Leopold von Ranke Geschichtsbilder aus Leopold v. Rankes Werken Zusammengestellt von Dr. Max Hoffmann, Gymnasialprofessor a. D. Vorwort. Die Werke des größten deutschen Geschichtschreibers bieten sich dem wißbegierigen Leser nicht ohne weiteres zu mühelosem Genüsse dar. Aufgebaut auf eindringendste Erforschung der Quellen, führen sie oft sehr ins einzelne, verfolgen Entstehung, Zusammenhang und Wirkungen der Begebenheiten und erheben sich dann zu der Höhe allgemeiner Gesichtspunkte. Aber keineswegs fehlt ihnen der Reiz lebendiger Erzählung, anschaulicher Schilderung. Überall treten aus dem erforschten Stoffe Bilder der Vergangenheit hervor, kunstvoll herausgearbeitet und doch voll natürlichen Lebens. Sie laden den Leser ein, auch das übrige kennen zu lernen, sich der kundigen Führung ausharrend anzuvertrauen. Ranke hat nicht bloß für die Gelehrten geschrieben, sondern für alle, die aus der Geschichte lernen, an ihr sich erheben und erfreuen wollen. Edle Gesinnung und warme Vaterlandsliebe spricht aus seinen Werken, umfassend und klar ist sein Urteil; in geistvoller, sein durchgebildeter Sprache redet er zu uns, wahrlich ein Klassiker der deutschen Literatur. Dochgleichwie die Fülle des Inhalts ist auch die Zahl der Werke schwer zu überschauen. Mancher Leser vertieft sich gern in ein einzelnes Werk, gewinnt aber keinen Gesamteindruck von dem vielseitigen Wirken des Meisters. So lag es nahe, ein zur Einführung geeignetes geschichtliches Lesebuch zu entwerfen mit einer Einleitung, welche zeigen soll, wie die Werke nach und nach entstanden sind, wie sie mit seinem persönlichen Wesen und seinem Lebensgange zusammenhängen. Bei der Auswahl des Inhalts war Beschränkung geboten, um das Buch nicht zu überlasten. Aus der »Weltgeschichte«, die so mannigfache Bilder aus dem Altertum und Mittelalter darbietet, aber am besten im Zusammenhange gelesen wird, ist nur ein hervorragender Abschnitt entnommen und an den Anfang gestellt, damit von vornherein Rankes universalhistorische Auffassung klar werde. Dann wird übergegangen zu dem Reichtum der neueren Geschichte, die ja sein hauptsächliches Forschungsgebiet war. Manche Abschnitte sind gekürzt worden, um das Bild recht abzurunden und das Verständnis zu erleichtern; erklärende Anmerkungen sind in bescheidnem Maße beigefügt; die jetzt gebräuchliche Schreibweise ist durchgeführt, denn ohne allen Schein des Fremdartigen sollen diese Werke aus frührer Zeit zur Gegenwart reden, auch zu der lernenden Jugend. Die Nachweise, woher jedes Stück genommen und wo weiteres zu finden, beziehen sich auf die in den Jahren 1867-81 erschienene, später durch einige Schlußbände noch vervollständigte Gesamtausgabe. Von den Hauptwerken sind allerdings seitdem neue Auflagen erschienen, doch weichen die Seitenzahlen derselben nicht so sehr ab, daß man sich nicht zurechtfinden könnte. Anmerkungen, die vom Verfasser selbst herrühren, sind durch ein beigefügtes R. kenntlich gemacht. Schließlich sei der Familie v. Ranke und der um Verbreitung dieser Werke hochverdienten Verlagshandlung herzlichster Dank ausgesprochen für die Erlaubnis zu der vorliegenden Veröffentlichung und für Beigabe des ansprechenden Bildes. Es ist das von Julius Schrader 1867 gemalte Porträt, welches sich in der Nationalgalerie zu Berlin befindet. Möge das Andenken des großen, hochsinnigen Gelehrten unter uns fortleben als ein auf wirkliche Kenntnis seines Schaffens gegründetes: dazu will dieses Buch in bescheidner Weise beitragen. Lübeck , im September 1905. Der Herausgeber. Einleitung. Nähere Kunde des einzelnen geben Rankes Aufzeichnungen »Zur eigenen Lebensgeschichte«, Sämtliche Werke, Bd. 53 u. 54, seine ebendaselbst und neuerdings in der »Deutschen Revue«, Jahrgang 1904, veröffentlichten Briefe; ferner die Lebensbeschreibung von Alfred Dove im 27. Bd. der »Allgemeinen Deutschen Biographie« und Eugen Guglia , L. v. Rankes Leben und Werke. Leipzig 1893. Leopold Ranke, geboren am 21. Dezember 1795 in dem thüringischen Städtchen Wiehe , unweit Memleben an der Unstrut, stammt aus einer evangelischen Pfarrerfamilie. Der religiöse Sinn des Pfarrhauses waltete auch in dem Hause seines Vaters, der Rechtsgelehrter war und als kursächsischer Justizkommissarius eine mannigfaltige praktische Tätigkeit übte. Das heimatliche Bergland mit seinen geschichtlichen Erinnerungen an die sächsischen Kaiser und an die Reformation weckte frühzeitig in dem Knaben Liebe zum Vaterlande und zu dessen Geschichte. Eine tüchtige klassische Bildung, die ihn befähigte, später auch die neueren Sprachen in großem Umfange sich anzueignen, und sich in Schriftsteller verschiedenster Art einzulesen, erwarb er sich, nach vorbereitendem Unterricht in der nahen Klosterschule Donndorf, in der altberühmten Schulpforte unter dem gelehrten und strengen Rektor Ilgen. Erschütternde Ereignisse gingen während seiner Schulzeit über Deutschland hin; doch hatte Sachsen nicht so schwer wie andere deutsche Länder unter dem Druck der französischen Fremdherrschaft zu leiden. Gewaltsame Stöße, die der jugendlichen Entwicklung leicht gefährlich werden, blieben dem heranwachsenden Jüngling erspart; aber er erkannte, wie das Leben des einzelnen durch die großen Völkergeschicke bestimmt wird. Er nahm den Eindruck der Bewunderung, die man Napoleon entgegenbrachte, in sich auf, dann aber auch den gewaltigen Wechsel, der im Jahre 1813 eintrat. Die Befreiung des Vaterlandes gewährte die tröstliche Aussicht, unter besseren Verhältnissen ungestört sich einem wissenschaftlichen Berufe widmen zu können: mit diesem Vorsatz verließ Ranke zu Ostern 1814 die Schule und bezog die Universität Leipzig, um Theologie und Philologie zu studieren. Bald entsagte er der Theologie, weil der damals noch herrschende Rationalismus sein Gemüt nicht befriedigte, auch weil er den Beruf zum geistlichen Amte nicht in sich fühlte. Sein Streben war auf wissenschaftliche Forschung gerichtet; dazu wiesen die klassischen Studien ihm den Weg. Besonders anregend wirkte auf ihn Gottfried Hermann, der die griechische Sprache und Literatur beherrschte wie kein anderer zu jener Zeit, zugleich ein Meister der kritischen Methode, welche die echte Überlieferung von späterem Mißverständnis zu befreien und herzustellen sich zur Aufgabe setzt. Diese Methode übertrug damals Niebuhr von der Philologie auf die Geschichtsforschung; der junge Student las die vor kurzem erschienene römische Geschichte Niebuhrs mit Begeisterung: da fand er neben scharfsinniger Prüfung des Überlieferten auch lebensvolle Auffassung vergangener Zustände. Nicht minder eifrig studierte er das klassische Geschichtswerk des Thukydides, doch daneben auch vieles andere; keineswegs dachte er schon daran, selbst Geschichtschreiber zu werden, sondern eine umfassende philologische Bildung war sein Ziel. Auch neuere Literatur und Kantische Philosophie zog ihn an; von der Theologie behielt er die Neigung zu kirchengeschichtlichen Studien. Er lebte auf der Universität in bescheidenen Verhältnissen, arbeitsam gewöhnt von Jugend auf. Sobald es anging, mußte er auf Abschluß seiner Studienzeit bedacht sein, da der Vater noch mehrere jüngere Söhne und Töchter zu versorgen hatte. Im Februar 1817 erwarb er die philosophische Doktorwürde; im Herbst desselben Jahres machte er seine erste größere Reise, meist zu Fuß. Er durchzog die Rheinlande, sah den wieder deutsch gewordenen, doch unvollendeten Kölner Dom und in Heidelberg die von den Brüdern Boisserée zusammengebrachte Sammlung altdeutscher Gemälde, die später nach München gekommen ist. Sein nächstes Lebensziel war der Eintritt in das gymnasiale Lehramt. Da seine Heimat inzwischen preußisch geworden war und die preußische Regierung die Förderung des Schulwesens sich damals sehr angelegen sein ließ, wandte er sich nach Berlin, bestand dort im Sommer 1818 die Lehramtsprüfung und erhielt zum Herbst die Anstellung als Oberlehrer am Gymnasium zu Frankfurt a. O. Hier trat er in einen zusagenden Wirkungskreis; der Direktor, erst seit kurzem berufen, war ein von Leipzig her ihm befreundeter Schüler G. Hermanns; unter den Amtsgenossen fand er Männer, die von tüchtigem Streben erfüllt waren. Mit frischer Kraft widmete er sich den Aufgaben des Unterrichts, lehrte Latein, Griechisch, Geschichte in den oberen Klassen und verknüpfte damit die eigenen Studien, die ihn mehr und mehr zu den noch, vielfach unbekannten Quellen der Geschichte wiesen, denn mit oberflächlichen Kompendien wollte er sich nicht begnügen. Zustatten kam ihm eine ansehnliche Bibliothek, die von der 1811 aufgehobenen Universität in Frankfurt zurückgeblieben war; da fand er in altertümlichen Folianten Schriftsteller, die seine ganze Aufmerksamkeit fesselten. Mit eisernem Fleiß ging er daran, sich Auszüge daraus zu machen, um über die Zeiten des 15. und 16. Jahrhunderts ins klare zu kommen. Neben der großen kirchlichen Bewegung der Reformation, mit der er sich in dem Gedenkjahre 1817 schon näher beschäftigt hatte, trat ihm das rege politische Leben der europäischen Staatenwelt in vielen Berichten entgegen, die mannigfach voneinander abwichen: das mußte gesichtet und untersucht werden, wenn über jene Zeiten eine sichere Kunde gewonnen werden sollte. Jahrelang arbeitete er daran, ohne seinem Lehramt untreu zu werden; 1824 konnte er ein Buch herausgeben, das den Titel trug: »Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494-1514«. Es ist kein abgeschlossenes Werk, sondern läßt spätere Fortsetzung erwarten, doch ohne sie ausdrücklich anzukündigen. Die einleitende Abhandlung von der geschichtlichen Einheit der sechs Hauptvölker Europas, drei romanischer und drei germanischer, eröffnet große Gesichtspunkte: in allen Wandlungen ihrer besonderen Entwicklung ist doch immer etwas Zusammenfassendes erkennbar, so auch in der Zeit der zwanzigjährigen Kämpfe, die Hauptgegenstand der Darstellung ist. Sie werden zumeist auf dem Boden Italiens ausgefochten, und dieses Land hoher Kultur, das den Ansturm der Fremden, der Franzosen, Spanier und Deutschen, nicht abzuwehren vermag, erweckt des Verfassers besondere Teilnahme; doch schildert er auch den unfertigen, gärenden Zustand Deutschlands unter dem ehrgeizigen Kaiser Maximilian in treffender Weise. England und Skandinavien greifen nur gelegentlich in die Verwicklungen ein: man merkt, daß die germanischen Nationen noch zu Größerem berufen sind, als in jenem kurzen Zeitraum hervortritt. Den vorläufigen Abschluß bezeichnet die Bildung der großen Habsburgischen Monarchie, die Europa zu umfassen sucht und zugleich die neu entdeckten Gebiete in Amerika ihr eigen nennt. Als lebendige Gestalten treten die handelnden Fürsten, Staatsmänner und Feldherren auf mit vielen einzelnen Zügen, die den sorgsam angeführten Quellen entnommen sind: man sieht, wie der Verfasser sich in jene vergangene Welt eingelebt hat. Die Darstellung hat bei der Fülle des Stoffes etwas Unruhiges, Sprunghaftes; sie liest sich nicht leicht, fesselt aber den aufmerksamen Leser. Sehr bedeutend ist das anschließende Buch, welches Ranke sofort dem ersten folgen ließ: »Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber«. Da wird man in seine Werkstatt eingeführt und sieht, wie er die für jene Darstellung benutzten italienischen, spanischen, deutschen, französischen Geschichtschreiber klar beurteilt und hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit prüft. Mit wenigen Strichen zeichnet er ihre persönliche Stellung, ihre Behandlung des Stoffes, ihr Verhältnis zu anderen so anschaulich, daß man volles Vertrauen zu seiner Führung gewinnt. Die kritischen Grundsätze Niebuhrs sind hier auf ein neues Gebiet angewandt; mit solcher Schärfe und Sicherheit hatte noch niemand die allerdings berühmten, aber noch wenig durchforschten Autoren, Guicciardini, Mariana, Sleidanus, Jovius, Comines u. a. zusammenfassend beurteilt. Ein Schlußkapitel »Von dem, was noch zu tun sei«, legt in ganz schlichter Weise dar, wie man nun von diesen Geschichtschreibern zu dem vordringen müsse, was ihnen selbst als Quelle diente oder dienen konnte: Urkunden, Akten, Gesandtschaftsberichten, die noch in Archiven und Bibliotheken verborgen seien, dazu auch die mehr volkstümlichen Chroniken heranziehen: allerdings ein weitaussehendes Werk, und der Verfasser verspricht keineswegs, daß er das unternehmen wolle; den Sinn dafür zu wecken, ist ihm schon viel wert. Den Anhang bildet eine höchst anziehende Abhandlung über Macchiavelli, der wegen seiner Besonderheit als politischer Schriftsteller nicht in die Betrachtung der Geschichtschreiber eingereiht werden konnte. Ranke würdigt ihn mit treffendem Urteil als genialen Vertreter einer verderbten Zeit: »Macchiavelli suchte die Heilung Italiens; doch der Zustand desselben schien ihm so verzweifelt, daß er kühn genug war, ihm Gift zu verschreiben«. Die beiden Bücher erregten berechtigtes Aufsehen; hier wies ein mit allem Rüstzeug ausgestatteter Gelehrter der Wissenschaft neue Bahnen. Die preußische Unterrichtsverwaltung eröffnete dem Verfasser alsbald einen Wirkungskreis, der ihn zu weiterem Schaffen aufforderte; sie berief ihn zu Ostern 1825 als außerordentlichen Professor der Geschichte an die Universität Berlin . In den literarischen Kreisen der Hauptstadt fand er mancherlei Anregung; sein Leben erhob sich aus der bisherigen Einfachheit in höhere Beziehungen, die einen minder selbständigen Geist wohl hätten ablenken können. Aber bei einer natürlichen Begabung für geistreich geselligen Umgang, auch mit hochgebildeten Frauen, wie Rahel Varnhagen und Bettina v. Arnim, die beide ihn zu schätzen wußten, besaß er eine freudige Arbeitskraft und verlor seine wissenschaftlichen Ziele nie aus dem Auge. Die Königliche Bibliothek bot ihm eine umfangreiche Sammlung italienischer Aktenstücke dar, 48 Folianten, an die noch niemand, sich recht herangewagt hatte; nur Joh. v. Müller Bekannter Geschichtschreiber, geb. 1752 in Schaffhausen, schrieb die »Geschichte der Schweizer Eidgenossenschaft« 1780 ff., »Darstellung des Fürstenbundes« 1787 und anderes; 1766 Kabinettssekretär des Kurfürsten von Mainz, 1793 Hofrat in der kaiserlichen Hof- und Staatskanzlei zu Wien, 1804 als Historiograph des preußischen Staates nach Berlin berufen, 1807 Staatssekretär des Königreichs Westfalen, starb in Kassel 1809. Seine »Vierundzwanzig Bücher allgemeiner Geschichte« erschienen erst 1810 nach seinem Tode. hatte in der kurzen Zeit, da er in Berlin lebte, hineingeblickt und auf ihre Bedeutung hingewiesen. Ranke fand bei näherer Untersuchung hier einen Schatz von Berichten venetianischer und päpstlicher Gesandter aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wie man sie in jenen Zeiten handschriftlich vervielfältigte, um sie den Sammlungen italienischer Staatsmänner und Kirchenfürsten einzuverleiben; er schätzte sich glücklich, eine solche Sammlung in der Heimat zu finden, während die meisten noch in Italien sein mußten. Einige Bände ähnlichen Inhalts bot ihm auch die Gothaer Bibliothek dar; alsbald ging er daran, aus dem reichen Stoff nähere Anschauung zu gewinnen von den Zuständen Italiens, Spaniens, des türkischen Reiches, worüber jene Gesandten genau und eingehend berichtet hatten. So entstand ihm ein Buch, welches 1827 erschien: »Fürsten und Völker von Südeuropa. Erster Band.« Er behandelte darin die Türkei und Spanien; die italienischen Staaten sollten nachfolgen, er hat sie aber später in anderer Weise behandelt. Neben den Berichten der Gesandten benutzte er natürlich auch die Nachrichten der Geschichtschreiber. Für das türkische Reich leistete ihm die damals neuerschienene »Geschichte des osmanischen Reiches« von dem gelehrten Wiener Orientalisten Joseph v. Hammer treffliche Dienste, darin fanden sich wertvolle Angaben türkischer Geschichtschreiber; aber auch sonst lag eine beachtenswerte ältere Literatur vor, darunter deutsche, jedoch lateinisch geschriebene Werke: die gedruckten Briefe des Ghislain de Busbeck, der 1556–62 Gesandter Kaiser Ferdinands I. in Konstantinopel gewesen war, die 1584 erschienene » Turcograecia « des Tübinger Professors Martin Crusius und die Schriften des gelehrten Joh. Löwenklau (Leunclavius), der von 1582 an den Orient bereiste und 1593 in Wien starb. Für Spanien gemährten Sepulveda, Zurita, Sandoval, die Ranke schon bei seinem ersten Werke benutzt hatte, ferner Cabrera, Marina u. a. die reichlichsten Nachrichten. Aber Farbe und Leben gewann dieses Material erst recht durch die Berichte der Gesandten, die sich ebenso auf einzelne Personen und Handlungen wie auf die öffentlichen Zustände im Ganzen erstrecken. So entstanden jene trefflichen Kapitel des Rankeschen Werkes über die innere Verwaltung der beiden Reiche, über die Zustände in Kastilien und Neapel, welches lange Zeit ein Nebenland der spanischen Monarchie war. Die genauen Angaben der Venetianer über Handel und Gewerbe in Spanien, über Volkszahl, Reichtum des geistlichen Grundbesitzes, Steuerpolitik der spanischen Regierung verwertete Ranke zu einer Darstellung des wirtschaftlichen Lebens , die für spätere Forscher auf diesem reichen Gebiet der Geschichte vorbildlich geworden ist. Die Sprache dieses Buches ist fließender, voller und schöner als die seines ersten Werkes; mit lebhaftem Anteil folgt man der belehrenden Schilderung, die auch über die Ursachen des Verfalls jener einst blühenden Reiche unzweifelhafte Auskunft gibt: wie stehen am Schlusse die aufblühenden Niederlande dem sinkenden Spanien gegenüber! Neue Ausgabe des Werkes in Bd. 35 u. 36 der Sämtlichen Werke, 1877; ebenso die »Geschichten der romanischen und germanischen Völker« in Bd. 33 u. 34,1885. Rankes lebhafter Wunsch ging nun dahin, selbst Italien zu sehen und dort weiter zu forschen. Die preußische Regierung gewährte ihm schon im Herbst 1827 Urlaub, Geldmittel und Empfehlungen zu einer wissenschaftlichen Reise, welche reiche Früchte tragen sollte. Sein erstes Ziel war Wien , wo er einen bedeutenden Teil des alten venetianischen Archivs zu finden sicher war. Das freundliche Entgegenkommen des aus Preußen stammenden österreichischen Staatsmannes Friedrich v. Gentz Geboren 1764 in Breslau, 1786 Sekretär im General-Finanzdirektorium zu Berlin, 1802 durch Vermittlung des Grafen Stadion nach Wien berufen, Rat in der Hof- und Staatskanzlei, gewandt als politischer Schriftsteller, Verfasser der österreichischen Kriegsmanifeste gegen Napoleon 1809 und 1813, Protokollführer beim Wiener Kongreß, ebenso bei den folgenden Kongressen in Aachen, Troppau, Laibach, Verona; starb 1832. verschaffte ihm die Erlaubnis des Fürsten Metternich, das sonst unzugängliche Wiener Staatsarchiv für seine nicht auf Österreichs Geschichte gerichteten Studien zu benutzen. Er fand hier unter anderem merkwürdige Gesandtschaftsberichte über den unglücklichen Prinzen Don Karlos, Sohn Philipps II. von Spanien, und verwertete sie in einer Abhandlung, die 1829 in den Wiener Jahrbüchern für Literatur und Kunst erschien. Wiedergedruckt in Bd. 40 u. 41 der Sämtlichen Werke; Neudruck der »Historisch-biographischen Studien«, 1900. Sie ist ein Muster kritischen Verfahrens, trefflich bis ins einzelne ausgeführt: durch Gegenüberstellung der bisher von zwei entgegengesetzten Parteien in mancherlei Schriften verbreiteten Erzählungen wird der Leser nach und nach auf die Wahrheit hingeführt, die sich dann aus den neugefundenen Dokumenten unzweifelhaft ergibt. Nicht durch Richterspruch der Inquisition ist Don Karlos zum Tode verurteilt worden, sondern an Krankheit starb er in der Haft, die sein strenger Vater über ihn verhängt hatte, weil der Prinz in heftigem Zorn sich drohend gegen ihn erhoben hatte. Ferner fand Ranke in Wien bei den venetianischen Akten wichtige Nachrichten über Einsetzung und Wirksamkeit der Staatsinquisition, deren heimliches Gerichtsverfahren der sonst so glänzenden Geschichte der alten Republik Venedig oft zum Vorwurf gemacht worden ist. Er erkannte, daß die von dem französischen Geschichtschreiber Daru Geboren 1767 in Montpellier, 1795 Beamter im französischen Kriegsministerium, 1805 von Napoleon in den Grafenstand erhoben, 1806-09 General-Intendant in Berlin mit dem Auftrage, die dem preußischen Staat auferlegten Kriegszahlungen mit Strenge beizutreiben, 1811-14 kaiserlicher Minister in Paris, 1818 von König Ludwig XVIII. zum Pair von Frankreich ernannt; starb 1829. in seiner 1819 erschienenen Geschichte Venedigs gegebene Schilderung auf einem gefälschten Dokument beruhe, auf angeblichen Statuten der Inquisitoren von 1454; er zeigte, daß sie erst 1539 eingesetzt und 1600 zu selbständigerer Macht gekommen seien, allerdings eine strenge Aufsichtsbehörde, aber nicht nutzlos grausam, mehr gefürchtet als wirklich gewaltübend, während jene Statuten »in einem Sinne geschrieben sind, welcher nur nach Blut verlangt«. Ranke verfaßte eine Abhandlung darüber, legte sie aber einstweilen zurück, weil er noch weiter in die venetianische Geschichte eindringen wollte. Als nach einigen Jahren italienische Gelehrte, namentlich der Venetianer Romanin, die Sache erschöpfend in Druckschriften darlegten, kam er nicht wieder darauf zurück; die Abhandlung ist erst 1873 in den Sämtlichen Werken (Band 42) als Anhang zu der Darstellung der venetianischen Verfassung gedruckt worden. Ein Jahr lang verweilte der unermüdliche Forscher in Wien, nicht immer mit Büchern und Papieren beschäftigt, sondern auch dem Leben der Gegenwart zugewandt und fremdartiges Volksleben, das sich hier mit dem deutschen mischte, beobachtend. Fr. v. Gentz lud ihn öfters zu sich ein und gab ihm in politischen Gesprächen Einblick in die damaligen Verhandlungen der europäischen Mächte, namentlich über Griechenlands Befreiung von der Türkenherrschaft; es war ein praktischer Kursus in der Diplomatie, dem künftigen Geschichtschreiber diplomatischer Verhandlungen sehr nützlich. Dann lernte er einen gebildeten Serben kennen, Wuk Stephanowitsch, der ihm Mitteilungen machte über den Freiheitskampf der Serben in den Jahren 1804-16, an dem er teilgenommen hatte. Ranke erkannte, daß dieses tapfere Volk der allgemeinen Teilnahme nicht minder würdig sei als die Griechen, und schrieb, um solche Teilnahme zu erwecken, das Buch »Die Serbische Revolution«, welches 1829 erschien. Er erzählte darin von der alten Heldenzeit der Serben im 14. Jahrhundert, die in ihren Volksliedern lange nachklang, von Sitten und Zuständen, dann von dem Freiheitskampfe, der damit endete, daß Serbien, von Rußland unterstützt, einen einheimischen Fürsten und selbständige Verwaltung erhielt, doch immer noch unter türkischer Oberhoheit. Es war ihm ganz erwünscht, auch einmal Ereignisse der jüngsten Vergangenheit zur historischen Darstellung zu bringen; er verabsäumte nicht, die Einwirkungen der europäischen Politik, namentlich die wechselnden Beziehungen Napoleons zu Rußland und zu der Türkei aus französischen Schriften mit heranzuziehen; die Hauptsache aber war, wie unter dem Drucke der Not sich in dem Serbenvolke ein nationales Kriegswesen und eine nationale Regierungsweise entwickelte, an die alten Sitten anschließend, allmählich sich vervollkommnend. Als später im Jahre 1842 eine neue Auflage des Buches nötig wurde, fügte Ranke eine über die weitere Entwicklung unterrichtende Fortsetzung hinzu: die dritte Ausgabe in den Sämtlichen Werken (Band 43 u. 44) konnte er mit der durch den Berliner Kongreß 1878 ausgesprochenen vollen Selbständigkeit Serbiens abschließen. Im Herbst 1828 betrat Ranke den Boden Italiens, wo es soviel zu schauen und zu sammeln gab, daß die schriftstellerische Tätigkeit einstweilen ruhen mußte; hier reiften allmählich in ihm die weiteren Pläne für die Zukunft. Zunächst verweilte er einen Winter in Venedig , emsig mit den Schätzen des Archivs beschäftigt; im Frühjahr 1829 kam er nach Rom . Zu den Handschriftenschätzen des Vatikans erhielt er nur beschränkten Zutritt; dafür entschädigten ihn die Privatarchive vornehmer römischer Familien, die sich ihm nach und nach öffneten, namentlich durch Vermittlung des preußischen Gesandten Bunsen, Christian Karl Josias Bunsen , geboren 1791 zu Corbach im Fürstentum Waldeck, 1817 Sekretär des preußischen Gesandten Niebuhr in Rom, 1823 bis 1839 dessen Nachfolger als Gesandter, 1841–54 Gesandter in London; starb 1860. in dessen gastlichem Hause sich auch anregendster Verkehr darbot. Wie bedeutende Eindrücke er in Rom empfing, hat er in Briefen und Aufsätzen selbst geschildert; mit sinnendem Auge betrachtete er die Werke der Kunst und das eigentümliche, überall von kirchlichen Gebräuchen durchzogene Volksleben; Vgl. »Erinnerungen an römische Zustände im Jahre 1829« in Bd. 40 u. 41 der Sämtlichen Werke. auch zu einem Ausfluge nach Neapel und Pompeji nahm er sich Zeit. Mit reicher Ausbeute an historischem Material verließ er Rom im Frühjahr 1830, wandte sich nach Florenz, wo gleichfalls bedeutende Schätze sich auftaten, hielt dann in Venedig und Mailand eine Nachlese und betrat im Januar 1831 wieder deutsches Land. In München und in dem Pfarrhause seines jüngeren Bruders Heinrich, unweit Nürnberg, verlebte er dann einige Monate ruhiger Sammlung und Erholung; nach Ostern begann er wieder seine Lehrtätigkeit in Berlin. Reiche Belehrung und Erfahrung verdankte er dieser Reise; sie hatte ihn auf eine Höhe des Lebens geführt, die vielen verschlossen bleibt. Nun ging er daran, ihre wissenschaftlichen Früchte in Rede und Schrift nutzbar zu machen. Noch im Jahre 1831 veröffentlichte er die Schrift »Die Verschwörung gegen Venedig 1618«, zur Berichtigung der irrtümlichen Darstellungen dieses geheimnisvollen Vorganges von St. Real, dem Schiller in seinen kleinen historischen Schriften gefolgt war, und von Daru. Eine gleich nach Beendigung der Reise geschriebene Abhandlung über italienische Kunst blieb ungedruckt, bis sie später in den Sämtlichen Werken (Bd. 51 und 52) veröffentlicht wurde; eine andere »Zur Geschichte der italienischen Poesie« las er 1835 in einer Sitzung der Akademie der Wissenschaften vor und brachte sie dann in deren Schriften 1837 zum Abdruck. Wiedergedruckt 1888 in Bd. 51 u. 52 der Werke. Den Hauptertrag seiner Forschungen verarbeitete er zu einem größeren Werke, der Geschichte der Päpste, als Fortsetzung seiner Darstellung der Fürsten und Völker von Südeuropa. Studien zur florentinischen Geschichte legte er einstweilen zurück; einige andere Abhandlungen zur Geschichte Italiens veröffentlichte er in einer Zeitschrift, deren Herausgabe er auf Wunsch der preußischen Regierung übernahm. * Die im Juli 1830 in Frankreich vollzogene Staatsveränderung erregte, ähnlich wie früher die große französische Revolution, mancherlei Bewegung im übrigen Europa; den einen erschien sie als ein glücklicher Erfolg des Strebens nach freieren und doch gesetzlich geordnetem Staatsleben, den anderen als neue Erhebung der revolutionären Ideen. In mehreren deutschen Staaten entstanden Unruhen, die durch Verkündigung neuer Verfassungen beigelegt wurden; in Preußen fragte man, ob es nicht Zeit sei, die im Jahre 1815 verheißene »Nationalrepräsentation« ins Leben zu rufen. Seit 1823 bestanden Versammlungen der Provinzialstände, in denen mancherlei Fragen des Staatswohls erwogen wurden; die gesetzgebende Gewalt aber stand von alters her der Regierung allein zu, und diese hatte seit dem Ende der großen Kriegszeit sich als tüchtig bewährt: sollte sie nun einem in Frankreich gegebenen Vorbilde sich anschließen und dabei die ruhige Entwicklung des Staates gefährden? In französischen und deutschen Zeitungen und Flugschriften ergoß sich heftiger Tadel über Preußens Zurückbleiben hinter den Forderungen des Zeitgeistes; dem gegenüber machte der deutsch gesinnte angesehene Buchhändler Friedrich Perthes in Gotha dem preußischen Minister des Auswärtigen Graf Bernstorff den Vorschlag, in Berlin eine Zeitschrift ins Leben zu rufen, die durch geschichtliche Belehrung dem blinden Nachahmen französischen Wesens entgegentrete und die Deutschen auf ihre eigenen Aufgaben hinweise. Der Vorschlag fand Anklang; eine von dem Minister eingesetzte Kommission beschloß die Herausgabe der Historisch-politischen Zeitschrift ; zum Herausgeber ward Ranke erwählt, namentlich auf Vorschlag des ihm befreundeten Professors der Rechte v. Savigny. Friedrich Karl v. Savigny , geb. 1779 in Frankfurt am Main, seit 1810 Professor in Berlin, Verfasser der »Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter«, 1815 ff., zweite Auflage 1834, Herausgeber der »Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft«, 1842–48 Justizminister; starb 1861. Die Zeitschrift sollte wissenschaftlich sein, nicht bloß Tagesfragen erörtern; man wünschte eine nachhaltige Wirkung zu erzielen. Ranke war nicht ohne Bedenken, doch nahm er die Wahl an, denn allerdings meinte er, daß die Geschichtsforschung sich nicht nur mit fernen Zeiten und Ländern zu beschäftigen habe, sondern auch mit dem Jüngstvergangenen, das noch unmittelbar nachwirke; Geschichte und Staatskunst standen ihm in enger Verwandtschaft, beide aufeinander angewiesen, wie er das in seiner Rede zum Antritt der ordentlichen Professur Werke Bd. 24. 1836 näher nachgewiesen hat. Zu Anfang des Jahres 1832 erschien in Perthes Verlage das erste Heft der Zeitschrift mit einem einführenden Aufsatz von Ranke, Werke Bd. 49 u. 50; daselbst auch die weiteren Abhandlungen. der darauf hinwies, daß man gegenüber den sich bekämpfenden politischen Theorien auf das Notwendige und Ausführbare bedacht sein müsse; dieses werde durch geschichtliche Betrachtung erkannt. In einer Reihe von Abhandlungen beleuchtete er nun die parlamentarischen Kämpfe in Frankreich seit der Herstellung des Königtums 1814 und 15, das Zustandekommen der neuen Verfassung von 1830, die einander bekämpfenden Vorschläge der französischen Flugschriften von 1831; dem gegenüber die anders gearteten Verhältnisse Deutschlands: hier gelte es nicht sowohl zu behaupten, was durch die Revolution erworben sei, als das durch ihre Einwirkung Verlorene zu ersetzen, vor allem die nationale Einheit, die im alten deutschen Reiche doch immer noch eine politische Form gehabt habe. Die Abhandlung »Deutschland und Frankreich« schloß er mit einem warmen Anruf des deutschen Nationalgefühls: »Nachdem wir sie in allen Zweigen zurückgeschlagen, nachdem wir, in jener großen geistigen Richtung weiterschreitend und zu den Waffen greifend sie auch im Felde überwunden haben, sollten wir uns in dem wichtigsten Lebenselement, in der Form des Staates, an sie anschließen und ihre dürren Erfindungen nachahmen? Es sei ferne! Alles was wir haben und sind, alles was wir in den Jahrhunderten unserer Vergangenheit erworben haben, lehnt sich dawider auf.« Über die preußische Verfassungsfrage sprach er in der Abhandlung »Über die Trennung und die Einheit von Deutschland« sich dahin aus, daß man die Einführung einer allgemeinen Ständeversammlung der Zukunft anheimstellen möge, »wenn dieses Institut bei einer großen Gelegenheit zu einem besonderen Zweck notwendig und durch die Lage der Dinge selbst hervorgerufen werden sollte«; die Hauptaufgaben für die Gegenwart lägen in den Mängeln der deutschen Bundesverfassung, man müsse das Bundeskriegswesen befestigen, gemeinsame Handelseinrichtungen schaffen und namentlich ein gleichmäßiges Preßgesetz, »das der Nation nicht den Argwohn beibrächte, als wolle man geistigen Druck über sie verhängen, aber stark genug, um dem Fortgange des inneren Zerwürfnisses zu steuern.« Man sieht, mit großem Eifer widmete sich Ranke der übernommenen Verpflichtung. Auch die politischen Zustände Italiens betrachtete er, zunächst historisch in dem Bericht über die Verwaltung des 1814 hergestellten Kirchenstaates durch Kardinal Consalvi unter Papst Pius VII., der 1823 starb, Wiedergedruckt in Bd. 40 u. 41 der Sämtlichen Werke: »Historisch-biographische Studien«; als Anhang daselbst auch die beiden folgenden Abhandlungen. dann politisch in den Aufsätzen »Über die gegenwärtigen Irrungen im Kirchenstaat« und über Flugschriften des Jahres 1831. Von der Türkei gab die Darstellung der »letzten Unruhen in Bosnien« Nachricht. Wiedergedruckt in dem Buche über Serbien und die Türkei, Bd. 43 u. 44. Nun hätte eine Reihe ebenso regsamer Mitarbeiter ihm zur Seite stehen müssen, um die Zeitschrift reich auszugestalten; aber sie fanden sich nur spärlich, und er mochte sie wohl nicht mit dem vollen Eifer eines Journalisten suchen. Einige höhere Ministerialbeamte lieferten Aufsätze über das preußische Zollwesen und über wirtschaftliche Fragen; Korrespondenzen aus Sachsen und der Schweiz konnte er zum Abdruck bringen; das Beste leistete Savigny mit den beiden Abhandlungen über die preußische Städteordnung und über Wesen und Wert der deutschen Universitäten. Zu einem dauernden Erfolg in größerem Leserkreise konnte die Zeitschrift es nicht bringen; sie erschien den meisten zu gelehrt, sie behandelte die Tagesfragen nicht greifbar genug. Perthes hatte gewünscht, daß sie vierzehntägig erschiene; der Herausgeber aber entschied sich mit Rücksicht auf die Länge der Abhandlungen für Vierteljahrshefte. Am Ende des Jahres 1832 gab Perthes den Verlag auf und fortan erschien jährlich nur ein Heft, das letzte 1836. Es war ein Rückzug, doch keine Niederlage; soviel hatte der erste Jahrgang gewirkt, oder wenigstens mitbewirkt, daß man in Preußen sich abwandte von der Franzosenbegeisterung, der viele Süddeutsche bei dem Hambacher Volksfest (Mai 1832) Ausdruck gaben. Und nun gelang der preußischen Politik ein wichtiges nationales Werk: der Zollverein. Ranke legte dessen Entstehung und Bedeutung alsbald in einer trefflichen Abhandlung »Zur Geschichte der deutschen, insbesondere der preußischen Handelspolitik seit 1818« dar. Wiedergedruckt Bd. 49 u. 50. Der übrige Inhalt der späteren Hefte war mehr historisch als politisch; die Abhandlung »Über die Zeiten Ferdinands I. und Maximilians II.« Werke, Bd. 7: Zur deutschen Geschichte. Bd. 49 u. 50. vereinigte den politischen Zweck mit dem historischen in treffender Weise, indem sie aus der deutschen Geschichte bewies, wie schwer es sich räche, wenn man eine Zeit glücklichen Friedens nicht benutze, um vorhandene nationale Aufgaben zu lösen und die Elemente drohender Zwietracht unschädlich zu machen. Mit dem »Politischen Gespräch«, welches in lebendiger Dialogform über Wesen und Aufgaben des Staates handelt, schloß Ranke 1830 die Zeitschrift. Inzwischen hatte er das Geschichtswerk vollendet, welches seinen Ruhm als Geschichtschreiber dauernd begründete. Die dreibändige Geschichte der römischen Päpste schildert auf Grund des in Italien gesammelten Materials hauptsächlich die Päpste des 16. und 17. Jahrhunderts in ihrer Doppelstellung als Häupter der katholischen Christenheit und zugleich italienische Landesfürsten. Der reiche tatsächliche Inhalt, die anschaulichen Bilder der Persönlichkeiten, die Würdigung des in der katholischen Kirche seit dem Tridentiner Konzil neuerwachten Lebens verschafften dem Buche Anerkennung auch in katholischen Kreisen, zumal da um 1836 die Schärfe der konfessionellen Gegensätze im gebildeten Europa sehr gemildert war; es wurde bald auch ins Französische und Englische übersetzt. Der Geist des Buches ist aber gut protestantisch, und in diesem Sinne hat es auch gewirkt, um so mehr, da es den Ton leidenschaftlicher Erregung durchaus vermeidet und sich auf der Höhe geschichtlicher Betrachtung hält. Die Einleitung legt das Emporkommen des Papsttums in früheren Jahrhunderten dar. Es ist, wie die Vorrede von vornherein ausspricht, eine »kirchlich-weltliche Macht«, gehört also nicht zum Wesen des Christentums, welches in die Welt eintrat als »Befreiung der Religion von den politischen Elementen«. Allerdings bedurfte die Kirche zu ihrer geschichtlichen Entwicklung einer festen Organisation; eine solche bildete sich unter dem Schutze des römischen Kaisertums nach dem Vorbilde der Staatsordnung des römischen Reiches. Sie hatte daher auch ein monarchisches Oberhaupt, aber mit dem Eintritt der Teilung des ost- und weströmischen Reiches war dann auch eine Teilung der Kirche verbunden. Nur im weströmischen Reiche galt das Papsttum, es gewann aber Kraft und Ausdehnung über ganz Westeuropa unter dem Schutze des fränkischen, dann des deutschen Reiches. Damals wurde »dem geistlichen Stande ein großer Teil der politischen Gewalt übertragen; er hatte fürstliche Macht.« Nun kam die Zeit, wo das Papsttum sich von der kaiserlichen Schutzherrschaft frei machte, als Führer des durch die Mönchsorden ungemein verstärkten geistlichen Standes an die Spitze der »abendländischen Nationen« trat, die griechische Kirche zu unterwerfen und den Islam von den heiligen Stätten zu verdrängen unternahm. Aber seine Erfolge waren nicht dauernd; die selbständige Entwicklung der europäischen Nationen setzte sich der allgemeinen Kirchenherrschaft entgegen; diese selbst geriet in Schwäche und Verwirrung. Es kam zur Kirchenspaltung, da mehrere Päpste gegeneinander auftraten. Man stellte die Einheit wieder her, aber schon hatten die Staaten »einen nicht geringen Anteil an den geistlichen Rechten und Befugnissen an sich gebracht«, den sie auch weiterhin behaupteten. Nun folgte die Opposition auf geistigem Gebiete, zuerst durch Wiederaufleben der Kenntnis des Altertums, dann aus der Tiefe des religiösen Lebens selbst. Mit der in Italien aufblühenden Renaissance konnten die Päpste sich befreunden, mit der deutschen Religiosität nicht. »Unser Vaterland«, sagt Ranke am Schlusse des ersten Buches, »hat das unsterbliche Verdienst, das Christentum in reinerer Gestalt, als es seit den ersten Jahrhunderten bestanden, wiederhergestellt, die wahre Religion wiederentdeckt zu haben. Mit dieser Waffe war es unüberwindlich gerüstet, seine Überzeugungen brachen sich bei allen Nachbarn Bahn.« So ist der Gegenstand des nun ausbrechenden geschichtlichen Kampfes, der den Hauptinhalt des Rankeschen Werkes bildet, klar bezeichnet. Der keineswegs ursprünglichen, sondern durch bestimmte geschichtliche Verhältnisse entwickelten mittelalterlichen Kirchenform stehen zwei Mächte gegenüber: die Selbständigkeit der Staaten und die religiöse Erneuerung. Der Katholizismus erhebt sich aus innerer Kraft, er ruft den weltlichen Arm zu Hilfe; das Papsttum gelangt abermals zu einer großen Stellung. Aber durch die Entscheidung des dreißigjährigen Krieges wird der Katholizismus in bestimmte Grenzen gewiesen; »an eine Welteroberung, wie er sie vorhatte, kann er niemals wieder im Ernste denken.« In der Folgezeit treten auch katholische Staaten dem Papsttum entgegen, die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist ihm feindlich, durch die französische Revolution gerät es in schwere Bedrängnis; wieder befestigt wird es durch die Herstellung der europäischen Staatenverhältnisse nach Napoleons Sturz. Es ist als ein bedeutendes Moment der europäischen Entwicklung anerkannt, es tritt wie in früheren Zeiten für kirchliche Machtausbreitung ein; die Zukunft ist ungewiß. Der Geschichtschreiber gibt am Schlusse der Hoffnung Ausdruck, daß solche Glaubenskämpfe, wie sie früher die Welt entzweiten, doch nicht wiederkehren werden, die Bewegung der Geister gehe auf religiöse Verständigung, »über alle Gegensätze erhebt sich die Einheit eines reinen und darum seiner Sache nicht minder sicheren Gottesbewußtseins«. Diesen Schluß hat Ranke, als er in späteren Jahren das Werk von neuem herausgab, Sechste Auflage in den Sämtlichen Werken 1874. zehnte Auflage 1900. mit schwerem Herzen getilgt und eine Fortsetzung angefügt über das neue Anwachsen der päpstlichen Macht, das zu dem Konzil von 1870 geführt hat. Er wollte keinen Zweifel darüber lassen, welche Stellung er zu dem erneuten kirchlichen Kampfe einnehme. Gegenüber dem Vordringen der Propaganda betont er den Wert der »in sich fest begründeten protestantisch-deutschen Wissenschaft«; bei dem päpstlichen Rundschreiben von 1864, dem sogenannten Syllabus, sagt er: »Was der Papst verwarf, war, wenn auch nicht gerade in jedem Punkte, doch im allgemeinen das System der modernen Anschauungen und Lehren, die in die Überzeugung des lebenden Menschengeschlechtes übergegangen sind«; er führt an, daß dazu auch der Grundsatz der Gewissensfreiheit gehöre. Der Verlauf des Konzils zeigt, welche Mühe es kostete, die Opposition unter den versammelten Bischöfen zum Schweigen zu bringen; endlich wird die Unfehlbarkeit des selbst entscheidenden, nicht mehr an die Zustimmung der Kirche gebundenen Papstes feierlich verkündet, und in denselben Tagen bricht der deutsch-französische Krieg aus. »Wer wollte sagen, wohin es geführt hätte, wenn das Glück der Waffen zugunsten der katholischen Nation ausgefallen wäre, welches neue Übergewicht dem Papsttum dadurch hätte zuteil werden können! Der Erfolg war der entgegengesetzte. Ein überzeugter Protestant möchte sagen: es war die göttliche Entscheidung gegen die Anmaßung des Papstes, der einzige Interpret des Glaubens und der göttlichen Geheimnisse zu sein.« Das Papsttum, der weltlichen Gewalt beraubt, zieht sich nun ganz auf die Ausübung seiner geistlichen Autorität zurück; damit beginnt eine neue Epoche in dem Dasein dieser Macht. Die Zukunft ist wiederum ungewiß; Rankes Werk aber in seiner erneuten Gestalt bleibt dem deutschen Volke ein unverlierbares Gut; es lehrt, daß die neue Erhebung des Papsttums zwar auch eine geschichtlich begründete Erscheinung ist, aber mit nicht mehr Anspruch auf Geltung und Dauer, als jene Erhebung zur Gegenreformation,: der doch Einhalt getan wurde, freilich erst am Ende des verderblichsten Krieges, der über Deutschland gekommen ist. Als im Jahre 1836 die Geschichte der Päpste vorläufig abgeschlossen vorlag, faßte Ranke den naheliegenden Entschluß, ihr eine Geschichte der deutschen Reformation folgen zu lassen. Es war die entscheidende Wendung der deutschen Geschichte, die er darzustellen unternahm, der Ursprung der ganzen folgenden Entwicklung Deutschlands. Mit eindringender theologischer Kenntnis ging er daran, aber seine Stellung nahm er auf dem nationalen Standpunkt. Ausgehend von der Größe und dem Verfall des mittelalterlichen Kaisertums schildert die Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation zuerst die unter Kaiser Maximilian I. gemachten aber nur unvollkommen durchgeführten Versuche, dem deutschen Reich eine bessere Verfassung zu geben, dann das gewaltige Ringen der religiösen und zugleich nationalen Bewegung mit den bestehenden kirchlichen Mächten und der dynastischen Politik Karls V., endlich das Zustandekommen des Augsburger Religionsfriedens, der aber die Keime künftiger Zwietracht in sich birgt. »Glücklich die Zeiten, wo ein einziger nationaler Gedanke alle Gemüter ergreift, weil er alle befriedigt; hier war dies nicht der Fall.« Einen tröstlichen Ausblick gewährt jedoch das Schlußkapitel über die Entwicklung der Literatur: Deutschland zeigt im 16. Jahrhundert eine solche Fülle geistigen Lebens auf protestantischer Seite, daß man an seiner Zukunft trotz drohender schwerer Gefahren nicht zu verzweifeln braucht. Das Werk erschien 1839-43 in fünf Bänden; ein sechster mit urkundlichen Erläuterungen folgte 1846. Vierte Auflage in den Sämtlichen Werken 1867-68; siebente Auflage 1894 Zuverlässige, bisher unbenutzte Quellen hatten sich in der großen Sammlung von Reichstagsakten gefunden, welche die Stadt Frankfurt a. M. bewahrt, dann in den reichsfürstlichen Archiven zu Berlin, Dresden, Weimar, Dessau, für die auswärtigen Einwirkungen in Brüssel und Paris, wo Ranke 1839 zum erstenmal verweilte; nicht gering war auch für dieses Werk der Ertrag seiner italienischen Sammlungen. Er scheute keine Mühe, um zu umfassender Kunde zu gelangen; »man bedaure den nicht«, sagt er in der Vorrede, »der sich mit diesen anscheinend trockenen Studien beschäftigt und darüber den Genuß manches heiteren Tages versäumt. Es ist wahr, es sind tote Papiere; aber sie sind Überreste eines Lebens, dessen Anschauung dem Geiste nach und nach aus ihnen emporsteigt«. Und so gewann er die Zuversicht, ein Werk von bleibender Bedeutung zu schaffen, »überzeugt, daß wenn man nur mit ernstem und wahrheitsbeflissenem Sinne in den echten Denkmalen einigermaßen umfassende Forschungen angestellt hat, spätere Entdeckungen zwar wohl das einzelne näher bestimmen werden, aber die Grundwahrnehmungen doch zuletzt bestätigen müssen; denn die Wahrheit kann nur eine sein«. Später ist ihm von katholischer Seite das gelehrte Werk von Janssen entgegengestellt worden, welches die gleichen Tatsachen ganz anders beurteilt, überall nur den Abfall von der Kirche sieht, wo Ranke neues geschichtliches Leben erkennt. Es bringt auch neues Material herbei, aber der wissenschaftlich freien Forschung kann es nicht Genüge tun. Rankes Werk ist für die protestantische Mehrheit des deutschen Volkes ein Nationalwerk geworden, das die Liebe zum Vaterlande und zu dem geistigen Erbe unserer Väter immer wieder von neuem anregt. Inzwischen hatte Rankes äußere Lebensstellung sich befestigt durch seine Ernennung zum ordentlichen Professor an der Universität, im Dezember 1833; die Akademie der Wissenschaften hatte ihn schon 1832 zum Mitglied erwählt. Er waltete als anerkannter Meister der Wissenschaft seines Lehramtes in der Hauptstadt Preußens, die immer mehr auch als geistige Hauptstadt Deutschlands anerkannt wurde. Zahlreiche Hörer besuchten seine Vorlesungen, nicht nur Studenten, sondern auch Beamte und Offiziere, obgleich es nicht leicht war seinem Vortrage zu folgen, der nicht in ruhiger Klarheit dahinfloß, vielmehr lebhaft hervorsprudelte und dann wieder anhielt, das Erzeugnis einer den Stoff unaufhörlich neugestaltenden Geisteskraft. Vgl. die Schilderungen bei Guglia, S. 288; R. v. Liliencron, Frohe Jugendtage. Leipzig 1902 Ganz besonders wirkte er auf den kleineren Kreis auserwählter Schüler, die er zu historischen Übungen um sich versammelte. Er ließ sie nicht an der eigenen neuen Forschungsarbeit teilnehmen, abgesehen von gelegentlichen Mitteilungen, sondern wählte leichter zu überschauende Gebiete aus älteren Zeiten, namentlich die Geschichtsquellen der mittelalterlichen Kaiserzeit. Seit 1826 erschien unter Leitung von G. H. Pertz die große Sammlung Monumenta Germaniae ; doch war man bei ihrem langsamen Vorschreiten noch vielfach auf die älteren, unvollkommenen Ausgaben angewiesen. Gerade dieser Umstand gab zu fruchtbarem Wirken der Übungen Anlaß; philologische Kritik mußte der historischen die Wege bahnen, und streng ward darauf gehalten, die Eigenart und den Gesichtskreis des Schriftstellers durch Vergleich mit der anderweitigen Überlieferung festzustellen. Aus diesen Übungen ging eine Reihe bedeutender Forscher hervor, die des Meisters Arbeit erfolgreich fortsetzten. Zwei Schüler Rankes wurden bald tüchtige Mitarbeiter an den Monumenten, 1836 Georg Waitz, 1842 Wilhelm Wattenbach; sie sind später, als Pertz von der Leitung zurücktrat, nacheinander an die Spitze des Unternehmens getreten. Aber auch ein eigenes Werk ging aus Rankes Übungen hervor, die »Jahrbücher des deutschen Reiches unter dem sächsischen Hause«. Der erste Band, 1837 mit einer Vorrede von Ranke herausgegeben, enthält die Geschichte Heinrichs I. von Waitz. Mehrere Bände folgten; die Geschichte Ottos II. schrieb Wilhelm Giesebrecht, der später durch seine ausführliche Darstellung der gesamten Kaiserzeit bis Friedrich Barbarossa sich einen Namen gemacht hat. Andere Stoffe wählte Heinrich v. Sybel; er schrieb zuerst 1838 über Jordanis, den Geschichtschreiber der Goten, dann 1841, von Rankes Rat unterstützt, eine Geschichte des ersten Kreuzzuges. Er hat in der Gedächtnisrede, die er nach Jahrzehnten dem Meister hielt, H. v. Sybel , Vorträge und Abhandlungen. München und Leipzig 1897. S. 290 ff. über die historischen Übungen berichtet: »Unter seiner sicheren Leitung lernte der Schüler ohne vieles Theoretisieren die kritische Methode durch eigene Arbeit. Er verstattete ihm freie Wahl des Arbeitsthemas, war aber stets bereit, aus seinem unabsehbaren Wissensstoff lehrreiche Probleme zur Vorlage zu bringen. Fehler gegen die kritischen Gesetze erfuhren in freundlicher Form eine unbarmherzige Beurteilung. Im übrigen ließ Ranke jedes Talent in seiner individuellen Bewegung gewähren, eingedenk der höchsten pädagogischen Regel, daß die Schule nicht Abrichtung, sondern Entfaltung der persönlichen Kräfte zur Aufgabe hat.« Das Jahr 1848 brachte mit dem Thronwechsel in Preußen neue Anregung in die Berliner Gelehrtenwelt. König Friedlich Wilhelm IV. nahm an dem Gedeihen der Wissenschaft wie der Kunst lebhaften persönlichen Anteil: er berief Männer von hervorragender Bedeutung, wie die Brüder Grimm, nach Berlin; er unterstützte wissenschaftliche Forschungsreisen, er gab der Akademie den Auftrag, die Werke Friedrichs des Großen herauszugeben. Zu der dafür eingesetzten Kommission gehörte auch Ranke, den er als Kronprinz 1828 auf seiner italienischen Reise in Venedig kennen gelernt hatte. Er ernannte ihn jetzt zum Historiographen des preußischen Staates, ein Titel, den früher Pufendorf, der Geschichtschreiber des Großen Kurfürsten, und Joh. v. Müller geführt hatten. Dadurch war es Ranke nahe gelegt, eine Preußische Geschichte zu schreiben. Er ging daran, als er 1843 bei seinem zweiten Aufenthalt in Paris die wertvollen Berichte des Marquis Valori fand, der in den ersten Jahren Friedrichs des Großen französischer Gesandter am preußischen Hofe gewesen war. Diese Berichte gaben Aufschluß über manche Rätsel der Politik jener Jahre; ergänzend traten englische Berichte hinzu, die Ranke alsbald in London aufsuchte. Mit Friedrichs eigenem Werk über diese Zeit, der Histoire de mon temps , hatte er sich schon näher zum Zweck der Herausgabe beschäftigt; Abhandlung darüber im 24. Bande der Sämtlichen Werke sie lag in zwei Bearbeitungen vor, von denen die spätere, mehr ausgeführte in die Ausgabe der Werke des Königs aufgenommen wurde; aus der früheren nahm Ranke einzelne bemerkenswerte Züge in seine Darstellung auf. Den reichsten Stoff fand er natürlich im preußischen Staatsarchiv; hier nahm er auch die bisher fast unbekannten Verwaltungsakten Friedrich Wilhelms I. zur Hand. Der Plan seines Werkes erweiterte sich, er schrieb nach einer Einleitung über die älteren Zeiten die Geschichte der drei ersten preußischen Könige, brach jedoch in der Darstellung Friedrichs d. Gr., die er am weitesten ausführte, bei dem Jahre 1756 ab, denn der Siebenjährige Krieg mußte späteren Studien vorbehalten bleiben. Die »Neun Bücher preußischer Geschichte«, welche 1847 erschienen, Zweite erweiterte Ausgabe 1874 in Bd. 25–29 der Werke; Neudruck 1900. fanden beim Publikum nicht so freudige Aufnahme wie die Deutsche Geschichte; es war eine politisch erregte Zeit, die von dem alten, unbeschränkten preußischen Königtum nicht viel wissen wollte. Ranke ließ sich das nicht irren; er hatte nicht für den Augenblick geschrieben. Seine Darstellung Friedrich Wilhelms I. gab später den Anstoß, die Verwaltungstätigkeit der preußischen Herrscher, ihre weitgehende Fürsorge für das Volkswohl nach allen Richtungen, durch größere Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv klarzustellen; seine tiefdringende Auffassung Friedrichs des Großen, seine meisterhafte Darlegung sowohl der Kriegstaten wie der verwickelten diplomatischen Verhandlungen wurde jüngeren Forschern, denen er noch manches übrig ließ, ein treffliches Vorbild. Die Reise des Jahres 1843 brachte dem welterfahrenen Manne, der doch die Vorliebe des deutschen Gelehrten für stilles Studieren niemals verleugnete, das Glück einer behaglichen Häuslichkeit. In Paris lernte er die Tochter eines in Dublin wohnenden englischen Rechtsgelehrten kennen, die durch früheren Aufenthalt in Bonn mit deutscher Bildung vertraut war; in England sah er sie wieder und warb um ihre Hand. Sie folgte ihm gern nach Berlin und lebte sich rasch ein in die gelehrten Kreise, die so mannigfache Beziehungen zum Auslande hatten. Ranke freute sich der geistig belebten Häuslichkeit um so mehr, da nach dem Tode seiner Eltern das Band der Gemeinschaft mit Geschwistern und Verwandten loser geworden war. Von den Brüdern, mit denen er in herzlichem Briefverkehr stand, kam ihm jetzt Ferdinand besonders nahe, 1842 als Gymnasialdirektor nach Berlin berufen. Oft lasen sie miteinander in Abendstunden griechische Klassiker; auch für den Druck der Geschichtswerke leistete Ferdinand tätige Hilfe. Als wissenschaftliche Früchte jener Reise veröffentlichte Ranke 1844 einen Teil der wertvollen Denkwürdigkeiten des englischen Staatsmannes Andrew Mitchell, Werke Bd. 51 u. 52. der 1756 Gesandter bei Friedrich dem Großen war, als der Siebenjährige Krieg ausbrach; ferner 1846 eine aus den Pariser Archiven geschöpfte Abhandlung über die französische Notabelnversammlung von 1787, Werke Bd. 12, als Anhang zur »Französischen Geschichte«. deren Beratungen den Ausbruch der Revolution nicht hatten verhindern können. Weitere Studien über die französische Revolution legte er einstweilen zurück für späteren Gebrauch. Von den Pariser Gelehrten war besonders Thiers ihm näher getreten, Verfasser einer vielgelesenen Geschichte der Revolution, seit 1830 einflußreicher Staatsmann und wiederholt Minister bis 1840, seitdem wieder mit historischen Studien beschäftigt für sein großes Werk »Geschichte des Konsulats und des Kaiserreiches«, dessen erster Band 1845 erschien. Er hatte im August 1841, als er eine größere Reise unternahm, um Stoff zu sammeln, Ranke in Berlin aufgesucht; 1843 empfing er dessen Gegenbesuch in Paris, und es bildete sich, wie Ranke in einer späteren Aufzeichnung berichtet hat, Werke Bd. 53 u. 54, S. 72. »ein freundschaftliches Verhältnis intimster Art, inwiefern ein solches stattfinden konnte zwischen einem Manne, der in der revolutionären Gesinnung erwachsen war und zu ihrer Ausbildung in einer bestimmten Rücksicht das meiste beigetragen hatte, und einem deutschen Gelehrten, der doch mehr der entgegengesetzten Seite angehörte und in dem revolutionären Element eben nur ein Element der Welt erkannte, welches nicht wieder beseitigt werden kann«. Wenn Ranke später noch mehrmals nach Paris kam, war ihm ein Gespräch mit Thiers immer sehr willkommen; was ihn dabei fremdartig berührte, war ihm doch immer lehrreich, und lebendigen Austausch der Gedanken liebte er von jeher, um sich nicht in einseitige Ansichten einzuspinnen. Die Stürme des Jahres 1848 störten die wissenschaftliche Tätigkeit, gaben aber dem Geschichtskenner Anlaß, seine politische Einsicht in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Nicht wollte er wie Thiers als Abgeordneter oder gar Minister in die Bewegung eingreifen; er hielt sich zurück als stiller Beobachter, aber da der König vertrauensvoll seinen Rat begehrte, verfaßte er mehrere politische Denkschriften , die durch Vermittlung des Flügeladjutanten Edwin von Manteuffel dem Könige zugingen. Sie blieben damals natürlich geheim; erst 1887 sind sie in den Sämtlichen Werken (Band 49 und 50) veröffentlicht worden. In den liberalen Kreisen der Hauptstadt galt Ranke, da er an dem Fortgang der Verfassungsbewegung öffentlich nicht Anteil genommen hatte, als reaktionär gesinnt; die Denkschriften aber zeigen ihn, wie früher die »Historisch-politische Zeitschrift«, auf der Bahn des besonnenen Fortschritts, sehr empfänglich für die großen Aussichten einer neuen Zeit, sofern sie mit fester Staatsordnung vereinbar waren. Die erste Denkschrift, im Mai 1848 verfaßt, als in Berlin die preußische Nationalversammlung zusammentrat, tadelt unverhohlen das von den Ministern zugestandene allzu freie Wahlgesetz, warnt vor weiterer Nachgiebigkeit gegen den Radikalismus, billigt aber die von der Regierung eingeschlagene konstitutionelle Richtung. Die zweite, Anfang Juli, spricht die Zuversicht aus, daß die revolutionären Zuckungen, die sich über das ganze einst von Napoleon überwundene Gebiet verbreitet haben, keinen Bestand haben werden, »namentlich da England und Rußland sich halten,« aber zu wünschen sei, daß von Deutschland, »dem Mutterlande eines gesunden, mit den Interessen der Bevölkerung verbündeten Königtums,« eine selbständige, kluge und kraftvolle Bekämpfung der Anarchie ausgehe. Die dritte Denkschrift, Ende Oktober verfaßt, als die preußische Regierung sich zu entscheidendem Eingreifen anschickte, beantwortet die Frage, ob für Preußen eine konstitutionelle Verfassung anzuraten sei, mit deutlichem Ja, besonders wegen des Verhältnisses zum übrigen Deutschland, denn ratsam sei auch die Annahme des Kaisertums, wovon jetzt so viel und so ernstlich geredet werde: »das konstitutionelle Wesen muß nur ohne Vorliebe und ohne Haß angesehen werden als eine Form, in welcher die jetzigen Menschen nun einmal leben wollen; man muß die Verfassung so einrichten, daß man dabei bestehen kann«; also kein revolutionär-konstitutionelles Königtum, worin »die königliche Macht als Ausfluß des Volkswillens erscheint«, während sie in England bei aller Beschränkung durch das Parlament doch etwas »ureigenes, unabgeleitetes, ursprüngliches« ist: daher keine Abhängigkeit der Minister von der Volksvertretung, kein allgemeines Wahlrecht; wohl aber könne man den materiellen Wünschen der Menge durch eine gewisse Organisation der Arbeit, z. B. bei den öffentlichen Bauten, bei Urbarmachung des Landes entgegenkommen. Rankes Wünsche inbetreff der preußischen Verfassung erfüllten sich im wesentlichen; die Herstellung des Kaisertums blieb einer späteren Zeit vorbehalten. Er empfahl sie dringend in der vierten Denkschrift, März 1849, indem er hervorhob, daß die Zustimmung der meisten Fürsten zu dem Beschlusse des Frankfurter Parlaments erfolgt sei; es müsse etwas Besseres an die Stelle des unvollkommenen Deutschen Bundes mit seinen der Einheit widerstrebenden Souveränitäten treten: »welch eine Aussicht bietet sich dar, die Macht noch einmal mit den Ideen der Nation in Einklang zu bringen, wenn sich die Fürsten einem Haupte anschließen und in Übereinstimmung mit dem gesunden Teil der Nation gemeinschaftliche Sache zur Bekämpfung innerer und äußerer Feinde machen! Die Idee des Kaisertums fällt wie ein Strahl des Lichts in dieses Chaos.« Die preußische Regierung beschritt wohlmeinend, aber ohne rechte Entschlossenheit den Weg der Unionspolitik; Österreich setzte sich dem entgegen, indem es den früheren Bundestag wieder ins Leben rief; Preußen zögerte und schloß endlich den Vertrag zu Olmütz. Mehrmals wandte sich in dieser kritischen Zeit Herr v. Manteuffel ratfragend an Ranke; es liegen noch drei Denkschriften vor, die letzte vom Januar 1851; sie bemühen sich nachzuweisen, was man Österreich gegenüber doch wohl fordern und festhalten könne. Auch der König sprach öfters mit Ranke; es bildete sich ein näheres, persönliches Verhältnis, doch keineswegs in dem Sinne, daß Ranke gerade als politischer Ratgeber aufgetreten wäre: in freier Erörterung geschichtlicher und politischer Fragen berührten sich ihre Ansichten. Zweimal hat dann Friedrich Wilhelm IV. zur Zeit des Krimkrieges schriftliche Gutachten von Ranke erfordert, zuerst über die Verbesserung der Lage der christlichen Bevölkerung in der Türkei, Gedruckt im Anhange des Buches über Serbien und die Türkei, Werke Bd. 43 u. 44. sodann über die Frage, ob Preußen sich der feindseligen Haltung Österreichs gegen Rußland anschließen und damit die Sache der kriegführenden Mächte Frankreich und England fördern solle. Werke Bd. 53 u. 54. S. 671 ff. Ranke riet, neutral zu bleiben, nicht Österreich zu dienen, ganz so wie der damalige Bundestagsgesandte v. Bismarck, den der König öfters nach Berlin berief, wo er dann auch mit Ranke in Beziehung trat. Das Glückwunschreiben, welches später Fürst Bismarck an Ranke richtete, als dieser 1882 sein Jubiläum als Mitglied der Akademie feierte, spricht von freundschaftlichem Verkehr seit vierzig Jahren; Poschinger . Neue Bismarckbriefe 1, 169; daraus H. Blum , Fürst Bismarck und seine Zeit 6, 236. das mag als runde Zahl etwas zu hoch gegriffen sein, aber in das Jahr 1847, wo Bismarck zum Vereinigten Landtag in Berlin war, darf man gewiß solchen Verkehr setzen; damals wird Bismarck, noch ein Werdender, die soeben erschienene »Preußische Geschichte« gelesen haben und gern dem berühmten Professor näher getreten sein. Vgl. Max Lenz , Ausgewählte Vorträge und Aufsätze (Berlin, Deutsche Bücherei o. J.): Bismarck und Ranke, S, 139 f. * Im Herbst 1850 weilte Ranke wieder in Paris, um ein neues Werk vorzubereiten, die Französische Geschichte . Viele von den venetianischen Berichten, die er einst in Italien gesammelt hatte, bezogen sich auf Frankreichs Zustände im 16. und 17. Jahrhundert; in Paris boten sich ihm zahlreiche, bisher wenig benutzte Akten und biographische Aufzeichnungen dar: so konnte er auch hier eine auf neues Material gestützte eingehende Darstellung bringen. Er schuf ein Werk, daß in farbenreichen Gemälden das Aufstreben der französischen Monarchie, die Verwirrung der Religionskriege, die Herstellung, die Zeit der Größe unter Ludwig XIV., den Verfall unter seinem Nachfolger schildert. Oft hatte er dabei die traurigen Geschicke Deutschlands zu berühren, dem solche politische Machtentwicklung in jener Zeit versagt war. Die daraus hervorgehende Mahnung klingt schon im ersten Bande durch, wo er erzählt, wie Heinrich II. von Frankreich sich der deutschen Städte Metz, Toul und Verdun bemächtigte, »trotz seiner Erklärung, die deutsche Freiheit beschützen zu wollen«; noch stärker erhebt sie sich bei den Ereignissen des 17. Jahrhunderts. Aber der Geschichtschreiber zeigt auch, wie Ludwig XIV. selbst den Verfall verschuldete durch Überspannung der monarchischen Gewalt und des kirchlichen Eifers: die Unterdrückung der Hugenotten schlug nicht nur dem Wohlstande Frankreichs schwere Wunden, sie verschärfte auch die literarische Opposition, die sich mehr und mehr der Geister bemächtigte und der Monarchie wie der Kirche entgegenstrebte, bis »die Flut der in Frankreich siegreichen Umwälzung, Kirche und Staat vernichtend, sich über Europa ergoß«. Reichliche Mitteilungen aus den Urkunden nebst kritischen Erörterungen fügte Ranke auch diesem Werke bei. Der erste Band der »Französischen Geschichte« erschien 1853; Vierte Auflage des Gesamtwerkes 1876-77 in Bd. 8-13 der Sämtl. Werke. gleichzeitig veröffentlichte H. v. Sybel den ersten Band seiner »Geschichte der Revolutionszeit«, auf deren Bearbeitung Ranke bei dem Umfange des ihm für die früheren Zeiten vorliegenden Stoffes gern verzichtet hatte. Beide Werke wurden in Deutschland wie in Frankreich mit Beifall aufgenommen. Fand Sybel vielleicht noch lautere öffentliche Zustimmung als Ranke, so lag das in dem Gegenstände, dessen Bedeutung sich niemand entziehen konnte. Der Meister erfreute sich selber an dem Erfolge seines hochbegabten Schülers; dieser aber wirkte treu mit ihm zusammen zur Verwirklichung eines wissenschaftlichen Unternehmens, welches Ranke seit längerer Zeit im Sinne trug, in Preußen aber unter den damaligen Verhältnissen nicht zur Ausführung bringen konnte. König Friedrich Wilhelm IV. nahm lebhaften Anteil an der Französischen Geschichte, aus der ihm der Verfasser bedeutende Abschnitte noch vor Vollendung des Werkes vorlesen durfte; aber sein Unternehmungsgeist war gebrochen, er mochte in den letzten Jahren seiner Regierung nicht mehr Neues schaffen. Dagegen zeigten sich in München günstige Verhältnisse; König Maximilian II. war bemüht, seine Hauptstadt, die schon als Stätte der deutschen Kunst berühmt war, auch zu literarischer und wissenschaftlicher Bedeutung zu erheben. Er hatte als Kronprinz in Berlin studiert und Rankes Vorträge eifrig gehört; die Geschichte war seine Lieblingswissenschaft; sie durch königliche Huld zu fördern entschloß er sich infolge des persönlichen Gedankenaustausches mit Ranke, als dieser im Herbst 1854 seiner Einladung folgend in Berchtesgaden bei ihm verweilte. Ranke hielt damals dem Könige eine Reihe historischer Vorträge, die unter dem Titel »Über die Epochen der neueren Geschichte« später veröffentlicht und der »Weltgeschichte« angeschlossen worden sind. Bei den Gesprächen, die sich hieran knüpften, wies Ranke darauf hin, wie sehr zu wünschen sei, daß die urkundliche Erforschung der deutschen Geschichte in größerem Umfang gefördert werde; es müsse ein Verein von Gelehrten zusammentreten, um dieser nationalen Aufgabe, die zahlreiche Kräfte erfordere, gerecht zu werden. Der König ging freudig darauf ein; zur praktischen Ausführung des Gedankens trug wesentlich H. v. Sybel bei, der 1856 als Professor an die Universität München berufen wurde. So entstand 1858 die » Historische Kommission bei der königlich bayrischen Akademie der Wissenschaften«, Vgl. Sybels Bericht vom Jahre 1883 über ihre Gründung und ersten Unternehmungen; Vorträge und Abhandlungen S. 336 ff. zusammengesetzt aus hervorragenden Gelehrten Deutschlands und Österreichs. Ranke ward zum Vorsitzenden erwählt und leitete die Verhandlungen, die fortan alljährlich im Herbst in München stattfanden, mit großem Eifer bis 1873. Die Reisen nach München waren ihm, der so gern auch Reisen ins Ausland machte zum Zweck seiner Studien, willkommene Gelegenheiten zum Verkehr mit Freunden und Schülern; auch freute er sich des öfteren Wiedersehens mit seinem Bruder Heinrich, der seit 1845 Konsistorialrat in Ansbach war, 1866 als Oberkonsistorialrat nach München berufen wurde; gelegentlich besuchte er bei der Rückreise auch den jüngeren Bruder Ernst, Professor in Marburg. Bedeutende Werke gingen nun, meist nach Rankes Vorschlägen, aus dem Wirken der Kommission hervor; zunächst umfangreiche Quellensammlungen: die Akten der deutschen Reichstage seit 1376, die Chroniken der deutschen Städte, die Hanserezesse, die politische Korrespondenz der Fürsten aus dem Hause Wittelsbach. Aber auch darstellende Werke wurden unternommen: Jahrbücher der deutschen Geschichte im Mittelalter, zur Ergänzung der früher aus Rankes Übungen hervorgegangenen; Geschichte der Wissenschaften in Deutschland, Allgemeine deutsche Biographie. König Max nahm an dem Fortschreiten der Arbeiten regen Anteil und besprach sich oft eingehend mit den Gelehrten. Nach seinem frühen Tode 1864 war das Fortbestehen der Kommission eine Zeitlang in Frage gestellt, doch gelang es dem Vorsitzenden, den jungen König Ludwig II. günstig dafür zu stimmen, und so ist die Kommission in Wirksamkeit geblieben und waltet noch ferner, immer neue Aufgaben in ihren Bereich ziehend, zum Besten der deutschen Geschichtsforschung: ein Sammelpunkt wissenschaftlichen Lebens, in welchem die von Ranke aufgestellten Grundsätze umfassender Forschung, sachlicher Kritik, klarer und kunstvoller Darstellung fortwirken und die jüngeren Gelehrten in geistiger Verbindung mit ihren Vorgängern erhalten; eine Erneuerung in höherem Sinne jener historischen Schule von Port-Royal, von der Ranke gesagt hat, Geschichte der Päpste 3, 97. daß sie »einen bemerkenswerten, innerlich bildenden Einfluß auf die Literatur von Frankreich und dadurch von Europa ausgeübt hat«. Als anziehende Zeugnisse von Rankes Tätigkeit als Vorsitzender liegen die Reden vor (Werke, Band 51 und 52), mit denen er die Versammlungen zu eröffnen pflegte, teils fein erwogene und zugleich von Herzen kommende Gedächtnisreden auf König Max und auf jüngstverstorbene Fachgenossen, teils allgemeinere Betrachtungen nationalen Inhalts. Die Regierung König Wilhelms I. brachte auch in Preußen bedeutende Veröffentlichungen zum Besten der vaterländischen Geschichte in Gang. Seit 1864 erschienen, angeregt von den Berliner Historikern Duncker und Droysen, unter besonderem Schutze des Kronprinzen die »Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg«; es folgte, nachdem 1875 H. v. Sybel zum Direktor der Staatsarchive berufen war, die »Politische Korrespondenz Friedrichs des Großen«; andere Urkundenwerke schlossen sich an unter dem Gesamttitel »Publikationen aus den Preußischen Staatsarchiven«. Die Berliner Akademie, obgleich mit manchen Aufgaben aus anderen Wissenschaften beschäftigt, übernahm die Fortführung der Monumenta Germaniae , zu deren Leitung 1875 Waitz berufen ward. Alles dies war bestimmt, der Zukunft als feste Grundlage der Forschung zu dienen; Ranke sah es mit großer Freude, schuf aber auch selbst noch darstellende Werke in großer Zahl, die dem fröhlichen Aufblühen der historischen Studien sehr zugute kamen. Sein umfangreichstes Werk ist die Englische Geschichte , 1857-1867 entstanden, Vierte Auflage 1877–79, Bd. 14-22 der Sämtlichen Werke. verknüpft mit zahlreichen Reisen nach London, Dublin, Paris und dem Haag. Überall nahm man ihn mit hoher Achtung und Zuvorkommenheit auf; er war den fremden Gelehrten eine rechte Verkörperung deutschen Fleißes und deutscher Tüchtigkeit. In England wurde er auch bei Hofe eingeführt und besuchte den berühmten Geschichtschreiber Macaulay, dessen Werk einen Teil des Stoffes behandelte, den er zu bearbeiten sich vorgesetzt hatte. Macaulay starb 1859, sein Werk blieb unvollendet. Ranke erklärte in der Vorrede, er wolle mit den einheimischen Geschichtschreibern nicht wetteifern, nicht englische Nationalgeschichte darstellen, sondern die Teilnahme dieses Volkes an den Schicksalen und Unternehmungen der großen abendländischen Völkergenossenschaft, der es angehöre. So hat er denn hauptsächlich die Beziehungen der auswärtigen Politik ins Auge gefaßt, aber stets auch die Rückwirkung auf die inneren Verhältnisse und nicht minder die von diesen ausgehenden Antriebe. Sein Werk bietet nicht so glänzende Schilderungen wie Macaulay, der den Leser fast gefangen nimmt, aber ein großer Reichtum historischen Lebens entfaltet sich, und wer sich von den politischen Verwicklungen weniger angezogen fühlt, findet mannigfache Befriedigung in den Bildern hervorragender Herrscher und Staatsmänner, in der Schilderung der kirchlichen Parteien, die sich auch im Staate bekämpfen, des parlamentarischen Lebens, der See- und Kolonialmacht, der Literatur und Wissenschaft. Es beginnt, gleichwie die Deutsche und Französische Geschichte, mit einem Überblick der älteren Zeiten, wird ausführlich von Heinrich VIII. an und geht durch bis 1760; als urkundliche Grundlagen dienen auch hier Berichte von venetianischen Gesandten, dann natürlich Parlamentsakten und mancherlei englische Berichte, französische Gesandtschafts- und Kriegsberichte; ganz ergiebig sind auch die Berichte des brandenburgischen Residenten Bonnet, die das Berliner Archiv darbot, und besonderen Wert hat der im Haag aufbewahrte Briefwechsel König Wilhelms III. mit dem holländischen Staatsmanne Heinsius. Treffliche kritische Abhandlungen sind beigefügt über die älteren englischen Geschichtswerke von Clarendon und Burnet, sowie über die von König Jakob II. herrührenden Aufzeichnungen. Während Ranke die Geschichte der Verfassungskämpfe Englands im 17. Jahrhundert schrieb, vollzog sich vor seinen Augen in Preußen ein ähnlicher Kampf, der jedoch nicht zum parlamentarischen Königtum führte, sondern den geschichtlich begründeten Anspruch der Monarchie auf stärkere leitende Macht zum Siege führte. Oft mag er Zweifel hinsichtlich des Ausgangs gehegt haben; die ruhmvolle Erhebung des Staates, die nachher auch von der Volksvertretung willig anerkannt wurde, hatte seinen ganzen Beifall. Wie weit er im einzelnen an den politischen Vorgängen teilnahm, läßt sich nicht erkennen; ein deutlicher Beweis dafür, daß er treu zu seinem Könige stand, ist die hohe Ehrung, welche ihm 1865 zuteil wurde, die Verleihung des erblichen Adels . Zwei Jahre darauf folgte die Ernennung zum Kanzler der Friedensklasse des Ordens pour le mérite . Als im Herbst 1870 die Historische Kommission in München zusammentrat, sprach er in der Eröffnungsrede bedeutende Worte über die neue Epoche, die für Deutschland nun eingetreten sei. In Wien traf er dann mit dem alten Freunde Thiers zusammen, der eine Rundreise durch Europa machte, um Hilfe für Frankreich zu erlangen. Sie sprachen über die Aussichten auf Herstellung des Friedens; Ranke wies nachdrücklich darauf hin, daß das alte Unrecht Ludwigs XIV. wieder gutgemacht werden müsse. Rankes Bericht über diese Unterredung s. Werke Bd. 53 u. 54, S. 586 ff. Thiers wollte nichts von Gebietsabtretung hören; wenige Monate später mußte er als erwähltes Haupt seiner Nation die schweren Bedingungen annehmen. Ranke hat in dem Rückblick, den er 1877 bei der Nachricht von Thiers' Tode verfaßte, Ebd. S. 617. hervorgehoben, mit wie strenger Rechtlichkeit Thiers für Ausführung der Bedingungen gesorgt habe. Das für Deutschland so freudige Jahr 1871 wurde für den nun ins Greisenalter eingetretenen Forscher schmerzlich durch den Tod seiner Frau und durch die Abnahme seiner Sehkraft, die ihn fortan zum Diktieren nötigte. Aber mit voller Geisteskraft blieb er beim literarischen Schaffen. Er gab seine Vorlesungen an der Universität auf, um sich der Forschung ganz ungestört widmen zu können. Sein Haus wurde einsamer, doch standen ihm seine erwachsenen Kinder, treue Freunde und diensteifrige Schüler zur Seite. Seit 1867 war er mit der Ausgabe seiner Sämtlichen Werke beschäftigt, die ihm willkommene Gelegenheit gab, bedeutende Ergänzungen hinzuzufügen. Aber auch eine ganze Reihe neuer Werke entstand noch, allerdings Schöpfungen des Alters, großenteils nicht so lebhaft und anschaulich geschrieben wie er früher zu schreiben pflegte, aber erfüllt von reifer und umfassender Weisheit. An die Spitze der Gesamtausgabe stellte er die Deutsche Geschichte, unverändert bis auf wenige Zusätze. Daran reihte sich (Band 7) unter dem Titel »Zur deutschen Geschichte« die Abhandlung von 1832 über die Zeiten Ferdinands I. und Maximilians II. und als neue Gabe eine Fortsetzung bis 1619, eine aus dem Studium der Reichstagsakten geschöpfte Darstellung der Reichstage bis zu diesem Zeitpunkt. Daran schloß sich ein weiteres neues Werk, das vorläufig gesondert ausgegeben wurde, die Geschichte Wallensteins, In den Werken Bd. 23, sechste Auflage 1910. wiederum aus sorgsamen Archivstudien, namentlich in Wien, entstanden, doch hatte er sich schon vorlängst mit den interessanten Problemen, welche sich an diese bedeutsame Gestalt knüpfen, beschäftigt, Nachrichten darüber in Italien, Dresden, Brüssel und sonst gesammelt; nun faßte er das Ergebnis vielfacher Erwägungen anschaulich zusammen. Verbessert im Stil, inhaltlich unverändert gab er sein erstes Buch von 1824; das von 1826 wurde durch eine Fortsetzung der spanischen Geschichte bis 1700 erweitert und erhielt den neuen Titel »Die Osmanen und die spanische Monarchie im 16. und 17. Jahrhundert«. Werke Bd. 35 u. 36. Bedeutende Fortsetzungen erhielten, wie schon erwähnt, das Buch über Serbien und die Geschichte der Päpste. Die Abhandlungen zur Geschichte Venedigs, vermehrt durch eine treffliche Schilderung dieses merkwürdigen Staatswesens im 16. Jahrhundert, wurden in einem Bande zusammengefaßt; Bd. 42. zu den anderen italienischen Abhandlungen traten die über Savonarola, Filippo Strozzi, Cosimo Medici hinzu. Bd. 40 u. 41: Historisch-biographische Studien. Die kritische Abhandlung über Don Karlos erhielt eine darstellende Fortsetzung. Bd. 40 u. 41: Historisch-biographische Studien. Die Neun Bücher Preußischer Geschichte erweiterten sich zu zwölf Büchern, Bd. 25–29. Neue Ausgabe 1900. indem an die Stelle des ersten vier Bücher traten, die von der älteren Zeit Brandenburgs und von dem deutschen Ordensstaate in Preußen nähere Kunde gaben. Und nun folgte als Fortsetzung der Preußischen Geschichte eine Reihe neuer Werke, die des Lehrreichen die Fülle enthalten. Während der Kriegszeit 1870 schrieb Ranke den »Ursprung des Siebenjährigen Krieges«, ein Kunstwerk von Darstellung verwickelter politischer Verhandlungen; dazu fügte er eine kurze »Ansicht des Siebenjährigen Krieges«, die neben dm ausführlichen Schriften anderer Forscher immer noch bedeutend ist. Beides in Bd. 30. Dann folgte »Die deutschen Mächte und der Fürstenbund«, Bd. 31 u. 32. wiederum hochpolitisch, aber auch mit einer Betrachtung über die Literatur jener Zeit ausgestattet und anziehend durch die lebendige Schilderung Kaiser Josephs II.; ferner »Ursprung und Beginn der Revolutionskriege 1791–92« Bd. 45. zu lehrreicher Ergänzung des Sybelschen Werkes, mit einer Übersicht auch der inneren Vorgänge in Frankreich auf Grund der früher in Paris gemachten Studien. Die dann folgende Zeit zu bearbeiten erhielt Ranke einen besonderen Antrieb durch die Aufforderung des Fürsten Bismarck, die Herausgabe der bisher verschlossen gehaltenen Denkwürdigkeiten des Staatskanzlers v. Hardenberg zu übernehmen; er begleitete sie mit einer eigenen Darstellung »Hardenberg und die Geschichte des preußischen Staates von 1793–1813«. Bd. 46–48. Bei dem großen Befreiungskriege brach er ab, weil dieser von anderen genugsam beschrieben war, auch Hardenbergs Aufzeichnungen von da an unbedeutend wurden; zwei Schlußkapitel über die 1814 getroffene Bestimmung der Grenzen Frankreichs und über die Herstellung des preußischen Staates gaben dem Werke genügenden Abschluß. Mit besonderem persönlichem Anteil hatte er schon vorher, in den Jahren 1871–73, den Auftrag der Königin-Witwe Elisabeth von Preußen ausgeführt, den »Briefwechsel Friedrich Wilhelms IV. mit Bunsen« herauszugeben. Neue Ausgabe in Bd. 49 u. 50 der Sämtlichen Werke 1887. Er teilte hauptsächlich Briefe des Königs mit, die von dessen umfassendem, leicht erregbarem und doch von bestimmten Grundsätzen durchdrungenem Geiste anschauliches Zeugnis geben; er fügte Erläuterungen hinzu, wie gerade er sie aus persönlicher Kenntnis geben konnte, so daß manches Dunkel sich lichtete, welches bis dahin über die Entschlüsse des Königs verbreitet war. Ergänzend trat 1878 die Biographie Friedrich Wilhelms IV. hinzu, Bd. 51 u. 52. die er als Beitrag zu dem von ihm veranlaßten Sammelwerk, der Allgemeinen deutschen Biographie schrieb: kein vollständiges Lebensbild, aber auf einzelnes näher eingehend, namentlich auf den Vereinigten Landtag von 1847. Am Schlüsse sagt der teilnehmende Geschichtschreiber: »Von den entgegengesetzten Bewegungen der Zeit wurde Friedrich Wilhelm IV. immer in seiner Seele betroffen. Er hatte vielleicht mehr Gemüt als der Staat ertragen kann. Seine ideale Anschauung stieß mit den Realitäten der Dinge vielfältig zusammen, und in seiner persönlichen Eigenart lag etwas, das die Opposition erweckte. Er war entfernt davon sich glücklich zu fühlen; seine meisten Ansprachen der späteren Zeit haben einen schmerzlichen Zug an sich.« Wie anders lautet das Schlußurteil in der Biographie Friedrichs des Großen , die er um dieselbe Zeit zu gleichem Zwecke schrieb, seine früheren Schilderungen dieses Herrschers kurz zusammenfassend: »Ein Heldenleben, wie es im 18. Jahrhundert möglich war, von großen Gedanken durchzogen, voll von Waffenstreit, Anstrengungen und schicksalsvollem Wechsel der Ereignisse, unsterblich durch das, was es erreichte, die Erhebung des preußischen Staates zu einer Macht, unschätzbar durch das was es begründete für die deutsche Nation und die Welt.« Diese beiden Urteile des damals 82jährigen Geschichtschreibers sind leuchtende Beweise seiner hohen Geisteskraft und edlen Gesinnung. Mit lebendiger Teilnahme verfolgte namentlich der Feldmarschall v. Manteuffel die Entstehung dieser späteren Werke Rankes. Die im Jahre 1848 geknüpfte Freundschaft der beiden Männer dauerte fort, gegründet auf gemeinsame Anhänglichkeit an Friedrich Wilhelm IV., auf Übereinstimmung in politischen Dingen und auf gleichartige Lebendigkeit des Geistes. Mit Vergnügen empfing Manteuffel, während er die Besatzungstruppen in Frankreich nach Beendigung des Krieges befehligte, die Druckbogen, die ihm oftmals zugingen, und schrieb dem Verfasser seine Bemerkungen dazu, die von eindringendem Verständnis zeugen; Vgl. die von A. Dove , Ausgewählte Schriften (1898), S. 235 ff. veröffentlichten Briefe Manteuffels. im Sommer 1877 brachte Ranke einige Wochen auf dem Landgute des Freundes zu, auch aus Straßburg empfing er herzliche Briefe von ihm mit lebhaftem Dank für die ersten Bände der Weltgeschichte. Persönlich nicht so eng, aber ebenfalls auf tiefgehende Geistesgemeinschaft gegründet, war Rankes Verhältnis zum Fürsten Bismarck ; davon zeugt der schöne Brief, mit welchem Ranke den Dank Bismarcks für die Herausgabe der Denkwürdigkeiten Hardenbergs erwiderte: Mitgeteilt von H. Kohl , Bismarck-Jahrbuch 2, 256; vgl. Rankes Brief an A. v. Reumont (Werke Bd. 53 u. 54. S. 531) »Ew. Durchlaucht haben mich durch Ihre beiden Zuschriften vom 22. Jan. und 19. Febr. d. J. nicht allein geehrt und erfreut, sondern mir auch Anlaß zum Denken gegeben. Wie verhalten sich Historie und Politik, in höchster Ausbildung gedacht, zu einander? Dieses Thema hatte Ranke einst in seiner Rede zum Antritt der ordentlichen Professur (Werke Bd. 24) eingehend behandelt. Der Historiker kann niemals zugleich praktischer Politiker sein, Thiers und Macaulay waren auch Staatsmänner; über ihre Geschichtswerke urteilt Ranke in einer seiner Münchner Reden (Bd. 51 u. 52, S. 570): »Das ist nun die schwache Seite von Arbeiten dieser Art, daß sie den Stellungen der Verfasser gemäß nicht frei von Einseitigkeiten sein können. Die beiden Autoren haben es an Fleiß der Forschung nicht fehlen lassen, und die Gabe der Darstellung besitzen sie in eminentem Grade. Daß die Ereignisse nicht in ihrem vollem Umfange erschöpft werden, daß sie noch eine andere objektive Darstellung möglich lassen, ist unleugbar; aber was uns geboten wird, lesen wir mit ebenso viel Belehrung wie Vergnügen.« denn der historische Gedanke hat nur Wert in seiner Allgemeinheit, in dem Licht, das er über den Verlauf der Weltbegebenheiten verbreitet; der praktische Staatsmann dagegen muß auf der Grundlage einer allgemeinen Anschauung doch vor allem den vorliegenden Moment ergreifen, er muß den Forderungen des Moments gerecht werden und den Staat, dem er angehört, auf seinem Wege mit Konsequenz weiter fördern. Die Historie ist bloß instruktiv, die Politik maßgebend und durchgreifend. Daß nun Ew. Durchlaucht, indem Sie diesen hohen Beruf mit einer unvergleichlichen Virtuosität erfüllen, doch auch zuweilen nach meinen historischen Büchern greifen, um sich vergangene Lagen zu vergegenwärtigen, wie Sie mir das in den wohlwollendsten Worten ausdrücken, gereicht mir, der ich am Ende meiner Laufbahn stehe, zu hoher Befriedigung. Denn umsonst werde ich nicht gelebt haben. Ich habe immer gedacht, daß der Historiker alt werden muß. Er muß viel erleben und der Gesamtentwicklung einer großen Epoche anwohnen, um seinerseits fähig zu werden, die früheren Zustände zu beurteilen. So beurteile ich die Laufbahn Ew. Durchlaucht nicht allein mit persönlicher Teilnahme, die mir von alten Zeiten her nahe liegt, sondern auch mit steter auf die allgemeinen Angelegenheiten gerichteter Aufmerksamkeit. Der Historiker kann von Ihnen lernen, Durchlaucht. Für die Wünsche, welche Sie mir für den Nest meines Lebens aussprechen, bin ich Ihnen zu warmem und herzlichem Danke verpflichtet. Mit unbegrenzter Verehrung Ew. Durchlaucht untertänigster Diener L. v. Ranke. Berlin, den 22. Febr. 1877.« Dem greisen Gelehrten war es vergönnt, noch über die Jahre hinaus zu wirken, die sonst dem Sterblichen als Grenze gesetzt sind. Mit wunderbarer Geisteskraft schuf er noch ein großes zusammenfassendes Werk, die Weltgeschichte; doch brachte er es nicht zu Ende. Wohl wußte er, daß ein solches Werk die Vollkommenheit nicht erreichen könne, aber er erkannte auch die Forderung der Wissenschaft, daß immer wieder der Versuch gemacht werde, das einzeln Erforschte in allgemeinen Zusammenhang zu bringen. Im Besitz eines reichen Wissens und langer Lebenserfahrung durfte er unternehmen, der Nachwelt auch noch die Wege zum höchsten Ziele der Geschichtswissenschaft zu weisen. Die Aufgabe war, das »historische Leben« darzustellen, welches sich, wie die Vorrede sagt, »fortschreitend von einer Nation zur anderen, von einem Völkerkreis zum anderen bewegt«, zugleich auch den »historischen Besitz, den das Menschengeschlecht im Laufe der Jahrhunderte erworben hat« in Religion, Kunst, Wissenschaft, gesellschaftlichen Einrichtungen, und unzertrennbar davon sind »die Erinnerungen an die Ereignisse, Gestaltungen und großen Männer der Vorzeit«. In diesem umfassenden Sinne, Allgemeines und Einzeldarstellung kunstvoll verbindend, schrieb er zunächst in drei Teilen, deren erster 1880 erschien, die Geschichte des Altertums, gestützt auf kritische Forschung, deren Schärfe und Umfang auch seine Freunde und Verehrer in Erstaunen setzte, denn sie hatten ihn immer bei späteren Jahrhunderten tätig gesehen. Aber ihm ging diese Forschung auf die Jugendzeit zurück, mit wohltuenden Erinnerungen verbunden, und mancherlei Aufzeichnungen für seine Lehrvorträge waren als Material vorhanden. So stellte er in anschaulichen Bildern die eigentümlich religiöse Kultur der Völker des Orients, die großen Staatsmänner, Dichter und Philosophen der Hellenen, das gewaltige Gefüge des römischen Staates, die Umwandlung des Erdkreises durch das Christentum dar. Dann ging er weiter zu den großen Völkerbewegungen, die vieles zerstörend doch neues Leben begründeten, zu der Welt des Islam, die sich der christlichen entgegensetzte, zu der Entfaltung der europäischen Staaten, auf deren gemeinschaftliche Entwicklung er schon in seinem ersten Jugendwerke hingewiesen hatte. Er hatte die Freude, daß sein Werk in weite Kreise drang, auch in solche, denen seine Forschung über Politik der neueren Zeiten fremd geblieben war. Man war erstaunt, wie darin erneute geistige Jugendkraft waltete fesselnde Darstellung vereint mit erfahrener Weisheit. So vergingen ihm die letzten Lebensjahre in noch immer beglückendem Schaffen. Als er seinen neunzigsten Geburtstag feierte, beglückwünscht von Kaiser und Kaiserin, Kronprinz und Staatsministerium, Universitäten und Akademieen, Freunden und alten Schülern, lagen sechs Teile der Weltgeschichte vollendet vor. Doch nur wenige Monate konnte er noch der Fortsetzung widmen; im siebenten Teile mußte er, von Körperschmerz überwältigt, abbrechen, als er an die Regierung Kaiser Heinrichs III. kam. Nach kurzer Krankheit verschied er am 23. Mai 1886. Treue Schüler gaben aus vorhandenen Aufzeichnungen, wie er sie auch bisher benutzt hatte, dem Werk einen gewissen Abschluß. So liegt es der Nachwelt als ein besonderes Vermächtnis des Meisters vor, noch stärker zu ihr sprechend als die vollendeten Werke. Die Wissenschaft strebt weiter; gerade ihre Meisterwerke weisen über sich selbst hinaus, darin liegt ihre lebenerweckende Kraft. Sie bieten die grundlegende Kenntnis, ohne welche es nicht möglich ist, das neu Errungene richtig zu würdigen; zugleich gewinnen sie durch ihren geistigen Gehalt der Wissenschaft immer wieder neue Diener und Freunde. Grundsätze Rankescher Geschichtsschreibung. Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen. So hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht; er will bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen. Vorrede zu den »Geschichten der romanischen und germanischen Völker«, 1824. Die Hauptsache ist immer, wovon wir handeln, Menschheit wie sie ist, erklärlich oder unerklärlich; das Leben des Einzelnen, der Geschlechter, der Völker, zuweilen die Hand Gottes über ihnen. Schluß derselben Vorrede. Der Weg der leitenden Ideen in bedingten Forschungen ist ebenso gefährlich als reizend; wenn man einmal irrt, irrt man doppelt und dreifach; selbst das Wahre wird durch die Unterordnung unter einen Irrtum zur Unwahrheit. Vorrede der Abhandlung »Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber«, 1824 Gott wolle nicht, daß ich jemals irgendeine Gewalttat, sei sie begangen von den Machthabern oder ihren Gegnern, verhülle oder bemäntle; allein zur Verteidigung derjenigen, die sich nicht mehr verteidigen können, die Wahrheit ans Licht zu bringen, werde ich immer für eine der wichtigsten Pflichten der Historie halten. »Die Verschwörung gegen Venedig«, 1831. In Zeiten religiöser und politischer Parteiungen hat die Historie ein besonders schweres Amt. Worin besteht ihr wissenschaftlicher Beruf, als darin, sich von denselben nicht ergreifen zu lassen und doch in keinerlei Indifferenz zu verfallen, mitten in der Afterrede und Schmeichelei, welche auch die alten Zeiten verdunkeln, die Wahrheit zu sehen, nur dem Großen und Würdigen ihre Anerkennung zu widmen; die ewigen Ideen, die das geistige Leben der Menschheit bedingen, nie aus dem Auge zu verlieren. Brief an König Max, 1852. Unmöglich wäre es, unter allen den Kämpfen der Macht und der Ideen, welche die größten Entscheidungen in sich tragen, keine Meinung zu haben. Dabei aber kann doch das Wesen der Unparteilichkeit gewahrt bleiben, denn dies besteht nur darin, daß man die handelnden Mächte in ihrer Stellung anerkennt und die einer jeden eigentümlichen Beziehungen würdigt. Man sieht sie in ihrem besonderen Selbst erscheinen, einander gegenüber treten und miteinander ringen; in diesem Gegensatz vollziehen sich die Begebenheiten und die weltbeherrschenden Geschicke. Objektivität ist zugleich Unparteilichkeit. »Die deutschen Mächte und der Fürstenbund«, Vorrede, 1875. 1. Ursprung des Christentums. Weltgeschichte III, Kap. 5 S. 152 ff. Zu den universalhistorisch wichtigsten Handlungen der Römer gehört es, daß sie den Jehovahkult in der Zeit der Makkabäer vor der Vernichtung schützten. Sie waren auch später davon entfernt geblieben, ihn zu unterdrücken; Pompejus betrat das Allerheiligste des Tempels, allein die Gottesverehrung in demselben störte er nicht; er ließ selbst den Tempelschatz unberührt. Das römische Reich schloß diesen Dienst in sich ein. Wenn aber die anderen Religionen der besiegten Völker, die italischen, griechischen, selbst die asiatischen und die ägyptische, Eingang in Rom fanden, und sich auf eine oder andere Weise eine gewisse Geltung selbst in der Hauptstadt verschafften, so war dies der jüdischen unmöglich; Über die Stellung der Juden in Rom und im römischen Reiche vgl. Mommsen , Römische Geschichte 3, 532 ff.; 5, 497 ff. sie war und blieb heterogen und unverständlich. Die Ursache davon liegt in der mit der römischen verwandten Natur der erstgenannten Religionen; sie schlossen sämtlich eine Vergötterung der Naturkräfte in sich ein. Anders verhielt es sich mit der Religion des Volkes Israel; sie beruhte auf dem Glauben an einen intelligenten Gott, den Schöpfer der Welt. Dieser Glaube war durch die strengsten Satzungen festgehalten worden, so daß der Monotheismus in der Form der Nationalität erschien. Im Laufe der Begebenheiten war nun aber das Land des monotheistischen Gesetzes in sehr eigenartige Verhältnisse zu den Römern getreten, bei denen sich aus der politischen Verflechtung nach und nach auch ein religiöser Gegensatz von höchster Bedeutung erhoben hat. Die Autorität der Römer im Lande, welche von den Juden doch selbst gewünscht worden war, Umwandlung des abhängigen Königreichs Judäa in römisches Provinzialgebiet, Teil der Provinz Syrien im Jahre 759 Roms = 6 nach Christi Geburt. bildete einen Teil der Weltherrschaft der Römer, deren Idee zugleich eine religiöse Seite hatte; der Widerstand, den die Juden leisteten, beruhte auf dem religiösen Partikularismus, den sie bekannten. Sie träumten von einem König, der sie von Rom losreißen und die Welt mit eisernem Zepter regieren werde, so wie jetzt sie von einem solchen regiert wurden: so verstanden sie die ihnen vom Altertum her überlieferte Prophezeiung eines Messias , der sie befreien und die Welt ihnen unterwerfen werde. In der Tat aber war doch ihre Religion in der provinzialen Form, die sie annahm, unfähig, nicht allein sich in der Welt Bahn zu machen, sondern auch nur sich einer viel stärkeren Macht gegenüber zu behaupten. Wenn der Kampf begann, so konnte er nicht anders als zum Untergang Judäas führen. In dieser Krisis nun, in welcher die politisch-militärische Vielgötterei und der aus den Urzeiten stammende, mit den hierarchischen Formen einer Landesverfassung umkleidete Monotheismus miteinander in einen Kampf gerieten, in dem sich für den letzteren nichts als der Untergang absehen ließ, ist Jesus Christus erschienen. Indem ich diesen Namen nenne, muß ich, obwohl ich glaube ein guter evangelischer Christ zu sein, mich dennoch gegen die Vermutung verwahren, als könnte ich hier von dem religiösen Geheimnis zu reden unternehmen, das doch, unbegreiflich wie es ist, von der geschichtlichen Auffassung nicht erreicht werden kann. So wenig, wie von Gott dem Vater, kann ich von Gott dem Sohne handeln; die Begriffe der Verschuldung, Genugtuung, Erlösung gehören in das Reich der Theologie und des die Seele mit der Gottheit verknüpfenden Bekenntnisses. Dem Geschichtschreiber kann es nur darauf ankommen, die große Kombination, der welthistorischen Momente, in welchen das Christentum erschienen ist, wodurch dann auch seine Einwirkung bedingt wurde, zur Anschauung zu bringen. Von allen herrlichen Worten, die von Jesus Christus vernommen worden sind, ist keines wichtiger, folgenreicher als die Weisung, dem Kaiser zu geben was des Kaisers, und Gott was Gottes ist. Dieses Wort hatte nach beiden Seiten hin eine zugleich nahe und unermeßliche Tragweite. An der von dem römischen Imperium in Anspruch genommenen Divinität Vgl. Horat. carm. 1, 2, 41 ff.; 3, 3, 12; 4, 5, 1. Besonders galt die göttliche Verehrung der Kaiser in den Provinzen; Suet. Aug. 52. Tac. ann. 4, 15. 37. 55. konnte man dann nicht länger festhalten; die religiösen Vorstellungen der römisch-griechischen Welt, wie sie noch obwalteten, ihre uralten und niemals aufzulösenden Beziehungen zu den politischen Zuständen mußten aufgegeben werden. Ebenso stand der Gedanke in Widerstreit mit den Gebräuchen und Gesetzen der Juden; diese waren ohne Zweifel notwendig gewesen, um den Monotheismus zu behaupten, jetzt aber verhinderten sie vielmehr, daß er sich in der Welt geltend machen und von allem Zufälligen gereinigt als Religion hätte angenommen werden können. Und unter den Juden selbst war der Gedanke einer prinzipiellen Abweichung bereits gefaßt worden. Aus der Einsamkeit der Wüste kommend, wo er sich von Heuschrecken und mildem Honig nährte, war Johannes , wie einer der alten Propheten anzusehen in seinem Gewande von Kamelhaaren, das durch einen ledernen Gurt zusammengehalten wurde, in den oberen Jordanlanden als Lehrer des Volkes aufgetreten. Er predigte Verpflichtung zu einem frommen, sittlichen und gerechten Lebenswandel durch Eintauchen in das Wasser; die Reinheit des Körpers sollte die Reinheit der Seele bedeuten. Wenn wir den bei einem jüdischen Autor, Josephus, Josephus, aus einem jüdischen Priestergeschlecht stammend, 37 nach Chr. zu Jerusalem geboren, kam 63 nach Rom, war 66, als der Aufstand der Juden ausbrach, wieder in der Heimat, geriet in römische Gefangenschaft, erwarb die Gunst des Feldherrn und späteren Kaisers Vespasian, dessen Familiennamen Flavius er annahm; war 70 Augenzeuge der Zerstörung Jerusalems, lebte später in Rom und schrieb dort in griechischer Sprache seine jüdische Geschichte (20 Bücher) und ein besonderes Werk über den letzten Krieg, starb um 100 nach Chr. Er erwähnt auch Jesus als weisen Lehrer des Volkes und Wundertäter, den seine Anhänger, die Christen, noch immer verehren. vorliegenden Bericht recht verstehen, so hat sich Johannes der Vorstellung, als liege in Waschungen eine Befreiung von der Schuld, entgegengesetzt; erst nach vollbrachter Büßung soll die Verpflichtung zu einem reinen und gottgefälligen Lebenswandel eintreten, nicht als Genugtuung für das Vergangene, sondern als Pflicht für das Zukünftige. Johannes meinte die jüdische Nation in diesem Sinne zu vereinigen, denn ein Jude war er durch und durch. Herodes Antipas in Galiläa, sein Landesherr, Galiläa war nicht Provinzialgebiet, sondern noch Vasallenfürstentum; Herodes Antipas war ein Sohn Herodes des Großen, der 37-4 vor Chr. über das ganze Gebiet, Judäa, Galiläa und das Ostjordanland, als König unter römischer Hoheit geherrscht hatte. dessen Ehe er tadelte, da sie den jüdischen Begriffen entgegen lief, hat ihn deswegen umbringen lassen; er ward ein Opfer des häuslichen Unwesens, das in der idumäischen Familie überhaupt herrschte. Zu der Schule des Johannes nun gehörte auch Jesus von Nazareth. Aber zu einem Anachoreten wie Johannes war er nicht geboren; er schlug seinen Sitz nicht in der Wüste Juda, sondern in einer volkreichen, durch mannigfaltigen Verkehr belebten Landschaft am See Genezareth auf. Wer hat nicht von den Naturschönheiten der Umgebung dieses Sees, die noch heute die Bewunderung der Reisenden auf sich zieht, gehört und von dem Überfluß, den die Fruchtbarkeit seiner Ufer hervorbringt, so daß das Leben leicht und mühelos dahinrinnt. Was aber den Schüler des Johannes, der auch seinerseits Jünger um sich sammelte, dahin zog, und daselbst fesselte, war die kleine Stadt Kapernaum , deren die frühere und auch die spätere Geschichte kaum gedenkt. Sie bildete den Mittelpunkt des dortigen Lebens. An der großen Landstraße gelegen, die auf der einen Seite nach Ägypten, auf der anderen nach Phönizien führte, wurde sie von Fremden verschiedener Nationalitäten besucht. Schon darin zeigt sich die Wirkung der Römerherrschaft, welche alle diese Landschaften zu einem Ganzen vereinigte. Die Römer hatten daselbst die ihnen eigentümlichen Einrichtungen getroffen; Kapernaum war zugleich eine römische Zollstätte und Station einer Abteilung römischer Truppen unter einem Zenturio. Fast mehr als im übrigen Judäa, namentlich auch in Jerusalem, griff hier das weltbeherrschende Verhältnis, der Gegensatz zwischen den Eingeborenen und der römischen Autorität, in das tägliche Leben ein. Jesus, der in der Synagoge lehrte, trat doch mit Beamten des Zollamts, welche von den übrigen Juden als Befleckte betrachtet wurden, und mit den Römern selbst in gesellschaftliche Verbindung. Daß er nun aber hier etwa die Vielgötterei der Römer, oder die Juden, welche sich an dieselben anschlossen, hätte bekämpfen und anderen Sinnes machen können, ließ sich nicht erwarten, da gerade dort in den Synagogen die starke provinzielle Färbung, mit welcher der Monotheismus für andere unverständlich war, den Gegensatz verstärkte. Kapernaum kann als die Metropole eines neuen Glaubens betrachtet werden, der die Gegensätze aufzulösen bestimmt war. Es war nur ein Schritt, durch welchen sich Jesus von Johannes entfernte, aber ein Schritt, welcher der intellektuellen und religiösen Weltbewegung eine neue Richtung gegeben hat. Johannes war bei den jüdischen Zeremonien stehen geblieben; die eigentlichen Johannesjünger beobachteten sie so streng wie andere Juden: Jesus wandte sich davon ab. Wenn die Idee des Johannes nur dahin gegangen war, die Juden, welche von ihm die Taufe nahmen, zu einem gottgefälligen Lebenswandel zu verpflichten, so erhob sich in Jesu der universalhistorische Gedanke, nicht die Juden allein, sondern alle Völker zu einem Leben der Gerechtigkeit und gottgefälligen Tugend zu erwecken und in diesem Bestreben zu vereinigen. Die heiligen Bücher, in denen die Schriftgelehrten vornehmlich die Verpflichtung zu dem zermoniellen Judaismus sahen, erklärte Jesus auf eine Weise, daß vielmehr die Einheit der göttlichen Gewalt, welche alle Völker umfassen konnte, hervortrat. Von der jüdischen Überlieferung riß er sich keineswegs los, aber er gab ihr eine Auslegung, die ohne Zweifel ihrem ursprünglichen Geist entsprach: denn von dem höchsten Gott, den Abraham anbetete, war sie in die nationale Strömung der jüdischen Geschichte verflochten worden. Von der strengen und strafenden Gottheit, die jede Abweichung von dem Gesetz unnachsichtig heimsucht, ging Jesus zu der Lehre von der väterlichen Liebe Gottes über, welche alle Menschen umfaßt; er nahm Abstand von den Ideen des Imperiums, auf denen die damalige Welt beruhte, aber auch von den Ideen, welche den Tempel von Jerusalem und die Schriftgelehrten beherrschten; er lehrte eine allgemeine Kindschaft zu dem ewigen Vater, gleichweit entfernt von den beiden religiösen Begriffen, zwischen denen die Überlieferung und Verehrung sich teilte. Er sah in der Religion ein heiliges Kleinod der Menschen, das durch keine politische Zutat in seiner Echtheit verdunkelt werden dürfe; er verkündigte ein Gottesreich , zu welchem nur die sittlich reinen, die wahren Kinder Gottes, sich vereinigen sollten. Und wenn die Juden durch den vermeinten Messias, den sie erwarteten, zur Herrschaft über alle Nachbarn erhoben zu werden hofften, so faßte Jesus eben diese Idee in ihrer geistigen Bedeutung. Der Messias war ihm der Verkündiger des an das Alte anknüpfenden, aber doch ein unbekanntes Neue eröffnenden Gottesreiches, das von allem Nationalen absah; er selbst der Messias. Dies Reich zu verkündigen zugleich und zu stiften, darin sah er seinen göttlichen Beruf. Dort an dem galiläischen See hat Jesus von einem Schiffe her das neue Evangelium von dem anbrechenden Reiche Gottes verkündigt, welches, im Gegensatz sowohl mit der Herrschaft der Cäsaren als mit dem partikularen Gemeinwesen der Juden, der Menschheit eine allgemeine Vereinigung rein geistiger Art in Aussicht stellte. Er verstand darunter die Genossenschaft der Gläubigen ; er sprach unumwunden aus, daß sich diese Genossenschaft keineswegs auf die Juden allein beschränken werde. In Kapernaum fand er in dem römischen Zenturio mehr gläubige Hingebung als bei irgend einem Israeliten. Auf einer seiner Wanderungen, die ihn in die Nähe von Samaria führte, finden wir ihn bei einem Brunnen sitzend, wo er sich ohne Rücksicht auf die Antipathie der Juden aus dem Schöpfgefäße eines samaritischen Weibes erlabt. Einige tiefsinnige Fragmente sind uns aufbewahrt, in denen von dem Verhältnis der sinnlichen Nahrung zu der geistigen die Rede ist. Dort in Samaria wurde er wohl zuerst als der verheißene Messias anerkannt: ein Gedanke, der das Prinzip seines Lebens war, durch den er doch allezeit wieder an den Sinn und Inhalt der jüdischen Lehren und der heiligen Schrift anknüpfte. In ihrer zurückgedrängten Stellung hatten die Juden von jeher auf die Rettung durch einen göttlichen Menschen, der zugleich Gesandter Gottes sein und ihr König werden sollte, gehofft. Was wäre aber damit der Menschheit geholfen gewesen? Die Religion wäre sogleich in eine politische Herrschaft ausgeartet, und niemand konnte sich in jenen Zeiten ohne fanatische Impulse ein Ereignis dieser Art auch nur möglich denken. Christus belehrte die Juden, daß ihre messianische Erwartung nicht den Staat betreffe, sondern die Religion. Die Religion sollte als solche die Menschheit durchdringen, der Monotheismus, frei von dem Zeremonialdienst, die Religion der Welt werden im Sinne der Urzeit. Der Messias ist der Gründer des Reiches Gottes, welches eben darin besteht, daß der Mensch sich ihm hingibt, in ihm lebt und stirbt. So kann es den geistigen Boden bilden, auf welchem neben dem politischen Bestand sich das Gefühl einer höheren allumfassenden Gemeinschaft der Menschheit erhebt und ausbildet. Hätte sich nicht, so darf man fragen, die Idee der Menschheit auch auf eine andere Weise entwickeln können, im Sinne der platonischen oder auch der stoischen Philosophie? Aber das wäre dann nicht Religion gewesen, es hatte nicht an die ältesten Überlieferungen der Menschheit und ihre Überzeugungen angeknüpft. Auf diese Verbindung kam es an. Gerade dadurch aber mußte der Stifter sich mächtige Widersacher erwecken, deren Feindseligkeit sein Leben bestimmte. Hohepriester und Schriftgelehrte nahmen an seinen Überschreitungen des Zeremonialgesetzes, besonders auch an seinen Heilungen am Sabbat Anstoß. Das Unerträglichste aber war ihnen, daß der Gedanke, auf welchem ihre Volksgenossenschaft beruhte, überboten und dadurch zerstört wurde. Als Jesus sich in den unmittelbaren Bereich dieser priesterlichen Gewalt begab, wie sie damals unter den Römern bestand, welche sie hätten vernichten können, aber doch anzuerkennen verpflichtet waren, wurde er ergriffen und vor Gericht gestellt. Er hatte wohl gesagt, er würde den Tempel zu zerstören und in kurzem wiederherzustellen imstande sein, was doch unverhohlen ankündigt, daß die bestehende beschränkte Gottesverehrung aufhören und eine andere in seinem Sinne an deren Stelle treten werde. Damit greift es zusammen, wenn er behauptete der Messias zu sein und eine unmittelbare göttliche Sendung im Leben und selbst nach seinem Tode dafür in Anspruch nahm. Das Synedrium, das nach einem in der Nacht vorgenommenen Verhör des Morgens früh zusammenberufen wurde, verurteilte ihn zum Tode. Um jedoch das Urteil zu vollstrecken, war die Einwilligung und Mitwirkung des Prokurators In der Reihe der seit 6 nach Christi Geburt ernannten Prokuratoren war Pontius Pilatus ( Tac. ann. 15, 44) der fünfte; er wurde im Jahre 35 infolge einer Klage des Rates von Samaria von dem Statthalter Syriens, L. Vitellius, abgesetzt; s. Josephus »Jüdische Geschichte« 18. 4. notwendig. Dieser widmete den gegen Jesus vorgebrachten Beschwerden keine besondere Aufmerksamkeit; an und für sich würde er zu keiner Verurteilung geschritten sein. Aber das Verhältnis, in dem er sich befand, war nicht dazu angetan, einem von den Landesbehörden gefaßten Beschluß zu widerstreben, und überdies: Jesus hatte sich im Sinne der Messiasidee als König begrüßen lassen und wohl auch selbst bezeichnet. Er war entfernt davon, das jüdische Königtum etwa den Römern gegenüber aufrichten zu wollen; der Gedanke kam ihm nicht in die Seele. Allein der Hohepriester machte den Prokurator aufmerksam, daß sich Jesus als König der Juden gebärdet habe: Pilatus würde der Freund des Kaisers nicht sein, wenn er einen Menschen dieser Art am Leben lasse. Angewiesen, die den Juden noch verbliebenen Reste der Selbständigkeit zu schonen, und mit einer Beschwerde bedroht, die ihm in Rom gefährlich werden konnte, gewann es Pilatus über sich, den Unschuldigen hinrichten zu lassen. Die hierarchische Gewalt, welche die eine, und die militärische, welche die andere Religion bekannte, vereinigten sich dazu, den Verkündiger einer von beiden unabhängigen Religion umzubringen. Die Inschrift, die Pilatus über das Kreuz setzte, bezeichnete den Anspruch auf die Königswürde unter den Juden als Ursache der Hinrichtung, denn in der den Römern unterworfenen Provinz durfte es keinen König geben. Aber die Ankläger Jesu wußten doch sehr wohl, daß ein weltlicher Anspruch, wie er in dieser Bezeichnung lag, von ihm niemals gehegt worden war. Sein Königtum war nur der Ausdruck der messianischen Idee, die bei ihm eine außerweltliche Bedeutung hatte. Ihr Unrecht bestand darin, daß sie, um sich selbst zu erhalten, dem göttlichen Meister einen Anspruch zuschrieben, an den er in Wahrheit nicht dachte. Das fleckenloseste, tiefsinnigste, menschenfreundlichste Wesen, das je auf Erden erschienen war, fand keinen Platz in der damaligen Welt. Jesus hatte seinen Tod mit voller Bestimmtheit kommen sehen, aber er wußte, daß damit seine Lehre bekräftigt und gerettet werde. Was wir das Abendmahl nennen, war nicht ein bloßer Abschied; es war ein Bund zwischen ihm und den Jüngern auf der mystischen Grundlage seiner göttlichen Sendung; Taufe und Abendmahl haben den Charakter von gegenseitigen Verpflichtungen zwischen Göttlichem und Menschlichem. Wer hätte nicht meinen sollen, daß mit dem Meister, dessen Jünger bisher sich oft sehr schwach und zweifelhaft erwiesen hatten, auch die Lehre vertilgt sein werde? Allein der Tod selbst und die Erscheinungen, die ihn begleiteten und ihm folgten, von deren Realität sie so fest überzeugt waren wie von irgend etwas, das man mit Augen gesehen und mit Händen betastet hat, erhoben ihre Seele zu einer Freudigkeit, die sie bisher nie bewiesen. Aus Jüngern wurden sie selbst Lehrer der Welt, Apostel des Meisters, den sie, seinen eigenen Äußerungen folgend, als Gottheit verkündigten. Ich vermeide, wie berührt, auf das Geheimnis einzugehen. Auf dem Standpunkt der historischen Verknüpfung der Ideen drängt sich mir beim Anblick dieser Erscheinung mitten in der griechisch-römischen Welt noch eine Erinnerung auf, die ich nicht übergehen darf. In jenem Widerstreit der Naturkräfte, den die alte Mythologie als einen Kampf zwischen Göttern und Titanen auffaßt, in welchem die Götter den Sieg erringen, bildet vielleicht die in sich bedeutendste Gestalt jener Prometheus , der besiegt und an den Kaukasus geschmiedet wird. Die Götter bestraften ihn, weil er sich der Menschheit , ihren Bedürfnissen, ihrem Leben, der Ausbildung ihrer Kräfte, der geistigen sowohl wie der materiellen, gewidmet hatte. Die Menschheit war seitdem den Göttern des Olymp unterlegen. Seit vielen Jahrhunderten hatten die polytheistischen Vorstellungen die Welt beherrscht; jetzt aber waren sie in dem Widerstreit der nationalen Götter, der übrigen mit den römischen, dieser selbst mit einander, unhaltbar geworden. Das Extrem dieser Vorstellungen, die Göttlichkeit des römischen Kaisers, schien das System zu vollenden, trug aber doch das meiste bei, es zu zerstören. Da mußte denn auch, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, Prometheus von seinem Felsen gelöst und die Menschheit in ihr ursprüngliches Dasein zurückgerufen werden. Sie trat in eine unmittelbare Verbindung mit dem Göttlichen, nicht aber den Naturkräften, sondern der Gottheit, welche über denselben allwaltend gedacht wurde, und diese Verbindung vor allem erscheint in dem christlichen Glauben. Dies höchste göttliche Wesen, Schöpfer des Alls, stand bisher zu hoch über der Welt, unerreichbar, jenseits aller Begriffe; in Christus erscheint es dem Menschen zugewandt, selbst menschlich, nicht allein mit seinem moralischen, sondern auch seinem intellektuellen Wesen innig vereinigt. Der Menschheit wurde damit eine neue Bahn eröffnet. 2. Staat und Kirche. Deutsche Geschichte I, Werke Bd. 1 S. 1-5. Einleitung. In Schule und Literatur mag man kirchliche und politische Geschichte von einander sondern; in dem lebendigen Dasein sind sie jeden Augenblick verbunden und durchdringen einander. Wie es überhaupt keine menschliche Tätigkeit von wahrhafter, geistiger Bedeutung gibt, die nicht in einer mehr oder minder bewußten Beziehung zu Gott und göttlichen Dingen ihren Ursprung hätte, so läßt sich eine große, des Namens würdige Nation gar nicht denken, deren politisches Leben nicht von religiösen Ideen angeregt und erhoben würde, die sich nicht unaufhörlich damit beschäftigte, dieselben auszubilden, zu einem allgemein gültigen Ausdruck und einer öffentlichen Darstellung zu bringen. Nicht zu leugnen ist, daß die Nationen hierdurch in einen gewissen Widerstreit in sich selbst geraten. Die Nationalität bewegt sich innerhalb ihrer natürlichen, schon durch die Selbständigkeit der Nachbarn festgesetzten Schranken; die Religion, seit einmal diejenige in der Welt erschienen ist, die den Anspruch und das Recht dazu hat, strebt ewig die allgemeine zu sein. Inwiefern der Staat zu gründen ist, macht sich ein eigentümliches Prinzip geltend, ebenfalls geistiger Natur, das auch seine innere Notwendigkeit hat, in bestimmten Formen sich ausspricht, besondere Bildungen hervortreibt, eine unbedingte Freiheit in Anspruch nimmt; sobald eine Kirche mit ihren weiterreichenden, verschiedene Völker umfassenden Formen entstanden ist, gibt sie sich leicht dem Bestreben hin, den Staat in sich aufgehen zu lassen, dessen Prinzip sich zu unterwerfen: es wird ihr schwer, die ursprüngliche Berechtigung der Nationalitäten und der Staaten neben sich anzuerkennen. Wie das Leben, so wird selbst die Auffassung der Begriffe von diesem Gegensatz berührt. Die allgemeine Religion erscheint, nachdem sie zuerst in das Bewußtsein des menschlichen Geschlechts getreten ist, als eine große von Volk zu Volk fortschreitende Überlieferung, mitgeteilt in festen Lehrsätzen; aber die Nationen können es sich nicht nehmen lassen, die Fähigkeit und den Inhalt des ihnen ursprünglich eingepflanzten Geistes prüfend daran zu versuchen. Aus der Natur dieses Widerstreites geht hervor, welch ein großes Moment für alles menschliche Dasein darin liegt. Die religiöse Wahrheit muß eine lebendige Repräsentation haben, um den Staat in fortwährender Erinnerung an den Ursprung und das Ziel des irdischen Lebens, an das Recht seiner Nachbarn und die Verwandtschaft aller Nationen zu erhalten; er würde sonst in Gefahr sein, in Gewaltherrschaft auszuarten, in einseitigem Fremdenhaß zu erstarren. Die Freiheit der nationalen Entwicklung dagegen ist selbst für die religiöse Lehre notwendig; sie würde sonst nicht wahrhaft begriffen, innerlich angenommen werden; ohne ein immer wiederholtes Bezweifeln und Überzeugtwerden, Bejahen und Verneinen, Suchen und Finden würde kein Irrtum zu heben, kein tieferes Verständnis zu erreichen sein. Und so kann auch die Kirche eine von ihr unabhängige Bewegung nicht entbehren ; sie bedarf es, an die wechselnden Bedürfnisse der Geister, die Wandelbarkeit ihrer eigenen Formen erinnert zu werden, um sich vor der dumpfen Widerholung unbegriffener Lehren und Dienste zu bewahren, welche die Seele töten. Man hat gesagt, der Staat sei schon die Kirche; oder die Kirche hat sich berechtigt geglaubt, an die Stelle des Staates zu treten. Die Wahrheit ist, daß das geistige Leben, in seiner Tiefe und Energie Ένέργεια ist das innere Streben, das der Verwirklichung vorangeht; aus ihm geht das Werk, das εργον hervor: Aristoteles zu Anfang der Nikomachischen Ethik. allerdings sich selber gleich, ein und dasselbe, doch in diesen beiden Institutionen sich äußert, die sich in den mannigfaltigsten Abwandlungen berühren, einander zu durchdringen oder auch zu beseitigen und auszuschließen suchen, und doch niemals zusammenfallen, niemals eine die andere zu überwältigen vermögen. Wenigstens ist es in unsern abendländischen Nationen nie dahin gekommen. Das Khalifat mochte kirchliche und politische Gewalt in einer Hand vereinigen; das Leben der abendländischen Christenheit beruht dagegen auf der unaufhörlichen Wechselwirkung zwischen Kirche und Staat . Daraus entspringt die immer freiere, umfassendere, tiefere Bewegung des Geistes, die ihr, im ganzen und großen angeschaut, zugeschrieben werden muß; in dem wechselseitigen Verhältnis von Staat und Kirche ist die jedesmalige Gestalt des Gemeinwesens gegründet. Daher kommt es eben, daß die kirchliche Geschichte nicht ohne die politische, diese nicht ohne jene zu verstehen ist. Erst die Kombination von beiden läßt die eine und die andere in ihrem wahren Lichte erscheinen und vermag vielleicht zur Ahnung des tieferen Lebens zu führen, aus dem sie beide hervorgehen. Ist das nun bei allen Nationen der Fall, so liegt es doch besonders bei der deutschen am Tage, welche sich wohl von allen am anhaltendsten und selbständigsten mit kirchlichen und religiösen Dingen beschäftigt hat. Die Ereignisse eines Jahrtausends gehen in den Gegensätzen zwischen Kaisertum und Papsttum, Katholizismus und Protestantismus auf; wir in unsern Tagen stehen mitten in beiden. 3. Kaisertum und Papsttum. Deutsche Geschichte I, Werke Bd. 1 S. 28. Den unmittelbar aus den Gründungen Karls des Großen hervorgehenden Ansprüchen der Geistlichkeit, Europa nach ihren hierarchischen Gesichtspunkten zu beherrschen, waren die vereinigten Deutschen, noch durchdrungen von den nationalen Ideen des alten Germaniens, entgegengetreten und hatten das Kaisertum gegründet. Mit dem Jahre 962 beginnt das »römische Kaisertum deutscher Nation«, dauernd vereint mit der deutschen Königswürde. In dem hier nicht mitgeteilten Teil der Einleitung hat Ranke ausgeführt, daß Arnulf und Heinrich I. ihr Königtum im Gegensatz zur Geistlichkeit erlangten, während die westfränkischen Könige, Karl der Kahle und Odo, sich ihr von vornherein anschlossen; ferner, daß Otto I. nur von den weltlichen Großen gewählt wurde und auch ohne die kirchliche Salbung König gewesen wäre wie sein Vater; in Italien »mußte er dann den Papst erst setzen, mit dem er sich verstehen konnte«. Unglücklicherweise aber vermochte das Kaisertum nicht zu vollkommen ruhigem und festem Bestande zu gelangen. In der Entzweiung, in welche die zur Gewalt geneigten Herrscher und die widerspenstigen Vasallen gar bald gerieten, geschah es doch, daß sowohl die einen als die anderen das geistliche Element wieder beförderten. Zuerst sahen die Kaiser in einer starken Geistlichkeit das Mittel, ihre Großen im Zaun zu halten, und teilten ihr freigebig Besitztümer, Regierungsrechte zu. Hierauf aber, als sich in dem Papsttum und der geistlichen Korporation überhaupt Ideen der Befreiung regten, fanden es auch die weltlichen Großen so übel nicht, wenn der Kaiser dieses Rückhalts, dieses Mittels der Gewalt beraubt würde; Die Zeit Heinrichs IV. die Schwächung der kaiserlichen Macht kam auch ihnen gar sehr zu statten. So geschah, daß das geistliche Element, durch seine entzweiten Gegner befördert, zuletzt doch zu einem entschiedenen Übergewicht gelangte. Allerdings kam nun im 12. und 13. Jahrhundert etwas ganz anderes zustande, als im 9. geschehen sein würde. Die weltliche Gewalt konnte herabgewürdigt, nicht vernichtet werden; ein vollkommenes Priesterreich, wie es wohl einst hätte erwartet werden müssen, Ranke zitiert Seite 9 die von dem Mainzer Geistlichen Benediktus Levita um 847 veranstaltete Sammlung von Kapitularien Karls des Großen und seiner Nachfolger, worin gefälschte päpstliche Dokumente eingemischt sind. konnte nicht mehr entstehen. Auch hatte die gesamte nationale Entwicklung viel zu tiefe Wurzeln geschlagen, um von dem kirchlichen Element erdrückt zu werden; vielmehr ward ihr die Einwirkung der kirchlichen Ideen und Stiftungen Förderung der Kultur durch die Klöster. ohne Zweifel selbst sehr förderlich. Es war eine Fülle von Leben und Geist, von Tätigkeit in den verschiedensten Zweigen, von schöpferischer Kraft vorhanden, von der man nicht sieht, wie sie bei einem anderen Gang der Dinge hätte entstehen können. Aber bei alledem war das doch kein Zustand, mit welchem sich eine große Nation befriedigen kann. An eine freie politische Bewegung war nicht zu denken, solange der vornehmste Antrieb zu aller öffentlichen Tätigkeit von einem fremden Oberhaupte kam. Auch im Reiche des Geistes waren strenge Grenzen gezogen; das unmittelbare Verhältnis, in dem sich jedes geistige Dasein zu dem Göttlichen fühlt, war und blieb der Nation verdunkelt. Es traten endlich Verhältnisse ein, welche auch in der deutschen Nation ein Bewußtsein ihrer natürlichen Stellung hervorriefen. 4. Kaiser Maximilian I. Deutsche Geschichte I, Werke Bd. 1 S. 234 ff. Die Meinung, welche in Maximilian den schöpferischen Begründer der späteren Verfassung des Reiches erblickt, muß nun wohl aufgegeben werden. Haben wir früher gesehen, wie die organisierenden Ideen, welche in seinen ersten Jahren hervortraten, Auf den Reichstagen zu Worms und Lindau 1495 und 1496. von ihm viel mehr Widerstand erfuhren als Förderung, wie er dann mit seinen eigenen Entwürfen so wenig durchdrang, so nehmen mir nunmehr wahr, daß er auch die Fürsten des Reichs nicht zusammenzuhalten vermochte, daß gerade um ihn her sich alles in Parteien gruppierte. Notwendigerweise hatte man dann nach außen hin eher Verluste erlitten, als Fortschritte gemacht. In Italien war nichts gewonnen, die Schweiz war zu größerer Selbständigkeit gelangt, Preußen eher noch mehr gefährdet als gesichert; Maximilian hatte früher den Hochmeister Albrecht, aus dem Hause Hohenzollern, unterstützt, dann aber sich mit dessen Gegner, König Sigismund von Polen, verbündet; Deutsche Geschichte 1, 230. die Politik von Frankreich hatte wieder Einfluß auf das innere Deutschland gewonnen, Geldern und jetzt auch Württemberg Herzog Ulrich, von Maximilian bedroht wegen Mißhandlung seiner Gemahlin, einer Nichte des Kaisers, hatte sich an Frankreich gewandt; er wurde 1519, wenige Monate nach dem Tode des Kaisers, vom Schwäbischen Bunde vertrieben. hielten sich offenbar zu dieser Macht. Wenn Maximilian dennoch, auch bei seinen Zeitgenossen, ein so rühmliches Andenken hinterlassen hat, so rührt das nicht von dem Erfolge seiner Unternehmungen, sondern von seinen persönlichen Eigenschaften her. Alle guten Gaben der Natur waren ihm in hohem Grade zu Teil geworden: Gesundheit bis in die späteren Jahre, – wenn sie etwa erschüttert war, reichte eine starke Leibesübung, anhaltendes Wassertrinken hin, sie wieder herzustellen –; zwar nicht Schönheit, aber gute Gestalt, Kraft und Geschicklichkeit des Leibes, so daß er seine Umgebung in jeder ritterlichen Übung in der Regel übertraf, bei jeder Anstrengung ermüdete; ein Gedächtnis, dem alles gegenwärtig blieb, was er jemals erlebt oder gehört oder in der Schule gelernt hatte; natürlich richtige scharfe Auffassung: er täuschte sich nicht in seinen Leuten, er bediente sich ihrer zu den Dienstleistungen, die für sie selbst eben die angemessensten waren; eine Erfindungsgabe ohne gleichen: alles was er berührte, ward neu unter seinen Händen; auch in den Geschäften ein das Notwendige mit sicherem Gefühle treffender Geist: wäre die Ausführung nur nicht so oft an andere Bedingungen seiner Lage geknüpft gewesen! eine Persönlichkeit überhaupt, welche Bewunderung und Hingebung erweckte, welche dem Volke zu reden gab. Vgl. die in den »Geschichten der romanischen und germanischen Völker«, Werke Nd. 33 u. 34, S. 71 f., zusammengestellten Charakterzüge. Was erzählte man sich alles von seinen Jagden: wie er im Lande ob der Enns einen gewaltigen Bären in freiem Hag allein bestanden; wie er in Brabant in hohlem Weg einen Hirsch, der schon einen Anlauf wider ihn genommen, noch in dem Moment erlegt; wie er im Brüsseler Walde von einem wilden Schwein übereilt, ehe er vom Pferd gestiegen, es zu seinen Füßen erstochen habe; besonders von den Gefährlichkeiten seiner Gemsenjagd im höchsten Gebirge, wo er zuweilen wohl den Jäger, der ihm beigegeben war, selber vor dem Sturz errettet hat: er zeigt in allem behenden Mut, gleichsam eine elastische Gegenwart des Geistes. So erscheint er dann auch vor dem Feinde. Im Bereiche feindlicher Geschütze setzt er ans Land, bildet seine Schlachtordnung und gewinnt den Sieg; im Scharmützel nimmt er es wohl mit vier oder fünfen allein auf; in den Schlachten muß er sich oft eines gerade gegen ihn ausgeschickten Feindes in zweikampfartigem Zusammentreffen erwehren, denn immer voran findet man ihn, immer mitten im Getümmel der Gefahr. Proben von Tapferkeit, die nicht allein dienten, um in müßigen Stunden erzählt, im Theuerdank aufgezeichnet zu werden: der venetianische Gesandte weiß nicht auszudrücken, welch ein Zutrauen er bei den deutschen Soldaten aller Art eben deshalb genoß, weil er sie in Gefahren niemals verließ. Als einen großen Feldherrn können wir ihn nicht betrachten; allein für die Organisation einer Truppe, die Ausbildung der verschiedenen Waffengattungen, die Bildung eines Heeres überhaupt wohnte ihm eine treffliche Gabe bei. Die Miliz der Landsknechte, von welcher der Ruf der deutschen Fußvölker wieder erneuert worden, verdankt ihm ihre Begründung, ihre erste Einrichtung. Das Geschützwesen hat er auf einen ganz andern Fuß gebracht; eben hier bewährte sich sein erfinderischer Geist am glänzendsten; da übertraf er die Meister selbst. Seine Biographen schreiben ihm eine ganze Anzahl von glücklichen Verbesserungen zu; auch die Spanier, die unter ihm dienten, sagen sie, habe er zum Gebrauch des Handgeschützes angeleitet. Die Widersetzlichkeit, die sich in diesem Söldnerhaufen bei der Unregelmäßigkeit seiner Finanzerträge oftmals erhob, wußte er, wo er persönlich zugegen war, noch in der Regel zu beseitigen; man erinnert sich, daß er in hohen Nöten den Unmut der Leute durch die Possen eines Narren, den er rufen ließ, beschwichtigte. Überhaupt hatte er ein unvergleichliches Talent, die Menschen zu behandeln. Die Fürsten, welche seine Politik verletzte, wußte er doch in persönlichem Umgang zu befriedigen; nie, sagte der Kurfürst Friedrich von Sachsen, sei ihm ein höflicherer Mann vorgekommen. Die wilden Ritter, gegen die er Reich und Bund Gemeint ist der 1488 zur Sicherung des Landfriedens geschlossene Schwäbische Bund; Deutsche Geschichte 1, 68. aufbietet, erfahren doch wieder solche Äußerungen von ihm, daß es ihnen, wie Götz von Berlichingen sagt, eine Freude im Herzen ist und sie nie etwas gegen Kaiserliche Majestät oder das Haus Österreich getan hätten. An den Festlichkeiten der Bürger in den Städten, ihren Tänzen, ihren Schießübungen nimmt er Anteil; nicht selten tut er selber den besten Schuß mit der Armbrust. Er setzt ihnen Preise aus: Damast für die Büchsenschützen, einige Ellen roten Samt für die Armbrustschützen; gern ist er unter ihnen, damit unterbricht er die schwierigen und ermüdenden Geschäfte des Reichstags. Im Lager vor Padua ritt er geradezu auf eine Marketenderin los und ließ sich zu essen geben; Johann von Landau, der ihn begleitete, wollte die Speise erst kredenzen; der Kaiser fragte nur, von wo die Frau sei. Man sagte ihm: von Augsburg. Ah, rief er aus, dann ist die Speise schon kredenzt, denn die von Augsburg sind fromme Leute. In seinen Erblanden saß er noch oft in Person zu Gericht; nahm er einen Verschämten wahr, der da hinten stand, so rief er ihn zu sich heran. Von dem Glanze der höchsten Würde war er selber am wenigsten bestochen. »Lieber Gesell«, sagte er zu einem bewundernden Poeten, »du kennst wohl mich und andere Fürsten nicht recht.« Ein einfacher Mann, von mittlerer Gestalt, blaß von Gesicht, der auf jedermann einen guten Eindruck machte, immer bei seiner Sache war und allen Pomp vermied. Alles, was wir von ihm lesen, zeigt eine frische Unmittelbarkeit der geistigen Auffassung, Offenheit und Ingenuität des Gemütes. Er war ein tapferer Soldat, ein gutmütiger Mensch; man liebte und fürchtete ihn. Und auch in seinem öffentlichen Leben würden wir ihm Unrecht tun, wenn wir bei den mißlungenen Versuchen, das Reich zu konstituieren, stehen bleiben wollten. Den Staatsformen, welche zwischen Oberhaupt und Ständen Kompetenzen um die höchste Gewalt hervorrufen, hängt es als ein fast unvermeidlicher Mangel an, daß dann auch das Oberhaupt sein persönliches Interesse von dem der Gesamtheit trennt. Maximilian hat das Reich nicht verabsäumt. In Rom erinnerte man sich noch lange nach ihm, daß er der Kurie gegenüber seine Absichten ins Werk setzte und erst dann um Genehmhaltung einkam. Er war der letzte König von Germanien, der eben nur deutscher Fürst war. Aber dabei ist doch unleugbar, daß er bei seinem Tun und Lassen noch mehr die Zukunft des eigenen Hauses im Auge hatte als den Vorteil des Reiches an sich. Als achtzehnjähriger Jüngling war er nach den Niederlanden gegangen und hatte durch die Verbindung von Burgund und Österreich eine neue europäische Macht begründet. Es gibt überall, im Staate wie in den Wissenschaften, vermittelnde Tätigkeiten, die das Neue zwar noch nicht zustande bringen, aber aus allen Kräften vorbereiten. Die Macht, die sich bildete, kam unter Maximilian noch nicht zu voller Erscheinung. Aber dadurch, daß er die fürstlichen Gerechtsame so in den Niederlanden wie in Österreich aufrecht erhielt, dort die Franzosen, hier die Ungarn abwehrte, daß er die große spanische Erbschaft herbeiführte, zu der ungarisch-böhmischen definitiv den Grund legte, ist seine Tätigkeit doch von dem größten Einfluß auf die folgenden Jahrhunderte gewesen. Wie ganz anders als damals, da sein Vater von Österreich verjagt, er selber in Brügge gefangen war, standen nun seine Enkel! Nie hatte ein Geschlecht großartigere, umfassendere Aussichten. Aus diesem Gesichtspunkte sah er auch die deutschen Verhältnisse an. Bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts war Österreich von Deutschland fast ausgeschlossen; wie griff es dagegen jetzt in die Verhältnisse aller Landschaften so gewaltig ein, der weltlichen wie der geistlichen, der städtischen und der ritterschaftlichen Territorien; es konnte sich nichts regen, mochte man sich ihm nun anschließen oder widersetzen, wovon es nicht unmittelbar berührt worden wäre. Wenn es unleugbar ist, daß das Reich, in seiner Totalität betrachtet, Verluste erlitten hatte, so ist doch nicht minder wahr, daß gerade die Vereinigung des Hauses Österreich mit der burgundischen Macht dazu gehörte, um die niederländischen Provinzen wieder in eine bewußte Verbindung mit Deutschland zu bringen, daß die ferneren Aussichten, welche sich an die ungarische und besonders an die spanische Verwandtschaft knüpften, auch der Nation neue Kreise der Tätigkeit eröffneten. Handel der Hanse nach Spanien; Kolonie des Hauses Fugger in Venezuela. In Maximilian lebte ein höchst lebendiges Vorgefühl der kommenden Dinge, von dem sein Tun und Lassen beherrscht ward, und all das scheinbar Unstete, Geheimnisvolle, persönlich Einseitige seiner Politik herrührt. Er hat nichts zu vollbringen, zu stiften; er hat nur das Zukünftige vorzubereiten; unter den widerstrebenden Kräften der Welt hat er nur die Aussichten und Ansprüche seines Hauses aufrecht zu erhalten, zu erweitern. 5. Kaiser Karl V. Die Osmanen und die spanische Monarchie, Werke Bd. 35, 36 S. 90 ff. Deutsche Geschichte I, Werke Bd. 1 S. 325. Wenn die alte Sage ihre Helden schildert, gedenkt sie zuweilen auch solcher, die erst eine lange Jugend hindurch untätig zu Hause sitzen, aber alsdann, nachdem sie sich einmal erhoben, nie wieder ruhen, sondern in unermüdlicher Freudigkeit von Unternehmung zu Unternehmung fortgehen. Erst die gesammelte Kraft findet die Laufbahn, die ihr angemessen ist. Man wird Karl V. mit einer solchen Natur vergleichen können. Bereits in seinem sechzehnten Jahre war er zur Regierung berufen, doch fehlte viel, daß er in seiner Entwicklung dahin gewesen wäre, sie zu übernehmen. Lange war man versucht, einen Spottnamen, den sein Vater gehabt, weil er seinen Räten allzu viel glaubte, auch auf ihn zu übertragen. Sein Schild führte das Wort: »noch nicht«. Ein Herr von Croy leitete ihn und seinen Staat vollkommen. Während seine Heere Italien unterwarfen und wiederholte Siege über die tapfersten Feinde davontrugen, hielt man ihn, der indes ruhig in Spanien saß, für unteilnehmend, schwach und abhängig. Man hielt ihn solange dafür, bis er im Jahre 1529, im dreißigsten seines Lebens, in Italien erschien. Wie viel anders zeigte er sich da, als man erwartete! Wie zuerst so ganz sein eigen und vollkommen entschieden! Sein geheimer Rat hatte nicht gewollt, daß er nach Italien ginge, hatte ihn vor Andrea Doria gewarnt und ihm Genua verdächtig gemacht. Man erstaunte, daß er dennoch nach Italien ging, daß er gerade auf Doria sein Vertrauen setzte, daß er dabei blieb, in Genua ans Land steigen zu wollen. So war er durchaus. Man nahm keinen überwiegenden Einfluß eines Ministers wahr; an ihm selber fand man weder Leidenschaft noch Übereilung, alle seine Entschlüsse waren gereift, es war alles überlegt; sein erstes Wort war sein letztes. Dies bemerkte man zuerst an ihm, darauf, wie selbsttätig, wie arbeitsam er war. Es erforderte einige Geduld, die langen Reden der italienischen Gesandten anzuhören; er bemühte sich, die verwickelten Verhältnisse ihrer Fürsten und Mächte genau zu fassen. Der venetianische Botschafter wunderte sich, ihn um nicht weniges zugänglicher und gesprächiger zu finden, als er drei Jahre zuvor in Spanien gewesen war. In Bologna hatte er ausdrücklich darum eine Wohnung genommen, aus welcher er den Papst unbemerkt besuchen konnte, um dies so oft zu tun wie möglich, um alle Streitpunkte selbst aufs reine zu bringen. Von dem an begann er seine Unterhandlungen persönlich zu leiten, seine Heere selber anzuführen; er fing an, von Land zu Land und immer dahin zu eilen, wo das Bedürfnis und die Lage der Geschäfte seine Gegenwart erforderte. Wir sehen ihn bald in Rom sich bei den Kardinälen über die unversöhnliche Feindschaft Franz' I. beklagen, bald in Paris die Gunst der Frau von Estampes Geliebte des Königs Franz I.; Französische Geschichte 1, 95. 