Hans Paasche Aufsätze »Ändert Euren Sinn!« Schriften eines Revolutionärs     »Das ist nun im Reich Gewohnheit schon. Es gilt ihnen gleich. So geht das alle, alle Tage. Hierzuland löst die soziale Frage ein Leutnant, zehn Mann. Pazifist ist der Hund? Schießt ihm nicht erst die Knochen wund! Die Kugel ins Herz! Und die Dienststellen logen: Er hat sich seiner Verhaftung entzogen« Kurt Tucholsky am 3. Juni 1920 in der »Weltbühne«.     Mein Lebenslauf Schneidemühl, 26. November 1917 Ich wurde in Rostock in Mecklenburg am 3. April 1881 geboren. Mein Vater war dort Professor und Reichstagsabgeordneter. Meine Kinderjahre verlebte ich in Marburg, wo mein Vater an der Hochschule lehrte und in der Stadtverwaltung als Stadtrat mitwirkte. Meine Eltern lebten glänzend in einem großen Hause mit Garten, Pferdestall und Reitbahn. Meine Schwester ist ein Jahr älter als ich, und wir hatten zeitweilig gemeinsam eine Erzieherin, mitunter eine Französin. Mein Vater ließ mich viel wandern, reiten und turnen und regte mich an für Naturliebe und Zeichnen. Meine Mutter hielt auf Musik. Ich erhielt früh Violinunterricht, und sie begleitete mich auf dem Klavier. Sie liebte Schiller, bekämpfte Goethe und war gegen Fabulieren. Daß sie mich wegen meiner Begabung bevorzugte, entfremdete mich meiner Schwester, deren ganz andere Gaben nicht anerkannt wurden. Sie fühlte sich auch im Elternhaus nicht wohl und ging in eine Pension. Ich war zwölf Jahre alt, als meine Eltern nach Berlin zogen, weil mein Vater sich wieder in den Reichstag hatte wählen lassen. Ich kam in Berlin auf das Joachimstalsche Gymnasium. Meine Ferien verbrachte ich regelmäßig auf dem kleinen Landgute, das mein Vater in der Provinz Posen gekauft hatte. Meine Eltern hatten immer den Wunsch, ich sollte Professor werden. Ich ging aber in Unterprima von der Schule weg, weil ich gesundheitlich litt und wurde Seekadett. Mein Vorgesetzter, ein Sohn des berühmten Moritz von Egidy, lobte meinen Eifer und nannte mich in meinem Zeugnis vielseitig begabt. Das ärgerte meine späteren Vorgesetzten, und ich bekam das schon auf der Marineschule zu fühlen. Meine Entwicklung wurde dadurch beeinflußt, daß ich aus Freiheitsgefühl von Hause aus ein Gegner der Trinksitte war, nicht rauchte und nur in der Gesellschaft verkehrte. Ich hatte deshalb ohne erheblichen Zuschuß vom Vater immer Geld für Bücher, Musik und Theater. Ich war in Kiel in einer Professorenfamilie und in Wilhelmshaven im Hause des kommandierenden Admirals wie ein Kind der Familie. Herbst 1903 kam ich auf die Militärturnanstalt nach Berlin und wohnte bei meinen Eltern. 1904 wurde ich auf den kleinen Kreuzer Bussard nach Ostafrika kommandiert. Ich war bald mit Land und Leuten und mit der Landessprache, dem Kisuaheli, so vertraut, daß mir, als der Negeraufstand 1905 ausbrach, auf besonderen Wunsch des Gouverneurs, des Grafen Götzen, ein Kommando in das Innere des Landes anvertraut wurde. Es wurde dann anerkannt, daß ich durch mein Vorgehen auf dem Nordufer des Rufiji die Aufstandsbewegung auf den Süden der Kolonie beschränkt habe (Tätigkeit der Kaiserlichen Marine im Aufstand von Ostafrika. Amtlicher Bericht, erschienen bei Ernst S. Mittler, Berlin und Graf Götzen: Deutsch-Ostafrika im Aufstande, Dietrich Reiner, Berlin). Ich hatte außer einer farbigen Truppe zuerst eine Abteilung Matrosen, später nur einen Sanitätsunteroffizier bei mir, blieb sieben Monate im Lande und brachte gründliche Kenntnisse mit. Nach meinem Kommando an der ostafrikanischen Küste verbrachte ich mehrere Monate Urlaub in der Massaisteppe. Fieber hatte mich so mitgenommen, daß ich in Deutschland mehrere Monate Erholungsurlaub nehmen mußte. Ich verlobte mich mit Ellen Witting, der ältesten Tochter des Geheimen Regierungsrats Richard Witting, der damals Direktor der Nationalbank für Deutschland war, nachdem er jahrelang im Dienste der Verwaltung gestanden hatte, zuletzt als Oberbürgermeister von Posen. Die geistige Regsamkeit und Wahrheitsliebe meines Schwiegervaters und das vorbildliche Familienleben in seinem Hause hatten einen wohltätigen Einfluß auf mich. Über meine Erlebnisse in Ostafrika schrieb ich ein Buch: »Im Morgenlicht«. Der militärische Frontdienst fiel mir jetzt sehr schwer. Ich sehnte mich nach Afrika zurück und hatte kein Interesse für die Waffenausbildung. Ich ließ mir kleine Nachlässigkeiten im militärischen Dienst zuschulden kommen. Der damalige Flottenchef, Admiral von Holtzendorff, redete mir selbst noch zu, ich sollte mich überwinden, es kämen dann später bessere Stellungen für mich, ich dachte aber an meine Pläne für Ostafrika und wollte meinen Abschied. So wurde ich mit dem Charakter als Kapitänleutnant im Frühjahr 1909 entlassen. Einige Monate vorher hatte ich geheiratet und reiste nun mit meiner Frau auf ein Jahr nach Innerafrika, wo wir ein ganzes Jahr blieben. Wir besuchten den Viktoriasee und die Gebiete Ruanda und Urundi. Nach der Rückkehr wohnte ich in Berlin-Westend, war Geschäftsführer der Deutschen Nyanza-Schiffahrtsgesellschaft und beschäftigte mich viel mit Kolonialfragen. Sanitätsrat Dr. Strecker forderte mich auf, mit ihm zusammen als Herausgeber der Zeitschrift »Die Abstinenz« zu zeichnen, und im Jahre 1912 gründete Dr. Hermann Popert mit mir die Halbmonatsschrift »Der Vortrupp«, die inzwischen sehr bekannt geworden ist. Das brachte mich mit vielen Menschen und Ideen in Berührung. Ich hielt viele Vorträge über Kolonien und Reform und schrieb Leitaufsätze für den Vortrupp. Das alles war unentgeltlich, wie ich auch die Geschäfte des von Oberst Gallus gegründeten Kolonialen Verkehrsvereins ehrenamtlich führte. Der »Vortrupp« stand der Parteipolitik fern. Wir erhofften alles für unser Volk von der Lebensreformbewegung. Die akademische Jugend und die junge Lehrerschaft kamen uns begeistert entgegen. Große Bedeutung legte ich auch dem Schneeschuhlauf bei, den ich als Schüler von Matthias Zdarsky selbst eifrig betrieb und über den ich im Vortrupp schrieb. Auf dem Freideutschen Jugendtage im Herbst 1913 aber wurde mir klar, daß die Grundlagen für eine deutsche Zukunft nur geschaffen werden konnten, wenn man tiefer grub, als es mir mit meiner geistigen Ausrüstung möglich war. Besonders war es nötig, daß ich meine vorwiegend naturwissenschaftliche Bildung durch Philosophie und Geschichte der Kultur ergänzte. Die Weltereignisse zwangen dann auch die Reformer von früher, sich neue Ziele zu stecken, und ich habe seit Beginn des Krieges nichts Erhebliches schreiben können. Seit 1912 kenne ich die Ernährungsfragen und die vegetarische Bewegung, seit 1913 den Pazifismus. Auch der Weltsprachenfrage habe ich im »Vortrupp« Geltung verschafft. Im Jahre 1913 wurde ich auf meine Bitte in die Liste der nicht zum Tragen der Uniform berechtigten Offiziere eingetragen. Ich kam bei meiner schriftstellerischen Tätigkeit in Gefahr, unschuldig durch Gegner in ehrengerichtliche Untersuchungen verwickelt zu werden, die meine Arbeit lähmten. Bei Beginn des Krieges stellte ich mich der Marine wieder zur Verfügung. Ich wurde Nachrichtenoffizier auf dem Leuchtturm Rotersand und Oktober 1914 Erster Offizier auf S.M.S. Pelikan. Der Kommandant war Fregattenkapitän v. Bülow. (Wilhelmshaven, Adalbertstraße). Im Juli 1915 wurde ich zur II. Torpedodivision nach Wilhelmshaven kommandiert. Ich wurde Kompanieführer der 7. Kompanie. Mein Kommandant war Korvettenkapitän Kalm (Gronau bei Hannover), der Kommandeur der Division Kapitän zur See Köthner, bald darauf Kapitän Studnitz, der hier auf seinen Abschied wartete, und nach ihm Kapitän Lübbert. Am 31. Januar 1916 wurde ich entlassen. Als ich mich wieder zum Dienst in der Marine meldete, war es meine Absicht, der Sache des Vaterlandes mit allen Kräften zu dienen und auch die besonderen Kenntnisse, die ich mir in den letzten Jahren erarbeitet hatte, im Dienst nutzbar zu machen. Ich rechnete nur mit einer kurzen Kriegsdauer und dachte auch gar nicht daran, daß ich selbst bei dieser Gelegenheit Gehalt bekäme. Ich dachte nur an die Sache und nicht an meine Person. Ich war überrascht, als man mir nach einigen Monaten eine hohe Summe auszahlte. Ich bemerke gleich, daß im Kreise meiner Kameraden niemand annahm, daß inaktive Offiziere sich aus anderen Gründen als wegen materieller Vorteile gemeldet haben könnten: Daraus erklärt sich auch eine gewisse verächtliche Zurückhaltung, die ich nie zu deuten wußte. Die Auffassung, daß der Kriegsdienst, besonders der gefahrlose, zu dem die meisten bestimmt waren, eine Versorgung sei, trat mir immer häufiger entgegen und stieß mich ab. Auch merkte ich, daß meine Kameraden für den uneigennützigen Kampf, den ich für die Gesundung des Volkes geführt hatte, kein Verständnis hatten, weil sie annahmen, ich verdiene damit Geld! So sehr ich die große Uneigennützigkeit einzelner Offiziere zu würdigen wußte, es wurde mir klar, daß das Denken des Standes in seiner Gesamtheit rein materiell gerichtet war. Als ich meine Tätigkeit begann, dachte ich, meine lebhafte Bereitwilligkeit werde gern gesehen. Ich richtete meine Hauptaufmerksamkeit auf zwei Fragen, die mir besonders nahe lagen: den Geist der Besatzung und die Sparsamkeit mit Nahrungsmitteln. In beiden hatte ich Eigenes, Neues, was sich im Verlauf des Krieges als so sehr richtig gezeigt hat. Ich hatte in Afrika erfahren, wie bald in Kriegszeiten unerwartet Lebensmittel knapp werden, und daß die Entscheidung sehr von der Ernährung abhängt. Als ich auf S.M.S. Pelikan mein Bestes tat zu lehren, wie man mit wenig Fleisch satt werde, ahnte noch niemand, welchen Raum bald Ernährungsfragen bei uns einnehmen würden, und mein Aufruf »Vaterland höre uns«, in dem ich schon am 16. August 1914 aufforderte, das Korn voll auszumahlen und kein Bier zu brauen, trug mir selbst von meinen Eltern den Tadel ein: »Komm doch jetzt nicht mit solchen Dingen!« Wie wichtig aber gute geistige Beschäftigung der Mannschaft ist und daß es verdienstvoll war, sich mit der Frage zu befassen, das zeigen wohl die bedauerlichen Vorgänge, die in diesem Jahre aus der Marine berichtet wurden . Sie waren für meine Tätigkeit die beste Rechtfertigung. Ich habe immer geglaubt, meine Versuche in der Pflege des Geistes würden oben bemerkt werden und hoffte, es würde mir eine größere Tätigkeit in der Richtung gegeben werden. Daß ich Erfolg hatte, bewies die Mannschaft, indem sie durch erhöhte Dienstfreudigkeit und Straflosigkeit dankte. Bei den Offizieren, die einem inaktiv gewesenen Offizier nicht gern Bedeutung beimessen, mußten die neuen Ideen wohl, wie alles Neue, auf Widerstand stoßen, besonders auch, weil ihr Erfolg davon abhing, ob sich der Vorgesetzte selbst zu einer anderen Lebensweise entschloß. Ich war überzeugt, daß man dem Matrosen seine übliche Lebensweise nehmen und ihm dafür etwas Besseres geben könnte. Gute Gesellschaft, Wanderlust, Natur- und Heimatliebe, Musik, das Volkslied, guten Lesestoff und bildende Kunst. Durch meine bisherige Tätigkeit wußte ich, wie alle diese Dinge zu beschaffen waren. Bei einem großen Teil der Mannschaft und bei einigen Offizieren fand ich lebhafte Unterstützung. Mein Kommandant fürchtete sich vor Neuerungen, beschäftigte sich aber dauernd mit meinen Ideen und ließ mich in vielem gewähren. Er war aber nicht der Mann dazu, mich im Kreise seiner Kameraden und nach oben zu vertreten. Ich war viel mit ihm zusammen, auch in seinem Hause. Er blieb schließlich bei dem Vorurteil, daß ein Offizier nicht abstinent sein dürfe. Als er bei einer Gelegenheit aufgefordert wurde, über mich zu berichten, wird er geschrieben haben, was in anderen Berichten über mich steht, daß ich ein sehr vielseitiger, eifriger Offizier sei, für den eigentlichen Militärdienst aber nicht genug übrig hätte. Daran ist viel Wahres; ich habe aber immer das Gefühl gehabt, daß man dazu neigt, einen Kameraden, der etwas Besonderes bringt, in dem, was jeder zu leisten hat, Fähigkeiten abzusprechen. Ein Verband der Alkoholinteressenten zeigte mich dem Reichsmarineamt an, ich hätte in der Vereinszeitschrift »Abstinenz« als Offizier gegen den Alkohol geschrieben, und im Marineamt wanderte die Anzeige nicht in den Papierkorb , sondern wurde dort und von dem Flottenchef, dem inzwischen verstorbenen Admiral Pohl, sorgfältig bearbeitet. Es handelte sich um einen Aufsatz, in dem ich der Behauptung entgegentrat, an der Front sei der Alkohol notwendig. Der Aufsatz war schon vor Monaten erschienen und nur den Abstinenten bekannt geworden. Der genannte Verband der Alkoholinteressenten ist übrigens inzwischen als ein Unfug erkannt und vom Generalkommando unterdrückt worden. Als ich S.M.S. Pelikan verließ, bereitete mir die Besatzung einen Abschied, wie er wohl selten einem scheidenden Vorgesetzten zuteil wird. Der Kommandant war darüber recht erstaunt. Er selbst hat es sehr bedauert, daß ich weggehen mußte. Es war mir ein Ersatz für die fehlende dienstliche Anerkennung, die mir meist versagt blieb. Ich gebe noch eine kurze Darstellung dessen, was ich für den Geist der Mannschaft tat: Ich hielt Vorträge und ließ Vorträge halten. Ein Lautenspieler und ein plattdeutscher Dichter kamen an Bord. Der Dürerbund lieferte vaterländische Postkarten. Die Schundkarten wurden verdrängt. Die Gesellschaft für Volksbildung und die Büchereien vom Roten Kreuz sandten Bücher. Die Jugendvereine Kiels wanderten mit den Matrosen, die Guttempler stellten ihre Räume für die Beurlaubten zur Verfügung. Bei einem Aufenthalt in See gab es eine Ausstellung von graphischer Kunst, von Plakaten, die mir der Verein der Plakatfreunde zur Verfügung stellte. Ich zeigte eigene Lichtbilder aus Afrika. Viele Flugblätter und Schriften über Lebensreform, Kriegerheimstätten und die Bestrebungen des Dürerbundes, auch gute Liederbücher wurden verbreitet. Ich zeigte, wie man dreißig Prozent der Kartoffeln sparen könnte, wenn man die Kartoffeln, statt sie zu schälen, abrieb. Meine Anregung wurde von den Behörden aufgenommen und hat früh zu großen Ersparnissen geführt. Ich hatte einen großen Plan, die geistige Beschäftigung der Mannschaft der ganzen Flotte zu organisieren , fand aber keine Möglichkeit, meine Gedanken anzubringen. Mit S. Kgl. Hoheit, dem Prinzen Heinrich von Preußen, sprach ich etwa eine halbe Stunde, mein Kommandant riet mir aber ab, den Prinzen nochmal aufzusuchen; er sagte, man vermute nur, ich wolle etwas für mich, und ich würde doch nicht vorgelassen. Der Prinz war übrigens über das, was ich ihm vortrug, sehr überrascht und äußerte: »Da muß ich so alt werden und dann auf dies Schiff kommen, um so etwas zu hören«. Das gleiche Interesse zeigte Admiral Lick, der mich eine ganze Stunde lang anhörte, und dem ich schon damals voraussagte, daß die übliche Beschäftigung der Mannschaft für diese Zeit nicht genüge. Zu ihm äußerte ich auch die Erfahrung, die ich aus Afrika mitgebracht hatte, daß das sicherste Mittel, die Disziplin und Stimmung der Mannschaft zu beherrschen, sei: an Bord gleiches Essen für alle. (Bekannt ist ja der Vers »Gleiche Löhnung, gleiches Essen, und der Krieg wär' längst vergessen!«) Als ich nach Wilhelmshaven ging, wußte ich, daß meine Umkommandierung eine Maßregelung war für meine Betätigung gegen den Alkohol. Die abstinenten Offiziere hatten in dieser Zeit einen besonders schweren Stand; die Ermahnung des Kaisers hatte gar nichts geholfen. Ich sagte mir, daß ich eigentlich nicht zum Dienst für das Vaterland gekommen sei, um mich für das Beste, was ich zu geben habe, maßregeln zu lassen und wollte meinen Abschied nehmen. Der Kommandeur der II. Torpedodivision aber, Herr Kapitän Köthner, empfing mich so freundlich, daß ich nichts davon sagte. Er schlug mir vor: »Sie müssen mir einen frischen Geist in die ganze Division bringen, die Leute aus den Kneipen auf die Sportplätze und in Vorträge locken; machen Sie mir mal einen Plan, was Sie als Sportoffizier tun wollen.« Das war nun mein Fall, und ich ging mit Eifer an die Arbeit. Was ich jetzt unternahm, bekam bald einen gewaltigen Umfang und hätte mir außer der Anerkennung aus dem Kreise gleichgesinnter Offiziere und dem Beifall der Mannschaft auch die Anerkennung von oben eingetragen, wenn nicht Kapitän Köthner leider, als die Sache in Gang war, plötzlich abgelöst worden wäre, durch einen Herrn, der nur Ruhe wollte. Ich hatte die Unterstützung nicht mehr und meine Unternehmungen wurden verboten. Der Mannschaft und allen denen, die den Erfolg erlebt hatten, war das unbegreiflich. Der Sportverein der Torpedodivision hatte in kurzer Zeit viele hundert Mitglieder bekommen. Jeden Sonntag wurde eine große, planmäßig vorbereitete Wanderung in das Oldenburger Land unternommen. Köche reisten voraus. Ein Chor von Sängern schloß sich zusammen und übte in der Woche. Lautenspieler gingen, nach Art der Wandervögel, an der Spitze. Auf der Landstraße wurden Wettgehen abgehalten, auf Wiesen Freiübungen nach Musik geübt. Alkohol und Tabak waren ausgeschaltet. Die ältesten Seeleute hatten ihre Freude daran und sahen ein, daß das die Bedingung war für das gute Gelingen. Die Landbevölkerung rühmte das gute Benehmen der Mannschaften im Gegensatz zu früheren Erfahrungen. Leider stand das auch ohne mein Verschulden eines Tages in den Zeitungen, sehr zu meinem Schaden; denn der Offizier darf nicht auffallen. Als einen Zeugen dafür, daß diese Wanderungen bei der Bevölkerung gern gesehen und anerkannt wurden, nenne ich den Oldenburger Landtagsabgeordneten Gemeindevorsteher Nilken in Borgstede bei Varel. In die Kasernen kam nun wirklich ein frischer Zug hinein; die Mannschaften hatten etwas, was sie beschäftigte und begeisterte. Aus Süddeutschland sah ich Briefe, die zeigten, wie die Leute nach der Heimat berichteten. Ich half durch Vorträge, die grundlegenden Gedanken zu verbreiten. Die großen Säle waren dabei überfüllt. Auf die Wachstuben stellte ich Büchereien von der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung und setzte viele andere gute Bücher in Umlauf, wobei mich der Bibliothekar der Stationsbibliothek, Herr Kirsten, unterstützte. Ich gab Unterricht in der Stenographie. Es entstanden viele Photographien von den Wanderungen und Turnübungen, Tagebücher und Skizzenbücher füllten sich, Anregungen kamen von allen Seiten aus der Mannschaft selbst, und gern hätte ich eine Zeitung herausgegeben; der Kommandeur aber fürchtete, das werde Aufsehen erregen. (Ich glaube, daß gerade der Marineoffizier den Neid der Kameraden sehr zu fürchten hat; bei der Armee freut man sich über einen Offizier, der sich irgendwie betätigt und ist viel duldsamer.) Die erste Nummer einer Zeitung, die ich schon hatte drucken lassen, spiegelt den Geist, in dem ich die Erziehung der Mannschaft anfaßte (das Heft: Wandern). Im Luftbade wurde jeden Tag geturnt und gespielt. Grade diese Neuerung stand in krassem Gegensatz zu Kneipe und Bordell. An Sonntagnachmittagen leitete ich Mannschaftsunterhaltungen in einem Saal der Vorstadt. Wie nachhaltig diese ganze, größtenteils außerdienstliche Tätigkeit wirkte, kann ich aus zahlreichen Zuschriften der Mannschaft noch jetzt belegen, und junge Offiziere, die vorurteilslos genug waren, sich so etwas anzusehen, haben versucht, daraus zu lernen. Viele Matrosen gestehen ein, welch Segen für sie die Kenntnis der Dinge, die sie bei mir lernten, war und sagen, daß sie erst dadurch zu guten Soldaten werden konnten. Der einzige Vorgesetzte, der meine Tätigkeit gesehen hat, Herr Korvettenkapitän Kalm, hat aus seiner Bewunderung kein Hehl gemacht und konnte es nicht verstehen, daß nie ein Offizier der Marinestation sich davon überzeugt hat, was hier versucht und geleistet wurde. Außer ihm und Kapitän Köthner haben Kenntnis von meiner Tätigkeit die Offiziere: Korvettenkapitän Goethe, Kiel, S-Division; Korvettenkapitän Hinkeldeyn, Wilhelmshaven, Bekleidungsamt; Marineoberstabsarzt Dr. Buchinger, Cuxhaven, Quarantänelazarett; Kapitänleutnant d. R. Landsky; ferner die Feldwebel Bradel und Noack der siebenten Kompanie der II. Torpedodivision, Wilhelmshaven; der Feldwebel Heinemann, ebenda; der Marineintendantursekretär Jasper, ebenda; der Torpedooberbootsmaat Bock von der siebenten Kompanie. Dieser war meine rechte Hand bei den sportlichen Veranstaltungen.   Daß mir die Tätigkeit, die ich einmal ganz ausfüllen konnte, genommen wurde, hat mich dann dem Dienst entfremdet. Meine Aufgabe genügte mir nicht; ich wollte eine wirkliche Betätigung haben. Da ich ein schwieriger Untergebener bin und kein Geschick habe, mich in die besonderen Wünsche meiner Vorgesetzten hineinzuversetzen, kam ich bald in Konflikte. Zuerst mit Kapitän Studnitz, der mir ein Gesuch nicht genehmigen wollte, zur Teilnahme an dem in Berlin stattfindenden Kongreß zur Hebung der Volkskraft. Ich hielt mich dort für sehr notwendig und glaubte, aus vaterländischen Gründen unbedingt meine besonderen Kenntnisse anbringen zu müssen. Ich war bitter enttäuscht, daß man für meinen Eifer kein Verständnis hatte und bestand darauf, daß mein Gesuch höheren Orts vorgelegt wurde. Ich hatte immer noch solche Begriffe von einem Volke, in dem jeder sein Bestes hergeben müsse. Mein Gesuch wurde auch oben abgelehnt, hauptsächlich aus Furcht, ich könne öffentlich hervortreten. Der Offizier soll nicht hervortreten, sagt man bei der Marine, ich aber dachte in erster Linie daran, daß ich ein Deutscher bin und außer dem Offiziersberufe noch etwas beizutragen wisse. In meinen Personalpapieren wird begründet sein, weshalb mein längeres Verbleiben im Dienst eines Tages nicht mehr möglich war. Ich habe es meinen Vorgesetzten erleichtert, das nachzuweisen. Die inneren Gründe liegen jedenfalls tiefer, als aus einem Bericht eines beteiligten Vorgesetzten zu ersehen ist. Im Dezember 1915 reiste ich nach Berlin und sprach im Admiralstab mit Admiral Koch und Admiral von Holtzendorff. Ich klagte, daß mir meine Tätigkeit nicht mehr genüge, daß ich mit meinen besonderen Kenntnissen und Erfahrungen ganz anderes für die Sache leisten könnte und sagte, daß ich gern nach Persien wollte und mich schon darauf vorbereitet hätte. Ich hatte nämlich in Kiel bei Herrn Weinberg, einem Türken (jetzt Nationalbank für Deutschland, Berlin, Behrenstraße), Sprachunterricht genommen. Admiral Koch versprach mir, an mich zu denken. Inzwischen hatte ich ein dienstliches Mißgeschick. Ich hatte einen schriftlichen Befehl im Halbdunkel, als er mir gezeigt wurde, übersehen und Kirchendienst versäumt und wurde dafür vom Kommandeur in sehr auffallend harter Weise gestraft, mit vier Tagen Stubenarrest, womit jedenfalls auch meine Anschauungen über Erziehung und Strafe getroffen werden sollten. Die Auffassung meiner inneren Stellung zum Kriege, die aus dieser Bestrafung sprach, verletzte mich tief. Ich sagte mir, daß man einen Offizier, der freiwillig gekommen sei, doch nur mit der Absicht, ihn hinauszusetzen so nach dem Schema bestrafen könne in dieser Zeit. Meine Erziehungsgrundsätze, die Anschauung besonders, daß es der Kompanieführer in der Hand habe, die Mannschaft vor Vergehen zu bewahren, meine Vorträge, die sich niemand von den Vorgesetzten außer Kapitän Kalm anzuhören getraute, das alles wurde nicht gern gesehen und andere Offiziere waren bequemer. Gewiß hatte der Kommandeur auch das ganz richtige Gefühl, daß ich eine Weltanschauung vertrat und nicht unterdrücken konnte, die sich im Grunde nicht mit dem militärischen Geiste vertrug, den man hier hüten zu müssen glaubte. Er sagte mir auch, ich hätte mit meinen Ideen wirken können, wenn ich an viel höherer Stelle gestanden und ein selbständiges Kommando gehabt hätte. Der Ärger über meine Strafe verließ mich nicht mehr, und als eines Tages ein über fünfzig Jahre alter Reserveoffizier, Kapitänleutnant Stranz, ganz außer sich zu mir kam und mir sagte, der Kommandeur habe ihn wegen einer Kleinigkeit bestraft, da empfand ich das als ein solches Unrecht, daß ich mich entschloß, eine Meldung einzureichen, ich könnte nicht mehr als Richter beim Gericht mitwirken. Darauf bekam ich meinen Abschied. In einer Unterredung sagte mir Kapitän Lübbert: »Weshalb sind Sie eigentlich wieder zur Marine gekommen?« Ich war sehr erstaunt über diese Frage, weil ich nicht dachte, daß er glaubte, ich sei des Gehaltes wegen gekommen und sagte: »Weil mein Vaterland in Not war, und ich glaubte, es stände schlecht, wenn nicht jeder helfe.« Er sagte heftig: »Herr Kapitänleutnant, ich verbitte mir solche Bemerkungen, es steht glänzend! Man braucht Sie wirklich nicht.« Auch nach allem, was ich sonst hörte, können sich manche Offiziere nicht gut vorstellen, daß man ohne Rücksicht auf eigene Vorteile zu den Waffen geeilt sei, wenn man ein ansehnliches Gehalt zu erwarten hatte. Inzwischen habe ich mir wohl klar gemacht, daß viele inaktive Offiziere immer schon Krieg als eine willkommene Einnahmequelle erhofft haben. Mir aber waren solche Überlegungen ganz fremd. Mir ging immer das Vaterland über das Standesinteresse. Ich habe sogar geglaubt, der Krieg biete dem Offizier Gelegenheit, Opfer zu bringen. Zufällig schrieb mein Freund, der Hauptmann v. Stülpnagel (Flieger-Abwehr M.G.A. 904 Feldpost 359) an mich und fragte, ob ich mich der Sondermission des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg für Persien anschließen wollte. Das kam nun leider etwas zu spät. Ich konnte von meinen Vorgesetzten eine Förderung dieses Planes nicht mehr erwarten. Dennoch reiste ich nach Berlin und sprach mit Major v. Koppen, Rittmeister Graf Kanitz und Stülpnagel. Ich schrieb auch an S. Hoheit den Herzog, den ich persönlich kannte. Die Berichte der Marine haben aber verhindert, daß ich mich hier noch beteiligen konnte. Ich siedelte jetzt mit meiner Familie wieder auf mein Gut Waldfrieden über und nahm mir vor, mein Buch zu schreiben über die Reise, die ich mit meiner Frau nach den Quellen des Nils gemacht hatte. Die Ereignisse der Zeit beschäftigten mich aber doch so stark, daß ich nicht zu ruhiger Arbeit kam. Ich schrieb damals einen Brief an den Admiral v. Holtzendorff und äußerte, daß eine Sache, die meine Bestrebungen nicht vertragen könne, schlecht sein müsse. Zunächst dachte ich noch, an irgendeiner Stelle im Dienste des Vaterlandes tätig mitwirken zu können und beschäftigte mich mit der Frage der Lebensmittelversorgung. Ich kam aber leider auch hier bald zu der Einsicht, daß uneigennütziges Arbeiten ganz unbekannt sei. Regungen und Gedanken und der Wille, dem Volke zu helfen, waren Dinge, die nicht in das System paßten. Ich bot mich dem Präsidenten des Ernährungsamtes vergebens an. Ein Vortrag, den ich im Nachbarort über Ernährung halten sollte, wurde verboten. Durch diese Erfahrungen kam ich allmählich von meiner überschwenglichen Auffassung der vaterländischen Pflichten ab und sah, daß eigentlich kein Mensch das Ende dieses Krieges ernsthaft wollte. Das deutlichste Beispiel glaubte ich in meinem Vater vor Augen zu haben. Er wohnt in einer Villa tausend Meter von mir entfernt. Er mied den Verkehr mit mir und meiner Familie. Man merkte es an seiner ganzen Haltung, daß er, im Gegensatz zu mir, mit dem Kriege sich ausgesöhnt hatte. Der Abgeordnete Bassermann von seiner Partei hatte das Wort gebraucht: »Dieser Krieg ist der erste in einer Reihe von Weltkriegen!« und hatte damit die Genugtuung der Nationalliberalen über den Krieg ausgedrückt. Diese Herren verdienten durch den Krieg gut. Es wurde mir klar, daß die innere Stellung zum Kriege bei meinen Mitbürgern abhing von der ökonomischen Frage und daß menschliche Überlegungen und Regungen, wie Mitleid und Liebe dabei gar keine Rolle spielten. Wer gut verdiente, war blind gegen die Leiden, die er nicht sah. Für alle, die von Durchhalten sprechen, trifft der Verdacht zu, daß der Krieg für sie in irgend einer Form ein Geschäft ist. Ich erfuhr auch, daß sich meine Eltern um die wichtigeren politischen Fragen, wie die Schrift des Fürsten Lichnowsky und die Entstehung des Krieges, Fragen, die zu durchdenken Pflicht jedes Gebildeten sein müßte, weil ohne diese Voraussetzung ein Friede nicht vorbereitet, die Gegner überhaupt nicht verstanden werden können, überhaupt nicht kümmerten. Dagegen baute mein Vater Scheunen, Ställe, eine Haushaltungsschule und plante Kriegerwitwenansiedlungen. Meine Mutter hielt Vorträge über »Kriegswitwen aufs Land«, kümmerte sich aber nicht um ihren eigenen Sohn, um die Schwiegertochter und die Enkel, die neben ihr wohnten. Der Krieg gab ihr nach meiner Auffassung nur Gelegenheit zu einer Eitelkeit. Es war mir unverständlich, weshalb mein Vater den Verkehr mit mir mied. Ich litt darunter. Leider suchte er auch, mir das Leben schwer zu machen. Diese Umstände haben sehr dazu beigetragen, mich zu einer harten Kritik der herrschenden Meinungen zu treiben. Ich sah in meinem Vater den Vertreter eines Systems, das den Krieg verschuldet habe und jetzt den Frieden hindere. Ich fand es abstoßend, daß mein Vater, weil der Krieg ihm eine gute wirtschaftliche Lage brachte, an das arme Volk und an seinen Sohn nicht dachte. Dadurch, daß ich nirgends gebunden war, konnte ich in Ruhe auf mich wirken lassen, was ich las. Ich überzeugte mich aus mehreren unabweisbaren Dokumenten, daß es unmöglich sei, die Welt von der Unschuld Deutschlands oder der deutschen Regierung an diesem Kriege zu überzeugen (Fernau: »Gerade weil ich ein Deutscher bin«, Verlag Füssli, Bern; »Um des teuren deutschen Blutes und Vaterlandes willen«, von einem preußischen Edelmann; Lichnowsky, »Meine Londoner Mission«, und andere Schriften). Die wichtigste Erkenntnis war, daß der Krieg militärisch nicht entschieden werden könne und ein Ende des Krieges nur von einer Änderung der Anschauung zu erwarten sei, indem das deutsche Volk den Willen bekunde, das, was es auf den Haager Kongressen verhindert hatte, jetzt anzuerkennen und Garantien für dauernden Frieden zu geben. Gewohnt, über meine Gedanken zu schreiben, konnte ich doch über diese Dinge nirgends etwas drucken lassen und häufte all die bitteren Erkenntnisse in mich hinein. Ich ließ mir eine Briefverschlußmarke machen mit dem Aufdruck: »Der Friede wird nirgendwoanders geschlossen als in unserer eigenen Brust, und Kriegstaten entscheiden fortan keinen Krieg mehr.« Erst hatte ich geschrieben »entscheiden diesen Krieg nicht«, änderte das aber und ließ dann die fertigen Marken in meinem Tische unbenutzt liegen, weil ich die Zwecklosigkeit einsah. Ich traf Menschen, die, wie ich, den Untergang Deutschlands sahen, nur in einem kleinen Kreise, in der Zentralstelle Völkerrecht. Da ich aber mit diesen Menschen nie zusammenkam und mich nicht aussprechen konnte, wurde ich sehr mutlos. Als ich im Frühjahr 1916 einen Aufruf der Zentralstelle Völkerrecht unterschrieben hatte, bat mich mein Freund Dr. Popert, als Herausgeber des »Vortrupp« während des Krieges zurückzutreten, weil er etwas anderes mit der Zeitschrift vorhabe. Im Dezember 1916 warnte ich in Frankfurt in einer öffentlichen Versammlung der Zentralstelle vor einem Bruch mit Amerika und nahm am 6.1.1917 in Berlin im Hotel Adlon an dem Empfang teil, den die Deutsch-Amerikanische Handelsgesellschaft zu Ehren des aus Amerika zurückkehrenden Botschafters Gerard veranstaltete. Auch meinem Vater ließ ich eine Einladung zusenden. Er nahm teil, leider ohne mich dabei zu sprechen. Ich war von Wilsons ehrlicher Gesinnung gegen Deutschland durchdrungen und hatte mir seine Werke »Der Staat«, »Die neue Freiheit« und »Nur Literatur« angeschafft. Ich war der Meinung, daß der Friede nur von ihm gemacht werden könne und daß man ihn gewinnen müsse für Deutschland. Ich sprach seinen früheren Sekretär, Mr. Hale, privatem am Tage nach dem Empfang in seinem Zimmer. Hale hatte kurz vorher die erstaunlichen versöhnenden Äußerungen des Kronprinzen veröffentlicht. Der mir bekannte Präsident der Handelsgesellschaft, Herr Wolf, bat mich, wie viele andere Personen, um einen Brief an Wilson. Ich schrieb einen solchen Brief, in dem ich Wilsons Rede von Cincinnati zustimmte und ihm sagte, daß es auch in Deutschland nachdenkende Menschen gebe, und daß das deutsche Volk deshalb immer noch das Vertrauen der gewissenhaften Weltbürger verdiene. Der Brief ist nicht mehr hinübergelangt. Meine Hoffnungen auf Frieden wurden dann durch den rücksichtslosen Tauchbootkrieg zerstört. Ich glaubte jetzt, den Untergang meines Vaterlandes deutlich zu sehen. Alle Siege konnten nichts daran ändern und es nur schlimmer machen. Nirgends aber sah ich Verständnis für die Gefahren, die ein solcher Schritt wie der uneingeschränkte Tauchbootkrieg mit sich bringen mußte, nämlich daß er uns den Rest der Menschheit zum Feinde machte. Als das dann eintraf, fanden die Menschen, die das vorher bestritten hatten und von schneller Niederringung Englands geträumt hatten, nichts dabei und entsannen sich dessen nicht mehr, was sie vorher gesagt hatten. Das war für mich, der ich diese Dinge sehr ernst nahm, zum Verrücktwerden! In diese Stimmung hinein kamen die Angriffe, die ich von meinen Eltern und meiner Schwester erfuhr und die daraufhinzielten, mir meine wirtschaftliche Basis zu zerstören und mich von meinem Wohnsitze zu verdrängen. Das spielte vom Juni 1917 an und brachte mich in einen Zustand richtiger Verzweiflung. Ich war äußerst reizbar gegen Menschen, die sich gleichgültig über den Krieg äußerten, und um ihnen einen Stoß zu versetzen, benutzte ich irgendwelches Wissen, das dazu diente, das, was bei ihnen in Achtung stand, hinunterzureißen. Zufällig kamen mir grade in dieser Zeit unzählige Blätter und Schriften in die Hände, die ich weitergeben konnte. Ich glaube, daß die Menge dieser Zusendungen von unbekannter Seite in mir schließlich die Überzeugung schaffte, der Friede komme wirklich vom Volke. Ich fühlte mich übrigens so unbehelligt, daß ich lange annahm, die Behörde dulde gern Männer, auf die man im Gegensatz zu den Übertreibungen der Alldeutschen eines Tages hinweisen könne, wenn es gelte, mit dem Auslande zu verhandeln. Ich habe es deshalb auch für erwünscht gehalten, daß Männer wie A. H. Fried in Bern von mir wußten, damit sie den verbohrten Hetzern der andern Völker sagen konnten: sogar Offiziere denken durchaus vernünftig! (...)   Es kommt noch etwas sehr Wichtiges in Frage: Meine ethischen Anschauungen standen jetzt in schreiendem Widerspruch zu meinen Handlungen. Wer meine Gedanken kennt, muß mich tief bedauern, daß ich durch den Besitz dauernd gezwungen wurde, unzählige Dinge zu tun und zu dulden, über die ich innerlich längst hinaus war. Ich wollte überhaupt keine Tiere töten, wollte keine Menschen kränken, mit jedem Nachbarn gut stehen, und nun waren es meine Eltern, die mich mieden und bekämpften und die ich wiederbekämpfte, und der Besitz zwang mir annexionistische Gesinnung auf. Die Nachbarn, die die große Filehner Forst verwalteten, mieden den Verkehr mit mir, weil sie wegen des Wildes Mißtrauen und Eifersucht wollten. Ich ging zu den Armen, beschenkte sie und half ungewandten Menschen, Briefe schreiben, ihre gefallenen und vermißten Söhne suchen. Wenn ich Menschen traf, die zu mir freundlich waren, wie die Familie Schülke und Wohlfeils, wo ich Obst kaufte, dann sandte ich Bücher und schrieb einen Dankesbrief. Ich sehe daraus jetzt, daß ich mich hilflos, einsam und unglücklich fühlte. Wenn in dieser Zeit jemand den Entschluß gefaßt hätte, mir zu empfehlen: »Geh zur Erholung vom Lande weg!« – alle Fahrlässigkeiten wären mir erspart geblieben. Da fällt mir ein, daß jemand tatsächlich etwas derartiges zu mir sagte: Frau Professor Jannasch war mit ihrer Tochter (Berlin W., Tauenzienstraße 9) nur einige Tage bei uns, und schon am dritten Tage sagte sie zu meiner Überraschung zu mir: »Herr P., kann ich Sie mal in Ruhe sprechen?« und dann in meinem Zimmer: »Ich habe Sie hier beobachtet, das ist nichts für Sie, Sie müssen hier schleunigst raus!« Die hat mir also etwas angemerkt. Wie unstet und sorgenvoll ich im ganzen war, merkte ich daran, daß ich zu meinem Leid nicht dazu kam, mit einem lieben und edlen Menschen, der sich in Waldfrieden aufhielt und sich für ein Examen vorbereitete, zu sprechen, dem Dr. phil. Altaraz. Er, wie auch mein Freund Magnus Schwantje, der mehrmals dort war, sagten oft zu mir: »Du bist nicht ruhig, man sieht Dir unstete Sorgen an«. Das Hausmädchen bat meine Frau, ihr zu erklären, was mir fehle? Meine Frau konnte es nicht umgehen, sie über das Zerwürfnis mit meinen Eltern aufzuklären. Der Oberst Geisler, der mehrere Tage bei uns war, hat eines Morgens zu meiner Frau gesagt, mit mir sei etwas nicht in Ordnung, ich hätte nachts, als wir uns auf Wild angesetzt hatten, im Dunkeln in ein Buch stenographiert und morgens schreckliche Gedanken geäußert, die kein Mensch ertragen könne, ohne unglücklich zu werden. Ich erwähne das auf die Gefahr hin, daß jemand sagt, die furchtbare Zeit hätte mich dem Wahnsinn nahe gebracht; denn ich würde das für ehrenvoller halten, als in dieser Zeit gleichgültig dagesessen zu haben. Ich sah die Ereignisse des Krieges nicht, wie sie in den Berichten der Kriegsberichterstatter dargestellt sind, sondern wie sie wirklich geschehen und nachgelesen werden können in Erzählungen wie: »Die Kriegswitwe«, von Leonhard Frank; »Der Kamerad«, von einem österreichischen Oberleutnant in den »Weißen Blättern« und an die ich nicht denken kann, ohne über die Teilnahmslosigkeit der Menschen zu verzweifeln. Eine Eigenschaft muß ich erwähnen: Mein Bedürfnis, mich mitzuteilen. Es ist so groß, daß ich, wenn ich überraschend etwas finde, zu den nächsten Menschen spreche, ohne zu fragen, ob sie mich verstehen können, oder gar meine Feinde sind. Ich entsinne mich, wie ich handelte, als ich das Flugblatt »Volk, gib Dir selbst den Frieden!« zuerst überflog. Ich hatte auf den Wagen, mit dem ich alleine zum Obstholen fuhr, meine Briefe mitgenommen und auch eins der Blätter eingesteckt, um auf dem Wagen zu lesen. Ich war damals auch völlig hoffnungslos über die Friedensaussichten. Als ich das Blatt überblickte, war es mir, als ob es schon die Nachricht wäre, daß morgen Frieden sei; ich hielt die Pferde an und sprang unvermittelt vom Wagen herunter und ging auf eine mir unbekannte Frau los, die auf einem Acker arbeitete. Ich wollte mich mit dem ersten besten Mitmenschen an einer Hoffnung freuen. Die Frau machte ein erstauntes Gesicht, verstand aber, daß ich es gut mit ihr meinte, als ich etwa sagte: »Hören Sie, ich muß Ihnen das zeigen, ich habe eben dies Blatt gesehen, es geht mit dem Kriege zu Ende; Sie haben gewiß auch liebe Menschen, die Sie zurücksehnen, lesen Sie es mal und freuen Sie sich an der Hoffnung.« Als ich weiterfuhr, hatte ich wohl den Eindruck, daß ich etwas auffällig gehandelt hatte. Ich wußte nicht recht, was die Frau von mir gedacht hat. Der Acker dieser Frau liegt hinter Hochzeit, nahe bei Neubrück an der Landstraße, links. Ich kam selten hinaus, habe aber eines Tages, als ich im Walde ging, mit einem Mädchen, das Kühe hütete (Schöpke, Wiesental), über eine Stunde gesprochen. Es ist mein Mitteilungsbedürfnis, das vielleicht aus einem brachliegenden Lehrtrieb zu erklären ist. Bezeichnend ist, daß ich den Mädchen des eigenen Hauses, also dem Hausgesinde, abends aus Faust und Iphigenie vorgelesen habe. Über die Anspruchslosigkeit, die ich in Hinsicht auf die Auswahl meiner Zuhörer hatte, hat sich meine Frau öfter beklagt: »Dir genügt der erste beste Kuhjunge, um Deine Weltanschauung darzulegen.« Ich bin auch da in gewisser Hinsicht ein Opfer des Krieges. Ich sprach früher zu einer großen Zuhörerschaft und hatte Einfluß auf unzählige Menschen. Dann war ich abgeschnitten und sollte alle Gedanken für mich behalten. Ich habe im Sommer meine kleine Nichte und deren Freundin, wenn sie Post holten, festgehalten, um ihnen Unterricht in der Stenographie zu geben. Der Aufforderung, die Grundzüge meiner politischen und geschichtlichen Auffassung niederzuschreiben, komme ich im folgenden nach. Ich habe keine feste Anschauung über Politik und habe mich mit Geschichte leider nie beschäftigt. Ich habe erst durch das Buch: Wilson, »Nur Literatur«, gelernt, daß es außer der Parteipolitik eine Politik gibt, die jeder gewissenhafte Mensch treiben müßte. Ich bin jetzt der Meinung, daß es ein großes Unglück ist, wenn ein Volk so unpolitisch ist wie das deutsche. Den Grund dafür, daß das so ist, sehe ich in der bei uns herrschenden Lehre, daß durch die Gründung des Deutschen Reiches alles erfüllt sei, was zu wünschen war. Der Kaiser hat es einmal in einer Rede gesagt: »Seitdem ist es stehen geblieben; wir haben das, was wir wünschen.« Ich weiß jetzt, daß es heißt, der Jugend die Kraft rauben, wenn man sie lehrt: »Es braucht nicht mehr gesucht zu werden.« Ich selbst hatte mich jetzt darangemacht, Versäumtes nachzuholen und zu suchen, wie dem deutschen Volke zu helfen sei. Ebenso war es mit der Geschichte. Was ich davon kannte, war nur die von Professoren aufgestellte Rechtfertigung dessen, was geworden war. Ich sehe jetzt, daß es eine andere, fruchtbarere Geschichtsauffassung gibt. Diese zu durchdenken, ist sehr wichtig und davon hängt es ab, ob es später noch eine deutsche Kultur geben wird, oder ob der Endzweck der Deutschen die große Waffenleistung dieses Krieges war. Was nun das Richtige ist, das vermesse ich mich nicht zu sagen; ich empfinde es aber schon als einen Gewinn, daß ich die Notwendigkeit, zu suchen erkannt habe, und mit dem, was bisher in Geltung war, vorsichtig bin. Ich will einen erstaunlichen Gedanken erwähnen: Konstantin Frantz war mit der Bismarckschen Gründung nicht einverstanden und prophezeite Unheil. Er sprach von dem großdeutschen Gedanken; das Reich könne nur föderalistisch sein und müsse sich dann viel weiter erstrecken. Der Krieg zeigt, daß wir sehr gut mit Völkern föderalistisch umzugehen verstehen, die wir nie erfolgreich kolonisiert hätten. Fest überzeugt bin ich, daß die Menschheit in ihrer Entwicklung an der Stelle angekommen ist, von der die überstaatliche Organisation beginnt und daß mit diesem Kriege das Zeitalter des Völkerrechts beginnt, das Kant in seiner Schrift »Zum ewigen Frieden« einleitete. So gewiß, wie eines Tages der Landfriede kam und das Fehderecht verdrängte, so daß es nie mehr wiederkehrte, so gewiß muß dies der letzte Krieg sein. Nur so ist die Entschlossenheit aller Völker zu erklären. Mit jedem Monat darf sich auch der große Gedanke deutlicher hervorwagen. Deutschland hat vielleicht die große und tragische Bestimmung, durch seine nie auf der Welt gesehene militärische Kraft die ganze Welt gegen sich zu einigen, um sie zu zwingen, die köstliche Frucht, von der die künftige Menschheit leben soll, unter Opfern zu erringen; widersetzen kann es sich dem Lauf der Geschichte nicht! Tut es das, so wird es zerdrückt, im Kriege oder im Frieden. Die zwischenstaatliche Anarchie, die diesen Krieg verschuldete, ist zu Ende. Das, was doch kommt, könnte nun heute schon erreicht werden, und es brauchten nicht noch größere Opfer gebracht zu werden, wenn die gebildeten Deutschen zur Einsicht kämen. Solche Einsicht kann nur, wie es bei allen geschah, die meine Meinung teilen, – es sind nicht wenige und sehr viele hochgestellte Personen – durch eine kräftige Erschütterung des inneren Menschen erfolgen. Tatsachen müssen herbei: die Tatsachen über die Entstehung dieses Krieges, über die Nürnberger Bomben, mit denen der Reichstag gewonnen wurde, über die belgische Frage, wie sie der ganzen Welt außer uns sich darstellt, das serbische Ultimatum und anderes mehr. Ich kann mich über diese Dinge, weil ich sie zunächst nur zu meiner eigenen Information gelesen habe, nicht mit überzeugender Kraft äußern; es gehört, um es zu durchdenken, ruhige Zeit dazu, und auch dann ist es recht schmerzlich. Ich habe sehr darunter gelitten. Am schwersten ist es, solchen Gedanken nachzugehen, wenn es wie jetzt wieder den Anschein hat, als sei ein Friede auch ohnedem möglich. Denn das eine ist sicher: auch ich wünsche den Frieden in erster Linie für Deutschland selbst, wie es auch jetzt aussehe. Es ist viel leichter, neue Gedanken im Frieden zur Sprache zu bringen als im Kriege. Aber leider werden auch die jetzigen großen Siege den Frieden nur hinausschieben; es ist meine Überzeugung, daß die Menschen durch Waffenerfolge gehindert werden, die Grundlagen des Friedens zu erkennen. Vielleicht trägt es zur Klärung bei, wenn ich sage, wie sich mir der Begriff Vaterland darstellte. Ich denke an eine wirkliche Vaterlandsliebe, die sich auf die Heimat und das Volk und auf das erstreckt, was die Väter für beides geschaffen haben. Ich glaubte, es sei Pflicht, diesem Vaterlande möglichst schnell wieder Frieden zu schaffen. Ich sah, daß alle, die irgendwie im Kriege besser verdienten als im Frieden, nicht so dachten. Fast schien es, als wenn Vaterlandsliebe gleichgenommen wurde mit dem Interesse eines einzigen Standes, des Offiziersstandes. Wenigstens fand ich zufriedene Äußerungen über den Krieg grade bei höheren Offizieren. Man merkte, daß ihretwegen immer Krieg sein könnte. Deshalb sah ich eine Gefahr darin, wenn nur Offiziere auf die öffentliche Meinung Einfluß haben, wie das im Kriege wohl bei uns ist. Mit der Zeit aber hat sich auch sonst alles auf den Krieg eingestellt, und der Krieg ist ein Geschäft geworden. Vielen dient das Blut der Söhne, die gefallen sind, dazu, die Eitelkeit zu befriedigen, und wer die Verluste schon hinter sich hat, hat gar kein besonderes Interesse daran, daß bald Frieden werde. Witwen trösten sich damit, daß es anderen nicht besser ergangen sei. Wer Krüppel wurde, freut sich, daß er wenigstens das Leben behielt und ist der Meinung, daß alle anderen auch in dieselbe Gefahr kommen müßten, in der er gewesen ist. Wenn aber selbst die Krüppel nichts gegen den Krieg sagen – die Toten reden nicht mehr; und die Kriegsdichter erzählen, daß es kein schöneres Gefühl gebe, als in einer Flandernschlacht zu sein. So scheint es, daß es keinen Frieden geben kann, weil das ganze deutsche Volk ihn nicht will. Die Regierung will schon, aber die andern wollen mit ihr nicht, sie wollen erst wissen, ob in Zukunft die friedliche Organisation der Völker nicht verhindert wird. Wenn bei uns Preßfreiheit wäre, wären wir dem Siege und dem Frieden näher. In England ist noch heute keine Zensur und man warnt vor dem »ersten Schritt zu einer Zensur der öffentlichen Meinung, deren logische Folge die Zensur der Meinung der Presse sein werde. Schließlich würden die Tageszeitungen nur drucken dürfen, was die Zustimmung der Regierung habe, wodurch die für den Sieg notwendige Preßfreiheit vernichtet werde.