denkt grad’ doraewer nah, wat de Jäger dor woll güng, un wat de Hund dor woll güng, un wat de Hund woll mit den Jäger güng un de Jäger mit den Hund, un denkt sick in dese besonneren Ümstänn’ herin, un as hei dormit klor is, dunn riwen sick de teihn Düwel in den Grisschimmel de Ogen un waken up, un – bautz – liggt min lütt pucklich Rittmeister in en Grawen. "Un hirvon, min Saehn," säd min Unkel Matthies tau mi, "hirvon..." – Un ick dacht, nu kem’ sin ßackermentsche Nutzanwenning, un ick bükerte mi. – "Ne," säd hei, "noch nich; de Geschicht is noch nich ut. – Hirvon, min Saehn, stammt sick dat Räthsel her: Wann eher kommen Berg un Dahl zusammen? Worup denn de Antwurt luden deiht: Wenn ein Pucklichter in en Graben föllt." De ßackermentsche Grisschimmel lep denn nu ümmer in den Ring herum üm dat Flag, wo de Herr Rittmeister lagg un slog hinn’n un vörn ut un nörrickte un brenschte, un de teihn Düwel in em höllen den Start hoch in Enn’. Min lütt Rittmeister sammelte denn nu, so gaud as ‘t gahn wull, sine Knaken ut den Grawen tausam un spuckte Füer un Fett un ret den Jäger dat Gewehr von de Schuller un rep: "Täuw Karnallj’, wi sünd noch nich utenanner!" as de Kuhnhahn tau de Daumadik säd, as sei em üm den Snabel spaddelt, un wull den Schimmel dod scheiten. Un de Jäger föllt em in den Arm un biddt em, hei sall dat Dirt doch verschonen, un ‘t wir en unvernünftig Dirt un hadd keinen Verstand dorvon, un as min lütt Rittmeister sick verflucht, hei künn den Schinner nich vör Ogen seihn, dunn verflucht sick de Jäger dreimal, dat süll hei ok nich, denn hei wull em mit sick nemen un wull em sinen Jagdhund dorför gewen, un ward em ok richtig begäuschen. So würd denn nu dese Handel ok slaten. – Bet up den Hund was hei nu mit sine Niglichkeit un sine Schuteri all kamen; aewer hei sütt noch wider kamen. Min lütt Rittmeister verstunn von de Jagd just so vel, as de Kauh von den Sünndag; aewer den brun=bunten Köter tau Gefallen würd hei en groten Jäger, kröp in en Poor allmächtige Waterstäweln ‘rinne, klimperte un knackte einen ganzen Morgen an dat Slot von en duwmelt=löpig Gewehr herümmer un schot sick vör de sichtlichen Ogen von de ganze Swadron mit de beiden Löp dörch de Hautkremp, dat ‘t man so prust, un gung dunn, as wir em nicks weg, up de Häunerjagd. Na, ick was dunn all Wachtmeister, un was as Mutter von de Swadron un hadd den Knop up den Büdel un kunn de Herrn Offzirers mit Vörschuß tüchtigen un loslaten, un dorför nemen sei mi denn männigmal mit up de Jagd, un ick was daemlich naug mit tau lopen, denn ick hadd nicks dorvon as mäude Beinen. Na, min lütt Rittmeister un ick gungen denn nu also tausamen, un ick was klauk naug, em ümmer drei Schritt vorgahn tau laten, denn ick dacht: Din Waden, un wat aewer ehr sitt, sünd nich sin Hautkremp. Un min lütt Rittmeister, de rep sinen Hund un fläut’te em un smirkst em un strakt em un tagelt em un ret em de Uhren un let em suchen un apportiren un bedrew so ‘ne Anstalten mit em, dat ok en wohren Engel von einen Hund de Geduld un den Verstand dorvon verliren müßt. Ponto würd denn ok tauletzt so düsig, dat hei gung, wenn hei stahn süll, un dat hei stunn, wenn hei gahn süll, un de Herr Rittmeister knallte linksch un rechtsch vörbi, un Ponto hadd ümmer Schuld, un hei wull den Hund scheiten. – Dat jammert mi denn nu un ick segg: "Herr Rittmeister," segg ick, "de Hund is noch jung, hei is noch nich naug arbeit’t, laten S’ mi den Hund, ick gew Sei desen Pipenkopp. Seihn S’, dor is de berühmte Stadt Criwitz in Meckelnborg up afmalt; dit hir linksch sall den Kirchthorm bedüden un dit Pücklig hir rechtsch sünd de Winbarg’." Nu hadd hei aewerst ‘ne grote Sammlung von Pipenköpp dat wüßt ick – un up de weck stunn Wien un Ofen un Triest – un wat weit ick – aewerst Criwitz hadd hei noch nich, un dorüm was em dat niglich, un hei schutert. Wi gahn denn nu nah Hus, un hei rokt ut sinen nigen Pipenkopp, un as wi in dat Dur von Peterwardein kamen, dunn kettelt un haegt mi dat so inwendig, un ick segg: "Herr Rittmeister, weiten Sei ok, ut wat Sei eigentlich roken?" – Un hei kickt mi verdutzt an un seggt: "Ut en Pipenkopp." – "Ne," segg ick, "ut ‘ne Glaskutsch mit vir Mähren un Einen hinn’n up un Einen vörn up," un mak em sine Schuteri klar, dunn nimmt hei de Glaskutsch mit vir Mähren un Einen hinn’n up un Einen vörn up, un den Kaleschwagen un den Dummen, un den Grisschimmel mit de teihn Düwels, un den jungen Hund un den Pipenkopp mit de Stadt Criwitz un all ehre Winbarg’, un smitt Allens up en Stein: "Denn will ick den Quark ok nich!" Un so lewt hei furt, bet hei nich mal mihr en Quark up en Stein tau smiten hadd, un all sin Unglück kamm von sine Niglichkeit un sine Schuteri." Un somit stunn min olt Mutter=Brauder, Unkel Matthies, up, un as ick mi wedder dukern ded von wegen de Moral, dunn säd hei: "Na, ditmal will ick sei Di schenken; aewer bekik Di Dine Scharteken genau, de Du för Dinen schönen Karninken=Buck kregen hest, un wat den Jungen von Tanten Rümplers ehren Teckel anbedröppt, dor mark Di dat Sprückwurt: Wat nah kümmt, bitt de Wulf." Un somit gung hei ut den Goren. Ick stunn nu dor un bekek mine Herrlichkeiten un würd gewohr, dat ick en groten Schapskopp west wir, un von Stunn’ an heww ick nich mihr schutert; aewer mit de Lust nah ‘ümmer wat Niges,’ dor hett dat noch lang’ mit mi durt – lang’ – lang’! – Vele Dummheiten, vele Durheiten sünd ut dit Ei ‘rute krapen. – Nu – glöw ick – bün ick dormit dörch; nu drücken mi de nigen Stäwel, nu knippt mi de nige Rock, nu quälen mi de nigen Gesichter; ick wull, ick set wedder unner den ollen Appelbom, ick hürte wedder de ollen Geschichten, un min Unkel Matthies gew’ mi wedder en Denkzettel, nu wull ick mi mihr dornah richten. Haunefiken. Ich stand – nicht auf meines Daches Zinnen, denn ein eigen Dach hatte ich nicht, und wenn ich mir eins gewünscht hätte, hätte ich mir statt der Zinnen ein bescheiden Strohdach gewünscht – ich stand auf einer Höhe und schaute hinab auf ein reizendes, von Menschenhand in eine Schatzkammer des Segens verwandeltes Thal. Eine wahre, vom Himmel, von der Erde, von den Menschen gesungene Symphonie über das unerschöpflich variirte Thema von ‘Himmelssegen und Erdenkraft und Menschenfleiß’ strömte auf die empfängliche Seele ein und versetzte sie in ein Traumwandeln, das den einen Fuß in bittere, verlassene Vergangenheit gesetzt hatte und den andern in die grünenden, blumenverheißenden Fluren der Zukunft. Ich sah die Sonne aufgehen und untergehen und den nie versiegenden Quell ihres befruchtenden Strahls auf die Erde strömen; ich sah diese in jungfräulicher Reinheit den Segen und den Reiz und die Schönheit gebären; ich sah die Menschenhand sich regen und rühren, wie eine rüstige Hausfrau, Hochzeit zu machen zwischen Himmel und Erde. Ich sah die Menschenhand, wie sie schwer lastend die Pflugschar lenkte, wie sie sichern Wurfs den Samen in die Furchen streuete, wie sie die Sense durch das goldene Korn rauschen ließ. Der Pflug, die Furche, das Korn ward vergoldet, die Menschenhand blieb dunkel; in dem umgebenden Reiz der Schönheit, in der Fülle des Segens ein armes, verachtetes Werkzeug! – Gold, der Wunsch aller Zeiten, das Begehren aller Welten, warum nicht für diese Hand? – Es mag wahr sein, wie mich klügere Leute, wie ich bin, versichert haben, daß ein Theil der Menschheit zur fruchtbringenden Arbeit, ein anderer zum fruchtlosen Genusse verdammt ist. Ich sage zum Genusse verdammt! Noch hat kein Weiser diesen schrecklichen, weltbedrängenden, zukunftbeängstigenden Gegensatz zu lösen gewußt. – "Es ist so! Es muß einmal so sein!" – Ich will nun für diesmal nichts gegen diese Behauptung haben; aber warum, wenn nun doch diese Hand verachtet sein soll, den Puls verachten, das Herz mißachten, das diese Hand belebt? – "Lieber Z.," sagt Herr Baron von X., "wenn Sie neulich die Baronesse Tz. gesehen hätten! Ich versichere Sie, ein gefühlvolles Weib! Sie hatte da gelesen – Sie wissen – in den Geheimnissen von Paris – die Scene, wo Se. Durchlaucht der Fürst – Sie wissen – den Engel von Schallerin in die Meierei bringt und ich versichere Sie auf Ehre, drei Tropfen lagen noch auf der aufgeschlagenen Seite. Habe sie selbst gesehen! Parole d’honneur!" "Hüren S’ Fründting," sagt der alte Rittergutsbesitzer Sittupdrüttel, "wenn Sei minen Rath hüren willen, denn nemen S’ sick Sophie Kukuks, en kaptales Mäten von minschlich Gefäuhl! Kam dor nilich hen nah ‘n ollen Kukuk, sitt dat arme Worm dor, rohrt as en Roggenwulf hadd dor ‘ne Geschicht lesen ut Paris von ne ganz lege Perßon, un ‘t hadd ehr verdeuwelt antreckt. De nemen S’ sick, de ‘s gaud!" Es ist wahr! Ich habe Gelegenheit gehabt, mich selbst davon zu überzeugen; die junge Baronesse Tz. hat bitterlich bei oben angedeuteter Scene geweint und Sophie Kukuk hat sie in Rührung vielleicht noch übertroffen; aber wenn ich so unglücklich gewesen wäre, die Baronesse Tz. oder Sophie Kukuk bei der Hand zu nehmen und sie in einen Kathen ihrer respectiven Väter zu führen, ihnen das Ebenbild der beweinten Schallerin zu zeigen, wozu leider so viel Gelegenheit gegeben ist, und von ihnen zu verlangen, sie sollten das Beispiel Seiner Durchlaucht, des Fürsten Rudolf, befolgen, sich der Gefallenen annehmen, so würde ich sonderbar von ihnen abgespeis’t worden sein, wenigstens hätte ich gewiß nie wieder mit ihnen gespeis’t. Fräulein von Tz. hätte mir kurzweg gesagt, so etwas passe sich nicht für sie, und Sophie Kukuk hätte mir etwas von ‘Verhältnissen’ vorgesagt und mir als Belege dieser ‘Vehältnisse’ die ganze Geschichte der Sünderin mit in den Kauf gegeben, d.h. wenn sie, Sophie Kukuk, schon über die dreißig hinaus gewesen wäre. Die Sünderin wäre Sünderin geblieben, und keine Thräne wäre um sie vergossen: Die Wirklichkeit ist für solche zartgestimmten Seelen zu rauh, sie greift zu herbe in die schwachen Saiten ihres Herzens, als daß sie klingen sollten in sanften, versöhnenden Tönen; nur die glacé-behandschuheten Hände solcher Romanschreiber, die aller Unmittelbarkeit bar, aller Plastik der Wirklichkeit verlustig gegangen sind, dürfen auf diesen empfindlichen Instrumenten spielen und Klänge der Rührung aus ihnen hevorrufen, die flüchtig und ohne Spur wie Gerüche in ‘s Blaue hineinduften. Es giebt auch unter ihnen dem Höchsten nachringende Seelen, die kein Buch anrühren, welches unter dem Niveau von Grafen und Gräfinnen geschrieben ist, denen die lieblichen Bilder eines Auerbach und Anderer, die aus dem ewig frisch sprudelnden Quell der Volkspoesie schöpfen, als ein Gräuel von Holzhackern, Handelsjuden und Bauernjungen erscheinen, die so wenig in den Geist einer Dichtung einzugehen verstehen, daß sie zufällige Staffage mit dem Wesen verwechseln, an dem Goldschaum des Weihnachtsapfels sich erfreuen und keine Ahnung von der saftigen Würze des Innern haben, und eine Trüffelpastete, sei sie auch in unsauberem Geschirr aufgetragen, einem reinlichen Gerichte vaterländischer Kartoffeln vorziehen. – Die hohen Gipfel der menschlichen Gesellschaft sind nur für Geister mit Adlerblicken ersprießlich, die mögen von dort aus mit einem Blicke den weiten Horizont im Ganzen und Einzelnen überschauen und Alles zu einem einzigen poetischen Bilde zusammenfassen; die guten Leute aber, die mit einem weniger scharfen Auge ausgerüstet, auf der unsichern Staffel eines in den höchsten Zirkeln spielenden Romans mühsam auf diese Höhe hinauf gekeucht und geklettert sind, stehen geblendet; der Horizont bleibt für sie stets ein enger, und was sie sehen, ist ein flirrendes Gewimmel, das die Ferne für sie gestaltlos macht. Sie ergötzen sich, wie Kinder, an einem Schimmer ohne Wesen, an einem Glanz ohne Wärme, und frieren; denn auf den Höhen ist es kalt. Wollte man diesen Leuten den Vorschlag machen, doch einmal in die mittleren Schichten oder gar in die unteren, in die dienende Klasse hinabzusteigen, um dort an einfacher Naturwahrheit sich zu erwärmen, um dort den durch alle die reizenden, erhitzenden, pikanten Speisen abgestumpften Gaumen an dem einfachen Genusse der frischen Frucht sich kühlen und erholen zu lassen, mit welcher Verachtung würde man abgewiesen werden, wie viele Beispiele von der großen Verderbtheit dieser Klasse würden Einem vorgehalten werden, wie würden die Vorwürfe von Rohheit, Verdorbenheit und Laster Einem entgegensprudeln! Es kann nicht die Absicht dieser, leider schon viel zu lang gerathenen Einleitung zu einer kleinen einfachen und Manchem vielleicht unerheblichen Geschichte sein, die eben erwähnten Klassen von diesen Vorwürfen rein zu waschen; ich bin ein Anhänger derjenigen Lehre, die jedem Stande seine Tugenden und Laster, und zwar seine ihm eigenthümlichen, vindicirt, die gerade durch seine Lage in ihm erzeugt werden. Ich glaube aber, daß uns in den niederen Ständen Tugenden wie Laster in größerer Nacktheit entgegentreten, frei von jenen verhüllenden Gewändern, die man ‘Rücksichten’, ‘Verhältnisse’, ja sogar ‘Bildung’ zu betiteln pflegt, und daß sie uns deshalb poetischer erscheinen müssen. – Meine Geschichte ist nur ein kleines Bruchstück aus der Geschichte eines menschlichen Herzens, das sein langes Leben hindurch sein Inneres zu einem Altar der Liebe gemacht hat, auf dem Erinnerung und Hoffnung abwechselnd die reine Flamme nährten und ein Menschenleben zur Ertragung von Armuth und Zurücksetzung erwärmten. Ich Stand an einem Sonntagmorgen im schönen Monate Mai und schaute in das liebliche Thal, dessen ich oben Erwähnung gethan habe. Die Natur hatte sich Blumenkränze in ‘s duftende Haar gewunden, im leichten Lufthauche wallten die grünen Gewänder der Jungfrau; von allen Seiten her tönte der Klang der Kirchenglocken; Alles um mich her athmete stillen, seligen Frieden. Ich hatte meine Arme auf den Gartenzaun gestützt und schaute hinein in die sonntagfriedliche Landschaft; die Gutstagelöhner gingen in gesammelter Ruhe den Kirchweg entlang, gefolgt von den Frauen in dunkeln, und den jungen Mädchen in grellen Gewändern; kleine Tagelöhnerkinder spielten auf einer Grabenborte mit Blumen und jungen Weidengerten, machten. sich Flöten und Schalmeien und weideten nebenbei junge, gelbbefiederte Gänschen; und das schwatzte und schnatterte und flötete und schalmeiete Alles so friedlich durch einander, daß man dabei an eine Störung der ringsum herrschenden Ruhe gar nicht denken konnte. Plötzlich wurden die Kinder still, und ich gewahrte, daß ihre kindlichen Spiele durch das Erscheinen eines Wanderers gestört worden waren, eines auf Urlaub gehenden Soldaten, der sich bei den Kindern nach dem Wege erkundigte. Zurechtgewiesen wanderte er weiter, und auch ich wollte eben meinen Platz verlassen, als ein tiefer Seufzer hinter mir mich zu einem rascheren Umdrehen veranlaßte, als dies wohl sonst geschehen wäre. – Ich wurde hinter mir ein altes, auf dem Gute, auf welchem ich mich befand, unter dem Namen ‘Haunefiken’ bekanntes Mädchen gewahr, welches seinen Beinamen von der Aufsicht und Pflege hatte, welche es über die befiederten Bewohner des Hühnerhofes ausübte. Das Mädchen stand, mit dem einen Arm den Pfosten des Zauns umfassend, den Oberkörper vorgebeugt, und sah, so weit es die thränenden Augen gestatteten, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Soldaten nach, dessen schwindende Gestalt eben von dem frischen Grün der Weidenallee verdeckt wurde. Fiken erschien mir sehr bewegt; ihr freundliches, braunes Auge schwamm in Thränen, ihre sonst von dem Aufenthalt in freier Luft gerötheten Wangen waren bleich, schwere Seufzer hoben ihre Brust, und eine tiefe Traurigkeit schien ihr ganzes Wesen zu durchdringen, als sie bei dem Verschwinden des Soldaten aus der vorgebeugten Stellung mit dem Kopf gegen den Pfahl sank und still vor sich hin weinte. Dieser Kampf stimmte so wenig mit dem rings um mich waltenden Frieden, dieser in seiner Kundgebung so tiefe Schmerz so wenig mit dem hoffnungsreichen Blühen der Natur, daß er mir auffallend erscheinen und in seiner Wahrheit nicht bloß meine Neugier, sondern auch meine Theilnahme erwecken mußte. Das Mädchen war mir wohl bekannt, sie hatte öfter in der arbeitsbedrängten Zeit der Ernte zu ihren sonstigen Geschäften die Aufwartung in meinem Zimmer übernehmen müssen. Ihre stille Geschäftigkeit, ihre bequeme, fast mütterliche Aufmerksamkeit war mir lieb geworden, ihr ruhig freundliches Wesen hatte mir die Überzeugung aufgedrungen, daß in dieser Brust eine ungewöhnliche Bildung des Gemüths ihr Zelt aufgeschlagen hatte und in stiller Abendruhe an den sanftwallenden Bächen des Lebens dem bald heraufdämmernden Morgen entgegensah. Ich trat zu der Trauernden und, ihre Hand berührend, fragte ich, was ihr fehle. Sie fuhr etwas überrascht in die Höhe, sie hatte mich hinter dem kleinen Gebüsche, hinter welchem ich stand, nicht bemerkt und mochte sich allein glauben – und mir leise die Hand wegziehend, sagte sie widerstrebend: "Oh, ‘t is nicks." "Nicks, Fiken? Üm nicks wardst Du nich so trurig sin!" "Ja, Herr, dit was nicks, dit was wedder nicks!" "Na, segg mal, min Döchting, wat gelt de Soldat Di an? Ick sach doch, dat Du den so nahkekst. Is dat ‘ne Fründschaft von Di? Kennst Du den?" "Ne, Herr, de ‘s mi frömd, leider kenn ick em nich. Den ick mein’, de is ‘t nich." "Wen meinst Du denn, Fiken?" "Ach, dat is ‘ne trurige Geschicht, de mi vör langen Johren bedrapen hett; hüt sünd dat grad’ saeben un dörtig Johr. Seggen S’ mal, kann woll Einer wedder kamen, de vör saeben un dörtig Johr mit de Franzosen nah Rußland gahn is?" "Je, Kind, dat is woll swor." "Ja, ‘t is woll swor! Aewerst doch! Hei hett mi ‘t so seker verspraken, hei drückt mi de Hand so vel, un drückt mi an ‘t Hart un säd, hei kem’ wedder, hei kem’ gewiß wedder. Seihn S’, dor was ‘t, dor achter de Nimaehl,dor achter ‘n Barg, wo de lütt Barkenbusch steiht – so wid was ick mit em gahn – dor säd hei mi Adjü’ un dor säd hei, hei kem’ wedder, ick süll em tru bliwen un hei kem’ gewiß wedder. Ach, ‘t sünd hüt saeben un dörtig Johr, un ick bün em tru blewen, un bün olt worden, un weder kamen is hei nich." "Na, hest Du süs gor nicks von em hürt? Hett hei in de Irst nich mal schrewen?" "Ne, Herr, schriwen kunn hei nich, hei was en Daglöhnerkind as ick, un tau uns’ Tid würd noch nicks up ‘t Schriwen gewen. Aewer, Herr, hei was so gaud, hei was so flitig, un wil hei ‘n knassen, schiren Kirl was, nemen s’ em tau de Soldaten, un ‘t was doch sin Öllern ehr einzigst Kind! – Ja, wer dat All so wüßt! – Ick weit ‘t nich, aewer sei säden ‘t jo, un nah so vel Johren kann ick dor woll von nahreden; sei säden, den nigen Möller sin Saehn hadd ‘t eigentlich warden müßt, de hadd aewer Geld an de Herren gewen, un dunn hadden sei Fritzen unner de Soldaten namen." "Na, un hürt hest Du nicks von em?" "Ja, einmal! – Jochen Bung’ kamm taurügg, as sei noch gor nich ‘rin nah Rußland west wiren’ de hadd sick, as sei dunn vertellten, dat Gesicht swart makt un hadd sick in ‘ne Smäd’ henstellt un hadd smädt, un de Franzosen wiren ahn em aftreckt, un Fritz was em bi ‘t Dissentiren behülplich west un hadd em dit för mi mitgewen tau ‘m Andenken." – Dabei holte sie ein altes abgegrissenes polnisches Achtgroschenstück aus ihrem Busen hervor, das an einer schwarzen Schnur um ihren Hals hing. –"Ja," fuhr sie fort, "un let mi dusendmal grüßen un mi seggen, hei kem’ wedder. Un as up dat Frühjohr de Franzos’ taurügg kamm, dunn heww ick fragt un fragt. Ick wull blot weiten, ob hei dod wir un wo un wenn, un wenn ‘t denn doch einmal sin süll, denn wir ‘t jo gaud west, un uns’ Herrgott hadd ‘t dahn; aewer weiten wull ick ‘t! Dunn seggt Krischan Kräuger ut Langenhagen tau mi Fiken, säd hei, ick kann Di nicks wider seggen, as üm Martini ut, dunn lewt hei noch, dunn heww ‘ck em noch seihn; aewer nahsten! Leiwer Gott – Dunn wüßt Keiner wat von Vader un Brauder. – Willst Du ‘t aewer weiten, denn gah nah Swerin nah ‘n Majur von Kams, unner den hett hei stahn, un wenn de ‘t nich weit, denn weit ‘t Keiner. Un ick also up, un hen nah Swerin, un frag’ mi hen nah den Majuren un segg em mine Sak, un hei steiht un besinnt sick en beten un fröggt endlich, ob dat de Fritz Schirrmeier wir, de in ‘n Frühjohr Anno 12 tau ‘t Batteljohn kamen wir, un ob hei nich en smucken Kirl west wir, un ob hei nich hell von Horen west wir! "Ja," segg ick, "Herr, dat is hei!" Un dunn säd hei, dat hei sick gaud schickt hadd, sihr gaud, säd hei, un dat hei Unteroffzirer worden wir. "Aewer," säd hei, "min Döchting," un kek mi so recht trurig an, "wo hei blewen is, weit ick nich." –"Herr," säd ick, "denn is hei dod, denn is hei gewiß dod!" – "Min Kind," säd de Herr Majur un ded un tröst’t mi, "hei kann blot fangen sin, un wenn ‘t Freden is, denn kümmt hei wedder." Un ick gung. – Ach, Herr, wo licht wiren mi de Milen worden hen nah Swerin, – ach, un wo swor würden s’ mi, as ick wedder taurügg gung! – Un ick gung an min Arbeit, un de Freden kamm un kein Fritz. Un Fritzen sin beiden Öllern, de läden sick un stürwen; irst sin oll Vader un nahsten sin Mauder – min beiden Ollen wiren all lang’ dod – un dunn wir ick noch allein de einzigst in de Welt, de up em täuwt, un gung hir tau Haw’, bet sei mi ganz nah ‘n Hof ‘rup nemen bi ‘t lütt Veih." "Aewer, Fiken," fragte ich, "worüm büst Du nich in ‘ne Stadt in ‘n Deinst treckt? Du haddst dat doch beter hatt." "In ‘ne Stadt? – Ne’ Herr! – Beter? – Ne, Herr! Ick heww hir min beten Brod, un hir sünd wi Beid’, hei un ick, buren; seihn S’, dor up den Kirchhof liggen sin un min Öllern in Freden tausamen, un wenn wi ok utenanner sünd, hir heww’n wi uns funnen in Leiw’ un in Einigkeit – dor was ‘t, bi de Brügg, wo de Quitschbeerenbom steiht; so ‘n Dag was ‘t, as hüt: en Sünndag un in ‘n Frühjohr. – Un dor, dor achter de Nimaehl – Sei kaenen ‘t von hir nich seihn, dor in den lütten Barkenbusch, dor säd hei mi dat letzte Wurt un kreg sin Metz heruter un sned en Herz in de grote Esch, de dicht an ‘n Weg steiht, wenn S’ nah Banntwitz führen, un ‘t was en Frühjohrsdag, as hüt – ‘t sünd hüt saeben un dörtig Johr – un säd, hei kem’ wedder. Ach, Herr, an so ‘n Frühjohrsdag bün ick mal glücklich west un blew ‘t ein Johr! Ach, Herr, an so ‘n Frühjohrsdag bün ick mal unglücklich worden un blew ‘t saeben un dörtig Johr!" Thränen strömten aus den Augen des alten treuen Mädchens und rieselten über die sonst so still freundlichen Wangen; Perlen, herausgefischt von nie wankender Treue aus dem unergründlichen Meere der Liebe; heilige Schätze, für gewöhnlich bedeckt mit dem bestäubten Schleier der Alltäglichkeit und nur an Festtagen der Menschheit gezeigt von dem Vertrauen, der Hand Gottes, die da wirkt unsichtbare, unzerreißbare Fäden von Menschenherzen zu Menschenherzen und die Seelen an den durch alle Ewigkeiten leuchtenden Reif fesselt, an den der Name ‘Menschheit’ als endliches, unverrückbares Ziel gehängt ist. Und ich stand so arm vor diesen Schätzen mit den abgegriffenen Kupferpfennigen des herkömmlichen Trostes in der Tasche, die auszugeben ich mich schämte, die ich gegen das reine Gold der herrlichen Dienstmagd nicht auswechseln konnte, ohne von mir selbst als Betrüger angeklagt zu sein. Ich wandte mich um. – – "Aber, mein Herr, Sie sagen Schätze! Sie reden von einem weinenden Dienstmädchen und Perlen! Glauben Sie denn wirklich, daß diese Art Leute vor tiefgefühlter, innigverstandener, zarter Rührung weinen können? Ja weinen – weinen können sie; aber weshalb? Weil sie gescholten oder aus dem Dienst gejagt werden." "Erlauben Sie, meine Damen, ich möchte mit Ihrer gütigen Erlaubniß bemerken......." "Bemerken Sie gefälligst jetzt nichts, sondern antworten Sie: sind Sie nicht zugegen gewesen, wie wir uns die Geheimnisse von Paris und den Grafen Monte Christo vorgelesen haben? Haben Sie nicht gesehen, wie wir geweint haben? Und haben Sie etwas von Perlen gesagt?" "Ich bedaure sehr, darüber keine Bemerkung gemacht zu haben, denn da Perlen nach dem Volumen und dem Wasser geschätzt werden, so wären Ihre, Fräulein von Tz. und Ihre, Fräulein Sophie Kukuk, bedeutend mehr werth, als..." "Bitte, schweigen Sie, Sie haben bei den schönsten Stellen dagesessen und Kaffee getrunken und Cigarren geraucht, was in unserer Gesellschaft eigentlich sich gar nicht schickt, und sind mit den absurden Worten ‘Unnatur! Unnatur!’, aus dem Zimmer gegangen. Nennen Sie das Gefühl oder besser Rührung?" "Meine Damen, ich erzähle ja nur eine einfache Geschichte, die hier bei uns..." "Hier bei uns? Was kann bei uns passiren? Ja! In Spanien Portugal und in Amerika mit den Wilden, da können Geschichten passiren. – Weißt Du noch, liebe Sophie, mit dem Tomahawk und wie er an dem Pfahl stand?" "Ja! Und wie sie vor Angst in Ohnmacht fiel, und wie dann die Rettung kam, und wie sie sich dann selig in die Arme sanken." "Ja, so etwas trägt den Stempel der Wahrheit; aber dies mit ‘Haunefiken’ – ich will nicht sagen, mein Herr, daß Sie gelogen haben, Sie sind mit unsern Eltern schon lange bekannt – aber die Person kann Ihnen die Geschichte vorgelogen haben. Wir kennen das!" "Nun, meine Damen, dann erlauben Sie, daß ich weiter erzähle: – Am Spätnachmittage desselben Tages ging ich in ‘s Feld und kam fast bis an die Neumühle, wo ich den Statthalter unseres Gutes, Gramkow, traf, der auch so ohne Zweck, wie ich, in die schöne Natur hineingeschlendert war. Gramkow war ein tüchtiger, für seine Stellung geschaffener Mann, der außer andern Vorzügen, die seinem Amte zu Gute kamen, auch noch den hatte, ein guter und immer bereiter Erzähler zu sein, d. h. wenn ‘s sich schickte. Manche schöne mecklenburgische Tagelöhnernovelle ist seinem Munde entfallen, die ich gesammelt habe und unter dem Titel: ‘Gramkow-Novellen’, oder: ‘Was sich der Kuhstall erzählt,’ oder sonst einem neumodischen, anziehenden Titel herausgeben könnte, wenn ich überzeugt wäre, daß meinen Lesern das Einfache dieser Ezählungen gefallen werde. Wir waren auf dem Rückwege, die Dämmerung war allmählich eingebrochen, und Gramkow war in der Erzählung der Liebesgeschichte von Johann Schmidten und Rike Schulten grade zu der Katastrophe gelangt, in der Rike Schulten dem unglücklichen Bräutigam drei Tage vor der Hochzeit den ganzen Liebeshandel aufkündigt, als wir von einer Fußgängerin eingeholt wurden, die an der andern Seite des Weges schweigend an uns vorüberschritt. "Was dat nich Haunefiken?" fragte ich. "Dat was sei, Herr; aewer wat hett de hir nah de Nimaehl tau dauhn? Täuwen S’ mal! – Richtig! – Heww’n wi hüt nich den föfteihnsten?" Ich bejahte die Frage. "Na, denn is ‘t ok so! Dat is hüt ehr slimm Dag. So lang’, as ick hir Staathöller bün, un dat warden tau Micheli drei un twintig Johr, is sei ümmer, so as hüt, hen nah ‘n Banntwitzer Barkenbusch gahn, un sei seggen jo, dor sitt sei denn unner de grote Esch un weint; Weck seggen ok, sei bed’t dor, un dat will ick ümmer glöwen, denn sei is allmeindag’ sihr frahm west. – Ja, von de, dat kaenen Sei mi glöwen, dor wir ok ‘ne Geschicht von tau vertellen, wenn sei blot reden wull; aewer de is so heimlich un för sick, dor kriggt Ein nicks nich ‘rute. Oll Vadder Bries’mann, de weit de ganze Geschicht un de hett s’ mi ok vertellt; aewerst Herr, dat laten S’ sick seggen, wenn Einer ‘ne Geschicht orndlich wedder vertellen will, denn möt Einer dor sülwst mit mang’ west sin, oder tau ‘m wenigsten möt hei s’ ut den Mund von de Lüd’ heww’n, de ‘t wat angeiht." Es bedurfte nur eines kleinen Winkes von meiner Seite und Gramkow erzählte mir Alles, was er von ‘Haunefiken’ wußte, welches, die Gramkow’schen Redefiguren und Zierrathen weggelassen, im Wesentlichen mit dem übereinstimmte, was ich schon wußte: nur erfuhr ich noch, daß Fiken zu ihrer Zeit das hübscheste Mädchen der Umgegend gewesen sei, und daß nach dem Verschwinden ihres Verlobten ihr mancher annehmlicher Antrag gemacht worden war, der stets entschieden von ihr zurückgewiesen wurde. "Un, denken S’ sick, Herr," setzte Gramkow hinzu, "oll Bur Flaßkopp ut Leiwensdörp was sülwst bi ehr un hadd seggt, sin Jochen, wat sin Öllst was, de nahsten de Hauw’ kreg, de wull sick nich taufreden gewen, wenn hei Fiken nich tau Fru kreg’. Un meinen Sei, dat sei ‘t ded? Ne! Ümmer fründlich un still, aewer ok ümmer upsternatsch!" Obgleich ich nach dem Auftritt im Garten keiner Bestätigung der Wahrheit bedurfte, so hatte Gramkow’s Erzählung.... "Wir wollen das auch gar nicht bestreiten; die Sache kann auch wahr sein," fällt Fräulein von Tz. mir hier in die Rede. "Aber zugegeben, was ist denn an der ganzen Geschichte Besonderes? Ich finde das Alles, was Sie uns erzählen, ganz natürlich!" "Ja," fällt Sophie Kukuk ein. "Entweder man kriegt sich und dann wird Hochzeit’ oder man kriegt sich nicht und bleibt unverheirathet." "Ich sehe in der Geschichte nicht eine Spur von Romantischem. Ein gemeiner Soldat geht nach Rußland, kommt nicht wieder; seine verlobte Braut denkt an ihn, erkundigt sich auch nach ihm, ist arm, muß zu Hofe gehen und wird endlich Aufseherin des Hühnerstalles; so etwas passirt ja alle Tage, das ist ja ganz natürlich! Und das wenige Interesse, welches man für die Person faßt, wird Einem noch durch den Gedanken an den Hühnerstall und durch die Vorstellung von Stubenausfegen und Stiefelputzen geraubt. Pfui!" "Ja, die Geschichte würde sich ganz anders ausnehmen, wenn da so etwas Kloster= und Nonnenartiges, so’n Bischen, wie soll ich sagen, Toggenburgisches drin vorkäme, so eine feierliche, rührende Entsagung zu Gunsten einer Andern; oder wenn sie auch nur wenigstens ins Wasser gegangen wäre." Meine Damen, ich bin noch nicht zu Ende. Am andern Morgen früh kam Fiken in mein Zimmer, um die Aufwartung für ein anderes Mädchen, welches krank geworden war, zu besorgen. Es kam mir vor, als weile sie länger im Zimmer, als nöthig war, als wolle sie mit mir reden. Ich fragte daher, ob. sie es gewesen, die uns am Abend vorher vorbeigegangen sei." "Ja, Herr," war die Antwort, "un dat is denn ok min letzte Gang dorhen west, dat is nu ok vörbi." "Worüm, Fiken?" fragte ich. "Nu weit ick, stieß sie mit einem tiefen Seufzer hervor, "dat hei dod is. Nu is hei dod, nu kümmt hei nich mihr wedder. So lang, as de Esch noch dor stunn, wo ick em tau ‘m letzten Mal sach, un wo hei dat Herz insned, heww ick ümmer hofft, hei kem’ wedder. Nu is de Esch ok weg, nu kümmt hei nich mihr, nu is hei dod." Allen Hausbewohnern fiel der tiefe Schmerz auf, der auf dem Antlitze des armen Weibes lag; die traurige Geschichte ihres unglücklichen Herzens war freilich in allgemeinen Umrissen bekannt, aber erst durch mich erfuhr man, wie schmerzlich auf’s Neue die unheilbare Wunde des treuen Mädchens berührt worden war. Das herzlichste Mitleid und die liebevollste Schonung wurden ihr von der freundlichen Gutsherrschaft zu.Theil; sie schien es nicht zu bemerken, sondern ging schweigsam ihren gewohnten Geschäften nach. Am Nachmittage fand man sie in ihrer kleinen Kammer,... "Ach Gott," schreit hier Sophie Kukuk dazwischen, "sie hat sich gewiß aufgehängt!" "Das nicht, mein Fräulein! Man fand sie, wie sie emsig aus ihrer Lade alte Kleidungstücke und Wäsche hervorsuchte, sie unter Thränen betrachtete und endlich zu einem Bündel zusammenband. Es war dies die kleine Hinterlassenschaft, die ihr von der Mutter des Bräutigams, kurz vor deren Tode, zum Aufbewahren für den Sohn übergeben worden war." "Dat hürt nu anner Lüd’," sagte sie zu einem andern Mädchen, "Fritz kümmt nich wedder, de halt sick dat nich mihr; œwer dor is jo noch sin Mutter = Swester= Dochter tau Banntwitz, de möt ‘t hewwen, de hürt dat up Stunns." Am nächsten Sonntage brachte sie die alten, vergilbten Wäscheüberreste, ihre langgehegten Schätze, zu den Verwandten ihres Bräutigams. "Gott wie roh!" ruft Fräulein von Tz. aus. "Sich so sans façon von alten Andenken zu trennen! Waren das auch nur Lappen und Lumpen, sie durfte dieselben unter keiner Bedingung fahren lassen, wenn sie auf Zartsinn und höhere Gefühlsinnigkeit Anspruch machen wollte." "Ja," stimmt Fräulein Sophie Kukuk bei, "sie mußte dieselben, – wie heißt man’s doch noch gleich? – als heilige Requiems aufbewahren, das wär’ noch was gewesen!" "Aber, meine Damen, die Sachen gehörten ja nicht ihr, sie konnte dieselben ehrlicher Weise doch nicht behalten!" "Da haben wir’s! Das sage ich ja nur!" rief Fräulein von Tz. aus. "Für diese Klasse von Leuten giebt es keine interessanten Verwickelungen. Nur in einem höher organisirten weiblichen Busen können jene tief aufregenden Conflicte, jene gewaltigen Kämpfe zwischen dem, was das gewöhnliche Leben für Recht und Vernunft hält und zwischen der Liebe ausgekämpft werden, in denen stets die Liebe siegen muß." "Ja, die muß immer siegen!" versicherte auch Fräulein Kukuk. "Sie siegte endlich auch hier, meine Damen," antwortete ich, "nur vielleicht in anderer Weise, als Sie es sich gedacht haben. Hören Sie weiter: Nach einiger Zeit verließ ich das Gut, und vier bis fünf Jahre vergingen, bevor mich mein Weg dahin zurückführte und mir gestattete, mich persönlich nach den Schicksalen seiner Bewohner zu erkundigen. – Im heitern Gespräch wurde der alten fröhlichen Zeit gedacht, scherzhafte Ereignisse wurden aus der Rumpelkammer des Gedächtnisses hervorgeholt und erfreuten uns, wie denn der aufgewärmte Kohl stets besser schmecken soll, als frisch zubereiteter." Was macht die Ananas aus dem Pferdestalle?" fragte ich. "Gedeiht sie noch immer in ihrer Mistbeet=Atmosphäre?" "Ach, Du meinst unsern grünmützigen Stalljungen mit dem orangefarbigen Haar und den üppigen Sommersprossen? Oh, der ist wohl gediehen und der Stellung eines Reitknechts entgegengereist." "Und Haunefiken?" fragte ich. "Die?" sagte mein Freund mit innigem Mitleiden im Ton’ "die haben wir leider vor vierzehn Tagen begraben. Ich weiß nicht, aber mich hat das Ende des alten treuen Geschöpfes sehr gerührt, sie ist so still und ruhig von der Erde geschieden, wie sie darauf gewandelt ist." "Woran ist sie denn gestorben?" "Ja, wer weiß es? – Der Arzt sagt: an Erschöpfung der Lebenekraft; meine Frau denkt anders, die sagt: an gebrochenem Herzen, an Erschöpfung der Hofnung. Und wenn ich bedenke, wie das zuletzt gekommen ist, so möchte ich mich der Ansicht meiner Frau zuneigen. – Du hast gewiß auch von der Geschichte gehört, die vor ein paar Monaten von Mund zu Mund ging, daß nämlich ein vormaliger Bauer der sein junges Weib mit dem Kinde an der Brust verlassen hatte und als Soldat nach Rußland ziehen mußte’ nach so langen Jahren zurückgekehrt sei und seine Frau mit einem Andern verheirathet vorgefunden habe. Diese Geschichte, die übrigens wahr sein soll, fand ihren Weg bis in unser Dorf und kam auch Fiken zu Ohren. Eines Morgens kam dieselbe zu mir und bat um sechs bis acht Tage Urlaub. Es war dies ein so ungewöhnlicher Fall, daß ich neugierig wurde und nach der Veranlassung ihres Wunsches fragte. Eine sichtbare Verlegenheit von ihrer Seite, ein zögerndes Bemühen, die richtigen Worte zu finden, um meine Frage zu beantworten, ohne zu viel zu verrathen, bewog mich, ihr zu erklären, daß ich ihr die nachgesuchte Erlaubniß ertheile. Nach Verlauf einer Woche wurde mir von meiner Frau die Anzeige: Fiken sei wieder da, sie sei mit Gelegenheit auf dem Frachtwagen des alten Topp gekommen, aber in einem Zustande, der es nöthig gemacht habe, sie sogleich zu Bett zu bringen. Der Arzt wurde gerufen. Meine Frau begleitete denselben an das Krankenbett. Es war zu spät. Sie ging mit schnellem, geräuschlosem Schritte ihrer Auflösung entgegen. Die irdische Hoffnung, die sie durch ein Leben voll Täuschungen geleitet hatte, trat zurück und die himmlische Schwester ergriff ihre Hand. "Und diese" setzte mein Freund gerührt hinzu, "wird das erfüllt haben, was jene versprach." Ich sprach den Wunsch aus, ihr Grab zu besuchen. Wir gingen schweigend zu dem kleinen, von einer Linde beschatteten Kirchhof des Guts. Da ruhete sie an der Seite ihrer und ihres Verlobten Eltern. Ein einfaches Kreuz, ein verwelkter Blumenkranz’ von der Hand der Töchter meines Freundes gewunden, war Alles, was davon Zeugniß gab, daß Fiken einst in Demuth durch das Leben gewandelt sei und daß ihr Herz in unwandelbarer Treue geschlagen habe. Die vollen, rosigen Gluthen der Abendsonne ergossen sich über das Grab und tauchten den welken Kranz in die Farbe des Lebens, die verdorrten Blumen wurden aufgeküßt; aus dem Schlummer des Todes und De Nachtigall, de Lewark singt, De ganze klore Hewen klingt, De Bom un Blaum, de bögt dat Knei Un stimmet in de Melodei: Ja, heilig, heilig is de Städ’, Wo ‘n Minschenhart eins breken ded’! Meine Vaterstadt Stavenhagen Es ist schwer, bei einer Erzählung den rein objectiven Standpunkt festzuhalten und in epischer Einfachheit und Unablässigkeit die Ereignisse wie Perlen an einer Schnur durch die Finger rollen zu lassen. Sind es aber nicht sowohl Ereignisse, sondern Darstellungen von