Hermann Fürst von Pückler-Muskau Aus Mehemed Alis Reich Ägypten und der Sudan um 1840 Inhalt: Vorwort Erster Teil: Unterägypten Einleitung Ankunft Alexandria Altertümer Die Fellahs und ihre Verhältnisse Napoleon in Rochefort Das neue Arsenal Besuch auf der Flotte Gesellschaftliches. Umgebung Reise auf dem Nil nach Kahira Kahira (Masr el Káhira) Audienz bei Mehemed Ali Die Stadt. Das Schloß Die Gärten von Schubra. Eine Almeh. Das Souper Die Pilger nach Mekka. Die Gräber der Kalifen Schule von Kasserleng. Die Insel Ruda Der Sklavenmarkt. Fostat. Thura Karussell zu Dschiseh Ibrahim Pascha. Polytechnische Schule. Fabriken Abu-Zabel Zweiter Teil: Oberägypten Abreise. Die Sklavin. Die Pyramiden Nilfahrt bis zur Hauptstadt Oberägyptens Landreise mit dem Vizekönig Theben Assuan Die Katarakten. Philae Der Schreckenstempel von Yerf Hussein. Korusko Ypsambul Ritt durch die Wüste nach Dongola, Samneh, Dal, Saki-el-Abd Nachschrift Dritter Teil: Nubien und Sudan Tempel von Phtur, Haffir, Dongola Nilfahrt nach Meravi. Ambukol, Dschebel-Barkal Notgedrungen Polemisches Zweiter Ritt durch die Wüste nach Schendy Die Ruinen von Mesaourat und El-Auvatep Marnat. Wetterphänomene. Ankunft in der Hauptstadt des Sudans Khartum Weitere Südfahrt auf dem blauen Nil Fernerer Aufenthalt im Sudan. Mandera Vorwort Das vorliegende Werk befand sich schon seit vier Jahren im wesentlichen ganz so, wie es noch jetzt ist, in meinem Portefeuille. Es bedurfte nur einer letzten Durchsicht und Feile, um es dem Druck übergeben zu können. Daß dieses nicht geschah, wird, wie ich glaube, dem Buche keinen Schaden bringen, da zu jener Zeit das Interesse an den ägyptischen Angelegenheiten wegen zu großer Konkurrenz fast abgenutzt war und es jetzt wohl anziehen kann, eine unveränderte Schilderung jener Länder zu lesen, wie sie damals waren und leider jetzt nicht mehr sind! Diese Betrachtung ist jedoch natürlich neueren Datums, und wenn man mich frägt, weshalb ich denn eigentlich so lange mit der Publikation dieser Arbeit gezögert – so weiß ich in der Tat dies selbst kaum mit Genauigkeit anzugeben. Einesteils wendete sich, nach einer Abwesenheit von sieben Jahren in mein Besitztum wieder zurückgekehrt, meine Tätigkeit von da an durchaus mehr künstlerischen als literarischen Beschäftigungen zu. Anderweit bewog mich vielleicht das Gefühl einer mir so sehr geziemenden Bescheidenheit, nicht jahraus jahrein das Publikum mit Produktionen aus derselben Feder zu überschwemmen, so nachsichtig diese Schriften auch von dem größten Teil meiner Leser aufgenommen wurden. Obgleich dies aber der Fall war, konnte ich mir demungeachtet nicht verbergen, daß gerade das, was ich mir am meisten zum Verdienst anrechnen zu dürfen glaube, meine Freimütigkeit und die natürliche Selbständigkeit, welche mir es unmöglich macht, irgendeiner einseitigen Parteiansicht unbedingt zu huldigen, mir fast das Los der Fledermaus zwischen den Tieren und Vögeln bereitete. Die Aristokraten fanden mich zu liberal, die Liberalen zu aristokratisch, die Frömmler gottlos, die Nichtgläubigen nur Religiosität heuchelnd, die Bürokratie im Vaterlande stellte mich als einen halben Revolutionär dar, die Freitümler behaupteten dagegen, ich nähme mich wohl in acht, je ernstlich anzustoßen, und schmeichle gelegentlich immer der Macht – kurz es schien, daß ich es niemandem recht machen könnte. Wären die Folgen hiervon nur im Bereiche der Kritik verblieben, so hätte mich alles wenig gekümmert, aber ich mußte zu meinem Nachteil gewahr werden, daß diese Ansichten auch einen bedeutenden Einfluß auf meine Lebensverhältnisse auszuüben begannen und mir positiv und negativ wirklichen Schaden brachten. Da ich nun nicht heucheln kann und auf der andern Seite die Rolle des ohne Not und ohne Erfolg sich opfernden Don Quixote zu spielen ebenfalls wenig Lust fühlte, so hielt ich es für besser, mich als Schriftsteller so lange zurückzuziehen, bis für mich günstigere Konjunkturen einträten. Dazu kam, daß mich eine Art der Kritik wirklich verdroß. Ich meine die, welche mir beständig vorwirft, weder ein Dichter noch ein Gelehrter zu sein. Hätte ich je auch nur im entferntesten eine solche Prätention gezeigt, so hätten diese Kritiker ganz recht. Da mir dies aber nie im Traum eingefallen, so ist der Vorwurf ebenso absurd, als wenn man das Veilchen verachten wollte, weil es keine Eiche ist. Sterne, Lord Chesterfield und Frau von Sévigné waren auch weder Gelehrte noch Dichter, und wie glücklich würde ich mich schätzen, besäße ich nur den hundertsten Teil ihres Ruhmes. So viel indes wage ich zu sagen, daß ich immer nur für die gute Gesellschaft schrieb, die nie aus Pedanten besteht. Warum ich nach allen diesen bittern Erfahrungen dennoch wieder auf der Rennbahn erscheine? Lieber Leser, einige Gründe dafür sind von der Art, daß ich sie Dir nicht mitteilen kann, aber Du hast ohne Zweifel die Bibel gelesen und kennst daher die Geschichte von dem verbotenen Apfel im Paradiese, und daß, wer einmal davon gekostet, über kurz oder lang immer wieder Verlangen danach spürt. Die Erbsünde also, verehrte Zuhörer, ist hauptsächlich daran schuld. Waldeinsamkeit am 29. Febr. im Schaltjahr 1844. Erster Teil Unterägypten Vom Verfasser der Briefe eines Verstorbenen Der Ausgang ist der Toren Orakel Gibbon Einleitung Da das folgende Buch von Mehemed Ali seinen Titel hernimmt und viel von ihm darin die Rede sein wird, ein Mann, für dessen blinden Verehrer ich oft ausgegeben wurde, während ich der Meinung bin, daß über niemand blinder in Europa geurteilt wird als über ihn – so muß ich einige allgemeine Betrachtungen vorausschicken, um von vornherein meine Ansicht der politischen Ereignisse herauszustellen, welche nach meiner Rückkehr aus Ägypten alle Verhältnisse des Orients so sehr und so traurig verändert haben. Es ist mir sehr wohl bekannt, daß ein geschlagener Held immer unrecht behalten muß und daß in der Gegenwart die triviale Masse der Menschen nie anders als nach dem Ausgang urteilt, bis später, wenn die momentanen Leidenschaften und Interessen schweigen, eine philosophischere Ansicht der Vergangenheit der historischen Wahrheit ihr Recht verschafft. So wurde einst Napoleon, nachdem er so lange als ein Meteor geglänzt, von Tausenden in den Staub herabgezogen und von den elendesten Wichten gelästert, ja ihm eine Zeitlang jedes Verdienst und jede Größe abgesprochen – weil er gefallen war. Nach einem Vierteljahrhundert schon, seit er vom Schauplatz verschwunden, zollt ihm die Menge von neuem Ehre und Bewunderung, und dasselbe Volk, das seiner überdrüssig ihn in der Not verließ, hat ehrfurchtsvoll und mit religiösem Pomp seine Asche über das Weltmeer zurückgeholt. Ich denke nicht daran, Mehemed Ali mit Napoleon in eine Kategorie zu stellen, aber beide haben Berührungspunkte, und auch Mehemed Ali werden in der Folgezeit die Völker mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen müssen, daß sie dem Wirken dieses ausgezeichneten Geistes vor allem jene ebenso segensreiche als gewaltige Anregung verdanken, aus welcher der Keim einer neuen Bildungsepoche für den Orient entsprossen ist. Nur der Keim freilich, den er aber mit unermüdlicher Beharrlichkeit und so viel Einsicht und Erfolg, als für ihn und seine Zeit möglich war, treu gehegt und gepflegt hat. Denn man vergesse doch nicht, daß die Muselmänner im dreizehnten Jahrhundert ihrer Hedschira sich hinsichtlich ihrer Kulturfähigkeit, ganz außer Europa stehend, gewissermaßen noch in demselben Mittelalter befinden, in welchem auch wir einst nach einer gleichen Anzahl von Jahrhunderten seit Erscheinung unsres Propheten standen, und aus dem wir uns so schwer und nur durch Ströme von Blut herauszuarbeiten vermochten – daß also ein auch durch die kräftigste Hand hervorgerufener Fortschritt der Zivilisation in solcher Periode nicht auf einmal unsern heutigen Zustand erreichen kann. Wie aber war denn jenes Mittelalter bei uns beschaffen? Ich glaube, daß in Hinsicht auf Grausamkeit und Verbrechen, Rohheit und Sittenverderbnis, Willkür der Gewalt, Intoleranz und unerträglichen Druck der Mächtigen, durch alle Klassen herab, Ägyptens Zustand unter Mehemed Ali noch glänzend vor dem der meisten Länder des damaligen Europas hervortreten möchte. Sogar die Gebräuche waren damals ganz dieselben bei uns wie noch heute im Orient. Denn die Damen ritten noch Visiten und aßen gleich den Männern mit den Fingern. Gabeln wurden erst zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts erfunden. Auch Sultan Mahmud hat gleich Mehemed Ali den Fortschritt gewollt, doch war er offenbar hierin nur seines großen Gegners Schüler. Er hat, ihm nachahmend, zwar dasselbe System ergriffen, es aber mit unendlich mehr Übereilung, weniger Takt, Geist und Erfolg durchzuführen gewußt – dennoch ist auch er dadurch zur Förderung des großen welthistorischen Zweckes nichts weniger als unnütz geblieben, wenn auch er und seine eignen Länder weniger Vorteil daraus gezogen haben. Die unbestreitbaren spezielleren Verdienste Mehemed Alis, wie sie als Fakta vor aller Augen stehen, sind folgende: Er hat mit bewunderungswürdigem Organisationstalent in einem der verwahrlosesten und verwildertesten Länder der Welt Ordnung und Sicherheit, die ersten Bedürfnisse eines zivilisierten Staates, in einem solchen Grade herzustellen gewußt, daß man sein unermeßliches Reich vom Taurus bis an die Grenzen Abessiniens, so weit sein Gebiet sich zwischen Meer und Nil und Wüste erstreckte, mit Gold beladen sicher und ohne Furcht durchziehen konnte, wo sonst jedem Schritt Beraubung und Tod drohte. Er hat in der Ausübung der Justiz und in der Verwaltung innerhalb seines Gebiets mehr Gerechtigkeit und feste Norm eingeführt, als in irgendeinem andern orientalischen Staate annoch existiert. Er hat den Fanatismus gebändigt, eine größere Toleranz in religiösen Dingen geübt, als in manchen christlichen Staaten stattfindet, und die Christen in seinen Ländern nicht nur beschützt, sondern selbst in einer Art bevorzugt, die fast zur Härte für die Muselmänner ward. Er hat den Handel mit Europa nicht nur belebt, er hat ihn größtenteils neu geschaffen und durch die großartigsten Anlagen aller Art den in Ägypten gänzlich untergegangenen Sinn für Industrie wohltätig wieder erweckt. Der Anbau der Baumwolle, des Indigos, des Zuckerrohrs, welcher mit immer steigendem Erfolg betrieben wurde, ist durch ihn erst hervorgerufen worden, und ein großer Teil dieser Produkte wird im eigenen Lande durch auf seine Kosten angelegte Fabriken verarbeitet. Ebenso vermehrte er bedeutend den Seidenbau in Syrien durch die ausgedehntesten Anpflanzungen des Maulbeerbaumes, die freilich durch den Befreiungskrieg (!) der Engländer größtenteils wieder zerstört worden sind. Er hat für die Bildung der künftigen Generation ein Erziehungs- und Schulwesen gegründet, von dem man vor ihm im Orient seit Jahrhunderten gar keinen Begriff mehr hatte, und ungeheure Summen diesem edlen Zwecke geopfert. Er hat mehr gebaut und mehr gemeinnützige Anstalten ins Leben gerufen als irgendein Beherrscher Ägyptens seit Saladins Zeiten. Er hat zu alledem noch Mittel gefunden, er, dem Ägypten zufiel ohne ein Schiff und einen einzigen disziplinierten Soldaten, sich eine Flotte von zwölf Linienschiffen und zweimal soviel Fregatten und Korvetten zu bauen und eine europäisch geschulte Armee von mehr als 100 000 Mann zu schaffen. Und mit diesen Mitteln ist der albanesische Bauer, der erst im 35sten Jahre lesen lernte, der unbedeutende Häuptling, der hundertmal in seinem Leben nicht wußte, wo er sein Haupt mit Sicherheit hinlegen sollte, ein Fürst geworden, dessen Armeen zweimal den Beherrscher der Gläubigen auf seinem Throne zu Byzanz erzittern machten und dessen immer steigendes Ansehen ihm schon eine Stelle unter den Weltmächten anzuweisen begann. Da ward er endlich, nach so großen Taten und Siegen, wie weiland der gefürchtete Korse (nur mit weit weniger gutem Grunde) von europäischen Interessen in den Bann getan und ist in diesem ungleichen Kampfe mit unvorhergeahnter Schnelligkeit unterlegen. Wie zu erwarten stand, beeiferte sich sofort eine Herde von Kläffern verschiedener Parteien maßloser als je über den schon so lange beneideten, kranken Löwen herzufallen und zugleich jubelnd über alle diejenigen den Stab zu brechen, welche, früher in stupider Blindheit, diesen besiegten Mann für ausgezeichnet und groß hielten und solches sogar öffentlich auszusprechen wagten. Als ein possierliches Beispiel erinnere ich mich unter anderem eines Korrespondenten der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom Rheine, der unmittelbar nach dem Falle von St. Jean d'Acre ausrief: «Mehemed Ali hat kapituliert! Der Mann ist entlarvt , der jahrelang die Geister hingehalten und die Federn zu Lob oder Tadel beschäftigt hat. Die Freunde, die ihn so hoch gepriesen, verstummen in seiner Not!» Ich erwiderte ihm damals: «Ach nein, lieber Rheinländer, nicht alle! Du selbst aber hättest besser geschwiegen. Du hast gesprochen – und Du bist entlarvt! » Man findet in Mehemed Alis Unglück noch mehr Ähnlichkeiten mit dem Schicksal Napoleons, erstens: daß er in Wahrheit nur durch einen Zusammenfluß der ungünstigsten, nicht vorherzusehenden Umstände, die von ihm selbst größtenteils nicht mehr abhängen, gefallen ist; zweitens, daß ihn im Augenblick der Entscheidung sein mächtiger Aliierter, auf dessen Mitwirkung er alle seine Pläne basiert hatte, verließ; drittens endlich, daß er sein früheres Glück nicht mit der Konsequenz eines Alexander oder Cäsar verfolgt und nie die Sachen ohne Anhalt zum völligen Ende zu bringen gesucht hatte. Napoleon wie Mehemed Ali hätten an Alexanders Stelle schon nach der ersten Schlacht mit dem Perserkönig Friede gemacht – freilich nicht ohne die Idee, gelegentlich wieder anzufangen, aber im Glück ist es eben nötig, die Gelegenheit vollständig zu benutzen, die da ist. Im Unglück zeigte sich jedoch Mehemed Ali kaltblütiger und klüger als Napoleon, wenngleich seine Handlungsweise nicht eben heroisch zu nennen ist. Denn von dem Augenblick an, als er sich, von Frankreich im Stich gelassen, der vereinten Macht Englands und Österreichs preisgegeben sah, verteidigte er sich eigentlich nur noch pro forma, da er zu klug war, um nicht mit einem Blick zu übersehen, daß jetzt für ihn der Erfolg auf die Länge unmöglich geworden. Weil er nun weder eigensinnig noch eitel genug ist, um nur alles – oder nichts zu wollen, so gab er, da der Tag einmal unglücklich und dies nicht zu ändern stand, statt alles auf eine Karte zu setzen, lieber das ganze Spiel auf. Die Möglichkeit, es bei einer bessern Chance wieder anzuknüpfen, blieb ihm ohnedies. Nachdem nun sogar St. Jean d'Acre eigentlich nicht genommen, sondern durch die unwiderstehliche Kraft von fünfhundert Feuerschlünden auf Büchsenschußweite in die Luft gesprengt und vernichtet worden war, dachte der Vizekönig nur noch daran, sich zu erhalten, was noch zu erhalten war. Die Engländer selbst rühmten sich im Morning Chronicle , einem ministeriellen Blatt, daß durch den immensen Vorteil, den ihre beweglichen Seebatterien jetzt durch die großen Fortschritte in diesem Fach darbieten, keine Festung, die vom Meere aus beschossen werden könne, einer Flotte von 5-600 Feuerschlünden mehr zu widerstehen imstande wäre. Das waren also leichte Lorbeeren! Ich weiß aus bester Quelle, daß Ibrahim von Anfang an Instruktionen in diesem Sinne von seinem Vater hatte, was auch allein die Lauheit und ganz negative Kriegführung dieses sonst so feurigen und determinierten Soldaten erklären kann. Die Rolle eines Mannes wie Mehemed Ali ist aber nie als ganz ausgespielt zu betrachten, solange er in Freiheit lebt und noch alle Elemente der Macht in seiner Hand hält. Dies hat er sich aber, sowie seine faktische Unabhängigkeit, mit vieler Geschicklichkeit zu bewahren gewußt, und wer kann vorhersagen, ob die Vorsehung, die ihm einmal eine welthistorische Bestimmung gab, dieses Amt ihm schon gänzlich abgenommen hat. Abgeschmackt ist es aber jedenfalls, aus dessen jetzt so sehr verminderter Bedeutung folgern zu wollen, daß ein Mann, der durch das Außerordentliche seiner Taten so lange Jahre hindurch die Blicke der Welt auf sich zog, von jeher nur ein Taschenspieler gewesen sei, der dem Orient und Europa ein bloßes Blendwerk vorgemacht. Dies wäre wahrlich noch weniger schmeichelhaft für die Betrognen als den Betrüger. Wahr ist es aber und merkwürdig, daß ein Hauptgrund des schnellen Falles Mehemed Alis gerade in seinem verdienstvollen Wirken zu suchen ist. Denn dadurch, daß er die Völker des Orients zu einer höhern Bildung zu erheben suchte, daß er zu diesem Behuf immer mehr und mehr selbst europäischen Sitten und Gebräuchen sich näherte, vieles davon allgemein einzuführen suchte und seine ganze Regierung diese Tendenz immer deutlicher verfolgen ließ, auch daß der Sultan, seinem Beispiel folgend, denselben Weg einschlug – erwachte ein ganz neuer Sinn im Orient. Jene seit langem so stationär gebliebenen Völker begannen zu ahnen, daß sie fremden Einflusses bedürftig seien und daß ihnen nur Verschmelzung mit europäischer Kultur – ich meine nicht durch bloße servile Nachäffung, noch weniger durch religiöse Bekehrung – eine neue, eigne, organische Umbildung und dadurch künftig einen weit sicherern und glücklicheren inneren Zustand gewähren könne, als sie bisher unter irgendeinem muhamedanischen Szepter genossen hatten. Eine direkte Oberherrschaft europäischer Mächte erschien daher schon seit geraumer Zeit vielen unter ihnen nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert – denn sie erhielten dann aus erster Hand, was ihnen Mehemed Ali nur mittelbar und unvollständig geben konnte. Als daher die Engländer und Deutschen gegen diesen feindlich in die Schranken traten, kam ihnen überall Syriens Bevölkerung fast jubelnd entgegen und fiel ohne Halt vom ägyptischen Gouvernement ab, bis auf den einzigen Emir Beschir, der eine tiefere Einsicht und überdies mit Mehemed Ali nur ein gleiches Interesse hatte. Demohngeachtet wußten die Syrier recht gut, daß sie, selbst unter Ibrahims Säbelszepter und den vielfachen partiellen Bedrückungen seiner Günstlinge (denn Mehemed Ali hatte leider Syrien seinem Sohne fast unumschränkt übergeben), doch immer noch weit besser dran waren, als sie unter des Sultans schwachem Regiment je gewesen, und daß sie auch wiederum in ein weit größeres Elend versinken müßten, wenn die alten Verhältnisse zurückkehrten – aber sie hofften dunkel auf ganz neue Verhältnisse, einen neuen Herrn von europäischer Hand. Ein großes Motiv hierzu lag schon darin, daß in Syrien, besonders im Litorale und dem Libanon, ein großer Teil der einflußreichsten Bewohner bereits Christen sind, ein anderer, ebenso mächtiger, die Drusen, keine kirchliche Intoleranz kennen und sich im Gegenteil mit jeder Religion sehr leicht abzufinden wissen. Der Emir Beschir war Christ und Muhamedaner zugleich und wäre auch noch Jude geworden, wenn ihm dies den Szepter Syriens hätte verschaffen können. Aber selbst eine große Anzahl der gebildeten Muselmänner gab solchen Gedanken Raum, und mit Verwunderung fand ich diese mit den ehemaligen fanatischen Ansichten dieser Länder so stark kontrastierende Idee nicht allein in Syrien, sondern selbst in Kleinasien, wenn auch nicht den Massen völlig klar, doch keimend und unter den mehr Selbstdenkenden auffallend verbreitet. Es ist daher nur der Wahrheit angemessen, wenn ich sage, daß die heutigen Sieger größtenteils Mehemed Ali selbst jenen gewichtigen Vorteil, das Volk auf ihrer Seite gefunden zu haben, danken müssen, ein Vorteil, dessen Dasein ihn desto leichter stürzte (wie dasselbe Streben auch Mahmuds Macht untergrub), aber dem Orient im ganzen doch der größte Gewinn bleibt, hätte auch Mehemed Ali nur, gleich den Massen, sich selbst unbewußt «der Gottheit lebendiges Kleid gewirkt». Gewiß ist es zugleich, daß eine solche, den letzten Ereignissen schon zuvorgegangene Stimmung in den Völkern des Orients, auch in Zukunft jeder europäischen Macht, die sie wird ausbeuten wollen und können, eine entscheidende Einwirkung auf jene Länder sehr erleichtern muß, und die Zeit wird kommen, wo dies geschieht. Findet dann eine gegenseitig heilsame Durchdringung der so lange geschiedenen Bildungselemente beider Weltteile statt, so wird dies ohnfehlbar zu einer Hauptepoche in der Geschichte wie im allgemeinen Fortschritt der Menschheit führen, und beschattet dergestalt einst, in mehr oder weniger ferner Zeit, ein solcher fruchtbeladner Baum die Welt, so wird man auch Mehemed Ali eines Ehrenplatzes an seinem Fuße nicht berauben können. Es bleibt mir nun bloß noch übrig, einiges Persönliche anzuführen, was ich ganz übergehen würde, wenn es nicht der Schwachen und Leichtgläubigen wegen nötig wäre. Man hat in mehreren öffentlichen Blättern behauptet, ich nähme nur deshalb so leidenschaftlich Mehemed Alis Partie, weil er mich mit Geschenken und Gnaden überhäuft, ja man gab beinahe zu verstehen, ich stünde so gut wie in seinem Solde. Diesen Insinuationen liegt wenig Wahres zum Grunde. Was die mir erwiesenen Gnaden und Gunst betrifft, so habe ich mich deren allerdings eine geraume Zeitlang in seltnem Grade zu erfreuen gehabt und werde derselben auch stets mit Dankbarkeit und persönlicher Genugtuung gedenken, besonders, daß der Vizekönig einmal, auf meine alleinige Fürsprache , einem der angesehensten und reichsten Kaufleute Kahiras die gesetzlich verwirkte Freiheit wie den Verlust des größten Teils seines Vermögens ohne Rückhalt zurückgab. Während dieser Zeit ward ich auch durch viele Monate nach orientalischer Sitte als des Fürsten Gast betrachtet und als solcher für Wohnung und Lebensmittel, wie sie das Land liefert, freigehalten, in Kahira und Alexandrien sogar mit einer Pracht, der ich gern enthoben gewesen wäre, da sie mir viel «gêne» verursachte, und auch jedermann weiß, daß die orientalische Gastfreiheit der Großen an ihre Diener oft teurer bezahlt werden muß, als sie wert ist. Übrigens war es Mehemed Ali bekannt, daß der Bey von Tunis mich ganz mit derselben Munifizenz behandelt hatte. Was aber die Geschenke betrifft, so kann ich versichern, daß ich von Mehemed Ali nie ein anderes Geschenk erhalten habe als ein nacktes Füllen, was nur dadurch einen großen Wert für mich bekam, daß er es selbst für mich im Gestüt von Schubra auswählte. Auch Ibrahim Pascha gab mir deren zwei von seiner Zucht durch Baki Bey. Der Transport dieser Tiere, für die ich ein eignes Schiff nach Triest mieten mußte, hat mich weit mehr gekostet, als sie wert waren, und unter den echten arabischen Pferden, die ich später selbst in der Wüste kaufte, ist keins, was nicht den Preis dieser drei Füllen zehnmal überstiege. Ein sonderbarer Umstand ist es, beiläufig gesagt, daß Mehemed Alis munterer Hengst, der ein gutes Jagdpferd geworden war, beim Sprunge über einen Bach sich tödlich beschädigte an demselben Tage, wo St. Jean d'Acre fiel. Indessen, ich blieb vielleicht zu lange im ägyptischen Reich. Der Charakter der Orientalen ist voller Argwohn, und Mehemed Ali hat mehr als irgendeiner nur zu oft triftige Ursache gehabt, Europäern zu mißtrauen. Die Auszeichnung, die er mir zuteil werden ließ, die unverdiente Bedeutendheit, die er mir beilegte, hatten bei vielen einflußreichen Personen, Europäern wie Türken, in hohem Grade Neid und Mißgunst erregt, wozu noch kam, daß ich, wenn Mehemed Ali es verlangte, ihm meine Ansichten über jedermann ganz ungescheut (vielleicht auch ungescheit) mitteilte. So gewahrte ich denn bald, daß Intrigen aller Art gegen mich in Bewegung gesetzt wurden, kümmerte mich aber wenig darum. In dieser Zeit, das heißt während meines zweiten Aufenthaltes in Kahira (wo ich Mehemed Alis generöse Gastfreiheit ganz abgelehnt hatte), sandte ich einen Artikel in die Augsburger Allgemeine Zeitung , in dem sich einige sehr unschuldige Bemerkungen über die korpulente Beschaffenheit des jüngeren Sohnes des Vizekönigs, Said Bey, befanden, die aber ein übles Ansehen durch den unglücklichen Umstand erhielten, daß die Redaktion für gut fand, dem erwähnten Aufsatz die Überschrift: «Der dicke Prinz» zu geben. Dies ward übersetzt und Mehemed Ali vorgelesen. Von diesem Augenblick an bemerkte ich eine gewisse Kälte und verminderte Vertraulichkeit in seinem Wesen, die mich betrübten, gegen die ich aber nichts mehr tun konnte, da jede Explikation das Übel nur ärger machen mußte. Später, als ich in Syrien war, wo Ibrahim herrschte und ein sichrer, direkter Verkehr mit Mehemed Ali mir nicht mehr möglich war, wußte man meine Abwesenheit wohl noch besser zu benutzen, um mich der Gunst des Vizekönigs zu berauben. Denn nach einer anfangs sehr glänzenden Aufnahme in Syrien durch Soliman Pascha kam ich bald infolge einiger unangenehmer Vorfälle, an denen ich durchaus keine Schuld hatte und von denen im Verlaufe dieses Werks spezieller die Rede sein wird, mit Ibrahim Paschas Gouvernement in ein höchst unfreundliches Verhältnis, und die deshalb von mir an Mehemed Ali gerichtete Beschwerde blieb ohne alle Antwort. Seitdem habe ich, obgleich ich noch über sechs Monate im Lande verblieb, vom Gouvernement weder etwas angenommen noch ferner mit ihm das geringste zu tun gehabt, bis auf eine, in langen Intervallen fortdauernde Korrespondenz mit Bogos Bey, der sich stets gleich gegen mich geblieben ist und mich auch des Vizekönigs freundlicher Gesinnung immer versichert hat, ohne daß ich dergleichen für mehr als eine Phrase der Courtoisie genommen hätte. Demohngeachtet gab mir dies später Gelegenheit, mich bei der bekannten Verfolgung der Juden in Damaskus für einen unter ihnen, von dessen Unschuld ich überzeugt war, bei Bogos Bey zu verwenden, und die Danksagungen, die ich von der in Rede stehenden Person erhielt, haben mir den guten Erfolg verbürgt. Man sieht also, daß meine Beziehungen zu Mehemed Ali nicht immer ungetrübt geblieben sind und ich, gerade dem Ende nach, aus persönlichen Rücksichten wenig Beruf fühlen könnte, für ihn die Feder zu führen, wenn mich nicht die wahrste Verehrung für die hohen Eigenschaften und die große historische Wirksamkeit dieses Fürsten heute wie damals bewegen, wenigstens unparteiisch das, was ich für Wahrheit halte, über ihn zu sagen und dadurch, soweit meine schwachen Kräfte reichen, ihn gegen die vielen ungerechten Anklagen und schiefen Beurteilungen zu verteidigen, mit denen namentlich deutsche Schriftsteller und deutsche Berichte ihn zu verfolgen so viel Beharrlichkeit zeigen, was um so auffallender ist, da die ausgezeichnetsten Männer unter den Engländern und Franzosen, wie noch neuerlich der tapfere Commodore, der ihn so hart bekämpft, ihm stets weit mehr Gerechtigkeit widerfahren ließen. Ankunft Eine goldne, feurige Sonne leuchtete mir zum ersten Tage des neuen Jahres 1837, eine warme, balsamische Luft wehte über dem wollüstig sich schaukelnden Meere, doch schwarze Wolken rollten einzeln am Himmel und verdeckten von Zeit zu Zeit das wohltätige Gestirn des Tages – ein Bild des irdischen Lebens, wenn dies zu den glücklichsten gehört. In höchster Pracht glänzte der Ida auf Kandia, vom frisch über Nacht gefallenen Schnee in ein flimmerndes Gewand fleckenlosen Weißes gekleidet, gehoben noch vom dunklen, tief ausgezackten Kranz der Berge und Felsen, die sich gleich einer treuen Leibwache um ihn her lagerten. Sanft glitten wir in der bequemen Feluke über den Wasserspiegel hin und näherten uns mit taktmäßigen Ruderschlägen der Brigg des Vizekönigs von Ägypten Semendidschad Ich beziehe mich, die Orthographie der arabischen Worte betreffend, auf Semilasso in Afrika. Ich schreibe sie nicht arabisch, sondern nach dem Klange, für Ohren und Augen der Deutschen . , die mich in einer kahlen Bucht der Insel Dia erwartete und jetzt mit dem Donner ihrer Kanonen empfing. Sie hat ein historisches Interesse, diese kleine Brigg, denn auf ihr entfloh Osman Pascha, des Vizekönigs undankbarer Liebling, zum türkischen Sultan nach Konstantinopel. Ich bestieg sie mit meinem geringen Gefolge und befand mich in wenig Augenblicken als der alleinige Europäer (nur mit Ausnahme eines einzigen meiner Diener, der ein Deutscher ist) unter einigen hundert Kandioten, Arabern, Türken und Negern fremdartigen Anblicks und mir meist unverständlicher Rede. Doch jeder von ihnen beeiferte sich, mir seine Ergebenheit zu bezeigen, außerdem waren des Kapitäns Zimmer, mit allen nötigen Bequemlichkeiten versehen, mir auf Mustapha Paschas Befehl zuvorkommend eingeräumt worden, und alles versprach daher die angenehmste Fahrt über die Libysche See. Doch kannte ich mein Unglück auf dem Meere bereits zu gut, um je solcher Hoffnung mit Zuversicht Raum zu geben. Gegen Abend fanden wir auch schon ein von den heftigen Südwinden der vorigen Woche aufgewühltes Meer, das, uns wild entgegenströmend, dem durch günstigen Nord getriebnen Schiff die widerlichsten Stöße gab, und in der Nacht steigerte sich der Wind fast zum Sturm. Die zierliche Ordnung, welche ich in meiner Kajüte mühsam hergestellt, fand bald ein klägliches Ende. In wenig Augenblicken waren alle Tische mit Papieren, Büchern, Flaschen, Gläsern unter fürchterlichem Gekrache übereinandergestürzt, und während ich mich an mein Bett anklammerte, um wenigstens meinen eignen Posten zu behaupten, rollte auf dem Verdeck eine Tonne über den Glasdom meiner Schlafkammer hin und sandte diesen in hundert Scherben zerschmettert, gleich spitzen Schloßen, auf mich nieder. An ein Aufräumen dieser chaotischen Massen war bei dem fortwährenden gewaltigen Schwanken der Brigg, über welche die Wellen mehrmals hinwegströmten, gar nicht zu denken. Überdem befanden sich alle meine Leute schon seit mehreren Stunden in einer solchen Agonie der Seekrankheit, daß ich in den zwei Tagen und Nächten, wo dieses Wetter andauerte, keinen davon mehr zu sehen bekam. Hätte sich nicht ein alter Neger aus dem Sennar meiner erbarmt, ich wäre ohne allen Beistand geblieben, denn weder der Kapitän, von dem der Neger mit einiger Verachtung sagte, er sei selbst seekrank, noch sonst jemand von der Schiffsmannschaft ließen sich blicken. Überhaupt schien viel Verwirrung beim Kommando zu herrschen, und alle Evolutionen gingen mit einem Lärm und zugleich einer Langsamkeit vor sich, die man auf europäischen Kriegsschiffen nicht gewohnt ist, so daß, hätte ich nur diese Brigg von Mehemed Alis Flotte kennengelernt, ich mir eine sehr ungünstige Idee von derselben gebildet haben würde. Es war nichts zu tun, als sich mit Geduld zu waffnen, so ruhig als möglich im Bett zu verweilen und es den zerbrochen umhergestreuten Effekten zu überlassen, sich von selbst nach und nach wieder untereinander festzurollen. Fünfzig Stunden brachte ich in dieser Lage mit türkischem Phlegma zu, von der Krankheit selbst nur mäßig heimgesucht, aber fast jeder Bewegung unfähig und nur selten, mit nicht geringer Mühe, das Kunststück versuchend, eine Tasse Fleischbrühe, die mir der Neger, wie ein Seiltänzer sich gebärdend, herbeibrachte, auszutrinken, ohne die Hälfte derselben ins Bett fließen zu lassen, oder ein mageres Stück Hammelfleisch mit den Fingern zu zerpflücken, um der unumgänglichsten Nahrung nicht ganz zu entbehren. Erst am dritten Tage, während wir beständig mit eingezognen Segeln geschifft, die Nächte aber uns sogar furchtsam «en panne» gelegt und dennoch fünf bis sechs Miglien in der Stunde im Durchschnitt zurückgelegt hatten, besänftigte sich der Sturmgott, das Meer ward bemerklich ruhiger, und mit großer Freude erfuhr ich von einem meiner endlich wiederauferstandenen Diener, daß Abukirs Bai sich schon seitwärts hinter den schwankenden Wellen zeige und Alexandrias Arsenal am Horizonte sichtbar werde. Obgleich noch betäubt und von dem heftigsten Kopfschmerz als gewöhnliche Folge der Seekrankheit geplagt, warf ich schnell meinen Mantel um und kletterte zum Verdeck hinan. Noch immer stiegen die aschgrauen Wogen bis an des Schiffes Rand, noch immer war man das Spiel einer auf- und niedergeschwungenen Schaukel – doch in erträglicherem Maße als bisher, und der Anblick des schon vom Nil gefärbten Meeres, der Anblick Ägyptens – des lang ersehnten – ließ mich bald alles Leid vergessen. Noch einige Stunden – und da lag sie vor mir, des unsterblichen Makedoniers stolze Stadt, – mit allen ihren tausend romantischen Erinnerungen, neu geboren durch einen neuen makedonischen Helden der Geschichte, schon glanzvoll wieder erwachsen zwischen der Wüste und dem Meer, halb europäisch, halb orientalisch aus den Wellen emporsteigend und gleich einer Fata Morgana über flachen Sandufern thronend, welche hinter den räumenden Wellenreihen bald jählings aufzutauchen, bald ebenso schnell wieder zu verschwinden schienen. Ohne sichtbare feste Basis erblickte man, wie in der Luft schwankend, weiße Paläste, krenelierte Wälle, grüne Palmenhaine, des Pompejus hohe Säule und vor ihr einen Wald von Masten aus dem Meere ragend, der von einem Ende des majestätischen Hafens bis zum andern reichte. Ein Fort nimmt jetzt die Stelle des alten berühmten Pharus der Ptolemäer ein, und des Vizekönigs weitläufige Residenz trennt den neuen Hafen von dem alten, welche beide ihre Benennungen vertauscht haben – denn der älteste ist heute wieder der allein gebrauchte geworden, der sogenannte neue ohne Schiffe und versandet. Das ganze Schauspiel war im hohen Grade aus dem Gewöhnlichen heraustretend, doch je näher wir kamen, je außerordentlicher ward die Szene, vor allem der Anblick der Flotte, dieses kolossalen Werkes von nur acht Jahren in der Hand eines schöpferischen Genius. Wir befanden uns im Anfang des Bairam und zehn Linienschiffe, jedes von mehr als hundert Kanonen, sechs Fregatten über fünfzig und einige zwanzig Korvetten und Briggs, in langen Reihen aufgestellt und mit unzähligen Flaggen der verschiedensten Farben vom Gipfel der Maste bis zum Verdeck herab bedeckt, boten ein Festgepränge von seltner Pracht. Kaum aber hatte der Pilot uns durch den seichten Eingang hindurchgeführt, als von allen Forts und von allen Schiffen ein Feuer begann, das den vollständigsten Begriff einer Seeschlacht gab. In wenigen Sekunden verschwanden die Paläste, die Schiffe, das Meer selbst vor unsern Augen, und nichts als ein wirbelnder Rauch erfüllte die Atmosphäre, nichts blieb sichtbar als die roten Blitze der Feuerschlünde, nichts hörbar als ihr betäubender Donner, rechts und links und vor und hinter uns, als habe ganz Alexandrien sich in einen feuerspeienden Vulkan verwandelt. Der Geist des Mannes, der hier waltet, schien auf den Wassern zu schweben, um sich in aller seiner Macht und Größe kundzutun. Es war ein erhebendes Gefühl, ein herrlicher Empfang an der Grenze des geheimnisvollen Reiches, des Landes alter und neuer Wunder, das endlich vor mir lag, und ich dankte tief ergriffen meinem Stern, der mich nach manchem Sträuben, nach mancher mir in den Weg geworfenen Gefahr zuletzt dennoch glücklich hergeführt. Alexandria Empfang. Besson. Bogos Bey Wir hatten kaum geankert, als man mir schon den Besuch des Major-Generals der Flotte, Besson Bey, ankündigte, der, durch den Seraskier Kandias von meiner Ankunft unterrichtet, mit großer Zuvorkommenheit mir eine Wohnung in seinem Hotel auf dem neuen Ibrahimsplatze anbot und mir zugleich ankündigte, daß seine Equipage mich, sobald ich bereit sein würde, am Ufer erwarte. Dieser hoch von Mehemed Ali geehrte Franzose, die eigentliche Seele der hiesigen Marine, ist derselbe ehemalige französische Kapitän Besson, welcher Napoleon in Rochefort anbot, ihn nach Amerika zu führen, und als der Kaiser, trotz allem Flehen Bessons, bei dem für ihn so schicksalsschweren Entschluß verblieb, sich dem Edelmut der Engländer anzuvertrauen! noch einen Tag vor dem Kaiser allein absegelte und – auf seiner ganzen Fahrt keinem einzigen feindlichen Schiffe begegnete! Ich bat nur um einige Zeit, das Chaos meiner Sachen auf dem Schiff zu ordnen, und als ich nach einer halben Stunde am neuen Quai ans Land stieg (ohne irgendeine Belästigung der dienstbeflissenen Popülace zu empfinden, wie sie zum Beispiel in Algier und mehreren andern Hafenstädten so peinlich wird), fand ich bereits einen eleganten englischen Wagen mit zwei arabischen Pferden bespannt und mehrere riesige Kamele zum Transport meiner Effekten vor. Sehr zufrieden, wieder festen Boden unter mir zu fühlen, sprang ich eilig in die Britschka und rollte im raschen Trabe durch die engen Gassen des noch türkisch gebliebenen Teiles der Stadt, mit seinem ebenso bunten als schmutzigen Gewühl, seinen roten, weißen und grünen Soldaten mit blitzendem Gewehr und – wie H. v. Prokesch so treffend sagt – seinen orientalischen Schichten von Gestank und Wohlgerüchen. So gelangte ich bis zum Frankenquartier, dessen nettes, reinliches Ansehn und seine ganz im europäischen Stil erbauten Paläste jede Stadt unseres zivilisierteren Weltteils zieren würden, obgleich ein Teil des Bodens, auf dem sie stehen, erst kürzlich dem Meere abgewonnen wurde. Hier wohnen auch sämtliche fremde Konsuln, deren des Bairams wegen aufgezogne ungeheure Flaggen den festlichen Anblick des Ganzen um so mehr erhöhten, da nach allen diesen Fahnen, die an hohen Mastbäumen auf den obersten Terrassen der Häuser wehen, leichte Wendeltreppen, gleich Schneckentürmen, bis an die höchste Spitze der Masten hinaufführen. Der liebenswürdige General empfing mich an der Pforte seines Hotels, wies mir eine reich möblierte, weitläufige Reihe Zimmer im ersten Stockwerk an, machte mich dort mit Herrn Roquerbes, dem preußischen Konsul, bekannt, der, wie ich vernahm, über mir in demselben Hause wohnte, und sorgte so gütig und vollständig für alle meine Bedürfnisse, daß mir auch nicht das Geringste zu wünschen übrigblieb. Schon am andern Tage war die Antwort des Vizekönigs auf die Seiner Hoheit zugesandten Briefe angekommen, worauf Bogos Bey, der erste und vertrauteste Minister Mehemed Alis, mich mit seinem Besuche beehrte. Bogos Bey ist ein Armenier und Christ, der als Dragoman seine Karriere begann, sich aber durch sein Talent, seine Treue und ein in hohem Grade konziliantes Benehmen gegen Hohe und Geringe die volle Gunst seines Herrn und viel Popularität bei Fremden und Einheimischen, besonders den geringeren Klassen, zu erwerben gewußt hat. Seine Erscheinung zeichnet sich durch die größte Einfachheit aus, und seine Formen, obgleich die eines Mannes von Welt, sind fast von studierter Demut, wiewohl keineswegs ohne Würde, noch selbst ohne das wohl merkbar werdende Gefühl seiner Wichtigkeit im Staat wie des hohen Einflusses, den er bei seinem Herrn genießt. Nur einmal und vor langer Zeit, sagt man, schwankte diese Gunst aus unbekannten Gründen, und Mehemed Alis Zorn ward in solchem Grade rege, daß er Bogos' heimliche Hinrichtung befahl. Der Konsul Rosetti rettete ihn auf fast abenteuerliche Weise und hielt ihn so lange verborgen, bis der Pascha, der seinen Befehl längst ausgeführt glaubte, tiefen Schmerz bezeigte, einen Mann verloren zu haben, der ihm unentbehrlich sei. Man wagte jetzt, Mehemed Ali die Wahrheit zu entdecken, und von diesem Augenblick an hat, soviel man weiß, das Vertrauen, welches er Bogos Bey geschenkt, nie einen zweiten Stoß erlitten. Aber auch des Ministers Dankbarkeit gegen die Familie seines Retters hat sich selbst nach dessen Tode noch auf seine hinterlassenen Erben ausgedehnt und ebenfalls nie einen Augenblick gewankt. Alle Handelsgeschäfte, aller Verkehr mit den Konsuln wie die äußere Politik werden durch Bogos Bey geleitet, und da der Vizekönig bis jetzt noch der einzige gigantische Kaufmann seines Reiches ist, auch Politik und Handel hier mehr noch und spezieller als anderswo miteinander zusammenfließen, so kann man danach den Umfang seines Wirkungskreises und seiner Geschäfte abmessen. Er ist jetzt ein Mann von einigen sechzig Jahren, mit blitzenden kleinen Augen, deren Feuer und listigen, etwas unsteten Ausdruck er sehr charakteristisch durch das stets tief herabgezogene Tuch seiner Kopfbedeckung möglichst zu mildern und zu verbergen sucht. Ohne alle Geschäftsaffektation und leicht zugänglich ist er doch von unermüdlicher Arbeitsamkeit, dabei von einer sich nie verleugnenden Affabilität gegen jedermann, ein Feind alles Luxus und aller Ostentation tief verschwiegen und gewiß der Schlauste unter den Schlauen. Über dies letztere klagt der Handelsstand, dennoch hat jeder lieber mit ihm als mit anderen Mächtigen hier zu tun, denn die List tritt wenigstens immer sanfter auf als die rohe Gewalt, wenn auch die Resultate zuletzt oft dieselben bleiben. Ich werde wahrscheinlich häufig Gelegenheit haben, auf diesen für Ägypten so bedeutenden Mann zurückzukommen, hier möge es genügen hinzuzufügen, daß unsre erste, sehr verschiedne Gegenstände berührende Unterhaltung mein lebhaftestes Interesse erweckte, so wie die freundlichen und schmeichelhaften Worte, welche er mir von seiten Seiner Hoheit überbrachte, in der Tat ebensosehr meine Verwunderung als meine lebhafteste Dankbarkeit hervorrufen mußten. Während meines diesmaligen Aufenthaltes in Alexandrien sah ich ihn nur noch einigemal in seinem eignen Hause, aber jeder Besuch bekräftigte die vorteilhafte Meinung, die mir seine erste Erscheinung eingeflößt. Ich mußte dabei in gleichem Maße den Scharfsinn bewundern, mit dem er europäische Zustände und Politik beurteilte, als mir die sichere Gewandtheit des vollendeten Hofmanns und die Grazie der Formen an einem Manne auffielen, dem alle Art europäischer Bildung stets fern geblieben war. Endlich ist es fast Pflicht, hier meinen Dank für die völlig unverdienten Auszeichnungen auszusprechen, die mir auf Befehl des Vizekönigs durch ihn zuteil wurden. Equipagen und Reitpferde Seiner Hoheit wurden zu meiner Disposition gestellt, man sandte mir eine Ehrenwache, die ich nur mit Mühe ablehnen konnte, bei meinem Besuch der Flotte ward ich vom Admiral mit denselben Ehrenbezeigungen wie in Kandia empfangen, und jedes Verlangen, das ich nur äußerte, es mochte sein, wo es wollte, beeiferte man sich sogleich mit der größten Bereitwilligkeit zu erfüllen sowie mich alles sehen zu lassen, was ich wünschte, ohne dabei der geringsten Geheimniskrämerei Raum zu geben Bogos Bey ist, wie bekannt, kürzlich gestorben, ein großer Verlust für den Vizekönig, denn dieser hatte wenig treuere und gewiß keinen gescheiteren Diener. Der neidische Haß der Großen wagte erst an Bogos Beys Grabe sich zu verraten. Alle Europäer haben nur Ursache, sein Andenken zu ehren, und dieses auch durch ihre Teilnahme bewiesen. . Altertümer Mein erstes Geschäft nach Beseitigung der gesellschaftlichen Pflichten war natürlich, die wenigen Überreste aus alter Zeit zu besichtigen, die Alexandrien noch aufzuweisen hat. Nur weit sich zwischen dem Meer und dem See Mareotis hinerstreckende Hügelreihen von Schutt, die Jahrtausende gebildet, sind von so vielen vergangenen Herrlichkeiten und einer Stadt mit 600 000 Einwohnern übriggeblieben, welche lange als die zweite der Welt angesehen wurde und es vielleicht wieder einmal werden kann. Doch mag man in diesem Gewirr noch deutlich die Lage jener Hauptstraße erkennen, welche vom kanopäischen Tore bis zur Nekropolis, 30 Stadien lang von Ost nach West, führte. Viele Säulen, die längs derselben noch vor zehn Jahren standen, wurden seitdem niedergerissen und zum Teil beim Bau des Arsenals verwandt. Von der zweiten prachtvollen Straße, die jene erwähnte vom Tor der Sonne nach dem des Mondes durchkreuzte, ist selbst die Spur verschwunden, und nur die sogenannte Pompejussäule, die Nadeln der Kleopatra und die Katakomben verdienen einen Besuch. Sie sind sämtlich so unzähligemal beschrieben worden, daß ich sie mit wenigen Worten abfertigen kann. Ich besah sie auf einem unterhaltenden Spazierritt in Gesellschaft des Herrn Lesseps, des eleganten Konsuls Frankreichs und eines jungen Arztes, Herrn Aubert, der sich während der letzten Pest- und Choleraepochen durch seine Intrepidität und Geschicklichkeit viel Ehre hier erworben hat. Er versicherte uns, daß er den Tod der Pestkranken für einen der angenehmsten halte, denn wenig Schmerz und heitre Phantasien führten den Kranken sanft hinüber in das unbekannte Land. Übrigens verläßt die Pest Alexandrien fast nie ganz, und auch jetzt ereigneten sich stets mehrere Fälle dieser Art, obgleich die eigentliche Epidemie längst aufgehört hat. Glücklicherweise ist die Pest von allen ansteckenden Krankheiten diejenige, deren man sich durch Vorsicht am leichtesten erwehren kann; weit fürchterlicher in jeder Hinsicht erscheint ihre grausame Schwester, die Cholera. An den Nadeln der Kleopatra (ein hyperpoetischer Name!), worunter man zwei Obelisken aus rosafarbnem Granit versteht, von denen der eine umgeworfen ist und die vereint einst vor dem Tempel Cäsars standen, fiel mir die gewaltige Wirkung der Witterung in einem so günstigen Klima auf, welche an der Ostseite des noch aufrecht stehenden Obelisken die über einen Zoll tief eingemeißelten Hieroglyphen fast ganz zerstört hatte, während die Schrift an der westlichen Seite noch wie neu erscheint. Inmitten der kahlen hohen Schutthaufen, wo sich diese Nadeln befinden, machen sie nur wenig Effekt, obgleich ihre Massen von 80 Fuß Länge aus einem Stück an sich ansehnlich genug sind. Schade, daß ihre Versetzung heutzutage zuviel Schwierigkeiten macht, um sie so leicht zu neuen Zwecken anzuwenden. Herr von Prokesch erzählt, daß der liegende Obelisk dem Könige Englands von Mehemed Ali geschenkt ward, der sich sogar erbot, ihn bis ans Meer auf seine Kosten schaffen zu lassen. Der hergesandte Ingenieur fand aber den weitern Transport zu kostspielig. Leider haben die Franzosen sich von einer gleichen Rücksicht bei dem Obelisken von Theben nicht abschrecken lassen – ich sage leider! denn dort ist eines der erhabensten und noch fast vollständigen Monumente des Altertums, der prachtvolle Tempel zu Luxor, durch die Wegnahme des einen seiner Obelisken vor dem Eingang ganz wesentlich entstellt worden, während die Versetzung der hiesigen beiden Nadeln nach Europa dort noch glänzend angewandt werden und hier nichts verderben könnte. Beide müßte man freilich nehmen, denn ein einzeln stehender Obelisk ist eine Anomalie, die bei den Ägyptern nie vorkam. Sie benutzten die Obelisken nie anders als doppelt zum Schmuck ihrer grandiosen Eingänge. Die Säule des Pompejus, jetzt dem Diocletian zugeschrieben, gewährt von ihrer Spitze ein interessantes Belvedere auf Wüste, Meer und Stadt, und ihr an 50 Fuß hoher Schaft aus poliertem Granit von ägyptischer Arbeit ist schön, das übrige, von den Römern Hinzugefügte, barbarisch und die kahle nähere Umgebung desolat, überdies rund umher so voll Rattenlöcher, daß das schnelle Reiten wahrhaft gefährlich wird, wovon wir ein Beispiel erlebten. Die Katakomben nebst den lächerlich so getauften «Bädern der Kleopatra», kleine Felsenkammern, die das Seewasser anfüllt und die vielleicht zum Waschen der Leichen dienten, aber gewiß keine Bäder waren, sind es kaum wert, daß man sich der Unbequemlichkeit ihrer Durchkriechung unterzieht. Sie haben viel Ähnlichkeit mit denen von Milo und wenig Ägyptisches, noch weniger etwas durch Kunstwert Ausgezeichnetes, obgleich zuweilen europäische Kleinstädter auch hier in Ekstase geraten zu müssen glauben. Dem Fellah, welcher uns mit einem Bündel Kienholz vorleuchtete, ging diese Leuchte aus, und wir mußten lange in der Dunkelheit bei erstickender Hitze verweilen, ehe er den Ausweg gefunden hatte, um eine neue Fackel zu holen. So unbedeutend nun auch die noch vorhandenen Altertümer Alexandriens über der Erde sind, so wundert es mich dennoch, daß man nicht häufigere und besonders gründlichere Nachgrabungen unter ihr in diesen unermeßlichen Schutthaufen versucht hat; besonders wenn man bedenkt, daß gerade hier zuerst die Hieroglyphenschrift in die Sprache der Eroberer übersetzt wurde, und vielleicht eine einzige gefundene doppelte Inschrift, gleich dem Steine von Rosetta, bei dem jetzigen Stande der Forschung hinlänglich wäre, die umfassendsten Resultate zu gewähren! Wie wir hören, hat Lepsius diesen großen Fund in Philae getan. Glück auf! Die Fellahs und ihre Verhältnisse Da es die Zeit noch erlaubte, setzten wir unsern Weg bis zu der ganz kürzlich angelegten Eisenbahn fort, bestimmt, Steine zu den neuen Bauten am Meere zu führen. Hier arbeiteten eine große Menge Fellahs, Männer, Weiber und Kinder, deren Lohn der Vizekönig bei allen öffentlichen Arbeiten eben um einen halben Piaster erhöht hatte. Da ich in den meisten Relationen über Ägypten die kläglichsten Jeremiaden über das Elend dieser unglücklichen Klasse gelesen hatte, so war ich nicht wenig verwundert, meistens kräftige, gesund aussehende und lustige Menschen zu finden, die singend und lachend ihre Arbeit verrichteten, von den Aufsehern höchst nachsichtig behandelt wurden und selbst das Bakschis (Trinkgeld), um das sie uns ansprachen, nur im Scherz zu verlangen schienen. Ihr Ansehen war allerdings zerlumpt, aber wo sieht man es im Orient wie auch in Griechenland anders? Das Klima verlangt so wenig, und Ordnung und Reinlichkeit gehört noch nicht zu den Tugenden dieser Länder. Ich habe später diesem Gegenstand fortwährende Aufmerksamkeit geschenkt und die feste Überzeugung gewonnen, daß die hiesigen Fellahs im Vergleich mit manchen andern ihrer Kameraden in Europa, zum Beispiel den irländischen Bauern, welche doch Untertanen des erleuchtetsten Gouvernements in der zivilisierten Welt sind, oder den armen Webern im Vogtlande, von denen ich erst heute, im Jahre 1843, in den Zeitungen las, daß sie ihren täglichen Verdienst höchstens auf zwei Gröschel bringen könnten, und wenn ihre einzige Nahrung, die Kartoffeln, fehlschlugen, dem Hungertode nahe kämen – daß, sage ich, diese Fellahs sich, obgleich mancher Härte und Willkür ausgesetzt, die ich nicht ableugnen will, doch immer noch in einer Lage befinden, welche viele unsrer Proletarier oft beneiden könnten. Die Häuser der Fellahs sind meistens kleine Hütten von an der Sonne gedörrten Lehmsteinen oder auch nur von getrocknetem Lehm aufgeführt, ohne eine andere Öffnung als die Türe. Aber diese Wohnungen sind meistens dicht und warm im Winter, immer vor leichtem Regen und Unwetter, was ohnedem so selten hier eintritt, geschützt, schattengebend im Sommer und geräumig genug für die geringen Bedürfnisse dieser Leute, während in Griechenland selbst die Wohlhabenderen unter den Landleuten selten ein Dach besitzen, das nicht Schnee und Regen durchließe, und erinnert man sich vollends der von erstickendem Rauch angefüllten Schweineställe, in denen die armen Irländer hungern und die in jenem verhältnismäßig so kalten Klima fast gar keinen Schutz gewähren, so richtet sich das Mitleid nach einer ganz andern Seite. Die Fellahs sind arm; aber in den geringsten Dörfern Ägyptens, wo ich hinkam, fand ich fast immer Brot, Milch, Butter, Käse, Eier, Gemüse in Fülle, auch Geflügel, in den größeren selbst Schlachtfleisch, was man uns gern für einen sehr billigen Preis zum Verkauf anbot, sobald nur kein Gouvernementsbeamter dabei war, deren Raubsucht allerdings zu den Kalamitäten Ägyptens gehört – während in Griechenland häufig Zwiebeln und ein fast ungenießbares Maisbrot das einzige sind, was man sich verschaffen kann, auch die Leute selbst dort in der Regel von gleicher Kost leben müssen wie in Irland von Kartoffeln und Whiskey. Endlich hörte ich noch nie, daß ein Fellah verhungert sei, was zur Schande der Menschheit bei den irländischen Bauern notorisch schon öfters vorgekommen ist und vielleicht heute noch möglich sein mag. Die Fellahs sind ferner höchst elend gekleidet, aber auch hier ist der Vergleich zu ihrem Vorteil, denn erstens bedürfen sie bei dem milden Klima fast gar keiner Kleidung; zweitens habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, daß die hiesigen Weiber, gleich den irländischen Frauen und Mädchen der gemeinen Klasse, nicht einmal Lumpen genug besaßen, um ihre Blöße soweit zu bedecken, als es die Schamhaftigkeit gebietet. Im Gegenteil erblickt man die Weiber der Fellahs, wenn auch oft in zerrissenen Gewändern, doch immer wie die übrigen Morgenländerinnen bis an den Mund verhüllt, wozu sie meisten 5-6 Goldstücke, in einer Reihe vorn vom Antlitz bis auf die Brust herab aufgenäht, tragen, was ebenfalls mit der bodenlosen Armut nicht recht übereinstimmen will, von der unsre philantropischen Reisenden uns ein so abschreckendes Bild entwerfen, weil sie wohl den Strohhalm im fremden Auge, aber den Balken im eigenen nicht sehen. Ich glaube, daß mitten in Paris und London teilweise gräßlicheres Elend nachzuweisen ist, als in ganz Ägypten gefunden werden kann. Auch hörte ich nie von Selbstmorden, die bei uns so häufig sind, und die außerordentliche Abneigung der Fellahs, Soldaten zu werden, die sie zu den grausamsten Selbstverstümmlungen treibt, ist gleichfalls kein Beweis, daß sie sich in ihrem jetzigen Zustande so überschwenglich elend fühlten. Wer aber frisch aus Europa hier debarkiert und zum erstenmal das gemeine Volk in Schmutz und Lumpen gehüllt sieht, was im Orient gang und gäbe, in Europa aber nur die Livree des höchsten Elends ist, dessen Einbildungskraft wird zu leicht ergriffen, und er sieht von nun an mit gefärbter Brille, im Fall er nicht gar absichtlich falsch sehen will . Dahin gehören aber viele. Der größte Teil der europäischen Kaufmannschaft zum Beispiel, namentlich in Alexandrien, ist dem Vizekönig aufsässig, aus Brotneid, weil er als einziger Kolossalkaufmann seines Landes sie durch sein System verhindert, die unwissenden Ägypter nach Belieben im freien Handel zu bevorteilen, und dies wohl zum Teil selbst übernimmt, überdies aber die Spekulanten mit überlegner Schlauheit und Macht häufig zwingt, ihm seine eignen Waren teurer abzukaufen, als es ihnen nachher Profit bringt. Andere Feinde findet der Vizekönig in allen Avantüriers, die in Ägypten ein Eldorado für Stümper und Nichtstuer zu finden hoffen und es, weil sie zu nichts taugen, unverrichteter Sache wieder verlassen müssen; in solchen ferner, die sich zwar im Anfang brauchbar zeigten, aber wegen impertinenter Prätentionen oder zu unverschämten Diebstahls wieder weggejagt werden mußten; dito in obskuren Autoren, die, erstaunt vom Pascha ganz übersehen und unbeachtet geblieben zu sein, obgleich sie ihre Intention, über Ägypten zu schreiben, hinlänglich annonciert, dies Land ohne einen Pfennig Geld, aber voll bittrer Galle verlassen und, in Europa mit dem leeren Säckel wieder angelangt, ihr Mütchen an dem orientalischen Barbaren kühlen wollen; endlich in ehrlichen, aber imbezillen Philantropen, meistens Engländern, die, sobald sie einen Mann ohne Hosen am Leibe und aller Wahrscheinlichkeit nach auch ohne Roastbeef im Magen antreffen, Zeter schreien und die Grausamkeit des Pascha verwünschen, der solche Greuel veranlasse, ohne dabei zu untersuchen, welche Schuld bei allen hiesigen Mängeln den gebieterischen Umständen, eingewurzelten Mißbräuchen und unbesieglichen Nationalfehlern beizumessen ist und welche dem Willen des Pascha. – Noch weniger aber denken sie daran, daß es bei ihnen selbst oft viel schlimmer in dieser Hinsicht hergeht, ohne daß dieselben Entschuldigungsgründe stattfinden. Alle diese verschiedenen Leute nun schreiben oder lassen für ihr Geld schreiben gegen Mehemed Ali, der freilich leicht Antworten bezahlen könnte, aber solche Gegner verachtet, wohl überzeugt, daß über kurz oder lang eine gerechtere Würdigung ihm nicht fehlen wird. Es gibt noch höherstehende Personen mit derselben Tendenz, wiewohl aus andern Gründen, die ich für diesmal übergehe; aber so viel rate ich doch wohlmeinend jedem Fremden: Er höre, wenn er nach Ägypten kommt, auf kein Geschwätz, es komme von seinem Konsul oder seinem Schneider, sondern er sehe selbst, unterrichte sich selbst und urteile dann auch selbst. Es gibt einen neueren Reisenden, der in fließendem Stil und nicht ohne Darstellungstalent alles, gleich Evangelien, niedergeschrieben hat, was ihm seine guten Freunde und sein Dragoman teils erzählend, teils angeblich übersetzend über Mehemed Ali und den Zustand Ägyptens aufbanden. Einem solchen Werk kann man in Europa Beifall und Glauben schenken – denn was weiß dort die Masse vom Orient? Wir sind wahrlich über die dortigen Verhältnisse und Zustände noch heute ebenso unwissend, als es die Franzosen unter Ludwig dem Vierzehnten über alles außer Frankreich waren, und die ganze Welt hat leider hiervon die kläglichsten Beispiele im größten Maßstabe erst kürzlich gesehen, wird auch die Folgen noch lange zu bejammern haben; – wer aber in Ägypten mit solchen Büchern in der Hand reist und die geringste Ader eines Beobachters in sich hat, der möchte oft zweifelhaft werden, ob nicht das Ganze eine Mystifikation sei und die Verfasser, mit Champollion, Burkhard, Belzoni, Cailliaud usw. nebst einigen historischen Werken auf ihrem Schreibtische, ganz ohne diesen zu verlassen, Ägypten beschrieben haben. Nichts ist seichter als die Urteile, die man über Mehemed Ali täglich lesen oder mit anhören muß, nichts törichter als die Forderungen, welche man an ihn stellt. Man verlangt gewissermaßen, daß er zugleich Romulus, Numa Pompilius und Trajan in einer Person sein soll, man berücksichtigt weder seine Lage noch seine Bedürfnisse, man verschließt seine Augen vor dem Außerordentlichen, was bereits durch ihn geschehen, und mokiert sich in alberner Selbstgefälligkeit über eine Pseudozivilisation, die man für nichts achtet, weil sie noch so entfernt von der unseren ist. Man ist endlich, ich kann es wirklich nicht anders nennen, stupid genug, nicht einzusehen, daß gut Ding Weile haben will und daß eben die wahrhafte Regentenweisheit Mehemed Alis darin liegt, daß er nur tut, was die Zeit und der Zustand seiner Nation erlaubt, ebenso behutsam als kräftig vorwärts schreitet und sich weder durch Ideologen noch durch Gewohnheitspedanten, weder durch Lob noch Tadel im geringsten in seinem festen und überlegten Gange irremachen läßt. Ich habe die große Satisfaktion in Kahira gehabt, einen Mann in diesen Ansichten mit mir übereinstimmen zu sehen, dessen Ausspruch eine ganze Ladung alltäglicher Reisenden aufwiegt – ich meine Professor Schubert aus München welcher mit hoher Verehrung die Größe des Herrschers erkannte, der Ägypten ein neues Leben gab und auch eine Seele eingehaucht haben würde, wenn ihn europäische Übermacht nicht gewaltsam in der Mitte seiner Laufbahn darniedergeworfen hätte. Um indes wieder auf die Fellahs zurückzukommen, so glaube ich, daß, sie reich zu machen, sie in den Zustand Holsteiner oder Altenburger Bauern zu versetzen, selbst dem größten aller Staatskünstler beim besten Willen nicht möglich sein möchte, denn sobald diese Kinder der Natur nur ihren nötigsten Lebensunterhalt gewonnen haben, legen sie sich gleich den Lazzaroni in die Sonne und faulenzen, solange man sie nicht zur Arbeit zwingt . Ich sah auch jetzt noch, wo ihnen die Gelegenheit nie fehlt, wenn sie arbeiten wollen, unzählige Beispiele von dieser grenzenlosen Trägheit und Sorglosigkeit. Sie sind von jeher so und auch von jeher blutarm gewesen, nur mit dem Unterschied, daß sie damals stahlen und raubten, was sie jetzt nicht mehr dürfen; und ist es möglich, sie nach und nach zu ändern, so hat Mehemed Ali gerade den rechten Weg dazu eingeschlagen, indem er sich nicht zu dem einzigen Eigentümer, wie man fälschlich behauptet, aber wohl zum fast einzigen Dirigenten der Bebauung alles Grund und Bodens in seinem Lande gemacht hat und dadurch die Fellahs gewaltsam nötigt, diesen fruchtreichen Boden für ihn sowohl als für den eignen Lebensunterhalt zu bearbeiten, wie es der gefeierte Joseph der Bibel ebenfalls tat. Die Solidarität, welche der Vizekönig einführte, war freilich eine harte Maßregel, aber sein Zweck dabei doch ein wohltätiger, weil er glaubte, auf diesem Wege auch die Trägsten durch das ins Spiel gezogne Interesse aller noch sichrer zur Arbeit zu nötigen. Da indessen die Erfahrung gelehrt, daß man hiermit doch ein unrechtes Mittel gewählt, ist auch das System wieder verlassen worden, und der Vizekönig hat nicht nur während meiner Anwesenheit in Kahira auf alle Rückstände renonciert, sondern noch zehn Millionen Piaster 10 türkische Piaster machen einen österreichischen Gulden. aus seinem Schatze an diejenigen zurückzahlen lassen, welche für das Defizit anderer einzustehen gezwungen worden waren. Ich habe schon erwähnt, daß er außerdem allen an öffentlichen Bauten für ihn freiwillig Arbeitenden, deren Zahl höchst bedeutend ist, einen halben Piaster täglich zugelegt hat. Zugleich befahl er, daß man bei Bezahlung der von den Fellahs jährlich zu liefernden Produkte nicht mehr wie bisher ihre früheren Schulden abzöge, sondern sie stets voll und bar befriedige, und erhöhte sogar aus eignem Antriebe den Preis dieser Produkte – Maßregeln, die in mehreren Dörfern damals so viel Geld unter den ärmeren Klassen aufhäufen, daß Krämer aus Kahira Spekulationsreisen dahin unternahmen und auch schnell ihre Waren absetzten. Dies klingt freilich fabelhaft für die, welche sich den ägyptischen Korrespondenzartikeln, deren Fabrikation großenteils aus den schmutzigsten Quellen herrührt, ihre Meinung von dem orientalischen Despoten gebildet haben, ist aber dennoch buchstäblich wahr, mir durch die Autorität der kompetentesten Männer unter hier etablierten Fremden und Einheimischen verbürgt. Da eine der größten Schwierigkeiten, mit denen der Vizekönig zu kämpfen hat, in der Immoralität seiner Behörden, ihrer Raubsucht und Bestechlichkeit besteht, deren üble Folgen dann von kurzsichtigen Reisenden alle dem Herrscher selbst beigemessen werden, so versuchte er, die türkischen Ortsvorsteher auf dem Lande durch arabische abzulösen. Der Erfolg hat aber der Absicht so wenig entsprochen, daß man wahrscheinlich zu den ersten wird zurückkehren müssen, die, wie sich einer meiner Berichterstatter in dieser Angelegenheit ausdrückte, «immer noch dezenter gestohlen hätten als die letztern». Mehemed Ali kennt dieses Grundübel in seiner Administration sehr wohl, aber eben dessen Allgemeinheit wie manche andre politische Gründe, die seine ungewisse Stellung zur Pforte und zu Europa mit sich bringen, machen die Ausrottung desselben höchst schwer. Eine radikale Reform ist vielleicht nur für die künftige Generation durch bessere Erziehung der Jugend zu erlangen; und was in dieser Hinsicht der Vizekönig wahrhaft Außerordentliches und verhältnismäßig mehr als irgendein anderer Souverän seiner Zeit geleistet hat, überlasse ich der Beurteilung in späteren Kapiteln, wo ich überdies Gelegenheit haben werde, noch weit mehr unzubestreitende spezielle Facta aufzuführen, die hinlänglich beweisen werden, daß Mehemed Ali ein wahrer Reformator des Orients sein wollte und dabei von höheren Ideen als denen eines bloß bereicherungssüchtigen Egoismus geleitet ward, wenigstens bis zu der Zeit, wo man, hemmend in sein Werk eingreifend, einem Manne seiner orientalischen Natur und Lebensansicht allerdings kaum mehr als die Befriedigung persönlichen Vorteils übriggelassen hat. Dies ist und bleibt noch jetzt meine feste Meinung, ohne deswegen blind für die anderweitigen Fehler und Irrtümer des außerordentlichen Mannes zu sein. Gewisse europäische Rezensenten werden freilich nicht ermangeln, mich deshalb von neuem vor ihren Richterstuhl zu ziehen. Hyperliberale Berserker oder frömmelnde, süßbittere Kritiker, die sich früher darüber kreuzigten und segneten, daß ich die englische Aristokratie lächerlich fand, obgleich viele Mitglieder derselben mich doch zu Tische oder zum Ball eingeladen hätten, werden hier die Gelegenheit nicht versäumen, im entgegengesetzten Sinne aufzutreten, und – da sie stets das Schlechte und Gemeine zuerst voraussetzen, weil sie andere nach sich selbst beurteilen – ohne Zweifel zu behaupten fortfahren: Ich lobe und verteidige Mehemed Ali nur deshalb, weil er mich mit Achtung und Ehrenbezeigungen überhäuft habe. Mir aber ist es ganz gleichgültig geworden, welche Motive in dieser Hinsicht man mir unterlegt. Mein Beruf ist: die Wahrheit zu sagen, wie ich sie finde, unbekümmert, wie man sie aufnimmt und ob sie einer Partei schmeichelt oder die andere verdrießt. Mit diesem Grundsatze bewaffnet hatte ich bereits mehr als einmal das Glück, Urteile, die man im Anfang auf das schärfste angriff, bald darauf durch den Erfolg bewährt zu sehen. Aufmerksam will ich aber doch auf den einzigen Umstand machen, daß ich in Griechenland von seiten des Gouvernements mit ebensoviel Zuvorkommenheit und Achtung behandelt worden bin als in Ägypten und daher dieselbe Dankbarkeit persönlich dafür schulde, demungeachtet aber dadurch in keiner Hinsicht verhindert werden konnte, dort wie hier die Wahrheit zu sagen, obgleich das Resultat für Griechenlands Regierung und dortige Zustände bei weitem kein gleich vorteilhaftes geworden ist Ob dies nach der neuesten Revolution besser werden wird, kann erst die Zukunft lehren. Die Revolution selbst hat mir recht gegeben, was die vorhergegangenen Zustände betrifft. . Dies muß also wenigstens meine rücksichtslose Freimütigkeit bezeugen, und ein größeres Verdienst verlange ich überhaupt nicht in Anspruch zu nehmen. Napoleon in Rochefort Mehrere Tage widmete ich der genauen Besichtigung des Arsenals und der Flotte. Doch ehe ich dieses reichhaltige Kapitel beginne, muß ich eine Episode einschalten, die meinen liebenswürdigen Führer bei diesen Besuchen betrifft und die ich nur meinem guten Glück verdanke, welches mir in kurzer Zeit die Freundschaft dieses vortrefflichen Mannes in dem Grade verschaffte, daß er mir ein Mémoire anvertraute und mir dessen Publikation gestattete, welches er bisher den dringenden Bitten der angesehensten Männer stets verweigert hatte. Diese Schrift gibt über eine noch dunkle Stelle in der Geschichte Napoleons, nämlich seinen Aufenthalt in Rochefort, einige bestimmtere Aufschlüsse als uns bisher zukamen, und die weder in Lascases' noch Norvins, Capefigues' und anderer Schriften zu finden sind. Dies ist 1837 geschrieben, und was seitdem in dieser Hinsicht publiziert sein mag, mir unbekannt. Man wird unter andern bis zur Evidenz daraus ersehen, daß, wenn Napoleon unter moralischen Martern auf Helena enden mußte, dies keineswegs eine Folge der unbesiegbaren Schwierigkeit seines Entkommens aus Frankreich war, sondern nur seinen Grund einerseits in den Machinationen der kleinen Kamarilla hatte, die ihn in Rochefort umgab und die, mit wenigen Ausnahmen, weit entfernt, sich für den Kaiser opfern zu wollen, nur ihr eignes Interesse und ihre eigne Gefahr ins Auge faßte, andrerseits in der Großmut Napoleons selbst lag, der es verschmähte, die, welche er für seine Getreuen hielt, dem möglichen Lose eines vielleicht ignominiösen Todes auszusetzen, um seine Person zu retten. Endlich mag die romantische Idee, welche er sich seltsamerweise von englischer Magnanimität formiert hatte, allerdings auch noch das ihrige dazu beigetragen haben. Des Kaisers Ruhm hat übrigens dadurch gewiß nichts verloren. Der Schluß seiner großen Laufbahn ist jetzt unendlich tragischer, gewinnt ihm weit sicherer die höchste Teilnahme der Nachwelt bis zu seinem letzten Augenblick, als wenn er in England oder Amerika im prosaischen Leben des Privatmannes sich unbemerkt verloren hätte. Von neuem in der Weltgeschichte handelnd aufzutreten, machte ihm einmal die Gewalt der Dinge unmöglich, und so gab ihm noch zuletzt das Glück, was es ihm geben konnte, eine ihm ganz eigentümliche Katastrophe, und sein Ruhm blieb, trotz der herben Prüfung, unangetastet – genug für den, der nur für die Nachwelt leben wollte. Ich habe bei dem Folgenden nichts als die Aufgabe einer treuen Übersetzung zu lösen gesucht, da die einfachen, biedern und naiven Worte Bessons durch jeden beigefügten Schmuck nur verlieren könnten, obgleich er allerdings manches hier nur andeutete, was er mündlich mit stärkere Farben ergänzte, was ich ihm aber nachzuschreiben nicht ermächtigt bin. Dem scharfsinnigen Leser wird deshalb nichts entgehen.   