98. suchen und gewinnen, bald in Deutschland dem Reichstage vorsitzen, um die religiöse Entzweiung beizulegen, bald in den kastilischen Kortes bemüht, sich die Auflage des Servicio stimmen zu lassen. Dies sind friedliche Bemühungen; öfter aber steht er an der Spitze seiner Heere. Er dringt über die Alpen in Frankreich vor und überschwemmt die Provence, er setzt Paris von der Marne aus in Schrecken. Dann kehrt er um nach Osten und Süden. Den Siegeslauf Solimans hält er ein an der Raab; er sucht den Halbmond bei Algier auf. Das Heer, das ihm in Afrika gedient, folgt ihm an die Elbe, und auf der Lochauer Heide hört man das Feldgeschrei Hispania. Da ist Karl das am meisten beschäftigte Haupt der Welt. Gar manchmal schifft er über das Mittelmeer, über den Ozean. Indessen sind seine Seeleute Entdecker in früher nie befahrenen Meeren, seine Krieger Eroberer von früher nie betretenen Erden. In so weiter Ferne bleibt er ihr Regierer und Herr. Sein Wahlspruch »mehr, weiter« hat eine glorreiche Erfüllung. So ist sein Leben, wenn wir es im ganzen betrachten: nach ungewöhnlich langem Ruhen volle Tätigkeit. Es läßt sich bemerken, daß die nämliche Erscheinung, anfangs Ruhen, Warten, Zusehen, spät die Tat, auch während seines bewegtesten Lebens in den einzelnen Ereignissen immer wiederkehrt. Obwohl in der allgemeinen Willensrichtung völlig entschieden, faßte er Fall für Fall doch nur langsame Entschlüsse. Auf jeden Vortrag antwortete er anfangs unbestimmt, und man mußte sich hüten, seine vieldeutigen Ausdrücke für eine Gewährung zu nehmen. Dann beriet er sich mit sich selbst. Er schrieb sich oft die Gründe für und wider auf; da brachte er alles in so gutem Zusammenhang, daß wer ihm den ersten Satz zugab, ihm den letzten zuzugeben gewiß genötigt war. Den Papst besuchte er zu Bologna einen Zettel in der Hand, auf welchem er alle Punkte der Unterhandlung genau verzeichnet hatte. Alles nach italienischen Gesandtschaftsberichten, die man bei Ranke zitiert findet. Nur Granvella Nikolaus Perenot de Granvella, aus der Freigrafschaft Burgund gebürtig, zuerst Sekretär der Erzherzogin Margarete, Tochter Maximilians, welche 1507-1530 Statthalterin der Niederlande war, dann im Dienste Karls V.; er starb 1550 während des Reichstags zu Augsburg. Vgl. Deutsche Geschichte 3, 209; 4, 149f.; 5, 71. Sein Sohn Anton war später Minister der Statthalterin Margarete von Parma, Tochter Karls V., starb 1580 zu Madrid. pflegte er jeden Bericht, jeden Vortrag mitzuteilen; diesen fanden die Botschafter immer, bis auf die einzelnen Worte, welche sie geäußert, unterrichtet. Zwischen beiden wurden alle Beschlüsse gefaßt; langsam geschah es, häufig hielt Karl den Kurier noch ein paar Tage länger auf. War es aber einmal so weit, so war nichts auf der Welt vermögend ihm eine andere Meinung beizubringen. Man wußte dies wohl. Man sagte, er werde eher die Welt untergehen lassen, als eine erzwungene Sache tun. Es war kein Beispiel, daß er jemals durch Gewalt oder Gefahr zu irgend etwas genötigt worden. Er äußerte sich einst selbst mit einem naiven Geständnis hierüber; er sagte zu Contarini: Päpstlicher Legat in Deutschland 1541, s. Deutsche Geschichte 4, 149 f.; Geschichte der Päpste 1, 101-111. »Ich bestehe von Natur hartnäckig auf meinen Meinungen.« »Sire,« entgegnete dieser, »auf guten Meinungen bestehen ist nicht Hartnäckigkeit, sondern Festigkeit.« Karl fiel ihm ins Wort: »Ich bestehe zuweilen auch auf schlechten.« Der Beschluß ist indes noch lange nicht die Ausführung. Karl hatte eine Scheu die Dinge anzugreifen, auch wenn er sehr gut wußte, was zu tun war. Im Jahre 1538 sagte Tiepolo Venetianischer Gesandter, s. Geschichte der Päpste 1, 161. von ihm, er zögere so lange, bis seine Sachen gefährdet, bis sie ein wenig im Nachteile seien. Eben das fühlte Papst Julius III.: Karl räche sich wohl, doch müsse er erst einige Stöße fühlen, ehe er sich erhebe. Auch fehlte es dem Kaiser oft an Geld; die verwickelte Politik gebot ihm tausend Rücksichten. Indes er nun harren mußte, behielt er seine Feinde unausgesetzt im Auge. Er beobachtete so genau, daß die Gesandten erstaunt waren, wie gut er ihre Regierungen kannte, wie treffend er zum voraus beurteilte, was sie tun würden. Endlich kam die Gelegenheit, die günstige oder die dringende Stunde doch. Dann war er auf, dann führte er aus, was er vielleicht seit zwanzig Jahren im Sinne gehabt. Das ist die Politik, die seinen Feinden verabscheuungswürdig und Hinterlist, seinen Freunden ein Muster von Klugheit schien. Wenigstens darf man sie kaum als ein Werk der Wahl, der Willkür betrachten. So ruhen, sich unterrichten, harren, erst spät sich erheben und schlagen, eben das ist die Natur dieses Fürsten. In wieviel anderen Dingen war es mit ihm nicht anders bestellt! Er bestrafte zwar, doch ließ er sich zuvor viel gefallen; er belohnte wohl, aber freilich nicht sogleich. Mancher mußte jahrelang unbezahlt ausharren, dann aber bedachte er ihn mit einem jener Lehen, mit einer jener Pfründen, deren er so viele hatte, daß er reich machen konnte, wen er wollte, und ohne selbst etwas auszugeben. Hierdurch brachte er andere dahin, in seinem Dienste alle Mühseligkeiten der Welt zu erdulden. Wenn man ihm die Waffen anzog, so bemerkte man, daß er über und über zitterte; erst wenn er gerüstet war, dann ward er mutig, so mutig, daß man glaubte, er trotze darauf, daß noch nie ein Kaiser erschossen worden. Ein solcher Mensch, voll Ruhe und Mäßigung, leutselig genug um sich verschiedenen zu bequemen, scharf genug, um viele zugleich in Unterwerfung zu halten, scheint wohl geeignet, mehreren Nationen zusammen vorzustehen. Man lobt Karl, daß er durch Herablassung die Niederländer, durch Klugheit die Italiener, durch Würde die Spanier an sich gezogen habe; was besaß er aber, um den Deutschen zu gefallen? Seine Natur war nicht fähig, sich zu jener treuherzigen Offenheit zu entwickeln, welche unsere Nation an ausgezeichneten und hochgestellten Menschen zu allererst anerkennt, liebt und verehrt. Ob er wohl die Manier, wie die alten Kaiser sich mit Fürsten und Herren gehalten, gern nachahmte; ob er sich wohl bemühte, deutsche Sitten anzunehmen und sogar den Bart in Deutschland nach deutscher Weise trug, so erschien er den Deutschen doch immer als ein Fremder. Besonders seit dem Schmalkaldischen Kriege zerfiel er mit der Meinung der Nation. Man nannte seine beiden Gegner die Großmütigen; er aber, Karl von Gent, wie man ihn hieß, habe hämisch gelacht, wie er den guten Kurfürsten gefangen genommen; mit welcher Hinterlist habe er sich in Halle des Landgrafen bemächtigt! In Deutschland ward ihm nie recht wohl; die Entzweiungen nahmen alle seine Tätigkeit hin, ohne ihm Ruhm zu gewähren; das Klima war seiner Gesundheit nachteilig; er konnte die oberdeutsche Sprache nicht recht; die Mehrzahl der Nation mißverstand ihn und war ihm abgeneigt. So hoch Karl V. die Würde der Kaisertums schätzte, so ist es doch sehr menschlich und natürlich, daß er den Mittelpunkt seiner Politik nicht in den deutschen Interessen sah. Nur aus dem Komplex seiner Reiche und Verhältnisse konnte die Summe seines Denkens hervorgehen. Er fühlte sich immer als der burgundische Prinz, der mit seinen anderen zahlreichen Kronen auch die höchste Würde der Christenheit verband. Insofern mußte er dabei stehen bleiben, die Rechte des Kaisertums als einen Teil seiner Macht zu betrachten, wie schon sein Großvater getan; noch viel weniger als dieser konnte er sich den inneren Bedürfnissen Deutschlands mit voller Hingebung widmen. Von dem Treiben des deutschen Geistes hatte er ohnehin keinen Begriff; er verstand weder unsere Sprache noch unsere Gedanken. Ein merkwürdiges Schicksal, daß die Nation in dem Augenblick ihrer größten, eigensten inneren Bewegung sich ein Oberhaupt berufen hatte, das ihrem Wesen fremd war, in dessen Politik, die einen bei weitem größeren Kreis umfaßte, die Bedürfnisse und Bestrebungen der Deutschen nur als ein untergeordnetes Moment erscheinen konnten. Kaiserkrönung zu Bologna Deutsche Geschichte 3, 157 f. Reichstag zu Augsburg 3, 117-171. Schmalkaldischer Krieg 4, 310 ff. 375. 381. Machtstellung um 1550. 5, 66-68. 6. Martin Luther. Deutsche Geschichte I, Werke Bd. 1, S. 195 ff. 332. »Ich bin eines Bauern Sohn,« sagt er selbst, »mein Vater, Großvater, Ahn sind rechte Bauern gewesen; darauf ist mein Vater gen Mansfeld gezogen und ein Berghauer worden; daher bin ich.« Das Geschlecht, dem Luther angehört, ist in Möhra zu Hause, Im Jahre 1536 zählte man fünf Familien Luther in Möhra; sie gehörten zu den echten Bauern, welche Haus, Hof, Land und Vieh besaßen, nicht zu den Hintersiedlern. Archiv für sächsische Geschichte 2, 53. R. einem Dorfe unmittelbar an der Höhe des Thüringer Waldgebirges, unfern den Gegenden, an die sich das Andenken der ersten Verkündigungen des Christentums durch Bonifatius knüpft; da mögen die Vorfahren Luthers Jahrhunderte lang auf ihrer Hofstätte gesessen haben, wie diese Thüringer Bauern pflegen, von denen immer ein Bruder das Gut behält, während die anderen ihr Fortkommen auf andere Weise suchen. Von diesem Los, sich irgendwo auf eigene Hand Heimat und Herd erwerben zu müssen, betroffen, wandte sich Hans Luther nach dem Bergwerk zu Mansfeld, wo er im Schweiß seines Angesichts sein Brot verdiente, mit seiner Frau Margret, die gar oft das Holz auf ihrem Rücken hereinholte. Von diesen Eltern stammt Martin Luther. Er kam in Eisleben auf die Welt, wohin, wie eine alte Sage ist, seine rüstige Mutter eben gewandert war, um Einkäufe zu machen. Er wuchs auf in der Mansfelder Gebirgsluft. Wie nun Leben und Sitte jener Zeit überhaupt streng und rauh, so war es auch die Erziehung. Luther erzählt, daß ihn die Mutter einst um einer armseligen Nuß willen blutig gestäupt, der Vater ihn so scharf gezüchtigt habe, daß er sein Kind nur mit Mühe wieder an sich habe gewöhnen können. In der Schule ist er eines Vormittags fünfzehnmal hintereinander mit Schlägen gestraft worden. Sein Brot mußte er dann mit Singen vor den Türen, mit Neujahrsingen auf den Dörfern verdienen. Sonderbar, daß man die Jugend glücklich preist und beneidet, auf welche doch aus der Dunkelheit der kommenden Jahre nur die strengen Notwendigkeiten des Lebens einwirken, in der das Dasein von fremder Hilfe abhängig ist und der Wille eines andern mit eisernem Gebot Tag und Stunde beherrscht. Für Luther war diese Zeit schreckenvoll. Von seinem fünfzehnten Jahre an ging es ihm etwas besser. In Eisenach , wo er eine höhere Schule besuchte, fand er Aufnahme bei den Verwandten seiner Mutter; in Erfurt , wohin er zur Universität ging, ließ ihm sein Vater, der indessen durch Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Gedeihen in bessere Umstände gekommen war, freigebige Unterstützung zufließen; er dachte, sein Sohn solle ein Rechtsgelehrter werden, sich anständig verheiraten und ihm Ehre machen. Auf die Beschränkungen der Kindheit folgen aber in dem mühseligen Leben der Menschen bald andere Bedrängnisse. Der Geist fühlt sich frei von den Banden der Schule, er ist noch nicht zerstreut durch die Bedürfnisse und Sorgen des täglichen Lebens; mutvoll wendet er sich den höchsten Problemen zu, den Fragen über das Verhältnis des Menschen zu Gott, Gottes zur Welt. Indem er ihre Lösung gewaltsam zu erstürmen sucht, ergreifen ihn leicht die unseligsten Zweifel. Es scheint fast, als sei der ewige Ursprung alles Lebens dem jungen Luther nur als der strenge Richter und Rächer erschienen, der die Sündhaftigkeit mit der Qual der Höllenstrafen heimsuche und den man nur durch Buße, Abtötung und schweren Dienst versöhnen könne. Als er einst im Juli 1505 von dem väterlichen Hause zu Mansfeld wieder nach Erfurt zurückging, ereilte ihn auf dem Felde eines jener furchtbaren Gewitter, wie sie sich nicht selten hier am Gebirge lange ansammeln und endlich plötzlich über den ganzen Horizont hin entladen. Luther war schon ohnedies durch den unerwarteten Tod eines vertrauten Freundes erschüttert. Wer kennt die Momente nicht, in denen das stürmische verzagte Herz durch irgend ein überwältigendes Ereignis, wäre es auch nur eben der Natur, vollends zu Boden gedrückt wird. In dem Ungewitter erblickte er, in seiner Einsamkeit auf dem Feldweg, den Gott des Zornes und der Rache; ein Blitz schlug neben ihm ein; in diesem Schrecken gelobte er der h. Anna, wenn er gerettet werde, in ein Kloster zu gehen. Noch einmal ergötzte er sich mit seinen Freunden eines Abends bei Wein, Saitenspiel und Gesang; es war das letzte Vergnügen, das er sich zugedacht; hierauf eilte er sein Gelübde zu vollziehen und tat Profeß in dem Augustinerkloster zu Erfurt. Wie hätte er aber hier Ruhe finden sollen, in alle der aufstrebenden Kraft jugendlicher Jahre hinter die enge Klosterpforte verwiesen, in eine niedrige Zelle mit der Aussicht auf ein paar Fuß Gartenland, zwischen Kreuzgängen, und zunächst nur zu den niedrigsten Diensten verwandt. Anfangs widmete er sich den Pflichten eines angehenden Klosterbruders mit der Hingebung eines entschlossenen Willens. »Ist je ein Mönch in den Himmel gekommen,« sagt er selbst, »durch Möncherei, so wollte ich auch hineingekommen sein.« Aber dem schweren Dienst des Gehorsams zum Trotz ward er bald von peinvoller Unruhe ergriffen. Zuweilen studierte er Tag und Nacht und versäumte darüber seine kanonischen Horen; dann holte er diese wieder mit reuigem Eifer nach, ebenfalls ganze Nächte lang. Zuweilen ging er, nicht ohne sein Mittagbrot mitzunehmen, auf ein Dorf hinaus, predigte den Hirten und Bauern und erquickte sich dafür an ihrer ländlichen Musik; dann kam er wieder und schloß sich tagelang in seine Zelle ein, ohne jemand sehen zu wollen. Alle früheren Zweifel und inneren Bedrängnisse kehrten von Zeit zu Zeit mit doppelter Schärfe zurück. Wenn er die Schrift studierte, so stieß er auf Sprüche, die ihm ein Grauen erregten, z. B.: Errette mich in deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheit; »ich gedachte,« sagt er, »Gerechtigkeit wäre der grimmige Zorn Gottes, womit er die Sünder straft.« In den Briefen Pauli traten ihm Stellen entgegen, die ihn tagelang verfolgten. Wohl blieben ihm die Lehren von der Gnade nicht unbekannt; allein die Behauptung, daß durch dieselbe die Sünde auf einmal hinweggenommen werde, brachte auf ihn, der sich seiner Sünde nur allzuwohl bewußt blieb, eher einen abstoßenden, persönlich niederbeugenden Eindruck hervor. Es kamen Momente, wo die angstvolle Schwermut sich aus den geheimen Tiefen der Seele gewaltig über ihn erhob, ihre dunkeln Fittiche um sein Haupt schwang, ihn ganz darnieder warf. Als er sich einst wieder ein paar Tage unsichtbar gemacht hatte, erbrachen einige Freunde seine Zelle und fanden ihn ohnmächtig, ohne Besinnung ausgestreckt. Sie erkannten ihren Freund; mit schonungsvoller Einsicht schlugen sie das Saitenspiel an, das sie mitgebracht; unter der wohlbekannten Weise stellte die mit sich selber hadernde Seele die Harmonie ihrer inneren Triebe wieder her und erwachte zu gesundem Bewußtsein. Liegt es aber nicht in den Gesetzen der ewigen Weltordnung, daß ein so wahres Bedürfnis der Gott suchenden Seele dann auch wieder durch die Fülle der Überzeugung befriedigt wird? Der erste, der Luthern in seinem verzweiflungsvollen Zustande, man kann nicht sagen Trost gab, aber einen Lichtstrahl in seine Nacht fallen ließ, war ein alter Augustinerbruder, der ihn in väterlichem Zuspruch auf die einfachste erste Wahrheit des Christentums hinwies, auf die Vergebung der Sünden durch den Glauben an den Erlöser, auf die Lehre Pauli Römer am dritten, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben: Lehren, die er wohl auch früher gehört haben mochte, die er aber in ihrer Verdunklung durch Schulmeinungen und Zeremoniendienst nie recht verstanden, die erst jetzt einen vollen, durchgreifenden Eindruck auf ihn machten. Er ward inne, daß die ewige Gnade selbst, von welcher der Ursprung des Menschen stammt, die irrende Seele erbarmungsvoll wieder an sich zieht und sie mit der Fülle ihres Lichtes verklärt, daß uns davon in dem historischen Christus Vorbild und unwidersprechliche Gewißheit gegeben worden; er ward allmählich von dem Begriff der finstern, nur durch Werke rauher Buße zu versöhnenden Gerechtigkeit frei. Er war wie ein Mensch, der nach langem Irren endlich den rechten Pfad gefunden hat und bei jedem Schritt sich mehr davon überzeugt: getrost schreitet er weiter. So stand es mit Luther, als er von seinem Provinzial im Jahre 1508 nach Wittenberg gezogen ward. Wenn Luther nichts anderes getan, als die Mißbräuche des römischen Hofes angegriffen hätte, so konnte er von den Ständen des Reiches nimmermehr verlassen werden; die Gesinnung, die er in dieser Hinsicht ausgesprochen, war die allgemeine, den Ständen selber eigen. Wahrscheinlich hätte ihr auch der Kaiser nicht widerstehen können; sein Beichtvater hatte ihm die Züchtigung des Himmels angekündigt, wenn er die Kirche nicht reformiere. Man könnte sich fast zu dem Wunsche versucht fühlen, daß Luther fürs erste hierbei stehen geblieben sein möchte. Es würde die Nation in ihrer Einheit befestigt, zu einem Bewußtsein derselben erst vollkommen geführt haben, wenn sie einen gemeinschaftlichen Kampf wider die weltliche Herrschaft von Rom unter seiner Anführung bestanden hätte. Jedoch die Antwort ist: die Kraft dieses Geistes würde gebrochen gewesen sein, wenn eine Rücksicht ihn gefesselt hätte von einem nicht durchaus religiösen Inhalt. Nicht von den Bedürfnissen der Nation sondern von religiösen Überzeugungen war er ausgegangen, ohne die er nie etwas gemacht hätte, und die ihn nun freilich weiter geführt hatten, als es zu jenem politischen Kampfe nötig oder auch nützlich war. Der ewig freie Geist bewegt sich in seinen eigenen Bahnen. Luther in Worms, Deutsche Geschichte 1, 333-337, Melanchthon 1, 274 ff. 287. Religionsgespräch zu Marburg 3, 121-127. Luther in Koburg, 3, 189-192. Die Wittenberger Concordie 4, 58-60. Luthers Tod 4, 292 f. 7. Luthers Einwirkung auf die deutsche Literatur. Deutsche Geschichte II. Werke Bd. 2 S. 55 ff. Erst mit diesen Bewegungen kam die deutsche populäre Literatur zu allgemeiner Aufnahme und Wirksamkeit. Bis zum Jahre 1518 waren ihre Produktionen nicht zahlreich, der Kreis, in welchem sie sich bewegte, nur enge. Man zählte, wie in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts einige vierzig, so noch 1513 fünfunddreißig, in den folgenden Jahren 47, 46, 55, 37 deutsche Drucke, hauptsächlich Laienspiegel, Arzneibüchlein, Kräuterbücher, kleine Erbauungsschriften, fliegende Zeitungsnachrichten, amtliche Bekanntmachungen, Reisen: was der Fassungskraft der Menge ungefähr gemäß ist. Das Eigentümlichste waren immer die Schriften der poetischen Opposition, der Satire und des Tadels, deren wir oben gedachten. Wie gewaltig aber steigt die Anzahl deutscher Drucke, nachdem Luther aufgetreten ist. Im Jahre 1518 finden wir deren 71 verzeichnet, in den nächsten Jahren bis 1523: 111, 208, 211, 347, 498. Fragen wir, woher der Zuwachs kam, so ist Wittenberg der Ort, der Autor vor allem Luther selbst. Selbstherrschender, gewaltiger ist wohl nie ein Schriftsteller aufgetreten, in keiner Nation der Welt. Auch dürfte kein anderer zu nennen sein, der die vollkommenste Verständlichkeit und Popularität, gesunden treuherzigen Menschenverstand mit so viel echtem Geist, Schwung und Genius vereint hätte. Er gab der Literatur den Charakter, den sie seitdem behalten: der Forschung, des Tiefsinns und des Krieges. Er begann das große Gespräch, das die seitdem verflossenen Jahrhunderte daher auf dem deutschen Boden stattgefunden hat, leider nur zu oft unterbrochen durch Gewalttaten und Einwirkungen fremder Politik. Anfangs war er allein; allmählich aber, besonders seit 1521, erscheinen seine Jünger, Freunde und Nebenbuhler; im Jahre 1523 gehören außer seinen eigenen noch 215 Schriften von andern der Neuerung an, mehr als vier Fünftel der ganzen Hervorbringung; entschieden katholische lassen sich wohl nur 20 zählen. Es war das erste Mal, daß der nationale Geist ohne Rücksicht auf fremde Muster, nur wie er sich unter den Einwirkungen der Weltschicksale gebildet, zu einem allgemeinen Ausdruck gelangte, und zwar in der wichtigsten Angelegenheit, die den Menschen überhaupt beschäftigen kann; er durchdrang sich in seinem Werden, in dem Moment seiner Geburt, mit den Ideen der religiösen Befreiung. Ein großes Ereignis war es, daß der Nation in diesem Augenblick des vollen geistigen Erwachens die Heiligen Schriften wie des Neuen so nun auch des Alten Testaments dargeboten wurden. Man kannte die Bibel, vorlängst gab es Übersetzungen; man muß sich aber einmal die Mühe nehmen sie anzusehen, um inne zu werden, wie voller Irrtümer, roh im Ausdruck und unverständlich sie sind. Luther dagegen ließ sich keine Mühe dauern, den Sinn unverfälscht zu begreifen, und verstand es sie deutsch reden zu lassen mit aller Reinheit und Gewalt, deren die Sprache fähig ist. Die unvergänglichen Denkmale der frühesten Jahrhunderte, in denen der Odem der jungen Menschheit weht, die heiligen Urkunden späterer Zeit, in denen sich die wahre Religion in aller ihrer kindlichen Ingenuität offenbart hat, bekam das deutsche Volk jetzt in der Sprache des Tages in die Hände, Stück für Stück, wie eine Flugschrift, deren Inhalt sich auf die unmittelbarsten Interessen der Gegenwart bezieht, und die man mit Begierde in sich aufnimmt. Es giebt eine Produktion des deutschen Geistes, die aus eben diesem Zusammentreffen unmittelbar hervorging. Indem Luther die Psalmen übersetzte, faßte er den Gedanken, sie für den Gesang der Gemeinde zu bearbeiten. Denn eine ganz andere Teilnahme derselben an dem Gottesdienst als die bisherige machte die Idee der Kirche notwendig, wie er sie ausgesprochen hatte und ins Leben zu rufen begann. Bei der bloßen Bearbeitung jedoch, wie es wohl anderwärts geschehen, konnte man hier nicht stehen bleiben. Das gläubige Gemüt, beruhigt in der Überzeugung das geoffenbarte Gotteswort zu besitzen, gehoben durch das Gefühl des Kampfes und der Gefahr, in der man sich befand, angehaucht von dem poetischen Genius des alten Testaments, ergoß sich in eignen Hervorbringungen religiöser Lyrik, die zugleich Poesie und Musik waren. Denn das Wort allein hätte nicht vermocht, die Stimmung der Seele in ihrer ganzen Fülle auszudrücken oder das Gemeingefühl zu entbinden, festzuhalten; durch die Melodie erst geschah das, in der sich die alten Kirchentonarten mit ihrem Ernst und die anmutenden Weisen des Volksliedes durchdringen. So entstand das evangelische Kirchenlied . In das Jahr 1523 müssen wir seinen Ursprung setzen. Einzelne Lieder, von Spretten oder von Luther, fanden sogleich allgemeine Verbreitung; in diesen frühesten Bewegungen des reformatorischen Geistes wirkten sie mit; aber erst einige Jahrzehnte später entfaltete der deutsche Geist seinen ganzen Reichtum poetischer und besonders musikalischer Hervorbringungen in dieser Gattung. Und auch übrigens widmete sich die volkstümliche Poesie mit dem Geiste der Lehrhaftigkeit und der Opposition, der ihr überhaupt eigen war, den aufkommenden Ideen. Schon Hutten hatte seine bittersten Anklagen in Reime geworfen; das Verderben der Geistlichkeit hatte Murner in langen anschaulichen Beschreibungen geschildert. Der Verwerfung und dem Tadel gesellte sich jetzt wenn nicht bei Murner, doch bei der Mehrzahl der anderen die positive Überzeugung, die Bewunderung des Vorkämpfers hinzu. Da ward der Mann gepriesen, der inmitten der roten Barette und Samtschauben die gerechte Lehre behauptet. In Fastnachtspielen erscheint der Papst, der sich freut, daß man seiner Büberei zum Trotz ihm die Macht zuschreibe, über den Himmel zu erheben oder in die Hölle zu binden; darum könne er auch manchen Vogel rupfen, ihm falle der Schweiß der Armen zu, und mit tausend Pferden könne er reiten. Er heißt Entchristelo; neben ihm erscheinen mit ähnlichen Expektorationen der Kardinal Hochmut, der Bischof Goldmund Wolfsmagen, der Vikarius Fabeler, der Kirchherr Meeher und wie sie sonst schon in diesen Namenbildungen dem Spott und der Verachtung preisgegeben werden; zuletzt aber tritt der Doktor auf, der die reine Lehre im Tone der Predigt verkündet. Unter diesen Eindrücken bildete sich Burkard Waldis , der dann die alte Tierfabel mit so großem Erfolg auf die geistlichen Streitigkeiten angewendet hat. Unmittelbar aber stellte sich das große poetische Talent, das die Nation besaß, Luthern zur Seite: das Gedicht von Hans Sachs »Die Wittenbergisch Nachtigall« ist vom Jahre 1523. Er betrachtet darin die Lehre, die seit vierhundert Jahren geherrscht habe, wie den Mondschein, bei dem man in Wüsteneien irre gegangen, jetzt aber kündigt die Nachtigall Sonne und Tageslicht an und steigt über die trüben Wolken auf. Die Gesinnung eines durch das untrügliche Wort belehrten, seiner Sache gewiß gewordenen gesunden Menschenverstandes ist dann überhaupt die Grundlage der mannigfaltigen, wohl nicht vom Beigeschmack des Handwerks freien, aber sinnreichen, heiteren und anmutigen Gedichte, mit denen der ehrenfeste Meister alle Klassen der Nation erfreute. 8. Die Türken vor Wien 1529. Deutsche Geschichte III, Werke Bd. 3 S. 133 ff. Wie die Beschlüsse, so waren auch die Erfolge der beiden Reichstage von 1526 und 1529 einander durchaus entgegengesetzt. Der erste führte die evangelischen unter Gewährleistung des Reiches zu ihren großen Gründungen, der zweite entzog ihnen diese Gewähr und zersetzte sie zugleich untereinander. Der Zwiespalt, der seit jenen Regensburger Satzungen Beschlüsse des Konvents katholischer Fürsten zu Regensburg im Juni 1524. Deutsche Geschichte 2, 108-112. begonnen, war nun zu vollem Ausbruch gediehen. Ich denke nicht, daß wir zu weit gehen, wenn wir auch in Hinsicht der auswärtigen Angelegenheiten einen ähnlichen Gegensatz zwischen den Folgen der beiden Reichstage zu bemerken glauben. Denn fast allezeit ist mit einer entsprechenden, den Genius einer Nation befriedigenden inneren Entwicklung auch eine glückliche Tendenz nach außen verbunden. Das Haus Österreich, das damals den Fortgang der Evangelischen guthieß, war dafür mit Hilfe der deutschen Nation zur Herrschaft in Italien und in Ungarn erhoben worden. Eroberung Roms durch das kaiserliche Heer am 6. Mai 1527; Krönung Ferdinands als Königs von Ungarn am 3. November; 2, 279. 303. Es ließ sich nicht erwarten, daß, nachdem dieses Haus eine so ganz andere Richtung eingeschlagen, die Neigung der Nation ihm wieder zugute kommen werde. »Ich habe gehört,« schrieb Daniel Mieg, der von dem Reichsregiment ausgeschlossen worden, Das Reichsregiment war 1521 durch Beschluß des Reichstages zu Worms als höchste Behörde für die Zeit der Abwesenheit des Kaisers eingesetzt worden; es bestand aus 22 Mitgliedern unter dem Vorsitz eines kaiserlichen Statthalters, des Erzherzogs Ferdinand, und hatte seinen Sitz zuerst in Nürnberg, dann in Eßlingen. Es hörte auf, als Karl V. 1530 wieder nach Deutschland kam. Deutsche Geschichte 1, 316 f.; 2, 114. 132. 169. an den Altarmeister zu Straßburg, »die Königliche Majestät habe um Pulver angesucht; mein Rat wäre, es ihr nicht zu bewilligen, da uns solch eine Schmach geschehen ist. Es wird gut sein, daß wir unser Geld und unser Pulver selbst behalten, wir werden es selber brauchen.« Schon machte das Verfahren, das Umsichgreifen des Hauses Österreich eine allgemeine Besorgnis rege, und man hatte keine Lust, es ernstlich zu unterstützen. Ein Beisitzer des Reichsregiment, Abgeordneter des sonst so gut kaiserlich gesinnten Frankfurt, Hammann von Holzhusen, bemerkt doch, daß viele Stände, mögen sie nun lutherisch sein oder nicht, nicht wissen, was sie von Österreich zu erwarten haben; sie besorgen, die Hilfe, welche sie leisten, möge am Ende dem Reiche und der Nation zum Schaden gereichen. Bald darauf finden wir in Ungarn Briefe umlaufen, in denen aus den Glaubensstreitigkeiten, in welche Ferdinand mit den Großen in Deutschland geraten, die Unmöglichkeit hergeleitet wird, daß er Ungarn verteidige. Und indem nun diese Stimmung herrschend wurde, erschien der mächtigste Feind, den das Reich seit vielen Jahrhunderten gehabt, der Repräsentant einer andern, der christlichen entgegengesetzten Welt, an den Pforten desselben. Noch zu einer Zeit, wo in Europa kein Friede geschlossen war, Der Friede zwischen Kaiser und Papst wurde am 29. Juni 1529 zu Barcelona geschlossen, der Friede zwischen dem Kaiser und Frankreich am 5. August zu Cambrai. Deutsche Geschichte 3, 85. 90. wo er erwarten konnte, die ganze Opposition, gegen Karl V. in voller Tätigkeit zu finden, am 4. Mai 1529, erhob sich Suleiman mit einem Heere, das man auf dritthalbhunderttausend Mann berechnet hat, zum heiligen Kriege. Vor ihm her brach der Hospodar der Moldau in Siebenbürgen ein und trieb die Anhänger Ferdinands auseinander; dann stieg Johann Zapolya mit der kleinen Truppe, die sich um ihn gesammelt, von den Karpathen herunter. Er hatte das Glück, auf die ferdinandeischen Ungarn zu treffen, ehe sie sich mit den Deutschen vereinigten, um sie zu schlagen. Auf dem Schlachtfelde von Mohacz kam er mit dem Sultan zusammen. Suleiman fragte ihn, wodurch er sich bewogen fühle, zu ihm zu kommen, der Verschiedenheit ihres Glaubens ungeachtet. »Der Padischah,« antwortete Johann, »ist die Zuflucht der Welt, und seine Diener sind unzählig, sowohl Moslems als Ungläubige.« Von dem Papst und der Christenheit ausgestoßen, floh Zapolya unter den Schutz des Sultans. Eben dieses Bedürfnis momentanen Schutzes war es von jeher gewesen, was das osmanische Reich groß gemacht hatte. In Ungarn fand Suleiman diesmal so gut wie gar keinen Widerstand. Die österreichische Regierung wagte nicht die leichte Reiterei aufzubieten; bei der ungünstigen Stimmung des Landes fürchtete sie einen Aufruhr zu veranlassen. Aber ebensowenig hatte sie eigene Kräfte, um das Land zu verteidigen. Dem Befehlshaber der Flotte, welcher seinen Leuten 40 000 Gulden zahlen sollte, konnten nach langer Mühe nicht mehr als 800 übersandt werden; man hatte die Mittel nicht, um die Festungen ordentlich zu besetzen. Der Wesir Suleimans lachte über die abendländischen Fürsten, welche, wenn sie einen Krieg zu führen hätten, das nötige Geld erst von armen Bauern erpressen müßten; er zeigte auf die sieben Türme, wo seines Herrn Gold und Silber in Fülle liege, während sein Wort hinreiche, ein unermeßliches Heer ins Feld zu stellen. Man darf sich wohl so sehr nicht verwundern, wenn unter diesen Umständen die starke Partei, die sich zu Zapolya hielt, das volle Übergewicht bekam. Wetteifernd eilten die Magnaten, die ungarischen Begs, wie Suleimans Tagebuch Mitgeteilt im dritten Bande von Hammers »Geschichte des osmanischen Reiches«, die Ranke öfters zitiert. sie nennt, in dessen Lager, um ihm die Hand zu küssen. Peter Pereny wollte wenigstens die heilige Krone für Österreich retten, aber unterwegs überfiel ihn ein Verwandter Zapolyas, der Bischhof von Fünfkirchen, nahm ihn mit allen seinen Kleinodien gefangen und brachte sie ins osmanische Lager. Wer kennt nicht die ungemeine Verehrung, welche die Ungarn ihrer Krone widmen, die sie einer unmittelbar göttlichen Sendung zuschreiben, bei deren Anblick einmal wohl die zur Schlacht erhobenen Schwerter in die Scheide zurückgekehrt waren. Und dies Palladium nun, in welchem die Ungarn ein göttliches Symbol ihrer Nationalität und ihres Reiches sahen, befand sich jetzt im Lager Suleimans, ward auf dessen Zuge mitgeführt. Bei diesem allgemeinen Abfall konnte man nicht darauf rechnen, daß die deutschen Besatzungen, die es in einigen festen Plätzen gab, dieselben zu behaupten vermögen würden. In Ofen standen ungefähr 700 vor kurzem angeworbene Landsknechte unter dem Oberst Besserer. Sie hielten einige Stürme aus; als aber die Stadt genommen und die Burg von St. Gerhardsberg her, der sie beherrschte, fast in Grund geschossen war, verzweifelten sie, mit ihren langen Lanzen das Feuer des Feindes bestehen zu können, und hielten sich berechtigt, auf ihre Rettung zu denken. Sie nötigten ihren Anführer zu kapitulieren; sie wußten jedoch nicht, mit wem sie es zu tun hatten. Ibrahim Pascha versprach ihnen auf das feierlichste freien Abzug; noch in den Toren von Ofen wurden sie sämtlich niedergehauen. Und von da an wälzte sich nun ohne weiteren Widerstand das barbarische Heer nach den deutschen Grenzen, nach einem Lande, sagen die osmanischen Geschichtschreiber, das noch nie von den Hufen moslemischer Rosse geschlagen worden. Da traf die orientalische Weltmacht, die über zertrümmerten, in den unentwickelten Anfängen oder dem schon wieder halb barbarisierten Absterben der Kultur begriffenen Reichen errichtet worden, zuerst mit den Kernlanden des occidentalischen Lebens, in denen die ununterbrochene Kontinuation des Fortschrittes des allgemeinen Geistes ihren Sitz genommen und in vollen Trieben war, zusammen. Die Osmanen empfanden doch einen Unterschied, als sie unser Vaterland berührten. Sie bezeichnen es auch als ein Land der Kafern, denn ihnen gilt alles, was ihren Propheten nicht bekennt, als derselbe Unglaube; als ein waldiges Reich, schwer zu durchziehen. Aber sie bemerken doch, daß es von den Fackeln des Unglaubens ganz besonders erleuchtet, von einem streitbaren Volke bewohnt, allenthalben von Burgen, Städten, ummauerten Kirchen beschützt sei, es macht auf sie Eindruck, daß sie, sowie sie die Grenze überschritten haben, alles im Überfluß finden dessen das tägliche Leben bedarf. Sie nehmen wahr, daß sie ein von den Elementen der Kultur durchdrungenes, in seinen Wohnsitzen gut eingerichtetes, tapferes, religiöses Volk vor sich haben. Am 26. September langte Suleiman vor Wien an und schlug daselbst sein Lager auf. Vom Stephansturm aus sah man ein paar Meilen über Berg und Tal nichts als Zelte, und auf dem Flusse die Segel der türkischen Donauflotte. Man zeigt noch den Platz, bei Sömmering, wo das Hauptgezelt Suleimans stand, dessen innere Pracht die goldenen Knäufe verrieten, mit denen es auswendig geschmückt war. Er lagerte, wie er gezogen war. Ihn zunächst umgaben die Truppen der Pforte; hinter ihm bis nach Schwechat dehnte sich das anatolische Heer unter seinem Beglerbeg aus; vor ihm hielt der Seraskier Ibrahim mit den europäischen Sipahi, den Rumelioten und Bosniaken, den Sandschaks von Mostar und Belgrad. Denn wie der Staat nur das Kriegsheer ist, so repräsentiert das Lager in seiner Anordnung das Reich. Schon hatten die Ungarn, welche noch immer wetteiferten »sich mit dem Halsband der Untertänigkeit zu schmücken«, in diesem großen Verein ihre Stelle gefunden. Es war das westliche Asien und das östliche Europa, wie sie unter dem Einfluß des erobernden Islam sich gestaltet hatten und gestalteten; jetzt machten sie einen ersten Versuch auf das Herz des christlichen Europa. Die leichten Truppen suchten höher an der Donau hinauf die fabelhafte Brücke des zweigehörnten Alexander auf, die Grenze der phantastischen Welt der orientalischen Mythe. Fabelhafte Erzählungen von Alexanders des Großen Kriegszügen waren im Mittelalter in der arabischen Literatur ebenso verbreitet wie in der französischen und deutschen (Pfaffe Lamprecht), daher den Türken bekannt. Das Lasttier der arabischen Wüste ward mit Mundvorrat und Munition an die Mauern einer deutschen Stadt herangetrieben; man zählte in dem Lager bei 22 000 Kamele. Einen heiligen Krieg »gegen die staubgleichen Ungläubigen« glaubte man zu führen. Im Angesicht der vornehmsten Burg der letzten deutschen Kaiser erscholl jetzt die Doktrin der hohen Pforte, daß es nur Einen Herrn auf Erden geben müsse, wie nur Ein Gott im Himmel sei, und Suleiman ließ sich vernehmen, der Herr wolle er sein, er werde sein Haupt nicht zur Ruhe legen, bis er die Christenheit mit seinem Säbel bezwungen. Man erzählte sich, er rechne auf eine an drei Jahre lange Abwesenheit von Konstantinopel, um diesen Plan auszuführen. So stumpf war nun wohl Europa nicht, um nicht die Größe dieser Gefahr zu fühlen. Es erlebte einen ähnlichen Moment wie damals, als die Araber das Mittelmeer eingenommen, Spanien erobert hatten, nach Frankreich vordrangen, Schlacht bei Tours und Poitiers 732. oder damals, als die mongolische Weltmacht, nachdem sie den Nordosten und Südosten von Europa überflutet, zugleich an der Donau und an der Oder das christliche Germanien angriff. Schlacht bei Liegnitz 1241. In die Augen sprang, daß Europa jetzt bei weitem stärker war; es wußte sehr gut, daß es die Kraft besaß, »diese Teufel,« wie man sich ausdrückte, »aus Griechenland zu verjagen«. Aber es konnte sich nicht dazu vereinigen. Wir haben ein Schreiben des Königs Franz aus diesen Tagen, worin er erklärt, die Absicht, die er immer gehegt, seine Kräfte und seine Person gegen die Türken zu verwenden, wolle er jetzt ins Werk setzen; er hoffe auch seinen Bruder, den König von England, dazu zu bewegen, er denke dann 60 000 Mann ins Feld zu stellen, eine Macht, die wahrhaftig nicht zu verachten sei. Er drückt sich so lebhaft aus, als wäre es ihm wahrer Ernst damit; doch fügt er eine Bedingung hinzu, die alles wieder vernichtet. Er meint, der Kaiser müsse ihm dafür von den beiden Millionen, die er ihm kraft des Vertrages zu bezahlen habe, die eine erlassen. Im Frieden von Cambrai, 5. August 1529, war eine Zahlung von 2 Millionen Skudi ausbedungen für den Verzicht Karls auf das Herzogtum Burgund; Deutsche Geschichte 3, 86. 264. Wie wäre das jemals zu erwarten gewesen? Auch auf der kaiserlichen Seite, wo man noch dringenderen Anlaß dazu hatte und es unerträglich fand, daß alles Land dem Sultan zufalle, das er nur durchziehen wolle, dachte man auf Mittel, um die gesamte Christenheit in die Waffen zu bringen. Und sehr merkwürdig ist, worauf man hier verfiel. Der leitende Minister in den Niederlanden, Hoogstraten, eröffnete sich einst darüber dem französischen Gesandten. Er meinte, der wahre Weg den Türken zu widerstehen, sei, daß man den Papst zu einer allgemeinen Säkularisation bewege. Ein Drittel der geistlichen Güter, an den Meistbietenden verkauft, werde hinreichen, um ein Heer ins Feld zu bringen, das die Türken zu verjagen und Griechenland wiederzuerobern vermöge. Man braucht nur diese Vorschläge ins Auge zu fassen, um einzusehen, wie unmöglich es war sie auszuführen, eine Unternehmung zu bewerkstelligen, die an Bedingungen so weitaussehender Art geknüpft wurde. Wollte Deutschland sich verteidigen, so war es lediglich auf seine eigenen Kräfte angewiesen. Und standen die Dinge nicht auch hier sehr zweifelhaft? Gab es nicht in der Tat Leute, welche das Mißvergnügen mit der bestehenden Ordnung der Dinge dazu trieb, sich eine türkische Herrschaft zu wünschen? Hatte nicht Luther einst selbst gesagt, es stehe dem Christen nicht zu, sich den Türken zu widersetzen, die er vielmehr als eine Rute Gottes ansehen müsse? Es ist das einer jener Sätze, welche die päpstliche Bulle Die Bulle von 1520, welche Luther samt den Dekretalen öffentlich verbrannt hatte. verurteilt. Der Reichstag von Speier hatte soeben eine Wendung genommen, durch die sich alle Anhänger der kirchlichen Umwandlung bedroht und gefährdet fühlten; es war ihnen sehr bedenklich, daß sie dem Oberhaupt jener Majorität, welche sie von sich stieß, dem König Ferdinand Hilfe leisten sollten. Was nun Luther anbetrifft, so ist ganz wahr, daß er jene Meinung geäußert hat; allein er redet da nur von den Christen als solchen, von dem religiösen Prinzip an und für sich, wie es in einigen Stellen des Evangeliums erscheint. Jenes frommtuende Geschrei, welches um der christlichen Religion willen zu einem Kriege gegen die Türken anreizte, während man die Beiträge der Gläubigen zu fremdartigen Zwecken verwandte, hatte seinen Widerwillen erweckt. Er sagte sich überhaupt los von dem kriegerischen Christentum; er wollte die religiöse Gesinnung nicht so unmittelbar mit dem Schwerte in Verbindung bringen. War aber nunmehr von einer wirklichen Gefahr und von den Anstrengungen der weltlichen Gewalt dagegen die Rede, so erklärte er desto entschiedener, daß man sich mit allem Ernst den Türken entgegenstellen müsse. Schrift vom Krieg wider den Türken, erschienen gegen Ostern 1529. R. Dazu sei das Reich dem Kaiser anvertraut, er und die Fürsten würden sonst schuldig sein an dem Blute ihrer Untertanen, das Gott von ihnen fordern werde. Es kommt ihm sonderbar vor, daß man sich in Speier wieder soviel darum gekümmert hat, ob jemand in den Fasten Fleisch esse, ob eine Nonne sich verheirate, und indes den Türken vorrücken, Länder und Städte soviel er wolle erobern läßt. Er fordert die Fürsten auf, das Panier des Kaisers nicht mehr für ein bloßes seidenes Tuch anzusehen, sondern demselben pflichtgemäß ins Feld zu folgen. Er nimmt sich die Mühe, zur Bekehrung derjenigen, welche die Regierung der Türken wünschen möchten, die Greuel aufzuzählen, die der Koran enthalte. Die übrigen ermahnt er in des Kaisers Namen getrost auszuziehen; wer in diesem Gehorsam sterbe, dessen Tod werde Gott wohlgefällig sein. Es ist wohl erlaubt, in dieser großen Gefahr der deutschen Nation auch den Mann reden zu lassen, welcher damals in derselben am meisten gehört ward. Die Schrift vom Türkenkrieg zeigt wieder einmal den Geist, der die kirchlichen und die weltlichen Elemente zu scheiden unternahm, in aller seiner durchgreifenden Schärfe. Und soviel wenigstens bewirkte er, daß die Protestierenden, obwohl sie die Furcht hegten, von der Majorität mit Krieg überzogen zu werden, und in den Reichsschluß nicht gewilligt hatten, doch so gut wie die anderen ihre Hilfe ausrüsteten. Auch Kurfürst Johann stellte ein paar tausend Mann unter Anführung seines Sohnes ins Feld. Von allen Seiten zog die eilende Hilfe dem Feldhauptmann des Reiches, Pfalzgraf Friedrich, zu, der indes zu Linz bei König Ferdinand angelangt war. Daran fehlte jedoch noch viel, daß diese Mannschaften stark genug gewesen wären, namentlich in dem ersten Schrecken, um das Feldlager der Osmanen vor Wien anzugreifen. Auch der Kaiser, der anfangs in Genua Nachricht erhalten hatte, daß Suleiman nicht kommen werde, fand sich nicht imstande, wie er einst hatte hoffen lassen, mit seinen Spaniern herbeizueilen. Zunächst kam alles darauf an, ob die Besatzung von Wien dem Heere der Barbaren Widerstand leisten würde. Man dürfte nicht glauben, daß Wien sehr fest gewesen wäre. Es war mit einer runden baufälligen Ringmauer umgeben, noch ohne alle Vorkehrungen der neueren Befestigungskunst, selbst ohne Basteien, auf denen man Geschütze hätte auffahren können; die Gräben waren ohne Wasser. Die Feldhauptmannschaft von Niederösterreich hatte anfangs gezweifelt, ob sie »den weitschichtigen, unverbauten Flecken« werde behaupten können; sie hatte einen Augenblick den Gedanken gehegt, den Feind lieber im offenen Felde zu erwarten, um sich im Notfall auf die frischen Truppen zurückziehen zu können, welche der Pfalzgraf und der König zusammenzubringen beschäftigt waren; am Ende aber hatte sie doch gefunden, daß sie ihre alte Hauptstadt nicht aufgeben dürfe, und sich entschlossen, die Vorstädte zu verbrennen, die innere Stadt zu halten. Waren nun die Befestigungen untüchtig, so kam dagegen die Liebhaberei Maximilians für das Geschützwesen jetzt nach seinem Tode seiner Hauptstadt zugute. Auf allen Türmen an den Toren, auf den Häusern an den Mauern, von denen man die Schindeln abgerissen, unter den Dächern, ja in den Schlafhäusern der Klöster, in der Burg, wie sich versteht, und hinter den Schießlöchern, die man in die Mauern gebrochen, erwarteten Falkonette, Halbschlangen, Karthaunen, Mörser, Singerinnen den Anlauf des Feindes. Die Besatzung bestand aus fünf Regimentern: vier deutschen, von denen zwei auf Kosten des Reiches, zwei von Ferdinand selbst angeworben waren, und einem böhmischen. Die Reichstruppen unter Pfalzgraf Philipp, dem Stellvertreter Friedrichs, besetzten die Mauer vom roten Turm bis gegen das Kärnthnertor, von da dehnten sich die königlichen Haufen unter Eck von Reischach und Leonhard von Fels gegen das Schottentor hin aus. Es waren Leute von allen deutschen Landesarten, viele namhafte Österreicher, aber auch Brabanter, Rheinländer, Meißner, Hamburger, besonders Franken und Schwaben. Vom Schottentor bis zum roten Turm standen die Böhmen; auf den Plätzen im Innern war einige Reiterei verteilt. Es mochten 16-17000 Mann sein; ob diese Mannschaft dem an Zahl so unendlich überlegenen Feinde zu widerstehen vermögen würde, war doch sehr zweifelhaft. Suleiman ließ der Besatzung ankündigen, wolle sie ihm die Stadt übergeben, so verspreche er weder selbst hineinzukommen noch sein Volk hineinzulassen, sondern er werde dann weiter vorrücken und den König suchen; wo nicht, so wisse er doch, daß er am dritten Tage sein Mittagsmahl in Wien halten werde, dann wolle er das Kind im Mutterleibe nicht verschonen. In Liedern und Erzählungen finden wir, die Antwort sei gewesen, er möge nur zum Mahle kommen, man werde ihm mit Karthaunen und Hallbarden anrichten. Doch ist das nicht so ganz wahr; man hatte nicht Unbenommenheit des Geistes genug, um eine so kecke Antwort zu geben. Die Antwort, sagt ein authentischer Bericht der Befehlshaber, ist uns in der Feder stecken geblieben. Man rüstete sich alles Ernstes zur Gegenwehr, aber keineswegs etwa in der Überzeugung, daß man siegen werde; man sah die ganze Gefahr ein, in der man sich befand; aber man war entschlossen sie zu bestehen. Und so mußte sich denn Suleiman anschicken, die Stadt mit Gewalt zu erobern. Zuerst stellten sich die Janitscharen mit ihren Halbhaken und Handrohren hinter dem Gemäuer der eben zerstörten Vorstädte auf. Sie schossen noch vortrefflich; eine Anzahl geübter Bogenschützen gesellte sich ihnen zu; es hätte sich niemand an den Zinnen, auf den Mauern dürfen blicken lassen. Sie beherrschten den ganzen Umkreis derselben; die Giebel der benachbarten Häuser waren mit Pfeilen wie bepflanzt. Unter dem Dunst und Hall dieses Schießens bereiteten nun die Osmanen noch einen ganz anderen Angriff vor. Welches auch die Meister gewesen sein mögen, von denen sie ursprünglich darin unterwiesen sind, Armenier oder andere, eine Hauptstärke ihrer damaligen Belagerungskunst bestand in dem Untergraben der Mauern, dem Anlegen von Minen. Die Abendländer erstaunten, wenn sie derselben später einmal ansichtig wurden, mit Eingängen eng wie eine Tür, dann weiter, recht eigentlich mit einem Bergwerk zu vergleichen, glatte, wohlabgemessene, weite Höhlungen, zugleich darauf berechnet, daß das stürzende Gemäuer nach innen, nicht nach außen fallen mußte. Diese Kunst, denn eigentliches Belagerungsgeschütz führten sie nur sehr wenig bei sich, wendeten sie nun auch bei Wien an. Hier aber trafen sie auf ein Volk, das sich ebenfalls auf unterirdische Arbeiten verstand. Gar bald bemerkte man in der Stadt das Vorhaben des Feindes. Wasserbecken und Trommeln wurden aufgestellt, um die geringste Erschütterung des Erdbodens daran wahrzunehmen; man lauschte in allen Kellern und unterirdischen Gemächern – es sind noch abenteuerliche Sagen davon im Gange – und grub ihnen dann entgegen; es begann gleichsam ein Krieg unter der Erde. Schon am 2. Oktober ward eine halbvollendete Mine des Feindes gefunden und zerstört; bald darauf ward eine andere gerade noch im rechten Moment entdeckt, als man schon anfing sie mit Pulver zu füllen. Die Minierer kamen einander zuweilen so nahe, daß eine Partei die andere arbeiten hörte; dann wichen die Türken in einer anderen Richtung beiseite. Um den Kärnthner Turm auf alle Fälle zu sichern, hielten die Deutschen für notwendig, ihn mit einem Graben von hinreichender Tiefe zu umgeben; natürlich aber war das nicht allenthalben möglich. Am 9. Oktober gelang es den Türken wirklich, einen nicht unbedeutenden Teil der Mauer zwischen dem Kärnthnertor und der Burg zu sprengen; in demselben Moment traten sie unter wildem Schlachtruf den Sturm an. Allein schon war man auch hierauf vorbereitet. Eck von Reischach, der bei der Verteidigung von Pavia gelernt, wie man stürmenden Feinden begegnen müsse, hatte die Leute unterwiesen, mit welchem Geschrei und Anlauf der Sturm geschehe und wie man ihm zu begegnen habe. Diese jungen Landsknechte, von denen uns ein Bericht versichert, daß Reischachs Anweisung ihnen »ein tapfer männlich Herz« gemacht, standen in der Tat vortrefflich. Mit einem furchtbaren »Her!« erwiderten sie das osmanische Schlachtgeschrei. Hallbarden, Handrohre und Kanonen unterstützten einander mit dem glücklichsten Erfolge. »Die Kugeln der Karthaunen und Flinten,« sagt Dschelalsade, »flogen wie die Schwärme kleiner Vögel durch die Luft; es war eine Festgelage, bei dem die Genien des Todes die Gläser kredenzten.« Die deutschen Berichte rühmen besonders die Tapferkeit, die der alte Salm, Graf Nikolaus v. Salm, der sich in der Schlacht bei Pavia, 24. Febr. 1525, ausgezeichnet hatte; Deutsche Geschichte 2, 217, 222. Verwalter der niederösterreichischen Feldhauptmannschaft, in dieser heißen Stunde bewies. Die Türken erlitten so mörderische Verluste, daß sie sich zurückziehen mußten. Die niedergeworfene Mauer ward auf der Stelle so gut wie möglich hergestellt. Was hier nicht gelungen, versuchte der Feind darauf an der andern Seite des Kärnthner Turms. Nach manchem falschem Lärm sprengte er am 11. Oktober einen guten Teil der Mauer gegen das Stubentor hin und erneuerte unverzüglich seinen Sturm. Diesmal waren die Kolonnen dichter formiert; zu den Asafen und Janitscharen hatten sich Sipahi von Janina und Awlona, albanesischer Herkunft, gesellt; mit ihren krummen Schwertern und kleinen Schilden drangen sie dem Haufen voran über die gefallenen Mauern daher. Allein hier stellte sich ihnen Eck von Reischach mit vier Fähnlein mutiger Landsknechte selber in den Weg. Zur Seite hatte er, wie einst in Pavia, geübte spanische Schützen; auch der Feldmarschall Wilhelm v. Rogendorf war zugegen. Diesmal kam es zum ernstlichen Handgemenge. Man sah die langen Schlachtschwerter der Deutschen, die sie mit beiden Händen führten, sich messen mit dem Türkensäbel; ein türkischer Geschichtschreiber redet von ihrer feuererregenden Wirkung. Dreimal erneuerten die Osmanen ihren Anlauf. Jovius, Paolo Giovio , ein Humanist in Rom, angesehen am Hofe Leos X. und, seiner Nachfolger, schrieb ein Geschichtswerk in klassischem Latein; Historiarum sui temporis libri , die Zeit von 1494-1547 umfassend; s. »Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber«, Werke Bd. 33 u. 34 S. 70 ff. der so viele Schlachten beschrieben hat, bemerkt doch, daß man in diesem Jahrhundert kaum ernstlicher aneinander geraten sei. Aber alle Anstrengungen der Osmanen waren vergebens, sie erlitten noch bei weitem stärkere Verluste als das erste Mal. Und damit war eigentlich ihr guter Mut erschöpft. Am 12. Oktober ward abermals ein Teil der Mauer gefällt, aber als sie dahinter die Deutschen und Spanier mit aufgereckten Fähnlein erblickten, wagten sie sich nicht ernstlich heran. Schon regte sich bei ihnen die Meinung, in Gottes des Allmächtigen Ratschluß sei für diesmal die Eroberung von Wien dem Islam nicht bestimmt. Die Nächte wurden bereits ungewöhnlich kalt, am Morgen sah man die Berge mit Reif bedeckt. Mit Besorgnis dachte jedermann an die Länge und Gefahr des Rückweges, denn zu jener dreijährigen Abwesenheit war doch in der Tat nichts vorbereitet. Dazu kam, daß sich Nachrichten von einem nahen Entsatz vernehmen ließen. Ein erbländisches Heer sammelte sich in Mähren; in den Bezirken des schwäbischen Bundes ward eifrig gerüstet, wie denn Schärtlin von Burtenbach Später bekannt als Feldhauptmann von Augsburg; s. Bd. 4 S. 308 ff. berichtet, was für treffliche Leute er in Württemberg zusammengebracht. Pfalzgraf Friedrich, der ganz in der Nähe geblieben, nahm eine drohende Haltung an. Schon lernten die Bauern den streifenden Reitern Widerstand leisten. Suleiman entging es nicht, in welche gefährliche Lage er kommen könne, wenn er hier, mitten im feindlichen Lande, ohne feste Plätze, in der schlechten Jahreszeit von einem Feinde angegriffen würde, dessen Tapferkeit er soeben kennen gelernt. Er beschloß noch einen letzten Versuch auf Wien zu machen und, wenn derselbe mißlinge, sofort aufzubrechen. Er wählte dazu einen Tag, den er für glücklich hielt, den Moment wo die Sonne in das Zeichen des Skorpions tritt, 14. Oktober. Eben in der Mittagsstunde versammelte sich ein guter Teil des Heeres im Angesicht der Mauern; Tschausche Diener des Sultans. riefen Belohnungen aus, Minen sprangen, Breschen öffneten sich und das Zeichen zum Sturm ward gegeben. Allein die Leute hatten kein Vertrauen mehr, sie mußten fast mit Gewalt herbeigetrieben werden, wo sie dann unter das Feuer des Geschützes gerieten und ganze Haufen erlagen, ehe sie nur den Feind erblickt hatten. Gegen Abend sah man eine Schar aus den Weingärten hervorkommen, aber sich auf der Stelle wieder zurückziehen. Und hierauf begann nun der volle Abzug. Die Anatolier hatten jetzt die Vorhut; noch in der Nacht brach der Sultan selbst auf. Auch die Janitscharen zündeten ihr Lager in den Vorstädten an und eilten ihren Herrn zu begleiten. Nach einigen Tagen folgte ihm Ibrahim mit dem Rest der europäischen Truppen nach. Es war das erste Mal, daß dem siegreichen Sultan ein Unternehmen so ganz gescheitert war. Er konnte inne werden, daß er nicht so geradezu, wie seine Dichter rühmten, das Gold im Schachte der Welt, die Seele im Weltenleibe sei, daß es außer ihm gewaltige und unbezwingliche Kräfte gab, die ihm noch zu schaffen machen sollten. Zunächst aber hatte er Grund sich zu trösten; er hatte Ungarn den Deutschen entwunden. Aus den Händen osmanischer Beamter empfing Johann Zapolya die heilige Krone; Die Stephanskrone kam nachher doch wieder in die Hände der Anhänger Österreichs; als die Türken 1541 Ofen eroberten, wurde sie nach Preßburg gerettet, wo sie noch jetzt bewahrt wird. obwohl er König hieß, war er doch in der Tat nichts anderes als ein Verweser des Sultans. Karls V. Feldzug gegen die Türken 1532, Deutsche Geschichte 3, 304-309. Zug nach Tunis 4, 8-15. Erneuter Türkenkrieg 1541-42, ebd. 167-175. 9. Karls V. Flucht aus Innsbruck 1552. Deutsche Geschichte V, Werke Bd. 5 S. 169 ff. Karl V. war in Insbruck mit seinen konziliaren und dynastischen Entwürfen auf eine Weise beschäftigt, daß er für nichts anderes Sinn zu haben schien. Eben in dieser Zeit meinte er dem Konzil zu Trient die Richtung zu geben, welche er demselben von je her zu geben beabsichtigt hatte; er hoffte außer den drei Kurfürsten am Konzil auch die drei anderen in kurzem in seiner Nähe anlangen zu sehen, um die Sukzessionssache Karl V. wollte die Kaiserwürde zunächst seinem Bruder Ferdinand, dann aber seinem Sohne Philipp, der auch Spanien erben sollte, zuwenden. Maximilian, Ferdinands Sohn, sollte sich mit der Würde eines römischen Königs begnügen, zugleich Böhmen und Ungarn von seinem Vater erben. Deutsche Geschichte 5, 81 ff. mit ihnen zu Ende zu bringen. Soeben war ein neuer Versuch auf König Maximilian gemacht worden. Indem er diese idealen Absichten verfolgte und nur soviel als unbedingt notwendig war tat, um den Feindseligkeiten der Franzosen, die er in den Niederlanden und Italien erwartete, daselbst zu begegnen, bemerkte er nicht, was in Deutschland gegen ihn vorbereitet ward. Es fehlte ihm nicht an Warnungen; sogar der französische Gesandte hat dem Hof einmal von einer Konspiration gesagt, von der er höre, wahrscheinlich nur um denselben auf eine falsche Spur zu leiten, die dann Arras Der jüngere Granvella, s. o. S. 49, damals Bischof von Arras. verfolgte, natürlich ohne etwas zu entdecken. Vielen anderen war die Verbindung der Franzosen mit Kurfürst Moritz kein Geheimnis mehr. In der Relation eines venetianischen Gesandten ist derselben schon im Jahre 1550, unmittelbar nachdem sie begonnen hatte, und, wie wir aus den Depeschen Marillacs Französischer Gesandter in Brüssel bei der Statthalterin Maria, Karls V. Schwester; s. Deutsche Geschichte 5, 120. sehen, auch ganz richtig gedacht worden. Gegen Ausgang 1551 war es ein ganz allgemeines Gerücht, das die kleinsten Höfe und Provinzialregierungen kennen. Auf den Kaiser machte es keinen Eindruck, er antwortete, man müsse sich nicht von jedem Winde bewegen lassen. Gab ihm doch Schwendi Kaiserlicher Kriegskommissar bei der von Kurfürst Moritz unternommenen Belagerung von Magdeburg, s. Bd. 5 S. 130; später als kaiserlicher General in den Türkenkriegen ausgezeichnet, gestorben 1584. fortwährend über die Stimmung und die Absichten des Kurfürsten ganz günstigen Bericht; einer von dessen vornehmsten Räten erschien in Innsbruck und meldete, sein Herr werde unverzüglich nachkommen. Und hatte derselbe nicht seine Prokuratoren nach Trient, seine Theologen auf den Weg dahin geschickt? In Rosenheim am Inn hielten sich zwei sächsische Räte auf in der festen Meinung, ihren Herrn, der auch wirklich eine Strecke in entsprechender Richtung vorwärts reiste, zu erwarten. Der Kaiser hielt für gewiß, der Kurfürst werde kommen; hätte er etwas anderes im Sinn, das wäre von einem deutschen Fürsten nie erhört. Noch am 28. Februar schrieb er dem Kurfürsten von Brandenburg, er versehe sich zu Moritz alles Gehorsams, guten und geneigten Willens. Aber einen größeren Meister in der Verstellung hat es wohl kaum je gegeben, als Moritz war. Keiner von seinen alten Räten, Carlowitz so wenig wie die anderen, hatte Kunde von seinen Entwürfen. Noch von Schweinfurt aus, am 27. März, hat er die Bitte um Loslassung des Landgrafen erneuert, unter dem Vorgeben, daß er sich sonst in das Gefängnis der Kinder desselben einstellen müsse. Und doch vereinigte er in diesem Augenblicke schon sein Heer mit dem Kriegshaufen eben dieser jungen Landgrafen, durch alle denkbaren Verträge gebunden, dem Kaiser selber zu Leibe zu gehen. Der Kaiser glaubte wohl, als die Sache ernster ward, Am 4. April zog Moritz in Augsburg ein, S. 168. es sei auf nichts andres abgesehen als eben auf die Befreiung des Landgrafen. Allein die Ausschreiben der verbündeten Fürsten, Es waren Kurfürst Moritz von Sachsen, Landgraf Wilhelm von Hessen, Markgraf Albrecht von Brandenburg-Kulmbach, die Herzöge Johann Albrecht und Georg von Mecklenburg. die in einem Moment durch Deutschland flogen, belehrten ihn bald eines andern. Nicht allein von dieser Befreiung war darin die Rede, sondern eine ganze Reihe Beschwerden geistlicher und weltlicher Natur ward darin namhaft gemacht. Da leuchtete nun wohl ein, daß es auf eine Abänderung des ganzen kaiserlichen Regiments, wie es in und nach dem schmalkaldischen Krieg eingerichtet worden, abgesehen sei. Noch einmal erhob sich die ungebändigte Freiheit des alten Germaniens gegen die Ordnung und Gewalt, welche der Sieger gegründet hatte und zu gründen im Begriff war. Und zwar standen eben diejenigen an der Spitze, die früher von ihren Glaubensgenossen abgefallen, die Niederlage derselben befördert, die Partei des Kaisers gehalten hatten, die Mächtigsten und Kriegsgeübtesten. Die Antipathieen der Religion, die durch alle die bisherigen offenen oder indirekten Angriffe und durch die Bedrohungen des Konzils angeregt worden, gaben ihrem Unternehmen eine breite nationale Grundlage und kamen ihnen aufs mächtigste zu Hilfe. Und wenn nun der Kaiser gegen diese Erhebung des protestantischen Elements Unterstützung von den Katholischen erwartete, so sah er sich auch darin getäuscht. Er wendete sich zunächst an die geistlichen Kurfürsten, die unter diesen Umständen Trient zu verlassen eilten. Der Kurfürst von Trier antwortete, er werde sich immer als ein gehorsamer Reichsfürst bewähren, um aber zu wissen, was er in diesem Fall tun solle, müsse er erst mit seinen Räten sprechen. So erklärte sich auch Köln; Mainz machte sogar auf Hilfeleistung Anspruch. Und nicht bereitwilliger ließen sich die ältesten Verbündeten und nahen Verwandten vernehmen. Herzog Albrecht Von Bayern. versicherte seine Ergebenheit, gab aber zu bedenken, welcher Gefahr er sich aussetze, wenn er sich jetzt ohne Verzug auf die Seite des Kaisers schlage. Schon früher hatte man sich am kaiserlichen Hofe beklagt, daß Ferdinand den Versuch, zur Abdankung des von Magdeburg abgezogenen Heeres eine Anleihe aufzubringen, nicht mit seinem Kredit unterstützen wolle. Fast feierlich forderte ihn jetzt der Kaiser auf, ihm zu sagen, was er als Bruder und römischer König aus den Mitteln seiner Länder in dieser gemeinschaftlichen Gefahr zu leisten gedenke. Der König antwortete, er brauche alle seine Kräfte wider die Osmanen in Ungarn. Statt der Unterstützung kam dem Kaiser vielmehr von dieser Seite eine Forderung zu. Seine Tochter Maria, Gemahlin Maximilians, ersuchte ihn in diesem Augenblick um 300 000 Dukaten ihrer Aussteuer, wofür sie sich eine gut rentierende Besitzung in Ungarn kaufen wolle. Der Kaiser war sehr geneigt, diese Bitte den Einflüsterungen ihres ihm im Herzen feindlichen Gemahls zuzuschreiben. Er meinte fast, es sei eine allgemeine Verschwörung gegen ihn im Werke. Die Wechslerhäuser in Augsburg, an die er sich wendete, verweigerten ihm ihre Unterstützung, so günstig auch die Bedingungen waren, die er ihnen vorschlug. Wie war dem alten Sieger und Herrscher da zumute, als sich in demselben Augenblicke alle Feinde erhoben und alle Mittel versagten! Einst hatte es in seiner Wahl gestanden, an der Spitze der deutschen Nation, mit Begünstigung des reformatorischen Elements, laut der Reichsschlüsse von 1544, seine Macht gegen die auswärtigen Feinde zu richten: wie gegen die Franzosen , welche besonders durch deutsche Unterstützung früher in Italien besiegt und damals in ihrer Heimat zum Frieden genötigt worden, so hauptsächlich gegen die Osmanen , was in jener Zeit das größte Interesse hatte und der allgemeine Wunsch war. Dann hätte er das Kaisertum in dem Sinne, wie es ihm bei seinen Zügen nach Afrika vorschwebte, entwickeln können. Freilich hätte er z. B. Philipp von Hessen nicht als Feind, sondern als Mitstreiter behandeln, die Einheit der abendländischen Christenheit nicht in die Gleichförmigkeit des Bekenntnisses setzen müssen. Dafür wäre es ihm aber, so lange die Türken sich noch nicht in Ungarn befestigt hatten, vielleicht möglich gewesen, zugleich dieses Land zu befreien und den Trieb der Kultur und Ausbreitung, der in den Deutschen lebte, nach der mittleren Donau, dem südöstlichen Europa, hinzuleiten. Aber er schlug einen entgegengesetzten Weg ein. Er traf eine Abkunft mit den Osmanen, die ihnen Zeit ließ, sich in den eingenommenen Landschaften zu befestigen, mit dem Werke der Barbarisierung vorzuschreiten, und nahm sich vor, in den Streitigkeiten des Glaubens und des Ritus, welche die Jahrhunderte nicht haben beseitigen können, beiden Parteien Maß zu geben, er von seinem politischen Standpunkt aus. Nun konnte aber die natürliche Feindseligkeit gegen die Osmanen doch nicht auf die Länge beseitigt werden; im Jahre 1551 brach sie wieder in volle Flammen aus. Überhaupt wurde die kaiserliche Politik nach dem Tode des älteren Granvella nicht geschickt genug nach den friedlichen Gesichtspunkten hin geleitet. In demselben Augenblick erhob sich die wetteifernde Macht von Frankreich, die man unbekümmert ihrer andern Gegner hatte Herr werden lassen, zu den alten Bestrebungen. Und indes war doch das Ziel der inneren Politik mit nichten erreicht, weder die Kirchenversammlung in die gewünschte Bahn geleitet noch die Sukzession befestigt worden. Vielmehr erwachte infolge dieser Versuche ein allgemeiner Widerwille in beiden religiösen Parteien über Italien und Deutschland hin und strömte nun in plötzlichem Ausbruch mit den äußeren Feindseligkeiten zusammen. In Ungarn verjagte der Pascha von Ofen die Haiduken und Spanier Ferdinands aus Szegedin, noch ehe sie sich daselbst befestigt, und bezeichnete den Anfang des April mit der Eroberung von Vesprim; zugleich näherten sich noch zwei andre Heere unter dem Beglerbeg von Rumili und dem zweiten Wesir der Pforte den ungarischen Grenzen. In Wahrheit, Ferdinand hatte ganz recht, wenn er darin eine Gefahr erkannte, die alle seine Kräfte in Anspruch nehme. Auch zur See regten sich die Feinde; in den Gewässern von Malta erschien Sala Rais in denselben Tagen, in welchen der König von Frankreich durch Lothringen Damals noch immer ein zum deutschen Reiche gehöriges Herzogtum. nach dem Elsaß und dem Oberrhein zog, und die protestantischen Fürsten Augsburg bedrohten. Der Kaiser selbst, ohne Truppen und Geld, entfernt von den eigenen Landschaften, aus denen er beides hätte ziehen können, sah sich überrascht in dem wenig verwahrten Innsbruck und so gut wie hilflos. Gleich bei der ersten Nachricht von Augsburg erkannte er die persönliche Gefahr, in der er sich befand. Er besorgte, eines Tages in seinem Bett überfallen zu werden; welche Schmach für ihn, in Gefangenschaft der deutschen Fürsten zu geraten! Einen Augenblick dachte er daran, sich zu seinem Bruder zurückzuziehen; der konnte es aber in der verlegenen und schwierigen Lage, in der er sich befand, selber nicht wünschen und widerriet es ihm. Ein anderer Ausweg für Karl wäre gewesen, sich nach Italien zu wenden und hier aufs neue zu rüsten. Allein auch da war der Krieg Es war ein Streit um das Herzogtum Parma entstanden; König Heinrich II. von Frankreich hatte Truppen gesandt, um die Ansprüche der Familie Farnese auf dasselbe zu unterstützen, Bd. 5 S. 123 ff. nicht eben glücklich gegangen, überall war das Land durch die Truppenzüge in Aufregung gesetzt. Es schien dem Kaiser nicht ratsam, mit seiner geringen Umgebung auf den dortigen Landstraßen zu erscheinen, und wenn er einmal in Italien wäre, so würde er eine Reise nach Spanien nicht gut ablehnen können; wie leicht, daß ihm dann bei der Überfahrt ein Unfall von den Franzosen oder gar den Osmanen begegne, noch zuletzt in seinen alten Tagen. Dagegen hielt er es für möglich, den Oberrhein zu erreichen und nach den Niederlanden durchzukommen. In tiefstem Geheimnis, mit Zurücklassung eines Briefes an Ferdinand, der aber erst abgegeben werden sollte, wenn die Sache gelungen sei, brach der Kaiser am 6. April nach Mitternacht von Innsbruck auf, begleitet von seinen beiden Kammerherren, Andelot und Rosenberg, einem eigenen und zwei Dienern Rosenbergs. Sie hofften, die große Straße durch die Klause nach Ulm noch frei zu finden. Durch Gebirg und Wald reitend, kamen sie am 7. mittags nach Nassereith und nach kurzer Rast in die Nähe der Klause. Hier aber erfuhren sie, daß Moritz bereits auf dem Wege sei, um an demselben 7. April Füßen zu besetzen. Sie wären ihm in die Hände gegangen, wären sie fortgeritten und eilten nach Innsbruck umzukehren. Es war für den Kaiser keine Rettung, als daß er zuerst nur dieses nächsten und gefährlichsten Feindes durch irgendeine Abkunft, einen Stillstand, sich zu entledigen suchte. Und so durfte es noch als ein Glück erscheinen, daß sein Bruder immer mit Moritz in freundlicher Verbindung gewesen war und in dem Moment seines Auszuges aus Sachsen Im März war Moritz nach Franken gezogen, von da nach Augsburg. eine Zusammenkunft mit ihm in Linz verabredet hatte. Diese fand am 18. April wirklich statt und führte nach einiger Unterhandlung zu einem wenn auch nur vorläufigen Stillstand, der hauptsächlich dazu dienen sollte, eine zahlreichere Versammlung »zur Abstellung der Irrungen und Gebrechen deutscher Nation« in Passau möglich zu machen. Moritz hatte den Anfang desselben wegen der Entfernung seiner Bundesgenossen und mit Vorbehalt ihrer Einwilligung auf den 11. Mai festgesetzt; sie genehmigten ihn aber erst vom 26. Mai an. Nun hatte der Kaiser im Laufe des April doch am Ende einiges Geld zusammengebracht und begann sich zu rüsten. In weiterer Ferne bei Frankfurt sowie in der Nähe bei Ulm sammelten sich Truppen auf seinen Namen; nach allen Seiten hin waren Unterhandlungen angeknüpft. Karl V. faßte einen Gedanken, den bereits jedermann von ihm erwartete. Sollte er nicht gegen den Kurfürsten, der ihn angriff, die nämliche Waffe zücken, die ihm in dem vorigen Kriege so große Dienste geleistet hatte: sollte er nicht die Reichsacht über ihn aussprechen? Noch war der alte Geächtete, Johann Friedrich, in seinem Gewahrsam. Er dachte diesen selbst zum Vollstrecker der Acht zu ernennen; dann, meinte er, würden auch dessen alte Freunde, die Herzoge von Kleve und Pommern, sich gegen Moritz erklären. Soeben erschien auch König Ferdinand in Innsbruck; er ging, wiewohl nicht gerade gern, auf den Gedanken ein. Er übernahm es, selbst mit Johann Friedrich zu reden, wie dieser zu seiner Sicherheit es wünschte; wenn man sich verständige, sollte es sein Bewenden bei der Kapitulation von Wittenberg haben; sollte es aber zur Achtserklärung kommen, so sollte Johann Friedrich wieder in das Kurfürstentum eingesetzt werden. Man rechnete dann auf den Abfall seiner Untertanen, die dem alten Kurfürsten noch immer ergeben waren. Sehr möglich, daß Moritz von diesen Verhandlungen Kunde erhielt, denn schon hatte Johann Friedrich einen seiner Räte nach Passau geschickt, um mit den Fürsten, die dort allmählich zusammenkamen, vorläufige Rücksprache zu nehmen. Und auf keinen Fall wollte Moritz dem Kaiser die dortigen Pässe, deren Besitz in dem vorigen Kriege entscheidend geworden war, Schärtlin v. Burtenbach hatte sie im Juli 1546 besetzt, war aber von den Kriegsräten zurückberufen worden, so daß italienische Hilfstruppen des Kaisers ungehindert hindurchziehen konnten; s. Bd. 4 S. 309. und die er auch jetzt verstärkte, in den Händen lassen. Einer der kaiserlichen Musterplätze d. h. Plätze zur Musterung, Werbeplätze. war Reitti , unfern der Ehrenberger Klause , welche ebenfalls in Verteidigungsstand gesetzt werden sollte. Noch war der für den Waffenstillstand festgesetzte Termin nicht eingetreten; Moritz behielt noch Zeit und trug kein Bedenken, sie zu benutzen, um dem Kaiser diese Stellung zu entreißen. Am 18. Mai griffen die verbündeten Fürsten das Lager von Reitti an und sprengten es auf der Stelle auseinander. Besonders in dem freudigen Georg von Mecklenburg erwachte hierüber eine Schlachtbegier und Siegeszuversicht, die alles mit sich fortriß. Da sich ein Teil der Truppen nach der Klause zurückzog, so ließen sie sich durch ihr gutes Verhältnis zu König Ferdinand Landesherr von Tirol. nicht abhalten, unmittelbar auf diesen Platz loszugehen. Noch in der Nacht nahmen sie eine Höhe ein, welche die Befestigungen beherrschte. Von hier aus den andern Morgen vordringend fanden sie weder in den Schanzen an der Klause, noch in dem verbollwerkten Passe, noch in dem Schlosse selbst nachdrücklichen Widerstand; neun Fähnlein fielen in ihre Hand. Und wie nun, wenn sie in dem hierdurch eröffneten Lande vordrangen und den Kaiser in Innsbruck überfielen? Es ist als ein Irrtum anzunehmen, sie hätten das nicht gewollt. Am 20. Mai ist zwischen ihnen förmlich geratschlagt worden, ob sie, wie sie sich sehr unehrerbietig ausdrücken, »den Fuchs weiter in seiner Spelunke« suchen sollten; sie entschlossen sich hierzu. Gott weiß, was geschehen wäre, hätte nicht das tumultuarische Kriegsvolk, eben als es vorwärts gegen Aiterwang geführt werden sollte, nach dem Sturmsold geschrieen, den es so eigentlich nicht verdient hatte und der ihm wirklich aberkannt worden ist, und darüber seine Waffen gegen Moritz selbst gerichtet, so daß dieser ihm nur mit Mühe entkam. Bei der ersten Nachricht von dem Falle der Klause beschloß der Kaiser, Innsbruck zu verlassen. Er empfand, daß die Gefahr, welche er von Anfang an gefürchtet hatte, unmittelbar über ihm schwebe; er hätte durch eine Reitertruppe überrascht und aufgehoben werden können. Es war am 19. ziemlich spät, daß die Nachricht eintraf. Karl und Ferdinand waren einig, daß kein Augenblick verloren werden dürfe, um in Sicherheit zu gelangen, denn wie bald konnte sich der vorrückende Feind der nächsten Pässe und Straßen bemächtigen und die Entfernung unmöglich machen. Die wichtigsten Schriften und Kleinodien wurden eilends nach dem festen Schloß Rodeneck gebracht. Nun erst sprach Ferdinand mit dem gefangenen Kurfürsten im Schloßgarten; er reichte ihm die Hand zum Zeichen der Versöhnung und kündigte ihm seine Befreiung an, wiewohl unter der Bedingung, daß er noch eine Zeitlang dem Hofe ungezwungen folgen möge. Man bedurfte der Mannschaft, die ihn bisher bewacht hatte, zur Bedeckung bei der Abreise. Diese erfolgte noch am 19. abends um 9 Uhr beim Scheine brennender Windlichter. Die Nacht war regnerisch und kalt, das Gebirge noch mit Schnee bedeckt; der Kaiser litt an einem Anfall seiner Krankheit. Sein erster Zufluchtsort war Brunecken, nicht einmal ein eigenes Schloß, sondern dem Kardinal von Trient gehörig, der in den Verhandlungen über die Wahl Des Prinzen Philipp, gemäß dem Sukzessionsentwurf, s. o. S. 69. nicht eben als Anhänger des Kaisers erschienen war. Den andern Morgen folgte Johann Friedrich auf demselben Wege. Er lebte nun, was er immer von seinem Gott erwartet: zum ersten Male seit fünf Jahren sah er sich von keiner spanischen Garde umgeben; er stimmt auf seinem Wagen ein geistliches Danklied an. Am 23. Mai rückte Moritz an der Spitze seiner Reiter und Fußvölker in Innsbruck ein. Die Landsknechte brüsteten sich in den prächtigen spanischen Kleidern; denn alles, was den Spaniern gehörte, ward ihnen von dem Kurfürsten als gute Beute überlassen. Auf ihren Hüten glänzten portugiesische Goldstücke, einer nannte den andern Don; bei alledem aber wußte sie Moritz aufs beste in Zucht zu halten. Er tadelte Georg von Mecklenburg, der sich nur eine Truhe auf dem Schloß hatte öffnen lassen. Ihm war es genug, daß er soweit vorgedrungen; er begehrte nicht mehr. Noch in Brunecken erhielt König Ferdinand einen Brief von ihm, in welchem er, eigentlich gegen dessen Erwartung, dem was vorgefallen zum Trotz, sich entschlossen erklärte, den Waffenstillstand von dem bestimmten Tage an eintreten zu lassen. Er fragte an, ob man auch auf der anderen Seite diese Gesinnung hege, und ob ihm das sichere Geleit, das ihm zur Zusammenkunft in Passau gegeben worden war, gehalten werden solle, und ob auch der König selbst erscheinen wolle. Die beiden Brüder hielten für gut, darauf einzugehen. Unverweilt machte sich hierauf Moritz zu der angesetzten Versammlung nach Passau auf den Weg. Auch ohne noch die Verabredungen zu berücksichtigen, die daselbst getroffen worden sind, muß man anerkennen, daß ihm durch den Gang der Begebenheiten und ihre Entscheidung die größten Erfolge gelungen waren. Vor ihm her wich der mächtige Kaiser höher ins Gebirge, nach Villach. Er ließ die Brücken hinter sich abwerfen und in den Pässen spanische Soldaten aufstellen, um ein etwaiges Nachdringen zu verwehren. Und indessen löste sich auf der andern Seite des Gebirges das Konzil von Trient selber auf. Gleich auf die erste Nachricht von den deutschen Ereignissen, am 15. April, sprach der Papst, der ohnehin nur einen zu bekennenden Grund dazu herbeigewünscht hatte, die erneute Suspension des Konzils aus. Das Konzil, das man für gut hielt selbständig handeln zu lassen, machte diesen Beschluß am 28. April zu dem seinen. Noch widersetzten sich jedoch die entschiedenen Anhänger des Kaisers, und bei weitem nicht alle waren abgereist, als die Nachricht von der Eroberung der Klause erscholl. Man glaubte in Trient, die protestantische Bewegung werde unmittelbar der Stadt des Konzils gelten, und alles, Prälaten und Einwohner, Vornehme und Geringe, flüchtete in wilder Verwirrung auseinander, höher in die Berge hinauf oder hinab nach der See, in die dichtesten Wälder oder die festesten Städte. Der päpstliche Legat Crescentio ließ sich durch seine Krankheit nicht abhalten, dem allgemeinen Zuge folgen; er starb, als er in Verona ankam. Das konnte man wohl vorhersehen, daß eine Kombination kaiserlicher und konziliarer Macht wie die, welche Karl V. ins Leben gerufen und mit der er die Christenheit zu beherrschen gedachte, so bald nicht wieder erscheinen würde. Was aber erfolgen würde, wer hätte darüber in der Verwirrung jener Tage auch nur eine Vermutung hegen können? Charakter des Kurfürsten Moritz von Sachsen. Deutsche Geschichte 5, 161–163; sein Tod 234–237. Augsburger Religionsfriede 255-282. Karls V. Abdankung zu Brüssel 291–299. Wiederberufung u. Abschluß des Konzils zu Trient, Päpste 1, 212–227. 10. Kaiser Karl V. nach seiner Abdankung. Deutsche Geschichte V, Werke Bd. 5 S. 303 ff. In Estremadura, in der Vera von Placencia, die einen alten Ruf gesunder Luft genießt, in der Mitte von Baumpflanzungen, die von frischen Quellen und Bächen vom Gebirge belebt sind, liegt das Hieronymitenkloster San Juste , das damals aus zwei Klostergebäuden und einer Kirche bestand, am Abhang eines Hügels, der es vor Nordwinden schützt, in vollkommener Einsamkeit. Dahin hatte sich der Kaiser bald nach seiner Ankunft in Spanien begeben. Man dürfte nicht glauben, daß er ein Klosterbruder geworden wäre. Er wohnte nicht in dem Kloster, sondern an der Kirche war ihm ein nicht etwa glänzendes und prachtvolles, aber nach seinen niederländischen Gewohnheiten und den Erfordernissen seines Gesundheitszustandes für Sommer und Winter eingerichtetes geräumiges Wohnhaus erbaut. Eine zahlreiche Dienerschaft, die noch den Apparat einer Hofhaltung darstellte, war bei ihm geblieben; sie wohnte zum Teil in benachbarten Ortschaften. Innerhalb der Klosterräume blieb das Bereich der Mönche und der fremden Gäste sorgfältig geschieden; der Haushofmeister liebte die Berührung mit den Mönchen nicht, er suchte sie von jedem kleinen Dienst auszuschließen. Dem Kaiser bekam das Landleben unter dem südlichen Himmel vortrefflich; niemals hatte er sich besser befunden als im Sommer des Jahres 1557, dort in der Mitte der Orangengärten, zwischen denen sein Haus lag, und in denen sein Gärtner Blumenpflanzungen nach seiner Anordnung anlegte. Seine Umgebung hatte Befehl, keine Besuche anzunehmen, und in dem Kloster war es so still, als wäre er nicht anwesend. Oder vielmehr, es ward noch stiller durch ihn; er bemerkte mit Mißfallen, daß zuweilen Frauen an die Pforte kamen und mit den Mönchen redeten; auf seinen Wunsch ward es abgestellt. Man hatte dafür gesorgt, daß der Blick aus seinen Zimmern, der über die Klostergärten hinführte, durch nichts Fremdartiges gestört wurde. Sein Vergnügen war, wenn er sich wohl befand, nach einer kleinen ein paar Armbrustschüsse entfernten Einsiedelei zu lustwandeln, unter dem Schatten dichtgepflanzter Kastanienbäume, welche vor der Sonne dieses Himmels schützten; zuweilen machte er den Weg auf einem Saumtier oder in seinem Tragsessel. Den gottesdienstlichen Handlungen beizuwohnen, war ihm religiöse Pflicht und zugleich Vergnügen. Er besaß Geschmack und Unterscheidungsgabe für die Musik; die Obern des Ordens hatten nicht versäumt, ihre besten Stimmen in dem Kloster zu vereinigen. Seine Wohnung war in eine solche Verbindung mit der Kirche gesetzt, daß er in den Tagen der Krankheit den Gesang und die Feier der Messe in seinem Schlafzimmer vernehmen konnte. Des Nachmittags wurden gelehrte Unterhaltungen gepflogen, Stellen aus den Kirchenvätern oder den Paulinischen Briefen gelesen, Predigten gehört; doch nahm sich der Kaiser nicht übel, auch wegzubleiben, wenn etwa eben Briefschaften von seinem Sohn oder von seiner Tochter, welche die Regentschaft in Spanien führte, eingelaufen waren. Es liegt ein idyllischer Reiz über dieser Verbindung von Landleben und Klostereinsamkeit, der Weltentsagung eines Fürsten, dessen Tun und Lassen beide Hemisphären erfüllt hatte. Aber seine Zurückgezogenheit war doch weit entfernt, eine absolute zu sein; sie wurde unaufhörlich durch die Geschäfte unterbrochen. Solange der Mensch atmet und lebt, kann er sich dem Kampf der Elemente, welche die Welt bewegen, und den Wechselfällen desselben nicht entziehen. Indem der weltliche Bestand des Papsttums fester begründet wurde, als der Kaiser gewünscht hatte, wurde er inne, daß die Gegner der geistlichen Autorität desselben, in denen er seine eigenen Feinde sah, sich in seiner Nähe regten; plötzlich entdeckte man kleine Gemeinden protestantischer Tendenz in Valladolid und Sevilla. Augustin Cazalla, der während des schmalkaldischen Krieges um ihn gewesen und noch in Juste vor ihm gepredigt hatte, wies sich selbst als ein Lutherisch-Gläubiger aus. Der Kaiser war darüber betroffen, ja erschüttert. Am Ende seiner Tage mußte er erleben, daß ein Mann, der sein Gewissen eine Zeitlang geleitet, die Meinungen bekannte, mit denen er sein ganzes Leben gekämpft hatte. Seitdem sie durch ihre mächtige Wiedererhebung, vor fünf Jahren sein Glück zerstört hatten, waren sie ihm vollends unerträglich geworden. Mit dem Gefühl, als sei das geistliche und weltliche Heil von Spanien in Gefahr, forderte er seine Tochter und die Inquisition Über die Einsetzung der Inquisition in Spanien, 1478 unter Königin Isabella, s. »Romanische und germanische Völker«, S.42 ff.; über ihre Wirkungen »Spanische Monarchie«, S. 195 ff. (Werke Bd.35 u. 36). auf, diese Regungen mit der Wurzel auszurotten, ohne Ansehen der Person und mit unerbittlicher Strenge, und zwar auf der Stelle, denn sonst würden sie unüberwindlich werden; ihn habe die Erfahrung belehrt, daß ohne Gleichförmigkeit der Religion weder Ruhe noch Wohlfahrt möglich sei. Die Inquisition schritt zu ihren Verhaftungen; der Kaiser sprach den Wunsch aus, diese Ketzer verbrannt zu sehen. Er soll in diesem Augenblick bereut haben, daß er an Martin Luther, trotz des sicheren Geleites, daß er ihm gegeben, nicht die Strafe der Ketzer vollstreckt habe. Es ist die universalhistorisch größte Handlung Karls V., daß er damals das gegebene Wort höher stellte als die kirchliche Satzung. Aber die Stimmung und Sinnesweise jener Zeit, die Verflechtung der Angelegenheiten in Deutschland und in Italien, welche damals die Schonung zu einer Art von Notwendigkeit machte, waren in Vergessenheit geraten; man fühlte nur die widerwärtigen Folgen, die daraus für den ungeirrten Bestand der alten Kirche und die Machtstellung des Hauses Österreich-Burgund entsprungen waren. Der Kaiser soll gemeint haben, er hätte das Geleit brechen sollen, da Luther einen höhern Herrn beleidigt habe, als er selber sei. So ganz wäre er zur Identifizierung der göttlichen Dinge mit den kirchlichen Anordnungen auf Erden zurückgekehrt. Dazu mag der Aufenthalt in dem exklusiv rechtgläubigen Königreich Spanien beigetragen haben; selbst in dem Arzte des Kaisers erwachten Skrupel, daß er eine französische Bibel bei sich hatte. Dahin führte auch die tägliche unmittelbare Berührung mit den Hieronymiten des Klosters. Diese können nicht genug rühmen, mit welchem Eifer, der Kaiser, so oft es ihm möglich war, ihrem Gottesdienste beiwohnte; jeder Donnerstag war für ihn ein Festtag des Corpus Christi . Von dem Gefühl der Nichtigkeit des menschlichen Daseins zeigte er sich doppelt durchdrungen, als er auch das Kaisertum aufgegeben hatte; er war weder König noch Kaiser mehr, er wollte in der Messe nur noch mit seinem Taufnamen genannt sein. Die Beziehungen des Ewigen und des Vergänglichen, des individuellen Lebens zu Gott, wie sie die katholische Kirche faßt und in ihren Formen ausprägt, das Geheimnis des Jenseits beschäftigen sein Gemüt bis zu krankhafter Erregung. Er wurde nicht müde, die Exequien seiner Eltern, seiner Gemahlin, einer der verstorbenen Schwestern feiern zu lassen und ihnen beizuwohnen. Nicht unerhört war es. daß man noch bei seinen Lebzeiten seine eigenen Exequien beging; die Kirche hatte dafür eine Modifikation der Feierlichkeit eingeführt. Die Hieronymiten versichern mit der größten Bestimmtheit, daß er selbst eine solche Feier veranstaltet und ihr in Person beigewohnt habe. Sehr charakteristisch ist es nun, daß er, in diese dunkeln geistlich-phantastischen Gedanken vertieft, in demselben Tagen doch auch den Interessen seines Hauses, die noch immer sehr gefährdet waren, die eingehendste Aufmerksamkeit gewidmet hat. Da es die niederländischen Geschäfte notwendig machten, forderte er seine Schwester Maria auf das dringendste auf, trotz alledem, was zwischen ihnen verabredet worden, noch einmal dahin zurückzugehen und die Regierung zu übernehmen; sie könne, sagte er ihr, dem allgemeinen Wohl und ihrem Hause keinen größeren Dienst leisten. Dazu kam es aber doch nicht. Seine Schwester war nicht geneigt, mit der Welt noch einmal anzuknüpfen, und ihn selbst rief das Geschick von hinnen. Die übermäßige Hitze des Sommers 1558, welche einer ganzen Anzahl seiner niederländischen Begleiter das Leben kostete, machte auch dem seinen ein Ende; er starb am 21. September 1558. Sein dynastischer Ehrgeiz war immer zugleich ein kirchlicher gewesen. Am Ende seiner Tage hat er oft für die Einheit der Kirche gebetet; »in deine Hände, o Herr,« hörte man ihn sagen, »habe ich deine Kirche übergeben«. Er starb in dem Gedanken, der sein Leben ausgemacht hatte. Aber für eine Kirche von politisch-religiöser Einheit, die ganze abendländische Welt umfassend, wie er sie gedacht, war kein Raum mehr in Europa. Der Gedanke selbst ist niemals wieder so lebendig in die Seele eines Menschen gekommen, wie Karl V. ihn hegte. Schon genug, wenn die südlichen Nationen sich der vordringenden Bewegung nur selber erwehrten; von den nördlichen, einmal in der Abweichung begriffenen war keine Rückkehr zu erwarten. Und beruht denn, so darf man fragen, die Einheit der Christenheit wirklich so ausschließend auf dem gleichen religiösen Bekenntnis? Sehen wir weiter um uns, so hat sie sich auch unter den Gegensätzen behauptet, welche die gemeinsame Grundlage nicht verleugnen können, sich unaufhörlich aufeinander beziehen, einer ohne den andern nicht zu denken sind. Zuletzt ist der gleichartige Fortschritt der europäischen Kultur und Macht an die Stelle der kirchlichen Einheit getreten. Was diese verloren hatte, das Übergewicht über die Welt, ist durch jene im Laufe der Jahrhunderte wieder erworben worden. 11. Deutsche Wissenschaft und Literatur in der Reformationszeit. Deutsche Geschichte V, Werke Bd.5 S.348 ff. Ein herrliches Werk würde sein, wenn einmal die Teilnahme, welche die Deutschen an der Fortbildung der Wissenschaften überhaupt genommen haben, im Lichte der europäischen Entwicklung jedes Jahrhunderts mit gerechter Würdigung dargestellt werden könne. Diese Anregung Rankes ist in Erfüllung gegangen durch die von der historischen Kommission auf seinen Antrag herausgegebene »Geschichte der Wissenschaften in Deutschland«. Zu einer allgemeinen Geschichte der Nation wär es eigentlich unentbehrlich. Denn nicht allein in den Bildungen des Staats und der Kirche, oder in Poesie und Kunst tritt der Geist eines großen Volkes hervor; zuweilen werfen sich die besten Kräfte auf die wissenschaftlichen Gebiete. Man muß wissen, was sie da schaffen und vollbringen, wenn man die Bestrebungen einer Epoche überhaupt verstehen will. Die Zeit, die wir hier betrachten, würde eine der fruchtbarsten sein. Schon erscheinen, z. B. bei Paracelsus, Theophrastus Paracelsus von Hohenheim, geboren 1493 zu Einsiedeln im Kanton Schwyz, 1526-28 Stadtarzt in Basel, gestorben 1541 in Salzburg. die Anfänge der Chemie. Es kommen die feinsten und eingreifendsten physikalischen Beobachtungen vor. Georg Hartmann zu Nürnberg, der sich mit Verfertigung von Kompassen beschäftigte, hat dabei die Inklination des Magnets entdeckt; er bemerkte, wie der Nordmagnetismus beim Streichen südliche Polarität hervorbringe; er scheint noch mehr gewußt zu haben, als er ausdrücklich ausspricht. Gern unterhielt er teilnehmende Fürsten, den König Ferdinand mährend des Reichstags, oder den Herzog Albrecht von Preußen in Briefen, von der geheimnisvollen Tugend und Kraft des Magneten. Die Wißbegier Karls V., die von seiner Stellung zu beiden Hemisphären genährt ward, veranlaßte zu Arbeiten der mathematischen Geographie, welche allen Nationen zu statten gekommen sind. Aus Duisburg, von Mercator, rührt die erste durchgreifende Verbesserung der Zeichnung der Land- und Seekarten her. An den östlichen Grenzen, wo die deutschen Elemente sich mit den polnischen berühren, ging aus einer der geschilderten Ranke hat im Vorhergehenden (S. 336 ff,) dargestellt, wie unter dem fortdauernden Einflusse des Humanismus Theologie, Rechtswissenschaft, Medizin, Naturwissenschaft sich in Deutschland entwickelten. S. 343 auch Näheres über Paracelsus. ähnlichen Beschäftigung mit dem Altertum, gleichsam unter dieser geistigen Atmosphäre, eine der größten Entdeckungen hervor, die das Jahrhundert auszeichnen, die des wahren Sonnensystems. Hier folgt bei Ranke Näheres über Kopernikus. Es gereicht der Schule von Wittenberg zur Ehre, daß einer ihrer jungen Professoren, Rhäticus, Von ihm berichtet Gassendi, Vita Copernici, Paris 1654, zitiert in Humboldts Kosmos 2, 498 f. durch das Gerücht in Kenntnis gesetzt, sich zu Kopernikus begab, der Welt die erste sichere Nachricht über die Entdeckung mitteilte und wirklich den Druck des von dem Autor beinahe bei Seite gelegten Werkes veranlaßt hat. Den Vorwurf dürfte man überhaupt der Wittenberger Schule damaliger Zeit nicht machen, daß ihre Theologie sie abgehalten hätte, sich auch mit anderen Wissenschaften zu beschäftigen. Wir finden die eifrigsten Theologen, wie Wigand zu Eisleben, die benachbarten Berge durchstreifen, um die Wunder Gottes in den seltenen Kräutern zu schauen; Michael Neander zu Ilfeld verband mit der Kräuterkunde selbst medizinische Einsichten, er wird als der Chiron Vgl. Ilias 11, 832; 4, 219. des Harzes gepriesen; Johann Mathesius besaß eine treffliche Kenntnis der Metalle und Erdgewächse. In hohem Ansehen bei seinem Leben und unvergänglichem Gedächtnis nach seinem Tode stand Kaspar Cruciger, Professor der Theologie, Luthers Gehilfe bei der zweiten Ausgabe der Bibelübersetzung, um 1540; s. Ranke S. 322. den aber physikalische und besonders mathematisch-astronomische Einsichten persönlich fast noch mehr auszeichneten. Melanchthon , der sich immer in lebendiger Teilnahme an allen diesen Fortschritten zu halten suchte, in dessen Vorlesungen z. B. Valerius Cordus Ein junger Gelehrter in Wittenberg, dessen frühen Tod auf einer italienischen Reise Cruciger in einem lateinischen Gedicht beklagte; Ranke S. 347. Anregung zu seinen botanischen Ausflügen empfing, widmete doch seinen besten und fruchtbarsten Fleiß den philosophischen Studien. Hier folgt bei Ranke Näheres über Melanchthons philosophische Schriften, dann über die historischen Studien jener Zeit (Sleidanus, die große Kirchengeschichte der Magdeburger Centuriatoren, die mit Erfolg Kritik übten, z. B. an den falschen päpstlichen Dekretalen). Wir überschauen die Arbeit, in welcher der deutsche Geist begriffen war. In allen Gebieten reißt er sich von der Überlieferung los, welche sich im Laufe der Zeit in hohem Grade verfälscht und mit Aberglauben erfüllt hatte. Aber indem er zu echteren Quellen der Belehrung aufsteigt, bemerkt er doch, was auch diese zu wünschen übrig lassen. Er ist überall bemüht, die Kenntnis, welche die Alten besaßen, zu erweitern und zu ergänzen. Gegen die Systeme, die sie gebildet, ruft er den fragmentarischen Widerstand zu Hilfe, der sich unter ihnen selbst geregt hat, und schickt sich an, aus eigener Kraft zur Anschauung der Natur der Dinge hindurchzudringen. Die gewonnene religiöse Überzeugung flößt ihm Vertrauen und Furchtlosigkeit ein; Forschung und Kritik werden ihm Natur. Wir nehmen nicht ein Bestreben wahr, daß aus dem Schoße der Nationalität ohne fremde Einwirkung hervorgegangen wäre; der deutsche Geist sucht vielmehr den Boden der schon vor Zeiten gegründeten Wissenschaft nun auch seinerseits vollständig zu gewinnen und an der Arbeit der Jahrhunderte tätigen Anteil zu nehmen. Wenn es eben daher rührt, daß Latein die ausschließende Sprache der Wissenschaft blieb, so ward doch auch die auf die Muttersprache angewiesene Bevölkerung von der Teilnahme an der Bewegung nicht ausgeschlossen. Schon die theologischen Flugschriften, die Predigten, die immer schwerere Fragen in Anregung brachten, nahmen die Aufmerksamkeit der Ungelehrten in Anspruch. Ein großen Teil der alten Literatur ward ihnen in deutschen Übersetzungen zugänglich gemacht; es ist bezeichnend, was man übersetzte, was man beiseite ließ. Man nahm z. B. die Aeneide, die Metamorphosen, nicht Horaz noch Catull; es war hauptsächlich der Stoff, den man sich anzueignen suchte. Man beschäftigte sich viel mit Terenz, seines lehrreichen Inhalts wegen, der gleich auf dem Titel gerühmt ward, wenig mit Plautus; man übersetzte nicht die Reden Ciceros, sondern seine populären philosophischen Schriften. Am sorgfältigsten sind vielleicht diejenigen Werke bearbeitet, die zu unmittelbarem Gebrauch bestimmt waren. Vitruvius erscheint »als ein Schlüssel aller mathematischen und mechanischen Künste, die zur Architektur gehören, aus rechtem Grund und sattem Fundament, so daß jeder Kunstbegierige einen rechten Verstand fassen möge«: einer der schönsten Drucke jener Zeit, Vitruvius, erstmals verteutscht durch G. H. Rivium, Nürnberg 1548. Folio. Den Terenz bearbeitete Johann Rivius (Bachmann), geboren 1500 zu Attendorn in Westfalen, Rektor der Schule in Freiberg, 1545 Konsistorialassessor zu Meißen und Inspektor der Fürstenschule daselbst; gestorben 1553. mit trefflichen Holzschnitten, unter denen auch das Bildnis Albrecht Dürers prangt. Fehlt es auch nicht durchaus an freier Produktion, so ist es doch noch mehr Aneignung, Popularisierung schon vorhandener fremder Stoffe, was auch der deutschen Literatur jener Zeit ihren Charakter gibt. So recht eigen ist dies das Element, in welchem sich die umfangreichen Werke des »sinn- und kunstreichen, wohlerfahrenen« Meister Hans Sachs bewegen. Einen großen Teil der heiligen Bücher alten und neuen Testaments gibt er in Reimen wieder; daran schließen die Historien von den Märtyrern, dann folgen die weltlichen Geschichten, wo dann bei der alten Welt »der griechische Weise Herodotus« oder Justin oder Johann Herold abwechselnd als Gewährsmänner genannt werden, in der neueren die Chronisten, die französisch Chronika, die hochburgundisch Chronika. Weiter finden sich die Erzählungen der Volksbücher, wie vom hörnen Siegfried oder der schönen Magelone; die Sprüche der alten Philosophen und die Tierfabel fehlen nicht; zuweilen werden theologische Fragen aufgeworfen, wo dann jeder Teil seine Zeugnisse aufführt, Propheten und Apostel gewissermaßen redend erscheinen. Indem sich aber Hans Sachs fast überall früheren Autoren anschließt, weiß er sich doch ihrer Form zu erwehren. Sein Verfahren steht anderer Poesie beinahe entgegen. Während andere dem überlieferten Stoffe neue Gestalt zu geben suchen, führt er das Gestaltete auf den Stoff zurück. Er nimmt zuweilen alte Komödien herüber, aber gleichsam auszugsweise; ihm gewinnen hauptsächlich nur die Situationen, ihre Aufeinanderfolge und das daraus hervorgehende Ergebnis Teilnahme ab. Seine dramatischen Arbeiten sind höchst sonderbar; man könnte sagen, sie entbehren des Dialogs; wenigstens arbeitet sich derselbe aus der Erzählung nur eben erst hervor. Und selbst mit seiner Erzählung verhält es sich oft ähnlich; er epitomiert die Volksbücher. Den großen Inhalt der Literatur, der ihm selbst zu Händen gekommen, rückt er in einen seinen Lesern entsprechenden Gesichtskreis. Nur da entwickelt er dichterische Gaben, wo er sich entweder in diesem Kreise schon bewegt, wie in den Schwänken, oder wo er das Anmutige, Heitere, Unschuldig-Sinnliche berührt. Die grüne Tiefe der Wälder, die Maienluft der Wiesen, Schönheit und Schmuck der Jungfrauen weiß er mit unnachahmlicher Anmut und Zartheit zu schildern. Überhaupt muß man ihm Zeit lassen und ihm nachgehen. Seine Anfänge pflegen prosaisch und uneben zu sein; weiterhin wird die Sprache fließender und die Gedanken treten mit voller Deutlichkeit hervor; mit treuherziger Einfalt spendet er besonders die Lehre aus. Es ist ihm nicht genug, in seinem Garten die schönsten und würzigsten Blumen gepflanzt zu haben; er will auch kräftige Wasser, heilsame Säfte daraus abziehen zur Stärkung der geistig Schwachen. Religiöse Überzeugung und moralische Absicht sind aber in ihm eins und dasselbe. Mögen die Theologen über einzelne Punkte noch hadern, ihn berühren diese Streitigkeiten nicht. Er hat eine sichere Weltanschauung gewonnen, die alles umfaßt, der sich alles, was in sein Bereich kommt, von selbst unterwirft. Er hat Gefühl für den Reiz der irdischen Dinge, und oft beschäftigt ihn die Vergänglichkeit derselben; man sieht wohl, daß dieser Gegensatz inneren Eindruck auf ihn hervorbringt, aber er hat dafür einen ewigen Trost ergriffen, an dem ihn nichts irre machen kann. Diese Bildung, die doch auch von ihrem Standpunkt aus die Welt umfaßt, und diese Gesinnung flößen uns Hochachtung ein gegen den damaligen Stand der deutschen Handwerker, aus dem sie hervorging. An vielen Orten, wo von jeher die Poesie geblüht, fand man noch Meistersänger . Um Hans Sachs hatten sich deren, wie man sagt, über zweihundert in Nürnberg gesammelt, und noch oft hielten sie ihre Singschule zu St. Katharina. Sie wiederholten gern die Sage ihrer Altvordern, wie ihre Gesellschaft einst bei ihrem Ursprung von allem Verdacht der Ketzerei freigesprochen und von Kaiser und Papst bestätigt worden sei; wenn dann aber das Hauptsingen begann, welches immer schriftmäßig sein mußte, hatte der Vorderste, der Merker, die lutherische Bibel vor sich und gab Acht, ob das Lied wie mit dem Inhalt des Textes so auch mit den reinen Worten, deren sich Doktor Luther bedient hat, übereinstimmte. Von den künstlerischen und poetischen Hervorbringungen dieser Zeit haben wohl diejenigen überhaupt den meisten Weit, welche die religiöse Gesinnung aussprechen. Das Kirchenlied , dessen Ursprung wir berührten, bildete sich von Jahr zu Jahr mannigfaltiger und eigentümlicher aus; es vereinigt die Einfalt der Wahrheit mit dem Schwung und der Tiefe des auffassenden Gemütes; es ist zugleich von dem Gefühl des Kampfes, dessen verschiedene Epochen sich darin ausgedrückt haben, und der Gewißheit des Sieges durchdrungen; es ist oft wie ein Kriegsgesang gegen den noch immer drohenden Feind. Und mit dem Liede ist zugleich die Melodie hervorgegangen, häufig ohne daß man sagen könnte, wie das geschehen ist. Nur geringe Anfänge enthalten die ersten Liederbücher von 1524; im Jahre 1545 erscheinen schon 98 Melodien, im Jahre 1573, denn mit der Zeit wuchs auch die Gabe, 165. Biblische Texte hatten eine besondere Kraft, die Musiker anzuregen; zu dem Magnifikat finden sich vier verschiedene Weisen, alle gleich trefflich. Und hieran knüpfte sich die kunstgerechte Ausbildung des Chorals. Das Unechte und Überladene, das sich der früheren Musik beigesellt hatte, ward ausgestoßen; man bemühte sich, nur die Grundtonart streng und harmonisch zu entfalten; die evangelische Gesinnung gewann im Reich der Töne Ausdruck und Darstellung. Gewiß schloß man sich auch hier an das Vorhandene an. Es hat Kirchenlieder vor Luther gegeben; die neue Musik gründete sich auf die alten Gesänge der lateinischen Kirche, aber alles atmete doch einen neuen Geist. So beruhte seinerseits auch der gregorianische Gesang auf den Grundsätzen der antiken Kunstübung. Eben darin liegt die Eigentümlichkeit der ganzen Bewegung, daß sie das Konventionelle, Abgestorbene oder doch nicht zu weiterem Leben zu Entwickelnde von sich stieß und dagegen die lebensfähigen Momente der überlieferten Kultur unter dem Anhauch eines frischen Geistes, der nach wirklicher Erkenntnis strebte, zu weiterer Entfaltung brachte. Dadurch ward sie selbst ein wesentliches Glied des universalhistorischen Fortschritts, der die Jahrhunderte und Nationen verbindet. Es bedurfte noch geraumer Zeit, ehe die erwachten Ideen sich durcharbeiten, bewähren konnten; auf Kopernikus mußte erst Kepler folgen. Die Einwirkungen der mitstrebendenden Nationen der europäischen Gemeinschaft mußten erst, wo sie fördernd waren, aufgenommen, wo aber das Gegenteil, was doch auch geschah, überwunden werden. Die Wissenschaften waren noch zu streng an den Gebrauch der lateinischen Sprache gebunden, als daß der Geist der Nationen neuerer Zeit sich mit voller Freiheit darin hätte bewegen können. Die Tiefe und Ursprünglichkeit der eigentümlich germanischen Anschauungen war gleichsam zu stark zurückgedrängt. Es ist eine Zeit gekommen, wo der deutsche Geist das Altertum noch lebendiger begriffen hat; dem Geheimnis der Natur noch einen Schritt näher getreten und zugleich zu eigner und doch allgemein gültiger Darstellung gelangt ist. Dazu gehörte aber freilich, denn auch der wissenschaftliche Fortschritt beruht auf dem langsam reifenden allgemeinen Leben, eine Entwicklung der politischen Verhältnisse, die es möglich machte. Und für diese standen, trotz alledem was bereits erreicht war, noch die schwersten Kämpfe bevor. So viel hatte Karl V. doch bewirkt, daß sich der protestantische Geist nicht der ganzen deutschen Nation und ihrer großen Institute bemächtigen konnte. 12. Deutschland nach dem Augsburger Religionsfrieden. Zur deutschen Geschichte, Werke Bd. 7, S. 25-47. Ich finde nicht anders, als daß die gereinigte Lehre um die Jahre 1560, 1570 eine entschiedene Übermacht in Deutschland erlangt hatte. Man weiß, wie sie Obersachsen und Niedersachsen sozusagen vollkommen beherrschte, in Franken an den Bistümern einen wahrhaft schwachen Widerstand fand und sich ihnen zum Trotz in ihrem Gebiete festsetzte, wie sie von Adel und Städten in Schwaben von Anfang an willkommen geheißen und angenommen ward. Allein auch in Bayern und Österreich, am Rhein und in Westfalen hatte sie die größten Fortschritte gemacht. In Bayern mußte ihr Herzog Albrecht V. bedeutende Verwilligungen zugestehen: es ist merkwürdig, daß er selber, der späterhin so gut katholisch war, im Jahre 1561 den Predigten des evangelischen Pfarrers Pfauser zu Neuburg freiwillig mit seinem ganzen Hofe beigewohnt hat. Noch um 1570 war, wie der Herzog selbst dem Papst meldete, ein großer Teil des Adels der neuen Meinung so willig zugetan, daß er lieber ohne Sakrament und Gottesdienst leben als zum alten Ritus zurückkehren wollte. In Salzburg forderten 1563 vier Gerichte D.h. die Einwohner der Gerichtsbezirke. auf einmal die Erlaubnis des Kelches; der Erzbischof erklärte dem Konzil, keine menschliche Macht würde sie vermögen davon abzustehen. Wie lange erhielten sich hier lutherische Gemeinden im Verborgenen! In Österreich hatte man das Luthertum mit besonderem Eifer ergriffen. Der Adel besuchte die protestantischen Universitäten; in Wittenberg finden wir in kurzer Zeit drei junge Leute aus dem österreichischen Herrenstande nach damaliger Sitte zu dem Rektorat erwählt. Die ersten Jesuitenschulen wurden wieder aufgehoben, weil kein Einheimischer dahin zu bringen war, ihren Unterricht zu benutzen. Von dem Adel eingeführt, von der Regierung geduldet, wenn nicht begünstigt, erfüllten lutherische Prediger beide Österreich und die steiermärkischen Landschaften. Schwendi Siehe oben S.69. versichert um 1570, der Adel im Reiche sei fast durchgehend sowohl unter katholischer als unter lutherischer Obrigkeit, der geänderten Religion zugetan, wenn ja irgendwo nicht öffentlich, doch gewiß insgeheim. Die Domherren, fügt er hinzu, seien entweder des nämlichen Glaubens oder kalt und gleichgültig; man erhalte kein Kloster länger, man stifte keine Messe mehr. Jener Bericht des Herzogs von Bayern kann den Zustand der Geistlichkeit nicht verfallen genug schildern. Wer hätte da das Volk etwa wider seinen Willen bei dem alten Glauben zurückzuhalten vermocht! Der gemeine Mann wollte von diesen Zeremonien nichts mehr wissen; er verließ die Kirche, sobald die Predigt aus war; konnte er diese nicht nach seiner Neigung haben, so las er zu Hause evangelische Predigten oder hörte deren von seinesgleichen an. Eben darum fand man keine Leute mehr für die Klöster. Lehren wie vom Fegefeuer konnte man nicht mehr durchbringen, Funktionen wie die Wallfahrten nicht länger in Übung erhalten. Und selbst unter den Gewalthabern, die noch katholisch geblieben, war die Ehrfurcht vor Rom vollkommen verfallen. Wie oft spottete selbst König Ferdinand über die Kurie und ihre vergeblichen Reformen! Auf diesem entschiedenen Übergewicht der Unkatholischen beruhte der damalige Zustand von Deutschland, seine politische Haltung und sein innerer Friede. Keineswegs war es so geradehin, so durchaus wie nachher, in ein katholisches und ein protestantisches zerfallen; beide Teile wohnten untereinander, durcheinander. Von dem wilden Sektenhaß, welcher späterhin entbrannte, war man damals weit entfernt. Selbst die geistlichen Fürsten dachten nicht daran, ihre Untertanen um der Religion willen zu bedrängen; die entschiedensten Evangelischen haben die friedliebenden und wohlmeinenden Erklärungen derselben von 1562 nur zu rühmen gewußt. Ihr Verfahren war lange Zeit diesen Erklärungen gemäß. Natürlich, unter ihren Räten und Kanzlern war vielleicht ein einziger katholisch, die übrigen waren Protestanten und zuweilen sogar heftige Protestanten. Relation von Commendone, der (als päpstlicher Nuntius in Wien) 1561 auf dem protestantischen Fürstentage zu Naumburg erschien. R. Wie im Reiche überhaupt, so führte sich allenthalben, wo nicht der Protestantismus gesetzlich geworden war, in Landschaften, Städten und Häusern eine ungebotene, naturgemäße praktische Duldung ein. Und hier darf ich mir wohl erlauben, noch einige andere Punkte zu berühren. Es ist eine verbreitete Meinung, die geistige Entwicklung der Deutschen in Literatur und Poesie sei durch die Reformation aufgehalten worden. Allein, war es nicht die kirchliche Bewegung, welche dem Meistergesange, dessen etwas langweilige Formen schon lange an die Stelle der alten Poesie getreten waren, erst seinen Inhalt gab? Der begeisterte Ausdruck des religiösen Gefühls und Tiefsinnes unserer Nation in dem protestantischen Kirchenliede, wäre er für nichts zu achten? Sinnesweise und Weltansicht des deutschen Bürgerstandes spricht Meister Hans Sachs ehrlich und anmutig, künstlich und belehrend aus; niemals hatte er wieder seinesgleichen, er gilt in seiner Art für alle Zeiten. Die Poesie der Rollenhagen und Fischart hat die ganze Kraft, Einfachheit, Wärme und Wahrheit des deutschen Geistes. Man verkenne nicht das Verdienst der Chroniken des 16.Jahrhunderts; sie haben Studium, Vaterlandsliebe und den Ausdruck einer treuherzigen, mannhaften Biederkeit, wie sie in Leben und Lehre so erwünscht und förderlich ist. Es lebte noch ungeirrt der alte, in seinem Grunde schaffende, ewig hervorbringende Geist der Nation. Jene tiefsinnigen Fabeln, von Faust oder dem ewigen Juden, und wieder wie viele schöne und zartgedachte Volkslieder verdanken ohne Zweifel ihre Entstehung keinem andern als diesem Jahrhundert. Sollte auch der Genius der Nation, der aus eigenem Antriebe, mit großem und allgemeinem Schwunge, reinere und tiefere Religion wieder erweckt hatte, damit sich selber entgegengetreten sein? Die Werte dieser Zeit ermangeln allerdings der Schönheit der Form, die nur aus selbstbewußter Beschränkung der eigenen Fülle hervorgeht; sie sind mehr künstlich, tiefsinnig und mannigfaltig als eigentlich wohlgestaltet. Welche andere unserer Epochen aber hätte so großes Recht, jene darüber zu tadeln? Oder hätten wir es? Der Vorzüge sinnreicher Vertraulichkeit wenigstens ermangeln wir überdies. Der lebendige Geist des damaligen Deutschland, gesund und noch sein eigen, schien nur den Augenblick zu erwarten, wo die theologischen Streitigkeiten sich beruhigen würden, um seine Kräfte auf allen großen Bahnen zu versuchen, die dem Menschen ehrenvoll und rühmlich sind. Auch hat man wohl behauptet, mit dem Handel und Wohlstand der deutschen Städte sei es gegen die Mitte des 16.Jahrhunderts schon durch die Einwirkung neuentdeckter Handelswege ziemlich am Ende gewesen. Ich kann dies so im ganzen nicht finden. Wenigstens venetianische Gesandte sehen so gut nach wie vor dem schmalkaldischen Kriege eine Hauptstärke von Deutschland in den Städten. Badoer Gesandter Venedigs bei Karl V. 1356; s. Ranke S.11 Anm. u. S.28. findet sie an wohlgelegenen Stellen erbaut, mit schönen Stadthäusern und Palästen, mit vielen und großen Kirchen ausgestattet, denen selbst der Vorzug vor den italienischen gebühre, reinlich gehalten, bewohnt von wohlhabenden Privatleuten und den geschicktesten Handwerkern der Welt, gut bewaffnet und eifersüchtig auf ihre Freiheit. Ihm zufolge waren die Seestädte noch keineswegs in Verfall. Den Städten Hamburg, Lübeck, Rostock, Danzig, Riga schreibt er einer jeden 100-150 eigene Schiffe zu. Danzig war vielleicht der zweite oder dritte Handelsplatz der Welt; hier trafen beide Wege zum Orient, der alte russische Landweg und der Seeweg der Portugiesen, wieder zusammen; der europäische Osten und Westen hatten hier ihren großen Austausch, häufig sah man 4-500 Schiffe auf der Reede. Bericht des venetianischen Gesandten am polnischen Hofe, Lippomanie, 1575.R. Noch war der Verkehr im Norden nicht verloren. In dem dänischen Reiche bestätigte der odenseeische Vertrag noch 1560 die Hanse in ihren althergebrachten Freiheiten als die meistbegünstigten Fremden; sie blieben die Herren des Handels auf Schonen, sie hatten den Heringsfang an der norwegischen Küste, der so viel eintrug. In Schweden hatten sie zwar ihre großen Freiheiten, doch lange noch nicht Zutritt und Handelschaft verloren. Dem König zum Trotz eröffneten sie die Fahrt nach Narwa, um mit Rußland unvermittelt in Verbindung zu bleiben. Ihre wichtigste Station war jedoch noch immer London. Das Privilegium, dessen sie genossen, war so wirksam, daß sie im Jahre 1551 44000 Stück Tuch aus England ausgeführt haben, während die Engländer auf eigenen Schiffen nur 1100 verluden. Die Verbindung Karls V. mit England und die Geschicklichkeit seines Gesandten Hans von Werden Bürgermeister von Danzig, 1553 Mitglied der Hansischen Gesandtschaft, die zugleich im Auftrage des Kaisers nach England ging; s. Inventare Hansischer Archive, herausgegeben von Höhlbaum, Bd.1 (1896), S.56, 64, 362, 367. erhielt sie trotz aller Widersprüche bei ihren hergebrachten Rechten; 1554 verluden sie wieder 30 000 Stück Tuch, wobei sie, wie leicht zu erachten, einen außerordentlichen Vorteil hatten. Aber freilich machte solches Übergewicht, zumal da man nicht immer streng bei den Gesetzen blieb. eine Rückwirkung von England her unvermeidlich, und es kam alles darauf an, einer solchen mit Vernunft und Nachdruck zu begegnen. Der Zwischenhandel zwischen England und den Niederlanden war noch großenteils in den Händen der Hansen. Die Privilegien der brabantischen Herzoge bestätigte ihnen 1561 Philipp II.; in Antwerpen, dem vornehmsten Sitze des damaligen Welthandels, bauten sie ein neues, prächtiges Residenzhaus. In Frankreich wuchs ihr Gewerbe dergestalt an, daß sie erst damals sich entschlossen, einen beständigen Residenten daselbst zu halten. In großen Gesellschaften unternahmen sie die Fahrt nach Lissabon. Hier sowie in Flandern, in Frankreich und in dem gesamten Westen trafen sie mit den oberdeutschen Landstädten zusammen, die nicht minder in großer Blüte standen. Rhein und Main waren durch den Verkehr Nürnbergs mit Antwerpen belebt. Die Weltstellung Nürnbergs ist, daß es sozusagen an die Stelle der so oft in Vorschlag gebrachten Wasserverbindung zwischen Rhein und Donau trat. Man hat berechnet, daß die Waren vom Ausfluß des Rheins bis zum Ausfluß der Donau über Nürnberg nur vierzig Stunden Weges zu Lande zu machen hätten. Doch begnügte man sich hier nicht etwa mit reinem Zwischenhandel; schlesische Leinwand, italienische Seide, englische Tuche bearbeitete man erst, ehe sie weiter vertrieben wurden. Man kennt die Mannigfaltigkeit des der Kunst nahe verwandten Handwerks, das von allen Seiten der Welt sich hierher zog und seine Erzeugnisse von hier in alle Welt aussandte. Im Jahre 1544 befand sich einer von unsern Venetianern hier; dieser einsichtige Republikaner kann den Nürnbergern seine Bewunderung nicht versagen. Er rühmt, wie sparsam sie in ihren Häusern leben, wie sie sich nicht allzu prächtig in Seide und kostbares Pelzwerk kleiden, ihre Feste mit Mäßigkeit begehen; wie sie dann, da sie in der Fremde und zu Hause immerfort gewinnen, täglich reicher werden. In demselben Sinne werde die Stadt verwaltet: man könne rechnen, daß sie jährlich bei drei Viertel ihrer Einkünfte erspare; sie müsse einen Schatz von fünfzehn Millionen Gulden haben. Wenn Nürnberg die Tochter von Venedig sei, so habe es die Mutter hierin weit übertroffen. Dabei spare man nicht bei dem Notwendigen; ohne Rücksicht auf die Kosten befestige man die Stadt und rüste sie aus; er habe daselbst bei dreihundert Stück Geschütz, in den Kornhäusern für mehr als zwei Jahre Getreide gefunden; das Volk sei den herrschenden Geschlechtern mehr als irgendwo anders gehorsam. Freilich hatten sich auch diese noch nicht als Adel abgesondert; sie trieben den Handel wie ihre Väter und Mitbürger. Ihr einheimischer Poet findet daß ihnen Weisheit, Gerechtigkeit und Gewalt zur Seite stehe. Nicht minder blühte Augsburg . Die Kosten des schmalkaldischen Krieges hat man auf drei Millionen Gulden berechnet, doch ist es wohl ein Irrtum, daß die Stadt seitdem sich nie wieder habe erholen können. Im Jahre 1557 rechnet es Badoer unter die blühendsten Städte. Es habe die reichsten Wechsler der Welt, die Fugger, Welser, Baumgartner, deren Geschäft sich auf viele Hunderttausende auf einmal belaufe. Im Jahre 1560 findet es Guicciardini die reichste und mächtigste deutsche Stadt. Wie prächtig, mit wie reichen Geschenken empfing man 1566 Kaiser Maximilian und seine Gemahlin. Erst 1567 versah sich der Rat mit kostbarem Silbergeschirr, prächtigen Schüsseln und Pokalen, worin damals vor allem der deutsche Luxus bestand, um hohe Gäste würdig zu empfangen. Mit großem Behagen verweilt unser Kosmograph Münster Sebastian Münster , geboren 1489 zu Ingelheim, 1536 Professor in Basel, gestorben 1552, gab 1544 seine Kosmographie, eine umfassende Erdbeschreibung, heraus. bei Augsburg. Er weiß nicht genug zu sagen, mit welcher Billigkeit die Obrigkeit der Gemeine vorstehe, wie glückhaft und tugendlich die Bürger sowohl untereinander leben als ihren Handel in die Fremde treiben »bis in die weitesten Länder, gegen den vier Winden der Welt gelegen«, wie ehrlich sie ihre Kinder auferziehen, wie ein jeder in Schmuck und Zierat seines Hauses mit den andern wetteifere, wie prächtig, kostbar und wohleingerichtet ihre Lebensart und Sitte sei. Der Lustgarten der Fugger Raimund und Anton Fugger , beide 1530 von Karl V. in den Reichsgrafenstand erhoben. übertraf den Park zu Blois, in dem Herwartischen Garten blühte 1559 die erste Tulpe des Occidents. Diese oberländischen Städte hatten im Auslande ähnliche Privilegien wie die Hanse. In Frankreich erneute sie ihnen Franz I. und Heinrich II.; sie wurden, ganz wie die Schweizer, die mit Frankreich in so engem Bunde standen, nur zu den alten gewohnten Auflagen verpflichtet und von allen neuen freigesprochen. Für die Messe von Lyon erhielten sie besondere Gerechtigkeiten. Die Parlamente zu Paris und Rouen, in der Bourgogne und der Dauphiné; haben die Freibriefe registriert; Karl IX. hat sie noch 1566 bestätigt. Für diesen Verkehr war Lindau von allen westlichen Plätzen, soviel ich weiß, der wichtigste. Der Warenzug zwischen Danzig und Genua, zwischen Nürnberg und Lyon ging über Lindau: unser Kosmograph nennt es das deutsche Venedig. In Wien hatten Italien, das Wein und Seidenwaren, und Ungarn, welches Vieh und Häute sendete, ihren Verkehr mit den deutschen Donauländern, mit Polen und Böhmen; die Straße von Wien nach Lyon ging über Lindau. Die Frankfurter Messe kam empor; Italiener und Ungarn, Engländer und Franzosen, Polen und Russen fanden sich daselbst ein; da erkennt, sagt Scaliger, Joseph Justus Scaliger, aus der italienischen Familie della Scala, 1540 in Frankreich geboren, 1593 Professor in Leiden, gestorben 1609. Occident und Orient seine Landesprodukte wieder, auch sammelt man ewigdauernde Schätze für den Geist. Diese großen Plätze hatten eine bedeutende Wirkung auf das ganze innere Deutschland. Wie sehr blühte z.B. die Altmark: Stendal, das allein 7-800 Tuchmacher zählte, das kleine Gardelegen, das im Jahre 1547 700 Soldaten werben konnte; man führte den Hopfen in viel tausend Wispeln aus; der Durchgang des Herings brachte einen sehr bedeutenden Vorteil; man war, ein seltener Fall, reich zu Berlin. Das Salz, das von Lüneburg, das Korn, das von Magdeburg verschifft ward, erhielt diese Städte in großer Aufnahme. Magdeburg war reich genug, Kaiser Karl gegenüber eine Besatzung zu halten, welche bei vier Millionen Gulden gekostet hat. Man machte Saale und Spree schiffbar. In Schwaben betrieb man das Gewerbe bereits nicht ohne Kalkül und in Kompagnieen. Männer und Frauen beschäftigte das Spinnen und Weben der Leinwand; in Ulm verkaufte man jährlich 100 000 Stück Golsch und Barchent. Die Italiener berechnen, daß zu diesem Barchent doch auch Baumwolle gebraucht werde, die man von ihnen hole, so daß der Vorteil nicht ganz auf deutscher Seite sei. Wenn es sich ja so verhielt, selbst wenn, wie sie behaupten, die Bilanz im ganzen zum Nachteil der Deutschen ausfiel, so war dies damals eher zu ertragen. Vielleicht sind die deutschen Erzgruben niemals ergiebiger gewesen. Man kennt jene Sage, die sich an so mancher Stelle wiederholt, von dem Alten, der da tief drinnen in den Bergen hinter eisernen Türen reiche Schätze hüte. Ihre Bedeutung, leicht ist sie zu erraten, hatte damals an vielen Orten eine glänzendere Erfüllung als man jemals hätte erwarten können, vor allem im Erzgebirge. Zwar wollen wir nicht die ungeheuren und unglaublichen Angaben der Chronika Carionis Von dem Astronomen Joh. Carion (†1537) unter Mitwirkung Melanchthons als Leitfaden der Weltgeschichte verfaßt, von Melanchthon in erweiterter lateinischer Bearbeitung 1558 herausgegeben. über die Schneeberger Ausbeute wiederholen, so viel Mühe sich auch der gute Aibinus Verfasser einer Meißnischen Bergchronik. gegeben, sie wahrscheinlich zu machen; allein außerordentlich war sie doch, wie schon ihr Ruf bezeugt. Die Register, obwohl unvollständig, ergeben in den ersten 79 Jahren, bis 1550, bei zwei Millionen Güldengroschen, das ist gegen drei Millionen Taler, die unter die Gewerke verteilt worden. In Annaberg hat man zwischen 1500 und 1600 über vierthalb Millionen Güldengroschen, das ist über fünf Millionen Taler, in Freiberg jährlich lange Zeit 50-60 000 Güldengroschen, zusammen in 71 Jahren über vier Millionen Taler, in Marienberg endlich – wir haben von allen diesen Orten die genauen Verzeichnisse Ranke zitiert Gmelin , Beiträge zur Gesch. des deutschen Bergbaues. Halle 1783. – zwischen 1520 und 1564 über zwei Millionen Güldengroschen ausgeteilt. Die stärkste Ausbeute, Trinitatis 1540, ward durch ein Lied gefeiert, welches uns erhalten ist. Nun sind dies nur die bedeutendsten Werke, neben denen noch andere blühten; von jener Summe sind alle Berg- und Hüttenkosten bereits abgezogen; der Zehnte und Schlagschatz des Landesherrn, der sehr bedeutend, ist dabei nicht gerechnet; viele Zechen baute man frei. Gewiß ist der Ertrag der sächsischen Bergwerke in diesem Jahrhundert auf 30-40 Millionen Taler gestiegen. Unser Venetianer behauptet, man habe in Dresden täglich 3000 Taler geschlagen, was dann im Jahr eine Million betragen haben würde. Nicht minder reich waren einige österreichische Landschaften. Auch was Joachimsthal Im böhmischen Teil des Erzgebirges. eingebracht, ist von Bergmeister zu Bergmeister genau verzeichnet. Zwischen 1516 und 1560 hat man daselbst über vier Millionen Taler reinen Überschuß ausgeteilt; der Fundgrübner Martin Heidler hat ganz allein mit seiner Frau 100 000 Gulden Ausbeute gehoben. Erst im Jahre 1525 hat man im Lebertale zu bauen angefangen; es waren bereits über 30 Silbergruben im Gange, welche das Jahr niemals unter 6500 Mark Silber geliefert haben, als man zu Bachofen und S. Wilhelm überdies auf gediegene Silberstufen stieß. Unerschöpflich zeigte sich Schwatz ; In Tirol. »da haut und schmilzt man,« sagt Münster, »ein unsäglich Gut für und für, Tag und Nacht«. Die Einkünfte Ferdinands aus diesem Bergwerk werden jährlich auf 250 000 Gulden, angeschlagen; in der Tat hat es zwischen 1526 und 1564 über zwei Millionen Mark Brandsilber, das ist über zwanzig Millionen Gulden, ertragen. Nach Gmelin. Indessen aber gingen auch die alten Gruben nicht ein. An dem Rammelsberge ließ schon Herzog Heinrich der Jüngere, Von Braunschweig-Wolfenbüttel; vgl. Deutsche Geschichte 5, 80. 199 ff. ein guter Bergmann, fleißig arbeiten. Wo er aufgehört, an dem Goslarischen Stollen, setzte es Herzog Julius mit noch größerem Eifer fort; er brachte seinen jährlichen Überschuß auf 20 000 Taler höher als sein Vater. Faßt man dieses alles zusammen, erinnert man sich, wie vieler anderer Silbergruben Matthesius nur allein in Böhmen erwähnt, daß z.B. bei Budweis in sieben Jahren über 23 000 Mark brachen, daß Röhrbüchel In Oberösterreich. im Jahre 1552 über 22 000 Mark lieferte, daß Rauris Im Salzburger Gebiet, gleichwie Gastein. und Gastein »mit Gewalt Gott schütteten«, und unzählige andere Werke im Gange waren, so möchte man sagen dürfen, daß Deutschland die Masse der im Weltverkehr befindlichen edlen Metalle in diesem Jahrhundert um nicht viel minder vermehrt habe als Amerika, dessen Ertrag, wie wir wissen, sich anfangs lange nicht so hoch belief als man hat glauben wollen, in den ersten fünfzig Jahren nach der Entdeckung. Allein es war nicht bloß um das Silber. An die bergmännischen Beschäftigungen, die in ihrer abgeschiedenen, besonderen Freiheit und Art auch an und für sich etwas bedeuten, knüpfte sich das mannigfaltige Handwerk an. Wie jener Herzog Julius, »ein rechter Vater aller Handwerksleute«, das Eisenwerk zu Gittelde, die Messinghütten zu Buntheim ihnen zum Nutzen in gutem Stande zu erhalten wußte. Die Waffenschmieden von Suhl versorgten bereits Deutschland und Welschland, Ungarn und Polen. Wie reich an neuen Erfindungen oder Erweiterungen der alten ist diese Periode; von der feinen Handarbeit des Spitzenklöppelns Barbara Uttmann in Annaberg, gestorben 1553. auf der einen Seite bis zu den gewaltigen Maschinen des Bergbaues auf der andern, oder den künstlichen Uhrwerken, den sinnreich erdachten Himmelskugeln, jenen Kompassen, die unser Georg Hartmann Um 1543 in Nürnberg; s.o.;S.81. mit soviel Beobachtung verfertigte, daß er dabei die Deklination der Magnetnadel entdeckte. Unmittelbar befinden wir uns wieder bei den großen geistigen Interessen. Es war eine allgemeine, nach dem Neuen suchende, das Element bezwingende kunstfertige Regsamkeit, welche mit dem geistigen Übergewicht, das man überhaupt in der Welt noch hatte, zusammenhing. Da hatte sich denn, wie man auch in Münsters Beschreibung wahrnimmt, über den ganzen Boden hin Behagen und Wohlhabenheit ausgebreitet. Wir sehen bei ihm, wie sich der Landertrag nach den Städten hin sammelte, etwa der Kornhandel nach Schweinfurt oder Überlingen, wie 200 Städte, Flecken und Dörfer zu Markte nach Worms gingen, wie man das Getreide des Elsaß in alle Länder umher und auch durch Churwalen hinauf in die italienischen Grenzen führte, wie die Kastanien durch Thüringer Fuhrleute nach dem Norden oder flußabwärts nach England gebracht wurden, auch der Wein von Weißenburg in Brabant und Niederland seinen Markt fand. Mit Vergnügen folgen wir dieser Beschreibung. Von dem Gebirge herab, dessen heilende Kräuter sie namhaft macht, führt sie uns die Flüsse entlang durch die Landschaften von unzähligen Dörfern und wohlgelegenen Schlössern erfüllt, mit Buchen und Eichen umzäunt, nach den Bergen, wo der Wein kocht, nach der Ebene, wo die Kornähren so hoch wachsen, daß sie dem Reiter auf den Kopf reichen, zu den gesunden Brunnen, den heißen Quellen; sie eröffnet uns Deutschland wie eine Sommerlandschaft mit den bunten Streifen ihrer Feldfrüchte, über und über von geschäftigen Händen angebaut und, was mehr ist, von einem treuherzigen, in seinen Sitten und dem Ruhme alter Tugend verharrenden tapferen Volke bewohnt. * Soviel ist einleuchtend, daß, um an die Möglichkeit einer Erhaltung der Einheit Deutschlands in diesem Zeitraum denken zu können, nicht gerade notwendig ist, eine andere Entwicklung der Reformation vorauszusetzen. Nach alle den Stürmen, welche dieselbe begleitet haben, sehen wir doch die Nation gewerbtätig und mächtig, blühend und groß, von ihren Fürsten in Eintracht zusammengehalten, gegen auswärtigen Einfluß eifersüchtig und abgeschlossen. Sie in diesem Zustand zu erhalten, zu befestigen, darauf kam alles an. In jeder Gesundheit liegt eine Möglichkeit der Krankheit, die Möglichkeit des Verfalles in jeder Größe und allem Bestehen, in jeder Vereinigung die Möglichkeit der Trennung. Dadurch unterscheidet sich der vorausdenkende Staatsmann von dem schwatzenden Pöbel oder der Leidenschaft der Partei, daß er die Elemente der Gefahr von ferne erkennt und ihnen vorzubauen versucht. Leugnen wir nicht, daß diese Elemente in dem damaligen Zustand der deutschen Nation besonders stark waren. Durch das glückliche Zusammentreffen von Umständen, die ihnen eine andere Richtung gaben, nur eben noch gehindert uns ganz zu verderben, waren sie nicht einmal völlig beschwichtigt worden, geschweige denn eigentlich beruhigt. Man mußte in den Jahren des inneren Friedens sorgfältig Bedacht nehmen, ihrem Ausbruche vorzubeugen. Die größte Gefahr war unfehlbar da, wo die geistlichen und weltlichen Interessen einander berührten, in den Verhältnissen der deutschen Kirche . Sie war von dem Protestantismus wenigstens in einem Teile ihrer Grundlagen angegriffen und während der Unruhen, als die Gewalt nicht selten statt des Rechtes galt, beleidigt und beeinträchtigt worden. Und doch beruhte die Verfassung des Reiches, in dessen beiden vornehmsten Räten, dem kurfürstlichen und dem fürstlichen, so viele geistliche Mitglieder saßen, wesentlich auf der Kirche. Die geistlichen Amtshandlungen der deutschen Bischöfe und Erzbischöfe wollten wenig sagen; mit der Seelsorge hatten sie soviel wie nichts zu tun, auch an der Regierung der allgemeinen Kirche nahmen sie geringen Anteil; sie waren deutsche Fürsten mit derselben Autonomie wie die andern, und wenigstens während des 14. und 15. Jahrhunderts haben sie sich vielleicht von allem am meisten um die allgemeinen Reichsangelegenheiten bekümmert; in diesen werden sie genannt, damit waren sie beschäftigt. Freilich gab es da oft seltsame Widersprüche zwischen dem geistlichen Titel und der weltlichen Amtsführung; aber was half es, darüber nun immer wieder einen leicht zu findenden Spott zu ergießen? Es war nun einmal so. Dazu kam noch ein andrer bedeutender Umstand. Wie oft haben protestantische Grafen und Herren wiederholt, daß Stifte und Erzstifte vornehmlich zwar zur Ehre Gottes, dann aber auch zur Erhaltung fürstlicher, gräflicher und adliger Häuser gegründet und von Kaisern, Königen, Fürsten und Herren milder Gedächtnis reichlich begabt seien; wie oft haben sie ausgeführt, das Fortbestehen ihrer Geschlechter knüpfe sich hieran. Es läßt sich schwerlich leugnen, daß diese Rücksicht bei der Stiftung mitgewirkt habe; zuletzt war sie überwiegend geworden. Die Stifter waren das Erbteil der jüngeren Söhne aus fürstlichen und adligen Häusern; sie kamen ihnen zugute, insofern sie darauf verzichten wollten, selber eine Familie zu gründen. Den erblichen Fürstentümern der ältesten setzten sich diese Wahlfürstentümer der jüngeren Söhne zur Seite. Weltliche Austeilung und weltliche Bestimmung hielten einander die Wage. Wie konnte man nun wissen, daß man da, wo der Protestantismus nicht mehr insgeheim – denn das war, wie wir sahen, ziemlich allenthalben der Fall – sondern öffentlich die Oberhand behauptet hatte, um jenes »geistlichen Vorbehaltes« willen seinen Anteil an den geistlichen Benefizien und die Wirksamkeit in Reichsgeschäften, die damit verbunden war, ruhig aufgeben würde? Trotz den Bestimmungen des Religionsfriedens finden wir gar bald im ganzen nördlichen Deutschland protestantische geistliche Fürsten, welche ihre Reichsstandschaft keineswegs aufgaben, in Magdeburg, Bremen, Lübeck, Minden, Halberstadt; der Äbtissin von Quedlinburg, die eben auch evangelisch war, kostete es weniger Mühe, von dem Legaten des Papstes bestätigt zu werden als von Kursachsen. Den Religionsfrieden glaubte man nicht zu verletzen. Man behauptete, er verbiete nur, daß ein schon eingesetzter Prälat von der katholischen Kirche zur protestantischen übergehe; die Absicht sei nur gewesen, den Zwiespalt, der etwa zwischen einem altgläubigen Kapitel und einem zur neuen Lehre übergetretenen Bischöfe entstehen müsse, zu verhüten; allein mit nichten verbiete er einem bereits evangelischen Kapitel sich auch einen evangelischen Bischof zu wählen. Der Wortlaut des geistlichen Vorbehalts ist in der Deutschen Geschichte 5, 276 angeführt: »Wo der Geistlichen einer von der alten Religion abtreten würde, soll derselbig sein Erzbisthum, Bisthum u.s.w. alsobald verlassen, ... auch den Capituln ... eine Person der alten Religion zu wählen und zu ordnen zugelassen sein«. Es scheint, als seien die Kaiser dieser Meinung gewesen; sie erkannten die Landeshoheit evangelischer Bischöfe oder Administratoren an und duldeten ihre Reichsstandschaft. Hätte die Bestätigung der Bischöfe allein bei dem Kaiser gestanden, so wäre alles getan gewesen, aber nach dem Gesetz stand sie auch dem Papste zu: in diesem Verhältnisse lag die Schwierigkeit. Man hatte das Glück, einen alten Gebrauch in Übung zu finden, dessen man sich unter den neuen Umständen mit Vorteil bedienen konnte; ich meine die kaiserlichen Indulte. Unter dem Vorwande, man habe das Geld, das für die römischen Gebühren erfordert werde, nicht sogleich zur Hand, bat man um vorläufige Verleihung der Regalien auf ein paar Jahre. Indessen leisteten die Untertanen den Eid, man setzte sich fest, man suchte die Bestätigung in Rom. Erlangte man sie auch nicht, so blieb man im Amte und wußte sich eine Verlängerung des Indults zu verschaffen. Auf diese Weise verletzte man das Gesetz nicht, aber man umging es. Eben darum sind die Gesetze ein menschliches, nicht ein göttliches Institut, damit sie, sobald es notwendig geworden, sobald das Leben einen andern Gang genommen hat, demgemäß verändert werden können. Wenn man die Sache so gehen ließ, so war auf der einen Seite das Umsichgreifen ungesetzlicher Zustände nicht zu vermeiden, auf der anderen mußte die katholische Gegenpartei sich immerfort für beleidigt und gefährdet halten, der Friede konnte niemals völlig sicher sein. Vielleicht scheint es verwegen, wenn man, nachdem Jahrhunderte vorübergegangen sind, nachdem die lebendigen Kräfte in gewaltigem Widerstreit sich auseinandergesetzt haben, noch immer Möglichkeiten berechnen will. Allein wie wir verschiedene Wege vor uns haben, so auch jene Zeitgenossen. Wenn man das Verderben kommen sieht, welches gekommen ist, so kann man sich, nicht als hätte man die Anmaßung, etwas besser zu wissen, sondern aus jener Vaterlandsliebe, welche Gegenwart und Vergangenheit umfaßt, schwerlich enthalten zu fragen, wie dem Übel vielleicht zuvorzukommen war. Sollte es bei der Opposition, in welcher das Reich zu dem Papste stand, so schwer gewesen sein, die deutsche Kirche von dem Einflusse der Kurie völliger abzulösen? War man verbunden, die Beschlüsse des tridentinischen Konziliums, durch welche Eide und Verpflichtungen der Prälaten gegen den Papst so sehr geschärft wurden, in Deutschland anzunehmen? Oder gab es eine Möglichkeit, eine deutsche Kirche zu erhalten, in der das weltliche Element, wie es wesentlich überwog, auch der Form nach das bedeutendere geworden wäre? Konnte man nicht den Besitz dieser Wahlfürstentümer, die so wenig geistliche Pflichten hatten, von dem Bekenntnis gewisser Formeln unabhängig machen? Es ist dies die große Frage der Freistellung , welche Deutschland vom Religionsfrieden bis zum dreißigjährigen Kriege fortwährend in Bewegung gehalten hat. Nicht als hätte man hiermit den Protestantismus schlechthin zur herrschenden Religion machen wollen. Man wollte nur den Besitz der Wahlfürstentümer von dem Bekenntnis, die Reichsstandschaft, die mit ihnen verknüpft war, von dem Verhältnis zur Kurie absondern. Es wäre darum nicht notwendig gewesen, die Güter der Kirche geradehin für Pfründen zu erklären oder ihrer geistlichen Bestimmung völlig zu entfremden. Jene Grafen und Herren, welche so oft geltend machten, daß diese Güter auch zur Erhaltung ihrer Familien gestiftet seien, gingen nicht bis zu einem solchen Anspruch fort. Einmal drangen sie, vernehmlich seit dem tridentinischen Konzil, nur auf eine Milderung der Statuten, auf Nachlaß der neugeschärften Eide und Pflichten; dieser erledigt, versprachen sie sogar eine strengere Disziplin einzuführen. Aber die Hauptsache war, daß man der geistlichen Bestimmung der Kirchengüter nur eine andere Richtung zu geben dachte. Man erbot sich, sie ritterlich wider die Türken zu verdienen, wie die Güter der alten Ritterorden ihnen zum Kampfe gegen die Ungläubigen gewährt worden, wie diesen Rittern in Spanien sogar die Ehe gestattet worden sei. Auf mehr als einer Versammlung, auf mehr als einem Reichstage sind hierauf die bestimmtesten Anträge gemacht, es sind einige dahin zielende Einleitungen getroffen worden. Verhandlungen der Reichstage von 1576, 1582, 1594, 1597; Werke Bd. 7 S. 90, 112 ff., 134, 143. In diesem Punkte trafen die beiden großen Aufgaben der Nation zusammen. Noch lebte Suleiman, der Eroberer von Ungarn, der schon einmal in Deutschland eingebrochen und, wider alle Wahrscheinlichkeit, durch die schwachen Bollwerke von Wien abgehalten worden war. Noch öfter sollte er seine Hunderttausende heranwälzen, immer wieder in der Absicht, die deutschen Landschaften und den ganzen Westen dem Hufschlag osmanischer Rosse zu unterwerfen. Geziemte es einer großen Nation, diese ununterbrochene, auf ihre Vernichtung berechnete Feindseligkeit so hinzunehmen, immer zu warten, bis man sie anfiele, niemals auch ihrerseits freiwillig zum Schwerte zu greifen? Wenn die Deutschen sich verstanden, so begnügten sie sich, das Christentum, von Menschensatzung gereinigt, das unvermittelte Verhältnis, in welchem der Mensch zu der Gottheit und ihren ewigen Gedanken steht, aus der Verdunklung so vieler Jahrhunderte wieder zur Anschauung gebracht zu haben. Es war nicht vonnöten, daß sie sich wieder in dialektische Formeln verloren, um das kaum entdeckte Gold wieder zu verbauen. Allein unerläßlich war es, die Entzweiungen vollends beizulegen, in die man hierbei verfallen war, der Verfassung eine Gestalt zu geben, bei der man für den Augenblick bestehen konnte, und das Leben Freiheit hatte sich zu entwickeln; dann zu dem großen Unternehmen zu greifen und den Feind, der an der Pforte des Landes lag, mit gesamter Hand abzuwehren. Welch eine Aussicht! Man bemerke wohl, daß das türkische Reich , welches ebensogut eine religiöse als politische Institution ist, damals allerdings mächtiger, größer, drohender nach außen war als jemals, aber seine Untertanen noch lange nicht in dem Maße zum Muhamedanismus bekehrt hatte, wie das später geschehen ist. Es bedurfte eines glücklichen großen Schlages, und Bosnien so gut wie Ungarn, Albanien so gut wie Griechenland war dem Christentum zurückgegeben. Dann hätte Deutschland, dessen Kaiser Ungarn beherrschte und auf alle alten Pertinenzien desselben Anspruch oder Recht hatte, das vorwaltende Ansehen im östlichen Europa auf immer erwerben und diese Länder mit dem Überfluß seiner Bewohner erfüllen können. Betrachtet man, wie schwach die folgenden Großherren, wie reißend schnell eine Zeitlang der Verfall der inneren Institutionen ihres Staates, Siehe »Fürsten und Völker von Südeuropa«, Werke Bd. 35 S. 22 ff. wie gewaltig dagegen die Kriegsmacht von Deutschland war, so sollte es scheinen, als wäre dies nicht unausführbar gewesen. Allein man mußte es wollen. Man mußte die Interessen der wichtigsten Reichsfürsten dahin richten, den Adel dazu vereinigen, die ganze Nation dazu anstrengen. Es mußte als ein allgemeines nationales Werk alle Kräfte aufrufen. Dann würde die Spaltung, es ist kein Zweifel, schon an sich unmerklicher und unschädlicher geworden sein. Man glaube nicht, eine Nation sei damit in Frieden zu setzen, daß man ihr Ruhe predigt, daß man die Elemente der Bewegung ableugnet oder gewaltsam niederhält. Man muß sie vielmehr in die rechte Bahn zu leiten suchen. Nicht zur Ruhe allein, nicht zu trägem Verdumpfen ist eine Nation bestimmt; erst in der Tätigkeit wachsen die menschlichen Kräfte, freier Regsamkeit bedürfen sie. Will man nicht, daß die Bewegung eine verderbliche Richtung einschlage, daß die Nation in sich selber zerfalle und sich zerfleische, so muß man ihre wahren Bedürfnisse ins Auge fassen und zu befriedigen suchen; man muß ihr das Selbstgefühl gesetzlicher Ordnung geben und eine große Zukunft eröffnen. 