Wilhelm Raabe Nach dem Großen Kriege Eine Geschichte in zwölf Briefen   Zuerst veröffentlicht: E. Schotte, Berlin 1861.     Vorüber war der große Sturm gezogen, Der Himmel leuchtete in roter Glut; Gen Westen all die schwarzen Wolken flogen, Und jedes Dasein faßte neuen Mut. Nicht hat die Windsbraut mehr den Wald gebogen, Nicht rauschte mehr des Regens wilde Flut; – Der Schönheit Sieg! Vor trat sie aus dem Dunkeln, Ein Duft und Klang – ein Leuchten und ein Funkeln! Tief, tief im Wald lehnt' ich am moos'gen Baume Und sah, wie Abendsonn' und holder Schatten Sich neckten lieblich auf demselben Raume, Sah, wie die Tropfen glänzten auf den Matten! – Und als der Wald erwacht aus wildem Traume, Und alle Dinge Ruh gefunden hatten, Da fühlt' ich mit dem Wald mein Herz erhoben Aus tiefster Schwermut, die es bang umwoben! Vom Vaterland hab' ich den Tag geträumet, Eh' kam der Sturm, und als der Sturm gekommen; – Und was gethan ward, und was ward versäumet, Was von den Tapfern, Treuen, Edlen, Frommen Den Feigen, Falschen, Schlechten eingeräumet, Das hat mir ganz die Seele eingenommen! Versunken war ich ganz in Schmerz und Grimme, Bis in dem Donner weckt' mich eine Stimme. Ja, eine Stimme war im großen Wetter, Und durch den Sturm vernahm ich diese Worte: »Zur rechten Zeit wird kommen doch der Retter! Zur rechten Zeit, und an dem rechten Orte! Im Buch des Schicksals wenden sich die Blätter; Verzweifelt nicht an euch und euerm Horte! Die Rüstung nehmt! – es wird ein blutig Tagen, Bald wird die Schlacht, die große Schlacht geschlagen!« Auf wilden Aufruhr, welch ein holdes Schweigen! Der Tropfen fällt, im Dunkel rauscht der Bronne, – Vorbei, vorbei! Jetzt will der Tag sich neigen, Auf steigt der Mond, und nieder sinkt die Sonne. Wie klingt es süß melodisch in den Zweigen, Wie schlägt das Herz, halb ängstlich, halb in Wonne! Die Nachtigall, die hat ihr Lied begonnen, Ein neues Märchen hab' ich mir gewonnen!               Wolfenbüttel , 1859. Erster Brief. Sachsenhagen, am 1. Mai So bin ich denn glücklich hier angelangt, teurer Freund, und wenn die Götter es wollen, so mag von nun an mein Leben sanft und leise dahin fließen, und halkyonische Bläue über meinen Tagen leuchten. Ich bin mit meiner häuslichen Einrichtung beinahe vollständig fertig, und es ist damit bei weitem besser ergangen, als ich mir vorstellte. Die Bücherkiste ist ausgepackt, und der ziemlich moderduftige Inhalt derselben in Reih und Glied aufmarschiert; ich weiß, auf welche Art das Thürschloß am besten sich schließen, und durch welchen Handgriff die Fenster am leichtesten sich öffnen lassen. Meine Pfeifen, meine Büchse und Hirschfänger haben ihre Plätze erhalten; – kurz alles ist in der besten Ordnung, und ich fühle mich sehr behaglich. Es ist Mittwoch, und ein prachtvoller Frühlingsnachmittag; die Schule liegt so still da, wie ein ausgeflogenes Vogelnest, und der alte Famulus in Hemdsärmeln guckt aus dem Fenster neben der Eingangsthür und lüftet grüßend die weiße Zipfelmütze, als er seinen jüngsten Kollaborator gegenüber erblickt. Doch ich muß Dir, mein Sever, schildern, was ich von meinem Fenster aus erblicke. Ein hübsches Bild! Auf einen ziemlich viereckigen schattigen Platz schaue ich hinunter, den Schulplatz, welcher nicht immer so einsam ist, wie zu dieser Stunde, sondern oft sehr lebendig, wimmelnd von den jugendlichen Scharen, welche das langgestreckte niedrige Steingebäude drüben anzieht und ausschickt. Dieses langgestreckte niedrige Gebäude, um dessen Thore und Nebenpförtchen sich üppiger Epheu windet, ist das Gymnasium. Gerade aus über den Platz schreit' ich darauf los. Zur Rechten – von meinem Fenster aus gesehen – ist die Aussicht begrenzt durch die Kirche des Städtchens; – die Jugend hat ein gottgefälliges Talent, Gräber nieder zu treten: der Schulplatz ist ein alter Kirchhof. Nur einige steinerne Monumente, hie und da unter den Kastanien und Linden zerstreut, zeugen noch von der früheren Bestimmung dieses Ortes. Zur Linken meiner Wohnung befindet sich das Spritzenhaus der Stadt, und über dichte Bäume schauen die Giebelspitzen einiger Bürgerhäuser, aus deren Schornsteinen gewöhnlich ein nahrhafter Rauch emporsteigt; Sachsenhagen ist eine wohlbehäbige Stadt, deren Einwohner und Einwohnerinnen sich nichts am Leibe abgehen lassen. Ach Sever, wie wohl ist mir zu Mute! Schmetterlinge flattern um die eben sich öffnenden Kastanienblüten; Sperlingsvolk zwitschert lustig dazwischen; Schwalben schießen blitzschnell umher und gleichen Ankömmlingen in einer großen Stadt, die nach den aushängenden Mietzetteln an den Häusern sehen und zweifelhaft sind, wo sie ihr Unterkommen suchen sollen, und welche eine tiefe Sehnsucht haben nach freundlichen Gesichtern und herzlichem Entgegenkommen. Ich hoffe von ganzer Seele, es soll ein Pärlein unter dem Dachrande über meinem Fenster seine kleine Wohnung bauen, und ein günstig Zeichen meinem Leben allhier sein! Auf dem Giebel des Schulhauses klappert bereits ein hoch- und rotbeiniger Storch und die »weiße heilige« Taube umflattert das Kirchendach. – Sever, Du hast oft gespottet über meine Zaghaftigkeit in allerlei Lebensverhältnissen, meine jungfräuliche Schüchternheit, wie Du es zu nennen beliebtest. Hand aufs Herz, Sever, ich hatte angst, als ich mich auf meinen Hierhermarsch durch die Berge wand, ich hatte angst vor meiner Ankunft in dieser Stadt, vor meiner Ankunft in einem Dasein, welchem ich so sehr entfremdet worden war. Wie manche Stunde habe ich, in einer Schenke am Wege oder an einem Bache sitzend, damit zugebracht, mir alles von neuem und aber von neuem zurecht zu legen! Wie gern hätte ich meinen Pfad um acht Tage, um vierzehn Tage auseinandergezogen; aber – aber – die Osterferien nahten sich ihrem Ende, die Schule sollte wieder beginnen; ein Ende mußte dem Zweifel, dem Bangen gemacht werden: so nahm ich mich denn zusammen und rückte so mutig als möglich ein in das unbekannte Wald- und Bergstädtchen Sachsenhagen, Gewehr – nämlich Ziegenhainer – im Arm, wie wir mit angezogener Büchse einmarschierten in Paris, Sever. Ein freiwilliger Jäger und ein lateinischer Kollaborator in Sachsenhagen – welch ein Unterschied! Aber den Schnurrbart hatte ich mir schon längst abgeschnitten, der Staub und Schweiß des Feldlagers war längst abgespült und für die sonnverbrannte Haut war das Sitzen vor dem Examen ein vortreffliches Heil- und Schönheitsmittel gewesen. Die Narbe auf der Stirn schmerzt nur noch von Zeit zu Zeit, wenn's regnen will: ich war vollständig befähigt, ins Philistertum einzurücken. Und so that ich! – Viel, viel besser, als ich mir vorstellte, ist's ergangen. Ei, ich kenne mein Städtel und die Menschen drin schon recht gut; 's ist damit lange nicht so schlimm als es sich aus der Ferne ansieht, und meine Frau Rektorin hat mich noch dazu recht mütterlich unter ihre Flügel genommen, so daß es mir gar nicht fehlen kann. Eine schöne, alte, sanfte, stille Frau mit silbergrauem Haar ist meine Frau Rektorin, und bald hat sie alles, was von mir zu erzählen war, ausgefragt. Als sie erfuhr, daß ich nicht Vater und Mutter mehr habe und ganz allein in der Welt sein würde, wenn ich nicht einen grimmen Freund, Sever genannt, welcher bei Laon das eiserne Kreuz gewonnen habe, besäße; da hat sie mich noch freundlicher angeblickt und den Kopf geschüttelt und gesagt: ich möge recht oft zu ihnen kommen, Kaffee bei ihnen zu trinken und mit dem Rektor griechisch zu sprechen. Das will ich auch thun! – Der Rektor wohnt in dem Schulhause selbst; die anderen Kollegen aber sind durch die ganze Stadt zerstreut; aber die Stadt ist nicht groß, lange nicht so groß wie Königsberg, Breslau, Berlin und Paris. Ich fand sehr bald meine jetzige Wohnung, deren Lage ich Dir schon beschrieben habe. Nun ist es Frühling und doch mal' ich mir schon den Winter vor, wo der Schnee fällt und schon hoch liegt, wo die Krähen um die Kirche und das alte Schulhaus fliegen, und ich in dem langen schwarzen Rock – eine etwas größere Krähe – quer über den Platz durch das Gestöber nach der Pforte des Gymnasiums hinsteuere. So bin ich beschaffen; doch das weißt Du ja fast besser als ich selbst, Sever, und erklärst mich darob manchmal für ein »dichterisch Gemüt«, häufiger aber für einen – Narren. – Nun habe ich Dir noch von meiner feierlichen Einsetzung in Amt und Würden an hiesiger hoher Schule zu berichten. Sie verlief sehr schön und erhebend. Zum erstenmale trug ich wieder einen Frack mit herrlichen langen spitzen Schwänzen, eine weiße Weste und einen hohen steifen Halskragen, dessen linke Spitze mir um ein Haar das linke Auge ausgestoßen hätte. Ich fühlte mich höchst ungemütlich in dieser Pracht, aber zu einem festlichen Ereignis gehören auch festliche Gewänder wie das ziemlich unlogische Gleichnis vom Könige, »der seinem Sohn Hochzeit machte«, im Evangelisten Matthäus, darthut. Alle Lehrer und Schüler waren in dem großen Saale versammelt. Ein passender Gesang wurde gesungen, und dann hielt der alte Rektor eine lange schöne Rede, in welcher er davon sprach, wie süß es sei für das Vaterland zu sterben und wie vortrefflich, daß der neue Kollega Wolkenjäger nicht gestorben, sondern aus allen Schlachten und sonstigen Gefahren glücklich heimgekehrt und Kollaborator geworden sei zu Sachsenhagen. Nach einer guten Stunde kam der Alte ganz gerührt zu Ende, und nun kam an mich die Reihe, und mit thränenden Augen bedankte ich mich für all das Gute und Liebe, was über mich und für mich da soeben gesagt war. Zuletzt gaben mir alle Kollegen die Hand, und die ersten aller Klassen gleichfalls. Wieder wurde ein Vers aus dem Gesangbuch gesungen und die Feierlichkeit war vorbei. Ein jeder Lehrer zog mit seinem Häuflein ab in sein Schulzimmer; ich der Quintus mit der Quinta in das meinige. Hier angekommen hielt ich noch einmal eine Rede an meine Bübchen und stieg dabei ein wenig von dem Kothurn herab. Von allen ließ ich mir die Hand geben und versprechen, daß sie brav sein und gut thun wollten; in manch ein fröhliches, helles Augenpaar blickte ich dabei. Darauf fingen wir an, den Cornelius Nepos zu traktieren, und ich begann meine hiesige Schulthätigkeit mit der Exponierung des Datames, welchem ich den anderen großen Barbaren, den Hannibal des Hamilkars Sohn, den Karthaginienser, nachfolgen lassen will, da nach meinem Erachten vor diesen beiden Männern die anderen Helden des berühmten Schulbüchleins gewaltig zusammenschrumpfen. Am ersten Sonntag, welchen ich hier zubrachte, befahl mir die Frau Rektorin, Visiten zu machen und seufzend mußte ich mich drein schicken. Aber auch dieses ist glücklich vorübergegangen ohne allzuviel Verstöße gegen die Regeln des Anstandes und der feinen Welt, aber gewiß nicht ohne viel geheimes Lächeln der Herren und Damen, welche ich »die Ehre hatte aufzusuchen«, der Reihe nach, wie sie auf dem Zettel standen, den mir die Frau Rektorin gegeben hatte. Nun noch einen Blick ins Weite! Die Gegend um das Städtchen ist wunderschön, und wie gemacht, um nach solch einem großen Kriege träumend auszuruhen. Eichenwälder und Tannenwälder wechseln miteinander ab und drängen sich an einigen Stellen bis dicht an die uralten Stadtmauern. Die Berge haben prächtige Formen und auf dem einen, nahe dem Burgthor der Stadt, liegen die Trümmer eines alten Raubnestes, aus dessen Steinen nun viele Dörfer und Vorwerke in den Thälern aufgerichtet sind – welches mir sehr wohlgefällt. Das Volk ist derb, starkknochig, arbeitsam, genügsam, gutmütig, blauäugig und blondlockig, doch gar nicht hübsch. Die jungen Leute sind meistens alle draußen gewesen und haben den Kehraus in Deutschland und den Sturm durch Frankreich mitgemacht. Soeben erklingt vor meinem Fenster das Lied: Laut rief das Horn zum Scheiden, Wir mußten's eben leiden, Zu End' war unser Glück; Schon ritten die Genossen Und schauten von den Rossen Nach ihr und mir zurück. Herz that an Herzen klopfen, Es fiel ein heißer Tropfen Herab auf meine Hand. Das Schwert erklang zur Seiten; O Lieb, nun muß ich reiten, Es gilt fürs Vaterland! Sie faßte mich nur enger, Sie klagete nur bänger: Du reitest in den Tod! Du reitest ins Verderben, Und mit Dir muß ich sterben – O Vaterlandes Not! Der Rappe zog am Zügel, Der Fuß stand in dem Bügel, Ade, Du süße Braut! Fort, fort in wildem Jagen Thät drauf mein Roß mich tragen; Hab' mich nicht umgeschaut! Daß das Lied erklingt, ist ein Zeichen, daß die Dämmerung kommt und Feierabend ist. Ich muß schließen! – – Es giebt noch viel schwarzgekleidete bleiche Mütter und Braute, viel trauernde Väter in der Stadt und in den Dörfern, doch auch viel, viel fröhliche spielende Kinder und selige Brautpaare. Die Sonne scheint, die Felder grünen und versprechen hundertfältige, köstliche Frucht – Gott segne ewig das Vaterland! Lebe wohl, lebe wohl, Sever! Dein Fritz Wolkenjäger. Zweiter Brief. Sachsenhagen, am 15. Mai 1816. Ich habe mich nun vollständig hier eingebürgert, Sever, und weiß in Stadt und Umgegend Bescheid wie der älteste Eingeborene. Manch stilles, verschwiegenes Plätzchen im Grün kenne ich, wo ich mich im Grase ausstrecken kann, die Odyssee zu lesen oder die Gedichte unseres Freundes Ernst Schulze, der, wie er mir schreibt, jetzt daran denkt, in Italien seine wunde Brust zu heilen, und der, ein anderer Ariost, neue Gesänge in sich bewegt. Der arme Freund mit dem kranken Herzen, mit dem weichen und doch so stolzen und starken Herzen! Um Cäciliens Grab erklingt nun das Lied Cäcilia und das Flüstern der Geisterstimme jener, die: – still als noch die Schand' uns drückte Ein deutsches Herz im freien Busen trug, Die stolz hinab auf fremden Schimmer blickte, Mit strengem Spott den Sklaven niederschlug, Die fromm und zart die rauhe Welt uns schmückte, Ein segnend Licht in finst'rer Zeiten Fluch, Die Gott schon früh zu seinem Thron erhoben, Um herrlicher sein schönstes Werk zu loben. Armer Ernst! – Wie er mir meldet, dichtet er jetzt an einem Gedicht: Die bezauberte Rose. Im nächsten Frühling will er nach Rom; ach, wenn nur seine Seele nicht längst begraben läge auf dem Kirchhofe zu Göttingen! Fort mit den Todesgedanken. Wir haben doch eine stolze Zeit durchlebt. Nun ist es wohl schön in einem heimlichen, lauschigen Winkel zu sitzen im Monat Mai, und unter Vögelsang und Quellgemurmel der Genossen der heißen Arbeit für das Vaterland, in Wonne und Wehmut zu gedenken. O Theodor Körner! o wackerer Friesen! o alle ihr Schläfer unter dem grünen Rasen, alle ihr Lebendigen mit den stolzen Narben und den frischschlagenden Herzen, seid gegrüßt, gegrüßt! Keinen Becher wollen wir leeren, ohne der Genossen zu gedenken: Ad manes fratrum! Keinen Becher wollen wir leeren, ohne dem Gewaltigen droben zu opfern: Jovi liberatori! Aber wem sage ich das? Dir Sever? Dem Mann mit der Römerstirn, dem Mann mit dem Römerauge? Ach, was für ungereimtes Zeug schwatzt das Schulmeisterlein hinter den Bergen. Möge es schnell wieder herabsteigen in das Leben, welches es führt zu Sachsenhagen im Sachsenlande, dem echten Sachsenlande, nicht der Provinz der guten Meißner und Leipziger. – Am vorigen Sonntage war ich in der Kirche. Ich trete in protestantischem Lande nicht gern an Werkeltagen in solch ein heiliges Gebäude. Da ist erst der mürrische Küster oder Kantor aufzusuchen. Mit Mühe findet man ihn, und mit Verdruß kommt er mit seinem rasselnden Schlüsselbunde und öffnet das Kirchenthor. Ein dumpfigeisiger Hauch weht dann einem aus den Hallen entgegen, um so unbehaglicher und kältender, je wärmer und sonniger es draußen ist. Was hat das Luthertum am Wochentage in seinen Kirchen zu suchen? – Die weißen Wände und Pfeiler, die Grabsteine, die leeren Kirchstühle, die Predigerbilder, der Altar, alles blickt einen so kalt, so fremd an, und es ist ein wahrer Trost, wenn eine Schwalbe durch eine zerbrochene Fensterscheibe einen Eingang gefunden hat und lustig unter den Wölbungen hinflattert. Mit Schaudern und Ergrimmen folgt man der Jagd, welche der Herr Kantor nun vermittelst einer langen Stange unternimmt. Ist es nicht, als würde mit dem ängstlich hin- und herschießenden Vögelein der letzte Hauch des Lebens aus dem Hause des lebendigen Gottes vertrieben? Die Merkwürdigkeiten sind nur Merkwürdigkeiten, und bleiben in jeder Kirche stets dieselben: die pausbäckigen Engel, die an der schweigenden Orgel mit platzenden Backen in ewig stumme Posaunen blasen, – die eiserne Sturmhaube aus dem dreißigjährigen Kriege, – der rechte Panzerhandschuh, zu welchem der linke fehlt, – das Grabmal des alten Ritters ohne Nase, im Chor, – der Pfeiler, an welchem angemerkt ist, wie hoch in dem und dem Jahre bei der großen Überschwemmung das Wasser in der Kirche stieg, – und das uralte Madonnenbild, welches den Bilderstürmern entging, und so weiter; – ich will die Reihe nicht fortsetzen. An einem solchen Werktag macht man, daß man fortkommt aus einem lutherischen Gotteshause und ist noch an der Thür in Verlegenheit über die Frage, ob man wohl dem Herrn Kantor durch das Anbieten eines Trinkgeldes beleidigen würde! – Anders ist das an Sonntagen und Festtagen, wo man nicht allein in die Kirche geht, sondern in Gesellschaft von stattlichen Greisen, ehrbaren Männern und Frauen, hübschen Mädchen und artigen geputzten Kindern. An einem solchen Tage erscheint einem der Herr Kantor nicht mehr als ein grämlicher Schutzgeist des heiligen Ortes, sondern als ein guter, alter, weißhaariger Mann, welcher seine Freude hat an der Menge, die kommt; welcher die Orgel spielt so gut er kann, und dessen Stolz der Chorgesang der Knaben, neben seinem Sitze ist. Hat er nicht alle diese jugendlichen Stimmen herangebildet? ist nicht das vortreffliche Getön, welches das heilige Haus füllt, sein eigenstes Werk? Nun haben Wände und Pfeiler ein feierlicheres Ansehen: auf dem geschmückten Altar unter dem gekreuzigten Christus brennen in den hohen glänzenden Messingleuchtern die beiden Wachslichter, frische Blumensträuße prangen in den zwei blauen Glasvasen daneben. Die Schwalben und Sperlinge bleiben unbelästigt, und alle Kinderaugen in der Gemeinde folgen den fliegenden Vögeln, bis ein leiser, mahnender Rippenstoß der Väter und Mütter die junge Aufmerksamkeit wieder auf den Herrn Pastor auf der Kanzel lenkt. Nun kommt der Mann mit dem Klingelbeutel; wer seinen Pfennig vergessen hat – ach es giebt viele solcher vergeßlichen Leutchen – nickt gravitätisch mit dem Kopfe; wer seinen Pfennig nicht vergessen hat, hört ihn mit Vergnügen zu den anderen Kupfermünzen in den schwarzsammetnen Sack mit der Schelle hinunter tanzen und klingeln. Dazwischen geht die Predigt fort, gut oder schlecht, eifrig oder milde, munter oder schläfrig. Ein jeglicher in der Gemeinde hat seine eigenen Gedanken dabei, notabene wenn er nicht sanft schlummert; und ein jeglicher nimmt sich von jedem Vorwurf, welcher der Menschheit zugeschleudert wird, aus, und zieht sich ein jedes Lob fröhlich und wohlgemut zu Gemüte, und der liebe Gott weiß ja, daß das nun einmal nicht anders ist, und er giebt sich schon zufrieden, wenn es sein thöricht Menschenvölklein nur nicht gar zu arg macht, wenn es ihn nur »einen guten Mann sein« läßt. Gut Ding will Weile haben, denkt der Alte und lächelt und lenket Sonnen und Sternenmeere, ein Schulhaus neben dem anderen. Der große Magister weiß sehr gut, daß sein Völklein erst mit saurem Weh mensa der Tisch deklinieren lernen muß, ehe es zum großen Verbum amare kommt. Die grasgrüne Ewigkeit durch wird man zu studieren haben, ehe man dieses Zeitwort kennt in allen seinen Formen und Abwandlungen, ehe man alles das begriffen hat, was »es regiert«. Da hast Du wieder den närrischen Fritz, mein Sever. Was hilft alles Kopfschütteln, der Bursch ändert sich nicht, denn er hat's von seiner Mutter, und was man von der Mutter hat, das sitzt fest und läßt sich nicht ausradieren – hilft auch dagegen kein Scheidewasser Hegelscher Philosophie und kein: »Vieler Menschen Städte sah er und Sitte erlernt' er.« Was man von der Mutter hat, das behält man, und es ist auch gut so, denn jeder Keim sittlicher Fortentwickelung des Menschengeschlechts liegt darin verborgen. Ich habe mich oft gefragt, Sever, was Du wohl von Deiner Mutter habest, und ich habe es auch herausgekriegt, und will Dir jetzt erzählen, wie und wo, da ich nun einmal abgekommen bin von meinem Kirchgang am vorigen Sonntag. Es war einmal eine dunkle stürmische Nacht – ich will Dir auch das Datum nennen, es war in der Nacht vom zweiten auf den dritten März 1814. Wir lagen in unsere Mäntel gehüllt auf der nackten Erde und die Lagerfeuer der Feinde leuchteten kaum einen Büchsenschuß von uns entfernt. Von Zeit zu Zeit rieselte ein gelinder Regenschauer herab, und wir hatten die größte Mühe, unsere Waffen schußfertig zu erhalten. Der kommende Tag ist der Jahrestag eines großen Schmerzes für Dich. An dem 3. März 1810 erschossen die Unterdrücker Deinen – unseren Bruder, den Schillschen Reiter; nicht auf dem Schlachtfelde, – auf dem Hochgericht unter dem Galgen ermordeten sie ihn. Du warest – finster und wortkarg den ganzen vorigen Tag über gewesen, Sever, und hattest auch die Nacht durch kaum ein Wort gesprochen; sondern nur Deinen Bart zerkaut, ein Zeichen wilder Gedanken bei Dir. Es dämmerte leise im Osten und Du saßest und blicktest dem kommenden Licht entgegen. Auf einmal hobest Du Dich leise auf die Knie und murmeltest: So mag wiederum eine fränkische Mutter diesen Tag verfluchen! und dann warst Du in dem Hohlweg, uns zur linken Seite, verschwunden. Wir lauschten allesamt auf das angestrengteste, bereit, beim geringsten verdächtigen Geräusch aufzuspringen und Dir nachzueilen. Aber wir vernahmen nichts und nach einer halben Stunde kehrtest Du zurück und ließest Dich schweigend wieder nieder neben uns. Die Genossen lächelten ein wenig, doch Du achtetest nicht darauf. Als Du wieder an meiner Seite Dich ausstrecktest, sagtest Du vor Dich hin: Nein, es sollte nicht sein. Weiß der Teufel, wie zwanzig Schritt von einem Kleeblatt französischer Voltigeure einen das Picken einer Wanduhr an einem guten Werke hindern kann. Das Picken einer Wanduhr? fragte ich. Jawohl, jawohl! Sie lagen ganz ruhig um ihre glimmenden Kohlen, und zwanzig Schritte davon über ihnen im Gebüsch saß ich – bei Gott! ihr Leben war in meiner Hand. Ich brauchte nur hineinzugreifen wie in ein Vogelnest mit unflüggen Jungen. Schon lag die Büchse an der Wange und der Hirschfänger gezogen neben mir. Ein Fingerdruck, zwei Sprünge und zwei Stöße, die Sache war gethan. Aber in demselben Augenblick schlug die Uhr im entfernten Dorfe Vier, und mit ihr schnurrte unsere alte Wanduhr hinter dem Ofen daheim ab und deutlich vernahm ich ihren so wohlbekannten Schlag, und dann sagte meine Mutter dicht neben mir: O Sever, o wüßtest Du doch, wie eine Mutter weint! – Es waren drei blutjunge Knaben neben den glimmenden Kohlen und einer der unvorsichtigen Tölpel warf sich unruhig im Schlaf herum und rief angstvoll: Ma mère, ma mère, sauvez-moi! – Auf dem Bauche kroch ich wieder ab und liege nun hier wie ein großer Narr; – der tote Robert möge es mir vergeben!« So sprachest Du, Sever; am nächsten Morgen aber schossest Du einen Gardekürassier vom Gaul und stießest einem Artilleristen über seiner Kanone den Hirschfänger in die Brust. Vale! Fritz. Dritter Brief. Sachsenhagen, am 5. Juni 1816. Dein Brief hat mich recht betrübt und erschreckt, Sever. Wie finster siehst Du doch in unsere deutsche Zukunft! Alle unsere Ideale wären nur vermummte Hexen, welche bald ihre glänzenden Gewänder abwerfen und in nackter Häßlichkeit uns anhöhnen würden ob unserer Leichtgläubigkeit? O mein armer Freund, bist Du nicht ganz wie Dein Namensvetter, der römische Kaiser Alexander Severus, welcher auch so große Schlachten gewonnen, so viele innere und äußere Feinde niedergeworfen hatte und doch in der Tiefe seines Herzens an den Untergang seines Volkes, seines Weltreiches glaubte; – der so viele schöne heitere Götter und Göttinnen in seinem Lararium hatte und doch das Bild des Mannes aus dem verachteten Volk der Juden, das Bild des gekreuzigten Jesu dazwischen aufstellte –? Er hatte recht; aber Du hast nicht recht, Sever! Sever, ich kann Dir nicht glauben, ich will Dir nicht glauben. Wenn ich die Kraft und Macht anschaue, welche aus dem Boden wächst in dem Volke, welchem Gott diesen Boden im Herzen von Europa gegeben hat; so kann ich nun und nimmermehr mir denken, daß alle die Macht und Kraft nur dazu wachse, um als verspottetes Spielzeug und Tändelwerk zu dienen in den Händen weniger kindischer Pfaffen, Höflinge, Weiber, Diplomaten und blödsinniger Kriegsknechte! Sever, ich glaube an mein Volk, und Du sollst auch daran glauben. Und Du glaubst auch daran, die Zeit des Halbschlummers nach den großen Mühen nach der gewaltigen Arbeit liegt Dir nur ein wenig schwer in den Gliedern; Du bist nicht dazu gemacht, im Halbschlaf zu liegen, gleich anderen Leuten, die sich über ihre Kräfte angestrengt haben, so wie ich. Trotz meiner Bekümmernis über Deinen wilden Brief hab' ich doch fast lachen müssen über eine Zeile desselben, in welcher Du schreibst: Du hörest meine Wiegenlieder gern und ich möge weiter singen; Dein Herz bedürfe der Ruhe und es sei Sturm in Dir. – Ach liebster Freund, wie gern will ich das; aber besser wär's, viel besser, Du suchtest um Dich her, daß Du zwei sanfte Augen und einen süßen Mund und eine weiche Hand fändest, welche die finsteren Falten Dir von der Stirn schmeicheln und Dich bitten dürften, nicht die Nächte durch zu sitzen über dem Juvenal, dem Machiavell und den Zeitungsartikeln des Herrn von Gentz. Vorgestern stand ich auf einem Berg – einer kahlen, nur mit kurzem Gras und vereinzeltem Gestrüpp bewachsenen Höhe, erhaben über allen Wipfeln und Gipfeln bis in die blaueste Ferne. Ich stand und blickte hinab auf das nahe Grün und das ferne Blau und achtete auf das Aufblitzen der Gewässer in der Ebene, die südwärts hinter dem Gebirge sich dehnt. Da stand plötzlich ein alter grauer Mann, der seine Holzaxt auf der Schulter trug, neben mir und redete mich so unversehens an und grüßte mich, daß ich ordentlich erschrak. Er kam mir aber gerade recht, um mir die Gegend zu deuten. Manche Berggipfel und Höhenzüge, manche Kirchtürme nannte er mir mit Namen und endlich sagte er: »Ja, Herr, ist das nicht so schön, daß man seine Braut daraus holen möchte?« Ich blickte den Alten betroffen über das sinnige Wort an. Er wußte gewiß selbst nicht, wie recht er das Gefühl getroffen hatte, welches an einer solchen Stelle eine Menschenbrust bewegen kann. Eine schöne, gute Braut ist wohl das höchste Glück, welches einem Menschen auf Erden zu Teil werden mag, und nun stehst Du, und ein Erdenwinkel liegt vor Deinen Augen hingebreitet in wonniger Schönheit, in Duft und Glanz, süß und milde; – und Du bist einsam und allein und ein unbekanntes Glück, das Du ahnst, wohnt drunten im Thal. – Man möchte seine Braut daraus holen! »Aber nun zeigt mir doch die Stelle, wo Sachsenhagen liegt, mein Wohnort. Im Heraufklettern hab' ich es verloren und kann es nicht wiederfinden,« sprach ich zu meinem Alten. Er zeigte mir gegen Norden ein funkelndes Pünktchen. Das war der Kirchenknopf des guten Städtleins. Ich weiß nicht, in diesem Augenblick schien mir aller Glanz der Landschaft von dem flimmernden Punkt auszugehen; zum erstenmal fühlte ich, daß ich in der Stadt Sachsenhagen mir eine Heimat erworben habe. Ein Handwerksburschenlied, welches von der Lust des Wanderns Bericht giebt, kam mir zur rechten-unrechten Zeit in den Sinn, und ich summte einige Strophen davon, während ich mit meinem alten Waldarbeiter bergab stieg. Ich mußte doch meinem eben beschriebenen Heimatsgefühl Worte geben! Bald hatten wir die kahle Höhe über uns, und der Wald nahm uns wieder auf, das Rauschen des Waldbaches klang leise aus der Tiefe zu uns empor. Bald aber wurde diese Melodie der grünen Einsamkeit lauter und lustiger; wir erreichten den Pfad, welcher an dem Bache herführt und folgten ihm. Mein Führer erzählte mir, wie dieses kalte, klare Wasser weiter oben, tiefer in den Bergen aus einer dunklen Grotte entspringe, in welche ein Mann wohl ein gut Stück hineinkriechen könne; er – der Erzähler – habe das auch versucht; denn »der Mensche ist ein neugierig Tier, Herre,« – aber die Angst habe ihn bald wieder aus der unheimlichen Finsternis zurück getrieben, und er habe das Geheimnis des Berges nicht enträtselt. Mit der Dämmerung gelangten wir in das Dorf Walkenheim, wo mein Alter zu Haus war. Jubelnd liefen ihm seine Enkel entgegen. Ein frisches Büblein nahm ihm die blanke Axt aus der Hand und trug sie stolz uns vorauf; ein kleines Mädchen faßte die Hand des Großvaters und warf scheue verwunderte Blicke auf den fremden Begleiter. Die Gewächse, welche ich für das Herbarium, das ich hier anlegen will (ich verstehe weniger davon, als der Wiener Kongreß von der Weltgeschichte) gepflückt hatte, riß mir die Ziege, welche mit den Kindern uns entgegengekommen war, aus der Hand und verspeiste sie mit gutem Appetit. Im Innern der Hütte aber saß am kalten Ofen eine zusammengekauerte Frauengestalt, und blickte wirr auf, als ich eintrat und sagte mit angstvollster, klagender Stimme: »Habt Ihr den Karl nicht gesehen? Habt Ihr keinen Brief für mich vom armen Karl?« »Meine Schwiegertochter!« sagte der Alte finster. »Mit den Westfalen hat mein Sohn mit gemußt nach Rußland und ist nimmer heimgekehrt. Die Arme weiß nur noch diese Worte.