Der Kaiser, erzählt Besson, kam in Rochefort am 3. Juli früh morgens an. Ich war damals Schiffsleutnant und dem Generalstab der Marine attachiert. Da ich leicht bemerkte, daß der Kommandant der zwei Fregatten, welche das provisorische Gouvernement zu des Kaisers Disposition gestellt hatte, sehr wenig Lust bezeigte, sich zu kompromittieren, um eine heilige Pflicht zu erfüllen – das heißt, alles und selbst sein Leben zu wagen, um Seine Majestät von ihren Feinden zu retten –, so faßte ich schnell den Plan, an seine Stelle zu treten und dem Kaiser anzubieten, ihn auf einem der Schiffe meines Schwiegervaters, die mir im Anfang des Jahres 1815 adressiert worden waren, nach den Vereinigten Staaten von Amerika zu bringen. Besson hatte eine vermögende Dänin geheiratet. Ich war deshalb genötigt, meiner Frau das ganze Projekt mitzuteilen, und ihre Antwort entsprach vollkommen meiner Erwartung. «Der Kaiser», erwiderte sie ohne Zögern, «ist in einer solchen Lage, daß es für jeden Mann die höchste Ehre ist, ihn durchaus zu befreien. Biete ihm den besten Segler unter den drei Schiffen meines Vaters an und befehlige das Fahrzeug selbst, wenn Seine Majestät es wünscht. Was mich betrifft, so mache dir keine Sorgen, obgleich ich wohl weiß, daß man mich zu beunruhigen jedes Mittel ergreifen wird. Ich bin bereit, lieber alles zu leiden, als dir hinderlich zu sein, eine so große Tat auszuführen.» Ich begab mich also ohne Verzug zu dem Marschall Bertrand, den ich schon früher zu kennen die Ehre hatte, und teilte ihm meine Ideen mit. An demselben Abend ward ich schon dem Kaiser vorgestellt, der mein Projekt annahm, nachdem er nur einige, wenig bedeutende Modifikationen darin gemacht hatte, worauf ich sogleich einen simulierten Kontrakt über die Ladung mit dem Grafen Lascases abschloß. Keine andere Belohnung für die Armateurs ward von mir verlangt als Erstattung der Kosten der Expedition. Herr von Bonnefoix, Maritim-Präfekt des fünften Arrondissements, gab ebenfalls seine Einwilligung, und ich erhielt von diesem ehrenwerten Chef, dessen Betragen bei dieser ganzen Angelegenheit ebenso edel und großmütig war wie bei allen Handlungen seines Lebens, einen offiziellen Befehl, mich ganz nach dem Willen des Kaisers zu richten, ihn, wenn er es wünsche, nach den Vereinigten Staaten zu bringen und dann nach Frankreich zurückzukehren, um den Rapport über meine Mission abzustatten. In Folgendem bestand mein schnell präpariertes Projekt. Die Jacht «Magdalena», unter dänischer Flagge und in Kiel 1812 gebaut, um gegen die englischen Kreuzer im baltischen Meer zu agieren, nahm eine Ladung Branntwein, für Amerika assigniert, ein. Sie wurde mit zwei Expeditionen versehen, die eine für Kiel, die andere für New York. Im Schiffsraum waren zwischen zwei Reihen Branntweinfässern fünf leere Fässer angebracht, die man inwendig matelassiert hatte, um im Fall einer Untersuchung fünf Personen darin verstecken zu können. In der Kajüte befand sich unter dem englischen Kamin eine Falltüre, um mit jenem Emplacement zu kommunizieren, welches mit hinlänglichen Provisionen auf fünf Tage versehen war. Frische Luft ward in die Fässer durch sehr künstlich verdeckte Röhren geführt, die unter den Bettstellen der Kajüte ihren Ausgang hatten. Dieses so eingerichtete Schiff sollte sich nach der Insel Aix begeben und zwischen den kleinen Fahrzeugen Anker werfen, die daselbst einen guten Wind zum Absegeln erwarteten. Dort sollten die nötigen Effekten der Passagiere 24 Stunden vor ihnen selbst eingeschifft werden, und nachdem alles in Ordnung gewesen, würde die Jacht unter Segel gegangen sein, um aus dem Pertuis Breton zu fahren, zwischen dem festen Lande und der Insel Aix hindurchgehend, sich dann nach der Insel Noirmoutier dirigiert haben und von da nach Ouessant, ihrem Ausgangspunkte für das hohe Meer, gesegelt sein. Indem man dieser Richtung folgte, war es damals beinahe unmöglich, nicht zu reüssieren, denn die Engländer standen noch vor der Gironde und am Eingang des Pertuis d'Antioche, das heißt gerade auf der entgegengesetzten Seite. Auch der Erfolg bestätigte dies, denn die «Magdalena» hat in vollster Sicherheit diesen Weg wirklich eingeschlagen, einen Tag vor der unglückseligen Einschiffung des Kaisers auf dem «Bellerophon», und hat auf der ganzen Tour nicht einem einzigen feindlichen Kreuzer begegnet! Sobald der Plan nach der angegebenen Weise definitiv angenommen war, erteilte der Marschall Bertrand dem Grafen Lascases Befehl, alles, was zu dessen Ausführung noch nötig sei, zu beschleunigen. Die Herren Roy Bré et Comp. von Rochefort wurden bestimmt, das Fahrzeug zu chargieren und die nötigen Expeditionen zu erteilen. Ich nahm alles übrige über mich, und um desto weniger Verdacht zu erregen, verkleidete ich mich als ein Handelskapitän aus dem Norden (capitaine du Nord) . Der Erfolg war komplett, denn der General Becker erfuhr erst, daß ich der französischen Marine angehöre, als der Kaiser sich an den Bord des «Bellerophon» begab, und es war bei diesem Anlaß, daß er mir sagte: «Herr Kapitän, es tut mir leid, daß Sie sich durch Ihren Eifer so schwer kompromittiert haben, Ihr Plan hätte, ich muß es gestehen, ein besseres Schicksal verdient.» Man wandte eine so große Tätigkeit an, daß ich schon am 6. Juli früh von Rochefort abging, um mich nach Marine zu begeben, wo ich den nötigen Branntwein für die Ladung der «Magdalena» in Empfang nahm. Den 10. fuhr ich nach der Insel Aix, wo ich erfuhr, daß sich der Kaiser an Bord der «Saale» befände, und daß er vom Herrn Philibert, dem Kapitän, welcher diese Fregatte kommandierte, gänzlich verlassen worden sei, indem dieser ihm erklärt: Die Gegenwart eines englischen Schiffes am Eingang des Pertuis d'Antioche lege des Kaisers Abreise ein unüberwindliches Hindernis in den Weg; denn er, der Kapitän, habe den gemessenen Befehl, seine Fregatte und ihre Equipage keiner Gefahr eines ungewissen Kampfes auszusetzen, um des Kaisers Person in Sicherheit zu bringen. Der Herr Schiffskapitän Pomée, Kommandant der Fregatte «Medusa», benahm sich anders. Dieser Brave bot dem Kaiser an, ihn an seinen Bord zu nehmen und ihn zu retten oder mit ihm zu sterben, hinzufügend: daß er zwar in den Grund gebohrt werden könne, aber ihm sein Ehrenwort verpfände, daß er sich nie ergeben werde. Dieses edelmütige Anerbieten hatte kein besseres Schicksal als das meinige, wie man später erfahren wird, und der einzige Grund, der den Kaiser verhinderte, es anzunehmen, war seine Abneigung, diejenigen, welche ihm folgten, einem so ungewissen Schicksal auszusetzen. Seine Majestät verließ hierauf die Fregatte «Saale» noch um 9 Uhr abends. Ich ward an demselben Abend zum Kaiser gerufen und mit vieler Güte von Seiner Majestät empfangen. Er befahl mir, auf der Stelle alle seine Effekten und die der Personen seiner Begleitung zu embarkieren. Ich fing um 10 Uhr nachts damit an, und um Mitternacht war alles vollendet. Es blieb nichts übrig einzuschiffen als die Passagiere. Es ist nötig, hier eines Umstandes zu erwähnen, der nahe daran war, mir das Leben zu kosten. Alle Punkte der Insel waren auf das beste bewacht, und namentlich derjenige, welchem gegenüber die «Magdalena» vor Anker lag. Fünfzig Schritte von einem Marineposten hatte ich den Fleck unsrer Einschiffung absichtlich bestimmt, um jedes «quid pro quo» zu vermeiden, und deshalb den Herrn Grafen Bertrand gebeten, den Kommandanten des Postens zu avertieren, keine Achtung auf den Lärm zu geben, den er zwischen 10 und 12 Uhr in dieser Nacht hören könnte. Überzeugt, daß wir hiernach unsere Operation ungestört beginnen könnten, schritt jeder von uns frisch ans Werk, aber kaum hatten wir einen kleinen Teil der Effekten an Bord gebracht, als eine Füsillade auf uns gerichtet ward, die einem meiner Dänen, neben dem ich selbst stand, den Arm zerschmetterte und unsre Barke wie ein Sieb durchlöcherte. Ich sprang sogleich ans Land, auf die Gefahr erschossen zu werden, und eilte nach dem Posten, wo ich die Sachen bald wieder in Ordnung brachte. Niemand daselbst war avertiert worden , die braven Leute aber, welche uns deutsch sprechen hörten, hatten dies für englisch gehalten und uns demzufolge eine volle Ladung zugesandt. Kurz nach Mitternacht begab ich mich zum Kaiser, um ihm zu melden: daß alles bereit und der Wind günstig sei . Seine Majestät erwiderte: Für diese Nacht sei die Abreise unmöglich, indem er noch den König Joseph erwarte. «Gehen Sie herunter», setzte er hinzu, «und speisen Sie mit Bertrand. Dieser wird Ihnen ein neues Projekt mitteilen, geben Sie Ihre Meinung darüber an ihn ab und kommen Sie dann wieder zu mir zurück.» Der Kaiser zeigte eine große Ruhe, schien jedoch nachdenkend, und ich bemerke dies nur, um den Publikationen der Epoche zu widersprechen, welche allgemein behaupteten, Napoleon habe in Rochefort fast immer geschlafen und sei durch seine Lage so abgespannt gewesen, daß er sich zu Ergreifung keiner Partie mehr habe entschließen können. Im Gegenteil fand ich ihn nicht im geringsten weder abgespannt noch agitiert. Wie gewöhnlich häufig Tabak nehmend und dabei sehr aufmerksam auf das hörend, was man ihm sagte, schien er mir eher die tragische Verwicklung seiner Lage mit allzuviel Gleichgültigkeit zu betrachten. «Welch ein Unglück, Sire», sagte ich, bevor ich mich entfernte, «daß Eure Majestät nicht heute abreisen können! Die ‹rade des basques› ist frei von Feinden. Die Pertuis Bretons sind offen – wer weiß, ob sie es morgen noch sein werden! » Diese Worte waren leider prophetisch! Noch am 12. wußten die Engländer nichts von des Kaisers Ankunft in Rochefort , welche ihnen erst durch den Besuch des Herzogs von Savary und Grafen Lascases auf dem «Bellerophon» bekannt ward. Dies wird dadurch unwidersprechlich bewiesen, daß sie sich bis zu diesem Zeitpunkt unverrückt am Eingang der Gironde und des Pertuis d'Antioche hielten, um jeden Fluchtversuch der Fregatten, die auf der Reede der Insel Aix vor Anker lagen, zu hindern. An demselben Abend aber, wo sie des Kaisers Ankunft durch die genannten Herren erfuhren, setzte sich sofort der «Bellerophon» in Bewegung, um in der «rade des basques» Anker zu werfen! Allerdings die rechte Position, die er von Hause aus nehmen mußte, um beide Ausgänge zugleich zu bewachen. Ich verließ den Kaiser und stieg zum Grafen Bertrand hinab, der mir sagte, daß einige junge Offiziere, an deren Spitze sich ein gewisser Gentil, Schiffsleutnant, befände, gekommen wären, um dem Kaiser anzubieten, ihn an Bord einer Schaluppe (chaloupe pontée) von Rochelle zu embarkieren und ihn damit bis zum Eingang der «rivière de Bordeaux» zu bringen, die Meerenge von Monmousson passierend, wo sich ein amerikanisches Schiff befände, das dem Kaiser die Überfahrt nach Amerika gestatten würde oder dessen man sich im Fall der Weigerung bemächtigen könnte. Es waren in der Tat mehrere amerikanische Schiffe bei Royant, welche der General L'Allemand besuchte und deren Kapitäne Sr. Majestät ihre Dienste angeboten hatten. Da ich die braven jungen Leute sehr wohl kannte, die dieses Anerbieten machten, und deren Namen der Nachwelt erhalten zu werden verdienen (die Herren Dovet, «enseigne de vaisseau», Ritter der Ehrenlegion, ein junger Mann voll Unternehmungsgeist, der Ehre und dem Kaiser treu ergeben, Condé, Aspirant erster Klasse, in jeder Art würdig, in die Fußstapfen seines braven Vaters, des Kommandanten Condé, zu treten, und Gentil, einer der entschlossensten Offiziere, der den ganzen spanischen Krieg unter den «marins de la garde» mitgemacht hatte), so erwiderte ich dem Marschall: Ich sei überzeugt, daß der Himmel selbst Seiner Majestät einen sichern Rettungsweg anzeige und daß man ihn nur sogleich benutzen müsse, da jeder Umstand sich zum glücklichen Gelingen zu vereinigen schiene. «Was wollen Sie damit sagen?» rief der Marschall verwundert aus. Ich will mich sogleich näher erklären, erwiderte ich. Die zwei Schaluppen von Rochelle sind vortreffliche Segler, besser ohne Zweifel als die englischen Kreuzer. Man müßte sie abschicken, eine durch die Enge von Monmousson, die andere durch den Pertuis d'Antioche, und auf beiden Personen und Effekten einschiffen, die dem Kaiser angehören, doch so, daß die Schiffsequipagen unter sich selbst nicht wüßten, wer sich am Bord der andern Schaluppe befände. Dann brauche man nur, fuhr ich fort, den Befehlshabern beider leichten Fahrzeuge, jedem separat, die Ordre zu geben, die englischen Kreuzer selbst aufzusuchen, sich von ihnen jagen zu lassen und sie so weit abzuziehen, als es ihnen möglich sei; hier aber müsse man die Nachricht unter der Hand verbreiten, daß sich Napoleon auf einer dieser Schaluppen embarkiert habe, so daß das Personal einer jeden Schaluppe selbst der Meinung bleibe, der Kaiser sei auf der andern. Sobald dieser Plan genehmigt und gehörig verbreitet sei, könne man die Schaluppen am folgenden Abend absegeln lassen, und der Kaiser würde am Morgen darauf mit mir folgen, wo er dann zwei Chancen mehr hätte, seine Rettung glücklich zu bewerkstelligen. Es ist um so nötiger, setzte ich ausdrücklich hinzu, von allen diesen günstigen Umständen auf das schleunigste zu profitieren, da es höchst wahrscheinlich ist, daß der Feind, der sich jetzt noch am Eingang des Pertuis d'Antioche unter Segel hält, des Kaisers Gegenwart ignorieren muß, denn wüßte er sie, so würde er gewiß nicht ermangeln, eine Position in der «rade des basques»zu nehmen, von der er beide Pertuis' zu bewachen imstande ist. Der Marschall schien meine Meinung zu teilen, und da er den Kaiser sogleich davon benachrichtigen wollte, nahm er mich mit zu ihm hinauf. Wir fanden Napoleon mit dem Ellbogen auf ein schönes Nécessaire von Vermeil gestützt, ein Geschenk von seiner Gemahlin Marie Louise, und ein Meuble, welches Seine Majestät gewünscht hatte, bis auf den letzten Augenblick bei sich zu behalten, welches daher auch fast allein von allen noch nicht embarkiert worden war. Der Kaiser erhob den Kopf und sagte mit dem Ausdruck sehr guter Laune: «Eh bien, Bertrand, que vous a dit le capitaine Besson?» Nachdem ihm alles, was ich gesagt, wiederholt worden war, bezeigte er seine volle Zufriedenheit mit meinem Vorschlag und befahl sogleich, mehrere Effekten seiner Suite und eine Anzahl Provisionen an Bord der genannten Schaluppen bringen zu lassen, die Sage zu verbreiten, daß er selbst auf einer derselben sich einschiffen wolle, und sie dann beide kurz vor seiner eignen Abreise abzusenden; dann fuhr er fort: «Je suis à présent decidé à partir avec vous Capitaine dans la nuit du 13. au 14.» Ich sah mit tiefem Schmerz ein, daß dieser neue Aufschub alles unnütz machen werde, und wagte auch diesem Gedanken Worte zu geben, jedoch ohne Erfolg. Den 11. und 12. beschäftigte man sich mit den Schaluppen, und am 13. früh gingen sie unter Segel mit allen Instruktionen, die verabredet waren, welches ungehindert stattfand, obgleich der «Bellerophon» auf die unterdes erhaltene Visite des Herzogs von Savary und des Grafen Lascases schon am 12. abends seine neue Position in der «rade des basques» genommen hatte. Am 13. kam Herr Marchand mit Tagesanbruch zu mir an Bord, um mir einen ledernen Gürtel, mit Gold angefüllt, für des Kaisers Rechnung anzuvertrauen, und brachte mir zugleich den Befehl, mich sogleich selbst zu Seiner Majestät zu verfügen. Es schien, daß das wenige Gold, das der Kaiser mit sich nahm, geteilt worden war und daß Herr Marchand jedem, der sich mit Seiner Majestät einschiffen sollte, einen Teil davon aufzubewahren gegeben hatte. Um sieben Uhr begab ich mich zum Kaiser, den ich vollständig angezogen in seinem Zimmer auf- und abgehen fand. «Ah vous voilà!» rief er bei meinem Eintritt, «les chaloupes sont parties, à ce soir donc... le sort en est jeté.» Er frug mich hierauf, ob ich sicher sei, diese ganze Küste genau zu kennen, indem er mit dem Finger auf die Karte von Poitou mit der Insel Aix usw. zeigte, welche auf dem Tische lag. Als ich antworten wollte, trat Herr Marchand ein und sagte dem Kaiser etwas ins Ohr, worauf ich schnell verabschiedet wurde. Im Herausgehen begegnete ich einer Person, die ich vorher nie hier gesehen, und erfuhr später, daß es der König Joseph gewesen sei. Der ganze Tag ging mit möglichster Vervollständigung aller Vorbereitungen zur Reise hin, und bei Einbruch der Nacht sagte man mir, daß die Herren, welche der Kaiser von neuem nach dem «Bellerophon» geschickt, zurückgekommen seien. Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß erst an diesem Tage gewisse Personen von Napoleons Gefolge ihn definitiv bewogen hatten, aus Besorgnis, mit ihm an Bord meiner Jacht gefangengenommen zu werden, sich mit dem Kapitän Maitland in ernstliche Unterhandlungen einzulassen, und daß dessen Antwort eben eingetroffen war, doch hatte ich damals noch keine Ahnung davon. Im Gegenteil, als Seine Majestät mich, kurz nachdem es dunkelte, wieder rufen ließ, fühlte ich die größte Freude, endlich dem Ziel meiner Wünsche nahe zu sein. Als ich eintrat, fand ich den General Savary, den Grafen Lascases, den Grafen Montholon und einen mir unbekannten Fremden gegenwärtig. «Kapitän», sagte der Kaiser zu mir, «Sie werden sich sogleich an Ihren Bord verfügen und meine sämtlichen Effekten wieder ausschiffen lassen. Ich danke Ihnen aufrichtig für alles, was Sie für mich haben tun wollen. Wenn es sich darum handelte, ein unterdrücktes Volk zu befreien, wie es meine Absicht war, als ich die Insel Elba verließ, so würde ich keinen Augenblick anstehen, mich Ihnen anzuvertrauen, aber da hier nur einzig und allein von meiner Person die Rede ist, so will ich die, welche mir treu geblieben sind und die mein Schicksal teilen, nicht Gefahren aussetzen, die zum mindesten unnütz sind. Ich bin entschlossen, nach England zu gehen, und ich begebe mich morgen auf den ‹Bellerophon›.» Ein Blitz, der aus heiterer Luft mich niedergeschmettert hätte, würde keine schrecklichere Wirkung auf mich haben machen können als diese letzten Worte. Ich fühlte, daß alles Blut aus meinen Wangen wich, Tränen stürzten aus meinen Augen, und ich blieb einige Augenblicke unfähig, eine Silbe zu erwidern. Gleich einem aufgeschlagenen Evangelium lag es vor mir, wie furchtbar sich der Kaiser in seinen chevaleresken Ideen über die Magnanimität des englischen Gouvernements irre, und tausend Gedanken der traurigsten Art stürmten auf mich ein. War ich nicht selbst während fünf langer Jahre zu verschiedenen Malen das Opfer dieses Gouvernements gewesen, dessen Treue von jeher nur mit der punischen verglichen werden konnte! Kapitän Besson war zweimal Gefangener auf den schrecklichen englischen Pontons, sein Entkommen von dort romanhaft und seine zurückgebliebene Erbitterung wohl verzeihlich. Es ist daher nicht zum Verwundern, daß ich voraussah, was nachher geschah. «Nach England, Sire», rief ich endlich mit erstickter Stimme, «nach England! Dann sind Sie verloren! Der Tower von London wird Ihre Wohnung sein, und Sie mögen sich glücklich schätzen, wenn es Ihnen nicht noch schlimmer ergeht. Wie, Euer Majestät wollen sich, Hände und Füße gebunden, diesem verräterischen Kabinett übergeben, das frohlocken wird, den vernichten zu können, der es so tief ins Herz zu treffen wußte und seiner ganzen Existenz den Untergang drohte – Sie, der Einzige, den es zu fürchten hat, wollen sich ihm freiwillig und ohne alle Not übergeben? Sire...» Gott weiß, was ich in meiner Verzweiflung noch hinzugesetzt haben würde, als der General Savary, der sich in einer Ecke des Salons befand, mit seiner sonoren Stimme einfallend, mir auf barsche Weise Schweigen auferlegte. «Kapitän», rief er,«Sie erlauben sich zu viel! Vergessen Sie nicht ganz, in wessen Gegenwart Sie sich befinden!» «Oh, laissez le parler!» sagte der Kaiser mit einem wehmütigen Blick, der mich bis ins Innerste erschütterte. Doch sah ich bald, als ich nur einigermaßen meine Fassung wiedererlangt, wie unnütz hier alles Weitere sei. «Verzeihung, Sire», fuhr ich fort, «wenn ich zu viel gesagt; ich selbst aber bin durch Ihre Entscheidung wie vom Donner gerührt und vermag nur noch um Euer Majestät Nachsicht zu bitten. Was Sie aber betrifft, Herr Herzog», fügte ich, mich zu diesem wendend, hinzu, «so ersuche ich Sie, wenigstens den Posten zu befehlen, diese Nacht nicht wieder auf mich zu feuern, denn es wäre zu grausam für mich, hier durch eine französische Kugel beim gezwungenen Ausladen von Effekten getroffen zu werden, die ich in Amerika debarkieren zu können gern mein Leben zehnmal geopfert haben würde.» «Gehen Sie, Kapitän», sagte der Kaiser sanft, «und beruhigen Sie sich. Wenn Ihr Geschäft getan ist, kommen Sie wieder.» Ich tat, wie mir befohlen, obgleich in der trostlosesten Gemütsstimmung, und um 9 Uhr abends am 14. Juli war alles beendet, worauf ich auch sogleich zur Meldung beim Kaiser wieder zurückkehrte. Ich fand ihn allein mit Herrn Marchand, den man wohl die personifizierte Treue nennen könnte, dessen Gefälligkeit für mich sich nie verleugnete und ohne dessen Hilfe der Kaiser für mich vielleicht ganz unzugänglich geblieben sein würde. Denn das Reich der Intrige hatte schon ebenso festen Fuß auf der Insel Aix gefaßt als früher in den Tuilerien. Ich will nur ein Beispiel davon anführen. Die Personen, welche bestimmt waren, sich mit dem Kaiser auf der «Magdalena» einzuschiffen, waren der Marschall Bertrand, der Graf Lascases und der General Montholon. Die zwei letzteren waren nur sehr unbedeutend bei dem Gouvernement des Königs kompromittiert und hatten daher nichts zu fürchten, während der General L'Allemand bereits zum Tode verurteilt war. Demungeachtet konnte es dieser verdienstvolle General nie dahin bringen, seine Reklamation dem Kaiser vor Augen zu legen. Durch alle möglichen Mittel immer daran verhindert, bat er mich endlich zu gestatten, daß er sich als Matrose verkleidet unter meine Equipage mischen und so sein Leben retten dürfe. Sobald der Kaiser mich eintreten sah, ging er auf mich zu und sagte: «Kapitän, ich danke Ihnen von neuem; sobald Sie sich hier frei gemacht haben werden, kommen Sie zu mir nach England. Ich werde ohne Zweifel auch dort noch» – setzte er lächelnd hinzu – «eine Person Ihres Charakters nötig haben können.» – «Ach, Sire», erwiderte ich betrübt, «warum darf ich auch nicht die mindeste Hoffnung hegen, daß je ein Tag kommen wird, wo ich einem so schmeichelhaften Befehl Folge zu leisten berufen werden mag!» Ich wollte, meiner Empfindungen nicht mächtig, mich eilig entfernen, als der Kaiser mir zu bleiben winkte und Herrn Marchand hinausschickte, um den Marschall Bertrand zu holen; dann nahm er von einigen Waffen zu seinem Privatgebrauch, die in einem Winkel der Stube standen, eine kostbare Doppelflinte auf, die er lange auf der Jagd geführt, und indem er mir sie darreichte, sagte er mit sehr bewegter Stimme: «Je n'ai plus rien dans ce moment à vous offrir, mon ami, que cette arme. Veuillez l'accepter comme un souvenir de moi.» Dieses mir so unschätzbare Geschenk und die unbeschreibliche Anmut, mit der es gemacht wurde, bewogen mich, allein mit dem Kaiser mich sehend, fast unwillkürlich zu einem letzten Versuch. Ich warf mich ihm zu Füßen und beschwor ihn unter Tränen bei allem, was mir die kummervollste Überzeugung eingab, sich nicht den Engländern zu überliefern, da jetzt noch nichts verloren sei und ich mich anheischig mache, in zwei Stunden Zeit alle seine Effekten von neuem wieder an Bord zu schaffen, worauf er augenblicklich selbst folgen könne. Es bedürfte nur seines Entschlusses, seines Befehls. – Ach! Alles war umsonst! – «Wohlan, Sire!» rief ich aufstehend... doch der unterdessen eingetretene Marschall unterbrach mich: «Kapitän, lassen Sie von Ihrem unnützen Bestreben ab», rief er unwillig, «Ihr Eifer ist lobenswert, Ihr Benehmen ist edel, aber Seine Majestät kann jetzt nicht mehr zurück! » Es mochte wohl so sein, und ich verschluckte, was mir noch auf der Zunge schwebte. «Es bleibt also nichts übrig, als mich bei Euer Majestät zu beurlauben», sagte ich, «und – abzureisen mit derselben Jacht, Sire, die für Euer Majestät bestimmt war. Ich werde genau der Route folgen, die Sie approbiert hatten, und die Zeit wird, fürchte ich, Euer Majestät nur zu bald belehren, welche von beiden Partien zu ergreifen die sicherste war .» Den Tod im Herzen zog ich mich jetzt zurück und begab mich an meinen Bord. Es war zehn Uhr abends. Ich ließ auf der Stelle die Anker lichten und segelte mit einer frischen Ostbrise ab, ohne durch irgend etwas beunruhigt zu werden . Beim Anbruch des Tages befand ich mich am Eingang der Pertuis Bretons unter die Caboteurs gemischt. Es ist nötig zu bemerken, daß der Kaiser sich erst um fünf Uhr früh auf dem «Epervier» einschiffte und um neun Uhr früh am 15. auf dem «Bellerophon» ankam. Ich hatte also längst vorher schon meinen Weg mit den Caboteurs unbemerkt fortgesetzt, und erst nachdem ich mich den Sables d'Olonnes gegenüber befand, nahm ich selbst Abschied von meinem Kapitän, ihm den Befehl gebend, sich auf Ouessant und Kiel durch den englischen Kanal zu dirigieren, wo er auch zwanzig Tage darauf glücklich ankam, ohne, wie bereits am Eingang erwähnt wurde, von einem einzigen englischen Kreuzer visitiert oder sonst beunruhigt worden zu sein. Hierauf kehrte ich für meine Person mit einem der Caboteurs nach Rochefort zurück, wo ich mich zum Marinepräfekten begab, um dessen Befehle einzuholen. Dieser sagte mir, daß er auf Verlangen des Kaisers bis zum letzten Augenblick zwei Kisten mit Vaisselle bei sich zurückbehalten habe, um sie Madame Besson zu übermachen, im Fall der Kaiser mit mir gegangen wäre. Da dieser jedoch nun einen andern Entschluß gefaßt, so habe er es für passend gehalten, diese Kisten nebst noch einigen andern, die ihm Seine Majestät anvertraut, auf den «Bellerophon» zu senden. In der Tat sind es diese nämlichen Silberkisten, deren Verkauf dazu diente, in Helena des Kaisers dringendste Bedürfnisse zu befriedigen, ich selbst aber war sehr entfernt davon gewesen, nur zu ahnen, daß Seine Majestät die Fürsorge so weit getrieben haben würde, sich sogar mit dem Schicksal meiner Frau zu beschäftigen, im Fall mein Projekt zur Ausführung gekommen wäre. Meine erste Entrevue mit Madame Besson gehörte zu den traurigsten! Wir brauchten lange Zeit, ehe wir gegenseitig Worte finden konnten für unsern tiefen Schmerz. Der unglückselige Entschluß des Kaisers vernichtete ihn selbst auf immer, aber auch mein Schicksal war unvermeidlich niedergezeichnet. Ich mußte das Opfer meiner freiwilligen Handlung werden, und ich ward es. Verabschiedet als unwürdig, dem neuen Gouvernement zu dienen, sah ich mich gezwungen, mein Vaterland zu verlassen, während ich meine durch die Agitationen der letzten Tage erkrankte Frau in Rochefort allein zurückließ, wo sie lange allen Arten von Vexationen ausgesetzt blieb. Nichts ward ihr erspart und sie so nach und nach von den Verfolgungen der Polizei bis nach Bordeaux getrieben, wo sie endlich Gelegenheit fand, sich nach Kiel einzuschiffen. Hier sahen wir uns im Dezember 1816 zum erstenmal wieder. Seit dieser Zeit irrte ich in der Fremde umher, ohne zu wagen, mich Frankreich wieder zu nahen, ausgenommen im Jahre 1826, wo mich Seine Hoheit der Vizekönig von Ägypten nach Marseille sandte, um die Kriegsschiffe zu armieren, die der General Livron daselbst für Seine Hoheit bauen ließ. Seit dieser Epoche datiert meine Dienstzeit in Ägypten, Dienste, welche Mehemed Ali mir mit Großherzigkeit belohnt hat, und glücklich werde ich mich schätzen, wenn meine Tätigkeit, mein guter Wille und meine innige Zuneigung für den außerordentlichen Mann, zu dem die Vorsicht mich geführt, dazu beitragen können, mich seiner Wohltaten immer mehr und mehr würdig zu machen.   Man wird diese einfache Darstellung kaum aus der Hand legen können, ohne für die Hauptfiguren derselben, den großen Kaiser und den braven Besson, die regste Teilnahme zu fühlen, obgleich man sich auch nicht verbergen kann, daß der gealterte, seit Jahren gejagte, harassierte, erschöpfte Held nicht mehr die Frische des Entschlusses besaß, die den General Bonaparte so hoch erhoben hatte. Damals war er auch noch von keiner Hofluft berauscht worden, die nach oben allmählich selbst den besten Kopf schwächt, nach unten aber nur die Herzen anfrißt. Gott hat es indes, wie immer, auch hier am besten zu machen gewußt, und Besson mag sich vollständig trösten. Dem Kaiser wäre allerdings, wenn ihn sein Retter nach Amerika gebracht, der persönliche Leidenskelch einiger Jahre erspart worden, aber sein Ruhm, ich wiederhole es, hätte durch ein solches obskures Ende im Privatstande nur tödlich leiden können. Besser war es, als der Gefangene Europas auf St. Helena zu sterben. Napoleons Verehrer mögen sich daher vielmehr freuen, daß es so gekommen ist, wie es kam, und nur die Engländer mögen darüber klagen, daß des kühnen Besson Plan gescheitert ist, denn sein Gelingen hätte ihnen eine der schmachvollsten Seiten ihrer Geschichte erspart. Als ich acht Monate, nachdem ich dieses geschrieben, von einer beschwerlichen und gefahrvollen Reise in Afrikas Wüsten zurückkam, fand ich den in voller Lebenskraft verlassenen Besson schon im Grabe. Nur sein Manuskript ist mir als Beleg für das hier mitgeteilte Bruchstück aus seinem noch in vieler andern Hinsicht höchst merkwürdigen Lebenslaufe zurückgeblieben. Das neue Arsenal Wenn man das Arsenal zum erstenmal betritt und diese kolossale Anstalt mit solid und schön aufgeführten Gebäuden in ihrer ganzen unermeßlichen Ausdehnung überblickt, eine Anstalt, die den meisten ihrer Art in Europa in nichts nachsteht, ja sie in manchen Dingen noch übertrifft, wenn man die größten Schiffe dort im Bau begriffen und lange Magazinreihen mit allem Nötigen angefüllt vorfindet, um eine doppelte Anzahl derselben auf der Stelle vollständig equipieren zu können – wenn einem dann gesagt wird, daß auf dieser selben Stelle vor acht Jahren noch das Meer seine Wogen rollte und die ganze prachtvolle Flotte, die jetzt den Hafen füllt, aus eben diesem Arsenal erst hervorging, so glaubt man fast ein Märchen zu hören. Bedenkt man endlich noch, daß diese Wunder der Tätigkeit und Einsicht in einem Lande der vollendetsten Barbarei, in welchem damals kaum ein einziges der dazu erforderlichen Mittel, Arme und Hände ausgenommen, noch vorhanden waren, durch den unerschütterlichen Willen eines einzigen gegen die Meinung aller seiner Landsleute geschaffen worden sind, so muß sich das Staunen verdoppeln und man gestehen, daß seit den Zeiten Peters des Großen kaum irgendein europäischer Souverän ähnliches in gleicher Zeit zu bewerkstelligen imstande war. Demohngeachtet rastet Mehemed Alis kühner Geist auch jetzt noch nicht, und man ist eben mit einem fast gleichen Riesenwerke beschäftigt, nämlich dem Meer und einem 100 Fuß tiefen, sich darunter hinbreitenden Schlammboden ein beliebig trocken zu legendes Bassin für die ganze Flotte abzugewinnen. Die ungeheuren, mit Steinen angefüllten Kasten, die man zum Behuf der Versenkung auf den Chantiers konstruiert und deren schon viele eingesenkt sind, erreichen ziemlich die Größe der Linienschiffe. Man zweifelt fast allgemein an der Möglichkeit des Gelingens, nur Mehemed Ali zweifelt nicht, denn er kennt, wie Napoleon, das Wort «unmöglich» nicht. Einer der fremden Konsuln sagte ihm abratend: «Euer Hoheit werfen Ihr Geld ins Meer!» – «Allah kherim!» erwiderte der Vizekönig, «seit vielen Jahren tue ich nichts anderes!» In der Tat mußte Mehemed Ali viel Lehrgeld geben, ehe er zum Zwecke kam, aber eben daß er dieses nie scheute und immer wieder von neuem begann, bis der Erfolg Beharrlichkeit krönte, macht ihn zu dem großen Manne, der er ist. Einem meiner Freunde, der ihm einst vorwarf, sich fortwährend von Abenteurern und unwissenden Projektmachern täuschen und betrügen zu lassen, gab er in dieser Hinsicht eine merkwürdige Antwort. «Ich weiß», sagte er, «daß unter fünfzig Menschen, die aus Europa kommen, mir ihre Dienste anzubieten, neunundvierzig nur unechten Edelsteinen gleichen. Ohne sie zu erproben, kann ich aber den einen echten Brillanten, der vielleicht darunter sein mag, nicht herausfinden. Ich kaufe sie also vorläufig alle, und habe ich dann den rechten entdeckt, so ersetzt er mir oft allein den erlittenen Verlust hundertfältig.» Ein solcher echter Brillant für den Vizekönig ist jetzt Besson, und früher war es Herr von Cerisy. Schon über eine Million Geld und ein Jahr Zeit hatte Mehemed Ali auf sein Arsenal verwandt, als dieser ausgezeichnete Franzose, nur mit geringen Empfehlungen versehen, in Alexandrien ankam. Er ward dem Vizekönig vorgestellt, der ihm gleich nach der ersten Unterhaltung auftrug, den neuen Bau zu untersuchen und ihm seine Meinung darüber mitzuteilen. Der sehr aufrichtige und etwas barsche Cerisy machte den kurzen, aber energischen Rapport, daß alles bisher Aufgeführte nicht nur nichts tauge, sondern selbst der Ort, den man dazu gewählt, ganz unpassend sei. Man kann sich denken, welche Interessen ein solcher Ausspruch beleidigen, welche Intrigen er hervorrufen mußte! Mehemed Ali, ohne sich irre machen zu lassen, befahl dem Herrn von Cerisy, ihm in einem detaillierten Mémoire die Sache genauer auseinanderzusetzen und zugleich einen neuen Bauplan, ganz nach seiner individuellen Ansicht, einzureichen. Nachdem er diesen sorgfältig geprüft und des Franzosen siegende Gründe ihn überzeugt hatten, ließ er auf der Stelle den alten Bau sistieren, vergaß die unnütz verwandten Summen, und der neue begann in demselben Moment. Hier war, sozusagen, Meer und Land erst zu schaffen, doch nichts hielt den Vizekönig auf. Das Wasserbassin ward ausgegraben, das fehlende Land aufgekarrt, und schon nach vier Jahren wurden mehrere der größten Linienschiffe aus dem fertigen Arsenal vom Stapel gelassen, das gleich ihnen aus dem Nichts hervorgerufen worden war. Dies sind Charakterzüge eines Reformators, eines Mannes, der einer Idee und nur ihr lebt und von keiner Schwierigkeit abgeschreckt wird – leider nur zu abstechend gegen die Unentschlossenheit, die kleinlichen, ärmlichen Rücksichten und Mittelchen, die wir so häufig im altersschwachen Europa angewendet sehen, ohne damit je aus den provisorischen Zuständen herauszukommen. Um jedoch auch die Schattenseite der hiesigen Unternehmung nicht zu übergehen, so kann allerdings nicht geleugnet werden, daß Mehemed Alis zu große Ungeduld im Verfolg seiner Pläne ihm vielen Nachteil gebracht und noch größeren bringen wird. Cerisy ward, trotz seiner wiederholten Gegenvorstellungen, gezwungen, seine Schiffe aus zu frischen Hölzern zu erbauen, infolgedessen die ganze Flotte den Keim ihres Verderbens vor der Zeit in sich trägt. Der Vizekönig war dafür nicht blind, aber er bewog Cerisy dadurch zum Gehorsam, daß er ihm sagte: «Ich brauche diese Schiffe, und ich brauche sie bald! Haben sie ihren Dienst erst getan, wie ich hoffe, so mögen sie nachher immerhin zwanzig Jahre früher verfaulen.» Das Schicksal hat diese Hoffnung nicht erfüllt, man kann jedoch nicht behaupten, allein durch Mehemed Alis eigne Schuld. Es kann meine Absicht nicht sein, das hiesige Arsenal im Detail zu beschreiben, da dergleichen Etablissements hinlänglich bekannt sind und sich überall mehr oder weniger gleichen müssen. Ich hebe nur einiges hervor, was mir besonders auffiel. Dahin gehört die vortrefflich eingerichtete Seilerwerkstatt, welche der von Toulon an Größe gleicht und sie an Zweckmäßigkeit der Einrichtung übertrifft. Auch ist hier die ingeniöse, von einem Franzosen erfundene neue Maschine zur Drehung der Taue in Wirksamkeit, deren Arbeit mir an Schnelligkeit und Güte der besten englischen dieser Art nichts nachzugeben schien. An Ordnung und skrupulöser Reinlichkeit, sowohl in den Magazinen als in den Arbeitslokalen, stehen die französischen Arsenäle, die ich gesehen, dezidiert dem hiesigen nach. Eine vortreffliche Einrichtung unter andern ist die, daß nach Feierabend alle über Tag gebrauchten Instrumente an den Wänden und Pfeilern in verschiednen, ein für allemal angeordneten, zierlichen Dessins, wie es zum Schmuck der Waffensäle üblich ist, von den Arbeitern aufgehangen werden müssen, bevor diese das Lokal verlassen dürfen. Dies gibt nicht nur eine elegante Dekoration, sondern hat auch den Vorteil, daß nie Instrumente verlegt oder verloren werden können, eine Entwendung aber auf der Stelle sichtbar wird. Diese wie so viele andere zweckmäßige Einrichtungen dankt das Arsenal hauptsächlich der nie rastenden Fürsorge des Generals Besson, der den genialen Gründer desselben, den für Ägypten unsterblichen Cerisy, so würdig ersetzt hat. In den Magazinen erblickt man, die feinern nautischen und mathematischen Instrumente ausgenommen, jetzt nur noch wenig europäische Produkte. Waffen, Papier, Kleidung, Leinwand, Lederwerk, Tuch (das letztere zum Teil aus Baumwolle), alles ist schon aus ägyptischen, vom Vizekönig angelegten Fabriken bezogen. Drei Linienschiffe befanden sich in diesem Augenblick im Bau, unter Chantiers, die das Klima hier erlaubt, unbedeckt zu lassen. In den aus großen Quadern bestehenden Untermauern derselben waren mehrere antike Granitsäulen und ägyptische Figuren nicht ohne Geschmack angebracht, was als ein Beweis der fortschreitenden muselmännischen Zivilisation auch in ästhetischer Hinsicht der Erwähnung wert ist. Die Flotte Die effektive Seemacht Ägyptens im Jahre 1837 bestand aus Kanonen u. Coronn. Pfünder Schiffsmannsch. Linienschiffen: Acre 104 30 1200 Massr 104 – 1200 Mohallet el Kubra 100 – 1150 Skander 100 – 1150 Mansurah 100 – 1150 Iloms 100 – 1150 Beleng 96 30 1000 Abukir 82 – 950 Fregatten: Avadalla 64 – 600 Raschid 60 24 580 Beherah 60 – 580 Mufta-dschehad 60 – 580 Dschir-dschehad 60 – 580 Kafferschåk 60 – 580 Damiat 54 – 500 Korvetten: Tantah 24 30 200 Dschenah-Bacharih 24 – 190 Belenghi-dschehad 22 18 190 Dschehad-Beker 22 – 190 Briggs: Schaika 18 16 120 Waschmyton 18 – 100 Semendi-dschehad 18 – 100 Bedi-dschehad 16 – 100 Scheinderi 16 16 90 Theinsach 16 12 90 Schabas-dschehad 14 16 90 Kutter 10 – 50 Dampfschiff «Nile» 4 30 150 2 Kan. à la Pexhans 1428 Feuerschlünde 14 610 Bewaffnete Transports, deren Equipage 1080 Arsenal, Zimmerleute, Kalfaterer, Tischler 4500 Schiffsmannschaften total 20 190 NB. Das ganze Personal des Arsenals ist als militärische Ouvriers organisiert und versteht im Notfall auch seinen Schuß zu tun. Schiffe, die sich noch auf den Chantiers befinden: Linienschiff Nr. 9. 100 Kanonen u. Coronn. zu 30 Linienschiff Nr. 10. 88 Kanonen u. Coronn. zu – Linienschiff Nr. 11. 100 Kanonen u. Coronn. zu – Linienschiff Nr. 12. Von diesem sind zwar alle Teile fertig, aber es befindet sich zur Zusammensetzung noch nicht auf den Chantiers. Drei Fregatten ersten Ranges sind eben so weit gediehen, jede zu 64 Coronnaden, 30 Pfünder Zwei Jahre später alle vollendet. . Die mit dem Arsenal verbundene Seeschule von Rassetin enthält 1200 Eleven, welche auf Kosten des Gouvernements unterrichtet, uniformiert und gänzlich unterhalten werden, außerdem aber noch jeder monatlich von 20 bis 100 Piaster Gehalt bezieht! Diese Eleven liefern die nötigen Subjekte für die Marine und zum Teil auch für die Bedürfnisse der Administration. Außerdem befinden sich zwei rein nautische Schulen, deren Elevenzahl nicht fixiert ist, an Bord der Linienschiffe «Acre» und «Mansurah». Die Bedingungen sind die nämlichen, jeder Eleve erhält aber hier 100 Piaster monatlichen Gehalts. Unter diesen befindet sich auch des Vizekönigs Sohn Said Bey, der dieselbe Summe bezieht, auf ähnliche Art wie einst der König von Frankreich einen Gehalt als Domherr zu Auch empfing. Die Seeleute sind folgendermaßen gestellt. Jedem Seemann bewilligt das Gouvernement jährlich: 3 komplette baumwollene Anzüge, nämlich 1 von Zeuch zur Arbeit, 1 feinen Anzug für die festlichen Tage, 1 Capotte für den Winter, 2 Tarbusch (Fes), 4 Hemden, 4 Paar Schuhe, hinlängliche Seife zum Waschen seiner Effekten. Die Matrosen zerfallen in vier Klassen. Die erste Klasse erhält monatlich 30 Piaster, die zweite Klasse erhält monatlich 25 Piaster, die dritte Klasse erhält monatlich 20 Piaster, die vierte Klasse erhält monatlich 15 Piaster. (Diese letztere besteht aus den Rekruten.) Die Mestrance wird in derselben Proportion bezahlt. Die Ration besteht aus den zweckmäßigsten und gesündesten Nahrungsmitteln und ist völlig hinlänglich, zwei Personen zu nähren. Seine Hoheit erhält überdem alle männlichen Kinder der Seeleute und gewährt ihnen vom Augenblick der Geburt an eine volle Ration, dieselbe wie dem Vater, nebst fünf Piaster monatlich an Geld. Die Invaliden der Marine werden in ihren respektiven Wohnort zurückgesandt. Sie erhalten dort monatlich 30 Piaster Pension und werden zugleich als Aufseher bei verschiedenen Gegenständen verwandt, so daß die, welche noch zu arbeiten fähig sind, außerdem die Bezahlung dafür mit ihrer Pension vereinigen können. Offizierkorps der Marine Mustapha Pascha , welcher die ganze Seemacht en chef kommandiert, hat solange den Rang als temporärer Admiral, ist aber effektiv nur Vizeadmiral oder Generalleutnant. Der Vizeadmiral ist gleichfalls temporär und nur Miriliva (Maréchal de camp) und Chef des Generalstabs der Eskadre. Dies ist der Posten Besson Beys. Der Konteradmiral ist auch Miriliva oder Maréchal de camp und zugleich Präsident des Conseils der Marine, was ihm einen überwiegenden Einfluß gibt. Diese Stelle bekleidet Hassan Bey , ein europäisch gebildeter Türke, dessen ich später noch weiter erwähnen werde. Schiffskapitäne gibt es erster und zweiter Klasse. Die der ersten sind Beys und haben den Rang als Obersten in der Armee; die zweiter Klasse den eines Oberstleutnants. Die Fregattenkapitäne teilen sich gleichfalls in die erster und zweiter Klasse. Die ersten haben den Rang als chef de bataillon , die zweiten als Majore erster Klasse und werden zugleich als zweite Schiffskapitäne oder als kommandierende Korvettenkapitäne employiert. Die Kapitäne der Briggs sind Majore zweiter Klasse und werden auch zu Seconds der Fregatten oder Korvetten ohne Unterschied verwandt. Die Schiffsleutnants Unter Schiff wird hier immer Linienschiff verstanden. sind ebenfalls erster und zweiter Klasse, haben Kapitänsrang und dienen als Seconds für Korvetten und Briggs. Die Fregattenleutnants, auch von zwei Klassen, haben den Rang als Premierleutnants. Die Aspirants von erster und zweiter Klasse haben den Rang als Secondeleutnants.   Diese kurzen, aber ganz zuverlässigen Nachrichten werden genügen, einen richtigen Begriff von dem Belang der Seemacht Mehemed Alis zu geben, und verbunden mit dem, was ich im Verlauf dieses Werks über die Landarmee, den Länderumfang, die Einkünfte und Ressourcen des ägyptisch-nubisch-syrischen Reiches (wie es damals war) noch zu berichten haben werde, berechtigten sie mich wohl zu dem Glauben, daß es nur eine allen Parteien nachteilige Anomalie herbeiführe, einem Manne, welcher de facto ein mächtiger selbständiger Monarch ist, fortdauernd in der offiziellen Stellung eines abhängigen Pascha erhalten zu wollen. Ich dachte mir beim Anblick dieser großen, reellen Macht, daß wir in Europa mehrere Könige haben, deren Königreich kaum einer Provinz des Pascha an Umfang gleich kommt, so wie ihre Einkünfte nicht den zehnten Teil der Mehemed Alis erreichen, und so viel andere Souveräne außerdem, die nicht einmal mit einem Statthalter Mehemed Alis, wie zum Beispiel denen von Kandia und Sudan, an Macht und Glanz wetteifern können, ja von denen einige in der Tat nur als umfassungsreichere Grundbesitzer, wie es zum Beispiel die Herzöge Englands sind, mit einer von Gottes Gnaden hinzugefügten Souveränität erscheinen. Es mußte daher fortwährend zu gewaltsamen Folgen führen, daß ein so unnatürliches Verhältnis wie das jetzige aufrechterhalten wurde, und eine gesunde Politik hätte vielleicht einen solchen Zustand wohl nicht einmal zu erhalten wünschen sollen, selbst die der Pforte nicht, der ein mächtiger, durch gleiche Religion und folglich in der Hauptsache (Erhaltung der muselmännischen Herrschaft überhaupt) auch durch gleiches Interesse verbundener, unabhängiger Freund nötiger tut als ein – solange er seine Selbständigkeit nicht erreicht hat – stets gefährlich ihr gegenüberstehender Vasall, der es nur dem Namen nach ist und der an reeller kompakter Gewalt sie schon einmal weit überragte. Besuch auf der Flotte In einem Gig, ein langes, schmales, höchst zierliches Boot gleich denen der Exklusives von Cowes, schifften wir aus dem Arsenal nach der Flotte über, die, jetzt vollständig versammelt, einen imposanten Anblick gewährte. Wir steuerten sogleich nach dem Admiralschiff, wo ich dem Prinzen Said Bey, zweiten Sohne des Vizekönigs, meine Aufwartung zu machen beabsichtigte. Obgleich noch voll des Eindrucks, den die englische Flotte in Malta und Zante auf mich gemacht, fand ich, das Materielle betreffend, kaum einen (wenigstens dem Nicht-Seemann bemerklichen) wesentlichen Unterschied zwischen den Schiffen beider Nationen, die ich mir in Gedanken immer zusammenstellte; ja in einigen, wenn auch nicht sehr bedeutenden Einzelheiten fand ich hier sogar Vorzüge, zum Beispiel im Bezug auf die äußerste Reinlichkeit und Ordnung bis in die entferntesten Winkel und die tiefsten Räume hinab sowie hinsichtlich der Aufbewahrung und Aufstellung der Waffen, die hier mit zweckmäßigerer Anordnung, wie mir scheint, in mehrere kleine Magazine durch den ganzen Schiffsraum hin verteilt sind, statt in einem großen Lokal vereinigt zu sein, weil man auf diese Weise leichter und schneller zu ihnen gelangen kann; endlich eine sehr praktische neue, von den Franzosen entlehnte Disposition schützender Schießscharten auf dem obern Verdeck, die ohne Zweifel bei neuen Schiffen allgemein berücksichtigt werden wird. Bei den Manövers, denen ich beiwohnte, war dagegen der Unterschied noch gewaltig zum Nachteil der Ägypter, da einesteils weit weniger sichere Haltung dabei herrschte, andernteils mindestens die doppelte, ja dreifache Zeit zu den meisten dieser Evolutionen gebraucht wurde. Dies liegt jedoch weit weniger in der Unfähigkeit der arabischen Matrosen, die mir im Gegenteil alle Eigenschaften zu besitzen schienen, die besten der Welt werden zu können, als in der großen Mangelhaftigkeit der Offiziere, aus denen Mehemed Ali vielleicht zu früh die meisten Europäer infolge verschiedner Mißverständnisse ausgemerzt hat. Ohne die wenigen, welche noch davon da sind und unter denen den Talenten und dem Eifer des Herrn Touset, Adjutanten des Generals Besson, eine besondere Anerkennung gebührt, würde diese schöne und kolossale Schöpfung vielleicht Gefahr laufen, ebenso schnell zu verfallen, als sie wie durch Zauber emporgestiegen ist. Wahre Freunde des Vizekönigs können ihn dabei nur warnen, nicht zu früh seinen Landsleuten Dinge zu überlassen, denen sie noch nicht gewachsen sind. Man kann sich hier der Betrachtung nicht erwehren, was wohl geschehen sein würde, wenn beim Beginn des letzten Krieges gegen Mehemed Ali, wo die Engländer nicht mehr als acht oder neun Linienschiffe, die Franzosen aber beträchtlich mehr im mittelländischen Meere stationiert hatten, was, sage ich, geschehen sein würde, wenn Frankreich mit größerer Entschlossenheit die ganze Flotte des Vizekönigs, zu der damals noch die übergegangene türkische kam, durch französische Offiziere befehligt, mit in den Kampf gezogen und so, die Initiative ergreifend, mit fast vierfacher Überlegenheit die englische Flotte angegriffen hätte! Schon oft hat eine gänzliche Niederlage den Nimbus, der die größten Seemächte umgab, so erschüttert, daß sie von da an nur eines langsamen Todes starben. So viel ist gewiß: eine gleiche Gelegenheit für die Franzosen wird schwerlich jemals wiederkehren. – Gut für den Weltfrieden, daß sie nicht benutzt wurde. Said Bey, der streng zum Seemann gebildet wird, ist ein junger Prinz von freundlichem Charakter und vielversprechenden Eigenschaften, der unter der Leitung des Generals Besson und seines speziellen Hofmeisters, Herrn König, eines Mannes voller Kenntnisse und Erfahrung und des ehrenwertesten Charakters, schon ziemlich die Allüre eines europäischen Prinzen angenommen hat, sich auch nicht weniger als ein solcher zu fühlen und zu betragen anfängt. Demohngeachtet ist er noch etwas schüchtern, und man lernt seine liebenswürdigen Seiten erst ganz kennen, wenn er zutraulicher geworden ist. Er spricht bereits geläufig französisch und, mit nur wenig Akzent, auch etwas englisch. Gewiß würde er in Europa gefallen und zuvorkommend aufgenommen werden, auch wünscht er selbst sehnlich die Reise dahin zu machen, es steht dieser aber ein vorderhand unübersteigliches Hindernis ganz eigner Art entgegen. Der Prinz ist für einen so jungen Mann außerordentlich korpulent, und sein Vater will ihn nicht eher sich in Europa produzieren lassen, bis er magrer geworden ist. Ich selbst hatte später Gelegenheit, mit dem Vizekönig vertraulich über diesen Gegenstand zu sprechen, und tat mein Möglichstes, ihn auf andere Gedanken zu bringen, konnte aber nichts ausrichten. Mehemed Ali wiederholte mehrere Male, daß er seinen Sohn in so unförmlicher Gestalt nicht reisen lassen könne. Ich habe deshalb dem Prinzen ein Regime vorgeschrieben, setzte er hinzu, er befolge es und werde mager, dann mag er reisen, aber nimmer vorher. Mit diesem Regime quält man nun den armen Said Bey nicht wenig, ohne daß es bis jetzt sonderlich anschlagen will. Alle Wochen wird er gewogen, und in dem detaillierten Erziehungsbericht, der regelmäßig von hier nach Kahira gesandt werden muß, darf das Resultat dieses Wägens nie fehlen, wo dann ein Erguß übler Laune unvermeidlich ist, wenn die Pfunde sich nicht «decrescendo» erweisen. Das sicherste Mittel, den Prinzen von seiner überflüssigen Korpulenz zu befreien (auf die übrigens in Europa natürlich gar nicht reflektiert werden würde), wäre, ihn nach England zu schicken und durch die Boxer «in training» setzen zu lassen. In vier Wochen würde er so schlank sein wie ein Aal und kräftiger, als er sich je gefühlt hat. Es kamen neulich zwei englische Mädchen nach Ägypten, die einen Prospektus austeilten, worin sie versprachen, gegen gute Bezahlung die Weiber in den Harems auf europäische Weise zu bilden, nach welcher Vervollkommnung die muselmännischen Ehemänner jedoch wenig Lust bezeugten. – Ein besseres Glück könnte, nach der eben gegebenen Notiz, ein Boxer machen, der den Prinzen Said Bey endlich in den Stand setzte, seine große Tour zu beginnen. Da Said Bey seitdem in Konstantinopel war, um eine türkische Prinzessin zu heiraten, muß die väterliche Kur endlich wohl gelungen sein, indes scheint die Heirat selbst nicht stattgefunden zu haben. Meine erste Entrevue mit Said Bey blieb ziemlich im Bereich der «lieux communs», später ward ich jedoch bald mit ihm bekannter und fand ihn lustigen Temperaments und voll Scherz. Einmal kletterten wir sogar zusammen um die Wette auf den Strickleitern des Admiralschiffs nach dem großen Maste hinauf, wobei er mich trotz seiner Korpulenz sehr überflügelte. Demohngeachtet wunderte man sich (man verzeihe meiner Eitelkeit diese Bemerkung), daß ich, ohne ein Seemann zu sein, mich noch so gut aus der Affäre gezogen hatte, und die arabischen Matrosen nannten mich seit dieser Zeit nicht anders als den preußischen Admiral , ein Titel, um dessen Ratifizierung ich an den Ufern der Spree noch einmal einzukommen gedenke, wenn erst die deutsche Nationalflotte ins Leben getreten sein wird. Ich wünsche von Herzen, daß dies Letztere mit eben dem festen Willen, derselben Energie des Entschlusses und mit noch mehr Bedacht und Geschicklichkeit in der Ausführung als hier geschehen möge. Das erste preußische Kriegsschiff ist ja schon vorn Stapel gelassen. Warum hat man es aber «Amazone» genannt, da Amazonen keine Nachkommen haben! Eine wahre Zierde der Flotte ist das in London gebaute Dampfschiff «The Nile», welches in allem ohne Ausnahme der «Medea» – dem anerkannt schönsten Dampfschiffe der englischen Marine – gleich ist, auch von einem englischen Maschinenmeister in dem vortrefflichsten Stande erhalten wird. Ebenso ausgezeichnet in ihrer Art sind einige in Frankreich gebaute Fregatten. Nur unter den kleineren Fahrzeugen bemerkte man mehr Vernachlässigung, gleich der Brigg, mit welcher ich von Kandien gekommen und von deren mangelhafter Befehligung ich bereits während der Überfahrt Zeuge gewesen war. Gesellschaftliches. Umgebung Mir gefiel es wohl in Alexandria und seiner europäisch-afrikanischen Mischung. Die fremden Konsuln, welche im allgemeinen die erste Rolle in der hiesigen Gesellschaft spielen, leben hier, wo etwas großstädtischere Formen herrschen als in den übrigen Städten der Levante und Berberei, in weit größerer Eintracht, und die vielen Ausländer, meist Franzosen im Dienste des Vizekönigs, vermehren und erheitern diese gebildeten Zirkel mannigfaltig. Ein sehr glänzendes Haus machte unter andern ein Bataillonschef und Adjutant Soliman Paschas, Herr von W..., früher Kammerherr des Herzogs von Lucca, dessen Gemahlin aus einer vornehmen hannövrischen Familie herstammt. In diesem Hause herrschte gediegner Luxus neben der vollkommensten Urbanität; es ist aber ziemlich charakteristisch für die etwas leichtfertige Beschaffenheit des hiesigen Treibens, daß an einem schönen Morgen dies alles in Rauch aufging und viele der vermögendsten Kapitalisten Alexandrias mit Schrecken gewahr wurden, daß die vortrefflichen Diners, zu denen sie Herr von W... täglich einlud, nur durch das von ihnen erborgte Geld bestritten worden waren. An eine Rückzahlung war nicht zu denken, und nach vielem Lärm ergab man sich in sein Schicksal. Herr von W. aber vertauschte Alexandria mit Constantinopel. Es gibt indes neben den vielen Abenteurern doch auch sehr solid etablierte Familien hier, von denen manche wahre Paläste bewohnen und dementsprechend leben. Zu diesen gehört vor allem der schwedische Generalkonsul, Chevalier Anastasi, dessen Einrichtung und gastfreie Lebensweise in allen Weltteilen für reich und geschmackvoll gelten würde. Es sei mir vergönnt, einige Worte mehr über diesen braven Mann beizufügen, da ich mit ihm zufällig in nähere Berührung kam und, im Vorbeigehen gesagt, auch er es ist, dessen Freigebigkeit unser Berliner ägyptisches Museum seinen kostbarsten Sarkophag verdankt. Der gütige Leser wird aus dem «Vorläufer» vielleicht meinen Sekretär Theolog noch im Andenken behalten haben. Theologides ist der Sohn einer Nichte des Chevalier Anastasi, der früher die Kosten seiner Erziehung bestritt, aber durch einige leichtsinnige Streiche und eine tolle Geldverschwendung seines Schützlings in München so entrüstet ward, daß er ihm endlich seine Protektion gänzlich entzog. Hierdurch ward dieser in die traurigste Lage gebracht, in welcher ich ihn in Athen fand und mehr aus Mitleid als aus Bedürfnis zu mir nahm, hauptsächlich aber, um, wenn irgend möglich, in Alexandria, wohin ich damals meine Schritte richtete, die Aussöhnung mit seinem Großonkel zu bewirken. Komisch kam es mir dabei vor, daß ein berühmter diplomatischer Professor Deutschlands, der Theolog in Griechenland kennenlernte und ihn nach Deutschland zu gehen bewog, nach des letzteren Versicherung, vorzüglich schuld an den erwähnten Naivitäten meines Schützlings gewesen sein sollte. Er riet ihm nämlich, sagte Theolog, so viel Geld als er nur könne, auf Rechnung seines großmütigen Verwandten in Triest zu beziehen, wohin er akkreditiert war, damit er für seinen ganzen Studienkursus im voraus geborgen wäre. Ich habe Grund, an die Wahrheit dieser Aussage zu glauben, da mir Herr Anastasi lachend erzählte, besagter Professor habe ihm nachher einen Brief geschrieben, den er als ein merkwürdiges Aktenstück noch aufhebe und in welchem jener die unverzeihlichen Schritte des jungen Menschen damit zu entschuldigen sucht, 1) «daß Herr Anastasi ein Kaufmann sei, folglich Banquerott machen könne, 2) daß Herr Anastasi ferner bereits alt sei, folglich bald und plötzlich sterben könne – er es daher seinem Neffen nicht so sehr verdenken dürfe, wenn er sich mindestens für die Zeit seiner Studien habe sichern wollen.» Man kann nicht umhin, eine solche Diplomatie wenn nicht geschickt, doch wenigstens originell zu nennen. Ihren Zweck verfehlte sie freilich und hätte wohl auch den Sanftesten erbittert; doch gelang es uns, den gütigen und edlen Mann zu versöhnen. Theolog ward wieder zu Gnaden angenommen, anständig durch die Aussetzung eines nicht unbedeutenden Kapitals versorgt und ihm auf Kosten seines Onkels eine Handelskarriere eröffnet, in welcher er noch ebenso reich werden kann, als es der Chevalier Anastasi selbst ist, wenn er mit dessen Geschäftskenntnis dasselbe Glück und besonders dieselbe Biederkeit verbindet. Denn auch Herr Anastasi war nicht immer glücklich. Im Anfang seiner Laufbahn mißlang ihm alles, und er sah sich endlich gezwungen zu fallieren. Ein gerichtlicher Vergleich mit seinen Kreditoren erfolgte, kraft dessen er ihnen 25 Prozent vergütigte. Klein und unansehnlich begann er von neuem, aber Fortunas Rad hatte sich gedreht. Jede Spekulation lohnte sich doppelt und dreifach, und in wenigen Jahren war Herr Anastasi ein sehr reicher Mann. Hier zeigte sich nun sein wahres Schrot und Korn. Obgleich durch das Gesetz zu nichts verpflichtet, rief er öffentlich alle seine alten Gläubiger oder ihre Erben zusammen und zahlte ihnen gewissenhaft Kapital und Zinsen bei Heller und Pfennig nach. Dergleichen Beispiele sind selten in unsrem egoistischen Zeitalter und verdienen wohl die ehrenvollste Anerkennung der ganzen Gesellschaft. Auf diese Weise kam ich denn um meinen dritten Reisesekretär auf dieser orientalischen Wanderschaft, und es ist seltsam genug, daß alle drei etwas vom verlornen Sohne an sich hatten, ich auch Gelegenheit fand, sie alle drei ihren respektiven Familien zum Genuß des geschlachteten Kalbes wieder zurückzuführen. Ob es bei allen dennoch Bestand haben wird, ist eine andere Frage. Was mich betrifft, so fühlte ich große Lust, nachdem ich es hintereinander mit einem protestantischen, einem israelitischen und einem griechischkatholischen Sekretär versucht (von denen der Israelit bei weitem der beste war), jetzt meine Wahl auf einen Muselmann zu lenken. Es gibt ja bereits solche in Menge hier, die in Europa studiert haben und daher leicht mehr wissen mögen als ich. Als mir zum Beispiel der Prinz Said Bey seinen Gegenbesuch machte, kam in seiner Gesellschaft ein solcher, vollständig europäisch gebildeter Türke mit, der Vizeadmiral Hassan Bey, der so geläufig französisch sprach, daß ich ihn lange für einen rechtgläubigen französischen Christen hielt, bis ich ihn plötzlich niederknien und sein muselmännisches Gebet verrichten sah, welches, wenn die Stunde dazu gekommen ist, immer rücksichtslos von guten Muselmännern vorgenommen wird, sie mögen sich befinden, wo sie wollen. Dieser Admiral, früher ein Mameluck (persönlicher Sklave) Mehemed Alis, passiert für den besten Reiter in Ägypten, eine seltene Eigenschaft für einen Seemann, und hat überhaupt viel von der Welt gesehen und viel in ihr erlebt. Er erzählte uns, daß er in Chili durch seine Reiterkünste über verschiedne der dort Berühmtesten in dieser Hinsicht obsiegte, dadurch aber ihre Eifersucht in einem solchen Grade erregte, daß man mehrmals seinem Leben nachstellte und er zuletzt das Land deshalb verlassen mußte. Der Admiral besitzt jetzt das kostbarste Pferd in Alexandrien, einen echten Nedschdi, den er mir später auf meine Bitte vorritt und dabei seinen Ruf