13. Ignatius Loyola Päpste I, Werke Bd. 37 S. 117 ff., 151 Von allen Ritterschaften der Welt hatte allein die spanische noch etwas von ihrem geistlichen Element behauptet. Die Kriege mit den Mauren, die, auf der Halbinsel kaum geendigt, in Afrika noch immer fortgesetzt wurden, die Nachbarschaft der zurückgebliebenen und unterjochten Morisken selbst, mit denen man stets in glaubensfeindlicher Berührung blieb, die abenteuerlichen Züge gegen andere Ungläubige jenseit des Weltmeeres erhielten diesen Geist. In Büchern, wie der Amadis, voll einer naiv schwärmerischen loyalen Tapferkeit, ward er idealisiert. Don Inigo Lopez de Recalde, der jüngste Sohn aus dem Hause Loyola, auf dem Schlosse dieses Namens in Guipuscoa geboren, aus einem Geschlechte, welches zu den besten des Landes gehörte, dessen Haupt allemal durch ein besonderes Schreiben zur Huldigung eingeladen werden mußte, aufgewachsen am Hofe Ferdinands des Katholischen und in dem Gefolge des Herzogs von Najara, war erfüllt von diesem Geiste. Er strebte nach dem Lobe der Ritterschaft; schöne Waffen und Pferde, der Ruhm der Tapferkeit, die Abenteuer des Zweikampfs und der Liebe hatten für ihn so viel Reiz wie für einen andern; aber auch die geistliche Richtung trat in ihm lebhaft hervor; den ersten der Apostel hat er in diesen Jahren in einer Ritterromanze besungen. Wahrscheinlich würden wir seinen Namen unter den übrigen tapferer spanischer Hauptleute lesen, denen Karl V. so viel Gelegenheit gab sich hervorzutun, hätte er nicht das Unglück gehabt, bei der Verteidigung von Pamplona gegen die Franzosen 1521 von einer doppelten Wunde an beiden Beinen verletzt, und obwohl er so standhaft war, daß er sich zu Hause, wohin man ihn gebracht, den Schaden zweimal aufbrechen ließ, auf das schlechteste geheilt zu werden. Er kannte und liebte die Ritterromane, vor allen den Amadis. Indem er jetzt seine Heilung abwartete, bekam er auch das Leben Christi und einiger Heiligen zu lesen. Phantastisch von Natur, aus einer Bahn weggeschleudert, die ihm das glänzendste Glück zu verheißen schien, jetzt zugleich zur Untätigkeit gezwungen und durch sein Leiden aufgeregt, geriet er in den seltsamsten Zustand von der Welt. Auch die Taten des heiligen Franciscus und Dominicus, die hier in allem Glanze geistlichen Ruhmes vor ihm erschienen, däuchten ihm nachahmungswürdig, und wie er sie so las, fühlte er Mut und Tüchtigkeit, sie nachzuahmen, mit ihnen in Entsagung und Strenge zu wetteifern. Er riß sich los von seinem väterlichen Hause und seinen Verwandten und stieg den Berg von Moserrat hinan, nicht in Zerknirschung über seine Sünden, noch von eigentlich religiösem Bedürfnis angetrieben, sondern, wie er selber gesagt hat, nur in dem Verlangen, so große Taten zu vollbringen wie diejenigen, durch welche die Heiligen so berühmt geworden, ebenso schwere Bußübungen zu übernehmen oder noch schwerere, und in Jerusalem Gott zu dienen. Vor einem Marienbilde hing er Waffen und Wehr auf, die ritterliche Kleidung, in der er gekommen, gab er weg, er versah sich mit dem rauhen Gewand der Eremiten, deren einsame Wohnung zwischen diese nackten Felsen eingehauen ist. Nachdem er eine Generalbeichte abgelegt, begab er sich nicht gleich, wie seine jerusalemische Absicht forderte, nach Barcelona– er hätte auf der großen Straße erkannt zu werden gefürchtet –, sondern zuerst nach Manresa , um nach neuen Bußübungen von da an den Hafen zu gelangen. Hier aber erwarteten ihn andere Prüfungen: die Richtung, die er mehr wie ein Spiel eingeschlagen, war gleichsam Herr über ihn geworden und machte ihren ganzen Ernst in ihm geltend. In der Zelle eines Dominikanerklosters ergab er sich den härtesten Bußübungen; zu Mitternacht erhob er sich zum Gebet, sieben Stunden täglich brachte er auf den Knien zu, regelmäßig geißelte er sich dreimal den Tag. Nicht allein aber fiel ihm das doch schwer genug, und er zweifelte oft, ob er es sein Leben lang aushalten werde; was noch viel mehr zu bedeuten hatte, er bemerkte auch, daß es ihn nicht beruhige. Er hatte sich auf Monserrat drei Tage damit beschäftigt, eine Beichte über sein ganzes vergangenes Leben abzulegen, aber er glaubte damit nicht genug getan zu haben. Er wiederholte sie in Manresa, er trug vergessene Sünden nach; auch die geringsten Kleinigkeiten suchte er auf. Allein, je mehr er grübelte, um so peinlicher waren die Zweifel, die ihn befielen. Er meinte, von Gott nicht angenommen, noch vor ihm gerechtfertigt zu sein. In den Leben der Väter las er, Gott sei wohl einmal durch Enthaltung von aller Speise erweicht und gnädig zu sein bewogen worden: auch er enthielt sich einst von einem Sonntag zum andern aller Lebensmittel. Sein Beichtvater verbot es ihm, und er, der von nichts in der Welt einen so hohen Begriff hatte wie von dem Gehorsam, ließ hierauf davon ab. Wohl war ihm dann und wann, als werde seine Melancholie von ihm genommen, wie ein schweres Kleid von den Schultern fällt, aber bald kehrten die alten Qualen zurück. Es schien ihm, als habe sich sein ganzes Leben Sünde aus Sünde fortgehend erzeugt; zuweilen war er in Versuchung, sich aus der Fensteröffnung zu stürzen. Unwillkürlich erinnert man sich hierbei des peinlichen Zustandes, in welchen Luther zwei Jahrzehnte früher durch sehr ähnliche Zweifel geraten war. Die Forderung der Religion, eine völlige Versöhnung mit Gott bis zum Bewußtsein derselben, war bei der unergründlichen Tiefe einer mit sich selber hadernden Seele auf dem gewöhnlichen Wege, den die Kirche einschlug, niemals zu erfüllen. Auf sehr verschiedene Weise aber gingen sie aus diesem Labyrinth hervor. Luther gelangte zu der Lehre von der Versöhnung durch Christum ohne alle Werke; von diesem Punkte aus verstand er erst die Schrift, auf die er sich gewaltig stützte. Von Loyola finden wir nicht, daß er in der Schrift geforscht, daß das Dogma auf ihn Eindruck gemacht habe. Da er nur in inneren Regungen lebte, in Gedanken die in ihm selbst entsprangen, so glaubte er die Eingebung bald des guten, bald des bösen Geistes zu erfahren. Endlich ward er sich ihres Unterschiedes bewußt. Er fand denselben darin, daß sich die Seele von jenen erfreut und getröstet, von diesen ermüdet und geängstigt fühle. Eines Tages war es ihm, als erwache er aus dem Traume. Er glaubte mit Händen zu greifen, daß alle seine Peinen Anfechtungen des Satans seien. Er entschloß sich, von Stund an über sein ganzes vergangenes Leben abzuschließen, diese Wunden nicht weiter aufzureißen, sie niemals wieder zu berühren. Es ist dies nicht sowohl eine Beruhigung als ein Entschluß, mehr eine Annahme, die man ergreift, weil man will, als eine Überzeugung, der man sich unterwerfen muß. Sie bedarf der Schrift nicht, sie beruht auf dem Gefühl eines unmittelbaren Zusammenhanges mit dem Reiche der Geister. Luther hätte sie niemals genug getan; Luther wollte keine Eingebung, keine Gesichte, er hielt sie alle ohne Unterschied für verwerflich. Er wollte nur das einfache, geschriebene, unzweifelhafte Gotteswort. Loyola dagegen lebte ganz in Phantasieen und inneren Anschauungen. Am meisten vom Christentum schien ihm eine Alte zu verstehen, welche ihm in seinen Qualen gesagt, Christus müsse ihm noch erscheinen. Es hatte ihm anfangs nicht einleuchten wollen, jetzt aber meinte er bald Christum, bald die Jungfrau mit Augen zu erblicken. Auf der Treppe von S. Domenico zu Manresa blieb er stehen und weinte laut, weil er das Geheimnis der Dreieinigkeit in diesem Moment anzuschauen glaubte; er redete den ganzen Tag von nichts anderem, er war unerschöpflich in Gleichnissen. Plötzlich überleuchtete ihn in mystischen Symbolen das Geheimnis der Schöpfung. In der Hostie sah er den, welcher Gott und Mensch. Er ging einst am Ufer des Llobregat nach einer entfernten Kirche; indem er sich niedersetzte und seine Augen auf den tiefen Strom heftete, den er vor sich hatte, fühlte er sich plötzlich von anschauendem Verständnis der Geheimnisse des Glaubens entzückt; er meinte, als ein anderer Mensch aufzustehen. Für ihn bedurfte es dann keines Zeugnisses, keiner Schrift weiter. Auch wenn es solche nicht gegeben hätte, würde er doch unbedenklich für den Glauben, den er bisher geglaubt, den er sah, in den Tod gegangen sein. Acta antiquissima, a Lodovico Consalvo ex ore Sancti excepta; Acta Sanctorum I, 1, p. 634 ff. R. Haben wir die Grundlagen dieser so eigentümlichen Entwicklung gefaßt, dieses Rittertum der Abstinenz, diese Entschlossenheit der Schwärmerei und phantastische Asketik, so ist es nicht nötig, Iñigo Loyola auf jedem Schritte seines Lebens weiter zu begleiten. Er ging wirklich nach Jerusalem , in der Hoffnung, wie zur Stärkung der Gläubigen so zur Bekehrung der Ungläubigen beizutragen. Allein wie wollte er zumal das letzte ausführen, unwissend wie er war, ohne Gefährten, ohne Vollmacht? An der entschiedenen Zurückweisung jerusalemischer Oberen, die dazu eine ausdrückliche päpstliche Berechtigung besaßen, scheiterte sein Vorsatz, an den heiligen Orten zu bleiben. Auch als er nach Spanien zurückgekommen, hatte er Anfechtungen genug zu bestehen. Indem er zu lehren und die geistlichen Übungen, die ihm indes entstanden, mitzuteilen anfing, kam er sogar in den Verdacht der Ketzerei. Es wäre das seltsamste Spiel des Zufalls, wenn Loyola, dessen Gesellschaft Jahrhunderte später in Illuminaten ausging, Adam Weishaupt, Professor in Ingolstadt, gründete 1776, nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch den Papst, den Geheimbund der Illuminaten, der gegen jesuitische Gesinnung für die Aufklärung wirken sollte; manche frühere Jesuiten schlossen sich ihm an, andere verfolgen ihn; 1785 wurde der Bund unterdrückt. selbst mit einer Sekte dieses Namens in Zusammenhang gestanden hätte. Und leugnen kann man nicht, daß die damaligen Illuminaten in Spanien, Alumbrados, zu denen er zu gehören in Verdacht war, Meinungen hegten, die einige Ähnlichkeit mit seinen Phantasieen haben. Abgestoßen von der Werkheiligkeit des bisherigen Christentums, ergaben auch sie sich inneren Entzückungen und glaubten wie er das Geheimnis, sie erwähnten noch besonders das der Dreieinigkeit, in unmittelbarer Erleuchtung anzuschauen. Wie Loyola und später seine Anhänger machten sie die Generalbeichte zur Bedingung der Absolution und drangen vor allem auf das innere Gebet. In der Tat möchte ich nicht behaupten, daß Loyola ganz ohne Berührung mit diesen Meinungen geblieben wäre; allein daß er der Sekte angehört hätte, ist auch nicht zu sagen. Er unterschied sich von ihr hauptsächlich dadurch, daß, während sie durch die Forderungen des Geistes über alle gemeinen Pflichten erhaben zu sein glaubte, er dagegen, ein alter Soldat wie er war, den Gehorsam für die oberste aller Tugenden erklärte. Seine ganze Begeisterung und innere Überzeugung unterwarf er allemal der Kirche und ihren Gewalten. Indessen hatten diese Anfechtungen und Hindernisse einen für sein Leben entscheidenden Erfolg. In dem Zustande, in dem er damals war, ohne Gelehrsamkeit und gründlichere Theologie, ohne politischen Rückhalt, hätte sein Dasein spurlos vorübergehen müssen. Glück genug, wenn ihm innerhalb Spaniens ein paar Bekehrungen gelungen wären. Allein indem man ihm in Alcala und in Salamanca auferlegte, erst vier Jahre Theologie zu studieren, ehe er namentlich über gewisse schwere Dogmen wieder zu lehren versuche, nötigte man ihn einen Weg einzuschlagen, auf dem sich allmählich für seinen Trieb religiöser Tätigkeit ein ungeahntes Feld eröffnete. Er begab sich nach der damals berühmtesten hohen Schule der Welt, nach Paris. Die Studien hatten für ihn eine eigentümliche Schwierigkeit. Er mußte die Klasse der Grammatik, die er schon in Spanien angefangen, die der Philosophie durchmachen, ehe er zur Theologie zugelassen wurde. Nach der ältesten Chronik der Jesuiten, Chronicon breve, Acta Sanctorum I, 1, p. 525, war Ignatius von 1528-1535 in Paris. Ibi vero non sine magnis molestiis et persecutionibus primo grammaticae de integro, tum philosophiae ac demum theologico studio sedulam operam navavit. R. Aber bei den Worten, die er flektieren, bei den logischen Begriffen, die er analysieren sollte, ergriffen ihn die Entzückungen des tieferen religiösen Sinnes, den er damit zu verbinden gewohnt war. Es hat etwas Großartiges, daß er dies für Eingebungen des bösen Geistes erklärte, der ihn von dem rechten Wege abführen wolle, und sich der strengsten Zucht unterwarf. Während ihm nun aus den Studien eine neue, die reale Welt aufging, ließ er doch von seiner geistigen Richtung und selbst ihrer Mitteilung keinen Augenblick ab. Eben hier war es, wo er die ersten nachhaltigen, wirksamen, ja für die Welt bedeutenden Bekehrungen machte. Von den beiden Stubenburschen Loyolas in dem Kollegium St. Barbara war der eine, Peter Faber aus Savoyen, ein Mensch, bei den Herden seines Vaters aufgewachsen, der sich einst des Nachts unter freiem Himmel Gott und den Studien gewidmet hatte, nicht schwer zu gewinnen. Er repetierte mit Ignatius, denn diesen Namen führte Inigo in der Fremde, den philosophischen Kursus; dieser teilte ihm dabei seine asketischen Grundsätze mit. Ignatius lehrte den jüngeren Freund seine Fehler bekämpfen, klüglich nicht alle auf einmal, sondern einen nach dem andern, wie er denn auch immer einer Tugend vorzugsweise nachzutrachten habe; er hielt ihn zur Beichte und häufigem Genuß des Abendmahls an. Sie traten in die engste Gemeinschaft; Ignaz teilte die Almosen, die ihm aus Spanien und Flandern ziemlich reichlich zuflossen, mit Faber. Schwerer machte es ihm der andre, Franz Xaver aus Pamplona in Navarra, der begierig war, der Reihe seiner durch Kriegstaten berühmten Vorfahren den Namen eines Gelehrten hinzuzufügen; er war schön, reich, voll Geist und hatte schon am königlichen Hofe Fuß gefaßt. Ignaz versäumte nicht ihm die Ehre zu erweisen, die er in Anspruch nahm, und zu sorgen, daß sie ihm von anderen erwiesen wurde. Für seine erste Vorlesung verschaffte er ihm eine gewisse Frequenz. Wie er ihn sich erst persönlich befreundet hatte, verfehlte sein Beispiel, seine Strenge ihre natürliche Wirkung nicht. Er brachte diesen wie jenen dahin, die geistlichen Übungen unter seiner Leitung zu machen. Er schonte ihrer nicht; drei Tage und drei Nächte ließ er sie fasten; im härtesten Winter, die Wagen fuhren über die gefrorene Seine, hielt er Faber dazu an. Er machte sich beide ganz zu eigen und teilte ihnen seine Gesinnung mit. Nachdem sich noch einige Spanier, Salmeron, Lainez, Bobadilla, denen sich allen Ignatius durch guten Rat oder Unterstützung unentbehrlich gemacht, ihnen zugesellt hatten, begaben sie sich eines Tages nach der Kirche von Montmartre. Faber, bereits Priester, las die Messe. Sie gelobten Keuschheit, sie schwuren, nach vollendeten Studien in völliger Armut ihr Leben in Jerusalem der Pflege der Christen oder der Bekehrung der Saracenen zu widmen; sei es aber unmöglich, dahin zu gelangen oder dort zu bleiben, in diesem Falle dem Papste ihre Bemühungen anzubieten, für jeden Ort, wohin er ihnen zu gehen befehle, ohne Lohn noch Bedingung. So schwur ein jeder und empfing die Hostie; darauf schwur auch Faber und nahm sie selbst; an dem Brunnen von St. Denys genossen sie hierauf eine Mahlzeit. Ein Bund zwischen jungen Männern, schwärmerisch, nicht eben verfänglich, noch in den Ideen, die Ignatius ursprünglich gefaßt hatte; nur insofern davon abweichend, als sie ausdrücklich die Möglichkeit berechneten, dieselben nicht ausführen zu können. Anfang 1537 finden wir sie in der Tat mit noch drei anderen Genossen sämtlich in Venedig , um ihre Wallfahrt anzutreten. Schon manche Veränderung haben wir in Loyola wahrgenommen; von einem weltlichen Rittertum sahen wir ihn zu einem geistlichen übergehen, in die ernsthaftesten Anfechtungen fallen und mit phantastischer Ästhetik sich daraus hervorarbeiten; Theolog und Gründer einer schwärmerischen Gesellschaft war er geworden. Jetzt endlich nahmen seine Absichten die bleibende Wendung. Einmal hinderte ihn der Krieg, der eben damals zwischen Venedig und den Türken ausbrach, an der Abreise und ließ den Gedanken der Wallfahrt mehr zurücktreten; sodann aber fand er in Venedig ein Institut, das ihm, man möchte sagen, die Augen erst recht öffnete. Eine Zeitlang schloß sich Loyola auf das engste an Caraffa Der spätere Papst Paul IV., geboren 1476, fünfzehn Jahre älter als Loyola, schon 1503 am päpstlichen Hofe, dann in England und Spanien tätig, seit 1534 Kardinal, richtete 1542 die römische Inquisition ein und den Index liborum prohibitorum; er wurde 1555 zum Papst erwählt, starb 1559. an; in dem Konvent der Theatiner , der sich in Venedig gebildet, nahm er Wohnung. Er diente in den Spitälern, über welche Caraffa die Aufsicht führte, in denen dieser seine Novizen sich üben ließ. Zwar fand er sich durch das theatinische Institut nicht völlig befriedigt; er sprach mit Caraffa über einige in demselben vorzunehmende Veränderungen, und sie sollen darüber miteinander zerfallen sein. Aber schon dies zeigt, wie tiefen Eindruck es auf ihn machte. Einen Orden von Priestern sah er hier sich den eigentlich klerikalischen Pflichten mit Eifer und Strenge widmen. Mußte er, wie immer deutlicher wurde, diesseits des Meeres bleiben und seine Tätigkeit in den Bezirken der abendländischen Christenheit versuchen, so erkannte er wohl, daß er auch nicht füglich einen anderen Weg einschlagen konnte. In der Tat nahm er in Venedig mit all seinen Gefährten die priesterlichen Weihen. In Vicenza begann er nach vierzigtägigem Gebet mit dreien von ihnen zu predigen. An dem nämlichen Tage zur nämlichen Stunde erschienen sie in verschiedenen Straßen, stiegen auf Steine, schwangen die Hüte, riefen laut und fingen an, zur Buße zu ermahnen. Seltsame Prediger, zerlumpt, abgehärmt; sie sprachen ein unverständliches Gemisch von Spanisch und Italienisch. In diesen Gegenden blieben sie, bis das Jahr, das sie zu warten beschlossen hatten, verstrichen war. Dann brachen sie auf nach Rom. Als sie sich trennten, denn auf verschiedenen Wegen wollten sie die Reise machen, entwarfen sie die ersten Regeln, um auch in der Entfernung eine gewisse Gleichförmigkeit des Lebens zu beobachten. Was aber sollten sie antworten, wenn man sie nach ihrer Beschäftigung fragen würde? Sie gefielen sich in dem Gedanken, als Soldaten dem Satan den Krieg zu machen; den alten militärischen Phantasieen des Ignatius zufolge beschlossen sie, sich die Kompagnie Jesu zu nennen, ganz wie eine Kompagnie Soldaten, die von ihrem Hauptmann den Namen trägt. In Rom hatten sie anfangs keinen ganz leichten Stand. Ignatius meinte, er sehe alle Fenster geschlossen, und von dem alten Verdacht der Ketzerei mußten sie hier noch einmal freigesprochen werden. Allein indes hatte ihre Lebensweise, ihr Eifer in Predigt und Unterricht, ihre Krankenpflege auch zahlreiche Anhänger herbeigezogen, und so viele zeigten sich bereit, zu ihnen zu treten, daß sie auf eine förmliche Einrichtung ihrer Gesellschaft denken konnten. Zwei Gelübde hatten sie bereits getan; jetzt legten sie das dritte, das des Gehorsams, ab. Wie aber Ignatius immer den Gehorsam für eine der vornehmsten Tugenden erklärt hatte, so suchten sie gerade in diesem alle anderen Orden zu übertreffen. Es war schon viel, daß sie sich ihren General Trotz der erwähnten militärischen Richtung des Ordens ist diese Bezeichnung nicht militärisch zu verstehen, sondern entspricht dem Brauche der katholischen Orden von alters her; so haben die Franziskaner, die Dominikaner ihren Ordensgeneral. allemal auf Lebenszeit zu wählen beschlossen; allein dies genügte ihnen noch nicht. Sie fügten die besondere Verpflichtung hinzu, »alles zu tun, was ihnen der jedesmalige Papst befehlen, in jedes Land zu gehen, zu Türken, Heiden und Ketzern, in das er sie senden werde, ohne Wiederrede, ohne Bedingung und Lohn, unverzüglich«. Welch ein Gegensatz gegen die bisherigen Tendenzen dieser Zeit! Indem der Papst Paul III., regierte 1534-1549. auf allen Seiten Widerstand und Abfall erfuhr und nichts zu erwarten hatte als fortgehenden Abfall, vereinigte sich hier eine Gesellschaft, freiwillig, voll Eifer, enthusiastisch, um sich ausschließlich seinem Dienste zu widmen. Er konnte kein Bedenken tragen, sie anfangs im Jahre 1540 unter einigen Beschränkungen, dann 1543 unbedingt zu bestätigen. Indes tat auch die Gesellschaft den letzten Schritt. Sechs von den ältesten Bundesgenossen traten zusammen, um den Vorsteher zu wählen, der, wie der erste Entwurf, den sie dem Papste einreichten, besagt, »Grade und Ämter nach seinem Gutdünken verteilen, die Konstitution mit Beirat der Mitglieder entwerfen, in allen andern Dingen aber allein zu befehlen haben sollte; in ihm solle Christus als gegenwärtig verehrt werden«. Einstimmig wählten sie Ignaz, der, wie Salmeron auf seinem Wahlzettel sagte, »sie alle in Christo erzeugt und mit seiner Milch genährt habe«. Und nun erst hatte die Gesellschaft ihre Form. Es war auch eine Gesellschaft von Chierici regolari ; sie beruhte auch auf einer Vereinigung von klerikalischen und klösterlichen Pflichten, allein sie unterschied sich doch vielfach von den übrigen dieser Art. Hatten schon die Theatiner mehrere minder bedeutende Verpflichtungen fallen lassen, so gingen die Jesuiten darin noch weiter. Es war ihnen nicht genug, alle klösterliche Tracht zu vermeiden; sie sagten sich auch von den gemeinschaftlichen Andachtsübungen, welche in den Klöstern den größten Teil der Zeit wegnahmen, von der Obliegenheit, im Chor zu singen, los. Dieser wenig notwendigen Beschäftigungen überhoben, widmeten sie ihre ganze Zeit und alle ihre Kräfte den wesentlichen Pflichten. Nicht einer besonderen, wie die Barnabiten, obwohl sie die Krankenpflege, weil sie einen guten Namen machte, sich angelegen sein ließen, nicht unter beschränkenden Bedingungen, wie die Theatiner, sondern mit aller Anstrengung den wichtigsten. Erstens der Predigt ; schon als sie sich in Vicenza trennten, hatten sie sich das Wort gegeben, hauptsächlich für das gemeine Volk zu predigen, mehr darauf zu denken, Eindruck zu machen als durch gewählte Rede zu glänzen; so fuhren sie nunmehr fort. Zweitens der Beichte , denn damit hängt die Leitung und Beherrschung der Gewissen unmittelbar zusammen; in den geistlichen Übungen, durch welche sie selber mit Ignaz vereinigt worden, besaßen sie ein großes Hilfsmittel. Endlich »dem Unterricht der Jugend; hierzu hatten sie sich gleich in ihren ersten Gelübden durch eine besondere Klausel verpflichten wollen, und obwohl dieses da nicht durchgegangen war, schärften sie es doch in ihrer Regel auf das lebhafteste ein: vor allem wünschten sie die aufwachsende Generation zu gewinnen. Aus den phantastischen Bestrebungen Ignatio's hatte sich demnach eine vorzugsweise praktische Richtung entwickelt, aus seinen asketischen Bekehrungen ein Institut mit weltkluger Zweckmäßigkeit berechnet. Alle seine Erwartungen sah er weit übertroffen. Er hatte nun die unbeschränkte Leitung einer Gesellschaft in Händen, auf welche ein großer Teil seiner Intuitionen überging, welche ihre geistliche Überzeugung mit Studium, auf dem Wege bildete, auf dem er sie durch Zufall und Genius Das Wort ist hier in seiner eigentlichen Bedeutung gebraucht: angeborene Begabung: naturae deus humanae nach Horaz, Epist. 2, 2, 188. erworben hatte; welche zwar seinen jerusalemischen Plan nicht ausführte, bei dem sich nichts erreichen ließ, aber übrigens zu den entferntesten erfolgreichen Missionen Franz Xaver ging 1541 nach Ostindien, 1547 weiter nach den Molukken und Japan, starb im fernen Osten 1552. schritt und hauptsächlich jene Seelsorge , die er immer empfohlen, in einer Ausdehnung übernahm, wie er sie niemals ahnen können; die ihm endlich einen zugleich soldatischen und geistlichen Gehorsam leistete. Als Ignatius starb (1556), zählte seine Gesellschaft, die römische ungerechnet, dreizehn Provinzen. Schon der bloße Anblick zeigt, wo der Nerv derselben war. Die größere Hälfte, sieben, gehörte der pyrenäischen Halbinsel und ihren Kolonien an. In Kastilien waren zehn, in Aragon fünf, in Andalusien nicht minder fünf Kollegien; in Portugal war man am weitesten, man hatte zugleich Häuser für Professen und Novizen. Der portugiesischen Kolonien hatte man sich beinahe bemächtigt; in Brasilien waren 28, in Ostindien von Goa bis Japan gegen 100 Mitglieder des Ordens beschäftigt. Von hier aus hatte man einen Versuch in Äthiopien gemacht und einen Provinzial dahin gesendet; man glaubte eines glücklichen Fortgangs sicher zu sein. Alle diese Provinzen spanischer und portugiesischer Zunge wurden von einem Generalkommissar, Franz Borgia, zusammengefaßt. In der Nation, wo der erste Gedanke der Gesellschaft entsprungen, war auch ihr Einfluß am umfassendsten gewesen. Nicht viel geringer war er in Italien. Es gab drei Provinzen italienischer Zunge: die römische, die unmittelbar unter dem General stand, mit Häusern für Professen und Novizen, dem Kollegium Romanum und Germanicum, das aus den Rat des Kardinals Morone Päpstlicher Nuntius in Wien bei König Ferdinand, anwesend bei dem Religionsgespräch zu Worms, Januar 1541, und bei der Verhandlung über den Augsburger Religionsfrieden 1555; Deutsche Geschichte 4, 144. 147; 5, 261. ausdrücklich für die deutschen eingerichtet wurde, jedoch noch keinen rechten Fortgang gewann; auch Neapel gehörte zu dieser Provinz, – die sicilianische mit vier bereits vollendeten und zwei angefangenen Kollegien; der Vizekönig della Vega hatte die ersten Jesuiten dahin gebracht; Messina und Palermo hatten gewetteifert, Kollegien zu gründen, von diesen gingen dann die übrigen aus –, und die eigentlich italienische, die das obere Italien begriff, mit zehn Kollegien. Nicht so glücklich war es in anderen Ländern gegangen; allenthalben setzte sich der Protestantismus oder eine schon gebildete Hinneigung zu demselben entgegen. In Frankreich hatte man doch nur ein einziges Kollegium eigentlich im Stande. Man unterschied zwei deutsche Provinzen, allein sie waren nur in ihren ersten Anfängen vorhanden. Die obere gründete sich auf Wien, Prag, Ingolstadt, doch stand es allenthalben noch sehr bedenklich; die untere sollte die Niederlande begreifen, doch hatte Philipp II. den Jesuiten noch keine gesetzliche Existenz gestattet. Philipp war damals in Krieg mit dem Papste Paul IV. geraten, der die spanische Herrschaft über Neapel nicht dulden wollte; Geschichte der Päpste 2, 188 ff. Aber schon dieser erste rasche Fortgang leistete der Gesellschaft Bürgschaft für die Macht, zu der sie bestimmt war. Daß sie sich in den eigentlich katholischen Ländern, den beiden Halbinseln, zu so gewaltigem Einfluß erhoben, war von der größten Bedeutung. 14. Ausbreitung der Jesuiten in Deutschland. Päpste II, Werke Bd. 38 S. 16 ff. Es war den Päpsten gelungen, in dem Konzilium, das sie glücklich beendigt hatten, ihre Autorität, deren Verminderung beabsichtigt war, sogar zu vermehren und sich einen verstärkten Einfluß auf die Landeskirchen zu verschaffen. Überdies ließen sie von jener weltlichen Politik ab, durch die sie bisher Italien und Europa in Verwirrung gesetzt; vertrauensvoll und ohne Rückhalt schlossen sie sich an Spanien an und erwiderten diesem die Hingebung, die es der römischen Kirche widmete. Das italienische Fürstentum, der erweiterte Staat diente vor allem zur Beförderung kirchlicher Unternehmungen; der gesamten katholischen Kirche kam eine Zeitlang der Überschuß seiner Verwaltung zugute. Dergestalt stark in sich selbst, gewaltig durch mächtige Anhänger und eine mit ihnen verbündete Idee gingen die Päpste von der Verteidigung, mit der sie sich bisher hatten begnügen müssen, zum Angriff über. An vielen Orten zugleich tritt die Unternehmung hervor; nach den verschiedensten Seiten der Welt haben wir unsere Aufmerksamkeit zu richten. Die geistliche Tätigkeit ist auf das genaueste mit politischen Antrieben verbunden; es traten weltumfassende Kombinationen ein, unter deren Einfluß die Eroberung gelingt oder mißlingt. Beginnen wir mit unserm Vaterlande, wo ja das Papsttum zuerst seine großen Verluste erlitten, und wo auch jetzt der Kampf der beiden Prinzipien vorzüglich ausgefochten wurde. Vor allem leistete hier die zugleich weltkluge und religionseifrige, mit dem Sinne des modernen Katholizismus durchdrungene Gesellschaft der Jesuiten der römischen Kirche gute Dienste. Auf dem Reichstag zu Augsburg im Jahre 1550 hatte Ferdinand I. seinen Beichtvater, den Bischof Urban von Laibach mit sich. Es war dies einer der wenigen Prälaten, die sich in ihrem Glauben nicht hatten erschüttern lassen. Oft bestieg er zu Hause die Kanzel, um das Volk in der Landessprache zu ermahnen, bei dem Glauben seiner Väter auszuharren, um von dem einigen Schafstall und dem einigen Hirten zu predigen. Damals nun befand sich auch der Jesuit Le Jay in Augsburg und erregte durch einige Bekehrungen Aufsehen. Bischof Urban lernte ihn kennen und hörte zuerst durch ihn von den Kollegien, welche die Jesuiten an mehreren Universitäten gestiftet. Da in Deutschland die katholische Theologie in so großem Verfall war, so gab er seinem Herrn den Rat, in Wien ein ähnliches Kollegium einzurichten. Lebhaft ging Ferdinand darauf ein; in dem Schreiben, das er hierüber an Ignatius Loyola richtete, spricht er die Überzeugung aus, das einzige Mittel, die fallende Kirchenlehre in Deutschland aufrecht zu erhalten, bestehe darin, daß man dem jüngern Geschlechte gelehrte und fromme Katholiken zu Lehrern gebe. Leicht waren die Verabredungen getroffen. Im Jahre 1551 langten dreizehn Jesuiten an, unter ihnen Le Jay selbst, denen Ferdinand zuvörderst Behausung, Kapelle und Pension anwies, bis er sie kurz darauf mit der Universität vereinigte und ihnen sogar die Visitation derselben übertrug. Bald danach kamen sie in Köln und Ingolstadt empor. Von diesen drei Metropolen breiteten sie sich nun nach allen Seiten aus, von Wien über die österreichischen Länder, von Köln über das gesamte Rheinland. Unverzüglich versuchten sie ihr Glück auch längs des Maines. Obwohl Frankfurt ganz protestantisch war, hofften sie doch während der Messen daselbst etwas auszurichten. Es konnte dies aber nicht ohne Gefahr geschehen; um sich nicht finden zu lassen, mußten sie alle Nächte die Herberge wechseln. Desto sicherer und willkommener waren sie in Würzburg . Es ist doch als hätte die Ermahnung, welche Kaiser Ferdinand bei dem Reichstage von 1559 an die Bischöfe richtete, endlich einmal auch ihre Kräfte zur Erhaltung der katholischen Kirche anzustrengen, auf diesen glänzenden Fortgang des Ordens in den Stiftern viel Einfluß gehabt. Von Würzburg aus durchzogen sie Franken. Mittlerweile war ihnen auf der anderen Seite Tirol eröffnet worden; auf den Wunsch der Töchter des Kaisers siedelten sie sich zu Innsbruck und dann zu Hall in der Nähe an. In Bayern drangen sie immer weiter vor. In München , wohin sie 1559 gelangten, fanden sie es selbst bequemer als in Ingolstadt; sie erklärten es für das deutsche Rom. Und schon erhob sich unfern von Ingolstadt eine neue große Kolonie. Um seine Universität Dillingen auf ihren ursprünglichen Zweck zurückzuführen, entschloß sich der Kardinal Truchseß, Otto Truchseß von Waldenburg, Bischof von Augsburg, hatte sich 1555 bei den Verhandlungen über den Religionsfrieden dem Abschluß desselben lebhaft widersetzt; Deutsche Geschichte 5, 261, Die Stadt Augsburg war seit 1534 überwiegend evangelisch (ebd. 3, 348); der Bischof wohnte in Dillingen und gründete dort 1549 eine Universität. Karl V. nötigte 1548 Augsburg, das Interim anzunehmen und änderte die Ratsverfassung (5, 42); beides war nicht von Dauer. alle Lehrer, die noch daselbst dozierten, zu verabschieden und die Stiftung völlig den Jesuiten anzuvertrauen. Zwischen deutschen und italienischen Kommissaren, des Kardinals und des Ordens, ward hierüber zu Botzen eine förmliche Abkunft geschlossen; im Jahre 1563 langten die Jesuiten in Dillingen an und nahmen die Lehrstühle in Besitz. Er beförderte sie nach besten Kräften; bald richtete er ihnen eine Mission in Augsburg ein. Ein ungemeiner Fortgang der Gesellschaft in so kurzer Zeit. Im Jahre 1551 hatten sie noch keine feste Stätte in Deutschland; 1566 umfaßten sie Bayern und Tirol, Franken und Schwaben, einen großen Teil der Rheinlande, Österreich; in Ungarn Böhmen und Mähren waren sie vorgedrungen. Schon nahm man ihre Wirkung wahr; 1561 versichert der päpstliche Nuntius, daß sie »viele Seelen gewinnen und dem heiligen Stuhl einen großen Dienst leisten«. Es war der erste nachhaltige antiprotestantische Eindruck, welchen Deutschland empfing. Vor allem arbeiteten sie auf den Universitäten . Sie hatten den Ehrgeiz, mit dem Rufe der protestantischen zu wetteifern. Die ganze gelehrte Bildung jener Zeit beruhte auf dem Studium der alten Sprachen; sie trieben dieselben mit frischem Eifer, und in kurzem glaubte man wenigstens hie und da die jesuitischen Lehrer den Wiederherstellern dieser Studien an die Seite stellen zu dürfen. Auch andere Wissenschaften kultivierten sie; Franz Koster trug zu Köln die Astronomie ebenso angenehm wie belehrend vor. Die Hauptsache aber, wie sich versteht, blieben die theologischen Disziplinen. Die Jesuiten lasen mit dem größten Fleiße, auch während der Ferien; sie führten die Disputierübungen wieder ein, ohne welche wie sie sagten, aller Unterricht tot sei. Die Disputationen, welche sie öffentlich anstellten waren anständig, gesittet, inhaltreich, die glänzendsten, welche man jemals erlebt hatte. Bald überredete man sich in Ingolstadt, dahin zu sein, daß sich die Universität wenigstens im Fache der Theologie mit jeder andern deutschen messen könne. Ingolstadt bekam, aber im entgegengesetzten Sinne, eine Wirksamkeit, wie sie Wittenberg und Genf gehabt. Nicht minderen Fleiß widmeten die Jesuiten der Leitung der lateinischen Schulen . Es war einer der vornehmsten Gesichtspunkte des Lainez, Ein Genosse Loyolas, gleichfalls Spanier, nach Loyolas Tode General der Gesellschaft, Hauptverfasser der Constitutiones Societatis Jesu , gestorben in Rom 1565. daß man die unteren Grammatikalklassen gut besetzen müsse; auf den ersten Eindruck, den der Mensch empfange, komme doch für sein gesamtes Leben das meiste an. Er suchte mit richtiger Einsicht Leute, welche, wenn sie dies beschränkte Lehramt einmal ergriffen hatten, sich demselben ihr ganzes Leben zu widmen gedachten, denn erst mit der Zeit lerne sich ein so schwieriges Geschäft und finde sich die natürliche Autorität ein. Es gelang den Jesuiten hiermit zur Verwunderung. Man fand, daß die Jugend bei ihnen in einem Halbjahr mehr lerne als bei andern in zwei Jahren; selbst Protestanten riefen ihre Kinder von entfernten Gymnasien zurück und übergaben sie den Jesuiten. Es folgte Armenschule, Kinderlehre, Katechisation. Canisius Peter de Hondt , geboren 1524 zu Nimwegen, trat 1543 zu Köln in die Gesellschaft Jesu ein, wurde 1549 Professor in Ingolstadt, 1551 Hofprediger in Wien, hochangesehen bei Ferdinand I.; später zog er sich in das Ordenskollegium zu Freiburg in der Schweiz zurück, starb dort 1597. verfaßte seinen Katechismus, der durch wohlzusammenhängende Fragen und bündige Antworten das Bedürfnis der Lernenden befriedigte. Ganz in jenem devot-phantastischen Sinne nun, der das Institut der Jesuiten von Anfang an so eigen charakterisierte, ward dieser Unterricht erteilt. Der erste Rektor in Wien war ein Spanier, Johann Viktoria, ein Mann, welcher einst in Rom seinen Eintritt in die Gesellschaft d. h. die Gesellschaft Jesu. damit bezeichnete, daß er während der Lustbarkeiten des Karneval in Sack gekleidet durch den Korso ging, indem er sich geißelte, solange bis ihm das Blut auf allen Seiten herunterströmte. Bald unterschieden sich in Wien die Kinder, welche die Schulen der Jesuiten besuchten, dadurch, daß sie an den Fasttagen die verbotenen Speisen standhaft verschmähten, von denen ihre Eltern ohne Skrupel genossen. In Köln ward es wieder eine Ehre, den Rosenkranz zu tragen. In Trier begann man Reliquien zu verehren, mit denen sich seit vielen Jahren kein Mensch mehr hervorgewagt hatte. Schon im Jahre 1560 pilgerte die Ingolstädtische Jugend aus der jesuitischen Schule paarweise nach Eichstädt, um bei der Firmelung »mit dem Tau« gestärkt zu werden, »der aus dem Grabe der heiligen Walpurgis träufele.« Eine Gesinnung, die in den Schulen gegründet, durch Predigt und Beichte über die gesamte Bevölkerung ausgebreitet wurde. Es ist dies ein Fall, wie er vielleicht in der Weltgeschichte niemals wieder auf ähnliche Weise vorgekommen ist. Wenn eine neue geistige Bewegung die Menschen ergriffen hat, ist es immer durch großartige Persönlichkeiten, durch die hinreißende Gewalt neuer Ideen geschehen. Hier ward die Wirkung vollbracht ohne große geistige Produktion. Die Jesuiten mochten gelehrt und auf ihre Art fromm sein, aber niemand wird sagen, daß ihre Wissenschaft auf einem freien Schwunge des Geistes beruhe, daß ihre Frömmigkeit von der Tiefe und Ingenuität eines einfachen Gemütes ausgegangen sei. Sie sind gelehrt genug, um Ruf zu haben, Zutrauen zu erwecken, Schüler zu bilden und festzuhalten; weiter streben sie nicht. Zu ergänzen: in der Wissenschaft. Ihre Frömmigkeit hält sie nicht allein von sittlichem Tadel frei, sie ist positiv auffallend und um so unzweifelhafter; dies ist ihnen genug. In freien, unbeschränkten, unbetretenen Bahnen bewegt sich weder ihre Pietät noch ihre Lehre: doch hat sie etwas, was sie vorzugsweise unterscheidet: strenge Methode. Es ist alles berechnet, denn es hat alles seinen Zweck. Eine solche Vereinigung von hinreichender Wissenschaft und unermüdlichem Eifer, von Studien und Überredung, Pomp und Kasteiung, von Ausbreitung über die Welt und Einheit der leitenden Gesichtspunkte ist auch weder früher noch später in der Welt gewesen. Sie waren fleißig und phantastisch, weltklug und voll Enthusiasmus, anständige Leute, denen man sich gern näherte, ohne persönliches Interesse; einer beförderte den andern. Kein Wunder, wenn es ihnen gelang. Wir Deutsche müssen daran noch eine besondere Betrachtung knüpfen. Wie gesagt, unter uns war die päpstliche Theologie so gut wie untergegangen. Die Jesuiten erschienen, um sie herzustellen. Wer waren die Jesuiten, als sie bei uns anlangten? Es waren Spanier, Italiener, Niederländer; lange Zeit kannte man den Namen ihres Ordens nicht man nannte sie spanische Priester. Sie nahmen die Katheder ein und fanden Schüler, die sich ihren Doktrinen anschlossen. Von den Deutschen haben sie nichts empfangen; ihre Lehre und Verfassung war vollendet, als sie bei uns erschienen. Wir dürfen den Fortgang ihres Instituts bei uns im allgemeinen als eine neue Einwirkung des romanischen Europa auf das germanische betrachten. Auf deutschem Boden, in unserer Heimat besiegten sie uns und entrissen uns einen Teil unseres Vaterlandes. Ohne Zweifel kam dies auch daher, daß die deutschen Theologen sich weder unter sich selbst verständigt hatten, noch großgesinnt genug waren, um die minder wesentlichen Widersprüche aneinander zu dulden. Die Extreme der Meinungen waren ergriffen worden; man befehdete sich mit rücksichtsloser Wildheit, Vgl. den Abschnitt »Theologische Streitigkeiten«, Deutsche Geschichte 5, 321 bis 331. Flacius, Amsdorf, Osiander gegen Melanchthon; die Geistlichen in Bern und die Norddeutschen (Joachim Westfahl in Hamburg, Timann und Heßhus in Bremen) gegen die Kalvinisten. so daß man die noch nicht vollkommen Überzeugten irre machte und damit diesen Fremdlingen den Weg bahnte, welche mit einer klug angelegten, bis ins einzelste ausgebildeten, keinen Zweifel übrig lassenden Doktrin nun auch ihrerseits die Gemüter bezwangen. Bei alledem liegt doch auch am Tage, daß es den Jesuiten nicht so leicht hätte gelingen können ohne die Hilfe des weltlichen Armes, ohne die Gunst der Fürsten des Reiches . Denn wie mit den theologischen, so war es mit den politischen Fragen gegangen; zu einer Maßregel, durch welche die ihrem Wesen nach hierarchische Reichsverfassung mit den neuen Verhältnissen der Religion in Einklang gekommen wäre, hatte man es nicht gebracht. Die Summe des Religionsfriedens, wie man ihn gleich anfangs verstand und nachher auslegte, war eine neue Erweiterung der Landeshoheit . Die Landschaften bekamen auch in Hinsicht der Religion einen hohen Grad von Autonomie. Auf die Überzeugung des Fürsten, auf das Einverständnis desselben mit seinen Landständen kam es seitdem allein an, welche kirchliche Stellung ein Land einnehmen sollte. Es war dies eine Bestimmung, welche zum Vorteil des Protestantismus erfunden zu sein schien, aber eigentlich nur dem Katholizismus förderlich geworden ist. Jener war schon gegründet, als sie zustande kam; dieser stellte sich erst her, indem er sich darauf stützte. Zuerst geschah dies in Bayern ; auf das ernstlichste ging Herzog Albrecht V. daran, sein Land wieder völlig katholisch zu machen. 15. Die Bauten der Päpste des 16. Jahrhunderts in Rom Päpste I, Werke Bd. 37, S. 307 ff. Man kennt die Pracht und Größe des antiken Rom; aus Trümmern und Erzählungen hat man es sich mannigfaltig zu vergegenwärtigen gesucht. Auch das Mittelalter verdiente wohl einmal einen ähnlichen Fleiß. Dieser Wunsch ist erfüllt worden durch das Werk von Ferd. Gregorovius, Die Stadt Rom im Mittelalter. 8 Bde. Stuttgart 1859-73. Herrlich war auch dies mittlere Rom mit der Majestät seiner Basiliken, dem Dienst seiner Grotten und Katakomben, den Patriarchien des Papstes, in denen die Denkmäler des frühesten Christentums aufbewahrt wurden, dem noch immer prächtigen Kaiserpalast, der den deutschen Königen gehörte, den befestigten Burgen; welche sich in der Mitte so vieler Gewalten unabhängige Geschlechter trotzig eingerichtet hatten. Während der Abwesenheit der Päpste in Avignon war dies mittlere Rom ebenso verfallen, wie das antike längst in Trümmern lag. Als Eugen IV. im Jahre 1443 nach Rom zurückkehrte, war es eine Stadt der Kuhhirten geworden; die Einwohner unterschieden sich nicht von den Bauern und Hirten der Landschaft. Man hatte längst die Hügel verlassen; in der Ebene, an den Beugungen der Tiber wohnte man. Auf den engen Straßen gab es kein Pflaster; durch Balkone und Bogen, welche Haus an Haus stützten, waren sie noch mehr verdunkelt; man sah das Vieh wie auf dem Dorfe herumlaufen. Von S. Sylvester bis an die Porta del Popolo war alles Garten und Sumpf; man jagte da wilde Enten. An das Altertum war beinahe auch die Erinnerung verschwunden. Das Kapitol war der Berg der Ziegen, das Forum Romanum das Feld der Kühe geworden; Monte Caprino, Campo Vaccino, noch heute geläufige Namen. an einige Monumente, die noch übrig waren, knüpfte man die seltsamsten Sagen. Die Peterskirche war in Gefahr zusammenzustürzen. Als endlich Nikolaus V. die Obedienz der gesamten Christenheit wiedergewonnen, faßte er, reich geworden durch die Beiträge der zum Jubiläum strömenden Pilgrime, den Gedanken, Rom dergestalt mit Gebäuden zu schmücken, daß jedermann mit der Anschauung erfüllt werde, dies sei die Hauptstadt der Welt. Es war aber dies nicht das Werk eines einzigen Mannes; die folgenden Päpste haben jahrhundertelang daran mitgearbeitet. Unter Julius II. wurde die untere Stadt an den Ufern der Tiber, wohin sie sich gezogen, völlig erneuert. Nachdem Sixtus IV. die beiden Teile jenseit und diesseit des Flusses durch jene solide einfache Brücke von Travertino, die noch heute seinen Namen führt, besser verbunden hatte, baute man zu beiden Seiten mit dem größten Eifer. Jenseits begnügte sich Julius nicht mit dem Unternehmen der Peterskirche , die unter ihm mächtig emporstieg; er erneuerte auch den Vatikanischen Palast . In der Vertiefung zwischen dem alten Bau und dem Landhause Innozenz VIII., dem Belvedere, legte er die Loggien an, eins der wohlerfundensten Werke, die es geben mag. Unfern von da wetteiferten seine Vettern, die Riari, und sein Schatzmeister Agostino Chigi, wer von beiden ein schöneres Haus aufrichten würde. Ohne Zweifel behielt Chigi den Preis, das seine ist die Farnesia , bewundernswürdig schon in der Anlage, von Raphaels Hand aber unvergleichlich ausgeschmückt. Diesseit verdanken wir Julius II. die Vollendung der Cancelleria mit ihrem Cortile, das in reinen, glücklich geworfenen Verhältnissen ausgeführt ist, dem schönsten Gehöfte der Welt. Seine Kardinale und Barone strebten ihm nach: Farnese, dessen Palast sich durch seinen großartigen Eingang den Ruf des vollkommensten unter den römischen Palästen erworben hat; Franz de Rio, der von dem seinen rühmte, er werde stehen bis die Schildkröte die Erde durchwandle. Mit allen Schätzen der Literatur und Kunst ward das Haus der Medici erfüllt; auch die Orsini schmückten ihren Palast auf Campofiore innen und außen mit Statuen und Bildwerken aus. Den Denkmalen dieser schönen Zeit, in der man dem Altertum gleichzukommen versuchte, um Campofiore und den farnesischen Platz her, widmet der Fremde nicht immer die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Es war Wetteifer, Genius, Blüte, ein allgemeiner Wohlstand. Da das Volk zunahm, baute man sich auf dem Campo Marzo, um das Mausoleum des Augustus an. Unter Leo X. entwickelte sich dies noch mehr, aber schon Julius hatte Gelegenheit, jenseit die Lungara, gegenüber diesseit die Strada Julia zu ziehen. Man sieht noch die Inschrift, in der ihn die Konservatoren rühmen, daß er neue Straßen abgemessen und eröffnet habe, »der Majestät der neuerworbenen Herrschaft gemäß«. Durch die Pest, die Eroberung (1526) sank die Volksmenge wieder; die Bewegungen unter Paul IV. fügten der Stadt aufs neue großen Schaden zu. Erst nachher nahm sie sich wieder auf; mit dem erneuten Gehorsam der katholischen Welt stieg auch die Anzahl der Einwohner. Schon Pius IV. dachte darauf, die verlassenen Hügel wieder anzubauen. Auf dem Capitolin gründete er den Palast der Konservatoren, Dadurch kam die großartige Anlage Michelangelos zum Abschluß, der schon unter Paul III. um 1545 die große zum Kapitol hinaufführende Treppe erbaut hat. auf dem Viminal erhob ihm Michelangelo aus den Trümmern der diocletianischen Thermen die Kirche S. Maria degli Angeli; die Porta Pia auf dem Quirinal trägt noch heute sein Abzeichen. Auch Gregor XIII. baute hier; es waren dies aber vergebliche Bemühungen, so lange die Hügel des Wassers entbehrten. Eben hier tritt Sixtus V. hervor; es hat ihm vor allen übrigen Päpsten in der Stadt ein ruhmvolles Andenken gestiftet, daß er das Bedürfnis ins Auge faßte und das mangelnde Wasser in kolossalen Aquädukten herbeizuführen beschloß. Er tat es, wie er sagt, »damit diese Hügel, noch zu christlichen Zeiten durch Basiliken verherrlicht, ausgezeichnet durch gesunde Luft, anmutige Lage, angenehme Aussicht wieder bewohnt werden mögen. Darum«, fügt er hinzu, »haben wir uns durch keine Schwierigkeiten, keine Unkosten abschrecken lassen.« In der Tat sagte er den Architekten von allem Anfang, er wolle ein Werk, das sich mit der alten Pracht des kaiserlichen Rom messen könne. Zweiundzwanzig (römische) Meilen weit, von dem Agro Colonna her, führte er, allen Hindernissen zum Trotz, die Aqua Martia, zum Teil unter der Erde, zum Teil auf hohen Bogen, nach Rom (1585). Mit großer Genugtuung sah endlich der Papst den Strahl dieses Wassers sich in seine Vigna ergießen; er führte es weiter nach S. Susanna auf den Quirinal, er nannte es nach seinem Eigennamen Aqua Felice ; Er hieß Felice Peretti, geboren 1521 als Sohn eines armen Bauern bei Ankona. Er trat früh in den Franziskanerorden, zeichnete sich durch Begabung und Eifer aus, wurde in Rom bekannt durch die Fastenpredigten, wurde Prior des Franziskanerklosters in Venedig, dann Generalvikar des Ordens, 1570 Kardinal, 1585 zum Papst gewählt, nannte er sich Sixtus V., ordnete die Verwaltung des Kirchenstaates, trat dem Unwesen der Räuber streng entgegen, starb 1590. Ranke nennt ihn (Bd. 2, S. 143) einen gewaltigen Kirchenfürsten, welcher der Meinung lebte, daß ihm eine direkte Gewalt über alle Erde verliehen sei. mit nicht geringem Selbstgefühl ließ er bei der Fontäne Moses abbilden, wie beim Schlag seines Stabes das Wasser aus dem Felsen strömt. Für jene Gegend und die ganze Stadt war dies ein großer Vorteil; die Aqua Felice gibt in 24 Stunden 20 537 Kubikmeter Wasser und speist 27 Fontänen. Wirklich fing man hierauf an, die Höhen wieder anzubauen. Durch besondere Privilegien lud Sixtus dazu ein. Er ebnete den Boden bei Trinita de Monti und legte den Grund zu der Treppe am spanischen Platz, welche die nächste Verbindung von der unteren Stadt nach dieser Anhöhe bildet. Hier legte er Via Felice und Borgo Felice an; er eröffnete die Straßen, die noch heute nach S. Maria Maggiore führen, von allen Seiten; er hatte die Absicht, alle Basiliken durch breite und große Wege mit dieser zu verbinden. Die Poeten rühmen, Rom verdoppele sich gleichsam und suche seine alten Wohnungen wieder auf. Jedoch war es diese Anbauung der Höhen nicht allein, wodurch sich Sixtus V. von den früheren Päpsten unterschied; er faßte zugleich Absichten, die den älteren gerade entgegenliefen. Mit einer Art von Religion betrachtete man unter Leo X. die Trümmer des alten Rom, man nahm mit Entzücken den göttlichen Funken des antiken Geistes an ihnen wahr. Wie ließ sich jener Papst die Erhaltung derselben empfohlen sein, »dessen, was von der alten Mutter des Ruhms und der Größe von Italien noch allein übrig geblieben!« Von diesem Geiste war Sixtus V. himmelweit entfernt; für die Schönheit der Überreste des Altertums hatte dieser Franziskaner keinen Sinn. Das Septizonium des Severus, ein höchst merkwürdiges Werk, das sich durch alle Stürme so vieler Jahrhunderte bis auf ihn erhalten, fand keine Gnade vor seinen Augen, er zerstörte es von Grund aus und brachte einige Säulen davon nach St. Peter. Er war ebenso heftig im Zerstören als eifrig im Bauen; jedermann fürchtete, er werde auch darin kein Maß finden. Man höre, was der Kardinal von Santa Severina erzählt; es würde unglaublich scheinen, wenn er es nicht selbst erlebt hätte. »Da man sah,« sagt er, »daß sich der Papst ganz und gar zur Zerstörung der römischen Altertümer hinneigte, so kamen eines Tages eine Anzahl römischer Edelleute zu mir und baten mich, das meine zu tun, um S. Heiligkeit von einem so ausschweifenden Gedanken abzubringen.« An den Kardinal wandten sie sich, der damals ohne Zweifel selbst als der größte Zelot anzusehen war; Kardinal Colonna schloß sich an ihn an. Der Papst antwortete ihnen, er wolle die häßlichen Antiquitäten wegschaffen, die übrigen aber, die dies bedürften, restaurieren. Man denke, was ihm häßlich vorkommen mochte! Er hatte die Absicht, das Grab der Cäcilia Metella, schon damals den einzigen bedeutenden Rest der republikanischen Zeiten, ein bewundernswürdiges, erhabenes Denkmal, geradehin zu zerstören. Wie viel mag unter ihm zugrunde gegangen sein! Konnte er sich doch kaum entschließen, den Laokoon und den belvederischen Apoll im Vatikan zu dulden. Die antiken Bildsäulen, mit denen die römischen Bürger das Kapitol geschmückt hatten, litt er nicht daselbst; er erklärte, er werde das Kapitol zerstören, wenn man sie nicht entferne. Es war ein Jupiter tonans , zwischen Minerva und Apoll. Die beiden mußten in der Tat entfernt werden, nur die Minerva ward geduldet; aber Sixtus wollte, daß sie Rom und zwar das christliche bedeuten solle; er nahm ihr den Speer, den sie trug, und gab ihr ein ungeheures Kreuz in die Hände. In diesem Sinne restaurierte er die Säulen des Trajan und Antonin; auch jener ließ er die Urne wegnehmen, welche, wie man sagte, die Asche des Kaisers enthielt; er widmete sie dem Apostel Petrus, die andere dem Apostel Paulus, deren Bildsäulen seitdem in dieser luftigen Höhe über den Häusern der Menschen einander gegenüberstehen. Er meinte damit dem christlichen Glauben einen Triumph über das Heidentum zu verschaffen. Die Aufstellung des Obelisken vor S. Peter lag ihm darum so sehr am Herzen, weil er »die Monumente des Unglaubens an dem nämlichen Orte dem Kreuze unterworfen zu sehen wünschte, wo einst die Christen den Kreuzestod erleiden mußten«. In der Tat ein großartiges Unternehmen, das er aber ganz auf seine Weise ausführte, mit einer sonderbaren Mischung von Gewaltsamkeit, Größe, Pomp und zelotischem Wesen. Die ausführliche Beschreibung, wie man 1586 den Obelisken von seiner Stelle, bei der Sakristei der alten Peterskirche, hinweghob und dann auf dem Platze vor der neuen Kirche aufstellte, ist bei Ranke, S. 313 f., nachzulesen. Sonderbar lautet die Inschrift, in der er sich rühmt, er habe dies Denkmal den Kaisern August und Tiberius entrissen und dem heiligsten Kreuze gewidmet. Er ließ ein Kreuz darauf errichten, in das ein Stück Holz von dem angeblich wahren Kreuze Christi eingeschlossen war. Dies drückt seine ganze Gesinnung aus; die Monumente des Heidentums sollten selber zur Verherrlichung des Kreuzes dienen. Mit ganzer Seele widmete er sich seinen Bauten. Ein Hirtenknabe, in Garten und Feld aufgewachsen, liebte er die Städte. Von einer Villegiatura wollte er nichts wissen; er sagte, seine Erholung sei, viele Dächer zu sehen. Ich verstehe, seine Bauunternehmungen machten ihm das größte Vergnügen. Viele tausend Hände waren unaufhörlich beschäftigt; keine Schwierigkeit schreckte ihn ab. Noch immer fehlte die Kuppel an S. Peter , die Baumeister forderten zehn Jahre zu ihrer Vollendung. Sixtus wollte sein Geld dazu hergeben, doch an dem Werke auch selber noch seine Augen weiden. Er stellte 600 Arbeiter an, auch die Nacht ließ er nicht feiern; im 22. Monate wurde man fertig. Nur erlebte er nicht, daß das bleierne Dach gelegt wurde. Aber auch in Werken dieser Art setzte er seiner Gewaltsamkeit keine Grenzen. Die Überbleibsel des päpstlichen Patriarchium bei dem Lateran, die noch keineswegs geringfügig und ausnehmend merkwürdig waren, Altertümer der Würde, die er selbst bekleidete, ließ er ohne Erbarmen niederreißen, um an Stelle derselben seinen Lateranpalast zu errichten, den man nicht einmal brauchte, und der sich nur als eins der ersten Beispiele der einförmigen Regelmäßigkeit moderner Architektur eine sehr zweideutige Aufmerksamkeit erworben hat. Wie so ganz hatte sich das Verhältnis geändert, in welchem man zu dem Altertum stand. Man wetteiferte früher und auch jetzt mit demselben, aber früher suchte man es in der Schönheit und Anmut der Form zu erreichen, jetzt bemühte man sich, in massenhaften Unternehmungen ihm gleichzukommen oder es zu überbieten. Früher verehrte man in dem geringsten Denkmal eine Spur antiken Geistes, jetzt hätte man diese Spuren lieber vertilgt. Man folgte einer Idee, die man allein gelten ließ, neben der man keine andere anerkannte. Es ist die nämliche, die sich in der Kirche die Herrschaft erworben, die den Staat zu einem Organ der Kirche gemacht hat. Diese Idee des modernen Katholizismus durchdringt alle Adern des Lebens in seinen verschiedensten Richtungen. Denn man darf nicht etwa glauben, nur der Papst sei von diesem Geist beherrscht worden; in jedem Zweige tut sich am Ende des 16. Jahrhunderts eine Richtung hervor, derjenigen entgegengesetzt, welche den Anfang desselben bezeichnete. 16. Die Republik Venedig nach der Mitte des 16. Jahrhunderts. Zur Venetianischen Geschichte, Werke Bd. 42 S. 11-30. Unüberwindlich scheinen im Orient die Osmanen; der ganze Occident glaubt sich von der Übermacht der Spanier bedroht. In der Mitte zwischen beiden haben sich die Nobili von Venedig eine Macht verschafft, die einen Rang unter den Mächten der Welt behauptet. Wo ihre Schiffe nach dem Orient fahren, bald zur rechten bald zur linken, bis an die Küste von Asien hin gebieten sie über eine Menge Uferplätze und Eilande. Die reichen Ebenen im Westen um die Flüsse her, die in ihre Lagunen münden, bis hinan an das Joch der Alpen haben sie in den zweifelhaftesten und gefährlichsten Kriegen zu behaupten gewußt. Aber dort sieht der Osmane ihre Flagge nur mit Unwillen in den Gewässern, die er als sein Eigentum betrachtet; hier ist bald von dem Inhaber des Herzogtums, zu dem einst ein guter Teil der venetianischen Besitzungen gehörte, Die Venetianer hatten 1402-1441 glückliche Kriege gegen die Herzoge von Mailand aus dem Hause Visconti geführt. dem König von Spanien, Karl V. gab Mailand 1556 seinem Sohne Philipp II. bald von dem Kaiser, der das übrige in Anspruch nimmt, immer von dem Hause Habsburg Gefahr zu befürchten. Nach beiden Seiten hin sind die Venetianer zu einer starken bewaffneten Aufstellung genötigt. Über das Meer wacht ihnen ein Provveditore, den sie mit sechs Galeeren nach Korfu , der Mitte ihrer Besitzungen, senden. Alle Schiffe salutieren, wo sie die zwei viereckigen Flaggen seines Hauptschiffes sehen; alle Plätze an den Ufern erkennen ihn als ihren Obern; die Anführer der übrigen Geschwader sind ihm unterworfen, appellieren sogar an ihn. Zunächst vor ihm liegt ein Governator bei Kandia . Nur des Winters ist er daselbst: mit dem Frühjahr kommt er nach Korfu zurück, wenn es Krieg gibt mit zehn, im Frieden mit vier Galeeren, die er immer in Kandia bewaffnet; wahrend des Sommers wartet er der Befehle des Provveditors in Korfu. Noch weiter nach Osten liegt ein Kapitän mit vier Galeeren bei Cypern ; sein vornehmstes Geschäft ist die Seeräuber zu verfolgen, welche den Handelsschiffen bei Damiette oder an der syrischen Küste auflauern; er läßt sie in seiner Insel kein Wasser einnehmen; die, welche in seine Gewalt fallen, läßt er ersäufen. Diesen zwei Geschwadern zwischen Korfu und der syrischen Küste entsprechen zwei andere, zwischen Korfu und Venedig. Das eine liegt im Hafen von Lesina , den man mit einem Molo befestigt und mit einem kleinen Arsenal versehen hat, wo alle Schiffe anlegen, die zwischen Venedig und Apulien, zwischen Venedig und der Levante fahren. Es besteht aus Galeeren unter dem Kapitän des Golfes; alle fremden Schiffe, selbst wenn ein Ragusaner nur nach Ancona überfährt, müssen ihn als den Herrn des Golfes erkennen. Das zweite besteht aus fünf Fusten und fünf langen Barken; mit diesen kreuzt der Kapitän der Fusten gegen die Uskochen, Ein Seeräubervolk in Dalmatien. welche die äußersten Winkel des Golfes lebhaft beunruhigen. Alle diese fünf Geschwader gehören zusammen; sie bilden ein stehendes Heer zur See; sie sollen die Gewässer von Venedig und Tripoli und Alexandrien frei von dem Feinde und frei von Seeraub halten. Zu diesen Galeeren nahm man Ruderer und Soldaten aus den Zünften der Stadt, aus den Gondolieren der Lagunen, von den Dalmatinern und Kandioten, die geborene Seeleute sind. Vornehmlich trug man Sorge, das Rudern gut einzuüben. Die Galeeren waren mehr zum Rudern als zum Segeln eingerichtet; sie hatten mehr Bänke und kleinere Segel als etwa die florentinischen; 26 Bänke bis heran an das Tau der Segelstange und den Mastbaum so nahe am Vorderteil, daß die Segel nur klein sein durften. Eben daher mochte kommen, daß sie nur langsam fuhren, jeden Sturmwind fürchteten und sich abends bei guter Zeit in den Häfen einzufinden pflegten. Vorzüglich gut waren sie mit Geschütz versehen. Die schweren und leichten Galeeren verglich man mit schwerer und leichter Reiterei, eine Linie aus beiden hielt man für unüberwindlich. Um 1560 waren immer 35 - 40 unter den Waffen; doch sah man im Arsenal wohl 200 andere, und dies war so gut eingerichtet, daß einer unserer Berichterstatter binnen zehn Tagen ihrer dreißig völlig ausrüsten sah. So oft sich die Osmanen regten, eilten die Venetianer zu rüsten; dann sandten sie einen General der Flotte mit völliger Gewalt über Leben und Tod und so unbeschränkter Macht aus, daß sie dieselbe nur ungern gaben. Doch geschah es zuweilen; sie überredeten sich, schon sein Name erschreckte den Feind. Wie zur See, hielten sie sich auch auf dem Festland in steter Bewaffnung. Auch nachdem jene Stürme vorüber waren, welche die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts erfüllten, besoldeten sie 600 Huomini d'arme, jeden mit drei Pferden, und 1000 Stradioten; sie hielten eine Landmiliz unter Waffen, die auf 25 000 Mann berechnet wird; ihre Festungen waren wohlbesetzt. Wie indes die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts sich immer friedlicher entwickelte, ließen sie von einer für jene Zeit so großen Anstrengung ein wenig nach. Die Huomini d'arme behielten nur zwei Pferde; in Istrien finden wir 50 Helme, jeder Reiter mit einem Streitroß und einem geringeren Tier; sie stehen unter einem eigenen Hauptmann, und man sorgt dafür, daß sich die einheimischen Behörden in kein Verhältnis zu ihnen setzen. Da die Stradioten leicht zu haben und immer gleich brauchbar waren, schien bald auch eine geringere Anzahl derselben genügend. Nur die Festungen suchte man gegen jeden unerwarteten Angriff stark zu halten. Fast alle waren mit festen Mauern, tiefen und breiten Gräben, wohlangelegten Bollwerken versehen. Einige, wie Padua, schien überdies ihr großer Umfang vor eigentlicher Belagerung, andere, wie Brescia, eine Citadelle selbst auf den Fall zu schützen, daß die Stadt überrascht würde; dritte, wie Trevigi, trotzten darauf, daß keine Kunst der Welt sie des Wassers berauben könne. Wenn die Venetianer zuweilen sich mit den Römern vergleichen, so glauben sie den Wasserleitungen und Heerstraßen derselben ihre Festungsbaue an die Seite stellen zu können. Die Gebiete nun aber, welche sie so nach beiden Seiten verteidigen, waren doch weit entfernt in voller Untertänigkeit zu ihnen zu stehen. Nicht durch Erbe, wie unter anderen Fürsten, beinahe nie durch eigentliche Eroberung, sondern fast immer durch freie Überlieferung in bedrängten Augenblicken sind die venetianischen Städte und Staaten unter der Fahne von San Marco vereinigt worden. Es versteht sich aber, daß diejenigen, welche zu einem Äußersten griffen, um ihren Zustand, ihre Verfassung vor irgend einer vorhandenen Gefahr sicher zu stellen, diese nicht ihren Beschützern werden geopfert haben. Den Venetianern stand allenthalben nur ein beschränktes Recht zu; vornehmlich hatten sie fast überall einen nicht unmächtigen Adel zur Mitherrschaft aufgenommen. In Dalmatien bestand ihnen zur Seite ein Rat aus den Edlen der Städte und der Inseln. In Cattaro waren hundert stolze Adlige, die die Reichtümer der Stadt besaßen und ihren albanesischen Handel trieben. In Lesina nahm sich der Adel das Recht, wenn der Rettore und einige Beamte besoldet, wenn vielleicht noch die dringendsten Ausgaben bestritten waren, den Rest der Einkünfte für sich zu behalten. Allenthalben hatte dieser Adel einen Anteil an der Gerichtsbarkeit. Oft war freilich das Volk mit ihm in um so heftigere Streitigkeiten verwickelt, da es immer einige Rechte behauptete. »Die Gemeinen von Zara«, sagt Giustiniani, »sind Venedig vollkommen ergeben; zwischen ihnen und ihrem Adel aber herrscht alle die erregte Feindschaft, die wir in ganz Dalmatien wahrgenommen.« In Antivari gerieten die Parteien sogar zuweilen am Charfreitag, bei den feierlichen Prozessionen dieses Festes so hart an einander, daß es ohne die Dazwischenkunft der Venetianer zu Blut und Mord kam. Nur eine einzige Gemeinde war ohne Adel, die Gemeinde Pastrovichi: zwölfhundert waffenfähige Männer, die unter selbstgewählten Richtern über Gut und Blut in ihren Bergen in so ungeschminkter Einfalt dahinlebten, daß man sie aufgesucht hat, um die Sitten des homerischen Zeitalters an ihnen zu studieren; mit Venedig mehr durch Privilegien verknüpft, die man ihnen für freiwillige Dienste gewährte, als durch erzwungenen Gehorsam; von unbescholtener Treue, zum Dienst des Matrosen so geschickt wie zu den Waffen. Wie in Dalmatien finden wir überall auf den Inseln der Levante einen Adel mit gewissen besonderen Berechtigungen, mit einigem Anteil an der Verwaltung, allenthalben ein ungern herabgedrücktes Volk. Am schärfsten aber ist dieser Gegensatz dort, wo zwei von einander ursprünglich verschiedene Nationen nebeneinander wohnen, die eine herrschend, die andere dienend, in Kandia und Cypern. Kandia besaßen die Venetianer seit 1204, Cypern seit 1489 (Katharina Cornaro). Wie die Inseln und Küsten, so waren auch die Kommunen der Terra ferma weit entfernt davon, den Venetianern unbedingt unterworfen zu sein. Auch finden wir fast allenthalben ein Consiglio von Edelleuten, welches einen nicht geringen Anteil an der öffentlichen Verwaltung nimmt. So hatten die Vicentiner dem venetianischen Rettore eine Consolaria aus ihren Optimaten zur Seite gestellt, ohne welche jener kein Kriminalurteil fällen konnte. Von Natur heftig, trotzig auf ihren Reichtum, hielten sie immer eine eigensinnige Opposition gegen Venedig. Palladio baute ihnen die schönsten Paläste, Stadthäuser, Theater, die Italien in neuerer Zeit entstehen sah. Die Veronesen waren nicht so reich, aber sie wollten ihren Nachbarn weder an Glanz noch an Selbständigkeit nachstehen; man hat bemerkt, daß sie sich oft den Venetianern widersetzten und auf ihre eigene Weise zu leben suchten. Obgleich Bergamo nur arm war, hielt es sich in so gutem Ansehen, daß man es nie zu drücken wagte. Vornehmlich mächtig aber war Brescia . Es hatte sich zwei bedeutende Rechte erhalten, das eine bedeutend für die vornehmen Geschlechter: in die umliegenden Kastelle und Täler, die oft bis 50 000 Untertanen zählten, selbst wenn sie mit venetianischen Truppen besetzt waren, aus ihrer Mitte Podestas mit dem Recht über Leben und Tod zu Kriminal- und Zivilgericht zu senden; das andere bedeutend für die Kommunen, daß keine Alienation ihrer Güter stattfinden, daß sich kein auswärtiger, auch kein Venetianer in diesem Gebiet ankaufen durfte. Da blieben die vornehmen Geschlechter immer in einem großen Glanz; die Martinengi, Cesareschi hatten ein Einkommen von 30 000 Dukaten. Die Brescianer hielten sich in einer eigentümlichen Existenz; die großartigen Baue, den reichen Schmuck der Zimmer ihrer Oberherren ahmten sie nicht nach, sie gefielen sich vielmehr in rasch vorübergehender Pracht, in kostbaren Kleidern, schönem Waffenschmuck, bei guter Tafel, mit glänzenden Karossen und zahlreicher Dienerschaft. Oft genoß man die Lust musikalischer Feste; die prächtigsten Waffenspiele wurden hier gegeben, die Chronik sucht die Namen der ausgezeichnetsten Kavaliere zu verewigen. Neben ihnen hält sich die Kommune, eng verbunden, von überwiegendem Einfluß Venedigs frei; die Stadt, sagt jene Chronik, wuchs an Gebäuden und an Gewerbe; in der Zahl ihres Volkes, der Menge ihrer Waren konnte sie sich mit jeder anderen Stadt von Italien messen. Wie nun in den lombardischen Städten ein Consiglio, so gab es in Friuli ein Parlament mit noch nicht erloschenen Rechten. Mit den dalmatinischen Pastrovichi ließen sich in den Gebirgen über Vicenza die Deutschen der sieben Gemeinden vergleichen: ebenso einfach, tapfer, treu, durch Privilegien von unvordenklicher Zeit geschirmt, sichere Hüter der Klausen. Die Engen des Etschtales südlich von Roveredo. Es ist hier noch ein großes Feld statistisch-historischer Untersuchungen übrig darüber, wie sich Venedig zu allen diesen provinziellen Besonderheiten verhielt. Gedenken wir nur der Handhabung der öffentlichen Ordnung gegen das Treiben der Banditen und Räuber, die noch im Anfang des 17. Jahrhunderts die Straßen unsicher machten, so daß selbst der kaufmännische Verkehr darunter litt. Die mit der Hauptstadt in der Rechtspflege konkurrierenden Kommunen bildeten hier eine fast unüberwindliche Schwierigkeit. Die Venetianer hielten darüber, daß die Bedingungen, unter denen sie die Herrschaft erworben, beobachtet wurden. Unter der Aristokratie der Hauptstadt erhielten sich auch die Aristokratien aller unterworfenen Gemeinden; sie hätten nicht gebrochen werden dürfen, ohne daß man Empörung und Abfall zu fürchten gehabt hätte. Oft hat man Venedig getadelt, daß es nach glücklichen Unternehmungen zur See sich hat gelüsten lassen, eine Landmacht zu werden. Jene findet man naturgemäß und heißt sie gut; dies zu tadeln ist fast ein Herkommen geworden; man leitet davon eine Menge Unglücksfälle, selbst den Zerfall der Seemacht her. Im 16. Jahrhundert tritt indes besonders in finanzieller Hinsicht ein sehr merkwürdiges Verhältnis zwischen beiden Gebieten hervor. Wir sind nicht imstande, den Staatshaushalt der Venetianer in allen seinen Teilen genügend zu überschauen und uns vorzustellen; das aber zeigt sich deutlich, daß die Länder am Meere nicht durch die Einkünfte, die sie unmittelbar abwarfen, erhalten werden konnten. Von Kandia, Zante, Kefalonia wird uns ausdrücklich versichert, daß sie mehr kosteten als einbrachten. Wie arm war die dalmatinische Küste! Diese Inseln, zwar in den Tälern mit einiger Viehzucht, mit einigem Weinbau, die aber so wenig Getreide trugen, daß sie oft nur vier Monate, wie Curzola, oft gar nur zwei, wie Brazza, damit ausreichten; diese Städte hart unter dem hohen Gebirg, deren kleines Gebiet, wie bei Spalato nur auf fünf, wie bei Cattaro nur auf sechs Monate Getreide hervorbrachte und überdies von den Türken beunruhigt wurde. Die Sebenzanen hätten Hungers sterben müssen, wären nicht die Morlachen gewesen, die ihnen für ihr Salz Getreide und Käse brachten. Wie sollten diese Ortschaften ihre Kastelle instand halten, die Besatzungen, die Stradioten besolden! Gar oft muß ihnen Venedig zu Hilfe kommen. Den Sebenzanen mußte es im Kriege von 1571 für 3500 Dukaten Getreide geben, ohne auf Erstattung rechnen zu dürfen. Aber auch im Frieden sandte es regelmäßig bedeutende Summen dahin, 600 Dukaten nach Budua, 2000 nach Antivari, 3000 nach Spalato, 3900 nach Cattaro, 4000 nach Sebenigo, nach Zara 8000. Wie wenig fähig waren Städte und Inseln, die Seemacht imstand zu halten, welche sie beschützte. Alles aus den Relationen Morosinis und Giustinianis (um 1570-76). R. Woher aber schöpfte man diese Summen? Die Einrichtung der venetianischen Kassen zeigt uns, wenn ich nicht irre, die Quelle derselben und das wahre Verhältnis an. Nicht alle Einkünfte nämlich flossen unmittelbar zusammen, so daß alle Ausgaben aus einem allgemeinem Schatz hätten bestritten werden können, sondern den Mangel irgend einer bestimmten Kasse deckte man immer mit dem Überschuß einer anderen. Da man fand, daß Kandia und Korfu die Truppen nicht besolden konnten, von denen sie beschützt wurden, so bestimmte man zu diesem Solde die Einkünfte der Kammern Crema und Verona. Es war nur allzu deutlich, daß die Flotte zu ihrer Ausrüstung und Bemannung ganz anderer Hilfsquellen bedurfte, als die, welche die maritimen Besitzungen gewährten. Die Einkünfte von vier Kammern des festen Landes, von Padova, Trevigi, Bergamo, Rovigo, wurden dafür angewiesen. Wenn man im Osten die Festungen instand zu setzen, herzustellen, auszubessern hatte, wandte man sich an die Kasse der Festungen, zu der vornehmlich die Kammer von Udine steuerte. Unter den Einkünften des Arsenals, auf denen die ganze Seemacht basiert ist, finden wir den Ertrag von Cologna oben an. Die eigentliche Bestimmung der Zehnten des lombardischen Klerus war, zur Erhaltung der Flotte und des Arsenals beizutragen. Trevigi gewährte die Eichen zum Schiffbau. Wenn es sich auch so verhält, daß die Gelder, welche man nach den Städten der Levante und Dalmatiens schickte, vom Ertrag der Zölle und des Salzes genommen werden konnten, so wurden doch die übrigen Bedürfnisse damit nicht gedeckt. Genug, nur durch die Reichtümer des festen Landes geschieht es, daß man die Flotten bauen kann, die die östlichen Meere durchschiffen, daß man die Truppen besolden kann, welche Inseln und Städte der Levante und Dalmatiens beschützen. Und so stellt sich uns die Gesamtheit des venetianischen Staates, die Verknüpfung der zweifachen Art seiner Landschaften in eigentümlicher Gestalt vor Augen. Wenn Venedig Bedeutung für die Welt, allgemeineres Ansehen hauptsächlich den ausgebreiteten Besitzungen am Meere verdankte, so lag doch der Nerv seiner Macht, seine wahre Kraft in den Erwerbungen, die ihm auf dem festen Lande gelangen. Mit seinem oberherrlichem Recht über jene hatte es Verpflichtung sie zu verteidigen, mit seiner Herrschaft über diese die Fähigkeit das zu tun erworben. Ist es nun ein Verdienst gewesen, die Reste des christlichen Namens und einige lateinische Besitzungen jahrhundertelang vor den Osmanen geschützt zu haben, so kann man jene Eroberungen nicht verdammen, durch welche dies allein möglich ward. Die Kräfte eines doch nur sehr geringen Teiles okzidentaler Landschaften dienen dazu, auf den Rückhalt von Europa gelehnt, den Fortschritten der drohenden Barbaren im Okzident Einhalt zu tun. Daran wäre doch niemals zu denken gewesen, hätte sich Venedig nicht als eine der ersten Handels metropole der Welt behauptet. Man hat es als eine weise Maßregel betrachtet, daß die Republik auch die untertänigen Kommunen an den Handelsvorrechten venetianischer Bürger teilnehmen ließ. Darüber aber hielt sie allezeit aufs strengste, daß der Handel der Kommunen, des festen Landes und der Inseln in Venedig konzentriert blieb. Bei ihrem Eide sind die Rettoren von Bergamo und Brescia verpflichtet darüber zu halten, daß weder Wolle noch Baumwolle noch auch Spezereien in ihre Bezirke eingeführt werden, ausgenommen die, welche von Venedig kamen. Cremona und Gheradadda sind kaum gewonnen, so stellt man die Waren, die nur von Venedig aus daselbst eingeführt werden dürfen, in einem langen Verzeichnis zusammen. So wurden auch alle die Handelsbeschränkungen, durch welche Kolonien an ihre Mutterstadt gewiesen zu werden pflegen, von den Venetianern über die Küsten und Inseln der Levante ausgebreitet. Das gesamte Gebiet wurde gleichsam zu einer einzigen merkantilen Genossenschaft, die ihren Sitz in der Hauptstadt hatte, vereinigt. Der auswärtige Handel war noch in großer Blüte. Der Rialto war einer der bedeutendsten Handelsplätze der Welt und verschaffte dem Staate, indem er ihm eine eigentümliche Weltstellung gab, die weiteren Mittel seiner Existenz. Dabei kamen die drei Mächte in Betracht, welche die Politik beherrschten, und zwar schon für die nächsten Lebensbedürfnisse. Aus den österreichischen Gebieten zieht Venedig sein Schlachtvieh; höchst empfindlich ist ihm ein Aufschlag der Abgabe, welche die kaiserliche Regierung auf die Ausfuhr des Hornviehes erhob, sowie eine Störung des Verkehrs mit der Türkei, von wo ihm das Getreide, dessen es nicht entbehren kann, zugeführt wird. Für die Manufakturen bedarf man der Wolle aus Spanien. Ungleich wichtiger ist, daß Venedig den Verkehr zwischen Okzident und Orient , den es während der mittleren Jahrhunderte besessen hatte, auch im 16. Jahrhundert behauptete. Durch die Gewaltsamkeiten der orientalischen Machthaber, das Emporkommen der Barbaresken, die zuweilen bis in den Golf vordrangen, den Seeräuberkrieg, der das ganze Mittelmeer erfüllte, war der Handel geschädigt und erschwert, aber noch nicht unterbrochen. Wir finden, daß die venetianische Manufaktur, die noch in großer Blüte erhalten war, ihren besten Absatz in dem osmanischem Reich hatte. Eine unserer Relationen berichtet, Venedig habe jährlich 25000 Stück Tuch nach der Türkei versendet, von denen ein jedes 200 Dukaten gekostet; es seien hauptsächlich scharlache, violette, karmesine Tuche gewesen, wie sie der Orient liebt; dies gebe dann einen ungemeinen Vorteil und nähre eine große Zahl Menschen. Daß das nun nicht übertrieben ist, bezeugt die Reisebeschreibung Texeiras nach dem Orient. Pedro Texeira, Relacion del camino que hize dende la India hasta Italia ; ein Buch, welches ich zuerst aus Schlossers Weltgeschichte (3, 1, 111) kennen lernte. R. Texeira versichert, daß Venedig jährlich 5-6000 Stück Tuch nach Aleppo bringe; er fügt hinzu, ebensoviel Stücke führe es dahin in Brokat und Seide, sein Verkehr belaufe sich daselbst auf anderthalb Millionen Dukaten. Oft ließ der Schah von Persien für seine Armee Tuch von Aleppo holen. Nicht minder bedeutend war gewiß der eigentliche konstantinopolitanische Verkehr. Was forderte allein die Pracht des Harems! Man erinnerte sich noch lange der kunstreichen Juweliere Leuriere und Carolini, die für Soliman einen langen Helm mit vier Kronen, reich mit Edelsteinen besetzt, einen Federbusch, ein Pferdegezäum von außerordentlicher Pracht und Schönheit gearbeitet. Alle andern Erzeugnisse venetianischen Kunstfleißes nahmen ihren Weg nicht minder dahin. Die vornehmste Station der Venetianer im Orient war jedoch Aleppo ; da befanden sie sich noch im Jahre 1605 in einer stattlichen Lage. Es waren daselbst außer dem Konsul, der immer ein Edelmann, zwölf große Häuser, jedes mit zwei Vorstehern, damit, wenn der eine fehle, doch die Geschäfte keinen Stillstand litten. Sie hatten ihre Franziskaner, die ihnen in einem Khan Messe und Predigt verwalteten, und deren Guardian vom Papste mit außerordentlicher Vollmacht zu absolvieren versehen war. Über ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten pflegten sie nach der Sitte ihres Vaterlandes mit Kugeln zu stimmen. Sie hatten die schönsten Ordnungen, sie lebten auf eine prächtige und glänzende Weise, sie nahmen die Fremden gastlich und gütig auf. Vor ihnen, noch weiter nach Osten, waren auch manche Venetianer tätig; in Bassora finden wir sie ansässig, zwischen Ormuzd und Aleppo ziehen sie hin und her. Aber vornehmlich in der ganzen asiatischen Türkei hatten sie ihre Faktoren, ihre Agenten. Im Vorbeigehen sei bemerkt, daß die merkantilen Geschäfte bei der Teilnahme Venedigs an der allgemeinen Kultur des Abendlandes nicht ohne Beziehung auf Gelehrsamkeit und Altertum geblieben sind. Die Häuser Bembo und Contarini waren mit Antiquitäten reich ausgestattet. Broccardo untersuchte die ägyptischen Monumente; nach Marco Grimanis Zeichnungen sind die ägyptischen Denkmäler von Sebastian Serlio 1584 herausgegeben. Und indem man die Stätten und Wege der alten Kultur aufsuchte, begleitete man doch auch die neuen Entdeckungen mit großer Aufmerksamkeit. Die erste bedeutende Sammlung von Reisebeschreibungen nach den beiden Indien stammt von dem Venetianer Ramusio; sie wird noch heute gebraucht. Entfernen mir uns aber nicht von unserem Gegenstande. Man behauptete in der Mitte des 16. Jahrhunderts, in der ganzen Türkei sei kein irgend bedeutender Ort, wo die Venetianer nicht ihre Leute hätten; von denen werde ihnen gemeldet, welche Waren da angekommen, so daß sie berechnen können, wie sie auf das vorteilhafteste zu verkaufen sein würden. Wo Floriani Descrittione dell' imperio Turchesco fatta del capitan Pompeo Floriani (a nostro Sign. Clemente VIII). R. die Erzeugnisse des türkischen Reiches nacheinander aufzählt, Seide, Kaviar, Korn, Getreide, fügt er hinzu, daß das Mark davon nach Venedig komme. Doch dies war es nicht allein. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der indische Handel nach Umschiffung des Kaps lediglich auf portugiesischen Schiffen von Lissabon aus getrieben worden sei; noch immer blieben die uralten Wege dieses Handels im Gange. Ein Hauptplatz für denselben wurden die Niederlagen von Aleppo . Da empfingen die Venetianer für ihre Einfuhr nicht allein rohe Seide und Baumwolle, sondern auch Zimt, die indischen Gewürze, Perlen und Edelsteine. Die erste Frage ist, wie dies alles dahin kam. Einmal durch die Araber. Navagero Relatione di Constantinopoli 1558, Mskr. R. unterrichtet uns, daß man noch immer von Arabien aus durch das Germasir nach Ormuzd dahin zog; daß man von da Ingwer und Gewürznelken, Muskatnüsse und Muskatblüte, allerlei Spezereien und Perlen herbeiführte, daß die Araber der Wüste, wohlversehen mit Kamelen und Saumtieren, die Reichtümer von Indien bis unmittelbar nach Aleppo brachten. Überdies auch durch Persien. Der Verkehr der Venetianer mit Persien war so rege, das ein Krieg, den sie mit den Türken hatten, den Preis der Seide auf die Hälfte herabdrückte und die Verkäufer der Spezereien, da der Verkehr von Aleppo eine Zeitlang gestört war, die sonderbarsten Auswege zu suchen nötigte. Die Kaufleute begaben sich nach Konstantinopel, sie nahmen von da ihren Weg durch die Wallachei nach Polen. Man begegnete wohl den nämlichen Armeniern, die man in Tauris gesehen, wiederum in Lemberg. Von hier zogen sie nach Danzig, welches damals die größte Handelsmetropole des Ostens und Nordens war; hier aber traf man auf jenen Verkehr des Atlantischen Ozeans, und die Kosten des Landweges waren so ungemein groß, daß der Vorteil die Mühe nicht bezahlte. Relatione di Persia di Mons. Vincenze degli Alessandri 1583, Mskr. R. Alles das war jedoch eine Ausnahme; in gewöhnlichen Zeiten blieb Aleppo der größte Stapelplatz des Orients. Die zweite Frage ist, wie man von da, wie man vom Orient überhaupt nach Venedig gelangte. Keineswegs nämlich geschah dies immer zur See; der Karawanenhandel ward in Europa selbst fortgesetzt. Wir wissen, daß im Jahre 1534 eine venetianische Karawane, hundert Pferde stark, die von Konstantinopel nach der venetianischen Küste zog, in der Türkei von Räubern angefallen und geplündert worden ist. Allmählich aber wurde diese Straße sicherer, und die orientalischen Kaufleute nahmen sie selbst. Spalato ward der Hauptplatz für diesen Verkehr; besonders gegen Ende des 16. Jahrhunderts gelangte derselbe zu großer Aufnahme. Dahin sammelten sich nicht allein die Nachbarn vom Adriatischen Meer bis zur Dona und von Konstantinopel bis an die Grenze, sondern vor allem kamen die Seide, die Baumwolle, die Gewürze, die Hervorbringungen des fernen Orients dahin. Da sah man indische und persische Kaufleute; hier nahmen sie die kunstreichen Zeuge, die Gewebe von Gold- und Silberstoff, welche Venedig darbot, in Empfang. Der Orient kam dem Okzident auch einmal wieder selbsttätig nahe und suchte ihn auf. Die Venetianer sandten regelmäßig ihre bewaffneten Galeeren aus, doch nur 200 Miglien weit nach einer eigenen Stadt, wo sie selber Quarantäneanstalten, Lazarette und große Niederlaghäuser gegründet hatten. So reicht ein großartiger Landverkehr des fernsten Ostens mit unseren Ländern in alter Weise bis nahe zu unseren Zeiten heran. Er berührte Deutschland unmittelbar. Wenn die Waren jene kurze Überfahrt über das Adriatische Meer gemacht, wurden sie, wie nach anderen Gegenden, so nach Deutschland geführt. Wir finden im 16. Jahrhundert noch immer venetianische und portugiesische Spezereien nebeneinander in den deutschen Städten; der deutsche Barchent ward fast durchaus von Baumwolle, die aus Venedig kam, verfertigt. Wo Paolo Paruta Hist. Veneziana. 2, 558. R. des deutsch-venetianischen Verkehrs, der zu seiner Zeit, im Anfang des 17. Jahrhunderts vorzüglich blühte, gedenkt, erwähnt er vornehmlich der Baumwolle und der Spezereien, durch die derselbe bestehe. Eine Menge Waren, Erzeugnisse der Natur oder des Fleißes, gab dafür Deutschland, vornehmlich Eisen und Stahl. Die Alpen hinauf und herab ward dieser Handel getrieben. Oft begegnete man auf den Alpenstraßen den Kaufleuten mit ihren Warenballen, Arbeiter mit Hacke und Schaufel vor sich her; sie geboten den kommenden Fremden von fern, auszuweichen. Die oberdeutschen Städter, deren Handelsleute sich auf der Messe zu Bozen mit venetianischen Untertanen zusammenfanden, sandten ihre Waren meist durch den Paß von Primolano bis nach Mestre. Durch den Kanal des Eisens, über das halb italienische, halb deutsche Pontieba, langten die Güter österreichischer Provinzen von Steiermark bis Schlesien, an. Das Holz flößte man, nicht ohne Vorteil für die kaiserlichen Zölle, die Etsch hinunter. In dem Fondaco der Deutschen Ein geräumiges Kaufhaus, ähnlich den Kaufhäusern der deutschen Hanse in London und Antwerpen, noch im 18. Jahrhundert bedeutend. zu Venedig traf dieser gesamte Verkehr zusammen. In den Bibliotheken finden sich genaue Notizen über die Zölle, welche man bei der Einfuhr und Ausfuhr zu zahlen hat. Man hat damals auch nicht versäumt, in Widerspruch mit den Gesetzen des Reiches Silber in großen Massen nach Venedig auszuführen, wo es bei weitem höher im Preise stand als in Deutschland. Erst im 16. Jahrhundert hielt man es der Mühe wert, das deutsche Haus neu und prächtig auszubauen; Tizian und Giorgione haben ihre kunstreichen Hände daran versucht. Das Gewölbe der Fugger war eine Sammlung okzidentaler und orientalischer Reichtümer. Indem Venedig diese Verhältnisse zwischen Deutschland und dem Osten vermittelte, ließ es seinen Seehandel nach dem Westen nicht untergehen. Den Barbaresken zum Trotz schiffte man noch nach Spanien, häufig die Meerenge hinaus. In Portugal erwarben die Venetianer 1522 die Bestätigung wichtiger Privilegien. Unter Heinrich VIII. waren sie in England sehr begünstigt. Noch 1560 brachten sie ihre Gewürze nach Antwerpen. Diese entfernten Unternehmungen hörten auf, seitdem England selbständig unter die Handelsmächte eintrat; das Wichtigste aber der Verkehr mit Spanien, erhielt sich auch dann. Spanien lieferte den Venetianern die Wolle zu dem Tuch, das sie nach dem Orient führten. Man findet, daß levantinische und italienische Wolle für dies Tuch nicht fein genug, französische und englische nicht wohlfeil genug gewesen; notwendig habe man sich der spanischen bedienen müssen. Dafür gewährte dann Spanien für die Produkte der venetianischen Manufaktur, ihr Glas, ihr Wachs, ihre Brokat- und Seidenzeuge, vornehmlich für ihre Waffen einen sicheren Markt. Fassen wir nun, daß diese Waren größtenteils nach Westindien D. h. in die spanischen Kolonien. gingen, wie man denn behauptet hat, daß Venedig, wenngleich es die Entdeckungen des Kolumbus anfangs zurückgewiesen, doch den Vorteil von ihnen eine Zeitlang genossen habe, so tritt uns die Weltstellung dieser Stadt nach allen Seiten glänzend und großartig vor Augen. Die Venetianische Verfassung, Bd. 42 S. 31–36. Die Seeschlacht bei Lepanto. Bd. 35/36 S. 363–366. Die Venetianer in Morea (1687–1715), Bd. 42 S. 279 ff, 17. Philipp II., König von Spanien. Osmanen und spanische Monarchie, Werke Bd. 35. 36 S. 97 ff. Als Philipp zum ersten Male Spanien verließ Karl V. ließ ihn Ende 1548 nach Augsburg kommen, um ihm die Nachfolge im Kaisertum zuzuwenden; Deutsche Geschichte 5, 81. 83. und man ihn auch in anderen Ländern ansichtig ward, bemerkte man zunächst die große Ähnlichkeit, die er äußerlich mit seinem Vater hatte: dasselbe mehr weiße als blasse Gesicht, dasselbe blonde Haar, das nämliche Kinn, denselben Mund. Sie waren beide nicht groß, Philipp noch etwas kleiner, zierlicher, schwächer als sein Vater. Bald ging man in dieser Vergleichung weiter. Die Gesichtszüge des Sohnes schienen doch nicht den Ausdruck von Scharfsinn darzubieten, der den Vater auszeichnete. Man ward inne, daß Philipp, sehr entfernt diesen in natürlicher Leutseligkeit zu übertreffen, hierin vielmehr von ihm weit übertroffen ward. Während der Vater, wenn ihn Reichsfürsten nach Hause begleiteten, umzukehren, den Hut abzunehmen, einem jeden die Hand zu reichen und ihn mit freundlichem Bezeigen zu entlassen pflegte, bemerkte man mit Mißfallen, daß der Sohn, wenn sie ihm das nämliche getan, sich mit keinem Auge nach ihnen umsah, sondern den Blick gerade vor sich hin die Treppe zu seinen Gemächern hinanstieg. Er hatte keine Freude an Jagd und Waffen, er schlug selbst die Einladungen seines Vaters aus, er liebte zu Hause zu bleiben und mit seinen Günstlingen des Gesprächs zu warten. Italiener und Niederländer wurden ihm nicht wenig, die Deutschen entschieden abgeneigt. Nun schien es zwar, wie er Spanien im Jahre 1551 zum zweiten Male verließ, 2) Er reiste nach England, um sich mit der Königin Maria zu vermählen, dann nach den Niederlanden; Deutsche Geschichte 5, 283. 289. als vermeide er jenes herrische, zurückgezogene Wesen, als suche er auch in äußerlichen Manieren seinem Vater ähnlich zu werden, als sei er von jener törichten Einbildung, die man ihm schuldgab, eines Kaisers Sohn, wie er, sei mehr als der Sohn eines Königs, wie sein Vater, zurückgekommen; er zeigte sich bescheidener und leutseliger, er gab gern Audienz und genügende Antworten. Nach Beobachtungen venetianischer Gesandter, die Ranke wörtlich anführt. Doch in der Tat war das keine Änderung. Er nahm sich zusammen, weil er den Engländern, deren König er zu sein wünschte, gefallen wollte; die stolze, einsame Ruhe, welche die Spanier Sosiego nennen, behauptete er dennoch Nach Beobachtungen venetianischer Gesandter, die Ranke wörtlich anführt. Teilnahme und Offenheit waren nicht seine Tugenden; selbst der Freigebigkeit befleißigte er sich nicht; aller persönlichen Teilnahme am Kriege zeigte er sich abgeneigt. Seit er nach dem Frieden von 1559 nach Spanien zurückgegangen war, verließ er die Halbinsel nicht wieder. Selbst hier vermied er, von Ort zu Ort zu reisen, wie die früheren Könige und sein Vater immer getan. Er richtete die Residenz im Schlosse zu Madrid ein; er verließ es nur, um jenen öden Weg hin, wo kein Baum Schatten und kein Bach Mannigfaltigkeit gewährte, nach dem Escorial zu fahren, das er zwischen nackten kleinen Hügeln in einem steinigen Tale Hieronymitenmönchen zum Aufenthalt und seinem Vater zum Grabmal baute, oder um im Frühjahr nach Aranjuez zu gehen, wo er in der Tat die Jagd in die Berge begleitete und sich zu Alcalden und Monteros herabließ, doch ohne sie nach etwas anderem zu fragen als nach ihrem Amte, und ohne sie von etwas anderem reden zu lassen als von ihrem Geschäft. Ein jeder, sagt Cabrera, ward nach seinem Stande wohl angesehen. Die Sorge für seine niemals feste Gesundheit machte ihm die größte Regelmäßigkeit des Lebens zur Pflicht. Er aß dann und wann mit seiner Gemahlin oder mit seinen Kindern, aber in der Regel allein, überaus mäßig, immer die nämlichen erprobten Speisen, immer in derselben Stunde. Auch in höheren Jahren erschien er wohlerhalten; es fiel auf, wie sorgfältig, mit wie vornehmem Anstand er gekleidet war. Sein Sinn war, Würde mit Freundlichkeit zu verbinden; er sagte nie ein kränkendes Wort, er wußte jeden zufriedengestellt zu entlassen. Als er einmal nach Alcala kam, hat er nicht allein Vorlesungen besucht, sondern bei einer Promotion, der er beiwohnte, zwei Realen und zwei Paar Handschuhe, die jeder Doktor erhielt, angenommen, denn auch er war Doktor. Zuweilen finden wir ihn noch im Gehölz bei Segovia, bei den aragonesischen Cortes, einmal in Lissabon, übrigens immer zu Hause. Anfangs erschien er hier bei den Festen des Volkes; später ließ er sich das Jahr ein paarmal auf einer Galerie sehen, welche von seinen Zimmern nach seiner Kapelle ging; in den letzten Jahren unterließ er auch dies und blieb immer in seinen Gemächern. Gleichfalls nach venetianischen Berichten. Da gewöhnte er sich zu dem Ausdruck einer ganz unerschütterlichen Ruhe, eines bis zur Vollkommenheit ausgebildeten Ernstes, einem Ausdruck, der eine völlig unterwerfende Wirkung hatte. Selbst geübte und belobte Redner kamen aus dem Texte, wenn sie vor ihm standen, wenn er sie, wie er pflegte, mit den Augen von oben bis unten maß. Er sagte alsdann: »Beruhigt Euch« (Sosegaos); mit einem leisen Lächeln antwortete er: Gleichfalls nach venetianischen Berichten. Wir sehen, Philipp II. fehlte die äußerliche Tätigkeit seines Vaters. Von jenem steten Reisen, jenem Eilen nach allen Orten, wo die Gegenwart des Fürsten notwendig schien, war er kein Freund. Er gab denen Beifall, welche an Ferdinand dem Katholischen lobten, daß er seine auswärtigen Kriege mehr führen lasse als selbst geführt, welche daran erinnerten, daß auch Karls Heere unter der Anführung eines Pescara und Leiva glücklicher gewesen als unter Karls eigener. Philipp führte Krieg, doch er selber blieb fern davon. Persönliche Regsamkeit macht die Seele offener, freier und wärmer. Wenn an Philipp immer eine gewisse Starrheit zu bemerken war, so mochte sie auch von dem Mangel an dieser Tätigkeit herrühren. Die andere Seite der Tätigkeit Karls, im Kabinett, in dem eigentlichen Geschäft, war dagegen mehr auf Philipp übergegangen. Zwar hielt er sich auch hier von unmittelbarer Berührung mit andern lieber entfernt, und wir finden ihn weder persönlich unterhandeln noch an den Sitzungen des Staatsrates teilnehmen. Aber wir werden wahrnehmen, wie das Getriebe seines Staates so eingerichtet war, daß sich die Geschäfte des weitläufigen Reiches sämtlich an seinem Tische versammelten. Alle Beschlüsse seiner Räte von einiger Bedeutung wurden ihm auf einem gebrochenen Blatte vorgelegt, auf dessen Rande er sein Gutachten, seine Verbesserungen anzeichnete. Die Bittschriften, die Briefe, die an ihn einliefen, die Beratungen seiner Minister, die geheimen Berichte kamen hier sämtlich in seine Hand. Seine Arbeit und sein Vergnügen war, sie zu lesen, zu überlegen, zu beantworten. Von hier aus, zuweilen von einem ergebenen Sekretär unterstützt, oft in vollkommener Einsamkeit, regierte er die ihm untertänigen Länder, hielt auch die übrigen in einer Art von Aufsicht; von hier aus setzte er die geheimen Triebräder eines guten Teiles der Angelegenheiten der Welt in Bewegung. Was ist es nun, was er in einem langen Leben so unablässig treibt? Ist es das Glück der Reiche, deren Leitung ihm anvertraut worden? Man hätte es glauben mögen, solange er in den ersten Zeiten sich von den Plänen und der Ruhmbegier seines Vaters fernzuhalten und nur seine eigenen Länder im Auge zu haben schien. Doch bald begann er auf die allgemeinen Verwicklungen lebhaft einzuwirken. Hatte er dann, wie vielleicht das Vermögen, so auch die Absicht, die Wunden der damaligen Welt zu heilen? Wir können weder das eine noch das andere behaupten. Gehorsam und katholische Religion zu Hause, katholische Religion und Unterwerfung in den andern Ländern, das ist es, was ihm am Herzen liegt, das Ziel aller seiner Arbeit. Er selbst ist dem äußeren Gottesdienste der katholischen Kirche mit einer mönchischen Anhänglichkeit zugetan. Um Erzherzogen, die ihn besucht haben, zu zeigen, wie ehrwürdig ein Priester sei, küßt er einem solchen nach der Messe die Hand. Einer vornehmen Dame, die auf die Stufen des Altars tritt, sagt er: »Das ist kein Platz weder für Euch noch für mich«. Wie emsig, mit wie vieler Sorgfalt, wie vielen Kosten bringt er aus den Ländern, welche protestantisch geworden, die Reliquien zusammen, damit diese Schätze nicht für die katholische Christenheit verloren gehen! Es ist dies wohl nicht innere Religion; aber zu einer Art innerer Religion, welche die Gesinnung zu bestimmen vermag, wird ihm die Überzeugung, er sei dazu geboren, diesen äußeren Dienst aufrechtzuerhalten: er sei die Säule der Kirche, das sei sein Auftrag von Gott. Erlangt er nun hierdurch, daß die meisten Spanier, voll einer ähnlichen Gesinnung, wie ein Italiener sagt, ihn nicht lieben, nicht verehren, sondern anbeten, daß sie seine Befehle für so heilig halten, daß man sie nicht übertreten könne ohne Gott zu verletzen, so werden ihm zugleich durch eine sonderbare Illusion, wenn wir anders mit Recht annehmen, daß seine Äußerungen nicht von einer inneren Täuschung ausgingen, es werden ihm die Fortschritte seiner Macht und die Fortschritte der Religion identifiziert, und in jenen sieht er diese. Hierin bestärken ihn die Niederländer, die zugleich von ihm und dem Papste abfallen. Freilich beseelt ihn im Grunde kein anderer Eifer als der Eifer Karls des Kühnen und Maximilians I., das burgundische, das habsburgische Haus zu erhöhen, der sich schon in Karl V. mit religiösen Intentionen gepaart hatte. In ihm ist diese Vereinigung nur noch viel stärker, und wenn er England zu erobern, Die Armada 1588. wenn er die Krone von Frankreich an seinen Neffen und an seine Tochter zu bringen sucht, Erzherzog Ernst von Österreich, Sohn Kaiser Maximilians und Marias, der Schwester Philipps, 1593 Statthalter in den Niederlanden und zum Gemahl von Isabella, Philipps Tochter, ausersehen, starb 1595; vgl. Französische Geschichte 1,399. so überredet er sich, er tue das zum Besten der Welt, ja zum Heile der Seelen. Wenn ihn nun auf der einen Seite sein zurückgezogener Ernst nicht fähig machte, seinen Nationen in Güte, Leutseligkeit und als ein Vater vorzustehen, so war diese beschränkte und fanatische Sinnesart weit entfernt, ihn zu einem Versöhner der zerfallenen Welt zu machen; er ward vielmehr ein großer Beförderer und Vermehrer ihrer Entzweiung. Wo Kirche und Staat in Frage kamen, kannte er kein Erbarmen. Das Geheimnis, mit dem er seine Rechtspflege umgab, machte sie doppelt entsetzlich. Als sein Leben zu Ende ging, sah er sein Reich an Menschen erschöpft, mit Schulden beladen, seine Feinde und Rebellen mächtig, frisch, zum Angriff gerüstet; einen Nachfolger aber, der diesen hätte widerstehen, jenem aufhelfen können, den sah er nicht. Sein Sohn Philipp III., aus vierter Ehe 1578 geboren. war ganz untüchtig. Man sagt, dies habe sein Gefühl doch einmal übermannt. Seinem Schwiegersohne Albrecht von Österreich, der sich ganz nach ihm gebildet, Jüngerer Bruder des Erzherzogs Ernst, 1595 – 1621 Statthalter der Niederlande, 1599 mit Isabella vermählt, ein Mann von trefflichem Charakter, frei von Philipps Fanatismus und Mißtrauen. und seiner Tochter Isabella, die er sehr liebte, klagte er's. Zu der Gnade, ihm ein so großes Reich zu geben, habe Gott die andere, ihm einen Nachfolger zu schenken, der dasselbe ferner zu regieren vermöchte, nicht hinzufügen wollen; ihnen beiden empfehle er das Reich. Mit Tränen sagte dies der alte König, er, der beim Tode seiner Kinder die Tränen gespart. Die Granden von Castilien S. 178-183. Finanzen unter Philipp II. S. 274 bis 292. Sinken des Wohlstandes in Castilien S. 299-313. Aufschwung der Niederlande S. 327 – 334. 18. Die spanische Armada. Begründung der englischen Seemacht. Englische Geschichte I, Werke Bd. 14 S. 309 ff. Schon längst waren Feindseligkeiten im Gange, die zunächst aus dem Piratenwesen entsprangen, welches überhaupt den westlichen Ozean erfüllte. Die englischen Kauffahrer hielten für ihr gutes Recht, jede Unbill zu rächen, die ihnen an den Küsten der Nachbarn angetan ward, denn in dem Menschen wohne, so sagten sie, nun einmal die natürliche Begier sich Genugtuung zu verschaffen, und verwandelten sich in Seeräuber. Durch die Gegenanstalten der Spanier geschah es, daß dieser Privatseekrieg immer größeren Umfang gewann, dabei aber auch nach und nach rühmlichere Antriebe entwickelte, wie man an Franz Drake sieht, der zuerst nur eben an den Raubzügen gekränkter Kauffahrer teilnahm und sich dann zur Idee einer maritimen Rivalität der Nationen erhob. Es ist ein welthistorischer Augenblick, wie Drake auf der Landenge von Panama zuerst der Südsee ansichtig wurde Bei seiner ersten großen Fahrt im Jahre 1572. und Gott um die Gnade bat, dieses Meer einmal auf einem englischen Schiff zu durchsegeln: eine Gnade, die nicht allein ihm selbst, sondern im reichsten Maße seiner Nation zu teil geworden ist. Mannigfaltige Genossenschaften bildeten sich zur Wiederaufnahme der bereits einmal begonnenen und dann wieder unterlassenen Entdeckungsreisen. Und wenn die Spanier ihr ausschließendes Recht auf den Besitz der anderen Hemisphäre auf den Anspruch des Papstes gründeten, so trugen nun auch die protestantischen Ideen, welche dieser Weltsuprematie des römischen Stuhles spotteten, dazu bei, zu einer Besitznahme in diesen Regionen anzutreiben. Die Hauptsache geschah allezeit durch freiwillige Anstrengung begüterter Kaufhäuser oder unternehmender Mitglieder des Hofes und Staates, denen die Königin ermächtigende Patente gab. Auf diese Weise gründete Walter Ralegh Er erhielt seinen Freibrief für eine amerikanische Kolonie 1584. im politischen und religiösen Gegensatz mit den Spaniern eine englische Kolonie auf dem transatlantischen Kontinent, in Wingandacoa; die Königin hatte soviel Freude daran, daß sie dem Gebiet einen Namen gab, der an die Eigenschaft, auf die sie fast am stolzesten war, erinnern sollte; sie nannte es Virginien. Endlich aber unternahm sie den Seekrieg in aller Form; er war zugleich ein Motiv für den Bund mit den Holländern, welche in demselben treffliche Dienste würden leisten können. In Westindien hoffte sie das Fundament der spanischen Größe umzustürzen. Franz Drake ward damit beauftragt, ihn zu eröffnen. Als er im Oktober 1585 an den Islas de Bayona an der gallicischen Küste anlangte, ließ er den Governador derselben Don Pedro Bermudez wissen, er komme im Namen seiner Königin, um den Beschwerden ein Ende zu machen, welche die Engländer von den Spaniern erleiden müßten. Don Pedro antwortete, er wisse von solchen Beschwerden nichts, wolle aber Drake Krieg anfangen, so sei er bereit ihn anzunehmen. Drake richtete damals seinen Lauf sofort nach Westindien. Er hat S. Domingo und Cartagena überrascht, einen Augenblick das eine und das andere in Besitz gehabt und große Brandschatzungen davongebracht. Dann führte er die Kolonisten von Virginien, die sich noch nicht gegen die Eingeborenen behaupten konnten, nach England zurück. Erst 1612 unter Jakob I. ist Virginia wieder besiedelt worden; Englische Geschichte 2, 72. Und noch verderblicher wurde er den Spaniern im nächsten Jahre; er drang in den Hafen von Cadiz ein, der voll von Fahrzeugen lag, die von beiden Indien kamen oder dahin gingen; er bohrte sie in den Grund oder verbrannte sie. Seine Korsaren bedeckten die See. Wie oft schon war in Spanien von einer Invasion von England die Rede gewesen! Dringender als jedes andere war das Motiv, das in diesen maritimen Unternehmungen dafür lag. Die Spanier bemerkten, daß der Bestand und die Kraft ihrer Monarchie nicht so sehr auf den festen Plätzen beruhe, die sie in allen Landschaften besitze, als auf den beweglichen Werkzeugen der Herrschaft; die Störung der Kommunikation, welche Drake mit seinen Korsaren zwischen den wichtigsten Punkten an den spanischen und den niederländischen Küsten verursachte, schien ihnen unerträglich; sie wollten ihr um jeden Preis abhelfen. Und dazu kam nun der allgemeine Racheruf wegen der Hinrichtung der Königin von Schottland, der sich vor dem König selbst auf den Kanzeln vernehmen ließ. Doch war dies nicht die einzige Einwirkung dieses Ereignisses. Das Leben der Königin Maria und ihr Erbanspruch hatten immer dem spanischen Ehrgeiz entgegengestanden; jetzt konnte Philipp II. daran denken, den englischen Thron selbst in Besitz zu nehmen. Er hat mit Papst Sixtus V. einen Vertrag geschlossen, Vgl. Geschichte der Päpste 2, 109. Philipp war 1554-58 Gemahl der Königin Marie von England gewesen, doch nicht gekrönter König von England; s. Bd. 1 S. 200. nach welchem er die Krone von England von dem römischen Stuhle zu Lehen tragen sollte; dieser würde so mit der Herstellung der kirchlichen Autorität zugleich auch die Erneuerung seiner alten Oberlehnsherrlichkeit über England durchgesetzt haben. Noch einmal waren die spanische Monarchie und das Papsttum in ihren geistlichen und politischen Ansprüchen auf das engste vereinigt. Papst Sixtus V. sprach aufs neue die Exkommunikation über die Königin aus, Zum ersten Male hatte es Pius V. 1570 getan; f. Bd. 1 S. 276. erklärte sie für abgesetzt, entband nicht allein ihre Untertanen von dem Eid der Treue, sondern forderte jedermann auf, dem König von Spanien und seinem Heerführer, dem Herzog von Parma, Hilfe gegen sie zu leisten. Zwischen spanischen und englischen Bevollmächtigten ist jedoch im Jahre 1587 noch über den Frieden unterhandelt worden. Hauptsächlich die Kaufmannschaften von London und Antwerpen drangen darauf, und da die Spanier damals das offenbare Übergewicht besaßen, den Niederrhein und die Maas beherrschten, in Friesland eindrangen, Sluis trotz aller Gegenwehr belagerten und endlich bezwangen, so ist es begreiflich, wenn die englischen Bevollmächtigten zu unerwarteten Zugeständnissen bewogen wurden. Sie würden die Herstellung der Oberherrschaft der Spanier über Nordniederland nachgegeben haben, wenn Philipp den Einwohnern Gewissensfreiheit hätte bewilligen wollen. Alexander von Parma brachte in Vorschlag, denselben zwar die Rückkehr zum Katholizismus zur Pflicht zu machen, aber mit der Versicherung, daß keine Inquisition über sie verhängt, niemand für seine Abweichung von diesem Glauben gestraft werden würde. Selbst wenn es mit dieser Unterhandlung nicht vollkommen Ernst gewesen sein sollte, so ist doch bemerkenswert, woran sie scheiterte. Philipp II. wollte weder eine solche Versicherung, die doch die Gewissensfreiheit dem Wesen nach enthalte, noch vollends diese selbst in besserer Form bewilligen. Darin bestand gerade seine Stärke, daß er das katholische System mit unnachsichtiger Energie behauptete; dadurch erwarb er sich die Anhänglichkeit der Priester und der glaubenseifrigen Laien. Und wie hätte er vollends in einem Augenblick, wo er so eng mit dem Papste verbunden war und für seine Unternehmung auf die im Kastell S. Angelo angesammelten Millionen rechnen durfte, von der Strenge des exklusiven Glaubens abweichen sollen! Er meinte bei der Verweigerung jeder religiösen Konzession in seinem Rechte zu sein, wie ja auch jeder andere Fürst in seinen Gebieten für die Religion maßgebende Gesetze erlasse. Philipp wäre am liebsten schon im Spätjahr 1587 ans Werk geschritten. Er hoffte damals, daß ihm Schottland, wo die katholischen Lords und das Volk lebhafte Sympathie mit dem Schicksal der Königin Maria kundgaben, von ihrem Sohne, von dem man voraussetzte, daß er ihren Tod zu rächen wünsche, geöffnet werden würde. Aber anderen schien das nicht so gewiß; besonders machte der erfahrene Admiral Santa Cruz den König aufmerksam, in welche Gefahr die Flotte in jenen Meeren geraten könne; sie werde mit widrigen Winden, dem Nachteil kurzer Tage und tiefer Nebel zu kämpfen haben. Santa Cruz wollte seinen Ruhm, den einzigen Erwerb eines langen Lebens, nicht durch ein unzeitiges oder doch sehr gewagtes Unternehmen gefährden. Er hielt einen Angriff auf England für schwieriger als die meisten andern und verlangte solche Vorbereitungen, daß dadurch der Sieg unzweifelhaft würde. Inmitten der Herbeischaffung derselben starb er, nicht mehr eben im Besitz der Gnade seines Fürsten. Sein Nachfolger, der Herzog von Medina Sidonia, den der König deshalb wählte, weil er sich bei der letzten Verteidigung von Cadiz hervorgetan hatte, machte nicht so unerfüllbare Forderungen; die Flotte, die unter ihm und durch ihn zustande kam, war aber dennoch, wenn nicht an Zahl der Segel, etwa 130, aber an Tonnengehalt, Größe der Fahrzeuge und Zahl der Kriegsmannschaften, die sie aufnahm, bei 22000 Mann, die bedeutendste, die noch jemals von einer europäischen Macht in See gebracht worden war. Alle Landschaften der pyrenäischen Halbinsel hatten wetteifernd dazu beigesteuert; nach ihnen war die Flotte in Geschwader eingeteilt: das erste war das portugiesische, dann folgten die Geschwader von Kastilien, Andalusien, Biscaya, Guipuzcoa, dann das italienische, denn auch aus Italien waren Schiffe und Mannschaften in guter Anzahl herübergekommen. Mit nicht minderem Eifer ward in den Niederlanden gerüstet; allenthalben in den flamändischen und wallonischen Provinzen ward die Trommel gerührt, alle Straßen waren mit militärischen Zügen bedeckt. Auch in den Niederlanden fand sich eine große Zahl Italiener ein, Korsen und Einwohner des Kirchenstaates, Neapolitaner in prächtigem Aufzug; man sah die Brüder des Großherzogs von Toskana und des Herzogs von Savoyen; König Philipp hatte dem Sohn eines maurischen Fürsten vergönnt, sich an dem katholischen Feldzug zu beteiligen. Auch aus dem katholischen Deutschland waren Fußvölker und Reiter angelangt. Es war ein gemeinsames Unternehmen der spanischen Monarchie und eines großen Teiles der katholischen Welt, unter dem Papst und dem König, zum Umsturz der Fürstin, die als das Oberhaupt, und des Staates, der als der vornehmste Rückhalt des Protestantismus und der antispanischen Politik betrachtet wurde. Als die Flotte am 22. Juli 1588 von Corunna auslief und das lange überlegte, lange vorbereitete Unternehmen nun ins Werk gesetzt wurde, zeigten der König und die Nation eine tiefe religiöse Bewegung. In allen Kirchen des Landes hielt man die vierzigtägigen Gebete; in Madrid wurden feierliche Prozessionen veranstaltet; Philipp brachte alle Tage ein paar Stunden im Gebet zu. Er war in der lautlosen Aufregung, welche ein ungeheures Vorhaben und die Erwartung einer großen Wendung in den Geschicken hervorruft; man wagte kaum ein Wort an ihn zu richten. Erst in diesen Tagen war man in England der drohenden Gefahr eigentlich inne geworden. Eine Abteilung der Flotte unter Heinrich Seymour beobachtete mit holländischer Hilfe die beiden Häfen des Prinzen von Parma, Nieuwport und Dünkirchen; die andere, größere, soeben aus Spanien zurückgekommen und schon bereit zu entwaffnen, setzte sich unter dem Admiral Howard zu Plymouth in Bereitschaft, den Feind zu empfangen. Indessen sammelte sich das Landheer auf den Rat Leicesters in der Nähe von London. Noch einmal ward die alte feudale Organisation der Streitkräfte des Landes in dieser Gefahr lebendig. Man sah die Edelleute an der Spitze ihrer Pächter und Hintersassen ins Feld ziehen und freute sich, wie gut sie zusammenhielten. Es war ohne Zweifel ein Vorteil, daß der drohende Angriff sich jetzt nicht mehr an ein im Lande anerkanntes Erbrecht anschließen konnte; er erschien als das, was er war, eine große, auf die Unterwerfung Englands berechnete Invasion einer fremden Macht. Auch die katholischen Lords erschienen, unter andern Viscount Mountague, der einst im Oberhause allein dem Supremat widerstrebte und sich auch seitdem der religiösen Haltung der Königin nicht beigesellt hatte, mit seinen Söhnen und Enkeln; er sagte, seine Königin wolle er mit seinem Leben verteidigen, wer auch immer sie angreife, König oder Papst. Kein Zweifel, daß diese Rüstungen noch viel zu wünschen übrig ließen, aber sie wurden von nationalem und religiösem Enthusiasmus belebt. Einige Tage später begab sich die Königin in das Lager zu Tilbury; mit geringem Geleit ritt sie von einem Bataillon zum anderen. Ein Tyrann, sagte sie, möge sich vor seinen Untertanen fürchten, sie habe ihre vornehmste Stärke allezeit in dem guten Willen derselben gesucht; mit ihnen wolle sie leben und sterben. Sie ward überall mit Freudengeschrei empfangen; dann wurden Psalmen angestimmt; die Königin gesellte sich dem Gebete bei. Denn was auch der Glaube der Menschen sein mag, in großen Kämpfen und Gefahren wenden sie ihre Blicke unwillkürlich auf die ewige Gewalt, welche das Schicksal lenkt, und von der sich alle gleich abhängig fühlen. Die beiden Nationen, die beiden Oberhäupter riefen die Entscheidung Gottes in ihrem religiös-politischen Streite an. Die Geschicke der Menschheit lagen auf der Wagschale. Am 31. Juli, eines Sonntags, langte die Armada, in weiter Ausdehnung die See bedeckend, auf der Höhe von Plymouth im Angesicht der englischen Küste an. Man hielt auf der Flotte selbst für das angemessenste, unmittelbar dort eine Landung zu versuchen, denn da sei zur Abwehr keine Vorkehrung getroffen und das englische Geschwader nicht mit Kriegsmannschaften versehen. Das lag aber außerhalb des Planes und hätte, besonders wenn es mißlang, zur Verantwortung führen können. Nur dann war der Herzog von Medina Sidonia ermächtigt und bereit eine Seeschlacht anzunehmen, wenn die Engländer sie anbieten würden. Seine nach dem Vorgang der Venetianer verbesserten Galeeren und besonders seine Galeonen, ungeheure Segelschiffe, die auf ihren verschiedenen Decken nach allen Seiten hin Geschütze führten, waren den Fahrzeugen der Engländer ohne Zweifel überlegen. Als diese aus dem Hafen hervorkamen, etwa 60 Segel stark, ließ er die große Standarte von dem Fockmast des Admiralschiffes fliegen, zum Zeichen daß sich ein jeder zum Kampf bereiten solle. Aber der englische Admiral hegte nicht die Absicht, es zu einer eigentlichen Schlacht kommen zu lassen; er kannte vollkommen die Überlegenheit der spanischen Ausrüstung und hat sogar verboten, die feindlichen Fahrzeuge zu entern. Sein Sinn ging nur dahin, der Armada die Windseite abzugewinnen und sie in ihrem Laufe zu stören, in Unordnung zu bringen. In vier Geschwadern folgten die Engländer dem Zuge der Armada nach und ließen keinen Vorteil, der sich ihnen darbieten mochte, unbenutzt. Sie waren dieser See vollkommen mächtig und lenkten ihre beweglichen Fahrzeuge mit voller Sicherheit und Meisterschaft; die Spanier bemerkten mit Mißvergnügen, daß es in ihrem Belieben gestanden habe, vorzudringen, anzugreifen, den Kampf wieder abzubrechen. Medina Sidonia bemühte sich vor allen Dingen, seine Armada beisammenzuhalten; ein großes Schiff, welches zurückgeblieben war, hat er nach gepflogenem Kriegsrat in die Hände des Feindes geraten lassen, weil dieser Verlust weniger schade als die Auflösung der Ordnung, die aus dem Versuche das Schiff zu retten entspringen werde; er hat seine Sargentes mayores den Kapitänen herumgeschickt, um sie zu bedeuten nicht aus der Ordnung zu weichen, bei Lebensstrafe. Im ganzen waren die Spanier mit ihrer Fahrt nicht unzufrieden, als sie nach einer Woche fortwährender Seescharmützel, ohne doch sehr erhebliche Verluste erlitten zu haben, die englische See durchmessen hatten und Sonnabends den 6. August vor Boulogne vorüberfuhren und auf der Höhe von Calais anlangten: es war das nächste Ziel, das sie hatten erreichen wollen. Aber sich nun, wie es die ursprüngliche Absicht gewesen zu sein scheint, nach der nahen Küste von England zu wenden wurde dadurch unendlich schwer, daß die englische Flotte sie schützte, mit deren gelenken Fahrzeugen die spanischen Galeonen sich in der Meerenge noch weniger messen konnten als anderswo. Und jeden Augenblick ward sie verstärkt; der junge Adel wetteiferte, sich an Bord zu begeben. Aber auch nach Dünkirchen konnte der Admiral nicht vorgehen, da der Hafen damals viel zu enge war, um seine gewaltigen Fahrzeuge aufzunehmen, und seine Piloten in die Seeströmungen nach dem Norden hin zu geraten fürchteten. Dort an der Reede, östlich jenseits Calais, in der Richtung nach Dünkirchen ging er vor Anker. Schon früher hatte er den Herzog von Parma davon benachrichtigt, daß er auf dem Wege sei, und dann unmittelbar vor seiner Ankunft in Calais einen Piloten nach Dünkirchen abgeschickt, um denselben aufzufordern, mit einer Anzahl kleiner Fahrzeuge zu ihm zu stoßen, damit man den Engländern besser begegnen könne, auch Kanonenkugeln von einem gewissen Kaliber, woran er Mangel zu leiden anfing, mitzubringen. Es ist klar, daß er noch von dort aus, wenn er in seinem Sinne unterstützt wurde, den großen Landungsversuch, mit dem er beauftragt war, unternehmen wollte. Allein Alexander von Parma, den die erste Botschaft einige Tage zuvor in Brügge gefunden, war noch gar nicht in Dünkirchen angekommen, als die zweite eintraf; man begann dort nur eben erst die Vorbereitung zur Einschiffung, und kaum ließ sich wagen, sie ins Werk zu setzen, da noch immer englische und holländische Kriegsfahrzeuge vor dem Hafen kreuzten. Man hat von jeher das Nichtzusammentreffen Alexander Farneses mit Medina Sidonia aus persönlichen Beweggründen hergeleitet; in England hat man sogar späterhin gesagt, Königin Elisabeth habe ihm die Hand der Lady Arabella Stuart Nichte von Henry Darnley, dem Gemahl der Maria Stuart; s. Bd. 2 S. 20 und Bd. 1 S. 256 f. angetragen, was ihm selber den Weg zum englischen Thron eröffnen könne. Es ist wahr, seine niederländischen Unternehmungen schienen ihm am meisten am Herzen zu liegen: auch Tassis, der ihm nahe stand, bemerkt doch, er habe seine Vorbereitungen mehr aus Gehorsam als mit eigenem Eifer betrieben. Aber die vornehmste Ursache, daß die Dinge nicht zusammengingen, lag in ihrer Natur. Das geographische Verhältnis der spanischen Monarchie zu England hätte zwei verschiedene Angriffe, den einen von der pyrenäischen Halbinsel, den anderen von den Niederlanden her, gefordert. Daß man die Streitkräfte so entlegener Landschaften zu einem einzigen Angriff kombinieren wollte, gab dem Unternehmen, besonders bei den unzulänglichen Kommunikationsmitteln der Zeit, eine drückende Unbehilflichkeit. Wind und Wetter hatte man bei dem Entwurf wenig berücksichtigt. Zu beiden Seiten waren mit äußerster Anstrengung ungeheure Kriegsmittel zusammengebracht; sie waren einander jetzt bis auf wenige Seemeilen genähert, aber vereinigen konnten sie sich nicht. Nun erst kam die volle Überlegenheit zutage, die den Engländern aus ihrer noch korsarenhaften kecken Kriegführung und der Bundesgenossenschaft der Holländer entsprang. Man sah, daß ein rascher Anfall hinreichen würde, um die ganze Kombination zu zersprengen; Königin Elisabeth soll die Art und Weise eines solchen selbst angegeben haben. Die Armada lag, Nachrichten von Alexander Farnese erwartend, in der Nacht von Sonntag zu Montag, 7. bis 8. August, in ihrer Kriegsordnung vor Anker, als die Engländer einige Brander, an Zahl etwa acht, auf sie losließen. Es waren die schlechtesten Schiffe, die Lord Howard dazu hergab, aber ihr bloßer Anblick brachte einen entscheidenden Erfolg hervor. Medina Sidonia konnte seinen Schiffen die Erlaubnis nicht versagen, die Anker zu lösen, damit ein jedes der drohenden Gefahr ausweichen könne; er verordnete nur, daß sie hernach ihre bisherige Ordnung wieder einnehmen sollten. Wie so ganz anders aber sah es am andern Morgen aus! Die Flut hatte die Fahrzeuge in einer Richtung, die sie nicht einschlagen wollten, nach dem Lande zu getrieben; nun erst waren ihnen die Angriffe der Engländer Auf der englischen Flotte befanden sich auch Drake und Ralegh als Befehlshaber. verderblich. Ein Teil der Schiffe war dienstunfähig geworden; der Befehl des Admirals, in die alte Stellung zurückzukehren, zeigte sich vollkommen unausführbar. Vielmehr trieben ungünstige Winde die Armada wider ihren Willen die Küste entlang; in kurzem gaben auch die Engländer die Verfolgung des nicht eigentlich geschlagenen aber doch flüchtigen Feindes auf und überließen ihn seinem Schicksal. Der Wind trieb die Spanier an die Sandbänke von Seeland; sie hatten einmal ein so geringes Fahrwasser, daß sie zu scheitern fürchteten; einige ihrer Galeonen sind in der Tat den Holländern in die Hände geraten. Zu ihrem Glück setzte der Wind um, aber in den Kanal vermochten sie auch dann nicht wieder zu gelangen, noch hätten sie es gewollt. Nur auf dem weitesten Umweg, die Orkaden umfahrend, konnten sie nach Spanien zurückkehren. Ein verderbenschwangeres Ungewitter hatte sich über England gelagert; es ward zerteilt, ehe es seine Donner entlud. Wie so ganz wahr ist, was eine holländische Denkmünze ausspricht: Der Sturmhauch Gottes hat sie zerstreut! Philipp II. sah die Armada, von der er gehofft hatte, sie werde die Weltherrschaft in seine Hand bringen, ohne daß sie etwas, das der Mühe wert gewesen wäre, wir sagen nicht ausgerichtet, sondern auch nur versucht hätte, in trümmerhaftem Zustande wieder nach Hause kommen. Er leistete darum nicht auf sein Vorhaben Verzicht; er sprach davon, daß er sich mit gelenkeren Fahrzeugen versehen und die Gesamtleitung des Unternehmens dem Prinzen von Parma anvertrauen wolle. Die kastilianischen Cortes forderten ihn auf, sich die erlittene Schmach nicht gefallen zu lassen; das ganze Vermögen und die Kinder des Landes boten sie dazu an. Auch die Möglichkeiten großer Unternehmungen aber gehören nur einem Moment an; in folgenden sind sie schon vorübergegangen. Zunächst wurden die spanischen Streitkräfte in die Verwicklung von Frankreich hineingezogen. Die große katholische Bewegung, die daselbst schon lange gärte, bekam endlich die Oberhand und war ganz dazu angetan, der Oberherrschaft Philipps den Weg zu bahnen. Aber Königin Elisabeth hielt dafür, daß der Tag, an welchem Frankreich in dessen Hände falle, der Vorabend ihres eigenen Unterganges sein werde. Auch sie wendete ihre besten Kräfte nach Frankreich, um die Widersacher Philipps aufrecht zu halten. Als Heinrich IV., an die äußerste Küste der Normandie zurückgedrängt, beinahe verloren war, ist er durch ihre Hilfe in den Stand gesetzt worden, sich zu behaupten. Bei den Belagerungen der großen Städte, mit denen es ihm noch oft zu mißlingen drohte, haben die englischen Truppen hie und da das Beste getan. In dieser Politik konnte es die Königin nicht irren, daß Heinrich IV. sich genötigt sah und es mit seinem Gewissen vereinbar fand, zum Katholizismus überzutreten. Denn offenbar ward er dadurch um so mehr fähig, ein politisch unabhängiges Frankreich herzustellen, und zwar im Gegensatz und Kampf mit Spanien. Auf diesem Gegensatz aber beruhte die politische Freiheit und Unabhängigkeit von England selbst. Wie der Wechsel der Religion, so war der Friede, zu welchem Heinrich IV. schritt, der Königin widerwärtig; sie setzte ihren Einfluß gegen den Abschluß desselben ein. Aber da dabei die Spanier die Plätze aufgaben, welche sie an den französischen Küsten innehatten, in deren Besitz sie auch für England gefährlich wurden, so konnte sie doch in der Tat nicht von Grund aus dagegen sein. Den großen Kämpfen zu Lande gingen wiederholte Angriffe der englischen und holländischen Seemacht zur Seite, vor denen es zuweilen schien, als würde dadurch die spanische Monarchie in ihren Grundfesten erschüttert werden. Elisabeth hat einen Versuch gemacht, Don Antonio auf den Thron zurückzuführen, von dem ihn Philipp verdrängt hatte. Nachdem König Sebastian von Portugal im Kampfe gegen den Sultan von Marokko gefallen war (1578), versuchte sein Verwandter Antonio, ein Enkel Emanuels des Großen, den Thron zu behaupten, wurde aber 1580 von Philipps Truppen vertrieben. Philipp II. machte Erbansprüche geltend als Sohn der ältesten Tochter Emanuels und vereinigte Portugal mit Spanien; erst 1640 wurde Portugal wieder selbständig; vgl. Geschichte der spanischen Monarchie, Werke Bd. 35 u. 36, S. 393 ff. Aber noch waren die Gemüter der Portugiesen selbst für einen Abfall bei weitem nicht hinreichend vorbereitet; das Unternehmen scheiterte in den Vorstädten von Lissabon. Auf das lebendigste beschäftigte dieser Krieg die Engländer. Das Parlament verstand sich zu immer reichlicheren Bewilligungen; von zwei Fünfzehnten und einer einfachen Subsidie (ungefähr 30 000 Pfund), welche es zu gewähren pflegte, stieg es 1593 zu drei Subsidien und sechs Fünfzehnten auf; freudig rüsteten die Städte auf ihre eigenen Kosten, und man fand Leute genug, um die Schiffe zu bemannen; die nationale Tatkraft nahm ihre Richtung auf die See. Auch ist den Engländern einiges gelungen. In dem Hafen von Corunna haben sie die dort angehäuften Vorräte, die wahrscheinlich zu einer Erneuerung der Expedition dienen sollten, vernichtet. Abermals eine kühne Tat Franz Drakes, 1589. Einst ist der Hafen von Cadiz eingenommen Im Jahre 1596; die Flotte wurde von Essex, Howard und Ralegh befehligt. Über Raleghs trauriges Ende s. Englische Geschichte 2, 115 ff. und die Stadt selbst besetzt worden; mehr als einmal hat man Westindien aufgeschreckt und gefährdet. Mit alledem war noch nichts eigentlich Entscheidendes geschehen; die spanische Monarchie behauptete ein unzweifelhaftes Übergewicht in Europa und den ausschließenden Besitz der andern Hemisphäre, sie bildete die große Macht der Epoche. Aber ihr gegenüber nahm nun auch England eine gewaltige und furchtbare Stellung ein. 19. Elisabeth, Königin von England. Englische Geschichte I, Werke Bd. 14, 2. 