Zuständen, die ein Schriftsteller seiner Jugendzeit oder gar seinen Kinderjahren entnimmt und zu schildern versucht, wo das Gemüth so viel mit drein zu reden hat, so ist es unmöglich. Diese Bemerkung soll mich entschuldigen, wenn ich zuweilen mit meiner viereckigen Person in die Schilderung jener lieben und heitern Eindrücke. störend hineinfahre, wie Puck·in den Sommernachtstraum, aber – wie Corporal Nym sagt – ist der Humor davon. Dadurch, daß ich mich als Macher – Verzeihung für dies schöne Wort! – von Betrachtungen und Träger von Empfindungen hinstelle, bin ich im Stande, Vergleichungen mit der jetzigen Zeit zu vermitteln, welche die alte erst recht zur Anschauung bringen dürften. Schöne alte Zeit! Wie leicht war es in dir zu schreiben! Wie leicht, das Interesse des Publikums zu fesseln! – In jenen schönen Tagen, als ich den, Hamburger Correspondenten in Quarto von der Post holen mußte, als Professor Wehnert in Parchim sein sinniges Thee= und Kaffee=Blatt herausgab, und, Tanten Hersen’ dasselbe las, als große Leitartikel über das Teterower Storchnest geschrieben wurden, und die Friedländer durch das Vermauern der Schalllöcher für die Unterhaltung des Publikums sorgten, als Pastor Reinhold und Hans Göden und der kleine Bahrdt schrieben, und jede kleine Stadt vor dem Abendblatte zitterte, wie vor einer Geißel, die unsichtbar und unabwendbar über ihrem Haupte geschwungen wurde, damals war’s so schön leicht! In jenen schönen Tagen, als die Neuigkeiten sich bei uns noch, wie im Morgenlande, von Mund zu Mund verbreiteten, als einem Fremden in dem Wirthshause mit seinem Mantel auch die Neuigkeiten ausgezogen wurden, und jeder Probenreiter von meiner lieben Vaterstadt als eine Gabe Gottes angesehen wurde, die dem publicistischen Standrechte verfallen war – damals hätte ich schreiben sollen! – Leider war ich aber noch Lesens und Schreibens unkundig. Schöne, alte Zeit! Der vorüberrauschende Flügelschlag der Jahre hat das anspruchslose Gewebe zerrissen, in das du dich so warm und weich eingesponnen hattest! die Innigkeit deiner Beziehungen hat der Ausdehnung derselben Platz machen müssen. Früher wußte ich genau, was Nachbar Schröder zu Mittag aß und. nahm Theil an seinem Mahle, wenn’s mir schmeckte. Was kümmert mich jetzt Nachbar Schröder? – Jetzt muß ich den Küchenzettel politischer Sudelköche lesen; aber ich bitte mich nicht bei ihnen zu Gaste. In jenen Tagen hätte ich unbebingt das größte welthistorische Ereigniß für die interessante Nachricht hingegeben, daß ‘Korl Knak’ und ‘Hanne Snur’ sich geprügelt hatten, und gewiß hätte ich Sebastopol und die ganze Mincio=Linie geopfert, um von ‘Hanne Slütern’ zu erfahren, daß, ‘Korl Knak den Annern’ – wie er bleichen Antlitzes versicherte – ‘mit ‘t Metz grad’ in ‘t Hart steken hadd,’ wobei er auf einen Theil seiner Kleidung wies, in dem allerdings bei gewissen Leuten das Herz sitzen soll – ‘Hanne Snur’ sitzt jetzt in Paris und flickt vielleicht für die Müratisten mit mehr Geschick die Stiefel aus, als sie bei der Flickarbeit des italienischen beweisen, und Korl Knak’ büßt die Anfänge seiner lasterhaften Laufbahn in den Goldgruben Californiens ab. – Die neue Zeit in buntem Groschen=Kattun und abgelaufenen Gamaschen=Stiefeln, mit plattirter Brosche und zerrissenem Hemde, ist zugezogen und hat die alte mit ihrem eigengemachten Rocke und ihren warmen Holzpantoffeln abgelös’t. An die alte denkt jetzt Keiner-mehr, als der, dem sie; wie mir, einst liebliche Kindermärchen erzählte, schöner, weit schöner, als Alles, was der geistreichste französische Roman Dir erzählen kann. Sie sitzt einsam und verlassen in dem bunten Getriebe der jetzigen Welt, und nur zuweilen in der Dämmerung; wenn draußen der Sturmwind heult, und der Schnee in Schauern an die Fenster schlägt, wenn das Feuer im Ofen flackert, und die Schatten wach werden und sich im lautlosen Spiele an den Wänden haschen, und die Menschenseele den Mantel fester um sich zieht, sich zur Ruhe legt, und müde auf ein weites durchwandertes Land zurückblickt – dann kriecht sie aus der dunklen Ofenecke und beugt sich über Dein Antlitz und zieht den Mantel fester um Dich, daß Dir’s warm werde im Herzen, und die Stimme, die Dir einst Wiegenlieder sang, flüstert wieder leise in Dein Ohr und erzählt Dir Geschichten, bis die flackernden Flammen zur stilten Kohlengluth heruntergebrannt sind, und die flütchtigen Schatten an den Wänden fest Dich umstehen, wie die Erinnerung an längst Dahingeschiedene. Ihre Geschichten sind ernst und heiter; aber bei den ernsten lacht man über die heutige Welt, und bei den heiteren trauert man über die vergangene. – Ich will mir aber die alten lustigen Geschichten nicht durch die Trauer verderben lassen: ich will einen bunten Kranz winden von lustigen Blumen für die alte Zeit, und die Totenblumen, den Rosmarin und die Nachtviolen, die dazu gehören, will ich durch frisches fröhliches Grün verdecken, daß Keiner sie sieht. Hinein habe ich sie gewunden, und wer sie deutlicher sehen will, mag sie für sich selber weiter hervorziehen; mein Kranz aber soll in heitern Farben spielen, denn er ist für meine alte, fröhliche Zeit. Mehr als fünfundvierzig Jahre sind an den räucherigen Dächern meiner kleinen Vaterstadt hingerollt, seit ich die ersten deutlichen Eindrücke von der Erhabenheit seines Kirchthurmes, der Großartigkeit seines Rathhauses und der Majestät seines Amtsgebäudes gewöhnlich ‘das Schloß’ genannt, empfing. Drei neue Straßen haben seit jener Zeit die Gestalt der Stadt so verändert, daß ich mich mit Mühe darin zurecht finde, und ausnahmsweise kühne Männer haben den Schutz des zur Sommerzeit etwas übelriechenden Wallgrabens verschmäht und sich vor den Thoren angesiedelt, jeder Gefahr keck die Stirn bietend, die innerhalb der Ringmauern der Stadt der Polizeidiener und die Nachtwächter zu verscheuchen verpflichtet sind. Die Priesterkoppel, wo ich durch meinen Papierdrachen Correspondenz mit den Wolken pflog, ist jetzt mit einem Häusermeer bedeckt; wo ich sonst in jugendlicher Lust dem Ballspiele oblag, werden jetzt Bälle gegeben; der alte trauliche, in süßer Heimlichkeit verschlossene Bullenwinkel hat seine geöffneten Räume den Strömen des Verkehrs übergeben müssen, und der alte Bauhof mit seiner schönen großen Mistpfütze, in die ich zum Schrecken meiner guten Mutter regelmäßig jeden Winter ein oder mehrere Male mit dem Eise einbrach, ist zum fashionablen Westende der Stadt geworden, und wo wir Knaben früher im idyllischen Spiel mit den Kälbern, Lämmern und Füllen des alten Nahmacher umhersprangen, wird von den gebildeten Töchtern der haute volée jetzt Polka=Masurka eingeübt. Die Straßen sind auf’s Beste gepflastert, und von den Thoren der Stadt aus gehen directe Chausseen nach Hamburg, Paris, Berlin und St. Petersburg. Der Segen Gottes hat sich in Gestalt des Volkes Gottes in reichlicher Fülle über der Stadt entladen, und der rege Wetteifer Zwischen den Bekennern des neuen und des alten Testamentes hat einen Weltverkehr mit gebackenen Pflaumen, Lumpen und Kuhhörnern in’s Leben gerufen, der meine theure Vaterstadt zu dem Emporium des östlichen mecklenburgischen ‘Perducten=Handels’ gemacht hat. Es fehlt ihr nur, daß Sie an der Ostsee belegen wäre, dann wäre sie eine Seestadt. Posten und Extra=Posten gehen unablässig, richtige Zeit haltend, hin und her durch die Straßen; Equipagen mit und ohne Kammerjungfern, Equipagen mit und ohne Bulldoggen und Tigerhunden, Equipagen, in denen Pferde und Rindvieh spazieren gefahren werden, halten vor einer Unzahl von Gasthöfen. Die vorzugsweise ‘Reisende’ genannte Nation, mit dem herrschenden Stamm der Weinreisenden an der Spitze, ist völkerwandernd und völkerbeglückend über die Stadt ausgegossen und sucht die Segnungen einer im steten steigen begriffenen Civilisation über die inwohnenden Schuster und Schneider zu verbreiten. Die sie selbst haben in aller Stille den jeden National=Ökonomen erschreckenden Beweis geliefert, daß trotz aller hemmenden Heimathsgesetze und Zuzugshinderungen eine Bevölkerung von 1200 Einwohnern in vierzig Jahren im Stande ist, sich durch Kraft und Ausdauer auf 2500 zu bringen. Wie ganz anders war es in meinen Kinderjahren. Ungefähr monatlich einmal zog kothbespritzt ein einsamer Probenreiter auf buglahmem Gaule in die Thore der Stadt ein, und erkundigte sich in ergötzlichem, ausländischem Dialekte bei einem Straßenjungen, etwa bei mir, nach dem einzigen Gasthofe des Städtchens. Unter uns Rangen entspann sich dann ein lebhafter. Streit, wer den Fremden zu Toll’s, später Schmidt, später Beutel, später Kämpfer, später Kossel, später Holz, jetzt Clasen, geleiten sollte, bis wir uns zuletzt denn darüber vereinigten, ihm sämmtlich das Comitat zu geben, dem sich dann noch einige ältere Personen anschlossen und darüber debattirten, ob dies derselbe sei, der vor einem Jahre, oder vor drei Jahren die Stadt beglückt habe. Kein Kellner empfing den Unglücklichen – dies Geschlecht war damals noch nicht geboren er war gezwungen, Sein Rößlein selbst in den Stall zu führen; Seiner selbst wartete in den Räumen des Hotels von allen Erquickungen, welche der Scharfsinn der Menschen seit dieser Zeit erfunden hat – nur holländischer Käse. Posten kamen damals auch, und zeichneten sich durch die Zufälligkeit ihrer Ankunft aus. Zur Herbst=, Frühjahrs= oder Winterzeit namentlich kam gewöhnlich der Postillon auf einem Vorderpferde voraufgesprengt und brachte die tröstliche Nachricht, die Post würde bald kommen, sie wäre schon beim Bremsenkrug- "aewer dor is Sei tau Senk drewen", war dann der erfreuliche Nachsatz, welcher dann eine gründliche Nach= und Ausgrabung zur Folge hatte. Endlich kam dann ein hellblau angestrichener, durch Ketten und Eisenstangen auf’s Mannigfalltigste versicherter, mit acht Pferden bespannter offener Kartoffelkasten in die Stadt hinein gerumpelt, auf dessen quer über die Leiterbäume gelegten Bänken eine Anzahl halb ‘verklamter’ Unglücklichen, wie Schafe zur Schlachtbank, zum Posthause gefahren wurden, wo dann eine Sonderung zwischen den Schafen und den Böcken eintrat. Die Böcke blieben vor der Thür, die Schafe gingen in’s Posthaus, und wurden dort von dem Postschreiber, der in einer Art Vogelbauer saß, welches er sein Comtoir zu nennen beliebte, den Vexationen unterworfen, von denen die Böcke befreit blieben. Die Naivetät, die sich in dieser Staatseinrichtung aussprach, ging soweit, daß, als der Postschreiber seine postalischen Bemerkungen irrthümlich auf einen vor der Thür stehenden Bock ausdehnen wollte, ihm derselbe trocken zur Antwort gab: "Sei hewwen mi nicks tau seggen, ick bün en Buck." Wo lebt in starrer, trockner Regelmäßigkeit die Chausseen sich hinziehen und das Auge blenden und ermüden, wo lange Reihen langweilig congruenter Pappeln den Wanderer gleichsam zum ewigen Spießruthenlaufen verdammen, wand sich damals der Weg in lieblich mäandrischer Krümmung durch pittoreske Alleen gekröpfter Weiden dahin und bot dem Auge in Gestalt von Pfützen und knietiefen Geleisen die Mannigfaltigkeit von Berg und Thal und See. Den etwa Strauchelnden nahm die liebende Mutter Erde in ihrem weichen Schoße auf, und entließ ihn nur mit einem Andenken an sich. Leider war mit diesen malerischen Ergötzlichkeiten eine gewisse Unbequemlichkeit des Reisens verbunden, die uns während der Wintermonate außer Verkehr mit der Welt versetzte, und nur entschiedenen Wagehälsen erlaubte, die heimathlichen Thore zu verlassen. Ich entsinne mich noch, daß ein Kaufmann unserer Stadt, der vielleicht überseeischen Handel betreiben mochte, sich bestimmt aber durch sehr gewagte Speculationen in Feuerschwamm, Lorbeerblättern und Korinthen vor feinen Gewerbsgenossen auszeichnete, Tags vor seiner Abreise nach Hamburg im blauen Leibrock mit blanken Knöpfen und wildledernen Handschuhen – das Glacé war noch nicht erfunden – in der Stadt, Haus bei Haus, auf Leben und Sterben Abschiedsvisiten machte. Wie er nach der Kirche, in der er das heilige Abendmahl genommen, auch zu uns kam, Allen die Hand reichte und in tiefer Rührung das Haus verließ. Ich Sehe meine Tante Christiane noch, wie sie ihm mit vorgerecktem Halse nachsah, bis die sturmbewegten Schöße seines neuen Leibrocks hinter der Apothekerecke verschwanden. ich höre sie noch in die Worte ausbrechen. "Ne! Wat is ‘t’ för ein Minsch!" Der Mann kam nicht wieder. Dunkle Gerüchte von, zu Schadenkommen’ und ‘Halsbrechen’, und dann wieder von einer verfehlten Lorbeerblätterspeculation und demnächstiger Abreise nach Batavia, kamen uns freilich zu Ohren. Gewißheit ward uns aber nicht zu Theil, und selbst den aufklärenden Talenten der Polizei ist es nie gelungen, das obwaltende Dunkel zu enthüllen. Die mannigfachen Verkehrshinderungen, die aus dem Schlamme lehmiger Vicinal=Wege emporwuchsen, wurden von einer unverwöhnten Bevölkerung mit stoischem Gleichmuthe als unvermeidliche Erdenübel hingenommen, und nur dann, wenn die trocknenden Frühlingswinde und die warme Junisonne die Hauptschlachten gegen die Einflüsse des Winters geschlagen hatten, rüstete sich die Besatzung eines Chaisewagens, die den vielversprechenden und wohlklingenden Namen einer Wege=Besichtigungs= Commission führte, als fliegendes Corps die Niederlage des nordischen Herrschers zu vervollständigen und seine Spur von der Erde zu vertilgen. So ein Sommerfeldzug hatte seine behaglichen Seiten. Das Terrain war bekannt, dieEtappenörter nicht zu weit belegen, das Land mit Allem reichlich versehen, und klüglich wußte man es so einzurichten, daß man zum Frühstück bei Pächter X. eintraf, dessen Frau als Verfasserin der besten Schinken bekannt war, zum Mtttag beim Pächter Y., der schon vorläufig den Tod eines fetten Kalbes annoncirt hatte, und zu Abend beim Gutsbesitzer Z., der noch neulich durch die Größe seiner Karauschen eine Wette gewonnen hatte. Die Geschäfte der Commission waren angenehmer Natur; man sah von der Höhe des Chaisewagens auf die verharrschten Wunden der Wege hinab, man freute sich darüber, daß nun Alles wieder so schön in Ordnung sei, und stieß man einmal zufällig auf eine auffallend tiefe Narbe, so überließ man sich dem wohlthuenden Gefühle, welches wir empfinden, wenn es draußen stürmt und regnet, und wir am warmen Ofen sitzen; man freuete sich, daß man nicht während des Winters in diesem schrecklichen Loche sitzen geblieben sei, und verordnete Schönpflästerchen für die widerwärtige Narbe, deren Applicirung in Gestalt von Wegebesserungen den einzelnen Gutsinhabern zur Pflicht gemacht wurde. Dadurch kam denn nun eine neue Noth über unsere kleine Welt. Zehn bis zwölf Tagelöhner wurden zu einer Zeit, in der sonst nichts Nützliches, etwa des vielen Regens wegen, gethan werden konnte, unter Anleitung eines Wirthschafters, der noch sehr in den Anfangsgründen des Nivellirungs Systems steckte, längs des Weges in die Gräben gestellt und angewiesen, Koth, Schlamm und Rasen ja mitten in den unseligen Weg zu werfen; in die vorzugsweise halsbrechenden Stellen wurden abgesammelte Feldsteine und Bauschutt gestürzt, und ‘Knüppeldämme’ wurden angelegt, Besserungsanstalten für sonst unverbesserliche Idealisten, nutzanwendungsreiche Predigten über die Hinfälligkeit der menschlichen Natur und Kasteiungen des Fleisches, die in tiefgehender Wirkung Alles übertrafen, was La Trappe jemals ersonnen hat. Ein gebesserter Weg war der Schrecken der Umgegend, und ich entsinne mich noch, wie ein wohlmeinender Pächter einmal Zu meinem Vater sagte: "Führen s’ den annern Weg; jo nich desen; desen hewwen wi’ betert." Aber diese gebesserten Wege brauchte die Commission zu ihrem Glücke nicht auszuprobiren; sie machte ihre Rundreise beim schönsten Wetter und den trockensten Wegen vor der Besserung, und trat dann einmal zufällig während ihrer Excursionen Regenwetter ein, machte sie die Fenster ihrer Glaskutsche dicht zu und überließ ‘Jochen’ den Regen und die Wege=Inspektion. ‘Jochen’ mußte dann über den Zustand des Geleises Red’ und Antwort stehen. – "Jochen, wo is ‘t hir mit den Weg?" – "Slicht, Herr." – "Jochen,hir is de Weg woll sihr schön?" – "Ja, Herr, hir is hei sihr Schön; ick führ hir aewer ok up den Dreisch." Aber was hat denn der Zustand der Wege mit Deiner Vaterstadt zu thun? – Viel, lieber Leser, viel! Um in die Umgegend zu kommen, müssen wir uns der Discretion dieser Wege anvertrauen, und daß selbige mich langsam expediren, ist nicht meine Schuld. – Da ist der Eulenberg! – Von seinem weittragenden Gipfel wollen wir die Gegend überschauen, wie sie einstens war und die Welt des Kindes bildete, das von hier aus seine neugierigen Blicke über die enge Feldmark bis an den dunkeln Waldkranz sandte, der, einem geheimnißvollen Schleier gleich, der Sehnsucht die Wunder der Ferne verhüllte, und wie dunkle Frangen die bunte, blumengestickte Decke umgab, die sich zu Seinen Füßen über den allernährenden Tisch der Erde breitete. Die Frangen sind verschlissen, der Schleier ist gelichtet, das Bedürfniß hat die Axt des Holzschlägers in die Wälder gesandt. der Zahn der Zeit hat in die grüne Decke der Wiesen abscheuliche Löcher gefressen, die man Torfgruben nennt, und wo sonst die glänzende Kuhblume, das bescheidene Marienblümchen und das sinnige Vergißmeinnicht blüheten, stehen jetzt schwarze Torfhaufen aneinandergereiht, wie Särge auf einem Cholerakirchhofe, und rufen uns auch ein ‘Vergißmeinnicht!’ zu; aber ein anderes als das blauäugige Blümchen. – Alles ist verändert! Wo ist der Bach geblieben, der zur Frühjahrszeit als Wasserfall am Fuße des Eulenbergs mich entzückte? Wo ist der Berg selbst geblieben? – Die Schöne Warte meiner Kindheitsträume ist vom Angesichte der Erde verschwunden, man hat sie abgetragen und zum allgemeinen Nutzen verwendet, als Kies über die Chausseen, damit sie mit Füßen getreten, als Mörtel zum Häuserbau, damit sie menschlichem Elend näher verleimt und verkleistert werde, und was von ihr übrig ist, hat sich das Großherzogliches Amt Zu besonderen Zwecken reservirt. Ich werde mit dem Großherzoglichem Domanial=Amte keinen weitläufigen Proceß um das Mein und Dein führen; aber der Eulenberg gehörte einst mir, war einst meine unbestrittene Domaine, hier hatte Keiner sonst etwas zu sagen, als ich und meine Genossen; von hier aus übersah ich meine übrigen Liegenschaften: die Priesterkoppel, die jetzt von Häusern und Kirchhöfen usurpirt ist; die Pribbenower Tannen, die mir durch die nebenbuhlerischen Anstrengungen der Forstbehörden und Holzdiebe rein unter den Händen verschwunden sind; den Schloßgarten mit seinen Kastaniengängen und seinen lockenden Obstbäumen, der mir jetzt unerbittlich verschlossen ist; und in der Ferne das Liebste, was ich auf Erden kannte, vielleicht weil’s eben auch das Fernste war, den Thiergarten zu Ivenack mit seinen stattlichen Hirschen, seinen tausendjährigen Eichen und einem Baumwuchs, wie er in Deutschland nicht ein zweites Mal gefunden werden dürfte. Diese Eichen waren die stolzen Grenzwächter meiner Besitzungen, bis hierher ging mein Reich und zugleich meine Geographie, was darüber hinaus lag war unbekanntes Land. Zuweilen wurde von mir und Karl Nahmacher heimlich eine steeple chase nach diesem Grenzposten unternommen, den wir dann hin und zurück auf selbst entdeckten Richtwegen über Gräben und Moore in anderthalb Stunden zurücklegten. Gewöhnlich hatte aber einer von uns Ursache, das Licht der Welt zu scheuen, wenigstens das Auge der Mutter. Warum waren denn auch die Gräben so breit und die Moore so naß? Wenn dann der letzte Zaun um den großen Nahmacher’schen Garten überklettert war, wurde eine Ocular=Inspektion über Stiefel und Beinkleider gehalten, die dann gewöhnlich eine gründliche Wäsche im nahen Rohrteiche zur Folge hatte, und diese veranlaßte uns dann wieder, hohe, der Sonne und dem Luftzuge ausgesetzte Punkte aufzusuchen, etwa die Wipfel der stattlichen Obstbäume, wo wir auf überaus gescheute, hier nicht weiter zu beschreibende Weise das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden bestrebt waren. Endlich, endlich rückten wir dann zögernden Schrittes in den Alt=Bauhof ein, die Pachtung des alten Herrn Nahmacher, eine mecklenburgische Idylle, die, in sich selbst abgeschlossen und zufrieden, vergeblich von dem Lärm des hart an ihr liegenden Städtischen Marktplatzes im Kuhmelken und Schafscheeren gestört wurde. Hier wurden wir dann gewöhnlich von irgend einer Autorität mit der impertinenten Frage Empfangen: "Wo sünd Ji west?" Die sinnreichsten Ausflüchte und Entschuldigungen, die wir ausgeheckt hatten, zerstoben wie Nebel vor der Sonne der Madame Nahmacher’schen Augen; sie nahm ihren eigenen Ausreißer beim Kragen, und ich wurde mit der Weisung entlassen. "Du gah man nah Hus. Din Botting is Di all Smert’; sei hewwen Di allentwegen all Söcht." Ach, wie langsam wurde dann mein Schritt, wenn ich um die Ecke des Hauses ging. Ach, wie vorbedeutungsvoll klangen mir, wenn ich zögernd, hart an den Wänden des Hauses entlang, unter dem Fenster der Nahmacherschen Kinderstube vorüberschlich, die Töne meines armen treuen Gefährten, die er unter dem unerbittlichen mütterlichen Pantoffel entwickelte. Freilich Pantoffeln gab’s in unserm Hause nicht, aber es gab dort ein kleines unscheinbares Instrument, welches auf dem Pfeifenstande meines Vatera für gewöhnlich bescheiden hinter den Pfeifen sich verbarg, bei besonderen Gelegenheiten aber meiner Meinung nach sich unnöthiger Weise abscheulich sichtbar machte und die hassenswerthe Gestalt eines rock= und buckelausklopfenden Rohrstöckchens annahm. Entging ich durch kluge Wendungen der väterlichen Charybdis, so verfiel ich doch unrettbar dem Strafgericht meiner Mutter, als Scylla, ich mußte meine schöne griechische peripatetische Philosophie mit der stabilen Grausamkeit der indischen vertauschen, und als büßender Fakir eine Stunde in der Ecke stehen. – Dies Alles hat nun freilich eigentlich nichts mit der Schilderung meiner Vaterstadt zu thun, wie ich leider gestehen muß; ich habe aber doch den Leser auf diese Weise unmerklich von unserm Ausfluge in die Umgegend in die Stadt und zwar auf den Marktplatz zurückgeführt, und bitte ich nur, mir nicht in mein Vaterhaus zu folgen; ich will das ‘Eckenstehen’ schon allein besorgen, und liebe überhaupt keine Zuschauer bei dergleichen häuslichen Scenen. Man muß, wie Napoleon zu sagen pflegte ‘seine Schmutzige Wäsche für sich allein zu Hause waschen’; übrigens wird es auch nicht zu lange währen, ich hoffe, eine halbe Stunde ‘geschenkt’ zu erhalten. – So! Da bin ich wieder und zeige Euch nun den Marktplatz, ein großes fast regelmäßiges Viereck, welches von der Hauptpulsader der Stadt, der Brandenburg=Malchiner Straße, diagonalisirt wird. Drei Seiten des Platzes waren von Häusern, die vierte von der Gartenmauer des Herrn Nahmacher und dem Lusthause desselben gebildet. Weshalb dies Haus ein Lusthaus hieß, habe ich nie in Erfahrung bringen können, ich habe nie irgend etwas, das an Lust erinnerte, darin gesehen, der Platz dazu war auch nicht besonders gewählt; zu seiner Rechten floß ein übelriechender Graben, und vor seinen Fenstern stand der ‘Kaak’ oder Pranger. Für uns Kinder stellte die Sache sich anders. Der Graben, das Lusthaus, der Kaak und ein Pfahl, an welchem nur noch schwach eine Bettelei=Verwarnung zu lesen war, das Thor zum Schloß, das Thor zum Alt=Bauhof, der Rathhaushof, das Alles bildete die Citadelle unserer Lust, der sich der Marktplatz, der Kirchhof, der Schloßplatz mit dem Schloßgarten, der Alt=Bauhof mit den dazu gehörigen Scheuren und Stallungen, die Mistpfütze nicht zu vergessen, als Außenwerke anschlossen. Der Graben, der in seine Vaterarme die sämmtlichen Rinnsteine des Marktplatzes aufnahm und mir die Gelegenheit bot, die Wasserdichtigkeit und Watweite jedes neuen Paar Stiefel auszuprobiren an welchem ich, von einem Biber=Instinkt für Stauen und Dämme geleitet, die Anfangsgründe der Hydrostatik studirte, ist zugedämmt. Der Pranger mit seinen zierlichen Kettenguirlanden und seinem Halseisenschmuck, der schöne Kaak! ist niedergerissen als beklagenswerthes Opfer einer Gesetzgebung, die es vorzieht, lieber an den Buckel der ihr Verfallenen, als an das Ehrgefühl derselben zu appelliren. – "Sehn Sie hier!" sagte mein Freund Moses Joel, "einen Obelisken in Form eines Kaaks." Daher weiß ich nur, daß er ein Obelisk war. Er war der Dreh= und Angelpunkt aller unserer Spiele vorzüglich derer, die über die Idylle des ‘Kükewieh=Spiels’, des ‘Vogel flieg’ aus’ u.s.w. hinausgingen und einen dramatischen Charakter annahmen. Vorzüglich war er unentbehrlich, wenn wir ‘Fahnschmidt’ und ‘Luth’ spielten. Fahnschmidt war der Rinaldo Rinaldini des Städtchens, der sich einen bedeutenden Ruf in der Umgegend durch Hammel= und Gänsediebstähle gemacht hatte; ja man ging so weit, in den vertrauten Kreisen mit Augenwinken und Aufdenfußtreten zu behaupten, er habe einmal einen natürlichen Reisekoffer von einer vornehmen Kutsche abgeschnitten. Luth war er Stadtdiener, ein überaus brauchbarer, thätiger und ehrenhafter Mann, an welchem wir Kinder mit großer Liebe hingen; und doch wollte jeder von uns immer Fahnschmidt sein, keiner Luth. Wie man sich in späteren Jahren zu der Ordensauszeichnung drängt, so drängten wir uns zu der Ehre, an dem Pranger zu stehen und zu meiner Beschämung muß ich gestehen, daß ich es vorzugsweise weit in der Virtuosität der Prangersteherei gebracht hatte. Das Lusthaus und die Gartenmauer sind von einem großen Handelshause verdrängt, und wo einst die Bettelei=Verwarnung stand,. schauet College Risch wohlhäbig vom zierlichen, gußeisernen Balkon herab. Vor den Schloßgarten ist ein Schloß gelegt und ein neuer Stadttheil hat sich auf dem Alt=Bauhofe etablirt. Ein paar Schritte rechts um die Ecke des Rathhauses führen uns plötzlich in die Romantik des Städtchens. Ein mit Kastanien bepflanzter Weg zieht sich den Hügel hinan, auf welchem das jetzige Amtsgebäude ein früheres herzogliches Jagdschloß, von einem schönen Garten rings umgeben, liegt deutlich sind die Spuren von Wall und Graben, von alten Befestigungen, noch in dem Wechsel von Hügel und. Wiesen im Garten zu erkennen und die Wahrheit der Ueberlieferung, daß hier einmal eine alte Ritterburg gestanden und den Kern zur späteren Bildung der Stadt abgegeben habe. "Vater" – (mein Vater war zu ernst, als daß er uns Kindern erlaubt hätte, ihn ,Papa’, oder wie’s jetzt in der Ueberfülle elterlicher Zärtlichkeit Mode zu werden scheint, ‘Papaken’ zu nennen) – "Vater," fragte ich, "ist das Schloß wirklich einmal eine Ritterburg gewesen?" Wobei ich mir denn etwas unbestimmt Nebelhaftes, Colossales, Schreckliches, an Fahnschmidt und Genossen Erinnerndes, dachte. Mein Vater sagte mir dann, es sei dies möglich, ja wahrscheinlich. und ‘wahrscheinlich’ sind aber Wörter, die in der Seele des keinen Wiederhall finden, das Kind will Gewißheit; das Concrete ist die nährende Speise seines Geistes, das Ungewisse, Mögliche, Wahrscheinliche ist für dasselbe nicht assimilirbar; es verdauet Alles, auch das märchenhaft Unwahrscheinliche, wenn es ihm nur in der Gestalt einer bestimmten Realität geboten wird. – Bei solchen Verdauungsbeschwerden wandte ich mich dann an meinen alten, guten Onkel Herse: "Unkel, sünd hier würklich Ritters wes’t?" Ritter kannte ich schon, ich hatte deren auf den schönen Bilderbogen des Kaufmanns Grischow gesehen. – "Dumme Jung’," sagte mein Onkel Herse, "kannst dat nich seihn? Süh, dat ‘s de Wall, de geiht rings herüm, un dor wo Staathöller Möller nu dat Heugras meiht, dat ‘s de Grawen, un hir, wo wi nu stahn, up den ollen Amtshauptmann sinen Meßhof, dor was de Togbrügg un dor bi’n Swinkaben, dor was dat Fallgatter, herse up Französisch, wo ick minen Namen von heww, un dor aewer de Mur, dor keken de Borgfrölens un Rittermamsells ‘raewer un winkten mit de Snuwdäuker, wenn de Herrn Ritters up Row utgungen, un hir, wo wi nu stahn, dor reden s’ ‘rut, de Haufisen ümmer verkihrt unner de Mähren. Un wo nu Mamsell Westphalen ehr Appel hett, dor was ‘t Borgverließ, un dor wiren Poggen un Qualduxen un allerlei Düwelstüg, wat ‘t nu gor nich mihr giwwt. Un dor achter, bi de gräune Purt, dor gung de unnerirdsche Gang dörch nah Ivenack hen, wat dunn en Nonnenkloster was, un de Ritters un Nonnen, de kemen denn ümmer tausam un hadden velen Commers mit enanner, un dat möt ick weiten, denn ick bün in Ivenack buren un tagen." Das war doch etwas. Das war Alles so bestimmt und positiv ausgesprochen, daß ein Zweifel daran nicht möglich war. Hier war für das Kind ein hinlänglicher und zugänglicher Stoff, um der still arbeitenden Phantasie Nahrung zu geben und der Umgebung des Schlosses, die an sich schon reizend genug war, den Zauber des Geheimnißvollen, hinzuzufügen. Der alte Amtshauptmann Weber und seine Frau, die das weitläufige Gebäude in stiller Einsamkeit mit einer alten Wirthschaftsmamsell bewohnten, erhielten in meinen Augen eine Glorie von Heldenmuth, wenn ich bedachte, daß diese Leute sich ohne Furcht einer stillen zufriedenen Häuslichkeit an Orten hingaben, wo doch jedenfalls einst das Gewaltthätige, Schreckliche und Grauenerweckende gehaus’t hatte; und die alte Mamsell Westphalen, wenn sie heiteren Angesichtes mit der Lampe in das apfelbewahrende Burgverließ hinunterstieg, kam mir an Todesverachtung nicht geringer vor, als eine zweite Jungfrau von Orleans. – Zu diesen, in ihren Ausgangspunkten doch am Ende der Wirklichkeit an gehörenden Vorstellungen traten durch die Erzählungen unseres Stubenmädchens und unserer Knechte noch die schemenhaften Gebilde der Gespensterwelt. Die beliebten Gestatten von Leuten, die es der Bequemlichkeit wegen vorziehen, den Kopf unter dem Arme Zu tragen, der Schwarze Pudel, der mit feurigen Augen den Eingang zum unterirdischen Gange bewacht, klagende Stimmen in nächtlicher Stille, die weißen, händeringenden Frauen angehören sollten, Lichter, die plötzlich das ganze Schloß erleuchteten und ebenso plötzlich verschwanden, mischten sich mit den abenteuerlichen Vorstellungen, die ich mir, wie schon erwähnt, nach Bilderbogen und einzelnen Erscheinungen der Wirklichkeit gebildet hatte. Ein reicher Fund für meine romantisch=antiquarischen Forschungen wurde eine Darstellung des Ritters Toggenburg und der geliebten Nonne mit der Unterschrift: Und so saß er viele Tage, Saß viel’ Jahre lang, Harrend ohne Schmerz und Klage, Bis das Fenster klang, Bis die Liebliche sich zeigte..... Da saß nun ein wirklicher Ritter, und was für einer! Und doch waren seine Glieder nicht in Panzer von Erz und Eisen gehüllt, die ich mir bisher ebenso unzertrennlich von den Rittern gedacht hatte, wie die Schale von den Krebsen. groß und stark war er aber er trug eine Art Schlafrock, mit einem Gürtel zusanmengebunden, und schauete hinüber nach einem geöffneten Fenster, an welcher sich ein bescheidenes Gesicht zeigte, welches neugierig hinaussah, wie ich das häufig bei Friederike Wienken, unserer Stubenzofe, bemerkt hatte, wenn sie im zweiten Stock die Zimmer fegte und forschend auf die Straße hinabsah. Diesen Bilderbogen colorirte ich mir bestens und hatte das Glück oder Unglück, wie man will, das Gesicht des Toggenburgers etwas sehr hochroth darzustellen. Dadurch, und daß ich ihm einen sehr schönen hellblauen Schlafrock malte, erhielt das Bild in meinen Augen eine unverkennbare Aehnlichkeit mit meinem Onkel Herse, der groß und stark und blühenden Antlitzes, auch meines Wissens der einzige Mann in der Stadt war, der in seinen Mußestunden einen Schlafrock, und zwar einen hellblauen, trug. Mein Onkel Herse wurde auf diese Weise mir zum Vorbilde eines Ritters, in welchen Vorstellungen ich noch durch die Erscheinung des Rittergutsbesitzers Guschen Klahn bestärkt wurde, der auch sehr dick, groß und hochrothen Antlitzes war. Das Handpferd meines Vaters, der alte Hans, der sich durch sehr dicke Mähnen und langen Schweif auszeichnete, ward zum ritterlichen Roß, und nachdem ich meinen Onkel Herse auf den alten Hans gesetzt hatte, hing ich ihm einen Gendarmerie=Säbel an gelbem Bandelier über den hellblauen Schlafrock, gab ihm eine Landwehrpike als Lanze in die Hand und ließ ihn so lustig in die Welt auf Abenteuer hinaustraben. Mit den Nonnen erging es mir ähnlich. Die erste Vorstellung von dergleichen Personen ward mir durch die gewöhnliche, landläufige Fibel beigebracht, in welcher unter dem Buchstaben ‘N’ eine Nonne und ein Nagelbohrer abgebildet waren, mit der bekannten Unterschrift : Die Nonn’ im Kloster muß thun Buß; Ein’n Nagelbohr man haben muß. Ich kann gar nicht beschreiben, wie mitleidig ich das arme unglückliche Geschöpf betrachtete, das in einem abscheulichen braunen Gewande, auf welchem große Flicken sichtbar waren, mit todtblassem Gesichte vor einem Todtenkopf knieete und mit demselben liebäugelte. Des Toggenburgers Nonne, die eine gewisse Aehnlichkeit mit Friederike Wienken hatte, sah schon ganz anders aus, und als mir darauf die Priorin des Ribnitzer Nonnenklosters, die beim alten Amtshauptmann Weber zum verwandtschaftlichen Besuche war, als etwas Besonderes gezeigt wurde, und Onkel Herse mir auf meine Fragen erklärte, ‘Sonn’ Priorin’ sei nichts anders, als ‘de Öbberst von de Nonnen’, etwa eine Art Nonnenoberst, da wurden meine frühesten Vorstellungen radikal über den Haufen geworfen. Aus dem braunen geflickten Gewande wurde ein Schönes, Schwarzseidenes Kleid, aus dem bleichen Leidensgesichte ein altes, freundlich blickendes, mildes Matronenantlitz, aus der hagern Gestalt eine wohlhäbige Fülle, und nie habe ich bemerkt, daß die gute Dame Liebschaften mit Todtenköpfen gepflogen hätte. Ich muß den Leser nun wieder aus den duftenden Fluren ritterlicher Romantik auf das holperige Straßenpflaster der Stadt zurückführen, um ihm die Straßen der Stadt zu zeigen. Es sind deren nicht viele, und der Gang ist bald gemacht. Wir gehen durch die ‘Kantergatz’, und ich zeige ihm den Platz um die Kirche, der in meinen Kinderjahren noch als Begräbnißplatz benutzt wurde. Ich weiß die Stelle noch, wo ein jüngerer Bruder von mir begraben liegt, ein Fußsteig läuft quer über den Raum, wo einst sein kleiner Grabhügel sich erhob; ich sehe noch die geöffnete Grube, in die man abseits die irdischen Ueberreste des alten Amtsschließers Ferge versenkte. Kein Nachbar, kein Freund folgte dem rohgezimmerten Sarge des Verstorbenen, und nur die dürftig in schwarz gekleidete Gestalt Seiner einzigen Tochter gab ihm das letzte Geleit. Er war unehrlich durch sein Amt, er mußte in der entferntesten, unreinlichsten Ecke an der Kirche bestattet werden. Ich hatte so oft mit dem alten, kahlköpfigen kleinen Manne verkehrt; die wichtigthuerische Manier, mit der er die kleinsten Ereignisse in ausländischem Dialekt vortrug, und das Ansehen, welches er sich gab, wenn er von sich als Beamten sprach, hatten mich oft zum Lachen gebracht, und oft hatte ich in unsern kindlichen Spielen sein Amt und seine Person dargestellt, und nun war dieser interessante Mann unehrlich, seine frühere Stellung in der Welt war so verachtet, daß man ihr noch nach dem Tode des Bekleidenden das Brandmal aufdrücken und seiner einzigen Tochter den Schimpf fühlbar machen mußte. Auch so ein Ausfluß vielgepriesener Romantik, die mir unverständlich sein mußte, wie die Ritter= und Nonnenbeziehungen. Es ist Überhaupt wunderbar, wie schroff die Kinderjahre den Mannesjahren gegenüber stehen, wie wenig Verständniß das Kind für die Angelegenheiten des reiferen Alters hat, und umgekehrt, wie sehr die reiferen Jahre es verlernen, einen richtigen Blick in die Welt des Kindes zu thun. Ich würde diese scheinbar triviale Bemerkung gewiß nicht gemacht haben, wenn ich nicht häufig bemerkt hätte, daß sehr ernsthafte Leute das Recht zu haben glauben, über die gewöhnlichen Vorstellungen und Ansichten der Kinder zu lachen, ohne daran zu denken, daß die kleinen zukünftigen Weltbürger in vollem Maße Repressalien gebrauchen würden, wenn die Ausbrüche ihrer gerechten Heiterkeit nicht durch elterliche Zucht im Zaume gehalten würden. Vor allem sind es die herkömmlichen Formen und freimaurerischen Zeichen einer conventionellen Gesellschaft, die dem gesunden Kinderverstand unverständlich und lächerlich erscheinen. Wie mancher derbe Knabe, der von der Natur die Anwartschaft auf ein tüchtig lebendig Wirken als Wiegengabe mit auf die Reise durch das Leben erhielt, ist an bloßen conventionellen Höflichkeitsformeln zu Grunde gegangen. Wie manchem frommen Gemüthe ist in der öden Leere einer kindischen Gebetplapperei jener albernen Complimente, die blasirte Eltern durch die Unschuld des Kindes an den lieben Herrgott höflichst bestellen lassen, jeder Ruf von oben verhallt, der die Welt durchfallen sollte für und für! Das Kind, unbekannt mit dem Ernst des Lebens, wird in seiner natürlichen Schwäche nicht als Eiferer gegen die