als Reitkünstler auf das Glänzendste bewährte. Man konnte nicht schöner und fester zu Pferde sitzen und ein feuriges Roß nicht vollständiger in seiner Gewalt haben. Sein Apfelschimmel mit der Isabellenschnauze, dessen ich nur für die Hippologen erwähne, war nicht hoch, aber von kräftigem, gedrungenen Bau, ziemlich starken, magern Knochen ohne Fehl und wäre, bei sehr übereinstimmenden Verhältnissen, vollkommen schön gewesen, wenn er nicht einen etwas zu kurzen Hals gehabt hätte, was bei den Nedschdi häufig der Fall ist. Er war nicht so lang gefesselt als die meisten arabischen Pferde und ebenso feurig als fromm. Doch gehörte dies Pferd noch nicht zu der alleredelsten Rasse der Wüste, die Hassan Bey, der früher den Krieg gegen die Wechabis mitgemacht hatte, folgendermaßen schilderte. «Die einzigen, welche ich je von diesen Auserwählten gesehen», sagte er, «waren die Leibpferde Abdallahs, des Anführers der Wechabiten, die mit ihren Herren in unsre Gefangenschaft gerieten und welche ohne dieses Kriegsereignis keine Summe, noch so groß, zu erkaufen imstande gewesen sein würde. Sie waren wohl eine Hand höher als mein Pferd (also reichlich 4 Zoll unsres Maßes), mit Augen und Knochen gleich der Gazelle, die letzteren zwar fein, aber fest wie Stahl. Ihre Schönheit und die Grazie aller ihrer Bewegungen war mit nichts zu vergleichen, und an blitzähnlicher Schnelligkeit und Gewandtheit wie unverwüstlicher Dauer konnte keines unsrer mitunter doch vortrefflichen Pferde ihnen nur nahe kommen.» Diese edlen Tiere gingen leider in einem damals noch sehr schlecht gehaltnen ägyptischen Gestüt schon das Jahr darauf zugrunde und so spurlos für die ägyptische Zucht vorüber. Doch ich kehre zu der Alexandriner Gesellschaft zurück. Zu den vielen Vereinigungsmitteln, welche dieser zu Gebote stehen – worunter hohes Hazardspiel in Privathäusern, eine alte Mode aus der guten Zeit der Soupers, der ich selbst nicht abgeneigt bin, obenan zu stehen scheint –, gehören auch zwei sehr artig zusammengesetzte Liebhabertheater, ein französisches und ein italienisches. Das erste und vorzüglichste verdankt seine Entstehung und Fortdauer fast allein dem unermüdlichen Eifer des Herrn Reinlein, Vizekonsuls von Holland, der bald als kleiner Talleyrand alle Finessen der Diplomatie, bald als glücklicher Nachahmer Mehemed Alis alle Energie seines Willens in Wirksamkeit setzt, um die oft zur Rebellion geneigte Truppe so vornehmer Freiwilligen zusammenzuhalten. Herr Reinlein lebt und webt nur in Musik und Theater, und da ich glaube, daß eine große Passion dieser Art, wenn sie hinlängliche Befriedigung findet, einen wahren Teil des Lebensglückes ausmacht, so ist Herr Reinlein nur dazu Glück zu wünschen; denn die Reiter auf Steckenpferden sind immer mehr zu beneiden als die, welche den Pegasus oder das Schlachtroß des Ehrgeizes wählten. Es ist indes wahr, daß Herr Reinlein auch noch neben diesem Glück die angenehme Zugabe hat, eine äußerst hübsche und liebenswürdige Spanierin als Frau zu besitzen, die ihm wahrscheinlich noch mehr beneidet wird als sein Theaterdilettantismus. Das französische Theater war leider jetzt geschlossen, und ich kann es daher nicht mit genug Dank erkennen, daß eine beim französischen Konsul, Herrn Lesseps, mir Unwürdigem zu Ehren improvisierte Darstellung nicht die mindeste Opposition fand und in wenigen Tagen mit der humansten Bereitwilligkeit ins Werk gerichtet wurde. Man gab eins der besten Stücke von Scribe, und die Hauptrollen wurden durch Frau von Wülfingen und Herrn Janin, einen St. Simonisten und Bruder des berühmten Perlet, meisterhaft dargestellt. Ebenso zeichnete sich Herr Janin im zweiten Stück, dem «Comédien d'Etampes», aus, wo seine ergötzliche Karikatur der englischen Lady um so mehr Lachen erregte, als mehrere Zuschauer ein kürzlich hier gesehenes, womöglich noch possierlicheres Original dieser Karikatur in natura noch im frischesten Andenken hatten. Im italienischen Theater hörte ich nur ein Konzert, in dem einige Sänger verdienstlich waren, besonders eine Dame, von der man mir sagte, daß Lord Byron einst zu ihren Anbetern gehört habe, ohne daß die Zeit ihr seitdem so übel mitgespielt hatte als der zur Polizei übergegangnen «maid of Athens» . Noch immer wie in alter Zeit lieben die Alexandriner, Landpartien zu machen, obgleich sie fast kein Land mehr haben, und statt der paradiesischen Boskets, welche die Dörfer des Sees Mareotis einst umgaben und wo jener köstliche, von Horaz, Athenäus und Strabo gefeierte Wein wuchs – ihnen jetzt nur kahle Schlamm- und Sanddünen nebst ausländischen Weinen übriggeblieben sind. Doch gibt es einige wenige sich besser ausnehmende Oasen. Diese kennenzulernen, machte ich mich an einem heitern Freitage, dem Sonntage der Muselmänner, mit Herrn und Madame Roquerbes – der reizendsten Smyrnaerin in Alexandrien und der einzigen Dame meiner hiesigen Bekanntschaft, welche türkischen Kaffee in idealischer Vollkommenheit selbst zu bereiten versteht – eine Exkursion zu Pferde, um die wenigen angebauten Flecke der Umgegend zu besichtigen. Eine Villa des Ministers Bogos Bey, mit herrlichen Palmen und artigen Blumenparterres geschmückt, ward zuerst besucht. Viele der Dattelbäume hingen noch voll Früchte, die ich im frischen Zustande zuerst in Alexandrien kostete, weil ich mich in der Berberei nicht während der Periode ihrer Reife befand. Sie gleichen den getrockneten Datteln, die wir in Europa essen, nicht im geringsten, sondern sind im Äußeren mehr unsern Pflaumen ähnlich, von dunkelblauer Farbe, äußerst saftig, aber nach meinem Geschmack fast zu süß. In einer Doppelreihe Windmühlen, die erst seit einem Jahrzehnt in Ägypten eingeführt worden sind, und bei einem großen Baumwollenmagazin des Vizekönigs vorüber, ritten wir von hier nach dem noch im Bau begriffenen neuen Lustschloß Mehemed Alis, das mit großer Pracht, aber ganz im national türkischen Geschmack aufgeführt wird. Dieser Stil ist nicht ohne Grazie, obwohl die barbarische Mischung von ölgetränktem Holz und Marmor, von weißgetünchten groben Wänden und kostbar vergoldeten Plafonds nebst andern Disparaten solcher Art einem geläuterten Geschmack zuwider sein müssen. Es war, wie bemerkt, am türkischen Sonntage, und wir sahen daher mehrere Spaziergänger im Garten; als wir aber an den Eingang des Palastraumes kamen, fanden wir diesen barrikadiert und keinen Menschen im Innern, um uns Auskunft zu geben. Ich kletterte mit Herrn Roquerbes auf die hohe, rundum laufende Mauer, welche innerhalb der weitläuftigen Gärten noch besonders (des Harems wegen) den Palast umschließt, um von da besser umherspähen zu können, aber erst nach vielem vergeblichem Rufen erschien ein halbnackter Araber mit einer großen Axt in der Hand, mit der er uns anfänglich grimmig drohte, nach dem Versprechen eines Bakschis aber sie nur dazu anwandte, um den festgenagelten Holzriegel des provisorischen Brettertores durchzuhauen, der uns den Eingang verwehrte. Die Form das Palastes ist originell, aber auf möglichsten Komfort berechnet. Er besteht nämlich aus vier isolierten, im Quadrat erbauten Pavillons, die in den vier Ecken durch hohe Tore verbunden werden, welche nach dem verschlossenen Garten des Harems führen; eine runde, bunt bemalte und bedeckte Galerie oder Veranda umgibt den ganzen innern Hof, der mit Kieseln verschiedner Farben ausgelegt ist und in dessen Mitte sich eine schöne Fontäne befindet. Den Haupteingang bildet in dem der Stadt zugewandten Pavillon eine hohe Säulenhalle, welche einstweilen von Holz errichtet worden ist, künftig aber in orientalischem Alabaster ausgeführt werden soll, wozu die riesenmäßigen Blöcke schon dalagen. Die Dächer wechseln in geschwungenen und spitzen Linien ab, gleich den chinesischen, was gut zum phantastischen Charakter des Ganzen paßt. Ich füge für Liebhaber nebenstehend den Grundplan des Ganzen bei. In den äußern, dem Publikum offnen Gärten dieses Palastes, welche nach allen Seiten hin einen sehr großen Raum einnehmen, aber, wie fast alle Gärten des Orients, bloß verzierte Gemüse- und Obstplantagen sind, bewunderte ich viele schön blühende Gewächse, die wohl nach Europa zu verpflanzen wert wären, unter andern eine Art Bohne mit großer dunkelblauer Blüte und eine sehr reiche Winde mit violett und roten Glocken, welche mehrere Mauern und elegant geflochtene Schilfzäune so dicht bedeckten, daß kaum der mindeste Zwischenraum sichtbar blieb. Mit der Zeit wird diese Anlage gewiß viel zur Verschönerung der bis jetzt so undankbaren Umgebung Alexandriens beitragen. Auch Ibrahim Pascha tut in dieser Hinsicht außerordentlich viel für die Stadt. So ist zum Beispiel der großen prachtvolle Platz, auf dem ich wohne, von ihm allein mit großen Kosten geschaffen und der sehr bedeutende Mietzins für die ihn umschließenden Hotels, die er dort aufgebaut, den Witwen seiner gebliebnen Krieger großmütig als Pensionsfonds angewiesen worden. Noch mehr dieser Art geschieht durch Ibrahim Pascha in Kahira und gleiches in Syrien. Dagegen ist bei den Eingebornen selbst der Sinn für Pflanzungen und Anlagen äußerst schwer zu erwecken, und des Vizekönigs Bemühungen scheitern häufig an der allgemeinen Indolenz. Von vielen Tausenden junger Ölbäume zum Beispiel, die er vor einigen Jahren gratis verteilen ließ, steht fast kein einziger mehr, weil man sie auf liederliche Weise pflanzte und dann nicht im geringsten unterhielt. Daher kommt es auch, daß der Kanal von Mahmudieh, dies ebenfalls riesenhafte Werk Mehemed Alis, an dem täglich 50 000 Menschen arbeiteten und die zwanzig Stunden lange Strecke seines Laufes in wenig Monaten vollendeten, nur kahl aufgeworfne Ufer bietet, die doch bei dem schnellen Wuchs der Bäume im hiesigen Klima jetzt längst jenen gleichen könnten, von denen Dufard el-Hadad sang: «Welche Reize umgeben dich Kanal von Alexandria! ihr Anblick gießt Wonne in die Brust. Die Wäldchen, die dich beschatten, wölben Lauben von Grün über den Schiffer, der dich befährt. Die Hand des Nords furcht mit süßem Spiel die Fläche der Wellen und streut Frische über sie aus. Die herrliche Palme, ihr biegsames Haupt weich hingesenkt wie ein schlummerndes Mädchen, prangt mit ihrer Krone hängender Trauben darüber... usw.» (Siehe Prokeschs Beschreibung dieses Kanals.) Die Ausgrabung des Mahmudieh muß hier um so schwieriger gewesen sein, da man in Ägypten weder Spaten noch Schaufeln, noch Schubkarren kennt, sondern die weiche Erde überall von den Arbeitern nur mit den Händen zusammengekratzt und in Körben fortgetragen wird, worin Erwachsene wie Kinder eine bewundernswürdige Fertigkeit erlangt haben und schwer dazu vermocht werden würden, unsre europäische Manier anzunehmen. Auf dem Rückweg besuchten wir die Residenz Mehemed Alis in der Stadt, welche am Ende der zwischen den beiden großen Häfen hervortretenden Landspitze liegt. Es charakterisiert gewissermaßen diesen Herrscher, daß eine 2000 Schritt lange Allee von acht Fuß hohen gemauerten, dachlosen Türmen aus der Stadt dahin führt, welche Türme keinen andern Zweck haben – als den innerhalb derselben gepflanzten jungen Akazien einen sichern Schutz vor Beschädigung zu gewähren. Der Palast ist königlich und von großem Umfang, die Audienzsäle sehr einfach, doch würdig, und die grandiose Haupttreppe von carrarischem Marmor schön, aber ihr Geländer auch hier wiederum nur von gewöhnlichem Holze, mit weißer Ölfarbe angestrichen, konstruiert. In einem der Säle steht, ganz abweichend von muhamedanischer Sitte, eine kolossale Gipsbüste Mehemed Alis, die von einem der hiesigen St. Simonisten nicht ohne Geschick gearbeitet worden ist. Sie kann auch in den einzelnen Teilen ähnlich genannt werden, aber der merkwürdige eigentümliche Ausdruck der Physiognomie des großen Pascha fehlt ihr ganz. Die Hauptpracht der Muselmänner ist immer für den Harem reserviert; dieser Teil der Residenz blieb uns aber unzugänglich, da leider einige der ausrangierten Damen hier zurückgeblieben waren. Ein großes Seebad, das in der Sonnenhitze anmutig sein muß und wo der Vizekönig zuweilen Audienzen erteilt, war alles, was man uns davon zu besichtigen gestatten konnte. Ich trennte mich hier von meinen liebenswürdigen Begleitern und nahm ein Boot, um an Bord einer türkischen Korvette aus Konstantinopel zu fahren, welche kürzlich einen Gesandten des Sultans hierher gebracht hat. Der Kapitän empfing mich sehr artig. Er war bis auf den Fes (hier Tarbusch genannt) ganz nach russischem Schnitt gekleidet und zeigte mir sein in Amerika gebautes Schiff im größten Detail. Es herrschte nicht ganz dieselbe Eleganz, aber zu meiner Verwunderung kaum mindere Ordnung und Reinlichkeit daselbst als auf der ägyptischen Flotte, und die europäisch uniformierten Seesoldaten in ihren roten Jacken und dunkelgrauen Pantalons schienen nicht schlechter einexerziert als die Araber, doch war ihr Aussehn unbeholfner, und in der Schnelligkeit der Manöver sollen die türkischen Matrosen den ägyptischen ebensoweit nachstehen als diese den Engländern. Man gab mir während meines Aufenthalts in Alexandrien eine Reihe Diners und Soirées, die Gelegenheit zu mehreren angenehmen Bekanntschaften darboten. Ich will indes hier nur dieser letzteren erwähnen, die mich besonders ansprachen, zuerst die des dänischen Generalkonsuls, Herrn Dumreiker, ein geborner Bayer und einer der würdigsten Ausländer in Ägypten, der besonders jedem Deutschen wert sein muß, da die vielen Dienste, die er Individuen dieser Nation geleistet, ihm schon längst hier den Beinamen «Vater der Deutschen» erworben haben. Die zweite mir denkwürdige Person ist der berühmte schwedische Naturforscher Hedenborg, der vor Russegger der Region der Mondgebirge von allen Reisenden am nächsten gekommen ist und dies ohne alle Unterstützung der Behörden, seitdem jedoch durch eine schwere klimatische Krankheit, von der er sich noch bis jetzt nicht völlig erholen konnte, einstweilen untätig geblieben ist. Seine während sieben Jahren fortgesetzten naturhistorischen Sammlungen, die er in sein Vaterland gesandt, sollen zu den ausgezeichnetsten ihrer Art gehören, und der geistvolle Mann mit dem glühenden Enthusiasmus des wahren Gelehrten für sein Fach zog mich lebhaft an. Das Kleeblatt schließt mit einem Herrn ganz verschiedner Art, dem General der Kapuziner, Legaten des heiligen Vaters für Hindostan und Erzbischof von Adra, nach welchem Sitz er sich jetzt über Alexandrien und Bombay begibt, ein schöner, kaum dreißig Jahre alter Mann von den anmutigsten Weltsitten wie der muntersten und vorurteillosesten Unterhaltung. Er hielt hier einige Predigten, die den größten Zulauf der eleganten Welt erhielten und den Privattheatern wahren Abbruch taten, weil der schalkhafte Erzbischof mit feiner Menschenkenntnis sie dadurch pikant zu machen wußte, daß er in seinem sonoren Italienisch den Damen während derselben die stärksten Wahrheiten, in perfide Komplimente eingekleidet, ins Gesicht sagte. Ich hörte mit großer Ergötzung eine dieser Predigten an, die mit folgenden Worten begann: «O du kopfloses und gebrechliches Geschlecht, das nur aus Eitelkeit an diesem heiligen Ort erscheint, um seine Reize, die so verführerisch sind, oder seine Kleidung, die so geschmackvoll gewählt ist, von noch kopfloseren Anbetern bewundern zu lassen etc.» Nach wenigen Wochen war der originelle Apostel der Lieblingsredner des schönen Geschlechts zu Alexandrien – man sage also nicht, daß die Frauen nicht gern die Wahrheit hörten, es kommt nur auf das Wie und Wann und von Wem dabei an. Reise auf dem Nil nach Kahira Ich schrieb gestern einer Dame, die viel Lust zum Reisen fehlt, sich aber vor den damit verbundenen Gefahren und Mühseligkeiten scheut, daß ich ihr, um beide zu vermeiden, keine bequemere Wintertour als die nach Ägypten anraten könne, wo man in seiner Stube und von aller gewohnten Häuslichkeit umgeben, so gemächlich auf dem alten Nile hingleitet, daß man kaum des Schiffes Bewegung bemerkt, wenn man nicht auf die fliehenden Ufer blickt. Und wo zöge man sicherer dahin! – in keiner Postchaise und in keiner Diligence Europas. Der gute General Besson hatte mich noch einmal in seinem Landhause bewirten wollen. Ein gewölbter Weingang fährt vom Speisesaal dieser Villa bis an den Kanal von Mahmudieh, und die Nacht öffnete schon ihre dunklen Fittiche, als ich diesen anmutigen Gang in des Generals und Herrn Roquerbes Begleitung durchschritt, um die Kangsche zu besteigen, welche das Gouvernement mir nebst einem Kawaß (was man ehemals einen Janitscharen nannte) zu bewilligen die Artigkeit gehabt hatte. Nachdem ich bis zum Morgen sehr sanft geschlafen, stieg ich früh aus der Gondel, um auf die Jagd zu gehen, denn der Wind war uns entgegen, und die Matrosen mußten das Fahrzeug am Strick ziehen, was ziemlich langsam vonstatten ging. Wir trafen kein eßbares Wildbret an als Lerchen, aber diese auch in so großer Menge, daß ich oft mehrere auf einen Schuß erlegte und so in kurzer Zeit dreißig feiste, kleine Braten für die Küche zu liefern imstande war. Raubvögel gab es in großer Menge, auch Seemöwen, und eine Viertelstunde lang segelte ein endloses Geschwader von Kranichen in geordneten Kolonnen über uns hinweg nach Europa. «Segler der Lüfte; Wer mit euch schiffte!» rief ich in empfindsamer Laune und schoß meine letzte Lerche figürlich , denn ich trat in ein Rattenloch und fiel in sehr unsanfter Berührung auf den altklassischen Boden nieder. Die Gegend erschien von den kahlen Dämmen, welche den Kanal einfassen, ziemlich einförmig, grüne Feldebnen fast ohne Bäume, nördlich am Horizont der See von Abukir und hinter uns die Sandhügel der Wüste. Ich frühstückte in einer der verschrienen Fellahhütten, wo ich vortreffliche Butter und Milch erhielt und als Dessert zum erstenmal in meinem Leben frisches Zuckerrohr genoß, dessen Geschmack ich sehr angenehm fand. Die Sonne war stechend heiß, aber im Schatten die Luft kühl. Als wir uns Hatfeh näherten, zeigten sich die Dämme teilweise mit Akaziengruppen besetzt, unter deren Schutz sich auch die Ufer sogleich berast hatten, und in schönduftiger Ferne erblickten wir die Häuser und Minaretts von Damanhur, dem alten Hermopolis parva , welche aus einem Palmenwalde südlich hervorschimmerten. Es wurde Abend, ehe wir in Hatfeh am Ende des Kanals anlangten, und da man hier umladen und eine neue Kangsche nehmen muß – weil man bei Grabung des Kanals seine Mündung in den Nil, um schneller fertig zu werden, mehrere Stunden zu weit oberwärts angelegt hat, weshalb nun für eine den Schiffen zu öffnende Schleuse kein gehöriges Gefälle existiert –, so sah ich mich genötigt, die Nacht hier zuzubringen. Doch kann man sich denken, daß ich's keinen Augenblick versäumte, mich durch den Menschenhaufen und die aufgeschichteten Baumwollenballen hindurch zu drängen, um noch vor Sonnenuntergang das andre Ende des Orts zu erreichen, wo der heilige Nil strömt, den ich nun zum erstenmal sehen sollte. Solche Augenblicke sind ja der Lohn des Reisenden! Der prächtige Fluß ist in seiner Breite hier mit der Elbe zwischen Dresden und Meißen zu vergleichen, auch sein Wasser hatte jetzt ziemlich dieselbe Farbe, denn es war nur wenig gelblich. Die Ufer dagegen glichen von allen europäischen Gegenden Holland am meisten, nur mit Ausnahme der Palmen. Das Laub der Pappeln, Maulbeerbäume, Jujubiers und andrer Obstbäume bedeckte schon die Erde, wodurch die Landschaft allerdings etwas an ihrem Reiz verlieren mochte, auch dadurch an manchen Orten, wo die immergrünen Bäume nicht aushalten, winterlicher aussah, als ich erwartet hätte; doch entzückte überall der saftgrüne Untergrund der Fluren unter dem wolkenlosen, tiefazurblauen Himmel. An den ziemlich hohen, häufig abgerissenen Ufern sah man deutlich, wie stark der Fluß bereits gefallen war. Man hat jetzt ein eignes Mittel gefunden zu beurteilen, ob man für das folgende Jahr «einen guten oder schlechten Nil» zu erwarten habe. Es wird nämlich die Höhe seines Steigens aus der größern oder mindern Menge der Regenwolken kalkuliert, die das Jahr über aus dem Norden über das Meer kommend nach Abessinien ziehen, und eigne Leute sind zu dieser fortwährenden Beobachtung förmlich angestellt. Der Gouverneur von Hatfeh hatte einige Mühe, eine andre Kangsche für uns zu finden, und wir wurden vor Mittag des folgenden Tages nicht flott, so daß unsere Fahrt während desselben sich nicht weiter als bis Fuah erstreckte. Diese bedeutende Stadt, bei welcher der Nil sich um das Dreifache verbreitert und eine baumreiche Insel umspült, hat die bezauberndste Lage. Mit hohem Schilf eingefaßte Orangengärten; unabsehbare Baumwollenfelder mit flockigen Früchten bedeckt; reiche Kleematten, welche sich in goldgrünem Glanze von ihnen landeinwärts erstrecken; Tausende von Palmen am Ufer und zwischen ihnen prächtige Gruppen hoher Sykomore, dem majestätischsten der Bäume Ägyptens; dann durch die Laubgewölbe schimmernd lange Reihen weißer Fabrikgebäude, die von weitem mit ihren flachen Dächern italienischen Palästen gleichen, und diesen unmittelbar sich anschließend im Hintergrunde der dunkle Haufen meist zweistöckiger türkischer Häuser der Stadt mit zahlreichen bunten Minaretts, welche schlank und zierlich in Obelisken- und Säulenform daraus emporsteigen – alles fremdartige Gegenstände, die in ihrer reichen Abwechslung hier schon zum Anfang eins der anziehendsten Bilder dieser lieblichen Flußfahrt gewähren. Ich stieg nicht weit von der Stadt, bloß von meinem Dolmetscher begleitet, ans Land, um mich recht nach Herzenslust im Grünen zu ergehen, und besichtigte am Ende des erfrischenden Spaziergangs die auf meinem Wege nach der Stadt liegenden Fabriken. In der ersten werden jetzt so viele Fes (Tarbusch) verfertigt, daß nicht nur der ganze Bedarf für das Land dadurch gedeckt ist, sondern noch eine bedeutende Menge zur Ausfuhr übrigbleibt; und an Güte stehen diese Fes den tunesischen nur wenig nach. Die Arbeiter beiderlei Geschlechts, Kinder und einige Greise für die leichtere, Erwachsene für die schwerere Arbeit, verdienen hier täglich, wie ich aus ihrem eignen Munde hörte, einen bis vier Piaster, was in diesem wohlfeilen Lande unserm Tagelohn völlig gleichkommt. Sie verrichten ihr Tagwerk in großen, luftigen und reinlichen Sälen, sind weit besser gekleidet als die Fellahs außerhalb, und es war mir eine Freude zu bemerken, wie gesund und heiter sie aussahen und mit welcher Milde sie durchgängig von den Aufsehern behandelt zu werden schienen. Kein Europäer befindet sich mehr in dieser Fabrik, ebensowenig als in der großen Baumwollenspinnerei, die ich nachher besuchte und die den englischen dieser Art genau nachgebildet ist, obgleich das Reinhalten der Maschinen hier wegen des feinen Staubes im Sommer weit schwieriger als dort ist. Doch ist es nur eine Fabel übelwollender Berichterstatter, daß deshalb mehrere Fabriken hätten eingestellt werden müssen. Der Vizekönig, der alles auf kolossale Weise erfaßt, hat das Fabrikwesen gleichfalls auf einmal und wie durch Zauber in Masse hervorgerufen, ähnlich Friedrich dem Großen, den man damals auch genug deshalb tadelte und dem doch Preußen die Gründung seiner jetzigen so hochgestiegenen Industrie allein verdankt. Krieg, Pest und Cholera haben jedoch den Vizekönig allerdings seitdem gezwungen, dem Ackerbau nicht mehr so viel Arme zu entziehen, und manche Spekulation mag sich auch durch die Erfahrung nicht so bewährt haben, als man erwartete. Aus diesen Gründen ist vieles wieder eingestellt worden, doch was beibehalten wurde, ist desto gediegener und wird in einem Zustande erhalten, der bei so jählingen Schöpfungen und einer allen Neuerungen so feindlichen Bevölkerung doppelt lobenswert ist. Ich erfuhr übrigens später aus Mehemed Alis eignem Munde, daß er im ganzen nicht mehr als zehn Millionen spanische Taler auf alle von ihm angelegten Fabriken verwandt und jetzt über eine Million reinen Ertrag von ihnen beziehe, dessen Steigerung noch erwartet werden dürfe. Man kann also nicht sagen, daß die Spekulation für ihn mißglückt sei, der Vizekönig ist aber keineswegs der Mann, der, wie man zu sagen pflegt, in seinen eignen Beutel lügt. Aus den Fabriken begab ich mich auf die Bazars, wo ich als Kuriosum einen in Sachsen verfertigten Toilettenspiegel mit der Inschrift Chemnitz in der Bude eines schmutzigen Arabers kaufte. Bei dem außerordentlichen Gedränge, was hier herrschte, verlor ich meinen Spartaner Susannis (einen mir in Mistra verehrten Hund) und konnte ihn trotz aller Mühe nicht wiederfinden, weshalb ich zu weitern Nachforschungen die Nacht hier bleiben mußte. Der klassische Hund hatte, wie ich am Morgen erfuhr, von neuem einen seltnen Beweis anhänglicher Treue gegeben. Genau den Weg verfolgend, den ich gekommen war, hatte er in beiden Fabriken sozusagen nachgefragt, und als er mich nirgends fand, war er an der Stelle, wo ich gelandet, ins Wasser gesprungen, glücklich durch den hier mehr als eine Viertelstunde breiten Nil geschwommen und nach Hatfeh zurückgekehrt, von wo er eben seine Reise nach Alexandrien weiter fortsetzen wollte, als ihn meine ausgeschickten Boten nur mit großer Mühe wieder einfingen. Noch ganz mit Schlamm bedeckt und tödlich ermüdet, traf der Ärmste auf der Kangsche ein, wo er von der ganzen Schiffsgesellschaft mit einem Hurra von Lachen über seine traurige Gestalt und Freude über seine glückliche Wiederkehr empfangen wurde. Ich hatte in allen Reisebeschreibungen soviel von den Tänzerinnen Ägyptens, den Almehs, gelesen, und wie sie an die Barken geschwommen kämen, eigne Dörfer bewohnten und unter eignen Gesetzen lebten usw., daß ich sehr verwundert war, bisher keine einzige derselben zu Gesicht bekommen zu haben, und daher in Fuah meinem Kawaß auftrug, mir von ihnen einige auf das Schiff zu bringen. Es scheint aber ein Ende mit dieser Unterhaltung in Ägypten zu haben, was ich für meine Person, des Charakteristischen und Nationalen wegen, sehr bedaure. Der Vizekönig hat, den guten Sitten zuliebe, die doch in der Regel wenig durch dergleichen Prohibitionen gewinnen und in Kahira schon die tanzenden Mädchen durch tanzende Knaben ersetzen, die harmlosen Geschöpfe mit einem Anathema belegt, und da niemandem besser gehorcht wird als ihm, so wagt keine mehr, sich blicken zu lassen. Man vertröstete mich für dies nationale Schauspiel auf Oberägypten, wohin der Vizekönig einen großen Teil dieser Mädchen ins Exil geschickt hat, dort aber die Polizei etwas weniger streng geübt wissen will. Die Aussicht von Fuah ist ebenso schön als dessen Anblick. Salamieh, eine ansehnliche Stadt, thront vom jenseitigen Ufer über dem Walde her, und weiterhin ragt massenhaft ein schwarzes hohes Mauerviereck hoch empor, eine verlaßne Fabrik, aus dichten Palmen über endlose Fluren niederschauend, die dem Meere gleich am Horizont verschwimmen. Fortwährend blieben auch im Verfolg unsrer Reise die Ufer reizend, und die Jagd ward immer ergiebiger. Wir schossen Schnepfen, wilde Tauben, Krammetsvögel und einen sehr hübsch gezeichneten bunten Vogel, der ebenfalls eine leckere Speise abgibt. Die Fellahs zeigten sich überall freundlich und behilflich, nur einmal verwiesen sie uns das Töten in der Nähe eines heiligen Grabes. Auch dies aber nur zu unserem Besten, denn der Santon, meinten sie, würde sich rächen, wenn wir sein Grab nicht respektierten. Wir folgten gehorsam. Am Morgen darauf, und nachdem wir die ganze Nacht weiter geschafft, erlebten wir einen Londner Nebel, der in dieser Jahreszeit auf dem Nil nichts Seltnes ist, und sahen bis 1 Uhr nachmittags kaum mehr als das Wasser des Flusses und unsre Barke. Desto fleißiger sangen die Schiffsleute. Das Geschrei, Stöhnen, Wiehern und Singen dieser Araber bei allen Geschäften ist zuweilen belustigend, aber häufiger lästig. Oft klingt es, als wenn sie die Bastonnade bekämen oder sich in Kolikschmerzen wälzten, aber alles im Takt; ein andresmal möchte man glauben, das Schiff ginge unter, so furchtbar steigt der Lärm, es wird aber nur ein Segel gewendet. Heute hätte man sich einbilden können, wir wären von Seeräubern angefallen worden, und in der Tat entstand unter ohrbetäubendem Geschrei eine Art Kampf zwischen unsern am ganz nahen Ufer die Kangsche ziehenden Schiffsleuten und mehreren herbeigekommenen Fremden. Der Grund war, daß unser Rais (Schiffsherr) den Dorfbewohnern früher eine kleine Summe Geldes schuldig geblieben war, und obgleich mein Kawaß seine Autorität geltend machen wollte, mußte der Rais doch bezahlen, um seine bereits gefangengenommene Mannschaft wieder auszulösen. Ich bin überzeugt, daß bei diesem Streit mehr an den gegenseitigen Lungen abgenutzt wurde, als der ganze Gegenstand desselben wert war. Es sind jedoch rüstige Leute, diese Schiffer, die mehr als andere vertragen können, bald ihr Fahrzeug angestrengt fortrudernd, bald am Strick ziehend, bald am seichten Boden es fortstoßend, bald wie Eichhörnchen an ihren hohen, dünnen Segelstangen halsbrechend hinaufkletternd, aber immer, um mich eines Waidmannsausdruckes zu bedienen, «laut jagend». Wir debarkierten abends bei dem kleinen Dorfe Sydi Ibrahim, um Provisionen einzukaufen, und fanden alles, was ein europäischer Stadtmarkt darbietet, mit sehr gutem Rind- und Kalbfleisch und vortrefflichem Gemüse vorrätig. Ein fettes, lebendiges Schaf kostete nach preußischem Gelde 1 2/3 Taler und das Pfund Schlachtfleisch 1 1/2 Groschen. Die Gemüse waren fast umsonst. Ich erwähne dies noch einmal besonders als einen Beweis, wie sehr die Schilderungen des in Ägypten überall stattfindenden Elends und Mangels bei den Landleuten der Wahrheit entbehren. Nach dem häßlichen Morgennebel hatten wir eine wundervolle milde Mondnacht, und obgleich man alle Fremden warnt, sich einer solchen hier nicht im Freien auszusetzen, so empfand doch keiner von uns üble Folgen davon. Dies wie anderes wird übertrieben, und ich glaube, daß weder Nacht noch Tag in Ägypten schädlich sind, wenn man sich nur sorgsam vor Erkältung und hitziger Nahrung hütet, welche hauptsächlich die Ophtalmien herbeiführen. Auch soll diese Krankheit mit der beginnenden Zivilisation und daraus folgenden veränderten Lebensart und zweckmäßigeren Kost sehr abnehmen. Man sieht allerdings noch viele Einäugige und zuweilen auch Blinde, aber daß der zwölfte Mann hier an den Augen litte, wie ein Reisender behauptet, ist nur ein abgeschmacktes Märchen. Was mir als fremdartige, obgleich aus Büchern wohlbekannte Gegenstände in diesen Tagen, wo die Gegend reizloser blieb als bisher, auffiel und mich vielfach unterhielt, waren hauptsächlich folgende Dinge. Zuerst die oft den Fluß durchschwimmenden, so eigentümlich geformten Büffel, bei denen im Gegensatz zu der Natur übriger Tiere die jungen unendlich häßlicher als die alten sind; ferner die ihre hohen Krüge antiker Form so geschickt und graziös auf dem Kopfe tragenden Weiber, welche mich immer an entsprechende Darstellungen in meiner Bilderbibel erinnerten, so wie die einzelnen, vom Sonnenuntergang oft seltsam verklärten und wie mit einer Glorie umflossenen, stillen Beter am Nil; die wunderlichen Reisenden, welche auf einem ganz kleinen, nur von Binsen geflochtnen und kaum 5 Fuß ins Gevierte haltenden Floß über den breiten Fluß sich selbst mit einer ganzen Familie hinüberrudern, ein Gebrauch, dessen schon Strabo erwähnt, der aber nur firmen Schwimmern anzuraten ist; die vielen Hunderte spitzer Taubenschläge in Form von Bischofsmützen neben den Dörfern, wie Bienenstöcke stets umschwärmt, und die gleich einer Allee nie abbrechenden, von Ochsen oder Kamelen langsam gedrehten, weithin knarrenden Bewässerungsräder längs des Flusses, Saki genannt; endlich die Masse herrenloser Hunde, die man überall herumlaufen sieht und deren ganz eigentümliche Sitten zu studieren mir sehr interessant war, weit interessanter als dem geplagten Susannis, den sie als einen Fremdling stets gemeinschaftlich anfielen, während sie einen Menschen nie belästigen, nie sich zur Wehre setzen, wenn man sie schlägt, als dankten sie jedem einzelnen für die ihnen geschenkte Duldung von allen. Es ist auch eigen, daß die Türken und Ägypter, obgleich sie die Hunde wie überhaupt alle Tiere liebevoll behandeln, doch nie selbst eigne Hunde halten, wohl aber Katzen. Der Grund liegt ohne Zweifel in dem religiösen Vorurteil, das den Hund wie das Schwein zu einem unreinen Tiere stempelt. Auch bemerkte ich, daß nie ein Türke einen Hund anders als mit der linken Hand anfaßt. Mit der Berberei, soweit ich sie bereiste, hat Unterägypten fast gar keine Ähnlichkeit. Zuerst fehlen ihm die hohen Gebirge und Felsen wie jener der majestätische Fluß. Dann sind Städte und Dörfer dort immer blendend weiß getüncht, freundlich im Grün gelagert oder an farbige Felsen gelehnt und, selbst wenn sie von wüstem Sande umzingelt sind, noch glänzend wie im Schmuck, wenigstens von weitem gesehen; hier, wo sie wegen der Überschwemmungen des Nils auf künstlich errichteten grauen Sandhügeln gelagert und die Häuser, meistens schwarz, aus Erdziegeln erbaut sind, erscheinen sie von ernsterem, etwas traurigem Charakter. Selbst die stets wiederkehrenden Palmen geben der Landschaft zuletzt viel Einförmiges, so wie auch die ewigen grünen Flächen, eben wie mit dem Richtscheit planiert, auf die Länge gleichfalls ermüden. Die Palmen selbst zeigen sich in beiden Ländern sehr verschieden, in der Berberei niedrig mit weit ausgebreiteten Kronen, hier weit höher, aber oft mit bloßen Büscheln oben auf den kahlen Stämmen. Sie sollen auf diese Weise reicher tragen. In vielem erinnert übrigens das hiesige Land durch den Fortschritt neuerer Zivilisation schon an Europa, gleich Algier, während Tunis und die übrige Berberei noch ganz ungestört den afrikanisch-ausländischen Charakter erhalten haben. Da der Wind fortwährend entgegenblies und wir nur sehr wenig vorrückten, blieb ich zwei Tage lang in meiner Kajüte mit Schreiben beschäftigt, die vorüberziehenden Bilder nur durch die Fenster betrachtend, bis wir an eine Stelle kamen, wo die Wüste in glatten Sandhügeln bis an den Nil herantritt. Es gewährte eine Veränderung, und ich stieg daher ans Land. Der Sand war meistens so hart, daß man sehr angenehm darauf hinwandelte und nur selten etwas einsank. Auch hatte der Anblick dieses sehr bewegten Terrains, obgleich ohne Vegetation, doch gar nichts so Abschreckendes als man sich gewöhnlich unter Wüste vorstellt, und ich kann den Berlinern zu ihrem Troste die Versicherung geben, daß viele Stellen ihrer Umgegend die Wüste noch übertreffen. Es dauerte indes nicht lange mit dieser Wüstenfreude, und gleich darauf gelangten wir wieder in die allerfruchtbarsten und auch durch Bäume aller Art verschönten Goldauen, die den Nil von Alexandrien bis Kahira fast durchgängig begrenzen. Da aber der Fluß hier einen großen Haken macht, so kamen wir zu Fuß unsrem Schiff so weit voraus, daß wir nach Sonnenuntergang wieder umkehren mußten, um es aufzusuchen. Auf dieser Exkursion erlegten wir einige wilde Gänse und Enten, und mein Diener Ackermann schoß in der Krone eines immergrünen Baumes, der im Abendwinde gleich einer Äolsharfe zuweilen melodische Töne von sich geben soll, grausam vier Turteltauben auf einen Schuß. Die Barke hatte, dem tiefern Strome folgend, sich auf die andre Seite gewandt, und wir mußten in einem Kahne uns zu ihr übersetzen lassen. Der schwarze Araber, welcher uns mit herkulischer Kraft allein hinüberruderte, glich ohngeachtet dieser Stärke ganz dem berühmten französischen Skeleton, das in England an einem ungewohnten Beefsteak, zu dessen Verzehrung es sich in einer schwachen Stunde verleiten ließ, den bitteren Tod fand. Der Mann vor uns bestand wörtlich aus nichts als Haut, Muskeln und Knochen, ein im Fleische schon Abgeschiedener und in unsern Augen das vortreffliche Abbild des Charon. Es hatte sich ein schwacher Nordwind erhoben, der uns in der Nacht etwas rascher vorwärts trieb, und als ich aufstand, zeigte man mir, gleich blauen Felsenkuppen am Horizont, die Pyramiden von Dschiseh. Wie viele lange Jahre schon hatte ich mich nach diesem Anblick gesehnt! Daß sie endlich vor mir lagen, goß eine wohltätiger befriedigende Ruhe in meine Brust, und ich bitte die Kritiker, mir diese Anwandlung von Sentimentalität diesmal zu gute zu halten, ohne sie für eine Affektation auszugeben. Von dem unbefangenen Leser habe ich ohnedem nichts dieser Art zu befürchten. Man wird jetzt immer mehr gewahr, daß man sich der Hauptstadt nähert. Einzelne Landhäuser, mit Mauern umgeben, unterbrechen die grünen Fluten rechts und links des Flusses, die Zitadelle am Fuß des dunkeln Mokkatamm blitzt in der Ferne auf, man kommt bei den prachtvollen Gärten von Schubra vorüber, weiterhin steigen turmhohe Feueressen der Dampfmaschinen neben ausgedehnten Fabrikgebäuden empor, dicke schwarze Rauchsäulen hoch in die blaue Luft wirbeln, und so von Überraschung zu Überraschung fortschreitend, erreicht man endlich Bulac, den Hafen Kahiras von der Meerseite. Während dieser im buntesten Gewirre das geschäftige Leben des Handels entwickelt, zeigt sich gegenüber im reizendsten Kontraste und in idyllischer Ruhe die liebliche Insel Garante, sich mit ihrem Lustschloß und ihren weiten Pflanzungen hinter einem transparenten Mantel von Trauerweiden verbergend wie eine Schöne unter einem Schleier von Gaze, nur um desto aufmerksamer betrachtet zu werden. Kahira selbst bleibt noch unenthüllt. Von mehreren großen Palästen der Vorstadt, die sich über den Nilufern aneinanderreihen, maskiert, ahnet man es mehr, als man es sieht, und nur einzelne Spitzen seiner Kuppeln und Minaretts, wie sie hie und da zwischen dem Fluß und den schroffen Felsen des Mokkatamm sichtbar werden, verraten die unermeßliche Stadt, «das Meer der Welt», nach des Morgenlandes poetischer Benennung. Kahira (Masr el Káhira) Installation in Baki Beys Palast. Ibrahims Anlagen Ich landete an der erwähnten Insel mit der Absicht, hier in dem leerstehenden Gartenpalais Ismael Paschas, eines Enkels des Vizekönigs, der in Schendy verbrannte, vermöge eines Trinkgeldes an den Aufseher die Nacht zuzubringen, wie es die orientalischen Sitten verstatten. Erst am andern Morgen, nach gehöriger Ruhe, gedachte ich, meine offizielle Entrée in Kahira zu bewerkstelligen. Alles Nötige ward demgemäß von meinem Dragoman besorgt, und während man in der Eil einige Stuben für mich herrichtete, benutzte ich diese Zeit, um zuerst in den mehr als gewöhnlich zierlichen Parterres des ehemaligen Serails mich umzusehen, nachher aber einen Spaziergang in jener wohl eine halbe Stunde langen Allee von Trauerweiden zu machen, die ich schon vom Wasser aus so sehr bewundert hatte. Sie führt immer dicht am Nilufer hin, wo sie zwischen ihren hängenden Zweigen Bilder auf Bilder jenseits des Flusses entfaltet, indes sich ihr auf der andern Seite, nach dem Innern der Insel zu, eine weitläufige Pflanzung junger Ölbäume auf dem Untergrund hellgrünen Klees anschließt. Ich und mein griechischer Page bildeten die einzige Staffage dieser Allee, mit Ausnahme eines athletisch gebauten, ganz nackten Ägypters, der wahrscheinlich aus dem Flußbade kam, denn er hielt ein Bündel Schilf in der Hand, das er als Feigenblatt benutzte. Ich war eben stehengeblieben, um die sich mir gegenüber stattlich ausbreitende Residenz Ibrahim Paschas genauer zu betrachten, als mehrere Leute, schon von weitem mir zuwinkend und rufend, uns nachgelaufen kamen. Um mein projektiertes Inkognito war es geschehen. Der Vizekönig, welcher in der Absicht, seinen Sohn daselbst zu empfangen, den man täglich von Syrien erwartet, Ibrahims Palast jetzt provisorisch bewohnt, hatte meine Ankunft schon erfahren, und auf seinen Befehl war mir eine Gondel entgegengeschickt worden, mich in Baki Beys Palast zu bringen, der, wie ich vernahm, ganz neu möbliert und mit aller nötigen Dienerschaft und Zubehör versehen, zu meiner Disposition gestellt worden war. Ich fand, als ich daselbst ankam, schon eine Ehrenwache auf ihrem Posten und mehrere reich angeschirrte Pferde vor der Tür stehen; ein Oberkawaß Seiner Hoheit mit einem langen Stabe, dessen silberner Oberteil mit vielen rasselnden Ketten geziert war, schritt von sechs Untergebnen gefolgt und unter dem Wirbeln des Tambours der Wache gravitätisch vor mir her. Im Vorsaal empfing mich das für die Dauer meines Hierseins zu meinem Dienst bestimmte Personal von Mamelucken, Dienern und Sklaven und geleitete mich nach dem Diwan (Salon), wo mir sogleich eine reich mit Brillanten besetzte lange Pfeife und nach Ambra duftender Mokkakaffee in gleichfalls von Diamanten schimmernder Tasse aus Email respektvoll überreicht wurden. Mit der taktvollen Delikatesse und Höflichkeit, welche die Orientalen auszeichnet, überließ man mich hierauf eine Stunde lang ungenierter Erholung. Dann erst erschien der Hausherr, welcher Chef eines Conseils und General ist, ein in Griechenland geborner Türke von einer vornehmen Familie aus der Morea, um mich als Wirt willkommen zu heißen; als Dolmetscher begleitete ihn der Schwager unsres Konsuls in Alexandria, Herr Bonfort, das Faktotum Ibrahim Paschas und einer der achtungswertesten Männer, die ich in Kahira kennengelernt habe. Kurz nach ihnen kam Artim Bey, der Dragoman Seiner Hoheit, der mir die freundlichsten Begrüßungsworte des Vizekönigs überbrachte. Er wiederholte, daß ich Palast und Dienerschaft als mein Eigentum anzusehen habe, und setzte sogar hinzu, daß Seine Hoheit bedaure, nicht imstande gewesen zu sein, mich bei einem Pascha zu logieren, da eben alle sich hierzu qualifizierenden Personen dieses Ranges in Aufträgen abwesend wären. Zugleich kündigte er mir an, daß der Vizekönig Herrn Lubbert, Historiographen Ägyptens und Rat im Ministerium des öffentlichen Unterrichts, beauftragt habe, mich als Cicerone überall hinzubegleiten und mir jede Merkwürdigkeit der Stadt und Umgegend zu zeigen. Ich hatte wirklich Mühe, meine Dankbarkeit für so viel ganz unerwartete und unverdiente Ehrenbezeugungen wie für eine so grandiose Gastfreundschaft genügend auszudrücken, fand aber an Artim Bey, der einen Teil seiner Erziehung in Paris erhielt und französisch wie seine Muttersprache spricht, einen ebenso feinen als nachsichtigen Entschuldiger meiner Unbeholfenheit. Viele andere Visiten folgten sich jetzt, unter denen mich vorzüglich die Sami Beys interessierte, des ersten Adjutanten und Lieblings Seiner Hoheit, welcher nicht bloß als Staatsmann, sondern auch als orientalischer Sprachgelehrter und erotischer Dichter eines großen Rufes hier genießt. Ihm folgte Muktar Bey, Generalleutnant und Chef des Ministeriums des öffentlichen Unterrichts, welcher ebenfalls sieben Jahre in Europa verweilte und mit vornehmen Anstand eine angenehme Konversation verbindet, als Minister aber nicht beliebt sein soll. Das Palais, welches ich bewohne, befindet sich in der Vorstadt und hat eine überaus reizende Lage, denn es steht unmittelbar am Nil, von dem es nur ein schmaler Blumengarten trennt, so daß ich aus meinem Schlafzimmer rechts meine Lieblingsinsel Garante und links die ewigen Pyramiden vor mir sehe, hinter denen jetzt eben, während ich schreibe, die Sonne rotglühend untergeht. Es hat dieses Haus aber auch eine historische Bedeutsamkeit. Der berühmte Mehemed Bey erbaute es, der vertrauteste Gefährte und Diener Mehemed Alis, der an jenem denkwürdigen Tage, welcher über des Vizekönigs Herrschaft und Leben entschied, zu dem Untergang der konspirierenden Mamluckenhäuptlinge den Plan entwarf und auch selbst die Ausführung übernahm. Man hatte durch einen glücklichen Verrat erfahren, daß in drei Tagen, bei Gelegenheit einer großen Revue, die Mehemed Ali angeordnet, die Mamlucken mit ihrer ganzen Macht dort über ihn herzufallen beabsichtigten, um ihn womöglich mit allen seinen Getreuen auf einen Schlag zu beseitigen. Es galt, ihnen zuvorzukommen, wozu man offen nicht die Macht besaß, und doch war kein Augenblick Zeit mehr zu verlieren. Jedermann kennt das verzweifelte Auskunftsmittel, dessen man sich bediente, doch herrschte über die Details in Europa viel Irrtum. So stellt zum Beispiel das durch Kupferstiche überall verbreitete Gemälde Forbins die Szene so dar, als habe ihr Mehemed Ali, seinen Nargileh gelassen rauchend, wie einem Theaterstück zugesehen. Die Wahrheit ist aber, daß er gar nicht dabei gegenwärtig war, noch, der Lokalität nach, füglich sein konnte. Sobald die Beys Abschied von ihm genommen hatten und sich im Hofe auf ihre Pferde schwangen, sagte Mehemed Bey zu ihm: «Nun ist deine Rolle vorüber und meine beginnt, ich beschwöre den Pascha, sich in sein Harem zurückzuziehen.» Dies geschah sogleich, und Augenzeugen, Eunuchen aus dem Serail, haben mich versichert, daß der Vizekönig, verstört und schweigend, in großer Gemütsbewegung den Ausgang abwartete, kein Wort sprach, nur mehrmals kaltes Wasser zu trinken begehrte, während der Lärm des Schießens und der Tumult der reiterlosen Pferde mit dem Angstgeschrei der Fallenden von fern zu seinen Ohren drang. Dies ist auch nur menschlich wahrscheinlich, und Mehemed Ali wahrlich so wenig blutdürstig, als es Napoleon war, aber er ist auch kein Ludwig der Sechzehnte und scheut daher selbst Blutvergießen nicht, wo es sein muß und wo es, zu rechter Zeit angewendet, durch wenige Opfer später das Leben Hunderttausender erspart, ja oft das künftige Heil ganzer Nationen begründet, während weichliche Unterlassung sie nicht selten zugrunde gerichtet hat. Und am Ende ist sich auch jeder selbst der nächste. Wer mich in eine Grube stürzen will, den werfe ich ringend selbst hinein, wenn ich kann, und bin nur ein Schwachkopf, wenn ich es nicht tue. In späterer Zeit zeichnete sich Mehemed Bey noch durch eine andere, nicht weniger kühne Tat aus, indem er einen Abgesandten des Sultans, der in Abwesenheit Mehemed Alis nach Kahira kam, um ihm die seidne Schnur zu überbringen, ohne langes Besinnen noch Einholen einer Instruktion, provisorisch den Kopf abschlagen ließ. Ich widmete meinen ersten Tag in Kahira – ohne auszugehen – nur häuslichen Geschäften, der neuen Einrichtung, dem Bade und der wohltätigen Ruhe. Erst am andern Morgen begab ich mich in Ibrahims Palast zur Audienz bei dem Beherrscher des Landes. Der eine starke Viertelstunde weite Weg führte mich durch einen Teil der neuen Promenaden, welche seit nicht länger als acht Jahren durch Herrn Bonfort auf Ibrahims Befehl und Kosten ausgeführt wurden. Sie sind bestimmt, den ganzen ungeheuren Raum zwischen dem Nil, Bulak, Kahira und Alt-Kahira einzunehmen, von welcher Riesenarbeit auch schon an zwei Dritteile beendigt sind. Eine wahrhaft königliche Anlage! Denn früher befanden sich an der Stelle dieses lachenden Grüns unter dem Schatten jetzt schon ansehnlicher Bäume nichts als unzählige Massen 50-100 Fuß hoher schwarzer Haufen oder vielmehr Berge Schuttes, die alle, der nötigen Bewässerung wegen, sorgfältig planiert und mit vielen Sakis (durch Ochsen getriebene Wasserleitungen) versehen werden mußten, ehe man zur Pflanzung und Bebauung schreiten konnte. Ibrahim Pascha, den wir in Europa nur als kühnen Soldaten kennen, den man hier aber als Pflanzer und Ackerbauer in so großem Maßstabe einer wohltuenden Bewunderung würdig findet, begnügte sich auch hiermit nicht, sondern dehnte seine Kulturen noch auf mehrere Teile der nahen östlichen Wüste jenseits Kahiras aus, die sämtlich unter des rastlosen Bonforts Leitung stehen. Dieser hat jetzt für die gesamten Anlagen Ibrahims in Ober- und Unterägypten über zehntausend Tagelöhner im Solde, die täglich von 1½ bis 3 Piaster Lohn erhalten und regelmäßig alle Freitage bar ausgezahlt werden! Wieviel europäische Prinzen tun ein Gleiches? Und wäre es nicht wahre Barbarei, so etwas nicht mit Achtung anerkennen zu wollen? Ich weiß zwar recht wohl, daß Ibrahim Pascha nicht der Mann dazu ist, um aus bloßer Philanthropie so zu handeln, es ist eine Spekulation, gleich seinem Häuserbau in Alexandria, die ihm gut rentiert und zugleich seine künftigen Hauptstädte verschönert. Aber eben dadurch stiftet er hier den größten Nutzen, denn wenn die noch rohe Population, welche jetzt ihr überflüssiges Geld verbirgt oder doch tot liegen läßt, sieht, daß der älteste Sohn und Erbe des Herrschers, der überdem ein berühmter Krieger ist, mit gleichem Erfolge als Industrieller auftritt, so wird sie auf die sicherste Weise dadurch zur Nachahmung bewogen. Man muß nie zu genau den Motiven menschlicher Handlungen nachforschen, wenn nur ihre Resultate gemeinnützig sind. Im tiefsten Grunde wird man vielleicht bei allen den ersten Keim stets im Egoismus finden, der sich unter Millionen verschiedener Formen verbirgt. Keine Regel wird allgemeiner in der Welt befolgt als die: «Charité bien entendue commence par soi même». Aber viele sehen dies selbst nicht ein, und noch wenigere gestehen es. Bei dem außerordentlich schnellen Wachstum der Bäume in dem hiesigen Klima (ich sah deren von fünfzehnjährigem Alter, die bei uns wenigstens fünfzig Jahre zu gleicher Entwicklung brauchen würden) und bei dem ungemein frischen Triebe aller Vegetation, die nur Bewässerung braucht, um alsogleich die Wüste in fruchtbares Land zu verwandeln, aber ohne Bewässerung auch sogleich aus fruchtbarem Lande wieder zur Wüste wird, müssen noch acht Jahre mehr hinlänglich sein, den Pflanzungen dieses Parks ihre vollkommene Ausbildung zu gewähren, und es wird dann wenige Hauptstädte in der Welt geben, die sich einer gleich reizenden Umgebung sowie schönerer und schattigerer Promenaden zu erfreuen haben. Alle diese Anlagen bilden durchgängig regelmäßige großartige Formen, der einzige Stil, der meines Erachtens für die Majestät der hiesigen Gegend paßt, wie ich mich hier sogleich überzeugte und später noch näher beleuchten werde. Die angewandten Bäume sind hauptsächlich: der Sykomor, ein herrlicher, Ägypten und Nubien eigentümlicher Baum, der die Höhe und Breite unsrer Eichen übertrifft, mit runden Blättern, die der Erle gleichen, aber größer und von schönerer, hellgrüner Farbe sind; ferner mehrere immergrüne Akazienarten, der Ölbaum, dessen Laub hier schwarzblauer als in Europa und äußerst dicht ist, der aber weniger gute Früchte trägt; endlich Zypressen, Mimosen, Pappeln und einige Obstbäume, alle reihenweis entweder um freie Plätze oder «en quinconce» oder in breiten und schmaleren Alleen gepflanzt, welche respektive für Equipagen, Reiter und Fußgänger bestimmt sind und hier, wo es so selten regnet, leicht hart und eben wie eine Tenne erhalten, auch täglich gegen den Staub begossen werden. Alle Flächen zwischen den Baumpflanzungen sind, da Rasen hier nicht gedeihen kann, größtenteils mit Futterkräutern von einem blendenden Hellgrün besät, worin die kleinen Quadrate, in welche das Terrain zum Behuf der Bewässerung abgeteilt ist, einen ganz originellen schachbrettartigen Effekt machen. Zuweilen wechseln die Futterkräuter auch mit kleinen Gemüse-, Orangen- und Obstgärten verschiedner Sorten ab. Hecken blühender Sträucher umgeben diese. Viele Paläste, Lusthäuser und andere Gebäude beleben die Promenaden mannigfaltig; unter andern befindet sich das Grab Mehemed Beys in ihrem Bereich, das er sich noch lebend baute. Es besteht aus zwei weißen Pavillons mit Eisengittern, hinter deren einem der Bey, hinter dem andern sein Busenfreund, ein Derwisch, in freistehenden Steinsärgen liegen. Beide Pavillons werden durch ein großes Wasserbassin, das zum Gebrauch des Publikums dient, verbunden. Denn die Orientalen haben die schöne Sitte, alle Monumente, die sie errichten, immer mit einem gemeinnützigen, wohltätigen Zweck zu verbinden. Die hier zu jeder Kultur so nötigen zahlreichen Sakis sind durch massive Ruhesitze verdeckt, deren Rückmauer die das Wasser heraufziehenden Tiere verbirgt, indes die davor angebrachten, mit blumenreichen Winden und Monatsrosen überhangenen Veranden die anmutigsten Erholungsplätze darbieten. Eine hundert Fuß breite Hauptavenue führt mitten durch die Anlagen von Kahira, und zwei andere halb so breite von Alt-Kahira und Bulak aus zu dem königlichen Palaste Ibrahims, vor dem jetzt die Menge der Wachen, das Gewühl wiehernder Pferde, die vielen ab- und zueilenden Großen in glänzender Kleidung, die Haufen von Tschausch und Kawaß sowie die zweihundert Dromedare, welche stets dem Vizekönig folgen, um seine Eilboten augenblicklich nach allen Teilen des Reichs tragen zu können, hinlänglich anzeigten, daß wir uns der momentanen Residenz des Mannes näherten, den die Vorsehung bestimmt zu haben schien, die Bahn zu einer innigeren Vereinigung des Orients und Okzidents und dadurch zu einer höhern Zivilisation beider mit starker Hand zu brechen. Die Großmächte Europas haben seitdem diesem Streben Einhalt getan mit überlegner Kraft – und was die Gewalt tut, ist, solange sie dauert, ja immer wohlgetan. Audienz bei Mehemed Ali Es ist ein so großes Ding um einen Herrscher über Millionen, die nur von seinem Winke abhängen, daß ich nie einem solchen ohne eine gewisse innere Bewegung nahe, um wieviel mehr dann, wenn er zugleich ein so außergewöhnlicher Mann ist wie Mehemed Ali. Ich hoffe, man wird es mir daher Dank wissen und auch keine törichte Eitelkeit darin suchen, wenn ich diesen erste Besuch bei dem Vizekönig auf das ausführlichste beschreibe, wobei ich freilich gezwungen bin, neben dem Großen auch vom Kleinen zu sprechen, nämlich von mir selbst. Mehemed Ali ist fast täglich (oder war es wenigstens damals) ein Gegenstand der Unterhaltung in Europa, und doch kennt man ihn im Grunde dort nur sehr wenig; denn was man über ihn so mannigfaltig publiziert hat, ist zu widersprechend, um ein sichres Resultat daraus ziehen zu können. Ich wenigstens muß aufrichtig gestehen, daß ich auch jetzt noch nichts der Art gelesen, was mich vollständig befriedigt hätte. Viele dieser Autoren, die Mehemed Ali nur oberflächlich gesehen, beurteilen ihn nach unzuverlässigen Anekdoten und bloßem Hörensagen, und die meisten derjenigen, welche ihn besser kennen, sind, wie ich schon früher angedeutet, zu oft von persönlichen Motiven bei ihrem Urteil geleitet, so daß sie ihn entweder zu hoch zu erheben oder zu tief zu erniedrigen suchen. Es gibt aber überhaupt nur sehr wenige Europäer, die Gelegenheit hatten, Mehemed Ali in einiger Intimität zu beobachten, was bei den gewöhnlichen Privataudienzen, wenn man dergleichen auch noch soviel erhält, durchaus nicht stattfindet, am wenigsten grade da, wo es sich nur um Geschäfte handelt. Noch wenigere Personen aber gibt es vielleicht, die, selbst wenn ihnen die Gelegenheit nicht fehlte, philosophischen Scharfblick und unbefangene Freiheit des Charakters genug besaßen, um einen Mann wie Mehemed Ali ganz richtig zu schildern. Weit entfernt, mich selbst für kompetent hierin zu halten, scheint es mir doch eine Art Pflicht, auch meinen Beitrag auf die vollständigste Weise zu der richtigeren Würdigung dieses Fürsten zu geben, dessen gewaltiger Einwirkung auf eine beginnende Regeneration des Orients, wohin ich die nördlichen Länder Afrikas mitrechne, die Zukunft erst volle Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. Er teilt diesen glorreichen Einfluß, was den Orient betrifft, nur mit dem Sultan Mahmud, den man in vieler Hinsicht seinen gelehrigen Schüler nennen kann; in Europa aber hat nur Frankreich Anspruch auf solchen Ruhm durch die Eroberung Algiers, deren noch unberechenbare Folgen für die künftige Welt, selbst wenn Algiers jetzige Abhängigkeit von Frankreich im Laufe der Zeiten aufhören sollte, doch immer einen Glanzpunkt in der Geschichte der Franzosen begründen werden. Sie möchten sogar höher in manchem Bezuge anzuschlagen sein, als alle fruchtlos und ephemer gebliebenen, wenngleich des militärischen Ruhmes so vollen Überrennungen Napoleons. Wenn ich also sagte, daß ich mich gewissermaßen verpflichtet fühle, Mehemed Ali als ein Hauptthema meines Werkes zu betrachten, so liegt doch der Grund davon keineswegs in irgendeiner Parteiabsicht, sondern nur darin, daß mich während eines Aufenthaltes von beinahe zwei Jahren in den Ländern, welche Mehemed Ali damals regierte und die ich von den Grenzen des Sennar bis Adana in einer ununterbrochenen Ausdehnung von mehr als fünfundzwanzig Breitengraden durchstrichen, die Umstände auf eine Art unterstützt haben und die Gelegenheit Mehemed Ali genauer kennenzulernen sich mir so oft und in so günstigen Verhältnissen dargeboten hat, als dies selten einem reisenden Privatmanne zuteil werden kann. Demohngeachtet ist es weit weniger meine Intention, eine erschöpfende Charakteristik desselben zu liefern, noch, wenn ich mein persönliches Urteil über ihn ausspreche, dieses als Norm aufzustellen, als vielmehr nur durch die einfache, treue Erzählung dessen, was mir mit ihm begegnete, was ich von ihm sah und aus seinem Munde hörte und welche Betrachtungen dies in mir hervorrief – soweit die Diskretion dies gestattet –, den Leser zu befähigen, sich selbst aus allem diesen ein wahres ähnliches Bild des Individuums zu abstrahieren, von dem hier die Rede ist. Man wird die dahin gehörenden Züge daher auch nur zerstreut in dem vorliegenden Buche finden, was die allgemeine Disposition desselben unvermeidlich machte, aber die Zusammenstellung im Gedächtnis des Lesers ist nicht schwer und der Stoff so reich, daß eine ungetrennte Bearbeitung desselben leicht hätte ermüden können. Diese Prärogative haben aber nur klassische Schriftsteller, die ich aus der Ferne bewundern muß, ohne die Präsumtion hegen zu können, ihnen nachzuahmen. Aus diesem Gesichtspunkte also wünsche ich mein sehr anspruchsloses Bestreben, Mehemed Ali betreffend, in der Folge stets beurteilt zu sehen. Seine Hoheit empfing mich in einem untern Saale des Palastes, der mit einer ehrerbietigen Menge seiner Hof- und Staatsdiener angefüllt war. Erst als ich durch diese hindurchgedrungen, sah ich den Vizekönig, von den übrigen getrennt, auf der Estrade vor seiner Ottomane stehen, nur Artim Bey, den Dragoman, an seiner Seite. Meine Überraschung war groß – denn nach der in Alexandrien befindlichen Büste und einigen Portraits, die man für ähnlich ausgab, hatte ich mir einen streng, ja hart aussehenden Mann im prunkvollen orientalischen Schmuck gedacht, mit Zügen, die, wie ich an der Büste bemerkt, auffallend an Cromwells Bilder erinnerten. Statt dessen stand in einen schlichten braunen Pelz gekleidet, mit dessen weißem Besatz der ehrwürdige Bart von gleicher Farbe seltsam zusammenfloß, den einfachen roten Tarbusch ohne Shawl und Edelsteine auf dem Haupte, keine Ringe an den Fingern, noch, wie im Orient gewöhnlich, einen kostbaren Rosenkranz in der Hand haltend (die übrigens so schön geformt ist, daß eine Dame sie beneiden könnte) – ein kleiner freundlicher Greis vor mir, dessen kräftige, wohlproportionierte Gestalt nur durch eine fast kokett zu nennende Frische und Reinlichkeit geschmückt war; dessen Gesichtszüge aber ebensoviel ruhige Würde als wohlwollende Gutmütigkeit aussprachen, und der, obgleich seine funkelnden Adleraugen mich durch und durch zu schauen schienen, doch durch die Grazie seines Lächelns wie die Leutseligkeit seines Benehmens nur unwillkürliche Zuneigung und nicht die mindeste Scheu einflößte. Auch entsprach diesem Eindruck, wie ich später zu beobachten Gelegenheit hatte, vollkommen das Benehmen seiner Hofleute, die, wenn auch voll Respekt, doch sehr zutraulich und unbefangen mit ihm verkehrten, während er selbst sie zwar mit einer Nuancierung gegen einzelne, aber im allgemeinen stets mit vieler Urbanität behandelte. Überdies ist nichts leichter, als vom Vizekönig Gehör zu erhalten. Kein Herrscher kann zugänglicher sein und weniger Maßregeln für seine persönliche Sicherheit nehmen als Mehemed Ali, der sich täglich jedem Versuche unbesorgt preisgibt, den ein Fanatiker auf sein Leben zu richten beabsichtigen könnte. Wie möchte er dies wagen, wenn er der Tyrann wäre, den alberne Unwissenheit und bösartige Absichtlichkeit in Europa so häufig aus ihm machen wollen! Indes ist doch nicht zu leugnen, daß ungeachtet des stets humanen Betragens Mehemed Alis und seines meist freundlich milden Blickes, der ihm das Ansehn eines der gutmütigsten unsrer christlichen Monarchen gibt, dieser Blick doch zuweilen, besonders in den Momenten, wo er sich unbemerkt glaubt, einen ganz eignen Ausdruck bittren Mißtrauens annimmt, bei dem dann das etwas unheimlichere türkische Element, von dem ohne Zweifel der Vizekönig auch einen guten Teil besitzt, voll hervortritt. Man kann vielerlei in diesem Blick lesen, was vielleicht die Schattenseite seines Charakters ausmacht, womit ich jedoch keinen besondern Tadel aussprechen will; denn zu einem großen Manne gehören ebenso notwendig dunkle und helle Seiten, als bei jedem andern Sterblichen. Nach der ersten Begrüßung setzte sich der Vizekönig und winkte auch mir, mich neben ihm auf der Ottomane niederzulassen, worauf für ihn und mich Pfeifen und Kaffee gebracht wurden. Ich muß hier eine kurze Notiz über die Höflichkeitsbezeugungen im Orient und namentlich in Ägypten einschalten, über die wenige meiner Leser unterrichtet sein möchten und deren Verständnis doch nicht ohne Interesse ist. Es herrscht hier in dieser Hinsicht weit mehr Etikette als bei uns, und die Abstufungen sind bestimmt. Zuerst das Grüßen betreffend, kann man schon aus diesem sogleich auf die verschiedne Stellung beider Teile schließen. Der Vornehmste grüßt stets zuerst. Der viel Höhere legt die Hand auf die Brust, während der ihm im Range Nachstehende die Hand gegen die Brust und dann gegen die Stirn emporhebt, dies auch wohl zweimal wiederholt. Gleiche oder im Range nur wenig Verschiedne grüßen sich entweder auf eben diese letztere Manier gegenseitig oder aber nur mit einer Bewegung der Hand nach dem Gesicht, fast so wie wir uns eine Kußhand zuwerfen. Ganz Niedrige machen als Zeichen der Unterwürfigkeit die Pantomime, als wenn sie Staub von der Erde aufheben und diesen sich auf die Brust und Stirn legen wollten. Gegen den Vizekönig trifft es sich indes wohl, daß gelegentlich auch Generale und Paschas dieses Zeichen machen. Der Vizekönig selbst grüßt seine Untergebnen, indem er die Hand auf den Leib legt; gegen Fremde, die er auszeichnen will, erhebt er die Hand nach dem Gesicht. Man muß schon im Rang einem andern einigermaßen nahestehen, um sich bei ihm auf die Ottomane setzen zu dürfen, und die Arten selbst, wie man sich setzt, sind dreifach nach den verschiednen Graden der schuldigen Ehrerbietung: 1) mit einem untergeschlagnen Beine auf dem Rand der Ottomane, 2) auf beiden Knien, aber etwas entfernt, ganz darauf Platz nehmend, ohne sich anzulehnen, 3) endlich es sich nach Belieben bequem machend, wo man vertraut oder gleich und gleich ist. Kaffee und Pfeife reichen zu lassen ist eine Ehrenbezeigung, aber die Nuancen sind auch hierbei vielfach und werden zum Teil durch das mehr oder minder kostbare Material ausgedrückt. Wer das Recht zu sitzen hat, erhält in der Regel auch den Kaffee, die Pfeife aber ist eine größere Auszeichnung. Man darf weder Pfeife noch Kaffee noch irgend etwas, sei es auch nur ein Glas Wasser, empfangen (außer bei Tafel, wo alle Zeremonien wegfallen), ohne beim Nehmen und auch beim Wiederabgeben des leeren Geschirrs oder der Pfeife durch einen Gruß zu danken. Ja selbst der Wirt in seinem eignen Hause, sobald ein Vornehmerer als er bei ihm ist, grüßt diesen, dankend für alles, was ihm seine eigenen Diener servieren. So wird auch dem Vornehmsten immer zuerst präsentiert, er sei Wirt in seinem eignen Hause oder Gast in einem fremden. Diese ganz genau festgesetzten Sitten haben ihre große Bequemlichkeit, sobald man einmal bekannt mit ihnen ist, und scheinen mir deshalb den jetzigen europäischen vorzuziehen, wo man, außer England, in welchem die Etikette auch genau geregelt ist, nirgends mehr weiß, was andere zu prätendieren haben, noch was einem selbst zukommt, und immer in Verlegenheit ist, zuviel oder zu