« Wenn man sagt, Offiziere seien bei uns unpolitisch, so halte ich das für einen Irrtum. Der Offizier ist nur Politiker, nur fällt das nicht auf, weil alle seine politischen Wünsche bei uns erfüllt sind. Politik ist ja bei uns Kampf um den Futtertrog. Die Offiziere nun gehen bei uns so weit, daß sie durch große Vereine jede Änderung, die ihnen schaden könnte, verhüten: Wehrverein, Flotten-, Kolonialverein, Alldeutscher Verband, Vaterlandspartei. Daß der Offizier auch revolutionär sein zu dürfen und gegen den Kaiser sprechen zu dürfen glaubt, wenn er sein Standesinteresse bedroht sieht, hat man während der Marokkokrise gesehen, wo ganz offen gegen den Kaiser gesprochen wurde, weil er den Krieg vermied. Man kann wohl sagen, es sei nicht schwer, zufrieden zu sein, wenn ein Vaterland die Interessen eines Standes so völlig erfüllt wie das deutsche Reich die seines Offiziersstandes. Wenn die Frage gestellt würde: Wer ist wichtiger, der Stand oder das Volk? – so wird der Stand wohl nicht gern zurücktreten zugunsten des Volkes – und darin liegt auch ein Friedenshindernis; denn eine Einschränkung der Rüstungen ist zu erwarten, schon weil kein Volk die Last mehr tragen kann. Dies ist eine sehr ernste Frage. Fast niemand hat den Mut, sie anzurühren. Noch eine besondere Meinung will ich erwähnen: Ich sehe eine Gefahr darin, daß manche Einrichtungen und Personen übertrieben gelobt werden und halte die Menschen für schädlich, die solch' Lob dauernd im Munde führen. Sie entschuldigen und verstecken damit ihre Gedankenlosigkeit, was nicht schadet; aber sie gehen bei uns so weit, daß sie auch andern das freie Urteil verbieten, weil sie es erzwingen, daß man nur die öffentliche Meinung haben dürfe. Ich habe innerlich große Achtung vor den Helden dieses Krieges und vor gewissen vielgenannten Namen; aber der laute Beifall der Masse reizt mich zum Widerspruch. Ich meine mit diesem Widerspruch den Bildungsphilister, der nicht das Recht haben soll, mit einem Schlagwort seine Denkfaulheit zu rechtfertigen. Ich sage damit gar nicht, daß ich die Größe und Leistung dessen, den ich angreife, nicht anerkenne; im Gegenteil, wenn der Betreffende von der Menge getadelt würde, wäre ich der erste, der auf sein Verdienst hinwiese. Es geschieht aus demselben Geist heraus, der mich zum Impfgegner macht. Selbst befreundete Ärzte versichern mir, daß das Impfen sich bewährt hat, und ich glaube es auch – dennoch halte ich die Gegnerschaft für dringend nötig. Wenn ich mit einer Frage zu tun habe, bin ich auch in kurzer Zeit anderer Meinung als die Menge, ja als die anerkannten Autoritäten. Da ich mich nun, das kann ich wohl zugeben, in den letzten Jahren mit viel zuvielen Fragen beschäftigt habe, leide ich unter der herrschenden Meinung unerträglich. Wenn ich Menschen spreche, suche ich sie zu überzeugen. Es ist natürlich, daß ich von dieser Gewohnheit nicht ließ, als ich mit politischen Dingen bekannt wurde, die jetzt gefährlich sind. Wie ich Menschen zu überzeugen suche, dafür ein Beispiel: Einer älteren Dame, Frau Ramm, Mellemthin, Kreis Soldin, die ich nur in der Eisenbahn sprach, habe ich ein ganzes Postpaket Bücher über die Ernährungsfrage gesandt und ihr mehrere Briefe geschrieben. Die Fragen, mit denen ich mich bisher beschäftigte, waren ja alle derart, daß ich mit meiner Meinung nicht zurückzuhalten brauchte. In diesem Sommer beschäftigte ich mich u. a. mit der Düngerfrage. Ich las Svendson, »Viehlose Landwirtschaft«, und versuchte, die Verwertung der menschlichen Fäkalien praktisch durchzusetzen, wobei ich bei meinen Leuten unüberwindlichen Widerstand fand, sodaß ich den Abort des Hauspersonals, den ich zu dem Versuch mit gemahlenem Torf und einer geschriebenen Anweisung versehen hatte, wöchentlich selbst leeren mußte. Ich wollte über diese wichtige Frage in der Zeitschrift der Deutschen Landwirtschaftlichen Gesellschaft schreiben. Das werde ich noch tun. Ich erwähne, daß ich sogar in der Düngerfrage mit der herrschenden Meinung nicht übereinstimme und das Dogma vom Wert der Stickstoffdüngung und des Thomasmehls für bedenklich halte. So scheint es keine Frage zu geben, in der ich nicht Reformbedürfnis habe und mit herrschenden Meinungen aneinandergerate. Selbst in einer so gleichgültig scheinenden Frage, nach welchem System man Schneeschuh laufe, habe ich entschieden Partei ergriffen, und zwar, wie immer, zugunsten der unterdrückten Sache, gegen die öffentliche Meinung und mit der Gegnerschaft der Mächtigen. Immer ist es das allgemein Anerkannte, was ich nach kurzer Zeit angreife, und das greift wohl die Nerven auf die Dauer an. Ich habe gekämpft nicht nur gegen Alkohol, was allein alle Menschen gegen einen aufbringt, sondern gegen Fleisch, Tabak, Zucker, Feinmehl; gegen Schundliteratur, Kino und Gassenhauer, für Schulreform, Bodenreform, Kleidungsreform, Sprachreinigung, Naturschutz und Frauenstimmrecht. Der Sport sollte reformiert werden, das Wandern gefördert, die Federn- und Pelzmode beseitigt werden. Es wandten sich Menschen an mich, die den Kalender, den Tanz, das Sprechen, den Gesang reformiert wissen wollten, und weil ich für alles ein Ohr hatte, auf mich Hoffnung setzten. Ich kann mir wohl denken, daß ein solcher Mensch in einer Zeit, in der vorhandene Formen eines Volkes gegen die anderer Völker kämpfen, aus der Bahn geschleudert wird und kann auch meine Eltern verstehen, wenn es ihnen manchmal zu bunt wurde. Wer in allen Erscheinungen nur das Reformbedürfnis sieht, der hat es wohl so schwer wie ich; mancher hat gesagt, ich hätte zu viel gedacht. Das muß ich zugeben, wenn ich ferner daran denke, wie ich in letzter Zeit um Weltanschauung gerungen habe und was ich alles las. Ohne eine einfache Lebensweise hätte ich es überhaupt nicht ausgehalten. Unglücklich wurde ich erst, als ich über eine Sache grübelte, in der so wenig zu helfen war wie über den Krieg. Ich hörte meine Mutter sagen: »Vater war entsetzt; er sagte, der Junge sieht unglücklich aus, wenn man das Gesicht sieht!« Ich war voller Zwiespalt und Schmerz, war ich doch auch innerlich Jagdgegner, so seltsam das grade jetzt klingen mag, und habe mich immer wieder der Jagd zu entziehen gesucht.   Ich zähle die Zeitschriften auf, die ich bekam: Abgesehen von Blättern über bildende Kunst, Ex Libris, Kunst und Sport, wirtschaftlichen Fachzeitschriften wie Landwirtschaft, Forst, Holz, Fischerei, Jagdschutz. Der Kunstwart; Volkserzieher; Vortrupp; Die Zukunft; Blätter für zwischenstaatliche Organisation; Internationale Rundschau (Bern); Zeitecho; Bodenreform; Zeitschrift für Frauenstimmrecht; Die Frauenfrage (Bauer); Zeitschrift der Allgemeinen Deutschen Sprachvereine; Der Pfadfinder; Reform (früher Impfgegner); Der Naturarzt, Zeitschrift für Parität der Heilmethoden; Der Tier- und Menschenfreund; Evangelische Mission Basel; Blätter für Naturschutz; Naturwissenschaftliche Monatsschrift Fischer, Jena; Deutsche Kolonialzeitung; Tropenpflanzer; Die Alkoholfrage; Die Abstinenz (deren Mitherausgeber ich bin); Neutraler Guttempler; Deutscher Guttempler; Mäßigkeitsblätter; Vegetarische Warte; Die Neuwacht (Stenographische Zeitschrift); Berliner Tageblatt; Welt am Montag; Deutsche Warte; Berliner Illustrierte; und alle paar Tage von den Schwiegereltern: Der Tag; Deutsche Tageszeitung; Kreuzzeitung; Neue Züricher Zeitung. Außerdem viele Kreuzbandzusendungen: Le Temps; Demain. Kleinere Mitteilungen aus Siedlungen (Eden bei Oranienburg); Jugendzeitschriften und Schulreform; Das Plakat. Sodann erinnere ich mich an die Bücher, die ich seit Winter 1916/17 las oder mit deren Hauptinhalt ich mich doch vertraut machte: Afrikaliteratur aus der Königlichen Bibliothek; Johnston, »Nyassa«; ders. »Uganda«; Schweinfurth, »Artes«; Engler, »Pflanzengeographie« (mehrere wissenschftl. Bde.); Penck, »Morphologie«; Meyer, »Zentralafrika«, »Deutsches Kolonialreich«; Ratzel, »Völkerkunde«; Hahn, »Von der Hacke zum Pflug«. Diese Bücher habe ich exzerpiert. Tolstoi, religiöse Schriften, »Mein Glaube«, »Besinnet Euch«, »Was sollen wir tun?«; Dostojewski, »Der Idiot«, »Die Brüder Karamasow«; Deussen, »Elemente der Metaphysik«; Deussen, »Allgemeine Geschichte der Philosophie«; Schwedler, »Leitfaden«, (nur Hegel); Dilthey, »Das Erlebnis und die Dichtung«; Hölderlin, »Hyperion«; Lange, »Geschichte des Materialismus«; Herzen, »Erinnerungen«; Brahm, »Kleist«, »Platens Leben«; Herwegh, Leben, Werke; Jahrbuch Schopenhauergesellschaft; Shelley, Leben; Börne, Leben und Aufsätze; Suttner, »Kampf um Vermeidung des Weltkrieges«; mehrere Jahrgänge »März« durchgesehen; ebenso »Annexionistisches Deutschland«; Fernau, »Durch ... zur Demokratie!« und »Gerade weil ich ein Deutscher bin«; dann habe ich im Neuen Testament Griechisch gearbeitet und Homer wegen meines Afrikabuches durchgesehen; mehrere Stücke von Molière und sein Leben gelesen; Grün, »Kulturgeschichte«; Mehring, »Lessinglegende«; Nietzsche, »Ecce Homo«, »Unzeitgemässe Betrachtungen«; viele kleine Aufsätze aus Handbüchern während des Lesens. Zu meiner Arbeit über Afrika auch Petermanns »Mitteilungen« durchgesehen. Naturwissenschaftliches und Literargeschichtliches in Verbindung mit dem Kauf einer Bibliothek aus dem 18. Jahrhundert (300 Bände). Ferner zähle ich die Flugblätter auf, die ich zu versenden und zu verteilen pflegte: (Von jedem hatte ich 100 bis 200 Stück) Paasche, »Vaterland, höre uns!« Paasche, »Im Schützengraben«, »Die Federmode«, »Die Mürwicker Kaiserrede«; Wanderer, »Fahrende Schüler«, »Luftbäder und Volksgesundheit«, »Die Ursachen der Zahnfäule«; Kunert, »Ernährungsfrage«; Bunge, »Alkoholfrage«; Kriegerheimstätten; Bodenreform (kleine Hefte), Werkblatt für Ausflügler; Palm, »Kurze Gesundheitslehre«; »Fangt keine Schmetterlinge!«; Merkblätter für Obstbau; Ballsport; Wettgehen; Tierschutzkalender; Flugblätter Tierschutzverein (verschiedene); Seils, »Fleischkost«; Hollischer, »Alkoholfrage«; ein Büchlein Landkartenkunde für Soldaten; stenographische Werbeblätter; viele Postkarten.   Die ersten Werbeschriften politischer Art, die ich verbreitete, waren, wenn man von den Postkarten aus dem Verlage Pfannstiel, Weimar, absieht, die Blätter, die mir von unbekannter Seite aus Lindau zugingen. Das Bild meiner Tätigkeit im Sommer 1917 wird vollständig, wenn ich erwähne, daß ich jeden Zustimmungsbrief zu meinem Buche »Fremdenlegionär Kirsch« beantwortete, die mehreren hundert Besprechungen des Buches sammelte, meinen Aufsatz »Das sterbende Afrika« und Wanderers Aufsatz über »Fremdenlegionär Kirsch« an Bekannte sandte, auch das Buch vielfach verschenkte. Dann stellte ich etwa 700 Seiten meines neuen Buches fertig und ordnete die Photographien dazu. Die vielen Bittbriefe und Dankschreiben von Städtern, Bekannten, suggerierten mir die sehr schwierige und schließlich undankbare Aufgabe, nach Kräften landwirtschaftliche Erzeugnisse durch die Post zu senden. Besonders in der Zeit, als in Berlin kein Blatt Gemüse aufzutreiben war, gingen unzählige Pakete Bohnen, Ackerzelge, Rüben, u.s.w. ab. Außerdem Erzeugnisse, die von den Bauern gekauft wurden, wie Geflügel und zahlreiche Pakete Mus. Meine wirtschaftliche Lage ist diese: Ich beziehe 2 300 M Pension. Mein Gut hat keinen Überschuß, sondern Verlust. Ich lebte in den letzten Jahren mit meiner Familie von meiner Pension, einem Zuschuß meiner Frau von etwa 7 500 M und zuletzt Einnahmen aus dem Buche »Fremdenlegionär Kirsch«, das mir, wenn die bisherige Auflage verkauft sein wird, im ganzen 25 000 M gebracht haben wird. Davon habe ich 2 000 M für den Helden des Buches zurückgelegt; 1 000 hat er etwa schon bekommen. Auf meinem Gute steht eine Hypothek von 50 000 M und 30 000 M von meinem Schwiegervater. Außer dem Gut gehört mir ein Landstück von 15 ha in der Gemeinde Wiesental. Darauf hat der frühere Besitzer noch 6 000 M stehen. Schulden habe ich nicht. Ich habe drei Kinder. Alter 6 Jahre (Joachim Hans), 4 Jahre (Nils Olaf), 1 \½ Jahre (Helga Berta). Im April wird das vierte erwartet. Deutscher Naturschutz I. Die deutschen Jäger Die weiße Rasse hat in unserer Zeit eine geistige Wandlung von unübersehbarer Wirkung begonnen: ihre Stellung zur Natur, zu allem Lebenden in der Natur wird eine andere. Das Leid der geschändeten Natur war niemals, seit die Erde besteht, so groß wie jetzt, unter der nichtsschonenden Macht des Welthandels, des Verkehrs, der Industrie. Maßlos sind die im Nehmen, im Verschleppen und im Füttern ihrer Maschinen. Was irgend die Erde an lebender Schönheit und Pracht hervorbrachte, muß ihnen dienen. Solange noch eine Gazelle lebt, deren Fell auf dem Weltmarkt Wert hat, ein Wal im Eismeer, ein Paradiesvogel im Urbusch entlegener Inseln, solange ruht die geschäftige Betriebsamkeit nicht, gepaart mit menschenunwürdiger Gedankenlosigkeit und Kurzsicht. Nicht vor den letzten Trägern von Keimzellen irgendeiner Art machen die Vernichter halt, die sich rühmen, Organe der Volks- und Welt»wirtschaft« zu sein. Die es nur sind, solange unter Wirtschaft das Ausbeuten ohne Rücksicht auf die Zukunft verstanden wird. Da erheben nun vorgeschrittene und weiterdenkende Menschen ihre Stimme. Sie wollen der Vernichtung Einhalt tun und warnen zuerst, man solle die Quellen, die »wirtschaftlichen« Vorteil bringen, nicht für alle Zeiten verstopfen. Sie warnen, als ob ihnen der wirtschaftliche Nutzen am Herzen liege. Aber wenn ihre Warnung auch wirklich hilft, Schätze zu erhalten und deren regelmäßige Ausbeutung zu sichern, sie ist nur ein Vorwand: viel höher geht ihr Streben. Sie wollen nicht nur Gegenstände wirtschaftlicher Ausbeutung schaffen, und keine Naturdenkmäler nur, die ja ein Vorwurf für die Menschheit sind; sie wollen an jeder Stelle der Erde die Lebensgemeinschaft hergestellt wissen, die möglich ist; wollen der Natur die Mittel zurückgeben, den Einklang und das Gleichgewicht alles Lebendigen wiederherstellen. Nicht darin zeigt sich der Mensch als Herr der Natur, daß er die Erfindergabe, die ihm gegeben wurde, dazu benutzt, alles Leben zu vernichten, sondern er wird erst zum Herrn der Natur, wenn er ein gütiger Herr wird, der die Schöpfung tiefinnerlich versteht und mit jedem hilflosen Geschöpf mitempfindet. Das ist die neue Lehre. Wo sie in Deutschland hervortritt, berührt sie sich mit einer eigentümlichen Erscheinung: der deutschen Jägerei. Die dringendsten Aufgaben des Naturschutzes liegen nämlich im Wild- und Waldschutz. Und darin hatten in Deutschland die »Männer der grünen Farbe« auf ihre Art schon immer etwas geleistet. Sie waren Hüter der Naturschätze und hatten sich über ihre Aufgaben gewisse Anschauungen gebildet, mit denen die Naturschutzbewegung zu rechnen hat. Diese Anschauungen, die nicht ohne Einfluß auf die Stellung des ganzen Volkes zur Natur blieben, haben zum Mittelpunkt die Begriffe vom Nutzen und Schaden der Tiere, eine Unterscheidung, mit der der heutige Naturschutz nichts mehr anzufangen weiß. Die deutschen Jäger haben ihren Naturschutzbegriff außerdem auf der Voraussetzung aufgebaut, daß der Mensch das unbestrittene Recht habe, Lebendes zu töten. Der Begriff »schädliche Tiere« machte das Recht des Tötens gewisser Tiere zu einer edlen Pflicht, und der Jäger übt diese edle Pflicht als Beschützer der Tiere, die er zu gegebener Zeit töten und nutzen will. Im Rahmen dieser Voraussetzungen haben sich nun die deutschen Jäger so eine Art Komment ausgearbeitet, in dem die Begriffe edel und roh noch einmal erscheinen, während es doch vom Standpunkt des großen Naturschutzes aus ganz unmöglich ist anzuerkennen, daß jemand, der mit gewaltsamem Eingriff ein Leben vernichtet, »den Schöpfer im Geschöpfe ehre«. (...) Die Zahl der nach dem Komment erlaubten »Kreaturen« ist verschieden und richtet sich annähernd nach der Größe, der Häufigkeit und vermeintlichen Schädlichkeit des Wildes. Der Komment verpönt bei einigen Tieren das Töten, während sie schlafen, bei einigen, während sie stehen und nicht laufen, verbietet das Töten, während sie Junge bei sich tragen, bei »nützlichen«, erlaubt es bei sogenannten schädlichen Tieren. Es ist »weidmännisch«, also edel, ein gehetztes Tier, das festgehalten wird und wehrlos ist, mit einem Spieß abzustechen. (...) Nein! Es gelingt den Jägern nicht, vor der neuen Naturauffassung ihr Handwerk zu rechtfertigen und es edel zu nennen. Wohl mag eine Handlung nach ihren Sittenregeln besser oder schlechter gewertet werden; das Töten von Tieren kann nie als eine edle Handlung hingestellt werden. Es liegt tief unter der Weltanschauung, die den Naturschutzgedanken trägt, und Völker, die Buddhas Gebot »Tötet nicht, achtet das Leben« befolgen, können auf uns Europäer herabsehen. (...) Es gibt gar viele Männer, die aus Liebe zur Natur Jäger geworden sind. Es trieb sie hinaus, in die Freiheit und Wildnis, dorthin, wo der Mensch Erlebnisse mit Tieren sucht und sich gewöhnt hat, seine Kräfte im Überlisten wilder Tiere zu erproben. Da war und ist es noch Sitte, als Beweis der tiefen Erlebnisse in einsamer Natur, die Jagdbeute heimzubringen, die meist nur dem kühnen, ausdauernden Jäger erreichbar ist. Solange es keine Lichtbildaufnahmen gab, konnte diese Beute nur das Tier selbst sein. Das Töten aber ist vielen Jägern nicht Freude, sondern tiefer Schmerz, und sie warten nur darauf, daß eine gewaltige Macht die Tiere der Wildnis schütze und es jedem verbiete, zu töten. Dann, wissen sie wohl, wird nur der wahre Naturfreund die Anstrengung des Lebens in der Wildnis auf sich nehmen; Mordlust und Gewinnsucht werden fernbleiben. (...) Es darf sich aber bei dem Naturschutz nicht um die Interessen der Jäger handeln, und fehlerhaft wäre es, mit dem Sittengesetz der Jäger den Naturschutz treiben zu wollen, der heute Aufgabe der Zeit wurde. Der Naturschutz geht über die Jäger hinaus und kann in ihrem Anschauungskreise nicht wurzeln. Das mag ein Beispiel aus der Öffentlichkeit bekunden. Vor dem Schöffengericht in Bremen wurde Ende März dieses Jahres ein Prozeß verhandelt, den die Zeitungen den »Robbenmetzgerprozeß« nannten und aus dem hervorgeht, mit welchen Anschauungen die Naturschutzbewegung in Deutschland zu rechnen hat. Den Anlaß zu dem Prozeß gaben folgende Vorgänge: Ein Teilnehmer der Zeppelinexpedition nach Spitzbergen hatte über eine Seehundjagd für ein Jugendbuch eine Skizze geschrieben, die bei Tierfreunden und Schriftstellern Ärgernis erregte, weil aus ihr hervorzugehen schien, daß der Verfasser über das Töten harmloser Tiere Witze machte. Die Jagdschilderung beginnt nämlich mit folgenden Sätzen: »Pistölchen heizen, meine Herren!«– Beng!– »Ja, so leicht ist die Sache nicht.« – Beng! Beng! – »Meiner hat gezeichnet!« – »I wo, hat nur gelacht!« Ein bekannter Dichter rügte die Schilderung mit sehr harten Worten. Daraufhin fühlte sich der Verfasser des Beitrages beleidigt und klagte. Jetzt wurden Gutachten von »Sachverständigen« beigebracht, und man konnte zwei Gruppen von Gutachtern unterscheiden. Die einen nannten sich »Kenner der Polarjagd« oder waren Teilnehmer der geschilderten Seehundjagd. Für diese war die Hauptfrage, »ob es bei der geschilderten Jagd ›weidgerecht‹ hergegangen sei?« Sie bejahten diese Frage. Die andern fragten sich, ob die Darstellung der Jagd zu beanstanden sei und bejahten dies. Und jetzt kommt das Merkwürdige: das Gericht versuchte, sich den Begriff »weidgerecht« selbst zu eigen zu machen, und es heißt in dem Urteil (das den Verfasser der Kritik jener Schilderung wegen Beleidigung verurteilt), der Artikel mache den Eindruck, daß die Jagdteilnehmer mehr geschossen haben, als direkt weidgerecht hätte geschehen müssen. Während der Naturschutz also zu dem Lebenden überhaupt Stellung nimmt, beschäftigt sich sogar ein deutsches Gericht mit der Frage nach dem Maß weidgerechten Tötens. Eine müßige Frage ist das natürlich, ähnlich der anderen, die besonders die Militärgerichte fortwährend beschäftigt: was ist mäßiger Genuß narkotischer Gifte? Wie es unmöglich ist, diesen Begriff so festzulegen, daß einem Gericht bei seiner Entscheidung behaglich ist, so ist es zwecklos, entscheiden zu wollen, ob es »weidgerecht« sei, bei einer Reise in herrenlose Wildgebiete an dem einzigen Tage, an dem sich gute Jagdgelegenheit bietet, zwei oder fünf oder fünfzig Seehunde totzuschießen. Es scheint aber so, daß, wer wirklich »weidgerecht« sein will, es vermeiden muß, auf Seehunde und ähnliche Geschöpfe zu schießen. Denn wenn man fordert, der Jäger solle sich erst einmal die Gewißheit verschaffen, daß er mit dem Töten nicht einen rohen Eingriff in das Familienleben der Tiere begehe und nicht Tiere töte, auf die hungrige Junge warten, dann antworten die »Kenner«, das ginge dort oben nicht. Und da der Begriff der Weidgerechtigkeit, die in Deutschland gilt, dort oben nicht zu brauchen ist, wenn man Tiere töten will, begnügt man sich mit einem neuen Begriff der Weidgerechtigkeit, dem Wieviel? Aber mit diesem Wort kommt man auch wieder in Schwierigkeiten. Einerseits rühmt man sich, viel geschossen zu haben, andrerseits betont man, nicht zuviel geschossen zu haben. Und dieses seltsame Messen ist so zur Gewohnheit geworden, daß selbst ein Gericht es als maßgebend anerkennt. Ist es aber nicht nutzlos, sich zu entrüsten, wenn die Teilnehmer einer Jagdreise irgend eine Anzahl von Tieren töten? Kein Mensch gibt sich heute die Mühe, ehe er nach dem Eismeer reist, zu fragen, ob das, was man dort töten wird, der regelmäßige Überschuß eines gewissen Tierbestandes ist, oder ob es die letzten Stücke einer Tierart sind. (Ja, die meisten dieser Trophäenjäger laufen grade den letzten Vertretern einer Tierart nach, nicht um sie lebend zu beobachten, sondern um sie zu töten und sich zu rühmen, etwas Seltenes geschossen zu haben.) Es ist auch beinahe zwecklos, Tiere schonen zu wollen, solange kein allgemeiner Schutz ausgeübt wird und irgend jemand das Recht hat, im Auftrage eines Händlers zu töten, was ihm erreichbar ist. Gegen das, was der Handel vernichten läßt, spielen die Jagdexpeditionen keine Rolle. Man sollte sich deshalb nicht darüber den Kopf zerbrechen, ob die Herren, die in der herrlichen Polarwelt auf ihre Weise gejagt haben, auch nach unsern Begriffen »weidgerecht« gewesen seien. Denn es gibt gewiß viele Naturfreunde, die sich nicht zu der Anschauung bekehren wollen, daß es »weidgerecht« sei, auf Tiere zu schießen, deren sichere Erbeutung so sehr fraglich ist, wie die Erlegung von Seehunden und Robben auf einer Eisscholle. Und so denkende Menschen wollen auch nicht lernen, auf edle Gesinnung stolz zu sein, wenn sie bei solcher Jagd nur zehn oder nur fünfzig Tiere erbeutet haben, und wenn sich diese Strecke nicht auf einen, sondern auf zwanzig Tage verteilt. Das sind Äußerlichkeiten, die lehren, wie weit der Mensch, der solchen Sittenmaßstab erfindet, entfernt ist, das geistige Band zu sehen, das alle Geschöpfe verbindet. Gewiß fühlt sich mancher Weidmann nicht ganz sicher, wenn er sich das Recht anmaßt, Tiere zu töten. Weidmann sein heißt nämlich heutzutage, die Natur tiefinnerlich lieben und dennoch töten. Das Recht zu töten, bleibt im echten Weidmann wohl immer ein bestrittenes Recht. Einen Begriff des weidgerechten Tötens, der sich vor dem Forum reiner Menschlichkeit rechtfertigen ließe, gibt es nicht. Nur eine gewisse Menschenart fußt sicher auf dem eingebildeten Recht und schießt so leichthin auf Lebendes in der Natur. So: Beng! zwischen zwei Zügen an der Zigarette. Oder mit weltmännisch gelangweiltem Grinsen. Oder mitten aus einem Fünfuhrteegespräch heraus, beim Fasanentreiben. Die Stellung der deutschen Jäger im Anschauungskampf der Gegenwart ist eine der merkwürdigsten menschlichen Erscheinungen. Es gibt echte Jäger, die einsam werden und wie Verliebte heimlich einhergehen, bevor sie das Wild in seiner Heimat aufsuchen. Sie wollen nicht Großstadtluft in den Wald hinaustragen und fühlen auch, daß die Stadt kein Verständnis für das Erlebnis des Waldes haben kann. Sie werden unwillig, wenn jemand von allem, was ihnen der Aufenthalt in der Natur brachte, nur das eine wissen will: wieviel hast du – getötet? Wieviel? Dazu einige Beispiele. Ist die Antwort: »nichts«, dann kommt der Jäger in den Ruf, ein ungeschickter Jäger zu sein. Es ist menschlich, daß das nicht jedem gleichgültig ist, und daß auch er sich bemüht, recht viel geschossen zu haben. Sagt einer: »zehn Eisbären«, so ist er ein Held. Obwohl es, wenn man eigenem Erlebnis, Bildern und Büchern glauben darf, nichts gibt, was weniger Heldentum erfordert als eine Bärentötung. Das Tier sitzt, nichts Schlimmes ahnend, auf einem Eisblock und sieht dem Jäger zu, der sich »klopfenden Herzens anpirscht«. Auf zehn Schritte bekommt der Bär das Geschoß in die Rippen, und weil er nicht weiß, was das bedeuten soll, gleich noch ein zweites aus dem Repetiergriff. In den seltensten Fällen gelingt es, und am besten durch Wegnehmen und Töten der Jungen, Bären zum Angriff auf Menschen zu bewegen. Selbst davon und von einer Bärin, die todwund geschossen ihrem Jungen zu Hilfe kommen will, werden »rührende« photographische Aufnahmen gezeigt. (...) Sagt einer, er habe zwanzig Büffel erlegt, so gilt er heute unter Jägern als Aasjäger; wer zwanzig Adler getötet und ebensoviel Nester ausgenommen hat, heißt »Adlerkönig« und wird als Held verehrt. So ist denn dieser ganze Maßstab nur eine Folge gewisser Vorurteile, und die Zahl getöteten Wildes hat mit dem Wildschutz so wenig wie mit dem Begriff des Weidmännischen zu tun. Wer ein einziges selten gewordenes Tier tötet, ist schließlich ein größerer Frevler als der, welcher aus der großen Zahl ein Dutzend und mehr erlegt. Was weidgerechte Gesinnung ist, weiß jeder ernste Jäger. Es ist die Sehnsucht nach einem Zustand, in dem der naturliebende Mensch nicht mehr zu töten braucht. Niemals aber darf man es dem Jäger so leicht machen wie das Bremer Schöffengericht und den Begriff »weidgerecht « abhängig machen von irgendeiner Zahl getöteten Wildes. Das »wieviel« hat nur eine gewisse Berechtigung, wo es sich um die im Weltnaturschutz zu lösende Frage des geregelten Abschusses großer Wildbestände handelt, deren Überschuß die Menschen ernten zu müssen glauben. Und wenn einmal getötet wird, dann kümmert es den Naturfreund nicht, ob die Zahl der getöteten Tiere sich auf zwei oder zehn Schützen verteilt. Hier schießen einige angesehene Reisende zwanzig Seehunde, und alle Welt spricht davon, weil es eben angesehene und bekannte Männer sind, um die es sich handelt, und einige Meilen davon ladet ein Segelschiff hunderttausend schnell abgetrennte Rückenstücke vom Fell der Seehunde. Nur angeschossen werden die Tiere, mit Schrot, damit sie, blutüberströmt, auftauchen und geschlagen werden können (während die mit der Kugel geschossenen untergehen). Das wären schließlich Zahlen und Zustände, über die man sich entrüsten könnte! Doch niemand spricht davon. Und in der stolzen Handelsstadt steckt jemand das Geld ein. Jemand, der mit Seehundfellen handelt und, wenn die alle sind, mit Reiherfedern oder sonst irgendetwas. Ein Seelenloser, dem die Natur nur etwas ist, was er nach Geld durchstöbert. (...) Der Schutz der Tierwelt verlangt nichts anderes als eine strenge Abwehr der Mächte, die heute das Banner der Zerstörung über die Erde tragen: des Welthandels und der Industrie. Nur ob ein Tier auf dem Weltmarkt Wert hat, das ist entscheidend dafür, ob es vernichtet werde oder geduldet. Die Maßnahmen zum Schutz der Tierwelt müssen dahin gehen, den Handel mit Teilen begehrter Tiere, ebenso wie einst den Sklavenhandel, aussichtslos zu machen. Sobald das geschieht, wendet der Handel seine Aufmerksamkeit anderen Dingen zu, und die Tiere sind gerettet. So sind in amerikanischen und australischen Staaten die seltensten Federn für den Handel wertlos geworden, weil es gesetzlich verboten ist, Reiherfedern auf Hüten zu tragen. Und in britisch-afrikanischen Kolonien wird das Verbot, Tiere zu schießen, in großzügiger Weise wirksam erhalten durch die Zollpolizei, die nur solche Trophäen durchläßt, für deren Erbeutung eine festgesetzte, hohe Summe vorher bezahlt wurde. Diese Summe aber ist so groß, daß sie dem Handel mit der Trophäe keine Aussicht auf Gewinn mehr läßt. Damit hat England den einzig möglichen Weg gezeigt, in unserer Zeit des Weltverkehrs Tiere zu schützen. (...) Wo immer eine schützende Hand sich über lebende Naturschätze ausbreiten kann, da muß sie es jetzt tun. Alle wirtschaftlichen, alle künstlerischen Aufgaben können von den Menschen immer noch gelöst werden, und nichts ist verloren, wenn ein Volk ein paar Jahre später auf den Höhepunkt seines Reichtums kommt; wenn aber durch unsere Schuld Geschöpfe der Natur ganz vom Erdboden vertilgt werden, das ist nie wieder gut zu machen. Mit jeder Tierart, die uns von Urzeit bis hierher begleitet hat, die unsrer Phantasie oft Nahrung war und uns in trüber Zeit wohl selbst zur Nahrung werden mußte, verschwindet ein Stück unsrer selbst. Da helfe heute, wer helfen kann, und schütze im Tiere den Menschen. II. Wirtschaftliche und Fanatiker Es ist den Deutschen noch garnicht zum Bewußtsein gekommen, daß sie im Naturschutz heute noch etwas wirklich Großes schaffen können, und sich nicht auf Naturdenkmäler zu beschränken brauchen. In den afrikanischen Gebieten, die deutsch sind, gibt es weite, fast unberührte Länderstrecken, die, heute zum Nationalpark und unantastbaren Heiligtum erklärt, an Bedeutung die amerikanischen Naturschutzgebiete weit übertreffen würden, weil die ganze paradiesische Fülle des Tierlebens dort noch anzutreffen ist. Wenn den Amerikanern schon im Jahre 1872 die Tat gelang, ein unberührtes Gebiet der Ansiedlung und Ausbeutung zu sperren, eine Tat, auf die sie mit Recht stolzer sein können als auf einen gewonnenen Krieg, dann muß doch Deutschland vierzig Jahre später auch den Entschluß zu solcher at finden können! Vor Jahresfrist beschloß die deutsche Kolonialgesellschaft für die Erhaltung der Tierwelt in unsern Kolonien etwas zu tun. Sie, deren Arbeit es zu danken ist, daß die Kolonien bekannt und durch Bahnen erschlossen wurden, wollte auch ferner das »koloniale Gewissen der Nation« sein. Großzügiger Naturschutz: Das war also eine Aufgabe, die dem ganzen deutschen Volke und zukünftigen Generationen diente und sich nicht, wie so vieles, was verhandelt wird, darauf beschränkte, einem halben Dutzend Menschen die Arbeit in den Kolonien scheinbar zu erleichtern. Es war also eine ganz große wirtschaftliche Aufgabe. Deshalb wurde sie von denen, die sich gewöhnt haben, wirtschaftliche Maßnahmen nach dem Beifall zu messen, den irgendeine vom Augenblicksvorteil entzückte Gruppe anstimmt, nicht mehr begriffen und stieß auf Gegnerschaft. Die Gewohnheit, alles von dem begrenzten Wirtschaftsbegriff aus zu erfassen, der in jedem Kilometer Eisenbahn an sich schon einen Kulturfortschritt sieht und jede Tonne auf dem Weltmarkt abgelieferter Ware für eine hohe Menschentat ansieht, ohne zu fragen, ob vielleicht Blut daran klebt, oder ob sie selbst dazu dient, Menschen zu vergiften, diese Gewohnheit machte einige Männer so blind gegen das Wesen des Wildschutzgedankens, daß sie feindlich dagegen anstürmten. Gewohnt, Interessengruppen gegeneinander kämpfen zu sehen, fragten sie nur, ob der Wildschutz eine Sache sei, die den wirtschaftlich Arbeitenden heute schon Gewinn abwerfe, und als sie die Frage nach dem Gewinn verneinten, witterten sie gar Verlust. Ein Redner bedauerte auch, daß man sich mit »Reiherfedern« so lange aufhielt, ein anderer sagte ganz offen, daß »wirtschaftliche Notwendigkeiten« allein Richtschnur der Kolonialpolitik sein dürften. Wohlgemerkt: wirtschaftliche, nicht etwa volkswirtschaftliche Notwendigkeiten. Bei der Beachtung wirtschaftlicher Notwendigkeiten sind schwere volkswirtschaftliche Fehler erlaubt, wie man allein aus der Art weiß, wie Land vergeben wird. Und da erspähten sie auch schon den Gegner, den Gegeninteressenten: den Jäger. Waren es doch Jäger, bekannte Wildtöter, die so energisch für die Sache eintraten. Jetzt war auch der Wortschatz gefunden, der die also Denkenden unfehlbar weit und weiter vom Wesen der Sache abbringen mußte: »Der arme Ansiedler, dem der Elefant die einzige Baumwollstaude mutwillig zerstampft, und der reiche Sportsmann, der sich mit dem Feudalprinzip des Mittelalters den Jagdgenuß allein sichern will. Sportliche Luxuspolitik im Gegensatz zu ernster, schweißtreibender Arbeit entbehrender Kolonisten, die auf jeden Lebensgenuß für immer verzichtet haben.« Und kurz und gut, ein einziger Entrüstungsruf: es geht gegen die Kolonisten! Und nun sprach man einfach auch nicht mehr von »Erhaltung der Tierwelt«, sondern von »Jagdschutz«. Damit wurde die große Sache herabgesetzt. Denn Jagdschutz heißt nur Wild schützen und hegen, um sich die Gelegenheit, es zu töten, zu erhalten. Wildschutz, oder besser Schutz der Tierwelt, ist aber ein Kulturwerk, das der ganzen Menschheit zugute kommt. Die Wildschutzkommission, die von der deutschen Kolonialgesellschaft einberufen wurde, hat zwar mit der Jagd gerechnet; der Grundton ihrer Verhandlungen ist aber auf Naturschutz gestimmt, und die Jagd ist mehr als eine Gefahr des Wildschutzes berücksichtigt worden. Das macht die Verhandlungen dieser Kommission zu einem bedeutenden Zeichen der Zeit. Die Kommission legte dem Kolonialamt fertige Entwürfe von Jagdgesetzen für die einzelnen Kolonien vor und sprach allgemeine Grundsätze aus, die, einmal niedergelegt, im stillen fortwirken und eines Tages als fertige Anschauung derer, die die Macht haben zu schützen, erscheinen werden. Der erste dieser Grundsätze Bericht über die Verhandlungen der Wildschutzkommission: Wilhelm Süßerott, Berlin. sagt: »Es ist anzustreben, daß der vorhandene Wildbestand geschont und erhalten werde, wo er wirtschaftlichen Unternehmungen nicht im Wege ist, und daß eine Vermehrung stattfinde in den Gebieten, in denen das Wild in Gefahr ist, vorzeitig vernichtet zu werden. Pflanzungen und wirtschaftliche Unternehmungen müssen gegen Wildschaden in weitestgehendem Maße geschützt werden.« Wenn man das liest, versteht man nicht, daß sich Männer finden, die »den Kolonisten« auch noch gegen solche Grundsätze in Schutz nehmen zu müssen glauben. Dann heißt es weiter: »Der Wildstand der Kolonien ist ein Nationalvermögen, das in vernünftiger Weise nutzbar gemacht werden soll. Solch ein Vermögen muß so verwaltet werden, daß die Kolonien Jahr für Jahr gleiche, wenn nicht steigende Einkünfte daraus haben.« Hier wird also der volkswirtschaftliche Nutzen als Ausgangspunkt aller Maßnahmen des Wildschutzes genommen. Danach folgt ein Satz, der rein ist von Spuren des Eigennutzes: »Dem Gedanken der modernen Naturschutzbewegung entsprechend, sind große Gebiete als Wildreservate vorzusehen, in denen die Jagd gänzlich ruht, damit allen Wildarten Zufluchtsstätten geboten werden, in denen sie in vollster Freiheit unter den Bedingungen leben können, die von der Natur gegeben sind.« Wie stark der Naturschutzgedanke mit seiner Verurteilung des Schädlichkeitsbegriffes schon wirkt, geht aus einer Anmerkung hervor: »Es ist kein Grund vorhanden, größere Eulen dem Abschuß freizugeben. Der Ausdruck ›kleinere Eulen‹ ist jedenfalls in die frühere Jagdverordnung hineingekommen, weil die Ansicht, daß jeder größere Vogel in gewissen Grenzen schädlich sei, noch nicht allgemein überwunden ist ... Die größten sogenannten Raubvögel, die See- und Schreiadler, dürften nur in beschränktem Maße geschossen werden, damit nicht der durchaus irrige Glaube weiter bestehe, im Abschuß von Raubvögeln läge ein Nutzen für die Menschen.« Vgl. Dr. Friedrich Knauer, Der Niedergang unserer Tier- und Pflanzenwelt, S. 69, Th. Thomas Verlag, Leipzig. Dann ist folgender vortreffliche Satz ausgesprochen: »Ein großzügiger Wildschutz hat anzustreben, daß der Mannigfaltigkeit der Arten, die uns die Natur überliefert hat, Achtung entgegengebracht wird, und daß dieser Reichtum nicht unnötig zerstört werde ...« Endlich tritt die Kommission für die Abschaffung der Prämien auf die sogenannten schädlichen Tiere ein, worunter ja leider in Deutschland jedes Schulkind schon alle mit dem Worte »Raub« benannten Tiere versteht – und deshalb zu töten trachtet: die Raubtiere, Raubvögel, Raubkäfer. Der Nutzen der großen Raubtiere im Haushalt der Natur wird hervorgehoben. Die Kommission tagte unter dem Vorsitz eines bekannten afrikanischen Pioniers, des Bezirksamtmanns von St. Paul Illaire, und prüfte gewissenhaft alle Einwände, die man gegen einen wirklichen Naturschutz bringen könnte. Kenner aller in Frage kommenden Wissensgebiete wurden herangezogen. Gelehrte: die Professoren Plehn, Schillings, Matschie, Brauer sprachen aus, daß es unwissenschaftlich sei, die Großtierwelt aus Seuchenfurcht zu vernichten. Selten mögen bestehende Rückständigkeiten, wie die gedankenlose Preisgabe lebender Naturschätze, so einmütig verurteilt worden sein, wie in diesem denkwürdigen deutschen Ausschuß. Über die Arbeit der Wildschutzkommission wurde dann auf der Hamburger Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft berichtet, und es wurde zuerst einmal darüber gelacht, als jemand die Wildschutzfrage erwähnte. Das ist recht bezeichnend. Die Erwähnung von Kulturfragen klingt denen, die gewöhnt sind, nur von wirtschaftlichen Interessen und allenfalls von Fürsorge für die dadurch Geschädigten zu hören, so ungewohnt, daß sie erst einmal lachen müssen. Daher glaubten selbst Redner, die dem Gedanken des Wildschutzes freundlich gegenüberstanden, sich hier das wirtschaftliche Mäntelchen umhängen zu müssen. Welche Einschätzung genießt doch eine Versammlung, in der niemand es wagen darf, zu sagen: »Es handelt sich um höhere als gewöhnliche wirtschaftliche Dinge.« Fast alle Redner wiesen denn auch die Berechtigung ihrer Worte nach, indem sie von Nutzung, Werten und wirtschaftlicher Bedeutung sprachen. Nur einige wagten es auch hier, solche Überlegungen als niedrig zu bezeichnen und offen zu bekennen, daß nur der hohe Gedanke der Erhaltung der Natur für sie bestimmend sei. An ihrer Spitze K. G. Schillings. Nachdem andere versucht hatten, auch bei diesem, von einem Kolonialmann als »nebensächlich und höchst bedenklich« bezeichneten Wildschutzthema um den Beifall notleidender Kolonisten zu werben, nachdem behauptet worden war, Deutsch-Neu-Guinea könne nur durch Ausrottung der Paradiesvögel kultiviert werden, sagte Schillings: »Warum verbietet denn England jede Erlegung der Paradiesvögel? Ich will es Ihnen sagen: weil der Engländer in solchen Dingen höher steht als wir.« Nun, der Deutsche wird auch bald so weit sein, wie der Amerikaner von 1872 und die weitblickenden Gesetzgeber des Britischen Neu-Guinea. Und wenn er erst weiß, wie reich ein Volk durch den Naturschutzgedanken werden kann, dann wird er die Frage nach wirtschaftlichem Nutzen verachten. Er wird wissen, daß es im Kampfe für die Natur um weit Höheres geht: um die Seele der Menschheit. (...) Die Federmode Noch immer besteht die Schmach, daß deutsche Frauen auf ihren Köpfen Teile von Tieren tragen, die aus der Gottesnatur geraubt werden, um als Hutputz zu dienen; noch immer werden Dampfkraft und Pulver, werden die Machtmittel menschlicher Erfindung dazu mißbraucht, den Erdball zu veröden, statt ihn zu beherrschen: noch immer ängstet sich die Kreatur, und den Schöpfer der Welt schaudert's, wenn er die blutige Schreckensherrschaft des Menschen auf der Erde sieht. Früher tötete der Mensch doch wenigstens aus Hunger und aus Not; jetzt mordet er aus Geldgier und Eitelkeit. Jetzt rühmt er sich noch seiner Grausamkeit, und während in alten Zeiten der Henker Henker hieß, und wenn man sagte: das ist ein Schinderknecht, das ein Mordbube, so nennt man jetzt den feigen Anstifter zum Morde hilfloser Geschöpfe – einen Wirtschaftspolitiker. Dieser Zusammenhang soll gezeigt, der Weg aus der furchtbaren Verirrung gesucht werden. Die Münzen der deutschen Kolonie Neu-Guinea tragen auf der Rückseite das Bild eines Paradiesvogels. Wie in Deutschland der Adler sorgfältig aus der freien Natur entfernt wurde und nur auf Münzen, Marken und Kriegerhelmen ein heraldisches Dasein fristet, so hat jetzt das edle deutsche Handelsvolk dem schönsten Vogel aus der Paradieswelt der tropischen Meere auf seinen Münzen ein Denkmal geprägt, als ob es damit andeuten wollte, daß das Bild dieses Naturwunders der Nachwelt nur noch im leblosen Denkmal erhalten werden könne. Beruhige dein Zartgefühl, deutsche Frau, wenn solches unter dem Kriegerschmuck deines Hauptes irgendwo noch in dir wohnen sollte: der Paradiesvogel lebt als Bild auf deutschem Gelde, und der Vogel selbst, der einst über die tropischen Bäume dahinflog und jetzt als ausgestopfter Leichnam aus Glasaugen auf die Krempe deines Fürstenhutes glotzt, ist für das Vaterland geopfert worden, weil er Geld ins Rollen brachte, und Geld ist dem Deutschen von gestern Vaterland. Das Geld ist sogar schneller ins Rollen gekommen durch den feigen Mord, dem du die Flatterzier deiner – sonst wohl unvollständigen – Stirn verdankst. Auch darüber beruhige dich: Der Blutgeruch, der an dem Gelde klebte, ist schon wieder abgegriffen worden. Der Mörder gab die Münze weiter; denn der Gewinn, den er aus dem Vogelmord zog, reizte ihn zu höherer Lebensführung: er wurde ein Käufer von Whisky und Tabak. So stieg in deutschen Kolonien infolge der Vogelausfuhr auch die Wareneinfuhr. Und in Deutschland dürfen Federarbeiterinnen die Freude genießen, in Fabriken zu sitzen und zwischen unzähligen Federn des Schlachtgeflügels auch die letzten Paradiesvögel auf Damen- und Dirnenhüte zu binden. So kam durch den Vogelmord deutsches Wirtschaftsleben zur Blüte. Der Zusammenhang ist furchtbar: die ferne Urwaldinsel im einsamen Meere, wo seit Jahrtausenden buntes Leben den Schöpfer pries, mußte still werden, weil sie deutsches »Schutzgebiet« wurde. Denn das Volk der Dichter und Denker darf keinen Vogel leben lassen, dessen Leichnam Geldeswert hat. Es geht einfach nicht: aus wirtschaftlichen Erwägungen. Während die Natur mit Nacht und Verwesung den Mord vergessen macht und mit ihren Tränen die Blutflecken von den Blättern des Urwaldes wäscht, wallen die gelben Federn von den Köpfen deutscher Frauen; starren spitze Schnäbel, die einst Nester bauten und hungrigen Jungen Nahrung suchten, auf die Brüste deutscher Mütter hinab. Wenn die Natur eine Rächerin wäre, wenn sie fähig wäre, dem Schmerze, der die Schöpfung durchzittert, Waffen zu leihen, so müßten die Schnäbel sich, von neuem Leben bewegt, von den Hüten herab den gedankenarmen Modedamen in die Augen bohren. Sie tun das nicht; denn die Natur ist hilflos, wenn das Herz des Menschen versagt. Indianerhäuptlinge und wilde Negerstämme trugen von jeher auf ihren Köpfen die Federn wilder Vögel, die ihre Weidmannskunst mit einfachen Waffen aus einer reichen Natur erbeutete. Im Mittelalter zierten Straußenfedern den Helm des Ritters, den Hut des Ratsherrn. Es waren seltene und deshalb kostbare Federn. Die Ursache der Seltenheit war aber eine andere als heute. Wenn heute Reiher, Paradiesvögel und Marabu selten wurden, so wurden sie es, weil ihre völlige Ausrottung nicht in einigen, sondern in allen Teilen der Erde bevorsteht; in früheren Zeiten waren solche Federn wertvoll, weil sie aus einem unerschlossenen, dem Handel fast unzugänglichen Erdteile unter Lebensgefahr und wilden Abenteuern herausgeholt wurden. Andere Federn wurden als Erinnerung an den Aufenthalt in der freien Natur auf die Hüte gesteckt oder einer Jagdbeute entnommen; sie wurden also wirklich aufgelesen, und wer sie trug, wollte damit andeuten, daß er Erinnerungen habe an den Aufenthalt in der Natur. Eine Mode, mit all ihren schädlichen Folgen, entstand erst, als auch Menschen, die sich keiner Jagdbeute rühmen konnten, den Jäger nachahmten und Federn wilder Tiere an ihren Hüten trugen; wie die Bewohner Oberbayerns den Adlerflaum zur Schau trugen und das auch jetzt noch tun, wo in ihrem eigenen Lande keine Vögel mehr leben, die diese Federn liefern können. Man kann heute gerade von den Frauen, die den wildesten Federschmuck auf ihren Hüten tragen, am allerwenigsten annehmen, daß sie damit die Erinnerung an einen Aufenthalt in der Natur betonen wollen; man kann sogar sagen, daß diese Frauen am allerwenigsten an Natur erinnern. Das Wesen der heutigen Sitte, Federn wilder Tiere an den Hüten zu tragen, ist also ein anderes: die Feder soll den Hut schmücken. Das könnte jede Feder tun, wenn wirklich Federn am besten geeignet sind, einen Hut zu schmücken. Es könnten also Federn von Tieren genommen werden, die schon ihres Fleisches wegen getötet werden. Allein, da kommt etwas hinzu: der Händler verleitet die Federträgerin dazu, den Gaffern zu zeigen, daß sie Federn habe, die besonders wertvoll sind. So kommt folgende Entwicklung zustande: die schönsten Federn wild lebender Vögel werden ihrer Form und Schönheit wegen so lange getragen, bis sie selten werden. Dann werden sie weiter getragen, weil sie selten und wertvoll sind, auch wenn nur noch häßliche aufgetrieben werden können. Schließlich wird ein Ersatz hergestellt, der die gleiche Form und das gleiche Aussehen hat, und es wird dadurch die Meinung erzeugt, daß man diese Art Hutschmuck nicht entbehren könne. Zugleich werden dann auch alle anderen Vögel mitverarbeitet. Alles, was die Schöpfung an lebender Schönheit hervorbrachte, muß in die Hutschachtel. Man erinnere sich an die Entwicklung, die wir in den letzten Jahren mit der Reihermode erlebten. Reiherfedern waren früher der Schmuck einzelner Fürstinnen und einiger Reitertruppen. Dann wurde eine große Mode daraus gemacht, die zur Folge hatte, daß die Reiher in der Natur seltener wurden und immer schwerer zu beschaffen waren. Deshalb wurden sie eines Tages aus Pferdehaar nachgemacht, oder es wurde aus Spitzentüll ein Gebilde geformt, das an Reiherstutz erinnerte. Jetzt konnte man beobachten, daß die Frauen durch die Art ihres Hutschmuckes anzeigten, wieviel Geld sie zur Verfügung hatten oder vortäuschen wollten. Wer reich war oder einen reichen Liebhaber suchte, trug umfangreiche Büsche echter Reiher, wer unbemittelt war, benutzte Nachahmungen oder einige Federstummeln vom Ausschuß als Ausweis für die gehorsame Abhängigkeit vom Unternehmer oder Modeschieber. Aber auch bei dieser Entwicklung ging der Federindustrie der Vorrat aus, und es wurden zwischendurch einige Millionen Möwen und Seeschwalben ausgepolstert und auf die Hüte gebunden. Dazwischen wurden Eulen, Mandelkrähen, Eisvögel hingerichtet, ausgestopft, angebunden. Fiel es denn niemandem auf, daß hier ein frecher Griff in die Arche Noah getan wurde? Gewiß; aber als der Handel viele Reiher auf den Markt bringen konnte, wurde denen, die diesen ganzen Zusammenhang durchschauten und die Gefahr der Naturverödung kannten, geantwortet: »Die Natur hat unerschöpfliche Vorräte.