Wilhelm Raabe Christoph Pechlin Eine internationale Liebesgeschichte Vorwort zur zweiten Auflage. Sollte zartesten Gemütern gegenüber dieses liebe Buch einer Entschuldigung bedürfen, so liegt dieselbe in folgendem. Es ist geschrieben worden in der Zeit vom August 1871 bis zum September 1872! – Die Wunden der Helden waren noch nicht verharscht, die Tränen der Kinder, der Mütter, der Gattinnen, der Bräute und Schwestern noch nicht getrocknet, die Gräber der Gefallenen noch nicht übergrünt: aber in Deutschland ging's schon – so früh nach dem furchtbaren Kriege und schweren Siege – recht wunderlich her. Wie während oder nach einer großen Feuersbrunst in der Gasse ein Sirupsfaß platzt, und der Pöbel und die Buben anfangen zu lecken; so war im deutschen Volke der Geldsack aufgegangen, und die Taler rollten auch in den Gossen, und nur zu viele Hände griffen auch dort danach. Es hatte fast den Anschein, als sollte dieses der größte Gewinn sein, den das geeinigte Vaterland aus seinem großen Erfolge in der Weltgeschichte hervorholen könnte! Was blieb da dem einsamen Poeten in seiner Angst und seinem Ekel, in seinem unbeachteten Winkel übrig, als in den trockenen Scherz, in den ganz unpathetischen Spaß auszuweichen, die Schellenkappe über die Ohren zu ziehen und die Pritsche zu nehmen? Es ist übrigens immer ein Vorrecht anständiger Leute gewesen, in bedenklichen Zeiten lieber für sich den Narren zu spielen, als in großer Gesellschaft unter den Lumpen mit Lump zu sein. Braunschweig, im April 1890. Raabe. Das erste Kapitel. Der Mann, welcher sich der schweren und furchtbar verantwortungsvollen Aufgabe unterzieht, seinen Landsgenossen Geschichten zu erzählen und sich dabei nur fort und fort vor Augen hält, daß er auf die abgelegten Hemden eben dieser Landsgenossen schreibt, wird selten etwas ganz und gar Nichtsnutziges, das heißt etwas ganz und gar seinem Vorteil und irdischem Wohlbehagen, oder noch kürzer gesagt, etwas dem guten Einvernehmen mit seinen Nachbarn Schadenbringendes auf dem weißen unschuldigen Papiere ablagern. Ich, der Schreiber dieses Buches, halte das mir fort und fort vor Augen, und so habe ich die – feine Wäsche meiner lieben Freunde und Freundinnen im Publikum nach dem doch etwas unheimlichen Wege von ihrem Leibe durch den Sack des Lumpensammlers auf meinem Schreibtische immer nur mit dem empfindlichsten Zartgefühl in die nötigen neuen Falten gelegt. Ich kann mir das Zeugnis ausstellen, daß ich meine Aufgabe stets sehr behutsam angefaßt habe. Heute aber erzähle ich eine internationale Geschichte und gehe mit erhöhtem Bangen an das Werk. – In einer Frühlingsnacht, die sicher ebenso dunkel war, als jene Oktobernacht, in welcher der berühmte Schüler von Alcala, Don Cleophas Leandro Perez Zambullo, verfolgt von den drei Spadassins, aus dem Dachfenster stieg, in das ihn der zudringliche Sohn der Göttin von Cythere hineingelockt hatte – erscholl aus einer hochgelegenen Stube, nicht in Madrid, sondern in der Hauptstadt des Schwabenlandes, ein Gelächter, wie kein Student von Alcala oder Salamanca es je herzerfrischender und kräftiger ausgestoßen hatte. Es lachte da ein Student von Tübingen, und zwar ein Studiosus der Theologie, ein Stiftler – und zwar ein Ex-Stiftler, ein verunglückter Studiosus der Theologie, und daß dergleichen Leute vor allen übrigen Menschenkindern dann und wann zu einem recht herzhaften Lachen aufgelegt sind, das ist bekannt durch das ganze Schwabenland, so wie man auch im übrigen deutschen Reiche einige Kenntnis allmählich davon genommen hat. Die Nacht war wie gesagt dunkel. Eine schlechte Lampe suchte vergeblich das Zimmer in ein besseres Licht zu stellen, und es war ein großes Glück, daß der Herr »Doktor« Christoph Pechlin, gebürtig aus Waldenbuch im Schönbuch, Sohn des weiland Stadtpfarrers daselbst N. Christian Pechlin, durchaus nicht das Bedürfnis fühlte, in ein besseres Licht gestellt zu werden. Seiner Meinung nach ging ein ungemein glänzendes Licht von ihm selber aus, und er befand sich ganz behaglich in der festen Überzeugung, jeglichen Schein, welchen irgendeine Umgebung auf ihn werfen konnte, überwältigend zurückzudrücken. Da es mehr Erdenbürger gibt, welche an solchen meteorologischen Illusionen ihr Behagen finden, so wollen wir ihn nicht darin stören, sondern es jenen überlassen, seine Leuchtkraft zu berechnen, das heißt, sie an der ihrigen zu messen. Augenblicklich saß Pechle in Hemdsärmeln, westenlos neben einem Tische, der anderthalb Fuß hoch mit statistischen Büchern aus der königlichen Bibliothek, mit Lokalblättern der Stadt und sämtlicher Oberämter des Königreichs bedeckt, und mit jedwedem Material zur Fixierung eigener Gedanken nach Notdurft versehen war. Er hielt die Arme über der breiten Brust gekreuzt, blies aus einer mächtigen Burschenpfeife, die er mit dem linken Oberarme an dieselbe Brust brückte, mächtige Rauchwolken einem nächtlichen Besucher zu und lachte – lachte – lachte, daß der städtische Wächter drunten in der Gasse stehen blieb, betroffen in die Höhe blickte, den Kopf schüttelte, um zuletzt der Ansteckung naturgemäß zu unterliegen und gleichfalls lachend weiter zu wandeln. Der nächtliche Besucher stand. Er war stehen geblieben, obgleich Herr Christoph Pechlin ihn bereits mehrere Male aufgefordert hatte, sich zu setzen. Der nächtliche Besucher trug einen eleganten Schlafrock, den eine rote Schnur um die schmächtige Mitte des Leibes zusammenhielt. Er trug eine fast noch elegantere Hausmütze, geziert mit einem goldenen Quast, und er hielt die Hände vor dem Unterleibe gefaltet und lachte durchaus nicht. Im Gegenteil schien er dem Weinen viel näher zu sein als dem Lachen, und hätte der städtische Wächter ihn gesehen, so würde ihm schon sein Amtseid nicht gestattet haben, jener obenerwähnten Ansteckung zu unterliegen. Eine Verantwortung vor dem Herrn Oberbürgermeister würde ihm sicherlich recht schwer geworden sein. – Nachdem wir vernommen haben, daß der Lacher die tränenden Augen endlich abwischend gesagt hatte: »O Barönle, o Rippgen, Rippgen, du dauerst mich, aber – nimm es mir nicht übel – du erheiterscht mich sehr!« müssen wir vor allen Dingen jetzt mitteilen, was diesem nächtlichen Besuche des eleganten Schlafrockträgers bei dem burschikosen Ex-Stiftler Christoph Pechlin voranging, und was diesen Besuch bedingte. Es war ungefähr acht Tage her, seit die Ereignisse eintraten, welche die gegenwärtige Stunde möglich machten, und die Wichtigkeit unserer Aufgabe erfordert die unerbittlichste Strenge gegen unsere Phantasie und unsern Enthusiasmus. Wir bezähmen unsern keuchenden, zitternden Eifer und erzählen ruhig und der Reihe nach. Vor ungefähr acht Tagen, an einem schönen sonnigen Morgen lag Pechle – natürlich mit der Pfeife im Munde, im Fenster und sah an seinem Hause hinunter und in die Gasse hinab. Es war wenig in der Gasse zu sehen; aber der Doktor Pechlin sah doch aus dem Fenster, und nachdem er länger als eine Stunde aus dem Fenster gesehen hatte, erblickte er etwas, was seine Ausdauer im Gaffen vollständig belohnte. Eine Droschke rasselte um die Ecke und hielt vor dem Hause. Auf dem Kutschbock nahm ein eleganter Reisekoffer den Platz neben dem Kutscher ein, und was den Wagen selber einnahm, das fing und fesselte sofort Pechlins sämtliche überschüssige Aufmerksamkeit, deren er freilich zu allen Zeiten im Überfluß hatte, und gab sie nicht eher wieder frei, als bis die Familie Rippgen aus Dresden ausgestiegen und das letzte Gepäckstück im Hause verschwunden war. Wie aber stieg die Familie Rippgen aus Dresden aus? Natürlich zuerst der Baron, ein schmächtiger, dünnbärtiger, hochblonder Herr mit etwas geröteten Augenlidern, einem an einem schwarzen Bande baumelnden Augenglase und in einem allermodernsten Frühlingskostüm von englischem Schnitt und Material. Sodann die gnädige Frau, eine schwarzlockige, sehr korpulente Dame, von imperatorischen Gesten und Mienen, die von Rechts wegen dem Gatten hätte behilflich sein müssen, den festen Boden zu gewinnen. Sie war das aber durchaus nicht, sondern stützte sich mit vollstem Gewicht auf die Schulter des Barons und drückte ihn nieder, als ob sie einen ausgewachsenen melancholischen Alraun in seine Vexierschachtel zurückdrücken wolle. Ja, Schachtel! – Schachteln und wieder Schachteln folgten dem Ehepaar, und zum Schluß sprang leichtfüßig, mit der letzten Schachtel im Arm, die Kammerjungfer der Frau Baronin aus dem Wagen, und Pechle oben in seiner olympischen Höhe sagte: »Sein Wunder kann jeder Mensch erleben; aber was zu viel ist, das ist zu viel! Ei Herr Je–le, das Sechserle mit Familiche! Ha, das wird mer noch in die schpäteschte Tag a Wiederfinde nenne! O, komm du mir 'rauf und begegne mir auf d'r Stiege! Herr mein Gott, da erlebt man doch endlich einmal wieder was in dieser lumpigen Welt! O Zeus, Vater der Götter, und du, Sohn der Nacht, Momus, da freu' ich mich wirklich drauf, wenn ich dem zum ersten Mal auf der Treppe begegne. Der wird sich wundern!« Und der Einzug der Familie Rippgen begann – mit Möbelwagen und Packträgern, mit Pianinos und Spiegeln in Barockrahmen, mit rotsammetnen Zimmergarnituren und seidenen Vorhängen, mit Stutzuhren und Wiener Regulatoren, sowie mit allem übrigen, was zu einem noblen Hausstand und Haushalt unbedingt nötig ist. Pechle aber leitete ihn von oben herab mit großem Vergnügen, hatte sein Wunder und seine gänzlich neidlose Lust an dem Luxus, der sich da unten entfaltete, und konsumierte zweitausend Stück Schwefelhölzer dabei. Es war aber nicht zum Verwundern, daß ihm die Pfeife sehr häufig während dieser großen Tage ausging: die Maultrommel während dieser Tage zu spielen war ganz unmöglich. Die beiden – Christoph Pechlin aus Waldenbuch und Ferdinand, Freiherr von Rippgen aus Dresden hatten zusammen in Tübingen studiert. Der Schwabe, wie wir bereits wissen, Gottesgelahrtheit und die Maultrommel im Stift und der Sachse Jurisprudenz und die Flöte draußen im Saeculo. Und sie hatten ein eigen Wohlgefallen aneinander gefunden durch zwei Semester, bis der sächsische Baron am hellen Tage nach Leipzig ging, um daselbst seine Studien zu vollenden, und der schwäbische Pfarrerssohn nächtlicherweile aus dem Stift ausbrach und relegiert wurde, um sich auf der Stelle der schönen Literatur und der unschönen Publizistik in die verlorenen Pfarrerssöhnen und andern verlorenen Söhnen stets weitgeöffneten Arme zu werfen. Geschrieben hatten sich die beiden guten Freunde nach ihrer Trennung nicht. Wahrscheinlicherweise hatte jeder von beiden während der seit dieser Trennung verflossenen Jahre täglich und stündlich auf einen Brief des andern geharrt, und nun fanden sie sich so wieder. Das heißt, fürs erste fand nur Pechle seinen Baron wieder und sprach am zweiten Tage des Einzugs, melancholisch in seinem Fenster das Haupt schüttelnd: »Der Bursche spielte sich in seinem kleinen Stil immer auf den Großartigen hinaus; aber dies ischt zu arg! Weiß Gott, dies ischt zu arg; – wenn in dem Lehnsiuhl ein Mensch nicht apoplektisch wird, so laß ich all meine physiologischen Erfahrungen im Bürgerhöfle öffentlich versteigern, Donner und Blitz, es soll mich nur wundern, wen er geheiratet hat, der arme Tropf! Na, na, hat der sich seine Suppen geschmälzt! Uih, o Sechserle, Sechserle, Sechserle!« Es ist eine Art, die Dinge an sich herankommen zu lassen, welche man im Stift zu Tübingen in ausgebildeter Vollkommenheit erlernt. Pechle konnte warten, und er wartete und wiederholte noch Tage lang: »O, komm du mir 'rauf!« und spielte nachts schmelzend sein Leibinstrument, ohne außerdem der Erfüllung seines Wunsches den kleinsten Schritt entgegen zu tun. »Komm du mir 'rauf!« sagte Pechle noch längere Zeit fort und fort, nachdem der neue Hausgenosse und frühere Kneipbruder schon manch liebes Mal heraufgekommen war, das heißt natürlich nur bis zur Tür seiner eigenen Wohnung im Hauptgeschoß des von den zwei Freunden bewohnten Hauses. In dem Hauptgeschoß war längst an der Vorsaaltür neben dem Glockenzuge die elegante Metalltafel mit dem Namen: Ferdinand, Baron von Rippgen angenagelt worden, und Pechle hatte wohl zwanzigmal und zu jeder Stunde des Tages und der Nacht kopfschüttelnd die Inschrift gelesen, ehe er die Glocke zog. Endlich zog er sie einmal und zwar eine Stunde nach Mitternacht. Er zog sie mit einem diabolischen Ruck, und schlüpfte seltsamerweise eiligst und auf den Zehen die Treppe hinauf zu seiner eigenen Wohnung, ohne das Öffnen der Tür in der Beletage abzuwarten. »Wir kommen uns so doch wenigstens allmählich näher,« sagte er grinsend in seiner Höhe, während er auf das da unten dem unmotivierten Schellengeläut folgende Rumoren und das Schimpfen und Belfern der sächsischen Kammerjungfer und der schwäbischen Hausmaid horchte. Das war im April, wenn auch nicht am schalkhaften Ersten des Monats, und der Monat ging vorüber, ohne daß sich die beiden Freunde so nahe kamen, als wir es zuletzt doch wohl wünschen müssen. Nur, bei geöffnetem Fenster, ein eigentümliches, dumpfes, melodisches Summen in warmer Stille der Nächte kam dem Baron sonderbar bekannt vor, und er horchte jedesmal angestrengt darauf, sobald es über seinem Haupte anhub; allein das glückhafte Zusammentreffen war dem Wonnemond aufgehoben, und endlich – endlich fand es statt, und zwar an einem Nachmittage, als das Thermometer bereits achtundzwanzig Grad im Schatten zeigte, ganz eine Temperatur für ein liebend, wonnetrunkenes, freudig aufjauchzendes Aneinanderstürzen von Herz an Herz, von Busen an Busen! Die beiden Freunde begegneten einander einfach auf der Treppe des von ihnen seit einiger Zeit gemeinschaftlich bewohnten Hauses. Der Schwab stieg schwitzend herab, der Sachs, aufgelöst durch den südlichen Frühling, keuchend herauf, und so trafen sie vor der Metalltafel aufeinander, starrten sich eine Weile an, um sodann ihre Verwunderung gegenseitig auszutauschen. »Pechl–in! Pechle?!« »Rippgen?! O Sechserle, bist du mir endlich doch heraufgekommen?!« »Aber bist du es denn, Pechle?« »Na, wer sollte es sonst sein? Und was würde es mir helfen, wenn ich mich aufs Leugnen legen würde? Alterle, ich bin's, und da du es, beim Hymenaios und bei Aphrogeneia der Meerschaumgöttin, ebenfalls bist, so ersuche ich dich, mich sofort deiner Frau Gemahlin vorzustellen.« Meiner Frau? Mein Gott, was weißt du denn von meiner Frau?« »Nun, wenn man in Einem Hause wohnt –« »In Einem Hause? Pechle?!« »Jawohl, seit du eingezogen bist. Und weischt du, wir Schwabe sind eine neugierige Menschensorte. Ich gucke immer noch gern durch die Schlüssellöcher.« »Pechle?! Ist es denn möglich? Warst du es denn, was mir während der letzten Nächte in alle meine Träume hineingesummt hat?« »Ei freilich–natürlich, als Geischtererscheinung mit dem alten Geischterinstrument, und, Potz Blitz, nun laß uns hier auf der Stiege nicht Wurzel schlagen. Komm mit mir herauf auf meine Bude, oder nimm mich mit dir in deine Gemächer und präsentiere mich deiner Gattin!« Der Freiherr sah mit verlegenem Lächeln und höchst nervös die Hände reibend auf den Studiengenossen. »Mit gro–ßem Ver–gnü–gen – sogleich – willst du die Gü–te –haben – einzu–tre–ten. Aber, lieber Freund« – und er sah ihn kläglich genug an, und Christoph sah ihn an und sah an sich selber hinunter, packte plötzlich den Baron an beiden Schultern, schüttelte ihn derb und sprach: »Na, ich sehe schon. Wir sehen uns wohl noch einmal! Behüt dich Gott, Bruder, und mach's so gut als möglich.« »Schönsten guten Morgen, bester Pechlin!« rief Ferdinand, krampfig dem Ex-Stiftler beide Hände schüttelnd, und so stieg für dieses Mal jeder weiter: der Baron hinein zu seiner Frau, der andere, mit hochgezogenen Augenbrauen und einem sehr lebendigen und vergnügten Muskelspiel um die Nasenflügel, die Treppe hinunter: »Dir werd' i aufschpiele!« Das zweite Kapitel Es war also Nacht, eine dunkle Nacht und die zweite Nacht nach jener ersten Begegnung der zwei Universitätsfreunde auf der Treppe. Am Morgen hatte Herr Christoph Pechlin durch die Stadtpost ein ganz verstohlen von dem Baron in den Briefkasten geworfenes Billett erhalten, folgenden Inhalts: »Lieber Freund! Miß Christabel Eddish wartet auf der Durchreise nach München seit gestern in Heidelberg auf ihre Busenfreundin, meine Lucia. Meine Lucia fährt heute mittag mit dem Schnellzuge nach Heidelberg zu Miß Christabel Eddish und nimmt natürlicherweise unsere – ihre Kammerjungfer Charlotte mit sich. Teuerer Pechlin, ich möchte mit Dir reden, ich muß mit Dir sprechen, ich bedarf eines Menschen, eines Freundes, dem ich an den Busen fallen kann. Sei mir dieser Freund und bleibe heute abend zu Hause! Unserer Katharine hoffe ich, ohne auffällig zu werden, entgehen zu können und werde gegen zehn Uhr – meine Gattin habe ich natürlich vorher erst bis Bruchsal zu geleiten – an Deine Tür pochen. Bleibe zu Hause, bester Christoph, in der Erinnerung früherer schöner und freierer Tage und Nächte. In aller Eile Dein Ferdinand.« Mit welchem Behagen Pechle dieses Billett dreimal übergelesen und mit welchem innigen Vergnügen er dem herzblutüberströmten Wunsche des Barons Folge gegeben hatte und zu Hause geblieben war, mag sich ein jeglicher selber ausmalen. Er blieb den ganzen Tag zu Hause, still sich freuend, wenn es wieder dunkel würde sein, und ließ sich seinen Bedarf an Getränken und sonstigen Lebensbedürfnissen auf die Stube holen. Ohne im geringsten ungeduldig zu werden, wartete er ruhig, friedlich und lächelnd ab, daß der schwäbische Heerbann die Kathrine aus ihrer Küche abhole, und er hatte wirklich bis gegen zehn Uhr zu warten. Um diese Zeit erschien endlich der Gefreite im ersten Infanterieregiment, Königin Olga – Eberhard Ruckgabele und entführte die holdanlächelnde Maid nach einem Tanzlokal an der neuen Weinsteige – fünf Minuten später klopfte Sachsen, oder vielmehr Meißen an die Tür Pechlins, und konnte derselbe nun endlich mit seiner tiefsten Bruststimme: » Nur herein! « rufen. Nie hatte sich Pechles Pforte leiser geöffnet und behutsamer geschlossen, als jetzt vor und hinter dem Freiherrn Ferdinand von Rippgen, königlich sächsischem Assessor außer Dienst aus Dresden. Nie, wenigstens seit langen Jahren nicht, war der Freiherr so kräftig an den Schultern gefaßt und unter solchem barbarischen Geschrei so derb abgeschüttelt worden, als jetzt durch den Ex-Stiftler Christoph Pechle aus dem Schönbuch. Wie gewöhnlich Dialekt und Büchersprache je nach dem Steigen und Fallen der Stimmung und Leidenschaft anmutig durcheinander spielen lassend, donnerte der schwäbische Freund: »Hurra! Hie gut Württemberg alleweg! Zieh den Rock aus – den Schlafrock mein' ich. Willscht du eine Pfeife, oder hascht du dir eine Zigarre mitgebracht! Du dankst? Weshalb dankst du? Da, setze dich, Alterle; ich freue mich unmenschlich, dich wieder zu sehen. Sechserle, du jammerst mich; offen gesagt, je länger ich dich nun auch in der Nähe begutachte, desto mehr tust du mir leid; weißt du, und ich bin immer ein guter Mensch gewesen, und es zuckt mir in allen zehn Fingern, dich auch wieder zu einem Menschen zu machen.« »Ei ja, du bist ja noch immer so grob wie in Tübingen. Du hast dich wenig verändert in den Jahren unserer Trennung; aber jetzt bitte ich dich inständig, laß mich ein wenig zu Atem kommen. Lieber Pechlin, man hat zu steigen, um zu dir hinauf, zu gelangen!« »Hat man, du Schmeichler? Aber du hast recht, Rippgen, es ist immer mein Bestreben gewesen, mich auf den Höhen des Daseins zu erhalten, und bis jetzt ist das mir so ziemlich gelungen. Willst du dich wirklich nicht setzen?« »Doch, doch! Nachher, wenn du es erlaubst. Jetzt laß mich noch ein wenig vor dir stehen und dich so betrachten.« »Nach Belieben. Stelle dir nur recht lebhaft vor, du seiest nach Loschwitz in die Baumblüte gezogen, und Sachsens schönster Kirschenbaum schüttle seine lieblichste Frühlingspracht auf dich hernieder!« sprach Pechle trocken, sah aber seinen nächtlich-verstohlenen Besucher ebenfalls von neuem an und brach in jenes langhallende, unerschöpfliche, donnerartige Gelächter aus, mit welchem wir unser erstes Kapitel und also seine, Christoph Pechlins, Geschichte eröffneten. Das Waschen der schmutzigen Wäsche nahm dann auch sofort seinen Anfang; denn nachdem der Schwabe endlich doch ausgelacht hatte, setzte sich der Sachse, das heißt, er fiel dem Freunde gegenüber auf einen Stuhl und seufzte aus tiefster, gepreßtester Brust: »Pechlin, ich bin nicht glücklich!« Pechlin, ich bin nicht glücklich, hatte der Baron gesagt, und Pechle zeigte jetzt, daß er in der Tat ein guter Mensch war. Statt dem Freunde von neuem hell in das Gesicht hineinzulachen, stieß er oberhalb des Tisches nur einen dumpfen Seufzer aus, bückte sich schnell unter den Tisch, ließ während mehrerer Sekunden ein mit allen Kräften unterdrücktes, unheimlich heiteres Gurgeln und Schnaufen vernehmen, tastete dabei in einem Handkorbe, fuhr hochrot wieder empor und stellte mit Nachdruck einige Flaschen und zwei Gläser zwischen sich und dem lebensmüden Hausgenossen auf den Tisch. »Da! ... Also du bischt nicht glücklich?« Der Baron schüttelte trübselig den Kopf, und Pechle, die erste seiner Flaschen bedachtsam entkorkend, fuhr fort: »So wirst du mir in dieser Nacht deine Geschichte erzählen. Sieh, dort in jenem Tischkasten liegt meine Übersetzung des Platon; – nur gute, das Vertrauen ihrer Mitbürger verdienende Menschen übersetzen den Platon, und du weißt doch noch, daß ich schon in Tübingen anfing, mich daran zu machen! – und nun rücke heran und probiere diesen hier, es ist ein recht angenehmer und leichter Weinsberger, von der gütigen Vorsehung eigens für deine Zustände erzeugt. Da – und jetzt schütte deine Lebensqual aus in meinen Busen! Es wird dich erleichtern; – Kindle hast du ja wohl nicht?« Der Gast schüttelte wiederum mit dem Kopfe, und der Freund rückte ihm näher, stieß ihm mit biederer Vertraulichkeit den Ellenbogen in die Seite und flüsterte: »Gut! Ich habe dergleichen Impedimenta auch nicht unter deinem neulich ins Haus geschafften Hausrat bemerkt, und das ist mir augenblicklich ganz lieb, denn da brauchen wir keine Rücksichten auf sie zu nehmen. Auf das Wohl deiner Frau wollen wir erst nach angehörter Relation deines Lebenslaufes anstoßen. Nun heiter heraus damit; was hast du mit dir angefangen?« Der Freiherr Ferdinand von Rippgen, welcher nächtlicherweile und ohne das Vorwissen seiner Gattin die Treppe hinaufgeschlichen war, um seine Geschichte von seiner Seele an die fühlende Seele eines andern loszuwerden, konnte nach solchem freundlichen Entgegenkommen und unter diesen dringenden Aufforderungen des anderen wahrlich nicht umhin, seine Geschichte zu erzählen. Er erzählte sie, und es kam eine ganz alte Historie heraus, die kaum des Erzählens wert war. Ferdinand von Rippgen hatte seine Studien auf der Universität Leipzig vollendet, war nach Hause gekommen und hatte seine Examina, wie sich das nicht anders erwarten ließ, mit höchstem Lobe bestanden. Man hatte ihn angestellt im Staatsdienst, und er hatte dem Staat gedient. Anfangs ohne Gehalt, sodann für einen unzureichenden. In Loschwitz besaß H.K. Flathe, der große zurückgezogene Seidenhändler sein Landhaus, und in Loschwitz lernte Ferdinand, der daselbst im Sommer 186– eine Milchkur gebrauchen mußte, die einzige Tochter des großen Seidenhändlers, Fräulein Lucie Flathe kennen und wurde auf der Stelle von ihr sowohl als Baron wie als Mensch richtig taxiert. Wie nennt man doch gleich einen Menschen, der das Glück, welches ihm vor die Füße fällt, nicht aufzunehmen versieht? Ach, geben wir uns keine Mühe: Ferdinand ergriff sein Glück mit beiden Händen. Ein Jahr nach dem Tode ihres Vaters versprach Lucie dem Assessor, nur ihm allein angehören zu wollen, und ein halbes Jahr nach der Hochzeit war der Freiherr ein Assessor außer Dienst, das heißt, er hatte den Staatsdienst quittiert, um seiner Frau ganz allein anzugehören, das heißt, um sich gänzlich dem Dienste des Weibes widmen zu können. Lucie hatte die Sklaverei des Staates für unelegant und unerträglich erklärt, und der König Johann, der jedenfalls aus seinen Dante-Studien wußte, was es bedeute, eine fiera moglie im Hause zu haben, hatte den Baron auf sein Gesuch in Gnaden entlassen. Den Amtstitel ließ Seine Majestät dem armen guten Menschen, und darauf, sowie auf seinen Titel als Freiherr und das Vermögen seiner Frau war Ferdinand von jetzt an allein angewiesen, Lucie war drei Jahre älter als ihr Gatte, und das junge Paar reiste, wahrscheinlicherweise, um sich auf der Reise gegenseitig genauer kennen zu lernen und sich inniger ineinander hineinzuleben. Das Resultat war natürlich den Voraussetzungen entsprechend: der Baron lernte seine Gattin fast unheimlich genau kennen und sie ihn. Lucia von Rippgen besaß ein bedeutendes Vermögen, Ferdinand befaß nichts als seinen Namen und seine Manneswürde, und die letztere verbrauchte sich mit erschreckender Raschheit der stattlichen, imperatorischen Gattin gegenüber. Nachdem die Baronin sich in Rom, Neapel und Paris im Verlauf zweier Jahre recht Wohl befunden und ganz angenehm unterhalten hatte, führte sie ihren melancholischen Freiherrn nach Deutschland zurück. Sie hatte sich des untern Teiles seiner Garderobe geradeso bemächtigt, wie vorher seines Herzens. Wenn andere Huldinnen leise, unmerklich, – wie es der Zartheit des Weibes angemessen sein soll und wie es nach der Meinung nicht weniger Leute alles Glück, allen Frieden und alle Seligkeit des Erdenlebens bedingt, – sich einschleichen, einschmeicheln, so drängte sie sich resolut in alles ein, was sein eigenstes Dasein ausmachte und verdrängte ihn vollständig daraus. Sie wußte es besser, was das Glück, den Frieden und die Seligkeit des irdischen Lebens ausmacht; heiter lächelte sie der konventionellen Lüge über den Beruf der Damen ins Gesicht und ließ sich nieder. Breit setzte sie sich hin und sagte: »Ferdinand, ich bin du, und du bist der beneidenswerteste und undankbarste Sterbliche, den je eine schöne und verständige Frauenseele beglückt hat. Ferdinand, du bist in deinem Egoismus mein täglicher herzzerreißender Gram und wirst mein Tod sein und wirst erst auf meinem Grabhügel erkennen, was du an mir gehabt und verloren hast.« Daß sie dabei von Tag zu Tag wohlbeleibter, oder roh ausgedrückt, dicker wurde, und daß Ferdinand in einem wahrhaft tragikomisch genauen Verhältnis abmagerte und immer hohlwangiger, dünnstimmiger und spindelbeiniger sich in die ihm angewiesenen Winkel drückte, kam dabei nicht in Betracht und braucht auch von uns nicht in Betrachtung gezogen zu werden. Wir wollen uns aber unsere behagliche Stimmung und unsere, uns von unsern Vorfahren treulich überlieferte konventionelle Weltanschauung auch nicht verderben lassen. Einfach und historisch stellen wir das Faktum unserem Publikum vor das Auge und vertrauen auf seinen unbefangenen Blick. »Wir bewohnten nach unserer Rücklehr von der großen Reise noch anderthalb Jahre lang unser Landhaus im Schweizerstil an der Elbe,« erzählte der Baron, das Taschentuch an die Stirn drückend, weiter. »Wer unter unseren Fenstern durchzog und den Blick zu unserer Besitzung emporhob, rief gewißlich: ›O, Himmel, welche Idylle!‹« Aber das war es gar nicht. Unser Verkehr war der nobelste, und Miß Christabel Eddish war längere Zeit unser lieber Gast. Wir trieben Englisch mit Miß Christabel, denn wir sind überhaupt sehr literarisch und ästhetisch gebildet, und sobald die Bedingungen gegeben sind, und die nötige Bequemlichkeit nicht mangelt, stimmt uns die Welt in allen ihren Farben und Tönen höchst romantisch. Aber die Bedingungen müssen vorhanden sein, und als wir eines Morgens erfuhren, daß meines seligen Schwiegervaters reicherer Nachbar, der berühmte Schneidermeister Joachim Hellsitzer, das an unser Besitztum grenzende Grundstück gekauft habe und auf demselbigen freundnachbarschaftlichst ebenfalls eine Villa bauen werde, sanken wir sofort aus unserer romantischen Höhe in den trivialsten Verdruß des Alltags hinunter. Leider war noch dazu der Nachbar Hellsitzer ein Mann von unstreitbarer Tatkraft, und er führte seinen Plan mit wahrhaft wunderbarer Rapidität ans. Ehe wir es für möglich gehalten hatten, wuchsen seine Gerüste empor und versperrten uns die Aussicht auf die Sächsische Schweiz und die böhmischen Berge. Hellsitzersruhe nahm mir die meinige vollständig. Die Villa Asola stellte die Villa Coconia ganz und gar in den Schatten, und je höher und prachtvoller ihr Gemäuer im rein gotischen Stil sich auftürmte, desto unerträglicher wurde meiner Lucie der Aufenthalt ln unserem bescheiden idyllischen Chalet. Nicht nur daß uns der entsetzliche Schneider durch seine gotische Burg die Aussicht auf die böhmischen Berge verbaute, er verbaute uns auch ethisch die Aussicht, indem er uns den letzten Rest unseres Glaubens an das Schicklichkeitsgefühl des Plebejertums im Busen vernichtete. Es war unerträglich, lieber Pechlin, und das Weib und die Töchter des kleiderkünstlerischen Raubritters taten das Ihrige und spickten die Mauern, welche er uns vor die Nase setzte, höhnisch und schadenfroh mit den spitzesten Nägeln und den schärfsten Glasscherben: sie grüßten nämlich meine Gattin über diese Mauern und sie wagten es sogar, Miß Christabel Eddish über diese Mauern zu grüßen. Noch eine Sommersaison hindurch versuchten wir es, statt nach der Sächsischen Schweiz hinüber, nur in uns hineinzusehen und uns, jenem reichgewordenen rohen Pöbel gegenüber, durch den Hinblick auf unsern eingeborenen, unveräußerlichen, unveränderlichen Wert zu stärken und aufrecht zu erhalten; aber es ging nicht. Im Herbste des vorigen Jahres hat meine Frau das Chalet an einen opulenten, zu feist und zu unbeholfen gewordenen Professor der Prestidigitatrie und höhern Magie verkauft, und wir haben in Genf in einer Pension ein halbes Jahr unbehaglich gelebt. Im letzten Winter waren wir in Brüssel, wo Miß Christabel wieder zu uns stieß, ehe sie in Familienangelegenheiten von Morges nach London ging. Jetzt sind wir hier und werden jedenfalls den Winter über hier verweilen, doch kommt es auch, was das anbetrifft, wiederum sehr darauf an, was Miß Christabel Eddish, die augenblicklich nach Florenz geht, darüber beschließen wird. O, Pechlin, o, Pechle, Pechle, wie fangen wir es an, daß du Miß Christabel kennen lernst, und daß meine Lucia dich ohne Widerwillen bei sich empfängt?!« »Daß mich deine Lucia ohne Widerwillen bei sich empfängt?!« wiederholte Pechle und fügte hinzu: »Na, na, Rippgen, daß ihr Sachsen höchst gemütliche Leute seid, das weiß die Welt; aber weißt du denn wohl, daß du soeben doch ein wenig zu gemütlich wirst? Ferdinand, auch wir Schwaben sind ein äußerst gemütlicher Menschenschlag und können im gegebenen Fall überraschend ungemütlich werden.« »Ich weiß alles, liebster, bester Freund. Du wirst doch in diesen seelenlösenden Momenten nicht ein Wort auf die Wagschale legen? Christoph, ich weiß, daß du mich erkennst, mich bemitleidest, mich auslachst und mir deinen Rat und Trost nicht vorenthalten wirst. Ich habe die Überzeugung, daß du dich meiner Frau vorstellen lassen und dich ihr von deiner besten Seite zeigen und zeigen lassen wirst. O, und Miß Christabel mußt du – mußt du ebenfalls kennen lernen!« »Natürlich, alter Kerle; ich werde mit ungemeinem Vergnügen mein Möglichstes tun, auf den Zehen in deinem Gynäceum aufzutreten. Da, feuchte dir noch einmal die Kehle an, du hast lange genug gesprochen. Weibertreue heißt die Etikett und i wiedherhole dir, es ischt ein ziemlich reingehaltener, recht angenehmer Weinsberger;–das nämliche Gewächs, bei welchem der alte Justinus Kerner seine Gespenster sah. Sechserle, ich sehe zum erstenmal seit unserm Zusammentreffen wieder Geischt in deinem Auge. Weißt du, der Triarier Ruckgabele hat nicht nur deine Köchin Katharine, sondern auch deinen Hausschlüssel im Besitz und Genuß; aber ich habe den meinigen und wir gehn jetzt noch auf einen Schoppen aus dem Hause. Hoffentlich verspürst auch du ein gewisses Bedürfnis, von meinem Leben seit unsern holden Tübinger Jugendtagen zu erfahren; aber das paßt mir hier in der Einsamkeit nicht so recht, wir reden davon am besten in größerer Gesellschaft –« »O, Pechle! Wie kann –« »Sei mir still, du kannscht!! Ich weiß, was dir gut tut, und für diese Nacht gehörst du mir mit Haut und Haar, du unglückliches, verlassenes Waisenbüble. Daß die Kathrin nicht ausschwatzt, das laß meine Sorge sein. Gelt du, Alterle, du hast doch den Schlüssel zu deinem Kleiderschrank?« »Ei ja, Pechle! ... Pechle, ja, ich gehe mit dir. Wenn du die Güte haben willst, mit mir in meine Wohnung herunterzugehen, werde ich Toilette machen. O lieber, guter Pechlin, mir ist recht wunderlich zumute!« »Ei Herrcheses, ja! Herrgottssakrament, jawohl, das glaube ich dir. An deiner Stelle würde mir vielleicht auch ein wenig sonderbar zumute sein,« sprach Pechle. Das dritte Kapitel. Pünktlich am Morgen schon war Miß Christabel Eddish mit einem Straßburger Zuge in Heidelberg eingetroffen; ohne alle Fährlichkeiten hatte dann auch Lucie von Rippgen die heitere Stadt am blauen Neckar erreicht und das zärtlichste Wiedersehen hatte stattgefunden. Dasselbe Hotel nahm natürlich die beiden Freundinnen auf; nach überwundenen Tränen und Küssen speisten sie zusammen auf dem Zimmer, und am Spätnachmittag unternahmen sie, begleitet von ihren Kammerjungfern, Charlotte und Virginy, einen Spazierritt zu Esel auf das Schloß, um daselbst den Kaffee einzunehmen. Außer dem Kaffee genossen sie auf dem Schlosse auch noch den Sonnenuntergang und blickten still und verklärt in die Holdseligkeit der Natur hinein, bis die letztere ihnen zu kühl wurde. Trunken von Freundschaft und Naturgenuß ritten sie auf ihren Eseln wieder bergab, allen ihnen begegnenden lustigen Studenten gleichfalls ein Naturgenuß. Daß Miß Virginys Reittier gerade an der Ecke des Karlsplatzes bockte und die lautaufkreischende Reiterin sanft über Bug, Hals und Kopf zur Erde gleiten ließ, wurde von den beiden Herrinnen ohne alle Aufregung erlebt und von Christabel nur als ein bemerkenswertes Intermezzo für das Tagebuch notiert: Virginy cast off by the donkey – shocking accident; – dreadful conduct of the Heidelberghian mob – shrieking and screaming – Lucy's sublime and unaffected behaviour – went on to the hotel and supped. Sublimity of mind – true greatness of soul etc . Das heißt, die beiden Damen ließen ihre beiden Jungfern selber dafür sorgen, wie sie sich am besten der fröhlichen Schaulust und zudringlichen Hülfsleistung der Jugend und der Bummlerschaft des Karlsplatzes entzogen. Lucie und Christabel entzogen sich vermittelst einer Droschke denselben. Sie speisten zu Abend, und sie saßen bis spät in die Nacht hinein im lieblichen Wechselgespräch; ach, und die Baronin hatte nicht die geringste Ahnung davon, welch einem Dämon sie währenddem freie Hand gegeben hatte, welch eine behaarte Tatze sich krallend auf ihr häusliches Glück legte – kurz, wie der Baron diese holden Stunden ausnutzte. Wem er sein häusliches Glück mit den buntesten Farben ausmalte und in wessen Gesellschaft er dolose die Nacht verbrachte. Mit welchem Schrei würde Lucia aufgefahren sein, wenn ihr ein anderer Dämon ein Wort davon ins Ohr geflüstert hätte! Was würde Miß Christabel Eddish gesagt haben, wenn jemand sie jetzt schon auf die Konsequenzen dieser Nacht aufmerksam gemacht hätte. O, bekümmern wir uns nicht darum, genießen wir fröhlich die heitere Gegenwart: die Zukunft wird schon ganz von selber an uns herankommen! – Freundschaft, Naturgenuß und europäische Modenkritik waren abgetan, mit leise anplätschernder Flut spielte und spülte das Gespräch an den Charakter Ferdinands von Rippgen heran und – zu Ende war das reizende Spiel und Getändel durchsichtiger Wellen. Lautbrandend schlugen die Wogen empor, Schaumkronen auf den gewölbten Rücken tragend, Schlamm und Sand führend, keinen Widerstand – sowie auch keine Widerlegung duldend in ihrer Energie. Wenn der Baron von Rippgen wirklich aus Granit bestanden hätte, würde das Tosen der Brandung der natürlichste Naturlaut des Universums gewesen sein. Beide Damen waren vollständig einig über den Charakter und die Lebensführung des Barons; und die Art und Weise, wie ein solches Wesen von der bessern Hälfte des menschlichen Geschlechtes zu behandeln sei, unterlag ihnen auch nicht dem mindesten Zweifel. Strenge, unbeugsame aber lächelnde Strenge war nötig, um diesen Freiherrn auf dem richtigen Wege zu erhalten, und die Baronin war sich bewußt, daß sie es immer an solcher hatte fehlen lassen; – Miß Christabel Eddish schien sogar ein kleines Übergewicht des Lebensballastes nach der Seite der Grausamkeit hin nicht zu mißbilligen. Da aber die reizenden Gestade der schönen Elbe kaum von dem Charakter Ferdinands zu trennen waren, so gerieten die zwei Freundinnen an dieselben und kamen sachgemäß in heftigster, schärfster und bitterster Weise auf die Villa Hellsitzer zu reden. Wie es möglich gewesen sei, daß ein wirklicher Ritter, Baron und Mann das Aufwachsen dieser lächerlichen Raubburg vor ihren – der beiden Damm Augen habe dulden können, war ihnen noch immer unbegreiflich, und jedes Wort, das sie zur Lösung des Rätsels gaben, machte ihnen das Faktum noch unbegreiflicher. Das Gute allein hatte das neue Gesprächsthema, daß es beide in einbohrendster Weise auf den Freiherrn zurückbrachte; Miß Christabel Eddish versprach, von der Aufregung der Busenfreundin hingerissen, im Anfang des Monats Oktober ihren Aufenthalt am Nesenbache zu nehmen, und, wie an der Elbe, mit allen ihren Kräften dem unglücklichen Weibe des Freiherrn von Rippgen gegen eben diesen Freiherrn beizustehen. Leider schwor in dem nämlichen Moment am Nesenbach Herr Christoph Pechlin dasselbe oder doch etwas ganz Ähnliches seinem Freunde Ferdinand von Rippgen, und zwar nicht im vertrauten, herzlösend-innigen Verkehr von Herz zu Herz, von Auge zu Auge, sondern in einer überfüllten, grenzenlos gemeinen Bierwirtschaft, und an einem Tische, an welchem nur zu viele gänzlich herzlose Gesellen saßen, die den Schwur sämtlich vernahmen und späterhin bezeugen konnten. Um diese Zeit der Nacht war Pechle fast ebenso gerührt und bewegt, wie Miß Christabel Eddish! Er hatte sein Wort gehalten, und dem Universitätsfreunde seinerseits seine Lebensgeschichte vorgetragen. Von außergewöhnlicher Bedeutung kam nichts darin vor, und wir können leicht darüber hinweggleiten. Wie es mit der Übersetzung der Werke Platos stand, blieb dunkel. Vollständig klar ist nur, daß der ehemalige Stiftler als Journalist und Berichterstatter für zwanzig bis dreißig schwäbische Lokalblätter von Heilbronn über Ulm bis Friedrichshafen sich ziemlich ehrlich und gottesfürchtig-demokratisch ernährte, und daß er mit seinem Lose nicht unzufrieden war. Ferdinand von Rippgen hatte während der Erzählung wohl mehrere Male das Haupt geschüttelt; jedoch stets nur seiner selbst und nicht ein einziges Mal des Jugendgenossen wegen. Aber jetzt fing Pechle aus Waldenbuch an zu predigen, und das ist immer ein bedenkliches Zeichen bei einem verdorbenen Pfarrer, dessen Vater sich schon einen Bruch redete. Doch ehe das Phänomen sich zu seiner ganzen Wirkung entwickelt hatte, erhob sich am oberen Rande des Tisches ein nicht nur sehr anständig, sondern auch sehr gescheit aussehender Mensch, beugte sich, auf beide Hände sich stützend, vor und sprach im reinsten Frankfurter Deutsch: »Nu heret, jetzt hab ich's aber satt, euch Ochse inkognito gegeiwwer zu sitze; – 's kommt euch was, ihr Herre!« Und beide Freunde starrten den unhöflich-freundlichen Fremdling an, starrten und fanden bald in ihrer Erinnerung, was sie mit Aufbietung aller Kräfte so schnell als möglich zu finden suchten. »Schmolke!« riefen sie wie aus einem Munde, und der Fremdling lächelte und nickte holdselig und bestätigend über den Rand seines Kruges: er war es, ohne sich seines Daseins zu schämen, Dr. Leopold Schmolke – nicht etwa der fromme Verfasser von Schmolkes Morgen- und Abendandachten, sondern Dr. Leopold Schmolke aus Frankfurt am Main, ein Advokat und gleichfalls früherer Tübinger Studiosus, und gerade nicht frommer, als die damalige Verfassung seiner Vaterstadt unbedingt verlangte. – »Ja, Schmolke!« krächzte Schmolke. »Schmolke, der euch seit einer Stunde mit Erstaunen zuhört, eure Naivetät bewundert, und sich merkwürdig freut, euch so gesund, vergnügt, heiter und abgeschmackt-sentimental wiederzusehen. Sie, Herr Kanzleirat, tu' Se merr den Gefalle und rücke Se um a Stuhl weiter; wisse Se, Herr Rat, daß Se merr lieb sind, wisse Se; aber was hier augenblicklich vorgeht, das nennt ma bei uns in Frankfort a rihrendes Wiederfinde, und davon verstehe Se gar nichts, Herr Rat. Also bitte, Kanzleirätle, rücke Se zu, und lasse Se mich an die beide Herre da driwwe ran, – wolle Se?!« »Mit Vergnige, Herr Doktor!« brummte der Kanzleirat, fügte jedoch hinzu: »Des muß i sage; wenn wir ei'mal grob sind, so mache wir des doch mit mehr Manier ab, als diese Ausländer! Rebublikanische Einfachheit nennt man das – wahrscheinlich.« »Steigt Ihnen was, Herr Kanzleirat,« sprach der Doktor Schmolke im untadelhaften Hochdeutsch, »bitte, kommen Sie nur endlich einmal, wie Sie mir so häufig versprochen haben, nach Frankfurt. Sie sollen überzeugt werden, daß wir es auch nicht übelnehmen, wenn Sie uns an unseren berechtigten Eigentümlichkeiten kitzeln.« Halb lachend, halb ärgerlich machte der alte würdige Herr dem Advokaten Platz, und es fand nunmehr in der Tat das statt, was das Frankforter Bergerskind vorhin »a rihrend Wiederfinde« nannte. Tränen flossen zwar nicht dabei, aber sie traten dem Mann ans dem Stifte doch in die Augen, und der Freiherr gebärdete sich sehr aufgeregt. Als jedoch die nötigen Äußerlichkeiten abgetan waren, und ein jeglicher dem andern die Hand geschüttelt und ihn auf den Rücken geklopft hatte, sagte Schmolke aus Frankfurt: »Leute, ich wiederhole es, ich habe euch eben mit Vergnügen zugehört. Daß der Pechle ein armer Sünder vor dem Herrn ist, und dann und wann le vin tendre hat, das hab' ich längst gewußt; aber daß der Rippgen da es durchaus nicht lassen konnte, ein Mädchen glücklich machen mußte, und jetzt von seiner Göttin nach Gebühr in guter Zucht und Ordnung gehalten wird, das war mir neu, und erlaube ich mir, bestens zu aller Süßigkeit des Zustandes zu gratulieren. Nun aber sagt, ihr Herren, wer von euch beiden erwähnte vorhin die Existenz und den Namen von Miß Christabel Eddish?« Der Baron und sein Hausgenoß sahen sich einen Augenblick in die Augen, um sich darauf beide die Stirnen zu reiben. Dann sagte der Baron: »Ich glaube, Schmolke, wir haben den Namen wohl alle beide an diesem Abend einige Male ausgesprochen –« »Und mit eigentümlicher Betonung,« warf der Frankfurter Advokat ein. »Ei Je ja, jawohl!« seufzte der Freiherr, und Pechle klopfte von neuem dem Doktor Schmolke zwischen die Schulterblätter und sprach treuherzig aufklärend: »Sieschst du. Schmolke, die beiden Weiber sitzen in diesem feierlichen Moment zu Heidelberg in Schrieders Hotel – wahrscheinlich. Also und deshalb hab i das Lamm hier, das Sechserle, heut abend aus der Dornhecke herausgewickelt und hab's in die frische Luft und in diese anständige Gesellschaft geführt, Schmolke. Daß wir dich auch in diesem Lokale treffen würden, das konnten wir freilich nicht wissen.« »Ich muß auch sogleich fort. Ich hab' noch einen Termin morgen um eilf Uhr auf dem Römer; aber es war sehr nett, – wahrhaftig recht nett von euch, mir hier in die Arme zu fallen. Daß aber die Tugend immer ihren Lohn findet, das will ich dir jetzt beweisen, Rippgen. Höre, Ferdinand, wenn es einmal gar nicht anders gehen will, so besuche mich vertrauensvoll auf meinem Bureau in Frankfurt. Deine Hausfreundin, die Miß – Miß Christabel – Miß Christabel Eddish hat' ich nämlich auch in meinen Akten, und wenn du abends kommst, findest du mich auch stets. Jedoch leichter nach vorausgegangener Konferenz mit meiner Haushälterin. Und wenn der Pechle da mit dir kommt, so wird's mir stets sehr angenehm sein, und nun – Herr Kanzleirat, reiche Se merr doch gefälligst noch emal Ihre Dose riwwer.« Das vierte Kapitel. Was für ein Geschlecht würde die Erde bevölkert haben, wenn ihm nach verlaufenen Sündflutsgewässern der Weinstock und der Hopfen vorenthalten worden wäre? Wer aber sagt uns, wie sich die Gewährung dieser beiden verderblichen Pflanzen so kurz nach Vernichtung des ersten moralisch verunglückten Wurfes der Menschheit rechtfertigen läßt? Seien wir vorsichtig und überlassen wir die Lösung der zwei Fragen jedem, der nicht fürchtet, sich die Finger zu verbrennen: wir wollen uns einfach mit dem Humor, der in dem Dinge liegt, begnügen. Doktor Leopold Schmolke, der berühmte internationale Frankfurter Advokat, fuhr mit dem ersten Schnellzuge durch die graue Morgendämmerung nach Hause und seinem Termin auf dem Frankfurter Rathause entgegen, und hauchte, als er auf dem Heidelberger Bahnhofe fröstelnd sich dichter in seine Reisedecke einwickelte: »O Christabel! Christabel!« Arm in Arm suchten die beiden andern Studienfreunde ihre Behausung zu erreichen, und es gelang ihnen, wenngleich erst nach Überwindung mannigfacher Schwierigkeiten. Den Schlüssel des Barons hatte, wie wir wissen, die treue und fromme Maid, Katharina von Schwaben, mit sich nach einem Tanzlokal an der Weinsteige entführt; aber der Ex-Stiftler Pechle besaß, wie wir gleichfalls wissen, auch einen Hausschlüssel und vergaß, als früherer Stiftler, denselbigen nie an seinem Nagel hinter der Tür. Wer von den Herren das Schlüsselloch fand, wird wohl ewiglich in Dunkelheit gehüllt bleiben, aber einer fand es, und da das gelungen war, so erreichten sie auch die Pforte des Barons, und es stand für diesmal einem zärtlichen Abschiednehmen nichts mehr im Wege. Sie nahmen zärtlich voneinander Abschied. Augenblicklich hatten sie beide le vin tendre , und so hielten sie sich eine geraume Weile schluchzend umschlungen. Dann küßten sie sich, dann rissen sie sich voneinander los, und dann – ja dann verweisen wir auf das im Anfange dieses Kapitels Gesagte, und kommen auf unsere dort nachdrücklichst ausgesprochenen Grundsätze ruhig zurück. In diesem Falle jedoch mit einer Wendung nicht an das Deduktions- und Induktionsvermögen der Welt im allgemeinen, sondern an das der Freifrau Lucie von Rippgen ganz im besondern. Als die Frau Baronin am folgenden Mittag mit ihrer Kammerjungfer Charlotte auf dem Stuttgarter Bahnhofe anlangte, verwunderte sie sich sehr, den Gemahl daselbst nicht auf sie wartend vorzufinden, und sie sprach ein weniges mehr als bloße Verwunderung ihrer ebenso erstaunten Begleiterin gegenüber aus. »Es ist zum mindesten unbegreiflich!« rief die letztere. »Ein Unglück wird hoffentlich doch nicht vorgefallen sein?!« »Nein!« sprach die gnädige Frau, ein Heer derartiger Vermutungen bloß durch das kleine Wort vernichtend. Daß sie hinzusetzte: »Nur eine Unschicklichkeit – eine Rücksichtslosigkeit, die ich mir sicherlich nicht gefallen lassen werde!« war uns gegenüber sicherlich nicht nötig. Ohne auf ein etwa doch noch mögliches atemlos keuchendes Erscheinen des Gatten zu warten, bestieg sie die nächste Droschke und fuhr ab, energisch Honig bereitend aus der in Heidelberg aus dem Verkehr mit der Freundin aufgesogenen Blumensüßigkeit, – Honig für den Hausbedarf. Jeglicher Stoß, den ihr das auf ihre Stimmungen leider keine Rücksicht nehmende Fuhrwerk mitteilte, festigte durch stets wiederholte Erschütterung ihres Nervensystems ihren Entschluß, dem »Herrn« seine Pflicht klar darzulegen und das Wiedersehen mehr als erfreulich zu machen. Die Kammerjungfer Charlotte, welche mit dem Eau de Cologne -Gläschen in der Hand auf dem Rücksitze Platz genommen hatte, hatte eine Art an sich, die gnädige Frau in ihren jetzigen und demnächstigen Gefühlen zu bestärken, die sie während ihres Erdenwandels zu einer ungemein wünschenswerten Akquisition für alle unverwittibten und den besseren, den bemittelten Ständen angehörenden Ehemänner machte. Das Fläschchen mit kölnischem Wasser wurde während der Fahrt wiederholt in Gebrauch genommen; aber endlich hielt der Wagen. Die Heimat war erreicht, und der gnädige Herr stürzte – nicht die Treppe hinunter, um den Schlag zu öffnen, die zürnende Gattin herauszuheben, sie in die Arme zu schließen und sein unverantwortlich rücksichtsloses Betragen zu entschuldigen. Nur der Hausbesitzer sah im Erdgeschoß ans dem Fenster und griff grüßend an die Hausmütze; – die Kammerjungfer Charlotte konnte sich das Ding weniger denn je erklären. Es regte sich gar nichts. Auch Herr Katzenlecker, der Hausherr, hatte sein Interesse an dem Wagen, der vor seinem Hause hielt, verloren; er zog den Kopf aus dem Fenster und sich in das Innere seiner Gemächer zurück. Die Baronin sah mit zusammengekniffenen Lippen und Augen an dem Hause empor. Einen Moment stand sie; dann stieg sie die Treppe hinauf, ohne sich nach der Begleiterin umzuschauen. Sie stieg – stieg – stieg empor, stattlich, rauschend – neueste Nummer des Bazars – fatumhaft, ernst und unerbittlich; und der eisernste Schritt des dröhnendsten Kriegs- und Schlachtenschicksals war ein Wiegenlied der Idylle gegen den scharfen Klang ihrer Stiefelchen auf den Stufen der Haustreppe. Wehe dem Herde, dessen Gebieterin mit derartig kadendziertem Hall der zarten Sohlen heimkehrt! Der Schall allein rächt manches, was das rohe Geschlecht der Männer seit seiner Entwicklung aus dem Gorilla an den Engeln verbrach, die aus dem Himmel niederstiegen, nach den Söhnen der Erde zu sehen und zu Männern zu nehmen »welche sie wollten«. – Der Griff des Glockenzuges blieb nicht in der Hand der vom Blütenduft der Freundschaft und der Ideale trunken heimkehrenden placens uxor , allein der Klang der Glocke war dessenungeachtet wohl vernehmlich. Die Schwabenmaid stürzte erschreckt herbei, die feuchten Hände auf dem Wege an der Schürze abtrocknend. Die schöne Herrin trat ein, blieb aber auf der Stelle stehen und fragte, einem erhöhten, einem verschärften Erstaunen anheimfallend: Mein Gott, welch ein Geruch?« Ei freilich, wie roch es da? – Ein wenig seltsam ohne Zweifel! Ein wenig nach Kamillentee, ein wenig säuerlich, ein wenig süßlich, ein wenig salzig, ein wenig nach Spirituosen und gar nicht wenig nach Tabaksdampf ! »Was ist das? Was ist geschehen? Was geschieht hier? Katharina, was geht hier vor?« rief die Baronin von Rippgen, nicht einem einzigen ihrer Sinne, und sonderbarerweise ihrem Geruchssinne am wenigsten trauend. Und ohne die Antwort der suevischen Jungfrau abzuwarten, rauschte sie an ihr vorbei gegen die Tür des Salons, riß diese auf, fand auch hier denselben Geruch, nur noch ein wenig verstärkter – ging, mit jedem Schritte Augusta-hafter werdend vor und hindurch, riß die Tür des dem Gemahl angewiesenen Gemaches auf, und sah – auf der Schwelle stehend und zu Eis erstarrend – auf das, was hier vorgegangen war und was – ihr unter den Augen und der Nase – noch vorging, freilich ohne es im ersten Augenblick in seiner ganzen Scheußlichkeit zu begreifen! ... Auf dem Sofa, den Kopf durch ein einem Federbett entnommenes Kissen unterstützt, lag der Baron Ferdinand von Rippgen, wie es schien, dem Tode oder etwas noch viel Schlimmerem nahe. Langausgestreckt lag er, mit hängenden Armen, ein Bild des Jammers, des unsäglichsten Elends, und bei ihm, bequem in dem bequemsten Lehnsessel, saß ein breitschulteriger, dickköpfiger, vergnügt aussehender Herr, der eine Zigarre im Munde und eine Weinflasche neben seinem Ellenbogen auf dem Tische vor sich hatte. Der elegant mit kostbarem Teppich behängte Tisch aber wies außerdem ein Sammelsurium von allen möglichen Flaschen, Gläsern, Tassen und sonstigen Gefäßen vor. Den Kamillentee hatte sich der Freiherr bereits in den Morgenstunden selber verordnet. Kamillentee mit Kirschengeist jedoch hatte ihm dann Herr Christoph Pechlin angeraten, zubereitet und – eingezwungen. Ob er die Mischung auf seine eigene Natur oder die des dem Versinken nahen Jugendgenossen berechnet hatte, wollen wir dahingestellt sein lassen. Der Baron befand sich in einem Zustand, der des Trostes und der Hülfe durch eine Freundeshand dringend bedürftig war, und Pechlin war der Mann, eine solche Hülfe darzubringen und sie sogar durch etwas gewalttätige Überredung aufzudrängen. Je aufgelöster Ferdinand dalag, desto aufrechter saß Christoph da. Je erbarmungswürdiger Ferdinand aussah, desto frischer, munterer und gewissermaßen hübscher blickte Christoph in die Welt hinein. Ganz stattlich sah der alte Tübinger aus und imponierte drolligerweise durch den gewähltesten schwarzen Anzug an diesem Krankenlager. Heimtückischer-, ungemein absichtsvollerweise hatte er sich äußerlich auf das möglichste bestrebt, den würdigen, ernsten hippokratischen Helfer im Leid darzustellen, und für die ersten Augenblicke erreichte er vollständig den beabsichtigten Zweck. Die Baronin Lucie von Rippgen hielt den Menschen für den im Moment der dringendsten Not von der Gasse heraufgerufenen vielbeschäftigten Arzt und rief, aus ihrer Versteinerung erwachend: »O mein Gott, was ist – was ist mit ihm vorgefallen? Herr Doktor, was ist geschehen? Ist es denn so sehr gefährlich? Um Gotteswillen, Fer–dinand« Das fünfte Kapitel. Seit längeren Jahren war der Freiherr nicht in so teilnahmsvollem, ja erschreckt-zärtlichem Tone von seiner Gattin angerufen worden, als jetzt, und doch – doch hätte die bissigste, höhnischste Aufforderung zur Verantwortung, im Verlaufe seiner Ehe, nie einen solchen erschütternden Eindruck auf ihn gemacht, wie dieser, aus einem das Schlimmste befürchtenden Herzen hervorbrechende Schrei der Liebe. Wie einem auf der Folterbank Verendenden zum letzten Mal vor dem Erlöschen des Lebensfunkens ein alle erduldete Qual zusammenfassender Schauder sämtliche verrenkte Glieder durchzuckt, so durchschauerte den Baron dieser fragende Ruf: »Ferdinand?!« Er erhob sich bei demselben halb, und sank auf der Stelle ganz zurück. Ewige Bewußtlosigkeit war unbedingt dem Gedanken an die demnächst unausbleiblich folgenden Auseinandersetzungen vorzuziehen. Ja, ja, lieber Ferdinand, hier war der Wurm, welcher nie stirbt; und drohend sah die Ewigkeit herein, und ersuchte die Baronin, sich auch auf dieser Blüte des Daseins niederzulassen, die Süßigkeit derselben aufzusaugen und – Honig daraus zu bereiten. Der Baron war auf sein Kissen zurückgesunken, nachdem er versucht hatte, sich von demselben zu erheben; glücklicherweise aber war es dem Afterarzt und Pseudodoktor Christoph Pechlin gegeben, desto fester auf den Füßen stehen zu bleiben, nachdem er sich aus seinem Lehnstuhl erhoben hätte. Er vermochte sogar noch mehr. Mit einer Verbeugung, welche ihm wahrscheinlich nicht Einer seiner früheren Kommilitonen zugetraut haben würde, trat er der gnädigen Frau entgegen und stellte sich ihr vor, ganz unbefangen eingedenk des Wortes: Wie machen wir's, daß dich meine Lucie ohne Widerwillen bei sich empfängt? – Er nannte seinen Namen und gab sich als Hausgenosse zu erkennen. In kurzen, doch höchst wohlgesetzten Worten gab er der gnädigen Frau über sein früheres Verhältnis zu dem Assessor und Baron Ferdinand von Rippgen Nachricht, und freute sich unendlich, nun auch die Gattin seines Freundes kennen zu lernen; die Baronin ließ ihn nach einer kurzen Verbeugung reden und sah ihn nur an. Sie sah ihn an! Wenn die Frau Baronin jemanden, der sich ihr vorstellen ließ oder sich selber ihr vorstellte, lange ansah, so war es kaum nötig, daß er sich in ein gutes oder sogar sehr gutes Licht zu stellen suchte; die gnädige Frau fand schon allein heraus, was er für sie bedeute, und er kam selten auf die Kosten seines Eigenlobes. Und welch ein Schleier war in diesem besonderen Falle sofort von den Augen der Gnädigen abgefallen! Lucie von Rippgen hatte bereits seit fünf Minuten den Doktor Pechlin seinem ganzen Werte nach erkannt, wußte ganz genau, wie sie sich von jetzt an ihm gegenüber zu verhalten habe, und hatte im Innersten ihrer Seele ihre Maßregeln bereits genommen. Wenn sie sich diesmal, was die letzteren anbetraf, ein wenig verrechnete, so lag die Schuld wahrlich nicht auf ihrer Seite. Die Bedeutung und der Wert des Platonübersetzers lagen zwar auf der Hand; jedoch die Art und Weise, wie er als Herr Christoph Pechlin behandelt werden mußte, war doch nicht so leicht herauszufinden. Daß dem Monstrum beizukommen war, stand fest; lassen wir also der gnädigen Frau die feste Überzeugung, daß sie ihm beikommen werde, unerschüttert. Die Menschen leben eben deshalb in Haufen auf der Erde, um einander Gelegenheit zu geben, ihren Scharfsinn aneinander zu erproben, ihr Mütchen aneinander zu kühlen und sich das Leben so angenehm als möglich zu machen. Fürs erste betrug sich Lucie außergewöhnlich impertinent. Fürs zweite log der Ex-Stiftler, wie er glaubte, mit ausnehmendem Geschick, und – drittens – verfehlte beides ganz und gar seinen gewünschten Zweck, – ganz und gar dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge auf dieser Erden zuwider. Die gnädige Frau glaubte nicht, daß Pechle in der vergangenen Nacht durch ein schrilles Hülferufen Katharinens erweckt worden und für sein eilig gutmütiges Zuhülfeeilen durch ein Erkennen des Freundes in dem unbekannten, so plötzlich erkrankten Hausgenossen belohnt worden sei. Die gnädige Frau glaubte nicht an dieses plötzliche Unwohlsein ihres Mannes und noch viel weniger daran, daß nur der Jugendfreund durch sein schleuniges Ein- und Beispringen den Gatten gerettet habe. Sie konnte sich auf ihre Nase verlassen und blickte zugleich auf die leere und die halbvolle Weinflasche neben dem Sessel des Doktors, doch leider imponierte dieser Blick dem freundlichen Menschen gegenüber gar nicht. Was ein beleidigtes Weib an Verachtung in ein Achselzucken zusammenfassen kann, das raffte Lucia von Rippgen zusammen und zeigte es Herrn Christoph Pechle aus Waldenbuch. Der Doktor Pechlin aber übersah die Gebärde vollkommen und wurde nur um einige Schattenstufen liebenswürdiger und zutunlicher; in seiner Widerlichkeit furchtbar, sah er sogar nach seiner Uhr und freute sich, die herrlichen Genüsse freundschaftlichen Seelenaustausches noch eine Weile ausnutzen zu dürfen. Und als darauf die Baronin sich erhob, ihm den Rücken wandte und an das Fenster trat, und er doch nicht ging, hielt sie ihn für dumm, und damit hatte Pechlin – für diesmal wenigstens – den Sieg gewonnen und beherrschte die Situation. Der Held auf dem Sofa stand Höllenqualen geistiger und körperlicher Angst aus. Seine Phantasie zerarbeitete sich, nicht ohne Grund, in der Ausmalung dessen, was geschehen werde, wenn der Freund nach gemachter Bekanntschaft von seiner Hausgenossin Abschied genommen haben und in heiterer Sicherheit oben auf seiner Stube sitzen werde. Ach, der Baron wußte, daß er selber nicht in Sicherheit auf seinem Marterkissen liege! Verstohlen hielt er unter der überhängenden Tischdecke den schändlichen Verführer an einem Schoße seines schwarzen kandidätlichen Frackes, und Pechle verstand den krampfhaften Griff ganz gut, hatte Erbarmen mit dem wehrlos Darniederliegenden und ging noch nicht. Nein, er ging noch nicht. Er wurde liebenswürdiger und liebenswürdiger, und die gnädige Frau gewann von Minute zu Minute mehr die Überzeugung, daß sie ihm ohne die geringsten Gewissensbisse den Hals umdrehen könne. Sie kam vom Fenster zurück und setzte sich von neuem. Sie tauschte von neuem empor und wollte mehr als einmal alles aufgeben und hinausrauschen; aber der uralte unheimliche Kitzel, zu sehen, wieweit ein Mensch seine Unverschämtheit treiben könne, hielt sie dann doch wieder zurück. Sie blieb und wurde, als Pechle auch blieb, gespensterhaft ruhig; aber der Studiosus der Theologie Christoph Pechlin war nicht umsonst aus dem Tübinger Stift ausgebrochen, – er blieb, er hatte sich längst vorgenommen, jeglicher Gespenster-, Geister-, und Geist-Erscheinung gegenüber – zu bleiben. Geradeso wie er sich vorgenommen hatte, nach dem Plato den Aristophanes zu übersetzen.