wenig zu tun. So finden wir zum Beispiel in einem der ersten Staaten Deutschlands, wo in größeren Dingen so viel Vortreffliches besteht und noch viel Größeres zu erwarten ist, in der erwähnten Hinsicht einen recht empfindlichen Mangel für gesellschaftliche Bequemlichkeit, indem das Rangverhältnis nur im Dienste fest normiert und dabei überhaupt das dienende Prinzip so sehr dem freien vorgezogen wird, daß eigentlich nur diejenigen der Auszeichnung eines bestimmten Ranges und Ansehens dort teilhaftig werden, die zur Hierarchie des Hof- oder Staatsdienstes gehören, jeder außerhalb dieser Kategorie Stehende aber hinsichtlich seiner Ansprüche, er sei nun dazu durch eminente Geburtstitel oder ständische oder Besitzeswürden berechtigt, in der Gesellschaft und selbst an den verschiednen Höfen niemals genau weiß, wo er hingehört, indem ihm nach Laune oder Gunst heute der, morgen jener Rang angewiesen wird. Es ist gar nicht nötig, rang- und titelsüchtig zu sein, um dies sehr unbequem zu finden, da man ebensowenig gedemütigt werden, als andere demütigen will, was bei dieser Unbestimmtheit ganz unvermeidlich, bei fester Rangordnung aber ganz unmöglich ist. Nur ein Narr kann sich darüber ärgern, wenn jemand das ausgesprochne, anerkannte Recht hat, sich in der gesellschaftlichen Stufenleiter als über ihm stehend anzusehen, er komme ursprünglich her, woher es sei; wenn dieser es sich aber nur anzumaßen scheint, so ist es eine halbe Beleidigung, und geht der unbegründet gegebne Vorzug von einem Höchstgestellten aus, eine Kränkung. England ist das freiste und gewiß liberalste Land in Europa, demohngeachtet ist bei diesem praktischen Volke durch alle Stände und Grade, was jedem zukommt, so fest geregelt, daß ein Präzedenzstreit dort ein Unding ist. In Rußland hat nur der Dienst Rang, und der Leibkutscher des Kaisers würde dem Abkömmling der ältesten Bojarenfamilie vorgehen, wenn dieser keinen Dienstrang hätte. Es mag uns dies etwas seltsam vorkommen, aber es ist doch bestimmt. Man weiß, woran man ist. Als Ludwig der Vierzehnte in Frankreich eine Rangordung beliebt hatte, durch welche die Pairie sich verletzt fand, wagten einige dem König darüber Vorstellungen zu machen. Der König frug M. Legrand (wie der damalige «grand écuyer» abgekürzt genannt wurde): «Et vous, qu'en dites vous?» «Sire», antwortete dieser, «tout ce que je sais, c'est que le charbonnier est maître chez lui.» So ist es ohne Zweifel, der absolute Herrscher kann die Sache ordnen, wie ihm beliebt, nur sie unbestimmt zu lassen, scheint mir eine Anomalie. Daß aber solche ungewissen Verhältnisse zwischen Geburts-, Hof-, Dienst- und Verdienstrang nicht bloß die Gefühle der Eigenliebe auch bei dem Bescheidensten häufig verwunden müssen, sondern daß sie selbst in einzelnen Fällen dem oder jenem den reellsten Schaden zu bringen imstande sind – das könnte ich durch mehrere schlagende Beispiele ins hellste Licht setzen, wenn dabei nicht Persönlichkeiten bloßgestellt werden müßten, die mir die orientalische Lehre ins Gedächtnis rufen: «Wenn die Rede Silber ist, so ist das Schweigen Gold.» Vielleicht habe ich in den Augen der Sparsamen schon zuviel Silber ausgegeben. Seine Hoheit der Vizekönig behandelte mich durch die Art seines Empfanges mit der größten Courtoisie, und der einzige markierte Unterschied bei der Bedienung bestand darin, daß, obgleich uns die Pfeifen zu gleicher Zeit von zwei Dienern gebracht wurden, doch ihm die seinige einige Sekunden früher als mir präsentiert wurde, ferner auch nur die Pfeife, nicht aber die Tasse für mich ganz so reich als die für ihn bestimmte mit Diamanten besetzt war. Die Auszeichnung war um so schmeichelhafter, da sie bisher nur wenig Personen zuteil ward, namentlich dem Marschall Marmont , dem rückkehrenden Gouverneur von Indien und einem außerordentlichen Gesandten Frankreichs während des Krieges mit der Pforte, der eigentlich diesen Charakter nicht vollständig hatte, von Mehemed Ali aber nicht ungern als solcher angesehn und behandelt wurde. Den Generalkonsuln, wenn sich deren gegenwärtig befanden, sah ich immer nur Kaffee in ordinären Tassen und keine Pfeifen, und von den anwesenden Muselmännern im Dienste des Vizekönigs keinem weder Kaffee noch Pfeife präsentieren, selbst dem Sheriff von Mekka, Ibn-el-Aun, nicht, den ich zweimal bei Seiner Hoheit antraf. Es war dies ein schöner, geistreich aussehender schwarzer Araber, in einen grasgrünen Talar und weißen Turban, als Anverwandter des Propheten, gekleidet; er betrug sich sehr unterwürfig gegen den Vizekönig und nahm seinen Platz zwar auf der Ottomane, aber nur weit ab, in der von mir angezeigten zweiten Stellung, das heißt auf den Knien, ein. Nur die Paschas ersten Ranges und besondre Lieblinge läßt der Vizekönig neben sich sitzen und ihnen Kaffee reichen. Einzelne Ausnahmen fallen indessen vor, da sein Wille immer Gesetz ist. Ein so Begünstigter war der bereits mehrmals erwähnte Mehemed Bey, und ich hörte hierüber eine artige Anekdote erzählen. Mehemed Bey hatte eigenmächtig einem sehr tätigen Unterbeamten eine Gehaltszulage bewilligt, worüber der Vizekönig, dem man es sogleich hinterbrachte, ungehalten war. Als sich nun Mehemed Bey das nächstemal bei ihm einfand, gab er ihm nicht nur einen Verweis, sondern auch sein Mißfallen noch dadurch zu erkennen, daß er ihm keinen Kaffee reichen ließ. Der Gescholtene erwiderte kein Wort und ging. Sobald er aber nach Hause kam, stellte er eine Order aus, daß die Besoldung des in Rede steigenden Beamten noch um vier Beutel jährlich vermehrt werden solle, und genehmige es der Vizekönig nicht, er das Geld aus seiner Tasche bezahlen werde. Am andern Tage erschien er wie gewöhnlich bei Seiner Hoheit – und was tat der Tyrann Mehemed Ali? Kaum ward er den vielleicht doch etwas ob seiner Kühnheit besorgten alten Freund gewahr, als er lachend laut nach Kaffee rief. «Komm her», setzte er hinzu, «ich werde mich wohl hüten, Dir keinen Kaffee mehr zu geben, denn ich sehe, es kommt mir zu teuer zu stehen.» Ich zweifle nicht, daß manche alle diese zeremoniellen Details sehr kleinlich finden werden, meines Erachtens gehören sie aber wesentlich zur Schilderung hiesiger Sitten und sind deshalb nicht überflüssig. Ich begann das Gespräch mit den bei den Orientalen ebenfalls zur Etikette gehörenden Sanitätskomplimenten und eilte dann, meinen Dank für die Freundlichkeit und edle Gastfreiheit auszudrücken, deren Seine Hoheit mich würdige, was, glaube ich, nicht ganz der türkischen Sitte gemäß war. Denn Mehemed Ali schüttelte lächelnd den Kopf, erwiderte dann aber verbindlich: Wenn ein fremder Mann von Ansehn so weit herkäme, ihn zu besuchen, so wäre es wohl das wenigste, was er tun könne, ihm durch möglichste gute Aufnahme seine Freude darüber zu bezeigen. Er bedaure nur, setzte er mit großer Bonhomie hinzu, daß ich, gegen Europa gehalten, alles hier noch sehr unvollkommen finden müsse. Dies gab mir die natürlichste Gelegenheit, mein Erstaunen über die Wunder auszudrücken, die ich bereits in Alexandrien und Kahira gesehen, und ich bat im voraus Seine Hoheit, mir zu verzeihen, wenn der Enthusiasmus, den so Außerordentliches in mir erwecke, meinen Worten das Ansehen der Schmeichelei gäbe, da sie doch nur der treue Ausdruck meiner Empfindungen und der hohen Verehrung für einen Fürsten wären, der dem Orient jetzt das sei, was einst Peter der Große für Rußland gewesen, zu dessen jetzt so furchtbar angewachsener Land- und Seemacht dieser doch allein den ersten Grund gelegt. «In wieviel Zeit», fiel Mehemed Ali lebhaft ein, «hat Peter der Große seine Marine hergestellt, und aus was für Schiffen bestand sie?» Ich muß gestehen, daß ich im Augenblick weder eins noch das andere wußte, aber wohlbekannt mit der Regel, daß man große Herren nicht ohne Antwort lassen darf, gab ich in Erwiderung der unerwartet praktischen Frage Zahlen an, die zu verifizieren glücklicherweise niemand gegenwärtig war, schnell hinzufügend, daß zu des Zars Zeiten diese Branche überhaupt viel unvollkommner als jetzt gewesen sei und daher die Resultate in jeder Hinsicht auch nur viel geringer ausfallen können als die Schöpfungen des Vizekönigs, die wahrscheinlich einzig in ihrer Art in der Geschichte des Orients dastanden. Und damit sagte ich nur die Wahrheit. «Wohlan», fuhr Mehemed Ali fort, «ich will nicht leugnen, daß hier mehr als Alltägliches geschehen sei, und ich habe allerdings gestrebt, den Beispielen großer Männer zu folgen, soweit ich es vermochte. Es ist auch gewiß, daß ich jetzt mit mehr Beruhigung fortarbeiten kann. Ich stehe nicht mehr, wie früher, ganz allein. Man fängt wenigstens an, mich zu verstehen, und die Maschinerie ist im Gange. Doch nur meine Enkel können einst ernten, was ich gesät habe. Wo eine so grundlose Verwirrung herrschte als hier, wo eine so vollständige Auflösung aller gesunden Staatsverhältnisse stattfand, wo ein so ganz verwildertes, unwissendes, zu aller heilsamen Arbeit unfähiges Volk lebte – da kann die Zivilisation nur langsam wieder emporwachsen. Sie wissen, daß Ägypten einst das erste Land der Erde war, das allen übrigen vorleuchtete; jetzt ist es Europa. Mit der Zeit nimmt die Aufklärung vielleicht auch hier von neuem wieder ihren Sitz. Es schaukelt ja alles ewig in der Welt!» (Ein Lieblingsausdruck des Pascha.) Er trug mich hierauf, wie ich Kandia gefunden, und ich konnte nur mit größter Gewissenhaftigkeit erwidern, daß ich nirgends die Griechen wahrhaft freier, wohlhabender und größtenteils selbstzufriedner angetroffen habe als dort, aber auch überzeugt sei, daß des Vizekönigs früher daselbst geübte Strenge während einer partiellen, durch auswärtigen Einfluß fomentierten Insurrektion, ebensoviel als seine unparteiische Gerechtigkeit und Milde seitdem dazu beigetragen hätten, einen solchen erfreulichen Zustand hervorzurufen. «Sie hatten mich bei meiner Herrscherehre angegriffen», rief der Vizekönig mit Feuer, «und das darf kein Fürst dulden, der seine Pflicht kennt und sich selbst achtet. Im übrigen bin ich immer bereit gewesen, alles für die von mir abhängigen Griechen zu tun, was in meinen Kräften stand, ja ich habe sogar, als die europäischen Mächte mir fortwährend Vorstellungen in dieser Hinsicht machten, mich erboten, Kandia ganz nach dem Muster zu regieren, das europäische Weisheit in Griechenland selbst aufstellen würde, und nur gebeten, mich so bald als möglich mit genauen Notizen über die Resultate zu versehen, doch ist mir nie dergleichen zugekommen.» Die Ironie dieser Äußerung war nicht zu verkennen, ich eilte daher, das Gespräch auf Fabriken und neue Anlagen jeder Art, welche die höhere Kultur des Landes bezwecken, zu lenken, und damit traf ich auf des Vizekönigs Steckenpferd – wahrlich kein unwürdiges für einen Souverän! Er hoffe, sagte er, ich würde mit dem, was er hierin bereits geleistet, zufrieden sein, obgleich man auch hier nie einen europäischen Maßstab anlegen müsse, wie er sich gern bescheide. «Bald»; fügte er hinzu, «wird dieses Land wenigstens imstande sein, sich im Notfall, unabhängig von andern Ländern und ihren Produkten, eine Zeitlang selbst genügen zu können. Deshalb, und nicht bloß des Gewinnens wegen, obgleich auch dieser mir nicht entgeht, lege ich eine so große Anzahl neuer Manufakturen und Fabriken an. Überdies», fuhr Mehemed Ali fort,«sind diese Etablissements in mehr als einer Hinsicht eines der kräftigsten Zivilisationsmittel für das Volk und würden mir zugleich», setzte er mit einem glänzenden Aufblick der Augen hinzu, «im Nu 40 000 gute Soldaten mehr liefern, wenn ich sie brauchen sollte. Doch wünsche ich weit mehr, daß das Schicksal mir gestatten möge, alle meine Kräfte der Industrie und dem Ackerbau allein widmen zu dürfen. Krieg habe ich immer nur geführt, wo er nicht zu vermeiden war, und ich bin fern davon, ihn zu lieben.» Es ist wahr, daß Napoleon immer dasselbe zu versichern pflegte – indessen benutzte ich die gute Gelegenheit, sofort auf die glorreichen Kampagnen Ibrahims überzugehen; aber obgleich ein Wink Mehemed Alis schon seit einiger Zeit den ganzen Hof entfernt hatte und wir allein waren, ließ sich doch der Vizekönig über diesen Gegenstand nur in Gemeinplätzen oder, wenn man lieber will, in diplomatischen Phrasen aus. Doch lächelte er, als ich ihm sagte, es sei Seiner Hoheit wahrscheinlich ergangen wie dem Feldmarschall Suwaroff, der oft versicherte, er liebe den Krieg nicht, aber der Krieg liebe ihn; und ich hätte zugleich, fuhr ich fort, auf den Werften von Alexandria wohl bemerkt, wie gut Seine Hoheit es verstanden habe, sich durch den Krieg Mittel zum Kriege zu erwerben, womit ich das Holz zu seinen Schiffen meinte, das ihm früher gänzlich fehlte, während Adana jetzt fast allen Bedarf zu diesem Zweck im vortrefflichsten Materiale liefert. Die nicht ganz heitre Miene Mehemed Alis verriet während dieser Rede, daß er über das angeregte Kapitel mehr dachte, als er sprach. Gewiß ist es, daß er jetzt vollkommen einsehen muß, wie seine Zögerung nach der Schlacht von Konieh, wo ein zu unerwartetes Glück ihn überraschte, der einzige große politische Fehler bleibt, den ihm die Geschichte bis jetzt vorwerfen kann. Sachkundige wissen sehr wohl, daß Ibrahim, wenn er die Erlaubnis seines Vaters gehabt hätte, Brussa zu besetzen und bis in die Nähe Konstantinopels vorzudringen, was nach jener Schlacht militärisch keine Schwierigkeit mehr hatte, er unter den damaligen Umständen dem Sultan den Frieden nach Belieben diktieren konnte, ehe Rußland dies mit gewaffneter Hand zu verhindern imstande war. Die europäischen Mächte aber fürchteten mit gutem Grunde seit Jahren insgesamt den Krieg zu sehr und bewachten sich selbst gegenseitig mit zu eifersüchtigem Auge, um einem einmal solid erlangten Status quo sich irgendwo ernstlich entgegenzusetzen, wie die Erfahrung seit Napoleons Tode überall zur Genüge bewiesen hat. In dem vorliegenden Falle würde die Diplomatie ohne Zweifel einige Millionen Federn mehr abgeschrieben und eine verhältnismäßige Anzahl Papierriese und Tintenfässer verbraucht haben, ja die Protokolle der Konferenzen wären vielleicht auch jetzt noch nicht geschlossen – aber «der große Pascha» (wie ihn hier die Fremden nennen) würde deshalb nicht minder seine Stellung befestigt und die letzte Katastrophe dadurch vielleicht vermieden haben und jetzt ein selbstgekrönter, wenigstens teilweise anerkannter unabhängiger Monarch ge worden sein, gleich Louis Philippe in Frankreich, König Leopold in Belgien und Donna Maria da Glória in Portugal, ohne von St. Domingo, den spanischen Kolonien und Spanien selbst zu sprechen, in welchem letztern der endliche unzweifelhafte Sieger ebenfalls der Anerkennung nirgends ermangeln wird. Selbst die Polen würden sie erhalten haben, wenn sie nur zu siegen verstanden hätten. Ich glaube, daß alle Parteien bei diesem Ausgange der Sache gewonnen haben müßten, selbst der Sultan, der Syrien nicht regieren kann, und wenn er auch heute Ägypten wieder eroberte, es doch immer nur dem Namen nach in seinem Besitz zu erhalten vermögen würde, der also vielleicht weiser gehandelt haben würde, das immer noch kolossale, von der Natur soviel mehr als andere Länder begünstigte Reich, welches ihm geblieben war, durch Zivilisation und allmähliche Reform zu konsolidieren, als davon einmal abgerissene Provinzen wiederzuerlangen zu suchen; der ferner vernünftigerweise es hätte vorziehen sollen, statt eines bei jeder günstigen Gelegenheit wieder drohend dastehenden Feindes, unter der bloßen Firma eines von ihm abhängigen Paschas einen freien muhamedanischen Souverän zum Nachbar zu haben, dessen eignes Interesse ihn von dem Augenblick an, wo er seine Unabhängigkeit erlangt hat, zum natürlichsten Bundesgenossen der Pforte machen muß; der endlich zu berücksichtigen hatte, daß Mehemed Ali für eine solche Konzession jedes mögliche nachhaltige Geldopfer freiwillig zu bringen bereit gewesen sein würde, eine Ressource, welche bei dem Zustande der türkischen Finanzen willkommener gewesen wäre als ungehorsame Provinzen wiederzuerlangen, die mehr kosten als einbringen. Wie oft mag es das spanische Gouvernement schon bereut haben, in ähnlicher Lage mit seinen insurgierten Kolonien zu lange gezögert zu haben. Daß ganz Europas Ruhe und der allgemeine Friede in mehr als einem Bezuge auf lange Zeit durch kein Ereignis mehr hätte gesichert werden können, kann wohl kaum bezweifelt werden. Den größten Vorteil würden allerdings Mehemed Alis eigne Länder nebst einem großen Teile Afrikas daraus gezogen haben, wenn dieser Fürst die ungeheuren Summen, welche ihn sein prekärer Zustand zwang, auf eine Flotte von mehr als fünfzig Schiffen und eine Landarmee von nahe 150 000 Mann inklusive der irregulären Banden zu verwenden, zum höhern Flor der innern Industrie jeder Art und zu einer durchgreifenden Verbesserung der Lage seiner Untertanen zu benutzen imstande gewesen wäre. Kunst und Wissenschaft, die neubegonnene Zivilisation eines ganzen Weltteils, waren gleich lebhaft bei der Sache interessiert – und es blieb praktisch und theoretisch unpassend, so mannigfachen Interessen nur die Illegitimität Mehemed Alis entgegensetzen zu wollen, da dieser Begriff im Orient gar nicht auf dieselbe Weise existiert als bei uns. Und war seine Macht illegitim, zugleich aber doch zu fest begründet, um anders als gewaltsam umgestoßen werden zu können, so wäre es eben der beste Weg für künftige Ruhe und Stabilität des Orients gewesen, sie je eher je lieber zu legitimieren, damit sie nicht ewig ein offenes Pulverfaß darbiete, das der erste vorüberfliegende Funke wieder entzünden kann. Mehemed Ali bedurfte es zur unerschütterlichen Konversation seiner selbst, seiner Familie und des großen Werkes seines tatenreichen Lebens, daß die Unabhängigkeit, welche er de facto errungen, auch de jure anerkannt worden wäre. Und er konnte dieser Hoffnung Raum geben, da man anderwärts ja überall in diesem Sinne gehandelt. Gehörte denn Griechenland dem Sultan nicht ebenso rechtmäßig, als Syrien und Ägypten, und ist König Otto ein Vasall der Pforte? Hatte der Sultan nicht auch auf Algier dieselben legitimen Ansprüche wie auf die ägyptischen Länder, und erkennt Louis Philippe daselbst etwa die Oberherrschaft der Pforte an, welche diese früher über den dortigen Dey ausübte? Oder fehlte es Mehemed Ali etwa an gleich fest begründeter Autorität? Er ist bis auf diesen Augenblick noch ein weit unumschränkterer, ein weit besser respektierter Herrscher in dem Gebiet, was er sich erhalten hat, als es bis jetzt weder König Otto in Griechenland, noch die Franzosen in Algier, noch der Sultan in seinem eignen Reiche sind. Hätte er daher nur den rechten Moment benutzt und sich damals als Sieger nach seinen gewonnenen Schlachten nebst der Sache auch den Namen gegeben und sich mit kühner Hand selbst die Krone aufgesetzt, so würde sie ihm wahrscheinlich weder das Schwert noch die Diplomatie wieder entrissen haben, ja entreißen wollen. Was er aber damals als schnelle Tat versäumte, auf dem Wege der Negotiation zu versuchen, war eine Schwäche und das Gelingen unmöglich, wenn er auch alle Vernunftgründe der Welt auf seiner Seite gehabt hätte. In der Politik wie in der Liebe gibt es Dinge, «qui se font, mais qui se ne disent pas», und wenn die europäischen Mächte sich auch, um die Selbständigkeit der Hellenen zu fördern, in einer Zeit ritterlichen Rausches zur Schlacht von Navarin mitten im Frieden berechtigt geglaubt haben, so war es doch zu bezweifeln, daß sie für die Selbständigkeit des Reichs der Pharaonen eine gleiche Sympathie zeigen würden. Einige Altertümler, Geschichtsforscher und Geographen möchten allein mit Prädilektion dabei zu Werke gegangen sein; diese Art Leute aber kommandieren weder Flotten noch Armeen. Ich fürchte daher, daß, zum Nachteil der Ruhe und des Friedens Europas und Asiens, zum Nachteil der Kunst und der Wissenschaft, für die mit einer neubeginnenden Zivilisation auch eine neue Morgenröte tagte und zum endlichen Ruin Ägyptens selbst sich unsres Schillers Worte an Mehemed Ali bewähren werden: «Was du von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück.» Man mag obiger Stelle freilich die Farbe der Zeit ansehen, in der sie hauptsächlich geschrieben wurde, aber ich frage jeden Unparteiischen noch heute: Was hat die Welt dadurch gewonnen, daß man mit europäischer Übermacht Mehemed Ali erdrückte? Ist die Türkei dadurch selbständiger geworden, oder ist Syrien und Kandia durch so viel vergossnes Blut jetzt glücklicher, zivilisierter, reicher oder besser regiert? Hat der täglich mehr aufblühende englische, französische und deutsche Handel mit Syrien und Ägypten dadurch gewonnen, oder ist er nicht vielmehr größtenteils vernichtet? – Mit einem Wort: Hat irgendeine Macht, ja ich möchte sagen, irgendein Individuum gewonnen? Wieviel aber ist, vielleicht für Jahrhunderte, dadurch verloren, wieviel Samen gefährlichen Aufgangs für die Zukunft ausgestreut worden! Man lese zur Beleuchtung des hier Gesagten unter vielen andern Zeugnissen der neuesten Zeit beispielsweise den Brief des Herrn von Wildenbrucks, Preußischen Konsuls in Syrien, in den Monatsberichten über die Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, welcher so beginnt: «Vom politischen Zustande denken Sie sich das Schlimmste, und Sie werden der Wahrheit nahe kommen: Alles, auch die Stimmung gegen Christen und Franken schlimmer, feindseliger, unordentlicher, unsicherer, ärmlicher und hoffnungsloser als zur Zeit meines ersten Aufenthaltes. Alles verfällt und löst sich mit einer Schnelligkeit auf, die ich dem sonst so stationären Orient nie zugetraut hätte; nur die Geldbeutel der Paschas und der an Gewissenlosigkeit ihnen gleichen europäischen Kaufleute prosperieren. Nur einen Wohltäter hat dieses unglückliche Land seit Jahrhunderten gekannt, Ibrahim Pascha, und diesen hat man hinausgetrieben! Mit Verwunderung sehe ich, daß nicht ein Mensch, wes Glaubens er sei, etwas anderes zurückwünscht als die Tage der ägyptischen Herrschaft. Die einzige Ausnahme machen jetzt jene von oben her gewaltig angefeuerten und begünstigten fanatischen Muhamedaner, welche sich freuen, einen Raja für 50 Piaster Strafe (1½ Tlr.) erschießen zu können. Dies geschah kurz vor meiner Ankunft trotz der schönen Worte von Gülhaneh, Ibrahim hatte vollständige Sicherheit im Lande gegründet, unglaublich viel für den Landbau geleistet und die Beamten am übermäßigen Stehlen gehindert: Aber das alles ist spurlos verschwunden und bald wird auch das letzte Bollwerk eines besseren und freieren Zustandes, der Libanon, in den allgemeinen Ruin hingezogen werden. Die türkische Regierung (die ich ein für allemal wohl von dem individuell so achtungswerten türkischen Volke zu trennen bitte) hat hier durch Aneinanderhetzen der Drusen und Maroniten großenteils die Kraft dieser Völker, welche seit Jahrhunderten ihre Freiheit bewahrten, gebrochen; jetzt, wo beide mit Schrecken die möglichen und wahrscheinlichen Folgen ihres Zwiespaltes erschauen, wo eine von Europa herkommende Ordnung des Zustandes des Landes immer entfernter scheint, fehlt gegenseitigem Zutrauen zu gemeinschaftlichem Handeln.» Usw. Mehemed Ali, der alles dies erfährt, mag wohl immer noch sanguinische Hoffnungen für die Zukunft hegen. Damals, als ich in Ägypten war, konnte ich, nach seinen so oft wiederholten Äußerungen, mich nur überzeugen, daß er ebensosehr eine friedliche Lösung seiner Angelegenheiten durch europäische Unterstützung gewünscht hätte, um alle Kraft seines Genies auf das Wohl seiner eigenen Länder zu wenden, als er auf der andern Seite von der Wahrheit durchdrungen war: daß die Erlangung seiner anerkannten Unabhängigkeit auf jede mögliche Weise jetzt eine Lebensfrage, vielleicht eine Bedingung seiner eignen Existenz, jedenfalls die der Dauer seiner Schöpfung in der Gegenwart wie in der Geschichte für ihn geworden sei. – Seiner anerkannten Unabhängigkeit, sage ich, denn mehr hat er nie erstrebt, und es ist nichts lächerlicher, nichts mehr eine völlige Unbekanntschaft mit türkischer Verfassung, Religion und den dort unumstößlichsten Überzeugungen verratend, als die so häufig auf das Tapet gebrachte Besorgnis: Mehemed Ali habe den Sultan entthronen wollen, um sich an seine Stelle zu setzen. Dies kann Mehemed Ali ebensowenig in der Türkei, als es zum Beispiel dem Fürsten Metternich in der Christenheit trotz all seines Einflusses, möglich sein würde, Papst zu werden. Den Sultan zwingen, ihn zum Großwesir zu machen und so an seiner Stelle das Reich zu regieren, das wäre als Sieger dem Vizekönig möglich gewesen und war vielleicht , wiewohl ich es nicht im geringsten glaube, einer seiner Wünsche. Gewiß ist es wenigstens, daß dessen Erfüllung der Türkei nicht gefrommt haben würde, als Mehemd Alis Untergang. Daß man ferner Mehemed Alis Bemühungen, sein Land, soweit seine Einsicht reicht, zu zivilisieren, größtenteils von unserm Standpunkte aus nur verspottet hat, finde ich ebenso kurzsichtig als unhistorisch. Mit einem Sprunge kann Ägypten kein zivilisierter Staat nach europäischen Begriffen werden, selbst wenn es morgen unter die Botmäßigkeit der Franzosen oder Engländer käme. Man schlage doch nur David Hume auf, um sich zu überzeugen, daß unter Heinrich dem Achten und selbst noch unter Elisabeth der Zustand fast derselbe war wie heute unter Mehemed Ali, in manchem, zum Beispiel der religiösen Unduldsamkeit, schlimmer. So finden wir das Monopolwesen, über das am meisten geschrien wird, die Bestechlichkeit und Immoralität der Behörden wie die rücksichtslose Willkür des Gebieters (denn die Parlamente hatten damals nicht mehr Einfluß als ein türkischer Divan) ganz dieselben zu jener Zeit in England wie heute in Ägypten. Demohngeachtet haben sich aus diesen so mangelhaften Anfängen die jetzigen Engländer, eine der ersten, aufgeklärtesten und mächtigsten Nationen der Welt, nach und nach entwickelt, welches hinlänglich beweist erstens: daß jede organische Bildung, wenn sie auch immer durch den gegebnen Anstoß großer Individuen ins Leben tritt, dennoch nur klein, ungewiß und mangelhaft beginnen muß, um aus eignen Erfahrungsversuchen nach vielfachem Irrtum später erst das Rechte zu finden. Zweitens: daß es aus diesem Grunde der höchste Grad der Absurdität ist, fortwährend an ägyptische Zustände den heutigen europäischen Maßstab legen und von der dortigen Bildung, Regierung wie Regierte betreffend, dieselben Resultate als von der unsrigen verlangen zu wollen. Man vergleiche lieber Europas Mittelalter mit dem jetzigen Zustand Ägyptens, und dann diesen mit dem, was das Land vor Mehemed Ali unter der Herrschaft der Mamlucken war. Mehemed Alis Wirken, solange es ungehemmt blieb, hat unbestreitbar die wichtigsten Grundbedingungen aller Zivilisation zuerst im heutigen Orient hervorgerufen: Ordnung, Sicherheit und das Erwachen einer höhern Industrie. Hiermit hat er, trotz hundert Fehler und Mängel, die Dankbarkeit der Geschichte verdient. Doch ich kehre zu meiner Audienz zurück. Der letzte Gegenstand meiner Unterhaltung mit Mehemed Ali an diesem Tage betraf ein zweites Lieblingsthema des Vizekönigs, die Erziehung der Jugend, und er schilderte mit Feuer, was er bis jetzt zu diesem Behufe getan. Wer ihn hierüber gehört und dann mit eignen Augen die wohltätigen Folgen gesehen hat, die ein so kurzer Zeitraum schon hervorgebracht, muß blind sein wollen , um zu verkennen, daß dieser Mann in der Hauptsache oft nur den Schein eines rücksichtslosen Egoismus auf sich lud, um der Wohltäter seines Volkes für Jahrhunderte werden zu können , daß er wenigstens alles, was er unfähigen Händen nahm und nimmt, doch auch mit wohlgesinnter Absicht einer sich heranbildenden Population wiedergibt, die mit jedem Tage, wenn auch langsam, doch sicher einem ganz neue regenerierten Leben entgegenschreitet. Er hat allerding weder einen bedeutenden baren Schatz, noch hält er eine kostspieligen Hofstaat, ja ohngeachtet seiner so reißend angewachsenen Revenuen, die sich jetzt höher gesteigert als die der preußischen Monarchie, ist er oft kaum imstande, die laufenden Ausgaben zu bestreiten, weil er immer Neues schaffend, wenig oder nichts zurücklegt Deshalb sagte auch der Courier de Smyrne: «Mehemed Alis Finanzen seien in dem schlechtesten Zustande, und er habe bereits ein ganzes Jahr seiner Revenuen voraus verzehrt.» Wäre dies wahr, was es nicht ist, so müßte demohngeachtet Mehemed Ali noch verhältnismäßig für den reichsten Fürsten in der Welt gelten, denn welchen zivilisierten Staat in Europa gibt es, der nicht ein, zwanzig, hundert Jahre seiner Revenuen im voraus verausgabt hätte! . Wie gesagt, er gibt, wie er nimmt. In keinem Lande sind verhältnismäßig die Staats- und Militärbeamten nur zur Hälfte so hoch besoldet als hier, so daß die es auch recht gut vertragen können, nicht sehr regelmäßig bezahlt zu werden, was ich jedoch, da es meist absichtlich, aus kleinlichem Interesse geschieht, für eine sehr schlechte und unpolitische Maßregel halte. Außer der Unzahl von angelegten Fabriken, Kanälen und andern großartigen Wasserbauten, Hospitälern, Schulen und Etablissements aller Art, die den Fortschritt der Zivilisation bezwecken, sind in diesem Augenblick von neuem nur in Kahira und seiner Umgebung fünfundneunzig öffentliche Gebäude im Bau begriffen, und elftausend Kinder und junge Leute werden vom Vizekönig in progressiven Anstalten mit bei uns unbekannter Profusion gekleidet, ernährt, unterrichtet und sogar besoldet ! Die Einrichtung dieses, hinsichtlich der Munifizenz in solchem Umfang nirgends seinesgleichen findenden Erziehungswesens ist im kurzen Abriß folgende. In jeder Provinz befinden sich mehrere Primärschulen für den ersten Elementarunterricht, wo die Kinder, wie in allen übrigen Erziehungsanstalten des Vizekönigs, freie Wohnung, Kost, Kleidung und von fünfzehn bis zu dreißig Piaster monatliche Besoldung erhalten. Von hier gehen sie in die großen Vorbereitungsschulen über, deren sich eine in Kahira, die andere in Alexandrien befindet und wo die Besoldung von 30 bis 50 Piaster steigt. Nach vierjährigen Studien treten sie in die höheren Schulen ein, die sogenannte polytechnische in Bulak, die der fremden Sprachen in Kahira, die der Artillerie in Tura, der Kavallerie in Dschiseh, der Infanterie in Damiette, der Marine zu Alexandrien und der Medizin in Abu-Zabel, in welchen allen die Besoldung der Schüler 100-150 Piaster erreicht. Aus diesen Schulen, denen sich auch noch eine eigne Musikschule neuerlich angeschlossen, gingen bereits viele Lehrer und ein großer Teil der jetzigen Staatsbeamten hervor. Außerdem werden fortwährend viele Individuen nach Europa auf des Vizekönigs Kosten zu Bildung jeder Art gesandt. Diejenigen, welche ein Handwerk erlernen und ihre Geschicklichkeit darin hinlänglich bekunden, dotiert der Vizekönig sehr häufig mit einem Kapital bis zu 12 000 Piaster und bezahlt ihre ganze Einrichtung bis auf die Werkstätten und Verkaufsläden hinab, deren man, in der Stadt umhergehend, in allen Straßen immer neue entstehen sieht und sie leicht an der Eleganz und Solidität ihrer Ausführung erkennt. Mit wie gleicher Generosität die Marine versorgt wird und ihre eignen Anstalten jeder Art hat, meldete ich bereits früher, und noch viel einzelnes dieser Art könnte hinzugefügt werden. So führt der Vizekönig jetzt die Vakzine ein, und da das Volk dawider ist, zahl er für jedes Kind, das vakziniert wird, den Eltern einen Piaster. In den Hospitälern, denen der unermüdlich tätige Clot Bey vorsteht, wird, obgleich sie ursprünglich nur für das Militär bestimmt sind, jetzt dennoch auch jeder andere Kranke, der darum bittet, unentgeltlich aufgenommen, und wer nicht Platz findet, wenigstens gratis mit Medikamenten versehen, wiewohl die Abneigung, welche die Eingebornen gegen Hospitäler haben, sie selten davon Gebrauch machen läßt. «Ich mußte von jeher», sagte der Vizekönig, «die Leute hier zu ihrem Besten zwingen oder sie dafür bezahlen .» Beim Abschied reichte mir Mehemed Ali, auf meine Bitte, nach europäische Weise die Hand, was hier allerdings nicht üblich ist, aber von ihm so herzlich aufgenommen wurde, wie es erbeten war, denn er freute sich der sichtlichen Verehrung, die er meiner leicht enthusiasmierten Natur wirklich eingeflößt hatte. Er fügte dann noch verbindlich hinzu, daß, da er bald nach Oberägypten abreise und ich, wie er höre, dieselbe Absicht habe, meine Begleitung ihm angenehm sein würde, ich ihn aber auch, solange er noch hier verweile, an jedem Tage besuchen könne, wo und wie es mir konveniere. Nach dieser gnädigen Äußerung entließ er mich mit einem Ausdruck würdevoller Güte und sich selbst bewußter Größe, der mir ebenso tief als das Andenken seiner gehaltreichen Worte eingeprägt geblieben ist. Obgleich nun, als wir näher bekannt wurden und Mehemed Ali mehr Vertrauen zu mir faßte, meine folgenden Unterredungen mit ihm sehr an Interesse gewinnen mußten, so behielt doch dieser erste Eindruck sein Recht und bildete sozusagen den Umriß, aus welchem sich später die vollständigere Gestalt entwickelte. Es wird vielleicht nicht unwillkommen sein, wenn ich hier im Auszuge die Übersetzung eines mir im Manuskript mitgeteilten offiziellen Rapports Sir John Malcolms Gouverneurs von Bombay, eines der anerkannt ausgezeichnetsten Männer Englands, einschalte, der ebenfalls von einer Audienz bei Mehemed Ali einige Jahre vor der meinigen handelt, ein höchst merkwürdiges Aktenstück in mehr als einer Hinsicht. Sir John Malcolm beginnt also: «Ich werde nun versuchen wiederzugeben, was zwischen Mehemed Ali und mir bei dieser Gelegenheit stattfand. ‹Sie waren schon in Ägypten›, sagte der Pascha, ‹und von dem, was damals geschah, und den Kommunikationen, die seitdem zwischen uns erhalten wurden, betrachte ich Sie in dem Licht eines alten Freundes. Niemand wird besser beurteilen können, inwiefern ich beharrlich im Verfolg meiner Ihnen bekannten Pläne geblieben bin und in welchem Grade ich sie auszuführen verstanden habe. Ihre genaue Bekanntschaft mit Indien, Arabien und Persien und mit dem Geist dieser Länder macht Sie fähiger als andere zu beurteilen, was in Ägypten geschehen, und zugleich werden Sie demzufolge erwägen können, inwiefern Ägyptens jetziger Zustand es eines politischen Verhältnisses (political connection) zu England würdig macht. Da nun dem Orient Begebenheiten von nicht geringer Bedeutung nahe bevorzustehen scheinen und ich wünsche, Ihnen meine Ansichten darüber mitzuteilen, so werde ich dies mit vollem Vertrauen tun, wie zu einem Freunde, und ich hoffe, daß Sie, obgleich jetzt in keiner offiziellen Eigenschaft hier gegenwärtig, doch die Gelegenheit wahrnehmen werden, das englische Ministerium davon zu unterrichten.› Ich erwiderte dem Pascha, daß, da er wisse, daß ich in diesem Augenblick kein öffentliches Amt bekleide und er mir dennoch, bloß aus Motiven der Freundschaft, mit der er mich beehre, diese Eröffnungen mache, so wolle ich zwar gern seinen Wunsch erfüllen, doch könnte ich nicht mehr versprechen, als, wenn ich um meine Meinung gefragt würde, ich diese aufrichtig geben wolle, aber nicht dafür stehen könne, ob sie Anklang fände. ‹Ihr Gouvernement›, fuhr Mehemed Ali fort, ‹verrät in allen seinen Unterhandlungen mit mir viel Kühle (coldness) , um nicht zu sagen Gleichgültigkeit, während ich alles tue, um ihm zu gefallen. Dies steht in sehr merkbarem Kontrast mit dem Benehmen Frankreichs, das jede, auch die unbedeutendste Gelegenheit ergreift, seinen Wunsch auszudrücken: mich durch die schmeichelhaftesten Attentionen zu gewinnen.› Diese Verschiedenheit, sagte ich, hätte ihren Grund mehr in der Verfassung unsrer Administration als in einem Mangel an Freundschaft oder Vernachlässigung in bezug auf seine Hoheit. Auch sei unser Charakter ganz dem der Franzosen entgegengesetzt, und wenn wir auch nicht gleich ihnen auf jede gute Gelegenheit paßten, uns ihm angenehm zu machen, so würde er doch bei allen wichtigen Fällen, dies sei ich überzeugt, wahrnehmen, daß wir ebenso aufrichtige und viel nützlichere Freunde für ihn seien als die Franzosen (sic!). ‹Gut, ich will es glauben›, fuhr der Pascha fort, ‹aber wenn ich eine Änderung in dem Mangel an Wärme von seiten Englands für mich wünsche, so geschieht dies noch aus andern Gründen als meiner persönlichen Gratifikation zuliebe. Ich wünsche auch in den Augen der Welt durch eine Nation begünstigt zu sein, von der ich wohl weiß, daß ich ganz abhängig bin in allem, was die Prosperität meines Landes und den Erfolg meiner gegenwärtigen und künftigen Pläne betrifft. Aber ich glaube auch, daß diese mit dem wahren Interesse Englands ganz übereinstimmen. Doch ehe ich fortfahre, Ihnen mein Herz aufzuschließen, muß ich einen Augenblick auf das zurückgehen, was kürzlich geschehen ist.› Er detaillierte mir hierauf die Mission des Oberstleutnants Craddock, die Negotiation Herrn Barkers, um ihn zu bewegen, sich zur Eroberung von Algier an die Franzosen anzuschließen, seine Weigerung, die Zufriedenheit des englischen Ministeriums mit der freien und offnen Auseinandersetzung seiner Handlungsweise und die Motive, die ihn leiteten. ‹Ich fürchte›, fuhr er fort, ‹daß die Auflösung des türkischen Reichs über kurz oder lang unabwendbar ist. Sie mag einige Zeit aufgehalten werden, aber sie zu verhindern, halte ich für unmöglich. Meine Absicht ist, eine Linie zu bilden (to form a line) , hinter welcher die, welche meines Glaubens sind und nicht wünschen, Rußlands Joch zu tragen, sich vereinigen können, was dadurch erreicht werden kann, daß ich meine Autorität über ganz Syrien extendiere und bis an die Grenzen Persiens fortschreite. Dies mag Ihnen ein phantastischer Plan scheinen, aber ich habe die Mittel und kann die noch fehlenden schaffen, die hinlänglich sind, den Erfolg zu sichern. Mein Besitz der heiligen Städte von Mekka und Medina und das Ansehn, dessen ich bereits in Arabien genieße, werden diesen Plan außerordentlich fördern, und ich hoffe, daß man es auch in Konstantinopel aus dem rechten Gesichtspunkte ansehen wird, da in der Tat das Osmanische Reich dadurch nur gestärkt werden kann . Ich verzweifle nicht, dies dem Sultan auf freundschaftlichem Wege begreiflich zu machen, da er doch endlich einsehen muß, daß bei dem jetzigen Stand der Dinge diese elende (wretched) und eifersüchtige Politik, die seit so lange alle Provinzen des türkischen Reichs durch eine ewige Folge von neuen Chefs und neuen Insurrektionen zugrunde richtet, verlassen werden muß! Alles was ich brauche, alles was ich wünsche, ist, daß England mir seine Freundschaft zusichert, damit mein Gemüt beruhigt sei, damit ich mit Zuversicht wisse, daß, während ich mich von allem Verkehr mit den andern christlichen Staaten zurückhalte – ich keine Hostilität von der Nation zu befürchten habe, deren wahre Interessen, wie ich überzeugt bin, mit den Plänen, die ich bereits ausgeführt, und die ich noch auszuführen gedenke, vollkommen konform sind. England muß wünschen, daß Ägypten feststehe wie jetzt, einmal wegen seiner nächsten Verbindung mit Indien, zweitens daß ein nicht so leicht einzureißender Damm existiere gegen Rußlands Fortschritt in Asien. Der türkische wie der persische Thron sind von dorther erschüttert worden, wirksamere Mittel sind nötig, als einer dieser Herrscher besitzt, um jene Flut der Eroberungen aufzuhalten, und Sie mögen von dem, was Sie gesehen, urteilen, ob ich der Mann dazu bin.› ‹Ich weiß›, setzte er hinzu, ‹daß die Politik Englands dem Prinzip der Nichteinmischung folgt, aber ich verlange weder Geld noch Hilfstruppen noch Verpflichtungen (engagements) , ich brauche nur die Versicherung der Freundschaft Englands und dessen aufrichtige Gesinnung – aber diese sind wesentlich (essential) , denn ich fühle, daß ich so lange paralysiert bin, bis ich mit vollem Vertrauen auf Ihr Land als ein solches rechnen kann, das das Wachstum meiner Macht gern sieht, weil es überzeugt ist, daß diese Macht mit dem Fortschritt der Reform, der Zivilisation in einem Teil des Erdbodens, der bisher nur der Schauplatz des Vorurteils, der Unwissenheit und der Barbarei war, gleichen Schritt hält.›» Um nicht zu ermüden, übergehe ich mehrere Seiten der noch lange fortdauernden Konferenz, deren Inhalt weniger schlagend ist und das bereits Aufgestellte nur noch besser zu erläutern sucht. Zuletzt versicherte Sir John dem Pascha nochmals, daß er dem englischen Ministerio nicht nur genau alles vortragen werde, was er gehört, sondern auch, was er gesehn. «‹Tun Sie das›, erwiderte Mehemed Ali, ‹und machen Sie frei und wahr Ihren Rapport, wie Sie glauben, daß ich ihn verdiene . Ihr Leben ist im Verkehr mit orientalischen Fürsten und mehr in Asien als in Europa beschäftigt hingegangen. Sie waren Gesandter und Gouverneur, Sie kamen vor zehn Jahren nach Ägypten und sahen alles, wie es war. Ich teilte Ihnen schon damals meine Pläne mit. Sie sind wiedergekommen und nun selbst der beste Richter darüber, ob ich Wort gehalten. Sagen Sie nichts als die Wahrheit und was Sie der gesunden Politik ihres Vaterlandes für angemessen erachten. ›» Ich übergehe gleichfalls alles Schmeichelhafte, was Sir John über Mehemed Ali hinzugefügt, als überflüssig. Mehemed Ali spricht in dieser Unterredung hinlänglich für sich selbst, und jeder Leser mag urteilen, wer als der freimütigere Mann, der großartigere Politiker hier erscheint, der später unterliegende Mehemed Ali oder sein mit Englands Macht schaltender Unterdrücker Lord Palmerston. Auch ich fand den Vizekönig noch immer in einer vertrauungsvollen Stimmung für England und mit dem heißen Wunsche, es für sich zu gewinnen, obgleich er sich schon zur französischen Seite hinzuneigen begann. Er wird sich manchmal daran erinnert haben, wie ich ihn damals gleichmäßig gewarnt, weder auf Englands Freundschaft zu hoffen, noch auf Frankreichs Treue zu bauen; nur darin gestehe ich, mich vollständig geirrt zu haben, daß ich Österreichs Politik am günstigsten für ihn gestimmt glaubte, weil eine starke Macht in Asien gegründet zu sehen, mir Österreichs Interesse nur angemessen schien, da Österreichs Handel mit Ägypten und Syrien fortwährend stieg und bei diesen Beziehungen kein Privatinteresse gegen Mehemed Ali ins Spiel kam. Die Prinzipien einer chevaleresken Legitimität glaubte ich aber auf den Orient noch weniger anwendbar als auf Griechenland, wo von ihnen nie die Rede war. Mein Refrain war immer, Mehemed Ali zu sagen, unsere erste Rechtsregel in Europa sei: beati possidentes! Er solle siegen und sich in festen Besitz setzen, so würde dieser bald von Freund und Feind anerkannt werden. Dies wäre wahrscheinlich auch geschehn, wenn er nicht zweimal seine Siege nur zur Hälfte benutzt und nachher wie vorher mit europäischen Mächten weniger negoziiert hätte. Die Stadt. Das Schloß Von der Audienz ritt ich durch den andern Teil der schönen Promenaden – an deren Grenzen man da, wo sie noch nicht beendigt sind, auch jetzt noch zum Teil die chaotischen Trümmerhaufen sehen kann, derengleichen sonst den ganzen Raum dieser ausgedehnten Anlagen einnahmen – nach der Stadt. Kurz nachdem man die Chaussee erreicht hat, welche, mit einer Allee eingefaßt, von Bulak in gerader Linie nach Kahira fährt, passiert man das westliche Tor Bab-el-Guenéné und betritt den berühmten Platz Esbekieh, der seit kurzem nicht weniger Veränderungen als seine schon geschilderte Umgegend ausgesetzt gewesen ist. Einen Teil des Jahres überschwemmte ihn sonst der Nil, alle Passage zu Lande hindernd. Dies ist nun geregelt, das heißt, die weite Fläche des Platzes, welcher wohl über eine halbe Stunde im Umfang hat, wurde mit einem regelmäßigen Damme umschlossen, der nur in der Überschwemmungszeit einen weiten See, den übrigen Teil des Jahres aber eine grüne Kleeflur umschließt, und, mit Bäumen bepflanzt, eine schattige Promenade bildet. Außerhalb des Dammes geht noch ein zwanzig Fuß breiter Kanal rund umher, welcher durch Schleusen mit dem See in Verbindung steht, ihm sein Wasser zuführt und die Dämme von der um den Platz laufenden Straße trennt. Diese hat 100 Fuß Breite und wird auf der äußern Seite durch Häuser, auf der innern durch Akazienreihen begrenzt. Unter diesem kühlen Laubgewölbe kann man nun zu jeder Zeit einer anmutigen frischen Aussicht bald auf den Spiegel des Sees, bald, wenn dieser verschwunden, auf seinen grün gewordenen Feldgrund genießen. Auf drei Seiten umgeben schöne Paläste im orientalischen Stil, mehrere von historischem Interesse, den Esbekieh, den vierten Teil nimmt eine Reihe hoher und finstrer, aber dennoch pittoresker Holzhäuser der Kopten ein. Von den Palästen erwähne ich zuerst den, welchen Napoleon bewohnte und der noch gut erhalten ist; dann interessiert vorzüglich der, wo Kléber sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte und in dessen Garten der fanatische Soliman diesen tapfern Elsässer ermordete. Eine Frau aus dem Nebenhause verriet den suchenden Soldaten den Mörder, welcher dicht neben dem Schauplatz seiner Tat in einen Saki hinabgestiegen war, wo ihn die Franzosen wahrscheinlich ohne die erhaltne Anzeige nie gesucht haben würden. Soliman unternahm den Mord Klébers, um seinen gefangenen Vater auszulösen, dessen Freigebung der Pascha von Damaskus für diesen Preis versprochen hatte. Dieser Mensch war so exaltiert in seinem Fanatismus, daß er noch auf dem Spieße und kurz vor seinem Tode mit verächtlicher Pantomime ausspuckte, als sich ihm der jetzige preußische Konsul in Kahira, Herr Bokti, der mir selbst das Faktum erzählte, mit einem andern Franken näherte. Das Klébersche Palais ist jetzt das Ministerium des öffentlichen Unterrichts, der Garten aber gehört zu dem prächtigen Palast der Tochter Seiner Hoheit, Witwe des berüchtigten Defterdars, dessen unerhörte Grausamkeiten noch im frischesten Andenken Fremder und Einheimischer in Kahira geblieben sind. Vieles hielt ich anfänglich für Fabeln, von der Mißgunst erfunden, bis ich durch die achtungswertesten und unparteiischesten Augenzeugen selbst das Unglaublichste bestätigen hörte. Es muß wohl prädestinierte Tigernaturen, wie Lammsnaturen, geben, wenigstens kann man die seinige nicht mit mehr Naivität zur Schau tragen, als es der Defterdar tat. Einst beklagte er sich im Gespräch mit dem französischen Konsul über die unbezwingliche Hartnäckigkeit der Beduinen. «Denken Sie», sagte er, «was mir neulich begegnet. Zwei dieser Kerls rühmten sich ihres Vaters gegen mich und nannten ihn einen Stier. ‹Gut›, erwiderte ich, ‹wenn Euer Vater ein Stier war, so muß Eure Mutter eine Kuh gewesen sein.›» «Glauben Sie», fuhr er fort, «daß ich diese obstinaten Menschen dahin bringen konnte, diesem ganz einfachen Räsonnement beizupflichten? Nichts war fähig, ihren Trotz zu beugen. Um sie ein wenig nachgiebiger zu machen, befahl ich zuerst, ihnen die rechte Hand abzuhauen, und stellte dann die Frage von neuem an sie. Da dies nichts fruchtete, die linke, dann einen Fuß nach dem andern, und immer blieben die Hunde dabei, ihr Vater sei ein Stier gewesen, aber ihre Mutter dennoch keine Kuh. Endlich verlor ich die Geduld und ließ, was von ihnen noch übrig war, in den Nil werfen, wo sie bis zum Untersinken, noch mit dem letzten Atem, trotzend stammelten: Keine Kuh!» Andere, gleich starke und leider ebenso wahre Anekdoten über diesen Unmenschen findet man in mehreren Reisebeschreibungen. Dieser Defterdar war dabei, nach aller Aussage, ein Mann von höchst edlem Anstande und großer Würde in seinen Manieren, voll Tapferkeit und Klugheit und so unterrichtet für einen Türken, daß man ihm eine nicht ganz unrichtige Karte des Sennar verdankt, die er während seiner furchtbaren Rachekampagne zur Bestrafung der Mörder Ismaels in Schendy selbst aufgenommen und gezeichnet hatte. Man fand ihn gewöhnlich in der Gesellschaft eines gezähmten Löwen und dito Tigers, und die Furcht der Europäer bei einem so ungewohnten Anblick pflegte ihn sehr zu belustigen. Zuweilen hetzte er beide Tiere aufeinander, was einmal einem seiner Mamelucken, der sie wieder auseinanderbringen sollte, das Leben kostete. Der Vizekönig suchte diese wilde Natur so unschädlich als möglich zu machen, aber die Folgen der durch Mehemed Ali erst begonnenen Zivilisierung hatten damals noch wenig Fortschritte gemacht, es ging noch in den meisten Dingen wie vormals zu, und der Defterdar war zu mächtig und angesehen, der Vizekönig selbst dankte ihm zu viel, um streng mit ihm verfahren zu können. Jetzt würde sich die Sache bald anders gestaltet haben, und es kursierte sogar lange das Gerücht, daß der Defterdar auf Mehemed Alis Befehl, seiner intolerablen Grausamkeiten wegen, heimlich hingerichtet worden sei. Große Erinnerungen knüpfen sich auch an zwei andere Paläste, wovon den ersten Khosref Pascha, der Todfeind Mehemed Alis, und den andern, welcher jetzt in ein Lazarett umgeschaffen worden ist, dieser selbst bewohnte, als er noch weit entfernt von seiner jetzigen Macht war. Hier war es, wo Mehemed Ali, der damals nur eine Oberbefehlshaberstelle in der Armee einnahm, überdrüssig seiner ruhelosen Lage, um die sich immer neue Gefahren gleich drohenden Gewittern herreihten, oder diesen Überdruß vielleicht auch nur mit schlauer Verstellung vorgebend, seinen Getreuen erklärte, daß er sich entschlossen habe, Khosref Pascha die Beherrschung Ägyptens friedlich zu überlassen, und sich, von allem politischen Einfluß entfernt, in den Privatstand zurückzuziehen. Viele Tage lang drangen seine Freunde, vorzüglich die Albanesen und Arnauten stürmisch in ihn, dieses Vorhaben aufzugeben, doppelt aufgebracht auf Khosref Pascha, da dieser ihnen höchst ungeschickterweise den Sold vorenthielt, während er die Nachricht unter ihnen verbreiten ließ, Mehemed Ali habe ihn bereits bezogen und wolle ihn für sich behalten, wovon dieser jedoch, indem er den Defterdar (Zahlmeister) holen ließ, den Truppen leicht den Gegenbeweis lieferte. Nachdem er sich lange hatte bitten lassen, energischer zu verfahren, rief er endlich, aufspringend und seinen Säbel ziehend: «Wohlan, ich will euren Wunsch gewähren, aber schwört mir hier auf diese Waffe, daß ihr blindlings zu tun versprecht, was ich befehlen werde, und keiner von euch mich lebendig verlassen will, es geschehe, was da möge.» Alle schworen mit Enthusiasmus den verlangten Eid, und in derselben Nacht überfiel Mehemed Ali tollkühn mit wenigen Hunderten Khosref Pascha in seinem eignen Palast, der, von einem panischen Schrecken ergriffen, sich durch seinen Garten rettete, und nach Damiette zu Churschid Pascha floh, um dessen Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei diesem Gefecht setzte sich Mehemed Ali persönlich der größten Gefahr aus; zwei Kugeln durchlöcherten seine Kleider und mehrere Feinde fielen von seiner eigenen Hand. Da ich diese und die folgenden Details aus des Vizekönigs eignem Munde im Beisein vieler Zeugen vernahm, so erlangen sie vielleicht dadurch für das Publikum ein größeres Interesse, obgleich ich hier nur sozusagen das Gerippe dessen wiedergeben kann, was in der langen und durch viele Details bereicherten Erzählung Mehemed Alis den Reiz vollen Lebens gewann. Ein gewisser Tahir Pascha, der in der Stadt und auf der Zitadelle kommandierte, schloß sich zwar dem Sieger an, ward aber zwei Tage darauf bei einem Aufstand seiner anders gesinnten Truppen deshalb ermordet, eine Nachricht, die unter Mehemed Alis Anhang eine solche Konsternation verbreitete, daß ihn viele verließen, und selbst sein treuester Anhänger und Landsmann Soliman Aga ihm erklärte, daß er keine Hoffnung mehr vor sich sähe und ihm daher zur gemeinschaftlichen Flucht nach Albanien rate. «Ich weiche nicht von hier», sagte Mehemed Ali, «doch will ich dich nicht halten. Fliehe, doch bedenke, daß es dir, in unsrem Vaterlande angekommen, vielleicht nicht zur Ehre gereichen wird, deinen Freund und Landsmann in der Stunde der Gefahr verlassen zu haben.» Soliman Aga küßte ihm beschämt die Hand und blieb. Mehemed Ali versammelte jetzt die ihm noch treu gebliebenen Truppen. «Wer von euch», rief er, «in seinem Vertrauen zu mir schwankt, der gehe jetzt! Ihr irrt euch aber gröblich, wenn ihr durch Tahir Paschas Tod euch entmutigen laßt. An ihm ist wenig gelegen, er hatte nur den Namen, euer wahrer Chef bin ich, und solange ich euch nicht fehle, habt ihr auch nichts zu befürchten.» Als diese kräftigen Worte den Mut der Verzagten wieder etwas aufgerichtet hatten, teilte er sie in zwei Haufen unter seiner und Soliman Agas Anführung, überließ diesem die Hälfte der wenigen, ihm noch übrigen Munition und marschierte gegen die Rebellen. Teils sie schlagend, teils durch Überredung gewinnend, ward er nach einem harten Kampfe Meister der Stadt und Zitadelle. Kaum aber war dieser Sturm glücklich vorübergegangen, als ein Gesandter Churschid Paschas von Damiette erschien, um Mehemed Ali zur Rechenschaft über das Vergangene dorthin vorzuladen. Dieser erwiderte: er werde sogleich erscheinen und wolle alle seine Mitschuldigen mitbringen. Der Gesandte wagte nur den ersten Teil der Antwort auszurichten, da aber der Pascha, den diese Bereitwilligkeit in Erstaunen setzte, auf die genaueste Wahrheit drang und hierauf den gemachten Zusatz erfuhr, flößte ihm dieser eine so große Furcht ein – um so mehr, als die Mamlucken, mit denen Mehemed Ali damals noch in freundschaftlicher Verbindung stand, eben einen großen Sieg über die Türken erfochten hatten –, daß er den Gesandten sogleich wieder mit reichen Geschenken umkehren ließ, um Mehemed Ali zu versichern, daß derselbe ihn gänzlich mißverstanden habe, er solle sich von nun an als seinen Sohn ansehen und könne stets auf seinen Schutz und seine treuste Freundschaft zählen. Er, der Pascha selbst, werde schleunigst nach Kahira kommen und dort alles nach Mehemed Alis Wünschen mit ihm vereint in Ordnung bringen. Der gewandte Parteichef empfing den Pascha mit den höchsten Ehren, ließ ihn selbst als den, an Khosref Paschas Stelle getretenen Statthalter der Pforte ausrufen und räumte ihm Stadt und Zitadelle ein, ruhig in seinem Palaste von Esbekieh verbleibend, doch ohne einen Mann seiner Truppen zu entlassen. Churschid Pascha, dem alles daran lag, den gefährlichen Protektor zu entfernen, versprach seinen ganzen Einfluß für ihn in Konstantinopel zu verwenden und ließ ihm sozusagen die Wahl eines jeden Paschaliks im Reiche, das ihm konvenieren könne; doch fanden alle diese Verheißungen bei Mehemed Ali nur taube Ohren. Bald fingen auch die Verhältnisse sich zwischen beiden zu trüben an, was sich kurz darauf mit Churschid Paschas gewaltsamer Vertreibung endigte. Von Mehemed Ali verfolgt, ward er gezwungen, ihm endlich das Feld ganz zu räumen und sich mit Khosref Pascha nach Konstantinopel einzuschiffen. Die Pforte, wie immer gute Miene zum bösen Spiel machend, fand es nun am geratensten, Mehemed Ali durch ihren offiziellen Ferman definitiv das zu erteilen, was de facto bereits in seiner Gewalt war, und ernannte ihn zum Vizekönig von Ägypten. Von diesem Augenblicke an hatte er keinen weitem Nebenbuhler mehr als die Mamluckenbeys, die ihm später, wie wir wissen, in einer noch tragischeren Katastrophe gleichfalls unterliegen mußten. Auch des in Konstantinopel allmächtigen Khosref Pascha langjährige Versuche, ihn zu verderben, hatten ihn seitdem nur immer größer gemacht, bis er sogar die Entfernung und die Ungnade seines alten Feindes am Hofe zu Konstantinopel noch erlebt hat, der dann freilich seine eigne Demütigung bald gefolgt ist. Dennoch ist er dabei guten Mutes geblieben, sich wie die Personen der Geschichte für einen der Männer haltend, die Allah beschütze. Oft äußerte er sich in diesem Sinne mit stolzer Sicherheit. Viele Stunden irrte ich in den Straßen der endlosen Stadt umher, und ich kann meine Empfindungen dabei nicht besser schildern, als wenn ich sage: Es kam mir fortwährend vor, als wenn ich in der Tausendundeinennacht läse oder vielmehr als wenn ihre bunten Szenen in lebenden Bildern jetzt vor mir aufgeführt würden. Kein Reisender hat meines Erachtens ein treueres Gemälde von Kahira auf wenig Seiten entworfen, als Herr von Prokesch, welches ich als das wohlgetroffenste Porträt verbürgen kann, ihm aber wenig zuzusetzen vermag. Mit allen orientalischen Städten, die ich bis jetzt gesehen, ist Kahira durchaus nicht zu vergleichen, es trägt nur seinen eignen Stempel. Dieser aber ist im höchsten Grade großartig und für den, der irgendeine romantische Ader in sich hat, wahrhaft verführerisch und hinreißend, trotz aller einzelnen Mängel, Unordnungen und mancher Unbequemlichkeit. Vieles erinnert lebhaft an unser eignes Mittelalter. Schon die Menge halbbefestigter Schlösser, von schwerer und bunter Architektur, haben ein ganz feudalistisches Ansehn; ebenso vergegenwärtigen die kunstvollen reichen Fontänen, die engen, unregelmäßigen Straßen mit hohen überbauten Häusern voller Erker und Gitterfenster wie in den ältesten Städten Europas unsre alte Zeit; vor allen aber sind es die zahlreichen, unbeschreiblich herrlichen Moscheen altarabischen Baues, mit ihren himmelhohen Türmen, Spitz- und Rundbogenfenstern, ihren kolossalen Maßen und dem wundersamen Reichtum ihrer unzähligen Zierraten à jour ganz auffallend unsern gotischen Kirchen gleichend, welche uns Abendland und Morgenland zugleich repräsentieren, die Heldenzeiten des Kreuzes wie die des Halbmondes. Seit ich diese Architektur gesehen, bin ich auch immer mehr in meinem alten Glauben bestärkt worden, daß, wie gar manches in Europa, so auch jener sogenannte gotische Baustil sich nur aus dem Arabisch-Maurischen herschreibt oder wenigstens beide aus ein und derselben gleichartigen Quelle fließen, wenn sie sich auch in den verschiedenen Erdteilen verschieden organisch entwickelt haben. So gestalteten sich also wunderlich genug meine ersten Eindrücke in dieser phantasieanregenden Umgebung derart, daß sie mir im Anfang nur Bilder des kämpfenden Rittertums, einer rohen, aber echten Frömmigkeit, einer phantastischen, aber genialen Kunstrichtung, einer gewaltsamen, aber inniger mit Gutem wie Bösem als unsre Zeit durchdrungenen Vergangenheit vorführten. Den reinorientalischen Beisatz zu solchen europäischen Anklängen gewährten indes bald hundert andere Gegenstände, zum Beispiel die schattigen, fünfzig Fuß in der Höhe mit einem bunten Holz- oder Leinwanddach, das am Turme einer Moschee oder an den Zinnen eines Palastes angehängt ist, überwölbten Bazare voll der glänzendsten Produkte Asiens und Afrikas, geschwängert mit dem Dufte aller Spezereien Arabiens; die Grandezza und Ruhe der Muselmänner mitten in einem Gewühl, dem auch der volkreichste Ort bei uns nicht gleichkommt. Und wie reich staffiert sind diese Szenen! Hier ein Haufe sich rücksichtslos zwischen Kaufbuden und auf der Straße arbeitenden Handwerkern hindurchdrängender Reiter mit ihrem goldgestickten Pferdezeug, in malerisch glänzender Kleidung; dort ein Harem, der sich ins Bad begibt, schwarz verhüllte Damen mit weißer Leinwandmaske, aus der nur die dunklen Augen herausblitzen, und die gleich Phantomen auf schnellfüßigen Eseln geräuschlos vorübergleiten; dann wieder lange Kamelzüge, die von Zeit zu Zeit allen Weg ganz zu sperren drohen, so daß in den engen Straßen auch nur zu Fuß sich Bahn zu machen oft nicht ohne Quetschung abgeht – ein nie endendes, stets wechselndes Getümmel von Menschen aller Trachten und Länder des Erdbodens, vom Verhülltesten bis zum völlig Nackten, vom wolligen Neger Afrikas, dem Feuer anbetenden Parsen und dem durch das Weltmeer von jenen getrennten modernen Amerikaner bis zum Londner Dandy hinab, dessen Spezies, wie ein uns heute begegnendes Exemplar mit roten Haaren und Backenbart bewies, von allen sich hier Umhertreibenden dem Affen am nächsten zu kommen schien. Eine Geistererscheinung aber glaubt man zu erblicken, wenn durch diese kaum torbreiten Gassen, durch dies wogende Gedränge plötzlich ein europäischer Wagen, den ein griechischer Kutscher sechsspännig vom Bocke fährt, sich wie eine Boaschlange im schnellsten Laufe entlangwindet und, nachdem die Massen wie durch Zauber Platz gemacht, hinter der nächsten Ecke wieder verschwindet. Es war die Tochter des Vizekönigs, die nach der Zitadelle fuhr. Die erwähnten Burgen der alten Mamluckenhäuptlinge im Herzen der Stadt, mit deren Straßen sie aber nur durch eine breite, fast immer geschlossene «porte cochère» kommunizieren, haben in ihrem Innern gewöhnlich Gärten und Höfe und bergen auch zum Teil noch viel alte, wohlkonservierte Pracht. Demohngeachtet kenne ich einen Fremden, der einen solchen Palast im besten Zustande auf fünfundzwanzig Jahre gemietet hat und nicht mehr als monatlich 30 Piaster (9 Franken) dafür bezahlt. Dagegen wird man in den wenigen und schlechten Gasthöfen, die Europäer etabliert haben, sehr überteuert. Überhaupt hat man sich im Orient allerwärts vor europäischen und griechischen Christen in acht zu nehmen, weniger vor den Juden und am wenigsten vor den Muselmännern selbst, die unbestreitbar die ehrlichsten und solidesten unter der ganzen Bevölkerung sind. Nachdem ich noch die Ställe des Vizekönigs besichtigt hatte, die sich ebenso unansehnlich zeigten, als ich früher die des sonst sehr luxusliebenden Gouverneurs von Kandia fand, und in denen die Pferde auch nicht besser gewartet werden, obgleich jedes Pferd seinen eigenen Reitknecht (Sais) hat, ritt ich nach dem Schloß, gewöhnlich die Zitadelle genannt, das am Ende der Stadt an die Felsen des Mokkatamm gelehnt steht. Den größten Teil dieser Festung nimmt der Palast des Herrschers ein, der sie gegen Kahira, in welcher Richtung sie allein wirksam sein kann, stark befestigt und die Wälle mit imposanten Kanonenreihen bepflanzt hat. An ihrem äußersten südlichen Ende baut der Vizekönig jetzt eine Moschee, der in Trümmer fallenden Saladins gegenüber, die in gewisser Hinsicht das kostbarste Gebäude in der Welt werden muß, da nicht nur alle ihre Säulen aus massivem poliertem orientalischen Alabaster angefertigt, sondern auch das Äußere und Innere der Mauern durchgängig mit dieser Steinart belegt werden soll welche man bisher nur zu Vasen, Uhrgehäusen und dergleichen kleineren Gegenständen anwandte, und deren ganzer Bruch bei Schech Abade auch wahrscheinlich in diesem Tempelbau aufgehen wird. Man hat, nach Lepsius, seitdem einen neuen Alabasterbruch bei Siut entdeckt. Der Effekt ist bewunderungswürdig, aber man fürchtet, daß der zarte Stein außerhalb den Einflüssen der Witterung nicht zu widerstehen fähig sein möchte. Ihn dort durch Granit zu ersetzen wäre daher besser, aber man müßte für eine gute Ausführung dieses Planes alte Ägypter zu Arbeitern haben, die neuern sind unfähig dazu. Ich erstieg die noch unvollendeten Mauern der Moschee, um von dem vorteilhaftesten Punkte die berühmte Aussicht zu überschauen, die sich hier über «das Meer der Welt», seine Hunderte von Türmen und Domen, seine Moscheen und Paläste ohne Zahl, wie die hinter ihm sich erhebenden Pyramidenreihen von Dschisch, Daschur und Sakkara ausbreitet. In der Mitte dieses erhabnen Bildes strömt majestätisch der Nil, vom üppigsten Grün eingefaßt, das sich im Norden im Dreieck des Delta ins Unendliche zu verlieren scheint, während in der Nähe auf beiden Seiten der gelbe Sand der noch unermeßlicheren Wüste den grünen Streifen in scharfe Grenzen einschließt. Dicht unter sich hat man, als den prächtigsten Vordergrund, die Krone aller Bauwerke Kahiras, die Moschee Sultan Hassans, welche kaum von irgendeinem gotischen Tempel Europas. übertroffen wird. Neben ihr füllt stets ein buntes Gewühl den Platz von Rumeli, wo auch die öffentlichen Hinrichtungen stattfinden, und unzählige Details verfolgt man darüber hin rechts und links durch den ganzen Bereich der Stadt in fortwährender Abwechslung. An der äußersten Linken dieser wogenden Häusermasse gewahrt man im Süden den Aquädukt Saladins, der zwischen Alt- und