« Als es dann bald deutlich wurde, daß das eine Lüge war, wurde dreist auf die Pferdehaarbüschel hingewiesen und gesagt: »Der Reiher ist nicht gefährdet; die meisten Reiher, die getragen werden, sind ja Nachahmungen!« Der aufmerksame Beobachter aber hat aus der ganzen Entwicklung des Putzes dies gelernt: die Hutfeder, welche Form und Farbe und welches Gewicht sie auch habe, ist nicht unersetzlich. Weder die Federindustrie noch die hochherzigen Frauen werden jemals die Tierarten vermissen, die, um der Mode zu dienen, vernichtet wurden. Nur die denkende und fühlende Menschheit wird es wissen. Und deshalb ist die Forderung der Naturkenner berechtigt: die Mode soll jetzt schon von den lebenden Tieren der Wildnis ablassen und sich auf den Hutputz beschränken, der beschafft werden kann, ohne blutigen Eingriff in die lebendige Natur. Wenn man eine deutsche Stadt aufsuchen will, in der das Tierleben noch so ist, wie es sein kann, muß man sehr weit wandern: bis nach Innerafrika. Dort sah ich noch vor kurzem solch einen Ort, in dem deutsche Beamte und Kaufleute arbeiten und sich über das bunte Tierleben in ihrer Nähe freuen. Wenn sich der Dampfer der Landungsbrücke nähert, fliegen ihm Flüge von Reihern entgegen, Kormorane und Schlangenhalsvögel tauchen von hohen Klippen hinab in das Wasser, Enten schwirren den Strand entlang, und der starke Schrei der Ibisse ertönt. Adler kreisen über den Felsen, und unbekümmert um den Menschen und seine Maschinen stehen Graufischer in nächster Nähe des Dampfers flatternd über dem Wasser. Kleine weiße Reiher streichen durch die Baumreihen der Straßen. Nicht weit am Strande kann der Spaziergänger gar Krokodile in der Sonne liegen, riesige Flußpferde auftauchen sehen. Wenn vor der Stadt ein gefallenes Stück Vieh nicht gleich vergraben wird, erscheinen hoch am Himmel riesige Geier und Marabus und lassen sich in unmittelbarer Nähe der Hütten zur Erde nieder. Menschen und Tiere dulden einander. So kann es überall sein, wo Menschen leben, die aus der Freundschaft der Tiere Glück genießen. Aber es strömen neue Menschen zu. Einer schießt nach den Nilpferden, ein anderer versucht seine Schrotflinte an den vertrauten Graufischern, der dritte gibt Gift an die Neger aus und befiehlt: »Bringt mir von den toten Vögeln die weißen, die lange Federn haben.« Noch ein anderer erstrebt den Ruhm, einen Adler getötet zu haben. Hier kann er das leicht haben; denn die Tiere sind zutraulich und fühlen sich noch nicht als seltene Jagdbeute. So vergeht kurze Zeit, und das einzige, was dann noch lebt, sind einige Schildraben und Milane, an die niemand einen Schuß Pulver verschwenden will. Muß das alles so kommen? Wer die Natur, wer die Freundschaft der Tiere zum Menschen, wer die Gaben der Tiere kennt und weiß, wie gern sie dem Menschen nutzen und sein Gemüt erheitern, der findet es unbegreiflich, daß die Bewohner der Städte nichts vermissen, wenn sie auf leblose Straßen und Plätze hinaussehen. Ja, seht euch in eurer Heimat um: »Wo sind denn die Reiher? Wo die Adler, die Ibisse?« Die Antwort ist hart: »Hier sind sie schon lange tot, und die aus fernen Landen kleben als Skalpe auf den Hüten weißer Frauen.« Dreihundert Millionen Zier- und Nutzvögel müssen jährlich ihr Leben lassen, weil der Kulturmensch sich dieser Ruchlosigkeit schuldig macht. In Amerika, in Afrika, in China ist der weiße Reiher so gut wie ausgerottet. Unzähligen Eingeborenen ist es versagt, sich seiner Schönheit noch zu freuen, aus seinem Leben die Kräfte der Phantasie zu bereichern. Erschreckend greifen Seuchen um sich, weil gewissen krankheitbringenden Insekten, wie der Tsetsefliege und den Anophelesmücken, die das Malariafieber übertragen, ihre natürlichen Feinde zu fehlen beginnen. Manche Vogelarten sind bereits ausgerottet worden. In den letzten sechs Jahren haben die Lieferanten der Federhändler die Eulen Nordafrikas so völlig vernichtet, daß es jetzt nicht mehr möglich ist, sie für die Wissenschaft noch zu sammeln. Ebenso wurden die Eulen und Uhus Sibiriens durch die Hutmode ausgerottet. Auf der Insel Trinidad, wo der Gang der Ausrottung überschaut werden kann, wurde festgestellt, daß im Auftrage der Federhändler fünf Kolibriarten völlig vernichtet worden sind. Mehrere Arten des Paradiesvogels sind bereits ausgerottet, Über die Schönheit, die Farben und Formenpracht der Paradiesvögel sollte sich jede Frau unterrichten. »Die Wunder der Natur« (Deutsches Verlagshaus Bong) und die vierte Auflage von Brehms »Tierleben« geben Einblick in ein Naturkapitel, das wir bisher leider nur mit roher Hand aufgeschlagen haben andere sterben in diesen Tagen aus, weil wir uns darüber streiten, ob das wirklich so kommen wird, anstatt den Handel zu verbieten. Der Emu ist in Tasmanien ausgerottet worden; der Kondor, der in den Anden lebt, wird in diesen Jahren vernichtet. Jeder Zweifel, ob das wahr sei, statt schneller Tat, kommt zu spät. Dafür ein Beispiel von vielen: Von der amerikanischen Wandertaube wurde vor einigen Jahren behauptet, nie würde es dem Menschen, selbst wenn er es wollte, gelingen, sie auszurotten. Kein Gewehr, kein Pulver und kein Gift könnte den Mengen dieser Tiere etwas anhaben; wenige Jahre später kannte man nur noch ein einziges frei lebendes Weibchen. Vergeblich wurde ein Preis ausgeschrieben für den, der ein Männchen dazu nachweisen könne. So sehen die »Übertreibungen der Naturschützer« aus. Ein schlimmer Zustand also. »Das kann nicht sein«, höre ich sagen. »Das ist Fanatismus.« »Wenn das wahr wäre, wären ›die Regierungen‹ schon eingeschritten. Das Weltblatt her! Sagte ich's nicht? Da steht's: ›Bekanntlich werden die Hutfedern in der Steppe (von sanften Händen) aufgelesen, wenn der Vogel sie (im Dienste des Federhandels) verliert.‹ Dasselbe, was Frau Nähdrauf, die Huthändlerin, sagt. Es stimmt also.« Halt! Sachte. Wir kommen zu den frechen Lügen; denn wir sind bei wirtschaftlichen Interessen angelangt, bei »investiertem Kapital«, beim wahren Deutschtum. Es ist die erste der Lügen, die gewisse Leute nötig haben, um trotz aller Warnungen weiter plündern zu können. Die Wahrheit ist, daß die Vögel an den Nestern ihrer Brut herabgeschossen werden, wenn sie den hungrigen Jungen Nahrung bringen. Die Jungen müssen elend verschmachten. So wird der Hutschmuck deutscher Mütter gewonnen! Noch andere Lügen werden verbreitet. Die gefährlichste ist die von den Reiherfarmen. Es ist bekannt, daß jedes Unternehmertum, das Naturschätze plündert oder Menschen verdirbt, mit der Oberflächlichkeit der Menge rechnet und weiß, daß es sein Geschäft ruhig weiter betreiben kann, wenn es die Anschauung verwirrt. Auch das Federnkapital begegnet den berechtigten Warnungen der Vogelkenner, indem es allerlei Nachrichten verbreiten läßt, denen man nicht ansehen kann, woher sie kommen. Das Reiherzuchtmärchen nun kommt so zustande: Es ist eine bekannte Tatsache, daß Strauße in Afrika schon seit Jahrzehnten auf Weidegütern gezüchtet werden, wo man ihnen die Federn regelmäßig abnimmt, ohne daß den Tieren ein Leid geschieht. An diese Tatsache knüpfen die Händler an und sagen sich: Wenn man nur irgendwo auf der Erde eine einzige »Reiherzüchterei« hätte, dann ließe sich gleich die Meinung verbreiten, daß auch die Reiherfedern so gewonnen werden wie die meisten Straußenfedern: ohne Töten von Tieren. Nun gibt es aber solche Reiherzüchterei nicht (sonst hätte das beliebte Weltblatt längst den aufklärenden Artikel über die Reiherzucht gebracht mit den belehrenden Aufnahmen: der Reiherfarmer im Kreise seiner Familie; beim Brutgeschäft; das Abernten der Federn). Weil es das also nicht gibt, muß anders vorgegangen werden. Und so wurde ein Preis von mehreren tausend Mark gestiftet für den, der bis zum Jahre 1918 mit einer »Reiherfarm« Erfolg hätte. Dieser Preis wurde der deutschen Kolonialgesellschaft zur Verfügung gestellt. Die übernahm das Amt des Preisverteilers auch und merkte nicht, daß sie dadurch von der begonnenen Kritik des Federhandels abgelenkt werden sollte. Nun ist der Federhandel fein raus: Bis zum Jahre 1918 ist die Verhandlung vertagt. Bis dahin kostenlose Verbreitung des irreführenden Begriffs »Reiherzucht« durch die Kolonialgesellschaft, die sich gern in einer »wirtschaftlichen« Frage betätigt. Und 1918 sind alle Reihergebiete ausgeschossen, dann mag man über Reiherzucht denken wie man will, dann lohnt der Handel doch nicht mehr. Zudem braucht höchstwahrscheinlich der Preis garnicht ausgezahlt zu werden, weil es eben auch in vier Jahren noch keine gewinnbringende »Reiherfarm« geben wird. Mit solchen Mitteln wird die öffentliche Meinung irregeführt. Natürlich läßt sich Straußenzucht nicht durch eine Reiherzucht nachahmen; Strauße sind Pflanzenfresser und nähren sich auf der Weide; Reiher nähren sich von Fischen. Der Mensch duldet aber Fleischesser nie in großer Zahl neben sich. Die Ernährung solcher Tiere ist ihm zu teuer. Ich höre von denen, die sich beruhigen wollen, neue Einwände: »Wir haben doch Sachverständige, haben Forschungsreisende, Männer der Wissenschaft.« Das stimmt; die haben wir. Aber die werden nicht gehört, wenn ihr Urteil »wirtschaftlichen Interessen« unbequem ist. Da ist Professor R. Neuhauß, der in Neu-Guinea die Augen nicht nur als Gelehrter aufgetan hat, sondern offenbar auch als Mann von Herz und Verstand. Er hat ein dreibändiges Werk über die Inseln geschrieben, die die Heimat der Paradiesvögel sind. Er deckt den Zusammenhang auf zwischen Paradiesvogeljagd, Übergriffen gegen Schwarze, Ermordung von weißen Jägern und daraus folgenden »siegreichen« Strafexpeditionen. Nur ein Vorgang sei hier mitgeteilt, der Bände spricht: Ein Paradiesvogeljäger kam bei der Ausübung seiner Tätigkeit in die dabei unvermeidlichen Reibungen mit den Eingeborenen, die nachweislich mindestens glaubten , er wolle sie des Eigentums berauben und sie töten. Sie befanden sich in »Putativnotwehr« und brachten ihn um. Der amtliche Bericht über die daraufhin natürlich notwendige Strafexpedition sagt: »Das große Wambadorf wurde unter Feuer genommen und eingeäschert. Die Wambaleute hatten etwa 40 Tote.« (Deutsche Frauen, hört, auch Menschenblut klebt an eurem Hutschmuck!) Professor Neuhauß macht auf die beschränkte Verbreitung der einzelnen Paradiesvogelarten aufmerksam und warnt vor völliger Ausrottung weiterer Arten. Er rechnet der Regierung auch vor, daß die paar tausend Mark Zolleinnahme aus Vogelbälgen in den Unkosten für Strafexpeditionen draufgehen. Es ist auffallend, daß solch ein Sachverständiger der Vereinskommission unbequem war, die über den Schutz der Paradiesvögel beraten sollte. Und doch wundert sich niemand darüber, der weiß, daß in solchen Beratungen heutzutage unangefochten Männer mitsprechen, die selbst gewisse wirtschaftliche Interessen in den Kolonien haben und deshalb mehr Wert legen auf einen »Sachverständigen« anderer Art: Irgendeinen Mann, der der kolonialen Landgesellschaft nahesteht, die an der Vogeljagd wirtschaftlich interessiert ist. Dieser »Landeskenner« fand sich denn auch und war bereit, vor Kolonialfreunden laut auszusagen, daß der Paradiesvogel nicht ausstirbt. Und diesem »Sachverständigen« wurde geglaubt. Wir erleben in unserm Volke und in unserer Zeit eine merkwürdige Umkehrung: Menschen mit wirtschaftlichen Interessen heißen unparteiisch; Gelehrte und Menschen, die nach idealen Zielen streben, sind der Parteilichkeit verdächtig. Deshalb hat man neben dem »Landeskenner« sogar einen Händler als Sachverständigen zu Worte kommen lassen. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß dessen Urteil nicht nur völlig ernsthaft, sondern sogar mit einer gewissen Genugtuung aufgenommen wurde. Es war so erfreulich, daß ein an Mitgliederzahl großer Verein, wie die deutsche Kolonialgesellschaft, sich für die Tierwelt einsetzen wollte. Aber, wenn man nicht sehr vorsichtig ist, dann geht's einem so wie ihr: Man will die Vögel schützen und schützt den Handel mit Vogelfedern. Einen Federhändler zu Rate ziehen, wenn Vögel geschützt werden sollen, das ist geradeso, als wollte man einen Bierbrauer bitten, Vorschläge zu machen, wie eine Verringerung des Alkoholverbrauchs zu erreichen sei. Natürlich ist es ein Unding, in der Frage, wie ein wildlebender Vogel zu schützen sei, einen Händler zu hören. Ihm ist es ganz gleichgültig, was aus der Natur wird, und er geht nur darauf aus, jetzt und möglichst schnell ein Geschäft zu machen. In dieser Frage kann es nur heißen: Unter heutigen Verhältnissen, bei der Leistung unserer Waffen und unserer Verkehrsmittel darf kein wildlebender Vogel Handelsgegenstand sein, wenn er nicht vernichtet werden soll. Man kann nichts schützen, was im Busch umherfliegt und hundert Mark wert ist. Nun gibt es unter den immer wiederkehrenden acht Einwänden gegen den Federmodekampf einen, der zunächst stutzig macht: »Federn seien als Hutschmuck besonders schön und unersetzlich, weshalb der Mensch das Recht habe, aus der ihm unterstellten Natur zu nehmen, solange der Vorrat reicht.« Hier sei einmal abgesehen von dem Widerspruch, daß man etwas, was man notwendig zu gebrauchen wähnt, schleunigst vernichtet; abgesehen sei auch von der Frage, ob der Mensch ein derartiges Recht habe, und ob nicht die Natur mehr seinem Mitgefühl als seinem Eigennutz und seiner Grausamkeit unterstellt wurde. Nur die Frage, ob Federschmuck als Schmuck in dem Maße schön und unersetzlich sei, wie es behauptet wird, soll erörtert werden. Niemand wird behaupten, daß ein Federbündel nicht einen Hut schmücken könne; aber das muß bestritten werden, daß ein häßliches Weib durch Vogelfedern schöner aussehe, oder daß Steißfedern des Marabu die Aufmerksamkeit von einem vernachlässigten Körper ablenken könnten. Ein schöner Frauenkopf aber hat keine Federn nötig. Nur edle Gedanken können ein Gesicht verschönen, dem Schönheit verloren ging; das Tragen von Federschmuck, dieses plumpe Sichbrüsten mit Blutschuld, muß edle Menschen abstoßen; als Abzeichen der Halbwelt aber genügen Schminke, Stöckelschuh und aufdringlicher Duft. Doch sei gern zugegeben, daß da der Federschmuck noch einen gewissen Zweck hat. (...) Wo Anmut und Schönheit sich verbinden mit einem feinen Geschick, sich zu kleiden und zu schmücken, da sind die Federn unnötig oder stören gar. Welche Frau möchte nicht einen Hauch frischer Jugend mit sich tragen! Jugend aber stürmt oder steht im Sturme. Keine Ballspielerin, keine Seglerin oder Skifahrerin könnte einen Tafelaufsatz von Federn auf dem Kopf tragen. Eine Mütze oder ein glatter, kecker Hut umrahmt das frische Gesicht. Soll aber ein Hut mit Formen und Farben verziert werden, was bietet die Kunst der Hutschmückerinnen da nicht alles an: Straußenfedern, Blumen, Bänder, Kordeln, Spitzen. Es braucht kein Blut zu fließen, wenn deutsche Frauen ihren Kopf putzen wollen. Jetzt tragen sie Köpfe von Eulen und Möwen mit Schnäbeln, Glasaugen, Vogelbeinen, Marder und Eichhörnchen mit Köpfen und Beinen, Maulwürfe. Ja, gilt es Naturkunde zur Schau zu bringen, warum werden nicht auch Hammelfüße und Affenhände ausgestopft und aufgebunden? Weshalb nicht ganze Vogelnester auf die Hüte befestigt? Es ist ja keine Grenze, und kein Strafrichter schreitet ein. Alles, was nicht menschliche Sprache spricht, darf getötet, erwürgt, erstickt, vergiftet werden. Hängt's nur den Frauen an, damit sie es über die Straße tragen und die Schande des Okzidents ruchbar machen. (...) Ich denke nicht daran, jemandem einreden zu wollen, man könnte alle deutschen Frauen über das Wesen der Federmode aufklären und sie veranlassen, keine Federn mehr zu tragen. Solch Beginnen wäre aussichtslos. Viele würden trotz aller Aufklärung Federn tragen, und die Vögel würden vernichtet werden. Da sind zuerst die Frauen der Halbwelt. Das Leid der Tiere darf ihnen gleichgültig sein. Sie trifft die geringste Schuld. Dann sind da die denkfaulen und gefühllosen Frauen, die wohl Zeit hätten, über die Unsitte der Federmode nachzudenken, es aber nicht tun. Bei ihnen liegt die größte Schuld. Sehr viele andere haben wirklich viel zu tun und lesen oder hören nichts. Andere sind völlig und ohne Unterbrechung mit Liebeleien in Anspruch genommen; ihnen ist jedes Mittel recht aufzufallen, und was nicht ihrer Gefallsucht dient, kann sie nicht beschäftigen. Wieder andere – ich denke an einen Teil der in der Frauenbewegung kämpfenden Frauen – sind klug und gewissenhaft, scheuen sich aber, das Mitleid mit Tieren wichtig zu nehmen und kümmern sich, weil sie' s den Männern gleichtun wollen, recht auffallend um die Angelegenheiten, um die die Männer heute streiten. Sie machen sich, zum Schaden der Frauenbewegung, zu Mägden der heute bestehenden politischen Parteien, anstatt mutig aufzutreten, sich schützend vor alle Lebenskeime zu stellen und, wie es die Natur will, zu rufen: »Schweigt, die Mütter sprechen!« Weh dem, der da lachen wollte! Die Mütter: wie lange lassen sie noch auf sich warten? Ist es denn überhaupt noch wahr, daß auf dieser blutdampfenden Erde »die Mutter mit dem Kinde wohnet«? Es gibt wirklich Mütter, die Säuglinge an ihrer Brust hielten und die die Tatsache nicht zu Tränen rührt, daß um jeden Reiherstutz hilflose Junge verhungern mußten. Und weil es solche und viele andere gibt, ist es unmöglich, alle Frauen zum Verzicht auf die Federmode zu bringen. Aber etwas anderes muß möglich sein: ein einziges Mal alle aufzurufen, die ein Herz haben und ihnen den Kampfruf zu geben: »Wir fordern das Verbot!« Es mag hier scheinen, als ob ich voraussetzte, die Frauen hätten schon Stimmrecht und mithin unsere Gesetze fortan nicht nur Väter, sondern auch Mütter. Davon spreche ich heute aber nicht: ich fordere hier nur, daß unter den heutigen Verhältnissen alle denkenden, gesund empfindenden deutschen Frauen und Mädchen ein einziges Mal in Empörung gebracht werden. Wenn darunter die Frauen und Töchter von Fürsten, Ministern, Abgeordneten sind, von Zeitungsherrschern und mächtigen Kaufleuten, dann werden auch die Männer den Notschrei der Tierwelt hören, und es wird etwas geschehen. Haben wir erst wie in Nordamerika und in einigen anderen Ländern das gesetzliche Verbot des Handels mit allen Federn außer den Federn des Schlachtgeflügels und der Straußenfedern, dann können wir ausruhen und brauchen nicht mehr so viele Frauen zu belehren. Dies Sondergesetz wird dann nicht wieder umgestoßen werden, bis das höhere Kampfziel erreicht sein wird, bis die abendländischen Unternehmervölker wieder zu einer tieferen Auffassung ihrer Stellung zur Tierwelt gekommen sein werden und der Weltnaturschutz feste Formen haben wird. In anderen Ländern hat dieses Gesetz Geld gekostet. Auch bei uns kostet der Kampf Geld. Man sagt, für fünfhunderttausend Mark sei die Werbung für das Gesetz bei uns zu leisten. Dieses Geld aber wird in Deutschland nicht aufgebracht werden. Für irgendein Denkmal eines Toten wäre es zu beschaffen; Naturwunder, lebendige Denkmale der Schöpfung finden bei uns keine schützenden Geldgeber. Deshalb muß das, wonach die geschändete Natur schreit, mit der Begeisterung geschaffen werden, zu der das deutsche Volk fähig sein muß, wenn es überhaupt noch lohnt, sich in diesem Volke mit Druckerschwärze und Sprache mitzuteilen. In Deutschland wird der Kampf geführt von dem Bunde für Vogelschutz, Stuttgart, Jägerstraße 34, dem Frauenbund für Vogelschutz, Charlottenburg, und von einzelnen energischen Vorkämpfern wie Prof. Paul Sarafin und Prof. Schillings. (Diesen Herren verdanke ich auch wertvolle Ergänzungen meiner eigenen Beobachtungen in vier Erdteilen.) Außer dem Vortrupp treten für den Schutz der Vögel gegen die Federmode ein: der Dürerbund mit dem Kunstwart, der Kosmos, die Süddeutschen Monatshefte und die Ethische Rundschau. Berufene Helfer sind die organisierten deutschen Frauen, die Bodenreformer, der Deutsche Käuferbund, der Deutsche Bund für naturgemäße Lebens- und Heilweise mit der gewaltig verbreiteten Zeitschrift »Der Naturarzt«, und alle gesunden Vereine der Jugend. Wenn diese alle willens sind, zu helfen, sollte da nicht auch in Deutschland ein Erfolg möglich sein? Jetzt ist es Zeit; es muß etwas geschehen! An alle geht die Bitte, dem Vortrupp oder einem der Bünde ihre Zustimmung zu diesem edelsten Kampfe zu geben. Vor allem natürlich an die Frauen als an die, auf die es praktisch zunächst ankommt. Viele tausend deutsche Frauen und Mädchen haben sich bereits durch ihre Unterschrift verpflichtet, keine Federn von Reihern, Paradiesvögeln, Marabus und anderen gefährdeten Vögeln zu tragen und haben durch diese Tat gezeigt, daß sie für die große Sache kämpfen. An die Frauen richtet sich hiermit dieser Aufruf des Vortrupp: Gegen die Federmode Deutsche Frauen, deutsche Mädchen, die Schöpfung selbst bittet Euch, sie ruft Euer Mitleid an: Macht dem grausamen Vogelmord ein Ende. Sprecht Euern Willen aus: es soll kein Vogel mehr getötet werden, um als Hutschmuck zu dienen. Verzichtet auf alle Federhüte außer Hüten mit Straußenfedern, weil nur Straußenfedern durch Zucht gewonnen werden, alle anderen Federn aber, wenn sie nicht dem Schlachtgeflügel entnommen werden, nur durch grausame Vernichtung unersetzlicher, schöner Vögel beschafft werden. Wisset: Edelreiher und Paradiesvögel und manche andere Vogelarten stehen jetzt infolge der Hutmode unmittelbar vor ihrer Ausrottung. Der Handel sucht Euch über diese Tatsachen zu täuschen und streut Unwahrheiten aus. Abhilfe ist noch möglich, wenn Ihr helft, eine große Bewegung zum Schutze der gefährdeten Geschöpfe zu erregen. Andere Staaten haben schon den Handel mit den genannten Federn verboten. Nur Verbotgesetze können helfen. Sprecht viel davon, dann kommen sie. Lernt die Federn kennen, die auf Hüte gebunden werden, damit Ihr wißt, von welchem lebenden Wesen sie stammen. Die Kenntnis der Vogelwelt, eines der größten Wunder der Natur, wird Euch glücklicher machen. Denkt an das Schicksal des Tieres, dessen Federn Euch zum Kauf angeboten werden. Werbt für den Schutz der gefährdeten Vögel, indem Ihr sprecht von blutigen Federn, im Gegensatz zu harmlosem Federschmuck. Bedenkt: Die meisten Frauen, die blutige Federn tragen, sind sich der Grausamkeit noch nicht bewußt. Es wird nichts Unbilliges verlangt, sondern nur dies: Die Mode soll von den lebenden Tieren der Wildnis ablassen, bevor sie ausgerottet werden und sich auf den Hutputz beschränken, der beschafft werden kann ohne blutigen Eingriff in die lebendige Natur. Laßt Euch nicht von der Mode beherrschen, sondern von Euren eigenen sittlichen Kräften, von Eurem Gewissen und Eurem Schönheitssinn. Mag die Mode an sich sein, was sie will; in unserer Zeit ist sie nur ein Mißbrauch und wird von Unternehmern gemacht. Die Zeit, wo man bei edlen Frauen anfragte, was sich ziemt, ist nicht mehr. Heute sind es nicht gerade edle Frauen, mit deren Hilfe das Unternehmertum Moden aufstellt. Verbittet es Euch, daß solch eine Mode Euch blutige Federn aufzwingen will; fordert harmlosen Hutschmuck. Wenn Ihr nicht die Hutmacherin erzieht, dann gebietet sie Euch und gewöhnt Euch an Roheiten. Vergeßt nicht, daß Ihr als Käufer Macht habt; und Macht verpflichtet.   Bis in unsere Zeit hat der Mensch seinen Scharfsinn dazu benutzt, Mittel der Vernichtung zu ersinnen. Er hat sich Herr der Erde genannt, wenn er andere Lebewesen tötete. Es ist jetzt erwiesen, daß seinen Waffen und seinen Fallen nichts standhält. Jetzt zeige der Mensch einmal, daß er die Erde wirklich schon beherrscht. Wenn er doch selbst nie Schöpfer sein kann, so beweise er, daß er fähig ist, Geschöpfe zu schützen. Und er hüte sich vor Überhebung. Die Vögel sind die natürlichen Vertilger derjenigen Insekten, die wir heute, dank den Erfolgen der wissenschaftlichen Forschung, als Überträger vieler Krankheitserreger kennen und bekämpfen. Wohl ist es dem Menschen in seine Hand gegeben, das, was seinem Geschoß Ziel bietet oder in seine Schlingen tritt, völlig zu vernichten. Macht er jedoch in Verblendung oder Leichtsinn davon Gebrauch, dann kommen die kleinen und kleinsten Lebewesen und fressen ihn auf. Wer weiß, ob es dem menschlichen Scharfsinn von kommenden Jahrtausenden je gelingen wird, die Schutzwehren wieder aufzubauen, die durch den Tod der heute geopferten Tierarten niedergerissen werden. Nur Dummheit merkt nicht, daß die Hutmode über das Schicksal der Menschheit mitentscheidet. Die Kenntnisse der natürlichen Lebensweise Gut Waldfrieden, Ende April 1914 Mir hat der Neger Lukanga die Kenntnis des Vegetarismus vermittelt. Als er sich die deutschen Sitten ansah, fand er es gar nicht so selbstverständlich, daß man Tiere tötet, in Stücke schneidet und aufißt. Da wurde ich aufmerksam und sagte mir, vielleicht empfinden die Vegetarier die Einwände, die gegen den Vegetarismus gesagt werden, gerade so als etwas Törichtes, wie ich, als Kenner der Alkoholfrage, die Einwände der Alkoholtrinker gegen die Abstinenz töricht finde. Und so beschäftigte ich mich mit der Frage. Und bald sah ich eine große Einheit, eine Übereinstimmung alles dessen, was ich bisher erlebt hatte. Und alle Erinnerungen paßten zu der Erkenntnis. Ich nenne einige: Als ich mich in Afrika wochenlang in der Wildnis nur von Fleisch und von Eiern wilder Vögel genährt hatte, war ich sehr schwach und krank gewesen. Als ich mit meiner Frau nach den Nilquellen wanderte, beobachtete ich bei ihr, die noch nie Alkohol getrunken und sich so kindlichen Geschmack bewahrt hatte, eine stürmische Vorliebe für alle Früchte der Neger. Zuckerrohr, Knollen, Nüsse, Negerkorn, allerlei Kerne: alles naschte sie roh und teilte es mit den Wilden. Und wenn Europäer davon hörten, warnten sie. So wie der Onkel Sanitätsrat, der das Gläschen Rotwein gestattet, vor dem Sport warnt. Die Physiologen, dem Volke leider meist so wenig nützlich wie ihr Name fremd klingt, scheinen ihren Hörern zu verschweigen, daß es nicht nur Fleischesser und Pflanzenesser, sondern daß es auch Fruchtesser gibt. Dadurch hindern sie die Erkenntnis der Wahrheit. Es gibt Gebisse und Verdauungseinrichtungen, die verschieden sind für die drei Arten der Nahrung. Ein Gebiß aber für die Kost, die aus Fleischstücken und Pflanzen in Kochtöpfen gemischt wird, kennt die Natur nicht. Wie leicht pflücke ich die Mandarine vom Baum, breche sie mit den Fingern auf und führe mir zu, was davon eßbar ist. Und wie ich den Kern mit Lippen, Zähnen und Zunge herausfinde, weiß ich, daß niemand sich ein geeigneteres Werkzeug dafür ersinnen könnte. Was ich hier mit der Frucht mache, kann ein Pferd nicht, es ist Grasfresser, ein Hund mit seiner Taschentuchzunge auch nicht, er ist Fleischfresser. Aber Gorgo, ein Polyphem, kann es, und Kasuku, mein grauer Papagei vom Kiwusee, kann's auch. Sie sind Fruchtesser. Und wie genau führen Zunge und Lippen eine Nuß, einen Pflaumenkern zwischen die kräftigen Eckzähne und werfen hinaus, was nicht eßbar ist. Das soll ein Zufall sein? Versucht einmal, ein Kaninchen zu greifen und es wie eine Mandarine zu genießen! Speiübel wird euch dabei. Und ist es nicht auch ein Fingerzeig, daß rohes Fleisch uns nach gar nichts schmeckt, daß gekochtes nur schmeckt, wenn man Pflanzen hinzutut, daß es dann zwischen den Zähnen hängen bleibt, und daß uns Menschen Aas widerlich ist; während Fleischfresser es gerade lieben? Das Fleisch der Fische gar bedroht unsern Gaumen noch auf der Schüssel mit spitzen Nadeln. Nun erst die ethische Seite, die wirtschaftliche, die gesundheitliche! Wer ein Wanderer ist, weiß, wie leicht sich Geschirr reinigen läßt, an dem keine »Leichenteile und Leichensäfte« kleben, weiß, wie sauber das Haus und das Leben bei natürlicher Lebensweise werden. Er braucht nicht erst in Schlachthäuser zu gehen, um mit Apollonius auszurufen: »Ich aber will leben wie Pythagoras!« Vegetarismus und Jagd Von Jugend auf war ein beständiger Kampf in mir. Den Anschauungen der hinter uns liegenden Zeit entsprechend, lehrte man mich die Natur lieben, indem man mich zum Beweis meiner Naturliebe Käfer und Schmetterlinge fangen, Schlangen und Eidechsen in Spiritus setzen, Vögel und Säugetiere erlegen, abhäuten und ausstopfen ließ. Unvergeßlich ist mir, welche Überwindung ich aufbringen mußte, als zehnjähriger Knabe Tiere auszubälgen. Meine ersten Jagden haben mich tief erregt, und ich bin von dem ersten geschossenen Reh weinend heimgelaufen. Doch immer habe ich geglaubt, dem Wilde Gutes zu tun, wenn ich besser als andere jagte, wenn ich meine Fähigkeit dazu steigerte, das Wild schnell und schmerzlos zu töten. Ich machte eine Wissenschaft aus dem Anschleichen, dem Schießen, dem Beobachten und sammelte Abgüsse der Fährten, um angeschossenes Wild sicher ansprechen zu können. Der Erfolg meiner Jagden ist ja nicht ausgeblieben und kommt in hohem Maße dem Wildschutz zugute: Nachdem ich Löwen, Elefanten, Nashorn, Flußpferd, Leopard geschossen hatte, glaubte man mir, daß ich ein Naturfreund sei. So erwarb ich das Recht, für den Schutz der Großtierwelt einzutreten. Ich bemerke, daß man sich dies Recht heute sehr wohl mit unblutigen Trophäen erwerben kann, und ich bin ja der erste gewesen, der die allernächsten Pirschleistungen auf »große und gefährliche Tiere« mit der Kamera festgehalten hat. Aus einem Buche »Jagderfolge in Afrika« nehme ich folgendes vorweg: Ich empfinde ganz als Pythagoräer. Ich weiß aber aus eigener Beobachtung, was unsere Freunde nicht wissen: daß Deutschland an wildlebenden Tieren nur deshalb noch reich ist, weil es deutsche Jäger gibt. Die Jäger töten nicht nur, sie hegen auch. So verwerflich den Pythagoräern das Jagen selbst erscheint, ohne die Jäger hätten wir heute weder die reiche Natur, die wir noch haben, noch auch nur die Kenntnis der Tierwelt. Während die Vegetarier ihre Früchte pflücken, raubt der Handel alles, was bunt und schön und irgendwie wertvoll ist in der belebten Natur. Das verhindern heute die Jäger, die nicht Angestellte des Handels sind, sondern Naturfreunde oder ehrgeizige Abenteurer (Sportsleute). Ich weiß, daß die Fruchtesser die Tiere töten, die ihre Früchte vernichten. Aus solchen und anderen Gründen kann heute noch die Naturliebe des tötenden Jägers wertvoller sein als die völlige Unkenntnis mancher Nichtjäger in der Tierkunde. Und welche gewaltigen Seelenkämpfe habe ich schon bei edlen Jägern erlebt! Allerdings darf niemand da an den unerfreulichen deutschen Jägertypus denken, der sich mit der Weinflasche, der Tabakpfeife und einer Jagdbeute so gern abbilden läßt. Narkose macht echtes Mitleid unmöglich. »Mäßiger Luxus« Unter den Blüten, die das Opferjahr 1913 hervorgebracht hat, sind auch häßliche, die, wenn der »Vortrupp« es verhindern kann, nicht Frucht zeugen sollen. Der häßlichsten eine steht in dem Aufsatz einer Schriftstellerin in einer Tageszeitung. Die ruft die Frauen auf, nicht hinter den Männern zurückzustehen, wenn es gelte, Opfer für die Rüstung zu bringen, und empfiehlt, die Frauen sollten sich überlegen, an welchen Stellen sie ihren Luxus ein wenig einschränken könnten. »Laßt uns groß denken und klein leben«, schreibt sie. Kaum aber hat sie diese Tat empfohlen, da erschrickt sie vor ihrer Kühnheit und fügt hinzu: »Klein leben! Dies nur für diese Zeit der Spannung; denn wer bemittelt ist, soll aus volkswirtschaftlichen Gründen auch entsprechend leben.« Da haben wir gleich das Beispiel, was heute »groß denken« heißt. Da werden wir auch gleich inne, was heute unter der Flagge »Volkswirtschaft« segelt. Welch eine tiefe Sittlichkeit spricht doch aus dem Satze: »Der Bemittelte soll ›entsprechend‹ leben«. Grade, was jeder Vaterlandsfreund tief beklagen muß, daß alle die Neureichen »entsprechend« leben, das fordert dieser Aufruf. Er fordert, daß die vielen Ehrenwerten, denen Gelegenheit geboten wurde, Geld zu häufen – daß die ihre Zeit im Café versitzen, im protzigen Auto zum Rennen fahren, hinter Spiegelscheiben Diners schlemmen, Reiherfedern tragen und sich allen Behang anbinden, den eine erfinderische Industrie befiehlt. Das sind dann »volkswirtschaftliche Rücksichten«: wenn etwas Überflüssiges ersonnen wird und wenn es Abnehmer findet. Das Wort »entsprechend leben« kennzeichnet unsre Zeit. Der beschämende Maßstab, woran sie die Lebenswerte mißt, ist ausschließlich das Einkommen. Für jedes Einkommen gibt es einen »entsprechenden« Aufwand. Der größte Aufwand, der Luxus, gilt als das Ersehnte; wer ihn aber nicht treiben kann, der treibt dann doch wenigstens so etwas wie »mäßigen Luxus«. Es gehört ja überhaupt schon die ganze Blindheit einer gewissen Sorte moderner Nationalökonomen dazu, um im Luxus überhaupt etwas für die »Volkswirtschaft« Erstrebenswertes zu sehen. Die ganze Blindheit, mit der der Kultus der toten Sache ihre Priester zu schlagen pflegt, die nun nicht mehr sehen können, wie unsinnig es ist, wenn große Teile der Kräfte der Menschen zur Herstellung von Unnützem und vielfach sehr Schädlichem verschwendet werden. Aber der »mäßige Luxus«, dieses Talmi-Ding, ist geradezu die Schande unsrer Zeit. Denn das mit ihm untrennbar verbundene Bestreben, nicht nur das Einkommen, was man hat, sondern auch das, was man vortäuschen muß, an dem Aufwand, den man treibt, erkennen zu lassen, macht die Menschen zu willenlosen Sklaven ihres Geldes. Wer heute eine Gehaltsaufbesserung bekommt, sagt: »Jetzt kann ich mir etwas Luxus leisten«, und gibt dadurch zu erkennen, daß er den »mäßigen Luxus« entbehrte. Und von nun an wird er immer noch etwas entbehren bis die neue Gehaltsaufbesserung kommt – und die nächste und so fort. Er wird seiner Gewohnheit treu bleiben und sich vom Gelde abhängig fühlen, er wird Lakai bleiben. Der »mäßige Luxus« verdirbt das Volk, er schafft Unruhe, Unzufriedenheit, Kulturlosigkeit. Ein Volk, das »mäßig Luxus treibt«, ist würdelos. Es trägt die Zeichen des Emporkömmlings zur Schau. Es hat noch keine Kultur. Es ist das Wesen des »mäßigen Luxus«, daß er dem Menschen, den er beherrscht, nicht erlaubt, die Gesetze zu erkennen, nach denen sich die Bedürfnisse des Menschen richten. Der Römer Lucius Annaeus Seneca bekämpfte den Luxus und sagte: »Vermindere dein Gepäck. Das Notwendige ist leicht erreichbar; das Wohlleben allein macht Sorge.« Er galt als ein Weiser. Der Weise gibt sich mit dem Notwendigen und Guten an irdischem Besitz zufrieden und schielt nicht nach dem unerreichten Besseren. Dadurch hat sein Leben etwas Beständiges, und er hat Zeit, den Tag, den er lebt, zu genießen. Beherrscht Weisheit ein ganzes Volk, dann hat es Kultur. Dem deutschen Volke tut not zu erkennen, was dem Menschen an irdischem Besitz notwendig ist, und alles, was darüber hinausgeht zu mißachten, weil es dem Leben die Ruhe und wahre Schönheit raubt. Den »mäßigen Luxus« darf es nicht wollen und muß lernen, die erbärmliche Lage der Menschen zu erkennen, die ihre Freude am Heute zerstören, weil sie für morgen größere Geldmittel erhoffen. An Stelle des »mäßigen Luxus«, der ein Scheinleben erzeugt, muß die natürliche Lebensweise treten. Sie ist mit bescheidenen Mitteln erreichbar. Wenn sie heute das Lebensideal des deutschen Volkes wäre, dann wären wir schon ein starkes Volk freier Menschen. Jetzt sind wir eine Masse unzufriedener Streber. Wie viele wären reich, wenn sie bei dem Notwendigen stehen blieben, wie viele würden als Reiche angesehen werden, wenn sie nicht durch ihren kleinen Perlenschmuck allen Menschen zeigten, daß sie sich keinen größeren leisten können. Das »mäßige Schlemmen«, das kleine Fürstenmenü, das Palastpröbchen (Salon genannt) mit dem Beginn einer Kunst- und Altertumssammlung, der Riesenfederhut im Straßenbahnwagen, was alles auf Schritt und Tritt Zeugnis ablegt von der Armseligkeit – das ist der »mäßige Luxus«. Und dafür die Hast der Renner im Alltagsgrau. Fragst du einen solchen »grauen Krieger«, weshalb er keine Zeit hat: Damit seine Kinder ein »besseres« Leben führen können. Damit sie eine noch mehr gefüllte Wohnung haben, noch etwas mehr Schlemmerei, noch elegantere Kleidung, noch mehr Ansprüche auf den Neid und – den Haß der Armen. Und auf die Verachtung der Weisen. Dahin steht der Sinn dieser Leute, die auf dem Schlachtfelde des »mäßigen Luxus« sterben mit der Lüge auf den Lippen, sie hätten ihre Pflicht getan, weil sie die Sicherheitsventile ihrer Körper festbanden, jeden Alarm überhörten und sich zu Tode arbeiteten, um ihren Kindern das Recht zu geben, »Ansprüche zu machen«. Der »graue Krieger« kennt keinen größeren Ruhm, als wenn er weniger »kriegerisch« gesinnte Menschen aufreizen darf mit dem Ausspruch: »Meine Kinder können Ansprüche stellen.« Ansprüche nämlich, »entsprechend« zu leben. Anspruch auf »mäßigen Luxus«. (...) Wer auf deutschem Boden »entsprechend« leben will, dem zeige man den nächsten Weg zur Grenze, und sei er der beste Steuerzahler. Aus vaterländischen Gründen, trotz aller »Volkswirtschaft«. Seefahrt Seefahrt bleibt Seefahrt. Heute sind die Dampfer, die den Ozean durchqueren, so groß, daß Schwimmbäder und Tennisplätze eingebaut werden können. Sie mögen noch größer werden, immer bleibt die Tatsache bestehen: Dies alles schwimmt. Es schwebt über ungeheurer Tiefe, es wird hindurchgeführt durch Nebelmassen und Strömungen, zwischen Eisbergen und Felsen, es bewegt sich mit lebendiger Kraft auf andere schwimmende Massen zu und will, in jeder Sekunde, von klarem Verstände sicher gelenkt sein. Kein Seemann vergißt das. Ein ungesunder Zug der Zeit aber will, daß der Reisende, der für wenige Tage einen Dampfer betritt, möglichst wenig davon merke, daß er Seefahrt miterlebt. (Fast ist ein Blick auf die bewegte See auch unnötig; man kennt das ja aus dem Kino.) Man glaubt, dem Reisenden etwas zu geben, wenn man ihn während einer Seefahrt durch alle die Luxusräume hindurchlangweilt, die ein Ozeandampfer umfaßt. Vom Speisesaal, wo üppig gegessen wird, durch den Palmengarten, ins Pariser Café, in die Bar, durch die Schreibzimmer, Rauchzimmer, Spielräume, Lesesäle. Und in Wirklichkeit hat man ihm die großen Eindrücke einer Seefahrt genommen. Aber nicht nur das: man hat ihn planmäßig davon abgehalten, sich mit den notwendigsten Kenntnissen auszurüsten, die jedem, der ein Schiff betritt, nützlich sind. Es liegt, zum Teil wenigstens, eine Absicht darin. Der Fahrgast, der sich am wenigsten um die eigentliche Seefahrt kümmert und das Ende der Seefahrt geduldig in dem für ihn bestimmten Räume erwartet, ist dem Schiffer der angenehmste. Solche Fahrgäste wünscht er sich. Deshalb löst der Reeder seine Aufgabe, Menschen an die fernsten Küsten zu bringen, einfach dadurch, daß er auf seinen Schiffen Räume für Fahrgäste schafft und diese darin beschäftigt. Er sagt sich: Für einen Viehtransport brauche ich soundsoviel Verschlage, soviel Heu, soviel Streustroh; für Fahrgäste, und für solche der ersten Klasse besonders, muß ich außer Betten und Futter auch Unterhaltung vorsehen, ich muß sie beschäftigen. Das tue ich, indem ich ihnen die größten Speisekarten drucke, eine Musiktruppe spielen lasse und die Räume, in denen sich die reichen Leute aufhalten sollen, so ausstatte, daß die Bewohner aus dem Staunen nicht herauskommen. Zwischen Schiffswänden, wo man alles auf Biegung, Stoß, Erschütterung eingerichtet wähnt, werden Marmorplatten und Spiegelglas aufgestellt. Die Außenhaut eines Schiffes läßt nur Fenster bestimmter Größe zu; auf dem Ozeandampfer aber müssen Räume geschaffen werden, die wie Hotelzimmer aussehen. Mit hohen Fenstern und Säulen, von Bambusgebüsch und Phönixpalmen umflattert. Der reiche Mann darf ja nicht daran erinnert werden, daß er zur See fährt. Was man auf einem Schiffe nicht vermutet, gerade das wird eingebaut: ein Schwimmbad, ein Tennisplatz, eine Reitbahn. Keine unentbehrlichen Einrichtungen, sondern Sehenswürdigkeiten. Wer heute noch in Hamburg und sechs Tage später schon in New York in ein großes Schwimmbad gehen kann, der kann auf dem Dampfer ein Schwimmbassin recht gut entbehren. Niemand wende ein, daß durch solche Einrichtungen dem Mangel an Bewegung abgeholfen werden soll. Wenn das Schwimmbad so eingerichtet wäre, daß es vielen Hunderten von Menschen am Tage offenstände, dann könnte man es gelten lassen. Das ist es aber nicht. Es ist als Luxusbad gebaut. Und ganz gewiß dient der Tennisplatz nur der Bewegung weniger, während viele zuschauen. Anstatt den Blick auf das Meer zu richten, auf den Horizont, die Wolken, die Sterne. Die läppische Art, Menschen der wohlhabenden Klassen über den Ozean zu amüsieren, ist zu einem System geworden. Weil es dem Schiffer so beliebte, muß sich der Reisende während einer Seefahrt in einen Luxus fügen, den er nicht gewohnt ist und der ihm meist zuwider ist. Beschäftigte Menschen, die nicht daran denken, in der Großstadt eine Bar zu besuchen, lernen auf dem dreihundertfünfzigsten Längengrade, was ein Champagnercobbler ist und wie ein Cocktail geschüttelt wird. Ein Beamter, der nach den Tropen reist und dessen Körper sich langsam an den Wechsel des Klimas gewöhnen will, muß vierzehn Tage lang die ausgesuchtesten Diners essen und die unmöglichsten Getränke dazu trinken, so daß er, gegen Krankheit widerstandsschwach, in der Tropensonne landet. Es fragt sich nun, ob das System, das die Schiffer anwenden, berechtigt ist? Wenn alle Menschen, die als Fahrgäste der ersten Klasse eine Seefahrt machen, weltmüde Großstadtpflanzen wären, dann müßte die erste Klasse die Einrichtungen haben, die sie jetzt anstrebt. Wir hätten es dann glücklich zu einem lustigen Widerspruch gebracht: Auf dem festen Lande, zwischen den Häusern und Villen der Großstädte, werden große Schiffsgebäude aufgestellt, die so echt sind, daß sie nach Tang und Teer riechen; wenn unsre Knaben sich daran sattgespielt haben und aus dem Kintopp das Übrige wissen, was an der Seefahrt »interessiert«, dann jagen wir sie, damit ihr Blick erweitert werde, nach Amerika hinüber und lassen sie unterwegs Tennis spielen! Wo ist eigentlich das müde Kulturvolk, auf das das Zeugnis solchen Unsinns paßt? Und welches der seefahrenden Völker ist mit dem Zuschnitt gemeint? Die Deutschen, die Briten, die Amerikaner? Weil eine Minderheit irregeleiteter Menschen besteht, die unfähig ist, die großen Eindrücke der Seefahrt zu genießen, werden die Schiffsräume als Vergnügungslokale hergerichtet. Und die vielen Wanderer, die wollen, daß ihnen das Meer zum Erlebnis werde, müssen darunter leiden. Der Schiffer und Reeder sagt, es gehe ihn nichts an, ob seine Fahrgäste andere Wünsche haben als die, die er befriedigt. Er will nur seinen Zweck erreichen, die Menschen nach der Größe ihres Geldbeutels zu beschäftigen. Sein Grund ist verständlich. Es muß aber gesagt werden, daß viele Reisende etwas anderes wollen als den schwimmenden Jahrmarktsrummel, und daß sie einen Anspruch auf den Genuß reiner Seefahrtseindrücke haben. Es ist etwas Großes um die Seefahrt. »Das Meer«, schreibt Friedrich Ratzel, »ist das größte Ganze an unserer Erde. Dreiviertel der Erde sind vom Meere bedeckt«. Es ist den seefahrenden Völkern gelungen und gelingt ihnen täglich von neuem, den Welthandel und den Weltverkehr über das Meer hin aufrecht zu halten. »Erst die Überbrückung des Meeres hat eine Menschheit möglich gemacht«. Aber das eine muß stets bedacht werden: »Das Land unterwirft sich der Ackerbauer doch endlich einmal; das Meer wird nie ganz unterworfen!