mißbräuche einer vielleicht wohlgemeinten Unvernunft in die Schranken treten es setzt sich heiter in den Winkel mit seinen kleinen Spielkameraden und spielt: Frau Geheimräthin und Herr Baron’ und läßt seine Puppe Gebete sprechen und begräbt den alten ehrlosen Schließer Ferge mit allen kirchlichen Ehren und vollem Geläut, und wenn Ihr aufmerksam auf das kindliche Spiel seht, so werdet Ihr nie eine lieblichere, unschuldigere, von jedem Hasse fernere Satire, von jeder Lüge freiere Ironis auf die bestehenden Zustände gesehen haben, als den duftigen, in unmittelbarer Berührung mit dem Himmel stehenben Humor eines solchen Kinderspiels. Ach. auch in mein enges Leben ragten jene Zöpfe ber Gesellschaft hinein und, aufrichtig gesagt, ich war zu wenig unter elterlicher Zucht, als daß mir ihr Auf= und Niederwackeln nicht den köstlichsten Spaß gemacht hätte. Mit tiefer Beschämung muß ich eingestehen, daß ich, als Tante Christiane mich mit reinem Kragen und gebürstetem Haar in einen Damenzirkel führte, um der Frau von X’, die ich früher als Stubenmädchen gekannt hatte, und die durch sub-sequens matrimonium zu einer Frau von X. geworden war, meine Aufwartung zu machen, in ein herzliches Gelächter ausbrach und in kindlicher Unschuld ausrief : "Dürten, hett Din Mutter dat oll lütt grisbunt Farken noch?" Freilich – ich gestehe auch dies mit Beschämung ein – scheine ich überhaupt wenig Sinn für die Formen etiquetteuser Höflichkeit von der Natur auf den Weg erhalten zu haben; deswegen bleibt doch meine obige Behauptung nicht minder wahr: Kinder verstehen sich auf die hergebrachte Höflichkeit schlecht; denn als meine älteste Schwester, ein Kind von acht Jahren, der man die bescheidene Höflichkeitsregel eingebleuet hatte, sich immer zuletzt zu nennen, einmal auf den Flur geschickt wurde, um nachzusehen, wer dort draußen sei, kam sie mit der Antwort zurück: "Da ist Keiner als Pollo und Rollo und ich!" Pollo und Rollo waren aber die Hunde von Onkel Herse. Alter Ferge! Keiner unter den Lebenden erinnert sich Deiner vielleicht so lebhaft, als ich; selbst Deine in Schmutz und Unflath umgekommene Tochter nicht. Dein Begräbniß in dem Winkel an der Kirche und die besonderen Umstände dabei haben mich von der Beschreibung der Kirche abgebracht, trotzdem dies doch die Hauptsache bei der Schilderung einer Stadt ist. Ich komme aus der Beschämung gar nicht heraus, ich muß jetzt wieder ein für mich höchst betrübendes Bekenntniß ablegen: ich habe in meiner Jugend sehr schwache Studien über den Tempel= und Kirchenbau gemacht. Sollte der geneigte Leser etwas über die zweckmäßige Anlage ökonomischer, hybraulischer, ja sogar fortifikatorischer Bauten vernehmen wollen, so wäre ich der rechte Mann; aber alle die eigenen Anschauungen, die über mich selbst in den alten Domen des Mittelalters, jenen steinernen, zum Himmel strebenden Gedichten einer frommen Zeit, gekommen sind, alle jene Beschreibungen unsterblicher Reste der Baukunst aus Rom, Hellas und Aegypten, die mir aus Reisewerken zugänglich geworden sind, passen auf die Kirche meines Geburtsstädtchens gar nicht. Das Einzige, was ich darüber etwa sagen könnte, ist einem negativen Grunde entnommnen: der Umstand, daß ich noch nie eine im byzantinischen Style aufgeführte Kirche gesehen habe, läßt mich vermuthen, daß in diesem Bauwerke etwas Byzantinisches stecke, und wenn es wahr ist, was neulich ein tiefer Kenner alter Baulichkeiten behauptete, daß der Saal meines Freundes Peters in seiner Balkenlage etwas Byzantinisches habe, dann wird meine schüchtern ausgesprochene Vermuthung fast zur Gewißheit. Der Thurm ist entschieden Rococo. Ueber das Alter der Kirche – und das ist für den Kenner bei der Beurtheilung der Bauart fast immer der letzte und wichtigste Entscheidungsgrund gewesen – bin ich glücklicher Weise im Stande, genau berichten zu können. Ueberlieferungen noch lebender Personen, sicherer aber noch der Wetterhahn der Kirche selbst, setzen das Jahr der Erbauung auf 1790 fest. Soll ich den Leser nun weiter durch die Straßen führen, so würde er gerade nichts Besonderes sehen, ihm würde nur Gelegenheit geboten, die Genauigkeit zu bewundern, mit welcher sein Cicerone ihm von jedem Hause und seinem Inhaber Rede und Antwort stehen könnte. Nur die Vergleichung des Damals und des Jetzt könnte für einen Fortschritt=Enthusiasten von Interesse sein. Freilich stehen Weber Schulten’s Haus und Weber Schmidt’s Haus noch immer wie vor vierzig Jahren und machen sich dieselben freundnachbarlichen gegenseitigen Verbeugungen, als wären sie durch plötzlichen Zauberspruch beim Höflichkeits=Austausch für ewige Zeiten festgebannt; freilich steht noch immer das Häuschen des alten Handschuhmachers da, wie das Sommerpalais eines Samojeden; das sind aber nur Ausnahmen. Viele neue Emporkömmlinge von Häusern sehen mit ihren stolzen Dächern voll Verachtung auf die zurückgebliebene Generation herab; die meisten der alten haben, um mit der Jugend schritt halten zu können, sich versohlen lassen, und fast alle haben sich in neue Gewänder geworfen und prangen in Blau und Roth und Gelb und Grün, ja sogar in solchen Farben, die’s eigentlich gar nicht giebt. Die Luken des zweiten Stockes haben Wohnlichkeit verheißenden Fenstern platz machen müssen, und worüber ein durch Düngerhaufen verziertes Pflaster hals= und beingefährlich unter stagnirenden Gewässern sich peinlich hinwand und krümmte, geht man jetzt trocknen Fußes und kann von der Straße ohne Putz= und Kratz=Anstalten in die gefeiertsten Salons der städtischen Aristokratie treten.- Wir müßten uns jetzt wohl billig einmal zu den Bewohnern des Städtchens wenden, um zu erfahren, wie man damals dachte und lebte, was man wußte, was man erstrebte; wir müssen dann auf den Zustand von Handel und Gewerbe, auf den der Wissenschaft und Kunst und endlich auf die creme alles dieses, auf die Gesellschaft übergehen. Zwölfhundert Personen, Männer, Weiber und Kinder, trieben damals ungefähr eben dasselbe, wie jetzt die fünfundzwanzig Hundert. Die Männer bestellten und düngten ihren Acker selbst, flickten ihren Nachbaren die Schuhe und die Hosen, wußten zu Hause ganz genau, wie dem Gemeinwesen gründlich abzuhelfen sei, und thaten auf dem Rathhause das Maul nicht auf, und wenn sie’s thaten, so wünschten sie doch, es nicht gethan zu haben. Die Weiber kamen zusammen und klagten über die Schlechtigkeit der Dienstboten, über die Verschwendung der Männer, nahmen die Fehler ihrer Nebenmenschen unter die Lupe ihrer eigenen Vollkommenheit und strickten Strümpfe in wünschenswerthester Anzahl. Wir Kinder – ich rede hier von Männlein und Fräulein – waren göttlich vergnügt, liefen die Stiefel ab, zerrissen die Hosen, balgten uns, vertrugen uns wieder, spielten Ball, Kreller, Knull und dachten gar nicht daran, daß wir auch einmal Strümpfe stricken und auf dem Rathhause das Maul halten sollten. Es war grade so, wie jetzt, nur mit weniger Hastigkeit. "Vadder," sagte man damals bei einer gewagten Kartoffelspekulation, "willst Du? Verbrenn Dir irst be Näs’, ick kam nahsten." Das tägliche Brot wurde mit unendlicher Ruhe und ebensolcher Gewissenhaftigkeit erworben. Wer einmal ein Kunde von einem Gewerbtreibenden geworden war, blieb sein Kunde sein Lebenlang. Wehe dem, der hier eine Aenderung hätte treffen wollen. Das Herkommen herrschte, das Gewohnheitsrecht; ich hätte den sehen wollen, der dem Klempnermeister Belitz es hätte begreiflich machen wollen, daß er eigentlich ein Dieb sei, wenn er wöchentlich zweimal im Winter, im Sommer einmal, in der großherzoglichen Forst junge Buchen abhieb. Der Mann hatte das von Jugend auf gethan, er war deshalb in gutem Glauben. Damals wickelte sich der Verdienst still und stetig an dem Gewerbe ab, wie die Schnur an einer gut aufgezogenen Schwarzwälder Uhr. Wenn ich jetzt gewahre, zu welchen Abenteuerlichkeiten sich sonst passabel vernünftige Personen aus Drang und Noth zum Verdienst versteigen, so weiß ich nicht, soll ich sie, oder die Zeit mehr beklagen, in welcher solche Erscheinungen auftreten. – Da stehe ich neulich und rüste mich zum Ausgehen, als mein Schneiber, ein alter, braver, von Hunger durchwühlter Mensch, in mein Zimmer tritt und mir mit tiefbewegter Stimme seine bittere Noth klagt. "Glöwen Sei mi dat tau," sagt er, "mit de Snideri verdein ick nich dat Solt up ‘t Brod. Ja! wenn ick de Utlagen hadd, denn wüßt ick woll, wat ick ded." – "Na," fragte ich, der ich während des Anziehens in die Schlafkammer getreten war, "wat deden Sei denn?" – "Denn makt ick Win," war die Antwort. "Wat makten Sei?" fragte ich, in der Meinung, ich hätte mich verhört. – "Win!" war wiederum die ruhige Antwort. – Eine schreckliche Angst ergriff mich; konnte der arme Teufel vor Noth nicht verrückt geworden Sein? Ich stürze in mein Arbeitszimmer, starre den ruhig dastehenden Mann an und frage erschrocken: "Meister, wat wull’n Sei maken?" – "Win. seihn S’, Herr, dor nem ick drei nige glasürte Pött un twei Pund schöne grote Rosinen ahn Stengel un Söß Pegel gauden Rum, un dat lat ick Saeben Dag’ up minen Aben stahn, un denn geit ick ‘t af un Water tau, un denn heww ick söß schöne Buddel Mallega." – "Meister, ick bidd Sei, wer Sall den Win denn drinken?" – "Ih, Herr, dor finn’n sick ümmer weck tau." – Hier muß ich nun freilich eingestehen, daß sich auch schon in meiner Jugend einzelne in chemischen Mischungen erfahrene Personen auf die Bereitung des Malaga verstanden; man nahm damals zwei Eßlöffel voll Syrup, drei Schnäpse Rum und ein Achtel ‘Franschen’ Wein, rührte dies wohl durcheinander und verkaufte diese Mischung auf Jahrmärkten an die Bauern unter dem Namen ‘Mulderjahn’, was im plattdeutschen etwa Malaga bedeuten, ihn wenigstens vertreten soll; aber man gab diese Mixtur nicht für ächt aus; die Welt wußte, was sie davon zu halten hatte. Ist die Abenteuerlichkeit und das Raffinement, mit welchem man lebt Geld zu verdienen sucht, groß, so ist die Schnelligkeit, mit der man es verdient, gegen früher gehalten, wirklich zauberähnlich. – Da sitze ich neulich bei einer alten Freundin, die einen blühenden Bierschank hat, und trinke mein Seidel. Meine Freundin ist durchaus nicht feuchter, lymphatischer Natur, sondern hat ein mehr merkurialisches Temperament – ich will nur wünschen, daß dies Buch ihr nicht in die Hände kommt – und deshalb mußte ich mich wundern, sie gegen ihre sonstige redselige Weise still in einer Ecke sitzen zu sehen. Mit einem Male springt sie auf, schlägt jubelnd in die Hände und ruft: "All wedder hunnert Daler verdeint!" – "Freundin!" sag’ ich, "theure Freundin, das geht ja rasch!" "Ja, seihn S’, min Reknung is so: bug’ ick de Oelmaehl, denn kost’t mi dat so un so vel, un inbringen deiht sei mi so un so vel; bug’ ick sei nich, denn spor ick hunnert Daler. Also. Hunnert Daler verdeint! Blot dörch ‘t Reken; denn ick ward kein Narr sin un ‘ne Oelmaehl bugen." Die in den geographischen Lehrbüchern gewöhnlich stehende Rubrik: ‘Fabriken’ müssen wir überschlagen, wir müßten denn die ausgedehnte Leinweberei dazu rechnen, die in der sogenannten ‘Gatz’ betrieben wurde. Vom Morgen bis zum Abend klappte hier in jedem Hause die Lade, saus’te das Weberschifflein, und die bleichen Sclaven dieses seitdem immer mehr mit dem Fluche beladenen Gewerbes machten es mir möglich, mir später eine Vorstellung von der Größe des Elends in Fabrikstädten und Fabrikdistricten zu bilden. Die Gewerbe beschäftigten sich nur mit dem gewöhnlichen täglichen Verbrauche, und die von diesem vorzugsweise in Anspruch genommenen der Fleischer und Bäcker florirten am meisten. Unter ihnen gab ich entschieden dem der Bäcker den Vorzug, und der alte, wohlbeleibte Bäcker Witt mit seinem hintenübergekämmten, von einem Messingkamm festgehaltenen Haare, erschien mir, wenn er unter den mannigfachen duftenden Gebilden seiner Thätigkeit, unter Kringeln, Zwieback, Herrenbrod, Kümmelbrod und Kaffeekuchen saß, als ein König des guten Geschmacks. Vor Allem waren es die beiden zuletzt genannten Producte, die er in unübertroffener Vollkommenheit lieferte, und täglich wurden in unserm Hause seine Verdienste um diese beiden Artikel anerkannt, indem mein Vater sich entschieden für die Vortrefflichkeit der Kümmelbrode, meine Mutter für die des Kaffeekuchens erklärte, welcher Erklärung ich mich gerne praktisch anzuschließen pflegte und dieselbe durch die Vertilgung eines zugemessenen Antheils beglaubigte. In der Richtung des Geschmacks wie in der der Politik hängen wir mehr von äußern Umständen ab, als wir glauben. Ich, der warme Anhänger des Witt’schen Semmelschranks, wäre vielleicht zum verrätherischen, tückischen Ueberläufer und Apostaten geworden, wäre ein unbesonnener Mensch auf den Einfall gerathen, in meiner Vaterstadt einen Conditorladen zu errichten. Gott Sei Dank! – ich stoße diesen Dankseufzer in Anbetracht meiner guten Gesundheit aus – Gotts sei Dank! es etablirte sich kein solcher Venusberg für die Kinder, und ich wandelte nicht als ein jugendlicher Tannhäuser bezaubert darin herum. Die ersten Begriffe von Bonbons erhielt ich ziemlich spät durch eine großmütterliche Weihnachtssendung, und ich erinnere mich noch sehr genau, daß es ernste Kämpfe mit meinem Vater setzte, als mir von meiner Tante Christiane ein Marzipanherz überantwortet wurde. Zuweilen kamen wirklich solche Geschenke an’s Haus, und unter diesen Lichtpunkten der Kinderjahre erinnere ich mich noch ganz genau eines schönen Morgens, an welchem eine blaubeklebte Pappschachtel geöffnet wurde, die mit Gelegenheit aus Dömitz von meiner Tante angekommen war – und eine Abschrift des ‘Kaisers und Abtes’ von Bürger, in ihrem größeren Raume aber Zuckerkringel von dem größten Backkünstler in Dömitz, vom Bäckermeister Best, enthielt. ‘Der Kaiser und der Abt’ war bei dem schrecklichen Gelegenheitstransport heil geblieben, die Zuckerkringel waren alle glücklicherweise zerbrochen; ich sage glücklicherweise; denn wären dieselben in unverletzter Weise angekommen, so würde einem Jeden von uns zur Verhütung von Magenbeschwerden ein Zuckerkringel in die Hand gedrückt worden sein, und damit basta! So aber konnten uns die Bruchstücke nicht nachgerechnet werden, und wir bekamen reichlich zwei. Nur an Jahrmärkten zogen Bonbon=Könige und Kuchen=Prinzessinnen in die väterlichen Thore, wohlgekannt von uns. – "Korl Nahmaker, kik, dat is de, dei ümmer an de Apteikereck steiht!" "Kik, dor kümmt de, dei vergangen Harwstmark den groten Honnigkauken hadd, so grot as en Grofbrod!" "süh, dor is Christlieb ut Bramborg!" Das war das glänzendste Meteor, das an meinem Kinderhimmel in leuchtender Pracht aufgestiegen war; Conditor Christlieb in Brandenburg hat Jahrelang meine Phantasie mit Honigkuchen und gebrannten Mandeln gefüttert, und wenn jemals ein tiefaufregender Wunsch in meinem Herzen geherrscht hat, so war es der gleich dem Conditor Christlieb tagelang hinter so einem reizbeladenen Tische zu stehen und den großen Baumkuchen zu bewachen, der alsTafelstück die Mitte zierte. Mein Vater predigte stets gegen Kuchen und Süßigkeiten, als der Gesundheit nachtheilig; ich muß aber gestehen, daß diese Predigten endlich anfingen, mir höchst unbegründet zu erscheinen, denn wenn ich meinen Freund Christlieb in seiner majestätischen Fülle, mit rosenrothen Wangen, von allem schönen umgeben sah, nach dem er nur die Hand auszustrecken brauchte, so wäre es vergebens gewesen, mir begreiflich zu machen, daß diese ausnehmende Gesundheit von etwas Anderm als Honigkuchen und Baumkuchen herrühren sollte und unmöglich ein Beefsteak= und Kartoffel=Produkt sein konnte. Ich habe den Conditor Christlieb meinen Freund genannt; er war dies in der verwegensten Bedeutung des Worts, wenn eine einseitige Freundschaft gedacht werden kann. Ich liebte, achtete und schätzte ihn mit seinen mannigfachen Liebenswürdigkeiten, ob er aber diese innigen Gefühle erwiderte, ob er ein so tiefes Interesse für mich hegte, wie ich für ihn, muß ich leider sehr bezweifeln, und einer der schmerzlichsten Vorgänge meiner Kinderjahre giebt mir fast die Gewißheit, daß er meine innige Verehrung nie richtig gewürdigt hat und mich in die vulgäre Classe der schlechten Kunden setzte. Man urtheile selbst über meinen Schmerz. Mir war an einem Jahrmarktmorgen unter einer ganzen Fluth von Verwarnungen, sparsam zu sein und das Meinige in Acht zu nehmen, unter schrecklichen Drohungen, was alles für Unheil aus mein Haupt herabströmen würde, wenn ich mich in Kuchen überäße, von meiner Tante Christiane ein Schilling aus der Milchkasse überantwortet worden. Diesen Reichthum in der Hand, die Hand wiederum in der Tasche – so hatte Tante es angeordnet – gehe ich auf allerlei Jahrmarktsentdeckungen aus. Das unbeschreibliche Gefühl von Wohlhabenheit, die Macht des Reichthums ward mir klar, als mir Nachbar und Bäcker Berg seinen syrupbeschmierten Lockstuten anpries. Ich brauchte bloß zuzulangen, der Lockstuten war mein; aber die Verwarnungen meiner Tante waren noch zu lebendig in mir, als daß ich schon an unserer Hausthür derselben hätte uneingedenk sein können. Ich ging weiter, eine gewisse Verachtung gegen die plebejischen Lockstuten im Herzen; von ferne leuchtete mir die braun angestrichene Bude meines Freundes Christlieb entgegen, und die süßen Zauber darinnen wirkten mit magnetischer Kraft auf die Richtung meiner Schritte. Da stand ich vor der Bude, da stand Christlieb, da stand sein Baumkuchen! Weg waren die Warnungen, selbst die Drohungen meiner Tante! Kühne Gedanken, meinen Schilling in Baumkuchen anzulegen, traten in meine Seele, und die Hand aus der Tasche ziehend, legte ich, über meine eigene Keckheit erschreckend, den Schilling auf den Tisch, und mit der leeren Hand auf den Baumkuchen zeigend, sagte ich verlegen: "Für einen Schilling von das!" – "Mein Sohn," war die verachtungsvolle Antwort, "for einen Schilling wird von das gar nicht verkauft!" Ich kann nicht beschreiben, wie beschämt ich meinen Schilling einsteckte, wie herben Schmerz mir die rauhen Worte meines so sehr geschätzten Freundes in der Seele weckten. Dem höchsten Erdengenuß hatte ich nachgerungen, der Becher war mir von der Lippe gerissen; eine tiefe Verzweiflung erfaßte mich und stürzte mich von dem sonnenbestrahlten, leuchtenden Gipfel irdischer Wünsche in die Jämmerlichkeit der niedrigen Lockstuten=Region; ich kaufte Bäcker Berg’s Lockstuten, der Syrup um den Mund verrieth mich, und die Drohungen meiner Tante verwirklichten sich in der Ertheilung eines sogenannten ‘Denkzettels’. Es sind seitdem viele Jahre vergangen, mein Freund Christlieb ist von der Erde geschieden, ohne die tiefe Leidenschaft, die ich für ihn hegte, kennen zu lernen, manchen Baumkuchen habe ich verzehren helfen, und derselbe ist mir so gleichgültig geworden, wie die Jahrmärkte selbst, aber die Erinnerung an beide hat bittere Zeiten versüßen helfen und umspielt das zum Hafen steuernde Schifflein meines Lebens, wie sonnen= und lustbeleuchtetes Wellengewimmel. Der Leser hat vielleicht gar nicht gemerkt, wie ich ihn vom Bäcker Witt’schen Semmelgewerbe mit losem, schmeichelnden Zügel auf den Schauplatz des vorzüglichsten Handelsverkehrs meines Vaterstädtchens, auf die Jahrmärkte, geführt habe. Wenn ich nun ferner dieser Richtung menschlicher Thätigkeit folge und in dem vielfach verschlungenen Irrgarten des Handels meiner Vaterstadt mich ergehe, so muß ich bekennen, daß mir derselbe nicht in dem Maße zugenommen zu haben scheint, wie man es der Zunahme des Gewerbes nach hätte erwarten sollen. Es ist dies wahrscheinlich ein Irrthum, der theils feinen Grund in meiner schrecklichen Unkenntniß von Handels= und Geldgeschäften überhaupt hat, weil ich niemals mit den ersteren, die Leute niemals mit mir in den letzteren zu thun haben wollten; theils rührt es vielleicht von der größeren Heimlichkeit her, mit der jetzt Geschäfte dieser Art abgemacht werden. Ich kann hier unmöglich auf die einzelnenArtikel eingehen, die gekauft und verkauft wurden und werden; ich muß mich natürlich bloß an die Anzahl der Kaufleute halten, und da kann ich denn berichten, daß ich an die sieben Handelsherren namhaft machen könnte, von denen ich zu verschiedenen Zeiten verschiedene Materialwaaren habe holen müssen, christliche Menschen, bis auf zwei, die alttestamentarisch waren, und die auch der Humanität dadurch Rechnung trugen, daß sie mir zuweilen Rosinen und Mandeln zugaben. Diese braven mir unvergeßlichen Leute wurden vorzugsweise Kaufleute genannt; alle andern, die in Schnittwaaren Geschäfte machten, nannte man ‘Juden’, von welchem Sprachgebrauche ich mich noch kürzlich Anhören eines Bauern=Gesprächs überzeugt habe. – "Brauder," sagte Bauer Zander aus Gülzow zu Bauer Zahrendt aus Ritzerow, "wo hest Du Di dat Hosentüg köfft?" – "Oh, bi Jud’ Weidemannen," war die Antwort – Weidemann ist aber meines Wissens ein untadeliger Christ, bloß etwas unvorsichtig, weil er als der Erste es gewagt hat, der ganzen Judenschaft in Schnittwaaren Concurrenz zu machen. Es ist unglaublich, was in früherer Zeit für Gingham, Bombassin, Sammetmanchester und Kattun verbraucht sein muß, denn in Stavenhagen ernährten sich von dem Vetrieb dieser Artikel allein mindestens 27 Judenfamilien, die tägliche Packenträgermissionen in alle umliegenden Dörfer entsandten. Jeder hatte seinen engumschriebenen Bezirk, in welchem die Bauer= und Tagelöhner=Weiber ihm für rothbunte Tücher ihre Flachsknocken, gebackene Pflaumen und wer weiß was sonst noch opferten. Heimann Caspar ging "en beten nah Ivenack", Mortje nach Jürgensdorf und Kittendorf, und bloß junge, wagende Anfänger schweiften über die vorgeschriebenen Jagdgebiete hinaus, endete aber meistens mit Ruin. In dem alten abgeschafften Hausirhandel liegt ein heimlicher Reiz, den alle Romanschreiber von Walter Scott und Cooper bis herab auf unsere Räuber=Romantiker in Scene zu setzen versucht haben, und das weise Landesgesetz, welches ihm ein Ende machte, hat mit ihm ein gut Stück Handels=Poesie begraben, von welchem Artikel überhaupt nicht viel vorräthig ist. – Unsere Nachkommen werden nimmer die fröhliche Aufregung begreifen, die zur Winterszeit bei verschneieten Wegen durch das einsame Hau auf dem Lande ging: "Vatting, Mutting, dor kümmt Mortje" oder "Moses Joel" oder "Kack=Meyer!" – Und: "Dirns, kamt doch, Moses is up de Del’ – Jochen, Du sädst doch von Krallen." – Und wie er nun eintritt, der Inhaber aller Herrlichkeiten, und den Schnee von den Füßen trampst und dabei den gebeugten Rücken noch tiefer neigt vor der Hausfrau und beim Auspacken ihr seine Scheeren und Nadeln, seinen Zwirn und seine Seide empfiehlt, wie er vor den Augen des Hausvaters die vergoldete Uhrkette spielen läßt und die winterfrischen Backen der Kinder streichelt, die Scheu vor ihm und seinem grauen Barte zurückweichen, bis Neugierde und Begehrlichkeit die Furcht überwinden, und sie dreister werden und immer dreister ja zu dreist; denn der Schlingel, der ‘Körling’, langt schon nach dem Hampelmann: "den will ick hewwen!" Aber Mutting schlägt ihn auf die begehrlichen Hände: "Willst Du woll! – Nicks anfaten!" – "Lassen Sie doch," sagt Moses, "solche gebildete Kinder können Allens anfassen." Doch Mutting leidt’s nicht, kauft aber indessen für den Schlingel den Hampelmann und für Riking ein kleines Nähkissen und für sich Scheere und Nadeln und Zwirn und Seide und treibt die Kinder vor sich her und verläßt mit ihnen den Flur: "Ne, ne! Wider will ick nicks; ick bruk nicks wider!" Und Vatting bezahlt und nimmt wieder die Uhrkette zur Hand, und der Jude zeigt ihm, wie sie fest gemacht wird, und als die Uhr daran hängt, ist sie ja schon halb sein eigen; er steckt die Uhr in die Tasche und besieht sich die Kette von oben – wahrhaftig! Beinah grade solche, als Herr von Zabel trägt – und er fängt gründlich an zu handeln und legt noch ein hübsches, seidenes Halstuch bei Seite für Mutting, halb aus Liebe, halb aus Vorsicht wegen der etwaigen Vorwürfe über den theuren Kettenkauf. – Kleine Kinder und große Kinder! ‘s ist Alles eins und dasselbe! Bloß die kleinen sind aufrichtiger in der Aeußerung ihrer Wünsche und die großen vorsichtiger in den Mitteln zu ihrer Erreichung. – Aber das weiß der Jude ebenso gut wie ich; er schlägt den doppelten Preis vor, denn er ist auch ein vorsichtig Kind, und nun beginnt ein Handel mit Forderung und Angebot, und wieder mit neuer Forderung und neuem Angebot und mit Ablassen und Zulegen, als ging’s um Landgüter; doch endlich schlägt Moses zu – mit Schaden – bloß zwei Drittel über den Einkaufspreis. – Und Vatting geht hinein zu Mutting und übergiebt ihr das seidene Tuch, und Mutting merkt die Absicht, wird aber nicht verstimmt, sondern lacht ihm freundlich zu, als sie sein beginnendes Embonpoint mit Kette und Petschaft verziert sieht, und Vatting lacht auch: "Den heww ick schön anführt!" – "Körling, Du haddst em nich so knipen süllt," sagt Mutting mitleidig, und Vatting, im Gefühl Unrecht gethan zu haben, geht an die Thür: "Moses, Sei eten hüt Middag mit uns." – "Ja, aewerst....." Sagt Moses – "Ick weit Bescheid," Sagt Vatting, "min Fru sall Eier för Sei kaken." Alle Sitzen nun vergnügt in dem Zimmer und sind zufrieden, wenigstens für den Augenblick; Riking spielt mit dem Nadelkissen, Mutting bindet sich das neue Tuch um, ‘lütt Körling’ spielt mit dem Hampelmann, ‘grot Körling’ mit der Uhrkette. – Kleine Kinder und große Kinder! Beide geboren von der gemeinsamen Mutter Begehrlichkeit! – Aber draußen auf dem Flur gruppirt sich ein anderes Bild. ‘Fiken’ ist vom Boden gekommen, und ‘Dürten aus der Küche’ ‘Korlin’ aus dem Keller, und sie stehen, so lange ihre ‘Herrn’ im Handel sind, zusammen in der Ecke und recken den Hals aus und wiegen den Kopf hin und her, wie die Gänse, wenn sie etwas Neues in ihrem Troge finden, und sie lachen und kichern und stoßen einander an, und ein halblautes "Ah!" und "Oh !" und ein leises schnalzen mit der Zunge drücken Bewunderung und Begehren aus, wenn der Jude im Strahle der Wintersonne ein buntes Band, oder ein Halsband von Glaskorallen funkeln läßt. Die Augen werden größer und leuchtender, und die Wangen glühn; die blaurothen Frostbacken sind verschwunden, denn der Wunsch hat bei ihnen wacker eingeheizt und treibt das heiße Blut durch die Adern. – Da tritt auch Jochen hinein, im langen Kittel, mit riesigen Fausthandschuhen; er hat draußen den verwachsenen Knorrn, den er mit Axt und Keil bearbeitet hat, mit den Worten: "Ih, ligg du tau ‘m Deuwel!" bei Seite geworfen und schiebt nun Fik und Dürt und Korlin’ weiter vor, um in die hinterste Ecke hinein zu gelangen; sein Gesicht glüht nicht vor Aufregung, er sieht kalt aus, denn er rechnet. In einer Schwachen Stunde hat er seinem Fiken eine Schnur ‘Krallen’ versprochen, nun muß er Wort halten; halb hinter den Schrank versteckt, holt er einen kleinen ledernen Geldbeutel hervor, der, größerer Sicherheit wegen, mit einem Riemen in’s Knopfloch gebunden ist; er weiß bis auf den Pfennig, wie viel darin ist, aber, bevor sie auf immer von ihm Abschied nehmen, will er seine Groschen doch noch einmal Stück für Stück durch den Lederbeutel hindurch fühlen, dies wehmüthige Vergnügen will er sich gönnen. – Nun sind die ‘Herrn’ fort, und Moses wendet sich an die Mädchen: "Man neger, min Dechting! Man ümmer neger! Din Geld is ok keen Bli. Wat seggst Du hir tau?" Und gelb und roth läßt er ein Tuch vor den Augen der Mägde tanzen. Dürt, die Köchin, ist die älteste, sie hat schon viele gelbrothe Tücher gekauft, sie kennt’s; entschlossen tritt sie näher: "Wat gelt de Dauk?" – "Sößteihn Gröschen." – "Lat Di nich utlachen, Jud’!" Sie wirft das Tuch gleichgültig bei Seite; man sieht, sie kennt’s. – Korlin’, die junge Außenmagd, greift darnach, sie will den genauesten Preis wissen. – "Min Dechting, wil Du ‘t bist, sallSt Du em hewwen för virteihn Gröschen un en Kuß." – Korlin’ wirft das Tuch hin und springt voll Abscheu zurück. – "Jochen, Du sädst doch,..." sagt Fiken im Hintergrunde. – "Ja,"’ sagt Jochen äußerst ruhig, "seggt heww ick dat, Fiken." – "Acht Gröschen will ick Di gewen, Jud’, wenn hei echt is," sagt Dürt und langt wieder nach dem Tuche. – "Wo haißt? Acht Gröschen? – Gott, Du gerechter! Meinst Du, ick finn de Wohr in Stemhagen up de Strat? – Echt? Kik hir! – er spuckt auf den Zipfel des Tuches und reibt ihn. – "Kik hir! Echt, as de Sünn!" – "Jochen, willst Du denn nich ?" sagt Fiken und verstärkt die Frage durch einen gelinden Stoß in die Rippen ihres Anbeters. "Worüm nich?" fragt Jochen zurück. "Jck heww ‘t jo seggt, Fiken." Langsam tritt er näher und halb verlegen, halb maulfaul, sagt er bloß die beiden Worte: "Krallen, Jud’!" und Fiken setzt rasch hinzu: "Von de besten." – Dürt läßt wieder das Tuch fallen und sieht Jochen starr an. Jochen ist ein altes Hausinventar und hat fünf Jahre mit Dürt zusammen gedient; aber nie hat sie bei ihm eine Neigung zur Verschwendung oder zum Verschenken oder gar zum Verheirathen bemerkt, obgleich sie ihm zur Aeußerung der letzteren vielfache Gelegenheit geboten hat. "Krallen!" ruft sie höhnisch aus. "worüm nich gor en Sang’bauk mit en Herz?" – "Kümmt ok noch," sagt Jochen ruhig. – "Huch! – Huching!" kreischt Korlin’ auf und tanzt lachend auf dem Flur herum. "Huching, uns’ Jochen will frigen." – "Dirn, wo Du Di hest!" sagt Fiken ärgerlich. – "Krallen, Jud’," sagt Jochen ruhig. – Moses hat mit einem Blick das obwaltende Verhältniß durchschaut; wenn er’s klug benutzt, kann’s ihm was eintragen. – "Du sallst Krallen hewwen, min Saehn, so scheen as sei sick passen för de scheenste Brut. Kik, hir sünd echte Glaskrallen und echte Bernsteinkrallen, un dit sünd Parl, un hir is en Krüz, un hir is en Herz, wat möt warden anhängt, dat dat wonah kleden deiht. – Paß Achtung!" und damit schlingt er die Schnur Fiken um den Hals. "Gott, du lebendiger! Wo Scheen! Wo ward sei sick presentiren an ehren Ihrendag!" – Jochen denkt dasselbe, sein altes, ehrliches Herz schlägt rascher; in seiner Jugend ist der blinde Gott stets an ihm vorübergegangen, nun hat er ihn in reifen Jahren getroffen, Herz wie schwer entzündliche Steinkohle, in doppelter Gluth – Der kleine Lederbeutel wird losgeknöpft: "Wat gellen de Krallen?" – "Unner Bräuder!" sagt Moses, "Du sallst se hewwen för ‘n preußschen Daler." – Jochen holt das Geld hervor, er dingt gar nicht. Das hält Dürt nicht länger aus, sie legt die Hand auf das Geld: "Dat ‘s ‘ne Sünn’! En Daler för de Krallen!" – "Lat dat Geld liggen, Dürt," sagt Jochen. – "Ja," sagt Dürt giftig und tritt von dem Tisch zurück, "wenn so ‘n ollen Kirl verleiwt ward, denn ward hei ok verrückt." – "Min Saehn," sagt Moses, "beholl Din Geld, Du kannst ‘t bruken; Du möst noch mihr hewwen, wi reken nahsten tausam. Sei möt hewwen en witten Snuwdauk un en bunten Uemschlageldauk un en hogen Kamm un noch dit un dat; Du möst hewwen Tüg tau ‘n nigen Rock, Du möst hewwen Tüg tau ‘ne Hos’, Du möst hewwen – hest Du ‘ne Klock ? – Du möst hewwen ‘ne Klock, un Du möst noch hewwen dit un dat." – Aber Jochen will nicht borgen, er will seinen neuen Hausstand auf festem Grunde aufbauen, er ist nicht umsonst so alt geworden; durch den alten verrauchten Schornstein der Ueberlegung ist ein Theil seiner Gluth entwichen, er ist in seinen Pferdestall gegangen, sitzt dort vor seiner geöffneten Lade, zählt seine langjährigen Ersparnisse und rechnet wieder, wie vor dem Ausbruche seiner Liebesgluth. – Fiken steht im besten Zimmer vor dem größten Spiegel des Hauses, hält sich die Bernsteinperlen an den Hals und drehte sich und den Hals und sagt: "Un Jochen is doch en ollen gauden Kirl, un de Krallen sünd schön, un nu lat de Annern man kamen." – Dürt wirft das endlich erstandene Tuch in die Lade und sagt! "De dumme Dirn un de olle verdrögte Kirl! Blot üm ehr tau argern heww ick doch den Dauk köfft, so ‘n hett S’ nich." – Korlin’ steht in ihrer Kammer und hält ein grün und rothes Band an ihre hübsche weiche Wange und sagt: "Un ob ‘t mi nich lett! Dit ‘s för Fiken ehr Hochtid, un wer weit! – Ut ein Hochtid warden männigmal twei." Hoffnung und Haß und Liebe, Leichtsinn und Ueberlegenheit – der Roman mit seiner Poesie ist in die Alltäglichkeit des kleinen Hauses eingekehrt, und wer hat ihn in’s Leben gerufen? Wer ist der Träger seiner Poesie? – Dort hinten stampft er durch den tiefen Schnee der weißen Haide, und sein Rücken beugt sich unter der Last der poetischen Empfindungen, die sich an den bunten Inhalt seines Packen knüpfen. Das ist jetzt vorbei, rein vorbei! Die Poesie wird nicht mehr über Land getragen und stück= und ellenweise verkauft; ihre Träger sind ausgestorben, und in meiner Vaterstadt hat der letzte sein Geschäft und sich selbst an den Nagel gehängt. Was ist uns auf dem Felde des Handels nach geblieben? – Die drei Jahrmärkte. – Aber auch sie, die einst in Freude und in Lust aufjauchzten, sehen jetzt aus, wie alte hinfällige, verkommene Leute, die ihr Geld in der Jugend verjubelt haben und nun durch die Gassen der Stadt schleichen, um von alten Freunden ein dürftiges Almosen zu erpressen, von wegen der frühern guten Bekanntschaft. Der Herbstmarkt nimmt zuweilen noch einen rascheren Schritt an und putzt den alten Leichnam mit verblichenem Staat auf; aber seine vornehmen Freunde kennen es nicht mehr; Gutsbesitzer, Pächter und andere Honoratioren fahren in Kutschen an dem alten, lustigen Bruder ihrer fröhlichen Jugendzeit vorüber, und nur der Tagelöhner theilt noch ab und an seine mühsam erworbenen Ersparnisse mit ihm. Auch das war anders. Ein Jahrmarktstag war ein großes Fest, und unbedingt hätte ich mich für Hanne Schlüter’s Ansicht erklärt, der, bei der Confirmation nach den drei christlichen Hauptfesten gefragt, die Antwort gab: "Wihnachten, Pingsten un Harwstmark." Wie Schwalben, die den Sommer ankündigen, zogen am Abend vor dem Pferdemarkte zwei Gendarmen in die Thore ein und stellten sich bei der Polizei zur Disposition; ihnen folgte in anspruchslosem Gefieder die Zahl der Singvögel, als da sind: Drehorgelmänner und Harfenmädchen, die den Nachtigallen gleich, vorzugsweise am Abend ihre Ankunft mit Gesang verkündeten; und auf diese folgte dann das schnatternde, krächzende, vom ewigen ‘Gott schtraf mi!’ heisere Geschlecht von Pferdejuden, neugierig schwätzend wie Elstern, und unverschämt, wie schlecht abgerichtete Papageien, ihren unverständlich herausgeschnarreten Jargon für die Sprache vernünftiger Geschöpfe ausgebend. Nach allen Seiten hin wurde nun die Hauptfrage der nächsten Zukunft erörtert, was es morgen für Wetter geben könne und würde. Wenn endlich der nächste Morgen die Entscheidung brachte und dieselbe günstig lautete, so begann auf dem Markte ein von Stunde zu Stunde zunehmendes Gewimmel von Menschen und Vieh aller Art. Bauern aus der Umgegend, Inspectoren und Wirthschafter, Ackerbürger, Pferdejuden, Schacherjuden, Kuchenweiber, Orgeldreher, Bücklingsspeculanten und Semmelhöker wirbelten unter den Pferden, Ochsen und Kühen bunt durch einander. Peitschenknallen, Pferdegewieher, Kuhgebrüll mischte sich mit Tönen der Drehorgeln und den Liedern von Harfennachtigallen, und dann die Düfte! Man erzählt, daß die duftendsten Parfüms jetzt aus dem Inhalte der Düngergrube und der Kloaken gewonnen werden, es komme dabei nur auf die richtige Mischung der einzelnen Ingredienzen an; wir in Stavenhagen haben auf unsern Pferde und Jahrmärkten nie das Glück gehabt, diese richtige Mischung zu treffen, es herrschte stets auf denselben ein gewisser Knoblauchgeruch vor, der selbst Hering, Bückling und alten Käse siegreich niederkämpfte. Was nun das Drama eines solchen Pferdemarktes selbst betrifft, so war es geistreich in der Erfindung, die man im gewöhnlichen Leben Lüge zu nennen pflegt, und steigerte sich meistens zu dem heroischen Affecte des falschen Schwörens; der künstlich geschürzte Knoten des Stücks wurde häufig in männererprobendem Zweikampf gelöset, aber nur selten triumphirte am Schlusse des letzten Acts die poetische Gerechtigkeit, es sei denn, daß die Obrigkeit sich drein mischte, wo wir denn freilich wohl die Gerechtigkeit gelten lassen, die Poesie jedoch entschieden ausschließen müssen. Die Fabel des Stücks war uralt, immer ein und dieselbe; der Betrüger als der Betrogene; sie wurde nur auf die mannigfachste Weise variirt und mit neuen Titeln versehen, bald lautete er ‘Cabale und Liebe’, in welcher Gestalt denn der Cabale eine unverhältnißmäßig umfangreiche Rolle zugewiesen wurde, und die Liebe nur in dem bescheidenen Gewande der Liebe zu dem Geldbeutel Anderer auftrat; bald lautete er umgekehrt: ‘der Onkel als Neffe’, in welchem dann ein alter zwölfjähriger Wallachonkel mit frisch aufmalocherten Zähnen und ausreparirtem Schweif, speckschwartengeschminkt, für den vierjährigen Neffen ausgegeben ward. Dies Stück wurde meistens zum Benefiz der Juden gegeben, und