Neu-Kahira vom Nile ausgeht und sein Wasser dem Josephsbrunnen zuführt, worauf man zuletzt, fast müde von dem Reichtum des Schauspiels, rechts am entgegengesetzten Ende mit dem letzten Blick auf den, eine eigne Stadt für sich bildenden Gräbern der Kalifen ausruht. Ich habe später die höchsten Spitzen des Mokkatamm erklettert, wo man freilich noch mehr Terrain überblickt, aber da von dort die Zitadelle überall einen großen Teil des so interessanten Stadtgewirres verdeckt, so verliert die Aussicht ihren höchsten und eigentümlichsten Reiz. Der beste Augenblick, sie in der ganzen Fülle ihrer Schönheit zu genießen, ist kurz nach dem Aufgang der Sonne, wenn ihre Strahlen die Pyramiden wie mit einer goldnen Glorie umglänzen und trotz ihrer bedeutenden Entfernung diese Kolosse so nahe zu rücken scheinen, daß man mit einem bloßen Opernglase den vor ihnen stehenden Sphinx erkennen kann. Auch Sal Eddins (Saladins) Moschee war ein prächtiges Gebäude, in schweren Massen aufgeführt, von einem jetzt eingestürzten Dom gekrönt (denn die Türken reparieren nichts) und durch ein hohes Minarett geziert, der mit bunten glasierten Ziegeln eingelegt war, von denen sich noch viele erhalten haben. Das Innere mit seinen abfallenden Malereien und Vergoldungen dient jetzt zu einem schmutzigen Magazine. Vor der Moschee, nach der Stadt zu, stand Saladins Palast. Nach den Resten zu urteilen, muß er von grandioser Bauart gewesen sein, und es waren auch altägyptische Granitsäulen dazu verwandt, die jetzt meistens umgestürzt und zerbrochen im Staube liegen. Auf der Unterseite eines der abgelösten antiken Kapitäle bemerkte ich Hieroglyphen im ältesten Stile, die also beweisen, daß man schon damals, als die spätern Pharaonen jene Säulen in Memphis aufrichten ließen, Steine noch älterer eingerissener Gebäude dazu verbraucht hatte. Unmittelbar hinter der Moschee auf dem Abhang des Mokkatamm befindet sich der sogenannte Josephsbrunnen, dessen Ursprung unbekannt ist. Die Araber behaupten, Saladin habe ihn erbaut, der auch Jussuf hieß. Daneben, dicht vor der alten Moschee, ist jetzt auf einem der Türme des Palastes Saladins von Mehemed Ali ein Telegraph errichtet, der mir an diesem Orte wunderbar aus der alten in die neue Zeit herüberzuschauen schien. Wie ein Gespenst wäre er mir vorgekommen, hätte er in diesem Moment zu manövrieren angefangen. Der Brunnen, 42 Fuß im Umfang haltend und 280 Fuß tief, ist ein gewaltiges Werk und wird besonders eigentümlich durch eine ihn auf allen Seiten umgebende, ebenfalls in den Felsen gehauene Galerie, die in bequemer Senkung bis hinabführt und deren Wände zwischen dem lebendigen Felsen und Brunnen kaum anderthalb Zoll dick sind, so daß sie wirklich aussehen, als seien sie von Pappe. Wenn man nun, die Zitadelle verlassend, nach dem Platz von Rumeli hinabsteigt, kommt man durch die berüchtigte Felsengasse, in der die Mamluckenbeys ihren zwar verdienten, aber allerdings schauderhaften Tod fanden. Man kann sich das Geschehene auf das Lebhafteste hier vergegenwärtigen. Der Leser denke sich nur einen langen gewundenen Gang, auf beiden Seiten von Felsen und hohen darauf errichteten Mauern und Häusern umgeben, in dem ein abschüssiges glattes Steinplattenpflaster den Berg hinunterführt. Die Tore vor und hinter den Beys sind schon geschlossen, den Opfern unbewußt, die man jetzt, im zurückgerufenen Bilde, über Hundert an der Zahl, auf wilden und mutigen Pferden in dem engen Raum dicht zusammengedrängt erblickt, alle strahlend in ihrem höchsten Kriegerschmuck, wohlgemut einherziehend, ohne eine Ahnung von dem, was ihnen bevorsteht, während schon alle Terrassen, alle Felsenvorsprünge, die Galerien der obern Häuser wie in schuldiger Ehrenbezeigung mit Soldatenreihen besetzt sind, bewaffnet zur Salve festlichen Grußes. Jeder von diesen stolzen Beys mochte vielleicht gerade jetzt Gedanken des nahen Verrats von seiner Seite mit Wohlgefallen Raum geben, sich im voraus an dem unvermeidlichen Fall des sichern Feindes weidend, aber für die eigne Sicherheit fürchtete, wie mit Blindheit geschlagen, keiner – da plötzlich richteten sich alle Gewehre auf die vergoldete, schimmernde Schar, und ein Kugelregen schmettert auf sie nieder, von dem schon der erste Schuß die Beys mit der Verzweiflung gänzlicher Hoffnungslosigkeit erfüllen mußte. Denn weder Rettung noch Verteidigung noch Rache war möglich! Das Getümmel der Stürzenden, das Rasen der verwundeten Pferde, das Geschrei und die Verwünschungen der Fallenden, das länger als eine Viertelstunde andauernde Schlachten aus gefahrloser Ferne, der erschütternde Anblick endlich so vieler Fürsten, übermächtiger Herren des Landes, vor deren zürnendem Blicke gestern noch jeder mit Zittern gewichen wäre, jetzt in der Mitte aller sie umgebenden Pracht in Staub und Blut sich wälzend, von ihren eignen Rossen zerstampft, unter dem Hohn gemeiner Albanesen ihren Geist aushauchend, und die im Tode noch umklammerte treue Waffe selbst, nur ein herber Spott in der verteidigungslosen Hand – gewiß, es muß eine Szene von furchtbarer Wirkung gewesen sein. Dicht neben dem Schauplatz dieser kühnen Tat hat der Vizekönig sein Zeughaus, eine Kanonengießerei und eine Gewehrfabrik angelegt, wo jetzt schon zum Teil Maschinen arbeiten, die in Kahira selbst verfertigt worden sind. Die Anstalt liefert im Durchschnitt wöchentlich zwei bis drei Geschütze und zwanzigtausend Flinten jährlich, die sämtlich von sehr guter Qualität sind, nur fand ich die Gewehre etwas schwer und zu hart im Abdruck. Die Gärten von Schubra. Eine Almeh. Das Souper Man wird es kaum in Europa glauben, daß mir die nötigen Visitentouren und andere Gesellschaftspflichten die Hälfte meiner Zeit in Kahira so vollständig wie in einer europäischen Hauptstadt raubten. Die mir vom Vizekönig beigegebenen Herren nötigten mich sogar, häufig Diners zu geben, was mich, wenn Baki Bey selbst gegenwärtig war, fast an die Franzosenzeit in Deutschland mahnte, wo so mancher preußische Gutsbesitzer täglich die Ehre hatte, in seinem eigenen Hause und an der von ihm bezahlten Tafel der «Gast» des fremden Marschalls oder Generals zu sein, der einstweilen den Wirt bei ihm spielte. Mehr als eine interessante Bekanntschaft danke ich indes diesen gesellschaftlichen Verhältnissen. Dahin gehören der österreichische Generalkonsul, Herr Saurin, ein berühmter Kunstkenner und höchst liebenswürdiger Gesellschafter, wie auch der österreichische Konsul, Herr Champion, die mich beide mit Güte überhäuften und meine dankbarste Anerkennung verdienen; der russische Generalkonsul Oberst Duhamel, ein feiner Diplomat, welcher überdies alle kurrenten Sprachen Europas zu sprechen und in keinem Fache der Wissenschaft unbekannt zu sein scheint; der preußische Konsul, Herr Bokti, ein wahres Diktionär für alle Details der neueren ägyptischen Geschichte von Ankunft der Franzosen an bis auf den heutigen Tag; der Kapitän Cavillia, dem keine im Gebiete der Antiquitäten gemachte Entdeckung in Ägypten fremd geblieben ist; der St. Simonist, Herr Lambert, am tiefsten eingeweiht in des leider schon abgereisten «Vaters» Lehre, und unser vortrefflicher Schubert endlich, dem ich so glücklich war, hier in fernen Landen zu begegnen, dieser, ich möchte sagen, imposant bescheidene Mann, vor dessen mildem, evangelischem Geiste man sich in liebender Verehrung beugt – und manche andere, mit denen ich später in noch vielfachere Berührung kam, weshalb ich derselben erst dann gedenken will, die Langweiligen aber wie billig ganz übergehe, und ach, es gab auch deren leider von kolossalem Kaliber, in Kahira wie bei uns. Indem ich nun meine Leser bitte, mich von hier nach den Gärten von Schubra zu begleiten, muß ich immer von neuem – der leidigen Kritiker wegen – darauf aufmerksam machen, daß ich durchaus kein Buchmacher von Profession bin; und daher eine systematische Zusammenstellung meines Stoffes von mir nimmer zu erwarten steht. Ich erzähle, was ich zu erzählen Lust habe, wie und wo es mir in den Sinn kommt. Wen dies verdrießt, der suche sich eine bessere Unterhaltung, die ihm nicht schwer zu finden sein wird. Schubra, ein Lustschloß des Vizekönigs, wo er meistenteils residiert, hat mich nicht weniger als so viele andere Schöpfungen Mehemed Alis überrascht, denn bisher sah ich noch nie einen orientalischen Garten, der mehr als eine potenzierte Küchen- und Obstbaumplantage gewesen wäre, mit stets dabei vernachlässigter Eleganz und Reinlichkeit. Hier fand ich eine Anlage, die Georg den Vierten in «Virginia water» zu besitzen entzückt haben würde und die seine englischen Gärtner nicht um das mindeste zierlicher und mit mehr Nettigkeit aufgeputzt zu erhalten vermocht hätten. Diese musterhafte Ordnung und Sorgfalt macht im Orient, dem Lande des Schmutzes und Delabrements, einen doppelt angenehmen Eindruck, wobei freilich auch das wohltuende Gefühl für einen Nordländer mit anzuschlagen ist, sich Ende Januars in freier Luft von einem ununterbrochenen Blumen- und Blütenflor umgeben zu sehen, der allein über zwölf bis fünfzehn Morgen Landes einnimmt. Und welche herrliche Straße, ebenfalls Mehemed Alis Werk, fährt überdies von Kahira zu diesem Garten! Zuerst reitet man eine halbe Stunde in den Anlagen Ibrahims hin, die ich bereits beschrieben habe. Dann gelangt man an eine Feld- und Kleeflur, deren blendendes Grün von den üppigsten unserer Wiesen nicht übertroffen werden kann. Mitten durch sie hindurch führt eine sehr dicht gepflanzte Allee, welche in der Länge einer Stunde keine einzige Lücke hat. Aus immergrünen Sykomoren und einer dunkelblättrigen Akazienart bestehend, welche nur in der heißesten Jahreszeit einige Wochen lang ihr Laub verliert, bildet sie mit ihren ausgedehnten Kronen ein zusammenhängendes und der Sonne von oben ganz undurchdringliches Gewölbe von 30-40 Fuß Höhe, das nur zwischen den Stämmen der Bäume hoch genug geöffnet ist, um einem fortwährenden Wechsel der reizendsten Aussichtsbilder Raum zu geben – denn links in geringer Entfernung fließt der Nil, bald von Inseln unterbrochen, bald über eine Viertelmeile breit mit freiem Wasserspiegel in der Sonne flimmernd. Seine diesseitigen Ufer sind mit Landhäusern der Großen oder mit noch palastähnlicheren Fabrikgebäuden, zwischen Gärten und Feldern liegend, locker eingefaßt, die jenseitigen entfalten vor der sanft wellenförmigen Hügelreihe der Wüste abwechselnd Palmwälder oder mit reicher Vegetation umgebene Dörfer, die wie zierliche Buketts auf dem gelben Sande ausgestreut liegen. Alles erscheint idyllisch, nur im Hintergrunde ragen die ewigen Spitzen der Pyramiden, hoch alles Übrige dominierend, geheimnisvoll aus den Palmen hervor. Rechts der Straße ziehen sich in größerer Nähe die glatten, vom Winde zusammengewehten und häufig ihre Form ändernden Sandberge der andern Seite der Wüste hin, aber mit dem breiten Rande von Oliven- und Obstbaumplantagen, der vor ihnen liegt und in dem viele einzelne freundliche Wohnungen verteilt sind, zeigt die Wüste auch von dieser Seite nur ihren romantischen und keineswegs ihren öden Charakter. Dazu ist die nächste Staffage der Landschaft den ganzen Tag über fortwährend so lebendig und charakteristisch, als man sie sich nur wünschen kann, denn wie in der Stadt wird man auch hier stets von einer bunten Menge von Menschen und Tieren umgaukelt, die jede Eigentümlichkeit des Landes darbieten. Oft, wenn ich mich an dieser nicht abbrechenden Reihe exotischer Bilder ergötzte und dann meinen Blick auf das hohe kühle Laubdach über mir warf, das so viel mehr dem Norden als dem Süden anzugehören schien, kam es mir vor, als sei ich noch in Europa und betrachte nur aus einer Allee des Wiener Praters oder Berliner Tiergartens ein gemaltes Diorama Ägyptens. So erreicht man fast unvermerkt Schubra und tritt, nachdem man neben einer schönen, aus weißem Stein aufgeführten Fontäne vom Pferde gestiegen, in einen Pavillon von Gitterwerk, das blau blühende Winden wie mit einer dichten Tapete umziehen. Durch einen gleich berankten, langen und schattigen Gang von ähnlicher Treillage kommt man hierauf an einen bemalten Kiosk, vor dem sich ein regelmäßiges Blumenparterre in gefälligen Formen ausdehnt. Statt Buchsbaum umfassen kurz geschnittene Myrten und andere wohlriechende Pflanzen, die sich zu Bordüren eignen, seine verschiedenartig gezeichneten Tulpen-, Geranien- und Rosenbeete, und sinnig verteilte junge Zitronenbäume sind so gezogen und beschnitten, daß sie die graziösesten Arkaden mit herabhängenden Festons bilden, bald neben, bald über den Weg sich mit ihren Blüten und Früchten wölbend, während der Boden der Gänge, mit farbigen Meerkieseln sorgsam wie ein Parkett ausgelegt, ein Mosaik geschmackvoller Arabesken darstellt. Mehrere andere Abteilungen, stets in Charakter und Dekorierung abwechselnd, mit Wasserkünsten, Ruhesitzen, Blumenpyramiden, Rondellen, Vasen und Pavillons reich geschmückt und häufig vergoldet, folgen diesem ersten Garten, nur zuweilen getrennt durch dunkle Zypressenmassen und Haine von höheren Waldbäumen. In einem Orangengarten voll roter Früchte und weißer Blüten war der ganze Grund jetzt wie ein Teppich mit Narzissen und Tazetten bedeckt, deren Wohlgeruch fast betäubend wirkte. Später kommt man zu einem See mit prachtvollen Marmorbädern, zu denen Krokodile das Wasser ausspeien. Jenseits desselben schließt sich eine dunkle, mit einem äußerst zierlichen Bambuszaun eingefaßte Wildnis an, in der viele der seltensten Tiere Raum genug haben, frei umherlaufen zu können. Ich bemerkte unter diesen eine auffallende Antilope aus Darfur, die mit der kleinsten Taille ihres Geschlechts die vollständige äußere Gestalt eines Bisamochsen mit stattlichem Höcker vereinigte. Es ist ein Addax, wie mich ein Naturforscher belehrt, der strepsiceros des Plinius. Auch die schöne Antilope, welche so häufig auf den ägyptischen Monumenten vorkommt, von den Arabern Abou Harb «Vater des Weißen»genannt (der Oryx der Alten), erging sich in diesen Gebüschen. Als eine große Kuriosität aus England ward uns nachher in besonderer Vermachung ein gemeiner nordischer Bär gezeigt, hier so interessant als bei uns die Giraffe. Der Obergärtner, ein Grieche aus Chios, lud mich ein, nach dem langen Spaziergang in einem der Kiosks auszuruhen, was ich mit Dank annahm. Ich fand das türkische Gartenhaus ganz auf europäische Weise mit vieler Eleganz eingerichtet, unter andern auch mit einem Londner «Patent armchair»versehen, diesem genialen Möbel, dessen Erfinder eine Stelle in Westminster Abey verdiente. Kaum hatte ich mich in wollüstigster Bequemlichkeit darauf hingestreckt, als einige Schwarze hereintraten, bunte Palmblätterkörbe aus dem Sennar voll der köstlichsten Früchte tragend, deren Schubra Winter und Sommer so viel liefert, daß die ganze Hofhaltung Mehemed Alis und seines Harems daraus versorgt werden; und auch wenn der Vizekönig auf Reisen ist, folgen ihm täglich frische Transporte davon nach. Mehemed Ali ist ein großer Freund von Früchten und liebt, wie Friedrich der Große, besonders die Kirschen, welche jedoch hier nicht mehr gedeihen und daher von Kandia bezogen werden müssen. Auch hat das kostbare Dampfschiff der Nile selten eine andere Beschäftigung, als ihm diese und Eis in Menge von dorther zuzuführen. Diejenigen Früchte, durch welche sich meines Erachtens Schubra am meisten auszeichnet, sind eine eigentümliche Sorte Orangen, deren Fleisch von der schönsten karmesinroten Farbe ist und welche die roten Orangen Maltas und Portugals, obgleich sie vielleicht von ihnen abstammen, doch ebensosehr durch die Schönheit ihrer Farbe, welche selbst durch die Schale hindurchscheint, als durch ihren aromatischen Duft und Geschmack übertreffen. Einen merkwürdigen Kontrast zu diesen königlichen Gärten bietet das Schloß, das in Europa kaum den Ansprüchen eines bemittelten Landeigentümers genügen würde. Es zeugt von der Einfachheit des Fürsten, der es den größten Teil des Jahres über bewohnt. Da mir Zeit genug übrigblieb, setzte ich meinen Weg noch eine Stunde weiter fort, um das große, einer kleinen Stadt gleichende Gestüt zu besehen, welches der Vizekönig mit gewohnter Munifizenz in der Mitte einer unabsehbaren Feldflur durch den geschickten Veterinärarzt, Herrn Hammont, anlegen läßt. Doch dieses Thema ist so reichhaltig, daß ich es für einen eigenen Aufsatz aufsparen muß. Ich begnüge mich mit einer Bemerkung, die sich mir hier von neuem aufdrang. Es schien mir nämlich immer ein auffallender Umstand, daß, obgleich der Vizekönig früher (denn jetzt beginnt er zu seinem Schaden, sich von den halbzivilisierten Türken in seiner Umgebung ein sehr verschiedenes System einreden zu lassen) Fremden aller Nationen willig sein Ohr lieh und sie auf jede Weise aufmunterte, ihm zu dienen – dennoch, mit sehr wenigen Ausnahmen (deren ich später gedenken werde), nur Franzosen sich um ihn und um Ägypten große Verdienste erworben haben. Man kann in dieser Hinsicht mit voller Wahrheit sagen, daß Mehemed Ali, nächst seinem eigenen umfassenden Genie, die Existenz seiner Marine allein den beiden Franzosen Cerisy und Besson verdankt, wie die Organisierung seiner Armee Soliman Pascha (Sève), ohne welchen überdies der Ausgang des Krieges mit der Pforte sehr zweifelhaft geworden sein möchte. Alle Sanitätsanstalten seines Reichs wurden von dem Marseiller Arzt Clot, jetzt Clot Bey mit Generalsrang, gestiftet, der außerdem auch den größten Einfluß auf sämtliche Erziehungsanstalten und die Zivilisierung Ägyptens im allgemeinen während seines langen, erfolgreichen Aufenthalts daselbst gehabt hat. Dieser geniale und wohlmeinende Mann hat nur den Fehler, zu leidenschaftlich zu sein, zu leicht für und wider Partei zu ergreifen und durch diese Leidenschaftlichkeit, wie eine manchmal zu ruhe- und rücksichtslose Tätigkeit, die sich in alles mischen will, seine eigenen Kräfte zu untergraben. Der Oberst Warin, einer der achtungswertesten Charaktere in Ägypten, hat die größten Verdienste um den spezielleren Unterricht der Kavallerie, die jetzt fast ausschließlich mit eingeborenen Offizieren aus seiner Schule besetzt ist. Man weiß aus meiner Beschreibung von Kandia, welchen Dank Mehemed Ali dem segensreichen Wirken eines andern ausgezeichneten Franzosen, des Herrn Caporal, dort schuldig ist und daß, wenn Kandia musterhaft und ohne allen Zweifel besser als irgendeine andere Provinz des ägyptischen Reichs regiert wird, dies hauptsächlich dem Einfluß dieses ausgezeichneten Mannes und dem gesunden Verstande Mustapha Paschas, der so weisem Rat stets folgte, zuzuschreiben ist. Herr Linant ist gleichfalls dieser Liste der ausgezeichneten Franzosen ersten Ranges im Dienste des Paschas (denn es gibt in geringeren Verhältnissen noch viele, die ihm nützlich sind) beizuzählen. Er hat bereits nicht wenig für die Kanalisation des Landes getan. Wenn es ihm aber gelingt, das gigantische Projekt, mit dem er seit Jahren beschäftigt ist und zu dem er alle Pläne, Zeichnungen und Anschläge selbst gefertigt hat: die Dämmung des Nils am Eingang des Delta – ein Unternehmen, dessen Resultat für die Wohlfahrt und den Reichtum Ägyptens fast unkalkulierbar ist – glücklich zu vollführen, so wird sein Name unter den aus der Fremde gekommenen Wohltätern des Landes einst allen andern vorangesetzt werden müssen. Das Wiederaufleben der Pferdezucht in Ägypten endlich sowie viele der zweckmäßigsten Einrichtungen für das Gedeihen der Viehzucht im allgemeinen und die Organisierung des Veterinärdienstes zu diesem Zweck bis in die entferntesten Provinzen des Sennar sind gleichfalls das Werk eines Franzosen, des bereits genannten Herrn Hammont, welcher demohngeachtet nahe daran war, mitten in seiner wohltätigen Laufbahn das Opfer der Intrigen eines der unfähigsten Günstlinge des Vizekönigs mit Namen Muktar Bey zu werden, einer jener in Europa erzogenen Türken, die dort nur gelernt haben, unsere Laster den ihrigen beizumischen, und jetzt wie Pilze in der Sonne von Mehemed Alis Gnade aufgeschossen, von Dummheit getrieben und von Arroganz aufgeblasen, den Vizekönig täglich zu überreden suchen, daß er der Fremden nicht mehr bedürfe, da sie jetzt schon alles wüßten, was von jenen ehemals wohl noch zu erlernen gewesen sei. Es ist Mehemed Ali nicht allzu sehr zu verdenken, wenn er sich, vielleicht vom eigenen Selbstgefühl und dem, was er wirklich allein getan , irregeführt, zuweilen einer gleichen Ansicht hinneigt; denn bei allen seinen großen Eigenschaften ist er doch immer wesentlich Türke geblieben und überdies von Europäern, hohen und niedern, so oft und so unverschämt betrogen, so häufig mit größter Undankbarkeit behandelt worden, daß er sie unmöglich lieben kann – aber er darf, für sein eignes Wohl, das Kind nicht mit dem Bade verschütten und muß bedenken, was er selbst gesagt, daß allen Nachteil, den ihm hundert Abenteurer gebracht, oft ein einziger reeller Mann, gleich den eben genannten, tausendfach aufgewogen hat – vor allem aber, daß ihre und ihresgleichen Dienste heute noch ihm ebenso nötig zum Erhalten sind, als sie ihm früher zum Schaffen waren. Ein flüchtiger Blick auf die Lage der erwähnten Koryphäen wird jedoch zeugen, daß diese Wahrheit vom Vizekönig nicht mehr gehörig gewürdigt wird. Cerisy verließ Ägypten im größten Degout der Intrigen, die man ihm rastlos in den Weg legte. Besson starb in Alexandria insolvent, ohne daß seinem Andenken irgendeine Ehre erwiesen wurde, und seine Witwe hat bis jetzt keine Pension erlangen können. Sève ist Pascha. Man benutzt ihn aber nur, wenn die höchste Not dazu zwingt, wie neuerlich in Syrien, und als ein Gegenstand der steten Eifersucht Ibrahim Paschas hat er außer, wie gesagt, im Fall der Not nur wenig Einfluß. Dennoch wäre es grade in Syrien von der höchsten Wichtigkeit für Mehemed Ali, einem Manne wie Soliman Pascha den freisten Wirkungskreis mit unbeschränktem Vertrauen einzuräumen. Wer die dortigen Verhältnisse und namentlich die Geschichte der letzten Insurrektion kennt, die Mehemed Ali gefährlicher als der Krieg mit der Pforte zu werden drohte, weiß, daß, wenn Soliman Pascha in Syrien zu gebieten gehabt hätte, diese Insurrektion nie stattgefunden haben würde, und wieviel andres höchst Bedauernswürdiges, was jetzt noch dort in voller Blüte steht, würde dann ebenso schnell verschwunden sein! Clot Bey befindet sich fast in gleicher Lage. Von unzähligen Personen beneidet und angefeindet, muß er stets rechts und links lavieren und darf keine Gelegenheit versäumen, den penibelsten Dienst in ärztlicher Hinsicht trotz seiner eigenen delabrierten Gesundheit bei seinen Gebietern zu versehen. Demohngeachtet ist, außer einer gelegentlichen Familiarität des Vizekönigs oder Ibrahim Paschas und einer guten Bezahlung, um die sich Clot Bey am wenigsten kümmert, sein Kredit über den rein ärztlichen Wirkungskreis hinaus nur höchst gering. Ich habe schon gesagt, daß Herr Hammont im Begriff war, seinen Abschied zu nehmen, um sich nicht der Brutalität Muktar Beys aussetzen zu müssen, und auch Oberst Warin, dessen Kavallerieschule unter dasselbe abgeschmackte Ministerium Muktar Beys gestellt ist, in dem sich kein einziger Militär befindet! – sieht von ganz Unwissenden seinen wesentlichsten Einrichtungen einen Hemmschuh nach dem andern angelegt, ohngeachtet er die persönliche Gunst des Vizekönigs im vollsten Grade besitzt. Das angezogne Ministerium hat unter dem Titel «Ministerium des öffentlichen Unterrichts» fast alle Branchen der Verwaltung an sich gebracht, so daß Muktar Bey als Chef desselben zugleich dirigiert: alle Zivil- und Militärschulen, öffentliche Anlagen und Bauten, Straßen und Kanalisierung, die Gestüte, ökonomische Etablissements, Medizinal- und Veterinärangelegenheiten, die Fabriken, Kunst und Gewerbe wie die Einrichtung der neuen Museen, die Schafherden und den Transport der Kamele und Ochsen aus dem Sennar. Es wäre ein Glück für den Vizekönig, wenn Muktar Bey nur bei diesem letztern Geschäft verwandt würde. Herrn Linants Schicksal ist nicht günstiger, denn nachdem alle nötigen Vorbereitungen mit bereits höchst bedeutenden Kosten für sein großes Werk vollendet sind, bleibt er seit Jahr und Tag durch Zurückhaltung aller Fonds und fortwährende Weitläufigkeiten paralysiert, ungewiß, ob man nicht das ganze Unternehmen schon aufgegeben hat und ihn nur noch mit banalen Vertröstungen hinhält. Herr Caporal aber, den seine größere Entfernung und die feste Gunst Mustapha Paschas zwar vor nachteiligen Hemmungen seines Wirkens sicherten, hat, trotz seiner eminenten Verdienste, noch nicht einmal den Rang eines Beys erlangen können, der täglich für die elendesten türkischen Subjekte weggeworfen wird. Alles dieses beweist deutlich, daß Mehemed Ali die ausgezeichneten Fremden in seinem Dienst nicht hinlänglich anerkennt, noch von ihnen den Nutzen zieht, den er leicht daraus ziehen könnte, während seine türkischen Räte einen großen Teil seiner weisen Pläne teils absichtlich, teils aus Inkapazität vernichten. Ich habe als wahrer Freund und Verehrer Mehemed Alis und zu freier Äußerung von ihm aufgefordert, ihm selbst dies nicht verschwiegen und auch einige Proben gesehen, daß es wenigstens nicht ohne momentane Wirkung auf ihn geblieben ist – aber der größte Nachteil für diesen in so vieler Hinsicht außerordentlichen Mann ist der, daß er nicht wie Peter der Große, dem er in so vielem gleicht, auch seine frühere Bildung in zivilisierten Ländern aufsuchen konnte und selbst keine fremde Sprache versteht. So hängt er in dem unvermeidlichen fortwährenden Konflikt mit Europa zu sehr von den Ratgebern seiner eigenen Nation wie von seinen Dolmetschern ab und muß mehr oder weniger in ihrem Sinne handeln, denn auch das hellste Auge kann nur unvollkommen durch eine geschwärzte Brille sehen. Ich kenne nur zwei seiner orientalischen Großen, die Mehemed Alis vollkommen würdig genannt werden können – und dies sind sein Handelsminister Bogos Bey und der jetzige Kriegsminister Menicli Pascha. Zu denen, die einst gewiß eine große Rolle in Ägypten spielen werden und dies verdienen, gehört auch Artim Bey, des Vizekönigs Dragoman, der am vollständigsten europäisch Gebildete unter den Nichteuropäern in Ägypten. Mit der Verwaltung des Innern haben indes alle diese nichts zu tun, und in Syrien, wo der Schuh am meisten drückt, hat niemand Einfluß als Ibrahim Pascha und seine Kreaturen. Wie diese aber beschaffen sind, davon ein andresmal. Ich fand im Hause des Herrn Hammont zahlreichen Besuch und sah hier zum erstenmal eine Almeh, welche die damals berühmteste der Hauptstadt war, notorisch durch die Gewalt ihrer Reize, die sogar einen Engländer vermocht, ihr seine Hand anzubieten, welche sie ausschlug – die schöne Saffia mit einem Wort, leider schon etwas zu lange berühmt, aber noch immer ihren Ruf verdienend. Sie ist zu reich und zu sehr Dame geworden, um in der allgemeinen Proskription ihrer Gefährtinnen mit einbegriffen zu sein, doch muß auch sie, gleich den vornehmen Pharaospielern in Europa, vor der Polizei auf ihrer Hut sein. Schlank und hoch gewachsen, weiß wie eine Engländerin, von edlem Anstand, mit sanften und einschmeichelnden Manieren zeigte sie sich in der Tat als eine sehr vorteilhafte Repräsentantin ihres Standes. Die Art ihres Tanzes war ganz dieselbe, wie ich sie in Algier und Tunis gesehen, mit Ausnahme eines Waffentanzes, den sie mit ihrer Sklavin, ein fast noch hübscheres Mädchen als sie, selbst aufführte, und wo sie den Säbel trotz einem ehemaligen Mamlucken zu führen wußte, an deren Kostüm auch ihre ungeheuer weiten roten Hosen und ihre goldgestickte hellgrüne Weste erinnerten. Ihre reichen schwarzen Haare, gemischt mit ebensoviel falschen, hingen in unzähligen Tressen bis über die Hüften herab, und ich sage gewiß nicht zuviel, wenn ich versichere, daß über tausend kleine und größere kurrente Goldmünzen hineingeflochten waren, die allerdings hier sehr leichten Gewichts sind. Nachdem sie eine Viertelstunde getanzt, trank sie Kaffee und rauchte mit uns so würdevoll wie ein Pascha, als ihr aber nachher einige Gläser Likör gereicht worden waren, welchen diese Mädchen allgemein zu sehr lieben, verwandelte sich ihre angenommene Ruhe bald in eine bacchantische Wildheit, die mir mehr originell als anziehend vorkam. Doch schienen mehrere Herren der Gesellschaft in dem Augenblick, als ich diese verließ, einer ganz entgegengesetzten Meinung zu sein. Nach dieser reizenden Houri des Kahiraer Paradieses zeigte mir derselbe Abend in der Allee von Schubra auch den ägyptischen Himmel in seiner ganzen Pracht, und diese Darstellung war höherer Natur. Es ist fast unmöglich, eine Szene, wie sie an diesem Tage hier der Sonnenuntergang bot, zu beschreiben, ohne der Übertreibung beschuldigt zu werden; und doch kann ich mit Wahrheit sagen, daß ich während derselben ganz neue, früher nie gesehene Farbennuancen kennenlernte und von der ätherischen Zartheit dieses Schauspiels vorher gar keinen Begriff hatte. Bei uns spielen abends nur die Wolken am Himmel in mannigfachen und brennenden Farben, hier gab es keine Wolken, aber der ganze Himmel und auch die ganze Erde waren in sanft glühende Tinten von unbeschreiblicher Lieblichkeit gehüllt. Aus der glänzenden Goldfarbe am äußersten Horizont entwickelte sich über dem reinen Äther ein durchsichtiges, wunderbares Meergrün, und helle Rosabanden gingen von diesem in Lila- und Silberstreifen über, die im Osten wieder in lichtes Blau verflossen. So schimmerte in erhabener Milde und Pracht das ganze weite Himmelsgewölbe, während das die Erde deckende Grün, zu höchster Saftfrische gesteigert und wie durch eine Glorie verklärt, häufig, gleich dreifarbig gewebtem Seidenstoff, zu gleicher Zeit in grün und blau und gelb zu schillern schien. Dazu funkelte die perspektivisch sich zusammenziehende Arkade der Allee vor und über uns in einem so magischen Goldlicht, als wären tausend Lampen dahinter verborgen, bis nach und nach der untere Teil des unabsehbaren Doms sich in Dämmerung zu hüllen begann und alle Gegenstände nur noch undeutlich und fahl beleuchtet wie im Kampf des Lichtes mit der Finsternis erkennen ließ. Plötzlich stieg da, wo die Sonne eben niedergesunken war, dunkles Rot aus der Tiefe herauf; der Baumkronen feuriges Grün über mir verlosch im Nu, ein starker Duft wie von Veilchen und Rosen erfüllte die Atmosphäre, und ehe ich noch recht zur besonnenen Zergliederung des Gesehenen gelangen konnte, war schon mit der diesem Klima eigenen Schnelligkeit die orientalische Nacht mit ihren schwärzesten Schleiern niedergesunken und das Vergangene verschwunden, wie zurückgekehrt in des Traumes ungewisses Reich. Die Stimmung, welche dies in mir hervorrief, war vollkommen passend für die Gesellschaft, welche mich zu Hause erwartete, wo ich heute, außer meinen steten Begleitern, dem Ministerialrat Lubbert und dem Doktor Koch, noch die Herren Lambert und Cavillia zu Tisch gebeten hatte. Beide letztgenannte Herren sind nicht ohne jenen phantastischen Anflug, den ich so liebe, wiewohl sehr verschieden in der Anwendung dieser Geistesrichtung. Der erste ist St. Simonist mit Leib und Seele, aber bei allem Enthusiasmus für seine abenteuerliche Lehre so scharf und klar, daß man ihm hier scherzweise den Beinamen des Jesuiten der St. Simonisten gegeben hat. Von niemand kann man sagen, daß er besser verstehe «de prêcher pour sa paroisse», und er weiß ebensogut das Wahre hervorzuheben, als schwache Seiten durch die gefährliche Waffe einer beißenden Ironie zu unterstützen, welche die Lacher auf seine Seite bringt. Doch ist er weit entfernt, ohne Veranlassung das Thema seines Glaubens nach Art der christlichen Missionare den Leuten bongré, malgré aufzudrängen, und da er voll Verstand und Kenntnisse wie reich an Welterfahrung ist, so gewährt seine Unterhaltung, auch außerhalb der St. Simonistischen Region, immer ein ungemeines Interesse. Herr Cavillia ist ein Illuminat und von der Wahrheit vieler Dinge überzeugt, die in Europa für Märchen gelten würden, als zum Beispiel die Existenz weißer und schwarzer Magie sowie von den Auserwählten erhaltenen und immer noch wirksamer Geheimnisse aus der Schule ägyptischer Priester, die nach ihm eine weit höhere Ausbildung des tierischen Magnetismus zur Grundlage haben, als wir bis jetzt noch ahnen; ferner die Nähe geistiger Wesen übermenschlicher Natur, mit denen wir unter gewissen Umständen in persönliche Verbindung treten können, usw. Als ich gegen ihn äußerte, daß ich sehr wünschte, einen jener Vorgänge selbst zu schauen, von denen englische und französische Reisebeschreiber sprechen, wo durch einen unbekannten Zauber ein unschuldiges Kind befähigt wird, in der Fläche seiner Hand irgendeine beliebige Person zu sehen und zu beschreiben, über die man Auskunft zu haben wünscht, sei sie auch noch so fern, ja selbst schon längst vergangenen Zeitaltern angehörig, antwortete er, daß nichts leichter sei und Lord Prudhoe wie mehrere andere, die früher ungläubig gewesen, sich bis zur Evidenz von der buchstäblichen Wahrheit der Sache überzeugt hätten; es käme nur darauf an, setzte er sehr kaltblütig hinzu, im Fall ich dieselbe Erfahrung zu machen wünschte, ob ich mich vorher auch dazu verstehen wolle, dem bösen Geiste formell zu huldigen. – Ich frug ihn hier lachend, ob er glaube, daß jene erwähnten Herren dieselbe Bedingung erfüllt hätten. Dies ist keinem Zweifel unterworfen, erwiderte er, denn ohne diese Formalität ist die Sache nur auf dem entgegengesetzten Wege, nämlich durch weiße, heilige Magie möglich. Dazu aber gehört ein langes, schweres Leben der Vorbereitung. Nachdem Herr Cavillia hierauf noch allerlei nicht weniger auffallende mystische Andeutungen gemacht, in die er auf eigene Art das Christentum einmischte, welches er (nicht mit Unrecht) das Wort nannte, das von Ewigkeit sei und auch die Eingeweihten im ägyptischen Priesterturn schon erfüllt habe, gab er nicht undeutlich zu verstehen, daß er selbst zu diesen Eingeweihten der ersten Klasse gehöre, die den Grund aller Dinge erforscht. Im Verfolg der Unterhaltung behauptete er, daß ihm die neueste französische Revolution durch seinen «spiritus familiaris» schon sechs Monate vor ihrem Ausbruch verkündigt worden sei, so wie er es damals auch auf der Stelle mehreren mitgeteilt. Die Art der Offenbarung war nicht wenig eigentümlich, denn der Geist erschien ihm riesengroß, über Alexandrien in den Wolken thronend, und links seiner Nase wuchs eine dreifarbige Fahne, rechts das kolossale Bild Louis Philippes hervor. Es steht auch noch mehr Bedeutendes in der Welt zu erwarten, fuhr Herr Cavillia fort, denn das Phantom erschien mir kürzlich wieder. Welcher Art jedoch diesmal die Offenbarung war, ward uns nicht vertraut. Kapitän Cavillia war in der letzten Zeit mit einer neuen Untersuchung der Pyramiden beschäftigt, wozu er sich mit dem englischen Generalkonsul, Oberst Campbell, dem englischen Vizekonsul in Alexandrien und dem englischen Obersten Howard Wyse durch Kontrakte assoziiert hatte, und zwar, wie er sich ausdrückte, dergestalt, daß die Engländer das Geld und er den Kopf zu der Unternehmung herzugeben sich verpflichteten. Ein erfolgter Streit zwischen ihm und Oberst Wyse hatte diese Verbindung vor einigen Tagen jedoch wieder aufgelöst und der Oberst die Fortsetzung des Geschäfts allein übernommen und «den Kopf» weggelassen, worüber Herr Cavillia sich, als eine gewaltsame, eigenmächtige Aufhebung des formellen Kontrakts, bitter beklagte. Als ich indes später den Oberst Wyse bei meinem Besuch der Pyramiden dort antraf, führte dieser ebenfalls mehrere plausible Gründe für sein Verfahren an, so daß ein Dritter, ohne genaue Kenntnis der Sache, kein Urteil darüber zu fällen sich erlauben darf. Herr Cavillia war voll sanguinischer Hoffnungen über die Möglichkeit großer Entdeckungen, von denen er bereits, wie er versicherte, die untrüglichsten Andeutungen habe. Er hoffe, der Welt bald ein noch ungekanntes Wunder ägyptischer Architektur im Innern der Pyramiden enthüllen zu können. Obgleich er stets in halben Rätseln sprach, glaubte ich doch so viel zu verstehen, daß, seiner Meinung nach, der ganze obere Teil der großen Pyramide über den gefundenen Grabkammern hohl sei und einen ungeheuren Saal bilde. Als dies die Rede auf die sogenannten Zimmer des Königs und der Königin brachte und ich Herodots Text zitierte, nach welchem der königliche Erbauer der Pyramide gar nicht in derselben, sondern in der Felsenbasis darunter, von einem unterirdischen Kanal des Nils umflossen, begraben liegen soll, unterbrach er mich lebhaft: «Nein», rief er, «dort liegt das gefeite große Krokodil, das die Quintessenz alles Geschehenen und Kommenden in sich faßt», und nun begann er eine höchst seltsame Erzählung, deren Ton er jedoch so geschickt zu handhaben wußte, daß es stets ungewiß blieb, ob er allegorisch oder ironisch oder in vollem Ernste spreche, ob er uns nur scherzend zum Besten habe oder wachend phantasiere. Ich für meinen Teil glaube indes, es war etwas von beiden Elementen darin vorhanden, und Herr Cavillia, gleich allen übrigen Propheten, halb inspiriert und halb besonnen, halb Glaubender und halb Täuschender. Man kann es jedoch auf keine unterhaltendere und anspruchslosere Weise sein als dieser originelle Mann, wenn er dazu aufgelegt ist, ein Fall, der übrigens sehr selten eintritt, da er, immer mit mysteriösen Studien beschäftigt, in der Regel nichts weniger als kommunikativ erscheint. Die Pilger nach Mekka. Die Gräber der Kalifen Am andern Morgen weckten mich die Kanonenschüsse, welche die Abreise der Hadschis der großen Karawane nach Mekka verkündeten. Mein dem Leser schon aus Alexandria bekannter junger Freund, der französische Konsul Lesseps, ein Pariser Elegant in der Wüste, holte mich auf seinem tunesischen Renner ab, und wir eilten bei Desaix umgeworfenem Monumente und dem prächtigen Throne des Sieges (Bab-el-Nasr) vorüber, einen freien Platz zu gewinnen, bei dem die Prozession vorbeikommen mußte. Einige Regimenter stehen jetzt dort in Zeltlagern, täglich manövrierend, heute aber fanden wir sie, dem heiligen Teppich zu Ehren, mit der irregulären Kavallerie auf beiden Seiten der Straße Spalier bildend. In der Nähe dieser plazierten wir uns auf einer Anhöhe. Schon nahte der Zug. Voran ein Detachement Kavallerie, die Offiziere in ihrer Staatsuniform, in Rot und Gold gekleidet. Dann mehrere einzelne, mit bunten Bändern geschmückte Kamele, auf deren einem ein ganz nackter, sehr schmutziger Heiliger (Santon) saß. Hierauf, gleichfalls von Kavallerie umgeben, erschien eine Art reich gestickter Sänfte mit gleichem Baldachin, alles von grüner Farbe, welche den Teppich enthielt, den der Sultan alljährlich der heiligen Kaaba verehrt. Andere geschmückte Kamele folgten und noch einige Reiterei, der sich die lange Reihe der Hadschis anschloß. Das Gros der Karawane versammelt sich jedoch erst eine Station weiter in der Wüste, wo ein mehrtägiger Halt gemacht wird, bis alles vereinigt und geordnet ist. Eine große Menge Volkes umgab die Prozession mit lautem Geschrei, und viele schossen als Freudenbezeigung ihre Gewehre, zum Teil dicht neben uns, ab. Noch vor wenigen Jahren würden Christen in ihrer europäischen Tracht großer Gefahr ausgesetzt gewesen sein, diesem Schauspiel beizuwohnen; jetzt schien man uns kaum zu bemerken, und nicht einmal eine feindliche Miene drohte uns. Im Gegenteil wich man stets ehrerbietig vor meinem Kawaß zurück, wo er uns Platz zu machen für gut fand, und einige nackte muhamedanische Ringer von athletischem Körperbau baten während der Zeremonie sogar um die Vergünstigung, uns Ungläubigen en passant eine Vorstellung ihrer Künste zu geben, die ich jedoch erbärmlich fand, da sich alles auf bloße Demonstrationen beschränkte und ein wirklicher Wettkampf unter ihnen nie stattfand. Nachdem der kleine seidne Tempel mit dem heiligen Teppich, der hier die Nacht zubringen sollte, niedergelassen und mit einem dichten Schwarm Kavallerie umzingelt worden war, um jeden profanen Blick abzuhalten, ritten wir eine halbe Stunde weiter, den imposanten, leider nun schon halb verfallenen Grabmälern der Kalifen zu, die dem Architekten fast unerschöpfliche Modelle der mannigfachsten, ebenso geschmackvollen als originellen Zierraten altarabischer Baukunst darbieten und wiederum deutlich zeigten, daß dieser Baustil mit dem gotischen auf das innigste verwandt, ja beide oft sich fast gleich sind. Mitten im Sand der Wüste gelegen und in so tödlich einsamem Kontrast mit dem Gewühl der nahen Hauptstadt, machten diese verhältnismäßig modernen Ruinen, diese Menge von Palästen hingeschiedener Größe in verwitternder Kunst und Pracht, einen viel wehmütigeren Eindruck auf mich als die uns schon so viel weiter entrückten Totenstädte der alten Ägypter. Der erste Dom, in den wir traten, war das Grab des von den arabischen Dichtern hochgefeierten Helden Melek-el-Adhel, der auch Chateaubriand den Stoff zu einer seiner lieblichen Dichtungen lieferte. Die Arabeskenmalerei und zierlichen Schriftzeichen dieses Monuments werden als die vollendetsten ihrer Art in Kahira angesehen. Die Kuppel ist kühn, leicht und luftig, von imposanter Wirkung, noch voll Farbenglanz und Vergoldung, doch da das Ganze an vielen Orten gewaltsam beschädigt wurde, droht ohne schleunige Reparatur, die von den Türken nie zu erwarten ist, diesem schönen Mausoleum der baldige Einsturz. Eins der großartigsten und prachtvollsten Gräber, von dem ein Teil wahrscheinlich zugleich als Palast gedient haben muß, ist das eines Kalifen der ersten Dynastie und seiner Gemahlin, deren Namen mir entfallen sind. Es bildet ein Viereck mit zwei hohen Türmen und zwei Kuppeln, einen ansehnlichen Hof umschließend, in dessen Mitte sich eine Fontäne befindet. Unter den beiden Kuppeln, die sich an den Endpunkten eines weiten Saales erheben, liegt das Herrscherpaar begraben. Mit bunten Marmorarten ausgelegte Wände und bewunderungswürdig gearbeitete, transparente Metall- und Holzgitter schmücken diese Räume. Auch der Saal ist von edlen Verhältnissen, und seine zierliche Steinkanzel würde die schönste unserer Kathedralen würdig schmücken. Alles stand hier offen, jeder Verheerung preisgegeben, ohne Schutz, langsam selbst mit den Körpern vermodernd, die es birgt. Wir bestiegen der Aussicht wegen einen der Türme auf der entgegengesetzten nach der Stadt gewandten Seite, obgleich in den zum Teil außerhalb angebrachten Treppen mehrere Stufen und an vielen Stellen die Geländer fehlten. Kaum waren wir im ersten Stocke angelangt, als uns ein starker Ambrageruch entgegenduftete und gleich darauf, wie eine Erscheinung, ein hübsches Mädchen aus einer niedrigen Seitentür heraustrat, die, auf das Bunteste geschmückt, sich tief verbeugte und demütig einen Bakschis (kleines Geschenk) für sich erbat. Wir waren anfänglich nicht wenig erstaunt über diese so unerwartete Begegnung, doch das Rätsel löste sich bald: Zwei der aus Kahira durch das harte Gesetz Mehemed Alis kürzlich vertriebenen Hetären hatten sich hier einquartiert, um unter dem Schutz verlassener Gräber ihr, diesem Lokal so heterogenes Geschäft verstohlen und ungestört fortsetzen zu können! Die armen Kinder, eine Schwarze und eine Weiße, erregten unser Mitleid zu sehr, um nicht – und diesmal wenigstens in aller Unschuld – eine reiche Ernte zu machen. Schule von Kasserleng. Die Insel Ruda Obgleich man gewöhnlich den Fremden zu versichern pflegt, daß es in Kahira nie regne, so wurden wir doch auf dem Rückweg von einem gewaltigen Gewitter überrascht, dem ein zweistündiger Platzregen gleich einem Wolkenbruche folgte und uns bis auf die Haut durchnäßte. Doch ließ ich mich nicht abhalten, noch einen Besuch in der Schule von Kasserleng (Kasr-el-Ain) zu machen, die erste der vom Vizekönig geschaffenen Anstalten dieser Art, die ich sah und deren musterhafte Einrichtung jeden Unparteiischen mit Achtung für ihren Gründer erfüllen muß. Mehrere zusammenhängende zweistöckige und großartige Gebäude im europäischen Stil umschlossen einen Garten und einen großen, mit Baumalleen bepflanzten Hof, in dessen Mitte die Moschee steht. Die erwähnten Gebäude enthalten Wohnungs-, Schlaf-, Speise-, Kranken- und Unterrichtssäle für zweitausend Schüler, nebst den Wohnungen der Lehrer und Diener, einem großen Bade, den Küchen, Vorratskammern usw. Jeder Saal hat seine besonderen, anständig gekleideten Diener, welche auch bei Tafel servieren, und die strengste Ordnung und Reinlichkeit herrschte von der Schwelle bis zum Dache. Die Schüler sind sämtlich uniformiert und werden alle Jahre neu gekleidet. Jeder hat ein Bett mit eiserner Bettstelle, einen verschlossenen Schrank für seine Habseligkeiten, eine Matte mit Teppich und ein Kissen zum Sitzen. Der Gebrauch der Zeit ist militärisch geregelt, und um die jungen Leute nie aus der Ordnung zu lassen, müssen sie, selbst zum Unterricht wie zur Tafel, stets militärisch marschieren. Ich war bei ihrer Mahlzeit gegenwärtig, deren zwei des Tages stattfinden und die ich besser und reichhaltiger als in irgendeiner unsrer, mir wenigstens bekannten, deutschen Schulanstalten fand, besonders solchen, welche auf Kosten des Gouvernements bestehen. Die Eleven aßen in zwei Sälen, an runden, von Bänken umgebenen Tischen, je zehn zu zehn miteinander, höchst anständig in ihrem Benehmen, obgleich mit voller Freiheit der Unterhaltung, und auch durch keinen Besuch im mindesten gehindert, wäre es auch der des Vizekönigs selbst, da es eine sehr vernünftige und humane Bestimmung türkischer Sitte ist, daß beim Essen niemand aufsteht noch grüßt oder zu sonstigen Respektsbezeugungen verbunden ist, es mag kommen, wer da will. Dies gilt auch für alle Dienerschaft, und selbst Tiere werden nur im höchsten Notfall während ihrer Fütterung gestört. Die Aussicht aus den hohen offenstehenden Fenstern dieser Säle auf die neuen Anlagen Ibrahims, die dahinter liegende, in Palmen eingehüllte Stadt, auf die Zitadelle und den weit hingestreckten dunklen Mokkatamm mit seinen verschiedenen kleineren Forts im vollen Glanz der jetzt wieder hervortretenden Sonne war bezaubernd schön – eine wahre Bildergalerie für die Speisenden –, und daß man auch hier nicht unempfindlich für diese Naturschönheiten blieb, bewies uns schon der arabische Lehrer, der mich sogleich darauf aufmerksam gemacht hatte. Der Unterricht, den die Knaben erhalten, ist der Tendenz der Schule angemessen, die den Übergang von der Primärschule zu den höheren zu machen bestimmt ist. Die militärische Bildung geht damit Hand in Hand, worüber ich nicht selten tadelnde Anmerkungen hörte. Meines Erachtens entspringt daraus nur ein doppelter Vorteil für die zu erziehende Jugend, wenn er auch zugleich den Privatzwecken des Vizekönigs dienen mag. Ein sehr intelligenter, vortrefflicher junger Mann, Mustapha Bey, ein Ägypter, der seine Bildung in Europa empfing, steht an der Spitze dieses Etablissements, und die Leidenschaft, die ihn selbst dafür beseelt, sprach ihm aus den Augen, gewiß der sicherste Bürge für eine gute Amtsführung in jedem Fach. Da sich das Wetter aufgeklärt hatte, wollte ich es benutzen, um dem Vizekönig noch einen Besuch zu machen, hörte aber, daß er nach Alt-Kahira geritten sei. Ich wandte daher mein Pferd nach derselben Richtung, in der Hoffnung, ihm zu begegnen und bei dieser Gelegenheit auch zu sehen, in welcher Weise er sich dem Publiko zeige. Es dauerte nicht lange, als schon ein vorreitender Kawaß sein Kommen anzeigte. Ich rangierte mich mit den Umstehenden, um Seine Hoheit vorbeizulassen, sobald Mehemed Ali mich indes gewahr ward, winkte er mir, mich an seine Seite zu begeben, und ich begleitete ihn dann bis zum Palast zurück. Er war ohne allen Prunk, nur von einem sehr kleinen Gefolge umgeben, unter dem sich besonders Menich Pascha durch seine hohe Gestalt und kriegerische Haltung auszeichnete. Achmed Menich Pascha ist ein in Ägypten berühmter Kavalleriegeneral, der seit kurzem erst zum Kriegsminister ernannt wurde und durch seinen glänzenden Angriff mit dem Garderegiment, welches er damals kommandierte, viel zum glücklichen Ausgange der Schlacht von Konieh beitrug. Der Vizekönig selbst zeichnete sich von den übrigen nur durch seine größere Einfachheit aus. Überall schienen aber des Volkes Blicke, das sich ehrerbietig bei seiner Erscheinung aufstellte, ihm mit Liebe und Bewunderung ohne alle Anzeichen sklavischer Furcht zu folgen; eine Behauptung, welche in Europa manchen überraschen wird; aber ich überzeugte mich hundertmal, daß Mehemed Ali in seinem Lande wirklich, trotz aller despotischen Maßregeln, populär bei großen wie kleinen ist: der beste Beweis, daß seine Regierung hier nicht so unpassend sein muß, als unsere Theoretiker sie beurteilen. Er grüßte fortwährend rechts und links mit vieler Grazie und Freundlichkeit, ohne seine lebhafte Unterhaltung mit mir einen Augenblick zu unterbrechen. So erreichten wir den Palast, wo ich mich beurlaubte, um den schönen, vom Regen köstlich erfrischten Abend auf der nahen Insel Ruda zuzubringen. Diese so reizende, baumreiche Insel ist leider durch den unglücklichen Gedanken sehr verdorben worden, auf derselben einen sogenannten englischen Garten oder Park anzulegen. ich habe schon früher bemerkt, daß Gärten in diesem Geschmack, dessen Hauptelemente Frische, Wald, Wiesen und Rasenplätze sind und der weniger einer erhabenen, als vielmehr freundlichen und ländlichen Natur zusagt, für das hiesige Klima und den imposanten Ernst Ägyptens durchaus unpassend sind. Diese bisher nur a priori gefaßte Idee fand ich nun hier auf das vollste durch den Augenschein bestätigt, und um so kläglicher war das Resultat, da ein höchst unwissendes Subjekt, ein wahrer John-Bull-Gärtner, wie es deren in England jetzt nur zu viele gibt, den geschmacklosesten Unsinn mit ungeheuren Kosten hier zusammengehäuft hat. Dahin gehört unter andern ein lächerliches Gebäude, im Stil echter englischer Nonsens-Architektur ausgeführt, wo alle Bauordnungen untereinander gemengt sind, die griechische aber vorherrschen soll, wozu es denn bewundernswürdig gut paßt, daß eine der Fassaden eine Muschelgrotte mit natürlichen Felsen darstellt, die überdies höchst ungeschickt nachgeahmt sind. Diesem ist noch die ganz zwecklose Unbequemlichkeit hinzugefügt, daß man sich durch den kaum fußbreiten, gewundenen und niedrigen Eingang nur tief gebückt hindurchwinden kann, um in den innern dunklen Raum der Grotte zu gelangen, den Kulminationspunkt des Ganzen, wo, auf vorhergegangene Bestellung, zwei Minuten lang eine kleine Kaskade herabfällt, zu der eine Zisterne auf dem Dache das Wasser liefert. Vor dem Eingang dieser absurden Spielerei sind außerhalb Stufensitze angebracht, von denen man die Aussicht auf einen in irregulären Schlangenlinien geformten See hat, dessen schroffe Grenzen, um sie noch unnatürlicher zu machen, durch wohlgeputzte Steinmauern mit einer runden Wulst darüber eingefaßt sind. Weiterhin läuft diese Wasserpartie in einen engen, oft zum Überspringen schmalen Kanal aus, der sich, fortwährend von gleichen Mauern eingefaßt, in den Windungen eines Korkziehers und voll von stinkendem Schlamm wie ein ekelhaftes Reptil durch den ganzen Park schlängelt, bis er an seinem Ende wieder ein kleines Becken bildet, das genau die Gestalt eines gewissen Meubles hat, welches reinliche Personen bei ihrer Morgen- und Abendtoilette gebrauchen. Das grüne Wasser dieses Kanals ist von kümmernden und vertrockneten Shrubs oder Kleefeldern eingefaßt, die der hier unentbehrlichen Bewässerung wegen statt einer glatten Pelouse, nur eine Menge kleiner, erhabener Karrees wie in einem Gemüsegarten zeigen. Selbst die hierauf verteilten losen Baumgruppen machen daher einen widerlichen Effekt, ungefähr so, als wenn man dergleichen bei uns statt auf einer Wiese oder einem Weideplatz mitten in ein Kartoffelfeld oder einen Gemüsegarten pflanzen wollte. Man sieht hier, was das apropos bei jeder Sache tut, da in den rechtwinkligen, von graden Alleen durchschnittenen Figuren der von mir gerühmten Promenaden um Kahira diese selben regelmäßigen, freien Kleekarrees, die dort, als bloße Füllungen benutzt, einem kolossalen Damenbrette gleichen und in Harmonie mit den ebenso regelmäßig sie umschließenden Gängen einen dem Auge wohlgefälligen und originellen Anblick gewähren, hier, wo sie der Natur nachgeahmte Waldplätze und Wiesengründe darstellen sollen, nur die ungeschickteste Wirkung hervorbringen. Die Bestrebung, dem Terrain durch künstliche Erhöhungen mehr Bewegung zu geben und einzelne Hügel zu formieren, ist ebenso widersinnig ausgefallen, da die ersteren durch ihre unnatürliche Form nur Dämmen und die anderen Tumulis ähnlich sehen. Aber selbst in den Pflanzungen hat sich dieser insularische Künstler als der größte Stümper dargetan. Einige gigantische alte Sykomorebäume, die, mit Geschmack benutzt, zu den grandiosesten Partien Gelegenheit gegeben haben würden, sind durch die Vorpflanzung flattriger Pappeln und Weiden entweder ganz versteckt oder ihre imposante Wirkung doch gänzlich gestört worden. Die Shrubs sind meist so durchsichtig gepflanzt, daß mehr schwarze Erde als grünes Laub sichtbar wird, überall ist das Nadelholz dicht an die Wege gestellt, die es verwächst, und die Gruppen sind so schroff, steif und klecksartig über die Kleefelder verteilt, daß in der Tat die Ägypter, wenn sie das herrliche, von Griechen ausgeführte Schubra mit diesem Salmagundi vorgeblicher englischer Gartenkunst vergleichen, von dieser nur einen höchst betrübten Begriff erhalten können. Wahrscheinlich ist dies auch die Ursache, daß man bereits einen andern Teil der Insel einem zweiten (ich glaube französischen) Gärtner überlassen hat, der mehr den Stil von Schubra beibehalten und so einige weit hübschere, obgleich jenen vortrefflichen Gärten immer noch lange nicht gleichkommende Anlagen gemacht hat. Denn leider ließ er, trotz besserer Einsicht, sich von dem nahen schlechten Beispiel verführen, in seine regelmäßigen Zeichnungen dennoch hie und da einige der unglücklichen Verirrungen seines Kollegen mit zu verwenden, welche weder der Kunst noch der Natur angehören. Ich glaube, daß man für die ägyptische Gartenkunst einen ganz neuen genre erfinden müßte, in welchem Regelmäßigkeit zwar Grundprinzip, aber höchste Mannigfaltigkeit dennoch nicht ausgeschlossen bleiben würde. Da die stete Bewässerung zugleich hier eine «conditio sine qua non» und auch nicht zu verbergen möglich ist, so müßte diese selbst zur Zeichnung der Formen dienen, was, wohl bedacht und geschickt ausgeführt, höchst originelle Effekte schaffen und im großen wie im kleinsten Detail die gefälligsten Bilder hervorbringen könnte, in seinem Ganzen gewissermaßen einem Arabeskenbild vergleichbar, in dem die Kontur von den unvermeidlichen Wasserkanälen, die Füllung und Schattierung aber durch Vegetation aller Art, wie sie dem Klima angemessen, vom riesigen Sykomore bis zur kleinsten Blume herab, gebildet würden. Wie die Natur in jedem Himmelsstriche verschieden ist und den unter diesem liegenden Ländern einen eigentümlichen Charakter aufdrückt, so muß auch die Gartenkunst überall verschiedenen Prinzipien folgen. Für das nördliche Europa paßt das Prinzip der englischen Landschaftsgärtnerei meiner Überzeugung nach besser als jedes andere, mit wenigen einzelnen Lokal-Ausnahmen. Italiens Villen verlangen schon eine andere Umgebung, und für Algier mit der Berberei, für Griechenland wie für Ägypten unterhielt es mich, mir ganz neue und für jedes dieser Länder voneinander abweichende Systeme auszudenken, welche ich später als Anhang meines kleinen Werkes über Landschaftsgärtnerei, das vom Publikum über Verdienst gütig aufgenommen worden ist, bekannt zu machen gedenke. Hier sei genug über diesen Gegenstand gesagt. Der Sklavenmarkt. Fostat. Thura Die nächsten Tage absorbierte die Gesellschaft. Ich mußte den Herren Konsuln ein Diner geben, nachher einigen vornehmen Türken, welchen auch während dem Essen Pfeifen serviert wurden, dann auch noch versäumte Besuche nachholen und endlich verschiedene Einkäufe machen. Man trifft in Kahira viel Interessantes dieser Art an. Indische Waren verschiedener Natur, Stoffe, künstliche Arbeiten, von den Gourmands geschätzte seltene Früchte usw. sind hier verhältnismäßig wohlfeil, allerlei kostbare Steine, namentlich eine große Auswahl schöner Türkise und Smaragde, findet man ebenfalls zu billigen Preisen; die Produkte aus Jemen sind barock, und die Waren aus dem innern Afrika bieten zum Teil noch merkwürdige Kuriositäten dar wie zum Beispiel die wunderlichen Reitpeitschen aus Hippopotamushaut, im Arabischen Kurbatsch genannt, woher ohne Zweifel seit den Kreuzzügen das Wort «Karbatsche» nach Deutschland gekommen ist. Was türkischer und syrischer Gewerbefleiß liefert, ist dagegen hier teuer und die Auswahl nur gering. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich auch den schwarzen Sklavenmarkt, der allerdings, so milde die Sklaven auch in der Regel hier behandelt werden, dem Europäer ganz andere Gefühle als dem Orientalen einflößt. Es ist niederschlagend, daß demohngeachtet die allgemeine Stimme der Europäer selbst sich in der Behauptung vereinigt, daß die Sklaven von diesen härter wie von den Muselmännern behandelt werden. Kann man sich überwinden, das Tragische, was in dem ganzen System liegt, einmal beiseite zu setzen, und was hülfe es auch, darüber als etwas hier vorderhand noch Unvermeidliches unnütz zu jammern, so muß man ohne Affektation gestehen, daß dieser Sklavenmarkt neben der menschlichen Herabwürdigung (der man aber in goldenen Sälen, unter Sternen und Orden, oft noch widriger begegnet, weil sie da freiwillig ist) auch viel Komisches darbietet. Die Sklaven selbst zeigen fürs erste gar keinen Ausdruck des Kummers oder der Schwermut in ihrem Benehmen, wohl aber die verschiedensten und originellsten Sitten. In den offenen Zimmern und dem Hofe eines großen Gebäudes verteilt, sitzen sie in Gruppen umher, meistens scherzend und lachend, oft auch mit einer stupiden Gleichgültigkeit und tierischem Ausdruck ihrer Mienen. Frisch angekommene Sklavinnen sieht man häufig noch im Kostüm ihres Landes, das heißt fast nackt; sind es aber solche, die schon aus zweiter Hand verkauft werden, so sind sie orientalisch angezogen, und diese zeichnen sich gewöhnlich durch üble Laune und ein ziemlich impertinentes Wesen aus, das dennoch nicht ohne eine gewisse Koketterie bleibt. Diese weigern sich auch oft, ihr Gesicht sehen zu lassen, und affektieren Zorn und Abneigung gegen den Käufer, während die noch im halben Naturstande Begriffenen mit eben der Gleichgültigkeit nicht nur ihr Antlitz, sondern alles, was man verlangt, entblößen, wie es ein Schaf ruhig duldet, daß man seine Wolle befühlt. Wir hatten einen im französischen Konsulat angestellten Levantiner mit uns, von dessen merkwürdiger Routine und grotesken Unbefangenheit im Sklavenuntersuchungsgeschäft, verbunden mit seinen dahin gehörigen Kunstausdrücken, man trotz allem Widerwillen unmöglich ohne Lachen Zeuge sein konnte. Ohne alle Umstände nahm er ein vierzehnjähriges Mädchen beim Arm und befühlte, ihr den Bernus abstreifend, in welchen sie sich gehüllt hatte, ihre jungen Brüste, wie man die Reife einer Frucht probiert. «Fort bien», rief er zu uns gewandt, «c'est frais, cela a poussé comme une orange.» Jetzt ergriff er unsanfter eine andere aus zweiter Hand und hob ihr, wenig auf ihr Sträuben achtend, den lang herabhängenden Oberwurf auf, ließ ihn aber bald mit den Worten wieder fallen: «Ce n'est rien ça, elle est faite .» Eine dritte, weit hübscher als die Vorhergehenden, aus Abessinien, wurde von der Schuhspitze bis zu ihren hundert Haarflechten untersucht, mußte dann noch die Zunge herausstrecken und die Zähne weisen, worauf ihr als Resultat der Visitation das Attestat gegeben ward: «Voilà une jolie fille, bien portante, d'une belle chute de reins, mais la gorge est applatie en diable! » Dies ist gemein, aber ein treues Bild des hiesigen Verkehrs, charakteristisch und folglich, glaube ich, an seinem Platze. Um indes den Gegenstand, der in mehr als einer Hinsicht seine schwarze Seite hat, schnell zu wechseln, führe ich den Leser jetzt durch Alt-Kahira nach der Artillerieschule von Thura, ein Ort, der wahrscheinlich auf der Stelle des alten Troja erbaut ist, so wie man auf den Bergen hinter Fostat das ägyptische Babylon sucht. Ich glaube jedoch, daß dies letztere da stand, wo sich jetzt Mehemed Alis Zitadelle befindet. Wir begannen in Fostat (Alt-Kahira) mit Besichtigung der koptischen Kapelle, unter der ein kellerartiges Gemach für die Grotte ausgegeben wird, in welcher die Jungfrau mit Vater Joseph und dem Jesuskinde auf ihrer Flucht nach Ägypten eine Ruhestation machte. Wir mußten, wie billig, dem führenden Mönche für das christliche Spektakel einen arabischen Bakschis verehren, obgleich der gemauerte Keller in keiner Art einer Felsengrotte ähnlich sah. In der Kapelle selbst befanden sich aber einige ebenso kostbare als geschmackvolle, mit Holz und Elfenbein eingelegte maurische Arbeiten. Von hier begaben wir uns nach der verfallenen und nur von öden Trümmerhaufen umgebenen, aber prachtvollen und im edlen Stil gebauten Moschee Amrus des Eroberers Ägyptens. Ein weiter Hof, von drei- und vierfachen Säulenhallen umgeben, würde auch eine antike Akademie Griechenlands nicht verunziert haben. In der Mitte dieses Hofes steht ein kleines, gleichfalls artig verziertes Gebäude, ein bleibendes Zeichen der Gerechtigkeit Amrus, gleich der Mühle von Potsdam; denn es gehörte einer armen Jüdin, die es dem Sultan nicht verkaufen wollte, weshalb er es nur rings umbaute, statt es abzureißen. Man sieht einige Wunderdinge in dieser Moschee, welche sich auch noch dadurch auszeichnet, daß alle Jahre am letzten Freitage des Ramadan der Vizekönig mit allen seinen Großen und Beamten sie in Zermonie besucht. Die wunderbaren Gegenstände bestehen: erstens in einer Säule, welche der große Amru, ich weiß nicht bei welcher Gelegenheit, voneinander hauen wollte, ihr aber nur einen tiefen Einschnitt mit seinem Damaszenersäbel beibrachte, ein Effekt, der durch eine Ader des Marmors artig dargestellt wird; zweitens in einem Doppelpaare anderer Säulen, die eine ähnliche Eigenschaft haben sollen als die berühmten zwei in der heiligen Moschee zu Kéruan, nämlich daß nur der Gerechte sich gefahrlos durch sie hindurchdrängt, der Sünder aber darin stecken bleibt. Sie gaben heute zu einem lustigen Intermezzo Anlaß. Der Kawaß Seiner Hoheit, der mich, ich mag wollen oder nicht, überall hinbegleitet, ein langer dürrer Alter mit einer sehr langen Nase und breitem Munde, trägt, wie bereits gemeldet, als Zeichen seiner Würde einen ebenso langen Stab als er selbst ist, von einer silbernen Maschine mit mehreren Schellen gekrönt, die ganz unsern Kinderklappern gleicht, weswegen ich ihm den Namen meiner obligaten Klapperschlange gegeben habe, mit welchem er jetzt auch allgemein von meiner europäischen Umgebung bezeichnet wird. Besagte Klapperschlange ließ sich also nach langem Sträuben von mir überreden, sein Glück zwischen den verhängnisvollen Säulen zu versuchen, und siehe – so stark ist die Macht der Einbildung! – er blieb stecken trotz seiner Magerkeit, ward erst kirschrot, dann leichenblaß und wäre am Ende vielleicht vom Schlage gerührt worden, wenn ihn nicht der starke Ackermann gepackt und gewaltsam durchgeschoben hätte. Dieser beeilte sich, ihm hierauf selbst wohlgemut zu folgen, obgleich um die Hälfte dicker und auch in der Moralität ihm wahrscheinlich nicht sehr überlegen, freilich aber ein rechtgläubig katholischer Christ und der andere nur ein muhamedanisches Teufelskind, was keinen kleinen Unterschied hervorbringt. Die übrigen Muselmänner meiner Begleitung wollten nach dieser unglücklichen Probe keine zweite Darstellung derselben liefern, und so setzte ich lachend meinen Weg nach Thura fort. Hinter Fostat wird der mehr als eine Viertelmeile breite Fluß durch eine Reihe uralter Sykomore begrenzt und bietet eine schöne Aussicht auf Dschiseh und die lange Pyramidenfolge am andern Ufer bis jenseits des Palmenwaldes von Memphis. Nachdem wir uns einige Minuten in dem Atelier aufgehalten hatten, wo die kostbaren Blöcke orientalischen Alabasters für die Moschee Mehemed Alis bearbeitet werden, setzten wir unsern Weg durch eine wüste Gegend längs des Mokkatamm fort, während uns Herr Lesseps, der einer der besten und elegantesten Reiter Frankreichs ist und sein schönes Berberpferd ritt, durch seine alle Spiele der Araber in größter Vollkommenheit nachahmende Geschicklichkeit ergötzte. Der besonnene Schimmel des Vizekönigs, den ich ritt, hätte auch bei dem besten Willen meinerseits nichts ähnliches vollführen können, so daß ich mich mit einem kurzen Galopp geradeaus begnügen mußte, der uns bald in die unermeßlichen Steinbrüche brachte, aus denen die Pyramiden erbaut wurden und wo auch noch mehrere Königsringe und Hieroglyphen nebst kunstvoll ausgehauenen Toren das einstige Walten der alten Ägypter verkünden. Ungeheure Gewölbe ziehen sich tief in die Felsen hinein, doch licht und frei, nicht in der Art der griechischen Steinbrüche durch lange, dunkle Galerien und Irrgänge miteinander verbunden. Der Sandstein bricht in Schichten, welche die Bearbeitung sehr erleichtern und im Steinbruch schon gewissermaßen das Format der kolossalen Steine anzeigen, welche man beim Bau der Pyramiden verwendet hat. Auch jetzt ward fleißig gearbeitet, um für ein gleich gigantisches Unternehmen das Material zu sammeln, welches dann durch eine Eisenbahn zum Wasser gebracht werden soll. Das Werk, von dem ich spreche, ist die von Herrn Linant projektierte und vom Vizekönig bereits genehmigte Sperrung (le barrage) des Nils beim Beginn des Delta, von dem ich noch ausführlichere Nachricht erteilen werde und dem, wenn es gelingt, wie man hofft, kaum ein Bau alter und neuer Zeit sowohl hinsichtlich seiner Folgen als der Kühnheit des Planes an die Seite zu stellen sein möchte. Es war dieses Umstandes halber doppelt angenehm für mich, daß Herr Linant selbst, dieser ebenso anspruchslose als durch seine geniale Tätigkeit ausgezeichnete Mann, sich ebenfalls unter meinen gütigen Begleitern fand. Herr Linant bewohnt Ägypten schon seit sieben Jahren, und die Lesewelt kennt seine Reisen in Arabien und nach Meroë, von dessen Ruinen er die ersten authentischen Zeichnungen lieferte. Er hat sich die Sprache und Sitten der Araber während dieser Zeit in solchem Grade zueigen zu machen gewußt, daß er, sich unter sie mischend, sooft er wollte, für einen der Ihrigen angesehen wurde, und er selbst fand so viel Geschmack an dem freien Naturleben dieser merkwürdigen Menschenrasse, daß er uns mehrmals versicherte, er habe die glücklichsten Tage, deren er sich erinnere, in seiner Besitzung am Berge Sinai zugebracht, und dort gedenke er auch einst sein Leben zu beschließen. Ein gewinnendes Äußeres, die sanftesten Formen, mannigfache wissenschaftliche Bildung, ein feuriger, unternehmender Geist, verbunden mit großer Ruhe und Beharrlichkeit, machen in der Tat Herrn Linant zu einem Manne, der jeder Nation, durch Geburt oder Wahl, zur Ehre gereichen muß. Herr Linant war wörtlich in den Steinbrüchen zu Hause, denn er, der so wenig Bedürfnisse kennt, verlebte hier mehrere Monate lang in einer Höhle, um die Arbeiter selbst zu leiten und durch seine stete Gegenwart zu ermuntern, konnte es aber, trotz aller angewandten Mühe, dennoch nicht dahin bringen, daß sie gleich ihren Vorbildern, den alten Ägyptern, tief in den Felsen hineinarbeiteten, statt nach ihrer jetzigen Weise sehr unzweckmäßig nur von außen abzuräumen. Die Furcht vor den unterirdischen Geistern ist so stark bei ihnen, daß sie erklärten, lieber sterben zu wollen, als sich der Gemeinschaft mit solchen Genossen in der Felsen Tiefe auszusetzen, für deren kabbalistische Zeichen sie die hie und da an den Steinwänden befindlichen Hieroglyphen noch immer ansehen. Wir selbst waren bei unsern Untersuchungen nicht so glücklich, von Geistern beunruhigt zu werden, es müßte denn in der Gestalt wilder Tauben und Fledermäuse gewesen sein, deren uns gar viele mit schwarzem Fittich umkreisten. Die Artillerieschule zu Thura, auch eine der großartigen Schöpfungen des Vizekönigs, ist die einzige dieser Art, welche nicht durch einen Franzosen, sondern durch einen Spanier, General Seguerra, organisiert wurde, seit seinem Abgange jedoch mehrere nachteilige Veränderungen erlitten und sehr viel an ihm verloren zu haben scheint. Seguerra, der als Artillerieoberst im spanischen Kriege gegen Frankreich mit vieler Auszeichnung gedient hatte und, wie man versichert, sein Fach aus dem Fundamente verstand, ist als der Schöpfer des ganzen ägyptischen Artilleriewesens anzusehen, und sein Verlust ist unersetzt geblieben, die Artillerieschule selbst aber mit allen andern militärischen Etablissements dieser Art auch in die Hände Muktar Beys, gewiß des unwissendsten, anmaßendsten, mit einem Wort inkapabelsten Menschen gefallen, den der Vizekönig in seinem Dienste hat und dem dieser leider ein unerklärliches Vertrauen schenkt, weil er sein Landsmann ist, die Eigenschaften eines guten Hofmannes besitzt und sieben Jahre in Frankreich auf Kosten des Vizekönigs studiert hat, ohne aus diesem Lande, dessen Sprache allein ausgenommen, etwas anderes als eine zehnfach erhöhte Arroganz nebst dem Laster des Trunkes im unsinnigsten Maße mitzubringen. Seinen Intrigen ist hauptsächlich der Abgang Seguerras zu verdanken, eine der vielen Wunden, die er weniger vielleicht aus üblem Willen als aus kapriziöser Dummheit dem Interesse seines zu gütigen Herrn beigebracht hat. Seguerra war ein Mann de «l'ancienne roche», der seine Schuldigkeit auf das äußerste erfüllte, aber dies auch von allen andern mit großer Härte und ohne Nachsicht verlangte. Seine Formen mögen dabei allerdings etwas zu stolz und barsch gewesen sein, und da er keinen verschonte, er mochte sein, wer er wollte, so konnte es nicht fehlen, daß er sich viele geheime und offene Feinde zuzog. Er äußerte häufig, daß er in Ägypten von niemand als von Mehemed Ali selbst Befehle annehmen wolle, da niemand außer ihm hier sei, der von seinem Fache soviel verstehe als er selbst. In der Tat schickte er auch mehr als einmal dergleichen Befehle an den Minister zurück mit der Weisung, daß dieser erst lernen müsse, um was es sich handle, ehe er Befehle erteile, die unsinnig und unausführbar seien und folglich von ihm nicht beachtet werden könnten. Wolle man ihn aber mit Mehemed Alis souveräner Autorität drängen, so werde er die Schule verlassen und verlange seinen Abschied. Bei einem dieser Zwiste, die nicht selten vorfielen, erzwang er, nachdem er das ihm erteilte Oberstenpatent zurückgesandt hatte, als öffentliche Satisfaktion den feierlichen Besuch Mehemed Alis in der Artillerieschule und, nach abgehaltener Prüfung der Zöglinge, die sehr glänzend ausfiel, seine Ernennung zum ägyptischen General. Endlich wurden indes die stets wiederholten Schikanen dennoch zuviel für ihn, so daß er bestimmt und unwiderruflich erklärte, nicht länger in den hiesigen Diensten bleiben zu wollen, und trotz aller Bemühungen Mehemed Alis, der sein Verdienst wohl erkannte, kurz darauf nach Spanien zurückkehrte, wo er jetzt einen hohen Posten bekleidet und einer der einflußreichsten Anhänger der Königin ist. Bei aller Stärke seines Charakters scheint jedoch Seguerra eine Schwäche gehabt zu haben, die nicht wenig zu dem Abbrechen seiner hiesigen Karriere beigetragen haben mag, denn die Türken fürchteten ihn zu sehr, um ohne fremde Hilfe so konsequent in seiner Verfolgung geblieben zu sein. Diese Schwäche war ein ganz irrationeller Franzosenhaß, der bei jeder Gelegenheit ausbrach und ihn, der sich sonst voll Edelmut und Dienstfertigkeit für die Fremden aller anderen Nationen zeigte, zu offenbaren Ungerechtigkeiten verleitete, sobald ein Franzose im Spiele war. Dies verfeindete ihn auch mit Soliman Pascha, von dem er ebensowenig als von den Türken eine Abhängigkeit dulden wollte, indem er von ihm sagte: daß Soliman Pascha wohl einer der alten, aber deswegen noch keineswegs einer der guten Soldaten Napoleons sei, von der Artillerie aber jedenfalls nichts verstehe, wenn er auch ein Husarenmanöver kommandieren könne. Was würde der arme Seguerra sagen, wenn er hörte, daß jetzt die besten seiner Schüler zu Schreibern in Muktars Ministerio aus Thura entnommen werden, während man ganz unwissende Günstlinge des Ministers statt ihrer als Offiziere in der Artillerie plaziert, und daß zum Direktor des Examens in derselben Artillerieschule Herr Lubbert, der ägyptische Historiograph, ernannt worden ist, welcher in Paris als «gentilhomme ordinaire de la chambre» den königlichen Theatern vorstand, wo zwar jetzt auch viel Pulver verschossen wird, das Studium der Artillerie aber wahrscheinlich noch weniger zu erlangen ist als Taktik von den sieben Mädchen in Uniform. Dieser Art sind die neuen Einrichtungen Muktar Beys, und obgleich Seguerras Geist auch jetzt noch immer in der von ihm gestifteten und so lange vortrefflich geleiteten Anstalt weht, so ist doch abzusehen, daß unter den obwaltenden Umständen bald jede Spur desselben daraus verschwinden wird, wenn Mehemed Ali nicht bald andere Maßregeln zu ihrer Wiederherstellung ergreift. Der jetzige Vorsteher in Thura, der diesen Posten nur in einem weit untergeordneteren Grade als früher Seguerra bekleidet und dem beim Empfang unzweckmäßiger Befehle nur Gehorchen und ein stillschweigendes Achselzucken übrigbleibt, ist der Kommandant Bruneau, ein Franzose von Verdienst, und ihm zur Seite steht der in Frankreich erzogene Nazir Mustapha Efendi. Die Gebäude sind einfach, geräumig, dem Zwecke angemessen, aber noch nicht ganz vollendet, das heißt, die Ställe sind noch im Bau begriffen, das Lokal für die Schule selbst aber nebst allen nötigen Wohnungen bereits fertig. Daß nicht weniger Ordnung, Reinlichkeit und Vollständigkeit hier herrscht als in Kasserleng, darf man nach dem, was ich früher gesagt, schon voraussetzen. Auch hier sind die Höfe anmutig mit schattigen Bäumen geziert, und ein herrlicher Exerzierplatz dehnt sich hinter der Anstalt bis an die Vorhügel des Mokkatamm aus. Nach einigem Fußexerzieren der Eleven in dem großen Hofe, das recht gut ausgeführt wurde, begaben wir uns auf den genannten Platz, um den Schießübungen mit Kanonen und Mörsern beizuwohnen. Hier zeigten sich noch die Folgen von dem hohen Grade der Einübung, zu dem es Seguerra bei seinen Eleven gebracht hatte. Ich habe selten besser schießen gesehen, denn bei einer Entfernung von 700 Schritt trafen von 48 mit freier Hand gerichteten Kanonenschüssen 28 die Scheibe, und mehrere der Bomben fielen gleichfalls (auf 1200 Schritt Distanz) sehr nahe dem Ziele nieder. Die Anstalt ist auf 330 Zöglinge berechnet, von denen jedoch in diesem Augenblick nur 180 vorhanden waren, da der Minister eine bedeutende Anzahl derselben vor dem Verlauf ihrer Studienzeit zu Anstellungen verschiedener Art abberufen hatte, wovon aber die wenigsten zur Artillerie! Die Zahl der Professoren und Lehrer beträgt sechs, und die Wissenschaften, worin sie hauptsächlich Unterricht erteilen, sind: militärisches Zeichnen, wovon ich ausgezeichnete Proben sah, Geometrie, einfache und angewandte Algebra, Mathematik, Mechanik, Fortifikationskunst und orientalische Sprachen. Hinsichtlich des Unterhalts der Eleven herrscht eine noch größere Munifizenz als in Kasserleng, denn sie sind reich und geschmackvoll gleich Linientruppen uniformiert und erhalten nach der neuesten Verordnung Mehemed Alis jeder in Zukunft einen monatlichen Gehalt von 100 bis 150 Piastern. Welche reellen Fortschritte die Zöglinge in den ihnen hier gelehrten Wissenschaften jetzt noch machen, könnte nur ein regelmäßiges Examen genügend dartun; auf gelegentliche Fragen erhielt ich passende und rasche Antworten, und was den guten Anstand wie die äußere militärische Haltung betrifft, so befriedigten die jungen Leute, wenn man billig sein will, gewiß jede verständige Erwartung. Ich sagte schon, daß Thura, wie man annimmt, auf der Stelle des alten Troja steht, welches wahrscheinlich seinen Namen von einer griechischen Soldatenkolonie erhielt. Herr Linant hatte die Güte gehabt, zu unserer Rückkehr seine Gondel herkommen zu lassen, in der wir uns nach der Bewirtung mit einem guten Gabelfrühstück im Refektorium von Thura sämtlich einschifften. In einer so herrlich eingerichteten Kangsche wie die des Herrn Linant, der selbst eine ausgewählte kleine Bibliothek nicht fehlt, ist es ein himmlischer Genuß, an einem ägyptischen Winterabend den Nil hinabzufahren. Kein Lüftchen bewegte die goldreine Luft, und so schwammen wir, nur vom Stromlauf getrieben, sanft und langsam dahin, dem koptischen Kloster vorüber, wo angeblich Moses als Kind aus dem Wasser gezogen wurde; betrachteten dann das einem anderen Kultus geweihte Haus der Derwische, wo diese alle Freitage im betäubenden Drehtanz die Frommen ihres Glaubens entzücken, und schifften später einem kleinen Palaste vorbei, der dem letzten der Mamluckenhäuptlinge gehört, den Mehemed Ali begnadigte und in Ruhe sein Alter genießen läßt. Er rettete sich aus dem Gemetzel, indem er sich tot stellte und auch als tot forttragen ließ, dann aber die erste günstige Gelegenheit wahrnahm und, obgleich schwer verwundet, glücklich entfloh. Nur einer noch außer ihm entkam gleichfalls durch die Bravour seines Pferdes, das über eine 7 Fuß hohe Mauer sprang, und zwar auf der Seite, wo die Felswand wenigstens 80 Fuß hoch ist, unten den Hals brach, seinen Reiter aber so unverletzt herabbrachte, daß dieser sich, ehe die Verfolgung nahte, zu verbergen imstande war. Reizend traten beim Schein der untergehenden Sonne die Baummassen der Insel Ruda hervor und warfen ihre Schatten bis auf den gegenüberliegenden Nilometer, über welchen Herr Linant jetzt auf Befehl des Vizekönigs einen leichten maurischen Schutztempel aufführen läßt; dann verschloß die schnell herandringende Nacht den Augen bald jede Aussicht, was für die letzten Minuten der Fahrt alle vielleicht in sich selbst zurückführen mochte, denn ein tiefes Schweigen herrschte, als wir bei Sternenlicht den kleinen Garten meiner Wohnung und die einsame Steintreppe erreichten, welche aus dem Flusse zu ihm hinanführt. Karussell zu Dschiseh Der nächste Tag war glänzender als die vorhergehenden und doch nicht weniger genußreich für mich. Seine Hoheit hatte mich einladen lassen, den Übungen der Eleven der Kavallerieschule zu Dschiseh, die unter der Leitung des so hoch um Ägypten verdienten Obersten Warin, ehemaligen ersten Adjutanten des Marschalls St. Cyr, steht, beizuwohnen, und Baki Beys Gondel holte mich um sieben Uhr dahin ab. Als ich in Dschiseh ankam, fand ich schon sämtliche Konsuln, einen ansehnlichen Teil der «beau monde» Kahiras und eine große Menge geringerer Zuschauer daselbst versammelt. Oberst Warin führte mich in ein oberes Zimmer seines Hauses, wo ich nebst einigen Fremden auch die liebenswürdige Familie Herrn Bonforts, deren Gesellschaft ich täglich vor allen andern aufsuche, antraf. Herrn Bonforts Schwester, Madame Chianti, wird in den europäischen Zirkeln Kahiras nur die «schöne Witwe» κατ' εξοχήν genannt, und ihre jüngere Schwester rivalisiert mit ihr in blühender Frische. Doch auffallender ist Herrn Bonforts Cousine, Mademoiselle Maritza. Dies ist ein mehr als gewöhnlich reizendes Geschöpf, in deren lieblicher Erscheinung man schon jene uns erst bevorstehende Vereinigung des Orients mit dem Westen verkörpert zu sehen glaubt – denn asiatisch ist die Üppigkeit und das vollkommene Ebenmaß ihrer Gestalt, ihr kohlschwarzes Haar und die brennenden Augen; europäisch der feine Mund, der tief denkende Ausdruck, der fühlende, seelenvolle Blick, der melodische Ton der Stimme und in Heiterkeit wie Schmerz der unverkennbare Stempel eines innigen Gemüts. Es ist aber noch etwas mehr an ihr bemerkbar, das in Worten auszudrücken schwerfällt – ich möchte es eine tragische Glorie nennen, die gewisse Personen wie ein magnetischer, transparenter Schleier sichtlich umhüllt und ihrem Andenken dadurch etwas Unvergeßliches beimischt. Man verstehe mich indessen wohl, ich meine dadurch keineswegs die Vorbedeutung eines tragischen Schicksals, sondern nur die sichere Andeutung einer tragischen innern Kraft. Die Eigenschaft ist selten, und von allen Frauen, die ich je gesehen, war dieser eigentümliche Zauber bei keiner stärker ausgedrückt als bei der nie wieder erreichten, größten aller Schauspielerinnen, Miß Oneil. Es ist daher sehr wahr, daß eben für eine dramatische Laufbahn keine Eigenschaft vorteilhafter, des Erfolges sichrer sein kann, und oft, wenn ich die herrliche Maritza mit der Stimme einer Pasta und aller Anlage, bei guter Schule und geschickter Leitung einst eine gleich große Künstlerin zu werden, singen hörte, ihre tadellose Gestalt und ihr schönes, tief bedeutendes Gesicht betrachtete, konnte ich mich kaum des Bedauerns erwehren, daß durch die alltäglichen, gesellschaftlichen Verhältnisse ein so seltner Verein von Eigenschaften seiner zweckmäßigsten Bestimmung zum Verluste Tausender entzogen werden sollte. Ich dachte an die St. Simonisten und ihre Träume, von denen es zum Teil wirklich schade ist, daß sie noch so ganz unrealisierbar sind. Doch alle diese Gedanken wurden jetzt durch die Ankunft Mehemed Alis unterbrochen, der mit betäubendem Jubelruf und militärischer Musik empfangen, von Muktar Bey und dem neuen Kriegsminister unterstützt, rasch das steile Ufer hinanstieg, sich dann rüstig auf ein bereitgehaltenes, diesmal reich geschmücktes Pferd schwang und sodann dem Exerzierplatz und der dort für ihn bereiteten Tribüne zueilte. Man erteilte mir die Weisung, ihm dahin zu folgen. Wie immer auf das freundlichste empfangen, lud er mich ein, auf einem Fauteuil rechter Hand des seinigen Platz zu nehmen, um die beginnenden Manövers mit anzusehen. Zur Linken des Vizekönigs saß auf einem Rohrstuhl (denn die Orientalen sind wahre Spanier für die Etikette, obgleich sie sie nicht im geringsten nach unsern Konvenienzen anwenden) Herr Lesseps, sonst war kein Fremder zugelassen worden. Aber der ganze Hof des Vizekönigs stand um uns her, so daß nur nach vorn der Blick frei blieb. Herr Lesseps, dessen Anmut und allgemeiner Beliebtheit ich schon früher erwähnt, wird fast wie ein Sohn von Mehemed Ali betrachtet, da des jungen Konsuls Vater durch alle Zeiten hindurch, gute und böse, sein treuer Freund blieb und, als Mehemed Ali noch in kleinen Verhältnissen seine Laufbahn erst begann, oft sein weiser Ratgeber und nicht selten sein Beschützer war. Dazu hatte aber damals wie jetzt ein europäischer Generalkonsul im Orient durch eine wirklich merkwürdige, freiwillige Unterwerfung der Türken unter europäische Zivilisation und intellektuelles Übergewicht – wie es sich ihnen hauptsächlich im merkantilischen Interesse offenbart – viel mehr Gelegenheit und Macht als ein Ambassadeur an den Höfen Europas. Es ist daher auch etwas Dünkelhaftigkeit, welche man diesen Herren, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht, im Orient vorwirft, ihnen, die in Europa so unbedeutend und hier so wichtig sind, nicht allzusehr zu verdenken. Der Fehler liegt nicht in den Konsuln, sondern in der menschlichen Natur, die sich immer nach den Umständen gestaltet. Um so erfreulicher ist es jedoch, wenn man an einem jungen Manne, der mit seiner Konsularwürde ausgezeichnete persönliche Eigenschaften verbindet und dazu die erklärteste Gunst des Landesoberhauptes genießt, dennoch nie eine Spur von Arroganz gewahr wird, sondern immer nur den lebhaftesten Wunsch: jedem zu gefallen, viele zu verbinden und mit feinem Takte das sich Widerstrebende (dessen es so viel hier gibt) zu einigen und zu versöhnen, wo sich nur die Gelegenheit dazu darbietet. Dies ist die Rolle, welche Herr Lesseps hier spielt, und nicht weniger mußte ich der Art seines Benehmens bei dem väterlichen Entgegenkommen des Vizekönigs Gerechtigkeit widerfahren lassen, denn es ist immer ein angenehmes Schauspiel, wenn man das richtige Gleichgewicht zwischen eigner Würde, Pflicht und individueller Dankbarkeit so vollständig erhalten sieht. Auch bin ich fest überzeugt, daß, obgleich Herr Lesseps zu jedem höhern diplomatischen Posten sich eignen würde, doch, solange Mehemed Ali lebt, kein französischer Generalkonsul seinem Vaterlande je so nützlich in Ägypten werden kann, wie er es dort sein kann. Man hat mir eine Anekdote erzählt, die nicht nur die gewandte Freimütigkeit dieses jungen Mannes auf das treffendste charakterisiert, sondern durch die hochverehrte Person, welche sie betrifft, auch ein allgemeines Interesse hat. Als Herr Lesseps im vorigen Jahre in Paris war, trug ihn der König, der zu scharfsichtig ist, um nicht eine hohe Meinung von Mehemed Ali zu hegen, vertraulich: «Was aber ist eigentlich an Ibrahim?» «Sire», erwiderte Lesseps, «ich wage es nicht, mir ein bestimmtes Urteil über ihn anzumaßen, da ich ihn zu wenig kenne; aber so viel ist gewiß, daß niemand besser als Ibrahim sein Privatvermögen zu verwalten weiß, und die Erfahrung lehrt uns, daß Männer, welche dies gut verstehen, auch als Verwalter der Staaten groß werden.» Ich sehe im Geist das kluge und gewinnende Lächeln, mit dem der König der Franzosen diese Antwort aufgenommen haben muß, die ein ganzes Berliner Examen in der Diplomatie aufwiegt und selbst von einem Russen beneidet werden konnte. Die glänzende Rolle, welche Herr Lesseps seitdem in Spanien gespielt, bestätigt das hier von ihm gesagte. Da ich aber einmal auf Anekdoten gekommen bin, so will ich noch eine von Mehemed Ali selbst hinzufügen, die zu den originellsten gehört und die ungemeine Natürlichkeit, ja ich möchte wohl mit Recht sagen, die antike Unschuldseinfalt des großen Mannes in das hellste Licht stellt. Als er einst mit Herrn Lesseps von den Diensten sprach, die ihm dessen Vater geleistet, ein Thema, dessen er dankbar oft und gern gedenkt, fuhr er lachend fort: «Einmal ward ich in seinem Hause in keine geringe Verlegenheit gesetzt. Ich und einige andere Türken, rohe Gäste, unwissende und zügellose Menschen, wie wir damals alle waren, hatten bei ihm zu Mittag gespeist, als man nach Tisch gewahr ward, daß einige silberne Bestecke fehlten. Nie habe ich mich in solcher Beklemmung gefühlt und emsiger einen Dieb zu entdecken gesucht, denn der Gedanke peinigte mich unaufhörlich: daß mein Freund glauben könnte, ich selbst habe die fehlenden Bestecke gestohlen. Glücklicherweise ward jedoch der wirkliche Entwender kurz nachher aufgefunden, was mir einen großen Stein vom Herzen nahm.» Ich enthalte mich jedes weitern Kommentars zu diesen Worten, bedaure aber die Philisterhaftigkeit desjenigen, der, als aus Mehemed Alis Munde kommend, die edle Naivität derselben nicht fühlt. Die Manövers fesselten von nun an unsere ganze Aufmerksamkeit, und ich werde sie hinlänglich charakterisieren, wenn ich sage, daß sowohl in betreff des äußern militärischen Anstandes wie der Eleganz der Uniformen (grüne Dolmans mit gelben Schnüren und scharlachrote weite Pantalons) als in der Präzision der verschiedenen Evolutionen, die ausgeführt wurden, diese vier Eskadrons der Kavallerieschule von europäischen Regimentern nicht zu unterscheiden waren, mit der einzigen Ausnahme, daß sie weit schönere, bessere und gewandtere Pferde ritten, was sich besonders bei der Attacke durch die blitzartige Rapidität und den wie versteinerten Halt derselben auf glänzende Weise dartat. Der Vizekönig sagte mir bei dieser Gelegenheit, er besitze jetzt eine Kavalleriebrigade in Syrien, die durchgängig mit Nedschdi beritten wäre, wofür er weder Mühe noch Kosten gescheut, von diesen Regimentern aber nun auch das Doppelte erwarte, was jedes andere zu leisten fähig sei. «Auch ich», rief er mit einem ihm wohl anstehenden Enthusiasmus aus, «war einst ein firmer Kavallerist und nicht der schlechteste Reiter. Jetzt, seit wir das europäische Exerzitium angenommen haben, kommt freilich mehr das Ensemble in Betracht, dennoch bleibt auch heute noch ein gutes und wohldressiertes Pferd das notwendigste Ingredienz zum guten Kavalleristen.» «Euere Hoheit», fiel Herr Lesseps ein, «sind in Wahrheit nur noch ein zu guter Reiter, denn vor kurzem sahen wir Sie auf dem glatten Boden der Zitadelle so wild umhersprengen, daß uns allen bange dabei wurde.» Mehemed Ali strich sich lachend den Bart, erwiderte aber: «Nein, nein, das ist Kinderei, jetzt bin ich alt und überlasse diese Künste Jüngeren, wie Du bist.» Er erzählte nun von den mancherlei «tours de force» der Mamlucken und meinte, man möge sagen, was man wolle, eine solche Kavallerie als die ihrige gäbe es nicht mehr, und es wäre falsch, wenn die Franzosen sich rühmten, daß die ihrige, in gleicher Anzahl und ohne Hilfe der Infanterie, es je mit der der Mamlucken habe aufnehmen können, eine Behauptung, die ich übrigens schon früher von einigen französischen Offizieren aus jener Zeit aufstellen hörte. «So etwas von neuem zu schaffen ist aber nicht möglich», fuhr der Vizekönig fort, «alles hat seine Epoche, und ist diese vorüber, macht sich etwas anderes Raum. Das Tote kann man nicht wieder ins Leben rufen.» Du lieber Gott, dachte ich, wollte doch diese praktische Lehre des Muselmanns mancher unsrer christlichen Machthaber beherzigen! Wir wurden hier von einem sonderbaren Zufalle unterbrochen. Die Hitze war so drückend, daß einer der Diener aus dem Gefolge Mehemed Alis einen Anfall des bösen Wesens bekam und plötzlich die furchtbarsten Töne, wie sie dergleichen Leidende oft auszustoßen pflegen, dicht hinter uns wahrhaft grauenerregend erschallten. Mehemed Ali schien gar nicht darauf zu achten, obgleich man viele Mühe hatte, den Brüllenden fortzuschaffen, sondern setzte die Unterhaltung so ungestört fort, als habe er nichts gehört. Sobald jedoch alles beseitigt war, bemerkte ich, daß er zweimal sich nach dem Befinden des Kranken erkundigte und Befehle gab, für ihn zu sorgen. Diese mildtätige Berücksichtigung wie die Würde seiner vorhergehenden Ruhe, die unsern europäischen Sitten gar nicht eigen ist, gefielen mir ungemein. Nach Beendigung des Manövers ritten wir unter klingendem Spiel nach der großen, oben offnen, aber von hohen Mauern eingeschlossenen Manege, wo eine andere geräumigere Tribüne für den Vizekönig bereitet war. Hier standen Diwans, auf denen er sich nach türkischer Art niederließ und mir meinen Platz wieder neben sich anwies, während sich die Militärs und Hofleute wie vorher stehend umherreihten. Bald dieser, bald jener von diesen ergriff dann den Fliegenwedel, um Seiner Hoheit diese hier so lästigen Insekten abzuwehren. Nachdem hierauf Pfeifen und Kaffee gebracht worden waren, machten dem Fürsten auch die andern anwesenden Konsuln ihre Aufwartung. Ehe dieses indes noch stattfand, fiel eine kleine Szene vor, die ich nicht übergehen darf, obgleich sie für meine Eitelkeit eben nicht schmeichelhaft ist. Die große Freundlichkeit des Vizekönigs und eine momentane Distraktion meinerseits verleiteten mich zu einer jener Taktlosigkeiten, die zuweilen auch dem sonst in dieser Hinsicht Vorsichtigen arrivieren können, aber immer eine tadelnswerte Unschicklichkeit bleiben. Ich vergaß nämlich ganz der Umstehenden, die man an einem orientalischen Hofe noch leichter als an einem europäischen für bloße Statisten anzusehen sich gewöhnt, und mich ebensowenig erinnernd, daß man zu Muselmännern nie vom weiblichen Geschlechte sprechen darf, sagte ich unbedacht zum Vizekönig: Beinahe alles gefiele mir in Ägypten, vieles errege meine größte Bewunderung, aber eins habe ich Seiner Hoheit doch auf der Reise hierher sehr verdacht, nämlich daß er den armen Almehs, die einen ganz eigentümlichen Zug ägyptischer Nationalität darstellten, ihr tanzend musikalisches Gewerbe so streng und plötzlich untersagt habe. An dem Erblassen des Interpreten und den erschrocknen Mienen derjenigen unter der Umgebung, die französisch verstanden, ward ich augenblicklich meine «bévue» gewahr und fühlte, wie mir das Blut darüber ins Gesicht stieg; doch half es nun nichts mehr, um so mehr, da Mehemed Ali, dem nichts entgeht, schon gleichfalls etwas Ungewöhnliches bemerkt hatte und Artim Bey, der sich sonst vielleicht irgendeine Modifikation meiner Worte ausgedacht haben würde – obgleich es gefährlich für den Dolmetscher ist, den Sinn einer dem Vizekönig adressierten Phrase zu entstellen –, ausdrücklich fragte, was ich gesagt habe. Mit verlegener Miene stotterte nun Artim Bey die Phrase her, welche ich damals gern mit vielem Gelde zurückgekauft hätte. Doch jetzt reut mich meine Gaucherie nicht mehr, denn ich würde ohne sie nicht Gelegenheit gehabt haben, Mehemed Alis wahrhaft königliches Benehmen in einem Moment bewundern zu können, der, nach den Sitten und Gewohnheiten der Türken zu urteilen, wirklich ein kritischer genannt werden konnte. Ohne eine Miene zu verziehen, wandte er sich, wie immer freundlich lächelnd, zu mir und sagte: «Ich verstehe diese Frage nicht; wer und was sind Almehs? Ich habe noch nie von dergleichen sprechen hören.» Alles blieb stumm. «Ach», rief er plötzlich, wie sich besinnend, aus, «Sie meinen gewiß die öffentlichen Musikanten Die Almehs sind in der Regel immer von männlichen Musikanten begleitet, die auch ohne sie oft allein zur Ergötzung türkischer Gastmähler geholt werden. – ja, das ist eine Sache, die meinen Polizeirat angeht, und wenn der streng gegen diese Leute verfahren ist, werden sie ihm wohl hinreichende Ursache dazu gegeben haben. Doch will ich mich darnach erkundigen, denn ich selbst erinnere mich nicht, daß mir je etwas über diesen Gegenstand vorgetragen worden sei» – und nun ging er höchst unbefangen zu einem andern Thema über mit ebensoviel Schonung als Feinheit, meine eigne Reise hierher, deren ich erwähnt hatte, dazu wählend, indem er sich angelegentlich nach diesem und jenem erkundigte, um das Chokante des Vorhergegangenen desto schneller in Vergessenheit zu bringen. Selten habe ich eine eindringlichere, noch auf mildere Weise gegebene Lektion erhalten. Auch konnte ich später nie bemerken, daß ich durch diesen, wenngleich ungeschickten, doch unwillkürlichen Fehler im geringsten etwas in der Gunst Mehemed Alis verloren, ich fand sogar hinreichenden Grund zu glauben, daß, wenn ich jene Saite nur unter vier Augen, in der einzigen Gegenwart des Dolmetschers, berührt hätte, die Antwort ganz aufrichtig und ohne allen Rückhalt erfolgt sein würde – denn über viele Vorurteile seiner Nation und selbst die andrer Nationen hat Mehemed Ali sich längst erhoben. Ja ich hatte es in seiner großmütigen Seele vielleicht grade dieser kleinen Demütigung zu verdanken, die er mir ansehen mußte, daß er mir gleich darauf eine Ehre erwies, die, wie man mich versichert hat, bei einer so öffentlichen Gelegenheit wie dieser noch keinem Fremden vor mir zuteil ward. Als man ihm ankündigte, daß seine Tafel bereit sei und ich aufstand, um mich mit den Konsuln zu entfernen, frug er mich, ob ich ein europäisches Mahl, wie es für uns bereitet sei, vorziehe, oder wenn ich mich entschließen könne, einmal die türkische Weise zu versuchen, vielleicht mit ihm «tête à tête» speisen wolle? Man kann sich leicht denken, mit welchem Eifer ich diese Gelegenheit ergriff, um dankbar und bezugsweise darauf zu erwidern: daß ich zwar fürchten müsse, in den türkischen Sitten noch zu unwissend zu sein, um nicht vielleicht unwillkürlich mehr als einmal dagegen zu verstoßen, die mir angebotne Ehre jedoch zu groß sei, um nicht auf jede Gefahr hin ihrer teilhaftig werden zu wollen. Kaum hatte ich dies gesagt, als die bisher um uns stehende Menge, mit Ausnahme Artim Beys, verschwand und zwei Diener Seine Hoheit und auch mich mit goldgestickten Servietten von Musselin umhingen und dann kniend ähnliche über unsre Schenkel breiteten, während andre dienstbare Geister uns große silberne Becken mit Rosenwasser zum Waschen vorhielten und wieder andere einen mit reichem Vermeilgeschirr und vielen Speisen besetzten Tisch hereinbrachten. Doch außer einigen fein geschnitzten und mit Perlmutter ausgelegten Holzlöffeln war von Bestecken weiter nichts vorhanden, man mußte statt Messer und Gabel sich auf gut türkisch der Hände bedienen. Es blieb mir nichts übrig, als dem Vizekönig in allem möglichst genau nachzuahmen, und bei der Zierlichkeit, mit der er das schwierige Geschäft abtat, hätte ich nicht geahnt, was ich später erfuhr und selbst zu sehen nachher oft Gelegenheit hatte, daß er seit vielen Jahren schon in seinem Palast immer auf europäische Weise speist und nur bei öffentlichen Veranlassungen die alte türkische Mode beibehält. Übrigens war die Zubereitung der Speisen ganz vortrefflich, und der Vizekönig aß auch selbst davon mit dem Appetite eines Jünglings. In goldnen Schalen ward uns dazu gekühltes Wasser und mir auch exzellenter Bordeauxwein serviert. Der Gerichte waren sehr viele, und seltsam wechselten süße, saure und Fleischspeisen fortwährend miteinander ab, wozu noch eine Menge kalte Hors-d'œuvres , die rund um den Tisch standen, genossen wurden. Ein besonders gesticktes Tuch lag, außer denen, mit welchen man uns früher behangen hatte, neben jedem von uns, um sich die Hände daran zu reinigen. Nach einer halben Stunde kündigte der Pilaf, hier immer die letzte Schüssel, das Ende der türkischen Mahlzeit an, worauf das Dessert folgte, welches Schubra für des Vizekönigs Tafel in so vorzüglicher Auswahl liefert. Jetzt trat ein Geheimsekretär in das Zimmer, um Seiner Hoheit einen eben eingelaufnen Brief des Gouverneurs vom Sudan aus dem Sennar zu überreichen, den er nachher vorlas. Sein Inhalt betraf eine von Mehemed Ali befohlne Expedition in der Richtung der noch immer halb fabelhaften Mondberge, dem Laufe des Bahr-el-Abiad (des weißen Flusses) folgend, und eine andere dem Bahr-el-Azrak (blauen Fluß) entlang nach dem Fazoli, wo man reiche Goldminen vermutet. Um über das letztere genau unterrichtet zu werden, hat sich Mehemed Ali vom österreichischen Gouvernement eine Gesellschaft von zehn Bergbauverständigen und Naturforschern, denen er höchst generöse Bedingungen gewährt, erbeten, die schon auf der Reise nach jenen fernen Gegenden begriffen, aber bei den Schwierigkeiten, welche das hiesige Klima und die ungewohnte Lebensart den Europäern entgegensetzen, noch nicht sehr weit fortgeschritten sind. Er zeigte eine kleine Anwandlung von Ungeduld bei dieser Zögerung und benutzte, als beim Kaffee der Hof und die Konsuln sich wieder eingefunden hatten, die Gelegenheit, Herrn Laurin, den österreichischen Generalkonsul, dringend um seine Mithilfe zur Beschleunigung einer Angelegenheit zu bitten, die ihm sehr am Herzen liege. Ich äußerte, der mazedonische Philipp habe auch aufgefundnen Goldbergwerken einen großen Teil seiner glücklichen Kriegführung zu danken gehabt, wie nicht minder sein Nachfolger, der große Alexander, und ich wünsche von Herzen, daß Seine Hoheit, die so viel von jenen berühmten Landsleuten geerbt, auch hierin ein gleiches Schicksal mit ihnen haben möchten. «Wir müssen sehen, was uns Gott bescheren wird», erwiderte der Vizekönig, «allzuviel rechne ich nicht darauf, doch sind die günstigen Anzeichen nicht zu vernachlässigen.» Der Erfolg hat seitdem der Hoffnung Mehemed Alis. was das Gold betrifft, nur unvollkommen entsprochen. Wir wurden hier durch den Wiederanfang des Karussells unterbrochen, das vor und nach unsrer Mahlzeit in verschiednen Reprisen von den ausgewähltesten Schülern der Anstalt unter Anführung ihres geschickten Stallmeisters, Herrn Bier, eines Deutschen, mit größter Meisterschaft, sowohl was Pferdedressur und Reitergewandtheit als Ringelrennen, Pistolenschießen, Fechtübungen, Voltigieren usw. betraf, ausgeführt wurde. Indem ich dem Vizekönig meine Bewunderung über diese ausgezeichnete Geschicklichkeit und Präzision der Eleven der Schule ausdrückte, frug ich ihn, ob sich auch arabische Fellahs unter denselben befänden. Er antwortete: «O nein, das sind alles Türken», obgleich er sehr wohl wußte, daß das Gegenteil der Fall sei. Er gab diese Antwort offenbar nur, um den umstehenden Türken seines Hofes zu schmeicheln, die gleich ihm selbst mit Verachtung auf die Araber herabsehen, welche, obgleich bei weitem die besten Soldaten Mehemed Alis, erst in neuster Zeit aus bloßer Not bis zu den niedrigsten Offiziersgraden, aber nicht höher, avanciert wurden. Dies ist eine Schwäche Mehemed Alis, die gewissermaßen dem Adelstolz bei uns gleichkommt und ihn vielleicht allein verhindert hat, noch eine weit größere Rolle zu spielen, als ihm jetzt zuteil geworden ist. Hätte er vom Anfang an der Richtung gefolgt, sich für einen Fürsten, einen künftigen Kalifen der Araber anzusehen und diese unermeßlichen Massen, mit gänzlicher Befreiung vom langen türkischen Joch, alle in einem neugebornen Enthusiasmus um seine Person zu vereinigen gewußt, so wäre seine Macht kolossal geworden – statt daß jetzt die Türken, deren kleiner Zahl er die Araber unterwirft, immer noch halb an Konstantinopel hängen und doch eigentlich nur seinem Glücke folgen. Im Unglück möchte die Treue vieler derselben sehr problematisch sein. Die Anstalt zu Dschiseh ist unter der unermüdlichen Sorgfalt des Oberst Warin zu einer solchen Vollkommenheit gediehen und hat zugleich ein so ganz europäisches Ansehen gewonnen, daß man in ihrem Bereich wirklich ganz vergessen könnte, in Ägypten zu sein, und versucht wird, denen Recht zu geben, die behaupten: daß Erziehung und Dressur allein den Charakter der Völker wie den der Individuen bestimmen. Soviel ist nicht abzustreiten, daß hier rohe Türken und der Sklaverei frisch entrissene Fellahs wenigstens in allem, was man äußerlich an ihnen bemerken kann, zu vollkommnen Franzosen umgeschaffen worden sind, diesen wirklich bis in den kleinsten nationellen und militärischen Manieren gleichend. Dies ist hier sogar noch weit vollständiger der Fall, als selbst bei denjenigen Ägyptern, die in Frankreich erzogen worden sind und ihre ganze Jugendbildung dort erhalten haben. Vom Oberst Warin kann man aber auch sagen, daß er für eine solche Stelle geschaffen sei; schon in Frankreich nannten ihn deshalb seine Kameraden: «le type de l'officier de l'état major», und nachher nur kurzweg «le type». Alles indes, was ich hier sah, zeigte mir zugleich, daß, so streng er die Form verehrt und vielleicht als Hauptsache ansieht, er doch auch keineswegs den Geist darüber vernachlässigt. Viele der von seinen Eleven angefertigten Situations- und Positionspläne, die er mir später zeigte, mit Darstellung teils wirklich stattgefundener, teils fingierten Gefechte, hätten von den geschicktesten Offizieren nicht besser geliefert werden können, und überall fand ich, daß die von dem Obersten befolgte Unterrichtsmethode sich nicht bloß darauf beschränke, aus den Eleven gute Kavalleristen, sondern überhaupt vortreffliche Soldaten zu machen, soweit individuelle Fähigkeiten des Ziels Erreichung hoffen ließen. Der Vizekönig erkennt dies, und es war eine delikate Attention von seiner Seite, daß er nicht nach der Prüfung, sondern schon den Tag vorher dem Oberst Warin die Würde eines Beys (die außer dem erhöhten Rang auch eine sehr bedeutende Besoldungserhöhung mit sich führt) erteilt und die Insignien in großen Brillanten überschickt hatte, indem er ihm dazu ausdrücklich sagen ließ: Diese Auszeichnung betreffe in keiner Art die Dienste, welche der Vizekönig noch vom Oberst Warin erwarte , sondern sei nur die Belohnung der von ihm bereits geleisteten und ein Zeichen aufrichtigster Anerkennung derselben. Herren, die so graziös zu belohnen wissen, sind bei uns selten geworden, und aus demselben Grunde auch die Freude an ihrem Dienst. Wasil Bey, denn so heißt der Oberst Warin jetzt, hat eine sonderbare Schicksalsaffinität mit dem berühmten Allard, jetzigen Generalissimus im Königreich Lahore. Beide sind aus demselben Ort, von geringen Eltern abstammend; beide ergriffen an demselben Tage das Soldatenhandwerk; beide hatten ihr erstes Duell an demselben Tage; beide wurden an demselben Tage Offiziere und hatten darauf eine lange andauernde Liebesverbindung mit zwei Zwillingsschwestern; beide wurden an demselben Tage zusammen verwundet; beide mußten Frankreich nach Napoleons Sturz verlassen; beide endlich fanden Auszeichnung und Vermögen (wenn auch auf nicht gleich glänzende Weise) im Dienste der beiden größten jetzt lebenden Fürsten des Orients Mehemed Ali und Runjet Sin. Allard ist seitdem gestorben, und ich glaube, Obrist Warin auch, ob abermals beide an demselben Tage, weiß ich nicht. In der Anstalt befindet sich ein zum Islam bekehrter Franzose, der ein talentvoller Mann ist und gütig die Bestellung eines Bildes annahm, das mir diesen in so vieler Hinsicht denkwürdigen Tag in spätem Zeiten lebendig zurückzurufen bestimmt ist. Und bis zum Ende lächelte mir heute das Glück. Die am Eingang dieses Aufsatzes flüchtig von mir geschilderten drei Damen fanden bei der Nachhausefahrt am Abend durch ein Versehen der Leute ihre Barke nicht vor, so daß ich ihnen, nebst einigen Herren ihrer Begleitung, die meinige anbieten durfte. Welch ein Gemälde bot jetzt meine mit drei Diwans umgebne Kajüte dar! Auf jedem der Diwans schien eine der den Rechtgläubigen in Mahomeds Paradiese Verheißnen in verführerischer Grazie hingegossen zu ruhen, schwer zu entscheiden, welche die verführerischste Stellung gewählt. Da ergriff, als die Dämmerung hereinbrach, Maritza die Gitarre und sang die in den Pariser Salons einst beliebte, rührende Romanze: la folle – bald die volle silberne Stimme laut wie im wahnsinnigen Entzücken erhebend, bald in tödlichem Schmerz und herzzerreißendem Jammer langsam dahinsterbend. Sie schwieg schon längst, und noch schien keiner von uns zu wagen, auch nur mit dem leisesten Hauch die Totenstille zu unterbrechen. Kurz darauf landeten wir an der Treppe meines Gartens, und als ich der schönen Maritza den Arm gab, um sie hinaufzuführen, konnte ich mich nicht enthalten, ihr tief aufatmend zuzuflüstern: «Ah, de grâce, ne chantez plus ‹la folle›, j'ai trop peur d'en devenir fou.» Mit fünfundzwanzig Jahren hätte sich meine Furcht wahrscheinlich auch realisiert. Ibrahim Pascha. Polytechnische Schule. Fabriken Ibrahim Pascha war einige Tage nach mir in Kahira angekommen, aber krank an einer Fistel, die ihm zwar von Clot Bey sehr geschickt operiert wurde, ihn jedoch verhinderte, sein Bett zu verlassen und Besuche anzunehmen. Sobald er etwas besser war und sich auf dem Sofa eines Gartenpavillons den Tag über aufhalten konnte, gestattete er mir, ihm ohne Zeremonie dort einen vertraulichen Besuch zu machen. Man ist fast nicht weniger darauf gespannt, den Helden von Konieh als seinen großen Vater selbst zu sehen, und auch Ibrahim fand ich anders, als ich mir ihn nach den Beschreibungen mehrerer vorgestellt. Indessen kommt jeder darin überein, daß er sich durch den vielen Umgang mit Europäern ungemein gegen sonst und zum großen Vorteil seines einst zu wilden Charakters geändert habe. Er erschien noch etwas hinfällig von seiner eben überstandenen langwierigen Krankheit, dennoch verriet alles an ihm den sorglosen, wenig Bedürfnisse kennenden einfachen Krieger. Er hat ein schönes charakteristisches Auge, etwas angenehm Heiteres in seinem Wesen und nichts Rohes mehr im Äußern; doch besitzt er durchaus nichts von der Feinheit und dem königlichen Anstand seines Vaters, noch dessen ausgesuchte, gewinnende Höflichkeit. Man sagt, er liebe die Europäer nicht, bewundere aber unter diesen die Engländer am meisten wegen ihrer allerdings in vieler Hinsicht ausgezeichneten, soliden Eigenschaften, die seinem eignen, sehr praktischen Sinn mehr als bloß angenehme Formen zusagen. Seine Taten betreffend, schien er mir vollkommen die einem berühmten Krieger wie er ganz angemessene Mittelstraße zwischen gerechtem Selbstgefühl ohne alle Eitelkeit und einer männlichen Bescheidenheit hinsichtlich seiner Taten zu halten. Als ich ihm sagte, daß von den neusten Kriegsbegebenheiten jetzt keine mehr Gegenstand zur Unterhaltung in Europa geliefert hätte als seine letzte Kampagne in Syrien – gegen die Heuschrecken, erzählte er mit vieler Laune den Verlauf derselben, die er in eignet Person damit begann, seinen Tarbusch mit den gefährlichen Tieren zu füllen und den Inhalt ins Meer zu werfen. Die ganze Armee folgte, mit Säcken bewaffnet, dem gegebnen Beispiel, und auf dem ergriffnen Distrikt mehrere Tage lang biwakierend, ward der Zweck vollständig erreicht. In der Tat ist die Rettung einer ganzen Provinz, welche auf Jahre verheert worden wäre, diesem originellen Entschluß Ibrahims ganz allein zu danken. Die Masse der vertilgten Heuschrecken betrug mehrere Schiffsladungen. Man sieht, Ibrahim weiß seine Soldaten im Frieden wie im Kriege zu benutzen und hat seit kurzem angeordnet, sie, ohngeachtet vielen anfänglichen Widerspruchs der türkischen Offiziere, auch zu Straßen-, Kanal- und andern Bauten zu verwenden. Ich erwähnte schon, wie leidenschaftlich Ibrahim dem Ackerbau und allen Bodenkulturen ergeben ist und rastlos darin überall fortschreitet, wo er eigne Besitzungen hat. Aber auch andere unterstützt er oft sehr großmütig dabei, obgleich er im ganzen weit genauer als sein Vater ist und ganz und gar das, was man bei uns einen guten Wirt zu nennen pflegt. Oft hörte ich ihm in Europa wie in Ägypten vorwerfen, daß er dem Trunke übermäßig ergeben sei. Ist dies wirklich früher zum Teil begründet gewesen, so hat er sich auch hierin geändert, denn ich weiß mit Bestimmtheit aus den zuverlässigsten Quellen, daß er zwar guten Wein liebt, aber in keinem größeren Maße, als es zum Beispiel fast bei jedem wohlhabenden Engländer der Fall ist, und daß er Champagner zu seinem Lieblingsnektar erwählte, hat er ja sogar mit den Damen gemein. Jetzt war er nun gar auf Nilwasser allein reduziert, was ich sehr bedauerte, da er vortreffliche europäische Diners geben soll und einen der ausgezeichnetsten Pariser Künstler zu diesem Behuf in seinen Dienst genommen hat. Ich selbst aber habe mich um seinen Keller etwas verdient gemacht, indem ich Herrn Bonfort, seinem Faktotum, auf dessen Bitte aus meinem kleinen Adressenschatz die besten Nachweisungen für Rhein- und Ungarwein, Champagner und Bordeaux mitgeteilt habe, eine Handlung, die nicht ganz frei von Egoismus war, da ich nächstes Jahr in Syrien selbst davon zu profitieren hoffe. Ibrahim war sehr begierig, über die Organisation der preußischen Landwehr unterrichtet zu werden, die man im Auslande immer so ganz fälschlich im Licht einer Nationalgarde betrachtet, während doch die Landwehr unsre wahre Armee ausmacht, für welche die Linie sozusagen nur als Schule dient, denn dort befinden sich die permanenten Lehrer und zugleich die immer wechselnden Rekruten, bis endlich die ganze Nation, durch diese heilsame Schule gegangen, jeder Zoll ein Soldat wird. Meine vielleicht sehr mangelhaft gegebnen Erklärungen schienen ihm dennoch ganz gut einzuleuchten und das System auch zu gefallen, obgleich er wohl einsah, daß es für orientalische Regierungsformen nicht passe und die Nachahmung selbst in mehreren europäischen Staaten ein gewagtes Unternehmen sein möchte. Er wunderte sich etwas, daß trotz dieser Einrichtung dennoch die Kosten der Armee bei uns beinahe die Hälfte der ganzen Staats-Revenuen erreichten, als ich ihm aber sagte, daß wir dadurch in den Stand gesetzt würden, im Fall eines Krieges in wenigen Wochen mit 3-400 000 Mann ins Feld zu rücken und eine stehende Armee von diesem Belange mehr kosten würde, als das ganze Land aufzubringen imstande sei, so fand er das Resultat nicht zu teuer erkauft, denn, wie es scheint, gehört Ibrahim nicht zu denen, die auf einen ewigen Frieden rechnen. Seine Beschreibung der Belagerung von Acre war voll Feuer und Interesse, besonders aber frappierte mich eine seiner desfallsigen Äußerungen. Obgleich sechs oder sieben seiner türkischen Generale und Oberoffiziere gegenwärtig waren, ergoß er sich ausschließlich im Lobe des arabischen Soldaten und sagte: «Tapferer und mit mehr Ausdauer sich schlagen können keine Truppen in der Welt, obgleich viele geschickter und kriegserfahrener als die meinigen sein mögen, und wenn in der Armee ein Beispiel von Unentschlossenheit oder Feigheit vorfiel, so war es immer nur von seiten der türkischen Offiziere, ich kenne kein solches Beispiel von einem Araber.» Diese Worte sind merkwürdig, denn sie bekunden, was ich schon früher hörte, daß Ibrahim sich ganz auf die Seite jener Politik wendet, welche Mehemed Alis Reich und Dynastie als eine arabische, als eine Erneuerung des alten Kalifats und keineswegs als einen Zweig türkischer Herrschaft angesehen wissen will und nur dadurch von ihr Dauer und Größe erwartet. Meine individuelle Ansicht ist ganz die nämliche, denn die Araber scheinen ein mit ewiger Jugend begabtes Volk, immer ebenso fähig zu dem höchsten Aufschwung, als nachher wieder auf Jahrtausende in den Naturzustand zurückzukehren, während die Türken mit vollem Recht eine abgestorbne Nation genannt werden können, deren Rolle in der Weltgeschichte ausgespielt ist. In diesem Sinne hat auch Ibrahim angefangen, Araber in der Armee zu Subalternoffizieren zu avancieren, doch wagte er bis jetzt noch nicht weiterzugehen, ohne Zweifel aber würde es im Fall eines neuen Krieges sogleich geschehen. Ich sehe diese Tendenz Ibrahims als ein sehr glückliches Zeichen für die künftige Prosperität seiner Dynastie an, die sich meiner festesten Überzeugung nach nicht genug mit dem arabischen Volke identifizieren kann, um ihrer Macht eine unerschütterlich solide Basis zu geben. Die türkischen Mamlucken, aus verschiednen Ländern herstammend, werden indessen, schon aus Gewalt der Gewohnheit und auch als die durch ihr eignes Interesse am sichersten gefesselten Diener des Herrschers, noch lange unentbehrlich sein, doch ist es genug, wenn den Eingebornen nur die Konkurrenz eröffnet wird. Nach einer Stunde des belebtesten Gesprächs empfahl ich mich dem präsumtiven Erben des Reichs, der mich in der besten Laune auf europäisch begrüßte, indem er die flache Hand an seinen Tarbusch legte. Demohngeachtet hatte es im Anfang der Audienz einen Moment gegeben, der unsrer Unterhaltung ein schnelles und weniger angenehmes Ende drohte. Man brachte nämlich, sobald ich mich neben dem Prinzen auf die Ottomane gesetzt hatte, den Kaffee und ihm eine Pfeife, mir aber nicht. Im Feuer des Gesprächs hatte ich es anfänglich nicht bemerkt, wie es mir aber plötzlich auffiel, nahm ich auch sogleich meine Partie. Das Gefühl der Beleidigung in meiner Miene so deutlich als möglich ausdrückend, verstummte ich und erwiderte kein Wort mehr auf die mir gestellten Fragen. Die ungeheuchelte Befremdung Ibrahims bewies mir, daß er selbst nicht, sondern nur seine Diener schuld an der mir widerfahrenen Vernachlässigung waren, demohngeachtet blieb ich stumm und war im Begriff, aufzustehen und ohne Abschied den Kiosk zu verlassen, als er, bemerkend, woran es fehle, laut nach einer Pfeife für mich rief. Von diesem Moment fuhr ich, als sei nichts geschehen, gleich Schillers Armenier, in meiner Konversation grade da fort, wo ich sie vorher unterbrochen hatte. Man lege mir dies nicht für Arroganz oder lächerliche Eitelkeit aus. Ich für meine Person prätendiere wenig, aber was Mehemed Ali mir gewährt hatte, durfte ich von jedem seiner Untertanen als ein Recht verlangen, wenn es auch der Thronerbe war. Übrigens gibt es keine Nation, bei der mehr als bei den Türken Goethes Worte eintreffen, die er dem sehr weltklugen Mephistopheles in den Mund legt: «Mein Freund, das wird sich alles geben; Sobald du dir vertraust, weißt du zu leben.» Für was man sich gibt und selbst hält, das wird man auch leicht in andrer Augen, am meisten aber in denen der Türken. Es war 11 Uhr früh, als ich Ibrahim verließ, und ich hatte daher Zeit genug übrig, während des Tagesrestes mehrere Fabriken und die polytechnische Schule zu besuchen. Diese, deren Namen als Nachahmung der Pariser Anstalt nicht glücklich gewählt ist, weil er zu anmaßend klingt und, was an sich zweckmäßig und lobenswert ist, doch als Kopie eines solchen Originals einen leichten Anstrich des Lächerlichen erhält, wird von einem jungen Manne dirigiert, der in England erzogen worden ist und Sprache wie Wesen der Insulaner in solchem Grade sich zueigen gemacht hat, daß ich ihn anfänglich für einen Engländer hielt. Diese große Leichtigkeit, fremde Bildung anzunehmen, fremde Sprachen zu erlernen und in bisher ihnen ganz unbekannten Wissenschaften schnelle Fortschritte zu machen, ist in der Tat eine charakteristische Eigenschaft der Ägypter, nur sind sie zu warnen, sich nicht zu früh als ausgelernt zu betrachten. Der ehemalige schöne Palast des unglücklichen Ismail Pascha ist der polytechnischen Schule eingeräumt worden, und auch hier gilt für die äußere Einrichtung und Instandhaltung des Ganzen, was bei allen Etablissements dieser Art in Ägypten so ruhmvoll beobachtet wird. Hinsichtlich der Studien sehe ich mich weder als kompetenten Richter an, um darüber zu urteilen, noch hatte ich hinlängliche Gelegenheit dazu, ich sah indes vortreffliche Zeichnungen, besonders im Fach der Mechanik; weniger befriedigte mich, was in das Departement der Kunst einschlägt. Unter den Fabriken sind einige wahrhaft kolossal zu nennen, und nichts ist bei ihrer Anlage gespart worden. Kaum sah ich in England schönere Eisengießereien, und eine der Indiennefabriken glich für sich allein einer kleinen Stadt, mit der wohltätigsten Rücksicht auf die Bequemlichkeit und Gesundheit der Arbeiter, worum man sich in England so wenig bekümmert. Alle neusten Erfindungen sieht man hier in Anwendung gebracht, als: das Färben durch Dampf, Anfertigung der Stahlmuster in der Fabrik selbst usw. Die Vortrefflichkeit der Modelle in Messing und Holz, welche in dieser Fabrik, der ein Italiener vorsteht, durch Eingeborne ohne alle fremde Hilfe ausgeführt werden, setzten mich in Erstaunen, noch mehr aber die Unverschämtheit, mit der früher Europäer den Vizekönig mit dergleichen betrogen haben, so daß viele Modelle, die jetzt für einige spanische Taler geliefert werden, früher mit so viel hunderten bezahlt werden mußten. Als eins der ergötzlichsten Beispiele dieser Art zeigte mir der Direktor drei in Maroquin prächtig gebundne Foliobände, die nichts weiter enthielten als eine Menge darin aufgeklebter Zeuchproben vielartiger Muster, die man sich in Europa mit leichter Mühe für gar nichts als ein gutes Wort oder wenigstens mit der geringsten Geldausgabe verschaffen kann. Demohngeachtet hatte sich ein Handlungshaus nicht entblödet, dem Vizekönig für diese «échantillons» als etwas höchst Kostbares und eine schwer zu erlangende Sammlung 24 000 Franken! anzurechnen. Ist es ein Wunder, wenn nach solchen Erfahrungen christlich-europäischer Ehrlichkeit Mehemed Ali einigen Widerwillen gegen den Verkehr mit Europäern gefaßt hat? Daß er sich aber auch hier im Anfang durch nichts abschrecken, ja sich hundertmal ruhig betrügen ließ, nur um schneller zum Zwecke zu kommen, da ihm die gewonnene Zeit viel kostbarer als das verlorne Geld schien, war groß und zugleich das einzige Mittel, einen Reformplan wie den seinigen noch während seines Lebens zu realisieren. In den Tuchfabriken werden grobe Tücher dauerhafter und wohlfeiler produziert und echter gefärbt als in den unsrigen, die feineren hingegen stehen den unsern noch sehr nach, entsprechen auch weniger dem Zweck dieser Fabriken und werden daher nur in kleiner Quantität gefertigt, um zu zeigen, daß auch dies, wenn verlangt, möglich sei. Die Papiermühle liefert eine einzige gute Sorte starkes, geglättetes Papier, worauf die Türken alles schreiben und das folglich für ihren Landesbedarf hinlänglich ist. In den zahlreichen Baumwollspinnereien sind nirgends mehr Europäer angestellt, und selbst die ingeniösesten dazu erforderlichen Maschinen werden hier teils ausgebessert, teils ganz neu angefertigt, ein fast unglaublicher Fortschritt in einem verhältnismäßig so kurzen Zeitraum. Da ich kein Kaufmann bin, so sei dies vorläufig genug über die Fabriken. Abu-Zabel Ich wende mich jetzt zu einer andern Anstalt, die vielleicht von allen, die dem Vizekönig ihr Dasein verdanken, die außerordentlichste ist. Doch vorher muß ich des merkwürdigen Mannes ausführlich gedenken, ohne den sie nie so ins Leben hätte treten können. Der würdige Veteran, Sir Sidney Smith und unser genialer Arzt und berühmter Operateur Tiefenbach hatten mir beide Empfehlungsbriefe an ihren gemeinschaftlichen Freund Clot Bey mitgegeben, ein günstiger Umstand, dem ich ohne Zweifel den größten Teil des ausgezeichnet gütigen Empfangs zu danken habe, der mir von dem Chef aller Medizinalanstalten, dem jetzigen General Clot Bey, in Ägypten zuteil ward. Schon früher hatte sich Clot Bey gütig erboten, mir seine Schöpfung zu Abu-Zabel selbst im Detail zu zeigen, die tägliche Sorgfalt jedoch, welche er dem kranken Ibrahim Pascha gewähren mußte, hatte es bisher immer verhindert. Endlich ward der zehnte Februar dazu festgesetzt. Nur von meinem gefälligen Cicerone, Herrn Lubbert, und dem Generalstabsarzt der Flotte, Herrn Doktor Koch, begleitet, begab ich mich bei guter Zeit nach der Stadt in des Generals freundliche Behausung. Er führte uns in seine Bibliothek, die auch allerlei naturhistorische Gegenstände, zum Beispiel ein schönes Ibisexemplar, enthält, dessen Identität mit dem Ibis der Alten durch mehrere aufgefundne, sehr spezielle hieroglyphische Zeichnungen jetzt wohl außer Zweifel gesetzt ist. Im Hofe des Hauses, der an einen großen Garten stößt, ist zugleich eine sehr artige kleine Menagerie mit wunderhübschen Gazellen wie mehreren andern seltnen Tieren und Vögel eingerichtet, zu deren Anschaffung sich hier so vielfache Gelegenheit findet. Wir verplauderten angenehm eine halbe Stunde während der Besichtigung dieser Dinge, und als Clot Bey im Verlauf der wechselnden Unterhaltung zu seiner Verwunderung erfuhr, daß ich bisher nie eine Reiseapotheke mit mir geführt, so schenkte er mir mit großer Artigkeit eine solche, wohl furniert mit allem in Ägypten Notwendigen, die ich auch als ein sehr wertvolles Andenken seitdem stets bei mir geführt, glücklicherweise aber noch nicht viel gebraucht habe. Um 11 Uhr machten wir uns auf den Weg, Herr Lubbert und ich in einer vierspännigen Kutsche des Vizekönigs, Doktor Koch zu Pferde und Clot Bey, sich selbst in einem sehr gut in Kahira von einem deutschen Sattler gebauten kleinen Gig fahrend, um uns den Weg zu zeigen. Bald befanden wir uns in der Wüste und fuhren ohne Weg und Steg rasch über den festen Sand dahin. Rechts nahm ein Teil des Mokkatamm die Form eines Königl. Sarkophages an, links zogen sich die grünen Pflanzungen hin, welche Herr Bonfort der Wüste abzugewinnen gewußt hat. Schon in weiter Ferne dämmerten hinter uns die Minaretts der stolzen Hauptstadt, im Blau des reinsten Himmels verschwimmend, vor uns aber lag nichts als ein Meer von Sand, vom Winde zu weißen, ihre Formen stets wechselnden Hügeln zusammengeweht. Eine Stunde nachher erreichten wir ein Kaffeehaus, von einem alten Araber gehalten, der zur Zeit der Schlacht von Heliopolis, die unfern von hier begann, das edle Räuberhandwerk trieb und in dieser Qualität auch seinen Teil am Gefechte nahm. Das heißt, er hielt mit seiner Schar am Mokkatamm, um nach Umständen Freund oder Feind zu plündern. Nichts geht über die poetischen Ausdrücke dieser Araber. «Unser Anführer, Hassan Abassah», sagte er, «war der Löwe der Wüste. Schon vor dem ersten Strahl der Sonne trug ihn jeden Tag sein edles Roß zu Kampf und Gefahr. Bark, vom reinsten Blut der Nedschdi, führte seinen Namen mit der Tat. (Bark heißt Blitz.) Wie er abritt, sah man kein Pferd mehr, man sah nur Sand, einen Augenblick – und man sah nichts!» – Ist das nicht ganz im Stil Lord Byrons? Er erinnerte sich Murats an der Spitze der «französischen Mamlucken», sprach mit Ehrfurcht von Desaix «dem Gerechten», mit Bewunderung von Kléber, dem er noch heut die Beute dankte, welche er an jenem Tag gemacht; den Gipfel aber erreichte sein Enthusiasmus, wenn er von «Abu-Napartu» erzählte. «Sultan Kebir » (Bezeichnung Buonapartes in Ägypten), rief er, «liebte die Muselmänner, und mit der Spitze einer Stecknadel hätte er alle Moscheen umstoßen können. Man hat uns gesagt, daß er tot sei, gestorben mitten im Meere, und daß die Paschas, die ihn umgaben, gesehen, wie seine Seele gleich einem Feuerfunken auf der Schneide seines Säbels dahinfuhr.» Ich übergehe den Rest der energischen Erzählung dieses poetischen Kaffeewirts, da jedermann den Verlauf der Schlacht von Heliopolis kennt, in welcher Kléber mit sechstausend Franzosen siebenzigtausend Türken schlug. Jedenfalls hatte sie uns des alten Räubers schlechten Kaffee viel annehmlicher gemacht, und wir begaben uns, nun hinlänglich erfrischt, zu Fuß nach einem nur wenige tausend Schritte entfernten und am Rande der Wüste gelegenen Dorfe, hinter welchem sich ein Hain von Zitronenbäumen ausdehnt. Er wird mit Recht ein heiliger genannt, denn in seiner Mitte befinden sich neben einer erfrischenden Quelle die Reste eines uralten Sykomore, unter dem, der Sage nach, die Jungfrau mit dem Jesuskinde auf ihrer Flucht in Ägypten ruhte. Der Baum ist teils vor Alter abgestorben, teils von dem jahrhundertelang andauernden Raube der Frommen zerstört. Auch wir sammelten hier Reliquien und schnitzten uns außerdem elegante Spazierstöcke aus den jungen Zitronenbäumchen, die den ehrwürdigen greisen Stamm in dichtester Nähe umgaben. Dann wanderten wir zur noch älteren Stadt Heliopolis. Hier steht innerhalb der sehr deutlich zu trassierenden Wälle, welche den weitläuftigen Sonnentempel umgaben, inmitten eines grünen Gerstenfeldes ein schöner Obelisk mit wohlerhaltenen Hieroglyphen und den Ringen des Orzotasen, der 2000 Jahre vor Christo regierte, das einzige Überbleibsel eines weltberühmten Heiligtums. Ein sehr anspruchsloser Pachthof des Ministers Bogos Bey liegt daneben, und der Anblick der Gegend, deren Einförmigkeit nur wenige Palmen unterbrechen, ist öde und traurig. Wir hatten die Wagen hierher bestellt, fanden sie aber nicht und mußten sie auf sehr ermüdende Weise lange im Sande der Wüste aufsuchen. Während dieser Zeit sammelten wir viele schön gezeichnete Kiesel, welche einst eine große Flut in außerordentlicher Menge hergeschwemmt haben muß, und trafen dort auf das Lager einer tunesischen Karawane, die nach Mekka wallfahrtete. Es freute mich, die reiche Tracht der Mogrebiner, wie man sie hier nennt, wiederzusehen, und der Zufall wollte sogar, daß ich einen Mauren meiner Bekanntschaft unter ihnen fand, denn wie das Sprichwort sagt: Berge und Täler bleiben stehen, aber Menschen begegnen sich, und solche Begegnung im fernen Land führt immer eine Art Freude mit sich, war uns der Gegenstand sonst auch noch so gleichgültig. Das lange Suchen unserer Leute hatte uns verspätet, und es war schon Abend geworden, mit einem wolkigen europäischen Sonnenuntergang, als wir in Abu-Zabel anlangten. Für heute konnte man daher nur noch an Erfrischung und Ruhe denken, die uns Clot Bey mit Profusion bereitet hatte, alles übrige ward auf den nächsten Tag verschoben. Nachdem mir am Morgen der General die Lehrer der Anstalt, von denen ein großer Teil schon der Schule selbst entnommen wurden, vorgestellt hatte und die Eleven der nahen Musikschule zu Kauka mir eine sehr anmutige Morgenmusik gebracht, begann ich meine Tournee. Man kann nichts Grandioseres und Zweckmäßigeres sehen als diese Anstalt, von der es nur zu bedauern ist, daß sie, besonders als Heilanstalt, so weit von der