« An der Hüttenthür nahm ich traurig Abschied von dem Großvater und seiner Familie und versprach durch Handschlag, wieder vorzusprechen. In dunkler Nacht erst erreichte ich mein Städtlein. Die Fledermäuse umflatterten mich, die Frösche quakten in den Gräben, die Nachtigall klagte im Gebüsch, die Grillen zirpten, als ich an den Gartenhecken hinschlich. In der Gasse, nicht weit von dem Thorbogen, fiel der rote Feuerschein aus einer Schmiede; der Hammer klang noch ganz munter, und in der offenen Thür, aus welcher der rote Schein hervorleuchtete, stand eine feine Mädchengestalt und blickte in die Gasse hinaus und erwiederte zierlich meinen Gruß, als ich vorüberschritt und mich hütete, das zierliche Schattenbild des Kindes auf dem rötlich vom Widerschein angehauchten Pflaster der Straße mit dem Fuße zu berühren. Um die Schulter blickte ich zurück und lange noch klang mir der Hammer des Meisters Schmied in das Ohr. – Zu Hause fand ich die blauen Hefte, welche mir der kranke Tertius zugesandt hatte, voll lateinischer Schnitzer über die schöne Lehre vom Accusativ cum Infinitivo und vom Ablativ absolutus . Da hatt' ich mit roter Tinte auszumerzen für den anderen Morgen! Meine eigene Jugendzeit kam mir damit wieder ins Gedächtnis und mancherlei verwob sich in die mechanische Arbeit, von der Geburt bis zum heutigen Gang in die Berge, so daß ich erst spät das Bett aufsuchen konnte, und es mir ordentlich ein Kummer war, als der blaue Berg der Exercitienbücher vor mir ein Ende nahm. In der Nacht soll noch ein Gewitter gekommen sein; ich weiß aber nicht das Mindeste davon. Ich habe geträumt von Dir, Sever. Du hattest die beiden sanften Augen, von denen ich Dir im Anfang dieser Epistel rede, gefunden, und sie gaben einen hellen Glanz und ein weißes Gewand glitt durch einen dunkelgrünen Wald voll Mondenschein. Aus dem Gebüsch und den Buchenhallen wurde eine Hochzeitskirche, die sich aber plötzlich mit dem Feuerschein aus der Schmiede am Thore füllte. Ich hörte den Hammer und sah die Funken springen vom Ambos. Der Schatten, den ich in der Thür des Meisters Schmied gesehen hatte, bewegte sich in dem roten Lichte langsam hin und her; aber nun löste sich alles in Vergessenheit und ich erwachte erst, als die Sonne hoch am Himmel stand, und das gewohnte Klopfen an der Thür mich in das Leben zurückrief. Nun will ich schließen; blicke aber noch einmal auf den Anfang meines Briefes zurück. O Sever, das Gezücht der Schmarotzerpflanzen, das Gezücht der giftigen Pilze, der Fliegenschwämme, der Saugschwämme, der Herrenpilze, der Speitäublinge, der Judasohren, der Bovisten, der Phalli impudici wächst nicht auf dem umgestürzten Stamm der deutschen Eiche – nein, nein, nein, die deutsche Eiche steht noch aufrecht, und wird noch durch die Jahrtausende in Herrlichkeit und Pracht grünen und blühen und alle Völker unter ihrem Schatten versammeln. Was kümmert Dich das armselige Schwammgeschlecht am Fuße des Baumes Gottes? Sei mir gegrüßt, Sever, und lebe wohl! F. Vierter Brief. Sachsenhagen, am 15. Juli 1816. In meinem letzten Schreiben meldete ich Dir, Sever, von einem Lichtschein, welcher aus der Thür einer Schmiede in eine dunkle Sommernacht hinausfiel. Nun bin ich eingetreten in diesen Lichtschein wie in einen Zauberkreis, und habe erfahren, wie nahe vor der Nase uns doch das »mondbeglänzte« Zauberland der Romantik liegt. Ich stehe und werfe in unbekannte weite Welten verwunderte irrende Blicke, – ich kann nicht heraus aus dem Zauberkreis, und – Doch Du fluchst und pfeifst ja auf die Romantik, so will ich Dir denn ganz prosaisch erzählen, wie ich in die schwarze, rußige Werkstatt hinein geraten bin, und was ich darin gesehen habe. Bei großer Schwüle, nach einem bösen Schulnachmittag, war ich matt, langsam fortgeschlichen, dem nahen Dorfe Lindenhof zu, wo ein gutes Wirtshaus ist – »Zum wilden Jäger« – ein Schild, das mir höchlichst gefällt, wie das Getränk, welches man unter diesem Schilde schenkt. Die Honoratioren meines Städtleins pflegen allhier zu kegeln, und immer trifft man an diesem Orte eine Gesellschaft von Bauern, Bürgern und Beamten, die sich hier nicht so streng voneinander ihren Ständen nach scheiden, wie an anderen Vergnügungsorten der Stadt und der Umgegend. Nun blickten die Bauern an diesem Nachmittage oftmals bedenklich nach dem Himmel, und die anwesenden Forstleute waren auch alle der Meinung, es möge am Abend wohl noch ein tüchtiges Wetter geben. Ich hatte durchaus keine Lust, in dem wilden Jäger festzuregnen, trank daher meinen Krug aus und machte mich auf den Heimweg. Aber das Wetter war schneller als ich, und hatte ich langsam, schneckenartig schleichend, die Stadt verlassen, so kam ich jetzt im vollen Galopp bei ihren ersten Häusern wieder an, atemlos und keuchend. Hinter mir blitzte und donnerte es tüchtig, und die großen, warmen Tropfen schlugen klatschend hernieder. Es war mit einem Male dunkle Nacht geworden, und ich sah ein, daß ich nur vollständig durchnäßt meine Wohnung erreichen würde. So sprang ich denn kurzweg in den Lichtschein der Schmiede unter dem Vordach der Thür und war gerettet. »Nur herein! geschwind herein, Herr Kollaborator,« rief mir eine fröhliche, rauhe Stimme zu, und wie in ein hübsches Märchen trat ich in den schwarzen feuerglühenden Raum. Der hämmernde Meister Bart durfte das Eisen nicht erkalten lassen und nickte mir blos grüßend zu; aber sein Bruder, der Leutnant Bart, hob sich von einer niederen schwarzen Bank, nahm die kurze Pfeife aus dem Munde und bot mir lachend die Rechte. »Das nenne ich aber gerettet sein, Kamerad! Hurra, solch ein Wetter – und wie Ihr auf den Füßen seid!« Ich schüttelte die dargebotene Rechte. Der Lehrjunge glotzte vom Blasebalg grinsend herüber, und eine zierliche Gestalt, anmutig umstrahlt von der roten Glut des Schmiedefeuers, glitt aus dem Schatten hervor und schob mir, sich neigend, einen dreibeinigen Schemel hin. »Mein Pflegetöchterlein, die Annie!« sagte der Leutnant, den weißen Schnauzbart streichelnd. »Ein Beutestück aus Spanien!« setzte er hinzu, und scheu wie im Innersten über die Nennung ihres Namens erschrocken, trat die zierliche Gestalt in das Dunkel zurück, ohne den ganzen Abend hindurch wieder zum Vorschein zu kommen. Nur von Zeit zu Zeit zuckte, beim Aufleuchten des Herdfeuers unter dem Hauch des Blasebalges, ein roter Schein in das Winkelchen und enthüllte blitzartig für einen Augenblick das holde Geheimnis, das allersüßeste Gesicht, welches sich da im Schatten verbarg. – Draußen rollte und prasselte und rauschte es, als ob die Sündflut wieder einmal vor der Thür sei; Blitz folgte auf Blitz, Donner auf Donner. Das fertige Hufeisen des Meisters fuhr zischend in den Kühleimer, der Hammer wurde an den Ambos gelehnt, und lahm wie Vulkan oder Wieland hinkte der Schmied heran und bot mir nun ebenfalls die harte, schwarze Hand zum Gruß. – »Also nur solch ein Donnerwetter kann Sie zu uns hineintreiben, Herr Kollaborator?« sagte er. »Da mein Bruder, der Leutnant von der Legion, hat schon scharf ausgeschaut nach dem Kameraden, Herr Schulmeister, da Sie ja auch mit aus gewesen sind in den heiligen Krieg. Nehmt's nicht übel, aber wir meinten anfangs, Ihr trüget die Nase ein wenig hoch, von wegen allzugroßer Gelehrsamkeit, haben aber bald herausgekriegt, daß dem nicht so ist, sondern daß Ihr nur gern in den blauen Himmel guckt oder nach den Schwalben. Na, Gott grüße das Ungewitter, das Sie endlich in unsere Thür eingejagt hat, Herr Schulmeister.« – Somit war ich nun eingeführt in die Schmiede und binnen kurzem ganz heimisch darin, wie ich es leicht da werde, wo es solche Gesichter giebt, wie die des Meisters, des Leutnants und – des scheuen Mädchens. – O wer das Ännchen doch wieder hätte hervorlocken können aus dem Dunkel! Seit das Hufeisen fertig geworden war, war auch das Schmiedefeuer erloschen, das Eckchen, in welchem sich das liebliche Gesichtchen verbarg, lag in tiefster Finsternis. Mehr als einmal sprach ich zu dem Eckchen herüber; aber ohne eine Antwort zu erhalten. Wenn ich so that, schüttelte der Schmied den Kopf, und der Leutnant sah ganz wehmütig darein, und endlich flüsterte auch der letztere: »Gebt Euch keine Mühe, Kamerad, das arme Kind wird nicht antworten; laßt sie im Schatten, die Arme.« Im jähen Schreck fragte ich: »Ist sie stumm?« »O nein,« seufzte der Leutnant und blies dichtere Rauchwolken aus der kurzen Pfeife, auf deren Kopf der Herzog von Wellington abgemalt war. »Sie ist nicht stumm; aber – aber – ach Kamerad, ich will Euch später einmal das Nähere darüber erzählen, 's ist eine traurige Geschichte. 's ist schon ein hohes Wunder, daß Euch die Annie den Sessel reichte – Gott segne Euern Eintritt in dieses Haus, Kamerad.« Ich hätte mich mit solchen unbestimmten Worten, die mir so schwer, so seltsam auf das Herz fielen, gewiß nicht beschieden, wenn nicht ein neuer vor dem Regen Schutzsuchender im Trabe vor der Thür angelangt wäre. Es war ein junger Gesell im blauen Wanderkittel, mit Knotenstock, Wachstuchhaut und schwerem Ränzel. Er trat viel kecker ein als ich, blickte mit zwei Blitzaugen um sich herum, fand gleich den Meister in der Dämmerung heraus und that frei den Mund auf, bei Donner, Blitz und Wolkenbruch, das löbliche Handwerk zu begrüßen: »Guten Tag, Glück herein, Gott ehre das Handwerk! Meister, ich wollt' angesprochen haben von wegen des Handwerks, ob Ihr mich und meinen Bündel wollt beherbergen, daß ich mit Gott und Ehren kann weiter kommen?« Der Meister bedachte sich gar nicht, sondern sprach: »Willkommen, Schmied, leg' ab!« Und der Gesell trug nach den Lehren der »Vorsage« sein Ränzel nicht in die Stube, sondern legte es unter die Hammerbank, denn: »verliert der Herr Vater seine Hämmer nicht, so wirst Du Deinen Bündel auch nicht verlieren.« Darauf wischte er sich den Schweiß von der Stirn und grüßte nun auch uns andere sittsam und höflich. Er sah recht dabei aus, wie es im Gruß der Schmiedegesellen heißt von dem Fremden: »Hast einen feinen meisterlichen Bart, Eine feine meisterliche Art, Eine feine meisterliche Gestalt, Du bist weder zu jung noch zu alt.« Der Meister Bart hielt streng auf die alten Gebräuche, und ein jeglicher von uns anderen schwieg still und lauschte, wie das Gespräch zwischen den beiden Handwerksgenossen in uralter Form, in Reimen und in ungebundener Rede – Frage und Antwort – sich weiter spann. Wir anderen erfuhren dabei doch, was uns zu wissen nötig war; – nämlich, daß der junge Gesell Otto Hennig heiße, daß er aus der alten Stadt Braunschweig und ein Meistersohn sei, daß er gern Arbeit nehmen wolle hier am Ort, wenn solche zu haben sei, – und so weiter. Und der Meister Bart, welchem sein Gesell in vergangener Woche abgegangen war, und welchem die Arbeit schwer auf den Armen lag, war froh genug, den schwarzen Lockenkopf, der ihm da eben in die Thür schaute, zu fassen. Das Feuer war unter der Zeit wieder aufgewacht, und ein neues glühendes Eisen kam auf den Ambos. Allerorts stellt sich das deutsche Volk wieder bei seiner gewohnten Arbeit ein. Der Hennig trat sogleich dazu, faßte einen Hammer und schlug zum Zeichen, daß er ein rechter Schmied, ein- oder zweimal mit. Dann aber wurde Feierabend gemacht. Das Wetter hatte sich allgemach verzogen; aber es regnete noch immer tüchtig. Der Meister Bart schickte den Lehrjungen nach einem Trunk aus und wollte durchaus nichts davon wissen, daß ich mich jetzt entferne. Gern blieb ich noch sitzen bei den wackern Leuten; während der neue Gesell nähere Kundschaft von sich und der Heimat gab. Er war unter den schwarzen Jägern seines tapfern Herzogs Wilhelm ebenfalls mit in dem heiligen Kriege gewesen, bei Quatrebras und bei Waterloo. Nun erzählte er, wie die echten Welfen so gern fielen auf dem Schlachtfelde. Der Leutnant on half pay Bart, welcher das Haus Hannover auf dem englischen Königsthron kennen gelernt hatte, fluchte und brummte ein wenig in den Bart zu dieser Anmerkung des neuen Hausgenossen, so, daß dieser wiederholte und ausdrücklich vormerkte, er spreche nur von den echten Welfen. – Dann fuhr er fort in seinem Bericht und erzählte, wie er mit unter den Reitern gewesen sei, welche die stolze Leiche des wilden, schwarzen, treuen Herzogs heimgeführt hätten in die alte Niedersachsenstadt Braunschweig, wo im Dom zu Sankt Blasius seit tausend Jahren fast die Männer ruhen, welche das Roß des Wittekind in Schild und Banner führen. So erzählte der Handwerksgesell: »Über Antwerpen, Herzogenbusch, Grave, Cleve, Münster, Osnabrück und Hannover ritten wir in Trauer und Schmerz, die blanken Säbel in der Faust, vor und hinter dem Leichenwagen. Und in der Nacht des zweiundzwanzigsten Junius im vergangenen Jahre kamen wir um ein Uhr vor dem Petrithore an. Da war ein großes Menschengesumm in der Finsternis und alle Glocken von allen Türmen in der Stadt läuteten zur Trauer; über alle aber klagte die große Betglocke vom Dom. Da spannten nun die Bürger die Pferde von dem Leichenwagen und zogen ihn selbst in allertiefster Stille in das Thor und durch die Gassen bis vor das Schloß. Da hörte man keinen Laut außer dem Schluchzen von Männern und Weibern, und dem Hufschlag der Pferde und dem Klirren der Waffen. Es war das ganze Volk in den Straßen und die Nacht war ganz dunkel, – kein Stern und kein Mond schien vom Himmel, und ein jeder, der dazu kommen konnte, hielt die Hand an den Sarg des Fürsten.« »Es hat sich ja wohl mancherlei mit Ahnungen und solchen Dingen ereignet im Schloß zu Braunschweig, ehe der Herzog auszog?« fragte der Schmied. »Man sagt so,« antwortete Otto Hennig. »Der Herzog hat oft genug bei nächtlicher Arbeit ein Klopfen an den Thüren gehört, und wenn er ging zu öffnen, ist nimmer wer dagewesen. Das war vor seines Vaters Tode auch so.« »Ja, ja, und ich hab' auch gehört, in der Nacht, als man den toten Herzog in der Gruft zu Sankt Blasien beigesetzt hat, hat man eine weiße Gestalt verhüllt sitzen sehen am Kopfende des Sarges. Ist dem so?« »Man sagt so, Meister; aber niemand weiß, wie es darum ist.« »Haltet das Maul,« rief der Leutnant. »Der Herzog Wilhelm von Braunschweig war ein wackerer Held und Mann, was wird sich der mit Geistern und Gespenstern abgeben. Der hatte wahrhaftig keine Zeit dazu ...« Er brach ab, die Anna stand plötzlich mitten unter uns und legte dem alten Legionär die Hand auf die Schulter, zitternd am ganzen Körper. »O Vater, was sagst Du?« rief sie mit dem Ausdruck der höchsten Angst, der fieberhaftesten Erregung. »Du sagst, es seien nicht Geister, nicht revenants ? Voyez, voyez là là ! O Vater, was quälen sie denn die arme, arme Anna so, wenn sie nicht sind? Weshalb steigen sie überall um sie her empor aus dem Boden und winken und zeigen ihre Wunden? Malheur, malheur ! O Vater, Vater rette die arme Anna, la pauvre Anne , von den Geistern!« Das junge Mädchen stürzte schreiend zu Boden und barg das Gesicht im Schoße des Leutnants. Der junge Gesell und ich standen wortlos – im tiefsten Herzen erschüttert. Der Meister Schmied schüttelte finster den Kopf, der Leutnant hob das gute, milde, runzlige Gesicht zu uns empor, indem er die weichen blonden Locken des leise fortweinenden Kindes streichelte. »O verzeihet der Armen,« sagte er. Es kommt nicht oft, daß sie sich also gebärdet. Ein andermal will ich Euch mehr davon sagen, Kamerad.« Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Eine unnennbare Wehmut hatte sich meiner bemächtigt. Mit zarter Sorgfalt führte der Leutnant das junge Mädchen aus der Werkstatt fort. Mit stummem Händedruck nahm ich Abschied von dem Meister. »Besucht uns manchmal, Herr Kollaborator,« sagte dieser. »Es läßt sich eigentlich gar nicht sagen und erklären, wie es um die Anne ist. Solches Wesen muß man selbst einsehen und in Erfahrung nehmen!« Der Regen hatte vollständig aufgehört. Eine köstliche Frische war an die Stelle der erdrückenden Schwüle des Tages getreten. Die nahen Berge und Wälder sandten ihren erfrischenden Hauch über das Städtlein Sachsenhagen hin. Die Sterne flimmerten – aber der Mond blieb verborgen. Die Kinder wagten sich wieder hervor aus den Häusern und patschten barfüßig in den Wasserlachen der Gassen und die Alten erschienen ebenfalls in den Hausthüren, die Kühle einzuatmen. Noch lange saß ich auf meiner Stube im Finstern und horchte dem melodischen Nachtröpfeln der Kastanienbäume und der Linden und dem Gesang der Nachtigall vor meinem Fenster. Dazwischen glaubte ich immer noch den Hammerklang der Schmiede zu vernehmen. Immer wieder leuchtete, von roter Glut umstrahlt, das liebliche Gesicht des armen Ännchens in mir auf. Ich hörte den wilden Schrei des Mädchens, und die Nachtigall klagte, und der Mond stieg empor – – – – – – – Lebe wohl, Sever! Fritz. Fünfter Brief. Sachsenhagen, am 29. Juli 1816. Ich kann Deinen Brief nicht erwarten, Freund. Das Herz ist mir allzu voll. Voll zum Zerspringen. Ich muß Dir schreiben, – o könnte ich auch zu Dir sprechen! Nun wirst Du nicht einen Brief, nein, vollständiges Manuskript wirst Du erhalten. Wappne Dich also mit Geduld, armer Severus. Gestern trat ich wieder in die Schmiede. Dies Mal nicht bei Regen, Donner und Blitz, sondern an einem der heißesten Nachmittage dieses heißen Heumonds. Die Luft zitterte draußen ordentlich; aber Feuer vertreibt ja Feuer, und so war's in der dunkeln Schmiede, neben dem sprühenden Herde, viel kühler, als man sich vorstellen sollte. Lustig klangen die Hämmer des Meisters und des Braunschweigers im Takt und ruhten nur einen kurzen Augenblick bei meinem Eintritt. Der Leutnant saß an seinem gewohnten Platze auf der Bank an der Thür, von wo aus er die Straße mit dem Auge beherrschte. Freundlich lächelnd rückte er zu und machte mir Platz neben sich, nachdem ich mir für meine Pfeife eine Kohle von dem Schmiedefeuer geholt hatte. »Heiß, heiß!« sagte der Leutnant. »Heißes Wetter; aber man ist's ja gewohnt.« Damit strich er über die trockene, verbrannte, verschrumpfelte Haut seines Gesichtes. Er trug seine Festtagsuniform und seine Medaillen, und als er merkte, das ich ihn darauf ansah, sagte er: »'s ist heute ein Feiertag für mich. Wir schreiben heute den 28. Juli, heut' vor sieben Jahren stand ich mit der Legion im Sonnenfeuer des spanischen Himmels und im Erdenfeuer der Franzosen bei Talavera de la Reyna.« Ich grüßte militärisch als alter Soldat, indem ich zwei Finger an die Stirn hob. »Ja, Kamerad,« fuhr der Leutnant fort, »nach der Hitze, die ich an jenem Tage ausgestanden habe, kommt mir alles, was ich nachher an Glut erlebe, nur als Kühlung vor. Das war ein Vorgeschmack der Hölle. Vom Morgen bis zum Abend Gewehrfeuer und Geschützfeuer fort und fort, – Getreidefelder, Bäume, Büsche in hellem Brande; im hellen Brande die Sonne, daß Säbelklingen und Scheiden, daß Flinten- und Pistolen-Läufe und -Schlösser, bei der Berührung, Brandblasen an Euren Fingern hervorbringen! Und durch die brennenden Felder, Wälder und Büsche Kavallerie- und Infanterieangriffe, – Franzosen, Spanier, Engländer, Deutsche ineinander verbissen – – wo ist die Annie, Hans?« »Sie sitzt hinten im Garten, in der Sonne,« sagte der Lehrbube. »Armes Kind!« murmelte der alte Soldat. »Sie fürchtet auch die deutsche Sonne nicht.«– – – – – – – – – – – – Welch Gesindel dringt heut Abend mit dem Mondenschein in meine Stube und sucht mich zu stören beim Schreiben! Da sind täppische, tölpische, dickleibige, summende, brummende Gesellen, da sind zierliche singende Jungfräulein, in durchsichtigen leichtsinnigen Gewändern, welche sie sich mit aller Gewalt an der Flamme meiner Lampe verbrennen wollen. Welch' eine holde, kühle, duftige Nacht! Und nun hab' Dir, mein Sever, in dieser Mondscheinnacht zu erzählen, wie der Leutnant Bart das Ännchen aus soviel Blut und Feuer, Tod und Verwüstung errettete. Wie er es forttrug in seinem Soldatenmantel, vom Schlachtfelde Talavera de la Reyna. Und in dieser kühlen, ruhigen, klaren Mondscheinnacht entgeht meiner Seele nichts, was jenes glühende, versengte, zerstampfte und zertretene Spanien charakterisiert. Ich sehe vor mir die steinigen, baum- und wasserlosen Hochebenen sich breiten. Die Hütten liegen verbrannt, als schwarze rauchende Trümmerhaufen da. Die Brunnen sind durch hineingestürzte Leichen geschändet und vergiftet; – ein Trunk aus ihnen ist sicherer Tod. Nirgends ein erquickender Ruhepunkt für das schmerzende, brennende Auge. Fort und fort singen die Cikaden, sinnverwirrend zur Seite des Weges, welchen das Heer, in Staubwolken gehüllt, zieht. Fast unmöglich ist das Atemholen. O welch' ein Marsch für die nordischen Männer, die Kämpfer aus England und den schottischen Hochlanden, die Männer der deutschen Legion. Welch' ein Zug! Reiterei, Fußvolk und Geschütz; – kreischende portugiesische Ochsenkarren mit Verwundeten, Maroden, Weibern, Kindern und Bagage! Gefangene Franzosen, liederlich dem Heer folgende Nonnen aus den zerstörten verwüsteten Klöstern, halbnackte Bauern, Guerillas – Leichen über Leichen in den Gräbern der Landstraße. »Was für ein Gebäude dort zur Seite?« »San Juste, Sennor!« antwortet der Ochsentreiber, und das ausgetrocknete entzündete Auge des Reiters schließt sich wieder. Wer hat noch die Geistesklarheit, der welthistorischen Stelle, des Kaisers Karl des Fünften zu gedenken? Fort und fort, fort und fort wie im Fiebertraum schwankt der Zug. Das ziehende Heer verliert in der höllischen Glut fast vollständig jedes Bewußtsein von sich selbst. Unter den Tausenden ist nicht einer, der nicht mechanisch einen Fuß vor den andern setzt; ist nicht einer, der nicht gleich einer toten Last auf dem keuchenden Gaul hängt. Die Abspannung ist so groß geworden, daß der Mensch zu einer Maschine ward, die einem ihr gleichgültigen Gesetze zufolge in Bewegung ist. Tagelang, wochenlang immer weiter, immer weiter! Manchmal kracht und knattert es beim Vortrab – was kümmert das das Heer? Es trifft einige Leichen mehr auf seinem Wege und schleppt sich darüber weg – o diese Sonne! diese schreckliche Sonne! Endlich am 16. Juli 1809 sieht man zum erstenmal wieder Bäume, deren Laub nicht verdorrt ist, hohe Eichen und Buchen folgen einem Wasserlaufe. Ein Fluß kriecht durch die Gegend, und wie das Heer Alexanders gegen den Kydnus, so stürzt das Heer des General Wellesley gegen den Xerte – wahnsinnig – wie rasend! Man schöpft das lauwarme Wasser, zu trinken, die Augen, die Hände, das Gesicht zu kühlen! man stürzt sich ganz hinein – wie toll heben sich die Rosse; wie toll brüllen die Ochsen. – Wasser! Wasser! Wasser! Was naht da für ein Kavalkade im wilden Galopp? der General ist's, Wellesley ist's! Boten sind gekommen an den Oberfeldherrn. Joseph Bonaparte mit der Garnison von Madrid, den Garden und dem Corps des General Sebastiani, fünfundzwanzigtausend Mann stark, droht sich mit dem Marschall Victor zu vereinigen, welcher mit fünfunddreißigtausend Mann bei Talavera steht. Vorwärts, vorwärts! Wo bleibt Cuesta? Cuesta mit seinen fünfunddreißigtausend Spaniern? Vorwärts, vorwärts! Berge steigen empor: – Schneeberge über den Wolken. Das ist die Sierra Estrella. O welche Wonne ist der Marsch im Schatten der Wälder, der Felsen! Wie atmet das Heer auf unter dem kühlenden Winde, der ihm das Gesicht fächelt. Vorwärts, vorwärts! Wieder hinaus in die Ebene, die schreckliche glühende Ebene. »Welcher Ort dort?« »Oropesa, Sennor?« »Was für eine Straße dort?« »Nach Madrid, Sennor?« »Was dort? Jene Türme?!« »Talavera de la Reyna!« Wiederum Gewehrfeuer an der Spitze des Heeres. Die Vorhut ist auf den Nachtrab Victors gestoßen. Unabsehbar, erfüllt von Staubwolken dehnt sich die Ebene. Wenn sich von Zeit zu Zeit der Schleier lichtet, sieht man im englischen Heere, seitwärts dunkle Massen sich bewegen. Adjutanten des Oberfeldherrn sprengen im wildesten Galopp vorüber. »Was giebt es dort zur Seite, Sir?« fragte der Leutnant Bart von der Legion. »Cuesta! Die Spanier!« ruft's zurück, und schon ist der Reiter verschwunden. »Die Spanier, die Spanier! Cuesta! Cuesta!« geht's durch das englische Heer. » Huzza! Hussa! « » Viva Ynglaterra! viva Ynglaterra! « hallt's fünfunddreißigtausend-stimmig aus der Ferne, und aus noch weiterer Ferne. Vive l'empereur! Vive l'empereur! O diese Sonne! dieser Durst! Durst nach Wasser – nach Blut! Huzza, Hussa! Old England forever! Viva Ynglaterra! Viva l'empereur ! Nun Gewehr- und Kanonenfeuer vom 22. bis zum Abend des 27. Juli. Wie schwankt und wogt es hin und her über die Ebene; – und doch hat die Schlacht noch nicht begonnen. Am 23. Juli, einem Sonntag, geht eine günstige Gelegenheit zur Schlacht ungenutzt vorüber, weil der General Cuesta seine Mitwirkung für diesen heiligen Tag ablehnt, und Sir Arthur zu schwach ist, allein das Treffen zu wagen. Die Vereinigung Victors mit dem König Joseph und Sebastiani findet statt. Sechzigtausend Mann stehen die Franzosen ihren Gegnern gegenüber, am Abend des siebenundzwanzigsten Tages im Heumond 1809. – Die Einzelkämpfe zwischen beiden Heeren haben aufgehört. Die Armeen haben die Stellungen, in welchen sie morgen der Feind finden soll, eingenommen. »Morgen!« sagt sich jeder Einzelne. Die Sterne blicken sanft und milde von dem dunklen südlichen Himmel herab und spiegeln sich in den Waffen und in den Wellen der leise dahin murmelnden Alberche. Wachtfeuer an Wachtfeuer lodert auf; zu Tausenden glühen sie auf der weiten Ebene und an den Bergen. Jedes Heer vernimmt das Gesumme und dumpfe Getön des feindlichen Lagers. Da ist der Lagerplatz der deutschen Legion, das Lager der Heimatlosen, der »eilenden Mannen«. O hassend mögen die Engländer, grimmig hassend die Spanier und Portugiesen nach den französischen Feuern herüberblicken; der grimmigste, tödlichste Haß kocht doch in den Herzen dieser Deutschen! Die Engländer wissen, daß, während sie hier kämpfen und bluten, ihre Eltern, Weiber, Kinder, Bräute, Brüder und Schwestern in Sicherheit sich wiegen auf der schönen Heimatsinsel im Ocean. Die Spanier rächen ihr Vaterland unmittelbar, im Leben und Tod umfängt und hält sie die heilige Erde; einen stolzen Haß und Zorn tragen sie in der Brust! Aber diese Deutschen! ... O schaut auf diese Männer, – die Schar der Stolzen, Tapfern, Landfremden. Wehe, mit welchen Gefühlen schlagen sie hier auf der fremden Erde! In weiter, weiter Ferne stöhnt in Schmach und Schande, zertreten, verhöhnt, verspottet das Vaterland. Ihre Brüder wissen sie in den Reihen der Feinde; – wo diese Männer der Legion den Feind treffen wollen, mit dem Feinde treffen sie überall ihre Brüder. Schmach und Schande und siebenfältigen Fluch über jeden, der sich schuldig weiß, schuldig im geringsten an solchem Verderben, solchem Elend des Vaterlandes. Wohl schlagen an jedem Schlachtentage auf der Beiwacht der deutschen Legion die Herzen am zornigsten! – Die Pferde stehen die ganze Nacht hindurch gesattelt. In ihre Mäntel gehüllt liegen die Männer auf dem nackten Boden, oder sitzen um die erlöschenden Kohlen. Wer könnte schlafen mit solchem Haß im Herzen? Im Lager der Franzosen kann man singen, – schnarchen im Lager von Alt-England, – würfeln und beten im Lager der Spanier; – tiefes Schweigen herrscht bei den Deutschen, nach den Sternen blicken die eisernen, finsteren Männer, die langsam schleichenden Stunden zählend: »Wann kommt der Morgen, der blutige Morgen der Rache?« – Tröstet euch, ihr deutschen Männer, der Morgen kommt schon und mit ihm die große Schlacht. Jetzt die Schlacht bei Talavera de la Reyna, später die Leipziger Schlacht und einst, einst – die Schlacht auf dem Walserfelde, wo der eine und ungeteilte Heerschild am blühenden Birnbaum hängt, und ein Purpurmantel feil ist um einen Zwillichkittel und ein gutes Schwert. Da kommt das Frührot, – die Morgendämmerung des 28. Juli 1809; mit ihr bricht das Treffen los. Um acht Uhr Angriff auf der ganzen Linie. Um elf Uhr sucht der Feind die Spanier vom Tajo abzudrängen und so die Schlachtordnung vom rechten Flügel her aufzurollen. Als der Anlauf mißlingt, tritt eine Pause von zwei Stunden ein. Atemlos, keuchend sinken beide Heere nieder auf glühendheißem Boden, erschöpft von der blutigen Arbeit und niedergedrückt durch die spanische Sonne. Um zwei Uhr neuer Angriff der Franzosen auf dem linken Flügel, wo die deutsche Legion steht; – gleich darauf Angriff auf das Centrum, wo General Campbell den Feind zurückwirft. – Schneller als im Norden bricht die Nacht im Süden herein, in der kurzen Abenddämmerung donnert der letzte, aber auch wildeste Sturm der Franzosen gegen den linken Flügel heran. Da bedecken sich die Bataillone der deutschen Legion und die englischen Garden mit ewigem Ruhm. Wieder und wieder treiben sie den Feind mit dem Bajonett zurück, bis die Nacht dem Kampfe ein Ende macht. Die Schlacht ist entschieden. In der Dunkelheit ziehen sich die Franzosen über die Alberche zurück. »Ja, Herr Kamerad,« sagte der Leutnant, »und in dieser Nacht habe ich von dem Schlachtfelde bei Talavera die Annie aufgelesen, ein zwölfjährig Mägdelein. 's war auch meine einzige Beute. Zwischen den tausend und abertausend Toten und Verwundeten aus allen Völkern von Europa, den toten Tieren, den Waffen, umgestürzten Karren, Kanonen und Pulverwagen fand ich sie auf dem schwarz gesengten Boden am Ufer der Alberche, als ich eine Vedette dort aufstellte. Sie lag ohne Besinnung, doch leise wimmernd. In abgerissenen, deutschen und französischen Worten rief sie Namen, die ich nicht verstand, und die sie leider nachher vollständig vergessen hat, indem ihr der erlebte Schrecken der Schlacht alles Gedächtnis genommen hatte. Denk' ich mir, sie war ein westfälisch Soldatenkind; – beim Übergang über die Alberche war es der französischen Armee und den Eltern abhanden gekommen. Vielleicht waren auch die Eltern an diesem Tage getötet – so hab ich das arme Würmlein denn aufgehoben und es mit mir genommen zum Lagerplatz der Legion, so ist's mein liebes Töchterlein geworden, hat an den Frauen der Legion guten Schutz gefunden und mit letzteren jedes Geschick geteilt. Vor Ciudad Rodrigo und Almeida hat es mit gelegen, die Schlacht bei Busaco hat's aus der Ferne mit angesehen. Am 18. Juli 1811 ist's mit nach England geschifft und von da am 28. Dezember nach Malta. Auf der Insel Sizilien hat es mit mir drei Jahre lang gestanden. Am 20. April in diesem Jahre Eintausendachthundertundsechzehn sind wir mitsammen im befreiten Vaterland wieder angekommen! ... Nun lernet sie selbst kennen, Kamerad und Schulmeister, lernet sie kennen in ihrer Holdseligkeit und ihrem Unglück. Ihr habt's wohl schon gemerkt, wie krank ihr Geist ist, – o könnt' ich sie heilen durch das Vergießen meines Herzblutes, wie gern wollt' ich es für sie hingeben. Aber sie hat zuviel Blut und Grauen gesehen, das hat ihre süße Seele krank gemacht. Alles hat sie vergessen, was vor der Schlacht bei Talavera ihr begegnet; sie weiß nicht mehr von ihrem Vater noch von ihrer Mutter; sie hat ihren Namen vergessen im Grauen der Schlacht; hinge ihr die grausame Angst nicht an, man könnte sagen, sie sei erst am 28. Juli 1809 geboren worden. Nur die Stille könnte sie heilen, haben die Doktoren und Feldscherer gesagt, und die Stille soll sie haben, im Walde will sie sich verbergen, daß sie da einschlafe und einmal erwache und ihr Leben für einen bösen Traum halte. Meint Ihr nicht auch, Kollaborator, daß Gott ihr solchen tiefen Schlaf bescheren wird, daß Gott sein liebliches Werk nicht im blutigen Grauen untergehen lassen wird?