Bauern bildeten das dankbare Publikum. Wenn dann die Nacht den Vorhang fallen ließ und die Marktbühne leer geworden war, wurde noch hinter den Coulissen gespielt. Im Hotel Witt und Wagenknecht fanden sich die homines minorum gentium zusammen, opferten arglos auf dem Altare talentvoller Judenjünglinge, die mit aufgekrämpten Rockärmeln das einträgliche ‘Töpkenspiel’ exercirten und für ein billiges jeden Neophyten in die Geheimnisse von ‘Kopp un Schrift’ einführten. Jene sinnigen, in ihrer Einfachheit nie übertroffenen Stücke: ‘Dreikart und Fünfkart’ regten die Seelen der Acteurs zu lebhafter Theilnahme an, und die von dem liebenswürdig dirigirenden Judenjünglinge reichlich umhergereichte Flasche entflammte die Gesellschaft zu genialen Ausschreitungen im Spiel. Der alte Bäcker Witt reichte eine Flasche nach der andern, und an der Thür stand der Drehorgelmann und sang: Zerbrecht mir ja die Flasche nicht! Mein König trank daraus. Im Hotel Toll ging es anders her. Hier hatte der König Pharao (wie man ihn zu nennen pflegte) sein Hoflager aufgeschlagen, und Alles drängte sich um den grünen Tisch seines zeitweiligen Ceremonienmeisters, der in der Gestalt eines professionirten Spielers seine Schätze aufstapelte; dicke, ehrwürdige Bäuche, auf deren heitern Gipfeln schwere, goldene Uhrketten mit dicken Petschaften im blendenden Kerzenlichte auf= und niederwackelten, saßen mit den ihnen zustehenden, von Punsch und Bischof gerötheten Gesichtern um die lange Tafel und bogen in unerschütterlichem Gleichmuthe ihre Karten. Breitspurige Inspectoren in Corduroi=Hosen und glänzend lackirten Stulpen, mit mächtigen Anschnallsporen, klatschten mit Reitgerten an besagte Stiefel. Ach, diese Inspectoren! Christlieb, alter theurer Kuchenfreund, ich werde Dir ungetreu, Deine Stellung im Leben lockt mich nicht länger. So ein Inspector auf seinem Fuchs ist der Ingegriff meiner Wünsche! Man glaube aber ja nicht, daß diese pharaonischen Geschichten so frei jeder Forschung offen standen; für die Uneingeweihten blieben es Hieroglyphen, und nur mir, der ich Tante Toll besuchte, wurde zuweilen ein flüchtiger Blick in die bunten Bilder vergangener Jahre vergönnt, die mit hierophantischer Heimlichkeit gehütet wurden, denn das rächende, unerbittliche Fatum ging als Stadtdiener Luth durch dies Leben und löste die von Leidenschaften gewobenen Schicksale der Spieler mit ehernem Griff nach Karten und Gold in schrille Dissonanz auf. Wir Jungen spielten um diese Zeit auch, und wenn unsere Spiele auch unschuldiger waren, so waren sie doch ebenso verboten, gewagt und leidenschaftlich, wie die der alten. Wenn des Abends die Marktverkäufer ihre Buden aufgeschlagen hatten, jagten wir uns um dieselben, versteckten uns dort und wurden dann auf die heiterste Weise von den Handelsleuten, meist mosaischen Glaubens, verfolgt. Wurde Einer von uns ergriffen, so waren ihm die Prügel gewiß, denn unsere Neckerei mußte aus dem Herzen der Verfolger jede Spur von Großmuth vertilgen. Mich ergriff einmal ‘Unkel Möschen’, der als Wache in die Josephy’sche Bude gesetzt war, ‘Unkel Herzensjuding’ kam dazu und Beide hielten schrecklich Gericht über mich. Wie haben mich diese beiden alten ehrwürdigen Patriachen geängstet! Am folgenden Tage begann dann die eigentliche Jahrmarktslust. Vor unserm Hause standen die Drechsler aus mit Sägemännern und bunten Klaeterpuppen, mit Knarren und Pfeifen und den schönsten Steckenpferden von der Welt, die alle herkommenmäßig vorn an der Brust mit einer blauen, hinten am Schwanz mit einer rothen Tulpe verziert waren. Wie schön begann dann der Tag, wie wonneverheißend ging die Sonne andemselben auf! Pfeifen und Knarren und Trompeten läuteten ihn freundlich ein, und wenn ich am Morgen mit reinem Hemdkragen und wohlgebürstetem Haar hinaustrat auf den weiten Flur des elterlichen Hauses, dann standen sie da mit ihren Körben, alle die Kuchencharitinnen, die einen Hausirzettel von meinem Vater verlangten. Oh wäre ich doch nicht ein so materieller Schlingel gewesen! Von dem Duft allein hätte ich zehren können mein Lebelang. Hier sehe ich mich veranlaßt, in mein Jahrmarktsvergnügen einen trocknen Passus über die Erziehung einfließen zu lassen. Mein Freund, der Justizrath Schröder, sagte "Ich schlage nie mein Kind, mein Kind ist mein Freund!" – Ein Ausfluß hoher Humanität, der sich lieblich durch blühende Büsche eines heitern Familienlebens hindurch schlängelt. – Mein Freund und Nachbar, der Ackerbürger Jochen Burr sagt: "Släg’ möten s’ hewwen! un ick heww ok weck kregen." Ein Ausflug der Selbstbetrachtung, der zuletzt in das ewige Meer der Wiedervergeltung ausströmt. – Mein Freund, der Rittergutsbesitzer Hilgendorf, sagt: "Mark Di dat! Einmal möten s’ Släg’ hewwen un dat in ‘t irste Johr. Aewer denn düchtig!" Ein Ausfluß praktischer Weisheit, die sich – ich glaube an zwölf unmündigen Individuen erprobt hat, und sich mir, in Anbetracht meiner eigenen Lebenserfahrung, als das allein Richtige aufgedrängt, natürlich mit Modifikationen. Nicht das erste Jahr, sondern die erste Gelegenheit ist es, bei welcher die Erziehung einzugreifen hat. Ich alter, ruhiger Mensch, der ich dies in stiller, nächtlicher Abgeschiedenheit schreibe, stünde jetzt vielleicht hinter irgend einem Busch in den Ardennen oder wegelagerte in den Apenninen, wäre mir nicht von meinem Vater an einem Jahrmarktstage der Unterschied von ‘Mein und Dein’ auf höchst praktische Weise beigebracht worden. Eines schönen Jahrmarktsmorgens gehe ich hinaus vor die Thür meines elterlichen Hauses; die beseligende Idee des Besitzes mag vielleicht in mir lebendig geworden sein – ich sage mag; denn ich selbst weiß das Folgende nur vom Hörensagen – ich setze mich in den Binsenstuhl des Drechslers aus Waren, der den braunen Mantel mit sieben Kragen und den gleichfarbigen Leberfleck vor der Stirne hatte; und sitzend in diesem rothangestrichenen Lehngestühle, lasse ich das Jahrmarktspanorama an meinem Auge vorbeigehen. Aber ein Käufer kommt, der grade diesen Stuhl für die nates seiner natorum zweckmäßig erachtet, ich soll als zahlungsunfähiger Insasse ausgeworfen werden und, die langweilige Lehre der langjährigen Usucapio auf eigene Weise abkürzend, protestire ich mit Hand, Fuß und gräulichem Geschrei gegen die mir durchaus unklaren Rechte des unfreiwilligen Waren’schen Stuhlvermiethers. Protestiren ist erlaubt; zumal wenn von der Protestation keine Folge zu erwarten ist, und wenn man sich in Ruhe fügt; aber ein Protestiren mit Geschrei und offener Widersetzlichkeit, wie ich es ausübte, konnte nur die traurigsten Folgen haben. Mein Vater erschien auf der Thürschwelle des Hauses, die specie factis wurden ihm von dem Drechsler auseinander gesetzt, und er fühlte sich veranlaßt, die Grundsätze des römischen Rechts, wie auch der zehn Gebote demjenigen Theil meines Körpers einzuprägen, der in augenblicklicher unrechtmäßiger Ersitzung begriffen war. Und zu diesem überaus eindringlichen Act väterlicher Erziehung spielte der alte Stadtmusikus Grützmacher aus Malchin – wir Stavenhäger hatten damals noch keinen Stadtmusikus – die Melodie: Freut euch des Lebens! Wer den Schaden hat, darf für Spott nicht sorgen! Und wenn’s die Leute nicht thun, dann thut’s der Zufall, der ärgste Spötter von der Welt! Na, ich könnte hier Geschichten erzählen! – Doch jetzt bin ich beim Stadtmusikus Grützmacher aus Malchin und beim Jahrmarkt in Stavenhagen. Des Morgens zehn Uhr erschien Grützmacher mit seinen Helfershelfern. Grützmacher war ein kleiner blasser Mann mit Pockennarben und grauem Haar; es schien, als hätte er sein bischen Leben ganz in die Clarinette hinein= und hinausgeblasen. Er sah sehr unbedeutend aus, doch das hatte er mit Haydn und Beethoven gemein. "Fik!" rief das Stubenmädchen in die Küche hinein, "de Muskanten kamen!" – "Herr, Du meines Lebens!" rief die Köchin aus der Küche heraus, ließ Suppe und Braten im Stich und rief dem Kindermädchen, bei welchem meine jugendlichen Knochen in Assecuranz gegeben waren, zu: "Dirn, mak un kumm!" und alle drei klappten mit ihren Pantoffeln hinter Grützmacher und Consorten her, zwei Treppen hoch auf den Kornboden hinauf, und während die Töne in die wogende Jahrmarktsscene hineinschallten und Käufern und Verkäufern das Zeichen zum erlaubten Handel gaben, wurde zwischen Hafer= und Erbsenhaufen ein bal champêtre arrangirt, dem ich die Anfangsgründe der Tanzkunst verdanke, indem Marieken Wienken mich in die Geheimnisse des Beinsatzes einführte, leider aber vergaß, mir die heilsamen Fesseln des Taktes anzulegen, und dadurch die Ursache wurde, daß ich trotz Tanzmeister Stengel und Madame Buschenheuer in genialer Taktlosigkeit und in allerlei fessellosen Sprüngen das Leben durchtanzt habe. Ach, wäre Marieken Wienken doch weniger nachsichtig gegen mich gewesen, was hätte aus mir als Tänzer werden können! – Hilgendorf, alter Freund, Du hast Recht: "Einmal zu rechter Zeit und dann tüchtig!" So wurde denn unter wechselnder Lust und wechselndem Leide, unter fessellosem Sehnen, riesenhaften Wünschen und knapp zugemessenem Genusse, der Haupttag des Jahrmarktes verlebt, und wenn ich des Abends eingefangen und ohne Weiteres zu Bette gebracht wurde, tröstete mich der schließlich von Bernasconi eingehandelte Bleistift oder Rothstift – für die väterlichen zwei Groschen durfte nur ‘etwas Nützliches’ gekauft werden – nur schwach für die Entsagung aller bunten und süßen Herrlichkeiten, die noch lange in meiner Phantasie umhertanzten. Ich würde nicht so viel über die Jahrmärkte geredet haben, wenn ich von einer Schützenzunft und einem Königschusse hätte reden können; aber die mangelten uns, und das war ein arger Fehler in dem sonst so gesunden Organismus meiner Vaterstadt. – Es ist mir schwer geworden, dies Uebel einzugestehen, und wenn ich den Glanz sehe, den andere Städte des Landes bei solchen feierlichen Gelegenheiten entwickeln, so schäme ich mich meiner Vaterstadt und leider auch meines Vaters, der durchaus nicht dahin zu bringen war, die Nothwendigkeit, ja auch nur die Nützlichkeit eines solchen militärischen Carnevals einzusehen. Vergebens stellte mein Onkel Herse die verschiedensten darauf bezüglichen Anträge, vergebens suchte er durch Schießübungen den kriegerischen Sinn in der ruhigen Stavenhäger Bürgerseele zu erwecken, vergebens schmuggelte er allerlei Surrogate für ein regelrechtes Königsschießen in der Gestalt von sogenannten Holzpartien ein, auf denen fette Kälber und andere bürgerliche Nahrungsmittel ausgeschossen wurden, mein Vater blieb dabei: er sähe den Nutzen einer solchen Einrichtung nicht ein. Dies Opfern der Poesie auf dem Altar des gemeinen Nutzens war schlimm, zumal für uns Jungen. Um uns doch einmal an einem solchen Schauspiele zu ergötzen, und uns die nothwendigen Verkenntnisse für unsere kindlichen Soldatenspiele anzueignen, mußten wir an den heißesten Sommertagen anderthalb Meilen nach der Nachbarstadt Malchin laufen, und hatten dort als Ausländer die mannigfachsten Vexationen von Seiten der Malchiner Straßenjugend zu erfahren, die schließlich mit der Empfangnahme einer gehörigen Tracht Prügel zu endigen pflegten, woraus man ersehen kann, daß die Gastfreundschaft in Malchin damals noch auf einer sehr niedrigen Stufe stand. Dies hat sich zu meiner Freude und zu meinem Wohlbehagen durchaus geändert, und mit Ausnahme eines Falles, wo mir ein alter würdiger Freund in Folge eines Katzen=Läuschens den blassen Tod an den Hals wünschte, kann ich über die Gastfreundschaft der Malchiner nur das Allergünstigste berichten. Aber auch für die Genüsse der damaligen Zeit, in welcher sich das Wohlwollen der Malchiner für Fremde noch nicht So glücklich entwickelt hatte, bin ich den Einwohnern der Nachbarstadt zur tiefsten Dankbarkeit verpflichtet. Ich habe auf einem ihrer Königschießen eine Scene erlebt, die noch heute in den lebendigsten Farben vor meiner Seele steht, deren Erinnerung mich noch heute so wohlthätig erwärmt, wie die erste Märzsonne, und die, vielleicht mehr als ich selber ahne, günstig auf die Entwickelung meines Gemüthes eingewirkt hat. Das Schießen war beendigt, der Brauer Mahnke war König geworden – er wohnte rechter Hand, wenn man vom Mühlenthor nach dem alten Schulhause geht – er wurde mit allen gebräuchlichen, königlichen Ehren nach seinem Hause geleitet, welches von Nachbar= und Freundes=Händen in aller Eile festlich aufgeputzt war. Er war in meinen zwölfjährigen Augen ein Ausbund von Stattlichkeit und männlicher Schönheit, wie er dahinschritt in seinem Schilder= und Ketten=Schmuck. Was hätte ich darum gegeben, auch einmal so stattlich, so schön, so geschmückt, so geehrt ein König zu sein! – Er kam an sein Haus; eine junge, blühende Frau, mit einem Säugling auf dem Arme, stürzte aus der Thür an seine Brust; sie schlang einen vollen, blühenden Rosenkranz um seine Schultern, er drückte sie an sein Herz und küßte abwechselnd sie und das Kind. Unten stand die Gilde und das Volk, was kümmerte es die Beiden? Die reine, menschliche Freude triumphirte in ihnen über das, was die Welt passend und schicklich nennt. Was hätte ich um den Rosenkranz gegeben! Was für das Weib und das Kind. Unbedingt den König. Die Landsleute meines Schützenkönigs Mahnke werden sicherlich lächeln über meine kindische Begeisterung, sie haben den Mann gekannt mit seinen Fehlern und Schwächen, sie haben die blühende Frau alt werden und den Säugling zum großen Rangen aufwachsen sehen; aber in meiner Erinnerung sind sie geblieben, was sie waren, und die Poesie des Augenblicks ist nicht durch langjährige Verkümmerungen getrübt worden. Auf meinem Rückwege nach Hause spielte ich mit diesem freundlichen Bilde, und selbst die Nachwehen der freundnachbarlichen Prügel und ein heftiger Gewitterregen kühlten meine Phantasie nicht ab. Wer hat wohl nicht in seiner Jugend jenes niederdrückende, katzenjämmerliche Unbehagen empfunden, wenn es nach genossenen Jahrmarkts= und Königschuß=Freuden wieder zur Schule gehen heißt, wenn der sonnige Sommertag mit der müffigen Schulstube vertauscht werden soll und die kleinen gelenkigen Glieder verdammt sind, unter der Zuchtruthe des Präceptors in grausamer Unbeweglichkeit der endlichen, fröhlichen Auferstehung entgegen zu harren? Ich gestehe gerne ein, daß ich nie zu den sehr eifrigen Besuchern der Schule gehört habe, und glaube, daß mir dafür als Strafe jenes Unbehagen tief in die Seele geimpft ist, denn wenn ich jetzt in alten Tagen unruhig schlafe und von bösen Träumen gequält bin, so habe ich mich entweder nicht präparirt, oder irgend einer meiner vielen Lehrer hält mir ein schrecklich roth perlustrirtes Exercitium unter die Nase, das er mir dann schließlich um die Ohren schlägt, wonach ich dann stets erwache und Gott danke, daß ich nicht mehr nöthig habe in die Schule zu gehen. Aber es hilft nicht; ich habe versprochen, auch über die wissenschaftlichen Anstalten meiner Vaterstadt Bericht zu erstatten, ich muß also wieder in die Schule. Es gab in Stavenhagen drei solcher Bildungsanstalten für den menschlichen Geist und Marteranstalten für das menschliche Sitzfleisch, die ich hier im aufsteigenden Klimax folgen lasse: ‘de Becker=Schaul’, ‘de Köster=Schaul’ un ‘de Rekter=Schaul’. Einen organischen Zusammenhang hatten diese drei Schulen durchaus nicht; man konnte in jeder anfangen und in jeder aufhören, oder man konnte mit demselben Nutzen alle drei durchmachen; denn von dem, was man heutzutage Methode nennt, war in allen dreien nicht die Rede, bloß in der Rektor=Schule wurden die Prügel nach einer festgestellten Methode verabfolgt, worüber ich an seinem Orte berichten werde. Die Becker=Schule hat ihren Namen von der alleinigen Directrice und alleinigen Lehrerin, der Frau Becker oder ‘Mutter Beckersch’, wie sie von allen Leuten genannt wurde, einer sehr alten, emeritirten Weber=Wittwe, die dies Privat=Institut ohne Beihülfe von Staatsund Stadt=Mitteln auf eigene Faust begründet hatte, indem – wie der Stavenhägener Bürger sich damals ausdrückte – "sei ehre Nohrung dorvon söcht," die aber nur schwach sein konnte, da sie von jedem Insassen ihrer Bänke nur einen Schilling wöchentlich als Einspringe=Geld in die geheiligten Hallen der Wissenschaft erhob. – Hier wurden die Anfangsgründe aller Wissenschaft, ausdauerndes Sitzen und verständiges Maulhalten eingeübt. Wer damit durch war, kam ganz allmählich auf dem Wege der Buchstaben Kenntniß und des a-b, ab, b-a, ba in die Fibel, aus welcher er in dieser Schule nicht wieder herauskam. Frau Becker saß während der Lehrstunden auf einem Binsenstuhle, umgeben von ihrem kleinen Völkchen, welches in einstimmigem Unisono ihre alten treuen Lehrerohren mit a-b, ab, b-a, ba erfreute. In ihrer Hand hielt sie ein Instrument von eigener Erfindung, wie es für ihren gebrechlichen Körperzustand paßte, der ein öfteres Aufstehen nicht mehr erlaubte, eine Birkenruthe, die an einem Stück Bohnenstange befestigt war und mit welchem sie bis in die entferntesten Ecken ihres Schullokals reichen konnte, um jeden Versündiger gegen a-b, ab, b-a, ba auf der Stelle abstrafen zu können. Offenbare Bösewichter, bei denen die kindliche Birkenruthe nicht mehr fruchten wollte, wurden auf die beschämendste Weise dem öffentlichen Hohne preisgegeben; sie wurden mit einem gewaltigen Esel um den Hals vor die Thüre auf die Straße gestellt und dienten in ihrer Verworfenheit der gemeinen Sittlichkeit als abschreckendes Beispiel. Unter diesen Bedingungen hätte sich nun vernunftgemäß ein hohes Ehrgefühl unter der städtischen Jugend entwickeln müssen; aber leider schlug die Sache gerade in’s Gegentheil um. Wenn ein solcher Eselträger öffentlich ausgestellt war, versammelte sich die übrige Jugend aus der Straße um ihn und baten ihn: "Korl, ick gew Di ok en Stück von minen Appel, lat mi ok mal eins den Esel ümhängen." – "Krischaening, nu mi mal! – Deihst ‘t nich? – Na täuw, ick nem Di ok nich wedder mit nah min Großmutting ehren Goren." – Ja, mein bester Freund, Karl Nahmacher, kam schon nach der zweiten Stunde, in der er sich hartnäckig gegen die Sitzverordnungen gesträubt hatte, jubelnd nach Hause zurück: "Mutting ick heww den Esel üm hatt! Vatting, ick heww mit den Esel up de Strat stahn!" Den directen Gegensatz gegen diese bloß durch die Birkenruthe etwas gestörte Schulidylle bildete ‘de Köster=Schaul’; hier war von einer Appellation an das Ehrgefühl durchaus nicht die Rede, hier herrschte der Stock in seiner unverhülltesten Gestalt; statt von der Hand einer alten, schwachen, gutmüthigen Frau wurde hier das Züchtigungs=Instrument von der Faust eines vierschrötigen Einpaukers geschwungen, der unermüdet mit blauer Puckelschrift allerlei Bestellungen an die Fassungsgabe seiner Scholaren ausrichtete. – Die Schulstube des Küsters Voß sah ärger aus als ein Gefängniß=Lokal des wailand Stockhauses zu Dömitz, und seine Schüler glichen Verbrechern. Er war ein Anhänger prophylaktischer Curen, er prügelte in der ersten Stunde Alle ohne Unterschied durch, damit seine Rangen inne würden, was ihrer harrete, wenn sie in den andern sich ein Vergehen zu Schulden kommen ließen. Ungefähr so, wie es früher in Mecklenburg bei den Pferdejungen der Bauern angewendet wurde, denen ja auch regelmäßig am ersten Mai die obbesagte Cur verordnet wurde, damit sie den Sommer über die Pferde nicht in den Weizen laufen ließen. Er prügelte seine Schüler in die Fibel hinein und hinaus und dann wieder in Lutheri Katechismus hinein, worin sie dann zeitlebens stecken blieben. Hätte er seine Armkraft zum Holzhacken verwandt, so wären beide Theile, er sowohl, wie seine Schüler, besser daran gewesen, er hätte mehr verdient, denn auch er bezog nur wöchentlich einen Schilling pro Puckel. Außerhalb seiner Schulstube war dieser Pädagog ein ebenso gefürchteter Schläger, allerlei unheimliche Faust und Schemelbein Geschichten spukten durch sein Leben, und oftmals kam er mit einem blauangelaufenen Auge zu Platz – das andere war ihm einmal bei einer Schlägerei abhanden gekommen. Ich erinnere mich einer Scene, deren Schluß ich selbst mit angesehen habe, worin er neben seiner Schlagfertigkeit noch ein Stück Humor entwickelte, und die deshalb hier ihren Platz finden mag. – Der Klempnermeister Belitz, dem der Volkswitz den Beinamen ‘Oberförster’ gegeben hatte, weil er sich als Holzdieb in den großherzoglichen Forsten vor Allen auszeichnete, ein kleiner, zusammengetrockneter, dorniger Kerl, geht vor Küster Voß, der hinter dem Branntweinglase sitzt, immer auf und nieder und sagt in Folge eines vorausgegangenen Streites: "Ja, Vadder Voß, wi willen seihn, wo de Voß de Egt treckt." Voß rührt sich noch nicht bei dieser Anspielung auf seinen Namen. – "Wi willen seihn, wo de Voß de Egt treckt," wiederholt Belitz mit dreisterer Betonung. – Da erhebt sich Küster Voß, schlägt den ‘Oberförster’ mit dem Ausrufe: "Wrampige, wormmadige Kirl!" zu Boden, faßt ihn in dem Rockkragen, schleppt ihn auf die Straße und von da in den Rinnstein und zieht ihn in demselben immer auf und nieder: "Süh so, Vadder Belitz, treckt de Voß de Egt!" Dieser Schulmann starb nicht in seinem Beruf, sondern in dem Stavenhäger Wallgraben. ‘De Rekter=Schaul.’ Ich wollte, ich könnte das stolze, befriedigte Gesicht meines Freundes, Karl Nahmacher, hier hinzeichnen, als er, fibelreif aus der ‘Becker=Schaul’ entlassen, mir die Anzeige machte. "Fritz, ick kam nu in de ‘Rekter=Schaul’" – "Oh, woll man bi de Fru Rektern?" – "Ne, bi em Sülben!" – ‘Hei sülben’ war ein Sachs aus Halle, er verstand kein plattdeutsch, weshalb man ihn natürlicherweise für einen höchst gebildeten Menschen erklärte. Seine hochdeutsche Herkunft und seine gelehrte Vaterstadt trug er beständig im Herzen und schnitt und pappte sich deshalb ein Transparent zusammen, welches das Wappen seiner Vaterstadt führte, einen Halbmond, den er allabendlich über die eine Ecke des Kirchhofs aufgehen ließ. In allerlei Schnurrpfeifereien war er ein zweiter Onkel Herse, ohne dessen Grundgemüthlichkeit und embryonische Genialität zu besitzen. Er war Blumist, denn er hatte einen acht Schritt langen und drei Schritte breiten Garten; er war Musiker, denn er war Organist und besaß einen Klavizimbel; er war Optiker, denn er besaß einen Guckkasten, den er seinen ‘optischen Spiegel’ nannte; er war ‘ne Art Buchbinder, denn er pappte und kleisterte viel; er war der erste Schriftsteller, den Stavenhagen aufzuweisen hat, denn er hat ein Reimlexikon geschrieben, welches allen angehenden Poeten trotz Peregrinus Syntax hiemit auf’s Wärmste empfohlen sein soll (Schäfers Reimlexikon); er war ein Politiker, und zwar ein freisinniger, denn er hielt schon damals die Vossische, während die übrigen Stavenhäger sich mit dem Hamburger Correspondenten begnügten; in Hinsicht auf Uhren war er ein zweiter Karl der Fünfte, denn in seiner Studirstube tickte und pickte es, wie in einem Uhrmacherladen; er war ein Gelehrter, denn an seiner Wand stand ein Büchergestell, welches er seine Bibliothek nannte; er war der Chronist der Stadt, denn er führte gewissenhaft ein Tagebuch mit schwarzer, rother und grüner Tinte. Diese verschiedenen Farben hatten ihre tiefe Bedeutung: Schlimme Dinge, Todesfälle, Krankheiten, eigene und fremde Verdauungsbeschwerden wurden mit schwarzer Tinte verzeichnet; gleichgültige Sachen, wie Wetter und städtische Angelegenheiten, mit rother; aber Geburten, Verlobungen und Hochzeiten mit grüner; vor Allem aber bediente er sich der letzteren Farbe, wenn er ein Wurstessen zu verzeichnen hatte – und das hatte er oft. Kein Stavenhäger Schwein ging über den Acheron von dem er nicht in Gestalt von Mett=, Leber=, Grütz=, Blutwurst seinen Obolus einforderte. Darum sah sein Tagebuch in den Wintermonaten immer grün und Schwarz aus, den einen Tag grün wegen der Wurst, den andern schwarz wegen der Verdauungsbeschwerden. Jeden Abend nach beendigter Schulzeit ging der Herr Rektor Schäfer in hellbraunem Rocke, mit hellbraunem Rohrstocke und hellbrauner Stutzperrücke spazieren, die er mit Eiweiß seinem Haupte aufkleisterte, denn er war barhäuptig, und sein natürlicher Schädel hatte entschieden mehr Aehnlichkeit mit dem Cranium eines gebratenen Krammetsvogels als mit einem Borstwisch. Sein steter Begleiter war sein ‘Teckel’; Teckel ging nicht wie andere vernünftige Dachshunde auf vier, sondern auf fünf Beinen, er war ein Monstrum, bei dem der eine Vorderfuß sich in zwei Pfoten ausgezweigt hatte, und deshalb dem Herrn Rektor sehr theuer, und wurde immer ‘Teckel Rekter’ genannt. Nach dem Spaziergange versammelten sich seine Freunde um ihn: sein Uhrenfreund, der Uhrmacher Droz, sein musikalischer Freund, der Töpfer Böttcher, und sein politischer Freund, der Rademacher Clasen, zu welchem festen Stabe dann noch bald diese, bald jene Freiwilligen aus allen Ständen einberufen wurden, um den Herrn Rektor die Zeitung erklären zu hören. Die eine Seite des alten Schulhauses, wo jetzt mein alter, biederer Freund Bunsen seinen wohlausgestatteten, für Tabackraucher höchst interessanten Laden hält, war damals in zweien Abtheilungen ausschließlich der Wissenschaft geweihet. In der einen, nach vorne belegenen, größeren präsidirte der Herr Rektor, in dem sehr kleinen Hinterzimmer die Frau Rektorin. Frau Rektorin war eigentlich nur eine bloße Rivalin von Mutter Beckersch, nur daß sie vom Publikum mehr als im Staatsdienste angestellt angesehen wurde. Die von ihr eingeführte Geistesgymnastik begann ebenfalls mit den unvermeidlichen Uebungen des Stillsitzens und Maulhaltens, und der darauf folgende Bildungsgang des a-b, ab, b-a, ba würde denselben Verlauf gehabt haben, hätte der Becker’sche tenor nicht gefehlt. Mutter Beckersch gab sich ihrem Berufe ganz hin, Frau Rektorin konnte das nicht; sie war Mutter verschiedener unerzogener Kinder und Hausfrau, und der Herr Rektor war – nun wir wollen uns milde ausdrücken – sehr bedenklich im Punkte des Mittagessens. Es war freilich noch Lott da, oder – wie der Herr Rektor sie nannte – ‘die Lotte’, ein wahres Prachtstück aus der Garde alter Dienstmädchen, aber Lott war kein Monstrum, wie Teckel, sie hatte nur ihre richtige Anzahl Beine und Arme, sie konnte nichtallenthalben sein und nicht Alles besorgen, so mußte denn also die Frau Rektorin ab und an nach der Suppe und dem Braten sehn, und es tratendann kleine Ferien ein, in denen vollständiger comment suspendu herrschte. Allzu lebhaft durfte dieser freilich nicht ausgenutzt werden, denn plötzlich sprang zuweilen die Thür auf, und die Frau Rektorin, roth von Feuer und Aerger, erschien auf der Schwelle und ließ den Kochlöffel brühwarm auf die Häupter ihrer kleinen Rebellen fallen. Bisweilen wurde auch der Schultisch zum gewöhnlichen Anrichtetisch erniedrigt, es wurden darauf Pfannkuchen angerührt, Fische zurecht gemacht und Gemüse geputzt; oder aber, es wurden auch aus des Herrn Rektors Classe einige der größeren Mädchen zum Kartoffelschälen in die Küche kommandirt, und die größeren Jungen um Pfeffer und Salz zum Kaufmann und um Petersilie in den Garten geschickt. Man mag diese nützliche Verwendung der lernenden Schulkräfte für leve ac non satis dignum erklären; ich kann mich diesem Urtheile jedoch nicht unbedingt anschließen. Für die Jungen, die unter dem Vorwande, Petersilie zu holen, Aepfel mauseten und sich den Magen mit unreifen Stachelbeeren verdarben, mag das gelten; auf die Mädchen paßt es nicht, denn mehrere meiner Freundinnen aus jener Zeit, die jetzt brave, wirthschaftstüchtige Hausfrauen sind, haben mich ernstlich versichert, sie hätten mehr in der Frau Rektorin Küche, als in des Herrn Rektors Schulstube gelernt. Wir treten jetzt in diese Schulstube des Herrn Rektors. In der Mitte der Stube, mehr nach den Fenstern hin, so daß er Alles mit einer gelinden Halsdrehung gut übersehen konnte, saß der Herr Rektor auf einem hölzernen, rundlehnigen Stuhle, der von ihm ‘Katheder’, von den Jungen aber ‘Kantheder’ genannt wurde. Diese letztere Benennung war sehr alt, sie stammte noch von seinem Vorweser im Amte, dem Kantor Bewernitz – vor ihm gab’s in Stavenhagen nur Kantoren, er war der erste Rektor – und ‘Kantheder’ sollte also weiter nichts bedeuten, als Sitz des Kantors. Man sieht, wie sinnreich auch plattdeutsche Jungen sein können. Rechts von ihm saßen die Jungen, links von ihm die Mädchen, und an einem Mitteltisch die überschüssigen Jungen und überschüssigen Mädchen in gemischter Ordnung. Vor ihm lagen drei Instrumente – und nun komme ich auf das, was ich oben versprochen habe nachzuweisen, daß in Stavenhagen wenigstens in einer Schule nach Methode geprügelt wurde – diese mehr oder weniger langen, hölzernen Instrumente hatten verschiedene Namen und Anwendung. Da war erstens der Gelbe, lang und dünne, er fand seine Anwendung bei Plaudern, Butterbrod= und Apfel=Essen und Klecksen im Schreibebuch; dann war da zweitens der Braune, kürzer und dicker, wurde verwandt bei notorischer Faulheit, bei Widerrede, oder wenn nachgewiesen wurde, daß ein Junge dem andern heimlich das Tintenfaß ausgesoffen hatte; und endlich war drittens da der Dachs, kurz, dick und schwer, von gewisser Aehnlichkeit mit einem eichenen Schemelbeine. zum Ruhme des Herrn Rektor muß ich gestehen, daß dieser letztere nur in den alleräußersten Fällen von Verstocktheit, Verruchtheit und offenbarer Widersetzlichkeit in Anwendung gebracht wurde; aber er war doch da und, wie das mecklenburgische Sprichwort sagt: ‘De Furcht wohrt de Haid’.’ – Mit dem armen Dachs nahm’s ein kläglich Ende. Ein schon längst verstorbener Bösewicht sollte wegen verschiedener Missethaten den Dachs schmecken; frech entriß er den Händen des Rektors den geschwungenen Dachs und schleuderte ihn in die Ecke; der Herr Rektor ward blaß; nach dieser gräßlichen Beleidigung seiner Autorität konnte er nicht weiter dociren; er schloß die Schule. Aber am folgenden Morgen wurde ein feierliches Vehmgericht über den Verbrecher gehalten; der primus scholae mußte als Ankläger vortreten, die erste Knabenbank wurde zu Vehmrichtern ernannt, und es wurde von diesem collegium abgestimmt, ob der Verbrecher noch länger die Schule besuchen dürfe, oder ob er cum infamia in perpetuum zu relegiren sei. Eine Stimme, die meines alten guten Freundes Karl Nahmacher, der schon seit Jahren seinen Sitz als ultimus der Bank beharrlich festgehalten hatte, und nun als der Letzte zur Abstimmung kam, rettete ihn; er blieb. – Ja, er blieb – aber in stiller Verachtung. Den andern Morgen jedoch war der Dachs verschwunden. Allerlei dunkle Gerüchte liefen in der Schule und auf der Straße um; Frau Rektorin habe die Unzweckmäßigkeit seiner früheren Verwendung eingesehen und ihn zweckmäßig zum Kaffeekochen verwandt; wir wissen’s aber besser. Ein ebenso großer Bösewicht, wie der vorher erwähnte, den ich jedoch ebenfalls nicht nennen werde, weil er von Jugend auf mein Freund gewesen ist, hatte ihn in ein Mauseloch gesteckt. Da wäre er nun wohl für immer in seiner Höhle geblieben, wär der alte, gute Herr Rektor nicht eines Tages gestorben, wäre das alte, gute Schulhaus nicht an meinen Freund Bunsen verkauft, und hätte dieser nicht eine neue Versohlung und Verdielung für gut befunden. Und da geschah es denn, daß eines schönen Tages der alte vergessene Dachs zum Vorschein kam und in seiner alten treuherzigen Weise die Zimmerleute fragte: "Gu’n Morgen ok! Kennt Ji mi woll noch?" Und siehe da! sie kannten ihn wieder, denn es waren Stavenhäger Kinder. – Er ist jetzt in meinem Besitz, er hat mir auf meiner Laufbahn als Schulmeister wesentlich weiter geholfen und wird von mir als Reliquie aus einer schönen Zeit hoch geschätzt. Wie schon erzählt, kam man in der ‘Becker=Schaul’ bis in die Fibel, und in der ‘Köster=Schaul’ bis in den Katechismus; hier in der ‘Rekter=Schaul’ kam man bis in die Bibel und das mecklenburgische Gesangbuch; außerdem wurde aber noch geschrieben und gerechnet; kostete aber auch wöchentlich einen Groschen, d.h. beim Herrn Rektor; Frau Rektor nahm einen Schilling, weil die Mutter Becker’sche Concurrenz eine Preiserhöhung nicht wohl zuließ. Der Kalligraphie wurde eine große Aufmerksamkeit zugewandt, und da der Herr Rektor selbst in dieser Kunst etwas Tüchtiges leistete, so gingen die Erfolge bei den Meisten weit über das Niveau des Gewöhnlichen hinaus. Jeder Junge trachtete mit rühmlichem Eifer darnach, bald in die Fraktur=Schrift zu kommen – die aber in meiner Vaterstadt noch immer hartnäckig ‘Flaktur’ genannt wird – und war er mit den damit verbundenen Zügen und Schnörkeln durch, so ging es an ein farbiges Ausmalen großer Initialen, bei dem der Herr Rektor sich sehr viel ärgern mußte, nicht wegen der mangelhaften Leistungen, sondern wegen der trivialen Benennung, mit der diese Kunst bezeichnet wurde; die Jungen nannten die Ausübung derselben ‘grün oder roth anstreichen’, sie sollten aber ‘illuminiren’ sagen. Mit Vergnügen erinnere ich mich noch des Eindrucks, welchen das bunt ‘illuminirte’ Schreibe=Buch meines etwas älteren Jugendfreundes und ebenfalls älteren Collegen in der Poesie, Helmuth Sköllin (jetzt in einer Hofcharge in Schwerin angestellt) auf mich machte. Alles war wunderschön! aber als er Blatt für Blatt endlich an das X kam, kannte meine Bewunderung keine Grenzen. Dies X könnte ich noch heute zeichnen und ‘illuminiren’; es war aus zwei verschlungenen, scharlachrothen Schlangen mit grünen, gelbgekrönten Adlerköpfen gebildet, und wer mir eine solche specielle, fünf und vierzig Jahre überdauernde Erinnerung nicht zutraut, kann sich bei ihm dies X ansehen, denn er wird es hoffentlich zu seiner Ehre im gerechten Stolze aufgehoben haben. Nicht so glänzend waren die Erfolge auf dem Felde der Orthographie, und daran hatten – wie ich leider gestehen muß – die Jungen weniger Schuld, als der Herr Rektor selbst; nicht etwa, als wäre er dieser Wissenschaft unkundig gewesen. Gott bewahre! – Er hatte sich blos vergriffen, hatte seine ungebildeten, plattdeutschen Jungen für gebildete, hochdeutsch=Sächsische angesehen und es für nothwendig erachtet, sie vor Allem mit dem Unterschied des harten und weichen B und des harten und weichen D bekannt zu machen. Dazu hatte er als vorläufigen Grundsatz aufgestellt, die Jungen sollten gerade so schreiben, wie er diktirte. Unter solchen Umständen kannte nun natürlich eine heillose Verwirrung nicht ausbleiben; die Jungen mußten mit Recht vermuthen, hinter diesen Dingen Stecke noch ein besonderes Geheimniß, und die harten und weichen P’s und B’s und D’s und T’s, die sie, als Produkte plattdeutscher Eltern, auf der Straße und im gemeinen Leben durchaus richtig zu würdigen verstanden, liefen in dem Diktamen des Herrn Rektors rathlos umher, wie Kinder im Blindekuhspiel. – Von mir selbst weiß ich zu berichten, daß ich, als der Herr Rektor später meinen Vettern und mir Privatstunden gab und den Satz diktirte: "Traget die Briefe nach der Post" getrost niederschrieb: Draget die Priefe nach der Bohst. Im Rechnen kam man beim Herrn Rektor durch die vier Species und das kleine Einmaleins; besondere Talente kamen in die Brüche und in die Reguladetri; aber ich erinnere mich auch, daß die vorzüglichsten unter ihnen – meistens Judenjünglinge – in die Regula quinque und in die Regula falsa hineinkamen. Die andern Regeln habe ich Später kennen gelernt; aber die Regula falsa ist mir nie wieder aufgestoßen, selbst mein würdiger mathematischer Lehrer und Freund, der Conrektor Gesellius in Parchim, kannte sie nicht und meinte nur, als ich ihn einmal darnach fragte; es würde wohl die Regula sein, wo das Facit stets falsch herauskäme. Der Herr Rektor selbst quälte sich mit dem Rechnen wenig ab, er hielt sich strenge an sein Facit=Buch. So diktirte er denn einmal ein Exempel und nach kurzer Zeit erhob sich ein Schnellrechner: "Ich hab’s." – "Was hast Du!" – "491 ¼ " Der Herr Rektor sieht in sein Buch: "Falsch!" – Zu einem Andern: "Was hast Du?" – "491 ¼" – "Falsch! Rechnet’s noch mal." – Nach kurzer Zeit erhebt sich denn die ganze Klasse: "Ja, anders können wir’s nicht ‘rauskriegen: 491 ¼." – "Ich sage Euch, es ist falsch; ein Bruch ist gar nicht dabei. – Rechnet’s noch mal." – Das geschieht; aber bevor die besten Rechner ein neues Facit gefunden haben, erhebt sich ein kleiner, pfiffiger Schlingel: "Herr Rektor, ich hab’s." – "Was hast Du?" – "491" war die Antwort. "Richtig! 