« Eine Unsumme von friedlicher Arbeit, von Wissen, Einsicht und Geisteskraft ist fortwährend am Werke, um das Material und die Menschen zu bilden, die das Weltmeer beherrschen sollen. Und nur ein tüchtiges Volk kann die Männer hervorbringen, die den Aufgaben der Seefahrt gewachsen sind. Kühnheit, Weltkunde, Unternehmungsgeist, Erfahrung und eine Vorsicht und Verschlagenheit, die unter den Begriff der Seemannschaft fällt, vereinen sich in denen, die die Schiffe eines seefahrenden Volkes lenken. Es war eine große geschichtliche Entwicklung nötig, um die Menschen von einer Ferne zur andern vordringen zu lassen. Und wenn ein winziges Holzgefäß, mit mutigen oder verzweifelten Männern bemannt, von unbekannten Winden getrieben, durch die schauerliche Einsamkeit und Nacht des Ozeans hindurch neue Küsten erreichte, dann ging ein Zittern durch die ganze Kulturwelt, ein Freudentaumel, eine Entdeckersehnsucht, deren letzte, schwächere Wellenringe gerade in unseren Tagen an den Polen der Erde branden. Das heutige System will, daß der Reisende, der aus dem Inlande kommt, von all den großen Erinnerungen, die den Menschen mit dem Meere verbinden, nur die eine genieße: daß ihm die Menge aller an den Küsten des Weltmeeres wachsenden Gaumenkitzel auf dem Schiffe zur Verfügung stehe. (...) Das System der Vergnügung ist falsch und frevelhaft. Das Meer wird nie bezwungen werden. Eine Fahrt zur fernen Küste bleibt eine Aufgabe, bleibt ein Erlebnis auch für den, der zum zehnten Male in seinem kurzen Erdenleben nach demselben Ziel hinüberfährt. Es kann nur zwei Arten von Menschen geben, die auf Ozeandampfern fahren: die reisefrohen und die ruhebedürftigen. Für diese beiden ist zu sorgen. Und für beide ist die Ablenkung durch seichte Genüsse hinderlich. Jedem aber sollte eine gewisse Beschäftigung mit seemännischen Dingen Bedürfnis und Pflicht sein. Auf See sollte jeder Reisende sich als Seefahrer fühlen und sollte sich freuen, als solcher behandelt zu werden. Ein Kriegsschiff geht nicht in See, bevor nicht bekannt gegeben ist, wo jeder einzelne Mann seinen Platz hat, wenn Feuer ausbricht, wenn die Rettungsboote zu Wasser gelassen werden. Was ist im Wege, daß auch die Millionäre, die in Kabinen für zwanzigtausend Mark über den Ozean fahren, an Deck antreten, um zu erfahren, wer rechts, wer links von ihnen auf der Ducht des Rettungsbootes sitzt, wenn das Schiff verlassen werden muß? Ein Sport sollte die Seefahrt sein. Aber kein solcher, bei dem an der Bar Wetten abgeschlossen werden über die Schnelligkeit des Schiffes, sondern einer, bei dem das ganze Wunderwerk menschlicher Seefahrkunst dem Reisenden im Angesicht der wildbewegten See zum Bewußtsein kommt. Dann wird auch nicht mehr der ernste, verantwortungsreiche Dienst der Schiffsbesatzung an dem Vergnügen der Reisenden Schaden leiden. Wer das feste Land verläßt und über der Tiefe des Weltmeeres schwimmt, der soll nach den Sternen sehen, die dem Seefahrer den Weg zeigen. Er soll den Wind fühlen, der vom warmen Süden oder vom kalten Norden kommt. Er soll der Menschen gedenken, die vor ihm dasselbe Meer durchquerten und Gedanken und Taten an ferne Küsten trugen. Er soll sich auf der Höhe der Weltbeherrschung fühlen. Herrschen aber kann nur, wer auf sicherem Grunde steht, nicht wer tändelt und nascht und nippt und wem damit gedient ist, daß ihm in Schiffsräumen vorgetäuscht wird, er wohne nicht zwischen Spanten und Schotten sondern in einem Luxushotel an der Riviera. Noch nie ist der Gegensatz zwischen dem Luxus der Ozeandampfer und dem Ernst der Seefahrt so deutlich gewesen, wie bei dem Untergange der »Titanic«. Es darf gerade bei diesem grauenerregenden Unglück nicht gefragt werden, ob einzelne der Mitreisenden vielleicht, als das Schiff sank, verständiger hätten handeln können, wenn sie mit Schiffsordnung und Rettungseinrichtungen besser vertraut gewesen wären als mit der Tanzordnung und Speisenfolge; nur die eine Frage darf jedem, der dem Geschehenen nachdenkt, kommen: Wozu war denn das alles, was da in der klaren Sternennacht zwischen Eisschollen versank, diese Vorkehrungen zum Prunken, Prassen und Protzen, dies kaum beendete Ballfest? Was hatte denn das mit der Seefahrt zu tun? (...) Nie wird das Meer bezwungen werden. Die Fähigsten und Besten eines Volkes fordert das Weltmeer in seinen Dienst. Ein Blick auf die wilden Gewalten des Ozeans, seine Stürme und Eisberge läßt uns ahnen, welch eine Summe edler Menschenkraft Tag und Nacht wirkt, um die Gefahren zu umgehen, die nie beseitigt werden. Auf der Kommandobrücke nicht nur, tief unten auch, in den Maschinenräumen, an surrenden Rädern, an Manometern und Ventilen wacht Nervenkraft. Und die Beherrschung all der Kenntnisse, die tausendjährige Erfahrung geklärt hat, muß immer neu erarbeitet werden. Man hört nichts von all der Vorsicht, weiß nicht, was es für Arbeit kostet. Die Menschen und die Waren kommen in den Hafen herein, Schiffe ankern, eine Flotte kehrt von der Übung heim: das alles sieht sich so leicht an. So selbstverständlich wie das Atmen eines Körpers, der doch lebt. Wenn aber der Atem des Weltverkehrs einmal stockte, wenn das Meer nicht von vielen Tausenden von Seeleuten täglich neu erobert würde, dann wären die Güter nicht, die wir als die gewohnten hinnehmen, solange die Flaggen auf den Schiffen hochstehender Völker wehen: Der Friede und das Brot der Völker. Sollte es wirklich so wertlos sein, fünf Tage lang auf das weite Meer zu sehen und sich als Seefahrer zu fühlen? Der Gedanke der Lebensreform Eine Belehrung über Lebensreform kann nicht beginnen, ohne daß die Frage erörtert werde, was denn der Sinn und die Aufgabe dieses Lebens sei. Ist diese Frage beantwortet, und gelingt es, das Ziel zu zeigen, dann werden wir selbst nach einer Lebensführung streben, die den Menschen am besten befähigt, den Weg, der zum Ziele führt, zu gehen. So spreche ich schon zu Anfang meiner Darlegung den Satz aus, in dem alles gipfelt, was ich zu sagen habe. Nur wer die Aufgabe des Lebens erkennt, verlangt nach Lebensreform, und nur, wer die Lebensreform erfaßt hat, ist fähig, der eigentlichen Bestimmung des Menschen zu leben und den »höchsten Gang« zu gehen. Die großen Lehrer der Menschheit belehren uns, daß es auf die Frage nach der Aufgabe des Lebens nur eine einheitliche Antwort gibt. Ob wir den Gedanken der indischen Philosophen folgen, ob wir uns in die Weltanschauung eines Plato hineinversetzen oder nach dem Wesen des Christentums fragen und dessen philosophische Durchleuchtung durch Kant und Schopenhauer verstehen – überall ist es derselbe Gedanke: daß diese Welt im argen liege und daß wir einer Erlösung bedürfen. So besteht das Wesen des Christentums nach Paul Deussen in dem Gedanken, daß unser Leben nicht Selbstzweck ist, daß vielmehr die höchste Aufgabe des Lebens darin besteht, auf dem Wege der Selbstverleugnung, welche den Kern aller wahren Tugend ausmacht, uns von dem uns allen anhaftenden Egoismus zu läutern und dadurch unserer ewigen Bestimmung entgegenzureifen, die uns im übrigen unbekannt bleibt und bleiben muß, soll nicht die Reinheit des moralischen Handelns gefährdet werden. Die Inder nennen dieses Leben eine Täuschung, ganz ähnlich wie Euripides sagt: »Wer weiß, ob nicht das Leben ein Gestorbensein und das Gestorbensein ein Leben ist.« Demnach wäre unser Erdendasein eine Abirrung von unserem an sich seienden ewigen, unzerstörbaren, also unsterblichen Wesen. Die Inder legen den Irrtum in den erkennenden Teil des Menschen und sprechen von einer Täuschung. Das Neue Testament legt den Irrtum in den wollenden Teil und spricht von der Sünde. Beide aber fordern von dem Menschen eine Wiedergeburt nur mit einem kleinen Unterschiede: Was bei Paulus ein einmaliger Akt ist, das ist bei den Indern ein durch das ganze Leben sich hinziehender Läuterungsprozeß, wie es denn in einem der indischen Gesänge von dem sterbenden Menschen heißt: »Durch mancherlei Geburt geläutert, geht endlich er den höchsten Gang.« Dieser kurze Hinweis auf ewige Gedanken und Wahrheiten zeigt uns die Grundlage, auf der der Gedanke der Lebensreform aufgebaut werden kann. Damit haben wir uns wohl klargemacht, daß Vorwürfe, wie die Lebensreform sei Gesundheitsangst, sie entstehe aus dem Wunsche, dieses Leben behaglich, schmerzlos und möglichst lang ausgedehnt zu genießen, kindisch genannt werden müssen. Im Gegenteil, bewußte Überwindung des uns natürlichen Egoismus, Anerkennung des moralischen Menschen und unseres wahren an sich seienden göttlichen Wesens, das ist die Vorbedingung, die wir an den stellen müssen, der unseren Gedanken gerecht werden will. Nie und nimmer bieten wir die Hand dazu, eine Veredelung des Materialismus zu fördern, und denen, die in dieser Zeit in der empirischen Realität (Erfahrungsfülle der Wirklichkeit) haften, das Leben zu erleichtern, etwa wie es Nietzsche und die, die ihm nachlaufen, in unseliger Verblendung träumen. Das muß zum richtigen Verständnis der Lebensreform gesagt werden. Wer aber die Zukunft aufbauen, wer den neuen Menschen schaffen will, der kann an der Lebensreform nicht vorbei. Tiefer aufgefaßt heißt das: Kein Christentum ohne Lebensreform, keine Lebensreform ohne Christentum, wobei ich, mit Paul Deussen gesprochen, freilich nicht an das in mythischen Formen auftretende Christentum denke, gegen dessen aus dem Alten Testamente vererbten Buchstabenglauben sich jeder Christ auflehnen sollte, sondern an den echt christlichen Gedanken, welcher viel weiter reicht als der Name des Christentums und sich schon in Indien in »Vedanta« wie im »Buddhismus«, ferner bei Plato und sich endlich, von einer mythischen Hülle umkleidet, im Neuen Testamente findet, und eben von dieser mythischen Hülle befreit, den eigentlichen Kern des von Kant begründeten und erst von Schopenhauer zur Vollendung gebrachten philosophischen Idealismus bildet. Das heutige Leben in der Welt des Abendlandes ist, wir müssen uns das eingestehen, nichts anderes als ein Hasten in der empirischen Realität, ein Bekenntnis zum schrankenlosen Materialismus, ein Sichausleben des egoistischen Menschen. Das empirische Leben wird überschätzt. Das Leben des wahren Menschen, das göttliche Leben ist nicht nur unbekannt, sondern wird, wo es auftritt, mit den Phrasen des Materialismus unduldsam verfolgt. Das beste Kennzeichen für den Materialismus unserer Zeit ist, daß die Arbeit maßlos überschätzt wird und die Menschen sich gewöhnen, in der Arbeit als solcher schon Pflichterfüllung und die Aufgabe des Lebens zu sehen, anstatt zu wissen, daß Arbeit nichts weiter ist als ein Bedürfnis wie Essen und Trinken und daß man sich dessen nicht rühmen dürfte. Diese Menschen haben gar kein Verständnis dafür, daß Betriebsamkeit und Arbeit schändet, wenn sie davon abhält, uns mit geistigen Dingen, mit Philosophie, Religion, mit den Fragen nach der ewigen Bestimmung des Menschen auseinanderzusetzen. Daß die Arbeit, die getan wird, an sich wertlos ist, beweist z. B. dieser Krieg, in dem die sogenannten wirtschaftlichen Werte rücksichtslos vernichtet werden und in dem die Menschen diese in Friedenszeit so überaus wichtige Arbeit, bei der sie nicht einen Augenblick aufschauen zu dürfen glaubten, um den Blick gen Himmel zu richten, daß sie diese Arbeit einfach liegen lassen und statt ihrer jahrelang in Schützengräben eingegraben gegenseitig auf Anstand liegen. Und daß diese Arbeit, die im Frieden so wichtig erscheint für den Menschen, der sie verrichtet, wertlos ist, erkennt man an den Begleiterscheinungen dieser Arbeit: dem stumpfsinnigen Rennen nach materiellem Besitz, der ödesten Zerstreuung. Das richtige Symbol für das Haften in der empirischen Realität ist das Tabakrauchen. Wer könnte sich vorstellen, daß der Apostel Paulus sich vor seiner berühmten Rede auf dem Areopag erst eine Zigarre angesteckt hätte! Das fortwährende Hantieren mit Zigarren, Zigaretten und Feuerzeug und das Austrinken von Gefäßen, die mit berauschendem Getränk gefüllt werden, ist das Kennzeichen des schrankenlosen Materialismus. Auf gleicher Stufe mit dem Rauchen und Trinken steht das Skatspielen und Zeitunglesen und die Geselligkeit, die bei den Nikarnalken Hans Paasche bezeichnet als Nikarnalken einen Karnivoren, der Nikotin raucht und Alkohol einnimmt und dadurch weniger schlank, weniger klug und weniger schön wird, als er sein könnte. »Ein Nikarnalke kann ein tüchtiger Mensch sein; dennoch wäre es gut, wenn weniger Deutsche Nikarnalken wären. Das Gegenteil von Nikarnalke ist Lebenserneuerer. Wer Willenskraft genug hat, werde das! Je weniger Nikarnalken es in einem Volke gibt, desto besser kann es seine Aufgabe erfüllen. Im Nikarnalken stirbt das metaphysische Bedürfnis. Lebenserneuerer sein heißt deshalb auch: den Geist bejahen.« üblich ist. Wenn Sie prüfen wollen, ob diese Betrachtung richtig ist, so fragen Sie sich einmal, ob einer der Toten, die im Granatfeuer in diesem Kriege das Ende ihrer empirischen Erscheinung kommen sahen, Zeitung lesen oder Skat spielen oder einen Stammtisch besuchen würde, wenn ihm noch einmal acht Tage Lebenszeit gegeben würde. Wenn dieser Krieg wirklich für die Erziehung des einzelnen irgendeinen Wert hat, wovon so viel geschwatzt wird, so könnte das doch nur liegen in dem »memento mori«, das uns für immer zum Bewußtsein bringen müßte, wie wertlos alles ist, was wir treiben und wonach wir streben; materieller Besitz, Rangerhöhung, Auszeichnung, Ruhm, und daß nur eine Frage der Beantwortung harrt: welchen Weg hat der Mensch zu gehen, wenn er sich in dieser Erdengestalt von seinem ansichseienden Menschen, von dem moralischen Menschen, also von Gott das Sittengesetz vorschreiben läßt? Das ist es, was Immanuel Kant genannt hat den kategorischen Imperativ. Die Ursache des falschen Lebens liegt letzten Endes in einer falschen Weltanschauung. Die wahren Bedürfnisse des Menschen werden nicht erkannt und werden verachtet. Die empirische Welt wird überschätzt, die Naturwissenschaft zum vollendeten Materialismus ausgebaut und die metaphysische Wesenheit des Menschen völlig verneint. Was in der Öffentlichkeit als Ursache des Niederganges hingestellt wird, der zunehmende Luxus, die Verfeinerung ohne Hemmung, das ist erst die Folge einer falschen Denkart, wie denn jedem Geschehen erst ein Umdenken vorausgehen muß, weshalb Jesus Christus den Menschen nicht gleich gesagt hat: »Liebet euren Nächsten«, sondern: »Ändert euer Denken!« Wenn nun auch das Umdenken vorausgehen muß, so ist es eine Unmöglichkeit, praktisch eine Änderung herbeizuführen, ohne daß man die schädlichen Zustände deutlich erkennt; und mit ihnen haben wir uns kurz zu beschäftigen. Unser öffentliches Leben und auch das Leben des einzelnen Menschen steht unter dem Zeichen falscher wirtschaftlicher Begriffe. Die heute noch geltende Volkswirtschaft stellt in den Mittelpunkt ihres Denkens die tote Sache und nicht den Menschen. Und was da fehlt, ist Kritik: eine Kritik der Volkswirtschaft, eine Kritik des Konsums, Kritik des Verkehrs. Dieser Gedanke ist nicht neu. Der amerikanische Nationalökonom Carey hat ihn schon vor Jahrzehnten ausgesprochen und begründet, und Eduard Baltzer war es, der die Gedanken Careys in Deutschland zum ersten Male ernst genommen hat. Während das, was sich Wissenschaft nennt, d.h. eine heute geltende Festlegung, Carey keiner rechten Beachtung würdigte. Wenn ich die Gedanken Careys als die entscheidenden erkannt habe, so liegt das daran, daß ich, ähnlich wie Carey, die Mißerfolge der geltenden Volkswirtschaft an ihren Wirkungen in den Kolonien erkannt habe. Was die Kritik der Volkswirtschaft ist, will ich in wenigen Worten deutlich machen. Unsere volkswirtschaftlichen Lehrer stehen in Bewunderung vor wachsenden Ziffern und fragen, wie die Einfuhr, die Ausfuhr, der Gesamthandel eines Landes steigt, wieviel Kilometer Eisenbahn jährlich vorgeschoben werden, wieviel Menschen auf Bahnen und Schiffen hin und her reisen – sie nennen das Fortschritt. Der Lebensreformer aber, denn jeder Lebensreformer übt Kritik der Volkswirtschaft, fragt: Welcher Art sind denn die Waren, die den Zoll passierten, sind sie ihrer Wirkung nach nützlich oder schädlich, und was wird erfahrungsgemäß aus den Menschen, die diese Waren herstellen oder verbrauchen müssen? Sie sagen, eine Eisenbahn ist nur nützlich, wenn sie gute Menschen und gute Dinge in das Land hineinbringt, nicht wenn sie dazu dient, Bodenspekulanten, Alkohol, Tabak, Opium, Geschlechtskrankheiten hineinzubringen und die unschuldigen Menschen und Tiere des Landes herauszuholen und der Vernichtung preiszugeben, wie das noch heute in Afrika geschieht. Wenn eine Kolonie sich rühmt, bereits Industrie zu haben, und man hört im Nachsatz, daß die einzige Industrie die Herstellung von Bier betrifft, so weiß man, daß das eine Minus-Volkswirtschaft ist, denn die Schäden, die das Bier der Kolonie zufügt, sind weit größer als der Geldgewinn, den der Bierbrauer und der an der Steuer interessierte Staat einstecken. Da müssen Krankenhäuser, Irrenhäuser, Gefängnisse gebaut werden und die Kinder in besonderen Hilfsschulen unterrichtet werden, weil sie durch den Biergenuß der Eltern zu dumm geworden sind, um am allgemeinen Unterricht teilnehmen zu können. Ist aber der wirtschaftliche Götze erst einmal da, so wird er auch angebetet, und es dürfte nicht als ein Beweis menschlicher Freiheit gelten, wenn sich ein Volk dazu hergibt, schädliche Dinge zu konsumieren, weil sich die wirtschaftlichen Anlagen, die nun einmal da sind, verzinsen müssen. Welches Volk das mit in erster Linie ist, brauche ich hier nicht erst zu sagen. Der Mensch tritt in dem heutigen Wirtschaftsleben in den Hintergrund. Industrie und Militär rühmen sich, eine Schule des Menschen zu sein, ihn zu höheren Bedürfnissen und größeren Fertigkeiten zu erziehen, das trifft wohl zum Teil zu auf das Militär, das in Deutschland wenigstens in steigendem Maße eine Schulung des Körpers und des Geistes und Schule für Hygiene ist, es aber da auch noch weit mehr sein könnte; aber gerade die Industrie treibt einen Raubbau mit den Kräften und mit der Gesundheit und ist schuld an der Verarmung des Familienlebens, und zwar ist die Schuld der Industrie eine doppelte: Sie verarmt die Seele der Hersteller, indem sie den Handwerkerstand vernichtet und den Menschen zu einem seelenlosen Teil einer Maschine macht, indem sie ihn obendrein dazu verurteilt, zwecklose, schäbige und gar schädliche Dinge herzustellen, in denen selbst schon völlige Unsittlichkeit liegt, und sie plündert und die Verbraucher verdirbt; sie benutzt die Staatsgewalt und die Presse dazu, dem Menschen unsinnige Bedürfnisse anzuerziehen. Der Mensch ist nicht mehr frei, er ist nur noch Konsument. Die Schäden, die durch diese Entwicklung entstehen, sind auch in der heutigen Zeit bekannt, aber die Gegenmittel, die sie gebraucht, stehen unter dem Zeichen eines Zwiespaltes, einer Heuchelei, unsauberer Kompromisse, schwächlicher Mäßigkeit. Genau wie in der offiziellen Medizin zu gewissen Zeiten wird Symptombehandlung statt einer Gesundung des Ganzen vorgezogen. Mit dieser Symptombehandlung meine ich das unerfreuliche System der Dienstbeschädigungen, Krankenversicherungen und all der sozialen Pflästerchen, die die Wunde verdecken und so das Gewissen der Missetäter beruhigen sollen. Das alles erkennt die Lebensreform als unzulänglich an. Sie will eine Gesundung des Ganzen, eine Gesundheitskultur, eine Vorbeugung und eine Gewissenhaftigkeit, in der Krankheit als Schande gilt und nicht jeder Kranke von der eigenen Schuld freigesprochen wird, solange er noch irgendein Laster betrieb oder ihm nachgewiesen werden kann, daß er seine ihm gegebene fleischliche Gestalt gewissenlos verwaltet habe. Die Schwierigkeit der Abhilfe ist größer als der Laie denkt, denn hier steht als Hüter des Schlechten eine Erscheinung, die überaus gewaltig ist und deren Wesen nur von einer Auslese von Menschen erkannt werden kann. Es ist die Tatsache, daß die Menschen sich durch gewisse Gifte berauschen und gerade bei dem mäßigen Gebrauch dieser Gifte ihre Urteilskraft derart trüben, daß sie weder die Unfreiheit, in der sie leben, noch eine Sehnsucht nach besserem Zustand empfinden. Selbst das Urteil über die nächstliegenden Dinge, über die täglichen Gewohnheiten ist dermaßen verhärtet und getrübt, daß die Menschen, die sich mäßig berauschen, rettungslos immer wieder hinuntergedrückt werden, wenn sie sich erheben wollen. Es gibt keinen Lebensreformer, der nicht froh wäre, wenn er von den Rauschgetränken überhaupt nicht zu sprechen brauchte, aber es ist unser Geschick, davon sprechen zu müssen: Die Befreiung vom Alkohol ist die Vorbedingung aller gesunden Entwicklung. Es ist, als ob Gott hier prüfen wollte, wer sich zum Kampf für das Höchste eignet: Hast du die Willenskraft zu diesem, dann darfst du eintreten in die Reihen der Kämpfenden. Hier ist der Schlüssel zu jenem Ereignis, das 1913 die ganze öffentliche Meinung Deutschlands verwirrte und weshalb alle ewig Gestrigen sich einmal so sehr vor den Kopf geschlagen fühlten – die Tatsache, daß die auf dem »Hohen Meißner« bei Kassel versammelte tausendköpfige Jugend als erstes das Bekenntnis in die deutschen Lande hinausrief: »Bei uns gibt es keinen Tabak und keinen Alkohol.« Hier ist auch der Schlüssel für die Tatsache, daß in allen germanischen Parlamenten der Zukunft die erste und wichtigste Scheidung der Abgeordneten die Scheidung in Abstinente ist, in solche, die es erkannt haben, und in solche, die es noch nicht erkannt haben. Als zweites Hindernis der Abhilfe müssen wir erkennen, daß wir trotz allem naturwissenschaftlichen Denken kein wirklich biologisch-hygienisches Denken haben, daß unsere Instinkte völlig verkümmert sind. Über die Notwendigkeit der Lebensreform nach dem jetzigen Kriege dürfte nur eine Meinung sein. Der Einsichtige wird sich nicht mehr betören lassen von einer wohlorganisierten Beeinflussung der öffentlichen Meinung, wie sie das Kapital nach dem Kriege vornehmen wird. Wie so oft in der Weltgeschichte, gibt es auch von dem großen Ereignis dieses Krieges aus nur zwei Entscheidungen, die der Mensch treffen kann. Die Eitelkeit und Nichtigkeit aller irdischen Bestrebungen ist uns zum Bewußtsein gekommen. Entweder wir begreifen nun, daß allen irdischen Gütern eine Eitelkeit anhaftet, und lassen uns auf ein Höheres hinweisen, das nur auf dem Wege der in reiner Gerechtigkeit, Liebe und Entsagung sich betätigenden Verleumdung des eigenen Selbstes erreicht werden kann, oder der Mensch verkennt diese höchste Bestimmung, und es bleibt ihm nichts übrig, als seine Erdentage zu genießen, solange es geht. Wenn sich die Menschen zu diesem Zweiten entscheiden, so üben sie jene feige Mäßigkeit, die nur an die Schädigung denkt, die uns in dem Wohlsein unserer empirischen Erscheinung hindern könnte, oder sie werden von den Giften überwältigt, worüber wir uns nicht entrüsten wollen, denn der Verunglückte, Beschädigte, Strafwürdige ist nicht schlechter als der mäßig Genießende, der es auch nicht erkannt hat. Beide verdienen unser Mitleid, und der Geschädigte noch viel mehr als der andere. Wenn nach dem Kriege wirtschaftliche Armut Lebensreform nötig macht, dann wäre das kein Fehler, denn auch das kann ein Ausgangspunkt der Besinnung sein. Man spricht viel von den Aufgaben des Deutschen in der Zukunft. Wenn deutsche Menschen etwas wirklich Großes vornehmen wollen, was in der Geschichte der von uns beachteten Menschheit noch nicht vorgemacht worden ist, so ist es dies: reich sein und arm leben. Durch selbstgewollte Kargheit immer neue Kräfte aus sich gebären und immer bereit sein zum Aufstieg in das Geistige. Polemik über alle diese Dinge mag verwerflich sein und zwecklos und zu nichts führen – und doch gibt es eins, was den Menschen, die es noch nicht wissen, immer wieder vorgehalten werden muß von denen, die es wissen: daß der Weg, den wir zu gehen haben, nur erkannt werden kann von nüchternen Gehirnen. Einer späteren Vorlesung mag es vorbehalten sein, auf die einzelnen Gebiete der Lebensreform einzugehen und so die Mittel zu nennen, die zu einer ewigen Verjüngung des einzelnen und der Menschheit dienen können. Alle diese Dinge sind nicht Geheimnis und doch in der Welt des ewig Gestrigen völlig unbekannt. Es ist in ihr verpönt, darüber zu sprechen. Es gibt aber eine Kulturgeschichte der Menschheit im Lichte der pythagoräischen Lehre, eine Geschichtsbetrachtung, die nicht nur von Völkerdünkel, Völkerhaß und dem Waffensieg stärkerer Völker spricht, sondern in der Selbstverleugnung, Mitleid und Nächstenliebe ihre schönsten Blüten treiben. Wer diese Geschichte aufschlägt, erkennt, daß die Wahrheiten der Lebensreform uralt und zu allen Zeiten dieselben sind. Mephisto sagt zu Faust: »Dich zu verjüngen, gibt's auch ein natürlich Mittel; allein es steht in einem andern Buch und ist ein wunderlich Kapitel. Faust: Ich will es wissen! Mephisto: Gut! Ein Mittel, ohne Geld und Arzt und Zauberei zu haben: Begib dich gleich hinaus aufs Feld, fang an zu hacken und zu graben, erhalte dich und deinen Sinn, in einem ganz beschränkten Kreise, ernähre dich mit ungemischter Speise, leb' mit dem Vieh als Vieh und acht' es nicht als Raub, den Acker, den du erntest, selbst zu düngen! Das ist das beste Mittel, auf achtzig Jahr dich zu verjüngen!« Heimatfreude, also Bodenreform, das ist Unabhängigkeit vom Kapital, eigene Gesundheit, deshalb karge Lebensweise, Licht, Reinlichkeit, frische Luft, Abkehr von allen schädlichen, unnatürlichen Reizmitteln, Freiheit des Denkens und Menschenwürde. Auf dieser Grundlage entwickelt sich ein neues geistiges Leben und eine Religion des Mitleidens und der Nächstenliebe. Von welcher Seite man sich auch dem Gebiet der Lebensreform nähert, über kurz oder lang kommt man, wenn auch nach Zweifeln und mannigfachem Erlebnis, zu den gleichen Ergebnissen. Die Kenntnis der Alkoholfrage führt immer zur Abstinenz, die Kenntnis der Ernährungsfrage zum Vegetarismus. Licht- und Luftbäder reinigen nicht nur den Körper, sondern befreien auch von Häßlichkeiten des Sexuallebens, und das Zusammensein der Geschlechter wird frei und schön. Das Wirtshausleben und die Stammtischgesellschaften verschwinden und machen einer wirklichen frohen Geselligkeit Platz. Für die Frage der Erziehung und in der Straffrage kommen neue Anschauungen. Die Stellung des Menschen zum Tier wird eine andere, das Recht der Tiere, das Recht des Kindes, das Recht des Verbrechers werden anerkannt, der Aberglaube der Medizin schwindet. Lebensreform ist eine Weltanschauung und führt in eine neue Welt. Rotes Kreuz ist nicht Blaues Kreuz! »Rotes Kreuz ist nicht Blaues Kreuz!« Diese Belehrung bekam ich, während ich von Leipzig nach Frankfurt a. M. fuhr. In den Zug stiegen eine Anzahl wohlbeleibter Männer ein, in dunkelgrauen Anzügen mit weißen rotbekreuzten Aufschlägen. Diese Männer erregten meine Teilnahme, weil sie fürchterlich zu rauchen anfingen und sich mein Neger Lukanga grade mit dieser Sitte der hiesigen Eingeborenen zu befassen hat. Als ich beobachtete, wie sie das mit den »Rauchrollen« anstellten, mußte ich andere höchst befremdende Wahrnehmungen machen. Aus Rucksäcken und Handtaschen wurden Weinflaschen hervorgezogen, die mit echten deutschen Worten von Mund zu Mund gereicht wurden. Jetzt konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir diese Menschen mit geringerem Wohlwollen anzusehen, als ich es gewöhnlich Mitreisenden entgegenbringe. Und ich stellte fest, daß auf diese Männer jede Verhöhnung paßte, die der »Simplicissimus« seit Jahren über ungebändigte Sachsen ausstreut. Sie »bändigten Eel-Sardinen«, wie sie es nannten, das heißt, sie stachen mit Taschenmessern in Büchsen, die tropfend herumgereicht wurden und wischten mit dem Handrücken die Schnauzbärte. Auch Soleier wurden zwischen Zigarre und Bierflasche verarbeitet. Nie ist mir eine menschliche Mundart so häßlich erschienen, wie die Sprache dieser Männer, die sich gehen ließen. Jetzt wurde Flaschenbier angefahren. Ein Geheul erhob sich. »Bis Frankfurt muß der Zug leergesoffen sein!« Die Papierverschlüsse der Flaschen wurden an die Fenster geklebt und neben den grünbebänderten Medaillen am Rock befestigt. Einer goß unter dem Beifall der Artgenossen eine halbe Flasche Wein ohne Absetzen hinunter. Ich fragte einen Mann, was das rote Kreuz auf den Kragenaufschlägen bedeutete: »Das sind alles Führer vom Roten Kreuz; die fahren zum Verbandstag der Führer und Ärzte nach Heidelberg.« – »Richtig,« sagte ich, »das Rote Kreuz hat ja doch mit Gesundheit zu tun; aber weshalb trinken denn diese Männer so furchtbar?« – »Rotes Kreuz ist nicht Blaues Kreuz!« war die schlagfertige Antwort. Und nun erfuhr ich gleich noch etwas, was ebenfalls der »Simplicissimus« als sächsisch kennzeichnet: »Ich gehöre auch dazu, fahre aber nicht nach Heidelberg, sondern benutze die Militärfahrkarte nur dazu, meinen Gleenen nach Frankfurt zu bringen.« – Das war ehrlich. Ich ging in den Speisewagen, weil ich vermutete, daß dort noch mehr los sein werde und hatte mich nicht getäuscht: dort saßen sieben starke Männer bei der »siebenten Runde« Flaschenbier, und es gab gerade echt deutschen Gesprächsstoff: die eine Biersorte war »aasgesoffen«, und ein Diener, der von vorne kam und einen Kasten Bier anbrachte, wurde von einem starken Mann aufgehalten, damit die Flaschenaufschriften gelesen werden konnten. Das Eingeborenengetränk hieß »Fürstenbergbräu«. – »Trinkt Willem ooch,« wurde festgestellt und weiter, daß es nicht schmecke. Mittlerweile war die Unterhaltung auf Fortissimo gestiegen. Man brüllte nur noch. Da, im Wohlgefühl, fing einer an laut zu singen. »Meine Herren, benehmen Sie sich doch anständig, wenn Sie in Uniform sind,« wagte ein Herr zu sagen, der an einem Ecktisch kräftig dunklem Bier zusprach, und wie die andern mehrere Orden trug. Ich schrieb eifrig mit, was ich hörte. »Was??? Benehmen wir uns nicht anständig? Wer will denn da Moral predigen? Wir wissen allein, was Moral ist! Wir waren eher hier als der! Wir trinken unser Bier, da können wir uns unterhalten, Hauptsache ist, wir zahlen. Wir sind doch keine Süffel! Wir sind eben keine Tranfunzen; gemietliche Thiringer sind wir! Wir nehmen heute die Gelegenheit wahr. Wir dürfen hier doch Bierulk machen, wir haben mehr verzehrt als der. Süffel hat er uns genannt? Soviel wir trinken, trinken wir eben.« Diese Leute wußten das alles nicht besser, konnten sich nicht anders benehmen und haben sich als Biertrinker ja durchaus anständig benommen. Ich entrüste mich nicht darüber. Ich stelle nur fest, daß sie Merkmale völliger Unkenntnis der Alkoholfrage zur Schau trugen. Solange das im Roten Kreuz so bleibt, kann nicht oft genug betont werden: Rotes Kreuz ist nicht Blaues Kreuz! Was ich als Abstinent in den afrikanischen Kolonien erlebte (...) Es gibt nach meinem Wissen nichts in der Welt, was einen Menschen in Anschauung und Denken so stark erfrischt und kräftigt wie das Anschauen von Urzuständen in der Wildnis. Die rohen Hütten der Menschen mit den einfachsten Bedürfnissen zu sehen, ihre Lebensweise, ihre Art, ihre Sitten und Gebräuche, ihre Gesetze kennen zu lernen, das Gerät zu sehen, mit dem sie zu leben verstehen: das unterrichtet und reizt zur Betrachtung, und das Betrachten wird so zur Gewohnheit, daß man, zurückkehrend in die Kultur, von der Gewohnheit nicht läßt, die Menschen mit kritischem Auge zu sehen. Von der Bequemlichkeit des Reisens dort draußen macht man sich hier keinen Begriff. Man kann sich für das Geld, welches man der Alkoholindustrie vorenthält, so viel Bedienung, so viele Träger leisten, daß man irgendwo auf dem Marsche halten kann, ein Zeltdach gegen den Regen aufspannen, den Frühstückskorb öffnen und sich zu Tisch setzen. Ist es nicht merkwürdig, daß alle die, welche im Trinktrottel befangen sind, gar keine Schwierigkeiten dabei sehen, eine ganze Weinkarte von Getränken mit durch Afrika zu schleppen und auf ein so einfaches Mittel, mehr trockene Kleider mitzunehmen, gar nicht kommen, ja es von vornherein für unausführbar erklären. Kleider und Thermosflaschen haben obendrein noch den Vorteil, daß man sie immer wieder benutzen kann, während die Weinvorräte, die sehr teuer sind, auf Nimmerwiedersehen ausgetrunken werden. Wie leicht war das, was meine Frau und ich an Getränken für fünf Monate mitnahmen: mehrere Pfund Tee! Dagegen lesen Sie, was man der Zentral-Afrika-Expedition Neunzehnhundertsieben aufhalste, die in dieselben wasserreichen Gegenden reiste, in denen wir umherzogen. Hundertachtzig Lasten Getränke! Das macht, wenn man die Last mit je sechzehn Flaschen rechnet, zweitausendachthundertachtzig Flaschen! Ich will ja nicht annehmen, daß alles nur Alkohol gewesen ist. Immerhin beinahe zweihundert Träger waren also monatelang unterwegs – (Zuruf: Auf einer Forschungsexpedition?) Ja, auf einer Forschungsexpedition! – mußten ernährt und beaufsichtigt werden, um ein, wie wir wissen, ganz überflüssiges, die Kräfte der Europäer schwer schädigendes Gift mitzuschleppen. In Gegenden, in denen die Verpflegung oft nicht sicher ist und wo man bestrebt ist, jeden entbehrlichen Esser zurückzulassen. (...) Tausende von Negern sehen und kennen nur den einen Weißen. Seine Tatkraft, seine Fähigkeit zu schaffen, drückt einer ganzen Gegend den Stempel auf, hält ganze Volksmassen im Zaum, und seine Schwächen, seine Laster wirken vielmal schädlicher als hier in Europa. Wie schmählich der Eindruck betrunkener Europäer an solcher Stelle ist, das haben wir selbst einmal erfahren, als wir an den allerfernsten Punkt deutschen Einflusses, nach Kissenji am Fuße der Kirungavulkane, an der Grenze des Kongostaates, kamen. Dort hatte der Führer des benachbarten belgischen Offizierpostens ein paar Tage vorher den Unteroffizier, der vorübergehend den deutschen Posten führte, besucht. Die beiden hatten zusammen getrunken, waren bald betrunken und prügelten sich schließlich vor den versammelten Schwarzen auf der Straße des Dorfes. Das waren weit und breit die einzigen Europäer, die einzigen Vertreter der Nationen, die sich einbilden, Kultur verbreiten und dabei Alkohol trinken zu dürfen. Auch ein Arzt hatte an meiner Abstinenz Anstoß genommen, und so trieb ihn christliche Liebe bei einer sehr passenden Gelegenheit, nämlich am Weihnachtsabend, in »angeheitertem« Zustande an mich heranzukommen, mir auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: »Sie sollten das lassen!« Ich fragte erstaunt: »Was soll ich lassen?« »Diese Abstinenz,« sagte er. »Lieber Mann,« antwortete ich, »und Sie sollten das auch lassen.« »Was?« fragte er. »Dieses Trinken,« antwortete ich. Das waren unsere Weihnachtswünsche. Es ist bekannt, daß mehrere afrikanische Forschungsreisende große Expeditionen machten, auf denen sie keinen Alkohol mitnahmen. Ganz abgesehen von den Reisen eines Emin Pascha, Livingstone und vieler unternehmender Missionare wie Mackay, denen die Natur ihre Aufgabe und ihre jahrelange Trennung von Europa von selbst vorschrieb, nur die Nahrungs- und Genußmittel zu gebrauchen, die im Lande, also bei den Negern, gebräuchlich sind. Emin Pascha hat oft gesagt, daß der, der sich von allen Exzessen, vor allem vom Alkoholgenuß fernhielte, unter dem Tropenklima nicht zu leiden habe, und Mackay, der am Viktoriasee Ungeheures geleistet hat und der »Pionier-Missionar von Uganda« genannt wird, sagt: Die größte Geißel Afrikas sei der Alkohol. Auch Graf Götzen hat auf seiner großen Afrika-Durchquerung von Osten nach Westen im Jahre 1894, die er mit zwei Begleitern machte, keinen Alkohol mitgenommen. Die sehr bedeutende und vom Grafen Götzen in seinem Buch »Durch Afrika von Ost nach West« sehr anziehend geschilderte Reise ist nicht so bekannt geworden wie andere Forschertaten, und nur in der Abstinenz-Literatur wird die Tatsache oft erwähnt, daß Götzen keinen Alkohol mithatte. Als ich mit meiner Frau eine längere Reise in das Gebiet zwischen dem Viktoria- und Kiwu-See antrat, rieten uns die Europäer dringend, für alle Fälle doch Alkohol mitzunehmen. Es freut mich, daß wir auch den Schein vermieden haben. Unser Weg, den wir in der Regenzeit, also in der beschwerlichsten Zeit des Jahres, machen mußten, ging über unzählige steile Berge. Er schien uns aber durchaus nicht sehr strapaziös, doch konnten wir auf Bergtouren, bei der Besteigung des Kirungavulkans und auf der Jagd erproben, wie leistungsfähig wir waren. Ich erwähne hier nur eine Sportleistung: daß ich sieben Tage lang alle Wege gegangen bin, die eine Elefantenherde ging, daß ich morgens die Spur aufnahm, die ich am Abend verlassen mußte, inzwischen aber den weiten Weg zum Lager und zurück gemacht hatte, meine Tagebücher geführt, photographische Platten gewechselt und die vielen anderen Arbeiten erledigt hatte, die man als Sammler auf Reisen zu tun hat. Ich war mehrmals ohne Unterbrechung sechzehn Stunden lang auf den Beinen, bei der größten Sonnenhitze und in weglosem Dornbusch und habe nie mehr als eine wohltuende Ermüdung gefühlt. Nun ist es für Sie schwer, diese Leistung zu beurteilen, reisen doch sehr viele Europäer in aller Welt mit den verschiedensten Interessen. Wodurch unsere Reise ganz besondere Anforderungen an uns stellte, das war der Umstand, daß meine Frau und ich die einzigen Europäer unserer Expedition waren und uns neben den vielseitigen Sammelarbeiten, der Jagd, dem Photographieren, Skizzieren, phonographischen und ethnographischen Aufnahmen auch noch die Sorge um unser eigenes Wohl und um das Wohl der sechzig Neger, die uns begleiteten, zufiel. Diese Leute wollten gesund einquartiert, ausreichend verpflegt werden, sie verlangten hin und wieder Vorschüsse, ich mußte also ihre Lohnlisten führen und mußte sie, wenn sie krank waren, behandeln. Unter solchen Umständen kann man wohl von sportlichen Leistungen reden, wenn man besonders anstrengende Jagden und Bergtouren unternimmt. Endlich läßt sich nicht leugnen, daß ein Stückchen Pionierarbeit damit getan wird, wenn jemand die große Verantwortung übernimmt, mit seiner Frau in entlegenen, weit vom Verkehr entfernten Gebieten monatelang zu reisen, obwohl recht viele »Kenner Afrikas« dringend davor warnen. Wie urteilen nun andere über den Alkoholismus der Europäer? In der Denkschrift »Alkohol und Eingeborenenpolitik« vom Jahre 1908 steht auf Seite 32 der merkwürdige Satz: »Zu Verwaltungsmaßnahmen betreffs des (!) Alkoholkonsums der Weißen liegt für die deutschen Schutzgebiete kein Anlaß vor.« Das ist eine geradezu fabelhafte Behauptung, deren Harmlosigkeit jeder einsieht, der unbefangen und als Kenner der Alkoholfrage eine deutsche Kolonie, wie Deutsch-Ostafrika, ansieht. Fast alles, was man dort von persönlichen Angelegenheiten der Weißen hört und sieht, hängt mit Alkoholismus zusammen. (...) Fragen Sie in den Hospitälern, sehen Sie sich das Kneipen- und Biergartenleben in Daressalam und Tanga an, stellen Sie fest, daß jeder Neger an der Küste den Anblick betrunkener Europäer kennt, daß der gut beobachtende Neger in manchen Gegenden, in denen viele Europäer leben, sagt: »Analewa kama mzungu!« »Er betrinkt sich wie ein Europäer!« Und dann billigen Sie bitte den Satz, daß Maßnahmen gegen den Alkoholkonsum der Weißen gerade in deutschen Schutzgebieten nicht nötig seien! Tatsächlich erleben Sie dort die Bestätigung, daß jeder Tropfen Alkohol schadet, daß der Stärkste nicht verschont bleibt. Die 1905 als Männer von herrlicher Trinkfestigkeit gefeiert wurden, nach denen fragte ich schon 1909 vergeblich. »Na ja, der trank auch zu viel (!); er mußte wegen Irrsinn nach Hause. – Der? Leberleiden. – Der? Herz kaputt. – Der? Tot; Herz konnte bei Malaria nicht mehr mit; na, er war auch eigentlich ein Säufer.« (...) Hunderte von Weißen starben am Alkohol dort draußen, die Entstehung von Aufständen, die viel Geld und viele Menschenleben kosteten, ist nur denkbar gewesen mit dem Alkohol, und eigentlich müßte die Alkoholindustrie sie bezahlen; an vielen kontrollierbaren und noch mehr unkontrollierbaren Stellen schädigt der Alkohol unser Ansehen den Negern und den fremden Nationen gegenüber; der Alkohol ist schuld, daß es sehr schwer fällt, zuverlässige Europäer als Angestellte dort draußen zu finden und daß an vielen Stellen Inder und Araber den Deutschen vorgezogen werden; er hindert die Besiedelung des Landes und bringt uns in der Welt das unverdiente Zeugnis ein, die germanischen Völker seien im ganzen ungeeignet, Kolonialpolitik zu betreiben. Und doch soll der Alkohol ein ungefährlicher Feind sein! Wenn in der Denkschrift steht: »Bei dem Weißen wird man im allgemeinen soviel Persönlichkeit und Charakter voraussetzen dürfen, daß er durch Selbstzucht seinen Alkoholgenuß in gehörigen Schranken hält,« so kann sich dies »im allgemeinen« nur auf wenige beziehen. Ein großer Teil der Europäer aller Berufsarten schädigt durch Alkoholismus fortgesetzt das Ansehen der weißen Rasse, schädigt die eigene Gesundheit, die unersetzliche Arbeitskraft der verantwortlichen Europäer und hemmt die heilsame Aufklärung über den größten Feind der weißen Rasse in den Tropen. In dieses Kapitel gehört auch eine Betrachtung über das bedeutendste patriotische Fest, das die Deutschen in allen Weltteilen alljährlich feiern und das durch die Trinkgebräuche zu dem niedrigsten und schamlosesten Alkoholfest herabgedrückt wird: ich meine Kaisers Geburtstag. Als ich Seekadett war, hörte ich einmal, wie ein Vorgesetzter, ein sehr einsichtiger Offizier, zu seinen Untergebenen sagte: »Ich rate Ihnen gewöhnlich, im Alkoholgenuß mäßig zu sein; an Kaisers Geburtstag jedoch ist es Sitte und Pflicht, daß jeder Soldat sich einen Rausch antrinke.« Es ist eigentlich ein Thema für sich. An Kaisers Geburtstag ist ein großer Teil aller wehrhaften Deutschen sinnlos betrunken. Das ist die Art und Weise, wie der deutsche Soldat seine Gesinnungen dem höchsten Kriegsherrn gegenüber am besten zum Ausdruck zu bringen meint. Die Offiziere wissen und billigen das. Wenn sie nur daran denken wollten, wenn sie wissen würden, wieviel Unglück, Not, Leid und Ehrverlust ein solcher Trinkfesttag dem Vaterland bringen, sie würden Feste anders als unter Alkohol begehen lassen und sie würden mit dem Geburtstage des Kaisers anfangen. Die Wirkungen der Kaiser-Geburtstagsfeiern in den Kolonien scheinen auch denkwürdig zu sein. Dort draußen verschiebt sich die gegenseitige Stellung der verschiedenen Stände untereinander, und so ist es leicht erklärlich, daß das Beispiel des höchsten anwesenden Europäers schnell von allen anderen Europäern angenommen wird. Es gibt in der Kolonie Orte, die als Alkoholnester geradezu berüchtigt sind. Während wir hier in Deutschland so weit sind, daß einsichtige Kreise anfangen, die Trinksitten anderen zu überlassen, wird dort und im Auslande überhaupt wohl die Trinksitte als ein hohes nationales Gut der Deutschen verehrt. Man sagt doch immer, der Alkohol mache es möglich, daß Menschen beim festlichen Mahle zusammen sitzen könnten, die sonst nicht zusammen paßten. Ich kann aus meiner Erfahrung immer wieder den Beweis erbringen, daß der Alkohol die Menschen wohl auf kurze Zeit zusammenbringt zu dem gemeinsamen Zweck, Bier oder ein Glas Wein zu trinken, daß er sie dann aber oft für das ganze Leben entzweit. So bestand an einem Orte Feindschaft zwischen fast allen Europäern, Beamten und Ansiedlern, und diese Feindschaft ging zurück auf die Kaiser-Geburtstagsfeier. Der Bezirksamtmann hatte die Ansiedler eingeladen, die betranken sich, einer wurde an der festlichen Tafel über den Tisch gezogen und verprügelt, und es war nun festgestellt worden, daß man es mit Leuten zu tun hatte, mit denen man als anständiger Mensch nicht verkehren konnte. (...) Und nun kommen Sie einmal aus der Wildnis zurück und sehen ohne Vorurteil, was diese deutschen Kulturmenschen tun, wenn sie um einen Bottich gelagert sind, der ein berauschendes Gift enthält! Sie nötigen jeden, der in ihrer Gesellschaft ist, mitzutrinken. Sie exerzieren mit den Trinkgefäßen und üben sich in den seltsamsten Gebräuchen. Kein Negervolk kann tiefere Sitten haben, als es diese Gifttrinksitte der Deutschen ist. Gifttrinksitte? Irrt sich der Forscher? Ein Versuch beweist, daß ihm die Wildnis das Auge schärfte: Hebe deine Teetasse, dein wassergefülltes Sektglas, und diese »Freien« fallen wie Rüpel über dich her: du mußt mindestens x Prozent Alkohol hineintun (und wenn du's mit dem nach faulem Stroh duftenden Whisky tust; es genügt!), sonst darfst du nicht mittun. Es ist, als wollten sie nicht deinen klaren Sinn, dein feines Herz: es ist, als wollten sie dich nur berauscht. (...) Aus der Denkschrift über den Alkoholismus in afrikanischen Kolonien nimmt man den Eindruck mit, daß viel gegen den Alkohol getan würde, daß genug geschehe. Eigentlich wird jedoch von allen Europäern, die die Alkoholfrage nicht kennen, bei der Betrachtung des Alkoholismus der Neger bewußt oder unbewußt nur die Frage beantwortet: Wieviel Schnaps und Bier können wir noch verkaufen, ohne daß es ein öffentlicher Skandal wird? Darin liegt der große Fehler, den die Europäer auch in den Kolonien bei der Betrachtung der Alkoholfrage machen: Sie beachten auch dort nur die Exzesse, die infolge besonders starken Alkoholgenusses eintreten und öffentliches, akutes Ärgernis oder Schaden verursachen. Und wenn man ein Urteil über den Alkoholismus der Neger liest, findet man Äußerungen wie: »Ich traf im ganzen Jahre auf meiner Station nicht so viel Betrunkene, wie man an einem Abend in St. Pauli sieht.« Natürlich ist auch die Trunkenheit größer, als man bei flüchtigem Hinsehen erkennen kann; denn erstens sieht der Europäer die Eingeborenen, oder besser sämtliche Eingeborenen nicht ständig, und dann hält sich wohl auch ein großer Teil der Betrunkenen in den Hütten und im Walde verborgen. Bei Betrachtung der Alkoholschäden kommt es ja aber gar nicht auf die Trunkenheit an. Wenn man von einem Negervolk hört, daß es weichlich und kränklich ist, daß die Kindersterblichkeit sehr groß ist, und wenn man gleichzeitig hört, daß dieses Volk fortwährend Bier als Nahrungsmittel (also mäßig) trinkt, dann braucht man bei dem jetzigen Stande der Alkoholforschung wohl kaum noch zu zweifeln, daß es Alkoholschäden bei den Negern ebenso gibt wie bei uns. Die Weißen machen daher in Kurzsichtigkeit einen großen Fehler, wenn sie den sogenannten »mäßigen Pombegenuß« erlauben und Pombe als Nahrungsmittel anerkennen. Es ist eine Tatsache, die Pombe trinkenden Völker am Viktoriasee leiden offenkundig unter dem Trinken, und auf die Häufigkeit der Fälle von Trunkenheit bei den Negern kann man schließen, wenn man den Alkoholismus der Askari, der schwarzen Soldaten, ansieht. Diese Askari sind unter steter Kontrolle der Europäer. Es sind kräftige Neger, sie sind hoch besoldet und haben Grund genug, ein gutes Betragen zu zeigen, da ihnen bei guter Führung Beförderung und noch reichlichere Bezahlung winken. Trotzdem führen die vorgesetzten Europäer einen fortwährenden aussichtslosen Kampf mit der Trunkenheit dieser Leute. Viele werden deshalb entlassen, und wie bedauerlich ist es, wenn diese Trunkenheit der einzige Fehler des Negers ist, auf dessen Ausbildung soviel Geld und soviel Arbeitskraft verwendet wurde! Der Führer eines deutschen Militärpostens klagte mir über die Trunkenheit seiner Soldaten und vermied es, die Truppe am Sonntag zu alarmieren, an dem Tag, an dem er aus Erfahrung wußte, daß die meisten Leute betrunken waren! Als drastisches Beispiel für die Art, mit der die Europäer trotz der vielen schlechten Erfahrungen die Alkoholfrage behandeln, erzähle ich folgendes: Wir saßen bei einem Unteroffizier, der einen Militärposten verwaltete, da kam ein junger Neger, ein Sultan, mit seinem Gefolge herein. Der Unteroffizier goß ihm ein Glas Whisky mit Wasser ein und reichte es ihm. Der Neger trank sehr vorsichtig, und als ich den Unteroffizier erstaunt fragte, warum er dem Neger Whisky gebe, sagte er: »Die verlangen das; das heißt, dieser ist noch nicht recht daran gewöhnt!