« Ich ergriff mit Thränen in den Augen beide Hände des Alten. Kein Wörtlein vermochte ich zu sprechen. Das also war die Geschichte des armen, schönen Ännchens. Ich hätte in Wehmut vergehen mögen und stürzte fort aus der Schmiede, selbst den Wald aufzusuchen. Da warf ich mich in der Einsamkeit, während die Abendsonne die Baumwipfel vergoldete, nieder auf den Boden, aufs Gesicht. Was heilt das Ännchen? was heilt und tröstet das arme, arme Ännchen? Da schlug ein Fink im Gebüsch, und ich hob das Gesicht wieder aus den Händen und schaute um mich. Nie, nie in meinem ganzen Leben hatte ich die Lieblichkeit und den Frieden der Natur auf solche Weise empfunden. Und dumpf hörte ich in den Finkenschlag hinein, wie aus weiter, weiter Ferne, den Donner aller Schlachten des Jahrhunderts. Ich war wie im Traum. Es war mir, als wälzten, draußen vor dem Walde, immer noch die Völker sich durch Blut und Flammen, im wilden Vernichtungskampf. Da rollten alle längst verstummten Trommeln, da klangen alle längst verstummten Trompeten des Freiheitskampfes; im Strom der Hunderttausende zogen die Freunde draußen vor dem Walde gen Westen und ich blieb zurück. – Ich stand auf den Füßen, – da war aber auch die Phantasmagorie zu Ende; ich war mit dem Sever zweimal in Paris gewesen. Der Wald rauschte im Abendwind, purpurn lugte durch Zweige und Blätter der Himmel, der Fink schlug – – – – – – Was heilt das arme kranke Ännchen? Wenn Du es weißt, kluger Freund Sever, so melde es mir umgehend. Auch ich würde, wie der Leutnant Bart, mein Herzblut darum geben, wenn ich dem Findling vom Schlachtfelde bei Talavera de la Reyna damit helfen könnte. Ob »Waldeinsamkeit« sie wohl erlöst von ihrem schweren Lebenstraum? – – Sie hat blonde, ins Rötliche schimmernde Locken und Augen – darkblue and tender . Sie ist zierlich wie eine Elfe, und vielleicht achtzehn Jahre alt. Ob Waldeinsamkeit ihr zitterndes Herz wohl heilen wird? Der Mond hat seine Laufbahn durch meinen Gesichtskreis vollendet. Ich schließe mein Fenster den Käfern und Mücken; ich schließe meinen Brief; obgleich ich wohl noch lange nicht einschlafen werde. O Sever, Sever, was fangen wir mit der Anna an. Du bist ein so kluger und geschickter Arzt, sage mir, wie wir der Anna helfen können! Dein Fritz. Sechster Brief. Sachsenhagen, am 5. August 1816. Was spottest Du, Sever? Was sprichst Du von phantastischem Idealismus, welchen ich in das Leben tragen soll? Komm und schau dieses Herz und Sinn verwirrende Wesen an, und höre auf, über das Gefühl zu lachen, das unbeschreibliche Gefühl, welches sich für dieses Kind in mein Herz eingeschlichen hat. Ich schwöre Dir, Sever, nicht Liebe ist dieses Gefühl! Runzle nicht die Stirn, Sever, ziehe nicht die Brauen grimmig zusammen; ich werde Dir heute nichts von dem Ännchen schreiben und morgen – morgen geht sie davon – zieht sie in den Wald, in die Einsamkeit; dann – dann werde ich gar nichts mehr über sie zu schreiben haben. – Der Blasbalg schnob, die Hämmer des Meisters und des Braunschweigers klangen, die Funken spritzten vom Ambos, die Sonne strahlte heiß hernieder und der Leutnant Bart sagte: »Martin, kann der Bub' uns einen Trunk holen?« Der lahme Schmied nickte lachend, und der Junge eilte auf seinen klappernden Pantoffeln davon nach der Schenke, die nicht weit von der Schmiede ihren winkenden Arm mit dem Lindwurmzeichen in die Gasse hinausstreckt. Ich hatte den Bewohnern der Schmiede mancherlei aus meinem Leben erzählt und dann den Leutnant gefragt, auf welche Weise er unter die Engländer geraten sei. Der Leutnant hatte die Asche in seiner Pfeife niedergedrückt und vom Braunschweiger eine neue Kohle sich geben lassen. Dann hatte er seinem hämmernden Bruder zugelächelt und gesagt: »Was meinst Du, Martin, sollen wir dem Schulmeister einmal von der Familie Bart erzählen?« Und der Schmied hatte innegehalten mit Hämmern und genickt. »Nur zu, Wolfgang. Warum nicht, wenn's dem Herrn Spaß macht?!« Somit hatte der Leutnant den Lehrjungen fortgeschickt zum Lindwurm und seine Familienchronik im Geist aufgeschlagen: »Ja, es mag sein. So hört denn, Schulmeister, und auch Du, Braunschweiger, knöpfe die Ohren auf, es mag für Euch vielleicht eine gute Lehre darin liegen. Solche alte Geschichten, über welche lange Gras gewachsen ist, haben oft eine vortreffliche Moral für junges Volk im Nachtrab. Glaubt Ihr wohl, daß ich und der Martin dort vor Zeiten einmal recht brüderliche Todfeinde gewesen sind, und daß wir um ein Haar die Geschichte von Kain und Abel von neuem aufgeführt hätten?« »Na, na!« brummte der Meister Schmied und zog die Achseln in die Höhe; aber der Leutnant ließ sich nicht stören und fuhr fort: »Die Bart sind Schmiede gewesen und haben auf dieser Stelle gehämmert seit undenklichen Zeiten. Dreimal ist ihnen das Dach über den Köpfen weggebrannt. Das erstemal im dreißigjährigen Kriege, durch die Schweden, – das zweitemal durch den eigenen Landesherrn im Jahre 1686, als Gottfried Andreas Bart der Durchlaucht den Günstling erschoß, welcher dem Schmied die Braut verführen wollte. Zum drittenmal ist dieses Haus in Feuer aufgegangen im siebenjährigen Krieg durch die Kaiserlichen: aber jedesmal ist ein Eisenkopf vorhanden gewesen, welcher es wieder aufgerichtet, und den Ambos und den Familienhammer aus dem Schutt wieder aufgewühlt hat. Zeig' den Männern den Hammer, Martin; 's ist ein Erbstück, worauf das adeligste Geschlecht stolz sein dürfte.« Der Schmied humpelte nach der Wand, wo in einem leeren Raum, inmitten des übrigen Werkzeuges, ein gewichtiger Hammer, wie an einer Ehrenstelle hing. Er hatte früher schon meine Aufmerksamkeit erregt. Leicht nahm ihn der Meister Martin herab und reichte ihn mir, mit beiden Händen mußte ich aber schnell zugreifen, damit er mir nicht auf den Fuß fiel. »Seht das Eisen an, es steht auch ein Reim darauf,« sagte der Meister und wir traten insgesamt vor die Thür. 1555. Alleweg trew, ohn Furcht und Schew Johannes Bart. stand auf dem Eisen eingegraben. »Das ist der erste Bart, von welchem man etwas weiß; er legte den ersten Grundstein auf dieser Stelle,« sagte der Schmied. »Nun erzähle weiter, Wolfgang.« »So hatte denn die Familie durch gute und böse Zeiten wacker sich durchgeschlagen,« sprach der Leutnant, »bis auf unsere Eltern, Christian und Christine Bart, welche zu der Zeit, wo meine und des Martin Historie, die ich Euch erzählen will, beginnt, schon hochbetagt waren. Mein Bruder ging dazumalen auf zwei graden Füßen einher, Kollaborator. Er ist zwei Jahre älter als ich. Na, wir waren ein Paar tolle Burschen damals und überall bei jedem Schwank voran; – nicht wahr, Martin?« Der schwarze Schmied schmunzelte und nickte zur Bestätigung. »Nun wohnte – dort in dem Hause,« fuhr der Leutnant fort, »in dem Hause da gegenüber, auf dessen Schwelle die bunte Katze in der Sonne liegt, eine Frau, deren Tochter das schönste Mädchen in der ganzen Stadt war. Wir beide Brüder Bart hatten das Hedchen aufwachsen sehen, erst mit ihr gespielt und dann uns in sie verliebt, worüber das Trauerspiel begann. Hedchen Lindner konnte keinen Gang von ihrer Mutter Schürze wegthun, ohne daß Einer von uns wegelagerte, und sie bemerkte das wohl, that aber, wie die Mädchen thun, als ob sie nichts merkte. Hei, Martin, da Du den Kranz gewonnen hast, so mag ich's jetzt wohl sagen. Hättest Du nicht mehr Mut gehabt als ich, hättest Du ihr nicht zuerst Dein Herze ausgeschüttet, ich hätt' sie auch wohl haben können.« »Holla, oha, brr!« machte lachend der Schmied. »Schwör nicht zu sehr darauf, Wolfgang.« Ernster setzte er hinzu: »Die gute Seele; sie war die Krone der Weiber – Gott segne ihr ihre Kirchhofsruhe!« »Amen!« sagte der Leutnant und seufzte, »die Krone der Weiber!« Die beiden Brüder schwiegen eine Weile, dann schüttelte sich der Soldat und rief: »Weiter im Texte. Der Martin und ich waren, bis das Kinderspiel sich in Liebe verwandelte, so gute Brüder gewesen, als es nur unter Gottes Sonne geben konnte; als uns aber die Augen auf solche Weise aufgegangen waren, da änderte sich das sehr, und die Mutter hatte genug zu schaffen, die Flammen zu dämpfen, welche immer wieder von Neuem zwischen uns aufschlagen wollten. Der Martin war der Stärkste von uns beiden, ich der Gelehrteste. Freilich war's nicht weit her mit meiner Gelehrsamkeit; ich wußte soviel als man damals brauchte, um ein guter Förster zu werden. Das Schießen verstand ich schon in jener Zeit recht gut, hab's aber nachher im Felde noch besser gelernt, und es weit genug darin gebracht. Der Martin ist auch immer der Ruhigere von uns zwei Brüdern gewesen –« »Oho!« rief der Schmied von seinem Ambos her. »Nicht immer, Wolfgang!« »Immer, Alter! Selbst wenn Du mir das Fell gerbtest, geschah das stets mit gemessener Ruhe und Bedachtsamkeit und Würde. Aber davon ist ja nicht die Rede, sondern von Hedwig Lindener und jenem Abend, an welchem das Gewitter ausbrach, und wir das Trauerspiel von den feindseligen Brüdern aufführten. Nachher hab' ich das Stück von Schiller gelesen, da ist mir ein Grauen angekommen, denn woran lag's, daß es auch mit dem Wolfgang und dem Martin nicht soweit kam, wie mit dem Manuel und Cäsar?« »'s ist schon eine alte Geschichte und spielt noch früher auch einmal, Leutnant,« sagte ich. »Damals hießen die zwei Brüder Eteokles und Polynikes!« »Ach so,« sagte der Leutnant. »Ja, es mag wohl noch öfter vorkommen, man hört nur nichts davon; so denkt auch immer jeder, sein Glück oder sein Unglück sei das allergrößeste und der liebe Gott nur damit beschäftigt. Hört also, wie es ging! Es war am 11. Juni 1769. Am folgenden Morgen sollte der Martin auf die Wanderschaft gehen, sein Ränzel war gepackt, der Weißdornstock aus der Hecke hinterm Garten geschnitten und mit einer tüchtigen eisernen Stachelzwinge versehen, die Mutter hatte schon wochenlang sich gehärmt über den bevorstehenden Abschied, und der Vater hatte hinter Brummen, Poltern und Hausdurchstöbern, seine Befangenheit zu verbergen gesucht. Was mich selbst anbetrifft, so muß ich leider gestehen, daß mir des Bruders Abzug am wenigsten zu Herzen ging; denn obgleich ich es für baumfest nahm, daß die Hedwig mir und nicht dem Martin gewogen sei, so war es mir darum doch ganz Recht, daß das Feld mir nun ganz allein bleiben sollte. Meine Gewissensbisse hatte ich dadurch ein wenig zur Ruhe gebracht, daß ich dem Martin eine silberne Kette an die Uhr auf dem Jahrmarkt gekauft hatte. Ich war ganz glücklich, und hatte mir fest vorgenommen, am anderen Tage, wenn der Martin über die Berge davon sei, dem Hedchen alles zu sagen, was ich für sie fühlte. – Es war ein schöner Abend, der Mond schien, die alte Mutter Lindener saß vor ihrer Thür in dem bleichen Licht; den Martin vermutete ich im Hinterstübchen bei unseren beiden Alten und wünschte ihm recht viel Geduld zu den guten Lehren und Ermahnungen, welche sie ihm noch – Männerrat und Weiberrat – mit auf die Wanderschaft geben mochten. Leise strich ich über die Gasse, trat ganz schüchtern und voll Respekt an der Hedwig Mutter heran und wünschte ihr einen guten Abend. Die Alte sah mich ziemlich scheel von der Seite an und murrte etwas, was ein Dank sein konnte, obgleich ich dessen durchaus nicht sicher war. Vergebens horcht' ich nach der Hedwig süßen Stimme im Haus, und endlich merkt' ich, sie war nicht daheim. So ließ ich denn die mürrische Schwiegermutter, schob die Hände in die Tasche, pfiff ein Liedchen zwischen den Zähnen und schlenderte im Mondenschein die Straße herab. – Unter dem Thorbogen stehen einige Dirnen und Buben und schwatzen, flüstern und singen. Es war recht die Zeit dazu. »So allein, Wolfgang?« fragte des Poggenmüller's Lischen. – »Wie Du siehst, Froschprinzessin!« sage ich. Weißt Du noch Martin, wir nannten sie Froschprinzessin, weil sie so kurz und dick und ihr Vater der Poggenmüller war? – Schnippisch sagte das Ding: »Könntest es auch besser haben, wenn Du weiter gingst, Wolfgang, Deiner Nase nach.« – »Wieso, Jungfer Liese?« frage ich. – »Wer allzuviel fragt, wird in die Irre geschickt, Wolfgang Bart, steige nur zu und halt Dich nicht auf.« – Nun lachten die Burschen und Mädchen und eine Stimme sang aus dem Haufen: »Wer kann denken, wie es schmerzet, Wenn ein Andrer mit ihr scherzet? Mit den Augen zielen, Mit den Lippen spielen, Ist mein Verdruß.« Und dann fiel der ganze Chor ein in das alte Lied von der verschmäheten Liebe: Jetzt hab' ich mir vorgenommen, Nimmermehr zu Dir zu kommen; Denn Du bist von Flandern, Liebst Einen um den Andern, Drum haß ich Dich. Ich ärgerte mich nicht wenig, aber da es nicht das Mindeste geholfen hätte, wenn ich es ihnen hätte merken lassen, so richtete ich mich so hoch als möglich auf und schritt stramm zwischen ihnen durch, hinauf den Berg, der von dem Thor an seinen Anfang nimmt. Der Ärger trieb mich, und der Mondenschein lockte mich, so daß ich bis zum Walde empor stieg. Ich habe den Wald immer sehr gern gehabt und wollte deshalb auch ein Jäger werden. So schlage ich mich denn durch das Gebüsch bis zum Laurenstein – Ihr seht die Ecke vom Fels dort über dem Hausdach; geht einmal hinauf, man hat eine hübsche Aussicht von dort auf die Stadt und man kann auch unser Schmiedefeuer von dort sehen.« Ich war schon oben gewesen und hatte herabgeblickt auf die Stadt und die Schmiede, und der Leutnant fuhr fort: »Wie ich so auf dem Waldwege gegen den Vorsprung des Gesteins zu schreite, höre ich plötzlich etwas wie ein Flüstern, stehe still und lausche, und im nächsten Augenblick überläuft es mich heiß und kalt: das ist ja der Martin! …« »Und er war's auch!« sagte der Schmied. »Dachtest wohl, Du hättest den schönen Sommerabend und den Mondenschein für Dich allein gepachtet? Hand vom Hammer, – andere Leute waren auch da!« »Leider waren sie da,« seufzte der Leutnant, die Haare des Hinterkopfes reibend. »Alle Teufel, fährt's mir durchs Herz, das ist ja auch die Hedwig! ... Und alles Blut schießt mir in das Herz, und alle Adern schlagen mir, und schwarz wird's mir vor den Augen. Die Hedwig Lindener hör' ich schluchzen, und der Martin, den ich im Hinterstübchen bei den Alten meine, der Martin sitzt bei dem Mädchen auf dem Laurenstein und tröstet es, und ich Narr stehe im Schatten hinter den Beiden und höre zu. Ich komme auch nicht eher wieder zur Besinnung, als bis da vor mir im Mondenschein die Rede auch auf mich kommt. Da bin ich mit einem Schrei zwischen den Beiden und halte den Martin an der Kehle und er packt mich auch – es graust mir noch heute, wenn ich daran denke.« »Mir auch, Wolfgang!« lachte der Schmied. »Gottsdonnerwetter, was hattest Du für einen Griff!«! »Und nun geht ein Ringen an,« rief der Leutnant, »ich weiß nicht mehr, was ich thue, wo ich bin, und was ich will. Das Hedchen schreit und wirft sich auf die Knie – ich und der Martin drängen uns immer mehr an den Rand der Klippe – bardauz, da tritt der eine fehl und nun schlagen wir alle beide über den Abhang und rollen die Klippe herunter, wohl dreißig Fuß und mehr. Die Hedwig stürzt händeringend und hilferufend den Berg hinunter zur Stadt. Uns beiden Brüdern sind die Sinne vergangen, und so liegen wir und halten uns noch immer umarmt. Als wir uns wieder besinnen, da ist es wohl jedem gewesen, als habe er schwer geträumt – wie man wohl von Mord und Totschlag und Turmabfallen träumt. Aber nein, – 's ist kein Traum gewesen, und jeder von uns zwei hat die bittersten Minuten seines Lebens gekostet, wie er so da liegt zwischen dem Gestein und Gestrüpp im Mondenschein. Ich fühle, wie das Blut mir über die Stirn rieselt und hoffe auf den Tod, denn ich mein' nicht anders, als der Martin habe sich den Hals abgestürzt. Und dann – schluchzt es neben mir – heiliger Gott, wie hat mich das durchzuckt! ... Wolfgang! klingt es ganz leise neben mir. – Martin! rufe ich – bist Du tot, Martin? – Er seufzt kläglich, und ich seufze ebenso. – Das ist eine schöne Geschichte, – o Donnerwetter, Wolfgang, weißt Du's gewiß, daß wir hier unter dem Laurenstein liegen? – Der Hedwig wegen! sage ich – o Martin, Martin! – Dann schweigen wir alle beide und seufzen und stöhnen nur und dann –« »Dann haben wir uns versöhnt!« rief der Schmied »das war ja auch nur eine Kleinigkeit nach solchem Teufelsspuk!« »Ja, wir haben uns die Hände gereicht, und als das Volk mit Geschrei kam, uns aufzusuchen und uns in die Stadt hinabzutragen, da fanden sie mich freilich mit zerschlagenem Kopf und den Martin mit gebrochenem Fuß, aber sonst ganz einträchtiglich bei einander liegend. Und so oft ich die Geschichte erzähle – es kommt nicht oft – geben wir uns an dieser Stelle jedesmal die Hand. Da, schlag ein, Martin, alter Kerl! 's ist doch am besten gewesen, daß Du die Hedwig gekriegt hast und nicht ich, Friede sei ihrer Asche!« Der lahme Schmied schlug kräftig in die dargebotene Rechte des alten Soldaten und sagte: »Die arme Hedwig! Sie hat sich zuerst gar nicht zufrieden geben können und hat alle Schuld auf sich nehmen wollen an dem Unglück. Was konnte sie dazu, daß sie so hübsch und lieb und gut war? – Nun, Herr Kollaborator, mit dem Wandern wurde es nun nichts, ich mochte mein Ranzel nur wieder auspacken. Das Schlimmste ist aber noch zurück: wohl erzählte ich unseren beiden Alten eine hübsche Historie und setzte ihnen klar auseinander, auf welche Weise wir auf dem Laurenstein zum Fall gekommen seien. Sie schnüffelten aber herum, gute Freunde kamen dazu und so hatten sie bald das Rechte heraus. Da blieb dem armen Teufel von Wolfgang nichts übrig, als an meiner Stelle den Ranzen aufzunehmen und abzuziehen aus dem Vaterhaus. Der alte Bart verstand keinen Spaß, und wäre die Mutter nicht gewesen, der Wolfgang hätt' nicht einmal einen Segenswunsch mit auf die Wanderschaft bekommen. Wolfgangs Kopf heilte eher als mein Fuß, und brachte er mit Thränen die Hedwig selbst zu mir an mein Bett und ging davon in die weite Welt.« »Fiel den hessischen Werbern in die Hände und schwamm später auf den Schiffen der Engländer über das Weltmeer nach Amerika, damit der Kurfürst von Kassel sein Schloß Wilhelmshöhe bezahlen konnte,« fiel der Leutnant ein und fuhr fort: »Ja, ja Schulmeister, Euer Kollege, der Seume, hatte wohl recht, wenn er öfters ausrief: ›es stehet schlecht um die Kneipe im deutschen Reiche.‹« »Den Seume habt Ihr gekannt, Leutnant?« »Ja wohl; wir waren eine ganze Zeit lang Zeltbrüder; Schulmeister, das war ein echter Mann, das war ein echter Mensch! Der sah klar in die Zeiten und von des Vaterlandes kommender Schmach und drohendem Jammer hat er gesprochen in Flammenworten, ein Mann der Freiheit, der die Freiheit bekämpfen mußte, damit seinem Volke in seiner Person ein warnend Exemplum gegeben würde.« »Und jetzt schläft er, müde gemacht durch die große Ironie des Schicksals, auf dem Kirchhof zu Töplitz, und das hysterische, lendenlahme Gesindel schleicht und trippelt um sein Grab und flüstert sich diplomatisch Geheimnisse in das Ohr und fürchtet gar nicht, daß der Schläfer erwachen, lauschen und aus dem Grabe sich heben könne.« »So ist es, Kollaborator,« sagte der Leutnant. »Ich wundere mich oft genug über Gottes Langmut. Was hilft es auch, daß er von Zeit zu Zeit seine großen Stürme schickt, die Bäume in seinem Völkergarten zu rütteln und das Gewürm und Ungeziefer herabzuschütteln? Kaum hat sich der Sturm gesänftigt, so steigt all' das verderbliche, nagende Getier wieder am Stamm herauf, und das alte Wesen beginnt von neuem. Ich begreif' es nicht, Kollaborator und Kriegskamerad! Ich will auch nur meine Geschichte zu Ende bringen, ohne mir darüber den Kopf zu zerbrechen; ich ärgere mich doch zu sehr. – Als man uns in Amerika nicht mehr brauchen konnte, schickte man uns heim. Da bin ich in das hannoversche Heer eingetreten, hab' anfangs harte Friedensjahre durchgemacht als Unteroffizier, bis die Revolution das große Wasser gekreuzt hatte und in Frankreich angekommen war. Da zogen wir unter dem Feldmarschall von Freitag nach Holland; da war ich bei Famars, vor Valenciennes und bei Hondschoten und bei allen Victorien und Niederlagen bis zur Konvention von Sulingen, deren Urhebern man aufs Grab speien wird, solange noch ein Tropfen niedersächsisch Blut dem Volke von Norddeutschland durch die Adern rinnt. Da schickte der erste Konsul den General Mortier mit einem Haufen Lumpengesindel und dem Billet: ›Ich befehle Ihnen, das Land Hannover zu erobern.‹ Die adelige Regierung des Landes aber befahl dem Feldmarschall von Wallmoden-Gimborn ›alles zu vermeiden, was Ombrage und Aufsehen erregen könne‹ und ›den Truppen nicht zu gestatten zu feuern und nur im dringendsten Notfall das Bayonett mit Moderation zu gebrauchen.‹ Fluch, dreidoppelten Fluch den schamlosen Gesellen, die diese Worte dem deutschen Volke als Brandmal aufgedrückt haben! .... Da ward das tapferste Heer aufgelöst, und der Landschaftsdirektor von Lenthe und der Generalmajor von Wangenheim mußten vor unsrer Fronte erscheinen und ablesen: wenn die Truppen sich nicht verteidigten, sondern die Waffen niederlegten, Pferde und Kanonen abgäben, so wolle die Landschaft für ihren Unterhalt sorgen, wenn sie sich aber verteidigten und dadurch Unglück über das Land brächten oder unterlägen, so würden sie auch nichts vom Lande zu erwarten haben! Da zertrümmerten die Gemeinen ihre Gewehre, da zerbrachen die Offiziere ihre Degen. Mit Urlaubspässen auf ein Jahr ging ein jeder in seine Heimat zurück, und ich nach Sachsenhagen, wo ich von dem Martin, der Hedwig und der Kinderschaar in Liebe empfangen ward. Aber ich hielt's nicht lange in der Stille aus; im Anfange des Monats August war ich bereits auf dem Wege nach England, schlich mich mit großer Gefahr des Lebens und der Freiheit durch die französischen Gensdarmen und Küstenwächter und stieß zu der Legion, wo ich fast die ganze Armee, die bei Sulingen verraten und verkauft worden war, wieder beisammen antraf. So sind wir also, der hochadeligen Niederträchtigkeit zum Trotz, doch noch dazu gekommen, Feuer zu geben gegen den Feind, und das Bayonett haben wir gebraucht, aber nicht mit Moderation; – manche französische Mutter hat darum weinen müssen! – Nun ist alles vorüber; alles dient aus, der Erdball und Mensch und Vieh und Baum und Stein; Sonnen, Monde und Sterne dienen aus. Die Legion hat ihre Pflicht gethan, und weil es fern vom Vaterlande geschah, so soll das Vaterland darum doch nicht ihrer vergessen!« »Das soll es nicht und wird es nicht!« rief ich. »Hoch lebe in alle Ewigkeit die deutsche Legion!« Ein Schatten verdunkelte die Thür, das Ännchen, der Findling vom Schlachtfelde bei Talavera de la Reyna, stand darin und hielt einen Blumenstrauß in der Hand, welchen sie dem Leutnant überreichte, indem sie ihre Stirn zu seinem Munde niederbeugte. Dann wurde ein zerbrochenes Rad herangerollt, und der Besitzer kam in seinen niedergetretenen Pantoffeln, schwitzend, hinterher. Unsere Plauderstunde war zu Ende. Nun habe ich Dir wieder Stoff genug gegeben, mir eine lange Rede in kurzen Worten nach Deiner Gewohnheit zu halten. Thue also und thue es bald. Dein Fritz. Siebenter Brief. Sachsenhagen, am 10. August 1816 Ueber meinen Schulmeistersorgen schlagen die goldenen Kornwogen zusammen; – im Grase liege ich ausgestreckt, im Schatten, welchen der Wald über mich wirft. Vor mir schwanken und neigen sich die segenschweren Ähren; ein Papierdrache schwebt in der blauen Luft; – – – Ferien! Welche Wonne schöpft das im Schulstaub begrabene Herz aus diesem Wort! Ihr anderen glücklichen Leute habt doch gar keinen Begriff davon. Im kühlen Schatten liegend, will ich Dir, Sever, das Bild einer Schulstunde in den Hundstagen mit Bleistift auf das Papier kritzeln, und da man das Ännchen heute morgen in die Einsamkeit fortgeführt hat, so darf ich Dir auch von ihr reden; denn notwendig gehört des Mädchens Gestalt mit zu meinem Bilde. – Vor seiner Quinta steht der Kollaborator, die Grammatik in der Hand, und sieht die fünfzig Bubengesichter vor sich wie durch einen Nebel. Schläfrig schleichen die Minuten voll schläfriger Fragen und noch schläfrigerer Antworten dahin. Die Jungen haben selbst die Lust zu dummen Streichen verloren, höchstens zerkauen sie einen Apfel hinter einem Atlas oder unter dem Tische, – sie schwitzen, schwitzen fürchterlich, stützen gegen allen Anstand die Köpfe auf beide Fäuste, und der Herr Kollaborator drückt darob ein Auge zu und möchte gern alle beide zumachen; an Rockausziehen, an sein Sofa denkt der Herr Kollaborator – o, o, o! Was hilft's, daß Thür und Fenster weit geöffnet sind? Kein kühlendes Lüftchen wagt sich in solch eine volle Schulstube, nachmittags von drei bis vier Uhr. Welch ein Atemholen! Einen Schwindsüchtigen soll der Aufenthalt in solch einer Atmosphäre gesund machen können; wenn er aber einen Gesunden nicht schwindsüchtig macht, so ist das für eins von den unbegreiflichen Wundern zu achten, von denen es in der Welt wimmelt. Aber mit allen meinen Schulstubenstimmungen hängt die Aussicht auf die vor dem Fenster, neben meinem Pult und meinem Bakel liegende Welt auf das engste zusammen; so laß Dir nun beschreiben, Sever, was ich erblicke, wenn ich von meiner Grammatik einen Blick rechts über die Schulter werfe. Unter allen Schulzimmern unseres alten Gymnasiums, welche natürlich im untern Gestock liegen, zieht sich ein kleines, schmales, verwildertes Gärtchen hin, voll Himbeergebüsche, Papierfetzen und dem Allerlei, was die Jungen sonst aus dem Fenster werfen. Die Befriedigung dieses Gärtchens bildet die verwitterte Mauerbrüstung der Stadtmauer, welche letztere von dem Schulgärtchen wohl dreißig Fuß tief sich herabsenkt in ein grünes Wiesenthal, durch welches ein stiller Bach langsam zwischen dem fetten hohen Grase, den Wasserdolden, Weiden und Vergißmeinnicht dahin schleicht. Ein Fußsteig führt an dem Wässerlein entlang. Jenseits des Baches steigt das Land allmählich wieder empor in sanftgeschwungenen, glänzend grünen Hügeln, auf deren Gipfeln die Kornfelder der Stadtmarkung von Sachsenhagen beginnen, um bis zu dem Walde das wogende goldene Meer zu bilden, von welchem ich zu Anfang dieses Briefes gesprochen habe. Über die Grammatik und den Cornelius Nepos fort umfaßt ein Blick des Kollaborators Gärtchen, Bach, Wiese, Ackerfeld, Wald und die ganze blaue Gebirgskette, die hinter dem Walde den Horizont begrenzt. Auf der anderen entgegengesetzten Seite der Stadt treten die Berge freilich bis dicht an das Thor heran. Geht man auf dem Fußsteige dem Laufe des Wiesenwassers entgegen, so umkreist man ein gut Drittel des Städtleins bis zum Osterthor, von wo an die Stadtmauer abgetragen ist und das Wiesenthal sanft ansteigend das Plateau erreicht, auf welchem Sachsenhagen liegt. Nun führt aber, ehe man zum Osterthor kommt, ein Seitenweg vom Fußpfade ab und leitet durch allerlei Gebüsch zu einer kleinen Ausfallspforte im verwitternden Gemäuer. Das ist die »Totenpforte«, welche ihren unheimlichen Namen davon ableitet, daß in einem langvergangenen Jahrhundert vier Fünftel der Bevölkerung von Sachsenhagen durch sie hindurch getragen wurden von dem letzten Fünftel, um in einer großen Grube, die man heute noch zeigt, ihre letzte Ruhestätte zu finden. Die Pest, der »schwarze Tod« hatte wieder einmal aufgeräumt in der Welt. Man tritt ein in den kaltfeuchten, dunkeln, gewölbten Gang und folgt dem Tageslicht, welches am anderen Ende freundlich hereinschimmert. Man tritt hervor aus der Totenpforte und befindet sich in den Straßen des Städtleins, – man blickt gerade aus die enge Gasse hinunter und in die Thür der Schmiede des Meisters Martin Bart, man hört die Hämmer, man sieht das Herdfeuer und den Leutnant on half pay auf seiner Bank – – – Da bin ich wieder in der Schmiede, Sever! Ach Sever, ich kann nichts dafür. Diese Schmiede hat mich behext; – es muß wohl im Blute liegen, mein Urgroßvater war ein Schmied, und ich wär's gern, gern ebenfalls geworden, wenn meine Mutter nicht höher mit mir hinaus gewollt hätte, und so ein Gelehrter aus mir geworden wäre. Nun Sever, ich sehe das Gesicht, welches Du schneidest, ganz klar vor mir und befinde mich schon wieder in meiner Schulstube und frage zum zehntenmal an dem heißen Nachmittag nach dem Futurum Indicativi Activi irgend eines beliebigen leidigen lateinischen Zeitwortes, – und durch das Trillern der Lerchen über mir höre ich die schläfrige, greinende Stimme des aufsagenden Buben: » Amabo , ich werde lieben, amabis , du wirst lieben, amabit , er wird lieben, amabimus , wir werden lieben, amabitis , ihr werdet lieben, amabunt , sie werden lieben.« O diese Fliegen, diese Wolken von Fliegen, welche die Schulstube füllen! Und man muß die Bengel, welche Jagd darauf machen, gar noch zur Ordnung rufen! – Was sollte ich auch in der Schmiede, Sever? Der Meister Bart, der Braunschweiger und der Lehrbursche haben lange nicht das Interesse für mich, als der Leutnant der Legion, und dieser bringt sein krankes Pflegekind in den Wald, und auf seiner Bank an der Thür finde ich höchstens einen Sachsenhagener Philister, welcher über die schlechten Zeiten klagt und die Schlachten der vergangenen noch einmal und besser schlägt. Wo mag der Trautenstein, der stille Ort im Gebirge, wohin man das Ännchen geführt hat, wohl liegen? ... Mitten im Gebirge, sagt man. – Wie die Lerche in der blauen Luft jubelt, wie die segenschweren Ähren nicken, wie der Wald hinter mir leise rauscht! Augen und Ohren muß ich zuschließen, um die widerspenstigen Gedanken von neuem in die dumpfe Schulstube einsperren zu können. Wäre der Blick durch das Fenster nicht, so – – – – – – – – – – O Sever, zwei Ziegen und drei Schafe gehen in dem hohen Grase des Wiesenthales, und oft schwebt durch den Sonnenglanz und die schläfrige lateinische Stunde das allerlieblichste Bild. Die Annie ist durch die Totenpforte geschlüpft, die Annie, welche die deutsche Sonne nicht fürchtet. Drunten am Bache wandelt sie. Manchmal bückt sie sich nach einer Blume, manchmal sitzt sie wohl eine Viertelstunde lang unbeweglich und blickt nieder in den wellenlosen Spiegel des Bachs. Keine Blume, die ihr Köpfchen über das Wasser hängt, ist lieblicher als das Ännchen aus der Schmiede von Sachsenhagen. Ich kann es nicht leugnen, Sever; während meine Knaben das Verbum amare konjugieren, verwende ich nicht den Blick von der elfenhaften Gestalt drunten in der grünen Tiefe. Aber es ist doch nicht Liebe, was mich zu ihr hinzieht, – sei unbesorgt, Severus! Ich sehe, wie die Ziegen und Schafe der Poggenmühle, welche an dem Wiesenbache weiden, kommen und ihr die Hände lecken. Trotz der Hitze ist es mir leid, wenn die Glocke vier schlägt, und der Kollaborator das Buch zuschlagen muß. Ein großes Getöse des Aufbruchs erfüllt nun die Klasse, und hinter der rechten und linken Zimmerwand summt, brummt, poltert und trappelt es ebenfalls. Allgemeines Herausstürzen aus den dumpfen Schulstuben, – ein hundertstimmiges Jauchzen. Die Kollegen treffen sich auf dem Korridore und fächeln die Stirnen mit Taschentüchern und seufzen: »Gottlob!