- Pechle trieb seine Unverschämtheit sehr weit, während die Baronin sich immer tiefer in den Charakter und die Lebensführung der berüchtigsten Giftmischerinnen hineinfand und in ihrem stillsten Herzen der Frau Lucretia Borgia ein makelloses Leumundszeugnis ausstellte. In ganz gehaltenem, elegisch-zärtlichem Tone sprach er von jenem schönen unschuldigen Tage, an welchem ihm der Freund zum ersten Mal begegnete, und selbstverständlich benutzte er die Gelegenheit, seinen Schwur, dem Freunde bis in den Tod Freund zu bleiben, nun auch vor der Gattin des Freundes zu wiederholen. Er zitierte eine ganze Reihe wohl oder übel auf das Verhältnis passender Verse aus eigenen und aus fremden Poesien, und dann kam er auf den heutigen Tag. Ruhig, ruhig – ruhig hörte ihn die Baronin an. Sie verzog jetzt keine Miene mehr. Das nach dem gestrigen wunderholden Tage! Das nach dem Sonnenuntergang und dem nächtlichen Seelenaustausch in Heidelberg! Das nach den Tränen des Wiedersehens und des Abschiedes! Das nach dem gestrigen Zusammensein mit Miß Christabel Eddish! – Nicht eine Miene verzog Lucia von Rippgen; der Exstiftler Christoph Pechle hatte keine Ahnung davon, was sich unter der weißen olympischen Stirn bewegte, was daselbst durcheinanderwogte, und wie der hülferufende Schrei, gleich einer aufgescheuchten, erschreckten Möve über den wirbelnden Wassern im Kreis umherfuhr. »Christabel! Christabel! o Christabel!« Ja, Lucia schrie im Innersten ihres Daseins! Sie schrie nach Luft – nach Rache – nach Miß Christabel Eddish, und Pechle wurde immer gemütlicher, immer noch gemütlicher! Noch kannte er Miß Christabel nicht, er konnte also auch nicht wissen, wen die gnädige Frau sich zur Hülfe herbeirief. Ruhig, ruhig, ruhig sah Lucia den Freund ihres Mannes an; aber von Zeit zu Zeit glitt ein Blick der Gattin auf den Gatten – auch ein ruhiger Blick, und doch entsetzlich in seinem klaren, kühlen Glanze. Ferdinand erwiderte ihn nicht zum zweiten Mal. Daß sein Haupt auf dem Blocke lag, wußte er und fühlte er; jetzt legte er die fiebernde heiße Hand auf die Augen, und rote Feuerfunken hüpften vor ihnen umher. »Gewiß, gewiß, gnädige Frau,« sprach Christoph Pechlin, wir werden als gute Nachbarn und umgängliche Hausgenossen getreulich zusammenhalten. Verlassen Sie sich darauf! Sehen Sie, ich habe Theologie studiert, habe eine Übersetzung des Plato im Schubkasten liegen, und bin augenblicklich für sämtliche Lokalblätter des Landes hauptstädtisch-politischer und kriminalistischer Berichterstatter; aber mein Gemüt habe ich mir so frisch und grün erhalten, daß es allen meinen nähern Bekannten eine Freude und Rührung ist. Da liegt mein bester Freund, unser guter Ferdinandle. Gnädige Frau, es ist nicht das erste Mal, daß mir das Schicksal das Glück zuteil werden ließ, ihn aus großer Gefahr zu erretten! In vergangener Nacht schmeichle ich mir wieder einmal seinen Körper gerettet zu haben; wie oft ich jedoch sein besseres Teil, seine herrliche unersetzliche Seele durch geschickte Vermittlung im Kampfe mit den dunkelsten aller Mächte unverletzt erhalten habe, darüber fehlt mir in der Tat eine genaue Berechnung.« Hier wagte es der Baron, seiner Angst zum Trotz, leise zu stöhnen; doch Pechlin fuhr rasch weiter fort: »O, leugne es nicht, Bester! denkst du wohl noch dran, wie ich dir, nur infolge meiner hohen diplomatischen Begabung, ein mit einem rosaseidenen Bändchen umwundenes Briefpaket wieder verschaffte! Erinnerst du dich wirklich nicht mehr daran, wie Fräulein Hersilie Schnäpple in den Neckar gehen wollte? Besinne dich nur; es wird dir schon einfallen, wenn du dich nur recht besinnst.« »Wie verhält sich das , mein Herr?« ächzte an dieser Stelle die Baronin, ihren festesten Vorsätzen zum Trotze. »Wie ich sage. Aber beruhigen Sie sich, gnädige Frau; es ist kein Grund zu einem Sensationsartikel vorhanden. Das Fräulein ging nicht in den Neckar, sondern nur in die fromm-volkstümliche Literatur. Sie schreibt unter dem Namen –« »Ich bitte dich, so bald als möglich wieder wohl zu werden,« sprach mit der Kälte eines Eisberges die Gattin zu dem Gatten, erhob sich abermals und verließ das Gemach, ohne sich den verdorbenen oder vielmehr recht wohlgeratenen Gottesgelehrten von neuem anzusehen. Die beiden Freunde befanden sich wieder allein, und Ferdinand von Rippgen griff sich in heller Verzweiflung mit beiden Händen in die Krawatte, riß sie sich ab und zerknüllte sie, im tödlichsten Erstickungsgefühl nach Luft ringend. Christoph Pechlin war mit der Baronin von Rippgen aufgestanden, schritt, wie vorhin die Dame, zum Fenster, sah einige Sekunden lang hinaus, kam zurück, beugte sich über das Lager des Freiherrn und sagte: »Du, ich halte mich für ein mit dem zum Durchkommen durch diese Welt nötigen Intellekt ausgerüstetes Wesen!« »Was soll daraus werden, und was hast du mir da angetan?« »Ruhe, Ruhe, Alterle! Was ich dir angetan habe? Ich habe für dich und mich momentan mit deinem guten Weible gebrochen. Es war nicht anders möglich; aber verlaß dich darauf, wir sind auf dem besten Wege zu einer freundschaftlich behaglichen Verständigung. Rege dich nicht unnötig auf; da ich dich einmal wiedergefunden habe, so werde ich dich nimmermehr verlassen – grüß dich Gott und – gesegnete Mahlzeit.« Damit ging auch er, und Ferdinand – Ferdinand war allein – allein in der Erwartung, daß seine Frau demnächst wieder zu ihm zurückkehren werde. Das sechste Kapitel. Viele Leute werden es nicht für möglich halten; aber es war doch so! Pechle nannte den im vorigen Kapitel geschilderten ersten Zusammenstoß mit der Freifrau Lucie von Rippgen ein gelungenes Niederreißen sämtlicher zwischen zwei gleichartigen, ganz für einander geschaffenen Naturen durch den Gott Zufall aufgerichteter Schranken!– – Pechle war eigentlich zu unverschämt! – – Pechle war aber jedenfalls nicht der Mann, der etwas einmal Unternommenes, das seiner eigenen Natur zusagte, leichthin aufgab, und die Baronin merkte das bald. Sie wurde ihn nicht mehr los aus ihrem Dasein. Christoph Pechlin aus dem Schönbuch, Pechle, der im Grunde genommen der blödeste Mensch des Erdbodens war, fühlte sich als Freund und legte den ganzen Wert seiner eigenen Natur offenkundig dar. Acht Tage nach dem ersten Bekanntwerden mit dem unabweisbaren, liebenswürdigen Tübinger Ex-Theologen schrieb Lucie in vollständiger rat-, rand- und bandloser Auflösung an ihre Freundin Miß Christabel Eddish: »Dearest! Dearest! Hast Du keinen Ruf vernommen? Keinen leis und fern herhallenden Angstruf in den letzten Tagen und Nächten? Gar keinen?!... Christabel, ich war es, die rief! –Denke Dich in das veilchenduftige Grauen hinein, mit welchem wir an den schönen Gestaden der Elbe jenes herrliche, aus Mondenschein und Deinem süßen Namen gewebte, leider unvollendete Gedicht eueres herrlichen Dichters Kolleritsch zusammen lasen – laß alles hinter Dir und komme zu mir!!... Komm zu mir, Christabel! Laß alles von Dir – Florenz sowohl als Rom! – denke unserer durch tausend Schwüre besiegelten Freundschaft, und komm zu mir nach Stuttgart! Als jener entsetzliche Plebejer, dessen Namen ich nie–nie niederschreiben werde, am Elbgefilde zum ersten Mal über unsere Ligusterhecke stierte – als sein Weib es wagte, ihre Visitenkarte bei uns abzugeben, warst Du an meiner Seite, und – ich lebe noch! Christabel, das leise Schluchzen, welches Du vielleicht in Deinen Nächten vernommen hast, schluchzte ich; – ich rief wieder nach Dir, Dir, o meine Taube; komm als Trösterin, Schützerin, Retterin! ein Fürchterlicheres, als alles Vorhergegangene droht Deiner armen Lucy. Sie ist verloren, wenn Du nicht zu ihr kommst, ihr zu helfen durch Rat und Tat! Five warriors seized me yestermorn, Me, even me, a maid forlorn – nein, wenn auch nicht fünf Krieger, so doch ein einziger Unhold, der ein ganzes Regiment von seinesgleichen aufwiegt, hat sich Deiner unglücklichen Genossin bemächtigt. Hast du wirklich keinen Hülferuf vernommen in den letzten Nächten, Christabel??!! Blutige Tränen fallen auf das Blatt, auf welchem ich jetzt schriftlich Dich rufe. Und indem ich Dir schreibe, versinke ich mehr und mehr in dem mich umgebenden Pfuhle der Gemeinheit. Die gräßlichen Fluten schlagen über meinem dem Elend geweihten Haupte zusammen: nimm diesen letzten Wink der armen, kleinen Hand und lebe wohl, Christabel!... Lebe wohl, Christabel, ich kann nicht mehr – komm mit dem nächsten, dem allernächsten Kurierzuge. The silver lamp burns dead and dim; But Christabel the lamp will trim – ja, sie wird es tun; – sie wird es nicht zugeben, daß die Teufel lachen, wird es nicht zugeben, daß die Gewöhnlichkeit recht behalte! Christabel wird die silberne Lampe, die arme sterbende Lampe des Daseins ihrer unseligen Lucy vor dem Erlöschen bewahren; sie wird ihrer Lucy auf azurnen Flügeln der Liebe und Freundschaft neues Öl – mein Gott, wie erbärmlich bewährt sich den zartesten Schwingungen unserer Seele gegenüber das geschriebene Wort! – herzutragen! ... Eile, Christabel, Dein zweites Herz ist dem Stillstehen nahe! Wie aber soll ich Dir sagen, was mir geschieht, was Deine Lucia zu erdulden hat? Die Worte mangeln der Feder, der Ausdruck der Seele, und ich bin das unglücklichste Weib auf Erden! O, weshalb bin ich hierher gekommen, hierher, wo das Fürchterliche, das so unaussprechbar Roh-Gemeine auf meine Ankunft wartend saß? Und denke Dir – Pe ch l e heißt der Alp, der Nightmare, der bei Tage und bei Nacht auf meiner Existenz liegt, – P e ch l e!! – Christabel, wir haben den Byron zusammen gelesen, mit heißen, brennenden Augen haben wir in die furchtbaren Geheimnisse der Menschenseele und der Natur hineingesehen; wir haben uns für den Schrecken, die Angst, die Qual zu wappnen gesucht und – wir haben vergessen – haben im Anschauen, Fühlen und Nachfühlen edelsten Geisterbangens total vergessen, wie alltäglich-abgeschmackt-gewöhnlich der Vampir sein kann, der uns mit seinen Fledermausflügeln umfächelt und uns das Herzblut aussaugt. So sind wir vordem jenem Schneidermeister unterlegen, so übermannt mich heute P e ch l e!! O, Christabel, komm und siehe selbst, wie es geschieht, daß Deine stolze, tapfere Lucy Dir einen solchen Brief schreiben muß. Das Entsetzliche, der Entsetzliche wohnt mit mir in ein und demselben Hause – wohnt über mir – und in dem Augenblick, in welchem ich diese zitternden Zeilen auf dieses tränenbefeuchtete Blatt werfe, höre ich seinen Schritt, sein Lachen – o sein gemeines, gemeines Lachen über meinem Haupte, und die Angst, der Zorn, der ohnmächtige Zorn schüttelt mich: Christabel, jetzt singt er, er singt, wenn man das Singen nennen kann – noch einen Augenblick, und ein widerwärtig summender Ton wird meine Nerven zerreißen, – der Pöbelhafte spielt auch die Maultrommel, spielt sie bei offenem Fenster aus dem Fenster heraus über meinem Haupte, und dann im nächsten Moment wird er die Glocke ziehen, nach meinem Mann fragen und – sich nach meinem Befinden erkundigen!!! Was habe ich verbrochen, um dieses, um solches, o und um eine unendliche Reihe ähnlicher Vernichtungen dulden zu müssen? Ich rufe Dich, Christabel! Komm! Wenn Du aber nicht kommen kannst, so let my memory still be thy pride and forget not, I smiled as I died! Bis in das Grab, das mir das Schicksal, Pechle und mein Mann graben Deine Lucy. P. S. Stuttgart soll eine große Ähnlichkeit mit Florenz haben. Deine Lucy.« Der Brief ging ab mit einem dreifach unterstrichenen Eilig darauf. Da aber die Postbehörde seinen Inhalt nicht kannte, beförderte sie ihn leider nur auf dem gewöhnlichen Wege mit dem von Stuttgart abgehenden Haufen anderer schriftlicher Mitteilungen der Menschen in ihrem Verkehr auf Erden nach München. Das siebente Kapitel. Bei München, vor dem Sendlinger Tor, dehnt sich die Theresienwiese. Am Rande der Theresienwiese liegt die bayerische Ruhmeshalle. Vor der bayerischen Ruhmeshalle steht die Bavaria, und neben der Bavaria sitzt ein Löwe. Gegen ein Trinkgeld von zwölf Kreuzern kann man sowohl die berühmten bayerischen Menschen in der Halle hinter dem Gitter in der Nähe betrachten, wie auch die Aussicht auf die Ferne vom Kopfe der Bavaria aus genießen. Nämlich die letztere ist hohl; hohl von den Füßen bis zu dem Kopfe, und von dem Kopfe aus genießt man in der Tat eine sehr schöne Aussicht, nicht nur über die Theresienwiese, sondern auch über einen großen Teil der Stadt München und auf das ferne Hochgebirge, auf den Untersberg und den Watzmann, das Kaisergebirge und das Karwendelgebirge bis zur Zugspitze hin. Es ist sehr schön. Sechs Personen haben in dem Kopfe der Bavaria Platz, und niemand, der nach München kommt und es irgend möglich machen kann, verabsäume es, in denselben hinaufzuklettern. Wir, der Geschichtsschreiber, haben in der Hinsicht Außerordentliches geleistet; wir sind, nachdem uns unsere diesmalige ernste Aufgabe auf die Schultern gefallen war, eigens nach München gereist, um in der hohen Frau hinaufzusteigen, und uns persönlich durch den Augenschein zu überzeugen, daß das in dem Folgenden getreu Berichtete wirklich in ihrem Haupte und Leibe habe vorgehen können. Wenn wir ein Bayer wären, sei es auch nur aus Schwaben oder aus Franken, so würde uns unbedingt ein Platz in der Ruhmeshalle hinter dem Rücken des Löwen und seiner Herrin gebühren, so aber begnügen wir uns bescheidentlich mit der Aussicht auf eine Büste in der Walhalla bei Regensburg, und lassen uns gern ob unserer Bescheidenheit loben. Sechs Personen haben in dem Kopfe der Bavaria Platz, das verhält sich wirklich so. Wir haben das Lokal ausgemessen und die feste Überzeugung gewonnen, daß also auch für unsere hohe Heldin, Miß Christabel Eddish Raum darin war. Miß Christabel Eddish saß an dem wolkenlosen sonnigen Maientage, in der großen Stunde, die wir jetzt zu schildern haben, wirklich darin – allein; allein in dem Haupte der Bavaria, dasselbige wie ein schöner, tiefinniger, reiner Mädchengedanke vollständig ausfüllend. Und jetzt ist auch der Moment gekommen, wo wir uns zum ersten Mal ein wenig eingehender mit ihr – Miß Christabel – beschäftigen können; völlig gerecht werden wir ihr freilich kaum am Schlusse dieses Buches geworden sein. Miß Christabel Eddish war eine hoch gewachsene, hübsche Blondine, die körperlich den leeren Raum im Haupte der Bavaria durchaus nicht ausfüllte. Im Gegenteil, sie war ein wenig hager, jedoch sicherlich nicht zu hager. Wenn wir sie schlank nennen, werden wir nicht ganz, aber doch sehr annähernd das Rechte treffen; nennen wir sie also schlank. Ihre Gesichtsfarbe erschien ein wenig matt, doch keineswegs ungesund; die über die etwas energischen Züge ausgestreuten Sommersprossen verunzierten die Dame durchaus nicht. Blaugrüne Augen können auch schön sein und sind häufig recht interessant, vorzüglich wenn man zu denselbigen ein grünes Kleid und einen gelben Strohhut mit hellblauem Bande und einer silbernen Biene als Heftel trägt. Ein Sonnenschirm von Naturseide gehört freilich unbedingt zur Vervollständigung des Kostüms und der Erscheinung. Miß Christabels Alter belief sich auf dreißig wohlgezählte Jahre, offiziell war sie jedoch, sozusagen, durch ein sonderbares, höchst seltenes naturhistorisches Ereignis auf dem fünfundzwanzigsten stehen geblieben und hielt sich darauf. Wie die Dame diesmal in den Kopf der Bavaria auf der Theresienwiese bei München hinaufgestiegen war, so war sie jederzeit fähig, in Kalifornien in den höchsten Wipfel der höchsten Wellingtonia gigantea , so war sie in jedem Augenblicke bereit, auf die Spitze der höchsten Pyramide bei Ghizeh hinaufzusteigen, und der sollte noch geboren werden, der imstande war, sie wider ihren Willen wieder herunterzuholen. Sie pflegte ihre Briefe mit einer Gemme zu siegeln, auf welche eine nicht blühende Aloe als Sinnbild eingeschnitten war, und das Symbolum verdankte seine Entstehung ihrer eigenen Erfindung. Daß sie – Miß Christabel – noch blühen mußte, unterlag keinem Zweifel; allein welcher Blumist kann einer Aloe gegenüber genau bestimmen, wann es ihr gefällig sein werde, das holde Wunder eintreten zu lassen? – Von der Aussicht auf die fernen blauen Alpen mit den silbern blitzenden Zacken wandte sich Christabel und griff in die Tasche ihres grünen Reisekleides. Da war das rosafarbige duftende Blättchen, welches die königliche württembergische Post am Ende des vorigen Kapitels nach München beförderte! Da war es, am rechten Ort und in den rechten Händen, und – den »Klemmer« auf den Nasenbug fester aufdrückend und zurechtrückend – entfaltete Miß Christabel Eddish den schriftlichen Hülfeschrei der verzweifelnden Unglücklichen in Stuttgart und überflog, nach einem letzten Blick auf die Stadt München, das Schreiben der Assessorin außer Dienst und Freifrau Lucia von Rippgen von neuem. » Yes !« sagte sie, das Augenglas am schwarzen Bande fallen lassend. » Very merkwürdig! Diese Lucy ist eine sehr liebe Freundin von mir und hat sich immer sehr ausgezeichnet durch ein sehr großes Vertrauen gegen mich. Na, wir haben die Christabel von Coleridge zusammen gelesen in ihrer Cottage bei Dresden, und ich liebe diese Freundin, doch dieses ist sonderbar. O, sie ist sehr drängend, diese Lucy, sie würde sonst nicht geschrieben haben – so!« Hier klopfte das schöne Fräulein mit dem Knöchel des rechten Zeigefingers auf den Brief und fuhr nach einigem Kopfschütteln in ihrem Selbstgespräche fort: »Ah, hier ist ihr Ehegemahl, ihr Mann und noch ein Mann; let my see – yes, P - ech - le! Das wird es sein, der wird sie bringen zu ihrer Verzweiflung, der Pichle wird verführt haben ihren Mann, und ich werde zu ihr gehen, da sie mich doch zu ihr ruft, wenn sie gleich weiß, daß ich gemietet habe meine Zimmer in Florenz und bin auf dem Wege nach Florenz – yes. Yes ich werde sehen, was ihr fehlt, ich werde ihr kommen zur Hülfe gegen den Pichle, ich werde ihre Tränen abtrocknen. Oh yes, ich werde kehrtum machen und nicht nach Florenz gehen immediately, sondern nach Stuttgart, welches haben soll auch eine große Ähnlichkeit mit Florenz, was mir lieb ist. That is a very strange letter, ein merkwürdig sonderbarer Brief, und ich bin verpflichtet, mich meiner Freundin hinzugeben mit ganzer Seele. Ich will Virginy lassen in München hier und will wiederkommen nachher, obgleich es ist sehr uncomfortable, aber ich werde kurz sein mit Mr. Pichle, und werde dem Baron in sein Gewissen hineinreden und werde Lucy trösten und schnell zurückkommen. Was sie will, weiß ich nicht, die deutschen Ladies sind so sehr unbestimmt in ihren Briefen, aber ich werde es erfahren, und ich werde ihr Hülfe und Tröstung bringen; denn ich fühle mich dazu gewachsen; ich fühle mich gewachsen auf der Erde jeder Erscheinung – » yes! No! « entgegnete das Schicksal, unhöflich und brutal im höchsten Grade, das heißt, die Lust und den Humor der Sache unter der Maske grenzenloser Brutalität mit altbekannter Meisterhaftigkeit verbergend. Schon seit einigen Augenblicken hatten sich im Leibe der ehernen Schutzgöttin des Bayerlandes allerlei Töne vernehmen lassen: jetzt polterte es in ihrem Magen, und etwas stieg ihr über das Zwerchfell hinaus. Im Haupte schob Christabel den Brief der Freundin in die Tasche zurück, klemmte das Augenglas von neuem auf die Nase und horchte nach dem Halse hinunter. Jetzt stöhnte und schnaufte es im Busen der Riesin, jetzt zwängte es sich durch die Kehle, es war kein Zweifel mehr, es stieg ihr wieder etwas zu Kopfe! »Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit, Leicht beieinander wohnen die Gedanken, Doch hart im Räume stoßen sich die Sachen,« sagt Wallenstein, und wir überlassen, fast ebenso heimtückisch und vergnügt wie das Schicksal, es den Lesern, den Ausspruch des großen Feldherrn, Staatsmanns und Astrologen mit dem jetzt zu schildernden Zusammenstoß in Einklang zu bringen. Mit Aufbietung all ihrer Logik wird es ihnen hoffentlich gelingen. Ein wenig ärgerlich über die Störung lauschte Miß Christabel Eddish nach dem Schlunde der Bavaria hinab, und jetzt erhob sich aus der Öffnung, die in das gigantische Haupt führt, langsam – langsam ein anderes Haupt! Ein helle seidene schottische Reisemütze auf einem Walde brennend roter Haare! Ein brennend roter Backenbart! Ein gelblich Gesicht mit einem lippenlosen Mund, in welchem eine Reihe sehr gelber Oberzähne trotz aller herausfordernden nationalen Berechtigung recht melancholisch zutage trat! Ein langer – langer Hals, ein buntes Halstuch, und ein blendend weißer Hemdkragen: Sir Hugh Sliddery, Kapitän im siebenundsiebenzigsten Infanterieregiment Ihrer Majestät Viktoria, Königin von Großbritannien und Irland, und ein Mann, der freilich seinen besten Freunden und seiner innigsten Freundin einen heillosen Schrecken einjagen konnte, auch wenn er ihnen gerade nicht, wie augenblicklich der letztern, im Kopfe der Bavaria im Halse heraufstieg! Miß Christabel mit der Absicht, durchaus keine Notiz von der sich emporwindenden Störung ihrer stillen Natur- und Lebensbetrachtungen zu nehmen, sah einen Moment flüchtig hin und starrte sofort wie festgebannt durch das Verhängnis. Und das Haupt in der Rachenhöhle der Riesin starrte auf Miß Christabel aus gläsernen Augen, und die sich nachschiebenden Schultern zuckten im jähesten Schreck. Miß Christabel Eddish stieß einen gellenden Schrei aus, und fuhr zurück in den Hinterkopf der Bavaria, den Sonnenschirm gegen das Fürchterliche schleudernd und mit weit vorgestreckten Händen das Entsetzliche von sich abwehrend. Und weiter konnten sich die Augen des Kapitäns Sir Hugh Sliddery nicht öffnen. – » By God, « schrie er heraus; » beg your pardon! bitt' um Verzeihung!« zog den Kopf zurück und verschwand blitzschnell, phänomenartig – hundertfach schneller, als er emporgestiegen war. Wiederum kollerte und polterte es im Leibe der Bavaria, doch diesmal verlor sich der unheimliche Schall nach unten hin, und Christabel lauschte halb ohnmächtig in Schrecken, Schauder und Zorn. Jetzt schoß ein langbeiniges Individuum zu den Füßen der Gigantin hervor, verlor an ihrem Granitpostament einen braunroten Murray, übersah in blinder angstvoller Hast den breiten Weg zur Sendlinger Landstraße und stürzte – raste im vollen Lauf quer über die Theresienwiese der Anatomie und den Magistrats-Wagenschuppen zu. Man muß die Theresienwiese im hellen Mittagssonnenschein haben liegen sehen, um sich vorstellen zu können, welch ein winzig, verschwindend, hüpfend Pünktchen der Kapitän Sir Hugh Sliddery auf derselben war! Das achte Kapitel Im goldenen Zeitalter kannte man keine Gespenster. Im silbernen hatte man vielleicht eine Ahnung davon, daß es dergleichen geben könne, doch niemand hatte eins gesehen. Aber im eisernen wimmelte es von ihnen in allen Nächten zwischen zwölf und ein Uhr; und heute, wo der Welt Entwicklung doch unbedingt eine Wendung zurück gegen das goldene Glück des saturnischen Alters genommen hat, wo Friede und Freiheit, Glück und Behagen sich von allen Seiten her die Hände reichen, sind wir schlimmer daran denn je; denn heute erscheinen die Geister im Vertrauen auf die höhere Bildung und das kältere Blut der Erdbewohner unbefangen und mit Vorliebe am hellen Mittage, und irren sich dann und wann doch in ihrem Vertrauen auf den klaren Blick und die ruhige Überlegung des jetzt lebenden Menschengeschlechts. Wahrlich, die Gespenster, welche den Menschen am hellen Mittag erschrecken, sind schlimm; und jedermann, der in den Ammengeschichten des Daseins Bescheid weiß (und wer weiß heute nicht darin Bescheid?) kennt sie. Dem Kettengerassel und Türklappen, dem Rascheln, Rauschen, Seufzen, Lachen, Stöhnen und Weinen um Mitternacht fühlen wir uns allmählich gewachsen, so daß wir sogar angefangen haben, uns philosophisch lustig darüber zu machen; allein dem Spuk, der uns am hellen, lichten Tage, in der belebten Gasse, auf dem wimmelnden Markt, im summenden Gerichtssaal oder der federkritzelnden Schreibstube angrinst, die Spitze zu bieten, sind wir armen nervenschwachen Herren und Herrinnen der Schöpfung weder philosophisch noch unphilosophisch noch lange nicht imstande. Geschlossenen Auges, mit der einen Hand sich gegen die kalte Bronze stützend, mit der andern krampfig den krampfdurchzuckten Brief der Freundin in der Tasche zerknitternd, lehnte Miß Christabel Eddish im Hinterkopfs der Bavaria, und länger als fünf Minuten lehnte sie so da. Als sie dann das Auge, oder die Augen, die großen blaugrüngrauen Augen unter den langen blonden Wimpern wieder aufschlug und sich allein sah, sprang sie mit einem Wutschrei in den Vorderkopf: »Hau! Rau! o dear me! o the wretch! Der Schuft, der Elende! der Nichtswürdige!« – Im goldenen Zeitalter würden ihre Aufregung und die Äußerungen derselben unbedingt allgemeines Erstaunen erregt haben: wir auf der Umkehr nach dem Reiche Saturns begriffenen Söhne und Töchter des Tages wundern uns gar nicht darüber. Wenn wir auch die Härte und Schärfe der Exklamationen bedauern, so wissen wir nur zu gut, welche Steine, Verhacke, Gräben und Gestrüppe den Weg zur Ruhe, zum Frieden, zum Ideal versperren, um mit unsern Nachbarn und Nachbarinnen auf diesem Wege zu hart ins Gericht zu gehen. Gutmütig blicken wir über die Schultern nach ihnen hin, flüstern: Jo Saturnalia! Bona Saturnalia! und marschieren weiter, behaglich, solange das Behagen dauert. – Zitternd vor Wut und Aufregung blickte Miß Christabel von neuem durch die Öffnungen im Haupte der Schutzgöttin des Bayerlandes. Sie sah dem Schrecknis nach, welches – soeben vor ihr so merkwürdig entsetzt und so blitzschnell durch den Bauch der Bavaria Reißaus genommen hatte. Rekapitulieren wir, was sie sah! Wolkenlos, in reinster Bläue, überspannte der Mai-Mittagshimmel die schöne Welt, die Alpen, die Stadt München und vor allen Dingen die Theresienwiese. Aber die blitzenden Zacken am Horizonte hätten sich sämtlich in feuerspeiende Berge verwandeln und schwefelige Flammen bis zum Zenit hinausschleudern können, so würde das kaum die Aufmerksamkeit der britischen Jungfrau auf sich gezogen haben. Da lag der rote Murray ruhig am Rande des Weges, und da hielt die Droschke, welche das englische Fräulein zur bayerischen Ruhmeshalle und ihrer riesigen Wächterin geführt hatte, auf dem Wege, und der Kutscher mit untergeschlagenen Armen und nickendem Haupte schnarchte ruhig auf seinem Bocke. Der Wächter des Bayerischen Ruhmes, der Riesin und des Löwen schnarchte wahrscheinlich ebenfalls in süßer Mittagsruhe im Innern seiner Amtswohnung. Kein Mensch war zu sehen, so weit die Sendlinger Landstraße zu überblicken war. Kein Mensch auf der Sendlinger Landstraße! aber da – da auf dem falben Grün der unermeßlichen Wiese – viel näher der Stadt als der Bavaria – jenes hüpfende, helle, von Augenblick zu Augenblick winziger werdende Pünktchen – war das ein Mensch? Ei ja, – wie auch Miß Christabel Eddish ihrerseits darüber denken mochte – es war ein Mensch und zwar der Besitzer des Reisehandbuches am Rande der Böschung der Theresienwiese! Es war der Kapitän zu Fuß, Sir Hugh Sliddery, und die lange schmale Hand im veilchenblauen Handschuh auf dem Rande des Gucklochs zuckte, und das große grünliche Auge, das durch das Guckloch dem Flüchtling nachsah, schleuderte Blitze ihm nach, bis die Ferne und die Stadt ihn seinen Strahlen entzogen hatten. Als er verschwunden war, schlossen sich die Augen einen Moment, dann legte sich die lange feinbehandschuhte Hand über die zornig zusammengezogenen Brauen; Miß Christabel Eddish faßte sich, wie eine englische Maid überall sich zu fassen versteht. Sie klemmte das Glas wieder fest auf die Nase und stieg – glitt gleichfalls abwärts durch Busen, Magen, Unterleib usw. der ehernen Jungfrau und kam ebenfalls auf dem festen Boden zu den Füßen des Monuments wieder zum Vorschein. Da stand sie, sich noch immer mehr fassend, blickte nach dem Riesenhaupte, in welchem ihr soeben das Traumhaft-Fürchterliche begegnet war, zurück und empor, glaubte sogar in dem biederbehaglichen Gesicht des ruhig auf seinem Hinterteil sitzen gebliebenen bayerischen Löwen einen Zug diabolischen Hohnes zu bemerken, wandte sich mit verachtend zuckender Lippe, und sah sich nun auf der Erde um. Schrill zirpten die Grillen im Grase. Sonst war weiter kein Laut in der heißen Mittagsstunde zwischen zwölf und ein Uhr zu vernehmen. Noch immer schlief der Kutscher auf dem Bocke der Droschke, und der schläfrige Wächter, der dem Fräulein das Loch zu Füßen der Bavaria aufgemacht hatte, schlief gleichfalls im Stehen weiter und zog sich sofort nach getaner Pflicht und über die nicht über die Taxe zahlende Touristin sich wie im Traume ärgernd, brummend in sein kühles Gehäuse zurück. Noch einen Augenblick, und Christabel spannte den Sonnenschirm auf, – noch ein Zusammenschaudern und dann ein Entschluß! ein fester, eiserner, unumstößlicher, unerschütterlicher Entschluß, den Murray vom Rande des Weges aufzunehmen! Da lag er freundlich und friedlich im Sonnenschein; und ganz und gar sich fassend, schritt das Fräulein auf das rote Buch zu, sah auf es hin und – ergriff es mit einem blitzschnellen Griff, wie man wohl ein böses, häßliches oder giftiges Thier, eine Kröte oder Schlange im Grase packt. Krampfig klemmten sich die feinen Finger um das unschuldige Reisebuch; aber der größeste Ekel war damit denn doch überwunden. Fest die Beute an sich drückend, schritt die Dame zu ihrer Droschke hin, berührte den Kutscher mit der Spitze ihres Sonnenschirmes, rief dem grunzend aus dem Schlummer Auffahrenden die Adresse ihres Hotels zu, machte ihm endlich klar, wo er sich befinde und was man von ihm verlange, stieg in den Wagen, warf den Murray auf den Vorder- und sich erschöpft auf den Rücksitz und rollte die Landstraße hinab, die Theresienwiese entlang dem Sendlinger Tore zu. Wahrlich, erschöpft lag sie auf den staubigen Polstern, das rotbraune Buch auf dem Sitze vor sich mit einem wahrhaft grotesk-komischen Gemisch von Widerwillen, Neugier, Wut und erstickten Tränen im Auge haltend. Ehe sie es einer weiteren und näheren Untersuchung unterwarf, mußte sie sich noch bedeutend mehr an seinen Anblick gewöhnen, und solange der Wagen im Staube der Landstraße fuhr, war es ihr nicht möglich, das Grauen soweit zu überwinden, um es von neuem aufzunehmen. Sie ging unter in der Betrachtung, und erst als sie in das Tor und die Stadt München hineinrollte und sich wieder von gehenden, reitenden, fahrenden und im Notfall zu Hülfe zu rufenden menschlichen Wesen umgeben sah, wagte sie einen weitern Schritt gegen das sonst so harmlose schriftstellerische Erzeugnis in rotbrauner Leinwand. Sie gab ihm einen Stoß, einen hastig-heftigen Stoß mit dem Sonnenschirm und zeigte dabei eine nicht geringe Ähnlichkeit mit einem den ersten Schnabelhieb auf ein Krokodillenei führenden Ibis weiblichen Geschlechtes. Und wie der Ibis, wenn er seinen Ekel überwunden hat, das Ei mit steigendem Wohlbehagen ausschlürft, so durchblätterte Miß Christabel Eddish das Buch, nachdem sie es, nach dem Stoß, mit spitzigen Fingern aufgenommen hatte, hastig, eilig und mit immer höher steigendem Interesse. Sie blätterte sich mit ganzer Seele hinein, und das war kein Wunder! Wer würde ein von einem Gespenst zwischen Tür und Angel auf der Flucht verlorenes Reisehandbuch mit geisterhaften Randglossen aus der Nachtseite der Natur heraus, nicht mit zitternder, atemloser, atemanhaltender Spannung durchblättern? Leider wahrscheinlich sehr viele unserer braven Landsgenossen! Drei Viertel der deutschen Nation würden unbedingt ihren Fund getreulich der Polizei überliefern, und es ruhig abwarten, wie diese darüber verfügen werde. Gewissermaßen können wir diese drei Viertel unseres Volkes auch nur darum loben; denn nicht alles, was ein Geist verliert, paßt in das intellektuelle Verständnis des Finders und ist noch weniger geeignet, im allgemeinen Bewußtsein sich zu verbreiten. Das wäre freilich etwas Schönes – und ein ärgerlich Ding für Staat und Kirche, wenn ein Jeglicher das, was die Geister auf ihren Wegen bei Tag und Nacht verlieren oder gar von sich werfen und um sich umherstreuen, sich aneignen und ohne Bewilligung höhern Ortes ruhig behalten dürfte! Malen wir uns dieses ja nicht weiter aus, sondern halten wir uns ruhig an die althergebrachte und durch die Jahrtausende erprobte Weisheit unserer Konsistorien, medizinischen und juristischen Oberkollegien, Hoftheaterintendanturen, akademischen Senate und so weiter! Das, was Miß Christabel Eddish in ihrem Funde fand, soll sie jedoch, kraft unserer eigenen Machtvollkommenheit, zu ihrem Nutzen ruhig sich aneignen und verwenden dürfen. – Das Buch mußte für sie ein unermeßliches Interesse haben! Daß der Name Sir Hugh Sliddery auf der ersten Seite stand, war das Allerwenigste. Aber es befanden sich Bleistiftnotizen mannigfaltigster Art darin, und Miß Christabel stieß mehr als einmal darüber ein leises Stöhnen aus. Die goldgeränderten Visitenkarten einer Mademoiselle Aglaja Lemarron und einer Madame Artemisia Mabillinoff ließ sie zwischen den Blättern weg auf den Boden der Droschke hinabgleiten und setzte auf jede Karte verächtlich einen Fuß. Sie blätterte immer hastiger, und stieß auf ein lose eingelegtes Blatt, welches von einer Reiseroute handelte, und in dem Murray selbst war unter dem Artikel Florenz der Name eines Gasthofes unterstrichen und die Notiz an den Rand geschrieben: » Chambers bespoken for the 15th June, « auf Deutsch: Zimmer gemietet für den fünfzehnten Juni. Da lag die Schlange zusammengeringelt und reckte höhnisch den unheimlichen Kopf empor und züngelte und wies die Giftzähne! – In dem nämlichen Hotel hatte ganz für die nämliche Zeit Christabel ihr Absteigequartier bestellt – chambers bespoken mit dem Signor Wirt – dicht Wand an Wand mit dem Kapitän im siebenundsiebenzigsten Infanterieregiment, Sir Hugh Sliddery! O, grausam durfte das Schicksal sein, aber so hinterlistig schadenfroh hämisch grausam zu sein – dazu hatte es nicht das Recht! – Miß Christabel Eddish neigte das Gesicht, legte das Buch leise auf den Sitz vor sich hin. Nach einem Nachdenken von zwei Minuten erhob sie das Haupt – blickte ruhig und kalt geradaus, sie wußte bis an die äußersten Grenzen des Falls, wie sie dran war, wie sie sich zu verhalten und was sie zu tun und was sie zu lassen habe: sie hatte den Finger Gottes in dem Zusammentreffen im Haupte der Bavaria erkannt! Der Finger Gottes! Ach, wenn nur nicht zu allen Zeiten das Gebiß des Teufels darüber weg das arme Geschlecht der Menschen anfletschte und so sehr häufig das kindliche Vertrauen in unglaublich kurzer Frist totgrinste! Im nächsten Moment schon, nach einem neuen Blick auf den unglückseligen Murray, knirschte Christabel wieder ihrerseits mit ihren Zähnen dem bösen Feinde ins Gesicht, ächzte: » It is a horror! eine Schande ist's!« faßte das Buch, als ob es während der Zeit ihres demütig in einen höheren Willen sich fügenden Nachdenkens noch viel boshafter und giftiger geworden sei, und schleuderte es mit unbeschreiblicher Energie hinaus aus dem Wagenfenster, weit hinaus auf den Karlsplatz und einem den Platz gerade überschreitenden, an nichts denkenden, deutschen Poeten und Ritter des Maximiliansordens gerade vor den Magen. Der Chevalier, fast zu Boden gestreckt durch den vollkräftigen Wurf, drehte sich dreimal, den Dichter in sich natürlich mit sich herumreißend, um seine eigene Achse, griff mit beiden Händen nach dem Leibe und starrte – starrte – starrte, bis es zu spät war, die Droschke einzuholen und um Aufklärung zu bitten. Um diese Stunde des Tages war der Karlsplatz fast ebenso öde wie die Theresienwiese, und nichts störte den feuchtäugigen Lyriker, Epiker oder Dramatiker, oder Lyrischepischendramatiker in seinem Nachsinnen über das höchst eigentümliche Begebnis. Noch zehn Minuten nachher stand er denn auch, und zwar nicht in der Stellung, in welcher er dermaleinst in Erz gegossen zu werden wünschte, und blickte das rote Buch zu seinen Füßen scheu zögernd an. Zuletzt wagte er es, das Ding aufzuheben; aber er ging sehr vorsichtig dabei zu Werke – fast ebenso vorsichtig wie vorhin Miß Christabel Eddish am Sockel der Bavaria. Ob er es der Polizei ablieferte, oder es mit sich nach Hause nahm, können wir nicht sagen, sind jedoch nach unsern vorhin eingeschobenen Bemerkungen über gefundene Sachen innigst überzeugt, daß er es ablieferte, und es erst dann poetisch verwertete, wenn es ihm durch sämtliche im Laufe der Zeit historisch–politisch gewordenen staatlichen und kirchlichen Behörden tintenflüssig gemacht worden war. Das neunte Kapitel. Was geht uns der deutsche Ritter an? Nicht einmal der englische zieht uns in diesem Augenblicke auf seinem Reisewege gen Florenz nach sich. Auch als ritterlicher Historiograph haben wir immer noch unsere ganze Teilnahme und Aufmerksamkeit dem britischen Fräulein zuzuwenden und begleiten sie demgemäß in ihren Gasthof. Wir sehen sie vor der Tür desselben aussteigen, wir folgen ihr die Treppe hinauf und sehen mit Bedauern, wie sie sich bei jedem Schritt aufwärts schwer und hinfällig auf das Geländer zu stützen hat. Wir begleiten sie in ihr Zimmer und sind Zeuge eines wahrhaft überwältigenden Ergusses übler Laune, der sich auf die unglückselige Virginy stürzt, sie von den Füßen hebt und im sofortigen krampfhaft eiligen Kofferpacken umherwirbelt. Sie packten beide – Herrin und Dienerin. Die letztere in willenloser Überraschung und stupider Hingebung in die Beschlüsse des Fatums; die erstere mit dem tödlich beängstigenden Gefühl, auch hier in München während der ganzen Dauer ihres Aufenthalts den Kapitän Sir Hugh zum Wandnachbar gehabt zu haben. Sie rissen Schubladen auf und schoben Schubladen zu. Sie standen in einem Wellenschlagen vielfarbiger Gewänder aller Art; sie quetschten unaussprechliche Leibwäsche in Hutschachteln und Pariser Hüte in die Reisekoffer. Sie hatten zuletzt beide die Köpfe verloren, und Miß Virginy bekam den ihrigen dadurch, daß ihr ein Dutzend Spitzentaschentücher ins Gesicht geworfen wurde, durchaus nicht wieder. Sie ließen manches zurück, von dem sie sich nachher sonderbarerweise ganz und gar nicht erklären konnten, wo es geblieben war, und es zeugt von einem außergewöhnlich guten Herzen unsrerseits, daß wir jetzt ohne weitere ausmalende Schilderung die Leserin ihres herzklopfenden zitternden Mitgefühls entledigen und das Paar nach ausgeglichener Rechnung auf den Bahnhof befördern. Miß Christabel Eddish fuhr ab von München, ohne an diesem Tage zu Mittag zu speisen, – sie leistete dem Hülfeschrei der sächsischen Freundin in Stuttgart aus mehr als eigenem Antriebe Folge. Sie verzichtete für diesmal vollständig auf Florenz, und sie würde auch ohne das Postskriptum im Briefe ihrer Freundin darauf verzichtet haben. O hätte doch der Poet auf dem Karlsplatze den Zusammenhang zwischen ihrer Stimmung und dem Wurf auf seinen Magen gekannt! Ach, es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt, und was die Verteilung der literarischen Güter anbetrifft, so wird dieselbe wirklich lächerlich willkürlich gehandhabt; denn wie geriete sonst der Faden dieses Zusammenhanges zwischen unsere blöden und ungeschickt tastenden Finger?! Wir schämen uns aber auch selber unseres unverdienten Glückes, und nur die Hoffnung, daß man es in der gewohnten Weise – wie der Alte von der Ilm sagt, sekretiere, hält uns aufrecht auf unserer Fahrt mit Miß Christabel nach der Residenz des Schwabenlandes und weiter durch diese Geschichte. Das schrille Pfeifen der Lokomotive war nichts gegen die kreischenden Töne, welche die Seele Christabels durchschnitten. Das Gefühl, den Kapitän Sir Hugh Wand an Wand neben sich zu haben, ließ sie auch jetzt nicht los, er mußte im nächsten Kupee sitzen; er mußte in Augsburg in das Fenster gucken, er mußte in Ulm ihr den Pfad zur Bahnhofsrestauration verlegen, und daß er beides nicht tat, war zwar anerkennenswert, aber brachte der aufgeregten Phantasie keine Linderung. Das waren acht qualvolle Stunden, und als bei anbrechender Nacht die britische Jungfrau wohlbehalten in Stuttgart anlangte, befand sie sich vollkommen in der weltbekannten Stimmung Robinson Crusoes, nachdem er die Spuren der menschenfresserischen Karaiben im Sande am Meeresufer entdeckt hatte und, außer sich darüber, einen Tag lang auf seiner Insel im Kreise herumgelaufen war. Erschöpft, betäubt, regungslos lag er dann unter einem Busche, und erschöpft, betäubt und regungslos lag Miß Christabel Eddish in der Stuttgarter Droschke, durch welche sie samt Gepäck und Kammerjungfer der Wohnung der Freundin zugeführt wurde. Wenn es möglich wäre, daß jemand regungs- und bewegungslos aus einem Wagen stiege, so würde sie das vor der Tür des Herrn von Rippgen gleichfalls fertig gebracht haben. Sie stieg aus. Sie stieg die Treppe hinauf, gefolgt von Virginy und dem das Gepäck nachschleppenden Kutscher. Aus starren Augen sah sie eine Minute lang den Namen des Barons auf dem Metalltäfelchen an der Glastür im Schein der Gasflamme an. Dann zog sie eigenhändig die Glocke. Sie zog sie nicht hastig, nicht ruckartig, sondern sie zog sie wie eine Totenglocke, eine Begräbnisglocke und fuhr trotz ihrer Betäubung zusammen, als das helle Gebimmel ihrer Stimmung durchaus nicht entsprach. Wie die Marquise von Brinvilliers einem langweilig gewordenen Freunde den Giftbecher zu reichen pflegte, so reichte mit öder Gleichgültigkeit Miß Christabel dem Fuhrmann Fahrgeld und Trinkgeld, und dann kam Katharina und öffnete die Glastür. »O yes!« sagte Miß Christabel Eddish und schritt, ohne weitere Aufklärung über ihre Persönlichkeit, ihre Wünsche und Absichten zu geben, an der erstaunten schwäbischen Jungfrau vorüber. »Ja was denn? mei Frau ischt sehr übel auf!« rief Katharina, von ihrem Erstaunen sich erholend, und mit einem Versuch, den späten Besuch und Einfall zurückzuhalten, sich an Miß Virginy wendend. »O yes!« sagte Miß Virginy gleichfalls an der schwäbischen Maid vorüberschreitend und ihrer Herrin auf dem Fuße folgend. Katharina, jeden Versuch des Widerstandes nunmehr aufgebend und den Leuchter hoch über das Haupt erhebend, sah beiden nach und gab nur noch eine Warnung mit auf den Weg: »Sie! da rechts geht es aber auf –« vollendete jedoch ihren Satz nicht. Miß Christabel, durch eingeborensten britischen Instinkt geleitet, wandte sich schon von selber nach links und fand, ohne danach gefragt zu haben, sofort die richtige Tür. In derselben trat ihr Charlotte mit einem anderen Leuchter in der Hand entgegen und vor Überraschung mehrere Schritte zurück. »Ich bin es!« sprach Christabel. »Wo ist die Lady? Wie geht es ihr?« Da setzte Charlotte das Licht auf den Tisch inmitten des Salons und deutete tragisch-wortlos auf die Tür wiederum zur Linken, also nicht auf die Tür, welche in das Gemach des Barons führte. Rasch schritt die Engländerin über den blumenbunten Teppich dem deutenden Finger nach, und hinter ihrem Rücken glitt die deutsche Kammerjungfer an die Seite der britischen, schmiegte sich mit einer unbeschreiblich ausdrucksvollen internationalen Ellenbogenbewegung an sie, zog die Augenbrauen herauf, die Nasenflügel herab und den Mund in eine wie zu einem Pfiff gespitzte Spitze, und sagte wieder nichts. Die britannische Maid verstand jedoch den Blick wie das kurze schnelle Kopfnicken ganz ausgezeichnet, schüttelte in ebenfalls stummer Antwort den Kopf und entblößte ein ungemein glänzendes Gebiß! Miß Vrginy wagte es, hinter ihrer Herrin drein zu grinsen. Einen echt deutschen Frauenschrei jedoch stieß die Baronin Lucia von Rippgen aus, als ihre seelenvolle Freundin auf der Schwelle ihres Gemaches erschien und einen Augenblick wie zweifelnd stand und umhersah und umherroch. Miß Christabel Eddish fragte nicht: » O lord , wie riecht es denn hier?« denn sie kannte den Duft und wußte ihn zu deuten. Tränen, Zorn, Verzweiflung, flüchtige Salze und wohlriechende Kraftwasser, wenn sie sich bei niedergelassenen Vorhängen und verhüllter Lampe miteinander vermischen und den Aufenthaltsort des Weibes erfüllen, werden von jedem eintretenden Weibe sofort chemisch richtig analysiert, und eine Freundin – eine Feindin natürlich auch – weiß aus der Stelle in solchem Falle, welch ein Bestandteil im Moment in der Atmosphäre vorwiegt. Augenblicklich hatten ohnmächtige Wut, vinaigre de Bully und lait antiphlogose die Oberhand. Außerdem war es aber auch aus einfach meteorologischen Grundursachen schwül im Zimmer; denn eine schwüle, schwüle Vorsommernacht lag über der schwäbischen Metropole und hielt ihre Lebensgeister zusammen oder vielmehr nieder. »Christabel!« rief Lucia halb sich aus den Kissen ihres Diwans emporrichtend und die ausgebreiteten Arme der Freundin entgegenstreckend. Und schon beugte die Britin sich über die unglückliche Frau und drückte ihr, während sie zu gleicher Zeit die Handschuhe abzog, einen Kuß auf die glühende Stirn und sagte: »Siehst du, ich bin sogleich gekommen.« »Ich wußte es,« schluchzte Lucy an ihrem Halse hängend. »Du mußtest kommen! Ich habe dich deine Sachen packen sehen, ich habe dich zum Bahnhof begleitet! Mein armes Herz saß dir gegenüber im Kupee, und sieh, da liegt das Eisenbahnkursbuch – meine einzige Lektüre seit Tagen, und ich bin ruhiger und ruhiger geworden in der Überzeugung, meinen Brief hat sie bekommen – und jetzt hält der Zug in Gabelbachgereuth, und jetzt in Günzburg und nun in Leipheim, und da ist sie in Ulm, und in vier Stunden wirst du sie in den Armen halten und sie nicht wieder loslassen, bis du dich an ihrem Herzen ausgeweint, bis du dir in allem – allem Luft gemacht hast!« » Yes !« sagte Miß Christabel Eddish, in die erste Windpause des Sturmes der Gefühle der Freundin mit der Frage sich einschiebend: »Und wo ist dein Mann, dein Gemahl, der Baron?« »Denke dir, er ist davongegangen!« schrillte Lucie, krampfiger sich an der Schulter der hohen englischen Jungfrau festkrallend. »Was?! Davongegangen? C'est à dire – run away? Durch – ge – gan – gen?!« »Ja, ja und dreimal ja! Ich bin allein im Hause! Er hat es gewagt, der Elende! Er ist davongegangen mit dem gräßlichen Barbaren, dem Menschen, der sich, wie ich dir schrieb, in mein Leben, meine Ruhe, mein Glück eingedrängt hat, der mit uns in diesem Hause wohnt, der sich wie ein Felsblock auf mich gewälzt hat, der allnächtlich über meinem Haupte die Maultrommel spielt, und gegen den ich machtlos, kraftlos und ohnmächtig bin! Pechle hat meinen Mann verführt! Stelle dir vor – stelle es dir recht lebhaft vor: Ferdinand macht mit ihm – diesem Pechle, gegen meinen Willen – Christabel, gegen meinen ausgesprochenen Willen, eine Tour in der Umgegend!« »Das ist ihre Art so!« sprach Miß Christabel Eddish mit einer dumpfen Energie, die nur aus a posteriori , aus eigener Erfahrung gewonnener Überzeugung hervorbrechen konnte. Zu gleicher Zeit machte sie sanft die Hand der Freundin von ihrer schmerzenden Achsel los, schüttelte finster das Haupt und seufzte: »Manchmal – sogar sehr oft gehen sie auch weiter und begnügen sich nicht mit einer Tour in der Umgegend. O Lucy, dearest, erinnere dich an unsere besten Stunden, gib deiner Schwachheit nichts nach. Setze dich hin, und nach dem Tee wirst du mir alles ausführlich erzählen, und wir wollen ruhig überlegen, was wir zu tun haben werden, um dir zu helfen und uns zu rächen.« »Ja, uns zu rächen!« murmelte die Baronin und wurde im fernern Verlauf des Abends in der Tat sehr ruhig und überlegte mit der Freundin sehr kühl, was zu tun und was zu lassen sei, um das Gewicht in den zwei Schalen wieder gleich zu verteilen und die so ruchlos gestörte Harmonie im Weltall wieder herzustellen. Bis tief in die Nacht hinein wogen beide Rosen, Lilien und Vergißmeinnicht ab und zu: versetzen wir uns einmal ihnen gegenüber recht lebhaft in die Stelle dessen, der die Wage hielt! Das zehnte Kapitel. Die Tage waren fast zu schön, um sich in und an ihnen zu ärgern, und doch wie viele Leute, die sich jetzt auf Reisen befanden, hatten ihren Ärger, ihre Angst mit auf den Weg genommen! Von dem Exkandidaten der Theologie Herrn Christoph Pechlin aus Waldenbuch konnte man dieses jedoch nicht behaupten, und der, welcher dergleichen erwartete, täuschte sich sehr in seiner Erwartung. Pechle gehörte eben zu den durchaus nicht sparsam über die Welt verstreuten Biedermännern, welche, dem bösesten Gewissen zum Trotz, bei Tage der allergemütlichsten Lebensstimmung und bei Nacht des allerbesten Schlafes sich erfreuen und dadurch wieder einmal eines der land- und weltläufigen Dikta vollständig zuschanden machen. Christoph hatte ein böses Gewissen, allein lästig fiel es ihm nicht. Ja, wenn er einmal an das Weib seines Freundes dachte, wurde der Himmel über ihm womöglich noch klarer, der Wald grüner, die Sonne sonniger und jeglicher über jeglicher Kneipentür ausgehängte Busch ein doppelt verlockender Wink zur Einkehr. Ein schöner Sommer! Ein recht schöner heißer Sommer! Wer in den ersten Tagen des Juni auf einer Fußwanderung im Schwabenlande sich befand, der hatte, auch ohne gerade genötigt zu sein, die Qualen eines schlechten Gewissens zu ersäufen, mannigfache Gründe und Anlässe, in jeder zweiten Schenke am Wege einzukehren. Auch das Recht, sich in jeglichem Waldrandesschatten, sei es im Tal, sei es auf der Höhe, in das Gras zu strecken und den Rauch der Zigarre in den Duft des Tannendickichts hineinzublasen, konnte ihm unmöglich abgesprochen werden. »Nektar vom Faß! Ambrosia aus der freien Faust! Schlürfe und schlucke, mein Sohn, es ist Vorrat genug von beiden vorhanden!« rief Pechle jedesmal, wenn er den Baron zu sich nieder auf das weiche Moos zog. – »O Gott, was wird meine Frau sagen?« ächzte der Freiherr jedesmal, wenn er sich neben dem Reisegenossen steif zusammenklappte, die Arme um die Schienbeine schlang und das Kinn auf die Kniee legte. »Asche auf dein Haupt!« brummte dann wohl der Exstiftler. »Potz Tränenfläschle und Aschenkrügle, jedesmal, wenn ich dich so dasitzen sehe, tut es mir im tiefsten Herzen weh, daß ich kein Geislinger Holzschnitzer bin. Aber den ersten bildenden Naturkünstler, der uns begegnet, rufe ich an und lasse dich Modell hocken. Die Möglichkeit ist doch noch vorhanden, daß dich deine eben wieder einmal von dir erwähnte Gattin mit einem Sohn beschenkt, und dessen Enkel noch sollen dich als Andenken an die schwäbische Alb von ihren Ausflügen mit nach Sachsen heimbringen und auf ihren Schreibtischen aufstellen.« »O Christoph!« seufzte der reichsunmittelbare Ferdinand durchaus nicht erheitert durch diese Aussicht, in seiner schönsten Situation auf die Nachwelt zu kommen, und Pechle schloß dann gewöhnlich die Unterhaltung mit einem: »Na, dann laß uns weiter marschiere, 's wird mir allmählich o'a'g'nem, hier als ein behaglicher Mensch bei dir zu liege.« Nimmer vernahmen die königlich württembergischen Dryaden und Hamadryaden so viele Zitate aus dem Aristophanes, als während dieser Reisetage der beiden Tübinger Freunde. Es war jedoch nur der eine derselben, welcher zitierte, nämlich der Plato-Übersetzer. Und wenn ein Exkandidat der Theologie und ein Übersetzer des Platon in das Zitieren des Aristophanes hineingerät, so zitiert er gewöhnlich mit vielem Geschmack. Es ging wie ein breites Lächeln – Grinsen durch den Wald und über die sonnigen Hügel. Die Dryaden und die Oreaden taten zwar, als ob sie die Ohren zuhielten, aber sämtliche Faune und Satyre rings in der Umgegend wurden mit einem Male wach und sehr lebendig und hüpften mit Bockssprüngen neben, vor und hinter den beiden Wanderern auf ihrem Pfade durch den reizenden Tag, während alle Bäche vor dem scheuen, errötenden Untertauchen ihrer Nymphen stärker rauschten und ihre Tropfen mutwilliger auf den Weg spritzten. Es ist unglaublich zu sagen, wie lustig sich sämtliche schwäbische Berg- und Waldgötter über den Baron Ferdinand von Rippgen aus Dresden machten, und um so verdrießlicher ist es, daß wir die zwei Herren samt ihrem Gefolge nicht von Stunde zu Stunde durch die holden Tage begleiten konnten. Erst zu Owen (sprich: Auen!) unter Teck legen wir wieder die Hand auf sie. – Zu Owen unter Teck, in der niedrigen, schwarz gerauchten Gaststube des Wirtshauses zur Krone, saßen der Baron und Christoph Pechlin beim Frühstück und hatten mancherlei hinter sich. Sie hatten den Grünen Felsen, Sankt Johann, den Uracher Wasserfall, Hohen-Urach, die Stadt Urach und den Hohen-Neuffen hinter sich, und als sie an diesem jetzigen Morgen von Erkenbrechtsweiler nach Owen hinuntergestiegen waren, da mochte es wahrlich zweifelhaft erschienen sein, wer dem andern in Heiterkeit und Selbstzufriedenheit den Rang abgewonnen hatte, der Exstiftler Christoph Pechle aus dem Schönbuch auf dem steilen Bergpfade oder das Lenninger Tal zur Rechten des Wegs, flimmernd im Sonnenschein, und seine Kirschbaumpracht mit berechtigtem Stolz dem blauen Himmel und den Bergen hinbreitend. »Wird des en Geischt in diesem Jahr geben!« hatte Christoph, den Begleiter auf die Üppigkeit der Natur aufmerksam machend, in Ekstase gerufen; aber der Baron war leider geistig so herunter, daß ihn selbst die Aussicht auf das Lenninger Tal mit allen den verlockenden Hoffnungen und Verheißungen auf ein außergewöhnlich zu lobendes Kirschwasser nicht aufrichten konnte. »O ja – aber meine Frau! meine arme Lucie!« hatte Ferdinand gestöhnt, und so waren sie nach Owen in die Krone hinabgestiegen, und Pechle hatte das Frühstück bestellt. Sie befanden sich jetzt auf der Rückreise. Schon wurden die Pferde des Postwagens, der sie nach Kirchheim zur Eisenbahnstation bringen sollte, vor der Tür angeschirrt, und an dem braungemalten Tische in der Gaststube stieß der Freund dem Freunde den Ellenbogen in die Seite und sagte: »Du! Rippgen! jetzt nimm noch einmal das Gesicht aus den Händen und schau dem Weltenschicksal in die Augen. Heute abend sehen wir vom Hohenstaufen aus die Sonne untergehen und morgen überliefere ich dich den Armen der zärtlichsten Gattin von neuem und vertrete alles, was wir beide in Kompanie während der letzten Tage gesündigt haben.« »Du? uh! o!« stöhnte der Baron, das Gesicht zwar erhebend, jedoch nicht dem Weltenschicksal, sondern dem Reisegenossen aschgrau vor Gewissensangst in die Augen starrend. »Ei ja; du wirst die Glocke an meiner Tür ziehen, wirst mich auf meinen Vorsaal schieben, wirst einen Augenblick horchen, wirst zu deiner eigenen Wohnung hinaufsteigen, wirst über meinem Kopfe niederknien, das Ohr auf den Fußboden legen und von neuem horchen! Ja Christoph, du wirst von neuem horchen; – Widerrede mir nicht, ich kenne dich; und trotz allem wirst du mein einzigster Trost und Lichtpunkt in den kommenden bänglichen Momenten sein, es ist entsetzlich!« »Bruderherz,« rief Pechle fast gerührt, »du hast vollkommen recht, aber du bist der einzige nicht, dem ich als Tröster im Erdenjammer aufgegangen bin. Erlaube mir; meine lyrischen Gedichte trage ich immer hinten in der Rocktasche, wie ein Johanniswürmle seine Laterne. Hier – da auf Seite Zweihundertsechsundsiebenzig, unter der Überschrift –« In diesem Augenblick klopfte der Kutscher ärgerlich an das Fenster, und Pechle klopfte zärtlich auf das Bändchen in dunkelgrüner Leinwand mit abgegriffenem Goldschnitt, schob es in den Sack zurück und sagte: »Du würdest mich in deiner jetzigen Stimmung doch nicht nach Verdienst fassen und würdigen. Steigen wir ein und fahren wir ab; aber da hast du meine Hand drauf, ich werde im richtigen Moment mit dem Stiefelknecht aufpochen. Ja, du bist mein Freund und sollst auch morgen von neuem erkennen, was du an mir wiedergefunden hast.« »O Gott, o Gott!« stöhnte der Baron und nahm den Arm, den ihm sein heiterer Berater und Vermittler bot und, schwer gestützt auf ihn, wankte er dem Wagen zu und ließ sich hineinheben. Sie fuhren ab und sämtliches Personal des Wirtshauses zur Krone in Owen drängte sich in der Tür und sah ihnen kopfschüttelnd nach. »Das eine Mensche'kind sollt i wohl kenne, aber das andere ischt sicher kei' Landesgewächs, und es ischt mer scho' recht, wenn d'r Jäckle vorsichtig fährt, – so was muß ma' ja konserviere, daß noch lange auch andere Leut ihre Freud dra' habe,« sagte der Kronenwirt. Über die Fahrt von Owen nach Kirchheim ist nichts zu berichten. Der Baron lag mit geschlossenen Augen in der einen Wagenecke, und Christoph lag in der anderen, blinzelnd durch die Staubwirbel der Landstraße und den hellen Morgensonnenschein, mit seinen lyrischen Gedichten hinten in der Rocktasche und einer Weinflasche vorn zwischen den Knieen. Auch von der Eisenbahnfahrt über Plochingen nach Göppingen ist wenig zu erzählen. Mit zwei Leuten, die länger als eine Woche in der schwäbischen Alb herumliefen, ist im Eisenbahnwagen überhaupt wenig anzufangen; aber wenn Ferdinand im unruhigen Schlummer den Weg verschlief und sich selbst beim Wagenwechsel in Plochingen kaum ermunterte, so war Christoph wenigstens doch imstande, auch das Getränk dieser Station zu probieren und ihm die gebührende Ehre zu geben. In Göppingen speiste man zu Mittag, und hier schlief Pechle einen gesunden Nachmittagsschlaf und wachte der Baron; das Gefühl, die Gewißheit, sich auf dem Heimwege zu befinden, die Aussicht, morgen zu Hause zu sein, ermordeten dem letzteren jeglichen Gedanken an Schlummer und Schlaf. Mit kurzen, aufgeregten, unsichern Schritten lief er auf und ab im Saal, hörte den Reisegefährten schnaufen, friedlich blasen und atmen und blieb nur von Zeit zu Zeit vor ihm stehen, um ihn mit einem Gemisch von Haß und Schutzbedürftigkeit anzuschauen und sofort seinen Marsch in verdoppelter Ruhelosigkeit von neuem aufzunehmen. Nach drei Uhr erwachte Pechle, gähnte, reckte und dehnte sich, rieb die Augen und schnarrte verdrießlich: »Was? Bist du schon wach?« »O ja! – Ja gewiß!« »Dann laß den Kaffee bringen und zahle die Rechnung. Verzeih mir, ich glaube, ich habe von dir geträumt und werde wahrscheinlich erst unterwegs meine Fassung und meinen Gleichmut wieder gewinnen. O Sechserle, wie kannst du's nur übers Herz bringen, deinem besten, deinem einzigen Freunde diese kurze Ruhestunde so gespenstisch zu stören?« »Ich gebe dir mein Ehrenwort –« rief der Baron im höchsten Grade verblüfft; aber Pechle ließ ihn den Satz nicht vollenden. »Sei still! Sei nur ganz still!« sagte er vorwurfsvoll abweisend. »Du bist mir erschienen und zwar mit deiner Frau am einen Arm und der großen Unbekannten, der englischen Miß am anderen! Zahle und laß uns wieder ins Freie. Ich hoffe, die frische Luft wird mir gut tun!« Die frische Luft tat ihm gut. Sie übte selbst auf den Baron noch einmal einen belebenden Einfluß, und als der Schurwald die beiden Touristen in seinen Schatten aufnahm, da drehte sich unter den ersten Bäumen des Gehölzes Herr Christoph Pechlin auf einem Bein dreimal im Kreise, schwang den Hut und stieß ein weithin schallendes Lustgeschrei ans. Dann sagte er: »Das ist mir doch zum ersten Mal in meinem Leben passiert, daß mich der Alp am hellen Tage im Mittagsschlaf gedrückt hat. Nimm es mir nicht übel, Sechserle, aber du hast dich mir schwer auf die Brust gelegt. Eine süße Last warest weder du noch deine Gattin, und dann – dann, wie konntest du es wagen, mir Miß Christabel Eddish im Traume vorzustellen?