324 ff. Elisabeth gehörte zu den Fürsten, die sich im voraus über die Pflichten der Regierung einen Begriff gemacht haben. Vier Eigenschaften, sagt sie einmal, seien ihr dazu notwendig erschienen: Gerechtigkeit und Mäßigung, Großmut und Urteil; der beiden ersten dürfe sie sich rühmen, nie habe sie bei gleichem Recht einen vor dem andern begünstigt, nie habe sie einem ersten Berichte geglaubt, sondern bis zu voller Kenntnis an sich gehalten; die beiden andern wolle sie sich nicht anmaßen, denn es seien Tugenden der Männer. Eben diese aber schrieb ihr die Welt in hohem Grade zu. Ihr feines Urteil erblickte man in der Wahl ihrer Diener und der Verwendung derselben zu solchen Diensten, zu denen sie eben am geschicktesten seien. Ihre Hochherzigkeit sah man in der Verachtung kleiner Vorteile und ihrem unerschütterlichen Gleichmut in der Gefahr. Während des aus Spanien daherziehenden Ungewitters habe man keine Wolke auf ihrer Stirn gesehen; durch ihre Haltung habe sie Adel und Volk belebt, ihre Räte beseelt. Man rühmte an ihr beides, eifrige Teilnahme an der Beratung und Sorgfalt, daß das Beschlossene ins Werk gesetzt werde. Das Ideal einer Herrscherin dürfte man auch in Königin Elisabeth nicht suchen. Niemand könne die Härten in Abrede stellen, die unter ihrer Regierung selbst mit ihrem Vorwissen begangen worden sind. Jene systematische Heuchelei, die man ihr schuld gibt, mag als eine Erfindung, ihrer Feinde oder der nicht von Grund aus unterrichteten Historiker erscheinen; sie selbst erklärt Wahrhaftigkeit für eine dem Fürsten unentbehrliche Eigenschaft. Aber auch bei ihrer Staatsverwaltung kommen, wie bei den meisten andern, Argumentationen vor, welche die Wahrheit mehr verhüllen als ausdrücken. Bei jedem ihrer Worte und Schritte nimmt man die Berechnung dessen, was zu ihrem Vorteil dient, wahr; sie zeigt treffende Voraussicht und selbst eine natürliche Verschlagenheit. Elisabeth war sehr zugänglich für Schmeichelei und durch ein angenehmes Äußere ebenso leicht bestochen wie durch zufällige kleine Mängel zurückgestoßen; sie konnte bei einem Wort auffahren, das sie an die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge oder an ihre eigene Hinfälligkeit mahnte; Eitelkeit begleitete sie von Jugend an bis in ihre hohen Jahre, die sie nicht bemerken noch bemerkt wissen wollte. Gute Erfolge liebte sie sich selbst anzurechnen; Mißlingen schrieb sie ihren Ministern zu. Den Haß für unliebsame oder ihr zweifelhafte Maßregeln sollten diese auf sich nehmen, und wenn sie das einmal nicht ganz im Einklang mit ihrer Stimmung taten, hatten sie ihren Tadel, ihre Ungnade zu befürchten. Sie war nicht frei von den Unzuverlässigkeiten ihres Geschlechts, aber dagegen entfaltete sie auch wieder die liebenswürdige Aufmerksamkeit einer weiblichen Gebieterin: wie wenn sie einst bei einer Rede, die sie in der Gelehrtensprache vor den Gelehrten von Oxford hielt, als sie den Lordschatzmeister Burleigh, ihr treuer Minister. mit seinem lahmen Fuße da stehen sah, plötzlich abbrach, ihm einen Stuhl bringen ließ und dann fortfuhr; man sagte freilich, sie habe zugleich bemerken lassen wollen, daß kein Zufall sie aus der Fassung bringen könne. Wie Harrington, Englischer Dichter, geboren 1561, starb 1612, verfaßte Epigramme und eine Übersetzung von Ariosts »Rasendem Roland«. der sie aus persönlichem Umgang kannte, sich ausdrückt: ihr Geist war zuweilen der Sommermorgenluft zu vergleichen, wohltuend und erfrischend, sie gewann dann aller Herzen durch liebliche und bescheidene Rede. Aber in demselben Grade abstoßend wurde sie in aufgeregten Zuständen, wenn sie in ihrem Zimmer auf und abschritt, Zorn in jeder Miene, Wegwerfung in jedem Worte; man eilte, von ihr wegzukommen. Unter anderm lernt man sie aus dem Briefwechsel mit König Jakob von Schottland Ihr Nachfolger, Sohn der Maria Stuart, mit dem sie schon 1586 ein Schutz- und Trutzbündnis schloß; Englische Geschichte 2, 9. kennen; wie spricht da jeder Satz eine mit der politischen vereinigte geistige und moralische Überlegenheit aus! Da ist kein überflüssiges Wort, alles ist Mark und Substanz; von Fürsorge und eingehendem Ratschlag geht sie zu herbem Tadel und ernsthafter Warnung über; sie ist gütig und scharf, wohlmeinend und rauh, aber fast noch mehr wegwerfend und rücksichtslos als milde. Nie hatte ein Fürst von seiner Würde eine höhere Idee; von der Unabhängigkeit, die derselben nach menschlichen und göttlichen Gesetzen gebühre; von der Pflicht des Gehorsams, welche jeden Untertan binde. Sie rühmt sich wohl, daß auf ihre Entschlüsse keinerlei äußere Rücksicht einwirke, am wenigsten Drohung oder Furcht; wenn sie sich einmal nach dem Frieden sehnt, so besteht sie darauf, daß es nicht aus Besorgnis vor dem Feinde geschehe, sondern bloß aus Abscheu vor dem Blutvergießen. Die Tätigkeit des Lebens entwickelt nicht allein die intellektuellen Kräfte; zwischen Gelingen und Mißlingen, in Streit, Anstrengung und Sieg bildet sich der Charakter und nimmt seine vorherrschende Stimmung an. Das Ungeheure, das ihr gelungen ist, erfüllt sie mit einem unendlichen Selbstgefühl, welches zugleich von Zuversicht auf den unfehlbaren Schutz der Vorsehung getragen wird. Daß sie, vom Papste gebannt, den Angriffen einer halben Welt gegenüber sich behauptet, gibt ihrem ganzen Tun und Wesen den verdoppelten Ausdruck persönlicher Energie. Sie liebt nicht, von ihrem Vater oder ihrer Mutter zu sprechen; von einem Nachfolger will sie nicht reden hören. Das Gefühl des unbedingten Besitzes beherrscht die Erscheinung. Merkwürdig, wie sie an festlichen Tagen in ihrem Palast einherschreitet; voran Magnaten und Ritter in ihrer Ordenstracht, mit entblößtem Haupt, dann die Träger der Insignien der Herrschaft, des Zepters, des Schwertes und des großen Siegels; sie selbst in ihrem mit Perlen und Edelsteinen übersäten Gewand, hinter ihr ihre Damen, die durch Schönheit und reichen Schmuck glänzen. Einem oder dem andern, der ihr vorgestellt wird, reicht sie im Vorbeigehen ihre Hand zum Kuß zum Zeichen ihrer Gnade, bis sie bei ihrer Kapelle ankommt, wo ihr die versammelte Menge ein » God save the Queen « zuruft; sie erwidert Worte herablassenden Dankes. Elisabeth genoß noch einmal ungebrochen die ganze Verehrung, welche man der höchsten Gewalt widmete. Mit Kniebeugung wurden die Speisen, von denen sie essen sollte, auf die Tafel gesetzt, auch wenn sie nicht zugegen war; die Knie beugend ward man ihr vorgestellt. Zwischen einer Fürstin, wie diese war, und ihrem Parlament konnte es an mannigfaltigen Streitigkeiten nicht fehlen. Die Gemeinen nahmen das Privilegium unbedingter Redefreiheit in Anspruch und bestritten in wiederholtem Anlauf die Mißbräuche, die noch in der bischöflichen Kirche übriggeblieben seien, die lästigen Monopolien, welche einzelnen Begünstigten zugute kamen. Die Königin ließ Mitglieder des Unterhauses wegen mißliebiger Äußerungen verhaften; sie warnte dieselben, sich nicht in die Sachen der Kirche, selbst nicht in die des Staates zu mischen, und erklärte es für ihre Prärogative, nach ihrem Belieben das Parlament zu berufen und zu entlassen, dessen Beschlüsse zu genehmigen oder zu verwerfen. Dabei hat sie aber doch wieder nicht verhehlt, sie müsse auch in bezug auf die wichtigsten Staatsangelegenheiten auf die Stimmung der beiden Häuser Rücksicht nehmen; so sehr man sie lieben möge, so seien doch die Gemüter leicht beweglich und nicht durchaus zuverlässig. In den Formen befleißigte sich das Parlament des Ausdruckes der Hingebung, welche die Königin als Fürstin und Frau verlangte; diese suchte Handlungen wieder gutzumachen, durch welche die Versammlung einmal beleidigt worden war. Für Beschwerden, z. B. über die Monopolien, hat sie als für heilsame Erinnerungen sogar gedankt. Ein französischer Gesandter bemerkt im Jahre 1596, das Parlament habe vor alters eine große Autorität gehabt, jetzt tue es alles was die Königin wünsche. Ein anderer, der 1597 anlangte, ist nicht allein erstaunt über das imponierende Äußere, sondern auch über den Umfang der Rechte des Parlaments. Hier, sagt er, werden die großen Angelegenheiten verhandelt: Krieg und Friede, Gesetze, die allgemeinen Bedürfnisse und ihre Erledigung. Das eine ist vielleicht so wahr wie das andre. Die Erklärung des Widerspruchs liegt darin, daß Königin und Parlament in den allgemeinen Verhältnissen des Landes und der Welt Verbündete waren. Die Königin hatte, es ist an sich einleuchtend, ohne das Parlament nicht regieren können; von Anfang ihrer Regierung an hat sie sich in den wichtigsten Angelegenheiten auf dasselbe gestützt; aber eine einfache Betrachtung lehrt, wie viel hinwieder das Parlament eben seiner Herbeiziehung zu den großen Fragen, welche die Königin für ratsam hielt, verdankte. Untersuchung der gegenseitigen Rechte und ihrer Grenzen vermied man noch und konnte man vermeiden. Und überdies hütete sich Elisabeth, ihrem Parlamente mit Geldforderungen beschwerlich zu fallen. Sie ist oft wegen ihrer Sparsamkeit , die zuweilen in den Geschäften unangenehm wurde, getadelt worden. Wie in den meisten Fällen, Natur und Politik wirkten auch hier zusammen. Daß sie sich immer bei Gelde hielt und wohl einmal imstande war, eine angebotene Bewilligung abzulehnen, gab ihrer Verwaltung eine Unabhängigkeit von den momentanen Stimmungen des Parlaments, die zu ihrem ganzen Wesen gehörte und ohne dies leicht hätte verloren gehen können. Hier folgt bei Ranke die Charakteristik der Staatsmänner jener Zeit: Burleigh, Leicester u. a. Wie tritt das persönliche Moment in dieser Staatsverwaltung noch einmal so überwiegend hervor! Wie die eigene Sache der Königin die allgemeine ist, so sind die, welche ihrer Familie angehören oder ihre Gnade erworben, ihr wesentliche Dienste geleistet haben, die Häupter des Staates und des Krieges. Das königliche Patronat breitete diesen Einfluß über die Kirche und die Universitäten aus. Wir finden ihn aber auch in allen andern Zweigen. Der Agent der Geldgeschäfte der Königin war der Stifter der Börse von London, der sie bei einem Besuch den Namen des königlichen Wechselhauses gab. Auch in der Literatur nimmt man die Spuren ihres Geschmacks und ihrer Einwirkung wahr. Es gehörte zum Ton der guten Gesellschaft, daß die Klassiker ein allgemeines Studium bildeten; darauf war die höhere Bildung gerichtet, wie ja die Königin selbst darin Erholung und Geistesnahrung fand. Man übersetzte viel und erneuerte die Formen der alten Dichter oder ahmte sie nach. Die Italiener und Spanier, die mit ähnlichen Versuchen vorangegangen waren, erweckten wieder den Wetteifer der Engländer. Bei Edmund Spenser , in dem wohl der Sinn der Zeit am lebendigsten zutage gekommen ist, stößt man überall auf Nachahmung lateinischer oder italienischer Poeten, die hier und da an umschreibende Übersetzung streift und in Feinheit der Zeichnung hinter den Originalen, selbst den modernen, zurückbleiben mag, da er sich eben ihre gelungensten Stellen dazu auswählte; aber wie atmen seine Werke im großen und ganzen doch einen so durchaus andern Geist! Was bei den Italienern ein Spiel der Phantasie ist, wird bei ihm tiefer moralischer Ernst. Die englische Nation hat einen unschätzbaren Besitz in diesen Werken von sittlich-religiösem Adel und naiver Naturanschauung, die sich durch den glücklichen Ausdruck einzelner Stanzen dem Gedächtnis eines jedes einprägen. Spenser hat der Form der Allegorie mehr Spielraum gegeben, als ihr vielleicht zukommt, und immer verwebt sich die eine in die andre; die Helden, die er aus den alten Romanen entnimmt, werden ihm Repräsentanten der verschiedenen Tugenden; aber er besitzt eine so eigentümliche Kraft der Vergegenwärtigung, daß er dem Leser auch in dieser Form Teilnahme abgewinnt. Was ist es aber, was er hauptsächlich feiert? Es ist eben der große Kampfesgang, in welchem seine Nation gegen das Papsttum und die Spanier begriffen ist. Faery Queen ist seine Königin, deren Gestalt in mannigfaltiger Symbolisierung der Eigenschaften, die sie besaß, oder die man ihr zuschrieb, darin immer aufs neue hervortritt. Mit wunderbarer Macht vereinigte Elisabeth alle strebenden Geister und Kräfte der Nation um sich her. Nicht wenige Produktionen der Zeit haben einen so starken Beigeschmack von Verehrung der Königin, daß sie ein Lächeln abnötigen, aber wahr ist es doch, daß an diesem Hofe die Sprache sich bildete und alle großen Bestrebungen ihren Mittelpunkt fanden. Die Staatsmänner Elisabeths, die mit einem Parlament verhandeln mußten, das nicht durch bloße Autorität geleitet werden konnte, studierten die Regeln der Beredsamkeit an den Mustern des Altertums und machten sich ihre Lehren zu eigen; auf ihrem Arbeitstischen fand man Quintilian neben den juridischen Akten. Die Königin, welche das Theater liebte und durch eine Verordnung zu einem nationalen Institut machte, hat die Möglichkeit der Entwicklung Shakespeares gegeben. Er wurzelt in dieser Epoche, er stellt ihre Sitte und Lebensweise dar, aber er reicht doch weit über sie hinaus. Es widerspräche der Natur menschlicher Dinge, wenn man erwarten wollte, daß der allgemeine Gesichtspunkt, welcher das Staatswesen beherrschte, nun auch alle und jede, die an demselben teilnahmen, vermocht hätte, auf einem Wege nach dem gemeinschaftlichen Ziele vorzuschreiten. Von den Großen des Hofes gaben vielmehr manche den Puritanern Rückhalt, wie ja der Vater der Puritaner, Cartwright, seine Stellung in Warwick der Protektion Leicesters verdankte; andre neigten sich zum Schutz der Katholiken. Die Strenge, zu der sich die Bischöfe verpflichtet hielten, fand bei den vornehmsten Staatsmännern Widerstand, und diesen opponierten sich wieder die Kriegsleute. Es war eine lebensvolle, überaus begabte Gesellschaft, aber eben darum in steter Gärung und innerem Widerstand. Maria Stuart 1, 250 ff.; Prozeß und Hinrichtung 293-308 20. Bacon und Shakespeare. Englische Geschichte II, Werke Bd. 1, S. 87. 93 ff. Nicht die Zeiten der großen politischen Kämpfen selbst sind für literarische und künstlerische Produktion die günstigsten; vielmehr sind es die, welche solchen vorangehen oder nachfolgen; in denen dieselbe Anregung anfängt oder fortdauert. Eine solche Epoche bildeten die drei oder vier Dezennien zwischen der Abwehr der Armada und dem Ausbruch parlamentarischer Unruhen, die späteren Jahre der Königin Elisabeth und die früheren Jakobs I. Es war die Epoche, in der sich die englische Nation zu allgemeiner Welteinwirkung erhob und zugleich die weitaussehenden Irrungen über die wichtigsten Fragen des inneren Lebens begannen. Anders konnte es gar nicht sein, als das sich in der Literatur der Antagonismus der Ideen darstellte, welcher die Geister überhaupt in Bewegung setzte. Aber auch andre großartige Hervorbringungen sehen wir erscheinen, welche weit über diesen Streit hinausreichen. Schon längst war das aristotelisch-scholastische System, das Erbteil der hierarchischen Jahrhunderte, angefochten, und nicht etwas durchaus Neues ist die induktive Methode, die Bacon demselben entgegenstellte. Aber Bacons Idee war von der umfassendsten Tendenz; sie ging dahin, das Denken und Forschen der Gelehrten von den spekulativ-theologischen Voraussetzungen, welche den geistigen Gesichtskreis beherrschten, zu befreien. Die namhaftesten Gegner der Scholastik hatte er doch wieder zu bekämpfen, weil sie die Dinge mit einem neuen Gewebe von Worten und Theorien umspannen, die er verwarf. Er dachte die Menschen von den täuschenden Begriffen, von denen sie befangen sind, dem Zauber der Worte, welche die Dinge verhüllen, der Tradition, die durch große Namen geheiligt ist, zu befreien und ihnen die Sphären sicherer Erfahrungswissenschaft zu eröffnen. Die Natur ist ihm das Buch Gottes, das man zu seiner Ehre und zum Nutzen der Menschen unmittelbar studieren muß; von den Sinnen und der Erfahrung soll man ausgehen, um im Umgang mit den Dingen die Ursachen der Erscheinungen zu entdecken. Er würde an sich lieber der Baumeister der allgemeinen Wissenschaft werden, wie er denn schon einen Aufriß zu einer solchen verfaßt hat; aber er besitzt die Zurückhaltung, davon fürs erste abzusehen, im kleinen zu arbeiten, Experimente zu machen; wie er einmal sagt, Ziegel und Steine herbeizuschaffen, die in Zukunft zu dem großen Werke dienen können. Hätte er das nur mit vollkommener Hingebung und hinreichender Kenntnis der Sache getan! Seine Methode ist unvollkommen, seine Resultate im einzelnen unzuverlässig; sein Ziel ist großartig. Die Einsicht, nach der er trachtet, bezeichnet er mit dem heraklitischen Ausdruck des trockenen Lichts, d. i. eines solchen, welches durch keine Neigung und keinen Nebenzweck getrübt wird; wer sie besitze, stehe gleichsam auf einer Bergeshöhe, zu deren Füßen die Irrtümer wie Nebel treiben. Und nicht allein auf eine Befriedigung des Geistes kommt es ihm an, sondern auf solche Entdeckungen, welche die Tätigkeit des Menschen anregen, seine Wohlfahrt befördern; die Natur ist zugleich das große Warenhaus Gottes; die Herrschaft über die Natur, welche die Menschen ursprünglich besaßen, muß ihnen zurückgegeben werden. Bei dieser Betrachtung stellt sich dem Philosophen die Gefahr vor Augen, daß man auch das Wesen Gottes auf diesem Wege zu erkennen vermeinen werde. Bacon fordert eine vollkommene Trennung beider Gebiete, denn nur die zweiten Ursachen könne der Mensch erreichen, nicht die erste, welche Gott sei; nur den natürlichen Dingen sei der Geist des Menschen gewachsen; die göttlichen verwirre er vielmehr. Selbst die Natur der menschlichen Seele will er nicht untersuchen, denn sie stamme nicht von den hervorbringenden Naturkräften, sondern von dem Hauche Gottes her. Wenn es die Tendenz der romanisch-germanischen Philosophie auf der Grundlage des Altertums von Anfang an gewesen war, den Glauben mit wissenschaftlichem Verständnis zu durchdringen, so leistet Bacon von vornherein darauf Verzicht. Die Paradoxien, welche der Christ glauben müsse, hebt er mit einer fast anstößigen Schroffheit hervor; er erklärt es für den Flug des Ikarus, diese Geheimnisse durchdringen zu wollen. Aber einen um so stärkeren Antrieb sucht er dem menschlichen Geist auf die Erforschung der natürlichen Dinge zu geben. Zu diesen gehören ihm denn auch die Zustände der menschlichen Gesellschaft, denen er sein ganzes Leben hindurch eine aufmerksame und eindringende Beobachtung gewidmet hat. Seine Essays sind nicht etwa skeptisch wie die französischen, von denen er diese Bezeichnung hergenommen haben mag; sie sind durch und durch dogmatisch. Es sind Bemerkungen über die Lebensverhältnisse, wie sie damals vorlagen, namentlich über die Berührungen des Privatlebens mit dem öffentlichen, und Ratschläge, die aus der Wahrnehmung der entgegengesetzten Eigenschaften der Dinge hervorgehen, überaus belehrend für das Innere der englischen gesellschaftlichen Verhältnisse, von weiter Umsicht und ruhiger Weisheit; ebenfalls ein Schatz der englischen Nation, deren Lebensanschauungen sich daran aufgebaut haben. Was kann eine Generation der anderen Besseres hinterlassen als die Summe ihrer Erfahrungen, die dann über den flüchtigen Moment hinaus Bedeutung haben, in einer Form, welche sie für alle Zeiten wirksam macht? Darin liegt die irdische Unsterblichkeit des Geistes. Aber noch ein andrer Besitz von noch umfassenderem Inhalt und unvergleichlichem Wert ward der englischen Nation durch die Ausbildung der dramatischen Bühne zuteil, die eben in diese Epoche fällt. Von jeher hatte es theatralische Vorstellungen gegeben, in den Palästen der Könige und der Großen, den Universitäten, den juridischen und städtischen Genossenschaften; sie machten einen Teil der Vergnügungen des Karnevals aus oder trugen zum Glanze anderer Festlichkeiten bei. Zu rechtem Leben aber gelangten sie erst, als die Königin sie durch eine allgemeine Erlaubnis ihrem Volke gestattete. Früher hatten die Scholaren der höheren Schulen oder die Mitglieder der gelehrten Innungen, die Handwerker in den Städten, die Hausgenossen der Großen und der Fürsten die Darstellung selbst ausgeführt; jetzt bildeten sich Schauspieler von Gewerbe, sie ließen sich bezahlen und spielten das ganze Jahr. Eine Anzahl kleiner Theater kam auf, welche, da sie geringe Eintrittspreise setzten, die Menge anzogen und mit ihr in Wechselwirkung traten. Die Regierung konnte nichts dagegen haben, da die vornehmste Opposition, welche sie zu fürchten hatte, die des Puritanismus, durch die Abneigung dieser Partei gegen das Theaterwesen sich selbst von allem Einfluß darauf ausschloß. Die Theater wetteiferten miteinander; ein jedes suchte etwas Neues zu bringen und dies dann für sich selbst zu behalten. Die Autoren, unter denen sich ausgezeichnete Talente fanden, waren nicht selten zugleich Schauspieler. Alle Stoffe der Fabel und der Geschichte, wie denn die Literatur durch alteinheimische Produktion und Aneignung aus dem Auslande bereits großen Umfang gewonnen hatten, wurden ergriffen und durch wiederholte Bearbeitung einem empfänglichen Publikum nahe gebracht. Unter diesem wetteifernden Emporstreben der städtischen Bühnen und ihrer Produktion hat sich Wilhelm Shakespeare ausgebildet, der damals unter der Menge der Mitstrebenden verschwand, bei der Nachwelt aber von Epoche zu Epoche zu größerem Ruhme gelangt ist. Was uns besonders nahe liegt, erbrachte, wie das keineswegs ungewöhnlich war, eine Reihe von Ereignissen aus der englischen Geschichte selbst auf die Bühne. In das Lob, welches ihm freigebig gespendet worden, daß er sie mit historischer Treue wiedergegeben habe, kann man nicht so geradehin einstimmen. Oder wer wollte behaupten, das sein König Johann und Heinrich VIII., sein Glocester und Winchester oder gar seine Pucelle den Originalen gleichen, deren Namen sie tragen? Der Autor ergreift die großen Fragen, um die es sich handelt; indem er der Chronik so nahe wie möglich folgt und ihre charakteristischen Züge aufnimmt, teilt er doch den Personen eine seiner besonderen Auffassung entsprechende Rolle zu. Er belebt die Handlung mit Beweggründen, welche die Geschichte nicht finden würde oder nicht annehmen dürfte; die Charaktere, die sich in der Überlieferung nahe stehen und in der Wirklichkeit wahrscheinlich nahe standen, treten bei ihm auseinander, ein jeder in seinem besonders ausgebildeten, in sich homogenen Dasein. Natürlich menschliche Momente, die sonst nur im Privatleben erscheinen, durchbrechen die politische Handlung und gelangen dadurch zu verdoppelter poetischer Wirksamkeit. Aber wenn sich im einzelnen Abweichungen von dem Tatsächlichen herausstellen, so zeigt die Wahl der Ereignisse, welche auf die Bühne kommen, von hohem Sinne für das Historisch-Große. Es sind fast immer Situationen und Verflechtungen der bedeutendsten Art: das Eingreifen der geistlichen Macht in den inneren politischen Hader in König Johann; der plötzliche Sturz eines wohlgegründeten Königtums, sowie es sich einmal von der strengen Linie des Rechts entfernt, in Richard II.; der Widerstand, den ein usurpatorischer Fürst, Heinrich IV., bei den großen Vasallen, die ihn eingesetzt haben, findet, welcher ihn dann durch unaufhörliche Sorge und geistige Arbeit vor der Zeit zum Tode führt; das Glück einer gelingenden auswärtigen Unternehmung, die wir von entschlossener Vorbereitung zu gefährlichem Kampf und vollendetem Siege begleiten, und dann wieder die unselige Lage, in die ein von der Natur nicht zum Regenten gebildeter Fürst zwischen den gewaltsamen Parteien gerät, bis er so weit kommt, daß er den Schäfer beneidet, dem sich bei seiner Herde ruhige Tage abrollen, in Heinrich V. und VI., endlich der Weg der greuelvollen Missetat, welchen der zum Thron nicht bestimmte Königssohn beschreitet, um ihn dennoch zu besteigen. Alles große Momente der Geschichte der Staaten, nicht allein für England bedeutend, sondern symbolisch für alle Völker und ihre Fürsten. Die parlamentarischen oder religiösen Fragen berührt der Dichter überaus selten, und es darf bemerkt werden, daß er in König Johann der großen Tendenzen, die zur Magna Charta führten, so gut wie nicht gedenkt; dagegen lebt und webt er in den persönlichen Gegensätzen des alten Vasallenstaates, den gegenseitigen Rechten und Pflichten in demselben. Ein Wort wie dies: Wenn du König bist, so bin ich Bolingbroke, enthüllt die Rechtsanschauung des Mittelalters. Die Rede, welche er dem Bischof von Carlisle in den Mund legt, ist gültig für alle Zeiten. Das Diadem, das die oberste Unabhängigkeit gewährt, erscheint dem Dichter als das wünschenswürdigste aller Besitztümer; aber das ehrenreiche Gold zehrt den auf, der es trägt, durch die unruhige Sorge, die es mit sich bringt. Die populären Stürme, die eine freie Verfassung zu begleiten pflegen, schildert Shakespeare an einigen römischen Ereignissen, bei denen er statt Holinshed Plutarch zugrunde legt. Mit Recht entnimmt er sie aus der Fremde, da die näherliegenden ein anderweites Interesse angeregt und doch nicht eine gleiche universale Bedeutung gehabt habe würden. Man könnte, um ein Beispiel anzuführen, dramatischer zugleich und beziehungsreicher sein als der Gegensatz jener Reden, durch welche zuerst die Ermordung Cäsars gerechtfertigt und dann das Andenken seiner Verdienste erneuert wird? Der Begriff der Freiheit, den die eine zum Bewußtsein bringt, wird mit dem Andenken an die Tugenden und Wohltaten dessen, der die Gewalt besaß, in Gegensatz gebracht und dadurch in den Hintergrund gedrängt; ebendies aber sind die tiefsten und wirksamsten Gefühle aller Zeiten und Nationen. Aber die beglaubigten Überlieferungen aus alter und neuer Zeit genügen dem Dichter noch nicht, um alle Tiefen des menschlichen Daseins aufzuschließen; er führt uns in die nebelhaften, nur der Sage bekannten Regionen des britischen und nordischen Altertums, in denen noch andre Gegensätze der Persönlichkeit und der öffentlichen Dinge zur Erscheinung kommen. Ein König tritt auf, der aus der Fülle des Genusses und der Macht durch übereiltes Zutrauen zu den ihm zunächst Angehörigen in das äußerste Elend gerät, das Menschen betreffen kann; ein Thronerbe, der durch den Mörder seines Vaters und seine eigene Mutter aus seinem Rechte gesetzt, durch geheimnisvolle Impulse angewiesen wird, ihn zu rächen; ein Magnat, der sich durch verruchten Mord des Thrones bemächtigt hat und im Kampfe dafür unterliegt. Der Dichter führt uns in die unmittelbare Nähe des Verbrechens, seiner Vollziehung und seiner Rückwirkung; es erscheint als eine Eingebung der Hölle und ihrer trügerischen Prophezeiungen; wir wandern auf den Konfinien der sichtbaren und einer andern von jenseit her in dieselbe eingreifenden Welt, welche zugleich die Grenzen zwischen Bewußtsein und Wahnsinn sind. Die Abgründe des menschlichen Gemütes tun sich auf, wo es durch unbewußt ihm innewohnende Naturgewalten gefesselt und zugrunde gerichtet wird; alle Fragen über Sein und Nichtsein, Himmel, Hölle und Erde, Freiheit und Notwendigkeit werden in diesen Kämpfen um das Diadem angeschlagen. Selbst die zartesten Gefühle, welche menschliche Seelen aneinander fesseln, liebt er auf dem Hintergründe politischen Lebens erscheinen zu lassen; dann folgt man ihm aus den Nebeln des Nordens in das sonnige Italien. Shakespeare ist eine geistige Naturkraft, die den Schleier wegnimmt, durch welchen das Innere der Handlung und ihre Motive dem gewöhnlichen Auge verborgen werden. Seine Werke bieten eine Erweiterung des menschlichen Gesichtskreises über das geheimnisvolle Wesen der Dinge und der menschlichen Seele dar, durch die sie selbst zu einer großen historischen Erscheinung werden. Wir erörtern hier nicht die Art und Kunst Shakespeares, ihre Vorzüge oder Mängel; sie hing ohne Zweifel mit den Bedürfnissen, Gewohnheiten und der Sinnesweise seines Publikums zusammen; denn wo gäbe es eine stärkere Wechselwirkung zwischen Autor und Publikum als in einer auf freier Teilnahme beruhenden jungen Bühne? Ihre Regellosigkeit erleichterte sogar die sinnliche Vergegenwärtigung, durch welche hier das Großartigste und Gewaltigste in der Verflechtung großer und kleiner Dinge, die dem menschlichen Wesen eigen ist, wie in unmittelbarer Erscheinung vor die Augen gebracht wird. Der Genius ist eine unabhängige Gabe Gottes; daß er aber zur Entfaltung kommt, dazu gehört die Empfänglichkeit und der Sinn der Zeitgenossen. Nichts Geringes ist es fürwahr, wenn bald nach der Thronbesteigung Jakobs I., der das Theater liebte wie seine Vorgängerin, König Lear auf die Bühne gebracht wurde und Franz Bacon ihm sein Werk über die Förderung der Wissenschaften widmete, beides 1605. Von diesen Geistern prägte der eine Tradition, Poesie und Weltanschauung der Vergangenheit in unvergänglichen Gestalten aus; der andere bannte die Analogien derselben von dem Gebiete der Wissenschaft und brach der die Natur überwindenden Tätigkeit der folgenden Jahrhunderte und einer neuen Weltanschauung Bahn. Ihnen zur Seite arbeiteten viele andre. Die Naturforschung hatte bereits auf dem von Bacon angegebenen Wege begonnen und fand besonders in den höheren Ständen lebendige Teilnahme; neben Shakespeare hat man auch die minder namhaften Poeten der Zeit niemals vergessen. In manchen andern Zweigen wurden gediegene Werke geschrieben, welche die Grundlage späterer Studien gebildet haben. Ihr Charakter liegt in der Vereinigung der Kunde des Einzelnen, das in seiner Besonderheit festgehalten wird, mit einem auf das Allgemeine gerichteten wissenschaftlichen Bestreben. Es waren die Tage der Meeresstille zwischen den Stürmen, wie man wohl gesagt hat, halcyonische Zeiten, Vgl. Aristophanes Vögel 1549; Ovid Metam . 11, 754: Perque dies placidos hiberno temopore septem in denen der Genius Freiheit der Stimmung genug behielt, um sich mit aller seiner Kraft großen Schöpfungen zu widmen. Wie der deutsche Geist im Zeitalter der Reformation, so nahm der englische im Anfang des 17. Jahrhunderts seine Stelle unter den wetteifernden Nationalitäten ein, die auf dem Boden der abendländischen Christenheit sich voneinander sonderten, und auf deren Anstrengungen der Fortschritt des menschlichen Geschlechts beruht. 21. Heinrich IV., König von Frankreich. Französische Geschichte II, Werke Bd. 9, S. 74 ff. 108 ff. Heinrich IV. war von Gewerbe ein Kriegsmann. Außer den großen Schlachten, die ihn berühmt gemacht haben, will man bei 200 kleinere Gefechte zählen, an denen er teilgenommen habe. Vor allen Kriegsführern zeichnete ihn zweierlei aus: ein freudiger Mut, der sich von ihm über seine Kapitäne und das Heer ausbreitete, und der rasche Blick, mit dem er die Bewegung, die Stärke, selbst die Haltung seiner Feinde ermaß. Alexander von Parma hat ihn mit dem Adler verglichen: so aus weiter Ferne erschaue er seine Beute, so mit sicherer Geschwindigkeit stürze er sich auf dieselbe los. Andre nahmen an ihm eine besondere Geschicklichkeit wahr, seiner Schlachtordnung die für jede Lage angemessene Form zu geben. Im Gefecht bewies er eine Bravour, die alles mit sich fortriß; war es aber vorüber, so wollte er von der Sache nichts mehr hören. Als man ihm das Schwert brachte, das er bei Ivry geschwungen, blutig wie es war und schartig, wandte er mit einer Art von Abscheu vor einem Tun, wozu Beruf und Notwendigkeit ihn gedrungen hatten, seine Augen weg. Beim Tode Heinrichs III. hat man ihm einmal den Rat gegeben, einen Orden der Rache zu stiften, und wohl möglich, daß er damit die persönlichen Anhänger des Ermordeten an sich gefesselt hätte, aber aus voller Seele verwarf er dies; nichts war ihm von Natur so widerwärtig wie Rachsucht. Er verabscheute die verräterischen Unternehmungen des einen gegen den andern, die damals an der Tagesordnung waren, denn aus dem Bösen könne nie das Gute entspringen. Wie viel lieber lieh er denen sein Ohr, die ihm von den glücklichen Folgen ergangener Amnestien, besonders aus der alten Zeit, die damals jedermann im Gedächtnis war, Thrasybul 403 v. Chr.; Cäsar 46 v. Chr. (Cic. pro Marcello 3). erzählten. Er wollte nur den guten Krieg und dessen Ziel, den Frieden. Nachdem er den Platz behauptet und die Parteien, wenn nicht ausgesöhnt, doch beruhigt hatte, konnte er nicht leiden, daß einer dem andern die während der Ligue begangenen Fehler vorwarf; das Vergangene sollte vergangen sein. Er selbst trug kein Bedenken, Männer im höchsten Rate zu dulden, die einst der Ligue gedient hatten, wie Villeroy. Dieser Minister zeigte auch jetzt Vorliebe für die streng kirchlichen Ideen; er war ein Freund und Beförderer der Jesuiten, aber daran ließ sich doch nicht zweifeln, daß ihm das Interesse seines Herrn höher ging als jedes andre. Er besaß die Sicherheit politischer Geschäftsführung, die aus langer Erfahrung entspring, Er war Minister Heinrichs III. gewesen. und beherrschte die Meinung des größten Teiles des Konseils. Namentlich erkannte Sillery, der in Verbindung mit ihm emporgekommen und jetzt Kanzler geworden war, seine Überlegenheit an und huldigte ihr, gleich als könnte es nicht anders sein. Auch Jeannin, der bis zu Ende bei Mayenne ausgehalten hatte und dann von Heinrich IV. herangezogen ward, gehörte zu dieser Schule; der König war überzeugt, er werde ihm ebenso getreue Dienste leisten wie jenem früher. Neben ihnen hatte Sully Der Finanzminister, aus einer hugenottischen Adelsfamilie, Mitkämpfer in den vorangegangenen Kriegen, namentlich auch bei Ivry. oft einen schweren Stand. Je nachdem die Geschäfte waren, übertrug sie der König bald dem einen, bald dem andern. Veränderungen vermied er aus Grundsatz, denn das monarchische Regiment verlange eine Stetigkeit, die durch keinen Wechsel in den Personen unterbrochen werden dürfe. Das Konseil bestand noch in der alten Weise, ohne doch gerade zu formellen Beratungen versammelt zu werden. Alle Morgen kamen die Sekretäre mit den eingegangenen Depeschen; der König diktierte meistenteils seine Antwort auf der Stelle. Indessen gingen die Mitglieder des Konseils und die vornehmsten Räte im Garten auf und ab; wenn die Sache schwieriger wurde, pflegte er den einen oder den andern zu rufen oder, sich ihm zugesellend, im Auf- und Abgehn die Sache zu besprechen; zuweilen rief er sie wohl auch alle zusammen, ohne ihnen doch mehr mitzuteilen, als was eben für den vorliegenden Fall erforderlich war. Bericht des venetianischen Gesandten Priuli 1608. R. Die gewöhnliche Residenz der französischen Könige war der von Franz I. prächtig ausgebaute Louvre mit dem Tuileriengarten; Sommerresidenzen waren St. Germain, Chambord, Fontainebleau. Ein sonderbares Mittelding zwischen Kabinettsregierung und Beratung mit einer Ministerversammlung, in den alten Formen beinahe formlos. Heinrich IV. pflegte, wie andre Kriegsleute, gern davon zu sprechen, daß er, da er unter den Waffen aufgewachsen sei, von bürgerlichen und diplomatischen Geschäften wenig verstehe. Aber Papst Clemens VIII. warnte seine Nuntien, das zu glauben; er verstehe davon mehr, als er zu verstehen scheinen wolle. Guten Rat zu vernehmen liebte er. Er konsultierte zuweilen Männer, die ihm ferne standen, zu welcher Partei sie auch gehören mochten, wenn er nur ihrer Einsicht sicher war; er gab seine Aufträge mit einer Vertraulichkeit, welche die Herzen gewann, und befand sich wohl dabei. Denn vor den Gesichtspunkten der höchsten Gewalt pflegen bei denen, welche an den Beratungen teilnehmen dürfen, die schroffen Parteiansichten und selbst die persönlichen Interessen zurückzutreten. Ihm blieb dann doch die letzte Entscheidung; er zeigte auch darin den scharfen Blick, der ihn im Kriege ausgezeichnet hatte. Und war nicht seine ganze Verwaltung eine Art von Krieg? Von allen Seiten war er mit Feindseligkeiten umgeben. Er erkannte von ferne, was er zu fürchten und zu hoffen hatte; ehe jemand noch ausgeredet, hatte er dessen Sinn gefaßt; seine Vertraulichkeiten schlossen einen allzeit regen Argwohn nicht aus. Man mußte ihm mit freimütiger Wahrhaftigkeit begegnen, wenn man bei ihm fortkommen wollte. Für seinen Dienst sah er nicht auf vornehme Herkunft, wie das an den Höfen gewöhnlich ist, noch auf Schönheit und gutes Aussehen, wie seine Zeitgenossen Heinrich III. und Jakob I., auch nicht auf die vorwaltenden religiösen oder politischen Meinungen, nicht einmal eigentlich auf Geist, sondern nur auf Ergebenheit und Brauchbarkeit; er hat einen Mann angestellt, weil er ihn ein seinem Lebenskreise entsprechendes Haus bauen sah. Er liebte wenige, er haßte niemand und spottete über alle. Er zahlte Geld, um die Menschen an sich zu fesseln, und machte sich dann über ihre Wohlfeilheit lustig. Seine angeborene Spottsucht hatte ihm schon in der Jugend viele Feindschaften erweckt; durch eine ihm von Natur ebenfalls ganz eigene Herzensgüte wußte er damals die Verletzten wiederzugewinnen. Etwas andres war es, als sich jetzt in ihm eine persönliche Mißachtung mit der Macht, sie fühlen zu lassen, vereinigte. Und das einmal gesprochene Wort hat Flügel. Auch die auswärtigen Verhältnisse sind durch das beißende Verurteilen empfindlicher Nachbarn oft unangenehm berührt worden. Heinrich war mit den einfachsten Neigungen geboren. Er zog Sackpfeife und Schalmei kunstmäßiger Musik vor; er liebte sich zu dem gemeinen Volk zu gesellen. Wie er einst auf den Feldzügen, mitten unter den gemeinen Soldaten sitzend, ihr Schwarzbrot mit ihnen geteilt hatte, so mischte er sich jetzt auf den Fähren über die Flüsse, in den Schenken, in die ihn seine Jagden führten, so lange als möglich unerkannt unter die Leute und ließ sich mit ihnen in Gespräche ein, wo er dann zuweilen Dinge hat hören müssen, die er lieber nicht gehört hätte. Auch auf den Messen und Märkten erschien er und kaufte selber ein; er bot immer die geringsten Preise, die Hälfte, ein Drittel der Forderung; man bemerkte, daß der, wer an den König verkaufe, darum keinen Vorteil mache. Die Leidenschaft der letzten mediceischen Valois, durch Freigebigkeit zu glänzen, hatte er nicht, eher das Gegenteil; er wußte, daß man ihm Geiz vorwarf, und lachte darüber. Aber auch der Hof und seine Genüsse zogen ihn an. Aus den Memoiren von Bassompierre kann man sehen, wie der König und seine Umgebung ihres Lebens zu genießen suchten, worein sie das gute Leben, die gute Gesellschaft setzten, wie man Tage und Nächte dem Vergnügen widmete. Heinrich zog eine wohlbesetzte Tafel dem Schwarzbrot vor so gut wie andre; seine Enthaltsamkeit und regelmäßige Lebensweise konnte man nicht rühmen; auf angestrengte Leibesübung bei der Jagd ließ er Vergnügen und Spiel folgen. Er grollte seinem Finanzminister, wenn dieser Anstand nahm, seine Spielschulden zu zahlen; alle die Zeit seines Lebens, sagte er, habe er so viele Widerwärtigkeiten ausstehen müssen, daß ihm auch wohl ein paar heitere Stunden zu gönnen seien. Sully brachte ihm in Erinnerung, daß er ja die Eigenmacht der Großen im Zaum zu halten, den Stolz der Spanier zu demütigen sich zum Ziel seiner Tätigkeit gesetzt habe; wolle er ein großer König sein, so müsse er von allen Verschleuderungen abstehen. Heinrich antwortete: wenn er da nur nicht den gegenwärtigen und gewissen Genuß um ein sehr Ungewisses Gut aufgäbe! Trotz dieser Betrachtung gab er den Ermahnungen des unbeugsamen Freundes Gehör. So hatte ihm einst Du Plessis gesagt, er würde ganz in Ausschweifungen verfallen, wenn der Krieg nicht wäre, der ihn an sich selbst erinnere. Heinrich rühmte sich einst gegen einen Mann, der seine Geschichte schreiben wollte: auf durchschwärmte Nächte habe er heiße Tage des Kampfes folgen lassen, jene auf diese, denn den Bogen dürfe man nicht allezeit gespannt halten. Von dem Spiel mit seinen Kindern stand er auf, um sich eine Vorstellung in den schwierigsten Angelegenheiten vortragen zu lassen, denn er wisse ein Tor zu sein mit den Spielenden und ein weiser Mann unter weisen Männern. Vor dem König von Frankreich durfte sich niemand bedecken, was doch selbst der stolze König von Spanien gestattete; Heinrich IV. wußte eine Majestät zu zeigen, daß der Mächtigste vor ihm zitterte; gleich darauf stellte er sich dem Geringsten seiner Untertanen gleich. Wenn man ihn sah, fiel alsbald der Widerspruch zwischen den grauen oder vielmehr weißen Haaren, die seinen Scheitel und seine Schläfe vor der Zeit bedeckten, und seinen kräftigen Gesichtszügen, seiner mannhaften Haltung ins Auge. Jene leitete er von den Stürmen der Widerwärtigkeiten her, die ihn von Jugend auf betroffen; diese zeigten eine volle, durch die Anstrengungen des Lagers und der Jagd befestigte Gesundheit. Die Gicht, die ihn zuweilen plagte, loszuwerden, schien ihm verdoppelte Anstrengung das beste Mittel; er ermüdete dabei jedermann. Er war lauter Lebenskraft und Lebenslust, nicht frei von dem Cynismus, der diese zu begleiten pflegt, besonders in geschlechtlichen Verhältnissen; äußere Würde ließ er im gewöhnlichen Verkehr nicht an sich blicken. Auch in der Unterhandlung war ihm jede Entschuldigung gut; er machte kein Hehl daraus, daß andre Umstände ihn zu veränderten Entschlüssen führten. Wer mit ihm zu verhandeln hatte, mußte sich hüten, ihn nicht die Oberhand gewinnen, sich nicht in Furcht setzen zu lassen. Bei aller Einfachheit seines ursprünglichen Naturells wetteiferte er mit den gewandtesten Diplomaten. Er war vertraulich und anziehend, aber zugleich wegwerfend, beleidigend, zugleich kaustisch χαυστιχοσ, brennend, ätzend. und gutmütig; doch durfte man sagen, sein scharfes Wesen bildete immer nur die Außenseite und traf einzelne; in der Tiefe war er gütig und wohlwollend für alle. Mochte er manche Eigenschaften mit andern teilen, zu dem Manne, der er war, machte ihn das Bewußtsein seiner Stellung und seines Berufes, das ihm keinen Augenblick aus den Augen verschwand. Die Vergnügungen und Beschäftigungen des Tages verdunkelten ihm nie das Gefühl seiner Bestimmung, die sich in großen Zügen vor seinem Geist ausbreitete. Seinen Scharfsinn, seine Wachsamkeit und Gewandtheit, seine ganze Tatkraft warf er in die Durchführung des monarchischen Gedankens. Ein gräßliches Geschick, aufsteigend aus den dunkeln Gewalten, wartete seiner. Indem er leicht und kühn, nicht ohne einen Anflug von persönlicher Leidenschaft, aber doch bei weitem mehr in Anschauung der allgemeinen Verhältnisse und ihrer Notwendigkeit an eine Unternehmung ging, in welcher er seinen welthistorischen Beruf erblickte, an der Schwelle neuer großer Taten und Erfahrungen erreichte ihn das Messer eines elenden Verruchten und machte seinem Leben in einem Moment ein Ende. Es war das Schicksal Cäsars, aber ohne die Großheit der Formen, welche die Geschichte des Altertums selbst noch in den Verbrechen zeigt. Die Königin Maria von Medici, Heinrichs zweite Gemahlin, nachdem er sich 1599 von Margarete von Valois hatte scheiden lassen. war gekrönt, die Abreise des Königs zur Armee definitiv auf Dienstag den 18. Mai festgesetzt; Freitag den 14. fuhr er noch einmal durch die Straßen von Paris. Indem der Wagen in einer engen Gasse durch ein paar Karren aufgehalten ward, stieg ein Mensch auf eins der Räder derselben, beugte sich über und stieß seinen Mordstahl ins Herz des Königs. Es war ein wilder Mensch ohne Erziehung, namens Ravaillac, der früher in Diensten Birons Marschall von Frankreich, 1602 vom Pariser Parlament verurteilt wegen hochverräterischer Umtriebe gegen den König und hingerichtet: s. Ranke 2, 64 ff. gestanden, seitdem mit fanatischen Priestern Umgang gehabt hatte und von ihnen schon vorlängst zur Ermordung des Königs bestimmt worden war. Von ihm selbst haben auch die heftigsten Martern niemals das Geständnis einer Verbindung oder einer Mitschuld herauspressen können, niemals hat er einen Namen genannt; er hat nur immer von Predigten und von Büchern geredet, durch die er zu seiner Tat geleitet worden sei; als zwei der vornehmsten Motive hat er angegeben erstens, daß der König die Hugenotten nicht zum katholischen Glauben zurückbringe, zweitens, daß er gegen den Papst Krieg führen wolle, das ist gegen Gott selbst. Ravaillac gehört in seiner ganzen Gesinnung zu der Klasse der Chastel und Clement. Jean Chastel hatte 1594 einen Mordversuch auf Heinrich IV. gemacht, gleich nach dem Einzuge des Königs in Paris; Jacques Clement hatte Heinrich III. ermordet. Ranke 2, 7; 1, 339. Noch war Heinrich nicht in allen Teilen Frankreichs so weit anerkannt, daß man in der Messe für ihn gebetet hätte; noch feierte man hie und da die St. Barthelemy; es war der in der Ligue besiegte, aber noch nicht unterdrückte, unaufhörlich in der Tiefe gärende und eben durch ein bevorstehendes großes Ereignis in Aufregung gesetzte Fanatismus, durch welchen Heinrich IV. umkam, wie früher Heinrich III. Doch war der Unterschied, daß Clement von der Menge als ein Heiliger verehrt worden war; Ravaillac wäre von dem Volke auf der Stelle in tausend Stücke zerrissen worden, hätte ihn nicht die öffentliche Gewalt zunächst in Schutz genommen, um ihn für eine Untersuchung, die freilich zu nichts weiter führte, und für die ausgesuchten Martern, mit denen er bald darauf hingerichtet wurde, aufzubehalten. Damals ging eine Meinung durch die Welt, daß die Mordtat durch den Einfluß von Spanien unter Konnivenz des einen oder andern französischen Großen vollzogen morden sei. Man erzählte, ein aus den Niederlanden eingegangener, schon vom 13. Mai datierter Brief habe von der Ermordung des Königs als einem vollbrachten Ereignis geredet, die Prinzessin von Condé habe den König unmittelbar vorher vor den Anschlägen eines spanischen Agenten gewarnt; hie und da ist die spanische Regierung mit Bestimmtheit, wiewohl ohne allen weiteren Beweis, der Tat beschuldigt worden. In Frankreich hatte man eine Spur, wollte aber davon nicht reden. Eine Nonne in einem Kloster der Normandie sollte an dem Tage der Mordtat, ja in der Stunde derselben, sie durch einen Ausruf angekündigt haben; man sprach mit ihr darüber; sie sagte, sie habe die Vögel in der Luft davon reden hören. Papst Paul V. sah darin gleichsam eine göttliche Züchtigung, denn der König habe sich durch Liebe verblenden und durch den Ehrgeiz des Herzogs von Savoyen verführen lassen, die Ruhe Italiens stören zu wollen; er hatte sich, rief er aus, einem verkehrten Sinn hingegeben, der Herr der Heerscharen hat es getan! Das Gefühl der Spanier drückte sich in den Worten des Kardinals von Toledo im versammelten Staatsrat aus: Wenn Gott für uns ist, wer ist wider uns? Heinrich IV. Jugend, Französische Geschichte 1, 343-347. Die Bartholomäusnacht 1, 228-239. Die Schlacht bei Ivry 1, 362. 22. Fortsetzung der Gegenreformation in Deutschland Päpste II, Werke Bd. 38 S. 262-274 Jeder deutsche Fürst hielt es damals für sein gutes Recht, in seinen Landschaften die Religion nach seinen persönlichen Grundsätzen einzurichten. Ohne viel Zutun der Reichsgewalt, ohne besonderes Aufsehen wogte dann die angefangene Bewegung weiter; besonders hielten es die geistlichen Fürsten für ihre Pflicht, ihre Gebiete zum Katholizismus zurückzuführen. Schon erschienen die Schüler der Jesuiten unter ihnen. Johann Adam von Bicken, Kurfürst von Mainz 1601-1604, war ein Zögling des Collegium Germanicum in Rom. Im Schlosse von Königstein hörte er einst die Gesänge, mit denen die dortige lutherische Gemeinde ihren verstorbenen Pfarrer bestattete. »Mag sie denn«, rief er aus, »ihre Synagoge In verächtlichem Sinne gemeint: óõíáãùãÞ annagris, Versammlung, im Gegensatz zur Ý÷÷ëçóéá ecclesia, der Kirche. ehrlich zu Grabe bringen.« Den nächsten Sonntag bestieg ein Jesuit die Kanzel; einen lutherischen Prediger hat es daselbst niemals wieder gegeben. So ging es auch anderwärts. Was Bicken unvollendet gelassen, setzte sein Nachfolger, Johann Schweikhard, eifrig fort. Er war ein Mann, der die Freuden der Tafel liebte, der aber dabei selbst regierte und ein ungemeines Talent zeigte. Es gelang ihm, die Gegenreformation in seinem ganzen Stifte, selbst auf dem Eichsfelde, zu vollenden. Er sendete eine Kommission nach Heiligenstadt, welche binnen zwei Jahren zweihundert Bürger, unter ihnen viele, die im protestantischen Glauben ergraut waren, zum Katholizismus zurückbrachte. Es waren noch einige wenige übrig; er ermahnte sie persönlich, »als ihr Vater und Hirt«, wie er sagte, »aus tiefem, getreuem Herzen«, und brachte sie zum Übertritt. Mit außerordentlichem Vergnügen sah er eine Stadt wieder katholisch, die vor vierzig Jahren völlig protestantisch gewesen war. So verfuhren nun auch Ernst und Ferdinand von Köln , beides bayrische Prinzen, und der Kurfürst von Trier , Lothar aus dem Hause Metternich, ein ausgezeichneter Fürst, von scharfem Verstand, mit dem Talent, die Schwierigkeiten die sich ihm darboten zu überwinden, prompt in seiner Justiz, wachsam um den Vorteil sowohl seines Landes als seiner Familie zu befördern, auch übrigens leutselig und nicht allzu strenge, nur mußte es nicht die Religion anbetreffen; Protestanten duldete er nicht an seinem Hofe. So großen Namen gesellte sich Neithard von Thüngen, Bischof von Bamberg , zu. Als er von seiner Hauptstadt Besitz nahm, fand er den ganzen Rat bis auf zwei Mitglieder protestantisch. Er hatte schon in Würzburg dem Bischof Julius beigestanden; er entschloß sich, die Maßregeln desselben nunmehr auf Bamberg anzuwenden. Bereits für Weihnachten 1595 erließ er sein Reformationsedikt; es lautet auf Abendmahl nach katholischem Ritus oder Auswanderung, und obwohl Domkapitel, Adel und Landschaft ihm widersprachen, von den Nachbarn die dringendsten Vorstellungen ergingen, so finden wir doch alle die folgenden Jahre hindurch die Reformationsbefehle erneuert und im ganzen ausgeführt. Mit dem Bamberger wetteiferte in Niederdeutschland Theodor von Fürstenberg zu Paderborn . Im Jahre 1596 setzte er alle Priester seiner Diözese gefangen, die das Abendmahl unter beiderlei Gestalt austeilten. Natürlich geriet er hierüber mit seinem Adel in Entzweiung, und wir finden Bischof und Adel sich wechselseitig ihre Herden, ihre Stutereien wegtreiben. Auch mit der Stadt geriet er endlich in offene Fehde. Unglücklicherweise erhob sich hier ein ungestümer Volksführer, der doch der großen Stellung nicht gewachsen war, deren er sich bemächtigt hatte; 1604 ward Paderborn zu neuer Huldigung gezwungen. Hierauf ward das Jesuitenkollegium aufs prächtigste ausgestattet; in kurzem erging auch hier ein Edikt, das nur zwischen Messe und Auswanderung die Wahl ließ. Wie so ganz katholisch wurden allmählich Bamberg und Paderborn! Höchst merkwürdig bleibt allemal die rasche und dabei doch so nachhaltige Verwandlung, welche in allen diesen Ländern hervorgebracht ward. Soll man annehmen, daß der Protestantismus in der Menge noch nicht recht Wurzel gefaßt hatte, oder soll man es der Methode der Jesuiten zuschreiben? Wenigstens ließen sie es an Eifer und Klugheit nicht fehlen. Von allen Punkten, wo sie sich festgesetzt, ziehen sie in weiten Kreisen umher. Sie wissen die Menge zu fesseln, ihre Kirchen sind die besuchtesten; sie gehen immer auf die vornehmste Schwierigkeit los. Ist irgendwo ein bibelfester Lutheraner, auf dessen Urteil die Nachbarn etwas geben, so wenden sie alles an, um ihn zu gewinnen, was ihnen auch bei ihrer Übung in der Kontroverse selten fehlschlägt. Sie zeigen sich hilfreich, sie heilen Kranke, sie suchen Feindschaften zu versöhnen; durch heilige Eide verpflichten sie alsdann die Überwundenen, die Bekehrten. Nach allen Wallfahrtsorten sieht man die Gläubigen unter ihren Fahnen heranziehen; Menschen, die eben noch eifrige Protestanten gewesen, schließen sich jetzt den Prozessionen an. Und nicht allein geistliche, sondern auch weltliche Fürsten hatten die Jesuiten erzogen. Noch am Ende des 16. Jahrhunderts traten ihre beiden großen Zöglinge auf: Ferdinand II. und Maximilian von Bayern. Man sagt, als der junge Erzherzog Ferdinand 1596 Ostern in seiner Hauptstadt Graz feierte, sei er der einzige gewesen, der das Abendmahl nach katholischem Ritus nahm; in der ganzen Stadt habe es nur noch drei Katholiken gegeben. In der Tat waren nach dem Tode des Erzherzogs Karl unter einer nicht sehr kräftigen vormundschaftlichen Regierung die Unternehmungen zugunsten des Katholizismus rückgängig geworden; die Protestanten hatten die ihnen entrissenen Kirchen wieder eingenommen, ihre Schule zu Graz durch neue glückliche Berufungen verstärkt; der Adel hatte einen Ausschuß aufgestellt, um sich allem zu widersetzen, was zum Nachteil des Protestantismus versucht werden möchte. Demohnerachtet entschloß sich Ferdinand augenblicklich, zur Ausführung und Vollendung der Gegenreformation zu schreiten. Geistliche und politische Antriebe kamen zusammen. Er sagte, auch er wolle Herr in seinem Lande sein, so gut wie der Kurfürst von Sachsen, der Kurfürst von der Pfalz. Gab man ihm die Gefahr zu bedenken, die ein Anfall der Türken während innerer Zwistigkeiten herbeiführen könne, so entgegnete er, erst nach vollzogener Bekehrung dürfe man auf die göttliche Hilfe zählen. Im Jahre 1597 begab sich Ferdinand über Loreto nach Rom zu den Füßen des Papstes Clemens VIII. Er tat das Gelübde, die katholische Religion in seinen Erblanden auch mit Gefahr seines Lebens herstellen zu wollen; der Papst bestärkte ihn darin. So kam er zurück und schritt ans Werk. Im September 1598 erging sein Dekret, durch welches er die Entfernung aller lutherischen Prädikanten in Graz binnen vierzehn Tagen gebot. Graz war der Mittelpunkt der protestantischen Lehre und Gewalt; man ließ nichts unversucht, um den Erzherzog wankend zu machen, weder Bitte noch Warnung noch auch Drohung, aber der junge Fürst war nach dem Ausdruck des Krainer Geschichtschreibers Valvassor, Ehre des Herzogtums Krain. Teil I, Buch 7, S. 464. R. fest wie ein Marmor. Im Oktober erging ein ähnlicher Erlaß in Krain, im Dezember in Kärnthen. Und sogleich entwickelte das nun eine weitere Wirkung auf alle österreichischen Gebiete. Anfangs hatte Kaiser Rudolf seinem jungen Vetter sein Vorhaben widerraten; da es gelang, ahmte er es selber nach. Von 1599–1601 finden mir eine Reformationskommission in Oberösterreich, 1602 und 1603 in Unterösterreich tätig. Von Linz und Steier mußten die im Dienste des Evangeliums ergrauten Prediger und Schullehrer weichen; schmerzlich empfanden sie es. »Nunmehr, vom Alter gebeugt,« ruft der Rektor zu Steier aus, »werde ich ins Elend verstoßen!« »Täglich,« schreibt einer von denen, die noch zurückblieben, »bedroht uns das Verderben; unsre Gegner beobachten uns, spotten unser, dürsten nach unserm Blute.« Raupach, Evangelisches Österreich (Hamburg 1732–44) IV, 151. R. In Böhmen glaubte man sich durch die uralten utraquistischen Privilegien, in Ungarn durch die Selbständigkeit und Macht der Stände besser geschützt. Jetzt aber schien sich Rudolf weder um die einen noch um die andern kümmern zu wollen. Er war überredet morden, daß die alten Utraquisten untergegangen und die Evangelischen zum Genüsse jener Privilegien nicht berechtigt seien. Im Jahre 1602 erließ er ein Edikt, das zunächst die Kirchen der mährischen Brüder zu schließen befahl und ihre Zusammenkünfte verbot. Schon begann in Ungarn die offenbare Gewalt; Basta und Belgiojoso, welche die kaiserlichen Truppen in diesem Lande befehligten, nahmen die Kirchen von Kaschau und Klausenburg weg; mit ihrer Hilfe suchte der Erzbischof von Colocsa die dreizehn Städte ins Zips zum Katholizismus zurückzuführen. Auf die Beschwerden der Ungarn gab der Kaiser die Resolution: »Seine Majestät, welche den heiligen römischen Glauben von Herzen bekenne, wünsche ihn auch in allen ihren Reichen und besonders in dem ungarischen auszubreiten; sie bestätige hiermit und ratifiziere alle Beschlüsse, die seit den Zeiten des heiligen Stephan, Apostels der Ungarn, zugunsten dieses Glaubens erlassen worden.« Trotz seiner hohen Jahre hatte der behutsame Kaiser seine Mäßigung abgelegt; die katholischen Fürsten insgesamt befolgten dieselbe Politik. Soweit nur irgend ihre Macht reichte, breitete sich der Strom der katholischen Meinung weiter aus; Doktrin und Gewalt trieben ihn vorwärts; in der Reichsverfassung gab es kein Mittel dagegen. Vielmehr fühlten sich die katholischen Bestrebungen so stark, daß sie nun auch die Reichsangelegenheiten zu ergreifen, die bisher behaupteten Rechte des protestantischen Teils zu gefährden anfingen. Schon waren, nicht ohne den Einfluß der päpstlichen Nuntien, besonders des Kardinals Madruzzi, der zuerst die Aufmerksamkeit dahin lenkte, im Zustande der Reichsgerichte Veränderungen eingetreten, die Anlaß und Mittel dazu in die Hand gaben. Das Kammergericht hatte endlich gegen Anfang des 17. Jahrhunderts eine mehr katholische Färbung bekommen; es waren Urteile ergangen, die der katholischen Auslegung des Religionsfriedens entsprachen. Die Benachteiligten hatten dagegen das Rechtsmittel der Revision ergriffen, allein mit den Visitationen waren auch die Revisionen ins Stocken gekommen; die Sachen häuften sich an und blieben liegen. Unter diesen Umständen geschah es, daß der Reichshofrat in Aufnahme kam. Wenigstens ließ sich hier ein Ende absehen: die unterliegende Partei konnte nicht zu einem niemals auszuführenden Rechtsmittel ihre Zuflucht nehmen. Aber der Reichshofrat war nicht allein noch entschiedener katholisch als das Kammergericht, er hing auch durchaus vom Hofe ab. »Der Reichshofrat«, sagt der florentinische Geschäftsträger Alidosi, »erläßt keinen definitiven Urteilsspruch, ohne ihn vorher dem Kaiser und dem geheimen Rate mitzuteilen, die ihn selten ohne Abänderung zurückschicken.« Welche allgemein wirksamen Institute gab es aber im Reiche als die richterlichen? Die Einheit der Nation knüpfte sich an dieselben. Auch sie waren jetzt unter den Einfluß der katholischen Meinung, der Konvenienz des Hofes geraten. Schon fing man auf allen Seiten an, über die parteiischen Urtel, die gewaltsamen Exekutionen zu klagen, als bei der Sache von Donauwörth die allgemeine Gefahr hervortrat, die von diesem Punkte aus drohte. Daß ein katholischer Abt in einer protestantischen Stadt, der seine Prozessionen öffentlicher und feierlicher halten wollte als herkömmlich, hierbei von dem Pöbel gestört und beschimpft worden, genügte dem Reichshofrat, um die Stadt selbst mit einem weitaussehenden Prozeß, Mandaten, Citationen, Kommissariaten heimzusuchen und endlich die Acht über sie auszusprechen. Ein benachbarter strengkatholischer Fürst, Maximilian von Bayern , bekam den Auftrag, sie zu vollstrecken. Er begnügte sich nicht, Donauwörth zu besetzen; auf der Stelle berief er Jesuiten, erlaubte nur noch den katholischen Gottesdienst und schritt in gewohnter Weise zur Gegenreformation. Maximilian selbst sah diese Sache in dem Lichte ihrer allgemeinen Bedeutung; er schrieb dem Papste, wie an einem Prüfstein könne man daran die Abnahme des Ansehens der Protestanten erkennen. Allein er täuschte sich, wenn er glaubte, sie würden es sich gefallen lassen. Sie sahen sehr wohl, was sie zu erwarten hatten, wenn es so fortging. Schon erkühnten sich die Jesuiten, die Verbindlichkeit des Religionsfriedens zu leugnen; er habe im Grunde gar nicht geschlossen werden können ohne die Beistimmung des Papstes, auf keinen Fall sei er länger als bis zum tridentinischen Konzil gültig gewesen; als eine Art Interim sei er anzusehen. Und auch die, welche die Gültigkeit dieses Vertrages anerkannten, meinten doch, daß wenigstens alle seit Abschluß desselben von den Protestanten eingezogenen Güter wieder herausgegeben werden müßten; auf die protestantischen Erklärungen seiner Worte nahmen sie keine Rücksicht. Wie nun, wenn diese Ansichten, wie es ja schon zu geschehen anfing, von den höchsten Reichsgerichten anerkannt, Urtel danach ausgesprochen und zur Vollstreckung gebracht wurden? Als der Reichstag im Jahre 1608 zu Regensburg zusammenkam, wollten die Protestanten zu keiner Beratung schreiten, ehe ihnen nicht der Religionsfriede schlechthin bestätigt worden sei. Selbst Sachsen, das sich sonst immer auf die kaiserliche Seite neigte, forderte jetzt Abschaffung der Hofprozesse, insofern sie dem alten Herkommen zuwider seien, Verbesserung des Justizwesens und nicht allein Erneuerung des Religionsfriedens, wie er 1555 geschlossen worden, sondern eine pragmatische Sanktion, durch welche den Jesuiten verboten würde, wider denselben zu schreiben. Auf der andern Seite hielten aber auch die Katholiken eifrig zusammen. Der Bischof von Regensburg hatte ein Rundschreiben erlassen, in dem er seine Glaubensgenossen ermahnte, die Gesandten vor allem zu einhelliger Verteidigung der katholischen Religion anzuweisen, »steif und fest wie eine Mauer zusammenzustehen«, nur nicht zu temporisieren; jetzt habe man nichts zu fürchten, an stattlichen hochlöblichen Fürstenhäusern besitze man grundfeste eifrige Defensoren. Zeigten sich dann die Katholiken ja noch geneigt, den Religionsfrieden zu bestätigen, so trugen sie doch auf die Klausel an, »daß das, so demselben zuwiedergehandelt, abgeschafft und restituiert werde,« eine Klausel, die eben alles enthielt, was die Protestanten fürchteten und vermieden wissen wollten. Bei diesem Zwiespalt in der Hauptsache war nicht daran zu denken, daß in irgendeinem Punkte ein einmütiger Beschluß gefaßt oder dem Kaiser die Türkenhilfe, die er wünschte und bedurfte, bewilligt worden wäre. Es scheint doch, als habe dies auf den Kaiser Eindruck gemacht, als sei man am Hofe einmal entschlossen gewesen, dem Begehren der Protestanten unumwunden zu willfahren. Wenigstens ist das der Inhalt eines sehr merkwürdigen Berichtes, welchen der päpstliche Geschäftsträger über diesen Reichstag abgestattet hat. Der Kaiser war nicht selbst dahin gegangen; Erzherzog Ferdinand versah seine Stelle. So war auch nicht der Nuntius selbst in Regensburg; er hatte aber einen Augustiner, Fra Felice Milensio, Generalvikar seines Ordens, in seinem Namen dahingeschickt, der denn auch mit ungemeinem Eifer die Interessen des Katholizismus aufrechtzuerhalten suchte. Dieser Fra Milensio nun, von dem unser Bericht Von Ranke in Rom gefunden; s. die Analekten zum 3. Bande der Geschichte der Päpste S. 102. stammt, versichert, der Kaiser habe sich wirklich zu einem Erlaß entschlossen den Wünschen der Protestanten gemäß. Er leitet ihn von den unmittelbaren Einwirkungen des Satans her; ohne Zweifel sei er von den Geheimkämmerern des Kaisers, von denen der eine ein Jude, der andre ein Ketzer sei, ausgegangen. Hören wir von ihm selbst, was er nun weiter berichtet: »Auf die Nachricht von dem eingelaufenen Erlaß, die mir und einigen andern mitgeteilt worden, begab ich mich zu dem Erzherzog und fragte, ob ein solches Dekret gekommen sei. Der Erzherzog bejahte dies. Und denkt nun auch Ew. erzherzogliche Durchlaucht es bekanntzumachen? Der Erzherzog antwortete: So befiehlt der kaiserliche Geheime Rat; der ehrwürdige Vater sieht selbst, in welcher Lage wir sind. Hierauf entgegnete ich: Ew. erzherzogliche Durchlaucht wird ihre Frömmigkeit nicht verleugnen wollen, die Frömmigkeit, in der sie aufgezogen ist, mit der sie vor kurzem gewagt hat, so vielen drohenden Gefahren zum Trotz die Ketzer ohne Ausnahme aus ihren Landschaften zu verbannen. Ich kann nicht glauben, daß Ew. Durchlaucht den Verlust der Kirchengüter, die Bestätigung der teuflischen Sekte Luthers und der noch schlimmeren Calvins, die doch nie im Reiche öffentlich Duldung genossen, durch dies neue Zugeständnis genehmigen werde. Der fromme Fürst hörte mich an. Was ist aber zu machen? sprach er. Ich bitte Ew. Durchlaucht, diese Sache Sr. Heiligkeit dem Papste vorzulegen und keinen Schritt zu tun, ehe wir dessen Antwort haben. So tat der Erzherzog; er achtete mehr auf die Gebote Gottes als auf die Beschlüsse der Menschen.« Ist alledem wirklich so, so sieht man wohl, welch eine wichtige Stelle dieser namenlose Augustinerbruder in unserer Reichsgeschichte einnimmt. Im entscheidenden Momente hintertrieb er die Bekanntmachung einer Konzession, welche die Protestanten wahrscheinlich befriedigt haben würde. An deren Stelle trat Ferdinand mit einer Interpositionsschrift hervor, die die Möglichkeit jener Klausel nach wie vor einschloß. In einer Versammlung am 5. April vereinigten sich die Protestanten, sich nicht zu fügen, sie nicht anzunehmen. Da jedoch auch der andre Teil nicht nachgab, von dem Kaiser oder seinem Stellvertreter nichts zu erlangen war, was ihre Furcht hatte beschwichtigen können; so griffen sie zu dem äußersten Mittel, sie verließen den Reichstag. Zum ersten Male kam es zu keinem Abschied, geschweige denn zu Bewilligungen. Es war der Augenblick, in welchem die Einheit des Reiches sich faktisch auflöste. Und unmöglich konnten sie hierbei stehen bleiben. Die eingenommene Stellung zu behaupten wäre jeder allein zu schwach gewesen; eine Vereinigung, wie sie schon lange beabsichtigt, beraten und entworfen hatten, führten sie jetzt im Drange des Momentes aus. Unmittelbar nach dem Reichstage kamen zwei pfälzische Fürsten, Kurfürst Friedrich und der Pfalzgraf von Neuburg, zwei brandenburgische, die Markgrafen Joachim Ernst und Christian, Markgrafen von Ansbach und Bayreuth, Stiefbrüder des Kurfürsten Joachim Friedrich. der Herzog von Württemberg und der Markgraf von Baden zu Ahausen zusammen und schlossen ein Bündnis, das unter dem Namen der Union bekannt ist. Sie verpflichteten sich, einander auf jede andre Weise und auch mit den Waffen beizustehen, besonders in Hinsicht der auf dem letzten Reichstag vorgetragenen Beschwerden. Sie setzten sich sogleich in eine Kriegsverfassung; jedes Mitglied nahm es über sich, einen oder den andern seiner Nachbarn an den Bund zu ziehen. Ihr Sinn war, da die Lage der Dinge, wie sie im Reiche bestand, ihnen keine Sicherheit gewährte, sich diese selbst zu verschaffen, sich selbst zu helfen. Eine Neuerung von der umfassendsten Bedeutung, um so mehr da in den kaiserlichen Erblanden ein Ereignis eintrat, das ihr sehr wohl entsprach. Aus mancherlei Gründen nämlich war der Kaiser mit seinem Bruder Matthias zerfallen; die in ihrer Freiheit und ihrer Religion bedrängten österreichischen Stände sahen in diesem Zwiespalt eine Gelegenheit, beides zu behaupten, und traten auf die Seite des Erzherzogs. Schon im Jahre 1606 schloß der Erzherzog im Einverständnisse mit ihnen einen Frieden mit den Ungarn, ohne den Kaiser darum gefragt zu haben. Sie entschuldigten sich damit, daß der Kaiser die Geschäfte vernachlässige, daß die Lage der Dinge sie gezwungen habe. Da nun aber Rudolf sich weigerte, diesen Frieden anzuerkennen, so erhoben sie sich, und zwar sogleich in Kraft ihres Vertrages, zur Empörung. Zuerst schlossen die ungarischen und die österreichischen Stände einen Bund zu Schutz und Trutz miteinander, dann zogen sie auch die Mährer, besonders durch den Einfluß eines Lichtenstein, an sich; so rückten sie in denselben Tagen, in welchen der Regensburger Reichstag sich auflöste, im Mai 1608, mit ihrem selbstgewählten Oberhaupt ins Feld wider den Kaiser. Rudolf mußte sich bequemen, seinem Bruder Ungarn, Österreich und Mähren abzutreten. Natürlich mußte aber Matthias den Ständen die Dienste, die sie ihm geleistet, mit Konzessionen erwidern. Seit 48 Jahren hatten die Kaiser vermieden, einen Palatinus in Ungarn zu ernennen; jetzt ward ein Protestant zu dieser Würde befördert. Die Freiheit der Religion ward nicht allein den Magnaten, sondern auch den Städten, allen Ständen, ja selbst den Soldaten an den Grenzen auf das feierlichste zugesichert. Nicht eher leisteten die Österreicher die Huldigung, als bis auch ihnen die Religionsübung in Schlössern und Dörfern sowie in den Privathäusern der Städte freigegeben worden. Was den Österreichern und Ungarn der Angriff, verschaffte den Böhmen die Verteidigung. Gleich anfangs hatte sich Rudolf zu großen Zugeständnissen bequemen müssen, nur um seinem Bruder noch einigermaßen zu widerstehen. Nachdem Ungarn und Österreicher durch diesen zu so großen Freiheiten gelangt, konnte auch er, was auch immer der päpstliche Nuntius, der spanische Gesandte dazu sagen mochten, den Böhmen ihre Forderungen nicht verweigern. Er gewährte ihnen den Majestätsbrief , der nicht allein die alten Konzessionen wiederholte, die Maximilian II. gegeben, sondern ihnen auch eine eigene Behörde zu deren Verteidigung zu gründen gestattete. Wie so ganz anders standen nun plötzlich die deutschen, die erbländischen Angelegenheiten. Die Union breitete sich in Deutschland aus und wachte über jeden Angriff des Katholizismus, den sie gewaltig zurücktrieb. Die Stände der österreichischen Provinzen hatten ihre alten Ansprüche zu einer wohlgegründeten verfassungsmäßigen Gewalt ausgebildet. Es war dabei ein nicht unbedeutender Unterschied: im Reiche hatte der Katholizismus die Territorien der katholischen Fürsten wieder erfüllt; erst als er weiterging, in die Reichssachen gewaltiger eingriff, die Existenz freier Stände gefährdete, da fand er Widerspruch; in den Erblanden dagegen stellte sich ihm noch innerhalb der Territorialbefugnisse die Macht protestantischer Landsassen unüberwindlich entgegen. Im ganzen war es aber der nämliche Sinn. In Österreich sagte man sehr bezeichnend: man müsse ein Schwert mit dem andern in der Scheide halten. Denn auch die andre Partei setzte sich sogleich in kriegerische Verfassung. Am 11. Juli 1609 ward ein Bund zwischen Maximilian von Bayern und sieben geistlichen Herren, den Bischöfen von Würzburg, Konstanz, Augsburg, Passau, Regensburg, dem Propst von Ellwangen, dem Abt von Kempten, geschlossen zu gemeinschaftlicher Verteidigung, in dem nach dem Muster jenes alten Bundes zu Landsberg Vgl. Geschichte der Päpste 2, 92. der Herzog von Bayern eine außerordentliche Gewalt bekam. Bald gesellten sich, doch mit einer gewissen Unabhängigkeit, die drei geistlichen Kurfürsten hinzu. Erzherzog Ferdinand wünschte aufgenommen zu werden, Spanien erklärte seinen Beifall, der Papst versprach nichts zu unterlassen, was er für den Bund leisten könne. Man darf nicht zweifeln, daß sich der Papst besonders durch spanischen Einfluß nach und nach immer stärker in die Interessen dieser Liga verwickeln ließ. Und so stellten sich zwei feindselige Parteien einander gegenüber, beide gerüstet, jede immer voll Furcht, überrascht, angegriffen zu werden, keine vermögend, die Sache zu einer großen Entscheidung zu bringen. 23. Deutschland vor dem dreißigjährigen Kriege. Zur deutschen Geschichte, Werke Bd. 7 S. 93-97. Blicken wir auf die durchlaufene Bahn zurück, so sehen wir zuerst unser Vaterland durch günstige Umstände in Frieden gesetzt, von dem Auslande abgeschlossen, sich selber zurückgegeben. Man ist reich und gewerbtätig, stärker in den Waffen als irgendein andres Volk; der Protestantismus überwiegt in allen Teilen des Landes; auf eigenen Bahnen in Literatur und Kunst bewegt sich der deutsche Geist. Eine versöhnliche, gemäßigte Gesinnung vereinigt die Häupter der Nation, sowohl die Gewalthaber als die begabten und fähigen Geister; man kann erwarten, daß die noch übrigen Entzweiungen ausgetragen, die Mängel der Verfassung verbessert werden, daß man den gefährlichsten Feind Die Türken, s. o. S. 62 u. 98. besiege und den Nachbarn Maß gebe, statt es von ihnen zu empfangen. Ja, es war in jenem Reiche lebendiger Geister, welche eine Nation ausmachen, in ihren Bestrebungen und Gesinnungen eine großartige Richtung zu gleichartiger allgemeiner Entwicklung, zur Ausführung großer Unternehmungen, zur Bildung zusammenhaltender starker Institutionen; auf seinem Wege hatte man sie vor sich, mit Besonnenheit und überwiegender Rücksicht auf die allgemeine Wohlfahrt wäre man dahin gelangt. Allein es gab auch widerstrebende Elemente, deren Emporkommen das Ganze zersetzen mußte; eben diese kamen empor. Ist es die Beschränkung des überwältigenden Theorems oder Leidenschaft oder beides, in dem Protestantismus entwickelt sich über das Dogma selber ein heftiger Streit. Die Parteien ergreifen die extremen Ansichten und setzen sich einander feindselig gegenüber. Mit untergeordneten Interessen im Bunde fassen sie, sowie die eine oder die andre mächtiger wird, in den verschiedenen Landschaften Fuß. Eine Zeitlang widersetzten sich die vorwaltenden gemäßigten Fürsten dieser Richtung; allmählich, nicht ohne Einwirkung politischer Verhältnisse, werden sie selber davon ergriffen. Es zerfallen zuerst die sächsischen Häuser nochmals; es kommt zwischen ihnen zu einer Fehde, die von der einen Seite Opposition gegen das Reich, von der anderen Exekution von Reichs wegen, aber im Grunde doch der alte Zwist ist. Pfalz und Württemberg, so nahe Nachbarn, die Linien der Pfalz untereinander selbst zerfallen. Kursachsen und Kurpfalz, beide Protestanten, aber durch die weiter entwickelten theologischen Systeme getrennt, geraten in die entschiedenste Feindseligkeit. Hierüber versäumt man die großen Interessen, man bringt es in der Reichsverfassung niemals zu dem erwünschten Ziele; die geistige Bewegung der Nation nimmt eine Richtung, welche keiner Gesamtunternehmung günstig ist. Das Oberhaupt, mehr geistreich als stark, Kaiser Maximilian II. wird durch den Widerstreit der Meinungen geirrt und weiß nicht seine Entwürfe durchzusetzen. Der Einfluß der Nachbarn, in deren Streitigkeiten man sich einmischt, nimmt aufs neue überhand; man hält die französischen Händel für seine eigenen, Spanien hat wieder seine Parteigänger; man schlägt in ihren Schlachten. Hauptsächlich aber werden durch die heftigen Entzweiungen der protestantischen Meinung gar viele irre; der Katholizismus, welcher geistig bereits besiegt war, der sich indes zu einem ähnlichen Systeme gestaltet hat wie die entgegengesetzte Lehre faßt neuerdings Fuß. Während die beiden protestantischen Parteien sich ihr Gebiet untereinander streitig machen, bemächtigt sich der Katholizismus derjenigen Länder wieder, die er zwar zum größten Teil, aber nicht völlig verloren hatte. Er bekommt einen bedeutenden Verbündeten. Der süddeutsche Adel war von Anfang an gut evangelisch; nur sah er mit Widerwillen, wie durch die Erfolge der Reformation die Fürstenmacht wuchs. Eine Zeitlang versuchte er eine Gegenwirkung, indem er sich an die heftigste protestantische Partei anschloß. Es ist merkwürdig, wie dies Veranlassung wurde, daß Bayern sich völliger als bisher dem katholischen System ergab. Aber auch von den protestantischen Fürsten ward die Unabhängigkeit des Adels bedroht; er sah seine Rettung allein in der Behauptung der geistlichen Fürstentümer. In den Jahren 1563, 1567 war seine Bewegung noch protestantisch, doch der fürstlichen Macht entgegengesetzt; das letzte blieb sie ferner, aber eben deshalb warf sie sich in das Interesse des Katholizismus. Seitdem nahmen die Gegenreformationen , vornehmlich in den geistlichen Fürstentümern, ihren Fortgang. Indessen hatte der Papst ein Mittel gefunden, sich mit einigen Fürsten enger und enger zu verbinden. Bayern ging voran; bald folgte Baden-Baden, der Erzherzog Karl von Steiermark, Vater Kaiser Ferdinands II., vgl. o. S. 165. der Pfalzgraf von Neuburg. So kleine Fürsten wie der Herzog von Teschen mußten sich doch im Anfang des 17. Jahrhunderts durch Gegenreformationen bemerklich zu machen. Nicht als sei dies alles mit Gewalt durchgesetzt worden; es war auch das Werk der Lehre; es war die Wirkung der Jesuiten , die ihresorts dann auch die öffentliche Meinung zu gewinnen wußten. Da sich nun zu gleicher Zeit der Calvinismus von der Pfalz aus nach allen Seiten ausbreitete, im heftigsten Gegensatz zu dem wieder emporkommenden Katholizismus, nur siegreich in bereits protestantischen Ländern, so war an keine Vereinigung weiter zu denken. Wie hätte man in diesem Zwiespalt die allgemeinen Interessen sorgsam wahrnehmen sollen! Den Handel auf dem Belt zerstörte Schweden durch unaufhörliche Feindseligkeiten; Dänemark erschwerte die Fahrt durch den Sund mit willkürlichen und starken Zollerhöhungen. Der erste Gebrauch, den die Holländer von einer Freiheit machten, die sie zum Teil mit Hilfe der Oberdeutschen erworben, war, daß sie uns den Rhein verschlossen, den sie nie wieder geöffnet haben. Geschrieben im Jahre 1831. Der 1814 geschlossene Friede zu Paris bestimmte, daß die Rheinschiffahrt frei sein solle bis zum Meere; aber das damals neugeschaffene Königreich der Niederlande errichtete Zollstätten an den Mündungsarmen des Rheins; vgl. Treitschke , Deutsche Geschichte 3, 470 ff. »Endlich ist es aber doch gelungen,« sagt Ranke (Zur Geschichte der deutschen Handelspolitik, Werke Bd. 49/50 S. 278), »durch den Vertrag vom 31. März 1831 für die Schiffe der Rheinuferstaaten die freie Fahrt bis in die See und aus der See unmittelbar bis zu den Rheinhäfen durchzusetzen.« England vernichtete nicht allein die Privilegien der Gildhalle; es nahm die Schiffe, die den Kanal auf der Fahrt nach Spanien passierten; zugleich sendete es seine Monopolisten nach Emden, um den englisch-deutschen Verkehr allein zum Nutzen der Engländer einzurichten. Schritt für Schritt sah man ihre Übermacht kommen, aber man sah ihr zu. Da war keine Abwehr, keine kräftige Maßregel; es war keine Einheit. Fing man doch im Innern erst jetzt recht an, ein Gebiet vom andern durch Zölle zu scheiden. Man hat einmal den Gedanken gehabt, einen Reichsadmiral im mittelländischen und westlichen Meere aufzustellen, um die Vorrechte des Reiches wahrzunehmen; es blieb ein flüchtiger Gedanke. Immer weiter griff die Entzweiung. Der Reichsabschied mußte 1608 allein in Gegenwart der katholischen verkündet werden, alle anderen hatten sich in Entrüstung entfernt. Im Jahre 1613 erklärten die Korrespondierenden, die Stimmenmehrheit sei ein unerträgliches Joch; vor Erledigung ihrer Beschwerden wollten sie zu keiner Beratschlagung schreiten. Das »schnitt dem Kaiser durchs Herz«, sagt das Protokoll dieses Reichstages; tief schmerzt es uns noch heute, die wir diese Dinge betrachten. Schon standen Liga und Union zum Kampfe gerüstet einander gegenüber; es bedurfte nur jenes Anlasses in Böhmen, so brach er aus. Es war der dreißigjährige Krieg. Verwüstet, arm, seines Handels vollends beraubt, ein Spiel der fremden Mächte, ging Deutschland aus demselben hervor. Seine Kultur wie sein Dasein war von dem Ausland abhängig. Wieviel hat es gekostet, wie gewaltige, tiefe langaushaltende Anstrengungen, bis wir wieder erst äußerlich unser eigen wurden, bis alsdann der deutsche Geist selbständige Kräfte entfaltete und uns innerlich befreite. 24. Wallenstein. Geschichte Wallensteins, Werke Bd. 23 S. 235-241. 313. Wallensteins Armee war aus allen Nationen zusammengesetzt; in einem einzigen Regiment wollte man zehn verschiedene Nationalitäten unterscheiden. Die Obersten waren, wie vor Alters in den kaiserlichen Heeren, Spanier, Italiener, Wallonen, Deutsche; er liebte auch böhmische Herren herbeizuziehen, um sie an den kaiserlichen Dienst oder auch an seine eigenen Befehle zu gewöhnen. Der Kroat Isolani führte die leichte Reiterei, eifersüchtig darauf, daß kein Ungar ihm vorgezogen würde. Wir finden Dalmatiner und Rumänen; die letzteren zog Wallenstein den Polen vor, deren Obersten sich unbotmäßig und fremdem Einfluß zugänglich zeigten. Besonders war das norddeutsche Element stark bei ihm vertreten; man findet Brandenburger, Sachsen, Pommern, Lauenburger, Holsteiner. Zu beiden Seiten, unter Gustav Adolf und Wallenstein, haben die Norddeutschen den Krieg gelernt. Auf das Bekenntnis kam es unter Wallenstein nicht an; einige seiner wehrhaftesten Obersten waren Protestanten. Wir wissen, daß es zu den Grundsätzen bei der ersten Zusammensetzung der Armee gehörte, Protestanten so gut wie Katholiken aufzunehmen. In dem ungarischen Kriege Feldzug gegen Bethlen Gabor 1626; Ranke S. 35 ff. haben beide zusammen gegen die Türken gekämpft; beim Wiederaufwogen des religiösen Streites stand man von dieser Mischung ab. Wie die Liga nur Katholiken in ihrem Heere sehen wollte, so hatte die Armee Gustav Adolfs einen durchaus protestantischen Charakter; unter Wallenstein überwog der militärische Gesichtspunkt den religiösen. Die Obersten beider Bekenntnisse ein einziges eng zusammenschließendes Ganze unter einem General, der nicht danach fragte, zu welchem ein jeder gehörte. So ist es auch in der französischen Armee in den ersten Dezennien unter Ludwig XIV. und später in der preußischen unter Friedrich II. gehalten worden. Wallenstein sah es gern, wenn große Herren in seinen Dienst traten; aber auch Kaufmannssöhne, frühere Juwelenhändler, Emporkömmlinge selbst aus der dienenden Klasse waren ihm willkommen. Bei dem Gemisch der Nationen, Bekenntnisse, Stände war das unverbrüchlich militärische Gesetz ein doppelt unbedingtes Bedürfnis der Schlagfähigkeit. Die kleinsten Fehler, wie Eigenmächtigkeiten in der Kleidung, wurden bestraft, wie man sagte, um größere zu verhüten. Wenn man im Felde stand, ward etwas mehr nachgesehen, doch nichts, was die Unterordnung hätte gefährden können. »Ich will nicht hoffen,« sagte er auf einlaufende Klagen, »daß einer unsrer Offiziere sich so weit vergessen hat, unsre Ordonnanzen zu despektieren.« Die Ausschreitungen, an denen es freilich nicht fehlte, sollte kein Oberer ungeahndet lassen; Nachsicht hierbei fand Wallenstein sträflich und drohte mit Exekution an Leib und Leben zu ahnden. Plündernde sind auf der Stelle gehenkt worden. Von Schonung wußte er nichts, weder im Dienste noch vollends dem Feinde gegenüber. Den Antrag, den ihm einst König Gustav Adolf machte, nach dem Vorgang der niederländischen Kriege eine Übereinkunft zu schließen, daß bei einem Zusammentreffen mit sehr verschiedenen Streitkräften die schwächere Partei sich, ohne zu schlagen, ergeben dürfe, verwarf er mit den trotzigen Worten: »Sie mögen kombattieren oder krepieren«. Das oberste aller Verdienste war bei ihm tapferes Verhalten; nur dadurch erwarb man sich persönliche Rücksicht. Wie Piccolomini die entschiedene Gunst des General hauptsächlich der Tapferkeit verdankte, die er an der Spitze seiner Reiterei in der Schlacht von Lützen bewiesen hatte, so erwarb sich der Kroatengeneral Isolani bei einem Angriff auf die Schweden bei Ansbach, der Graf Dohna bei der Eroberung von Chemnitz seine Freundschaft. Er hielt immer eine Anzahl goldener Ketten in Bereitschaft, um auf der Stelle belohnen zu können; er erhob selbst in den Adelstand; seine Kriegskasse war angewiesen, die Kosten für die Ausfertigung der Diplome zu tragen. In sehr außerordentlichen Fällen ersuchte er auch den Kaiser, einem Befehlshaber seine Zufriedenheit auszudrücken. – Man darf behaupten, daß er dem militärischen Prinzip an und für sich, selbst ohne Rücksicht auf den Zweck des Krieges, im Sinne der anderthalb Jahrhunderte, die dann folgten, Bahn gemacht habe, sowie er ihm durch die Einrichtung der Kontributionen eine regelmäßige Grundlage schaffte. Er war ein geborener Kriegsfürst. Solange als er gesund war, liebte Wallenstein mit den Obersten zu speisen, denn nichts verbinde die Gemüter mehr als ein heiteres Gelag. Aber bei aller guten Kameradschaft hielt er den Anspruch der unbedingten Unterordnung fest. Wenn er im Feldlager einherging, wollte er nicht gegrüßt sein; wenn er sich dann in sein Quartier zurückzog, so hielt er darüber, daß niemand in der Nähe desselben mit Pferden und Hunden erscheinen, mit klirrenden Sporen einherschreiten durfte. Außerhalb des Feldlagers liebte er eine Pracht zu entwickeln, mit der kein Fürst wetteifern konnte. Was hatte er sich in Prag für einen prächtigen Palast erbaut, mit Säulenhallen, geräumigen, hellen, kunstgeschmückten Sälen, dunklen, kühlen Grotten. In seinem Marstall fraßen dreihundert ausgesuchte Pferde aus marmornen Krippen; wenn er ausfuhr, geschah es mit einer langen Reihe zum Teil sechsspänniger Karossen. Vogelhäuser, fast im orientalischen Stil, sorgfältig erhaltene Fischteiche fand man in seinen Gärten. Vom Schlosse in Sagan erzählt man, er habe es zum achten Wunder der Welt machen wollen. Er hat zugegeben, daß man ihn als Triumphator malte, seinen Wagen von vier prächtigen Sonnenrossen gezogen. Er war kein Freund von Zeremonien; wie oft unterbrach er lange, von Äußerungen der Untertänigkeit angeschwellte Anreden deutscher Gesandten; er spottete der tiefen Reverenzen, wie sie damals am römischen Hofe gang und gäbe wurden. Aber er liebte von Anfang an den Pomp einer prächtigen Umgebung. Seine Pagen, die er gern aus den vornehmsten Geschlechtern nahm, erschienen in blauem Samt, mit Rot und Gold auf das prächtigste angetan; ebenso war seine Dienerschaft glänzend ausgestattet; seine Leibwache bestand aus ausgesuchten Leuten von hoher und schöner Gestalt. Er wollte, besonders seit er Herzog von Mecklenburg geworden war, durch die Äußerlichkeit eines fürstlichen Hofhaltes imponieren. Er lebte mäßig, aber seine Tafel sollte auf das trefflichste bedient sein; niemand bezahlte reichlicher. Er hatte sich in Italien die Sitte und Art der gebildeten Welt angeeignet. Unter anderm weiß man, wie sehr er die Damen des Hofes zu Berlin, als er einst daselbst erschien, Im November 1627 nach Beendigung des Feldzuges gegen Dänemark. einzunehmen wußte; von den Anmaßungen, die einige seiner Obersten vor sich hertrugen, war bei ihm nicht die Rede. Aber wehe dem, der ihn in Zorn versetzte. Wie in seiner Jugend, so im Alter war er dann seiner selbst nicht mächtig; er war wie mit Wut erfüllt und schlug um sich; man ließ ihn toben, bis es vorüber war. Er kannte diesen Zustand wohl und suchte die Anlässe, die ihn hervorriefen, zu vermeiden. Er liebte die Aufregung des Gesprächs, in welchem sich leidenschaftliche Aufwallungen eines leichterregten Selbstgefühls Luft machten; die fernsten Aussichten erschienen als gefaßte Entwürfe, die momentanen Ausfälle als wohlbedachte Feindseligkeiten. Von denen, die ihn kannten, wurden sie als das was sie waren, mit dem Worte Boutaden bezeichnet; in die Ferne getragen machten sie vielen Eindruck. Jedermann, der in seine Nähe kam, litt von seiner Launenhaftigkeit, seinem zurückstoßenden Wesen, seinem gewaltsamen, rücksichtslosen Gebahren. Sein Ruf schwankte zwischen zwei Extremen, daß er das wildeste Untier sei, welches Böhmen hervorgebracht habe, oder der größte Kriegskapitän, dessen gleichen die Welt noch nicht gesehen. Sein Antlitz erscheint, wie es die bestbeglaubigten Bilder darstellen, zugleich männlich und klug; man könnte nicht sagen groß und imposant. Er war mager, von blasser ins Gelbe fallender Gesichtsfarbe, von kleinen, hellen, schlauen Augen. Auf seiner hohen Stirn bemerkte man die Signatur der Gedanken, nicht der Sorgen: starke Linien, keine Runzeln. Früh ward er alt; schon in den vierziger Lebensjahren erbleichte sein Haar. Fast immer litt er am Podagra; in den letzten Jahren konnte er nur mit Mühe an seinem spanischen Rohre einherschreiten; bei jedem Schritt sah er um sich. Aber in ihm lebte ein feuriger Impuls zu unaufhörlicher Bewegung, Unternehmung, Erwerbung, durch seinen Gesundheitszustand nicht allein nicht erstickt, sondern eher angereizt, der ehrgeizige Trieb sich nach allen Seiten geltend zu machen, seine Macht und die Bedeutung seines Hauses zu gründen, die alten Feinde zu seinen Füßen zu sehen. Es gab nichts was ihm so sehr im Wege stand, als der geistliche Einfluß und die Prätensionen des hohen Klerus. Wie Wallenstein die Soldaten liebte, so haßte er die verweltlichten Priester. Er hatte nichts dagegen, wenn etwa mit einem Klostergeistlichen, der in der Armee mitzog, nach Kriegsgebrauch verfahren wurde: »denn wäre er in seinem Kloster geblieben, so würde es ihm nicht geschehen sein.« Von Vergabungen zugunsten der Geistlichen wollte er gar nichts hören, denn dadurch entziehe man nur den Soldaten das, was ihnen zukomme. Er scherzte wohl über das Wohlleben der großen Kirchenmänner: wie glücklich seien sie, daß sie die Kabbala gefunden, Fleisch und Geist, die sonst einander bestreiten, zu vereinigen. Höchst verächtlich waren ihm die Beamten, die sich zum Dienst derselben hergaben; Männer wie Slavata und Martiniz erklärte er von allen Kreaturen die es gäbe, zweibeinigen und vierbeinigen, für die bösesten. Jesuiten wollte er in seinem Feldlager nicht dulden; dagegen gestattete er den Protestanten, von denen es voll war, ohne Skrupel freie Religionsübung und die Predigt; man hörte ihn sagen, Gewissensfreiheit sei das Privilegium der Deutschen. Seine Bizarrerien, die vielmehr dazu dienten, bei der Menge Eindruck zu machen, und die astrologischen Berechnungen der Geschicke für sich selbst und seine Freunde hinderten ihn nicht, Umstände und Dinge, wie sie vorlagen, zu erkennen. Das Phantastische war in ihm mit praktischer Geschicklichkeit gepaart. Er war verschwenderisch und unbesonnen, aber doch auch ökonomisch und umsichtig. In seiner Politik verfolgte er hochfliegende egoistische Pläne; aber zugleich hegte er Absichten, die zu einem bestimmten erreichbaren Ziele zusammenwirkten. Welch ein großartiges Unternehmen, den verderblichen Krieg in Deutschland zu beendigen, den Religionsfrieden in voller Wirksamkeit wiederherzustellen, die Integrität des Reiches zu erhalten! Damit war sein Vorhaben, für sich selbst eine Kurwürde , die das Gleichgewicht der Parteien bilden sollte, zu erwerben, ununterscheidbar verbunden. So tief aber griff das alles in die Verhältnisse der deutschen Fürsten und zugleich der europäischen Machte ein, daß man nur mit der größten Vorsicht, Schritt für Schritt, damit vorwärts kommen konnte. Welch ein Vorhaben, die Macht der Kurfürsten mit der kaiserlichen zu vereinigen und doch ihre Unabhängigkeit zu sichern, das Reich von den Schweden zu befreien und sie doch auch nicht vor der Zeit zu offener Feindseligkeit zu reizen, Protestanten und Katholiken zugleich zu befriedigen! Wallenstein konnte keine allgemeine Sympathie für sich aufrufen, denn die Gedanken, die er verfolgte, waren mit nichten populär; sie waren zugleich mit egoistischen Absichten durchdrungen; überdies aber herrschte allenthalben ein Glaubenseifer vor, von dem er absah. Nur in einsamer Erwägung aller Umstände, wie sie im Augenblick lagen, oder vielmehr im zusammenfassenden Gefühl derselben reiften seine Entschlüsse. In der Reihe der großen Generale, die nach Selbständigkeit getrachtet haben, steht Wallenstein in der Mitte zwischen Essex in England und Biron in Frankreich auf der einen, Cromwell auf der andern Seite, auf dessen Spuren sich später der gewaltige Korse bewegte, dessen weit umfassendere Erfolge ihn in den Stand setzten, ein neues Kaisertum zu gründen. Was ist der Unterschied zwischen ihnen, warum gelang es den einen und ist es den andern mißlungen? Essex, welcher der Königin Elisabeth von England eine andere Politik aufzwingen wollte, als welche ihr geheimer Rat und sie selbst beliebten; Biron, der sich in Verabredungen mit den Feinden seines Königs Heinrich IV. von Frankreich; s. Französische Geschichte 2, 63 ff. einließ; Wallenstein, der erst das eine sehr entschieden und mit einer gewissen Berechtigung, darauf das andre wiewohl nur schwach versuchte, hatten mit geborenen Fürsten zu kämpfen, deren Autorität seit Jahrhunderten fest begründet und mit allen andern nationalen Institutionen verbunden war; sie erlagen ihr. Cromwell und Napoleon dagegen fanden die legitime Autorität, als sie es unternahmen sich unabhängig zu machen, bereits gestürzt. Sie hatten mit republikanischen Gewalten zu kämpfen, welche noch keine Wurzeln geschlagen hatten und nur eine bürgerliche Macht besaßen, die dann dem Truppenführer gegenüber, sobald sie sich entzweiten, keinen Widerstand leisten konnte. Weiter fortgehend wird man fragen, warum nun doch das Protektorat mit dem Tode des Protektors verging, aus den Ruinen des gestürzten Kaisertums aber in unsern Tagen ein neues, das als die Fortsetzung des ersten auftritt, sich erheben konnte. Der vornehmste Grund liegt darin, daß Cromwell die sozialen Verhältnisse, wie sie einmal gebildet waren, erhalten vorfand und eher in Schutz nahm als umzustürzen suchte, sodaß sie nach seinem Abgang eine ihnen analoge Regierung notwendig machten; dagegen fand Napoleon eine soziale Revolution in den größten Dimensionen durchgeführt vor; er brauchte sie nur zu konsolidieren und mit seiner militärischen Gemalt zu durchdringen, um ein neues Imperium aufzurichten. Wallenstein vor Stralsund, S. 85-90. Schlacht bei Lützen, S. 184 f. Wallensteins Absetzung, S. 276 ff. Wallensteins Ermordung, S. 302 ff. 25. Der westfälische Friede. Päpste II, Werke Bd. 38 S. 371-377. So große Pläne, wie Gustav Adolf im Höhepunkte seiner Macht sie hegte, konnten nach dem frühen Tode dieses Fürsten freilich nicht ausgeführt werden, schon darum nicht, weil ja auch die Erfolge des Protestantismus sich keineswegs allein von eigner Macht herschrieben. Aber auch der Katholizismus vermochte, selbst als er sich besser zusammennahm, als Bayern sich wieder an den Kaiser schloß und auch Papst Urban VIII. aufs neue Subsidien zahlte, den Protestantismus nicht mehr zu überwältigen. Gar bald gelangte man wenigstens in Deutschland zu dieser Überzeugung; schon der Friede von Prag beruhte darauf. Der Kaiser ließ sein Restitutionsedikt fallen, der Kurfürst von Sachsen und die Staaten, welche ihm beitraten, gaben die Herstellung des Protestantismus in den Erblanden auf. Zwar widersetzte sich Papst Urban allem, was dem Restitutionsedikt zuwider beschlossen werden könnte, und in dem geistlichen Rate des Kaisers hatte er die Jesuiten, besonders den Pater Lamormain, der denn auch oft genug darüber belobt wurde »als ein würdiger Beichtvater, als ein Mann, der keine weltliche Rücksicht nehme«, auf seiner Seite; allein die Mehrheit war gegen ihn, die Kapuziner Quiroga und Valerian, die Kardinale Dittrichstein und Pazmany; sie behaupteten, wenn man die katholische Religion in den Erblanden rein erhalte, so könne man wohl Gewissensfreiheit im Reiche geben. Der Prager Friede ward in Wien von allen Kanzeln verkündigt; die Kapuziner rühmten sich ihres Anteils an diesem »ehrenvollen und heiligen« Werke und stellten besondere Feierlichkeiten dafür an; kaum konnte der Nuntius verhindern, daß man nicht ein Tedeum sang. Indem Urban VIII., obwohl er tatsächlich so viel dazu beigetragen hatte, daß die Pläne des Katholizismus scheiterten, dennoch in der Theorie keinen Anspruch fallen lassen wollte, bewirkte er nur, daß das Papsttum eine Stellung außerhalb der lebendigen und wirksamen Interessen der Welt annahm. Wohl schickte der römische Stuhl auch ferner seine Gesandten zum Friedenskongresse; Chigi war geschickt und beliebt, er richtete doch nichts aus. Unter seinen Augen ward ein Friede geschlossen, wie ihn der römische Stuhl ausdrücklich verdammt hatte. Der Kurfürst von der Pfalz, alle verjagten Fürsten wurden hergestellt. Weit gefehlt, daß man an die Bestimmungen des Restitutionsediktes denken konnte, viele Stifter wurden geradezu säkularisiert und den Protestanten überlassen. Spanien entschloß sich, die Unabhängigkeit jener Rebellen gegen Papst und König, der Holländer, endlich anzuerkennen. Die Schweden behielten einen bedeutenden Teil des Reiches. Selbst den Frieden des Kaisers mit Frankreich konnte die Kurie nicht billigen, weil er Stipulationen über Metz, Toul und Verdun enthielt, durch die sie ihre Rechte gekränkt fand. Das Papsttum fand sich in der traurigen Notwendigkeit zu protestieren; die Grundsätze, die es nicht hatte geltendmachen können, wollte es wenigstens aussprechen. Aber schon hatte man dies vorausgesehen. Die geistlichen Bestimmungen des westfälischen Friedens wurden gleich mit der Erklärung eröffnet, daß man sich dabei an niemandes Widerspruch kehren wolle, er sei wer er wolle, von weltlichem oder geistlichem Stande. Durch den Frieden ward jener große Prozeß zwischen Protestanten und Katholiken, aber nun ganz anders als man in dem Restitutionsedikt versucht hatte, endlich zur Entscheidung gebracht. Der Katholizismus behauptete immer große Erwerbungen, indem das Jahr 1624 als Normaljahr, auf welches die Dinge zurückzuführen seien, angenommen wurde; dagegen bekam der protestantische Teil die ihm so unentbehrliche, so lange vorenthaltene Parität. Nach diesem Prinzip wurden alle Reichsverhältnisse geregelt. Wie durfte man da so gar nicht mehr an Unternehmungen denken, wie sie früher gewagt worden und gelungen waren. Vielmehr wirkten die Resultate der deutschen Kämpfe unmittelbar auf die benachbarten Länder zurück. Obwohl der Kaiser in seinen Erblanden den Katholizismus aufrechtzuerhalten vermocht hatte, mußte er doch in Ungarn den Protestanten Zugeständnisse machen; im Jahre 1645 sah er sich genötigt, ihnen eine nicht geringe Zahl von Kirchen zurückzugeben. Und hätte nun wohl nach jenem Aufschwunge der Schweden zu universaler Bedeutung Polen jemals daran denken können, die alten Ansprüche an dieses Land zu erneuern? Wladislaw IV. ließ sogar von dem Bekehrungseifer seines Vaters ab und war den Dissidenten ein gnädiger König. Selbst in Frankreich begünstigte Richelieu die Hugenotten, nachdem sie ihrer politischen Selbständigkeit beraubt waren. Noch bei weitem mehr aber unterstützte er das protestantische Prinzip dadurch, daß er jener vorwaltenden katholischen Macht, der spanischen Monarchie , einen Krieg auf Leben und Tod zu machen fortfuhr, welcher sie in ihren Grundfesten erschütterte. Diese Entzweiung war die einzige, die der Papst so ganz ohne Skrupel hätte beilegen können. Während aber alle andern wirklich beseitigt wurden, blieb diese unausgetragen und zerrüttete unaufhörlich das Innere der katholischen Welt. An dem Kriege gegen Spanien nahmen bis zum westfälischen Frieden die Holländer den glücklichsten Anteil; es war das goldene Zeitalter ihrer Macht, ihres Reichtums. Indem sie das Übergewicht im Orient erlangten, traten sie zugleich dem Fortgange der katholischen Mission daselbst gewaltig entgegen. Nur in England schien zuweilen der Katholizismus oder wenigstens eine Analogie seiner äußeren Formen Eingang finden zu wollen. Wir finden Abgeordnete des englischen Hofes in Rom, päpstliche Agenten in England; die Königin, der man zu Rom eine Art von amtlicher Anerkennung widmete, übte einen Einfluß auf ihren Gemahl, welcher sich auch auf die Religion erstrecken zu müssen schien; schon näherte man sich in mancherlei Zeremonien katholischen Gebräuchen. Jedoch aus alledem erfolgte auch hier das Gegenteil. Schwerlich ist Karl I. in seinem Herzen jemals von dem protestantischen Dogma abgewichen, aber schon die geringen Annäherungen zu dem katholischen Ritus, die er sich erlaubte, schlugen ihm zum Verderben aus. Es war als ob die heftige Aufregung, welche so langjährige, allgemeine, unablässige Angriffe in der protestantischen Welt überhaupt hervorgebracht, sich in den englischen Puritanern konzentriere. Vergebens suchte sich Irland ihrer Herrschaft zu entziehen und im katholischen Sinne zu organisieren; es wurde um so schwerer unterworfen. In der Aristokratie und den Gemeinen von England bildete sich eine Weltmacht aus, deren Erhebung die Wiederaufnahme des Protestantismus in Europa überhaupt bezeichnet. Hierdurch sind nun dem Katholizismus auf ewig Schranken gesetzt . Er ist in bestimmte Grenzen gewiesen; an eine Welteroberung, wie er sie vorhatte, kann er niemals wieder im Ernste denken. Die geistige Entwicklung selbst hat eine Wendung genommen, die das unmöglich macht; das religiöse Element ist zurückgetreten, die politischen Rücksichten beherrschten die Welt. Fragen wir nach der tieferen Ursache dieser Erscheinung, so würden wir Unrecht haben, sie allein in einer Verfluchung und Verkümmerung der geistlichen Antriebe zu suchen; ich denke, wir werden den Inhalt und die Bedeutung des Ereignisses anders fassen müssen. Einmal hatte der große geistliche Kampf seine Wirkung in den Gemütern vollbracht. In den früheren Zeiten war das Christentum mehr eine Sache der Überlieferung, der naiven Annahme des von Zweifeln unberührten Glaubens gewesen: jetzt war es eine Sache der Überzeugung, der bewußten Hingebung geworden. Von hoher Bedeutung ist es, daß man zwischen den verschiedenen Bekenntnissen zu wählen hatte, daß man verwerfen, abfallen, übertreten konnte. Die Person ward in Anspruch genommen, ihre freie Selbstbestimmung herausgefordert. Hierdurch geschah, daß die christlichen Ideen alles Leben und Denken noch tiefer und vollständiger durchdrangen. Dazu kommt dann ein andres Moment. Wohl ist es wahr, daß das Überhandnehmen der innern Gegensätze die Einheit der Gesamtheit zerstört; aber es ist, wenn wir uns nicht täuschen, ein andres Gesetz des Lebens, daß sich damit doch auch zugleich eine höhere und größere Entwicklung vorbereitet. In dem Gedränge des allgemeinen Kampfes war die Religion nach den verschiedenen Abwandelungen ihrer dogmatischen Ausbildung von den Nationen ergriffen worden. Mit dem Gefühl der Nationalität hatte sich das Dogma verschmolzen, wie ein Besitz der Gemeinsamkeit, des Staates oder des Volkes. Mit den Waffen war es erkämpft, unter tausend Gefahren behauptet; in Fleisch und Blut war es übergegangen. Hierdurch ist es geschehen, daß sich die Staaten auf beiden Seiten zu großen kirchlich-politischen Individualitäten ausgebildet haben, schon auf der katholischen nach dem Maße der Ergebenheit gegen den römischen Stuhl, der Duldung oder Ausschließung der Nichtkatholiken, noch mehr aber bei den Protestanten, wo die Abweichung der symbolischen Bücher, die man beschwört, die Mischung des lutherischen und reformierten Bekenntnisses, die größere oder geringere Annäherung an die bischöfliche Verfassung ebenso viele in die Augen fallende Verschiedenheiten begründen. Es wird die erste Frage bei jedem Lande, welches die herrschende Religion daselbst ist. In mannigfaltigen Gestalten erscheint das Christentum; so groß auch die Gegensätze derselben sind, so kann kein Teil dem andern abstreiten, daß auch er den Grund des Glaubens besitze. Vielmehr sind die verschiedenen Formen durch Verträge und Friedensschlüsse, an denen alle Teil haben, Grundgesetze gleichsam einer allgemeinen Republik, gewährleistet. Es kann nicht mehr daran gedacht werden, das eine oder das andre Bekenntnis zu einer universalen Herrschaft zu erheben. Nur darauf kommt es an, wie jeder Staat, jedes Volk von seiner politisch-religiösen Grundlage aus seine Kräfte zu entwickeln vermögen wird; darauf beruht nunmehr die Zukunft der Welt. 26. Kardinal Richelieu. Französische Geschichte II, Werke Bd. 9 S. 406-410. Richelieu war wie ein zweiter König im Lande. Schon beim Jahre 1629 schildert man ihn, wie die sollizitierende und dienstfertige Menge sein Haus erfüllt, die Türen seiner Gemächer, wie sie ihn, wenn er etwa in seiner Sänfte herausgetragen wird, mit Ehrfurcht begrüßen, der eine niederkniet, der andre eine Bittschrift überreicht, ein dritter sein Kleid zu küssen sucht; jeder preist sich glücklich, der sich eines gnädigen Blickes von ihm rühmen kann. Denn die Summe der Geschäfte lag schon damals in seinen Händen; er bekleidete die höchsten Würden, deren ein Untertan fähig ist; aber noch höher stellte es ihn, daß er damit den Purpur der Kardinäle verband; der vornehmste Prinz von Geblüt, Condé, ließ ihm den Vorrang. Seitdem war er nun noch um vieles mächtiger und vor allem furchtbarer geworden. In tiefer Zurückgezogenheit lebte er in Ruel, in einem vor dem Nordwind einigermaßen geschützten Park, wo man mitten in dem revolutionären Ruin doch einige Spuren kunstfertiger Menschenhände noch bemerkt, einige Reste der Wasserkünste, die aus Italien zuerst hierher verpflanzt worden sein sollen. Wenig zugänglich – die fremden Gesandten mußten etwas Wesentliches vorzutragen haben, wenn sie ihn sprechen wollten, – war er der eigentliche Mittelpunkt der Staatsgeschäfte. Der König kam oft von St. Germain zum Staatsrat herüber. Kam er selber hinüber, so war er von einer Leibwache umgeben, welche auf seinen Namen verpflichtet und von ihm besoldet war, denn auch im Hause des Königs wollte er nichts von seinen Feinden zu fürchten haben. Eine ganze Anzahl junger Edelleute aus den vornehmen Häusern, die sich ihm angeschlossen hatten, versah den persönlichen Dienst bei ihm; er hat eine Schule für sie errichtet. Er hielt einen vollständiger besetzten Marstall, glänzendere Dienerschaft, eine kostbarer besorgte Tafel als der König; er wohnte besser. In Paris besaß er den kleinen Luxemburg und baute sich Palais royal , das damals in großen Schriftzügen die Aufschrift « Palais Cardinal « trug, auch das Hotel Richelieu. Er hatte da jene goldene Kapelle, deren Kirchengerätschaften sämtlich von den kostbarsten Metallen und Edelsteinen zusammengesetzt waren, ferner eine herrliche Sammlung ausgesuchter Kunstwerke, eine Bibliothek und sein eigenes Theater. Eine berühmte italienische Sängerin, Signora Leonora, ließ er nach seinem Landhaus kommen. Für das aufkommende französische Schauspiel hegte er eine Art von Leidenschaft; wer ihm da Vergnügen machte, wie die kleine Jacqueline Pascal, dem stand eine Bitte an ihn frei; seinen Freunden selbst hat es wohl geschienen, als widme er der Durchsicht der Stücke, die er geben ließ, allzuviel anstrengende Aufmerksamkeit. Unentbehrlich war ihm das Gespräch mit geistvollen und angenehmen Freunden; der Umgang mit einem von ihnen ist ihm von den Ärzten förmlich als Heilmittel vorgeschrieben worden. So war ihm auch eine natürliche Vorliebe und Hinneigung zur Literatur eigen. Wir werden noch berühren, welche mächtigen produktiven Geister ihn umgaben; mit der Monarchie selbst entsprangen auch die literarischen Tendenzen, welche sie verherrlichen sollten. Die Absicht Richelieus war zunächst auf Reinigung der Sprache gerichtet. In seinen zur Bekanntmachung bestimmten Aufsätzen zeigt sich noch das Übertriebene der bisherigen Schreibweise; der Stil seiner Briefe dagegen ist rein und richtig, die Worte sind wohlgewählt und treffend, in dem Wurf der Sätze prägt sich der Wechsel seiner Stimmungen aus. Bei der Gründung der französischen Akademie war sein vornehmster Gedanke, die französische Sprache von allen Verunstaltungen, die sie durch willkürlichen und regellosen Gebrauch erlitten habe, zu reinigen, sie aus der Reihe der barbarischen Sprachen für immer zu erheben; sie sollte den Rang einnehmen wie einst die griechische, dann die lateinische; sie sollte in dieser Reihe die dritte sein. Der Begriff des Modern-Klassischen, den er mit Bewußtsein förderte, hat zugleich eine politische Beziehung, sowie die Zeitung , die er zuerst regelmäßig erscheinen ließ, ein monarchisches Institut war. Wie Richelieu die Literatur mit dem momentanen Leben in Verbindung brachte, so schwebte ihm auch die Nachwelt und ihr Urteil unaufhörlich vor Augen. Auf seine Veranlassung hat man mancherlei Zusammenstellungen aus den offiziellen Papieren versucht, von denen die wichtigste, an eine von ihm selbst unternommene Arbeit anschließend, als eine Geschichte der Zeit erscheint; sie enthält, wiewohl noch formlos, doch schon mancherlei Spuren seiner Durchsicht. Da finden sich auch von allen Produktionen, die von ihm herrühren, ohne Zweifel die merkwürdigsten: zahlreiche Gutachten , die er dem König in wichtigen Momenten vorlegte. Näheres darüber s. im 5. Bande der »Französischen Geschichte«, S. 137 ff. namentlich S. 180. Man mag sie an Schärfe den Arbeiten Machiavellis, an Umsicht und ausführlicher Erörterung den motivierten Ratschlägen des spanischen Staatsrats vergleichen; an Kühnheit, Größe der Gesichtspunkte, offener Darlegung des Zweckes und dann auch an welthistorischem Erfolg haben sie ihresgleichen nicht. Sie sind ohne Zweifel einseitig; Richelieu erkennt kein Recht neben dem seinen, er verfolgt die Gegner von Frankreich mit derselben Gehässigkeit wie seine eigenen; von einem freien, auf die obersten Ziele des menschlichen Daseins gerichteten Schwunge der Seele geben sie keinen Beweis, sie sind ganz von dem Horizont des Staates umfangen, aber sie zeugen von einem Scharfblick, der die zu erwartenden Folgen bis in die weiteste Ferne wahrnimmt, der unter dem Möglichen das Ausführbare, unter mancherlei Gutem das Bessere und Beste zu unterscheiden und festzustellen weiß. Der Ehrgeiz Richelieus war, daß der König ihm folge durch eigene Überzeugung, nicht durch Autorität. In ausführlicher Darlegung und strenger Schlußfolge sucht er ihn bei dem Rate zu fixieren, den er ihm erteilt. Alle diese Gutachten sind von einem einzigen Gedanken erfüllt, der sich in immer größerer Ausdehnung des Gesichtskreises und der Zwecke entwickelt: Erhebung der Monarchie über jeden besonderen Willen, Ausbreitung der Autorität von Frankreich über Europa. Niemals hat sich eine Politik durch glänzendere Erfolge bewährt; er war aller Feinde Meister geworden. Noch dachte er jedoch nicht am Ziele zu sein, weder persönlich noch in bezug auf die Angelegenheiten der Welt oder Frankreichs, noch lenkte er das Ruder des Schiffes mit weithinaus spähendem Blicke und gewohnter Sicherheit, als er im Dezember 1642 einem erneuten Anfall seiner Krankheit erlag. Er hat sterbend erklärt, er habe nie einen Feind gehabt, der nicht Feind des Staates gewesen sei. Die Identifizierung seiner persönlichen Interessen mit denen des Staates, die seine Stärke im Leben ausgemacht, begleitete ihn in den Tod. »Da ist,« sagte Ludwig XIII. bei der Nachricht von seinem Tode, »ein großer Politiker gestorben;« persönliches Bedauern hörte man ihn nicht aussprechen. In dem Worte liegt die Erklärung oder Entschuldigung seiner ganzen Haltung im Leben. Was denn nun auch Mitwelt und Nachwelt über Richelieu geurteilt haben, zwischen Bewunderung und Haß, Abscheu und Verehrung geteilt: er war ein Mann, der das Gepräge seines Geistes dem Jahrhundert auf die Stirn drückte. Der bourbonischen Monarchie hatte er ihre Weltstellung gegeben. Die Epoche von Spanien war vorüber, die Epoche von Frankreich war heraufgeführt. 27. Kardinal Mazarin. Französische Geschichte III, Werke Bd. 10 S. 144-150. Noch in seinen letzten Jahren erschien Mazarin als ein stattlicher Mann von braunem, lockigem Haupthaar, breiter und hoher Stirn, sorgfältig in seinem Äußern, von jener Milde des Ausdrucks, die man an gebildeten Italienern bemerkt, gewinnend und durch eigene Ruhe die andern beruhigend. Wenn aber bei irgendeinem, so lernte man sie bei Mazarin als Außenseite kennen. Bei der ersten Begegnung umarmt er die, welche ihm und der Sache des Königs Dienste geleistet haben, und erwirbt ihr volles Zutrauen. Wie bald aber ändert sich diese Meinung; die meisten sahen sich in ihren Erwartungen geradezu getäuscht. Man sagte von Mazarin, der Dankbarkeit, die man ihm schuldig sei, werde man durch die Art und Weise entledigt, in der er die Erfüllung seiner Zusagen lange verzögere und endlich nicht ohne Unannehmlichkeiten gewähre. Nur diejenigen schien er zu schätzen, die er noch nicht ganz gewonnen hatte; man mußte selbständig sein, gefährlich werden können, um etwas bei ihm zu erreichen. Die, welche weniger von ihm abhingen, hatten sich größerer Berücksichtigung zu erfreuen als die, welche er ganz in seinen Händen hatte; wie unter anderm die Bischöfe einen Vorzug, den er den Marschällen und Herzogen vor ihnen zugestand, sich nur daher erklären konnten, daß er von dem Klerus weniger Widerspruch fürchtete. Richelieu war ein Dogmatiker der Gewalt, die er gründete. Er hatte den Geist inquisitorischer Verfolgung und trieb diese bis zum äußersten. Mazarin suchte zu behaupten, was er fand, oder es wiederherzustellen, wenn es erschüttert war, aber unter ihm hat niemand auf dem Schafott geblutet, bei ihm war alles Transaktion. Denn nicht von innerer Parteiung war er ausgegangen wie sein Vorgänger, sondern von auswärtigen Geschäften, in denen Feindschaft und Freundschaft wechseln, der Krieg durch Unterhandlungen beendigt wird. Durch ausgleichende Unterhandlung suchte er nun auch den großen Kampf der ministeriellen Autorität mit der Widersetzlichkeit und Auflehnung der untergeordneten Machthaber zum Ziele zu führen. Unter dem mannigfaltigsten Wechsel von Zuständen hatte er wirklich die alte Grundlage wiedergewonnen, wiewohl sie noch nicht vollständig befestigt war. Seine ganze Natur, seine diplomatische Gewandtheit, der Einfluß, der seiner Persönlichkeit wie von selbst zufiel, die Oberflächlichkeit selbst, mit welcher er haßte und liebte, machte ihn dazu fähig. Doch sind ihm seine Erfolge nicht ohne Mühe zuteil geworden. So wenig als denen, die Stellen und Gnaden bei ihm suchten, erschien Mazarin den fremden Gesandten auch der befreundeten Mächte zuverlässig. Eines Tages hören sie ihn alle Möglichkeiten, welche die eingeschlagene Richtung darbietet, mit Feuer und Beredsamkeit entwickeln; wenn sie ihn wieder besuchen und etwa ein günstiger Augenblick vorübergegangen ist, zieht er aus seinen Vordersätzen vollkommen andere Folgerungen. In den Unterhandlungen, die er persönlich führt, zeigt er beinahe eine kaufmännische Ader. Die Ware, die er los sein will, schlägt er hoch an, obwohl er sie von Herzen gering schätzt; den Wert dessen was man ihm anbietet, obwohl er ihn vollkommen erkennt, sucht er herabzusetzen. Gegen das was der andere wünscht stellt er sich gleichgültig an, obgleich er es nicht minder begehrt und begehren muß. Unendlich glücklich fühlt er sich, wenn er am Ende noch größere Vorteile davonträgt als er ursprünglich erhalten zu können meinte. Der Königin und dem König schildert er sein Verfahren bis ins Kleinste, nicht gerade mit Selbstgefälligkeit, aber mit einem gewissen Behagen und mit sichtbarer Freude, wenn ihm sein Vorhaben gelingt. Unleugbar ist sein Eigennutz. Bei Besetzung der Stellen nimmt er sich nicht übel, auf eine oder die andre Weise einem Vorteil von ein paar tausend Scudi nachzugehen; er läßt bemerken indem er ein Patent selbst überliefert, daß er dem Ernannten dadurch die Geschenke erspart, die sonst dem Überbringer hätten gezahlt werden müssen; er macht Halbpart mit den Kapern, die er autorisiert. Aber ebenso unleugbar ist, daß sein ganzes Sinnen dahin ging, die französische Monarchie groß und stark zu machen, in Ludwig XIV. einen König, wie er sein sollte, auszubilden und zurückzulassen. In einem seiner Briefe bald im Anfange seiner Verwaltung findet sich sogar der höchst auffallende Gedanke, daß ein Mann, der die französische Monarchie leite, den Anhauch göttlicher Inspiration erwarten dürfe. Nie ist das Große und Echte mit dem Kleinlichen, ja selbst Gemeinen enger verbunden gewesen als in Mazarin. Er ward nun als der Atlas und das Orakel der Monarchie betrachtet, als der Mann, auf dessen Schultern sie ruhe, der sie mit seinem Wort leite. Die ministerielle Gewalt war unter ihm durch die persönliche Gunst des Fürsten mit der königlichen aufs engste vereinigt. Die Königin-Mutter blieb ihm, solange sie Macht und Ansehen besaß, durch Grundsatz und Gewohnheit ergeben. Es scheint wohl, als ob sie später, nachdem alle Zwecke, die sie gehabt hatte, erreicht waren, eine gewisse Verstimmung über die Fortdauer der Autorität des Kardinals empfunden habe; Ludwig XIV. gab einer solchen jedoch nicht Raum, er trug Bedenken dem Mentor, dem er sein Glück zuschrieb, selbst durch kleine Anforderungen unangenehm zu werden. Das sonderbarste Verhältnis bildete sich. Der König von Frankreich erschien fast als der Hofmann des Ministers; der König besuchte den Minister, der Minister nie den König; er begleitete ihn selbst nicht die Treppe hinab. In diesem hohen Ansehen und einer ununterbrochenen Anerkennung desselben lag für Mazarin das vornehmste Moment seiner Zufriedenheit. Als er einst nach der Vermählung Ludwigs XIV. ein paar Tage mißvergnügt erschien, und man der Ursache nachforschte, so fand sich, daß er auch von der jungen Königin besucht zu werden erwartet hatte; als dies geschehen war, kehrte seine heitere Miene zurück. Den Vortritt der Prinzen von Geblüt hätte er sich damals nicht mehr gefallen lassen, wie im Anfang; er hielt zuletzt über dem Vorrang der Kardinäle nicht minder streng als einst Richelieu. Wie sehr ihnen beiden in diesen Zeiten des Zeremoniels der Besitz ihrer hohen geistlichen Würde zustatten kam, wäre nicht auszusprechen. Und hing nicht damit auch ihr Trachten nach Reichtümern zusammen? Es erschien fast wie ein Herkommen bei den Kirchenfürsten. »Das war ein großer Papst«, hörte man Mazarin einst bei dem Denkmal Johanns XXII. in Avignon ausrufen, »er hinterließ acht Millionen.« Weder der Besitz der Macht allein noch des Geldes allein könnte ihnen genügen; sie streben alles zu vereinigen, Macht und Vorrang und Überfluß. Auch der Glanz der Kultur gehört zu der Form des Lebens, in der sie sich gefallen. Mazarin konnte als ein Fremder Giulio Mazarini, aus einer sizilischen Familie stammend, geboren 1602, in Rom gebildet, war 1634 als päpstlicher Nuntius nach Paris gekommen; Richelieu zog ihn 1639 in seinen Dienst und empfahl ihn zu seinem Nachfolger. dem Aufschwung der französischen Literatur und Sprache nicht den lebendigen Anteil seines Vorgängers widmen. Nur etwa die französische Komödie gewann ihm Teilnahme ab; er liebte es, auch in dem ernstesten Geschäft ein witziges Wort daraus, eine entsprechende Situation in Erinnerung zu bringen. Übrigens aber scheint er die Literatur, um die er sich zu kümmern habe, mehr in der italienischen oder lateinischen gesehen zu haben, wie die Verbindungen schließen lassen, in denen er mit Vittorio Siri, mit Capriata stand; von Strada Gelehrter Jesuit in Rom, Verfasser des Geschichtswerkes »De bello Belgico« (Krieg Spaniens gegen die Niederlande bis 1590), gestorben 1649. ließ er sich wohl eine lateinische Inschrift angeben. Ohne selbst gelehrt zu sein, hatte er doch für die allgemeine Gelehrsamkeit einen lebendig angeregten Sinn. Er sparte weder Geld noch Mühe, um die Bibliothek, die ihm während der Unruhen zerstört worden war, wieder herzustellen; sein Bibliothekar pflegte ihm die Erwerbungen, die er machte, auf einer Tafel aufzulegen, bei der er zu seinen Audienzen gehend oder von denselben kommend vorüberging, wo er einen Augenblick gewann um sie in Augenschein zu nehmen. Es freute ihn, wie einst Papst Leo in einem ähnlichen Fall, wenn ihm ein oder das andre damals verkaufte besonders wertvolle Werk als wiedererworben zu Gesichte kam. Überdies besaß er einige der schönsten Kunstwerke aller Zeiten, das Sposalizio der heiligen Katharina von Corregio, die Venus del Pardo von Tizian; das erste hatte ihm sein Gönner, dem er wieder die größten Dienste leistete, Antonio Barderini, abgetreten; manches andere stammte aus der Galerie Karls I. Bei ihm fand man die schönsten Tapisserien aus Brügge, unvergleichliche Silberarbeiten, orientalische Teppiche, oder worin sonst der Geist der Kunst sich mit dem Luxus vereinigt und ihn geadelt hat. Er selbst verstand sich am meisten auf Edelsteine und ihren Wert. Mazarin liebte von Jugend auf das Spiel; er wußte wieviel er bei allem Verdienst dem Glück verdanke; noch schien er nicht an seinem höchsten Ziele angekommen zu sein. Man hat versichert, er habe daran gedacht, bei der nächsten Vakanz den päpstlichen Stuhl zu besteigen, und allerdings wäre dies das wahre Mittel gewesen, mit höchster Ehre dem Könige die Verwaltung seines Reiches zurückzugeben und so von Frankreich zu scheiden. Eine recht authentische Spur dieses Planes findet sich nicht; was man von einer darauf zielender Abkunft zwischen Don Luis de Haro Spanischer Minister, mit welchem Mazarin 1659 den pyrenäischen Frieden schloß. und dem Kardinal erzählt, muß ohne Zweifel verworfen werden. Und wenigstens fürs erste meinte jedermann, daß Frankreich zur vollkommenen Befestigung der Ruhe seiner Anwesenheit noch nicht entbehren könne. Welch eine Aussicht aber, mag er sie nun selbst oder mögen sie andere gefaßt haben, daß er zuerst die begonnene Einrichtung von Frankreich vollenden und alsdann die päpstliche Autorität, mit deren Inhabern er so oft gekämpft hatte, selber erwerben und in Einklang mit dem von ihm erzogenen König verwalten sollte. Das war ihm jedoch nicht beschieden. Schon auf der Rückreise von der Insel der Konferenz Beim Pyrenäenfrieden 1659, in dem Grenzflusse Bidassoa. erfuhr er überaus schmerzhafte Gichtanfälle, und darauf schwanden seine Kräfte sichtlich. Am 9. März 1661 starb Mazarin; bei Hofe ward, was außer aller Gewohnheit ist, Trauer für ihn angelegt. Darin, daß er in vollem Genuß von Würde, Macht, Reichtum und Ansehen hinging, sahen die Menschen eine Fortsetzung desselben Glückes, das sein Tun und Lassen von Anfang an begleitet hatte. 28. Ludwig XIV., König von Frankreich. Französische Geschichte III u. IV, Werke Bd. 10 S. 196 ff. u. Bd. 11 S. 6-8. Welche Gefühle konnte ein Fürst in sich tragen, dessen Jugend von Stürmen, wie er sie erfahren hatte, erfüllt gewesen war! Soweit sein Gedächtnis in seine früheste Kindheit zurückreichte, hatte er sich selbst als den von Gott bestimmten Vertreter aller weltlichen Autorität im Reiche betrachtet, von allem Widerstreben sich persönlich beleidigt gefühlt. Waren es nicht eben die in Person von ihm in feierlichen Sitzungen ausgesprochenen Unordnungen, gegen welche sich die Fronde erhob? Er hatte einst, um Ärgerem zuvorzukommen, seine Hauptstadt bei Nachtzeit verlassen müssen; ein andermal hatte man die Gardinen seines Bettes weggezogen, um die in das Palais Gekommenen, die ihn nicht noch einmal fliehen lassen wollten, von seiner Anwesenheit zu überzeugen. Seine Mutter hatte ihn unter Gebet für seine legitime Autorität in den Kampf mit den Prinzen geführt, er hatte der Schlacht zugesehen, welche für dieselbe vor den Toren von Paris geschlagen wurde; dann hatte er in dem spanischen Kriege, der zugleich zur Wiederherstellung der Macht im Innern geführt wurde, selber die Waffen getragen, Stenay dem Prinzen von Condé abgewonnen. Wie sollte ihm irgend etwas mehr am Herzen liegen, als diesen so persönlichen Kampf nun vollends durchzuführen, als die zu unterwerfen, welche sich seinem Gebot zu entziehen getrachtet hatten? Sein fürstliches Selbstgefühl dürstete nach dieser Genugtuung. Er war in der glücklichen Lage, sich dabei nicht als ein Zwingherr vorkommen zu müssen, denn nach soviel widerwärtigen Unruhen sahen die Franzosen jetzt in der Herstellung einer gesetzlichen Herrschaft selbst ihr Heil. Gleichwie später am Ende der Revolutionszeit. Im Gegensatz mit den Verkündigungen der Fronde kam nunmehr bei ihnen die Doktrin vom leidenden Gehorsam auf, nach welcher es dem Volke, auch wenn es von seinem Fürsten Unrecht leidet, darum doch nicht freisteht, die Waffen gegen ihn zu ergreifen, weil dies noch viel größere Übelstände hervorbringen würde; einen Fürsten dürfe man nicht nach den Regeln des Privatlebens richten; man werde einen Strom nicht trocken legen wollen, weil er sich zuweilen über seine Ufer ergieße. Und auch dahin ging die öffentliche Meinung, daß der König ohne Günstling noch allwaltenden ersten Minister regieren müsse. In ausführlichen Anmahnungen ward Ludwig gewarnt, es nicht dahin kommen, keinen Sejanus, keinen Alvarez de Luna über seine Beschlüsse Herr werden zu lassen; Sejanus, Günstling des Kaisers Tiberius; Alvaro de Luna, Minister König Johanns II. von Kastilien, des Vaters der bekannten Königin Isabella; er wurde 1453 gestürzt und in Valladolid hingerichtet. es wäre besser, er würde ein Tyrann über sein Volk als ein Sklave andrer. Den jungen Fürsten beseelte ohnehin ein tiefer Widerwille gegen ein solches Verhältnis. Sein Herz schlug ihm, wenn er beim Studium der französischen Geschichte auf die Hausmeier unter der ersten, oder die von ihrer Untätigkeit hergenommenen Beinamen einiger Könige der zweiten Dynastie kam. Welchen Sinn hatte es auch, die Monarchie herstellen zu wollen ohne den Monarchen? Denn hier vor allem ist zur Ausbildung der Gewalt auch ihr Träger erforderlich. Ein selbstherrschender König war notwendig; durch den Sieg war es Ludwig XIV. geworden; er nahm sich vor, ein König zu sein, wie er sein müsse. Er besaß von Natur die zum Geschäft der Regierung erwünschtesten Eigenschaften, richtigen Verstand, gutes Gedächtnis, festen Willen. Er wollte nicht allein ein weiser oder ein gerechter oder ein tapferer Fürst sein, nicht allein vollkommen frei von fremdem Einfluß, unabhängig im Innern, gefürchtet von seinen Nachbarn, sondern alle diese Vorzüge wollte er zugleich besitzen. Er wollte nicht allein sein, noch viel weniger bloß scheinen, er wollte beides: sein und dafür gelten, was er war. Aus einigen handschriftlichen Aufzeichnungen, die von ihm übrig sind, erkennt man, wie sehr ihm dies am Herzen lag. Eine der Regeln, die er sich vorschreibt, ist: nie einen Beschluß in der Eile zu fassen, denn ein solcher würde der Reife entbehren; eine andre: niemals schmeichlerischen Hoffnungen zu vertrauen, denn unter dem Einfluß derselben handle man schlecht und rede nicht besser; eine dritte: alles, was er zu sagen habe, vorher zu erwägen, um Reputation zu gewinnen und zu behaupten. Wenn man ihn im Felde, hauptsächlich bei den Belagerungen, mitten unter mörderischem Kugelregen die vollste Ruhe behaupten sah, so zweifelte man wohl, ob das natürliche Furchtlosigkeit oder vielleicht der Erwägung zuzuschreiben sei, daß nur eine solche Haltung ihm bei dem tapfern Adel und in der kriegsliebenden Nation Ansehen verschaffen werde. Seine natürliche Gelassenheit ward durch das Gefühl des für ihn an seiner Stelle Geziemenden gestärkt. Die Damen des Hofes beklagten, daß er den erhabenen Gaben seines Geistes nicht den freiesten Lauf lasse, sie würden dann noch glänzender erscheinen; daß er sein Selbst allzusehr in die Schranken der Majestät einschließe. Aber er wollte nicht glänzen für den Augenblick, sondern Eindruck machen auf immer. Seine Worte sollten nur gereifte Überzeugungen würdig aussprechen. Im Gespräch mit ihm sollte man erkennen, daß er die Sachen, um die es sich handelte, vollkommen verstehe, die Menschen, die dabei gebraucht wurden, kenne, durchschaue; er sagte eben, was er sagen mußte, nicht mehr, nicht weniger. Was er sich anfangs als Gesetz aufgelegt haben mochte, ward ihm durch Gewöhnung gleichsam Natur. So hatte er seinen an sich kräftigen Körper durch Mäßigkeit und unablässige strenge Leibesübung, die bisher sein einziges Vergnügen gewesen war, noch kräftiger gemacht; er brachte den ganzen Tag zu Pferde zu, ohne Hitze oder Kälte zu scheuen, ohne Ermüdung an sich spüren zu lassen; zu jeder Stunde konnte er schlafen oder speisen; Anstrengung und Genuß schienen ihm ein Spiel zu sein. Nie hätte er einer Gemütsbewegung über sich Raum gegeben, nicht einmal der Freude, geschweige denn der Traurigkeit oder dem Schrecken; Launen ließ er sich nicht anwandeln. Er war voll Rücksicht im Umgang, namentlich gegen die Damen, auch gegen Frauen geringster Herkunft; verbindlich selbst gegen die, denen er etwas abschlug, erfinderisch, um eine Gnade, die er erwies, durch kleine Aufmerksamkeiten noch angenehmer zu machen. Niemals erlaubte er sich einen anzüglichen Scherz, viel weniger hätte er einem andern einen solchen gestattet. Bemerkte er etwas Ungeziemendes, so liebte er nicht darauf zu achten, ließ aber nach der Hand eine Warnung ergehen. Er war verführerisch, hinreißend, wenn er es sein wollte, in demselben Grade aber schrecklich, wenn er zürnte. Denn auch zu zürnen hielt er für königlich. Seine Stirn war, wie man sich ausdrückte, mit dem Blitz bewaffnet. Man staunt ihn an, wie Bossuet sagt, und man fühlt sich von ihm angezogen, man liebt ihn und fürchtet ihn. Eine hohe Gestalt, von jener Schönheit, die in dem Ebenmaß aller Glieder besteht und jedermann in die Augen fällt. Die braune, beinahe bronzene Farbe seines Gesichts, das durch die Kinderblattern, deren Spuren es trug, doch nicht verunstaltet war, stimmt zu dem Ausdruck der Energie, die sein ganzes Wesen atmete. In den mancherlei Bildern, die von ihm übrig sind, erscheint das Gefühl der Macht, mit nichten eigentlich selbstherrisch, was ihr nicht entspräche, sondern wo ihr gehuldigt wird, teilnehmend, wo sie über besiegte Feinde triumphiert, beinahe bedauernd, aber immer unverkennbares Selbstgefühl; die Mühe des Befehlens nimmt man nicht mehr wahr, alles gehorcht und beugt sich von selbst. * Wollte man unter absoluter Monarchie eine Staatsgewalt verstehen, wo jede Existenz von dem Dafürhalten des Fürsten abhängt, alle Kräfte von seinem unmittelbaren Gebot beherrscht werden, wo dem höchsten Willen nur die gleiche und unbedingte Unterwürfigkeit aller gegenübersteht, eine solche war die Monarchie Ludwigs XIV. nicht . Es ist auffallend, daß auch dieser König, wenngleich in viel minderem Umfang als Karl VII., Heinrich IV., doch nicht ohne Analogie mit ihrem Beispiel für ratsam hielt, einige der vornehmsten Großen der Reiches durch ansehnliche Geldzahlungen sich zu verpflichten. Seinem Bruder Philipp, dem Stammvater des Hauses Orleans, gewährte er mit nichten eine durch Gouvernements und fürstliche Rechte ausgezeichnete Stellung, wie sie früher den Brüdern des Königs zuteil geworden war, aber er gab ihm außer einer guten Apanage auch noch eine Pension von einer halben Million, die seinen Gehorsam fesselte. Wie oft hatten Prinzen in dieser Stellung, in den alten wie in den neuesten Zeiten, die Ruhe des Reiches gestört: Philipp von Orleans war vollkommen unterwürfig. So erhielt auch der Prinz von Conti eine Pension und dessen Gemahlin eine noch reichlichere. Auf einer zufällig erhaltenen Liste finden sich die Namen des Herzogs und der Herzogin von Bourbon, der Prinzen de la Roche sur Yon, der Grafen von La Marche. Reiche Geschenke wurden Jahr für Jahr ausgeteilt; an der Tagesordnung sind Geldanweisungen, deren Bestimmung dem Schatzmeister verborgen blieb. Die ursprüngliche Absicht und das ergriffene Prinzip mußten dahin führen, die Erblichkeit und Käuflichkeit der Ämter völlig abzuschaffen; wie gewaltsam aber auch vorgeschritten ward, unendlich weit blieb man von dem vorgesteckten Ziele entfernt. Trotz aller Reduktionen blieben noch mehr als 45000 Ämter, welche einen Kaufpreis von mehr als 400 Millionen darstellten. Die Besoldungen, welche der Staat dafür zahlte, waren unbedeutend, das Einkommen aber, das durch die Gefälle entstand, überaus ansehnlich, und nur einen geringen Teil davon empfing der Staat durch das Droit annuel zurück. Nicht allein aber die Ämter der Justiz und Finanz, auch die Beamtungen im königlichen Hause, die Offizierstellen in der Armee wurden gekauft. Man hat berechnet, daß diese mit jenen zusammen gegen 800 Millionen Kaufpreis tragen konnten; alles Gelder, die im allgemeinen Handelsverkehr besser hätten verwendet werden können, und durch deren Annahme die regelmäßige Staatsgewalt sich gleichsam Schranken zog. Sie hielt für nötig, ihre Diener durch den Vorteil ihrer Familien an sich zu fesseln. Von allgemeinen Ständen war nicht die Rede, aber nicht ohne eigentümliches Leben waren die Provinzialstände , welche immer die Aufmerksamkeit der Regierung forderten. Ein Beispiel ist Languedoc, wo die Verordnung Richelieus, welche die Stände zwar bestehen ließ, aber ihnen das Steuerbewilligungsrecht entzog, in den Unruhen der Fronde widerrufen worden war. Die Regierung machte einen Versuch, sie zu erneuern, stand aber aus mancherlei Gründen davon ab. Die Stände von Languedoc traten in die Gerechtsame zurück, welche sie vor Richelieu ausgeübt hatten, und immer knüpften sich lebhafte provinziale Bewegungen an ihre Zusammenkünfte. Die Kapituls von Toulose stellten die populäre Partei dar; die hohe Geistlichkeit und der Adel hielten sich meistens an die Krone, doch bedurfte es in der Regel noch der Einwirkung der Regierung auf die einzelnen Mitglieder, wenn sie mit ihren Anträgen durchdringen wollte. Durch Geldgeschenke und persönliche Begünstigungen erlangte sie dann in der Regel reichlichere Beisteuern, als ihr nach den Festsetzungen Richelieus bestimmt waren. Die ministerielle Korrespondenz über die Verhältnisse der Provinzialstände bietet übrigens nicht viel Erfreuliches. Man nimmt da nur immer ein Widerstreben lokaler und persönlicher Interessen und beschränkter Auffassung gegen überlegene Einsicht und umfassende Gesichtspunkte wahr. Um ihre ganze Wirksamkeit zu übersehen, müßte man freilich noch die Akten der Versammlungen vor sich haben. Die Tatsache ist, daß provinzialständische Verfassungen in einem Teile des Reiches in voller Wirksamkeit bestanden; in den neu eroberten Provinzen, wie unter andern in Artois, wurden sie aufrecht erhalten und anerkannt. Indem alles dem Monarchen und seinen Bestrebungen huldigte, waren doch die antimonarchischen Meinungen nicht erstickt. Es zeigen sich vereinzelte Kundgebungen, die aber das Dasein eines unbezwungenen, unversöhnten Elementes in der Tiefe der Nation beweisen. Die Religion des Königtums herrschte, aber sie fand noch Widerstrebende. Zur völligen Durchführung der monarchischen Idee gehörte die allenthalben sichtbare, alles umfassende, in alles eingreifende Tätigkeit des Königs und der Glanz seiner Erscheinung. Unter den Momenten, welche ihren Sieg beförderten, ist keiner von größerem Einfluß als die übereinstimmende Tendenz der Geistlichkeit . Daß der König ihre Prärogative schützte und mehrte, brachte eine allgemeine Befriedigung hervor und befestigte ihre Ergebenheit, welche in Zeiten wie diese, wo die Geistlichen sich der Religion mit Eifer annahmen, unfehlbar eine große Wirksamkeit auf die Menschen ausüben mußte. Ein andres Moment bot der Hof dar, an welchen alles sich anschloß, was durch Geburt oder Rang ein höheres Ansehen im Reiche besaß. Unter Mazarin, der mancherlei Freunde bedurfte, hatte man, offene Schmeichelei mit versteckter Drohung verbindend, Gnaden gefordert; wie ganz anders unter dem König! Ohne dazu aufgefordert zu sein, nach seinem Ermessen, seiner Wahl, wollte er seine Gnadenbeweise erteilen; er war nicht sparsam damit, aber von ihm allein hing alles ab. So stark nun im Innern die Hand empfunden wurde, welche die Zügel ergriffen hatte, so darf man doch den allgemeinen Gehorsam, den sie fand, nicht lediglich von dieser Gewalt herleiten. Die Hingebung der Großen wie des Adels, die fast ununterbrochene Ruhe der Provinzen, die Anhänglichkeit des Bürgerstandes beruhte noch auf einem andern tieferen Grunde. Es waren die großen Ideen der Einheit der Nation, einer durchgreifenden gesetzlichen Ordnung und einer ruhmvollen Stellung in der Welt, die dem Königtum, welches sie repräsentierte, Dienstwilligkeit und selbst freudiges Anschließen verschafften. An Generalstände dachte man in Frankreich auch deshalb wenig, weil sich an ihren Namen eine Erinnerung an die alten Entzweiungen knüpfte. Damals schienen sie unnütz, da das siegreiche Königtum Mittel gefunden hatte, Frankreich groß und blühend zu machen; niemand verlangte nach ihnen. In ihren bestimmten Wirkungskreisen bewegten sich Provinzialstände und Parlamente; der Rat des Königs stellte die allgemeinen Interessen dar. Der König meinte fast, durch besondere göttliche Veranstaltung in der Verwaltung derselben nicht irren zu können. 