« Alle sehen aus, als hätten sie kaum noch Kraft, das Haus und den Kaffeetopf, den die Kollega bereit hält, zu erreichen. Nur der Quintus scheidet fast ungern von seinem Katheder, aber er darf doch nicht allein in seiner leeren Klasse bleiben. Noch einen Blick durch das Fenster, während er seine Bücher zusammensucht! Dann schreitet er, dem Schatten der Linden und Kastanien, dem Schatten der Stiftskirche folgend, unter den Augen seiner Scholaren und seiner Frau Rektorin gesetzten Schrittes seiner Wohnung zu. Hat er aber seine Hausflur erreicht, o, wie schüttelt er dann jegliche Gravitas von sich ab, gleich der schwersten Bürde. Mit drei Sätzen springt er die Treppe hinauf, wirft seine Bücher, seinen Rock weit von sich und sich selbst der Länge nach auf sein baufälliges, knackendes Lotterbett. Die Arme legt er unter den Kopf, die Augen schließt er, im Halbschlaf konjugiert er: amo, amare – amor, amari. – Und aus dem Grase springt der Kollaborator in die Höhe. Wie kann er auf solche unverantwortliche Art die Zeit verträumen? Ferien! Ferien! Ferien und Sonnenschein und wolkenloser Himmel! Hinter dem Walde liegt das blaue Gebirge; – nur wenn die Häupter der Ähren am tiefsten durch den Wind geneigt werden, tauchen vor mir die blitzenden Turmknöpfe von Sachsenhagen auf. Auch dahinter erheben sich Berge mit Winken und Locken: Komm, komm Schulmeisterlein, wir halten und haben alles, wonach Dein Herz verlangt, grünen Schatten, murmelnde Quellen, Elfen in dem Schatten, Nixen in den Bächen; – komm Schulmeisterlein, schnüre den Ranzen und nimm den Wanderstab in die Hand. Wir erwarten Dich, und unsere süßesten Geheimnisse sollen Dir offenbart werden. In unserm romantischen Dunkel sollst Du verborgene Schätze graben; – komm, ahnungsvoll und frohmütig – wir erwarten Dich, zaudere nicht! So fahre wohl, Severus, finsterer Freund, und schlage Dir nicht Deine Welt mit schwarzem Trauertuch aus, wie die altenglischen Tragöden ihre Bühne, wenn sie ein Trauerspiel geben wollten. Was Deine Frage betrifft, so erinnere ich mich, irgendwo gelesen zu haben, daß ein Doktor Hieronymus Bonaparte um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts zu Novara im Mailändischen gelebt hat. Der Mann hat Bücher geschrieben über Empirie und Krisen. Der Titel des einen Werkes ist: Annotationes in Galeni libros de crisibus. Venet. 1547. 4°. – Lebe wohl! F. Achter Brief. Auf der Wanderung. Glücklich die Leute, welchen das Datum so gleichgültig ist, daß sie es nie wissen. Ich gehöre jetzt vierzehn Tage zu diesen Glücklichen, Sever, und fühle mich unsäglich wohl, frei und leicht. Jetzt kann ich's Dir wohl gestehen, Freund, es hatte sich doch mancherlei seit meinem Einzuge in Sachsenhagen auf meiner Brust aufgehäuft, was mich schwerer drückte, als ich mir habe merken lassen. Auch Deine Briefe sind mit schuld daran gewesen, daß der Kollaborator Fritz Wolkenjäger die Nase tiefer gegen den Erdboden gesenkt trug, als sonst seine Gewohnheit ist. Wahrlich, Sever, so lange ich unter den Menschen weilte und durch jedes Lebensbedürfnis an sie gekettet wurde, habe ich in verlorenen Momenten mit Dir gefühlt, daß die Gemeinheit eine schreckliche Herrscherin ist. Da habe ich Dir oft, oft, oft mit Seufzen recht geben müssen in Deinen grimmigen Auslassungen; mit Dir habe ich verzweifelt an dem Einzelnen, mit Dir habe ich verzweifelt an dem Vaterlande. Die uralte schreckliche Klage habe ich angestimmt: Endlich empor zum Olympos vom weitumwanderten Erdreich Beid' in weiße Gewänder den schönen Leib sich verhüllend. Gehn von den Menschen hinweg in der ewigen Götter Versammlung; Scham und heilige Scheu und zurück bleibt trauriges Elend Hier den sterblichen Menschen und nicht ist Rettung dem Unheil. Ja, Sever, in der Menschen kleinlichem Getümmel, in dem selbstsüchtigen Kampfe des Ichs mit dem Ich habe ich mit Dir gefragt, weshalb eben die Hunderttausende geblutet, weshalb die Mütter und Jungfrauen geweint und geklagt haben. Auch auf meiner Brust hat sich die Schmach und Niederträchtigkeit, die sich von neuem auf der Zeit häuft, gleich einem unerträglichen Alp gesammelt. Mit Dir, Sever, habe ich gesehen, daß sie um das Gewand der alten Mutter Germania würfeln, wie die Kriegsknechte um den Rock des Herrn. Mit Dir, Sever, habe ich ihrem Schachern, Lächeln und Flüstern gelauscht, und ohnmächtig die Hände sinken lassen, wo Du sie ohnmächtig ballst. O Sever, Sever, mit Dir habe ich gefragt, wie kommende Geschlechter von dem, was wir mit Schweiß, Herzblut und Thränen errungen haben, denken und sprechen werden. Klar, klar, hab' ich eingesehen, daß einst – in kurzer Zeit ein neues Geschlecht lächelnd stehen und reden wird: Und dafür habt Ihr das Schwert genommen? und das Schwert in der Hand tragend, habt Ihr Euch so von solchen Kastraten des Geistes und Körpers solch ein Geschick auf den Nacken werfen lassen? O Sever, Du hast recht, diese Gedanken sind tötend, und sie töten auch mancherlei, was der deutsche Mensch sonst als köstliches Kleinod wert gehalten hat! Das werden die Zeiten lehren! – – – – Ach, Sever, nun hat mich der Wald in seine holden Dämmerungen aufgenommen, und ich frage nicht mehr, wie es möglich ist, daß in solch böser Zeit die Knaben von Sachsenhagen auf dem Kirchplatze spielen können; wie es möglich ist, daß die Alten in Handel und Wandel ihren Lebensgeschäften nachgehen können; wie es möglich ist, daß der Kollaborator Wolkenjäger in seine Klasse gehen konnte, den Buben die lateinische Deklination beizubringen?– – – – – – – – – – – – – – – – – – Ich habe wieder recht gefühlt, daß der Mensch nur in der Entfernung von den Menschen den rechten Blick für die Menschen und ihr Erdenleben hat, daß er nur in der Entfernung von ihnen die Größe, die Tugend, die Herrlichkeit der Menschen im ganzen erkennt; während er, wenn ihn das Getriebe des Tages selbst in seinen Wirbeln dreht, er nur die Schwäche, Thorheit und das Elend des einzelnen erblickt. Komm in den Wald, finsterer Severus! Merlin, der Alte, lebt noch, und dem, welcher ihn aufzufinden weiß, zeigt er auf dem dunkeln Grunde seiner Zauberhöhle der Weltgeschichte Fluten und Wallen. Komm in den Wald, Sever! – Nachdem ich Sachsenhagen verlassen hatte in der frühen Morgendämmerung, machte ich den ersten Halt im Dorfe Walkenheim bei jenem Waldbauern, von welchem ich Dir schon einmal gesprochen habe. Der Alte rüstete sich eben zur Arbeit, als ich in die niedere Thür seiner Hütte trat. Die unglückliche Frau saß immer noch stumpfsinnig in ihrem Winkel und wartete auf die Heimkehr des Mannes aus den Eisfeldern Rußlands. Ich kannte diesen angstvollen Blick des Auges schon, mit dem sie alle Eintretenden empfing. Ich kannte schon die herzzerreißende Frage: »Habt Ihr den Karl nicht gesehen? Habt Ihr keinen Brief von meinem Karl; es hat mir die ganze Nacht über geträumt, es komme einer und bringe mir Nachricht von dem armen Karl, den die Franzosen mit sich genommen haben.« – Ich kannte schon dieses stille, schreckliche Weinen, welches auf diese Frage folgte; – ach, Sever, lange dauerte es, ehe mir der frische Morgenwind das Bild dieses armen Weibes aus dem Gemüte geblasen hatte. An der Seite Buschhorns schritt ich weiter in die Berge hinein, über die Krähenhütte, an der wüsten Mühle vorbei, durch den Mausegrund, den Mauseberg hinauf. Unter der Laube vor dem Dreierhaus tranken wir Bier, und ein Invalide des alten Fritz gesellte sich zu uns. Er strich den ehrwürdigen Bart, öffnete den Mund und sprach: »'s duldet mich drinnen nicht in der Küche. Sind das Mädel! Immer erzählen, erzählen! und alles hab' ich vergessen. Das ist eine Sauwirtschaft!« Die Wirte zum Dreierhaus und Buschhorn bestätigten, daß der ehrwürdige Greis in der That alles vergessen habe, und so ist nicht viel davon zu sagen. Wir verließen jetzt die große Straße und schlugen einen Waldpfad ein, welcher uns nach einer zweistündigen Wanderung in den Münchspfiffel führte, einen düsteren Eichengrund, in welchem jetzt die Axt Buschhorns aufräumen sollte. In Münchspfiffel ließ ich den Alten und wanderte allein weiter in die Wildnis, und lange noch hörte ich in dem stillen Walde die Axt, welche jetzt ihre gefräßige Arbeit unter den königlichen Bäumen des Eichengrundes begonnen hatte. Mit dem letzten Klingen der Axt verstummten die letzten Gefühle der Bedrückung, die ich aus der Hütte zu Walkenheim mit mir getragen hatte, verflüchtigten sich die letzten Sorgen von Sachsenhagen. Der deutsche Wald gewann sein gutes Recht über den befreiten lateinischen Schulmeister. Die bekannten Berge und Thäler lagen hinter mir, der Reiz des Unbekannten trat an mich heran. Nun ritt mir zwar auf meinem Wege Heinrich von Ofterdingen nicht entgegen, ich sah nicht den blonden Eckbert durch die Büsche gleiten, Ritter Huldbrand und Undine sind mir nicht begegnet, der Oheim Kühleborn hat mir nicht durch tollen Wasserspuk den Pfad versperrt; aber alle diese Leute und Gestalten hätten mir doch begegnen können; der Tag und mein Herz waren ganz dazu angethan. Ob das wohl nicht der wunderschöne Vogel war, der im Gebüsch sang: »Waldeinsamkeit, Die mich erfreut, So morgen wie heut' In ew'ger Zeit. O wie mich freut Waldeinsamkeit!« Ist es gewiß, daß ihm Frau Bertha den Hals umgedreht und ihn im Garten begraben hat? – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Mit sinkender Sonne zog ich in ein uraltes Bergstädtchen ein, welches wie ein mittelalterlicher Traum zwischen den hohen Bergen lag. Dunkle, enge Gassen und Thore – Giebel und Schnitzwerk, altersschwarze Kirchen mit hohen Türmen und feierlichen Glocken! Auf dem Marktplatz vor dem altertümlichen Rathaus lauschte der Brunnenritter dem Geschwätz der wasserholenden Dirnen, wie es seit Jahrhunderten seine Gewohnheit war. Und von der Laube des Rathauses, Sever, schreib ich Dir einen Vers ab: Einer acht's, Der ander' belacht's, Der dritt' betracht's, Was macht's? Glück auf, Severus! Der Wolkenjäger jagt Wolken, purpurne, goldumsäumte Wolken! Neunter Brief. Tief im Walde. Ja, tief im Walde! – – Tief im Walde will ich es Dir nun gestehen, strenger Sever, daß ich doch liebe, daß ich das Ännchen, den Findling vom Schlachtfelde bei Talavera liebe, daß es doch Liebe und nicht bloß Teilnahme an ihrem Geschick ist, was mich ihr nachführt. Was helfen alle Warnungen, wenn die Götter wollen, daß die Menschen irgend einem Geschick verfallen sollen? Hab' ich denn selbst gewußt, daß es so kommen würde? Gestern noch war mir die eigene Seele, die zagende, siegestrunkene Seele ein Rätsel. Heute ist das Rätsel gelöst! Tief, tief, tief im Walde habe ich die Lösung gefunden, wie ich das Ännchen wiedergefunden habe. Ja, scharfäugiger, kühlherziger Freund, ich liebe! Tiefstes Schweigen umher – kein Lufthauch in dem Gezweig – keine Vogelstimme – und doch – welcher Aufruhr in der Stille! Mein Herz pocht, und jeder Schlag macht das Weltall erzittern. Ich schlief, und ich erwachte. Als ich die Augen schloß, deckte Finsternis das Erdreich, die Völker und Könige; nun die Augen mir wieder geöffnet sind, sieht »alles Volk ein großes Licht«. Es strahlt das Firmament gleich dem Gold-Himmel eines altdeutschen Heiligenbildes, und ein Bild ist auf das goldene Firmament gemalt – ein holdlächelnd Gesicht blickt aus der Strahlenglorie – – – Anna! Anna! Anna! O Sever, weshalb hast Du mich doch gezwungen, diese ganze Zeit hindurch mit zürnendem Herzen den krummen Wegen des Herrn von Metternich nachzugehen, dem falschen nächtlichen Schakalgeheul um die Lagerstätten des deutschen Volkes zu horchen? O Sever, ich liebe und weiß, daß das Vaterland ewig ist! Ich liebe und weiß, daß jene Bettlerin im Dorfe Ratsch in Schlesien, welche ihr einziges Betttuch zerschnitt und die Hälfte davon zu Verbindzeug hergab, ein größeres Gewicht in die eine Schale des Geschicks unserer Nation geworfen hat, als der gesamte Wiener Kongreß mit allen seinen Aktenbündeln in die andere. Ich liebe, und ich weiß, daß alle Fürsten und Diplomatenscheren stumpf werden müssen an den blutigen Binden, die aus dem Betttuch der Bettlerin entstanden sind, und die das Vaterland zusammenhalten. – O Sever, was schwatze ich zusammen? In hellen lichten Liebesflammen steht der ganze Wald; mein Herz hat ihn angezündet; die unsterblichen Götter mögen zuschauen, daß kein Schaden geschiehet! O Sever, Herz und Sinne verwirrend ist sie! Gleich einem Verzauberten gehe ich um das süße Wunder herum. Du solltest sie reden hören; sie spricht nicht eine Sprache; – wie hätte sie eine Sprache reden lernen sollen? Spanische Wörter, englische Wörter und Wendungen mischen sich mit französischen und italienischen, und alles das wird auf die deutsche Sprache aufgezogen, wie man allerlei bunte Perlen, rot, blau, gelb, grün, auf einem Goldfaden aneinanderreiht. Sie denkt auch nicht in einer Sprache, aber aus einem Gold-Herzen kommen alle ihre Gedanken – und sie ist so krank! Aber sie wird zum Leben erwachen, das weiß ich. Sie wird sich die Augen reiben wie Dornröschen, jung und schön wird sie sich umblicken in der neuen Zeit, ich glaube sie schläft schon tausend Jahre; aber sie wird erwachen unter meinem Kuß. Runzle nicht die Stirn, Severus; ziehe nicht die Brauen grimmig zusammen; – ich lebe und ich liebe. Wie soll ich Worte finden, Dir Kunde zu geben von alle dem, was sich in meinem Herzen umtreibt, klagend und jauchzend wie Kinder auf ihrem Spielplatze? Und ich dachte, ich sei schon so alt, – so alt wie Du mich machen wolltest, Sever! Ja, Sever, daran bist Du schuld, daß ich glaubte, schon so alt zu sein. Aber nun weiß ich es auf einmal besser. Jung bin ich und fähig, mich meiner Jugend zu erfreuen! Evan, Evoe! Evan, Evoe! mit Epheu will ich mir die Stirn umkränzen, abschütteln will ich den Staub der Feldschlacht, abschütteln will ich den Schulstaub. Rosen will ich pflücken, rote Rosen für mich, weiße Rosen für die Geliebte, die ich retten will aus den Banden der bösen Geister, welche ihre Kinderseele gefangen halten. Mit weißen und roten Rosen bekränzt, wollen wir einst vor Dich hintreten, Sever, und – Du sollst Deine Freude an uns haben. Doch nun will ich Dir erst erzählen, wie ich die Anna tief im Walde wiedergefunden habe. Drei Tage lang war ich umhergezogen im Gebirge; – planlos, kaum irgend einmal nach dem Wege, nach dem Namen eines Dorfes, eines Baches, eines Felsens fragend. Was sollten mir die Namen, die Adam den Dingen gegeben hatte, die Dinge selbst genügten mir. Selbst der Sage ging ich gegen meine sonstige Gewohnheit aus dem Wege, – wenigstens im Anfange. Ich hatte mir ja vorgenommen, recht nach Deinem Wort zu leben und zu versuchen, ob ich da mit Bewußtsein genießen könne, wo ich sonst zu träumen pflegte. Ich sehe die Grimasse, die Du jetzt schneidest, Sever, das ungläubige, mitleidige Achselzucken sehe ich und gestehe Dir, daß ich in dem Augenblick, wo ich das Ännchen wiederfand, vollständig in mein altes Traumleben zurückgesunken war: – naturam expellas furca und so weiter. Ich schritt durch die Dämmerung munter vorwärts. Ein mattes Halblicht umhüllte den Wald. Kein Luftzug bewegte die Zweige und Blätter. Ein heißer Tag war vergangen; der Abend brachte keine Kühle. Die Tagesvögel waren zur Ruhe gegangen; das Leben der Nacht erwachte. Hie und da flimmerte ein Stern durch die Baumwipfel. Der Bergpfad senkte sich immer steiler herab. Ich hatte mich gründlich verirrt, und da ich noch frisch auf den Beinen war, so hatte ich mir vorgenommen, auf gut Glück die Nacht zu durchwandern. So lange ich den festen Weg unter den Füßen fühlte und ihn weißlich durch die Nacht schimmern sah, ging das auch recht gut; gegen elf Uhr aber war mir der betretene Pfad plötzlich unter den Füßen weggekommen, ohne daß ich hätte sagen können, wie es zugegangen war. Meine Füße raschelten im hohen, welken Laube, ich rannte gegen einen Stamm, wendete mich rechts, rannte abermals gegen einen Baum, stand still – horchte – besann mich – schritt wieder vorwärts gegen links, – ein Dornzweig zog mir einen brennenden Strich über die Nase. Wieder stand ich still und horchte dem Laubfrosch zu, der über mir von einem Zweige das verirrte Schulmeisterlein auszulachen schien. Ein Käuzlein stimmte in das Gelächter des grünen Burschen ein; – die Pfeife ging mir aus, ich schob sie in die Tasche, rückte die Mütze vom Vorderkopf auf den Hinterkopf, rückte das Ränzel zurecht, tastete ein wenig mit dem Knotenstock umher, fand aber im Bereiche der Zwinge desselben nichts, was einen Trost in solcher Lage gewähren konnte. Was fangen wir nun an, Herr Kollega? fragte ich mich und ahmte dabei die etwas knatternde, knurrende Stimme des Kollegen Tertius nach. – Wir müssen das von einem höheren Standpunkt aus betrachten, Herr Kollega! antwortete ich als Wolkenjäger. – Herr Kollega, meinte ich wieder im Ton des Tertius, es ist ein altes Wort: wer sich alle Büsche besieht, kommt nicht zu Holze. Solches möchte wohl bei Ihnen nicht zutreffen, Herr Kollega; Sie kommen nicht aus dem Holze, weil Sie sich alle Büsche besehen! – Herr Kollega, erwiderte ich im Ton des Quintus, daß die Menschen in die Irre gehen, wird wohl nicht aufhören und hat auch nicht jetzt erst angefangen, sagt die Weisheit der Hellenen. Ich ließ den Tertius keine weitere Antwort schnarren. Eule und Laubfrosch lachten zu toll. Ich verließ mich auf mein Glück und drang aufs Geratewohl in das Gebüsch ein. Der Mond kam über einen Berg zur Linken in die Höhe, und ich sah, daß ich »tief drin« steckte. Durch mußte ich jedoch und ich kam durch! Nach einem viertelstündigen Kampfe mit dem verwachsenen Gezweig und den groben Stämmen gelangte ich auf eine Waldwiese. Diese lag magisch im bleichen Mondnebel – – zweifelnd an meinen Sinnen stand ich plötzlich – war das Wirklichkeit? war Täuschung? Gedicht? Selbst der Sever, wäre er so wie der Wolkenjäger aus dem Dunkel des Waldes in den hellen Mondenschein getreten, hätte er gesehen, was ich sah; er würde in Zweifel, in wonniger Verwunderung stehend, in diesem Augenblick nicht – über Romantik geschimpft haben. Da tanzten in dem weißen Nebel, welcher über der Waldwiese lag, gerade in der Mitte des stillen, vom hohen Forst umschlossenen Fleckchens drei oder vier Irrlichter – der lachendende Laubfrosch verkündete ja die Nähe feuchten, sumpfigen Bodens – und eine weiße zarte Gestalt umkreiste den Tanzplatz der launenhaft hin und her hüpfenden Lichterscheinungen, als sei ein Märchen von Novalis oder Ludwig Tieck hier in die Wirklichkeit getreten. Ich wagte kaum zu atmen, aus Furcht, das magische Bild zu stören, aus Furcht, die elfenhafte Erscheinung möge sich in Mondenschein nach Elfenart auflösen. Dabei zog mich aber doch ein unabweisbares Etwas immer mehr heraus aus dem Schatten des Waldes. Tanze mit! tanze mit! Und wenn nach der Griechen Meinung der, welcher eine Nymphe erblickte, mit unheilbarem Wahnsinn geschlagen wurde, was sollte mir geschehen, als ich in der tanzenden Elfe das Ännchen aus der Schmiede von Sachsenhagen erkannte? Tief, tief im Walde ist mir klar geworden, daß ich das Ännchen liebe, und daß es nichts helfe, wenn ich es dem Sever verhehle! – – – »Annie!« rief ich, und die Elfe stand und stieß einen leisen Schrei aus und wollte scheu entfliehen. Ich war aber sogleich an ihrer Seite und faßte die zarte Hand: »Erschrecken Sie nicht, Fräulein Ännchen. Ich bin's. Der Kollaborator Wolkenjäger aus Sachsenhagen.« Das klang recht prosaisch in solchem Augenblick, und die Irrlichter schienen das auch recht gut einzusehen. Immer toller wurden ihre Kapriolen. Ich aber hielt noch immer das zitternde Händchen, – mir war durchaus nicht prosaisch zu Mute. »O wie freu' ich mich, Sie auf solche Art wiederzufinden!« rief ich; aber das holde Kind schaute mir starr und geisterhaft in die Augen, und jetzt zuckte mir wieder der alte Schmerz um ihre kranke Seele durch das Herz. »Wo kommst Du her?« fragte sie. »Ich habe Dich schon so lange erwartet, mein Freund. Sei nicht böse, daß ich verstecken mit Dir gespielt habe; ich wußte ja, daß Du mich finden würdest; – nun komm mit mir; – bist Du lange irre gegangen im Walde? O madre de dios , ist Euer deutscher Wald schön!« Und nun fing sie an zu singen: » All in the downs the fleet lay moored, When blackeyed Susan came on board –« Über die mondbeglänzte Waldwiese fort, zog sie mich von neuem in den Waldschatten hinein, und ich folgte ihr in Wonne und Wehmut. Einen engen, steil abfallenden Pfad eilte sie leichtfüßig vor mir herab in ein dunkles Tannenthal, in welchem ein Wasser rauschte. Wieder bergauf und wieder hinab. Wieder lag eine Waldwiese vor uns im glänzenden Nebel und Mondenschein. Die stille Wasserfläche eines Teiches funkelte mir entgegen, und drüber weg stiegen Türme und Giebel phantastisch in die Höhe, und es leuchtete rotes Lampenlicht aus hohen Fenstern. »Annie, was ist das? Wohin führst Du mich, Annie? Was für Türme und Mauern sind das?« Lächelnd blickte die Elfe im Weitereilen über die Schulter mich an, und singend antwortete sie mir mit der Romanze von Abenamar: »Was für Türme sind das dorten, Hoch sind sie und weithin schimmernd? El Alhambra era, Señor! « Hunde schlugen an, als wir uns den Gebäuden näherten. Eine wohlbekannte Stimme rief: »Aber Annie, Kind, wo hast Du Dich wieder herumgetrieben? Holla – wen bringst Du denn mit Dir?« »Ratet einmal, Leutnant!« rief ich fröhlich, und der Fragende kam schnell durch das feuchte Gras auf uns zu und rief fröhlich: »Bei allem was lebendig, wenn das nicht das lateinische Schulmeisterlein aus Sachsenhagen ist, so – soll mich dieser und jener!« »Recht geraten, alter Kamerad!« jauchzte ich. »Gott grüß Euch und segne mir den Zufall, der mich das Ännchen da mitten im Walde finden ließ, als ich mich aufs beste verirrt hatte und schon vermeinte, mit Fuchs und Dachs und Eule die Nacht im Freien zubringen zu müssen. Also das hier ist der Trautenstein?« »Das ist der Trautenstein,« sagte der Leutnant Bart, mir herzlich die Hand drückend. »Hoch willkommen sollt Ihr auf ihm sein, Kollaborator. Man kennt Euch schon so halb und halb; denn manch ein gut Wörtel hab' ich dem Volk drinnen von Euch gesprochen. Spring vorauf, Annie, und bring' die Hunde zur Ruhe: sie achten auf Dein Wort doch besser als auf meins.« Ännchen sprang voran, und wir beiden Männer folgten ihr auf dem Fuße. Den Teich, in welchem sich der Mond spiegelte, ließen wir links liegen; die Landstraße, den »Heerweg«, welcher über das ganze Gebirge und am Trautenstein vorbei zieht, kreuzten wir, dann schritten wir über einen tiefen, doch wasserlosen, zugewachsenen Graben, über welchen ein Damm zu einem hohen Thor mit verwitterten zertrümmerten Bildhauerarbeiten führte. Auf dem einen Pfeiler lag die schmückende Steinkugel noch, von dem anderen war sie herab und in den Graben gerollt. Wir traten in einen von hohen Gebäuden umgebenen Hof, in dessen Mitte eine breitästige Linde stand; unter derselben saßen auf Steinbänken allerlei Leute, die sich erhebend und grüßend mir entgegentraten. Ein hoher Mann im kurzen grünen Jägerrock wurde mir vom Leutnant Bart als der Vetter Kaltenborn vorgestellt. Eine Viertelstunde später war ich vollständig heimisch auf dem Trautenstein.   Sonntagmorgen. Zu einem Tagebuche werden meine Mitteilungen an Dich, Severus, von jetzt an werden, das merke ich schon. Wann Dich dieses Tagebuch erreichen wird, ist nicht abzusehen; zu tief ist der Trautenstein in den Wald hineingebaut, als daß seine Bewohner viel Verkehr mit der Welt hinter den Bergen haben könnten. Der wilde Herzog, welcher vor zweihundert Jahren dieses Versteck seiner adeligen, wunderschönen Geliebten baute, hat in seiner Liebe recht das Herz des Gebirges zu finden gewußt, die Traute, die Holde, welche er in diesem Jagdschloß verbergen wollte, dem Auge der Welt zu entziehen. Es läßt sich keine köstlichere Stelle, ein solches Geheimnis mit Waldgrün zuzudecken, vorstellen. Ich sehe im Geist, wie Du die Stirn runzelst und von gottverfluchter Korruption murmelst; aber ich kümmere mich drum, – nil assis ! Wiederum drücke ich einmal die Augen zu und erschaue das bunte Bild der vergangenen Zeit klar vor mir. Sonnenschein liegt auf dem Walde, auf den Bergen. Aus dem Erkerfenster im ersten Gestock des Schlosses leuchten zwei dunkle Augen und haften unablässig auf dem Wege, der sich in der blaugrünen Dämmerung zwischen den Stämmen verliert. Berauschend wogt der Harzduft aus dem Tannenforst herüber – Er wird heut kommen! Er hat es versprochen! Der Page hat auf schnaubendem Roß die Botschaft gebracht. Die schöne Herrin auf dem Trautenstein erwartet den wilden fürstlichen Geliebten. Alle Schloßleute erwarten ihn. Horch, erklingt da nicht – tief, tief im Walde – ein Horn? Ja wohl; – es lockt und ruft. Horch, Rüdengebell und Rosseshuf! Wie das Herz der Trauten im Erkerfenster des Nordturmes klopft! Wie die dunklen Augen Blitze schießen! – Es regt sich unter den Tannen, – ganz nahe erklingen die Jagdhörner. Auf den grünen Wiesenplan ergießt sich das bunte Getümmel der Nahenden. Voran dem Gefolge sprengt auf schwarzem Hengst der Herr, die »Fürstlichen Gnaden«, den Federhut hoch in die Luft schwingend, der weißen Gestalt im Erkerfenster zuwinkend. Vom Fenster verschwindet die schöne Buhle; bunte Diener stürzen aus dem Thor des Jagdschlosses über die Zugbrücke – die breiten Stiegen im Innern des Trautensteins hinab rauschen lange Frauengewänder – einen jubelnden Willkommen bläst das Gefolge des Herzogs auf seinen Waldhörnern – Im Schloßhofe hält der wilde Fürst sein Lieb im Arme – es blitzen die Waffen, es wehen die Federn, es glänzen die bunten Gewänder. Die Falken kreischen auf den Fäusten der Träger, die Hunde zerren bellend an den Ketten, die Rosse stampfen, wiehern und schnauben – Licht, Glanz und lebendiges Leben ringsum; bis – der Wolkenjäger die Augen öffnet. Das bunte Bild der Vergangenheit ist versunken; aber Glanz und Licht und Leben ist geblieben; berauschend ist der Tannenduft, wie vor hundert Jahren. Die Wirklichkeit ist fast noch poetischer als der Traum. Freilich ist die einstige Pracht des Trautensteins verwittert; halbzertrümmert sind die meisten Bildsäulen in den Nischen. Grün angelaufen und erblindet sind die meisten Fensterscheiben, ja an manchen Stellen fehlen sie ganz. Nicht mehr ist der Graben, welcher das einsame Haus umgiebt, der Spielplatz vornehmer weißer Schwäne. Längst ausgetrocknet liegt er, voll breiter Klettenpflanzen, Schilf und Gesträuch. Nicht mehr sonnt sich der stolze Pfau auf der halbzertrümmerten Balustrade und läßt sein Gefieder in der Sonne schimmern. Verhallt ist der Jagdhornklang, mit welchem der böse Herzog die Geliebte grüßte; – feierlicher tönt's durch den Wald. Wie kommt die Kirchenorgel in den Saal, wo in alter Zeit die Üppigkeit und Wollust ihre Feste feierten? Ja, leiser Orgelklang hallt von dem alten Lustort verbotener Liebe herüber. Nicht mehr jagen tolle jauchzende Reiter mit Hunden und Falken über die Wiese auf das Schloß zu – – vorbei, vorbei ist das alles! Einzeln oder in Trupps treten die Waldarbeiter, die Köhler, die Holzhauer, die Hirten aus dem Schatten hervor und schreiten über den Wiesenplan gegen den Trautenstein. Mütter kommen, ihre Kinder auf den Armen tragend, oder sie an den Händen führend. Junge Mädchen kommen mit Sträußen von künstlichen Blumen und abgegriffenen Gesangbüchern. Kirche wird heute dem Volke des Forstes auf dem Trautenstein gehalten; gepredigt wird ihm hier, und wir folgen den Orgeltönen, Sever, und den Holzhauern, den Köhlern, den Wildhütern und ihren Frauen und Kindern in den Saal. Da mag man wohl verwundert stehen ob des seltsamen Anblicks. Durch die altersdunkeln, kleinen, runden, in Blei gefaßten Scheiben fällt das Tageslicht und umspielt die Versammlung auf den rohen Bänken, die in dem weiten Raum aufgestellt sind. Die kleine Orgel ertönt aus einem Winkel, ein ganz junger Küster spielt sie, und ein einziger Köhlerjunge, stolz über dieses wichtige Geschäft, setzt die Bälge in Bewegung. Und auf die kleine Kanzel, gerade der Eingangsthür gegenüber tritt der Pastor, ein vortrefflicher Mann aus dem fernen Dorfe Dornhagen. Die Orgel schweigt, die Predigt beginnt; – eine Predigt tief, tief im Walde; eine Predigt über den Text: »Wo sollen wir Brot nehmen hier in dieser Wüsten?« In einen Winkel des Saales drücke ich mich und lausche den schlichten, herzergreifenden Worten, die um so gewaltiger wirken hier an dieser Stelle – so tief, tief im Walde. O mein deutsches Volk, wie oft, wie oft hast Du gefragt in Not und Elend, in Jammer und Schmach, zertreten, verhöhnt und verspottet: »Wo sollen wir Brot nehmen in dieser Wüsten?« Mein teures deutsches Volk, ist nicht immer zur rechten Zeit einer dagewesen, der Dich errettet hat und Dir zu essen gab? Ist nicht der Martin Luther gekommen und der Lessing und jüngst noch der Sänger der Freiheit Friedrich Schiller? – – »Wo kaufen wir Brot, daß diese essen?