« »Ich versichere dich, Christoph –« »Sei ganz ruhig! Ich verzichte auf alle deine Versicherungen, Beteuerungen und Entschuldigungen; allein, wie es mir demnächst möglich sein wird, mich der Dame persönlich zu präsentiere, das weiß ich in diesem Augenblick wirklich nicht, und dich, – ehrlich gestanden, – sehe ich, bis die Vorstellung stattgefunden hat, mit nicht zu bändigendem Widerwillen, um nicht zu sagen Ekel und Abscheu an.« Sie wanderten fürbaß durch den Schurwald, hügelauf und hügelab bis unter den steilen Kegel des Hohenstaufen. Auf diesem Wege hatten sie die Landstraße stets zu ihrer rechten Hand, bald nah, bald weiter ab, jetzt vollständig zu übersehen, jetzt teilweise oder gänzlich durch das Gebüsch oder die Baumstämme ihren Augen verdeckt. Es konnte ihnen also nicht entgehen, daß die zwei Gäule eines Kutschwagens ziemlich gleichen Schritt mit ihnen hielten, ihnen zur Zeit einen Vorsprung abgewannen, um dann wieder hinter ihnen zurückzubleiben. »Wir werden Gesellschaft beim Nachtessen im Lamm haben,« sagte Pechle. »Ich pfeife zwar darauf, denn der erlauchte Berg zieht sonderbar langweiliges Volk an; allein es kitzelt mich doch immer. Hä, ihr Sachsen, ihr Obersachsen, ihr Meißner, ihr Einwanderer auf slavisches Gebiet, da sitzt ihr mit eurem angemaßten Stammesnamen und eurem Hause Wettin und ärgert euch grenzenlos, wenn wir euch von hier aus eine Nase zudrehen.« »Was mich anbetrifft, gar nicht!« sagte der Baron Ferdinand von Rippgen, königlich sächsischer Assessor außer Dienst. »Übrigens habe ich über die Sache auch noch gar nicht nachgedacht.« Darauf sah ihn der schwäbische Ex-Theologe eine Weile an und sprach dann treuherzig: »Siehscht du, Alterle, das ischt auch einer der Gründe, weswegen wir zwei deutsche Brüder immer so gut zusammen ausgekommen sind! Da ist der Wagen wieder – natürlich voll Frauenzimmer! Und hier sind wir am Ende des Waldes, der Weg nach dem Dorfe hinauf ist noch ein schweres Stück Arbeit. Ein halb Stündle im Schatten wirft meine Uhr noch ab. Nimm Platz und erlaube mir als Autochthonen, dich am Fuße dieses allerhöchsten germanischen Bergkegels nochmals herzlich willkommen zu heißen.« »Ei ja freilich, hier sitze ich!« seufzte der Freiherr, den Schweiß von der erhitzten Stirn trocknend, und der im Sonnenbrande den Weg zum Dorf Hohenstaufen hinaufkriechenden Kutsche nachblickend. Süß waren diese letzten Momente der Ruhe im Schatten, selbst für den Baron. Die Aufregungen, Verwirrungen und Kämpfe, welche aber schon die nächste Stunde im Schoße trug, wirkten beim Ausschütteln eben dieses Schoßes dann um so mächtiger durch den Kontrast. Der Göppinger Mietswagen war längst hinter einer Biegung des Weges verschwunden, als Pechle seinen Zigarrenstumpf auf den Fahrweg warf und sagte: »Jetzt wird es aber Zeit. Gehen wir also.« Mühsam suchte der sächsische Freiherr seine Gebeine abermals zusammen und stand auf, so gut es sich tun ließ. Schweißtriefend erreichten die zwei Freunde die ersten Hütten des Dorfes Hohenstaufen, und Pechle bemerkte: »Das Betreten dieser seltenen Stätte scheint nicht den gewünschten belebenden Eindruck auf dich zu machen, Ferdinand. Da setze ich denn meine letzte Hoffnung auf das Lamm. Außergewöhnlich unangenehm wär's, wenn wir das Quartier bereits belegt fänden.« Das hatte ganz den Anschein, denn als die beiden Wanderer, immer noch bergan steigend, das Lamm in Sicht bekamen, hielt der Göppinger natürlich schon unter der Haustürtreppe, seiner schönen Last entledigt, und Pechle kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohr und sprach wehmütig-verdrießlich: »Meine Ahnungen trügen mich doch nie. Da unten im Ochsen ist Musik und setzt es heute abend sicherlich Hiebe, und hier ins Lamm hat sich dicht vor unserer Nase das andere Geschlecht eingelegt, und nennt das wahrscheinlich auch, Rosen ins irdische Leben winden. Das muß i sage! Na, wie ischt's, Lammwirt?« Von der Treppe seines Hauses herab zuckte der Wirt zum Lamm in Hohenstaufen selbstverständlich die Achseln, während flachshaarige Dorfjugend, zu Haufen um die beiden Ankömmlinge versammelt, sich kein Wort und keinen Gestus der Verhandlungen entgehen ließ, sondern mit aufgesperrtem Maul und Ohr alles in sich hineinschlang. »Auf dem Tanzsaal kann ich Ihne noch a Bett hinstelle. Das Lumpenvolk, für welches da der rechte Platz wär, hält seine Bettelhochzeit ja doch im Ochse. Trete die Herre ein, die fremden Stadtdame sind schon auf den Berg 'nauf – wie gewöhnlich!« Also sprach der Wirt zum Lamm in Hohenstaufen von seiner Haustürtreppe herab, und Pechle rief: »Was Besseres hab' ich mir nimmer gewünscht. Es gilt für den Tanzsaal, Lammwirt. Mutig, Sechserle – noch einen Schoppen Roten, und dann gleichfalls den Berg hinauf – wie ge–wöhnlich!« Gefolgt vom Baron erstieg er die Treppe und trat in die niedere Honoratiorenstube zur Linken der Tür, und sämtliche flachshaarige hohenstaufensche Dorfjugend machte den Versuch, ebenfalls mit einzutreten, und konnte nur mit Mühe vom Wirt bewogen werden, den Versuch aufzugeben. In dem Gastzimmer stützte Ferdinand von Rippgen sofort wieder beide Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf auf beide Hände; Pechle jedoch, alles Lebensdurstes voll, bestellte den Roten, rieb sich munter auf- und ablaufend die Hände und murmelte: »Immer vergnügter wird man! Jetzt fehlt mir nur noch der Alte vom Kyffhäuser, um auf der Stelle Brüderschaft mit ihm zu machen. Das wäre etwas! Nachher käme man auch zu einem vernünftigen Gespräch, erführe die Meinung des Alten über die Zukunft Deutschlands, und – dann gingen wir alle drei zusammen auf den Berg, und den Assessor da nähmen wir in die Mitte und höben ihn, wo es nötig wäre, und bezeugten ihm die Hausehre, wie es sich gebührt! Du, Baron, zum Sonnenuntergang kommen wir immer noch früh genug; greif mit beiden Händen ans Glas – auch die beiden romantischen Frauenzimmerle werden uns nicht entgehen: ich bin fest überzeugt, sie sind in ihrem historischen Gefühlsaustausch eben erst bei – Philipp und Irene traut – angekommen, und das hält sie fest, bis wir kommen.« »Lieber Freund,« seufzte der Baron, »am liebsten wäre es mir, wenn du allein gingest: was mich anbetrifft, so möchte ich schlafen gehen. Ich komme mir selber vor wie eine Art Barbarossa im Kyffhäuser. Ich fühle mich wie festgewachsen, wenn auch nicht mit dem Barte am Tisch, so doch mit den Füßen und Beinen am Boden. Außerdem ist mein Kopf sehr eingenommen –« »Du solltest wirklich noch einen Schoppen zu dir nehmen.« Ferdinand von Rippgen schauderte. »Ich weiß fest, daß das mir den Rest geben würde. O Christoph, Christoph, du bist mein Freund, aber offen gestanden, daß ich dir zu meinem Behagen wieder in die Hände geraten sei, glaube ich nicht mehr. Lieber Pechlin, ich bitte dich herzlich, überlaß mich mir, meiner Ermüdung und meinem Schicksal, wenigstens für heute abend. Erklimme allein jenen unheimlichen kahlen Gipfel, du kannst mir ja nachher erzählen, was du da oben gesehen, erfahren und erlebt hast.« »Das würde deine Frau mir in ihrem ganzen Leben nicht verzeihen. Ich habe mir versprochen, dich ihr besser, sittlicher und verständiger zurückzuliefern, und ich werde mir Wort halten. Rippgen, ich verlasse dich nicht, aber auch du wirst bei mir bleiben, wirst mit mir gehen, und wirst vor allen Dingen nach fünf Minuten, die ich dir noch zur Sammlung deiner Lebensgeister gestatte, mit mir den Fleck besehen, wo die Burg deiner größten Kaiser stand.« »Pechle, morgen sind wir wieder in Stuttgart!« Ohne zu ahnen, wie sehr er sich täuschte, erwiderte der Exstiftler: »Um so mehr soll das Heute uns gehören. Da steht der Rote, verscheuche die bleichgelbe Möre durch ihn und tu mir den Gefallen, und sperr dich nicht länger. Weischt du, ich habe mich um den Morgen nie gekümmert und bin stets gut dabei gefahren.« »Ja, du auch!« seufzte der Freund aus Sachsen, und er hob sich mühselig von seiner Bank hinter dem Tisch im Lamm zu Hohenstaufen. Das elfte Kapitel. Es ist für einen denkenden, mit etwas politischem Sinn und vor allen Dingen mit Phantasie begabten Menschen immerhin etwas, die steile Gasse des Dorfes Hohenstaufen gegen den Burgberg hin zu durchwandern. Es liegt, abgesehen von manchem andern ein ziemlicher Trost für unsereinen in der Fortexistenz dieses Dorfes mit dem berühmten Namen. Diese Bauernhäuser und Hütten und das Volk in ihnen haben vielerlei überdauert, was vordem, wenn nicht mit Verachtung, so doch mit lächelnder Geringschätzung auf sie herab sah, und sie jedenfalls beim Aufbau und Ausbau seiner stolzen Pläne wenig in Rechnung zog. Die hohen Zinnen sind gefallen, die Fürsten, die gewaltigen Herrscher der Welt zerstoben; aber die Hütten stehen noch aufrecht, und die Bauern von Hohenstaufen schlagen heute noch wie vor tausend Jahren auf den Tisch, halten ihr Dasein für etwas ganz Selbstverständliches und haben sicherlich über die Berechtigung dieses ihres Daseins noch nie nachgedacht. Es ist eine große Merkwürdigkeit, und wer einmal angefangen hat, darüber nachzudenken, oder gar mündlich oder schriftlich etwas darüber von sich zu geben, der findet nicht leicht das Ende seiner Betrachtungen. Angefangen haben wir leider; aber wir wissen uns zu mäßigen und brechen kurz ab, in der fröhlichen Aussicht, heute abend im Ochsen mit der kaiserlich-hohenstaufenschen Hintersassenschaft von neuem zusammenzutreffen. – Die beiden Freunde, Ferdinand und Christoph, Wettin und Beutelsbach – stiegen, nachdem sie vorher das Quartier im Tanzsaal in Augenschein genommen und annehmbar gefunden hatten, jetzt der alten Kirche zu, und – betrachteten sie von außen. Hinein ging Pechle nicht, behauptend, das könne man von ihm, als früheren Tübinger Stiftler, nicht verlangen. Dafür aber erging er sich in den kuriosesten Mutmaßungen über die Frage, was für eine Art von Patronatsherr wohl der freigeistige zweite Friedrich gewesen sein möge, und kam zu dem Endresultat, daß der kaiserliche Schlaukopf hier auf der eigenen Scholle unbedingt den Orthodoxen reinsten Wassers gespielt und die Pfarre nie vergeben haben werde, ohne dem Herrn Kandidaten selber scharf auf den Zahn zu fühlen, oder vom Konsistorio fühlen zu lassen. Mit einer Schulterbewegung gegen das Dorf hin, sprach Pechle gedrückt: »Sie stimmen heute noch in der Furcht des Herrn nach der Richtung!« Doch leider war der sächsische Freiherr und Assessor außer Diensten allzu matt und daher nicht imstande, dem biederen Reisegenossen auf seinen feinen Wegen durch diese, jeden Theologen und vor allem jeden vormaligen Insassen des Stiftes zu Tübingen höchlichst interessierenden Fragen mit dem nötigen Verständnis zu folgen. Er, der Baron, ging einfach hinter dem Exstiftler her, stand still, wenn jener still stand, folgte mit den Augen der deutenden Hand des Freundes und wandte sich ohne Teilnahme mit, als Christoph Pechlin dem uralten Gotteshause den Rücken kehrte. Widerwillig und doch auch ohne Willen stolperte er dann auch dem Führer nach, als dieser den auf die Höhe des Burgberges führenden Fußpfad weiter beschritt. »Bei Baphomet! wird der imperatorische Fuchs jedesmal gesagt haben, wenn er irgendwo in Apulien das Anstellungspatent seines hiesigen schwäbischen Hairle unterschrieb. Ich wüßte nicht, was er sonst gesagt haben könnte, Rippgen!« brummte Christoph Pechle im Bergaufsteigen. Gründlicher als diese Staufenburg ist wohl nie ein Feudalsitz vom Erdboden weggefegt worden. Man hat auf dem Gipfel des Berges den schrankenlosesten Spielraum für Erinnerung, Gefühl und Einbildungskraft; denn er ist vollständig kahl. Und in unserem besondern Falle kann uns das nur im höchsten Grade angenehm sein, denn im höchsten Grade verdrießlich wäre es, wenn irgendein zertrümmertes Gemäuer von Palas, Wall oder Turm die Aussicht nach irgendeiner Seite hin hinderte. Aber die Aussicht ist frei nach allen Seiten, sowohl von oben den Kegel hinunter, wie von unten den Berg hinauf. Das wenige, kunstgärtnerisch angepflanzte Gebüsch hält sich bescheiden am Boden, und man braucht sich keineswegs auf die Zehen zu stellen, um über es weg den Hohenzollern, das Stammhaus jenes andern freigeistigen zweiten Friedrichs zu erblicken. Um diesen König und jenen Kaiser kümmerten sich die beiden, in diesem Augenblick in tiefer Einsamkeit auf dem Gipfel des Zuckerhutes stehenden Damen natürlich nicht. Ohne sich eingehend mit Philosophie der Geschichte zu befassen, standen sie aufeinandergestützt, wie die beiden Leonoren auf dem bekannten Düsseldorfer Bilde und fanden schon daran allein ihr seelisches Genügen; – doch daran nicht allein, wie wir sogleich aus ihrer Unterhaltung erfahren werden. Sie standen, die eine schlank und die andere in etwas üppiger Beleibtheit, vor allem in der sicheren Gewißheit, daß die ganze Herrlichkeit der Hohenstaufen von Konrad bis zu Konradin ihnen und ihren Reizen Platz gemacht habe; und im letzten Grunde war dem auch so. Selbst die Abendsonne, welche glänzend auf der schönen Landschaft, über Tälern und Gebirgen lag, schien einzig und allein ihretwegen sich so holdselig gegen die Berge im Westen zu senken, und auch diese Meinung hatte ihre unumstößliche Berechtigung. Die goldene Sonne hielt es mit Vergnügen für ihre Ehrenpflicht, die beiden schönen Frauen auf dem romantischen Bergesgipfel vor allem übrigen zu verklären und sie in die rechte Beleuchtung zu stellen. Wie sie auch sonst dann und wann dem unbefangenen Betrachter erscheinen mochten, in diesem Moment und in diesem wundervollen Scheine repräsentierten sie doch das Wirkungsvollste in aller Nähe und Ferne und mußten jedem vom Dorfe her den Berg Erklimmenden als solches ins Auge fallen. Weich schmiegte sich der Schatten der beiden Damen – nämlich der Freifrau Lucia von Rippgen und der englischen Miß Christabel Eddish an den weichen Grasteppich unter und zu ihren Füßen. Sie waren es! Ja, sie waren es, die Baronin und Miß Christabel! Da waren sie, da standen sie im goldenen Abendsonnenschein auf dem Gipfel des Hohenstaufenberges und blickten hin auf das Herzogtum Schwaben: das englische Fräulein still und ziemlich unangefochten, die Baronin aber im heftigen Kampf mit den unendlichen Mückenschwärmen, welche sich vorzugsweise an sie, die deutsche Frau und Heldin hielten, sie immer näher und näher umtanzten und immer unverschämter ihren Reizen huldigten! Die beiden Damen blickten augenblicklich nicht auf den nach dem Dorfe hinabführenden Fußweg, sondern, wie gesagt, auf die in abgestuftem Blau sich hindehnende Kette der Alb. »Sieh, Teure, wie schön, wie herrlich, wie erhaben – o diese entsetzlichen Mücken!« rief die Baronin. »Welch ein Eden ist diese Welt – könnte diese Welt sein, ohne so vieles, vieles – diese Mücken sind unerträglich! was nicht hineinpassen will! Christabel, fassest du mich denn? Ja, ja, wir fühlen uns vollkommen eins in diesen unaussprechlichen Gefühlen! Schau doch jene Gebirge, wie sie uns hold lächelnd zuwinken! Erregen sie dir auch dieses süße, namenlose Heimweh nach einer noch bessern Welt – nach unserer Welt, unserer eigenen wirklichen, wahren Welt?« »O yes, it is very fine, indeed!« seufzte die Engländerin, ohne ihr intensives Anstarren der Landschaft zu unterbrechen. »Ach, diese Berge, diese herrlichen Berge,« fuhr die Baronin fort, mit dem duftenden Taschentuch den vergeblichen Kampf gegen die Scharen ihrer geflügelten Feinde fortsetzend, »diese herrlichen Berge, mit ihren lieblichen, von hier nur geahnten, idyllischen Tälern; welch einen tieferen, objektiveren, ruhigeren, wonnigeren Eindruck würden sie auf mein Herz machen, ohne die bedrückende Vorstellung, daß augenblicklich jene beiden herzlosen, seelenlosen Menschen auf und in ihnen umherschweifen! Ich weiß es ja, Christabel, du siehst alles nicht nur mit meinen Augen, sondern auch mit meiner Seele; aber es ist doch – mein Mann, den dort in jener duftig entzückenden Ferne der widerliche Mensch, dieser – Pech–le, die–ser Ver–führer hinter sich herschleppt! Hinter sich herschleppt? O Gott nein, aus freien Stücken ist er mitgegangen und läuft er vielleicht ihm voraus, der Abscheuliche – mein Ferdinand!« »Welches ich doch nicht glaube,« sagte die Engländerin. »Du glaubst es nicht?!« » No! Weil ich es ihm nicht zutraue, daß er vorgeht dem anderen. Es ist nicht sein Charakter.« »Vielleicht! Aber das ist doch gleichgültig und entschuldigt ihn gar nicht – die Mücken sind fürchterlich! – und wer weiß, ob nicht vielleicht gerade in diesem Augenblick, dort auf jenem mir dem Namen nach nicht bekannten Gipfel im Abendduft die beiden harten Ungeheuer wie wir hier Arm in Arm stehen und hierher herüberschauen, wie wir dorthin. O, ungezählte Schätze für ein einziges Zucken aus unserer Gemütswelt durch die rohen Gemüter jener beiden! Ach, Christabel, Christabel, du kennst die zwei Patrone nicht! Ach Süße, was ist doch der Mensch, wenn ihm für das Bewußtwerden der eigenen Nichtigkeit, – und wenn ihm für – unser Sehnen nach der ewigen, ungestörten Sabbatsruhe des Lebens jegliches Organ fehlt?!« » O–i, Sabbatsruhe!« murmelte die Engländerin, die Augenbrauen zusammenziehend und mit einem schaudernden Schulterzucken, das nur von einer plötzlichen fröstelnd kalten oder siedend heißen Erinnerung an jene träumerische Ruhe im Haupte der Bavaria und die unvermutete Störung dieser Ruhe durch den Kapitän Sir Hugh Sliddery herrühren konnte. Miß Christabel zog auch ihren Arm aus dem der Freundin und sagte: »Du sprichst sehr gut, Lucy; aber du mußt es mir nachher noch einmal zeigen in deinem diary, deinem Tagbuch, was du mir gesprochen hast, daß ich es gänzlich verstehe. O ja, diese Umgegend ist sehr schön zu besehen, von diesem erhobenen Standpunkt aus besehen; aber was ist uns diese schöne Gegend anderes als die Folie von das bright, polished, das spiegelglatt Elend von unseren Herzen? Wir besehen nur unsere Tränen in that mirror of beauty, in dem Schönheitsspiegel, welchen nature uns vorenthält. O Lucy, wenn wir doch allein mit uns wären in dieser betrügungsvollen existence. Alas, what creeps, ach Gott, was kriecht alles mit uns durch diesen Spiegel? Da, look, da kommen schon wieder zwei Gentlemen den Berg hinaufwärts, und unsere gehobene Ruhestunde ist zu Ende.« »Es ist unerträglich!« seufzte die Baronin, fügte hinzu: »Sehen wir nicht hin!« – und blickte zum Himmel empor, den Kampf mit den irdischen Mücken notgedrungen ohne Unterbrechung fortsetzend. Christabel neigte das Haupt und lehnte sich von neuem an die zärtliche Freundin und wandte ebenfalls die Augen von der schlechten, gemeinen, verdrießlichen Erde ab und den Rosenwolken des Sonnenuntergangs zu. Beide Damen hatten die feste Absicht, sich nicht im mindesten um die zwei heransteigenden atembegabten Erdklöße männlichen Geschlechts zu kümmern, sie nicht anzusehen, ihnen den Rücken zu wenden, kurz, gar nicht für sie da zu sein. Es kam nur darauf an, ob die Freifrau Lucie von Rippgen oder die britische Jungfrau Miß Christabel Eddish diesem, der Stunde und der Stimmung so sehr angemessenen, echt weiblichen und idealischen Vorsatz zuerst untreu werde. »Richtig, da sind sie, und zwar für jeden eine!« sagte Pechle, auf die zwei Sonnenschirme deutend. »Mit dem irdischen Jammertal scheinen sie fertig zu sein; aber den Speisezettel im Lamm haben sie sich doch herzählen lassen, ehe sie zu Berg stiegen. Ich habe es in der Küche in Erfahrung gebracht, als ich mich ebenfalls nach ihm umsah. Ach, ein himmlischer A–bend –« Es ist zwar ein großer, längst nicht genug gewürdigter Vorzug des Menschengeschlechts, aufrechten Hauptes das Firmament betrachten zu können; allein lange hält es niemand aus, vorzüglich wenn er, um über die Erde wegzusehen, den Zenit ansieht. In ein und demselben Moment wurden die beiden holden Schwärmerinnen des doch Schwindel erregenden Blickes ins Blaue müde und sahen geradeaus. Und die Baronin stieß natürlich einen Ruf aus, der mehr als Überraschung und weniger als Entzücken war, aber einem Durcheinander von Seelenregungen Ausdruck gab, welches die weiten Grenzen unserer Darstellungsgabe nach allen Richtungen hin zersprengend, durchbrechend und überflutend, sich – einfach Luft machte in den zwei Worten: »Mein Mann!« »Dein Mann?!« rief Miß Christabel Eddish mit aller Hast das Augenglas auf die Nase drückend, und – zwanzig Schritte abwärts am Hohenstaufenberge faßte der Baron Ferdinand von Rippgen, mit beiden Händen krampfig einkneifend, den Arm seines Begleiters, stand, riß den Exstiftler gleichfalls rückwärts, starrte aufwärts und sagte tonlos: »Meine Frau!« ... »Was? Herrgott, deine Frau?« schrie Christoph Pechlin höchlichst verwundert, und setzte sofort äußerst gefaßt, ruhig und gemütlich hinzu: »Richtig, sie ist es, und das Lange da neben ihr wird also wohl die andere sein!« Die beiden Leonoren auf dem Gipfel des Berges rührten sich nicht weiter, nachdem sie gesehen hatten und ein Zweifel an der Wirklichkeit des Gesehenen nicht mehr möglich war. Sie standen wie angewurzelt, statuenhaft, im Abendsonnenglanz und überließen es den beiden Herren, näher zu kommen. Und sie kamen näher; der Baron, da er nicht anders konnte, Pechle vergnügt wie ein Iltis auf dem Wege in den Hühnerstall. »Was zögerst du denn? So geh doch! Freu di doch!« rief er, kräftig dem Freunde den Ellenbogen in die Seite setzend und zu gleicher Zeit als ein höflicher Mann den Hut lächelnd gegen die Damen lüftend. »Ja, ja, Sechserle, wir sitzen drin,« flüsterte er im Voransteigen, »da ischt kei' Zweifel, also – Mut! Courage! Manneskraft! Tu wenigstens, als ob dir ungemein leicht zumute sei, Rippgen! Lächle sie an und besiege, überwinde, stürze sie um durch heitere, fröhliche Unbefangenheit. Donnerwetter, die Engländerin ist gar so übel nicht! weiß Gott, das ischt ja a recht nettes, a ganz sauberes Mädle! Meine Damen, wir haben die Ehre – Grüß Gott, meine Damen.« Sie waren oben, und da, wie gesagt, die beiden überraschten schönen Schwärmerinnen nicht zurückgewichen waren, so standen sie sich alle vier gegenüber, und das war unserer Meinung nach das merkwürdigste Zusammentreffen, welches der Hohenstaufengipfel je erlebt hatte! Das zwölfte Kapitel. Man hatte auf dem Berggipfel Platz zu allen gegenseitigen Vorstellungen. Sämtliche historischen Bauhindernisse schienen nur dieser gegenwärtigen großen Begegnung Raum gegeben zu haben, und – kein Hohenstaufenpaar, welches zwei zu Kreuze kriechende Rebellen-Gesandte von Mailand vor sich ließ, konnte sie kühler und zu gleicher Zeit im Innersten frohlockender empfangen, als Miß Christabel Eddish und die Baronin Lucie den Baron und den Freund des Barons, Herrn Christoph Pechle an sich herankommen ließen. Dafür aber auch konnten wahrlich zwei um gutes Wetter bittende Abgeordnete der Stadt Mediolanum nicht vorsichtiger auftreten, und beim leisesten Fächerwehen und Stirnrunzeln scheuer und diplomatisch-bänglicher zurücktreten, als der Baron und sein Freund – ja auch sein Freund jetzt! – auf der Stelle, wo vielleicht vordem die Thronsessel des grimmigen Salzsäers Barbarossa und seiner kaiserlichen Hausehre standen. O, die Reichsfreifrau Lucie von Rippgen verstand es gleichfalls, Salz auf eine Stelle zu säen, die sie vorher durch jegliches Hausmittelchen und Regierungsmittel gründlichst verheert hatte, und Miß Christabel sah auch an diesem Orte nicht aus, als ob sie es für ihren irdischen Beruf halte, bei derartigen Gelegenheiten als begütigende Vermittlerin einzutreten. Pechle, selbst Pechle fühlte sich immer mehr eingeschüchtert, je mehr er sich den Damen näherte und je länger er, mit dem Hute in der Hand, vor ihnen stand. Verstohlene Seitenblicke, die immer länger wurden, warf er auf die britische Jungfrau, – Miß Christabel machte unbedingt einen Eindruck auf ihn und zwar einen tiefen. Eben noch hatte er sie ein »sauberes Mädle« genannt; dieses zierliche Wort nahm er sofort zurück, nachdem er die Totalität ihrer Erscheinung vollkommen in sich aufgenommen hatte. »Sauber? Die ließ ich mir um die Hälfte wüschter als Hausfreundin gern gefallen! Das ischt a Pallas Athene, und der Rippgen ischt a Esel! Ein wenig voller wäre besser; aber zu voll ist auch nicht hübsch, – bei Gott, das Mädle muß Geischt haben, – bei den unsterblichen Göttern, sie imponiert mir, und was mir imponiert, das laß ich gerne gelten!« sagte er, jedoch nicht laut. Daß die Baronin ihm nicht imponierte, wissen wir bereits. Der beängstigende Eindruck, den sie augenblicklich in Gesellschaft der hohen Begleiterin auf ihn machte, war zwar momentan nicht wegzuscherzen, aber konnte doch nur ein vorübergehender sein und mochte bald durch die alte Frechheit und Unverschämtheit abgelöst werden. Die empfindungsvollen Saiten, die Miß Christabel in dem Busen des gemütlich-gefühlvollen Schwaben berührte, klangen länger nach, klangen weit über dieses erste Zusammentreffen im roten Abendsonnenschein auf dem Hohenstaufen hinaus und nach. Da sie nun einmal auf so unvermutete und sonderbare Weise zusammengetroffen waren, so konnten sie nicht anders, sie mußten ihren Empfindungen Worte oder wenigstens etwas dem Ähnliches leihen. Ferdinand, als Gatte seiner Frau und als Hauptsünder, brachte es nur zu letzterem, das heißt zu einem einer Wortfolge ähnlichen, unverständlichen, in der Seele wie in der Kehle steckenbleibenden Gemurmel. Er hätte sich auch das ersparen können; denn die Gattin schnitt ihm selbst dieses ab und sprach ihn jetzt an, und zwar in schnellen, kurzen, keuchenden Sätzen. »Siehst du, mein Lieber,« sagte sie, »da sind wir! wo du uns nicht erwartet hast ... natürlich! Siehst du, o, wir benutzten die Freiheit, unser Leben einzurichten ... die ihr uns so gern gönnt! ... Du scheinst nicht recht wohl zu sein? ... Kommt dir dieses Zusammentreffen... wirklich so überraschend?« »O Teure, – Lucie, es ist freilich –« »Was ist freilich?... So sprich doch! – der Herr Doktor, dein Freund, wird dich nicht genieren – was wünschtest du, wie wünschtest du, daß... dein Weib sich gegen dich stelle?... Nicht wahr, du wünschtest uns – meine arme Christabel und mich – als die Hüterinnen deines Hauses... deines Herdes ruhig daheim dich ... erwartend zu finden? O sprich dich ruhig aus, geniere dich nicht vor Christabel? Ist es nicht so? war es nicht so? wird es so nicht sein?« »Gewiß nicht, Liebe!... Ich habe gar nicht darüber –« »Nachgedacht?! Natürlich! Siehst du, Christabel, mein armes Herz?! Gewiß, du hattest recht, und ich hatte recht, wir beide hatten recht, als wir es für das einzig Rechte, das einzig Menschenwürdige hielten, unsere eigenen Wege zu gehen! Du hast mich vor dem Wahnsinn gerettet, Christabel, und deinetwegen einzig und allein in der weiten Welt, danke ich dir, und nun wollen wir die Herren nicht weiter aufhalten.« »Aber liebste Lucie?!« stammelte Ferdinand, der von seiner Menschenwürde jetzt für immer Abschied genommen haben würde, wenn nicht in diesem Augenblick der höchsten Not und jammervollsten Zerschmetterung, das Schicksal sich unseres Freundes Christoph Pechlin bedient hätte, ihn, den königlich sächsischen Assessor a. D., noch einmal zu retten. Pechle mischte sich in die Unterhaltung. Er erlaubte es sich, sich in die Unterhaltung zu mischen! Mit einer Harmlosigkeit, die in der Bresche einer belagerten Festung, vor den Bajonetten der andringenden Sturmkolonne, von Wirkung hätte sein müssen, sagte er freundlich: »Aber, gnädige Frau – lieber Freund, du hast bis jetzt mich noch nicht dem gnädigen Fräulein vorgestellt! Willst du nicht die Güte haben?« Und der Baron griff mit beiden Händen zu; – er stellte vor – unter dem heftigsten Feuer der Breschbatterien stellte er Miß Christabel Eddish und Herrn Christoph Pechlin einander vor. »Mein gnädiges Fräulein,« sagte der Exstiftler, »ich habe mich während des ganzen Marsches durch jene Berge auf ein demnächstiges Zusammentreffen mit Ihnen gefreut; aber daß mir das Glück heute schon und gerade auf diesem glorreichen Punkte zuteil werden würde, habe ich mir doch nicht träumen lassen. Ja, hier mein Freund Rippgen hat mir fast bei jedem Schritt von Ihnen gesprochen. O, Sie hätten ihn sprechen hören sollen, Miß Eddish! Gnädige Frau, wie befinden Sie sich denn? Das laß ich mir gefallen! Es war ein herrlicher Gedanke, uns müden Landstreichern bis hierher auf den Hohenstaufen entgegenzukommen.« Die englische Maid war vor dem fröhlichen Wortfluß in stummer Hoheit zur Seite getreten; aber die beleidigte Gattin warf ihm sich natürlich entgegen. »Mein Herr,« rief sie, »ich bitte Sie, überzeugt zu sein, daß wir nicht hofften, Sie hier zu treffen!« »Um so besser! Umso besser und erfreulicher! Mein Gott, und drunten im Lamm übernachten wir auch zusammen. Siehst du, Rippgen, daß unsere Dämonen über uns wachen und uns die richtigen Wege zu führen wissen! Ich hab' es dir immer gesagt, und du hast nur allzu oft an deinem Schutzengel gezweifelt. Ich an seiner Stelle würde es dir zuletzt übel genommen haben!« Die gnädige Frau murmelte auch etwas von einem »Dämon« und das scharfe theologische Ohr faßte das Wort und die Bezüge desselben sofort in der richtigsten Weise auf. »O, gnädige Frau,« rief Pechle mit beiden Händen ablehnend und abwehrend, »wie verkennen Sie mich, gnädige Frau!« »Wie du aussiehst, Ferdinand?!« wandte sich die Baronin kurz um und an ihren Gatten. »Wie angegriffen! Wie heiß! Wie erschöpft!« »Teure, liebe Lucie!« »Findest du nicht auch, Christabel, daß er ganz und gar den zwischen uns ausgetauschten Schreckbildern entspricht? Herr Doktor Pechlin, ehe wir uns trennen, bitte ich Sie gehorsamst, mir zu sagen, was Sie mit meinem Mann während der letzten Tage angefangen haben.« »Gnädige Frau, ich Hab' ihn wie ein Lamm auf die Weide meines schönen Heimatlandes geführt. Stellen Sie sich ein seidenes, himmelblaues Band an seinem Halse vor –« »Herr Doktor?!« »Und erlauben Sie mir nunmehr. Ihnen hier das Ende wieder in die eigenen, treuen, sorgenden Hände zurückgeben zu dürfen.« »Mein Herr?!« »Frau Baronin, verlassen Sie sich ganz ruhig darauf, Ihrem Herrn Gemahl ist unter meiner Führung, wenn Sie das wirklich so nennen wollen, nichts zugestoßen, was Ihre Besorgnisse seines körperlichen Wohles wegen erregen könnte. Was aber sein geistig Teil betrifft, so bringt er Ihnen auch das unverringert und unvermindert zurück. Unter meiner Leitung hat er dies Kapital nicht angegriffen und wird also wohl immer noch von seinen Zinsen leben können. So rede doch, sprich doch, Ferdinandle, oder noch besser, küsse deiner guten Frau die Hand, und dann, meine Herrschaften, lassen Sie uns heiter und gehoben die Stelle und die Stunde genießen. Fräulein, wie g´fällt es Ihne denn bei uns in Schwabe?« Die Miß, welche mit größter Aufmerksamkeit, so gut es ihr möglich war, den häkligen Verhandlungen zwischen Mann, Gattin und Hausfreund gefolgt war, trotzdem daß sie anscheinend zerstreut und mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt mit der Spitze ihres Sonnenschirmes imaginäre Figuren auf den Grasboden der romantischen Höhe gezeichnet hatte, sah auf und sagte: »Oh indeed, nicht übel, Sir. Und wie gefällt es Ihnen selbst, Sir?« Das dreizehnte Kapitel. Das ist das Leiden, daß wir es wahrscheinlich keinem außerhalb der Grenzen des Königreichs Württemberg Geborenen werden begreiflich machen können, wie sehr die Gegenfrage der englischen Miß den schwäbischen Autochthonen überraschte. »Wie es mir selber g'fällt?« lallte er, die schöne Fragestellerin geöffneten Mundes anstarrend; wir aber versuchen es gar nicht, unserem Publikum die Gründe klar zu machen, aus welchen Herr Christoph Pechlin so äußerst verblüfft aussah. Herr Christoph Pechle räusperte sich, spie aus und, nachdem er seine Kehle vollkommen gereinigt hatte, sprach er im grollend rollenden Brustton von der Höhe eingeborenster Stammes- und Landschafts-Begeisterung herunter. »Ausgezeichnet gefällt es mir,« sagte er. »Ihne etwa nicht? O, da ischt doch kein Mensch, der nicht auf diese Stelle mit klopfendem Herzen herkommt und mit Wehmut und Entzücken auf die Gegend und die Menschen hinunter sieht und froh ist, daß er drin und drunter ischt. O, gnädiges Fräulein, wenn Sie jetzt drunten im Tal stünden, so würde ich sagen: Fräulein, Sie stehen mitten im Nabel der Welt! Hier auf der Höhe kann ich, um nicht aus dem Bilde herauszufallen, nur bemerken, daß Sie sich unbedingt auf seinem Rande befinden.« Miß Christabel Eddish hatte fortwährend Figuren mit der Spitze ihres Sonnenschirmes auf den Boden gezeichnet; jetzt plötzlich faßte sie die zierliche Waffe fest, krampfhaft fest, dicht unter dem Griffe. Miß Christabel wurde sehr rot, um sofort um so bleicher werden zu können. Sie richtete sich in ihrer ganzen jungfräulichen Würde empor, und ihre Lippen zitterten, je fester die Hand den Stock des Schirmes packte. O – Miß Christabel Eddish hatte noch niemals in der Mitte eines Nabels oder an dem Rande eines solchen gestanden. Es war abscheulich, shocking, zu abscheulich! Man konnte sich fest vorgenommen haben, vieles der Seelen- und Völkerkunde wegen zu ertragen; aber dieses ging doch über das Duldungsvermögen reinlicher Weiblichkeit hinaus! Eine Seele hatte dieser Mensch nicht, konnte er nicht haben; wer die Grenzen der Menschheit soweit überschritt, stand in der Tat außerhalb jener Grenzen, stand außerhalb ihres äußersten Randes. Wir wissen nicht, ob es ihm selber ganz und gar klar wurde, aber für die Freundin der Frau seines Freundes verflüchtigte Pechle sich vollständig, ging er im Grau des Abends auseinander, verschwand er in Dämmerung und Nacht, wurde er zu Nichts! Was von ihm doch übrig blieb, das traf ein letzter Blick grenzenlosester Verachtung; – Miß Christabel legte die Hand – jene Hand, welche den Sonnenschirm nicht hielt – auf den Arm der Baronin und sagte mit selbst bei ihr außergewöhnlich befremdend hervordringendem Nachdruck: » Dearest, nicht wahr, wir steigen hinabwärts? Es wird später; die Dunkelheit kommt, die Sonne ist untergegangen, wir haben gesehen alles und – das das – Inwendigste – Ausgewendetste notiert. Gehen wir!« »Ja, Liebe, wir haben das Notwendige –« begann die Baronin, ohne diesmal ausnahmsweise imstande zu sein, fortzufahren. Schon war der Baron mit der ängstlichen Hast eines Stürme beschwörenden Gatten der Gattin ins Wort gefallen; schon war er in seiner Verzweiflung förmlich über beide Damen hergefallen. »Ja, meine Liebe, ja,« keuchte er, »wir stehen ganz zu eurer Verfügung! Willst du mir deinen Arm geben, mein Herz? Willst du mir sagen, welchen Plan ihr euch für euern – euern reizenden Ausflug zurecht gelegt habt? Meine Liebe, wie gesagt, wir sind ganz zu deiner und Miß Christabels Verfügung, mein Freund Pechlin sowohl als ich. Es wird freilich etwas abendkühl, mein Herz, und du weißt, wie zart deine Gesundheit ist, wie leicht du dich erkältest; darf ich dir mein Plaid zum Wege in das Dorf hinab anbieten?« »Du bist, wie gewöhnlich, allzu gütig, Ferdinand,« sagte die Baronin mit einem wie aus einem Eiskeller heraufgeholten Ton, »aber wir danken, sowohl für dein Plaid wie für deine und dieses Herrn fernere Bemühungen. Liebes Kind, eure Abenteurerfahrt hat auch uns ein wenig zu Abenteurerinnen gemacht, und ich habe endlich gelernt, meine Wege allein zu finden. Was ohne Christabel in den letzten Tagen aus mir geworden wäre, kann ich nicht sagen; aber Christabel ist zur rechten Zeit zu mir gekommen, und – wir wünschen heute noch nicht nach Stuttgart zurückzukehren. Siehst du, mein Freund, ich weine nicht mehr, ich hoffe sogar noch einmal das Lächeln wieder zu erlernen; und jedenfalls haben wir uns vorgenommen, einmal in der eigenen Seele nach allen Richtungen hin zu erfahren, wie ein solches alles vernachlässigendes Vagabondenleben bekommt, und wie es seine Reize geltend macht. Wir übernachten im Lamm, Christabel und ich, und Virginy bereitet wahrscheinlich bereits den Tee. Übrigens meine ich mit Christabel, daß wir die Reize dieser Berghöhe und dieses seltsamen Zusammentreffens zur Genüge genossen haben. Ich bitte dich also freundlich, dich nicht weiter um uns zu bemühen, wir werden gehen und unseren Weg allein finden,– nicht wahr, Chrisiabel?« Mit einem letzten Parthenosblick auf Pechle, nickte Miß Christabel Eddish hastig ihre Zustimmung, und mit einem Epopöen voll Sarkasmus bedeutenden Knie vor demselbigen Pechle schritt die Baronin von Rippgen bergab. Sie schritt Arm in Arm mit der englischen Freundin, und letztere knixte oder verbeugte sich vor niemand. Ihre blaugrünen Meerfeienaugen hingen starr an der im graublauen Abendnebel verschwimmenden Albkette, und es war nicht zu leugnen, daß die schwäbische Alb auch in diesem Moment bei weitem schöner aussah, als der schwäbische Mensch, Herr Christoph Pechlin aus Waldenbuch im Schönbuchwalde, und der königlich sächsische Assessor außer Diensten, Reichsfreiherr Ferdinand von Rippgen ans Dresden. Aber freilich, wenn die zwei Herren auch nicht schön aussahen, so boten sie doch dem Betrachter einen ungemein vergnüglichen Anblick dar, und es ist recht schade, daß wir nicht an dieser Stelle dem Leser und der Leserin anstatt unserer matten Schilderung ein Lichtbild von beiden in unseren Bericht einlegen können. Da wir das nicht können, so wollen wir wenigstens unser möglichstes tun, der Phantasie unserer Lieben und Getreuen aufzuhelfen: wir versetzen uns mit ihnen recht lebhaft so ungefähr in die Mitte des zwölften Jahrhunderts hinein, jedoch ohne unsern und ihren Standpunkt zu verlegen. – Die Audienz auf dem Hohenstaufen ist eben vorüber. Das kaiserliche Paar hat sich in die inneren Gemächer des Palastes zurückgezogen, im Hofmarschallamte hat die Aufregung und atemlose Geschäftigkeit ihren Gipfelpunkt erreicht. Sämtliche griechische, sarazenische, burgundische, britische und slavische Gesandtschaften sind in Gnaden zur allerhöchsten Tafel befohlen, – die der oberitalienischen Städte nicht! Da stehen denn die Mailänder! – Von den Zinnen der Burg tönen die Posaunen, die Zinken, arabischen Becken und Pauken. Heiter und bunt rauschen die kaiserlichen Banner mit den grimmigen Adlern, die in demselben Augenblick vielleicht über Palermo und um Jerusalem flattern. In bunten, mittelalterlich bunten Scharen drängt sich das Ingesinde über Höfe und Gänge, beugt sich aus Galerien und begegnet sich auf Treppen im glänzenden, von dem unerschütterlichsten Glauben an die ewige Berechtigung seiner Gegenwart beseelten Wirrwarr. Da läutet schon des heiligen römischen Reiches Eßglocke. Pforten öffnen sich und schließen sich, Torvorhänge werden von heidnischen Mohrensklaven zurückgezogen, in prachtvollen gold- und silbergestickten byzantinischen und arabischen Gewändern rauschen die Damen der Kaiserin und der kaiserlichen Prinzessinnen hervor und dem Speisesaale zu. Auch die Kaiserin selber und die Prinzessinnen gehen zum Essen, – die Suppe sieht auf dem Tische, und draußen vor den hohen Toren belagert das Volk der Umgegend den ganzen Berg bis unter die Burgmauern. Neuer schmetternder Hall der kriegerischen Instrumente von Wall und Turm! Mit offenem Maule gafft das Volk an den Bollwerken empor und horcht mit tiefster Ehrfurcht dem Klingen, Rollen und Rauschen des kaiserlichen Hoflagers; auch mit einem gewissen, geheimen, aber nicht unerklärbaren Grauen horcht es. Lassen wir jedoch das Volk außerhalb der Mauern. Innerhalb der Burg fühlt sich jedermann auf die eine oder die andere Weise befriedigt, bis auf die beiden Herren aus dem unbotmäßigen Mailand. Da stehen sie immer noch im Hofe und sehen sich an! An ihnen vorüber schritten leise und hämisch lächelnd oder würdig die Köpfe schüttelnd die diplomatischen Kollegen, und eben noch schreitet Kyrios Protospadaios Philadelphos Artepiboplos, der Presdentes aus Konstantinopolis an ihnen vorbei und streift sie, zu Tisch gehend, höhnisch mit dem Saume seines römischen Patriziergewandes. Und das ist noch nicht einmal das Ärgste! Nein, an ihren Nasen vorüber werden von den kaiserlichen Hofköchen die köstlich dampfenden und duftenden Schüsseln getragen, und soweit von der höchsten Zinne des Hohenstaufen das Auge reicht über den Nibelgau in den Brenzgau, über den Albegau in den Burgau und über das Pleonungetal in den Eritgau bis hin zur Burg Zolre ist für sie, die lombardischen Herren, keine Tafel gedeckt, kein Teller gesetzt, kein Stuhl zugerückt! Versetzen wir uns nur mit der Dichterkraft des zwölften Jahrhunderts, also mit möglichster Lebendigkeit, in die Laune und Stimmung der beiden Signori, und wenden wir ihm, dem zwölften Saeculo den Rücken! In dem Moment, in welchem wir uns im neunzehnten Jahrhundert in Sicherheit wissen werden, werden wir auch vollkommen imstande sein, den Mienen und den Blicken des Barons Ferdinand von Rippgen und seines Freundes Christoph Pechle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Auch sie standen alle beide und sahen sich an, und nach einer Weile sagte Ferdinand zu seinem Christoph: »Da stehen wir!« Das war richtig, und Pechle erkannte die Richtigkeit der Bemerkung auch sofort an und erwiderte wiederum nach einer Pause: »Ja, und da steigen sie nach dem Lamm hinunter. Weiß Gott, sind das zwei Lämmer!« »Sie gehen allein! Sie lassen uns stehen! Sie sehen sich nicht einmal nach uns um!« stotterte der Baron. »Das ischt richtig; aber – Herrgottssakrament, wo bleibt denn da die Logik? Herrgott, ischt das a Vergleich mit deine Lämmer! Was? Sind wir dazu da, uns von ihne schere zu lassen? O du, Ferdinand, wenn es deiner liebenden Gattin so sehr Bedürfnis ist, Strümpfe von deiner Wolle zu tragen, so bin ich auch noch da, und was diese Engländerin anbetrifft, so – o Gott, Ferdinand, so ischt das weiß Gott ein göttlichs G'schöpf, und sie mag mir antworten oder nicht, fürs erschte bin i noch nicht mit ihr fertig!« Das vierzehnte Kapitel. Die Sonne war hinter die westlichen Berge hinabgeschlüpft, auch von dem kahlen Staufengipfel hatte die Dämmerung Besitz ergriffen. Die lichten Sommertoiletten der bergab schwebenden Damen leuchteten immer mehr en miniature aus der Tiefe, dem Dorfs zu; aber sie leuchteten doch noch. Zwei Pünktchen, zwei sich stets verkleinernde Pünktchen glänzten sie am Bergeshange, und es lag nicht an ihnen, wenn die zwei Herren auf der Höhe den Gegensatz zwischen ihnen und der weiten unermeßlichen Welt nicht aufs deutlichste ins Bewußtsein aufnahmen. Wer aber macht sich das eben angedeutete Gefühl vollständig klar? Nur derjenige, welcher von der Spitze des Montblanc aus seinen Todfeind durch das Fernrohr drunten im Tale vor dem Wirtshause sitzen sah und das innigste Bedürfnis fühlte, den Lumpen tränenden Auges an das Herz zu ziehen, bis – der beschwerliche Rückmarsch vollendet war, und in demselbigen Wirtshaus im Tal der Brief begonnen wurde, der den Advokaten daheim dringend aufforderte, den Prozeß gegen den eben abgereisten Halunken ja nicht aus dem Auge zu verlieren. – Der Baron hatte den ängstlich baumelnden Nasenklemmer mit zitternder Hand von neuem auf den Nasenbug festgedrückt; der Exstiftler hatte beide Fäuste in die Hosentaschen geschoben, und beider Augen hafteten angestrengt an den zwei Pünktchen, die auf den Busen oder Herzen dieser deutschen Heldenmänner schwerer wogen, als alle Berge und Felsen in der Nahe und Ferne – Lias, Trias und Jura durcheinander – das ganze Sammelsurium mit sämtlichen Versteinerungen, wie es die schwäbische Alb dem entzückten geologischen Forscher darbietet. »O du gütiger Himmel, was fangen wir an? Das ist jetzt doch die Hauptfrage!« stöhnte der Baron. »Ha ja, was fange mer an? Eine Hauptfrage ist das freilich,« sagte Pechle. »Mer eine zweite Frage ist: Wie fühlen wir uns?« »Wie fühlen wir uns?!« ächzte Ferdinand. »Ich, wie ein Teekessel, der eben ins schönste romantisch-historische Singen kommen wollte, als er von den Kohlen abgehoben wurde!« rief Pechle. »Beim Griffel des Aristophanes, was hätte mir alles durch die Schnauze ausgehen können? Ich darf gar nicht daran denken, und mein einziger Trost ist, daß ich wenigstens meine Gedichte in der Rocktasche habe. Das meiste von Bedeutung steht drin, und neue Gesichtspunkte hätte mir vielleicht selbst die Unterhaltung mit diesem göttlichen Mädle nicht verliehen, – das tröstet mich wahrlich, Sechserle.« »Aber mich nicht, Pechlin.« »Ha ja, und das wäre denn wohl die dritte Frage, was du anfangen wirst?! Es ist freilich schon richtig, daß die Weiber und vorzüglich deine Frau uns mit äußerster, wenigstens anscheinend äußerster Gemütsruhe haben abfahren lassen, und wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich wie sie da unten meinen Triumph zu würdigen wissen. Wer das hilft dir freilich nicht! Na, weißt du, sie logieren im Lamm, und das Lamm kenne ich. Es ist recht gut in seiner Art, für dich und mich sogar ausgezeichnet; allein für zwei verzogene Engel aus den höchsten Sphä- wollte ich sagen höheren Ständen, läßt die Bequemlichkeit und Verpflegung doch manches zu wünschen übrig. Weißt du, jetzt lassen wir's fürs erste dunkel werden, so dunkel als möglich; denn blamiert sind wir, das sieht fest; gründlich, nachdrücklichst, erschütternd auf den – gesetzt sind wir – und – solange ich noch meine Schande und Schamröte erblicken kann, steige ich den wonnigen Kreaturen nicht nach –« »Ich bliebe am liebsten ganz hier oben!« seufzte der Baron leise. »Das ist ein Gedanke! Aber nein, bei besserer Überlegung läßt sich das doch nicht durchführen. Nach Mitternacht legt sich die Aufregung und wächst die Kälte in der Natur. Ferdinand, es bleibt uns nichts anderes übrig, als daß wir es Nacht werden lassen – ägyptische Finsternis womöglich – und uns ihnen sodann nach – schleichen, ja schleichen – hinunter in das Lamm. Nachher erwarten wir das weitere und fügen uns in die Umstände.« »Du hast gut reden, Christoph. Du hast nicht hinter deinem angetrauten Weibe herzuschleichen, und nimmst im Notfall als einfacher Tourist Quartier im Ochsen.« »Das ist richtig; aber ist dein Weib nicht gleichfalls dann und wann hinter dir hergeschlichen, Rippgen?« »O gewiß! Aber das ist doch ganz etwas anderes!« An dieser Stelle seufzte auch der Exstiftler, zuckle die Achseln und schrie fast wütend: »Jetzt wird mer alles einerlei! Und allmählich auch du, Rippgen, nimm mir's nicht übel! Bei der dreiköpfigen Hekate, dreierlei steht uns frei. Entweder wir laufen durch die Dunkelheit nach Göppingen, oder wir suchen beide im Ochsen ein Unterkommen, oder wir zeigen uns als Männer und ziehen den beiden Weibern nach ins Lamm. Im Ochsen ist Hochzeit, Musik und Tanz, und hineingucken werde ich jedenfalls; aber im Lamm auf dem Tanzboden übernachte ich, und – du auch, Ferdinand, Baron von Rippgen! Bei allen Dogmen des einundzwanzigsten Jahrhunderts, wir übernachten im Lamm zu Hohenstaufen!« »O Pechle,« sagte der Baron gebrochen, »wenn du eine Ahnung davon hättest, wie weh mir zumute ist, so würdest du nicht so grob und auffahrend gegen mich sein.« »Nun, nun, es war eben nicht so böse g'meint.« »Wenn ich das auch weiß, so ändert es doch nichts an meinem Befinden. Siehst du, ich habe mich deiner Führung einmal anvertraut, und wenn ich auch nicht sagen kann, daß es zu meinem Vergnügen gewesen ist, so bin ich doch augenblicklich nicht imstande, etwas anderes zu sagen, als: mach, was du willst. Ach Christoph, Christoph, ich habe mich niemals in meinem Leben so schwach und hinfällig in meinen Beinen gefühlt, als in diesem Moment. Du bist mein Freund, und ich schäme mich nicht, dir zu sagen, daß ich mich sehr unwohl fühle. Sieh zu, wie du mich den Berg hinunterbringst. Es ist deine Sache; bringe mich, wohin du willst, aber – jetzt muß ich mich setzen.« »Ja, tue das,« sprach der Exstiftler mit dem Ton einer Mutter, die ihr Kind geprügelt hat und Gewissensbisse darob empfindet. »Ich will aufrecht bleiben, und du wirst sehen, daß wir doch noch einen recht hübschen, vergnügten Abend erleben werden. Betrachte mich als deinen Vater und laß mich für dich sorgen.« »Pechlin, du bist doch ein guter Kerl!« »Ei freilich! Und du bist und bleibst mein bester Freund aus dem Ausland, du mußt dich nur nicht zu sehr um das kümmern, was ich dann und wann in der Aufregung herausschreie. Siehst du, Ferdinand, unsereiner hier aus dem Ländle faßt es eben nicht, wenn diese große Stätte gar keinen erhebenden Eindruck auf einen Ausländer, den man hingeführt hat, macht. Wie ich hier stehe, reiche ich mit meinen Bei – Wurzeln bis in die tiefste Herrlichkeit und Machtentwicklung unseres Volkes hinab; aber du scheinst nicht einmal eine Ahnung davon zu haben, wer da vielleicht gestanden hat, wo du jetzt sitzest! O Ferdinand, was sollen alle diese großartigen, wundervollen Erinnerungen des deutschen Volkes von dir denken? Besinne dich doch auf deinen Wert! Bist du wirklich ein baro ? ein freier deutscher Mann? Glaubst du in der Tat schon alle Pflichten gegen dich und deine Umgebung dadurch abgetragen zu haben, daß du der Mann eines deutschen Weibes geworden bist?« »Ach Herrjeses!« »Besinne dich, Ferdinand von Rippgen! Besinne dich noch ein einziges Mal reichsunmittelbar! Wir stehen oder sitzen hier auf dem Gipfel des Hohenstaufen und bringen in uns zwei der edelsten Stämme Germaniens zur Darstellung. Denke einmal recht nachdrücklich daran, was wohl Tacitus sagen würde, wenn er mich und dich hier in dieser Weise stehen und sitzen sähe. Ich bin fest überzeugt, der alte Bursche würde in seinem Diptychon einige ziemlich sonderliche Notizen für eine etwaige verbesserte und umgearbeitete Ausgabe seines Buches machen, und nachher möchte ich das romanische Lachen lieber doch nicht hören. O Ferdinand, ich, der biedere, tapfere Schwabe, du der wohlmeinende, mannhafte Sachse –« »Jetzt sprichst du so; aber vor einer halben Stunde erst hast du mir vorgeworfen, wir seien aus Franken nach Meißen eingewandert und hätten dann im Kontakt mit den Slaven so peu a peu das reine Hochdeutsch erzeugt – die Büchersprache weißt'e. – Ei Herrchjeses, meine Beine!« »Mensch, du bist wahrhaftig einer von denen, die nach Sankt Augustin unseren Herrgott bewogen haben, die Erlösung der Menschheit auf ein Bruchteil einzuschränken!« donnerte der Ureingeborene des Grund und Bodens von neuem wütend. »Da muß man ja die sämtlichen Reste seiner früheren pastoralen Milde zusammensuchen, um es notdürftig in deiner Gesellschaft und Nähe aushalten zu können. Was bringst du denn eigentlich zur Erscheinung, wenn du jetzt sogar von den berechtigten Eigentümlichkeiten deines Stammnamens verächtlich zu sprechen anfängst?« »Nichts als mich selber!« sagte der Baron mit der Verbissenheit der höchsten Erschöpfung. »Und selbst das ist mir zu viel,« fügte er hinzu, »wie oft soll ich es dir denn sagen, daß ich es dir ganz und gar überlasse, mich mit zu repräsentieren?« Dabei saß er und rieb unausgesetzt sich die Beine von den Knieen bis zu den Knöcheln abwärts, und Christoph Pechlin stand vor ihm, und sah ihm zu und konnte zuletzt auch weiter nichts tun, als sich seinerseits etwas zu reiben, nämlich den Hinterkopf und eine, wie wir ziemlich bestimmt wissen, nur den eingeweihtesten und gebildetsten Phrenologen bekannte Gegend hinter den Ohren. – Und während dieses alles auf dem Gipfel des Berges verhandelt wurde, schritten die beiden so sehr tief in ihren Gefühlen gekränkten Frauenzimmer den Berg immer noch weiter hinab, ohne sich umzusehen, wenigstens fürs erste. Solange sie sich von den beiden Ungeheuern auf dem Gipfel genau beobachtet glauben konnten, gingen sie würdig, eisern, aufgerichtet: zwei hohenstaufensche Prinzessinnen auf einem Abendgange zur Abendmesse in der Dorfkirche hätten nicht stattlicher und majestätischer dahingehen können, vorzüglich auf einem so steilen und holprichten Pfade. Als jedoch durch und in der Entfernung und der immer stärker werdenden Dämmerung ziemlich beruhigend die Gewißheit vorhanden war, daß selbst dem besten Augenglase es unmöglich sei, sich auf Spezialitäten der Haltung und Gebärde einzulassen, ließ auch die Würde und Haltung beider Damen bedeutend nach. Die Baronin fing an zu seufzen, und, gewichtiger auf die schlanke Freundin sich stützend, immer weinerlicher über den gräßlichen Weg zu klagen. Und Miß Christabel Eddish stützte sich hinkend auf ihren Sonnenschirm und rief: » Bless me, ich fühle mich auchfalls sehr angegriffen; aber es freut mich, daß wir sie haben lassen stehen allein. Auch sind wir nun bald im Hotel, was eine Tröstung ist.« »Im Hotel?!« ächzte die Baronin. »O Christy, je dunkler es wird, desto unheimlicher wird mir die Vorstellung, in diesem entsetzlichen Dorfwirtshause übernachten zu müssen. Dir nicht?« » O no! « sprach die Engländerin energisch. »Auch wartet ja Virginy mit dem Tee.« »Besäße ich doch deine Kraft, mein mutiges Mädchen, mein starkes Herz! Was mich anbetrifft, so muß ich die letzten Reste meiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten zusammennehmen, um den Gedanken an das uns Drohende ertragen zu können. Freilich ist mir die Vorstellung, den beiden Unmenschen dort oben hinter uns auf dem kahlen Plateau neuen Stoff zu neuem Hohn, neuem Hohnlachen und neuen Extravaganzen zu geben, noch unerträglicher. Virginy wird doch hoffentlich nicht vergessen haben, die Schachtel mit Insekt – mit dem Blütenstaub der persischen Kamille, mit dem nötigen Pulver einzupacken? Ach, Christabel, ich saß schon ziemlich häufig auf meinem Bette aufrecht, nach dem Morgen in Tränen mich sehnend; aber wie ich in diesem Augenblicke nach der nächsten Morgenröte verlange, das läßt sich nicht einmal durch Tränen und Händeringen deutlich machen.« »Was die zwei Gentlemen angeht, so hast du recht, Lucy,« sprach die britische Jungfrau mit einem etwas ungeduldigen Zusammenziehen der Achseln. » That shameless fellow , dieser widerliche Mensch mit dem gelblich Bart soll auch über mir nicht triumphieren. Virginy wird wohl für alles gesorgt haben, und ist die Nacht auch ein wenig unkomfortabel, so werden wir doch späterhin Genuß und Erinnerung daraus herausziehen. O yes , das werden wir.« Also in anmutig-bänglicher Wechselrede erreichten sie das Dorf Hohenstaufen und verfügten sich sofort, mit den duftenden Taschentüchern vor den zwei Nasen, in das gastliche Lamm, auf dem Wege dorthin von den Nachkömmlingen der Vasallen des vormaligen deutschen Kaisergeschlechtes angestarrt und begutachtet, so weit und genau es die Dunkelheit des Abends gestattete. Das fünfzehnte Kapitel. O du süße, balsamische, süddeutsche Sommernacht, hilft uns denn niemand davon, ist es denn unbedingt nötig, daß wir dich entweihen müssen? Es scheint nicht nur so, sondern es ist in der Tat so, und demgemäß fahren wir fort, zwar beruhigt in unserm Gewissen, aber dessen ungeachtet tief gekränkt, beschädigt und beleidigt in unsern innigsten Gefühlen. Sie war da, die balsamische, süddeutsche Nacht. Sie war über die Berge heraufgekommen und hatte die Täler erfüllt. Eigentlich hatte sie zuerst die Täler erfüllt und war dann erst um den Berg und über die Berge heraufgekommen; doch auf solche Spitzfindigkeiten kann sich nur ein behaglicher Mensch einlassen, und wir fühlen uns, unserer gegenwärtigen Aufgabe gegenüber, durchaus nicht behaglich. Sie hatte sich um den Gipfel des alten heiligen Kaiserberges gelegt, diese wundervolle Nacht des deutschen Südens, und wer sie oben geduldig erwartet hatte, der hörte nun ob seinem Haupte und um seine Ohren den leisen Flug ihres Gevögels und das Surren und Schnurren ihrer Kerbtiere und sah die Talebene sich bedecken mit glitzernden Pünktchen, den Lichtern in den Wohnungen der Menschen, seiner Brüder und Schwestern. Hohe Phantasie würde außer dem Geräusch des nächtlichen Tierlebens vielleicht noch allerlei andere und aufspannendere Töne von dem geweiheten Gipfel aus vernommen haben; schon selbst der Baron von Rippgen, dem man im Grunde nicht nachsagen konnte, daß er eine ausnehmend hohe Phantasie besitze, hörte dergleichen. Christoph Pechlin, dessen Einbildungskraft häufiger mit ihm durchging, als seinen besten Freunden lieb sein konnte, hörte in dieser ahnungsvollen Stunde einmal und ausnahmsweise durchaus richtig und verfehlte natürlich nicht, seinen Freund auf seine Beobachtungen aufmerksam zu machen. Was der geschäftige Tag, die Leidenschaft des Tageslichtes überrauscht hatte, das machte sich jetzt mehr und mehr bemerkbar. Aus der Tiefe drang es zu den beiden in der Höhe empor, und Pechle spitzte die Ohren. Er spitzte sie mehr und mehr, und dann legte er dem neben ihm kauernden Baron die Hand auf den Hut, um auch seines Ferdinands Aufmerksamkeit möglichst zu erregen, Was aber drang aus der Tiefe empor? Zuerst ein anhaltender, kreischender Jauchzer, sodann ein noch länger anhaltendes Gejohle. Dann leise, leise zarterer Klang – heitere Liederlust – wehmütig elegisches Ausklingen der Volksseele in Moll! Gesang von Männern und Weibern, und dazwischen leider wieder ein höhnisch schrillend Gejodel, alle zarten Gefühle eben genannter Volksseele zum Faustkampf, zum Kampf Mit eichenen und hainbüchenen Knüppeln und ausgerissenen Stuhlbeinen, zur Weinschoppen und Bierseidel schleudernden Wirtshausschlacht herausfordernd! Dazwischen Geigen- und Hornmusik, kurz, das Getön der Hochzeit im Ochsen zu Hohenstaufen; – im Ochsen, nicht im Lamm!– – »Horch,« sagte Pechle. »Vernimmst du?« »Ei ja,« seufzte der Freiherr, »daß andere Leute vergnügt sein können, weiß ich schon lange.« »Auf die Dauer könntest du mir imponieren!« sagte hieraus Pechle. »Auf die Antwort muß ich mich übrigens in der Einsamkeit und Stille sammeln, entschuldige mich für ewige Augenblicke bei dir!« Damit ließ er den hockenden Freund an seiner Stelle und schritt tiefatmend von ihm weg. Da er einmal im Gange war, so umschritt er auch der Nacht zum Trotz die ganze Platte des von seiner früheren Herrlichkeit so ganz und gar entblößten Kegels, und als er zu seinem Ausgangspunkte zurückgelangt war, fand er den Baron selbstverständlich noch am alten Orte und in derselben Haltung, nämlich sitzend im Nachttau und mit dem Kinn auf den Knieen. »Hast du nichts weiter vernommen, Rippgen?« »Nichts!« »Das wundert mich!« sprach Pechle, trat einige Schritte weiter an der dem Dorfe zugewandten Abdachung des Berges hinunter und legte horchend die Hand hinter das Ohr. Er hatte nicht lange zu horchen. Seiner Sinneswahrnehmungen gewiß, tat er einen Sprung, stieß er selber einen Jauchzer aus, faßte den Arm des Freundes und schrie: »O, du – du, nun wird's doch schön! Nun sind wir geborgen, unter allen Umständen geborgen, sage ich dir! Sechserle, jetzt wird es sogar sehr schön, verlaß dich auf mich. Und dunkel ist's mittlerweile auch geworden, so daß niemand mehr im Dorfe unser Erröten sieht, und jetzt gehen auch wir still hinab und den Frauenzimmern nach. Wir logieren im Lamm auf dem Tanzboden, und im Ochsen ist Tanz! Ferdinandle, fürs erste kommen wir noch nicht ins Bett. Hurra, hie gut Württemberg alleweg!