« Die verlangen das! Meine Damen und Herren! Ich kann es nicht glauben. Es ist hier durchaus der Europäer selbst, der dem Neger das Verlangen beibringt. Das Glas Whisky, das Glas Cognac, der Schnaps wird dem Negersultan als Zeichen einer besonderen Ehrung gegeben. Die Reisenden nehmen eine Anzahl Flaschen billigen Ich sage absichtlich nicht »minderwertigen« Cognac; denn wenn es wirklich der »hochwertige Alkohol«, den man als »minderwertigen Fusel« bezeichnet, wäre, den wir zu fürchten hätten, dann wäre Cognac schädlicher als gewöhnlicher Schnaps, denn er enthält mehr Fusel. Cognacs unter dem Namen »Jumben-Cognac« mit und geben davon den Häuptlingen zu trinken, was bald zur Folge hat, daß diese sich daran gewöhnen und trunksüchtig werden. Auch an Kaisers Geburtstag werden Negersultane eingeladen und mit Alkohol bewirtet, und es wird dem Neger so immer wieder gezeigt, daß der Alkohol etwas besonders Schönes und Wertvolles sei. Ich habe nun nie Alkohol an Neger gegeben und kann aus meiner Erfahrung sagen, daß der Neger leicht dazu zu bringen ist, den Alkohol nicht zu wollen. Als Beweis dafür erwähne ich, daß der Islam, der die Abstinenz von seinen Anhängern fordert, in Ostafrika sehr schnell Verbreitung findet. Außerdem aber machte ich auch einen Versuch mit meinen Trägern, die von Hause aus gewohnt waren, mit der Pombeflasche auf der Straße zu gehen. Ich verbot meinen Trägern, Pombe zu trinken, solange sie in meinem Dienste wären. Wer Pombe in der Flasche hatte, bekam wegen Ungehorsams Strafe. Wo meine Frau und ich Pombe fanden, auch in den Dörfern, gossen wir ihn aus. Wir übten eine sehr scharfe Kontrolle, trotzdem gingen die Träger zwei Monate länger mit mir, als sie verpflichtet worden waren. Das geschah bei einer Privatexpedition, die keine Askari und keine Machtmittel hatte! Wieviel leichter hätte es ein Beamter, wenn er auf Enthaltung vom Alkohol dringen würde. Und wie fördernd wäre es, wenn nicht einer, sondern viele Europäer hintereinander den Negern den Hinweis auf die Schädlichkeit des Alkohols gäben! Es ist wirklich kaum zu verstehen, daß auch der Alkoholismus der Neger von uns so schonend angefaßt wird. Aus dem Tagebuch einer afrikanischen Hochzeitsreise I. Als wir uns dem Dorfe Mutahangarwas näherten, fielen uns die großen, sorgfältig gebauten Hütten auf. Wir wurden zu einem Rasthause geleitet, bei dem uns der Sultan gleich aufsuchte. Er sagte, er habe vom Residenten einen Brief bekommen und schon auf uns gewartet. Ich erkannte den Sultan von einem Bilde, das am Geburtstage des Kaisers aufgenommen worden war und die Negersultane Bukobas zeigte, wie sie von den Deutschen in Uniform mit Tressen und Orden in der Trinksitte der europäischen Wilden unterwiesen werden. Jeder hatte auf dem Bilde ein Glas Whisky vor sich. Der Tisch, an dem auch die weißen Frauen saßen, war mit Flaschen bedeckt.   Wir besuchten am nächsten Morgen das Haus der Sultansmutter, eine riesige, mit feinem Grase gedichtete Hütte. Auch der Boden war mit sauberem, trockenem Grase belegt. Das Innere sah geradezu märchenhaft aus. Im Hintergrunde hingen kunstvolle, schneeweiße Milchgefäße in langen Geflechten. Am Eingang standen wir in einer großen Säulenhalle. Die neuen, schwarzen Holzstützen ragten hoch in das glänzende, berußte Dach hinein. Die Beleuchtung brachte es mit sich, daß die Rohrstengel, die radial das Dach bildeten und durch waagerechte Läufe unterbrochen wurden, wunderlich strahlten. In der Mitte der Hütte war zu ebener Erde eine große, runde Herdstelle aus weißem Ton, worauf ein rotes Feuer glühte. Als dieses Feuer nun angefacht wurde, sahen wir erst eine und dann daneben drei Frauen sitzen, mit Kleidern aus Fell mit weißen Mustern. Sie sahen zu Boden. Die Mutter des Sultans saß hinter einem geflochtenen Schild, hinter einer Schutzwand. Ellen wurde von den Frauen sehr angestaunt; sie trug ihren großen Hut und Reithosen. Der Sultan erzählte seiner Mutter von den Gesängen, die wir aufgenommen hatten, und bat, wir sollten sie hier noch mal spielen lassen. Da es stark regnete, blieben wir gern noch länger und erfreuten uns selbst an den wiederholten Gesängen der Kinder. Vor der offenen Tür standen nackte kleine Mädchen und hörten zu. Sie schützten sich gegen den strömenden Regen, indem sie große, grüne Bananenblätter über sich hielten. Sie tragen dazu kurze, schwarze Schürzchen aus Bast und Perlenketten um die Hüften. Auf dem Kopf sind Muster einrasiert. Es war ein reizendes Bild.   Der Sultan Ruhikira von Katojo ist ein alter Mann. Er ließ sich entschuldigen, daß er den Weg zu mir nicht machen könne. Er schickte ein Rind, für das ich nur 10 Rp. zahlen sollte. Das war sehr freundlich. Meine Träger sagten, als sie hörten, daß der Alte nicht kommen könne: »Amechoka wasungu« – »Er ist der Europäer müde«! Und wir hatten Lust, es ihm zur Ehre anzurechnen, daß er sich vor dem unehrlichen und kindischen Radau ekelte, mit dem die Neger hier den hochgestellten Europäer empfangen zu müssen glauben. Wobei es übrigens nicht sicher ist, wer von beiden Parteien den andern mehr verachtet. (...) Der Katikiro aus Kaziba, ein Hondu, stellt sich vor. Er heißt Msanja. In seinem Gefolge sind mehrere gutgewachsene Neger. Er redet mich freundlich an, fragt nach dem Wichtigsten, nach Gesundheit und Nahrung und gibt mir Auskunft über Land und Leute. Schnell ordnet auch er sich mit seinen Begleitern in unseren Trupp ein, und noch mehr nackte Füße stapfen auf dem Wege nach Mtagata. Während wir gehen oder stehen bleiben, um zu betrachten, zu messen oder aufzuschreiben, sehen uns die einsamen Menschenkinder bewundernd an. Der Kompaß, die Kartenskizze und die Tätigkeit des Schreibens beschäftigt sie. Sie scheinen in ihrer Unschuld zu wähnen, daß solch Kulturbesitz nur Gutem, nur einer besseren Zukunft dienen müsse, und ich schäme mich geradezu, wie ich denke, wie schlecht wir mit all diesen Dingen die Erde verwalten, welche Tränen und Blutströme, welche Schmerzen wir verschulden. (...) Ein kleiner Buschbock sprang aus dem dornigen Dickicht ab, als ich gerade dabei war, einen merkwürdig geformten Lianenstamm absägen zu lassen. Ich folgte der zierlichen Spur, die aus dem Wald hinausführte, konnte den Bock aber nicht mehr sehen. Nicht weit stand an einem niedrigen Gestrüpp ein ganzes Rudel Pferdeantilopen. Alle Tiere waren durch den flüchtenden Bock aufmerksam geworden und äugten zu mir herüber. Ich ging in den Wald zurück und weiter zu Tal und kreuzte einen sehr merkwürdigen Schlupfwinkel des Wildes an einer Stelle, wo mehrere Schluchten zusammenliefen. Unter den niedrigen Büschen war der Boden von Fährten ganz zerstampft, das Wild hatte sich hier richtige Ställe eingerichtet. Ich fand in dichtem Gehölz die Stellen, an denen sich die Nashörner zur Mittagsruhe niederlassen. Auf einer nahen Höhe ästen zwei Warzenschweine und weiter unten am sonnigen Abhänge ruhte eine ganze Herde Elenantilopen. Von der Kuppe des Hügels sah ich zurück, da standen noch immer die Pferdeantilopen und sahen mir nach, der ich die Ruhe dieser Einsamkeit störte. (...) Eine wunderbare Wahrnehmung veranlaßte mich, das Boot im Strome zu verankern und eine photographische Aufnahme zu machen. Aus dem Wasser ragten mehrere starke Schilfstrunke. Die waren ganz bedeckt mit Sinfu-Ameisen, und wie ein Schal, der über die Strünke und das Wasser geworfen worden war, bedeckte ein ganzes Volk Ameisen die Wasserfläche unterhalb der Schilfstrunke. So hielt sich das Ameisenvolk mühsam in der Strömung an dem Halt, den es gefunden hatte, fest. Die Arbeiter bedeckten die Wasserfläche gleichmäßig, hielten sich mit den Beinen und den Zangen verschlungen und bildeten schwimmende Bänder, auf denen die Krieger und starken Träger trockenen Fußes verkehrten und die schneeweißen Larven trugen. Das Volk war hierher getrieben worden, nachdem das Hochwasser in seinen Bau gedrungen war. Die Ameisen, die hier als Volk zusammenhielten, in der wahrsten Bedeutung des Wortes, zeigten höchsten sozialen Sinn. Da war keiner auf eigene Rettung bedacht, jeder einzelne handelte als Glied des Ganzen.   Aber der Führer will bei uns bleiben und tut recht daran; denn bald ist an der harten, an verwittertem Boden armen Lava kein Fußpfad mehr zu erkennen. Die Pflanzen werden spärlicher. Die Steigung wird steiler. Wir müssen im Zickzack hinaufgehen. Eine Linie über uns: das muß der Kraterrand sein. Steil, hoch. Der Führer ist vorausgeeilt. Er ruft. Das spornt den unermüdlichen, reiselustigen Koch zum schnellen Lauf an. Er läuft und bleibt oben mit einem Mal halten. An seiner Überraschung konnten wir erraten, was sich uns zeigen werde. Der Blick in die große Arena kam trotz aller Erwartung zu schnell. Die Plastik eines gähnenden Schlundes. In ihm etwa hundert Meter unter uns ein erstarrter Teich, aus dem zwei kreisrunde Löcher ausgestanzt sind. Aus dem nächstliegenden steigt blauer Dampf hervor. Aus konzentrischen Rissen in der erstarrten Fläche züngelt weißer Dampf. Der Kraterrand selbst sieht neugierig in den Krater. Rings um die grausame Öffnung fällt es so steil, steinig und feindlich ab. Während wir mit unseren Augen schaudernd in die Runde sehen, sickern über den zackigen Rand weiße Dämpfe hinab. Sie tanzen, schweben in dem Riesenzirkus und fließen auseinander. Es ist, als ob selbst ihnen der Raum zu groß sei. Sie decken drüben die nördliche Kraterwand, mischen sich mit dem Hauch der Tiefe, decken die Schlünde und nehmen uns endlich das ganze Bild, so daß wir für Minuten auf eine nähere Wirklichkeit, auf uns selbst beschränkt werden, wie um nachdenken zu müssen, was wir gesehen, und zu merken, was wir übersehen hatten. Wir freuten uns über die Neger, die alle freiwillig und aus Neugierde mit hinaufgestiegen waren. Mit blutenden Füßen waren sie hier oben angekommen; jetzt saßen sie auf den Steinen, für unseren Maßstab der Vorsicht allzunahe dem Kraterrande und schrieben und zeichneten sogar. Der Wäscher Massudi, ein Suaheli, zeichnete den Krater, ohne hinzusehen. Saidi und Clementi hatten Grün gepflückt, das sie nach Hause mitnehmen wollten, und alle sprachen vom »Kilima ya moto«, dem Feuerberge. (...) Als wir uns einem Marktplatz nähern, der auf einem weithin sichtbaren Hügel liegt, ohne daß irgend eine Hütte in der Nähe wäre, laufen die Neger, Männer und Frauen, die zu Hunderten dort angesammelt sind, ängstlich auseinander. Es ist, als ob sie noch glaubten, es käme jemand, der auf dem Markt Sklaven einfangen wolle. Der Eindruck der Verhältnisse in diesem ganzen Gebiete ist schrecklich und doch anziehend.   Als wir den letzten Sattel vor dem Sitz des Königs überschritten, kamen uns zur Begrüßung drei große, schlanke junge Männer entgegen in einem wunderlichen Schmuck ihrer nackten, bronzefarbenen Glieder. Zwischen den glänzenden Schultern hing ein Ordensband aus flatternden Haaren herab, ein kecker Schmuck. Von den Hüften herab spielten Fransen und Gehänge aus Otternfell. Die Köpfe hatten über feinen Gesichtszügen eine wunderliche Haarfrisur. Die Jünglinge stellten sich in ihrer seltsamen Kleidung grüßend vor uns hin, als wollten sie sagen: »Da sind wir.« Als die sonderlichen Gestalten aus einer anderen Zeit vor uns gingen, war uns ganz feierlich zumute und wir drückten uns erregt die Hände. Wir erlebten einen Blick in uralte Zeiten und glaubten mit Odysseus an den Hof des Alkinoos zu kommen, als uns diese Herolde begegneten und uns an die letzten rührenden Erscheinungen homerischer Zustände erinnerten, die in unsere alles gleichmachende Zeit hereinragen. Die Jünglinge hielten mit einer Hand den Lendenschurz fest, der lose über ihren Hüften hing. So geleiteten sie uns zu einer Gruppe von Hütten, die auf einem Hügel lagen. Unser Zelt stand schon auf einem Platze vor dem Zaun des Königsgehöftes. Nicht weit davon hatte ein Missionar, Pater Schuhmacher, sein Zelt aufgeschlagen und sagte, daß er sich freue, den Abend mit uns bei einer Flasche Wein zu verbringen. Wir baten ihn, bei uns zu essen. »Dann bringe ich die Flasche mit.« »Tun Sie das bitte,« sagte Ellen und fügte gleich hinzu: »Das heißt, wir helfen Ihnen nicht beim Austrinken; wir sind Abstinente.« »Na, dann brauche ich ja auch nichts zu trinken,« sagte er erheitert. Der freundliche Mann aß also bei uns zu Abend und schilderte uns die Batussi: daß sie sich bis in die Nacht hinein Märchen erzählen und Rätsel aufgeben, deren Inhalt dunkel sei, daß sie behaupten, nur zu essen, und daß noch kein Tussi Christ sei. Ich ließ dem König sagen, daß ich mich freuen würde, wenn er mich um vier Uhr besuchen würde. Eine Viertelstunde vor.»dieser Zeit wurde laut getrommelt, dann strömte das Volk vor den Graszäunen der Residenz zusammen und nach einiger Zeit kam ein langer Zug Menschen an. Zu unserer Freude hatte der König seine einheimische Kleidung an und setzte sich mit seinen nackten Schenkeln auf einen Stuhl vor unserem Zelte. Er sprach Kisuaheli. Wir kannten seine Gestalt schon aus Abbildungen und zeigten ihm auch das Buch des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg hoch. Er bat, wir sollten doch dem Herzog schreiben, er möchte ihm ein solches Buch schicken. Das taten wir auch. Eine große Volksmenge umdrängte das Zelt. Wir ließen den Phonographen spielen und beobachteten dabei die Gesichter der Batussi, die, auf ihre langen Stöcke gestützt, zuhörten. Ich freute mich, daß ich den Besuch des Königs als etwas Großes erlebte und nicht durch das Bewußtsein unbedingter Überlegenheit jedes Weißen und ähnlicher Vorurteile beeinflußt war. Mzinga war der Fürst und ich ein Vertreter abendländischer Bildung. Über Homer und die Ägypter ging von mir eine Verbindung zu der seltsamen Gestalt, die neben mir saß. Die homerische Welt stand lebendiger vor meinen Augen. Ich sah die Jünglinge zum Wettkampfe antreten und wie Odysseus, dem die Phäaken ihre Spiele vorführten, zuletzt selbst der Versuchung erlag, seine Kraft und Geschicklichkeit zu zeigen, so forderte ich die schlanksten Batussi zum Wettkampf heraus. Ich warf den Rock ab und kam als zweiter durch das Ziel. Nur ein Küstenneger lief besser als ich, ein fürchterlich ehrgeiziger Mensch. Ich glaube, der hätte mich umgebracht, wenn er nicht gesiegt hätte. Die Batussi aber hatte ich geschlagen. Anders im Springen. Mit 1,80 Meter blieb ich weit hinter den langbeinigen Springern zurück. Sie sprangen über 2 Meter hoch, und Ellen konnte sich unter den Schilfhalm stellen, der als Hindernis diente. Es war ein genußreicher Tag. II. Wir entdeckten in uns eine Fähigkeit, mit der Wildnis allein zu sein und uns häuslich einzurichten, wo immer unser Zelt, unsere Hütte stand. Bei früheren Reisen in der Steppe gab ich alle Anordnungen für den Haushalt selbst. Jetzt überließ ich das Ellen; denn ich merkte, daß sie sich freute, wenn sie Aufgaben hatte, die ihr ganz gehörten. Die Küche, die Ordnung des Zeltes und der Koffer und die Beaufsichtigung der Wäsche mußte ich ihr überlassen, und sie gab den Dienern die Befehle in Kisuaheli. Ich konnte dann das Lager schnell verlassen, um die Gegend kennen zu lernen, photographische Aufnahmen zu machen, zu sammeln, Wild zu erlegen und den Weg für den nächsten Tag auszukundschaften. Wenn ich dann wiederkam, fand ich einen fertig eingerichteten Steppenhaushalt vor. Ellen hatte sich inzwischen schon in den Lehnstuhl gesetzt, hatte Bücher vorgenommen und sich mit Negern und Negerinnen unterhalten, die zum Lager kamen, um Nahrungsmittel zum Kauf oder Tausch anzubieten oder die weiße Frau zu sehen. Wenn ich kam, hatte der Koch das Essen fertig, der Wäscher brachte mir Wasser, Handtuch und Seife, ich reinigte mich und wir setzten uns zu Tisch. Wir hatten dann beide schon so viel zu erzählen. Ärger über die Diener und Träger ließ ich nicht aufkommen, weil ich wußte, welche Kraftvergeudung das ist, und daß solche Sorgen später ganz klein erscheinen, ja, daß man nur Reue empfindet, wenn man auf die Neger böse war, anstatt sich über die Fülle des Guten zu freuen, das sie einem bieten. Je länger ich aber hier lebe, desto mehr sehe ich, daß wir vorsichtig sein müssen mit dem, war wir den Negern bringen. Wir halten vieles für gut, was in Wirklichkeit schädlich wirkt. So zweifle ich auch schon, ob wir Europäer den Eingeborenen mit den Reismühlen etwas Gutes bringen? Der Reis, der aus dem Schälwerk kommt, sieht sauberer aus, das ist richtig; es ist aber kein Vorteil. Denn die beliebte weiße Farbe des Reiskornes entsteht dadurch, daß die bunten, äußeren Schichten abgeschliffen werden. Der Eingeborene bekommt also Reis, der diese Schicht nicht mehr trägt. Wir wissen heute, daß das ein Fehler ist; denn die bunten Häutchen, die die Reismühle beseitigt, enthalten wertvolle Nahrungsstoffe, die der Mensch notwendig braucht. Wo die Eingeborenen längere Zeit geschälten Reis essen, bekommen sie Beriberi, eine Krankheit, die verschwindet, wenn dem Kranken das, was die Mühlen vom Reiskorn herunterschälen, als Heilmittel gegeben wird. Es ist also eine Sünde, den Eingeborenen zum Vorteil einer Industrie die Bearbeitung des Kornes abzugewöhnen, damit sie das Korn nach der Fabrik bringen. Wenn sich die Folgen solchen Vorgehens zeigen werden, dann kommen sehr gelehrte Herren der Wissenschaft, sprechen von Entartungserscheinungen der Eingeborenen, impfen und suchen nach Medizin. Man rühmt aber, es werde Arbeit gespart, wenn nicht mehr in Tausenden von Negerhütten täglich Frauen an den Holzmörsern stehen und das Korn mit schweren Stampfern enthülsen. Auch das ist ein Irrtum. Es ist kein Zweifel, daß diese tägliche Arbeit ein unersetzlicher Vorzug ist. Die Negerin, die das Korn stampft, hat eine gesunde Körperübung regelmäßig zu verrichten und wird sie nie vergessen, weil der Magen mahnt und ohnedem kein Essen zubereitet werden kann. Aber noch etwas ist wichtig: das Reiskorn, das erst an dem Tage, an dem es gekocht werden soll, von seiner Hülse befreit wird, ist für die Ernährung des Menschen wertvoller als das tote, seiner schützenden Hülle seit Tagen, Wochen und Monaten beraubte, ausgetrocknete Korn. Die Reismühlen bedeuten also eine große Gefahr für die Gesundheit der Eingeborenen, und ein weitschauendes Kolonialvolk wird den Eingeborenen die althergebrachte und erprobte häusliche Bearbeitung des Kornes lassen. Es ist falsch zu sagen, Maschinenreis sei reinlicher. Es gibt nichts Reinlicheres als das Mittagessen, das eine Negerin zubereitet hat. Im Ernten, Reinigen und Aufbewahren des Kornes sind die Neger Meister, solange man ihnen das nicht abgewöhnt und ihnen Zeit dazu läßt. Und wenn der Reis in Säcken, die die Neger selbst geflochten haben, daliegt, dann ruht jedes einzelne Korn in seiner Schutzhülle, bis der Stampfer die Schale sprengt. Man muß öfter in den Vormittagsstunden in den Dörfern der Neger umhergewandert sein, um den Wert zu erkennen, der in der täglichen Zubereitung der Nahrung liegt. Wasser holen, den Körper, den eigenen und den der Rinder pflegen, die Hütte und den Platz um die Hütte reinigen und das Korn zum Essen zubereiten, das sind die gesunden Verrichtungen für die Frauen. Die Kinder helfen oder sehen zu, und auch wenn die Frauen nicht noch auf das Feld hinaus müßten und das Land bearbeiten, hätten sie genug Arbeit. Nun kommt der betriebsame Europäer. Er stellt Maschinen auf, und damit die Arbeit haben, befiehlt er und verbietet. So werden menschliche Arbeitskräfte frei. Jetzt eröffnet sich ihm ein neuer Geschäftszweig: der Handel mit Menschenkräften. An der Küste sind Pflanzungen, die brauchen Arbeiter. Für jeden, den er anwirbt, bekommt er eine bestimmte Summe. Die Neger wollen nicht? Sie wollen lieber in der Heimat bleiben? Da gibt es erlaubte Mittel: Bedürfnisse anerziehen, die Begehrlichkeit wecken. Alkohol, Zigaretten, Schundartikel, bunte Kleider. Auch das Handwerk wird totgemacht. Statt der Töpferei gibt's eiserne Töpfe aus europäischer Industrie zu kaufen. Man sorgt dafür, daß die Eingeborenen die Kunst des Webens verlernen. Statt der wunderschönen Muster, die der Neger herstellt, werden bedruckte Baumwollstoffe getragen mit den Bildern eines europäischen Fürstenpaares, einem Siegesdenkmal oder einer Lokomotive. Dem Leben des Negers ist das Eigene, das Kräftige, das Schöne und die Ruhe geraubt. Er wird betriebsam, er braucht Taschenuhren. Immer mehr wird er Abnehmer der Industrie. Der Import steigt. Die Neger wollen mehr Geld verdienen, um mehr davon genießen zu können, und lassen sich für Plantagenarbeit anwerben. Aber nicht alle, die mit der neuen Eisenbahn zur Küste hinunterfahren, kommen wieder. Viele vertrugen den Wechsel des Klimas nicht, waren auch nicht gut genug ausgerüstet und starben, und die zurückkamen, waren verdorben; trunksüchtig, genußsüchtig, geschlechtskrank. Das Familienleben ist zerstört. Die Kinderzahl geht zurück. Die Zahl der Verbrecher steigt. Unzählige Männer arbeiten im Strafdienst an der Kette. Vielleicht bringt ein letzter verzweifelter Aufstand gegen die Gewalt des Europäers die Kraft des Volkes noch einmal zusammen. Dann gibt's Tote, Helden, Freiheitskämpfer, die für ihr Vaterland sterben, »Aufständische« genannt und erhängt werden; brennende Hütten, elternlose Kinder und auf seiten der Europäer siegreiche Soldaten. Es ist ein grauenhaftes Elend. Der Schuldige ist nicht zu finden. Er sitzt in Amt und Würden, ist geachtet und geehrt, führt in dem »Mutterlande« (ein schöner Mutterbegriff) das große Wort und entrüstet sich gar über die Eingeborenen, die nicht so wollen, wie ihre Wohltäter. Oder ist vielleicht der eigentlich Schuldige ein Gelehrter, der mächtigen Völkern schädliche Begriffe von Arbeit, Pflicht und Recht beigebracht hat; ein Berühmter, ein Toter, dessen Werke wir noch nicht töteten? Das war bisher die europäische Kolonialpolitik. Wie schwer ist es doch, mit Pulver und Dampfkraft schuldlos zu bleiben! Werden wir es je können? Die Wildnis Was ist uns die Wildnis? Ich will ganz deutlich sagen, was sie uns nicht ist: nicht etwas Unvollkommenes, das schleunigst in Kultur genommen werden muß, vielmehr ein Ort, an dem wir unsere Vorurteile einmal nachprüfen sollten, ob wir nicht andere an ihre Stelle setzen könnten. Ich bin voll Zweifel, ob das, was wir dorthin bringen, gut sei. Deshalb tue ich jeden Schritt in die Wildnis nur zögernd. Die Zeit, fühle ich, braucht solche Menschen wie mich, Menschen, die an allem, was wir herrlich finden sollen, zweifeln. Der erste Weiße, der die Wildnis betritt, sieht zu, was er ihr rauben kann. Denn Merkmal der Wildnis ist, daß das Geld der Kulturwelt dort keinen Wert hat, und wenn der Eindringling fragen würde, was ein Gegenstand kostet, so fordert der Wilde ebenso leicht eine Mark wie zehntausend. Der Eindringling hat die Wahl und zieht es vor, gar nichts zu geben. Billig Einkaufen nennt er das. Der nach ihm Kommende will diese Methode des Plünderns verfeinern, weil die Schätze schon nicht mehr so offen daliegen. Er baut Wege, entwässert Sümpfe, reguliert Flußläufe und fällt den Urwald. In stille Täler bringt er hohe Schlote, Wasserfälle ändert er in Kraftstationen um. Die Wildnis flieht vor alledem. Die Tierwelt weicht zurück, und auch im Menschen flieht etwas: die harmlose Unschuld. Der Weiße aber, der ins Land kommt, ist überzeugt, daß er Notwendiges und Gutes bringt. Er erschließt; hebt, bessert, kultiviert und verfeinert, macht dienstbar, und wie die Ausdrücke alle heißen. Aber er hat keine Ehrfurcht vor dem, was da ist. Er entheiligt, verwüstet, vernichtet, verschandelt, zerstört, ohne es zu wissen. Wehe dem, der das sagen, der an dem Wert der Kultur zweifeln wollte! Selbst der Hinweis auf die Folgen, auf Eingeborenenaufstände, Entartung, Seuchen und den Zusammenbruch des Systems im Kriege, belehrt keinen, der vom Eifer besessen ist, Kolonisator zu sein, Heiden zu Christen zu machen, Gläubige aus Ungläubigen, Wilde zu Gesitteten, Menschenesser zu Alkoholtrinkern und Tierfressern. Worin glaube nun ich besser zu sein als diese? Ich zweifle an dem Wert dessen, was ich bringe, und habe Ehrfurcht vor dem, was ich finde. Und daher schwebt mir ein ganz anderes Ziel vor: ich denke nicht daran, Menschen und Länder bessern zu wollen, sondern hoffe, selbst besser zu werden im Verkehr mit der Wildnis. Wenigstens nicht Schlechtes ins Land hineinbringen – wer diesen Wunsch hat, der hört nicht auf, neue Maßstäbe an das, was er ist und was er hat, zu legen. Ich glaube, das Verhältnis zur Wildnis muß das sein, was rechte Eltern zu ihren Kindern einnehmen: sie sehen die Kinder nicht als etwas Mangelhaftes an, sondern als einen vollkommenen Rohstoff, der gleich bereit ist, zur Schönheit oder zum Greuel geformt zu werden, und erziehen sich selbst, weil sie Kinder erziehen wollen. In dieser Anschauung liegt das ganze System der Kolonialpolitik, die mir vorschwebt. Meine Haltung zu Krieg und Militär Aus einem Brief an Major Paul Kritzler vom 15. August 1916 Meine Haltung zu Krieg und Militär ist natürlich nur zu verstehen, wenn ich alle Einzelheiten mitteile. Das kann ich nur deshalb nicht, weil das ein Buch werden würde. Wenig sage ich aber nicht gerne, weil ich nicht will, daß es aussieht, als glaubte ich, mich rechtfertigen zu müssen. Soviel darf ich Dir, weil Du wirklich eine verständige Art hast, Dinge, die Du zur Zeit nicht billigen kannst, zu behandeln, aber sagen: Ich bin aus verschiedenen Gründen, die kein Freund des Vaterlandes billigen kann, bei der Marine zu Untätigkeit verurteilt worden und bin, als ich mich nach Betätigung drängte (ich mochte nicht dauernd Gehalt beziehen und in dieser Zeit andere Dinge treiben) , ganz übel behandelt und schließlich einfach verleumdet worden. Es sind haarsträubende Zustände, über die nach meiner Meinung aber nie zu reden sein wird, weil alles ganz anders kommt und es deshalb ganz gleichgültig ist, was jene irrenden und unerfreulichen Menschen mit mir angestellt haben. Wenn ich der Meinung bin, daß es anders kommt, so ist das kein Pessimismus, sondern eine gewisse Einsicht in die Dinge von anderem Standpunkt, als ihn die Menge hat (die Menge der Zeitungsleser oder wie man sie nennen will). Man könnte mir vielleicht zugute halten, daß ich im ganzen mich doch schon als einen Sucher erwiesen habe, der das Notwendige und Kommende sieht, während es die Menge (auch die der Gebildeten) nicht sieht, ja, der den Mut hat, das Erkannte auszusprechen, auch wenn es noch als »verrückt« angesehen wird. (So u.a. die Abstinenz und den Vegetarismus, welch letzterem wir es zu verdanken haben, daß Deine Kinder jetzt blühend und gesund sind. Ich erwarte aber nicht, daß anerkannt werde, mit welchen Opfern ich die geistigen Vorbedingungen zu dem jetzigen Zustand, der allen Menschen zugute kommt, habe schaffen helfen. Meine Eltern verkünden jetzt in aller Öffentlichkeit ihren Vegetarismus und haben doch aus dieser, für den, der es miterlebt hat, ungeheuren Meinungsänderung nicht gelernt, eine gewisse Achtung zu haben vor der Vorkämpferfähigkeit und dem Wahrheitssuchen ihres Sohnes. Sie werden später sich hoffentlich wieder meine neuen Gedanken über Krieg und Politik zu eigen machen, wenn ich der Zeit, die dann gekommen ist, denke ich, wieder um eine Nasenlänge voraus bin.) Du sprichst abfällig vom Pessimismus. Das Wort »Pessimismus« wird in diesen Tagen in einem merkwürdigen Sinne gebraucht. Es werden uferlose Pläne gemacht, deren Erreichung – mit dem Gut und Blut anderer erstrebt wird. Wer das nicht gerade sehr schön und mutig findet und zur Mäßigung auffordert, wird Pessimist genannt. Du nennst das Wort »fauler Friede«. Der Friede, der kommt, wird nie »faul« genannt werden, ebensowenig wie zugegeben wird, daß die jetzige Lage und das bisher Erreichte nach den Begriffen, die von der Menge zu Anfang des Krieges ausgeschrieen wurden, ein Riesenmißerfolg genannt werden müßte. Nein, im Geschichtsunterricht unserer Enkel sind wir die Sieger, auch wenn unsere Menschen, unser Glück und unser Gut vernichtet sein werden. Wie weit wir dieser Art Sieg schon nahe sind, darf ich einem Krieger, der für seinen Beruf die Zuversicht braucht, nicht erzählen. Vor einer Enttäuschung ist das deutsche Volk völlig sicher, denn: Dies Volk glaubt alles! (Vielleicht sind andere Völker nicht besser; ich sehe nur, was ich sehen kann.)   Unsere, in der Weltgeschichte beispiellose militärische und organisatorische Leistung wird immer mit dem Erfolg verwechselt werden, und das ist das Schicksal und wird leider vielleicht der Untergang dieses Volkes, das geistig und kulturell zu Höherem berufen war. Obwohl ich das kommen sehe, werde ich doch als Kämpfer auf meinem Platz ausharren und also an meiner Stelle demselben Fehler erliegen, den ich vorhin Dir mit aller Hochachtung für Deine Stellung nachgewiesen habe. Bei scheinbaren Gegensätzen löst sich das Wenige, was uns unterscheidet, in Einklang auf. Daß der Krieg einem Mann in Deiner Stellung auch viel Gutes bringt, ist gewiß; nur ist dieses Glück einzelner oder eines begrenzten Standes nach mancher Menschen Ansicht zu teuer erkauft und kostet an anderer Stelle zu große Opfer. Das ist der Gedanke, weshalb einige dann doch von Frieden sprechen, auch auf die Gefahr, in Schutzhaft genommen zu werden, und weshalb man den Krieg als Selbstzweck, wie es jetzt vielfach, bewußt oder unbewußt, angesehen wird, nicht gelten lassen sollte. Es ist den Offizieren zu gönnen, daß sie, nach Jahren eintönigen Garnisondienstes, Abwechslung haben und fremde Länder sehen. Die unablässig zu beachtende Pflicht jedes Soldaten aber sollte sein, dem Volke, der Heimat den Frieden wiederzugeben. Das wird jetzt aber ganz vergessen. Wir gönnen den Offizieren und Heerführern Unterhaltung und Genuß auch in dieser Zeit, wenn doch eben »durchgehalten« werden muß. Kurzsichtig ist nur, wer glaubt, nur ein Krieg hätte diese Abwechslung bringen können. Es sieht leider fast so aus, als seien gewisse Kreise mit dem Kriegszustand recht zufrieden, sie wissen eben nicht, welche Opfer an Gut und Blut dieser Zustand dem Volke kostet, wissen auch nicht, welch unsagbar schwere Zeiten infolge des Krieges kommen werden. Wer aber jetzt, um zum Nachdenken anzuregen, etwa sagen würde, es sei billiger, sämtliche Offiziere Europas im Frieden nach Mesopotamien zu schicken und Hindenburg könne den Bären, den er, wie er geäußert hat (nach dem Wisent und Wolf), noch zu erlegen hofft, auch nach dem Frieden (Siege) schießen, der bekäme es mit allen Reventlows dieses Landes zu tun. Und die Zahl dieser »Durchhälter« ist nicht gering. Zur Aufklärung, weshalb ich die meisten Unternehmungen, die heute für wohltätig gelten, nicht fördere Ich unterstütze nur solche Bestrebungen, die geeignet sind, die Ursachen zu beseitigen, aus denen das menschliche Elend besteht (radikal-ethische Bestrebungen). Wie wichtig es ist, daß ich deshalb andere Bestrebungen, auch wenn ich anerkenne, daß sie gut gemeint sind, übergehe und womöglich gar bekämpfe, dafür ein Beispiel: Wenn ich die Schäden des Krieges durch Wohltätigkeit zudecken helfe, so mildere ich die Abneigung der Menschen gegen den Krieg als solchen und schädige die Bewegung für die endgültige Beseitigung aller Kriege. Ich mache es dann denen, die den Krieg herbeigeführt und gewollt haben, zu leicht, indem ich sie vor der Volksentrüstung schütze, die kommen muß, wenn die Kriegsfreunde die Menschheit nicht mit neuem Unglück bedrohen sollen. Ich halte es sittlich für erwünscht, daß diese Verbrecher nicht davon befreit werden, sich verantworten zu müssen. Dahin zu wirken sind wir denen schuldig, die in diesem Kriege verunglückten. Aus ähnlichen Gründen bin ich auch gegen Kriegsdenkmäler und Erinnerungsfeiern, wenn sie nicht ausgesprochene Trauerfeiern für die Verunglückten sind. So wenig man ein Grubenunglück, Schiffsuntergänge oder Eisenbahnunfälle feiert, auch wenn sich der Opfermut mancher Menschen noch so groß gezeigt hat, so wenig darf die Erinnerung an Kriege als etwas Großes gefeiert werden, weil das die irrige Anschauung stützen könnte, Kriegszeit als solche sei eine große Zeit und keine Schmach für die Menschheit. Die Verherrlichung des Krieges gehört zu den bei uns leider noch vorhandenen Resten des Mittelalters; die Opfer des jetzigen Krieges aber können nur den einen Sinn haben: endgültig mit all den Vorurteilen aufzuräumen, die uns an der Annäherung an Christi Lehre hindern. Die Zeit ist reif, das Reich der Gewalt abzulösen durch das der Liebe. Der erste Schritt dazu wird in der Beziehung der Völker zueinander getan, und die bisherige Anarchie ersetzt durch eine zwischenstaatliche Rechtsordnung. Das Erwachen wird schrecklich sein Schreiben an Marine-Assistenzarzt Engelhardt vom 4. Mai 1917 Lieber Engelhardt! Denken Sie nur: gerade in diesen Tagen der Bestellung komme und komme ich nicht dazu, Ihren mir so wertvollen Brief vom 20.4. zu beantworten. Ich habe Ihnen soviel dazu zu sagen, weil ich ja über den Krieg so denke wie nur sehr wenige Deutsche. Sie müßten mal mit mir nur acht Tage hier sein. Sie gehören gewiß nicht zu denen, die sich gleich entrüstet abwenden oder gar die 3  000 M verdienen wollen, die das Oberkommando aus den Militärtränen- und Elendstopf jedem verspricht, der einen Andersdenkenden verpetzt. Sie sehen schon aus dem beiliegenden Entwurf einer Antwort auf Freilandbrief 26 , daß ich von militärischer Entscheidung nichts weiß und sie für unerheblich halte, und daß ich – na, lieber nicht, ich will ja gar nicht, daß Sie beunruhigt werden. Nur das eine: da alle Voraussetzungen, unter denen die Opfer gebracht werden, unzutreffend sind, da die Entscheidung um die Zukunft der menschlichen Gesellschaft ganz woanders gefällt wird als auf den »Schlacht«feldern, schmerzt es mich, daß Sie noch die Gebärde von 1914 kennen: dabei sein zu wollen. Die schwere Täuschung, der Sie unterliegen, wenn Sie im Rahmen der falschen Voraussetzungen dem Leben an der Front gute Seiten abgewinnen, werden Sie sehen, wenn Sie den Zusammenhang hören. Das Erwachen wird für viele schrecklich sein. Aber es gibt kein Entrinnen mehr: wegen mangelnder Einsicht und Tatkraft des deutschen Volkes wird das deutsche Reich mitbestraft. Wie Sie aus den Zeitungen sehen, steht es gut im Osten, Westen, Süden und die U-Boote leisten Taten, die (uns!) nie vergessen werden. Blättern Sie mal in Iphigenie und lesen Sie das Gebet eines U-Boot-Kommandanten für die Versenkung einer Lusitania: »Du hast Wolken ...« Die Abstinenz ist ja so etwas Gleichgültiges, wenn sie nicht mal das Bewußtsein der Freiheit bringt. Die deutsche abstinente Jugend versagt genauso wie die trinkende. Es ist zum Speien! Wenn deutsche Jugend erwacht, wird sie hakenkreuzlerisch, alldeutsch, antisemitisch! Die deutsche Bourgeoisie ist der Auswurf der Menschheit! Sie muß vernichtet werden! Ich empfehle jetzt zu lesen: Herwegh, Börne, Wilson (»Nur Literatur«, »Die neue Freiheit«). (...) Daß der »Vortrupp« Regierungsblatt wurde, wird Sie überrascht haben. Popert ist tatsächlich der Meinung, auch für den Frieden damit das Beste zu tun. Unseliges Geschick, so zur Durchhalterei beizutragen, soviel den Frieden hinausschieben zu helfen! Soviel für heute. Hier ist' s jetzt herrlich ... An Anregung fehlt es nicht. 6 000 Bände Bücher umgeben mich, viele afrikanische Erinnerungen und eine reinigende, lebende Natur, von der wir, Frau und Kinder, ein untrennbares Stück sind. Aber auch die Gemeinheit der Menschen ist hier und umlauert uns. Daß die Sonne eine solche Welt erträgt! Lange genug hat sie sich' s auch diesmal überlegt, ob sie unseren Teil des Planeten nochmal wärmen soll. Auch sie verlangt, ... daß erst die Schuldigen gestraft werden. Wer es ist? Ich weiß es. Für heute genug. Mit herzlichen Grüßen und Wünschen Ihr Hans Paasche Hoch die Anarchie! »Débout, frères de misère, Plus d'armées, plus de frontières, Révoltons nous contre ces affameurs! Pour écraser la bourgeoisie Et supprimer la tyrannie, II faut avoir du coeur, Vive l'anarchie!« »Empor, Enterbte dieser Welt! Nicht Grenzpfahl und Montur uns hält – Rings soll der Aufruhr flammen! Zerschlagt die Ketten eurer Fron, Lacht jedem satten Spießer Hohn – Nehmt allen Mut zusammen! Hoch die Anarchie!« Diese Verse werden von französischen Soldaten gesungen. Wenn die Sänger auch von ihren Vorgesetzten schwer bestraft werden, so kann man doch sehen, welche ungeheure Gefahr wir abwehren, indem wir die Franzosen zerschmettern . (Allerdings warnen wir davor, die Franzosen ganz zu vernichten, weil dann ja keine Möglichkeit künftiger Kriege mit ihnen bestände.) Wenn die Wünsche unserer Feinde verwirklicht würden, so gäbe es also keine nationalen Gegensätze und keine Armee mehr! Es gäbe auch nie mehr das Erlebnis dieser großen Zeit. Alle Schönheit wäre aus der Welt, und wir könnten uns dann einfach den Quäkern, Pazifisten und ähnlichen weichlich-weibischen Weltverbesserern ausliefern. Die Gefahr aber besteht bei unserer Art nicht! Wir stützen uns mit Gott auf unser scharfes Schwert, und unsere Feinde müssen einsehen, daß wir durchhalten! Lied der deutschen Soldaten in den Schützengräben – April 1917 Der Weltkrieg (Nach der Melodie: Ein fahrender Sänger)   Der Weltkrieg, er tobt jetzt schon bald drei Jahr! Viele vergessen, daß Frieden einst war; Wo glückliche Menschen in Eintracht gewohnt, Da haust jetzt das Grauen, nichts wurde verschont! Die Städte, die Dörfer, zerstört, demoliert, Die Menschen vertrieben, gemordet, vertiert! Statt Feldern und Fluren, einst ordnend bestellt, Dehnt sich jetzt endlos ein Leichenfeld! Dehnt sich jetzt endlos ein Leichenfeld! Wir wollen nach Hause, wir haben genug Hier draußen geduldet, dem Krieg ein Fluch! Die Lenker der Staaten, sie haben nur Hohn Für unsere Leiden, ein Fluch sei ihr Lohn! Des Volkes Blüte, des Volkes Kraft Im Donner der Schlachten dahingerafft! Wir brachten Opfer in furchtbarer Zahl, Der Kriegsgott, er fordert sie ganz ohne Wahl; Verstümmelt, geblendet, gelähmt und verstummt, So kehrt der jetzt wieder, der auszog gesund! Entnervt und ermattet, zermürbt und verroht, Wie soll er jetzt kämpfen ums tägliche Brot! Refrain: Hört zu Kameraden, was hält uns zurück, Nach Hause zu eilen, daheim blüht das Glück! Warum gehorcht Ihr? Wer schickt Euch in Tod? Doch nur der Gehorsam , ein Sklavengebot! Macht Schluß mit dem Morden, reichet die Hand Zum Frieden dem Gegner, wir sind uns verwandt! Es sind auch nur Menschen, sie leiden wie Ihr; Sind alle wir einig, die Macht dann sind wir! 30. Nieder die Waffen! Kameraden, was zögert Ihr länger noch Der Freiheit zu bahnen die Gasse? Brecht entzwei die Ketten, schüttelt ab das Joch, Macht ein Ende dem Morde und Hasse! Nicht länger fließe der Völker Blut Um beutelüsternen Übermut, Der die Not und das Leid geschaffen – Kameraden! Nieder die Waffen! Zogt hinaus Ihr zum Streit ins blutige Feld, Um Beute und Ruhm zu erjagen? Ward zu Grabe darum so mancher Held In der Blüte des Lebens getragen? Nein! Was Ihr littet an Grausen und Tod, Was Ihr erduldet an Gram und an Not, Kameraden! Sagt's frei und entschieden: Wir kämpften für Freiheit und Frieden! Doch den Frieden verschmäht Tyrannenbrut, Die frevelnd die Menschheit hinmordet! Neid und Mißgunst und Gier nach feindlichem Gut Hat die Welt vor die Waffen gefordert! Wenn Freiheit und Frieden uns erblühen will – Dann hinweg mit Knute, hinweg mit dem Drill, Die restlos die Menschheit entrechten – Gleichheit für Herren und Knechte! Hoch das Banner! In Eintracht geschart, Zieht mutig dem Feinde entgegen! Ein Schuft jeder, der zaudernd am Wege harrt, Wenn alle für die Freiheit sich regen! Es walte der Zorn! Ein heilig Idol Durchdringe das Weltall von Pol zu Pol, Mach' uns frei von Knechtschaft und Schande Und entsühne vom Blute die Lande! 31. Aufruf zum Generalstreik – Ein Flugblatt Schreibübung zur Herbeiführung des Friedens Jede deutsche Frau hat die Pflicht, dieses Blatt wenigstens zweimal abzuschreiben und unverzüglich weiterzugeben. Nur so kann die Fessel der Militärzensur durchbrochen werden. Jeder Aufschub kostet Zwangstod an der Front und wird von dem Hunger und den Tränen der Zukunft bezahlt. Kriegsanleihe oder fünfzehnter Oktober? Wie kommen die Brandstifter des Weltkrieges, die Wehrvereinsgeneräle und Seeräuber eigentlich zu der Unverfrorenheit, ihr Geschäft, das blutige Verbrechen am Volke, Vaterlandsliebe zu nennen, und jeden Versuch, den Krieg zu beenden, Landesverrat? Wir dummes Volk lassen uns das gefallen. Das wissen sie. Wir haben illustrierte Blätter, in denen wir die geistlosen Gesichter unserer Gewalthaber und Schlachten»denker« sehen und ihre kindischen Beschäftigungen verfolgen können; wir lächeln über die Kulturlosigkeit, mit der diese Wilden ihren Ordensklimbim den Linsen der Photographen aussetzen (während die »Gemeinen« in den Mordgräben wie Ungeziefer zerquetscht und vergiftet werden, als hätten sie keine Mütter, die ihr Leben von den Verbrechern zurückfordern). Aber wir wagen es nicht, diesen Menschen ehrlich zu mißtrauen, sie zu fragen: arbeitet Ihr eigentlich für Eure Taschen oder für ein deutsches Volk, für den Frieden? Nachdem ein Phrasendrescher und Lügner den anderen auf dem Kanzlerposten abgelöst hat, sind die bezahlten Agenten der Kriegsindustrie, die sogenannten Volksvertreter, in die Ferien gegangen und haben für diesen Entschluß 1 000 M eingestrichen. Blutgeld! Wollt Ihr Boches bleiben und die Kulturvölker dieses Planeten weiter durch Eure rohe Gewissenlosigkeit in politischen Dingen gefährden, so verdient Ihr es nicht besser und seid Sklaven. Dann gebt nur Eure kümmerlichen Goldringe der Dynastie, während die Hohenzollernfamilie von goldenem Tafelgeschirr weiterspeist; laßt Eure Eltern an Unterernährung sterben und Eure Kinder vor Hunger wimmern, während die kaiserlichen Rosse Hafer fressen, und dankt Gott, daß er wenigstens einer deutschen Mutter alle sechs Söhne am Leben erhielt, obwohl sie doch alle »im Felde« stehen! Militärisch steht es hoffnungslos. An einen Sieg, wie ihn die Generäle brauchen, um die Siegestrinkgelder einzustreichen, die sie erwarten, ist nicht zu denken. (Moltke nahm 1870 neunhunderttausend M!). Deshalb wollen sie wenigstens die Hochkonjunktur des Krieges noch lange genießen. Nur das klassenbewußte Proletariat kann den Krieg beenden. Verlacht die lügnerische Siegesreklame der uniformierten Kriegsinteressenten, das alberne Viktoriaschießen und den Flaggenschmuck als bestellte Stimmungsmache für die neue Kriegsanleihe! Antwortet auf die verbrecherischen Menschenopfer im Osten mit dem Generalstreik! So ehrt Ihr die Helden dieser Zeit: Liebknecht und Friedrich Adler. Arbeiter, Frauen, Soldaten! Bis zum 15. Oktober muß dieses Blatt jedem Proletarier bekannt sein. Am 15. Oktober wird nicht mehr gearbeitet und nicht mehr geschossen!   Mann der Arbeit, aufgewacht, und erkenne Deine Macht. Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will!   Deutsche Frauen, wenn Ihr Euch nicht aufrafft und den Opfertaten Eurer russischen Schwestern nacheifert, geht Deutschland zugrunde. Die Frauen der ganzen Erde und Millionen geknechteter Männer sehen auf Euch. Deshalb schreibt und nennt den Tag: den fünfzehnten Oktober. Es lebe die Internationale! August 1917 Die Fragwürdigkeit militärischer Erfolge Aussage vom 7. November 1917 in der Untersuchungshaft Ich litt sehr schwer unter dem, was ich vom Kriege vernahm. Ich hörte und sprach nie einen Menschen, der die Sache mutig ansah; denn mit den Utopisten, die an den U-Boot-Krieg die Erwartung knüpften, daß England in absehbarer Zeit auf den Knien liegen werde, konnte ich aus Selbstgefühl nicht sprechen. Die Beweise für die Schuld einer deutschen Gruppe von Verantwortlichen und Unverantwortlichen mehrten sich mir. Ich sah, daß militärische Erfolge wertlos sind und den Krieg nur verlängern können. Ich bin schon über die Tatsache, daß Amerika zum Kriege mit uns gezwungen wurde und der nur uns selbst schädigende U-Boot-Krieg begonnen wurde, außer mir gewesen. In Frankfurt hatte ich im Dezember 1916 auf die Treiber hingewiesen, die einen Bruch mit Amerika wollten. Es war in der öffentlichen Versammlung der »Zentralstelle Völkerrecht«. Als die unsinnigen Prophezeiungen des Tauchbootkrieges kamen, mußte ich, der ich die Folgen genau voraussah, mir sagen, daß einer irrsinnig sei, die andern Menschen oder ich. Wer nicht glaubte, daß England im August 1917 auf den Knien liege, wurde wie ein Verräter behandelt, und was der Eintritt Amerikas in den Krieg bedeutete, das sah niemand. Ich hatte sehr merkwürdige Erklärungen für die Schritte der Regierung. Im Januar noch hatte ich das Diner zum Empfang des aus Amerika zurückkehrenden Botschafters Gerard im Hotel Adlon in Berlin mitgemacht und hatte dem Präsidenten der Deutsch-Amerikanischen Handelsgesellschaft, dem mir bekannten Herrn Wolf auf seine Bitte einen Brief an den Präsidenten Wilson mitgegeben. (Herr Wolf sammelte Kundgebungen »bekannter« Männer Deutschlands über die Aussichten und war so liebenswürdig, mich dazu zu rechnen.) Ich erfuhr, daß die Nachricht von Fliegerangriffen auf Nürnberg, womit der Reichskanzler den Reichstag am 4. August 1914 für den Krieg gewonnen hatte, eine Erfindung gewesen ist; die Schrift des Fürsten Lichnowsky sagte mir, daß die von mir so erstrebte Verständigung mit England vor dem Kriege tatsächlich erreicht war und daß Deutschland ohne Blutvergießen einen ungeahnten Weltbesitz hätte haben können. Die Verständigung wurde aber aus persönlichen Gründen hintertrieben. Ich hatte außerdem das Märchen vom Handelsneid und von der Einkreisung durchschaut (vgl. die bei mir beschlagnahmte Schrift: »Um des teuren deutschen Blutes und Vaterlandes willen. Von einem preußischen Edelmann«). Das alles wußte ich, und die anderen wollten es nicht wissen. Sie umjubelten die unmöglichsten Illusionen, wie den Erfolg des Tauchkrieges und den Sonderfrieden mit Rußland. Wie das Blatt »Ist in Deutschland eine Revolution möglich?