29. Frankreichs Handel und Kolonialwesen unter Colbert. Französische Geschichte III, Werke Bd. 10, S. 179 ff. 402 ff. Colbert, der aus einer kaufmännischen Familie herstammte, Jean Baptiste Colbert, geboren 1619 in Reims, 1648 in der französischen Verwaltung angestellt, von Mazarin, der seine Tüchtigkeit erkannte, befördert, trat 1661 nach dem Sturze des Oberintendanten Fouquet an die Spitze der Finanzverwaltung. mag den Wert des Geldes und dessen effektiven Besitz zu hoch angeschlagen haben, aber er brachte sein merkantiles Bestreben mit dem Zwecke des Staates und dessen großen Interessen, dem Emporkommen des dritten Standes, der Einheit der Nation, ihrer Stellung in der Welt überhaupt in Verbindung. Mazarin und Fouquet hatten, wie bereits Richelieu, daran gedacht, den französischen Handel mit den entfernten Weltregionen durch große Kompagnien, an denen sie selbst mit ihrem Vermögen teilnehmen wollten, emporzubringen. Darauf kam nun, durch das Beispiel von England und Holland angetrieben, Colbert zurück; Ludwig XIV. war ganz dafür gewonnen. Wie die Edikte sagen, zur Größe der Nation und zum Ruhme des Königs schien es ihnen notwendig. Hätte es von dem französischen Handelsstand allein abgehangen, so würde die Sache nicht zustande gekommen sein. Die Intendanten der Schiffahrt können nicht genug klagen, wie wenig z. B. die Kaufleute in Marseille das allgemeine Wohl auch nur ihrer Stadt, geschweige des Reiches kümmere, wie sie durch Privatinteressen und gegenseitige Eifersucht einander und allem Guten im Wege stehen. Die Kompagnien sind nicht ein Werk des Handelsstandes, sondern des Staates; an ihren Aktien beteiligte sich die Regierung meistens zu einem Drittel oder bis zur Hälfte. Die übrigen wurden zum größeren Teile den geldbesitzenden Beamten gleichsam aufgenötigt. In den großen Kollegien sind die Subskriptionslisten mit dem Bemerken, daß der König die Beteiligung sämtlicher Mitglieder wünsche, vorgelegt, diese Verschreibungen sind dann in Gegenwart des Königs selbst eingereicht worden, der davon persönlich Kenntnis nahm. König Ludwig XIV. meinte damit eine große Pflicht zu erfüllen, denn die kommerzielle Tätigkeit sei dem Geiste der Nation angemessen und werde ihre Wohlfahrt befördern; er machte sogar die moralische Reflexion, daß dadurch der Untätigkeit, welche nur zum Laster führe, bei einer großen Anzahl ein Ende gemacht werde. Es gehörte ganz zu dem System Colberts, wenn er die westindischen Kolonien, von denen die meisten zur Zeit der Fronde in Privathände übergegangen waren, aus denselben zurücknahm und einer neuen Kompagnie übergab, welche sie fortan besitzen und anbauen und in Handelsverbindung mit Frankreich bringen sollte. Richelieu hatte einst eine Kompagnie zum Handel mit dem nördlichen Amerika gestiftet, die doch nicht zu rechter Blüte gekommen war; auch deren Rechte wurden an die neue Kompagnie übertragen; sie sollte den ganzen amerikanischen Handel mit dem afrikanischen bis an das Kap vereinigen. Besonderen Gewinn haben ihre Handelsunternehmungen niemals abgeworfen; das Monopol, das sie einführte, störte vielmehr allenthalben den bereits in Gang gesetzten Verkehr. Vorteil für den Staat aber hat die Kompagnie ohne Zweifel gehabt; zur Behauptung der Kolonien ist sie sehr förderlich gewesen. Kanada erhob sich aus dem Zustand dem Schwäche und Gefährdung, in der es sich befand, durch die Unterstützung, die es nunmehr erhielt; die Antillen wurden wieder eng mit dem Mutterlands verbunden; Cayenne wurde aufs neue besetzt. Man dachte dem im Norden von Amerika entstehenden Neufrankreich ein andres in den Äquinoktialgegenden an die Seite zu setzen. Die zweite große Kompagnie, die für den ostafrikanischen und hauptsächlich den ostindischen Handel gegründet wurde, machte ebensowenig vorteilhafte Geschäfte. Bei der Rückkehr der ersten Schiffe geriet ihre Existenz in Frage; aber Colbert war auf diese Verluste gefaßt, die so lange anhalten würden, bis der Handel in aller Form eingerichtet sei. Unter Führung zweier höchst befähigter, aber in stetem Streit miteinander begriffener Männer, Caron und Marcara, gelang das wirklich nach und nach. In Surate gewährte ein Ferman des Großmoguls den Franzosen ausnehmende Begünstigungen; in Mansulipatam erlangten sie größere Vorteile, als den Holländern bewilligt worden waren; sie dachten ihren Handel im Bunde mit den Portugiesen, die sich ihnen anschließen würden, bis nach China und Japan auszudehnen. Eine nordische Kompagnie ward errichtet, hauptsächlich um an dem Handel der Ostsee direkten Anteil zu nehmen. In den Pächtern der Güter der Königin Christine, zu denen Gotland gehörte, einem Stockholmer Handelshause, regte sich die Idee, diese Insel wieder zum Mittelpunkt des baltischen Handels zu machen. Den Franzosen sollte erspart bleiben, nach Danzig, Riga, Narwa zu fahren; alle Waren des Nordostens sollten sich in Gotland sammeln und hier die französischen oder die englischen Handelsleute erwarten. Denn der Vermittlung der Holländer wollte man sich von allen Seiten entledigen. Aus diesem Projekt ist nichts rechtes geworden; Gotland kam nicht wieder empor. Der Ostseehandel blieb auch im 17. Jahrhundert in den Händen der deutschen Städte Lübeck, Stettin, Danzig, Königsberg und der Holländer, die schon im 15. Jahrhundert als Konkurrenten der deutschen Hanse in Dänemark und Livland Eingang gefunden hatten. Wie in Amerika, Ostindien, dem Norden, so stießen die Franzosen auch auf dem Mittelmeer mit den Holländern zusammen, welche mit den Küsten des osmanischen Reiches einen sehr vorteilhaften Verkehr trieben, den vorteilhaftesten nach Smyrna, und eben in Livorno oder Portolongone eine kommerzielle Ansiedlung zu gründen vorhatten. Colbert setzte sich ihnen mit einer levantinischen Kompagnie entgegen, die von allen seinen Handelsgesellschaften den besten Fortgang gewann. Die früheren Handelsmächte waren dadurch emporgekommen, daß sie den allgemeinen Verkehr von einem Hafen, einer Küste, einem Lande zu den andern vermittelten; wie die italienischen Republiken, so die deutsche Hanse. Holland übertraf, absorbierte sie alle, indem es die Vermittlung zwischen den verschiedenen Weltteilen übernahm. Der Sinn der Franzosen war es nicht und konnte es nicht sein, hierin mit ihnen zu wetteifern, die Waren einer Zone nach der andern zu tragen. Sie wollten vor allem sich selbst von dem Zwischenhandel ihrer Nachbarn befreien, den Gewinn, der diesen aus dem Verkehr mit französischen Produkten erwuchs, für sich selbst ziehen; in der Entwicklung der kommerziellen Kräfte sahen sie auch jetzt einen Hebel ihrer politischen Macht. Mit gewaltiger Hand griff der Staat in die Bahnen des freien Handels ein, um die kommerziellen Kräfte des Landes von der Herrschaft zu befreien, welche eine andre Nation, die dadurch politisch mächtig wurde, über sie ausübte, und denselben eine konzentrische Richtung nach dem Innern des Reiches zu verleihen. Wer wollte eine allgemein gültige Theorie der Handelspolitik daran knüpfen? Aber es war ein Standpunkt, welcher die Welt Jahrhunderte lang beherrschen sollte, großartig ergriffen und behauptet. Ein Denkmal der umfassenden Bestrebungen dieser Zeit ist der Kanal des Südens . Erbaut in den Jahren 1666-1680. Der bloße Gedanke, einfach in einem einfachen Wort ausgesprochen, das Mittelmeer mit dem atlantischen Ozean durch einen Kanal zu verbinden, war fähig, den Ehrgeiz des Genius und der Tatkraft anzuregen. Man bildete sich wohl ein, daß in Zukunft große Seeschiffe ihren Weg von Osten nach Westen durch Languedoc nehmen, die Beschwerlichkeiten der Meerenge von Gibraltar den Seefahrern erspart werden würden. Ein Beamter italienischer Herkunft, Namens Riquet, der sich von den Senkungen des schwarzen Gebirges und der Pyrenäen die genaueste Kunde verschaffte, unaufhörlich, wo er sich auch befinden mochte, über die Ausführung brütend, kam endlich, es soll in St. Germain gewesen sein, auf den entscheidenden Gedanken, in welchem die Möglichkeit lag das Werk zu vollziehen. Die Provinzialstände von Languedoc, unfähig von dem Unausführbaren, das ihnen vorher vorgeschlagen worden, das Ausführbare und Echte zu unterscheiden, wiesen seine Vorschläge von sich. Colbert dagegen erkannte ihren Wert, schaffte das erforderliche Geld herbei und stellte die Privatinteressen des Unternehmers sicher, der nun mit doppeltem Eifer an die Arbeit ging. Wie andre große Dinge gelang auch dieses durch die einfachsten Mittel. Die benachbarten Bäche wurden nach der Stelle geleitet, von welcher die Gewässer nach beiden Seiten ihren Lauf nehmen und den Kanal nähren. Riquet ward von einem jungen Mann unterstützt, der die Kanalbauten von Haarlem zu seinem besonderen Studium gemacht hatte. Die überschwenglichen Erwartungen, die man an das Unternehmen knüpfte, wurden nicht erfüllt, aber für den inneren Verkehr von Frankreich, namentlich der benachbarten ackerbauenden und industriellen Distrikte, für das Leben von Languedoc ist das Werk von unschätzbarem Wert. Dem König wurde es zur größten Ehre gerechnet: von den Römern sei nicht einmal daran gedacht, von Karl dem Großen und denjenigen der Vorweser des Königs, die er am höchsten anschlug, Franz I. und Heinrich IV., beabsichtigt, sei es nun unter seinen Auspizien zustande gebracht worden. »Der König sprach,« sagt Corneille, »die Berge wichen«. Er erschien als der Herr von Land und Meer. Wenn es wahr ist, daß Colbert durch seine Ratschläge zum Kriege gegen Holland angetrieben hat, so hat er dafür schwer gebüßt. Er könnte es nur in der Hoffnung getan haben, die französische Marine vollends von dem Übergewicht der Holländer zu befreien, und wäre der Friede gleich nach den ersten großen Schlägen geschlossen worden, so würde ohne Zweifel sein finanzielles System gefördert worden sein. Aber daß der Krieg so viele Jahre dauerte und sich so umfassend gestaltete, brachte dasselbe notwendig in Unordnung. Schon war die Verwaltung überaus schwierig geworden, als ihm der König die Notwendigkeit zu erkennen gab, eine außerordentliche Einnahme von jährlich 60 Millionen für den Krieg herbeizuschaffen. Darin lag der Widerstreit zwischen Louvois und Colbert, daß jener keine andre Rücksicht kannte als seine Kriegsbedürfnisse, dieser die Finanzen und die allgemeine Wohlfahrt im Auge behielt. Colbert, hören wir, sei bedeutet worden: sollte er die Herbeischaffung dieser Summe für untunlich halten, so wisse man schon einen andern, der das unternehmen werde. Er würde vielleicht für seinen staatswirtschaftlichen Ruf am besten gesorgt haben, wenn er, woran er dachte, sich zurückgezogen hätte. Aber seine Familie beschwor ihn, das nicht zu tun; ihn selbst, versichern seine Freunde, habe noch mehr das Bewußtsein bewogen, daß er allein fähig sein werde, das Land aus der gefährlichen Lage, in die es durch die Fortsetzung des Krieges gerate, zu retten. Und gewiß, in der Mitte der Kriegsbedrängnisse durfte er König und Land nicht verlassen. Er hat vermittelt, daß die Ausgabe, die sich im Jahre 1670 auf 77 Millionen belief, 1679 auf 131 Millionen ansteigen konnte. Wie wäre das aber möglich gewesen, ohne daß er das ihm prinzipiell Verhaßte hätte tun oder dulden müssen? Colbert kannte recht wohl die Geheimnisse des Kredits und hat ihn durch einige Anordnungen gefördert; ihn anzuspannen trug er deshalb Bedenken, weil er fürchtete, die Leichtigkeit ihn zu benutzen werde zu unerträglichen Mißbräuchen und Unordnungen führen. Dennoch mußte er zu Anleihen schreiten, und zwar auf Zinsen von einer ihm verhaßten Höhe (von achthalb Prozent), deren Negoziation gleichwohl nicht ohne große Verluste von statten ging. Neue Taxen, Schaffung von Ämtern, mit allerlei drückenden fiskalischen Maßregeln waren nicht zu vermeiden. Und zugleich ward es für die Einbringung der Auflage, namentlich der Taille, Steuer, um den Sold der Truppen aufzubringen, zuerst 1439 erhoben; Französische Geschichte 1, 47. nachteilig, daß die Truppen mit nicht zurückhaltender Gewalttätigkeit im Lande lagerten oder es von einer Grenze zur andern durchzogen. Die Besoldungen waren bisher regelmäßig in den bestimmten Terminen erfolgt; damit hatte es jetzt ein Ende, das Jahr der Pensionen fing an, zu 18 Monaten gerechnet zu werden. Die Schatzmeister der öffentlichen Bauten, die in der Regel Überschüsse verrechnet hatten, baten um Vorschuß; denn alles eingehende Geld brauchte man unmittelbar für den Krieg. Man bemerkte, daß Colbert, der sonst freudig bei der Arbeit war und sich im Gefühl einer befriedigenden Tätigkeit wohl die Hände rieb, wenn er daran ging, jetzt dagegen Verstimmung und Unmut an den Tag legte. Nach dem Frieden von Nimwegen, als die gemachten Aufwendungen vollends liquidiert wurden, sind die Ausgaben noch höher gestiegen; überdies aber blieb die Armee auf dem Kriegsfuß, ungeheure Kosten machten die Bauten der Festungswerke. Noch ist nichts zutage gekommen, woraus sich ein Widerspruch dieses Ministers gegen die Verfolgung der Reformierten mit Bestimmtheit ergäbe. An der engen Verbindung zwischen Krone und Klerus, die dadurch befördert wurde, war auch ihm viel gelegen, und zum Äußersten kam es ja bei seinen Lebzeiten nicht. Er scheint den Erfolg des eingeschlagenen Verfahrens so wenig wie andre vorausgesehen, um die eigentlich religiöse Frage sich soviel nicht bekümmert zu haben. Aber daran kann kein Zweifel sein, daß er den Eintrag in den Finanzen, der schon damals aus den Drangsalen erwuchs, die man den Reformierten antat, aufs schmerzlichste empfand; für die Geldverwaltung lag eine neue Schwierigkeit darin. Dennoch gelang es ihm, das Gleichgewicht zwischen Ausgabe und Einnahme für das Jahr 1683 ziemlich wiederherzustellen; der schwersten Zinszahlungen wußte er das Land glücklich wieder zu entledigen. Dem Kriege zum Trotz war der Handel, namentlich der levantische, in Aufnahme geblieben, die Manufakturen fanden in aller Welt reichliche Nachfrage. Der starke Ausgangszoll, mit dem sie belegt waren, und der der königlichen Kasse wohl zustatten kam, hinderte ihren Vertrieb nicht. Wie die Landmacht ward auch die Seemacht , und zwar diese unter Colberts eigener Aufsicht, in einen Achtung gebietenden Zustand gebracht. Bei seinem Eintritt in die Verwaltung der Marine hatte er nur 30 Kriegsfahrzeuge, darunter drei vom ersten Rang vorgefunden; im Jahre 1683 waren 32 Kriegsschiffe ersten Ranges in See, mit den noch im Bau begriffenen zählte Frankreich überhaupt 267 Kriegsfahrzeuge, mehr als irgend eine Macht der Welt. Für die Bauten der königlichen Schlösser in Fontainebleau, Chambord, St. Germain und ihre Kosten schaffte er Rat. Versailles, das eben damals instand gesetzt wurde, um vom Hofe bezogen werden zu können, hat in den fünf Friedensjahren 40 Millionen Livres gekostet. An diesen Bau von Versailles knüpfte sich der Tod oder, wenn man will, die Katastrophe Colberts. Die von einem spätern Schriftsteller herrührenden Nachrichten von einem tadelnden Wort, das der König wegen der großen Kosten einiger Teile des Baues, z. B. des großen Gitters am Eingang, im Vergleich mit den Festungsbauten von Louvois an ihn gerichtet haben soll, wage ich nicht zu wiederholen. Aber ganz ohne Grund sind sie nicht. Auch der brandenburgische Gesandte weiß, daß ein Verdruß Colberts über jenen Bau zu seinem Tode beigetragen; er habe sich über die Arbeiter erzürnt, durch deren Nachlässigkeit die Brüstung eines neuen und schönen Zimmers zusammengebrochen sei. Der venetianische Gesandte meldet seiner Signorie das Ereignis, über das er besser als andre unterrichtet zu sein behauptet, folgendergestalt: Nicht über Colbert selbst, aber über dessen jungen Sohn Armois, welcher zu des Vaters Nachfolger bestimmt die Aufsicht über den Bau von Versailles führte, habe sich der König gegen Colbert beschwert; er habe gesagt, er wisse nicht wie es zugehe, daß er trotz seines großen Geldaufwandes schlechter als jeder andre bedient werde; Bald darauf, als Colbert wegen der Zahlung einer Summe Schwierigkeiten erhoben, habe ihm der König seine Verwunderung ausgesprochen, daß er ihn in solchen Dingen hartnäckig finde und ihn bitten müsse; das sei nicht der Fall mit Louvois, dem brauche er seine Wünsche nur anzudeuten, so seien sie schon ausgeführt. Colbert, von dem wir wissen, wie ganz er von der königlichen Gnade abhing, habe diesen Beweis der Ungunst, diese Bevorzugung seines Nebenbuhlers nicht ertragen können, er habe seinen Sturz vorauszusehen gemeint und sei darüber in eine tödliche Krankheit gefallen. Man habe ihm geraten, dem König über die Sache zu schreiben, ihm seine Verdienste in Erinnerung zu bringen; er habe jedoch davon nichts hören mögen, zu sterben sei ihm nicht unlieb gewesen. Mit Gewißheit weiß man, daß der König in seiner Krankheit an ihn schrieb; Colbert, der sich seinem Ende nahe fühlte, wollte den Brief nicht lesen, er wollte sich nur noch mit seinem Gott beschäftigen. Er starb im September 1683. Hat aber Colbert nicht bis zuletzt die volle Gnade des Königs behauptet, so hat ihn das Volk, das in der Strenge seiner Staatsverwaltung eine willkürliche Bedrückung sah und an den Reichtümern, die seine Familie sammelte, Ärgernis nahm, mit bitterem Haß verfolgt. Die Leiche mußte mit militärischem Geleit nach der Grabkapelle geschafft werden, die heftig erregte Menge hätte sie sonst in Stücke gerissen. Man ließ sich nicht abhalten, Pasquille an dieser Kapelle anzuschlagen. Vierzehn Tage hörte man von nichts als Schmähreden gegen den Verstorbenen. Ein Menschenleben voll Größe, Ernst und Schicksal. Eine für die Welt bedeutende, gleichsam angeborene Geistesrichtung und Gabe, ihr Raum zu verschaffen; auf den ersten Stationen des Dienstes Leistungen, die sich förderlich, unentbehrlich erweisen, und eine unerschütterliche Ergebenheit, die sich Vertrauen gewinnt; hierauf mutiges Vorgehen gegen einen Feind, der die höchste Stelle besitzt, Fouquet, Oberintendant der Finanzen unter Mazarin; s. Französische Geschichte 3, 158-165. jedoch einen verderblichen Weg eingeschlagen hat, bis es endlich gelingt, denselben zu stürzen; nunmehr die Gründung eines neuen Systems, durchgreifende rücksichtslose Reformen, nicht allein bedeutend für den Augenblick, sondern für alle Jahrhunderte. Alle Anstrengungen, die gemacht und andern zugemutet, die Gewaltsamkeiten, die nicht vermieden werden, erscheinen durch die Aussichten eines universalen Gedeihens, die sich daran knüpfen, der Wohlfahrt des Volkes und der Größe des Staates gerechtfertigt, erträglich, bis dann aus den Gegensätzen der Welt Verwicklungen hervorgehen, welche ein ruhiges Verfolgen des vorgesteckten Zieles unmöglich machen. Das Schicksal will, daß dieselben nicht ohne eigenen Anteil eintreten; der Rückschlag der Erfolge nötigt den Staatsmann, in den Verlegenheiten des Augenblicks fast zu dem Gegenteil von dem zu schreiten, was er ursprünglich beabsichtigte; dann erfüllt sich alles mit dornenvollem Mißvergnügen. Niemand erkennt mehr die Absicht, die große Idee; die Ordnung erscheint nur noch als Gewalt und Eigenmacht; sie entrüstet die Menge, für die man sorgen, den Fürsten, dessen Sache man führen wollte; am wenigsten genügt man sich selbst: bis zuletzt irgendein Vorteil, der das Herz ergreift, die schon gebrochene Existenz, vollends niederwirft und das Los der Sterblichen sich an ihr erfüllt. Glücklich, wenn die ergriffene Idee die Sympathien der Nachwelt, eine Fiber D. h. Faser; vgl. Cic. Cato maior 15, 51: herbescentem viriditatem, quae nixa fibris stirpium sensim adolescit. ihres Lebens berührt, wie das der Fall Colberts lange Zeit hindurch war; dann reinigt sich das Andenken von den Schlacken des Moments zur Anerkennung dessen, was das Wesen war. Der Name, mit der Idee zusammenfallend, erhebt sich in stolzer Einsamkeit aus der Nacht der Jahrhunderte; auch nachfolgende Veränderungen der Meinung können ihn nicht herabziehen. 30. Besetzung Straßburgs durch die Franzosen 1681. Französische Geschichte III, Werke Bd. 10, S. 338 ff. Gegen Ende September 1681 war ein Aufenthalt des Hofes in Chambord angesagt und Graf St. Aignan bereits dahin abgegangen, um einiges für die Vergnügungen, Komödie und Musik vorzubereiten, als der König plötzlich zu erkennen gab, er werde sich nicht nach Chambord, sondern nach Metz und in das Elsaß begeben. Wenn gefragt ward, in welcher Absicht, so machte man selbst dem kaiserlichen Gesandten kein Hehl daraus. Der König wolle, sagte man ihm, die im westfälischen Frieden ihm abgetretenen Rechte vollends zur Ausführung bringen, er wolle die Huldigung der Stadt Straßburg einnehmen. Die Huldigung einer freien Stadt, die seit unvordenklicher Zeit ihre Freiheit unter dem Schutze des Deutschen Reiches genossen hatte! Auch das war aber schon vorbereitet. Indem das Elsaß sich unterwarf, hat man auch der Stadt Straßburg bereits gegen Ende des Jahres 1680 angemutet, sich von dem Reiche freiwillig zu trennen, um fortan im Besitz ihrer alten Freiheit unter der Protektion von Frankreich zu leben. Da sie darauf nicht einging, so beschloß man sie mit Gewalt zu unterwerfen. Sich zu verteidigen war Straßburg damals nicht fähig. Die kaiserliche Besatzung, die es zuletzt aufgenommen, war auf Andringen des französischen Hofes abgezogen, der größte Teil der städtischen und schweizerischen entlassen; man zählte etwa 400 Kriegsleute von Gewerbe im Dienste der Stadt. Von den vierzehn Bastionen der Befestigung hätte kaum eine gehörig besetzt werden können. Wohl war die Bürgerschaft kaiserlich und von ganzem Herzen deutsch gesinnt, aber auch eine französische Partei gab es, deren Mittelpunkt die Domherren bildeten; der Rat der Stadt selbst nahm eine zweifelhafte Haltung an. Wenn Kaiser und Reich den Mut des Widerstandes nicht besaßen, woher sollte die Obrigkeit und eine einzelne Stadt ihn nehmen? Von der deutschen Seite hilflos gelassen dachte der Rat nur noch auf Rettung der Stadt vor dem von Frankreich angedrohten Verderben. Man hat gesagt, einige Mitglieder desselben seien mit Geld bestochen worden. Bewiesen ist es nicht, und kaum sollte man glauben, daß Magistrate einer alten freien Stadt sich so tief hätten wegwerfen können. Aber anders ist es doch nicht: von der Bedrängnis ihrer Stadt, und zugleich auf Sicherstellung ihrer Person Bedacht nehmend, mögen einige Ratsherren sich zu Schritten haben hinreißen lassen, bei denen sie ihre Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland aus den Augen verloren. Noch immer sind ihre Verhandlungen mit dem französischen Hofe in Dunkel begraben. Mitteilungen aus den Pariser Archiven enthält das Buch von Legrelle , Louis XIV et Strassbourg . 4. Ausgabe, Paris 1884. Daraus ist zu entnehmen, daß allerdings Bestechung stattgefunden hat, aber nicht in dem Umfange, wie man in den bald nach dem Ereignis in Deutschland veröffentlichten Flugschriften annahm. Nicht durch Verrat ist Straßburg gefallen, sondern man wich der Gewalt. Vgl. E. Marcks , Anzeige des Buches von Legrelle in den Göttinger Gelehrten Anzeigen 1885 S. 139. Sehr unterrichtete, diesem Hofe nahestehende Männer Ranke zitiert Berichte des brandenburgischen Gesandten in Paris, Ezechiel v. Spanheim; vgl. Französische Geschichte 5, 241 f. hielten sich überzeugt, und es ist in der Tat wahrscheinlich, daß sie schon im voraus eine Kapitulation, durch welche die Freiheiten und Rechte ihrer Stadt gesichert werden sollten, mit Louvois verabredet hatten. Marcks a. a. O. bezweifelt dies: »Louvois kannte die Verhältnisse genügend, um vorher zu wissen, was man fordern könnte und was er bewilligen wollte«. Genug, mit so gut wie vollkommener Gewißheit des Gelingens konnte der König zur Unterwerfung von Straßburg schreiten. Doch wurden schon deshalb, um nicht eine Gegenwirkung von Deutschland her zu veranlassen, die Vorbereitungen dazu im tiefsten Geheimnis getroffen. Früh am Morgen des 28. September, es war eines Sonntags, nahmen zuerst ein paar tausend französische Dragoner die Rheinschanze in Besitz; dann erschienen eine Anzahl Regimenter und besetzten rings umher die Zugänge der Stadt. Sie hatten in der Stille um Freiburg und Breisach Breisach war seit 1639 französisch, Freiburg, die alte Hauptstadt der vorderösterreichischen Länder, erst seit 1678. her gelagert und wurden plötzlich herangezogen. Des andern Tages traf Louvois im Hauptquartier zu Illkirch ein. Auf Grund des Ausspruchs der Kammer zu Breisach, welche das Recht der Souveränität über das Elsaß dem Könige zuerkannt habe, forderte er die Stadt auf, sich demselben ebenfalls zu unterwerfen. Jede Unterhandlung darüber wies er von der Hand; würde die Stadt sich der königlichen Gnade würdig machen, so sei er ermächtigt, ihr die Erhaltung ihrer Privilegien zuzusichern; sollte sie widerstehen, so sei er stark genug sie der Verwüstung preiszugeben und werde die Bürger als Rebellen gegen ihren rechtmäßigen Herrn behandeln. Nur der entschlossenste Heldenmut hätte eine Verteidigung wagen können. Einem eben in Belagerungen geübten Feinde gegenüber, wie dieser war (auch Vauban war bereits in die Nähe gekommen), hatte ein solcher Versuch keinerlei Aussicht auf Erfolg; das Zeitalter, wo streitbare Bürgerschaften auf eigene Kraft sich mit mächtigen Fürsten messen konnten, und damit die Epoche der städtischen Freiheit war längst vorbei. Der Magistrat hat keinen Augenblick an Widerstand gedacht. Absichtlich ließ er die Kanonen auf den Wällen ohne Munition, damit nicht der Unbedacht der Bürger einen Konflikt veranlassen möge; mit einer Art von Bedauern über die demokratische Verfassung, die das notwendig mache, bat er Louvois um ein paar Stunden länger Bedenkzeit, auf so lange, bis die Bürgerschaft zu derselben Gesinnung gebracht sei, die er selber hege. Die Schöffen der Zünfte wurden zusammenberufen; als diese überzeugt waren, daß der Widerstand ins Verderben führen müßte, ward ihre Meinung den Bürgern, die auf den Wällen und unter Waffen standen, kundgetan. Tausendmal lieber hätten sie sich zur Wehr gesetzt; sie verwünschten den Rat, aber sie unterwarfen sich der Notwendigkeit. Die Kapitulation, die man nun von beiden Seiten unterschrieb, sicherte der Stadt ihre Verfassung, Rechte, Besitztümer und die Ausübung ihrer Religion; nur das Münster hatte sie dem Bischof und das Zeughaus dem König zu überliefern. Privatgerechtsame konnte sie retten, die politische und religiöse Autonomie, welche sie beim Deutschen Reich von jeher behauptet hatte, war auf immer verloren. Die französische Regierung, wo alles der großen Einheit Untertan war, konnte eine solche ihrer Natur nach nicht gestatten. Vierzehn Tage darauf hielt der König einen prächtigen Einzug in Straßburg. Sein erster Besuch galt dem Platz, auf welchem Vauban die neuzuerrichtende Zitadelle bereits abgesteckt hatte. Die vorhandenen Befestigungen wurden besichtigt, der Entwurf zu denen gemacht, welche, um den Rhein zu sichern, hinzufügt werden sollten. Ludwig XIV. verschaffte es nun auch unter den Deutschen eine gewisse persönliche Bewunderung, daß er überall selbst zur Stelle war und die Anordnungen traf, zu deren Ausführung des andern Tages geschritten ward. Die aus der Umgegend aufgebotenen Landleute sah man auch Sonntags an den Schanzen arbeiten. Fünftausend Mann lagerten in der Nähe und hielten Wache an der gewonnenen großen Grenzfeste. Das Unternehmen trug ungefähr denselben Charakter wie der erste Einfall in die spanischen Niederlande und die Invasion von Holland, den der plötzlich hervorbrechenden Gewaltsamkeit auf Grund einseitiger Ansprüche. Den Spaniern waren die Generalstaaten zu Hilfe gekommen, diesen Kaiser und Reich; der endliche Erfolg war aber beide Male das Verderben eben derer gewesen, welche die andern hatten retten wollen. Wer sollte es jetzt wagen, trotz dieser Erfahrung sich dem Allgewaltigen entgegenzusetzen? Wohl fehlte es nicht an Regungen dafür. Eine sonderbare Verwicklung lag darin, daß Schweden , das doch in alle europäischen Angelegenheiten eingriff, von den Reunionen unmittelbar berührt wurde. König Karl XI., der aus dem Hause Pfalz-Kleeburg stammt, gelangte eben damals durch Erbrecht in den Besitz von Zweibrücken, das von der Reunionskammer zu Metz als französisches Lehen betrachtet ward. Ludwig XIV. ließ ihm sagen, er schmeichle sich, sein alter Verbündeter werde die Anerkennung der Lehnshoheit Frankreichs dem Verhältnis zum Kaiser vorziehen. Welch ein Unterschied aber: deutscher Reichsfürst und Lehnsmann von Frankreich, wo alle Autonomie der Großen gebrochen war. Und ohnehin war Karl XI. nicht mehr französisch gesinnt; er war auch über den Frieden von Nimwegen mißvergnügt, in dem ihm doch einige Verluste zugemutet worden waren; sein vornehmster Minister, Benedikt Oxenstierna, Ein jüngerer Verwandter des schwedischen Reichskanzlers Axel Oxenstierna, der 1654 gestorben war. ging von dem Grundsatz aus, daß Schweden, wenn es werden wolle was es sein könne, nicht mehr im Gefolge der französischen Politik einhergehen dürfe. Die zweibrückischen Lehen wurden in Wien nachgesucht; um statt der französischen eine andre Allianz zu haben, wandte sich Oxenstierna an Holland . Auch dahin hatten die Reunionen zurückgewirkt. Von der Einziehung der Grafschaft Chiny war der Prinz von Oranien Wilhelm III., später König von England. als Besitzer der Herrschaften Vianden und St. Vith, Im nördlichen Teile des jetzigen Großherzogtums Luxemburg gelegen. die zu dieser Grafschaft gehörten, persönlich berührt; er war selbst vor die Kammer von Metz zitiert worden. Aber sein Entschluß stand fest, niemals ein Vasall Ludwig XIV. zu sein, als dessen prinzipieller Gegner er in der Welt erschien. Unter seinem Einfluß wurde zwischen Holland und Schweden eine Assoziation zur Aufrechterhaltung des westfälischen und Nimwegenschen Friedens geschlossen, nach welcher jeder Beteiligte, der die Bedingungen desselben überschreite, sich einem Schiedsgericht unterwerfen sollte. Eine Festsetzung wie diese hätte ohne Zweifel bei dem Friedensschluß selbst getroffen werden müssen. Obwohl sie jetzt zu spät kam und in den friedlichsten Ausdrücken, die sich finden ließen, abgefaßt wurde, denn sonst wäre sie in den Generalstaaten niemals durchgegangen, so erschien sie dem französischen Hofe doch noch immer als eine unwillkommene Protestation gegen sein Verfahren und den Gegnern desselben als ein Moment des Widerstandes. Im Februar 1681 trat der Kaiser, einige Monate später der König von Spanien der Assoziation bei. Ihr Einfluß auf eine Unzahl Fürsten und Stände des Reiches war so stark, daß man sofort von einer Erneuerung des Krieges gegen Frankreich redete. Dem aber setzten sich andre entgegen, vor allem der Fürst, welcher zu Nimwegen aufs entschiedenste gegen den Abschluß des Friedens gewesen war, Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg . Damals, sagte er, habe man auf einen längeren Stillstand mit den Türken zählen können, tapfere und erfahrene Kriegshäupter seien vorhanden gewesen, eine Armee im Anzuge, die einige Jahre vorher einen Sieg nach dem andern erfochten, Straßburg noch unerobert und mit allen notwendigen Kriegsmitteln versehen; dennoch habe der Kaiser damals den Frieden unter den ungünstigsten Bedingungen geschlossen. Jetzt seien die besten Truppen abgedankt, der türkische Stillstand dem Ablauf nahe, an Einigkeit im Reiche nicht zu denken, Straßburg verloren, und da solle nun der Krieg wieder angefangen werden. Kein Zweifel, daß das Reich an sich dazu berechtigt wäre, aber welche Mittel habe es, den gerüsteten, übermächtigen König zu bestehen? Wenn es mit ihm breche, wer könne ihn hindern, Mainz zu erobern und seine Besitzergreifungen bis nach Franken auszudehnen? Auch das bisher Eingenommene werde er dann mit besserem Schein und größerer Sicherheit besitzen. Jene zu einem Austrag bestimmte Konferenz Von Frankreich zugestanden, als die Ausführung der Reunionen Widerspruch erregte; s. Französische Geschichte 3, 338. war indes zusammengetreten Gegen Ende des Jahres 1681 zu Frankfurt am Main. ; der Kurfürst drang darauf, daß man den König von Frankreich bei seinem Versprechen, nicht weiter gehen zu wollen, festhalten und, da man ihn nicht angreifen könne, ohne das Bestehen des Reiches in Frage zu stellen, eine Abkunft mit ihm treffen möge. Die Wahrheit dieser Erwägungen ist einleuchtend; denn wie darf man die Entscheidung des Schwertes herausfordern, wenn man zum Kampfe nicht gerüstet ist? Vor allem stimmten die zunächst bedrohten rheinischen Fürsten bei; sie erwarteten nicht das mindeste von den Truppen des Reiches. Eine militärische Bewegung derselben, meinten sie, werde nichts andres bewirken, als daß die französische Kriegsmacht mit ungeheurem Übergewicht das gesamte Reich überflute. Überdies aber hatte eine erbitterte Stimmung gegen ein Oberhaupt, das sie nicht mehr schützen zu können schien, im Reiche um sich gegriffen. Bei dem Falle von Straßburg hat der Kurfürst von Mainz ausgerufen, Österreich sei nicht mehr fähig, das Reich zu behaupten, man müsse sich einen andern Kaiser suchen. Und diese Gesinnung teilte nun wieder der Kurfürst von Brandenburg. Ergrimmt über den Kaiser, der in Nimwegen gegen seinen Wunsch zum Frieden geschritten, empört über Spanien, durch dessen nachlässige Kriegführung die Zurückgabe seiner über Schweden gemachten Eroberungen zur Ausgleichung notwendig geworden war, und entschlossen diese ein andermal wiederzugewinnen, hatte er mit Spanien-Österreich gebrochen und dagegen die engste Verbindung mit Frankreich getroffen. Bündnisvertrag vom 20. Oktober 1679; vgl. Preußische Geschichte 1, 335 Werke Bd. 25 u. 26. Sobald Schweden einen Rückhalt an dem Kaiser fand, warf sich Brandenburg wie von Naturnotwendigkeit gedrängt auf die Seite von Frankreich. Nur mit Hilfe von Frankreich und Dänemark meinte der Kurfürst die Schweden vom deutschen Boden verjagen zu können; er behauptete, mit diesen beiden Reichen darin einig zu sein, daß die schwedische Macht wieder in ihre alten Grenzen zurückgetrieben werden müsse. Aber überdies machte sich Frankreich anheischig, ihm zu seinen schlesischen Ansprüchen zu verhelfen: eben das sind die beiden Direktionen, durch deren Ausführung Brandenburg später eine Macht geworden ist. Noch nie hatte sich die brandenburgische Selbständigkeit im deutschen Reiche so hervorgetan. Immer gewohnt, die entschiedensten Richtungen einzuschlagen, die letzten Folgen derselben kühnlich ins Auge zu fassen, ging Kurfürst Friedrich Wilhelm auf den Gedanken ein, dem Hause Österreich bei der nächsten Vakanz das Kaisertum zu entreißen und entweder, wie sein Vorfahr Joachim I., dem König von Frankreich selbst oder, was später der ruhmvollste seiner Nachfolger getan hat, einem Fürsten, über den er sich mit Frankreich verständigen würde, seine Stimme bei der Kaiserwahl zu geben. Hatte er nicht einst dem Kaiser Leopold die Krone im Gegensatz gegen die Anhänger von Frankreich verschafft? Er meinte ihn zu dem Manne gemacht zu haben, der er war, und wollte sich nun nicht von seiner einseitigen Politik ins Verderben ziehen lassen. Alles Heil schien ihm darin zu liegen, daß das Reich vor weiteren Verlusten gesichert würde. Der König von Frankreich mußte ihm versprechen, von allen Umgriffen im Reiche fortan abzustehen, allen Rechten und Ansprüchen, welche er auf Besitzungen oder Rechte in demselben sonst wohl machen könne, für sich und seine Erben zu entsagen. Weitere Verhandlungen mit Frankreich s. Preußische Geschichte 1, 344-350. So geschah, indem Deutschland eine Vergewaltigung erlitt, wie es noch nie erfahren, daß im Innern ein Zwiespalt ausbrach, der jeden Widerstand dagegen unmöglich machte, beruhend auf den alten Gegensätzen der Religion und Politik, der Verstimmung welche die letzten Ereignisse hervorgebracht hatten, der Furcht vor den noch bevorstehenden. Überhaupt für das deutsche Reich ein Moment der größten Gefahr, den es je erlebt. Zu der Entzweiung, die sich in verzweifelten Entschlüssen kundgab, und den Feindseligkeiten von Frankreich kam noch ein mit aller Heftigkeit eines barbarischen Heerhaufens unternommener Angriff der Türken . Mit den ungarischen Mißvergnügten, die sonst von Frankreich her gegen Österreich unterstützt worden, einverstanden, im Verein mit Tököli, den sie als König anerkannten, wälzten sie sich im Jahre 1683 daher, um die Unternehmung gegen Wien durchzuführen, die ihnen anderthalb Jahrhunderte früher mißlungen war. Man hat oft angenommen, der König von Frankreich habe diesen Anfall hervorgerufen oder einen wesentlichen Einfluß darauf ausgeübt. Ich denke nicht, daß sich das behaupten läßt. Ein wirkliches Einverständnis zwischen den beiden Mächten vorauszusetzen, liegt kein Grund vor. Jede Andeutung von dem Bestehen eines solchen hat der französische Minister Colbert Croissy Jüngerer Bruder des Finanzministers Colbert, s. Französische Geschichte 3, 399. mit Ausdrücken des Abscheus zurückgewiesen. Dennoch ist unleugbar, daß auch ohne Übereinkunft ein in der Lage der Dinge begründetes Verhältnis zwischen dem Anfall der Türken und der feindlichen Haltung der Franzosen bestand. Colbert Croissy sagte einmal, nicht die Eroberung von Wien durch die Türken liege im Wunsche der Franzosen, aber allerdings eine längere Dauer der Belagerung; sie meinten, unter dem Eindruck dieser Gefahr alle ihre Ansprüche gegen den Kaiser und gegen Spanien durchzuführen. Ludwig XIV., der bei der ersten Nachricht von dem bevorstehenden Zuge der Türken die Blokade von Luxemburg aufgehoben hatte, und zwar, wie er verkündigte, um die Verteidigung gegen dieselben nicht zu hindern (denn er wollte zwar noch nichts gegen sie unternehmen, aber auch um keinen Preis als ihr Verbündeter erscheinen), wurde im Sommer 1683 bewogen, auch in den deutschen Sachen von der Strenge seiner Forderungen nachzulassen. Er bestand nicht mehr auf einer definitiven Annahme der von ihm vorgelegten Bedingungen durch einen förmlichen Friedensvertrag, sondern nur auf dem Abschluß eines langjährigen Stillstands. Der Waffenstillstand auf zwanzig Jahre wurde 1684 zu Regensburg abgeschlossen. Schon 1688 brach ihn Ludwig XIV. und begann abermals Krieg gegen Deutschland. 31. Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen 1689. Französische Geschichte IV., Werke Bd. 11 S. 34 ff. Noch zwei Tage früher, als Vauban angekündigt hatte, war Philippsburg und gleich darauf die gesamte Pfalz Heidelberg ergab sich am 24, Oktober 1688. in die Hände des Dauphin gefallen; eine Medaille rühmt ihn, daß er innerhalb eines Monats zwanzig Städte in Besitz genommen habe. Tief in Schwaben und Franken trieben die Franzosen Brandschatzungen ein. Schon in der Mitte des Oktober 1688 erschien Marquis Boufflers an der Spitze von 20 000 Mann vor Mainz . Es war erst fünfzehn Jahre her, daß ein weitschauender und tatkräftiger Kurfürst-Erzbischof Johann Philipp von Schönborn, gestorben 1673. seine Hauptstadt regelmäßig hatte befestigen lassen, damit durch die neuen Bastionen gesichert Fürst und Kapitel ruhig bei Land und Leuten bleiben möchten. Kaum aber zeigte sich eine feindliche Macht vor den gewaltigen Bollwerken, so hatte weder der Fürst noch sein Kapitel den Mut, sich derselben zu bedienen, die Verteidigungswerke zu verteidigen. Bei der geringen Anzahl der Mannschaften, über die sie geboten, schienen ihnen gerade der Umfang derselben die Behauptung unmöglich zu machen. Sie wurden den Franzosen ohne Widerstand eingeräumt, die nun sofort Hand anlegten sie noch zu verstärken, und eine Besatzung hineinwarfen, welche sie zu halten vermochte. Koblenz und Köln wurden noch durch rechtzeitiges Eintreffen nachbarlicher Hülfe geschützt. Aber wie Trier, von seinem Erzbischof verlassen, in der Tat nicht hatte gerettet werden können, so wurden die Festungen des Kölner Erzstifts, Neuß, Bonn, Rheinberg und Kaiserswerth, von dem Kardinal Fürstenberg aus freien Stücken den Franzosen überliefert; diese sollten sie für ihn gegen Kaiser und Reich behaupten. Auf diese Weise waren die Franzosen Meister der vier vorliegenden Kurfürstentümer geworden; sie beherrschten den Rhein weit und breit an beiden Ufern, sowie den Neckar. Unschätzbare Vorteile, wenn nun der Krieg mit den zuerst gefaßten Absichten weiter geführt werden konnte; sie waren recht geeignet die deutschen Patrioten, die von der Haltbarkeit jener Festungen und Städte einen ganz andern Begriff gehabt hatten, zu entmutigen und sie zur Annahme des Friedens zu stimmen. Aber als der große Bund geschlossen ward, Schon 1686 war das Bündnis zu Augsburg zwischen dem deutschen Reich, Spanien und Schweden geschlossen worden; 1689 trat Kaiser Leopold I. auch mit Holland und England in Bündnis; Französische Geschichte 4, 9. 31. fühlte sich alles in demselben Grade zum Widerstand angefeuert, da es am Tage lag, daß Frankreich nunmehr Feindseligkeiten von größerer Nachhaltigkeit zu bestehen haben würde als bisher. Zunächst hatten die Franzosen für Verstärkung der Verteidigungsanstalten längs des Ozeans Sorge zu tragen. Bei 50 000 Mann Milizen, welche die Pfarren stellen mußten, wurden an den Küsten von Guienne, Bretagne und Normandie verteilt und geübten Offizieren zur Einübung anvertraut, um die bedroht scheinenden Punkte zu schützen. Besonders auf Guienne war die Aufmerksamkeit gerichtet, wie denn in der Tat in England gleich anfangs ein Anfall auf diese Provinz beabsichtigt worden ist, weil sie noch Hugenotten in Menge enthielt, von denen man meinte, sie würden sich bei der ersten Gelegenheit erheben. Galeeren wurden daselbst instand gesetzt, um jede Annäherung kleiner Fahrzeuge zu hindern. Aber überdies mußte der Krieg in den Niederlanden und an den Pyrenäen geführt werden. Die Franzosen versicherten zwar, daß sie 800 000 Mann aufstellen und von diesen gewiß die Hälfte im offenen Felde würden verwenden können, aber wenigstens in dem ersten Feldzuge haben sie diese Anzahl nicht von ferne erreicht. Wohlunterrichtete Männer berechnen, daß sie anfangs an den Pyrenäen 10 000, in den Niederlanden etwa 40 000 Mann, in Deutschland gewiß ebenfalls nicht mehr im aktiven Dienste hatten. Wie es sich aber auch mit der Richtigkeit dieser Ziffern verhalte, auf keinen Fall waren die Franzosen stark genug, alle die Plätze, welche sie am Mittelrhein besetzt hatten, zu behaupten. Die Unfähigkeit, dies zu bewirken, die Verlegenheit, in die sie dadurch gerieten, führte sie zu einer gräßlichen Handlung. Sie entschlossen sich, von den eingenommenen Plätzen nur die beiden mit den besten Werken versehenen, Philippsburg Eine von dem Bischof Philipp von Speier 1620 angelegte Festung, die im westfälischen Frieden an Frankreich gegeben wurde; 1676 wurde sie von den deutschen Truppen wiedererobert; Französische Geschichte 3, 321. und Mainz, ernstlich zu verteidigen. Was sollte aber mit den übrigen geschehen? Sollten sie den vordringenden deutschen Heeren einfach wieder überlassen werden? Vauban hatte von der Zitadelle von Mannheim, Friedrichsburg, die mehr durch Verrat als Überlegenheit der Waffen gewonnen worden, bemerkt, daß man sie um keinen Preis wieder in die Hände der Deutschen dürfe geraten lassen; sie könnte dann an dieser wichtigen Stelle bis zur Unbezwinglichkeit befestigt werden und jetzt oder in Zukunft viel zu schaffen machen. Dann äußerte Marschall Duras, der mit dem Oberbefehl am Rhein betraut war, für die Verteidigung von Mainz und Philippsburg werde aus jenen zwar nur mittelgroßen, aber begüterten Ortschaften eine Gefahr entspringen, da sie dem deutschen Heere Hilfsquellen zu seinen Angriffen bieten würden. Folgerichtigermaßen regte sich der Gedanke und ward von dem erbarmungslosen Louvois ergriffen, daß es das beste sei, die Städte zu zerstören und ihre Einwohner nach dem französischen Gebiet wegzuführen. Man wünschte besonders die Pfalz in einem so wehrlosen Zustand zu setzen, daß der Kurfürst nicht daran denken könne, dahin zurückzukehren und wieder festen Besitz zu ergreifen. Aber auch die Bemerkung soll gemacht worden sein, daß dann um so leichter zwischen den Verbündeten wegen der Quartiere Streit ausbrechen werde. In früheren Zeiten war immer der gute und der böse Krieg unterschieden worden. Daß die Maßregel, die Frankreich vorhatte, allem Kriegsgebrauch entgegenlief und unbeschreibliches Unheil über ein großes blühendes Land verhängte, konnte diejenigen nicht irren, die einer vermeinten Beleidigung wegen Genua Im Mai 1684; Französische Geschichte 3, 358. beschlossen, dem Vorurteil der religiösen Einheit zuliebe Hunderttausende ihrer eignen Angehörigen mit den äußersten Gewalttätigkeiten bedrängt und schon in dem letzten Kriege ähnliche Verwüstungen, wiewohl in kleinerem Umfange, angeordnet hatten. Türenne im Feldzuge von 1674; Französische Geschichte 3, 314. Sie hatten nur dafür Sinn, daß sie dadurch in den Stand kommen würden, die eingenommene militärische Stellung im ganzen zu behaupten; wie den Einwohnern von Speier angekündigt worden ist, der König habe nicht Truppen genug, eine so große Stadt wie die ihre zu bewahren, aber auch der Feind dürfe hier keinen Unterhalt finden, nicht die Handreichung eines einzigen Menschen solle ihm zugute kommen, deshalb müsse Speier verlassen und geschleift werden; nicht etwa durch Mißvergnügen über die Einwohner werde der König zu diesem Entschlüsse bestimmt, die Beschaffenheit der Dinge bringe es so mit sich. Wie Speier, so wurden Worms , Mannheim und Heidelberg der Verwüstung preisgegeben; Melac in Heidelberg Februar 1689, Mannheim und Worms im Mai, Speier 31. Mai bis 2. Juni 1689. Auch Bruchsal, Durlach, Baden, Bretten, Rastatt, Pforzheim, Alzey, Kreuznach, Oppenheim und andre Städte wurden verbrannt. Zweite Zerstörung des Heidelberger Schlosses und der Stadt Mai 1693. die Schlösser und Dörfer, die Zinnen der Mauern und die Bürgerwohnungen, die Rathäuser und die Dome, die Brücken über die Flüsse, die Grabstätten der alten Kaiser: der Besitz der lebenden Generation und die Denkmale der Vergangenheit, unschätzbar in diesem alten Lande der Kultur. Man kann noch heute die Holzschnitte der Zeit, in denen über den Türmen und Dächern so vieler altberühmten und kunstgeschmückten Städte die herausschlagenden Flammen und die darüber liegenden Rauchwolken abgebildet sind, nicht ohne Herzeleid ansehen. Der Herzogin von Orleans, Elisabeth Charlotte , Tochter des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, 1671 mit dem Bruder Ludwigs XIV. vermählt. Karl Ludwig starb 1680, sein Sohn Karl 1685; nach dessen Tode erhob Ludwig XIV. Erbansprüche. hatte man den Dauphin, als er nach Philippsburg ging, als ihren Ritter bezeichnet, der ihr Recht an die Pfalz mit dem Schwert verteidige, und sie meinte später selbst, daß die Erinnerung an sie, die alte Hingebung an ihr Haus dazu beigetragen habe, daß derselbe in der Pfalz so gut wie keinen Widerstand fand. Aber von Anfang an ahnte sie Unheil. Zum Erstaunen und Mißfallen des Hofes und des Königs verhielt sie sich schweigsam bei der Verteidigung ihrer Rechte oder äußerte sich mit Kälte und Besorgnis. Wie mußte sie es empfinden, als die Dinge nun, trotz der Bitte, die sie für Mannheim und Heidelberg einlegte, eine so entsetzliche Wendung nahmen. Sie betrachtet sich als die Ursache zu dem Ruin ihres Vaterlandes, Sie schreibt an die Kurfürstin Sophie von Hannover, 20. März 1689: »Sollte man mir aber das Leben darüber nehmen wollen, so kann ich doch nicht lassen zu bedauern und zu beweinen, daß ich sozusagen meines Vaterlandes Untergang bin, und über das alles des Kurfürsten meines Herrn Vaters selig Fürsorge und Mühe auf einmal so über den Haufen geworfen zu sehen.« R. Weitere Briefe der wackeren, deutschgesinnten Herzogin aus dem Jahre 1689 im sechsten Bande der Französischen Geschichte, S. 66 ff. den sie von der Ferne mit durchlebt, als wenn sie gegenwärtig wäre; mitten im Schlaf fährt sie auf, und alles stellt sich ihr vor, wie es früher gewesen war, sich unter dem fürsorgenden Auge ihres Vaters erst recht gestaltet hatte, und wie es nunmehr geworden sein mußte, und in welchem Zustande sie sich selber befand; in lautem Weinen brachte sie die Nächte zu. Wenn aber diese Gewaltsamkeiten dienen sollten Mainz zu verteidigen, so ward der Zweck dadurch nicht erreicht. Die deutschen Streitkräfte, welche sich unter dem Herzog von Lothringen Karl V., Schwager des Kaisers Leopold, hatte schon 1675-78 am Rhein gegen die Franzosen gekämpft, dann 1683-87 gegen die Türken sammelten, wurden durch die Hilfstruppen, welche der Kurfürst von Bayern Maximilian II. Emanuel, Schwiegersohn des Kaisers, ebenfalls im Türkenkriege ausgezeichnet, später (seit 1691) Statthalter der spanischen Niederlande. freiwillig herbeiführte, stark genug, um zugleich die Belagerung der Stadt zu unternehmen und die Belagernden vor einem Entsatz zu schützen. Aus den großen Magazinen von Frankfurt und Koblenz ward die Armee ununterbrochen auf das beste verpflegt. Die französische Besatzung, die aus mehr als 10 000 Mann bestand, wehrte sich gut; aber noch ehe der Versuch sie zu entsetzen, zu dem sich Duras eben anschickte, ernstlich gemacht werden konnte, sah sie sich bereits zur Kapitulation genötigt. Indessen waren Rheinberg, Kaiserswerth und Bonn durch die brandenburgischen Waffen Kurfürst Friedrich III. führte diesen Krieg persönlich im Sinne seines Vaters, des großen Kurfürsten, welcher 1685 sein früheres Bündnis mit Frankreich aufgelöst hatte. Bonn wurde vom 4. Juli bis 10. Oktober 1689 belagert; zur Eroberung wirkte der Herzog von Lothringen mit. bezwungen worden. Wie ein Jahrhundert später, so haben schon damals die Deutschen die Gebiete am mittleren und niederen Rhein, die den Franzosen auf das leichteste in die Hände geraten waren, mit ungeheuern Anstrengungen wieder eingenommen. Am oberen Laufe dieses Stromes dagegen konnten sie nichts unternehmen; auch in den nächsten Jahren richteten sie daselbst nichts aus. Den Franzosen kam es für die Behauptung ihrer dortigen Stellung sehr zustatten, daß Kaiser und Reich einen ansehnlichen Teil ihrer Streitkräfte an der türkischen Grenze verwenden mußten. 32. Ludwigs XIV. Ausgang; Rückblick auf seine Staatsverwaltung. Französische Geschichte IV, Werke Bd. 11 S. 303 ff. Wenn man das Glück eines zu Ende gehenden Lebens in das Bewußtsein setzen darf, die großen vorgesteckten Ziele erreicht zu haben, so kann davon bei Ludwig XIV. nicht eigentlich die Rede sein. Die vornehmsten Pläne des königlichen Ehrgeizes waren nicht durchgeführt, weder der politische, der auf ein allgemeines Übergewicht in Europa, noch der religiöse, der auf eine vollkommene kirchliche Uniformität gerichtet war. Vielmehr waren aus denselben, wie es nicht anders sein konnte, widerwärtige und unglückliche Rückwirkungen ohne Zahl hervorgegangen. Es scheint jedoch nicht, als habe ein Gefühl hiervon den König betrübt oder gekränkt. Er sah doch seinen Enkel auf dem spanischen Thron, sein eigenes Reich erweitert und nach außen mächtig. Den innern Übelständen hoffte er noch beizukommen, die Erbfolge meinte er soeben sichergestellt zu haben. In der gewohnten Weise lebte Ludwig XIV. seinen Geschäften und Erheiterungen. Der Hof war sogar zuweilen noch recht glänzend, z. B. im Herbst 1714, als der Kurfürst von Bayern, der sich den französischen Sitten mit Vorliebe anschloß, anwesend war und vor seiner Rückkehr nach Hause Maximilian II. Emanuel, 1704 aus Bayern vertrieben, kehrte nach Abschluß des Friedens zu Rastatt in sein Land zurück. von allen, die es vermochten, mit Festlichkeiten geehrt wurde. Die Männer waren nach dem Frieden zahlreich zurückgekehrt, viele mit ihren Damen; in Fontainebleau sah man diese in großen und kleinen Kaleschen, jene zu Pferde, den Kanal umschwärmen, wo der Kurfürst auf einer Barke mit festlicher Musik eine andre Gruppe bildete; der König fehlte nicht. Meistens jedoch war man einsam. Die Prinzessinnen hatten sich zurückgezogen, um nur bevorzugte Freunde zu sehen; der Geschmack an Landhäusern war aufgekommen, jede Familie hatte das ihre. Zu allgemeinen Reunionen kam es nur dann, wenn etwa Frau von Maintenon Seit dem Herbst 1685 Gemahlin Ludwigs XIV.; Französische Gesch. 3, 413. in ihren Gemächern ein Konzert veranstaltete. Nur Musik und die Fortsetzung seiner Bauten schienen dem König noch Vergnügen zu machen. Einige Verschönerungen in Fontainebleau sind das Werk seiner letzten Jahre; er richtete sich selbst noch ein Zimmer ein, das die Bewunderung derer, die es sahen, erweckte. Und dabei entzog er sich doch keinen Augenblick der Arbeit. Seine Minister haben ihm einmal den Vorschlag gemacht, die Geschäfte in einem Komitee für sich vorzubereiten und ihm dann erst, wenn sie sich geeinigt hätten, vorzulegen, um nicht mit abweichenden Meinungen vor ihm zu erscheinen. »Wie?« rief er aus, »bin ich zu alt, um zu regieren?« Niemand hätte ihm mit einem solchen Vorschlag wieder kommen dürfen. Es wäre als eine Beleidigung erschienen, wenn man ihn hätte schonen wollen. Nachdem er eines Tages im August 1715 dem Konseil beigewohnt und in gewohnter Art mit dem Kanzler gearbeitet hatte, ward er bei seinem Abendessen von einer Betäubung ergriffen, in der man die Vorboten des Todes erkannte. Er bereitete sich zu seinem Hinscheiden, denn er meinte ein wohlbestelltes Haus zurückzulassen, mit ungestörter Seelenruhe vor; er traf alle seine Anordnungen mit vollkommener Unbenommenheit des Gemütes, nicht anders als gälte es etwa nur eine Reise anzutreten. Von der Gefährtin seiner letzten Lebensjahre nahm er in der Erwartung Abschied, sie in kurzem wiederzusehen; er sagte ihr, glücklich habe er sie nicht gemacht, aber immer geliebt und hoch gehalten. Am schwersten schien er zu empfinden, daß es ihm nicht beschieden gewesen sei, den Kirchenfrieden Der Streit zwischen den Jesuiten und den Jansenisten (Anhängern des 1638 gestorbenen Bischofs von Ypern, Cornelius Jansen) war 1653 und nochmals 1713 durch päpstliche Bulle zugunsten der ersteren entschieden worden; dennoch behielt die freiere Richtung der Jansenisten, die in Utrecht ein eignes Erzbistum, unabhängig von Rom, gründeten, viel Anhang. Französische Geschichte 4. 360; Geschichte der Päpste 3, 129 f. herzustellen; er tröstete sich damit, daß die Sache vielleicht besser in andern Händen liege als in den seinen, weil man ihn im Verdacht habe, voreingenommen zu sein und zu weit zu greifen. Über seinen Urenkel sprach er seinen Segen aus, nicht ohne eine Ermahnung zum Frieden, eine Anklage gegen sich selbst, der den Krieg allzusehr geliebt habe. Er bezeichnete ihn schlechthin als den König; seine Umgebung zeigte sich davon erschüttert; er sagte, ihm errege das kein peinliches Gefühl. Er starb am 10. September 1715, wenige Tage vor Vollendung seines 77. Jahres. Der monarchische Begriff, den Ludwig XIV. geltend machte, entsprach im Grunde der in dem späteren römischen Reiche herrschenden Verfassung, nach welcher nicht allein die exekutive Gewalt, sondern auch die legislative dem Fürstentum gehörte, nicht durch Usurpation noch Willkür, sondern notwendig und der Natur der Sache gemäß. Von allen Beschränkungen, welche der germanische Staat der legislativen Gewalt zu ziehen versucht hatte, war in Frankreich nur die eine, die in den Parlamenten Die obersten Gerichtshöfe; anfänglich war nur in Paris das königliche Gericht, dann kamen im 14. und 15. Jahrhundert die Obergerichte in Toulouse, Dijon, Rouen, Rennes, Bordeaux und andre hinzu. erschien, in ununterbrochener Wirksamkeit geblieben. Übrigens war die Monarchie dadurch noch stärker geworden, daß sie die germanische Erblichkeit mit dem Besitz der höchsten Gewalt verband. So erinnert auch das Verhältnis, in welchem sich die Kirche befand, an die ältesten Zeiten. Man dürfte sagen: noch immer gab der König, wie einst Chlodwig jenes Gefäß, den besten Teil der Beute dem Bischof und strafte diejenigen gewaltsam, die sich dem zu widersetzen wagten. Der katholischen Kirche zu genügen war eine seiner vornehmsten Bestrebungen. Wenn aber schon der Stifter der Monarchie die Ernennung der Bischöfe in seine Hand nahm, wieviel größer war die Autorität über die Geistlichkeit, welche Ludwig XIV. aus diesem Recht entwickelte, umfassender als sie jemals einer seiner Vorfahren besessen hatte. Und niemand konnte die Elemente des feudalistischen Staates verkennen, die unter ihm noch in großem Umfang bestanden. Wenn man von denselben mit einem Mal eine Anschauung haben will, so braucht man sich nur zu erinnern, wieviel die Revolution davon zu zerstören notwendig fand: die Besonderheiten der Provinzen, festgehalten durch ständische und gerichtliche Institutionen oder selbst durch Verträge gewährleistet; die Vorrechte der großen Städte, des Adels in seinen verschiedenen Klassen, alle die Herrenrechte, gegen welche später politische Theorien und der Haß des Volkes vereint oder abwechselnd ankämpften. Noch in seinem Testament spricht Ludwig XIV. die Überzeugung aus, daß die vornehmste Kraft seines Reiches in dem Adel bestehe. Aber die Großen hatte er von aller Teilnahme an der Gewalt zu entfernen und dem gesetzlosen Treiben der Geringeren Schranken zu ziehen gewußt. Sein Edikt über die Duelle ist fast symbolisch für sein Verhalten gegen den Adel. Diesen letzten Ausdruck der Selbsthilfe und persönlichen Autonomie verfolgte er mit der äußersten Strenge; aber er tat es zugleich, um den Adel, der durch den Mißbrauch des Duells zugrunde zu gehen in Gefahr geriet, zu erhalten. Das Gewicht der monarchischen Gewalt repräsentierte sich in der Armee und in der Administration. In seinen Kriegen bildete sich Ludwig XIV. eine Armee , derengleichen die Welt noch nicht gesehen hatte. Wie weit war sie von dem freiwilligen und auf eine gemessene Zeit beschränkten Dienste des Adels, mit welchem Heinrich IV. seine Feldzüge hatte führen müssen, und von der zweifelhaften Ergebenheit ausländischer Söldner und ihrer Führer, auf welche Richelieu noch angewiesen war, entfernt. Der sonst mit all seinem Tun und Denken im Unterschied der Geburt befangene, von lokalen Oberhäuptern abhängige Adel unterwarf sich der Rangordnung des königlichen Dienstes. Die Regimenter hörten auf, die Farben ihrer Obersten zu tragen; die Abzeichen und die Tracht des Königs vereinigten die bewaffnete Macht zu einem gleichartigen Körper. Desertion ward als ein Kapitalverbrechen mit dem Tode bestraft; Tapferkeit und Treue zu belohnen genügte ein Zeichen der Gnade des Fürsten, hauptsächlich der militärische Orden, den Ludwig XIV. im Jahre 1693 eingerichtet hatte. Er selbst war erstaunt über seine Wirkung und trug Sorge sie zu stärken. Der König übernahm, die dienstunfähig Gewordenen zu versorgen. Diese großartige Einheit machte es erst möglich, dem militärischen Prinzip nach seinen inneren Notwendigkeiten gerecht zu werden. Wieviele für die Gesamtheit der Waffenübung zuträgliche Verbesserungen, wieviele für Disziplin und Führung unentbehrliche Dienstleistungen, welche den heutigen Armeen ihre Physiognomie geben, schreiben sich von Ludwig XIV. her. Die moderne Armee gelangte unter ihm zur Erscheinung. Auch die Marine ist unter ihm gestaltet worden; nach kurzer Abweichung ist die spätere Zeit auf die Einrichtungen zurückgekommen, die er gegründet hat. Die Administration empfing dadurch einen eigentümlichen Charakter, daß es für dieselbe eine Menge ererbter oder erkaufter, durch einen glänzenden Titel ausgezeichneter Ämter gab. Man hätte sie gern abgeschafft, zurückgekauft; da das nicht anging, so ließ man ihnen ihre Ehre, ihren Geldgewinn; vom Anteil an der Verwaltung aber waren sie ausgeschlossen. Die lokalen Autoritäten, Gouverneurs und Parlamentspräsidenten, Magistrate und Feudalherren bedeuteten nichts mehr neben den Intendanten , die in den Provinzen die oberste Gewalt in die Hände nahmen, und ihren Unterbeamten, den Kommissären, Inspekteurs, welche alles Wesentliche der Geschäfte besorgten. Mochten z. B. die Schatzmeister von Frankreich auch den Titel Voyers , Aufseher der Wege führen: die Sorge für die Straßen fiel den Ingenieurs zu, welche von den Intendanten eingesetzt wurden. Der Unterschied der beiden Klassen ist, daß die erste einen Rechtstitel hatte, der ihr eine gewisse Unabhängigkeit verlieh, die Beamten der zweiten jeden Augenblick abgesetzt werden konnten. Denn eine andre Rücksicht als Tauglichkeit zum Dienst und unbedingter Gehorsam sollte nicht mehr gelten. Es war das System Richelieus, gegen das man sich in der Fronde erhoben hatte, das aber siegreich geblieben und dann von Ludwig XIV. vollkommen durchgeführt war. An der Spitze dieser Hierarchie standen die Minister , deren nach unten hin unbedingten Gehorsam erzwingende, von dem Monarchen aber ebenso unbedingt abhängige Autorität in der langen Regierung Ludwigs XIV. erst Wurzel geschlagen hatte. Sie waren allmächtig, aber jeden Augenblick absetzbar. Die Vorkämpfer der Privilegien des Adels haben geklagt, die Unterordnung des Dienstes sei dazu erfunden worden, um das Vorrecht der Geburt herabzuwürdigen; sie können sich nicht darüber zufrieden geben, daß die Großen des Landes von der obersten Regierung ausgeschlossen, daß die vornehmsten Edelleute den Intendanten untergeordnet sind; sie sehen darin fast eine absichtliche Erniedrigung des Adels unter den dritten Stand. Das war nun aber einmal das Resultat der historischen Entwicklung. Die Teilnahme an der höchsten Gewalt war den Großen des Reichs in langem Kampfe abgerungen worden; wie hätte man darauf kommen sollen, sie ihnen zurückzugeben? Für Ludwig XIV. knüpfte sich an seine Verwaltungsweise noch ein besonderes Mittel, den Gehorsam zu befestigen. Unter allem, was um ihn her ein eigenes Recht besaß, genoß das Parlament das größte Ansehen in der Nation, jede Bewegung desselben hätte ihm gefährlich werden können. Wenn wir sehen, wie er es geflissentlich niederhielt, Über königliche Thronsitzungen, durch welche die Eintragung von Verordnungen in die Register des obersten Gerichtshofes in Paris erzwungen wurde; s. Französische Geschichte 3, 46, 187. so müssen wir doch hinzufügen, daß er es auch zu gewinnen wußte. Die großen Stellen des Staats wurden in der Regel parlamentarischen Männern zuteil; die hohe und beneidete Wirksamkeit, welche den vornehmsten Persönlichkeiten aus den großen Familien der Robe La robe , die Amtstracht der Parlamentsräte. zufiel, die vielfache Förderung, die auch den übrigen zugute kam, machte die Parlamente geneigt, sich der Regierung anzuschließen, wiewohl diese ihre besonderen Gerechtsame sonst zurückdrängte. Das Prinzip, von dem man ausging, war kein andres, als welches schon unter Ludwig dem Heiligen gegolten: die allgemeinen Interessen, deren Träger das Königtum ist, denjenigen gegenüber aufrechtzuerhalten, die durch ihren Stand darüber erhaben zu sein glaubten. Der Staat mußte eine ihm eigene lebendige Repräsentation haben. Aber unleugbar ist doch, daß es für den dritten Stand als solchen von Bedeutung war, wenn die Ausübung der höchsten Gewalt an Männer kam, die ihm angehörten und ihm zugerechnet wurden, ob sie schon Adelstitel trugen. Diese zentralisierte und durch ergebene Hände ausgeübte Autorität der allgemeinen Interessen, deren Einfluß man nicht leichthin verdammen darf, bemächtigte sich der Gemüter. Gar nicht auszusprechen ist, wie Ludwig XIV. durch Anwendung ansehnlicher Mittel auch in den späteren Jahren zur Förderung der Wissenschaften gewirkt hat. An die Gründung des Observatoriums Sternwarte für die von Colbert eingerichtete Akademie der Wissenschaften; Französische Geschichte 3, 275. knüpften sich die Fortschritte der Astronomie und Geographie, an die Einrichtung des botanischen Gartens die Entwicklung der Naturgeschichte, selbst der Physiologie. Die großen historischen Sammelwerke verdanken seiner Protektion ihren Ursprung und Fortgang. Verdienste, die weit über die Staatsverhältnisse hinausreichen und doch auch für diese nicht ohne Bedeutung sind, weil dadurch eine Anzahl ausgezeichneter Männer in nahen Zusammenhang mit der Regierung trat. Auch Gewerbe und Verkehr fühlten sich als ein Teil des Ganzen. Ein jeder wußte, daß, wenn die kommerzielle und industrielle Tätigkeit sich in den von dem höchsten Willen vorgeschriebenen Richtungen bewegen mußte, der leitende Gedanke dabei auf Erhöhung der materiellen Kräfte der Nation, Beförderung ihres Reichtums nach den noch allenthalben geltenden Begriffen gerichtet war. So diente das religiöse Interesse, welches der Krieg auf eine und die andre Weise darbot, dem Klerus zum Antrieb für die umfassenden Bewilligungen, welche seine Unterordnung unter die Krone zugleich an den Tag brachten und befestigten. In mancherlei Art kam der Klerus der königlichen Autorität zu Hilfe, selbst bei Eintreibung der Steuern. Die Beichtväter wurden erinnert, das Gewissen ihrer Pflegebefohlenen gegen die Defraudationen zu schärfen, über welche die Partisans und Antizipanten Steuerpächter, von Richelieu eingesetzt; 3, 43. klagten. Die Bischöfe versäumten nicht, ihre Verwandten, die dem König mit den Waffen dienten, aus den Überschüssen ihrer Pfründen zu unterstützen. Der Bauer fluchte, wenn er die Steuer zu zahlen hatte; mit dem Rest seines Geldes begab er sich dann ins Wirtshaus, um mit seinem Nachbar zu schwatzen. Den Gegenstand ihres Gesprächs bildeten die Kriegsereignisse; in Gedanken eroberten sie Festungen, gewannen Schlachten und nahmen teil an den kriegerischen Großtaten ihrer Landsleute; sie endigten damit, auf die Gesundheit des Königs und der nahmhaftesten Kriegsführer zu trinken. An Mißvergnügten konnte es nicht fehlen, aber es gab niemand, um den sie sich hätten sammeln können. Eine so enge Verflechtung aller Interessen bestand, daß an keine Absonderung eines einzelnen zu denken war. Wenn dennoch Gegensätze auftauchten, so entsprang das vor allem daher, daß die höchste Gewalt auch in der umfassenden Autorität, mit der sie ausgerüstet war, ihre Zwecke nicht erreichen konnte. Nachdem der König alles getan, um mit der Kirche in gutem Vernehmen zu stehen, war er doch zuletzt in eine kirchliche Streitigkeit geraten, Streit mit dem Erzbischof von Paris, veranlaßt durch die päpstliche Bulle von 1713: Französische Geschichte 4, 251 ff. 295 ff. aus welcher er keinen Ausgang finden konnte. Sobald hohe Geistliche den Mut faßten, seinem Willen zu widerstreben, hatte man auf geistlichem Gebiete kein legales Mittel, sie zur Unterwerfung zu nötigen. Das innigste Zusammenwirken des Papsttums mit dem Königtum wäre dazu nötig gewesen; aber es fand entweder an den Satzungen des Königreichs oder an den Maximen von Rom ein unüberwindliches Hindernis. Um seine Regierungsweise über die Dauer seines Lebens hinaus fortzupflanzen, griff der König zu Mitteln, deren Legalität sehr zweifelhafter Natur war. Edikt zugunsten seiner natürlichen Söhne; 4, 301. Man hat in dieser Epoche den Versuch gemacht, die Grenzen der absoluten Gewalt zu bestimmen. Die Protestanten, welche früher die gehorsamsten Untertanen gewesen, suchten nach einer Rechtfertigung ihres Widerstandes, wiewohl derselbe nur eigentlich in der Flucht hervorgetreten war, Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685; 3, 396. und fanden eine solche in der Lehre von der Souveränität des Volkes, Früher hatten die Jesuiten diese Lehre verkündet; s. Geschichte der Päpste 2, 123 ff. und Werke Bd. 24 S. 225 ff. die allerdings auf den König übergegangen sei, aber nicht ohne die Beschränkung, welche ihr von Natur einwohne. Später hat man jede Gewaltsamkeit mit der Idee der Volkssouveränität zu rechtfertigen gemeint; Jurieu dagegen lehrt, daß sie sehr bestimmte Grenzen, habe, vor allen Dingen kein Recht, die Gewissen zu zwingen, ein solches also auch nicht auf den König übertragen sein könne. Er unterschied absolute Gewalt, welche die ganze Summe der Souveränität in sich schließe, und schrankenlose Gewalt, die es überhaupt nicht geben könne. Sein Sinn war weniger auf ein Herbeiziehen der Volksmasse, als auf die Nachweisung der natürlichen Grenzen der absoluten Gewalt aus dem Begriffe der übertragenen Souveränität gerichtet. Es ist sehr erklärlich, daß diese Ansichten in dem damaligen Frankreich wenig Eingang fanden. Wie manche andre aber regten sich doch auch da, die mit dem Staate Ludwigs XIV. in nicht geringerem Widerspruch standen! Wir gedachten des geistvollen Priesters, Fénelon, Erzbischof von Cambrai, Erzieher des Herzogs von Burgund, des. Enkels von Ludwig XIV., der 1712 starb; Französische Geschichte 4, 72. der die kriegerische Monarchie, welche ihre Größe sich als vornehmsten Zweck setzte und gegen die Nachbarn um sich griff, überhaupt verwarf; ihm und seinen Anhängern stand die Idee des Menschengeschlechts höher als die der Nation, sie sahen in jenen Kriegen nichts besseres als Bürgerkriege, eine Ansicht, welche, ihrem Wesen nach religiös, eine unmittelbare Anwendung auf die kirchlichen Verhältnisse fand. Denn wenn die Nationalität in bezug auf Krieg und Politik keine unbedingte Geltung hatte, welchen Anspruch konnte sie auf eine solche im Gebiete der Kirche machen, die ihrer Natur nach alle Völker zu umfassen strebt. Andre wünschten im Gegenteil die Einheit der Autorität in der Einheit der Gesetzgebung darzustellen, wie denn einer der großen Juristen der Epoche, Domat, unter den Auspizien des Königs den Entwurf eines allgemeinen Gesetzbuchs verfaßte, welcher so vielen späteren Versuchen zum Vorbilde gedient hat. Die weitaussehendsten Vorschläge wurden durch die zutage liegenden und immer wachsenden Unordnungen und Mißbrauche hervorgerufen. Hier folgt bei Ranke Näheres darüber, wie man die Käuflichkeit vieler Ämter und Offizierstellen beseitigen und die Staatseinkünfte verbessern wollte. So oft der Vorschlag der Generalstände erscheint, hat er einen aristokratischen, fast antimonarchischen Charakter. St. Simon Verfasser wichtiger Denkwürdigkeiten über die Zeit 1692-1742; s. Französische Geschichte 5, 251 ff. hoffte von ihnen, daß sie das Reich und den Adel von der Herrschaft der Beamten und von der unbeschränkten Macht des Königtums, aus der er zuletzt alle Übel herleitet, befreien würden. Es ist nicht tatsächlicher Widerstand, was den Staat Ludwigs XIV. bedroht, sondern die Gedanken der Menschen reißen sich von ihm los. In jedem Zweige, der Armee, der Kirche, der Administration, dem Handel, überall stößt die Autorität des Fürsten auf die beginnende Regung freier Elemente. Kaum sollte man es glauben, aber es ist wahr: manche begrüßten die Unfälle Gemeint sind namentlich die Niederlagen im spanischen Erbfolgekrieg. als heilbringend, sie hätten fast eine noch entschiedenere Niederlage herbeigewünscht, damit das alte System vollkommen zugrunde gerichtet würde. Wie Fenelon mit der Salbung seines bischöflichen Stils es ausdrückt: »Was kann uns retten, wenn wir aus diesem Krieg ohne eine gänzliche Demütigung hervorgehen?« Das wahre Heil Frankreichs sah er in der Anwendung der Mittel, die er vorschrieb, einer gänzlichen Änderung der inneren Politik; ohne große Unglücksfälle aber schien ihm diese nicht möglich zu sein. Drei große politische Tendenzen, auf verschiedenen Gedankenreihen beruhend, erscheinen an dieser Stelle in der französischen Welt. Die eine ist die der Monarchie selbst, die doch die äußersten Unfälle noch vermieden hat und sich durch friedliche Reform auf ihrem bisherigen Wege vollkommen wiederherzustellen gedenkt; noch hält sie die Geister großenteils durch innre Herrschaft fest. Neben ihr erhebt sich das aristokratische Verlangen, sich des von ihr auferlegten Gehorsams wieder zu entledigen, zu der alten Autonomie zurückzukehren. Dem aber setzt sich wieder eine populäre Theorie entgegen, welche diesen Gehorsam noch sehr unzureichend findet und eine bei weitem strengere Einheit der Nation zu realisieren meint. Die Bestrebungen der späteren Zeiten gehen in mannigfaltigen und abweichenden Strahlen von dieser Epoche aus. Blüte der französischen Literatur unter Ludwig XIV. 3, 269-276. Oppositionelle Literatur des 18. Jahrhunderts 4, 402-409. 33. Karl I., König von England. Englische Geschichte II, III, Werke Bd. 15 S. 274 ff. Bd. 16 S. 116, 336 ff. Von den Nachkommen Maria Stuarts, zugleich Nachfolgern der Königin Elisabeth, auf welche die Verbindungen beider Königinnen vererbt waren, konnte man nichts anderes erwarten, als daß sie in die religiösen Konflikte des Kontinents nur wenig eingreifen würden. Sie suchten mit beiden Parteien in gutem Vernehmen und selbst in Verbindung zu stehen. Wohl waren sie durch die pfälzische Angelegenheit Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, Gemahl einer Tochter Jakobs I. von England, 1621 von Kaiser Ferdinand II. geächtet, ging 1622 nach England, schloß sich 1632 an Gustav Adolfs Kriegszug an, starb aber gegen Ende des Jahres in Mainz. in den großen Streit verflochten worden; Karl I. hatte sogar einmal eine Stellung an der Spitze der Protestanten eingenommen, Im Jahre 1625, mit Holland und Dänemark verbündet; s. Englische Geschichte 2, 182-184. aber er hatte dabei eine Niederlage erlitten; seine Verbindung mit den Protestanten war diesen selbst zum Verderben ausgeschlagen. Er überließ sie seitdem in der Hauptsache sich selbst und verfolgte nur seinen besonderen Zweck, die Herstellung seiner Neffen von der Pfalz. Karl Ludwig, Friedrichs V. ältester Sohn, wurde erst durch den westfälischen Frieden wieder eingesetzt; vgl. o. S. 181. Im Streite mit den beiden großen kontinentalen Mächten Frankreich und Spanien. hatte Jakob noch durchgeführt, was von Elisabeth angebahnt worden war; er hatte dazu beigetragen, die Republik der Niederlande von Spanien zu emanzipieren; das Übergewicht dieser Monarchie zu Lande und zur See war ihm selbst widerwärtig. Aber weiter wollte er nicht gehen. Ganz gegen seinen Wunsch und Willen ward er am Ende seiner Tage in Hader mit derselben verwickelt. Wie in dem religiösen Streite, so wollten die Stuarts auch in dem politischen zwischen Spanien und Frankreich nicht eigentlich Partei ergreifen. Von dieser Grundtendenz ihrer Politik wichen sie zuweilen ab, kamen aber immer wieder darauf zurück. Genug, an diesen beiden großen Fragen, welche über die Zukunft der Welt entschieden, nahm König Karl, seitdem es mit seinem Eingreifen einmal mißlungen war, keinen nachdrücklichen selbständigen Anteil mehr. Wir sahen, wohin es ihn führte, daß er der Verbündete zugleich von Schweden wie von Spanien sein wollte. Ein bestimmtes Ziel hatte er dagegen in den inneren Angelegenheiten ins Auge gefaßt. Hier hatte seine Tendenz, wie sehr es auch eigens auf englischem Grund und Boden entsprungene Streitfragen waren, eine Analogie mit der auf dem Kontinent vorwaltenden: wie die großen katholischen Fürsten, so suchte auch er die ständische Mitwirkung in den politischen Angelegenheiten zurückzudrängen und die königliche Gewalt mit den Attributen der geistlichen zu verstärken. Nicht als hätte sich Karl I. dem Papsttum wieder zu unterwerfen gedacht; wir wissen, wie fern seine Seele davon war; nicht einmal über die Formel, in der die Katholiken ihren Gehorsam versprechen sollten, konnte er sich mit dem Papst verständigen. Es war nicht, wie bei den andern Mächten, die katholische Idee, durch welche die englische Krone verstärkt werden konnte; man stützte sich vielmehr auf die dem Papsttum abgerungene Autorität. Das königliche Supremat über die Kirche sollte durch die engste Verbindung mit den protestantischen Bischöfen zu einem die drei Reiche umspannenden Mittel der höchsten Gewalt gemacht werden. Das Bistum war in seinem Besitz und seiner Würde befestigt und durch gemeinschaftlichen Gegensatz gegen seine Widersacher, die den Stuarts von Schottland her verhaßt war, mit der Krone verbunden, deren Sache es als seine eigene verteidigte. Da die Krone Schonung der Katholiken, Unterdrückung der Puritaner in ihrem Interesse fand, so geschah das sonderbare, daß die durch die Reformation gebildete kirchliche Gewalt den Anhängern des alten Glaubens günstiger war als den eifrigen Verfechtern des neuen. Ebendas entsprach der Lage, in welcher die Stuarts ihre Krone empfangen hatten. Sie wollten Protestanten sein, aber die Feindseligkeit der Katholiken vermeiden und den Puritanismus womöglich vernichten. Ihr Verhältnis zur bischöflichen Kirche war im großen und ganzen dasselbe, welches Elisabeth begründet hatte; es unterschied sich dadurch, daß die Königin die Katholiken mit entschiedener Feindschaft verfolgt, die Presbyterianer als in diesem Streit unentbehrlich geduldet hatte, die Stuarts aber die Presbyterianer haßten, den Katholiken Duldung zu gewähren suchten. Und da der Grund der Vereinigung von Schottland mit England und des besseren Gehorsams von Irland in dem Erbrecht der Stuarts lag, welches von beiden Religionsparteien anerkannt wurde, so konnten ihnen die Parlamente in dem Lichte provinzieller Unterordnung erscheinen, denen auf die Regierung der Gesamtmonarchie doch nur ein beschränkter Einfluß zustehe. Die dem Königtum entweder durch seinen Begriff oder durch den Gebrauch der Vorfahren zustehenden Rechte ohne Rücksicht auf dieselben durchzuführen, hielten sie sich für vollkommen befugt. Sie sahen in den Parlamenten Ratsversammlungen , die man nach Belieben befragen könne oder auch nicht, deren Pflicht es sei die Krone zu unterstützen, ohne das Recht ihr etwas vorzuschreiben oder in ihren Bewegungen hinderlich zu werden. Das ganze System entsprang aus den Anschauungen, Erfahrungen und Absichten Jakobs I.; sie waren mit ihm auf den englischen Thron gekommen. Wie aber ein hochfliegender Theoretiker, so war dieser Fürst doch auch ein gewandter Praktiker. Dies ist jedoch kein unbedingtes Lob; über Jakobs I. widerspruchsvolles, kleinliches Wesen s. Englische Geschichte 2, 108. Unaufhörliche Bewegung zwischen entgegengesetzten Parteien war ihm zur Natur geworden. Er vermied es, die Gegner, die er bekämpfte, zum Äußersten zu bringen; nie trieb er die Sache auf die Spitze. Er verlor sein Ziel keinen Augenblick aus den Augen, aber er suchte seine Absicht auch auf Umwegen zu erreichen, vermittelst geschickter beugsamer Organe; wer ihm nicht diente, den ließ er ohne Skrupel fallen. Karl I. legte Wert darauf, dieses Schwanken zu vermeiden; er liebte Diener von entschiedener Farbe und Richtung und betrachtete es als Ehrensache, sie allem Andringen gegenüber zu behaupten. An den Maximen und Theorien, die er von seinem Vater aufgenommen hatte und als etwas Überkommenes betrachtete, hielt er ohne Wanken fest; er ging immer geradezu auf das zunächst vorgesteckte Ziel los. Karl I. galt in der Welt, die ihn umgab, noch immer als ein Mann ohne Fehler, der keine Ausschweifungen begehe, keine Laster habe, Bildung und Kenntnisse die Fülle besitze, ohne damit prunken zu wollen, zwar nicht ohne eine angeborne Strenge, die er aber durch menschliche Gefühle mäßige: wie er denn schwer dahin zu bringen war, ein Todesurteil zu unterschreiben; seit dem Tode Buckinghams wähle er seine Minister nach Fähigkeit und Verdienst, nicht mehr nach Gunst; auch seine Gemahlin übe keinen politischen Einfluß auf ihn aus. Aber der ruhige, kunstbeflissene, religiöse Fürst hatte nun doch auch nicht die Gewandtheit, welche die Staatsverwaltung des Vaters kennzeichnete. Jakob war eigentlich nie zu beleidigen, er nahm alles hin was er nicht ändern konnte; Karl I. hatte ein sehr lebendiges und reizbares Gefühl von persönlicher Ehre, er war leicht verletzt und suchte sich zu rächen. Dann aber ging er wohl auf Unternehmungen ein, deren Tragweite er nicht übersah. Es fehlte ihm überhaupt an dem Gefühl der Dinge, welches das Ausführbare von dem, was es nicht ist, unterscheidet. Die Feindseligkeiten, in die er geriet, verfolgte er so eifrig und so lange wie möglich, dann stand er plötzlich davon ab. Man verglich ihn mit einem Geizigen, welcher jeden Pfennig umdreht, ehe er ihn ausgibt, aber dann plötzlich einmal eine große Summe wegwirft. Wenn aber Karl I. nachgab, so tat er es doch nie unbedingt. Der Mann der Zuverlässigkeit gewann es über sich, den Versprechungen, die er öffentlich machte, einen geheimen Vorbehalt entgegenzusetzen, der ihn derselben wieder entband. Für ihn war nichts verführerischer als das Geheimnis. Der Widerspruch seines Verfahrens verwickelte ihn in Verlegenheiten, in denen seine Erklärungen subjektiv noch immer wahr, doch nur eine Linie breit von Unwahrheit und selbst Unwahrhaftigkeit entfernt sind. Seine Staatsverwaltung an sich hatte einen zweideutigen Charakter, indem er die Gesetze von England aufrechthalten zu wollen erklärte und dann doch Dinge verfügte, die auf obsoleten Gerechtsamen beruhend dem, was alle Welt für gesetzlich hielt, entgegenliefen in dem er beteuerte, die parlamentarische Verfassung nicht antasten zu wollen, und dann doch alles tat, um der Berufung eines Parlaments auf lange Zeiten hinaus überhoben zu sein. Bei aller Schonung menschlichen Blutes, die er sich vorgesetzt hatte, ließ er doch an den Gegnern seines Systems die härtesten Strafen vollziehen, welche selbst das Leben gefährdeten. Denn alle andern Rücksichten überwog sein politischer Zweck; er wollte kein Mittel versäumen, um ihn zu erreichen. Das System Karls I. aber war, die königliche Prärogative zur Grundlage der Regierung zu machen. Er hatte dazu keine militärische Macht zu verwenden, wie diese damals in Frankreich dazu diente, die höchste Gewalt aufrechtzuhalten; den Fremden fiel es auf, wie so ganz der König in den Händen seines Volkes sei; kaum gebe es einige feste Plätze, wohin er sich im Notfall retten könne; alles beruhe auf den Gesetzen und ihrer Auslegung. Eben darum war es ein so großes Ereignis, daß einige Häupter des Richterstandes , und zwar gerade solche, die früher der parlamentarischen Partei angehört hatten, sei es aus veränderter Überzeugung und sachwalterischer Parteinahme, da sich in den Gesetzen vieles fand was sich dafür sagen ließ, oder aus servilem Ehrgeiz, um zu den höchsten Stellen zu gelangen, die Sache der Prärogative verfochten. Mit ähnlichem Eifer wie in Frankreich ergriffen manche auch in England die Idee von der Souveränität der Krone, die allem Parlament vorausgegangen und in den Gesetzen anerkannt sei; aus der Pflicht, das Reich zu verteidigen und zu regieren, leiteten sie das Recht des Königs ab, von den Untertanen die Mittel zur Erfüllung derselben zu fordern. Alle entgegenstehenden Bestimmungen der Magna Charta , oder der Gesetze Eduards I. oder die Lehren der Rechtsbücher wie sie denn in der Tat vieles unbestimmte, von den Zeitumständen abhängige enthalten, verschwanden ihnen dagegen. Besaß man aber dergestalt einen Anhalt, der als legal angesehen werden konnte, so war in dem Lord Deputy von Irland Thomas Wentworth, 1640 zum Earl of Strafford ernannt, 1641 hingerichtet. auch schon ein Mann der Administration gefunden, der den Willen und die Fähigkeit hatte, die Regierung durch Prärogative zu voller Erscheinung zu bringen. Und in der Kirche waltete der Erzbischof von Canterbury, William Laud, 1628 Bischof von London, 1633 Erzbischof von Canterbury, im Dezember 1640 gefangen gesetzt, 1645 hingerichtet. der nie einen Augenblick geschwankt hatte, in einem der geistlichen Prärogative, dem Supremat, vollkommen entsprechenden Sinne. Er schien nach einem britannischen Patriarchat zu trachten oder es eigentlich dem Wesen nach zu besitzen, dem ähnlich, wie es einst in Konstantinopel den griechischen Kaisern ihre Absichten fördernd zur Seite gestanden hatte. Wiewohl im Verfahren und in der Grundlage abweichend, trafen diese Bestrebungen doch im allgemeinen mit dem zusammen, was in andern großen Monarchien durch ehrgeizige Minister, abhängige Gerichte und ergebene Bischöfe im Namen des Fürsten ausgeführt wurde. Wo war in England die Macht, die dem hätte widerstehen können? Um sich den dumpfen und an dem Mutterlande verzweifelnden Widerwillen zu vergegenwärtigen, der darüber um sich griff, muß man sich erinnern, daß die Gründung von Neu-England durch Auswanderung daher entsprungen ist. Schon früher war eine Schar von flüchtigen Gläubigen, die sich Pilgrime nannten und eigentlich eine Zuflucht in Virginien suchten, weiter nach Norden getrieben worden, wo sie New-Plymouth gründeten; nach zehn Jahren ihres Bestehens zählte die Kolonie nicht mehr als dreihundert Mitglieder, und es fehlte ihr an gesetzlicher Anerkennung. Nun aber ward der zunehmende kirchliche Druck für eine Anzahl von Familien von einem gewissen Besitz und Rang in Suffolk, Rutland, Lincoln, Northampton zum Antrieb, sich ebendahin zu wenden. Da es zu ihrer Sicherheit gehörte, daß sie nicht als rechtlose Flüchtlinge hinübergingen, so verschafften sie sich eine in den Formen des englischen Rechts abgefaßte Übertragung von Massachusettsbai und den angrenzenden Gebieten. Aber auch diese genügte ihnen noch nicht, denn nicht auf die Weise andrer Kolonien, von England aus, wollten sie regiert sein; zur Übersiedlung entschlossen sie sich erst dann, als man ihnen aus der Urkunde auch das Recht nachwies, die Regierung der Kolonie auf den andern Kontinent zu verpflanzen. John Winthrop, wenn nicht an Reichtum, worin ihm einige andre vorangingen, aber durch Herkunft und Lebensstellung der vornehmste von den Unternehmern, ward der erste Governor der Gesellschaft und der Kolonie. Im Jahre 1630 gingen sie in siebzehn Schiffen aus verschiedenen Häfen nach Amerika über, etwa 1500 an Zahl. Jahr für Jahr folgten ihnen andre Züge nach. Denn immer stärker wurde diesseits die Bevorzugung der episkopalen Kirche; dort fand der Presbyterianismus in der strengen Form, in der man ihn verwirklichte, freien Boden. Im Jahre 1638 wurden die Kolonisten auf 50 000 angeschlagen; eine Menge von Ansiedlungen hatten sie da bereits ausgeführt. Und auch schon als eine politische Zuflucht erschien diese Kolonie. Zwar muß als unbegründet verworfen werden, was man so oft erzählt und wiedererzählt hat, Hampden und Pym seien durch die Regierung selbst gehindert worden, nach Amerika zu gehen; aber wahr ist, daß sie den Gedanken gehabt haben. Ihre Namen finden sich unter denen, welchen der Earl von Warwick einen großen Küstenstrich, den er erworben hatte, zur Ansiedlung anwies. Das Verzeichnis dieser Namen ist auch sonst merkwürdig; wir finden in demselben Lord Brook, Lord Say und Scale, welche, wie der Earl von Warwick selbst, zu den Mitgliedern der Aristokratie gehörten, die den Absichten Karls I. und seiner Minister am entschiedensten entgegentraten. Sie galten als Gegner Westons Dieser zog als Schatzmeister 1629 das Tonnen- und Pfundgeld ein, obgleich es vom Parlament nicht bewilligt war; Englische Geschichte 2, 213, 215. 246 f. und der Spanier, als Freunde Hollands und selbst Frankreichs. Was sie noch besonders vereinigte, war das presbyterianische Interesse, in welchem die Kolonie lebte und webte. Warwick, einer der größten Besitzer von England und in Amerika, war einer der vornehmsten Patrone der Kolonie; seiner Mutter Name glänzt unter denen der Wohltäter der neuen Pflanzung. Warwick wurde 1642 vom Parlament zum Admiral gewählt und vertrat die Sache der Presbyterianer gegen den König; seine Mutter war eine Tochter des unter Königin Elisabeth angesehenen Grafen Essex; 3, 146. Überhaupt aber standen die Lords keineswegs auf der Seite des Königs; hatte man doch ihre Einwirkungen schon bei dem Ankämpfen des Unterhauses gegen die aufsteigende Macht Buckinghams wahrgenommen. Wenn der König kein Parlament mehr berief, so verloren sie dadurch den vornehmsten Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten, den sie besaßen. Die englische Aristokratie teilte nicht die feurigen Antriebe der französischen; Erhebung des Connetable von Montmorency und des Herzogs von Orleans 1632 gegen Richelieu; Französische Geschichte, 2, 311 ff. da sie sich nicht sofort empörte, so zog sie auch nicht die Züchtigungen des Ungehorsams durch die unnahbare Staatsgewalt über sich herein, welche diese erfuhr. Montmorency hingerichtet; Gaston von Orleans begab sich in spanischen Schutz nach Brüssel 2, 318. 341. 344. Sie erwartete eine gelegene Zeit, um hervorzutreten. Wie der hohe Adel, und noch mehr als dieser, fühlte sich die landbesitzende Gentry durch die Erneuerung abgekommener Gesetze und vergessener Rechtsansprüche bedroht und gefährdet. Die Ausdehnung der Forstgesetze geschah ohne ihre Zuziehung, durch Jurys von Förstern, Waldmeistern und andern bei dem Vorteil, der aus ihr zu erwarten war, beteiligten Personen, und deren Wahrspruch ward dann durch Richter bestätigt, welche die Voraussetzung der Parteilichkeit gegen sich hatten. Andre Kreise wurden durch die ehrenrührigen Strafen, welche die geistlichen Gerichtshöfe über Männer von einem gewissen Range verhängten, widerlich berührt. An Prynnes Eifriger Puritaner; Englische Geschichte 2, 262. Angriffen auf das Schauspiel mochten die wenigsten Gefallen finden; daß man ihm aber für einige Worte, welche sich auf die Königin bezogen, die Ohren abschnitt, erschien als eine Beleidigung seines Universitätsgrades und des Rockes der Barrister, den er trug. Und wie tief wurde das Gemeingefühl gebeugt, als der Spruch der Richter zugunsten des Hofes über das Schiffsgeld Prozeß des John Hampden 2, 251 f. erfolgte! Man sah die Menschen mit melancholischem Gesicht schweigend aneinander vorübergehen. Auch die, welche dem König eine neue Einnahme gönnten und sie für notwendig hielten, erschraken doch, daß sie ihm ohne Bewilligung des Parlaments gewährt werden konnte. Der mindestens zweifelhaften Gesetzlichkeit gesellte sich die Besorgnis hinzu, daß die unzuverlässigen, moralisch verwerflichen, habgierigen Menschen, welche die Ansprüche der Krone verfochten, Meister der Regierung werden würden, ohne das ein Parlament erwartet werden könne, um ihnen Furcht und Rücksicht einzuflößen. So aber war es nun einmal; niemand hatte eine Stellung, sich dagegen zu erheben; selbst jede freie Meinungsäußerung war mit der äußersten Gefahr verknüpft. Die kirchliche und richterliche Autorität, auf ihrer Auslegung der Gesetze fußend, beherrschte England; dieses System dehnte sich durch die Freunde und Anhänger Lauds über Schottland aus; in Irland hielt ein entschiedener Wille die Zügel auf das strengste angezogen. Es schien doch in der Tat, als ob die Vereinigung der monarchischen und der kirchlichen Gewalt, welche in der übrigen romanisch-germanischen Welt vorwaltete, auch England in Besitz nehmen und hierdurch vollends allgewaltig werden würde. Und nicht ohne Zusammenhang mit diesen Tendenzen im Innern war die äußere Politik. Die großen Anglikaner und Verfechter der Prärogative zeigten wenig Eifer für die Sache des europäischen Protestantismus; Schwankende Haltung der Politik Englands im dreißigjährigen Kriege: Englische Geschichte 2, 231 ff.; Schotten in schwedischem Dienste 2, 333 f.; Verhandlungen Karls I. mit Spanien 2, 357 ff. dagegen sahen die Anhänger des Parlaments und die Nonkonformisten in dieser Sache gleichsam ihre eigene. Gegensätze der Ansichten, die selbst den Hof erreichten, vornehmlich aber die Nation in Gärung brachten und es hauptsächlich veranlaßten, daß die Bestrebungen des Königs auf einen Widerstand stießen, der sich nach und nach unüberwindlich erwies. Der große Kampf begann in Schottland. Karl I. war von Natur nicht geeignet, diesen Kampf mit Glück zu bestehen. Er war seines mit Kabalen erfüllten Hofes und Staates, auf den sogar fremde Mächte einwirkten, nicht vollkommen mächtig. Indem er nur von den mit ihm Einverstandenen Rat nahm, konnte er doch nicht vermeiden, daß diese dabei nicht ihre besonderen Interessen ins Auge gefaßt hätten, worüber die andern mit erbitterter Hartnäckigkeit die Gegenpartei ergriffen. Er selbst war nur immer mit seinen eigenen Intentionen beschäftigt; die Absichten, Kräfte und wahrscheinlichen Schritte seiner Gegner zu ermessen, fehlte es ihm an Scharfsinn; mit der größten Zuversicht sehen wir ihn das Verderblichste unternehmen. Damit war in ihm eine falsche Klugheit verbunden; um eines größeren Endzwecks willen verstand er sich zu Dingen, die er in sich selbst mißbilligte. Indem dann doch seine Grundansichten wieder zum Vorschein kamen, jenseit dessen was er jeden Augenblick tat und zuließ, erschien er in sich selbst unwahr und unzuverlässig; man hielt es für gerechtfertigt, sich gegen die Rückkehr der alten Absichten mit allen Mitteln sicherzustellen. Seine Widersacher dagegen waren konsequent, wachsam und mißtrauisch. Dem an sich nicht schwachen, nur schwach repräsentierten, aber immer gefürchteten Gedanken der einheitlichen Gewalt setzten sie die landschaftlichen und ständischen Autonomien entgegen, die, da sie von den Gefühlen und Ideen individueller Freiheit durchdrungen waren, eine unüberwindliche Macht entfalteten. So konnte es geschehen, daß das eine von den britannischen Reichen zu einer Selbständigkeit gelangte, welche der Krone allen wesentlichen Einfluß entriß, das andre in blutigem, mit gräßlichen Untaten beflecktem Aufruhr für die katholische Bevölkerung dieselbe Unabhängigkeit zu erkämpfen suchte, die dort der protestantischen zuteil geworden, während in dem dritten und größten eine Autorität zur Geltung kam, welche die königliche zu absorbieren trachtete. Manchem wird es im Licht unserer Zeit kaum erlaubt scheinen auf die Frage zurückzukommen, inwiefern dem Worte, das Karl I. in den großen Augenblicken, die zwischen Jenseits und Diesseits liegen, wiederholt aussprach, »er sterbe als Märtyrer «, doch wirklich eine Wahrheit zukommt. Gewiß nicht in dem Sinne, in welchem man es gefaßt hat, als sei er eben nur ein Dulder gewesen, der für die erkannte Wahrheit gelebt und geblutet habe. Er war vielmehr ein Fürst, der sich für die Rechte seiner Macht, die er so persönlich faßte wie irgendein andrer, indem er sie bald zu erweitern, bald nur zu verteidigen suchte, mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, offenen und geheimen, im Rat und Feld, im Wortgefecht und mit blanken Waffen, sein Leben lang geschlagen hat und dabei erlegen ist. Vergegenwärtigen wir uns noch das Charakteristische der verschiedenen Epochen seiner Regierung. Denn das Wesen eines Menschen erscheint nicht auf einmal; erst in den verschiedenen Phasen des Lebens entwickelt sich das Selbst und treten die Eigenschaften hervor, die seine Natur ausmachen. In den ersten Stadien seines öffentlichen Lebens erscheint Karl I., wie die meisten eintretenden Fürsten, von einem gewissen Wunsche populär zu sein durchdrungen. Von persönlicher Antipathie gegen Spanien ergriffen durchbricht er das System der innern und äußern Politik seines Vaters, das freilich manchem Tadel Raum gab, aber allseitig erwogen war, noch bei dessen Lebzeiten; nachdem er den Thron bestiegen hat, will er auf dem eingeschlagenen Wege fortgehen; dann aber empfindet er die Macht der Weltkräfte, die er zu bekämpfen unternimmt, und die Unzuverlässigkeit der Elemente, auf die er sich stützen will. In den auswärtigen Geschäften, namentlich den deutschen, vermehrt er nur das Unheil und die Verwirrungen; wir finden ihn mit den beiden großen Mächten, zwischen denen sein Vater hindurchzukommen suchte, auf einmal in Krieg; auch er bequemt sich endlich zu einer neutralen Stellung, indem er den Frieden mit denselben herstellt. Im Innern reifen die populären Grundsätze, die er wenigstens zum Teil anerkannt hat und dann doch nicht zur Geltung gelangen lassen will, zum vollen Bewußtsein ihrer Macht; er kommt in den Fall, den Zugeständnissen, die er ihnen öffentlich nicht verweigern kann, mit geheimer Protestation zu begegnen. In alledem erscheint er nicht einmal selbständig, mehr unternehmend und beweglich als von nachhaltiger Tatkraft; vor sich selbst gerechtfertigt, nicht vor der Welt, welche vor allem Festigkeit und Erfolge begehrt. Es folgt die Epoche der Ruhe im Innern und des äußern Friedens. Der König wendet seine Tätigkeit kommerziellen Bestrebungen zu, seinen Geist beschäftigt er mit Literatur und mit Kunst Pflege des Theaters, Rubens und van Dyk an seinem Hofe, Sammlung antiker Bildwerke und italienischer Gemälde; Englische Geschichte, 2, 268-270. Er findet darin eine unendliche Befriedigung. Von allem, was den Menschen vergnügen kann, erschien ihm eine geistvolle Konversation als der vornehmste Genuß. Seine Gemahlin Henriette, Tochter Heinrichs IV. von Frankreich. verschafft ihm denselben durch sich selbst und ihre Umgebung, dadurch zuerst wird sie ihm wert. Zugleich kam er darauf zurück, das System seines Vaters auszubilden, die drei Reiche der kirchlichen Uniformität zu unterwerfen, die königliche Prärogative so weit festzustellen, daß kein Anwogen parlamentarischer Ansprüche sie erschüttern könne. Er erscheint würdig, ruhig, gebildet, aber auch zu gewaltsamen Repressionen, systematischem Drucke geneigt. Da brach der Sturm einer universalen Bewegung des Ungehorsams und des Widerstandes über ihn herein. Nach einigen heftigen Anstrengungen, welche mißlangen, im Angesicht eines allgemeinen Abfalls wurde der König zugleich von dem Gefühl übernommen, daß er zu weit gegangen sei. Auf ein strenges Festhalten, welches unerschütterlich erschien, folgt eine Nachgiebigkeit bis zur Beschämung. Die Männer werden aufgegeben, welche den königlichen Gedanken am kräftigsten repräsentiert haben; ihren Gegnern werden nicht mehr zurücknehmende Zugeständnisse bewilligt, denn alles scheint nur auf eine Befriedigung ihrer Ansprüche anzukommen, um ein Gleichgewicht zwischen Prärogative und parlamentarischem Recht herzustellen: bis er zuletzt inne wird, daß das unmöglich ist. Die große Strömung der europäischen Dinge, welche eine Wendung zugunsten der rein protestantischen Idee genommen hat, kommt seinen Gegnern zustatten. Indem Karl I. sich zum Widerstande gegen sie anschickt, ruft er erst die volle Entwicklung der feindseligen Kräfte auf; er sieht sich in die Notwendigkeit versetzt, ihnen seine Hauptstadt preiszugeben. Es ist für ihn die Epoche mannigfaltiger Irrungen, falscher und trügerischer Politik, innerer Agonien. áãùíéá ágonía, Anstrengung, Ringen; vgl. Demosth., Vom Kranze 33. Sowie nun aber die unveräußerlichen Rechte der Krone und nicht allein die politische Einwirkung, sondern der Bestand und der Besitz der bischöflichen Kirche angetastet sind, erheben sich in dem König die eingebornen Antipathien gegen die Anmutungen, die ihm gemacht werden, in aller ihrer Stärke. Von den zufälligen und wechselvollen Einflüssen der Hauptstadt frei, in dem Lufthauch entfernter Grafschaften, wo die alten Begriffe vom Königtum noch Leben haben, unter dem Einfluß seiner beleidigten, geflüchteten, aber aus der Ferne wirksamen Gemahlin entschließt er sich zu den Waffen zu greifen. Dann erscheint er mutvoll, kriegerisch, selbst nicht ohne strategisches Talent; er hat Erfolge, die ihn noch eine Wiederherstellung seiner Autorität hoffen lassen. Aber die Gegner sammeln nicht allein fremde Streitkräfte um sich, sondern in ihrer Mitte entwickelt sich eine noch weit über die ursprünglichen Tendenzen hinausgehende fanatische zugleich und militärische Partei. Der König trägt kein Bedenken, gegen die einen und die andern mit einem Eifer vorzugehen, der seine Kräfte übersteigt. Auf seine Weisung ist die Schlacht von Morstonmoor unternommen worden; er selbst hat entschieden, daß man bei Naseby den Angriff der Feinde nicht erwarten, sondern auf sie anrücken müsse. So unterlag er im Felde; in der Niederlage lösten seine Anhänger sich von selber auf. Jakob I. hatte von den Streitkräften seiner Gegner Zeit seines Lebens wahrscheinlich einen zu starken, Karl I. gewiß einen zu geringen Begriff, sowohl anfangs, als er den Kampf mit Spanien provozierte, als in der Zeit, wo er den Schotten seine kirchlichen Gesetze auflegen wollte. Unternehmungen, aus denen alle seine Verwicklungen entsprungen sind. Er kannte weder die Tiefe der berechtigten parlamentarischen Antriebe noch die Tragweite der einmal aufgeregten Gegensätze; er nährte die glänzendsten Hoffnungen, als er seinem Ruin am nächsten war. Denn er traute vor allem auf die innere Macht der Rechte und Ideen, die er verfocht. Wenig bedachtsam in seinen Unternehmungen war er doch in der Tiefe von gediegenem Geiste; nicht selten unentschlossen und unzuverlässig – wir wissen, wie er es liebte, zwei Sehnen an seinem Bogen zu haben –, verlor er doch nie die hohe Bedeutung seiner Sache aus dem Auge. Er neigte sich von Natur zu Konzessionen, aber weder die Drohungen der Gegner noch die Bitten der Vertrautesten konnten ihn dahin bringen, eine politisch-religiöse Linie zu überschreiten, die er mit Scharfsinn und Gewissenhaftigkeit wahrnahm. Die Grundüberzeugungen, auf denen die Verbindung der Krone mit der organisierten Kirche ruht, hielt er unerschütterlich fest. Im Unglück erscheint er nicht ohne moralische Größe. Es wäre ihm leicht geworden, sein Leben zu retten, hätte er den Schotten die ausschließende Herrschaft des Presbyterianismus in England oder den Independenten die faktische Unabhängigkeit der Armee, wie sie dieselbe begehrten, zugestehen wollen. Daß er das nicht tat, ist sein Verdienst um England. Hätte er sein Wort dazu gegeben, die bischöfliche Verfassung der Kirche aufzulösen und ihre Güter auf immer zu verkaufen, so läßt sich nicht absehen, wie sie jemals hätte wiederhergestellt werden können. Hätte er eine Ausstattung der Armee, wie sie in den vier Artikeln gefordert wurde, bewilligt, so würde die Selbstregierung der Korporationen und der Gemeinden, die spätere parlamentarische Regierung selbst unmöglich geworden sein. Insofern kann der Widerstand, den er leistete, nicht hoch genug angeschlagen werden. Der Umsturz der Verfassung, welchen die Independenten ganz offenbar unternahmen, brachte ihm vielleicht noch immer nicht deren letzte Intention, die Errichtung einer Republik, aber doch seine eigene Stellung ihnen gegenüber zum vollen Bewußtsein. Insofern ist allerdings etwas von einem Märtyrer in ihm, wenn ein solcher so genannt werden kann, der sein persönliches Dasein geringer anschlägt als die Sache, die er verficht und, indem er untergeht, diese für die Zukunft rettet. Karls I. Verurteilung und Hinrichtung 3, 330-336. 34. Oliver Cromwell. Englische Geschichte IV, Werke Bd. 17 S. 99-110. 202-204. Oliver Cromwell war nicht ohne Studien; er hat sich eine Zeitlang in einem College im Cambridge aufgehalten. Besonderen Einfluß haben sie nicht auf ihn ausgeübt. Durch den Tod seines Vaters fast allzufrüh selbständig geworden, hatte er eine Epoche, wo er sich den Zerstreuungen einer vergnügungssüchtigen, tobenden und verschwenderischen Jugend hingab. Die erste ernste Einwirkung, die wir an ihm wahrnehmen, rührte von den Lehren des strengen Puritanismus her, der damals von einem jener Lecturer, welche man allerorten der herrschenden Kirche entgegensetzte, namens Beard, in Huntingdon Cromwells Geburtsort, an der Ouse unweit Bedford. gepredigt wurde. Wir finden ihn dann in den gewaltsamen Agitationen des Gemüts, welche den Übergang von weltlicher Verwilderung zu religiöser Vertiefung und Umkehr bezeichnen. Nur in den separatistischen Kongregationen, dem vollkommensten Ausdruck der gläubigen Gemeinschaft, fand er Befriedigung. Mit dieser Gesinnung verband sich in ihm wie in so vielen andern politische Opposition gegen die Regierungsweise Karls I. Bei Cromwell erscheint sie zunächst in lokalen Angelegenheiten. Unter anderm widersetzte er sich der Absicht der Regierung, die Stadtverfassung von Huntingdon zu verändern. Allenthalben auf größere Stabilität Bedacht nehmend wollte dieselbe statt der jährlichen Wahlen zum Gemeinderat Wahlen auf Lebenslang einführen; Cromwell stand an der Spitze derer, welche die liberalere Form jährlicher Wahlen behaupteten; er verfuhr dabei mit so ungewohnter Rücksichtslosigkeit, daß man ihn deshalb zur Verantwortung gezogen hat. Bei dem Geschäft der Austrocknung der benachbarten Marschen verfocht er mit gleichem Eifer das Recht der Stadt, welches man dabei für verletzt hielt. Große Erfolge ließen sich davon nicht erwarten, noch ward er selbst davon befriedigt; er gehörte zu denen, welche daran dachten, ihre Idee von bürgerlicher und religiöser Freiheit jenseit des Weltmeeres zu verwirklichen, als die Dinge in England eine Wendung nahmen, von der sich ein Umschlag auch im Mutterlande erwarten ließ. Bei dem Ansehen, in welchem seine Familie stand, und seiner persönlichen Haltung konnte es ihm nicht fehlen, bei den Wahlen im Herbst 1640 durchzudringen. Soviel man weiß, hatte er noch die besondere Empfehlung seines Vetters John Hampden für sich; er trat als Mitglied für Cambridge ein. Wäre es in dem Parlament auf regelmäßige Debatten gekommen, so würde Cromwell, der schon in den ersten Jahren Karls I. Parlamentsmitglied gewesen war ohne bemerkt zu werden, auch in diesem keine Rolle gespielt haben. Er fiel durch seine Erscheinung – vernachlässigte Kleidung, entflammte Gesichtsfarbe, landmannähnliche Haltung – fast als Sonderling auf. Mit schneidender Stimme brachte er Bemerkungen vor, durch welche die bestehende Verfassung des Staates verletzt wurde, und bei denen man einmal den Antrag machte, ihn an die Barre des Hauses zu verweisen, um sich zu entschuldigen. Eben darin aber, daß endlich durchgreifende Veränderungen erreichbar schienen, lag für Cromwell der Beweggrund seines lebendigen Anteils an den parlamentarischen Verhandlungen. Zu den leitenden Männern der Versammlung gehörte er nicht; in der Debatte konnte er nicht glänzen, dazu fehlte es ihm an momentaner Beweglichkeit des Geistes und einer auf eine größere Anzahl Menschen von mannigfaltigen Stimmungen wirksamen Redegabe. Wie sehr aber irrt man, wenn man meint, er sei damals ohne Bedeutung und Einfluß geblieben! Wir kennen die Forderungen des Parlaments, durch welche in der zweiten Hälfte des Jahres 1641 eine Aussöhnung mit dem König unmöglich wurde. Cromwell hat den größten Anteil an der Aufstellung derselben. Von ihm und Haslerigh ist die Bill ausgegangen, welche Aufhebung des Episkopalsystems von Grund aus forderte; zuerst Cromwell hat darauf angetragen, daß der Oberbefehlshaber über die Miliz des Landes nicht wie bisher durch den König, sondern durch das Parlament gesetzt werden solle, und zwar auf so lange dieses selbst bestimme, also ohne dem König das Recht der Absetzung zu lassen; ein Verlangen, das einen Monat später von Haslerigh zu einem Umfange erweitert wurde, daß sich daran der Streit über das Recht des militärischen Oberbefehls entzündete. So war es auch Cromwell, der den Antrag auf Enterung des Lord Bristol aus dem Rate des Königs einbrachte; wir sahen, wie diese Absicht, auf Digby ausgedehnt, vornehmlich dazu beitrug, den König zu jenem Eingriff in die parlamentarische Unabhängigkeit Versuch, fünf Mitglieder der Opposition im Parlament zu verhaften; Englische Geschichte 3, 107. zu bewegen, der den Bruch unmittelbar herbeiführte. Impulse und Anregungen konstituieren aber noch lange kein öffentliches Leben; für Cromwell eröffnete sich eine seinen eigentümlichen Talenten entsprechende Laufbahn erst, als man von den Windungen der Kontroverse zum Waffenkampfe überging. Eigentlich sind es drei große Handlungen, durch welche er seine persönliche Macht begründet hat; sie tragen alle das Gepräge erzwungener Abwehr, energischen Entschlusses und einer Vorbereitung, die eher das Gegenteil erwarten ließ. Die erste ist die Umbildung der Armee in den Jahren 1644/45. Es war der Moment, in welchem Cromwell trotz der Verdienste, die er sich bei Marstonmoor erworben, oder vielmehr infolge derselben, da sie ihm einen so großen Anhang verschafften, von der schottisch-presbyterianischen Kombination, an der die vornehmsten Männer des Staates und des Heeres Anteil nahmen, zugrunde gerichtet werden sollte. Ebd. S. 203. In dieser Gefahr führte er die Selbstentäußerungsakte durch; sie enthielt das entscheidende Mittel, die Großen von der Armee zu entfernen und sie sowie andre seiner Gegner ihres vornehmsten Einflusses zu berauben. Es ist schon auffallend und anstößig, daß ein religiöses Motiv dazu dienen mußte eine Parteimaßregel zu empfehlen und zur Ausführung zu bringen; wie viel mehr, daß sie nur auf einen Mann keine Anwendung fand, nämlich eben auf ihn, von dem sie ausgegangen war. Ob das von vornherein seine bewußte Absicht war, wer will es entscheiden? Es gibt eine Voraussicht dessen was von selber folgt, die eher Vorgefühl als Absicht zu nennen ist. Die großen exzeptionellen Stellungen in der Welt werden überhaupt nicht allmählich erworben; mehr durch instinktartiges Gefühl als durch Berechnung mag sie der Ehrgeiz ins Auge fassen; im Moment der Entscheidung bieten sie sich ihm plötzlich dar und werden dann mit einem Male in Besitz genommen. Durch den Sieg von Naseby wurde Cromwell Meister von England. Wer hätte es wagen können, ihn einer Illegalität zu zeihen, indem er von Sieg zu Sieg fortschritt und den großen Streit entschied, in welchem die Nation mit allem ihrem Tun und Denken begriffen war. Er war nicht General der Armee und im Parlament nichts weiter als ein Mitglied, aber er beherrschte die eine durch das Verdienst, das er um sie hatte, und sein persönliches Ansehen, und übte dadurch auf das andre einen maßgebenden Einfluß aus. Seine Position ward durch die zwiefache Grundlage, die sie hatte, von einer unvergleichlichen Stärke. Er war mit einem Schlage der mächtigste Mann von England geworden. Ihrer Natur nach strebt eine Autorität wie diese nach einer vollen freien Entwicklung, welche ihr die von ihr herabgedrückten, aber noch nicht eigentlich überwundenen Elemente ebenso notwendig bestreiten. Die Presbyterianer und der König trachteten sich gegen ihn zu vereinigen; es ist der zweite große Moment in Cromwells nunmehriger Laufbahn, wie er sie auseinanderhielt und darnach beide vollends niederwarf. Mit den eifrigen Presbyterianern, die in ihm ihren geschworenen Feind erblickten, hätte er sich nimmermehr verständigen können; leichter erschien ein Einverständnis mit dem König, dessen Ideen über religiöse Toleranz seinen Forderungen entgegenkamen. Cromwell zeigte ihm Sympathien, machte ihm Versprechungen, flößte im Vertrauen ein, trat mit ihm in eifrige Unterhandlung. Zum Abschluß aber gehörte zweierlei; einmal mußte die Armee mit der Annäherung einverstanden sein, und sodann hätte ihr der König nicht allein Sicherheit vor jeder Reaktion, sondern auch Fortdauer ihrer bevorzugten Stellung im Lande bewilligen müssen. Aber der Armee, die sich mit demokratischen Ideen erfüllt hatte, wurde der Führer selbst durch seine Unterhandlung verdächtig, als suche er nur durch irgendeine Abkunft für seine eigene Größe und die Zukunft seiner Familie zu sorgen. Von dem König aber war die Anerkennung einer selbständigen Aufstellung nimmermehr zu erreichen; was Cromwell ihm auch verheißen haben mochte, allmählich wandte er sich in offener Feindseligkeit von ihm ab. Cromwell war nicht ohne Sinn für die Prinzipien der Monarchie, aber ohne alles Gefühl von dem, was man Loyalität nennt. Er hat gesagt, er würde im Gefecht sein Schießgewehr so gut gegen den König abdrücken wie gegen irgendeinen andern Feind. Er haßte Karl I. nicht, aber er empfand keinen Skrupel dabei, ihn zu verderben, wenn es die Dinge so mit sich brachten. Nach seiner Ansicht war es erlaubt, unter dringenden Umständen die regierenden Gewalten zu stürzen; nur darin sah er die Ordnung Gottes, daß es Autoritäten gebe; die Art und Weise derselben bleibe menschlichem Ermessen anheimgestellt. Cromwell ging nicht wie die Agitatoren Die von den Soldaten aus ihrer Mitte gewählten Vertreter; Englische Geschichte 3, 285. von der Idee der Nationalsouveränität aus, sondern von der Forderung des allgemeinen Besten. Was dem Reiche nützlich oder schädlich sei, darüber habe zuletzt jeder ein Urteil; das Interesse der ehrlichen Leute sei das allgemeine Interesse, um es zur Geltung zu bringen, dürfe man eine bestehende Regierung umstoßen; denen, die Arges im Sinne haben, könne man mit Arglist begegnen. Grundsätze, mit denen sich jede Empörung und Gewalttat rechtfertigen ließe; sie entsprechen der Stellung eines mächtig emporkommenden, alle Rücksicht von sich weisenden Gewalthabers. Faßte Cromwell aber den Gedanken, das Königtum zu stürzen, so mußten auch die parlamentarischen Männer fallen, welche mit demselben ein Abkommen zu treffen suchten, mochten sie früher seine Freunde gewesen sein oder nicht. Er erklärte es für eine Art von Glaubensakt – denn nur von ihrer täglich anschwellenden Wut gegen die Auserwählten Gottes leitete er ihr Verhalten her –, daß er das Parlament von ihnen reinigte. Das Oberhaus war aufgehoben, der König enthauptet; im Unterhause, welches nun als das Parlament erschien, wurden nur Männer von einer ähnlichen, allen Loyalitätsgefühls baren Gesinnung geduldet, die mit ihm gingen. Daß sie aber auf die Länge geduldet werden würden, war doch nicht zu erwarten. Weit entfernt, sich ihm unterzuordnen, behaupteten sie, die höchste Gewalt zu bilden, der vielmehr die Armee zu gehorchen habe. Als nun Cromwell von den Kriegszügen zurückkehrte, durch welche der Widerstand gegen die Republik allenthalben unterdrückt und die Autorität derselben zur Anerkennung gebracht wurde, wie sollte er den Besitz der von ihm gegründeten Gewalt solchen gönnen, welche ihm selbst Gesetze vorzuschreiben und seine Macht zu beschränken trachteten? Cromwell kehrte Vorwürfe hervor, welche die Mitglieder persönlich trafen und ihnen ihre Popularität gekostet hatten; doch war das nicht sein letzter Grund. Es ist etwas Wahres daran, was die Royalisten sagten: er habe sie vertrieben, um nicht selbst von ihnen gestürzt zu werden. Und wie hätte sich überhaupt eine militärische und eine zivile Gewalt, mit gleichem Anspruch, koordiniert nebeneinander behaupten sollen? Es war unvermeidlich, daß sie in Streit gerieten. Dann aber behielt mit Naturnotwendigkeit der General die Oberhand, nicht allein weil er die größere Macht besaß, sondern auch weil er zur Gründung des gesamten Zustandes das meiste beigetragen hatte. »Ein Heilmittel war notwendig,« ruft Cromwell einmal aus, »dies Heilmittel ist angewendet worden.« Es war die Annahme des Protektorats , das Ergreifen der bürgerlichen Autorität durch die militärische. Wenn man den vornehmsten Unterschied zwischen dem Ereignis in England und dem nahe verwandten, das anderthalb Jahrhunderte später in Frankreich eintrat, mit einem Worte bezeichnen wollte, so dürfte man sagen, daß in Frankreich der soziale Umsturz bereits so gut wie vollzogen war, als sich ein siegreicher General der Gewalt bemächtigte, in England dagegen die militärische Macht eingriff, ehe es so weit kam. Sie tat dem Fortgang der Bewegung Einhalt, sobald diese die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft zu erschüttern begann. König, Lords und Parlament hatte Cromwell an der Spitze der Armee niedergeworfen und vernichtet; der politischen Verfassung des Reiches gegenüber erschien er als ein großer Zerstörer. Weiter aber wollte er nicht gehen. Sobald die Anhänger seiner Partei eine Richtung einschlugen, welche die bürgerlichen Zustände und das soziale Leben bedrohte, fanden sie in ihm ihren größten und wirksamsten Feind. Sein Einschreiten gegen die Levellers; Englische Geschichte 4,18 ff. Einteilung Englands in Militärbezirke 4, 136 ff. Denn in dem Besitz der Macht, namentlich der militärischen, liegt die Notwendigkeit, die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung, auf denen sie selbst beruht, zu erhalten. Mitten in dem Ruin der politischen und kirchlich-politischen Autoritäten stellte sich Cromwell als Beschützer der sozialen Zustände , des Eigentums, des bürgerlichen Rechts, der niederen Geistlichkeit auf. In diesem Sinne ergriff er die höchste Gewalt und seine Stellung selbst bewirkte, das dies mit Beistimmung eines ansehnlichen Teils der Bevölkerung geschehen konnte. Die Rechtsgelehrten und Geistlichen hatten sich durch die destruktiven Beschlüsse der independentischen Versammlung Das sogenannte kleine Parlament 1653; 4, 82 ff. in ihrem Dasein bedroht gesehen; sie waren glücklich, als sie die Auflösung derselben vernahmen. Cromwell erschien als ihr Erretter; für sie hatte sein Titel Protektor vollkommen den Sinn, der in dem Worte liegt. Vornehmlich mußte er die Institutionen, die mit den alten Zuständen verbunden waren, niederhalten. Von der Organisation der Aristokratie oder dem Bistum konnte so wenig die Rede sein wie von dem Königtum selbst. Am wenigsten meinte er den Katholizismus dulden zu dürfen. In dem politischen und religiösen Gegensatz gegen alle diese Elemente sah Cromwell den Zweck seines Daseins; er erblickte darin die Wohlfahrt des Landes, die Förderung der Religion und der Moral, aber auch zugleich seine eigene Rechtfertigung, wenn er nun, um seine Sache durchzuführen, dazu schritt, auch die Widersacher aus dem Schoß der eignen Partei zu bekämpfen. Er hielt für notwendig, alle Kräfte des Landes seinem Willen dienstbar zu machen. So hat er sich eine Gewalt gegründet, die kein Beispiel und keinen ihr entsprechenden Namen hat. Es ist gewiß, die großen Worte, von denen sein Mund überströmte, waren zugleich die Hebel seiner Macht, und nicht gegen diese ließ er sie gelten; aber ebenso gewiß ist: die oberste Gewalt war nicht sein Ziel an und für sich; sie sollte ihm dienen, die Ideen von religiöser Freiheit im protestantischen Sinne, bürgerlicher Ordnung und nationaler Unabhängigkeit, die seine Seele erfüllten, zu realisieren. Diese Ideen sah er nicht in subjektiver Genugtuung, sondern in ihrer objektiven Notwendigkeit. Eine Kraft von tiefem Antrieb, ureigner Bewegung, breiter Mächtigkeit, langsam und feurig, beständig und treulos, zerstörend und konservativ, die den ungebahnten Weg immer geradeaus vor sich hintreibt; alles muß vor ihr weichen, was ihr widerstrebt, oder es muß zugrunde gehen. Fragt man, was er ausgerichtet hat, was nach ihm blieb, so liegt das nicht in einzelnen Formen des Staates und der Verfassung. Es erhellt nicht einmal mit Bestimmtheit, ob er auf eine Fortpflanzung der Macht, die er selber besaß, Bedacht genommen hat. Weder sein Haus der Lords noch seine Commons waren von Bestand, weder die Armee, die er gegründet, noch die separatistischen Versuche, von denen er ausging. Die Zeiten haben das alles wieder weggetrieben. Dennoch hat er eine Wirksamkeit von folgenreichstem Inhalt ausgeübt. Wir sahen, wie der große Konflikt aus den historischen und natürlichen Gegensätzen der drei britannischen Länder entsprang, welche Rolle die republikanische Organisation bei der Unterwerfung der beiden andern Teile des britannischen Gemeinwesens unter England gespielt hat. Aber es waren doch die Siege Cromwells, die das möglich machten. Was dem letzten Protektor vor ihm, Somerset, Regierte für den unmündigen König Eduard VI. 1547-49. Früher war Richard von York 1452-55 und 1458 Protektor gewesen. vorgeschwebt hatte, die Vereinigung der drei Reiche in und durch den Protestantismus , das hat er glänzend durchgefochten. Seine Erhebung ging von einem vorzugsweise englischen Gedanken aus, der sich zugleich dem Eindringen der Schotten und der irischen Selbständigkeit entgegensetzte; er verschaffte ihm Raum mit den Waffen und hat dann zuerst die irischen und schottischen Deputierten, wenn auch unregelmäßig, in das englische Parlament eingeführt. Kaum läßt sich annehmen, daß eine parlamentarische Regierung der drei Reiche damals möglich gewesen wäre. Wie die Ereignisse gegangen waren, drängten sie nach einer monarchisch-militärischen Gewalt. Cromwell hat das Verdienst, eine Reihe von Jahren hindurch die britannischen Reiche von einem Gesichtspunkt aus regiert, ihre Kräfte zu gemeinschaftlichen Unternehmungen vereinigt zu haben. Das letzte Wort der Geschichte war das nicht, die Dinge sollten sich noch auf eine ganz andre Weise ausbilden. Aber vielleicht müssen die großen Gestaltungen durch die unbedingte Autorität eines einzelnen Willens präformiert werden, um später ein freies Leben in ihrem Schoße zu entwickeln. Für die allgemeine Geschichte von Europa ist nun aber nichts wichtiger, als daß Cromwell die Kräfte von England gegen die spanische Monarchie richtete. Es war sein eigenster Gedanke, die Republik hätte es schwerlich getan. Wir untersuchen nicht den politischen Wert der Handlung, gegen den sich vieles einwenden läßt, wir begreifen nur ihre Wirkung. Diese lag darin, daß die Gestalt der europäischen Welt, die aus dem dynastischen Emporkommen des Hauses Burgund-Österreich hervorgegangen war und seit beinahe zwei Jahrhunderten vorgewaltet hatte, zurücktreten und eine neue Bahn sich machen mußte; den Engländern, namentlich ihrer Seemacht , fiel dabei vom ersten Augenblick an eine große Rolle zu. Cromwell hat die englische Marine nicht geschaffen, die Tendenzen ihrer Führer waren ihm vielmehr entgegengesetzt, aber er hat ihr ihre vornehmste Richtung gegeben. Wir sahen, wie gewaltig sie sich in alle Welt aufnahm. Vornehmlich hatten die ozeanischen und mittelländischen Küsten Der Admiral Robert Blake bekämpfte 1655 die Seeräuber von Tunis und bedrohte den Herzog von Savoyen wegen Bedrückung der Waldenser; 4, 155. In demselben Jahre entriß eine zweite englische Flotte den Spaniern die Insel Jamaika: 4, 152. von Europa das Gewicht der englischen Waffen empfunden; zuweilen ist von Besitzergreifungen an der italienischen, selbst an der deutschen Küste die Rede gewesen; an der niederländischen war eine solche gelungen Dünkirchen den Spaniern 1658 entrissen; 4, 192. und sollte erweitert werden: man sagte, der Schlüssel des Kontinents hange an dem Gürtel Cromwells. Widerstrebend, aber gezwungen folgte Holland damals dem Impuls, den es von England erhielt; Seekrieg zwischen England und der Republik der Niederlande 1652-54; letztere wird zur Anerkennung der englischen Schiffahrtsakte von 1651 gezwungen; 4, 65 ff., 120. um seiner eignen Erhaltung willen nahm ihn Portugal an. England konnte ruhig die Verwicklungen erwarten, die sich später auf dem Kontinent zutragen mochten. Wenn nun der protestantische Gedanke die innere Einheit von England begründete, und zwar in unerwarteter Freiheit von sektierischem Beigeschmack, so war es die Idee des Protestantismus und seiner Aufrechterhaltung, was zur Begründung des Systems der Macht den Anstoß gab und in demselben mächtig zutage kam. Durch die Einwirkung Frankreichs war der Protestantismus vor seiner Vernichtung gerettet, aber zugleich in Unterordnung gehalten worden. Die Politik Heinrichs IV. und Richelieus. Dagegen nahm er durch Cromwell unter den Mächten der Welt eine selbständige Haltung ein, ohne alle weitere Vermittlungen. Die Abweichung von der alten Doktrin und Verfassung der abendländischen Kirche gewann eine ebenso große Stellung, wie die besaßen, welche daran festhielten, und selbst noch eine größere, zukunftreichere. Zurückberufung Karls II. 4, 278-297. Charakter Karls II. 5, 373 f. 35. Seekrieg zwischen England und Holland 1665 bis 1667. Englische Geschichte V, Werke Bd. 18 S. 5-32. Nach dem Zusammenstoß mit Cromwell hatten sich Seemacht und Handel von Holland auf das mächtigste wieder aufgenommen. Man geriet in Erstaunen, wenn man einen Blick auf ihre Reeden und Hafenstädte warf, wie sich in Vließingen der westindische, in Amsterdam der ostindische Handel Europas beinahe zentralisierte, der schottisch-englische Handel Dordrecht und Rotterdam, der Heringfang Enkhuyzen, der Schiffbau Saardam belebte. Die Ostindische Kompagnie bildete gleichsam eine Republik, die als souveräne Macht auftrat. An die auf ihren Schiffen herbeigeführten Waren knüpfte sich der Verkehr mit den südeuropäischen wie mit den nordischen Gebieten und mit Deutschland. Die Engländer machten die Bemerkung, daß dieser große Weltverkehr, durch den sie in Schatten gestellt und benachteiligt wurden, doch eigentlich auf England beruhe. Der ganze Reichtum der Holländer, so wurde gesagt, gründe sich auf die Fischerei in der englischen und schottischen See, ihr Gewinn davon belaufe sich auf Millionen; ihnen komme die englische Wolle zugut, die mit spanischer vermischt den Stoff für ihre Manufakturen liefere; die englische Manufaktur selbst müsse ihnen dienen, insofern die englische Arbeit in Holland erst zum Verkauf zugerichtet werde. Den größten Gewinn bringe ihnen der noch immer andauernde Vertrieb fremder Produkte in England, zumal bei dem höheren Wert des englischen Geldes, das man hier nicht nach seinem wahren Verhältnis zu fremden Münzsorten anschlage; wenn ja irgendwo der Preis durch die Engländer höher getrieben werde, so seien sie auf das rascheste bei der Hand, um davon Vorteil zu ziehen. Der alten Handelseifersucht gesellte sich die Meinung bei, daß England sich seiner natürlichen Übermacht nur zu bedienen brauche, um den unbequemen Nachbar zu erdrücken. Mit der damaligen aristokratischen Regierung in Holland hatte überdies der König seinen eignen dynastischen Streit. Seit jener Vermählung des Prinzen Wilhelm II. von Oranien mit einer Tochter Karls I., die von diesem im Moment der ausbrechenden Unruhen bewilligt wurde, waren die Häuser Oranien und Stuart auf das engste verbündet; die Stuarts haben die beste Unterstützung, die ihnen überhaupt zuteil wurde, bei den Oraniern gefunden. Daher kam es dann, daß ihre Gegner in beiden Ländern, Cromwell und die Löwensteinsche Faktion, gemeinschaftliche Sache machten. Der Verjagung der Stuarts entsprach die Ausschließung des Hauses Oranien von der Statthalterschaft Beschluß der Generalstaaten 1654, bei den Friedensverhandlungen mit Cromwell; Englische Geschichte 4, 121. und den hohen Ämtern im Kriegsdienst zu Land und See, die es bisher besessen, nach dem frühen Tode Wilhelms II., von welcher zunächst dessen Sohn, der Sprößling aus jener Ehe, Wilhelm III., betroffen wurde. Karl II. hatte zugleich mit der Großmutter des Prinzen und dem Gemahl der Vatersschwester desselben, dem Kurfürsten von Brandenburg, die Vormundschaft übernommen. Seine Absicht war, den Neffen und Mündel wieder in die Stellung seiner Vorfahren einzusetzen; so brachte es die Verflechtung der Begebenheiten mit sich, nachdem er selbst auf den Thron hergestellt worden war. Er hat gesagt, seine Ehre erfordere, in den Niederlanden das Gegenteil von dem zu tun, was Cromwell getan habe. Die aristokratische Partei in Holland hatte an dem König von England einen Gegner, der nur die Zeit erwartete, um mit seiner Feindseligkeit offen hervorzutreten. Unter diesen Umständen konnten die Annäherungen, die im Anfange zwischen beiden Regierungen gewechselt wurden, doch zu keinem wirklichen Verständnis führen. Man dürfte sich eher wundern, daß es im September 1662 noch einmal zu einem Vertrage kam. Doch blieb in diesem vieles unentschieden, und die Mißhelligkeit zwischen den beiden Nationen stieg immer höher. Die Erwerbung des Besitztitels auf Bombay , Bei Gelegenheit der Vermählung Karls II. mit Katharina von Portugal 1661 hatte Portugal einen Schutzvertrag mit England geschlossen gegenüber den Ansprüchen des Königs von Spanien; 4, 344 ff., 370. denn zu wirklicher Besitzergreifung ließ es die Widersetzlichkeit des portugiesischen Befehlshabers und des dortigen Klerus nicht sogleich kommen, hatte die Eifersucht der Holländisch-ostindischen Kompagnie verstärkt. Die Engländer wurden um so sorgsamer von dem Verkehr mit den Eingeborenen ausgeschlossen; eine ihnen im Vertrage zugesprochene Insel, Polaroon, wurde ihnen entweder nicht ausgeliefert oder doch bald wieder entrissen. Sie erhoben laute und heftige Beschwerde, aber die Meinung der Holländer war, wenn sie nachgäben, so würden die Forderungen der Gegner nur um so größer werden, und auch auf ihrer Seite hatte man über tausenderlei Beschädigungen zu klagen. Es kam zu Unterhandlungen, welche die Gemüter beiderseits nur erhitzten. Downings Englischer Gesandter in Holland. Briefe verraten eine immer feindseligere Ungeduld. Er sagt endlich unumwunden, daß von diplomatischen Unterhandlungen nichts mehr zu erwarten sei; man müsse die Holländer mit ihrer Münze bezahlen und Repressalien gegen sie brauchen; nur wer ihnen weh tue, finde Rücksicht bei ihnen. Unter dem Eindruck dieser Berichte und der von verschiedenen Handelsgesellschaften eingehenden Klagen über holländische Übergriffe beschloß das Parlament im April 1664, den König um Abhilfe derselben zu ersuchen. Es versprach ihm zugleich, ihn gegen allen Widerstand, den er dabei finde, mit Gut und Blut zu unterstützen. Karl II. war bisher durch die Besorgnis zurückgehalten worden, daß das Bedürfnis parlamentarischer Unterstützung seiner Autorität nachteilig werden könne; die Initiative, die das Parlament ergriff, machte seiner Bedenklichkeit ein Ende. Er antwortete, er werde noch einmal den Weg der Unterhandlung versuchen; sollte es ihm unmöglich sein, seinen Untertanen auf demselben Gerechtigkeit zu verschaffen, so rechne er auf die Erfüllung des von dem Parlament gegebenen Versprechens. Indem aber die Unterhandlung fortging und viele noch Erhaltung des Friedens hofften, ließ er doch zu, das nach dem Rate Downings auch von englischer Seite, wiewohl nicht in seinem Namen, Feindseligkeiten begangen wurden. Immer freigebig in Verleihung amerikanischer Landschaften hatte Karl II. seinem Bruder Jakob Long-Island und die vorliegende Küstenstrecke, von der Westseite des Connecticutflusses bis zur Ostseite der Delawarebai, mit allen Rechten der Regierung überlassen. Schon seit vierzig Jahren aber war dies Gebiet von der Holländisch-westindischen Kompagnie kolonisiert worden; Neu-England Massachusetts mit der 1630 gegründeten Stadt Boston. zur Seite hatte sie ein Neu-Niederland gegründet, das bereits eine Anzahl blühender Pflanzorte auf der Insel und an der Küste begriff, unter ihnen auf einer von den Eingebornen durch Kauf erworbenen Stelle ein neues Amsterdam, welches mit dem alten in ununterbrochener Verbindung stand. Die englische Krone hatte ihrerseits diese Ansiedlungen immer für unbefugt erklärt, denn vorlängst seien diese Landstriche von Jakob I. in Besitz genommen worden. Karl II. trug kein Bedenken, den Bruder und einige Kavaliere, die zu ihm hielten, mit denselben zu beleihen. Es war nicht eigentlich die holländische Regierung, sondern die Holländisch-westindische Kompagnie, mit der man hier sowie noch an andern Stellen zusammenstieß. Karl II. hatte vor kurzem eine ältere, zum Handel nach Afrika gestiftete Gesellschaft erneuert und seinen Bruder an ihre Spitze gestellt. Die Unternehmungen derselben waren vornehmlich nach Guinea gerichtet; aus dem Golde, das ihre Schiffe von der Goldküste zurückbrachten, hat man die ersten Guineen geprägt. Einen sicheren Gewinn warf der Sklavenhandel nach Barbadoes und andern Kolonien ab. Auch in Afrika waren jedoch die Holländer im Vorteil. Ihre Manufakte von Leyden entsprachen dem Geschmack der Eingebornen; mit den einen im Frieden, mit den andern im Krieg griffen sie immer weiter um sich. Damals hatten sie sich in Besitz des vielleicht besten Platzes an der ganzen Küste, Kap Corso – es ist die Station Coastcastle – gesetzt; überall sahen sich die Engländer ausgeschlossen oder benachteiligt. Nach diesen beiden Regionen nun richteten die Engländer ihre Angriffe, die sie als Repressalien gegen vermeintlich oder wirklich erlittene Unbill bezeichneten. Ein kleines Geschwader der Afrikanischen Kompagnie, zu dem auch der König ein paar Fahrzeuge stoßen ließ, bemächtigte sich des Kap Corso; ein andres, mit einer hinreichenden Anzahl von Landungstruppen ausgerüstet, nahm seinen Lauf nach Neu-Niederland und machte sich ohne viel Mühe zum Meister von Neu-Amsterdam. Der Führer, Oberst Nicholas, der dem Hofhalt des Herzogs von York angehörte, gab der Stadt den Namen New-York . Wenn man bemerkt, wie gleich darauf Tabago , das von ein paar seeländischen Kaufleuten in Besitz genommen war und durch seine vor der Wut der Orkane gesicherten Häfen die beste Station in den Antillen bildete, von den Engländern überfallen und weggenommen wurde, so ermißt man erst die ganze Tragweite dieses Friedensbruches. Man sollte ihn fast einem überlegten Plane, etwa nach dem Rat des von Karl II. eingerichteten Handels-Kommitee zuschreiben. Denn auf das beste greifen diese Unternehmungen zusammen. Es war, als wollte England, indem es die nordamerikanische Küste ausschließend in seine Hand brachte, zugleich die große Seestraße, die sich zwischen den beiden Kontinenten im Angesicht von Britannien eröffnet, entweder in Besitz nehmen oder doch mit einem Schlage von den verhaßten Nebenbuhlern säubern. Die Republik sah sich in ihrer großen maritimen Stellung angegriffen. De Ruyter , der vor Malaga kreuzte, erhielt Befehl, sich nach der afrikanischen Küste zu verfügen, um die Engländer zu verjagen und hierauf auch ihre westindischen und nordamerikanischen Ansiedlungen heimzusuchen. Die Unterhandlungen, die indes in Gang gesetzt waren, betrafen hauptsächlich Geldforderungen der englischen Seefahrer wegen erlittener Verluste; aber auch in dieser Beziehung war man weit auseinander. Die alten Mißverständnisse wurden nun durch die neuen erst wahrhaft unaustragbar. Die englische Regierung nahm es selbst übel, daß die holländische so unmittelbar in den Streit der Kompagnien eingriff, was sie ihrerseits zu vermeiden den Anschein gewahrt hatte; zu den merkantilen Motiven kamen politische hinzu; Antriebe der inneren Politik schärften die der äußeren. Durch eine Art von Naturnotwendigkeit wurden die beiden Seemächte noch einmal in den Kampf gezogen. Sie waren beide von Eifer dazu erfüllt; die Holländer wollten behaupten was sie hatten, die Engländer erobern, wovon sie meinten daß es ihnen gehöre. Am 24. November 1664 eröffnete König Karl die fünfte Session seines zweiten Parlaments mit der Erinnerung an die letzte Zusage, für deren Erfüllung nun die Zeit gekommen sei. Einer jener seltenen Momente trat ein, der einzige den Karl II. überhaupt erlebt hat, in welchem die Stimmung der Regierung, der legislativen Gewalten und der Mehrzahl des Volkes zusammenwirkte. Die Regierung hatte berechnet, wieviel der letzte Krieg gegen Holland in einem Jahre gekostet habe; zusammen mit den bereits gemachten Aufwendungen belief sich das auf mehr als 2 Millionen Pfund. Ein mit der Regierung einverstandenes, übrigens unabhängiges Mitglied stellte die Forderung auf 2-1/2 Millionen. So weit das auch über alles hinausging, was bis jetzt jemals geleistet worden war, so wurde es doch auf der Stelle bewilligt. Eine Bedingung machte allerdings das Parlament: die Zahlung der Summe ward auf drei Jahre ausgedehnt, denn niemand verhehlte sich, daß es nicht eben leicht sein werde, sie aufzubringen. Es fügte die ausdrückliche Bestimmung hinzu, daß sie ausschließend zu dem holländischen Kriege verwandt werden solle. Das konnte aber den Eindruck nicht schmälern, welchen der Betrag der Summe machte: 2-1/2 Millionen Pfund seien 25 Millionen holländische Gulden, wie wolle Holland mit seinem zweihundertsten Pfennig jemals diese Summe erreichen! Mit dem Parlament und der Nation einverstanden, erhob sich Karl II. zu den stolzesten Entwürfen. Er hat dem brandenburgischen Gesandten gesagt, die Gewährung seiner früheren Forderungen könne ihm nicht mehr genügen, er müsse die Erstattung seiner Kriegskosten, die Einräumung einiger Sicherheitsplätze fordern, denn er könne es nicht darauf ankommen lassen, ob es den Regenten oder den Kompagnien der Republik nicht aufs neue gefalle, englische Untertanen zu mißhandeln. Der Kanzlers Edward Hyde, Earl of Clarendon, schon 1640 Mitglied des Parlaments, dann Karls I. Ratgeber, begleitete 1648 Karl II. in die Verbannung, kehrte mit ihm 1660 zurück; 1667 gestürzt, ging er nach Frankreich und starb dort 1674. Englische Geschichte 3, 64. 