491! – Wie. hast Du’s gemacht, mein Sohn?" – "Ich hab’ den Bruch weggewischt." – Ein andermal wurde ihm ein kleiner Judenjunge in die Schule geschickt, der bisher bei seinem Bocher in Unterricht gewesen war; der Vater desselben stellte den Sohn vor: "Sehn Sie hier, Herr Rektor, meinen Sohn, Moses David. – Kennen Sei minen Saehn? Ein ausgeßaichneter Mensch, er helft mir schon in’s Geschäft; er rechnet sie Allens aus, aus en puren Kopf." – Der Herr Rektor wurde verstimmt bei dem Lobe dieser Verdienste, an denen seine Lehrkunst keinen Theil hatte, er wollte den Jungen fangen, er wandte sich also an ihn: "Ich höre zu meinen Vergnügen, daß Du so schön rechnen kannst und daß Du Deinem Vater schon in seinem Geschäfte hilfst. Wenn ich nun in Deinem Laden komme und mir 1 ¾ Ellen zu einem Beinkleid kaufe, die Elle zu 1 ¾ Thlr., was muß ich Dir zahlen?" – Das war eine schlimme Aufgabe; aber Moses David ließ sich nicht fangen, er war dem Herrn Rektor zu klug. Ohne sich weiter zu besinnen, antwortete er: "Nu? Sie werden doch nicht nehmen zu 1 ¾ Thlr. Die Elle, ist doch zu schlecht for Sie; Sie müssen doch nehmen zu 2 Thaler; und Sie werden doch nicht auskommen mit 1 ¾ Ellen bei Ihrer Längde, Sie müssen doch haben 2 Ellen; macht gerade 4 Thaler." In der Katechismusstunde fragte er einmal den wohlgenährten Sohn eines Bäckers: "Warum steht die Bitte um das tägliche Brod grade in der Mitte des Vaterunsers?" – "Weil es die Hauptsache is," war die Antwort, und als er sich an dessen Nachbarn, einen kleinen pfiffigen, grade erst in den Katechismus gekommenen Schlingel mit der Frage wandte: "Warum beten wir wohl um das tägliche Brod?" lautete die Antwort: "Weil’s sonst so trocken wird." Ja, ja! Richtige Stavenhäger Kinder sind auch nicht auf den Kopf gefallen. Zuweilen predigte der Herr Rektor auch, aber nur selten, hauptsächlich in der bedrängten Passionszeit. Er predigte sehr gründlich und äußerst rationell; ich erinnere mich, daß er an einem Grünendonnerstage ein vollständiges Reguladetri=Exempel mit Vordersatz und Hintersatz und dritter unbekannter Größe ausrechnete, um seinen andächtigen Zuhörern den wirthschaftlichen Wert der dreißig Silberlinge in preußischen Courant anzugeben. Das waren der Herr Rektor und die drei einzigen quasi offiziellen wissenschaftlichen Bildungsanstalten der Stadt Stavenhagen. – Aber hier muß ich, für meine Person, bekennen, daß keine dieser drei Anstalten von meiner Person besucht worden ist, und wenn sich in meiner wissenschaftlichen Bildung wesentliche Lücken finden, so schiebe ich es auf diesen Uebelstand. Meine ‘Mutter Beckersch’ war meine eigene Mutter, mein ‘Köster Voß’ war Mamsell Schmidten, und mein Rektor war Onkel Herse und ein gutes Dutzend der allerverschiendensten Lehrkräfte, die Stavenhagen aufzuweisen hatte. Mein Vater hielt ganz richtig dafür; der Mensch müsse etwas lernen; und daher war er unablässig bemüht, alle Leute, die irgend etwas wußten, mit meiner und meiner Vettern Belehrung zu bemühen. So sind denn bis zum Unterricht bei einem festengagirten Hauslehrer nach der Reihe folgende Personen meine Hauslehrer geworden: Meine Mutter, Mamsell Schmidten, der Handlungsbeflissene Rutenick, der Studiosus – jetzt Medicinalrath Caspar zu Bützow, der Apotheker jetzt Doktor Sparmann zu Stavenhagen, der Schneider Krenz, der Uhrmacher Droz, der Herr Rektor, Onkel Herse und verschiedene Andere, deren Weisheit ich nicht allein, sondern auch deren Namen ich vergessen habe. Ich kann diesen höchst complicirten Bildungsgang leider nicht gründlich verfolgen, es war ein zu künstlicher Irrgang, und der Ariadnefaden ist mit im Laufe der Zeit abhanden gekommen. Ich muß mich auf einige Notizen beschränken. – Von meiner guten Mutter habe ich Lesen und Schreiben gelernt, bei welcher letzten Kunst Onkel Herse, der eine sehr schöne Hand schrieb, mit Vorschriften unter die Arme griff. Ich bin bis zur ‘Flaktur’ gekommen, in dieselbe hinein nicht; denn als Onkel Herse, um dem Herrn Rektor in keiner Weise nachzustehen, damit beginnen wollte, erklärte mein Vater, das sei dummes Zeug, die Jungen sollten eine gute Hand schreiben lernen, weiter nichts. – Aus diesen Vorübungen kam ich in die regelmäßige Schule bei Mamsell Schmidt. Dies war eine liebe, gute, in meinen Augen damals sehr schöne Dame, der ich wirklich sehr viel verdanke. Alles wäre auch gut gewesen, hätte sie nur nicht eine Töchterschule für gebildete Stände gehalten, und wäre ich nur nicht der einzige Junge unter den gebildeten Mädchen gewesen! Was haben mich diese Kinder anständiger Leute geschuhriegelt! Jede Zwischenstunde hatte ich mit den sich erschließenden Blüthen des schönen Geschlechtes die heftigsten Kämpfe auszufechten, und halte das Lied: ‘Als ich noch im Flügelkleide in die MädchenSchule ging...’ für ein sehr dummes Lied, und den albernen lateinischen Hexameter: ‘Est bellum bellum, bellis bellare puellis’ mag Derjenige für schön erklären, der’s nicht durchgemacht hat; mir bleibe man damit vom Leibe, denn ich weiß, wie mir diese kleinen gebildeten Megären zugesetzt haben. Eule unter Krähen zu sein, ist ein schreckliches Los. Nur zwei liebenswürdige Evatöchter, Minchen Pasters und Auguste Sparmann, nahmen meinen noch sehr schwächlichen Mannesmuth unter ihren gütigen Schutz, und wenn die Leute behaupten, daß meine Frau ein gelindes Pantoffel=Regiment über mich führt, so hat sie ihre Herrschergewalt nur der Erinnerung an meine Hülfsbedürftigkeit in der Mädchenschule zu verdanken und an die Liebenswürdigkeit meiner Beschützerinnen. Neben dem holperigen Geleise meiner Mädchenschule trabte noch ein männlicher Pädagog nebenher, das war der Schneidergeselle Krenz, der Sieben Jahre als Schneidergeselle in Paris gearbeitet hatte. – Es ist ein alter guter Mann – denn er lebt noch – hat sich aber auf seinen vielfachen Wanderungen sonderbare Lebensanschauungen angeeignet, die einmal in seinen UnterrichtsStunden, bei denen meine Mutter gegenwärtig war, auf eine höchst drollige Weise zum Vorschein kamen. – Meine Schwester konnte mit der Aussprache der französischen Nasenlaute nicht gut zurecht kommen, und ich dummer Junge lachte darüber. da drehte sich Herr Krenz zu mir um: "Monsieur Fritz, lachen Sie nicht; Mademoiselle Lisette ist ein Frauenzimmer, und die Frauenzimmer sind von Natur dumm geboren." – Meine Mutter lachte: "Herr Krenz, Herr Krenz, lassen Sie das Ihre Frau nicht hören." – Herr Krenz merkte den Verstoß, wurde sehr bestürzt und stotterte: "Frau Bürgemeistern, Ihnen habe ich nicht damit gemeint." – Natürlich wurden dergleichen kleine Verstöße gerne übersehen; aber eine kleine sprachliche Unrichtigkeit, die er uns beharrlich eingeimpft hatte, entriß ihm den pädagogischen Scepter. – Wir drei Knaben waren zum Besuche zu meinem Onkel nach Jabel gewandert und dieser fühlte unsern französischen Kenntnissen etwas auf den Zahn. Wir parlirten auch nach Kräften dreist drauf los; aber zum Unglück für den Herrn Krenz mußte ich mit "Je suis été" zu Raum kommen. – "August, wie heißt das ?" fragte mein Onkel. – "Je suis été" sagte August. "Ernst, wie heißt das?" fragte mein Onkel weiter. – "Je suis été, Herr Krenz sagt immer: "Je suis été." – Mein Onkel schrieb einen überaus humoristischen Brief in dieser Angelegenheit an meinen Vater und – Herr Droz wurde für die französischen Stunden gewonnen. In meinen ollen Kamellen habe ich schon von Herr Droz – oder wie die Leute ihn nannten – ‘Droi’ erzählt, aber bloß um nachzuweisen, daß auch Leute, die viel erlebt hatten, meine Vaterstadt zum ruhigen Hafen nach stürmischen Schicksalen erkoren, will ich hier auf ihn zurückkommen. – Jean Jacques Humbert Droz stammte aus der bekannten Uhrmacher=Familie des Canton Neufchatel, die so viele mechanische Künstler hervorgebracht hat; der berühmte Verfertiger von Automaten, Jacques Droz, war sein naher Verwandter. – In seiner Jugend mag er etwas wild gelebt haben – er war wenigstens schon frühzeitig ein leidenschaftlicher Jäger und wurde später Soldat. – In seine Soldatenzeit fällt nun ein Ereigniß, welches nicht allein auf sein Leben, sondern auf ein weit berühmteres einen entscheidenden Einfluß ausüben sollte. Die Freiheits= und Gleichheits = Ideen der ersten französischen Revolution hatten ihren Weg selbst in die stillen Jurathäler von Locle und Chaux de fonds gefunden und wurden, wie überall, von einer Seite mit rückhaltsloser Begeisterung gepredigt, von der andern mit hartnäckigem Widerstreben zurückgewiesen. Droz, als Schweizersoldat, gehörte dieser letzteren Seite an; er sitzt eines Abends mit mehreren Kameraden beim vin rouge de Valengin, da tritt der Fechtmeister Augereau mit der rothen Jakobinermütze in das Gastzimmer und fordert die Anwesenden auf, dies Zeichen der Freiheit und Gleichheit statt der weißen Schweizer=Cocarde aufzupflanzen. Man weigert sich; aber der Fechtmeister wird dringender und reißt endlich meinem Herrn ‘Droi’ die Cocarde vom Hute. – "Ce coquin là!" sagte Herr ‘Droi’, wenn er es erzählte. – Herr ‘Droi’ packt ihn, schleift ihn in die Küche und bearbeitet ihn unter dem Beistande seiner Kameraden auf’s unbarmherzigste mit einem Scheite Holz. Der Fechtmeister, ganz zerschlagen, soll am andern Morgen den Söhnen eines reichen Kaufmanns die bedungenen Stunden geben; er scheuet aber mit dem zerschlagenen Gesichte die Oeffentlichkeit, entschuldigt sich mit dringenden Geschäften und bittet den Kaufmann endlich um ein Reitpferd. Dies erhält er, setzt sich des Abends zu Pferde und kam nicht wieder. Er ritt nach Paris und wurde Marschall von Frankreich und Herzog von Castiglione. Man hörte nun wohl später in Neufchatel von den Kriegsthaten eines Augereau, aber Keinem, am wenigsten meinem Herrn ‘Droi’, fiel es ein, daß dieser Augereau der abgeprügelte Fechtmeister sein könne. Das dauerte jedoch nur seine Zeit; Augereau rückte als commandirender General in die Schweiz und machte seine etwas ausgedehnte Pferde=Anleihe dadurch wieder gut, daß er vorher mit einem verbindlichen Schreiben 100 Louisd’or und zwei sehr schöne Reitpferde einsandte. – Herr ‘Droi’ vermuthete nun mit Recht, daß der, welcher ein so vortreffliches Gedächtniß für Pferde gezeigt hatte, auch eines für Prügel haben könnte. er zog es also vor, seine bisherige Stellung aufzugeben, das heißt: er desertirte, ging in’s Bernische und von da nach Mümpelgart (Mon beillard – wie er es stets nannte). Hier ward er Wildschütz, kam aber – wie dieser Industriezweig es in civilisirten Ländern mit sich bringt – in unangenehme Verdrießlichkeiten mit den Behörden und in noch unangenehmere mit seinem Geldbeutel, und sah sich endlich genöthigt, für’s liebe Brod und zu seiner Sicherheit in die Reihen der Neufranken einzutreten. Da hat er nun eine Reihe von Siegen mit erfechten geholfen; aber sei es nun, daß er von Jugend auf mehr auf die Thiere des Waldes als auf Menschen=Schießen dressirt war, er hat es auf dem Felde der Ehre nicht weit gebracht, und die einzigen Spolien, die er auf seinen Feldzügen erobert hatte, waren seine eigene Uniform, Bärenmütze und Stiefeletten, die er eines schönen Abends, als er für immer von den Franzosen Abschied nahm, um nicht ganz unbekleidet zu erscheinen, mit sich nahm. Er schlug sich durch alle polizeilichen und militärischen Anfechtungen durch und kam, als seine früheren Kameraden die Schlacht von Marengo schlugen, nach Berlin. – Hier lächelte ihm zum ersten Male das Glück; er wurde – weiß der Himmel durch welche Vermittelung! – Kammerdiener beim Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, jenem genialen, aber sittenleichten Herrn, der später bei Saalfeld durch seinen muthigen Tod so viele Verirrungen im Leben abbüßen sollte; d.h. er wurde nicht Kammerdiener bei der Person des Prinzen selbst, sondern bei einer Person weiblichen Geschlechts, die der Person des Prinzen außerordentlich nahe Stand. 1806 folgte diese Dame dem allgemeinen preußischen Heerrufe, und Herr ‘Droi’ natürlich ihr, so daß er als sehr entfernter Zuschauer auch von dieser Zeit erzählen konnte. Nach der verlorenen Schlacht von Jena und dem Tode des Prinzen lief Herr ‘Droi’ mit seinem anvertrauten Schatz noch eine Weile in der allgemeinen Misere mit, bis ihn endlich unter Beistimmung von Mademoiselle ein französischer General von seiner Verantwortlichkeit dispensirte und ihn in meine Vaterstadt entließ, wo er sich in dem Geschäfte einer Wittwe als Uhrmacher=Gehülfe nützlich zu machen suchte. Aus diesem auf Wochenlohn gegründeten, kündbaren Kontracte wurde später ein auf Liebe gegründeter, unkündbarer; er heirathete die Wittwe und ernährte sich kümmerlich bis an’s Ende seiner Tage mit Uhrenflicken und Uhrenschmieren vom Publikum, und mit Sprachflicken und Zungenschmieren von uns Jungen. Er hätte vielleicht schon früher Abschied von diesem Leben genommen, hätte ihn nicht eine bis an’s Ende lebendige Hoffnung aufrecht erhalten, nämlich die Hoffnung auf seinen rückständigen Gehalt für die Dienste, die er Mademoiselle geleistet hatte; aber der Erbe des Prinzen Louis, der Prinz August von Preußen, wollte weder seine Dienste, noch seine Verdienste anerkennen; der arme Schelm erhielt nichts. Wenn nun auch Manches nicht sehr Liebens= und Lobenswerthes in seinem Leben vorgekommen sein mag, so war Herr Droz doch ein guter Lehrer für die französische Konversation, denn er wußte Vieles und Fesselndes zu erzählen. Jagdabenteuer, Soldatengeschichten, Schilderungen seines Heimathlandes schmuggelten bei uns ganz unvermerkt das Verständniß der französischen Sprache ein, und selbst das geistlose Auswendiglernen von Regeln, welches mir Später auf der Friedländer Schule tagtäglich aufgetischt wurde, hat mir des Herrn Droz MutterSprache nicht verleidet. Aber die leichten Truppen der französischen Conversation konnten nicht allein unsern Geist für die Bildung erobern; das Schwere Geschütz des Lateinischen mußte zu Hülfe gerufen werden. Der Herr Rektor ward als Oberfeuerwerker dabei angestellt und bombardirte uns mit lateinischen Vokabeln, und nebenbei warfen Julius Caspar und Fritz Sparmann allerlei flüchtige Leuchtkugeln in die natürliche feste Stellung unserer Unbildung, bis wir sie aufgeben mußten. Das war hart, und ich kann mir das Zeugniß geben, daß ich mich wacker dagegen gewehrt habe; und zwar so, daß ich von Fritz Sparmanns Unterricht, der sich zum Glück auch auf die Geschichte erstreckte, nichts weiter behalten habe, als daß Kalif Omar die Alexandrinische Bibliothek verbrannt, was, wie ich kürzlich zu meinem Erstaunen gelesen habe, gar nicht wahr sein soll. Nach meiner Entlassung aus der Mädchenschule trat für uns in den gewöhnlichen Unterrichtsstunden eine Art interregnum ein, welches wir höchst zweckmäßig damit begannen, Alles zu vergessen, was uns eingebläuet war. Dies konnte mein guter Vater, dem Arbeit das erste Lebensbedürfniß war, natürlich nicht mit ansehen; er selbst brachte uns, abgequält von den täglichen Mühen, des Abends nach Tische die Anfangsgründe der Geographie bei, nach Homann Atlas, von dem sich glücklicherweise ein Exemplar in dem Besitze des alten Rathsherrn Susemihl befand. Im Uebrigen sprang mein Onkel Herse hülfreich bei; er gab uns Unterricht im Schönschreiben, in der Orthographie, im Zeichnen, im Rechnen und eine Stunde – aber auch nur eine Stunde im Turnen, worüber ich später berichten werde. Der Unterricht im Schönschreiben und im Rechnen ging, wie ich mich erinnere, in gewöhnlicher Weise und mit herkömmlichem Nutzen für uns vor sich; das Zeichnen jedoch mit mehr als herkömmlichem Nutzen, wenigstens im Vergleich mit der jetzigen Zeit, in welcher der Musikteufel klimpernd, geigend und pfeifend umgeht und schon vier= bis fünfjährige Kinder verschlingt, das Ohr für’s richtige Gehör – vielleicht auch Gehorchen – präparirt und die beiden Organe, die der bildenden Kunst und dem praktischen Leben dienstbar sind, Auge und Hand, in den Hintergrund drängt. Damals war das anders; man gab wenigstens ebensoviel auf eine Zeichnung, als auf einen Walzer, und hatte bei dieser Kunstwahl noch die Vortheile, daß man die Ausgabe für theure Fortepianos sparte und sich die Miethsleute nicht durch die Fingerübungen der lieben Kleinen verjagte. Damals wurde aber auch noch wirklich Zeichnenunterricht gegeben, mit welchem der jetzige Dilettantismus sich nicht mehr quälen lassen will, sondern gleich zu Pinsel und Palette greift, um blaue und rothe Blumen zu malen, die kein Linné kennt und kein Herrgott erschaffen hat, oder Landschaften, in denen grüne Heuhaufen statt der Bäume, und gefleckte Jagdhunde statt der Kühe stehen. Mein Onkel Herse malte nun auch, und zwar in Aquarell, in Gouache, in Oel und in Email, und Alles dies so vorzüglich, daß – wie er bescheiden lächelnd zu erzählen pflegte – ihm einmal dasselbe passirt war, wie dem alten Griechen=Maler Zeuxis. – Als er das in Oel gemalte Portrait des Pastor Knöchel – wie er sagte; zum Trocknen, Andere meinten; um doch einmal zu zeigen, was er könnte – in das offene Fenster gestellt hatte, geht der alte Glaser Bade vorüber, zieht den Hut und sagt: "Gu’n Morrn, Herr Paster, wat makt Ehr leiwe Fru?" Woraus man entnehmen kann, daß entweder mein Onkel Herse ein großer Künstler, oder der alte Glaser Bade sehr kurzsichtig oder auch ein arger Schelm gewesen ist, und daß sein Kompliment nicht dem Paster Knöchel, sondern meinem Onkel Herse gegolten hat, der halb hinter dem Bilde versteckt, auf den Effect lauerte. Onkel Herse hätte uns wahrscheinlich auch gleich zum Malen verführt, wäre mein Vater nicht gewesen, der selbst ein ganz vorzüglicher Zeichner war, wie es seine Kreidestudien bewiesen, die er unter der Leitung Riepenhausens in Göttingen gemacht hatte. "Erst gehen und nachher tanzen," war seine Meinung, und als ich ihm einmal einen in Rothstift und schwarzer Kreide nach meiner Meinung sehr schön ausgeführten Hund brachte und seiner Bewunderung schon gewiß war, fing er auf eine schreckliche Weise an, mit einem schwarzen stifte in meine rothe Couleur hineinzuarbeiten, so daß von dieser nichts mehr zu Sehen, dafür aber auch die Zeichnung correct war – wie er sagte. Diese Sicherheit meines Vaters und die farbigen Kunstleistungen meines Onkels versetzten mich nun in argen Zweifel, wer von beiden der größte Künstler sei. – Eines schönen Abends, als mein Onkel Herse ausgenieset hatte – er mußte nämlich des Abends immer niesen, wenn er etwas Weißes sah, und da nun gerade eine Tagelöhnerfrau mit weißer Schürze über den Markt ging, hatte er ihr Schritt vor Schritt mit seiner Nase das Geleite gegeben – also als er ausgenieset hatte, fragte ich ihn: "Unkel, wer kann beter malen, Du oder min Vatter?" – Mein Onkel Herse niesete bei dieser Frage noch einmal, wahrscheinlich aus Bescheidenheit, und sagte endlich: "Hm! Hm!. – Dat ‘s ok so ‘ne dumme Frag’. – Dor mötst Du Dinen Vatter nah fragen." – Ich hatte nun natürlich nichts Eiligeres zu thun, als zu meinem Vater zu laufen, und ihm dieselbe Frage vorzulegen, worauf derselbe antwortete: "Onkel Herse." – Mit diesem Bescheide kam ich wieder zurück und meldete ihn meinem Onkel. Er räusperte sich ein paar Male und sagte endlich: "Dumme Jung’, wer hett Di dat heiten? – Aewerst wenn hei dat sülwst seggt, denn..... Der Schlußsatz ging verloren, denn die Tagelöhnerfrau kam zurück, und mein Onkel gerieth wieder in’s Niesen. Es versteht sich nach Allem diesem von selbst, daß wir die Zeichnenstunden gerne und auch mit wirklichem Nutzen besuchten; aber die liebste Stunde blieb uns immer die orthographische. Das wird Manchem, der sich mit dem dehnenden h und e abgequält hat, unwahrscheinlich sein, aber – er hat auch keinen Onkel Herse zum Lehrer gehabt. Dieser warf in den bittern Kaffee der Orthographie so viel Zucker, daß er auch dem nicht daran gewöhnten Kindergaumen höchst lieblich schmecken mußte. Er diktirte nicht ein Häcksel von kurzen Sätzen, sondern uns zu Gefallen ward er in den orthographischen Lehrstunden ein Dichter, erfand einen vollständigen Roman mit allen möglichen Ingredienzien, mit Ausnahme der Liebe, die er, wahrscheinlich unseres kindlichen Alters wegen, ausließ. – Der Roman – der erste, den ich gekostet habe – war nach dem Helden ‘Waldmann’ betitelt und fing ganz grade so, wie die jetzt beliebten, in den nordamerikanischen Felsengebirgen spielenden, mit einem Bären=Abenteuer an. Dieselbe Angst des Jägers, dieselbe hartnäckige Verfolgung des Bären, dieselbe unwahrscheinliche Rettung. Nach dieser wird Waldmann von dem Jäger als nacktes kleines Kind unbegreiflicher Weise in seiner Jagdtasche gefunden und wird mit der Zeit ein sehr ordentlicher Mensch. Mönche und Nonnen beeifern sich wechselweise, ihn sehr unglücklich zu machen, was ihnen nicht gelingt, weil Waldmann von einem Eremiten die Kunst erlernt hat, sich unsichtbar zu machen. – Weiter sind wir nicht gekommen, und daran war mein Vorwitz schuld; ich fragte meinen Onkel, wie er das wohl gemacht haben könnte. Um eine Antwort war Onkel nie verlegen, er sagte also kurzweg; die Leute hätten zu diesem Zweck Bilsenkraut geraucht. – Was hat mir diese Erklärung für Kopfzerbrechen gekostet! – Die Sache schien mir höchst unwahrscheinlich; aber Onkel Herse hatte es gesagt; und seine Autorität antasten war in meinen Augen ein crimen laesae majestatis. – Aber dennoch! – Ich beschloß zu meiner Beruhigung einen praktischen Versuch zu wagen. – Bilsenkraut kannte ich, es wuchs in Unmassen auf dem alten Bauhof; ich konnte mir leicht einige Blätter verschaffen. – Aber das Rauchen! – So ziemlich bei Todesstrafe war das Rauchen von meinem Vater verpönt, und wenn ich nun auch im Interesse der Wissenschaft es heimlich riskirt hätte, wie hätte ich für mich allein erfahren sollen, ob ich unsichtbar sei oder nicht? – Ich entschloß mich also, den Versuch mit unserm alten Friedrich zu wagen. – Unter dem Vorwande, ihm eine Pfeife von meines Vaters Taback zu stopfen, lud ich ihm die Pfeife mit Bilsenkraut und stopfte darüber eine dünne Lage von meines Vaters Justus, brachte ihm dies heimtückische Gemisch in die Leutestube und setzte mich ihm gegenüber, ihn nun bald unsichtbar zu sehen. – Friedrich rauchte nun auch drauf los; die ersten Züge schmeckten ihm augenscheinlich sehr gut, ich saß vor ihm und blickte ihn unverwandt an, wie ein Naturforscher, der ein großes Phänomen beobachtet, bloß mit dem Unterschiede, daß der Naturforscher meistentheils auf das Erscheinen von etwas Ungewöhnlichem wartet, ich auf das Verschwinden von etwas Gewöhnlichem. – Nun muß er sich durch die Tabackslage bald durchgeraucht haben – nun kommt er an’s Bilsenkraut – nun mußte er bald verschwinden. – Aber der alte Friedrich rauchte durchaus sichtbar fort – Schadet ihm nicht, unsichtbar muß er doch werden, wenn auch erst mit der Zeit. – Die Zeit sollte nicht kommen; Friedrich begann wiederholt kurz auszuspucken, er schnüffelte in dem Rauch umher, und plötzlich griff er über den Tisch herüber, packte mich mit einer Hand beim Rockkragen: "Verdammte Slüngel, wat hest Du mi för Düwelstüg in de Pip stoppt?" und dabei suchte seine andere Hand mein Ohr. Vergebens suchte ich zu entwischen, Friedrich hielt fest: "Wat hest Du mi in de Pip stoppt?" – Endlich kam ich damit heraus: "Bilsenkrut." – "Bilsenkrut? Wo? dat is jo woll gor swarten Däg’? – Willst Du mi mit dat Tüg vergeben?" – Nun mußte denn von meiner Seite eine nothgedrungene Erklärung meines Attentats erfolgen, und das Unglück wollte, daß mein Vater darüber zukam. Er fragte, was hier los sei? und da ich im Bewußtsein meiner Schuld schwieg, erzählte Friedrich die Sache in seiner Weise und setzte am Ende hinzu: "Un nemen s’ nich aewel, Herr Burmeister, de Herr Rathsherr Hers’ sett’t de Gören blot Rupen in den Kopp. – August hett sick gistern de nigen Büxen mit Victriolöl insmert, wil dat de Herr Rathsherr em dat Stock=Beitzen dormit lihrt hett, Ernsten hett hei dat Klammer=Sniden bibröcht, un de sitt nu den ganzen Dag in ‘t Hauschuers un snitt Klammern un hett mi minen Frittbohrer wegbröcht, un des’ lett mi hir swarten Däg’ roken. Nicks as Schelmenstücken lihren s’ bi den Herrn Rathsherrn!" – Mein Vater beschwichtigte den Zorn des alten Friedrich mit einem Pfund Taback, ich wurde aber zu einer genaueren Untersuchung abgeführt, und da meine einzige Entschuldigung darin bestand, daß ich auf Onkel Herse’s Autorität und auf seinen Roman hinwies, so verlangte mein Vater mein Manuscript des Waldmann zu sehen, welches er sofort sehr eifrig durchzulesen begann. – Dies ist der einzige Roman gewesen, den mein Vater meines Wissens in seinem Leben gelesen hat. Er erklärte ihn dann auch meiner Mutter gegenüber – wir Kinder durften dies natürlich nicht hören – für das dümmste Zeug, was er in seinem Leben gelesen, und Onkel Herse wurde ersucht, den Schtuß zu unterdrücken, was er auch wahrscheinlich sehr gerne that, da ich noch heute nicht begreife, wie er ohne Anwendung der gräßlichsten Spuk=, Gespenster= und Zaubermittel den wunderbar verfilzten und verknoteten Anfang hätte lösen können. Mit der Romanschriftstellerei war’s also nach einigen Wochen zu Ende; mit dem Turnen trat die Katastrophe nach der ersten Stunde ein. Mein Onkel Herse hatte dunkle Gerüchte von den Bestrebungen des alten Turnvater Jahn gehört, und da ihm die Familie desselben bekannt war, er sich auch sehr für allerlei Sport lebhaft interessirte und auch dem Tugendbunde – wie er zuweilen unter vier Augen versicherte – angehört hatte, so konnte das Turnen ihm nicht gleichgültig sein, und er beschloß, da er selbst zu dick zu der Ausübung dieser Kunst geworden war, in uns den Sinn für die neuerfundene Gymnastik durch praktische Uebungen zu erwecken. Reck und Barren waren freilich meinem Onkel ganz unbekannt, dafür hatte er aber eine Leiter, die vor dem Kuhstalle stand und auf den Heuboden führte. Diese Leiter hatte er sich zu unsern gymnastischen Evolutionen ausersehen. Wir mußten an derselben auf der rechten und auf der verkehrten Seite herauf steigen, wir mußten rückwärts und vorwärts durch die Sprossen kriechen, mußten Hand um Hand an diesen Sprossen hinauf ‘handeln’, und Alles ging so vorzüglich, daß Onkel in der Ueberfülle seiner Freude über den günstigen Erfolg seine ‘Tanten’ rief, damit sie sich auch an dem Jugendspiele ergötze. – ‘Tanten’ schüttelte aber mit dem Kopfe und sagte: "Unkel, dat sünd brodlose Künst! Un de Jungs warden sick dorbi noch de Knaken intwei breken un sick dat Tüg taunicht rangen, un Du wardst dat mit de Burmeisterin tau dauhn krigen." und damit ging sie in den Garten. – "Tanten, wat Du för Angst hest!" sagte Onkel und die Uebungen wurden fortgesetzt. – Nun Sollte noch ein besonderes künstliches Stück aufgeführt werden; August und Ernst waren glücklich damit fertig geworden, aber mich, als den schwächsten – der ich damals nur, wie die Leute sagen; ‘en knendlich Kind’ war – verließ die Kraft, und ich fiel von der Leiter, glücklicherweise in den weichen Kuhdünger. "Jung!" sprang mein Onkel Herse hinzu, "deiht Di wat weih?" – "Ne, Unkel, aewer min Hosen!" – "Lat man sin! Dat wischen wi Di af." – zum Glück hatte ich ein paar dunkelgrüne, aus einem abgelegten Rocke meines Vaters angefertigte Beinkleider an, und als Onkel mit einem Strohwisch das Gröbste abgewischt hatte, erklärte er. "‘T is gor nich tau seihn. – Nu will’n wi aewer ‘rin gahn. – Un dat Keiner dorvon wat tau Tanten seggt." – Dies war nun so weit ganz gut; zu sehen war nun auch eigentlich nichts; aber – aber – Tanten kam hinein, und Tanten roch etwas. "Wat dausend! Wo rückt dat hir?" und dabei ging sie um den Tisch, an welchem wir höchst schweigsam und emsig mit zeichnen beschäftigt waren, und roch uns Alle an. – Tanten hatte eine sehr dünne und sehr feine Nase; aus der Laufbahn meines Onkels, als Apotheker, hatte sie die Vorliebe für Räucherkerzchen mit in’s Rathsherrn=Leben hinübergenommen; auf ihrem Tische stand stets eine hellblaue Glasvase mit Rosen= und Lavendelblättern, und um ihren Hals schlangen sich Ambra=Perlen ; was Wunder, daß sie mich endlich als den Verbreiter abscheulicher Düfte herausroch! Ich wurde schleunigst abgeführt, und mein alter lieber Onkel erhielt eine Strafpredigt, die ihm für alle Zeiten den Unterricht in der Gymnastik verleidete. Ob des alten Friedrich Ansichten über Onkel Herse’s Unterricht meinem Vater einen Floh in’s Ohr gesetzt hatten, ob Waldmann ihn stutzig gemacht, oder ob er als Bürgermeister den Herrn Rathsherrn genauer von der genial inconsequenten Seite kannte, die sich mit dem Lehrerberufe so schlecht vertragen soll, genug auch diese Schule wurde für uns geschlossen und mit ihr die fröhliche Kinderzeit. Die Knabenzeit begann; ein salarirter candidatus theologiae wurde als Lehrer in’s Haus genommen, eine strenge Disciplin eingeführt, und somit ging es denn mit starken Schritten in das ernste Leben hinein, mit welchem ich mich in dieser heiteren Schilderung nicht befassen mag, weil die Mittheilung seiner bittern Täuschungen mir die Stimmung verderben könnte. – Nur die erste gestörte Illusion, die mir als Freude entgegentrat und mir schließlich einen übervollen Wermuth=Becher reichte, mag hier als Beispiel vieler andern ihren Platz finden. – Mein Pathe, Amtshauptmann Weber, besaß zwei Kleinode, von denen er sich nie trennte, seinen Jenenser Ziegenhainer und seine Schnupftabacksdose von gelbem Buchsbaum Maser, ein Andenken von einem längst verstorbenen Freunde. Auf einem Spaziergange durch die Felder verlor er die letztere; zum Glück war ich sein Begleiter und wußte genau, welchen Weg wir genommen hatten; ich spürte also zurück und war so glücklich, die Dose zu finden. Die Freude des alten Herrn war mir unbegreiflich, da ich noch nichts von Andenken verstand und mit zehn Jahren noch keine längst verstorbenen Freunde haben konnte; er war aber so freudig bewegt, daß er mich verschiedentlich auf den Kopf klopfte. "Ne, wat denn Fritz? Ne, wat denn? – Min Saehn, dat will ick Di gedenken." – Nach einiger Zeit wurde ich denn zu ihm auf das Schloß beschieden, und mir wurden drei dicke Bücher als Fundgeld für diese Dose eingehändigt. – Meine Freude war außerordentlich; jubelnd kam ich zurück und zeigte meinen dicken, dreibändigen Schatz meiner Mutter; der Titel wurde besehen; es war – erschreckt nicht, ihr Freunde meiner Jugend, die Ihr unter der Wucht dieses Buches geächzt und geseufzt habt: – er war Schellers Lexikon. Ja, diese Freude ist mir später gehörig versalzen, und die Schnupftabacksdose des alten Herrn Amtshauptmann wurde für mich eine Pandorabüchse, aus welcher über mein junges Haupt viel Kummer und Elend ausgeschüttet worden. Ueber den Gesundheitszustand der Wissenschaften in meiner lieben Vaterstadt glaube ich nun genug gesprochen zu haben; es bliebe mir jetzt noch übrig, ein paar Worte über das Wohlbefinden der Künste in derselben hinzuzufügen. Es kann nur wenig sein, zumal ich die Zeichnenkunst und Malerei schon in dem Vorhergehenden berührt habe. – Die Produkte der Baukunst lassen sich, nach dem berühmten Kirchenbau von 1790, in einigen neuen Wohnhäusern, Ställen und Scheunen leicht aufzählen; die Hauptgeschäfte dieser Kunst waren das von Zeit zu Zeit wiederkehrende Versohlen der Gebäude, das ziehen neuer Schornsteine und das Ausbessern verwitterter Lehmwände. Die Leitung dieser Bauten war zweien Maurermeistern und einer Zimmerfamilie anvertraut, welche letztere in dreien Brüdern, ‘Dick=Dohmstreich’, ‘Scheifback=Dohmstreich’ und ‘Teckelbein=Dohmstreich’ ihre Spitze fand. Zu diesen kam später noch ‘Hanne DohmStreich junior’, dessen ich hier nur deshalb Erwähnung thue, weil er die Stadt einmal in gerechte Freude und Bewunderung durch die Construction eines ‘verzahnten Trägers’ versetzte, der noch heute als Kunstwerk in dem Thorwege eines Stavenhäger Mitbürgers gezeigt wird. Die monumentale Seite der Kunst ist meines Wissens nur einmal ausgeübt worden als Magistrat und Bürgerschaft beschlossen, die verschiedenen Thorflügel der Stadt, die bisher an hölzernen Pfählen hingen, an steinerne Pfeiler zu hängen. Auch sie sind noch heute in ihrer ursprünglichen Gestalt zu sehen, bis auf den einen, der restaurirt werden mußte, weil er gleich im ersten Winter von einem Holzwagen umgefahren wurde, woran begreiflicher Weise weniger die Ausführung des Bauwerks als die Ungeschicklichkeit des Fuhrmanns Schuld hatte. Die plastische Kunst könnte ich eigentlich ganz überschlagen; denn was die ‘bürgerliche hölzerne Drechsler=Familie’ Schwerdfeger, wie der Wiener sich ausdrücken würde, darin hervorbrachte, beschränkte sich auf stereotype ‘Klaeterpuppen’ und Steckenpferde; aber vielleicht verdient es der Erwähnung, daß ‘Pötter Böttcher’ ein Kunstwerk dieser Art geliefert hat. Nur eines; aber dieses eine war auch ein Löwe, der auf dem Tabackskasten des Herrn Rektor angebracht war, und mir einmal scharfen Tadel eintrug, weil ich ihn für die wohlgetroffene Büste des halbgeschorenen Pudels Philo ansah, der dem lustigen Dr. Weber gehörte, und in allerlei Künsten so geschickt war, daß er zuweilen, wenn ihn und seinen Herrn die Stavenhäger Langeweile plagte, mit diesem zusammen eine Pfeife Taback rauchte. Wenn ich von dieser Kunst nur höchst magern Bericht abstatten kann, so glaube ich hingegen den Dank der jetzigen Welt zu verdienen, wenn ich mich über die Anfänge jener Kunst, die in ihrer vollendeten Ausübung die Seelen rührt und in ihrer beginnenden Einübung die Nachbarschaft unsicher macht, eines Breitern vernehmen lasse. Den riesigen Aufschwung, den die Musik auch in meiner Vaterstadt genommen hat, kenne ich und weiß ihn auch als Zeitgemäß zu würdigen; aber wenn man glaubt, daß man mir heut zu Tage bei einem zufälligen Besuche in Stavenhagen durch Gesangvereine, Liedertafeln und ein paar Schock angehender Dreischocks und Catalani’s imponiren kann, so irrt man sich, denn ich sage mit Rabbi Akiba: Alles schon dagewesen! Wenn auch nicht in solcher Ausdehnung und Vollkommenheit. Was mich aber wirklich bestürzt macht, ist die erschreckende Zunahme von, Instrumenten aller Art in meiner Vaterstadt, vom mächtigen Flügel bis zur bescheidenen Tafelform herab. und diese Bestürzung kann Keinem auffallen, der, wie ich, in meiner Jugend, das schmächtige, schwindsüchtige Elternpaar gekannt hat, von denen diese breitschulterige und vierschrötige Nachkommenschaft abstammt. Wenn das auf dem Wege der natürlichen Vermehrung so fortgeht, so sehe ich noch im Laufe dieses Jahrhunderts den Zeitpunkt heran rücken, wo die Stavenhäger Kämmerei genöthigt sein wird, zur Unterbringung aller dieser ‘Instrumente’ vor den Thoren musikalische Schuppen zu errichten, und auf Stadtkosten die Elfenbeinzähne dieser maulaufsperrenden Gesellschaft täglich mit Zukunftsmusik abzufüttern. Von mütterlicher Seite ist mir die mehr als Pilze, Mäuse und Sperlinge fruchtbare Familie der jetzigen ‘Instrumente’=Generation sehr wohl bekannt, weniger von väterlicher Seite; denn der Urgroßvater derselben stand in Lohn und Brod beim Herrn Rektor und hatte stets ein schweigsames, verschlossenes Wesen, mit dem wir Kinder uns nicht unterhalten konnten; aber mit der Urgroßmutter, die, schwarzlackirt, bei Tanten Hersen in Pension war, haben wir Kinder vielen Spaß gehabt. Die alte Dame war freilich auch fast immer verstimmt und keifte zuweilen sehr arg mit dünner Stimme umher; aber wir Kinder kehrten uns nicht daran, wir waren vielmehr so dreist, ihr mit allerlei vorwitzigen Fragen auf den Zahn zu fühlen und dann die Wirkung zu belauschen, welche dieselben auf ihren ehrwürdigen, aber noch immer zartbesaiteten Busen ausübten. Ach! wie das darin trotz der Jahre noch immer sprang und hüpfte! – Sie hatte in der Mitte ihres Leibes einen rothen Knopf; wenn man den anzog, dann ging sie – wie Onkel Herse sich ausdrückte – ‘doll’ los, und da wir Kinder uns für das Tolllosgehen sehr interessirten, so wurde so lange an dem rothen Knopf gezogen, bis Onkel Herse es uns ernstlich verbieten mußte, weil es die alte Dame zu sehr in Aufregung versetzte und ihrer Constitution schaden könnte. Obgleich weder Onkel noch Tante Herse sich mit ihr abgaben, hielt sie es doch bei Beiden lange Jahre in einem Zimmer aus, und ging nur ab und an in die Nachbarschaft, z.B. bei uns, zu Besuch; es mußte aber ein kleines Tanzvergnügen mit Punsch arrangirt sein, denn von beiden war sie eine große Freundin, trotz ihrer alten wackeligen Beine. Ihr bester Freund war der alte Zoch, der sie in günstige Stimmung zu versetzen verstand. Da erzählte sie denn manches schöne Stück aus alter Zeit; Onkel Herse holte seine Violine von dem Nagel – auch eine Freundin der alten Dame – und dann begann ein Zwiegespräch, welches wohl vielleicht zuweilen etwas in Rechthaberei und Zänkerei ausarten mochte, aber im Ganzen doch so heiter war, daß Onkel Herse und Zoch sich gedrungen fühlten, ihre heitere Laune und ihre sonoren Stimmen in dies Duo hineinzumischen, und dann ging’s los: Nimm das Glas, begieß Dich nicht! Es leben schöne Kinder! Und wer diesem widerspricht, Das ist ein armer Sünder. Sün – sün, sün, sün, sün, sün ... Das ist ein armer Sünder. Außer diesen Stammeltern der jetzt so ausgebreiteten Familie gab’s in der Nachbarschaft noch einen Flügel; aber er Stand nicht auf Stadt=Grund und Boden, sondern im Domanio auf dem Alten=Bauhofe und gehörte somit – strenge genommen – nicht in den Kreis unserer Betrachtungen; aber da er ein merkwürdiger Flügel war und der erste, den ich gesehen habe, so werden meine Leser seine An= und Aufführung vielleicht entschuldigen. – Sein Aeußeres sah ungefähr so aus, als ob ein dummer Junge unserm Herrgott nach der Feier=Abend=Zeit des sechsten schöpfungstages die Giraffe in polirtem Birkenholz habe nachpfuschen wollen, und habe aus Versehen die Beine, statt von unten, von der Seite zu eingeschroben. Außerdem hatte diese Creatur noch eine bestimmte Aehnlichkeit mit ‘Teckel Rektern’, da sie ebenfalls auf fünf Beinen stand. – Was Inneres und ihre Fähigkeiten anbetrifft, so war sie entschieden dumm, denn sie ist nie über den Triangel=Walzer hinausgekommen. Möglich, daß sie von dem Schöpfer ausdrücklich für den Triangel=Walzer geschaffen worden ist; möglich, daß ihre natürlichen guten Anlagen vernachlässigt und nicht ausgebildet sind, so viel bleibt gewiß, daß sie trotz Schlagen, Pauken und Fußtreten nur den Triangel=Walzer von sich gab, und das so schläfrig, daß sogar meine Tante Christiane es nicht einmal mit Weingläsern, von denen sie an einem Abend zwei Paare zerschlug, um den einfallenden Triangel zu ersetzen, vermochte, ihr ein lebendiges Interesse für die Kunst einzuflößen. Geigen, Bässe, Klarinetten und Flöten gab es auch damals schon in Stavenhagen; und sollte der heiligen Cäcilia einmal ein Hochopfer gebracht werden, so wurden Hörner, Posaunen, Fagots, Trompeten und Pauken aus den benachbarten Städten als milde Beiträge eingesammelt; für das gewöhnliche Bedürfniß genügte indessen der Lärm, den die vier zuerst genannten Instrumente machten. Diese bildeten Onkel Herse’s Capelle, mit welcher er in schönen Sommernächten mit hinterlist’ger Tücke nichts ahnende Hausbewohner überfiel, und wehe diesen! wenn sie nicht aus den Betten krochen und sich im Hemde und in der Nachtmütze zum wenigsten aus dem Fenster für die köstliche Ueberraschung bedankten, sie bekamen nie wieder die bekannten Variationen zu: ‘Gestern Abend war Vetter Michel da’ zu hören, wenigstens nicht in so unmittelbarer Nähe. – Alles, grade so, wie jetzt bei den Gesangvereinen und Liedertafeln. – Bei diesen Gelegenheiten spielte mein Onkel die Geige, wie er denn gewohnt war, bei allen Gelegenheiten die erste Violine zu spielen; den Baß traktirte für gewöhnlich Gust Heinze, der auch als entschiedenstes musikalisches Genie im Stande war, alle übrigen Instrumente zu spielen, nur leider nicht alle mit einem Male zugleich, wodurch die Capelle sehr vereinfacht sein wurde. DieClarinette blies der alte Zoch, und die Flöte der Musikus Stürmer. Die Flöte war entschieden das crève-coeur meines Onkels als Dirigenten; er behauptete, Stürmer ‘stoppte’ die Löcher nicht präcise genug, "aewer" ,setzte er gutmüthig hinzu, "hei kann dor ok nich för, tau ‘ne richtige Fläut hüren teigen Finger, un hei hett man noch negen, den einen hewwen sei em dunnmals als Trumpeter afschaten." – Für Triangel und halben Mond wurden dann noch Freiwillige aus dem Stande der Ladendiener aufgeboten, die es sich dabei sehr sauer werden ließen und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit als Flanqueurs mit den scharfen Tönen ihrer Instrumente auf die Ohren der Zuhörer einhieben. Auf den Flügeln des Gesanges wiegte sich vor Allen Gust Heinze – wie gesagt – ein Universalgenie, das sogar die Kühnheit hatte, den Herrn Rektor in Krankheitsfällen als Orgelspieler in der Kirche zu ersetzen und den Küster Voß als Leiter des Gesanges. Jung’=Metz – jetzt der alte Metz genannt – verstand seinen Gesang mit der Zither zu begleiten – oder war’s eine Guitarre? – Kann sein; ich glaube aber ‘Zither’. – ‘Guitarre’ wäre mir als vornehmer im Gedächtniß geblieben, sie ist also wohl nur eine Erinnerung aus meiner spätern lyrischen Lebensperiode. – Also ‘Zither’. – Ohne Zither, aber mit vielem Zittern und Tremoliren sang meine Tante Christiane uns des Abends auf der Bank vor der Hausthür ihre lyrischen Empfindungen vor; ich erinnere mich noch deutlich, welchen ernsten, sentimentalen Eindruck es auf mich machte, wenn sie anhob: Komm, Lina, komm! Im Dunkeln Sieh, wie die Sterne funkeln  – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –  – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Und stolz durchschwimmt der Schwan Den blauen Oce – ahn. Die letzten Worte sang sie stets so, wie ich es geschrieben habe; warum? weiß ich nicht, der Grund dafür mag wohl in dem Tonsatz liegen, von dem ich gerne bekenne, nichts zu verstehen. Aber Tante Christiann begnügte sich nicht allein mit dem lyrischen Vortrag, sie stieg in einem Terzett, welches sie mit nachgemachten Stimmen im Baß, Alt und Diskant, oder – wie wir sagten – ‘fin un groww’ vortrug, zu den höchsten Regionen des dramatischen Gesanges empor; Personen: Ein Offizier, die Pförtnerin eines Klosters, die Priorin. 