« zeigt, kam ich schon auf den Standpunkt, den Untergang des deutschen Volkes mit Gelassenheit anzusehen und mich, so wie andere Leute, über den Fortgang des Krieges, von dem jeder Tag ein Nagel zum Sarge Deutschlands ist, zu freuen. Ich bestellte mir eine Karte mit den Flaggen der Mittelmächte und dem Aufdruck: »Herzliche Grüße zu den neuerdings versenkten ... Tonnen«. Diese boshafte Aufschrift wird vom Publikum durchaus als vaterländisch empfunden. Ich wollte mich zwingen, mich über diese verderblichen Dinge nicht aufzuregen. Wer außerdem, wie ich, Schilderungen vom Kriege in den »Weißen Blättern« gelesen hat, wird mich noch besser verstehen. So etwas macht schlaflose Nächte, oder man hat nicht das Recht, sich Mensch zu nennen. So sind denn meine Niederschriften zu verstehen als die Rückwirkung dieser ganzen qualvollen inneren Erlebnisse. Oft habe ich mir, wenn ich gar nicht an den Krieg denken wollte, gesagt: Man kann doch nicht untätig bleiben, während das da weiter tobt und Deutschland zerschlagen wird und andere zerschlägt. Ich muß irgend etwas tun und helfen. Immer wieder habe ich die Feder angesetzt und mich gefragt, ob ich irgend etwas schreiben könnte, was helfe; aber was die Zeitschriften brachten, war trostlos, und ich sah, daß man jetzt doch nichts Rechtes sagen kann. Da ist nun im Tagebuch, in Briefen und Notizen manches zu Papier gekommen und einiges Weniges hinausgegangen. Zu der Frage, ob ich, als ich den Brief in die Schweiz absandte, mir nicht gesagt hätte, daß ich Deutschland damit schaden könne, habe ich noch zu sagen: Wenn ich bedaure, den Brief gesandt zu haben, so bezieht sich das nur darauf, daß es sich nicht um einen echten Brief handelte. Selbstverständlich glaube ich dem deutschen Vaterland zu nützen, wenn ich dem Ausland einen Beweis mehr zeige, daß nur eine Gruppe von Menschen bei uns das vertritt, was zu den Verbrechen von 1914 geführt hat, wenn ich die Völker versöhnlich stimme, sodaß sie sagen: »Man kann also doch mit dem deutschen Volk Frieden machen.« Das ist nämlich die Frage, um die es sich nach meiner Kenntnis für die Menschheit jetzt handelt: »Ist nur eine Gruppe von Menschen in Deutschland an der Katastrophe schuld, oder muß das ganze Volk unschädlich gemacht werden?« Sobald das Volk sagt: wir billigen das Vorgehen der Schuldigen nicht und geben Garantien, hat Deutschland den Frieden, den es wünschen muß und kann. Ohnedem nicht mehr. Militärische Erfolge und ein militärischer Endsieg ändern daran nichts; ein deutsches Volk, das das nicht eingesehen hat, was der große Lohn dieses Krieges für die Menschheit ist, wird auch auf friedlichem Wege unschädlich gemacht und kann nicht weiter bestehen. Rede vor dem 53 er Ausschuß (Zentralrat der Marine) am 7. Dezember 1918 In dieser schwierigen Zeit braucht die Revolution eine Gemeinschaft von Menschen, die sich zu dem geistigen Inhalt der Revolution bekennen. Draußen geht allerlei vor sich. Eine Deutung der Dinge ist den Arbeiter- und Soldatenräten nicht immer möglich, aber Klarheit kann geschaffen werden, wenn wir wissen, wo wir stehen und was wir wollen. Erkennen wir an, daß die Gedanken der Vorkämpfer Marx und Engels jetzt am Werke sind, eine neue Zeit zu schaffen, und daß wir durch die Tat des Proletariats am 9. November in die Lage gekommen sind, mit allem mittelalterlichen Gerümpel endgültig aufzuräumen, so müssen wir jetzt alles tun, um in die Ereignisse der Zeit den Sinn der Revolution hineinzutragen. Nur ein geringer Teil des Volkes, das jetzt vom Sozialismus berührt worden ist, weiß, daß unter »Revolution« nicht das zu verstehen ist, was uns im Geschichtsunterricht gelehrt wurde, weiß, daß die Revolution sich entwickelt auf der Grundlage ökonomischer Veränderungen. Soll eine neue Freiheit errungen werden, die von dem wirklich arbeitenden Volke, auch dem geistig arbeitenden, verstanden wird, so muß eine Aufklärung beginnen, die über den Sozialismus als Wissenschaft die Wahrheit sagt und es jedem möglich macht, den Vergleich mit der kapitalistisch-imperialistischen Ordnung selbst zu ziehen. Das kann jetzt zum ersten Male in solchem Maße geschehen. Es steht dann jedem frei, zuzustimmen oder abzulehnen; sehr viele Menschen aber werden sich wundern, wenn sie so nebenbei erfahren, daß es sich bei der Sache um ganz neue Formen des naturwissenschaftlichen Denkens handelt, also um eine Revolution des Gehirns. Es wird ihnen nicht entgangen sein, daß Friedrich Adler in der Zeit seiner Gefangenschaft ein Buch über den Naturwissenschaftler Ernst Mach geschrieben hat. Was jetzt geschieht, die Hetze gegen alle wirklichen Sozialdemokraten unter irgend einem Namen, der graulich macht, ist der Wunsch, von den Zuständen des bürgerlichen Zeitalters zu retten, was irgend zu retten ist. Die Arbeiterschaft hat in den wenigen Tagen, in denen sie das Rätesystem betrieben hat, bewiesen, daß die Auslese der Tüchtigen durch das Aufsteigen der wirklich tatkräftigen und uneigennützigen Menschen im System der Räte immerhin möglich sein wird. Es kommt darauf an, die Zeitspanne, die bis zu der künftigen Versammlung gegeben ist, auszunutzen und zu beweisen, daß die Arbeiter- und Soldatenräte etwas leisten, das entwicklungsfähig ist, und daß staatsrechtliche Formen daraus gebildet werden können. Ich zweifle nicht daran, daß es mit den alten Formen nicht mehr geht und daß etwas Neues kommen muß. Wie schnell und unter welchen Wehen es bei uns zur Welt kommen wird, das hängt von der Kraft ab, die wir der Aufgabe der Revolution widmen. Der Zeitungsleser weiß noch nicht, was überhaupt vorgegangen ist, der Sinn der Revolution ist der Masse nicht klar; Gehirne, die jahrelang belogen und betrogen wurden und auf die ein ganzes System von Verordnungen losgelassen worden ist, Gehirne, die in Kinderköpfen schon in den Rahmen einer falschen Geschichtslehre gezwängt wurden, lassen sich nicht in die Erkenntnis umsteuern, indem sie einen Schlag bekommen. Für die Masse des Proletariats ist der 9. November noch kein Tag der Freiheit geworden. Aber nun kommt unser Leichtsinn. Wir sind so voll Güte auch gegen die alten Methoden der Unterdrückung und des Mißtrauens; wir glauben, wir lebten schon in einer Zeit der Menschlichkeit, die uns das Zutrauen des deutschen Volkes sichern könnte. Das ist nicht der Fall. Die Masse will aber, wie ein Kind, etwas zum Spielen haben; bekommt sie nicht, was ihr heilsam ist, so greift sie nach einem andern; es gilt, ihr das Richtige zu geben, damit sie das Volk nicht unbrauchbar macht für Friedensverhandlungen. Das System der Räte wird zur Zeit in der Presse planmäßig herabgesetzt. Unregelmäßigkeiten, die unerheblich sind gegen das, was früher geschah, werden breit besprochen und übertriebene Lügen laufen ungehindert mit. Die Reaktionäre wissen die Aufmerksamkeit geschickt von der Vergangenheit abzulenken, indem sie auf die menschlichen Fehler hinweisen, die auch heute zu entdecken sind, wenn man sie sucht. Die Schuld des alten Systems ist im deutschen Volke noch nicht einmal bekannt, noch viel weniger gibt sie dem Denken der Massen revolutionäre Kraft und Zuversicht. Wir wissen, welch ein Verbrechen die Vertreter des U-Boot-Krieges begangen haben, und haben durch die Darstellung von Persius erfahren, welche Dinge in den inneren Marineangelegenheiten geschehen sind. Wenn das Volk sie erführe, wäre die Revolution gesichert, trotz aller Schwierigkeiten, die der Zusammenbruch des früheren Systems hinterlassen hat. Aber die Revolution selbst ist jetzt gar nicht einmal am Ruder der Republik; so ist es erklärlich, daß über die Schuldfrage nicht gesprochen wird. Dagegen wird es so dargestellt, als ob die Nationalversammlung ein wünschenswerter Ertrag der Revolution sein könne. In der Geschichte erscheint, sagt, glaube ich, Engels, jedes Ereignis einmal als Tragödie, das nächste Mal als Farce. Die Nationalversammlung von 1848 war übrigens bereits eine Farce. So eine Versammlung in dem alten Stile mit 75 Professoren wäre jetzt ganz unerträglich. Diese Bourgeoisie mit ihren Redensarten darf nicht wieder zu Worte kommen. Gewisse Größen der früheren Zeit sind nach dem, was sie geäußert haben, heute unmöglich. Schon der Anstand sollte ihnen gebieten, sich zurückzuhalten. Das Wiederauftauchen gewisser Namen würde von den Menschen der neuen Zeit nach den Opfern des Krieges als unerträglich empfunden werden. Den Willen zur Freiheit kann man niemandem aufschwatzen: er muß aus den Tatsachen entstehen. Durch das Leid und das Mitleid werden Menschen getrieben, neue Wege zu suchen. Es ist in den Kasernen, an Bord und auch in Gefängniszellen manches erdacht und gefunden worden, was in neue Formen gegossen werden kann und was auch unsern Brüdern in Rußland klar wurde, als der Zarismus sie in sibirische Gefangenschaft sandte. Es zeugt von unglaublich geringem Geschmack, daß das deutsche Volk nach den Leistungen des Reichstages der parlamentarischen Schwatzbuden noch immer nicht überdrüssig ist, und von geringer politischer Reife, daß es in sich nicht die Kraft fühlt, etwas Neues zu schaffen, was hoch über dem Parlamentarismus steht. Bei uns ist die Sache nun ganz einfach: Nationalversammlung heißt Reaktion; Rätesystem Revolution. Hier scheiden sich die Geister. Offenbar ist der größte Teil des deutschen Volkes heute politisch auf einer Stufe, auf der es gar kein Bedürfnis nach Freiheit verspürt und gar nicht weiß, was Freiheit ist. Das Mittelalter ist über den Haufen geworfen; die Kronen rollten auf das Pflaster. Es ist viel erreicht, das wissen wir, wenn wir uns dessen erinnern, was bisher war. Schreckliches haben wir durchlebt, als unsere armen Kameraden, weil sie vom Idealismus überschäumten, vor ein Kriegsgericht gestellt, von Richtern, die wir jetzt nicht um ihre Gewissensqualen beneiden, ins Gefängnis gesperrt und erschossen wurden. An solche Dinge uns zu erinnern, ist unsere ernste Pflicht, und uns nicht mit Kleinigkeiten herumzuschlagen, die zu der Größe der Zeit nicht passen.   Zum Frieden kann nur führen die entschiedene Abkehr von der Vergangenheit und das starke Verlangen nach einer besseren, reineren Zukunft. Die Entente macht mit uns keinen Frieden, solange keine Änderung der Gesinnung zu erkennen ist. Sie empfindet: das, was wir haben, ist durchaus nur Revolutionsersatz; Männer, die den Krieg um Jahre verlängert und die tiefste Erbitterung der Völker auf unser ganzes Volk gelenkt haben, wirken jetzt in der Regierung mit oder bleiben in ihren Dienststellungen. Es scheint gar nicht der Wunsch zu bestehen, von der Schuldfrage zu sprechen und dadurch einen trennenden Strich zu ziehen gegen die Vergangenheit. Die Entente kann sich nur denken, daß die Schuld die hier Regierenden hindert, das zu tun, was Kurt Eisner in München tat: die Geheimakten zu veröffentlichen, die durch die Revolution in den Besitz des hintergangenen Volkes gekommen sind. Wenn wir uns weder für besiegt erklären, noch die Schuld anerkennen, kann niemand mit uns verhandeln. Die Nationalversammlung soll angeblich Frieden und Brot bringen; die aber, die diese Versammlung wollen, haben kein Verständnis für die Bedeutung der Niederlage und Schuld, haben keinen Sinn für Revolution. Das hätte das erste sein sollen bei jeder wirklichen Revolution: das System der Gewalt und Lüge aufzudecken, sich davon öffentlich abkehren und sich zu neuen Menschheitsgedanken bekennen. Statt dessen hat man sich gar nicht darum besorgt, ob nicht wichtige Akten vernichtet und gestohlen wurden. Und das ist geschehen, und die Vertreter des alten Systems sitzen noch in den Ämtern und gestehen es lächelnd ein. Die ganze Menschheit hat gespannt darauf gewartet: Was werden die Deutschen nur sagen, wenn sie endlich erfahren, wie sie mißbraucht, betrogen, belogen wurden? Und jetzt, wo alle Archive denen offen stehen, die bisher in Vorzimmern oder auf der Straße warten durften, geschieht nichts. Was müssen unsere Brüder in aller Welt von uns denken? Sind wir phantasielos, haben wir keinen Sinn für dramatisches Geschehen? Wir sind jetzt bald soweit, daß die reaktionäre Presse behaupten darf, an der wirtschaftlichen Zerrüttung und der Blutarmut des ganzen Deutschlands seien die roten Fahnen schuld. Wir sind noch lange kein freies Volk. Es ist auch gar nicht zu verwundern, daß uns das Gefühl der Freiheit fehlt, wo wir zur Knechtschaft erzogen sind. Frei sind wir erst, wenn wir mit der Sehnsucht nach Freiheit leben und ohnedem nicht leben können. Wir sind befreit worden, ehe die Sehnsucht nach Freiheit reif war. Der Mensch lebt aber nicht von dem Besitz der Güter, sondern von der Hoffnung auf sie, und ist glücklich, wenn er die Möglichkeit hat, sie zu erreichen, wenn ihm der Weg dahin nicht versperrt ist. Weil uns dieses Gefühl der Freiheit, dieser Begriff von Glück noch fehlt, deshalb hat unser politisches Leben etwas so Trostloses, oft Niederziehendes, deshalb treffen wir immer wieder auf die Tatsache, daß unsere Volksgenossen an Selbstlosigkeit beim Gegner nicht glauben, ihm häßliche Motive unterlegen, ihn nicht achten. So, wie wir noch sind, will der Herrscher den Untertan. Wir sind schon mit großem Geschick und mit erstaunlicher Ausdauer zum Knechtsgeist erzogen worden. Erst wenn freie Rede, in Gruppen, in Versammlungen zur Gewohnheit wurde und das Volk Lust hat am Wort, das den Geist offenbart, erst dann kommen wir über diese Öde hinaus, in der sich die Masse mit trockenen Schlagworten und Formeln begnügt und auf das eigene Denken verzichtet, wenn ihr ein Name oder ein Doppelname hingeworfen wird, nach dem sie begierig schnappt. »England der Feind, U-Boote, Hindenburg und Ludendorff, Nationalversammlung«. Das sind solche Worte, hinter denen sich die Absicht verbirgt, die autoritätsgläubige Masse dumm und gefügig zu machen. Solche Masse wird jedem Geistigen, jeder Freiheit, jedem Menschheitsgedanken noch heute gefährlich, wenn sie von kaltstirnigen Gewalthabern mißbraucht wird. Das Schlagwort »Nationalversammlung« dient heute dazu, die Aufmerksamkeit von anderen Dingen, die viel wichtiger sind, abzulenken. Es ist beinahe gleichgültig, ob sie kommt oder nicht. Neues, Besseres kann sie dem Volke nicht geben: nichts, was es sich nicht heute schon durch revolutionäres Recht einfach nehmen könnte. Ihre Hauptgefahr liegt darin, daß das Volk wieder einmal, trotz aller schlechten Erfahrungen, verleitet wird, die lebendige Teilnahme an der Politik aufzugeben, sich des Verantwortungsgefühls durch einmalige Abgabe eines Stimmzettels zu entledigen. Wichtig wäre jetzt nur eins: den Völkern der Erde zu zeigen, daß wir andere geworden sind und so endlich zum Frieden zu kommen. Unsere Brüder in aller Welt wollen sehen, daß wir Menschen sind. Das können sie nur, wenn wir zeigen, daß wir menschlich mitempfinden. Wo aber ist bei uns Erbitterung über die Lüge, in der wir gehalten wurden, wo hört man den Schrei: »Das haben wir nicht gewußt; Menschheit, verzeih, wir waren blind.« Es ist nicht einmal die Neugier da, den Machtgötzen enthüllt zu sehen. Und deshalb bekommen wir nicht Frieden, nicht Brot: weil von einer Änderung der Gesinnung bei uns nichts zu sehen ist. Wir beleidigen unsere »Gegner« durch den Anblick von Männern, die das Frühere mitgemacht, es geduldet, ja verteidigt haben. So kommt die Stimmung nicht, in der die Menschheit aufatmen kann: »Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.« Die Legende von der Vertreibung der Kaiserin Es wird Zeit, die Legende zu zerstören, die Exkaiserin Augusta Viktoria sei im November 1918 von brutalen Revolutionären aus dem Schlosse vertrieben worden. Die Begebenheit, die dieser Erzählung zugrunde liegt, ist folgende: Mitte November 1918 hatte ich mit der Exkaiserin das Gespräch, das dazu benutzt wird, sie als die gekrönte Dulderin hinzustellen. Ich bemühte mich damals, Dokumente zu sichern, an deren Vernichtung die früheren Machthaber – und leider auch andere – ein Interesse hatten. Dabei kam ich auch in die Potsdamer Villa Ingelheim, in der die Exkaiserin bei ihrem Sohne Eitel Friedrich wohnte. Dieser fragte mich, ob ich auch seine Mutter zu sprechen wünsche? Da ich nicht die Absicht hatte, die Frauen zu behelligen, lehnte ich das ab. Dennoch ging der Prinz hinaus und kam nach einigen Minuten mit seiner Mutter wieder herein. Die Kaiserin war zu einem Spaziergang angekleidet. Sie trug ein braunes Seidenkleid und einen Hut mit braungefärbten Reiherfedern. Man sagte mir, daß Herr Hintze auf sie wartete und ein Herr Fehrenbach sich anmelden ließ. Zu meinem Erstaunen nahm die Kaiserin eine herausfordernde Haltung an und sagte in gereiztem Tone: »Was wünschen Sie von mir; ich habe mir gedacht, daß ich belästigt werde.« Ich sagte darauf: »Sie scheinen nicht zu beachten, unter welchen Umständen ich hier stehe,« ich sei der Vertreter des Volkes, das seinen Leiden ein Ende gemacht habe und dem es übrigens nicht zu verdenken wäre, wenn es sie wirklich mal belästigte. Die Anrede »Sie« traf die Exkaiserin so sehr, daß sie wörtlich sagte: »Und ich bin – ich war Kaiserin.« Da ich ihr anzusehen glaubte, daß sie müde sei, fragte ich sie, ob sie sich nicht setzen wollte, und zeigte auf den einzigen Stuhl, der neben uns stand. Sie dankte und fragte mich, wer ich sei? Ich erwähnte, daß ich im Kriege den Dienst als Offizier verweigert hätte, nachdem ich zu der Überzeugung gekommen sei, daß die deutsche Regierung den Weltkrieg provoziert habe und den Frieden verhindere. Sie sah mich erstaunt an. Ich glaubte ihr anzumerken, daß sie auf irgendwelche schrecklichen Dinge gefaßt war, und suchte ihre Angst zu mildern, indem ich etwas sagte von einem neuen, besseren System der Menschlichkeit und Liebe. Sie antwortete, teils erleichtert, teils etwas verwirrt: »So, das ist ja schön.« Dann beklagte sie sich plötzlich, daß im Berliner Schloß geplündert worden sei. Darauf riet ich ihr, das nicht so laut zu sagen, es könnte die Erbitterung derer steigern, die wirklich gelitten hätten. Sie sehe doch, daß niemand ihr ein Haar krümme. Sehr deutlich warf ich ihr vor: »Dieser Krieg hat eine Schädelpyramide gehäuft, und Sie beklagen sich, daß in einem Ihrer Schlösser frierende Menschen den Wäscheschrank Ihres Gatten plündern.« (Es war dieselbe Kaiserin, von der mitten im Kriegselend gemeldet wurde, sie ließe sich täglich telegraphisch berichten über die Nachforschungen nach einer Vase, die ein Schüler aus dem Schlosse Wilhelmshöhe geholt hatte, während doch Tausende jahrelang vergeblich auf ein Lebenszeichen von ihren Liebsten hofften und kein Telegraph für solche »unmilitärischen« Notwendigkeiten verfügbar war.) Von dem Wahne, die Hohenzollern würden jemals einsehen, daß ihr Mittelalter zu Ende ist, konnten mich die folgenden Bemerkungen heilen: Die Kaiserin war tief empört, daß die Soldaten den Weltkrieg nicht mehr mitmachen wollten. Sie sagte schließlich: »Sechs Söhne habe ich an der Front gehabt!« Ich riet ihr, nicht zu Vergleichen herauszufordern: Denn selbst wenn einer dieser sechs Söhne gefallen wäre, so wäre noch nicht der Ernährer einer Familie gefallen, und was das heiße, könne sie sich wohl kaum vorstellen. Die Sorgen, die sie jetzt habe, seien nicht zu vergleichen mit dem, was andere Frauen zu tragen hätten. Die Kaiserin schien sich wehren zu wollen gegen diesen Zwang, sich das wahre Gesicht des Krieges vorzustellen. Als ich dann in irgendeiner Verbindung das Wort »Proletarierfrauen« gebrauchte, rief sie aus: »Man hat doch fürs Vaterland seine Opfer gebracht!« Ich begann: »Was nennen Sie Vaterland? ...« Sie unterbrach mich aber: »Allerdings, wenn man kein Vaterland hat ...« Weiter kam sie nicht und verschwand in der Tür. Dies war also die schreckliche Mißhandlung, über die höhere Töchter jetzt Tränen vergießen. Es hatte mal jemand der Kaiserin offen gesagt, wie schwer andere Menschen durch den Krieg zu leiden hatten. Darauf reiste sie nach Holland. Die Legende von der mißhandelten Kaiserin soll jetzt wohl dazu benutzt werden, Schlüsse zu ziehen, wie schrecklich es Wilhelm II. ergangen wäre, wenn er statt nach Holland sich nach Cadinen zurückgezogen hätte. Er hat sich aber die Zuneigung so vieler grundsätzlicher Monarchisten ganz ohne Grund verscherzt. So furchtbar das Volk unter den Hohenzollern gelitten hat, niemand dachte daran, sich dafür an einem Mitglied des Hauses zu vergreifen. Es geht aber deutlich aus dem Verlauf des Gesprächs mit der Kaiserin hervor, daß sie nur auf die Rolle der Dulderin eingestellt war. Wie stolz wäre sie gewesen, wenn man sich mehr um sie gekümmert hätte und sie auch nur einen einzigen Tag da hätte zubringen dürfen, wo Rosa Luxemburg den Himmel hinter eisernen Kreuzen sah. Empfindsame Seelen, die heute nichts Wichtigeres zu denken haben, sind empört, daß die Kaiserin mit »Sie« angeredet wurde. Ich konnte ihr aber doch die Anrede »Majestät« nicht zubilligen und die Formel »Gnädige Frau« war mir gerade nicht zur Hand. In dieser zufälligen Anrede lag nicht die geringste Absicht der Kränkung. Als die Kaiserin meiner gut gemeinten Aufforderung, sich hinzusetzen, nicht folgte, hatte ich den untrüglichsten Eindruck, daß ich sie in irgendeinem Vorbild störte. Es gibt irgendein Bild, auf dem die Königin Luise in ähnlicher Situation steht. Sie töten den Geist nicht!     Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit, Wo bleibt Ihr, Freunde? Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit! Nietzsche     Wenn es möglich wäre, einen Verein der Suchenden, Unbestechlichen, Wahrhaften und Anständigen zu schaffen, jetzt hätte er entstehen müssen. Aber er entsteht nicht und kann nie entstehen; denn sein Inhalt wäre der Geist, und der flieht alle Formen, in denen Menschen bisher Gemeinsames gewollt haben. Die Versuche, Ziele hinzustellen und Anhänger auf bestimmte Gesinnung festzulegen, muten uns heute an wie Zeichen des Todes und nicht des Lebens. Wie könnten die ewig sich Wandelnden, die wirklich Verwandten einen Verein bilden! Die aber leiden in ihrer Einsamkeit in solch schrecklicher Zeit. Nur eins kann sie trösten: Das Bewußtsein, daß gleiche seelische Not und gleicher Wille zum Letzten in anderen lebt, und daß irgendeine Entscheidungsstunde ein Wetterleuchten bringen muß. Unsichtbar steigert sich Spannung überall und muß sich einmal entladen, mitten hinein in diesen grauen Himmel des Alltags mit all dem Trüben und Verstaubten. Solche Hoffnung macht uns beinahe das Unerträgliche erträglich: Das Leben in einer Gegenwart von Lüge, Schmutz, Roheit in Indolenz. Wenn der Mangel an allem, was uns Leben bedeutet, uns täglich aus unzähligen Geistern angrinst, hört beinahe jede Hoffnung auf für dieses Leben, das nur gelebt wird wie eine Wartezeit auf eine bessere Zukunft. Wo ist in unserem Volke Geist? Es ist alles geschehen, ihn zu töten und sogar das Bewußtsein zu unterdrücken, daß Geist Leben ist. Die Masse lebt engherzig in Furcht vor dem Leben, das verschüttet ist. Bevor das Leben selbst wieder erkannt wird, müssen alle Götzen und ihre Tempel zertrümmert werden. Umwertung aller Werte! Was überhaupt als Ideal hingestellt wurde, ist tot und nur dazu berufen, am Leben vorbeizutäuschen. Weshalb denn nur das Unerträgliche leben, das Tote? Weshalb Widerliches? Der Neid der geistig Armen auf alles Lebendige, Revolutionäre ist groß, und die Masse der Schlechtweggekommenen ist eine ungeheure Macht der Finsternis. Was schadet es! Was können Tote den Lebenden! Die Träger des Geistes sind unverwundbar, und sie allein fürchten den Tod nicht. Es ist kein geistiges Leben bei uns, weil sich im Volk der unergründlich tiefen Denker etwas als Geist ausgegeben hat, was nicht Geist ist. Alle Geistigen müssen in diesem Lande unglücklich werden. Was irgend an Totem, an Reaktion oder Mitteln zur Unterdrückung der Freiheit des Lebens aufzutreiben ist, ob aus dem Alten Testament oder von den Sioux stammend, hier findet es eine Stätte. Das deutsche Volk will nicht revolutionär sein, will nicht leben, will am Leben vorbei leben. Aber das hält kein Volk aus, und das Gesetz, daß alles in Bewegung sein muß, bricht aus dem Scheintoten noch als schreckliche Krankheit hervor. Das Volk sehnt sich danach, diese Welt zu zertrümmern, es findet eine Zeit groß, in der zerstört, niedergebrannt, zertreten wird. Ihr Revolutionäre Deutschlands, Ihr Geistigen, Ihr Wenigen, Ihr Nicht-Professoren und Nicht-Priester, laßt uns voneinander wissen; einen wollen wir uns nicht, denn unsere Einsamkeit ist das große Band, das uns verbindet. Aus unserem Schmerz, aus der Scham, mit der wir das ungeistige Wesen des Ewig-Gestrigen sehen, werde das große Lachen geboren, das unser Volk erlösen soll. Es glimmt das Feuer. Es flackert. Es ist da. Seid Ihr's Freunde? Ihr lebt. Es lebt in Euch, Ihr Feuerköpfe, Ihr glühenden Herzen. Denn – sie töten den Geist nicht, Ihr Brüder! Protest eines Menschen Diese meine Worte des Protestes sollen hinausgehen aus den Grenzen Deutschlands zu Menschen aller Völker. Wo immer denkende, fühlende Menschen jetzt leben, sollen sie aufhorchen und einen Schimmer von Hoffnung in ihren Herzen spüren, daß die edlen Kräfte der Menschheit doch nicht zuschanden werden. Die Sprache eines großen Volkes kann nicht nur der Lüge, dem Haß und der Unterdrückung dienen, sie kann nicht nur von Feiglingen und Bequemen benutzt werden; mit ihr, mit ihren kostbaren Worten muß protestiert werden gegen die finsteren Mächte, die das deutsche Volk regieren. Wir sind am Ende. – Das Leben ist nicht mehr wert, gemeinsam mit anderen gelebt zu werden, wenn Recht das ist, was seit Monaten in Deutschland als Recht gesprochen wird, und wenn niemand, der irgendwie dazu berufen ist, wagt, dagegen Einspruch zu erheben. Die deutschen Rechtsgelehrten protestieren nicht. Vor aller Welt und für alle Zeit ist es nun erwiesen, daß Gelehrsamkeit allein den Menschen nichts geben kann, was das Dasein erleichtert, es muß Mut und Verantwortung hinzukommen. Wenn es auf deutschen Universitäten Rechtsgelehrte gäbe, die einen Anspruch darauf machten, den hohen Gedanken des Rechts zu hüten, sie hätten protestiert gegen die amtliche Verhöhnung des Rechts, wie sie von allen Stellen, von Ministern, Offizieren, Staatsanwälten und Richtern seit Monaten ungestraft betrieben wird. Man kann sich unter Mord, Betrug, Fälschung, Meineid, Diebstahl, Bestechlichkeit nichts Schlechtes mehr vorstellen, seitdem diese Dinge von amtlichen Personen, von Ministern, Offizieren, Parteiorganen und Staatsanwälten begangen werden, ohne daß irgend einer dieser Mächtigen bestraft wird. Wenn also unter all den Männern und Frauen der Wissenschaft sich keine Gruppe findet, die die Ehre der deutschen Wissenschaft wahrt und gegen die Macht im eigenen Lande protestiert, so übernehme irgend ein Einzelner diesen Protest. Mit seinem Gefühl für die Heiligkeit vorurteilslosen und rücksichtslosen Denkens muß er wohl dazu berufen sein, die deutsche Wissenschaft vor der Menschheit zu vertreten. Und er spreche aus, was Millionen heute empfinden: Wenn die Männer, die den Krieg verantwortet, die ihn herbeigeführt, geführt, verlängert haben, wenn ferner im besonderen Fall die Verantwortlichen für die grauenhaften Verbrechen der Berliner Märztage nicht in Gefängnisse gesperrt werden, dann ist es Zeit, mit der Institution der Gefängnisse und Zuchthäuser ganz Schluß zu machen und den Begriff des Staatsrechts ganz abzuschaffen. Denn im Vergleich mit den großen Verbrechern, die das deutsche Volk verschont, ja, denen es huldigt, sind die Elenden, die in Gefängnissen festgehalten werden, unschuldig. Fast alle Häftlinge von heute sind Opfer des Kriegsverbrechens, und der Rest sind Kranke. Das Recht zu strafen und zu richten hat aufgehört. Seit mehr als fünf Jahren wird der Mord als eine gute Tat belohnt, wenn er auf Befehl begangen wird an Menschen, die für Menschenrecht kämpfen, für den Frieden und den Gedanken der Liebe. Seit dem November 1918 auch dann, wenn nur die Presse der besitzenden Klasse auf einen Menschen zeigt: »Spartakist«. Jede feine Differenzierung des Urteils hat aufgehört in einem Volke, das Zu- und Abneigung, lallend, verteilt nur auf zwei Begriffe: Hindenburg und Spartakus. Für den ersten ist Lohn und Ehre da. Für den zweiten Strafe und Schande, wie immer auch die Taten des einen und des anderen beschaffen seien. So will es das gestörte Rechtsgefühl des großen deutschen Volkes. Wo sind die Unbeirrten, die Unbestechlichen, deren Schild noch blank ist in solcher Zeit und die das Gewissen des deutschen Volkes sein können vor der Welt? Gibt es in Deutschland noch Einzelne, noch viele Einzelne, die in dem sittlichen Sumpf, den die Kriegsverbrecher geschaffen haben, aufrecht stehen können? Dann ergeht an sie der Ruf, ebenso einzeln zu protestieren gegen die Schande der heutigen Justiz. Die Prozesse, die vor aller Öffentlichkeit geführt werden, können nur den einen Sinn haben: jedem der denken kann zu zeigen, daß dort, wo Recht gesprochen werden soll, heute nichts anderes als das größte Unrecht hervorgebracht wird. Als Abschreckung kann Strafe keinen Sinn mehr haben, seitdem vorsätzlicher Mord ganz ungestraft bleibt und vollends Anstiftung zum Mord; zum vielfachen, wie im Falle Reinhardt,, zum vieltausendfachen, wie im Falle Helfferich und Genossen. Als Sühne ist Strafe undenkbar, weil die Prozesse zeigen, daß es nicht möglich ist, ein Gericht zu bilden, das ein gewissenhafter Mensch anerkennen könnte. Die einzig menschenmögliche Stellung zum »Verbrecher« hat Kurt Eisner eingenommen, der, als ein Attentat auf ihn gemacht wurde, in Bezug auf den Täter sagte: »Laßt ihn laufen!« So bin auch ich ja einverstanden, daß man die größten Verbrecher laufen läßt, die ganze Völker zerschlagen haben, nur sollen dann nicht die kleinen, ganz kleinen Verbrecher oder gar die Unschuldigen, die zu Tausenden in Gefängnissen leiden, anders behandelt werden. Solange die vor den Augen aller geführten Prozesse und Untersuchungen zeigen, daß kein Mensch Richter oder Zeuge sein kann gegen einen anderen, weil keiner frei ist von eigener Schuld, von dem Vorurteil seiner Klasse, seiner Zeit, solange ist keine Gewähr, daß in den vielen Gerichtsverhandlungen, in denen Menschen um Freiheit und Leben gebracht werden, ohne daß sich die Öffentlichkeit darum kümmert, unfehlbare Richter, einwandfreie Zeugen wirken. Das Unrecht aber, das im Namen des Gesetzes täglich begangen wird in all den lebensfeindlichen, freudlosen Gerichtszimmern Preußens, ist um vieles gefährlicher als das in Freiheit begangene, weil es in völliger Sicherheit an Wehrlosen geschieht, mit dem Bewußtsein der Selbstgerechtigkeit, der sittlichen Empörung und des Hasses, ja mit dem Augenaufschlag zu Gott. Es verdirbt die Richter schon durch die Atmosphäre von Feigheit, in der es entsteht und durch den ständigen Anblick der bezahlten Existenzen, die sich berufsmäßig an Menschenehre und -freiheit vergreifen müssen. Aus all dieser Erkenntnis heraus protestiere ich gegen die Indolenz der Verantwortlichen Deutschlands, der Gelehrten, der wegen ihres Studiums mit Autorität Bedachten, die sich jetzt zu keiner Tat aufraffen. Ich protestiere ferner dagegen, daß das Bestreben, Menschen der Strafe zu entziehen, nur bei den Vertretern der Macht geduldet wird und nicht bei den Wehrlosen, Unterdrückten, Armen. An rechter Stelle nehme ich den Ruf auf, der in letzter Zeit so oft aus unberufenem Munde gehört wurde: »Heraus mit den Gefangenen« – im eigenen Lande! Weg mit den Strafbegriffen des Mittelalters! Wie sie auf die Besitzenden und Bevorrechteten nicht mehr angewandt werden, so sollen sie auch das »gemeine Volk« nicht mehr treffen. Glaubt man aber die Allgemeinheit schützen zu müssen: Gemeingefährlich können nur die Mächtigen sein. Die gilt es zu bewachen. Nationalistische Pazifisten (Herbst 1919) Wenn doch die Deutschen, die Gedrucktes kaufen, ein Gefühl für Sauberkeit hätten, wenn sie Ehrgefühl hätten oder Keuschheit, sich nicht von jedem ansprechen zu lassen! Da sind zum Beispiel die Herausgeber einiger Zeitschriften, die darauf angewiesen sind, sich eine gewisse Abonnentenzahl zu erhalten. Sie sagen auf ihre Weise, was ist. Sie vergemütlichen das, was geschieht oder beinahe geschehen wäre fürs deutsche Gemüt, so daß sie immer auf der Höhe der Zeit sind, die Ereignisse erfolgreich abschwächen und in Jahresabonnements umsetzen. Im Grunde sagen sie nicht was ist, sondern was gefahrlos ist zu sagen. Es war für den Kenner höchst reizvoll zu beobachten, wie sich diese Anpassungsfrohen verhielten in einer Zeit, in der nur die geduldet wurden, die das System der Lüge nicht gefährdeten und die geistige Korruption als vaterländische Notwendigkeit anerkannten. Man blättere nur einmal in Kriegsheften gewisser Zeitschriften und entscheide sich dann, ob man beginnen will, anständig zu werden und die Konsequenz zu ziehen, die nur sein kann: Ausschaltung der Menschen, die die Lüge auf irgendeine Weise gestützt haben und sei es nur dadurch, daß sie, statt durch Schweigen zu obstruieren, einen Wahrheitsersatz verbreitet haben, der die Gehirne statt der Wahrheit füllte. Ausschaltung derer, die mit den kriegsverlängernden Mächten paktiert haben, Entschädigung annahmen oder sonst in irgendeiner Weise käuflich waren. Reinigung des öffentlichen Lebens. Nur Männer mit unbefleckten Händen an alle sichtbaren Stellen!   Es ist klar, daß jemand, der im Dienst der Schuldigen gestanden hat und geholfen hat, den Völkerhaß zu schüren, so lange er militärische Notwendigkeit war, jetzt so tun muß, als könne die Schuld geleugnet werden und als ob ein gewisser Völker- und Rassenhaß von Nutzen sei. Diese zweckmäßige Richtung nennt sich »deutscher Pazifismus« und bietet die Möglichkeit, sich über Menschheitsdinge zu unterhalten, ohne die teutonische Gesinnung zu ändern, also ohne Treitschke und Genossen über Bord zu werfen. Mit deutschem Pazifismus, mit einem nur etwas gedämpften »wir sind wir« und »Gott strafe Frankreich« findet man im deutschen Spießertum noch Verständnis; der Bürger ist ja schon dankbar, wenn ihm versichert wird, er könne weiterschlafen. Die großen Gedanken, mit denen die Welt neu aufgebaut werden soll, sind ja in der Tat für Leser deutscher Familienblätter zu unverständlich. Die Leser würden, wenn sie davon erführen, glauben, sie seien verrückt, so furchtbar ist die plötzliche Erkenntnis, daß das, was sich wie Licht gebärdete, das gedruckte Wort, von dem Generalkommando und seinen unverdächtigen Zuhältern dazu benutzt worden ist, ein ganzes Volk in Dunkelheit zu halten. Es ist in deutscher Sprache so gelogen worden, daß man zweifelt, ob sie sich überhaupt noch dazu eigne, die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. Das ungefähr ist der Grund, weshalb deutsche Pazifisten auftreten. Sie müssen so tun, als ob das, was sie aus Klugheit oder Furcht schreiben, einer ernsthaften Gesinnung entsprungen sei, und behaupten, sie seien Pazifisten, wenn es ihnen gelingt, mit solchen ins Gespräch zu kommen, die sich schon Pazifisten nannten, als das gefährlich war. Bei dem in Deutschland herrschenden mangelnden Geschmack und Ehrgefühl in politischen Dingen kann es ihnen dann gelingen, die Aufmerksamkeit von ihrer eigenen Vergangenheit abzulenken. Gefährlich sind solche Betriebsame vor allem dadurch, daß sie ernten, was sie nicht säten, und das politische Leben korrumpierten, weil jedermann sieht, mit Vorsicht kommt man bei uns ebensoweit, wie mit Mut und Opfersinn. Gefährlich sind sie auch deshalb, weil ihnen die Unkompromittierten unbequem sind, die, wenn Reinlichkeit Platz greift, ihnen vorgezogen werden. Herr Dr. Hermann Popert, mit dem ich vor Jahren eine Zeitschrift begründete, und neben dem ich mich als Herausgeber nennen ließ, hat den Wunsch, jetzt als Pazifist zu gelten und fürchtet, ich, der wirklich Pazifist war, könnte ihm unbequem werden. Er dichtet mir deshalb die Gesinnung an, die denen angedichtet wird, die man heutzutage »auf der Flucht« zu erschießen beliebt und droht, mich, wenn ich mich nicht zurückhalte, durch Hinweis auf das, was ich wegen meiner pazifistischen Gesinnung in »Großer Zeit« auf mich nehmen mußte, unschädlich zu machen. Da er nicht behaupten kann, Pazifist von meiner Art zu sein und sich Fried, Stöcker, v. Gerlach, Nicolai wohl auch verbitten würden, wenn er neben uns Platz nähme, behauptet er, wir gingen zu weit und nennt sich deutscher Pazifist. Er druckt Worte der Entschuldigung für die deutsche Kriegsführung, behauptet, Deutschland habe den Krieg nicht begonnen, rechtfertigt den Einfall in Belgien, nennt die Zerstörung von Löwen, die Füsilierung von Belgiern kaltblütig »ganz natürliche und anerkannte Folgen des Franktireurkrieges«, spricht mit Gemütsruhe über die Hinrichtung der Miß Cavell, als ob es sich hier um nichts weiter als um die »Ausübung klaren deutschen Rechtes« handle, und rechtfertigt die Versenkung der Lusitania und den U-Boot-Krieg. Er schreibt so, als sei er wirklich der Meinung, er dürfe nach allem, was hinter uns liegt, über diese Dinge nüchtern, als Jurist, sprechen und hindert dadurch den Wechsel der Gesinnung, auf den die Menschheit wartet. Wie schrecklich! Die, die jede Unmenschlichkeit der deutschen Militärbestie beschönigt und dem Spießer in harmloser Form präsentiert haben, die das Herz und Gefühl der Menschen immer wieder verschütteten, dürfen jetzt noch so tun, als ob sie aus Achtung vor dem Recht gehandelt hätten! Dieser Krieg aber war für die geistige Menschheit ein Scheidewasser. Wie sich jemand unter dem Druck der Lüge und Gewalt verhalten hat, das stempelt ihn für immer. Dr. Hermann Popert hat bekennen müssen, daß er mit dem merkwürdigen Politiker »Fidelis« identisch ist, der sich in den letzten Kriegsjahren die Aufgabe gestellt hatte, die jeweilige Regierung, die Gewalt hatte, zu verherrlichen und dem Volke einzureden, daß die Sache des Friedens bei uns in keinen besseren Händen sein könne. Und deshalb, weil Popert der unheilvollen Aufgabe diente, die Aufmerksamkeit von der Schuld der deutschen Regierung abzulenken und das aller Welt deutliche Friedenshindernis, die deutsche Regierung, zu stützen, deshalb, weil er geholfen hat, den Krieg zu verlängern und die menschliche Empörung zu hindern, auf die die friedenshungrige Menschheit wartete, deshalb hat er ein Recht verwirkt, sich Pazifist zu nennen. Erst ein ehrliches, erschütterndes Bekenntnis; erravi, peccavi und eine ehrfürchtige Verbeugung vor allen aufrechten Bekennern vom Schlage der Liebknecht, Eisner, vor der Wahrheitsliebe eines Fried könnte Menschen seiner kriegerischen Vergangenheit das Vertrauen der Geistigen wiedergeben. Er aber glaubt auf andere Weise über seine Kriegstätigkeit hinwegzukommen: indem er Pazifisten zu einer Unterhaltung einlädt wie seinesgleichen. So etwas darf nicht dulden, wer, wie so viele Pazifisten, für seine Überzeugung schwere Leiden auf sich nehmen mußte, während Herr Popert und seinesgleichen das alte System stützten und nichts taten, die Riegel der Kerker früher zu sprengen als die Matrosen des 9. November. Und deshalb müssen wir die Hefte durchblättern, in denen Herr Fidelis politisch belehrt und prophezeit, was inzwischen so ganz anders gekommen ist. Ein Durcharbeiten dieser Hefte ist nicht nötig; flüchtiges Blättern genügt, um den Geist dieser Politik zu erkennen und sich zu überzeugen, daß man weder den Versuch, sich mit Fried über Elsaß öffentlich zu unterhalten, noch die mindestens komische Abfertigung Kurt Eisners als eines »guten Literaten, aber politischen Phantasten« ernst zu nehmen braucht. Das Bild ist ganz deutlich: Die Bethmann und Genossen brauchten neben vielem, was im Schatten des Krieges gedieh, eine Feder von der Dienstbeflissenheit und Ergebenheit, von der Treue eines Fidelis, um die Aufmerksamkeit von sich und ihren Verbrechen abzulenken. Fidelis betrachtete es daher als seine Aufgabe, einen mutigen Kampf gegen die Alldeutschen zu führen und die regierenden Männer gegen die Übertreibungen der Alldeutschen in Schutz zu nehmen. Die politisch wohl besonders mit Weisheit gesegneten Leser seiner Aufsätze merkten nicht, daß dieses Manöver der Regierung ermöglichen sollte, so alldeutsch wie möglich zu sein; denn die albernen Übertreibungen der alldeutschen Presse waren ebenso wie des »Berliner politischen Mitarbeiters« »Fidelis« treffliche Aufzählungen dieser Torheiten, eine von ihr gewünschte Arbeit. Verglichen mit Reventlow waren die Bethmann, Kühlmann, Hertling ja die reinen Pazifisten – in den Augen der Deutschen; im Ausland, auf das es ankam, glaubte kein Mensch an die ehrliche Gesinnung dieser Leute. Wären Herrn Bethmann die alldeutschen Blätter wirklich unbequem gewesen, so hätte er sie nur zu behandeln brauchen, wie er die pazifistischen Zeitungen behandeln ließ, und er brauchte der Regierung dazu nicht den politischen Scharfblick eines Fidelis zu sichern. Aber es wiederholte sich immer dasselbe Spiel: Zum Beispiel das alle Friedenskeime vernichtende Verbrechen des uneingeschränkten U-Boot-Krieges. Bethmann begeht es. Fidelis rechtfertigt es und beschwichtigt alle Zweifler in einem langen, äußerst naiven Aufsatz: »Warum wir vertrauen.« Er glaubt alles, was »unser sicherer und gewissenhafter Kanzler« und die Marinesachverständigen(!)sagen und stellt es so dar, als ob es zu jener Zeit nur darauf ankäme, Bethmann in Schutz zu nehmen gegen diejenigen, die ihm vorwarfen, er beginne diesen Krieg zu spät. In diesem Artikel werden Bethmann und der Kaiser mit den Phrasen ihres sogenannten Friedensangebotes typisch gezeigt als die größten Friedensbringer der Welt, im Gegensatz zu den Alldeutschen und den »Kriegshetzern George, Briand«. So etwas ist in der Wirkung nichts anderes, als Leser planmäßig und raffiniert irreführen, die Aufmerksamkeit von den Verbrechen der Regierung ablenken, die Kritik töten und gar den Völkerhaß schüren. Wer auch ans Ruder kam: Michaelis, Hertling, Prinz Max und wie die längst Vergessenen heißen, die sich über Zusatzstimmen im Wahlrecht unterhielten; jedesmal stellte sich Fidelis hin und erklärte der staunenden Menge: »Seht diesen famosen Mann, es gibt keinen geeigneteren, das ist der Führer, hört seine friedlichen Reden eines Friedensengels; er bringt die Ethik in die Politik. Wie viel gemäßigter ist er doch als die Alldeutschen; wenn jetzt die Feinde immer noch nicht wollen – dann werden unsere Waffen es ihnen zeigen!« Daneben verzapft er so viel Völkerverständigung, wie die Regierung erlauben mußte, damit die Zeitschrift, in der diese Aufklärung betrieben wurde, als pazifistisch gelten konnte. Wie minimal Poperts Pazifismus damals war, geht allein aus der Tatsache hervor, daß er meine Beteiligung an der Gründung der »Zentralstelle Völkerrecht« als Gefährdung unserer Zeitschrift ansah und mich veranlaßte, meine Eigenschaft als Herausgeber aufzugeben. Der innere Grund war natürlich der, daß er wußte, ich konnte sein Paktieren mit der Regierung nicht billigen und war für keine Abhängigkeit zu haben. Fidelis rechtfertigte die Haltung der Regierungssozialisten, indem er ihre heuchlerischen Sätze bringt: »Die Kreditverweigerung würde den Krieg nicht beenden«. »Selbstverständlich dürfen wir Elsaß nicht herausgeben« (November 1918). Der Zweck seiner ganzen Tätigkeit war also der: Die Leser sollten nicht erkennen, daß die Vorbedingung für den Frieden die Beseitigung aller Vertreter des schuldigen Systems war. Dazu beschäftigte er die Leser mit dem ganz überflüssigen Kampf gegen die Alldeutschen, dem die Regierung aus ihren Hauptquartieren schmunzelnd zusah. Der untertänige boche war mit sich beschäftigt, er erfuhr nichts über die Stimmung des Auslandes, er brauchte nur aufgezogen zu werden, um auf den »Unverstand unserer Feinde« zu schimpfen und unsere Regierenden in Ruhe zu lassen. Einige Proben dafür, welch sicherer Prophet Fidelis war, und wie dieser Pazifist den Weg zum Frieden versperrte: Im Januar 1918 schreibt er von »unsinnigen Kriegserwartungen der Entente«; unsere Zustände aber seien gesund, unsere Politik könne keinen Mißerfolg haben. Im Februar 1918 ist ihm das Wichtigste, für den »Volksbund für Freiheit und Vaterland« zu werben. Wo ist er jetzt? Fidelis schrieb noch im Februar 1918: »Als Bethmann seine große Rede gehalten hat, hat er einen Markstein in der Weltgeschichte gesetzt«, er, »der Bahnbrecher der ethischen Politik.« Wo ist das alles jetzt? Den Ostfrieden, der uns das Mißtrauen aller Völker eintrug, findet er in Ordnung. Von Solf sagt er, seine Grundanschauungen bewegten sich in den Bahnen der ethischen Politik. Am 2. Mai 1918 zeichnet er ein Bild der Kolonialpolitik, wie es Solf hat, »der berufenste Sachverständige, den Deutschland hat«. Es war merkwürdig, daß gerade bei uns die Berufensten immer die höchsten Ämter bekleideten, und ein Aufsatz über den »Aufstieg der Begabten« in derselben Nummer der Zeitschrift war demnach eigentlich überflüssig. »Der Friede wird da sein, sobald in England ein Umschwung kommt. Unsere Waffen können das beschleunigen.