80; 4, 290. 307; 5, 42; 8. 215 ff. äußerte denselben Gedanken: zur Sicherheit des Handels nach beiden Indien sei die Einräumung einiger holländischer Plätze nötig; er fügte hinzu: der König von England sei zugleich König der Meere, seine Herrschaft über die britannische See müsse anerkannt werden; diese schließe das Recht der Visitation fremder Schiffe und selbst ihre Eskorte durch den Kanal in sich; auch die Frage über den Fischfang müsse man regeln. Und wie man einen Grund für die Hartnäckigkeit de Witts Jan de Witt, damals der leitende Staatsmann in Holland. darin zu finden meinte, daß er durch den Krieg gegen den Oheim des Prinzen von Oranien diesem selbst einen popularen Haß zuzuziehen hoffe, so sah man in England in der Herstellung desselben einen der vornehmsten Zwecke des Krieges. Der König betrachtete es fast als eine persönliche Pflicht; wie Cromwell die Ausschließung der Oranier aus Haß gegen das Haus Stuart gefordert hatte, so meinte er die Herstellung des Prinzen, seines Neffen, fordern zu müssen. Unter diesen Impulsen wurde die Flotte mit dem angestrengtesten Eifer instand gesetzt. Man hoffte besonders durch stark gebaute und große, mit metallenen Geschützen versehene Fregatten den Holländern überlegen zu werden; im Februar 1665 waren deren bereits gegen hundert fertig. Die Flotte sammelte sich im März bei Gunfleet. Der Herzog von York hatte sich nicht abhalten lassen – denn ihn dürstete nach Kriegsruhm – den Oberbefehl selbst zu führen; er betrachtete das Unternehmen als seine eigne Angelegenheit. Sobald es irgend möglich war, Anfang Mai, richtete die Flotte ihren Lauf nach der holländischen Küste. In deren Nähe ward sie durch den Umschlag des Windes zur Rückkehr genötigt und nahm alsdann ihre Station in Southwoldsbai. Aber wenn die vornehmste Absicht gewesen war, den Feind in die offene See herauszulocken, so ward diese erreicht; die Holländer waren ohnehin der Meinung, daß nur eine gewonnene Schlacht ihnen dauernden Frieden verschaffen könne; ihr Eifer wurde durch die Bedrohung ihrer Küsten noch besonders angespornt. Das erste Zusammentreffen geschah am 3./13. Juni in der Nähe der Reede von Harwich ; man hörte den Donner des Geschützes in Westminster. Am Morgen manövrierten die beiden Flotten, um den Vorteil der Stellung zu gewinnen, unter stetem Kanonieren; am Mittag hielten sie, jede in einer langen Linie, einander gegenüber und beschossen einander, eine Zeitlang mit gleichem Erfolg, aber allmählich erwies sich das englische Geschütz auch diesmal überlegen. Näher heransegelnd begrüßte der »Royal Charles«, auf welchem sich der Herzog befand, das feindliche Admiralschiff. Opdam, der holländische Admiral, saß auf dem Verdeck in seinem Stuhl und erteilte seine Befehle unbesorgt und unverletzt, als einer der ersten Schüsse vom »Royal Charles« in seine Pulverkammer traf und ihn samt seinem Schiff in die Luft sprengte. Bei diesem Anblick gerieten die Holländer in Verwirrung; der ungünstige Wind hinderte sie, den Engländern an Bord ihrer Schiffe zu Leibe zu gehen. Um der überlegenen Wirkung der feindlichen Geschütze zu entkommen, traten sie ihren Rückzug an, auf dem sie sehr bedeutende Verluste erlitten. Der Sieg erfüllte die Engländer mit Genugtuung und Selbstgefühl; die Holländer schrieben ihren Verlust unglücklichen Zufälligkeiten zu und wollten nicht Wort haben, daß die Feinde ihnen in der Tat überlegen seien. Ein großer Teil ihrer Fahrzeuge war von Cornelis Tromp wohlbehalten zurückgeführt worden; de Witt eilte nach dem Texel, um die ganze Flotte so bald wie möglich wieder in See zu bringen. Man goß Kanonen von größerem Kaliber, verbesserte die Besoldung der Mannschaften und sorgte für ihre Vermehrung. Jedermann schöpfte Mut als de Ruyter , der indes an der Küste von Guinea feste Plätze erobert und englische Schiffe weggenommen, auf weitem Umwege durch die norwegische See in Delfzyl anlangte, mit reicher Beute und glänzenden Siegeszeichen. Man kann sich den Jubel denken, mit dem ihn alles Volk bewillkommnete. Auf Vorschlag der Stadt Amsterdam ward ihm die Führung der neugerüsteten Flotte anvertraut; er nahm seine Richtung nach den nordischen Gewässern, aus denen er soeben gekommen war. Denn dahin hatten auch alle die Kauffahrer aus dem Mittelmeer und den beiden Indien, deren Ladungen man auf dreihundert Tonnen Goldes schätzte, ihren Weg genommen und eine Zuflucht in dem Hafen von Bergen gefunden. Lord Sandwich, der indes an Stelle des Herzogs von York – denn den Thronerben wollte man den Gefahren einer zweiten Seeschlacht nicht aussetzen – den Oberbefehl übernommen hatte, eilte sie daselbst aufzusuchen. Er hatte mit Friedrich III., König von Dänemark und Norwegen, einen Pakt geschlossen, an dessen Wirklichkeit man nicht glauben würde, wenn nicht die unverwerflichsten Beweise dafür vorlägen. Der König, der in mannigfaltigem bitterem Hader mit der Republik lag und immer schon Miene machte auf die Seite der Engländer zu treten, hat ihnen versprochen, ihrem Angriff auf die Holländer im Hafen von Bergen ruhig zuzusehen, vorausgesetzt daß ihm die Hälfte der Beute zufiele. Das Glück der Holländer wollte, daß die Engländer angriffen, ehe noch die erforderlichen Weisungen von Kopenhagen in Bergen eingetroffen waren. Der Kommandant des Platzes hatte den Holländern sein Wort verpfändet; als die Engländer, ungeduldig zu warten, zum Angriff schritten, trug er kein Bedenken, sein Geschütz gegen ihre Fregatten zu richten; sie wurden mit beträchtlichem Verlust hinausgetrieben. Die Holländer wären dennoch verloren gewesen, hätten sie im Angesicht der feindlichen Kriegsflotte in See gehen wollen. Da erschien Ruyter an der Küste von Bergen, um sie unter seinem Schutze zurückzuführen. Sie hatten dabei mehr von den widrigen Winden als von den Feinden zu leiden; aber zwei ostindische und vier andre Schiffe gerieten doch in die Hände des Earl von Sandwich, die übrigen brachten ihre Ladung glücklich nach dem Texel oder dem Vlie. In dem ersten Gange des großen maritimen Zweikampfes hatte sich die Republik gut geschlagen, aber in empfindliche Nachteile war sie dabei doch geraten. Wie lange sie Leib an Leib mit dem von Natur bei weitem mächtigeren England den Krieg würde aushalten können, war in der Tat sehr zweifelhaft. Aber schon genug, daß sie dem ersten Anlauf nicht erlegen war. Bei dem engen Zusammenhang aller europäischen Staatenverhältnisse konnte es ihr auf die Länge nicht an Bundesgenossen fehlen. Die englische Regierung würde den Krieg von Anfang an nicht so leicht unternommen haben, hätte sie nicht gemeint auf die Neutralität des Königs von Frankreich rechnen zu dürfen, der ja auch seinerseits nichts mehr wünschte, als sein Reich von dem Übergewicht der Reederei und des Handels der Holländer zu emanzipieren. Man traute ihm den Gedanken zu, daß der Streit der beiden seegewaltigen Nachbarn für ihn vorteilhaft sei, und aus einer seiner Instruktionen sieht man, daß sich derselbe bei ihm geregt hat; aber er wurde doch von der andern Betrachtung überwogen, daß England, wenn es die Holländer unterdrücke, zu einem maritimen Übergewicht gelangen werde, welches für alle andern Mächte unerträglich werden müßte. Überdies hatte er den Holländern in seinem letzten Vertrage das Wort gegeben, ihnen zu Hilfe zu kommen, wenn sie angegriffen würden. Er erklärte den Engländern geradezu, daß er sein Wort halten müsse, wofern der Krieg seinen Fortgang habe. Es war eine Mediationsgesandtschaft, die er gleich beim Ausbruch des Krieges nach England geschickt hatte, welche diese Erklärung machte. Karl II. antwortete, nicht Holland sei der angegriffene Teil, sondern England. Besonders brachte er die Versicherungen von Freundschaft zur Sprache, die ihm Ludwig XIV. so oft gegeben hatte; er bezeichnete es ihm sogar als eine politische Pflicht, einen benachbarten König gegen die Republikaner zu unterstützen. Auf die Franzosen machte das aber keinen Eindruck. Sie untersuchten die vorliegenden Streitfragen mit kühler Unparteilichkeit und schlugen endlich die Auskunft vor, daß Holland auf seine amerikanischen Besitzungen, auf die ihm gleichwohl ein unbezweifeltes Recht zustehe, und England dagegen auf die Insel Polaroon in Ostindien Verzicht leisten, Kap Corso in Guinea geschleift und die übrige Küste zwischen Holland und England geteilt werden möge. Man konnte sich darüber nicht täuschen, daß die Verwerfung dieses Vorschlages eine Teilnahme der Franzosen am Kriege herbeiführen würde. So stand die politische Frage, als das Parlament im Oktober 1665 einer grassierender Pestseuche halber nicht in London, sondern in Oxford zusammenkam. Es war die Bubonenpest, die seit einem Vierteljahrhundert in Europa bald in einem, bald in dem andern Lande erschienen war und wie vor kurzem Holland so nun England heimsuchte. Friedliche Gedanken brachte sie jedoch in den Regierungen dieser Länder nicht hervor. Auch jetzt waren Karl II. und seine Minister nicht im mindesten geneigt, ihre Ansprüche auf Ostindien und die dahin führenden afrikanischen Besitzungen, überhaupt die Erwerbung der großen maritimen Stellung, in der sie begriffen waren, der französischen Mediation zuliebe aufzugeben. Das Parlament, ohne sich dadurch irren zu lassen, daß die auf drei Jahre geschehene frühere Bewilligung in einem einzigen verwendet worden war, beschloß eine Vermehrung derselben um die Hälfte, 1 250 000 Pfund; die Summe sollte durch eine direkte monatliche Auflage aufgebracht werden. Ludwig brach die Verhandlungen ab, von denen ihm seine Gesandten sagten, den Engländern sei es nur darum zu tun, ihn von der Unterstützung der Holländer abzuhalten. Von beiden Seiten erfolgten Kriegserklärungen, die zwar auf schonende Weise abgefaßt, aber doch ernstlich gemeint und von Tätlichkeiten zur See begleitet waren. Zunächst kam der König von Frankreich mit seinem ganzen politischen Gewicht den Generalstaaten in ihren Verhandlungen mit europäischen und deutschen Mächten zu Hilfe. England war von allen Seiten isoliert, als es im Frühjahr 1666 zur Fortsetzung des Krieges schritt. Nicht einmal auf den Bischof von Münster durfte es rechnen; durch die französische Einwirkung und die veränderte Stellung seiner deutschen Nachbarn war dieser genötigt, seine Truppen aus den genommenen Orten zurückzuziehen und die Waffen niederzulegen. Die beiden Flotten waren an Kräften ziemlich gleich, als sie im Mai in See erschienen. Die Holländer hatten stärkere Kriegsfahrzeuge, etwa 88 an Zahl, und besseres Geschütz als vor dem Jahre; sie wurden von Ruyter geführt, der das allgemeine Vertrauen der Republik besaß. Die englische Flotte wurde von General Monk und dem Prinzen Rupert Neffe König Karls I., Sohn des 1621 aus der Pfalz vertriebenen Kurfürsten. Friedrich V., Anführer der königlichen Truppen gegen das Parlamentsheer 1642-44, Befehlshaber der königlichen Flotte 1649-51; Englische Geschichte 3, 152 ff. 185 ff.; 4, 29. 60-62. kommandiert. Den ungeduldigen Kriegseifer des alten Führers der Kavaliere zu Land und See meinte man durch die Genossenschaft mit dem General zu mäßigen, dem alten Cromwellisten, in dessen Seele seine früheren Siege hohes Selbstgefühl erweckten, und der noch das größte Ansehen bei Volk und Soldaten genoß. Man glaubte, man müsse unter ihm siegen. Ludwig XIV. nahm an dem Kriege noch nicht unmittelbar Anteil. Aber schon daß man auf seine Rüstungen und die Bewegungen seiner Flotte Rücksicht nehmen mußte, hatte eine große Einwirkung, gleich bei dem ersten Zusammentreffen. Wie erschrak man in London, als man den Kanonendonner von den Flotten hörte, die bei Newforeland aneinandergerieten, und zugleich erfuhr, daß ein Teil der englischen unter Prinz Rupert nicht dabei sei! Er hatte auf die Nachricht, daß die französische Flotte, die von Toulon kam, schon bei Belleisle angelangt sei, den Auftrag übernommen, ihr entgegenzugehen. Hierdurch eher angefeuert als zurückgehalten, denn er wollte die Ehre des Sieges allein erfechten, war Monk zu einem Angriff geschritten, aber von dem kräftigsten Widerstand empfangen worden. Es erfolgte die in den Annalen der Seekriege berühmte Schlacht von vier Tagen. Der erste (1./11. Juni) brachte keine Entscheidung, der zweite fiel für die Engländer unglücklich aus. Monk mußte nach der Themse zurückgehen und war in Gefahr, eine Niederlage zu erleiden, als am dritten Tage der Prinz, der auf keinen Feind gestoßen war, mit seinem frischen Geschwader zurückkam. Die Engländer faßten hierauf wieder Mut zum Angriff, aber auch dann, am vierten Tage gerieten sie in Nachteil. Sie waren genötigt, die Schlacht abzubrechen und nach der Themse zurückzugehen; eine ganze Anzahl ihrer Schiffe ging zugrunde oder geriet den Feinden in die Hände. Wie die vorjährige Schlacht den Holländern, so diente die diesjährige den Engländern zum Anlaß, sich mit der größten Anstrengung zu rüsten. Die Flotte, die sie nach Verlauf einiger Wochen in See brachten, war nach dem Urteil der Kundigen in bezug auf Schiffe, Geschütz und Bemannung die beste, welche sie je besessen. Bei dem nächsten Zusammentreffen, 4. August n. St., blieben die Holländer im Nachteil; eine Anzahl ihrer zuverlässigsten und besten Kapitäne ist dabei umgekommen; sie mußten sich zum Rückzug entschließen. De Witt fand jedoch Mittel, die Flotte in kurzem zum dritten Mal in voller Tüchtigkeit in See zu bringen, und nun war auch die französische im Kanal erschienen, um sich mit der holländischen zu vereinigen. Die Engländer hielten für ratsam, den offenen Kampf zu vermeiden. Nicht sowohl im Seekampf als politisch waren sie im Nachteil; der König fühlte sich bewogen, der Republik Friedensanträge zu machen. In dieser bedenklichen Lage der Dinge war es, daß London von jener Feuersbrunst betroffen wurde, welche den größten Teil der alten Stadt in Asche legte. In einer engen Gasse von hölzernen, mit brennbaren Materialien angefüllten Häusern kam das Feuer in der Nacht zum 2./12. September aus. Von einem starken Ostwind getrieben, warf es sich unerwartet in ziemlich entfernte Regionen und wälzte sich dann von Straße zu Straße. Der höher gelegene Teil der Stadt erschien in kurzem wie ein brennender Berg, vor welchem her die Flamme von einem Ufer der Themse nach dem andern einen himmelhohen Bogen schlug. Vier Tage lang konnte man ihrer nicht Meister werden. Die Menschen beschäftigten sich weniger damit, dem Brande Einhalt zu tun, was ihnen unmöglich schien, als ihre Habe zu retten. Zu der Unruhe, welche dadurch entstand, gesellte sich ein gräßlicher Verdacht. Da das Feuer eben am 3. September wütete, ließen die Menschen sich nicht ausreden, daß es von den Anabaptisten angelegt sei, zum Totenopfer für Oliver Cromwell am Tage seiner Siege und seines Todes; andre klagten die Katholiken an; die Meinung griff um sich, Holländer und Franzosen seien dabei wirksam. Einst, auf das Gerücht, diese Feinde seien bereits im Anzuge, um sich des günstigen Augenblicks zu einem Anfall zu bedienen, stürzte eine aufgeregte Menge mit allem, was als Waffe dienen konnte, nach der Gegend, die man ihr bezeichnete. Wehe denen, die sich durch ihre Sprache als Fremde kundgaben! Die öffentliche Autorität mußte einschreiten, um sie der Wut der Menge zu entziehen. Erst außerhalb der Ringmauer hatte man das Weiterumsichgreifen der Flamme dadurch gehindert, daß man eine Anzahl Häuser in die Luft sprengte. Aber sie hatte bereits zwei Drittel der Stadt in Asche gelegt, wie die zum Gedächtnis errichtete Inschrift sagt, 400 Straßen, mehr als 13000 Wohnhäuser, 89 Kirchen, darunter die Kathedrale von St. Paul, und eine große Zahl andrer öffentlicher Gebäude. Gold und Silber waren meistens gerettet worden. Und wie ja der Reichtum einer kommerziellen Metropole fast am wenigsten auf dem beruht, was sie zur Zeit in sich birgt, so hatte dieser Brand keine sehr tief eingreifenden Wirkungen auf den Handel von London. Aber für den Augenblick war der entstandene Verlust doch sehr empfindlich. Massen von Vorräten, in den Kaufhäusern und Magazinen aufgehäuft, waren vernichtet, darunter auch mannigfaltige Kriegsbedürfnisse. Die Zerstörung der Zollhäuser mit ihren Papieren brachte eine widerwärtige Verwirrung in den Verrechnungen und selbst eine Einbuße in den Einnahmen hervor. Die Schornsteinsteuer, welche eine der vornehmsten Hilfsquellen der Regierung bildete, konnte in den öden Brandstätten unmöglich eingetrieben werden. Und wenn alle Anstrengungen zunächst dahin gerichtet werden mußten, die Stadt wieder aufzubauen, Den Zustand der wiederhergestellten Stadt um 1685 hat Macaulay im dritten Kapitel seiner Geschichte von England anschaulich beschrieben; den Brand hat er in dem einleitenden zweiten Kapitel nur kurz erwähnt. wie konnte man Krieg führen? In der nächsten Sitzung des Parlaments, welche am Ende des September eröffnet wurde, beschloß man dennoch ihn fortzusetzen, und zwar mit um so mehr Anstrengung, weil der Kriegsmut des Feindes durch das Unglück gewachsen sein dürfte. Das Unterhaus votierte aufs neue eine ansehnliche Summe, 1 800 000 Pfund. Aber jedermann empfand doch, daß es sehr schwer halten werde sie zusammenzubringen; man sah in dem Beschluß mehr einen Ausdruck britischen Stolzes als wirklichen Ernst. Denn es kam nun doch dahin, was man in Holland vorausgesehen, daß die Kosten der Seerüstungen die innere Wohlfahrt der englischen Nation bedrohten. Die Überzeugung brach sich Bahn, daß der Friede notwendig sei. Der König hatte bereits nach einer entsprechenden Erwiderung der Holländer auf seine friedlichen Eröffnungen ihnen zu erkennen gegeben, worauf es ihm dabei ankomme, nämlich nicht auf Vorteile für das Haus Oranien, sondern vornehmlich auf Sicherheit des englischen Handels in Ostindien, und sie eingeladen, ebensogut jetzt wie einst zur Zeit Cromwells ihre Bevollmächtigten nach London zu schicken. Noch schien es möglich, die Interessen von Frankreich und Holland zu trennen, denn die Holländer fürchteten ihrerseits nichts mehr als die Eroberung der spanischen Niederlande durch Ludwig XIV., der ihnen dann mit seiner unwiderstehlichen Übermacht allzunahe kommen würde. Eigentlich in diesem Sinne schlossen sie damals eine Quadrupelallianz mit Dänemark, Lüneburg und Brandenburg ab, in die sie den Kaiser und Spanien aufzunehmen nur deshalb Bedenken trugen, weil sie mit Frankreich wieder England verbündet waren. Es wäre eine große Verstärkung der antifranzösischen Politik gewesen, wenn nun ein Friede zwischen Holland und England durch Vermittlung der von Ludwig XIV. bedrohten Macht zustande gekommen wäre. Auch haben die kaiserlichen und spanischen Gesandten dies Ziel eine Zeitlang verfolgt, aber in wirkliches Verständnis mit der Regierung Karls II. sind sie auch damals nicht getreten. Sie glaubten zu bemerken, wenn der König einmal Frieden habe, so würde er doch nicht daran denken, in die kontinentalen Irrungen einzugreifen, sondern sich nur mit der Befestigung seiner inneren Macht beschäftigen. Da schien ihnen die Fortdauer des Krieges noch fast vorteilhafter, weil er zugleich Frankreich und England miteinander in Entzweiung hielt. Wollte Karl II. zu einem Frieden mit Holland gelangen, so blieb ihm nichts übrig als die Vermittlung des Verbündeten der Holländer, des Königs von Frankreich , nachzusuchen. Das aber war bei der Lage der Dinge nur unter der einen Bedingung zu erreichen, daß er sich dem Vorhaben Ludwigs XIV. in bezug auf die spanischen Niederlande nicht entgegenstellte. Wie Karl nun einmal gesinnt war, verursachte ihm das wenig Skrupel; überdies machte es seine damalige Lage notwendig. Zunächst verpflichteten sich beide, binnen eines Jahres in keine den Interessen des andern zuwiderlaufende Verbindung zu treten. Ludwig XIV. behielt zu seinem Feldzug freie Hand; dagegen versprach er, seine Flotte, von der die Holländer unterstützt zu werden hofften, fürs erste in den Häfen zurückzuhalten. Zwischen den beiden Machten war über die Hauptsache bereits Einverständnis getroffen, als der Friedenskongreß zu Breda , welchen Ort Karl II. unter denen, die ihm vorgeschlagen waren, gewählt hatte, im Mai 1667 eröffnet wurde. Die Bestimmung, daß jeder Teil behalten solle was in seinem Besitz sei, wurde nun die Hauptgrundlage des Friedens zwischen England und Holland. Aber eine große Differenz trat dabei hervor: die Holländer wollten beides behalten, was sie in und was sie vor dem Kriege eingenommen hatten, namentlich die Insel Polaroon; Karl II. wollte seine alten Ansprüche, die zum Teil Ansprüche der ostindischen Kompagnie waren, nicht aufgeben. Im Laufe des Juni schien es, als ob daran noch alles scheitern könne. Und wie nun, wenn der ausbrechende Krieg in den spanischen Niederlanden, wo Ludwig XIV. im Anfang dieses Monats einrückte, die Interessen weiter umgestaltete und Frankreich ganz auf die Seite Englands trieb? De Witt täuschte sich nicht darüber, daß eine Verbindung zwischen beiden angebahnt wurde. In diesem Moment des Zusammentreffens so verschiedenartiger, noch nicht vollständig hervorgetretener, aber doch erkennbarer Tendenzen entschloß er sich zu dem kühnsten Unternehmen, das die Republik vielleicht überhaupt ausgeführt hat. Die vorgelegte Bedingung konnte und wollte er nicht annehmen, weil er dadurch die Differenzen sanktioniert hätte, aus denen der Krieg hervorgegangen war; er wollte sie auf immer abschneiden. Aber Frieden mußte die Republik haben, weil sie bei der ausbrechenden Irrung keinerlei Einfluß hätte üben können, wenn sie in einen andern Krieg verwickelt gewesen wäre. Er beschloß sich den Frieden zu erzwingen, und zwar unmittelbar durch einen Angriff auf England , welches damals die Herstellung seiner Flotte versäumt hatte. Auch ohne französische Hilfe besaßen die Holländer die Übermacht zur See. Eben in den Tagen, als die Franzosen siegreich in die Niederlande eindrangen, ging die holländische Flotte, 61 Kriegsfahrzeuge stark, gegen England in See; am 7./17. Juni war sie im Koningdiep am Ausfluß der Themse. Im Kriegsrat ward für tunlich erachtet, mit den leichtesten Schiffen in die Themse einzulaufen und den stolzen Feind im Mittelpunkt seiner Macht zu bedrohen. Die Engländer waren nicht im mindesten auf einen solchen Versuch vorbereitet. Den Holländern gelang es Sheerneß zu nehmen, dann fuhren sie weiter nach Chattam. Hier wurden sie allerdings von Kanonenfeuer empfangen, aber dem zum Trotz sprengten sie die Kette, die auf Rollen über den Fluß gezogen war, steckten nacheinander drei englische Kriegsschiffe in Brand, nahmen ein viertes und segelten bis nach Upnor. Man meinte, wären sie weitergegangen, so hätten sie vielleicht die Arsenale von England zerstören können. Was sie erreicht hatten, war genug, sie selbst zu befriedigen und dagegen den Engländern die Scham ins Gesicht zu treiben über eine Szene, die nie gesehen worden, seitdem die englische Flagge auf der See erschienen war. Für den Frieden war dies Ereignis entscheidend. Nachdem der eine her beiden englischen Bevollmächtigten noch einmal persönlich Rücksprache mit König Karl II. genommen hatte, wurde die Abkunft in den wesentlichen Punkten nach dem Sinne der Holländer unterzeichnet. Jeder von beiden Teilen sollte im Besitz der Länder und Ortschaften sowie der Schiffe und Güter bleiben, die er vor und in dem letzten Kriege weggenommen habe; alle Ansprüche aus dem Vertrage von 1662 wurden ausdrücklich aufgehoben. Sogar in bezug auf die Navigationsakte ließen sich die Engländer die Erläuterung gefallen, daß Holland deutsche Güter bei ihnen einführen könne. Der Friede gewährte den Engländern einen Vorteil von unermeßlicher Bedeutung; er ließ Neu-Niederland in ihren Händen, was ihrem nordamerikanischen Gebiet eine Kontinuität gab, ohne die es sich nie hätte entwickeln können. Was wollte der Verlust von Polaroon dagegen sagen? De Witt meinte, indem er diesen großen Erwerb anerkannte und die alten Streitigkeiten hob, aus denen der Krieg hervorgegangen war, den Frieden auf immer zu sichern. Für definitiv haben ihn die Engländer wohl keinen Augenblick gehalten. Der eigentliche Grund der Feindseligkeiten, der in der maritimen Eifersucht lag, ward durch das Unternehmen, das den Frieden herbeiführte, vielmehr verstärkt. Einen Angriff, der die Sicherheit von London gefährdete, konnte weder die Regierung noch selbst die Nation den Holländern vergeben. Dritter Krieg 1672-1674, Englische Geschichte 5, 106-113. Friedensschluß auf Verlangen des Parlaments 5, 130-141. England und Holland vereinigt durch die Berufung Wilhelms III. auf den englischen Thron 6, 176-180. 201; 7, 9. 36. Wilhelm III., König von England. Englische Geschichte VII, Werke Bd. 20, S. 290-293. Wilhelm III. Vgl. Macaulay , Geschichte von England, Kap. 7 u. 11, deutsche Übersetzung von Bülau Bd. 2, 148 ff.; 3, 47 ff. war keine imponierende Erscheinung. Weder als Staatsmann noch als General entwickelte er Eigenschaften, welche auf die Menge Eindruck machen oder sie gewinnen können. Im Felde glänzte er nicht durch unerwartete Kombinationen und große Siege; in seinen Schlachten auf dem Kontinent hat er meistens zurückweichen müssen. Er gehört zu den namhaften und befähigten, nicht zu den Feldherrn ersten Ranges. Wenn man ihm die Förderung bürgerlicher und konstitutioneller Freiheiten zum Verdienst anrechnet, so ist das zwar historisch sehr begründet; doch rührte es mehr von den Umständen als von persönlicher Vorliebe für diese Form des Staates her. In der Stadt Amsterdam sowie in der Provinz Geldern hat man viel über seine Eigenmächtigkeiten geklagt; auch in England setzte er sich vornehmlich die Aufrechterhaltung der Prärogative D. h. der königlichen Vorrechte. zum Ziel. Die konstitutionellen Kämpfe widerten ihn an, weil man sie zur Verfolgung selbstsüchtiger Absichten mißbrauche. Eine sehr ausgedehnte Begünstigung seiner persönlichen Freunde und Vertrauten, selbst einer ihm nahestehenden Dame, nahm er sich trotz seiner parlamentarischen Verpflichtungen nicht übel. Worin besteht nun seine Größe? Sie liegt in der Stellung, die er einnahm und vollkommen ausfüllte, in den welthistorischen Erfolgen, die er zum Teil bei seinem Leben errungen, zum Teil begründet und herbeigeführt hat. Wilhelm III. war sozusagen eine internationale Natur: von Stammesherkunft ein deutscher Fürst, Sohn einer englischen Mutter, Maria, Tochter Karls I. Gemahl einer englischen Prinzessin; Maria, Tochter Jakobs II. durch ältere Blutsverwandtschaft und Religion dem französischen Protestantismus, durch das Verdienst seiner Väter und ererbten Anspruch der Republik der vereinigten Niederlande angehörig; nach allen diesen Seiten in besondere Beziehungen verflochten. Doch war es keine von ihnen, wovon seine Tätigkeit ausgegangen ist; so wirksam waren sie nicht mehr. Die vornehmste Frage der Zeit, welche für die Fortentwicklung der europäischen Menschheit von Bedeutung war, lag in dem Emporkommen der französischen Monarchie zu einem universalen Übergewicht, durch welches die Selbständigkeit jedes einzelnen Landes und jeder Nation bedroht wurde. Der lebendige Impuls nun, der das Tun und Lassen Wilhelms III. bestimmt hat, entsprang aus seinem Gegensatz zu dieser bereits dominierenden und noch immer um sich greifenden, mit allen Elementen der geistigen Bildung und einer kraftvollen Staatsentwicklung durchdrungenen, von einem ganz eigens dazu gearteten Fürsten, welcher zugleich der Ausdruck einer großen Nationalität war, geleiteten Weltmacht. Daß der beschränkte Statthalter einer Handelsrepublik, der seinen Titel von einem halbverlorenen Lande führte, der kleine Herr von Breda, wie ihn die Franzosen nannten, es unternahm, ihr Widerstand zu leisten, war ihm beinahe selbst ein Rätsel. Wie er überhaupt die calvinische Prädestinationslehre, der er anhing, zugleich in einem fatalistisch-providentiellen Sinne auffaßte, so erklärte er es für sein Schicksal, seine Bestimmung; er sah darin die Aufgabe seines Lebens. Sollte sie aber erfüllt werden, so war an keine politische oder religiöse Parteistellung zu denken. Daß der Protestantismus aufrechterhalten werden mußte, lag am Tage, da der Gegner im Innern seines Reiches zu einer überaus gewaltsamen katholischen Reaktion schritt. Aber wie dies Verfahren zum großen Teil in der Idee der nationalen Einheit und Macht seinen Grund hatte, so war das keineswegs das einzige Moment, auf das es ankam. Ohne die Teilnahme der katholischen Welt ließ sich gegen Ludwig XIV. nichts ausrichten; die Hälfte der Verbündeten, die gegen ihn zusammentraten, waren Katholiken. In diesem Konflikt erschien die Idee der Toleranz als eine historische Notwendigkeit; von Anfang an hat sie Wilhelm III. auf seine Fahnen geschrieben. Für kein Land ist sie bedeutender geworden als für das Deutsche Reich . Von jeher hatte das norddeutsche Fürstentum die protestantischen Ideen dem Kaisertum gegenüber aufrechterhalten; jetzt traten die Heerscharen des einen und des andern der Macht, welche sie beide bedrohte, einträchtig zusammenwirkend entgegen; das Kaisertum der letzten Habsburger nahm eine veränderte Stellung ein, durch welche das Emporkommen der protestantischen Fürsten nicht mehr ausgeschlossen und doch dem Kaisertum eine weitere Ausdehnung möglich gemacht wurde. So standen auch in Holland der städtische Republikanismus und die statthalterische Autorität einander nicht mehr unversöhnlich gegenüber, sobald ein Statthalter das Gemeinwesen gegen einen gefährlichen Feind verteidigte. Aber die Hauptsache war, England von der Verbindung mit der französischen Monarchie, die dieser erst ihr Übergewicht verlieh, loszureißen. Im Gegensatz mit der Krone, welche daran festhielt, mußten dann die parlamentarischen Gewalten in den europäischen Bund gezogen werden; durch die Teilnahme daran wurden sie selbst für Europa unentbehrlich. Diese Koalition der verschiedenartigsten Elemente zustande gebracht und sie der vorherrschenden Macht mit Erfolg entgegengestellt zu haben, das ist die historische Handlung Wilhelms III. Was sonst gibt überhaupt einer bedeutenden Persönlichkeit ihren Charakter, als das Verhältnis der ihr auferlegten oder von ihr übernommenen Verpflichtung zu den angebornen Eigenschaften? Das Zusammentreffen von beiden bildet die großen Männer. Seiner krankhaften Natur zum Trotz, zum Erschrecken hager und blaß, mit fortwährendem Asthma geplagt, entwickelte Wilhelm III. doch eine unverwüstliche Arbeitskraft. Er kannte fast kein Vergnügen, er lebte nur in Geschäften, er redete wenig und handelte um so mehr. Jeder seiner Schritte zeugt von gesundem Urteil und kluger Entschlossenheit. Niemand war jemals geschickter, Bündnisse zu bilden und zusammenzuhalten, Armeen der mannigfaltigsten Zusammensetzung ohne Erweckung nationaler Antipathien zu befehligen, auch in den innern Streitigkeiten Zeit und Stunde abzuwarten, zurückzuweichen und doch festzuhalten. In einem seiner Briefe findet sich ein Wort, das als sein Wahlspruch gelten könnte, es lautet: »Vorsichtig und mit Nachdruck.« Er unternahm nie etwas, ohne sich allseitig die Schwierigkeiten vorgestellt zu haben, auf die er dabei stoßen mußte. Bei der Ausführung folgte er fast mehr dem Zuge der Dinge, als daß er von vornherein viel veranstaltet hatte; sein Ehrgeiz erschien immer höchst gerechtfertigt und durch die Verhältnisse geboten. Die Vorbereitung des spanischen Erbfolgekrieges kann als sein politisches Meisterstück gelten. In England ist Wilhelm III. nie recht einheimisch geworden. Die muntere Geselligkeit seiner stuartischen Vorgänger lag außer seinem Naturell; zuweilen hat er Feste gegeben, Gesellschaften gesehen, aber nicht weil es ihm selbst Vergnügen gemacht hätte, sondern um seine Dankbarkeit für geschehene Bewilligung zu zeigen oder eine günstige Parlamentssitzung zu gewinnen. Man hatte Mühe bis zu ihm vorzudringen; dann zeigte er sich unbefangen und gesprächig, er ließ sich auf Diskussionen ein und suchte zu überzeugen. Vertraulich aber war er nur in seinem engen Kreise von Holländern, deren Bildung, Sinnesart und Geschmack er teilte. Wenn man die Bauten und Anlagen in Hamptoncourt betrachtet, die sein Andenken erhalten, so empfindet man einen Anhauch holländischen Wesens. Den Gewohnheiten seines früheren Lebens blieb er auch in England treu, vielleicht selbst aus Bedürfnis. Er durfte die Jagden in gewohnter Weise nicht unterlassen, wenn er leben wollte; er brauchte viel Schlaf und reichliche Nahrung; man hat ihm die langen Mittagsmahle, die er mit seinen Holländern hielt, selbst zum Vorwurf gemacht; da ruhte er aus und ließ sich gehen. Alle Jahre im Sommer eilte er nach Holland zurück, selbst wenn es die Geschäfte nicht unbedingt erheischten; er befand sich dort, besonders in Loo, immer am besten. Wilhelm war keineswegs unempfänglich für den Glanz der Krone, die ihm zuteil geworden war, und hielt auf Beobachtung der Äußerlichkeiten; doch lag in seiner Art und Weise zugleich etwas von der Familiarität des Privatmannes. Die Franzosen, denen ein gutes Urteil in dieser Beziehung zuzugestehen ist, finden in seiner Erscheinung und seinem Ausdruck Einfachheit, Größe und selbst eine gewisse Anmut. Auch vertraute Freunde klagen doch, daß sie mit der Zeit von ihm vernachlässigt worden seien; sie geben ihm Herzlosigkeit schuld: das mochte daher rühren, daß er eben dann nicht mehr ganz mit ihnen einverstanden war, oder vielleicht daß er ihrer nicht mehr bedurfte. Er lebte nur immer in den großen Angelegenheiten, die freilich allezeit zugleich seine eigenen waren; davor verschwanden ihm die persönlichen Beziehungen. Sein Leben macht den Eindruck einer Seefahrt, die zwischen gefährlichen Klippen nicht selten unter heftigen Stürmen dahinführt, in welchen der geschickte Pilot jede Wendung der Elemente benutzen muß. Schlacht am Boynefluß 6, 359-362. Seeschlacht bei La Hogue 7, 47-52. Die Bank von England 7, 78-82. Wilhelm III. und das Parlament von 1698. Vgl. die ausführlichere Darstellung Macaulays im 24. Kapitel, Bd. 5 S. 111 ff. der deutschen Übersetzung. Englische Geschichte VII, Werke Bd. 20 S. 181-193. Die gesetzliche Sitzungszeit des Parlaments war abgelaufen, und alles hing davon ab, ob die Wahlen, zu denen man unverzüglich schritt, im Sinne der Regierung ausfallen würden. In Westminster traten Montague und Vernon Montague war Schatzkanzler, Vernon Staatssekretär. persönlich als Kandidaten für das Parlament auf, aber gleich bei diesem Wahlakt zeigte sich, daß die herrschende Stimmung dieser Verwaltung und ihren Ansichten nicht günstig war. Den beiden hohen Staatsbeamten, die um die Stimmen warben, setzte sich ein Mann der entschlossenen Opposition, Sir Harry Colt, entgegen. Er behauptete, sie seien Sklaven ihrer Stellen und dadurch der Sache des Volkes abtrünnig geworden; sich selbst stellte er als den wahren Altengländer dar, der sich vom Hofe nicht bestechen lasse. Das Geschrei seiner Anhänger war: »keine Hofleute, keine Erfinder von Auflagen«. Ein paar Tage hielt er den mächtigen Männern das Gleichgewicht; er unterlag zwar endlich, aber sehr mit Ehren, hauptsächlich durch den Einfluß französischer Refugiés, die in Westminster zahlreich das Bürgerrecht erworben hatten und sich dem Interesse des Königs unbedingt anschlossen. In dem allgemeinen Wahlkampf fiel jedoch die Entscheidung anders aus. Überall wurden die sogenannten Patrioten, die Männer der Opposition, vorgezogen. Man zählte auch diesmal eine große Anzahl neuer Mitglieder, deren Meinungen man in der Hauptstadt nicht kannte, von denen man aber soviel hörte, daß sie meistens eifrige Gegner der Auflagen seien. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Whigs, welche die Regierung vertraten, in der Minderheit blieben. Als der König Anfang Dezember 1698 aus Holland zurückkam, hätte er die Sitzung lieber noch eine Weile aufgeschoben, um vorbereitende Unterhandlungen zu pflegen; aber die leitenden Whigs, namentlich die, welche selbst Mitglieder des Unterhauses waren, hielten es für besser, ohne weiteren Aufschub zu versuchen, was sich mit diesem Hause erreichen lasse. Die erste vorläufige Verhandlung bestärkte sie in ihren Erwartungen; Thomas Littleton, einer der Ihren, wurde zum Sprecher gewählt. Die Thronrede hatte diesmal der Lordkanzler Somers verfaßt, und zwar mit der Rücksicht, daß darin zwar der Wunsch des Königs ausgesprochen, aber alles vermieden werden sollte, was das Selbstgefühl des Parlamentes verletzen könne. Der König spricht darin nicht von der Landmacht im allgemeinen, sondern nur von ihrer Stärke für das laufende Jahr; er erinnert an die Bedeutung derselben für das Gefühl der Sicherheit des Landes, von dem alles andre, selbst Handel und Verkehr abhänge, und für die Erhaltung des Einflusses von England auf die europäischen Angelegenheiten, aber er stellt seine Meinung hierüber nicht wieder voran, Dies war in der Thronrede vom Dezember 1697 geschehen (Ranke S. 169), und das Parlament hatte darauf eine starke Verminderung des Landheeres beschlossen, weil der Friede (zu Ryswick) hergestellt sei. er überläßt es den Erwägungen des Parlaments, was es selbst für diesen Zweck nötig finden würde. Aber wie vergeblich ist es doch, durch Annäherungen in der Form Versammlungen gewinnen zu wollen, die einmal ihre Stellung genommen haben. Das neue Parlament setzte dem König und seinen Ministern einen ebenso hartnäckigen Widerstand entgegen wie das alte. »So viel ist gewiß,« sagt der brandenburgische Berichterstatter, Louis Frederic Bonnet, aus Genf gebürtig, Nachfolger seines älteren Bruders in dem Amte eines brandenburgischen Residenten in London: s. Ranke Bd. 9 S. 41 f. »der bloße Name einer Armee ist den Engländern verhaßt. Männer, die nicht den mindesten Anflug von Jakobitismus d.h. Anhänglichkeit an den vertriebenen König Jakob II. haben, sondern sich der Regierung anschließen, verlassen sie doch, sobald von der Armee die Rede ist. Sie hören gern davon sprechen, daß England einen großen Einfluß auf das Ausland ausübe, allein die Idee von ihrer Freiheit und die geringe Kenntnis von auswärtigen Angelegenheiten bewirken doch, daß sie keine Armee im Lande dulden wollen.« War das nicht die alte Streitfrage zwischen dem Parlament der Rebellion und Karl I., nur auf einer andern Stufe? Von der feudalistischen Gesinnung der Kavaliere, die der damaligen bewaffneten Macht ihren Charakter gab, war freilich nicht mehr die Rede. Aber das Kriegsheer des Protektorats hatte durch seine gewaltsamen Eingriffe selbst den Namen einer Armee verhaßt gemacht; ihre Auflösung war eine Bedingung der Herstellung des Königtums. Auch das Parlament der Restauration wollte von keiner starken bewaffneten Macht hören; unter den zusammenwirkenden Umständen der Zeit hatte man Karl II. genötigt, sie auf eine sehr geringe Zahl zurückzubringen. Wenn Jakob II. sie vermehrt und zu seinen der Verfassung des Landes entgegenlaufenden Absichten hatte brauchen wollen, so hatte das den Widerwillen des Parlaments und der Bevölkerung gegen die bewaffnete Macht verdoppelt. Nur die unbedingte Notwendigkeit, den gewaltigen Feind Frankreich. im Kriege zu bestehen, hatte die unaufhörlich sich regende Opposition beschwichtigen können. Aber nach geschlossenem Frieden erwachte sie mit aller Macht, und verstärkt durch die Antipathie gegen die Fremden, die in derselben eine große Rolle spielten. Nachdem der König und die Armee die parlamentarische Verfassung geschützt und ihre Fortentwicklung möglich gemacht hatten, ließ das Parlament eben infolgedessen seiner Antipathie gegen die Armee und deren Zusammenhang mit der Krone freien Lauf. Der Beschluß ward gefaßt, daß alle Landtruppen in England, ausgenommen 7000 Mann, abgezahlt und entlassen werden, die Truppen, die man behalte, nur aus eingebornen Engländern bestehen sollten. Für Irland wurden 12000 Mann genehmigt; auch diese aber sollten nur aus gebornen Untertanen des Königs bestehen und von Irland selbst besoldet werden. Über Schottland hatte das englische Parlament nichts zu beschließen; dieses Land hatte damals noch sein eigenes Parlament. Man sagte zwar in England, das werde mit Unrecht als ein Beweis von üblem Willen der Nation gegen den König angesehen; es sei nur ein Beweis von der Meinung der Landedelleute, daß die öffentliche Freiheit mit einer Armee nicht verträglich sei; aber eben in dieser Meinung lag der Gegensatz der zwischen ihnen und dem König bestand. Wilhelm mußte fürchten, daß seine Autorität bei Freund und Feind auf dem Kontinent geschmälert werden würde; seine ganze Stellung wurde dadurch erschüttert und zweifelhaft. Sie beruhte auf der Kombination der europäischen und der englischen Interessen; in der Aufrechthaltung einer aus verschiedenen Elementen zusammengesetzten Armee im Sold von England hatte sie ihren Ausdruck. Jetzt aber erhob sich der ökonomische und ausschließende Familiengeist Alt-Englands gegen allen Anteil Fremder an den Erträgen und dem Dienste des Landes; man schloß davon selbst das übrige Britannien aus. Wilhelm, der sich nach einem modernen Ausdruck als Kriegsherr betrachtete, hegte die lebendigsten Sympathien für die braven Männer, welche seine Schlachten mit ihm geschlagen und den Frieden, dessen man genoß, den unabhängigen Zustand, in dem sich England selbst befand, mit ihrem Blut errungen hatten: die tapferen Generale und Offiziere aus aller Welt, die keinen andern Lebensunterhalt besaßen, die holländischen Garden, auf deren Treue er unbedingt zählen konnte, die französischen Refugiés, ohne welche seine Unternehmung Die Landung in England 1688; damals dienten viele Refugiés in seinem Heere; s. Englische Geschichte 6, 206. schwerlich zustande gekommen wäre. Alle diese sollte er missen und an ihrem ferneren Ergehen keinen Anteil nehmen. Das geschah ihm aber von einem soeben gewählten Parlament, das die unmittelbare Meinung des Landes ausdrückte, unter whiggistischen Ministern, welche, wenn sie auch nicht in alle seine Unterhandlungen eingeweiht waren, Der im Oktober 1698 mit Frankreich geschlossene geheime Vertrag über die Erbfolge in Spanien war den Ministern unbekannt; 7, 160. doch die Bedeutung seiner europäischen Stellung hinreichend kannten, um sie zu verteidigen. Am Hofe war man der Meinung, daß sie die Absichten des Königs in dieser Sache so gut hätten durchführen können wie bei der Sprecherwahl, wenn es anders ihr Ernst gewesen wäre; aber statt danach zu trachten, hätten sie dieselbe vielmehr geradezu fallen lassen. Der König machte kein Hehl daraus, daß das auch seine Meinung sei. Und es ist ohne Zweifel etwas Wahres daran. Die Whigs hatten seine eigentliche Absicht gar nicht vorzutragen, geschweige denn zu verfechten gewagt; sie wollten nicht mit einer Mehrheit, in welcher sie Angriffe besorgten, geradezu zerfallen. Und sollten sie überhaupt den Wunsch des Königs in seinem ganzen Umfang geteilt haben? Sie waren zu sehr Engländer, als daß sie die fremden Truppen, die er hielt, gern gesehen hätten. Sie dachten von vornherein auf eine Vermittlung, den Ansprüchen beider Teile zu genügen. Aber auch diese verfochten sie dann, da sie ja der königlichen Beistimmung für ihren Antrag nicht einmal sicher waren, schwach und in weichender Bewegung. Die große Frage in dem Stadium, in welchem die Ausführung der konstitutionellen Verfassung Seit der am 13. Februar 1689 von Wilhelm III. anerkannten Deklaration der Rechte; S. 278. damals angekommen war, war es überhaupt, ob der König noch Minister finden würde, denen daran liege, seinen persönlichen Willen den Parteistandpunkten oder allgemein vorwaltenden Stimmungen gegenüber zu behaupten und durchzusetzen, oder ob die höchste Gewalt nur eben der Ausdruck der aus den Gegensätzen der Meinungen hervorgehenden parlamentarischen Mehrheit sein sollte. Wilhelm III. war sich bewußt, daß er die Freiheiten und Rechte der Nation niemals gefährden wolle. Er hatte ein Gefühl von dem Verdienst, das er und seine Armee sich um dieselben erworben. Daß die Nation, nur, wenn sie wohlbewaffnet war, ein Gewicht in den Ratschlägen von Europa ausüben, daß sie sonst ihre Sicherheit nur in der Nachgiebigkeit gegen Frankreich finden werde, lag auf der Hand; seine eigene Autorität in der Welt hing davon ab. Der sonst so ruhige Mann geriet in eine Aufwallung, die er nicht bergen konnte. »Das Verhalten des Unterhauses«, schreibt er an Heinsius, Den ihm eng befreundeten leitenden Staatsmann in Holland. »ist mir so widerwärtig, daß ich mich mit nichts anderm beschäftigen kann; ich sehe voraus, daß ich einen extremen Entschluß werde fassen müssen.« »Die Sachen im Parlament stehen so verzweifelt, daß ich etwas werde tun müssen, was großes Aufsehen in der Welt machen wird.« Der Gedanke ging ihm durch den Kopf, und er machte den Freunden kein Hehl daraus, daß er England sich selbst überlassen und nach Holland zurückkehren müsse. Für den Fall, daß eine demnächst zu erwartende neue Debatte in Sachen der Armee abermals gegen ihn ausfallen würde, hatte er bereits den Entwurf einer Rede abgefaßt, in der er dem Parlament diesen Entschluß aussprechen wollte. Er dachte darin in Erinnerung zu bringen, wie er es mit Gottes Hilfe so weit gebracht habe, daß England im Besitz seiner Freiheiten und seiner Religion fortan ruhig leben könne, wenn es nur für seine Sicherheit Sorge tragen wolle; aber er sehe jetzt, daß es des Rates, den er gebe, nicht mehr achte, sich der Mittel der Verteidigung beraube und ins Verderben stürze. Davon wolle er nicht selbst Augenzeuge sein, und da es ihm unmöglich werde, das Reich zu verteidigen und zu schützen, so ziehe er vor es zu verlassen. Man möge ihm die Männer bezeichnen, denen er die Regierung an seiner Stelle übergeben solle; würde man seiner später wieder bedürfen, so werde er zurückkommen, um sein Leben abermals für England zu wagen. Es gibt Entschlüsse, über die man auch für bevorstehende Eventualitäten vollkommen mit sich einig geworden ist; man spricht nicht darüber, man führt sie aus, wenn der Moment dazu gekommen ist. Aber andre gibt es, die man als eine äußerste, vielleicht notwendig werdende Auskunft betrachtet, bei denen man sich aber noch weitere Erwägung vorbehält; mit diesen hält man nicht so ängstlich zurück, man gibt den Vertrauten davon Kunde, um sich der Wirkung zu versichern, die sie machen könnten. So hat Wilhelm III. die Absicht sich zurückzuziehen nicht allein den zuverlässigsten der Whigminister wie Somers und Montague, sondern selbst dem Vertrauten der Prinzessin Anna, Grafen Marlborough, Dieser nachher im spanischen Erbfolgekrieg berühmt gewordene Feldherr, geboren 1650, hatte sich schon in den Kriegen von 1672 und 1689 gegen Frankreich ausgezeichnet, auch zu Wilhelms III. Berufung auf den Thron mitgewirkt, 1692 seine Ämter verloren; nach dem Tode der Königin Maria aber (Dezember 1694) hatte der König sich ihm wieder zugewandt; Englische Geschichte 6, 218; 7, 43. 81. 89; 8, 13. zu erkennen gegeben. Es liegt am Tage, wenn sie ausgeführt wurde, so war nicht allein die Administration gesprengt, sondern die Monarchie überhaupt in Gefahr. Damit würde gleichsam die Unmöglichkeit einer eigentlich monarchischen Regierung im parlamentarischen Staat zur Evidenz gelangt sein. Man darf, denke ich, auch ohne ausdrückliches Zeugnis annehmen, daß die nächste Absicht König Wilhelms dahin ging, der Nachfolgerin und ihren Freunden, denen sich die Tories, und den Ministern, denen sich die Whigs anschlossen, dem Parlament überhaupt und der Nation das Unrecht, das man ihm tue, und die Gefahr, in die man sich dadurch stürze, zum Bewußtsein zu bringen. Unausführbar aber war das Vorhaben selbst für ihn, auf seinem Standpunkt. Denn welche Verwirrung würde schon eine Erklärung dieser Art zur Folge gehabt, welche Förderung würden die Jakobiten, die noch immer sehr zahlreich und mächtig waren, für ihre Ansprüche und Versuche dadurch gewonnen haben; wie wäre sie selbst dem Übergewicht von Frankreich zustatten gekommen! Das ganze Lebenswerk Wilhelms III. würde dadurch gefährdet und vielleicht zugrunde gerichtet worden sein. Die Erfolge unsrer Handlungen werden uns selbst zu Bedingungen unsrer Existenz; vergebens kämpft die zuweilen aufblitzende Indignation des persönlichen Selbstgefühls dagegen an. Soviel erreichte der König von den Ministern, daß sie sich noch einmal zu dem Versuch entschlossen, das Parlament zur Bewilligung von 10 000 Mann zu vermögen, in welcher Zahl sich dann auch vielleicht die holländischen Garden einschließen lassen würden. Am 3. Januar kam es zu dem Vorschlag, dem Komitee eine neue Erwägung der Truppenzahl anheimzugeben. Der Kriegssekretär Blaitwayt führte aus, daß es ein Irrtum sei, wenn man angenommen habe, zu den Garnisonen würden 3000 Mann hinreichen; dazu wären wenigstens 5000 erforderlich, so daß die Summe notwendig erhöht werden müsse. Noch einmal erörterte dann Montague die allgemeinen Bedenken gegen eine so große Verringerung der Streitmacht: der zu Land und See gleich furchtbare, aller seiner Kräfte jeden Augenblick mächtige benachbarte König sei bei weitem eher imstande einen Angriff auszuführen, als das vermöge seiner Verfassung schwer bewegliche England zur Verteidigung gerüstet sei; und was würde man, sagte er vollends erleben, wenn Gott in einem solchem Augenblicke über den König gebiete? Alle Parteien würden sich zum Kampf gegeneinander erheben, die Regierung würde keine Kraft haben, sie im Zaum zu halten. Diesmal aber erklärten sich selbst solche Mitglieder gegen die Regierung wie Lord Hartington, der ältere Sohn des Grafen von Devonshire William Cavendish, Graf von Devonshire, seit 1694 Herzog, hatte eifrig für Wilhelms III. Berufung gewirkt und war als Oberhofmeister Mitglied des Ministeriums; Englische Geschichte 6, 110. 175; 7, 55. 208. und ein Beamter der Schatzkammer, Pelham. Pelham war in der vorigen Sitzung für eine größere Anzahl von Truppen gewesen, aber jetzt stimmte er dagegen, weil nun der Friede allenthalben gesichert sei. Die Majorität des Hauses wurde dadurch um so mehr in ihrer Meinung bestärkt. Nur dann hätte sich vielleicht etwas bei ihr ausrichten lassen, wenn ein jeder erfahren hätte, daß ihm der König für die erwähnte Nachgiebigkeit zu Dank verpflichtet sein werde. Der König war aber weit entfernt das hoffen zu lassen; nur die Bestätigung der vorhandenen Truppenzahl hätte ihn befriedigen können. Die Minister trugen selbst Bedenken, es zu einer Abstimmung zu bringen, weil dann alle, welche mit der Majorität gestimmt hätten, sich an dieselbe gebunden geachtet haben würden. Die Zurückverweisung an das Komitee wurde abgelehnt. Der König führte seinen Gedanken nun doch nicht aus. Ein Unwohlsein, von dem er befallen wurde, schrieb man dem Mißvergnügen zu, das er empfinde; er durfte es nicht einmal laut werden lassen. Bei den Lords fand er zwar in der Sache selbst Beistimmung. Als ihnen die Auflösungsbill vorgelegt wurde, sprechen sich sachkundige Mitglieder wie Marlborough, und nach ihnen die meisten andern, gegen die geringe Truppenzahl aus. Sie meinten, die Commons hätten die Frage in einer Konferenz mit den Lords in Erwägung ziehen sollen; sie machten es ihnen zu einem besonderen Vorwurf, daß sie auch die französischen Refugiés ausgeschlossen hatten, die nach keinem Vaterland zurückgehen könnten. Aber die Bill verwerfen wagten sie darum doch nicht; nicht allein weil sie als Geldbill angesehen werden konnte, sondern hauptsächlich um keine Entzweiung mit den Commons hervorzurufen, die auf den König zurückgefallen wäre und dessen Stellung unsicherer gemacht hätte als die Verringerung seiner Truppen. Die Regierung hatte noch die Hoffnung, bei der Beratung über die Stärke der Marine einen Vorteil davonzutragen, der sich für die Wünsche des Königs hätte benutzen lassen. Statt 12 000 Mann, wie bisher, wurden 15 000 Mann für die Marine bewilligt. Die Absicht war, die angenommene Mehrzahl zu militärischem Zweck zu benutzen, und schon wurden darauf Entwürfe zur Beibehaltung von Soldaten gegründet, die in der Marine verwendet werden sollten. Der nächste Beschluß des Hauses war jedoch, daß die gesamte Anzahl ausschließend aus Matrosen bestehen solle. Nachdem die Auflösungsbill in beiden Häusern durchgegangen war, konnte der König, wenn er nicht mit der Nation geradezu zerfallen wollte, nicht anders als sie genehmigen. Er tat das bereits am 1. Februar, zugleich mit einigen andern Bills, in einer Versammlung beider Häuser. Er hoffte, indem er den Widerspruch in der Hauptsache fallen ließ, in einem Nebenpunkt eine Milderung zu erlangen. Er erwähnte, wie unangenehm es ihm sei, daß er sich von seinen Garden trennen solle, die zum Beistand für England mit ihm herübergekommen und in allen Aktionen um ihn gewesen seien. Das brachte jedoch um so weniger eine Wirkung hervor, da die Garden Holländer waren, welche man von allen Fremden am wenigsten im Lande zu behalten wünschte. Noch einmal, im Laufe des März, hat der König seinen Wunsch den Commons aufs eindringlichste ausgedrückt. Die holländische Garde war im Begriff sich einzuschiffen, wozu alles vorbereitet war; der König meldete das dem Hause in einem eigenhändigen Schreiben mit der Bemerkung, daß es ihm zum größten Gefallen gereichen würde, wenn man ihr dennoch gestatte im Lande zu bleiben. Man hatte im Parlament nicht die Absicht den König zu verletzen, man fühlte, was man ihm schuldig war, aber von persönlicher Rücksicht auf ihn oder auf die wohlverdienten Leute war bei der Mehrheit nicht die Rede. Das Gemeingefühl der Nation forderte die Entfernung der Truppen, das Parlament hatte sie beschlossen kraft seines Rechtes und infolge seiner Interessen; davon wollte man keinen Schritt zurückweichen. Diese Stimmung war so entschieden, daß von den Anhängern des Königs nur wenige auf eine Beratung darüber anzutragen, aber auch dann nicht dafür zu sprechen den Mut hatten. Man deklamierte vielmehr gegen die schlechten Ratgeber des Königs, durch die er hierzu veranlaßt worden sei, und schlug vor bei ihm anzufragen, wer ihm den Rat zu diesem inkonstitutionellen Schritt gegeben habe. So weit ging man zuletzt doch nicht, das zu beschließen. Aber die Adresse, mit der man das Schreiben des Königs beantwortete, war auch ohnedies sehr stark. Man sagte ihm, dem Volke gereiche der zur Entfernung der Truppen gefaßte Beschluß zur Genugtuung; sie würden von demselben nicht zurücktreten können, ohne die Konstitution zu verletzen, zu deren Herstellung der König einst selbst nach England gekommen sei. König Wilhelm fand die Adresse impertinent, das ist sein Ausdruck, aber er mußte sich in das Notwendige fügen. Alles vereinigte sich: nationaler Widerwille gegen die Fremden und das Soldatenwesen, die Absicht zu sparen, die Opposition gegen die königliche Autorität und der Haß gegen die vorwaltenden Minister; extreme Whigs und Tories hatten sich gegen sie vereinigt. Wenn man fragt, ob in der Tat und Wahrheit seine europäische Stellung, die er als eine besondere ihm selbst eigene Angelegenheit zu behandeln pflegte, dadurch gestört wurde, so ist das außer Zweifel. Als der Kurprinz von Bayern Der in Aussicht genommene Erbe der spanischen Monarchie beim Tode des kinderlosen Königs Karls II.; er starb im Februar 1699. gestorben war und Frankreich mit Ansprüchen hervortrat, welche er prinzipiell verwarf, was war es dann, wodurch er sowohl wie Heinsius bewogen wurde, auf dessen Vorschläge einzugehen? Der erste Vertrag zwischen England, Holland und Frankreich, Oktober 1698, bestimmte den Kurprinzen zum Haupterben; Philipp von Anjou sollte Neapel und Sizilien, Erzherzog Karl Mailand erhalten. Der zweite Vertrag, März 1699, nannte den Erzherzog Karl als Haupterben, gestand aber dem französischen Prinzen auch noch Lothringen zu, dessen Herzog durch Mailand entschädigt werden sollte. Am 1. November 1700 starb Karl II.; sein Testament setzte Philipp von Anjou als Erben der Gesamtmonarchie ein; Ludwig XIV. nahm es an, in England aber blieb man zum Frieden geneigt; Ranke 7, 234 f. Vor allem doch die Unmöglichkeit, das damalige Parlament zum Widerstand gegen Frankreich zu vermögen. Unter keinen Umständen aber durfte er es zu vollem Bruch kommen lassen. Er schloß die Session am 4. Mai, nicht ohne sein Mißvergnügen über die Resultate der Sitzung auszudrücken. Die Subsidien, die man ihm bewilligt hatte, betrugen kaum die Hälfte der früheren; seine militärische Macht war ihm bereits zum großen Teil entwunden. Ein Umschwung der öffentlichen Meinung in England trat dadurch ein, daß Ludwig XIV. nach dem Tode Jakobs II., im September 1701, sofort dessen Sohn Jakob (III.) als rechtmäßigen König von England anerkannte. Im Januar 1702 beschloß das Parlament, 40 000 Mann Landtruppen und 40 000 Matrosen auszurüsten; Englische Geschichte 7, 271. 277. Am 8./19. März starb Wilhelm III., nachdem ein englisches Heer unter Marlborough in Holland gelandet war. 38. Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst von Brandenburg. Preußische Geschichte I u. II, Werke Bd. 25 u. 26 S. 378-382. Kurfürst Friedrich Wilhelm erscheint als ein Mann von natürlichster Einfachheit, der, wenn er über den Markt geht, wohl ein paar Nachtigallen kauft, die man feilbietet, denn er liebt Singvögel in seinen Gemächern; der in seinem Küchengarten das aus der Fremde gebrachte Reis mit eigner Hand pfropft, in Potsdam die Trauben im Weinberge lesen, die jungen Karpfen im Teich fischen hilft. Dabei aber richtet er sich doch eine stattliche Hofhaltung ein; er hält auf die Abzeichen, die ihn von allen andern unterscheiden, er legt selbst Wert darauf, daß er einen gewissen Aufwand machen kann, nach welchem ihn niemand zu fragen hat. Für die Künste wohnte ihm ein natürliches Talent inne, so daß er das Gute und Brauchbare auf den ersten Blick unterschied. Er war mehr ein Kriegsmann als ein Gelehrter, aber er hatte Sinn für Gelehrsamkeit und den Wunsch sich allseitig zu unterrichten. Wichtige Fragen über zweifelhafte Punkte legte er den Gelehrten vor, die er erreichen konnte, und ließ sich von ihnen Vortrag halten, ohne die Kontroverse zu scheuen. In seinen mittleren Jahren geschah das alle Tage; die Staatsgeschäfte litten dabei nicht. Er war vielmehr überzeugt, daß er eben des Rates der Gelehrten bedürfe, um sie zu führen. Seine Staatsverwaltung hatte eine patriarchalisch-familiäre Ader. Eine große Anzahl eigenhändiger Briefe von ihm an seinen vertrautesten Rat, Otto von Schwerin, sind aufbehalten. Alle öffentlichen Geschäfte und häuslichen Ereignisse werden darin in den Formen der herzlichsten Freundschaft erörtert. Der Fürst wünscht z. B. seinem Minister einen glückseligen guten Morgen oder Gottes Beistand bei der bevorstehenden Entbindung seiner Frau Liebsten. Darum aber durfte dieser keine persönlichen Interessen in die Verhandlungen mischen. Er wird wohl bedeutet, keine Affekte blicken zu lassen, wo er nur seine Meinung zu sagen habe. In der alten Weise deutscher Fürsten liebte Friedrich Wilhelm noch regelmäßige und eingehende Deliberation. Schon Oxenstierna Der schwedische Reichskanzler, 1631-36 in Mainz Leiter der damals die Geschicke Deutschlands bestimmenden schwedischen Politik, gestorben 1654. lobt einmal den Fleiß, mit welchem der Kurfürst in seiner Jugend den Sitzungen seines Geheimen Rates beigewohnt, wie er sich sogar die Mühe gegeben habe, die verschiedenen Abstimmungen aufzuzeichnen. Er zog besonders juristisch gebildete Männer, welche politisches Talent verrieten, in denselben. Im versammelten Staatsrat hielt er fürs beste alle sprechen zu lassen, und zwar die jüngsten Mitglieder zuerst, weil sie, wenn die älteren ihre Meinung zuvor aussprächen, durch deren Autorität leicht beherrscht werden würden. Seine Methode war, alles zu hören, aber selbst keine definitive Meinung zu äußern. Dafür behielt er die stille Überlegung mit sich selbst vor, nicht ohne Gebet. Durch diese Erhebung der Seele meinte er in den Stand gesetzt zu werden, den besten Rat zu finden und zu wählen. Man verglich sein Urteil mit dem Neigen der Zunge in der Wage, nach der Seite hin, wo das Übergewicht der Gründe fällt, fast ohne Willkür. »Und was ich dann«, sagt er, »im Geheimen Rat einmal beschlossen, das will ich auch vollzogen haben.« Schreiben an Schwerin, 8. Februar 1671. R. Eben aus dieser Verbindung von Deliberation und entschiedenem Willen leitete man seine Erfolge her. Seine Grundsätze waren: wohl überlegen, rasch ausführen; wo die Not vorhanden, da gilt kein Privilegium. Sehr bequem und beliebt war sein Regiment mit nichten; die allgemeine Klage war, daß er die Untertanen zu sehr belaste, und zwar immer stärker, je älter er wurde. Man hatte viel von seinem Jähzorn zu leiden, der dann auch keineswegs ohne Einfluß auf die Geschäfte blieb. Wenn die großen Angelegenheiten überhaupt selten ohne Leidenschaft verwaltet werden, so war das auch bei ihm nicht der Fall; aber in der Situation lag ein gutes Korrektiv momentaner Aufwallungen. Man hat wohl erlebt, daß er nach irgendeiner ihm geschehenen Mißachtung Feuer und Flamme war, um sich zu rächen, den andern Tag aber Friedensentwürfe zum Vorschein brachte, welche sehr wohl erwogen und von der andern Seite angenommen werden konnten. Alles war voll von Gärung und Wechseln der Entschlüsse; wer im vorigen Jahre mit Krieg und Verderben bedroht worden, dem wurden nach veränderten Umständen im laufenden Anerbietungen zu der engsten Verbindung gemacht. Jede neue Wendung der Dinge regte neue Entwürfe auf; die persönliche Stimmung wurde doch immer durch die allgemeine Erwägung beherrscht. In seinem Geiste war etwas Weitausgreifendes, man möchte sagen: allzuweit, wenn man sich erinnert, wie er Brandenburg in unmittelbaren Bezug zu den Küsten von Guinea brachte und auf dem Weltmeer mit Spanien zu wetteifern unternahm, oder wie er auf den Entwurf einging, zur Begründung einer allgemeinen Wissenschaft eine von aller Rücksicht auf die christlichen Konfessionen unabhängige Universität zu stiften. Die Universität in Duisburg wurde dann doch als reformierte Universität gestiftet 1655; sie hat bis 1802 bestanden. Er zweifelte nicht an dem Erfolge der geheimen Wissenschaften; Astrologie, Alchymie. Laboratorium seines Kammerdieners Kunkel auf der Pfaueninsel bei Potsdam. er liebte von dem Entlegenen und Wunderbaren zu hören, und dabei war er doch durch und durch praktisch. An jeder Tätigkeit der Menschen hat die Imagination großen Anteil, denn das Zukünftige muß sich dem Geiste in ergreifbaren Formen darstellen. Die Verbindung einer ausführenden Tätigkeit mit einer Phantasie, die vor dem Unausführbaren nicht auf den ersten Blick zurückweicht, gibt seinem Wesen um so mehr etwas Großartiges und Außerordentliches. Wir fühlen um ihn her die geistige Luft, in welcher der Genius atmet, die Handlungen, die sich auf einem unendlichen Hintergrund der Gesinnung und der politischen Anschauungen erheben. In seinen jüngeren Jahren erschien der Kurfürst als ein schöner Mann, groß und wohlgewachsen, mit vollem Gesicht, bedeutend ausgeprägten Zügen und hellen Augen. Er vereinigte den Ausschluß der Entschlossenheit mit höflichem Wesen; man urteilte aus seinem Gespräch, daß er die Welt kenne und die Geschäfte verstehe. So erschien er bei jener Zusammenkunft in Bromberg, Nach dem Vertrage zu Wehlau 1657; Preußische Geschichte 1, 259. auf welche dann bald ein Besuch der Königin von Polen in Berlin folgte. Da kehrte der Kurfürst eine andre Seite seines Wesens hervor; er holte sie mit einem Gefolge von 4000 Mann ein und ansehnlichem Geschütz, das zu ihrer Begrüßung gelöst wurde. So begleitete er sie auch, als sie wieder abreiste. Als sie sich von seiner Gemahlin getrennt hatte, ritt er noch eine Zeitlang neben dem Wagen her, stieg dann ab, um persönlich Abschied zu nehmen. Der Besuch hatte seiner Gemahlin Luise Henriette von Oranien gegolten, die auch mit ihm in Bromberg gewesen war. Sie erschien neben ihm sanfter und ruhiger, sie war klein, aber wohlgestaltet; sie sprach wenig und verriet eine Neigung zu Melancholie. Sie fastete alle Dienstage, weil ihr Bruder an diesem Tage gestorben war. Auch bei festlichen Gelagen hielt sie dies ihr Gelübde; sie nahm die Gesundheiten an, die man ihr brachte, und erwiderte sie, ohne zu trinken. Aber mit ihrer religiösen Devotion verband sich doch auch ein Verständnis für die vorliegenden Fragen; sie hielt es beinahe für die Pflicht der Gemahlin eines Fürsten, sich mit den öffentlichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Der Kurfürst hat sich bei ihren Ratschlägen wohlbefunden; er hat sie nach ihrem Tode oft vermißt. Seine zweite Gemahlin, Dorothea von Holstein-Glücksburg, war aus stärkerem Stoff gebildet; sie begleitete ihn auf seinen Feldzügen, in das Getümmel des Feldlagers, in die Gefahren der Belagerungen; niemals wollte sie ihn verlassen. Sie behandelte ihn als den großen Mann, der er war, und war besorgt für sein Glück und seinen Ruhm. Man findet nicht, daß sie in den großen Angelegenheiten Einfluß auf seine Entschlüsse ausgeübt hat; dagegen in seiner äußeren Umgebung herrschte sie unbedingt. Unter den Freunden und Genossen der Familie war sie bekannt dafür, daß es ihr das größte Vergnügen auf der Welt mache, zu befehlen. Dem Kurfürsten, der sie gewähren ließ, verschaffte sie eine seiner Natur entsprechende Häuslichkeit. Er erscheint als ein Hausvater alter Zeit, wie wenn er vor Tische im Lehnstuhle sitzend die Begrüßung seiner Kinder empfing, die ihn ehren, aber auch fürchten. Wie ihn seine Bildnisse zeigen und die, welche ihn kannten, versichern, in ihm war eine seltene Verbindung von Ernst und Wohlwollen, Güte und Majestät. In jedem Augenblick erschien er würdig und gediegen, seiner Stellung bewußt, die doch großenteils sein eignes Werk war. Er hat den brandenburgischen Staat nicht etwa geschaffen, denn in seinen Grundlagen bestand derselbe bereits und hatte seinen eigentümlichen Charakter, aber diese Bestandteile hat Kurfürst Friedrich Wilhelm nicht allein zusammengehalten, sondern auch solche von wesentlichster Bedeutung hinzugefügt und ihnen die Idee eines Staates eingehaucht , das Bewußtsein nicht allein eines äußern, sondern auch eines innern Zusammenhaltes. Die bewaffnete Macht war der vornehmste Mittelpunkt der Einheit des Landes; sie hat ihm selbst und allen seinen Nachfolgern ihre Stellung in der Welt gegeben. Seine ganze Staatsverwaltung beruht darauf; er selbst hat der Armee zwei Drittel der Einkünfte zugewendet; seinem Nachfolger hat er sterbend das Heer als seine eiserne Hand empfohlen und ihn verpflichtet, sie aufrechtzuerhalten. Ein andres Moment, das alles zusammenhielt, war die Religion . Nicht sowohl die Ausbreitung des evangelischen Bekenntnisses als die Verteidigung desselben hat seine Politik alle die Jahre seiner Regierung hindurch beschäftigt. Anknüpfend an die Altvordern hat er dem werdenden Staate seinen protestantischen Charakter auf das tiefste eingeprägt und ihn für alle Folgezeit befestigt. Sein politisches Testament vom Jahre 1667, von Ranke im Anhang mitgeteilt, empfiehlt dem Nachfolger in der Kurmark und Pommern keine Katholiken zuzulassen; in Ostpreußen und in den als Äquivalent für Vorpommern erworbenen Landen sei ihnen die Religionsübung, wie sie 1624 war, zugesichert, dabei müsse er sie schützen, aber ein mehreres nicht einräumen; im Klevischen möge er die von Johann Sigismund gegebenen und von ihm bestätigten Reversalien in Kraft halten. Die Verbindung Brandenburgs mit dem Reiche war die Grundlage seiner Politik. Die Idee des Reiches trug er tief in seiner Seele; man sagte wohl, er sei der einzige, in welchem diese Idee lebe, ohne ihn würde sie zugrunde gehen. Und wenn Brandenburg durch ihn eine gesicherte Stellung in Deutschland und Europa gewann, so hat er gleichsam seinen Nachkommen ihre künftigen Bahnen demgemäß vorgezeichnet. Die Erwerbung von Pommern in den Verbindungen, in denen sie später ausgeführt worden ist, die Eroberung von Schlesien schon mit Andeutung eines Feldzugsplanes zu diesem Behuf, selbst ein Unternehmen gegen Frankreich, wo er das alte durch Parlamente und mächtige Stände beschränkte Königtum, mit welchem Europa in Frieden leben konnte, herzustellen gedachte, hat er entworfen; eine kleine Marine, die freilich wieder zugrunde ging, hat doch die Idee einer brandenburgischen Seemacht lebendig erhalten. Eine der empfindlichsten Schwierigkeiten in seinem Leben bildete die Differenz des reformierten Bekenntnisses, zu welchem er sich mit vollem Herzen hielt, und des lutherischen, welches seine Untertanen mit altdeutscher Glaubensfreudigkeit erfüllte. Seiner Gemahlin Dorothea, die ihm zu Liebe zum reformierten Bekenntnis übergetreten war, schreibt man zu, daß sie seinen Eifer gegen die Lutheraner gemäßigt habe. Er hätte dann nichts mehr gewünscht, als beide Bekenntnisse, wenn nicht zu vereinigen, so doch zu versöhnen. Er beschwerte sich oft über die Hartnäckigkeit der Lutheraner, aber auch über den Eifer der Reformierten, namentlich in Behauptung der Beschlüsse von Dordrecht. Noch in seinen letzten Stunden beklagte er sich darüber, daß unter den Evangelischen so wenig Eintracht herrsche. Er wußte, welch ein Moment entscheidungsvoller Kämpfe dem Protestantismus bevorstand. Ludwigs XIV. Angriff auf die Pfalz und Wilhelms III. Landung in England, um das katholische Königtum Jakobs II., der mit Frankreich verbündet war, zu stürzen. Friedrich Wilhelm versprach seinem Neffen Wilhelm III. Hilfstruppen zu senden; sein Nachfolger sandte 6000 Mann, von denen ein Teil in Holland blieb, ein andrer die Landung in England mitmachte; Englische Geschichte 6, 182. 185. 207. Jene Erwartung einer durchgreifenden Umwandlung der europäischen Politik zugunsten des allgemeinen Gleichgewichts, die er in seinen letzten Tagen kundgab, war zugleich religiöser Natur. Was aber könnte den Abschied aus diesem Leben leichter machen als religiöse Überzeugung? Der Kurfürst zeigte ein volles Bewußtsein davon. Der Stoismus, den man ihm wohl zuschreibt, ist eben der feste, seiner Sache gewisse Glaube . Er wußte, was die Lehre von der Erlösung bedeute: die Reinigung der im Laufe des Lebens nicht ohne Makel gebliebenen Seele und ihre Rettung. In ihm durchdrang sich das Vertrauen auf den Sieg der guten Sache in der Welt und auf die Fortdauer des persönlichen Daseins auf einer höheren Stufe. Unterwerfung der ostpreußischen Stände, Preußische Geschichte 1 u. 2, S. 284 bis 288. Schlacht bei Fehrbellin, S. 318-321. Aufnahme der französischen Reformierten, S. 351-360. Testament. S. 388-401. 39. Staatsverwaltung König Friedrich Wilhelms I. von Preußen. Preußische Geschichte III u. IV, Werke Bd. 27 u. 28 S. 160-183. Wenn es unleugbar ist, daß die gesamte Administration den Zweck hatte die Armee zu erhalten und zu vermehren, so wäre derselbe doch nicht durch einseitig drückendes Gebot zu erreichen gewesen. Die Verwaltung Friedrich Wilhelms charakterisiert es, daß sie zugleich die natürlichen Hilfsquellen des Landes erschloß und seine Ertragsfähigkeit hob. Dabei eröffnete sich ihm ein weites Feld für sein eigentümliches Talent und eine dem Bedürfnis entsprechende Tätigkeit. Bei seines Vaters Tode, sagt er einmal, habe er nicht allein die Armee in ungenügendem Stande gefunden, sondern auch die Domänen verpfändet und zum Teil in Erbpacht ausgetan, die Finanzen einem Bankerott nahe, in allen Dingen eine unbeschreibliche Unordnung, überdies das Land Preußen durch eine verderbliche Seuche herabgebracht. Alledem abzuhelfen, und zwar in verhältnismäßig kurzer Zeit, erklärt er für sein Meisterstück. Die Grundlage von allem war die landwirtschaftliche Einrichtung, namentlich der Domänen . Wir berührten schon, welchen Anteil er an dem Falle des Erbpachtsystems hatte; Als Kronprinz im Jahre 1710; s. Preußische Geschichte 1 u. 2, S. 466. er hielt es für eine seiner dringendsten Angelegenheiten, die bei seiner Thronbesteigung noch in den Händen der Erbpächter befindlichen Domänen sich wieder zuzueignen. Das Erbstandsgeld, das sie gezahlt, ließ er ihnen zurückgeben, aber sofort mit Sack und Pack sollten sie die Güter räumen, welche sein, des Königs, seien, deren Besitz ihm von Gott und Rechts wegen zugehöre. Die Gefahr dieses Versuches diente ihm zum Anlaß, eine alte Satzung des Hauses, nach welcher die von den Vorfahren angeerbten Lande nicht veräußert werden durften, in den stärksten Ausdrücken zu erneuern und auf alle Güter und Einkünfte auszudehnen, die seitdem erworben seien oder noch erworben werden würden. Edikt über die Unveräußerlichkeit der Domänen vom 13. August 1713. Der König führte überall die Zeitpacht zurück und genoß das Vergnügen, seine Einkünfte dabei sich noch mehren zu sehen. Die Pacht war immer auf sechs Jahre bestimmt, und er ordnete die strengste Aufsicht bei Erneuerung derselben an. Der Präsident der Provinzialkammer, unter welchem die Ämter stehen, soll sie bereisen sowie der Schnee schmilzt, nachsehen ob die Zahl und Beschaffenheit der Äcker mit dem Anschlag übereinkommt, diese nötigenfalls wieder ausmessen lassen und sich in Person eine so genaue Kenntnis verschaffen, daß er weder von den Pächtern noch etwa von seinen Räten betrogen werden kann. Für jede Verbesserung sollen Voranschläge gemacht und diese alsdann um keines Hellers Wert überschritten werden; der Pächter, der durch seine Kaution gebunden ist, soll niemals Zahlungsfrist erhalten. Die Hofkammer, die an der Erbpachtsache so vielen Anteil genommen, ward aufgelöst und eine allgemeine Direktion der Domänen eingerichtet, unter welcher sämtliche Amtskammern standen. Eine andre Art von Aufsicht, die alle Behörden durchsetzte und in einer mehr durch Furcht als durch Hoffnung angeregten Spannung hielt, führte der König selbst; für den Betrieb der Landwirtschaft hatte er nicht weniger Gaben als für den militärischen Dienst und sich ebensoviel besondere Kenntnis davon erworben. Man hat damals gesagt, was man von Friedrich Wilhelm I. nicht erwarten sollte, eine Stelle aus einem alten griechischen Klassiker habe in dieser Beziehung einst in seiner Jugend großen Eindruck auf ihn gemacht, ein Kapitel Xenophons, Schrift über die Haushaltungskunst ÏÉ÷ïíïìé÷üò (Oikonomikos) 4, 5-11. Sie wird dem Kronprinzen in einer Übersetzung vorgelegt worden sein. worin es von dem persischen Könige heißt, er bekümmere sich ebensoviel um den Landbau wie um den Krieg, bereise die verschiedenen Landschaften seines Reiches oder lasse sie besuchen; nach dem Zustand, worin er sie finde, messe er Belohnung und Strafen ab. So lebte und webte auch er in dieser doppelten Richtung der Tätigkeit. Alle Jahre finden mir ihn von einer Provinz zur andern reisen. Was ihn dabei am meisten beschäftigt, ist die Verbesserung der Domänen, mit der er systematisch vorgeht, nicht in allen Provinzen zugleich, sondern in einer nach der andern. Er hat dabei, wie seine Aufzeichnungen zeigen, auch allenthalben die lokalen Interessen im Auge: in den östlichen Provinzen den Mangel an kleinen Städten, in Brandenburg die Regulierung des Forstwesens, namentlich den Verkauf des Holzes an die Holländer und Hamburger, um nicht etwa durch die Beamten selbst übervorteilt zu werden, im Magdeburgischen den Vertrieb des Salzes, die Erhöhung der Rente von den Kohlenbergwerken. Man sieht überall den sorgsamen und gebieterischen Hausherrn, der seine Erträge erhöhen will, ohne jedoch, wie er versichert, die Untertanen zu drücken, die er vielmehr in bessern Stand zu bringen sucht. Den größten Wert legte er auf die Förderung der Manufaktur . Die allgemeine Überzeugung in Deutschland gegen Ende des 17. und im Anfang des 18. Jahrhunderts ging dahin, daß die tief herabgekommene deutsche Industrie ohne strenge Maßregeln vollends zugrunde gehen müsse. In den gelesensten Schriften klagt man, daß das Übergewicht der französischen Manufaktur der deutschen Nation die innerste Kraft des Lebens, d. h. die der Hervorbringung, entziehe, das Blut aus ihren Adern sauge. In der Mark Brandenburg sah man die traurigsten Beweise des Verfalls vor Augen. Die Tuche der Priegnitz und der Altmark, die bisher in Hamburg gefärbt und dann nach dem Norden verführt worden, fanden dort keinen Absatz mehr, weil sie den gestiegenen Ansprüchen nicht mehr genügten. Wie sollten sie die englische Konkurrenz auf den fremden Märkten aushalten, da sie ihr auf den einheimischen unterlagen? Von hohem Werte in dieser Hinsicht war die Einwanderung der französischen Flüchtlinge. Was bisher aus England oder aus Frankreich mit großen Kosten bezogen worden, wurde nun im eignen Lande hervorgebracht, sogar mit dem Erfolg, daß es wieder ausgeführt wurde. Friedrich Wilhelm war unendlich glücklich, daß das Geld im Lande bleibe; er sah die Manufakturen, nach dem Ausdruck des Paters Vota Ein Jesuit im Dienste des Königs August II. von Polen, der öfter am preußische Hofe erschien; Preußische Geschichte 1 u. 2, S. 441. 457. wie ein ergiebiges Bergwerk an. Sehr wahr, daß die Theorie, der er folgte, mit einer Überschätzung des baren Geldes zusammenhingt; Vgl. Colbert o. S. 197. allein abgesehen hiervon war es doch von der dringendsten Notwendigkeit, den gewerbtreibenden Teil der Bevölkerung dem Verderben zu entreißen, in den ersten Bedürfnissen des Lebens nicht ganz vom Ausland abhängig zu werden. Wer wollte es tadeln, daß man der fremden Arbeit eigenen Fleiß entgegensetzte und das Unentbehrliche selbst hervorzubringen suchte. Die deutsche Nation durfte die gewerbliche Tätigkeit nicht aufgeben, welche in früheren Jahrhunderten einen so wichtigen Bestandteil des städtischen Lebens ausgemacht hatte. An seiner Stelle fand nun König Friedrich Wilhelm in dem Bedürfnis der Armee ein Mittel, die Manufaktur zu heben, indem er ihr eine umfassende Beschäftigung anwies. Er wollte, daß die Bekleidung der Armee ganz durch einheimischen Stoff beschafft würde. Einer der früheren Minister, der bei dem neuen König übrigens wenig in Gunst stand, erwarb sich doch das Verdienst, den Gedanken ausführbar zu machen. Noch war die einheimische Manufaktur gerade in diesem Punkt sehr mangelhaft. Jener Minister, der Generalempfänger Kraut, zog geschicktere Arbeiter heran und wußte den Preis der Wolle mit dem Gelde, das man aufzuwenden hatte, in Verhältnis zu bringen. Nach einiger Zeit gelang es zugleich feine und wohlfeine Tuche zu erzielen, welche nicht nur die ausländischen verdrängten, sondern auch selber Eingang in fremde Länder fanden. Bald zeigte sich mehr ein Mangel als ein Überfluß an Wolle; das Lagerhaus, so nannte man das Institut, beschäftigte Tausende von fleißigen Händen in Berlin und im ganzen Lande. Friedrich Wilhelm hielt darüber, daß der Soldat allezeit in sauberer Kleidung einherging, jeder immer mit zwei Monturen versehen war. Bald aber legte er auch der Ritterschaft und den Untertanen als Pflicht auf, seinem und seiner Armee Beispiel hierin zu folgen, sich sowohl zur Bekleidung wie zu jedem andern Behuf nur einheimischer Wollwaren zu bedienen. Edikt, daß vom 1. Januar 1720 keine fremden Tücher noch andre außer Landes verfertigte wollene Waren getragen und gebrauchet werden sollen; Mylius V, 2 S. 318. R. ( Mylius, Corpus Constitutionum Marchicarum, 6 Teile, 1736.) Und nicht allein die fremden Produkte aus diesem Stoff verbot er, sondern auch die baumwollenen, denen das Land nichts Gleiches entgegenzusetzen hatte. Im November 1721 hat er verfügt, daß binnen acht Monaten niemand, weder vom männlichem noch von weiblichem Geschlecht, von hohem oder niederem Stande, auf dem Lande oder in den Städten, denn so pflegten seine Edikte die verschiedenen Kategorien der Beteiligten aufzuzählen, feine oder grobe Kattune tragen solle, bei einhundert Reichstaler fiskalischer Strafe. Er kannte die Mittel sich Gehorsam zu verschaffen, und sieben Jahre darauf versichert man uns, daß niemand mehr an die fremden Waren denke, überall seien sie durch wollene Landzeuge und Leinengewebe ersetzt. Das wäre aber unmöglich gewesen, wenn die Ausfuhr der Wolle, wobei dem einheimischen Gewerbe nur der schlechteste Teil übrig blieb, fortgedauert hätte. Die sogenannte Wollpragmatika des Königs Edikt vom Jahre 1719. und viele erläuternde Edikte verbieten sie auf das strengste, suchen sie unmöglich zu machen. Man traf Einrichtungen, um den Verkauf der gefallenen Wolle bei der Akzise zu kontrollieren. Es konnte nicht an lebhaften Beschwerden fehlen; der König erwiderte, in Staatsangelegenheiten gehe das Heil des Ganzen dem Nutzen des einzelnen allemal vor. Um aber nicht nach soviel empfindlichen Beschränkungen am Ende doch mit schlechter Arbeit heimgesucht zu werden, ordnete er eine scharfe Aufsicht über die Gewerbe an. Die Gewerbefreiheit ist in Preußen erst durch das Edikt vom 2. November 1810 eingeführt worden. Den Tuchmachern ward vorgeschrieben, wie die Wolle zu säubern, nach ihrer Beschaffenheit zu sondern, geschmeidig zu machen, zu kämmen sei, wieviel Stein zu jeder Art von Zeug verwandt werden müssen, nicht anders als wie einst Colbert den französischen Gewerken die ausführlichsten technischen Vorschriften gab. Französische Geschichte 3, 177. Auch die preußischen Schaumeister schwuren, die Tücher, wenn sie vom Wirkstuhl, aus der Walke und aus der Färbe kommen, genau zu prüfen, die vorkommenden Mängel zu gebührender Bestrafung anzuzeigen. Dem Gildebrief der Garnweber ward eine Tabelle beigegeben, aus der ein jeder sehen könne, wieviel Ellen Linnen er von seinem Garn zu fordern habe. In den Jahren 1734-36 erhielten 63 Gewerke neue Gildebriefe, um allen eingerissenen Mißbrauchen zu steuern und jedem sein besonderes Gebiet anzuweisen. Auch die fünf Handwerke, die man auf dem Lande duldete, wurden durch beschränkende Gesetze an die städtischen Innungen gebunden. In den Städten aber untersuchte man nach der Zahl der Einwohner und der Summe des Verbrauches, wieviel Handwerker etwa in dem einen oder andern Zweige noch fehlen und daselbst ihre Nahrung finden möchten. Ausländern, welche sich dazu melden würden, bot man nicht unansehnliche Begünstigungen dar; Einheimische ließ man nur dann zu, wenn sie nachwiesen, daß sie in dem Ort ihres Aufenthaltes nicht zu bestehen vermöchten. Man organisierte gleichsam die Arbeit vom monarchischen Standpunkt. Und kein Zweifel, daß diese Bemühungen im allgemeinen erfreulichen Erfolg hatten. Das Gewerbe selbst konnte in kurzem die Konkurrenz der Nachbarn aushalten; die blauen Tuche von Berlin erwarben sich einen gewissen Ruf in Europa. Ein wichtigerer Vorteil ist es, daß die städtische Bevölkerung in der Mark wieder an Bestand gewann. Nach den vorliegenden, freilich unvollständigen Listen kann man sie in den Jahren 1713 und 14 wohl nicht höher als 100 000 anschlagen, wovon gegen die Hälfte auf Berlin kommt; im Jahre 1723, von dem wir genau unterrichtet sind, zählte man in den märkischen Städten 137945, im Jahre 1738 206520 Einwohner. Die Bevölkerung war in diesen späteren Jahren um ein Drittel, in der ganzen Regierungszeit wahrscheinlich um die Hälfte gestiegen. In der Hauptstadt wuchs die Einwohnerzahl auf 80 000 an, ungerechnet die Garnison, welche 16000 Mann betrug. Es leuchtet ein, daß der gewerbtreibende Stand hierdurch eigentlich aufs neue begründet worden ist. Von der Armee darf man wohl sagen, daß ihr Bestehen diesen allmählichen Fortgang nicht nur nicht behindert, sondern gefördert hat. Ohne die Garnisonen wäre an den Ertrag der Verbrauchssteuer, auf dem das ganze Finanzsystem beruhte, nicht zu denken gewesen. Friedrich Wilhelm ließ dieselbe in der Hauptsache, wie er sie fand, Die Akzise war als Verbrauchssteuer in den Städten 1667 vom großen Kurfürsten eingeführt; die Landbewohner zahlten Kontribution nach dem von den märkischen Ständen 1666 zugestandenen Satze; Preußische Geschichte 1 u. 2, S. 278 ff. erhöhte aber den Steuersatz der ausländischen Waren zum Besten der inländischen Fabrikate. Er war hierzulande der erste, der Schutzzoll und Akzise in die enge Verbindung brachte, in welcher sie hernach geblieben sind. Er bekannte sich zu dem Grundsatz, das eben sei der Stein der Weisen, daß man das Geld im eigenen Lande zurückhalte. Ebensowenig würden, ohne den durch die Armee gesteigerten Verbrauch von Lebensmitteln, die Bauern ihre Kontribution haben bezahlen können. Nur mit Unrecht hätte sich der Adel über die Beschränkungen beklagt, die ihm auferlegt wurden. Dazu gehörte auch die Zahlung einer Steuer an Stelle des Lehnsdienstes 1717 eingeführt; 3 u. 4, S. 154 ff. Der steigende Verbrauch, der sonst nicht möglich gewesen wäre, kam doch wieder dem Landbau zustatten. Was man gesagt hat, daß kein Morgen Landes in England sei, der nicht aus dem Anwachs von London Vorteil ziehe, fand, wenngleich in geringerem Maßstab, auch hier Anwendung. Zunächst Mittel- und Uckermark mußten durch die Nähe von Berlin gewinnen; die Uckermark wird als die Kornkammer der Hauptstadt bezeichnet. Aber auch die andern Provinzen jenseit der Oder und Elbe fingen an, den Überschuß ihres Getreides daselbst abzusetzen. Was man bei dem Wollhandel verlor, ersetzte sich durch den Verkauf des Getreides wieder. Dieses durfte nie unter einen gewissen Marktpreis sinken. Wie oft hätte man in Königsberg oder in Tilsit, bei freier Zufuhr aus Polen, um 1/8 oder 1/6 Taler kaufen können, wofür man jetzt wenigstens 1/4 bezahlen mußte. Der nächste Grund war, daß der König seine Pächter nicht in den Fall kommen lassen wollte, zahlungsunfähig zu werden, aber die Anordnung kam allen Gutsbesitzern zustatten. Für die Städte und die Miliz ward dadurch gesorgt, daß man den Preis auch wieder nicht allzuhoch steigen ließ. In Zeiten von Mißwachs und Teuerung öffneten sich die königlichen Magazine , die in wohlfeilen Jahren gefüllt worden waren, und nicht selten erwies sich diese Fürsorge überaus segensreich. Im Jahre 1736 z.B., wo man in der Nachbarschaft, in Polen und Schlesien, das ganze Unheil einer Hungersnot aushalten mußte, empfanden die brandenburgischen Lande kein besonderes Ungemach. Der Bauer ward mit Korn zur Aussaat unterstützt, das er nach eingebrachter Ernte zurückerstattete. Das wohlgeordnete Staatswesen sollte sich über die Zufälligkeit der Anwendung menschlicher Kräfte und über die Schwankungen der Natur erheben. Man hat es als den vornehmsten Grund betrachtet, warum die Alten sich so wenig wissenschaftlich mit finanziellen Fragen beschäftigt haben, daß es dabei darauf ankomme, aus immer ungleichen Einkünften die immer ungleichen Bedürfnisse zu bestreiten; Zitat aus der Einleitung zu Böckhs »Staatshaushaltung der Athener«. hier war vielmehr der Sinn, beide fortwährend gleichzuhalten und in gleichem Verhältnis miteinander zu entwickeln. Friedrich Wilhelm stiftete 1723 in dem Generaldirektorium Der volle Titel war: General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domänendirektorium; es hat bis 1806 bestanden. eine Behörde, die vor allem auf die Erreichung dieses Zweckes hinarbeiten sollte. Man weiß, daß die nächste Veranlassung zur Gründung derselben in den Zwistigkeiten lag, die zwischen dem Kriegskommissariat, welches die Kriegsgefälle in den Städten und auf dem Lande, Akzise und Kontribution, verwaltete, und dem Finanzdirektorium, das die Bewirtschaftung der Domänen leitete, ausbrachen. Ihre Befugnisse, aus verschiedenem Ursprung herrührend, stießen nicht selten gegeneinander. In dem einen erschien der Fürst als großer Landbesitzer, seinem Adel gleichartig, in dem andern als allgemeiner Kriegsherr. Es kam vor, daß die Domänenkammern den Pächtern Zugeständnisse machten, die den Anordnungen des Kommissariats widersprachen, und Klagen gegen dasselbe, welche die Stande erhoben, mit unterzeichneten. Durch den allgemeinen Wetteifer im Dienste, den der Ernst und die Wachsamkeit des Königs erweckt hatte, ward das Übel erst recht zutage gebracht. Hierauf beschloß Friedrich Wilhelm, die beiden Behörden zu vereinigen. Bei einem einsamen Aufenthalt in Schönebeck im Dezember 1722 setzte er den Entwurf einer Instruktion in aller Ausführlichkeit mit eigener Hand auf; am 19. Januar 1723 wurde sie den Mitgliedern der beiden Kollegien bekannt gemacht. Zur Herstellung größerer Einheit wurden auch in den Provinzen Kammern und Kommissariat verbunden; für diese gab der König nach, daß der eine Beamte sich mehr dem einen, der andre mehr dem andern Zweige widmen möge; doch forderte er die genaueste Kenntnis derselben. Der Rat z. B., dem die Städte obliegen, soll deren Zustand in bezug auf Handel und Wandel, Armut und Nahrung, Bürger und Einwohner so genau kennen, wie ein Kapitän den Zustand seiner Kompagnie. Dagegen sollen die Mitglieder der höchsten Behörden mit beiden Zweigen vertraut sein, ebensowohl der Landwirtschaft wie dem Städtewesen. Hier waren immer mehrere Provinzen in eine Abteilung unter einem Minister vereinigt; die östlichen übernahm Grumbkow, die mittleren Kraut, die westlichen Kreuz und Görne; doch war für jede Abteilung ein besonderer Tag zum Vortrag bestimmt, dem dann auch die Minister der andern beiwohnten; für die gefaßten Beschlüsse waren sie insgesamt verantwortlich. Der König behielt sich das allgemeine Präsidium vor. Wie der Gedanke in seinem Kopfe Gestalt empfangen, so zeigte er sich unermüdlich tätig, ihn fruchtbar zu machen, überzeugt daß er dadurch die Wohlfahrt des Landes und die Macht seiner Krone auf sicherem Grunde befestige. Nun erst war es möglich, den Staatshaushalt in Preußen systematisch zu ordnen. Schon war der Versuch einer Rechenkammer gemacht, die aber aus zwei Kollegien bestand, das eine für die Domänen, das andre für die Kriegsgefälle, diese wurden jetzt ebenfalls vereinigt und dem Generaldirektorium beigegeben. Die Zusammenstellung der General-Kassenrechnungen in genügender Form hatte nicht geringe Schwierigkeit; die erste ward im September 1724 zustande gebracht. Die Rechnungen reichten immer vom 1. Juni bis 31. Mai, und wenigstens die Summen der Beträge, wobei aber die beiden Kassen ferner geschieden blieben, finden sich seitdem in den Akten des Generaldirektoriums verzeichnet. Im Jahre 1724 schließt die Generaldomänenkasse ab mit nahe an 3 Millionen Talern, 1726 mit mehr als 3 ½, 1727 mit etwas über 4 Millionen, die Generalkriegskasse mit 3 800 000, 4 200 000, 4 600 000 Talern. Es folgen bei Ranke noch speziellere Zahlen über das Wachsen der Einkünfte, die hier übergangen sind. Wäre die staatswirtschaftliche Grundlage, auf welcher diese Einnahmen beruhen, nicht zureichend gewesen, so würde man sie bald nicht mehr haben einbringen können; in der Tat aber finden wir sie in fortwährendem Anwachsen begriffen. Die ganze Ökonomie des Staatshaushalts war so eingerichtet, daß zu außerordentlichen Ausgaben immer Rat wurde. In den ersten Jahren war die Schuld Friedrichs I. zu tilgen, der Pommersche Krieg zu führen; dann wurden große Güter gekauft, in zwei Jahren 1717-18 allein für 600 000 Taler. Von Juni 1720 bis Januar 1721 war man imstande, die zwei Millionen abzuführen, die zur Besitznahme von Pommern erfordert wurden; Zahlung an Schweden auf Grund des 1720 zu Stuckholm geschlossenen Friedens. indessen war schon das große Werk der Herstellung von Preußen begonnen. Hier hatte die Pest mehr als ein Drittel der Einwohner hingerafft; am meisten hatte sie in Litthauen gewütet, wo ihre volle drei Viertel der ohnehin nur spärlichen Bevölkerung erlegen waren; weit und breit überwuchsen die Ländereien mit Gesträuch und Unkraut. Dem entgegenzutreten hielt nun der König für eine seiner dringendsten Pflichten; in den Jahren 1721, 24, 26, 28, 31, 36 ist er selber in Preußen gewesen; er hat die Pläne entworfen und ihre Ausführung überwacht; Litthauen mußte gleichsam neu kolonisiert werden. Im Jahre 1722 langten, wie einst im 13. Jahrhundert, Schwaben, Franken, Niedersachen in guter Anzahl an; der König ließ sie auf seine Kosten von Halberstadt nach Stettin, von da zu Schiffe nach Königsberg bringen. Schon waren die Häuser erbaut, in die sie eingewiesen werden sollten; sie empfingen die Ackergeräte, wo denn der Halberstädter Pflug den einheimischen verdrängte. Die Anzahl dieser Kolonisten mochte sich um 1730 auf 17000 belaufen. Eine ungefähr gleiche machten die Salzburger aus, welche hier für ihre religiöse Überzeugung die erwünschte Freistätte fanden und nun dem Ganzen erst recht Charakter verliehen. Im Jahre 1736 zählte man schon 332 mit bäuerlichen Wirten neu besetzte Dörfer; der Boden erwies sich freigebiger, als man erwartete. Zugleich hatte Friedrich Wilhelm zehn wohlgelegene Marktflecken und Kirchdörfer mit Stadtrechten und Magistratspersonen versehen, Namentlich Gumbinnen, wo dem Könige ein Denkmal errichtet ist. wo man das gewonnene Getreide vertrieb, das aufgezogene Vieh mit den polnischen Grenznachbarn austauschte, auch nach kurmärkischer Weise in Wollenmanufakturen arbeitete, wo die Beamten für Regierung und Rechtspflege ihren Sitz nahmen und kleine Garnisonen einlagerten. Auch hierbei stand Leopold von Dessau dem König zur Seite. Von ihm aufgefordert, hat er einen ansehnlichen Teil der wüsten Ländereien erworben und mit Kolonisten von der mittleren Elbe her besetzt; zum Bau des prächtigen Schlosses, das er in Bubainen Im Kreise Insterburg. errichten ließ, schickte er die Handwerker aus seinem Erblande. So erhob sich hier an den Grenzen der germanischen Welt eine neue Schöpfung. »Die Erde ist wieder angebaut,« sagt der Kronprinz in einem Briefe von 1739 an Voltaire, »das Land bevölkert; wir haben mehr Städte als jemals früher, und der Handel kommt in Blüte. Der König hat es weder an eigener Mühe noch an dem, was andre antreiben kann, fehlen lassen; keinen Aufwand hat er gespart; Hunderttausende denkender Wesen verdanken ihm ihr Dasein oder ihr Glück.« Auch noch andre Agrikulturunternehmungen hat der König in Ostpreußen versucht, oft freilich mit größerem Aufwände als Erfolg. Es machte ihn zuweilen unglücklich, wenn er bedachte, daß in den fünf Jahren 1722-27 über drei Millionen Taler nach Preußen gegangen, was er anderswo mit dem Gelde geschafft haben würde, und wie wenig dort damit ausgerichtet sei. Doch wurden die übrigen Provinzen mit nichten verabsäumt. Im Jahre 1724 wurde auf einmal in zehn vorpommerschen Städten mit königlicher Beihilfe gebaut; Häuser und Tore erhoben sich in Stettin, der Hafen von Colberg, die Fährschanze von Anklam wurden instand gesetzt. Kleve und Mark empfingen Beihilfe zur Erweiterung der Städte Krefeld, Sonsbeck, Iserlohn und zum Behuf ihrer Wasserwerke und Salzsiedereien. Neuanbauende finden wir besonders zahlreich im Bezirk von Magdeburg, in dieser Stadt selbst, in Genthin, Schönebeck, Salze; eine pfälzische Kolonie ward daselbst angesiedelt. Bis 1732 sind überhaupt zwei Millionen auf Zivilbauten verwendet worden, welche jeder Provinz nach ihrem Bedürfnis zugute kamen. Wieviele Städte der Kurmark haben, besonders wenn ein Brandunglück eintrat, wie so häufig, zu besserem Aufbau unterstützt werden müssen! An andern Stellen wurden die Dämme verbessert, z. B. bei Spandau, Fehrbellin. Ein in seiner Art vortrefflich gelungenes Werk war die Urbarmachung des Havelländischen Luchs, wo die wilden Gewässer, die das Land sieben Meilen weit bedeckten, durch ein paar große Kanäle, mit vielen Binnengräben und mehr als dreißig ansehnlichen Dämmen, gebändigt und den Elementen der für eine holländische Musterwirtschaft eben geeignete Boden abgewonnen wurde. So ward nun auch der Hauptstadt eine Sorgfalt ohnegleichen gewidmet. Die Friedrichsstadt, welche von Friedrich I. schon zu einem ansehnlichen Umfang gebracht war, wurde um die Hälfte erweitert. Die großen Plätze in der Mitte der Stadt und an den drei Toren, die schönsten Paläste in der Wilhelmsstraße, einige vortrefflich gelegen zwischen Hof und Park, mit geräumigen hohen Zimmern und großen Sälen, die das Maß nicht überschreiten und eine solide Wohlhabenheit atmen, die meisten mit weiten und schattigen Gartenanlagen versehen, sind das Werk dieser Zeiten. Im Gedächtnis der Menschen, das erduldete Leiden nicht leicht vergißt, sind besonders die Zwangsmaßregeln geblieben, die zur Erbauung der Straßen angewendet wurden, und bei dem ohnehin mit Mühseligkeiten erfüllten Dasein der meisten Menschen sind sie vielen ohne Zweifel unendlich beschwerlich gefallen; aber ebenso wahr ist, daß der König wieder mit eigener Anstrengung zu Hilfe kam. Viele Millionen von Mauersteinen, zuweilen auch Kalk und Holz sind den Anbauern geliefert worden. Zu gleicher Zeit wurde Potsdam um drei Viertel seines früheren Umfanges erweitert. Ganze Wälder wurden in die tiefen Moräste getrieben, um die Quarres darauf zu errichten, worin die Soldaten des großen Regiments Wohnung finden sollten: Häuser von derselben Höhe, Form und Farbe; jede Abwechselung wäre gleichsam Willkür gewesen, da der König allein baute und überall dasselbe Bedürfnis obwaltete. Dort in der Kirche, welche er für die Garnison errichtete, ließ er ein Gewölbe mit Marmor auslegen, darin er selber begraben sein wollte, in der Mitte seiner militärischen Stiftung, nicht bei seinen Altvordern im Dom zu Berlin. Will man von der verwaltenden Tätigkeit Friedrich Wilhelms einen Begriff bekommen, so muß man die Akten ansehen, worin er den Eingaben seiner Behörden oder den Vorstellungen von Privatleuten seine Entscheidungen beigefügt hat. Zuweilen, wiewohl selten, sind sie ziemlich ausführlich; sie sind auf ungewöhnlich starkes blaugraues, doch für die Feder nicht unbequemes Papier hingeworfen, auf ganzen Bogen, in ungraden Linien, mit großen, kaum zu entziffernden Schriftzügen, in wildgewachsener Orthographie, regelloser Satzbildung, aber in der Sache zum Ziele treffend, gesund im Kern; auch die flüchtigsten Worte enthalten seinen Gedanken und Sinn. Mit Recht weist er einmal den Kronprinzen an, in seinen Marginalien die Landesverwaltung zu studieren. An den einzelnen Dingen entwickelte sich die Behandlung derselben, die mehr auf lebendigem Begriff als auf einem vorher angenommenen Grundsatz beruhte. Manchmal machen seine Anordnungen den Eindruck des kleinlichen Zwanges, wie wenn er bei der Errichtung der Feueranstalten den Obrigkeiten befiehlt, die gefährlichen Feuerstellen abzuschaffen, wo es an Steinen fehlt, sie mit einer Lehmwand in nötiger Höhe zu umziehen und die von oben herabhängenden Hürden abnehmen zu lassen; sollte ein Beamter dies versäumen, so soll er gehalten sein, den entstehenden Schaden zu ersetzen; wer durch Verwahrlosung eine Feuersbrunst veranlaßt, soll mit Staupenschlag angesehen werden. In diesem Stil wird ferner das Abreißen der Stroh- und Schindeldächer in den Städten, das Anschaffen von Feuerhaken und Spritzen, das Aufstellen der Wachtmannschaften eingeschärft; überall ist die genaueste Anweisung und ernste Bedrohung verbunden. Dabei aber kann man nicht leugnen, daß die Sache von großer staatswirtschaftlicher Bedeutung war; der mühsam erworbene Besitz der Kultur, den die menschlichen Wohnungen ausmachen und enthalten, muß vor der verderblichen Gewalt der Elemente soviel wie möglich geschützt werden. Sollten dann alle Vorkehrungen erfolglos bleiben, so sorgt man wenigstens dafür, daß der einzelne nicht zugrunde gehe: die Anordnungen, die Friedrich Wilhelm zu gegenseitiger Versicherung aufstellte, gehören zu den ersten ihrer Art und enthalten die für die Sache wesentlichen Bestimmungen. Feuerordnung in den königlichen Residenzien 1727; Reglement wie es bei der in denen Residenzien aufgerichteten Sozietät mit den von denen Eigentümern der Häuser zu Ersetzung eines Feuerschadens aufzubringenden Beitrag zu halten 1718. R. Nach allen Seiten hin übte er diese fürsorgende Aufmerksamkeit aus. Den Gesundheitsämtern , die er einrichtete, schreibt man zu, daß durch ihre Vorkehrungen ansteckende Krankheiten abgewandt worden seien; seine Almosenämter suchten die private Wohltätigkeit mit oder ohne den Willen der Menschen zu dem unumgänglich Erforderlichen herbeizuziehen. Medizinaledikt 1725; Verordnungen über Armenwesen und Bettelei 1725. Aus den Standpunkt, den er einmal eingenommen, erklärt sich, wie er die Wissenschaften ansah. Man dürfte zwar nicht glauben, daß das einmal Gegründete unter seiner Regierung zurückgegangen sei; an den Universitäten wirkte eine Anzahl ausgezeichneter Professoren, wie Heineccius, Böhmer, Ludewig; Juristen in Halle; Just Henning Böhmer, Verfasser eines Lehrbuchs der Pandekten. die Gesellschaft der Wissenschaften Die von Friedrich I. 1700 gegründete Akademie. besaß in Pott Apotheker in Berlin, gestorben 1777; vgl. Kopp, Geschichte der Chemie. Braunschweig 1843-47. einen der größten Chemiker des Jahrhunderts, in Frisch Joh. Leonhard Frisch, Rektor des Gymnasiums zum Grauen Kloster, verdient um die deutsche Sprachforschung. einen Philologen von seltenem Umfang des Wissens. Gunst und Förderung aber hatte sich nichts zu versprechen, als was zu dem öffentlichen Nutzen beitrug, und zwar dem unmittelbaren, wie ihn der König verstand. Bei der Gesellschaft der Wissenschaften schuf er ein neues Institut für medizinisch-chirurigische Studien, Das 1723 gegründete Friedrich Wilhems-Institut zur Ausbildung von Militärärzten. das der Armee erheblichen Vorteil geschafft hat; an der Universität Halle stiftete er, einen in diesen Zeiten öfter vorgetragenen Wunsch erfüllend, eine besondre Professur in Ökonomie-, Polizei- und Kameralsachen zur Bildung seiner Beamten und übertrug sie einem Gelehrten, der zugleich des Dienstes kundig war. Den Hallischen Juristen trug er auf, den Entwurf eines neuen Landrechts auszuarbeiten, und sehr bemerkenswert sind die Gesichtspunkte, die er ihnen angab. Ordre an die Juristenfakultät zu Halle, 18. Juni 1714. R. – Da die Professoren in Halle nichts zustande brachten, beauftragte der König einige Jahre später den Geh. Justizrat v. Cocceji, den er 1727 auch zum Justizminister ernannte. Dieser ließ sich zunächst die Hebung des Richterstandes und die Abkürzung der Prozesse angelegen sein; sein Gesetzbuch wurde 1748-51 als Corpus iuris Fridericianum veröffentlicht, aber nur zum Teil eingeführt. Nach Coccejis Tode hemmte der Siebenjährige Krieg das Gesetzgebungswerk; erst 1780 ernannte Friedrich der Große eine Kommission dafür; 1794 wurde das Allgemeine Preußische Landrecht veröffentlicht und eingeführt. Danach sollte das römische Recht aufrecht erhalten, aber von allem, was seinen Ursprung in der besondern Verfassung des alten römischen Staates habe, entkleidet, mit der gesunden Vernunft, der natürlichen Billigkeit und den heutigen Zuständen in Übereinstimmung gebracht werden; er wünschte namentlich den weitläufigen Prozessen abzuhelfen, die gesamten Rechtssatzungen dem gemeinen Manne verständlich gemacht zu sehen. Für das Kriminalrecht hielt er den einfachen Grundsatz fest: wer Blut vergieße, dessen Blut müsse wieder vergossen werden, damit kein Blut auf dem Lande bleibe. Er gehörte zu den Männern, deren Gesinnung sich durch das Alte Testament gebildet hat. Die theologische Gelehrsamkeit hielt er sehr hoch; er drang auf strenge Prüfungen, wodurch, wie schon sein Vater angeordnet hatte, der Einfluß der Kirchenpatrone bei Besetzung der Vakanzen eingeschränkt und geregelt wurde. Niemals sollte ein Sohn dem Vater in derselben Pfarrstelle folgen dürfen. Zugleich aber nahm er Bedacht, den Geistlichen keinen weltlichen Einfluß zuzugestehen, wohin ihr Trachten wohl auch unter den Protestanten gerichtet sei. Er hielt mit Strenge darüber, daß auf den Kanzeln von den streitigen Lehrsätzen, namentlich von der Gnadenwahl nicht die Rede sein dürfe, und wies die Fiskale Beamte bei den Verwaltungsbehörden, welche auf die Rechte des Fiskus (Staatskasse) und Beobachtung der Gesetze zu achten hatten. an, darauf acht zu haben. Die Prediger aller Parteien sollten die ihnen anvertrauten Seelen nur in der »Furcht des Herrn und dem wahren tätigen Christentum« unterweisen. Er machte sich eine Pflicht daraus, in vollkommener Toleranz voranzugehen. Als die Dreifaltigkeitskirche, die er für den neuen Stadtteil von Berlin gebaut, am vierzehnten Sonntag nach Trinitatis 1739 eröffnet wurde, brachte er selbst die silbernen Altargefäße mit, die der einen evangelischen Konfession so gut wie der andern zum Gebrauch dienen sollten; er hörte die beiden Einweihungsreden, am Morgen die reformierte, am Nachmittag kam er wieder, um auch der lutherischen Predigt beizuwohnen. Von den Jesuiten wollte er nichts hören, aber für den Gottesdienst der katholischen Einwohner von Berlin hat er ein besondres Haus eingeräumt. Für die Katholiken in seinen Regimentern billigte er nicht allein, sondern beförderte die Wirksamkeit einiger Dominikaner-Missionare; er hat sich die Namen derjenigen angeben lassen, welche in den herkömmlichen Zeiten nicht zur Beichte kamen. Er wußte wohl, daß ohne die allgemeinste religiöse Verpflichtung, die Heilighaltung des Eides, weder sein Staat noch sein Heer bestehen würden. Schützte er aber vermöge seines bischöflichen Amtes, so hielt er es auch wieder für sein Recht, in die äußeren Kirchenordnungen einzugreifen. Der Formen, Feiertage, Zeremonien waren ihm noch zuviel, und nicht ohne Gewaltsamkeit suchte er namentlich die letzten zu beschränken. In seinen Anordnungen atmet schon der dem Jahrhundert eigene Lehrgeist. Die Predigt wird dadurch noch mehr zur Hauptsache bei den gottesdienstlichen Zusammenkünften erhoben, als sie es schon war; im Sinne der Spenerschen Schule Philipp Jakob Spener , geboren 1635 zu Rappoltsweiler im Elsaß, war zuerst Pfarrer in Frankfurt am Main, 1686-91 Oberhofprediger in Dresden, von 1691 bis zu seinem Tode 1705 Konsistorialrat und Propst zu St. Nikolai in Berlin. ward die Katechisation eifrig anbefohlen. Bei einem Teile der Predigten sollte Luthers Katechismus zum fortlaufenden Text genommen, in andern nach der Reihe der Hauptstücke durch Sprüche erläutert, die Predigt öffentlich in den Kirchen durch Frage und Antwort wiederholt werden; der Taufe und dem Abendmahl sollte eine Unterweisung der daran teilnehmenden, auch der ältern Leute, in dieser Form vorangehen. Die christlichen Lehren sollten von allen und jedem begriffen, ein Gemeingut des Volkes werden. In diesem Sinne suchte er nun auch den Schulunterricht zu befördern. Was nur zum Schmucke oder zur gelehrten Übung des Geistes dienen sollte, fand bei Friedrich Wilhelm keine Stätte, so wenig als einst die Rhetorik im Staate der Spartiaten; er sorgte für das Bedürfnis des gemeinen Mannes. In der Provinz Preußen sind unter ihm gegen tausend neue Schulen gestiftet worden; der Schulbesuch ward zur Pflicht gemacht. Edikt von 1717. Eine große Wirkung mußte es haben, daß er den Konfirmationsunterricht einführte und niemand dazu zu lassen gebot, der nicht lesen könne. Die Anhänger Speners, die das tätige Christentum predigten, wollten auch von anderm unfruchtbaren Unterricht nichts hören; sie kehrten zuerst die reale Seite desselben mit Entschiedenheit hervor. Aug. Herm. Francke gründete in Halle zuerst 1695 das Waisenhaus und die Bürgerschule, 1697 die lateinische Hauptschule; Christoph Semler gründete ebendaselbst 1708 die erste Realschule, die aber nur kurze Zeit bestand. In dem Militärwaisenhaus, wo die »Zungen vieler hundert Kinder« für den König beteten, ward auch darin ein Anfang gemacht, der eine allgemeine Nachfolge fand. Joh. Julius Hecker , der 1726-29 in Halle Theologie studiert hatte, wurde 1735 Prediger und Schulinspektor am Militärwaisenhaus zu Potsdam, 1739 erster Prediger an der Dreifaltigkeitskirche zu Berlin, später Oberkonsistorialrat; er gründete 1747 eine ökonomisch-matematische Realschule in Berlin, die bald von Friedrich dem Großen zur königlichen Realschule erhoben wurde. Wenn Bürger und Bauern in den Brandenburgischen Landen mehr und früher als anderswo zur Kultur des menschlichen Geschlechts herangezogen worden sind, so hat Friedrich Wilhelm I. den Grund dazu gelegt. Es bedarf der Erinnerung nicht, daß wir uns hier nicht in einem Gemeinwesen befinden, wo freie Menschenkräfte sich durch eigenen Trieb naturgemäß entfalten. Alles ging von der höchsten Gewalt aus, die den Zweck begriffen hatte und die Mittel mit einseitigem Gebote vorschrieb. Jedermann weiß es, bei aller großartigen Richtung hatte der gesamte Zustand noch den Beigeschmack des Gewaltsamen und Drückenden. An den unbedingten Wert, den man dem Soldatenstande beimaß, knüpfte sich, so sehr man es zu vermeiden suchte, ein beschwerliches Übergreifen desselben in andre Sphären des Lebens. In den Städten übte der Steuerrat eine Autorität aus, vor der die Magistrate in Schatten traten; sie wurden oft nicht mehr gewählt, sondern gesetzt. Die Landräte, die zugleich Deputierte der Landschaft D.h. der in den einzelnen Landschaften (Kurmark, Neumark usw.) zusammentretenden Stände. waren, wurden auf eine dieser unbequeme Weise von der Kammer abhängig. Nicht ohne Grund klagte der Adel überhaupt, daß er die Bescheidung der Kriegs- und Domänenkammern auch da hinnehmen müsse, wo diese ein dem seinen zuwiderlaufendes Interesse hätten. Eigentlichen Widerstand hat Friedrich Wilhelm darum doch nicht gefunden. Überhaupt hätten nur die Edelleute widerstreben können; diese aber erfüllten das Heer, das ihnen eine ihrem angeborenen Sinn entsprechende Lebensform darbot; sie konnten sich nicht ernstlich gegen eine Verfassung des Landes auflehnen, durch welche die Kriegsmacht, der sie mit Stolz angehörten, allein erhalten wurde. Wenn man früge, ob der Staat, wie er nunmehr erschien, die einfache Verwirklichung des als notwendig Begriffenen, die nur so und nicht anders mögliche Ausführung der ursprünglichen Idee gewesen sei, so möchte ich das nicht bejahen. Es ist unleugbar, daß sich Konsumtionssteuer, Bewirtschaftung der Domänen, die Bewaffnung selbst hätte noch anders einrichten lassen; aber jeder Versuch dieser Art war gescheitert. Dann war in der Mitte der widereinander streitenden Elemente dieser energische Geist erschienen, der den allgemeinen Zweck, den mächtigen Nachbarn ein auf sich selbst beruhendes unangreifbares Staatswesen entgegenzusetzen, in bestimmter Form anschaute, die Mittel ihn zu erreichen mit dem treffenden Blicke des Genius D.h. angeborener Begabung, vgl. o. S. 108 Anm. erkannte und ohne alle Rücksicht durchführte. Erwerbung Vorpommerns 1 u. 2, 485-496. Fluchtversuch des Kronprinzen 3 u. 4, 106-122. Aussöhnung zwischen Vater und Sohn 3 u. 4, 122-134. 40. Besitzergreifung von Schlesien durch Friedrich den Großen. Preußische Geschichte III u. IV. Werke Bd. 27 u. 28 S. 341-355. Wollte man den Unterschied der angegriffenen Macht von der angreifenden ganz im allgemeinen bezeichnen, so dürfte man sagen, daß in dieser die Einheit der monarchischen Gewalt den Gegensatz der provinzialen Interessen überwunden hatte, in jener aber noch im Kampfe mit denselben begriffen war. Die österreichische Staatsgewalt machte nicht eben geringe Anforderungen; die Leistungen, die sie gebot, erfüllten meistens das Maß des Erreichbaren; da sie an dem Begriffe einer herrschenden Religion festhielt, so fühlte man die Gesinnung des Hofes bis in die tiefsten Kreise. Aber dabei besaßen doch die verschiedenen Landschaften eine ständische Organisation von anerkanntem Ansehen, ihren abgesonderten Haushalt, der auch die von dem Staate auferlegten Lasten umfaßte, und standen als mächtige Körperschaften in unaufhörlichem Widerstreit sowohl untereinander als mit dem kaiserlichen Hofe. Besonders war dies in Schlesien der Fall. Als im Sommer des Jahres 1740 einige Regimenter von Ungarn in neue Standquartiere verlegt wurden, mußten sie an den schlesischen Grenzen förmlich Quarantäne halten. Der Conventus publicus, der mit einem großen Teile der Landesverwaltung beauftragte ständische Ausschuß, der in Breslau seinen Sitz hatte, schickte, ehe er sie einrücken ließ, erst eine medizinisch-chirurgische Kommission ab, um ihren Gesundheitszustand zu prüfen; mit demselben wurde dann über die Dislokation, den Marsch, die Verpflegung der Truppen ein weitläufiger Schriftwechsel gepflogen. Die Provinz klagte über das Hin- und Wiederführen der Mannschaft in ihren Grenzen, die »unbeschreiblichen Excesse«, die sich die Feldsoldaten schon zuschulden kommen ließen, wenn sie beisammen waren, und die nicht minder widerwärtigen, die man von ihnen erlebte, wenn sie als untüchtig erkannt und entlassen wurden, worauf sie sich zuchtlos über das Land ausbreiteten. Sie forderte, daß der Staat den Regimentern eine besondere Kriegskasse anweise, konnte es aber nicht erreichen. Zwischen dem Hofe und der ständisch-provinzialen Autorität war gleichsam ein Abkommen getroffen, kraft dessen die letztere sehr ausgedehnte administrative Befugnisse behauptete, aber keinerlei Unabhängigkeit in Anspruch nehmen durfte. Sie widersetzte sich den Forderungen eine Weile, fügte sich aber in der Regel und ergoß sich dann in Klagen. Wie oft hatten die Stände von Schlesien ihr Verhältnis zu den böhmischen Erblanden, denen Schlesien zugezählt wurde, und das Verhältnis Böhmens überhaupt zur Monarchie erwogen und berechnet; sie behaupteten, daß wie die böhmischen Erblande überhaupt gegen die andern, so Schlesien noch besonders gegen Böhmen und Mähren in großem Nachteil stehe. Wenn man ihren wiederholten Berichten nicht allen Glauben versagen will, so befand sich Schlesien in ökonomischer Hinsicht kurz vor dem Tode Kaiser Karls VI. keineswegs in blühenden Umständen. Die Landesmemorialien, Denkschriften, welche der Conventus an das Oberamt richtete, führen aus, daß sich ein Unglücksfall an den andern, eine Beschwerde an die andre kette. Die Auflagen, durch starke Zinszahlungen für auswärtige Anleihen gewachsen, seien unerschwinglich, der Handel durch die Zollerhebungen der Nachbarn und die eigenen in offenbarem Verfall. Sie versichern, unzählige Bauerngüter und Bürgerhäuser seien in Sequestration geraten; kaum aber reiche die Nutzung des Sequester für die Auflagen hin, denn Geld habe nun einmal niemand mehr; da es an Käufern fehle, sei es unmöglich, den Gläubigern zu ihren klarsten Forderungen zu verhelfen; dem Landmann bleibe keine Hoffnung übrig, sich aus seinen schweren Drangsalen jemals herauszuarbeiten. Als Friedrich in Schlesien einrückte, Über die vorhergehende Erwägung des Unternehmens mit dem Minister v. Podewils und dem Feldmarschall Schwerin s. Preußische Geschichte 3 u. 4, S. 327-333. war er der Bevölkerung schon insofern nicht unwillkommen, weil er eine gefüllte Kriegskasse mit sich brachte und den Landesprodukten, die sonst nicht zu verwerten waren, einen unerwarteten Absatz verschaffte. Die oberste Regierungsbehörde der Provinz, das Oberamt, erließ den Befehl, daß niemand den Einrückenden Lebensmittel zuführen noch Handreichung tun solle: wie wäre aber daran zu denken gewesen, daß sich die Einwohner durch Weigerungen dieser Art zugleich des willkommenen Gewinns berauben und der offenbaren Gewalt hätten aussetzen sollen. Der Conventus publicus selbst stellte es dem Oberamt als eine unbedingte Notwendigkeit dar, die Landesältesten an das preußische Kriegsheer zu schicken, um mit demselben ein Abkommen über die ihm zu liefernden Lebensmittel zu schließen, sonst werde die Erpressung nur einzelne Ortschaften treffen und diese zugrunde richten, zum äußersten Verderben des ohnehin verarmten Landmanns. Am 22. Dezember 1740 langte König Friedrich nach einigen starken und wegen der Witterung nicht eben bequemen Märschen vor der ersten Festung an, die sich ihm entgegensetzte, dem alten Bollwerk Schlesiens, Glogau, und schlug sein Lager in Herrendorf auf. Hier erschienen die Landesältesten der Fürstentümer Glogau, Liegnitz, Wohlau in freier Übereinstimmung mit dem Conventus und trafen mit dem preußischen Kriegskommissariat Abrede über die Verpflegung sowohl derjenigen Heeresabteilungen, welche Glogau belagern, als der andern, welche vorwärts rücken sollten. Denn unverzüglich wendete sich der Feldmarschall Graf Schwerin nach der großen Straße, welche am Fuß des Gebirges nach dem Glatzischen führt. Für ihn halfen sie die Marschroute bestimmen und gaben ihm Kommissarien mit, um ihn von Stadt zu Stadt, von Kreis zu Kreis zu führen. Man dürfte nicht glauben, daß Schlesien ganz ohne Verteidigung gewesen wäre. Die österreichischen Mannschaften, allerdings viel zu schwach um das Feld zu halten, reichten doch hin, um die festen Plätze des Landes, die zum Teil sehr ansehnlich waren, zum Teil wenigstens haltbar erschienen, zu besetzen. Sie zweifelten nicht, daß es ihnen gelingen werde, diese Plätze wenigstens so lange zu behaupten, bis ein regelmäßiges Heer versammelt sei, hinreichend um den Feind aus dem Lande zu verjagen; sie hofften, ebenso leicht als er es einnehme. Es läßt sich nicht sagen, trotz der angedeuteten ökonomischen Verwirrungen, auf welche Hindernisse der König gestoßen, wie die Sache gegangen sein würde, wenn nicht noch eine ganz andre, tiefere Verstimmung der Einwohner ihm sein Unternehmen unendlich erleichtert hätte. Schlesien gehört zu den Ländern, wo die protestantische Weltanschauung, die deutsche Religion die Gemüter am frühesten und tiefsten ergriffen hatte Vgl. Deutsche Geschichte 2, 324 ff. Herzog Friedrich II. von Liegnitz berief schon 1522, der Rat von Breslau 1523 einen evangelischen Prediger. und alsdann mit der größten Anstrengung zurückgedrängt worden war. Eine mächtige Dazwischenkunft übte einst Karl XII. aus, indem er im Altranstädter Vertrage wenigstens für die früher mittelbaren Herzogtümer und die Stadt Breslau einen erträglichen Zustand festsetzte. Der Wiener Hof hat diesen Vertrag im allgemeinen beobachtet, aber sein System konnte er darum nicht ändern; die katholische Kirchenform wurde nach wie vor allein als die wahrhaft berechtigte betrachtet. Die Protestanten waren vom Staat und den bürgerlichen Ämtern, wenn auch nicht allezeit vom Heere ausgeschlossen. Sie mußten die katholischen Feiertage halten, den katholischen Eheverboten nachkommen; ihre Konsistorien standen unter katholischen Regierungen und Vorstehern und durften nur nach deren Beschlüssen verfahren. Übertritt zu ihnen wurde als Apostasie behandelt, der Übertritt zum Katholizismus oft erzwungen; unaufhörlich hatten die Stockmeister widerspenstige Lutheraner in Haft. Und noch immer war das Übergewicht des Katholizismus im Zunehmen. Während die heiligen Gefäße der Reformierten, in Hoffnung auf bessere Zeiten, einem Handelshause in Verwahrung gegeben werden mußten, durchzogen die katholischen Prozessionen in allem Pomp die Straßen von Breslau, eine besonders feierliche im September 1740, als die Reliquien des heiligen Theodor, eben aus Rom angelangt, nach dem Domstift gebracht wurden. Bei der Tronbesteigung Maria Theresias ließen die katholischen Eiferer verlauten, daß man nun in Schlesien ebensowenig wie in einer andern Provinz auf Konventionen mit fremden Mächten Rücksicht nehmen oder eine Berufung darauf gestatten werde; die katholische Kirche werde auch hier ausschließend herrschen. Schon erwarteten die Protestanten noch einmal, nach der erwähnten Truppenbewegung, die Erneuerung der antireformatorischen Bedrängnisse. Bei der Ankunft der Harrachschen Grenadiere, die nach Glogau gingen, meinte man im Liegnitzischen nicht anders, als daß sie eben hiezu bestimmt seien; am dritten Adventsonntage, 11. Dezember, solle ein neues Werk offener Gewaltsamkeiten beginnen. Einen Eindruck ohnegleichen mußte es nun auf sie machen, daß im nämlichen Augenblick der mächtigste evangelische Fürst in Deutschland, der junge König von Preußen, in ihren Grenzen erschien. Sie zeigten Prophezeiungen auf, die ein solches Ereignis in ihren höchsten Nöten immer angekündigt hatten; sie wußten zu erzählen, der König habe einst im Traum die Provinz in Flammen stehen sehen, und dreimal hintereinander habe ihn eine vernehmliche Stimme ermahnt, ihr zur Hilfe zu eilen; sie erblickten in ihm einen vom Himmel geschickten Schutzengel. Wie sonderbar, daß einem von dem positiven Glauben der protestantischen Kirche abgewandten Fürsten dieses überschwengliche Vertrauen derselben entgegenkam. Was bei ihm Politik und Ehrgeiz war, umkleideten sie mit religiöser Phantasie. Seinen persönlichen Meinungen fragten sie nicht weiter nach, als insofern sie ihnen Heil brachten: sie hielten sich mit Recht nur daran, daß er der König eines protestantischen Reiches war. Wenn es ihm einigermaßen gelang, so mußte er ihnen helfen. Wenn nun aber überall so mächtig, so wirkte seine Ankunft doch am durchgreifensten in der Hauptstadt ein, wo die Bürgerschaft zwar ihre alte religiöse Freiheit behauptete, aber durch den Anblick der Tätigkeit und des Fortschreitens der Gegner derselben in unaufhörlicher Besorgnis und Aufregung gehalten ward. Bei der ersten Nachricht von dem Einmarsch der Preußen schwiegen die zelotischen Kontroversprediger, die Gefangenen wurden losgelassen. Dagegen nahm man in den evangelischen Kirchen einen Psalm zum Text, nach welchem Gott, der sein Volk verstoßen und »ihm ein Hartes erzeigt hat«, ihm wieder ein Panier aufsteckt, um es zu retten (Ps. 60, 3-7). Nun hatte aber die Stimmung von Breslau eine nicht geringe politische und sogar eine militärische Bedeutung. Es war allerdings nicht mehr jenes Breslau, dessen Geschichten Eschenloer Peter Eschenloer, Stadtschreiber von Breslau, schrieb die Geschichte der Stadt von 1438-79 als Zeitgenosse. beschrieben hat, als es eine Rolle unter den Mächten des östlichen Europa spielte; doch besaß es noch manche Attribute munizipaler Selbständigkeit, unter andern das Recht, sich selbst zu bewachen und zu verteidigen. Innerhalb der Stadt duldete man nur Soldaten, welche der Stadt geschworen hatten. Wollten königliche Truppen Schlesien war ein Nebenland des Königreichs Böhmen; Maria Theresia war Königin von Böhmen und Ungarn. Die Kaiserwürde ruhte seit dem Tode Karls VI. ihren Durchzug durch die Stadt nehmen, so verstärkte man die Wachen, sperrte die Straßen mit Ketten; nur in kleinen Abteilungen, unter dem Geleit der städtischen Mannschaften zogen sie herein und hinaus. Es leuchtet ein, daß bei dem plötzlichen Herandringen eines mächtigen Feindes einer der vornehmsten Gesichtspunkte der österreichischen Regierung dahin gehen mußte, der Hauptstadt des Landes mächtig zu bleiben und dieser Beschränkung sich zu entledigen. Das Oberamt forderte den Rat auf, dem Obersten, der den Dom von Breslau, einen in bürgerlicher und militärischer Hinsicht von der Stadt getrennten Bezirk, zu schützen bekomme, und der ein Evangelischer sein werde, zuvörderst nur die gemeinschaftliche Besetzung des nächsten Tores zu bewilligen; erst wenn er von einer überlegenen Macht angegriffen, sich daselbst nicht mehr behaupten könne, solle er das Recht haben, mit seinen Truppen in die Stadt aufgenommen zu werden. Bei allem Anschein und aller Neigung zu Widerstand und Eigenwillen kamen doch, wie berührt, Stände und Städte in Schlesien in der Regel dem nach, womit es der Regierung ernst war. Der damalige Rat von Breslau hatte es noch besonders zu seinem Grundsatz gemacht, allen Hader mit der Regierung zu vermeiden; er stimmte ohne weiteres ein. Einige Schwierigkeit hatte es mit den Vorstehern der Bürgerschaft, ohne welche der Rat nichts festsetzen konnte; doch wußte man auch diese zu gewinnen, indem man sie paarweise in die Ratsstube berief. Erst als die Sache an den Ausschuß der Bürgerschaft, Zunft und Zechen, und an die Bürgerschaft selber kam, begann der Widerstand. Noch einmal erhob sich hier jener Geist der städtischen Gemeinden, der sich schon seit dem 14. Jahrhundert den Eingriffen der geistlichen Macht nachdrücklich widersetzt und im 16. der großen Bewegung der Reformation Bahn gemacht hat. Die Bürger wollten von der Aufnahme einer königlichen Besatzung nichts hören, deren Anwesenheit sie ihrer kirchlichen und politischen Freiheit auf einmal berauben könne; sie seien sagten sie, nicht gesonnen sich dem Übermut der Feldtruppen, von denen sie bisher bloß gehört, nun auch selber auszusetzen; überdies welch ein hoffnungsloser Gedanke, eine preußische Belagerung aushalten zu wollen; Breslau sei nur ein verwahrter Handelsplatz und keineswegs eine Festung. Besonders führte ein Schuhmacher namens Döblin das große Wort, ein geistlich angeregter Mann, dem aber übrigens der Lärm des Marktes oder ein munteres Gelag besser behagten als der Fleiß der Werkstatt. Die meiste Wirkung brachte er, wie sich denken läßt, auf die jungen Bürger hervor. Die mutigsten von ihnen begaben sich auf das Rathaus, »straußten hart«, wie ein altes Tagebuch sich ausdrückt, nicht allein wider den Rat, sondern auch wider ihre eignen Vorsteher, und bewirkten, daß das Beschlossene zurückgenommen und die Verteidigung der Stadt auch für den Fall eines Angriffs den Bürgern allein übertragen wurde. War die evangelische Bürgerschaft hiefür so entschieden und feurig, so erklärten sich doch auch die katholischen Geistlichen nicht dagegen. Sie wünschten die Vorstädte, in denen es so manche Klöster und Kirchen ihrer Konfession gab, nicht um einer Belagerung willen dem Feuer übergeben zu sehen. Hierauf begann man in Breslau die städtische Rüstung. Die jungen Leute wurden aufgeschrieben, aus den Zeughäusern mit Waffen versehen, kriegerischen Übungen unterworfen; man sah neben den Soldaten der Stadt auch Bürger die Wache beziehen; Bekanntmachungen erschienen, wie, wenn das fremde Volk anrücke, ein jeder mit Ober- und Untergewehr sich bei den Bürgerkapitäns einfinden, die rote Fahne aufgezogen, Feuer gegeben werden solle. Wir wollen nicht erörtern, ob diese Bürgermiliz überhaupt dazu angetan war, gegen die heranrückende preußische Kriegsmacht etwas auszurichten; sicherlich war das Prinzip, aus dem sie hervorging, mehr annähernder als feindlicher Natur. Auch fühlte sich König Friedrich bei den Nachrichten aus Breslau angetrieben, so rasch wie möglich dahin zu eilen. Eben trafen noch einige von den beorderten Regimentern ein, und er konnte dem Prinzen von Anhalt, der stark genug dazu blieb, die Blockade von Glogau überlassen. Am Neujahrstag 1741, eines Sonntags, am Morgen langte der König mit den Truppen seines linken Flügels, zu dem auch Dragoner und Grenadiere von dem rechten gestoßen waren, vor den Wällen von Breslau an. Seine Aufstellung war darauf berechnet, daß der volkreichen Stadt die Zufuhr abgeschnitten werden konnte. Im Notfall war er entschlossen, mit seinen Grenadieren einen Sturm gegen die wenig wehrhaften und jetzt durch die zugefrorenen Gräben nicht mehr geschützten Wälle zu unternehmen. Aber die Bürger von Breslau dachten an keine Feindseligkeit. Den Heranrückenden schickten sie Lebensmittel in die nächsten Dörfer entgegen; mit Wohlgefallen sahen sie von den Türmen und Wällen zu, wie die brandenburgische Kriegsmacht in ihrer Ordnung auf dem Schweidnitzer Anger aufmarschierte und sich unter ihren Fahnen und Standarten nach den verschiedenen Vorstädten verteilte. Mit besonderer Teilnahme bemerkt die Chronik, wie S. Maj. Fridericus II. an jenem Sonntag um halb neun Uhr herangeritten kam und in dem Scultetischen Garten seine Wohnung aufschlug. Seine militärische Umgebung in ihren knappen Monturen, mit den funkelnden Gewehren erregte die Bewunderung der Menge. Es kostete der Stadt kein langes Bedenken, daß sie die Neutralität einging, welche der König anbot, wobei er sich nur vorbehielt, in einer Vorstadt ein Magazin anlegen und von seinen Truppen beschützen zu lassen. Jedoch den Dom entriß er der Besatzung der Königin; er selber war bei dem ersten Einmarsch. Den Geistlichen, die ihm bei der Kreuzkirche zitternd ihre Schlüssel überreichten, sprach er freundlich Mut ein. Man könnte fragen, ob er nicht besser getan haben würde, sich seiner Übermacht zu bedienen und zu einer militärischen Okkupation auch der Stadt zu schreiten. Noch hielt er aber an dem ursprünglichen Gedanken einer soviel möglich friedlichen Besitznahme fest. Hat er doch abgeschlagen Schutzwachen zuzugestehen, weil man diese nur in einem feindlichen Lande zu erteilen pflege. Schon die Neutralität und seine Aufnahme in der Stadt bot ihm einen unendlichen Vorteil dar. »Ich habe Breslau«, schrieb er am 4. Januar an seinen Kabinettsminister Heinrich v. Podewils , geboren 1695 in Pommern, 1720 Geheimer Kriegsrat, 1730 Kabinettsminister für das Auswärtige, gestorben 1760. »und will nun weiter gegen den Feind vorrücken. Bis zum Frühjahr hoffe ich ihn zugrunde zu richten«. Er meinte noch in diesem ersten Anlauf sich des gesamten Landes mit Einschluß der Festungen zu bemächtigen. In der Tat fiel Ohlau , gegen das er sich zunächst wandte, ohne Widerstand in seine Hand. Ehe noch ein Schuß geschehen, kapitulierte der Oberst Formentini, wahrscheinlich weil er seine Leute unnützerweise aufzuopfern besorgte. Er bedang sich aus, daß dieselben an Zahl 350 Mann, mit scharfem geschultertem Ober- und Untergewehr ihren Auszug nehmen, der König dagegen, daß sie weder in Neiße noch in Brieg bleiben, sondern unverzüglich über Zuckmantel aus Schlesien abziehen sollten. Für ihn war die Einnahme eines einigermaßen festen Platzes so hoch an der Oder, wo nun Magazine angelegt und die Kriegsbedürfnisse mit Sicherheit gesammelt werden konnten, ein sehr bedeutender Fortschritt. Unaufgehalten hatte indes auch Schwerin an der Spitze des rechten Flügels die fleißigen und gewerbreichen Städte, die sich am Fuße des Riesen- und Eulengebirges hinziehen, eingenommen; am 7. Januar finden wir ihn in Frankenstein . Allmählich jedoch, je weiter man in diesen oberen Gegenden vorrückte, wo die Landbevölkerung bereits katholisiert war, stieß man auch auf Gegenwehr. Ein Versuch auf Glatz , von welchem der König sich viel versprach, weil das Land noch offen sei, mußte aufgegeben werden. Man fand die Brücken abgebrochen, die engen Pässe durch Verhaue gedeckt und durch Waldschützen verteidigt, gegen die in dieser Jahreszeit nichts auszurichten war, und vernahm daß Glatz selbst in gute Bereitschaft gesetzt sei. Endlich erschienen auch Truppen der Königin im offenem Felde. Im ersten Drittel des Januar hatte Browne ein kleines Korps beisammen und schien sich zu einigem Widerstand anzuschicken. Das erste Zusammentreffen der Preußen und Österreicher mit feindseligen Waffen fand dort unfern der Neiße statt, indem Schwerin auf dem Wege von Frankenstein und Kamenz nach Ottmachau vorrückte. Die nähere Schilderung dieses Treffens und der dann folgenden Einnahme von Ottmachau s. bei Ranke S. 325 f. Leicht war dann die Stadt Ottmachau besetzt, aber das alte Schloß auf seiner terrassenförmig aufsteigenden Anhöhe, mit gewaltigen Ringmauern versehen, behauptete sich, bis der König selbst erschien und die Grenadiere seiner Mörser ansichtig wurden. Hierauf, am 12. Januar ergaben sie sich zu Kriegsgefangenen; früher waren ihnen bessere Bedingungen angeboten, doch wollte der König diese jetzt nicht mehr gewähren. Kurze Zeit waren Friedrich und Schwerin vor Neiße beisammen; gleich darauf trennten sie sich wieder. Der König unternahm einen Angriff auf Neiße. Wenn man von ernstlichem und nachdrücklichem Widerstande reden will, so ist ihm ein solcher zuerst eben hier geleistet worden. Oberst Roth, derselbe, welchem der Dom von Breslau hatte anvertraut werden sollen, jetzt zum Kommandanten von Neiße ernannt, hatte die Bürger den Eid der Treue erneuern lassen und kein Bedenken getragen die Vorstädte sämtlich dem Feuer zu übergeben. Hierdurch ward der Ort wirklich haltbar; den auffordernden Trompeter wies man mit Flintenkugeln zurück. Diesen Trotz hoffte der König durch ein Bombardement zu brechen, und einige Tage ist Neiße sehr ernstlich beschossen worden. Auch war das Feuer nicht ohne Wirkung; nur eine solche brachte es nicht hervor, welche zur Übergabe genötigt hatte. Und da nun auch der bisher sehr milde Winter strenger zu werden begann, so daß sich an keine regelmäßige Belagerung denken ließ, beschloß der König, sich auch hier mit einer Blockade zu begnügen, wie er eine solche vor kurzem gegen Glogau und jetzt gegen Brieg angeordnet hatte. Indessen machte sich Schwerin nach Oberschlesien auf, um Browne aus den schlesischen Grenzen zu verjagen. Der rechte Flügel, der ihm hierzu anvertraut blieb, war nur von mittelmäßiger Stärke, aber noch schwächer war durch die Besatzungen, die er von sich abgesondert hatte, Browne geworden. Er wich von Neustadt nach Jägerndorf, von Jägerndorf nach Troppau, von da über Grätz, wo beide Teile noch einmal aufeinanderstießen, nach Mähren, zufrieden, daß er einige Posten im Gebirge behauptete. Er hatte überall die Steuerkassen, und was sonst von besonderem Wert war, mit sich genommen; seine Magazine aber fielen größtenteils den Preußen zu, die nun in Oberschlesien überall die Herren waren. Nach wenigen Tagen nahmen sie auch den steilen Paß über die Beskiden, die Jablunka ein, welcher ihnen Ungarn eröffnete. Friedrich hat gesagt, und viele andre teilten diese Meinung, daß ihn nichts aufgehalten haben würde, hätte er bis nach Wien vordringen wollen; aber seine Absicht, fügt er hinzu, sei nur gewesen, das Land in Besitz zu nehmen, von dem ihm ein großer Teil von Rechts wegen gehöre. Er wollte überhaupt, wenn dieser Unterschied zu machen ist, nicht die Monarchie angreifen, sondern sich nur der Provinz bemächtigen. In wenigen Wochen hatte er sie, bis auf die drei Hauptfestungen, so gut wie vollständig gewonnen; auch Namslau, wo der Widerstand der Besatzung, welche sich in dem Schlosse behauptete, durch Brandkugeln gebrochen werden mußte, fiel Anfang Februar in seine Hände. Und unverzüglich setzte sich ein ganz andrer Zustand durch. Das österreichische System, kraft dessen die Autorität im Lande einigen Mitgliedern der großen Familien von besondrer Ergebenheit, in den Städten dem absichtlich bevorzugten katholischen Magistrat in die Hand gegeben war, fiel gleichsam in sich selbst zusammen. Wie in Breslau die Karossen der Grandes, so nannte man sie, nicht mehr die Straßen durchfuhren, so wichen die großen Herren allenthalben von ihren Ämtern; in einer Stadt nach der andern traten evangelische Ratsherren in die Stellen, aus denen sie verdrängt worden waren, wieder ein. Die öffentlichen Bilder verschwanden, die man bisher zum Hohn des Protestantismus aufgestellt gesehen hatte; die Feldprediger verkündigten, ihr König sei gekommen, um die alte Religionsfreiheit herzustellen. Überall erneuerte sich der evangelische Gottesdienst; die bisher verborgenen Gefäße dienten wieder auf einem dem reformierten Bekenntnis gewidmeten Altar; den lutherischen Gemeinden, die dessen am meisten bedurften, wurden junge Geistliche von Berlin aus zugesandt. In den Kirchen hörte man auf für »unsere Erblandsfrau die Königin von Ungarn« zu beten; die Zeitungen erschienen nicht mehr mit dem doppelten, sondern mit dem einfachen schlesischen Adler. Nicht allein auf Eroberung, sondern zugleich auf Abfall beruhte die Besitzergreifung von Schlesien. Mit dem alten, von den Piasten überkommenen Erbrecht des Hauses Brandenburg hatte die Wiederherstellung des evangelischen Elements in seine religiöse und politische Unbedrängtheit eine innere Verwandtschaft. Als Brandenburg stark genug geworden war sein Recht zurückzufordern und endlich auch das Herz dazu faßte, ging der größere Teil von Schlesien zu ihm über. Die militärische Aufstellung und Macht erweckte das Zutrauen der bisher Bedrückten; die Unterstützung, die sie leisteten, bahnte wieder den Weg zum Siege. Daß es nun aber mit dieser Veränderung Bestand haben würde, nahm man mehr aus einem dunklen Gefühl an, als weil man die Möglichkeit davon deutlich eingesehen hätte. Die alten Anhänger des Hauses Brandenburg zitterten, wenn sie sich die möglichen und ihnen wahrscheinlichen Folgen überlegten. Andre, gleichgültig oder feindlich gesinnt, hätten der Pläne des Königs von Anfang an gespottet, sie für Hirngespinste eines jungen Menschen erklärt. Um so mehr erhob sich in diesem der Ehrgeiz, sein Werk zu vollenden; er wollte beweisen, daß seine Entwürfe echte Gedanken der Politik seien, die er mit Ruhm durchzuführen vermöge. Schlacht bei Mollwitz, S. 404-409; bei Czaslau und Chotusitz, S. 519-526. 