« Sorget Euch nicht, der Heiland wird zur rechten Zeit seine Frage schon selbst lösen. Da ist hinter einem der braunen Holzpfeiler ein altes Bild in dem Kirchensaal des Trautensteins hängen geblieben, und als ein tiefsinniger Mann sei jener erste Prediger gepriesen, welcher im Jahre 1780, als dieser Bankettsaal zur Kirche wurde, befahl, dieses Bild an seiner Stelle zu lassen. Ich habe vorhin von den beiden Augen, die heute noch nach zweihundertsechsunddreißig Jahren aus dem dunkeln Grunde vorleuchten, geträumt. Wie würde dieses junge schöne Weib sich wundern, wenn es in dieser Stunde, plötzlich mit Leben begabt, aus seinem Rahmen hervortreten könnte! Du hast wohl recht, Sever, über Korruption und Sultanismus zu zürnen; was könnten diese Wände, diese Pfeiler berichten, wenn sie mit Zungen begabt würden! Aber ich habe auch recht, Sever, wenn ich mich an das treue Grün, die süßen Blumen halte, die über allem Moder, aller Verwesung zusammenschlagen. – Wie fällt das Sonnenlicht durch die alten bunten Fenster in diesen Bankettsaal, der jetzt zu einer Kirche geworden ist! Hier glüht's auf einem rosigen Kindergesichtchen, dort auf dem weißlockigen Greisenhaupt. Wie lebendig glänzen die weißen Tücher auf den Köpfen der Frauen des Volkes, wie abgewittert, gespensterhaft schimmern dagegen die Goldverzierungen am buntgemalten Plafond! Unter der andächtigen Menge sucht mein Auge die Gestalten der Freunde, und es findet sie. Auf der ersten Bank vor der Kanzel erblicke ich den Leutnant Bart, den Vetter Kaltenborn mit all seiner Verwandtschaft und seinem Hausgesinde. Gerade unter der Kanzel haftet mein Auge am längsten; gerade unter der Kanzel, neben dem alten Legionär sitzt das Ännchen, mit halb geschlossenen Augen. Sie wird nicht viel von dieser Waldpredigt verstehen; obgleich sie einfach dem einfachen Sinn und Geist der Zuhörer angemessen ist. Es sind heute wieder zu viel Menschen um die Annie, das verwirrt und betäubt jetzt allzusehr diese arme Kinderseele, welche mit der ganzen Not des Jahrhunderts beladen ist. Gleich einem verschüchterten Vogel zusammengeduckt, sitzt das Ännchen auf seinem Platze, und es wird dann erst wieder aufleben, wenn alle die Gesichter, welche es jetzt umgeben, wieder verschwunden sind, wenn der Wald die heute auf dem Trautenstein Versammelten zur neuen, schweren, gewohnten Wochenarbeit zurückgefordert haben wird. Fort spinnt sich die Predigt, dann kommt von neuem die Orgel, das Vaterunser und der Segen wird gesprochen – es erhebt sich die kleine Gemeinde, – der Saal wird leer, endlich ist nur noch der Kollaborator Wolkenjäger und das Ännchen darin zu finden. Während das Volk unten in der Schenkstube, welche der Vetter Kaltenborn hält, zu Mittag ißt, oder die Vorkommnisse der vergangenen Woche bespricht, stehen der Kollaborator und das Ännchen vor dem alten Bilde am Pfeiler, welches vorhin schon einmal erwähnt wurde. Ein rosiger Finger deutet auf das verdunkelte Gemälde und eine sanfte Stimme sagt: »Das ist die schöne Dame, für welche dieses Haus gebaut wurde.« Der lateinische Schulmeister nickt und sagt: »Sie hieß auch Anna, – Anna von Rhoda –« »Rhoda?!« das Ännchen zuckte seltsam zusammen und griff mit der Hand nach der Stirn; ich achtete aber nicht darauf, eben hatte ich meinen Standpunkt dem Bilde gegenüber geändert und stand nun in starrer Verwunderung. Auch ich mußte mit der Hand nach der Stirn greifen – welch eine Ähnlichkeit entdeckte ich! Je starrer ich auf die alte schwarze Leinwand sah, desto bestimmter, klarer trat das geisterhafte, schöne, unheimliche, rührende Gesicht hervor, – die Annie, – das Ännchen, – der Findling vom Schlachtfelde zu Talavera! ... Sever, Sever, was hat das Ännchen mit der Anna zu thun, welcher vor zweihundert Jahren der Trautenstein gebaut wurde? »Was starrst Du so die schöne Donna an, Herr Schullehrer?« fragte das Ännchen. »Und was riefest Du eben so seltsam fragend Rhoda, lieb Annie?« »Ich? ... ach, ich weiß nicht ... laß uns fort ... schau nicht so das Bild an – ich fürchte mich vor ihm – laß uns fort, – laß uns in den Wald, ich will Dir ein schönes Vogelnest zeigen, welches ich heut am frühen Morgen gefunden habe.« Ängstlich faßte das Ännchen meine Hand und zog mich fort aus dem Betsaal, wo einst Anna von Rhoda mit dem wilden Herzog ihre Feste gefeiert hatte. Sever, Sever, weshalb gleicht das Bild der toten Anna dem lebendigen Ännchen? O, was wollt' ich dem geben, der mir diese Frage beantworten würde! Was hilft's, daß ich mir vorrede, es sei Zufall; mit dem besten Willen vermag ich nicht daran zu glauben. Welche Wunder werd' ich noch hier finden, so tief, tief, tief im Walde? – – – – – – – – – – – – – – – –   Ich habe den Leutnant Bart auf die Ähnlichkeit des Bildes im Betsaal mit seinem Pflegekinde aufmerksam gemacht. Er hat diese Ähnlichkeit nicht herausgefunden; er hat lächelnd den Kopf geschüttelt und die Achseln in die Höhe gezogen und gemeint, es möge wohl Augentäuschung bei mir sein, das alte Bild gleiche nicht im mindesten seiner lieblichen Annie. Das Geschlecht der Rhoda habe wohl bis vor kurzem noch draußen im platten Lande existiert; aber seine Annie gehöre gewißlich nicht dazu. Auch der Vetter Kaltenborn hat mir nicht recht in meiner Meinung geben wollen: einem weißen wilden Rosenstock, nicht aber dem uralten, halbvermoderten Gesicht, von welchem er nicht begreifen könne, wie es der Herr Pastor im Kirchensaale hängen lasse, möge das Ännchen gleichen – hat er gesagt. Es giebt nur ein Wesen auf dem ganzen Trautenstein, welches mit mir die Ähnlichkeit erkennt, das ist Susanna Reußner, die Magd, deren Bräutigam im Jahre Achtzehnhundertneun unter den Schillschen Husaren gefangen und von den Franzosen als Räuber unter dem Hochgerichte erschossen worden war, gleich Deinem Bruder Robert, mein Sever. Vor sieben Jahren war sie noch ein ausgelassenes, lustiges, hübsches Ding; was ist sie nun heute? Ach, wo ist das Rot der Wangen, der Glanz der Augen geblieben? Sie ist alt und still geworden vor der Zeit und lacht niemals, wenn auch alle anderen lachen auf dem Trautenstein. In dunkler Tracht schleicht sie müde einher und gedenkt fort und fort des toten Reiters, den ihr das feindliche Kriegsgericht nahm. Sie hat manch ein trauriges Lied, das singt oder summt sie, wenn sie sich allein oder unbelauscht glaubt. Gestern abend habe ich ihr aber doch eins vom Türmers-Töchterlein abgelauscht. Es lautet: Sie neigt sich herab übers Turmgeländ, So eisig die Stirn, so glühend die Händ'; Der Vater das Sünderglöcklein zieht, Durch die Gassen hallt das Totenlied – Jetzt holen sie ihn aus dem Kerker. Die Trommel wirbelt, – Choralgesang! Wie so hell tönt der Sünderglocke Klang! Ihr Auge ist starr, ist thränenleer, Wie ist das verödete Herz so schwer – Und sie führen ihn vor das Rathaus. Die Sonne so hell, die Luft so weich; Ist die blühende Welt nicht ein Himmelreich? Klein Vogel neben ihr zwitschert und singt, Und die Arme-Sünderglocke klingt – Sie haben den Stab ihm gebrochen. Sie neigt sich, sie beugt sich, sie schauet herab, Sie lächelt, sie lacht: Schön Schätze! im Grab, Im Grabe ha'n wir uns wieder; Was wollen die traurigen Lieder? – Und sie schleifen ihn zur Richtstatt. Tief unter ihr dehnt sich das Häusermeer, Der Markt so voll und die Straßen so leer! Dumpf rauscht es, dumpf wogt es, die Trommel erschallt, Und leise das Sünderglöcklein hallt – Der Ring ist geschlossen. Sie neigt sich, sie beugt sich, sie faltet die Händ'; O Schätzel, o Schätzel, jetzt ist es am End'! O Schätzel, o Schätzel! – Ein wilder Schrei, Die Trommel die wirbelt – vorbei, vorbei – Sie fanden im Grabe sich wieder. Diese arme nachdenkliche Susanne hat mit mir erkannt, daß das Ännchen dem Bilde des »Fräuleins« oben im Kirchensaal gleiche. Ihr Auge haftet oft forschend auf dem bleichen, schönen Gesichte des Kindes, als ob sie etwas darin suche, was zu finden sie sich doch im Grunde der Seele fürchte. Mag das auch bloß Phantasie bei mir sein, ich vermag mich auf keine Weise dagegen zu wehren. O, wer doch dieses Rätsel lösen könnte! Zweihundert Jahre alt ist dieses Bild, und der Maler hat das lebendige Ännchen gemalt; nicht das kranke Ännchen, sondern das Ännchen, wie es aussehen wird, wenn alle bösen Geister und Gespenster vor meiner Liebe die Flucht genommen haben werden. Seltsam, seltsam, Severus! Dunkel und ahnungsvoll ist meine Seele; – welch ein Geschick birgt der Wald für mich und den Findling in seiner Tiefe? Dunkel und ahnungsvoll ist meine Seele, und dunkel, immer dunkler wird der Himmel über dem Walde. Es ist schwül, und ein Sturm zieht sich zusammen. Das Volk auf dem Trautenstein hat seine Arbeiten entweder ganz eingestellt, oder beschäftigt sich doch nur auf eine Weise damit, welche einsehen läßt, daß es nur halb dabei ist. Man schleicht umher, man sieht nach den Fenstern und Fensterladen; man betrachtet bedenklich die schwarzen, schweren Wolken; – man wartet! Wenn es doch nur erst losbräche! Unerträglich ist dieses bängliche Harren auf das Verhängnis. Ist es nicht seltsam, daß in diesem Augenblick von allen Leuten auf dem Trautenstein das Ännchen am wenigsten das nahende Gewitter auf der Seele fühlt? Sie sitzt in einer Fensterbrüstung, hoch oben im Südturm. Als die ersten schweren Tropfen niederschlagen, streckt sie die Hand in die Luft hinaus, um einige derselben aufzufangen. Sie verläßt ihren luftigen Sitz auch dann nicht, als endlich, endlich der erste Donner langhallend durch die Thäler rollt. –   Bis tief in die Nacht hinein hielt das Gewitter an. »Es habe sich zwischen den Bergen gefangen,« sagte der Förster. »Das sei immer so; wenn es komme, so komme es ordentlich.« Wie das rauschte und plätscherte, rollte, krachte, knatterte! Wie das in den Tannen sauste! In der weiten Schenkstube sammelte sich alles um die Lampe, welche die Base Kaltenborn anzündete. In dem Durcheinanderklingen der Elemente suchte ein jeder Schutz bei dem anderen. Die einen saßen stumm und starr in den Winkeln, andere beteten leise vor sich hin, wieder andere liefen unruhig auf und ab. Nur wenige zuckten mit Gleichmut die Achseln und hielten sich an den Trost, daß die hohe Forstdirektion im vergangenen Jahre einen Blitzableiter am Nordturm des Trautensteins habe anbringen lassen. Ich sprach mit dem Vetter Kaltenborn über diesen Blitzableiter und kam von diesem Gesprächsthema auf ein anderes, ein verrostetes Hufeisen, welches über dem Hofthore befestigt war. Dasselbe hatte meine Aufmerksamkeit gleich beim ersten Anblick auf sich gezogen; ich hielt es für ein aus dem frühesten germanischen Heidentum herübergekommenes Zeichen vom Dienst des Wodan, für ein Schutzmittel gegen das wütige Heer, gegen den wilden Jäger und anderen geisterhaften Spuk. Diese Vermutung sprach ich gegen den Vetter Kaltenborn aus, aber der Waldmann schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, nein, Herr Kollaborator, damit hat's eine ganz andere Bewandtnis. So etwas hängt nicht an dem alten Eisen; aber wohl eine merkwürdige Geschichte, deren Wahrzeichen es ist. Lassen Sie sich von meiner Mutter erzählen, was es damit auf sich hat. Es ist recht ein Wetter dazu.« »Ja, die Großmutter erzählt gut!« rief der Leutnant Bart. »Laßt Euch die Hufeisengeschichte von ihr erzählen, es wird Euch nicht gereuen.« Ich wandte mich bittend an die alte Frau; das Ännchen drängte sich dicht an meine Seite, und aus dem fernsten, dunkelsten Winkel des Gemaches fing eine geisterhafte, zitternde Stimme ganz leise an zu erzählen. Und die Spinnräder schnurrten, und der Regen rauschte, und der Donner rollte. »Jesus Maria! ... Schütz uns Gott!« schrie es dann und wann auf, wenn ein neuer Blitz herabzuckte. Aber die geisterhafte, zitternde Stimme erzählte weiter. Was ich zu hören bekam, das wirst Du auf den folgenden Seiten finden. O Severus, Severus, immer geheimnisvoller winkt's und deutet's aus dem Waldesdunkel hervor. Mir winkt es, mir deutet es, allen anderen verborgen! Ich komme mir oft selbst recht thöricht vor; aber wie ich es auch versuchen mag, auf keine Weise kann ich diese Geistesstimmung, die mich zwingt, alles was geschehen ist und nicht geschehen ist, alles was geschieht und nicht geschieht, auf das Ännchen zu beziehen, abwerfen. Wenn man ein Rätsel zu lösen hat, sucht man überall Bezüge; und von neuem und immer wieder wiederhole ich, das süßeste, rührendste Rätsel ist mir das Ännchen. Was hat nur die Geschichte vom Hufeisen von Trautenstein mit dem Ännchen zu thun? Im Jahre 1703, im Herbst war's; da saß, nachdem auch ein Gewitter, wie das heutige, vorübergezogen war, das Volk, welches damals den Trautenstein bewohnte, in dem Gemache, welches heute die Schenkstube ist, zusammen. Der Mond schien, nachdem das Gewitter vorübergezogen war, hell in die Fenster; die Mädchen und Frauen sangen und spannen, und die Männer schwatzten von diesem und jenem, bis die Rede auf den wüsten Ort kam. Da brachen die Weiber ihren Gesang ab, eine Stimme verstummte nach der anderen, und zuletzt führte nur noch die hellste und wohltönendste die Melodie vom »Schürz Dich, Gretlein,« fort. Diese helle, mutige Stimme gehörte der Marie an, der jungen Magd des damaligen Försters, die ihren versprochenen Schatz nicht freien konnte, weil beide blutarm waren; die aber doch darum den Kopf nicht hängen ließ, sondern fest darauf baute, daß ein mutig fromm Herz allen Widerstand der Welt überwinde. Försters Marie hatte schon manchen faulen, feigen Burschen durch ihre frische Herzhaftigkeit beschämt; was sollte sie ihr Lied abbrechen, wenn sich auch alle anderen vor dem wüsten Ort grauten? ... Ich war gestern mit dem Ännchen auf dem wüsten Ort. Jetzt ist da alles mit Grün zugewachsen, kaum daß hie und da noch ein altes Gemäuer aus dem Gebüsch hervorragt. Aber wie damals, so erzählt man auch heute noch unheimliche Dinge von dieser Stelle, und manche Sage hängt darüber, wie sich Spinngeweb über eine dunkle Ecke hängt. Ein reiches Dorf stand hier einmal; aber im dreißigjährigen Kriege, in der »Schwedenzeit« ist es »niedergegangen«. Viele Greuel sind hier geschehen, und obgleich der Wald über die Trümmer und das Blut gewachsen ist, so haben die Toten doch bis heute noch keine Ruhe in ihren Gräbern, sie gehen um und umschweben in nächtlicher Weile, manchmal aber auch am hellen, lichten Tage, den wüsten Ort; und manch einer hat Erfahrung davon. Ist nicht der Susanne am hellen Tage, im Herbst des Jahres 1809, mittags um zwölf Uhr, als die Sonne hell schien, ein solcher Spuk begegnet? Ist nicht der Pastor des wüsten Dorfes vor ihr hergegangen, – ein alter Mann im schwarzen Predigergewand mit einer weißen Halskrause und Blutflecken darauf? Ist nicht das Gesicht der Erscheinung weiß gewesen, wie ein Totengesicht, und ist nicht der Priesterrock zerrissen und voller Brandflecke gewesen? Hat der Spuk nicht die Bibel im Arm gehalten, und ist er nicht langsam durch den Wald gegangen bis zu der Stelle, wo einst die Kirche des verlorenen Dorfes gestanden hat? Hat er da nicht die Susanne ganz starr angesehen und mit der Hand gewinkt, und ist er nicht verschwunden darauf, als ob ihn die Erde oder die Luft verschlungen hätte? Halb wahnsinnig vor Angst ist die Susanne durch den Wald gestürzt, am folgenden Tage aber sind die westfälischen Gendarmen auf den Trautenstein gekommen und haben den daselbst versteckten Konrad, den Schillschen Reiter, gefunden und haben ihn zwischen den Pferden gefesselt fortgeführt, und der Herr von Rhoda, der westfälische Jägerhauptmann, hat sie kommandiert und hat nachher auch mit Kriegsgericht gesessen, welches den armen Konrad zum Tode verurteilte. Ein Herr von Rhoda in schwedischen Diensten hat auch im dreißigjährigen Kriege den Überfall geleitet, bei welchem das Dorf zu Grunde ging. Durch die Jahrhunderte ist dieses Geschlecht, nach dem Willen des Geschicks, immer wieder von neuen mit der Geschichte dieses Waldschlosses verbunden gewesen, seit es für eine aus diesem selben Geschlecht aufgebaut wurde. – Also in der Mitte des Sommers 1703 kommt in der Mondscheinnacht, nach dem Gewitter, die Rede auch auf den wüsten Ort, und jeder im Kreis weiß ein schaurig Wörtlein davon zu sagen, und ein jedes graut sich immer mehr und flüstert immer leiser, und nur die Räder schnurren nach gewohnter Art fort; nur die Marie bringt fröhlich ihr Lied zu Ende und lacht die anderen aus, reißt ihr Fädlein ab und ruft: »Ach, 's ist alles eitel dumm Zeug mit dem wüsten Ort! Was hat's sich da mit Grauen und Gruseln und alten Lügengeschichten? Mir ist mein Lebtag noch kein Spukding um die wüsten Trümmerhaufen erschienen. Und wenn's geschehen wär', so hätt' ich ihm schön heimleuchten wollen.« Da sehen sich alle anderen scheu um, und dann reden sie leise auf das kühne Mädchen ein: sie solle schweigen, sie solle sich nicht versündigen an den Toten; es sei ein bös Ding darum, und sie möge wohl sprechen also hier im Kreise der Lebendigen, draußen aber, in dieser Stund', am wüsten Ort, würde ihr aber doch wohl der Mund geschlossen sein, und das Herz ihr klopfen gleich einem Schmiedehammer. Da streicht Marie mit beiden Händen ihre Schürze glatt, schiebt das Spinnrad von sich und ruft: »Was gebet Ihr mir, so geh' ich jetzt auf der Stell' und hol' Euch zu jetziger Stund' einen schwarzgebrannten Stein aus dem Backofen des wüsten Dorfes im Walde; und mit jedem Gespenst, so mir in den Weg kommt, mach' ich einen Tanz.« Zwischen Grausen und Wunder blickten alle auf das schöne Mädchen, welches alle Mannspersonen auf dem Trautenstein durch ihren Mut beschämte. Die meisten haben anfangs ihr Wort für einen Scherz genommen, aber Marie ist dabei geblieben, ist aufgesprungen und hat gerufen: es sei ihr blutiger Ernst um ihr Wort und sie werde es auf der Stelle lösen, wenn man mit ihr wetten wolle. Da ist ein groß Hin- und Widerreden gewesen, und endlich ist man einig geworden, man wolle der Marie ein silbern Halskettlein geben für einen schwarzgebrannten Stein aus dem Backofen am wüsten Ort, geholt um Mitternacht, in der Geisterstunde. »Gut denn!« hat die Marie gesagt und dabei gelacht, daß ihre weißen Zähne wie Perlen geglänzt haben. Ein Tuch hat sie über den Kopf gebunden, und aus dem Hause ist sie gesprungen, über den Hof, über die Zugbrücke, welche damals noch vorhanden gewesen ist. Auf der Brücke hat die ganze Bevölkerung des Trautensteins, alt und jung, groß und klein, gestanden, und hat der verwegenen schönen Magd nachgeblickt, wie sie durch den Nebel und den Mondenschein über die Wiese auf den Wald zugesprungen ist. Die Männer haben sich ein wenig geärgert und geschämt, die Weiber haben gezittert, und einige haben gemeint: es sei ein großes Unrecht, daß man die Marie habe gehen lassen; man habe sie zurückhalten sollen. Aber Marie hat von alledem nichts vernommen, gradaus läuft sie wie ein Reh über die nebelige blinkende Wiese, und vor ihr steht der Vollmond, grade über dem Walde, und alle Wetterwolken haben sich vom Himmel verzogen. So kommt das Mädchen in den Wald, da tröpfelt es noch und klingt wieder wie die Tropfen niederfallen von Blatt zu Blatt. Hie und da schüttelt sich leicht ein Baum, als lache er leise in sich hinein, daß der Sturm mit langer Nase habe abziehen müssen. Aber der Marie fängt das Herz nun doch an zu pochen, wie der Hochwald dunkler, immer dunkler wird, je weiter sie ins Gebüsch vordringt. Jedes Fünklein Mondenlicht ist ihr wie ein rechter Gottestrost. Sie fängt, um sich Mut zu machen, an zu singen; das Lied vom »fahrenden Fräulein« hebt sie an, aber die Stimme, sonst so hell, erstickt ihr in der Kehle. Sie sagt wohl: dummes Zeug! aber drückt doch die Hand fest aufs Herz, um sein Klopfen zu mindern. So schreitet sie immer vorwärts, – immer vorwärts, bis der Wald sich lichtet, und der Mondenschein wieder die Oberhand über den Schatten kriegt. Gemäuer erhebt sich hie und da. Des Mädchens Fuß stößt an lose Steine, der schauerliche Ort ist erreicht. Dort lag die Kirche, dort das Gemeindehaus, dort war der Brunnen, in welchen man die armen Kinder hinabstürzte! Das Mädchen steht inmitten der unheimlichen Trümmer und blickt scheu um sich, um sich zu orientieren. Rechts von ihr erhebt sich der noch ziemlich wohl erhaltene Backofen des verwüsteten Dorfes. Das silberne Halskettlein zu gewinnen muß das Mädchen in die dunkle Öffnung desselben hineinkriechen. Sie zaudert und möchte umkehren und im vollen Schauder davon fliehen. Da gedenkt sie aber des Gelächters, welches sie dann auf dem Trautenstein bewillkommnen wird. Nein, nein, nein, sie sollen über die Marie nicht lachen! das brächte sie um! In die dunkle Höhlung schlüpft das Mädchen, – sie tastet, – sie löst einen Stein aus dem alten Gemäuer los, eben will sie wieder aus der feuchten kalten Wölbung vorkriechen, – da erschrickt sie heftig und fährt zusammen und lauscht. Alle die vernommenen Schreckensgeschichten werden urplötzlich lebendig in ihrer Seele. »Was war das? horch, horch ... schütze mich Gott, horch, – da, da!« Das klingt wie der Hufschlag eines Pferdes – tap – tap – tap – tap. Schwindelnd hält sich Marie am Mauerwerk, ohne jedoch den eroberten Stein fallen zu lassen. Sie denkt: es ist doch wahr, was sie erzählen; sie denkt: das ist der Schwedenreiter, der Trompeter, welchen die vier Männer des verwüsteten Dorfes, die gerettet wurden, nach der Zerstörung betrunken unter den Trümmern gefunden haben, den sie an den Füßen aufgehängt und gräßlich zu Tode gepeinigt haben! Das ist der schwedische Trompeter, der in der Geisterstunde auf seinem Schimmel den wüsten Ort umreitet! Und unwiderstehlich zieht's das zum Tode erschrockene Mädchen, daß es aus dem Dunkel vorlugen muß; und richtig zwischen den Baumstämmen jagt ein Schimmel heran; ein Reiter sitzt darauf und hält was Dunkles vor sich im Sattel. »Das ist der Trompeter!« denkt Marie und fährt zurück in die Höhlung des alten Gemäuers – aber da hört plötzlich der Hufschlag auf. Der gespenstische Reiter muß sein Roß angehalten haben. Richtig! – die Marie hatte nicht die Schürze vors Gesicht geschlagen, wie es hundert andere an ihrer Stelle gethan haben würden; – sie schaut vor aus ihrem Versteck, und zehn Schritte davon steht schnaubend das weiße Pferd, und ein hoher Mann in grüner Jägertracht mit einem Federhut, ein Mann, der Gold auf den Nähten seines Kleides und einen Hirschfänger an der Seite trägt, ist abgestiegen und hebt eine Frau vom Sattel herunter. Das Mondlicht fällt auf das wunderschöne, totenbleiche, angstverzerrte Gesicht dieser Frau, und eine lange goldene Flechte hat sich losgelöst im wilden Ritt und hängt über ihre Schulter. Nun sieht Marie wohl, daß es der Schwedenreiter nicht ist; aber ihr Schrecken vermindert sich darum nicht. Der Wald soll nicht dem Monde keusch ein süßes Geheimnis verbergen; – nein, die schöne, bleiche, fremde Frau wimmert so kläglich und wirft sich nieder in das nasse Gras und umfaßt die Knie des Mannes, wie in allerhöchster Angst. Sie fleht um Verzeihung, sie bittet um Gnade, um Barmherzigkeit, – um Gottes willen, um ihres Kindes willen, um ihrer Mutter willen. Die Zweige tröpfeln noch immer nach; sonst aber ist die Nacht so still, so ruhig geworden, daß das Mädchen vom Trautenstein, trotz ihrer eigenen Angst, den leisesten Klagelaut der Fremden vernimmt. Was wird das geben? was soll da geschehen? Nun knüpft der fremde Mann den Zaum des weißen Pferdes, welches ihn und die verzweifelnde schöne Frau hergetragen hat in die Wildnis zu dem wüsten Ort, an ein Bäumlein. Die Frau wimmert leise und ringt die Hände: »Ulrich, Ulrich, um unseres Kindes willen, Erbarmen, Erbarmen! Was willst Du thun, Ulrich, Ulrich!« »Kümmere Dich nicht um das Kind, Luise; bete, bete, Melander von Rhoda, Dein Buhle ist tot – bete, Luise, auch Dein Urteil ist gesprochen!« Das Weib lacht im Krampf des halben Wahnsinns; aber der schreckliche Mann zieht die Kniende in die Höhe, der Mond scheint ihr voll ins Gesicht, – o welche Augen hat sie gemacht! »Fort!« sagt der Mann. »Du wirst müde sein vom langen Ritt; fort, Du sollst nun Ruhe haben.« Auch er lacht, und die Marie erzittert darob bis ins tiefste Gebein. »Ulrich, Ulrich, Erbarmen!« fleht das Weib, aber der Mann faßt es um den Leib: »Fort!« Er zieht sie von dannen; sie schwankt, er stützt sie, ihr Haupt liegt auf seiner Schulter: man könnte sich vorstellen, ein seliges Liebespaar suche in dem Schatten des Waldes seine Wonne vor jedem Lichtstrahl zu verbergen. Aber im höchsten Entsetzen blickt ihnen Marie nach. Das unbekannte Paar wendet ihr den Rücken zu, – über den wüsten Ort führt der Mann das Weib; ihre Schatten fallen lang über das alte Gemäuer. Das weiße Roß sieht ihnen auch nach bis sie verschwunden sind, dann wiehert es, und mit einem wilden Schrei stürzt die Marie aus ihrem Versteck hervor, reißt den Zügel des Schimmels von dem Ast, halb bewußtlos schwingt sie sich in den Sattel – weit aus greift das Roß, durch den Wald jagt im wildesten Galopp das kühne Mädchen dem Trautenstein zu, ohne sich umzusehen, ohne den schwarzen Stein, nach welchem sie ausging, mitzubringen. Auf dem Trautenstein sitzen die Leute in Angst und Sorge um Marie. Allzulang für die Entfernung des wüsten Ortes bleibt sie aus. Die Männer sprechen bereits davon, auszuziehen und sie zu suchen. Auf der Brücke steht ein Haufe und blickt nach dem Walde herüber und teilt sich untereinander mit leiser Stimme die ängstlichsten Vermutungen mit. Aber plötzlich schweigt alles und lauscht: »Horcht! horcht!« »Es war, als klang ein Ruf herüber!« »Da wieder!« »Was ist das? da! da!« Und wieder der angstvolle Ruf! Zwischen den Stämmen des Waldes bewegt sich ein weiß, schimmerndes Etwas. Ein Roß, ein weißes Roß jagt über die Wiese auf den Trautenstein los – »Die Marie! Die Marie!« »Zu Hilfe! Hilfe, zu Hilfe! In den Wald, ihm nach, ihm nach! Hilfe, Hilfe, er mordet sie!« ruft Marie, den Schimmel bändigend und halb tot herabsinkend. An allen Gliedern zittert sie und vermag kaum noch zu reden, zu erzählen. Um sie drängt sich das Volk und fragt und schlägt die Hände über den Köpfen zusammen und starrt das fremde, stolze, schnaubende Pferd an. Nun hat die Marie so viel Atem geschöpft, um berichten zu können; ein Schrei geht durch den Haufen der Lauschenden, dann stürzen die Männer zu ihren Büchsen und Hirschfängern, und die Weiber fürchten sich, allein zurück zu bleiben, mit Fackeln schließen sie sich an, und fort eilt der ganze Haufen nach dem wüsten Ort, voran als Führerin die kühne Marie die auch ein blankes Weidmesser in der Hand trägt. Nun wird der Wald durchsucht, weit und breit um das Gemäuer des verwüsteten Dorfes, aber vergeblich ist alles gewesen; als ob die Erde die beiden Fremden verschluckt habe, ist's gewesen. Todmüde kommen mit dem Morgengrauen die Suchenden zurück zum Trautenstein. Da steht noch immer der Schimmel angebunden am Hofthor; in seinen Satteltaschen forscht man nun und findet ein Paar köstliche, goldene Pistolen und einen Beutel mit Goldstücken, aber durchaus keinen Ausweis darüber, wem das alles gehören mag. Im tiefen Walde haben sie dazumalen sich wenig genug um die Justiz und die Polizei draußen vor den Bergen gekümmert. Sie haben, so zu sagen, ihre eigene Gerechtigkeit gehabt tief im Walde; so haben sie auch in dieser wunderlichen Sache nach eigenem Gutdünken gehandelt und nicht die fürstlichen Beamten und den Fiskus dazwischen kommen lassen. Der Schimmel steht und steht im Stall auf dem Trautenstein, thut auch vorkommende Arbeit; aber niemand fragt nach ihm und fordert ihn ab. So wird er alt und blind, und die Jahre vergehen und er stirbt; – man nagelt zum Angedenken das Hufeisen von ihm an das Schloßthor. Die herrlichen Pistolen hat der damalige Förster behalten; den Beutel mit dem Golde haben aber alle Leute auf dem Trautenstein der kühnen Magd Marie zuerkannt, da auch nach ihm niemand geforscht hat. Mit diesem Golde hat sich Marie ein Heimwesen gegründet; es hat kein Unsegen darauf gelastet. Das mutige Mädchen hat ihren Liebsten nun freien können, und sie sind sehr glücklich miteinander geworden, sie haben viele Kinder miteinander gezeugt, und jetzt im Jahre 1816 dient wieder eine Magd ihres Namens: Susanne Reußner auf dem Trautenstein. Deren Schatz jedoch, Konrad Wolf, wurde durch das westfälische Kriegsgericht, in welchem auch der Hauptmann Otto von Rhoda saß, zum Tode verurteilt. So laufen seltsam, dem Menschenauge meistens unerforschlich, die Geschicke von Völkern und Individuen durcheinander, und je tiefere Blicke in dies Gewirr zu thun uns vergönnt wird, in desto unabsehbarere Ferne, in desto dunklere Abgründe verliert sich das Auge. Mit dem Schicksal der Nationen legen wir in Demut unser eigenes Schicksal in die Hand der Gottheit und wissen mitten im geheimsten Schauer ahnungsvollen Nichtwissens, daß es einem Auge keine Geheimnisse giebt, nicht im grenzenlosen Weltall, nicht auf dieser kleinen Erde, wo unser Dasein zwischen Freude und Leid, dunkel bewegt einen kurzen Augenblick hinfließt. Ich weiß es nicht, weshalb Anna von Rhoda dem auf dem Schlachtfelde bei Talavera gefundenen Ännchen gleicht. Ich weiß es nicht, was mich so fest, so ununterbrochen in den Zauberkreis dieses vielleicht so gleichgültigen Rätsels bannt!   