« Ist auch das Pazifismus? Am 31. Mai rechnet Fidelis dem beglückten Volke vor, wie Gewaltiges an Erdöl sich Herr Kühlmann in Bukarest sicherte, und sagt, man müsse nun begreifen, weshalb der Kanzler – sein Name ist inzwischen verschollen – Herrn Kühlmann am Bahnhof empfing. Juni 1918 eine Drohung über den Kanal: »England soll spüren, wie Deutschland sich seiner Feinde erwehrt.« Wie denn? Den braven Grafen Hertling – er ist wohl inzwischen gestorben? – bringt er schon durch eine Überschrift in den Verdacht, er habe ein »Außenprogramm«. Noch am 8. Oktober 1918 vergöttert er die Generäle: »Ganz besonders wollen wir daran denken, daß die Rückzüge, die Hindenburg in diesen Tagen befohlen hat, sich stets als seine militärischen Meisterwerke herausgestellt haben.« Am 16. September 1916 schrieb die Schriftleitung des »Vortrupp«: »Hindenburg Chef des Generalstabes – ein freudiges Aufatmen geht durch das ganze deutsche Volk. Endlich! Das war so, ist so und bleibt so.« Ist das wirklich so geblieben? Am 5. Oktober 1918 war wieder einmal der einzig Richtige zur Macht gekommen: »Wir sind auf dem rechten Wege. Prinz Max von Baden. Wir haben jetzt einen Führer.« »Versäumen wir nicht, dabei des Mannes zu gedenken, der der Bahnbrecher der ethischen Politik im Reiche geworden ist: der fünfte Kanzler, Bethmann Hollweg.« Es ist genug. Schon zuviel. Aber es mußte einmal an einem Beispiel gezeigt werden, mit welcher Kühnheit sich Menschen, die mindestens nichts für die Beseitigung der Friedenshindernisse getan haben, sich neben die aufrechten Kämpfer hinstellen und erwarten, daß sie anerkannt werden. Und noch immer fehlt in unseren »gebildeten Schichten« der Wille zu reinlicher Unterscheidung des Echten vom Unechten, der Halbheit und des Opportunismus von dem Ganzen. Wenn unsere Vereinsmeier doch endlich merkten, daß alles Winseln um Gnade bei der Entente nicht soviel wiegt, wie ein energisches Abrücken von allen Schuldigen und Kompromittierten. Wenn unsere Meinungsmacher endlich nicht mehr mit der Vergeßlichkeit rechnen können, sondern wissen, daß nur unbestechliche Gesinnung ihnen Kredit sichert, dann ist das neue Volk da, das nicht mehr eingekreist zu werden braucht. Eisner sagte kurz vor seinem Tode: »Zwischen Gedanken und Tat darf kein Widerspruch und kein Zeitraum bestehen.« Meine Mitschuld am Weltkriege     Das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden.     Es darf nicht sein, daß ein Bund der Völker noch länger verhindert wird, weil ein Volk, ein einziges Volk in dem Verdacht steht, sich nicht zum Menschentum bekennen zu wollen. Was hinter uns liegt, ist verbrecherisch und unmenschlich; nur wenn wir zeigen, daß wir davon abrücken, daß wir nichts damit gemein haben wollen, dann können wir mit anderen am Tisch sitzen. Wir können es nicht, wenn wir uns den Anschein geben, als ob wir bei dem, was früher geschah, nichts fänden. Nur aus unserem Bekenntnis zur Schuld kann Friede entstehen. Weshalb dieses Bekenntnis unterbleibt? Von mehreren Gründen ist einer der, daß es jedem einzelnen von uns schwer wird, die eigenen Fehler einzugestehen. Es ist also nötig, daß der einzelne das Beispiel gibt, zurückdenkt und erkennt, wie er die Ursache des Unglücks wurde. Gerade der Krieg hat doch wohl gezeigt, daß wir andere Menschen nicht erkennen können, und wenn wir gerecht wären, müßten wir eingestehen, daß wir unter dem Begriff »Feind« etwas verstanden haben, was es nicht gibt. Der »Feind«: das ist eigentlich nur jener Mensch, den wir nicht lieben durften, weil sonst das Geschäft des Krieges gestockt hätte. Das Ende des Krieges hat gezeigt, daß alle Kriege gleich enden: mit Erschöpfung, Verwirrung, Hungersnot und Krankheit. Weshalb nur haben die, die Kriege aus eigener Anschauung kannten, nicht vor dem Kriege gesprochen und gewarnt, als so gewissenlos zum Kriege gehetzt wurde? Ich selbst gehöre zu denen, die bekennen müssen, daß sie nicht alles getan haben. Was Krieg bedeutet, das hatte ich in den Jahren 1905/06 in Afrika kennen gelernt. Ich war erfüllt von überraschenden Eindrücken, und eine innere Stimme sagte mir, ich müsse sprechen, müsse warnen. Aber ich sprach und warnte nicht. Jetzt stehen wir Deutsche auf einem Trümmerhaufen, und wir stehen als Blinde darauf. Wir sind noch unbelehrt, noch ist kaum eine Spur von Besinnung, von Buße, von innerer Umkehr da, und gerade in diesen Tagen donnern Geschütze in der Stadt; kunstvolle Bauten werden zerschossen und Blut fließt auf das Straßenpflaster. Es herrscht also noch immer der große Irrtum, der nicht als Irrtum genannt wird: daß der menschliche Körper dafür geschaffen sei, von Geschossen getroffen zu werden. Es muß ein Irrtum sein, ein grauenhafter Irrtum, und es muß in anderen Menschen, die sonst so aussehen und einhergehen wie ich, die klare Erkenntnis fehlen, die ich habe: daß der menschliche Körper ganz und gar ungeeignet ist, ein Geschoß aus Metall in sich aufzunehmen, und daß auch menschliche Kunstwerke unmöglich dazu da sind, mit Granaten nach Kommando beschossen zu werden. Und dann ist da noch ein Hauptirrtum: daß es Feinde gebe. Es gibt keine! Es gibt nur einen Feind: die menschliche Dummheit, und die wohnt in unserer eigenen Brust. Was in den Dezembertagen 1918 geschehen ist, beweist wieder den ganzen Irrtum und die ganze Gefahr des Militarismus. Hier ist die Waffe, der Sprengstoff, hier das Reglement, das vorschreibt, wie geschossen und gehauen wird, und hier ist der General, der sich rühmt, als »braver Soldat« unpolitisch zu sein und Befehle auszuführen und die »Ordnung« und Sicherheit zu schützen. Er rühmt sich, er tue seine Pflicht, wenn er im Namen der Ordnung, der Obrigkeit, der Sicherheit den Befehl gibt, Menschen zu töten, Menschenwerk zu zerstören. Er rühmt sich, daß er brav sei, wenn er keine Milde, Gnade übe und die Stimme des Gewissens verleugne. Er sagt, ich bin Soldat, und brüstet sich also noch, kein Mensch zu sein. Dieser General befiehlt Offizieren, die wieder sagen, sie seien brav, weil sie gehorchen und nicht denken, und die Offiziere befehlen Soldaten, die wieder gehorchen und in dem Glauben, daß ihr Gehorsam unter allen Umständen etwas Gutes sei, das Unglaubliche vollbringen, auf Befehl Kanonen abzufeuern, Flammen zu werfen, Menschen zu erstechen, obwohl jahrelange Erfahrung gelehrt hat, daß die Offiziere nur befehlen, aber nichts wissen, und deren Vorgesetzte noch weniger wissen; daß diese sogar schädliche Menschen sein können und es durch das gewissenlose Vertrauen der Masse oft auch geworden sind. Die Soldaten begehen die Gewissenlosigkeit, solchen Menschen immer noch Vertrauen zu schenken, nur weil sie eben Offiziere sind, und nicht zu fragen, worin denn die Gewißheit besteht, daß ein General die Begriffe von Freiheit, Menschlichkeit und Recht habe, die allein dazu geeignet machen, über Bewaffnete zu befehlen. Solange nun die Heeresmaschine besteht, wirkt die Suggestion, die diese Maschine schmiert; dem Befehl wird gehorcht, und erst nachdem das Verbrechen aus Unwissenheit und Beschränktheit der Generäle und aus dem Gehorsam unvergleichlicher Truppen geboren wurde und die Aufklärung beginnt, die ja jetzt nicht mehr unterdrückt werden kann, erst dann kann der Wille der Soldaten sprechen. Aber dann stehen die Toten nicht mehr auf, und nie kann es verstanden werden, weshalb deutsche Soldaten noch immer nicht wissen, was ein General ist und welch widersinniges Ding ein Geschütz, dessen Mündung auf Befehl gegen Menschen und Menschenwerk gerichtet wird. Weshalb dringt das, was gewiß ist, nicht in die Köpfe, in die Herzen? Weil die Wahrheit nicht oft genug gesagt wird, nachdem die Lüge und immer nur die Lüge das Wort hatte. Menschen müssen sprechen, sie sollen aussprechen, was ihr Herz bewegt und ihr Gewissen erschüttert. Und dann wird es sich zeigen, daß wir Menschen sind, und wir werden der Praxis der eisernen Stirn entgegensetzen die der menschlich offenen Reue. Die Gehorsamen wissen noch immer nicht, was ein General ist. Nehmen wir an, er sei ein guter und ein edler Mensch, so ist er doch ein Mensch. Und wir tun unrecht, wenn wir in ihm nicht mehr den Menschen sehen und glauben, er leide nicht Schaden unter den Versuchungen, denen der Mensch durch seine Stellung ausgesetzt ist. Macht bessert den Menschen nicht. Wer einem Menschen Macht anvertraut, hat die Pflicht, ihn zu kontrollieren, sonst ist er mitschuldig an den Verbrechen, die er begeht. Bequem und gewissenlos handelt der, der einen Menschen mit den Vorrechten und dem Ansehen eines Generals ausstattet und ihm dann, wenn er großartig vor aller Augen steht, göttliche Weisheit zuschreibt, weil ein Betrieb in technisch guter Ordnung weiter läuft, wenn er befehlend oder strafend an der Spitze steht. Er ist ein Mensch wie du. Stell diesen Menschen in Uniform in das Stabsquartier, in das viele Telephondrähte münden, umgib ihn mit einem Stab betreßter Offiziere, die die Hand an die Mütze legen und die Hacken zusammenschlagen, leg ihm eine Karte mit einem Zirkel auf den Tisch: dort rechts stehen die Aufrührer, die – Feinde; hier stehen unsere unvergleichlichen Truppen. Die Entfernung ist so und so weit, die Uhr ist so und so viel. Ultimatum. Zehn Minuten. Alle Augen sehen auf ihn, den genialen, der noch einmal zum Zirkel greift, noch einmal nach der Uhr sieht und dann den kurzen Befehl gibt. Und dann, dann geschieht das Große: ein Mord, ein Verbrechen, das Evangelium wird geschändet und die Masse schaudert nicht, sie sträubt sich nicht, sie schämt sich nicht; sie jubelt, weil es kracht, weil Blut fließt, weil Eisenstücke Kunstwerke zerstören, an denen die Menschheit so lange und mit so viel Liebe gebaut hat. Der General aber ist ein Mensch, er ist es, wo er ohne Ordensschmuck allein ist. Du Klotz von Zeitungsleser kannst dir nicht vorstellen, daß dem streng blickenden Auge des Gewaltigen auch Tränen entquellen können, daß die Stimme, die schneidig ertönt, weil du es nicht besser verdienst, in Schluchzen erstickt, daß der Ekel vor deiner Sklavengesinnung durch eine weiche Hand verscheucht werden muß. Der General ist schuldig, er ist's; aber nicht der Mensch allein, nicht der Mann, sondern der unbegreifliche Gehirnzustand General . Hindenburg und Ludendorff: Das sind keine Menschen, keine großen und keine verbrecherischen. Ob es Männer dieses Namens gibt oder ob zwei andere Namen an ihre Stelle treten, ist höchst unerheblich. Sie sind ein Geisteszustand von Sklaven, ein Symbol der Unfreiheit eines Volkes, das Buße tun muß. Meine Mitschuld am Weltkriege besteht darin, daß ich den Irrsinn des Krieges schon vor dem Kriege erlebt hatte und mich bestimmen ließ, mein Gewissen zu beruhigen, zu schweigen oder gar im üblichen Stil über solche Dinge zu sprechen. Ich nenne das Schuld, obwohl es auch wirkliche, unmittelbare Schuld am Kriege gibt. Mir ist, als ob das Denken der Menschen schon vor 1914 hätte geändert werden können, wenn jeder, der in Afrika oder China Krieg erlebte, als Mensch laut gesprochen hätte, anstatt zu dulden, daß er als Held gefeiert wurde. Es ist eine Schuld! Mitunter, als ich in schönen Sälen gutgekleideten Menschen meine Erlebnisse schilderte, beunruhigte mich die Art, wie diese Menschen meine Erlebnisse genossen, und daß sie die Wahrheit nicht hören wollten, daß sie enttäuscht waren, wenn ich ihnen zeigte, wie ich in Wirklichkeit dachte. Ich merkte, daß man das, was ich wirklich erfahren hatte, nicht hören wollte. Die Menschen waren unfähig, sich das Elend des Krieges vorzustellen und Schlüsse daraus zu ziehen; sie wurden sogar systematisch davor bewahrt, darüber nachzudenken, ob Krieg etwas Gutes und Notwendiges oder etwas Schlechtes sei. Ich verschwieg die Wahrheit und glaubte, die Menschen könnten reif werden, die Wahrheit selbst zu finden, wenn man die Betäubung von ihnen nähme, die aus den Gewohnheiten des täglichen Lebens entspringe. Ich fand, daß die Menschen sich täglich betäuben, um nicht zu sehen, was jeder sehen mußte, und ich schloß mich den Bewegungen an, die etwas Besseres aus den Menschen machen wollten, die den Rausch bekämpften und das Mitgefühl mit allem Lebenden weckten. Ich tat das, weil ich glaubte, Zeit zu haben, die Menschen zu bessern. Unterdessen ging aber die Lüge weiter, und das Volk wurde reif gemacht für die Kriegsstimmung des 4. August. Ich habe nicht anders gehandelt, als viele andere es in meiner Lage getan hätten. Sie mögen zurückdenken und eingestehen, wie sehr wir Opfer anerzogener Vorurteile waren. Wie war denn unsere Bildung in früher Jugend? Soldatenspiel und Soldatenspiele; der Begriff des Erbfeindes wurde uns eingehämmert, wir wußten von Heldentaten gegen ihn und hörten nie von dem gemeinsamen Feind aller Menschen und von Kampf gegen Gewalt und Unterdrückung. Wir wurden durch Spiel, Unterricht und allgemeine Stimmung geradezu lüstern gemacht auf Krieg, und als wir herangewachsen waren, lagen hinter uns Indianerspiele und der Gallische Krieg, vor uns die Aussicht auf Ansehen und Vorwärtskommen, wenn irgendwo ein Schuß fiel. In China, in Afrika und noch 1914 fand der ausbrechende Krieg Menschen vor, die für Krieg ebenso vorbereitet waren wie ich und dazu erzogen, jeden Zweifel zu unterdrücken. Bewußt oder unbewußt: Wir konnten, auch wenn wir die Greuel des Krieges erlebten, nicht die Wahrheit sprechen. Sobald der Ruf erscholl »Krieg!« wurden wir in ein Schema hineingerissen, und wehe uns, wenn wir uns dagegen sträubten. Ich sträubte mich dagegen; auf Schritt und Tritt fühlte ich die Unwahrheit dessen, was ich tat; litt unter den Widersprüchen, in die ich mit meinem Gewissen kam. Heute weiß ich, daß ich eine Schuld auf mich nahm, als ich mich verleiten ließ, das, was ich erkannt hatte, nicht zu bekennen, und mich nach den ersten vergeblichen Schritten zurückhielt. Gewiß, ich ging, als ich nach Deutschland zurückgekehrt war, zu den Generälen hin, die den Krieg verherrlichten und sagte ihnen: »Ihr irrt: Krieg ist nicht das, was Ihr darin seht, er ist ganz etwas anderes. Nichts an ihm ist frisch und fröhlich, nichts an ihm ist wahr und ehrlich, nichts ist klar; er beginnt mit Mißverständnis, wird mit Lüge geführt und endigt mit Verwirrung.« »Junger Mann,« sagte einer der Generäle, »was wissen Sie vom Krieg, wenn Sie sich in Afrika mit Negern herumgeschlagen haben. Ich habe drei Feldzüge mitgemacht ...« Und das war der Einwand, der am meisten wiederkehrte, wenn ich den Gedanken aussprach, daß Krieg etwas sei, was nicht mehr sein sollte: »Der Krieg, den Du mitgemacht hast, war nicht groß genug, um die Schönheit und den Nutzen des Krieges zu erkennen.« Heute weiß ich, daß ich mich zu Unrecht habe einschüchtern lassen. Diese Generäle, mit denen ich sprach, waren nicht nur durch ihren Beruf und ihre einseitige Bildung Vorurteilen zugänglich, sie waren – es ist schrecklich, das zu denken – sogar geschäftlich daran interessiert, daß die Lüge von der Notwendigkeit und Heilsamkeit des Krieges weiter bestehe. Mein Jugenderlebnis in Afrika war doch so klar, und alles, was ich dachte und erfuhr, hat der große Krieg dann auch bestätigt. Was ich im Jahre 1905 erlebte, war dies: Neger lehnten sich gegen die Bedrückung auf, bewaffneten sich und bedrohten die Weißen und ihre Helfer. Ich war damals Offizier auf einem Kriegsschiff an der ostafrikanischen Küste, und weil ich die Sprache jener Neger sprach und auf Jagdausflügen gezeigt hatte, daß ich mich im Lande zu bewegen verstand, wurde ich ausersehen, mit einer Matrosentruppe eine bedrohte Landschaft im Innern zu schützen. Das war eine einzig dastehende Gelegenheit, die Schwächen und Täuschungen kennen zu lernen, die dem Krieg anhaften. Ein schriftlicher Befehl sagte mir, ich solle einen Ort verschanzen und verteidigen und diesen Ort nicht verlassen. Es erwies sich aber als notwendig, daß ich schnell in das Innere des Landes vorstieß, um Aufständische zu bedrohen und friedliche Neger zu beschützen. Als es dabei zu Zusammenstößen kam, meldete ich Unschuldiger nichts von Gefechten oder Heldentaten, bis zu meiner Überraschung ein Telegramm kam, in dem mir sehr dringend nahegelegt wurde, von Gefechten zu melden. Man wollte also solche Dinge. Ich weiß nicht, ob ich eine Ausnahme bin, aber der Gedanke ist mir nie gekommen, daß Gefechte mir Orden und Ehren bringen würden und daß es für mich besser sei, wenn ich die Neger zu bewaffnetem Widerstand zwänge, anstatt sie durch Güte zu gewinnen. Im Gegenteil, ich fürchtete feindliche Gesten hervorzurufen, wo Neigung zu Frieden war. Aber ich sah deutlich, wie der Ehrgeiz andere trieb, Zusammenstöße zu suchen und hervorzurufen. Auf einem Marsch von mehreren Tagen in das Innere kam es zu solchen Zusammenstößen mit Negern, die wirklichen Widerstand boten. Aber nicht immer war es sicher, ob Freund oder Feind erschossen wurde, und einmal sagte mir in einem Maisfeld ein Sterbender, er und die Toten neben ihm seien fälschlich für Feinde angesehen worden. Das war schrecklich und kennzeichnet den Krieg. Nie werde ich die zerschossenen Menschen in der Sonnenglut zwischen den Pflanzen vergessen. Es ist so unsinnig, Menschen zu erschießen und zu erschlagen, ganz unsinnig aber, wenn es sich, wie immer am Ende des Krieges, herausstellt, daß nicht einmal das eine sicher war: Es war dein Feind, den du tötetest! Oft töten die Krieger aus Angst um ihr eigenes Leben, um sicher zu gehen, und das ist ihnen gar nicht mal zu verdenken; sie sehen Hinterhalt, sie fürchten Grausamkeit des Feindes, sie neigen dazu, sich selbst durch Abschreckung zu schützen, und Abschreckung wiederum ist ein Wahn. Eines Tages wurden wir aus dem Hinterhalt beschossen und hatten Tote. Da war nur eine Stimme: Die Gefangenen von diesem Tage müssen erschossen werden. Sofort muß das geschehen, wenn wir hier hinauskommen wollen, Schwäche würde uns und das ganze Land gefährden, und es ist so Brauch. Allen leuchtete es ein, daß es recht sei, die Gefangenen zu morden. Es gab keine Grenze zwischen Notwehr und Mord. So ist die Seelenverfassung von uns schwachen Menschen im Kriege. Scharfmacherei, Mordlust, Mitleidlosigkeit, Gereiztheit regieren. Ein Bote kam mit einem Brief. Der Absender war ein landeskundiger Offizier, der mit besonderer Wärme den Gedanken vertrat, der Neger müsse Prügel haben und der den Grundsatz hatte, 50 Hiebe mit der Nilpferdpeitsche seien das dem Neger angemessene Strafmaß, weshalb er unter dem Spitznamen »Herr Fünfzig« bekannt war. Dieser bedauernswerte Mensch schrieb: »Schonung und Milde sind nicht am Platze, nur äußerst strenge und exemplarische Strafen können die Situation retten.« Aus Angst also strafen die Menschen, aus Angst töten sie – gerade sie, die Krieger, die so tapfer und kühn erscheinen. Das fühlte ich wohl, aber ich fühlte auch, daß ich im Grunde zur Milde neigte, daß ich also kein rechter Offizier sei, und zerriß den Brief. Nach einigen Tagen hatte ich ein großes Gefecht, einen richtigen militärischen Erfolg mit so und so vielen Toten, worüber freudig nach der Heimat berichtet wurde. Da lagen nun die blutigen und verstümmelten Leichen; Geier kreisten über den Sandbänken des Stromes, und ein ehrgeiziger Kamerad rief: »Jetzt ist uns das schwarz-weiße Band sicher!« Die Neger waren eingeschüchtert; vielleicht hätte der Krieg jetzt zu Ende sein können, wenigstens dachte ich, ich könnte durch den Waffenerfolg den Frieden weit ins Land hinein sichern, da rief mich der Befehl eines älteren Offiziers zu einer Besprechung zurück. Der Brief begann: »Ich habe den Oberbefehl im Aufstandsgebiet übernommen ...« Was barg sich hinter diesem Satz? Ich merkte es bald: die Besorgnis, es könnten weitere Erfolge auf meinen und meiner Truppe Namen gehen. Zwei Offiziere redeten auf mich ein und brachten mich dazu, ihnen zu einem Vormarsch alle gesunden Soldaten zu überlassen. Als ich gar nicht einsehen wollte, was das bedeutete, gestanden sie schließlich: »Nehmen Sie doch Vernunft an, Sie haben Ihre Gefechte und Ihren Schwerterorden weg, jetzt wollen wir sehen, ob wir noch ein Gefecht haben können, bevor die Geschichte zu Ende geht.« Das scheint fast unglaublich! Entrüstet euch nicht; fragt euch mal, weshalb ihr Kriegsorden duldetet und bewundertet, wenn Orden so wirken! Der Krieger, dem Ordenszeichen winken, sucht Gefechte und bedauert, wenn ein Volk sanftmütig ist und sich nicht zur Wehr setzt. Nur so ist auch der Erlaß eines Gouverneurs zu verstehen: »Es werden künftig nur Schwerterorden beantragt, wenn auf der eigenen Seite mindestens zwei Mann fallen.« Dieser Gouverneur wußte sich also nicht zu retten vor denen, die im Innern feindliche Eingeborene entdeckten. Niemand darf sich wundern über Soldaten, die Kriege suchen, um Orden zu verdienen, denn es ist klar, daß Orden, so lange sie das gelten, was sie in Deutschland vor der Revolution galten, so wirken müssen, wie sie wirkten, und die Schuld an den Greueln, die wegen des schwarz-weißen Bandes verübt wurden, trifft das ganze deutsche Volk, das nichts für Freiheit und Demokratie tat und sich mit seiner Ehrfurcht vor Orden und Titeln und mit seinem Knechtssinn die Abneigung der ganzen Welt zuzog. Die afrikanischen Offiziere waren, einzeln betrachtet, prachtvolle Menschen, und ich kenne viele, deren Auftreten und Wirken vorbildlich war, aber sie standen im Zwange der Vorurteile, die nur durch den Befreiungskampf eines ganzen Volkes beseitigt werden konnten. Sinnlos ist auch immer die Entrüstung über die Fehler und Vergehen Einzelner. Dem ganzen deutschen Volke fehlte das Streben nach neuer Freiheit, fehlte das Gefühl für die lebendige Fortentwicklung der Formen, in denen Menschen zusammen sind, fehlte politisches Leben. Am Ufer des Rufiji erlebte ich, vierundzwanzigjährig, etwas Ungeheures. Ich war Herr über Provinzen, war selbständiger Feldherr. Die Überlegungen und Entschlüsse, die in meinem Kopfe vor sich gingen, waren in ihrer Art dieselben, die Julius Caesar in Gallien, Xenophon in Kleinasien machten. Ich nahm die Schulbücher vor: den Gallischen Krieg. Den Marsch der Zehntausend. Ich staunte. So hatten diese Bücher früher nicht zu mir gesprochen. Anders also spricht ein Buch, wenn es ein militaristischer Lehrer, anders, wenn die Wildnis es uns vorliest. Der Reserveoffizier auf dem Katheder las die Gefechtsberichte Caesars so, als ob sich seit der Ausbildung der Zehnten Legion bis zu Hegel, Treitschke und Old Shatterhand nichts in der abendländischen Welt ereignet hätte. Da war doch mindestens das fünfte Kapitel des Matthäus und das unvergleichliche Wort: »Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe.« Da war Schopenhauer, war Dostojewski; war Lincoln, im Lande einer neuen Freiheit. Am Rufiji, wo der Behemot, das Flußpferd, brüllte wie zu Hiobs Zeit im Jordan, wo Leviathan, das Krokodil dem Fluß entsteigt und seine Spuren nachts um die Hütten drückt, fiel ein neues Licht auf Vercingetorix und die Nervier. Wir marschieren bewaffnet im Lande; sogleich entsteht der Begriff: der Feind. Wir suchen ihn, wir umstellen ihn, wir töten ihn: es ist nichts als eine Treibjagd, wie sie jeder Förster leitet, und man nennt uns genial. Das ist unerträglich. Ich machte noch eine Erfahrung: Gerade so wie im Kriege sind wir Menschen auch im Gericht unwissend und unvollkommen. Auch hier leiten uns Vorurteile. Wir geben uns den Anschein, als wüßten und könnten wir etwas und werden als Richter geachtet und bewundert. Ich wurde eines Tages aufgefordert, mit anderen gemeinsam ein Kriegsgericht zu bilden, das einige sogenannte Haupträdelsführer aburteilen sollte. Die Unglücklichen wurden als Urheber des Aufstandes bezeichnet. Sie bestritten ihre Schuld. Aber sie waren in Ketten, und Askari mit scharf geladenen Gewehren führten sie über die Straßen und sprachen grob zu ihnen, und wir waren in Gefahr, von Aufständischen überfallen zu werden. So stand es fest: das waren Verbrecher, das waren Schuldige. Und man mußte sich das einprägen, diese ängstlichen, finsteren Gesichter: so sehen Verbrecher aus, die in solcher Zeit nur einen Lohn finden können: den Tod wegen Aufruhr, Hochverrat, Kriegsverrat, was weiß ich. Ich war Soldat und Offizier, ich durfte nicht schlapp sein, hier mußte ein Exempel statuiert werden. Es mußten auch Haß und Rachegefühle aufgebracht werden. Die armen Burschen beteuerten ihre Unschuld auf Kisuaheli, das der Vorsitzende des Gerichts schlecht verstand und auch ich noch nicht so, daß ich einen Menschen nach seiner innersten Meinung fragen konnte. Die Protokolle der Verhandlung wurden unterschrieben und die schuldig Gesprochenen feierlich vor versammeltem Volke an Bäume aufgehängt. Ich biß die Zähne zusammen: ich war doch Offizier. Aber was hier geschah, war so dumm, so unnütz, so schauderhaft. Hier wurde ich Gegner der Todesstrafe, weil ich deutlich sah, daß der Mensch nicht imstande ist, Richter zu sein. Wir waren doch die Richter, und wir wußten nichts, und das Volk stand auf dem Platze und hielt uns für sehr gewissenhaft, unfehlbar und weise. Als die »Verbrecher« in der Abendsonne an dem Mangobaume hingen, war ich überzeugt, daß es nie anders bei Hinrichtungen gewesen sei, daß es anderswo höchstens feiger herging als hier, da die, welche das Todesurteil aussprachen, meist nicht einmal den Mut haben, der Vollstreckung beizuwohnen. Aber eins merkte ich aus dem Verhalten der Menschen, aus Briefen und aus Reden: Die Zeit wurde größer dadurch, daß gemordet wurde. Leichen über Leichen, Tränen und Blut, Heldentum und Orden – das war große Zeit! Ich kann nicht annehmen, daß wir alle, die wir damals durch das afrikanische Land zogen und Feinde hinter den Hügeln und Steinen vermuteten, besonders unklug, feige und beschränkt waren; vielmehr waren wir so, wie Menschen in solcher Lage sind und wie Menschen unserer Abkunft und Erziehung sein mußten, deshalb war es erlaubt, aus den Ereignissen dieses Krieges allgemein zu schließen: Der Krieg bringt uns Menschen in Schwierigkeiten, denen wir nicht gewachsen sind. Furcht und Vorurteile, besonders der lügnerisch erzeugte Haß gegen den Feind machen uns Menschen blind. Das ist unzweifelhaft, und als ich aus dem Kriege wieder unter Menschen kam, beherrschte mich das Gefühl, ich müßte büßen für jeden Toten, den ich gesehen hatte. Ich war erfüllt von Eindrücken, die mich beunruhigten, und hatte erfahren, wie leicht wir Menschen uns an den Krieg gewöhnen und Entschuldigung finden für unentschuldbare Dinge. Menschen werden getötet, Vorräte und Hütten verbrannt, Familien zerrissen, die Freiheit geschändet. Und das alles hat in Gefechtsberichten seinen besonderen, reizvollen Ausdruck. Verbindet G. J. Caesar mit dem Morde an einem gallischen Politiker eine schlaue Absicht, so wird hier ut mit dem Konjunktiv angewandt, und gerade so sachlich spricht Clausewitz vom Kriege, und eine Statistik über 1870 mit sauber untereinander gestellten Zahlen täuscht Rechenaufgaben, Schachspiel oder so etwas vor. Volksschullehrer, Oberlehrer, Pastoren, Professoren, Vereinsredner: alle sprachen sachlich und statistisch, bis in einem Millionenvolke jede Fähigkeit ausgedörrt ist, sich fremdes Leid vorzustellen. Dann ist es einheitlich feldgrau, williges Werkzeug und unter Hurrahgebrüll reif zu jeder Schandtat gegen die Menschheit »im unentwegten Vertrauen zur Obersten Gewaltleitung«, die von Zeus ist. Die innere Stimme sagte mir, ich müsse jetzt zu den Menschen meines Volkes zurückkehren und sagen: Ihr seid Betrogene, wo immer Ihr von Krieg sprecht. Krieg ist etwas ganz anderes, als Ihr gelernt habt. Krieg ist etwas, das nicht mehr sein darf. Krieg kann schon deshalb nicht frisch und fröhlich sein, weil es zweifelhaft ist, ob es überhaupt Feinde gibt. Wir lassen uns einreden, Menschen seien uns feindlich gesinnt, wir greifen zu den Waffen, weil gesagt wird, sie hätten zu den Waffen gegriffen. Dann sprechen sie voll Mißtrauen und aus der Ferne zu uns, aus der man sich nicht versteht und Worte, während sie hin und her gehen, gefälscht werden, von denen, die den Krieg wollen. »Den will niemand?« Ach, sie wollen ihn alle: die Irregeführten, die Gelangweilten, die Gewinnsüchtigen, die Spieler, die Verkrachten, die Ehrgeizigen, die Lebensmüden und von Liebessehnen Verzehrten. Dann ist der Krieg auch ein einziges Mißverständnis. Ihr sprecht von so und so vielen Toten und Verwundeten, und Zahlen täuschen Euch über das Leid hinweg. Es wird Euch Freude suggeriert, weil diese Zahlen so oder anders sind. Unsinnig aber ist es, Tote zu zählen; gemessen werden kann nur die Schuld und geahnt das Leid, das durch sie hervorgerufen wurde. Ich machte die Erfahrung, daß, wo der Krieger regiert, der Mensch nichts gilt; aber mehr: Gerade der Krieger erkennt auch als ehrgeiziger Mensch oft nicht das Gemeinsame an, das man Vaterland nennen könnte. Wo es so etwas gibt, wie das gemeinsame Interesse eines Volkes, das in bestimmten Grenzen wohnt, da muß auch der gemeinsame Wille und Wunsch bestehen, einen Krieg schnell zu beenden – ohne Rücksicht auf persönliches Hervortun. Das System der Orden und Ehren bewirkt aber, daß jeder nur seine Person und nicht die Sache will. Die Möglichkeit, die Unruhen zu beenden, wurde nicht benutzt, wenn dabei die Ehren nicht dem zufielen, der über die militärischen Machtmittel zu verfügen hatte. Der ehrgeizige Kommandierende eines kriegerischen Unternehmens verzichtet auf die Hilfsmittel, die ihm ein anderer zur Verfügung stellen kann und opfert lieber seine eigenen Truppen, ehe er zuläßt, daß ein anderer sich rühmen kann, geholfen zu haben. So handeln Menschen unter dem Einfluß von Orden und Ehren; so müssen sie handeln, und das Volk, das gedankenlos solche Dinge bestehen läßt, trägt daran die Schuld. Ich war in Afrika in einer seltsamen Stimmung. Ich verachtete alles Waffentragen. Ich war anders als die Scharfmacher. Und ich zweifelte daran, ob ich ein Krieger sei, ob ich Mut habe. Deshalb ging ich dem gefährlichen Großwild zu Leibe, ging zwischen Elefanten und photographierte sie aus einer Nähe wie niemand zuvor, ging zu den Löwen im hohen Grase. Nichts rührte mich. Ich blieb auch gleichgültig, wenn auf mich geschossen wurde, und wußte, wenn ich mich ehrlich prüfte, daß ich im Grunde dennoch feige war. Ich merkte, Kriegermut ist nicht groß, er ist Kadavergehorsam, Gedankenlosigkeit, Mangel an Phantasie, Gleichgültigkeit. Das also waren meine Gedanken, als ich aus dem »kleinen«, dem afrikanischen Krieg zurückkehrte. In welcher Geistesverfassung aber fand ich die Menschen, die ich belehren wollte, was Krieg sei? Sie bewunderten das, was ich für Verbrechen hielt, sie nannten Härte und Gedankenlosigkeit starke Eigenschaften und bestimmten mich, von meinen Erlebnissen ganz anders zu sprechen, als ich es wollte. Es gefiel ihnen nicht, wenn ich die Wahrheit sagte. Die Frauen hörten es nicht gerne, sie waren gewohnt, von Aufständischen, von feindlichen farbigen Völkern zu hören, von der Abrechnung mit kriegerischen Stämmen, von Gefechten, von Siegen. Deshalb sagte ich mir: Alle diese Menschen sind betäubt, betrunken. Der nüchterne Verstand muß die Dinge so sehen, wie ich sie sehe, und ich glaubte zu erkennen, daß tatsächlich die tägliche Betäubung die Menschen unfähig macht, die Stimme ihres Gewissens zu hören. Ich lernte auch Menschen kennen, die gegen den Krieg kämpften und tauben Ohren predigten, und fand alles richtig, was Bertha v. Suttner, A.H. Fried und andere mutig aussprachen. In einer Versammlung war es, als ein Agitator des Wehrvereins sagte: wir brauchten mal wieder einen frischen, fröhlichen Krieg. Da trat ich auf und sagte, ich wisse nicht, ob der Redner Krieg schon aus eigener Anschauung kenne, ich hätte schon vor der traurigen Notwendigkeit gestanden, Menschen töten zu müssen, versicherte aber, daß ich nie aufhören werde, darüber nachzudenken, wie sich so etwas vermeiden lasse. Jubel erhob sich bei meinen Worten. Der Redner sprach noch einmal und sagte etwas vom Vaterland, an das man sich anschließen müsse; er wurde ausgelacht. Dafür rächte er sich, indem er einen verleumderischen Aufsatz über meine Worte in die kriegshetzerischen deutschen Zeitungen brachte. Die Leser dieser Zeitungen, höhere Offiziere, reagierten prompt. Sie sandten den Aufsatz an das Ehrengericht, vergaßen aber auffallenderweise dann auch meine Berichtigung einzusenden, die einige Tage später an derselben Stelle erschien. Das ist das treue deutsche Gemüt. Ich wurde ein Jahr lang von den Ehrengerichten verfolgt. Ich war als Pazifist, als Demokrat bekannt, und was ich gegen den Krieg unternehmen wollte, scheiterte an dem wohlorganisierten Widerstand der Militaristen und an der Teilnahmslosigkeit der Massen. Eines Tages besuchte ich den Gründer des Wehrvereins. In meiner Unschuld glaubte ich, dieser Mann wolle in seiner Art Gutes und sei nur unbelehrt. Ich sagte ihm, seine Reden bewiesen, daß er das Programm der Friedensgesellschaft gar nicht kenne, er solle es einmal durchlesen, es sei nur eine Seite lang. »Nein, ich will das nicht!« schrie er mich an. Dasselbe sagte mir der Generalfeldmarschall des Jungdeutschlandbundes. Weshalb sagte ich das, was ich erkannt hatte, nicht immer wieder laut und öffentlich? Weil ich dann meinen Titel verloren hätte, mit dem ich als Herausgeber auf einer Zeitschrift stand und den meine Freunde im deutschen Volke benutzen wollten, um das, was wir für gut hielten, zu verbreiten. Ich konnte also die Wahrheit nicht sagen, weil ich den Titel nicht verlieren durfte, der der Verbreitung der Wahrheit dienen sollte, in diesem der Erkenntnis sonst unzugänglichen Volke. Darüber kam der Krieg. Er kam? Er wurde vorbereitet. Milliarden wurden für Rüstungen bewilligt und nichts für das Studium der Friedensfrage, des Völkerbundes, eines neuen Völkerrechts. So kam er, während wir nur Halbes taten oder nichts taten und die Lüge unter uns duldeten, wie wir sie noch jetzt dulden, wenn nur irgendeiner mit eiserner Stirn vor uns hinzutreten wagt, der an dem Verbrechen mitschuldig ist, nicht nur schuldig durch Unterlassung, sondern durch die Tat. Darum bekenne jeder, was er unterlassen, was er getan hat, rechne ab mit sich und seiner Vergangenheit, dann büße er und beginne ein neues Leben im Geiste und in der Wahrheit. Wenn das, was nötig ist, in eine Formel gefaßt werden kann, so ist es die: Wir bekennen, daß wir schuldig sind als Volk und wollen dafür büßen. Unsere Schuld besteht darin, daß wir unter dem Druck unserer Erziehung und in dem Vorurteil unserer Vergangenheit nichts für die Freiheit taten, so daß wir schließlich in den Händen von Verbrechern zu gefügigen Werkzeugen der Unterdrückung wurden. Wir bekennen uns jetzt zur Freiheit und Menschlichkeit und beweisen das dadurch, daß wir erklären, mit denen, die uns belogen und betrogen haben, nichts mehr gemein zu haben. Der 9. November hat uns die Freiheit gegeben zu sagen, daß wir über die Verbrechen dieses Krieges wie Menschen denken und fühlen. Sagen wir das, so sind wir aufgenommen in der Gemeinschaft der Völker, und die Brüder jenseits des Rheins können, wenn wir wieder einmal ohne Brandfackel und Handgranate, ohne Giftgas zu ihnen kommen, trotz allem Leid, das wir ihnen brachten, nicht mehr sagen: ce sont les mêmes; souvenez-vous . »Denkt daran, es sind dieselben!« Als solche, die sich haben mißbrauchen lassen, wollen wir Besiegte sein und es dem Sieger möglich machen, uns wieder gelten zu lassen. Dazu müssen wir uns in die Seele des Siegers hineinversetzen. In einem Buche Montaignes sah ich aus Claudian einen merkwürdigen Satz: Es gibt keinen wahren Sieg als den, welcher die Feinde zwingt, ihre Niederlage einzugestehen und dergestalt auch ihren Geist bändigt. ( Victoria nulla est quam quae confessos animo quoque subjugat hostes .) Dazu bemerkt Montaigne, daß selbst die kriegerischen Ungarn dem Besiegten, der sich unterwirft, keinerlei Lasten auferlegen. So etwas vermitteln uns deutsche Professoren nicht, die nur von Nibelungentrotz sprechen. Wir müssen aufhören, von unseren »Gegnern«, von unseren »Feinden« zu sprechen; wenn wir Menschen sind, haben wir keine Feinde; sind wir aber Werkzeuge der Gewalt und Lüge, wie sie bisher bei uns herrschten, so haben wir alles, was menschlich fühlt, gegen uns. Es gibt nur einen Feind, das ist die Dummheit und Schlechtigkeit in uns und der fehlende Wille, sich davon zu befreien. Viele Jahrzehnte lang sind alle edlen und freien Menschen in Deutschland entweder zerrieben worden, oder sie wanderten aus. Jetzt haben sie auch in Deutschland eine Stätte, aber ihr Haus muß hell und luftig und wohnlich sein, in keinem Winkel darf der Staub des überwundenen Zeitalters liegen, und wir dürfen auch nicht mehr das Leben von Knechten führen. Ist der Kadavergehorsam wirklich tot, so muß auch das Kind bei uns frei sein, und wer ein Kind prügelt, gehört nicht in unsere Gemeinschaft. Ist wirklich Revolution, so muß noch anderes verschwinden: das Mißtrauen gegen andere Menschen. Der Polizei- und Untertanenstaat arbeitete mit diesem Mißtrauen, er schuf Sklaven und frohlockte, wenn sie schlecht waren und sich untereinander bekämpften. Was hätte uns Deutsche in den Jahren nach 1900 zur Besinnung bringen können, wenn nicht der Vergleich mit der Fremde und mit der Wildnis? Denn was Hölderlin, Platen, Börne, was Schopenhauer, was Lassalle, Engels, was Herwegh, Nietzsche im eigenen Lande über uns gedacht hatten, das war über die Köpfe der Deutschen hingezogen wie ein Flug Kraniche. Vom Kriege 1870 an begann die Überhebung, das herausfordernde »Deutschland über alles«, das uns blind machte. Vergeblich warnte Georg Herwegh vor dem Übermut der Siegreichen: »Sie werden mit verschmitzten Händen Entreißen euch des Sieges Frucht; Sie werden euren Lorbeer schänden, Daß euch die ganze Welt verflucht.« So warnte er: »Dies Volk, das seine Bäume wieder Bis in den Himmel wachsen sieht, Und an der Erde platt und bieder Am Knechtschaftskarren weiterzieht.« Wir sahen nicht, daß wir nichts für die Freiheit taten, und dadurch anderer Völker Freiheit gefährdeten. Wir zeigen auch heute noch nicht, daß wir wissen, was Freiheit ist. Es ist wahrscheinlich, daß aus dem Leid die große Belehrung kommt, und es wird Großes aus Deutschland kommen, vielleicht gerade durch die Erniedrigung. Wir können es nicht ausdenken. Das Leid ist bei vielen Menschen so unsagbar groß, daß alles, was noch kommen kann, sinnlos erscheint, und viele sind so zerschlagen, daß sie nicht einmal den Wunsch äußern können, es möge Gerechtigkeit gelten. So schwach ist das deutsche Volk geworden. Aber nur aus dem Willen nach Gerechtigkeit kann neues Leben zwischen den Völkern kommen. Das verlorene Afrika     Coelum, non animum, mutant qui trans mare currunt. (An neuer Küste landen sie mit der alten Gesinnung.) Horaz, Epist. I, 11.     Ich trete hin und spreche mit Dir, Issigati von Karagwe. Du sitzest wieder am Wegerand unterm Tulpenbaum und fragst. Die Stirn unter deinem Kraushaar ist die eines Menschen. Deine feinen Hände greifen naiv nach den blonden Zöpfen meiner Gefährtin. Du glaubst, ich sei weise, weil ich Bücher habe, sei glücklich, weil mein Weib mit mir ist und mit mir täglich Formen zerbricht und Vorurteile zerstäubt. Du beneidest mich; denn Du vermutest vielfaches Leben der Seele hinter Zeltwänden, zwischen Schriftzeilen, und wenn spät der Mond über der Steppe steht und meine Saiten tönen. Der Rauch eurer Feuer zieht herüber, wenn der Wind unvermutet zurückkehrt und diese zarten Schultern küßt, der Träumenden. Ein Löwe brüllt hinter dem Hügel. Schließet das Dornverhau. Es schützt uns, eine Welt, ein Glück. Aber weshalb fließen Tränen, zittert zarte Berührung und Todesangst? Die Wildnis, Issigati, feiert seit Jahrtausenden schmerzende Brautnacht. Ihr kamt einst zurück von den Pyramiden. Saht Ihr Apollonius von Tyana am oberen Nil, wie er mit Euch Gymnosophisten sprach? War es ein Seufzer reinen Glückes, als der Stern von Nazareth in Numidien leuchtete, während Europa schon dunkel wurde vor allem unchristlichen Christentum? Die Palmen rauschen, die Welle des Nyanza wälzt bleichendes Gebein an den Strand. Brände kriechen Schluchten hinauf. Homerische Verse rollen über die sperrenden Sümpfe. Ach, diese Einheit! Weshalb Schwermut, wenn wir doch alle Menschen sind, und diese Sonne morgen wieder lacht? Weil, Issigati, Gifte Europas in mir sind!   Ich aber bin kein Hunne. Und deshalb spreche ich zu Euch etwa, Romain Rolland und Woodrow Wilson, zu Dir, Iwan, ich kenne Dich nicht; Du lebst in der Heimat Dostojewskis, und zu Dir, Du mir innig verwandter gelbhäutiger Bruder irgendwo am Jangtse, heißt Du Ku Hung-Ming oder sonstwie. Jedenfalls liest du den Tschuangtse mit demselben Nervenzittern wie ich. Wir alle, und Issigati, knien vor dem Schicksal, das uns zugleich Leben ist, Wonne und Schmerz. Ein süßer Widerhall, tief, neu, ewig. Ich gelte unter Euch als der letzte, weil ich ein Deutscher bin, und bin der Erste, weil ich mehr bin als unkompromittiert. Euch allen ist es versagt geblieben, durch das Gestrüpp deutscher Erziehung hindurchzugehen, und dennoch Mensch zu werden. Ihr hattet gar keine Gelegenheit, Euch zu kompromittieren. Das habe ich vor Euch voraus. Ich habe, wie alle freien Deutschen – dies Wort ist nicht contradictio – keine Jugend gehabt. Knechtsgeist umwehte meine Kindheit; nicht leben sollte ich, nicht lieben, weil die Unfreien und Feigen, diese vorige Generation, den ganzen Haß der Unerlösten als Erziehung auf mein aufblühendes Leben warfen, bis sie in ihrer Teufelei mich gerade für gut hielten, für ihre Narrheiten in den Tod zu gehen. Ich verkörpere deutsches Schicksal. Aber ich lebe, trotz alledem. Über einer Gruft, in Pestgeruch, während das Scheusal, das an meinem Lebensglück fraß, noch atmet, grinst, verdaut.   »Man könnte erzogene Kinder gebären. Wenn die Eltern erzogen wären!« Für Menschen und Völker wird Schicksal das Maß von Freiheit, in das sie hineingeboren wurden. Deshalb auch: nur was die vor uns Gewesenen für die Freiheit taten, können wir ihnen lohnen. Für die Wildnis wird, solange kolonisiert wird, der Zufall Schicksal, wieviel revolutionäre Tat die Völker hinter sich haben, die mit Schießpulver und Druckerschwärze zu ihr kommen. Deshalb ist es nicht gleich, welche Völker Platz an der Sonne haben.   Es wird nicht immer kolonisiert werden, oder vielmehr, alle werden überall und gegenseitig kolonisieren. Fahnen werden zerrissen werden oder nur über Heimat wehen, also nicht da, wo sie Symbol der Ausbeutung sind. Nur der Gedanke und das Herz werden Platz an der Sonne haben, nur sie kolonisierende Kraft. Versteht man, wenn ich sage: der einzige Weg, Afrika zu gewinnen, führt in die eigene Brust und der wird Äthiopien beherrschen, der das meiste für die Freiheit tat? Die Wildnis und alle Unberührtheit der Völker ist wie ein echtes Weib. Sie wird den nicht lieben, der sich ihr naht, sie zu belehren und zu knechten, sondern den, der ihr zu lauschen weiß! Wie arm und elend sind wir geworden, weil wir den Schwarzen unsern schädlichen Begriff von Leben und Arbeit brachten, und Weltmarktware aus ihnen erpreßten; und wieviel verdankt unsere Kunst der Unkultur, seit wir vor Holzgötzen andächtig stehen, und aus schwarzen Händen nehmen, was sie gerne geben. Es gibt nur eine Möglichkeit, Volk unter Völkern zu sein; glückliches Volk: sich restlos in die andern zu verlieben.   »Wir sollen also wieder der Michel sein, indes andere, der Franzose, der Brite, der Amerikaner die Welt im alten kapitalistisch-imperialistischen Stile ausbeuten!« Welch törichter, vom eingepaukten Vorurteil diktierter Einwand! Sobald wir aufhören zu knechten und zu rauben, werden die freien Menschen anderer Völker den Gewaltanbetern in ihren Völkern nicht mehr erlauben, Kolonialpolitik zu treiben. Das Gespenst Nation hindert auch in andern Völkern die Edlen, sich gegen die schlechten Instinkte und Traditionen frei zu entfalten. Wer weiß bei uns, daß die britischen Männer, die bei uns als Kriegsgewaltige verschrien sind, Gegner des Burenkriegs waren? Unsere Meinungsmacher, die pastoralen und anderen Giftdrüsen, wissen es so hinzustellen, als ob der Engländer als solcher ein Wesen sei, das aus Grundsatz perfide gegen den unschuldigen Deutschen handle. Ich hatte von Afrika erzählt, von der Freiheit, Schönheit, Fruchtbarkeit ferner Welt. Die beiden jungen Menschen glühten. Er sah durch das zerbrochene Wagenfenster in die deutsche Landschaft. Da lagen eng abgegrenzte Felder. Menschen arbeiteten darin. Waldstreifen, eine Fabrik, der Schornstein ohne Rauch. Der Vorplatz leer. Kein Rohstoff. Der Zug hielt. Unzählige Menschen irrten hin und her. In dürftigen Kleidern. Die Gesichter stumpf, ohne Glück. Einer brachte Zeitungen mit und legte sie auf die skalpierten Wagenpolster. Nichts mehr von Kriegsanleihe; andere unverstandene, unverständliche Dinge. Die Abbildungen sinnlos, ekelerregend. Nichtssagende Gesichter derer, die als betriebsam gelten konnten. Schließlich wandte sich der junge Mann wieder zu mir: »Das wird mir keine Ruhe mehr lassen. Alle die Herrlichkeiten sind da, während wir hier leben, sind zu gleicher Zeit mit uns da, und wir leben daran vorbei. Das können wir uns nicht leisten. Was hindert uns denn hinauszugehen? Ich bin zufrieden, wenn ich eine Hütte habe, neben Bananen und Kokospalmen. Sagen Sie mir, was ich nötig habe, um nach Afrika zu gehen.« Nach Afrika! Ich dachte an eine Quelle am Fuße eines Berges. Unendlich dehnte sich dort das herrenlose Land. Der Boden gab ungedüngt Ertrag. Antilopen weideten in der Steppe. Schlanke schwarze Menschen kamen und boten ihre Hilfe an. Ich dachte an eine Insel im Binnenmeer, wo einst meine Hütte stand und wo zwei Menschen glücklich waren. Der Gesang der Ruderer klang über das Wasser. Hochgetürmt in den Booten Säcke mit Reis. Fruchtbarkeit, die nach fernen Ufern drängte. »Was Sie nötig haben«, sagte ich, »um dort leben zu können? Daß Sie keine Ketten tragen, freie Menschen sind, nicht Herr, nicht Knecht sein wollen.