Hauptstadt entfernt liegt. Dies war indes im Anfang nötig, da das ganze Unternehmen, vorzüglich aber die damit verbundenen Sektionen der Leichen, die öffentliche Behandlung der Geburtshilfe usw., den religiösen Vorurteilen der Muselmänner so schnurstracks entgegentrat, daß man ihnen ein solches Schauspiel nicht zu nahe unter die Augen bringen durfte, und es auch dann noch vielleicht nur dem eisernen Willen Mehemed Alis wie der unermüdlichen, rastlosen Sorge Clot Beys möglich war, nach und nach die Bevölkerung an das ihr Widerstrebendste zu gewöhnen. Bald, glaubt man indes, wird die Zeit reif sein, um noch dezidierter auftreten zu können, und dann ist zu vermuten, daß zwischen Abu-Zabel und Kasserleng ein Tausch stattfinden wird, eine Maßregel, die für beide Etablissements, deren respektive Lokale die neue Einrichtung auch sehr tunlich machen, in der Zukunft nur wohltätig sein kann, weil die medizinische Akademie mit dem Hospital natürlich schicklicher und erfolgreicher in der Hauptstadt plaziert sind, und der Schule dagegen die ländliche Einsamkeit und Entfernung von den Zerstreuungen Kahiras weit besser zusagt. Dennoch werden Jahre vergehen müssen, ehe das Lokal von Kasserleng die erschöpfende Vollendung zu den medizinischen Zwecken erreicht, welche jetzt das Etablissement von Abu-Zabel bereits so glänzend auszeichnet. Abu-Zabel steht auf demselben Platz, wo während der Schlacht von Heliopolis des Großwesirs Hauptquartier war und wo sie nachher entschieden ward. Die Menge der reinlichen und netten Gebäude umschließt mehrere mit Bäumen bepflanzte schattige Höfe, die eigentlichen Universitätslokale aber bilden ein großes Karree, das reich an sprudelnden Wassern zu einem prächtigen botanischen Garten benutzt ist. In dessen Mitte steht ganz isoliert – die Küche. Ob dies nun den Zweck hat, den unangenehmen Speisegeruch aus den Wohnungen, Lehrsälen, Krankenstuben usw. zu entfernen, oder ob es das Animalische auf eine desto eindringlicher zu den Augen sprechende Weise vom Geistigen abzusondern bestimmt ist oder vielleicht gar in dem Sinne angeordnet wurde, der jenen französischen Arzt vermochte, in jedem großen Hause, wohin man ihn zum erstenmal rief, vor allen dem Koch als seinem besten Krankenlieferanten ein reiches Geschenk zu machen – ist mir nicht genau bekannt geworden. Wenn ich aber über die Küche zum Teil im dunkel blieb, so muß ich desto mehr die herrlich eingerichtete Apotheke rühmen, die eleganteste und angenehm duftendste, in die ich je eingetreten bin, mit einem großen Laboratorium daneben und voll Sammlungen, die selbst einem Laien höchst interessant vorkommen mußten, zum Beispiel in schön geschliffenen Kristallbüchsen aufgestellte Sammlungen aller bekannten Arten von Kaffee und Tee nebst einer Menge andrer so appetissanter Extrakte und kostbarer Essenzen, daß ein Konditorladen nicht anziehender sein könnte. Nur die vortrefflichste Qualität in allen Dingen wird hier geduldet, die strengste Ordnung herrscht ebenso wie in den Sälen des Hospitals, dessen allgemeine Zweckmäßigkeit und Reinlichkeit nichts zu wünschen übrigließ. Wärter, die das geringste vernachlässigen, werden sogleich bestraft und bei der Rezidive an Ketten geschlossen, was Clot Bey, viel menschlicher und erfolgreicher, dem sonst hier üblichen Kurbatsch oder den Hieben auf die Fußsohlen substituiert hat. Eine schöne Sammlung anatomischer Präparate, bis in das kleinste Detail die wunderbare Maschine des menschlichen Körpers treu darstellend, und ein erst begonnenes naturhistorisches Kabinett dienen der Anstalt zur Zierde; die Magazine für Vorräte aller Art sind auf das reichlichste versehen, und auch in manchem einzelnen fand ich Neues und Empfehlungswertes. So sind in verschiedenen Lehrsälen die Wände sorgfältig gemalt, aber statt eitler Zierden enthalten sie unser Planetensystem, andere Teile des Himmels, viele mathematische Figuren, eine kolossale Weltkarte usw., gewiß eine sehr gute Einrichtung, um fortwährend durch die Augen zu den Schülern zu sprechen. Unsern Augen begegnete indes in demselben Saal ein weniger anziehendes Schauspiel, nämlich die Sezierung eines bereits sehr übel riechenden Leichnams, dem man überdem die letzte Ehre des Waschens versagt hatte. Kein Muselmann kann sich mit mehr Abscheu von diesem nützlichen Gegenstande abgewendet haben als meine sehr aufgeklärte Wenigkeit. Der Anblick verfolgte mich die ganze Treppe hinauf, bis in die Schlafsäle, wo Clot Bey statt der Tische und Repositorien an den Betten, wie sie in Kasserleng stattfinden, sehr praktisch Wandnischen und Wandschränke hat einrichten lassen, die weniger platzraubend, gesicherter und dauerhafter sind. Die Betten waren regelmäßig, ein Saal mit dem andern abwechselnd, mit grauen und weißen Wolldecken belegt. Auf meine Frage, ob dies irgendeine Bedeutung habe, erwiderte Clot Bey lachend: «Nichts als meine Ordnungsliebe. Man hatte mir diese Decken in doppelter Farbe geliefert, und ich fand das daraus entstehende Quodlibet unangenehm, daher die jetzige Anordnung; aber», setzte er hinzu, «ich hatte viel Mühe, sie dem arabischen Inspektor begreiflich zu machen. Warum, wiederholte dieser fortwährend, sich die unnütze Mühe machen – werden die jungen Leute deshalb wärmer zugedeckt sein?» Ich finde diese Antwort sehr rationell. Breite und platte Terrassendächer, die oben rund um das ganze Karree führen, bilden eine höchst anmutige Promenade im Kühlen, nach innen vom mannigfachsten Laub des botanischen Gartens, nach außen von den übrigen bebuschten Höfen und darüber von den mobilen, weißen Sandhügeln der Wüste begrenzt. Oft werden auf diesen Terrassen auch die Kollegien gelesen. Wir begaben uns nun in das nette Amphitheater, welches dem von Montpellier nichts nachgibt, um dem Unterricht in der Experimentalphysik beizuwohnen. Alle Gradins waren vollständig von arabischen Schülern in Uniform besetzt, breite weiße Riemen mit großen Metallplatten als Schloß um den Leib tragend. Ich glaube, es muß diesen Platten wie der Feuchtigkeit der Atmosphäre am heutigen Tage zugeschrieben werden, daß von den Elektrizitäts-Experimenten nicht ein einziges vollständig gelingen wollte. Der Unterricht ward auf eine recht ingeniöse Weise folgendermaßen erteilt. Ein französischer Professor lehrte, und ein neben ihm sitzender arabischer, der seine Studien in Paris gemacht, übersetzte jeden Satz den Schülern in ihre Muttersprache; ein allerdings schwieriges Geschäft bei rein wissenschaftlichen Gegenständen, welches, da so viele Kunstausdrücke in einer weit weniger ausgebildeten Sprache treu wiederzugeben waren, dem jungen Manne auch manchen Schweißtropfen zu kosten schien. Einst rühmten sich die Araber der größten Ärzte in der bekannten Welt; Clot Bey werden sie es zu verdanken haben, wenn sie eine zweite Epoche gleichen Ruhmes zu erreichen bestimmt sind. Er selbst geht mit dem besten Beispiel voran und hat namentlich hier Operationen gemacht, wie sie niemandem vor ihm gelungen sind. Seinem Edelmute macht es dabei Ehre, daß Clot Bey, weit entfernt, einen pekuniären Vorteil von den meisten dieser merkwürdigen Operationen zu ziehen, mehreren der mittellosen Patienten noch Geld dafür zahlt. Einer, dem er eine ungeheure H... Geschwulst von 120 Pfund abgenommen, leitete sogar einen Prozeß gegen ihn ein. Der Mensch war nämlich eine Art Bouffon, der seine monströse Verunstaltung dazu benutzte, von den in den Kaffeehäusern ihr Leben zubringenden Nichtstuern reichliche Almosen zu erbetteln. Jetzt warf er Clot Bey vor, ihm diesen Erwerbszweig entzogen zu haben, und verlangte als Entschädigung eine Pension, die der großmütige Arzt ihm auch nicht hat verweigern wollen. Dicht neben Abu-Zabel und mit ihm verbunden wiederholt sich fast die gleiche Disposition verschiedener Gebäude zum Behuf einer Veterinärschule. Ich hatte das Unglück, hier wieder auf die Sektion eines alten verfaulten Schimmels zu stoßen, der noch weit schrecklicher stank als sein menschlicher Kamerad. Statt daher die Toilette des in flagranti überraschten Direktors – der sich schnell in das Wasser einer Fontäne geworfen hatte, um fähig zu sein, mir die Honneurs der Anstalt zu machen – abzuwarten, rettete ich mich eiligst zu den Gebärkünstlerinnen in einer andern Abteilung des Etablissements. Diesem Institut arabischer Hebammen (unter denen es übrigens einige äußerst hübsche Mädchen gab) steht eine Pariser Demoiselle als Professorin vor, und es hatte für mich unwürdigen Laien allerdings seine burleske Seite, diese Jungfrau mit so viel Präzision und Sicherheit erklären zu hören, wie ein Kind zur Welt komme, fand aber nachher bei der Prüfung der arabischen Bauernmädchen bei diesen vollkommen ebensoviel Gelehrsamkeit in puncto puncti , mehr in der Tat, als ich mir je selbst anzueignen fähig gewesen war. Eine derselben, welche kaum 14 Jahre zählte, stellte sich auf ein Taburett vor ein großes Gerippe hin und erklärte erst jeden Knochen desselben, dann den Kreislauf des Blutes, endlich alle Gradationen, durch die menschliches semen geht, und dies mit einer Geläufigkeit, wie eine ihresgleichen in Europa kaum einen Wäschezettel ablesen würde. Auch war Clot Bey so entzückt von der Erudition des hübschen Kindes, daß er es mit einem Goldstück beschenkte. Nach vielfach fortgesetzten Examinierungen in der Theorie ward zum Schluß auch praktisch an einem ledernen Unterleibe operiert, in dem ein scheußlicher kleiner Magot aus demselben Stoffe stak, und dieses Embryo dann in allen verschiednen Lagen, die möglich sind, eine halbe Stunde lang immer von neuem zur Welt gebracht, wobei – ich muß es dem Institute zum Ruhme nachsagen – nur selten und nur in den verzweifeltsten Momenten die vollendete Erfahrung der Pariser Demoiselle selbst einzugreifen genötigt war. Aber es wäre gewiß sehr ungerecht, wenn man über diese komischen Szenen, deren drastische Wirkung die leise eingestreuten Bonmots des Herrn Lubbert fast zum Lachkrampf steigerten, die hohe Nützlichkeit der Sache und die wirklich segensreiche Einwirkung Clot Beys dabei verkennen wollte, dessen überlegnem Wissen selbst die Ulemas alle ihre eingewurzelten Vorurteile beifällig opferten. «Il n'y a que des mauvais sujets comme nous, qui rient de tout», zitierte ich Herrn Lubbert aus Voltaire und bat ihn um des Himmels willen, mich nicht zu kompromittieren, da Clot Bey, der hitzig wie ein Pulverfaß ist, und seine Pariser Gebärmamsell, die ebenfalls wenig Spaß zu verstehen schien, unser verrissenes Lachen bemerkend, ihre beiderseitigen Gesichter bereits in sehr ernste Falten zu legen anfingen. Alles Leben endigt mit dem Tode, und jeder Tag mit einer Mahlzeit. Obgleich Clot Bey, der immer tätige, wenn er allein speist, nie länger als einige Minuten bei Tische sitzt, so weiß er doch ein überdies ebenso geduldig liebenswürdiger Wirt zu sein, wenn er Gourmands vor sich hat, als sein vortreffliches Mahl durch die reichhaltigste Unterhaltung zu würzen. Ein neuer, sehr interessanter Gast war eben angelangt, der hochwürdige Erzbischof und Patriarch der katholischen Griechen im Orient aus Damaskus, von drei priesterlichen Adjutanten begleitet, ein sehr rüstiger Greis von schönem Äußern, in der Form eines korpulenten Lebemannes und mit dem geistreichen Ausdruck eines gutmütig schlauen Italieners. Während er dem Champagner so angelegentlich wie ich die gebührende Ehre widerfahren ließ, erklärte er mir, worin die griechischen Schismatiker eigentlich von der rechtgläubigen griechischen Kirche abweichen. Es waren nur fünf Artikel, glaube ich, aber alle von gleicher Wichtigkeit. Zum Beispiel das wohltätige Fegefeuer, das die Schismatiker, wie der geehrte Patriarch sehr richtig bemerkte, nur in Worten leugnen und doch der Tat nach anerkennen, weil sie Messe lesen. Dann wollen sie keine Heiligen, weder männlichen noch weiblichen Geschlechts, passieren lassen, was selbst ich sehr gottlos finde, und ziehen dagegen drittens dem gesäuerten Brote ungesäuertes vor, was jedenfalls sehr fade schmecken muß. Der zwei letzten Kontroversen erinnre ich mich nicht mehr, aber man sieht schon aus den angeführten, wie unmöglich es ist, daß zwei sich in so wesentlichen Dingen diametral entgegenstehende Sekten je in Frieden nebeneinander leben können. Im Verlauf der Unterhaltung widerfuhr mir eine große Ehre. Ich nämlich war es, der dem Patriarchen und seiner Suite die erste Kunde von dem heiligen Baume der Jungfrau erteilte, an dem jener Fürst der Kirche auf seinem weißen Zelter heute ganz unwissend vorbeigeritten war, sich jetzt aber, erstaunt über die aus so weltlichem Munde vernommene Kunde, ernstlich vornahm, das Versäumte mit verdoppelter Andacht morgen nachzuholen. Mit ähnlichen frommen Vorsätzen empfahlen auch wir uns unsrem freundlichen Wirt. Zweiter Teil Oberägypten Vom Verfasser der Briefe eines Verstorbenen Ein Fichtbaum steht einsam im Norden auf kalter Höh'! Ihn schläfert; mit weißer Decke umhüllen ihn Eis und Schnee. Er träumt von einer Palme, die fern im Morgenland, Einsam und schweigend trauert auf brennender Felswand. Heine Abreise. Die Sklavin. Die Pyramiden Geliebter und verehrter deutscher Leser! wolle mir zuvörderst bei diesem günstigen Anlaß vergönnen, dir einen respektvollen Gruß vom Gipfel der höchsten Pyramide zu Dschiseh zuzurufen. Hinter dem unermeßlichen grünen Delta, das jetzt so schön im Abendrot erglänzt, hinter dem blauen Meere, das, in noch weitere Ferne als mein Horizont reicht, an dieses Delta sich anschließt, und hinter allen den andern sonnigen Ländern endlich, welche jenseits jenes Meer bespült, da, wo du im segensreichen, gemäßigten Klima deines Lebens dich erfreust – gedenke mein mit derselben Zuneigung, die ich für dich fühle, und fahre fort in deiner großmütigen Nachsicht für die vielen Mängel deines treuen Korrespondenten, obgleich eine englisch-schottische review dir neulich gravitätisch versichert hat, ich sei nur in englischer Übersetzung einmal des Lesens wert gewesen. Und über die leere Wüste hin, die so öde und schauerlich die fruchtbarsten Fluren einfaßt, grüße ich euch, wackere Kämpen, die unaufgefordert so manche tapfere Lanzen brachen für den fernen Freund, den schon seit langen Jahren der Orient in wehmütig süßen Banden gefangen hält. Doch als guter Christ grüß ich auch die Feinde, euch, der trocknen, ausgebrannten Wüste um mich her so nah verwandte, anonyme und nicht anonyme kritische Wegelagerer, vor allem euch, fromme Seelen von den dürren Ufern der Spree, die ihren Sand so gern dem lieben deutschen Publikum in die Augen streuen möchten und bloß deshalb noch nicht dazu kommen können, weil dies bis jetzt immer so unhöflich war, ihnen den Rücken zuzukehren. Nun aber, nachdem ich dem Vaterlande gerecht geworden bin, schau ich nach Osten und lasse das entzückte Auge ruhen auf dem Vater Nil und Kahiras unzähligen Türmen und Palästen, überragt von des Mokkatamms glanzvoll drohender Burg. Auch dorthin grüß ich – dich Mehemed Ali, den Großen, den Wiederhersteller der Zivilisation Ägyptens, den Schöpfer einer neuen Zukunft für Millionen und den aufgeklärtesten Sohn des Orients. Und dicht unter meinen Füßen grüß ich den Sphinx Ανδρόσφιγξ nämlich; Herodot II, 175. , der, schon seit Jahrtausenden schweigend, dennoch so laut zu uns spricht von vergangener Herrlichkeit und Größe, von Wundern, zu unglaublich für unsere Zeit, und von Rätseln, die noch niemand gänzlich gelöst, obgleich ein inspirierter Franke, den uns der Tod zu früh geraubt, den vorgezogenen Vorhang schon so siegreich zu lüften begann. Und zu den Sternen aufblickend, die langsam die eintretende Dämmerung zu durchdringen beginnen, grüße ich zuletzt die Nachwelt. Sie wird mehr wissen als wir, wenigstens von der Vergangenheit, wenn auch nicht von der Zukunft, und vielleicht schlägt sie einen ihrer Lehrstühle wieder am Fuß derselben Pyramiden auf, von deren Spitze, nach Napoleons Ausspruch, vierzig Jahrhunderte auf uns niederschauen. Die Welt ist ein Rad, wie Mehemed Ali sagt, und wer seinen Platz so lange darauf behaupten kann wie die Pyramiden, mag wohl nach vollbrachter Umwälzung einmal dieselben Verhältnisse wiederkehren sehen. Und für die materielle Erhaltung dieser seltsamen Monumente ist in der Tat auch in den nächsten Jahrtausenden noch wenig zu fürchten, wenn nicht die englischen Antiquare sie aus Liebe zur Kunst definitiv in die Luft sprengen. Wir haben jetzt eben einen der eifrigsten Amateurs daselbst, der täglich mehrere hundert Beduinen beschäftigt, um die geduldigen Monumente an allen Ecken und Enden anzubohren; selbst der Sphinx wird mit Hilfe eines eisernen Pfahls gespießt, um dahinter zu kommen, ob er aus dem Ganzen oder so hohl im Leibe sei, als manche lebende Statuen es im Kopfe sind. Doch die Instrumente erweisen sich zu schwach, eines bricht nach dem andern, und vorderhand bleibt noch immer der Vorteil in diesem heftigen Kampfe den alten Denkmälern. Sie verlieren zwar einige Steine auf dem Wahlplatz, aber der Feind steht nach wie vor impotent vor ihnen, und ihr geheimster Hort bleibt jungfräulich vor ihm verschlossen. Doch allen harmlosen Scherz beiseite traue ich wirklich dem galanten und liebenswürdigen Obersten Howard Wyse weit eher als vielen andern zu, daß er durch seine Beharrlichkeit und seinen Scharfsinn endlich wichtige Entdeckungen hier machen werde, und dankbar muß jeder Fremde wenigstens es anerkennen, daß er einen Teil seiner Arbeiter dazu benutzte, die fast verschütteten Gänge in den beiden großen Pyramiden aufzuräumen und mit verhältnismäßiger Bequemlichkeit den Wißbegierigen zugänglicher zu machen. Auch fand er einige unbekannte kleine Kammern auf und hofft sogar nahe daran zu sein, ein großes Gemach unter dem supponierten Königsgrabe zu entdecken. Wir quetschten uns selbst später in das zu diesem Endzweck praktizierte Loch und hatten Mühe genug, unversehrt wieder heraus zu kommen. Doch es wird jetzt besser sein, meine Relation mit dem Anfang anzufangen. Seine Hoheit der Vizekönig war schon seit vierzehn Tagen nach Oberägypten abgereist, wo er, wie er die Güte hatte, mir sagen zu lassen, mich erwarten werde, da ich ihm sogleich zu folgen noch nicht vorbereitet war. Länger durfte ich indes nicht zögern und verschob daher die Besichtigung alles dessen, was mir in Kahira noch zu sehen übrig blieb, bis auf meine Rückkehr. Am 21. Februar verließ ich, begleitet vom Herrn Doktor Koch, Neffe des rühmlich bekannten Münchener Medizinalrats gleichen Namens, und Generalstabsarzt der ägyptischen Flotte, den mir Mehemed Ali als Reiseäskulap mitzugeben die Gewogenheit gehabt hatte, die Hauptstadt. Wir waren beide recht bequem in zwei guten Kangschen etabliert, welche das Gouvernement mir mit seiner gewöhnlichen Munifizenz geliefert. Mein kleines Gefolge bestand außer dem genannten Herrn Doktor mit seinem Diener noch aus einem Kawaß des Vizekönigs, meinem Dragoman Giovanni, meinem Kammerdiener Ackermann, einem griechischen Pagen aus Kandia mit Namen Jannis, einem arabischen, in Kahira einigermaßen französierten Koch, und – um die Langeweile einer so weiten Wasserreise etwas weniger monoton zu machen – einer abessinischen Sklavin, die ich erst wenig Tage vorher für eine ziemlich ansehnliche Summe erkauft hatte. Den Charakter dieses originellen Mädchens zu studieren, an der die Zivilisation noch nichts hatte verderben noch verbessern können, war im Verfolg der Reise eine unerschöpfliche Quelle von Vergnügen für mich, und es tat diesem Studium durchaus keinen Abbruch, daß der Gegenstand desselben zugleich an Schönheit der Formen die treueste Kopie einer Venus von Tizian war, nur in schwarzer Manier. Als ich sie kaufte, und aus Furcht, daß mir ein anderer zuvorkommen möchte, ohne Handel den geforderten Preis sogleich auszahlen ließ, trug sie noch das Kostüm ihres Vaterlandes, das heißt nichts als einen Gürtel aus schmalen Lederriemen mit kleinen Muscheln verziert. Doch hatte der Sklavenhändler ein großes Musselintuch über sie geworfen, das aber vor den Kauflustigen abgenommen wurde und daher der genauesten Beurteilung kein Hindernis in den Weg legte. Wir waren vier oder fünf «junge Leute», wie der ci-devant jeune homme sagt, und staunten alle über das makellose Ebenmaß des Wuchses dieser Wilden, mit dem sie ein chiffoniertes Charaktergesicht verband, wie ich es grade liebe, ohne daß dies übrigens auf große Regelmäßigkeit hätte Anspruch machen können. Aber ihr Körper! Woher in des Himmels Namen haben diese Mädchen, die barfuß gehen und nie Handschuhe tragen, diese zarten, gleich einem Bildhauermodell geformten Hände und Füße; sie, denen nie ein Schnürleib nahekam, den schönsten und festesten Busen; solche Perlenzähne ohne Bürste noch Zahnpulver, und obgleich meistens nackt den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt, doch eine Haut von Atlas, der keine europäische gleichkommt und deren dunkle Kupferfarbe, gleich einem reinen Spiegel, auch nicht durch das kleinste Fleckchen verunstaltet wird? Man kann darauf nur antworten, daß die Natur Toilettengeheimnisse und Schönheitsmittel besitzen muß, denen die Kunst nie gleichzukommen imstande ist. Es war gut, daß ich alle diese Vorzüge beim Einkauf sah, denn jetzt hätte ich weniger Gelegenheit dazu gehabt, da Ajïamé (so heißt die abessinische Schöne) bereits durch meine Fürsorge in dezente morgenländische Kleider mit Strümpfen und gelben Pantoffeln gehüllt ist, die mich nur ihr Antlitz und zuweilen ihre wundervolle Hand mit einem Teil des runden Armes erblicken lassen. Übrigens versteht es sich von vornherein, daß ich ein zu gewissenhafter und selbst zu freier Preuße bin, um sie jetzt noch als Sklavin zu behandeln. Mit dem Eintritt in mein Haus war sie eine Freie, obgleich ich fürchte, daß sie noch keinen recht deutlichen Begriff von diesem Zustande hat, denn als ich ihr denselben mit Hilfe eines Dolmetschers in ihrer Sprache ankündigte, küßte sie mir die Hand und, diese dann demütig an ihre Stirn drückend, flüsterte sie leise: Ich sei ihr Herr und habe zu gebieten; was sie sein und was sie tun solle. Übel ist allerdings, daß sie aus Mangel an Raum hinter einem Vorhang, der in der Eile in dem kleinen Schlafzimmer meiner Barke angebracht wurde, residieren muß, aber erstlich ist dem Reinen alles rein, und zweitens ist sie ja frei, ich aber bin ein Ritter, der jener Vorschrift der «chevalerie» immer eingedenk ist, die Voltaire in einem seiner gedruckten Briefe an Mlle. Clairon ausspricht. Der Neugierige suche sie auf. Vorderhand behält die Dame jedoch die ganze Barke für sich allein, nur von meinem Pagen statt eines hier landesüblichen Eunuchen bewacht, während wir übrigen uns nach Dschiseh begeben, wo mich der vortreffliche Oberst Warin zu einem fröhlichen Abschiedsschmaus eingeladen hat. Erst am andern Morgen nahm ich von dem freundlichsten der Wirte in seinem selbstgepflanzten Garten Abschied, denn Oberst Warin liebt wie Cincinnatus, mit sorglicher Hand der Erde ihre kostbarsten und unschuldigsten Schätze abzugewinnen, und ist überdies ein ebenso gelehrter Botaniker als Militär. Ich bewunderte daher hier auch eine Menge mir ganz unbekannter Pflanzen als: das junge Exemplar eines riesigen Baumes aus Kordofan, der aus dem Kern in einem Jahre schon mehrere Ellen emporgeschossen war, die sensitive Akazie mit ihren herrlichen Blumen, die karmesinrote Orange von Schubra, einen Strauch, dessen gleich Rosen geformte Blüten früh weiß, Mittags rosa und Abends blau erscheinen, Farben wechselnd wie weiland der Staatsrock des Zauberers Beyreis zu Braunschweig, und viele andere Seltenheiten mehr. Unter diesen Blüten sagte ich auch meinem ebenso gütigen als geistreichen Cicerone, Herrn Lubbert, Lebewohl, was mir gleich naheging. Wahrlich, wenn das Wort «aimable» nicht schon existiert, für Herrn Lubbert müßte es erfunden werden, Die «jeune» und «vieille France» ist in ihm so glücklich vereinigt, wie es nicht häufig angetroffen wird, und obgleich durch und durch Franzose, zeigt er doch nur die gewinnenden Seiten dieser Nation. Die schmeichelhafteste Höflichkeit, ein stets heiterer Sinn, eine unerschöpfliche Unterhaltungsgabe, die Kunst zu erzählen wie zu hören, ein munterer Witz ohne Galle noch zu viel Medisance, verbunden mit dem feinsten Takt und aller Sicherheit der großen Welt, machen Herrn Lubbert zu einem der angenehmsten Gesellschafter, die ich kenne, und ich bedaure von Herzen, kein großer Herr zu sein, um ihn für immer meiner Person attachieren zu können. Herr Lubbert, der hier einen bedeutenden Wirkungskreis hat und neuerlich auch zum Historiographen Ägyptens ernannt wurde, bekleidet in Frankreich den Posten eines «gentilhomme ordinaire de la chambre du roi», dirigierte aber zugleich die königlichen Theater unter dem nominellen Minister, solange Karl der Zehnte regierte – eine Charge, die ihn mit der königlichen Familie wie mit dem ganzen Hof in manche vertrauliche Berührung brachte und ihm einen reichen Schatz der pikantesten Anekdoten hinterlassen hat. Wer beliebig hinter den Kulissen bei Hofe und auf dem Theater stehen kann, sieht viel in mancher Hinsicht, und niemanden unterstützt Gedächtnis und Gewandtheit besser als Herrn Lubbert, um seine Unterhaltung fortwährend neu damit zu würzen. Freilich erscheint der Sprung vom Theaterdirektor zum Historiographen und vortragenden Rat im Ministerio des Innern etwas gewagt, aber da das Theater die Welt abspielt und die Welt selbst auch nur ein größeres Theater ist, so wird er sich als Mann von Kopf wohl auch hier zu helfen wissen sowie als Dirigent der Militärschule zu Thura. Ehe wir Dschiseh ganz verließen, krochen wir noch in einen heißen Ofen, um Eier künstlich ausbrüten zu sehen (der Leser fürchte keine Beschreibung!), und besahen nach der Hühnerfabrik auch eine andere, wo Salmiak gewonnen wird. Dann tauchten wir in die vom Winde bewegten Wogen unabsehbarer Kleefelder, wiederbelebt durch alle Rosse und Esel der Umgegend, welche sämtlich in dieser Zeit mehrere Monate lang aufs Gras (Bersim) geschickt und dort mit zusammengebundnen Füßen ihrem Schicksal bei ununterbrochnem Fressen überlassen werden, eine der nachteiligsten und törichtesten Sitten des Orients, worüber später ein mehreres. Der Weg kommt einem lang vor, denn die Pyramiden täuschen auf eine merkwürdige Weise über ihre wirkliche Entfernung. Man glaubt sie schon von Kahira aus mit Händen zu greifen und muß doch von Dschiseh aus noch mehrere Stunden reiten, ehe man sie erreicht. Am Rande der Wüste empfing uns ein halbes Dutzend Beduinen, die sich uns als Führer aufdrängen, und obgleich wir ihnen versicherten, daß wir nur höchstens zwei von ihnen brauchten, war es doch nicht möglich, ihrer wieder loszuwerden. Neugierig suchten meine Augen zuerst den kolossalen Sphinx auf, den man vor einigen Jahren ganz freigemacht hatte, der aber jetzt vom Sande schon wieder bis an den Hals verschüttet ist, so daß man nur den Kopf sieht. Von weitem erkennt man seine Physiognomie noch ganz gut, von nahem aber wird er, verstümmelt wie er ist, nur zu einer unförmlichen Masse, auf der sich jedoch noch ein großer Teil der roten Farbe, mit der das Ganze einst angestrichen war, erhalten hat. Er sieht in seinem jetzigen Zustande einem Pilze ähnlicher als einem Kopfe und stimmte meine zu hoch geschraubte Erwartung etwas herab. Auch muß ich aufrichtig bekennen, daß die Pyramiden selbst keinen viel günstigeren Eindruck auf mich machten und mir von nahem durchaus nicht mehr so imposant als in der Weite erschienen, oft das Los der Großen auf der Erde! Wenn man sie besteigt, ändert sich dies jedoch wieder, aber nicht in dem Maße, wie ich es voraussetzte, und wenn ein Vergleich die Sache anschaulicher machen kann, so muß ich sagen, daß das Straßburger Münster zum Beispiel an seinem Fuß wie auf seiner Spitze mein Gefühl weit mächtiger ergriff. Für heute war es zu allen weiteren Untersuchungen bereits zu spät. Nachdem wir uns daher in dem natürlichen souterrain einer Höhle, die den Resten einer andern längst zerstörten kleineren Pyramide zum Fundamente dient, eine Wohnung eingerichtet und rundherum zugleich unsre Zelte aufgeschlagen hatten – dicht neben der Sandschlucht, an deren Eingang sich mitten in der Wüste noch vier Palmen und drei Sykomore einsam erhalten haben –, begnügten wir uns für diesen Abend, den Gesamteindruck des Ganzen in uns aufzunehmen, so mager dieser auch war. Nur in einige 50-60 Fuß tiefe Mumienbrunnen schaute ich noch flüchtig hinab, betrachtete die darin gefundnen, mit Mühe heraufgeschroteten und jetzt in Stücken oben umherliegenden Sarkophage aus grauem Granit, mit vielen Hieroglyphen bedeckt, besuchte später den Oberst Wyse, der, in den wohnlichsten Katakomben schon «comfort» eingeführt und eine förmliche kleine Kolonie, zierlich von Rohrbarrieren umzäunt, errichtet hatte, und sank dann beim Sternenlicht dem guten Gott Morpheus ermattet in die Arme, voll Erwartung der Dinge, die der morgende Tag bringen sollte. Die Konsuln von Österreich und Frankreich nebst den Herren Linant und Cavilia hatten uns begleiten wollen , aber alle uns «faux bond» gemacht. Ein Kurier rief Herrn Lesseps nach Alexandrien, der Tod der Madame Champion hielt Herrn Laurin in Kahira zurück; Herr Linant mußte nach seinem «barrage», und Herrn Hauptmann Cavillia mußte wahrscheinlich sein «spiritus familiaris» erschienen sein, denn er war ohne irgend jemandes Wissen plötzlich abgereist. Der einzige Begleiter, welcher uns nun noch blieb, war dafür von der originellsten Natur, ein achtzigjähriger Greis, halb blind, aber noch rüstiger im Ertragen von Fatigen als mancher Jüngling und so bekannt im Reiche der Pyramiden und Katakomben, als habe er sein ganzes Leben im Dunkel dieser mysteriösen Wohnungen zugebracht. Der seltsame, einem ägyptischen Nußknacker vollkommen gleichende Alte schläft nie anders, auch in seiner eignen Wohnung zu Kahira nicht, als im Freien, das Wetter sei, welches es wolle, ein Regime, dem er wahrscheinlich den jämmerlichen Zustand seiner roten und geschwollenen Augen verdankt. Seine Kleidung ist ganz arabisch, das heißt, er geht halb nackt, ein großes Hemde mit Ärmeln und Pantoffeln nebst einem Mantel darüber im Notfalle, das ist alles. Er hat sich einen Sarg machen lassen, auf dem er alle Monat einmal, als ganz eigentümliches «memento mori» – sein Mittagsmahl einnimmt. Das übrige Irdische betreffend ist er nominell «Interprête du Consulat de France», das heißt ohne wirkliche Funktion, und handelt daneben, ohne übertrieben vorzuschlagen, mit Antiken aller Art. Sein Name ist Msarra , wie er ihn ausspricht, ob er ein Christ oder Muselmann ist, habe ich wahrlich zu fragen vergessen, jedenfalls ist er ein Philosoph, weil er die Leiden dieser Welt mit großer Geduld erträgt und den Tod nicht fürchtet; am bekanntesten in der Welt ist er aber dadurch geworden, daß er meinen verehrungswürdigen Freund, den Herrn General Minutoli begleitete, als dieser die große Pyramide von Sakkara öffnete, ein Kapitel, auf welches ihn zu bringen übrigens etwas gefährlich ist, weil, einmal begonnen, er nie wieder davon aufhört. Msarra bestand darauf, daß wir zuerst einen von ihm entdeckten Schacht, in dessen Tiefe noch ein Sarkophag aus rosafarbnem Granit ruht, den der neue Besitzer gern mit einem weit kleineren Gewicht in Metall vertauschen möchte, besuchen sollten, und ich tat ihm seinen Willen zur Hälfte, das heißt, ich sah, kroch und renkte meine Glieder aus, aber ich kaufte nicht. Dann ließ ich den guten Alten am Fuß der kleinsten Pyramide zurück, um diese zu besteigen. Sie ist von allen aus den größten Blöcken errichtet, prangt noch zum Teil mit Marmor- und Granitverkleidung und scheint überhaupt die prächtigste, wenn auch die kleinste der ganzen Gruppe gewesen zu sein. Es ist die, von welcher Herodot das bekannte Märchen der sich prostituierenden Königstochter erzählt, und sie setzt in der Tat ihrer Besteigung bis zum Gipfel ebensowenig Hindernisse entgegen, als die königliche Jungfrau einst den Liebkosungen ihrer Anbeter. Das innerste Heiligtum aber verwahrt sie bis jetzt besser als ihre Gründerin, und obgleich Oberst Wyse bereits in einer schmalen Öffnung mit unsäglicher Arbeit 59 Fuß tief von der Nordseite in sie eingedrungen ist, will alles dies doch noch nicht zu dem erwünschten Resultate führen. Einige frühere Versuche, von andern Seiten den Eingang zu finden, sind ebenfalls gescheitert; vor einiger Zeit aber erbot sich ein Araber gegen Msarra, für 1000 Piaster den wahren Eingang zu verraten, der ihm, wie er behauptete, durch alte Überlieferung bekannt sei. Man zögerte zu lange mit der Annahme des Vorschlags, und als man zugreifen wollte, war der Beduine unterdes gestorben. Was mich betrifft, so glaube ich nach dem, was ich selbst beobachtet, daß man sich auf diesem Wege vergebne Mühe macht, und die wahren hohen Personen, zu deren Ehren diese Grabmonumente errichtet wurden, gar nicht innerhalb derselben, sondern immer unter ihnen zu suchen sind. Man hat in der Tat seitdem einen Sarkophag ohne Hieroglyphen in der Tiefe unter der Pyramide gefunden. Er war aber leer und beschädigt, also schon längst das Heiligtum durch Schätze Suchende entweiht. Dasselbe gilt von der größten Pyramide wie von der kleinsten, und ist die erstere wirklich entweder das Grab des Pharao Suphis nach Champollion oder des Cheops nach Herodot, so sind die darin aufgefundenen kleinen unverzierten Stuben, in denen die beiden großen Sarkophage stehen, gewiß keine Königsgräber, sondern nur die untergeordneter Nebenpersonen oder Priester, und der alte respektive König ruht noch ungestört da, wo Herodot es angibt, nämlich in des Felsens Kern, auf dem der gigantische Steintumulus nachher errichtet wurde; denn nichts anders als Tumuli von Stein sind am Ende diese rohen Anfänge der Kunst, ohne alle Bildwerke, ohne Hieroglyphenschrift, obgleich sie zur Zeit Herodots schon wieder mit dem Schmuck seitdem fortgeschrittner Kunst, mit Tempeln, Sphinxen, Kolossen, Höfen und prächtigen Auffahrten umgeben worden waren, welche letztere alle Hieroglyphen trugen, während man mit heiliger Ehrfurcht die Urmonumente in ihrer ursprünglichen Einfachheit ließ. Die soeben von Oberst Wyse angeblich entdeckten Hieroglyphen im Innern der großen Pyramide sind nicht in den Stein gegraben, sondern nur wie mit einem in Farbe getauchten Finger verkehrt und vielleicht sehr neuerlich auf die Wand gepinselt. Ja es wäre sogar nicht unmöglich, daß mehrere von den verhältnismäßig gegen die ungeheuren Steinmassen so ganz unbedeutenden niedrigen und schmalen Gängen und Gemächern, in denen man oft kaum kniend und liegend Raum finden kann, erst später zu gewissen Zwecken der Priester ausgebrochen und in die Pyramiden hineingebaut worden wären, wie man Schachte in Felsen treibt und wie wir selbst jetzt Ähnliches, nur weniger systematisch und mit geringeren Hilfsmitteln, an diesem kolossalen Monumente von neuem durch die Engländer unternehmen sahen. Die Aussicht vom Gipfel der kleinen Pyramide steht der von der größten freilich sehr nach, aber die Disposition der mannigfachen Höfe, Auffahrten wie die Lage der vielen zerstörten Gebäude in der Nähe, übersieht man von hier am besten. Von fünf kleineren Pyramiden, die unmittelbar vor der kleinen in einer Reihe standen, sind noch drei ziemlich wohlerhalten. Die eine derselben erhebt sich in breiten Stufenabsätzen, während bei allen andern die Steinlagen zwar hinlänglich eine über der andern zurückreichen, um hinaufklettern zu können, aber gegen die ganze Masse zu niedrig und schmal und viel zu zerbröckelt sind, um für das Auge den Effekt einer Abstufung zu gewähren; daher auch in der Nähe die Pyramiden fast nur wie roh aufgetürmte, konische Steinhaufen aussehen, an denen kaum ein regelmäßiges Mauerwerk bemerkbar wird. Dies ist dem Grandiosen, das ihr Totaleindruck haben sollte, äußerst hinderlich. Als sie noch mit glatten Quadern überdeckt und mit glänzendem Stuck überzogen waren (wie sich ein kleiner Teil der Spitze der zweiten Pyramide bis jetzt noch erhalten hat) und auf diese Weise ungeheure ebne Flächen auf jeder Seite darboten, auch daneben stehende niedere Gebäude zugleich den Maßstab ihrer riesigen Höhe besser versinnlichten, muß ihr Anblick freilich unendlich imposanter gewesen sein. Jetzt, ich wiederhole es, täuscht er selbst eine mäßige Erwartung. Noch mehr als das Äußere der Pyramiden desappointiert aber im Innern die Kleinlichkeit der labyrinthischen, nur für Schlangen und Schakale gemachten Gänge sowie die unansehnlichen, oft durch ihre Niedrigkeit ganz abgeschmackt erscheinenden, unbrauchbaren, kahlen Gemächer der beiden großen Pyramiden. Sobald wir von der sogenannten kleinen – denn auch sie bleibt an sich immer eine enorme Masse – niedergestiegen waren, begaben wir uns in die Eingeweide der größten. Der rohe, aber kühn und kolossal konstruierte, dem Druidenbau ähnliche Eingang ist das einzige, was hier den Effekt des Großartigen auf mich machte, denn, wie gesagt, Gänge, in denen man sich kaum umdrehen, selten anders als wie ein Fiedelbogen gekrümmt, oder gar auf dem Bauche kriechend, vordringen kann und die endlich nach aller Mühe einem Heiligtume zuführen, das nur aus ein paar elenden, dunklen Zimmern von den Dimensionen einer Bedientenstube besteht, deren Wände mit düstern, einst polierten, jetzt matten Granitplatten ohne eine Spur von Schrift, Verzierung oder Bilderwerk belegt sind – scheinen mir ebensowenig wie die beiden einfachen steinernen Kastensärge, die man hier sieht, ein Gegenstand der Bewunderung zu sein, am wenigsten für den, der die erhabene Kunst der Ägypter und ihre wahrhaften Wunder in Theben gesehen hat. Mir waren diese freilich damals noch unbekannt, doch war auch schon ohne den Vergleich der erste Eindruck bei mir nicht anders, als ich ihn schildere, und da ich kein gelehrter Archäologe bin, der hier auf Entdeckungen ausgeht, so bemühe ich mich nur, dem Leser ein wahres und beschauliches Bild des Ganzes, dem individuellen Eindruck, den es auf mich gemacht, gemäß, wiederzugeben – was die Gelehrten in der Regel vermissen lassen. Ich durchkroch mit meiner gewöhnlichen Beharrlichkeit alles, was geöffnet ist, und nachher auch auf Leitern in die teils neuerlich, teils in schon vergessener Zeit (wie zum Beispiel Davisons sogenanntes Zimmer) entdeckten Löcher. Alles dies ist sehr fatigant und erhitzend, aber nichts davon im mindesten gefährlich, als höchstens etwa das Hinabsteigen in den 280 Fuß tiefen Brunnen, mit bloßen Einschnitten in der Mauer, der vom «soit-disant»-Saale der Königin (die vielleicht nur eine Hofdame oder Priestermätresse war) nach dem tiefsten sich fortwährend senkenden Gange niederführt, welcher letztere in einem natürlichen Felsengewölbe, nahe der Mitte der Pyramide und schon in ihrem Fundamente endet. Aus dieser Höhle geht auf der entgegengesetzten Seite ein anderer horizontaler schmaler Gang noch weiter dem Mittelpunkte zu und hört dann plötzlich auf. Hier ist vielleicht der Schlüssel zum tieferen noch Unbekannten. Dort herum, glaube ich, sollte man rastlos nachforschen, denn hier in der Tiefe muß der König liegen, wenn er überhaupt vorhanden ist, hier im Herzen des Felsens, einst von einem hineingeleiteten Kanal des Nils umflossen, wie es uns der Vater der Geschichte erzählt, freilich ohne ihn selbst gesehen zu haben und nur das zweifelhafte Priesterwort als Bürgschaft gebend. Die Luftlöcher, welche in dem «Saal des Königs» getauften Zimmer in der Mauer befindlich sind, hat man über hundert Fuß verfolgt, wie man uns versicherte, und der Oberst Wyse glaubt auch ihren Ausgang oben aufgefunden zu haben, doch alles ist und bleibt höchst unbedeutend. Erst nach mehreren Stunden hatten wir uns aus der Grabeshöhle wieder hervorgearbeitet und begrüßten das rosige Licht und sanken todmüde auf die Riesensteine am Eingang hin und aßen Orangen und tranken Kaffee und fühlten uns durch dieses Intermezzo bald wieder so wunderbar gestärkt, daß ich, den Reigen kühn eröffnend, auch von außen heute noch zum Ziele gelangte, nämlich den 500 Fuß hohen Gipfel der Pyramide kurz vor Sonnenuntergang erstieg. In fünfzehn Minuten waren wir ganz gemächlich oben, entzückt durch eine der herrlichsten, wenigstens gewiß eigentümlichsten Aussicht auf der Erde, obgleich sie nur in wenig große Massen zerfällt. Die rosenrot gefärbte Wüste mit mehr als vierzehn Pyramiden, nämlich denen von Dschiseh selbst, dann von Abusir, Sakkara und Daschfur, meistens in der eben günstigsten Entfernung gesehen, ist nicht der wenigst anziehende Gegenstand dieser erhabnen Dreieinigkeit von Weltstadt, Grünland und Sandmeer. Wir bemerkten übrigens, daß seit vier Jahren, wo Herr Doktor Koch zum erstenmal hier war, nach seiner Angabe, wie es damals gewesen, seitdem ein großes Stück der Wüste nach den Pyramiden zu kultiviert worden sein muß, was man auch an der Farbe des Bodens deutlich unterscheiden konnte, da das neue Ackerland unter dem Grün noch sandig und heil aussah, während das alte nur tiefschwarze Erde zeigte. So wird die moderne Kultur bald wieder frische Fluren und Gärten bis dicht an die alten Denkmäler ziehen, wie es ohne Zweifel in der Zeit ihrer Blüte ebenfalls stattfand, denn obgleich die alten Ägypter die Nekropolis immer gern am Saume der Wüste in schöner Symbolik anlegten, so glaube ich doch nicht, daß sie sie je absichtlich mitten im Sande aufführten. Die Wüste hat natürlich jene ihr zunächst liegenden Monumente beim Untergang der Zivilisation auch zuerst umschlungen, wie gleichfalls die Gräber der Kalifen bei Kahira jetzt in der Wüste stehen, obgleich wir es von diesen genau wissen , daß sie bei ihrer Gründung auf allen Seiten von reichen Gärten und Orangenhainen umgeben waren. Einer so sinnigen und weit vorgerückten Nation, als die Ägypter waren, darf man nichts so Absurdes beimessen, als es gewesen sein würde, ihre erhabensten Monumente, die Gräber, bei allen ihren Städten so fern mitten in der Wüste aufzubauen, als sie zum Teil jetzt erscheinen. Jene Denkmäler wurden vielmehr, als echte Bilder des Todes, gerade an das Ende des grünen Lebens gestellt, und nur jenseits begann die geheimnisvolle, unabsehbare unbekannte Öde. Meine Gefährten fanden das Hinabsteigen weit beschwerlicher und schwindelerregender als das Heraufklimmen. Ich war entgegengesetzter Meinung, und wie ich früher der letzte oben anlangte, war ich unten weit voraus der erste, denn über drei Fuß hohe Stufen sich hinanzuschwingen ist mühsam, sie aber in taktmäßiger Cadence herabzuspringen wird ein wahres Gaudium, das alte Leute, wie ich bin, anmutig an ihre Knabenzeit erinnert. Die ganze Partie ist überhaupt eine solche Kleinigkeit für alle, die sich ihrer Beine zu bedienen wissen, daß ein guter Felsenkletterer mit Leichtigkeit wetten könnte, die große Pyramide dreimal in einem Tage zu besteigen, und man muß furchtsamer sein als ein altes Weib, um etwas Gefährliches dabei aufzufinden. Etwas anders aber verhält es sich mit der zweiten Pyramide, die wir am andern Morgen bis dicht an die glatte Spitze erkletterten. Diese ist, wenige Fuß ausgenommen, ebenso hoch als die, welche par excellence die große genannt wird, aber von weit geringerem Umfang in ihrer Basis, folglich weit steiler und ihre Stufen auch weit mehr geschwunden und beschädigt als bei der großen. Man konnte, oben angelangt, gleich an dem fast gänzlichen Mangel moderner Namensinschriften bemerken, daß hier die Besucher sehr selten sein müssen. Demohngeachtet sind einige selbst über den glatten Teil hinweg bis zur äußersten Spitze gekommen. Dies ist aber nur durch zusammengebundene Leitern und mit vielen Vorbereitungen tunlich. Man sagt, ein französischer Soldat habe, als Napoleon die Pyramide besichtigte, mit bloßer Hilfe seiner Glieder die äußerste Höhe erreicht. Dies muß Mazuriers Vater gewesen sein, sonst habe ich Mühe, es zu glauben. Wie dem nun sein mag, ich selbst stieg so hoch als es gewöhnlichen Dilettanten, ohne besondere Hilfsmittel der Kunst anzuwenden, gelingen kann, und grub dort auf eine der geglätteten Platten den Titel, Vor- und Zunamen meiner guten Julie ein, wie Herr von Chateaubriand auch den seinigen par procuration auf die große Pyramide setzen ließ. Wem aber unter unsren Freunden bekannt ist, welche dezidierte Abneigung gegen alle «Lokomotive», vollends die Ersteigung einer Höhe, ja sogar einer einfachen Treppe, die genannte liebenswürdige Dame von jeher gehabt hat – da sie nur die Bewegungen des Sitzens, Liegens und Spazierenfahrens gewohnt ist –, der wird sich allerdings nicht wenig wundern, sie hier als determinierte Bergsteigerin an einem Orte verzeichnet zu finden, wo nur Adler und Geier zu ruhen pflegen. So habe ich den geheimnisvollen Monumenten noch ein kleines Privaträtsel mehr aufgedrückt. Das Innere dieser zweiten Pyramide ward von Belzoni geöffnet. Die Gänge sind hier ein wenig bequemer, der Zimmer mehr und einige auch etwas größer als in der Schwesterpyramide, doch ebenso kahl und zierdelos, ebenso unbegreiflich der Zweck dieses mühsamen Fuchsbaues. Ein in den lebendigen Felsen eingehauener Hof umgibt dies Denkmal, und man sieht an den schon zum Herausbrechen vorbereiteten Steinen der Bodenfläche, daß man noch tiefer gehen wollte. Auf den glatt abgearbeiteten äußern Felswänden dieses Hofes bemerkt man einige Hieroglyphen aus älterer späterer Zeit und auch einen Ring des großen Ramses. Mehrere Gebäudereste neben dem ausgehöhlten Platze zeigen zyklopische Mauern ganz in der Art der großen Wand am Pnyx zu Athen und ganz verschieden von der Bauart der Pyramiden selbst; in den Trümmern der Auffahrt aber, die zu dieser Pyramide führt, befinden sich von allen hier angewandten Blöcken die größten, welche nur denen von Theben weichen. Das klare Wetter lockte mich am Abend noch einmal auf die Spitze der großen Pyramide, gleichsam zum Abschied, und ich konnte mich bei diesem zweiten Besuch des Glaubens kaum erwehren, daß auf ihrer abgekappten Spitze einst ein Koloß gestanden haben müsse, wie auf den ähnlichen Denkmälern im See Moeris, obgleich Herodot nichts davon erwähnt. Als ich im Begriff war, am Morgen darauf zu Pferde zu steigen, um meine Reise fortzusetzen, ließ mir Oberst Wyse sagen, daß er in diesem Augenblick einen neuen Eingang in die zweite Pyramide entdeckt habe, denn der Unermüdliche operiert auf alle drei zugleich, Ich fand die Sache richtig; da dieser niedrige Eingang aber nur auf einen schon bekannten innern Gang stößt, so ist wenig damit gewonnen, und ich wünsche von Herzen dem braven Obersten für seinen Fleiß, seine Ausdauer und sein Geld bald ein glänzenderes Resultat. Herr Cavillia, der vor einiger Zeit dicht neben den Pyramiden einen seltsamen Bau aneinanderstoßender Gemächer und Gänge aufdeckte, dessen Plan und Zweck zu verstehen bis jetzt noch nicht gelang, versicherte mir in Kahira, «in Entfernung einiger Stunden in der Wüste Fundamente von Pyramiden aufgefunden zu haben, deren Granitblöcke größtenteils schon wieder in Staub aufgelöst wären, woraus er schließe, daß, wenn die noch stehenden Pyramiden aus Sandstein 4 oder 5000 Jahre alt seien, jene aus schon wieder pulverisiertem Granit, wenigstens vor zehnmal so langer Zeit erbaut worden sein müßten!» Seine kleine Defektion verhinderte mich, diesen denkwürdigen «Granitstaub» mit eigenen Augen zu sehen. Als ich durch die Einförmigkeit der Wüste meinen Weg fortsetzte, zürnte ich fast auf mich selbst, von mehr als einem gotischen Bau des Mittelalters lebhafter angeregt worden zu sein als von diesen berühmten Weltwundern, so wie mir auch in früheren Jahren das Pantheon zu Rom weit großartiger vorkam als die zwanzigmal größere Peterskirche – aber ich hatte nicht unrecht. Der Triumph der Kunst muß höher stehen als der der bloßen Masse. Demohngeachtet kann man, wenn man die kältere Reflektion zu Hilfe nimmt, nicht umhin, auch über diese Massen allein schon zu staunen, womit eines Königs Laune der Ewigkeit zu trotzen versuchte. Die drei Pyramiden von Dschiseh enthalten 4 693 000 Kubikmeter, woraus erhellt, daß man mit den Steinen dieser Monumente eine 9 Fuß hohe und 1 Fuß dicke Mauer von circa 1400 Stunden Länge bauen könne, also zum Beispiel von Alexandrien aus durch Afrika hindurch bis an die Küste von Guinea! Unter den sechs Beduinen, die während der hier verlebten Tage unsere treuen Schatten geblieben waren, befand sich einer der schönsten Menschen, die ich je gesehen, das vollendete Bild eines Herkules, der, als er im Dampfbade des Königssaales sein leichtes Gewand abwarf und nun im Schein der Fackel nackt dastand, jeden Künstler als Modell in Ekstase versetzt haben würde. Ich liebe die Schönheit in jeder Form und suchte ihn daher für meinen Dienst zu engagieren, was indes, da er Frau, Kinder und ein beträchtliches Eigentum hatte, sehr schwer hielt; doch entschloß er sich endlich dazu für eine hohe Bezahlung, die er für den ersten Monat gleich voraus verlangte. Der Charakter der Beduinen ist aber nicht zum Dienen geschaffen. Der riesenstarke Kerl, der für sechs Andere aß, konnte nie zu der geringsten regulären Arbeit nach dem Maßstab eines Kindes vermocht werden, und da ich ihn doch nicht als bloßen Statisten behalten wollte, so ließ ich ihm eine Woche darauf in einer Anwandlung von Ärger über seine Faulheit ankündigen, daß er entweder gleich den andern Dienern arbeiten oder auf der Stelle die Barke verlassen solle. Da er indes wenig Miene machte, der Warnung Folge zu leisten, befahl ich ihm definitiv zu gehen, was er aber zu meinem Erstaunen ebenfalls verweigerte, so daß ich dem Kawaß auftragen mußte, ihn, wenn er sich binnen fünf Minuten noch hier befände, gewaltsam aus der Barke hinauswerfen zu lassen, wozu freilich ein Dutzend Menschen nötig gewesen wären. Ein türkischer Beamter und Diener Seiner Hoheit ist aber so sehr das Schrecken aller Araber, daß der Riese Ali sich nun sogleich fügte. Natürlich sah ich meinen vorausbezahlten Monatslohn als verloren an, war aber nicht wenig überrascht, am andern Morgen von meinem Dragoman zu hören, daß der Beduine ihm gewissenhaft drei Viertel des erhaltenen Geldes wiedergegeben und nur den Lohn für die abgediente Woche mit sich genommen habe. Mir schien dieser Zug des Aufzeichnens wert, obgleich er von der europäischen dienenden Klasse, vom Geheimrat bis zum Schuhputzer herab, schwerlich sehr bewundert werden wird. Nach einigen Stunden, die uns fortwährend über ganz mit abgeglätteten Meerkieseln bedeckte Sandhügel führten – Steine, die oft jenen glichen, welche die leichtgläubigen Alten für die petrifizierten Bohnen und Linsen der Arbeiter an den Pyramiden hielten –, erreichten wir die Pyramidenruinen von Abusir, bedeutend kleiner als die von Dschiseh und von geringem Interesse. Anderthalb Stunden weiter befinden sich die von Sakkara, deren mittelste, größte und in breiten Absätzen aufsteigende, wie schon bemerkt, der General Minutoli eröffnete. Hier war also Msarra, der bisher auf seinem Esel zwischen Schlaf und Wachen fortgezuckelt war, in sein Element gekommen wie der Fisch ins Wasser, ich aber schweige und bitte meine Leser, den interessanten Artikel dort nachzulesen, wo er am lehrreichsten und unterhaltendsten abgefaßt ist, in des Generals eigener vortrefflicher Beschreibung. Ohnfern dieser Pyramide liegen einige weit schönere Sarkophage als die sind, welche wir bei Dschiseh gefunden, und nahe dabei befinden sich unerschöpfliche Ibiskatakomben, auch Menschengräber mit Mumienplebs in Menge. Man scharrte für ein Geringes vor unsern Augen einige ganz intakte dieser ordinären Mumien aus. Die buntbemalten Gesichter auf den groben Köpfen, obgleich keine Kunstwerke, schienen mir doch voll Ausdruck, besonders eine weibliche Physiognomie von äußerst schelmischem Ausdruck. Wir öffneten zwei, die offenbar nur gemeine Leute bargen, und fanden auch nichts darin, als vom angewandten Mastix versengte Linnen und zu wahrem Holz gewordene Knochen. Die noch weiter entfernten Pyramiden von Daschfur begnügten wir uns aus der Ferne zu betrachten und wandten uns nun dem Nile wieder zu, nach dem schönen Tale und weitläufigen Palmenwalde des alten Memphis. Wenn man in diesen Wald eintritt, hat die ganze Szene eine auffallende Ähnlichkeit mit unsern düstern nordischen Kiefernhainen. Die Bäume mit ihren langen kahlen Stämmen und kleinen Kronen zeigen fast dieselbe Form und Farbe, der Boden ist gleichmäßig dürrer Sand mit wenig Gräschen hie und da, und um das Porträt zu vervollständigen sieht man daneben weite, halb ausgetrocknete flache Teichbecken voll Moor ganz wie die Marken und die Lausitz sie so vielfach aufzuweisen haben. Es würde daher auch ebenso traurig als bei uns sein, wenn nicht gleich daneben der gesegnetste Auboden, mit dem frischesten Grün bedeckt, hundertfache Frucht trüge, und ohnfern davon in seiner stolzen Pracht der breite Nil flösse. Überdies füllen antike Ruinen an mehreren Stellen den Wald, und in einer Versenkung liegt nahe der Straße der schöne, vom Kopf bis zum Gürtel ganz, im übrigen nur teilweise erhaltene Koloß des großen Ramses (Sesostris), wahrscheinlich der sonst im Dromos des Tempels Vulkans stehende und außer Ypsambul die einzige Statue dieses Heroen Ägyptens, deren Antlitz unbeschädigt ist. Herr Cavilia fand diesen Koloß zuerst auf, und schenkte ihn dem englischen Vizekonsul in Alexandrien, denn jeder Fremde, der früher hier etwas Antikes auffand, hielt sich für berechtigt, es als sein Eigentum zu betrachten, fast wie einige Küstenbewohner das Gut der Schiffbrüchigen. Der Herr Vizekonsul hat, wie ich höre, die Absicht, den Kopf absägen zu lassen und ihn dem vaterländischen Museum zu verkaufen, damit er neben dem Raube Lord Elgins in London aufgestellt werden könne. Wenn dies gegründet ist, so hoffe ich, daß Seine Hoheit der Vizekönig, der Gott Lob! noch nicht wie mancher andere Fürst sich als jedes englischen Beamten Sklave anzusehen braucht, eine solche Barbarei verhindern wird. Es wäre wenigstens eine große Schwäche von seiner Seite, wenn er es nicht täte, er müßte denn innerlich für gegründet halten, was neulich einer der ersten Offiziere der Euphrats-Expedition (übrigens ein Mann von großer Energie und nicht geringem Talent) mit echt englischer Galanterie und Selbstschätzung dem Kommandanten von Adana sagte, als ihm dieser die neu ausgeführten Befestigungswerke dieses Ortes zeigte: «Mon cher, avec un Kurbatsch (Reitpeitsche) et dix milles Anglais, je vous chasserai facilement avec toute l'armée d'Ibrahim d'ici à travers la Syrie et l'Égypte jusqu'au Sennar.» Solche Wahrheit den Leuten ins Gesicht zu sagen, ist doch hart. Unter den Trümmern, welche sparsam, aber in weiter Ausdehnung im Walde herumliegen, sah ich wenig der Erwähnung wertes, unendlich vieles muß aber noch die Erde unter einer Unzahl hoher Schutthügel hier von alters her decken denn schon zu Strabos Zeit war die Sphinxallee, welche jenseits des Sees, welcher die ganze Stadt umgab, zu dem Tempel des Serapis führte, halb vom Sande der Wüste verschüttet. Mit der Abendröte gelangten wir, über schmale Dämme hinreitend, die durch des Nils Überschwemmungen nötig gemacht wurden und die, fast den Gängen eines englischen Gartens ähnlich, in Schlangenlinien geführt sind, um dem Wasser besseren Widerstand zu leisten, an den Fluß, wo unsere von konträrem Winde zurückgehaltnen Barken wie bestellt in demselben Augenblicke von Kahira ankamen. Froh eilten wir sie zu besteigen; Ajïamé empfing mich auf der meinigen mit einem demütigen Handkuß, dem ich mich vergebens zu entziehen suchte, und mit Freuden ward ich von der exemplarischen Reinlichkeit und netten Ordnung meiner kleinen Wasserwohnung gewahr, daß mir in jeder Hinsicht die Perle der Sklavinnen zuteil geworden sei. Ohne Zeitverlust wogten wir sogleich auf der blauen Flut weiter dem Süden zu und fuhren bald darauf bei Hatfeh, ehemals der Aphrodite geweiht, vorüber, während eine süße afrikanische Nacht, die Venus selbst gesandt zu haben schien, uns mit linden, wollüstigen Lüften umwehte. – Mit Sonnenaufgang passierten wir den Josephkanal (auch Jussuf Sal-Eddins, nicht des Geliebten der Potiphar Werk) und erblickten jetzt in duftiger Ferne die letzte der ägyptischen Pyramiden am Nil, die von Meidun in der Morgensonne Glanz, einer vergoldeten Krone gleich, über der Wüste thronend. Die große Reise war begonnen, die mich weiter, viel weiter führen und tragischer beginnen sollte, als meine Phantasie sich damals auch nur im Traume vorgestellt hätte. Nilfahrt bis zur Hauptstadt Oberägyptens Die letzten Tage des Februars wurden um so mehr nur dem Innern und Häuslichen geweiht, als wir uns vorgenommen hatten, wegen der schon sehr vorgerückten Jahreszeit auf dem Hinwege uns so wenig wie möglich aufzuhalten und das Versäumte mit größerer Bequemlichkeit und Seelenruhe auf der Rückkehr nachzuholen, obgleich dies sonst gegen meinen Grundsatz streitet: «nie auf morgen aufzuschieben, was heute getan werden kann.» Aber jede Regel hat ihre Ausnahmen und nur Pedanten verkennen dies. Ich studierte also jetzt statt der Altertümer den Charakter der jungen Ajïamé, welche mir täglich interessanter vorkam. Fürs erste fand ich mit Verwunderung, daß sie die ätherische Eigenschaft besitze, nie Fleisch zu essen. Eine Orange, etwas Milchreis und Brot früh und abends ist das einzige, was sie zu sich nehmen will, und demohngeachtet wird vor und nach dieser paradiesischen Mahlzeit das sorgsamste religiöse Abwaschen niemals versäumt und selbst – was ich hinter dem Vorhang belauschte und gar nicht erwartet hätte –, selbst die Perlenzähne wurden trotz einer Engländerin (obgleich nur mit einer Wurzel, deren sich die Abessinier zu diesem Zweck bedienen) mühsam geputzt und poliert. Wahrscheinlich sind diese vortrefflichen physischen Gewohnheiten, zu denen auch ein tägliches Früh- und Abendbad des ganzen Körpers gehört, nebst dem erwähnten frugalen Regime , die Ursache, daß ich noch nie eine so vollständige Abwesenheit menschlicher Unannehmlichkeiten an einem weiblichen Wesen gewahr wurde als an dieser appetitlichen Wilden, der ich erst Sitten lehren müssen glaubte und die ich zum Teil weiter darin vorgeschritten fand, als wir Europäer es meistenteils selbst sind. Dieselbe Delikatesse, mit der sie ihren Körper behandelte, dieselbe Dezenz und Anmut fand ich auch in ihrem übrigen Betragen. Doch verriet sich einige Wochen später – was ich hier gleich mit einschalten will – das sklavische (man könnte auch sagen das weibliche) Prinzip deutlich bei ihr, denn meine zu schmeichelnde Behandlung machte sie schnell übermütig und launisch. Überdem ennuyierte es das hübsche Kind nicht mit Unrecht, mit niemandem sprechen zu können, da weder ich noch ein andrer ihre Sprache verstand, wozu es auch nicht ergötzlich war, nach türkischer Manier stets eingesperrt zu bleiben, und nur täglich tief verschleiert am Abend eine Viertelstunde am Ufer spazierengehen zu dürfen. Alles dies war nicht meine Schuld, und auch mit dem besten Willen hier nicht abzuändern; demohngeachtet wollte sie es mir entgelten lassen und ward endlich bei aller ursprünglichen «gentleness» ihres Charakters gleich einem verzognen Hündchen oft ganz unleidlich mürrisch, gebieterisch und so wetterwendisch, daß ich viel Not mit ihr vorauszusehen anfing. Die Menschen haben aber alle gar viel von den Tieren an sich, und die Wilden stehen ihnen natürlich noch näher. Dies nahm ich in Betrachtung und beschloß nun, der wachsenden Koketterie, Unart und Rebellion meines kleinen Naturkindes auch naturgemäß entgegenzuarbeiten. Ich fing damit an, nach der ersten heftigen Szene dieser Art, wo sie zuletzt im Zorn ein kürzlich von mir erhaltenes Geschenk ohne weiteres über Bord geworfen hatte – stundenlang nicht die mindeste Notiz mehr von ihr zu nehmen, und als sie den Morgen darauf sich noch immer gleich trotzig in ein kleines mit Blei ausgeschlagenes Badekabinett (also eine wahre venetianische Bleikammer bei dem hiesigen Klima), worin sie zugleich ihre Effekten aufhob und ihre Toilette zu machen pflegte, zurückzog, schloß ich ganz kaltblütig die Türe desselben ab und ließ sie andere vierundzwanzig Stunden in diesem Gefängnis verbleiben, während man ihr die nötige Nahrung zum Fenster hineinreichte, aber immer unberührt wieder zurückerhielt. Diese Hartnäckigkeit, verbunden mit einem unverbrüchlichen Stillschweigen, würde mich vielleicht geängstigt haben, wenn ich das liebe, reizende, der Notwendigkeit immer zur rechten Zeit nachgebende, weibliche Geschlecht nicht besser kennte. Schon in der Nacht hörte ich sie mehrmals heftig schluchzen, bereits ein Zeichen der herannahenden Nachgiebigkeit, welches ich jedoch nicht zu bemerken schien – bis sie nach Sonnenaufgang ihr Silberstimmchen vernehmen ließ und auf das Rührendste in abessinischer Sprache um Erlösung bat, was ich dem Sinne nach sehr gut, wenn auch von den Worten nur die wenigen verstand, welche ich bereits nach und nach von ihr gelernt hatte. Noch eine Weile spielte ich den Fühllosen, dann ließ ich mich erbitten und schob den Riegel weg. Verweint und lieblich, so verführerisch drappiert als sie es nur verstand, setzte die Gefangene behutsam ihren schönen nackten Fuß auf den Teppich, folgte langsam mit dem andern nach und drückte, sich niederwerfend, ihre Stirn auf meine Füße. Ich hatte die größte Mühe, sie nicht gleich wieder von neuem zu verderben, aber ich blieb standhaft, spielte nur die Rolle des Mentors und von diesem Augenblicke an ist sie immer sanft, gut und folgsam geblieben, und seitdem wir uns auch eine Separatsprache gebildet haben, brauche ich einen Rückfall kaum mehr zu fürchten. Ja, ich darf sogar ohne Arroganz glauben, daß sie mir jetzt wirklich mit aufrichtiger und zärtlicher Neigung zugetan ist (immer in allen Ehren, versteht sich), worin sich auch wieder die ursprüngliche Natur dieser Menschenklasse zeigt, welche schnell und treu liebt, was ihr, mit einiger Festigkeit gepaart, als wohlwollend entgegentritt, aber tödlich haßt, was sie auf brutale Weise nur wie unvernünftiges Vieh behandelt. Sonderbar ist es nun, daß die hiesigen Türken für ihre männlichen schwarzen Sklaven in der Regel milde Herren sind, die weiblichen dagegen mit der größten Härte und Geringschätzung traktieren, wobei doch die armen Mädchen fortwährend zur Fröhnung ihrer Lüste dienen müssen – vielleicht die demütigendste und empörendste aller Lagen für ein weibliches Gemüt. Daher ist es auch in diesen Ländern nichts Seltenes, daß Türken, besonders aus den gemeinen Klassen, durch ihre Sklavinnen ermordet werden. Ich spreche von Sklavinnen , nicht von rechtmäßigen Weibern, die im Orient wie bei uns meistens selbst das Eheregiment zu Hause fuhren, wenngleich Sitte und Gesetz sie dazu einsperren. Während dieses anmutigen Müßigganges trat der erste März, ewig ein drohender Unglücksbote zwischen unsre harmlosen Freuden. Es war gegen Mittag und ich eben mit Schreiben beschäftigt, als eine heftige Bouraske, welche die Wellen des Nils hoch wie Meereswellen emportrieb, der Barke eine so schaukelnde Bewegung gab, daß ich meine ausgebreiteten Papiere wieder im Portefeuille zusammenpacken mußte. Ich warf mich aufs Bett und verlangte meine Pfeife, den Trost des Morgenländers für alles Ungemach. Dies gehörte zum Departement meines griechischen Pagen, und da er sich in der andern Barke befand, rief ihm der Dragoman zu, sogleich den Tschibuk herüber zu bringen. Wenige Minuten darauf hörte ich Geschrei und Getümmel und sehe aus dem Fenster meiner Kajüte drei bis vier Araber sich Hals über Kopf in den Fluß stürzen, um einem roten Tarbusch nachzuschwimmen, der auf den Wellen vor ihnen hertanzte. Ich wunderte mich, daß sie bei diesem Wetter sich um eine Kleinigkeit so viele Mühe gäben, und sah ihren Anstrengungen, ihn zu ergreifen, noch sorglos zu, als Ackermann ganz blaß hereintritt, um mir zu melden, daß Jannis, der junge Page, kein Mensch begreife wie, vom Schiff verschwunden