« Er tat noch einen Luftsprung, schwang den Hut und ließ einen zweiten Jauchzer vom Hohenstaufen in die Nacht hinausschallen; sodann ließ er dem Vorschlag zur Rückkehr ins Dorf auf der Stelle die Ausführung folgen und schritt dem Freunde voran bergab. Ängstlich – die Aussicht auf der Stätte so großer Historie allein zurückgelassen zu werden, durchaus nicht erquicklich findend, war der Baron aufgesprungen und hatte den Rockschoß des Freundes erfaßt. Er hielt ihn fest, diesen Schoß des leichten Sommergewandes seines Psychopompos, seines Seelenführers und ließ ihn nicht los, bis in das Dorf hinein. Es war fast lächerlich betrüblich, mit welchem feinen Tastsinn der Gatte Lucias jeglichen Stein auf dem Wege, an welchem man sich stoßen konnte, fand und sich an ihm stieß. Über nicht eine einzige Unebenheit des Pfades hob ihn sein Schutzgeist schmerzlos hinweg. Schutzgeist? O ja, Schutzgeist! Wenn dieser Schutzgeist mit Gehalt für seine Leistungen angestellt war, so verdiente er wahrlich das Geld mit Sünden, und es war unverantwortlich, wenn die himmlische Vorsehung bei der nächsten Budgetberechnung ihn nicht vom Etat strich! Schweratmend und tiefseufzend stolperte der Baron hinter seinem Führer her. »Großer Gott,« ächzte er, »der Weg ist mir lang erschienen im Hinaufklettern; aber er muß gewachsen sein, während wir da oben mit meiner Frau und Miß Christabel zusammentrafen und nachher die Dunkelheit erwarteten.« »Wohl möglich!« brummte Pechle. »Jetzt haben wir die Nacht; doch ob ich sie überlebe, das ist eine andere Frage.« »Eine Frage, die du wohl schon ziemlich häufig und auch bei Tage gestellt hast. Halte dich fest und ruhig an meine Gedichte – Tröstende Tränen – Pagina Hundertsiebenundzwanzig.« »An deine Gedichte?« »Trage ich sie nicht etwa hinten in der Rocktasche? Wie oft soll ich dich darauf aufmerksam machen?« »Verzeih –« »Ich pflege darauf zu sitzen, und augenblicklich hältst du dich daran. Das Publikum habe ich zu verachten gelernt; doch meinen Verleger möchte ich in diesem Moment wohl herbeiwünschen, um ihn auf dich aufmerksam zu machen. Übrigens werde ich dir vor dem Schlafengehen den eben erwähnten Zyklus doch vortragen, wenn du es erlaubst.« »Vor dem Schlafengehen!« rief der sächsische Freiherr. »Ihr Götter, gibt es denn noch auf Erden einen Fleck, wo man schlafen gehen kann? Nirgends, nirgends! Unbehaglichkeit, Verwirrung, Zank, Haß und Geschrei überall! Deine Gedichte kenne ich, wie du wohl wissen mußt. Ein Exemplar habe ich sofort beim Erscheinen derselben gekauft, und eins hast du mir zugesendet. O, ich kenne sie und schätze sie; aber du hast auch ein Idyll darunter, und, siehst du, das ist das einzige, was du nicht verantworten kannst: ich habe es auch meiner Frau vorgelesen und sie hat es gleichfalls schwach gefunden. Verzeih mir meine Offenheit, aber ein Mensch, der sich so sehr wie ich nach der ewigen Ruhe sehnt, der wagt es –« »Behalte deine Kritik bei dir!« rief Herr Christoph Pechlin ärgerlich. »Gib lieber Achtung auf den Weg und reiß mir vor allem den Rockschoß nicht ab.« Erst nach einigen Minuten setzte er begütigend hinzu: »Na, na, es war nicht so böse gemeint. Weischt du, wir hier zu Land habe ebe G'fühl, und es tut uns immer weh, wann a Freund sich lächerlich mache will. Das Idyll ist wirklich gar nicht so schlecht; aber siehst du, von der Poesie verstehst du ebe nicht viel, und dann kommt auch viel auf den Dialekt an, mit welchem man so etwas vorträgt. Ich werde selber es deiner Frau noch einmal vortrage.« »Ei ja, ja, das tu! Da hast du ganz recht – der Dialekt wird die Hauptsache sein; ich habe mir das schon damals gleich gedacht. Aber Guter, Bester, laß uns nicht gar auch noch über dieses in Hader geraten; bedenke doch, was wir vielleicht heute abend noch da unten erleben.« »Das wird sich alles finden!« sprach Pechle, stehen bleibend und eine frische Zigarre in Brand setzend. Das flammende Schwefelholz beleuchtete sein breites, gesundes Gesicht und enthüllte der Nacht eine Miene, die unzweifelhaft andeutete, daß Christoph Pechlin, wenn auch nicht allen Anfechtungen der Kritik, so doch allen vom Dorfe Hohenstaufen drohenden Anfechtungen sich mehr als gewachsen fühlte. »Rauchst du denn nicht mehr, Ferdinand?« fragte er. »Nein, ich danke. Das Herz ist mir auch ohne das hoch genug in die Kehle hinaufgestiegen.« »Schön; so nimm endlich meinen Arm und laß meinen Rock los, du hast ihn mir bereits zu zwei Dritteln aus den Nähten gerissen. Da haben wir das Dorf – da sind wir – so – nur gelassen – in fünf Minuten sind wir gerettet im Lamm!« »Gerettet und im Lamm!« wiederholte der Baron kläglich. »Im Lamm! Für mich würde ein Wolf über der Tür ein passenderes Symbolum sein.« »O, Sechserle, es ist doch ein wahrer Jammer, daß dich Äsop nicht gekannt hat. Mir fehlt leider der Buckel, um dich poetisch und didaktisch verwerten zu können!« – Da waren sie richtig wieder neben der grauen Kirche, durch deren Tür die alten, gewaltigen Kaiser so oft aus und ein geschritten sein sollen. Von dem alten Kreuzzügler Barbarossa behauptet es die Legende über der Pforte auch unter Nennung des Namens, und wir stehen nicht an, ihr zu glauben. Pechle und der Baron ließen die Kirche in der Finsternis links liegen. Da waren sie wieder in der abschüssigen Dorfgasse, und es ließ sich schon am Eingange derselben nicht verkennen, daß eine bedeutende Aufregung im Orte Platz gegriffen habe und auch wohl noch im Wachsen sich befinde. Die Töne der lustigen Hochzeitsmusik im Ochsen schlugen lauter und heller an die Ohren der beiden wegmüden Vergnügungsreisenden; aber die Bewegung in Hohenstaufen hatte auch andere als bloß harmonische und melodiöse Grundursachen. Denn wenn im Ochsen die Liebe herrschte, so hatte von dem Lamm der Haß Besitz genommen; die Gegnerschaft des glücklichen Bräutigams hatte am letztgenannten Orte ihr Hauptquartier aufgeschlagen, ohne sich auf dasselbe zu beschränken. Die Gegnerschaft des glücklichen Bräutigams lachte vom Lamm aus Hohn nach dem Ochsen hinunter, ohne sich damit zu begnügen. Von Zeit zu Zeit trafen bereits streitende Parteien und kühne Rufer und Führer im Streit aus beiden feindlichen Lagern in der Mitte des Weges zwischen den zwei Wirtshäusern zusammen; nur durch ein wahrhaft legendenhaftes Wunder hätte es denn geschehen können, daß es bei bloß gelachtem Hohne geblieben wäre. O nein, man hielt sich bereits um diese frühe Tages- oder vielmehr Abendzeit die Fäuste unter die Nasen, und die Worte, die hin und wider gewechselt wurden, hätten jeglicher heißblütigen italienischen, von Familienfehden durchtobten Stadt und Hochsommernacht alle Ehre gemacht. Die Oberamtsaktuare zu Göppingen konnten dreist schon jetzt ihre Tintenfässer zurecht rücken und ihre Stahlfedern auf dem linken Daumennagel probieren, und Pechle – Pechle wußte Bescheid, als ob er der Hochzeitläder für den Grafen Paris, den Neffen des Fürsten Eskalus im Ochsen zu Hohenstaufen gewesen wäre. »Du,« sprach er, den Mund zum Ohr seines Genossen neigend, »hämisches Wesen ist mir fremd, Schadenfreude ist mir verhaßt; aber ein Genuß ist es zu allen Zeiten gewesen, bedrängter Weiblichkeit in Nöten und Gefahren zu Hülfe zu springen. Rippgen, ich hoffe, springen zu können, ich werde springen. Es steht jetzt so ziemlich fest im Rate des Schicksals, unsere beiden Damen erleben noch etwas in dieser Nacht. Ach, man wagt sich doch nicht ganz ungestraft in das Herz der Romantik! Sachsenknabe, Sachsenknabe, ich kenne eine Blondine, ein schlankes, ausländisches Mädchen, eine feueräugige Jungfrau, welche es sicherlich noch bereut, vorhin meinen Arm nicht genommen zu haben. Wenn du dich deiner Faust sicher fühltest, um sie im Notfall deiner Frau leihen zu können, wär's mir lieb; aber ich werde auch allein meinen Mann stehen, und nun – was tun wir nun, sehen wir fürs erste einmal in das Lamm, oder gehen wir sofort in den Ochsen?« »Wir müssen doch wohl in das Lamm,« seufzte der Baron. »Übrigens sehe ich bis jetzt durchaus nicht ein, was uns auch noch in den Ochsen –« »Führen sollte!« schloß Pechle. »Richtig! Es genügt auch vollkommen, wenn einer von uns beiden jetzt hier am Ort die Wege der Vorsehung erkennt und mit Verständnis und ohne Gesperr sich auf ihnen führen läßt. Schauen wir also zuerst vorsichtig nach unsern Huldinnen. Da – siehst du, du stolperst auf der Treppe und wirst wahrscheinlich auf der Schwelle auf die Nase fallen, – ein recht nettes Omen! Ein Römer würde umkehren, sagte irgend jemand bei einer ganz ähnlichen Gelegenheit zum ersten Napoleon auf der Brücke, die dieser wagehalsige Mensch über den Riemen hatte schlagen lassen.« Mit letzterer historischen Reminiszenz beschritt Herr Christoph Pechlin die steinernen Stufen, die zur Tür des Lamms empor führten, und der sächsische Baron folgte ihm zaghaft und nahm sich ungemein in acht, auf der Schwelle auf die Nase zu fallen. Der Hausflur des Lamms war bereits gefüllt mit heftig bewegten Bürgern und Bürgerinnen von Hohenstaufen. In der Stube rechts von dem Flur trank und sang mehr als ein Tisch voll aufgeregter, kampfesmutiger, junger Leute. In der Stube links von der Haustür saßen dicht aneinander gedrückt, wie drei Hennen im Gewitter, die Baronin Lucie von Rippgen, Miß Christabel Eddish und Virginy, die britische Musterkammerjungfer, welche nicht so für den Komfort gesorgt hatte, wie die beiden Damen von ihr erwartet hatten. Ein Eierkuchen stand vor den Damen und ein Schoppen roten Landgewächses samt den dazu gehörigen Gläsern. Die Birminghamer Teemaschine hatte der Lammwirt kurzweg für eine infame, fremdländische, unberechtigte Eigentümlichkeit erklärt und sich jeglichen Gebrauch derselben in seinem Hause unter Ausdrücken verbeten, die glücklicherweise weder Miß Virginy, noch die Baronin, noch Miß Christabel nach ihrem vollen Werte zu schätzen wußten. Der Eierkuchen war trefflich, und die unseligen Weiber hatten auch davon gegessen; aber nur – wenn jede, auch Miß Christabel, offen sein wollte – nur aus Angst. Gänzlich gebrochen und geknickt saßen sie alle drei vor dem delikaten Gebäck, – betäubt und verwirrt von dem Lärm – der Fröhlichkeit und dem Zorn innerhalb und außerhalb des Hauses. Und um ihr Elend voll zu machen, so saß ihnen gegenüber ein vierschrötiger, reicher Bauer mit dem intensivsten Bedürfnis, ihre inneren und äußeren Zu- und Umstände sich klar zu machen. Der Biedere hatte wahrhaftig keine Ahnung davon, wie fürchterlich der Mensch dann und wann dem Menschen werden kann. Breit, behaglich und gemütlich hatte er sich den drei Unglücklichen gegenüber hingepflanzt, beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt und rauchte sie an, anmutig sie unterhaltend, jedoch zu gleicher Zeit mit zwingender Freundlichkeit das Verlangen stellend, auch von ihnen unterhalten zu werden. Eine trübe Lampe beleuchtete das Vierkleeblatt, und woeful, woeful, woeful war für die abenteuernden Damen die Vorstellung, daß die nächste Tür in ihre Schlafkammer führe und sie demnächst gezwungen sein würden, sich zu Bett zu legen, während ganz Hohenstaufen rund um sie her äußerst munter, wach und bewegt bleiben werde. Auf den Zehenspitzen aber war Pechle an die Pforte geschlichen, die auf den Hausflur leitete, und warf durch die Spalte einen vorsichtigen, vergnügten Blick auf die klägliche Gruppe am Tisch. Die Situation war ihm klar, und die Gesichter der Damen bedurften auch gar keines Kommentars. Miß Christabel und Frau Lucie von Rippgen bereueten es, ihren Wagen nach Göppingen zurückgeschickt und die beiden Herren auf der öden, kahlen Kuppe des Burgberges in der unheimlichen Nacht einsam zurückgelassen zu haben. Leise und unbemerkt von Christabel und Lucie zog Pechle sein Haupt zurück, erfaßte jetzt seinerseits den Baron am Rockschoß, zog ihn gegen die Treppe hin, die in den obern Stock des Hauses emporführte, und flüsterte: »Wir steigen sofort auf unsern Tanzboden und essen grad über ihren Köpfen zur Nacht. Sie haben es! Sie haben es! Im Notfall sind wir augenblicklich zur Hand; aber jetzt stellen wir uns nicht zum zweiten Mal vor, sondern warten ruhig ab, was die Götter weiter über ihre Bequemlichkeit und Gemütsstimmungen beschließen. Du, Ferdinand, die Engländerin verdient wahrhaftig, mich immer noch besser kennen zu lernen, aber – nun fort und zwar auf den Zehen! Vor allen Dingen übrigens laß mich ein Wort mit dem Lammwirt wegen unserer Verpflegung reden; es ist nicht das erste Mal, daß ich bei ihm übernachte, und wir schätzen uns gegenseitig.« Das sechszehnte Kapitel. Je lustiger und wilder es im Tanzsaal des Ochsen zuging, desto stiller und stummer lag der im Lamm da; nur die Geister, die Gerüche früherer Feste und Jubelnächte waren noch nicht aus ihm entwichen. Sie durchschwebten, durchwogten gespenstisch den weiten Raum und es entging dem Baron keineswegs, daß sie da waren. Er nannte sie »grauenhaft«. Die Stühle, Bänke und Tische, auf und an denen sonst das muntere Völkchen der Umgegend sein Behagen nahm, waren jetzt mit Kunst bis an die verrauchte Decke aufeinander getürmt; es war Platz vorhanden, einem Fähnlein waiblingischer Lanzenknechte ein Strohbett aufzuschütten. Der Wirt zum Lamm in Hohenstaufen jedoch bereitete seinem Freund, dem Doktor Pechlin ein behaglicheres Lager, als sich durch ein auseinandergebreitetes Bund Stroh herrichten ließ, und auch der königlich sächsische Assessor außer Dienst fand, um seine Glieder zu strecken, einen Platz, der schlimmer aussah, als er in Wirklichkeit war. Aber die zwei Freunde suchten ihre Kissen fürs erste noch nicht auf, – auch der Baron nicht, der sich doch kaum noch auf den Füßen hielt. In der Mitte der dunkel um sie her sich dehnenden Wüste nahmen beide zuvörderst ihr Abendessen ein, – Pechle mit Appetit und Heiterkeit, der Baron mit dem, vielleicht auch anderen Leuten als ihm bekannten Würgen in der Kehle. Er war nicht der erste in der Welt, dem eine unklare und eigentlich gar nicht begründete Gewissensangst schlimmer zusetzte, als einem behaglichen Bösewicht alle seine wohlüberlegten Schandtaten und Sünden; und der auf den nächsten Hügeln gewachsene Wein bekam dem Freund gleichfalls besser, als ihm, des weiland römischen Reiches Frei- und Bannerherrn Ferdinand von Rippgen aus Dresden, dem er gar nicht zusagte. – Während des Essens horchte der Baron fort und fort hinunter nach den eichenen Bohlen des Fußbodens; nach dem Essen legte sich der Exstiftler mit elegischem Aufatmen und mit der Zigarre noch einige Augenblicke in das geöffnete Fenster, und blickte hinaus auf das dunkle bewegte Dorf, die stille übrige Landschaft und empor zu dem nur hier und da durch einen glitzernden Stern gekennzeichneten Firmament. Bald rief er auch den Reisegenossen zu sich, legte ihm den Arm um den Nacken, klopfte ihn auf die Schulter und sprach: »Ebert, mich scheucht ein trüber Gedanke vom blinkenden Weine Tief in die Melancholei!« »Dich auch?« rief der Baron im höchsten Zweifel und jammervollsten Tone. »Nun natürlich, denn es wäre doch viel vergnüglicher, wenn die zwei Weiber mit uns oder wir da unten mit ihnen zu Nacht gegessen hätten. Aller Verdruß und alles Elend in der Welt läuft auf dieses Abgesondertsitzen der für einander geschaffenen Seelen hinaus. Jetzt überkommt mich und dich die große Poesie der Welt im ruhigen Einschlürfen dieser balsamischen Nachtluft und Hinhorchen auf den Frieden der Erde; – so lyrisch wie jetzt hab' ich mich lange nicht gestimmt und aufgestimmt gefühlt, und wen haben wir, um ihm unsere Stimmungen mitzuteilen? Ich dich und du mich! Genüge ich dir dazu, so ist mir das sehr angenehm; aber, offen gestanden, du genügst mir nicht, und wäre es mir viel lieber, die Engländerin sähe hier an deiner Stelle mit mir zum Fenster hinaus. Du könntest dann ja mit deiner Frau aus dem andern gucken.« »Das könnte ich, und es wäre freilich –« »Was wäre es?« »O nichts!« seufzte der Baron, und wir, – wir die Unbeteiligten stellen gerade an dieser Stelle die Frage, was uns eigentlich die holde Landschaft und der stille Sternenhimmel angehn? Nicht das geringste; denn unser Platz ist augenblicklich nicht einmal im verhältnismäßig ruhigen und friedlichen Lamm, sondern im stürmisch aufgeregten, lichterglänzenden, musik- und tanzdurchtosten Ochsen. Im Ochsen ist er, und wie schwer und sauer es uns auch dann und wann ankommen mochte, unsere Pflicht haben wir noch stets getan, und der leisen, ernsten Stimme in unserem Busen haben wir noch zu jeglicher Stunde bereitwillig Folge geleistet und werden stets ihr Folge leisten. Im Ochsen zu Hohenstaufen, im staubwolkenerfüllten, erstickendheißen Saale schlingt sich der schwäbische Wirbeltanz mit allem dazu gehörigen Spektakel. Menschen rollen hin und her, Fässer werden voll hin und leer her gerollt. Von dem Musikantengerüst trompetet und pfeift, grunzt, quiekt, zirpt und schmettert es ohrbetäubend, trommelfellsprengend und gibt den Gliedern, und vorzüglich den unteren Extremitäten der männlichen und weiblichen Hochzeitsgäste Rhythmus, Takt und Maß, letzteres am wenigsten. Das würdige Alter beiderlei Geschlechts aber ziert die Wände und drängt sich in den Türen: sämtliche Mannsen mit Wehmut und Hohn jener Zeiten gedenkend, wo man die Beine noch ganz anders in die Luft schwang, als die heutige, drüsenkranke Generation, und wo man mit den Damen, das heißt den Weibern und Mädeln noch ganz anders umsprang und zierlicher umging, als das junge steife, ellenbogenlahme Volk von heute. Auch das ältere schöne Geschlecht gedenkt mit Rührung schönerer, vergangener Tage. Es tanzt auch heute noch, das ältere schöne Geschlecht, wenn man ihm die Gelegenheit bietet. Es ziert sich nicht mehr, als es muß, wenn es aus Spaß oder Ehrfurcht aufgefordert wird, in den Reigen zu treten; aber schöner war's doch dazumal, als man es als ein angeborenes Recht nahm, geholt, in den Wirbel gerissen und bis zum wahnsinnigsten Schwindel herumgedreht zu werden. Lieblich war's, schön war's und ganz anders als im spindelbeinigen Heute! Die dickste Bäuerin erinnert sich mit verhaltenem Atem und merklichem weitern Aufblasen und Vorschwellen ihrer Persönlichkeit jener holden, freundlichen Nächte, in welchen sie hier im Ochsen oder droben im Lamm oder gar drunten in Göppingen der Stadt unter dem Gebraus ganz anderer, kräftigerer Walzermusik von ihren gleichfalls ohrenzerschmetternd jauchzenden Tänzern bis an die Decke des Tanzbodens geworfen wurde, um wie ein Federkopfkissen wieder aufgefangen zu werden. Aber lassen wir doch das würdige Alter und seine Gefühle; wenn wir dermaleinst anders empfinden werden, so wollen wir es der dann vorhandenen Jugend überlassen, unsere Empfindungen und Gefühle ebenfalls zu würdigen. Wir haben uns wahrlich nicht durch Drang und Stank in den Ochsen hineingearbeitet, um uns in unfruchtbare philosophische Betrachtungen zu verlieren. O Gott bewahre, gewiß nicht! Denn wenn wir von der Abgeschmacktheit und Lächerlichkeit aller philosophischen Betrachtungen nicht längst und fest überzeugt wären, so würde der Mann, der dort unter den Musikanten, zwischen dem Schultheißen und dem Küster des Ortes sitzt, uns sofort davon überzeugen. Wer aber sitzt unter dem Musikantengerüst und zwischen dem Kantor und Schultheiß von Hohenstaufen? Wir kennen jemand, der allem weltbewältigenden Trotz zum Trotz, einen zeternden Schrei der Überraschung ausstoßen würde, der laut kreischen würde und zwar nicht ohne Grund, wenn er, oder vielmehr sie diesen Mann an diesem Orte sitzen sehen würde. Wer, – wer ist es, dessen Gegenwärtigkeit im Ochsen zu Hohenstaufen an diesem Abend selbst unsern, an alle möglichen und unmöglichen romantischen und unromantischen Begegnungen gewöhnten und auf dieselben eingeübten Gleichmut in einem wenn auch nicht zeternden, so doch recht hellen und durchdringenden Ruf des Erstaunens sich Luft zu machen zwingt? Fassung! Wer könnte es anders sein als der britische Kapitän auf Urlaub, Sir Hugh Sliddery, er, der im Haupte der Münchener Bavaria der Miß Christabel Eddish einen so entsetzlichen Schrecken durch sein plötzliches Auftauchen einjagte; er, der selber so entsetzlich erschrak und, mit hastigem Gepolter sich dem Leibe der Riesin entwindend, am Sockel derselben dreimal sich überschlagend, sich aufraffte, um über die Theresienwiese nach Florenz hin davonzulaufen! Daß dieses Wiederauftauchen des Kapitäns in einem neuen Kapitel behandelt werden muß, ist klar, und scheint uns das siebenzehnte ganz geeignet dafür zu sein. – Das siebenzehnte Kapitel. Bitte, wiederholen wir! Die Schutzgöttin des Bayerlandes ist unsere Zeugin, daß der Kapitän seinen Murray am Rande der Theresienwiese liegen ließ, und gleicherweise kann sie uns bezeugen, daß Miß Christabel Eddish mit spitzen Fingern und unverhohlenem Schauder das rotbraune Buch vom Boden aufhob und es mit sich in ihre Droschke nahm. Wir können auch den geweihten Sänger aufrufen, den eben dieses Buch mitten auf dem Karlsplatze auf das Zentrum seines Daseins traf; allein er würde uns wahrscheinlicherweise sein Zeugnis verweigern, jedoch nur aus keusch-innigem Widerwillen vor allem zu öffentlichen Aufsehenmachen und Hervortreten mit der eigenen Persönlichkeit; und wir vor allen andern sind weit davon entfernt, eine solche, gegenwärtig so seltene Scheu und Schämigkeit lächerlich zu finden. Wir halten uns einfach an das Faktum, daß Miß Christabel nach ihrem hastigen Durchblättern des englischen Reisehandbuches auf ihrem Wege nach Florenz sofort umkehrte; denn wir kehrten ja mit ihr um, und verdanken es nur diesem, daß wir uns augenblicklich mit ihr und der übrigen Gesellschaft im Dorfe Hohenstaufen befinden, nachdem wir einen so wundervollen Sonnenuntergang auf dem Burgberge genossen haben. Aber nicht nur wir und Miß Christabel kehrten auf dem Wege nach den Lorbeer- und Myrtenländern um, nein, auch der Kapitän Sir Hugh kam nicht dahin. Am Fuße des Splügen wendete auch er sich und zwar wie weiland sein Landsmann Mr. Robinson Crusoe, als er auf der Wanderung durch seine Insel auf den Bratofen und den Tafelabhub seiner kannibalischen karaibischen Nachbarn im Stillen Ozean stieß. Ei, nach Florenz! Die Reiseroute lag freilich in dem Reisehandbuch, jedoch Sir Hugh saß nicht ohne seine guten Gründe im Ochsen zu Hohenstaufen, allwo er wieder einmal chambers bespoken hatte, ohne vorher bei dem Schicksal angefragt zu haben, ob es ihm auch gestatten werde, dieselben zu beziehen. Es wird natürlicherweise jetzt vor allen Dingen unsere Schuldigkeit sein, darzulegen, wie er gerade hierher kam. Der Kapitän hatte, wie gesagt, den Weg nach dem Süden über den Splügen nehmen wollen, und nach dem Zusammentreffen mit Miß Christabel, ebenso fieberhaft hastig packend wie die Miß und in womöglich noch größerer Aufregung als sie, sich auf den Weg gemacht. Im eiligsten Reiseflug hatte er Lindau im Bodensee erreicht und den Bodensee sofort überschifft, um auf die Bahn nach Chur zu gelangen. Richtig hatte er denn auch bei Au im Kanton Sankt Gallen den nächstmöglichen Zug erwischt und an der Wirtstafel des Hotels zum Lukmanier in Chur zum ersten Mal das Gefühl, widerstandslos von einer Boa constrictor verschlungen zu werden, aus dem Magen und den übrigen Körperteilen – vorzüglich jedoch aus dem Magen verloren. Infolge davon hatte er dann zum ersten Mal seit dem Zusammenstoß im Haupte der Bavaria einen fressenden Appetit verspürt, einen Appetit, wie ihn jeder, der auch einmal mit dem Gefühl, einer unaussagbaren Gefahr entgangen zu sein, zu Mittag gegessen hat, kennt und zu würdigen weiß. Dann waren Reichenau und das Domleschgertal bis Thusis traumhaft während der Stunden der Verdauung an ihm vorüber geglitten, und in Thusis hatte er zu Abend gespeist und sich sofort zu Bett begeben. Ein erhöhtes Gefühl der Sicherheit hatte ihn zwar unter die Decke begleitet, war jedoch noch längst nicht kräftig genug gewesen, ihm einen ruhigen, traumlosen Schlaf zu verschaffen. Die ganze Nacht hindurch hatte er sich mit Wesen, Dingen und Verhältnissen herumzuschlagen und zu wälzen, deren zähnefletschende, knirschende, atemaustreibende Umschlingungen in ihrer Formlosigkeit sich leider unserer Darstellungsgabe entziehen, ihn aber sehr ermatteten und zwar bis weit über den Sonnenaufgang hinaus. Nur die Kolik, die ihn als Fähnrich während der ganzen Schlacht bei Inkerman in einem Graben hinter der Front festhielt, war in ihren herabstimmenden Wirkungen dieser Nacht am Eingange der Via mala gleichzustellen. Er vermochte es nicht, sich zu rasieren, und wurde, in den Kleidern schlotternd, in den Wagen gehoben, den er glücklicherweise bereits am Abend vorher gemietet hatte, um auf seinen Kissen die berühmte Schlucht und den weltbekannten Gebirgspaß zu überwinden. Die Schlucht tat ihm wohl. Das Pathos der Natur übte einen sonderbar beruhigenden Einfluß nach den tollen Schreckensgespinsten der Nacht. Wenn der Kapitän Sir Hugh Sliddery sonst auch gerade nicht besonders fähig war, etwas auf die landschaftlichen Schönheiten oder Häßlichkeiten seiner Umgebung zu geben, so war das doch an diesem Morgen anders gewesen. Die Tiefe des Abgrundes zur einen Seite des Weges und die Höhe der Felsen zur anderen hatten ihm gewissermaßen als Gegengewicht der Tiefe seines Schauders vor Miß Christabel Eddish und der Höhe seines Schreckens vor ihr gedient. Er hatte hinauf und hinunter gesehen, und einmal, auf einer der Brücken über dem Abyssus, hatte er sogar den Wagen halten lassen, war ausgestiegen, hatte sich über die Brüstung gelehnt und einen schweren Stein zum Hinter-Rhein hinunterpoltern lassen, und das hatte ihm mehr als bloß symbolisch wohlgetan, das hatte mehr als bloß symbolisch befreiend auf ihn gewirkt. Tief atmend war er wieder eingestiegen, und so war er durch das Verlorene Loch gefahren, hatte die Bärenburg in der Höhe durch den Feldstecher betrachtet und noch ziemlich früh am Tage Andeer erreicht, allwo ihn sein Dämon in der »Osteria« Travi erwartete, um ihn an den Schultern umzudrehen und ihn kurzweg wieder nach Norden zu dirigieren. Da hielt er – nicht der Dämon, sondern der englische Kapitän vor der offenen, bunt und verlockend mit einer italienischen Landschaft bemalten Bogenwölbung, durch welche der Weg weiter nach Italien geht und überließ sich, diesmal nicht ganz so willenlos als in Thusis, den Händen der Kellner, die aus der nebenan sich öffnenden Pforte des Wirtshauses hervorstürzten, um ihn in den Speisesaal zu geleiten. Generationen auf Generationen von Touristen haben auf ihrem Wege nach oder aus den Orangenländern diesen Speisesaal im Hotel Travi zu Andeer kennen gelernt, und auf alle hat er wahrscheinlich, wenigstens sicherlich mitten im Hochsommer, einen fröstelnden Eindruck gemacht. Eine lange Tafel läuft durch den Saal, und wenn es nicht unangenehm sein mag, in angenehmer Gesellschaft, die Seele voll von geahnten oder geschauten Wundern, sich an diesem Tische, wenn auch e r besetzt ist, niederzulassen: so ist es um so schauerlicher, in einer Stimmung, wie die des Kapitän Sir Hugh war, nur einen einzelnen, in einen Überzieher gehüllten Gast, und zwar gegen Ende des Monats Mai, an ihm sitzend zu finden. Der gröbste Gesell wird sich bewogen fühlen, dem melancholischen Eremiten schon von der Tür aus eine Verbeugung zu machen, aber diese Verbeugung, und selbst des höflichsten Reisenden, wird unbedingt immer weniger ein Produkt der Höflichkeit als des innerlichsten Frostes und einer das Mark der Knochen angreifenden Hülflosigkeit sein. Auf einer späteren Seite dieses Buches werden wir den Leser in den Kursaal zu Canstatt am Neckar führen und hoffen, ihm sodann das an dieser Stelle nur angedeutete Gefühl gänzlicher Verlorenheit um vieles deutlicher machen zu können. Als Sir Hugh in den Speisesaal des Hotels Travi eintrat, um den Versuch zu machen, zu frühstücken, saß der einzelne Mensch an dem der Pforte entgegengesetzten Ende der Tafel bereits beim Frühstück, und die Wüste war um ihn. Ein offenbarer Hohn aber auf jedes menschliche Gesellschaft liebende Gemüt war die Frage des Oberkellners an den britischen Touristen: wo der Herr Platz zu nehmen belieben werde? Der Kapitän faßte diese Frage natürlich auf als das, was sie war, und überhörte sie vollständig. Stumm ließ er sich auf den nächsten Stuhl fallen – den Stuhl an der Tür, durch unermeßlichen Raum getrennt von dem Einsiedler gegenüber in der nebeligen Ferne. Zusammenschauernd nahm er die ihm höflich dargereichte Speisekarte hin, sah jedoch, ehe er sie überblickte, geraume Zeit in den Nebel hinein und knöpfte währenddem den Rock fester zu. Der Gast am oberen Ende des Tisches in der Wüste saß mit melancholisch über seinen Teller und sein Getränk gekrümmtem Rücken und verbarg sich, ohne von dem neueingetretenen Fremdling die geringste Notiz zu nehmen, hinter einem der halb im romanischen halb im deutschen Kauderwälsch geschriebenen und gedruckten Graubündner Tagesblätter, und bleibt uns selbstverständlich solange unbekannt, bis er die Nase über diese Zeitung erhebt. Glücklicherweise geschah dieses bald; denn eben hatte der Kapitän unten am Tisch das Küchenprogramm niedergelegt und seine Wünsche kundgegeben, als der Fremde oben am Tische über den Boten aus Vaduz, Bonaduz, Rhäzüns, Katzis oder dergleichen herübersah. Er sah herüber und schien sich zu verwundern. Er verwunderte sich sogar sehr. Langsam wuchs er, wie ein Schiff über den Meereshorizont, herauf. Den beiden sichtbar gewordenen weit aufgerissenen Augen folgte ein unbedingt noch weiter geöffneter Mund. Jetzt legte der Fremdling das Zeitungsblatt mit Nachdruck nieder, und schlug mit der flachen Rechten darauf, – er legte beide Hände flach auf den gastlichen Tisch des Hauses Travi; er erhob sich von seinem Stuhl, beugte sich soweit als möglich über die Tafel vor, dem Engländer zu, und dann – dann klang es hohl im öden Raume, hohl, aber desto überraschender, eindringlicher durch alle Nervenverästelungen dröhnend: »Mein Gott, Sir Juh, sind Sie denn das?« Und Sir Hugh Sliddery fuhr auf, starrte den Rufer in der Wüste an, ließ Messer und Gabel fallen und stammelte: » Mr. S'molke! o very ... now, indeed! ... Herr Doktor Smolk!« Er war es! Er war es in der Tat, unser uns bereits in jener Stuttgarter Kneipe bekannt gewordener juristischer Beirat aus Frankfurt am Main, – der internationale Doctor juris Leopold Schmolke, welcher nicht mit dem frommen Benjamin verwandt war, aber an jenem schönen Abend unserm Freund Pechle und dem Baron Ferdinand von Rippgen ins Ohr flüsterte, daß auch er, Leopold Schmolke, sich auf das Hauspostillenwesen verstehe und dann und wann imstande sei, seinen Klienten ein gottgeheiligt Schatzkästlein guten und lieblichen Rates und Trostes aufzuschließen. Daß er wirklich dazu imstande sei, sollte der britische Kapitän Sir Hugh Sliddery augenblicklich erfahren. Der Kapitän durfte dreist zugreifen. Es stand ihm frei, einen frischen, vollen Griff in die weitoffene Truhe zu tun, und er tat ihn, wie wir sofort sehen werden. Doch fürs erste standen beide Herren im Speisesaal des Hotels Travi zu Andeer am Ende oder auch Anfang der Via mala vor ihren Kuverts und sahen sich erstaunt von ferne an; jedoch nicht lange. Im nächsten Moment schon gingen sie sich hastig näher, traten einander so nahe als möglich und überzeugten sich durch den allergenauesten Augenschein, daß sie sich nicht in der Person geirrt hatten. Dann rief der Engländer: » O yes , er ist es! Und dieses ist ein wonderfulles Zusammenstoßen!« Und der Frankfurter Advokat sprach: »Na, heere Se, Sir Juh, Sie hätt' ich auch anderswo eher zu begegne gedacht, als gerad hier zu Andeer! Sage Se merr um Gotteswille, wie kommen Sie denn eigentlich hieher, mein Allerliebster? Bei unserem letzten Zusammenstoß auf meinem Bureau behaupteten Sie doch, sich auf dem Wege nach Norwegen zum Forellenfang zu befinden.« »Dieses ist recht; aber ich habe mich umgedreht, Mr. Smolk. Und Sie sagten auch, daß ich Sie zu jeder Zeit in diesem Sommer treffen würde in Ihr Office, und Sie sitzen doch auch in dies dreadful salle à manger .« »O ja; aber wir Frankforter internationale Rechtsgelehrte hawe, wie Sie wisse, dann und wann unsere Konsultatione außerhalb. Ich war in Mailand vonwege eines österreichisch-jüdisch-italienischen Heiratskontraktes, habe dann zur Erholung ein Tourchen um die Seen gemacht und komme augenblicklich von Bellinzona. Das ändert nichts; und daß ich e Recht hab auf Ihre Wege zu passe, Sir Juh, daß ist Ihne aach bekannt: also kurz, weshalb sind Sie umgekehrt mit Ihrer Angelrute?« »Ueil ouich mir uab uerkuältet, und ueil es uist serr ueiß in Florence in die Sömmer, und ueil ouich ouill swouitze– switze – s' – s – schwitze all the summer – den ganzen Sömmer durch in Florenz. Yes, ouich ouab na Katarrh in my head , in meine Kopf, und ich ouill switz in Ouitalien. Ya, einen Schnupfen huab ouich in my Kopf und huab mir für den gemouithet a lodgment in der hotel de l'Europe , uo es ist serr hueiß, da ouill ich schwouitze – o yes , dua ouill ich ausschwouitze meine Katarrh!« »So? Das ist ja recht niedlich,« brummte der Frankfurter Rechtsgelehrte. »Also Sie holen sich einen Schnupfen auf dem Wege nach Lappland, kehren um, kommen ohne Zweifel durch Frankfurt am Main und geben mir nicht die geringste Notiz davon. Sind Sie wieder durch Frankfurt gekommen?« »Ya!« »Haben Sie mich davon benachrichtigt und mir von neuem Gelegenheit zu einer Konferenz mit Ihnen gegeben?« » No, Sir ,« sagte der Engländer kleinlaut. »Nun, dann müßte ich Sie von Rechts wegen jetzt ruhig weiter laufen lassen. Ja, ja, alles in allem genommen, wird das auch wohl, was Ihren Katarrh anbetrifft, das beste sein. Also reisen Sie, Sir Juh; aber – das sage ich Ihnen: zum ›Schwouiße‹ werden Se ganz gewiß im Hotel de l'Europe komme, Sie alter Tausendsasa! Welche Nummer hawwe Se bestellt, wenn ich frage darf?« Der Engländer haspelte mühsam ein elegantes Notizbuch heraus, blätterte einige Augenblicke darin und sagte sodann, erst leise zu sich selber: » By Gad, where have I lost my Murray? Wenn ich zum Teufel nur wüßte, wo mein Murray geblieben ist!« Und dann lauter: »Noumero Ueinoundsechzig! Sömmersueite. Ouich habe da schon einmal geuohnt und geswouitzt.« »Richtig, richtig! Es trifft alles! Es ist wunderbar, wie das alles ineinander paßt. Erlauben Sie mir, Ihnen bieder und britisch die Hand zu schütteln, Sir Juh, erlauben Sie mir, Ihnen herzlich zu gratulieren. Ja, Sie werden heiße Tage in Florenz erleben, lieber Freund; aber über eines bitte ich doch um Aufklärung: wie kommt es, daß Sie mir neulich nichts von diesem mit Miß Christabel Eddish getroffenen Übereinkommen, – neulich, als Sie auf meinem Bureau vorsprachen – gesagt haben?« Es tat einen Ruck durch den ganzen Kapitän ihrer Majestät von Großbritannien und Irland. Er rief: »Hugh« wie ein Indianer in einem Cooperschen Romane, und während er vollkommen versteinerte, haspelte der Frankfurter Advokat gleichfalls seine Brieftasche hervor. Dieselbe war lange nicht so elegant, wie die Sir Hughs, jedoch bedeutend umfangreicher und sicherlich ebenso inhaltvoll. Auch Schmolke blätterte während mehrerer Augenblicke, fand endlich das Blatt, welches er suchte, reichte es dem Kapitän und sagte: »Hier... Florence... Hotel de l'Europe ... Zimmer zweiundsechszig bis vierundsechszig. Also höchstwahrscheinlich ebenfalls die Sommerseite und jedenfalls Wand an Wand. Wen wir einmal in den Akten haben, den behalten wir darin, bis wir selber ihn herausstreichen, Sir Juh! Wie gesagt, ich gratuliere herzlichst zu der Verabredung.« Die Versteinerung Sir Hugh Slidderys löste sich in einem neuen fast mehr als indianischen Ausruf – Erstaunensschrei. Mit bebender Hand griff er das ihm dargebotene Blättchen, sah es an, ließ es entsetzt fallen und fiel selber zurück: »Douas ouist nicht möglich!« »Es scheint doch. Stübner schreibt es, und auf Stübner darf ich mich verlassen.« »Mr. Smolk, duann ist duas das Verhängnis!« Der Frankfurter Advokat zuckte die Achseln, und wir können hier nicht angeben, ob er als juristischer Vertrauter und Beistand seiner Partei das, was der Kapitän als Verhängnis hinstellte, auch aus anderen als den gewöhnlichen Höflichkeitsgründen als solches gelten ließ. »In München, yes, in Munich uab ich auf sie uaufgestoßen – ouiedereinmal! In die Kuopf von das große Göttin with the lion , mit die Tier, die Louöwentier – mitten in die Kuopf! Und ich bin gefuallen der Trepp hinunter, und ouich bin gelauf – gelaufen across the meadows , über die Wiesen! O Mr. Smolk, es ist kueine Muöglichkeit, daß uir in Florenz wuohnen zusamm Uand an Uand, da uir sind fertig for all the life , für das ganze Leben miteinander.« »Dann werde Se noch einmal umkehre müsse, mein lieber Herr; Miß Christabel Eddish befindet sich auf dem Wege nach Florenz, und wird, wie ich fest behaupten darf, unterwegs auf kein Hindernis gestoßen sein, wenn – wenn nicht vielleicht Sie selber, Sir Juh; ihr in dem Kopfe der Bavaria Ihre Reiseroute mitgeteilt haben.« » Oh no! Sie ist gefallen in Ohnmacht, und ouich bin gefallen hinunter die Trepp, durch die Bähwehriäh.« »Sir Juh,« sprach der Doktor Schmolke aus Frankfurt am Main mit pathetischem Nachdruck, »Sir Juh, wenn ich unter den Tisch fallen würde vor Vergnügen über Sie, so wären Sie imstande, das als eine Verletzung jeglichen advokatorischen Anstandsgefühls Ihnen gegenüber anzusehen: ich unterlasse es deshalb, bleibe sitzen und rate Ihnen nochmals dringendst, zum zweiten Mal umzukehren, Ihre Schwitzkur in Schwaben abzumachen und nicht nach Florenz zu gehen. Was sagen Sie?« »Y–a!« sagte – stöhnte der Engländer, und so kehrte er mit dem Doctor iuris Schmolke in Andeer wirklich um, und wir schließen den merkwürdigen Abschnitt unseres Berichts und erzählen im folgenden Kapitel, wie es kam, daß – nein, wie er, der Baronet, in den Ochsen zu Hohenstaufen kam. Das nächste Kapitel aber ist das achtzehnte und wird unbedingt auch ein sehr nettes und inhaltvolles werden. Das achtzehnte Kapitel In der Via mala hatten sie – der Frankfurter Rechtsgelehrte und Sir Hugh Sliddery – noch allerlei Ansichten und Betrachtungen über den Lauf der menschlichen Dinge und die Hindernisse alles Lebensbehagens ausgetauscht und am folgenden Tage stumm – ein jeglicher in seiner Ecke des Eisenbahnwagens, mit einem merkwürdigen Ekel und Überdruß am andern, lehnend, den Bodensee erreicht. Sie waren noch zusammen über den See nach Deutschland zurückgefahren; aber in Friedrichshafen hatten sie sich getrennt. Schmolke mit einem Segenswunsch für den englischen Ritter, der in den Postillen seines frommen Namensvetters recht sehr am rechten Platze gewesen wäre; – der Baronet mit einem Worte, das selbst in unserem Bericht als ungebührlich erscheinen müßte. Schmolke war nach Frankfurt am Main in seine Geschäftsstube zurückgekehrt; Sir Hugh hatte noch mehrere Tage in Friedrichshafen gesessen, oder vielmehr auf einem Sofa unbeschreiblich lang ausgestreckt gelegen, um sich von dem neuen, jähen Schrecken am Hinter-Rhein zu erholen. Dann war er aufgestanden, hatte wieder einmal eine Wirtshausrechnung berichtigt und mit dem intensivsten Verlangen nach Waldluft, Stille und ländlicher Einsamkeit sich durch das Schwabenland weiter geschleppt. Nimmer in seinem Leben hatte er das Gefühl, nirgends mit sich hin zu wissen, so deutlich und beängstigend empfunden, als in diesen wonnigen Frühsommertagen. Freilich war er auf genug abgelegene, romantische Plätzchen getroffen, die einen weltvergessenen Klausner hätten bewegen können, das Logis zu wechseln; aber auf nicht ein einziges, welches ihm, dem Kapitän, unzweifelhafte Bürgschaft gab, daß Miß Christabel Eddish es nicht auch vor ihm belegt habe und sofort nach seinem Einzug ebenfalls eintreffen werde. So fröstelte ihm in der Hitze des heißesten Mittags, und so schwitzte er in der kühlsten Mitternacht, und so befand er sich durchaus in jener Stimmung, in welcher die nüchternsten Leute sich dem Trunke ergeben. Letzteres tat er annähernd, und stellenweise sogar sehr annähernd, da ihm seine Natur in dieser Beziehung wenig Hindernisse in betreff des Lebensbehagens in den Weg legte. Er studierte die schwäbischen Landweine seiner Nerven wegen. Er studierte sie vom Seewein an, er studierte sie gründlich. Und da er von Eton aus einige dunkle, historische Erinnerungen an den Glanz des hohenstaufenschen Kaiserhauses (das er aber dessenungeachtet hartnäckig mit dem hohenzollernschen Königsgeschlechte verwechselte!) im Gedächtnis behalten hatte, so benutzte die Moira das, um ihn an diesem wissenschaftlichen Faden in den Ochsen zu Hohenstaufen zu leiten. Da saß er, und wir machen ihm durchaus keinen Vorwurf daraus, daß er immer noch glaubte, aus freiem Antriebe und nicht aus Angst, Unruhe und auf der flüssigen Bahn lieblicher Getränke hergekommen zu sein. Seinen historischen Schulerinnerungen hatte er jedenfalls Genüge geleistet und war auch auf den Gipfel des Burgberges gestiegen und sofort wieder hinunter. Am Mittage des Tages, in dessen späteren Stunden Lucie von Rippgen und – Miß Christabel Eddish, sowie der Baron Ferdinand von Rippgen und Herr Christoph Pechlin aus Waldenbuch im Schönbuch den Staufenberg erklommen hatten, war Sir Hugh Sliddery auf seinem Gipfel gewesen und war schon demgemäß auch früher als die übrigen Herrschaften im Dorfe wieder angelangt. Sehr enttäuscht war der Kapitän heruntergekommen. Er hatte sich ungemein gewundert, so wenige, das heißt gar keine Überreste der einstigen weltdurchleuchtenden Herrlichkeit vorzufinden auf der Höhe und somit von neuem Grund gehabt, den unbegreiflichen Verlust seines Reiseführers, seines Murray, zu bedauern. Und mit dem festen Vorsatze, diesen Verlust so bald als tunlich zu ersetzen, um sich nie wieder der Möglichkeit solcher Enttäuschungen auszusetzen, war er aus der tiefsten Bergeseinsamkeit in den Strudel des hochzeitlichen ländlichen Festgetümmels hineingeraten. Als ein Tourist, der nicht umsonst durch die Welt gestrichen sein wollte, hatte er sogleich beschlossen, die Feierlichkeit bis zum Ende mit durchzugenießen, und zugleich zu versuchen, ob der Lärm nicht beruhigender auf sein erregtes Gemüt wirken werde, als die Stille, die Einsamkeit und überhaupt die naive Harmlosigkeit der Natur. Das Volk des Landes, das ihn anfangs sehr sonderbar von der Seite angesehen, welches mißtrauisch genug über ihn geflüstert, welches ihm auch mehr als einen Rippenstoß im Gewühl des Festes versetzt hatte, hatte sich doch allmählich an die Gegenwart des kuriosen Fremdlings in seiner Mitte gewöhnt. Nachher hatte man ihn ausgefragt. Zuerst waren die ehrwürdigen Alten des Dorfes näher an ihn herangetreten und hatten sich erkundigt: Wer? Woher? Warum? Dann waren die jüngeren Leute gekommen, und die Frauenzimmer hatten ihnen im Kreise über die Schultern geguckt und gekichert und einander die Ellbogen in die Seiten gestoßen, und zuletzt – hatte ihm der Schultheiß einen Schoppen gebracht, und Sir Hugh hatte erst dem Schultheiß, sodann sämtlichen übrigen ländlichen Würdenträgern und Honoratioren Bescheid getan. Es war alles in der schönsten Ordnung. Da saß er – er, Sir Hugh Sliddery, Kapitän im siebenundsiebenzigsten Infanterieregiment ihrer britannischen Majestät, Victoria regina , und niemand mehr fand seine Anwesenheit im Ochsen zu Hohenstaufen sonderbar. Da saß er ganz behaglich zwischen dem Brautvater und dem Küster, ließ den deutschen Walzer mit unbewegter Miene an sich vorübertosen, sah stier, stumm und ein wenig dumm außerdem in den Wirbel der schwäbischen Fröhlichkeit und dachte – in diesem Moment – nicht im allergeringsten an – Miß Christabel Eddish; und da sich uns in eben diesem Augenblick die treffendsten Vergleichungen und Gleichnisse zu Dutzenden darbieten, so verzichten wir darauf, von irgendeiner oder einem derselben Gebrauch zu machen, und überlassen es bescheiden dem Leser, einmal selber recht außergewöhnlich geistreich zu sein. Wir sind jetzt nicht imstande, uns mit dem Geiste abzugeben; die Körperlichkeit nimmt alle ihre Rechte und sogar noch einige darüber in Anspruch. Schon nahete das, was der Doktor Christoph Pechlin mit aller Bestimmtheit erwartete. Was nahete? Was kam? ... Mit einem Male kam aus der offenen Tür des Saales mitten aus dem Gedränge der Zuschauer des Tanzes ein Gegenstand, der sich später in der Gerichtstube zu Göppingen protokollarisch als ein leerer Bierkrug auswies. Im hohen Bogen schwirrte er unter der rauchgeschwärzten Decke hin und schmetterte auf den Tisch unter der Musikantenbühne, dicht vor den Nasen des Brautvaters und des englischen Gastes nieder. Klirrend flogen die Splitter des Wurfgeschosses, sowie der getroffenen Flaschen und Gläser umher. Roter und weißer Wein spritzte auf und der ahnungslosen Fröhlichkeit der Stunde ins Gesicht. Grenzenloser Tumult war natürlich die augenblickliche Folge des ruchlosen Attentates. Rasendste Entrüstung malte sich auf allen Mienen, und einen wahrhaft Entsetzen erregenden Durst nach Rache rief das so schnöde vergossene Getränk unter sämtlichen Hochzeitsgästen hervor. War es verschmähte Liebe, war es blutrote Eifersucht, oder was war es, was den Krug schleuderte? Als Poet nehmen wir an, daß es verschmähte Liebe war und nicht bloße urgermanische Rauflust eines der dem Lamm zugehörenden Stammgäste. Aber was es gewesen sein mochte, die Folgen blieben dieselben. Schon war die Musik mitten im lebhaften Takt abgebrochen. Die Paare der Tanzenden lösten sich voneinander, in der Tür entstand eine wogende Bewegung kämpfender Männer. Weibliches Geschrill mischte sich schon darein, und eine Schoppenflasche, die von einer eifrigen aber unbedachten Hand aus einem Winkel des Saales gegen den unbekannten hämischen Angreifer – gegen die Tür geschleudert wurde und auf dem Rücken des gegen eben diese Tür wütend vorgesprungenen Bräutigams zersplitterte, brachte die Aufregung der Gemüter zum gischendsten Übersprudeln. Wer auch der Täter gewesen sein mochte, der den Krug entsendet hatte, der Schleuderer der Flasche hatte seinen Wurf unter der Beihülfe des Dämoniums deutscher Bauernhochzeiten doch noch besser und wirkungsvoller getan. Mit aller Unterscheidungsfähigkeit zwischen Freund und Feind war es aus und zu Ende im Ochsen zu Hohenstaufen! Schon hatte der Hochzeiter in der Pforte des Saales zwei Köpfe seiner eigenen Hochzeitsleute in besinnungsloser Wut gefaßt und dieselbigen gegeneinander gestoßen. Die Gegenpartei aus dem Lamm hatte wahrlich nur wenig von ihrem eigenen Haß und Geifer in die Flammen zu spritzen; – die Fackel der Eumeniden loderte und leckte auch schon ohne das mit schweflichten Zungen über das Fest hin. Überall – über und unter den Tischen, im Saale und vor dem Saale, auf der Treppe und vor dem Hause entbrannte der Streit, tobte die Schlacht, – war man sich in die Haare gefallen; und Sir Hugh Sliddery in der Mitte der Strudel und Wirbel fand sich plötzlich zu seinem allergrößesten Erstaunen dringendst in allen Fasern seines Wesens aufgefordert, mit Aufbietung aller seiner Kräfte für die Erhaltung seines Daseins zu kämpfen. Ohne im geringsten zu wissen, wie es eigentlich zuging, bekam er die vollste Gelegenheit, im Dorf Hohenstaufen alles bei Inkerman Verabsäumte nachzuholen und das Gefühl, den Bathorden verdient zu haben, in Abwehr und Angriff sich glorreich zu erobern. Glorreich! denn er kämpfte unter Hindernissen. An seinen gelben Rockschößen hing der schwarze Küster des Dorfes und suchte sich seiner als einer Schutzwehr gegen die wild fliegenden Wurfgeschosse aller Art, gegen die unvernünftige Rücksichtslosigkeit der Stuhlbeine, gegen Faustschläge und gegen Fußtritte zu bedienen. Schon mischte sich Wimmern und klägliches Wehgeheul in den Lärm der Schlacht, gellender schallte das Zetern des schönen, auch anderen Geschlechtes durch die stille Sommernacht, und – am stillen Fenster des leeren, öden Tanzsaales im Lamm sprach Christoph Pechlin aus Waldenbuch im Schönbuch mit einem verständnisvollen Blicke auf das dunkelschöne Firmament zu dem mit ihm lauschenden Reisegenossen: »Hab' ich nicht recht gehabt? Gelt, Hab' ich nicht recht gehabt? Hörst du – die Geischter sind los; jetzt wird es wieder eine Lust, zu leben! Ich meine, Ferdinando, daß auch unsere Stunde gekommen sei, und schlage vor, daß auch wir jetzt, und zwar ohne jegliches weitere Zögern – noch auf einen Augenblick – in den Ochsen gehen.« »Ich nicht!« rief der sächsische Baron, mit den ausgesprochensten Zeichen des Haut- und Seelenschauderns vor der Vorstellung vom Fenster zurückfahrend. »Pechle, du wirst doch nicht?! Christoph, ich beschwöre dich, – sei Virgil, soviel du willst – ich bin dir bis jetzt durch alle Kreise der Hölle gefolgt; aber so tief steige ich nicht mit hinunter! Großer Gott, höre sie doch nur! Christoph, Christoph, sie schlagen dich ebenso tot, wie sie sich selber tot schlagen; – nachher bringen sie uns deine Leiche, und dann versetze dich in die Lage der Damen und in meine Lage. Bedenke, daß ich dann die Verpflichtung habe, dich nach Stuttgart zurückzuschaffen, und sage dir selber, was meine Frau unter solchen Umständen sagen würde! Liebster, Bester, ich bin Jurist und habe mehr als einer Sektion beiwohnen müssen als Protokollführer; bleibe bei mir, denn ich habe die vollste Gewißheit, daß ich dich nur als Sektionsobjekt wiedersehen werde, wenn du gehst!« »O nei!« sagte Pechle gemütlich. »Weischt, i bin a Landesei'geborner und weiß mein Teil auf mich zu nehme und den Überschuß weiter zu gebe. Da sorge dich nicht, Sechserle! Geh du nur ruhig mit mir; ich halte es auch für dich als das Beste, daß du mit mir gehst. Willst du?« »Unter keiner Bedingung!« »Gut, dann gehe ich allein und überlasse es dir, hier die Honneurs zu machen. Du hast doch in Tübingen studiert und weißt, daß eine Schlacht, die im Ochsen beginnt, gewöhnlich im Lamm – oder umgekehrt – zu Ende geführt wird. B'hüt di Gott, alter Knabe und halt di gut –« Er vollendete nicht; denn es hatte in der Tat den Anschein, als ob er nicht nur vollkommen recht habe, sondern es auch sogleich bekommen solle. Der Kampf hatte sich unbedingt bereits auf die Dorfgasse hinausgewälzt, in derselben selbstverständlich immer größere Dimensionen angenommen und schwoll bedrohlich gegen das Wirtshaus zum Lamm heran. Wie der Küster von Hohenstaufen am Rockschoß des englischen Baronets Sir Hugh Sliddery, so hing der deutsche Baron Ferdinand von Rippgen an den Schößen Christoph Pechlins, als ein blondhaariges Schwabenmädchen das liebe freundliche Gesichtle in die Tür steckte und rief: »Sie! ihr Herra! – de beide Fraue drunte möchte de Herre bei sich habe – den mit dem kleine Bärtle: den andere net! De dicke Frau secht, ihr Ma möcht auf d'r Schtell zu 'r komma, und d' Dürre liggt in Krämpf.« Das neunzehnte Kapitel. Miß Christabel Eddish lag in Krämpfen, und hoffentlich wird die Welt, der diese Mitteilung gemacht werden mußte, nicht weniger erschüttert unter dem Eindrucke dieser Nachricht stehen, als die beiden Herren im leeren Tanzsaal des Wirtshauses zum Lamm in Hohenstaufen darunter standen. Der Baron stieß auf die merkwürdig ruhige Meldung der jungen Dorfmaid nur einen dumpfen unverständlichen Laut hervor; Christoph Pechlin faßte sich schneller und wußte sich verständlicher zu äußern. Es freut einen immer, wenn man recht behält, vorzüglich wenn man sich recht weitläufig und ausführlich nach irgendeiner beliebigen Richtung hin prophetisch ahnungsvoll bloßgegeben hat. Es kann einem unter Umständen sogar ein sehr schwerer Stein durch solches Rechtbekommen vom Herzen genommen werden; denn wahrlich, nicht jeder ist zu jedem ihm beliebigen Zeitpunkte Vates – ein Seher und Prophet. Pechles Vorhersagung erfüllte sich im vollsten Maße: die Baronin rief bereits nach ihrem Gatten, und der Augenblick, in welchem auch Miß Christabel nach Hülfe rufen mußte, war nahe. Vorerst tat der Exstiftler auf die Meldung der blonden Kellnerin hin drei weite Schritte durch den widerhallenden Saal. Dann blieb er vor der schwäbischen Jungfer stehen und fragte: »Mädle, ischt des wahr?« und dann, nachdem ihm von neuem die Versicherung gegeben war, daß die Sache sowohl mit der Dicken als auch der Dürren ihre Richtigkeit habe, stellte er sich fest und grinsend vor dem Freunde auf und sprach: »Siehst du, Ferdinand, das nennt man eine romantische Nacht am Fuße des Hohenstaufen! Mein Sohn, was hab' ich dir vorhin auf dem Gipfel verkündet? Siehst du, Sechserle, die reinen klaren Blicke ins Leben muß man sich bewahren, nachher frißt man alles durch, kommt kühl a' und läßt sich seine Medaille vom Preisrichter von der Tribüne 'runter reiche. Na, dann gehe du mit Gott, mein Sohn – gehe zu deinem guten Weible! – Daß du mich in den Ochsen begleitest, damit ist es nun nichts; aber was mich anbetrifft, so muß i in den Ochse. In einer halben Schtund denk i mir, treffen wir in aller Gemütlichkeit wieder zusamme. Nachher berichtet jeder das Seinige, und i mein, wir bringe au no die Dame zum Lachen.« Auf diesen letzten Trost hin stieß der Baron einige Laute hervor, die möglicherweise bereits für ein Gelächter gelten konnten, aber von jedem selbst nur oberflächlich in die Geheimnisse der Heilkunde Eingeweihten anstandslos unter die den Hundskrampf begleitenden Jammeräußerungen gerechnet werden mußten. Dreimal klopfte Pechle den Freund mit der flachen Hand ermunternd und ermutigend auf den Rücken, Dann verließ er noch vor dem Baron den Tanzsaal und schwang sich die Treppe hinunter, der Pforte des Hauses zu. Ehe er jedoch das Lamm verließ, warf er selbstverständlich noch einen schlauen, augenzwinkernden, aber ungemein vorsichtigen Blick durch die Tür in das bereits geschilderte Gemach am Eingange des Hauses – augenblicklich das Damenzimmer in Hohenstaufen, das heißt, jene Räumlichkeit, in welche sich unsere beiden Damen, die Frau Baronin Lucie von Rippgen und Miß Christabel Eddish, ihre Busenfreundin, nach der genußreichen Nachmittagsschwärmerei auf dem Hohenstaufen zurückgezogen hatten. Und dieser blitzschnelle Blick überzeugte ihn vollständig, daß die Hohenstaufensche Maid in ihrer pflichtmäßigen Meldung durchaus nicht übertrieben habe. Die Dicke befand sich wirklich im Zustande vollkommenster ratloser, willenloser Auflösung, und die Hagere hatte in der Tat Krämpfe! ... Am Tische saß Lucie noch immer vor den Schüsseln und Tellern der Abendmahlzeit, das Haupt auf beide schöne, wenn auch etwas fleischige Hände stützend; und ihr gegenüber lag Miß Christabel Eddish in den Armen Virginys, und Virginy, die doch vieles im Leben ausgehalten hatte, war kaum imstande, auch hier ihrer Pflicht zu genügen. Ihre jungfräuliche Herrin lag schwer auf ihr; und sie, Miß Virginy, sah mit einem fast lächerlichen Ausdruck hülfeflehender Ratlosigkeit umher, und ihre Augen waren auch die einzigen, welche das vergnügte Gesicht Pechles in der Türritze ausfindig machten und einen kurzen Augenblick lang einen sofortigen Trost von ihm erwarteten. Der hämische, schwäbische Extheologe wußte sich aber zu bezwingen; er warf der Verzweifelnden keine Kußhand zu, sondern ließ nur einen leisen, aber um so bedeutungsvollern Pfiff hören. Und da er eben auch den Baron gebrochenen Leibes und geknickten Geistes die Treppe heruntertappen hörte und sah, so wandte er sich schnell, sprang aus der Haustür, und die steinernen Tritte hinunter, mitten in das Gewühl der Dorfgasse hinein. Das war denn freilich ein Gewühl zu nennen! Längst wußte niemand mehr, wofür er sich schlug und weshalb er geschlagen wurde. Nicht Einer in dem heitern Durcheinander konnte mehr Rechenschaft darüber geben, weshalb er eigentlich so sehr außer sich geraten sei. Nicht Einer wußte mehr, wofür er hatte Rache nehmen, worüber er Rechenschaft hatte fordern wollen. Wie seit Jahrhunderten in jeglichem deutschen Bürgerkriege wußte fünf Minuten nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten niemand mehr, warum er den Gegner hasse, und weshalb er den Prügel gegen ihn führe. Die Lust und das Behagen, den Prügel zu führen, ersetzte jedweden Rechtsgrund und es war jedermann einerlei, wohin der Schlag fiel, den er schlug, wenn er nur irgendein Ziel traf und einen blutrünstigen Striemen oder eine blaue Anschwellung, wie es sich gehörte, auf irgendeinem Körperteile irgendeines gleichfalls mit einem Knittel bewaffneten Nebenmenschen, deutschen Mitbürgers und Vaterlandsgenossen hervorrief. Es war groß, und um den alten glorreichen Bergkegel über dem Dorfe wetterleuchtete es jetzt noch zu allem übrigen. Unbedingt saß da die tapfere Mutter Germania,, sah hinab auf ihre fröhlichen Kinder, lächelte seelenvergnügt und strich leise probend an der Schärfe ihres Schwertes hinunter und hinauf und hatte in altgewohnter genialer Sorglosigkeit beide Füße auf den Schild gesetzt, mit mehr Furcht vor dem einheimischen Schnupfen, als vor den Dolchstößen und Streichen auswärtiger heimtückischer Feinde. Wir aber wollen das Gleichnis und Bild hier nicht weiter verfolgen und können uns begnügen, mitzuteilen, daß unser Freund Christoph Pechlin den Grundgedanken in einem durch mehrere Nummern der Beilage der Augsburger Allgemeinen Zeitung laufenden Aufsatze trefflich verarbeitet hat und zwar nach dem Jahre Achtzehnhundertsechsundsechzig, was denn auch, gottlob, einige Jahre später, wie wir alle erfahren haben, die trefflichsten Früchte getragen hat. In solchen wie in verschiedenen anderen Dingen können wir versichert sein, daß unser Freund Pechle den Nagel auf den Kopf zu treffen weiß, und lobenswürdig ist dabei auch, daß er in seiner Bescheidenheit sich das nicht einmal hoch anrechnet. Und wenn in diesem Augenblicke alle Geister der alten Kaiser von dem Staufenberge herniedergestiegen wären, so hätten sie dem Aufruhr in Hohenstaufen, dem Dorfe, nicht mit größerer Befriedigung und tieferem Sachverständnis zusehen können, als ihm Christoph Pechlin zusah. Bis jetzt, das heißt, fünf Minuten nachdem er das Gasthaus zum Lamm verlassen hatte, sah er dem Kampfe nur zu. Er mußte das wohl seiner jetzigen Lebensstellung und Würde, seinem jetzigen Alter für angemessen erachten; aber die Zeit, in welcher er sich ohne Aufenthalt persönlich eingreifend in die Schlacht gestürzt haben würde, lag wahrlich noch nicht weit ab. Auf einem erhöhten Punkte, einem weich, nachgiebig und doch elastisch aus den mannigfaltigsten vegetabilischen Stoffen zusammengesetzten Hügel stand er und blickte mit untergeschlagenen Armen auf das durch die Nacht herauwogende Kampfgewirr, auf den schattenhaften in jeglicher Tier- und Menschenstimme seinen Gefühlen lautgebenden Knäuel. Er hatte sich sehr bald in der Sachlage zurechtgefunden und rief nach niemandem, um sich den Gang der Schlacht und die Waffen und Wappen der hervorragenden Streiter deuten zu lassen. Sämtliche männliche Hochzeitsgäste aus dem Ochsen hatten diesen verlassen und vergnügten sich mit den Gegnern aus dem Lamm in der Gasse. Wenn zuerst jeder blind darauf losgeschlagen hatte, so hatten sich jetzt die Parteien doch allmählich voneinander gesondert. Sie hatten sich besser kennen gelernt, jeder wußte, was er tat, und die Leute aus dem Lamm befanden sich unbedingt im Rückzuge. Derjenige, welcher mit der besten Laune in die Schlacht zieht, hat die meisten Aussichten, dieselbe zu gewinnen, und die Leute aus dem Ochsen befanden sich in festtäglicher Stimmung. Es ist kein Wunder, daß ein Bräutigam in seiner Hochzeitsstimmung, alle übrigen Umstände dazu gerechnet, Wunder der Tapferkeit tut; und es ist kein Wunder, daß ihm die Verwandtschaft und die Gäste seines freudigen Festes mit aller Muskelkraft frohmutig zur Hand gehen. Schon schlugen die wilden Wogen an den erhöhten Standpunkt Pechles heran, schon war, dicht vor seinen Füßen, ein breitschultriger Kämpfer mit dem Gesichte tief in die vorhin angedeuteten Bestandteile des Hügels hineingefahren, und ein nägelbeschlagener Bundschuh hatte ihn noch tiefer hineingedrückt! Schon hatte ein anderer ritterlicher Mann oder Jüngling mit dem Körperteil, auf welchen die Stiefel in solchem Durcheinander zu treffen pflegen, sich weich neben ihm niedergelassen! Schon war auch er, der stille Beobachter, nur mit genauer Not einem Steinwurfe entgangen, der auch ihn, wenn er getroffen hätte, unbedingt bewogen haben würde, seine aufrechte Stellung im Leben, in der Philosophie, der Ästhetik, Literatur und Politik für immer mit der entgegengesetzten Lage zu vertauschen! Schon... doch was schon?! Einem daherfliegenden Knüttel durch einen zweiten Seitensprung ausweichend, gab Pechle jauchzend und jubilierenden Herzens, wie Moses auf dem Berge in der Schlacht gegen die Amalekiter, dem Handgemenge seinen Segen, als plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit allen fliegenden Geschossen zum Trotz durch eine höchst außergewöhnliche Erscheinung gefesselt wurde. Eine hell in der Dunkelheit leuchtende Figur tauchte zappelnd inmitten des Gewühles auf, schlug um sich wie die anderen Schattentänzer, verschwand im Haufen und erschien von neuem, länger und zappelnder. »Was ist denn des?