1. Scene. Pförtnerin (fin). Wer klopft da? Stimme von draußen (groww). Ein Offizier – – – – – – –  – – – – – – – – – – – – – – – Pförtnerin (fin). Herr Offizier, nur nicht so kühn Vor unsern Klostermauern! Sonst geh ich zu der Priorin, Dann werden Sie’s bedauern. Stimme von draußen (groww). Oh sputet Euch, und geht nur hin Zu meiner Bas’, der Priorin, Und meld’t mich! 2. Scene. Pförtnerin (fin). Priorin, hören Sie mich an, Ihr Vetter läßt sich melden, Es ist ein ganz charmanter Mann, Das Muster eines Helden. Priorin (halw fin, halw groww) Oh Gott! Oh Gott ! Mir wird schon bang’, Der gute Vetter wartet lang’. Pförtnerin (fin). Da kommt er! 3. Scene. Offizier, mit rücksichtsvollster Verbeugung (groww). Gegrüßet sein Sie mir, Frau Bas’. Sie werden mich nicht kennen, Bis daß ich Ihnen ohne Spaß Mein’n Namen werde nennen. Priorin (halw fin, halw groww). Ihr Name? Offizier (groww). Mein Nam’ ist Hans von Pulverrauch. Priorin (halw fin, halw groww). Von Pulverrauch? So heiß ich auch. Offizier (groww). Das freut mich. – – – – – – – – – – – Weiter sang meine Tante diese Oper niemals. meine Mutter litt es nicht, wahrscheinlich, weil – wie ich mir später nachgedacht habe – das Gericht durch das nun folgende Anstreuen von Liebessalz und Gewürz für unsern kindlichen Gaumen zu pikant geworden wäre. Tante Christiane war übrigens auch die Richterin über unsere kindlichen musikalischen Bestrebungen; über meinen Vetter Ernst, meine Schwester Lisette und mich brach sie ohne Bedenken den Stab und prophezeite, aus uns würde in dieser Richtung nie etwas werden; meinern Vetter August stellte sie jedoch ein glänzendes Prognostikon als zukünftigem Sänger. Mit Bedauern muß ich eingestehen, daß in Betreff auf uns drei Verdammten ihre Prophezeiung vollständig eingetroffen ist; aber mit größerem Bedauern muß ich berichten, daß auch mein Vetter August Statt Opernsänger nur Pastor geworden ist. – Die Familie Reuter aus Stavenhagen rangirt vollständig mit den Familien Crull und Loeper in Neubrandenburg, von denen mein genialer Freund und competenter Richter in musikalischen Dingen, Herr Kantor Richter, den niederschmetternden Ausspruch gethan hat: "Kein Leper und kein Grull singt." Wenn ich mich nun aus den glänzenden Höhen der musikalischen Kunst in die bescheidene Region der dichterischen hinabstürze – ich gebrauche ausdrücklich dies Wort statt ‘hinabsteigen’, weil dies letztere für die Zeit nicht mehr paßt, wie man leicht aus dem Abstand des Gehalts berechnen kann, welches der Staat einer Opernsängerin zahlt, und dem Honorar, welches der Buchhändler dem Dichter offerirt – wenn ich mich also hinabstürze, so falle ich in Stavenhagen auf einen höchst unfruchtbaren Boden. – Ist es wahr, daß der Herr Rektor einmal mit Hülfe seines Reimlexikons ein hochdeutsches Gedicht verfaßt hat? – Ich weiß es nicht, und wenn ich’s wüßte, möchte ich’s gerne verschweigen; ich möchte nicht gerne den Ruhm, der erste Dichter Stavenhagens zu sein, einbüßen: aber – aber! – Wie Alles, was ich bisher hier geschrieben habe, lautere Wahrheit ist, so will ich auch in diesem Falle meine Eitelkeit der Wahrheit zum Opfer bringen: Frau Tiedten ist der erste Dichter von Stavenhagen und zwar, wie ich, – ein plattdeutscher. Er war Schneiderwittwe und Nätherin, und wenn er dichtete, nähete sie, und wenn sie nähete, dichtete er. Sie hatte sich eine Aufgabe gestellt, die heutzutage so leicht kein Dichter lösen wird, nämlich alle Einwohner unserer Stadt, ihre Berufsgeschäfte und nachbarlichen Beziehungen in kurzen Schlagversen zu behandeln. Es ist nur ein kleines Bruchstück, welches von mir aus dem Zeitenstrudel gerettet ist; aber dies soll für die Welt gerettet sein, und hier steht’s: Susemihl kickt ut de Luk, Sporman de giwwt em ‘ne Kruk. Pros’t seggt Sohst, Schön Dank! seggt Bank. Außer dem Nachahmungstrieb, dieser Affeneigenschaft im Menschen, welcher mit Recht die größte Anzahl aller poetischen Sünden in die Schuhe zu schieben ist, und welche auch mich verführte, Frau Tiedten nachzueifern, begeisterte mich zuletzt zur Ausübung der Dichtkunst nicht etwa eine Lina oder Mina oder Stina, oder eine Rosalia, Natalia oder Amalia, sondern ein Gänsejunge. Die erste Hälfte meines ersten Reims begann ganz hübsch mit ‘Rosen’; aber statt nun vernünftigerweisen ‘losen’ oder noch besser ‘kosen’ darauf zu reimen, mußte mir des Herrn Amtshauptmanns Gänsejunge in die Quere kommen, der angewiesen war, die abgeworfenen Federkiele der Gänse zu sammeln, da der Amtshauptmann nur mit Sommerposen schrieb, und ich reimte im zweiten Verse ‘Posen’ darauf. Ich fand diesen ersten Reim auf einer sogenannten Wipp=Wapp, auf welcher ich mich mit Karl Nahmacher schaukelte, ich dichtete: "Im Frühlinge blühen die Rosen," welches schon schlecht war, da es eine klimatische Unwahrheit enthält, und als mir der Gänsejunge zu Gesichte kam, der seine gesammelten Sommerposen rings um den Hut gesteckt hatte, so daß er mehr einem indianischen Kaziken als einem mecklenburgischen Tagelöhnerkinde ähnlich sah, hinkte der zweite Vers nach. "Im Sommer verlieren die Gänse ihre Posen." Aller Anfang ist schwer, wie der Teufel sagte, als er sich mit Mühlensteinen trug, und das Dichten ist eine wahre Pferdearbeit, wie einer meiner mecklenburgischen Collegen sagt; ich gab diese Anstrengung also bald auf und wandte alle meine Lieb’ und Lust der fröhlichen Muse des Tanzes zu. Welche Zeit ist so finster, welcher Ort so verkommen, daß nicht wenigstens in ihnen mit allen Sorten von Beinen, männlichen und weiblichen, getanzt worden wäre? Auch in Stavenhagen zog in jährigen Intervallen ein oder der andere Hohepriester Terpsichorens ein. Der Eine von ihnen hieß Wurm, ein Schneidergeselle, und ist schon lange verschollen, aber sein Andenken lebt noch in dem Tanzmeister=Graben in der Pferdekoppel fort, in welchem er einmal spät Abends hineintanzte. Der Graben und er haben bei dieser Gelegenheit gegenseitige Höflichkeiten ausgetauscht; er schenkte dem Graben seinen Namen und der Graben ihm ein anderes ebenso wohlriechendes Andenken. – Nach ihm kam Herr Fischer, der sich bald austanzte, weil einige Böswillige in der Stavenhäger Bürgerschaft hartnäckig behaupteten, er sei gar kein ordentlicher Tanzmeister, sondern nur ein weggelaufener Goldschmiedsgeselle. – Nach diesen beiden kam Herr Stengel, der das Glück hatte, sich zu behaupten, weil seine Herkunft und Geschichte gänzlich unbekannt und die Wahrheit des Gerüchtes, er sei ein weggelaufener Buchbindergeselle, nicht nachzuweisen war. Herr Stengel führte Frau und Schwägerin mit sich, theils als Prügelobjecte, theils weil sie ihm sein täglich Brod und Schnaps verdienen mußten. Ihn selbst hatte Gott in seinem Zorn zum Tanzmeister gemacht, Seine Füße waren zum Lehmkneten in einer Ziegelei geschaffen, und wenn er über die Straße ging, sah er aus wie ein Wollhändler, der sein Mittagessen im Gehen verdauen will, um nicht in die Hände von Marienbad und Karlsbad zu fallen; seine Schweißlöcher hatten den doppelten Durchmesser als bei gewöhnlichen Menschen, und die Schweißströme, die er in der Ausübung seiner Kunst vergoß, waren, gegen die Schweißtropfen anderer Leute gehalten, Wolkenbrüche zu nennen und mit seinem einzigen seidenen Tuche – dem ersten, welches Stavenhagen bisher gesehen hatte – nicht zu stopfen. Seine Tanzstunden gab er in unserm Hause auf dem Rathhaussaale, und wenn er tempête tanzte, schütterten die Grundvesten dieses Gebäudes. Ein wahres Glück war es, daß der Magistrat, der Stadtsprecher, die Viertelsleute und Ausschußbürger keine Tanzstunden mehr nahmen oder zugegen waren, sie hätten ihn gewiß wegen Ruins an städtischen Grundstücken zur Verantwortung gezogen. Außerordentliche Mühe kostete es meiner Mutter und Tante Christiane, meinen Vater von der Nützlichkeit der Tanzstunde zu überzeugen; er wehrte sich hartnäckig gegen solche Anmuthung, und endlich blieb den beiden Petenten nichts anderes übrig, als an die Entscheidung des Herrn Amtshauptmann Weber zu appelliren, dieser sollte in der Theestunde, die er nie versäumte, seine Meinung abgehen. – Die Theestunde kam und auch der Herr Amtshauptmann. Da ich wußte, um welche wichtige Frage es sich handelte, blieb ich in hochklopfender Erwartung im Zimmer. Das pro wurde von meiner lieben Mutter mit aller Erregtheit eines lebhaften Wunsches vorgetragen, das contra mit einer grämlichen Verdrießlichkeit von meinem Vater dagegen gehalten, Tante Christiane intervenirte zu Gunsten meiner Mutter, und der Herr Amtshauptmann sah die Sprechenden ruhig an, ohne etwas zu erwidern, bis der Streitpunkt vollständig erschöpft war. Dann wandte er sich an meinen Vater: "Min Herzenskindting, Danzen is en spaßigen Kram. Ne, wat denn?" Und zu meiner Mutter: "Mein Herzenskindchen, ich habe auch einmal in meinem Leben Tanzstunde gehabt, dat sei mi woll nich mihr an? Ne, wat denn? – Ne, lachen Sei nich doraewer!" Aber dieser Tanzmeister – Stengel heit jo woll de Kirl?..." – Es ward an die Thür geklopft – "Herein!" – und das Unglück wollte, daß Herr Stengel hereinkommen mußte, um mit meinem Vater über das Lokal zu sprechen. Der Herr Amtshauptmann kannte den Tanzmeister nicht, und da Vorstellen damals in Stavenhagen noch nicht Mode war, der Amtshauptmann es auch sehr übel genommen haben würde, wenn ihm die Bekanntschaft eines Tanzmeisters aufgedrungen worden wäre, so blieb er über die Person des Eingetretenen in Unkenntniß und setzte seine Unterhaltung fort: "Aber dieser Tanzmeister – Stengel heit jo woll de Kirl? – de infame Kirl sall jo woll sin Fru slagen?" – Meine Mutter zupfte ihn an dem Rocke. – "Will’n Sei wat, min Herzenskindting?" – Tante Christiane trat ihm auf den Fuß. – "Wat pedden Sei mi, min Herzenskindting? – Ja – wie gesagt – hei sall sin Fru slagen." – Da der alte Herr nun sehr taub war, ihm also nichts zugeflüstert werden konnte, so blieben Augenwinken, Rockzupfen und Fußtreten die einzigen Verständigungsmittel; aber solche hintelistige Mittel kannte die ehrliche Seele meines alten Pathen nicht: "Was heißt dies? Hier werde ich gezupft, und da werde ich getreten?..." Mein Vater war während dessen mit dem Herrn Stengel in ein Nebenzimmer gegangen und meine Mutter sagte, als die Luft rein war: "Aber, Herr Amtshauptmann, das ist ja der Tanzmeister Stengel!" – Der alte Herr sah meine Mutter an, er sah Tante Christiane an: "Ja, das ist denn eine andere Sache! – Aewer, min Herzenskindting, ick will den Kirl doch mal eins de Wohrheit seggen." Damit erhob er sich, trotz alles protestirens von Seite Tante Christianens, und folgte dem Tanzmeister in’s Nebenzimmer. – "Seggen Sei mal, Fründting," redete er ihn an, "sünd Sei de Danzmeister, de Stengel?" – Herr Stengel stellte seine ungeschlachten Füße in irgend eine höfliche Position, beugte seinen plumpen Oberkörper nach vorne und fing an zu schwitzen, wahrscheinlich, weil die Beugung nach vorne seine Rückenhaut ausdehnte und die Schweißlöcher öffnete. Er stotterte eine ihm nicht geläufige bescheidene Höflichkeit hervor, denn für gewöhnlich war er grob, wie – nun wie – wie – ein Tanzmeister. – Der Herr Amtshauptmann verstand natürlich nichts von seiner Rede und fuhr ruhig fort: "Also Sie sind dieser Stengel? – Denn sünd Sei einen rechten legen Kirl, wil Sei Ehr Frugenslüd’ slagen." – Herr Stengel schwitzte stärker. – "Wenn Sei dat Stück noch mal in Stemhagen upführen, denn warden Sei ‘rute bröcht. Ick heww as Großherzogliche Beamte hir in de Stadt nicks tau seggen; aewer hir steiht de Herr Burmeister, ick weit, hei litt dat nich, hei litt so ‘n Scandal in sine Stadt nich. – Ne, wat denn, min Herzenskindting?" wandte er sich an meinen Vater, "Sei laten em ‘rute bringen." – Mein Vater sagte: der Herr Amtshauptmann habe ganz Recht, die armen Frauensleute des Herrn Stengel hätten in der vorigjährigen Tanzperiode verschiedene Male polizeilichen Schutz nachsuchen müssen, und er hätte ihm schon damals Concessionsentziehung angedroht und würde diese Drohung eintretenden Falles gewiß ausführen. – Herr Stengel schwitzte, daß er zu dem seidenen Taschentuche seine Zuflucht nehmen mußte. – "Mann," redete der alte Herr ihn wieder an, "wo kaenen Sei glöwen, dat ordentliche Lüd’ ehr Kinner – so ‘n – so ‘n" – zu meinem Vater: "so ‘n Tyrannen, min Herzenskindting, will ick seggen – anvertrugen saelen, de sine eig’ne Fru sleiht? – Aewer, min Herzenskindting, wenn hei dat verspreken deiht, dat hei sei hir nich wedder slagen will, denn ist das eine andere Sache; denn gewen Sei em Ehre Kinner ok in sine Danzschaul. Hei süht just nich ut, as wenn hei sülwst wat nütz danzen kann; aber man kann sich irren, es sieht mir auch keiner an, daß ich einmal getanzt habe. Ne, wat denn?" – Damit war die Sache erledigt, Herr Stengel versprach, seine Damen in Stavenhagen nicht mehr zu prügeln, und mein Vater gab für uns seine Einwilligung zu den Tanzstunden. Die Verlegenheiten meiner Mutter und Tante Christianens, in welche sie die Offenherzigkeit meines würdigen Pathen stürzte, sollten indessen in dieser Theestunde noch nicht ihr Ende erreichen. Als der Tanzmeister und mein Vater fortgegangen waren, ging der Stadtdiener Luth an der geöffneten Thür vorbei über den Flur. Luth war wegen seines raschen, entschlossenen Wesens ein Liebling des alten Herrn; er rief ihn an: "Oh, min leiw’ Luth, kam’ Hei hir mal en beten ‘rinner! – Segg Hei mal, Luth, sleiht de Kirl, de Danzmeister, sine Fru würklich so vel?" – "Ja Herr Amtshauptmann, wenn ick dor nich mang kamen wir, denn hadd hei Sei vergangen Mal jo woll dod Slagen. – Dat wir binah so kamen, as de Lüd’ sick vertellen, dat Klempner Belitz tau unsern Herrn Paster seggt hadd: Herr Paater, Sei slagen Ehr Fru, un ick slag’ min Fru, un Släg’ möten S’ ok hewwen, aewer wat tau dull is, is tau dull; Nahwer Schult hett sin’ dod slagen." – "Hm! Hm! Das is ja eine vertrackte Sache! – Na, min leiw’ Luth, paß Hei den Kirl en beten up, un wenn Hei wat markt, denn mell Hei dat glik den Herrn Burmeister." – zu meiner Mutter: "Wir wollen doch sehn, mein Herzenskindchen, ob der Kerl wohl Wort hält." – "Ick will em woll up den Deinst passen, Herr Amtshauptmann," sagte Luth und ging. "Min Herzenskindting," setzte der alte Herr wie immer sehr laut die Unterhaltung fort, "dese Luth is einen fixen Kirl; ne, wat denn? Wenn de Burmeister den Luth nich hadd, denn wüßt ick wohrhaftig nich, wo hei dor mit dörchfinnen süll, denn mit sine beiden Rathsherrn is doch würklich kein Staat tau maken." – Meine Mutter gerieth in Todesängsten, denn grade gegenüber von der geöffneten Thür saß mein Onkel Herse, ebenfalls bei offenen Thüren, und nahm in der Eigenschaft als Rathsherr die städtische Contribution in Empfang; sie nahm also wieder ihre Zuflucht zu dem Mittel des Rockzupfens und Augenwinkens, Tante Christiane zu dem des Fußtretens. – Der Herr Amtshauptmann sah sie beide etwas ungewiß an und sagte: "Ick red’ jo nich mihr von den Danzmeister, ick red’ jo man von de beiden Rathsherrn. De ein’ von ehr, de olle Kopmann Susemihl, is en Daesbartel, un de anner, de Rathsherr Hers’...." – Nun sprang meine Tante Christiane auf und zeigte, des Herrn Amtshauptmanns Arm ergreifend, auf die geöffnete Thür. – Der alte Herr wurde bei dieser etwas heftigen Berührung ganz verdutzt aussehen: "Fräulein Oelpke, was packen Sie mich?" und ebenfalls auf die Thür zeigend: "Ick weit jo, de Kirl, de Danzmeister is jo weggahn – aber wie gesagt, des’ Rathsherr Hers’ is en wohren Hans Quast." – Das Unglück war geschehen, Onkel Herse mußte Alles Wort für Wort gehört haben, meine Mutter und Tante Christiane waren in tödtlichster Verlegenheit, die Unterhaltung gerieth ins stocken; der Herr Amttshauptmann merkte endlich, daß irgend etwas Unbehagliches in die sonst so heitere Theestunde gefallen war, er nahm Hut und Ziegenhainer und empfahl sich. Als er auf den Flur kam, sah er die volle körperliche Wucht meines Onkels Herse, hochgerötheten Antlitzes, vor sich stehen. Nun mochte ihm wohl ein Licht über das Winken, Zupfen, Treten und Fingerzeigen aufgehen; aber ‘wie Graf Richard in der Normandie, erschrak er in dem Leben nie,’ er wandte sich an den Herrn Rathsherrn: "Min Herzenskindting, hewwen Sei hir all lang’ stahn?" – "Ja," schnaubte ihn Onkel Herse wüthend an. – "Dann empfehle ich mich Ihnen, Herr Rathsherr!" und damit ging er. Aber nun brach Onkel Herse in Gestalt eines ‘Bullkaters’, wie man im Plattdeutschen ein gehöriges Gewitter zu nennen pflegt, mit Donner und Blitz in der Stimme und im Auge, auf die unschuldigen Zuhörerinnen der amtshauptmännlichen Beleidigungen ein. – Da stand er auf der Thürschwelle, reckte die Arme vor sich hin und schlug mit den Händen Rad auf Rad, wie ein gereizter Kuhnhahn es mit dem Schweife schlägt; die ersten verständlichen Worte waren: "Fru Burmeistern, de oll Amtshauptmann is en grawen Swinegel!" – Meine Mutter versuchte es, seinen Zorn zu beschwichtigen; aber vergebens, der ‘Bullkater’ mußte sich erst entladen, und erst nach vielen vergeblichen Bemühungen von Seiten meiner Mutter, ein Stückchen blauen Himmel in seinem verfinsterten Gemüthe heraus zu beschwören, zog er sich dumpf grollend auf den Horizont der Gerichtsstube zurück, von wo er über den Häuptern der Contributionspflichtigen den ganzen Abend auf’s schrecklichste wetterleuchtete. Den Tag darauf trat Fritz Sahlmann in Tante Hersens Thür: "Empfehlung von Mamsell Westphalen rup den Sloß, un schickt de Fru Rathsherrn hir en fetten Kuhnhahn." – Drei Tage darauf kam mein Vater zu dem Herrn Rathsherrn, es solle eine große Auction im Großherzoglichen Amt zu Lehsten abgehalten werden, und da der Herr Amtshauptmann nicht Jeden dahin schicken könne, wegen der Größe des Objectes, der Herr Rathsherr auch in der ganzen umgegend bekannt sei, als der rechte Mann, der als Auctionator durch seinen eigenthümlichen Humor auf die Kauflust höchst vortheilhaft einwirken könne, so fragte der Herr Amtshauptmann, ob der Herr Rathsherr.... zc. – Der Herr Rathsherr hatte an diesem Mittage den halben Kuhnhahn verzehrt und war in günstiger Stimmung, behauptete aber dennoch: "en grawen Swinegel wir de Herr Amtshauptmann doch!" Mein Vater gab die Richtigkeit des Adjectivums mit Modifikationen zu, bestritt aber das Substantivum höchst ernstlich, und da mein Onkel der andern Hälfte des Kuhnhahn dankbar gedachte, auch des Schillings pro Thaler, der bei der umfangreichen Auction für ihn abfiel, schluckte er den ‘Hans Quast’ hinunter, gab den ‘Swinegel’ auf und rechtfertigte seinen Ruf als humoristischer Auctionator dadurch, daß er die Auction mit den Worten eröffnete: "Meine Herren, sehn Sie hier! Diana, ein Fuchswallach mit vier weißen Hinterfüßen." Die Tanzstunde war also eröffnet, Herr Stengel trampelte mit gewichtigem aplomb seine pas ab, er tanzte und schwitzte uns vor, seine Frau war mit den jungen Damen beschäftigt, und seiner armen Schwägerin war das undankbare Geschäft überwiesen, in hockender Stellung uns die Beine zurecht zu setzen. Wußte sie nun vielleicht schon, daß ihr Wohl und Wehe gewissermaßen auch von meinen Beinen abhing, sie ging mit ihnen sehr schonend um, obgleich sie sich viel mit mir beschäftigte. Trotzdem habe ich nichts gelernt, wie mir dies die Tanzfreundinnen späterer Jahre hoffentlich bezeugen werden, und wenn mir dies in den folgenden Jugendjahren auch zuweilen höchst unangenehm war, und ich von den jungen Damen auf dem Tanzboden nur als überschüssiger galopin angesehen wurde, der als Aushülfe in Petersilien=Nöthen nützlich werden konnte, so habe ich doch immer durch alle Kränkungen verfehlter engagements das tröstliche Gefühl in mir getragen, daß ich schon in meinem ersten début zum Benefiz zweier unglücklichen Damen getanzt habe, was wahrscheinlich viele ausgezeichnete Tänzer nicht von sich sagen können. – Meine Beine waren an den schlechten Erfolgen nicht Schuld – ich bin, Gott sei Dank, noch heute mit ihnen zufrieden – das Uebel lag bei mir höher hinauf, in meinen Ohren; die schnödeste Tactlosigkeit verdarb jede zierliche Bewegung meiner armen, strebsamen Glieder, indem sie dieselben zur unrechten Zeit ein= und ausfallen ließ; und da ich glücklicherweise von diesem Uebel nicht die geringste Ahnung hatte, so habe ich in gutem Glauben manches Jahr durchgehops’t, bis mir denn endlich in jenen Jahren, in denen der blinde Knabe die engagements auf den Bällen vermittelt, schrecklich die Augen aufgehen sollten. Kein junges, irgend hübsches Mädchen wollte mit mir tanzen, weil sie sich lächerlich zu machen und sich dadurch die Thür zum Ehestandstempel zu verschließen fürchtete, und daher blieb für mich nur jene alte Garde übrig, die sich bisher auf keinem Ballschlachtfelde ergeben hatte, und jene noch nicht förmlich einrangirte Schaar kleiner Tanzrekruten, die man im gewöhnlichen Leben Backfische zu nennen pflegt. Als ich diese Erfahrung machte, schmerzte sie Anfangs allerdings; aber als ich mir Alles wohl überlegte, beschloß ich, meine Beine ferner zum Benefiz unglücklicher Damen forttanzen zu lassen, und niemals ist eine gute That besser belohnt worden: die alte Garde erklärte ich sei für meine Jahre schon sehr verständig, und die kleinen Rekruten, ich sei für meine Jahre noch sehr liebenswürdig. Beides hat mir schöne Früchte getragen; verzweifelten die älteren Damen auch bald daran, mir den Tact im Tanzen beizubringen, so führten sie mich doch in die Taktik einer pikanten Unterhaltung ein, und die kleinen Backfische eröffneten mir in ihrer Dankbarkeit einen ganzen Himmel voll Hoffnungen für die Zukunft; und da ich mein ganzes Leben hindurch thöricht genug gewesen bin, die Hoffnungen auf die Zukunft dem Genusse ber Gegenwart vorzuziehen, so ließ ich die sicher schon erhaschten Sperlinge aus der Hand fliegen und griff nach den kleinen unschuldigen Tauben auf dem Dache. Ich muß aus diesem excursus wieder in den Tanz=cursus hinein. Wir lernten beim Herrn Stengel den Walzer, den Hopser, die Ecossaise, die Polonaise, die Quadrille, die Kegelquadrille, die Tempête und den Figaro. Als wir die gehörige Anzahl von Stunden durchgetanzt hatten, wurden wir für reif erklärt, uns öffentlich auf dem Kinderballe sehen zu lassen, die kleinen Mädchen in weißen Kleidern und grünen Achselbändern und Schärpen, die Jungen in beliebigen Farben, aber nach Herrn Stengels ausdrücklicher Bestimmung alle im Leibrock. Das heißt alle bis auf meine Vettern und mich, die wir in kurzen Jacken erschienen, weil mein Vater entschieden erklärte, er wolle seine Jungen nicht vor der Zeit zu Affen herausputzen lassen. Ueberhaupt drängten sich jetzt wieder allerlei wichtige Streitfragen in unsere Häuslichkeit; mein Vater war gegen Leibrock und gegen Ball, meine Mutter für Ball und gegen Leibrock, und Tante Christiane für Ball und Leibrock. Endlich wurde unter Vermittelung meiner guten Mutter zwischen den beiden Meinungspolen folgender Compromiß geschlossen: Der Ball soll besucht werden, aber in kurzer Jacke. Da der Bürgermeister Reuter überhaupt keine Bälle besucht, dieselben vielmehr für einen höchst unützen, sogar unter Umständen für einen höchst schädlichen, jedenfalls für ihn höchst langweiligen Zeitvertreib erklären muß, so geht er für seine Person nicht zu Ball. Seine Frau ist wegen Krankheit ebenfalls von dem Besuche des Balles dispensirt. Tante Christiane übernimmt die Führung und steht für alle Excesse. Jeder jugendliche Ballgast erhält außer dem Eintrittsgelde noch 2gGr. pr. Cour., wofür sich derselbe in gemessenen Zwischenräumen von Tante Toll zwei Mandelmuscheln, das Stück zu einem Schilling, kaufen darf. Den noch übrig bleibenden Groschen sollen je zwei und zwei zusammen legen und dafür ein Glas Punsch kaufen dürfen, welches sie wegen gleicher Theilung unter Aufsicht von Tante Christiane austrinken. Tante Christiane kann Thee in unbeschränkten Massen trinken, auch darin so viel Zwieback tunken, als ihr Herz wünscht. Punkt 10 Uhr findet sich die Gesellschaft im Rathhause zu Stavenhagen wieder ein. Der letzte Artikel war in seiner Ausführung der schlimmste; wir hatten schon eine dunkle Vorstellung davon, daß Tante Christiane unmöglich die volle väterliche Gewalt über uns ausüben würde; das halbe Glas Punsch hatte uns muthig gemacht, und ohne grade in offene Rebellion auszubrechen, suchten wir doch ihr die Ausführung des letzten Artikels unmöglich zu machen. Beim Schlage 10 Uhr hüpften wir, wie ein Haufen Flöhe, auseinander und versteckten uns in allen möglichen Ecken. Das ging nun wohl eine Weile ganz gut; mit Tante Christiane wurden wir wohl fertig, denn wenn sie den einen Ausreißer gefaßt hatte und den andern suchte, riß der erste wieder zu Gunsten der übrigen aus: aber leider hatten wir den Hauptpaciscenten des Ballvertrages, meinen Vater, außer Acht gelassen. Dieser hatte eben so gut, wie wir, die Uhr schlagen hören und ging unruhig und ärgerlich in seinem Zimmer auf und nieder: "Hm! Hm! Es ist doch immer die alte Leier! Auf Christianchen ist doch gar kein Verlaß! Die Dienstboten schlafen schon alle" – so war’s damals – "ich muß am Ende selbst hin." Da knarrte der alte Nachtwächter Hirsch halb elfe vor der Thür, mein Vater öffnete das Fenster: "Oh min leiw’ Hirsch; ein Wurt!" – Hirsch kam. – "Min leiw’ Hirsch, gah Hei mal glik hen nah Toll’s un segg Hei de Mamsell, sei süll mit de Kinner tau Hus kamen, un wenn sei dor nich mit farig warden süll, denn help Hei ehr dorbi; Hei steiht mi dorför, dat sei all’ glik mitkamen." Hirsch ging, und wir tanzten. Hirsch traf unterwegs auf seinen Collegen Netzband, der das Horn für die vollen Stunden führte; Netzband war eine gute, durstige Seele, in der die Idee zu keimem anfing, es könne durch seine Kehle bei einem officiellen Ballbesuch irgend etwas Nasses hinunterträufeln, er schloß sich also seinem Collegen an, und plötzlich erschienen die beiden Nachtwächter auf der Schwelle des Saales. Mit gerechter Entrüstung wurden sie von einigen Eltern anständig gekleideter Kinder gefragt, wie sie es wagen könnten, in ihrer etwas von Zeit und Wetter mitgenommenen Berufskleidung in solcher Gesellschaft zu erscheinen; aber Hirsch und Netzband waren schon zu oft auf dem Kampfplatz von Knechts= und Gesellenbällen in ihrer Eigenschaft als nächtliche Ruhestifter erschienen, als daß der Apparat eines friedlichen Kinderballes imponiren konnte, auch fühlten sie, daß mein Vater, wenn auch 200 Schritt entfernt, immer hinter ihnen stand; sie traten also der allgemeinen Entrüstung mit der ruhigen Erklärung entgegen: Sei wullen de Mamsell ut den Rathhus’ spreken un süllen den Herrn Burmeister sin Gören halen. – Ich stand grade als Kegel in der Kegelquadrille, als mein fidus Achates, Karl Nahmacher, zu mir heransprang: "Fritz, lop weg! Hirsch un Netzband sünd dor un willen Di gripen." – Ich befolgte den treuen Rath, brach aus dem Pferch der Quadrille, wurde aber von Herrn Stengel aufgefangen, der mich mit Gewalt auf meinen bevorzugten Platz zurückführen wollte. Hirsch, aufmerksam gemacht durch das entstandene Geräusch, trat hinzu und legte ebenfalls Hand an mich; der Tanzmeister wollte seinen Kegel, der Nachtwächter ‘den Herrn Burmeister sinen Jungen’ haben, und so begann um meinen jugendlichen Leichnam ein Kampf, in welchem das Streitobject natürlich am meisten leiden mußte, in welchem Hirsch aber siegte. – August war in einer andern Quadrille von der Seite einer schönen Partnerin durch Netzbands unerbittliche Hände gerissen. Ernst und Lisette hatten durch ihren Austritt eine dritte und vierte Quadrille in Inactivität versetzt, und Herr Stengel lief in Wuth und Verzweiflung umher; sein Paradepferd, die Kegelquadrille, lag im Graben. Wir wurden nun unter allgemeinem éclat abgeführt, Tante Christiane ging weinend in unserer Mitte; sie fühlte tief die Niederlage, welche ihre Autorität durch die Einmischung der Nachtwächter erlitten hatte, und "wat nu woll de Lüd’ dorvon reden würden!" – und "dor sünd blot de beiden ollen Jungs, August un Fritz, an Schuld!" – Puff! puff! kriegte August einen – Puff! puff! kriegte ich einen Stoß in den Rücken, als wir über den Markt gingen. – Von dem väterlichen Empfang will ich weiter nichts sagen – genug, daß uns erklärt wurde, da wir Artikel 8 des Vertrages verletzt hätten, sollten wir nie wieder zu Ball gehen, und daß Tante Christiane erklärte, sie würde nie wieder zu Ball gehen; durch Nachtwächter vom Balle geholt zu werden, wäre ihr doch zu stark! Aber – wie das Sprichwort sagt – es wird nie so heiß gegessen, wie es aufgefüllt wird; es währte nicht lange, da waren Tante Christiane und wir wieder auf einem Balle, und zwar auf einem Maskenballe. – Diese Art Erheiterung verschaffte sich Stavenhagen in meinen Kinderjahren ziemlich oft zu meiner damaligen und auch noch zu meiner jetzigen Freude; es war schön! Es war gar zuschön, den Schuster und Schneider einmal als Raubritter zu sehen, den Ladenjüngling als österreichischen Offizier in schmutzigweißer Uniform, den Pfefferkrämer als menschenfressenden Karaiben oder Mohrenfürsten und den Ivenacker Wirthschaftsschreiber als Apollo, statt der Reitpeitsche die Leier in der Hand! Es war gar zu schön, eine ehrsame Bürgertochter als Gärtnerin, Fischerin, Vierländerin in kurzen Röckchen bewundern zu können, eine Nähmamsell als Königin der Nacht, eine weitausschreitende, rotharrige, wohlgenährte Wirthschaftsmamsell als Diana, und meine Tante Christiane als Braut aus dem siebzehnten Jahrhundert! – Das ist jetzt Alles vorbei! – Stavenhagen hat Rückschritte gemacht; Stavenhagen seufzt unter der Last des Materialismus einerseits und unter der Last der Obligationen, Schuldverschreibungen und Wechsel, die ihm Gott durch sein Volk auferlegt hat, andererseits; Stavenhagen tritt nicht mehr aus sich heraus zu einer freieren Lebensanschauung; Stavenhagen bringt keine Raubritter und Menschenfresser, keine Vierländerinnen und Königinnen der Nacht mehr hervor, keine Diana’s und Apollo’s; Stavenhagen bringt keinen Maskenball mehr zu Stande! – Warum? – Weil Stavenhagen alt geworden ist, weil der junge Muth der Unternehmung fehlt, weil der junge Metz der alte Metz geworden ist und Wilhelm Clasen in seinem Leben keine Tante Toll werden wird! – Es ist bitter, so etwas eingestehen zu müssen, und wenn mich etwas in meinem Schmerze über das allmählige Verschwinden der Maskenbälle trösten kann, so ist es eine armselige, philisterhafte Betrachtung darüber, daß jetzt die Familien mit der Aufregung, die vor einem Maskenballe einzutreten pflegte, verschont sein dürften. Also Maskenball! – Wieder helle Zwietracht in unserm friedlichen Hause, geheimer Rath in allen Ecken, wieder pro von Seiten der Frauen, wieder contra von Seiten meines Vaters, wieder Appellation an meinen würdigen Pathen. – "Worüm nich, min leiw’ Burmeister? – Ich gehe selbst hin; Neiting geiht ok hen, ok Mamsell Westphalen geiht hen, aewer man mit ‘ne Brill, nich as en Charakter. – Wir gehen überhaupt Alle nur mit ‘ner Brille hin." – Onkel Herse und Tante Herse gingen hin, Herr und Frau Nahmacher nebst Familie gingen auch hin. – "Vater! – Vater!" – "Was willst Du!" – "Vater, Karl Nahmacher geht auch mit auf den Maskenball." – "Ei, so laß ihn zum Kukuk gehn!