Alle Leute auf dem Trautenstein lieben das Ännchen und freuen sich seiner: nur die Susanne allein blickt noch finsterer als gewöhnlich, wenn ihr das Kind in den Weg kommt. Auch Ännchen wird in der Gegenwart der armen Magd noch scheuer und stiller als sie gewöhnlich ist. Woher kommt diese Antipathie zweier Menschen, welche sich doch nie irgend etwas zu Leid gethan haben können? Als ich die Susanna darum fragte, gab sie mir eine ausweichende Antwort, wandte sich zu ihrer Arbeit und murmelte etwas, was ich nicht verstand. Ännchen meinte, sie könne sich nicht wohl fühlen in der Nähe der Magd; aber weshalb, könne sie nicht angeben; es sei ihr unter dem Blick Susannens, als werde die Luft schwerer; – sie könne für dieses Gefühl nichts und fühle recht gut, daß es unrecht sei, also zu fühlen. – Welch ein wonnig Leben! Die Leute des Waldschlosses gehen ihren Geschäften und Arbeiten nach, ohne sich um den Kollaborator und das Pflegekind des Leutnants Bart zu kümmern; der Leutnant Bart selbst hat nicht das mindeste dagegen einzuwenden, daß sein holdes Pflegekind mit dem lateinischen Schulmeister unbewacht in den Bergen umherstreift: er raucht in Ruhe sein Pfeifchen unter der Linde im Schloßhofe, er weiß, daß sein Kind gut aufgehoben ist unter dem Schutze des Kollaborators Wolkenjäger. Und über Fritz und Ännchen schüttelt die Einsamkeit des Waldes alle ihre Segnungen und Seligkeiten aus. Welch ein unaussprechlich selig Ferienleben nach – dem großen Kriege! Da rauscht mitten in der allertiefsten Einsamkeit ein Wässerchen klar und kühl. Wie von unwiderstehlicher Sehnsucht gezogen, sucht es durch die grüne Dämmerung des Forstes seinen Weg, um sich in wonniglichen Schauern einem anderen lustigen Bach in die Arme zu stürzen. In der düstern Brautkammer einer geheimnisvollen Felsenschlucht geschieht dies; aber jubelnd über die endliche Vereinigung suchen die Wasser sogleich das Tageslicht und die fröhliche Sonne. Zwischen den Felstrümmern und Riesentannen springen sie hervor in ein liebliches Waldthal. Hier hat, ungefähr eine Stunde vom Trautenstein entfernt, ein Köhler seine Hütte aufgeschlagen. Ein schwarzer Meiler dampft daneben, und der schwarze Kohlenbrenner geht darum herum mit seiner Schürstange, die qualmende Pfeife im Munde; voll von Liedern, Sagen und Schnurren. Die Zuneigung Ännchens hat der rußige Gesell in so hohem Grade gewonnen, daß ich fast eifersüchtig auf ihn werden könnte. Fast kein Nachmittag verstreicht, ohne daß Ännchen ihm, seiner Ziege und seinem Meiler einen Besuch abstattet. Das Geschick, welches den Kollaborator Wolkenjäger an das schöne Mädchen gefesselt hat, treibt ihn natürlich ihr auch auf diesen Wegen nach. So kommt es, daß oft bis in die Abenddämmerung hinein, der einsame Köhler die allerbeste Gesellschaft bei seiner Arbeit hat, und eifrige Zuhörer bei allen seinen Geschichten. Dieser Mann ist die lebendige Chronik des Waldes, und Sage und Geschichte würfelt er nicht mehr, wie jeder andere Historiker, durcheinander. Und er redet gut; – Ännchen und ich lieben den scharfen Duft des frischgespaltenen Tannenholzes, lieben dieses seltsame nachdenkliche Köhlerhandwerk, welches sich so leicht ansieht und so schwer auszuüben ist, – Ännchen und ich lieben den Ton, in welchem der künstliche Köhler seine Sagen und Erzählungen vorträgt. In der schwarzen Hütte des einsamen Mannes hängen an Fäden aufgereiht kunstvoll abgestimmte Holzkohlenstücke, diese weiß unser rußiger Freund anzuschlagen, daß sie eigentümlich melodische Töne von sich geben; zu einer großen Fertigkeit hat er es auf diesem eigentümlichen Musikinstrument gebracht, und den Melodien, welche er darauf hervorbringt, gleichen seine Geschichten ganz und gar. Das Ännchen findet am meisten Gefallen an seinen Sagen von Nixen, Feien, Kobolden, klugen, guten und bösen Zwergen, verzauberten Prinzen und Prinzessinnen, gewaltthätigen Riesen und Zauberern. Mich interessieren mehr seine historischen Erörterungen, die aber, wie schon gesagt, nie ganz reine Historie sind, sondern immer von der Sage durchwoben. Ich habe ihn auch nach dem Geschlechte derer von Rhoda gefragt, und er hat mir mancherlei davon erzählt. Einige Stunden gegen Süden liegt auf einem Felsen die Rhodenburg in Trümmern. Von ihr leitet das Geschlecht seinen Namen ab. Der erste Rhodenburger kam unter einem hohenstaufischen Kaiser aus Schwaben in das Sachsenland und baute die Burg. Durch die Jahrhunderte hat das Raubvogelnest der bösen Ritter auf seiner Felsenecke trotzig geklebt, dem umliegenden Lande zum Schaden und Elend. Aber das Geschlecht hat das Schicksal des deutschen Rittertums geteilt; von ihren Höhen sind die Adler und Geier in die Ebene hinab geflattert und sind zum zahmen gefräßigen Gevögel geworden, welches die Throne unserer kleinen und großen Potentaten umgackert und umgirrt. Manch ein Mauerstein der alten stolzen Rhodenburg wurde in das Mauerwerk des Trautensteins eingefügt, und der Trautenstein wurde für ein Fräulein von Rhoda gebaut, welches die Maitresse eines winzigen Herzogs war. Allen fremden Fürsten und Völkern verkauften die Rhodenburger von da an ihr Blut, ihr Schwert; für sein deutsches Vaterland aber ist seit der Sporenschlacht, der Schlacht bei Guinegast, welche der letzte Ritter, Kaiser Maximilian der Erste, den Franzosen abgewann, kein Herr von Rhoda gefallen. Ja, Severus, das Volk weiß solches recht gut, und mehr und mehr tritt ihm sein Wissen ins Bewußtsein, – Gott helfe weiter dazu! –   Sever, es ist geschehen; plötzlich, urplötzlich, unbegreiflich ist es Licht geworden. Die Offenbarung ist gekommen; alles schwankt rings um mich her; – ich will deshalb so methodisch als möglich mein Tagebuch schreiben, das mag auch ein Hilfsmittel sein, daß ich nicht untergehe im Sturm und Taumel der Gefühle. O wäre doch jetzt der kühle Sever an meiner Seite! Einen Quandelpfahl einzuschlagen, einen Meiler aufzuschichten, ist der Platz am besten geeignet, wo schon einmal Kohlen gebrannt sind, mag es auch vor hundert Jahren geschehen sein. Das ist eine alte Köhlerlehre und eine wahre. Da unser schwarzer Freund auf der einen Stelle seine Arbeit vollendet hatte, so suchte er ein wenig tiefer im Walde einen anderen Platz auf, um daselbst von neuem sein künstlich Gebäude von Fichtenscheiten aufzubauen. Während des Prozesses des Verschwelens darf ein Kohlenbrenner seinen Meiler keinen Augenblick verlassen; Tag und Nacht muß er bei der Hand sein, daß nicht im Innern des mit Rasen bedeckten Haufens eine helle Flamme ausbricht, und seine Mühe und Arbeit vergeblich wird. Während der Aufrichtung eines neuen Meilers hat ein Köhler mehr Zeit, und so kam es denn, daß er heute am Nachmittag Ännchen und mich fragte: »Habt Ihr schon den Seigergrund gesehen?« Auf unsere verneinende Antwort meinte er: »O das müßt Ihr sehen! Habt Ihr das nicht gesehen, so habt Ihr nichts im Gebirg gesehen. Jetzt gleich wollen wir gehen, – wartet, ich will eine Fackel zurecht machen. Ohne die wär's allzu gefährlich.« Wir folgten sogleich dem Voranschreitenden, der uns eine Berglehne hinauf und nach halbstündigem Marsche in eine tiefe Felsenschlucht hinab führte. Der Mann hatte recht, Sever, wer den Seigergrund nicht sah, der kennt das Gebirge nicht. Im Seigergrunde habe ich die Lösung der Geschichte vom Hufeisen am Thor des Trautensteins vernommen; im Seigergrund habe ich erfahren, weshalb das Bild im Betsaal dem Ännchen von Talavera gleicht; im Seigergrund habe ich erfahren, wer das Ännchen von Talavera ist; im Seigergrund hat das Ännchen – doch ich werde mich selbst verlieren, wenn ich auf diese Weise fortfahre! Höre, höre, Sever! Die Sonne strahlte vom unbewölkten blauen Himmel, – seit jenem Gewitter, von welchem ich schon berichtet habe, hatte es nicht wieder geregnet; dessenungeachtet war es so feucht in dem Seigergrunde, daß das Ännchen ihre Röckchen hoch aufschürzte, und ich die Hosen in die Stiefelschäfte stopfte. Üppige Ranken hingen von den moosigen Felsenmassen nieder, Vergißmeinnicht und andere, die Feuchtigkeit liebende, Pflanzen wuchsen prächtig zwischen den riesenhaften Steintrümmern; Eidechsen und Frösche sonnten sich auf Stellen, welche die Sonne traf, ein kleines Schlängelein schoß ringelnd dicht vor meinen Füßen hin und verbarg sich im hohen Grase. Die Schlucht war nicht breit, aber zu beiden Seiten war der Felsen ausgehöhlt, und das erstaunte Auge erblickte eine dunkle Grotte über der andern, aus welchen eiskalte Luftströme hervordrangen. Ännchen klammerte sich ängstlich an meinen Arm, wir standen vor einer schwarzen Höhle, welche in das Innere des Gebirges zu führen schien; – auch mir fröstelte bei dem schaurigen Anblick – das war der Eingang zur Hölle Dantes, – still, totenstill, – geheimnisvoll, schrecklich! »Das ist ein uraltes Bergwerk, verlassen zu einer Zeit, von welcher man nichts mehr weiß,« sagte unser Führer. »Zu beiden Seiten der Schlucht sind die Berge ausgehöhlt. Es ist nicht zu sagen, wie weit das hineingeht, es kommt einem ein Grauen an darüber. Eine halbe Stunde lang zieht sich der Seigergrund fort, und ununterbrochen werdet Ihr zu beiden Seiten diese Wölbungen und Stollenmündungen sehen. Nun will ich Euch ein wenig davon zeigen; aber sehet Euch vor, daß Ihr Euch nicht erkältet; es ist bitter kalt im Innern des Berges.« »Wollen wir hinein, Ännchen; oder wollen wir draußen bleiben?« fragte ich. »O, ich fürchte mich nicht; ich will Dir folgen, wohin Du gehst, Federigo!« sagte Ännchen, und wir traten seitwärts in eine der dunkeln Höhlungen. »Fürs erste brauchen wir die Fackel noch nicht,« meinte unser Führer. »Nun blickt aufwärts und unterwärts und zur Seiten, Ihr werdet Merkwürdiges genug sehen.« Sever, meine Feder erlahmt in der Schilderung dessen, was wir sahen. Jetzt aufrecht, jetzt gebückt krochen wir in das Eingeweide des Berges hinein. Jetzt fiel aus der Höhe durch eine Öffnung das Sonnenlicht in die Finsternis, und die Felsenwand, die es traf, funkelte magisch wie bedeckt mit Millionen von Diamanten. Jetzt wieder leuchtete nur ein schwacher grauer Schein wie aus weiter, weiter Ferne, – bald verengten sich die Wölbungen, bald dehnten sie sich zu mächtigen Hallen aus. In eine derselben, in welche wiederum durch eine Felsenspalte ein Sonnenstrahl fiel, stand der Köhler still und wies auf einen Stein, welcher sich von der Wand abgelöst hatte und ziemlich inmitten der Höhle lag. »Hier hat man sie gefunden,« sagte er, »oder vielmehr das, was noch von ihr übrig war. Die Füchse werden sehr bald den Weg zu ihr hineingefunden haben.« »Wen hat man gefunden? was hat man gefunden?« rief ich. »Nun erschreckt nur nicht, es ist schon hundert Jahre her! Die Wachensteinerin hat hier gelegen, oder ihr Gerippe; die Frau des Herrn von Wachenstein, einige Gebeine, ein goldner Ring mit dem Wappen von Wachenstein, einige Schnallen und ein Waidmesser, dessen Klinge von Rost zerfressen war. Haben sie Euch die Geschichte davon nicht erzählt drüben im Jagdschloß?« »Doch, doch!« rief ich mit heimlichem Schauer. »Aber daß es so zu Ende gegangen ist, haben sie uns nicht erzählt.« »Ja, ja,« lachte der Köhler, »wenn die da drunten bei ihrem Hufeisen angekommen sind, dann geht das Geschwätz durcheinander; sie haben die Geschichte allzu oft erzählen müssen, und das Hufeisen bleibt für sie doch immer das Merkwürdigste; für mich aber nicht.« »Erzähle uns diese Geschichte; erzähle sie uns hier an dieser Stelle!« rief Ännchen mit einem Eifer, den ich sonst durchaus nicht an ihr kannte. Sie stand gleich einem Engel des Lichtes in dem flimmernden Sonnenstrahl, welcher aus der Höhe in den schwarzen, unheimlichen Raum fiel. Ich konnte die Augen nicht von ihr abwenden, Sever; auch der Köhler blickte schweigend noch einige Augenblicke zu ihr herüber; es war so still um uns her, daß wir das Klingen der Wassertropfen hörten, welche durch das Gestein sickerten in einer noch tieferen Tiefe. »Der Herr von Wachenstein,« begann nun unser Führer, »war drunten im Lande Oberlandjägermeister und ist mit Vornamen Ulrich geheißen gewesen. Er war ein vornehmer, schöner Herr, und seine Frau, die an dieser Stelle gefunden wurde, war auch aus einem adeligen Geschlechte, und an dem Hofe des Fürsten drunten die schönste Frau. Das war dazumalen eine wüste Zeit; die was Rechtes sein wollten, mußten in allen Schanden und Sünden das Meisterstück gemacht haben und in französischer Art darüber lachen können, sonst lachte man über sie selbst. Das gemeine Volk, welches nicht Französisch konnte, war nur dazu da, das französische Lachen mit seinem Schweiß und seinem Blut zu bezahlen; – es ist ein teuer Ding, das französische Lachen, und ein gelehrter Mann hat mir mal gesagt, wenn es nicht gewesen wäre und noch wäre, so könnte die deutsche Nation König sein auf dem ganzen Erdball. Doch davon mögen andere besser reden; ich habe nur von der Frau von Wachenstein zu erzählen und von dem Herrn von Rhoda, so sie ins Verderben gebracht hat und schuld daran gewesen ist, daß ihr schöner Leib in dieser Höhle hat verkommen müssen. Der Herr von Rhoda, mit Namen Melander geheißen, hat das französische Lachen recht aus dem Grunde verstanden; er hat es in der Stadt Paris selbst gelernt und sein Hab und Gut als Lehrgeld dafür hingezahlt. So ist er aus dem welschen Land heimgekehrt an den Hof des Kurfürsten und hat sich bald so in dessen Gunst und Gnaden eingeschlichen, daß derselbe nichts ohne den Melander hat thun können. Damals ist unter dem Hofgesindel, den Fürsten mit eingeschlossen, unter den deutschen Speichelleckern und dem französischen und italienischen Abenteurervolk der Oberjägermeister Ulrich von Wachenstein der einzige ehrliche Mann und sein Weib Luise die einzige keusche Frau gewesen. Das hat nun alle die anderen sehr ergrimmt, daß die beiden nicht auch so schlecht gewesen sind, wie sie selbst, und einmal an des Kurfürsten Tafel ist um Mitternacht die Rede darauf gekommen, und alle die hohen Herrschaften haben über den Wachensteiner und seine Gemahlin gespottet und gelacht. Sie sind alle in der Trunkenheit gewesen, Männer und Frauen, und Herr Melander von Rhoda, des Fürsten Günstling, ist aufgesprungen und hat sich vermessen: er wolle binnen kurzer Zeit die Oberjägermeisterin auch in diese mitternächtigen Wüsteneien locken, und wolle machen, daß sie unter den Tollen und Ausgelassenen die Tollste und Wildeste sein solle. Wie haben da die anderen gejubelt und hin und wieder geschrieen! Wetten haben sie darauf gemacht, und der Kurfürst hat selbst mit dem Herrn von Rhoda gewettet um die Ehre seines treuesten Unterthans. Aber der Melander hat wie ein Teufel in sich hereingelacht und hat sein vorgenommenes böses Werk angefangen am anderen Tage; – sie haben ihm nämlich zur Ausführung desselben ein Vierteljahr Zeit gegeben, bis zum Anfange der Jagd in diesen Bergen. Auf dem kurfürstlichen Jagdschloß Riesenburg drüben an der Südseite des Gebirges haben sie dann das Gelingen oder Mißlingen des höllischen Vorsatzes nach ihrer Art feiern wollen. Was ist doch Verführung für ein fein Ding und doch – nach dem Tod – das gewaltigste. In die feinsten Ritzen und Spalten der Seele dringt sie ein; sie holt den Bauer vom Pfluge weg und den König vom Thron herab, sie beschleicht den Prediger auf der Kanzel und den Rechtskundigen auf dem Richterstuhl, der Jungfrau flüstert sie im Kirchstuhl ins Ohr und die Mutter reißt sie fort von der Wiege ihres Kindes. Was kann der Gewalt der Verführung widerstehen, wenn Gott nicht seine Hand dazwischen hält? ... Als der Versucher zum erstenmal an die arme Luise von Wachenstein trat, da fand er sie über der Wiege ihres Kindes; er flüsterte in ihr Wiegenlied und sie brach es ab, um ihm zu lauschen. Da war sie verloren! ... Ja, der Herr Melander von Rhoda war ein schöner Mann, wenn er auch nicht so schön war wie Herr Ulrich von Wachenstein; in Falschheit war des Weibes Sinn gesetzet und sie war nur so lange gut und brav, als die Verführung fern von ihr blieb. Doch ist die Sache nicht so schnell gegangen, aber endlich war die deutsche Sitte auf französische Art weggelacht, und der Rhodaer gewann seine Wetten; so daß der ganze kurfürstliche Hof ihn als einen Meister pries. Lange genug dauerte es, ehe Ulrich von Wachenstein daran glauben wollte, daß seine Frau eben ein solches Wesen, wie alle die anderen Damen am Hofe geworden wäre. Wohl gab es bald gute Freunde, welche ihm davon ins Ohr flüsterten; aber Melander und Luise trieben ihr üppig Spiel so im geheimen; und der Fürst sandte seinen Oberjägermeister so oft in die Ferne in allerlei Aufträgen, daß der ganze Sommer des Jahres Siebzehnhundertunddrei darüber hinging, ehe dem Ulrich das schreckliche Licht der Wahrheit ganz hell und klar leuchtete. Allmählich rückte nun der Herbst ins Land, und die Zeit der Jagden begann, die Zeit, wo der Kurfürst mit seinem Hofe nach der Riesenburg zu ziehen pflegte. Da ward der Oberjägermeister vorauf in die Berge gesandt, für das Vergnügen der hohen Herrschaften alles in Stand zu bringen. Da wurden die Bauern von ihrer Arbeit zusammengetrieben, um mit zu helfen im Walde; – es war dazumalen keine Lust, ein Bauer zu sein! ... Nun war bis jetzt die Frau von Wachenstein niemals mit den anderen zur Riesenburg gezogen; still und sittsam hatte sie daheim gesessen bei ihrem lieblichen Kinde, und gar kein Verlangen hatte sie gehabt, an dem wilden lustigen Treiben im Walde teil zu nehmen. Jetzt war das aber anders geworden; der Herr Melander hatte ja sein Meisterstück an der Frau des Wachensteiners gemacht; – so verlangte jetzt Luise vom Herrn Ulrich, daß sie mit dem Kurfürsten und den anderen in den Wald ziehen möge, wie es einer vornehmen Dame zukomme. Da war alles Reden und aller Zorn des Oberjägermeisters vergeblich. Vergebens beschwor er sein verblendetes Weib bei ihrer Liebe, bei ihrem Kinde zu bleiben wie sie sei. Sie antwortete nur: sie sähe keinen Schaden daran, daß sie ihr Leben genießen wolle gleich allen anderen, sie habe nicht mehr Lust, eingeschlossen zu sitzen gleich einer Nonne. Und der Melander hat es einzurichten gewußt, das der Fürst sein Wörtlein hat dazu geben müssen, und wie solches ausgefallen ist, das könnet Ihr Euch wohl leichtlich vorstellen. – So hat der Wachensteiner zuletzt eingesehen, daß alles Reden und Bitten vergeblich gewesen ist, da hat er eine schreckliche Drohung ausgestoßen und hat sich auf sein Roß geschwungen und ist wild davongejagt gegen das Gebirge, sein schweres Hofamt auszuführen, und die armen Bauern haben zuerst seinen Zorn erfahren müssen. Zur Frau Luise ist aber noch ihre alte Amme getreten und hat ihre Knie umfaßt und hat die Dame, bei allem was heilig ist, beschworen, nicht zur Riesenburg zu fahren; aber da ist gerade der Herr von Rhoda gekommen, der hat mit seinen Scherzworten die letzten Gewissensbisse verjagt; mit den anderen Damen ist die Oberlandjägermeisterin in den Wald gefahren. Im ganzen Lande ist, bei allen Leuten, welche nicht Französisch verstanden und gesprochen haben, die Riesenburg verrufen gewesen, als ein Ort aller Sünden und Laster, welche die Menschen seit Adams Zeiten erfunden haben. Da ist der Becher aller wilden Lust übergeschäumt; – Ihr braucht nur heute noch dort durch die Säle zu gehen und die Bilder an den Wänden und Decken ansehen, so werdet Ihr schon erkennen, was für ein Leben man vor hundert Jahren dort, im Herbst, getrieben hat. – Wenn die hellen Fenster der Riesenburg nächtlich in den Wald hinausgeglänzt haben, dann sind wohl die Köhler und Holzfäller scheu hinangeschlichen bis an die Gartengitter und haben zwischen Grauen und Lust den Tönen gelauscht, die von dem Schlosse herübergedrungen sind. Sie haben auch gesehen, wie die schönen Herren und Damen in der Dämmerung auf der Terrasse und in den Baumgängen lustwandelten; – sie haben mancherlei gesehen. – Nun ist eines Tages eine große Jagd gewesen, und auf dieser Jagd hat der Oberlandjägermeister einem Gespräche seiner Frau und des Herrn von Rhoda gelauscht; darüber ist er totenbleich geworden und hat den Hirschfänger halb aus der Scheide gezogen, hat ihn aber wieder hineingestoßen, als besänne er sich eines anderen; – hat auch nichts gesagt, sondern seiner Pflicht obgelegen, als ob alles in seiner Seele in Ordnung sei. Die Jagd ist an diesem Tage herrlich ausgefallen, und alles auf der Riesenburg ist am Abend in der besten Laune gewesen. Da haben sie in dem großen Saale bei der Tafel gesessen – die kurfürstlichen Gnaden mit ihrem ganzen Hofstaat, und neben dem Herrn von Rhoda hat die Wachensteinerin gesessen mit glänzenden Augen, schön und stolz. Dem Herrn von Rhoda aber winkte der Kurfürst lächelnd zu, und alle andern thaten dasselbe; – er hatte alle seine Wetten gewonnen, an diesem Abend feierte er seinen Triumph. Der Wachensteinerin aber gegenüber war ein leerer Stuhl, welcher dem Oberlandjägermeister bestimmt war. Die ganze Tafelrunde lachte und spottete an diesem Abend viel über diesen leeren Sessel. Und die Musik erschallte, die Kronleuchter strahlten im Schein von vielen hundert Lichtern, und aller Glanz wurde durch die hohen Spiegel verdoppelt. Wo war der Oberlandjägermeister Ulrich von Wachenstein? Der lag im dunklen Forste in der Hütte eines armen Waldhüters, lang auf der Erde ausgestreckt vor dem Feuer, mit verhülltem Gesichte, und der alte Waldhüter saß neben ihm, und die Hunde lagen um ihn herum und wimmerten leise, wie die Hunde thun, wenn sie merken, daß ihrem Herrn schlecht zu Mute ist. Des Oberlandjägermeisters weißes Pferd aber war vor der Hütte angebunden und steckte von Zeit zu Zeit den Kopf in die Thür und blickte nach seinem Herrn hin. – Auf der Riesenburg dauerte das Festgelage fort; Mitternacht hatte es längst auf dem Schloßturme geschlagen, – die wilde Lust war auf das höchste gestiegen, als ein Diener dem Herrn von Rhoda etwas ins Ohr flüsterte. Dieser schaute überrascht auf, dann lächelte er, blickte über die glänzende, lichtvolle Tafel, nickte seiner Nachbarin zu und erhob sich leise und verließ den Saal. Es merkte kaum einer der berauschten Gesellschaft darauf; eine aber merkte darauf und das war die Wachensteinerin. Die überkam es auf einmal so seltsam, – kreideweiß ist sie geworden, und ihre Augen wurden ganz starr und gläsern, sie blickte grade aus, als könne sie durch die Wand sehen und mit einem mal schrie sie gell auf, und die ganze Gesellschaft sprang im höchsten Schrecken von den vergoldeten Sesseln. Draußen dicht vor den Fenstern des Festsaales war ein Schuß gefallen, – ein Pistolenschuß. Diener stürzten mit Windlichtern hinaus in die Nacht und – man trug die Leiche des Herrn Melander von Rhoda in den Bankettsaal. Auf den Stufen der Terrasse hatte man den Toten gefunden – die Kugel war ihm durch das Herz gegangen. Nun hat wohl ein jeder gewußt, wer den Rhodaer erschossen hat, gesagt hat es aber keiner, es ist allen zu Mut gewesen, wie den Leuten im Saal des Königs von Babel, als die Hand hervorkam und die unbekannten Zeichen an die Wand schrieb. Das lustige Getümmel der Damen und Kavaliere ist zerstoben, die Lichter sind erloschen, auf dem Teppich im Bankettsaal ist nur der tote Melander zurückgeblieben. In ihrem Gemache aber ist Luise von Wachenstein wie eine Wahnsinnige gewesen. Sie hat die ganze Nacht um Hilfe und Schutz geschrieen und hat drohende Gesichter in allen dunkeln Ecken gesehen und hat sich erst bei aufsteigender Sonne ein wenig beruhigt. Da hat sie nun geweint und gefleht: man möge sie nach Hause schicken, und man hat ihr willfahret. Um Mittag schon ist sie in ihrer Kutsche mit wenigen Begleitern abgefahren von der Riesenburg; – der Oberlandjägermeister hat sich aber noch nicht lassen sehen, es ist gewesen, als ob er gar nicht mehr auf der Welt wäre. Keiner hat seinen Namen ausgesprochen. Der ganze Tag ist schwül gewesen und dunkle Wolken haben den Himmel verhangen, und die Jagdhunde haben unruhig, ängstlich geheult; aber das Gewitter ist doch erst am Abend losgebrochen. Nun sitzt die unglückselige Luise in ihrer Kutsche und betet und zittert, und ihre Augen sind rot vom Weinen. Sie denkt, zu Hause will sie ihr Kind nehmen und mit ihm entfliehen und sich verbergen, wo niemand sie finden wird. Ihre Kammerfrauen wollen sie trösten, aber sie schüttelt nur den Kopf, und der Wagen fährt weiter durch das Gebirge, die Pferde schnauben, und die Bedienten steigen ab; – es geht eben den steilen Hunneberg hinauf, auf dessen Gipfel die Grenzpfähle von dreier Herren Ländern stehen. Es ist gegen sechs Uhr abends und schon ganz dämmerig. Es wetterleuchtet über der Ebene, die im Süden zwischen den Bergen herüberblickt. Die kurfürstliche Residenzstadt liegt da im grauen, schwülen Gewitterdunst versunken. Als der Wagen die Höhe erreicht, hebt sich ein Lüftchen auf und raschelt zwischen den Blättern und treibt einen Staubwirbel gegen die Kutsche heran. Und der Kutscher zieht die Zügel an, – da hält ein Reiter auf einem Schimmel auf der Höhe des Weges und man sieht ihn schwarz auf dem dunkeln Himmel. »Fahr zu, Kerl!« sagte der Bediente, »was geht's Dich an, was einer passiert?« und der Kutscher peitscht auf die Gäule, daß sie wieder anziehen. Der Reiter hält unbeweglich, bis der Wagen bei ihm ist, und die Frau von Wachenstein seiner ansichtig wird, und einen schrillen Angstschrei ausstößt. Da hebt der Reiter den dreieckigen Hut mit der Goldborde vom Kopfe, verbeugt sich und sagt: »Guten Abend, Madame; ich habe Euch erwartet hier und bitte Euch, auszusteigen.« Er steigt selbst vom Pferd und bietet der halb ohnmächtigen armen Frau den Arm, und sie sinkt fast nieder auf dem Waldwege in den Staub. Jetzt hört man von der Ebene her den ersten Donner heranrollen, und der Wachensteiner – denn er ist es gewesen – schreit plötzlich wild dem Kutscher zu: »Fahr zu, Hund! was hast Du zu warten! fort mit Euch; Madame reitet mit mir!« ... Was sollen die Leute thun? Die Frauen kreischen und halten die Hände vor die Augen, der Kutscher schlägt wie toll auf die Pferde, bergunter jagt die Karosse, und im Umsehen sieht der Bediente noch, wie der Herr von Wachenstein sein Weib auf den Sattel hebt und selbst sich nachschwingt; dann verbirgt der Tannenwald die Höhe des Hunneberges. Was geht sie's auch an, wohin der Wachensteiner mit seiner Frau reitet; sie haben nur drunten in der Ebene Bericht davon abzustatten, auf welche Weise ihnen auf dem Hunneberg die gnädige Frau verloren gegangen ist. – Der Wachensteiner aber drückt seinem Schimmel die Sporen in die Seiten und jagt über den Grenzgraben, aus dem kurfürstlichen Gebiet in das herzogliche. Bergunter jagt er im wildesten Lauf; sein Weib hält er vor sich auf dem Sattel und fühlt ihr schuldiges Herz angstvoll gegen das seine klopfen. Bergauf und -ab spornt er sein Roß, und kein Wort sagt er auf der Frauen Weinen und Flehen. Ihr muß es schrecklich auf dieser wilden Jagd in Herz und Hirn ausgesehen haben, und dazu bricht das Gewitter mit aller Macht los. Der wahnsinnige Reiter kümmert sich darum so wenig, wie um seines Weibes Jammer. Er reitet durch Donner, Blitz und Regen, er reitet durch den Mondenschein, der nach dem Gewitter kommt. Er kennt das Gebirge wie das Innere seiner Hand; in seinem wahnwitzigen Grimm hat er sich den wüsten Ort zur Stelle seiner Rache ausgesucht, da wird er aber verscheucht durch den Aufschrei der kühnen Marie vom Trautenstein; er reißt die elende Luise weiter fort; und gedenkt an den Seigergrund. So hat man hier an dieser Stelle das gefunden, was im Jahre 1708 noch übrig war vom sündigen Leibe der Wachensteinerin.« Der Köhler schwieg; ich stand in tiefem Grauen auf der unheimlichen Stelle. Es mußte plötzlich eine Wolke vor die Sonne gezogen sein, denn der Strahl, der bis jetzt die feuchte, kalte Höhle erleuchtet hatte, schwand, und wir standen in trübster Dämmerung und blickten nach allen Seiten in die schwärzeste Nacht. »Licht! Licht! Um Gotteswillen Licht!« bat plötzlich mit den Tönen der flehendlichsten Angst Ännchen. Ich hielt zum Tode erschrocken das arme Kind in den Armen; der ganze zarte Körper erzitterte. »Licht! Licht!« rief auch ich. »O bitte, bitte, zündet Euere Fackel an – schnell, schnell.« »Soll sogleich geschehen sein!« rief der Köhler. »Mut, Jungferchen – gleich haben wir Licht – da!« Er schlug Feuer an; – schon die vom Stahl und Stein springenden Funken waren ein tröstlicher Anblick. Ein Schwefelfaden wurde angezündet und damit die Fackel in Brand gesetzt. »Wir wollen sogleich wieder an das Tageslicht, liebes Ännchen. Wir wollen nicht weiter hinein in diese schrecklichen Grüfte – gleich werden wir wieder die Sonne sehen!« Ich wandte mich, um das zitternde Mädchen zurückzuführen: die bittersten Vorwürfe machte ich mir, daß ich ihre kranke Seele solchen Schrecknissen ausgesetzt habe; aber zu meiner Verwunderung hielt sie krampfhaft meine Hand: »Nein, nein, um Jesu willen, nicht da, nicht da zurück! Da hinein hat er sie geschleppt; – daher schleppte er ihren armen Leib sich nach! Wehe, wehe, und wie er sie fortschleifte in diese Grabeshöhle, da hat sie uns verflucht – verflucht hat sie das Haus Rhoda, als ob der Fluch der eigenen Ahnen nicht schon schwer genug darauf lastete, seit dem unglückseligen Weib, der Anna von Rhoda, der Trautenstein gebaut wurde!« »Anna, Anna?!« rief ich entsetzt, erstarrt. »Was ist das? was sprichst Du, – Anna, liebes Ännchen?« »Ja, Anna heiß ich, wie jene Verblendete. Hat der Vater nicht ihre Geschichte erzählt zu Paris im Salon der Frau Herzogin von Abrantes? Die Herzogin hielt mich auf dem Schoß und spielte mit meinen Locken und gab mir Bonbons; aber ich hörte doch nur dem Vater zu.« Es drehte sich alles um mich her; – war das Traum! war das Wahrheit? Der Köhler stand in eben solcher starren Verwunderung, solchem Schrecken wie ich; das Licht seiner Fackel spielte rotglühend an den Steinwänden der Höhle, in welcher der Leib Luisens von Wachenstein vermodert war. Und dieses so lange gesuchte Rätsel, welches sich jetzt so plötzlich, auf so seltsame Weise löste! Ich war dem Wahnsinn nahe. »O die Geschichte von der Frau von Wachenstein und von dem Chevalier Melander von Rhoda kenn' ich auch,« fuhr der Findling vom Schlachtfelde von Talavera fort. »Das hat der Vater zu Madrid erzählt; – da war auch eine Dame, welche mich oft auf den Schoß nahm; aber ich habe ihren Namen vergessen. Fort, fort, – die Engländer rücken an, – horch, das sind die Pfeifen der Hochländer; – fort, fort, – o mademoiselle Adelaide, l'ennemi! la mort! sauvez-vous, mademoiselle Adelaide! « Von neuem faßte ich die Annie, – die Anna von Rhoda in die Arme, um sie nötigenfalls aus dem Dunkel hervor an das Licht des Tages zu tragen. Aber sie sträubte sich noch heftiger als zuerst. »Nein, nein, – nicht da hinaus – da hinaus ist es dunkel, da hinaus ist es solche schreckliche Nacht. Vorwärts – weiter – geht weiter, – laßt uns weiter – jenseits des Berges scheint die Sonne, – o bitte nicht in die Finsternis – in das Licht, in das Licht!« »Laßt uns thun, wie sie will, Herr,« flüsterte der Köhler mir zu. »Es ist vielleicht besser so – das Herz zittert mir im Leibe, – Gottes Hand ist über uns – laßt ihr ihren Willen, – folgt mir und fürchtet Euch nicht, wir finden das Licht drüben wieder!« Mit welchen Gefühlen, Sever, Sever, folgte ich, Anna von Rhoda führend, der voran leuchtenden Fackel. Sever, die Schauder der allertiefsten Einsamkeit und Verlassenheit, in welcher wir schritten, waren machtlos gegen mich. Was kümmerte es mich, ob der Weg hinauf oder hinab führte, ob er schmal und niedrig, oder hoch und breit war? Was kümmerte mich das geheimnisvolle Wasser, das einmal unter uns dumpf rauschte? Ich fühlte die Hand Ännchens in der meinigen, der Berg konnte kein größeres Geheimnis in seinem Schoße bergen, als das, welches mir eben offenbart worden war. Licht! Licht! Licht! Ja Licht! Der Begriff Zeit war für mich verschwunden, ich weiß nicht zu sagen, wie lange wir in der Finsternis umher wanderten. Plötzlich stieß unser Führer die Fackel auf den Boden, daß sie erlosch; über uns, wie es schien in unendlicher Ferne, strahlte ein heller Stern. »Das ist der Tag!« rief der alte Köhler. »Gradaus – empor geht der Weg!« »Das ist der Tag, Anna von Rhoda!« rief auch ich. »Gesegnet seiner Tag; Ännchen, lieb Ännchen!« Das Gesicht barg Anna an meiner Brust, und so standen wir atmend eine ganze Weile stumm und blickten zu dem holden Lichte empor, bis sich unsere Augen gewöhnt hatten; dann stiegen wir empor und Dantes Worte sprach ich, ohne zu wissen wie das kam: »Und als ich rastlos strebend aufwärts drang, Da blickte durch der Felsschicht ob're Mündung Des Himmels Herrlichkeit zu uns hinein Und eilig stieg ich vor aus ihrer Mündung Und grüßte nun der Sterne gold'nen Schein.