« fragte der Exstiftler unentwegt aber erstaunt. »Herrgottssakrament, woher stammt denn dieses Phänomen?« und in dem nämlichen Moment schon erhielt er die bündigste Antwort auf seine Fragen. Von der Wucht und Gewalt verschiedener kräftiger, auf den umliegenden nahrhaften Gefilden erstarkter Arme und Fäuste geschleudert, taumelte mit einem Male ein vom Kopfe bis zu den Füßen in ein gelbliches Sommerkostüm gekleidetes langbeiniges Wesen gegen seinen erhöhten Standpunkt heran. Es schoß –fuhr heran, streckte im Fallen zwei lange Arme aus, erfaßte in der höchsten Not eines der beiden Beine des wackern Ex-Tübingers, krallte sich ein, hielt sich noch einen kurzen Augenblick schwankend im Gleichgewicht und setzte sich dann doch, gleich den zwei anderen eben Niedergestreckten, setzte sich mit Nachdruck und ächzte: » Damn! Donnär! Wettär! A-uh! Pardon, monsieur! ... Verzeih Sie, mein Herr; aber es gouing nicht anders.« »Bitte sehr! bin vollkommen überzeugt! Wollen Sie nicht Platz behalten? Nein? nun dann erlauben Sie mir –« und Pechle war seit geraumer Zeit gegen keinen Menschen so höflich und zur Hülfe bereit gewesen, wie in diesem Augenblick gegen den Kapitän Sir Hugh Sliddery. Er griff ihm moralisch und physisch unter die Arme, er stellte ihn wieder fest auf die Füße, er rückte sogar ein wenig zu auf seinem Beobachtungshügel und überließ ihm den höchsten Punkt desselben, und dann erst sprach er im gewählten Buchdeutsch weiter: »Sie sind hier fremd, mein Herr? Bitte, wir haben beide ausreichend Platz – ich freue mich sehr! Machen Sie keine Umstände – das kennt man bei uns zu Lande nicht. Sie sind ein Engländer! Yes? Nun – wie gefällt es Ihnen denn bei uns in Schwaben?« Daß die Reihe der Fragen und sonstigen Höflichkeitsbezeugungen dergestalt in eine Schlußfrage auslaufen würde, war vorauszusehen; aber seltsamerweise schien der Kapitän das durchaus nicht vorausgesehen zu haben. Kurz atmend, alle Teile seines langen Leibes, die er mit den Handflächen erreichen konnte, seufzend reibend, starrte Sir Hugh den höflichen barmherzigen Bruder auf dem hohenstaufenschen Düngerhaufen, einen langen Augenblick hindurch, soweit die Nacht es erlauben wollte, an und erwiderte erst dann langsam, zögernd und sehr gedehnt: »Oh, Sir, serr guot, Sir! Sir – aus–ge–seichnet, Sir!« »Sehen Sie, das freut mich wahrhaftig! Nicht wahr, es ist sehr nett bei uns? Wissen Sie, das nennt man doch a Mal, historischen Boden betreten! was?« » Oh very historical – ser 'istorisch! aber sie haben aouch mir betreten! sie haben getreten auf mir, sie –« »Das tut nichts! das geht drein, Herr; und jetzt erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen zu näherer Bekanntschaft vorstelle: mein Name ist Pechlin – Doktor der Philosophie, Christoph Pechlin aus Waldenbuch! und nun – mit wem habe ich meinerseits die Ehre?« Captain Slid–de–ry! Sir Hugh Sliddery aus – oh by God aus England « keuchte der neue Bekannte unseres Freundes. »Blaugeslagen! Yellow und grüngeslagen – oh damn that beastly mob! « winselte er, die Zähne aufeinandersetzend, das linke, von einem hohenstaufenschen dreibeinigen Schemel getroffene Knie in die Höhe ziehend und das blutrünstige Schienbein mit beiden Händen umfassend. »Machen Sie sich nichts daraus, ich mache mir auch nichts daraus,« sprach Pechle freundlich tröstend. »Sehen Sie, morgen früh wird es Ihnen darum nur desto lieber sein, daß Sie heut Abend mit dabei waren. Hoffentlich haben Sie nichts umsonst hingenommen! Nicht wahr, Sie haben mit klingender Münze für jedes genossene Vergnügen bezahlt?« »Uih, duas hab ich!« krächzte der Engländer. »Ich hab getan das Meinige; uaber, Sir, es war keine Uordnung in das affaire: kein Plan, Sir. Es war not a pitched battle, und ich bitt Sie, mein Herr, uo soll sein das Uordnnng in das bataille, ouenn niemand oueiß, uofür er kriegt die Släg?!« »Yes!« sagte Pechle in vollständiger Ermangelung einer anderen Antwort und kratzte sich ein wenig hinter den Ohren. Aber während alledem toste das Gefecht rund um sie her ruhig weiter, und augenblicklich schien die Partei des Lamms, die Lämmerpartei, verstärkt durch frischen Zuzug, den Ochsenleuten die Oberhand abzugewinnen; jedenfalls stand die Schlacht und wog Zeus, der Regierer der Götter und der Menschen, zweifelnd die Lose auf seiner Wage. »Halten Sie sich nur ganz ruhig an mir, Herr Hauptmann!« rief Pechlin. »Ohne Umstände – halten Sie fest. Hier sind wir verhältnismäßig sicher und brauchen uns nur ein wenig vor den Wurfgeschossen in acht zu nehmen. Was das übrige anbetrifft, so habe ich auch gute Freunde auf beiden Seiten und rufe im Notfall Quos ego! « Ein aus einer Hecke gerissener Zaunpfahl streifte ihm unter dem letzten Wort die Stirn und schlug ihm weiter schwirrend den Hut vom Kopfe. Der Exstifiler bückte sich gemütlich nach seiner Hauptbedeckung, drückte sie noch fester auf den Schädel und sagte: »Hab' ich es nicht gesagt? Sehen Sie, wir stehen auf der Höhe der Situation und können von hier aus ganz gemütlich den weiteren Verlauf der Dinge abwarten. Wissen Sie, bei uns nennt man das auch Politik und bildet sich nichts Geringes darauf ein.« »Wuas ist sehr belehrend, Sir,« sagte der Kapitän, der seine Besonnenheit nun doch allmählich wieder zusammenfand. »Uaber Sir, wir können lang warten bei das Politik; und ouas fuang ich an nachher? In den Ochs geh ouich nicht wieder, uelches ist sicher. Sie hab mein Gepäck, my luggage, my baggage geworfen aus dem Fenster dem Fueind auf die Kopf. Sie hab mein Regenschirm zerschlag auf die back, die Buckel von ueiner dicken Lady. Sie hab meine Stock zerschlagen auf mir selbst! Yes, Sir, auf mir eigenhändig selber! Oh, und es ist kein ganz windowframe und kein hueil Fensterscheib in das ganz Ox, und ich lueid an die Katarrh und die Rheumatism! Was suoll ouich anfang in diese Nacht mitten in this howling wilderness , in diese heulerische Wildnis?« »Haben Sie nicht mich? Haben wir uns einander nicht gegenseitig vorgestellt?« fragte Pechlin. »Sie gehen ganz einfach mit mir in das Lamm. Die Leute kennen mich, und auf dem Tanzsaal ist Raum für Sie.« »Sir, auf das Tanzsaal?« rief der Kapitän. »Sir, Sie uoll mir wieder bring auf die dancing-room? Oh no! ouich uab genoug von diesem, ouich uill, ouich muß uab ein Privatappartement, uenn ouich –« »Ja, ja, ich sitze schon mitten in allen Ihren Gefühlen, und verstehe Sie vollkommen, Sir Juh. Seien Sie ohne Sorgen, Sie werden einen guten Schlaf tun im Lamm, und außerdem finden Sie daselbst die beste Gesellschaft. Lauter schöne Leute, sehr schöne Damen und einen ganz intimen Freund von mir, Baron Rippgen aus Dresden, und alle werden sich ebenfalls freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen.« »Sehr schöne Damen? Ueinen Baron?« »Yes! Oui! ja, ja! Einen lebendigen deutschen Baron – a german baron – uraltes Geschlecht – Reichsfreiherr! Nicht wahr, das schtimmt mit Ihne?... O ja, er führt auch seine Visitenkarte bei sich–letzter Sproß des Geschlechts – Jahrhunderte lang haben sich seine Ahnen abgemüht, um diese Blüte zu erzeugen.« »A–h! ualso uendlich uein uanständiger Mensch!« rief Sir Hugh Sliddery, tief aufseufzend. »Oh Sir, gern – very gladly indeed würd ouich gehen mit Ihnen; aber – aber mein Anziehen – Anzüglichkeit – my dress – mon costume – ma toilette? 'Err, Sie muß das sehe buei Licht, um das zu glauben.« »Das wollen wir auch – Sie unverschämter Esel!« äußerte sich Pechle, den Satz zur Hälfte donnernd dem englischen Edelmann ins Ohr schreiend und die andere Hälfte still sich selber in der Tiefe seiner Brust vortragend. »Kommen Sie mit ohne Umstände, da Sie uns einmal auf die Arme gefallen sind, und besehen Sie sich Ihren teutonischen Adelsringgenossen näher. Was das Kostüm angeht, so achtet man auf Reisen nicht so genau darauf, und die Weiber vor allem ziehen den abenteuerlichsten, wenn nur aus der Schlacht kommenden Heros allen übrigen vor.« »So nehme ouich Ihre große Gütigkeit an,« sprach der Baronet. »Ich war auch in die Crimea, in die Krimm, und bin an old Soldier, ein alter Soldat, ound ouich uerd übernachten mit dem Baron und den Ladies und mit Ihnen, Sir, in dem Lamm«. Das zwanzigste Kapitel. Die Pflicht rief uns schon seit geraumer Zeit, wir hörten nur nicht darauf; jetzt aber folgen wir ihrem Rufe und – verfügen uns in das Lamm zurück. Es ist aber auch die allerhöchste Zeit, denn von neuem gewinnt die Hochzeitsgesellschaft aus dem Ochsen den Neidern aus dem Lamm Schritt für Schritt die Dorfgasse ab und dringt mächtig vor gegen das Lamm. Während in geschilderter Weise Freund Pechle seinem Vergnügen nachgegangen war, hatte sein Freund, der Baron Ferdinand von Rippgen, das Seinige getan und ausgehalten, und das war gerade kein Vergnügen gewesen. Wenn Herr Christoph Pechlin nur den Kopf in die Tür des Damenzimmers im Lamm gesteckt hatte, so hatte der Baron der dringenden und grausigen Notwendigkeit um ein Bedeutendes weiter nachgeben müssen und war eingetreten. Eingetreten? Es ließe sich wahrlich über den Ausdruck rechten! Hatte er sich in das Gemach hineingeschoben? Auch dieses nicht; – er war ganz einfach hineingeschoben worden, und zwar von einer Macht, der noch nie irgend jemand in seinem Leben einen zu einem rühmlichen Resultat führenden Widerstand entgegengesetzt hat. Und alle drei Damen hatten ihn bei seinem Erscheinen sofort ins Auge gefaßt, und eine jegliche hatte einen anderen Ton von sich gegeben! Einen Schrei der Befriedigung hatte Miß Virginy hören lassen; Miß Christabel Eddish hatte mit einem glucksenden Laut sich zu einem neuen Krampfanfall in den Armen ihrer treuen Dienerin zurecht gelegt; aber die gnädige Frau allein hatte auf der Stelle den rechten Ton getroffen und zwar in jeder Hinsicht. Trotz Not, Angst und Schwächeanwandlungen hatte sie, die gnädige Frau, die Äußerungen tiefster seelischer Empörung in der künstlerischsten Weise getroffen. Ein Blick – ein einziger Blick auf den Gatten, und sie stand ebenso auf dem richtigen und erhöhten Standpunkte wie drunten in der Dorfgasse Pechle, der Exstiftler, zwischen dem Lamm und dem Ochsen. Der Baron hatte die Tür noch nicht hinter sich zugezogen, als sein Weib bereits den festesten Fuß ihm gegenüber gefaßt hatte und ihn von der Höhe ihrer Lebensanschauung und vor allen Dingen von ihrer Anschauung der gegenwärtigen Stunde aus für alles – alles – alles verantwortlich machte, was ihr und ihrer blassen Freundin – Miß Virginy gar nicht einmal mit in die Rechnung gezogen – bis jetzt in Hohenstaufen begegnet war, und alles – alles, was ihr fernerhin noch daselbst passieren konnte! Es war fabelhaft, aber um so wahrer: der Baron Ferdinand von Rippgen fühlte sich bei dem ersten Blick seiner Gattin und dem ersten Blick auf sie durch und durch als Sünder, und beugte sein Haupt unter die Schale des Zornes, die über ihn ausgegossen wurde. Schaudernd fühlte er sich hinein in die widerwärtige, die gräßliche Lage der Damen und faßte natürlich seine Schuld in ihrer ganzen entsetzlichen, unverzeihlichen Größe. Schon ohne daß man ihn darauf aufmerksam machte, wußte er sich sofort in seiner ganzen Scheußlichkeit zu erkennen, und daß man ihn doch noch auf dieselbe aufmerksam machte, konnte nur als eine unverdiente Güte von seiten der Damen gelten. Was konnte man von einem solchen Manne erwarten? Wo waren die Seiten an ihm, an die sich ein edles Weib und eine bebende, hülfsbedürftige Jungfrau lehnen konnten, ohne befürchten zu müssen, mit ihm umzufallen? Es war gräßlich und um so gräßlicher, je wilder das Geschrei und der Schlachtlärm draußen vor den Fenstern anschwollen, je mehr sich das Getümmel dem Lamm näherte, je dunkler die Nacht und je lebendiger die Phantasie wurde. »So hilf doch! Tue etwas! Rette uns oder verschaff uns doch wenigstens ein Gemach, wo wir nichts von diesen Wil-den, diesen Bar-ba-ren sehen!« schrie die Baronin. »Wir verlangen gar nicht, daß du dich weiter um uns kümmerst; aber dieses Brüllen und Toben halte ich nicht länger aus und Christabel auch nicht. Nennst du dich wirklich einen Mann, so zeige dich ein einziges Mal als ein solcher und laß anspannen.« » Yes ! Yes ! Anspannen! Abfahren!« wimmerte Miß Christabel. »Laß anspannen und laß uns abfahren; einerlei wohin! wohin in die Nacht!... Ferdinand, ich befehle dir, die Pferde kommen zu lassen. Es soll mir jetzt gleichgültig sein, wohin du uns führst; aber fort will ich – will ich! Fort, nur fort ans dieser Hölle, diesem Abgrunde von Brutalität!« »Ja, ja, Liebste, Beste, Gute – gern, gern – sogleich auf der Stelle! Ganz wie du befiehlst, mein Kind; aber – aber –« »Was aber? So sieh doch nicht so dumm da! Mach fort; oder willst du auch in diesem Moment noch mit den übrigen unter einer Decke spielen? Hörst du, du sollst anspannen lassen; wir wollen auf der Stelle nach Stuttgart zurückfahren.« »Gewiß, Liebste, wollen wir das; aber – Lucie, ihr habt ja selber euern Wagen nach Göppingen zurückgeschickt. Woher in aller Welt soll ich in jetziger Stunde und unter diesen Umständen ein Gefährt – ein Fuhrwerk nehmen?« »Das ist deine Sache. Du trägst die Schuld, daß wir uns hier befinden, und du wirst augenblicklich dafür Sorge tragen, daß wir von hier wegkommen.« »Aber Lucie?! liebste Lucie?!« »Du siehst immer noch da? O Gott, Christabel siehst du – siehst du ihn? O Christabel, sieh ihn dir an!« Miß Christabel Eddish war wirklich imstande, sich den Baron Ferdinand von Rippgen noch einmal anzusehen. Dann aber schloß sie sogleich von neuem die Augen, fiel ihrer Virginy womöglich noch schwerer auf und in die Arme und hauchte im Sinken: Shocking! shocking! »Das ist es! Schokking ist es!« schrie die empörte Gattin funkensprühend, »O, daß er eine Ahnung davon hätte, wie ich über ihn denke! Einen Wagen! Einen Wagen – hörst du? Auf der Stelle einen Wagen –« Es wirbelten allerlei phantastische Fuhrgelegenheiten durch das zerrüttete Gehirn des ratlosen Freiherrn. Er dachte sogar an die Murmeltiere, die sich zur Erntezeit auf den Rücken legen, eine Ladung Wintervorrat zwischen die Pfoten nehmen und sich am Schwanze nach Hause ziehen lassen, und er hatte Lust, diese geistreichen Tiere zu beneiden. Er dachte an einen Schubkarren! Wenn Pechle schob, und er, des heiligen römischen Reiches voreinst unmittelbarer Freiherr sich vorspannte? Nein, nein, auch das war nur eine schöne Vorstellung! Er dachte an gar nichts mehr, das heißt, er suchte von neuem durch Vernunftgründe zu wirken. »Mein teures Herz,« rief er, beide zitternde Hände erhebend, »ich bitte, ich beschwöre dich, zu überlegen! Glaubst du wirklich, daß ein Eingeborener dieses Ortes unter dem Eindruck der augenblicklich herrschenden Stimmung, sich herbeilassen werde, ein Fuhrwerk, und sei es selbst nur einen Leiterwagen zu bespannen und kühl und ruhig nach Göppingen zu fahren und währenddem es den – andern überlassen werde, die Sache – den Streit – die mir unbekannte Streitfrage auszufechten?« »Du bist – du bist – Ferdinand, ich weiß nicht, ob ich diese Nacht überlebe, aber das weiß ich, daß sich sicherlich noch einmal eine Stunde, ein Augenblick finden wird, in welchem ich dir kühl und ruhig sagen kann, was du bist.« Ferdinand schlug sich die eine Hand vor die Stirn und griff mit der andern in das gelockte Haupthaar; doch jetzt richtete Miß Christabel Eddish sich von neuem groß und geisterhaft aus den Armen ihrer Kammerjungfer auf, sah noch einmal um sich, schauderte noch einmal zusammen und – faßte sich. Ein leises Erröten überzog ihre wachsbleichen Mienen, sie griff nach der Hand der Freundin und dann – dann flüsterte sie: »Lucy, wenden wir uns – an den – den – den andern – Gentleman!« »An?... an wen?« fragte Lucie von Rippgen schrill und in nicht ganz unberechtigtem Erstarren. »O ja! an den anderen Gentleman! Er wird dieses verstehen. Er wird größer von uns denken, als wir von ihm. Er wird uns von hier wegschaffen.« »Christabel?« »Ja, ja! Er ist roh – raw , nein, nicht raw , er ist rude ; aber er wird uns einen Wagen anschaffen, er wird uns retten.« »Der Unhold?!« » Yes , der Doktor Pech – Pitch – Pitschlin! Wir werden sterben ohne den anderen Gentleman, Lucy. Laß deinen Mann ihn rufen, laß ihn herkommen.« »Wo ist dieser – dein Herr Doktor Pechlin?« wandte sich die Baronin, ihre Schultern mit einem Ruck znsammenziehend, kurz und schroff an den Gatten. »Beste, im Ochsen. Er hat seit längerer Zeit dieses Haus verlassen.« »Im Ochsen? Und du bist ihm nicht, an seinen Rockschößen hängend, dorthin gefolgt?« »Wir haben zusammen zu Abend gespeist, und dann ist er fortgegangen, um, wie er sagte, ein wenig an dem ländlichen Vergnügen teilzunehmen. O er wird daran teilnehmen! Ich bin fest überzeugt, daß man ihn bereits totgeschlagen hat.« Die gnädige Frau wandte sich mit einem neuen Achselzucken von dem Gatten ab und mit einem sehr fragenden Blicke an die Freundin: »Selbst die bloße Aussicht – die geringste Hoffnung, daß es sich so verhalte, könnte mich diese schrecklichen Stunden ertragen lassen. Christabel, wenn man ihn tot geprügelt hätte?!« Auf die britische Jungfrau übte diese Vorstellung eine ebenso belebende Wirkung wie auf ihre Freundin, und die Romantik derselben hob sie ebenfalls einen Augenblick über den Wunsch hinweg, den Exstiftler als kräftigen Schützer in der Not neben sich zu haben. Doch in dem nämlichen Moment traf der erste Stein das erste Fenster im Lamm; zersplitternd sprangen die Scherben im Zimmer umher, während das Wurfgeschoß dicht zu den Füßen Miß Christabels niederrollte. Das änderte die Sache. Mit einem Zetergeschrei stürzten sich alle drei Damen, Miß Virginy nicht ausgeschlossen, einander in die Arme und bildeten die berühmte Thorwaldsensche Gruppe der drei Grazien nach, jedoch mit Gesichtern, die nicht lächelten. Um die Vortreppe des Hauses wogte der Kampf; nur der Kampf auf der Palas-Treppe des Königs Etzel konnte damit verglichen werden. Burgunden und Hunnen in Angriff und Verteidigung wälzten sich auf und ab die steinernen Stufen, und der Baron Ferdinand rang die Hände, bis ihn sein Weib am linken Oberarm packte und gellend ihm zuschrie: »So hole ihn! Schaffe ihn her diesen – Herrn – Pechlin! Laß ihn kommen – deinen – Freund!« »Ja, ja, for heaven's sake , laß Sie kommen her die Mr. Pitchlin um des Himmels willen!« rief Miß Christabel Eddish, und der Baron, mit dem Mute der Verzweiflung sich losreißend, stürzte gegen die Tür, aus vollem Halse, doch ungemein schrill, aufs Geratewohl ins Weite und in die wogenden Haufen hineinschreiend: »Pechle! ... Pechle! ... Pechle!« »Hier!« brüllte aus des Tumultes Mitten ein kräftiger Baß zurück und der Baron atmete tief auf. »Gott sei gedankt; er lebt noch!« Und ohne natürlich im mindesten sich der Schlußworte Tassos zu erinnern, rief er ihn, den Doktor Christoph Pechlin, von neuem an und zwar noch durchdringender: »Pechle! Pechle! Pechle!« »Ich komme im Augenblick,« schallte es zurück. »Nur einen Moment! Jetzt scheint es mir Zeit zu werden, dem Lärm ein Ende zu machen. Holla! Herr!... meine Herren –« Der Hausflur des Wirtshauses zum Lamm war vollgedrängt von Menschen und zwar von sehr erbosten Menschen. Ein dunkles Gewühl aufgeregten Volkes bedeckte den freien Platz vor dem Hause; das Getöse innerhalb und außerhalb des Hauses war sinnverwirrend, und zwar nicht allein für die halbohnmächtigen Damen in der Honoratiorenstube: die Zeit und die Gelegenheit, eine Rede zu halten, waren da, und Pechle – Herr Christoph Pechlin ans Waldenbuch im Schönbuch war ebenfalls da. Er hatte den englischen Baronet sich nach die Vortreppe des Lammes hinaufgeschleift, und da stand er, umdrängt von den Anhängern des Lamms, und Sir Hugh Sliddery hielt sich an ihm, wie der deutsche Baron bereits einige Male sich an ihm gehalten hatte. Im vollen Behagen, bei bester Laune, ganz und gar nicht totgeprügelt, sondern vollkommen lebendig und bei guten Kräften schlug er beide Hände schütternd auf die Brüstung der Treppe, lehnte sich breitbrüstig vornüber und donnerte abermals, sämtliche Register seiner Rednerbefähigung ziehend: »Holla! Himmeldonnerwetter! Meine Herren, i hab's scho g'sagt, i bitt ums Wort.« Und wie Zeus, der Vater der Götter und der Menschen, es, das heißt das Wort, jedes Mal in der Versammlung der Unsterblichen bekam, wenn er es ernstlich verlangte, so erhielt es jetzo, auch unser Freund Christoph Pechlin. Der Kontrast zwischen der urplötzlich eintretenden Stille und dem vorhergehenden Lärm war so groß, daß es in der Tat schien, als ob nicht bloß die Bevölkerung von Hohenstaufen und der Umgegend, sondern als ob Himmel und Erde den Mund schlössen und den Atem anhielten, um zu hören und zu erfahren, was dieser Mann da auf der Treppe zu sagen habe. Er hatte im Grunde wenig zu sagen; allein er sagte dieses Wenige mit dem gehörigen Nachdruck, wurde jedermann verständlich und sprach der Mehrheit aus der Seele. Letzteres war die Hauptsache, und ist die Hauptsache für jeden Volksredner, der nicht umsonst seinen Atem vergeuden will. Von der Treppe des Lammes zu Hohenstaufen donnerte Pechle herab: »Ihr Herre! Die mi kenne, die kenne i au, und die mi net kenne, die kenn i; also bitt i um a gefälliges G'hör, und nachher mag jedweder tun und lasse, was er will. Aber das sag i, was i denk, und hab's immer so g'halte: wann i gemeint hab, 's ischt g'nug, so ischt's gewöhnlich g'nug gewese. Also es ischt meine u'maßgebliche Meinung, daß es jetzt g'nug ischt. Sei Vergnüge hat jeder g'habt, und nachher wird's wischt; also denk i, wir mäßige uns! Wer z'erst anfange hat und wer recht hat, das kriegt man ja doch nimmer 'raus, des muß i wisse als Politiker und Schtaatsma'; und nu lasse mer's gut sei, und es geht a jeder zurück zu sei'm Schoppe, und morge früh geht ei' jeder zu G'richt, der heut no net z'friede ischt; nacher könne mer ja weiter sehe, und jetzt Hab i g'sproche, – Pechle ischt mei' Name und mei' Motto ischt: Hie gut Württemberg alleweg!« Ein allgemeines Bravo und Hurra folgte diesem etwas sonderbaren Schluß; dann wurde es wirklich still im Haufen des Volkes, und nachher wieder kam das dumpfe Gemurmel der in sich gehenden Menge, untermischt mit den selbstverständlichen Einzelschreien und Jodlern. Aber das Gemurmel siegte über die individuellen Kundgebungen; jenen Rufern im Streit, die sich noch nicht »mäßigen« konnten oder wollten, wurde von allen Seiten Ruhe geboten und – Ruhe ward in Hohenstaufen. Die Vorstellung, daß man ja unbedingt morgen in der Frühe nach Göppingen zu Amte gehen könne, malte sich in jeglicher Einbildungskraft zu verlockend aus, daß schon ihretwegen jeder Verständige den Mund hielt und die Faust in die Tasche schob. Die Beste oben schied sich von der Beste unten, es kam eine gewisse Ordnung in das Chaos. Noch standen zwar heftig gestikulierende Gruppen längere Zeit einander gegenüber, doch plötzlich erklang vom Ochsen her die Tanzmusik von all den Instrumenten, die nicht in der Schlacht zugrunde gegangen waren, von neuem lustig los, und auf den Wirtshausstiegen rieb Pechle sich die Hände und klopfte erst den Wirt zum Lamm und sodann den britischen Kapitän Sir Hugh Sliddery auf die Schulter, und sprach mit nicht geringem Selbstgenügen: »Sehn Sie, meine Herre?!« Das einundzwanzigste Kapitel. Sie hatten es gesehen und gehört. Der Engländer sagte vor Erstaunen gar nichts; aber der Lammwirt gab viel weniger seinem Erstaunen als einem gewissen Unmut Ausdruck, indem er brummte: »Was hätt's denn au gemacht, wann sie mir no a Paar Fenschter demoliert hätte? 's war do in der Kundschaft gebliebe, und s' hätten's morge schon hitzig g'nug bei mir abgesoffa, – Sakerment!« Und damit drehte er sich kurz um und ging in das Haus, während der Exstiftler an den Baronet sich wendend, kleinlaut bemerkte: »Recht hat er! Man kann sich auch zu sehr mäßigen. Das kommt davon, wenn man noch von Tübingen her zu gut Bescheid weiß. Aber die Damen! Die Damen! Sakerment, i möcht nur wisse, weshalb gerad sie immer d' Lust des Daseins schtöre müsse?! Recht hat der Lammwirt g'wiß.« In der Wirtsstube aber blickte Christabel gerade in diesem Moment, nachdem sie kurz vorher noch aus dem Fenster in die bewegte Finsternis hinausgesehen hatte, mit großen und ganz eigentümlich leuchtenden Augen erst auf die Balkendecke und sodann auf die Baronin von Rippgen und sprach, sich ganz in ihrem vorigen, herben und holdruhigen Selbst wieder und wieder zurecht findend: »Lucy, das ist ein Mann! O Lucy, dear, dieses ist in der Tat ein Mann!« Das war er; – nämlich ein Mann, und nicht nur das, sondern außerdem auch noch ein ganz sonderbarer Kerl, und als solcher wendete er sich von neuem zu seinem eben gefundenen englischen Freunde, dem Kapitän Sir Hugh Sliddery, und sagte: »Lieber Mann, jetzt sind Sie so gütig und lassen sich gefälligst bei Lichte besehen.« »Wha – what?« fragte der Engländer, und: »Yes,« erwiderte Pechle. »Bei Lichte; denn nachdem was Sie mir vorhin mitgeteilt haben, wird das sehr notwendig sein. Seien Sie ganz ruhig, man kennt das, man ist auch seinerzeit ans manchem Wirtshaus herausgeworfen worden und weiß ziemlich genau, wie man nachher ausschaut. Die Damen! Die Damen! Herr von Schlidderich! Bedenken Sie die Damen!« »Oh die Ladies! Ja, Sie sind recht, Sir!« rief der Kapitän und ließ sich durch das Gedränge in dem Hausflur unter die Lampe auf dem Hausflur ziehen. Kopfschüttelnd besah ihn Pechlin sich daselbst und nahm mit tiefstem Ernst wiederum das Wort: »Ganz mein Ebenbild nach manchem heißen Kampfe! Herr, a priori und a posteriori schließe ich, daß unterwendig ein blaugefleckter Tiger gar nichts gegen Sie ist. Wisse Se, jetzt schtelle ich Sie dem Riekele vor, und das bringt Sie in unseren Schlafsaal und bringt Ihne frisches Wasser und a reines Handtuch. Ihre Reisescharteken werde ich währenddem im Ochsen und vor demselbigen zusammensuchen lassen, und dann kommen Sie gleich frisch und rosig herunter, ich stelle Sie, wie gesagt, den Damen vor und streiche Sie nach Kräften als Ritter und Menschen heraus. Na, es wird noch eine recht vergnügte Nacht, und Sie werden sehen, daß Ihr Schicksal Sie in bessere Hände gar nicht hätte fallen lassen können, Herr Hauptmann.« »Oh well,« ächzte der Engländer, »das muerken ouich jetzt schon. Well, ouich uill mir verlassen auf Sie, und ouich uill mir waschen, und Sie werden mir vuorstellen die Ladies.« »Natürlich! Marschieren Sie nur mit dem Riekele ab. Da, Mädele, leucht dem Herrn, zünd ihm d' Stiege 'nauf. Auf Wiedersehen! Wisse Se, vielleicht bringe mer mit Gottes Hülfe und gnädigem Beistand auch noch meinen intimen Freund, den Baron dazu, daß er sich endlich einmal des Lebens freut. Ja, so wolle mer's mache: Sie mache sich der Baronin interessant, und i werd mi zu Ihrer Landsmännin halte.« »Lands – män – nin?« rief der Kapitän Sir Hugh Sliddery stutzig. »Yes! Aber a Fräulein, a Miß, a a'g'nehme Miß!« antwortete Pechle enthusiastisch, drängte den zögernden Fremden mit dem Riekele gegen die Treppe, schickte einen Boten nach dem Ochsen, um die Reiseeffekten des Engländers, soweit sie noch nicht auf seinem oder anderer Leute Rücken zerschlagen waren, zu sammeln, und ins Lamm herüberzuschaffen, und begab sich sodann munter und heiter, seines guten Gewissens nach allen Richtungen hin sicher – – – zu den Damen! – – – »Grüß Gott, meine Herrschaften!« sprach er freundlich beim Hereintreten. »Da ist er!« stöhnte der Baron von Rippgen, in grundlosester Tiefe seines Ichs, soweit ihm dasselbe von seiner Frau noch gelassen war. Diese, seine Frau wendete sich auf ihrem Sitze ohne von dem Freunde ihres Gatten Notiz zu nehmen, und nur Christabel erwiderte den Gruß, indem sie Virginy mit zierlicher Energie von sich abschob und mit einem langen Blick auf den Exstiftler das Haupt neigte. »Es ist mir lieb, daß ich die Herrschaften noch wach und außer Bett finde. Nicht wahr, die Damen haben sich nicht durch die harmlose Heiterkeit des Abends erschrecken lassen?! Das ist eben das Gewürz in der Suppe des Daseins, und nicht nur bei uns nennt man das so. Gnädige Frau, das kleine Abenteuer gehört sowohl der Form wie dem Inhalt nach gleichfalls zu einem Ausfluge nach dem Hohenstaufen; – o ja, noch schweben die Geister der Ahnen um den hehren Gipfel, und so lange das deutsche Volk existiert, wird es sich auch prügeln, nicht wahr, Ferdinand? Gnädiges Fräulein befinden sich hoffentlich wohl?« »Ich danke, Sir,« sprach Miß Christabel Eddish, »ich empfinde mich wenigstens nun besser.« Und sie sprach das mit einem Tone und einem Gesichtsausdruck, die zwar noch mancherlei für Herrn Christoph Pechlin zu wünschen übrig ließen, aber doch sehr verschieden waren von ihrem Gebärdenspiel im Abendsonnenschein auf der Höhe des Staufenberges. Sie setzte ihre Freundin dadurch in Verwunderung, und noch mehr dadurch, daß sie noch einige Worte mehr für den – den – den »gar nicht aus–zu–denkenden Menschen« fand. »Mr. Pichlin,« sagte sie, »Sie haben dem Mob imponiert, ich habe das vernommen vom Fenster, und wir, meine Freundin und ich, sind Ihnen sehr verbunden für dieses. Wir danken Ihnen, mein Herr, – o ja, wir danken Ihnen; nicht wahr, Lucy?« »Wie du willst, Christabel,« sagte die Baronin mit hochgezogenen Augenbrauen, unter den auf der Unterlippe spielenden Oberzähnen durch, und erhob sich mit einem Ruck, um sich mit einem kräftigeren Ruck wieder hinzusetzen, als etwas noch Erstaunlicheres geschah. »Ja, ich will!« sprach Miß Christabel Eddish. »Ich fühle mich mit deiner gütigen Erlaubnis dazu verpflochten.« Und sie erhob sich, trat dem Exstiftler entgegen und reichte ihm mit leisem, lieblichem, jungfräulichem Erröten, jedoch mit fest unter die Unterzähne geklemmter Oberlippe die Hand: reichte ihm die Hand zum Kuß ! ... Das deutete für sie an, daß sie viele außerbritische Länder und Menschen gesehen und dieselben zu schätzen gelernt hatte, die übrigen versteinerte es vollständig und den Freund Pechle am meisten. Seit Jahrhunderten existierte weit verzweigt durch das Land Schwaben die Familie Pechlin. Sie hatte im Krieg und Frieden alles erlebt, was eine Familie irgend erleben kann. Sie hatte größeren und kleineren Dynasten, den Grafen, den Herzögen und den Königen von Württemberg auf alle mögliche Weise gedient. Sie hatte auf Ratsherrenbänken freier Reichsstädte gesessen und vor denselben als Aufrührer gestanden. Sie hatte die Kanzel, das Katheder und den äußeren und inneren Feind geschlagen. Wie das Wort, so hatte sie die Feder und das Schwert geführt; aber noch nie hatte ein Pechle – das getan! Was? Einer Dame die Hand geküßt! ... Die Jahrhunderte aber hatten in stiller und in lauter Wirksamkeit an diesem großen Momente gearbeitet, und nun war er vorhanden. Noch einen kürzesten Augenblick stand Christoph Pechlin da – »blitzdumm«; dann aber durchzuckte, ebenfalls blitzartig, ihn die ganze Größe der gegenwärtigen Minute; er fühlte sich, sozusagen, als das letzte sublimierteste Glied einer chemischen Reihe, und wie einem Ertrinkenden sein ganzes voriges Dasein, so ging ihm noch dazu eine ganze auf den Fall einschlagende Literatur durch den Sinn: er faßte sich, sah sehr klug aus und fühlte sich dem großen Moment bis in die äußerste Einzelheit hinein gewachsen. Er nahm die Hand auf. Mit einem Grinsen, das jedweder Beschreibung spottet, erhob er die zarten, langen, weißen Finger der hohen Jungfrau an seinen bärtigen Mund, – er neigte sich vor – er spitzte diesen Mund, wie Petz seine Schnauze spitzt, wenn er eben im Begriff ist, sie in die Spalte eines Honigbaumes zu schieben, und rasch wie aus Vergangenheit Zukunft wird und umgekehrt, war auch hier die ungeheuere Gegenwart verflogen, war das, woran so viele vergangene Jahrhunderte gearbeitet hatten, ebenfalls Vergangenheit geworden – – der Erste aus der Familie der Pechlins hatte einem Weibe die Hand geküßt! Eine Sonne hätte eigentlich nicht genügt, die große Tatsache in das rechte Licht zu stellen, und doch beleuchteten nur die trübe Öllampe der Wirtsstube zum Lamm und die qualmende Talgkerze, welche der Baron Ferdinand von seinem Tanzsaale in schwankender Hand mit heruntergebracht hatte, die erstaunliche Szene. Und sie sollten noch Erschütternderes bescheinen! In diesem Augenblick, als Christoph Pechlin die Hand der englischen Jungfrau zu seinen Lippen erhob, öffnete sich wiederum die Tür: Sir Hugh Sliddery erschien auf der Schwelle. Pechle stand dem Eintretenden den Rücken zukehrend; aber Miß Christabel sah ihm, dem Baronet, ins Gesicht. Ja, sie sah ihn – sie sah ihm ins Gesicht, und wie der Kapitän auf der Türschwelle zu Stein wurde, so verwandelte sie, inmitten des Gemaches, sich in ein ähnliches Material; aber nur, um sofort mit einem gellenden Schrei von neuem flüssig zu werden. Sie kreischte, sie – sie riß die Hand krampfhaft dem Exstiftler unter der Nase weg – sie griff mit beiden Händen in die Luft, und beide Arme hatte Herr Christoph Pechlin auszustrecken, um die steif Umfallende aufzufangen. Und Sir Hugh sah sie noch in diesen schützenden, rettenden Armen; dann aber hatte er sich auch bereits gewendet und entfloh zum zweiten Male in dieser wahrhaftigen Geschichte. Die Tür hinter sich zuschlagend entsprang er. Durch den Leib der Bavaria war er gepoltert, durch das Gedränge auf dem Hausflur des Wirtshauses zum Lamm in Hohenstaufen hatte er mit Fäusten, Füßen und Knieen sich Bahn zu brechen, über die Theresienwiese war er im hellen, sonnigen, süßen Mittagslichte entflohen; diesmal stürzte er in die Nacht, die dunkle, unheimliche, geheimnisvolle Nacht! Er stürzte hinein: lassen wir ihn stürzen, und schließen wir die Lippen, sein und unser Geheimnis für jetzt noch hinter den Zähnen zurückhaltend! Besinnungslos lag Christabel in Christophs Armen und der Baron und die Baronin von Rippgen standen und wußten unbedingt nicht mehr als unsere Leser, was sie aus der Geschichte machen sollten. »Die einen waren so dumm wie die anderen,« sagte nachher Pechle; »aber ich« – – – Er hat den Satz nie zu Ende geführt, wenn er später selber die Geschichte erzählte.– Das zweiundzwanzigste Kapitel. Das war eine bange Nacht, welche Christabel in Zuckungen, Miß Virginy am Bette der Herrin, die Baronin Lucie schlaflos im Bette, der Baron auf einem Stuhle vor der Kammertür der Damen verwimmerten, und welche Christoph Pechle auch im Bette und, nach einigem staunenden, verwirrten Hin- und Herwenden des Tages und des Abends im Sinn – im tiefen, ungemein gesunden Schlafe, aber einsam auf dem weiten, öden Tanzsaal des Wirtshauses zum Lamm in Hohenstaufen verbrachte. Wohin der englische Kapitän, Sir Hugh Sliddery, entschwunden war, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Er hatte den Hohenstaufenschen Jüngling, der sein Gepäck vom Ochsen und aus der Dorfgasse in das Lamm geschafft hatte, noch einmal aufgegriffen, mit ihm eine kurze, atemlose, von einigen Griffen in den Geldbeutel begleitete Unterhaltung gehabt und war verschwunden. Er war verschwunden, und der nächste Morgen fand keine weitere Spur mehr von ihm in Hohenstaufen, als den zerschlagenen Regenschirm britischen Fabrikates, der später unter den Corporibus delicti auf dem Gerichtstische zu Göppingen keine geringe Rolle spielte, auf diesem Gerichtstische, auf welchen Pechle die entbrannte Menge so unbeschreiblich richtig, sachgemäß und seelenkundig hingewiesen hatte. Der Schirm war vorhanden; aber der Besitzer fehlte, und er fehlte dem Oberamtsrichter zu Göppingen nicht mehr, als wir ihn in dieser drangvollen Nacht im Lamm zu Hohenstaufen vermissen; nachdem wir seine Abwesenheit zu Protokoll genommen haben, bekümmern wir uns, wenigstens fürs erste, nicht mehr um ihn. Es war eine bange, eine drangvolle Nacht! Die großen Kaiser und Kaiserinnen von dem Berggipfel über dem kleinen Dorfe mochten dann und wann ähnliche durchgemacht haben, aber schlimmere gewiß nicht. Konradin hatte sicherlich in der Nacht vor seiner Hinrichtung besser geschlafen, als der Baron Ferdinand von Rippgen auf seinem Stuhle. Die Baronin zu allen übrigen Seelen- und Körperqualen von fieberndster Neugier in Hinsicht auf den Kapitän Sir Hugh geplagt, wälzte sich, wenn sie nicht aufrecht auf ihrem Bette saß, auf demselben; und Virginy – o reden wir nicht von der Unglücklichen! Reden wir lieber von Miß Christabel. Miß Christabel Eddish wand sich ebenfalls auf ihrem Lager, wie es schien, in vollständiger Bewußtlosigkeit, allein das schien in der Tat nur so. Zwischen ihren »Spasmen« überlegte sie, dachte sie, schloß und – beschloß sie; und wenn sie dabei unwillkürlich stöhnte, und die Freundin von der gegenüberliegenden Wand: »Mein armes Herz?!« fragend, teilnehmend herübermurmelte, so antwortete sie durchaus unverständlich, und gab noch viel weniger eine genügende Aufklärung über die »sonderbare Szene von vorhin«. Die britische Jungfrau hatte die unter Umständen höchst beneidenswerte Gabe, jemanden während fünf Minuten unentwegt anstarren zu können; aber in dieser Nacht starrte die deutsche Freifrau oft noch viel länger und unentwegter auf die Freundin, und schüttelte jedesmal nachher das Haupt. Dies war die Nacht, in welcher Lucie zuerst anfing, ihr »süßes Leben« nicht mehr zu begreifen; und für das, was unter Damen aus solchem Nichtmehrbegreifen allgemach hervorsproßt, wächst, sich entfaltet, in Samen schießt und auswuchert, finden wir augenblicklich noch nicht Wort, Bild und Gleichnis, und haben uns mit der nüchternen Tatsache zu begnügen, daß es – im Busen quoll. Es war nicht nur eine bange, sondern es war auch eine lange Nacht, trotzdem daß sich die Morgenröte schier unmittelbar an die letzten rosigen Farbentöne des Sonnenuntergangs anschloß. Der Baron auf seinem Stuhle spürte dieses durch alle Glieder. Eine widerstandsfähigere Natur als die seine würde gewiß all diesen geistigen und körperlichen Aufregungen, Anstrengungen und Qualen erlegen sein; er erhielt sich in seiner Weichheit und erlebte den nächsten Morgen, der aber seltsamerweise auch dann nicht ausgeblieben sein würde, wenn er, Ferdinand von Rippgen, nicht mehr imstande gewesen wäre, bei seinem Erscheinen »Gottlob!« zu sagen. Über die Berge legte sich das Licht – blendend erfüllte es die Welt, und herrlicher, anlockender, lieblicher und schmeichelnder hatte die Umgegend des alten ruhmstrahlenden Hohenstaufenkegels noch nimmer zum Verweilen eingeladen. Wer sich jedoch nicht verlocken ließ, das war die Touristengesellschaft im Wirtshaus zum Lamm in dem Dorfe Hohenstaufen. Nimmer hatte eine Reisegesellschaft so sehr genug von einer schönen Gegend gehabt! Nimmer waren zween edlen Frauenseelen sämtliche historische Erinnerungen und Genüsse einer Landschaft so vollständig verleidet worden, wie diesmal und wie hier! Nimmer hatte sich ein königlich sächsischer Assessor außer Dienst und Ehemann in Diensten so vollgesogen an den Freuden und fröhlichen Abenteuern einer frei und auf eigene Gefahr und Rechnung, ohne die Frau, unternommenen Fahrt ins Blaue! Aber selbst Pechle hatte für diesmal genug! Selbst er, der doch am besten geschlafen hatte, erwachte mit einem äußerst wüsten Kopfe, sah sich beim Erwachen außergewöhnlich wirrsinnig in seinem weiten Schlafgemache um und fand für alle seine angeborenen und zuerworbenen Ideen einen nur zu ausreichenden Tanzplatz rings um sich her. Halten wir uns an Pechle; an ihm, den »die ganze Geschichte doch eigentlich gar nichts anging«, und der einen Augenblick lang sogar noch imstande war, sich solchergestalt und derartig zu ermuntern und aufzurichten, wird uns das Maß der Zerfahrenheit nach allen Seiten hin deutlich. Schon als er seine Toilette vollendet hatte und die Treppe hinunterstieg, war er sich des Faktums, daß ihn die Geschichte sehr viel angehe, merkwürdig klar bewußt, und er hatte niemals so bescheiden und schüchtern vor dem Eintreten an eine Tür gepocht, wie jetzt, wo er gespannt daraufhorchte, wer ihn hereinrufen werde. »Come in!« sagte eine Stimme drinnen, und er kam herein. Er kam herein und fand beide Damen samt ihrer Kammerjungfer reisefertig, und den Baron übernächtig, bleich und gebrochen in einer Verhandlung mit dem Wirte um einen Wagen nach Göppingen. Höflich im Kreise grüßend und sich nach dem Befinden der Gesellschaft erkundigend erhielt Christoph auch jetzt die Antwort von Christabel; die Baronin übersah ihn, und Ferdinand blickte nur matt ihn an und nickte schemenhaft. Miß Christabel Eddish aber sagte: »Mein Herr, wir leben noch, und wir sind Ihnen sehr verbunden; aber wir wollen zurückkehren nach Haus. Es war ein sehr schöner Tag, den wir gestern erlebt haben.« »Gnädiges Fräulein, sehen Sie, das freut mich!« rief Pechle freudig. »Ich habe es gleich gesagt, daß es Ihnen bei uns gefallen würde. Aber weshalb wollen Sie jetzt schon umkehren? Ich würde Ihnen noch mancherlei zeigen können, und wenn die Damen unter meiner Führung –« Ein eigentümlicher Ton durchzitterte das Gemach, und dieser Ton ging von der Baronin Lucie von Rippgen aus und schnitt dem Exstiftler scharf den Satz in der Mitte durch. »So verschaffen Sie uns einen Wagen, Mr. Pitchlin,« seufzte Miß Christabel, und der Baron Ferdinand gab sofort den Lammwirt in die Hand seines Freundes und seufzte ebenfalls, aber sehr erleichtert, als Christoph ohne Zögern ganz bereitwillig die Last über sich nahm, den Biedermann zur Vernunft und zur Stellung eines Gefährts zu bringen. Sie hatten alle – alle – bis auf Pechle, das heißt diesen ausgenommen, genug des Wanderns, und Ferdinand hatte vielleicht am vollständigsten genug. Mit Schaudern erfüllte sie die Idee, den Weg durch das romantische Land fortzusetzen. Nicht einmal den Rechberg erstiegen sie; und das Wäscherschlößchen sowie die Gräber zu Lorch waren ihnen nicht nur gleichgültig, sondern die bloße Vorstellung, sie beide betrachten zu müssen, erfüllte sie mit Grausen und erregte in ihnen ein unsagbares Übelbefinden. Reif sein ist in jeder Beziehung alles, und diesmal war man zur Umkehr reif und kehrte demgemäß um: daß man aber in diesen Tagen für vielerlei reif geworden war, das wird die Zukunft zeigen. – Durch einen sehr heißen Sommermorgen fuhr die geknickte und mit dem bösartigsten Kopfweh behaftete Gesellschaft unter dem Schutze Christoph Pechlins gen Göppingen hinunter, und jeglicher Blick rückwärts auf den kahlen Kegel des Staufenberges befestigte bei allen außer dem Exstiftler die einzig und allein noch Trost gebende Gewißheit des: Einmal und nie wieder. »An dem Spaß werd' ich lange zu fressen haben,« sprach Pechle auf der Eisenbahnfahrt nach der Stadt der Hippokäpourier stillvergnügt in sich hinein, und Lachesis, den Faden seines Lebens durch die Hand laufen lassend, sah unwillkürlich genauer auf den Knoten, den sie plötzlich zwischen den Fingern spürte und wandte sich mit einem gutmütigen Lächeln stumm zu Atropos, die einfach auch stumm blieb und die Achseln zuckte. In Stuttgart war es erstickend heiß, ein Hauch wie aus einem überheizten Ofen fährt durch unsere Geschichte und rollt die Blätter unseres Manuskriptes, sie an den Ecken leise anbräunend, auf. Wir ringen nach Luft, und während wir ringen, verschwindet für längere Wochen alles, das heißt, was wir diesmal alles nennen, aus unserem Gesichtskreise. Die Baronin ist, wie wir wissen, ein wenig korpulent und kann die Hitze nicht gut vertragen; sie verschwindet, und ihr Gatte folgt ihr – sie nimmt ihn mit sich. Miß Christabel Eddish, die nicht korpulent ist, verschwindet ebenfalls. Es liegen sehr heiße Tage auf der Welt; aber wenn Miß Christabel uns verschwindet, so können wir doch keineswegs behaupten, daß sie auch jedem anderen während dieser blasenziehenden Zeit verschwunden sei. Unsere Aufgabe wäre eben zu Ende, wenn dem so wäre, aber das Gegenteil hat glücklicherweise stattgefunden, und Pechle wird es uns bezeugen. Das Verschwinden und zwar abermalige Verschwinden des Kapitäns Sir Hugh Sliddery haben wir bereits geschildert und werden keine Worte mehr darüber verlieren. – Das dreiundzwanzigste Kapitel. Und wieder befinden wir uns auf dem Bahnhofe – auf dem Stuttgarter Bahnhofe; diesmal im Monat September und um ankommende Freunde zu erwarten! Von Süden kommt ein Zug und bringt von Friedrichshafen her mit vielem Gepäck und mit Bedienung den Baron und die Baronin von Rippgen nach der Schwabenhauptstadt zurück. In Rorschach am See hat die Frau Lucia die heißen Tage, Wochen und Monden unter einem Zelt, doch in einer an dreidoppeltgedrehten Kokosnußfaserstricken aufgehängten Hängematte zugebracht und trotz der leichtesten Ankleidung arg gelitten unter dem Gewicht der Körperlichkeit. Und der Baron, der ihr natürlich stets behülflich sein mußte, in den Sack hinein und aus dem Sack heraus zu gelangen, hat trotz Wogenschlag und Alpen-Anhauch am Ufer des Bodensees ebenso viele Schweißtropfen vergossen, als die Atmosphäre des Nesenbach-Talgrundes während der Monate Juni, Juli und August von ihm beansprucht haben würde. Aber auch das war überwunden, und das Ehepaar kommt, wie gesagt, nach Stuttgart zurück und wird pflichtgemäß von uns und unseren Lesern am Bahnhofe in Empfang genommen, wobei den Leserinnen freigestellt bleibt, in welcher Toilette sie erscheinen wollen: der Historiograph jedoch gibt sich selbstverständlich die Ehre im Frack. – Miß Christabel Eddish hat die Villegiatur ihrer Busenfreundin nicht geteilt, den dringendsten und zuletzt beinahe zürnenden Bitten und Aufforderungen zum Trotz. Was aber konnte sie einzuwenden haben gegen eine zweite Hängematte zu Rorschach am Bodensee? Sie hat eben gar keinen Grund für ihre sonderbare, höchst eigentümliche, unerklärliche Abneigung angegeben; denn einen matten Hinweis auf ihr durch die Schlacht bei Hohenstaufen zerrüttetes Nervensystem hat Lucie nicht gelten lassen. Auch Lucies Nerven waren zerrüttet; aber Lucie ging gerade deshalb nach Rorschach. Lucie hatte zuletzt es ganz klar und scharf ausgesprochen, daß sie die Weigerung der Freundin nur als eine Weigerung – als gar nichts anderes – anzufassen vermöge. Daraufhin hatte Christabel ihre » dearst « stumm und wild an den Busen gedrückt und sie auf die Stirn geküßt und Lucie, den Druck und Kuß erwidernd, hatte geflüstert: »O du, du weißt gar nicht, wie böse du bist!« »Nein, nein! doch, doch!« hatte Christabel zurückgehaucht, und dann waren trotz aller noch folgenden äußerlichen Liebes- und Freundschaftsbezeugungen die zwei seelisch ineinander Verwachsenen in einem ziemlich gereizten Zustande voneinander geschieden. Miß Christabel war, die Hand auf die heiße Stirn drückend, in die Kissen ihres Diwans zurückgesunken, und Lucie von Rippgen hatte wieder einmal ihren Gemahl für Sünden gestraft, die er wahrhaftig nicht begangen hatte, und ihm Lasten auferlegt, die unbedingt auf den Rücken eines andern gehörten; doch – wie gesagt – alles das liegt in der Vergangenheit: der Baron und die Baronin von Rippgen kehren heute zurück aus der Sommerfrische, und nichts hindert uns, zu hoffen, daß die alles ausgleichende Zeit das alte, das frühere, liebliche, zartinnige Verhältnis zwischen Freundin und Freundin in voller Frische und Duftigkeit wieder hergestellt haben werde. Sollten wir uns irren, so ist das jedenfalls nicht unsere Schuld; wenn wir mancherlei abzubüßen haben, die Seelenehe zwischen Miß Christabel Eddish und Lucie von Rippgen haben wir jedenfalls nicht gebrochen! – – – Sanft verschleiert lag der Schein der Septembernachmittagssonne auf dem Pflaster der württembergischen Residenz, als das Ehepaar (wir meinen diesmal nicht Christabel und Lucy, sondern Lucy und Ferdinand) vom Bahnhofe seiner Behausung zurollte. Die Straßen sahen noch gerade so aus wie früher, die Menschen auf den Straßen ebenso, und ohne jetzt am Schlusse noch etwas Sonderliches zu erleben, erreichten Ferdinand und Lucy ihre Wohnung. Das Haus von außen sah noch ganz aus wie vorher, und der Hausherr blickte beim Anrollen des Wagens natürlich aus dem Fenster, und man sah auch an ihm keine ins Auge fallende Veränderung. Da war das gewohnte Wimmern der Glocke der Vorsaaltür, da war die sonderbare Atmosphäre innerhalb der Tür – da war mit breitem Lächeln die dienende schwäbische Jungfrau, da war in den Gemächern alles, alles, wie man es verlassen hatte, – alles unverändert und doch – wie vieles hatte sich geändert! Wie manches war anders geworden! ... Das neunzehnte Jahrhundert weiß Bescheid in betreff dieses Nachhausekommens aus den Bädern, aus der Sommerfrische. Es kennt zum Überdruß genau die Gefühle und Stimmungen, welche den Leib wie die Seele während der ersten Stunden, die diesem Nachhausekommen folgen, bewegen; und es ist überflüssig, unsere Darstellungskunst noch einmal an ihnen zu zeigen. Wir begnügen uns, mitzuteilen, daß Ferdinand sofort sein Horchen nach oben von neuem begann, und daß Lucie nach einigem unruhigen, zerstreuten, verdrießlichen Wandern und Umherstöbern durch alle Räume der Wohnung und in allen Winkeln derselben, matt in einen amerikanischen Schaukelstuhl sank und von ihm aus bald begann, in gewohnter Weise dem Gemahl himmlische Rosen ins irdische Leben zu weben. »Da sind wir also wieder!« sagte sie, mit eingebrochener Dämmerung schlaff und gelangweilt aus einem stumpfsinnigen Brüten erwachend. »Ja, da sind wir wieder, mein süßes Herz, und – o Lucie, es ist doch angenehm, wieder zu Hause zu sein, und sich so zu fühlen!« erwiderte der Baron, wie gewöhnlich die gemütlichen Regungen seines Weibes gänzlich mißverstehend. »Zu Hause?... Angenehm?« rief die süße Gattin, sich mit einem hastigen Vorwerfen des Oberkörpers in ihrem Sessel nach vorn schwingend und den Gatten höchst erstaunt anstarrend. »Ich glaube, die unerträgliche Hitze auf der Eisenbahn liegt dir noch schwerer auf der Stirn als mir. Reiche mir das Flacon.« »Du warest doch des Aufenthalts zu Rorschach vollkommen überdrüssig,« erlaubte sich Ferdinand schüchtern zu bemerken. »Wie töricht! wie albern! Freilich war mir allmählich dort mehr als alles zuwider geworden; aber schafft mir das hier wirklich ein Haus? Schafft mir das einen Herd, an welchem ich – ich – ich mich wohl fühlen dürfte? Wie lächerlich! Was ist mein Leben anders, als ein Herumwerfen auf einem Krankenbett? Ich bitte dich um Gottes willen, verschone mich mit deiner Jammermiene, sieh mich nicht so an, Ferdinand, ich kann und kann es nicht ertragen.« Aus der Tiefe seiner Brust aufstöhnend griff der Freiherr durch die Haupthaare und – sah aus dem Fenster, wurde aber natürlich auf der Stelle herum gerufen. »Das will ich dir übrigens noch einmal und zwar zum letzten Male hiermit aussprechen, mein Lieber, daß ich mich nicht mehr imstande fühle, zu deinen – deinen Anmaßungen – Anmutungen, noch die Extravaganzen – die Roheiten – ich sage die Pöbelhaftigkeiten eines andern – ich sage des Menschen da über uns, nach dessen Fußtritten du schon wieder sehnsüchtig hinhorchtest, wie ich bemerkt habe, zu ertragen! Ich ertrage sie nicht länger, Ferdinand! Ich will sie nicht, hörst du, ich will sie nicht!...« »Aber Lucie?« »Christabel begreife ich nicht; aber dir – dir, Ferdinand, sage ich jetzt, der Verkehr mit deinem – deinem Freunde hört von dieser Minute an auf – hört vollständig auf, oder – wir gehen zugrunde – du und ich, wir gehen beide zugrunde, und dein Gewissen mag dir einst sagen, wer die Schuld an dem namenlosen, grenzenlosen, herzzerfressenden Elend trägt, in welchem wir untergegangen sind.« Hierauf erwiderte der Baron nichts. Sein Schutzgeist würde ihm sicherlich nicht geraten haben, etwas darauf zu erwidern, und was uns betrifft, so wissen wir einfach nicht, was sich darauf hätte sagen lassen. Wir hätten nur zu einer Tat raten können, und wenn ein Seufzer eine Tat ist, so erhob sich unser Freund auch ohne unsern Rat auf die Höhe einer solchen. Auch sein Schutzgeist hatte nichts dagegen – wir meinen gegen diesen neuen Seufzer, einzuwenden, obgleich er, der Schutzgeist, hoffentlich mitseufzte, da ja die Schutzgeister vor allem wissen müssen, wie sehr Seufzer solcher Art die Konstitutionen ihrer Schutzbefohlenen untergraben. Der Baron setzte sich von neuem seiner Frau gegenüber auf einen Stuhl; er wagte es selbst nicht mehr zu horchen; aber er hatte die festeste Überzeugung, daß sie jetzt horche und selbstverständlich nach der Stubendecke, und das war noch um ein Bedeutendes peinlicher. Aber nichts klang herunter. Nichts rührte sich oben. Weder Maultrommelgesang, noch akrobatisches Turngepolter und Fußgetrampel; weder melodischer Gesang aus tiefgestimmter extheologischer Mannesbrust; noch – sonst etwas! Alles war und blieb still und stumm; Christoph Pechlin war unbedingt nicht zu Hause, zumal da er auch vorhin beim Anrollen des Wagens der heimkehrenden Freunde nicht aus dem Fenster gesehen hatte. »Wenn er nach Hause kommt, wirst du ihm mitteilen, was ich dir eben gesagt habe,« sprach die Frau Lucie, und Ferdinand nickte zwar, wußte jedoch absolut nicht, was unter so bewandten Um- und Zuständen in diesem Herbst und Winter aus ihm werden solle. Einen festen Anhaltspunkt fand er nicht in dem Gewühl wirrer Gedanken und konfuser Vorstellungen, das sich durch sein Gehirn drängte, und so starkgeistig war er nicht, um zu überlegen und sofort herauszufinden, welch ein Trost für ihn in der Erklärung der Gattin lag, daß sie ihre Freundin Miß Christabel auch – nicht begreife. Als die Lampe angezündet worden war, fühlte die Baronin sich wieder stark genug, den Baron vorlesen zu hören. Er erhielt den Befehl dazu und leistete ihm Folge. Es war gewissermaßen eine Erleichterung für ihn, auch einmal das Wort für eine längere Zeit zu haben und zu behalten, und wenn es auch nur das Wort eines andern war, nämlich jenes geliebten Poeten, dessen – Magengrube Miß Christabel Eddish so nachdrücklich mit dem Reisehandbuche des Kapitäns Sir Hugh Sliddery getroffen hatte. Der Baron fuhr im Buche da fort, wo er am vorletzten Tage des Rorschacher Aufenthaltes stehen geblieben war. Er las – er las mit Ausdruck und Gefühl und königlich sächsisch; und Pathos und Tonfall bekamen dem gelesenen Worte ganz ausgezeichnet. Er hatte bis tief in die Nacht hinein zu lesen, und je stiller die Gassen wurden, desto deutlicher mußte man es vernehmen, – wenn Pechle nach Hause kam. Die Stunden verflossen, eintönig floß der Singsang hin, die gnädige Frau lag still und horchte, jedoch nicht allein auf das Wort des Dichters und auf den Gemahl; die Tatsache war fürchterlich, aber sie ließ sich nicht wegleugnen, Lucie von Rippgen horchte und wartete auf – Pechle! Wie der Baron Ferdinand zwischen den Zeilen horchte, ist nur nachzufühlen, aber nicht nachzubeschreiben. Er mußte kommen! Jeden Augenblick von jetzt an mußte er kommen!... Horch da! da! ... Nein, noch nicht – ! Von Zeit zu Zeit blickte der Gatte verstohlen von dem Buche auf die Gattin, jedoch ohne im Lesen einzuhalten. Die Zustände der Heldin waren augenblicklich sehr interessant; aber wie matt, blaß und nichtssagend war doch das alles gegen die Atem anhaltende Spannung der Minute! Das ist er!! ... Nein? ... Wiederum nicht?! Er war es nicht. – Eine geraume Weile nach Mitternacht fing die gnädige Frau an, auf ihren Kissen unruhig zu werden. Sie versuchte es noch einige Male, in veränderter Lage dem Dichter eine neue Seite, ein neues Interesse abzugewinnen, allein es gelang ihr nicht, und sie erhob sich. Mit einem schüchternen, heisern und asthmatischen Räuspern machte Ferdinand das Buch zu. Noch einmal trat die Gattin zum Fenster und horchte hinaus. Dann wendete sie sich in das Gemach zurück und sagte: »Ich bin zum Tode müde und gehe zu Bett; du bist wohl so freundlich, noch eine Weile zu warten, Ferdinand, und den Menschen zu bitten – wenn er nach Hause kommt – ja, zu bitten, ein wenig leise auf der Treppe zu gehen und in seinem Zimmer nicht mit sämtlichen Möbeln durcheinander zu fallen. Vielleicht kannst du ihm das vorhin Besprochene ebenfalls gleich mitteilen. Seine Musik verbitte ich wir unbedingt für diese Nacht.« Das vierundzwanzigste Kapitel. Sie war gegangen, und er saß noch da, dem erhaltenen Winke gehorsam. Sie hatte ihm nicht gute Nacht gewünscht, aber er ihr, und dann hatte er das Buch zugemacht. Eine Weile behielt er den zartsinnigen Dichter noch in der Hand; aber zuletzt legte er ihn doch nieder auf den Tisch und stützte den Ellenbogen darauf, – so saß er und wartete – wartete allein auf Pechle. Ein kühlerer Wind, der erste Vorbote des nahenden Morgens, drang in das Fenster; ihn, den Baron, überlief ein Frösteln, – er schloß das Fenster, nachdem auch er noch einmal hinausgesehen und gehorcht hatte, und gegen drei Uhr morgens ging auch er, Ferdinand von Rippgen, zu Bett. Pechlin war noch immer nicht nach Hause gekommen! Er schlich zu Bett, er, der Baron Ferdinand von Rippgen, und wenn in jeder Nacht die Baronin aufzufahren pflegte mit dem Rufe: »Da kommt er nach Hause!« so fuhr sie in dieser Nacht empor, geweckt durch den leisen Schritt des Gatten: »Ist er nach Hause gekommen?« Im trüben Scheine der nächtlichen Lampe schüttelte der Gatte das Haupt: »Bis jetzt noch nicht; – und soeben schlägt es Drei. Verzeihe, mein Kind, aber auch meine Kräfte sind zu Ende.« »Empörend!« murmelte die holde Schlaftrunkene, sich schwer auf die andere Seite werfend und ließ es jedenfalls zweifelhaft, wem der Ausruf galt. Der Baron sank auf sein Lager, das heißt, er fiel darauf hin, und grausame Götter entrückten ihn schon im Fallen in hämischer Bosheit durch tiefste Bewußtlosigkeit seinem Elende: sie wollten natürlich noch länger ihr Vergnügen an ihm haben und versparten ihn sich; – oh, sie verstehen es, sich einen aufzuheben und zwar von einem Tage zum andern! – Von einem Tage zum andern! Die ganze Weltgeschichte mit allem, was sich einbildet, daß es etwas sei, ist auf diese dumme Redensart angewiesen, und also auch wir und unsere Leser. Es war von neuem Morgen geworden, und Pechle war noch immer nicht nach Hause gekommen. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, die volkreiche Stadt bewegte sich mächtig, und es wurde von neuem sehr heiß in Stuttgart. Neun Uhr schlug es auf dem Turme der Stiftskirche, und mit dem letzten Schlage wurde es der Freifrau Lucie von Rippgen in ganz Stuttgart am heißesten zumute, sie hatte erfahren, daß – der Doktor Pechlin seit länger als drei Wochen gar nicht mehr in einem Hause mit ihr wohne. Weshalb hatte die Frau Baronin sich nicht gleich bei der Heimkehr nach dem guten, bescheidenen Hausgenossen erkundigt? Der Baron schüttelte bei der Nachricht, daß der Exstiftler ausgezogen sei, den vollen, siedenden Inhalt seiner Kaffeetasse sich über die Kniee; die Baronin starrte dunkelrot im Gesicht die schwäbische Katharina eine Minute lang an, sah dann auf ihren Gatten, sah ihn groß und immer größer an, und sprach, mit dem Taschentuch sich hastig soviel Luft als möglich zuwehend: »Das setzt allem die Krone auf. Wenn das nicht eine verabredete Geschichte ist, kenne ich weder dich noch ihn, noch die Welt mehr; und ich will es jetzt auf der Stelle wissen, was du hierüber gewußt hast! Antworte!« Der Gatte, die verbrühten Schenkel und Knieplatten reibend, ächzte: »Liebe, ich bitte dich – du siehst meine Überraschung! Was soll ich dir sagen? Ich weiß von nichts! Lucie, ich schwöre es dir, daß ich von nichts weiß. Gütiger Himmel, wie sollte ich? Mein Gott, wer kann denn etwas darüber sagen? Vielleicht – vielleicht – deine – unsere Freundin – unsere –; Lucie, sollte nicht vielleicht Miß Christabel –« »Dummes Zeug!« schnarrte die Baronin, den Kopf ärgerlich zurückwerfend. »Was hat Christabel mit jenem Menschen gemein? Wo wohnt der Unhold jetzt?« Die letzte Frage war wiederum an die Katharina von Schwaben gerichtet; doch auch diese holde Maid zuckte nur die Achseln und erwiderte in ziemlich gröblichem Tone: »No, des war doch no besser, daß i mi nach der Adreß vo so'me U'g'heu'r umtät! Noi, des ei'zige, was i sage will, ischt, daß mer durch alle Etasche seelefroh ware, als er ab'zoge ischt. Er war sauber frech, aber so frech war er doch net, daß er uns sei Visitekart nachg'lasse hätt. Wir habe uns manches g'falle lasse müsse bei Tag und bei Nacht, und i wahrlich net allei; aber sei Visitekart hätt i ihm doch durch mein Schatz, den Ruckgable, nachg'schickt, und da hätte sie beide 's unter sich ausmache könne.« Daß die gnädige Frau sich von diesen unbefangen frisch, munter und lebendig hervorsprudelnden Herzensäußerungen ihrer Kathrins mit verstärktem Ekel und Unwillen abwendete und die Person schnell wieder hinausschickte, verstand sich von selbst. Mit einem Weltgeschichte in sich begreifenden Blicke fragte sie ihren Gemahl: »Nun, wie findest du denn dieses?« Der Baron fand es sehr, sehr eigentümlich, worauf seine Frau sich auch von ihm wieder abwendete und für eine geraume Zeit in ein tiefes Nachgrübeln versank. »Das ist ein Abgrund, ein neuer Abgrund!« murmelte sie. »Die Bodenlosigkeit fängt allmählich an, mir zu imponieren.« Laut gegen den Gatten gewendet, fuhr sie ihn an: »Und die Rücksichtslosigkeit des Menschen gegen dich übersteigt alle Grenzen. Du rechnetest ihn zu deinen Freunden, du nanntest ihn sogar deinen einzigen Freund, – doch, wehre dich nur nicht dagegen, ich weiß es und behaupte es. Der Patron ist mir gleichgültiger als sonst irgend etwas in der Welt, aber dieses Verschwinden intrigiert mich. Dir wird es nicht unangenehm sein, dich nach ihm zu erkundigen, und du wirst mir beiläufig – hörst du, beiläufig! – Nachricht geben, wohin er gegangen ist, hörst du!?« »Wenn du es wünschest –« »Durchaus nicht! Wie abgeschmackt?! Ich wünsche einzig und allein mit ihm nicht wieder unter einem und demselben Dache zusammenzukommen; alles übrige ist mir vollkommen einerlei.« »So werde ich mich erkundigen, liebes Herz.« Die Baronin zuckte die Achseln, nahm die Zeitung auf und vertiefte sich von neuem in ihr Frühstück. Der Baron sah sie hinter dem schwäbischen Merkur versinken und versank in gewohnter Weise in sich selber. Er hätte den schwäbischen Merkur auch recht gern bei seinem Frühstück gelesen; allein er bekam ihn selbst heute, wo die Gattin ihn doch nicht las, nicht. Wenn irgend jemand sich die Weltbegebenheiten aus der Ferne anzusehen hatte, so war er, Ferdinand von Rippgen, königlich sächsischer Assessor außer Diensten, dieser Jemand. Man hörte die Fliegen im Gemach summen, und eine derselben setzte sich der Baronin auf die Nase, wurde ärgerlich verscheucht und wiederholte den Versuch dreimal. Der Baron sah auf das Tier und versuchte es, sich in seine Seele zu versetzen, was ihm natürlich nicht gelang, da er in der Bewunderung des Mutes der Kreatur stecken blieb. Charlotte sah mehrere Male in das Zimmer, aber ihre Herrin hatte kein Auge für sie und blickte selbst über den Herrn von Beust hinweg, welcher der Zeitung zufolge in vergangener Woche der Dresdener Aristokratie und dem diplomatischen Korps einen Sommerball im Maskenkostüm gegeben hatte und ungemein liebenswürdig auf demselben gewesen war. Der Baron von Rippgen hatte auch einst als jugendlicher Dresdener Aristokrat zu den Gästen des Herrn von Beust gehört; das historische Faktum würde ihn also höchlichst interessiert haben, mais – – – Lucie behielt es für sich. Sie behielt alles für sich, Herrn von Dalwigk, wie Herrn von der Pfordten, den Grafen Borries wie den Herrn von Varnbühler, bis sie mit einem Male, ganz unvermutet Weltgericht spielte, mit einem erbosten Griff der kleinen fleischig-zierlichen Hand die ganze Zeitgeschichte zusammen knitterte, dieselbige unter den Tisch warf und jetzt selber scharf, wild, aufgeregt die Kammerjungfer herbeischellte. Ferdinand aber sah auf den Vorgang ungefähr geradeso, wie das deutsche Volk in den, die genannten Herren betreffenden Staaten auf gleichartige Vorgänge zu sehen pflegt und pflegte. Es war nunmehr gegründete Aussicht vorhanden, daß er doch noch etwas von dem erfuhr, was vorgegangen war und vorging: er brauchte die Dokumente nur unter dem Tische hervorzuholen. – Rauschend schoß die gnädige Frau in ihr Zimmer, um Toilette zu machen; sie war plötzlich lebendig, äußerst lebendig geworden, es ging ihr nichts rasch genug, und sie erweckte mehr und mehr in ihrer Charlotte die Gefühle einer von der Katze gejagten Maus. Die schwäbische Katharina wurde entsendet, eine Droschke herbeizuschaffen, blieb lange genug aus, um die Geduld eines Engels zu ermüden, und sprach demgemäß nachdrücklich von der Haustür aus: »Das ischt ja a wahrer Satan!« nachdem sie ihren Auftrag ausgerichtet, und die Gnädige das Fuhrwerk bestiegen hatte und abgefahren war, ohne zu sagen wohin. Die schwäbische Katharina blickte der Herrin von den Stufen der Haustür, Charlotte sah ihr aus dem Fenster nach, und der Baron lugte vorsichtig hinter der Gardine hervor und in die Gasse hinunter und seufzte ein wahrhaft bergeabwälzendes »Ah!«, nachdem der Wagen um die Ecke gerollt war. Er würde übrigens dies Ah sicherlich bei sich behalten haben, wenn er gewußt hätte, wie kurz die Zeit war, die ihm zum freien Atemholen zugemessen war. – Kaum hatte et sich gebückt, unter den Tisch gegriffen, die zerknitterte Zeitung heraufgeholt, sie geglättet, sich selber ein wenig geglättet und bequemlicher in seinem eleganten Schlafrocke drapiert, als bereits einige Gassen weit ab die Norne wieder winkte und den Kopf schüttelte, ohne die geringste Rücksicht auf ihn zu nehmen. Kaum hatte er angefangen, die Abwesenheit seiner Frau in der allerbescheidensten Weise für seine verkümmerte Lebensbehaglichkeit auszunützen, als der gute Augenblick schon wieder vorübergeglitten war. Die telegraphischen Nachrichten hatte er glücklich weg, der Leitartikel war durchflogen, die französischen, englischen, türkischen und spanischen Neuigkeiten waren eiligst zusammengerafft, und eben – das Blatt zitterte in seiner Hand! – war der Leser auf das Gartenfest des Herrn von Beust gestoßen, und hatte abermals »Ah!« aber diesmal mit anderer Betonung gesagt; als er die Augen von der Zeitung erhob und mit offenem Munde schreckhaft lauschend saß: »Es ist doch wohl nicht möglich?!« Ja, es war möglich; sein Weib kehrte in der Tat schon wieder heim; sie raschelte bereits auf der Treppe, sie ertappte die holde Charlotte bei der Vollendung der eigenen Toilette vor ihrem Spiegel und Putztische, sie rauschte an ihr vorüber, an dieser Stelle durch eine Handbewegung alles Nötige bemerkend, und wie eine prächtig brandende Woge schlug sie hinein in den Salon, schlug weg über den entsetzten Gatten, schlug ihm die Zeitung aus der Hand, und sank – wir müssen leider aus dem Gleichnis fallen! – sank auf den Diwan zurück und keuchte unter kurzen, abgebrochenen Atemstößen: »Auch Christabel fehlt! Auch Christabel – hat ihre Wohnung – verlassen – ohne mir Nachricht zu geben – ohne mir zu schreiben – ohne ihre Adresse zurück – zu – lassen. Ich fin – de – das – milde gesagt – sehr – eigentümlich !« Da sie bei diesen Worten den Gatten ansah, so glaubte dieser, und zwar selbstverständlich zu seinem Verderben, eine Meinung haben und dieselbe äußern zu müssen. »Vielleicht – lieber Gott, vielleicht hat man ihr wieder einmal – ei ja, wieder einmal die Wohnung gekündigt!« stotterte er, um auf der Stelle vernichtet zu werden. Noch ließ die Freundin nichts auf den Charakter der Freundin kommen. Schmetternd schlug die Baronin Lucie von Rippgen den Fächer zusammen und zischte: »Wie abgeschmackt?! Wie dumm! ... wie über alle Begriffe lä – cher – lich!« »Ja, wenn du meinst, mein Herz,« stammelte der Baron Ferdinand, und sein Weib lachte ihm von neuem Hohn; fing jedoch sonderbarerweise in der Tiefe ihres Busens an zu überlegen: ob man wirklich vielleicht ihrer Freundin Miß Christabel Eddish nur wieder einmal die Wohnung gekündigt habe?! – – Das fünfundzwanzigste Kapitel Blau, sonnig glitzernd fließt der Neckar in unsere Geschichte herein. Da ist er in der Begleitung seiner grünen Berge und sanft geschwungenen Hügel – Burgtrümmer, feine moderne Schlößchen, alte, schöne Kirchen, behagliche Wirtshäuser und liebliche Dörfer in Hülle und Fülle widerspiegelnd! Da kommt er, weinrebenbekränzt, und in jeglichem blitzenden Wellchen holdselig und anlächelnd, und hat keine Ahnung davon, welch ein wonniges Behagen er uns mitbringt, wie er durch unser Konzeptpapier glänzend rauscht, spült und wühlt und demantfunkelndes Getränke über die närrischen Arabesken in widerlichem, abgeschmacktem, verdrießlich-melancholischem Schwarz spritzt und sprüht. Bei Untertürkheim bekommen wir ihn zuerst zu Gesicht und auf der Stelle Grund, unsere Muse wegen ihres Verständnisses und seinen Gefühles für das Behagen des Augenblickes rückhaltslos zu loben. Ja, rückhaltslos; denn schon liegt sie bei Untertürkheim am blauen Neckar in dem Grase und zwischen den Herbstastern auf dem Rücken, hat die Hände unter den Hinterkopf geschlagen und die rechte Kniebeuge über das linke Knie, und blinzelt tiefatmend aus selig befreiter Brust hinauf in den Äther, ohne die geringste Rücksicht auf die Gefühle, und zwar auf die Anstandsgefühle anderer zu nehmen. Aber den möchten wir sehen, der uns hindern könnte, unsere Freude an dem lieben unbefangenen Mädchen zu haben! Und hübsch ist sie auch! – sehr hübsch, vorzüglich in diesem Momente! Da liegt sie ohne Arg im Grase, ist liegen geblieben, wie sie sich hingeworfen hat, und ahnt gar nicht, wie vorteilhaft die Lage für ihre Figur und ihren Wuchs ist. Weithin über die wohlgeformten Schultern und rund umher über das grüne Gras fallen die blonden Locken. Behaglich ruht das gute Kind, und wenn es mit den Äugelein zwinkert, so geschieht auch das nur aus Behagen an dem guten Tage – ah! – »Wenn nur die Mücken nicht wären!« sagt die Leserin; und sie, la blonde fainéante unter den Reben, wendet sich auf das Wort, stützt sich aus den Ellenbogen und stützt das Kinn mit der Hand, blickt lächelnd nickend auf die gleich ihr unendlich liebenswürdige Zwischenrednerin und Einsprecherin und sagt: »Das sagte die Frau Lucie von Rippgen auf dem Gipfel vom Hohenstaufen ebenfalls.« Damit sinkt sie wieder zurück in die vorige bequemere Lage, blickt weiter lächelnd hinein in den dicht über ihrer Nase munter durch Blätterschatten und Sonnenschein tanzenden Schwarm, und – wir nehmen das Wort und fragen: »Wo wären wir, und was wäre die Welt, wenn die Mücken nicht wären?!« Der blaue, wolkenlose Himmel aber wölbt sich über dem Worte, die Sonne bestrahlt es, der laue Wind tanzt darüber hin, und der Neckar – der Neckar rauscht in dasselbe hinein. Oh, das alles ist klug, ist gescheit, und weiß, was es für den Poeten zu bedeuten haben würde, wenn die Mücken nicht in der Luft tanzten! – Herbst, Herbst, o süßer Herbst! Noch zwar sind die Weinberge gesperrt, und die Feldhüter allein haben das Recht, zwischen den schwellenden, in der Sonnenhitze kochenden Trauben zu wandeln und nötigenfalls aus dem Blätterwerk hervorzubrechen und die engen Steintreppen unvermutet herabzuspringen, um einen Liebhaber billiger, saftreicher und verstohlener Genüsse am Kragen zu nehmen; aber bald, – morgen schon – ist die Zeit, wo du, jauchzender Herbst, deine goldenen Tore weit aufwirfst und alle Welt einladest, zu kommen, zuzugreifen und zu genießen. Schon liegt deine Hand an dem Riegel, – morgen, morgen, und alle Hügel und Berge ringsum werden ihre berauschenden Ströme und Bäche durch die Keltern niedersenden in die Butten, und jeder Wingerter und Bauer wird gern eilig und ohne Vergütung die Mühe auf sich nehmen, unbefugte Eingriffler und mittellose Sachverständige mit dem Kopfe gegen die Mauer zu stoßen und inmitten des Segens Gottes bis zum Liegenbleiben durchzuprügeln. O süßer Herbst, was ist lieblicher, als deine Schritte im Tal? Was ist herrlicher, als dein Wandel auf den Hügeln? Redet uns nicht von den Wonnen des Maien; der Mai ist ein Lump, und wer ihn aus dem Kalender striche, der würde ein gutes Werk an der durch den grinsenden Betrüger vergrillten Menschheit tun. Der September ist die Zeit, Gedichte zu machen, und aus dem Leben ein Gedicht. Rede du, Blondinchen, – sprich du, mein holdes behagliches Mädchen unter den Astern, lehne dich noch ein einziges Mal auf den rundlichen Ellenbogen und nicke zu dem, was ich sage! Natürlich nickt sie. Bigott, und das ist die richtige Liebe, die zum Ausbruche kommt, wenn die Mostpressen gerüstet werden, und die wadenstarken Winzer, Buben und Mannen, die Füße und die Beine bis zu den Knieen waschen, um reinlich und appetitlich in die traubengefüllten Bottiche hineinzusteigen. Noch ein kleines, und sie werden hineingestiegen sein, und der »Neue« wird aufschäumen und gären, und süßbreiig nicht allein die Mücken, die Fliegen und die Bienen berauschen und fangen, sondern auch die verständigsten Menschen beiderlei Geschlechtes! Was bedeuten die zärtlichen Gefühle, die mit den ersten Veilchen von der feuchten Wiese unter regentriefenden Hecken hervorgeholt werden und unter heißen Kräuterkissen und durch den Aufguß der Kamille des vorigen Jahres abgebüßt werden müssen? Was bedeuten sie gegen den Herzensrausch, welchen im Herbste, im Oktober, Aphrodite von den Reben pflückt und aus den überschäumenden Bechern trinkt? Wie manchem Menschenkinde im Schwabenlande wird der Neue ein Bein stellen, und es auf den Rücken legen? O Liebe, Liebe, Liebe, wie wird dein Reich sich ausbreiten unter seiner Regierung! Wie wird es verwaltet werden, dieses Reich der Liebe, und, o du Neuer, was wird man dir demnächst und dermaleinst in die Schuhe schieben, wenn der Rausch verflogen ist, und Erde und Himmel den nachdenklichen Zechern von neuem so erscheinen, wie sie wirklich aussehen; und welch ein Glück ist es, daß – unser Freund Christoph Pechlin dir in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen hat und deshalb späterhin auf dich keinen Haß zu werfen braucht! Da haben wir ihn wieder, unseren Freund Pechle; aber der Neue ist nicht schuld an dem, was ihm in den Gliedern liegt; was ihm zu Kopfe gestiegen ist, und nicht bloß zu Kopfe, sondern auch zu Herzen. Es war eben ein heißer Sommer, und der »Alte« war auch noch nicht ausgegangen im Lande: wer in Himmelsbläue, Sonnenglut und Weinduft schwelgen wollte, der brauchte wahrlich nicht auf den Neuen zu warten, und Pechle hat nicht gewartet, und jemand hat mit ihm genippt und nach dem Nippen einen merkwürdig herzhaften und entschlossenen Zug getan. Die Nixen haben ihre schilfbekränzten Häupter aus dem Neckar erhoben und gelacht; Bacchus hat auf den Bergen die Hand über die Augen gehalten und genau hingesehen, denn er hat seinen Augen keineswegs sofort getraut. Aber Amor, der Lose; – ach, reden wir nicht von ihm, sondern erzählen wir einfach und nüchtern, soweit das möglich ist, dieweil er aus den Weiden am Neckar hervorkichert, weiter. Es läßt sich gut lustwandeln auf den grünen Wiesen, unter den Erlen und Weiden am linken Ufer des Flusses zwischen Obertürkheim und Untertürkheim; und der Doktor Pechlin – Christoph Pechle, der in Obertürkheim wohnt, pflegt auf dem angenehmen Wege täglich zu ganz bestimmter Stunde einer Dame zu begegnen, die in Untertürkheim ihren Wohnsitz genommen hat. Und die Dame pflegt seinen Arm zu nehmen, den er ihr ein wenig unbeholfen bietet, aber doch bietet; und sie nimmt ihn lächelnd, freundlich lächelnd und portugiesertraubenhaft errötend. Und dann wandeln sie mitsammen unter den Weiden durch das grüne Gras; und den Erlen, den Geisterbäumen, rinnt ein sonderbarer, unbedingt magischer Schauer durch die Borke und kitzelt sie bis ins tiefste Mark. Am Ufer des Neckar flüstert es sich gut in der warmen Abenddämmerung. Für unausgesprochene Dinge gewinnt der Blödeste, der Befangenste Worte. Und wenn nun gar der Mond über den Bergen emporsteigt und sich im Flusse spiegelt und im Auge der Geliebten, und wenn dieses Auge so zu blicken versteht, wie das der Miß Christabel, dann – ja dann fängt der Befangenste an, sich so unbefangen zu geben, daß es eine Freude – eine wahre Freude ist. Aber was brauchen wir den Mond über die Berge heraufzubeschwören und ihn im Flusse sich spiegeln zu lassen? Christoph und Christabel sind längst darüber – über dieses– über das weg, und wir auch! Christoph und Christabel bereden ihre Angelegenheiten seit mehreren Tagen bereits am liebsten am Morgen zwischen zehn und elf Uhr im hellen Sonnenschein unter den schattenden Bäumen am Ufer, und achten gar nicht einmal mehr darauf, daß die Weidendryaden kichernd ihre grünen Haare tiefer gegen die blauen Wellchen herabneigen; und vollständig gleichgültig ist es ihnen – Christoph und Christabel – ob sämtliche ringsum flatternde Schmetterlinge von dem ersten, der ihnen, den zwei Spaziergängern, begegnete, herbeigerufen wurden, um »das auch zu sehen« und mit lustigem, liebesgötterhaftem Geflatter die in ihre Verhältnisse und Auseinandersetzungen Versunkenen zu begleiten. Wahrlich, es ist weit gekommen, Christoph Pechlin; und wir haben leider zu erzählen, wie es kam; – greife an die Tasche deines Rockes, Christoph, und fühle nach deinen Gedichten, setze dich auf den Trost deines Daseins! Uns aber laß in Prosa berichten, wie du in deinen Gefühlen beim Wort genommen wurdest, und wie du aus deinem Leben ein Gedicht machtest, diesmal aber uns Gelegenheit gäbest, dich drucken zu lassen. Sperre dich nicht, alter Freund, sondern komme heiter um in der Gefahr, in welche du dich begabest; denn siehe, du allein wirst dem Schicksal aller der Leute, die wie du nach den Sternen oder nach dem, was sie dafür hielten, griffen, nicht entgehen. Der Neckar aber rauscht doch in unseren Bericht, und es »geht in Herbst«, wahrlich, es geht in Herbst, wie in Heilbronn auf dem Wartberge! – Das sechsundzwanzigste Kapitel. Christoph Pechle aus Waldenbuch im Schönbuch an der Hand der Liebe lustwandelnd am Neckarufer! Christoph Pechlin mit einem zugeknöpften Hemde, einer regelrechten Krawatte, einer Tuchnadel vor der zottigen Männerbrust und mit einem hohen, schwarzen Seidenhut! Pechle in einem Anzuge, der das Neue mit dem Geschmackvollen in einem so hohen Grade vereinigte, daß er, sein Besitzer, jedermann darin auffallen mußte, vorzüglich aber allen seinen Freunden und Bekannten, letzteren jedoch nur, wenn sie ihn darin erkannt hätten. Das war es! seine besten Freunde erkannten ihn erst nach längerem Anstarren, und sprachen ihm sodann ihre Verwunderung, ihr Erstaunen und ihr Entzücken in derartig exaltierten Reden und Redensarten aus, daß er sie auf alle Weise vermied, im weitesten Bogen um sie herumging und zur Vervollständigung seiner Eleganz am liebsten einen Zettel mit der Inschrift: »Hier sind die Pocken!« am Hute getragen haben würde. Daß er jemals wieder mit ihnen, das, heißt, seinen Bekannten und Freunden zu Sauerkraut und Blutwurst auf das Canstatter Volksfest gehen könne, erschien ihm längst als eine Unmöglichkeit; aber uns erscheint es jetzo als höchste Schuldigkeit und Pflicht, eingehendst zu berichten, wie er in den Pomp und Staat hineingeraten war, und wie er sich darin fühlte – nach allen Richtungen hin darin fühlte. Ob und wie er dann wieder herauskommen wird, das steht dann auf einer andern Seite. – Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen; allein man sieht dann und wann auch nicht ungestraft vom Gipfel des Hohenstaufen aus die Sonne untergehen. Auf den Sonnenuntergang pflegt die Nacht zu folgen, und in der Nacht regt sich allerlei, und besonders zu Zeiten und unter Umständen, was zu denken gibt. Wir wissen, was Miß Christabel Eddish in jener romantischen Nacht im Lamm zu Hohenstaufen erlebte, und was sie zu fühlen gezwungen wurde; wie gut sie damals inmitten des Schlachtlärms über den Exstiftler Herrn Christoph Pechlin zu denken anfing, das kam erst durch die Folgen zutage. Daß die geistig und körperlich zerschlagene Vergnügungpartie damals unter dem Schutze des Exstiftlers nach Stuttgart zurückfuhr, ist ebenfalls bereits erzählt; aber hinzuzufügen ist jetzt, daß die Fahrt der britischen Jungfrau Gelegenheit gab, noch besser von dem Reisebegleiter denken zu lernen. Er saß ihr gegenüber im Wagen. Er fand, fast allzu häufig für seine Ruhe und Bequemlichkeit, Gelegenheit, ihre wankenden Lebensgeister aufrecht zu erhalten und ihre erschütterte, zitternde Psyche vor dem rohen Andrängen, vor den Widerlichkeiten des Weges zu schützen; er war sehr heiter, und er machte einen immer tieferen Eindruck durch diese Heiterkeit, wie denn das Unverwüstliche im Guten wie im Schlimmen in jeder Beziehung niemals verfehlt, einen nachhaltigen Eindruck zu machen. Man kam an in Stuttgart und trennte sich matt, müde und in allerlei Stimmungen. Wenn die Baronin von Rippgen im Lamm zu Hohenstaufen Gründe gehabt hatte, sich mehrere Male zu verwundern, so war diese Verwunderung unterwegs um ein Bedeutendes gestiegen; erreichte aber ihren Gipfelpunkt, als die liebliche Freundin sich durch den wüsten, rauhhaarigen Tektosagen vom Stuttgarter Bahnhofe am Arm nach Hause führen ließ – nach ihrer Wohnung. Sie fand das sonderbar, und sonderbar war es auch. Aber was würde Frau Lucie von Rippgen erst gesagt haben, wenn Miß Christabel ihr am folgenden Morgen mitgeteilt hätte, daß der Tektosage, ihr, der schamhaften Jungfrau, sofort in der Nacht einen Besuch abgestattet habe, um sich höflich nach ihrem Befinden zu erkundigen: wenn Miß Christabel Eddish, wenn die jungfräuliche Freundin der verheirateten auch die näheren Umstände dieses Besuches nicht vorenthalten hätte?! Herr Christoph Pechlin kam wirklich in der Nacht zu Christabel – er erschien ihr im Traume und war sehr liebenswürdig! – – Im Traume! und am anderen Morgen in der Erinnerung des Traumes! und drei Tage nachher auf der Königstraße in Fleisch und Blut, gutmütig lächelnd den Hut herunterreißend! und so weiter durch die Zeit von Tag zu Tage bis zu jenem Nachmittage, bis zu jener Stunde, wo das Paar, ganz zufällig auf einer jener Bänke um die Gruppe des von den Nymphen, nicht des Nesenbaches, sondern des Askaniosflusses geraubten Hylas im königlichen Schloßgarten sich zusammenfand. Die Argo setzte die Fahrt nach Kolchis ohne den Hylas fort, was wir nicht tun. Wir ließen den Baron und die Baronin von Rippgen ruhig nach Rorschach in die Sommerfrische reisen, und hielten uns an die Nymphe und den geraubten Jüngling. Wir haben den Baron und die Baronin von Rorschach zurückkehren gesehen, und wir stecken noch immer tief, tief, und mit unverringertem Interesse in der anmutigen Sage des Altertums! – Sie sahen sich nun täglich und saßen nebeneinander auf der Bank an der Hylasgruppe und trieben die schönsten Wissenschaften, die es gibt. Von Tag zu Tag veredelte sich der Exstiftler mehr, und wie ein Naturprozeß ging die Sache vor sich und entwickelte sich der Schmetterling, der in der stachlichsten, grauen, unansehnlich-sonderbaren Puppenhülle, genannt Christoph Pechlin, gesteckt hatte. Es war wahrhaft lächerlich zu beobachten, wie sich das Äußere Christophs nach jeglichem neuen Zusammentreffen mit Christabel veränderte, ins Zierliche und Anständige veränderte. Heute knöpfte er die Weste zu, und morgen kam er mit einer schämig in einen Naturknoten gewundenen Halsbinde. Heute kam er mit reinlichen Manschetten und morgen, in wohlangepaßten dunklen Beinkleidern. Er kam im neuen Rock, und er kam mit dem neuen Hute in der Hand, und jedwede Verschönerung trat, wie gesagt, an und für sich in die Erscheinung und kam um so mehr zur Geltung und machte einen um so tieferen Eindruck auf Miß Christabel. In der Busennadel aber, welche ein von einem Pfeil durchbohrtes rotes Herz darstellte, gelangte der Prozeß zum Abschluß. Dieser zierliche und bedeutungsvolle Schmuck war die Blume, welche das Gewächs trieb, war der farbige Schmelz auf dem Flügel des Pavillons, war der duftige Hauch auf der saftreich geschwollenen Pflaume, war der Tautropfen im Kelche der Rose, – der Pfingstrose – ja, der Pfingstrose. Wie aber vieles in diesem Berichte und Buche seltsam erscheinen muß, so war auch das seltsam, daß an dem Tage, an welchem das pfeildurchbohrte Korallenherz auf der Brust Christoph Pechlins erschien, Miß Christabel Eddish, nach einem Blicke darauf, hold befangen sich wegwendend, dem liebenswürdigen Gentleman mitteilte, daß es sehr heiß in Stuttgart sei, daß sie anfange, es daselbst nicht länger auszuhalten, daß sie deshalb für die nächste Zeit eine reizende Sommerwohnung in Untertürkheim gemietet habe, und daß sie es sehr, very, very, sehr bedauere, wenn man nunmehr für längere Wochen sich nicht mehr begegnen, nicht mehr grüßen, nicht mehr sehen werde. »Uh!... Na?« fragte Pechle, und Christabel mit einem zerstreuten Blick auf den von den zudringlichen Wasserjungfern am Rock, an den Armen und Beinen gefaßten und mit in die Tiefe gezogenen Hylas werfend, seufzte: »O ja, Sir, und morgen schon. Ich reise morgen mit Virginy; denn es ist zu sehr heiß, und meine Gesundheit leidet. Es war mir sehr angenehm; aber wir müssen Abschied nehmen voneinander – heute.« »Heute schon?« rief der Exstiftler mit der Miene eines klugen Pudels vor einem täuschend in Öl gemalten Schinken. » Yes, weil ich morgen schon abgegangen bin.« Morgen! Das ist unter Umständen das fürchterlichste Wort im ganzen Wörterbuche, und das Behagen, welches sich dann und wann an es knüpft, ist von einer verschwindenden Geringfügigkeit dem Grauen gegenüber, welches es mit sich bringen kann. Der Mensch sagt »Morgen« und würde vergehen ohne den Trost, den der große Schrecken stets bei sich führt. Dieser Trost aber liegt in der unumstößlichen Gewißheit, daß dem Morgen stets ein Übermorgen folgt, und daß wir armen Erdenwürmer also immer noch Gelegenheit finden, uns zu besinnen und von neuem einzurichten, wenn nicht ein gütiges Schicksal uns übermorgen bereits aller Mühe und Qual entledigt hat, indem es uns jeglichen Verkehrs in der Zeit überhob. Letzteres kommt vor, kommt für jedermann vor; allein Christoph Pechlin hatte heute noch nicht das Glück. Er durfte sich diesmal noch von der Überraschung erholen. Er erholte sich, er lächelte und – es ist kaum zu sagen – er – er, Christoph Pechle, war schon so tief gesunken, oder so hoch gestiegen, daß er – der Miß die Hand unaufgefordert küßte. Vier Tage nach jener vertraulichen Mitteilung im Stuttgarter Schloßgarten an der Gruppe des Hylas und der Nymphen, begegneten Christoph und Christabel einander zum erstenmal am Ufer des Neckars: Christoph Pechlin wohnte in Obertürkheim! – Das siebenundzwanzigste Kapitel Sie hatte keine Ahnung davon. Sie lag in Rorschach am Bodensee in ihrer Hängematte, vegetabilisch ein- und ausatmend und zu ihren Füßen, wie es sich gehörte, saß Ferdinand, gänzlich unbeschäftigt; und er hatte noch viel weniger eine Ahnung davon, was am blauen Neckar vorging. Wie aber würde sich der vegetabilische Prozeß ihres Daseins ins heftigste Animalische verwandelt haben, wenn sie gewußt hätte, was eines Tages an der Kapelle auf dem Rothenberge über Untertürkheim passierte! Nur durch ein Wunder wären die Stränge der Hängematte imstande gewesen, die Erschütterung auszuhalten, wenn ihr – Lucia von Rippgen, plötzlich ein zweites Gesicht den Vorgang an jener griechischen Gruftkapelle klar und deutlich vor die Augen, den Sinn und – das Herz hingestellt haben würde! An der russisch-griechischen Grabkapelle auf dem Rothenberge, wo einst die Stammburg der Grafen, Herzöge und Könige von Württemberg stand, kam zu einem ersten Abschluß das, was sich auf jener Stelle, wo voreinst die Stammburg der Hohenstaufen stand, angesponnen hatte. Unter neu zudringendem Hader, Zorn und Streit fanden Christoph und Christabel die Gelegenheit zu günstig, um sie unbenutzt vorübergehen zu lassen. Sie benutzten sie und verpflichteten sich gegenseitig einander für das irdische Leben und, wie Christabel meinte, for an everlasting happiness , also ziemlich weit über das Erdenleben hinaus – und zwar unter folgenden Umständen. Die Maultrommel spielen oder schlagen zu können ist etwas Wunderschönes, und vorzüglich ist jedem Verliebten, einerlei ob glücklich ober unglücklich Verliebten, dringend anzuraten, augenblicklich, das heißt, unter den ersten kritischen Symptomen des Zustandes sich auf dies Instrument zu legen: Pechle, der es schon vor seiner Bekanntschaft mit Miß Christabel Eddish als Virtuose zu behandeln verstand, schlug, spielte es in Obertürkheim hinreißend. Und schon die ersten summenden Töne, die er dem melodischen Tonwerkzeuge in der Sommernacht, in der Rebenlaube, nach seinem Einzuge entlockte, verfehlten nicht ihre Wirkung auf die Hörer. »No, was ischt denn des?« fragte der ortseingeborene Hausbesitzer. »Des versteht er au!!« »O Gott, wie seltsam!« sprachen die mit dem neuen Mieter unter dem friedlichen Dache wohnenden fremdländischen Badegäste. Und Pechle schlug die ganze Nacht hindurch. Er schlug auch noch die folgende Nacht, wie eine Nachtigall auf der Fliegen-, Käfer- und Würmerjagd, und dazwischen sang er – und wie!? Am dritten Tage kannte man ihn und seine Zustände bereits durch und durch in Obertürkheim und auf den Wegen zwischen Ober- und Untertürkheim. Daß man Miß Christabel und ihre Zustände ebenfalls kannte, verstand sich von selbst, und acht Tage nach dem ersten Zusammentreffen unter den Weiden des Neckarufers, hatte der Exstiftler, wie erzählt ist, zum zweiten Male das Glück, der stolzen Britin in einem neuen Konflikte mit der rohen Menschheit zu Hülfe springen zu können, tat es auch, und diesmal nicht nur ohne alle Ironie, sondern mit voller Hingabe an den Enthusiasmus seiner erregten Seele und – es bedurfte keines weiteren Schüttelns mehr: die süße Frucht lag in seinem Schoße, er konnte sie dreist mit nach Hause nehmen. – Es war am Nachmittag. Christoph Pechlin hatte seine Siesta gehalten, das heißt, zwei und eine halbe Stunde nach eingenommener Mahlzeit fest durchschlafen, und war nachher verschlafen, gelangweilt und verdrießlich an der Kirche des Ortes vorbei bergan gestiegen. War es eine Ahnung oder war es das gute Getränk in der Krone, was ihn nach Rothenberg zog? – einerlei! Auf den Höhen der Hügel, die Weinberge entlang wandelte er hin. Mürrisch, widerwillig, wie das so häufig zu geschehen pflegt, ging er nach Rothenberg auf sein Glück – die höchste Seligkeit seines Lebens, los, und vorerst hinein in keifendes, wetterndes Durcheinander empörter menschlicher Leidenschaften. Vor der Pforte des Grabmales auf der Höhe des Berges, die einst die Stammburg des Hauses Beutelsbach trug, schrillte und brummte es. Ein heftiger Wortkampf wogte vor dem Gitter; und, um die Ecke biegend, genügte dem Exstiftler ein Blick zur vollständigen Kenntnisnahme der Sachlage: Miß Christabel Eddish, im grimmigen Streite mit den Wächtern der Gruft, stand ihren Mann! Wie aber geriet Christabel in diesen Konflikt mit dem Popen? Auf die alleratürlichste Weise, – sie hatte, durch ihren Murray darauf aufmerksam gemacht, die Gruftkapelle einfach auch im Inneren betrachten wollen, und war dabei auf eine der Grundsatzungen der griechisch-katholischen Kirche gestoßen und hatte das von ihrem anglikanisch-kirchlichen Standpunkte aus selbstverständlich im höchsten Grade shocking gefunden. Miß Christabel Eddish hatte keinen Begriff davon gehabt, daß die russisch-orthodoxe Kirche ihr den Eintritt in die Gruft des Königs Wilhelm von Württemberg auf dem Rothenberg im Lande Schwaben, Neckarkreis, Oberamt Eßlingen, verbieten könne, strikte verbieten könne, hatte die Erfahrung gemacht und weigerte sich als Jungfrau, als Weib, als britische Jungfrau und königlich großbritannisches Weib, dieselbe sofort zu ihren übrigen zu legen. Sie fand es im unausdrückbaren Grade entwürdigend, daß man gerade ihre Eigenschaft als Weib heraussuche, um sie von den Särgen der Toten auszuschließen. Sie sagte ihre Meinung auf englisch und auf deutsch, sie rief den Gott ihres eigenen Volkes zum Zeugen auf, zitierte die Genesis wie ein bestbesoldeter Bischof der Hochkirche und bestand auf ihrem Recht, das heißt auf ihrem Willen. Natürlich bestanden die Wächter am Grabe auf dem ihrigen. Nachdem sie vergeblich dem hohen Mädchen deutlich zu machen gesucht hatten, daß es nicht mit seinem Album und Bleistift – auch gegen das generöseste Trinkgeld nicht – in die Gruft der Königin Katharina eingelassen werden könne, waren sie grob geworden. Sie waren allmählich sehr grob geworden; der untere Wächter hatte den oberen herbeigerufen, und der Pope war gekommen. Ein behaglicher, bärtiger Herr, sein rundes Bäuchlein mit würdiger Fröhlichkeit vor sich hertragend, war er herangewackelt und hatte im Anfange nicht geringe Mühe gehabt, sich klar zu machen, um was es sich in dem Lärm eigentlich handle. Nachdem er es begriffen hatte, hatte er zuerst mit großer Höflichkeit im gebrochenen Deutsch die englische Maid von ihrem Vorhaben abzubringen gesucht, allein durch ein bedauerndes Achselzucken ließ sich in einem solchen Falle nichts gegen Miß Christabel Eddish ausrichten. Miß Christabel, in den tiefsten Tiefen ihrer weiblichen Würde und Gefühle beleidigt, stand hier für ihr ganzes Geschlecht, war sich ihres Standpunktes im vollen Maße bewußt, und hielt fest an ihrem Vorsatze. High church vom blonden Scheitel bis zum Absatz ihrer Pariser Stiefelchen bot sie, den Verstand und die Vernunft sämtlicher neununddreißig Artikel in ihre Blicke, Mienen und Worte zusammenfassend, der russian popery, der griechisch-katholischen Satzung Trotz, und der Pope stand ratlos, selbst den neununddreißig Artikeln gegenüber. Und allgemach hatte sich ein ziemlicher Haufen landeseingeborenen Volkes um die streitende Gruppe versammelt. Männer mit den Pfeifen im Munde und den Händen in den Hosentaschen waren herangekommen. Mädchen und Weiber, Butten und Heubündel auf den Köpfen tragend, waren stehen geblieben. Ein mit vier schwitzenden, keuchenden Hunden bespannter Milchwagen hatte angehalten; und alles hatte für und wider Partei genommen, die Mädle und Weiber ausnahmslos für die Miß und gegen die Grabeshüter. Lachend blickte der wolkenlose Herbsthimmel auch auf diese Szene hernieder. Auch er schien Partei zu nehmen, und zwar gleichfalls für Miß Christabel. Dem Popen rannen die hellen Schweißtropfen über Stirn und Backen. Es lachten die Berge bis in die blaueste Ferne; die Grillen, die heißen Weinbergsmauern entlang, sehr kluge Tiere mit runden, dicken Köpfen und vorstehenden, glänzenden Augen, baten einander, still zu sein und Achtung zu geben, und schrillten natürlich um so lauter. Es ging ein Flüstern durch die Reben, und die Trauben unter dem Laub glänzten auch saftiger und schienen die Backen aufzublasen vor Vergnügen. Rings in die Runde richtete sich alles in der Natur auf, um auf die lange, tapfere Engländerin und ihren kurzen, dicken, schwarzbärtigen, slavischen Widersacher zu sehen: in diesem Moment gab es der heißen Stunde zum Trotz wahrlich nichts Lebendigeres als den großen Pan! »Je le veux! I will! Ich will es, und ich will es!« sprach Christabel mit unheimlichster Charakterfestigkeit, und Herr Michael Alexandrowitsch Tumboffski konnte endlich nicht umhin, ebenso grob wie sein Unterbeamter zu werden. Er wurde es gegen die energische Dame, nachdem er wahrlich eine ziemliche Weile Vernunft, soweit sie durch ihn und an dieser Stelle möglich war, auf die willenskräftige Jungfrau hineingesprochen hatte. Er wurde sackgrob, je mehr er in Transpiration geriet, und rief nicht nur alle Heiligen seines Himmels, sondern auch alle Teufel seiner Hölle, und nicht nur im gebrochenen Deutsch, sondern auch im fließendsten Russisch auf; außer allen Heiligen und Teufeln aber natürlich auch die irdischen Behörden. Im eiligen Lauf schickte er seinen Untergebenen zum Schultheißen von Rothenberg, und dieser – war gekommen und zwar in Begleitung von einigen Feld- und Weinbergshütern, welche der Lärm gleichfalls hergelockt hatte. Die Sache trieb einer Krisis entgegen. Verhaftung, Abführung zu Amte mit gewalttätiger Hand drohte der für die Würde und die Rechte ihres Geschlechts so heroisch in den Kampf getretenen Christabel. Kopfschüttelnd hatte der Alkalde vom Rothenberge seinerseits das Für und Wider erwogen, und hatte sich eben, nach abgegebenem dorfpolizeilichen Verdikt, zurückgebogen, um der Ohrfeige auszuweichen, die Miß Christabel im Begriff war, ihm hinzuschlagen; als – Herr Christoph Pechlin um die Ecke bog und den verworrenen Knäuel der Streitenden zu Gesicht bekam, zugleich aber auch die aus der Mitte des Knäuels hoch aufragende Gestalt der göttlichen Maid. Im maulaufreißenden Erstaunen stand er da, und die ersten Worte, die er zur Wiedergabe seines Erstaunens zusammenfand, waren: »Ja aber, Gerichte Gottes, was ischt denn dees nun wieder?« Aber ihrerseits den Freund erblickend machte das hohe Mädchen sich Bahn durch den schwülen Kreis, der es umgab, faßte den Rettung und Trost bringenden Jüngling am Arm und rief: » It is an abomination, und ich werde mir wenden an die englische Gesandtschaft.« Doch im Fahrwasser der ausländischen Jungfrau war auch der Pope herangekommen. Mit ausgebreiteten Armen hatte er sich von der andern Seite auf den Exstiftler gestürzt und ihn nach fast erdrückender Umarmung am linken Arme gepackt und zwar mit den kläglichen, hülfeflehenden Worten: »Brüderchen, wenn du die Dame kennst, so sprich du ihr Vernunft ein! Wir sind zu Ende mit unserem Griechischen und Latein. O Brüderchen Christoph, bei allen lieben Heiligen in unserer heiligen Rossia, das Weib, diese Anglitschana, wäre selbst dem bielawo czaro, dem weißen Zaren, zuviel. Befreie mich von dem Geschöpf, Freundchen, und sei gesegnet in deinen Kindern und Kindeskindern. O, o, dieses sollte mir passieren daheim in unserer swiataja Rossia und nicht hier in der wüsten, spöttischen Fremde!« » Yes, Sir, in old England sollte mir dieses begegnen!« rief Miß Christabel. »O Mr. Pichlin, sagen Sie dem Ungeheuer meine Ansichten. Machen Sie ihn bekannt mit meinem Inneren! O Mr. Pichlin, in Ihrem Deutschland bekommt man doch alles, alles in die Erfahrung!« »Da haben Sie nicht ganz Unrecht, Fräulein,« sprach Pechle, hatte sich jedoch vor allen Dingen an den Russe» mit der vorwurfsvollen Frage zu wenden: »Aber Alexandrowitschle, was fällt dir denn ein? O Brüderle, trinkt man deshalb und dazu Schmollis und schwört sich ewige Freundschaft von der Newa bis zum Neckar?!« Das achtundzwanzigste Kapitel. Sie hatten selbstverständlich schon längst Brüderschaft miteinander getrunken, Herr Michael Alexandrowitsch Tumboffski aus Boriszoglebsk, Großrußland, Gouvernement Woronesch, und Herr Christoph Pechlin aus Waldenbuch im Schönbuch, Neckarkreis des Königreichs Württemberg. Vor anderthalb Jahren hatten sie bei der ersten Begegnung augenblicklich erkannt, daß sie ganz und gar füreinander gemacht seien – beide Theologen, beide Kenner und Liebhaber eines feinen, herzerfreuenden Getränkes, beide solide, behaglich und gemütlich ihren Platz auf der Bank warmhaltende Gesellen, und beide mit einem ungemein drolligen Behagen an dem Vergnügen der Stunde und mit einem nicht zu verachtenden witzigen Verständnisse für diese Vorgänge begabt! Ihre internationalen Bezüge mußten jedermann erquicken. O, sie verstanden es, sich gegenseitig auf ihre Vorzüge und ihre Schwächen aufmerksam zu machen; und was der alte Tübinger jedem andern seiner Bekannten übel genommen und durch unsägliche Grobheit hätte entgelten lassen, das nahm er von seinem Freunde Michael Alexandrowitsch ruhig und nur angenehm gekitzelt hin und rächte sich höchstens durch verdoppelte Anzüglichkeit gegen das heilige Rußland bei dem nächsten Zusammentreffen vor dem schwäbischen Schoppen. Sie hatten sich im Lauf der Zeit manches Stelldichein gegeben, und selten war einer von ihnen zur verabredeten Stunde ausgeblieben; eine Begegnung wie die jetzige am Mausoleum auf dem Rothenberge hatten sie jedoch noch nicht erlebt. Zuerst wandte sich Pechle natürlich an das zu Haufen gelaufene Volk mit der Notiz, daß das Schauspiel zwar bis jetzt gratis gegeben worden sei, daß er, Christoph, jedoch nunmehr anfangen werde, zu »sammeln«; und er gewann durch diese ironische Bemerkung jedenfalls mehr Raum, als wenn er wie der Pope die Polizei zu Hülfe gerufen hätte. Sodann wendete er sich zum zweiten Male an seinen Freund Michael mit dem vorwurfsvollen Worte: »Aber Aexandrowitschle?!« »Ich bin schon ruhig, Brüderchen,«seufzte der im schwäbischen Nachmittagssonnenschein brätelnde Sohn der Steppe. »Alles, was du willst, mein Söhnchen! Wenn das Mütterchen sich zur Ruhe gibt, ist alles in Ordnung. Sprich ihr zu, Söhnchen, und mach es ihr verständlich, daß du, und ich, und der Schultheiß da, die Satzungen – Gott erhalte sie – nicht gemacht haben. Nachher können wir ja –« »Jawohl, jawohl!« rief der Exstiftler abwehrend und widmete sich, ohne den Ideenassoziationen des russischen Freundes fürs erste weiter Folge zu geben, vor allen Dingen der Beruhigung der entrüsteten britischen Jungfrau. Er sprach lächelnd aber eindringlich und fest zu ihr. Ob er sie überredete, oder ob sie aus einem andern Grunde nachgab, können wir nicht sagen; jedenfalls schien sie Vernunft anzunehmen. Sie schob ihr Album in die Tasche, sie drückte die Lorgnette fester auf die Nase, sie sah sich ihren Widersacher – den gutmütig blinzelnden, lächelnd die Hände reibenden Michael Alexandrowitsch genau, an, ließ sich nach einer eingehenden Prüfung herab, ebenfalls zu lächeln und – hatte nichts dagegen, ihn sich durch ihren Freund, Herrn Christoph Pechlin in aller Förmlichkeit vorzustellen zu lassen. Der Friede war geschlossen, und – »Geben Sie mir Ihren Arm, Sir!« sprach Miß Christabel Eddish zu ihrem Freunde. – – Das Wirtshaus zur Krone im Dorfe Rothenberg besitzt eine reizende kleine Laube dicht an der Wand des Hauses und am schroffen Bergabfall. Ans ihr genießt man einen wunderhübschen Blick auf das Ulbacher Tal, das Dorf Ulbach und die gegenüberliegenden Höhen. Höchstens vier Menschen haben an dem Tischchen in der Laube Platz, und für Drei genügt sie vollkommen. Mit grünem und buntem Laube, mit Sonnenschein und weißen und roten Trauben war der enge Talkessel bis an den Rand gefüllt, und oben am Rande in der Laube saßen Christoph und Christabel an der einen Seite des schlechten Tisches, und ihnen gegenüber auf der anderen Bank saß Michel Alexandrowitsch Tumboffski, und zwischen dem Kleeblatt funkelte es rot vom Ulbacher Vorjährigen aus der Flasche und dem Glase und duftete es käsig. Den Emmenthaler hatte der Pope sich bringen lassen, nachdem er dem Paare ihm gegenüber seinen Segen gegeben hatte, und Christabel war nicht imstande, heute abend noch einmal die Nase zu rümpfen. Inhaltvolle Worte waren aus dem Wege von der Kapelle bis in die Krone gesprochen worden, und Alexandrowitsch hinter dem Freunde und der besänftigten Feindin hertrippelnd, hatte alle fünf Schritte die fröhlichen Äuglein zum Himmel emporgehoben, den Kopf geschüttelt und den Finger an die Nase gelegt: Dieses hatte er seinem Freunde Pechle jedenfalls nicht zugetraut! ... Und Miß Christabel in der Laube! Wenn alle Glocken im Lande Schwaben das Wunder ein- und ausgeläutet hätten, so würde das zwar eine verdiente Anerkennung der ungeheuren Tatsache bedeutet haben; allein auch nicht mehr. Nur durch den Druck und die Schnellpresse vermag dem großen Faktum Genüge geleistet werden, und das besorgen wir ! Glaubet, o ihr Geschlechter der Menschen: es verhielt sich in der Tat so; grade als die Sonne unterging, als alle Berge wiederum einmal im feurigsten Lichte lagen, hatte der russische Gottesmann Michel Alexandrowitsch Tumboffski dem deutsch-englischen Paare seinen Segen gegeben, – – – und nimmer hatte die Sonne widerstrebender von dem Blick auf das Dorf Rothenberg Abschied genommen, sie, die ihre Planeten beleuchtete und auf ihren Planeten feuerspeiende Berge, mit Sturm genommene Städte und meilenweite Schlachtfelder in Hülle und Fülle sah, ohne je den Wunsch zu haben, ein Ding noch länger, als es ihr möglich war, zu betrachten. – Und nach dem Sonnenuntergang wurde es allgemach dunkel, sowohl in Ulbach im Tal wie in Rothenberg auf der Höhe, sowohl in Obertürkheim wie in Untertürkheim. Und daß der Mond in dieser Nacht nicht schien, das war noch viel schöner für Christoph und Christabel, als wenn er mit verdoppeltem Glanze das nachgeholt haben würde, was die Sonne zu ihrem unaussprechlichen Leidwesen versäumen mußte. Es wurde sogar ein sehr dunkler Abend. Selbst Alexandrowitschle vermochte kaum seine Behausung zu finden, und – Christoph hatte Christabel nach Untertürkheim den Berg hinunter zu führen. Viele selige Leute sind den steilen Pfad vor ihm hinuntergestolpert, ein sonderbarerer Seliger als er wahrscheinlich noch niemals. Ein biedermännischer betrunkener Bär, der sich, seinen Gesellen gegenüber, bewußt ist, einer Gazelle, einem schlanken Reh, einer graziösen Ziege, statt sie zu fressen, eine Liebeserklärung und einen Heiratsantrag gemacht zu haben, und der jeden Augenblick befürchtet, von der rauhhaarigen Brüderschaft darüber zur Rede gestellt zu werden, mochte sich ähnlich in seinem Pelze fühlen, wie Herr Christoph Pechlin in seiner Haut. Das war es aber nicht allein. Pechle war nicht nur verlegen, nein er befand sich zu gleicher Zeit sehr wohl, – ganz außergewöhnlich in seiner Eitelkeit gekitzelt. Er war wirklich selig, und wenn ihn ein ironischer Waldgenosse auf sein Glück mit verzogener Schnauze angeredet haben würde, so würde er – Christoph Pechle – seiner Verlegenheit unbedingt durch eine gigantische Grobheit gegen den Gratulanten Luft gemacht haben. Er würde imstande gewesen sein, selbst mit Christabel am Arm – in Christabels Gegenwart – vor Christabels süßen Ohren das drastische Wort, mit welchem der Kernmensch unberufene Insinuationen und so weiter am liebsten abweist, unverzüglich in Anwendung zu bringen. Er würde einfach gesagt haben – nein, sagen wir es doch lieber nicht, was er gesagt haben würde! Christoph Pechlin war selig. Und wenn der Bär einmal sentimental wird und sein Herz verschenkt, so fühlt er Wonne, wie kein anderes, tierisch sich fortpflanzendes Geschöpf. Dazu imponiert er sich selber in der Tiefe seiner Seele ungeheuer. Es ist da etwas über ihn gekommen, was er seiner Natur trotz seinem täppischen Selbstbewußtsein im letzten Grunde doch nicht zutraute. Und das war nicht allein über ihn gekommen, nein, er hatte es selbst gemacht, fertig gebracht und konnte es nun selber in den Merkur setzen lassen. O fassen wir ihn im Ganzen und Vollen! War er nicht ein Dichter? Hatte er nicht Gedichte gemacht? Hatte er dieselben etwa nicht auf seine eigenen Kosten drucken lassen? Hatte er dieselben nicht als Kommissionsartikel einem Buchhändler zum Verschleiß anvertraut, und war er von dem Manne nicht mehrere Male aufgefordert worden, die Auflage doch lieber wieder an sich zu nehmen und den Vertrieb selber zu bewerkstelligen? Waren es nicht siebenhundertundneundneunnzig Exemplare, welche im Dunkel des Lagers vergilbten, und trug er nicht das achthundertste hinten in der Rocktasche? Ja, freilich es verhielt sich das alles so – achthundertfältig lag ihm seine Lyrik auf der Seele, und trotzdem – trotz alledem fühlte er sich auf seinem Wege vom Rothenberge nach Untertürkheim hinab nicht als Poet; nein, er war es diesmal! er war es in dieser Stunde wirklich! Die goldenen magischen Ströme ertränkten ihn fast; daß er so zu fühlen verstehe, hatte er wahrlich nicht gewußt, wenn er seine Verse machte; hatte er nicht geahnet, als er sich nach einem Verleger umsah: ach, und um so mehr war es zu bedauern, daß er in dieser Stunde des Wunders mit seinen Gefühlen so sehr – so sehr – so kläglich und jammervoll an – die Unrechte kam. Miß Christabel dachte an kuriose Dinge, als sie auf dem steilen Pfade an seinem braven Arme hing; und als sie am Eingange des Dorfes Abschied von ihm nahm und sagte: »Good night, dearest, and the Lord bless you! Gute Nacht, mein Teuerster, und unser Herrgott möge dich segnen!« da war es in der Tat die höchste Zeit, daß der Herrgott sich Pechles annahm. Er selber, unser Freund, Herr Christoph Pechlin, hatte sich in der Laube des Wirtshauses zur Krone da oben auf dem Berge, unter den Auspizien Michael Alexandrowitsch Tumboffskis für eine geraume Zeit aufgegeben. Das war ein Abend! und welche andere Abende folgten auf diesen so sehr ereignisreichen! Nicht nur Abende, sondern auch allerlei Morgen und Mittage; bis eines Morgens der Jubel über den schwäbischen Hügeln losbrach, und die Weinlese im vollen Ernste begann. O Herbst am Neckar! o neuer Wein und junge Liebe! o Christoph und Christabel! Wie griff der Poet auf allen Wegen und Stegen, im Sitzen und Stehen, und, vor allem, in schlaflosen Nächten auf dem Rücken liegend, in seine Leier! Welche Töne, welche Melodien entlockte er seinem Lieblingsinstrumente – acht Tage lang. Am achten Tage nach der Verlobung in der Laube auf dem Rothenberge, unter einem Gebüsch am murmelnden Strome sitzend, wagte es Pechle, sein Tongerät zum ersten Mal vor seiner Verlobten aus der Tasche zu ziehen, machte er sie auch mit diesem seinem eigentümlichsten Talente bekannt – spielte er ihr etwas vor, und hatte nach Hervorbringung der ersten summenden Töne mitten im Takte abzubrechen und unermeßlich zu erstaunen. Miß Christabel Eddish saß versteinert neben ihm, und nachdem Pechle während einer angsthaften Minute geglaubt hatte, ihr sei unwohl geworden, gelangte er zu seinem Entsetzen zu der Gewißheit, daß er selbst sie unwohl gemacht habe. Die Versteinerung der Jungfrau löste sich durch einen schrillen Schrei; und was ächzte Christabel, als sie nach dem Schrei die ersten artikulierten Worte fand? »Oh! that is horrible! fürchterlich ist das! that is indelicate! Oh, he performs on the Jew's harp! ach, oh die Maul – die Mund – er spielt die Mund-Trommel! oh dear, dear, dear! Ich hatte das vergessen – ich hatte das ganz und gar vergessen, o Lieber – Liebster, dieses Instrument wirst du nicht weiter spielen – du wirst es mir geben, bitte, und ich werde –« Sie hatte nicht nötig zu sagen, was sie tun werde. Die Tat genügte schon, und jetzt hatte Christoph Pechlin das Recht, zu versteinern. »Was war, was ist denn das?« sagten die Fische im Neckar, die sonst gewöhnlich stumm sind; wir aber wissen, was es war, was zu ihnen hineinflog in die blaue poetische Flut, und versank, wie schon so manches in Strom und Meer versunken ist, und zwar meistens auf Nimmerwiederauftauchen oder Aufgefischtwerden. – Das neunundzwanzigste Kapitel. O Herbst am Neckar! o neuer Wein und junge Liebe! In der vierten Woche nach jenem seligen Augenblicke und ineinander überquillenden Seelenüberschwang auf der Höhe, begegnete man sich im Tal – trafen Christoph und Christabel mit Ferdinand und Lucie im Kursaal zu Cannstatt zusammen, fanden Lucie und Christabel einander wieder, und Christoph und Ferdinand einander gleichfalls. – – – Drei Gedankenstriche, eine Fermate, eine Pause und ein Paukenschlag werden genügen, die Welt unserer Zuschauer und Zuhörer auf die Wichtigkeit des Momentes aufmerksam zu machen. Sie trafen, nachdem der Baron und die Baronin vierzehn Tage lang sich vergeblich umgesehen hatten, zusammen in dem Kursaale zu Cannstatt und zwar an einem wunderschönen Nachmittage im Anfange des Oktobers. Und wer den Kursaal in Cannstatt kennt, der weiß, daß dies der einzige Ort im Universum war, der dem bedeutenden Augenblick in jeder Hinsicht genügte. Der Mittelpunkt des steinigten Arabiens oder der Wüste Kobi, die wüsteste Stelle der Wüste Sahara, der ausgebrannteste Krater eines abgestorbenen Fixsternes oder Planeten würden an Öde und Einsamkeit für diese Begegnung nicht die Hälfte dessen geboten haben, was der Kursaal in Cannstatt an diesem herrlichen, sonnigen Oktobernachmittage leistete. Ach Leser du, der du an einer körperlichen oder geistigen Überfüllung krankest und dich demzufolge nach dem Gegenteil davon sehnst, und es für das Behaglichere hältst, lerne den horror vacui kennen, indem du an einem schönen Frühlings-, Sommer- oder Herbst-Nachmittage dich aufmachst und den Kursaal zu Cannstatt besuchst. Du wirst ihn kennen lernen, den Schrecken der Einsamkeit, das Grauen der Öde, den Schauder und Schauer der Leere. Ohim und Zihim wenigstens belebten doch die von Jehovah verfluchten jüdischen und heidnischen Städte, Gemeinwesen und Versammlungsstätten der Menschen; allein selbst Ohim und Zihim und Wald- und Bergteufel vermeiden den Kursaal zu Cannstatt. O Leser, auf dem Bahnhofe zu Bruchsal gibt es einen Portier, den lerne kennen und sieh dir nachher aus bescheidener Ferne den Portier am Kursaale zu Cannstatt an. Wenn dir dann der Unterschied zwischen Bewegung und Ruhe, zwischen Laufen und Stillstehen, zwischen Leben und Tod nicht deutlich wird; dann bedauere ich dich nicht, sondern ich beneide dich im vollsten Maße um die behagliche Stupidität, mit welcher du in der Welt Erscheinung und Darstellung unergriffen hineinschauen darfst. Zur Zeit der Abfassung der Vedas, oder vielleicht auch noch vor dieser Zeit, also jedenfalls vor langen, langen Jahren, gab es in einem unermeßlichen, durch jahrhundertlange rastlose Arbeit ausgehöhlten, unterirdischen, indischen Felsen-Tempelsaale auch einen Wächter in einem langen Amtsrocke, mit einem langen und breiten schwarzen Barte, einem mit hieroglyphischen Zeichen und Sinnbildern gestickten breiten Bandelier und einem langen, metallbeknopften Stabe mit einer Troddel. Dieser Mann war mit einem guten Gehalt, jedoch unter der Bedingung angestellt, nimmer während seiner Amtsdauer das dunkle Gewölbe zu verlassen. Dieser Mann war verheiratet, und er wußte, daß ihn seine Frau nach Ablauf seiner jahrelangen Wache draußen unter den Palmen, Sykomoren und im Sonnenlichte des Ostens erwartete; aber was sie während der Zeit seiner Abwesenheit in der Tiefe der Erde sonst trieb auf der Oberfläche, das wußte er nicht und – er blieb doch. Er blieb und sah nicht einmal durch die Türritze oder einen Felsenspalt in den Sonnenschein hinaus. Er blieb und wurde, auf Brahma und Brahmaputra vertrauend, nur von Tag zu Tage, oder vielmehr von Nacht zu Nacht ernster. Er blieb in ruhiger, gehaltener Sicherheit, die gewaltigen Hallen und elephantengetragenen Wölbungen still durchwandernd. Durchwandernd? nein, er blieb – ernsthaft und ehrwürdig, meistens stillstehend, gelehnt in geisterhafter Hoheit auf seinen Amtsstab. Er blieb und weckte, was ihn betraf, nimmer das Echo in dem Heiligtume. Er blieb und stand still und stumm mitten in der Tempelstille, und er war – ein Monstrum von ausgelassener Heiterkeit, von schäkerhaftem Humor, von frivoler Lustigkeit und von tollem Mutwillen gegen den Wächter am Kursaale zu Cannstatt. Er war ein hinterindischer Hanswurst, Harlekin und Buffone gegen den schwäbischen langröckigen Stabträger, der den Saal verlassen darf, wahrscheinlich auch verheiratet ist, den kein Kontrakt hindert, jeden Abend zu seinem Weibe nach Hause zu gehen, und der den Saal – jedesmal verläßt, sobald ein vorwitziger Weltling es wagt, die Nase hineinzustecken, oder nur durch das hohe Fenster hineinzugucken. Den Anblick eines Menschen in seinem Reich verträgt dieser Portier nicht; kaum hält er dem sich dann und wann in das Lokal verirrenden Hunde gegenüber seinen Platz fest. Einem Menschen gegenüber traut dieser durch die Schwere und den Ernst seines furchtbaren Amtes niedergedrückte Mann der Stärke seines Charakters nicht. Er hat leider die Paragraphen seines Bestallungsbriefes zu Hause schriftlich, und er hat sie noch dazu, auswendig gelernt, im Kopfe, deshalb geht er lieber, als daß er bleibt, wenn ein Mensch sich zeigt; denn er ist diesem Menschen und unberufenen Eindringling gegenüber nicht berechtigt von seinem messingbeschlagenen Amtsstabe Gebrauch zu machen. Er darf den unseligen Entweiher des Mysteriums nicht durch einen Schlag mit diesem Stabe sofort zu Boden strecken. Langsam, wilden Blickes und gänzlich zerknirscht entweicht er und überläßt es, seiner Instruktion folgend, dem Gott des Schweigens, dem Gott Horus, dem Gott des Ortes, selber das Sakrilegium zu rächen, Zwei Türen hat der Kursaal zu Cannstatt, einander gegenüber an den Langseiten des Gebäudes gelegen, die eine westlich der Stadt und dem Neckar, die andere östlich der Säuerlingsquelle und dem Sulzerrain zu. Der Portier, im Hintergrunde des Saales am Getäfel lehnend, beobachtet beide angsthaft-zornig. Und die Oktobersonne schien in den Saal und auf den gespannt lauschenden Horuswächter, dessen indischer Kollege es in dieser Hinsicht besser hatte, da in den Felsentempel die Sonne nicht hineinschien. Die Sonne aber sah auch das Zusammenschauern des Portiers am Kursaale zu Cannstatt: vier Menschen traten auf einmal in die heilige Halle! ... Vier Menschen – zwei durch die südwestliche Pforte, zwei durch die nordöstliche: Lucie und Ferdinand von Rippgen in die eine Tür, Miß Christabel Eddish und Herr Christoph Pechlin in die andere! ... Alle vier Tempelentheiliger gaben durch einen unwillkürlich sich ihnen entringenden Schrei ihre Verwunderung zu erkennen; – der Tempelwächter im Hintergrunde aber stieß nur ein dumpfes Stöhnen aus, nahm seinen Stab unter den Arm, zog das Haupt zwischen die Schultern, schlich tastend die Wände entlang, stürzte sich zwischen Christabel und Christoph hindurch und entfloh mit dem Ausrufe: »Dees ischt d' Möglichkeit!« ... »All ihr Gestirne!« stammelte Lucie von Rippgen. »Ihr Gestirne!