41. Einrichtung der preußischen Regierung in Schlesien. Preußische Geschichte III u. IV, Werke Bd. 27 u. 28 S. 547 ff. Als Friedrich II. in Schlesien einrückte, gab er die Absicht kund, die ständische Verwaltung, die er antraf, aber freilich nur im allgemeinen kannte, bestehen zu lassen. Den Landesältesten, die sich im Dezember 1740 in Herrendorf über den Marsch seiner Truppen mit ihm vereinbarten, ließ er erklären, er sei gesonnen ihre Autorität aufrechtzuerhalten. Wenn sich bei seinem weiteren Vorrücken in den Landleuten eine Meinung regte, als sei die bisherige Steuerverfassung durch die Ankunft der Preußen aufgehoben, so säumte er nicht sie darüber zurechtzuweisen. Im Januar 1741 ließ er sich eine Erklärung des Conventus publicus über die ständische Natur des Generalsteueramtes in Schlesien ohne Widerrede gefallen und versprach, denselben samt allen Steuerbeamten und Offizianten weiter zu autorisieren; er sei nicht gekommen, um sich nach Kriegsgebrauch im Lande zu gebaren; alles solle im alten Stande bleiben, bis später mit Zutun von Fürsten und Ständen etwas Gedeihliches beschlossen werde. Was er einen Augenblick forderte, daß die Steuerbeamten sogleich mit Eid und Pflicht an ihn gewiesen würden, ließ er später fallen und gab nach, daß sie dem Conventus verpflichtet bleiben sollten. Nur den einen Vorbehalt machte er, daß das Landeseinkommen zur Verpflegung und Erhaltung seiner Armee angewendet würde; er stellte hierüber ohne Verzug eine sehr bestimmte Forderung auf. Auf Grund einer ihm zu Händen gekommenen Berechnung der allgemeinen Landesprästanda setzte er im Februar 1741 sein Postulat auf dritthalb Millionen Taler des Jahres fest, so daß alle Monate für die Bedürfnisse seiner Armee ungefähr 190 000 Taler aufzubringen sein würden; diese Summe solle das Generalsteueramt nach den verschiedenen Fürstentümern, Standesherrschaften, Städten und Gemeinheiten auflegen und ihre Einbringung besorgen. Hätte der Conventus hierauf eingehen können oder wollen, so möchte vielleicht die ständische Verfassung , wenn auch in modifizierter Form, bestehen geblieben sein; allein die Unterhandlung mit ihm war vergeblich. Die Mitglieder machten die mannigfaltigsten Ausstellungen. Der preußische Bevollmächtigte antwortete, er sehe die Billigkeit eines großen Teiles der vorgebrachten Einwendungen ein, er wolle nur fragen, wieviel denn eigentlich das Land Schlesien dem obersten Herzog zu zahlen schuldig sei. Der Conventus erklärte hierauf: das Land sei dem Herzog gar nichts zu geben schuldig, alles sei von jeher nach freiem Gutdünken bewilligt worden, sie seien imstande, die bündigsten Reversalien darüber nachzuweisen. Der Gegensatz der provinzialständischen Verfassung mit der monarchischen Gewalt trat hier in seiner ganzen Schroffheit hervor. Diese erklärte eine bestimmte Leistung für unbedingt notwendig, jene weigerte sich ebenso unbedingt dieselbe zu übernehmen. Nachdem man sieben Monate lang gehadert, war an kein Abkommen mehr zu denken, die eine oder die andre mußte weichen. Der monarchischen Gewalt, die in ihrem Aufsteigen begriffen war, kam zustatten, daß die provinzialständische Verfassung eben in bezug auf das Steuerwesen unendlich viel zu wünschen übrig ließ. Einmal: von den sehr ansehnlichen Auflagen der Provinz kam der Regierung kaum der vierte Teil zugute: alles andre ward durch Besoldungen, Diäten, Zinsen, und welche andre Posten in den Gegenrechnungen erschienen, aufgezehrt. Sodann: in der Leistung dieser Auflagen bestand eine schreiende Ungleichheit. Bei einer alten Schätzung vom Jahre 1527 hatten die Stände ihr Einkommen nicht allein nach den liegenden Gründen, sondern nach dem gerade obwaltenden Vermögenszustand angegeben, und diese Vermögensansage diente nun zur Norm bei allen Auflagen. Noch im Anfang des 18. Jahrhunderts hatte man einige Steuern, deren Aufbringung unbequem gewesen wäre, durch eine Reluition abgekauft und diese dann ebenfalls in Form jener Schätzung aufgebracht. Auch in den einzelnen Kreisen waren die Mindermächtigen offenbar überbürdet; es wird ein Beispiel angeführt, wo die Herrschaft die Auflage so verteilt habe, daß sie, statt etwas beizutragen, vielmehr einen ansehnlichen Gewinn davon innebehielt. Die Stände, wie sie nun einmal im Laufe der Zeit sich gebildet, waren das Land. Sie bewilligten der Regierung nicht was diese bedurfte, sondern was diese darzubieten gut schien, in Wetteifer mit den übrigen Provinzen, so wenig als möglich zu zahlen, und doch wieder unaufhörlich durch persönliche Rücksichten auf den Hof bestimmt. Der Auflagen waren so mancherlei, daß man kaum mehr wußte, was man zu geben hatte; ob sie dem Landesaufkommen zuträglich seien oder nicht, ward wenig beachtet. Friedrich beschloß nun diesen Zustand zu ändern, die Grundsätze der Verwaltung seiner übrigen Provinzen auch hier durchzuführen. Nachdem er seiner Eroberung einigermaßen sicher geworden, Durch den Vertrag von Kleinschnellendorf, 9. Oktober 1741, war ihm Niederschlesien vorläufig abgetreten worden; s. Preußische Geschichte 3 u. 4, S. 471. am 29. Oktober 1741, erklärte er »aus souveräner oberlandesherrlicher Macht und Autorität«, er werde in Zukunft die Steuern, Akzisen und sonstigen Einkünfte in Niederschlesien von eigenen, in dem Lande einzurichtenden Kollegien verwalten lassen und entbinde hiermit die dazu beauftragt gewesenen ständischen Abgeordneten von dieser Arbeit sowie von der damit verknüpften Verantwortung. Am 7. November geschah die Erblandeshuldigung im Fürstensaale des Rathauses zu Breslau . Das Merkwürdige dabei war, daß die Edelleute und Rittermäßigen auch aus den nicht inkorporierten Fürstentümern und freien Standesherrschaften einberufen wurden, während sonst Fürsten und Standesherren allein ihre Gebiete repräsentiert hatten. Die Versammlung war bei 400 Personen stark. Nach der amtlichen Erzählung huldigten die Deputierten der Bischöfe und der Fürsten knieend, wobei der König bedeckten Hauptes auf seinem Throne sitzen blieb; die Standesherrschaften, die städtischen und alle übrigen Deputierten leisteten ihren Eid stehend; auch der König hatte sich dann erhoben und den Hut abgenommen. Ein freies Donativ von 100 000 Gulden, welches ihm die Stände antrugen, lehnte er hier so gut ab wie in Preußen. Bei der Huldigung zu Königsberg am 20. Juli 1740; S. 296. Man wird begierig zu erfahren, ob nun nicht bei dieser Gelegenheit von der ständischen Verfassung die Rede gewesen sei. Die Stände haben dem König darüber bereits am 24. Oktober geschrieben; in dieser Eingabe legen sie ihm alle seit Jahrhunderten erworbenen Freiheiten und Rechte zu Füßen und bitten ihn um eine neue Verleihung derselben. Der König antwortete, er beharre bei seinem Vorsatz, sie bei ihren Freiheiten und Rechten zu schützen; allein die Bedingung, die einst Kurfürst Friedrich Wilhelm in Magdeburg aufgestellt, fügte auch er in unumwundenen Worten hinzu; nur insoweit versprach er es, »als dieselben ihnen selbst und der allgemeinen Wohlfahrt zuträglich seien«. In demselben Augenblick, wo die aristokratisch-ständische Verfassung von Ungarn sich auf immer festsetzte, ward hier einem zwar nicht gleichen, aber doch verwandten Bestreben auf immer ein Ende gemacht. Dort erhielt sich die wie nach oben so auch nach unten gerichtete ständische Eigengewalt; hier ward sie von den Ideen des monarchischen Staates und einer auf gleichmäßigeren Rechten und Pflichten beruhenden Verwaltung zurückgedrängt. Weder das eine noch das andre erregte bei der damaligen Welt großes Aufsehen; sie war noch zu lebhaft mit der Auseinandersetzung der großen Territorialverhältnisse beschäftigt. Den Tag nach der Huldigung ließ der König einige der angesehensten Mitglieder der Stände zu sich einladen und eröffnete sich ihnen in seinem Kabinett über die Art und Weise der Veränderung, die er in Schlesien eintreten zu lassen denke. Vor allem solle der Unterschied zwischen den beiden Religionen, der bisher obgewaltet, aufhören; kein Katholischer solle deshalb, weil er das sei, sein Recht verlieren, noch ein Evangelischer dadurch gewinnen. Er selbst sei »durchaus ein Liebhaber der Toleranz«, er wünsche ein gutes Verständnis zwischen den beiden Parteien statt der bisherigen Verfolgung hervorzubringen. Er beabsichtige zwei Justizkollegien einzurichten, das eine in Breslau, das andre in Glogau, und sie mit Schlesiern zu besetzen, weil sich bei diesen eine größere Kunde ihrer Landesgewohnheiten vermuten lasse, doch solle bei jedem ein Brandenburger angestellt werden. Bei dem Finanzwesen könne er keine Schlesier anstellen, bevor sich nicht die, welche dabei zu dienen geneigt seien, in den alten Landen dazu geschickt gemacht haben würden, denn in diesem Zweige habe er eine große Veränderung vor. Binnen Jahr und Tag denke er eine neue Klassifikation aller Güter und alles Einkommens zustande zu bringen und danach die Kontribution zu bestimmen, so daß jeder Ort wisse, was und wieviel er jedesmal zu entrichten habe. Außerordentliche Abgaben werde er auch dann nicht fordern, wenn er in Krieg verwickelt werde. Die Akzise auf dem Lande wolle er abschaffen und durch eine Nahrungssteuer ersetzen. In der Mitte des Krieges hatten sich mannigfaltige und sehr begründete Klagen über die gewaltsamen Werbungen erhoben; der König sagte, er werde die Regimenter bestimmen, welche zur Werbung befugt sein sollten; jeder Beschwerde müsse dann der Oberst des Regiments abhelfen; sollte dieser es versäumen, so solle man sich nur an ihn, den König, wenden. Zu diesen wichtigen Einrichtungen, fügte Friedrich hinzu, werde es einiger Zeit bedürfen, doch möge man ihm glauben, daß seine Absicht nur auf das Wohl von Schlesien gerichtet ist; den Erfolg davon werde man in Zukunft sehen, wenn auch der Anfang schwer sei. So bestimmt, einfach und umfassend ward der Provinz eine neue Zukunft angekündigt, und unverzüglich schritt man zu den Vorbereitungen der neuen Einrichtung. Am 19. Dezember 1741 versammelten sich die bisherigen Landesältesten und eine Anzahl von Deputierten der Ritterschaft, um eine nähere Eröffnung darüber zu empfangen. Die Proposition, die ihnen vorgetragen wurde, geht von den drei Hauptgrundsätzen aus, daß die öffentlichen Abgaben zu der wahren Landesnotdurft, zu nichts anderm verwendet, daß sie mit gleichen Schultern getragen, und vornehmlich daß sie fest bestimmt sein müßten. Von dem allem habe in Schlesien bisher nichts stattgefunden; um es aber dahin zu bringen, sei nach der Erfahrung der übrigen königlichen Länder nichts nützlicher als in den geschlossenen Städten eine wohlbestellte Akzise , auf dem platten Lande eine gut eingerichtete Steueranlage, und für die Verwaltung herrschaftliche Finanzkollegien mit wohlunterrichteten, in königlichen Pflichten stehenden Dienern. Die Akzise, welche in Schlesien auch das offene Land umfaßte, verursache daselbst lauter Unterschleife, Plackereien, falsche Eide, sie solle da schon vom 1. Januar ab wegfallen; in den Städten wolle man ihr eine Einrichtung geben, daß deren Emporkommen dadurch gefördert werde. Die Einbringung der Kontribution auf dem Lande, bei der zwar zunächst die alte Schätzung oder Indiktion stattfinden, aber sofort eine Änderung von Grund aus eintreten solle, werde angestrengte Tätigkeit nötig machen. Der König würde kein Bedenken tragen, sie den Landesältesten zu überlassen, aber er wisse, sie seien unbesoldet, zum Teil hoch in Jahren; keiner werde seine Geschäfte versäumen wollen; er ziehe vor, sie der Landesverrichtungen zu entlassen und statt ihrer besoldete königliche Landräte zu ernennen, um diese den Kreisen und deren Kassen vorzusetzen; so großes Zutrauen aber hege er zu den niederschlesischen Ständen, daß er hiebei alle Fremden ausschließen und nur in dem Kreise selbst angesessene Ritterbürtige von Adel dazu ernennen wolle. Die Ernannten, 19 in dem Breslauer, 16 in dem Glogauer Bezirk, waren anwesend und erklärten sich bis auf einen bereit, in die Dienste des Königs zu treten. In dessen Namen ward die Überzeugung ausgesprochen, daß die Einrichtungen, bei denen sich die alten Provinzen so wohl befunden, auch zum Gedeihen der neuen gereichen würden; dem Kontribuenten komme die Ordnung und Gleichheit zugute, mit der er seine Lasten abzuführen habe; dadurch aber werde auch der Fürst in den Stand gesetzt, das Land gegen Mangel und Elend, hauptsächlich aber gegen feindliche Anfälle zu schützen. Schon waren die beiden Kriegs- und Domänenkammern eingerichtet, unter Leitung der bisherigen Vorsteher des Feldkriegskommissariats, Reinhard in Breslau , Münchow in Glogau . Von diesen gingen die Ernennungen aus; sie haben den König erinnert, daß der Zustand von Schlesien es besonders notwendig mache, die Beamten gut zu besolden. Der König sprach die Hoffnung aus, daß diese Kammern ein rechtes Muster guter Ordnung, richtiger und genauer Pflichterfüllung werden, unter anderm auch die erforderliche Verschwiegenheit beobachten würden. Was sich in den alten Provinzen nicht ohne ein gewisses Gegeneinanderwirken von mancherlei Kräften gebildet, aber alsdann als nützlich bewährt hatte, nahm man in die neue, welche im ganzen dieselben Volkszustände darbot, herüber. Doch hatte man auch das Gefühl, daß man hier von vorn anfange, und wollte zugleich das System verbessern. Die Provinz ward nicht der allgemeinen Leitung des Generaldirektoriums unterworfen; schon im März 1742 ward Münchow zum Präsidenten wie der Glogauer so auch der Breslauer Kammer, also zum Vorstand der gesamten schlesischen Verwaltung und zugleich zum Staatsminister ernannt; kein andrer Wille als der des Königs und des Ministers hatte in die neue Organisation einzugreifen. Ludwig Wilhelm v. Münchow war der Sohn jenes Kammerpräsidenten von Küstrin, dem Friedrich bei seinem dortigen Aufenthalt mancherlei Erkenntlichkeiten schuldig geworden war, den er wohl als seinen Wohltäter bezeichnet hat; es machte ihm Vergnügen den Sohn desselben zu befördern, aber dieser selber zeigte sich dessen auch vollkommen würdig. Er hatte mit dem König die nämlichen nationalökonomischen Grundsätze, wie sie dort in jener Küstriner Schule sich ausgebildet, verstand seine Absichten und ging mit voller Hingebung darauf ein. Für die praktische Verwaltung zeigte er zwei gleich unentbehrliche Eigenschaften: Umsicht und Energie. Man begann mit einer Bestimmung des zunächst von Niederschlesien allein zu Leistenden. Eine Durchschnittssumme dessen, was die Provinz bisher aufgebracht hatte, ward festgesetzt, davon abgezogen, was sich von den Domänengefällen erwarten ließ, und das übrige, was durch Steuern und Akzise bisher eingekommen, zwischen Land und Stadt verteilt, so daß den Städten nur die Akzise , dem Lande nur die Kontribution zur Last falle. Der König fand, daß die Summe zu seinem Kriegsstaat hinreichen werde, wofern man sie nur eben hauptsächlich zu diesem anwende. Nach den ersten Versuchen, denn anfangs hatte man gezweifelt, erklärte Münchow, daß die Sache gehen werde, obwohl, da die bisherigen Rechnungen und Gegenrechnungen aufhörten, alles doch ein ganz andres Ansehen gewann und bei weitem schwerer fiel. Die Hauptsache war nun aber, die Kontribution , welche die vornehmste Last ausmachte, besser zu verteilen. Der erste Versuch ward im Februar 1742 im Kreise Schwiebus gemacht; er führte zu dem Ergebnis, wie Münchow berichtet, daß der Kreis eine ansehnliche Summe mehr aufbrachte und die bessere Verteilung doch jedermann zufriedenstellte. Ein ähnliches gab ein zweiter, den man absichtlich in einer ganz andern Landesgegend, im Kreise Frankenstein, anstellte, und man beschloß nun die Sache systematisch anzugreifen. Unter Münchow, der die obere Leitung führte, ward eine Hauptkommission gebildet, die ihren Sitz in Breslau nahm; sie setzte die vornehmsten Grundsätze unter Zuziehung der Kammern fest; dann schritten die Klassifikationskommissionen ans Werk. Mitte Dezember war man mit siebenthalbhundert, Ende Februar 1743 mit mehr als zweitausend Dörfern, überhaupt mit 22 Kreisen fertig, und in 11 andern ging man eifrig vorwärts. Ende Mai hatte Münchow das Vergnügen, dem König melden zu können, daß das ganze Werk in dem gesamten Niederschlesien glücklich zustande gebracht worden sei. Einmal im Zuge, ergoß sich diese Tätigkeit nunmehr unverweilt auch über Oberschlesien und Glatz , die indessen erworben worden. Schon im August war man mit 600 Dörfern zustande; die vollendete Klassifikationstabelle von Oberschlesien konnte im Oktober, am 1. November die von der Grafschaft Glatz überreicht werden. Der schlesische Etat ward im Jahre 1744 auf 3 265 000 Taler fixiert, um 100 000 Taler niedriger, als anfangs beabsichtigt worden: eine Summe, welche, dem Verhältnis des Umfanges und der Menschenzahl entsprechend, die Einkünfte des Staates ebenfalls ungefähr um ein Dritteil vermehrte. Zweiter schlesischer Krieg: Eroberung von Prag, Bd. 5 S. 111 f.; Rückzug aus Böhmen, S. 124-132; Schlacht bei Hohenfriedberg, S. 159-165. 42. Friedrichs des Großen Denk- und Regierungsweise. Preußische Geschichte V, Werke Bd. 29 S. 293 ff. Wenn man die kleineren Gedichte Friedrichs liest, so sollte es dem Verfasser zuweilen bloß auf den Genuß des Lebens anzukommen scheinen. Die Anstrengung wird als ein Verlust der Freiheit betrachtet; man stößt auf Nachahmungen des Lucrez, deren Inhalt die Lehren Epikurs wiederholt. Wenn Friedrich in einer seiner Episteln die Lehre entwickelt, daß sich die Vorsehung um das Kleine nicht bekümmere, so darf man schwerlich behaupten, daß er sie in dem unverfänglichen Sinne von Malebranche verstanden habe. Daneben aber nimmt man allenthalben eine ernste, auf das wesentliche und echte in den Dingen des menschlichen Lebens vordringende Richtung wahr. Den Lockeschen Lehren gemäß erscheint der menschliche Geist nicht fähig, das Unendliche zu ergreifen, aber Friedrich schließt daraus nur, daß man sich auf dieses Gebiet nicht wagen, vielmehr hier auf Erden sich der Tugend widmen, das Gute von dem Bösen unterscheiden lernen müsse. Einen seiner Brüder macht er aufmerksam, daß Tugend und Talent keine Ahnen haben; wer einen Namen besitzen will, muß ihn verdienen. Wie beklagt er die deutschen Fürsten, die, wenn sie von einer Reise nach Frankreich zurückkommen, ihren Ehrgeiz darin suchen, Meudon und Versailles in kleinen Dimensionen zu Hause nachzuahmen. Von der Nichtigkeit des Hoflebens oder des Treibens in großen Städten war wohl niemals ein Mensch mehr durchdrungen als Friedrich. Er ist vollkommen zufrieden in seiner Einsamkeit, denn das einzige Glück sieht er in geistiger Beschäftigung; was die Natur gegeben, muß der Fleiß vollenden. Ruhmesliebe hatte ihn zum Kriege gespornt, aber er weiß, daß die Meinung der Menschen von den Umständen abhängt, hin und wieder schwankt, das Glänzende oft dem Gediegenen vorzieht. Aus allen den Zufälligkeiten, welche auf Lob und Tadel einwirken, zieht er die Lehre, daß man den Weihrauch verachten, die Tugend um ihrer selbst willen lieben müsse. Er bekennt seiner Schwester Wilhelmine, Markgräfin von Baireuth. einmal, er habe eine zwiefache Philosophie: im Frieden und Glück schließe er sich den Schülern Epikurs an, im Unglück halte er sich an die Lehren der Stoa. Das heißt nur eben, daß er den Genuß durch Reflexion mäßigt oder entschuldigt und sich im Unglück durch moralischen Schwung erhebt; es ist nichts andres, als was ein Philosoph dieses Jahrhunderts sagt, Kant, Anthropologie 239. R. daß Neigung zum Wohlleben und zur Tugend im Kampfe miteinander, wo die erste durch die letzte eingeschränkt wird, das höchste moralisch-physische Gut hervorbringen. Nur tritt in den Gedichten, der vorwaltenden Stimmung gemäß, bald die eine, bald die andre Richtung alleinherrschend hervor. Nicht alles, was von Poesie in ihm war, legte Friedrich in seine Gedichte. Wir kennen seine Meisterschaft auf der Flöte; auch hier war jede seiner Kompositionen ein Versuch, eine besondere Schwierigkeit zu überwinden; hauptsächlich aber seine Empfindungen, seine Freude und besonders seinen Schmerz, ein melancholisches Gefühl, das ihn sein ganzes Leben begleitete, drückte er in diesen Tönen aus. Seine Verse sind oft mehr lebendig angeregtes Raisonnement als Poesie; wie Voltaire sagt, nicht von echt französischem Kolorit, aber um so eigentümlicher im Ausdruck und voll Ideen eines weiten Horizontes. Wie in den Gedichten, so beschäftigte sich Friedrich in seinen Briefen, seinen Gesprächen unaufhörlich mit den schwierigsten Fragen, die der Mensch sich vorlegen kann, über Freiheit und Notwendigkeit (die er für das schönste Thema der »göttlichen« Metaphysik erklärt), über Schicksal oder Vorsehung, Materialität oder Unsterblichkeit der Seele; auf die letzte kam er immer von neuem zurück. Wir kennen sein Schwanken zwischen der Annahme eines blinden Geschickes und einer allwaltenden Vorsehung, und wie er in den großen Entscheidungen auf die letzte zurückkam. Z.B. nach der Schlacht bei Hohenfriedberg, s. Bd. 5 S. 165. Meistenteils schien es ihm doch, daß alles ein nicht aufzulösendes Rätsel bleibe, wenn man nicht eine Vorsehung voraussetze, die das Weltgeschick zu einem großen Ziele leite. Nur in einem Punkte war er unerschütterlich: er fuhr auf, wenn jemand im Gespräche seinen Glauben an einen lebendigen Gott bezweifelte. Die populären Beweise für das Dasein Gottes, besonders den von der weisen Ordnung in der Natur hergenommenen, wiederholte er mit dem vollsten Ausdruck der Überzeugung: »Ich kenne Gott nicht, aber ich bete ihn an.« Sein skeptisches Verhalten zu den meisten positiven Lehren gehörte ohne Zweifel dazu, um ihm die Politik möglich zu machen, die er in Beziehung auf die verschiedenen Bekenntnisse ergriffen hatte; er würde sonst mit sich selbst in Widerspruch geraten sein. Aber wie er schon im Gespräch abbricht, wenn er bemerkt, daß sein Mangel an Orthodoxie den andern verletzt, so hätte er im Leben noch viel weniger daran gedacht, seine Meinungsabweichungen auszubreiten, von denen er wohl fühlte, daß sie das Gemüt nicht befriedigen, einem Volke nicht genügen können. Er hielt es schon für ein Glück, daß man dieselben an ihm duldete. Für ihn reichte die Überzeugung hin, daß der Zweck der Welt in dem individuellen Glück liege; die wahre Philosophie bestehe nicht in den verwegenen Spekulationen, durch welche die Wissenschaft zu einer Kunst von Vermutungen gemacht, von den Sitten losgerissen werde, sondern in der Moral, welche die Heftigkeit der ersten Eindrücke zu mäßigen und zu zügeln fähig mache. Um glücklich zu sein, dazu gehöre sittlich leben, seinen Stand erkennen, sich der Mäßigung befleißigen, das Leben nicht zu hoch anschlagen. Friedrichs religiöses Gefühl erhob sich nicht über die ersten und einfachsten Elemente, dagegen sein moralisches Bewußtsein war von der lebendigsten Energie. Eine der ersten Pflichten des Menschen, doppelt notwendig in seiner Stellung, sah er in der Selbstbeherrschung und arbeitete dafür unaufhörlich an sich. Er bekannte seinen Vertrauten, wenn er etwas Unangenehmes, Aufregendes erfahre, suche er nur durch Reflexion über die erste Bewegung Herr zu werden, die bei ihm unendlich lebhaft sei; zuweilen gelinge es, zuweilen auch nicht; dann aber begehe er Unvorsichtigkeiten und komme in den Fall, sich über sich selbst zu ärgern. Er bildet sich eine Politik des persönlichen Glückes aus, die darin bestehe, daß man die menschlichen Dinge nicht zu ernstlich nehme, sich mit dem Gegenwärtigen begnüge, ohne zuviel an die Zukunft zu denken. Wir müssen uns freuen über das Unglück, das uns nicht trifft; das Gute, was wir erleben, müssen wir genießen, der Hypochondrie und Trauer nicht erlauben, das Gefühl der Bitterkeit über unser Vergnügen zu gießen. »Ich habe den Rausch des Ehrgeizes überwunden; Irrtum, Arglist, Eitelkeit mag andre berücken; ich denke nur noch daran, mich der Tage, die der Himmel mir gegeben, zu erfreuen, Vergnügen zu genießen ohne Übermaß und soviel Gutes zu tun, als ich kann«. Schreiben an die Markgräfin, 7. Oktober 1747. R. Besonders dieser letzte Wunsch erfüllt seine Seele. Unter allen Dichtern liebte er Racine am meisten, den er weit über Voltaire stellte, nicht allein der Harmonie und Musik seiner Sprache, sondern auch des Inhalts wegen. Auf seinen Reisen im Wagen las er ihn immer aufs neue und lernte ganze Stellen auswendig. Von allem aber, was dieser Dichter geschrieben hat, machte nichts größern Eindruck auf ihn als die Szene im vierten Akt des Britannicus, wo Burrus dem jungen Nero vorstellt, daß die Welt »das öffentliche Glück den Wohltaten des Fürsten« verdanken könne, daß ein solcher sich sagen dürfe, überall in diesem Augenblicke werde er gesegnet und geliebt! »Ah!« rief Friedrich aus, »gibt es etwas Pathetischeres und Erhabneres als diese Rede; ich lese sie nie ohne die größte Rührung.« Er muß das Buch weglegen, Tränen ersticken seine Stimme; »dieser Racine«, ruft er aus, »zerreißt mein Herz.« Eine Weichheit, die niemand in ihm suchen sollte, der nur seine Kriege und seine strenge Staatsführung kennt, und die doch mit dieser wieder in genauem Zusammenhange steht. Es scheint ihm ein lächerlicher Stumpfsinn der Welt, daß man das Glück der Fürsten beneidet; sie seien schlecht bedient, ihre Befehle führe man mangelhaft aus und schreibe ihnen doch alles zu, was geschehe; man messe ihnen Absichten bei, an die ihre Seele nicht denke, und hasse sie, wenn sie schwere Dinge fordern; leicht werde die Welt ihrer müde. Wer sollte glauben, daß ihm noch in jungen Jahren, im Genusse des Ruhmes und der Welt, aus dem Innern seiner Seele die Idee einer Verzichtleistung aufstieg! Er dachte die Krone seinem Bruder zu überlassen, den er in dieser früheren Zeit ungemein hoch hielt. August Wilhelm, Prinz von Preußen, später von Friedrich hart getadelt, weil er im Siebenjährigen Kriege 1757 sich als Heerführer untüchtig zeigte, gestorben 1752. Eins wäre ihm freilich unbequem gewesen, einen fremden Willen über sich zu fühlen, und er dachte sich Einrichtungen aus, wie dem vorzubeugen sei. Aber das Glück zu gebieten reizte ihn nicht, noch der Besitz großer Geldmittel; er würde, sagte er, mit 12 000, ja mit 1200 Talern leben können, er würde Freunde haben und ihr wahrer Freund sein, nur den Wissenschaften würde er sich widmen. Indem er dem nachsinnt und in dem Gedanken schwelgt, nichts zu sein als ein einfacher, aber ganz unabhängiger Gelehrter, sieht er doch, wenn er die Umstände und Persönlichkeiten überlegt, besonders in kritischen Augenblicken, wie deren soviele kamen, daß alles dies unmöglich ist. »Ich habe ein Volk«, ruft er aus, »das ich liebe; ich muß die Last tragen, welche auf mir liegt, ich muß an meiner Stelle bleiben.« Was macht den Menschen, als der innere Antrieb und Schwung seines moralischen Selbst? Wir wollen nicht sagen, daß jene Stimmung die vorherrschende, daß Friedrich nicht von dem Gefühl des geborenen Königs fortwährend durchdrungen gewesen sei, aber er ging nicht darin auf. Die Reflexion, daß er es auch nicht sein könne, die Neigung selbst, einem andern Beruf zu leben, schärfte sein Pflichtgefühl für diesen, der ihm durch Geburtsrecht zuteil geworden. Wir mögen es nicht unerwähnt lassen, was er selber sagt, daß er oft lieber der Morgenruhe noch genossen hätte; aber sein Diener hatte den bestimmtesten Befehl, sie ihm nicht länger zu gönnen; der Grund, welchen Friedrich angibt, ist, daß die Geschäfte sonst leiden würden. Er bekennt einmal, es mache ihm größeres Vergnügen sich mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen, als mit der Verwaltung der laufenden Geschäfte; aber er fügt hinzu, daß er darum diesen doch keinen Augenblick der Tätigkeit und Aufmerksamkeit entziehen würde, denn dazu sei er geboren, sie zu verwalten. Ein Fürst, sagt er in dem politischen Testament, Vom Jahre 1752. der aus Schwäche oder um seines Vergnügens willen das edle Amt versäumt, das Wohl seines Volkes zu befördern, sei nicht allein auf dem Throne unnütz, er mache sich sogar eines Verbrechens schuldig. Denn nicht dazu sei der Fürst zu seinem hohen Rang erhoben und mit der höchsten Gewalt betraut, um sich von den Gütern des Volkes zu nähren und im Glück zu schwelgen, während die ganze Welt darbe. »Der Fürst ist der erste Diener des Staates und gut bezahlt, um die Würde seiner Stellung aufrechtzuerhalten; aber man verlangt von ihm, daß er nachdrücklich zum Wohl des Staates arbeite und daß er wenigstens die wichtigsten Dinge mit Ernst betreibe.« Die Frau, welche einem König von Evirus, der nicht auf ihre Klagen hören will, die Frage vorlegt, warum er denn König sei, wenn er ihr nicht Hilfe schaffen wolle, scheint ihm ganz recht zu haben. Das Zurücktreten des religiösen Begriffes mußte in einer energischen Natur das Bewußtsein des weltlichen Berufs um so lebendiger hervorrufen. Die Seele ist dann nicht durch das Gefühl des universalen Zusammenhanges des Geistes gehoben, der auch dann noch genug tut, wenn die Erfolge den Absichten nicht entsprechen; es liegt etwas Trockenes, Beschränktes darin, aber um so geschärfter wird der praktische Sinn, da man des Erfolges bedarf. Der Geist der Zeit kam dem Könige Friedrich mit der gleichen Tendenz entgegen und förderte sein Tun. Auch in der Erfüllung der Pflicht an sich liegt eine unendliche Befriedigung. Um sich dazu fähig zu machen, hielt es Friedrich für nötig, die Menschen, wie er es einmal selbst nennt, zu studieren, besonders diejenigen, die ihm entweder als Werkzeuge dienten oder der Gegenstand seiner Sorgfalt waren. Unter seinen Untertanen unterschied er die feinen und gelenken Preußen, deren Gewandtheit jedoch besonders innerhalb ihrer Grenzen leicht in Fadheit überschlage, von den naiven und geraden Pommern; die Kurmärker stellte er weder den einen noch den andern gleich, das Wohlleben gelte ihnen zuviel, in Geschäften seien sie selten mehr als mittelmäßig. Lebhafteren Geist besitze die Magdeburgische Ritterschaft, mancher große Mann sei aus ihr hervorgegangen; den Niederschlesiern fehle es an einem Prometheus, der sie (durch Erziehung) mit dem himmlischen Feuer erfülle; Anstrengung und Arbeit sei bisher noch nicht ihre Sache, sondern eher Genußliebe, gutmütige Titelsucht. Auch in Minden und der Grafschaft Mark fehle es nur an Erziehung und Übung, nicht an Talent; am wenigsten entsprach Kleve seinen Wünschen. Er suchte sie alle zu heben und dadurch zu vereinigen, daß er die provinzialen Bezeichnungen vor der allgemeinen als Preußen Verschwinden ließ; besonders machte er diese im Felde geltend. Wir sahen, wie er sich für jeden Zweig nach den demselben inwohnenden Erfordernissen Gehilfen zu bilden suchte, in Justiz, Administration, Militär. So hatte er auch eine Pflanzschule für den Dienst in den auswärtigen Geschäften im Sinn; um das Jahr 1752 ward dazu unter der Leitung von Podewils ein Anfang gemacht. Die natürliche Gabe, die allem zugrunde liegt, sollte durch allgemeine Kenntnis sowohl wie durch das Aufnehmen der Idee des Staates entwickelt werden. Die Minister , die an der Spitze der verschiedenen Abteilungen des Dienstes standen, schickten dem König über die wichtigen und zweifelhaften Punkte täglich ihre Berichte ein. Friedrich hielt nicht für gut, den geheimen Rat zu versammeln; denn aus großen Ratsversammlungen gehe selten eine weise Beschlußnahme hervor; durch Privathaß und Rechthaberei werde da eine Sache eher verdunkelt. Das Verfahren der schriftlichen Anfrage mit Gründen und Gegengründen hielt er für das bessere; der Fürst müsse sich nur die Mühe geben zu lesen und einzusehen, ein gesunder Sinn fasse leicht die Hauptpunkte, auf die es ankomme. Eine Kabinettsregierung , zu deren Ausführung aber ebensoviel Anstrengung des Geistes wie Talent gehört. Friedrich besaß das letztere in einer seltenen Vielseitigkeit. Wie er nach schriftstellerischer Vollendung strebte, so sahen wir ihn die obersten Gesichtspunkte für die Einrichtung der Justiz fassen, Über die mit Hilfe des Ministers v. Cocceji 1746 begonnene Reform der Justiz s. Bd. 5 S. 241 ff. die Verwaltung bis in das geringste Detail des Rechnungswesens beaufsichtigen, neue Manöver für seine Feldübungen ersinnen. Nicht ohne Nutzen besucht er Spitäler; denn schon sein Vater hat ihn viel dahin geschickt, so daß er sich eine Kenntnis von Chirurgie verschafft hat; er gibt Verbesserungen der Manufakturen im einzelnen an und macht selber die Pläne zu seinen Bauwerken. Zu dieser Mannigfaltigkeit der Befähigung kam nun aber eingehende Rücksicht auf die vorgelegten Gründe, der ernste Wille die Sache recht zu machen. Nicht alles ward auf der Stelle, beim ersten Vortrag entschieden. Wenn die Kabinettsräte nach demselben sich entfernt hatten, griff Friedrich zu seiner Flöte; doch war seine Seele weniger beim Spiele, in das sie nur ihre Stimmung hauchte, als bei den Angelegenheiten. Ganz mit sich selber allein überlegte er die schwierigen Fragen und gab seine Entscheidung, wenn sie zurückkamen. Nicht selten klagen die auswärtigen Gesandten in ihren Berichten, daß er sich in den Audienzen unbestimmt und sogar furchtsam ausgedrückt habe. Seine Entschließungen wurden in der Tiefe seines Gemüts gefaßt und standen ihm dann auf immer fest. Auch darüber beschweren sich die Gesandten häufig, daß er alles allein tun wolle und sie von niemand sonst beschieden werden können; die auswärtigen Angelegenheiten seien unter zwei Minister verteilt, Neben Podewils, der 1760 starb, stand seit 1749 Graf Karl Wilhelm von Finkenstein. und keiner von beiden kenne sie alle; ein geheimer Rat, der vielleicht eine allgemeine Übersicht habe, wage doch nie zu dem Repräsentanten einer fremden Macht zu kommen; im ganzen Lande gebe es außer dem König nur einen einzigen Mann, der die innern und äußern Angelegenheiten zugleich kenne. Von diesem Manne, der alle Morgen mit dem König arbeite, ihn auf seinen Reisen begleite, machen sie eine beinahe mythische Beschreibung: er wisse alles, erfahre alles, aber kein Sterblicher könne sich rühmen, ihn je mit Augen gesehen zu haben. Auf eine wunderliche Weise verunstalten sie seinen Namen: es ist Eichel , dessen Briefwechsel mit Podewils wir zuweilen erwähnt haben, der im Kabinett die Feder führte, die mündlichen Resolutionen Friedrichs niederschrieb, die wichtigsten Anordnungen nach seiner Weisung ausfertigte; ein Mann von unermüdlicher Arbeitsamkeit, die aus Liebe zur Sache und persönlicher Hingebung entsprang, scharfsinnig und einsichtsvoll, nur ein wenig pedantisch und nicht ohne eine zaghafte Scheu bei den unberechenbaren Bewegungen des Genius, den er vor sich sah. Wenn die Fremden dem König Schuld geben, er habe nie auf Gegenvorstellungen der Minister geachtet, so erweisen die Akten das Gegenteil; zuweilen zeigt er sich sogar ungeduldig, daß er seinen Willen nicht durchsetzen könne. Nur mündliche Beratungen vermied er je länger je mehr. Wenn er noch einen zweiten seiner Minister befragte, hielt er doch nicht für gut, den, dessen Gutachten er zuerst gefordert, davon wissen zu lassen: er besorgte, daß der Vorzug, den er dem einen vor dem andern gebe, Eifersucht und Entzweiung verursachen möchte. Überdies wäre dann leicht das Geheimnis, worin er die Seele der Geschäfte sieht, verletzt worden. »Ich verberge«, äußerte er einmal gegen einen seiner Vorleser, »meine Absichten denen, die mich umgeben; ich täusche sie sogar darüber; denn wenn sie vermuten, was ich im Sinn habe, so könnten sie davon sprechen, ohne die Folgen zu ahnen; nur durch das Geheimnis kann ich mich vor Schaden bewahren.« »Ich verschließe mein Geheimnis in mich selbst; ich bediene mich nur eines Sekretärs, von dessen Zuverlässigkeit ich versichert bin; wenn ich mich nicht selbst bestechen lasse, so ist es unmöglich, meine Absicht zu erraten.« Von den auswärtigen Angelegenheiten überließ er die, welche mehr rechtlicher Natur waren, den Ministern; die Leitung der andern behielt er in eigner Hand. Soviel Argwohn legte er gegen fremde Verschwiegenheit an den Tag, daß es für den Umgang mit ihm als eine Regel galt, sich zwar übrigens ohne Zwang zu bewegen, vertraulichen Mitteilungen aber lieber auszuweichen. Auch er selbst war gegen alles auf der Hut, was seine Umgebung ihm sagen mochte. »Wenn wir uns jedem Gespräch hingeben, das irgend jemand mit uns anfängt, darauf hören, wovon man will daß wir es hören, uns in zweifelhafte Verbindungen einlassen, so kann dies leutselige Wesen schlimmere Folgen haben als die Hartherzigkeit. Von Anfang an habe ich meiner Umgebung zu zeigen gesucht, daß sie bei mir durch Ränke und falsche Berichte nichts gewinnen wird, daß ich ein Mann bin um die Dinge selber zu sehen, und unerschütterlich in den einmal gefaßten Plänen. Gutmütigkeit muß mit Festigkeit vereinigt sein; der Fürst muß sich mit braven und ehrlichen Leuten umgeben; für sich selber gewinnt er damit wenig, aber alles für das Wohl des Staates.« Es mag sein, daß ihm auch darum für seinen persönlichen Umgang Fremde am liebsten waren, weil sie keinen Zusammenhang mit kleinen einheimischen Interessen hatten. Soll die Monarchie eine Wahrheit sein, so müssen die Regionen, wo die Entschlüsse gefaßt werden, von allem fremdartigen Einfluß frei bleiben; der höchste Wille muß sich nur auf das Wesen der Dinge richten. An den französischen Zuständen fand Friedrich nichts widerwärtiger und schädlicher als das Auseinanderstreben der verschiedenen Minister, deren jeder seine besonderen Rücksichten habe, seinen besonderen Vorteil suche. »So wenig«, sagt er, »wie Newton sein System in Verbindung mit Leibniz und Cartesius hätte zustande bringen können, so wenig kann ein politisches System gemacht und behauptet werden, wenn es nicht aus einem Kopfe entspringt, und das muß der des Fürsten sein; Minerva muß aus dem Haupte Jupiters hervorgehen. Von dem, was er selber gedacht hat, mehr durchdrungen als von den Gedanken anderer, wird er all sein Feuer an die Erreichung eines Zweckes setzen, der zugleich die Eigenliebe in Anspruch nimmt. Finanzen, Politik und Militär sind unzertrennlich; nicht der eine oder andre dieser Zweige muß gut verwaltet werden, sondern alle zusammen. Sie müssen zusammenwirken, wie in den olympischen Spielen die Rosse vor den Wagen, die mit gleicher Anstrengung die Rennbahn durchlaufen und dem Lenker den Preis verschaffen.« In Hinsicht der Finanzen und des ganzen inneren Regierungssystems folgte er dem Vorgange seines Vaters , dessen Bild und Andenken ihn unaufhörlich begleitete. Im Gespräch erzählte er zuweilen Züge der Gutmütigkeit von demselben, die anderweit nicht vorkommen; öfter gedachte er seiner Härte und dessen, was er von ihm gelitten habe. »Ein schrecklicher Mann, vor dem man habe zittern müssen, aber durch und durch brav, ja im wahren Sinne des Wortes ein philosophischer König; er habe nur eine zu hohe Vorstellung von der Fähigkeit der Menschen gehabt und von seiner Umgebung und seinen Untertanen die nämliche Strenge gefordert, deren er sich gegen sich selbst bewußt gewesen sei. Wer es nicht wisse, könne sich keine Vorstellung davon machen, welchen Geist der Ordnung er in die verschiedenen Teile der Regierung gebracht, wie er bis ins einzelnste nach möglichster Vollkommenheit gestrebt habe. Der unermüdlichen Arbeitsamkeit, bewunderungswürdigen Ökonomie und strengen Soldatenzucht des Vaters verdanke er alles, was er sei. Auch ihn habe derselbe zu einem Soldaten machen wollen, aber kaum glauben dürfen, daß es damit gelingen werde; wie würde er erstaunen, wenn er wieder auflebte und ihn mitten in den ehemals kaiserlichen Gebieten an der Spitze einer siegreichen Armee sähe, namentlich mit einer Kavallerie, von der man in jenen Zeiten keine Idee gehabt habe; er würde seinen Augen nicht trauen.« In dem Vater erscheint die Selbstherrschaft noch als Eigenwille, mit der Rauheit und Gewaltsamkeit des 17. Jahrhunderts, verbunden mit einer Religiosität, die eine pietistische Ader hatte; der Idee einer allgemeinen Ordnung im deutschen Reiche sich auch dann fügend, wenn diese unbequem ward. In dem Sohne lebt dagegen seit der ersten Jugend ein lebendiger Trieb persönlicher Ausbildung; er begreift die Wissenschaften mit dem doppelten Eifer eines Autodidakten; von der Religion hält er nur die allgemeinsten Grundsätze fest; das Reich erkennt er an, inwiefern es Rechte gewährt, nicht inwiefern es Pflichten auferlegt. In allen wesentlichen Dingen zeigte sich eben dieser Sohn als der wahre Fortsetzer des Vaters. An ihrem Beispiel sieht man, wie ein Zeitalter sich aus dem andern entwickelt, zu gleicher Zeit Identität und Verschiedenheit möglich sind. Nur Weiterbildung ist die rechte Fortsetzung. Zur Gründung gehörte ein noch von der Unwillkürlichkeit des ersten Antriebes umfangener, starker und rücksichtsloser Wille; die Durchführung erfordert eine selbstbewußtere und umsichtigere Tatkraft. Friedrich vereinigte die strenge Staatsordnung des Vaters mit den ihm eingebornen Kulturbestrebungen, wodurch der Widerspruch des soldatischen Wesens mit den Tendenzen des Jahrhunderts vermittelt ward. Seine glücklichen Kriegsunternehmungen gehörten dazu, um dem Staate die Kräfte zu gewinnen, deren er noch bedurfte, ihm Haltbarkeit, Ansehen und Rang in der Welt zu geben. In der Heerführung blieb Friedrich fortwährend einiger Lehren eingedenk, welche ihm einst, bei jener Anwesenheit im kaiserlichen Lager, Als Kronprinz im Jahre 1734; s. Preußische Geschichte 3 u. 4, S. 215 u. 254. Prinz Eugen von Savoyen gegeben hatte. Eine namentlich, die Geschichte der früheren Feldzüge zu durchdenken, sich die Lage der Generale zu vergegenwärtigen, um in dem Geiste die Fähigkeit auszubilden, in dringenden Momenten das rechte Mittel zu ergreifen, hat er nie vergessen. Er bekannte sich zuweilen als ein Schüler Eugens, doch war es die Schule aller großen Feldherren, in die ihn dieser geführt, der er sich in den eifrigsten Studien hingegeben hatte. In der Politik dürfte man sich nicht einmal an Vorbilder halten, da die Zeiten sich unaufhörlich verändern und Einsicht in die sich bildende Gegenwart die Summe davon ausmacht. Was man sonst wohl dafür fordert, Kenntnis der Formen, Schonung und rücksichtsvolle Rede war nicht Friedrichs Sache; er sprach mit Lebhaftigkeit und sparte die Sarkasmen nicht; seine Äußerungen, von Mund zu Mund getragen, haben ihm an den meisten Höfen Feindseligkeiten erweckt, ja selbst Nationen wie die Ungarn gegen ihn aufgereizt; ein guter Diplomat wäre er nicht geworden. Die Eigenschaften aber, welche zur obersten Leitung der Geschäfte gehören: Bewußtsein der eigenen Stellung und ihrer Grundlagen, natürlichen Scharfblick des Geistes, vor dem jede Täuschung zerrinnt, Gefühl von dem was sich ausrichten läßt, kluge Mäßigung, verschlagene Entschlossenheit, besaß er von Natur und bildete sie täglich mehr aus. Nur dadurch konnte ihm die nach dem Begriffe der Zeit verwegenste Unternehmung gelingen; das politische Talent hatte daran nicht geringeren Anteil als die Heerführung. Noch entsprach die Stellung, die er nun einnahm, mit nichten dem, was man sich im allgemeinen von einer neu zu begründenden Macht hätte denken können. Wäre es auf Friedrich angekommen, so würde er sich in ein ganz andres Verhältnis zu Deutschland gesetzt, Westpreußen an sich gebracht, die Grenzen nach der sächsischen Seite erweitert haben, denn höchst ungern sah er seine Hauptstadt den Anfällen eines gefährlichen Nachbarn ausgesetzt und die östlichen preußischen Lande von den übrigen Provinzen getrennt; er hätte sich wahrscheinlich auch zur See bewaffnet. Allein die gemachten Erfahrungen verboten ihm jeden Gedanken dieser Art. Aber auch in den beschränkten Grenzen, in denen er sich halten mußte, hatte er eine Macht gegründet, unantastbar und unüberwindlich, dem Wesen nach von niemand abhängig. Ihre letzte historische Grundlage war das reichsgesetzmäßige Fürstentum mit seinen Erbrechten und Anwartschaften; allein die Monarchie Friedrichs erschien hiervon losgerissen, ihre Notwendigkeit in ihrem Dasein tragend. Der protestantisch-kontinentale norddeutsche Staat , zu dem jahrhundertelang Volk und Fürst, Anstrengung und Talent sowie das gute Glück gewirkt, war zustande gekommen. Bauten in Berlin und Potsdam, S. 281-284. Die Gesellschaft von Sanssouci, S. 284-291. 43. Ausbruch des Siebenjährigen Krieges. Zur Geschichte von Österreich und Preußen, Werke Bd. 30 S. 231-236. Wie man aus den Äußerungen Friedrichs gegen den englischen Gesandten, Andrew Mitchel, nach Abschluß des Vertrages von Westminster (Jan. 1756) an den preußischen Hof gesandt; Ranke S. 131. 209. mit dem er die Antwort des Wiener Hofes Datiert vom 21. August 1756; vorher ging ein mündlicher kurzer Bescheid der Kaiserin Maria Theresia an den preußischen Gesandten Klinggräff, 26. Juli; Ranke S. 228. 225. noch einmal in Erwägung zog, erkennt, war sein Plan in diesem Augenblick folgender. Er wollte seinen Weg nach Böhmen durch Sachsen nehmen, wodurch er verhindern könne, daß sich dieses zu seinen Feinden schlage. In drei verschiedenen Kolonnen, zusammen 65 000 Mann stark, wollte er in Sachsen einbrechen. Die Truppen sollten sich an der sächsisch-böhmischen Grenze vereinigen; bei Melnik wollte er über die Elbe gehen und die Österreicher in ihrem Lager, das sie, wie er höre, bei Prag aufschlagen würden, aufsuchen, auseinanderjagen und seine Winterquartiere in Böhmen nehmen. Im letzten Augenblick ließ er den sächsischen Gesandten an seinem Hofe von seinem Vorhaben benachrichtigen: das ungerechte Verfahren des Wiener Hofes und die Weigerung desselben auf irgendeine anständige Auseinandersetzung einzugehen nötige ihn, nachdem er alles getan, zur Behauptung der öffentlichen Ruhe ein Armeekorps durch Sachsen marschieren zu lassen; denn er müsse Vorkehrungen treffen, um nicht wieder in eine Lage zu geraten wie die, in welche ihn der sächsische Hof 1744 und 45 gebracht habe. Er fügte dem noch einige begütigende Worte hinzu, aber sein Entschluß war gefaßt, den Widerstand der sächsischen Truppen, der ihm in dem Lande entgegentreten könne, zu erdrücken. Zum Ergreifen dieses Feldzugsplanes trug es bei, daß Friedrich nicht allzu weit entfernt zu sein wünschte, wenn etwa die Franzosen in Deutschland einbrechen und Hannover bedrohen sollten. Wohl mußte man befürchten, daß die Österreicher ihrerseits einen Einfall in Schlesien unternehmen würden; dort aber war Schwerin aufgestellt mit hinreichender Macht, Er hatte 27 000 Mann. um Angriffe zurückzuweisen und die in der Nachbarschaft angelegten Vorratshäuser zu zerstören. Zu einem Einbruch in Böhmen war er ursprünglich nicht bestimmt. Der König meinte, wenn Schwerin die feindlichen Truppen zurückweise und zu gleicher Zeit die königliche Armee in Böhmen eindringe, so werde Österreich, falls es nicht schon bei seinem Vorrücken Vernunft annehme, dann wenigstens das Schwert in die Scheide stecken, und dadurch seine Verbündeten veranlassen Frieden zu halten. Die große Kombination, die dem preußischen Staate ein Ende auf immer machen sollte, in ihren Prinzipien vereinbart und dem Abschlusse nahe, war noch nicht zustande gekommen. Die entscheidenden Verträge sind zwischen Österreich und Rußland am 22. Januar 1757, zwischen Österreich und Frankreich am 1. Mai 1757 geschlossen worden. Friedrich täuschte sich nicht darüber, daß sein Angriff auf Österreich dazu dienen konnte, die gegen ihn gefaßten feindseligen Entwürfe zur Reife zu bringen. Eben sein Unternehmen aber war auch imstande sie zu zerstreuen und ihn auf immer zu sichern; es erschien ihm dazu als das einzige Mittel. Keine Erwägung der Welt wäre fähig gewesen ihn davon zurückzuhalten; die Sinnesweise, die ihn belebte, mit der er geboren war, trieb ihn unwiderstehlich dazu vorwärts. Wer kann die Umstände beherrschen, die zukünftigen Handlungen ermessen, den aufwogenden Elementen gebieten? In dem Konflikt der Weltverhältnisse und der persönlichen Gesinnung entspringen die großen Entschließungen. Die Fortentwicklung der Menschheit beruht darauf, daß es Staaten gibt, welche die innere Kraft besitzen, und Fürsten an ihrer Spitze, die den Mannesmut haben, unter allen Umständen ihre Stelle zu behaupten und ihre Selbständigkeit, welche ihr inneres Leben ist, gegen überlegene Feinde zu verteidigen. In dieser Gesinnung griff Friedrich zu den Waffen. Es war am 28. August 1756, eines Sonnabends, früh gegen fünf Uhr, daß er auf dem Paradeplatz in Potsdam zu Pferde stieg, die Truppen eine kleine Schwenkung machen ließ, sich dann an ihre Spitze setzte und den Weg nach der sächsischen Grenze einschlug. Mit ihm war sein Bruder Heinrich als Führer seines Regiments; eine freudige Stimmung beseelte die Mannschaften. Den folgenden Tag wurde die sächsische Grenze von verschiedenen Abteilungen der drei Kolonnen in weitem Umkreis überschritten. Unerwartet ist es, daß Friedrich, indem er das Schwert zog, doch damit noch nicht den Krieg unwiderruflich zu eröffnen meinte. So wenig Zweifel an der kriegerischen Absicht des Wiener Hofes ihm auch die letzte Antwort übrig ließ, so sehr ihn der Ton derselben verletzte, – er fand ihn Stolz und Verachtung atmend – , so nahm er von ihrem ausweichenden Inhalt doch Anlaß zu einer dritten Anfrage, zu der sie insofern Raum ließ, als sie sich nicht ausdrücklich auf die Hauptanfrage bezog. Er faßte die Hoffnung, durch seine Schilderhebung, ohne noch zu schlagen, den Wiener Hof zu einer Erklärung, wie er sie verlangt hatte, zu vermögen. Klinggräff Der preußische Gesandte in Wien. wurde beauftragt, von der Kaiserin-Königin ohne weitern Zusatz die einfache Versicherung zu fordern, daß sie Preußen weder in diesem noch im kommenden Jahre angreifen werde. Friedrich erklärte sich bereit, sobald er diese Antwort erhalte, seine Truppen zurückzuziehen und die regelmäßige Ordnung der Dinge wieder eintreten zu lassen. Aber in Wien herrschte eine entgegengesetzte Stimmung vor; nach der zuletzt gegebenen Antwort erwartete man dort nichts andres, als daß Friedrich zum Angriff schreiten werde. Man sah dem ohne Besorgnis entgegen, denn einmal meinte man nicht so ganz schlecht gerüstet zu sein, um den Preußen nicht begegnen zu können, und selbst auf erste Nachteile war man gefaßt. Möglich daß Friedrich Böhmen wenigstens zum Teil besetze, möglich selbst daß er eine Schlacht gewinne, aber man brauche davor nicht zu erschrecken, denn mit diesem Fürsten müsse man doch gewiß sich noch einmal schlagen. Komme es jetzt zum Kriege, und zwar durch einen Angriff von Preußen, so könne man sich der Hilfeleistung von Rußland und von Frankreich versichert halten; man dürfe einen guten Ausschlag der Waffen, die Wiedereroberung Schlesiens, eine Schwächung des feindseligen Königs erwarten; ein zeitweiliger Verlust komme dabei nicht in Betracht. Die neue Anfrage Friedrichs in Wien erweckte mehr Verwunderung als Aufmerksamkeit und ward mit gewohntem Selbstgefühl erwidert. Der Staatskanzler Fürst Kaunitz. erklärte, die letzte Antwort sei die einzige gewesen, welche sich mit Würde habe geben lassen. Damit waren die Würfel gefallen; das Tor wurde aufgetan, hinter welchem der altrömischen Vorstellung nach die Kriegskräfte gefesselt liegen. Verg. Aen. 7, 607-617. Einst hat ein orientalischer Eroberer vor dem Beginn einer Schlacht seinem Widersacher sagen lassen, er möge sich zum Kampfe einstellen, damit an den Tag komme, was im Schoße des Schicksals verborgen sei. Dazu sind die großen Kriege bestimmt, nach dem Maße der Kraftentwicklung und intellektuellen Führung jedes Teiles die Schicksale der Welt weiter zu bestimmen. Geschrieben im Jahre 1870. Die Franzosen der alten Schule, welche etwas von der deutschen Geschichte wußten, sahen in Friedrich einen neuen Gustav Adolf, der aber zugleich ein Deutscher sei. Außer diesem Unterschied, der allerdings von historischer Bedeutung ist, denn jetzt brauchten die deutschen Protestanten keinen fremden Beschützer mehr, bestand aber noch ein andrer, der darin lag, daß Gustav Adolf mit Frankreich gegen Österreich verbündet war, Friedrich aber sowohl Frankreich wie Österreich zu bekämpfen hatte. Noch eine dritte Macht sollte sich diesen beiden zugesellen und ein allgemeiner Kampf beginnen, der über das Sein oder Nichtsein Preußens entscheiden mußte. Durch den Krieg, welcher damit ausbrach, sind keine territorialen Veränderungen hervorgerufen worden: eben darin lag der große Erfolg, daß das nicht geschah und daß sich der Staat, zu dessen politischer Vernichtung die Mächte des Kontinents verbunden waren, in seinem vollen Bestand behauptete. Die Verteidigung selbst gab ihm ein hohes Ansehen in der europäischen Staatenwelt. König Friedrich wurde, indem er sich verteidigte, zum großen Manne des Jahrhunderts. Die folgenden Generationen empfingen daher die fortwährenden Impulse, die aus dem Gefühl einer ruhmvoll bestandenen Gefahr und der geretteten Unabhängigkeit entspringen. Ein Unglück ohnegleichen, das den preußischen Staat in dem folgenden Zeitraum traf und ihn in einen Ruin, wie er im Jahre 1756 beabsichtigt war, wirklich verwickelte, ist dadurch zu der Epoche geworden, in der sich derselbe verjüngte, so daß er in steter Kontinuität von lebensvoller Arbeit endlich zu Erfolgen gelangt ist, wie sie die Welt ebenfalls noch nicht gekannt hat. 44. Der Feldzug von 1760. Zur Geschichte von Österreich und Preußen, Werke Bd. 30 S. 347-364. In den Winterquartieren nach dem Feldzuge von 1759 war Friedrichs erste Sorge gewesen, die Armee soviel wie möglich wiederherzustellen. Ein großes Hilfsmittel fand er in den Rekonvaleszenten von Kunersdorf; sie bildeten den Kern der neuen Formationen, die größtenteils aus Ausländern bestanden. Der Abgang von Offizieren wurde aus den Garnison-Regimentern ersetzt. Der Nachwuchs aus den Eingebornen zeigte sich von trefflicher Beschaffenheit. Viele aus den Kantons ausgehobene pommersche und märkische Bauernsöhne hatten zwar noch keine Feinde gesehen, aber bald belebten sie sich mit kriegerischem Sinn und Mut; sie taten es bei jeder Gelegenheit den alten Kriegern gleich. Die innere Landesverwaltung befand sich in der schwierigsten Lage. Wohl bot die preußische Administration für einen kurzen Krieg die erforderlichen Hilfsmittel dar, aber für eine Reihe von Feldzügen hatte sie nicht die notwendige und unentbehrliche Nachhaltigkeit. Der alte Schatz war verbraucht; man schritt zu Münzverschlechterungen, welche aber den inneren Verkehr lähmten. Die Pensionen wurden nicht mehr gezahlt, auch die Gehälter hielt man inne; alles Geld floß in die Kriegskasse zusammen. Das ganze Staatsleben war davon abhängig, wie die Würfel des Krieges fallen würden. Mit allen Anstrengungen aber brachte man die Armee doch nur auf 70 000, etwas später auf 90 000 Mann, während die Österreicher allein 130 000 und mit ihren Verbündeten zusammen gegen 300 000 ins Feld stellen konnten. Der Anfang des Feldzugs, der sich bis in den Juni verzog, war mit einem neuen großen Unfall des Königs bezeichnet, der ihm gutenteils ebensowohl zur Last fällt wie die Überlieferung von Dresden und die Kapitulation von Maxen. Es ist die Überwältigung der Preußen bei Landshut . Doch trägt dieses Ereignis am meisten den Charakter der preußischen Disziplin und Waffenführung überhaupt. Der König war in Sachsen festgehalten; General Fouqué , in der Besorgnis, daß Laudon, der Anfang Juni in Schlesien eindrang, Breslau angreifen würde, verließ den Posten von Landshut, um die schlesische Hauptstadt und Schweidnitz zu decken. Aber dadurch bekam nun Laudon freie Hand gegen Glatz, und der König, der auf die Position von Landhut den größten Wert legte, ungehalten daß Fouqué dieselbe verlassen, befahl ihm in gebieterischen Ausdrücken den Posten wiedereinzunehmen. General Fouqué wußte recht wohl, welche Gefahr ihm bevorstehe, wenn er nach Landshut zurückgehe. Aber das war nun das Prinzip, daß der Befehl des Königs ohne alle Weigerung auf der Stelle in Ausführung gebracht werden müsse; die gesamte Staats- und Heeresordnung beruhte darauf, Fouqué gehorchte nicht allein, sondern er gab dem König noch besonders das Wort, den Posten bis aufs äußerste zu verteidigen. Niemals wurde ein Versprechen besser gehalten. Die wieder eingenommene Stellung zu behaupten wären 40 000 Mann erforderlich gewesen; Fouqué hatte nur 10 400, die nun von einer vierfachen Übermacht und von dem geschicktesten der österreichischen Generale, Laudon selbst, angegriffen wurden. Man kann nicht ohne Bewunderung lesen, mit welcher Tapferkeit eine Höhe nach der andern verteidigt und dann unter stetem Widerstand geräumt wurde, bis nur noch eine übrig war, auf welcher der General selbst sich befand. Man berichtet, daß auch in diesem bedrängten Moment die Preußen sich mit derselben Sicherheit bewegten, wie bei dem Manöver einer Revüe. Der General gehörte noch der Schule des alten Dessauers an, bei dem er als Kadett seine militärische Erziehung genossen hatte. Die fernere Ausbildung verdankte er dem Umgang und dem Beispiel des Königs, der ihn als Freund behandelte und dem er eine unbedingte Ergebenheit widmete. Von Natur war er zurückhaltend, ernst, selbst finster, wegen seiner Strenge gefürchtet und gehaßt; die ritterlichen Tugenden, die man an ihm rühmt, erschienen in soldatischen Formen. Er war von der tiefen Religiosität, welche die menschlichen Handlungen mit dem Ewigen verbindet. Es gelang ihm, seine kleine Schar über den Bober zu führen; hier aber erlag er den Angriffen der österreichischen Reiterei und geriet, nachdem er selbst verwundet worden, in Gefangenschaft. Es liegt etwas heroisch Großartiges in diesem Widerstande. Man hat nicht mit Unrecht bemerkt, daß die Armee Friedrichs, wie sie jetzt war, der früheren nicht mehr gleich gewesen sei, der König selbst hat das gesagt. Aber bessere Männer als die, welche bei Landshut untergingen, hat er nie gehabt. Die Anforderungen des Königs an seine Truppen wurden auf das glänzendste erfüllt: Gehorsam, Ordnung und jene Tapferkeit, der auch noch in der größten Bedrängnis kleinmütiges Zurückweichen als verächtlich erscheint. Die militärische Monarchie der neueren Zeiten wird dadurch zu hohem Range erhoben, daß ihr eisernes Gebot doch zugleich mit der vollen Hingebung an die Sache, die es gilt, verbunden ist. Man wird dabei an die Großtaten des Altertums erinnert. Die Truppen folgten den Anordnungen des Königs-Connetable mit derselben Aufopferung wie die Alten den Befehlen ihrer Republik, Tēde keimetha, tois keinon rhēmasí peithomenoi. Die Erinnerung an Thermopylä stammt von Friedrich selbst. R. wenn sie auch ihren Untergang dabei voraussahen. Ihre Gesinnungen sind gleich ehrenwert. Für König Friedrich hatte das Ereignis zunächst die Folge, daß er in Person nach Schlesien gehen mußte, unter Umständen, die ihm selbst sehr bedenklich schienen. Dem Prinzen Ferdinand von Braunschweig schrieb er am 29. Juni 1760, er dürfe sich nicht wundern, wenn er in kurzem schlechte Nachrichten von ihm erhalte. Am 17. August aber konnte er demselben die Nachricht geben, daß er »Dank dem Himmel« einen großen Vorteil über den Feind davongetragen habe. Seit seiner Ankunft in Schlesien habe er alles mögliche getan, um Schweidnitz oder Breslau zu erreichen, »aber alle Mühe«, sagt er, »war vergeblich; an der Stellung der Österreicher und der Wachsamkeit Lascys und Laudons scheiterten alle meine Pläne. Von den Russen gedrängt, die nicht nach Schlesien vorrücken wollten, wenn die Österreicher nicht erst eine Schlacht gewonnen hatten, beschloß Daun mich anzugreifen. Laudon sollte auf den Höhen von Liegnitz zu meiner linken Flanke Stellung nehmen, während mich Daun in der Front angreifen würde. Von dieser Absicht unterrichtet, besetzte ich die Höhen von Pfaffendorf, welche Laudon einnehmen wollte.« Wir wiederholen hier einfach die Nachricht, die Friedrich dem befreundeten Herzog gab. Um sich die Vorfälle des Kampfes lebhaft zu vergegenwärtigen, muß man einmal den Kirchturm von Liegnitz besteigen. Friedrich stieß nun mit Laudon zusammen, der soeben heranzog; indem er die erforderlichen Anstalten traf, um Daun an seiner Stelle festzuhalten, schlug er mit Laudon und ward desselben so vollkommen Meister, daß dieser von den 30 000 Mann, die er befehligte, nur 6000 unter den Waffen behielt. Der König kann die Tapferkeit seiner Truppen nicht genug rühmen; binnen zwei Stunden war die ganze Sache entschieden: »wir haben den zweiten Band von Roßbach geliefert«. Die Russen hatten nur auf einen glücklichen Erfolg der Österreicher gewartet, um mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen; nach der Schlacht zogen sie sich über die Oder zurück, und der König konnte seine Verbindung mit Breslau herstellen. Wie sehr aber würde man sich täuschen, wenn man ihm nun die Gefühle eines Siegers, der seiner Sache und ihres Triumphes gewiß ist, zuschreiben wollte. Alle seine Briefe sind voll davon, daß er durch die gewonnenen Bataillen doch in keine bessere Lage gelange. Er hatte auf eine Abkunft zwischen Frankreich und England gerechnet; er wurde inne, daß daran nicht zu denken war. Die Verhältnisse Frankreichs waren mit den österreichischen und russischen so eng verflochten, daß ein Friede, der England mit Frankreich, Preußen mit Österreich ausgesöhnt hätte, noch zu den Unmöglichkeiten gehörte. Mit vieler Bestimmtheit hat er eine Bewegung der Türken gegen Österreich erwartet, die wirklich einmal von einer Allianz mit England und Preußen redeten; allein das Vordringen Laudons in Schlesien belehrte ihn, daß man in Österreich von den Bewegungen der Türken nichts mehr fürchte. Und wenn die Dänen einmal die Absicht gezeigt hatten, sich mit England und Preußen zu verbinden, so daß mit ihrer Hilfe die Schweden aus Pommern, die Russen aus Preußen hätten verjagt werden können, so schwand demnächst auch diese Hoffnung, denn unmöglich konnte sich Dänemark von Frankreich und von Rußland zugleich losreißen. Friedrich sagt, es bleibe ihm nichts übrig, als den Feind anzugreifen, der sich zuerst zeige, ihn zu schlagen und dann nach dem Orte zu eilen, wo die nächste Gefahr drohe. Eigene Pläne zu entwerfen und auszuführen war für ihn untunlich; seine Bewegungen hingen allezeit von den Umständen ab. Indem er sich gegen Schlesien wendete, fühlte er, wie sehr dadurch seine Position in Sachsen unsicher und seine eigenen alten Gebiete gefährdet wurden. »Ich könnte es nimmermehr verantworten, alle meine Länder den Gewaltsamkeiten der Feinde zu überlassen. Ohne Schlacht werden wir uns in uns selbst aufzehren.« Den Prinzen Heinrich, der einige Unentschlossenheit blicken ließ, beschwört er, feste Entschlüsse zu nehmen und nicht zu schwanken; ein schlechter Entschluß sei besser als gar keiner. Bei aller seiner Tätigkeit und seinem Eifer hatte Prinz Heinrich doch in einem seiner Briefe einstießen lassen, daß er sich zu schwach fühle, um seiner Obliegenheit unter diesen Umständen vollkommen zu genügen. Der König macht ihn in seiner Antwort Brief vom 9. August; f. Schaefer , Geschichte des siebenjährigen Krieges 2, 2, 44. Prinz Heinrich hatte soeben durch schnellen Marsch die Vereinigung der Russen und Österreicher vor Breslau gehindert und Laudon genötigt, den Angriff auf Breslau aufzugeben. aufmerksam, daß es leicht sei, dem Staate in glücklichen Tagen zu dienen; ein guter Bürger sei man erst, wenn man dem Gemeinwesen seine Dienste auch in Zeiten des Unglücks weihe. »Wir kämpfen für die Ehre und für unser Vaterland, ungeschreckt durch die Überlegenheit unserer Feinde. Meine Heiterkeit und mein guter Humor sind mit den geliebten und verehrten Personen begraben, an die sich mein Herz angeschlossen hatte. Ich habe eine große Maschine zu regieren, und zwar ohne Gehilfen; ich zittere, wenn ich daran denke. Kein Wunder, wenn der Kummer und die Unruhe, die ich seit zwei Jahren erfahre, meine Leibeskonstitution untergraben.« Er litt damals an Krampfanfällen. »Mein Wahlspruch ist siegen oder sterben; in andern Fällen lassen sich Mittelwege denken, nicht in meiner Lage.« »Sie legen Wert auf das Leben«, schreibt er an d'Argens, Brief vom 28. Oktober. »als Sybarit; ich sehe den Tod als Stoiker an. Ich werde mich nie dahin bringen lassen, einen entehrenden Frieden zu unterzeichnen. Unter den Ruinen meines Vaterlandes werde ich begraben werden, oder wenn das Schicksal mich so hart verfolgt, werde ich wissen meinem Unglück, wenn ich es nicht mehr aushalten kann, ein Ziel zu setzen.« Es ist, wie wir wissen, nicht das erstemal, daß er diesen Gedanken äußert. Verzweifelte Stimmung des Königs nach der Niederlage bei Kunersdorf; Ranke S. 335. Wenn er ihn nicht ausgeführt hat, so rührt dies daher, daß die Ereignisse doch nicht eine Wendung nahmen, aus der schlechterdings kein andrer Ausweg gewesen wäre. Nur wenn der Staat vollkommen verloren war, konnte er daran denken, seinem persönlichen Dasein ein Ende zu machen. Wir zweifeln nicht: er hätte es getan. Es bildet einen eigentümlichen Kontrast gegen diese verzweiflungsvolle Stimmung des Königs, daß indessen die Kaiserin-Königin trotz des Unfalls von Liegnitz mit wachsendem Mut auf eine entscheidende Unternehmung gegen ihn drang. In ihr konzentrierte sich, wir berührten es schon, die Direktion der militärischen Geschäfte; der Hofkriegsrat versammelte sich unter ihrem Vorsitz. Daun hat zuweilen die Gutachten seiner Generale, ohne ein eignes hinzuzufügen, nach Wien geschickt, um sich eine Entscheidung auszubitten; die Antworten der Kaiserin waren zuletzt maßgebend für die Intentionen, die man im Felde verfolgte. Vor allem hätte sie nochmals eine Unternehmung gegen Glogau gewünscht, bei welcher die Verbindung mit den Russen erst eigentlich vollzogen worden wäre. Auch waren diese nicht abgeneigt dazu mitzuwirken. Allein der Generalfeldzeugmeister Laudon, sonst so unternehmend, erklärte sich dagegen, weil die Herbeischaffung des erforderlichen Belagerungsgeschützes unüberwindliche Schwierigkeiten haben würde. Eine wirkliche Vereinigung der beiden Armeen in Schlesien hätten die Österreicher selbst nicht einmal gern gesehen, denn die Russen, sagten sie, seien durch ihren geringen Sold auf Plünderung gleichfalls angewiesen, und ihre Verpflegung würde große Ungelegenheiten herbeiführen. Ein andrer Gedanke der Kaiserin war auf die nochmalige Eroberung von Schweidnitz gerichtet, dessen Besitz sie allein vor weitern Einbrüchen des Königs sichern könne. Sie forderte diese Unternehmung selbst für den Fall, daß es darüber zu einer Schlacht komme, für deren Ausfall sie selbst die volle Verantwortung übernehme. Daun antwortete hierauf, daß es unmöglich sei, die Belagerung zu vollführen und sich zugleich gegen die Angriffe des Königs zu sichern. Friedrich hatte indessen, mit der Armee des Prinzen Heinrich vereinigt, ein festes Lager bezogen. Maria Theresia meinte, ihre Truppen seien stark genug, um ihn daselbst anzugreifen, denn unerträglich sei es doch, daß der Feldzug wieder ohne wesentliche Erfolge enden solle. Und soviel man abnehmen kann, war Daun eines Tages wirklich zu einem solchen Angriff entschlossen, als der König sein festes Lager mit einem noch festeren vertauschte, in welchem er unangreifbar wurde. Da sich in Schlesien nichts erreichen ließ, so gab Laudon den Rat, den Kriegsschauplatz nach Sachsen zu verlegen. Lascy faßte den Anschlag, und er selbst stellte sich dabei an die Spitze, in Verbindung mit den Russen in die Kurmark einzubrechen. Auf Besitznahme war es auch jetzt nicht abgesehen, sondern mehr auf Brandschatzungen, die dann vornehmlich den Russen zugute kamen. Diese Bewegung sowohl als die bedenkliche Lage der Dinge in Sachsen bewogen den König, Schlesien zu verlassen, um seinen Feinden anderweit in Person zu begegnen. Für die Mark war es nicht nötig, sie wurde von den Eingedrungenen ohnehin geräumt. Von der größten Bedeutung aber war es, daß das österreichische Heer dem König auf seinem Wege nach Sachsen folgte, ganz im Sinne der Kaiserin, welche ihrem Feldmarschall zur Pflicht machte, besonders Leipzig und Torgau zu behaupten und, wenn es nötig sei, dafür eine Schlacht zu wagen. So geschah es. Daun hatte ein festes Lager bezogen auf den Syptitzer Höhen bei Torgau und sie mit zahlreichem Geschütz besetzt. Unverzüglich griff der König ihn an, 3. November. Es war hierbei, daß Ziethen seinen Ruhm erwarb. Ziethen repräsentierte noch den Sinn und Charakter der Zeiten Friedrich Wilhelms I. Seinen Namen verdiente er sich als Führer der Husaren, der den Kroaten Nadasdys sich mit Geschicklichkeit entgegensetzte. In der Schlacht bei Kolin. Doch hatte er sich schon in den beiden ersten schlesischen Kriegen hervorgetan; Preußische Geschichte 3 u. 4, 439; 5, 113. 156. Das Glück, das seine Unternehmungen begleitete, so daß jedermann unter ihm, dem Vater Ziethen, dienen wollte, bahnte ihm den Weg zu den höchsten militärischen Stellen. Jetzt war ihm die Hälfte des Heeres anvertraut, welches Daun bekämpfen sollte. Man weiß nicht, ob der König zu rasch angriff, oder ob Ziethen länger aufgehalten wurde, als man erwarten konnte. Endlich erschien er, dann war der Sieg der Preußen entschieden. Angriff und Widerstand waren einander wert. Niemals hatte man eine ähnliche Kanonade gehört; es war, sagt Friedrich, als wenn zwei Gewitter von entgegengesetzten Winden getrieben aufeinanderstießen. Brief an den Prinzen Heinrich. Die Österreicher nahmen ihren Rückzug nach Dresden. Der König hatte sie nochmals überwunden, aber eine durchgreifende Änderung der Situation hatte er damit nicht hervorgebracht. »Ich muß«, sagt er, »die Russen aus der Neumark, Laudon aus Schlesien, Daun aus Sachsen vertreiben. Auch nach der gewonnenen Schlacht werde ich keine bessere Position einnehmen als im verflossenen Jahre.« Brief an Herzog Ferdinand von Braunschweig. So trat er in das Jahr 1761. Der siebenjährige Seekrieg zwischen England und Frankreich, Englische Geschichte 8, 102-106 (Werke Bd. 21). 45. Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Abhandlungen und Versuche. I. Sammlung, Werke Bd. 24 S. 23-28. Wenn jemals ein Ereignis auf einer großen Persönlichkeit beruht hat, so ist es das Ereignis des Siebenjährigen Krieges. Die Kriege unserer Zeit pflegen durch wenige entscheidende Schläge zu Ende gebracht zu werden; frühere dauerten länger, doch stritt man mehr über Forderungen und Ansprüche als über die Summe der Existenz, über das Sein oder Nichtsein der Staaten selbst. Der Siebenjährige Krieg unterscheidet sich dadurch, daß bei so langer Dauer doch jeden Augenblick die Existenz Preußens auf dem Spiele stand. Bei dem Zustande der Dinge, der allgemeinen Feindseligkeit bedurfte es nur eines einzigen unglücklichen Tages, um diese Wirkung hervorzubringen. Vollkommen fühlte dies Friedrich selbst. Nach der Niederlage von Kolin rief er aus: »Es ist unser Pultawa!« Und wenn sich ihm dies Wort glücklicherweise nicht erfüllt hat, so ist doch wahr, daß er sich seitdem von Moment zu Moment vom Untergange bedroht sah. Ich will nicht berühren, welche Hilfsquellen ihm in einer so verzweifelten Lage sein militärisches Genie, die Tapferkeit seiner Truppen, die Treue seiner Untertanen oder zufällige Umstände dargeboten haben. Die Hauptsache ist, daß er sich moralisch aufrecht erhielt. Nur zu leichten Geistesübungen, zu flüchtiger Poesie, zu akademischen Arbeiten hatte ihn die französische Philosophie angeleitet; eher zum Genuß des Lebens, so lange es dauert, schien sie ihn einzuladen, als zu so gewaltigen Anstrengungen. Aber wir dürfen sagen, daß der wahre Genius selbst von der irrigen Lehre unverletzt bleibt. Er ist sich seine eigene Regel, er ruht auf seiner eigenen Wahrheit; es gehört nur dazu, daß sie ihm zum Bewußtsein komme: dafür sorgt dann das Leben, die Anstrengung einer großen Unternehmung; das Unglück macht ihn reif. Ein großer Feldherr war Friedrich II. längst; die Unfälle, die er erlitt, machten ihn zum Helden . Der Widerstand, den er leistete, war nicht allein militärisch, es war zugleich ein innerer, moralischer, geistiger. Der König führte diesen Krieg fortwährend in Überlegung der letzten Gründe der Dinge, in großartiger Anschauung der Vergänglichkeit alles irdischen Wesens. Ich will seine Gedichte nicht als ausgezeichnete Werke poetischer Kraft rühmen; in solcher Hinsicht mögen sie manche Mängel haben. Aber diejenigen wenigstens, welche während der Wechselfälle dieses Krieges entstanden sind, haben einen großartigen Schwung einfacher Gedanken; sie enthüllen uns die Bewegungen einer männlichen Seele in Bedrängnis, Kampf und Gefahr. Er sieht sich »mitten im tobenden Meer, der Blitz streift durch das Ungewitter; der Donner«, sagt er, »entladet sich über mein Haupt; von Klippen bin ich umgeben, die Herzen der Steuernden sind erstarrt, die Quelle des Glücks ist ausgetrocknet, die Palme verschwunden, der Lorbeer verwelkt«. Zuweilen mag er wohl in den Predigten des Bourdaloue Französischer Jesuit, angesehener Prediger in Paris unter Ludwig XIV., gestorben 1704. einen Anhalt, eine Stärkung gesucht haben; häufiger wendete er sich zur Philosophie der Alten. Jedoch das dritte Buch des Lucrez, das er so oft studiert hat, sagte ihm nur, daß das Übel notwendig und kein Heilmittel dagegen möglich sei. Er war ein Mann, dem selbst aus dieser harten, verzweiflungsvollen Lehre erhabene Gedanken hervorgingen. Dem Tode, den er sich oft gewünscht auf dem Schlachtfelde zu finden, sah er auch auf eine andre Weise ohne Scheu geradezu ins Auge. Wie er seine Feinde gern mit den Triumvirn verglich, so rief er die Manen des Cato und Brutus auf und war entschlossen ihrem Beispiel zu folgen. Doch war er nicht ganz in dem Falle dieser Römer. Sie waren in dem Gang eines allgemeinen Weltgeschickes verflochten – Rom war die Welt – ohne andern Rückhalt als die Bedeutung ihrer Person und der Idee für die sie sich schlugen; er aber hatte ein eignes Vaterland zu vertreten und zu verfechten. Wenn irgendein besonderer Gedanke auf ihn gewirkt hat, so würden wir sagen, daß es dieser Gedanke an sein Land, sein Vaterland gewesen ist. Wer schildert ihn uns nach der Kunersdorfer Schlacht, wie er den Umfang seines Unglücks und die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes ermaß, wie er bei dem Haß und dem Glücke seiner Feinde alles für verloren hielt, wie er dann für sein Heer und sein Land nur einen einzigen Ausweg sah und den Entschluß faßte diesen zu ergreifen, sich aufzuopfern: Instruktion vohr den General Finck, in Preuß, Lebensgeschichte Friedrichs des Großen 2, 215; wohl das außerordentlichste Dokument, das in dieser Sammlung von Merkwürdigkeiten enthalten ist. R. bis sich ihm dann doch allmählich die Möglichkeit eines erneuten Widerstands zeigte und er sich dieser fast hoffnungslosen Pflicht aufs neue widmete. Unmöglich konnte er sein Land, wie er es so lange sehen mußte, zurücklassen »von den Feinden überschwemmt, seiner Ehre beraubt, ohne Hilfsquellen, in lauter Gefahr«. »Dir,« sagt er, »will ich die Reste meines unheilvollen Lebens widmen; ich will mich nicht in fruchtlosen Sorgen verzehren, ich werfe mich wieder in das Feld der Gefahr.« »Setzen wir uns«, ruft er dann seinen Truppen zu, »dem Geschick entgegen; mutig auf wider so viele miteinander verschworene, vor Stolz und Vermessenheit trunkene Feinde!« Epitre au Marquis d'Argens, 8. Nov. 1761; Ode aux Germains, 29. Mai 1760 œuvres posthumes VII. R. So hielt er aus. Endlich erlebte er doch den Tag des Friedens. »Die Standhaftigkeit«, sagt er am Schluß seiner Geschichte dieses Krieges, »ist es allein, was in den großen Geschäften aus Gefahren zu erretten vermag«. Ungeschmälert behauptete er sein Land, und von dem Moment, da er sich wieder als Herrn desselben wußte, ließ er seine vornehmste, seine einzige Sorge sein, die Wunden zu heilen, die der Krieg ihm geschlagen. Wenn es als der Begriff einer großen Macht aufgestellt werden könnte, daß sie sich wider alle andern, selbst zusammengenommen, zu halten vermögen müsse, so hatte Friedrich Preußen zu diesem Range erhoben. Seit den Zeiten der sächsischen Kaiser und Heinrichs des Löwen zum ersten Male sah man im nördlichen Deutschland eine selbständige, keines Bundes bedürftige, auf sich selber angewiesene Macht. Es erfolgte, daß Frankreich von dem an in deutschen Angelegenheiten wenig oder nichts vermochte. Mit einer Opposition, wie es sie im österreichischen Erbfolgekriege erweckt oder begünstigt hatte, war es völlig vorbei. Hatte Preußen sich emanzipiert, so hatten Bayern und Sachsen sich wieder an Österreich angeschlossen. Auch war so bald an keine Erneuerung dieses Verhältnisses zu denken; Frankreich selbst hatte sie dadurch verhindert, daß es in jene enge Allianz mit Österreich getreten war, die den Siebenjährigen Krieg herbeiführte. Ich will nicht untersuchen, inwiefern dieses Bündnis alle die andern Folgen gehabt hat, welche die Franzosen wenigstens nicht ohne Übertreibung, ihm zuschreiben; aber gewiß ist, daß Frankreich seine bisherige Stellung, kraft deren es die deutsche Opposition begünstigt hatte, hierdurch selber aufgab, daß »von diesem Augenblicke an«, wie dort gesagt worden ist, »der König von Preußen zum Nachteil der französischen Suprematie auf dem Kontinent der Beschützer der deutschen Freiheiten wurde« Tableau politique de l'Europe, ch. VI; bei Soulavie, Mémoires du règne Louis XVI, tom. 3, 289, wörtlich. R. Und man glaube nicht, daß Österreich den Franzosen ihren alten Einfluß gestattet habe. Noch als Mitregent und von Anfang an ließ Joseph II. erklären, er halte die Rechte der kaiserlichen Krone für heilig, er bitte sich aus, daß man ihm nicht daran rühre, wenn man mit ihm gut stehen wolle. Es war schon damals zu erkennen, daß der wahre Schutz der politischen Unabhängigkeit Deutschlands in einer freien und festbegründeten Vereinigung der beiden Mächte gegen das Ausland bestehe. Unter anderm bemerkt dies schon Favier, Conjectures raisonnées, in der »Politique de tous les cabinets« 1, 252. Von dem Einverständnis beider Höfe befürchtete er alles: Dès lors la France, déja devenue une puissance secondaire relativement à l'empire deviendroit ètrangère et nulle dans les affaires d'Allemagne. R. Diese große Veränderung bekam jedoch erst dadurch ihre volle Bedeutung, daß zugleich in der Literatur eine Befreiung der Nation von den französischen Vorbildern und ihrer falschen Nachahmung erfolgte. Ich will nicht sagen, daß sich unsre Nation nicht auch bisher geistiger Unabhängigkeit in einem gewissen Grade erfreut hätte. Am meisten lag dieselbe wohl in der Ausbildung des theologischen Systems, welches alle Geister ergriffen hatte und in der Hauptsache ursprünglich deutsch war. Allein einmal war es doch nur ein Teil der Nation, dem es angehörte, sodann in welch seltsame scholastische Form fand sich hier die reine, ideale, innerliche Erkenntnis der Religion eingezwängt! Man kann die Tätigkeit und den teilweisen Erfolg nicht verkennen, womit in manchen andern Wissenschaften gearbeitet wurde; aber sie hatten sich alle der nämlichen Form unterwerfen müssen. In verwickelten Lehrgebäuden, für die Überlieferung des Katheders, selten für eigentlich geistiges Verständnis geeignet, breiteten sie sich aus; die Universitäten beherrschten nicht ohne Beschränktheit und Zwang die allgemeine Bildung. Um so leichter geschah es, daß die oberen Klassen der Gesellschaft allmählich davon minder berührt wurden und sich von französischen Richtungen hinreißen ließen. Seit der Mitte des Jahrhunderts aber begann eine neue Entwicklung des nationalen Geistes. Wir dürfen nicht vergessen, daß diese doch sehr von jenem Standpunkt ausging, obwohl sie in einem gewissen Gegensatz mit demselben begriffen war. Unbefriedigt, zwar noch festgehalten, aber nicht mehr so beschränkt von dem dogmatischen System, erhob sich der deutsche Geist zu einer poetischen Ergänzung desselben. Klopstock, Gellert. Die Religion ward endlich einmal wieder, und zwar, worauf alles ankommt, ohne Schwärmerei, in ihren menschlichen Beziehungen dem Gemüte nahe gebracht. In kühnen Versuchen ermannte sich die Philosophie zu einer neuen Erörterung des obersten Grundes aller Erkenntnis. Kant. Nebeneinander, an demselben Orte, wesentlich verschieden, aber nahe verwandt, traten die beiden Richtungen der deutschen Philosophie hervor, Schelling und Hegel 1802 in Jena. welche seitdem, die eine mehr anschauend, die andre mehr untersuchend, sich neben- und miteinander ausgebildet, sich angezogen und abgestoßen, aber nur zusammen die Fülle eines originalen Bewußtseins ausgedrückt haben. Kritik und Altertumskunde Winkelmann, Lessing, Fr. A. Wolf. durchbrachen die Masse der Gelehrsamkeit und drangen bis zu lebendiger Anschauung hindurch. Mit einem Schlage dazu erweckt, von seiner Gründlichkeit und Reife unterstützt, entwickelte dann der Geist der Nation selbständig und frei versuchend eine poetische Literatur, Herder, Goethe, Schiller. durch die er eine umfassende, neue, obwohl noch in manchem inneren Konflikt begriffne, doch im ganzen übereinstimmende Weltansicht ausbildete und sich selbst gegenüberstellte. Diese Literatur hatte dann die unschätzbare Eigenschaft, daß sie nicht mehr auf einen Teil der Nation beschränkt blieb, sondern sie ganz umfaßte, ja ihrer Einheit zuerst wieder eigentlich bewußt machte. Wenn nicht immer neue Generationen großer Poeten auf die alten folgen, so darf man sich nicht so sehr darüber wundern. Die großen Versuche sind gemacht und gelungen; es ist im Grunde gesagt was man zu sagen hatte, und der wahre Geist verschmäht es, auf befahrenen, bequemen Wegen einherzuschreiten. Doch wurde das Werk des deutschen Genius noch bei weitem nicht vollendet; seine Aufgabe war, die positive Wissenschaft zu durchdringen. Mancherlei Hindernisse haben sich ihm dabei entgegengestellt, die aus dem Gange seiner eignen Bildung oder auch andern Einwirkungen entsprangen. Wir dürfen nun hoffen, Geschrieben im Jahre 1832. daß er sie alle überwinden, zu einem vollkommneren Verständnis in sich selbst gelangen und alsdann zu unablässig neuer Hervorbringung fähig sein werde. Jedoch ich halte inne, denn von der Politik wollte ich reden. Obschon diese Dinge auf das genauste zusammengehören und die wahre Politik nur von einem großen nationalen Dasein getragen werden kann. Soviel ist wohl gewiß, daß zu dem Selbstgefühl, von welchem dieser Schwung der Geister begleitet war, keine andre Erscheinung soviel beigetragen hat wie das Leben und der Ruhm Friedrichs II. Es gehört dazu, daß eine Nation sich selbständig fühle, wenn sie sich frei entwickeln soll, und nie hat eine Literatur geblüht, ohne durch die großen Momente der Geschichte vorbereitet gewesen zu sein. Aber seltsam war es, daß Friedrich selbst davon nichts wußte, kaum etwas ahnte. Er arbeitete an der Befreiung der Nation, die deutsche Literatur mit ihm, doch kannte er seine Verbündeten nicht. Sie kannten ihn wohl. Es machte die Deutschen stolz und kühn, daß ein Held aus ihnen hervorgegangen war. 46. Friedrichs des Großen Ausgang, Rückblick auf seine Staatsverwaltung. Die deutschen Mächte und der Fürstenbund, Werke Bd. 31 u. 32 S. 189-198. Im Sommer 1786 hatte Friedrich, wie gewöhnlich, einige Freunde bei sich, die er nicht mehr bei Tafel um sich sah, wie er sonst sehr liebte. Er versammelte sie aber zu andern Stunden des Tages, wo denn alle Dinge der Welt besprochen wurden, die politischen Ereignisse, die Erscheinungen der Literatur, Landwirtschaft und Gartenkunst. Seiner Krankheit, obgleich sein Chirurgus ihn täglich besuchte, geschah jedoch nie Erwähnung, denn nur an andre Dinge wollte er denken, nicht an sein hinfälliges Selbst. Eine weitere Beschäftigung gewährte ihm die fortgesetzte Lektüre ausgezeichneter Werke, vornehmlich aus der alten Literatur und Geschichte, nach seiner Wahl, denn er kannte sie alle, in französischen Übersetzungen, die ihm vorgelesen wurden. Aber das Wichtigste blieb die Vollziehung seines königlichen Amts, dem er, durch Krankheit und Schmerzen nicht unterbrochen, mit voller geistiger Kraft oblag. Er las nach wie vor die eingehenden Berichte seiner Gesandten, die militärischen Rapporte, die Eingaben der Zivilbehörden, Privatschreiben und Bittschriften; alle Morgen bereits halb fünf Uhr erschienen die drei Kabinettssekretäre, um die Antworten des Königs auf die eingegangnen Eingaben, jeder in seinem Fache, aus seinem Munde niederzuschreiben. Gegen Abend mußten sie ausgefertigt sein und zur Unterschrift vorgelegt werden. Noch am 15. August waren die Kabinettssekretäre zur gewohnten Stunde erschienen. Friedrich hatte jene an seinen Legationsrat in Petersburg gerichtete Depesche Bezüglich auf den von Rußland und Österreich gemeinsam geplanten Türkenkrieg; Ranke S. 187. diktiert, mit der vollen Energie seines Geistes. Am Abend zur gewohnten Zeit unterzeichnete er die Ausfertigungen, die ihm vorgelegt wurden; das wurde ihm schon nicht mehr leicht. Und gleich darauf verfiel er in einen Zustand, der zwischen Wachen und Schlafen schwankte, und der ihn den Tag darauf nicht wieder verließ. Am 16. gegen Mittag will man bemerkt haben, daß Friedrich, halb erwacht, seine Kräfte noch einmal zu der gewohnten Arbeit aufzuraffen versuchte. Aber schon war die Krankheit stärker als sein Wille und seine Gewohnheit. Am 17. August, bald nach zwei Uhr morgens, auf seinem Lehnstuhl sitzend, in den Armen eines Kammerdieners, der ihn emporhielt, um ihm das Atmen zu erleichtern, hat Friedrich seinen letzten Atemzug getan; sein Schlummer verwandelte sich in den Schlaf des Todes. Der Minister Hertzberg, der eben in Sanssouci wohnte und noch im letzten Moment herbeigerufen wurde, verließ die Zimmer nicht, ehe der Nachfolger eingetreten war, der am Fuß des Ruhebettes, auf das man den entseelten Körper gelegt hatte, denselben einige Minuten mit wehmütigster Teilnahme betrachtete und sich dann mit dem Minister entfernte, nachdem sie die Zimmer hatten versiegeln lassen. Ein großes Leben, einzig in der Geschichte, war geendet. Das Regentenleben Friedrichs II. wird durch drei Handlungen erfüllt, die Eroberung von Schlesien, die Erwerbung von Westpreußen, die Aufrechthaltung des deutschen Reichssystems. Gegen die Bestrebungen Kaiser Josephs II. Dadurch hat er seinen Staat zu einer selbständigen Potenz unter den Mächten Europas erhoben und die autonome Stellung errungen, welche die Summe des preußischen Ehrgeizes ausmacht. Alle Welt bewunderte das Resultat; das Staatswesen jedoch, wie es nun während seines Lebens zustande gekommen und wie man es vor sich sah, besaß bereits nicht mehr die Sympathie der Zeitgenossen. Friedrich hielt sich für den ersten Beamten des Volkes, an dessen Spitze er durch den Zufall der Geburt gestellt sei, verpflichtet alle seine Tätigkeit dem allgemeinen Wohl zu widmen, und deshalb allerdings für verantwortlich, jedoch nicht gerade gegen lebende Persönlichkeiten. Das Gefühl der Pflicht verschmolz in ihm mit der freien Aktion der unbeschränkten Monarchie. Da er das allgemeine Wohl in der Unabhängigkeit des Staates erblickte, welcher weniger auf alte Berechtigung und Würde als auf effektive Macht gegründet war, so hielt er sich für schuldig und befugt alle Kräfte zu diesem Zweck anzustrengen. Von den Einkünften des Landes, die zuletzt etwa 20 Millionen Taler (jährlich) betrugen, verwandte er dreimal mehr auf das Militär als auf den Zivildienst und den Hof. Und weil es notwendig war, die Mittel nicht allein zu einer Mobilmachung, sondern auch für ein paar Feldzüge bereitzuhalten, so mußte ein beträchtlicher Teil der finanziellen Erträge in einen Schatz, der dazu hinreichen konnte, vereinigt werden. Der Schatz enthielt 60-70 Millionen Taler; Häußer , Deutsche Geschichte, 3. Auflage, 1, 193. Dabei ward doch die Idee des Privatlebens, die späterhin auf dem Kontinent fast abhanden gekommen ist, möglichst gewahrt; die Bevölkerung sollte nicht durch das militärische Bedürfnis erschöpft werden, was ja die Selbständigkeit des Landes in andrer Hinsicht gefährdet hätte. Seine Kriege wollte Friedrich mit dem Überschuß der Kräfte des Landes führen, ohne damit den friedlichen Einwohnern in ihrer Behausung oder ihrem Gewerbe zur Last zu fallen. Er behielt die Staatsverwaltung, wie sie sein Vater mit Umsicht und Sinn eingerichtet hatte, im ganzen bei; er scheute sich an die bürgerlichen Verhältnisse zu rühren; auch die religiöse Organisation ließ er seiner Skepsis zum Trotz bestehen, wie er sie vorfand. Ideen einer allgemeinen Reform lagen ihm ferne, aber innerhalb des Kreises der herkömmlichen Regierungsgewalt folgte er nur seinen eigenen Intentionen, die er mit rücksichtsloser Beharrlichkeit festhielt: unter allen Umständen sollte die Verwaltung die für das Heer und seine Kriegsbereitschaft erforderlichen Mittel liefern. Er verband gerechte Landesväterlichkeit und wohlwollende Fürsorge mit einseitig durchgreifender Unordnung, die nicht immer ihr Ziel erreichte, und eisernem Gebot. Der preußische Staat bildete das eigentümlichste Ganze, in welchem ein Moment das andre bedingte, eins in das andre eingriff, alle zu dem Zwecke der Macht zusammenwirkten; ein Gemeinwesen, das aber keineswegs durch freien Entschluß aus der Nation hervorgegangen, sondern aus dem Gefühl der Gesamtstellung, die sich in der Persönlichkeit des Fürsten konzentrierte, erwachsen war, zwangvoll und drückend für die Individualitäten, die aber wieder durch die politische Bedeutung, an der sie Anteil hatten, befriedigt wurden. Eine Art von Kultus, den man dem König widmete, von dem man wußte, daß er nur in dem öffentlichen Dienst lebte und webte, bedeckte alle Mängel. Für den preußischen Staat war die Frage nicht so sehr, ob er das einmal Errungene zu behaupten imstande sei, was gleichwohl einige bezweifelten, sondern inwiefern sich damit eine populärere und minder drückende Verwaltung würde vereinigen lassen. Sie wurde gleichsam am Fuße des Katafalks, den Tag nach dem Tode Friedrichs, von einem der namhaftesten Männer des Jahrhunderts dem Thron gegenüber in aller ihrer Stärke zur Sprache gebracht. In der französischen Literatur, von welcher Friedrich ursprünglich seine Impulse empfangen hatte, herrschte der Geist Voltaires nicht mehr vor; die alten Grundsätze der Staatsverwaltung, denen teilweise auch Friedrich angehangen, wichen vor dem physiokratischen System zurück. Einer der vornehmsten Träger dieser Gedanken, Mirabeau , befand sich zurzeit in Berlin und hielt sich für berufen, sie öffentlich kundzugeben. Mit einer Mission, die nicht eigentlich offiziell war, betraut, hatte er um so mehr Gelegenheit, mit Menschen aus den verschiedensten Ständen in Verbindung zu treten. Noch sprach man so viel und so gut Französisch in Berlin, daß es ihm leicht wurde sich durch Konversation zu unterrichten, die er denn seinem Auftrag gemäß dazu benutzte, die Zustände des Landes bei dem Thronwechsel, den jedermann voraussah, kennen zu lernen. Er verstand zu fragen und hörte mit Aufmerksamkeit; einige ausgezeichnete Beamte zweiten Ranges gaben ihm gleichsam Unterricht, auch lernte er so viel Deutsch, um einschlagende Druckschriften lesen zu können. Die Ideen der Zeit und seine persönlichen Überzeugungen, angewandt auf das, was er sah und hörte, und belebt dadurch, legte er nun dem neuen Herrscher vor in dem Moment der Thronbesteigung in einer ausführlichen Denkschrift. Lettre remise a Frédéric-Guillaume II roi régnant de Prusse, le jour de son avènement au trône, par le comte de Mirabeau, 1787. R. Es folgte 1788 das ausführliche Werk »De la monarchie prusienne sous Frédéric le Grand« , in London erschienen; deutsche Übersetzung 1790 Er forderte ihn auf, nicht nach Kriegsruhm zu trachten, eine Bahn auf der man jetzt nur noch die zweite Stelle erreichen könne, sondern nach dem Lob einer erleichterten und wohltätigen organisierenden Tätigkeit; er habe die Macht alles zu tun, eine Macht, furchtbar selbst für den, der sie besitze; er möge sie dazu anwenden, die Liebe des Volkes zu erwerben; auch wichtige Reformen, die Regeneration großer Reiche könne nur von absoluten Fürsten ausgeführt werden. Man hat damals die Schrift eine Satire auf Friedrich II. genannt. Sie verdient diese Bezeichnung nicht, aber wahr ist es: sie ist in allen ihren Teilen gegen die Regierungsweise des eben verstorbenen Königs gerichtet. Auf das dringendste und in seinem beredten Ausdruck warnte Mirabeau den neuen Fürsten, nicht zuviel zu regieren. Denn wozu wolle er in die bürgerlichen Angelegenheiten eingreifen, wenn sie in einen Stand gebracht seien, daß sie von selbst gehen können? Ebendas machte man dem Verstorbenen zum Vorwurf, daß er von seinem Kabinett aus zuviel habe anordnen, regieren wollen, sich in alles gemischt habe. Vor allem andern greift er das Militärsystem , die Grundlage der ganzen Einrichtung, an. Das Kantonwesen, worauf es seit Friedrich Wilhelm I. beruhte, bezeichnet er als eine militärische Sklaverei, die so viele Jahre dauernde Dienstpflicht als eine Schmach für das Volk. Die Neigung namentlich der jungen Leute, sich der Verteidigung des Vaterlandes zu widmen, sei so natürlich; wie habe die Tyrannei so schwachsinnig sein können, eine Last daraus zu machen? Er rät dem König, Nationalgarden in den Pfarren einzurichten; aus deren Reihen nach ihrer Wahl möge er dann die Rekruten für seine Regimenter nehmen; jeder Abgang werde von den Eingesessenen, und zwar nicht durch Offiziere und Beamte, sondern durch Stimmenmehrheit, ersetzt werden. Den Vorzug des Militärs vor dem Zivil will er abgestellt wissen; es sei eine Manie Friedrichs II. gewesen, fortwährend die Uniform zu tragen. Hauptsächlich aus militärischen Rücksichten hatte Friedrich II. den Unterschied des Adels und der Bürgerlichen auch beim Ankauf der Güter festgehalten, denn in den Edelleuten sah er die Pflanzschule für seine Offiziere, wogegen er auch wieder den Landbesitz der Bauern gewahrt wissen wollte und auf Erleichterung der Frondienste drang, weil er sonst keine Soldaten finden würde; übrigens aber behauptete er die Prärogative des Adels altväterisch unbeugsam. Von dem Motiv des Verfahrens hatte Mirabeau keine Vorstellung; er kehrte nur die unleugbaren Mängel desselben hervor, vor allem die nachteiligen Folgen für die Nationalwirtschaft, sowie den schädlichen Einfluß auf die Entwicklung der beiden Stände: der Adel werde dadurch stumpf und bleibe arm; Bürgerliche von einigem Wohlstand, die das Land blühend machen könnten, veranlasse man auszuwandern und sich in benachbarten Gebieten, z. B. Mecklenburg, niederzulassen. Friedrich hatte gemeint, durch Verbote fremder Waren und durch Monopole für die einheimische Produktion die inneren Kräfte zu wecken, die bereits vorgeschritten sein müßten, um auf dem Weltmarkt zu konkurrieren. Die indirekten Auflagen hatte er den direkten, die er überhaupt nicht vermehren mochte, auch deshalb vorgezogen, weil der gemeine Mann sie weniger empfinde; daher denn seine vexatorische Beaufsichtigung des Handelsverkehrs , sein System von Akzise und Douanen, zu dessen rücksichtsloser Durchführung er sogar Fremde berufen hatte, Die sogenannte Regie, 1766 eingerichtet, Verwaltung der indirekten Abgaben, namentlich von Kaffee und Tabak, durch französische Beamte. die sich den allgemeinen Haß zuzogen. Mirabeau war im Sinne der Physiokraten für eine Auflage auf Grund und Boden; er hing der Theorie an, daß zuletzt jede Auflage auf das Land zurückfalle. Er führt aus, welche Vorteile eine derselben entsprechende Einrichtung für Preußen herbeiführen und welche unendliche Erleichterung sie gewähren würde; jetzt sei die Steuer weniger durch ihren Betrag lästig als durch die Art ihrer Eintreibung; das Gedeihen des Handels, das man durch die Monopole zu befördern gedenke, werde dadurch eher gehindert; wie ganz anders werde man denselben emporkommen sehen, wenn man sie aufheben wolle; die Kaufleute würden gern durch freiwillige Beiträge das Defizit ersetzen, welches die Abschaffung der Monopole zunächst allerdings in den Kassen hervorbringen dürfte. Davon durchdrungen, daß der Nationalreichtum in dem Produkt des Bodens liege, Die von Quesnay, dem Leibarzt Ludwigs XV., aufgestellte Lehre der sogen. Physiokraten, welche dem Merkantilsystem Colberts entgegentrat. Eine minder einseitige Volkswirtschaftslehre hat erst Adam Smith begründet, dessen Buch »Über die Beschaffenheit und die Ursachen des Wohlstandes der Völker« 1776 erschien. Nach ihm ist die Arbeit in ihren verschiedenen Richtungen (landwirtschaftliche, gewerbliche, kaufmännische usw.) die Quelle des Reichtums; ihre Sicherung und Befreiung von Hindernissen muß durch die Gesetzgebung bewirkt werden. nicht in dem Metallgeld, das nur zur Vermittlung diene, erhebt sich Mirabeau mit feuriger Heftigkeit gegen das Thesaurieren des Königs, seinen Staatsschatz , der nur dazu diene, das Gold, dessen Umlauf für den innern und äußern Verkehr unentbehrlich sei, gleichsam gefangenzuhalten. Und habe nun etwa Friedrich mit allen seinen Anstrengungen seine Staaten reich, blühend und glücklich hinterlassen? Leicht sei ein Schatz zerstreut; nehme man dann die militärische Reputation hinweg, so sei Preußen sehr schwach; eine Armee könne nicht lange die Grundlage der Macht bilden. Die verderblichen, er sagt: mörderischen Hilfsmittel des fiskalischen Regiments seien erschöpft; das System müsse geändert werden. Der Nachfolger müsse seiner Macht die festere und solidere Grundlage geben, welche eine gute Administration darbiete; der große Schatz, den er besitze, mache es ihm möglich, auch mit einigen Opfern seinen Staat, der nur ein großes Feldlager bilde, zu einer haltbaren Monarchie, die sich auf Eigentum und Freiheit gründe, umzubilden. In alledem ist gar manches, was allgemein gefühlt und gesagt wurde, doch hatte es Mirabeau nicht bloß auf gute Ratschläge abgesehen; sein Schreiben ist zugleich die Manifestation des neuen Systems von politischen Ideen, das den Anlauf nahm sich Bahn zu machen. Der Grundgedanke ist, daß der Staat sich auf eine freie Teilnahme der Nation und eine lebendige Bewegung aller Kräfte gründen müsse. Von konstitutionellen Formen oder gar republikanischen Idealen war dabei nicht die Rede. Mirabeau zählte auf die höchste Autorität des Königs und, wie gesagt, selbst auf den Schatz, den er zertrümmern wollte. Er fordert Friedrich Wilhelm II. auf, seinen Untertanen alle die Freiheit zu geben, die sie ertragen können. Ein mit vielem Bedacht gewählter Ausdruck, welcher die monarchische Gesinnung verrät, die Mirabeau sein ganzes Leben hindurch mit einem gleichwohl sehr weitgreifenden Liberalismus verband. Wie die in Frankreich herrschende Meinung gegen die intermediären Gewalten, den hohen Adel und den hohen Klerus anstrebte, so ruft Mirabeau den König auf, sich von der Rücksicht auf seinen Adel loszumachen. Die Aristokratie erdrücke von einem Ende der Erde zum andern das menschliche Geschlecht; das Interesse der Könige liege in populären Grundsätzen, denn woher stamme sonst die Macht und der Glanz des Fürstentums als vom Volke? Den Aristokraten liege nur daran, daß der König der erste unter ihnen, aber doch ihnen gleich sei; dagegen finde auch die absoluteste Monarchie einen Rückhalt in der Nation. Diese Ideen trägt nun Mirabeau ziemlich in dem Umfang, in dem sie damals zur Geltung kamen, vor. Er fordert Unabsetzbarkeit der Richter, unbeschränkte Toleranz, welche auch den Juden bürgerliche Freiheit gewähren müsse, vollständige Freiheit der Presse, die den Fürsten selber erleuchte und belehre, Abschaffung der Todesstrafe. Genug, die Summe der neuen Ideen, welche die Welt in Gärung setzten, stellte Mirabeau dem preußischen Staate, wie er damals war, zugleich als Ausgangspunkt und Ziel der vorzunehmenden Reformen entgegen. Es ist, als sähe man den Genius der Zeit neben dem neueintretenden König erscheinen, um ihn in seine Bahnen zu reißen. Abgesehen aber von dem Ton, den die Schrift gegen den großen König anschlug, dem darin Beschränktheit, geistige Verirrung, Manie und Tyrannei vorgeworfen wurde, konnte auch ihr Inhalt überhaupt keinen günstigen Eindruck machen. Auf die Motive der bestehenden Einrichtungen wurde darin keine Rücksicht genommen, sie waren dem Autor größtenteils unbekannt. Er schien fast mehr gekommen zu sein, um zu lehren, als zu lernen. Die Neugestaltung der militärischen Verfassung, die er forderte, würde, wenn man sie unternahm, die Macht des Staates in Frage gestellt, die der finanziellen wahrscheinlich zunächst zerstörend gewirkt haben. Joseph II. konnte ähnlichen Tendenzen Raum geben, weil sie seiner Absicht, den Partikularismus der Provinzen zu zerstören, entsprachen. In Preußen hätten sie den Nerv, auf welchem die Individualität des Staates und seine Weltstellung beruhte, unmittelbar gebrochen. Darum dürfte man doch die Bedeutung dieser Schrift nicht leugnen. Sie stellt die Aufgabe des preußischen Staates dar, die Entwicklung der Macht und die öffentliche Wohlfahrt zu vereinigen, die fridericianischen Formen nicht als die unbedingt bindenden anzusehen, den begründeten Forderungen der fortschreitenden Zeit gerecht zu werden. Eine Aufgabe, welche die folgenden Zeiträume beherrscht hat, und deren Lösung das innere Leben des Staates ausmacht. Schon damals hatte man sie ins Auge gefaßt. In jener Denkschrift, welche Hertzberg Minister des Auswärtigen unter Friedrich dem Großen seit 1763, auch unter dem Nachfolger bis 1791. Er war aus Pommern gebürtig, wie Podewils (S. 295), starb in Berlin 1795. einst dem Prinzen einreichte, der jetzt den Thron bestieg, bekämpfte er den Gedanken, als schreibe sich die Macht nur von dem großen Talent Friedrichs her, und führte aus, daß Preußen noch stärker werden könne, wenn es nur seine Hilfsquellen benutze. So hoch er die Armee stellte, so dachte er doch, daß ihr ein mehr national-preußischer Charakter gegeben werden könne. Denn schon empfand man das Unangenehme und Zweifelhafte der Anwerbungen; jeden Augenblick brachten die Desertionen, die nur allzuoft vorkamen, deren Mängel zur Anschauung. Hertzberg meinte wohl, man solle den Soldaten gestatten sich zu verheiraten, und dann ihre Kinder mit Hilfe des Staates erziehen; man könne dieselben bei den Bauern in Pflege geben, dann werde man eingeborne Rekruten finden, so viele man wolle. Indem er ferner eine bessere Besoldung der Subalternoffiziere in Antrag brachte, verlangte er für die höheren eine gewisse Ausdehnung ihrer Selbständigkeit; der Hauptmann müsse mit seiner Kompagnie in unzertrennlicher Verbindung stehen; man werde das Land erleichtern, wenn man die Beschaffung von Pferden und Fourage mehr in die Hände der höheren Offiziere bringe. Wir brauchen uns nicht mit diesen Einzelheiten zu befassen; das Wichtigste ist der Grundgedanke, der Armee einen nationalen Charakter zu geben und zugleich der Bevölkerung eine Erleichterung von den mit ihrer Erhaltung verbundenen Lasten zu verschaffen. Hertzberg erwarb sich ein Verdienst, indem er diesen Gedanken dem künftigen Regenten im voraus nahelegte. Auch noch andre auf die Landesverwaltung bezügliche Vorschläge hat er damals in Antrag gebracht. Er verwarf die großen und allzu umfassenden Pachtungen der Domänen; sein Rat war, sie zu parzellieren und einer größeren Anzahl von Bauern in Erbpacht zu geben, was dann auch auf den Gütern der Edelleute nachgeahmt werden sollte. So wollte er auch die immer drückender werdenden Monopole und die Handelsinstitute des Staats beschränkt oder aufgelöst sehen, denn die Erfahrung zeige, daß der Handel von einzelnen besser besorgt werde als von Behörden. Von philosophisch-reformatorischen Ideen ging Hertzberg dabei nicht aus, aber er kam denselben entgegen, wenn auch nur wenige und sorgfältig abgemessene Schritte. Die Macht ließ er nicht allein unerschüttert, er zeigte einen Weg, sie auf der bestehenden Grundlage zu beleben und zu verstärken. Von großem Wert war es nun, daß dieser Minister das Vertrauen des neuen Monarchen in hohem Grade genoß und einige Jahre hindurch behauptete. Es folgten einige Reformen, namentlich Abstellung der gewaltsamen Werbungen für das Heer und Aufhebung der Regie; weiteres unterblieb, da das Hauptaugenmerk der Staatsleitung Hertzbergs auf die auswärtige Politik gerichtet war. – Josephs II. Besuch in Neiße 1769, S. 3–6. Josephs II. Reformen in Österreich, S. 35–44. 47. Der Rückzug aus Frankreich 1792. Ursprung und Beginn der Revolutionskriege, Werke Bd. 45 S, 232-247. Der Gedanke des vielgewandten Dumouriez war dahin gegangen: indem die Verbündeten französische Gebiete besetzten, sich auf die österreichischen Niederlande zu werfen. Er zweifelte nicht, daß diese infolge der mannigfachen Verbindungen, die er daselbst unterhielt, in seine Hände fallen würden. Durch seinen Einfall dachte er die Streitkräfte der Verbündeten zu trennen und zu paralysieren; durch eine auswärtige Eroberung glaubte er Frankreich am besten zu verteidigen, denn hiezu seien die eben zusammengerafften Truppen, nicht aber zu einem Verteidigungskriege fähig. Er hatte so viel Ansehen bei seinen Generalen, daß sie diesem Entwurf in einem großen Kriegsrat beistimmten, aber der Kriegsminister, dem derselbe erst vorgelegt werden mußte, setzte seine Autorität dagegen ein. Servan meinte, in den Argonnen besitze Frankreich ein unüberwindliches Bollwerk; da würden die französischen Kriegsscharen den deutschen Streitkräften Widerstand leisten, wie einst die amerikanischen den englischen bei Saratoga; die Kraft eines freien Volkes werde erwachen. Auf Servans Anweisung, wohl auch durch eigene Überlegung bewogen, stellte sich Dumouriez in dem Passe von Grandpré, den er einmal für die Thermopylen Frankreichs erklärt hat, den verbündeten Armeen entgegen. Aber noch war die preußische Strategie der französischen überlegen. Der Herzog von Braunschweig gab den Kommandeurs der Truppen seinem wohldurchdachten Plane entsprechende Instruktionen; alle seine Anweisungen wurden ausgeführt. Das Glück wollte den Verbündeten so wohl, daß sie die Position bei St. Croix au bois, welche die Franzosen nicht gehörig gewürdigt hatten, ohne Mühe nahmen und dann gegen einen Anlauf derselben glücklich verteidigten. Hauptsächlich dadurch sah sich Dumouriez veranlaßt, seine Stellung bei Grandpré eiligst zu verlassen. Man hat vielleicht nicht ohne Grund gesagt, daß es dem Herzog möglich gewesen wäre, die davonziehenden Franzosen einzuholen und zu zerstreuen. Aber auch die deutschen Truppen waren durch den langen angestrengten Marsch auf grundlosen Wegen erschöpft, und schon machte sich ein Mangel an Lebensmitteln bemerklich. Nur die leichte Kavallerie erreichte, durch eine Furt setzend, die Feinde; 12 000 Franzosen flohen vor 1200 preußischen Husaren, ein Sieg ward nicht erfochten. Dumouriez nahm eine feste Stellung zu St. Ménehould , in der er die Preußen erwarten zu können glaubte, und soeben kam von Metz her eine ansehnliche Truppenschar unter Kellermann, um ihn zu unterstützen. Gerade diese sollte den ersten Stoß erfahren. Denn noch lebte in der preußischen Armee der wiederholt angefachte Wunsch, es zu einer Schlacht zu bringen. Man meinte wohl, die ungeschulten Feinde würden bei einem ernstlichen Angriff nach Paris oder Chalons zu entrinnen suchen, worauf dann ein Unternehmen gegen die Hauptstadt ausgeführt werden könne. So bald als möglich, abermals in einem angestrengten Marsche, rückte nun die preußische Armee auf die Gegend an, in der sich die feindlichen Streitkräfte vereinigen sollten. Die vornehmste Position bildeten die Höhen von Valmy , wo Kellermann sein Geschütz aufgefahren hatte. Er begrüßte die Ankunft der Preußen mit Kanonenschüssen; aber sie rückten in der besten Ordnung vor, wie die Anwesenden sagten: als vollzögen sie nur ein Manöver bei Tempelhof oder Potsdam. Niemand zweifelte, daß man den Feind aus dem Felde schlagen werde, wenn man nur mutig auf ihn losgehe. Der Herzog von Braunschweig war jedoch nicht dieser Ansicht, da die Franzosen eine unerwartet gute Haltung zeigten, wie denn eine preußische Brigade, die dem Feinde zu nahe gekommen, sich bereits zurückgezogen hatte. Er meinte die Stellung des Feindes erst erschüttern zu müssen, ehe er zu wirklichem Angriff schreite; er hat dem Prinzen von Nassau-Siegen die Stelle bezeichnet, an der er das ins Werk zu setzen gedachte. Auch er gebot über treffliches Geschütz, das an einer von den Franzosen früher besetzten Stelle, La Lune, aufgefahren war; es brachte jedoch nicht die erwartete Wirkung hervor. Der Herzog scheint mehr von der Aufstellung einer andern Batterie erwartet zu haben, die nicht zustande kam; er hat immer angegeben, es habe ihm an Munition gefehlt. Unter solchen Umständen glaubte er – vielleicht mit Recht – die Franzosen in der vorteilhaften Stellung, die sie eingenommen hatten und behaupteten, nicht angreifen zu können. Er rechnete darauf, daß sie des folgenden Tags sich doch zurückziehen würden. Dem Könige, der einen unmittelbaren Angriff am liebsten gesehen hatte, gab er die Antwort, man müsse einen solchen verschieben. So verlief die berühmte Kanonade von Valmy, die, bald nach Mittag begonnen, bis gegen fünf Uhr dauerte, am 20. September 1792. Die beiden feindlichen Heere, welche die Gegensätze der Weltelemente repräsentierten, waren daselbst zusammengetroffen, jedoch ohne eigentlich zu schlagen. Noch glaubte niemand, daß darin eine Entscheidung liege. Den folgenden Tag verließen die Franzosen ihre Stellung auch deshalb, um sich die Verbindung mit Chalons zu erhalten, indem ihnen der Gebrauch der Chaussee von St. Ménehould nach Chalons durch ein preußisches Manöver verwehrt wurde; sie zogen sich in ein andres Lager zusammen. Vor ihren Augen, und ohne von ihnen gestört zu werden, nahm hierauf der Herzog die von ihnen vorher besetzte Position ein. Die Stellung der preußischen Armee erschien den Anwesenden, unter andern auch dem österreichischen Gesandten Fürsten Reuß, Ranke hat seine von Vivenot aus dem Wiener Archive mitgeteilten Berichte benutzt. Vgl. v. Sybel, Geschichte der Revolutionszeit 1, 562 ff. in dem Lichte eines errungnen Vorteils. Als bei Valmy geschlagen können die Preußen nicht betrachtet werden; sie standen mit einer ansehnlichen und selbst furchtbaren Macht im Feindeslande. Aber sie waren weit davon entfernt geblieben, den Sieg zu erfechten. In der Erwartung gekommen, daß die feindlichen Truppen sich bei ihrem Anblick zerstreuen würden, stießen sie auf eine schlagfertige, von geschickten Generalen geleitete Armee. In dieser Lage und der gegenseitigen Schonung bedürftig begann man eine Unterhandlung bei Gelegenheit oder unter dem Vorwande der Auslieferung von Gefangenen. Dumouriez war unendlich entgegenkommend, gleichsam anbietend, wie der Fürst Reuß sagt, der erst gefragt worden war, ehe man sich in Verhandlungen einließ. Im preußischen Lager faßte man die Hoffnung, mit Hilfe des kommandierenden Generals der Feinde noch zu einem erträglichen Abkommen zu gelangen. Noch hielt die preußische Politik daran fest, Ludwig XVI. zu befreien und ihm eine nicht unwürdige Stellung zu verschaffen; dagegen war sie geneigt die Sache des Klerus und des Adels fallen zu lassen; die Emigranten sollten entschädigt werden, aber außerhalb Frankreichs leben. Daß Dumouriez, wie er nachher selbst einmal ausgesprochen hat, es wirklich nur darauf abgesehen hatte, Zeit zu gewinnen, läßt sich doch nicht ohne weiteres annehmen; eine unter seiner Vermittlung durchgeführte Abkunft würde ihm eine der größten Positionen in der Welt verschafft haben. Und die Vorschläge, die er machte, wären an sich der Idee der Girondisten nicht ungemäß gewesen. Aber schon war diese Partei durch ein neues Ereignis in Paris aller Autorität entkleidet. Hätte sie bei den Wahlen die Oberhand behalten, so würde man bei der bisherigen Verfassung möglichst stehen geblieben sein; man würde das Königtum beibehalten haben, nur in vollkommner Abhängigkeit von der Nationalversammlung. Der Konvent aber warf den Gedanken, daß der König selbst Repräsentant der Nation sein könne, weit von sich; er faßte die souveräne Nation nur im Gegensatz gegen das Königtum und dekretierte dessen Abschaffung in Frankreich, denn an das Bestehen der königlichen Würde knüpften sich alle reaktionären Tendenzen, alle Elemente die gegen die Nationalsouveränität anstrebten, und die Absichten der verbündeten Höfe. Mit dem republikanischen Gedanken verschmolz sich der nationale; das revolutionäre Gemeinwesen trat in Gegensatz zu dem übrigen Europa. Wie ganz anders wurde dadurch die Lage der Verbündeten und ihrer Armeen! Auch alle jene Möglichkeiten, die bei den ersten Verhandlungen mit Dumouriez ins Auge gefaßt waren, erschienen jetzt als Unmöglichkeiten. Man erwartete noch seine definitive Antwort, Die folgende Erzählung zeigt sehr deutlich die gewandte und zudringliche Art der französischen Unterhandlungen, wie sie später auch Napoleon zu führen gewohnt war; sie waren auf die Charakterschwäche der Gegner berechnet. als man erfuhr, daß das Königtum in Frankreich abgeschafft sei. Am 26. September setzte der General in seiner amtlichen Eigenschaft die Verbündeten von dem großen Ereignis in Kenntnis. Diese Meldung trug jedoch keinen feindseligen Charakter; sie war mit einer Wendung der Politik verbunden, welche eine unerwartete neue Aussicht darbot. Gerade in diesem Augenblicke faßte Dumouriez den Gedanken einer besonderen Abkunft mit Preußen, eigentlich eines Bündnisses. Man begreift das, wenn man sich erinnert, daß der Widerwille gegen die Allianz von 1756 allezeit in Frankreich eine gewisse Hinneigung zu dem preußischen Staate im Gefolge gehabt hatte. Friedrich Wilhelm II. sollte auf den Vertrag von Pillnitz verzichten, den man als eine Verbindung Österreichs mit Preußen gegen Frankreich betrachtete; er sollte überhaupt an dem Kriege gegen Frankreich keinen Teil mehr nehmen, Verdun und Longwy zurückgeben und das französische Gebiet räumen, endlich sich auf eine einfache Interzession für Ludwig XVI. beschränken, ohne bestimmte Forderungen zu stellen, und vor allem die französische Republik anerkennen. Es war in dieser Gesinnung, daß der französische General dem Könige Weißbrot, Zucker und Kaffee, woran es im Lager fehlte, zugesandt hat. Er ließ Friedrich Wilhelm II. aufs neue versichern, daß er in Frankreich hochgeachtet und geliebt sei, und daß man nichts mehr bedaure, als durch eine fremde Einwirkung mit ihm in Krieg geraten zu sein. In demselben Sinne sprach sich der Adjutant, den er nach dem preußischen Hauptquartier schickte, Thouvenot, gegen den Herzog von Braunschweig aus. Die nächste Frage, in der sich die Veränderung des Systems kundgab, betraf die Einschließung der Emigranten in das über die Auswechslung der Gefangenen gemachte Kartell. Thouvenot erklärte sie deshalb für unzulässig, weil die Emigranten Rebellen seien, denen gegenüber kein eigentliches Kriegsrecht bestehe. Dann kam man auf weiterreichende Fragen. Thouvenot bemerkte, daß die Abschaffung des Königtums von der Armee mit einem Lebehoch auf die Nation aufgenommen worden sei. Der Herzog von Braunschweig hat dem Berichte Thouvenots zufolge gesagt, man wisse in Preußen sehr gut, daß man einer freien Nation keine Gesetze für ihre innere Verfassung vorschreiben könne; das einzige, worauf man Gewicht lege, sei das Schicksal des Königs von Frankreich. Wenn man demselben unter irgendeinem Namen ein ehrenvolles und erträgliches Los bereite, so werde der König von Preußen seine Truppen zurückführen und mit Frankreich Freundschaft schließen; zwischen der einen und der andern Nation sei an sich kein Widerstreit. Es traf den Mittelpunkt der Frage, wenn Thouvenot nun die Forderung wiederholte, daß vor allem der Nationalkonvent von Preußen anerkannt werden müsse: er repräsentiere die Nation. Auf die Frage Lucchesinis, Damals preußischer Gesandter beim König von Polen, von Friedrich Wilhelm II. als Ratgeber geschätzt, später 1800–1806 Gesandter in Paris. der indessen eingetreten war, ob man nicht mit der Armee unterhandeln könne, antwortete Thouvenot verneinend. Er machte zugleich auf die Gefahr eines Kampfes zwischen den beiden Armeen aufmerksam: würden die Preußen siegen, so würde darüber die ganze Schwungkraft der französischen Nation erwachen; sollten sie selbst nach Paris dringen, so würde die Hauptstadt außerhalb Paris zu suchen sein; welch ein Schicksal aber erwarte die Preußen, wenn sie geschlagen würden! Sollten die Armeen sich das Gleichgewicht halten, so würden die Preußen durch die vervielfältigten kleinen Gefechte, Desertionen und Krankheiten unendlich geschwächt und in die unangenehmsten finanziellen Schwierigkeiten verwickelt werden. Dumouriez hatte nicht versäumt, seine politischen Gedanken in einer Denkschrift zusammenzustellen, die er im preußischen Hauptquartier überreichen ließ. Er geht davon aus, daß es nicht mehr die legislative Versammlung sei, von bestrittenen, vielleicht usurpatorischen Rechten, die in Frankreich herrsche; sie habe jetzt einer Konvention Platz gemacht, durch welche die souveräne Nation repräsentiert werde. Durch diese sei die königliche Würde abgeschafft; Frankreich sei fortan eine Republik, man müsse sie anerkennen oder bekämpfen. Der König von Preußen, dem man es als leicht vorgestellt habe, die Franzosen zu besiegen, werde jetzt seines Irrtums inne; die Vorteile, die er davongetragen, seien nur von geringer Bedeutung; er finde eine große und mächtige Nation sich gegenüber. Er müsse überzeugt sein, daß die Eroberung von Frankreich unmöglich, daß das Volk und die Armee, die ihm widerstehe, nicht als ein Haufe von Rebellen zu betrachten sei. Rebellen seien vielmehr jene Edelleute, die, nachdem sie die Monarchie selbst erschüttert, jetzt die Waffen gegen ihr Vaterland ergriffen hätten, und diese sehe man doch an der Seite der preußischen Armee einherziehen, verbunden mit den barbarischen Kriegsvölkern von Österreich. Dieser Macht sei seit dem unglücklichen Vertrag von 1756 die üble Lage Frankreichs, das Unglück Ludwigs XVI. selbst zuzuschreiben; ihre ränkevolle Politik habe den Franzosen den Krieg mit einer Macht, welche sie lieben und von der sie geliebt werden, zugezogen; ein so unerträgliches Verhältnis könne nicht bestehen. Wenn der König dagegen gewillt sei mit den Franzosen zu unterhandeln, bei denen nicht mehr der Zufall und persönliche Rücksicht vorherrsche, so werde er an ihnen sichere und zuverlässige Verbündete finden. Eine Fortsetzung des Krieges könne das Schicksal Ludwigs XVI. nur verschlimmern, nicht verbessern. Friedrich Wilhelm II. befand sich in der Gesellschaft des Herzogs von Braunschweig, des österreichischen Gesandten und des Marquis Lucchesini, als dieses Schreiben anlangte, erbrochen und gelesen wurde. Fürst Reuß fand es empörend und abscheulich; er versichert, daß auch der Unwille des Königs, des Herzogs und des Marquis bei jedem Worte gestiegen sei. Im Hauptquartier war bereits eine Proklamation vereinbart worden, die man nicht zögerte dem französischen General zuzusenden. Darin wird die Abschaffung des Königtums, also auch die von der Nationalkonvention eingerichtete Regierung, mit der zu unterhandeln man dem Könige von Preußen zumutete, in den stärksten Ausdrücken gemißbilligt; man wiederholt für den Fall, daß Ludwig dem XVI. weitere Beleidigungen zugefügt werden, die Androhung der Rache. Bei alledem ist jedoch eine wesentliche Modifikation wahrzunehmen. Wenn in dem ersten Manifest des Herzogs von Braunschweig im Juli nicht allein die Freiheit und Sicherheit des Königs gefordert war, sondern auch eine solche Stellung desselben, daß er seine legitime Autorität über seine Untertanen zu ihrem Glücke ausüben könne, so blieb man jetzt nur bei seiner Freiheit und Sicherheit stehen, ohne daß man seiner Autorität hätte gedenken mögen. Man forderte die Wiederherstellung seiner Würde, aber nicht seiner Gewalt. So bedeutend diese Modifikation an und für sich ist, so war sie doch nicht dazu angetan, auf die Franzosen Eindruck zu machen. Dumouriez sah in der Proklamation eine neue Verwerfung seiner Vorschläge, die er nach alledem, was mit seinem Adjutanten Thouvenot besprochen morden war, nicht eigentlich erwartet hatte. Er hielt sich für verpflichtet alle Unterhandlungen abzubrechen, denn ein freies Volk könne Drohungen wie diese nicht ruhig hinnehmen; nicht sich Gesetze vorschreiben lassen; es könne nur darauf denken, diejenigen, welche ihm seine Freiheit entreißen wollen, zum Rückzug zu nötigen. Man hätte erwarten sollen, daß nun der Kampf sofort wieder ausbrechen würde; in der Tat war noch immer von einem Angriff der Preußen auf die französischen Stellungen die Rede. Noch am 29. September schreibt der Fürst von Reuß, daß die Sache nicht entschieden sei; aber in diesem Augenblicke wurde sie entschieden. Im preußischen Hauptquartier zog man in Betracht, daß es viele Leute kosten werde, wenn man, was doch notwendig, die französische Position forcieren wolle, und selbst wenn dies gelänge, so wäre es damit nicht entschieden, denn von allen Seiten sehe man neue Scharen zur Verteidigung von Paris heranziehen; wenn es aber mißlinge, so werde man verloren sein, zumal da sich ringsum keine Fourage mehr finde und der Brottransport die größte Schwierigkeit habe. Reuß hatte seiner Meldung eine Nachschrift hinzuzufügen, daß der Rückzug den andern Tag angetreten werden solle. Es ist immer aufgefallen, daß den Verbündeten der Rückzug nicht mehr erschwert wurde, als wirklich geschah. Aber man muß sich erinnern, daß die Franzosen erst in der Organisation ihrer Armee begriffen waren. Die neueingetretenen Freiwilligen zeigten sich meistens unbotmäßig und in jedem Falle hauptsächlich auf ihre Rettung bedacht. Weg und Wetter waren für alle schlecht; ein Waffengang konnte auch für die Franzosen die empfindlichsten Nachteile herbeiführen. Und über allem schwebte noch die politische Kombination. Die Franzosen hatten die Absicht, Preußen von Österreich zu trennen, keineswegs aufgegeben; sie trugen sich sogar mit dem Gedanken, dem König von Preußen zu gestatten, die polnischen Gebiete, die er in Anspruch nahm, sich anzueignen, um ihn von Rußland zu trennen. Dagegen erfahren wir, daß noch beim Rückzuge die Emigranten, als sie in Vouziers waren, 1. Oktober, Kunde von Instruktionen des Wiener Hofes bekamen, die auf eine Schmälerung des alten französischen Gebiets hinausliefen. Sie wurden auch im preußischen Hauptquartier mitgeteilt; Lucchesini ließ keinen Zweifel darüber, daß das preußische Kabinett weit entfernt war, auf Entwürfe dieser Art einzugehen. Eine sehr außerordentliche Gestaltung erhielten in diesem Moment die öffentlichen Angelegenheiten überhaupt. Als die revolutionäre Bewegung, mit den Ideen der Nationalität durchdrungen, in Europa erschien, und zwar bereits kriegsgewaltig, begann die Bundesgenossenschaft, welche zur Wiederherstellung des königlichen Thrones die Waffen ergriffen hatte, ihrerseits sich aufzulösen. Der Rückzug wurde, so gut es unter diesen Umständen ging, vollzogen. Als das preußische Heer nach Verdun gelangte, wurde der alte Gedanke wieder aufgenommen, einen methodischen Krieg zu beginnen. Der König dachte den ihm nachrückenden Franzosen eine Schlacht zu liefern und alsdann die Winterquartiere längs der Maas zu nehmen. Aber man stellte ihm vor, das werde sich selbst in dem Falle, daß man den Sieg erfechte, nicht ausführen lassen, da man dazu Sedans bedürfe, dessen Einnahme jetzt bei dem Mangel an Vorbereitungen unmöglich sei. Dazu kamen allerlei militärische Differenzen mit Österreich. Der Fürst von Hohenlohe-Kirchberg verließ eigenmächtig einen Posten, durch welchen die rechte Flanke der preußischen Armee gedeckt werden sollte, denn er sei gekommen zu schlagen, nicht aber seine Truppen vor Hunger sterben zu lassen. Der König geriet darüber in sehr begründete Besorgnis. Eine Stellung an der Maas zu nehmen oder auch Verdun und Longwy zu behaupten erschien in der Tat untunlich; der Rückzug mußte vielmehr so rasch fortgesetzt werden wie möglich. Es ist dabei mehr als einmal zu Verhandlungen mit den französischen Generalen gekommen. Deren Forderung war allezeit, daß Preußen den Nationalkonvent anerkennen und sich fortan um das Schicksal Ludwigs XVI. und der Emigranten nicht bekümmern solle. Darauf mochte jedoch Friedrich Wilhelm II. nicht eingehen. Man erzählt, er habe, an dem Verhalten Österreichs irre geworden, eines Tages dem alten Vertrauten Bischoffwerder Preußischer General, Adjutant des Königs. Vorwürfe gemacht, daß er das Bündnis mit Österreich eingeleitet und zustande gebracht habe; aber sich von dieser Macht zu trennen war der König doch nicht gemeint. Der kaiserliche Gesandte versichert, Friedrich Wilhelm halte an der Allianz unerschütterlich fest. In diesen Tagen war Graf Haugwitz Preußischer Gesandter in Wien. von Wien angelangt; er fand den König niedergeschlagen und mißvergnügt. Man sah, daß es ihn schmerzte, die großen Intentionen, mit denen er ausgezogen war, so vollkommen verfehlt zu haben. Dem Grafen Haugwitz diente es zur Empfehlung, daß er vor dem Beginn des Kampfes den schlechten Ausgang desselben vorausgesagt hatte. Er war immer ein entschiedener Gegner Schulenburgs Der preußische Minister, welcher das Bündnis mit Österreich zu gemeinsamem Kampfe gegen Frankreich zum Abschluß gebracht hatte; s. Ranke S. 116, 120. gewesen, welcher schon, als er abreiste, das Vertrauen des Königs nicht mehr besaß. So erklärt sich, daß Haugwitz unmittelbar als Kabinettsminister eintreten konnte; er fing sogleich an, mit dem Könige zu arbeiten. Auch seine Meinung ging nun dahin, daß Preußen sich so wenig von Österreich als von Rußland trennen dürfe. Friedrich Wilhelm sprach bereits von einem zweiten Feldzuge, bei dem er dann den Herzog von Braunschweig beiseite lassen und die Armee selbst anführen wolle. Der Fürst von Nassau versetzte, wäre das schon jetzt geschehen, so würde alles besser gegangen sein. Indem sich der König über die Österreicher beklagte, sagte er doch, er werde sie nicht verlassen, aber den Krieg wolle er nicht allein führen. Nassau machte ihn aufmerksam, daß die erlittenen Unfälle sich wieder würden gutmachen lassen, unter der Bedingung jedoch, daß die Verbindung der großen Mächte noch enger geschlossen werde. Der König stimmte dem bei; es war das Moment, von welchem alle ferneren Entscheidungen abhingen. Der Kampf gegen Frankreich konnte ohne Einverständnis der drei Mächte nicht zu Ende gebracht werden; einem solchen aber stand die noch unentschiedne Lage des östlichen Europa Die drei Mächte hatten sich über das Schicksal Polens noch nicht geeinigt. im Wege. Im westlichen Europa hatte der Krieg nun schon die größten Dimensionen angenommen: Dumouriez war in die Niederlande eingefallen, Custine in den mittelrheinischen Gebieten vorgedrungen; bereits am 21. Oktober hatte er sich einer der Hauptstädte Deutschlands, des als ein unüberwindliches Bollwerk betrachteten Mainz, mit leichter Mühe bemächtigt. In den Franzosen erwachte die Hoffnung, durch ihre Prinzipien und den Anlauf ihrer Truppen in Europa Meister zu werden. Alles beruhte fortan darauf, inwiefern die alten Staaten fähig sein würden, sich gegen sie zu verteidigen oder nicht. Der große Kampf der Mächte begann, welcher Europa seitdem erfüllte. 