- Meinetwegen geht Alle zum Kukuk hin!" – Einladende Worte waren’s allerdings nicht; aber es war doch eine Erlaubniß. – "August, wi kamen hen! – Lisette, wi kamen hen! – Mutter, Vater hat uns die Erlaubniß gegeben!" – "Was sagte er denn?" – "Er sagte, wir sollten Alle zum Kukuk hingehen." – Diese Worte waren nun zwar nicht sehr beruhigend für meine Mutter; aber in der bekannten Theestunde tröstete sie der Herr Amtshauptmann über den zweifelhaften Erfolg, und da mein Vater, der darüber zukam, mit freundlichen Worten – er sprach stets freundlich mit meiner guten Mutter – seine freie Einwilligung gab, so war Alles in schönster Ordnung. "Aber," setzte er zu seiner Erlaubniß hinzu, "Hannchen, thu mir den einzigen Gefallen und stell keine Abenteuerlichkeit mit den Kindern auf! – Nicht wahr, Herr Amtshauptmann, ein Bischen zum Zukucken können sie hingehen?" – "Ja woll, min Herzenskindting, worüm nich? – Aber" – meine Mutter hatte den alten Herrn schon in ihre Pläne eingeweiht – "worüm sall denn nich Ein oder de Anner vermaskirt dorhen gahn" Mein Vater ward stutzig; aber auch dies Eis war nun gebrochen, meine Mutter mußte nun mit ihrem Plan herausrücken; sie hatte noch ein altes Taftkleid – zu nichts Weiterem zu gebrauchen – daraus wolle sie für mich – ich wäre der Kleinste, und für mich reichte es noch aus – ein schwarzes Habit anfertigen, in welchem ich als Schornsteinfegerjunge erscheinen sollte; Friedrich sollte mir eine kleine Leiter machen, Besen wären hinlänglich im Hause und Onkel Herse würde mir wohl eine kleine Hacke aus Pappe und Bleipapier zusammenkleistern; es kostete also gar nichts. – Diese Ausdehnung seiner Erlaubniß war meinem Vater doch zu stark; er ging höchst verdrießlich im Zimmer auf unb nieder und sagte kurz abgebrochent: "Hannchen, Hannchen, es ist eine vermaledeite Eitelkeit, wenn Eltern mit ihren Kindern prunken wollen." – Nun legte sich aber der Herr Amtshauptmann dazwischen: "Prunken? min Herzenskindting, dat heww ick meindag’ noch nich hürt, dat mit Schornsteinfegerjungs Staat drewen ward; un Eitelkeit? Na, min Herzenskindtig, vel schöner ward hei as Schornsteinfegerjung’ grad’ ok nich utseihn warden, as hei nu utsüht." – Mein Vater war aus dem Felde geschlagen, und als dann der große Tag endlich heranrückte und ich in das schwarze Taftkleid gehüllt war, gab mir Tante Christiane als siebzehnhundertjährige Braut die Leiter, den Besen und die Hacke in die Hand und führte mich in meines Vaters Zimmer, wahrscheinlich, um ihm eine unnerhoffte Freude zu bereiten. Mein Vater stand auf, nahm ein Licht von dem Tische, beleuchtete mich und beiläufig auch Tanten Christiane schweigend von oben bis unten, ergriff meine Hand und zog mich an den Spiegel: "Sieh her, Fritz, sie haben einen richtigen Affen aus Dir gemacht. – Schämst Du Dich nicht?" – Ich war noch in den Jahren, in denen die Scham in Thränen ausbricht; ich fing also an zu weinen. – "Laß sein, Fritz!" sagte mein Vater, "und morgen, wenn sie Dir den Affen ausgezogen haben, dann komm wieder!" – Aber als mich Tante Christiane; entrüstet über solchen Empfang, aus der Thür führte, weinte ich fort, warf Leiter, Besen und Hacke auf den Flur hin und war der Unglücklichste der ganzen Essenkehrerzunft. Glücklicherweise kam jetzt der Herr Amtshauptmann mit seiner Frau Agnete und Mamsell Westphalen, um uns abzuholen; hätte der alte Herr mich weinen sehen, so wäre das Thermometer seiner Hinneigung zu mir gewaltig gefallen; dies wußte ich, und wie ich mich in die Thränen hineingeschämt hatte, schämte ich mich jetzt wieder aus ihnen heraus. – Mein Vater, der den Herrn Amtshauptmann zu begrüßen gekommen war, beachtete mich zum Glück nicht ferner; der alte Herr war so aufgeräumt, er scherzte so heiter mit meiner bräutlichen Tante, daß ich den Schmerz über meine unselige Verpuppung ganz und gar vergaß. Alles war fröhlich, und als mein Vater wieder mit allerlei beengenden Erlaubniß=Paragraphen herausrückte, schnitt ihm mein Pathe das Wort ab mit der Frage: "Also, min Herzenskindting, Sei willen nich mit? Ne, wat denn? – Aber das ist Ihre Sache. Nu laten S’ aewer mi för de Mamsell un de Kinner sorgen, wenn ick nah Hus’ gah, denn gahn sei All; aewer nich ihre." – Mamsell Westphalen versuchte nun noch ihre Rednergabe an meinem Vater, um ihn zum Mitgehen zu bewegen: "Un nemen S’ mi nich aewel, Herr Burmeister, wenn de ganze Stadt dull ward, denn möt dat Haupt in de Neg’ sin, un wenn de Herr Rathsherr Hers’ as lebendige Ritter hengeiht, un Herr Rathsherr Susemihl as türkische Soldan mit en langen Bort – de Slüngel, de Fritz Sahlmann hett dat utspijonirt – denn künnen Sei jo as König oder Kaiser hengahn, un wenn Sei en König tau schanirlich is, denn maken Sei ‘t so, as ick, un hängen S’ sick ‘ne Domina aewer ‘n Puckel, wotau Sei jede swarte Schört nemen kaenen, denn mine Domina is ok nicks anners, as mine sünndägliche Taftschört. Un dat segg ick." – Aber es half nichts, wir gingen ohne meinen Vater. Als ich in den sogenannten Saal trat, der jetzt wohl nur für ein mäßiges Zimmer gegolten haben würde, überfiel mich eine wahre Angst vor den wunderlichen Gestalten und abscheulich starren Gesichtern, ich kam mir vor wie unter Larven die einzig fühlende Brust’, und wenn ich mich selbst ansah, so wurde mir wie ein eben geschorener Pudel zu Muthe, der, über sein verändertes Aussehen erschrocken, alle Ecken und Winkel aufsucht, um sich vor sich selbst zu verstecken. Dies wurde mir aber wegen meines Schornsteinfegerapparates, Leiter und Besen, sehr schwer, und so währte es denn auch nicht lange, als ich von einem Mohren aufgegriffen wurde, der, vermuthlich von der gleichen couleur angezogen, die Güte hatte, mich zum Gegenstand seiner natürlichen Wildheit zu machen. Er riß mich in die Höhe, ließ mich ein paar Sekunden lang in der Luft fliegen, schwenkte mich noch einige Mal um den beturbanten Kopf und trug mich dann, auf seinen Schultern reitend, im Triumphzuge durch den Saal, wo ich denn allgemein für ein Mohrenkind gehalten wurde, da ich meine Schornsteinfeger=Attribute bei dem plözlichen Ueberfall verloren hatte. Ich war nun vollständig in die dramatische Handlung des heutigen Abends hineingerissen und hätte mich vielleicht über den Ausgang des Stückes bedenklich geängstigt, hätte ich nicht zum Glück in meinem Mohren den Kaufmann Grischow erkannt, von dem ich meine Bilderbogen bezog. – "Herr Grischow, laten S’ mi los!" – "Jung’, willst Du dat Mul hollen, jo kein Namen nennen!" – Das war uns’re Unterredung, und die Folge war ein Glas Punsch, welches mir der gütige Mohr an der Schenke verabreichen ließ. Es war wirklich sehr anzuerkennen, mit welcher Consequenz die Illusion aufrecht erhalten wurde; Jeder kannte den Andern, Jeder wußte schon drei Tage vorher, was der Andere darstellen würde, aber Keiner ließ es sich merken, um die allgemeine Lust nicht zu verderben. Es wurden Namen mit richtigen Buchstaben in die Hand geschrieben und mit verkehrten in die Luft, es wurde mit der schnödesten Verneinung der Knpf geschüttelt, und jede durstige Seele stellte sich gewissenhaft mit abgewandtem Gesicht in die Ecke, um dort in aller Heimlichkeit in einem Zuge ein Glas Punsch hinab zu stürzen. Mein alter Pathe war auch in dieser diskreten Beachtung des Maskengeheimnisses ein hervorleuchtendes Beispiel. – Als er mit seiner Florbrille in den Saal trat, ging er auf meine Tante Christiane los, mit der er ja zusammen gekommen war, machte eine tiefe Verbeugung und sagte zur Freude von Tante Herse, die als Klosternonne neben Tante Christiane saß: "Guten Abend, meine liebe Frau Rathsherrin, es freut mich, Sie wieder einmal als Braut zu sehn. – Ne, wat denn? – Es ist aber eine sonderbare Sache, man hat mir eine Brille aufgesetzt, damit ich besser sehen soll, und ich kenne keinen Menschen." – Als er mich aufgegabelt hatte, sagte er: "Fritz, min Jüngschen, wis’ mi mal den Rathsherrn Hersen, hei sall en Ritter sin, aewer dor an den Schenkdisch stahn twei von sin Grött un Kaliber, wecker is hei von de Beiden?" – "Der mit dem blauen Federbusch ist Postmeister Stürmer, und der Andere mit dem Horn vor dem Kopf, das ist Onkel Herse." – "Schön! schön! – Grad’ as Graf Tassilo von Hohenzollern – ebenso en Hurn vör den Kopp as Graf Tassilo. – Dat bedüd’t hüt wat mit den Herrn Rathsherrn. – Na, ich will ihm doch ein Vergnügen machen!" – Damit trat er an den Schenktisch: "Guten Abend, Graf Tassilo von Hohenzollern!" – Onkel Herse wußte gar nicht, daß er an diesem Abend eigentlich Graf Tassilo war, er hatte den Helm mit dem Nashorn nur der Originalität wegen gewählt, ohne an etwaige geschichtliche Deutung zu denken; er nahm aber die ihm zugetheilte Würde mit großer Geistesgegenwart auf und, um in Höflichkeit nicht nachzustehen, antwortete er: "Gleichfalls schönen guten Abend, gebietender Herr!" – Der alte Herr Amtshauptmann lachte so recht von Herzen: "Gebietender Herr? – Ja, aewer blot in ‘t Großherzogliche Domanium, min leiw’ Meister Dohmstreich." – Der Zimmermeister Dohmstreich war wohl eben so dick, wie mein Onkel, aber einen guten Kopf kleiner; das hinderte den alten Herrn aber nicht, ihn für den Herrn Rathsherrn unterzuschieben; denn er wollte meinem Onkel ja die Freude machen, daß er ganz unbekannt sei. – "Min leiw’ Meister Dohmstreich," begann er wieder, "ick glöw’ mit Utname von mi kennt Sei hüt Abend kein Minsch." – Nun wäre es aber für meinen Onkel Herse der größte Verdruß gewesen, wenn der Herr Rathsherr nicht durch den Ritter durchgeschienen hätte, sein gehofftes Vergnügen lag grade in der Erwartung, daß der Ritter hinlänglich transparent sein würde, um hinter Goldpapier und Pappe den Herrn Rathsherrn im glänzendsten Lichte aufgehen zu lassen und nun sollte statt dessen der Zimmermeister ‘dick Dohmstreich’ augehen? – Mein Onkel wurde sehr verdrießlich; er fiel aus dem stillschweigenden Uebereinkommen gegenseitigen Geheimnisses: "Herr Amtshauptmann, Sei irren sick, ick bün nich, dick Dohmstreich’." – "Schön, mein lieber Meister, ganz vortrefflich!- Min leiw’ Meister, in minen Swinkaben möten nige Bahlen inleggt warden..." – "Herr Amtshauptmann, ick segg Sei, ick bün nich ‘dick Dohmstreich’." – "Schön, mein lieber Meister; hat auch bis morgen Zeit. – Ich empfehle mich Ihnen, Graf Tassilo von Hohenzollern." Der Herr Amtshauptmann wandte sich ab, um dem andern Ritter, dem Herrn Postmeister Stürmer, ein ähnliches Vergnügen angedeihen zu lassen: "Gu’n Abend min leiw’ Möller Karsten Na, ok en beten hir? – Süh, dat freu’t mi doch! – Bin ich doch heute Abend nicht der Einzige aus Großherzoglichem Amte." – Hier vergriff sich der alte Herr ganz gewaltig; Müller Karsten war ein kleiner hagerer Mann, und der Herr Postmeister war in seinen Dimensionen selbst meinem Onkel Herse überlegen; aber ein solcher kleiner Irrthum konnte meinen würdigen Pathen nicht in Verlegenheit setzen: "Min leiw’ Möller, wat is dat för en flaßköppigens Jung’, de dor bi Em mit dat Speit in de Hand steiht?" – War Onkel Herse durch den ‘Meister’ schon verletzt, so wurde es Postmeister Stürmer noch im höheren Grade, denn er war per ‘Er’ angeredet; dieser Ritter fiel also natürlich auch aus der Rolle: "Herr Amtshauptmann, das ist mein Sohn, den ich als Knappen mit mir genommen habe." – "Süh! Süh! – Ein Mühlenknappe. Segg Hei mal, Möller, is hei denn all Gesell?" – "Er ist Gymnasiast in Stettin." – "So? so? – Gymnasiast in Stettin. – Süh, süh! Wat ut den Minschen All warden kann! – Nu, min leiw’ Möller, dauh Hei mi den Gefallen un segg Hei em, wenn hei wedder mit sin Peik so dörch den Saal rönnt, as vör en Beten, denn sall hei sick in Acht nemen, dat hei mi nich in de Ogen steckt, denn mein lieber Müller, ich kann durch meine Brille gar nichts sehen. – Guten Abend, mein lieber Ritter Kuno von Kyburg." Da ging er hin, der alte brave Mann, fest überzeugt, in der angemessensten Weise die heutige Lust in den beiden Ritterbrüsten macht, und die Kundschaft redete zu meinen Gunsten mit, vielleicht war’s aber auch angeborene Gutmüthigkeit, die mich für so viele fehlgeschlagene Hoffnungen trösten wollte – genug – Frau Levin, eine mir sehr gut bekannte Judenfrau, erlaubte, daß ich ihren sternbesäeten, königlich=nächtlichen Puckel besteigen durfte. So etwas sollte man Kindern nie erlauben, man ahnt gar nicht, was Kinder in ihrer Unkenntniß für Elend anrichten können; Kinder kommen in aller Unschuld in großen Gesellschaften laut mit Dingen zu Raum, die im allervertraulichsten Familienkreise nur leise geflüstert werden dürfen; Kinder stecken im unschuldigen Spiele mit Schwefelhölzern ganze Städte in Brand, und ich Unglückswurm von Schornsteinfeger=Kind sollte nun hier an diesem Abende, ermuthigt durch die nichts Böses beabsichtigenden, aber durchaus beipflichtenden Winke meiner Tante Christiane, ein Unglück herbeiführen, welches nicht allein die unglüchliche Königin der Nacht aus ihrem Reiche vertrieb und den ganzen Saal in Aufregung versetzte, sondern auch in seinen natürlichen Folgen auf mein Haupt – oder besser – auf meine Ohren zurückfiel. Ich war an dem Rücken der Königin aufgestiegen und stand oben auf meiner Leiter; ich konnte doch nun nicht wieder hinuntersteigen, es mußte doch vorher etwas geschehen – dies Gefühl, welches den dramatischen Dichter nie, namentlich im letzten Acte nicht, verlassen sollte, war mir schon damals klar – ich griff also nach meinen Besen und bearbeitete den Sternschleier der Königin Levin – nach meiner Meinung sehr schonend – aber der Schleier war nicht an natürlichem Haar, sondern an einer Perrücke befestigt.- Ein jäher Schrei – das Vorwärtsstürzen der Königin – mein eigenes Niederstürzen mit der Leiter und das im tiefsten Baß ausgestoßene Geschrei des alten stocktauben Steuereinnehmers und Kirchenökonomus Groth: "Kikt! Kikt! Levinsch hett ‘ne Prük up!" zog alle Masken um uns zusammen, und ich erhielt von Tante Christiane in Gegenwart des ganzen Balles ein paar Maulschellen von ausgesuchtester Sorte. Was konnte ich dafür? – Wie konnte ich die alttestamentarische Bestimmung Mosis kennen, daß verheirathete Judenfrauen ihr eigenes Haar nicht zeigen dürfen, daß Sie mit kurzgeschorenem Kopfe gehen und sich bei feierlichen Gelegenheiten der Perrücken bedienen müssen? – (Das war damals so, als noch alle altgläubig waren). – Mir war Unrecht geschehen! Weinend trat ich vom Schauplatz meiner Thaten ab und begegnete Karl Nahmacher, dem auch Unrecht geschehen war, der auch ein paar Maulschellen erhalten hatte, weil er all seinen Kuchen, ohne sich etwas aufzuheben, aufgegessen hatte. Wir klagten uns gegenseitig unsere Leiden, beschlossen mit dem ganzen Schwindel nichts mehr zu thun haben zu wollen, gingen in’s Schenkzimmer, krochen dort unter einen tiefverhängten Theetisch und sind da vermuthlich bald in süßen Schlummer verfallen – denn von dem Uebrigen, was später passirt ist, weiß ich bloß von Hörensagen. Als mein würdiger Pathe, der Herr Amtshauptmann, genug hatte von den Lustbarkeiten und in vollkommenster Unschuld alle seine Pfefferkörner im Saale verstreut hatte, als seine gute Frau schon anfing unruhig zu werden und Mamsell Westphalen schon lange mit Domino und Florbrille sehr ruhig in einer Ecke schlief, als August, Ernst und Lisette sich auf den Gluckhennenruf von Tante Christiane um ihren Reifrock versammelt hatten und sie selbst es müde war, immer fort als bräutigamlose Braut aus dem siebenzehnten Jahrhundert auf hohen, rothen Absätzen Stelzen zu laufen, als Venus Amathusia kopfschüttelnd Abschied genommen, als Momus schläfrig und müde sich in der zwölften Stunde die Larve vom Gesichte gerissen hatte, als Bacchus breitspurig in die Thüre trat und die Humpen des Grafen Tassilo und des Ritters Kuno von Kyburg füllte, als der wilde Mohrenfürst in einen civilisirten Punsch=Dusel versunken war, und der türkische Sultan Susemihl Mahomets Gebot zu vergessen anfing, sollte nach Hause gegangen werden; aber: "wo ist Fritz ?" – "Min Herzenskindting, wo is Fritz?" fragte der Herr Amtshauptmann meine Tante. – Tante erklärt, daß sie seit der Zeit, in welcher sie mir die beiden oben erwähnten Maulschellen gegeben, keinen weitern Verkehr mit mir gehabt habe. – Es wurde umher gefragt. Keiner hatte mich gesehen. Auf dem andern Ende des Saales war dieselbe Noth; Madame Nahmacher vermißte ihren,Korl’. – Der alte Herr Nahmacher kam zu unserer Partei, um Erkundigungen einzuziehen. – Grade, wie der Herr Amtshauptmann Jeden mit, min Herzenskindting’ anzureden pflegte, sagte er zu Jedem ‘min Herzing’. – "Min Herzing, hewwen Sei minen Korl nich seihn?" – "Min Herzenskindting, wi säuken den Burmeister sinen Fritzen." – "Min Herzing, de Jungs sitten ümmer tausam." – "Min Herzenskindting, wo süllen sei denn nu woll sitten?" – "Min Herzing, dat weit de leiw’ Gott." – "Min Herzenskindting, uns’ Fritz hett en por Mulschellen von de Mamsell kregen..." – "Ja, min Herzing, min Korl ok von sin Mutter." – "Herr Amtshauptmann," fiel hier Mamsell Westphalen ein, "nemen S’ nich aewel, dat ick dor mang red’; aewer de beiden Jungs sünd in ‘t Water gahn, un dat segg ick!" – "Westphalen!" schrie meine Tante, "Sei sünd jo woll nich bi Trost!" – "Oelpken, wat ick segg, dat segg ick. – Mulschellen hüren sick för de Jungs, dat weit ick. Aewer Mulschellen up so ‘n apenboren Danzplatz, dat treckt sick so ‘n Junig’ tau Gemäuth." – "Das ist doch eine sonderbare Sache!" fiel der Herr Amtshauptmann ein. "Min Herzenskindting, Sei hadden den Jungen nich slagen süllt!" – Meine Tante gerieth in schreckliche Angst; aber Papa Nahmacher tröstete sie: "Min Herzing, laten S’ dat man sin! Min Korl geiht nich in ‘t Water, hei klattert in de hüchsten Dannen in ‘n Pribbenow’schen Holt herin un nimmt de Kreihennesters ut, aewer in ‘t Water geiht hei nich." – "Min Herzenskindtig, Sei hewwen Recht. – Weiten Sei, wat mi inföllt? – De Jungs sünd nah Hus gahn. – Nich wohr, Neiting? – Ne, wat denn?" – "Ja, Wewer, denn möten wi aewer henschicken un fragen laten," antwortete die Frau Amtshauptmännin.- Das geschah denn nun; aber leider war über mein Verbleiben nicht anders Nachricht zu erhalten, als daß. mein Vater aus seinem ersten Schlafe geweckt wurde, weil ich bei ihm schlief. Er empfing die Meldung nicht in der rosigsten Stimmung: "Das kommt bei dem verdammten Unsinn heraus, da lassen sie mir den dummen Jungen sich verlaufen! – Hausknecht, geh Er leise die Treppe hinunter, daß meine Frau nicht aufwacht! – Ich komme gleich." Er kam auch, nachdem er die beiden Nachtwächter Hirsch und Netzband unterwegs aufgegabelt und ihnen die Frage vorgelegt hatte, ob sie mich und Karl Nahmacher nicht irgendwo hätten herumstreifen sehen. Als diese dies verneinen mußten, wurde der eine von ihnen nach Luth geschickt; Luth sollte sogleich kommen; und mein Vater trat in den Saal, halb ärgerlich, halb unruhig: "Wo sind die beiden Jungen zuletzt gesehen?" – "Min Herzing," sagte der alte Nahmacher, "min Korl, as hei den Kauken upfretens hadd." – "Min Herzenskindting," sagte der alte Herr etwas verlegen, "uns’ Fritz, as em de Mamsell, Oelpken en por Mulschellen gewen’ hadd, wil dat hei Levinschen mit sinen Bessen de Prük ‘runnerfegt hett." – "Swager, Swäging!" rief Tante Christiane in größer Angst, "ick heww jo dat nich bös meint, un hei hett jo doch ok all öfter weck von mi kregen." – "Kinder, habt Ihr die beiden Jungen später nicht gesehen?" – Keiner wußte etwas Genaueres, bloß Lisette meinte, sie habe uns zusammen aus der Saalthüre gehen sehen. – "Un dunn sünd sei in ‘t Water gahn," setzte Mamsell Westphalen ruhig hinzu. – "Was? – Was ist das?" fragte mein Vater hastig. – "Sei sind in ‘t Water gahn, dorbi bliw ick," antwortete Mamsell Westphalen wieder sehr ruhig. "Un nemen S’ nich aewel, Herr Burmeister, wenn ‘ne ganze Stadt hüt Abenb narsch worden is, worüm saelen twei dumme Jungs nich ok up narsche InfälI kamen?" – "Ei, das ist ja dummes Zeug, Mamsell, wenn mein Fritz um ein paar Maulschellen in’s Wasser gehen wollte, dann hätte er das Stück schon längst aufführen miüssen." – "Min Korl ok, min Herzing," fiel der alte Nahmnacher ein. – "Seit drei Monaten ist Alles dicht zugefroren," fuhr mein Vater etwas verächtlich fort, "und denn sollen die Jungen in’s Wasser gehn?" – "Nemen S’ nich aewel, Herr Burmeister, doran heww ick nich dacht, un denn segg ick, dat ick nicks seggt heww; denn sünd sei woll nich in dat Water gahn." – Meinen Vater ekelte das wüste Treiben eines halbausgespielten Maskenballes an, er forderte zum Nachhausegehen auf; die Familie vom Amte, die Nahmachersche Familie und die unsrige verließen den unseligen Ball, Madame Nahmacher und meine Tanten weinten, und der alte Herr Amtshauptmann erleichterte sein besorgtes Gemüth durch den ab und an herausgestoßenen Ausruf: "Eine sehr sonderbare Sache! – Ne, wat denn, Neiting?" Luth war gekommen und instruirt, unsere Knechte waren geweckt, der alte Herr Nahmacher hatte die seinigen zur Disposition meines Vaters gestellt, die Nachtwächter und einige Tagelöhner wurden aufgeboten, mein Vater stellte sich an die Spitze einer Partei, Herr Nahmacher an die einer zweiten, Luthen wurde die dritte anvertraut; und nun begann ein nächtlicher Streifzug, der alle Geheimnisse von Stavenhagen, vom Alten=Bauhof und dem Rathhaushof an’s Licht brachte – leider nur nicht uns. – Der Schornsteinfegerjunge Fritz Reuter und der Gärtnerjunge Karl Nahmacher lagen Arm in Arm unter Tanten Toll’s Theetisch und schliefen den süßesten Kinderschlaf – trotzdem, daß Kuno von Kyburg und Graf Tassilo von Hohenzollern über ihren Häuptern gewichtige Humpen leerten. Diese beiden würdigen Ritter hatten sich nämlich aus dem mêlée und Schlachtgetümmel des allgemeinen schenkrisches zurückgezogen und kämpften an dem Theetisch mit scharfen, blutrothen Rothwein=Waffen ihre besondere Fehde aus. Mein Onkel Tassilo von Hohenzollern hatte schon sein Nashorn an der Stirne eingebüßt, und der Postmeister Kuno von Kyburg hatte schon Helmbusch und Helm verloren; aber dennoch waren sie noch immer ‘düchtig dor!’ und hieben unter Schwert=Gläser=Klingen auf einander ein, daß die staunende Nachwelt von bunten Bauern, bunten Tyrolern und noch bunteren Harlekins sie stumm umstand und in ihnen die Thaten der Vorwelt bewunderte. – Mein Onkel Tassilo fiel grade mit seiner blutrothen Klinge auf den Ritter Kuno ein, der ihm aber mit der seinigen so zu begegnen wußte, daß es einen scharfen Schwertesklang gab, als Luth mit unserm alten Friedrich in die Thür trat: "Gu’n Abend, Herr Rathsherr, Friedrich lett sick dat nich utreden, un mi kümmt dat ok so nör..." – Mein Onkel hatte seine Ritterrolle den ganzen Abend so gut gespielt und dieselbe so ausstudirt, daß er wußte; die Ritter des Mittelalters hätten als Minnesänger ihre Reime zu machen verstanden; er blieb also nur seiner Rolle getreu, als er den Stabtdiener Luth unterbrach und ihm fröhlich sein volles Glas reichte: "Gut, Luth! Hier ist Blut, Luth! Rothes Rothweinblut, Luth! – Wollen sehen, ob’s das nicht thut, Luth!" – Postmeister Kuno von Kyburg war anno 6 Wachtmeister unter dem General Grafen Kalkreuth gewesen und trug seinen Kommandirenden sein Leben lang im frommen Herzen; alles Schöne, Vortreffliche hieß bei ihm ‘Kalkreuth!’ Die Minnesängerei meines Onkels hatte ihn entzückt, er fiel ihm um den Hals: "Du bist mein Kalkreuth!" – "Ja," sagte Luth, "dat is AIl recht schön, aewer wi hewwen de Jungs nich wedder. – Friedrich seggt, sei möten noch hir sin, un ick glöw’ dat ok." – "Glöwen Sei dat, Luth? Gut, Luth! un Friedrich glöwt dat ok? Schön, Friedrich! – Ich bin liederlich, Du bist Friederich, Sind wir nicht liederliche Leute? Trinken kühlen, rothen Wein, Schmeißen den Bauern die Fenster ein; Ich bin liederlich Du bist Friederich, Sind wir nicht friederiche Leute?" "Aewer, Herr Rathsherr," fiel Friedrich ein, "wo sünd de Jungs?" – "Jh, Friebrich, lat doch de Jungs! Wi sünd All mal Jungs west. Hir Friedrich, liederlich! Nimm das Glas, begieß Dich nicht, Es leben schöne Kinder! Es lebe auch Fik Besserdich! Du bist ein armer Sünder: Sün-Sün-Sün-Sün-Sün-Sün- Bist ein armer Sünder. "Dat weit ick, Herr Rathsherr; aewer dat mit Fik Besserdichs, dat sünd Spitzen, un dorüm hett mi de Herr Burmeister nich in·de Nacht herümmer schickt." –- Wer weiß, ob sich nun nicht ein unerquicklicher Streit zwischen dem Stammvater des Hauses Hohenzollern und dem Kuhknecht Friedrich entsponnen hätte, wäre nicht ein ebenso überraschender, wie erfreulicher Zwischenfall eingetreten. Sei es nun, daß Karl Rahmacher und ich durch einen gesunden Schlaf der Natur unsere volle Schuld abgetragen hatten, oder daß uns der ritterliche Sang, vielleicht auch die ritterlichen Beine geweckt hatten, genug, wir erwachten und krochen unter dem Tische hervor. Karl schlug sich links gegen Kuno von Kyburg hin, und ich kam zwischen den Beinen meines Onkels Hohenzollern zum Vorschein. Nur einen kurzen Augenblick tauchte mein schwarzer Schornsteinfegerkopf aus Tante Toll’s weißen Linnen hervor, als ich auch schon von der gewichtigen Hand meines Onkels mit den Worten: "Pfui, Philo! Kusch!" wieder unter den Tisch gedrückt wurde. Der lebhafte Geist meines guten Onkels war so weit in die Freuden der Vorzeit spaziert, daß er für die Wirklichkeit kein Auge mehr hatte, und daß er mich für den Pudel des Doctor Weber hielt. Aber Friedrich hatte ein besseres Auge; mit einem Griff unter den Tisch: "Dit is ‘e!" holte er mich hervor, und da Luth den Gärtnerjungen gefaßt hielt, so war der Zweck des Streifzuges erledigt und die Abenteuer dieser Nacht geschlossen, d. h. die fröhlichen, denn daß noch allerlei schmerzliche kommen könnten, vermuthete ich stark. Auch in der Brust meines Leidensgefährten schien sich eine solche Ahnung zu regen, denn als wir zusammen.über den Markt transportirt wurden, fragte er mich: "Fritz, kriggst Du hüt Abend noch Schacht?" – "Hüt Abend woll nich," antwortete ich, "aewer morgen." "Ick krig’ hüt Abend noch wat," sagte er sehr resignirt, "Vatting deiht mi nicks, aewer Mutting!" – Wir hatten uns beide geirrt, die Eltern hatten eine bessere Einsicht in unsere Schuld, als wir selbst; mein Vater mochte sich des alten Spruches: qui dormit, non peccat erinnern; er war freilich sehr verdrießlich, hielt aber nur einen Monolog über die Thorheit, Kinder auf einen Maskenball zu führen, mit welchem er nicht einmal ganz fertig wurde, denn er wurde durch ein Klopfen an die Scheiben darin gestört: "Min Herzenskindting, is hei dor?" – "Ja, Herr Amtshauptmann." – "Sei dauhn em doch nicks? Ne, wat denn?" – "Der dumme Junge kann ja nicht dafür." – "Schön, min Herzenskindting, gute Nacht, Herr Bürgermeister." – Damit war die Sache vorbei. – Karl Nahmacher hatte es noch besser getroffen. – Als wir am andern Morgen zusammenkamen, und ich fragte: "Korl, hest wat kregen?" antwortete er sehr fröhlich: "Koffe heww ‘ck kregen un Mutting freut sick ordentlich, as ick kamm, un säd: "entfamte Jung’, wat hest Du uns för Angst makt!" un dunn smets s’ twei grote Stücken Zucker in den Koffe un säd: da drink!" –-- Mit Recht würde man diese gewissenhaft geschriebene Geschichte meiner Vaterstadt für mangelhaft und unvollständig halten, wenn ich nicht zum Schlusse entweder von der Politik oder von der dramatischen Kunst der damaligen Zeit etwas einfließen ließe. Ich bedaure; daß ich mich allein auf die dramatische Kunst beschränken muß, denn die Politik lag noch schlummernd in den Köpfen der Bewohner und war nur in dem meines Onkels, des Herrn Rektors und des Rademachers Clasen vorzeitig erwacht und mag dort viel Unheil angerichtet und stark rumort haben, ließ aber die übrigen Bürger ungeschoren ihren Geschäften nachgehen und uns Kinder unsern Spielen. Ich erinnere mich gar nicht, das Wort gehört zu haben. – Anders aber war es mit der dramatischen Kunst oder ‘Kemedi’, wie sie schlechtweg genannt. wurde; sie war ein reiches Feld für unser Interesse. Darum also von ihr! – Die erste Bühne, welche ich in meinem Leben gesehen habe, war in dem Thorwege des Schneidermeisters Grambow aufgeschlagen, sie machte am hellen lichten Tage mit ihren bemalten Fetzen einen beängstigenden, spukhaften Eindruck auf mich. – Neugierig versammelten wir uns vor dem bekannten Thorweg, wir hörten drinnen klopfen und hämmern und wußten nicht was, wir sahen durch die Ritzen allerlei Sonderbares und wußten nicht was; wir sprangen zurück, wenn der Thorflügel aufging und ein fremder Mann in auffallender, nachlässiger Kleidung heraustrat, und doch zog es uns wieder nach der geöffneten Thür, um einen vollen Blick auf die Geheimnisse im Thorweg zu werfen. – "Korl, dat is Ein von ehr." – "Dat is woll de Herr?" – "Ne, de Herr is ‘t nich, den heww ick gistern all bi minen Vattern seihn." – Und ein anderer kommt herangesprungen: "Ick heww ‘t seihn! Ick heww ‘t seihn!" – "Wat hest seihn?" – "Sei hewwen drei Sag’bücks henstellt un dor hewwen s’ Bred’s aewerleggt un baben hewwen s’ luter Biller mit Böm un mit Hüser henstellt, un de Bück un de Bred’ hewwen s’ von dick Dohmstreichen." – "Ja, un wahnen dauhn s’ bi Schill=Sommern, un ‘ne Madam hewwen s’ bi sick un en lütten Jungen un Kitte Sommer möt dor ümmer mit spelen; de seggt, hei kann mal snacken, aewer ümmer hochdütsch." – Ach, wie beneidete ich Kitte Sommern um diese Bekanntschaft! Wie gerne wäre ich in den Thorweg geschlüpft, um dort, still in eine Ecke gedrückt, belauschen zu können, was sich dort Geheimnißvolles vorbereitete! Was dort wohl Alles erscheinen würde! Was dort wohl Alles geschehen konnte! Mir war zu Muthe, als wenn Mariek Wienken Gespenstergeschichten erzählte. Und noch später, als Herr Stengel seinen Thespiskarren in unserer eigenen Wohnung auf dem Rathhaussaal aufgeschlagen hatte, als ich schon Schauspiel gesehen hatte, als ich schon wußte, was dort erschien und was dort geschah, und daß es meistens lustig dort herging – wie graute mir, wenn ich des Abends über den Saal in mein Schlafzimmer mußte, und mich die Bühne so todt, leer und dunkel ansah, wie der Leichnam eines Menschen, in welchem noch vor einer Stunde ein fröhliches Leben geschlagen hatte! – Wie harrte ich in meinem Bette auf den festen Tritt meines Vaters, daß er den ‘armen Poeten’ und ‘die Rosen des Herrn von Malesherbes’ und ‘den Schneider Fipps’ von mir scheuchen möge! Die Productionen des brambow’schen Thorwegtheaters sind mir fremd geblieben, mein Vater litt den Besuch desselben durchaus nicht; aber meine Freunde versicherten mich, es sei sehr schön gewesen, sehr schön! Und ich will’s glauben. Auf eine Stavenhäger Seele haben die Darstellungen wenigstens einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Die Inhaberin verließ Vater und Mutter und folgte der Kunst. Cläre Saalfeld, die Tochter des alten Schusters Saalfeld, ging unter die Schauspieler. Sie ist meines Wissens das einzige Stavenhäger Kind, welches die dramatische Kunst praktisch ausgeübt hat, und nicht allein deswegen, sondern vorzüglich wegen einer Scene, in welcher die göttliche Kunst die nüchterne Wirklichkeit siegreich überwand, verdient ihr Name aufbewahrt zu werden.- Cläre war also – wie man sich damals unhöflich ausdrückte – weggelaufen. – Der alte Schuster Saalfeld donnerte ihr die väterlichsten Flüche nach. – Cläre wurde trotzdem erste Liebhaberin in der ganzen Bande; dunkele Gerüchte von ungeheuren Erfolgen der Liebhaberin gelangten nach Stavenhagen und auch zu den Ohren des Vaters. – Gute Freunde, die es damals noch mehr gab, als jetzt, und die damals noch nicht aufhetzten, wo sie beruhigen sollten, versöhnten den alten Schuster allmählich mit dem Gedanken, eine erste Liebhaberin zur Tochter zu haben. Er wurde milder gegen sie gestimmt, und Cläre wagte den ungeheuer kühnen Schritt, nach anderthalb Jahren in ihrer eigenen Vaterstadt in demselben Grambow’schen Thorwege, in welchem sie zuerst den berauschenden Becher der Kunst geleert hatte, trotz aller Störungen, welche die Illusion nothwendig erleiden mußte, als erste Liebhaberin aufzutreten. Die Kühnheit war groß, der Erfolg größer. – Die guten Freunde des alten Saalfeld hatten ihn in Erwartung der Dinge schon acht Tage vor dem Auftreten der Tochter bearbeitet, er solle Gnade für Recht ergehen lassen und die Liebhaberin als Tochter anerkennen – vergebens! Endlich erreichen sie das Aeußerste, wozu er sich verstehen will: er will in’s Theater gehen und seine Tochter selbst spielen sehen. – Es geschieht; der Vorhang geht auf; Cläre spielt wie ein leibhafter Engel, sie weiß, Aller Augen und auch ihres Vaters Augen sehen auf sie. – "Cläre Saalfeld ‘raus!" – Der alte Meister Saalfeld trocknet sich die Augen. – So geht es fast bis zum Schlusse. Da benutzt Cläre eine Stelle ihrer Rolle zum großartigsten Effect; sie knieet nieder und ruft: "Vater, vergieb mir!" – Meister Saalfeld hält’s nicht länger aus; er steht auf: "Min Döchting, wat heww ick Di tau vergewen; ick erlew’ jo nicks as Ihr un Freud’ an Di." – Mit dieser Scene beschloß Cläre ihre dramatische Laufbahn, sie trat ins bürgerliche Leben zurück und heirathete einen geistesverwandten Thorschreiber. Sie blieb bis an ihr Ende die erste Autorität Stavenhagens in dramatischen Dingen. Der Name von Clärens Truppe ist mir entfallen, vielleicht habe ich ihn auch nie gewußt, ich habe sie wahrscheinlich bloß ‘de Kemedimakers’ genannt, weil sie für mich als die Repräsentantin der ganzen Kunst galt. Dies dauerte natürlich nur so lange, bis eine zweite Gesellschaft erschien, wo denn schon Unterschiede gemacht werden mußten. Diese zweite Gesellschaft kam denn auch, und wenn der eigentliche Stamm der Truppe auch nur aus zwei Personen, aus Mann und Frau, bestand, so waren diese beiden an ihrer Stelle vielleicht mehr werth, als ein ganzes Heer gewöhnlicher Acteurs und Actricen, denn sie verstanden es, sich für jedes Stück aus ihrer Umgebung neu zu rekrutiren, Jünglinge und Jungfrauen und Kinder für ihren Zweck abzurichten, das Widerstreben der Eltern zu besiegen und die künstlerische Eitelkeit nicht allein in der Brust der Schauspieler, sondern auch in der ihrer Angehörigen zu wecken, weshalb sie denn auch stets auf ein sicheres, höchst befriedigt applaudirendes Publikum rechnen konnten. Es waren die Anfänge einer wirklichen Kunstschule, die der gute, oben erwähnte Ritter Kuno von Kyburg mit seiner Gattin in Stavenhagen zu spinnen begann, und Gott weiß, was sich Alles da herausgesponnen hätte, was für Berühmtheiten aus dieser Anstalt hervorgegangen wären, wäre Großherzogliche Kammer nicht auf den unglücklichen Gedanken gekommen, den von Kyburg zum Postmeister in Stavenhagen zu machen. Das war Schade! Der Sinn für die Kunst war schon tief in die Seelen der Bewohner gedrungen, die Fühlfäden und Tastorgane der Kritik wuchsen den Meisten schon zum Kopf heraus, und Keiner durfte Ansprüche auf Bildung erheben, der nicht wenigstens ein Mitglied seiner Familie als Contingent unter das Commando der von Kyburg gestellt hatte. "Vadder, geihst hüt Abend wedder hen nah Allmannen sinen Saal?" – Denn die Kyburger spielten nicht etwa in Thorwegen. – "Jawoll, Vadder, wat wull ick nich! Wat min Korl is, de is ‘e hüt jo ok wedder mit mang, as en Offzirer. Dürten hett em en schörlaken Flicken up minen blagen Kledrock neiht, un nu süllst den Bengel mal seihn." – "Na, Vadder, morgen kümmt min Mariek an de Reih, sei ward woll en Stück von ‘ne Gräwin vörstellen. Lihren deiht s’ sicks nu all aewer acht Dag’, denn sur ward ‘t ehr. Gistern was Sei sülben dor un hett ehr Bein un Arm inrenkt, un hett ehr vörmakt, woans sei sick verstellen möt. Ick heww ehr aewerst ok dorför en Schepel Tüftens henkarren laten." – "Na, min Ollsch hett ehr vörgistern en Hümpel Suppenkrut henschickt. De Lüd’ stahn sick eigentlich recht gaud bi ehr Geschäft." – "Je, Vadder, dat seggst Du, aewer sei seggen jo, hei will den Postmeisterposten aewernemen." "Wenn hei ‘n Narr wir! Bi den Postmeisterposten kann hei ganz bi lütten verhungern, aewer dit Geschäft verlett nich; Slachter Kräuger hett em vör acht Dag’ noch ‘ne Hamelkül schickt." – Aber mein alter, langjähriger, jetzt verstorbener Freund war ein Narr, er nahm die Postmeisterstelle und hungerte bei ihr lieber auf’s Gewisse, als daß er auf’s ungewisse hin sich ferner den Lieferungen des Kunstenthusiasmus meiner Vaterstadt anvertraute. Seine postalischen Verdienste sind später durch eine kleine Zulage und die Beilage des Postcommissariusritels von hoher Großherzoglicher Kammer gründlich gewürdigt worden. Er und seine Gattin liebten diesen Titel, ich haßte ihn, denn er hat mir eine arge Beschämung eingetragen. – Ich wurde nämlich einmal von meinem Vater in irgend einer Angelegenheit zu ihm geschickt und fragte seine Frau: "Ist der Herr Postmeister nicht zu Hause?" Da ward mir aus hohen Wolken herab die Antwort: "Mein Kind, der ‘Herr Postmeister’ ist nicht zu Hause, aber der ‘Herr Postcommissarius’ sind zu Hause." Ich habe die gute Dame später nie anders als ‘Frau Postcommissariussin’ genannt. Die beiden alten, guten Leute sind todt, sie waren ein harmlos gemüthliches Paar, sie emphatisch, er phlegmatisch, und beide bis in ihre alten Tage dramatisch, denn oft bin ich Zeuge gewesen, wie der alte Schelm ein unschuldiges Lustspiel improvisirte, in welchem sie wider Willen mitspielen mußte. – Die Kunstschule ging unter, der Geschmack vergröberte sich zu Kunstreitern und Seiltänzern herab, bis – Stengel kam. Der Tanzmeister Stengel hob die Kunst wieder und setzte Soccus und Kothurn in ihre alten Rechte wieder ein. Die Bühne war schon aus dem Thorwege auf den Allmann’schen Saal gewandert, sie sollte höher steigen, Stengel brachte sie auf den