« wiederholte leis zitternd das Echo des weiten, öden, leeren Saales, und beide, sowohl die Baronin wie die Göttin des Widerhalls konnten Gründe für ihre Kundgebung angeben. Doch hoch aufgerichtet, glänzenden Auges, stattlichen Schrittes, ihren Begleiter widerstandslos mit sich führend, und seltsamerweise wie auch sonst schon mit den Zähnen des Oberkiefers leise die Unterlippe bespielend schritt die Engländerin auf die deutsche, die Dresdener Freundin los, ließ für einen Augenblick den Exstiftler frei und legte beide Arme um den Nacken der Baronin mit der festen Intention, die Sachlage auf der Stelle und ohne jegliches schämige und verlegene Schwanken und Zaudern so bestimmt, fest, klar und deutlich darzulegen und hinzustellen, als es ihr nur möglich war. »O Darling! Geliebte! hab' ich dich?! hab' ich dich wieder!« »Aber Christabel –« »O Lucy, Lucy, Lucy, hundert Billets mit deiner Adresse hab' ich zerrissen – in the dead of night, in den mitternächtigen Stunden zerrissen, weil ich wußte, daß wir uns doch endlich wiedersehen würden. Er – er – Christopher wollte es in die Papers, in die Zeitung bringen; aber ich wollte nicht, weil ich es fand undelikat. Siehst du, wie vergnügt ich nun bin, da ich dich hier treffe, so ganz allein? Erlaube mir, daß ich dir –« »O, gar nicht nötig! ich fasse dich ganz! ... ich begreife alles, alles vollständig!« sprach die Freifrau mit versteinernder Kühle. »Ferdinand, ich bitte dich, dich zu freuen, und deine Freude kund zu geben. Nun?! so gratuliere doch dem Herrn Doktor! ... O Christabel???!!!« »Nicht wahr, es ist sehr, sehr merkwürdig?« fragte Miß Christabel, die Arme fester um den Hals der Freundin legend, und Lucy nickte, – nickte krampfhaft und stöhnte endlich – endlich mit einem Kusse: »Ja!... und – ich – wünsche – dir ebenfalls alles Glück – alles Glück – von Herzen!« Während alledem stand Ferdinand von Rippgen sprachlos da, und sah durch den Nebel vor seinen Augen die ganze Welt im Tanz, und inmitten des Gewirbels seinen Freund und Studiengenossen Pechle als Angel- und Schwenk-Punkt unbeweglich. Ja, unbeweglich! Starr und unbeweglich stand Pechle da; und wie stand er außerdem da? Natürlich wie es sich gehörte, mit dottergelben Handschuhen an den niederhängenden Händen, mit einem an einem schwarzen Bande über die modernste Weste niederbaumelnden Augenglase, welches sich wie das Miß Christabels auf der Nase festdrücken ließ. Wunderschön stand er da, doch in seiner Schönheit und dem eleganten Herbstkostüm ein wenig schlapp und zusammengeschrumpelt, kurz, beinahe schon gänzlich in die Form gegossen, die fast jeglicher Dame an den Männern und unbedingt den meisten an ihrem Bräutigam gefällt. Der Baron, dem im Laufe seiner Ehe gewißlich gelehrt worden war, an allerlei Luftgestalten, Trugbilder, Schatten und Schattenwerke, die er als Junggeselle unbedingt für das, was sie waren, genommen hätte, zu glauben, glaubte im ersten Augenblick an seinen Freund Pechle nicht. Dieses sollte der Mann sein, hinter dessen breiten Rücken er sich in seinen Jünglingsjahren so häufig und stets mit dem besten Erfolg in Sicherheit gebracht hatte? Nimmermehr! Dieses sollte der Mann sein, den er als den alten ehrlichen und dickhäutigen Riesen aus seinen Jugendtagen wiedergefunden zu haben glaubte? Zu dem er nächtlicher und höchst verstohlener Weise um Rat, Trost und Aufrichtung in seinen häuslichen Herdfeuer-Ängsten und -Nöten die Treppe hinaufgeschlichen war? Nimmermehr! Das sollte der Mensch sein, der zu ihm die Treppe herabgekommen war, gegen den Willen der Gattin, – der sich unbefangen, breitlachend von einem Ohre zum andern, hingesetzt hatte und zwar auf den Stuhl, auf dem die Baronin, auf dem sie – sie zu sitzen gewohnt war? Der seinem, Ferdinand von Rippgens, Weibe Trotz geboten und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen gewagt hatte, bis in die Kissen ihres Diwans hinein? Nimmermehr! Nimmermehr! Denn dieser Mann sah aus, als ob in der nächsten Minute sie – Lucie von Rippgen – keinen Anstand nehmen werde, sich nach seinem Befinden, dem Befinden dieses Phantasmas, zu erkundigen und sich also zu rächen, wie ein geistreiches Weib sich zu rächen versteht. – – Der Baron Ferdinand hatte Lust, traute sich den Mut zu, sich von der Wirklichkeit des vor ihm stehenden, von einem Fuße auf den anderen sich wiegenden Phantoms zu überzeugen. Er verspürte ein Kitzeln in den Fingerspitzen, dieses ihn wie blödsinnig anlächelnde und die gelbbehandschuhten Hände fortwährend um einander drehende Wesen anzutippen, um sich so durch den Tastsinn wenigstens zu vergewissern, daß der Spuk, das, was er an Fleisch und Blut und sonstigem Zubehör in die Welt der Erscheinung trug, wirklich als seinen realen Besitz dartun konnte. Und doch wieder, als ihm, dem Zögernden, das Gespenst nun endlich selber die Hand zum verlegenen Gruße hinhielt, wagte er es kaum, die eigene Hand in das schemenhafte Glied dessen, was sein Freund Pechle zu sein sich den Anschein gab, hineinzulegen. Der Schauder war zu groß, und die Veränderung, die mit Herrn Christoph Pechlin aus Waldenbuch im Schönbuch in der letzten Zeit, das heißt, in den Tagen seines jungen Glücks vorgegangen war, zu merkwürdig! – Als er es endlich doch wagte, da das spukhafte Wesen es als eine Gnade und Güte zu erbitten schien, entquoll mit der Handlung auch ihm das erste Wort. »O Christoph!« flüsterte er leise. »Grüeß di Gott, Alterle!« sagte Christoph Pechle darauf, und zwar ganz und gar ohne den gewohnten Nachdruck, und ohne daß wie sonst die umgebende Atmosphäre in Schwingungen geriet. Aber die Baronin? Was ging urplötzlich mit der Freifrau Lucie von Rippgen vor? Welch ein Zustand, was für eine Erwägung, welche Erkenntnis und was für ein Taumel kam plötzlich über die Freundin der Freundin, über Lucie ihrer Christabel gegenüber? Was packte sie an? Nichts! Aber sie selber faßte zu und ergriff nicht nur die Freundin, sondern den großen eigentümlichen Moment nach allen Richtungen hin. Denn, nachdem sie den Stiftler und die britische Jünglingin eine geraume Weile zweifelnd sich angesehen hatte, wurde sie mit einem Male von einem völligen Paroxysmus überströmender Herzlichkeit und wild hinschießenden Entzückens überwältigt. Sie breitete die Arme der allmählich ein wenig empfindlich mit der Fußspitze den Takt zu ihren Gefühlen schlagenden Jungfrau entgegen. Sie stürzte sich auf die hohe Jungfrau und schloß sie in ihre Arme. Sie ließ sie nicht los, sie konnte sie fürs erste nicht loslassen aus diesen zitternden Armen. Immer von neuem mußte sie das süße Mädchen herzen, küssen, drücken und ihm Glück wünschen. »Ach Christabel, böse, liebe Christabel! O Herz, wie freue ich mich deines Glückes! Ihr bösen, bösen Kinder, und das habt ihr getan so ganz heimlich, so ganz hinter meinem Rücken? Es ist unverzeihlich, o, es ist recht unartig, recht häßlich, Christabel!« »O yes, but I will never do it again!« sagte Miß Christabel Eddish sehr ruhig, kühl und gefaßt. »Ja, es war sehr unartig, und ich will es auch nicht wieder tun; doch Christopher war schuld daran!« »Siehst du, so ist es immer!« rief Lucia. »Und was hätte ich euch auch zu verzeihen, ihr armen, lieben Kinder? Herr Doktor, meinen herzlichsten Glückwunsch! Wenn Sie es einmal über das Herz bringen konnten, mir meine Freundin, meine süßeste Mimose, meine stolze, meine starke Christabel so zu entführen, so – geben Sie mir jetzt wenigstens die Hand, und lassen Sie auch uns Freunde sein, lassen Sie uns nachträglich Freunde werden.« »Gnädige Frau –« stammelte Pechle verwirrt; doch er kam nicht weiter. »Das ist recht, da habe ich Ihre Hand und werde sie von nun an festhalten. Sehen Sie, lieber, guter Herr Pechlin, ich bin immer offen und verhehle niemand meine Abneigung oder Zuneigung; und heute, jetzt, in dieser holden Minute, mag ich Ihnen wohl dreist gestehen, daß – daß wir – uns – sehr häufig – nicht verstanden haben. Doch das liegt von jetzt an hinter uns, und nun müssen Sie auch mein Freund sein, guter Doktor, und nicht bloß der meines Mannes. O Herr Pechlin, Herr Doktor, seien Sie versichert, daß von diesem Moment an niemand in der ganzen Welt einen innigeren Anteil an Ihrem Glücke nimmt als ich, als die Gattin Ihres Freundes Ferdinand. Nicht wahr, nicht wahr, wir sind nun Freunde? Herzliche, liebe, offene Freunde? O Pechlin, wann führen Sie uns Ihre Braut, Ihre süße Braut, meine Christabel, zum ersten Mal zu? Ich habe nicht eher Ruhe, als bis wir uns einmal so ganz, ganz, ganz und vollkommen gegeneinander ausgesprochen haben.« »Morgen – morgen schon, nicht wahr, lieber Christy?« sprach Christabel, und Mr. Christoph, Christopher, Christy Pechle ließ einen matten dumpfen Laut hören, der alles sein konnte, aber von der holden Verlobten natürlicherweise als unbedingte Bejahung genommen wurde, und auf den hin die Baronin Lucie von Rippgen nunmehr beinahe auch dem Doktor Pechlin den Arm um den Hals gelegt hätte, um in unbezwinglicher Rührung Lippe auf Lippe bequemer drücken zu können. Den Gatten erinnerte das Gebaren seiner Frau dunkel an irgendein Kapitel aus den naturgeschichtlichen Studien seiner Kindheitsjahre. Daß die Sache in den von den Fledermäusen handelnden Abschnitt gehöre, wußte er; allein auf den Namen der betreffenden Kreatur konnte er sich trotz allen Abgrübelns nicht besinnen. Er wußte nur, daß sie sog und es verstand, sich vollzusaugen und einen andern leer. Das dreißigste Kapitel. Sie verlebten in Cannstatt und in den Gärten des Inselbades in Berg einen reizenden Nachmittag mitsammen; allein zu dem, was die Frau Lucie »Sich gegenseitig ansprechen« nannte, kamen sie natürlich nicht. Wie hätten ihre Seelen sich in dem Menschengetriebe und unter der Musik der Kurkapelle und der sonstigen militärischen und zivilistischen Blechmusik ineinander ergießen können? Seelen, die auf die Flöte und die Geige gestimmt sind, verschließen sich hermetisch vor dem Blech, dem schrillen Metall, und Lucie und – Christoph Pechle waren auf etwas noch viel Zarteres als Geige und Flöte gestimmt. Sie, und diesmal Lucie und Christabel, trennten sich in stummen Zuckungen, als es Abend wurde, und mit dem Abend das erste Gefühl feucht-herbstlicher Kühle doch die Körper durchschauerte. Sie sagten sich: »Morgen!« und faßten Unendliches in dem kleinen Worte zusammen. Auf der Heimfahrt aber, im Eisenbahnwagen, fragte die gnädige Frau ihren Ferdinand: »Nun, wie findest du denn dieses?« »Oh! Ich ...« »Nun denn, wenn du lauge genug über deine Antwort nachgedacht hast, so muß ich dir bemerken, daß ich dich wieder einmal durchaus nicht fasse.« »Wieso, Liebe?« »Insofern, als ich einem Freunde gegenüber und vorzüglich während der letzten Wochen doch mehr Teilnahme an den Tag gelegt haben würde, als wie du gezeigt hast.« Ferdinand sperrte wieder einmal den Mund auf. »Das ist so, und ich halte fest an meiner Behauptung: das ist Männerfreundschaft! Du wirst mir zugestehen, Ferdinand, daß kaum ein Tag vorüberging, an welchem ich nicht die Rede auf den gräßlichen Menschen, auf den Doktor, auf deinen Freund brachte; aber sprich: hast du nur ein einziges Mal dich über ihn gewundert? Hast du mit dem winzigsten Worte dein Erstaunen über das Verschwinden des Ungeheuers kundgegeben? Gefühllos, gleichgültig, gelangweilt hast du mich reden, hast du mich suchen lassen! Ja, das ist Männerfreundschaft! Das bedeutet Freundschaft zwischen Männern!« »Aber Beste –« »Ich bitte dich, kein Aber mehr. Es verhielt sich so, wie ich sage, und du hast heute kaum das Recht, überrascht zu tun über das, was wir eben gesehen und gehört haben. Daß es überraschend, daß es im höchsten Grade überraschend ist, wer kann daran zweifeln? Und nun ein Wort für Tausende: ich hatte nie das geringste gegen deinen Umgang mit dem höchst interessanten, geistreichen und so herzlich heiteren Freunde einzuwenden, und – hörst du auch? – und ich wünsche in keiner Weise, daß du den Verkehr mit ihm abbrächest! Hörst du? Und du wirst ihm sagen, wie ich über ihn denke, wie herzlich er mir immer willkommen war, und welch ein gutes Leben wir und er und Christabel, meine Christabel, miteinander führen werden! Nicht wahr, du wirst es ihm sagen, wenn ihr wieder einmal zusammen allein – unter euch seid und sitzt?!« »Aber mein Herz, das ist ja der höchste Wunsch, den ich während unseres Stuttgarter Aufenthaltes kaum zu äußern wagte!« rief der königlich sächsische Beamte außer Dienst, der neben der Freifrau saß, und verschob, überwältigt von dem eben Vernommenen, unfähig sich deshalb zu fassen, sein Nachdenken darüber auf die Stunde der Mitternacht, wo er sich mit seinem Kopfkissen und den größten Fragen seines individuellen Daseins allein befand, wenn er nicht schlief und damit im Leben und Kreisen des Daseins überhaupt versunken war. – Am nächsten Mittage kamen Christoph und Christabel von Ober- und Untertürkheim in die Stadt und speisten bei Ferdinand und Lucie. Auch Virginy kam zu weiterem Schutze ihrer Herrin mit herüber und tauschte mit Charlotten, mit welcher übrigens auch die Baronin ihre Gedanken ausgetauscht hatte, ihre Gedanken aus. Sie hatten sich alle etwas zu sagen, und sie sagten einander unermeßlich vieles mehr, sowohl am Tische der Herrschaften, wie der Dienerinnen. Und sie, die liebenswürdig sein konnte wie kein anderes Weib deutscher Nation, sie, die Baronin Lucie von Rippgen, hatte noch nie in ihrem Leben gegen irgend jemand eine so bezaubernde Freundlichkeit und Innigkeit gezeigt, wie die, mit welcher sie heute, bei diesem Mittagsessen, Herrn Christoph Pechlin beglückte. Und sie wurde immer liebenswürdiger und inniger, je weniger Appetit der glückliche Verlobte den Delikatessen des Diners und der Delikatesse der lächelnden, gütigen Wirtin gegenüber beweisen konnte. Jetzt waren die Stunden vorhanden, in welchen man sich gegeneinander aussprechen konnte, und man sprach sich aus. Wer sprach sich aus? Natürlich Christabel und Lucie! Die zartesten Fäden ihrer Charaktere hoben sie gegenseitig mit den zierlichsten Häkchen und Angeln aus dem Grunde ihrer Psychen an die Oberfläche, an das Licht. Sie küßten sich beim ersten Gruß, sie küßten sich beim Beginn der Tafel, sie küßten sich beim Nachtisch, sie küßten sich nach aufgehobener Tafel, und sie küßten sich mit immer gesteigerter Inbrunst: es war im höchsten Grade für beide Freundinnen wünschenswert, daß sie sich endlich einmal nicht mehr küßten. Als sie Abschied voneinander nahmen und sich für heute zum letzten Male küßten, wußten sie bereits ziemlich genau, wie sie sich ineinander geirrt und was sie nunmehr voneinander zu halten hatten: was Christoph und Ferdinand anbetraf, so sprachen sie sich erst vierzehn Tage später gegenseitig aus, ohne sich dabei zu küssen. – – Die Gnädige war die Güte selber, oder wurde sie vielmehr im erhöhten Maße von Tag zu Tag. Sie legte wirklich ihrem Gemahl, was den Verkehr mit dem Freunde anging, nichts mehr in den Weg. Im Gegenteil, sie ließ es sich auf alle Weise angelegen sein, ihm den Weg zu diesem Verkehre zu ebnen und angenehm zu machen. Ihre Zuvorkommenheit, ihre verbindliche Höflichkeit gegen den verwirrten Pechle nahm nicht ab, sondern schien bei jeder neuen Zusammenkunft zugenommen zu haben. Es gab nichts mehr an dem Exstiftler, was ihr nicht interessant, – im höchsten Grade ihrer Teilnahme würdig erschien; sie erkundigte sich bis ins kleinste nicht nur nach ihm selber, sondern sogar seine lieben Eltern, sein Großvater und seine Großmama waren ihr wichtig geworden. Was seine pekuniären Verhältnisse anbetraf, so waren ihr dieselben in feinfühligster Weise sehr wichtig, und eines Tages erkundigte sie sich sogar, ob er noch immer die Maultrommel spielte, und wußte für ihr Erstaunen und ihr Bedauern kaum Worte zu finden, als Pechle es – verneinen mußte. »Mein Gott, weshalb denn nicht?« rief die Baronin. »O lieber Freund, wenn Sie wüßten, wie manchen fröhlichen Augenblick mir Ihr schönes Talent verschafft hat! Es wäre doch sehr Unrecht, wenn sie diese herrliche Kunst unkultiviert liegen ließen. Weshalb aber blasen Sie denn dieses seltene Instrument nicht mehr?« Christoph Pechlin brachte es zustande, etwas von einer »schwachen Brust«, von »Dummheiten« und »abgeschmackten Junggesellenalbernheiten und Zeitvertreib« zu murmeln; sprach aber dabei zugleich zu sich selber: »Herrgottssakerment, 's ist doch grade, als ob sie damals hinter dem Busch gestanden und zugeguckt hätte! Was geht sie denn mein abgelegter alter Adam an? Das fehlte mir noch, wenn sie ihn im Graben gefunden und in ihre Garderobe gehängt hätte. Uh, – ischt dees a Lebe und wird dees a Lebe werde!« Er fügte diesmal noch nicht hinzu: »Da geh' ich nachher doch lieber nach Amerika!« aber er war nicht weit davon. Er hatte es nimmer für möglich gehalten, daß einem einzigen Menschen in so rascher Folge erst der kalte und dann der heiße Schweiß auf die Stirn treten könne, und er erfuhr es in diesen Tagen zwischen der Braut und der Freundin der Braut. Es war ein entzückender Zustand, ein Zustand, in welchem man jeden Begegnenden durchprügeln möchte, eben weil man ihn nicht für die Behaglichkeit, die Wonnen und Seligkeiten der Minute verantwortlich machen, ihm die Schuld daran zuschieben kann. – Er besuchte seinen Freund Ferdinand dann und wann; aber ach, die Treppe knarrte und schütterte nicht mehr unter seinen Tritten. Er schlich diese Treppe jetzt hinauf, atmete schwer bei dem Mühsal und hielt sich an dem Geländer. Wenn er oben war, traf er immer die Gattin bei dem Freunde; erst am vierzehnten Tage nach jenem Mittagsessen fand er den Baron allein. An diesem Tage klopfte Pechle, wie es jetzt sich ihm zu geziemen schien, schüchtern an, wurde gebeten hereinzukommen und fand – daß der Freund bei der Begrüßung – viel zu laut rede. Ach, Christoph sprach nicht mehr laut; – hohl und heiser entwand sich die einst so kraftvoll rollende Stimme den matten, belegten Lungen! Christoph Pechlin war glücklich geworden wie sein Freund Ferdinand und saß auf der Stange wie ein vom Pipps befallener Horstfinke, der vordem den groben Weidau und den Rollreuter schlug; und Ferdinand – Ferdinand setzte sich neben ihn, klopfte ihn leise und kläglich-zärtlich auf das Knie und sagte: »Willst du dir eine Zigarre anzünden, Christoph?« Mit großen Augen sah der Gefragte den Fragenden an, und der Blick war in seiner wässrigen Mattheit so tief inhaltsvoll, daß der Baron schnellstens hinzusetzte: »Meine Frau ist nicht zu Hause. Sie ist zu deiner lieben Braut gefahren. Aber – aber sie hat auch sonst nichts mehr dagegen. Ei ja, sieh mich doch nicht so an! Sie will, daß ich dir den Aufenthalt bei uns so behaglich als möglich mache. O, du hast keinen Begriff davon, wie gut, wie lieb sie seit einiger Zeit ist! Ich habe wahrhaftig halcyonische Tage; aber gottlob, auch du wirst ja nun bald erfahren, wie behaglich einem der häusliche Herd gemacht werden kann.« »Ich danke – ich rauche nicht!« sprach Christoph Pechlin mit einem solchen Seufzer, daß der Baron seinen Sessel drei Schritte weit zurückschob. »Lieber Freund?!« »Deine Frau ist also wirklich nicht zu Hause?« »Auf Ehre!« »Und sie hat wirklich nichts dagegen einzuwenden, daß ich mir hier – auf der Stelle – in ihrem Salon – eine Zigarre anzünde?« »Christoph, sie wünscht es sogar. Sieh, sie hat mir sogar dies elegante Mahagonikästchen, gefüllt mit einem recht guten Blatt für deinen Gebrauch hierher gestellt. Christoph, ich rauche hier selber.« »Mensch,« schrie der Exstiftler gellend, »Mensch, du bist sogar autorisiert, dir und mir, wenn die Behaglichkeit es sonst erfordern sollte, wenn die Gemütlichkeit dadurch erhöht werden könnte, ein Glas Grog, ein Glas Punsch – einen Eierpunsch anzubieten – zu – brauen?! Du bist mit den dazu gehörigen Materialien versehen?! Du hast jetzt die Schlüssel zum Keller?!« Diesmal sah wieder der Baron den Freund in Erstarrung an: »Ja – aber – woher – woher weißt du dies? – wer hat dir das gesagt? Ja – ei ja, du hast freilich recht, Christoph!« Pechle war aufgesprungen, hatte die Weste aufgeknöpft, war sich mit beiden Händen durch die Haare gefahren, und schritt noch einmal mit dem alten, weit ausgreifenden Schritt über den weichen blumigen Teppich hin und her. Die Erregung trieb ihn auf; aber die Reaktion trat nur zu bald ein. Sein Rücken krümmte sich von neuem, mit untergeschlagenen Armen blieb er vor dem Freunde stehen und sprach mit matter ergebener Stimme: »Das ist das entsetzlichste Weib, welches mir jemals quer über den Weg gegangen ist. Nimm es mir nicht übel, Rippgen; aber mir selber ist sehr übel zumute. Das ist eine Teufelin, Ferdinand! dein Weib – ja, deine Gattin ist eine Valandin, Rippgen! O diese Tiefe des Hohnes, des Hasses, des schadenfrohen, grinsenden, zähnefletschenden Triumphes überbietet alles! Ha, wenn ich daran denke, daß ich mich jemals über einen – politischen Gegner aufgehalten habe, ohrfeigen möcht' ich mich darum! Ich sage dir, Rippgen, deine Frau ist eine Dämo –« Eine helle Glocke, ein Rauschen und ein silbertöniges Gelächter draußen auf dem Gange! Ein Niederfallen Christophs in den nächsten Sessel und ein jaches Aufspringen Ferdinands! »Still! ich weiß nicht, was du in deiner Exaltation gesagt hast, und was du sagen wolltest; aber – eben ist sie nach Hause gekommen!« Das Wort und die Warnung waren kaum den Lippen entflohen, als sie, Lucie von Rippgen, in einer Flut von Sonnenlicht, Lächeln und Heiterkeit hereinwogte; ja, lächelnd und das Gemach mit Wohlduft, Lebenswonne und dem sonoren Ausruf füllend: »Ah, endlich doch einmal wieder! Aber liebster, bester, weisester aller Doktoren, seit einem Jahrhundert hat man Sie ja nicht gesehen –« »Seit vorgestern!« brummte Pechle. »Und wie sehr hab' ich gestern, den ganzen, lieben, langen Tag auf Sie gewartet. Hüten Sie sich, ich komme von Christabel, und wir haben von nichts anderem geredet als von Ihnen, und Christabel hat nichts dagegen, daß auch ich mich ein kein wenig zu Ihrer Hüterin aufwerfe, Sie häßlicher, unartiger Freund und Herr!« »Gnädige Frau!« »O nein, sehr ungnädige Frau, mein Bester! Glauben Sie etwa nicht, daß ich scherze; ich nehme mein Hüteramt sehr ernst und werde jedesmal zu richtiger Zeit den Finger erheben und du! du! sagen. Aber da – fürs erste nehmen Sie doch meine ganze Hand und seien Sie mir herzlich willkommen. Ich war eben bei Christabel, und ich komme in immer höherem Entzücken von ihr, Sie Böser! Mein Gott, ich fühle mich euch beiden Kindern gegenüber so alt, so mütterlich; ach, lieber Herr Pechlin, wissen Sie, ahnen Sie wirklich so recht, recht, so ganz im ganzen, wie glücklich mich diese unerwartete Wendung in allen unseren gegenseitigen Beziehungen gemacht hat?! Sie können es nicht wissen; aber selbst meine Katharina da draußen in ihrer Küche weiß es. Und nun sagen Sie mir, wie Sie es eigentlich angefangen haben, mein sprödes Mädchen, meine stolze, englische, kühle, liebe Christabel zu Ihrem Willen hinzuwenden? Sie verstummen; aber es ist auch recht, daß Sie verstummen; ich habe Christabel gleichfalls ausgefragt, und sie hat gleichfalls nur gelächelt und geschwiegen. Großer, gütiger Himmel, Ferdinand, wie siehst du denn nun wieder da? Ich bitte dich, ich beschwöre dich: sage mir doch wenigstens, wen oder was du eben wieder zu Grabe geleitet hast!? So freue dich doch! Wann willst du dich denn freuen, wenn du selbst in diesen Tagen nicht dazu imstande bist? Aber ich weiß es schon, ich brauche nur den Rücken zu wenden, und die Sonne geht auch dir auf. Nicht wahr, Herr Pechlin, wenn ich nicht zugegen bin, tut er seinen Gefühlen keinen Zwang an? Aber so seid ihr alle, alle, und nennt das männlich – würdig – charaktervoll. O ja, wir kennen das – wir armen Frauen und wissen uns darein zu schicken. Ich lasse also die Herren allein. Adieu, lieber Pechlin, morgen abend trinken wir, Ferdinand und ich, bei Ihrem Bräutchen den Tee, – es wird ein herziger Abend werden, und ich freue mich unendlich darauf.« Sie war hinausgerauscht, nachdem sie dem glücklichen Verlobten noch ein halb Dutzend Kußhände zugeworfen hatte, und der glückliche Verlobte wendete sich mit krampfig ineinander geflochtenen Händen von neuem an den Freund und ächzte: »Rippgen, deine Frau – deine Frau ist ein furchtbares, ein fürchterliches Weib! Nimm es mir nicht übel!« Uh!« stöhnte der glückliche Gatte, der heilloserweise den kläglich-wütenden Ausruf, oder vielmehr Aufschrei wirklich nicht übel nahm und nur nach einigen in vollkommener Betäubung hingebrachten Augenblicken fragte: »Und Christabel?« »Uuuh!« stöhnte Pechle, setzte den Hut auf und entschwankte schlotternd, als ob Fortuna, ihr Rad über ihn hinrollend, ihn nicht nur beseligt, sondern auch gerädert habe. Das einunddreißigste Kapitel. »Mein Väterliches hat der alte selige Herr jedenfalls selber unter die Leute gebracht, wenn dergleichen ja vorhanden gewesen ist. Ich habe wenigstens nichts davon zu Gesicht bekommen und genossen,« sprach Christoph Pechlin. »Und wie hat mir mein gut alt Mütterle vor zwei Jahren, bei ihrem seligen Abscheiden, die tausend Gulden und den Hausrat auf die Seele gebunden; aber dran muß der Mammon jetzt!« fuhr er fort. »Der Hausrat freilich ist schon längst dem allgemeinen Weltverkehr wieder übergeben; aber die tausend Gulden, – – ja, die würde ich ja mit dem allergrößesten Gusto drangeben, wenn« – – – er fuhr nicht weiter fort, sondern schwieg und bezog eine sehr anständige Junggesellenwohnung an der Königsstraße, nachdem die Tage immer kürzer, die Nächte immer länger, die Nebel immer dichter geworden waren, – kurz, nachdem es Herbst im Ernste geworden war, und Christabel den Aufenthalt in Untertürkheim für a nuisance, für eine Unerträglichkeit erklärt hatte. »Gottlob, daß man sich wieder näher ist!« hatte Lucie gesagt. »Das Zusammenrücken unter Freunden ist doch das Beste in der Welt.« »Das ist es!« hatte Christabel zugestimmt, und darauf war nichts weiter zu bemerken gewesen. – Das gute, alte, brave Pfarrmütterle dahinten im Schönbuch in seinem Witwenstüble, in seinem Lehnstuhl und hinter seinem Spinnrocken! Das gute Mütterle, dem der ungeratene Sohn in der wüsten Residenz, das Bübele, das so ganz vergeblich das Landexamen bestanden hatte und zu Maulbronn und in Tübingen im Stift so ganz und gar vergeblich für den Dienst Gottes groß gezogen worden war – so manchen Kummer und Herzensgram gemacht hatte, das liebe alte Mütterle hatte sich wahrlich nicht eingebildet, wozu sein Mitgebrachtes samt den saueren Sparkreuzern dermaleinst verwendbar sein werde! »Jetzt hätt i es sehe möge!« sagte der Exstiftler wehmütig, als er die Staatspapiere des alten Frauele versilberte, und dann dachte er von neuem an Miß Christabel Eddish und legte sich zum ersten Male die Frage vor: was wohl das alte Frauele zu der gesagt haben würde. – Das Jauchzen der Freude war auf den Hügeln verstummt; man knallte nicht mehr in den Sonnenschein hinein; die Raketen, Schwärmer und Frösche hatten ausgezischt und ausgeknattert, und bengalische Flammen und romanische Lichter erschienen höchstens noch auf den Nasen und den Wangen der ausgepichtesten Bewohner des Landes, wie sie in den Kneipen saßen und den »Neuen« beredeten und seine Verdienste gegen die verflossenen Jahrgänge abwogen. Es regnete jetzt häufig auf den Bergen und im Tal, und es war ein trüber Regentag, an welchem der Baron Ferdinand von Rippgen an die Tür der neuen Wohnung seines Freundes, des Doktors Christoph Pechlin, klopfte. Er hatte geklopft und hätte eintreten können, tat es aber nicht; denn drinnen sang man: – Pechle sang! Er sang, und daß er bezaubernd sang, ging schon daraus hervor, daß der Baron länger als eine Viertelstunde mit dem Türgriff in der Hand stand und staunend horchte, ohne ein Wort des choralähnlichen Getöns zu verstehen. Wir aber, die wir jedes Wort verstehen, verweilen mit dem erstarrten Ferdinand auf der Schwelle und horchen, womöglich noch gespannter als er. Wie Unkenruf aus Teichen erklang es von drinnen: »Falsche Liebeslust im Herzen Macht ja, daß die Lichteskerzen Dunkel brennen oder grau. Darum, wenn man recht will bitten, Muß man jene auch ausschütten, Oder man ist nicht Jungfrau;« und: »Es muß ihm sehr weich ums Herz sein!« sagte draußen der Baron. Drinnen schien der Sänger zu blättern, und dann schlug er auf sein Buch und wimmerte: »Seite Tausendundzweiundzwanzig!« sofort nach der Melodie: O, wie selig sind usw. – fortfahrend: »Jünglinge sind auch Jungfrauen, Die mit Weibern sich nicht trauen Und nicht in der Ehe sein: Wenn sie sich ganz Gott ergeben Und ganz keusch und züchtig leben, Also heilig, recht und rein. Männer aber, die sich trauen. Nennet man nicht mehr Jungfrauen, Sind sie gleich dem Herrn vertraut. Heilig können sie auf Erden Dennoch auch daneben werden. Und gelangen zu der Braut. Freilich, es lehrt die Erfahrung, Daß der Ehstand ist Verwahrung Für das männliche Geschlecht. Jünglinge sind öfters Narren; Aber in dem Kreuzeskarren Kommen ihrer viel zurecht.« »Es geht wahrhaftig nicht gut aus mit ihm!« sagte der Baron an der Tür. »Es kann zu keinem guten Ende führen!« Drinnen schlug der melancholische Sänger von neuem auf das Buch und fuhr jetzt wie wütend fort, und zwar nach der Melodie: O Durchbrecher! – »Wolltest du dem Herzen trauen, Das so gern den Irrweg wählt, Und du hast davor kein Grauen: O so ist es schon gefehlt. In der Lust steckt ein Begehren, Das ist Schlangentrieb und Brut, Und will sich mit Gleichheit nähren, Darum ist das Fliehen gut.« »Wenn ich nur eine Ahnung von dem hätte, was er in seinem Elend herausheult!« seufzte kopfschüttelnd der Baron. »Ach selbst Lucie müßte Mitleid mit ihm haben, wenn sie dieses hörte.« »Seite Tausendundfünfzehn!« rief drinnen der Sänger, der das folgende bereits auswendig zu kennen schien, und mit dem Zeigefinger zwischen den Blättern sein Buch zum Taktschlagen auf dem Fußboden verwendete: »Lust ist einer Blume ähnlich, Sie ergießet Samenstaub. Wer nicht fliehet, macht sie sehnlich. Daß sie ausgeht auf den Raub. Denn der Staub will sich vermengen, Dann wird die Tinktur befleckt; Weil sie mit dergleichen Dingen Schon wie im Bedürfnis steckt.« »Ich kann es nicht länger ertragen!« rief der Baron. »Ich habe ihn in Tübingen doch in mancherlei Stimmungen kennen gelernt; aber dieses überschreitet die Grenzen. O wenn ihn doch Lucie hörte!« Lucie würde ihm sicherlich mit Vergnügen zugehört haben, und trotz seinem Worte trug's auch der Baron noch; Pechle aber sang: »Ein Jüngling ich zu aller Sünd Von Jugend auf geneiget; Ein Jüngling als ein Adamskind Bald Böses von sich zeiget; Ein Jüngling ist die kleine Welt, Dem unsre große Welt gefällt, Und dies ist's, was mich beuget. Was außer einem Jüngling ist, Das ist auch in ihm drinnen; Drum er nach allem Bösen dürst't Mit innern Sünden-Sinnen. Von außen wirkt's auch auf ihn zu, Und will, daß er das Böse tu'; Und wer will da gewinnen? Der Jüngling ist ein Gegenstand Der Höllen und der Erden Allhie in diesem Erdenland, Bis er wird göttlich werden. Die Wunder jener Welten beid Am Jüngling haben ihre Freud, Da hat er dann Beschwerden!« Und jetzt hielt der Baron es wirklich nicht länger aus. Er riß die Tür auf und stürzte hinein, blieb aber ebenso starr, wie auf der Schwelle, drei Schritte weiter ins Zimmer hinein stehen. Ein eigentümliches Schauspiel zeigte sich seinen Augen. Ein Schauspiel war es wirklich zu nennen, was er sah. Die letzte Szene einer Tragödie pflegt sich gerade in solcher Weise dem tränenvollen Blick des gerührten, hastigatmenden Publikums aufzudringen; einerlei, ob die Tränen etwa auch von dem Gegenteil der tiefsten Rührung, nämlich von der höchsten Heiterkeit und dem zwerchfellerschütternden Lachen herrühren. Wie in der letzten Szene eines Trauerspiels einer, eine oder mehrere entweder auf dem Rücken oder auf dem Bauche liegen, so lag hier der Exstiftler Christoph Pechlin in der Mitte seines Gemaches lang ausgestreckt auf dem Fußboden und zwar auf dem Bauche. Mit dem Haupte der Tür und den Beinen und Füßen dem Fenster zugewendet, lag er. Sein Gesicht ruhte auf einem Sofakissen und in der weit hinaus geschlenderten linken Hand hielt er den zehnten Band der sämtlichen Schriften Michel Hahns, des wackern frommen Bauersmannes und Gutsverwalters der Frau Gräfin Franziska von Hohenheim zu Sindlingen. Diesen aus der Bibliothek des Vaters in die seinige hinübergeretteten Autor hatte er hervorgesucht zu seinem Troste! Dieser Poet allein hatte für seine gegenwärtige Stimmung gepaßt! Aus diesem Dichter hatte er soeben gesungen, und war imstande, weiter aus ihm zu singen, auch ohne dazu aufgefordert zu werden. Zu seiner Rechten aber stand ein verdächtig aussehendes Glas mit dem Reste einer Flüssigkeit von absonderlich scharfem und durchdringendem Geruche. »Christoph?!« rief der Freund; allein der Hingestreckte rührte sich nicht, hob nicht das Gesicht von dem Sofapolster auf. Nur ein dumpfes Röcheln, der letzten Atemnot eines Erwürgten unter dem Deckbett hervor, eines Asphyxierten mitten aus dem dicksten Kohlendampfe heraus vergleichbar, erreichte das Ohr des Barons. Ein entsetzlicher Gedanke durchzuckte den: er sah stier auf das Glas, und außer sich vor Bestürzung, Angst und Schrecken schrie er: »Herrcheses, Herrcheses! Pechle?! Pechlin, was ist dir? Was hast du? Hülfe – Hülfe – es war sein Sterbegesang – er hat Gift genommen, er stirbt – er ist tot! Gift, Gift, Gift! O Herrcheses, ja er ist tot, tot – er hat sich richtig vergiftet!« Da hob der Sterbende oder Tote noch einmal das Haupt, den wirren Haarwulst aus der Stirn zurückstreichend, empor, starrte den Jugendgenossen aus weit und stupide aufgerissenen Augen und mit sehr erweiterten Pupillen an und stöhnte: «Yes! Er hat sich vergiftet... Hic jacet! ... da liegt er!« Das zweiunddreißigste Kapitel. Yes ! Dieses eine fremdländische Wort sprach Bände – Folianten – ganze Bibliotheken in allen Formaten! »Ah!« atmete der Freund tief auf, fügte von einer schweren Last befreit hinzu: »Gottlob!« und trat mit zwei Schritten heran an den Freund, der sofort seine Nase wieder in das Sofakissen gedrückt hatte. Er, Rippgen, beugte sich nieder – zum ersten Mal in seinem Leben beugte er sich zu seinem Universitätsfreunde Pechlin nieder, ergriff die Hand, welche den mystischen Bauer Hahn ans Sindlingen nicht gepackt hielt und rief: »Christoph?! alter Bursch!... Pechle?« » Goddam !« stöhnte der Angeredete, der bis in die jüngste Zelt sein gesamtes Englisch nur aus veralteten Romanen bezogen hatte. »So sage mir doch ...« » Yes !« Dieses Wort hatte er unbedingt neu zugelernt und wendete es an, – wendete es mit Vorliebe an, wie man etwas neu Erworbenes ganz unbewußt gern in der Sonne spielen läßt. »Sprich zu mir, Christoph! Du hast mir eben einen tödlichen Schrecken eingejagt. Was hast du? Was ist geschehen? Pechlin, ich beschwöre dich bei unserer Freundschaft, betrage dich nur noch ein einziges Mal in deiner gewohnten Weise. Schnauze mich an meinetwegen, aber rede zu mir, wie du es gewohnt bist, das heißt, betrage dich noch einmal wie das, was du ein verständiges Menschenkind nennst.« » Yes !« sprach Pechle dumpf in sein Polster hinein und schüttelte zugleich den Kopf, als sei letzteres das Letzte, was vernünftigerweise von ihm verlangt werden könne. »Christoph,« sagte der Baron immer teilnehmender, »soll ich nicht lieber zu deiner Braut senden, um sie von deinem Zustande in Kenntnis zu setzen?« Dieser Vorschlag wirkte. Fast noch ehe der Freiherr seinen Satz vollendet hatte, stand der Patient bereits auf beiden Füßen. Krachend flog der Sindlinger geistliche Tröster und Liederdichter an die Wand, und in Angst und Aufregung schier bis an die Decke des Zimmers emporhüpfend, faßte Pechle den Freund an dem Halstuch und schrie: »Mensch, Mensch, du könntest freilich einen Toten durch deine Zumutungen auferwecken! Yes, yes, yes !... Zu meiner Braut schicken?... Daß du dich das nicht unterstehst!... Mensch, Satan, ich erdrossele dich auf der Stelle, wenn du noch ein einziges Mal nach dieser Richtung hin den Mund auftust!... Yes!« »Aber –« » Yes !« seufzte Pechle, die Krawatte seines Freundes loslassend und das eigene schwere Haupt ihm kläglich, wehmütig, gebrochen auf die Schulter legend: »Ferdinand, du, gerade du solltest doch besser um mich Bescheid wissen!« »Ich? Besser um dich Bescheid wissen? Ach, Christoph, sprich nicht in Rätseln, dein Auge ängstigt mich; ich habe große Mimen, die nachher in Wahrheit verrückt wurden, so blicken gesehen. Pechlin, sieh mich nicht so an, sondern sage mir einmal ganz ruhig: ist dir, gerade dir, denn wirklich so entsetzlich schlecht zumute? Willst du mir, deinem alten Freunde, nicht deutlich sagen, wo es dich drückt, – kannst du es nicht?« »O doch! Yes ! Hier – hier,« ächzte Pechle, die Hand auf das Herz legend. »Und hier!« Die Hand glitt auf den Magen herab. »Und von da steigt es dann wieder hinauf, bis – dahin!« Er griff schluckend an die Kehle. »Und dann ist es, als ob der ganze Mensch da hindurch sollte; und dann – dann – o Ferdinand, kommt eine Erschlaffung, während welcher und infolge welcher es zu einer Erleichterung in keiner Weise kommt. Alles sinkt wieder hinab in das Innerste, und da kocht es leise und brodelt. Ferdinand, ich sage dir: wenn Dante Alighieri mir in den Hals und dann durch alle Windungen und Kreise meines Innern rutschen könnte, so würde er beim Wieder-zu-Tage-kommen eine ganz andere göttliche Komödie schreiben, als er jetzt geliefert hat.« »Pechlin, das ist ja schauderhaft!« » Yes , das ist es, und deshalb liege ich auch dir hier am Busen und halte dich, halte mich an dich, den ich so oft, seit ich ihn am Busen einer holden Gattin wiederfand, so oft, oft getröstet und aufgerichtet habe.« »O Christoph!« »Nein, Ferdinand, leugne es nicht ab. Bei Tage und bei Nacht bin ich zu dir hinunter gestiegen, und deine Frau hat mich kommen gehört. Nun steigst du zu mir herauf, um mir Hülfe und Trost zu bringen; und deine Frau läßt dich gehen, schickt dich sogar. Gelt, leugne es nicht – es ist so?! Guck, Ferdinand, ich hab' mich leider Gottes manchmal stärker gedünkt als du, und vielleicht auch dann und wann dich das merken lassen, aber ich sage dir, das wird nimmermehr passieren. Ferdinandle, der Tag des Triumphes ist für dich da; genieße ihn, wie ich ihn genossen haben würde; aber sei zu gleicher Zeit besser als ich und bemitleide mich mitten im Hohnlachen. Gelt, Alterle, du begreifst mich? Und nun gib du mir einen guten Rat und rate mir, wie ich von dieser – dieser verkleideten Lemure, dieser Eule, dieser Vampyrin, meiner Miß, deiner Frau ihrer Miß Christabel wieder loskomme! Rippgen, das Mädle ist mir alles, ist mir in Gottes weiter Welt augenblicklich alles, alles, alles; aber vor allen anderen Dingen eine Leimrute, auf der ich elender, piepender, flügelschlagender Tübinger Dompfaffe festsitze und zwar als ausgeprägter Gimpel erster Größe.« Der Baron überhob sich nicht, er lachte durchaus nicht Hohn, er sagte nur ganz leise: »Also wirklich?! ... Ach Christoph, lieber Freund, ich habe es nicht für möglich gehalten, daß du so bald wieder zu Verstande kommen werdest; aber es freut mich doch, daß ich mich wenigstens einmal in meinem Leben nach der unrechten Seite hin geirrt habe.« »Das freut dich? O Himmelsakrament! ... na ja, freilich darf es dich freuen, ich verdenke es dir auch gar nicht und gönne dir den Genuß von ganzem Herzen. Aber deinen Rat! deinen Rat! Ferdinand, ich bin überzeugt, daß ich niemals so dunkel gebrannt habe wie jetzt. Du wirfst auch meistens nur einen trüben Schimmer von dir; aber jetzt bist du eine wahre Fackel, ein Feuerrad, ein elektrisches Licht gegen deinen unglücklichen Freund Pechle. Pechle?! ... O popoi, ai, ai, ai, o popoi, den Namen hab' ich auch noch nie mit größerem Rechte geführt als heut. Ich sitze drin! Ich sitze in mir selber und zwar ganz ohne alle stammeseigentümliche Diminution. Ganz einfach im Pech sitze ich! Aber – bei Gott, ich werde mich ermannen, ich werde das Licht meines Geistes wieder anzünden, und zwar an dem deinigen, Ferdinand! Hörst du, schnäuze dich und gib mir von deinem Scheine: du bist seit längeren Jahren Ehemann und warst auch einstmals verlobt und ein Bräutigam; Ferdinand, du bist ein erfahrener Mann; muß i d'Liebliche, – die Person heirate?« »Herrcheses!... Herrcheses, ei ja! Ei freilich! das versteht sich,« stammelte der Freiherr, und der Stiftler hätte sich beinahe von neuem platt auf den Boden gelegt, die Nase in das Sofakissen gesenkt und von neuem angefangen, aus Michel Hahns Liederbuche zu singen. Er hielt sich jedoch noch einen Augenblick auf den Füßen, und in diesen Augenblick hinein fiel ein neues Wort des Freundes und erhielt den Schwankenden aufrecht. »O Christoph,« sagte Rippgen, »was soll ich dir da sagen? Würde es nicht besser sein, wenn du dich mit deiner Frage an meine Frau wendetest?« »Ja aber?« schrie Christoph Pechlin, den Baron stier anstarrend, und fuhr dann dumpf und in unheimlicher gezwungener Bewunderung fort: »Er wird immer größer! Er wächst immer höher über sich hinaus! Es ist nur das eine zu befürchten, daß er einmal den Glauben an sich selber verliert und sich vollständig für seinen Gegensatz hält.« Und damit – wie ein Besessener auf den Gatten der schönen und klugen Frau Lucy zufliegend, krallte er sich von neuem an ihm fest und schrie ihm ins Ohr: »Ungeheuer! Henkersknecht! Ich, ich, ich soll mich an – deine – Frau – wenden? Bist du denn wirklich überzeugt, vollkommen gefaßt zu haben, was das in diesem Falle bedeutet?« »O nein; aber wenn dir dieses unangenehm ist, so bleibt dir noch der Doktor Schmolke, unser Freund Schmolke in Frankfurt am Main. Wenn du meine Lucie nicht fragen willst, so frage unseren Freund Leopold. Weißt du noch, an jenem Abend, an welchem ich das Vergnügen hatte – an welchem du dich meiner zum ersten Mal wieder annahmst –« »Ihr großen Götter, ja, da ließ er ein Wort fallen –« »Freilich ließ er ein Wort fallen! Weißt du, was er mir damals zum Troste sagte?« Der Exstiftler schlug sich vor die Stirn, nachdem er sich dieselbe eine ziemliche Weile gerieben hatte. »Ich weiß es nicht mehr; aber doch – ja – o richtig! o Ferdinandle, Fernando, Fernando, wenn er etwas wüßte?! Für jetzt laß dich küssen, alter Bursch! Da ist doch wenigstens die erste Ahnung eines beginnenden Kristallisationsprozesses in dem chaotischen Brei. Rippgen, morgen früh fahren wir beide nach Frankfurt zum Schmolke.« »Wir! ... wir beide? ... Glaubst du, daß Lucy mich so ohne weiteres reisen lassen werde?« »Sie muß! Ferdinand, sie muß. Yes ! Und – Ferdinand, es ist unter diesen Umständen deine Freundespflicht, ihr das Unwahrscheinlichste vorzulügen. Aber das wird gar nicht nötig sein; ich werde meiner Christabel etwas Unglaubliches wahrscheinlich machen und durch diesen Kanal selber auf deine Gattin überredend einwirken. O, wenn wir hier zu Lande eine Dummheit gemacht haben, so wissen wir uns doch auch wieder stellenweise herauszuwinden. Sieh, Ferdinand, sieh, meine Christabel hat bereits eine Ahnung davon, daß ich als deutscher Poet und Literat nur deshalb am Sonntage Fleisch essen kann, weil ich in der Woche eine Kaninchen-Zucht und -Hecke unter meinem Schreibtische betreibe, und ich habe in den letzten vierzehn Tagen wahrlich nichts getan, um ihr meine Umstände in einer gesättigteren Beleuchtung erscheinen zu lassen. Im Gegenteil, ich habe kläglich genug getan; aber heute nachmittag noch stürze ich zu ihr, um ihr mitzuteilen, daß meine älteste alte Tante in Frankfurt am Main in ungemein befriedigenden Vermögensumständen Todes verblichen sei und mich zum Universalerben eingesetzt habe.« »Da wird sie sich freilich ungemein freuen.« »Nicht wahr? Und gelt, Alterle, du hast gar nichts dagegen, auch deine Frau von dem glücklichen Ereignis in Kenntnis zu setzen, und kannst dich ruhig späterhin bei allen etwaigen Folgen auf meine Lügenhaftigkeit berufen. Du teilst deiner Lucie außerdem mit, daß du mir unbedingt morgen in Frankfurt nötig seiest, und daß ich, ich, Christoph Pechlin, die feste Absicht habe, sofort nach der Testamentseröffnung den Hochzeitstag mit Christabel zu verabreden. Gib nur acht auf die Resultate; bei den Furien, ich bin unerschütterlich fest überzeugt, daß die rachgierige Person, das fürchterlichste der Weiber, bitt' um Entschuldigung, ich meine deine Frau, nicht das geringste dagegen einzuwenden haben wird, daß du mich morgen als Zeuge und juristischer Beirat begleitest. Verlaß dich darauf, sie bringt dich mir morgen sogar persönlich auf den Bahnhof. O Ferdinand, sie würde mir nötigenfalls das Eisenbahnbillet zahlen, nur um mich und – ihre – Freundin schneller auf den Weg zum Traualtar zu bringen. Rippgen, ich sage dir, kein männlicher Mensch kennt die Bosheit der Weiber, so wie sie gekannt zu werden verdient; aber ich, Christoph Pechle, bin auf dem Wege, ein Unikum zu werden, was das Eindringen in diese Wissenschaft anbetrifft!« Der Baron hob und senkte mit ganz eigentümlicher Mimik die Achseln. Nachdem er den Freund vollständig in seiner infernalischen Logik begriffen hatte, konnte er nur von neuem bewundern und mit erhöhtem Staunen an dem antiken Charakter Pechles in die Höhe blicken. Was auch sich in seiner Seele gegen die Insinuationen des Tübinger Exstiftlers aufbäumen mochte, er fühlte sich zu schwach, den Widerstand lange fortzusetzen. Er hatte einen Menschen vor sich, dem der Entschluß, seine Schiffe zu verbrennen, nicht die mindesten Skrupel erregte. Schon brannte der größte Teil der hochzeitlich bewimpelten Flotte lichterloh; verzweifelnd stand Amor am Strande und rang die Hände; – Pechle wußte jetzt wieder klar, was er wollte, und sah seinen Pfad vor sich: er war bereits imstande, sich augenblicklich hinzusetzen, um einen Leitartikel zu schreiben, in welchem er kaltblütig Punkt für Punkt sein Vorgehen gegen die Geliebte, gegen die Verlobte, gegen die blauäugige, blondlockige, britische Jungfrau – gegen Miß Christabel Eddish rechtfertigte. Und dessenungeachtet und alledem zum Trotz hielt er sich für einen der gemütlichsten und harmlosesten unter allen harmlosen und gemütlichen Bürgern und Bewohnern der Erde; ein Bürger und Bewohner der Stadt Berlin würde ihm freilich wahrscheinlicherweise das Epitheton »unverfroren« beigelegt haben. Schon hatte er angefangen, ruhig Schiebladen aufzuziehen und Schränke aufzuschließen, um seinen Reisesack zu packen. Versteinert sah ihm der Jugendfreund dabei zu, bis er zur Tür hinausgeschoben wurde, um in der von Pechle vorgeschlagenen Weise von der Gattin die Erlaubnis zur Fahrt nach Frankfurt am Main und zum Doktor juris Leopold Schmolke auszuwirken. Einen Fuß dem anderen nachziehend schleppte der Baron sich nach Hause: Pechle packte ruhig, bedachtsam und doch mit Eifer weiter. Es war ihm bitterer Ernst mit dieser Reise nach Frankfurt. Sein Gewissen schien ihn dabei vollständig in Ruhe zulassen. Das dreiunddreißigste Kapitel. Als der vom weiland römischen Reiche übrig gebliebene Freiherr königlich sächsischer Nation in seiner Wohnung anlangte, erkundigte er sich auf dem Vorplatze vorsichtig, ob jemand bei der gnädigen Frau zum Besuche sei, und wer? Kurz und bündig antwortete ihm die schwäbische Katharina: »Na, das versteht sich und natürlich sie !« »Hm, hm!« sprach der Baron, schob sich leise in die Pforte des Salons und fand in der Tat Miß Christabel bei seiner Frau sitzend. Sie saßen in dem Boudoir der Gnädigen und bildeten eine Gruppe von zwei Freundschaftsinseln im großen Ozean des Weltgewoges, und dem Baron ward es beim Anblick dieser rosenrot angehauchten Gruppe grün und gelb vor den Augen. Sie saßen nebeneinander auf dem Diwan, und Christabel hatte den rechten Arm um die umfangreiche Taille Lucys gelegt, und Lucy hielt die linke Hand der Freundin im Schöße zärtlich warm: berühmte Maler pflegen auf ihrer Leinwand die Hoffnung und die Liebe so hinzusetzen, wenn sie dleselbigen gerade nicht als auf den Füßen stehend abkonterfeien. Der Baron, der sich ebenfalls sehr gern gesetzt hätte, da er sich recht schwach auf den Füßen fühlte, stand mit dem Hute in der Hand und dem bodenlosesten Armensündergefühl im Herzen und lächelte krankhaft die beiden Damen an in der festen Überzeugung, augenblicklich aus irgendeinem Grunde auf das Unpassende dieses Lächelns aufmerksam gemacht zu werden. Er erschrak fast, als das Gegenteil geschah. Die Gattin lächelte ihm entgegen!... Die Gattin lud ihn mit einem »Liebes Herz!« ein, Platz zu nehmen; die Gattin war übergnädig, war in erschreckender Weise gütig, und – dem Gatten war alles in seinem Körper sich umtreibende Blut plötzlich in den Kopf gestiegen! – die Gattin war ihm, dem Gatten, entgegengetreten, hatte ihm die brennende Wange gestreichelt, hatte ihm den Hut abgenommen, hatte ihm mit dem feinen, duftenden Taschentuch den kalten Schweiß von der Stirn abgetrocknet und hatte ihm zugehaucht: »Mein Mäuschen, du störst uns gar nicht! bitte, bitte, komm zu uns, nimm Platz! Siehst du, mein armes Kind, Christabel und ich, wir lassen uns in unserer jetzigen Stimmung so leicht nicht stören! Nicht wahr, Christabel?« »Oh no!« sagte Christabel und schüttelte das schöne langumlockte Haupt mit einem Ausdruck, der dem Uneingeweihten ungemein süß dünken mochte; dagegen aber bei jemand, der eben von dem Doktor Pechlin kam, den innigen Seelenjammer des Mannes, seine auf dem Fußboden ausgestreckte Lage und seine herzzerbrechende, ohrenzerreißende Hingebung an den zehnten Band der gesammelten Werke Michel Hahns von Sindlingen vollständig rechtfertigte. »Mein – unser – Freund – Pechlin – läßt die Damen – herzlich grüßen!« stotterte der betäubte, überwältigte Herr des Hauses, ganz vergeblich nach einem besseren Beginn der Unterhaltung seinerseits suchend. Aber dieser Anfang war recht gut und paßte vollkommen, wie sich im selbigen Moment auswies. »Sie kommen von ihm?« fragte Christabel ruhig, aber Lucy rief fröhlich: »Warst du eben bei ihm?« »Ja, ich stattete ihm einen Morgenbesuch ab und fand ihn – fand ihn – in – einer erstaunlichen Aufregung! Ei ja, ich traf ihn beim Packen!« »Beim Packen?« rief Miß Christabel Eddish kerzengrade in die Höhe fahrend. » Dear me, Sie trafen ihn beim Packen? Weshalb trafen Sie ihn beim Packen, Sir? Und was packte er?« »Seinen Koffer, gnädiges Fräulein, – seinen Reisesack. Er hatte es sehr eilig, und nach dem, was er mir mitteilte, war Grund zu dieser Eile vorhanden.« Miß Christabel Eddish sah jetzt unruhig die Baronin Lucy von Rippgen an, und die Baronin Lucy sah Miß Christabel an. »Er hatte es sehr eilig,« wiederholte die Baronin, und die Jungfrau fing wieder einmal an, die Unterlippe unter den Oberzähnen auf und ab zu schieben. Sich immer mehr verwirrend aber stotterte Ferdinand: »Und er forderte mich auf, mit ihm morgen früh nach Frankfurt am Main zu fahren; und, liebste Lucy, ich – habe es – ihm so halb – und halb versprochen, das heißt natürlich nur mit deiner Einwilligung.« »Du hast es ihm versprochen?« fragte die Gattin sehr gedehnt, und der Fingertrommelschlag auf dem Tische, der die Frage begleitete, machte sie dem Gatten deutlicher, wenn das nötig war. »Nach Frankfort will er morgen fahren? Dear, dear me , was will er denn machen in Frankfort? und, Sir, und ohne mich zu benachrichtigen?« » Yes, Miss Christabel !« stammelte der unselige Ferdinand. »Aber er wollte heute nachmittag zu Ihnen kommen, um – Ihnen – alles – mitzuteilen, sein Glück und –« »Nicht wahr, Lucy, liebe Lucy, du findest die Sache doch auch sonderbar?« Die Baronin sah ihren Mann während einer geraumen Pause mit ihrem bohrendsten Forscherblicke an, und der Baron zuckte unter diesem Blicke. Er wand sich unter ihm und suchte ihm auf alle Weise zu entgehen, ohne daß es ihm gelang. Die Lüge, deren Erfindung dem Freunde so lächerlich leicht wurde, griff ihm wie mit eisernen Krallen in die Seele und drückte sie ihm zusammen. Aber was half es? Wie er sich als Mann und als Edelmann wehren mochte: heraus mußte mit der Erfindung des extheologischen Freundes sein eigenes besseres Selbst durch die Kehle; es kam ihm schwer an, zu lügen, wie es von ihm verlangt worden war; aber endlich log er doch, und als er einmal darin war, zu seinem eigenen Erstaunen mit ebenso großer Gewandtheit und ebenso fließend wie sein genialer Studiengenosse, Christoph Pechlin aus Waldenbuch. Wir aber sind milde gegen ihn; denn es hat schon mehr ehrliche Leute gegeben, welche der Welt gegenüber stets die Wahrheit sagten und dieselbe sogar mit ihrem Leben und Mute bekräftigten, und welche doch unter dem Blicke ihrer Frauen – logen, ganz außerordentlich herzhaft logen. Es ist eine uralte Wahrheit, daß es eben viel leichter ist, das Leben zu verlieren, als es doppelt zu leben unter den Augen und im Mißfallen der Holden, die alle guten Stunden unter Verschluß hält und jeglichen Abend den Speisekammerschlüssel des Glückes unter das Kopfkissen schiebt. Da war sie, die Frankfurter Tante, mit dem Totenscheine in der Hand und dem Testament im Strickbeutel! Ein bänglicher, seinem eigenen Zauberwort durchaus nicht trauender Magier, hatte Ferdinand sie beschworen, und sie war mit einem Knix aus dem Boden emporgestiegen und hatte beide Damen, ja beide! aller Gespensterhaftigkeit zum Trotz in das freudigste, fröhlichste, vergnügteste Erstaunen versetzt. Daß der Baron bei seiner Beschwörung sich den Rücken so frei als möglich hielt, und alle fernere Verantwortung für diese Geister, und Renten-Erscheinung dem theologischen, Tübinger Freunde überließ, kann ihm nur ein schnöder in unerprobter Sicherheit sich wiegender Junggesell oder ein gemütlich gestellter Witwer verdenken und zur Schande anrechnen. Um die Vermögensumstände Christabels haben wir uns bis jetzt nicht gekümmert. Daß sie ein wohlhabendes Mädchen war und zu leben hatte, stand uns jedoch vom Anfange unserer Bekanntschaft an fest und wird uns jetzt zur völligen Gewißheit; denn sie fuhr nur ganz leicht zusammen und errötete nur ganz leise. Baroneß Burdett Coutts würde freilich, wenn die Einkommensteuer den Maßstab für das Erschrecken beim Erscheinen von alten Tanten abgäbe, noch bedeutend weniger zusammengefahren sein. »O eine Erbschaft! o das ist sehr merkwürdig – very curious, very wundervoll! ... Es freut mich sehr für ihn; – aber – er – hätte mir selbst sogleich die Nachricht bringen sollen,« sagte Miß Chrisiabel; doch die Baronin Lucy rief, in die Hände klatschend: »Aber nein, Christabel! Aber Christabel, das ist ja wirklich reizend. Jetzt tu mir nur die Liebe an und zürne ihm nicht! Gewiß, lieber Ferdinand, wirst du morgen mit unserem Freunde reisen! O Kinder, Kinder, alles, was eure Verbindung, eure glückliche Vereinigung beschleunigen kann, versetzt mich in einen wahren Tumult von Entzücken und Eifer. Mein Gott, mein Herz, mein süßes Herz, weshalb sitzen wir denn aber hier und packen nicht ebenfalls bereits?« Der Boden wankte unter den Füßen des Barons. Ferdinand war einer Ohnmacht nahe; und schon hatte Miß Chrisiabel sich erhoben, hatte dem Jugendgenossen ihres Verlobten die Hand auf den Arm gelegt und gesagt: »Ja, Sir, wir reisen mit Ihnen! Lucy hat jetzt ganz recht, und ... ich werde Christy sogleich, sogleich in Kenntnis setzen von unserer Beabsichtigung; Lucy hat ganz recht, und Christy wird sich sehr freuen!« ... Das vierunddreißigste Kapitel. Wir haben uns Manchem in unserem Dasein, und nicht bloß in unserem schriftstellerischen, gewachsen gefühlt, wir haben dann und wann Dinge ausgeführt, die uns die Leute nicht zutrauten, wir haben sogar einige Male uns selber in Erstaunen gesetzt; so kleinlaut, so gliederschwach, so auf den Mund geklopft wie an dieser Stelle haben wir uns noch nicht gefühlt. Wir sind einfach nicht imstande, unserer Pflicht zu genügen und zu sagen, was Christoph sagte, als seine Braut am Nachmittag in sein Gemach schritt, ihm wieder einmal die Hand zum Kusse hinreichte und ihm mitteilte, daß sie ihn nach Frankfurt am Main zur Testamentseröffnung begleiten werde, und, um seine Freude, sein Behagen zu erhöhen, hinzufügte, daß auch Lucy, – ihre Lucy, ihre einzige Lucy den Gatten nicht allein fahren lassen werde, sondern in ihrer Herzensgüte und Aufopferung alles übrige beiseite setze und gleichfalls mitfahre nach Frankfurt an dem Main. Weshalb aber sind wir nicht imstande, dem Laufe der Begebenheiten zur Seite zu bleiben, wie es sich gehört? Grundgütiger Himmel, weil unsere Nerven es nicht erlauben! Unsere Nerven lassen uns hier zum erstenmal im Leben vollständig im Stich, das heißt, sie machen sich bemerkbar wie noch nie: wir lassen, in den Winkel gedrückt, Pechle mit Miß Christabel das Weitere und Genauere über die Fahrt nach Frankfurt verabreden, und – gottlob – Epiker haben ja das Recht, welches Dramatiker sich so sehr häufig nehmen! Man hat ihn, unseren Freund, Christoph Pechlin, noch gesehen an diesem Tage. Man sah ihn gegen Abend in den Straßen der Stadt, und verschiedene Leute behaupten auch, ihn angeredet und sich besorgt nach seiner Gesundheit erkundigt zu haben. Ob das letztere wahr ist, können wir nicht sagen: was uns anbetrifft, so würden wir ihn nicht angeredet haben. »Igitur colos exsanguis, foedi oculi, citus modo, modo tardus incessus; prorsus in facie voltuque vecordia inerat – blutleer war seine Visage, gräsig seine Augen, sein Gang bald hastig, bald schleppend, kurz wahnsinnige Verzweiflung malte sich in Mienen und Gesten,« zitierte ein philologischer Bekannter, der ebenfalls an einer Ecke auf ihn traf und mit dem Sallust in der Tasche vom Gymnasium nach Hause ging; – aber einerlei! wie Lucius Sergius Catilina nach Pistoria, so mußte Christoph Pechlin nach Frankfurt am Main. Die Katastrophe, die er sich selber zubereitet hatte, war zur Hand, und das einige Glück bei der ganzen Geschichte war, daß für ihn, unsern Freund Pechle, ein fast ebenso guter Geschichtsschreiber zur Hand war, wie damals für den fürchterlichen Römer. – Das Jahr ließ bis tief in den Winter hinein nichts zu wünschen übrig, und so war auch der Reisetag klar und sonnig bis zum Sonnenuntergang, obgleich der winterliche Monat November bereits bedenklich auf seine astronomische und meteorologische Berechtigung Anspruch machte. Kurz nach fünf Uhr am Nachmittag sollte der Zug – der schicksalsschwere Zug, der Ferdinand und Lucie, Christoph und Christabel mit sich führte, in Frankfurt anlangen, und abgefahren war er von Stuttgart; nicht das geringste ließ sich mehr ändern an dem Faktum. Die Räder drehten sich, die Maschine schnob, kreischte und schnaufte, und Pechle schnaufte ebenfalls und zwar sehr bedenklich. Sie saßen wahrhaftig einander gegenüber – die Herren den Damen, – und hatten zu lächeln und fröhlich, ungemein fröhlich zu scheinen; die beiden Herren nämlich! Wer aber wäre imstande, auszudrücken durch Worte, wie vergnügt sie sich im Inneren ihrer Seelen fühlten? Sechs lange Stunden hatten Christoph und Ferdinand den zwei geliebten Wesen Knie an Knie gegenüber zu sitzen, während eine einzige genügt hätte, um in derselben für alle Sünden des Lebens genug zu tun und zu büßen. Sechs lange Stunden saßen die beiden Überrascher der Frau und der Braut, den beiden heute einmal ausnahmsweise nichts ahnenden Werkzeugen der ewigen Gerechtigkeit, gegenüber und lächelten – lächelten – lächelten, und blickten sich nur dann und wann verstohlen an und zwängten den hohläugigsten Jammer in die kürzesten dieser der munteren Gesamtunterhaltung entzogenen Blicke. Ihr Herzblut bis auf den zum Leben und Atem unbedingt notwendigen Bruchteil würden sie hingegeben haben, wenn sie sich dadurch eine von den Damen nicht gestörte Unterhaltung von fünf Minuten hätten verschaffen können; aber niemand – niemand war vorhanden, der ihnen hätte zur Ader lassen können. Sie mußten ihr gesamtes Herzblut bis auf das letzte Kügelchen bei und in sich behalten, und es kreiste heftig in ihnen. Schlagflußhaft wurden sie von den Damen warm gehalten; was warm? heiß, brühheiß wurden sie von Christabel und Lucy im holdesten, heitersten Gespräch gehalten, und nicht einmal den kalten Angstschweiß durften sie sich abwischen. »Schmolke!