« Aber nicht die Sterne standen am Himmel; in roter Glut der Abendsonne lag der stille Wald da. Ein Häher hackte an einer Eiche, die Grillen zirpten im Grase. Unser Führer nahm das Mützchen in die schwarzen Hände und betete leise. Neben dem niederknienden Ännchen kniete ich. Dann gingen wir Hand in Hand still durch den Wald der Hütte unseres alten Freundes zu. –   Vor der Köhlerhütte saß auf einem Baumstumpf der Leutnant on half pay Wolfgang Bart, wie gewöhnlich aus der kurzen Soldatenpfeife blaue Rauchwolken vor sich hin blasend. Er saß in tiefen Gedanken und bemerkte unsere Ankunft nicht eher, als bis wir dicht vor ihm standen. Anna von Rhoda ließ jetzt meine Hand los, mit ausgebreiteten Armen stürzte sie vor dem Alten nieder, schlang die Arme um ihn, barg ihr Gesichtchen an seiner Brust, hob es wieder und flüsterte weinend und lachend: »O lieber Vater, o Väterchen, auf alles hat sich Dein armes Kind wieder besonnen! Lieber, Lieber, das arme Ännchen weiß nun wieder wie es heißt – Anna von Rhoda wurde es einst genannt – o Vater, Vater, nicht wahr, das arme Ännchen bleibt doch Dein Kind, es bleibt doch Deine Tochter?« Der alte Soldat wollte sich erheben, aber er sank kraftlos zurück auf seinen Sitz; er wollte sprechen, aber die Zunge versagte ihm ihren Dienst. Von dem thränenüberfluteten Gesichte seines Pflegekindes blickte er zu dem Köhler und mir empor, als erwarte, als erflehe er von uns die Lösung des ihm Unbegreiflichen – Unverständlichen. Wir konnten nur mit dem Kopfe nicken; und so legte er die Hand auf die Locken Annas, bis er sich gesammelt hatte. »Was sagst Du da, mein Kind?« sprach er endlich. »Was ist geschehen? ... wie Du mich ansiehst! Halt' ich hier noch meine alte Annie? Kind, Kind, wiederhole mir, was Du vorhin sagtest, mein alter Kopf schwindelt allzusehr, als daß ich es so leichtlich fassen möchte.« »O mein liebster Vater,« schluchzte Anna von Rhoda; »küsse mich und versprich mir, das Du nie von Deinem Kinde lassen willst. Sieh, die Annie hat Dich so lieb, trotzdem daß es auf einmal so ganz hell in ihrem Geiste geworden, und sie sich an alles erinnert, was vorher mit ihr geschah, ehe Du sie auf dem Schlachtfelde zwischen den Toten aufhubst! Gott ist so gnädig gegen mich gewesen; er hat mich in den Seigergrund, in die schreckliche Höhle geführt, von welcher mein Vater zu Paris erzählt hat und da – da – da hab' mich plötzlich auf alles besinnen können. O mein Vater! mein Vater!« Die Schmeichelworte, die süßen, sinnlosen Ausrufe, welche eine Mutter in solchem Augenblick gebraucht hätte, gebrauchte der alte Krieger, sein Pflegekind zu beruhigen. Dazwischen wanderten immer noch seine Blicke zwischen mir und dem Köhler hin und her. – – Die Sonne war längst herabgesunken, die Dämmerung füllte längst den Wald, und noch immer saßen wir vier Menschen vor der Köhlerhütte. Was geschehen war, war gesagt; was darüber zu sagen war, war gesprochen. Nun sprach keiner mehr. Das Ännchen hatte das müde Haupt an die Brust des Leutnants gelehnt; der Leutnant hielt meine Hand; der Köhler saß ein wenig abseits. In der Stille des schweigenden, nächtlichen Waldes mußten wir alle uns erst wieder in unserer Seele zurecht finden, ehe wir wieder unter die Menschen gehen konnten. Was wirst Du sagen, Sever, wenn Du dieses, mein Tagebuch zu Gesicht bekommen wirst? Du wirst nach Deiner Art meine Weise zu denken und das Leben aufzufassen verwünschen; – ich weiß ja, um wie viel Du den hellen, nüchternen Sonnenschein dem magischen, aber verwirrenden, zweifelhaften Lichte des Mondes vorziehst. Ist es nicht seltsam, daß hier, an dieser Stelle, nach solch einem wunderbaren Ereignis, wo mir, mir, dem »träumerischen Narren« eigentlich alles Phantasie und Märchen werden müßte – ist es nicht seltsam, frage ich, daß mir auf der Bank vor der Köhlerhütte, Deine Anschauung von Welt und Leben, als die richtigere, die bessere – die einzige erschien? Es ist seltsam und ist es zugleich nicht. Wo das Wunder in so überraschender, in so betäubender Weise über einen Menschen hereinbricht, da sucht und tastet und greift das Ich in wahrer Verzweiflung nach der nüchternen, kalten Wahrheit. Das Wunder macht nicht lebendig, das Wunder tötet! Leben ist nur in der Wahrheit! Wie verlangte ich nach der Wahrheit, nach der ganzen, vollen, und durfte und konnte doch nur Mutmaßungen aneinander reihen. Wohl hatte sich dem Ännchen ein Teil der Geschichte ihres Daseins enthüllt, aber nur wie die Sonne durch einzelne enge Spalten in die Höhlen des Seigergrundes fällt. Anna von Rhoda erinnerte sich nur, wie ein Kind sich erinnert; sie wußte ihren Namen, sie wußte, daß sie ihrem Vater auf dem Schoß gesessen habe: sie erinnerte sich an Spielzeug, an schöne, vornehme Damen, die mit ihr getändelt hatten, an eine Mademoiselle Adelaide, mit welcher sie durch die Welt gezogen war; sie erinnerte sich an die Namen einiger französischen und spanischen Städte, wo ihr Vater sich aufgehalten haben mußte, sie erinnerte sich auch an eine Frau – ihre Wärterin; an ihre Mutter erinnerte sie sich aber durchaus nicht. »O fragt mich nicht weiter, mein armer Kopf schmerzt so!« rief sie. »Laßt mich bleiben, was ich bin; mein Vater ist tot, sonst hätte er sein Kind wiedergefunden; nun laß mich Dein Kind bleiben, Du mein Vater Bart. Gedenke nur daran, wie wir zusammen durch die weite Welt und über so große Meere gezogen sind; denke daran, wie ich an Deiner Seite ritt, und wie ich am Abend am Feuer neben Dir saß und wie Du mich mit Deinem Mantel bedecktest, und wie die Freunde und Genossen alle auf Deine Bitten nicht mehr sangen und schwatzten, wenn ich müde war. Dein Kind will ich bleiben, Du mein rechter Vater; – oder sag, willst Du die Annie verstoßen?« »Nein, nein, um Gottes willen!« rief der Leutnant. »Aber, Herz, bedenke nur, Dein rechter Vater mag doch noch zurückkehren, – bedenke, Du bist ein vornehmes Fräulein und magst hier im Lande vornehme Verwandte haben, und die werden vielleicht nicht zugeben, daß ich Dich behalte.« »Ob sie von mütterlicher Seite Verwandte hat, weiß ich nicht,« sagte der Köhler; »aber vor der Sippschaft des Vaters ist sie sicher; Herr Otto von Rhoda, der unter dem westfälischen Kontingent mit nach Spanien zog, war der letzte seines Geschlechtes, so wird Anna von Rhoda die allerletzte des Stammes sein.« »Ich bin nichts als die Annie, ich bin nichts als das arme Ännchen!« schluchzte das junge Mädchen, und das Herz wollte mir bei ihren klagenden Lauten zerspringen vor Wehmut, und doch jubelte es zu gleicher Zeit über die Erlösung der Geliebten. »Und meine Annie, mein einziges Ännchen sollst Du bleiben in alle Ewigkeit!« rief der Leutnant mit einer Stimme, welcher man auch die verschluckte Wehmut anhörte. »Und nun wollen wir uns auf den Weg machen; sie möchten sonst drunten auf dem Trautenstein besorgt um uns werden. Gott, was werden die sagen, wenn sie erfahren, was –« »Meiner Meinung nach, Leutnant,« sagte der Köhler, »meiner Meinung nach wär' es besser, sie erführen drunten noch gar nichts von dem, was wir heute erfahren haben. Überlegt Euch das, Leutnant.« »Was meint Ihr, Kollaborator, Ihr seid ein kluger Mann?« Ich hielt den Rat unseres Freundes, des Köhlers, für gut und befolgenswert; schon der Augen wegen, die sonst alles unberufene Volk über das arme Ännchen machen würde, und der nutzlosen Fragen wegen, welche es verfolgen würden. Ich sagte diese meine Meinung, und der Leutnant sprach: »Ihr mögt wohl recht haben; es wird das beste sein, daß wir schweigen. Nun gute Nacht, Freund Köhler; kehrt doch bald einmal vor auf dem Trautenstein. Für meine müden Füße ist der Weg ein wenig zu weit.« »Soll geschehen, Leutnant: aber haltet, ich will Euch doch lieber eine Fackel mitgeben, die anhält bis zum Heerweg. Der Wald ist stichdunkel, und vom Monde werden wir heute abend nicht viel zu sehen bekommen. Da, Herr Schulmeister, tragt den Brand und hört, behütet mir das Jungfräulein wie Euern Augapfel; sorgt, daß ihr Fuß an keinen Stein stoße und macht ihr ihren Weg – so glatt und sanft wie möglich! Verstanden?« »Verstanden, alter schwarzer Freund! Behüt Euch Gott!« »Behüt Euch Gott!« sagte Anna von Rhoda und legte ihr kleines weißes Händchen in die schwarze harte Faust des redlichen Waldarbeiters. »Ich werde immer an Euch gedenken und an den Seigergrund auch. Ich werde immer zu Euch kommen, so lange ich hier im Wald auf dem Trautenstein wohne; – ich will Euch nie vergessen und den heutigen Tag auch nicht – bis in den Tod nicht.« »Das soll ein Wort sein, lieb' Kind, und Ihr sollt mir willkommen sein wie der Sonnenschein.« »Gute Nacht! Gute Nacht!« So nahmen wir Abschied, und mit der Fackel schritt ich voran und leuchtete dem Leutnant Bart und der Anna von Rhoda vor durch den dunkeln Wald. In der Nähe des wüsten Ortes standen wir alle drei plötzlich still und lauschten einem Gesange, der schwermütig, wie es schien von dem Fußsteige her, welchen wir beschritten, erklang. In der stillen Nacht vernahm man die Worte ganz deutlich: »Meinen Liebsten sie haben gefangen gebracht, Sie führeten zwischen den Pferden ihn hin; Und sie ritten von zwei bis zu vier in der Nacht, Dem Hufschlag, dem Hufschlag gefolget ich bin. Und sie ritten bergauf, und sie ritten thalein, Die Nacht war so dunkel, kein Sternlein gab Licht; Dem Hufschlag ich folgt' über scharfes Gestein, Durch Dornen und Distel, und spürte es nicht. Was Dornen und Distel und scharfes Gestein? Was Nachtwind und Regen und höhnendes Wort? Wohl schlug mir das Herze zu schlimmerer Pein, Sie führten den Liebsten in Ketten mir fort. Und sie ritten wohl über die hallende Brück', Da konnt' ich dem Hufschlag nicht folgen mehr; Wild stießen sie mich von der Pforte zurück Und kreuzten darüber die eiserne Wehr. Wohl rauschen die Wasser die ganze Nacht, Wohl hämmert das Herze und wird nicht still; Und wird er am Morgen heraus nun gebracht, Bis zum Tod, in den Tod ich ihm folgen will.« »Das ist die arme Susanne!« rief der Leutnant. »Sie werden sie uns entgegen geschickt haben, weil sie gefürchtet haben, wir möchten in der Dunkelheit den Weg verfehlen. Susanna! Heda, holla, Susanna!« Die Stimme der Sängerin klang ein wenig näher: »Sie jagten mit dem Morgengraun Wohl über die grüne Heide; Da rief Herr Schill im Ummeschaun Die Säbel aus der Scheide! Und alle Reiter jauchzten laut, Die haben sich nicht umgeschaut, – Der Herr von Schill ritt vorne.« »Susanna! Susann«!« rief der Leutnant, aber die Sängerin fuhr in ihrem Liede fort: »Vorbei, vorbei die lust'ge Jagd, Herr Schill, der ist erschossen; Und manche, die's mit ihm gewagt, Die stürzten von den Rossen. Doch jeder rief im Sterben noch: Der Herr von Schill, der lebe hoch, Reit uns voran zum Himmel! Vorbei, vorbei, o Vaterland, Wie ist's um Dich ergangen; Es hat der Feind mit böser Hand Manch kühnen Mann gefangen; Manch Reiter unterm Hochgericht Lacht' stolz dem Tode ins Gesicht, Dem Vaterland zu Ehren, Der Schillschen Ruhm zu mehren!« »Ich fürchte mich so vor ihr!« flüsterte Anna, indem sie sich noch dichter an ihren Pflegevater anschloß. »Ich weiß, daß sie mich haßt, und ich möchte immer weinen, wenn ich sie ansehe.« Jetzt fiel mir erst auf die Seele, was für ein Blutstrom zwischen der Magd vom Trautenstein. und der Tochter Ottos von Rhoda floß. Nun wußte ich, weshalb Susanna mit mir die Ähnlichkeit Annas mit dem Bilde im Betsaal erkannt hatte. Aus der bewegten, traurig-trotzigen Tonweise ihres letzten Liedes fiel die Sängerin von neuem in die langsame, klagende Melodie ihres ersten Sanges zurück: »Wohl rauschen die Wasser die ganze Nacht, Wohl hämmert das Herze und wird nicht still; Und wird er am Morgen heraus nun gebracht, Bis zum Tod, in den Tod ich ihm folgen will.« Der Leutnant stand plötzlich still. »Was ist das?« sagte er. »Hat sie ein Pferd mit sich gebracht?« »Das klingt so!« sagte ich und hielt die Fackel hoch, den Fußsteig zu beleuchten. »Was ist das? Da kommt sie. Seht, Kollaborator, hat sie wie ihre Ahnfrau, die kühne Marie, auch ein Abenteuer auf dem wüsten Ort gehabt? Holla, Susanna, woher hast Du den Schimmel?« Vor uns stand die Magd, ein weißes schnaufendes Roß am Zügel haltend; eine Laterne in der linken Hand tragend. »Es ging da reiterlos im Gebüsch; weiß nicht wem's gehören mag. Sattel und Mantelsack liegen ein Stück weiter waldeinwärts, wir können das mitnehmen auf den Heimweg. Sie haben mich Euch entgegen geschickt, daß Ihr Euch nicht verlaufen solltet im Forst.« »Aber das Roß, das Roß, Susanne! Hast Du keine Spur von dem Reiter gesehen?« Die Magd schüttelte den Kopf. »Hatt' keine Lust, nach ihm zu suchen im wilden Wald. Die Männer können nach ihm ausgehen, wenn wir heimgekommen sind.« »Nun denn, vorwärts. Das ist auch ein merkwürdig Abenteuer. Wahrlich, dies ist ein Tag des Wunders!« rief der Leutnant, und wir setzten unseren Weg fort. Susanne folgte uns mit dem Schimmel. Ungefähr tausend Schritte weiter rief sie: »Hier sah ich es weiß durchs Buschwerk gehen; es nagte an den Zweigen – dort hinüber an der Eiche liegt das Reitzeug – der Gurt ist gesprungen.« Ich eilte hinüber und fand richtig einen Sattel und einen Mantelsack. Wir legten beides dem unbekannten Gaul so gut als möglich wieder auf und kamen endlich auf den Heerweg. In der Ferne schimmerten rötlich durch die Baumstämme die Lichter des Trautensteins. Plötzlich stieß Anna von Rhoda einen Schrei aus. »Da, seht da, ein Mensch liegt dort!« Ich sprang mit der Fackel, welche jetzt allmählich zu einem kurzen Stumpf herabgebrannt war, vor. Quer über den Weg lag wirklich ein Körper; der Körper eines stattlichen Mannes auf dem Gesicht. Der Schimmel streckte seinen Hals vor, beroch den Liegenden und wieherte leise. Ich gab die Fackel dem Leutnant und versuchte den Leib vom Gesicht aufzuheben. Der Mann war nicht tot, aber vollständig bewußtlos. Auch Susanne leuchtete ihm ins Gesicht, auch sie stieß einen gellenden Schrei aus. Von sich warf sie die Laterne und den Zügel des Pferdes. Mit hoch erhobenen Händen stürzte sie fort, dem Trautenstein zu und ließ uns in Verwunderung und neuem Schreck bei dem besinnungslosen unbekannten Mann zurück. Die Fackel war jetzt so weit herabgebrannt, daß der Leutnant sie fallen lassen mußte, wenn er sich nicht die Hand verbrennen wollte. Im nächsten Augenblick befanden wir uns in tiefer Dunkelheit. – Wir sollten jedoch gottlob nicht lange in dieser ratlosen Lage bleiben. Vom Trautenstein her wurde es laut unter den Bäumen; Lichter leuchteten von dort herüber, Stimmen und Fußtritte näherten sich uns; – auf einmal fanden wir uns von fast allen Bewohnern des Waldschlosses umgeben. Laternen und Fackeln warfen ihr unbestimmtes Licht über alle die aufgeregten Gesichter. »Da, da, da liegt er!« schrie wild Susanne Reußner. »Sehet ihn an, ob er es nicht ist! Gelobt sei Gott der Rächer; ... ich will vergelten, spricht der Herr!« Sie stürzte neben dem fremden Manne, dessen Haupt in meinem Schoß lag, auf die Knie nieder. Mit unsanfter Hand warf sie ihm die grauen wirren Haare aus der Stirn und blickte ihm starr in die Augen, die er eben öffnete und wirr umhergehen ließ im Kreise. »Er ist es, er ist es, o heiliger Gott, wie ein Hund liegt er hier an der Landstraße – kennt Ihr ihn? kennt Ihr ihn? seht ihn an – ha ha, er, ein deutscher Edelmann, welcher die französischen Häscher auf den Trautenstein führte. Denk an Konrad Wolf, Du falscher, falscher Verräter! Seht alle, alle, alle, das ist er, – das ist der elende Mann, welcher seines Landes treuestes Blut an die Franzosen verkaufte, – das ist der Herr von Rhoda!« Wir wußten alle, wen die Susanne in dem fremden Mann erkannt, nun sie aber seinen Namen in die Nacht hinein ausrief, ging es doch wie ein elektrischer Schlag jedem durch alle Glieder. Ohnmächtig lag Anna von Rhoda in meinen Armen. Ein Murren des Zornes ging von den jüngeren Männern aus, Verwünschungen und Flüche wurden laut. Die älteren Männer jedoch, vor allen der Leutnant und der Vetter Kaltenborn, suchten den Zorn der anderen zu beschwören, suchten die wilde Susanne zu beruhigen. Der Förster suchte das Mädchen empor zu ziehen. »Nein, nein, Susanne: so geht das nicht; – steh auf, Dirne, ich will das nicht leiden. Du magst recht haben, es ist der Herr von Rhoda; aber Du sollst ihn nicht töten durch Dein Geschrei. Steh auf, Dirne, und wenn er den ganzen Trautenstein, mit allem was drum und dran hängt, an die Wälschen verkauft hätte, so wollt ich doch nicht solch Wesen um ihn dulden, und ihn jetzt umkommen lassen hier im Graben.« »Ja, steht auf, Susanne,« sagte der Leutnant. »Seid ein gutes Mädchen und denkt an Eueren Katechismus; Ihr Frauensleute sprecht ihr doch zu, – daß ist ja ein unchristlich Gebahren!« Die Weiber vom Trautenstein wichen alle zurück und murmelten: »Sie ist in ihrem Recht; er hat ihr ihren Liebsten erschießen lassen unter dem Galgen.« »Und ich sage, sie soll ihn jetzt lassen; oder ich thue gegen sie, was mich nachher gereut!« schrie wild der Förster Kaltenborn, mit dem Fuße aufstampfend. »Seht, er liegt wieder wie ein Toter und kann uns unter den Händen sterben; man soll vom Vetter Kaltenborn nicht sagen, daß eine Menschenkreatur vor seiner Thür ohne Hilfe umgekommen sei. Wer von euch Burschen will helfen den Mann zum Trautenstein zu tragen?« Alle die jungen Leute schwiegen finster. »Nun bei Gott, seht das Volk!« rief der Förster. »Keiner von ihnen hat unterm Feuer gestanden, keiner hat eine Büchse losgebrannt gegen den Feind, jeder trägt seinen Pack Sünden und Laster aufgehuckt und will doch hier den Zimperlichen spielen. Also – Ihr da von der Legion, Vetter Bart, Ihr von den Freiwilligen, junger Herr (dies galt mir) und ich von der Linie, so wollen wir das barmherzige Werk thun. Faßt an, pack Dich, Mädchen, gieb Raum, – packt an, Vetter Bart.« »Mein Vater! mein Vater!« kreischte das arme Ännchen, jetzt wieder zum Bewußtsein kommend. Im Weinkrampf sank sie nieder auf die Brust des unglücklichen Mannes, der ihr Vater war. Alle standen von neuem starr und lautlos. »Ihr Vater? ihr Vater?!« ging es durch den Kreis. »Der Herr von Rhoda des Ännchens Vater?!« »Ja, ja, es ist so!« rief der Leutnant, neben seinem Pflegekinde niederkniend. »Das ist das Ännchen von Rhoda, das ich gefunden habe auf dem Schlachtfeld von Talavera.« Die Frauen schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, die Männer schüttelten die Köpfe. Der Förster war der erste, der seiner Sinne mächtig wurde. »Nehmt das Fräulein in den Arm,« flüsterte er mir zu; »wir anderen wollen den Hauptmann tragen. Was ist das für eine Geschichte! Fort zum Trautenstein.« Die neue Enthüllung hatte auf die Gemüter der Leute Einfluß gehabt; willfährig boten alle jungen Burschen ihre Hilfe an. Sanft wurde der Hauptmann vom Boden aufgehoben und nach dem Trautenstein getragen, wo man ihm schnell ein Lager bereitete. Ich trug die arme Annie, und stumm hielt sich Susanne Reußner auf dem ganzen Wege an meiner Seite. – Zehnter Brief. Sachsenhagen, am 1. September 1816. Ich halte wieder Schule, Sever, und sende Dir jetzt mein Tagebuch aus dem Walde mit diesem Briefe, welcher den Schluß enthält, den Schluß von alle dem, was tief im Walde sich erfüllen sollte. Auf der gewohnten Bank in der Schmiede sitzt mit der kurzen Pfeife der Leutnant der Legion, Wolfgang Bart, neben ihm lehnt das bleiche Ännchen im schwarzen Trauerkleide. Lustig klingen nach gewohnter Weise die Hämmer des Meister Schmieds und des Braunschweigers. In den Gassen, in den Häusern von Sachsenhagen ist alles beim Alten. Auf dem Platze vor meinem Fenster treiben die Knaben ihre Spiele, und hell dringen ihre fröhlichen Stimmen zu mir herauf. Meine Frau Rektorin hat heute ihre Kaffeegesellschaft; ich sehe die bekannten Damen – alt und jung – mit ihren Strickbeuteln über den Schulplatz trippeln; in den Kastanienbäumen zwitschern die Sperlinge; der Kollege Quartus tritt seinen Nachmittagsspaziergang an und geht auf die Jagd nach Käfern und Pflanzen. Er nickt und winkt mir zu, und ich nicke und winke wieder. Das Alltagsleben geht seinen gewohnten Gang; aber in das Alltagsleben hinein blicken aus der duftigen herbstlichen Ferne die blauen Berge, und diese blauen Berge sind es, welche machen, daß ich noch immer in dem gewohnten Leben gleich einem Träumenden umgehe. Blicke ich von meinem Pult in meinem Schulzimmer jetzt zu ihnen hinüber, so ist es nicht bloß die gewohnte Sehnsucht des Menschen nach der schimmernden Ferne, welche mein Herz füllt. Ein tieferes Gefühl bewegt mich; halb Grauen, halb Entzücken. Was habe ich in jenen Bergen durchlebt! In den holdesten, süß-schmerzlichen Traum der Liebe drängt sich die ganze Not und Schmach des Vaterlandes. Meine Liebe habe ich geborgen in dem Gewühl; – es liegt ein Grab in den Bergen! Mein übervolles Herz möcht ich jauchzend der Sonne entgegenhalten; – es liegt ein Grab in den Bergen! Ich will da wieder anfangen mit meinem Bericht, wo mein Tagebuch zu Ende geht. Wir trugen den Herrn von Rhoda zum Trautenstein und legten ihn auf einem schnell bereiteten Lager nieder. Was an Hausmitteln vorhanden war, wurde angewandt, den Bewußtlosen wieder ins Leben zurückzurufen. Ein reitender Bote wurde sogleich an den nächsten Landphysikus abgesendet; doch konnte dieser erst am nächsten Morgen eintreffen. Durch keine Bitten konnte Anna von Rhoda vermocht werden, von dem Bette ihres Vaters zu weichen, mit ihr wachte ich die ganze Nacht durch neben dem Kranken. O diese Nacht! Diese schreckliche, diese süße Nacht! Ich hatte die Hand des Ännchens genommen und sie ließ sie mir ohne Widerstreben. Sie lehnte den Kopf an meine Brust, und mein Arm schlang sich um ihren Leib. So saßen wir und horchten den schweren Atemzügen des unglücklichen Mannes. In dieser Nacht haben wir uns einander im Geist verlobt für alle Zeiten. Kein Wort brauchte eins von uns beiden dabei zu sprechen. In dieser Nacht ist das Ännchen meine Braut geworden, Sever! – Gegen zwei Uhr regte sich der Kranke, stöhnte und öffnete die Augen. Mit mehr Kraft, als ich erwartet hätte, richtete er sich plötzlich in die Höhe und blickte um sich herum und blickte auf das Ännchen und mich. Er hatte sein Bewußtsein vollständig wieder gefunden und fragte verständlich, wenn auch mit recht schwacher Stimme, wo er sich befinde. Es war das erstemal, daß er sprach und, o, wie Anna von Rhoda beim Klange dieser matten Stimme zusammenfuhr! Sie hatte ja diese Stimme nicht wiedergehört, seit die Garde des Königs Joseph bei Talavera de la Reyna in die Schlachtlinie eingerückt war. Unfähig zu reden, barg die Tochter das Gesicht in der Bettdecke des kranken Vaters, der seine Frage wiederholte. Ich beantwortete sie und sagte ihm, daß er sich auf dem Trautenstein befinde. Da stieß er einen tiefen Seufzer aus und lag eine geraume Zeit still da, während Anna leise fortweinte. Ich wußte nicht, was ich thun, was ich sagen sollte; die Hand des Vaters legte sich auf die Locken des Kindes, und ein fragender Blick flog zu mir herüber. »Vater! Vater!« hauchte Anna von Rhoda; sie hob das bethränte Gesicht, – ein Strahl der Lampe fiel darauf. Der Kranke starrte das Gesicht wie eine überirdische Erscheinung an, schloß die Augen, öffnete sie wieder. Von neuem richtete er sich empor – »Vater! Vater!« klang das leise Wimmern Ännchens. Sever, ich kann die Scene nicht schildern, die erfolgte, als der unglückliche Mann sein verlorenes Kind wieder erkannte. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Der Morgen brachte den Doktor, einen wackeren, in seiner Kunst erfahrenen Mann. Sein Ausspruch lautete dahin, daß der Kranke wohl noch einige Tage leben könne, daß aber keine Hoffnung vorhanden sei, ihn zu erhalten. Und so ist es geschehen. Der Hauptmann oder vielmehr Oberst von Rhoda ist tot, und sein Leib liegt begraben auf dem winzigen Kirchhofe des nächsten Walddorfes, Dornhagen genannt. Kein Denkstein wird die Ruhestätte seiner Asche schmücken, nur ein Holzkreuz bezeichnet sie, wie die Gräber der armen Bauern, bei denen er nach dem wilden Leben den ewigen Schlaf schläft. Er verschied in den Armen seines Kindes, und der Leutnant Bart drückte ihm die Augen zu. Die sämtliche Bewohnerschaft des Trautensteins bis auf die Magd Susanna Reußner war an seinem Sterbelager versammelt. Susanna aber hat man vor der Thür des Gemaches kniend und betend, doch thränenlos, gefunden; man weiß nicht, ob sie dem Toten verziehen hat! Einen narbenvollen Leib brachten wir zu Grabe; die Narben und Wunden der Seele möge Gott heilen! – Am letzten Lebenstage des Obersten schien es fast, als wolle der Tod seinem Opfer noch einmal eine Frist vergönnen. Der Kranke schien neue Kräfte zu gewinnen, seine Stimme wurde klangvoller, der Blick seines Auges belebter. Es war aber nur das letzte Aufflackern der Lampe vor dem Erlöschen, – vernahmen in diesen Stunden die Schicksale Ottos von Rhoda. Was soll ich Dir darüber sagen, Sever. Was ist des Menschen Leben? in wie kurze Worte läßt es sich zusammenfassen! Wenn zwei Liebende vor dem Altare das kurze Ja! aussprechen, wie oft drängen sie Jahre, lange Jahre vergeblicher Hoffnungen, banger Sehnsucht, lange Jahre voll Zweifel und Schmerzen darin zusammen. Ein ganzes Verbrecherleben schließt oft der Richter ein in das Wort: Schuldig zum Tode. Ich kann mich kurz fassen in der Erzählung des Lebens Ottos von Rhoda, des französischen Obersten. Er war der letzte Sprößling einer verarmten Familie, und wurde erzogen in einer der vier Kadettenanstalten seines Duodezvaterländchens, einer der deutschen Musterschulen, auf welchen die Schmach von Jena und das Geschlecht aufwuchs, welches die preußischen Festungen den Husarenpatrouillen Murats übergab. Otto von Rhoda wohnte der Jenaer Schlacht als Leutnant bei und trat darauf in die Dienste des Fürsten von Dessau, des vortrefflichen Herrn, welcher dem großen Kaiser Napoleon nachäffte, wie man früher dem großen König Ludwig dem Vierzehnten nachäffte. Das neuerrichtete Königreich Westfalen bot indessen dem Abenteuerergeiste Rhodas einen weiteren Spielraum für seine ehrgeizigen Pläne, die alle Gedanken an das Elend des Vaterlandes ausschlossen; – wann hatte der Hofadel unserer kleinen Fürstlinge im allgemeinen jemals eine Idee, die über das Hofmarschallamt und die Kammerkasse hinaus ging? Otto von Rhoda trat in die Chasseurs carabinières Jeromes als Leutnant und wurde bald für seine guten Dienste zum Kapitän befördert. Schon im Jahre 1796 hatte er sich mit einem Fräulein Helene von Maschke, einer sächsischen Dame, vermählt, welche im Jahre 1797 starb, nachdem sie ihm ein Töchterchen geboren hatte. Mit seiner Gemahlin hatte Otto von Rhoda seinen guten Genius verloren; – eine seiner Maitressen; ein gutherziges Ding, nahm sich des armen Kindes ihres Geliebten an und folgte ihm mit demselben, – Friede sei ihrer Asche, sie war eine Ballettänzerin am Hofe zu Wilhelmshöhe, und hieß Adelaide Lanterre. Sie muß ein wildes, tollköpfiges, aber, wie gesagt, gutherziges Geschöpf gewesen sein; was sie bewog, dem Heere Josephs von Madrid in die Schlacht bei Talavera zu folgen, ist dem Oberst ein Rätsel geblieben; höchst wahrscheinlich hat blinde Eifersucht sie dazu bewogen. Auf welche Art sie ihren Tod in dieser Schlacht gefunden hat, ist ebenfalls unbekannt geblieben. Am 30. Mai 1809 hob der westfälische Hauptmann Otto von Rhoda auf dem Trautenstein den versprengten Schillschen Reiter Konrad Wolf auf, am 28. Juli desselben Jahres stand er tief in Spanien an der Alberche der deutschen Legion gegenüber. Wir kommen ja aus einer Zeit, Sever, wo die Völker und die Individuen durcheinander geschüttelt wurden, wie die bunten Steine in einem Kaleidoskop. Wir einzelnen winzigen Splitter haben dabei oft genug alle Geisteskraft zusammenzunehmen, um den Glauben nicht zu verlieren, daß wir in jedem Augenblicke einer wundervoll organisierten Konstruktion angehören; wir – Völker und Individuen – fühlen uns zu oft unbehaglich an unserer Stelle, welche uns die schüttelnde Hand gegeben hat. Der Hauptmann von Rhoda hatte nach der Schlacht bei Talavera das Suchen nach seinem verlorenen Kinde bald aufgegeben; die eiserne Zeit und sein ungestümer Sinn ließen ihn nirgends auch nur für einen kurzen Augenblick zur Ruhe kommen. Der russische Feldzug brach aus; im Lager an der Czerniznia, von wo »man den Donner der französischen Kanonen bis in Asien hinein vernahm,« kommandierte Otto von Rhoda die äußersten Vorposten und trat mit ihnen zuletzt den Rückzug an. Er wurde auf diesem Rückzuge noch zum Oberst ernannt und focht lebensüberdrüssig, zerfallen mit der Welt und mit sich selbst, doch mit der gewohnten Tapferkeit in den großen Jahren gegen sein Vaterland. Er war ein Bettler nach der ersten Rückkehr der Bourbons; er kämpfte mit bei Waterloo und wurde auf Mont Saint Jean lebensgefährlich verwundet aufgehoben. Nach seiner Genesung lebte er einige Zeit zu Paris, und entschloß sich dann nach Deutschland heimzukehren, durch seine Gegenwart wo möglich ein kleines Gut zu retten, auf welches er Ansprüche zu haben glaubte. Dieses mißlang, sein früherer Landesherr, der nach dem Fall Napoleons seinen Thron wieder bestiegen hatte, hatte dieses Gut – ein Lehen – einziehen lassen. Krank und müde bestieg der Soldat des verbannten Kaisers von neuem sein Roß, um wieder nach Frankreich zu ziehen. Die deutsche Luft drückte ihn, er vermochte nicht, sie zu atmen. So zog er denn durch das Gebirge; und erkundigte sich, als der Abend dämmerte, nach dem nächsten Ort, wo er übernachten könne. Der Waldarbeiter, welchen er fragte, nannte ihm den Trautenstein, und in dem Augenblick war es dem Oberst, als greife ihm eine kalte Hand nach dem Herzen. Es wurde blutig dunkel vor seinen Augen; aber er hielt das nur für eine vorübergehende Schwäche, dankte dem Waldarbeiter und ritt weiter. Aber die kalte Hand kam wieder, und der Oberst wiederholte für sich das Wort: Trautenstein. Er erinnerte sich des Ortes wohl, aber nicht dessen, was ihm in diesem Augenblick so seltsam aufregte bei der Nennung dieses Namens; er wußte, daß ihm daselbst etwas begegnet sein mußte, aber auf keine Weise konnte er anfangs die Erinnerung daran wiedergewinnen. Vergeblich rieb er sich die Stirn; sein Gedächtnis kam ihm nicht zu Hilfe. In einem Leben, gleich dem seinigen, vergißt man mancherlei. Und die Dämmerung nahm mehr und mehr zu; in immer tieferen Gedanken ritt der Oberst weiter: was war auf dem Trautenstein geschehen? was hatte er damit zu thun gehabt? Plötzlich kam ihm die Erinnerung, und er schreckte zusammen, wie noch nie in seinem Leben. Er versuchte einen Pfiff darüber zu thun, aber es ging nicht; er versuchte durch das Summen eines leichtfertigen französischen Soldatenliedes darüber weg zu kommen; aber auch das mißlang. Zum Henker, was war das? Er hatte mehr Blut gesehen als das des armen Teufels, des Schillschen Husaren, welchen er auf dem Trautenstein gefangen genommen hatte. Was war ihm das? was sollte ihm das? Aber aus allen blutigen Erinnerungen seines wilden Lebens stieg jetzt immer nur die eine, und diese eine immer von neuem in ihm auf. Er fühlte einen Frostschauer durch alle Glieder rieseln. Frisch lebendig stand die längst vergangene Nacht vor seiner Seele, die Nacht, in welcher er auf diesem selben Wege zum Trautenstein ritt; er wunderte sich, daß er nicht das Klirren der Waffen, das Stampfen der Rosse des Jägerpiketts, welches er damals führte, hinter sich hörte. Es kam wie eine Offenbarung über ihn, was für ein Leben er geführt habe; alle Selbsttäuschungen verschwanden in dieser Minute; der eiserne Mann, welcher das Feuer von hundert Schlachten ausgehalten hatte, dem so viele Feldzüge den Nacken nicht hatten beugen können, der eiserne Mann brach in dieser Minute zusammen Verworfen im Vaterland! Er griff in die Mähne seines Pferdes, so dunkel, wie es um ihn her war, so dunkel war es in seiner Seele. Er schwankte im Sattel und sank langsam zur Erde nieder. Das erschreckte Roß sprang fort von ihm, und er hörte es in den Wald hinein galoppieren. Aus der Ferne leuchteten die Lichter des Trautensteins. Anfangs hatte der Liegende das vollkommene Bewußtsein seiner Lage. Er fühlte sich nicht krank, aber unfähig ein Glied seines Körpers zu regen. Allmählich ging dieser seltsame Zustand in einen Halbtraum über, während dessen sich der Wald mit den seltsamsten Phantasiegebilden füllte. Männer in wunderlichen uralten Rüstungen zogen an ihm vorbei und nickten ihm zu und deuteten auf ihre Schilde, welche das Wappen von Rhoda trugen. Es kamen Reiter in goldgestickten, geschlitzten Gewändern und winkten ihm; es kam eine Reiterin in der Tracht des sechzehnten Jahrhunderts vorüber, die wandte aber das Gesicht ab; nun ritt auf falbem Roß ein finsterer Mann vorbei in der Kriegertracht des dreißigjährigen Krieges mit der schwedischen Feldbinde; hämisch grinste dieser ihm zu und lüftete den Federhut dabei und deutete in den Wald hinein, wo der »wüste Ort« lag. Ihm folgte auf schwarzem Roß ein Gesell im grünen vornehmen Jagdkleid des achtzehnten Jahrhunderts, der küßte gegen den letzten Herrn von Rhoda die Hand, – es kamen noch mehr Reiter, aber jetzt ging der Halbtraum allmählich in eine tiefe Ohnmacht über, nur ganz dumpf klang noch in diese hinein eine Frauenstimme, welche sang: »Und sie ritten bergauf, und sie ritten thalein, Die Nacht war so dunkel, kein Sternlein gab Licht; Dem Hufschlag ich folgt' über scharfes Gestein, Durch Dornen und Distel, und spürte es nicht. Was Dornen und Distel und scharfes Gestein? Was Nachtwind und Regen und höhnendes Wort? Wohl schlug mir das Herze zu schlimmerer Pein, Sie führten den Liebsten in Ketten mir fort.