48. Der Friede zu Basel. Hardenberg und die Geschichte des preußischen Staates I, Werke Bd. 46 S. 210 ff. 252 ff. Man sprach damals Im Winter 1794/5. viel von einem vierten Feldzuge, was so aussieht, als sei es nur eben auf eine Fortsetzung des Krieges gegen Frankreich angekommen. In Tat und Wahrheit aber war der Krieg gegen die Revolution nicht mehr in dem Sinne gemeint, in dem er anfangs unternommen worden. Die drei großen Mächte England, Rußland, Österreich hatten Absichten gefaßt, die über die ursprünglichen Motive weit hinausgingen. England trachtete vor allem nach Ausdehnung seiner maritimen Macht. Um zur See die Überlegenheit zu behaupten, hielt es die Fortsetzung des kontinentalen Krieges namentlich durch Österreich für notwendig; zu diesem Zwecke bewilligte es Österreich große Anleihen und stellte ihm andre Hilfsleistungen in Aussicht. Dadurch bekam Österreich neue Kräfte und den Mut, in seinen Eroberungsabsichten nicht allein an den französischen Grenzen, sondern auch nach andern Seiten hin zu verharren. Es faßte die mitteleuropäische Stellung, nach der Joseph II. gestrebt hatte, in noch größerem Umfange als dieser selbst ins Auge. Nicht ohne Rußland jedoch konnte Österreich zu seinen Intentionen zu gelangen sich Hoffnung machen; um Rußland zu gewinnen, entschloß es sich, dessen Besitznahme ausgedehnter polnischer Provinzen anzuerkennen und selbst die Ansprüche der Kaiserin auf die Donaufürstentümer zu berücksichtigen. Indem nun diese Entwürfe ergriffen und diese Verbindungen eingeleitet wurden, kam in Preußen die fernere Teilnahme an dem Kriege gegen Frankreich in ernstliche Erörterung. Es ist leicht zu erklären, daß dem Könige, der den Feldzug gegen die Revolution mit einer Art von Enthusiasmus begonnen hatte, unendlich schwer wurde, sich zu einem Schritte der Annäherung an das bekämpfte Element zu verstehen. Nur mit vielen Bedacht ließ er sich zu einer solchen herbei. Wären ihm nicht jene Subsidien Von England. versagt worden, in einer Weise, die er als Beleidigung seiner Kriegsehre betrachtete, so würde er schwerlich dazu geschritten sein. Aber dadurch wurde er in die Unmöglichkeit gesetzt, den Krieg mit Nachdruck fortzuführen, und zugleich in eine Aufwallung gebracht, welche ihn der Koalition entfremdete. Um die Entschlüsse zu beurteilen, welche in Berlin gefaßt wurden, muß man sich erinnern, daß die Nachrichten aus Paris den friedlichen Äußerungen Barthélemys Französischer Gesandter in der Schweiz. entsprachen. Die große Reaktion gegen das Schreckenssystem war noch in vollem Gange; der Jakobinerklub war geschlossen, die 73 Girondisten waren wieder in den Konvent eingetreten (9. Dezember 1794). Man erfuhr von einer durchaus veränderten Stimmung in der Nation und der höheren Gesellschaft. In der Hauptstadt kehre man, so versicherten ein paar Reisende, die aus Paris soeben in Basel angekommen waren, zu den alten Sitten zurück; die Bezeichnungen Bürger und Bürgerin verwandelten sich wieder in das altgewohnte Monsieur und Madame; man duze sich nicht mehr, man vermeide das kurz abgeschnittene Haar, an welchem man die Jakobiner erkannt hatte; alles rufe nach Frieden; das Volk begehre wieder eine öffentliche Gottesverehrung; bei der wachsenden Gereiztheit von Rußland, Österreich und England beginne man einen Umschlag des bisherigen Glückes zu fürchten und würde geneigt sein, die in den Niederlanden und längs des Rheins gemachten Eroberungen wieder aufzugeben, um Frieden zu erhalten. Man sieht, wie sehr diese Mitteilungen den Wünschen des Berliner Kabinetts entgegenkamen. Hardenberg kam am 18. März 1795 in Basel an und eröffnete am folgenden Tage seine Unterhandlung. Er überzeugte sich bald, daß die Erwähnung der Abtretung Des linksrheinischen preußischen Gebietes (Kleve, Mörs, Obergeldern). nicht zu vermeiden sein werde, wenn man nicht die Möglichkeit, den Krieg im Bunde mit der Koalition fortzusetzen, in Aussicht stellen könne. Da das aber die Meinung des Königs nicht sei, da er den Frieden wünsche, so bleibe nichts übrig, als in einem besonderen Artikel jede endgültige Bestimmung in allgemeinen Ausdrücken auf den Friedensschluß mit dem Reiche zu verweisen. Er kam damit auf den Standpunkt zurück, den Haugwitz angedeutet und den auf der andern Seite auch Barthélemy an die Hand gegeben hatte; die fernere Okkupation der preußischen Landschaften bis zum allgemeinen Frieden entschloß er sich nachzugeben, nur nicht ganz in den Ausdrücken des französischen Entwurfs. Die Absicht des preußischen Hofes war, Frieden mit Frankreich zu schließen ohne Nachteil für Deutschland. Es war vielleicht ein Irrtum Hardenbergs, dies für möglich zu halten; er schmeichelte sich, daß es zu einer Abtretung nicht kommen würde. Namentlich meinte er die unmittelbare Feindseligkeit der Franzosen zu vermeiden und zugleich Gelegenheit zu erlangen, ihrem anderweiten Umsichgreifen entgegenzutreten. Er trat mit einem Vorschlage hervor, durch welchen eine Demarkationslinie zwischen den beiderseitigen Armeen und die Neutralität des nördlichen Deutschlands festgesetzt werden sollten. Die Franzosen wandten ein, daß dieser Vorschlag ein neuer sei und die Sache besser einer besonderen Übereinkunft zugewiesen werden dürfte; Hardenberg bestand um so mehr darauf, da sein Sinn dahinging, die übrigen norddeutschen Staaten um den König zu scharen. Er erwiderte, die Neutralität des Reiches sei von Anfang an in Antrag gebracht worden, und der jetzige Vorschlag erhalte mehr eine Ermäßigung des alten als etwas Neues. Wohl beschied er sich, daß der Artikel nicht in den öffentlichen Vertrag Dieser bestimmte, daß Frankreich die rechts rheinischen preußischen Gebiete binnen 14 Tagen räume; über die linksrheinischen solle bei dem allgemeinen Frieden entschieden werden. Dazu kamen die im folgenden erwähnten Bestimmungen, daß der Kriegsschauplatz von Norddeutschland entfernt gehalten werde, und daß Preußen die Vermittlung für diejenigen Reichsstände übernehme, die sich an Preußen wenden würden, mit der Frist von drei Monaten, Österreich ausgenommen; endlich Auswechslung der Gefangnen. Die geheimen Artikel setzten die Demarkationslinie fest und eine Entschädigung Preußens für den Fall, daß Frankreich bei dem allgemeinen Frieden seine Grenzen bis an den Rhein ausdehne. Vergl. Häußer , Deutsche Geschichte, am Ende des ersten Bandes. aufgenommen werden könne, aber er fand Gelegenheit, eine Andeutung davon, die seiner Absicht entsprach, in denselben zu bringen. In dem Entwurf des Pariser Wohlfahrtsausschusses fand sich ein Artikel, in welchem von der Herstellung des Handels mit Preußen die Rede war; Hardenberg fügte hinzu, daß zu diesem Zwecke der Krieg von Norddeutschland ferngehalten werden müsse. In dem dritten geheimen Artikel wurde dann die Linie bestimmt, welche die französischen Kriegsoperationen nicht überschreiten sollten. Hierbei kam die Frage über die Vermittlung nochmals zur Sprache. Die Franzosen hatten sich bereit erklärt, die guten Dienste des Königs für diejenigen Reichsstände stattfinden zu lassen, welche sich direkt an Frankreich wenden würden. Schon darin lag eine Modifikation ihrer Absicht, mit den kleinen Staaten selbständig zu verhandeln. Von Hardenberg wurde jetzt hinzugefügt, daß diese Vermittlung nur für diejenigen stattfinden solle, die sich deshalb an den König wenden würden, wie dies von vielen bereits geschehen war. Schon hatten einige der mächtigsten Stände sich erboten, ihre Gesandten nach Basel zu schicken; Hardenberg hatte leicht begreiflich diese Erbietungen fürs erste abgelehnt. Gleichwohl versprachen die Franzosen, in den nächsten drei Monaten diejenigen nicht feindlich zu behandeln, für welche Preußen sich interessieren würde. Hardenberg legte Wert darauf, daß alle Fürsten diesseit und jenseit des Rheins der guten Dienste Preußens teilhaftig werden sollten, was eine unabhängige Unterhandlung derselben mit Frankreich, etwa über die Abtretung ihrer Gebiete, ausschloß; er legte Wert darauf, daß die Fürsten, gegen einen französischen Einfall sichergestellt, Zeit haben sollten, in Verhandlungen mit Frankreich zu treten, aber unter den Auspizien des Königs, so daß die Unterhandlung in dessen Hand fallen werde. Der vierte Artikel des französischen Entwurfs, durch welchen der König verpflichtet werden sollte, in seinen rechtsrheinischen Landen nicht mehr Truppen zu halten als vorher, wurde jetzt von den Franzosen selbst als unannehmbar bezeichnet. Überhaupt boten die Unterhandlungen in Basel keine großen Schwierigkeiten dar. Zwischen den französischen Bevollmächtigten, von denen ein Teil der vorgelegten Artikel selbst herrührte, und Hardenberg, der diese modifizierte und ergänzte, bildete sich eine gewisse Vertraulichkeit aus. Die Franzosen trugen kein Bedenken, die ihnen zugehenden Weisungen des Wohlfahrtsausschusses dem Preußen mitzuteilen, und dieser bat seine Regierung um ostensible Depeschen, die er den Franzosen mitteilen könne. Bacher, der engere Beziehungen zu Paris hatte als Barthélemy, zweifelte nicht, daß die in Basel vorgenommnen Abänderungen des Entwurfs in Paris gutgeheißen werden würden; er rechnete dabei auf die Wirkung des Prozesses gegen Barère, Ein früherer Genosse Robespierres. der eben im Zuge war, und den Einfluß der wiedereingetretenen 73 alten Mitglieder der Gironde. Die Meinung war, daß die gemäßigte Partei im Konvent die Oberhand behalten und auf die in Basel gefaßten Gesichtspunkte eingehen werde. Diese waren noch umfassender, als sich aus der Diskussion über die Artikel allein hätte schließen lassen. Sie gingen auf ein volles Einverständnis zwischen dem deutschen Reiche, Preußen und Frankreich. Hardenberg versicherte: wenn Frankreich von der Erwerbung der Rheingrenze abstünde, so würde das deutsche Reich keinen Augenblick zögern, mit ihm Frieden und Freundschaft zu schließen. Die Franzosen sagten hierauf wohl, in Deutschland sei man ohnehin des Krieges müde; Hardenberg warnte sie, von dieser Stimmung zuviel zu erwarten; sie möchten sich hüten, den Keim zu neuen Kriegen zu legen. Man muß sich diese Lage, diese Absichten und Wünsche vergegenwärtigen, um den Frieden zu begreifen, der allerdings eine Sezession Preußens von der Koalition enthält, aber seine Allianz mit den Franzosen, selbst nicht eine Bestimmung zu den Annexionsgelüsten ihrer damaligen Regierung. Man erwartete noch, diese werde davon abstehen und alsdann in einen festen Frieden mit Preußen und dem Reiche eintreten. Bereits am 31. März wurde der von Hardenberg ausgefertigte Entwurf von den beiden französischen Bevollmächtigten genehmigt und dann am 5. April in aller Form unterzeichnet. Die Genehmigung des Wohlfahrtsausschusses war damals noch nicht eingetroffen, aber Schwierigkeiten hatte es damit nicht, wie Bacher vorausgesetzt; einige Tage später lief sie ein. Dazu hatte hauptsächlich auch die Unterdrückung der jakobinischen Erhebung vom 12. Germinal (1. April) beigetragen. Wenn es unmöglich gewesen war, dem Reiche den Frieden zu verschaffen, so war es doch schon ein unschätzbarer Gewinn, einen großen Teil des Reichsgebiets den Bewegungen des Kriegs zu entreißen. Hätten die Befürchtungen sich erfüllt, die man Anfang 1795 hegte, hätten die Franzosen die schwachen Linien, mit denen man sie abzuhalten suchte, durchbrochen und Deutschland schon damals überflutet, so wäre an eine ruhige Fortentwicklung des deutschen Geistes, wie sie seit dem Hubertusburger Frieden eingetreten war, nicht zu denken gewesen. Durch den Frieden zu Basel und die Demarkationslinie wurde inmitten der kämpfenden Weltmächte ein neutrales Gebiet geschaffen, in welchem man unter der Ägide des preußischen Adlers die Segnungen des Friedens genoß. Bezeichnend ist es, daß unter den weltlichen Fürsten Karl August von Weimar eigentlich der erste war, welcher die Aufnahme in die Neutralität begehrte und erhielt. Seine kleine Hauptstadt und die benachbarte Universität Jena bildeten einen der vornehmsten Mittelpunkte der Literatur. Ich wage zu behaupten, daß die Zeit der Neutralität dazu gehörte, um den begonnenen Trieben zu ihrem Fortwachsen und ihrer Reife Raum zu verschaffen. Unleugbar ist es doch, daß die Unruhen und Gefahren des Kriegs alles gestört und vielleicht allem eine andre Richtung gegeben haben würden. Der Fortgang der sich selbst überlassenen Kultur beruhte auf der Fortdauer des innern Friedens und den unerschütterten sozialen Zuständen, zugleich aber auf den Anregungen, die aus der allgemeinen Weltbewegung hervorgingen. Ich will keine Theorie aufbauen, sondern nur in Erinnerung bringen, daß die Jahre der Neutralität fast die fruchtbarsten in der deutschen Literatur gewesen sind, fruchtbar besonders an originalen und für die Nation unschätzbaren Hervorbringungen. Noch lebte Kant. Seiner Schule gehörte damals der denkende Teil der Nation überhaupt an. Aus derselben erhoben sich bereits philosophische Geister von echter Begabung, welche für das moralische Leben und die Herrschaft der Idee noch weitere Bahnen eröffneten: Fichte und Schelling. Die philosophischen Studien führten zu den gelungensten Reproduktionen der vornehmsten Werke des klassischen Altertums, welche irgendeine Nation aufzuweisen hat, und zugleich zu einer Anschauung der Anfänge ihres Entstehens; Voß und Wolf wirkten zusammen. Niemals hatte die Poesie eine ähnliche Epoche; die »römischen Elegien« und »Hermann und Dorothea«, gleichsam die Pole der klassischen Studien, von denen der eine südliche Nacktheit, der andre germanische Tiefe und häusliches Leben darstellt, erschienen bald nacheinander. Und was ist sonst nicht alles in dieser Zeit entstanden! Der Roman, welcher ein Abbild der Zustände des damaligen gesellschaftlichen Lebens (1795–1805) für alle Zeiten enthält, einige der schönsten Balladen der beiden Meister der Dichtung und Sprache, das Lied von der Glocke, welches nachgehends die Kinder auswendig lernten, und die großen Tragödien, an denen sich die Seelen kräftiger Männer nährten und erfrischten. »Wallenstein«, »Jungfrau von Orleans«, »Wilhelm Tell« entstammen dieser Epoche. Die besten Teile der Schweizer Geschichte des Johannes von Müller, der vierte und fünfte, denen es doch gelang, die historischen Ereignisse entlegner Zeiten zu vergegenwärtigen, sind damals geschrieben worden. Ihnen zur Seite legte die Göttinger historische Schule die Grundlage für die Auffassung der Staatengeschichte und der Geschichte der Wissenschaften im allgemeinen. Nur die Titel der Bücher zu übersehen erfüllt mit Sympathie. Auch die Kunst wandte sich dem Ideale zu. Die Literatur, in der sich auf allen Gebieten mannigfaltige geniale Kräfte regten, erlangte eine unvergängliche Wirksamkeit für das Gesamtleben der Nation. Noch bewahrte sie ihren theologischen Charakter; die Zeit sollte schon kommen, wo dies nicht mehr möglich war und andre allgemeine und patriotische Impulse sich aller Geister bemächtigten. Der Vertrag zu Schönbrunn, Bd. 47 S. 159–178. Die Schlacht bei Jena und Auerstädt, S. 240–250. 49. Der Friede zu Tilsit 1807. Hardenberg und die Geschichte des preußischen Staates III, Werke Bd. 48 S. 21 ff. 33 ff. Am 26. April 1807 schlossen Rußland und Preußen einen neuen Vertrag zu Bartenstein, Südlich von Königsberg. Dort war damals das Hauptquartier des russischen Generals v. Bennigsen; auch Bevollmächtigte von England und Schweden waren anwesend. weit aussehenden Inhalts, der auf eine allgemeine Emanzipation von der französischen Übermacht hinzielte. Die beiden Mächte vereinbarten, daß keine die Waffen ohne die andre niederlegen solle. Der Zweck des Kriegs wird dahin bestimmt, der Menschheit das Glück eines dauerhaften Friedens zurückzugeben; man beabsichtige nicht sich in die innern Angelegenheiten von Frankreich einzumischen, aber unumgänglich sei es, die französische Regierung in Schranken einzuschließen, wie sie zur Sicherung des Gleichgewichts der Mächte erforderlich seien; Preußen solle in den Besitz der Landschaften, die es 1805 besaß, hergestellt werden und eine bessre Grenze erlangen, sowohl um sich selbst als um Deutschland zu verteidigen; den Hauptgesichtspunkt des Ganzen bildet die Unabhängigkeit Deutschlands. Aber welch ein Umschlag trat ein! Man könnte die Bestürzung nicht beschreiben, welche die Nachricht von der Schlacht bei Friedland (14. Juni) und von der Einnahme Königsbergs in Memel hervorbrachte, wo man sich auch von den eignen Truppen entfernt und der Übermacht eines gereizten Feinds wehrlos ausgesetzt sah. Eine Hoffnung bot sich noch in der bereits beschlossenen Wiederzusammenkunft zwischen dem Kaiser und dem König dar; sie fand am 21. Juni in Sczawl, einem alten Jagdschloß der Könige von Polen, statt. Auch Hardenberg war dahin geeilt, noch immer in der Hoffnung, daß seine Politik an der zwar geschlagnen, aber noch keineswegs vernichteten Streitmacht eine Stütze finden würde. Allein er mußte mit Schrecken erfahren, daß sich bereits das ganze russische System verändert hatte. Er war nie ohne Besorgnis gewesen, daß es Napoleon gelingen werde, den Kaiser Alexander von der preußischen Sache, von der großen zu Bartenstein geschlossenen Verbindung loszureißen; er traute ihm nicht genug Energie zu, um im Fall eines Unglücks Widerstand zu leisten. Das Unglück der Waffen aber war es nicht allein, was den Kaiser bestimmte; er war seines Kriegsheers nicht mehr mächtig. In der russischen Armee hatte sich im Laufe der letzten Monate eine starke Opposition gegen die Politik des Kaisers gebildet. Hardenberg hat wohl den Kaiser darauf aufmerksam gemacht, dieser anfangs es nicht glauben wollen, dann aber nachdem er mit seinem Bruder Konstantin gesprochen, sich überzeugt erklärt, daß dem so sei. Konstantin selbst stand an der Spitze dieser Opposition, man könnte sagen eines russischen Partikularismus, der sich nach der Entscheidung von Friedland in doppelter Stärke erhob. Es ist damals mit Bestimmtheit erzählt worden, der Großfürst habe den Kaiser an seinen Vater erinnert, der durch seine politische Halsstarrigkeit eine gräßliche Katastrophe über sich hereingezogen habe. Wenn es sich auch nicht so verhielte, wurde doch der Kaiser durch die Stimmung, welche seine Armee kundgab, dahin gebracht, daß er den Krieg in der angefangnen Weise nicht mehr fortsetzen zu können glaubte. Es gab sich ein Widerwille gegen die Fortsetzung des Krieges kund, den man am preußischen Hofe bitter empfand, wie er denn auch in bezug auf die Waffengemeinschaft sehr ungerechtfertigt war. Die Russen begehrten eine Übereinkunft mit Napoleon, vor welcher die Ideen ihres Kaisers zugunsten einer allgemeinen Restauration zurücktreten mußten. Der Friede, welchen Rußland und Frankreich zu Tilsit schlossen, war zugleich Allianz gegen England. Indem die beiden großen Mächte gleichsam die Herrschaft über Europa miteinander zu teilen den Anlauf nahmen, mußten ihnen die Angelegenheiten eines so machtlosen Staats, wie damals der preußische war, in den Hintergrund treten. Für Preußen war der Umschwung der Dinge, die Vereinigung der Mächte, die soeben noch in heftigem Kampfe gestanden, verhängnisvoll. Vor der Schlacht von Friedland konnte Hardenberg sich schmeicheln, sein Ziel, das Zustandebringen einer großen Koalition gegen Napoleon, demnächst wirklich zu erreichen. Er zweifelte nicht, daß England seinem System der Sparsamkeit entsagen, wirkliche und nachhaltige Hilfe leisten würde. Die in London eingeleiteten Unterhandlungen führten soeben zu einem Vertragsentwurf, den die engste Vereinigung anzukündigen schien. Die Differenzen über Hannover waren bereits geschlichtet. Preußen hatte sich bereit erklärt, nicht nur das ihm gebliebene Gebiet aufs äußerste zu verteidigen, sondern auch alle Kräfte zur Wiedererlangung des Verlornen anzustrengen. Dazu verhieß England die für damalige Verhältnisse sehr beträchtliche Summe von einer Million Pfund in verschiedenen Raten beizusteuern. Jetzt aber ließ sich diese Konvention Unterzeichnet am 27. Juni durch den nach England gesandten Baron Jakobii; R. Vergl. Häußer, Deutsche Geschichte 3, 99. nicht mehr ausführen. An sich war es dem Minister Hardenberg erwünscht, daß ein englischer Bevollmächtigter, Lord Gower, in diesem Augenblick in Memel eintraf. Er hatte die Absicht, denselben zu den Konferenzen in Sczawl herbeizuziehen; schon war jedoch die Abneigung der Russen gegen eine Verbindung mit England eine so ausgesprochene, daß Hardenberg selbst den englischen Bevollmächtigten bitten mußte, nicht zu kommen. Statt mit England die beabsichtigte Koalition gegen Napoleon zustande zu bringen, wurde Preußen vielmehr genötigt sich der Allianz Frankreichs und Rußlands gegen England anzuschließen. Der preußische Staat hatte eben keinen selbständigen Willen mehr; sein Schicksal hing überhaupt von dem Verhältnis der beiden Kaiser und der beiden Reiche ab. Auf seine Weise hatte Napoleon eine Zusammenkunft mit dem Zaren, wie denn von einer solchen schon vor der Schlacht bei Austerlitz die Rede gewesen war, in Vorschlag bringen lassen. Alexander ging jetzt mit einer Art von hastiger Begier, den großen Gegner, der ihm in der Welt gegenüberstand, kennen zu lernen, auf diesen Vorschlag ein. Die Zusammenkunft fand am 25. Juni statt, und zwar, nach Sitte der ältesten Zeit, auf dem Fluß, der die Gebiete scheiden sollte. Auf dem Niemen war eine Flöße hergerichtet, auf der man einen anmutig verzierten Pavillon angebracht hatte, in welchem zuerst Napoleon und Alexander zusammentrafen, denen sich später Friedrich Wilhelm III. beigesellte. Daß dabei von den großen Geschäften gesprochen worden sei, ist doch nicht so gewiß, als man annimmt; bei seiner Rückkehr hat Alexander ausdrücklich versichert, es sei von nichts Wichtigem die Rede gewesen. Auf den König von Preußen hatte es fast den meisten Eindruck gemacht, daß Napoleon die preußische Militärverfassung kritisierte, besonders die Stellung der Hauptleute, welche ihnen Gelegenheit zur Bereicherung verschaffe. Der König bemerkte: das habe er immer gesagt; aber er zeigte doch einige Verstimmung darüber. Abgesehen von allem Nebensächlichen muß die Zusammenkunft als eine der großartigsten Erscheinungen der neuern Weltgeschichte betrachtet werden. Das Oberhaupt des revolutionären Frankreichs, der kriegsgewaltige Korse, erschien den Nachfolgern Friedrichs II. und Katharinas II. gegenüber nicht allein als ebenbürtig, sondern als ihr Besieger. Der Kaiser von Rußland und der König von Preußen begleiteten ihn bei seinen Truppenbesichtigungen, gleich als seien sie, wie man damals gesagt hat, seine Adjutanten. Napoleon machte in der Mitte seiner Generale den Eindruck unüberwindlicher Energie und Superiorität. Patriotische Preußen, die ihn sahen, haben ausgesprochen, niemand werde ihn zugrunde richten, er werde alles zermalmen; sie betrachteten ihn als den Mann des Schicksals. Weniger wurde er am Hofe der Königin von Preußen bewundert. Die Damen derselben haben ihn als den inkarnierten Erfolg bezeichnet, mit einer Art von Widerwillen. Das Allerfalscheste war es wohl, die stolze und schöne Königin mit ihm in Berührung zu bringen, das Gemüt, welches sich über erfahrene Beleidigungen Ranke Bd. 47 S. 259: »Die Überlieferung ist, daß er auch in den Papieren der Königin, die er (nach seinem Einzug in Berlin) in indiskreter Weise durchsuchen ließ (die Tatsache berichtet auch Ségur), Äußerungen gefunden habe, die ihn in der schon gefaßten Meinung bestärkten, daß die Königin die Haupturheberin der Zerwürfnisse und des Kriegs gewesen sei. In einem deutschen Blatte, daß ihm zu Gebote stand, ließ er sie absichtlich verunglimpfen.« Beleidigungen in seinen Proklamationen schon vor der Schlacht bei Jena s. Häußer , Deutsche Geschichte 2, 734; Treitschke , Deutsche Geschichte 1, 246. hinwegsetzt, um dem Lande zu nützen, mit dem Manne des Kalküls, der nur die zukünftigen Erfolge berechnet. Auf den Grund, daß Napoleon geäußert hatte, er wolle den König gut behandeln, wenn man ihm nur Vertrauen beweise, hat die Königin ihn zu großherziger Mäßigung aufgefordert, denn nur dadurch werde er den König zu seinem Freunde machen, aber unmöglich werde das sein, wenn er ihn schwäche und erniedrige. Napoleon war liebenswürdig, wie er zu sein wußte; er ließ freundschaftliche Versicherungen verlauten, welche die Königin mit Hoffnung erfüllten. Aber des andern Tags sagte er laut, das seien alles nur Phrasen der Höflichkeit gewesen. Es sah es als einen Triumph an, daß die vielgerühmte, noch immer in Schönheit strahlende Fürstin, der er Geist und Beredsamkeit zuschreibt, sich bewegen ließ ihn zu bitten; er gefiel sich in dem Gedanken, daß er standhaft genug gewesen sei ihren Bitten kein Gehör zu geben. Wie er seine imperatorischen und dynastischen Entwürfe an der Saale und Elbe gefaßt hatte, so wollte er sie jetzt zur Ausführung bringen. Hardenberg hatte sich geschmeichelt, durch persönliche Unterhandlungen noch etwas auszurichten; Graf Kalckreuth, Preußischer Feldmarschall, Major im Siebenjährigen Kriege, bewährt in den Rheinfeldzügen 1793 und 94, nach der Schlacht bei Auerstädt zum Kapitulieren geneigt (Ranke 47 S. 249), bann tüchtig bei der Verteidigung von Danzig (48 S. 27). Er starb 1818 als Gouverneur von Berlin. der zuerst zu Napoleon geschickt wurde, war eigentlich nur bestimmt die Unterhandlung zu eröffnen, die Hardenberg dann führen sollte. Aber die Art und Weise Napoleons war es, die Handlungen seiner Gegner und ihrer Minister zu verfolgen. Hardenberg war ihm vorlängst widerwärtig gewesen; er war der Vermittler einer werdenden Koalition, die jetzt auseinandergesprengt worden war. Mochte nun Napoleon von dem Vertrage zu Bartenstein Kenntnis haben oder nicht, so viel leuchtete aus der ganzen Haltung Hardenbergs hervor, daß er in den Ideen einer künftigen Restauration lebte. Napoleon weigerte sich mit ihm zu unterhandeln; er wollte ihn nicht als Minister der auswärtigen Angelegenheiten am preußischen Hofe dulden. Den Grund, den er angab, war, daß Hardenberg einst, indem er einen Besuch Laforests Französischer Gesandter in Berlin; s. Bd. 47 S. 87, 115. 237. zu empfangen vermied, die französische Nation und ihn selbst beleidigt habe. Zu den Erfolgen des Sieges gehörte es, daß der Mann, in dem sich die Idee der Teilnahme Preußens an dem Widerstand gegen die allgemeine Domination Frankreichs hauptsächlich repräsentierte, aus den Geschäften entfernt wurde. Kalckreuth war nun gewiß der Mann nicht, um den französischen Anforderungen widerstehen zu können; er nahm einen Waffenstillstand an, wie man ihn von französischer Seite verlangte, so viel sich auch dagegen einwenden ließ. Man gesellte ihm den aus St. Petersburg gekommenen Grafen Goltz bei, aber auch der konnte nicht zu der mindesten Einwirkung gelangen. Alles wurde dadurch bestimmt, daß Napoleon aus dem Machtbereich und Gebiet von Preußen zwei neue Staaten bildete, aus den polnischen Gebieten das Herzogtum Warschau, das dem Könige von Sachsen zu teil wurde, und im Westen der Elbe das Königreich Westfalen, dem er seinen jüngsten Bruder Hieronymus zum König gab. Das neue Königreich wurde aus den Gebieten der alten verbündeten Häuser Hessen und Braunschweig und den preußischen Landschaften jenseit der Elbe zusammengesetzt. Es waren die ältesten, unvermischtesten deutschen Volksstämme, die jetzt einem französischen Machthaber unterworfen wurden. Dadurch wurde nun der Rheinbund, den Preußen hatte bekämpfen wollen, mächtig verstärkt. Napoleon benachrichtigte seinen Bruder von der Erhebung auf den Thron am 7. Juli, unmittelbar nach dem Abschluß mit Rußland, ehe er mit Preußen abgeschlossen oder auch nur unterhandelt hatte. Über den Frieden von Tilsit, insofern er Preußen betraf, ist eigentlich mit dieser Macht gar nicht unterhandelt worden. Die Bedingungen des Friedens wurden von Napoleon in einigen Diktaten festgesetzt, die er zuerst an Kaiser Alexander gelangen ließ. Alle Erinnerungen, die an diesen ergingen, um ihn an seine Verpflichtungen gegen Preußen zu mahnen, waren vergeblich. Hardenberg sagt, er habe das Steuerruder verloren und sich gestellt, als führe er es noch. Die Bedingungen wurden dem Grafen Goltz von Talleyrand, der sie auf einzelnen Blättern aus seinem Portefeuille hervorzog, eingehändigt mit der Äußerung, daß darin keine Änderung vorgenommen, noch auch Verzug für ihre Annahme gestattet werden könne; am 9. Juli sind sie von Kalckreuth und Goltz unterschrieben worden. Napoleon nahm recht geflissentlich die Miene an, daß es nur die Rücksicht auf Rußland sei, durch die er bewogen werde dem König von Preußen den Besitz der Landschaften, die er ihm ließ, zu gönnen. Alles aber, was zwischen Elbe und Rhein zu Preußen gehört hatte, wurde aufgegeben; das neue Königreich Westfalen und seinen Bestand erkannte der König von Preußen an. Es war der erste Gedanke Napoleons gewesen, Preußen von Deutschland auszuschließen, jetzt verkündigte er seinem Senate mit Selbstgefühl, daß ein französischer Prinz an der Elbe herrschen werde. Preußen sollte nur eben eine intermediäre Macht zwischen Frankreich und Rußland sein; die Elbe und der Niemen sollten seine natürlichen Grenzen bilden. Rußland wurde sogar auf Kosten Preußens vergrößert, um diese Grenzen zu konsolidieren. Sich der Sache der Polen , wie diese es wünschten, im großen und ganzen anzunehmen, wurde Napoleon durch die mit Rußland eingegangne Allianz verhindert; nur die aus den spätern Teilungen für Preußen erwachsnen Vergrößerungen wurden demselben entrissen und zu dem Herzogtum Warschau gestaltet, was insofern doch eine Bedeutung für die Ausbildung der revolutionären Ideen hat, als französische Einrichtungen, wiewohl mit großer Schonung des Bestehenden, eingeführt wurden und die ihnen zugrunde liegenden Begriffe sich weiter Bahn machten. Der Verlust der Provinz und die Auseinandersetzung darüber waren für Preußen gleich empfindlich; selbst das Privateigentum wurde davon betroffen. Bei alledem blieben doch dem Könige die vier großen Provinzen, die den Kern der Monarchie ausmachten, Preußen, Pommern, Schlesien und die Mark Brandenburg. Diese Provinzen haben das Gemeinsame, daß sie deutsche Kolonien auf altslavischem Boden bilden, so daß die Ausdehnung der deutschen Nation nach dem Osten in ihnen besonders sich darstellt; sie blieben in dem geographischen Zusammenhange, den ihnen Friedrich der Große gegeben hatte. Dieser Besitz wurde aber dadurch verkümmert, daß wenige Tage nach dem Friedensschluß von Tilsit ein Vertrag zu Königsberg eingegangen werden mußte, der, an einen Artikel des Friedens anschließend, zwar die allmähliche Räumung der Provinzen verfügte, allein unter der Bedingung, daß die dem Lande auferlegte Kontribution abgezahlt oder für den Rest derselben solche Sicherheiten ausgestellt würden, die der Generalintendant Daru für gültig anerkenne. Man versäumte die Summe der Kontribution zu bestimmen sowie die Art und Weise der Zahlung, während doch die Einziehung der landesherrlichen Steuern für den König davon abhing. Drei französische Armeekorps blieben auf preußischem Gebiete stehen. So wurde dem Verlust der westlichen Landschaften ein Druck auf den Staat, soweit er erhalten blieb, hinzugefügt, der die Kräfte desselben fesselte und großenteils verzehrte. Von der Zahlung der Kontribution, die nicht aufzubringen war, wurde die Befreiung des okkupierten Lands abhängig gemacht. Die Lage war verzweiflungsvoll. Eben an diesen Moment der tiefsten Erniedrigung von außen knüpfte sich die Idee der Regeneration von innenher. Denn nicht ein Spielball zwischen den beiden großen Mächten sollte Preußen werden, sondern auf seinen eignen Füßen mußte es stehen, wenn es jemals in der Welt etwas bedeuten wollte. 50. Hardenberg, Stein und Scharnhorst Hardenberg und die Geschichte des preußischen Staates III, Werke Bd. 48 S. 53 ff, 355 ff. Unendlich wichtig sind jene Tage in Bartenstein, in denen auf eine allgemeine Restauration der großen politischen Verhältnisse Bedacht genommen, zugleich aber, ohne daß man viel davon gesprochen hätte, ein erster Minister Im Gegensatz zu der bisherigen Kabinettsregierung. aufgestellt wurde. In den Besitz der höchsten Autorität unmittelbar unter dem Könige trat der Mann ein, der für die inneren Zustände keinesweges eine Restauration, sondern eine durchgreifende Umbildung im Sinne hatte. Der König war vollkommen davon unterrichtet. Indem Hardenberg, wie erwähnt, im Anfang des März auf die Verbindung der auf den Krieg bezüglichen Tätigkeiten mit dem auswärtigen Ministerium antrug, hat er noch weiter ausgreifende Ideen geäußert und empfohlen. Vor allem, die öffentliche Meinung müsse mehr als bisher berücksichtigt werden; man müsse diejenigen, die sich hervorgetan, belohnen und auszeichnen, die Pflichtvergessenen strafen, Klagende und Kleinmütige entfernen. Er dringt auf eine Radikalkur der Mängel der Geschäftsführung und spricht bereits das Wort aus »Regeneration der Verfassung«; jetzt komme es auf Mittel der Rettung, künftig auf eine gänzliche Wiedergeburt an. Er verschweigt nicht, daß ohne eine Reorganisation der Armee schlechterdings kein Ansehen in Europa erlangt werden könne; als Hauptgrundsatz dabei empfiehlt er Aufhebung aller Befreiungen bei der Gestellung und Avancement allein nach Verdienst. Nach der Rückkehr von Bartenstein nach Memel blieben die gesamten Geschäfte in Hardenbergs Hand vereinigt. Zur Verwaltung derselben berief er für die innern Angelegenheiten Altenstein, Schön, Niebuhr, Stägemann in seine Nähe. Welch ein Ereignis für das gesamte Staatswesen war es nun, daß Napoleon bei dem Frieden zu Tilsit die Entfernung Hardenbergs von dem auswärtigen Ministerium zu einer unerläßlichen Bedingung machte! Man hielt anfangs noch für möglich, daß er das Departement des Innern behalten könne; ein ähnlicher Vorschlag war schon früher erwogen worden. Hardenberg dagegen war überzeugt, daß sein längeres Verweilen, in welcher Eigenschaft auch immer, dem König und dem Staate nachteilig sein werde. Er faßte auf der Stelle die Meinung, daß alles geschehen müsse, um Stein für die innern Angelegenheiten zurückzurufen. Um aber für den Fall, den man voraussetzte, daß Stein den Ruf annähme, die Fortführung der Geschäfte in dem einmal eingeleiteten Sinne aufrechtzuerhalten, schlug Hardenberg vor, seine vier Mitarbeiter, die seine Ansichten teilten, zu einer Immediatkommison zu vereinigen. Der König trug kein Bedenken, Hardenbergs Vorschläge zu genehmigen. Es war in Riga, fern von der unmittelbaren Einwirkung der Tagesereignisse und Tagesbeschäftigungen, wo die Ideen, die bei der letzten administrativen Tätigkeit bereits vorgeschwebt hatten, von dem Minister Hardenberg, der sich dahin flüchtete, seiner dem Könige gegebnen Zusage gemäß, und dem Geheimen Finanzrat Freiherrn von Altenstein, damals seinem intimen Freunde und Ratgeber, überlegt und in zwei verschiednen Gutachten, die doch miteinander aufs genauste in Verbindung stehen, zusammengefaßt wurden. Beide sind durch Altenstein, der von Riga nach Memel zurückging, noch im September dem Könige überliefert worden. Die sehr bedeutende Denkschrift Hardenbergs »Über die Reorganisation des preußischen Staates« ist als Anhang in Rankes Werk (Sämtliche Werke Bd. 48) abgedruckt, nebst dem Briefe, mit welchem er sie dem König übersandte. Freiherr Karl v. Stein zum Altenstein , geboren 1770 zu Ansbach, wurde im November 1808, nach der Entlassung seines berühmten Namensverwandten, preußischer Minister bis zum März 1810, dann wieder 1817, indem er das neuerrichtete Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten übernahm. Dieses verwaltete er bis zu seinem Tode 1840. Am 30. September traf Stein in Memel ein, am 5. Oktober trat er sein Amt an, am 9. Oktober wurde das schon in der Immediatkommission revidierte Edikt über die Aufhebung der Erbuntertänigkeit publiziert. Stein trat in die von Hardenberg vorbereitete Stellung, jedoch mit dem Unterschiede, daß bei diesem das auswärtige Ministerium, dem nur andre Angelegenheiten angeschlossen worden, zugrunde lag, bei Stein dagegen die Richtung auf das Innere allem andern voranging. Stein gehörte einem reichsfreiherrlichen Geschlecht an, das seit unvordenklichen Zeiten die Burg zu Nassau besaß; er wuchs auf im Gefühl der zwiefachen Pflicht, seine Standesehre zu wahren und in der Welt etwas Nützliches zu leisten. Wie Hardenberg war auch Stein ursprünglich dazu bestimmt, in den Reichsbehörden zu arbeiten, und einen Augenblick hat er sich zu diplomatischen Geschäften angeschickt; doch stand er bald von dem einen und von dem andern ab und widmete sich unter Leitung desselben Mannes, dem auch Hardenberg viel verdankte, des Ministers v. Heinitz, dem inneren Dienst von Preußen. Wenn der Ruhm Friedrichs des Großen in Hardenberg früh eine Hinneigung zu Preußen hervorrief, so war das bei Stein in noch höherm Grade der Fall. Die Haltung Friedrichs in dem bayrischen Erbfolgekriege, die als Verteidigung alter deutscher Rechte erschien, bestimmte ihn, in die preußische Verwaltung einzutreten, in der er von unten auf diente, aber dann noch in frischen Jahren zu den höchsten Stellen zur Seite Hardenbergs emporstiegt. Hardenberg, 1750 geboren, sieben Jahre älter als Stein, war 1791 preußischer Minister geworden; Stein, 1796 Oberpräsident in Westfalen, wurde 1804 Minister. Persönlich waren sie doch sehr verschieden. Von Stein behauptet man, Napoleon selbst habe ihn zum Nachfolger Hardenbergs bestimmt und ihn als einen Mann von Geist bezeichnet; er kannte nicht die Identität der Prinzipen, die zwischen beiden obwaltete, nur daß Hardenberg allezeit mehr von den europäischen Kombinationen, in denen er sich bewegte, Stein dagegen von den Bedürfnissen der inneren Reform, denen er schon bisher in seinem Kreise alle Kräfte gewidmet hatte, ausging. Hardenberg war keineswegs korrekt in seinem Privatleben; an Stein hätte niemand auch nur den geringsten Tadel in dieser Beziehung entdecken können. Er lebte in dem von seinen Altvordern überkommnen sittlichen und religiösen Begriff. Er mochte nicht alles das besitzen, was man zur Bildung des Jahrhunderts rechnete; er war eben ein eigentümlicher Geist, aus tiefen Wurzeln hervorgewachsen, und das altväterische Deutsch, das er schreibt, wie wird es unter seiner Feder so markig, edel und großartig! Seiner Geschäfte war er vollkommen Meister und wollte es sein. Ich möchte nicht wiederholen, daß er seine Gedanken niemals verändert habe, aber wie er sie in jedem Augenblicke faßte, so sprach er sie nachdrücklich und fortreißend aus. In der Diskussion erschien er unwiderstehlich, durchgreifend, schlagend und witzig. Durch und durch praktisch, zeigte er sich zugleich immer von Idealen erfüllt. Auch Hardenberg verlor nie die germanische Gesamtheit aus den Augen; in Stein schlug noch mehr ein deutsches Herz. Die sittliche Macht des deutschen Gedankens wohnte in seiner Seele. Wenn nun die Zivilverwaltung in die Hände eines Manns von dieser Sinnesweise gelangte, so war es von doppeltem Werte, daß auch in der Militärverwaltung ein Mann von sittlichem Adel und unendlichem Talent einen entscheidenden Einfluß gewann; es ist Scharnhorst . Er war nicht ein Schloßgesessener des alten Adels; seine ersten Jahre hat er in einem von seinem Vater gepachteten Vorwerk zugebracht, die Elemente alles Wissens in einer armseligen Dorfschule erlernt; den übrigen Tag hindurch hat er wohl die Schafe seines Vaters gehütet oder sich mit den kleinen Dienstleistungen des Landlebens beschäftigt und dann zur Erholung in einem nahen See geangelt. Unmittelbar von da hinweg war er in die Militärschule des Grafen Wilhelm von Lippe-Bückeburg auf Wilhelmstein versetzt worden, in welcher ernstes Studium der militärischen Wissenschaften mit praktischen Übungen verbunden war. In dem Feldzuge von 1794, den er in der hannoverschen Armee mitmachte, lernte er die neue Kriegsart der Franzosen kennen und durchdrang sich mit der Notwendigkeit einer entsprechenden Reform in dem diesseitigen Heerwesen. Von dem Herzog von Braunschweig, der ihn schätzte und liebte, wurde er in den preußischen Dienst gezogen. Er verband mehr als irgendein andrer Theorie und Praxis. In Berlin erwarb er sich besonders durch militärischen Unterricht nach den neuen Ansichten, die in ihm erwachten, einen nicht geringen Einfluß auf die Ausbildung der Offiziere; er wurde hauptsächlich als gelehrter Militär geschätzt. Denn die Äußerlichkeiten, auf welche man bei dem Soldaten am meisten zu sehen pflegt, stramme Haltung zu Pferde und zu Fuß, in Worten und Gebärden, waren ihm nicht eigen. Sein Gang war indolent, er senkte gern seinen Kopf auf die Brust; sein Ausdruck war mehr nachgiebig als gebieterisch. Aber im Reiche der militärischen Gedanken war er unabhängig, sowohl von dem Hergebrachten als von den alle Tage sich ausbildenden charlatanartigen Theorien. Sein Vortrag litt an einer gewissen Unbehilflichkeit; aber wenn man ihm nur folgte, so gelangte man zu präzisen Vorstellungen, welche überzeugten. Denn nicht zu glänzen war sein Sinn, sondern zu unterrichten. Er vermied selbst den Anschein der Genialität und suchte immer an das Gewohnte und historisch Anerkannte anzuknüpfen. Sein tapferes Verhalten im Felde, mit einsichtsvollen Ratschlägen gepaart, denen Blücher die guten Erfolge zuschrieb, die er noch im Jahre 1806 errang, verschaffte ihm Kredit als Soldat. Es verdroß ihn, daß er es in der Armee doch nicht zu einer von fremdem Befehl unabhängigen Stellung brachte, nicht einen Tag lang, wie er klagte, zu einem anerkannten Kommando gelangte. Dagegen ward ihm das Glück zuteil, zum engsten Einverständnis mit dem König zu gelangen. Das bescheidne und gediegne Wesen Scharnhorsts, seine mit Vorsicht gepaarte Entschlossenheit erwarben ihm dessen volles Vertrauen; zwischen dem sonst einsilbigen König und dem wissenschaftlichen Offizier, der offne Augen hatte, bildete sich ein das ganze Militärwesen umfassendes Einverständnis. Er wurde zum Vorsitzenden einer zur Reorganisation der Armee niedergesetzten Kommission ernannt. Im Juli 1807, gleich nach dem Frieden zu Tilsit. Seitdem war er tatsächlich Kriegsminister bis zu seinem frühen Tode 1813. Die kräftigsten Anregungen zu einer Volkserhebung gegen Napoleon rühren von Stein her. Hardenberg war ihnen nicht entgegen, aber er suchte sie zu mäßigen, um das für den Staat noch unbedingt erforderliche gute Verhältnis zu Frankreich zu wahren; er wußte zu erreichen, daß Napoleon dem gegen ihn gefaßten Widerwillen entsagte und seinen Wiedereintritt in die ministerielle Tätigkeit (1810) guthieß. Dagegen warf sich Stein in den heftigsten Antagonismus gegen Napoleon und hat in dem großen Kampfe gegen ihn eine entscheidende Wirksamkeit ausgeübt. Wir möchten nicht so viel Wert darauf legen, daß er den russischen Kaiser in dem System des Widerstandes bis aufs äußerste bestärkt hat, denn dazu wurde Alexander durch seinen eingebornen Sinn schon von selber bestimmt; aber unzweifelhaft hat Stein in ihm den Gedanken erweckt, seinen Kampf mit Hilfe der deutschen Nation fortzusetzen. Er hat dann mehr als irgend ein andrer Mensch dazu beigetragen, daß die Deutschen in diesen Bund eintraten; er hat die erste Vereinigung einer deutschen Population mit dem Europa umfassenden Unternehmen Alexanders herbeigeführt, ohne der Selbständigkeit der ersteren Eintrag zu tun. Hauptsächlich von Stein ist die Allianz zwischen Rußland und Preußen zum Zweck einer unmittelbaren Waffenerhebung angebahnt und durchgesetzt worden; daraus entsprang folgerichtig der Entschluß, dem französischen Imperium von Grund aus ein Ende zu machen und Napoleon zu stürzen. Eine großartigere Wirksamkeit läßt sich kaum denken; aber ohne Hardenberg wäre sie doch nicht zum Ziele gelangt. Die ganze Geschicklichkeit eines geübten Diplomaten gehörte dazu, um dem preußischen Staate für seine Wiedererhebung Raum zu verschaffen und dabei doch die Feindseligkeit des übermächtigen Gegners nicht vorzeitig zu erwecken. Wenn in Kalisch der preußische Gesandte Karl Friedrich v. Knesebeck, Generaladjutant des Königs; s. Ranke S. 279 ff. und Stein verschiedene Richtungen vertraten, so hat sich der Staatskanzler, durch fortgeschrittne eigne Erwägungen bestimmt, für Stein entschieden; mit eigner Hand hat er dem ursprünglichen Entwurf die von den russischen Bevollmächtigten nachträglich eingebrachten Verbesserungen, die dessen Annahme erst möglich machten, beigeschrieben. Durch sein ebenso umsichtiges wie entschiednes Verhalten wurde es möglich, daß unter den Augen des Feindes die populäre Bewaffnung ins Werk gesetzt wurde, die bereits im Stillen vorbereitet war. Unverhohlen trat er erst hervor, als die Dinge so weit gekommen waren, daß die ganze Nation sich wie ein Mann für das neue System erklärte. Wenn in den Augen der Nachwelt Stein als der größre erscheint, so rührt das daher, daß er sich weniger auf den gewohnten Bahnen bewegte und einen moralischen Schwung besaß, welcher Ehrfurcht erweckte; es war etwas in ihm, was den großen Mann charakterisiert. Von Hardenberg läßt sich das nicht sagen; aber er hatte den Schwung des politischen Gedankens und alle die unbeugsame Zähigkeit und Unverdrossenheit, die dazu gehörten einen solchen zu realisieren. Von alledem, was ihm gelang, möchte das Vornehmste sein, daß er die Idee einer Koalition gegen die Übermacht Napoleons, mit der er sich von jeher getragen hatte, im rechten Moment wieder aufnahm und durchzuführen wußte. Davon aber hing die Wiederherstellung Preußens ab. Um Preußen, als Staat betrachtet, hat Hardenberg sich ein nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst erworben. Steins Reformen, Bd. 48 S. 80f.; Hardenbergs Reformen, S. 165-176. Napoleons Zug nach Rußland, S. 228-243. 51. Napoleon I. und Papst Pius VII. Historisch-biographische Studien, Werke Bd. 40 u. 41 S. 42 ff. Wir nehmen in Napoleon Größe der Gesichtspunkte, Folgerichtigkeit der Ausführung wahr, den Blick und den Flug des Adlers nach seiner Beute; so scharf übersieht er den ganzen Horizont, so geradezu stürzt er auf den entscheidenden Punkt. Allein die Erhabenheit persönlicher Gesinnung, die einer Stellung wie die seine entsprochen hätte, läßt er vermissen, jenen Stolz eines großen Herzens, das sich mit dem Gemeinen nicht befleckt. Ihm ist der Zweck alles. Doch nicht ein jeder läßt sich mit Gewalt erreichen; dann ist ihm kein Mittel zu schlecht, keine Maßregel zu kleinlich, er scheut keine langwierige und gehässige Tyrannei, um seinen Gegner herabzuwürdigen und, wie man sagt, mürbe zu machen; endlich in geschmeidigen Windungen fährt er heran, ihn zu erdrücken. Diese Art und Weise seines Charakters tritt besonders bei seiner Behandlung des Papstes zutage. In einem seiner Briefe heißt es: Der Papst müsse in seiner Person empfinden, daß er dem Kaiser Mißvergnügen verursache. Er forderte von Pius VII. einfache Annahme der konziliaren Dekrete. Beschlüsse des 1811 in Paris versammelten Konzils der Bischöfe des französischen Reichs, S. 40. Da der Papst hierzu nicht zu bewegen war, ließ er im Juni 1812 seinen Gefangnen Nachdem Rom schon im Februar 1808 von französischen Truppen besetzt war (wie 1798-99), hatte man den Papst in der Nacht des 6. Juli 1809 verhaftet und nach Savona am Golf von Genua gebracht. von Savona nach Fontainebleau in die Nähe seiner Hofhaltung führen, in einer Eile, welche die Schwachheit des alten Mannes noch vermehrte; er umgab ihn mit Männern seines Wohlgefallens. Es waren Kardinäle wie Giuseppe Doria, der gut und fromm sein mochte, aber nur die Größe des Kaisers und ihr gegenüber die Gefahr der Kirche wahrnahm. Diese Leute wurden nicht müde dem Papste vorzustellen, wie die Kirche gleichsam ohne Haupt sei, da weder die Gemeinde der Gläubigen mit ihm, noch er mit den Gläubigen in Verbindung stehen dürfe, da Rom seines Klerus fast durchaus beraubt worden, da man die Häupter aller Geistlichkeit, die Kardinale, von Ort zu Ort in der Verbannung herumführe; wie sehr nehme in dieser Anarchie der Kirche die Macht ihrer Feinde überhand, so mächtiger Feinde, daß Napoleon selbst ihnen Zugeständnisse machen müsse! Es war ihre eigne Überzeugung, sie machten tiefen und tiefern Eindruck; endlich begannen die Unterhandlungen wieder. Jean Baptiste du Voisin war beauftragt sie zu führen, noch ein Zögling und jetzt Professor der Sorbonne, lange schon das Orakel der französischen Geistlichkeit. Er verstand es, voll ruhiger Überzeugung, Schritt für Schritt, mit überzeugender Beweisführung den Gegner zu überwinden. Endlich war es so weit. Napoleon selbst, nicht ohne seine Gemahlin, die durch den Glanz ihrer hohen Herkunft das Ansehen noch erhöhte, welches ihm Tapferkeit und Glück verliehen, ging zu ihm hinaus; er selber durch persönlichen Einfluß wollte die Sache zu Ende führen. Wenn er hier anfangs sehr übertriebne Forderungen aufstellte, wie er z. B. unmittelbaren Anteil an der Ernennung der Kardinäle und ausdrückliche Anerkennung der vier Artikel der gallikanischen Kirche Aufgestellt 1682 durch eine Versammlung französischer Bischöfe, später von Ludwig XIV. nicht mehr mit voller Strenge aufrechterhalten; Französische Geschichte 3, 369; 4, 300. in Anspruch nahm, so stand er allmählich davon ab; aber indem er auf der einen Seite nachgab, ward er auf der andern um so dringender. Er drohte zugleich und versprach, er war liebenswürdig und heftig; gewaltsam, wie behauptet worden, hat er den Papst nicht angetastet, aber er nahm den Ton der Überlegenheit an und sagte ihm ins Gesicht, er, der Papst, sei in kirchlichen Sachen nicht bewandert genug. Endlich wurden die Artikel entworfen. Pius folgte dem Geschwindschreiber mit Aufmerksamkeit, er gestand Punkt für Punkt zu. Als es zur Unterschrift kam, sah er sich noch einmal nach den Kardinalen und Bischöfen um, die zugegen waren; wer wäre aber da gewesen um zu reden, und wer hätte es zu tun gewagt? Einige neigten das Haupt, andre zuckten die Achseln, er ging hin und unterschrieb. Es ist das Konkordat von Fontainebleau, 25. Januar 1813. Dies Konkordat spricht nun die Verzichtleistung auf die weltliche Herrschaft nicht eigentlich aus, allein es ist durchweg in Voraussetzung derselben abgefaßt. Der Kaiser hielt eine förmliche Verzichtleistung nicht für nötig; es war genug, daß der Papst aufhörte die Zurückgabe des römischen Staats zu fordern. Er hatte versprochen in Avignon zu residieren; dahin sollten Propaganda, Penitenziaria Geistliche Oberbehörden zur Ausbreitung des katholischen Glaubens und zur Beaufsichtigung des Wandels der Geistlichen. und das Archiv gebracht werden, da sollte er Hof halten. Für die verkauften Güter des römischen Stuhls nahm er ein Einkommen bis auf zwei Millionen Franken an. In Hinsicht der Institution In dem Dekret heißt es: Art. 4. Les six mois expirés sans que le pape ait accordé l'institution, le métropolitain, où à son défaut le plus ancien évêque de la province ecclésiastique procédera à l'institution de l'évêque nommé. S'il s'agit d'instituer le métropolitain, le plus ancien évêque conférera l'institution. Ebenso in dem Konkordat, Art. 4. R. wird das Dekret des Nationalkonzils, das der Papst zu bestätigen sich geweigert hatte, wörtlich in das Konkordat aufgenommen. Napoleon durfte glauben nahe am Ziele zu sein. Seine Absicht war, im Jahre 1813 wieder eine Kirchenversammlung zu berufen, an deren Spitze der Papst in aller Form auf die weltliche Herrschaft verzichten sollte. Der erzbischöfliche Palast ward aufs prächtigste eingerichtet, um ihn aufzunehmen. »Auf jeden Fall,« sagt er, Dieses Zitat stammt vermutlich aus dem öfter von Ranke angeführten urkundlichen Werke von Haussonville, L'église romaine et le premier empire . »hatte ich jene lange gewünschte Trennung des Geistlichen von dem Weltlichen endlich vollbracht. Von diesem Augenblick an hätte ich den Papst wieder erhoben, ihn mit Pomp und Huldigung umgeben; ich hätte ein Idol aus ihm gemacht, nie hätte er seine weltlichen Besitztümer vermissen sollen. Ich hätte dann meine kirchlichen Sessionen gehalten wie meine legislativen; meine Konzilien wären die Repräsentation der Christenheit, die Päpste die Präsidenten derselben gewesen; ich hätte sie eröffnet und geschlossen, ihre Dekrete gebilligt und bekannt gemacht, wie Konstantin und Karl der Große getan. Wie fruchtbar in großen Resultaten wäre dies geworden! Dieser Einfluß auf Spanien, Italien, den Rheinbund, Polen hätte die Bundesverhältnisse des großen Reiches enger geschlossen. Der Einfluß, den das Haupt der Christenheit auf die Gläubigen in England und Irland, Rußland und Preußen, Österreich, Böhmen und Ungarn ausübt, wäre das Erbteil von Frankreich geworden.« So ganz gehörten diese Unternehmungen zu der Idee von dem großen Reiche des Okzidents, welches Napoleon zu errichten eine Zeitlang bestimmt schien; der erste Schritt schließt mit dem letzten zusammen. Überhaupt liegt eins der wichtigsten Motive für die Abwandlungen der Verhältnisse des Papsttums in den großen politischen Ereignissen der Zeit. Die erste Überwältigung des Kirchenstaats Im Jahre 1798. war das Werk der fortschreitenden Revolution; das Konklave, aus dem Pius VII. hervorging, wäre ohne die zweite Koalition nicht möglich gewesen. Dann erhob sich der erste Konsul; dessen Bestreben, der französischen Macht Einheit und Zusammenhang zu geben, führte das Konkordat Vom 15. Juli 1801. herbei. Die engste Verbindung zwischen der neuen Gewalt und dem Papsttum, die in der Kaiserkrönung erschien, war doch auch zugleich der Moment ihrer Entzweiung. Der Versuch Napoleons, die Einheit Italiens zu begründen, führte notwendig zur Erdrückung des Kirchenstaats. Die stärksten Manifestationen der auf kirchliche und weltliche Alleinherrschaft gerichteten Ideen Napoleons erfolgten nach seinen großen Siegen 1805 über Österreich, 1807 über Preußen. Er hat behauptet, die Schwierigkeiten, die ihm der Papst in bezug auf die Institution in Italien machte, seien nicht etwa durch Unterhandlungen und gegenseitige Konzessionen, sondern – wer sollte daran denken? – durch die Schlacht von Friedland seien sie beseitigt worden; dann erst habe der Papst seine Absicht auf die Romagna fahren lassen. Die Allianz mit Rußland verschaffte ihm freie Hand in Italien sowie in Spanien; mit einer neuen Niederwerfung Österreichs war die Besitznahme des Kirchenstaats verbunden. Nur ein Widerspruch in bezug auf die kirchliche Verwaltung blieb dann übrig, den Napoleon durch persönliche Einwirkungen auf den Papst zu brechen suchte. So verhält es sich nicht, daß er bei seiner Unternehmung gegen Rußland den Papst aus den Augen verloren hätte. Noch von jener großen Zusammenkunft in Dresden aus ordnete er die Überführung desselben nach Fontainebleau an; es geschah auch deshalb, weil die Engländer bereits in dem Hafen von Savona erschienen; gegen England aber war auch das russische Unternehmen gerichtet. Der Papst wurde eben damals über den Mont Cenis geführt, als die französischen Heerscharen den Niemen überschritten; das eine berührt sich mit dem andern darin, daß die Russen genötigt werden sollten, die Oberhoheit Napoleons in allen äußern Angelegenheiten anzuerkennen, und die Unterwerfung des Papstes dazu gehörte, dieselbe im Innern zu bestätigen. Das russische Unternehmen mißlang; allein Napoleon wurde dadurch nur um so eifriger, die Gewalt im Innern festzusetzen; auf deren ungehinderter Ausübung die militärische Kraft seines Reichs beruhte. Noch hoffte er den großen Kampf zu erneuern. Allein in kurzem mußte man inne werden, daß das universale Ansehen des Reichs, von welchem ein unterwürfiges Papsttum einen Bestandteil ausmachen sollte, bereits in seinen Grundfesten erschüttert sei. In den ersten Monaten des Jahres 1813 stellte sich heraus, daß der Kaiser seine beiden deutschen Bundesgenossen zu einem neuen Feldzuge nicht wieder fortreißen werde. Einen äußern Zusammenhang hat es nun wohl nicht, aber doch einen innern, daß in der Zeit, in welcher Preußen und Rußland die Allianz von Kalisch vereinbarten, auch Papst Pius VII. sich entschloß, das kaum verabredete Konkordat zu widerrufen. Gleich am Tage nach der Unterzeichnung ließ der Papst erkennen, daß ihm das Konkordat keine Befriedigung gewähre; er lehnte das Geschenk ab, das ihm der Kaiser sandte. Als die Kardinäle ankamen, die jetzt wieder Zutritt zu ihm hatten, ließ er eine tiefe Reue blicken. Pacca fand ihn gekrümmt, verbleicht und mager, die Augen unbeweglich und tief in ihren Gruben. Pius sprach von den Leiden, die er erduldet habe; »aber am Ende«, fügte er hinzu, haben wir uns befleckt. Ich habe keine Ruhe, weder bei Tage noch bei Nacht; ich kann kaum soviel Speise zu mir nehmen als nötig ist, um zu leben, ich werde in Raserei sterben wie Clemens XIV.« »Heiliger Vater,« erwiderte Pacca, »das Übel wird sich heben lassen.« »Wie,« antwortete er erstaunt und freudig, »sollte das noch möglich sein?« Der gute Mensch wußte wenig von der Lage der Dinge; man hatte ihn absichtlich derselben unkundig erhalten; er meinte noch, sein Gegner stehe in dem Gipfel seiner Macht. Allein die Dinge nahmen immer entschiedner eine andre Wendung; den Koloß, von dem der Papst noch immer erdrückt zu werden fürchtete, sahen die Kardinale bereits wanken. Dieser Umschwung der Begebenheiten machte erneuten Widerstand möglich. Der Papst faßte – es ist nicht zu beschreiben, unter wieviel Pein, mit welchem Geheimnis – den Brief an Napoleon ab, in welchem er, wie er sagt, von seiner Pflicht genötigt und mit freimütiger Aufrichtigkeit dem Kaiser anzeigte, daß seit jenem 25. Januar seine Seele von bittern Gewissensbissen, von der tiefsten Reue zerfleischt sei und weder Ruhe noch Frieden finde. Die Zugeständnisse des Konkordats von Fontainebleau widerrief er. Den nämlichen Tag, am 24. März, tat er dies den Kardinälen kund. Er hat gesagt, und wir können es ihm glauben, daß er in diesem Augenblick des vollzognen Entschlusses sich wie von einer schweren Last befreit fühlte. Mit einem Male war der Schmerz verschwunden, den man bisher in seinem Gesichte las; er klagte nicht mehr, daß er keinen Appetit habe oder keinen Schlaf, er lebte wieder auf. Von Moment zu Moment erweiterten sich seine Hoffnungen. Bei dem Kongreß von Prag wagte er schon seine Rechte dem Kaiser von Österreich in Erinnerung zu bringen; er forderte ihn auf, als Friedensvermittler die Rechte des Kirchenstaats in Betracht zu ziehen. Auf neue Eröffnungen der französischen Regierung durfte er entgegnen, daß er Freiheit und Rückkehr in sein Land zur ersten Bedingung der Unterhandlung mache; er sprach bereits die Überzeugung aus, wenn ja ihm, so werde es doch seinem Nachfolger nicht fehlen, dahin zurückzukehren. Wie weit aber übertrafen die Erfolge alles, was man jemals hätte erwarten können! Die Schlacht von Leipzig entschied auch über das Papsttum. Bald nach seiner Rückkunft auf französischen Boden suchte Napoleon Unterhandlungen mit dem Papst anzuknüpfen, aber sie wurden abgelehnt, denn nicht in Paris konnten solche gepflogen werden, sondern nur in Rom. Als die Verbündeten in Frankreich vordrangen, ließ Napoleon, unzufrieden mit den Kardinälen, welche nach Fontainebleau gekommen waren, den Papst nach Savona zurückführen. Aber schon auf dem Wege dorthin wurde derselbe als Souverän und Papst empfangen. Für Napoleon dagegen trat nun der Augenblick ein, wo er es für ein Glück halten mußte, wenn ihm die natürlichen Grenzen von Frankreich wieder zugestanden wurden. Nur unter dieser Bedingung konnte er auf Frieden hoffen; dann aber mußte auch Rom aufgegeben werden. Unmittelbar vor dem Kongreß von Chatillon, auf welchem die Umgrenzung Frankreichs festgesetzt werden sollte, entschloß er sich die Freiheit des Papstes, die Zurückgabe des Kirchenstaats an denselben auszusprechen. »Ew. Heiligkeit sind frei«, sagte ihm der französische Präfekt, »und können morgen abreisen.« Der Papst zog es vor, bei einem religiösen Fest, das auf den folgenden Tag fiel, die Messe in der Kathedrale zu zelebrieren. Wie so ganz und gar wurde die Lage Pius VII. in einem Augenblick verändert! Indem ihm die Franzosen seine Freiheit zurückgaben, erklärte der österreichische Oberbefehlshaber, daß in Italien die alten Fürstentümer wiederhergestellt und Rom nochmals nicht mehr die zweite Stadt des französischen Reichs, sondern die Hauptstadt der christlichen Welt sein würde. Und schon wäre der Papst mit Gewalt nicht in Savona zurückzuhalten gewesen. Die Truppen von Neapel, welches noch unter Mürat den Krieg gegen Napoleon erklärt und sich des Kirchenstaats bemächtigt hatte, rückten am rechten Ufer des Po, die Österreicher am linken vor, in Livorno erschien ein englisches Geschwader in der Absicht nach Genua vorzugehn. In der Mitte der Armeen, die noch keineswegs miteinander einverstanden waren, nahm Pius VII. seinen Weg. Am 25. März 1814 traf der Papst bei den österreichischen Vorposten ein, wo ihn der französische Oberst, der ihn von Fontainebleau begleitet hatte, einem österreichischen Obersten vom Regiment Radetzky übergab. Auch von den Neapolitanern wurde er mit religiöser Anhänglichkeit aufgenommen. Nachdem die Katastrophe des französischen Kaisers erfolgt war, kündigte der König von Neapel die Rückkehr des Papstes in aller Form an. Am 24. Mai zog Pius wieder in seine Hauptstadt ein, ihm selber war das Glück beschieden, das er nur für einen andern zu hoffen gewagt hatte. Von dem Volke seiner Hauptstadt, das ihn liebte, sah er sich noch einmal mit Freudengeschrei und Tränen bewillkommnet. Keine Politik, sondern der große Umschwung der Begebenheiten hatte ihn dahin geführt. Jedermann meinte darin den Willen der Vorsehung zu erkennen. Unter der wieder veränderten Welt traten nun aber, ohne daß die alten Fragen gelöst worden wären, eine Reihe der wichtigsten neuen Probleme hervor. Die ersten Dekrete des wiederhergestellten Papstes atmeten vollkommen den Geist der Restauration. Die bürgerliche und kriminale Rechtsverfassung, welche die Franzosen eingeführt hatten, wurde abgeschafft, die alte Ordnung der Dinge, wie sie unter der geistlichen Regierung bestanden, für wiederhergestellt erklärt, Zivilstandsregister und Stempelpapier aufgehoben, ebenso das auf Einziehung der geistlichen Güter begründete Domänenwesen. Nach einiger Zögerung wurden die Feudalrechte hergestellt; den Gedanken, der sich regte, die religiösen Orden zu reformieren, ließ man fallen. Vielmehr wurde auf den Rat des Kardinal Pacca der Orden der Gesellschaft Jesu, dessen Abschaffung doch keineswegs ein Werk der Revolution gewesen war, wieder ins Leben gerufen (7. August 1814). Napoleon hatte dem Papste zugleich die weltliche Unabhängigkeit und die Selbständigkeit des geistlichen Einflusses entreißen wollen; durch den Wiener Kongreß sah Pius beides sich zurückgegeben. Auch stellten die Beschlüsse von Wien den römischen Stuhl in den Besitz des ganzen Kirchenstaats wieder her, wie Pius VII. selbst ihn nie besessen. Die europäischen Reiche suchten die zerrissenen Fäden der geistlichen Verhältnisse wieder anzuknüpfen. Welch eine Aufgabe war es nun, in beiderlei Hinsicht den Forderungen der Sache und zugleich des Jahrhunderts gerecht zu werden! Durch Napoleon war die Welt überhaupt umgewandelt, infolge seiner Siege zuerst, dann infolge seiner Niederlagen. 52. Napoleon I. und Napoleon III. Zur eignen Lebensgeschichte, Werke Bd. 53 u. 54 S. 630 ff. Wenn man sich überlegt, was man Großes erlebt hat, vielleicht nur als Zuschauer vor der Bühne, so tritt Napoleon und sein Geschlecht alles andre überragend in den Vordergrund. Ich besinne mich noch auf die Höhe seiner Macht. Auf der Schule im Kloster Donndorf als dreizehnjähriger Knabe las ich seine Bulletins aus dem Feldzuge in Spanien, die den größten Eindruck machten, durch Form und Inhalt. Alles, was wir auch bei uns geschehen sahen, war das Werk seiner Hände. In Schulpforta wurde der Zötus zusammengerufen, um von der Einziehung der großen Kommenden zugunsten des Schulwesens, die er verfügt hatte, unterrichtet zu werden. Sachsen, dem wir angehörten, erfreute sich seiner besonderen Protektion. Wir lasen jetzt seine Bulletins in einer französischen Zeitung, obwohl nicht ohne Schwierigkeit. Wir begleiteten ihn auf seinem Feldzuge nach Rußland; der Mathematikus Schmidt, der ihm eine höhere, gleichsam göttliche Mission zuschrieb, dessen Famulus ich damals war, hielt sich von allem auf das genauste unterrichtet – bis zum Brande von Moskau. Napoleon war der größte Sterbliche, vor dessen Namen sich die Völker in Ehrfurcht beugten. Nach dem Falle von Moskau war der Mathematikus nur schlecht unterrichtet. Auf unsern Schulbänken durchzuckte uns die Nachricht von der Kapitulation Yorks wie ein Blitzstrahl; man raunte sich ins Ohr, daß es anders werden würde. Die Völkerbewegung, die dann folgte, erlebten wir mit vollbewußtem Anteil. Napoleon zog an der Schule vorüber, als er seine Kräfte zur Schlacht bei Lützen sammelte. Wir glaubten ihn mitten in seinem Gefolge zu unterscheiden, doch nahmen mir nicht eben Partei für ihn. Ich studierte eben Tacitus, als wir die Proklamation der Verbündeten zu lesen bekamen; sie machte mir den Eindruck, als wenn es ungefähr dieselben Gedanken wären, wie sie im Agricola der Boadicea in den Mund gelegt werden. Endlich, allzu spät für unsere Erwartung, geschah die Schlacht bei Leipzig. Ich höre noch die Stimme Thielmanns, Früher sächsischer General, seit dem Mai 1813 in russischen Diensten, führte 1814 die sächsischen Truppen nach Holland, trat 1815 in preußische Dienste, starb 1824 in Koblenz. der vor dem Tore der Pforte, wo alles zusammenströmte, hoch zu Roß den Sieg der Verbündeten verkündigte. Bald darauf sahen wir die Überreste der geschlagnen napoleonischen Armee auf der andern Seite der Saale, an den Bergen entlang auf dem Rückzüge. Diese großen Vorkommnisse, welche die Jugend gleichsam mit einem allgemeinen Leben erfüllten, vergessen sich nicht. Wer hätte nicht den Fall dieser Größe mit einer Teilnahme, die freudige Bewunderung war, bis zum Ende begleitet? Er verschwand also, aber sein Wort schien sich zu bewähren, daß nach ihm die Revolution die Runde durch die Welt machen würde. Aus den Schwankungen der Geschicke sahen wir dann einen zweiten Napoleon aufsteigen, der den Ruhm des Kaisertums wiederherzustellen bestimmt schien. Von den kontinentalen Feinden, denen der Oheim unterlegen war, überwand der Neffe die beiden mächtigsten: Rußland und Österreich; bei dem Kampf mit dem dritten erlag er selbst. Seine Stellung war nicht die alte des ersten Napoleon, denn den Kampf gegen England, welcher fast das wesentlichste Moment in dem Leben des Oheims gewesen war, gab der Neffe, der dort ein Asyl gefunden hatte, vollkommen auf. Aber auf dem Kontinent war er doch eine Zeitlang der mächtigste aller Fürsten. Ihm verdankt Italien seine Regeneration; Frankreich nahm unter ihm eine Zeitlang die erste Stelle unter den Mächten ein. Ich beschreibe wohl noch einmal, wie ich ihn auf dem Gipfel seiner Macht in den Tuilerien gesehen und gesprochen habe. Aber seiner Größe war ein baldiges Ziel gesetzt; er erlag dem ersten Ansturm der sich wieder fühlenden deutschen Nation. Eine Restauration seiner Macht schien noch immer vorbehalten zu sein. In England hat man in seinem Sohne, wenn er zur Regierung komme, einen befreundeten Nachbar zu bekommen gehofft. Da ist nun auch der, und zwar durch eine unverzeihliche Nachlässigkeit der Engländer, denen er sich anschloß, dem Schicksal verfallen. Die Napoleoniden leben noch als Prätendenten, wie einst die verjagten Stuarts; ein großes tragisches Geschick hat sich in dieser Familie vor unsern Augen vollzogen. 53. Der deutsche Zollverein. Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs. Werke Bd. 49 u. 50 S. 294 ff. Geschrieben Ende 1832. In welch eine unselige Nichtigkeit und Abhängigkeit vom Auslande war der deutsche Verkehr durch die zusammenwirkenden Erfolge des napoleonischen Systems, der Kriege und des Friedens geraten! So tätig und gewerbsam die Nation sein mag, so war doch ohne eine festere Stellung gegen das Ausland, ohne befreiende innre Maßregeln eine wahrhafte Ermannung nicht möglich und alle Bemühung zur Hilfe vergeblich. Von allgemeinen Unterhandlungen unter den verschiednen deutschen Staaten, von gemeinschaftlichen Verabredungen im voraus ließ sich nichts erwarten, da der Gegenstand allzu tief mit dem Haushalt jedes einzelnen zusammenhing. Durch seine Lage darauf angewiesen, durch seine Bedürfnisse genötigt griff endlich Preußen auf eigne Hand, für sich allein zu rettenden Maßregeln. Was die tiefsten Geister, die sich je mit Staatswirtschaft beschäftigt, in reiner Anschauung der Realität der Dinge gefunden und gelehrt, hatte Preußen unter allen Staaten zuerst den Mut zur Ausführung zu bringen. Solange sich die fremden Staaten nicht zur Reziprozität verstanden, mußte es sich ihnen freilich noch immer entgegensetzen, aber wesentlich adoptierte es die Grundsätze eines freien innern Verkehrs, eines freien Handels nach außen. Diese Grundsätze erprobten sich in ihrem Erfolge über alle Erwartung. Allerdings trennte es sich hiermit zugleich von dem übrigen Deutschland, es sonderte sich selbst von seinen Nachbarn mit Entschiedenheit ab, und die innre Trennung Deutschlands schien damit eher zu wachsen. Aber gerade in dieser Stellung lag die Möglichkeit einer Abhilfe des vornehmsten Übels. Es gab ein Mittel, durch welches man sich mit einem Male sowohl der innern Trennung entledigen als in eine respektable Verfassung gegen das Ausland setzen konnte; man brauchte sich nur dem preußischen System anzuschließen. Dazu bot Preußen die Hand. Oder wäre dieses System darum nicht anzunehmen, weil es nicht durch gemeinschaftlichen Beschluß zustande gekommen, sondern von einem einzelnen Staate ausgegangen war? Ich sollte nicht denken; wenn es sich nur gut und nützlich erwies. Hatte es doch jetzt sogar den Vorteil schon erprobt zu sein. Zu einer solchen Vereinigung geschah der erste entscheidende Schritt von dem Großherzogtum Hessen; bald ist ein zweiter gefolgt von dem Kurfürstentum Hessen. Der Kreis der Unterhandlungen hat sich immer mehr erweitert; der größere Teil der deutschen Staaten steht auf dem Punkt, demselben System beizutreten. Für den gewerblichen Zustand Deutschlands war dreierlei erforderlich: Befreiung des innern Verkehrs, feste Stellung gegen das Ausland, Berücksichtigung der finanziellen Bedürfnisse der verschiedenen Länder. Wir dürfen sagen, durch eine Vereinigung, wie sie nahe zum Ziel gediehen ist, würden diese Forderungen sämtlich erledigt werden. Die Schlagbäume, die ein Gebiet von dem andern trennen, würden fallen; für das einheimische Gewerbe würde sich ein Markt eröffnen, wie ihn Deutschland niemals gekannt hat; alle mit dem Handel zusammenhängenden Lebenszweige würden durch ihre eigne Regsamkeit, ihre eigne Kraft emporkommen. Die gewerbliche Intelligenz von Deutschland könnte erst in Zukunft recht zeigen was sie vermag, wessen sie fähig ist. Wenn nun hierdurch die Konkurrenz mit dem Auslande zu einer noch ganz andern Bedeutung steigen müßte, als die sie bisher erreicht hat, so würde man jetzt erst vollkommen frei von demselben; man würde seine Willfährigkeiten und seine Verletzungen gemeinschaftlich zu erwidern imstande sein. Was vor fünfzehn Jahren kaum wenige Privatleute in flüchtiger Hoffnung in Gedanken zu fassen, aber nicht einmal zu einem Umriß der Ausführbarkeit, zu einer haltbaren Aussicht zu bringen vermochten, würde man ruhig, ohne Erschütterung zu allgemeinem Nutzen ausgeführt sehen. Wer wollte sich an kleine Unbequemlichkeiten stoßen? Durch große nationale Vorteile würden sie ausgewogen werden. Es sind dies so klare Sachen, daß sie niemand bezweifeln sollte. Eher könnte man fragen, wie es möglich sein werde dem finanziellen Bedürfnis zu genügen, da doch so viele innre Grenzen und mit ihnen die Erträge der daselbst befindlichen Zölle wegfallen. Auch dies aber macht keine wesentliche Schwierigkeit. Der vornehmste Ertrag der Zölle kommt von ausländischen Produkten her. Die Eingangsabgaben von Zucker, Kaffee, Gewürzen, Südfrüchten, Tabaksblättern, nichtdeutschen Weinen und geistigen Getränken liefern allein fünf Sechstel alles Einkommens der preußischen Eingangszölle. Da diese Artikel für sämtliche Staaten fremd sind und ihr Verbrauch der nämliche bleiben oder vielmehr mit der zunehmenden Einwohnerzahl steigen muß, so wird das Einkommen, das sie liefern, gleichviel an welcher Stelle es gehoben werde, dasselbe bleiben und keiner wird etwas an ihnen verlieren. Was ja an Eingangszöllen andrer Waren an den innern Grenzen verloren ginge, würde man nicht vermissen. Schon die Kosten, welche die Bewachung dieser Grenzen verursacht, würden wegfallen; wieviel überwiegende Vorteile aber lassen sich von dem Aufschwung der Gewerbe erwarten! Und wolle doch auch niemand sagen, daß der mächtigste Staat hierdurch zu einem ungebührlichen politischen Einfluß gelangen werde. Wie derselbe die Vereinigung niemals angetragen, sondern sie sich allemal hat antragen lassen, so ist wohl selten eine Verhandlung so rein von politischen Nebenzwecken geblieben wie diese. Die Staaten werden einander völlig gleichstehen. Darmstädtische Bevollmächtigte beaufsichtigen die preußischen Einrichtungen, so gut wie preußische die darmstädtischen. Alle Schwierigkeiten wird man in gemeinschaftlicher Beratung erledigen. Allerdings wird dadurch die Vertraulichkeit und Vereinigung zwischen den verschiednen Staaten, durch die notwendige Verschmelzung des Verkehrs zwischen den Völkerschaften und vor allem zwischen den Regierungen, um vieles größer werden. Aber wäre dies ein Unglück? Ist es nicht vielmehr immer das Bedürfnis der Nation, der Wunsch ihrer besten Männer gewesen? Gäbe es eine solche Möglichkeit nicht, so müßte man darauf denken sie herbeizuführen. Wieviel weniger darf man diejenige verschmähen, die man ungesucht in Händen hat! 54. Die Ablehnung der deutschen Kaiserwürde 1849. Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs. Werke Bd. 49 u. 50 S. 508 ff. Briefwechsel Friedrich Wilhelms IV. mit Bunsen. Die Frankfurter Versammlung ist dadurch einzig in ihrer Art, daß in ihrer Mitte alle Fragen über das Gesamtleben der Nation in freier Diskussion erörtert wurden und die verschiedensten Standpunkte wie in einer aneinander schließenden Kette ihre Vertreter fanden. Sie war gleichsam eine Akademie der politischen Wissenschaften in bezug auf die nationalen Anliegen, in Form einer Staatsgewalt, tatsächlich ohne alle Macht, aber, inwiefern sie ihren Beruf auf das Prinzip der Nationalsouveränität begründete, von alles umfassendem Anspruch. Neben dem Streite der Meinungen machten sich nun faktische Verhältnisse geltend, die auf den Ausschlag der Beratungen entscheidenden Einfluß übten. Ein solches war jene Erhebung der Radikalen, Der Aufstand in Frankfurt am 18. September 1848. durch welche die Nationalversammlung, in ihrer Existenz bedroht, genötigt wurde sich den Mächten, deren Truppen sie ihre Rettung verdankte, anzuschließen. Die größte Rückwirkung auf die Versammlung entsprang aus der Ermannung dieser beiden Mächte selbst und ihrer siegreichen Haltung gegenüber den destruktiven Tendenzen, welche sie bisher zersetzt hatten. Die Versammlung wurde inne, daß sie nicht mehr das entscheidende Wort zu sprechen hatte. Alles beruhte auf dem Verhältnis, in das sie sich zu der einen oder der andern setzen würde. In unmittelbaren Kontakt geriet sie mit den Ereignissen in Berlin, die eine Seite hatten, durch die sie ihr willkommen waren. Sie hatte zuletzt nichts dagegen, daß eine auf dem königlichen Willen einseitig beruhende Verfassung oktroyiert 5. Dezember 1848. und angenommen wurde, denn diese war doch erfüllt von den Ideen der Zeit und stellte ein konstitutionelles Regiment in Aussicht; die in Frankfurt vorwaltende, mehr konservative Partei bekam dadurch neuen Rückhalt. Dagegen schnitt die Erklärung von Kremsier Erklärung des Ministers v. Schwarzenberg im österreichischen Reichstage 28. November 1848. jede Hoffnung ab, die Frankfurter Beschlüsse in Österreich zur Geltung zu bringen. Die Entfernung der Österreicher aus dem Reichsministerium, die dann folgte, erweiterte die Trennung, so daß die umgebildete Zentralgewalt den schon angeregten Gedanken, zwischen Österreich und den übrigen deutschen Staaten zu unterscheiden und ersteres bei den ferneren Beratungen nicht mehr zu berücksichtigen, mit Entschiedenheit ergriff. Der Gedanke eines weitern Bunds, zu dem Österreich gehören, und neben ihm eines engern, von dem es ausgeschlossen sein sollte, wurde gefaßt und von der Mehrheit der Versammlung unter mancherlei Schwankungen doch zuletzt genehmigt. Da war es nun von doppelter Bedeutung, daß eine verwandte Ansicht in Preußen sich Bahn brach, und zwar wie im Staate so auch bei König Friedrich Wilhelm IV. An sich durch die Erinnerungen an den letzten großen Krieg und durch den gemeinschaftlichen Gegensatz gegen die Revolution an Österreich gefesselt, gab doch der König der Überzeugung Raum, daß eine Regeneration von Deutschland, wie auch er sie billigte, in Verbindung mit Österreich unmöglich sein würde. Bei aller Rücksicht, mit der die Zirkularnote abgefaßt war, enthält sie doch eine Abwendung von der österreichischen Idee zu der deutschen. Wenn nun dergestalt Berlin und Frankfurt sich in einem und demselben Gedanken begegneten, so waren sie doch darum bei weitem nicht einverstanden. Der König wollte vor allem das Recht des Fürstentums, als dessen Sachwalter er sich ansah, und sein eignes anerkannt wissen, die Versammlung in Frankfurt dagegen die Verfassung zustande bringen, mit der sie schon so lange beschäftigt war. Deren Konsequenzen schlossen Österreich aus. Von geistvollen mitbeteiligten Männern ist zwar bedauert worden, daß man nicht auch ferner solche Beschlüsse faßte, denen Österreich beitreten konnte, aber das lag außerhalb der Folgerichtigkeit der Tatsachen. Für Österreich erschien es sogar unter den damaligen Umständen als eine Notwendigkeit, auf die Vereinigung seiner deutschen Landschaften mit Deutschland Verzicht zu leisten, um dieselben für seine eigne innre Konsolidation und Macht ungeirrt verwenden zu können. In Österreich wollte man das nicht Wort haben; man glaubte noch mit der eignen Rekonstruktion eine vorwaltende Macht in Deutschland verbinden zu können. Es gab eine mächtige Stimme in Europa, die dem widersprach: in England meinte man ein entschiednes Übergewicht Österreichs auf dem Kontinent nicht dulden zu können und von dem fortwährenden Konflikt in Deutschland die widerwärtigsten Folgen fürchten zu müssen. Denn wie leicht, daß Frankreich sich einmal wieder erhebe und in Süddeutschland Meister werde; selbst ein russisch-französisches Supremat lasse sich besorgen. Als das wünschenswerteste betrachtete man auch dort, daß sich Österreich für sich selbst rekonstruiere mit Einschluß seiner deutschen Provinzen, das übrige Deutschland aber sich um Preußen zu einem engern Bunde vereinige. Wenn man zweifeln mußte, daß der König von Preußen mit der erforderlichen Entschiedenheit dazu die Hand bieten werde, so wurde durch den vertrauten Vermittler Baron Stockmar; Ranke zitiert seine Denkwürdigkeiten S. 555. zwischen den englischen Ministern und dem Reichsministerium diesem der Rat gegeben, sich nicht darum zu kümmern, sondern auf Grund der Machtvollkommenheit des Parlaments einen Beschluß über die Stellung herbeizuführen, welche Preußen in dem zu errichtenden Bundesstaate einzunehmen habe. Bei dem Gegensatz der Parteien und den steten Einwirkungen Österreichs auf dieselben hatte das die größten Schwierigkeiten, aber der Fortgang der innern österreichischen Angelegenheiten selbst, die Anfang März 1849 zu einer noch stärkern Erklärung über den zu bildenden unteilbaren unauflöslichen Gesamtstaat Österreich führten, überzeugte am Ende auch die wärmsten Anhänger dieser Macht, daß man das begonnene Verfassungswerk aufgeben müsse, wenn man sich nicht von ihr sondere. Auch sie richteten jetzt ihre Augen auf Preußen. Es muß dieser Versammlung, die sich als den Ausdruck der Nationalsouveränität betrachtete, immer hoch angerechnet werden, daß sie in ihrem methodischen Gange an den Grundlagen eines geordneten Staatswesens festhielt, die Republik ausschloß, die monarchischen Gewalten anerkannte und der kräftigsten derselben, der preußischen, die Zentralgewalt anzuvertrauen die Absicht faßte. Die Gesichtspunkte, die hierfür in der Verhandlung entscheidend waren, erscheinen in einer Rede Soirons, Während des Sommers 1848 Vizepräsident des Parlaments. worin ausgeführt wird, daß nur der mächtigste Fürst zum Oberhaupte tauge, weil nur er imstande sei das Widerstreben der an ihre Souveränität gewöhnten ehemaligen Reichsstände niederzuhalten. In den immer steigenden Zerwürfnissen der Versammlung erschien die einzige Rettung in der unverzüglichen Wahl des Königs von Preußen. Um diese zu bewirken, gingen die Altliberalen den Radikalen gegenüber noch einen Schritt weiter, als er ihrem System entsprach. Um der Mehrheit sicher zu sein, gaben sie ihren Gegnern das radikale Wahlgesetz nach, auf welchem diese bestanden, und fügten sich darin, dem künftigen Oberhaupte nur ein suspensives Veto zu bewilligen. Sie erschraken, aber gaben nochmals nach, als diese Beschränkung der höchsten Autorität auch auf Fragen der Verfassung ausgedehnt wurde, so daß deren Bestand nur eine sehr zweifelhafte Gewähr behielt. Um das Prinzip, die monarchische Gestaltung des Bundesstaats, zu behaupten, willigte man in eine an sich unwillkommene Beschränkung der obersten Gemalt in demselben, wenn diese dann nur dem mächtigsten Fürsten, dem König von Preußen, zufiel. Wohl wußte man, daß sich Friedrich Wilhelm diese Würde verbeten hatte; aber man hielt ihn für beugsam und rechnete auf seine Beistimmung im letzten Augenblick: hatte er sich doch nach langem Schwanken zuletzt entschlossen, im Widerspruch mit Österreich den engern Bund auch seinerseits anzubahnen. Aufs neue wurde dergestalt dem preußischen Staate die Frage vorgelegt, inwiefern er nunmehr die Verbindung mit den deutschen Reformideen, wie sie sich im Parlament manifestierten, eingehen wolle oder nicht. Eine neue große Aussicht wurde ihm geboten, eben die, eine dominierende Stellung in Deutschland zu erlangen. Und mußte nicht auch dem Könige daran liegen, den Verwirrungen ein Ende zu machen, die Macht in die Hand zu nehmen? Ein starkes politisches Interesse sprach dafür, über die anstößigen Einzelheiten hätte sich später hinwegkommen lassen; die Überzeugung der meisten war, daß es dazu nur eines festen Willens bedürfe. An und für sich wäre nun auch König Friedrich Wilhelm IV. fähig und selbst geneigt gewesen, die höchste deutsche Würde anzunehmen. Es entsprach einem tiefen und berechtigten Ehrgeiz seines Herzens. Aus allem, was er dagegen sagt, leuchtet doch dieser Zug hervor: die Krone der Salier und Hohenstaufen an die Hohenzollern zu bringen, wäre ihm als der Gipfel persönlichen und dynastischen Glücks erschienen. In seiner Seele teilte er alle die Gefühle für Herstellung der deutschen Einheit, welche seine Zeitgenossen seit dem Jahre 1806 erfüllten. Aber auf der andern Seite zeigten sich doch die gewichtigsten Gegengründe. Einmal konnte sich der König des Gedankens nicht erwehren, der aus seiner historischen Anschauung entsprang, daß dem Hause Österreich die erste Stelle in Deutschland gebühre. Nicht als ob es nicht Fälle hätte geben können, in denen er die obere Leitung übernommen hätte; allein in diesem Augenblick, in welchem Österreich zu erneuter Macht gelangt war und die revolutionären Elemente siegreich bekämpfte, lag ein für ihn gültiger Anlaß dazu nicht vor. Alles, was er über sich gewinnen konnte, war jener Versuch, den engern Bund zustande zu bringen. Dies sollte jedoch mit möglichster Schonung Österreichs geschehen. Bei den Verhandlungen hierüber ist man dem Könige zuweilen schon zu weit gegangen; in seinem Unmut hat er einmal an Bunsen geschrieben (11. Febr. 1849), er habe die preußische Politik in die Hände des Staatsministeriums gelegt, sie sei hinfort nicht mehr die seine. Dazu kam eine wachsende Verstimmung des Königs über das Verhalten des Frankfurter Parlaments in der dänischen Angelegenheit, das dem besondern preußischen Staatsinteresse entgegenlaufe. Aber die Hauptsache war doch der Widerspruch, in welchem sich Friedrich Wilhelm mit den liberalen und radikalen Tendenzen der Versammlung befand. Seine ganze Gesinnung widerstrebte der Annahme der Krone, die ihm geboten wurde, denn dies Anerbieten trat ihm aus der Mitte der revolutionären Bewegung entgegen. Es hätte ihn sogar zur Teilnahme an derselben und zur Verteidigung der in Frankfurt auf Grundlagen, die er verabscheute, aufgebauten Beschlüsse verpflichtet. Überdies, er war viel zu sehr ein geborner Fürst und von dem ausschließenden Rechte des deutschen Fürstentums, über das Kaisertum, d. h. die höchste Würde auf Erden, zu verfügen, durchdrungen, als daß er nicht den Versuch der Versammlung, aus eigenmächtiger Erhebung diese Würde zu übertragen, als eine Usurpation und gleichsam als Standesbeleidigung betrachtet hätte. In Friedrich Wilhelm lebte der Begriff der legitimen Gewalt, in Verbindung jedoch mit der freien Entwicklung, die sie gestattete. Der König ging nicht so weit, die Nationalversammlung von Frankfurt schlechthin zu verdammen; als Volkshaus oder als zweite Kammer hätte er sie anerkannt, aber er bestritt ihr die Machtvollkommenheit und konnte eine Krone nicht annehmen, in deren Übertragung der Begriff der Nationalsouveränität zur Erscheinung kam. Wir erwägen hier nicht die Berechtigung der entgegengesetzten politischen Systeme, aber vielleicht ist es dem Könige zuzuschreiben, wenn die Idee der Nationalsouveränität in Deutschland niemals festen Grund und Boden gefunden hat. Darauf beruht noch heute der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland. Noch ein andres Moment bestärkte den König in seiner Haltung; er sah die radikalen Elemente vor sich, welche er von ganzer Seele haßte und verabscheute. In ihrem Treiben sah er gleichsam ein satanisches Beginnen gegen Religion und Staat, dem er nicht Raum zu geben, sondern selbst mit dem Schwerte Gideons zu widerstehen die heilige Pflicht habe. Am 27. März wurde in Frankfurt die Kaiserwahl definitiv und feierlich vollzogen. Bunsen , der die Nachricht davon am 31. erhielt, hat noch an demselben Tage dem König ausführlich darüber geschrieben, um ihm die Annahme der Wahl aufs dringendste anzuraten . Und nicht ohne Gewicht sind die Argumente, die er dafür anführt. Die Ablehnung würde, so sagt er, für die Person und das Haus des Königs, für die preußische Monarchie und die Zukunft von Deutschland gefährlich werden. Die Manifestation von Österreich, nach der dieses bei seinem Eintritt mit gesamter Macht in den deutschen Bund 38 Stimmen für sich habe, wahrend den Deutschen nur 32 zufallen sollten, mache jedes weitere Wort überflüssig. »Deutschland kann in Zukunft nur bestehen als freies Bundesreich neben dem österreichischen Gesamtstaate, dazu nur in Form eines Reiches mit einem erblichen Oberhaupte. Preußen hat zwischen dieser Stellung und einer kümmerlichen Abhängigkeit von Österreich und Rußland zu wählen. Ew. Majestät können das, was geschehen muß, vielleicht auf Ihre Lebenszeit verhindern. Geschehen wird es aber, denn das Gefühl Deutschlands, eine Nation zu sein und als solche dem Auslande gegenüberzustehen in Krieg und Frieden, ist unvertilgbar.« Damit biete sich jetzt die friedliche Überleitung der revolutionären Bewegung in ein parlamentarisch-monarchisches Gleise. Der König würde, wenn er ablehne, zugleich mit seiner Vergangenheit und seiner Zukunft brechen. Er drückt sich hierüber so stark wie möglich aus: der König, ein konstitutioneller Fürst, werde dieser Notwendigkeit nicht entgehen ohne eine Gegenrevolution oder Abdankung. Die Einwendungen, die man von dem Wahlgesetz oder dem nur suspensiven Veto hernimmt, schlägt er nur gering an, denn das erste sei ja das preußische System, das zweite habe in einem Bundesstaate nicht so viel zu bedeuten wie in einem Einzelstaate. Für eine unbedingte Annahme war Bunsen selber nicht. Das Verhältnis zu Österreich sollte doch auf Grund der Bundesakte aufrechterhalten, die Abänderung der Reichsverfassung durch einfache Majorität vorbehalten werden. Nur die Ablehnung bestritt er mit all seiner dringenden Lebhaftigkeit. Gewiß war es ihm Ernst mit der Verwandlung der demokratischen Bewegung in eine konstitutionelle. Das aber war es eben, wovon der König niemals zu überzeugen war. Er glaubte nicht anders, als daß die demokratische Bewegung sich seiner Macht bedienen wolle, um die revolutionären Ideen in Deutschland zur Geltung zu bringen. Ehe dieser Brief Bunsens eintraf, hatte der König den entgegengesetzten Entschluß nicht etwa gefaßt, denn das war längst geschehen, aber feierlich ausgesprochen. Der Deputation, die ihm meldete, »daß ihn das Vaterland als den Schirm und Schutz seiner Einheit, Freiheit und Macht zum Oberhaupte des Reiches erkoren habe«, antwortete er: »In ihrer Botschaft erkenne er die Stimme der Vertreter des deutschen Volkes; sein Blick werde dadurch auf den König der Könige gelenkt und auf die Pflicht, die ihm als König von Preußen und als einem der mächtigsten deutschen Fürsten obliege; er danke für das Vertrauen das man ihm beweise, aber er würde heilige Rechte verletzen und mit sich selbst in Widerspruch geraten, wenn er ohne das freie Einverständnis der gekrönten Häupter, der Fürsten und freien Städte Deutschlands einen für alle, Fürsten und Stämme, entscheidenden Entschluß fassen wolle; von jenen müsse erst geprüft werden, ob die Verfassung den einzelnen und dem Ganzen fromme, ob er durch die ihm zugedachten Rechte instand gesetzt sein würde, die Geschicke des großen deutschen Vaterlands mit starker Hand zu leiten.« Eine Ablehnung für immer liegt darin nicht; aber dem Sinne gemäß, in dem er sich schon immer erklärt hat, fordert der König eine vorläufige Übereinkunft der Regierungen und der Versammlung, wie in bezug auf das Anerbieten selbst, so auch auf den Umfang der ihm zu übertragenden Gewalt. Zugleich spricht er seine Hingebung für die Sache und das Wohl Deutschlands auf das nachdrücklichste aus: in allen Gauen möge man verkündigen, daß Preußen in innern und äußern Gefahren der Schirm und Schild Deutschlands sein werde. Indem aber der König die Krone, wie sie ihm von der Deputation angeboten wurde nicht annahm, hielt er doch an dem durch die Zirkularnote vom 20. Januar 1849 ergriffnen Standpunkt fest. In einem besonderen Erlaß erklärte er sich bereit, wenn es ihm von den deutschen Regierungen angetragen werde, unter Zustimmung der Nationalversammlung die provisorische Leitung der deutschen Angelegenheiten zu übernehmen und an die Spitze eines Bundesstaats zu treten, der aus den Staaten sich bilde, welche sich demselben freiwillig anschließen würden. Nicht die Machtlosigkeit, sondern die Rekonstruktion von Österreich als europäischer Gesamtstaat verhinderte dessen gleichmäßige Teilnahme an den eigentlich deutschen Angelegenheiten. Ohne mit sich in Widerspruch zu geraten konnte der König daran denken, in der Reorganisation Deutschlands die leitende Rolle zu übernehmen. Wenn er den engern Bund zustande brachte, so gründete er um sich her ohne mit Österreich zu brechen, doch gleichsam eine neue Macht. Diesen Gedanken ergriff er, als er die Krone ablehnte, entschieden und bewußt als einzige Rettung der Idee der deutschen Selbständigkeit und Einheit gegen die Übermacht und auf den andern als deutschen Gesichtspunkten beruhenden Einfluß Österreichs. Diese Absicht sprach er aufs neue in einer Zirkularnote vom 28. April und in einem Manifest vom 15. Mai 1849 aus; alle seine politischen Handlungen in den Jahren 1849 und 1850 beruhen darauf. Und schon kennen wir die europäische Tragweite dieses Vorhabens. Eine innre Konsolidation Deutschlands unter der Führung Preußens war besonders den englischen Ministern in hohem Grade genehm. Sie sahen darin eine Befestigung des durch die alten Verträge begründeten Gleichgewichts der Mächte, denn den kleineren Staaten würde es unmöglich sein, sich inmitten des demokratischen Garens und Wühlens in einer Stellung zu behaupten, in der sie die Übermacht von Frankreich abwehren könnten. Es war zugleich eine konservative und antifranzösische Tendenz, was die englischen Minister bewog sich zugunsten eines engern Bundes der deutschen Staaten unter der Hegemonie von Preußen zu erklären. Sie wünschten ein mächtiges Deutschland in der Mitte zwischen Frankreich und Rußland, das auf eignen Füßen stehend eine unabhängige Politik ergreifen und befolgen könne. Wieviel aber gehörte dazu, diesen Plan auszuführen! Die vornehmste Schwierigkeit entsprang aus der Vermischung zweier doch in der Tat weit auseinanderliegenden Gedanken. Der eine war die Erneuerung der alten deutschen Kaiserwürde mit einer sehr nach der Demokratie hinneigenden Verfassung, der andre das Zustandebringen des engern Bunds. Man könnte meinen, für die Nationalversammlung wäre der richtige Weg gewesen, sich auf das letzte zu beschränken und all ihr Ansehen auf dessen Durchführung zu verwenden. Das mag kaum möglich gewesen sein; wir streiten nicht darüber. Aber die Übertragung eines erblichen Kaisertums an die Krone Preußen, unschätzbar als Manifestation, hatte als politische Handlung von vornherein die schwersten Bedenken gegen sich. Denn in der Tat mußte man doch befürchten, wenn es auch nicht mit Bestimmtheit vorausgesehen ward, daß der König die Krone ablehnen würde. Dann mußte die Folge sein, wie sie es denn auch war, daß die konstitutionelle Partei, die jenen Beschluß herbeigeführt hatte, ihr leitendes Ansehen nicht behaupten konnte. Man erlebte sofort, daß die radikale Richtung in Frankfurt das Übergewicht erhielt; die Versammlung, in offenem Widerstreit mit der bestehenden Ordnung der Dinge, zerfiel in sich selbst und löste sich auf. Sei es uns gestattet, dieser Reflexion, die freilich bestritten werden kann, noch eine andre von ebenso unmaßgeblichem Charakter über die folgenden Ereignisse hinzuzufügen. Ohne den Rückhalt, welchen die Versammlung für die nationalen Ideen bot, war es unmöglich, den engern Bund in einer dem Bedürfnis entsprechenden Weise zustande zu bringen. Der Dreikönigsbund, die Union, die Erfurter Versammlung bilden bedeutende Momente in diesen Bestrebungen; der König nahm daran persönlich den lebendigsten Anteil; aber Erfolg konnten sie nicht haben. Die Beredsamkeit, das Talent und die Energie von Radowitz, der dem König ebenso nahe stand wie Bunsen und als Vorfechter der Unionspolitik auftrat, vermochten nicht zum Ziele zu führen. In den deutschen Fürsten , die durch die Union einen Teil ihrer Souveränität verloren haben würden, fand diese Politik, die auf ihre freiwillige Beistimmung berechnet war, einen immer wachsenden Widerstand. Der österreichische Gedanke, den alten Bund wiederherzustellen, war notwendigerweise auch der ihre. Und höchst ungünstig gestalteten sich die europäischen Verhältnisse in allen andern Beziehungen, namentlich auch in der dänisch-deutschen Frage. Friedrich Wilhelm IV. wollte nicht eigentlich Krieg gegen Dänemark, aber die eventuelle Losreißung Schleswig-Holsteins von dem Sundkönig, die Verbindung dieses Landes mit Deutschland. Hierbei aber stieß er auf den Gegensatz der Macht, auf deren Teilnahme und Unterstützung er sonst rechnete. England wollte Dänemark unter allen Umständen als Gesamtstaat erhalten wissen. Besonders verwundete den König, daß Palmerston hierbei auf Österreichs Seite trat, welches durch die Niederwerfung Ungarns und den Bund mit Rußland, der dazu geführt hatte, wieder erstarkt war und seinen alten Einfluß in Deutschland als dem Stützpunkt seiner Macht erneuerte. Alle diese Umstände brachten den Konflikt hervor, der im Herbst 1850 zu offnem Kriege zu führen drohte. Preußen hatte die drei Mächte, die es als seine Verbündeten betrachtete, gegen sich; sie waren selbst mit Frankreich einverstanden. Man hat oft erzählt, Friedrich Wilhelm IV. habe den Aufforderungen zu schärferm Auftreten entgegnet, er sei kein Friedrich II. Aber dieser hatte bei seiner gefahrvollsten Waffenerhebung doch eine vorteilhaftere Stellung als Friedrich Wilhelm IV.; er hatte wenigstens eine von den großen Mächten auf seiner Seite. Und wie unendlich weit war seine schlagfertige Kriegsmacht im Verhältnis zu seinen Nachbarn dem Heere überlegen, welches Friedrich Wilhelm IV. damals ins Feld stellen konnte! Bei dem ersten Vorbereitungen zu einem Kampfe, bei der Mobilmachung zeigten sich die Mängel des militärischen Systems stärker als man irgend erwartet hatte. Indem man dann den Versuch machte, zu einem haltbaren Austrag zu gelangen, kam der Nachteil der Lage Preußens in der Übereinkunft, die es zu Olmütz eingehen mußte, zutage, noch mehr fast in den Konsequenzen, die aus derselben gezogen wurden. Unleugbar ist, daß diese Wendung der Dinge eine politische Niederlage in sich schloß. Doch lag darin keineswegs eine definitive Entscheidung der großen Frage. Die Momente, die wir berührten, haben wie mit dem Vorangegangenen so auch mit dem Folgenden einen engen Zusammenhang. Seit diesem Mißerfolg traten die militärischen Interessen des Staats wieder in den Vordergrund, die Bedürfnisse der Armee fanden ausgiebigere Berücksichtigung, der Gedanke der Militärreorganisation konnte mit Entschiedenheit ergriffen werden. Die neuen Differenzen mit Österreich, welche eben in den Bundesangelegenheiten zum empfindlichsten Ausdruck kamen, riefen noch bei Friedrich Wilhelm IV. Entfremdung und Widerwillen gegen die Staatsmänner in Wien hervor und führten zu der Überzeugung, daß es für Preußen unmöglich sei, sich mit der zweiten Rolle in Deutschland zu begnügen. Der Gedanke des engern Bunds trat nach einigen Jahren unter dem Nachfolger Friedrich Wilhelms mit innrer Notwendigkeit wieder hervor und hat die Ereignisse herbeigeführt, welche Deutschland und Europa eine neue Gestalt gegeben haben. Dann konnte auch die Kaiserwürde unter Bedingungen, wie sie Friedrich Wilhelm IV. aufgestellt hatte, angenommen werden, allerdings nicht ohne daß das Machtverhältnis geändert worden wäre. Die Waffentaten, die dazu führten, gehören zu den glorreichsten, welche die Weltgeschichte kennt. 55. Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen. Zur Geschichte Deutschlands und Frankreichs. Werke Bd. 49 u. 50 S. 579 ff. Briefwechsel mit Bunsen, Schlußbetrachtung. Die politische Gesinnung des Königs wurzelt in dem Kampfe gegen den ersten französischen Imperator, von dessen unterdrückender Obergewalt sich Preußen in Verbindung mit den übrigen europäischen Mächten losgerissen hatte, und der dann der allgemeinen Anstrengung, die in Preußen am stärksten und populärsten auftrat, unterlegen war. In dem Imperator haßte der König nicht sowohl die Person als den Vertreter des revolutionären Prinzips , welches, indem es alle bestehenden, historisch erwachsenen Ordnungen vernichtete, der Usurpation und Gewaltsamkeit Tür und Tor geöffnet habe. Die Legitimität hatte für ihn einen noch außerhalb seines Rechts liegenden Wert, darin, daß sie zu dem Widerstande den Mittelpunkt gebildet und die Völkerkräfte um sich vereinigt hatte. Er hielt für notwendig, an den alten Ordnungen festzuhalten, die bei der Entstehung der abendländischen Staaten begründet sich in den mannigfaltigsten Abwandlungen fortgebildet hatten und noch weitrer Fortbildung fähig schienen. Den vornehmsten Ausdruck derselben sah er in dem Deutschen Reich , dessen Idee er selbst in dem Zerfall der Einheit erkannte und festhielt. Er schloß sich ihr mit Hingebung an; ein Vereinigtes und kampfgerüstetes Deutschland bildete sein Ideal, zumal auch Preußen darin fast die vornehmste Rolle spielen mußte. Wie der Umfang seines Gebiets und des deutschen Bunds überhaupt infolge des großen Kampfes bestimmt worden war, so wollte er ihn behaupten, im Verein mit den verbündeten Mächten, nicht selten wieder im Gegensatz gegen die revolutionären Gewalten. Denn kaum war der Imperator gefallen, so regten sich die Tendenzen, die er im großen und ganzen teilte, aber im einzelnen niederzuhalten verstand, in freier Bewegung, gereizt durch die Mängel der versuchten Restauration, und erweckten allenthalben die Analogien, die sie durch ihre lange und glückliche Aktion hervorgebracht hatten. Rußland und England wurden davon nicht unmittelbar betroffen; jenes machte den Versuch sich gegen die Bewegung zu verschließen und sie wie einen äußern Feind abzuwehren; England wollte, durch die doppelseitige Natur seiner Verfassung bewogen, sich neutral verhalten. Der neue Kampf vollzog sich in dem kontinentalen, romanisch-germanischen Europa. Da trat in den restaurierten romanischen Ländern eine weitverbreitete revolutionäre Bewegung ein, die durch das Ereignis von 1830 das allgemeine Übergewicht und einen unermeßlichen Einfluß auf Deutschland erlangte. Österreich und Preußen nahmen dagegen abweichende Stellungen. Das erste, in seinen europäischen Verhältnissen bedroht, hielt sich folgerichtig auf dem Wege des absoluten Widerstands, für den es auch sein altes Ansehen in Deutschland verwendete. Der Zweck der preußischen Regierung dagegen, vor allem Friedrich Wilhelms IV. war, die alten Institutionen in einem den Forderungen der Zeit gemäßen Sinne auszubauen , so daß kein Antrieb übrig bleibe, durch welchen daß Land nach der andern Seite hingetrieben würde. Mit den liberalen Ideen, die ja im preußischen Staate namentlich durch die Städteordnung und die Gesetzgebung über das Landeigentum Eingang gewonnen hatten, würde sich der König in verwandter Form vielleicht verständigt haben; aber in ihrem Gefolge trat noch eine andre Bewegung auf, die ihm allgemeines Verderben zu enthalten schien: die des Radikalismus und Sozialismus, welche der gesamten gesellschaftlichen Ordnung den Boden unter den Füßen zu entreißen drohte, und deren Anhänger alle Offenbarung und selbst den Glauben an den lebendigen Gott von sich warfen. Diesen zu widerstehen hielt er für seine vornehmste Pflicht, als Fürst, als Christ wie als Mensch. Er verwarf das liberale System , weil er keine greifbare Grenze zwischen den Grundbegriffen der Liberalen und Radikalen entdecken konnte; in der Verbindung von beiden sah er die Gefahr der gebildeten Welt. Indem Friedrich Wilhelm IV. diesen Elementen ein unüberwindliches Bollwerk entgegenzusetzen beschäftigt war, wurde er von ihnen überrascht und mußte ihnen weichen. Seine Regierung wird durch den 18. März in zwei verschiedene Perioden geschieden, in denen er doch die Identität seiner Gesinnung bewahrte. Denn auch in der zweiten blieb er weit entfernt, den revolutionären Tendenzen, die so häufig den konstitutionellen Formen verbunden sind, nachzugeben. Er hätte sonst einfach die belgische Verfassung herübergenommen und sich den Anschauungen der Frankfurter Versammlung angeschlossen. Daß er es nicht tat, kann als die vornehmste Handlung, wenigstens als die nachwirkendste seines Lebens betrachtet werden. Nach beiden Seiten hin erhielt er das Selbst des preußischen Staats. In der Verfassung behauptete er den Nerv des monarchischen Prinzips, in bezug auf das Deutsche Reich bezwang er seinen Ehrgeiz und ließ sich nicht durch den geheimen Wunsch seines Herzens dazu verführen, das Prinzip zu verleugnen, welches er bekannt und auf seine Fahne geschrieben hatte. Dazu gehörte ein Mann von der idealen und doch strengen, der im einzelnen biegsamen und im ganzen festen Gesinnung, von der geistvollen, aber in die Institutionen und das Leben alter Zeit versenkten Weltauffassung, die ihm eigen waren. Eine Überzeugung von einer Nachhaltigkeit und Tiefe, wie sie ihm innewohnte, war erforderlich, um die konservativen Grundsätze , die aus einer großen Vergangenheit stammten, nicht untergehen zu lassen für Zukunft und Welt. Dabei ist aber nicht zu verkennen, daß zwischen seinen Ideen und ihrer praktischen Durchführung bei den ganz veränderten Umständen ein weiter Abstand eintrat. Sein nach vielen Richtungen hin anstrebender Geist bildete eine neue Schwierigkeit für die Verwaltung . Mit der verdienstvollen Bureaukratie, die er vor sich fand, konnte er sich nie verständigen, da er sie unaufhörlich nach einem Sinne lenken wollte, der nicht der ihre war. Dieser Widerstreit gab seiner Regierung den Charakter der Unsicherheit und des Schwankens; aber die Entwicklung der innern Lebenskräfte hat dabei nicht gelitten. Wenn man sich des Zustandes erinnert, in welchem er die Regierung übernommen hatte, – mit patriarchalischer Fürsorge waltend, aber zugleich trocken und einseitig gebieterisch, – wie war unter ihm alles so ganz verändert, von Leben und eigner Regsamkeit erfüllt, freilich nicht ohne tiefe Gärung. In der Politik kann man überhaupt zwei Direktionen unterscheiden: das Ergreifen der beherrschenden Ideen und die Verwaltung der laufenden Geschäfte. Glücklich der Regent, für den beide zusammenfallen und ein einziges Ganze bilden! An Friedrich Wilhelm IV. tadelten die Mitlebenden, daß er die jeweiligen Zeitumstände nicht entschlossen genug benutze, so daß er mit all den Mitteln, über die er verfügen könne, doch nichts ausrichte; seine auf Zustände der Vergangenheit begründete Doktrin hindre ihn, in die Fragen des Tages energisch einzugreifen, und gebe seiner Tätigkeit selbst eine falsche Richtung; sein stetes Schwanken mache jeden Erfolg unmöglich und entziehe ihm das allgemeine Vertrauen. Und so mag es scheinen, wenn man die Verhandlungen, soweit sie bekannt wurden, in ihren Einzelheiten auffaßt und danach urteilt. Der Briefwechsel aber, von dem wir einen Auszug mitgeteilt haben, und der sich in die Höhe der maßgebenden Gedanken erhebt, führt doch zu einer andern Ansicht. In der Mitte der miteinander ringenden Weltkräfte, die einander das Gleichgewicht hielten, war für den preußischen Staat eine neutrale Politik geboten, nicht eigentlich um das Gleichgewicht zu erhalten, sondern vor allem um sich selbst zu behaupten. Erwägungen von religiös-moralischem Inhalt über Recht und Unrecht der streitenden Parteien oder Staatsgewalten übten Einfluß auf die Entschließungen Friedrich Wilhelms. Aber überdies hatte er jeden Augenblick das lebendigste Bewußtsein seiner eignen Stellung, die ihm Rücksichten und selbst Nachgiebigkeiten auferlegte. Und immer schwebte ihm die Bedeutung des Moments für die Zukunft vor Augen. Die Welt sah in seinem Verhalten häufig charakterlose Oscillation und Unentschlossenheit, nicht die dabei doch immer vorwaltende einheitliche Direktion. Heutzutage aber ist es möglich, den Blick über den momentanen Eindruck hinaus auf das Konstante in der Politik des Königs zu richten. Dann treten doch, wenn wir uns nicht täuschen, die Wirkungen derselben für den preußischen Staat und Deutschland als überaus bedeutend hervor: der heutige Zustand beruht größtenteils darauf. Ein unendlich wichtiger Schritt war es doch, daß er die absolute Monarchie, wie er sie von seinen Vorfahren überkommen, mit einer ständischen und deliberativen Institution in Verbindung brachte, die, wie sie sich auch entwickeln mochte, allemal der monarchischen Gewalt Schranken gezogen haben würde. Er kam damit nicht zu dem Ziele, das ihm vorschwebte; die liberalen und selbst die demokratischen Ideen gewannen die Oberhand. Dann war es seine vornehmste Absicht, in der neuen Verfassung die wesentlichen Bedingungen der Monarchie zu retten . Ihm vor allem gehören die Bestimmungen der Verfassung an, die das finanzielle Bestehen des preußischen Staates von der Fluktuation der Parteien und dem jeweiligen Übergewicht der Opposition unabhängig machen; dem Königtum hat er seine unmittelbare Autorität über das Heerwesen gesichert: man darf darin wohl die beiden Grundpfeiler der Monarchie in dem konstitutionellen Preußen erkennen. Indem Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone unter den Bedingungen und Umständen, unter denen sie ihm angeboten wurde, ablehnte, hat er doch die Erwerbung derselben in andern Formen unter einer veränderten Weltlage möglich erhalten und selbst angebahnt. Sein Grundgedanke, einen Bundesstaat zustande zu bringen, unabhängig von Österreich, aber nicht feindselig gegen diese Macht, hat sich nach den großen Kämpfen, die seitdem ausgefochten worden sind, zuletzt realisiert. Er beherrscht gegenwärtig die Situation von Deutschland und Europa. Mit dem zweiten französischen Imperator in unmittelbaren Hader zu geraten, vermied Friedrich Wilhelm IV. sorgfältig und rücksichtsvoll, aber in dem Auftreten desselben auf Grund der revolutionären und militärischen Erinnrungen, in den innern Trieben der Dinge, von denen die Macht des Gebieters sich herschrieb und die ihn fortreißen konnten selbst ohne seinen Willen, erblickte er eine Gefahr für den territorialen Bestand von Europa und Deutschland, vor allem auch des preußischen Staats. In der Voraussicht eines bevorstehenden Kampfs suchte er ein der alten Bundesgenossenschaft entsprechendes Verhältnis zu Rußland aufrecht zu erhalten. Das Verdienst, das er sich in einem gefährlichen Augenblick um dieses Reich erwarb, hat für den preußischen Staat, als es zu dem vorausgesehenen Angriffe kam, segensreiche Frucht getragen. Sein ganzes Leben hindurch ist Friedrich Wilhelm bemüht gewesen, in freundschaftlicher Verbindung mit England zu stehen, ohne sich von vorübergehenden Wechselfällen in der Politik der verschiednen Ministerien zurückstoßen oder fortreißen zu lassen. In einer glücklichen dynastischen Verbindung hat dies Bestreben seinen Abschluß gefunden; es hat zu einem besseren Verständnis der Nationen und Regierungen geführt. Mit alledem gelangte Friedrich Wilhelm IV. noch nicht in eine feste und gesicherte politische Lage. Nach jener Abkunft von Olmütz gestaltete sich das Verhältnis zu Österreich in dem wiederhergestellten Bunde unerträglich für Preußen und Deutschland. Sollte das Ziel erreicht werden, das er angestrebt hatte, die Errichtung und Leitung eines Bundesstaates, so mußte man den vorwaltenden Meinungen einen Schritt näher treten, denn sie hatten doch auch ihrerseits eine historische Berechtigung und waren zu tief gewurzelt und zu mächtig, um ihnen nicht Rechnung zu tragen; überdies mußte man sich entschließen mit Österreich zu brechen. Wenn wir recht unterrichtet sind, so war der König am Ende seiner Tage dazu geneigt. Er hatte alles versucht, um mit Österreich Hand in Hand zu gehen, aber vergeblich. Für jenen Entwurf zu einer Expedition nach der Schweiz versagte Österreich seine Zustimmung, wenn sie auch nicht weiter gehe als zur Herstellung des preußischen Königshauses in Neuenburg. In den deutschen Angelegenheiten kam es so weit, daß der König in Wien erklären ließ, seine Nachgiebigkeit habe ihre Grenzen; wenn Österreichs Verhalten mit der Pflicht kollidiere, welche er als König von Preußen für Deutschland habe, so werde er nicht weichen. Er hat das bedeutungsvolle Wort ausgesprochen: es könne wohl geschehen, daß die beiden Mächte am weißen Berge – er zielt auf jene Schlacht von 1620 – noch einmal ihre Kräfte messen würden. Seine Reise nach Wien im Jahre 1857 war darauf berechnet, die Zwistigkeiten zu beseitigen. Es gehörte zu den schmerzlichen Eindrücken seiner letzten Tage, daß er das unmöglich fand. Männer, die ihm nahe standen, versichern, er habe sich ernstlich mit dem Gedanken beschäftigt, den Kampf aufzunehmen. Ihm war es jedoch nicht beschieden, den alten Antagonismus, dessen Ausbruch er noch zurückgehalten hatte, zur Entscheidung zu bringen. Denn nur einen Moment in der Geschichte bildet ein einzelnes Leben. 56. Der Krieg gegen Österreich 1866. Glückwunschschreiben an König Wilhelm, 1. Januar 1867. Zur eignen Lebensgeschichte, Werke Bd. 53 u. 54 S. 471. Ew. Kgl. Majestät erster Eintritt in den militärischen Dienst, den die Armee und das Land heute festlich begehen, bildet auch für den Historiker einen wichtigen Moment. Denn damit begann die militärische Bildung, welche so recht das innre Wesen Ew. Majestät bestimmt und mit der Zeit die glänzenden Erfolge, deren wir uns heute erfreuen, hervorgerufen hat. Noch als Prinz von Preußen haben Ew. Majestät dem hochseligen König Friedrich Wilhelm IV. zur Seite die militärischen Angelegenheiten zu Ihrem vornehmsten Augenmerk gemacht. Selbst zur höchsten Gewalt gelangt, haben Ew. Majestät die Reorganisation der Armee unter den mannigfaltigsten Schwierigkeiten durchgeführt. Die Einrichtungen, welche unter der Regierung Friedrich Wilhelms III., des unvergeßlichen Vaters Ew. Majestät, begründet worden waren, sind dadurch erst zu vollem Leben gediehen; Ew. Majestät haben den Geist derselben gepflegt und in voller Energie und unabhängiger Wirksamkeit erhalten. Als es nicht mehr zu vermeiden stand, haben Ew. Majestät den Befehl zu einem Kampfe gegeben, der für die Bedeutung und Weltstellung der Monarchie entscheidend werden mußte. Da hat sich die Organisation über alle Erwartung glänzend bewährt. Ew. Majestät haben persönlich die Armee zu Siegen und Erfolgen geführt, welche sich den größten beigesellen, die jemals errungen worden sind. So ist Ew. Majestät militärische Bildung ein historisches Moment geworden und verknüpft sich aufs engste mit dem Geschicke des preußischen Staats und selbst jedes einzelnen. Denn allerdings bedrohte die feindliche Aufstellung das eigenste Selbst des Staats; nicht allein seine Macht, sondern auch das Prinzip der religiösen Unabhängigkeit und geistigen Durchbildung, auf welchem derselbe beruht. Ohne den Schutz Ew. Majestät und Ihrer von Gott gesegneten Waffen würden auch wir Gelehrten unsere Bücher nicht schreiben können; man würde sie nicht lesen wollen, in dem Publikum würden andre Gesinnungen herrschend werden. An meiner Arbeit über die englische Geschichte haben, wie der hochselige König, Allerhöchstdero verewigter Bruder, so auch Ew. Majestät selbst gnädigen Anteil genommen. Ich lege hier den sechsten Band derselben Ew. Majestät zu Füßen und verbinde damit den tiefsten Dank für die mannigfaltige Gnade, mit der mich Ew. Majestät ausgezeichnet haben, vor allem aber meinen alleruntertänigsten und wärmsten Glückwunsch, wie zu der wirkungsreichen und glorreichen Vergangenheit, der nahen wie der fernen, so zu der Zukunft, die eine entsprechende und ebenbürtige Fortsetzung derselben sein möge. In tiefster Devotion Ew. Majestät alleruntertänigster und treugehorsamster L. v. Ranke. 57. Der Krieg gegen Frankreich 1870. Rede in der Versammlung der Historischen Kommission am 1. Oktober 1870. Werke Bd. 51 u. 52 S. 560-564. Man glaubte in Frankreich noch immer Deutschland vor sich zu haben, wie es die revolutionären Heere und der erste Kaiser vor sich hatten. Da war es nun ein entscheidendes Ereignis, daß der junge König, unter dessen Auspizien wir uns hier versammeln, ohne zu zögern den Moment für gekommen erklärte, für welchen sein Bund mit Preußen geschlossen sei. In Norddeutschland war man auf dem Lande bei aller Hingebung doch nicht ohne Sorge, als der Krieg erklärt wurde; alle Besorgnis schwand, als man vernahm, daß König Ludwig von Bayern den Casus foederis anerkannt habe. Ich will nicht sagen, daß der Krieg nicht hätte geführt werden können, wenn Süddeutschland neutral geblieben wäre; aber er hätte niemals jenen nationaldeutschen Charakter angenommen und unendlich größere Schwierigkeiten dargeboten. Erst als die süddeutschen Waffen sich den preußischen zugesellten, wurde die deutsche Idee verwirklicht. Der Feldzugsplan der Franzosen wurde auf eine für sie unerwartete Weise durchkreuzt; sie mußten erleben, daß Deutschland ohne die Hilfe andrer europäischer Mächte, ja selbst ohne Teilnahme von Österreich, – das gewiß nicht wegen der Gesinnung der Bevölkerung, die für uns vielmehr nur die lebendigste Sympathie verriet, aber durch seine anderweite politische Beziehung veranlaßt eine neutrale Stellung annahm, – ihnen vollkommen gewachsen war. Die stärkere Vermehrung der germanischen Rasse gegenüber der romanischen hatte die früheren Unterschiede ausgeglichen. Alles aber bekam nun Leben durch die militärische Organisation, an welcher der preußische Staat fast in Voraussicht eines ähnlichen Falles in den letzten fünfzig Jahren fortwährend gearbeitet hatte, und der sich das übrige Deutschland anschloß. Wo Waffen und Idee einen Bund schließen, sind sie immer unwiderstehlich gewesen; hier waren es die preußisch-deutschen Waffen und die deutsche Idee. Die Gleichartigen bildeten nun eine Waffengenossenschaft, die von vornherein, sowie sie mit dem Feinde zusammenstieß, der gegenüberstehenden ebenbürtig erschien und sich ihr im Laufe des Kampfes überlegen erwiesen hat. An allen großen Schlachttagen haben preußische, norddeutsche, süddeutsche Truppen zusammengewirkt: bei Weißenburg die Schlesier, Posener, Thüringer, Franken, Pfälzer; bei Wörth traten Württemberger und Badener hinzu. Bei Saarbrücken-Forbach Westfalen, Hannoveraner, brandenburgische und niederrheinische Regimenter. Bei Metz am 14. August Ostpreußen, Westpreußen und Westfalen; am 16. Brandenburger, Hannoveraner, Braunschweiger, Oldenburger, Schleswig-Holsteiner, Hessen-Darmstädter; am 18. außer diesen Sachsen, Pommern, das Gardekorps; am 31. August Ostpreußen, Mecklenburger, Hanseaten. Vor Sedan Sachsen aus dem Königreich und aus der Provinz, das vierte, das Gardekorps, das zwölfte Armeekorps; Altbayern, die großen Eifer bewiesen. Wir sind alle erstaunt über die glänzende Siegeslaufbahn, welche im Laufe eines Monats durchmessen worden ist, voll Bewunderung über das Zusammenwirken der verschiedensten Kräfte nach einem vorausgefaßten und doch jeden Wechsel der Verhältnisse berücksichtigenden Plan, die Umsicht im großen, die unvergleichliche Tapferkeit im einzelnen. Ich will kein Wort weiter darüber sagen; der allgemeine Eindruck ist, daß damit zugleich einer der Wendepunkte der Weltentwicklung und politischen Gestaltung eingetreten ist, welche die Epochen scheiden. Wir sehen der neuen mit Hoffnung und Freude entgegen, obgleich alte Männer, wie mehrere von uns, sie nicht erleben werden. Doch ist es nicht unsres Amtes, in die Zukunft zu blicken oder Ratschläge für die Gegenwart zu geben, selbst nicht Ansprüche zu formulieren; wir bemerken nur, daß, indem sich eine neue Zukunft zu eröffnen scheint, unsre Vergangenheit Licht und neue Momente für ihre Würdigung empfängt. Die Ereignisse, die unter der Rückwirkung des deutsch-französischen Krieges in Italien eingetreten sind und eintreten, kann man nicht ansehen, ohne des Zusammenhanges unsres alten Reichs mit dem Papsttum zu gedenken. Wir sahen einen Pontifex, der ohne alle Rücksicht auf die den Staaten innewohnenden Bedürfnisse und gerechten Ansprüche eine Prärogative formulierte, die in den frühern Jahrhunderten zwar erhoben, aber niemals durchgeführt worden war. In einer großen Versammlung kirchlicher Würdenträger aus aller Welt, aber im Widerspruch mit der Mehrzahl der westlichen, namentlich der deutschen Bischöfe Siehe Geschichte der Päpste 3, 199 ff. brachte er sie zur Anerkennung. Solange die deutschen Kaiser ihre Autorität aufrecht erhielten, waren Dinge dieser Art nie gelungen, denn das deutsche Bistum stand dem Kaiser immer mit seiner geistlichen Befugnis zur Seite. Gleich darauf wird die weltliche Macht des Papsttums im offenen Kampfe überwältigt, infolge der italienischen Idee, welche einst dem Papste selbst zu ergreifen nicht gelungen war. Alle die Ereignisse, welche die Jahrhunderte erfüllen, erhalten eine unmittelbare Bedeutung durch die Dinge, die vor unsern Augen vorgehn. Man sah, was ein Kaisertum wert war, welches, wenn auch in stetem Kampfe, die höchste Gewalt in der Kirche mäßigte, aber ihre Autonomie erhielt. Eine andre Erinnrung, noch stärker durch die Tendenz eines nationalen Momentes, bilden die Verhältnisse des westlichen und östlichen Reichs. Die Teilungen des karolingischen Reichs, aus dem das ostfränkische, nachmals deutsche, und das westfränkische, nachmals französische, hervorgegangen, bekommen eine über die bloß territoriale Auseinandersetzung und die fürstlichen Erbansprüche hinausreichende Beziehung. Etwa vor tausend Jahren, im Sommer 870, fand die Zusammenkunft an dem Vorsprung der Maas zu Mersen zwischen Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen statt, in welcher über die Begrenzung ein Beschluß gefaßt wurde, der an die soeben vorliegende Frage unmittelbar anknüpft. Der Moselgau an beiden Ufern dieses Flusses, welcher Metz und Diedenhofen begriff, wurde zu dem östlichen Reiche geschlagen, und Straßburg mit seiner kirchlichen Metropole Mainz wieder vereinigt. Ich ziehe keine Folgerungen daraus, ich knüpfe keine Ansprüche daran; ich bezeichne nur die Tatsache, welch eine auf den heutigen Tag fortwirkende lebendige Beziehung in der Verabredung liegt, die vor tausend Jahren gepflogen wurde. Das alte Reich war zur Behauptung seiner Sicherheit vortrefflich angelegt. Mir liegt es fern, die Entwicklung des westlichen Reiches als in stetem Übergriff in die Rechte seiner Nachbarn, namentlich der Deutschen, zu betrachten. Es war ihm gegeben, in einem Kampfe, der doch etwas Unvermeidliches hatte, inwiefern er zugleich gegen das überwältigende Umsichgreifen des plantagenetischen Vasallenverhältnisses gerichtet war, eine zentrale Macht von größerer Stärke zu entfalten, von der wir doch auch mannigfaltigen Vorteil empfangen haben, für Kultur und Gelehrsamkeit wie für den Staat. Auch will ich nicht unbedingt auf unsre Entzweiung schelten, die zu jenen Übergriffen Anlaß gab. Metz, Toul und Verdun wurden infolge der Streitigkeit Frankreichs mit dem Hause Österreich-Burgund, welches die reichsoberhauptliche Gewalt ausübte, und zugleich durch innere religiöse Kämpfe, welche eine Wendung gegen dieses Haus nahmen, dem Hause entfremdet. Um nicht dem in Aussicht stehenden Kaisertum Philipps II. zu verfallen Siehe oben S. 69. und die Beschlüsse des tridentinischen Konzils annehmen zu müssen, haben die Protestanten unter Führung des geistvollen Kurfürsten Moritz von Sachsen es zugegeben, daß der König von Frankreich das Reichsvikariat in dieser Gegend in Besitz nahm. Es war ein Preis seiner Unterstützung, gelang aber durch eine eifrig katholische Partei in der Stadt. Deutsche Geschichte 4, 237; 5, 169. Karl V. erschien mit all seiner Macht zur Belagerung vor Metz, aber allzu ungünstige Jahreszeit und ein trefflicher Kriegsmann, der Herzog von Guise, der es verteidigte, nötigten ihn, gegenüber von Krankheit und Regenwetter die Belagerung aufzuheben. Jedes Jahrhundert hat nun einmal seine eignen Aufgaben und Machtbedingungen. Aber man muß dessen gedenken, was im Laufe der Zeiten aus jenen Anfängen entsprungen ist. Unsre Entzweiung überstieg alles Maß. Als den Moment der tiefsten Erniedrigung des deutschen Reiches als eines Ganzen kann man die Überwältigung Straßburgs durch Ludwig XIV. betrachten, als eine der wichtigsten Reichsstädte, gegen den übermächtigen Nachbar allein gelassen, durch einen von demselben gewonnenen Magistrat im Gegensatz mit einer Bürgerschaft, die sich dennoch zu verteidigen wünschte, in die französische Hand geriet. Es ist ein großer historischer Augenblick, daß sie nach 189 Jahren ihrer Entfremdung fast an dem Jahrestage der ersten Eroberung Ludwigs XIV. wiedergewonnen ist. Und daß nun aus unsrer Entzweiung, welche in den erwähnten Zeiten so stark war, daß sie uns das Bewußtsein unsrer Nationalität kostete, dieses wiedererwacht und zu einer großartigen Erscheinung gebracht ist, das ist eben das welthistorische Ereignis, welches eine neue Ära verkündigt. Wir nehmen nichts voraus, aber der Augenschein zeigt, daß das welthistorische Verhältnis, welches die letzten beiden Jahrhunderte beherrscht hat, sich umgestaltet und das Übergewicht sich auf die Seite des östlichen Reichs neigt, dem es jedoch nicht beikommt, die Freiheit des westlichen zu beschränken und zu beherrschen. Es kann nicht darauf ankommen andre zu erdrücken, sondern nur uns selber zu behaupten, die errungnen Siege dahin zu entwickeln, daß wir uns vor niemand zu fürchten haben und die Einheit der Nation wiedergewinnen, die uns mangelt, ohne die Besonderheiten, die auch ihre historische Berechtigung haben, zu vernichten. Diesen Eindruck macht auch das Zusammenwirken aller deutschen Stämme und Staaten in diesem großen Kampfe. Die gemeinschaftlich bestandne Gefahr und die gemeinschaftlich errungnen Erfolge müssen allem menschlichen Ansehen nach alle wieder aufs engste zusammenknüpfen. Das, was geschehen, ist aber schon ein historischer Moment, der es vielleicht verdient auch hier zur Sprache gebracht zu werden, denn der Vergangenheit sind unsre Studien gewidmet, der Gegenwart unsre Sympathie, der Zukunft unsre durch beide berechtigten Hoffnungen und Wünsche. 58. Fürst Bismarck. Aus Rankes Nachlaß mitgeteilt von Alfred Dove. Ausgewählte Schriftchen. Entwurf einer Betrachtung zu Bismarcks 70. Geburtstag, 1885. Der preußische Staat mußte von dem Druck, welchen die auswärtigen Verhältnisse ihm auferlegten, befreit werden. Der dänische, der österreichische und der französische Krieg sind daraus gleichmäßig hervorgegangen. Dem Einfluß einer fremden Nationalität auf das nördliche Deutschland, der auf einem dynastischen Verhältnis beruhte, welches eben unterbrochen wurde, Mit König Friedrich VII. von Dänemark, der am 15. November 1863 starb endete der Mannsstamm der ältern Linie des Hauses Oldenburg, welcher seit 1448 in Dänemark, seit 1460 auch in Schleswig-Holstein regierte. Auf die Nachfolge erhoben die beiden jüngern Linien Augustenburg und Glücksburg Anspruch; für Christian von Glücksburg hatte der Londoner Vertrag von 1852 entschieden. mußte ein Ende gemacht werden, wenn die Nation jemals ihrer Einheit innewerden sollte. Aber der Hader, der zwischen den beiden in Deutschland vorwaltenden Mächten lange bestand und hierdurch noch geschärft wurde, konnte unmöglich länger fortdauern, wenn der preußische Staat seiner vollen Unabhängigkeit sich erfreuen sollte. War doch vor kurzem der Versuch gemacht worden, die Einheit der Nation in dem Hause Habsburg zur Darstellung zu bringen. Die Bundesfürsten, der Bundestag schienen sich dem zu fügen. Der gordische Knoten der deutschen Verwicklungen konnte nicht gelöst, er mußte zerhauen werden. Dies konnte nicht unternommen werden ohne Gefährdung der eignen Existenz: auf diese Gefahr hin wurde es unternommen. Aber dank der Ausbildung, welche eine lange vorausrechnende Sorge der Regierung dem militärischen Geiste des Volks und der Armee verschafft hatte, gelang es vollkommener, als man je erwartet hatte. Der einzige Bundesstaat, der sich dem wirksam entgegensetzte, wurde vernichtet. Dem alten Nebenbuhler wurde kein Fuß breit Landes entrissen; aber ein neuer Bund wurde geschlossen, der den Einfluß desselben auf das übrige Deutschland abschnitt. Der Sieg von Sadowa eröffnete eine neue Ära für die Politik der Welt, nicht alle Welt aber akzeptierte ihn. Noch immer wollte Frankreich den Einfluß nicht entbehren, welchen es früher in Deutschland ausgeübt und zu Anfang des Jahrhunderts beinahe zu einer wirklichen Oberherrschaft ausgebildet hatte. Es hoffte noch immer, die Niederlagen, die es danach erlitten, durch eine neue Erhebung wettzumachen. Man hat später erfahren, wie tief das noch immer auf die Zersetzung in Deutschland wirkte; alle Hoffnungen, die alten Zustände wiederherzustellen, schlossen sich an Frankreich. An und für sich hätten die beiden Nationen wohl nebeneinander bestehen können. Unausgesetzte Eifersucht aber bewirkte endlich einen Bruch, der zum Kriege führte, in welchem die Monarchie Friedrichs des Großen den Sieg über die napoleonischen Tendenzen und ihre Streitkräfte davontrug. Hierdurch erst wurde die volle Unabhängigkeit gesichert. Was die politischen und militärischen Führer der letzten Jahrzehnte geträumt, wurde vollendet. Es liegt die größte Befriedigung des Selbstgefühls einer Nation darin, wenn sie weiß, daß auf Erden kein Höherer über ihr ist. Gleichsam von selbst geschah es dann, daß die preußische Monarchie sich zum Deutschen Reich erweiterte; alle die, welche den Sieg hatten erfechten helfen, nahmen Teil an der neuen Gestaltung. Drei kriegerische Handlungen, deren wahre Ursache in der Entwicklung der inneren Kraft lag, deren Beginn und Gang jedoch nicht ohne den die auswärtigen Geschäfte leitenden Minister vollzogen werden konnte, welcher die Einheit der Idee in sich selbst trug und in jedem Moment der Differenzen gegenwärtig erhielt. Die größte intellektuelle Fähigkeit hatte sich mit dem universalen Interesse identifiziert. Notwendig fiel es ihr zu, dann auch den Frieden zu leiten, die allgemeine Teilnahme an der Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten verfassungsmäßig zu sichern. Noch weniger als bisher könnte ich hier auf eine Einzelheit eingehen, ich will nur beim Allgemeinsten stehen bleiben, ohne die Irrungen zu berühren, die dann eintreten mußten und eingetreten sind. Das vornehmste Objekt von allen ist die Organisation der nationalen Institute , welche dem entsprechen mußte, was in den europäischen Staaten überhaupt die maßgebende konstitutionelle Idee geworden ist, zugleich aber das Verdienst hatte, das Volk selbst in seiner Tiefe zu ergreifen und heranzuziehen. Das gehörte nun einmal zu dem Ganzen der Umwandlung, die sich vollzog. Wir sind inmitten derselben begriffen. So widerwärtig und verabscheuungswürdig die Ausschreitungen sind, die dabei dann und wann vorkommen, so läßt sich doch erwarten, daß die Belleitäten des Umsturzes durch den Gedanken der allgemeinen Umfassung und Entwicklung aller Kräfte zurückgedrängt werden. Aber noch etwas andres möchte ich von meiner Seite in Erinnerung bringen. Die wissenschaftlichen Studien, die nie in größrer Ausdehnung in Deutschland geblüht haben als heutzutage, bedürfen des Friedens, denn nur aus langjähriger Anstrengung und Arbeit der Gesamtheit und der einzelnen können große Resultate hervorgehen. Eine solche Epoche ist dem deutschen Geiste in den Jahren seit dem letzten große Kriege gewährt worden, ebenfalls hauptsächlich durch das Verdienst des Staatsmanns, der in jedem Augenblick den kriegdrohenden Impulsen entgegentrat und, indem er sie zurückwies, zugleich eine Art von Vorsitz in dem europäischen Rate davongetragen hat. Noch ist aber auf diesem Wege viel zu tun übrig. Das innre Verständnis in der Nation selbst muß vollendet, die äußre Stellung nach allen Seiten hin gesichert werden. Wenn man den siebzigsten Geburtstag Bismarcks feiert, so geschieht das nicht allein in Bewunderung dessen, was durch ihn geschehen ist, sondern in der Erwartung, daß die Gründungen, die seinem Kaiser und ihm gelungen sind, für alle Zukunft bestehen und für jedermann die erfreulichsten Früchte, nicht der Ruhe, sondern der Tätigkeit hervorbringen werden. Das walte Gott!