« sagte von Zeit zu Zeit einer der beiden Sünder ganz leise, und: »Station Bruchsal!« schrie der Schaffner in den Wagen hinein. Wahrlich, da war bereits Bruchsal mit seinem Wagenwechsel via Heidelberg, mit seinem lebhaften Portier und seinem stillen Zellengefängnis; und der Exstiftler, der von Bretten an es vergeblich versucht hatte, durch die Philosophie seinen Zuständen einen freien Atemzug abzugewinnen und sich einfach auf das bekannte »vorerst leben« hatte beschränken müssen, versuchte es hier von neuem mit der Weltweisheit. O dieses Zellengefängnis! welch eine Wonne eine solche einsiedlerische, verschlossene, stille Zelle der augenblicklichen Situation gegenüber! Er blickte hinüber nach dem Gefängnisse und suchte sich durch alle möglichen Zitate aus dem Brunnen menschlicher Erfahrung, von Thales bis zu Schopenhauer, zu erfrischen. Aber der Eimer entglitt ihm stets wieder, sobald er ihn an die Lippen heben wollte, und platschte vor einem einzigen freundlichen Blick und zärtlichen Kopfnicken Christabels oder der Baronin hinunter in die grundlose Tiefe. Die heiligen, erquickenden Wasser des Lebens flogen ihm nur in kribbelnden Tropfen um die wüste, irre Stirn, – er streckte vergeblich ihnen die lechzende Zunge nach: o eine Zelle – eine Zelle auf Lebenszeit in dem Zuchthause zu Bruchsal! – die Idee allein kühlte ihm die lechzende Zunge, die immer trockner werdenden Lippen. Was Ferdinand anbetraf, so war dieser nicht einmal imstande, den Versuch zu machen, zu philosophieren. Der Baron fühlte sich ganz einfach körperlich übel vor geistiger Qual; er fühlte sich durch und durch, sozusagen seekrank, und er, der sonst in dieser Hinsicht sich der Konstitution eines Postkondukteurs erfreute, konnte heute das Fahren durchaus nicht vertragen. Setzen wir uns auf seinen Platz, seiner Gattin gegenüber, und – werfen wir den ersten Stein auf seinen Magen, das heißt später, nach der Rückkehr nach Hause. »Heidelberg!« Gewöhnlich wenden sich bei diesem Rufe zwei Drittel der Reisenden mit einem freudigen »Ah!« dem Wagenfenster zu, und die Unverschämten benehmen den übrigen dadurch die Aussicht, daß sie sich sofort halben Leibes aus diesem Fenster hinaushängen, um von dem angenehmen Orte sobald als möglich und soviel als möglich zu genießen; für unsere zwei Vergnügungsreisenden aber war die liebliche Stadt der schlimmste Anhaltepunkt auf der Reise: natürlich der schönen Erinnerungen wegen, die sich für sie daran knüpften. O Pechle, o Christoph Pechlin, welche Philosophie hielt gegen die Bilder stand, die Heidelberg in dir wach rief, und welche gegen den Ton, mit dem heute – diesmal – jetzt – Christabel, deine Christabel, deine süße Christabel – Miß Christabel Eddish dich lächelnd bat, ihr ein Glas Wasser zu besorgen?!... »Sogleich!« rief der Exstiftler, wie ein aus der Mitte der ewigen Höllenflammen mit einem »Ticket of leave« zum heiligen Peter am kühlen Himmelstor abgeschickter Verdammter rufen würde, – und Ferdinand, hastig nach dem Rockschoße des wenigstens für einen Augenblick der Tortur entrückten Freundes greifend, wünschte natürlich, ihn zu begleiten, wurde aber ebenso natürlich augenblicklich am Rockschoße ergriffen und zwar von der Gattin: »Bitte, Bester, der Zug geht gleich weiter, und du kennst meine Nervosität; du würdest mich fünf Minuten lang unglücklich machen.« »Fünf Minuten lang!« sagte der Freiherr still zu seinem Schicksal, auch auf das Minimum von freien Atemzügen verzichtend. Pechle brachte das Glas Wasser mit dem Taschentuche vor dem Munde. Es roch spirituös hinter diesem Taschentuche, und im Innern seiner Seele seufzte der Baron: »O, einen einzigen Kognak von denen, die er im Laufe der letzten Sekunden hinabgestürzt hat!« Die Reise ging weiter, ging ruhig weiter, wenn man sich dieses Ausdruckes bedienen will. In herbstlicher Abendbeleuchtung lag die Bergstraße zur rechten Seite da; aber wenn aller Wein, den sie je erzeugt hatte, sich auf einmal vom Gipfel des Melibokus in die Kehle des Doktors Pechlin ergossen hätte, so würde er doch das Gefühl der samum-heißen Trocknis nicht aus ihr haben wegschwemmen können. Darmstadt lag bereits im beginnenden Abenddunkel, und von Darmstadt an wurde es recht kühl. Aber wie kühl auch die Luft werden mochte, die beiden Herren merkten nichts davon; es war jammerschade, daß sie die Temperatur, welche die Vorstellung, der Stadt Frankfurt immer näher zu kommen, in ihnen erzeugte, nicht mit in den nächsten Winter hinübernehmen konnten: sie hätte ihnen nicht wenig Brennmaterial erspart. Frankfurt! Mit jeglichem Lichterschein aus seinen Fenstern, mit jeglichem Laternenstrahl blitzte die Vernichtung herein. Seit auf dieser Erde die erste Tante starb und den ersten Neffen oder die erste Nichte durch ihre Hinterlassenschaft oder eine Klausel im Testament in Entzücken setzte, war nimmer ein Neffe mit wilderem Haarsträuben seinem – Rechtsbeistande zugefahren, als Herr Christoph Pechlin, und nimmer hatte ihn ein zitternderer Freund begleitet, als der Freiherr Ferdinand von Rippgen. Frankfurt! Nicht nur in Frankfurt am Main, sondern überall in der Welt pflegen, wenn der Wagen hält und auf der Fahrt drinnen irgend etwas vorgefallen ist, die Damen ohnmächtig oder doch wenigstens in Krämpfen herausgehoben zu werden, – an dem heutigen Abend war das anders. Wenn wer es nötig hatte, aus dem »Coupé« herausgehoben und zur Droschke mehr getragen, als geschleift zu werden, so waren das der Freiherr Rippgen und Pechle – unser braver, breitschultriger Freund Christoph Pechlin aus Waldenbuch im Schönbuch. Von Darmstadt an hatten die zwei Damen fast Angst vor ihren Begleitern bekommen, und hatten angefangen, dieser Angst Ausdruck und Worte zu geben. Sie hatten Fragen gestellt, und Ferdinand und Christoph hatten es versucht, diese Fragen zu beantworten, und ihren Zustand dadurch natürlich nur verschlimmert. Auf dem Neckarbahnhof in Frankfurt wurde es so arg, daß Christabel an Vergiftung und Lucie an Betrunkenheit zu glauben begann, und beide Frauen, fast ebenso aufgeregt wie die Herren, die letzte äußerste Frage: »Aber wie war dies denn möglich?« krampfhaft und gleichfalls im halben Schwindel hin und her wendeten. Die beiden Herren waren allerdings gänzlich unfähig; ihren Pflichten als Männer, Ehemänner, Verlobte, Ritter, Gelehrte und als welterfahrene Reiseführer gerecht zu werden. Weder der Baron noch Pechle waren imstande, ihre Geisteskräfte soweit zu sammeln, um dem Wagenlenker ein Ziel seiner Fahrt anzudeuten. Miß Chrisiabel hatte dieses zu besorgen und besorgte es mit den verwundertsten Blicken auf ihren Verlobten. Die Baronin hielt den Baron aufrecht, während die Jungfrau mit dem Kutscher redete und ihm das Hotel angab, in welchem sie zu übernachten wünschte. Der Kutscher aber, mit den Ohren auf der Jungfrau Worte horchend, sah mit den Augen auf die zwei Herren. Leider irrte er ebenso sehr, wie die Freifrau, wenn er die körperliche Unzurechnungsfähigkeit des Freiherrn und seines Freundes dem unmäßigen (die Baronin meinte zugleich heimtückisch verstohlenen) Genuß geistiger Getränke zuschrieb. Er, der Kutscher, zog die Backen zusammen und die Augenbrauen in die Höhe und schnalzte, allerlei liebliche Phantasien vor- und nachkostend, mit der Zunge, als er auf seine Gäule hieb und das sonderbare Vierkleeblatt durch das Taunustor in die Stadt und der ungeheuersten Katastrophe entgegenführte. Das fünfunddreißigste Kapitel. Wir folgen der Droschke nicht. Wir wissen, daß sie vor einem der besten Gasthöfe der wegen ihrer Gasthöfe berühmten Stadt halten wird, und das genügt uns. Wir gehen unsern eigenen Weg, das will sagen, wir wandeln den Pfad unserer wahrhaftigen internationalen Geschichte fürbaß, und auch dieser Pfad führt uns vom Taunustor bis tief in die Mitte der Stadt – mitten in die Döngesgasse, wo an einer Pforte in dunkeln Runen auf weißem Grunde deutlich, sehr deutlich, außergewöhnlich deutlich der Name Schmolke samt Zunamen und Beschäftigung zu lesen ist. – Es war jetzt gegen acht Uhr abends. Die Stadt Frankfurt am Main glänzte behaglich, und stellenweise sogar ganz vornehm im Scheine ihrer Gasbeleuchtung, und die Bureaus des vielgewandten und deshalb auch vielbeschäftigten, gleichfalls internationalen Rechtskundigen Leopold Schmolke erglänzten gleichfalls im Scheine der Lampen, welche grün verdeckt ihr hellstes Licht auf die Schreibtische warfen. Wir durchschreiten die Schreiberstube und bemerken, daß das Geschäft sehr gut gehen muß, und daß wahrscheinlich für die Arbeiter im Weinberge Schmolkes fürs erste noch nicht an Feierabend, Abendandachten, Feierabendgefühle und Nachtessen zu denken ist. Ein halb Dutzend eiliger Federn fuhr mit kunstgerechter Geschicklichkeit möglichst schnell über das billige oder wenigstens nicht teuere Aktenpapier, um es in die kostbarsten, pekuniären Gewinn und europäischen Ruf zu gleicher Zeit bringenden Dokumente zu verwandeln. Wir freuen uns darüber, gehen weiter und treten durch eine halboffen stehende Tür in das Privatkabinett des berühmten Advokaten, und unser Vergnügen am Geschäft wird sofort zur Bewunderung des Geschäftsinhabers. Auf einem grünen, bequemen Sofa lag der rechtskundige Beistand der gekränkten oder gekränkt habenden Menschheit ohne Unterschied der Rasse lang und behaglich ausgestreckt, die lange Pfeife im Munde und die Frankfurter Laterne in der Hand: ein zweiter und klügerer Diogenes, – ein Diogenes, der zwar auch seine Menschen suchte, aber sie jedesmal richtig und ohne sich im mindesten in der Person zu irren, zu finden wußte! Wie weit auch die Schreiber über die gewohnte Bureaustunde hinaus schreiben mochten, wie gut auch das Geschäft ging: der Chef bewegte seinen Olymp, und natürlicherweise die Erde mit, durch ein einfaches Kopfnicken über die Frankfurter Laterne hinweg, und ließ sich wie andere große Männer kaum jemals durch irgend etwas aus dem Seelengleichgewicht bringen. Man sah es dem Doctor juris Schmolke in der Dönges-Gasse an, daß es ihm gut ging, und daß er keine Ursache hatte, sich über seine Praxis oder über seine Verdauung zu beklagen, zumal da er als internationaler Ehestifter und Ehezertrenner wohlweislich für seine eigene Person sich im ehelosen Stande erhalten hatte und erhielt. »Na, na, nur langsam! nur ohne Aufregung!« sprach er deshalb sehr ruhig, als jetzt plötzlich die Klingel an seiner Haustür mit einer Heftigkeit und Gewalt gezogen – gerissen wurde, die nur ein außergewöhnlich außer sich geratener Klient aufzuwenden haben konnte. »Nor ruhig! ruhig! merr hamme ja noch alle Instanzen vor uns,« fuhr er mit der Behaglichkeit die Würde vereinend fort. »Aber Stübner, was gibt es denn da?« »Ein Herr – un monsieur très animé – très vif – très brusque ein sehr aufgeregtes Menschenkind, welches nicht die mindeste Zeit zu haben scheint, über den Stuhl, welchen man ihm anbot, hingefallen ist, und sofort den Herrn Doktor zu sprechen verlangt,« sprach Stübner ebenso phlegmatisch wie sein Arbeitgeber, und fügte mit dem Stahlfederhalter bedächtig sich am Nasenwinkel kitzelnd hinzu: »Nicht wahr, ich bestelle ihn auf morgen mittag zu bequemerer Stunde wieder her?« »Ich bitte – tun Sie das, lieber Stübner,« sagte der große Advokat gähnend; doch er hatte noch längst nicht ausgegähnt, als nach einem kurzen neuen Wortwechsel draußen im Bureau, die Tür des geschäftlichen Heiligtumes aufgerissen wurde, und der aufgeregte Herr, der vorhin die Klingel gezogen hatte, über den Stuhl, den man ihm höflich bot, hingefallen war, und der nach Stübners Meinung ruhig morgen wiederkommen sollte, bereits ins Zimmer stürzte. »Schmolke!... ich... ich bin´s! ich, Pechlin!... o Schmolle, Schmolle! ich habe dich, ich halte dich, ich umklammere dich, und, bei allen Teufeln über, auf und unter der Erde, ich lasse dich nicht los, bis ich dir das Versprechen, mir zu helfen, deine verruchten europäischen, juristischen Geheimnisse oder deine Seele aus dem Leibe gerissen habe. Schmolke, was ist's mit mei – mit Miß Christabel Eddish?« »Pechle? ... Ja aber Pechle, bist du denn das?« »Freilich! Leider! Das was noch von mir übrig ist! und jetzt vor allem anderen: hast du meine Karte bekommen? vor ungefähr sechs Wochen, meine und ihre Karte?« »Deine Verlobungskarte?« »Yes! uhi! meine Verlobungskarte!« »Franko beantwortet, – nicht wahr, lieber Stübner! Und Stübner, ich habe Sie für heute abend nicht mehr nötig. Lieber Pechle, wenn du dich einige Schritte weiter gegen jene Wand heranbewegen wolltest! dort steckt sie – dort am Spiegel – und es ist die einzige, welche ich in den langen Jahren eines lebhaften erotischen Geschäftsbetriebes der Ehre würdigte, an den Spiegel gesteckt zu werden.« »Das wäre zu gütig, wenn nicht die raffinierteste Bosheit und Schadenfreude dahinter steckte. O Schmolke, Freundle, Alterle, lieber guter Kerle, wenn du mir helfen kannscht, so wirscht du es tun! nicht wahr, du wirscht es tun?« »Wie könnte ich dir noch weiter helfen, du glücklicher Mensch? Hast du bis jetzt nicht alles, alles ohne mich zustande gebracht und glücklich und segensreich selbst vollendet?« »Zum Haarausraufe glücklich!« schrie der aus aller Fassung geratene Pechlin. »In Tübingen und Heidelberg würde ich dich für die Gratulation auf krumme Säbel gefordert haben; aber hier in Frankfurt am Main küsse ich winselnd deine Stiefel, und gestehe dir wimmernd, daß ich einzig und allein deshalb nach Frankfurt gekommen bin.« »Sehr verbunden.« »Also, deinen Rat, deine Hülfe! du hast so viele Hunderte glücklich zusammengebracht, – du bist der einzige, der auch mir in der höchsten Not helfen kann.« »Ich?« »Ja du; denn du hast es uns selber gesagt, mir und dem armen Ferdinand, an jenem Abend, weischt du, als ich dir unseren Freund, den Rippgen, wieder an unseren Kneiptisch in Stuttgart setzte. O ihr Götter alle, damals hab' ich freilich nicht darauf geachtet; aber Ferdinand hat mich drauf zurückgebracht, und – so sind wir denn hier: Ferdinand und ich, – meine – Christabel – und die Baronin, – und – sie sind beim Tee im Hotel, und ich bin hier bei dir, Schmolke, und jetzt Alterle, gutes, altes, braves Freundle, jetzt – wirst du mir sagen, was ich zu tun habe.« Es war ein Blick, wie er selten zweimal in einem Jahrhundert geworfen wird, und der Frankfurter internationale Thalamialrechtsverständige sah mit demselben den extheologischen Freund seiner juristischen Lehrjahre an. Dann stand er langsam von seinem Sofa auf, schritt zu dem, vorhin dem aufgeregten Pechle angedeuteten Spiegel hin, nahm die feine Karte mit den zierlichen verhängnisvollen Kupferstichzügen herab und hielt sie stumm – stumm dem Absender unter die Nase. Und Christoph Pechlin aus Waldenbuch im Schönbuch erwiderte nichts. Er drückte die Augen zu, stöhnte und war erst nach einer ziemlichen Pause imstande zu bemerken: »Was ich gewesen bin, hab i schon vorher g'wußt und brauchte deshalb nicht nach Frankfurt zu komme. Was du weischt, Schmolke, will i wisse, und wisse will i, was i zu tun habe; hernach ischt mir alles einerlei.« Bedächtig schob der Advokat die Karte wieder an ihren frühern Ort zurück und sagte langsam und eindringlich: »Also morgen früh um eilf Uhr und dreißig Minuten am Eschenheimer Tore!« »Wie? Was?« »Morgen früh um halb zwölf Uhr am Eschenheimer Tor, wie gesagt. Gute Freunde und zärtliche Verwandte sind zur Begleitung willkommen. Siehst du, mein Junge, so lästig gute Freunde und zärtliche Verwandte manchmal in der Praxis sein mögen, ebenso angenehm und zu allseitig befriedigender Lösung verworrener Lebensknoten und Liebesknäuel notwendig sind sie dann und wann. Bringe alles mit, was du bei dir hast und fürchte diesmal nicht, unverschämt zu erscheinen.« »Schmolke, du würdest mehr Mitleid haben, wenn du meinen Seelenzustand wirklich zu würdigen verständest.« »Lieber Freund,« sprach der Advokat mit melancholischer Behaglichkeit im Ton und im Gestus der deutenden Hand: »Sieh dir den Teppich an, auf welchem du da stehst. Ich habe ihn eigens ausgesucht für mein Kabinett; – flammende Herzen, brennende Liebe, Rosen und weiße Lilien, Orangenblüten und Myrten! Hunderte haben auf ihm unter Rosen geweidet; Hunderte beiderlei Geschlechts haben sich auf ihm gewälzt!« »Gewälzt?« »Ja! Si! Oui! ... Yes! Hunderte, viele Hunderte an ihrem Verstande und ihrem Lebenswohlsein Verzweifelnde haben sich auf ihm um sich selber gedreht und mir später doch in ziemlich ruhiger Gemütsverfassung und wahrlich auch nicht ungern das Honorar schämig auf den Tisch geschoben. Morgen früh am Eschenheimer Tore, wie gesagt. Da du deine liebe Braut mit dir hast, so werden wir dich heute abend wohl nicht mehr an unserem Stammtisch hinter der Schlimmmauer zu Gesicht bekommen?« »Schmolke, o Schmolke, sind wir nicht Freunde? Haben wir nicht Blutsbrüderschaft miteinander gemacht? hat uns nicht ein und dieselbe Alma Mater an ihren Brüsten gesäugt?« »Natürlich, und nicht allein eine! O wir haben ganz ordentlich gesogen, sowohl am oberen Neckar wie am unteren; sowohl in Tübingen als in Heidelberg; – Blutsbruderherz, morgen früh um halb zwölf Uhr am Eschenheimer Tore! .. Nun, Stübner, sind wir noch immer nicht mit der Tagesordnung zustande? Was, bei allen Teufeln gibt es denn noch?« Was es noch weiter Geschäftliches im Bureau des Dr. jur. Leopold Schmolke in der Dönges-Gasse gab, geht uns nichts an. Wir haben es nur mit unserem eigenen Geschäfte zu tun, und dieses konzentriert sich augenblicklich in dem verzweiflungsvollen Ruck, mit welchem der Doktor Christoph Pechlin den Hut aufsetzte und in dem heulenden Laute, mit welchem er aus dem Kabinett seines juristischen Freundes heraus und in die Nacht hineinstürzte. Wir haben nur den Kapitän Sir Hugh Sliddery in gleicher Weise fortrennen gesehen. »Recht guten Abend, lieber Pechlin!« hatte ihm der juristische Freund nachgerufen, und zwar im völlig aktenmäßigen Tone und vollkommen mit dem Ausdruck eines durch tausend anderweitige wichtige Händel in Anspruch genommenen und zerstreuten Geschäftsmannes. Sobald sich aber die Tür hinter dem Forteilenden geschlossen hatte, war es bei dem berühmten internationalen Rechtsbeistande mit der Wahrung des Anstandes vollständig vorbei. Er warf sich krähend rücklings auf sein Sofa, streckte beide Beine gen Himmel, streckte beide Fäuste gegen die Zimmerdecke und ächzte: »Stübner, um Gott und Jesu, drücken Sie mir a Kopfkisse auf das Gesicht, erwürgen Sie mich! Stübner, ich verletze ihn, – ich verletze den geschäftlichen Anstand, wenn Sie mich nicht durch ein Federkopfkissen ersticken!« Und damit brüllte er los, und sein Lachen vernahm der Exstiftler Christoph Pechle noch in der Gasse und stand einen Moment still, um sich mit der Faust vor die Stirn zu schlagen und zu stöhnen. »Um halb zwölf am Eschenheimer Tor. Wie oft habe ich diesem Menschen gegenüber Trumpf ausgespielt! und jetzt?... ich bin hin; aber nachher – soll auch alles hi' sein! Morgen früh also; – was bleibt mir denn sonst noch übrig als dieser Strohhalm, dieser verruchte, nichtswürdige, heillose, bestialisch-lächerliche Strohhalm Schmolke?!« Das sechsunddreißigste Kapitel Im Paradiese ist es schön. Da sitzen die Seligen bankweise, und die auf Erden brav gewesenen Tanten haben auch ihre Bank. Der im unsinnigsten Laufe durch die Gassen von Frankfurt am Main stürmende Pechle malte es sich aus, wie behaglich auch seine Tante da oben sitzen könnte unter den anderen, und seine Verzweiflung stieg, je lebendiger und farbiger und behaglicher er sich das ausmalte, was sein konnte, aber leider nicht war. Und zum Wirtshause mußte er zurück; sie warteten auf ihn mit dem Abendessen und hatten ihm seinen Platz auf der Bank leer gelassen, seinem Engel gegenüber. O er sollte ebenso weich und noch weicher gebettet werden, wie sein Freund Ferdinand von Rippgen, der seinen Sitz neben der Gattin während der Abwesenheit des glücklichen Erben hatte festhalten müssen und, sonderbarerweise, »wie auf Kohlen« gesessen hatte. Der Exstiftler Christoph Pechlin hatte nicht selten recht einfach und unbehaglich zu Nacht gegessen; aber so üppig Leib und Seele umkehrend wie in dieser Nacht noch nie. Wie Macbeth konnte er beim Schluß der Tafel und nachdem er den Damen eine gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte, zu sich selbst sagen: Ich hab' zu Nacht gegessen mit Gespenstern, Und voll gesättigt bin ich von Entsetzen! Daß er sich dazu sagen mußte, daß er diese Gespenster selbst beschworen habe, und daß sie nur auf sein eigenes Wort gekommen waren, die selige Tante voran, gab ihm weiter keinen Trost und dem Baron Rippgen auch nicht. – Die Damen waren bei Tisch natürlich sehr inquisitorisch gesprächig gewesen, und sie hatten das Recht dazu gehabt. Sie hatten ihre Einwilligung dazu gegeben, daß Christoph sich sofort zu seinem Rechtsbeistand begeben hatte; aber nun verlangten sie auch die genaueste Auskunft über die Tante, ihre letzte Krankheit, ihr betrübtes Abscheiden und ihre fröhliche Hinterlassenschaft, und Pechle mußte berichten. Miß Christabel Eddish fragte, und Pechle berichtete, das heißt, er fraß und suchte jede Antwort durch einen angsthaft fingierten Heißhunger solange als möglich hinauszuschieben, aber antworten mußte er auf jegliche Frage endlich doch. Sie, das heißt Miß Christabel, hatte sich durchaus nicht mit der bloßen Notiz, daß der Herr Doktor Schmolke ihren Verlobten zu einer neuen Konferenz auf den folgenden Morgen um halb zwölf Uhr eingeladen habe, zufrieden geben können. Sie hatte selbstverständlicherweise mehr wissen wollen. Die Tante interessierte sie doch sehr, und ihre Fragen nach ihrem Aussehen, ihrem Alter, ihrem Charakter und ihren sonstigen nunmehr verewigten Um- und Zuständen wollten kein Ende nehmen. Zuletzt fragte sie nach der Wohnung der Seligen, und setzte durch diese Frage mehr als durch irgendeine andere ihren unseligen Verlobten in Verwirrung. Mit dem letzten erbärmlichen Reste seiner früheren Unverschämtheit brachte er aber auch das noch zustande. »Hin–ter – der Schlimmen – der – schlimmen – Mauer,« stammelte er, und nannte auf gut Glück eine gar nicht vorhandene Hausnummer. »Es ist das alte venetianische Gebäude rechter Hand, links um die Ecke – ein nettes Haus, zwei weinende – männliche Karyatiden unter dem Balkon über der Haustür – ein schönes, wurmstichiges altes Haus – o wie glücklich werden wir vielleicht in diesem Hause sein, liebes Kindle.« »Ich liebe eigentlich nicht diese alten Häuser, dearest «, sprach Christabel. »Ich habe eine Erfahrung darin, Lucy; dieses Pittoreske ist gewöhnlich feucht und der Gesundheit nicht sehr zuträglich. Es riecht auch meistens nach mushrooms , nach champignons , nein, nach German tinder – o yes , es riecht malerisch nach German tinder . Doch dieses ist gleichgültig heute abend; – hat dein attorney , dein Rechtsanwalt etwas dagegen, daß wir dich morgen begleiten zu dieser Konferenz?« Ein Gefühl, als wenn jemand vor seinen Augen und Ohren mit den Fingernägeln an einer Kalkwand herunterkratze, durchschauderte den Sünder mit der Erinnerung des Tones, in welchem Schmolke ihn eingeladen hatte, alle mitzubringen, die er bei sich habe. »Gewiß nicht! Sehr angenehm! Freunde – ganz erwünscht – bei – der Verhandlung!« stotterte er, und Christabel machte dieser Verhandlung sofort ein Ende, indem sie bestimmt sagte: »Dann werden wir dich sicherlich begleiten; – alle – nicht wahr, Lucy?« Und Lucy lächelte ihr süßestes Lächeln: »Gewiß, mein Liebchen! Aus der Zeit der Amtstätigkeit meines Mannes ist mir zwar sonst nichts verhaßter als diese tötenden, dummen, langweiligen, juristischen notwendigen Übel; allein, daß ich dich und unsern teuren Freund morgen auf diesem Wege zum Glück begleiten kann, ist mir selber das schönste Glück. O Christabel, Christabel, was werden wir diese Nacht träumen? Nicht wahr, Herz, du erzählst mir morgen früh auf dem Wege zu diesem – diesem Herrn Schmolke alle deine süßen Träume?!« Damit war die Tafel aufgehoben. Drei Minuten lang waren zum erstenmal an diesem dranghaften Tage die beiden Freunde, Christoph und Ferdinand, auf dem Korridor unter sich. Sie hielten sich an den Schultern, ihre Nasenspitzen bohrten aufeinander ein, ihre aus den Höhlen gequollenen Augen angstvoll gleichfalls; hätten sie Hasenohren besessen, so würden dieselbigen wahrscheinlich Wirbel der zitterndsten Aufgeregtheit geschlagen haben. Und so standen sie und besprachen sich – flüsterten sich gegeneinander aus. Doch schon in der vierten Minute erklang aus Lucys Zimmer Lucys Glocke und Lucys Stimme. Noch einmal riß der Baron seinen Pechle krampfhaft an den Busen und riß sich dann los: »In Gottes Namen denn: morgen mittag am Eschenheimer Tore!« Auch diese Nacht ging vorüber; obgleich sowohl Christoph wie Ferdinand, ihre wüsten Köpfe dann und wann vom Kopfkissen hebend und nach der Uhr schauend, es jedesmal bezweifelt hatten. Nach Mitternacht sagte an seinem Stammtische hinter der Schlimmmauer im Kreise seiner kreuzfidelen aber jetzt etwas schläfrigen Kneipgenossen, der Doktor Leopold Schmolle seine Uhr hervorziehend: »Da hawwe mer's mal widder. Uih, da geht's ja mal widder recht ordentlich auf ein Uhr. Gottlob! denn wisse Sie, meine Herre, was mich anbetrifft, so glaub i a recht sonderbaren Tag angebrochen zu haben. Schad ist's, daß der Dachreiter nicht vorhanden war! Dem hätt' ich noch a Wort zu sagen gehabt. Na, heut abend komme mer dann wieder zusammen, und so – bitt ich jetzt schon ums Wort für heute abend.« » Miraculum ! Schmolle verlangt wieder einmal das Wort!« rief ein städtischer Oberlehrer im tiefsten Baß vom anderen Ende des Tisches. »Und er soll's hawwe, Herr Doktor! Vivat der internationale Verkehr! Ihr Herre, man hört immer etwas, wenn Schmolle das Wort verlangt, und ich halte ihn für eine Zierde jedweder Gesellschaft, so ihre gemütlichen Stunden nicht nach der Klepsydra, will sagen, der Wasseruhr abmißt. Dixi , und jetzt gehn mer nach Hause,« sprach würdig der Präses hinter der Schlimmmauer, und so ward, wie gesagt, aus Abend und aus Morgen der nächste Tag – »Uh!« wie der Doktor Pechle bemerkte, als er zwischen fünf und sechs Uhr den ersten grauen Strich im Osten vor seinem Fenster über den Dächern zu Frankfurt am Main, – Francofurti ad Moenum , wie man hinter der Schlimmmauer sagte, – dämmern sah. – Da's einmal angefangen hatte zu dämmern, so dämmerte es denn auch wie gewöhnlich richtig weiter. Auf den grauen Schein folgte ein rosiger am östlichen Himmel, und hier ist die Stelle, an welcher wir der Sonne ein aufrichtig gemeintes Kompliment zu machen haben. Wir sind ihr verpflichtet, der Sonne, und bedanken uns bei ihr. In anerkennenswertester Weise hat sie uns durch dieses ganze Buch gnädigst begleitet und beschienen; – die Leute, mit denen wir es diesmal zu tun haben, haben freilich ihrerseits sonderbar nebelige Stunden zu durchleben gehabt; allein uns war die Sonne gnädig, und um ihrer Güte die Krone aufzusetzen, leuchtete sie auch in die Schlußkatastrophe mit heiterstem Behagen hinein. Es war wohl ein wenig kalt und novemberwindig; doch mit ihrem trockenen Gassenstaub hatten sich die Frankfurter abzufinden, nicht wir. Die Sonne stand am blaßblauen, wolkenlosen Himmel und um elf Uhr dreißig Minuten so ziemlich gerade über dem Eschenheimer Torturm, und sah unsere vier Freunde die Eschenheimer Gasse herabkommen. Sie sah auch den Advokaten und rechtsgelehrten internationalen Doktor Leopold Schmolke sein Haus verlassen und sah, wie er der kleinen erwartungsvollen Gruppe unter dem Tore eiligst zuschritt, schon von weitem seine herzliche Freude zu erkennen gab, den Hut vor den beiden Damen lüftete, der Miß Christabel, zu einigem kühl abweifenden Erstaunen, zutraulich und lächelnd die Hand drückte und zuletzt auch die zwei Herren höflich und freundlich begrüßte. Die Sonne mußte ihre Lust an dem Doktor Schmolke haben, sie lächelte immer wohlwollender; aber wohlwollender als der Doktor selbst konnte sie doch nicht lächeln. Was hätte man diesem Manne und diesem biederen Gegrinse nicht anvertraut? Vermögen – guten Ruf – die zartesten Geheimnisse – alles, alles lächelte er zu sich heran, lächelte er in seine Schreibstube hinein, verwaltete er lächelnd und – verwaltete er gut, ehrlich und nicht allein zu seinem eigenen Vorteil. Seine ärgsten Feinde mußten ihm das letztere zugestehen, und wer sich acht Tage später um Auskunft über den Dr. jur . Schmolke an den britischen Kapitän Sir Hugh Sliddery gewendet hätte, dem würde der Kapitän mit Tränen der Dankbarkeit im Auge seinen Rechtsbeistand gepriesen und anempfohlen haben, und wie der englische Ritter lobten und priesen ihn ungezählte Scharen seiner Klienten. »Pünktlich wie die Sonne!« sprach der Doktor Schmolke, noch einmal im Kreise umherblickend. »Und da wir denn sämtlich vorhanden sind, so bitte ich die Herrschaften, mir gefälligst folgen zu wollen.« Dann seinen Freund Christoph Pechlin beiseite schiebend bemerkte er weiter: Mein Liebster, heute morgen muß ich die Ehre in Anspruch nehmen!« und, der holderrötenden Christabel den Arm bietend, schritt er mit einer zum Folgen einladenden Handbewegnng voran durch das Eschenheimer Tor. »Ein wundervoller Herbsttag!« sprach er laut; und leise – rief, tief im Busen ein anderes Wort bewegend, nämlich: »O du, du – du Unnennbare, du – grünäugige, fischblütige Polypin, hab' ich dich endlich soweit?! o du heillose, hübsche Perlmutterhexe, wert' ich dich endlich los aus den Akten?! O Pechle, Pechle, Pechle!« ... Das siebenunddreißigste Kapitel Wie weit er sie hatte, wird sich sofort zeigen. Daß er sie auf dem Wege, die Eschenheimer Chaussee entlang, hielt – festhielt und nicht den flüchtigsten Moment losließ, war sicher. Wie der Fuchs, der die Gans zum Spaziergange abgeholt hatte, tänzelte er an ihrer Seite unter den verbindlichsten Gesprächen dahin, – wohin – er wollte, und die übrigen folgten ihnen; Lucie am Arme des Gemahls, Herr Christoph Pechlin als Einzelwesen und sehr krummen Nackens, sehr hängenden Hauptes; und mit Augen, Händen, Armen und Beinen, die ein unruhiges Spiel der Verlegenheit trieben, und über welche das, was er dann und wann seine unsterbliche Seele nannte, vollständig jegliche Kontrolle verloren hatte. So schritten sie fast zehn Minuten lang fort, und – »Mein Gott, Herr Doktor, wohin führen Sie uns denn eigentlich?« rief mit einem Male die gnädige Frau, ihrer allmählich immer höher gestiegenen Verwunderung Ausdruck gebend. Aber der Herr Doktor blickte nur lächelnd über die Schulter auf die schöne Fragerin und erwiderte vergnügt: »Nur zum Zweck, meine Gnädigste. In Erbschaftsangelegenheiten ist ein jeder Advokat ein Charon, dessen Fahrzeug sich die Erben ohne Widerspruch anzuvertrauen haben. Wir sind übrigens sogleich an Ort und Stelle, und die Gnädige wird mir in einigen kurzen Augenblicken gern zugestehen, daß ich ein trefflicher, ein höchst gewandter Seelenführer gewesen bin. Hier also, – bitte mir nur noch einige Schritte weiter zu folgen.« Sie standen vor einem ziemlich neuen Hause, das durch ein Vorgärtchen von der Straße getrennt war, und an dessen eleganter eiserner Gittertür auf einer Metallplatte neben dem Glockenzug der Name und Titel des Eigentümers oder Bewohners zu lesen war: Dr. phil. Otto Dachreiter. – »Hier???« fragte die Baronin von neuem, ihren Gatten durch einen Ruck am Arm mit in ihre Frage hineinziehend; während Miß Christabel Eddish ruhig und unbewegt stand und die Dinge an sich herankommen ließ, und Pechle mit dem Blicke eines Idioten sich an dem Namen auf dem Messingtäfelchen geistig versah und die verwirrtesten Gedankenmißgeburten vorzeitig und in Stücken in die Welt setzte. »Ja hier; wenn ich bitten darf,« sagte Schmolle, und sich dem Ohre Christophs zuwendend, flüsterte er: »Jetzt nimm dich zusammen. Ich hoffe, daß du dich als ein Mann aufführen wirst, und zwar als ein anständiger. Übrigens bemerke ich dir, daß ich für die Szenen und sonstigen Folgen der nächsten Augenblicke nicht verantwortlich bin und es dir überlasse, mit ihnen fertig zu werden. Hast du die Ehre und das Vergnügen gehabt, so zahle nun auch die Rechnung.« Laut setzte er hinzu: »Wenn du jetzt den Arm des gnädigen Fräuleins – deiner lieben Braut nehmen willst, Christoph, so werde ich – die Glocke ziehen.« In vollkommener Bewußtlosigkeit nahm Christoph den Arm Christabels, und der internationale Rechtskundige zog wirklich die Glocke, zu gleicher Zeit diabolisch höflich den zähnklappernden Baron Ferdinand von Rippgen näher an das eiserne Gitter heranwinkend. Der Klang der Hausglocke des Doktor Dachreiter hatte nichts Unheimliches. Im Gegenteil: es war sogar ein recht harmonisches Geläut. Auch das zierliche junge Dienstmädchen mit dem weißen Schürzchen, welches sofort erschien, um die Gartentür zu öffnen, hatte nichts Unheimliches an sich; – im Gegenteil, es lächelte höchst harmlos und recht anheimelnd auf die Frage des Advokaten Schmolle nach dem Doktor Dachreiter, und antwortete: »Natürlich ist er zu Hause. Er hat die Büble eben frei g'lassen und sitzt in seiner Stube mitten in seinem Ung'ziefer. Wollen die Herrschaften nur gefälligst eintreten.« » Bless me !« hauchte Miß Christabel. »Mitten in seinem Ungeziefer?!« und dem entomologischen Doktor würde wahrscheinlich ein Jucken über den ganzen Körper gelaufen sein, wenn er eine Ahnung davon gehabt hätte, welche Bedeutung die britische Jungfrau dem meldenden Worte der Frankfurter Maid unterlegte. »Er hat sich in seinen Mußestunden auf die Gezieferkunde gelegt,« erklärte aber Schmolke, »und in den Pansen zwischen den Lektionen pflegt er seine Motten mit Kampfer zu traktieren. Aber bitte wirklich, einzutreten.« Im Anfange seiner letzten Äußerung hatte er noch ganz holdselig gelächelt, den Schluß sprach er mit der ernstesten Amtsmiene, welche letztere dadurch nichts von ihrer Bedenklichkeit verlor, daß er plötzlich aus der Tasche seines Überrockes ein umfangreiches Konvolut sehr verdächtig aussehender Akten zog und damit melancholisch-peremtorisch der Pforte des hellen, freundlichen Hauses zuwinkte. Stupéfaite , wie der Professor der Chorentik, Mr. Faustin de St. Vit , der sie vom Fenster aus herankommen sah, sagte; – stupefiziert, wie Pechle nachher sagte, schritt die kleine Gruppe über den mit Mainkies bestreuten Weg zur Haustür hin. Sie, die stupefizierte Gruppe, betrat die stille Hausflur des Doktors Dachreiter, wurde in ein ebenso stilles an den Wänden von eleganten Bücherschränken umgebenes Gemach geleitet, fand sich zuerst einer weißen Kolossalbüste des Schulmeisters, Philosophen und Prinzenerziehers, Professor Dr. Aristoteles gegenüber und fünf Minuten später dem Philosophen, Schulmeister und Pensionatsinhaber Dr. Otto Dachreiter. Letzterer hatte ebenfalls durchaus nichts Unheimliches an sich, außer daß er in der Tat ein wenig stark nach Kampfer roch. Es war ein freundlicher, kurzsichtiger Herr von ungefähr fünfzig Jahren, dann und wann nach getragener Last und Mühe des Tages ein behagliches Mitglied der Gesellschaft am Stammtisch hinter der Schlimmmauer; – ein lächelnder Pädagog im grauen Schulrock, der infolge seiner Kurzsichtigkeit seinem Besuche so nahe als möglich auf den Leib rückte, um sich auch durch den Gesichtssinn zu überzeugen, daß ihn wirklich jemand zu sprechen verlangt habe. »Ich bin es, Dachreiter – das heißt, wir sind es!« sagte der juristische Beirat, und stellte mit der Miene eines Leichenansagers vor: »Herr Doktor Dachreiter – Baron und Baronin von Rippgen – Herr Doktor Pechlin aus Stuttgart (hast du vielleicht schon dann und wann in unserer kleinen Gesellschaft gesehen) – Herr Doktor Dachreiter – Miß Christabel Eddish! ...« »A – a – oh!« machte der Doktor Dachreiter beim Klange des letzten Namens seine Brille mit beiden Händen zurechtrückend, und doch zu gleicher Zeit wie von einem Schlage auf die Nase getroffen, zurückfahrend gegen seinen Schreibtisch. »Schmolke – ihr unsterblichen Götter!... aber Schmolke, ist denn ...?« »Alles in Ordnung, mein Freund!« sagte der internationale Advokat ruhig und legte sein Aktenbündel auf den Tisch des Gelehrten. »Aber –« »Kein weiteres Aber, mein Bester. Weder als Mensch noch als Jurist kann ich dergleichen in diesem Falle gelten lassen,« fiel Schmolke dem Pädagogen in die Rede, zu gleicher Zeit aus der Tiefe seines Ernstes heraus einen sonderbar drolligen Seitenblick auf den betäubten Pechle werfend. Dann fuhr er fort: »Vor allen Dingen, lieber Dachreiter, würde ich dich bitten müssen, den Damen und diesen beiden Herren Stühle anzubieten. Auch du selbst wirst dich wahrscheinlicherweise am besten setzen, nachdem du –« – hier flüsterte er dem Schulmeister, dicht unter der Nase des Aristoteles etwas in das Ohr, welches wir an den unserigen diesmal noch vorübergehen lassen. Dagegen haben wir mitzuteilen, daß der Doktor Dachreiter in nervösester Aufregung seinem Zuflüsterer entgegenflüsterte und zwar in abgebrochenen, verlegenen ratlosen Sätzen ungefähr folgendes: »Nein, nein – unter keiner Bedingung – was geht das mich an? – ich werde tun, was ich muß, aber ich werde nicht zugegen sein – es ist zu entsetzlich, und ich habe mich meiner Familie und meinen Zöglingen zu erhalten – – ich schicke ihn dir durch einen anderen herein. O ihr Götter, ihr Götter, ist dies ein Morgen! Der Tanzmeister soll ihn bringen – ja, der – dieser St. Vit wird sich am besten dazu schicken; – es ist ein Segen, daß er zufällig sich im Pensionat befindet. Ja, ja, Schmolke, Monsieur Faustin soll ihn euch bringen.« Damit enteilte er, wie ein Mensch, der im Fortlaufen seine einzige Rettung sieht, und jetzt blickte die Baronin Lucie von Rippgen mit den größesten Augen im Kreise umher und sprach: »Allmählich möchte ich aber doch wissen, wo wir uns eigentlich befinden, und was dieses alles zu bedeuten hat. Ich begreife dich nicht, Christabel, daß du dich nicht schon längst darnach erkundigt hast.« »Es wird sich wohl finden,« sagte Christabel, ihrem Verlobten kühl, klar und scharf in die schwimmenden Augen blickend. » Yes! « sagte Herr Christoph Pechlin, ohne zu wissen, was er sagte; ebenso wenig, als der Baron Ferdinand, der über die Schulter der Gattin hinweg leise wimmerte: »Ei ja, ei ja. Ei Herrcheses, ja!« Es war eine peinliche Minute für alle. Der internationale Rechtskundige Dr. Leopold Schmolke mußte das fühlen, und fühlte das jedenfalls auch, denn er tat seinerseits nicht das geringste, der Qual ein schnelles Ende zu machen, sondern weidete sich viel länger, als nötig war, mit dem ausgesprochensten Behagen an dem verlegenen Jammer. Erst in dem Augenblick, als ein allgemeiner Aufschrei oder Aufkreisch der gequälten Menschennatur in jeglicher Kehle emporstieg, nahm er kaltblütig laut, kräftig und amtsmäßig das Wort und fragte einfach: »Wollen sich die Herrschaften wirklich nicht setzen?« »Nein,« erwiderte die Baronin sehr schrill, »aber ich bitte im Namen meiner armen Freundin, uns jetzt so kurz als möglich mitzuteilen, was dieser eigentümliche Aufwand von mysteriösen Spaziergängen und Geflüster, kurz von Mysterien überhaupt zu bedeuten hat.« »So werde auch ich mit gütiger Erlaubnis meinen Vortrag stehend halten, gnädige Frau,« fuhr der Advokat freundlich und höflich fort. »Also nehme ich hiermit während der Abwesenheit meines Freundes, des Institutsvorstehers Doktor Dachreiter die freundliche Aufmerksamkeit und entschuldigende Teilnahme der Herren und Damen – auch die deinige, lieber Pechlin! – für einige Augenblicke in Anspruch. Im voraus habe ich zu bemerken, daß ich hier stehe im Auftrage – als Mandatar, das heißt, als juristischer Beirat des Herrn Hauptmanns in königlich großbritannischen und irländischen Diensten, Sir Hugh Sliddery .« Miß Christabel Eddish stieß einen Schrei hervor, wie er noch nicht durch die Blätter dieses Manuskriptes gellte, einen Schrei, der uns die Bogen unseres Berichtes auseinander fegt und fast in Fetzen umherwirbelt. Zu gleicher Zeit gab sie aber auch ihrem Verlobten eine Ohrfeige, wie sie gleichfalls noch nicht in diesen Bericht hineinklatschte. Dann setzte sie sich doch, das heißt, sie sank, wie es schien, ohnmächtig auf den nächsten Stuhl und in den unterstützenden Arm ihrer Freundin, die ungemein verstört den Advokaten anstarrte und zum erstenmal in dieser Geschichte sehr dumm aussah. Mit gesträubten Haaren, offenem Munde und den hellen Schweißperlen auf der Stirn wich Herr Christoph Pechlin gleich einer persona dramatis des Puppenkastens gegen die Wand zurück; – der Baron – stand einfach da, und es ist nicht von uns zu verlangen, daß wir in diesem Moment auch über seine Miene und seine Gesten etwas sagen. Miß Christabel lag in Ohnmacht, aber sie erwachte auf der Stelle daraus, als Schmolke wiederholte: »Ja, des Kapitäns Sir Hugh Sliddery!« – »Verräter! ... Shame ... o niederträchtige, höchst niederträchtige Verräter – o you traitorrrrrs !« ächzte die Miß zwischen den knirschenden Zähnen, und Schmolke, alles das als eine Schmeichelei auffassend, verbeugte sich bei jedem Wort und empörten Ausruf verbindlichst, zu gleicher Zeit seine Papiere fächerförmig handgerecht auf dem Studiertische des Dr. Dachreiter ausbreitend. Unerschütterlich auf der Regelhaftigkeit und Beweiskräftigkeit eben dieser Dokumente fußend sprach er weiter: »Mein ehrenwerter Klient, Sir Hugh Sliddery, den ich, beiläufig gesagt, Miß Eddish, zuletzt im Sommer dieses Jahres zu Andeer am Ende der Via mala im erwünschten, wenn auch etwas verschnupften Wohlsein, auch wie gewöhnlich auf der Flucht vor dem gespenstischen Fatum seines Lebens traf, – mein ehrenwerter Klient Sir Hugh hat endlich meinen Vorstellungen und offenherzig klaren Darlegungen, kurz meinem Rate Folge gegeben und wünscht nunmehr ein gewisses Verhältnis, teuerstes Fräulein, wie man hier zu Lande leider ziemlich roh und shocking sagt, da es nicht anders geht, über dem Knie abzubrechen.« » Go on ! weiter!« zischte Miß Christabel, die bereits der Unterstützung der erstaunten Freundin nicht mehr bedurfte, sondern mit entblößtem Gebiß und geballten Händen giftig sphinxhaft vorgebeugt dem frankfurter Advokaten ins Gesicht sah. Mit einer neuen Verbeugung fuhr dieser fort: »– über dem Knie abzubrechen, das heißt nach seinerseits bis an die äußersten Grenzen erfüllten Pflichten und Verbindlichkeiten, die Angelegenheit mit absoluter Machtvollkommenheit in meine Hände zu legen und mir die schließliche Lösung zu übertragen, welches ich hiermit ausführe, indem ich die Akten samt dem glücklicherweise zu Händen seienden Corpus delicti ganz und vollständig in die Hände des hier gegenwärtigen Fräuleins – Christabel Eddish zurücklege und –« »Jetzt mach amal einen Punkt und sag, was du zu sage hascht, sonscht werd i grob – saugrob!« rief Pechle von der Wand her dröhnend an den Tisch tretend und mit der Faust darauf hauend; aber der internationale Rechtsverständige schien ihn weder zu sehen noch zu hören, sondern redete mit vollkommenem Gleichmut weiter zu Miß Christabel. »Meine Gnädige, darf ich also bitten, einen Blick auf die hier vorliegenden Papiere und Aktenstücke, von denen natürlich beglaubigte Abschriften in meinen Händen bleiben, zu werfen? Hier ein Geburtsschein de dato ersten April 18.., hier die Korrespondenz meines Mandatgebers, des Kapitäns in britischen Diensten Sir Hugh Sliddery mit Madame Therese Robins zu Saint Lô, Departement de la Manche , welche durch Vermittlung meines Klienten, da der – soll ich sagen gegnerische Teil – jegliche Verantwortlichkeit von sich wies, den lieben Täufling die ersten zartesten Jahre seiner beglückenden Existenz hindurch unter ihre mütterliche Flügel nahm. Hier meine Noten und kleinen Berechnungen mit quittierenden Unterschriften meines Freundes Dachreiter, seit mein Klient Sir Hugh mir die Ehre erwies, mich mit der weiteren Erziehung des – ohem – des – zu betrauen. Hier zuletzt sämtliche höchst zufrieden und lobend sich aussprechende Zeugnisse meines Freundes Dr. Dachreiters über den durchaus nicht unbegabten Zögling; und hier –« Der Redner brach ab, obgleich er hätte sagen können: »Hier der Zögling des Doktors und Institutsinhabers Dachreiter selbst,« – denn auf der Schwelle erschien, einen ungefähr sechs Jahre alten Knaben an der Hand führend, der maître de danse des Instituts Mr. Faustin de St. Vit und begrüßte die jetzt ganz zu Stein gewordene Gesellschaft, die in neuer Ohnmacht liegende Hauptheldin eingeschlossen, mit der zierlichsten aller Verbeugungen. »Master Christopher Sliddereddisch, meine Herrschaften!« sprach der internationale Rechtsverständige mit einem vorstellenden Gestus väterlich-freundlich, vormündig-wehmütig dem Knaben die Hand auf die rötlichen Locken legend und fügte hinzu: »Meine Aufgabe endet augenblicklich vollständig hiermit, und habe ich also die Ehre, mich, alle wünschenswerten ferneren Erörterungen und Ausführungen jedermann natürlich vorbehalten, jetzt allergehorsamst zu empfehlen, – – – guten Morgen, Pechle! « Das achtunddreißigste Kapitel »Guten Morgen, Miß Eddish! und du, du gehst auf der Stelle mit mir, Ferdinand!« kreischte die Baronin Lucie von Rippgen aus dem vollkommensten Starrkrampf zu empörtester Lebendigkeit und dem vollen Bewußtsein dessen, was ihrer Frauenwürde angemessen war, aufwachend. Einkneifend packte sie den Gemahl am Oberarm, entriß ihm eine schnell unterdrückte Wehklage und fuhr mit ihm ab, wie eine Hexe mit einem geraubten Kinde. Master Christopher Sliddereddisch im dumpfen Gefühl, daß durch seine plötzliche Abberufung vom Spielplatze des Doktor Dachreiter irgendeine Schraube im sozialen Wesen bedenklich gelockert worden sei, fing jetzt an, den Mund nach beiden Ohren hinzuziehen und leise zu heulen; der französische Tanzlehrer der weitberühmten Frankfurter internationalen Erziehungsanstalt, Mr. Faustin, aber sah mit immer größeren Augen auf Miß Christabel Eddish. Das alles ließ sich sagen, schildern, beschreiben, niederschreiben; aber die Augen, mit welchen jetzt Christoph Pechlin auf Miß Christabel sah, die können vielleicht vorgestellt oder gedacht, doch sicherlich nicht durch Wort oder Bild wiedergegeben werden. Trotzdem sie alles sagten, ermangelten sie während längerer Minuten so vollständig eines bestimmten, eines bestimmbaren Ausdruckes, daß, wenn einmal die Welt und damit die Weltgeschichte ein Ende nehmen sollte, der letzte Mensch nur mit einem solchen Ausdrucke in den Augen in den Brei und die niederrollende ewige Finsternis hineinsehen wird. Seiner hier sehr berechtigten Stammeseigentümlichkeit zufolge hätte er, Pechle, nunmehr: »Grüß Gott, Miß Christabel!« sagen müssen; aber dazu war er nicht imstande. Er brachte es fürs erste selbst nicht einmal zu dem »guten Morgen!« der übrigen, sondern stand und verglich, sah von der Verlobten auf den Master Christopher, den internationalen Taufnamensvetter, und vice versa , und fing endlich an, mit einem Schimmer rückkehrender Besinnung auf den Professeur Herrn Faustin von Sankt Veit zu blicken, der allmählich begonnen hatte, einen, sowohl seiner Kunst wie seines Namens würdigen Tanz zwischen dem Master Christopher Sliddereddisch und der Miß Christabel Eddish aufzuführen. Mr. Faustin tanzte und stieß Töne aus, und nachdem er in der verworrensten Gestikulation und Artikulation seinen Gefühlen Luft gemacht hatte, wurde er mit einem Male sehr klar, sowohl sich, wie der nun zum ersten Mal in eine wirkliche und wahrhaftige Ohnmacht sinkenden Miß Christabel. » Mon dieu! Elle et lui! Sie und er! Ich und sie! oh mon dieu, mon dieu! ... Mais ma chère, mon coeur – oh la perfide! la traitresse! la diablesse! Hab ick nix ketraut meine Aug von die Fenster aus, wegen ma vue bornée, ma vue courte, meine Kurzgesickkikkeit, so trau ik sie jetzt. Oh ma mie, ma chère amie, mon poulet, mon chat, ma divine – ma déesse – mon pauvre joli petit chat –« Mr. Faustin war noch lange nicht fertig; aber wohl Herr Christoph Pechle. Wenn dem letzten Menschen hinter der untergehenden Welt eine neue und noch viel sonderbarere auftauchte, so würde dieser schon beregte letzte Mensch wahrscheinlich auf dieselbe gerade so sehen, wie der Exstiftler jetzt auf Monsieur de St. Vit blickte. Nachdem das erste Erstaunen überwunden war, schritt er ganz vertraulich auf den Tanzmeister zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte: »Ja, Herr,– Sie – höre Sie, wenn das so ischt, so sage Se mer wenigstens an, wo an Sie de Bekanntschaft des Fräuleins g'macht habe. Von dene andere Herrschafte weiß i's so ziemlich oder kann's mir denke; aber dies wäre mir wirklich no interessant zu erfahre.« » Mon cher Monsieur , wenn Sie mir hab gesackt, in welches Verhältnis Sie selber zu Mademoiselle –« »Stehen!« schloß der Exstiftler donnernd. »O freilich! Ja gewiß! Mit Vergnügen, Herr! ... Ich hatte die feste Absicht – Mademoiselle zu meiner Frau zu machen! O Tumboffski! ... Tumboffski!« » Touchez-y! touchez-là !« fistulierte Monsieur Faustin, wie im hellen Entzücken von einem Fuße auf den anderen hüpfend und dem betäubten Pechle beide Hände zum freundlich-freundschaftlichen Dreinschlagen offen darstreckend. »Grad wie ick! Oh, monsieur , da sind wir wie Gebrüder – wie Milch- und Blutsgebrüder! War nicht Mademoiselle l'écolière la plus formée – la plus jolie fille – la plus vivace im Institut von Madame de L'ermitage zu Liège , in Lüttich?! War ich nicht maître de danse dort, und haben wir nicht ausgeführt zur fête d'´école zur Weihnacht, unter der Aufsicht von Madame und von den lieben Eltern das groß mimisch Ballett la Pucelle d'Orléans , die Jungfrau von Orleans? O mon coeur, mon ange, ma Christabelle ...« » Oui !« sagte Christoph Pechlin gebrochen und schüttelte matt den Kopf: »Es ist wahrhaftig, als hätte man in Schlossers oder Rottecks Welthistorie die ganze englische Geschichte von Anfang bis zum Ende vor sich! Grundgütiger Himmel, es fehlt bloß noch ein Vertreter von Nordamerika und Hinterindien; – nachher haben wir alles beieinander!« Er hatte das in seiner Wehmut wie so manches andere im Verlaufe dieses Berichtes im schönsten Hochdeutsch gesprochen, doch mit der Leidenschaft kam auch der angeborene Dialekt in ursprünglichster Frische in ihm zurück. In übersprudelnder Wut sich an die Verlobte wendend, schrie er: »Na, höre Se, dees hätte Se au eher sage könne! Grüeß G– guten Morge!« Wie halb blind und ganz betrunken tastete er sich gegen die Tür hin, stieß mit dem Haupte dagegen, ehe er den Griff fand, fand ihn endlich und stürzte hinaus aus der Pforte, sie aber dergestalt hinter sich zuschlagend, daß das Haus in seinen Grundfesten wankte, der Doktor Dachreiter im Korridor in die Kniee fuhr, und Master Christopher Sliddereddisch sein leises Heulen in ein durchdringendes Zetergeschrei übergehen ließ. – Der Doktor Dachreiter schien sich während der eben geschilderten Vorgänge und Auseinandersetzungen im Korridor aufgehalten zu haben. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, seine Lippen zuckten, seine Kniee wankten unter ihm, als er sich jetzt seinem Studierzimmer näher schob, und fürs erste einmal das Ohr an die Tür legte. Zuerst vernahm er nichts; sodann ein undeutliches Gesumm, aus welchem schrillere Töne – Ausrufe, wie Raketen sich erhoben, und in dem Moment, in welchem er sich soweit gefaßt zu haben glaubte, um die Tür öffnen und sich selbst wieder zeigen zu können, hörte er einen gell-klatschenden Ton, und unmittelbar mit ihm die Worte: »Mille tonnerres!« Miß Christabel Eddish hatte abermals eine Ohrfeige ausgeteilt – gottlob die letzte in dieser wahrhaftigen, internationalen, ungemein geschichtsphilosophisch auf der Basis der allgemeinsten Menschenliebe sich abspielenden Geschichte! – Sie teilte jedem eine Gabe, Dem Früchte, jenem Blumen aus; wie der große Landsmann Pechles von seinem Mädchen aus der Fremde singt; aber mit ihren Früchten war unser Mädchen aus der Fremde, wie gesagt, nunmehr zu Ende. Nur noch eine Blume hatte Miß Christabel zu vergeben, und diese bekam im natürlichen Verlaufe der Dinge der Vorsteher von Frankfurts berühmtestem internationalen Knaben-Erziehungsinstitut, der durch die Vorgänge des Morgens wahrlich schon genug aus aller Fassung gebrachte Dr. Otto Dachreiter. »There, you nauseaous german fool, you are welcome to all, what you have got! Da, Sie widerlicher deutscher Dummkopf, behalten Sie ganz ruhig und ungestört alles, was man Ihnen aufgeladen hat!« kreischte Miß Christabel, an ihm vorüber und die Treppe des Hauses hinunterrauschend, und der gelehrte Pädagog stand längere Zeit und starrte stumm, doch geöffneten Redeorgans, ihr nach und gebrauchte verschiedene Male sein Taschentuch, um sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen, ehe es ihm möglich war, sein Studierzimmer von neuem zu beschreiten. Drinnen verzierte Master Christopher die langgehaltenen Töne seines nicht unmotivierten Gesanges mit immer geschmackvolleren Kadenzen, und Mr. Faustin hüpfte noch immer umher, die Hände in den Lüften hin und wider werfend: »Oh mon dieu, mon dieu, quelle aventure!« Mit vor dem Unterleibe matt ineinander gelegten Händen stand der Doktor Dachreiter und betrachtete sich seinen interessantesten Zögling. Er sah ihn heute in einem ganz andern Lichte als gestern. – Und nun durch das Eschenheimer Tor zurück, im wildesten Lauf durch die Eschenheimer Gasse über den Paradeplatz, den Roßmarkt, durch die große Gallengasse zum Taunustor hinaus nach dem Main-Neckar-Bahnhof! Hinein in den Schnellzug und nach Haus, nach Haus, nach Haus! Mit dem Kopfe gegen die Wand – durch die Wand womöglich! nicht wahr? ... Ganz und gar nicht! Langsam, Schritt vor Schritt, und jedesmal den Fuß fest aufsetzend, die Hände auf dem Rücken, niemandem ausweichend, ging Pechle – Herr Christoph Pechlin nach dem Main-Neckarbahnhof, fuhr ab nach Stuttgart, kam an, verschloß seine Tür hinter sich und dachte ein Vierteljahr lang nach über sich und über der Welt Lauf und Verhängnis. »Unsterblich blamiert!« sagte er. »Sich den Hals abzuschneiden, wäre dumm; – sich zu ersäufen, wäre dümmer; – sich zu erschießen, wäre am dümmsten, und nach Amerika durchzubrennen, mir – ungeschickt. O ihr unsterblichen Götter, wenn man doch dieser Bestie von Welt imponieren könnte!« Ein volles Vierteljahr hindurch zerrieb sich hinter niedergelassenen Vorhängen, eingehüllt in undurchdringlichstes Tabaksgewölk, der Exstiftler und Exbräutigam Christoph Pechle die Stirn über die Frage, wie es sich eben am geschicktesten machen lassen werde, um die Welt und – sich selber in ein diesmal bewunderndes Erstaunen zu setzen. Es gab allerlei, was man versuchen konnte, zum Beispiel ein Trauerspiel zu schreiben, oder die schwäbische Republik zu gründen und sie als dreiundzwanzigsten Kanton an die schweizerische anzuhängen, oder dergleichen glorreiche Unterfangungen. Der melancholische Einsiedler machte wirklich den Plan zu einer Tragödie und schrieb, dem Hohenasperg zum Trotz, die Grundzüge einer Verfassung des Kantons Württemberg nieder: beides beschäftigte ihn angenehm zerstreuend bis Weihnachten; um Weihnachten fing er wieder an, die Maultrommel zu schlagen und konnte als gerettet angesehen werden: sich selber hatte er bereits von neuem imponiert. – Aber zu Ostern! – zu Ostern imponierte er der Welt und zeigte sich wirklich als den einzigen anständigen Charakter »unter der ganzen Bande«. Zwischen Neujahr und Ostern schrieb nämlich der Doktor Dachreiter, die Erziehungsgelder, welche der englische Hauptmann Sir Hugh Sliddery ausgeworfen habe, seien mit dem Jahre zu Ende gegangen und neue Wechsel nicht eingelaufen. Was die Miß betreffe, so habe die aus New York und zwar sehr scharf und abweisend geschrieben, und auf die höflichste Anfrage nur erwidert, sie sowohl, wie ihr Gatte , der Reverend Mr. Snoddery verbitte sich alle ferneren impertinenten Mitteilungen und Anforderungen, übrigens gehe sie mit dem Reverend Mr. Snoddery nach Neu-Süd-Wales zur Bekehrung der dortigen Eingeborenen und werde Briefe mit dem Poststempel Frankfurt am Main im traulichen Heim des Reverends, ihres geliebten Gatten, nicht weiter annehmen. – Der Doktor Otto Dachreiter wunderte sich in seinem Briefe über diesen Brief der Miß und teilte ferner mit, daß er sich mit demselben an seinen Freund den Doctor juris Schmolke gewendet habe, und daß dieser die Erklärung abgegeben habe, er – Schmolke, werde sein Möglichstes tun, den Master Chrisiopher Sliddereddisch in eine Frankfurter Waisenanstalt aufnehmen zu lassen und dann den Versuch zu machen, von neuem auf Miß Christabel Eddish einzuwirken; was den Kapitän anbetreffe, so sei der auf dem Überlandwege nach Indien entwichen und schwer fürs erste mit einer Alimentationsklage zu erreichen. Übrigens werde er wohl, nachdem er irgendwo endlich ausgeschwitzt habe, wiederauftauchen, und werde er, Schmolke, dann sofort ihn, seine Gefühle und seinen Geldbeutel anzubohren suchen. »Quid nunc? was nun?« fragte der Doktor Dachreiter am Schlusse seines Schreibens, und wer sich als ein Mann und Held erwies, war Christoph Pechlin. Fürs erste warf er den Brief des Pädagogen unter den Tisch und griff einen andern auf, der mit dem Frankfurter gekommen war, und zwar aus Dresden. Er erbrach ihn und las ihn bis zur Hälfte und – warf ihn gleichfalls unter den Tisch. »Dabei kann doch einem Apotheker übel werden!« brummte er. »Herrgott im Himmel, hat das Weib ihm den Daumennagel auf sein besseres Selbst gedrückt! Wenn ich's da unter dem Stiefelabsatz nicht schriftlich von ihm hätte, – mündlich glaubt' ich's nicht von ihm! O Ferdinand!« Nachher siegelte er die letzten hundert Gulden von seinem Mütterlichen ein, adressierte sie an den Doktor Dachreiter mit der Notiz: zu Pfingsten komme er selber, – und sagte: »Daß sich das brave, alte, liebe Frauele ärgern würde, und zwar grimmig, ist sicher; aber seinen Spaß hätt's nachher doch daran; da müßt i's net kenne, – – – gekannt habe!« Im Schönbuch liegt ein Ort, geheißen Waldenbuch, und zu Waldenbuch in der Post steht ein Tisch, in den sind tausend Namen eingeschnitten, und über diese wieder tausend andere in die Kreuz und Quer, und an diesem Tische saß im neuen Sommer, einige Wochen nach Pfingsten Christoph Pechlin und schlug darauf, nämlich auf den Tisch, und seufzte: »Hundert Gulden von mir, hundert vom Schmolke und den Rest vom Dachreiter, damit halten wir den Lausbub, das arme, unglückliche, gott- und weltverlassene Lamm fürs erste aus. Was doch alles im Lauf der Jahrtausende an uns Urgermanen und besonders uns Schwabe hänge bleibt, das ischt doch ganz erschtaunlich! ... Ins Stift tu i ihn net; aber hierher ins alte Nest tu i ihn, zu einem Bauer oder Zimmermann, wann er ausgewachsen ist. Da soll er einhergehen als ein lebendiger Beweis für eines hiesigen Ortes großgewordenen, besonders ausbündigen Esels eingeborene Seelenhoheit. Kommt dir was, Pechle, und pereat – auuh!« Bei dem Pereat hatte er sich zu größerem Nachdruck ein wenig von der hölzernen Bank erhoben, und sich diesmal doch ein wenig allzu fest auf seine lyrischen Gedichte und zwar auf die Kante derselben gesetzt; – einen neuen »Zyklus« warfen seine letzten Erfahrungen in irdischen Liebessachen nicht ab. Jokkele, sperr!