« »Das ist das Weib, das uns mit Jammern folgte, als wir den gefangenen brigand fortführten!« sagte der Oberst, dann war alles Finsternis und leeres Nichts; und er erwachte erst wieder auf dem Trautenstein, wo seine Tochter und ich neben seinem Lager saßen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Wir begruben den Oberst an einem regnerischen Morgen. Der Wagen, auf welchem der Sarg stand, sank oft tief genug auf den aufgeweichten Waldwegen ein; die Pferde hatten Mühe ihn fortzubringen. Der Nebel zog in zerrissenen Wolken und Wölkchen durch die Baumwipfel; alle Höhen und Berge waren vom grauen Duft verhangen. Nur der Leutnant Bart, der Vetter Kaltenborn und ich folgten der Leiche zu ihrer Ruhestatt. Unser Freund, der Köhler, holte uns erst halben Weges ein. Anna von Rhoda weinte, krank, in ihrem Bettchen auf dem Trautenstein. Auf dem Kirchhofe von Dornhagen erwartete uns der alte Pastor Klemm, derselbe, welcher im Betsaale des Trautensteins zu predigen hat. Wir senkten den Sarg in die Gruft, und jeder warf ihm die drei Schaufeln voll Erde nach. Wenige Worte und ein kurzes Gebet wurden über dem Hügel gesprochen. Als wir von diesem traurigen Thun heimkehrten, fanden wir das Ännchen bleich und fröstelnd in einem dunkeln Winkel, umgeben von den Trost zusprechenden Frauen des Trautensteins. In einer anderen Ecke saß Susanne Reußner und hatte das Haupt mit der Schürze verhüllt. Als wir eintraten, sank Ännchen von Rhoda dem Leutnant an die Brust und schluchzte: »O fort, fort von hier! bitte, laß mich fort, laß uns weg von hier, ich sterbe, wenn ich hier bleiben muß. Bitte, bitte, laß uns heim, gleich laß uns heim fahren!« Wir hielten eine kurze Beratung, zu welcher auch der Pastor von Dornhagen kam. Das Ergebnis davon war, daß der Wille der armen Anna in Erfüllung ging. Schon am Nachmittag führte ein Wagen den Leutnant, das Ännchen und mich weg vom Trautenstein. Die ganze Einwohnerschaft versammelte sich, um uns abfahren zu sehen; nur Susanne Reußner befand sich nicht darunter. Die Weiber und Kinder weinten und rieben mit den Schürzenzipfeln die Augen; alle Männer reichten uns traurig die harten Hände. Langsam setzte sich der uralte Kutschwagen in Bewegung und rumpelte fort über den Heerweg. Der Regen hatte aufgehört, aber der Nebel war dichter geworden. An der Stelle, wo wir den Oberst besinnungslos gefunden hatten, stand eine Gestalt, welche auf uns zu warten schien. Als sich der Wagen ihr näherte, winkte sie dem Fuhrmann, welcher seine Pferde anhielt. Es war Susanne Reußner, welche an den Schlag trat; sie reichte dem Ännchen einen Strauß von Waldblumen, ganz feucht vom Regen, und sagte: »Fahre hin, Kind, und vergieb der armen Susanne, daß sie Dich nicht lieb haben kann. Gott möge sich unser aller erbarmen!« Sie trat zurück und als der Wagen um die Walbecke bog, stand sie immer noch an derselben Stelle im grauen Nebel. Wir übernachteten in einem ärmlichen Dorfe: wir fuhren ohne Aufenthalt am anderen Tage durch ***. Gegen Abend kamen wir in das Dorf Walkenheim; wo die unglückliche Frau an unseren Wagen trat und fragte: »Habt Ihr meinen Karl nicht gesehen? Bringt Ihr mir keinen Brief aus dem kalten Rußland? Die ganze Nacht hat mir von einem Brief geträumt.« Der alte Buschhorn war auch da und schüttelte mir und dem Leutnant die Hand. Tief in der Nacht kamen wir in dem schlafenden Sachsenhagen an. Ein Uhr! rief der Nachtwächter auf dem Schulplatz, als ich in meiner Wohnung die Lampe wieder anzündete. Ich öffnete sogleich die Fenster, um die eingeschlossene dumpfe Luft zu vertreiben; es war mir unmöglich, ins Bett zu steigen. Wie lange Zeit wird es brauchen, bis sich alles in meiner Seele zurecht gelegt hat? Alles in mir ist verwirrendes Schwanken und Schweben, und nur ein Gedanke mag mir festen Halt geben – Anna von Rhoda, das Ännchen in der Schmiede liebt mich, wie es von mir geliebt wird. Wohl muß sie sich ausweinen; aber sie wird ganz dem Leben zurückgegeben werden, und an meinem Herzen wird sie Schutz finden, Schutz und Trost in allem Schmerz und Sorgen der Zukunft. Sever, lieber alter Sever, mir gehört das Herz des Ännchens aus der Schmiede! O, wie ist es doch gekommen, daß die lieblichste Krone des Erdenglücks mir, mir zugefallen ist. In Demut und unaussprechlicher Seligkeit beuge ich mein Haupt – durch wie schreckliche Zeiten voll Elend und Verderben, über wie viele blutige Schlachtfelder weg, sind der Fritz Wolkenjäger und das Ännchen von Rhoda zusammengeführt worden! Dem großen Zeus sei Dank! Sei mir gegrüßt, Severus! Fritz. Elfter Brief. Sachsenhagen, am 15. Oktober 1816. Allmählich geht der Herbst in den Winter über, und die Witterungskundigen behaupten, daß dieser Winter sich als ein sehr gestrenger Herr zeigen werde. Alle Morgen sind die Dächer mit weißem Reif überzogen und der Boden ebenfalls. Mit den bunten, welken Blättern der Bäume und Gesträuche spielt die Sonne so wehmütig, wie eine alte Jungfrau mit den Angedenken einer schönen Jugendzeit – verblaßten Bändern, vertrockneten Blumen, Haarlocken und Stammbuchsversen – tändelt. Die schwarzen Krähen gehen gravitätisch spazieren in den Gassen von Sachsenhagen, in welchen Gassen sich die Bürger und Bürgerinnen nicht länger aufhalten, als es unumgänglich notwendig ist. Die Thür der Schmiede steht jetzt nicht mehr offen, wie im warmen Sommer. Sie ist geschlossen, und es ist dadurch in der schwarzen Werkstatt noch ein wenig finsterer, aber durchaus nicht unbehaglicher geworden. Wir behalten jetzt den roten Schein und die Glut des Schmiedefeuers für uns, und geben der Gasse draußen so wenig als möglich davon ab. Springende Funken und Hammerklang, – – gesegnete Arbeit! Liebe treue Gesichter und Herzen drinnen; – was haben wir mit dem Wirrsal der Welt draußen zu schaffen? Komm zu uns, Sever, komm und vergiß in der alten Schmiede von Sachsenhagen die Sorgen der Zeit. Mein finsterer Freund, komm und lege Deinen Zorn, wenn auch nur für einen Augenblick, nieder vor unserer Thür; komm und hoffe mit dem Hoffenden. In der vergangenen Nacht blätterte ich im Jesaias und stieß auf ein merkwürdiges tiefsinniges Wort des alten jüdischen Sehers: »Kann denn, ehe ein Land die Wehen kriegt, ein Volk geboren werden?« Ich denke, das ganze neunzehnte Jahrhundert wird wohl noch über die Wehen, welche das deutsche Volk ins Licht der Welt gebären sollen, hingehen. Wir schreiben erst Achtzehnhundertsechzehn, Sever! – Ein jeder thue auf seiner Stelle das Rechte und verlache – mag es auch im Kerker, in der Verbannung oder auf dem Hochgericht sein – verlache den Rat der Bösen. Was hält Stand gegen das Gelächter der Ehrenmänner? Die Berge sind den Göttern heilig; – hebe das Haupt, Sever, und blicke auf aus der dumpfigen Luft, aus den schweren Nebeln, welche über der Gegenwart hängen, auf zu den drei deutschen Gipfeln, welche alle Alpen überragen, auf zum alten Brocken, auf welchen deutscher Geist dem bildlosen Wodan opferte, auf welchem deutscher Geist den Faust im ewigen Streben nach der Lösung der Rätsel der Menschheit führt; – blicke auf zur Wartburg, wo das alte Geistesrüstzeug, die »gute Wehr und Waffen« unseres Volkes, neu geschmiedet wurde; – blicke auf zum Kyffhäuser, in welchem die große Zukunft der Stunde harrt, in welcher die Raben nicht mehr fliegen werden, die Stunde, wo »ein Volk geboren wird.« Welch eine andere Nation kann solche Bergesgipfel aufweisen? – Sever, Sever, haben wir denn so ganz die Rollen vertauscht? Bist Du der Träumer geworden, und muß ich Dich aufrütteln zum Leben in der Wirklichkeit. Solch eine finstere, grimmige, passive Versunkenheit, wie sie Dich ergriffen hat, ist auch nutzlose Träumerei und vielleicht die schädlichste. Wach auf, Severus! Wenn der Mut, das Vertrauen, die Hoffnung nicht zu Dir in Deinen dunkeln Winkel kommen wollen, so gehe aus auf die Landstraßen, sie zu suchen. Wir finden sie nicht alle auf dieselbe Weise; aber wir alle können sie finden. Mir hat sie die Liebe gebracht! Und mit diesem Worte bin ich wieder da angekommen, wohin ich jetzt immer komme; ich mag thun und denken, was ich will. Wie in der heiligen Nacht des Correggio alles Licht von dem Kinde ausgeht, so geht jetzt in meinem Leben alles Licht von diesem Gedanken aus: Ännchen von Rhoda ist des Kollaborators Friedrich Wolkenjägers Braut! Diese Gewißheit verklärt mit dem holdesten Scheine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In diesem Gedanken wandle ich im Städtlein Sachsenhagen wie in einem Göttergarten umher. Diese Gewißheit trägt mich über alles hinweg, was andere Menschen verzagt, kleinmütig, betrübt macht. In dieser Gewißheit preise ich die Unsterblichen, welche sie zuließen. Wie hat sich aus allen Nebeln, die sie umgaben, die Seele meines Mädchens in lieblichster Klarheit losgewunden! Ich fragte Dich, den Arzt, einst, Sever, ob Du nicht wissest, wie das Ännchen zu heilen sei. Ein größerer Arzt hat seine Hand geboten, – es ist alles recht, was er gethan hat, und was er thut. O, diese schwarze, dunkle Schmiede! Ist das Ahnung gewesen, was mich gleich bei meiner Ankunft in Sachsenhagen zu ihr hinzog? Wenn ein Kind in Schmerzen geboren worden ist, so wünscht und fleht ihm die Mutter alles Glück, was Namen hat, und was keinen Namen hat, auf sein Haupt herab, und das ist ihr Mutterrecht. Sever, ich glaube alles, was meine Mutter für mich erbeten hat, ist nun in Erfüllung gegangen. Die Arme hat viel Schmerzen ertragen in ihrem Erdendasein; möge sie doch jetzt von droben auf das Ännchen und ihren Sohn herabschauen können! Ich muß dem Ännchen von Rhoda viel von meiner Mutter erzählen, in jedem stillen Augenblicke kommt die arme Elternlose, die im Schlachtgetümmel Gefundene mit der süßen Bitte: »Von Deiner Mutter erzähle mir!« Ich spreche ihr davon, während ihr Lockenhaupt sich an meine Schulter lehnt. An die Brust des Geliebten hat sich die Mutterlose gerettet, und daran soll sie nun ruhen, wie ein gejagt Vögelchen, welches endlich mit pochendem, müdem Herz sein Nest, seine Ruhestatt gefunden hat. – Sie sind alle in Sachsenhagen, bis auf wenige damit einverstanden, daß ich das Ännchen heirate. Der Leutenant Wolfgang Bark und sein Bruder, der hinkende Schmied, Martin Bart, sind sogar ganz fröhlich darüber und behandeln mich bereits wie ihren Sohn. Das Ännchen will durchaus nicht, daß man ihre etwaigen Verwandten mütterlicher Seite in den Zeitungen aufbiete; das Ännchen will des alten Legionärs Kind bleiben und nichts davon wissen, daß es Vettern und Basen des Namens von Maschke in der Welt geben könne. Um solch ein armes Kind wie sie – meint sie – würden die Verwandten, wenn es ihrer geben sollte, sich doch nicht ein Haar kümmern. Sie mag wohl recht haben, und so mag es denn dabei bleiben. Wir könnten ja nicht einmal beweisen, daß das Ännchen zu Sachsenhagen Anna von Rhoda sei, des Obersten von Rhoda rechtmäßiges Kind. Ja, Ännchen ist ein armes, armes Kind; Gold küßt ihr Mund, Silber münzt ihre Hand, und wenn ich sie frage, ob sie mich lieb habe, so fallen Diamanten aus ihren Augen. Ist das nicht eine rechte klägliche Armut, Sever? Ja, ein armes, armes Kind ist Ännchen, und bringt in ihrem Herzen mir das Himmelreich, wie die Engel es teilen möchten mit den sterblichen Menschen. Lebe wohl und denke daran, was wir uns auf der Universität in unsere Stammbücher zu malen pflegten: AMor vInCIT omnIA. F. W. Zwölfter Brief. Sachsenhagen, am 39. August, im Jahre des großen Hungers 1817. Endlich, endlich wieder ein Lebenszeichen von Dir! Was bist Du für ein Mann, Sever? was bist Du für ein Freund? Seit dem November vorigen Jahres kommen alle Briefe, welche ich Dir nach Berlin schicke, zurück mit der Aufschrift: »Nicht aufzufinden!« Ich erwarte täglich ein Schreiben, welches mir Deine neue Adresse, Deinen neuen Aufenthaltsort ankündigt; – vergeblich warte ich. Was ist aus dem Murrkopf Sever geworden? Ich lasse ein Inserat in die Spenersche Zeitung, in die Vossische Zeitung, in den Rheinischen Merkur einrücken und fordere einen gewissen verschollenen Doktor der Medizin S. ... auf, ein Lebenszeichen von sich zu geben, wenn er noch lebe; oder durch nächtliche spukhafte »Ansagung« sein Abscheiden mir zu melden, im Fall er das Zeitliche gesegnet haben sollte. Bereit war ich, in die Unterwelt hinabzusteigen und tief aus dem Erebos die Seelen der abgeschiedenen Toten herauf zu beschwören, um den Sever unter ihnen zu suchen. Das sechzehnte Jahr des neunzehnten Jahrhunderts geht zu Ende, das siebenzehnte beginnt; – keine Nachricht von Sever! Das Jahr 1817 nimmt seinen ungesegneten Fortgang; das deutsche Volk hungert leiblich und geistig ... Wo ist der Sever geblieben? Ja, wo ist er geblieben? Seinen Ranzen hat er gepackt, den alten Ziegenhainer mit den eingeschnittenen Namen von fünf deutschen Universitäten, von welchen sämtlich er relegiert wurde, hat er aus dem Winkel gegriffen: das Elend des Vaterlandes von der Seele los zu werden, hat er den Staub desselben von den Sohlen geschüttelt; – er ist nach Rom gegangen, und der Kollaborator Wolkenjäger zu Sachsenhagen mochte nach Belieben über solch' unerklärliches Verschwinden seine Gedanken haben, seine Glossen machen. Während der Kollaborator Fritz Wolkenjäger zu Sachsenhagen nicht im mindesten eine Ahnung davon hatte, wohin er sein Osterprogramm De foro romano senden möge, auf daß es dem Sever richtig zu handen komme, wandelte dieser boshafte Mensch und verräterische Freund auf dem römischen Forum selbst und pfiff auf des lateinischen Schulmeisters Osterprogramm. Aber die Götter rächten solchen Verrat an der Freundschaft: Fritz Wolkenjäger durfte den glücklichsten Tag seines Lebens feiern und – Sever wußte nichts davon! Fritz führte die geliebte Braut als sein Weib heim, und Sever konnte sich, durch eigene Schuld, nicht darüber freuen. Frau Anna Wolkenjäger läßt Dich fein grüßen, Severus, und empfiehlt sich Deiner Gunst und Gnade. Sie fürchtet sich ein wenig vor Dir, dank den vortrefflichen Schilderungen, welche ich ihr von Dir gemacht habe, dank einigen Deiner Briefe, welche ich ihr gezeigt habe. Sie meint, es werde Dir gewiß nicht recht sein, daß ich sie zur Frau genommen habe. Ist dem so, Alter? Sie hat eine recht üble Meinung von dem Sever, und ich werde mich hüten, ihr eine bessere beizubringen; selbst muß der schwarze Mann kommen und sich in ein helleres Licht stellen, und seine Vortrefflichkeiten im vollen Glanze strahlen lassen. Die Frau Oberlehrerin – ich bin auch Oberlehrer geworden durch ein allerhöchstes Reskript – die Frau Oberlehrerin Wolkenjäger soll nach eigener Prüfung richten und ihr Urteil berichtigen; also komm Sever und zeige Dich. Ich fühl's, ich sollte eigentlich nicht also scherzen über einen, dem der Adler an der Leber frißt. Glaube mir, Sever, ich weiß, weshalb Du Dich auf solche Weise selbst verbannt hast. Auch aus Deinem römischen Briefe klingt der alte Schmerz hervor; der alte Schmerz in vielleicht noch schlimmerer Weise. Zwischen den Gräbern des Römertums hast Du die Ruhe nicht gefunden. Du bist noch immer krank, mein armer Freund; aber solche kranke Leute, wie Du bist, braucht das Vaterland leider, und so müssen wir sie bemitleiden und dürfen nicht wünschen, daß es anders sei. Wann wird die Zeit gekommen sein, wo es solche deutsche Krankheit nicht mehr giebt? Nun wir haben manche böse Seuche überwunden im Laufe der Jahrhunderte, den Veitstanz, den schwarzen Tod, das schleichende Leiden der Empfindsamkeit und andere mehr: wir werden auch Deines Übels genesen sein, wenn die Sonne ein einiges, starkes, freies Volk auf der germanischen Erde bescheinen wird. Doch Du verbittest Dir ja alle Herzensergüsse über die politischen und sozialen Zustände der Heimat und verlangst nur in nuce einen Abriß von alle dem, was dem Schulmeister Fritz in Sachsenhagen bis zum heutigen Tage begegnet ist. Dein Wille geschehe, obgleich Du es nicht verdienst. Ich weiß eigentlich auch nicht viel zu erzählen; mein Leben läuft jetzt so still hin, ein Tag gleicht so sehr dem anderen, daß wirklich einem anderen als dem Freunde kaum etwas zu sagen wäre. Während des Winters lief ich im Schnee ein spitzwinkliges Dreieck zwischen meiner Wohnung, der Schule und der Schmiede und trat selten aus dieser Bahn heraus, gleich einem Gefangenen im Kerker. Ich war aber ein glücklicher Gefangener und begehrte nichts weiter von der Welt, die außerhalb der Thore meines Städtchens lag. Am Weihnachtsabend wurde dem Ännchen zum erstenmal ein deutscher Christbaum angezündet, und die Schmiede strahlte im echten Weihnachtsglanze. Die Tanne war vom Vetter Kaltenborn vom Trautenstein geschickt, und der Leutnant der Legion, Wolfgang Bart, und ich putzten sie an im Geheimen, und sowohl der alte als der junge Soldat waren vollständig befähigt zu solcher Aufgabe. Wie oft ging dem Leutnant vor Seligkeit die Pfeife aus! »Kamerad,« rief er mehr als einmal, »Kamerad, solltet Ihr es wohl für möglich gehalten haben, das Unsereiner noch einen Apfel vergolden kann?« »Ja Leutnant,« sagte ich, »das ist das Schöne, daß solches dem Deutschen angeboren wird. Kein Franzmann, kein Kosak, kein Teufel kann ihm diese Kunst ablernen und noch weniger, sie ihm rauben.« »'s muß wohl wahr sein,« sagte der Alte; denn wenn einer ein Leben geführt hat, in welchem man solches vergessen kann, so bin ich das. Und seht nur, mache ich meine Sache nicht gut?« »Vortrefflich!« rief ich, und der Legionär warf sich mit verdoppeltem Eifer auf sein Werk. Von Zeit zu Zeit trat er zurück, den Gesamteindruck der Tanne in sich aufzunehmen. Wie rieb er sich dann die Hände! »Soll das Ännchen aber Augen machen!« rief er. »Dem armen Kinde ist so etwas auch noch nicht geboten; – es lebe das Vaterland für einen regelrechten Christabend.« »Tretet nicht in den Korb mit den Honigkuchengeschöpfen, Leutnant!« rief ich. »Hurra!« schrie der alte Soldat, »die hätten wir ja beinahe vergessen! Himmeltausenddonnerwetter, und ich habe alle Läden ausgekauft, um alle Kreaturen in Zucker und Mehl zusammen zu haben! Hier, seht, was sagt Ihr zu diesem alten Blücher, Schulmeister? O Annie, Annie, wie wirst Du die Augen aufsperren!« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – In der rechten Stunde führten wir das Ännchen ein in die deutsche Weihnachtsfeier, und jedermann in der Schmiede brachte seine Gaben dar. Dann lief der Schulmeister mit dem süßen Bräutchen durch die Kinderfreude der halben Stadt Sachsenhagen; das Ännchen mußte ja lernen für künftige glückliche Jahre, um den stolzen Stand einer deutschen Mutter einst recht ausfüllen zu können. Mit unaussprechlicher Rührung belauschte ich, wie seit dieser heiligen Nacht die Röte der Gesundheit leise, leise dem bleichen Gesichtchen wiederkehrte. – Wir feierten nach altem Brauche die Neujahrsnacht und fingen mit hoffenden Herzen das neue Jahr an. Der Schnee verging, es wurde wieder Frühling und das Osterfest brachte mir meine Anstellung als Oberlehrer samt ungeheurer Gehaltszulage. Das Ännchen aber erfuhr jetzt, was für ein sonderbares Tier der deutsche Hase ist. Wir suchten die bunten Eier des Meister Lampe unter den Büschen und dem Gesträuch des Gartens. Unter einem grünen Stachelbeerbusch fand Annie das Reskript mit dem großen roten Siegel in einem Nest voll roter, blauer und gelber Eier. Sie hatte wohl Grund, die Hände über dem Kopfe zusammen zu schlagen. Zu Pfingsten, dem »Fest der Freude«, fand Ännchen, zu neuer Verwunderung nach löblicher uralter Sitte ganz Sachsenhagen mit grünen Birken geschmückt. Vor die Thür der Schmiede hatten Hennig, der Braunschweiger, und der Oberlehrer Wolkenjäger die »Maien« aufgepflanzt. Wir zogen an diesem Tage, im holdesten Sonnenschein in den Wald und trafen auf einem der Vorberge des Gebirges mit der Verwandtschaft vom Trautenstein zusammen. Auch der Köhler vom Seigergrund erschien daselbst und spielte dem jungen Volk auf der Geige zum Tanze auf. Während dieses Tanzes verlor der Braunschweiger Hennig sein Herz an Jungfer Hannchen Kaltenborn vom Trautenstein, des Vetters Kaltenborn älteste Tochter. Nun ist es Sommer geworden; ach, ein böser, hungriger Sommer! Die armen Leute haben recht ihre Not; es giebt viel Elend im Land; manch einer sieht mit zagendem Herzen dem Winter entgegen und fragt sich: was daraus werden soll? Am 26. Juni ist auch zu Celle unser armer Freund Ernst Schulze sanft entschlafen. Seine Sehnsucht nach Italien ist nicht erfüllt worden; er ist zu einem schöneren Lande hinübergegangen. Sänger der Liebe und Schönheit, und Soldat der Freiheit ist er den vorangegangenen Genossen gefolgt, und nach klinge ihm sein eigenes Wort: »Seliges Los! wer im frühesten Glanz der entfalteten Schönheit Hinsinkt, vielen geliebt, vielen noch lange beweint.« Er ist nur neunundzwanzig Jahre alt geworden; – sanft ruhe seine Asche! Still durchlebten wir den Juli, und still haben wir vor fünf Tagen, am 25. August, unsere Hochzeit gehalten. Seit fünf Tagen ist Anna von Rhoda mein herziges Weib. Wir haben kein großes Festmahl erduldet, und Trompeten und Pauken haben uns nicht die Sinne verwirrt und die Ohren betäubt. Als das Ännchen im Brautschmuck dem Leutnant weinend in den Armen lag, schluchzte auch der Alte wie ein Kind, und es dauerte geraume Zeit, ehe er sich soweit gefaßt hatte, daß er mit beiden Armen sein liebliches Pflegetöchterlein von sich abhalten, sie von oben bis unten beschauen und ausrufen konnte: »Sollte man es für möglich halten, daß das aus dem winzigen schreienden Ding geworden ist, welches ich bei Talavera fand und vor mich auf den Sattel hob. Ach, Annie, Annie, Annie, Gott segne Dich, daß Du es bei dem alten, rauhen Burschen, dem Wolfgang Bart, so lange ausgehalten hast. Kamerad, Ihr müßt mit einer Glückshaube geboren worden sein, weil Euch der Himmel mein Ännchen gegeben hat. O, Annie, Annie, vergiß den alten Kriegsknecht nicht ganz um den jungen Schulmeister; – o, Annie, Annie, was würde das schwere Dragonerregiment der Legion sagen, wenn es Dich so sehen könnte! Wie würden sie über die kleine Annie staunen und Hurra rufen und die Säbel senken! Ach, Annie, vergiß die Dragoner der Legion nicht ganz, da Du nun eine lateinische Schulmeistersfrau bist!« Einmal über das andere versicherten Fritz und Ännchen dem Alten, daß sie nicht ohne ihn leben könnten, und schluchzend beteuerten sie, daß sie sich nie von ihm trennen würden. »Weißt Du wohl noch, Annie,« sagte der Leutnant, »weißt Du wohl noch, wie auf Malta der Rittmeister Ellerhorst zum Sterben kam und Du ihm die Sterbegebete vorlesen mußtest? Er legte Dir die Hand auf den Kopf und sah uns an und sagte: Kameraden, dies kleine Mädchen ist die verkörperte Erinnerung an alles, was die Heimat liebes und gutes und schönes hat; Kameraden, bringt das Ännchen in das Vaterland zurück! ... Darauf fiel er zurück und war tot. Damals verstand wohl keiner, was der Rittmeister meinte; aber jetzt, jetzt weiß ich, was der Rede Sinn war. Schulmeister, die Legion hat das arme verlassene Ännchen in das Vaterland zurückgebracht; nun umschließe Du es mit Deinem Herzen und gieb ihm darin die Stelle, wo es in Glück und Liebe ruhen mag, nachdem es so lange draußen in der Fremde verloren war und verwaist umherwanderte.« Das war unsere Brautrede, Sever, und eine schönere ist wohl selten gehalten worden. – In der Abenddämmerung verließen Ännchen und ich, Hand in Hand, die Schmiede, und die Gebrüder Bart standen auf der Schwelle und sahen uns nach. Ich führte mein Weib unter ihr eigenes Dach, – ein hübsches altes Häuschen in der Nähe der Schule, auf der Stadtmauer, ein Nestchen, aus dessen Fenstern man die Aussicht über den Wiesengrund zu den blauen Bergen hat, welche – ich meine die Aussicht, welche ich Dir, Sever, wenn ich nicht irre, früher schon einmal beschrieben habe. Auch wir haben ein Gärtchen mit einer Holunderlaube vor dem Fenster, und die Brüstung der Stadtmauer dient uns zur Gartenmauer. In dieser Laube saßen wir an unserem Hochzeitstage noch tief in die warme Nacht hinein ganz allein mit uns. Die Sterne flimmerten über uns, und unsere Herzen waren voll Seligkeit. Alles, alles war gut geworden; jeder Mißklang war verhallt; – eins hatte in dem anderen seine Heimat gefunden; – es war Friede, Friede! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Wie das alles gekommen war, wie das alles so kommen mußte, das auszusagen wird wohl unsere ganze Lebenszeit in Anspruch nehmen. –– – – – – – – – – – – – – Jetzt sitze ich in der holden Herbstnacht über diesen Brief. Der Schein der Lampe spielt auf den Blättern des Weinstockes vor den geöffneten Fenstern. Am Fenster lehnt das Ännchen; sie hat mir zugewinkt und hält den Finger an den Mund. Drunten durch den Wiesengrund, an der Stadtmauer von Sachsenhagen vorüber, ziehen wandernde Studenten und singen im vollen Chor: Ans Werk, ans Werk mit Herz und mit Hand, Zu bauen das Haus, das Vaterland! Ans Werk, ans Werk und laßt euch nicht Ruh, Gegraben, gehämmert zu und zu! Mit Händen hart, mit Händen weich Behauen die Steine zum Bau für das Reich: Ans Werk, ans Werk, sei's Tag, sei's Nacht, Keine Rast bis das Haus zu Stand gebracht –       Ans Werk, ans Werk! Wühlt auf den Grund und fürchtet euch nicht, Wenn nieder das alte Gemäuer bricht; Grabt tief, nur tief und achtet es klein, Wenn brechen die wilden Gewässer herein! Ihr sorgenden Männer, zum Bund! zum Bund! Und leget dem Vaterhaus den Grund, Und leget den Grund dein Vaterland, Ans Werk, ans Werk mit Herz und Hand –       Ans Werk, ans Werk! Was kümmert Euch Hohn, was kümmert Euch Spott? Ihr baut ja die feste Burg in Gott! Was kümmert Euch jegliches Menschenleid! Ihr baut ja den Herd der kommenden Zeit! Wälzt Stein auf Stein nach dem rechten Lot; – Was kümmert euch andere Lebensnot? Ans Werk, ans Werk für das Vaterland, Mit brennender Stirn, mit wunder Hand –       Ans Werk! ans Werk! Ihr Meister vom Bau, ihr Gesellen gut, Die die Fugen ihr kittet mit Herzensblut, Laßt nimmer euch irren und haltet euch recht, Es ist keine Stunde zum Bau zu schlecht! Laßt nimmer euch täuschen durch falsches Wort, Laßt schaufeln und hämmern, laßt mauern uns fort! Ans Werk, ans Werk durch Tag und Nacht, Bis das Vaterhaus unter Dach gebracht –       Ans Werk! ans Werk! Es harret das Weib, es harret das Kind, Ohne Heimat die Frauen und Kinder sind! O denket der Kraft, die vergebens verglüht, O denket des Geist's, der vergebens versprüht, Weil der Heimatherd fehlt dem Vaterland; O schaffet mit Herz und Hirn und Hand! Es wohnt sich so gut unter eigenem Dach, O laßt euch nicht irren, o lasset nicht nach –       Ans Werk, ans Werk! Nicht irren laßt euch, o lasset nicht nach, Auch schlummerts sich gut unter eigenem Dach: O denkt, wen die Arbeit fordert ins Grab, Den senken wir mit in den Grund hinab; Und der Grund ist unser, es schlafen darin Die toten Väter von Anbeginn; – Aus der Helden Asche soll steigen das Haus, Ans Werk, ans Werk! o haltet aus –       Ans Werk! ans Werk! Keine Hand ist so schwach, keine Kraft so gering Sie mag thun zu dem Bau ein gewaltig Ding: Mancher Geist gar stolz, von gar hellem Schein Mag doch nur verwirrend leuchten darin! O bietet die Herzen, o bietet die Hand, Daß sich hebe der Herd im Vaterland! Ans Werk, ans Werk, es ist Gottes Will'! Fluch dem, der dem Ruf nicht folgen will:       Ans Werk! ans Werk! Immer dasselbe Wort! immer dieselbe Klage! immer dieselbe Hoffnung und derselbe gute Wille! Wo werden aber die jugendlichen Sänger sein, wenn »das Vaterhaus« unter Dach gebracht ist, und die Krone der Ehren von seinem Giebel leuchtet über alle Lande der Welt? Leise schließt Ännchen das Fenster und blickt mir über die Schulter in meinen Brief an den Sever. »Sage ihm, er möge bald zurückkommen in das Vaterland,« flüstert sie. »Sage ihm, er fände in der Fremde doch nicht, was er suche! Sage ihm, ich, das Ännchen, wisse das!« Also, Sever, lieber Sever – kehre bald zurück in das Vaterland, Du findest doch nicht das was Du suchst in der Fremde; Ännchen hat's erfahren. Fritz Wolkenjäger.   * * *