« Er sah mich beinahe ängstlich an und seufzte. Das war noch das alte Gesicht des Deutschen, der glaubt, mit Geld, Tüchtigkeit und Wissen allein bereit zu sein für die Welt. Eine Änderung des Denkens tut not. Mit einer neuen Gesinnung in die Welt, in die Zukunft gehen. Weshalb wollen sie auswandern? Um irgend einer Unerträglichkeit zu entgehen, einer Unreinlichkeit, einer geheimen Macht. Wir fühlen es: da ist etwas, was uns gefangen hielt im Untermenschlichen. Ein Mittelalter, das hineinragt in die Gegenwart. Rückständigkeit, mit der gerade das Wort deutsch verbunden ist, auch wenn sie sonst überall zu finden ist. Die Welt ist uns verschlossen, wenn wir sie mit den alten Idealen betreten: wirtschaftlich, kapitalistisch, imperialistisch. Ob wir das mit sonst etwas stützen, mit Wissenschaft oder Gott. Was bei uns Kolonialpolitik genannt wurde, das war alldeutscher Spuk geworden. Menschliche, allgemeine Regungen, verbunden mit dem Machtwahn, dem Herren- und Knechtsgeist. Der Begriff »Nation« war totgeritten worden. Nation: ein »stolzes Wort für eine schlechte Sache.« Schrill und eintönig klang es: Wir sind wir! Unser Recht; Platz an der Sonne; Wir über Alles; deutsch; in der Welt voran; Wach auf zur Macht! Und immer der Wahn, es sei ein Deutschland durchzusetzen mit Gewalt gegen andere Länder, Völker, Mächte; es gebe ein Sonderinteresse: »Deutschland braucht, wir brauchen, der Arbeiter braucht.« Was Worte andeuten: Nationalökonomie, nationalliberal. Im allgemeinen eine zu simple Auffassung; Warenhäufung, Erzeugung, Verschiebung; Steigerung der Fingerfertigkeit, Sparsamkeit, Organisation, Vereinfachung, Nützlichkeit, Zweckmäßigkeit im Dienste dieses einen: der lieblosen, öden, toten Macht, die sich nennt vaterländisch oder national. Fehlt nur ein Götze obendrauf, der züchtigt oder Lohn verheißt. »Große Zeit«, in der alle untermenschlichen Instinkte in ein »feste druff« münden, bringt dem Volke solche Figur. Könnte das ein Auswandern sein, könnte ein neues Dasein kommen, wenn die alten Götzen mit hinausgingen? Und noch ist das so; die Menschen wandern aus und nehmen ihre Vorurteile mit. Deshalb steht am Anfang der großen Reise die Forderung nach einer neuen Gesinnung. Mächtig ertönt der Ruf: Hinaus! In die Ferne, in die Welt. Es heißt nichts anderes als: Brecht Ketten und seid frei. Und mancher, der dem Rufe folgt, wird das ferne Land nicht sehen und doch in neuer Heimat sterben, frei und glücklich; wenn er nur den ersten Schritt vor dem zweiten tut. Wer aber nicht auswandert aus seinem alten Menschen, der wird in keiner Steppe frei. Und mehr: er wird nie an ferner Küste landen. Denn das ist das ungeheure Ergebnis des Weltkrieges: die Völker der Erde haben sich verschworen, Waffengewalt, die früher im Dienste der Selbstsucht und Unterdrückung stand, in den Dienst der Freiheit zu stellen und die brutale Macht mit ihren eigenen Mitteln zu hindern, je wieder das Gebiet dieser Erde zu verpesten. Von hier aus hat sich alle Kolonialpolitik neu einzustellen. Die wenigsten Deutschen wissen, welche Kluft sie von der übrigen Menschheit trennt, und daß ihnen nie irgendein Mittel zur Verfügung stehen wird, der Welt ihre alten Begriffe von Sittlichkeit zu predigen. Der deutsche Gedanke ist tot – in der Welt. Nicht mehr gibt es den Wahn, ein Volk könne, im Besitz der reichsten Sprache, begabt mit allem, was Menschen auszeichnet, die Freiheit und das Recht verleugnen und der Welt ein Ideal der Knechtschaft aufzwingen. Mancher wird sich auf das berufen, was Deutsche im Zeichen der früheren Macht geleistet haben, wie sie Waren häuften, Wege bauten, schnell fuhren und transportierten, wie sie die Zahl der Analphabeten verminderten. Er hört die Antwort: das alles ist schädlich, wenn es im Dienste der Unterdrückung steht; deshalb kein Fußbreit Landes dem, der tüchtig ist im Dienste der Gewalt. »Wir Deutsche sind aber nicht nur tüchtig in Technik und Organisation, wir leisten etwas in der Wissenschaft.« Schweigt! Soweit es möglich war, haben die deutschen Professoren sich zu Dienern des Militarismus gemacht. Und wo sie nichts anderes zu geben hatten, da haben sie das Gewicht ihres Namens in die Waagschale geworfen, um das zu bekräftigen, was die Gewalthaber wollten. Alles, worauf Deutsche sich was einbildeten, ist in Mißkredit gekommen und wird es bleiben. Der Polizist, der Unteroffizier, der Oberlehrer und Professor. Nur einer kann gelten, der einfache Mensch, wenn er gründlich verachtet, was ihm von Katheder, Kanzel oder Gaul herab an Weltanschauung beigebracht wurde. Er wird dann auch die rechte Ehrfurcht haben an rechter Stelle. Vom Menschen zum Menschen führt ein gerader Weg. Der war bis heute versperrt, durch allen Irrtum, mit dem Gewalt und Lüge arbeiten muß, um zu herrschen. Mache dir das ganz klar, Deutscher: Du bis ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Völker, wenn du nicht endlich Erbitterung zeigst gegen das System, das dich zum Henker deiner Nachbarn machte und dich schließlich selbst zerschunden hat. Du hast dich anstiften lassen, friedliche, glückliche Länder zu überfallen und in eine hoffnungslose Wüste zu verwandeln. Dein feldgrauer, animalischer Gehorsam hat das Elend, die Trauer und Kraftlosigkeit dieser Zeit herbeigebracht. Und du sprichst nur von deutschen Interessen, bevor du einmal die Tränen der Verzweiflung mitgeweint hast, die die ganze Menschheit weinen muß beim Anblick der Landstriche, in denen wir Siegfried- oder Hindenburgstellung spielten. Die Welt steht dir nicht offen, bevor du Mensch wirst. Es war deine historische Bestimmung, die Begriffe Vaterland, Nation bis zur Verrücktheit zu übertreiben; jetzt erkenne deine Verführer, die Schuldigen des Weltkrieges, die Oberlehrer und Kriegspastoren, dies Gemisch von Biederkeit, Heuchelei, Opportunität, dies kriechende Untermenschentum mit Phrasenschwall. Es gibt keine Brücke zu dir, wenn du dir diese Sippe nicht unterordnest und deine Ehrfurcht an die richtige Stelle sendest: zu dem Menschen in dir selbst oder im andern, im gesteigerten Menschen, dem freien und schaffenden. Du sollst auswandern aus deinen Vorurteilen und künstlichen Ehrgefühlen, damit du selbst glücklich wirst. Ein doppelter Riß geht durch unser Volk. Die Freien stehen den Reaktionären gegenüber, unversöhnlich; und zwischen der Jugend und ihren Vätern gähnt eine Kluft so groß, wie kaum je zwischen zwei Generationen. Wenn Eltern wüßten, wie revolutionär die jetzt tätige Jugend fühlt und gerade Sprößlinge adliger, militaristischer, kapitalistischer Familien, sie würden schaudern. Weiter unten kommt dann noch einmal eine andere Jugend, das hoffnungslose Kriegserzeugnis bornierter Oberlehrer. In dieser Schicht werden die Begriffe Gewalt, Erbfeind, Vaterland vollendet lächerlich werden. Schatten muß sein, damit das Wertvolle, Schaffende desto deutlicher sei. Die alte Kolonialpolitik stand mit den Wundern der Tropen und den Bildern nackter Neger im Zeichen alldeutschen Fühlens. Höher stehende Rasse, Herrenmenschen, Kulturpioniere brachten den minderwertigen Farbigen die Segnungen der Zivilisation. Der Wilde bekam das Vorrecht, geprügelt zu werden. Im Stile Alt-Heidelberg nahte sich der Deutsche dem Palmenstrand. Als Korpsstudent, Reserveoffizier. Schlagend, voll Ehrgefühl, bierselig und ohne Kenntnis der Liebe. Aber voll von Wissenskram. Bewundernswert war deshalb auch, was für die Wissenschaft erbeutet, gemessen, gesammelt wurde. Wer aber zählt die Tränen, die das kostete. Den Eingeborenen, den schwarzen, den weißen Frauen; aller Seele, aller Natur. Und alle deutsche Wissenschaft ist zur Schande geworden im Kriege, als die Professoren sich verleiten ließen, die Wahrheit zu verschweigen oder lügenhafte Gutachten abzugeben für das Durchhalten des Militarismus. So ist, was wir in Kolonien leisteten, entwertet worden: unsere Tüchtigkeit, unsere Erziehung, die Technik, die Forschung. Wir müssen erkennen, daß keine Leistung Wert hat, wenn sie der Gewalt dient und nicht der Freiheit. Frei sein, das ist die einzige Bedingung für den, der glücklich sein und Glück verbreiten will. Als wir zu kolonisieren begannen, waren wir unfrei und unglücklich und sind das heute noch. Wer je im Ausland war, weiß, wodurch die Deutschen auffielen. Durch Wissen, Tüchtigkeit, Betriebsamkeit. Als Untertanen oder Unterdrückte hatten wir sie – und konnten nicht begreifen, weshalb jedermann uns scheu und mißtrauisch ansah. Der Ausländer wußte: Alles was der Deutsche kann und hat, steht im Dienste brutaler Gewalt, und eines Tages braucht der eine, dem göttliche Weisheit zugeschrieben wird, nur auf den Knopf zu drücken, und alles Deutsche wälzt sich vernichtend über die Erde: Kanonen, Panzerplatten, chemische Industrie, Grenadierknochen, Philosophie, Menschenfleisch, Druckerschwärze, Zement. Ein wüster feldgrauer Brei. Nichts ist in diesem Volke, was nicht noch größer wäre in Verbindung mit dem Worte Krieg. Kriegsgeschichte, Kriegslyrik, Kriegsgötterei. Keine Erfindung und Entdeckung, die nicht ihre größte Hoffnung auf den Generalstab setzte, war's Flugzeug oder Salvarsan. Die Frau hatte nur Wert als Rekrutengebärerin; Nüchternheit und Volksgesundheit arbeiteten für die Wehrkraft. Die ganze deutsche Art und Bildung, die heute noch dieselbe ist, ist sinnlos, wenn es keinen Erbfeind mehr gibt. Sinn kommt erst in das Leben, wenn recht viele Feinde aufstehen. Deshalb ging es wie eine Erlösung durch das Volk, als endlich Weltkrieg wurde. Keine Niederlage, nicht Hunger, Tod, Krankheit, Verarmung konnten den Glauben erschüttern, daß etwas Herrliches daraus entstehen werde, wenn man alles opferte: Menschen, Kleider, Gold, die Grundlagen irdischer Existenz und gar das Recht auf eigene Meinung. Der geniale Götze, auf dessen Weisheit sie vertrauten, wenn er den Sieg prophezeite, ist jetzt abgetreten. Ihm huldigten Gelehrte und Priester. Wär's nicht Zeit zu zweifeln, ob das, was die unergründlich tiefen Denker zu geben hatten, wirklich ganz echt ist und den Glauben des Volkes verdient? Ob es nicht ein ganzes Gebäude von Wissen, Bildung, Weltanschauung ist, aus dem der Deutsche auswandern muß? Es ist so. Jetzt gilt es, allem zu mißtrauen, was sich der Macht verkauft hat. Ehrfurcht an andere Stelle zu schicken, an die richtige. Zu dem, was vorzuschlagen ist, gehören nicht Wissen, Bildung, Tüchtigkeit, Verdienst; nur reiner Sinn, unbefleckte Hand. Es ist keine Anmaßung, wenn wir uns berufen fühlen, die Axt an die Wurzel zu legen; denn wo wir ein Oben wähnten, da ist kein Berufener mehr. Leer sind endlich die Fürstenthrone; Gewissenlosigkeit kommandierte im Generalsrock, Lüge und Borniertheit saßen auf den sichtbarsten Lehrstühlen, feil waren Dichter und Meinungsmacher. Wer frei und wahr ist, der allein kann zum Volke sprechen. Und wer die Bildung überwunden hat. Je klarer der Deutsche die Vergangenheit sieht, je entschiedener er sich von allem abkehrt, was gewesen ist und ins Unglück geführt hat, desto geeigneter wird er sein, wieder in die Welt zu gehen. Als Mensch wird er gehen: als Deutscher erst wieder, wenn deutsch bedeutet, auch für die Freiheit etwas getan zu haben.   Wisse, Deutscher, daß du zum Knechtsgeist erzogen bist und deshalb nicht in die Welt darfst. Du weißt noch nicht, wie ein Volk fühlt, das frei ist. Deine Schinder haben dir ein Ideal der Unterwürfigkeit und des Gehorsams hingestellt, und kein Volkslehrer kann in Deutschland zu anderem erziehen als zu diesem. Gehorchen sollst du, irgendwem, der sich Obrigkeit über dich anmaßt: Vater, Mutter, Lehrer, Polizist, Schaffner, sollst alle diese ehren, auch wenn es die unfreisten, drum verbrecherischsten Menschen sind, die dich von Freundschaft, Liebe, Glück absperren, dir dies Leben zur Qual machen. Blinder Gehorsam dem irgendwie Älteren, an Lebens-, an Dienstalter. Das Verbrechen beginnt bei den Eltern. Typische deutsche Eltern sind das untertänigste, was die Erde je hervorgebracht hat. Der Wille muß gebrochen werden. Wo Unfreiheit das oberste Gesetz ist, da werden Gebote zugleich stupide gehalten und radikal übertreten. Mit dem »Du sollst nicht töten« ziehen Hofprediger voran in die Etappe; aus »Ehre Vater und Mutter« macht Knechtsgeist: Benutze die erste Gelegenheit, völlig unfrei zu sein und sieh göttliche Obrigkeit in denen, die so gütig waren, dich ins Leben passieren zu lassen, gleichgültig ob du dein Leben einer Liebe verdankst oder ob es niedrig stehende Geschöpfe sind, die an deiner Existenz schuld sind. Der bewußte Paulus wird eingeschmuggelt mit seinem »Seid Untertan der Obrigkeit; denn es ist keine ohne von Gott«, und dann vertritt eben jeder den lieben Gott, der sich Gewalt über einen Menschen anmaßt, der Schuldiener, Fuchsmajor, Exerziergefreite, der joviale Schlachtenonkel, der die Gemütsruhe hat, die Menschen, wenn er Lust hat, zu Tausenden sterben zu lassen. Wollust der Unfreiheit bis in den Tod. Als Hoffnung und Trost die Aussicht, selbst einmal Karriere zu machen, Werkzeug der Unterdrückung zu sein, sich für das verpfuschte Dasein zu rächen, nicht nach oben, nach unten. Gibt es einen viehischeren Akt der Unterwürfigkeit als jenen, der symbolisch ist für preußisch-deutsche Gesinnung: das Biertrinken auf Befehl? Dies ausdrückliche Auf-den-Verstand-verzichten, weil ein dummer Junge ruft: »Steig in die Kanne!« Das aber gerade umjubelt Deutschlands akademische Jugend als Burschenfreiheit und ist ja auch danach; immer bereit, wenn das »Vaterland« ruft, Freiheit zu zertreten. Die Jugend der Hochschulen verdient nichts Besseres als ihre Professoren und Vizefeldwebel der Reserve. Aber ehret, ihr artigen Kinder, Eltern, die euch in herzlicher Liebe für alles das, für Schulbank, Kasernenhof und Massengrab zurichten. Niemand kann zween Herren dienen; man kann nicht zugleich die Macht vergöttern und nach Freiheit streben. Deshalb ist die Lage des Deutschen hoffnungslos, solange er, inmitten freier Völker, die alten Fibeln und Traktate benutzt, die alten Lieder singt, zum alten Gott-Vater betet. So tut das deutsche Volk; die Menschheit aber fühlt: Lieber Analphabeten als Kreaturen, die jede Lüge glauben, wenn sie gedruckt ist! Die Eltern, die Erzieher, der Polizist, der Landesfürst: alle meinen es gut mit dem Kinde, dem Untertan, Sklaven, Rekruten, Stimmvieh. Höret Vereinsreden, schlucket Druckerschwärze, dann kommt unten das raus, was göttliche Obrigkeit braucht. Die Freiheit besteht darin, daß ihr petitionieren dürft – für den Papierkorb. Den Höhepunkt erreicht der Knechtsgeist im Kadavergehorsam, wie ihn der Militärdienst forderte. Da hieß es: Du sollst dem, der befiehlt, gehorchen, nicht nur gegen deine Neigung, sondern sogar wenn das, was du tun sollst, deinem sittlichen Empfinden widerstrebt oder dich entwürdigt. Das ist nicht das System und die Anmaßung einer Kaste; Väter und Mütter billigen das, wollen es so. Sonst würden sie die politische Macht an sich reißen und es abstellen. Wieder ist es der faule Begriff Nation, der helfen muß, Freiheit zu erdrosseln. Der Staat züchtet und hegt den Begriff des Feindes, um sein System der Macht und des Gehorsams zu rechtfertigen, das in Wirklichkeit nur dazu da ist, das Volk in Unfreiheit zu halten. Er will nicht Völkerversöhnung, weil das Wehrpflicht und Drill überflüssig macht. Er will überhaupt keinen einfachen Weg zum Glück, sondern will, daß das Volk ein ganzes Heer von Schmarotzern für nötig hält, um dies sehr Unentbehrliche zu sichern, was in einem Atem genannt wird Nation, Vaterland, heimatlicher Herd und nichts ist als ein Vorwand, Menschen zu knechten, eine Niederung von Mensch und Seele. Wenn irgend ein Zweifel ist, wo die Schuldigen zu suchen sind, die das deutsche Volk von der Freiheit abgesperrt haben – bei der Betrachtung dessen, was Eltern, Professoren und Oberlehrer aus dem Begriff der Pflicht gemacht haben, wird er behoben. Mit Ekel und Verachtung muß der Arbeiter auf die Studierten sehen, die aus ihren Hörsälen und Büchern jahrzehntelang nur Dunst und Verwesung geholt haben, nie Leben, Freiheit, Revolution. Kant selbst ist als preußischer Professor verdächtig; Kants Pflichtbegriff, der kategorische Imperativ. Die preußischen Oberlehrer haben es dahin gebracht, daß das schließlich bedeutete: tue, was die Oberste Heeresleitung will. Und wenn das auch nicht in Erscheinung trat, Pflicht, das war, » verdammte Pflicht und Schuldigkeit«, im Ausdruck schon eine treffende Kennzeichnung. Wir alle haben in der Jugend empfunden, wenn uns von Pflicht gesprochen wurde, dann meinte man etwas Unsympathisches, etwas, das man ungern tat, gegen Neigung und Anlage. Dem Erzieher merkten wir an, daß er selbst verbittert war und zu feige, seinem Haß gegen das System anders Luft zu machen, als indem er half, daß auch anderen Menschen Lebensglück durch die preußische Scheußlichkeit zerstört wurde. Seine Pflicht tun, das war: »die Nas' in Kot und nicht verzweifeln«. Denn aus diesem gefälschten Pflichtbegriff kommt auch das Wesen unserer Arbeit. Arbeiten, sinnlos, hoffnungslos. Aufhäufen, verschieben, betriebsam sein, nicht rasten, »sich nützlich machen«, in aller Natur herumkratzen. Von früh bis spät, ohne Besinnung. Am Leben vorbei. Tot, tot. So wollte die bürgerliche Nationalökonomie die Arbeit. Als einen Fluch. Der Mensch unter dem Druck des Wahnes, daß er zugrunde gehe, wenn er nicht irgendwo etwas tue, was ihm im Grunde widerlich ist. Sich unterordnen, sich fügen, seine Pflicht tun, arbeiten. Und wieder, damit nicht einer aufhöre zu zappeln, sobald er Nahrung, Kleidung, Wohnung hat, das Höhere, für das Geld herbei muß: die Nation, der Staat, die Rüstung gegen die Rüstung des Erbfeindes, die Bezahlung des Apparates, der Drohnendasein einzelner ermöglicht. Polizei, Gefängnisse, Steuerkontrolle, Militär, Regierung, auswärtiger Geheimkram, Staatskirche und das Lügenkorps, das um diese Dinge täglich Schall und Rauch machen muß. Die bürgerliche Lehre von der Volkswirtschaft rechnet nur mit dieser Sklavenarbeit. Sie sieht Fortschritt in dem Anwachsen der Ziffern Import, Export, Hin- und Herfahren, Verschieben. Ihr Maß ist nicht das Menschenglück, sondern die Größe der Nation, der nationale Wohlstand, der einer Klasse zugute kommt, die unbedingt solidarisch ist in dem Willen, daß der Arbeiter Arbeiter in ihrem Sinne bleibe. Beweis dafür ist die zynische Roheit, mit der die Statistik der Berufe gelesen wird: von der Sterblichkeit der Quecksilberarbeiter, der Kellner. Wirtschaftsstatistiker, das sind dieselben Gemütsmenschen, die auch wirkliche Todesurteile unterschreiben können. Das ganze Renten- und Krankenkassenwesen steht im Zeichen der Todesstrafe. Wenn die Deutschen selbst so schwer unter ihren Begriffen von Pflicht und Arbeit zu leiden hatten, wie mußten sie erst farbige Menschen damit quälen, die sie als minderwertig anzusehen gelehrt wurden! Sie übersahen ganz, wie fleißig die Neger Innerafrikas zu allen Zeiten waren, muteten ihnen aber in ihrer Überhebung zu, Arbeit zu verrichten, deren Ertrag ihnen nicht zugute kam. Etwa aus Begeisterung für die Tatsache, daß ein Weißer, ein Vertreter der höheren Rasse zu ihnen gekommen war. Den Neger zu Arbeit erziehen, das hieß Kulturaufgabe. Gut. Dann so, wie in Nigerien, wo das Geschick der britischen Verwalter dem Neger die Freude an der Entwicklung des Landes läßt. Aber nicht ihn zwingen, ihn ausbeuten und zu Ehren des Arbeitsideals körperlich und seelisch ruinieren, wie das geschehen ist mit den Wanjamwesi, die von Anwerbern zur Küste gelockt wurden. Merkwürdige Theorien wurden aufgestellt: »Der Neger muß arbeiten, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt.« (Man täte gut, wenn der Satz richtig wäre, die Drohnen mal arbeiten zu lassen, die den Weltkrieg gemacht haben.) Aber hat der Neger seine Zeit ohne uns schlecht angewandt? Hat er nicht das Land gerodet, Hütten gebaut, Hausgerät, Kleidung, Schmuck hergestellt, Tiere gezüchtet, Tänze und Lieder erfunden? Irgendwo geht es bei jedem Kampfe um Beseitigung einer Unfreiheit, und nur wo für neue Freiheit gekämpft wird, leben Völker. Es wird immer deutlicher werden, daß das deutsche Volk einen Befreiungskampf der Jugend zu kämpfen hat. Die ältere Generation hat das vierte Gebot benutzt, die jüngere zu knechten. Sie wird das immer wieder versuchen. Wo aus ehret wird gehorchet und wo Gehorsam solch Begriff ist wie im alttestamentlichen, protestantischen Preußen-Deutschland, da muß die Freiheit getötet werden. Wie sollte eine deutsche Jugend erkennen, daß die Eltern ihr schlimmster Feind waren! Diese Generationen, die nichts von der Liebe wußten, unglücklich waren und es deshalb nicht mit ansehen konnten, daß die Jugend glücklich wurde. Der Gegensatz der Alten zur Jugend geht so weit, daß sie, die nicht mehr in den Krieg zu ziehen brauchten, das gegenseitige Schlachten der jüngeren Generation herbeiführten. Wenn die Wehrpflicht erst mit dem Alter begonnen hätte, mit dem Männer ins Parlament gewählt werden durften, nie wäre der Weltkrieg entstanden; wie es nach dem Urteil von Psychologen auch nicht zu absichtlichen Seeschlachten kommt, weil der Admiral mitfahren und mitertrinken muß; während die weißhaarigen Helden, wenn sie zu Land Nachtangriffe befehlen, in voller Sicherheit für Leben und Gesundheit in irgend einem Schlosse weilen. So alt ist die Menschheit und soviel Bücher werden gedruckt, und so wenig kennen wir unser eigenes Herz! Wie sollen wir's auch kennen lernen, wenn wir die Zeit hinbringen zu ehren, zu gehorchen, zu bewundern, anzubeten und uns in der Tugend üben, Knecht zu sein. Eine Generation, die nicht lebt und nicht zu lieben weiß, kann nichts schaffen, was Beachtung verdiene. Ihre Leistung trägt den Keim der Zerstörung in sich. Ihren Werken sehen wir an, daß unerlöste, unglückliche Menschen sie schufen. Wenn wir ihre Bücher und das, was sie statt Kunst hinstellen, weiter mitschleppen, wird unsere Stirn wieder das Zeichen derer tragen, die nicht lieben. Verachtung, Spott, Haß werden uns treffen, von Menschen, die darunter zu leiden haben, daß sie mit Unfreien zugleich leben und um den Genuß betrogen werden, ein reichbegabtes Volk frei zu sehen.   Auch die deutsche Wissenschaft ist verdächtig. Sie verdankt ihr Entstehen zum großen Teil der Feigheit und ist ja auch zur käuflichen Dirne der Gewalt geworden. Stiere Betriebsamkeit, unergründliche Forschertiefe, das ist nur böses Gewissen von Männern, die fühlten, daß das Denken zuerst in den Dienst der Freiheit gestellt werden müßte. Sie tun so, als ob es darauf ankomme, eine Wahrheit zu finden, Wissen und Können zu steigern, und werden, weil sie unfrei sind, durch ihre Entdeckungen nur Zuhälter der Gewalt. Diese Tatsache braucht man nur noch gewissen Lesern bürgerlicher Zeitungen klarzumachen, das Volk hat sich längst voll Abscheu von den Gelehrten gewandt, die sich zurzeit noch öffentlich blamieren dürfen, mit ihrer hohlen Berufung auf die Wissenschaft. Wenn die Weimarer Schwatzerei nicht von Anfang an schon in ihrer Abgeschmacktheit erkannt worden wäre, die Erscheinung des deutschen Professors mit teutonischem Pathos, Kulturwidrigkeit und Lebensfeindschaft hätte es getan. Wissenschaft, die Kunst der Professoren, ist abgetan, für immer; Wissen, das zur Weisheit und zum Leben führt, wird leben; die Kunst freier Denker ohne Titel, Diplome, Orden, Futterkrippe, Pension. Deutsche Wissenschaft, das hieß bisher, ein Recht haben, nichts für die Freiheit zu tun, gründlich, unergründlich, unkontrollierbar zu sein. Es war nur ein Schritt dahin, das Wissen in den Dienst des Vaterlandes zu stellen, sich selbst einer obersten Gewaltleitung unterzuordnen. Und nun kommt das Schlimmste: dies ganze Wissen selbst war unfrei, durfte, wenn es bestehen wollte, gar nicht wollen, daß es ein freies Wissen gebe. Die Verknüpfung von Machtmerkmalen und -bedingtheiten mit Wissenschaft, Glauben, Gehorsam gegen Lehrer, Unterordnung ließ nicht Zeit, dem Wissen selbst auf den Grund zu gehen und zu erkennen, was es war. Im deutschen Volke wurde die Vorstellung kultiviert, man könne irgendwo gelehrte Männer anstellen, die die Rezepte für Volksglück, ja für Lebensmöglichkeit finden, behüten, verwahren. So wurden Feiglinge, lebensfremde Menschen zu einer neuen unkontrollierten, deshalb gefährlichen Macht, der nicht anzusehen war, daß sie sich brutalerer Macht, der nationalistischen Gewalt, unterordnete, die schließlich ihre Brotherrin war. Die Unkontrollierten selbst merkten nicht, daß ihr Wissen ein anmaßendes Oberflächenbewußtsein war, eine hoffnungslose Sackgasse, die nirgends in Leben mündete. Tot ist eine Wissenschaft, die heute oder morgen die absolute Wahrheit zu finden meint; lebendig die Weisheit, die auf das rollende Leben blickt und in dem ewig sich Wandelnden den Sinn sieht. Mit ihr lebt Hoffnung. Irgendwo runzelt hier auch der Griesgrämige die Stirn, dieser deutsche Idealismus. Mit saurem Lächeln sagen wir: muß dies denn sein? Dies Monstrum. Nur Fürstendiener, Wehrpflichtige, Leibeigene, im Leben Schlechtweggekommene konnten ihn erfinden. Dieser Idealismus ist, sich mit dem begnügen, was Menschengnade gestattet, am Leben vorbeileben, mit den Gedanken in einem erträumten Glück, anstatt jetzt, heute zu leben. Dieser Idealismus trifft sich mit einem gewissen Christentum, das auch nichts weiter tut, als die Menschen um ihr schönes, saftiges Leben betrügen, einem zur Kirche erhobenen Fehlen von Religion. Die Welt ist so schön und so reich. Sie bietet sich mit Sehnsucht und Liebe dem an, der mit Liebe hinaustritt, als Mensch unter Menschen. Wie glücklich könnten die sein, die aus der Knechtschaft auswandern, nähmen sie nicht, ohne es zu wissen, das Gift der Unfreiheit mit hinaus an ferne Küsten. Wer einen Knecht zum Lehrer und Herren hatte und nie unter freier Verfassung lebte, wird überall und immer wieder Knecht und Herr, es sei denn, er wandere aus sich aus, werde Apostat im eigenen Volke. Der Deutsche muß an allem, was ihm gegeben wurde, zweifeln, muß sich sogar gegen die Mutterbrust empören, voll Mißtrauen, ob nicht der Nationalismus, der Gewaltwahnsinn, der Knechtsgeist schon mit der Milch in ihn geleitet wurde. Sicher wurde er es mit dem ersten Wort, das er buchstabieren lernte, denn die Fibel hat einer geschrieben, der in kahlen Kirchen gebetet, auf Kasernenhöfen stramm gestanden hat und nie den Wunsch hatte, die Gitter eines Gefängnisses zu zerbrechen. Einer, der Wollust empfindet, wenn ihm beim Anblick eines Tyrannen zum Bewußtsein kommt, daß Unzählige hoffnungslos leben müssen, damit der frevelhafte Übermut sich in Hauptquartieren mäste. Es ist für den Deutschen bitter, erkennen zu müssen, daß er trotz aller guten Anlage, von Natur anständig, gut und tüchtig, nicht auf die Welt losgelassen werden darf. Aber es ist für ihn tröstend, zu erfahren, daß es in seiner Macht liegt, diesen Zustand zu ändern. Nur darf er nicht glauben, es gäbe einen anderen Weg dazu als den einen der Selbstbefreiung und völligen geistigen Umkehr. Dazu ist nötig, rücksichtslos aufzudecken, was an Gewalt, Lüge, Betrug im deutschen Volke System geworden war und sich schuldig zu bekennen, diese Dinge trotz aller Mahnungen freier Völker, zum Schaden aller Völker geduldet zu haben. In jeder Menschheitsangelegenheit versagt das deutsche Volk noch immer, und es gibt kaum etwas, was nicht als Symptom genommen wird, so aufmerksam blickt die Welt auf dies Volk, das mit seiner Treue und Herzensgüte, seinem feldgrauen Gehorsam und seiner Tüchtigkeit zum Henker des Friedens wurde. Heute sperren Pseudopazifisten das deutsche Volk weiter vom Auslande ab. Sie beweisen, daß Schlechtes, daß Kriegstreiberei und Gewalt auch in anderen Völkern zu finden seien und lenken die Aufmerksamkeit, die ungeteilt der eigenen Besserung gehören müßte, auf den Splitter im Auge des anderen. Sie umgehen die Tatsache, daß die anderen Völker die Früchte ihrer erkämpften Freiheit nicht in Ruhe genießen konnten und die rohen Mittel der Gewalt beibehalten mußten, solange ein mächtiges Volk unbelehrbar in Knechtschaft beharrte. Sie alle fürchteten mit Recht ein Volk, das die Gewalt anbetete und dazu von einem deutschen Gedanken, einer Weltmission sprach. Diese gefährliche Vorstellung, Gottes Werkzeug zu sein, muß einmal in ihrem Ursprung erkannt werden, um recht lächerlich zu werden. Sie ist, wie Hugo Ball klar dargestellt hat, nichts als eine Erinnerung an die Tatsache, daß die deutschen Kaiser Vollstrecker des päpstlichen Willens waren, als übermütige Barbarenkraft Mehrer des Kirchengebiets, von Gott bevorzugt, von der Vorsehung auserwählt. Das wissen natürlich die Bankrotteure nicht, die, statt neuer sittlicher Gedanken, dem betrogenen Volke schwiemelige Phrasen aus ihrem alldeutschen Sprachschatz nachwerfen. Die Weltmission des deutschen Volkes bestand darin, die Revolutionen aller Völker zu sichern durch den eigenen Freiheitskampf, der in Deutschland eine ganz besonders schwere, ja hoffnungslose Aufgabe war. Es gibt nur dies eine, was der Mensch dem Menschen, das Volk dem Volke bringen kann: das Beispiel der Freiheit. Alles andere fällt den Völkern von selbst zu. Die gefeierten Werte der Nationalökonomie, Geld, Ware, Verkehr sind hohl in den Händen eines unfreien Volkes und werden zur Gefahr für andere. Es ist keine Ordnung, keine Pünktlichkeit ohne Freiheit. Hinter aller durch Gewalt gesicherten Ordnung lauert das Chaos. Die deutschen Intellektuellen, die fast alle kompromittiert sind durch ihre Untaten im Kriege, sind sehr betriebsam in der Betrachtung des Rechtes, das die Entente ihren Friedensbedingungen zugrunde legte. Sie entrüsten sich, daß die Sieger strafen wollen, wo kein Gesetz vorhanden war, das verbot. Scheinheilige! War nicht der Hohn auf das Rechtsgefühl und die schäbige Kunst, den Schein des Rechts obendrein für sich zu bekommen, der Anfang des Krieges? Wie können die Doctores und Juristen eines Volkes wagen, über Recht mitzusprechen, dessen Vertreter das Zustandekommen eines Völkerrechtes verhindert haben und obendrein das Recht zunichte machten, indem sie die Themis einem Mars unterordneten, der in deutscher Schicksalsstunde mit der Lehre zur Verfügung stand, Macht geht vor Recht! » Nulla poena sine lege «, das mag römisches Gesetz gewesen sein und riecht stark so, als ob es in praxi teutonica mehr dazu gedient habe, das Gewissen von Richtern zu beruhigen, die Wehrlose straften, weil ein Gesetz da war. In den Höllenschlund mit aller Rechtsgelehrsamkeit, wenn die Männer, denen es gelang, ein Völkerverbrechen zu meistern, nicht aus ihrem Rechtsgefühl und im Bewußtsein ihrer Verantwortung das tun sollen, was ihnen die Stunde befiehlt. Den deutschen Juristen, seien sie Professoren, Vorstände der Vaterlandspartei (die zum Staatsstreich rüstete!) oder Pazifisten, seit die Gefahr des Schützengrabens vorbei ist, sei gesagt, daß ihre Buchstabengläubigkeit, die typisch protestantisch ist, Rechthaberei ist und nicht Recht. Die Menschheit, die auf einem Massengrab steht, will ihr Recht ausüben aus ihrem Rechtsgefühl und nicht aus dem toten Buchstaben und wird auch hier die Gesinnung über die Gelehrsamkeit stellen. Wie stumpf müssen die Menschen sein, wie fern jedem Menschentum, die nicht fühlen, daß Tränen, Blut und Qual und die Sorge um den Rest von Liebe, der noch auf der Kruste dieses Erdballs zuckt, bessere Gesetze hinstellen als die Buchstaben. Aus diesem neuen Rechtsgefühl muß verstanden werden, weshalb wir Deutsche Kolonien haben werden oder nicht. Das Leid und Massenopfer der Menschen verlangt außerordentliche Maßnahmen, hat geradezu Gesetze vorweggenommen. Wer das nicht anerkennt, hat auch den großen Entschluß unserer Brüder in Amerika, in den Krieg einzugreifen, nicht erlebt. Wilson sagte: The settlement must be final. There can be no compromise : Es muß endgültig sein; keinen Kompromiß! Ein Gesetz, das eine Handhabe zum Strafen gäbe, darf erst gar nicht geschrieben werden, weil das Verbrechen überhaupt nicht mehr vorkommen darf. Der Rechtsgelehrte, einer, der dem Menschenherzen vorerzählen soll, was mal Gesetz wurde, ist völlig ausgeschaltet; das Menschenherz selbst handelt nach dem Gesetz von heute. The past and the present are in deadly grapple . Vergangenheit und Gegenwart ringen tödlich miteinander. Juristengesetz ist Vergangenheit. Ein höheres Recht gilt. Ihr unergründlichen Rechthaber, glaubt Ihr, Amerika, dies ausgewanderte Deutschland, sei zu Euch herüber gekommen, um sich mit Euch über Recht und Schuld zu unterhalten? Da kennt Ihr die Größe und Reinheit seines Entschlusses nicht! Am 9. November 1918 konnte das deutsche Volk zeigen, ob es für Recht und Sittlichkeit ein Gefühl habe und ob es würdig sei, Kolonien zu haben. Die Völker erwarteten nichts weiter, als daß das deutsche Volk das System erkannte, in dem es verstrickt war, und daß es die Männer, die dies System mit ihrem Namen gedeckt hatten, preisgab, von ihnen abrückte, sie für immer aus dem öffentlichen Leben entfernte und zur Verantwortung zog. Es hat sich von neuem belügen lassen und zugesehen, wie jeder, der im Lande die Wahrheit sagte, ermordet wurde. Jetzt ist das Ausland für lange Zeit gesperrt. Unerhörte Taten der Freiheit müßten kommen, ein Thomas Münzer müßte trotz einem Luther siegen, wenn das deutsche Volk das wieder gut machen wollte, was es bei der Matrosenrevolte versäumte. Dazu ist keine Hoffnung, denn noch immer neigt das Volk dazu, den zu vergöttern, der es mit Füßen tritt und den, der es zur Freiheit führen könnte, kraft konterrevolutionären Rechtes »auf der Flucht« zu erschießen. Ehe das Volk nicht durchsetzt, daß alle Hindenburgstraßen in Eisnerstraßen umgetauft werden, und zeigt, daß es zwischen Gewalt und Geist unterscheiden kann, ist keine Hoffnung, daß Deutsche in die Welt hinausgehen dürfen. Dem freien Deutschland steht die Welt offen; den Knechten mag ihr Land zu einem Zuchthaus werden, in dem sie ihr Leben beschließen mögen, zur Strafe für die Untat, die tausende Schmachtender, die zu Ehren der Kriegsgötzen hungerten und froren, nicht früher befreit zu haben. Niemand erwartet, daß an Menschen Rache genommen, daß Blut vergossen werde, obwohl eine freiheitliche oder revolutionäre Notwendigkeit so etwas viel eher rechtfertigen könnte als die berüchtigte militärische, die so Furchtbares über die Menschen gebracht hat; aber daß Schriften und Bücher nicht verbrannt werden, die am Tage der Freiheit nur noch Dokumente der Schande und Dummheit sein dürften, daß der Knechtsgeist durch Fibeln, Liederbücher, Gebete und Traktate noch weiter die Jugend vergiften darf, das ist unverzeihlich. Glaubt der Deutsche, mitsprechen zu dürfen, ehe er mit seinen Kriegstheologen und ähnlichen Volksverführern abgerechnet hat? Ehe er den Doktortitel allen den Akademikern genommen hat, die nicht die Pflicht empfunden haben, die Tatsachen über die Entstehung des Weltkrieges selbständig nachzuprüfen? Die akademische Freiheit erlaubte den deutschen Professoren, ihr unverantwortliches »Es ist nicht wahr« in die Welt zu posaunen, woraufhin das feldgraue Schlachtvieh durchhielt; welche Akademie hat, um historische Studien nicht erst zu beginnen, wenn sie unfruchtbar sind, die Kenntnis der Dokumente über den Weltkrieg gefordert? Keine. Ein Hauptmann des Generalstabes hat diese Ehren-Doktorarbeit gemacht. Und das Volk erlaubt eine Nationalversammlung, in der neben Annexionisten, Mitteleuropäern, tüchtigen Frauen auch Professoren die Freiheit verhöhnen. Deshalb ist dem Deutschen der Weg über den Ozean verschlossen. Wie schwer fällt es dem Deutschen doch einzusehen, daß schon seine Weltanschauung oder Lebensauffassung oder das Fehlen von beidem ihn unter den Ausgewanderten unmöglich macht. Sein trauriger Begriff von Arbeit und Pflicht, seine Bereitschaft zu untertänigem Gehorsam, seine irre Betriebsamkeit, die aus Mangel an Liebe kommt. Wenn er sich schon auf Pflicht beruft: Alle, die sich dafür bezahlen ließen, daß sie dem System der Lüge und Gewalt dienten, taten nur ihre Pflicht. Das ist ja wohl nicht schwer, wo man bequemes, sorgloses Leben und alle Ehren hat als Lohn dafür, daß man zu jedem Verbrechen schweigt, und es als Tugend gilt, nicht nachzudenken. Wer offenen Auges selbst in die Beamten- oder Offizierslaufbahn hineingegangen ist, weiß, daß die Befähigung für höhere Stellen wesentlich davon abhing, ob es einem leicht wurde, die fortgesetzte Erziehung zur Härte und Skrupellosigkeit hinzunehmen. Die Pflicht gebot, jedes Verbrechen, jede Lüge, Gemeinheit, Treulosigkeit mit kalter Ruhe zu vertreten, wenn die militärische, staatliche, nationale Notwendigkeit das forderte. Je höher die Stellung bei Militär, Polizei, Staatsanwaltschaft und Gefängnisdirektion, desto größer die Ansprüche an die Fähigkeit, sich menschlichen Regungen zu verschließen, Klirren der Ketten nicht zu hören, Tränen der Frauen nicht zu sehen und gut zu schlafen, während Menschen zerquetscht, zerfleischt, geschändet, zertreten werden. Härte, Schneid, Empfänglichkeit für Scharfmacherei, das sind die Vorzüge, die dem Richter, Offizier und Verwaltungsbeamten die Laufbahn öffnen. »Ich ersuche, auf die Offiziere erzieherisch dahin zu wirken, daß unter ihnen bei Ausübung der richterlichen Befugnisse keine weichlichen und unsoldatischen Ansichten Platz greifen.« Wörtlich! Wer weiß noch nicht, wo die Schuldigen zu suchen sind und weshalb denen, die es erlebten, wozu höhere Offiziere fähig waren, in Nordfrankreich und an Bord vor Entsetzen das Herz stille stand? Das deutsche Volk hat es so leicht, sich in den Augen der Mitwelt zu rehabilitieren, es braucht nicht lange nach den Schuldigen zu suchen, nur oben anzufangen. Die, welche das System mit ihrem Namen gedeckt, sich dabei wohl befunden haben, die vier Jahre Lüge mit ihrer Brust voll Orden deckten und den Wunsch nach Wahrheit und Frieden mit dem Heldentod bestraften, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Das System war mit seinen Siegeshoffnungen an bestimmte Namen gebunden; jetzt ist es entlarvt, und die Millionen Leidender fordern, daß sich nun auch die Schande an das dicke Fell der Träger dieser Namen hefte. »Sie taten nur ihre Pflicht als Soldaten«, beschwichtigt man. Dokumente beweisen, daß sie es für ihre Pflicht hielten, in die Politik einzugreifen, sobald sie den Krieg, ihre »Große Zeit« gefährdet sahen. Aber gerade, wenn es wahr wäre, daß sie nur ihre Pflicht taten, müßte das Volk jetzt zeigen, daß solches Seine-Pflicht-Tun, ihm nicht erwünscht ist, und mit der Verurteilung einer ganzen Kategorie von Menschen sich zu einem besseren Pflichtbegriff bekennen. Das ist heute der Schlüssel zum Weltmeere. So erobert man sich den Platz an der Sonne. Was meinte die frühere, die alldeutsche Kolonialpolitik mit dem »Platz an der Sonne«, mit dem »nationalen Gedanken«? Die Entfaltung roher Macht. Die Alldeutschen sahen sich überall im Gegensatz zu Engländern, sie sprachen auch offen vom kommenden Krieg, der über das Schicksal der Kolonien »und aller etwa noch zu erwerbenden Kabel-, Kohlen- und Flottenstützpunkte entscheiden werde« (1902. Alldeutsche Blätter Nr. 22) und haben, wie immer, damit ja auch recht behalten. Sie erklären, wo der deutsche Bauer Fuß gefaßt habe, da bleibe der Boden deutsch. Sie drohen, die Kolonialpolitik sei »ein notwendiges Glied in der Entwicklung des deutschen Volkes und Staates hinauf auf die Höhen der Menschheit, da, wo dem deutschen Volke seine Stellung von Gottes (!) und Rechts wegen gebührt« (ebenda). Die Alldeutschen Blätter berichten zugleich, der Deutsche sei »in der Behandlung der Eingeborenen roh, brutal, erschreckend grausam«. Die Alldeutschen betrieben die Vermehrung der Flotte, der Armee. Förderten jede Art der Überhebung. Da das deutsche Volk nichts tat, um diesen Hetzern entgegenzutreten, konnte es sich nicht wundern, daß das Ausland das ganze deutsche Volk aufs Korn nahm. Die Selbsterhaltungspflicht, die sich gegen die alldeutschen Pläne richtete, hieß dann bald Handelsneid; und sehr geschickt wurde der Völkerhaß geschürt, indem man behauptete, Briten und Franzosen gönnten dem Deutschen nicht, was sie in der Tat den Alldeutschen nicht gönnen durften. Die Alldeutschen verstanden es aber durchaus, sich so aufzuführen, als seien sie das deutsche Volk, und mit dem, was sie taten, das Ausland gegen das deutsche Volk aufzureizen. Sie empfingen den Ohm Krüger 1900 »getragen von der Zustimmung des in seinem tiefsten Empfinden verletzten und erregten deutschen Volkes«, beschimpften England, verurteilten den räuberischen Einfall des Dr. Jameson und »atmen auf nach der raschen Niederkämpfung des völkerrechtswidrigen Einbruchs, gegen zehnfache Übermacht«. (Vorbereitung der Weltkriegsstimmung und Urteil über den deutschen Überfall in Belgien.) Wenn die anderen Nationen wußten, daß alldeutsch eines Tages deutsch sein werde und aller deutscher Arbeitsertrag eine Weltgefahr, so ist ihr Bestreben, Deutschland nicht zu mächtig werden zu lassen, nur Verständnis für Völkerpsychologie. Jede deutsche Zeitung, jede Vereinsrede, manches Kaiserwort enthielt dieselbe, etwas nebelhafte Drohung mit dem deutschen Gedanken. Und dem einzelnen Deutschen sah man an, daß er politisch leer war, haltlos, unbefriedigt, bereit zu gehorchen. Nichts von Stolz auf irgendwelche freiheitliche Taten; nur Siegesfeste der Hohenzollern über äußere Feinde. Die deutsche Literatur war im Auslande nicht unbekannt, die wilden Schlachtgesänge des Professors Dahn, die Staatsverrücktheit eines Treitschke, die primitive Verehrung Bismarcks. Der Weltkrieg hat gezeigt, daß die Deutschen das sind, was sie unter solchem Einfluß werden mußten. Kein Fleiß, keine Tüchtigkeit kann ihnen den ersten Schritt ersparen, der getan werden muß: Ausrottung des alldeutschen Geistes als Vorbedingung zum Eintritt in die Menschheit. Dieser Eintritt ist in einer Hinsicht leichter, als es scheint, weil auch die alldeutsche Behauptung, der Deutsche sei roh gegen die Eingeborenen, irrig ist. Wo der Deutsche nicht von oben kontrolliert wird, wo er sich unbeobachtet glaubt, ist er herzensgut gegen Mensch und Tier. Es ist, als ob er sich mal erholen will vom hochgewichsten Schnurrbart, der bösen Stirnfalte und der Anschnauzerei, wie sie zum Vorwärtskommen nötig sind. So kommt es, daß die Eingeborenen in allen Ländern dem einzelnen Deutschen aufrichtig zugetan sind und zugleich den Deutschen, der als Vertreter des Systems auftritt, erbittert hassen. Wieviele Offiziere sogar haben heimlich in Afrika nicht geprügelt, Verurteilte entfliehen lassen und eine geliebte Schwarze ritterlich und zart behandelt! Trotz aller Mahnung der edlen Teutonen, die niedere Rasse zu verachten. Aber die Scharfmacher waren ihnen immer im Nacken. »Der Neger muß Prügel haben.« »Er erwartet das.« Die alldeutsch geleiteten Zeitungen der Kolonien wurden nicht müde, die Beamten zu härterer Bestrafung des »schwarzen und gelben Gesindels« anzufeuern und jeden »Fall von Negrophilie oder Humanitätsduselei« festzunageln. Es ist ein merkwürdiger Zeitpunkt, in dem wir an Afrika denken. Deutschland hat keine Kolonie mehr. Aber wir können unsere afrikanische Zeit nicht mehr vergessen. Dort haben wir uns am deutlichsten gezeigt mit unseren Vorzügen und Fehlern, und viele von uns haben ihr Herz verloren an die afrikanische Natur mit ihren Menschen und Tieren und ihrer Freiheit. Der Ausländer weiß, wir waren überall besser, als es das System von uns verlangte; aber die Bücher und Reden zeugen gegen uns. Da wird jede Härte, die bei anderen Völkern vorkam, als vorbildlich hingestellt. Aus dem Wortschatz: »Farbiges Gesindel; die ›lieben‹ Farbigen; blutgierige Bestien; schuldige Achtung vor der weißen Haut; Abrechnung mit den Völkern; das Ziel, das größere Deutschland.« (Aus dem Reisebuch eines deutschen Professors, 1898) Solche Anschauung war die treibende Kraft auch der Weltpolitik. Dieselben wenigen Polterer haben Deutschland in die Kolonialpolitik und in den Weltkrieg getrieben. 1885 wurde eine private Gesellschaft gegründet, die mit Negerhäuptlingen sehr merkwürdige Verträge abschloß. (Dazu galt die schwarze Haut als gleichberechtigt.) Dann verschaffte man sich einen Schutzbrief. Jetzt mußte das Deutsche Reich – damals war es noch nicht Republik – einspringen, als es Aufstand gab. Deutsche Kolonien waren da, die Betätigung für die herrschende Klasse in Kolonialdienst, Flotte, Heer war gesteigert. Das Volk mußte mit. Aus diesem glänzenden Streich schöpften die »patriotisch gesinnten« Männer 1890 den Mut, den Alldeutschen Verband zu gründen, um ihre wahnwitzigen Pläne der auswärtigen Politik anzusuggerieren. Die Hofprediger brauchte man nicht erst auf die Kirche loszulassen, die waren bereits streitbar; auf die Erziehung drückte der Jungdeutschlandbund, dazu Kriegervereine, Wehrverein, Flottenverein. Und alles Hand in Hand. Die einzige Hoffnung war die freideutsche Jugend. Auch sie war zum größten Teil erst seelisch im Gleichgewicht, als sie mit Zupfgeigenpopeia Reserveoffizier wurde und die Juden beschimpfte. Einem Volk mit solcherart Intelligenz sollte Wilson Kolonien verschaffen, bevor es sich änderte? Und ist vielleicht jetzt zu erwarten, daß die deutsche Jugend einstimmt, wenn Wilson sagt: »Was wir bezwecken, ist Herrschaft des Gesetzes, das auf der Zustimmung der Regierten beruht«? Dort unten liegt Afrika. – Wenn der Deutsche seine Erziehung vergißt, wenn er dem ganzen Spuk von Schwarz-Weiß-Rot den Rücken kehrt und seinen Kindern nichts mehr von dem Mittelalter überliefert, wenn er in jedem Menschen den Bruder achtet, dann kann er sich wieder seiner Gaben freuen und darf sich messen an den Widerständen der Welt. Aus Süd und West kommt die Kunde, daß die Völker uns neue Zuneigung entgegenbringen. Sie sehen uns als das Volk der Liebknecht, Luxemburg, Eisner. Die wenigen, die den Heldenmut hatten, in »Großer Zeit« zur Wahrheit zu stehen, haben den Zugang zur Welt neu geöffnet, den uns die Militärs versperrt hatten. Nie wird ein andrer Weg in die Menschheit offen sein als der durch die Freiheit.