Rathhaussaal; mein alter Freund war zwei Mann hoch aufgetreten, wobei ich seine Frau für einen vollen Mann rechne, Stengel trat schon vier Mann hoch auf, wobei ich seine Frau für zwei Mann rechne, denn sie mußte in jeder Vorstellung in zwei Rollen auftreten, einmal im Weiberkleide und einmal im Beinkleide. In letzterem spielte sie immer junge Herren, die fast immer mit einer Reitpeitsche auftraten – die arme Frau! Es war dieselbe Reitpeitsche, die Stengel gegen sie mißbrauchte. Ihre Schwester, die kurzweg Schwägerin genannte Dame, spielte die Liebhaberin, und wenn eine Kußscene vorkam, so wurde sie von den beiden Liebesleuten bis zu den äußersten Consequenzen zum Besten der Illusion durchgeführt, ohne daß das Publikum ein Ärgerniß daran nehmen konnte, weil die verwandtschaftliche, sowie die geschlechtlichen Verhältnisse bekannt waren. Stengel selbst spielte alles Mögliche, am besten gelangen ihm die brutalen Charaktere, die in die Kategorie der polternden Alten einschlagen; die Natur schien ihn für dergleichen Rollen eigens geschaffen zu haben. – Das Repertoir war sehr reichhaltig; es umfaßte das Rührspiel, das Lustspiel, die Operette und das Ballet. Das Letzte war gleichsam eine Art Empfehlungskarte, welche Stengel zum Schlusse jeder Vorstellung dem Publikum überreichte, um neue Tanzschüler zu gewinnen und um seine Beine doch einmal in ihrer gewerblichen Arbeit zu zeigen. Er schlug bei diesen Gelegenheiten mit seinen plumpen Füßen sogenannte Entrechats, die im richtigsten Verhältniß zu der Schwere des dabei aufgewandten Materials auf die hohlen Bretter niederknallten – Die Operette war der schwächste Theil der Darstellungen; bei Stengel hatte sich alle Kunst unterwärts nach den Beinen zu concentrirt, die obere Partie, Kopf, Hals und Stimmorgane waren leer ausgegangen; er sang, aber die Leute sagten: "dat is ok dornah!" – Frau Stengel sang gar nicht, und so sollte es denn die Schwägerin allein thun, und zu einem so umfassenden Geschäfte reichte ihre kleine, feine Stimme nicht aus. Dazu kam noch, daß der alte Dr. Sparmann, der in Berlin Opern gehört haben wollte, den Ausspruch gethan haben sollte, sie singe einen halben Ton zu hoch, was sich die Stavenhäger durchaus nicht gefallen lassen wollten und füglich auch nicht konnten; und so kam es denn, daß, im Gegensatz zu der heutigen Zeit, die Opernvorstellungen nicht besucht wurden, und daß das Theater leer war, wenn es hies: "Hüt Abend singen s’ wedder." – Die Oper mußte aus finanziellen Gründen eingestellt werden. Das Lustspiel und vor Allem das Rührspiel behaupteten sich, und ich war ihr dankbarstes Publikum. Nach langem, unter der Beihülfe von Onkel Herse und anderen Personen, welche die bildenden Eigenschaften des Theaters kannten, fortgesetzten Bemühen von Seiten Tante Christianens gab mein Vater die ihm abgedrungene Einwilligung zum Besuche des Theaters. Mein Vater hatte Unrecht, als er nachgab, und Recht, als er sich weigerte. Es giebt gar kein untrüglicheres Mittel, um unwahre Vorstellungen in der Seele eines Kindes zu erzeugen, als ein schlechtes Theater. Das Kind lacht über die faden Harlekinaden, über die man als eine Entwürdigung der menschlichen Natur weinen sollte, und es weint bei dem abgeschmackten Rührbrei, über den man als vollständigen Gegensatz gegen die Wirklichkeit lachen sollte, wie über eine Travestie. Die dick aufgetragenen Farben der Darsteller fallen viel zu grell in das ungeübte Kinderauge und stumpfen den Sinn für Beobachtung und richtige Auffassung der milderen Farbentöne ab, wie sie die Wirklichkeit bietet; bei diesen stark gepfefferten Gerichten geht der Geschmack für geistige Genüsse ebenso sicher unter, wie der physische durch Mixpickles; die gewöhnlichen Pfannkuchen des Lebens wollen dann nicht mehr schmecken. Aber der größte Verlust bei dieser dramatischen Sudelkocherei ist der Untergang des Sinnes für die Reinlichkeit; es ist ganz gleich, in welchem schmutzigen Geschirre das Gericht aufgetischt wird, wenn seine Schärfe nur die Thränen in die Augen treibt, sei es die einer falschen Sentimentalität, oder die des erstickenden Gelächters. Sinnige Kinder versenken sich in diese falschen Vorstellungen und träumen sich zum Schaden ihres Gemüthes in eine unruhige Welt hinein; lebhafte Kinder machen’s den schlechten Schauspielern nach, und ihr Charakter kann zeitlebens einen Beigeschmack davon behalten, denn in der Kindheit ist der Assimilationsproceß ein sehr energischer, und die äußeren Eindrücke gehen rasch zu Fleisch und Blut. Schon in Folge der fast gewaltsamen Eindrücke, die der erste Theaterbesuch auf das Kind macht, sollten Eltern und Erzieher aufmerksam werden und sich wohl überlegen, in welchem Alter eine solche Erschütterung ihres Pfleglings gewagt werden kann, sie sollten mit Sorgfalt das Stück und mit noch größerer die Darstellung auswählen. Es ist das eine höchst ernste, ich möchte fast sagen, heilige Sache, und es ist wahrlich nicht gleichgültig, ob man in die künstlerische Auffassung des Menschenlebens an der Hand Kotzebuescher Frivolität oder an der Schillerscher Idealität geführt wird. Der erste Eindruck haftet wunderbar fest; ich habe dies an mir selbst erfahren. Es sind jetzt über vierzig Jahre her, als ich den ‘armen Poeten’ als erste Darstellung gesehen habe, und als dies Stück vor zwei Jahren hier gegeben wurde, stand mir noch Alles so deutlich vor der Seele, daß ich im Nothfalle hätte souffliren können. Aber was machte dies – im Ganzen so unschuldige – Stück für einen Eindruck auf mich! – Ich habe geweint, als wenn mir Vater und Mutter gestorben wäre; Tante Christiane weinte neben mir, Onkel Herse hinter mir, und ab und an quoll durch seine Rührung der Ausruf durch: "En olles daemliches Stück!" Und als Stengel, als armer Poet, den Verlust der Gattin auf offnem Meere erzählte und die Arme ausstreckte und der Verlorenen ein letztes Lebewohl nachrief, da weinte ganz Stavenhagen, lster und 2ter Platz (Kinder bezahlen die Hälfte), und bei mir wurde die Rührung so bedenklich, daß Tante Christiane sich in ihrer eigenen unterbrach und mir einen Rippenstoß versetzte: "Jung’, lat doch dat Hulen sin, Du rohrst jo as en Roggenwulf!" – Aber wie spielte Stengel heut Abend auch schön! Wie hungerte und wimmerte er in seiner armen Poeteneigenschaft auf den Brettern umher! Da habe ich den ersten richtigen Begriff von den Nöthen und Kümmernissen eines Poeten eingesogen und bin dadurch von der dichterischen Laufbahn so abgeschreckt worden, daß ich erst dann ihren dornenvollen Pfad zu betreten mich entschloß, als ich alles Mögliche versucht hatte: Klutentreten und Dungfahren, Schulmeisteriren und Kinderschlagen und zuletzt gar noch städtische Angelegenheiten. Als Beschwichtigungsmittel und Dämpfer setzte Stengel der allgemein eingerissenen Rührung am heutigen Abende ‘das Landhaus an der Heerstraße’ auf. – Hätte er wohl etwas Schöneres wählen können? – Für mich gewiß nicht. Was habe ich über die gestörte Gemüthlichkeit der Alten gelacht! Und wie machte Stengel das köstlich! Wie natürlich schimpfte er sich mit der Waschfrau herum! – Seine angeborene Grobheit, die er durch Übung in den Tanzstunden mehr ausgebildet hatte, kam ihm hier trefflich, zu Statten, und er überließ sich ihrem Zuge um so mehr, als er improvisiren mußte, weil er stets schlecht memorirte. Das Publikum lachte wie toll, und der 2te Platz, der zur Strafe für das nicht vollständig gezahlte Entree stehen mußte, benutzte seine Stellung, um durch Trampeln mit den Beinen seine Freude auszudrücken, und zwar so, daß unten auf dem Flure der Kalk vom Boben fiel und Luth hinauf kam, um Ruhe zu gebieten. Aber Luth! – ach, was war Luth in diesem Augenblicke? – Frau Stengel trat grade als Tambour verkleidet auf – der Stavenhäger Bürger sagte damals, wenn er gebildet hochdeutsch sich ausdrücken wollte, ‘Tambauer’ – und sie oder er, wie man will, – trommelte gerade dem polternden Alten die Ohren voll; das war der Höhepunkt der Komik. – Und Luth! – Was wollte Luth? – Auch der tüchtigste Polizeidiener ist nicht im Stande, die Ausbrüche der Heiterkeit einer Stadt zu arretiren, – Luth lachte und trampelte mit. Das war ein prächtiger Abend! Er hat lange in meinen Kopfe herumgespukt, und um dies besser zu können, warf er vor Allem erst die Aufmerksamkeit in den Schulstunden aus demselben, und darauf folgte das bischen Wissen nach. Die Eltern schoben diese Zerstreuung und den Mangel an Behaltungskraft – wie Küster Suhr sich ausdrücken würde – auf die gleichzeitigen Tanzstunden; aber die thaten’s nicht, der Tanz hat mich, wie schon oben gesagt, nie begeistert und ist mir auf seinem eigenen Felde, auf dem Tanzboden, nur verwirrend und hemmend entgegengetreten. Es liegt nun sehr nahe, zu vermuthen, daß in meiner Vaterstadt aus der von Kyburg’schen Kunstschule und aus der Begeisterung für die Stengel’schen Leistungen wenigstens ein Liebhaber=Theater hervorgegangen sei, zumal da das allernothwenbigste Requisit, eine vollendete erste Liebhaberin, in Cläre Saalfeld’s Person in unsern Mauern weilte; aber leider muß ich diese Vermuthung abweisen, es geschah nicht; wahrscheinlich, weil die Zeiten nach dem Kriege zu ernst waren.und der Erwerb zu schwach, um die Kosten einer stehenden Bühne zu bestreiten. Aber auch in späteren Zeiten, als die vorstehenden Gründe hinfällig geworden waren, hat sich nie ein Liebhaber=Theater=Geschäft in Stavenhagen etabliren wollen, und das hat mich schon zuweilen in große Unruhe versetzt, ob Stavenhagen auch wirklich mit der Zeit fortschritte, und ob der Kunstsinn der Bewohner, der in meiner Jugend so lebhaft hervortrat, ganz in dem blühenden Produkten=Handel und in dem lebhaften Leinweber=Geschäft der ‘Gatz’ untergegangen sei. Selbst wir Kinder spielten trotz des großen Eindrucks, den das Theater auf uns machen mußte, keine Komödie, keine armen Poeten und Landhäuser an der Heershaße; das große Drama, welches kurz vorher in Deutschland gespielt worden war und auch unser Städtchen mit auf den Schauplatz gezogen hatte, klang durch unsere kindlichen Spiele durch; wir spielten: Napoleon auf der Insel Elba und die Schlacht bei Leipzig, in welcher indessen nur Russen und Franzosen auftraten. Wir waren nur echte Deutsche, wenn wir in unserer nationalen Bescheidenheit der eigenen Kämpfer nicht gedachten und in lebhafter Dankbarkeit für fremde Hülfe lieber Russen als Deutsche spielen wollten. Das Spiel war übrigens sehr einfach; aus den Stärksten, Gewandtesten und Aufgewecktesten wurden dieRussen rekrutirt, unter die Franzosen wurden die Dümmsten, die Schwächsten und Mißliebigsten gesteckt, und zum Schluß prügelte dann unser russisch=deutscher Patriotismus den verhaßten Landesfeind gründlich durch, weshalb denn auch das Spiel bald eingestellt werden mußte, weil die einmal Durchgeprügelten zum zweiten Male nicht wieder mitspielen wollten, sich mithin der Landesfeind für gänzlich besiegt erklären mußte. – Kurz! Unserm Patriotismus ging das passive Marterial aus. Bis hierher habe ich Stavenhagen gleichsam als Individuum geschildert, zum Schlusse muß ich noch seine Bedeutung für das große Ganze des mecklenburgischen Vaterlandes hervorheben. Außer den vorgeschriebenen landesüblichen Contributionen, die meines Wissen; stets richtig eingezahlt worden sind, hat Stavenhagen Das mecklenburgische Vaterland mit dreien Dingen von großer, socialer Bedeutung beschenkt: 1) mit einem Gesundbrunnen, 2) mit dem Kliefoth’schen Kuhhorn und 3) mit dem ersten im Lande gebrauten bairischen Biere. Die Bedeutung des letzteren für die gesellschaftlichen und geselligen Zustände der Welt braucht nicht erst nachgewiesen zu werden, das Kliefoth’sche Kuhhorn kann Jeder, der Gefallen daran findet, auf allen Straßen des Landes erschallen hören; aber den Stavenhäger Gesundbrunnen wird Keiner so leicht entdecken, obgleich er eimal wirklich entdeckt worden ist. Die Sache war diese. – Ein jüdischer Lehrer, Namens Katz, hatte eines Tages das Unglück, in der Stavenhager Pferdekoppel in einen Graben zu fallen. Als er das Wasser in seinen Stiefeln verspürte, war er so vernünftig, aus dem Graben zu steigen, nach Hause zu gehen, sich trockne Strümpfe und Beinkleider anzuziehen und die nassen Kleidungsstücke zum Trocknen an den Ofen zu hängen – Wie erstaunte er aber, als er am andern Morgen sein Beinkleid mit einer Kruste rotbraunen Schmutzes überzogen fand. Schmutz hatte er allerdings vermuthet, aber nicht diesen, diesen rostbraunen. Er untersucht ihn genauer und findet, daß er abscheulich stinkt. – Katz war nicht der Mann, der sich bei einer solchen Wahrnehmung beruhigt, er geht an den Graben zurück, in welchen er gefallen war, vergleicht seinen Schmutz mit dem Inhalt des Grabens und findet ihn natürlich identisch. Er sieht das Wasser mit einem rostbraunen Schlamm überzogen, er vermuthet, es könne abscheulich stinken, er riecht daran, es stinkt wirklich. Er vermuthet, es könne abscheulich schmecken; er probirt es – wahrhaftig, es schmeckt abscheulich. Er nimmt sich von dem Wasser mit, geht nach Hause und läßt seinen Wirth, den Gastwirth Deffge, das Wasser kosten. Der speiet es aus und ruft: "Pfui, Deuwel! Grad’ as ful’ Eier! Grad’ so, as dat Water hir hinnen in minen ollen Sot!" – Der Vergleich wird gemacht – die beiden Wässer sind ganz gleich abscheulich in Geschmack und Geruch. – Katz geht mit seinem Funde zum Chemiker Doctor Grischow; derselbe untersucht das Wasser und findet einen ziemlichen Schwefeleisengehalt. – Die Entdeckung war gemacht, und der unbedeutende, jüdische Schullehrer Katz war der Wohlthäter Stavenhagens, Mecklenburgs und der übrigen Welt. – Es war damals eine wahre Manie für Gesundbrunnen in Mecklenburg ausgebrochen; Güstrow hatte einen, Parchim hatte einen, Goldberg hatte einen, in Lübz wurde nach einem schon gegraben und Crivitz hoffte auf einen, und wir Stavenhäger hatten nun auch schon einen! Wie ein Laufeuer ging diese Nachricht durch die Stadt. – Große Aufregung. – "Vadder, hest all hürt? Deffgen sin oll Sot is en Gesundbrunnen." – "Herr Je, wat ward hei denn för en riken Mann warden!" – "Kumm, willen ok mal hengahn!" – Und die Stavenhäger gingen zu Deffge, tranken von seinem Wasser und setzten einige Kümmel darauf, um den abscheulichen Geschmack zu vertreiben. – Deffge’s Reichthum fing schon an. – Alles hatte Vertrauen zu dem Wasser, denn es schmeckte gar zu abscheulich; es wurde getrunken, und es wurde darin gebadet. – Der alte Rathsherr Susemihl, Der von Jugend auf einen steifen Finger hatte, rief seinen Sohn: "Zacharias, lop mal ‘raewer nah Deffgen un hal’s mi mal en Pott vull von sin Gesundbrunnenwater." – "Ih, Vatting, wat hest Du?" sagte seine Frau. – "Lat mi doch, ick kann ‘t jo ok mal probiren," sagte er und hielt seinen Finger eine ganze Stunde lang in den Topf mit Gesundheitswasser. – Der alte stocktaube Steuereinnehmer Groth ließ sich alle Morgen sieben Tropfen von dem Wasser in seine Ohrlöcher tröpfeln, und die Mutter des Maurermeisters Wüllert mußte alle Morgen aus dem Graben in der Pferdekoppel einen Eimer Wasser holen, um dadurch dem vor langen Jahren gebrochenen und schief angeheilten Beine des Vaters die grade Richtung wiederzugeben. – Von allen Seiten strömten allerlei Kranke und Gichtbrüchige nach Stavenhagen, und als der erste geheilte Kranke, der Hofrath Kanzler aus Güstrow, seine Krücken über seine Badewanne aufgehängt hatte, war es gar keine Frage mehr: Deffge mußte ein reicher Mann werden. – Aber Deffge wurde kein reicher Mann, ein Umstand störte die glänzende Aussicht. Der Mann gab sich unglücklicherweise dazu her, als Empfehlung für Fremde und Eingeborene von seinem eigenen Gesundheitswasser zu trinken, und da er des schlechten Nachgeschmacks wegen stets ein paar Kümmel darauf setzen mußte, so überwog endlich der Schaden den Nutzen, er starb an seinem Gesundbrunnen. – Nun hätte die Witwe das Gesundheitsgeschäft noch fortsetzen können; aber es hatte sich herausgestellt, daß die Goldberger Quelle 0,005 Procent stärker sei, und das brach Stavenhagen den Hals. Dieses 5/1000 Procentchen hat die Stavenhäger Hoffnungen vernichtet; die Gichtbrüchigen kamen nicht mehr, und wenn jetzt ein Fremder nach dem Gesundbrunnen fragt, dann schüttelt das nachgeborne Geschlecht den Kopf, als hätte er nach californischen Goldgruben gefragt. Hofrath Kanzler aus Güstrow ließ meiner Vaterstadt seine Krücken und nahm dafür das Kliefoth’sche Kuhhorn mit in seine Heimath. Er hat einen guten Tausch gemacht. Von Güstrow aus verbreitete sich später das Kuhhorn, oder besser Alphorn, über ganz Mecklenburg. Alle Kuhhirten des Landes, mit Ausnahme des alten Kliefoth, klappten früher mit langen Peitschen ihre Kühe zusammen; und das hatte viel Unangenehmes für die Ohren; nicht allein für das Trommelfell, sondern auch zuweilen für die äußeren Ohren. Ich habe das einmal mit angesehen. – Der Friedländer Kuhhirte klappte grade in seinem Berufe an der Bäcker Heinrich’schen Ecke, als ein Fremder, der die Tragweite der mecklenburgischen Kuhhirtenpeitsche noch nicht kennen mußte, unvorsichtig um die Ecke kam und den vollen Schwung der getheerten Peitschenschnur um beide Ohren empfing. Der Mann war wüthend über den empfangenen Schlag; aber der Kuhhirte auch über dte Störung in seinem Amte, denn die Peitsche hatte den Knall versagt; der Mann wollte auffahren, der Kuhhirte kam ihm aber zuvor und rief ihm wüthend zu: "Entfamte Kirl, wat löppt Hei mi in minen Klapp!" – Da kam das Kliefoth’sche Kuhhorn und löste alle diese Dissonanzen in liebliche Melodien auf;·eine wahre Idylle ist mit Kliefoth über Mecklenburg gekommen. Kliefoth war oberster Hirte der fußschleppenden Rinder in meiner Vaterstadt, er sorgte für die auserwählte Heerde, während Hamann sich mit allerlei ungefügigen Starken, Stieren und Kälbern abquälen mußte. Kliefoth’s Heerde war so zahm und gut geschult, daß er zuletzt Langeweile dabei empfinden mußte; diese Langeweile mußte ausgefüllt werden, denn er war ein denkender Kopf: er erfand also in seinen Mußestunden ein Blas’instrument, von welchem er damals gewiß nicht ahnen konnte, daß es mit seinen Tönen das Land erfüllen würde. Das Instrument war eigentlich schon lange vor ihm erfunden. Viele hatten schon vor ihm darauf geblasen – hatte er davon gehört? Ich weiß es nicht. So viel aber weiß ich: für Mecklenburg hat er es erfunden. Er schund einen jungen, grünen Baum, nahm seine Rinde, dichtete sie mit gewöhnlichem Schusterpech und sogenannten ‘Fitzelbändern’, setzte dem Ganzen ein Mundstück an, wie an einer Trompete, und fertig war eine Art Alphorn, mit welchem die Hirten der Schweiz Grüße schicken an die geliebten Sennerinnen, sie zum ‘Fensterln’ einzuladen, und sich einander wach rufen: "Habt Acht! Habt Acht! Das Raubthier fällt in unsere Heerde!" – Kaum war das Instrument fertig, als auch Kliefoth es mit außerordentlicher Virtuosität zu spielen begann, denn er hatte viel musikalisches Talent, namentlich für Blas’instrumente; seine Hirtenjungen spitzten die Mäuler und pfiffen dazu. – Was war es mir für ein Festtag, wenn mein Vater seine täglichen Spaziergänge bis an den schönen Eichenwald ausdehnte, wo Kliefoth seine Rinder weidete. Da war Alles so friedlich und so still, das wohlgenährte Vieh stöhnte ordentlich vor innerem Wohlbehagen und wiederkäuete das genossene Futter. Der alte Bursche, der mecklenburgische Jubal, saß patriarchalisch in seiner Mitte auf grünem Rasen, in seinem Schoße lagen Holzäpfel, denn Kliefoth lebte als Eremit, er verachtete die Güter dieser Welt, aber an seiner Seite stand ein wohl zugedeckter Henckeltopf. – "Kliefoth, blas’ Er uns einmal was," sagte dann mein Vater, der sonst nicht sehr für Musik war; und dann setzte der alte treue Hirte sein Trompeten=Mundstück an und es erscholl laut wie Posaunenton: ‘Erwachet! Erwachet!’ und das Vieh erhob sich aus dem fetten Grase, und dann erscholl es wie süßer Waldhornruf: ‘Kommt zu mir! Kommt zu mir!’ und die sanften Kühe umstanden ihn mit ihren frommen, dummblickenden Augen, und in Jubeltönen ließ er dann sein Triumphlied ertönen: ‘Seht, so habe ich sie mir erzogen!’ Und die Hirtenjungen pfiffen dazu mit den gespitzten Mäulern und schielten verlangend auf den wohl zugedeckten Henkeltopf. Es war eine schöne Idylle; aber man soll den Tag nicht loben, ehe Abend ist, und wenn eine bis’t, bissen sie alle. Auch das habe ich gesehen und erlebt; der Bis’wurm ging durch die Reihen der Heerde, und eineKuh erhob den Schwanz und drehte ihn wie einen Korkzieher in die Höhe, und fort ging sie in Rusch und Busch, und fort gingen sie alle nach allen Windstricken; der alte Patriarch tutete und blies – vergebens! "Herr Burmeister, nu möten wi de Polizeideiners un de Panners upkrigen, min Tuten nützt nicks mihr!" sagte er und warf sein Horn zur Erde: Aber das war ein vereinzelter Fall, der voraussichtlich so leicht nicht wieder vorkommen kann, und das Instrument war nicht daran Schuld, sondern der Bis’wurm. Dieser Fall verhinderte die allgemeine Einführung des Kuhhorns auch keineswegs, und Kliefoth wurde vom Stavenhäger Magistrat ordentlich aufgepumpt, um den Hirten anderer Städte seine Melodien vorzuspielen. Pythagoras, als er seinen berühmten Lehrsatz gefunden hatte; opferte im Gefühl der dankbaren Freude dem Jupiter 100 Ochsen, und Kant, wenn er diese Geschichte erzählte, pflegte hinzuzusetzen: "Und deshalb, meine Herren, zittern alle Ochsen, wenn eine neue Wahrheit gefunden wird." – Die Wahrheit läßt sie noch heute erzittern, aber das Kuhhorn beruhigt sie wieder und versammelt sie um sich, wenn sein melodischer Ton auf allen Gassen zur fetten Weide ruft. – Aber gut muß es gespielt werden, und das Intstrument muß aus weichem Material, Ellernrinde Schusterpech und Fitzelbändern zusammengesetzt sein. – Kliefoths Nachfolger und musikalische Eleven haben diesen Umstand unberücksichtigt gelassen; zu faul, um ihre Kuhhörner selbst zuzurichten, lassen sie sich von Klempnern auf Gemeindekosten blecherne Hörner machen und blasen und tuten darauf. – Freilich, Blech oder Pech, es ist ganz egal, und die äußere Form ist auch beibehalten; aber die in Pech eingewickelte Urerfindung klang so sanft, so friedlich,. und an diesem Pech kleben meine Jugenderinnerungen. Das Blech tönt mir zu hart und schneidend in die Ohren, und ich glaube bemerkt zu haben, daß selbst die frommblickenden, fußschleppenden Rinder bei seinen scharfen Trompetentönen scheu werden und nicht mehr so folgsam sind wie früher. Patente auf Erfindungen werden in Mecklenburg nicht ausgegeben, "dat litt jo,. dat litt jo de Ridderschaft nich!" Die luftdichten Ofenthüren des Töpfertmeisters in Strelitz und die Albansche Säemaschine haben ihren Lauf durch die ganze Welt bis in Amerikas Urwälder gemacht; die beiden Erfinder haben keinen Segen davon gehabt, ihre Erfindungen sind der Welt, nicht ihnen zum Nutzen geworden. Ebenso ging’s dem alten Kliefoth, arm war er, arm blieb er; arm starb er. Er konnte nicht einmal für seine nächsten Angehörigen genügend Sorge tragen. Für Brüder und Schwester brauchte er freilich nicht zu sorgen, denn die hatte er nicht; aber sein Sohn, der so schön pfiff, und eine unglückliche Tochter fielen nach seinem Tode der städtischen Armenkasse zur Last. Zu dem Kliefoth’schen Alphorn gesellte sich nun etwas später die dritte Segnung, die von Stavenhagen über Mecklenburg kam, das bairische Bier. – Merkwürdig, daß es zwei der kleinsten Landstädtchen waren, die sich das erste Verdienst um die zweckmäßige und gesunde Löschung des Durstes im Vaterland erwarben; merkwürdig, daß es gerade zwei Bürgermeister sein mußten, welche fast gleichzeitig die sittliche und national=ökonomische Bedeutung dieser Aufgabe zuerst erkennen mußten; man hätte vom Mittelalter her weit leichter auf ein paar geistliche Herren schließen können. Aber nein! Bürgermeister Schlüter pflanzte Weinberge in Crivitz an, und mein Vater braute in Stavenhagen das erste bairische Bier. Man hat mich versichert, daß das gekelterte Produkt der Crivitzer Berge den Durst ausgezeichnet löschen soll, vorzüglich wenn man es in der Gestalt von Weinessig, mit Wasser vermischt trinkt, man müsse aber dann von der kräftigsten Gesundheit seines Magens überzeugt sein; ich selbst habe keine Erfahrung darin und mag in meinen alten Tagen meine Verdauungswerkzeuge nicht mehr auf eine so harte Probe stellen. Von den Eigenschaften des ‘Stemhäger Burmeister=Biers’ habe ich mich mit ‘vielen Anderen’ seiner Zeit hinlänglich überzeugt, und ich bin gewiß, daß ‘viele Andere’ mit mir ein sehr günstiges Urtheil über dasselbe fällen werden. So waren sie denn eingezogen in mein theures Vaterland, diese beiden Genien der Menschheit, Der Herr vom Rhein im gold’nen Kleid, Der Bier in braunen Jacken; der Herr vom Rhein an der Hand des Crivitzer, der Bier an der Hand des ‘Stemhäger’ Bürgermeisters. Der Schützling des Crivitzers konnte das hiesige Klima nicht recht vertragen, er schnitt dazu allerlei sauregesichter, und kriegte endlich den Schnupfen, aus welchem sich zuletzt ein vollständiger Stockschnupfen ausbildete, so daß ihm von allen Seiten wohlmeinend gerathen wurde, in seine wärmere Heimath zurückzukehren und sich lieber von dort aus mit Meckleinburg im Verkehr zu erhalten. Das Bier aber blieb und gedieh; allenthalben im Lande sieht man seine ‘braunen Jacken’ und freut sich darüber, wie von ihnen, wo sie sich nur zeigen mögen, die mit blauem Zwirn genähete Bettler=Garderobe des Fuselschnapses aus der Thür geworfen wird. Das ist der Gewinn, welchen das Land meinem Vater verdankt, und wenn auch von gewissen Seiten her noch so viel über Bierkneipen und Bierwitze und Bierbänke und Bierbässe gepredigt und gespöttelt wird, ein segensreicher Fortschritt für das materielle Wohl des Landes bleibt die Einführung des bairischen Biers immer, und für den, der den ersten Anstoß dazu gab, bleibt’s ein Verdienst. Ja, wenn auch nur der tausendste Theil des Ausspruches ‘der Mensch ist, was er ißt’ – ich setze hinzu ‘und trinkt’ – wahr sein sollte, so erstreckt sich dies Verdienst auch auf die Beförderung des geistigen und sittlichen Fortschrittes, und will man mir die unmittelbare Einwirkung abstreiten, so muß man mir doch die mittelbare zugeben. Ich rede hier von meinem Vater und zwar nicht als sein Kind, denn sonst müßte ich wärmer von ihm reden und müßte es nicht an diesem Orte, am Schlusse einer heitern, vielleicht etwas ausgelassenen Darstellung, sondern als mecklenburgisches Landeskind und ‘Stemhäger’ Stadtkind, und in solcher Eigenschaft ist es unumgänglich nöthig, der Schilderung meiner Vaterstadt eine Skizze seines Wirkens für dieselbe anzuhängen; denn er war fast 40 Jahre hindurch Triebfeder und Unruh in der Uhr des städtischen Lebens, und was mehr sagen will, er war auch ihr Pendel und Regulator. Eine unermüdliche Arbeitskraft machte seine nie rastende Speculation für seine nähere und weitere Umgebung fruchtbar; eine peinliche Ordnungsliebe in Lebensweise und Geschäftsführung hielt diesem Vorwärtsdringen und Streben das glückliche Gleichgewicht. Was für das städtische Wohl gewonnen wurde, ward durch ihn gewonnen und erhalten, und zwar durch ihn allein und nach seinem Willen; denn daß sich bei ihm in dem langen Verlauf seines Wirkens und bei fast vollkommenem Mangel an anderer Einsicht und Hülfe ein starker Eigenwille ausprägen mußte, war nicht mehr als natürlich. – Er hat als Bürgermeister und Stadtrichter die Kriegsjahre, die dann folgenden Nothjahre und die schlimmeren Armutgsjahre der ersten Zwanziger durchgemacht, fast ohne Hülfe; selbst sein eigner Sekretär mußte er sein, und fand sein rastloser Eifer noch Zeit zu einer verhältnißmäßig großen ökonomischen Thätigkeit; und wenn ich oben in scherzhafter Weise von den Segnungen gesprochen habe, die von Stavengagen aus über das Land gekommen sind, so will ich hier in ernsthafter Weise von denen sprechen, welche die ökonomische Thätigkeit meines Vaters auf seine Umgebungen verbreitete. Als die furchtbar herabgedrückten Kornpreise nicht einmal die Erzeugungskosten deckten und der mecklenburgische Landmann fast dem Untergange nahe gebracht war, ging er muthig mit gutem Beispiel voran und führte fremde Culturen ein. Außer dem Rapps, der hier und da nur höchst sporadisch gebaut wurde, kannte man in Mecklenburg damals noch keines von den sogenannten Handelsgewächsen. Mein Vater war der erste, der sich in dem Bau derselben versuchte: die Gewürzpflanzen Kümmel, Koriander und Anis, die Färbepflanzen Krapp, Waid, Wau, die Futtergewächse Luzerne, Esparsette und die Runkel= und Steckrübe, dann auch die Weberkarde, mußten der Reihe nach es sich gefallenlassen, mit dem mecklenburgischen Boden und Klima Bekanntschaft zu machen. Die lange Nomenklatur dieser Gewächse könnte auf die Vermuthung führen, daß die Einführungsversuche auf ein unstetes Umhertappen im landwirthschaftlichen Gebiete hinaus gelaufen und die natürliche Folge demnächst ein leichtsinniges Aufgeben derselben gewesen sei; aber dem war nicht so. Man muß bedenken, daß diese verschiedenen Bestrebungen einen Zeitraum von über 30 Jahren füllen, daß in dieser Zeit die pecunären und commerziellen Verhältnisse sich gründlich änderten, daß allerlei unvorherzusehende Umstände eintraten, und man wird meinen Vater von dem Vorwurfe des zwecklosen Experimentirens frei sprechen müssen. Mit der äußersten Zähigkeit, mit der sorgenvollsten Mühe hat er jedes dieser Gewächse angebaut, immer mit dem Hinblick auf seinen Anbau im Großen. Vieles, das Meiste sogar, konnte sich nicht bewähren, Anderes ging an der Ungunst der Umstände zu Grunde; die Rauhheit des Klimas, die vorgeschriebene Fruchtfolge auf der Stavenhäger Feldmark, der Mangel an Absatz und vor Allem das Steigen der Kornpreise traten theils hindernd, theils vernichtend entgegen, und diejenigen der intelligenteren Landleute, die in der Zeit der Noth den Fußtapfen meines Vaters gefolgt waren, wandten sich den günstigen Weizenpreisen zu; und das mit Recht, denn diese Unternehmungen waren aus der allgemeinen Landesnoth geboren, und nun saß der Scheffel Weizen, statt sonst mit 32 Schilling beim Dünnbier, mit 3 Thalern am Champagner=Tisch. – Was hat nun das Alles genützt? – Viel, sehr viel! – Ich sage nichts davon, daß in den Zeiten der Noth mancher Landmann durch den Kümmelbau eine schöne Einnahme gehabt hat, nichts davon, daß der Runkelrübenbau seit dieser Zeit im ganzen Lande im Großen ausgeführt wird, nichts davon, daß schon seit 25 Jahren die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit der Stallfütterung für Rindvieh (in meines Vaters Wirthschaft 50-60 Haupt) dargethan ist – ich will bloß anführen, daß das Beispiel einer guten Ackerbestellung von den Bürgern meiner Vaterstadt nachgeahmt wurde, daß, alle faulen und schwachen Kräfte der Stadt in der Wirthschaft meines Vaters Beschäftigung und Lebensunterhalt fanden, zuweilen bis zu dem täglichen Belauf von 120 Menschen, so daß in jenen gedrückten Zeiten in meiner Vaterstadt keine eigentliche Armuth zu finden war. Hiermit könnte ich nun schließen, aber nicht allein die Pietät, sondern auch die Gerechtigkeit verlangt, daß ich noch ein paar Worte über meinen Onkel Herse sage; man möchte sich sonst aus seinem Auftreten in diesem Buche, sowie in den ‘ollen Kamellen’ eine falsche Vorstellung von ihm bilden, weil ich ihn meistens von seiner komischen Seite dargestellt habe. Die hatte er freilich, und ich glaube sie nicht verzeichnet zu haben, aber, wenn ich meinen alten, guten Onkel umkehre, was mir trotz seiner Corpulenz nicht schwer werden soll, weil so manche freundliche Jugenderinnerung mir dabei hilft, so zeigt er noch ein anderes Gepräge außer seinem breiten Puckel – das der Gemüthlichkeit. Wenn man die Gemüthlichkeit nach Ellen messen könnte, so würde aus dem Revers meines Onkels ein schönes Facit herauskommen. Diese Breite des Rückens und der dazu gehörigen Nebenpartien, diese Ruhe der Bewegung, wenn er sich bei einer gemüthlichen Mittheilung mit der fleischigen Hand über das behagliche Gesicht strich, um dasselbe zu frischem Ausdruck zu beleben, diese Sicherheit, mit der er in seiner Stellung als Rathsherr die philiströsen dehora bei Seite setzte und des Nachmittags in Corduan=Schuhen, gelben Nanking=Hosen und Hemdärmeln mit der langen brennenden Pfeife quer über den Markt zu seinem Gevatter Grischow ging, stehen mir noch lebhaft vor Augen; ich höre noch seine freundliche Stimme und sein fröhliches Gelächter, wenn er sich mit dem alten Ruland, der auch ‘mit gewesen’ war, über Krieg und Kriegsgeschrei unterhielt und seine heitern Anekdoten in den Ernst mischte; ich sehe ihn noch, wie er im kühlen Schatten der Linden ein Glas ‘Schurr=Murr’ zur Erquickung zu sich nahm, welches Gevatter Grischow aus sieben rothen, grünen, blauen und gelben Flaschen zusammen gegossen hatte. Mit welcher Freundlichkeit behandelte er seinen Hühnerhund Rollo, wenn er seine breite Schnauze ihm, auf den Schoß legte, mit welcher Humanität beruhigte er Tippo, seinen Dachshund, wenn er deshalb eifersüchtig aus verletztem Gefühle mit seinen schmutzigen Pfoten die Reinlichkeit der Nankinghosen in Frage zu stellen drohete! – Die Zuthunlichkeit von Hunden und Kindern soll das beste Thermometer für die Wärme des Gemüthes einer Person abgeben, und wenn in diesem Spruche Wahrheit liegt, so war mein Onkel Herse der gemüthvollste Mensch von der Welt. Was an den Nankinghosen von Rollo und Tippo verschont wurde, schmierten wir Kinder mit unsern Butterbröden ein, wenn wir seiner ‘Weisheit Kniee’ umsaßen, denn er war unser voluminöses Coversation=Lexikon, welches wir beliebig aufschlugen, und worin wir blätterten, wenn es uns einfiel. Onkel Herse wußte Alles, konnte Alles; tausend kleine praktische Handgriffe sahen wir seinen hübschen, fetten Händen ab, und immer heiter und unverdrossen lehrte er uns bald ein Gewehr laden und es abschießen, bald Klammern schneiden und Stöcke beizen, bald Blumen und Bäume pflanzen, Weinstöcke beschneiden und bald Mäuse und Ratten fangen. Er lehrte uns die schönsten Kinderspiele, machte uns die ersten Drachen und malte wunderschöne, abscheuliche Gesichter darauf, ließ sie selbst steigen und freute sich ebenso, wie wir, wenn seine Medusen=Gesichter auf die Stadt hinabblickten und die alten Weiber derselben mit Bewunderung und Schrecken erfüllten. Er führte uns in die Felder und wußte für jedes Unkraut einen hübschen lateinischen Namen, er führte uns in den Wald, wußte für jeden Waldgesang den richtigen Ton heraus zu finden und legte den Tönen einen menschlichen Text unter. "Hürt Ji woll, Jungs," sagte er, wenn er uns auf den Schnepfenzug mitnahm, und der Krammetsvogel beim Sonnenuntergang lustig in den Ästen der Bäume umhersprang und sein abgebrochenes Liedlein lustig in den dunstigen Herbstabend hernieder sang, "sei raupen mi orndlich. – Hürt Ji woll: Rathsherr Hers’ – kumm hir her! – Kumm hir her! – Scheit mi dod! – Ick bün hir – wo ‘s Grischow? – Wo ‘s Grischow? Scheit mi dod!" – Aber er that es nicht, mein guter Onkel Herse; alles Blut, was er vergossen hat, mit Ausnahme von Sperlingsblut, wenn diese zudringlichen Gäste ihm die Kirschbäume verheerten, will ich zur Sühne dafür auf meine Seele nehmen, daß ich in den Schilderungen von ihm seine komische Seite herausgekehrt habe. Sie haben ihn begraben, und mit Jedem, den sie in Stavenhagen begraben haben, haben sie für mich ein Stück Poesie mit begraben. Alle meine Gedanken sind einmal von dieser engen Welt ausgefüllt worden, alle Fibern meines Einpfindens haben einmal, dies kleine Heimwesen umsponnen und daran gesogen, wie ein Kind an Mutterbrüsten, und das vergißt man nicht. Ist die Kindheit ein fröhliches, liebliches Wellengewimmel, von Gottes Sonne vergoldet, so ist die Erinnerung daran der glänzende Streif, den das·durch die Nacht fortarbeitende Schiff in seiner Fahrt zurückläßt; der Schiffer schaut vom Bord hinunter und sieht den Himmel und seine Sterne sich in dem glatten Wasser spiegeln, und blickt weiter und weiter die durchmessene Bahn zurück, bis ihm in dunkeler Ferne die Gestade der Heimath verschwinden und sich mit Nebel vermischen und Wolken mischen. Ich habe versucht die alten heimischen Landmarken und Wahrzeichen noch einmal in’s Auge zu fassen; sind’s Wolken und Nebelgebilde, die mich getäuscht haben? – Ich glaube nicht; Wahrheit ist’s, wenn auch nicht jene, wie sie das helle; nüchterne Tageslicht zeigt. Die heimathlichen Gestade, von denen ich Abschied nehme, sind nur vom Mond im letzten Viertel beleuchtet; aber die phantastischen Gebilde, die unter seinem Scheine emporwuchsen, sind dennoch Wahrheit, wenn auch nur für diejenigen, welche sie gleich mir vom fernen Schiffsbord aus erblicken. – Ich meine die Jugendfreunde und rufe ihnen rüstig zu: "Hurrah! Und nun weiter fort in die See!"