und nur sein Tarbusch über dem Wasser, er selbst aber nicht wieder zum Vorschein gekommen sei. Man kann sich meinen und unser aller Schreck über ein so erschütterndes Ereignis denken! Auf der Stelle vermochte ich durch das Versprechen einer reichen Belohnung noch mehrere Araber, den Vermißten in den Wellen zu suchen, ließ die Schiffe wenden und kreuzte mit ihnen stundenlang umher – doch alles blieb vergebens. Keiner hat je eine Spur von dem schönen Knaben wiedergesehen, nicht ein einziges Mal erschien er über dem Wasser, und selbst sein Tarbusch ward mit solcher Blitzesschnelle von Wind und Flut entführt, daß die geübtesten Schwimmer ihn nicht zu erreichen vermochten. Der Umstand, daß meine Pfeife und eine kostbare Bernsteinspitze, die der Verunglückte immer in einer blechernen Kapsel bei sich trug, wenn er mir die Pfeife brachte, mit ihm fehlten, überzeugte mich, daß er, wahrscheinlich im Begriff, dem erhaltenen Befehl Folge zu leisten, beim Übertreten aus einer Barke in die andere (denn beide waren des üblen Wetters wegen aneinandergekettet worden) ausgeglitscht sein mußte und so jählings in den Fluß herabfallend von den Wellen schon begraben war, ehe er nur um Hilfe rufen konnte. Welch schmerzliches Ereignis! und wie tief habe ich lange den armen Knaben bedauert, der so tragisch und nutzlos ein junges Leben hingeben mußte! Auffallend war dagegen die Gefühllosigkeit der Matrosen bei diesem herzzerreißenden Vorfall. Unser Rais (Schiffskapitän) schien sogar eine abergläubische Zufriedenheit darüber zu empfinden. «Jetzt wird die Reise glücklich sein», sagte er mit geheimnisvoller Miene zu meinem Dragoman, «denn der Nil hat sich sein Opfer im voraus geholt. Dies retten zu wollen – ist immer vergeblich!» Erst gegen Abend, als alle Hoffnung des Wiederfindens verschwunden war, setzte ich mit schwerem Herzen meine Reise fort. Wir befanden uns vor Beni-Suef, wo ich beim Gouverneur meine Deposition zurückließ, mit allen nötigen Aufträgen zu weiterer Nachforschung wie zur Bestattung des Leichnams, sobald er ausgemittelt sein würde, nebst der Bitte, mich so schleunigst als möglich von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen. Doch habe ich bis heute, wo ich dieses Kapitel meiner Reise im Königreich Sennar ins reine schreibe, keine weitere Nachricht von dem armen Jungen erhalten können, dem ich sehr attachiert war und der es in jeder Hinsicht verdiente. Beni-Suef ist wie fast alle ägyptischen Städte mit ihren Kothäusern ein Ort von höchst elendem Ansehn. Ich besuchte indes, da ich einmal hier war, in der Eile seine Merkwürdigkeiten. Zuerst die Primärschule mit 96 Kindern, die sehr gut gehalten werden. Ich sah sie essen, selbst in den Schulen am Ende das Notwendigste, und fand auch hier die irdische Kost untadelhaft, von der geistigen konnte ich um so weniger urteilen, da die Schüler heute Ferien hatten. Es bestehen in der Provinz El Fajum vier dergleichen von Mehemed Ali gestiftete Schulen. Eine große Wollspinnerei, die ich hernach besah, glich ganz der schon früher erwähnten und schien nicht weniger in guter Ordnung und regem Betrieb zu sein. Die große Kavalleriekaserne für zwei reguläre Regimenter traf ich ziemlich leer, da die Pferde sich sämtlich auf dem Bersim befanden; es wohnten jetzt größtenteils nur militärische Handwerker darin, denn für Offiziere und Gemeine sind daneben, einen großen Exerzierplatz einschließend, weitläufige Lehmbarracken neuerlich erbaut worden. Ich besuchte diese und fand selbst die Wohnungen der höheren Offiziere nur wenig von den so verschrienen Häusern der Fellahs verschieden, eben weil sie in dieser Art für das hiesige Klima am passendsten sind, da sie im Winter mehr Wärme und im Sommer mehr Kühle gewähren. Eine schöne Allee alter Mimosen zieht sich als schattige Promenade zwischen der Kaserne und dem Nile hin. Mit Einbruch der Nacht schiffte ich mich wieder ein . Am Morgen holten wir in einer reizenden Gegend die Barken eines französischen Reisenden ein, eines Grafen Mercy d'Argenteau, wie ich hörte, der eine liebenswürdige Landsmännin begleitete, die wir in elegantem Kostüm auf dem Verdeck eifrig lesen sahen. Sie mochte aber das Land nicht nach ihrem Geschmack gefunden haben, denn der Graf kehrte von hier wieder um. Man muß auch gestehen, daß die Reise auf dem Nil wegen ihrer großen Monotonie bald langweilig wird. Ich bin überzeugt, man wird kaum einen Fleck hier finden, der, wenn man plötzlich dahin aus Europa versetzt würde, nicht einen romantischen Eindruck durch seine Fremdartigkeit für uns zurückließe, aber toujours perdrix wird bekanntlich bald zum Ekel, und nach Monaten eines immer ähnlichen Schauspiels sehnt man sich oft recht herzlich nach etwas Vaterländischem, wäre es auch von der anspruchslosesten Gattung. Überdies fängt an vielen Stellen die brennende Sonne schon an, das bisherige schöne Grün der Fluren zu versengen, und in wenigen Wochen wird man, statt jener Smaragddecke, hier überall nur eine graues Staubgewand vor sich ausgebreitet sehen. Doch bis dahin hoffe ich schon weiter vorgedrungen zu sein, in einen Erdstrich, wo wieder andere Regeln herrschen. Im Ganzen erblickt man bei dem jetzigen niedrigen Stande des Nils überhaupt vom angrenzenden Land nur wenig, solange man in der Barke ist. Nur wenn wir ausstiegen, wurden wir immer von neuem durch die außerordentliche Fruchtbarkeit des Bodens, oft über unabsehbare Flächen tief ins Land hinein sich erstreckend, in Verwunderung gesetzt. Doch unterbrach auch an andern Orten die bis an den Fluß herantretende Wüste häufig diesen Segen, weil man seit Jahrhunderten die alten Kanäle vernachlässigt hat und Mehemed Ali nicht alles herstellen kann. Den vierten, fünften und sechsten März hielt uns der erste Anfall des glühenden Khamsin, der in diesem Jahre ungewöhnlich früh eintritt, neben einem Tabaksfelde gefangen, wo weder Baum noch Strauch uns den geringsten Schutz gewährte. Obgleich der Wind während dieses Phänomens aus einem Backofen zu kommen scheint, das Blut sich davon erhitzt und von den fortwährenden Staubwolken, die überall eindringen, die Augen ein rotes und geschwollenes Aussehen bekommen, so kann ich doch nicht sagen, daß ich die Wirkung so unerträglich gefunden hätte, als man sie beschreibt. Ich fühlte mich ganz kräftig dabei und bemerkte sogar einen sehr vermehrten Appetit. Nur der Staub wird allerdings höchst beschwerlich. Die ganze Atmosphäre ist fortwährend so davon erfüllt, daß man nicht fünfzig, oft nicht zehn Schritte weit sehen kann; in jeden noch so gut verschlossenen Raum dringt dieser feine Staub ein, und trotz alles Reinigens liegt er nach einigen Stunden schon wieder Fingerdick auf allen Gegenständen. Mund, Nase und Augen hat man immer damit angefüllt, glücklicherweise war uns indes das Wasser diesmal, wenn auch nicht als Gegenmittel, doch als Palliativ immer bei der Hand. Die Matrosen ließen sich den Khamsin noch weniger anfechten als wir. Sie dankten Gott, daß er sie der Arbeit enthob, und sangen, spielten und tanzten Tag und Nacht. Es ist ihnen ein Geringes, im Kreise umher auf ihren Beinen sitzend, mehrere Stunden lang immerfort dieselben drei oder vier Worte unisono zu singen, während nur einer unter ihnen, eine Art Vorsänger, zuweilen andere Strophen mit einer etwas verschiedenen Melodie dazwischen einschaltet, worauf aber die übrigen stets mit dem alten Refrain wieder einfallen. Einmal in der Nacht versuchten sechs dieser Leute, von einem halb verrückten Heiligen unter ihnen, dem sie große Ehre erwiesen, angeführt, den Tanz der heulenden Derwische; und diese Szene hatte etwas so Grausendes, daß ich sie gewiß nie vergessen werde. Man denke sich eine glühende Atmosphäre mit hohlen Windstößen und sich kräuselnden Staubwirbeln, die in allen Richtungen wie Nebel aufsteigend nur selten dem matten Licht einiger Sterne den Zugang gestatten; mit Mühe unterscheidet man in der Einöde das abgerissene dunkle Nilufer, an welchem unsre Schiffe ankern. Oben darauf, dicht an dessen Rand erblickt man undeutlich in euer Dämmerung, gleich hin- und herschwankenden Schatten, sechs in Tücher gehüllte Gestalten, die einen Kreis um einen ganz Nackten (den Heiligen) geschlossen haben, welcher mit klagender Schmerzensstimme verschiedne, keineswegs unmelodische, aber höchst melancholische Tonweisen singt, während die ihn Umschließenden, taktmäßig in die Höhe springend und sich wieder zur Erde beugend, ohne Unterlaß in demselben tiefen, heisern, halb herausgestoßnen, halb wieder verschluckten, unbeschreiblichen Tone, der dem Bellen eines höllischen Untiers gleicht, mit immer wachsender Schnelligkeit so lange das Wort «Ajuhm» ausrufen, bis endlich einer nach dem andern erschöpft niedersinkt und der Laut in halber Ohnmacht verklingt, die auch häufig schon das Spiel für einen oder den andern der Teilnehmer mit einem Schlagfluß geendet haben soll. Es ist aber hohe Frömmigkeit in diesem Tanz, und wer darin sein Leben verliert, wird für einen glückseligen Märtyrer gehalten. Mir kam die Zeremonie eher vor wie eine verzweiflungsvolle Beschwörung böser Geister oder ein infernalischer Tanz dieser Dämonen selbst. Die schauerliche Unheimlichkeit des Schauspiels schien auch meinen Spartaner Susannis aus der Fassung zu bringen, denn selbst dieser Tapfere «sans peur et sans reproche» flüchtete sich gleich beim Anfang in eine Ecke des Schiffs, und hörte, die Augen starr auf die Tanzenden gerichtet, bis zum Ende nicht auf, das schreckliche Ajuhm mit einem fast ebenso furchtbaren Geheul in seiner Sprache zu begleiten. In der Nacht zum siebenten veränderte sich plötzlich der Khamsin in einen Sturm aus Norden, und obgleich diese Richtung unsrer Fahrt ganz günstig war, durften wir es doch nicht wagen, uns ihm in der Dunkelheit der Nacht und in der unmittelbaren Nähe des schroffen Felsen des Vogelgebirges (Dschebel-Itter) auszusetzen, das auf der arabischen Seite hier dicht an den Nil tritt. Erst am späten Morgen, als sich die Heftigkeit des Windes etwas gemäßigt hatte, konnten wir auf seinen Fittichen weiterfliegen. Wir fanden von diesem Punkte aus die Ufer des Flusses weit unterhaltender als früher, weil sie endlich einmal verschiedner Natur waren. Auch die Vegetation hatte oft ein ganz abweichendes Ansehn von der bisherigen, und obgleich die nahe Bergkette nur aus gelbem Sand oder kahlem Sandstein bestand, erschien sie uns doch durch ihre originellen Formen sehr malerisch. Dazu kam, daß wir, aus den weiter oben angegebenen Gründen und um möglichst von dem guten Winde zu profitieren, alle Ruinen und sonstige Merkwürdigkeiten herzhaft hinter uns ließen und dieses schnelle Vorbeisegeln bei Städten, Dörfern, Felsen, Katakomben, alten Tempeln, Palmwäldern und Zuckerrohrplantagen, welche letzteren mit einem Apfelgrün schimmerten, wie es nur die Gouache-Bilder der alten Mönchsschriften in die Malerei aufzunehmen wagen, hatte seinen ganz eigentümlichen Reiz. Am Ende dieses Vogelgebirges liegt ein koptisches Kloster. Mit Erstaunen sahen wir einen Trupp Mönche, zehn an der Zahl, daraus hervorbrechen, die Felsenabhänge sich mehr herabstürzen als klettern, dann in die vom Winde hoch erhobnen Fluten springen und gleich Fischen unsern Barken stromanwärts folgen, welche sie auch, da wir aus Mitleid mit ihnen anhielten, nach einer Viertelstunde ungeheurer Anstrengung glücklich erreichten – alles dies, um zusammen zwei Kärie (5 Franken) als Almosen zu erbeuten! Minieh, mit einem Palast des Vizekönigs und einem noch mehr in die Augen fallenden des Gouverneurs, präsentiert sich stattlich am linken Ufer, und die Umgebungen des Flusses sind hier von allen Seiten frisch und lieblich. Wir sahen sie überdem im verklärenden, rosigen Schein der Sonne, nachdem den ganzen Tag über graue Nebel uns wie ein dichter Vorhang umschlossen hatten und immediat auf die Feuerhitze des Khamsin die Kälte so empfindlich geworden war, daß ich Tuchkleider und Oberrock hervorsuchen mußte. Am achten März fiel der Wind, was uns bewog, bei Baramun auszusteigen, wo sich die bis jetzt einzige Zuckerfabrik im Lande befindet, deren Produkt man hier zum dreifachen Preis, welcher für fremden Zucker in Kahira bezahlt wird, verkauft. Die Gebäude dieser Anstalt sind ominös geworden, denn da der Platz unglücklicherweise zwischen den Ruinen von Hermopolis und Antinoe mitten inneliegt, so wurden die berühmten Portiken dieser beiden Städte, die sich noch ganz erhalten hatten und vor deren einem Denon in Ekstase auf die Knie fiel, seit kurzem mit Pulver gesprengt und die Steine zum Behuf dieser Zuckersiederei verwandt. Demohngeachtet hätte man die unerschöpflichsten Steinbrüche ebenso nahe gehabt, aber die Mühe wäre ein wenig größer gewesen. Diese Barbarei muß man der türkischen Erziehung und früheren Unwissenheit des Vizekönigs zugute halten, ja es werden wohl noch mehrere Generationen vergehen, ehe die Eingeborenen den Kunstwert ihrer Altertümer zu verstehen und zu schätzen fähig sein werden, trotz aller dienstwilliger Zeitungsartikel, die das Gegenteil versichern. Die Zuckerfabrik ward uns von einem sehr einsichtsvollen Franzosen gezeigt, der vor zwei Monaten herberufen worden ist, um sie besser einzurichten, als sie es bisher war, womit er in wenigen Wochen fertig zu sein hofft und für seine Bemühung, außer der freien Reise und Station, 30 000 Franken erhält. Bisher ließ man den Zucker in roher, brauner Masse durch die Fellahs in ihren eignen Hütten fabrizieren und ihn dann erst hier zwei-, drei- und viermal raffinieren. Von dem viermal raffinierten kostet der Zentner hier an Ort und Stelle 1050 Piaster, während die Fellahs für den Zentner des rohen Produkts nur 50 Piaster erhalten, was allerdings ein schöner Gewinn sein würde, wenn man Käufer fände. Der Franzose hat vorgeschlagen und zugleich den großen Vorteil davon bewiesen, künftig gar keinen Zucker mehr durch die Fellahs fabrizieren zu lassen, sondern ihn gleich hier aus dem Zuckerrohre zu ziehen und dann mit dem Apparat einer Dampfmaschine zu raffinieren, durch welche Behandlung, wie er behauptet, der Vizekönig bald den Zucker wohlfeiler werde liefern können, als man ihn von Europa herzuschaffen imstande sei. Dadurch würde ihm aber der ganze Debit im Lande und ein ungeheurer Gewinn gesichert werden. Der Direktor selbst hat sich erboten, das Geschäft in Entreprise zu nehmen und eine hohe Pacht zu zahlen, doch ward dies abgelehnt, so wie mehrere andere seiner Vorschläge, durch welche er der Ineptie seiner ägyptischen Gehilfen vorbeugen wollte, über die er sich mit vieler Bitterkeit beklagte und dabei äußerte, daß der Vizekönig seit einiger Zeit immer mehr Abneigung zeige, Europäer zu employieren, weil er glaube, er brauche sie nicht mehr, worin er sich jedoch sehr irre. Ich wiederhole diese Worte, weil sie dem ganz entsprechen, worauf ich schon früher hingedeutet. Die Eifersucht der Türken gegen die Europäer und ihr Bestreben, sie zu entfernen, indem sie vorspiegeln, sie hätten nun selbst schon alles erlernt, was vonnöten sei, gewinnen immer mehr Terrain am ägyptischen Hofe und mehr noch bei Ibrahim als bei Mehemed Ali, aber auch dieser, der so häufig und so unverantwortlich von Europäern betrogen wurde, fängt nachträglich an, eine Art Erbitterung gegen sie zu fühlen und läßt sich wohl hie und da mehr überreden, daß er sie entbehren könne, als ihm gut ist. Denn noch ist die Zeit hierzu nicht gekommen, und ein so großer und bewunderungswürdiger Mann Mehemed Ali auch ist, ohne Hilfe der Europäer hätte er seine Pläne doch nie ausführen können, und die Dauer des nun Geschehenen würde vielleicht ohne sie ebenfalls sehr gefährdet sein. In dem Reisebericht des Herrn von Cadalve, worin jede Gelegenheit ergriffen wird, den Vizekönig herabzusetzen, findet sich auch über die hiesige Zuckerfabrik zu diesem Behuf eine ganz falsche Angabe. Der Verfasser behauptet nämlich, die geringe Qualität des hiesigen Zuckers (deren wahrer Grund in der Unwissenheit des vorigen Direktors und Erbauers der Fabrik zu suchen ist) sei nur der Inkonsequenz Mehemed Alis zuzuschreiben, der, obgleich er in so vielen andern Fällen die Vorurteile seiner Glaubensgenossen für nichts geachtet, hier unbegreiflicherweise die Anwendung des Blutes zum Raffinieren des Zuckers nicht habe gestatten wollen, ohne zu wissen, daß sie unerläßlich zur Gewinnung eines guten Produkts sei. In diesem Vorgeben ist alles Irrtum. Fürs erste hat der Vizekönig nie daran gedacht, sich um solche Details zu bekümmern, sondern nur die muhamedanischen Arbeiter haben einen großen Abscheu dagegen und einige Weigerung gezeigt, sich des Blutes zu bedienen, worin der neue Direktor ihnen um so lieber willfahrte, da ( zweiter Irrtum des Herrn von Cadalve) Blut eben gar nicht zum Raffinieren des Zuckers unumgänglich nötig ist. Der hiesige Direktor selbst zum Beispiel zieht Eier zu demselben Zweck weit vor und würde sie auch, wie er sagt, in Europa vorziehen, wenn es dort möglich wäre, sie sich in solcher Menge und so wohlfeil als hier zu verschaffen, wo Blut weit höher zu stehen kommt und weniger leistet. So unbedeutend diese Sache an sich ist, habe ich sie doch nicht übergehen wollen, da sie in ihrer auffallenden Oberflächlichkeit und feindlichen Intention ein gutes Specimen für die Menge ihr gleichender Ausfälle gibt, von denen das sonst nicht wertlose Buch wimmelt. Am 9. März hatten wir einen halben Tag lang das malerisch geformte Gebirge Abulfeda östlich zur Seite, häufig durch schöne Katakomben und zuletzt mit einem wunderbaren Santons-Tempel geziert, der, die äußerste Spitze eines weißen Felsen krönend, ganz einem Konditoraufsatz auf einem Zuckerkuchen glich. Ihm gegenüber erhob sich mitten aus der Wüste ein ockergelber Sandhügel in Form der regelmäßigsten Pyramide. Seit Minieh sieht man nur noch selten die balancierenden Eimer der Sakis am Ufer durch Ochsen in Bewegung gesetzt, sondern nackte Fellahs nehmen ihre Stelle ein, und die Sakis sind für ihre Taille kleiner eingerichtet. Zahlreiche Büffelherden weideten am Flusse, und auf den vielen Sandinseln standen Dutzende von Pelikanen gravitätisch in Reih und Glied aufgestellt. Auch von andern Wasservögeln war der Nil hier vielfach belebt, und wir schossen einige wilde Gänse, die von gutem Geschmack, aber schwer zu erreichen sind. Gegen Abend langten wir in Monfalut an, das vor kurzem der Fluß halb zerstörte, ein elender, aber noch immer weitläufiger Ort mit mehreren recht hübschen Moscheen. Die Umgegend ist reizend. Beide Bergketten von Arabien und Libyen scheinen, von der Stadt aus gesehen, einen ununterbrochenen Kreis blauer Gebirgsmauern um sie her zu ziehen, deren innerer Raum einen zusammenhängenden, vom Nil durchströmten üppig grünen Teppich bildet. Ich kletterte mit dem Doktor auf eine verfallne Hausruine, um die herrliche Aussicht in größerer Vollständigkeit zu genießen; wir wurden aber zu einem schleunigen Rückzug gezwungen, als die vom Wasser unterminierte Mauer von unserm Gewicht wie von einem Erdbeben zu schwanken anfing. Doch hatten wir schon im Fluge die Minaretts von Siut am rosenfarbnen Horizont des lachenden Panoramas erspäht, ein doppelt willkommener Anblick, da uns dort eine sehr erwünschte Ruhestation erwartete und wir zugleich den Vizekönig noch in Siut anzutreffen hofften. Zu Lande ist es nur einige Stunden von Monfalut entfernt, auf dem Wasser brauchten wir wegen der fortwährenden Krümmungen des Flusses und dazu kommenden konträren Windes den größten Teil des folgenden Tages, um die kurze Strecke zurückzulegen. Es mag bei diesem Anlaß berührt werden, was mir alle meine nachherigen Erfahrungen bestätigten, daß ein Reisender, der weder schwächlicher Konstitution ist, noch durch seine ökonomischen Verhältnisse geniert wird, sowohl für sein Vergnügen als zur Erlangung einer richtigeren Kenntnis des Landes weit besser tut, schon von Alexandrien aus und so weit er dann gehen will die Hinreise durchgängig zu Lande zu machen, auf dem Nile aber zurückzukehren. Nur in den Sommermonaten, wo der größte Teil Ägyptens als ein graues Sandfeld erscheint, leidet diese Vorschrift eine Ausnahme. Zu jeder andern Periode wird der Fremde auf diese Weise 1) weit schneller fortkommen, was etwas mehr Ermüdung schon reichlich aufwiegt, 2) unendlich mehr Abwechselung genießen, 3) viel weniger Krankheitsfälle zu fürchten haben und 4) zehnmal mehr nützlichen Gewinn aus seiner Reise ziehen, als beim allgemein rezipierten Schlendrian gewöhnlicher Touristen möglich ist. Mein erstes Geschäft in Siut, das eine halbe Stunde vom jetzigen Wasserstande des Nils entfernt liegt, war, ehe ich noch die Barke verließ, Mehemed Ali meine Ankunft melden zu lassen. Kurze Zeit darauf erschien Artim Bey, gefolgt von Pferden und Dienern, um mich auf der Stelle zu Seiner Hoheit, dem Vizekönig, abzuholen, der die Gnade hatte, mir sagen zu lassen: seine Absicht sei gewesen, in wenig Stunden Siut zu verlassen, da ich aber endlich dort angelangt sei, so werde er meinetwillen noch heute und morgen hier verweilen. In der Tat hatte ich mich, gegen die früheren Bestimmungen, sehr verspätet, und die freundlichen Worte seiner Hoheit erschienen mir daher um desto großmütiger und graziöser. Der Abend war prachtvoll und machte den kurzen Weg bis Siut zum glänzendsten Schauspiel; denn hier war noch alles Grün in höchster Frische, das in mannigfachen Schattierungen auf drei Seiten die Hauptstadt Oberägyptens umgab, während auf der vierten, dicht hinter ihren Türmen und Moscheen, die so heiter in den goldnen Strahlen der untergehenden Sonne schimmerten, sich die ernste, weißgebleichte libysche Bergkette hinzog, mysteriös gezeichnet durch die schwarzen Girlanden ihrer unermeßlichen Katakomben. Der Vizekönig hatte seine Wohnung in einem ansehnlichen, weißgetünchten Palast am Saume der Stadt genommen, in dessen weitläufigem Hofe wir eine Kompanie grün uniformierter Soldaten aufgestellt fanden, die mir bei meinem Eintritt mit klingendem Spiel die Honneurs machten. Ich darf sagen, daß der Empfang Seiner Hoheit nicht nur wie immer äußerst artig, sondern wahrhaft herzlich war. Ich fand ihn überdies sehr guter Laune, und die fatigante Landreise von Kahira bis hierher, während welcher der fast siebenzigjährige Greis täglich 8-10 Stunden zu Pferde zurücklegte, schien ihn nicht im geringsten ermüdet zu haben, denn er sah fast noch wohler und kräftiger aus als früher. Was ihn so heiter mache, sagte er, als ich das Obige gegen ihn ausgesprochen, sei der gute Zustand, in dem er die Provinz gefunden, in der er nun schon seit zwei Jahren 85 000 Menschen drei Monate lang jährlich an den vernachlässigten Dämmen und Kanälen arbeiten lasse, wozu überdies in jedem Jahre 32 Millionen an der Sonne getrocknete Ziegel angefertigt und verbraucht worden seien. Das Doppelte der fortgesetzten Arbeit, hoffe er, werde hinreichen, die Bewässerung in ganz Oberägypten dirigieren zu können, so daß kein Teil desselben unbebaut liegenbleiben dürfe, wie bisher leider an so vielen Stellen der Fall gewesen sei. Auch sei es ihm endlich gelungen, die Einwohner zu vermögen, große Einkäufe von Vieh aus dem Sennar zu machen, wozu sie sich trotz des damit verbundenen außerordentlichen Vorteils doch – wie es ja fast immer mit allem Neuen gehe – nur der Ungewohntheit wegen im Anfang durchaus nicht verstehen wollten. Er habe indes das Mittel ergriffen, zuerst mit gutem Beispiel voranzugehen und für sich selbst große Ankäufe zu machen, dann aber jedem irgend soliden Entrepreneur die Einkaufssumme ohne Prozente vorgeschossen, und so sei die Sache nun im besten Gange. «Im Sennar», setzte er hinzu, «ist das Vieh in solchem Überfluß, daß ein Kamel kaum vier spanische Kolonnaten, ein Ochse zwei und ein Schaf nur vier Piaster (1 Franken) kostet. Dort fehlt nur Kapital und in einem solchen Grade, daß ich erst die Einwohner an Geld zu gewöhnen angefangen habe, denn sie kannten bis dahin nur Tauschhandel. Hier im Gegenteil fehlt es an Viehzucht, da nur wenig Terrain zur Weide bleibt und das meiste zu weit reicherem Ertrage mit Feldfrüchten bestellt wird, die Betreibung der Sakis aber die Anwendung einer ungeheuren Menge Tiere unumgänglich nötig macht und bei ferneren Meliorationen immer noch nötiger machen wird. Durch den von mir eingeleiteten Handel wird also beiden Teilen geholfen werden, und wenn Gott uns günstig ist, ihre Prosperität mit Riesenschritten zunehmen müssen.» Im Verfolg der Reise begegnete ich nachher häufig solchen Transporten großer Herden, die wegen des unterwegs anzuschaffenden Futters allerdings ihre Schwierigkeiten haben. Auch war alles dieses Vieh von einer schattenartigen Magerkeit, aber durchaus von schöner Rasse und kräftigem Bau. Wir kamen von diesem administrativen Gegenstand auf Europa zu sprechen, seine sich immer steigernden Erfindungen und namentlich seine vielfachen, hier noch unbekannten Luxusartikel. «Ich kenne alles das», sagte der Vizekönig lächelnd, «und bekümmere mich nicht bloß um Maschinen, sondern auch um die guten Dinge, die zum Lebensgenuß gehören. Es erscheint nichts Neues dieser Art in London oder Paris, wovon mir nicht sogleich Proben zugeschickt würden.» Aber man sieht es leider nicht, erwiderte ich (denn diesmal waren wir allein), weil es in Euer Hoheit Harems vergraben bleibt. «Ja», erwiderte Mehemed Ali, «so weit zu gehen, wie Sie es möchten, erlaubt die Zeit freilich noch nicht. Nach mir wird aber noch manches Vorurteil fallen, obgleich es selbst dem Weisesten unendlich schwer wird, sich von ihnen loszumachen, und es vielleicht keinem Sterblichen je gelingen kann, hierin die Folgen seiner früheren Erziehung ganz abzuschütteln.» Aus vollem Herzen machte ich ihm mein Kompliment darüber, wie viele solcher Vorurteile dennoch er selbst bereits besiegt und wie dankbar schon die jetzige Generation ihm für die daraus entsprungenen Wohltaten anhängen müsse. Seine Antwort war originell aufrichtig und die eines längst schon enttäuschten Menschenkenners: «Der Vater», sagte er, «liebt sein Kind – warum? – aus Eigennutz. Er sieht sich selbst darin fortgesetzt, es kommt von ihm ; es gehört ihm , und er hofft, es werde einst eine Stütze seines schwachen Alters sein. Das Kind liebt den Vater, weil es von ihm seinen Unterhalt, alles Gute im Leben und nach dessen Tode noch sein Erbteil erwartet. Herr und Diener, Fürst und Untertan denken alle so, das eigne Interesse liegt allen Verhältnissen der Menschen zum Grunde, und wenn es geschickt gehandhabt wird, macht es gute Herren und gute Diener.» «Es ist nur schlimm», fiel ich ein, «daß eben so wenige ihr wahres Interesse verstehen, und hier bewundere ich eben am meisten die Energie Eurer Hoheit, die sich weder durch Betrug noch Dummheit je in ihren wohltätigen Plänen irremachen ließ.» «Es ist wahr», sagte er, «ich habe manchen schweren Kampf bestanden, mich aber eben deshalb an mein Adoptivland mit wahrer Leidenschaft gekettet. Ich hatte nimmer Ruhe noch Rast, stets kam es mir vor, wie ein seit Jahrhunderten betäubt im Schlafe liegendes, nacktes und hilfloses Kind, dem ich alles allein sein müßte, Vater und Mutter, Herr und Diener, Lehrer und Richter – und oft habe ich in schlaflosen Nächten zu mir gesagt: Kann es denn an einem Mehemed Ali genug sein, das Kind zu nähren, zu kleiden, verständig zu machen und großzuziehen? Noch jetzt bin ich darüber sehr ungewiß, doch vielleicht gewährt es mir, trotz aller Hindernisse, Gott, dem ich so viel verdanke und dem ich von jeher auch alles anheimgestellt.» Man kennt Mehemed Ali so ganz und gar nicht in Europa und selbst hier nicht zum größten Teil, daß ich überzeugt bin, viele meiner Leser werden dies und das Folgende zur Hälfte für einen Roman meiner Erfindung halten. Ich bitte diese, nur zu bedenken, daß Artim Bey, ein Mann von so europäischer Bildung, daß man in zwanzig Jahren den Türken nicht in ihm erraten würde, da ist, um mir ein Dementi zu geben, wenn ich die Unwahrheit sage. Ich kann mich in unwesentlichen einzelnen Ausdrücken irren, aber nie in der Hauptsache, da ich stets den ersten freien Augenblick wahrnahm, um Mehemed Alis Worte niederzuschreiben, und ich tat dies, weil ich der Meinung bin, daß großer Männer Äußerungen, selbst geringfügige Dinge betreffend, für den Gebildeten immer ein hohes Interesse haben müssen. Inwiefern übrigens diese Äußerungen wirkliche Herzensergießungen oder absichtlich präparierte sind, mag der Scharfsinn des Lesers selbst entscheiden, Stoff zum Nachdenken gewähren sie immer. Der Vizekönig schloß unsere heutige Unterredung mit der Bemerkung: daß alle Völker der Größe und alle Armeen des Sieges fähig wären, wenn sie nur einen Mann fänden, der sie den Weg dahin zu führen verstünde. Am andern Morgen lud er mich ein, mit ihm ein «déjeuner à la fourchette» einzunehmen. Nach dem früher gesehenen und mit ihm geteilten türkischen Diner in Dschiseh war ich nicht wenig verwundert, jetzt bei Seiner Hoheit das Service ganz auf europäischem Fuß zu finden und Mehemed Ali selbst mit aller Eleganz eines englischen Dandys essen zu sehen. Ich erfuhr indessen, daß der Vizekönig in seinem Interieur schon seit mehreren Jahren in dieser Hinsicht die europäische Sitte angenommen habe und nur bei öffentlichen Gelegenheiten die nationelle noch beibehalte. Doch blieb die Szene insoweit noch türkisch, daß Seine Hoheit und ich allein essend am Tisch saßen und der Hof nüchtern umherstand. Der Vizekönig war so lustig, daß er mir selbst einige Worte in französischer Sprache adressierte, die er ganz richtig aussprach. Dann sagte er mit der ihm ganz eignen naiven Grazie: «Auf europäisch zu essen habe ich gelernt, aber das Vorlegen verstehe ich noch nicht recht, und darin sollen Sie mir jetzt eine Lektion geben, indem Sie sich dieses Geschäfts unterziehen.» Der Anfang mußte mit einem «Dindon aux truffes» gemacht werden, den ich mir schmeichle, kunstgerecht zerlegt zu haben. Auch fehlte es weder Seiner Hoheit noch mir während seiner Verzehrung an vortrefflichem «Chateau Margeaux», dem einzigen Wein, den der Vizekönig trinkt, und auch der einzige, der an seiner Tafel serviert wird. Als einen Beweis der zarten Attention und von einem Türken und so großen Herren fast unglaublichen Galanterie muß ich hier eines Umstandes erwähnen, der mir vom Gouverneur Siuts mitgeteilt wurde. Als mich der Vizekönig zu dem Frühstück einlud, verlangte er, daß für mich ein Fauteuil gleich dem seinigen gebracht werden sollte. Es war aber in der ganzen Stadt keiner dergleichen, sondern nur einfache Strohstühle zu finden. Als man ihm dies meldete, befahl er, auch seinen Fauteuil wegzunehmen und zwei gleiche Strohstühle an den Eßtisch zu stellen. So unbedeutend die Sache an sich ist, so gehört der Zug doch auch zur Charakteristik Mehemed Alis. Ich benutzte die gute Disposition des hohen Wirtes, um mir die Erlaubnis zu erbitten, ihm nicht nur zu Schiffe folgen, sondern ihn auch einige Tage auf seiner Inspektionsreise im Innern des Landes begleiten zu dürfen, was mir sehr bereitwillig gewährt wurde. Die Unterhaltung verbreitete sich dann über sehr verschiedene Gegenstände, welche in so großer Gesellschaft jedoch nur alltäglichere Themen berühren konnten, aber nach Tisch, wo wir allein blieben, nahm sie nach und nach eine weit vertraulichere Natur an, und man kann denken, wie belehrend es für mich war, hier Mehemed Ali über seine politischen Verhältnisse, wie über die von ihm sehr scharfsinnig aufgefaßten Interessen und Gesinnungen der europäischen Kabinette, sich mit ebensoviel Aufrichtigkeit als Wärme auslassen zu hören. Es würde indiskret sein, in diesem Buche nähere Details hierüber mitzuteilen, nur so viel mag ich sagen, daß ich nicht genug die Einfachheit und Würde seiner Äußerungen wie die Richtigkeit seiner Ansichten bewundern konnte, insofern ich die letzteren selbst zu beurteilen irgend imstande war. Aus allem, was er sagte, ging deutlich hervor, wie durchdrungen er von der Überzeugung ist, daß alles, was er getan und geschaffen, keinen Bestand haben könne, solange der Schlußstein des Gebäudes fehle, solange die Tat nicht auch durch den Namen geheiligt werde, mit einem Wort, solange seine Souveränität de facto nicht auch de jure bestehe – wie sehr er aber auch unter dieser Bedingung nur Frieden, Sicherheit und Ruhe ohne übermäßige Vergrößerungspläne wünsche; wenn es jedoch sein müsse, den Krieg als letztes Mittel keineswegs scheue und von dem, was er einmal besitze, nie gutwillig ein Dorf aufgeben werde. Etwas andres sind Geldopfer, die er, glaube ich, ohne Anstand in größter Ausdehnung bringen würde, wenn dadurch eine Anomalie beseitigt werden könnte, deren Bestehen fortwährend den Frieden des Orients wie des Okzidents bedroht und auf der einen Seite ebenso allen wohltätigen Absichten des Vizekönigs für die von ihm beherrschten Länder hindernd im Wege steht, als sie den Sultan in seinen ähnlichen Bestrebungen paralysiert. Nachdem ich hierauf noch die Gelegenheit gefunden, erfolgreich für einige Freunde zu sprechen, war ich auch so glücklich, für Clot Bey die bisher immer entschieden verweigerte Verlegung der «École de medicine» von Abu-Zabel nach Kahira (eine Unternehmung, deren Kostenanschlag viele Hunderttausende erreicht) zu erlangen, obgleich der Vizekönig meine Interzession anfänglich mit einiger Empfindlichkeit bestritt. Hierauf beurlaubte ich mich dankbar bei Seiner Hoheit, um die Stadt zu besehen und einen Spazierritt in der Umgegend zu machen. Siut bietet außer den recht gut furnierten Bazars und einer vom berüchtigten Defterdar erbauten Moschee nichts besonders Merkwürdiges dar. Mit der letztern ist ein schönes, öffentliches Marmorbad verbunden, dessen Revenuen zur Erhaltung der Moschee selbst dienen, eine allgemeine und schöne Sitte im Orient, mit einem religiösen Bau auch immer etwas Nützliches zu verbinden. Der Vizekönig hatte früher eine seiner größten und kostspieligsten Fabriken in Siut etabliert, welche durch die fanatischen Einwohner niedergebrannt wurde. Er hat die Stadt durch nichts anders dafür bestraft, als daß er die eingeäscherten Gebäude nicht wieder aufgebaut und die Fabrik nach einem andern Orte verlegt hat. Bekanntlich hielten die aus Unterägypten vertriebenen Mamlucken noch lange in Siut stand, und der Kirchhof, wo sie begraben liegen, gleicht einer kleinen Stadt prunkender Monumente, dicht unter der Nekropolis der Ägypter, welche schon vor Jahrtausenden die Felsen darüber wie Bienenzellen ausgehöhlt haben. Diese Grabstätten der Mamlucken beginnen auch, gleich denen ihrer alten Vorgänger, am Saume grünender Felder und enden im Sande der endlosen Wüste. Den Besuch der Nekropolis verschob ich auf meine Rückkehr, ließ mich aber von der Hitze nicht abhalten, ein gutes Stück in die Wüste auf des Vizekönigs gutem Pferde hineinzugaloppieren und dann einen der kahlen Felsen der libyschen Bergkette zu erklettern, um eine umfassendere Aussicht des reizenden Niltals im Osten zu erlangen. Die unbequemen Tagesnebel erlaubten mir jedoch nur sehr unvollkommen, meinen Zweck zu erreichen. Dagegen zeigte mir der Rückweg ein echt nationales Schauspiel, nämlich acht gigantische, nackte Neger, die einen Büffel, welcher im Schlamme stecken geblieben und schon bis an den Kopf versunken war, wieder herausarbeiteten und wörtlich auf ihren Schultern auf das Trockne trugen. Landreise mit dem Vizekönig An einer schmerzlichen Migräne leidend, lag ich im heftigen Fieber schlaflos im Bett, als schon vor Aufgang der Sonne mehrere Kanonenschüsse die Abreise Seiner Hoheit verkündeten und zugleich ein Kawaß bei mir erschien, um mir von seiten des Vizekönigs anzuzeigen, daß derselbe mich auf der Frühstückstation erwarten werde, mir aber, damit ich schneller nachkommen könne, eines seiner eignen zwei kandiotischen Maultiere sende. Die notwendige Abwartung des Fieberanfalls erlaubte mir indes erst, um 8 Uhr zu folgen, so unangenehm mir diese unpassende Verzögerung war. Mein Weg führte mich ungefähr drei deutsche Meilen weit durch eine herrliche Aue, deren Fruchtbarkeit und vortrefflicher Anbau wohl wenig ihresgleichen in Europa finden dürften. Auf der unermeßlichen Fläche, die sich zwischen den beiden Gebirgsketten hinzog, schien nicht das kleinste Fleckchen unbenutzt geblieben zu sein, ganz in der Art wie in Malta und Gozo, nur mit dem Unterschied, daß dort ein steiniger Boden mühsam benutzt werden muß, hier durchgängig die üppigste Gartenerde nur die Mühe des Säens verlangt. Alle verschiednen Fruchtsorten standen in höchster Vollkommenheit; den Flachs erntete man bereits, die Gerste hatte noch vierzehn Tage zu reifen. Der Bersim (eine Art fetter Klee) war schon größtenteils abgemäht, und die reifen grünen Erbsen und Bohnen, von denen ich kostete, fand ich so süß und schmackhaft wie auf den gesegnetsten Fluren Frankens. Über die Brachen zerstreut weideten mehrere Sorten Rindvieh, Büffel, Pferde, Kamele, Schafe und Ziegen, durchgängig wohlgenährt, von starkem Schlage und guter Zucht. Eine Menge Dörfer blieben fortwährend im Gesichtskreis und bildeten mit ihrer Palmenumgebung einzelne dunkle Buketts in dem lichten Grün der Ebene, wo nur zuweilen in der Ferne des Nils Silber von den Strahlen der glühenden Sonne getroffen jählings aufblitzte. Es war ein Gemälde voll Reichtum, Fülle und Glanz – aber ich litt zu heftige Schmerzen, um mich dem Genuß an der Natur mit Freiheit hingeben zu können, und war daher sehr froh, als ich endlich längs eines der größeren Dörfer die lange Reihe der Zelte des Vizekönigs mit allen dem bunten und pittoresken orientalischen Schmuck seines Gefolges, das aus mehr als 300 Menschen und über 500 Tieren besteht, ansichtig wurde. Mehemed Ali hatte mit zu großer Güte seine gewöhnliche Eßstunde eine geraume Zeit hinausgeschoben, bis er glaubte, daß ich nicht mehr kommen werde, und hielt jetzt seine Sieste. Ich fand ein sehr elegantes Zelt mit mehreren abgeteilten Piecen für mich bereitet, in das mich Artim Bey und der Leibarzt Seiner Hoheit, Herr Gaetani, ein Spanier von Geburt, einführten, von denen der letztere mir zugleich seine ärztliche Hilfe anbot. Ich eilte indes, da ich selbst am besten die Mittel gegen mein Erbübel kenne, Küche und Apotheke gleichermaßen ablehnend, zur Ruhe zu kommen, und in der Tat kurierten mich vier Stunden tiefen Schlafes vollkommen. Die Reiseökonomie des Vizekönigs ist vortrefflich eingerichtet. Ich habe schon erwähnt, daß ein Gefolge von zirka 300 Menschen (unter dem sich, beiläufig gesagt, außer dem Generaladjutanten Zami Bey nicht ein einziger Militär befindet) und noch einer weit größeren Anzahl Pferde, Dromedare und Maultiere ihn begleitet. Zwei Garnituren, jede von fünfzig Zelten mit allen nötigen Möbeln und zwei komplette Kücheneinrichtungen wechseln auf der Reise dergestalt miteinander ab, daß man nie nötig hat, auf irgend etwas zu warten, sondern, so wie man ankommt, Wohnung und Mahlzeit auch schon bereit findet. Früh, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, steigt der Vizekönig zu Pferde, und außer seiner speziellen Dienerschaft ist nur der Mudir (Gouverneur) der Provinz, durch die er eben reist, verpflichtet, sich neben ihm zu halten, alle übrigen kommen nach, wie es sich eben trifft, und namentlich bekamen wir den Generaladjutanten fast nie unterwegs zu sehen. Überhaupt existierte – die strenge orientalische Sitte, daß man sich vor dem Herrn nicht setzen darf, ausgenommen – weit weniger Gêne und Rücksicht auf die Person des Vizekönigs, als ich erwartete, obgleich eine liebevolle Ehrfurcht für den Gebieter stets sichtbar war, ohne die mindeste Spur von Scheu, Furcht oder Verlegenheit an sich zu tragen. Dabei herrschte in allen Dingen eine feste und musterhafte Ordnung, ganz frei von jenen mannigfachen Konfusionen und dem verwirrten Getümmel, deren ich oft bei den Reisen europäischer Souveränen gewahr ward. Dennoch sind auf einer andern Seite die Formen dieses Hofes schon weit mehr europäisch als orientalisch geworden, ausgezeichnet durch ebenso vornehmen Anstand als ausgesuchte Höflichkeit und Ungezwungenheit im Umgang, ad regis exemplum . Denn wahrlich, es ist kaum möglich, einen liebenswürdigeren Greis in so erhabener Stellung zu sehen, als Mehemed Ali, so pünktlich (bekanntlich die Höflichkeit der Fürsten), so heiter und stets gleichen Humors, so ganz ohne Prätentionen irgendeiner Art, so einfach und natürlich, ja ich möchte wirklich sagen, so kindlich unbefangen, daß man oft erstaunt, wie dieser so harmlose, gütige und von seiner ganzen Umgebung fast angebetet erscheinende Greis doch derselbe ist, der mit seinem Kopf und seinem Arm allein ein mächtiges Reich unter den schwierigsten Umständen geschaffen und erhalten hat, der entsetzliche Vernichter der Mamlucken und der Besieger des Sultans, seines früheren Herrn, dessen wankenden Thron nach der Schlacht von Konieh gänzlich zu stürzen vielleicht nur von seinem Willen abhing – derselbe Mann endlich, der in Europa so lange als der größte Tyrann unsrer Zeit wie der gefühlloseste Egoist dargestellt ward und den heute noch manche dort nicht viel anders als im Lichte eines Knecht Ruprechts betrachten! Sobald die Sieste des Vizekönigs beendigt war, wurde Seiner Hoheit von Zami Bey der tägliche Vortrag gemacht und die Depeschen des ersten Kuriers (denn er erhält täglich zwei, einen von Alexandrien und einen von Kahira) geöffnet und die Antworten expediert. Nach Beendigung dieser Geschäfte ließ der Vizekönig mich rufen. Er empfing mich in seinem prächtigen Zelte, wo ein Diwan von rotem Samt mit Gold gestickt im Hintergrunde stand. Zum erstenmal sah ich ihn hier in kurzer, schwarzer Tracht, ohne den gewöhnlichen langen Pelz, was ihm außerordentlich gut ließ und ihn wenigstens um zehn Jahre zu verjüngen schien. Es war sonderbar, daß er in dieser fast altspanischen schwarzen Kleidung und mit dem imposanten Wesen, das ihm eigen ist, in diesem Moment auf das lebhafteste eine tief eingeprägte Erinnerung aus meiner Kindheit in mir hervorrief, denn er glich täuschend dem seligen Fleck (dessen ganze Statur er auch hat) in der Rolle König Philipps im Don Carlos. «Wissen Sie», sagte er, als ich eintrat, «was ich eben dekretiert habe? Eine Bank in Kahira, für die ich vorläufig ein Kapital von einer Million spanischer Taler hergebe, und außerdem alle Güter meiner unmündigen Kinder demselben Fonds zulegen will. Die Bank wird nach Landessitte Geld zu zwölf Prozent vorschießen und für die ihr geliehenen Summen zehn Prozent zahlen, und ich hoffe die guten Folgen dieser Maßregel bald zu erleben. Unternehmenden Leuten wird es von nun an nicht mehr an Kapital fehlen, ihre Spekulationen zu verfolgen, und das Volk, welches immer noch so töricht ist, jeden Para, den es erübrigt hat, zu verstecken – obgleich es jetzt schon aus Erfahrung wissen sollte, daß unter mir keiner mehr etwas für sein erworbenes Eigentum zu befürchten hat – wird vielleicht nach und nach mit seinem Gelde zum Vorschein kommen und einsehen, daß es besser sei, dieses weiter zu benutzen, als es tot liegen zu lassen. Neulich», fuhr er fort, «starb ein unbedeutender hiesiger Schech (Ortsvorsteher), den man kaum für wohlhabend hielt und der demungeachtet 60 000 Gazi in barem Gelde hinterließ. Ich würde nie etwas davon erfahren haben, wenn nicht unter den Kindern Streit über die Erbschaft entstanden wäre und eins davon zuletzt meine Hilfe angerufen hätte. Ich ließ alle kommen und riet ihnen, sich so schnell als möglich im Guten zu vergleichen, denn fallt ihr einmal dem Kadi in die Hände, sagte ich ihnen, so wird nicht nur einer von euch, sondern alle bald den kürzeren dabei ziehen. Sie folgten mir und taten wohl daran.» Einige Äußerungen, welche hierauf folgten, zeigten mir genugsam, daß Mehemed Ali mit der Geistlichkeit, die bei den Muselmännern einen großen Teil der Gerichtsbarkeit ausübt und überhaupt einen dem Staat gefährlichen Einfluß besitzt, ebenso unzufrieden ist und sich ebenso durch sie die Hände gebunden fühlt als der Sultan zu Konstantinopel, auch überhaupt jede Geistlichkeit, mit solcher Macht versehen, für alle Gouvernements als höchst schädlich und verderblich ansieht. Gelänge eine Reform in dieser Hinsicht, so wäre dem Orient mehr dadurch geholfen, als durch alle übrigen, ebenso wie früher der christlichen Welt durch den (später wieder zu lange eingeschlafenen) Protestantismus, denn ganz abgesehen davon, ob man dadurch in religiöser Hinsicht viel gewonnen habe oder nicht, war der politische Vorteil unermeßlich, daß durch die Reformation der christliche Priesterstand größtenteils in seine wahren Schranken zurückgewiesen oder diesen doch näher gebracht wurde, während er hier noch als eine mächtig in die Regierung eingreifende Korporation besteht und ihr bei jeder Gelegenheit hemmend entgegentritt. Nach einigem Nachsinnen griff der Vizekönig das vorige Geldthema wieder auf. «Ich bin überzeugt», sagte er, «daß große Schätze an barem Gelde auf die angegebene Weise in Ägypten noch immer in der Erde ruhen. Es war von jeher unsere Art so, und früher konnte man es auch nicht anders machen, solange bloße Willkür herrschte. Wir waren ja damals alle roh, unwissend, kaum mit dem Begriff des Verbrechens bekannt, sondern nur mit dem unsres Vorteils . Aber seit ich hier Herr geworden bin, kann ich mit gutem Gewissen sagen, daß, soweit meine Einsicht reichte und soweit ich davon unterrichtet werden konnte, kein Unrecht in Privatverhältnissen wissentlich mehr von mir geduldet worden ist. Ich weiß, man sagt, ich selbst drücke die Fellahs, und doch ist leicht darzutun, daß ihr Zustand schon um das Doppelte besser und namentlich sichrer geworden ist, als er je vorher war, obgleich ich allerdings noch lange nicht imstande bin, für sie zu tun, was ich möchte, wovon die Schuld aber nicht an mir liegt. Man sagt ferner, ich habe mich zum einzigen Eigentümer in meinem Lande gemacht, und auch dies ist eine ganz falsche oberflächliche Ansicht. Der Feddan, den der Fellah bearbeitet, ist, was den daraus zu ziehenden Nutzen betrifft, so gut als sein wirkliches, wenn auch noch nötigerweise beschränktes Eigentum; ja er kann ihn sogar verkaufen, das heißt ihn einem andern Fellah zu beliebigen Bedingungen zedieren, nur dulde ich nicht, daß er ihn unbearbeitet liegen lasse, und diese Vormundschaft ist bis jetzt unerläßlich. Seine Abgaben sind keineswegs unverhältnismäßig, denn er zahlt dem Gouvernement, nach Lokalumständen etwas variierend, im Durchschnitt nur den vierten Teil der Ernte teils in natura , teils in Geld als Grundzins, und zwar nur von einer Ernte, während er meistens zwei und in Unterägypten oft jährlich drei Ernten aus seinem Boden zieht. Die Axalte oder indirekten Abgaben treffen nicht den Landbebauer, sondern den Handelsmann. Sie mögen ihr drückendes haben, aber ich bin durch höhere Gründe genötigt, sie vorderhand beizubehalten, und existieren sie nicht in Ihrem Europa gleichfalls überall, nur unter anderer Verkleidung, ja, wie man mir sagt, oft in noch viel erhöhterem Maße? Ich weiß, daß ein Engländer, dessen Buch Sie ohne Zweifel gelesen haben werden, eine Liste von alledem angefertigt hat, was ein Fellah meinem Gouvernement zahlen müsse, doch von Anfang bis zu Ende besteht diese ganze Berechnung kaum zur Hälfte aus Wahrheit, das übrige aus falschen Nachrichten und oft lächerlichen Mißverständnissen. Wäre jene Berechnung wirklich gegründet, so würde der Fellah dem Gouvernement mehr abgeben, als er selbst zu gewinnen imstande ist. Aber Ihre Reisenden kommen hierher und sehen selten über die Ufer des Niles hinweg, ausgenommen, wo es Antiquitäten aufzusuchen gibt, was immer ihr Hauptzweck scheint. Nur nebenbei wird auch etwas über meine Administration, nach dem Bericht des ersten besten Schwätzers, der ihnen aufstößt, gesalbadert.» Er führte jetzt mit vieler Laune mehrere drollige Anekdoten von Reisenden an, die ihm selbst über Afrika, Arabien und Syrien Dinge als angebliche Augenzeugen erzählt, deren wahre und ganze verschiedne Beschaffenheit er auf das genauste gekannt habe, und seitdem müsse er gestehen, setzte er hinzu, daß er, von der Unwissenheit und Leichtgläubigkeit der meisten dieser Herren auf solche Weise selbst überführt, im allgemeinen eine sehr geringe Meinung von ihnen gefaßt habe, welche die Erfahrung ihm auch heute noch täglich bestätige. Ich gab zu, daß er in dieser Ansicht oft sehr recht haben möge und namentlich über ihn und sein Wirken die abgeschmacktesten Urteile fortwährend von ganz inkompetenten Richtern wirklich gefällt würden, aber dies sei vielleicht auch schwer besser zu machen, da kein geringes Talent dazu gehöre, einen Mann wie ihn zu ergründen, ihn richtig zu würdigen und zu schildern. «La, la!» rief er,«Talent braucht es dazu sehr wenig, sondern nur sich die Mühe zu geben, die Wahrheit aufzusuchen, und dann den ehrlichen Willen, sie auch zu sagen.» Ich suchte nun das Gespräch auf einen Gegenstand zu leiten, den ich schon einigemal gegen ihn berührt, und ihn bei jeder Gelegenheit deshalb drängen möchte, nämlich die Entdeckung der Nilquellen durch eine von ihm auszurüstende Expedition. Dafür hat er aber leider nicht mehr Sympathie als für Antiquitäten und Kunstgegenstände. «Geduld, Geduld!» rief er ungeduldig, «ich kann nicht alles auf einmal tun. Der Beherrscher von Darfur hat schon vor geraumer Zeit eine von mir in friedlichen Absichten an ihn geschickte Gesandtschaft zur Hälfte umbringen und zur Hälfte gefangensetzen lassen. Diese Unglücklichen schmachten noch daselbst, während der eigentliche rechtmäßige Besitzer des Landes zu mir geflüchtet ist und jetzt, von mir unterhalten, in Kordofan residiert. Die mir angetane Beleidigung ist schwer, und es ist wohl möglich, daß ich mich noch deshalb gezwungen sehe, einen Krieg mit Darfur zu führen, der jenes europäische Projekt: die Quellen des Nils zu entdecken, dann sehr erleichtern würde. Ja», unterbrach er sich hier, mit einem listigen Ausdrucke im Blick, «wären die Umstände anders, verstünde der Sultan von Darfur unsern beiderseitigen wahren Vorteil besser, und müßte ich nicht zu meiner eignen Sicherheit mich in Rüstungen gegen von Europa her drohende Gefahren erschöpfen – wieviel könnte ich hier für mein Volk und nebenbei auch für europäische Wissenschaft im Innern Afrikas leisten! Jetzt sind mir überall die Hände gebunden.» Er wollte es übrigens noch nicht für ausgemacht annehmen, daß der weiße Fluß der echte Nil sei, und äußerte, daß auch die Quellen des blauen noch keineswegs aufgefunden wären, und jedenfalls die wahren Nilquellen viel tiefer in oder selbst hinter Abessinien gesucht werden müßten, als die bisherigen, nach ihm wenig zuverlässigen Reisenden wie zum Beispiel Bruce angäben. «Auch das wäre leicht gründlich zu ermitteln», fuhr er fort, «und Abessinien sogar, wenn man wollte, ohne viele Schwierigkeit zu erobern, aber» – rief er lachend – «dies würde meinen Freunden, den Engländern, zuviel Verdruß machen und mir wenig nützen.» – Ich bestand auf meiner Meinung, daß der Bahr-el-Abiad der wahre Nil sei, welches gleichfalls von den meisten Gelehrten Europas geglaubt würde, und setzte hinzu, daß ich wohl den Augenblick zu sehen wünschte, wo sein königliches Reich sich tausend Stunden lang von den Mondbergen bis zu denen von Adana ausdehnen werde, und frug ihn nachher, wie weit er selbst persönlich im Süden seiner Länder, die sich jetzt schon bis zum zehnten Grad erstrecken, vorgedrungen sei? «Nicht weiter als bis Ouadi-Halfa», erwiderte er, «und auch dies nur, um die mir nötige Passage der dortigen zweiten Katarakte des Nils für meine Transportfahrzeuge zu regulieren. Das war eine der lustigsten Reisen, die ich in meinem Leben gemacht und die ich in einer kleinen Barke mit wenigem Gefolge und bei stets günstigstem Winde von Kahira aus in zwanzig Tagen hin und zurück abtat, was nie vorher noch nachher wieder bewerkstelligt worden ist.» Er erzählte mit sichtlichem Vergnügen die Details dieser in etwas jüngere Jahre fallenden Expedition, unter andern, wie einmal der Sturm das Segel seiner Kangsche zerbrochen und wie er sich, als sie umschlagend schon zur Hälfte ins Wasser getaucht war, an der panischen Furcht seiner Gefährten belustigt habe, «denn ich», sagte er, «kann erstlich gut schwimmen, zweitens weiß ich, daß eine Kangsche oder Dahabia, wenn sie auch umschlägt, nie auf dem Nil sinkt, solange sie nicht leck wird. Ich habe lange Zeit Versuche dieser Art anstellen und Kangschen mit dem unverhältnismäßigsten Gewicht beschweren und umwerfen lassen, ohne sie zum Sinken bringen zu können. Noch ergötzlicher war unsre allerseitige Jagdpassion während dieser Reise», fuhr er fort, «bei so elenden Schützen, als wir sämtlich zu sein uns rühmen konnten; und ich glaube, daß von 10 000 Schüssen, die wir durch die Luft feuerten, nicht zehn wilde Gänse gefallen sind.» Auf meine Bemerkung, ob nicht eine reguläre Schiffbarmachung der Katarakten möglich sei, antwortete er schnell: «Warum nicht? Alles ist möglich, aber ich kann daran nicht denken, zuviel anderes drängt mich, das mögen meine Kinder ins Werk setzen; mir bleibt überhaupt nicht viel Zeit mehr übrig!» Ich stritt gegen diese letztere Ansicht und sagte, seine Tatkraft bezeuge noch eine so echte Jugend seiner ganzen geistigen und körperlichen Organisation, daß er gewiß noch viele Jahre rastlosen Wirkens vor sich haben müsse. «Nein, nein», rief er, «wenn ich meine leidige Politik in Ordnung habe und den Barrage vollendet, so bin ich zufrieden, und lebe ich dann noch länger, so gedenke ich freiwillig vom Schauplatze abzutreten und das Regiment meinem Sohne zu übergeben. Auch ich sehne mich nach Ruhe. – Sie haben durch Ihre verbindlichen Worte mich über mein Alter trösten wollen, aber glauben Sie nur, bald siebzig Jahre tragen ihre Last! Doch es ist Zeit aufzubrechen», rief er sich erhebend, «und wir dürfen die festgesetzte Stunde nicht versäumen.» Des Vizekönigs Pferd stand schon gesattelt vor dem Zelt, und als wolle er seinen Worten durch die Tat widersprechen, schwang sich der kräftige Greis wie ein Jüngling in den Sattel und ritt so rasch vorwärts, daß wir auf unsere etwas müden Tieren ihm gleich dem größten Teil seiner Suite nicht folgen konnten. Er hatte schon zu Abend gegessen und war bereits mit Abfertigung der seitdem angekommenen Depeschen beschäftigt, als wir spät im Nachtquartier ankamen, wo ich noch ein weitläufigeres Zelt als das mir am Morgen eingeräumte für mich aufgeschlagen fand. Ich ahmte diesmal Mehemed Alis Beispiel nicht nach, der erst um Mitternacht zu Bett geht, obgleich er um vier Uhr schon wieder aufsteht, und suchte das meinige ohne Zeitverlust. Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang ward am andern Morgen wie gewöhnlich aufgebrochen, der Vizekönig mit einigen Kawaß und dem Marmuhr, die beiden Sais neben seinem Pferde herlaufend, sein Leibdiener zu Pferde vorausreitend und das Gefolge im Schweif von einer halben Stunde Länge einzeln hinterhertrottierend. Sobald er mich und seinen Dragoman Artim Bey (den ich nie aus den Augen lasse) erblickte, rief er mich gleich zu sich, mir sehr freundlich einen guten Morgen und eine glückliche Tagereise wünschend. Nachdem ich gedankt und versichert, daß eine Reise in seiner Nähe nur glücklich für mich sein könne, sagte er scherzend: Das frühe Aufstehen möge mir, nach dem, was er von meiner Lebensart gehört, wohl etwas beschwerlich vorkommen, er für seine Person sei immer gewohnt, die Sonne aufgehen zu sehen, und die Morgenzeit sei seine liebste. Die Unterhaltung ward sehr heiter fortgeführt, ich übergehe sie jedoch diesmal, weil sie sich nur auf Lokalitäten erstreckte, die zu wenig allgemeines Interesse darbieten. Unser Weg führte wie gestern durch beispiellos üppige Fluren so weit das Auge reichen konnte, und obgleich Herr von Cadalvene unter seinen vielen Übertreibungen unter andern auch behauptet: daß der Vizekönig die Fellahs zwinge, in ganz Ägypten fast nur Baumwolle zu bauen, weil diese ihm das meiste Geld einbringe, dem Fellah aber den wenigsten Nutzen gewähre, und ein großer Teil des Landes wegen dieses Druckes wüst liegen bleibe, welcher Zustand sich jährlich verschlimmere usw., so kann ich doch versichern, daß ich in vier langen Tagereisen durch eine fast ununterbrochene Ausdehnung der herrlichsten Fluren, wie sie vielleicht nirgends anderswo vorkommt, nicht ein einziges Feld mit Baumwolle bepflanzt angetroffen habe. Vielleicht sah Herr von Cadalvene Ägypten auch nur «vom Nil und seiner Barke aus», wo man allerdings, der hohen Ufer wegen, entweder gar nichts sieht oder sehr häufig nur unkultivierten Boden, aus dem sehr natürlichen, von gar vielen aber übersehenen Grunde, weil dicht am Nil das Terrain an vielen Orten sehr hoch ist und erst in der weitern Fläche nach den fernen Bergketten abdacht, was von dem immerwährend ansteigenden Flußbette herrührt. Da nun eine Höhe von 21-24 Pick Wasser zu einer hinlänglichen Überflutung nötig ist, so können diese erhobnen Stellen, solange bis nicht ein regelmäßiges System von Kanälen, Dämmen und Schleusen existiert (woran der Vizekönig rastlos arbeitet), nicht ohne unverhältnismäßige Kosten tragbar gemacht werden, obgleich der Boden gut ist. Der Reisende, der aus seiner Barke diese breiten, oft von dort nicht abzusehenden Blößen erblickt, ist dann schnell bereit, seine Schreibtafel mit der Bemerkung zu bereichern: Aus Mangel von Händen, weil der Pascha den Fellah durch den Militärdienst und den unerträglichen Druck der Abgaben, den er ihm auflegt, jährlich dezimiert, liegt jetzt halb Ägypten wüst, und eine baldige gewaltsame Änderung der Dinge scheint unvermeidlich. Wir passierten eine Menge Dörfer und fanden überall zahlreiche Arbeiter an Kanälen und Schleusen beschäftigt. Allerorten ward der Vizekönig von den versammelten Einwohnern mit ihrem nationellen Vivat empfangen, das im Ausstoßen eines schrillenden Tones besteht, der dem Gesang der Rohrdommel gleicht. Diese Freudenbezeigungen waren vollkommen freiwillig, denn das Vivatrufen durch die Polizei anbefehlen zu lassen ist hier (wo es überhaupt an Polizei fehlt) noch unbekannt. Was mich überraschte, war die gänzliche Abwesenheit sklavischer Manieren bei den Fellahs, die nur mit dem einfachsten Gruß ihre Ehrerbietung und gute Gesinnung auszudrücken suchten, ja die Bewohner eines Dorfes kamen sogar in Prozession herbei, um dem Vizekönig bittere Vorwürfe darüber zu machen, daß er nicht bei ihnen seine Mittagsrast bestimmt, sondern seine Zelte eine halbe Stunde weiter im freien Felde habe aufschlagen lassen. Dieselbe Ungezwungenheit und Freimütigkeit fand auch bei den Hofleuten wie der ganzen Dienerschaft statt, und der alte Leibdiener Mehemed Alis, der nicht hinter, sondern immer neben ihm ritt, sprach häufig mit seinem Herrn, ohne die Hand nach dem Gesicht zu führen, was sonst de rigueur und unserm Berühren des Huts oder der Mütze äquivalent ist. Andere Fellahs kamen und verlangten auf höchst ungestüme Weise schreiend und lärmend, daß man sie nicht nötigen solle, an einem Damme zu arbeiten, den der Vizekönig im System seiner großen Arbeiten für die bessre Irrigation des Landes angeordnet hat. Diese Leute wurden hart angelassen und von den Sais mit aufgehobenem Stocke vertrieben, doch blieb es bei der Demonstration. «So sind sie», sagte Mehemed Ali, sich zu mir wendend, «diese Arbeit ist zu ihrem eignen Unterhalt unerläßlich, und man muß sie demungeachtet dazu zwingen. Ich muß den Kopf für alle haben, und ein einziger für so viel Menschen ist wahrlich zu wenig!» Er ging hierauf in einiges Detail über diesen Gegenstand ein und versicherte, daß nur für die immediat dringenden und nicht zu entbehrenden Gegenstände der Unterhaltung die Fellahs auf corvée zu arbeiten genötigt wären, dies aber bloß während drei Monaten des Jahres, während welcher Zeit überdies die Dorfbewohner so angelegt würden, daß immer jeden Monat nur ein Drittel derselben dabei beschäftigt sei, daher im Grunde jeden Fellah nicht mehr als ein Monat Hofdienste im Jahre treffen könne. Alle Arbeiten an neuen Kanälen und Schleusen würden für Lohn gemacht und in der Regel, wo nicht die größte Not dränge, niemand dazu gezwungen; künftig gedenke er aber auch das Militär zu diesen Unternehmungen zu verwenden, womit sein Sohn schon einen Anfang gemacht. Man gestatte mir bei dieser Gelegenheit einige Worte über das schöne und edle Verhältnis einzuschalten, welches zwischen Mehemed Ali und seinem Thronerben stattfindet. Weit entfernt von kleinlicher Eifersucht, wie sie im zivilisierten Europa noch häufig eine Art stillschweigenden Staatsgesetzes ist, wird Ibrahim nicht nur fortwährend zu Rate gezogen, sondern die Zügel der Regierung sind ihm vertrauensvoll übergeben, wo der Vizekönig abwesend ist. So vertritt er jetzt ganz des Vaters Stelle in Kahira, und ein von ihm geäußerter Wunsch bleibt selten unerfüllt. Mit welcher Diskretion übt auf der andern Seite der sonst oft rohe Ibrahim diese Macht, mit welcher kindlichen Ehrfurcht behandelt er seinen Vater und Souverän! Es ist wahrhaft rührend zu sehen, wie dieser wilde sieggekrönte Krieger, dessen Rang als türkischer Diener (nämlich als Pascha von Mekka) sogar den seines Vaters übersteigt, sich nicht ohne wiederholte Aufforderung vor diesem zu setzen wagt und in seinem ganzen Benehmen nie einen Augenblick die demütigste Unterwürfigkeit verleugnet. Und dabei sieht man doch deutlich, wie jeder von beiden stolz auf den andern ist, ein menschlich schönes Verhältnis, wie es mir in gleichen Sphären selten so ehrfurchtgebietend erschienen ist. In der Tat aber ergänzen sich auch diese beiden Naturen zu verdoppelter Stärke und würden, wenigstens unter den jetzigen Konjunkturen, nur schwer eine der andern entbehren können, so untergeordnet auch Ibrahim in jeder Hinsicht dem ist, was sein Vater teils noch ist, teils im gleichen Alter war. Auch nur entfernt vom Vater, zum Beispiel in Syrien, begeht Ibrahim zuweilen Torheiten und erlaubt sich eine schädliche Willkür, in Ägypten ist er nur aufmerksamer Diener des Herrn und dabei emsiger Landbauer. Wenn wir bei der Mittagsstation ankamen, pflegte ich gewöhnlich, wie auch Artim Bey und die übrigen Hofleute, eine Stunde im Zelte auszuruhen und mich mit Pfeife und Kaffee zu erfrischen, während der unermüdliche Vizekönig oft währenddem noch ganz allein spazierenging. Nachher erst begaben wir uns zu ihm, worauf nach einer Viertelstunde Konversation die Mahlzeit serviert wurde, an der ich mit Seiner Hoheit immer nur allein teilnahm. Nach aufgehobener Tafel setzte sich der Vizekönig meistenteils sogleich auf den Diwan, ich nahm auf seinen Wink neben ihm Platz, Artim Bey stellte sich mit dem Fliegenwedel auf die andere Seite, und sobald der Kaffee gebracht wurde, entfernte ein graziöses Zeichen mit der Hand die Hofleute und Diener. Dies war der Zeitpunkt, wo Mehemed Ali, wie man zu sagen pflegt, sich immer am meisten gehen ließ, am vertraulichsten und aufrichtigsten sprach. Heute erzählte er mir allerlei aus seinem Leben. «Ich kann nicht mehr lange dauern», sagte er, den Kopf auf die Hand gestützt, «denn ich habe zuviel schon in jungen Jahren erleiden müssen. Mein ganzes Leben war ein beständiger Kampf. Als ich noch im Vaterhause in Makedonien war, drückten die Vornehmen und Mächtigen die ganze Provinz mit empörender Willkür. Aufstand nach Aufstand erfolgte, und auch unser Dorf, mit andern vereinigt, versuchte Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Wer aber befehligte die Insurgenten in diesem Streit? – Der junge Mehemed Ali. Und schlecht genug erging es ihm. Ich erlitt so viele kleine Niederlagen, daß einmal der glücklichste meiner Gegner mir während des Gefechtes zurief: ‹Bist du noch nicht müde, geschlagen zu werden, da ich schon müde bin, dich zu besiegen?› Zuletzt erlangten wir indes mit Beharrlichkeit doch einen Teil unsres Zwecks.» Nun ging er zu seinen langen Kriegen mit den Mamlucken in Ägypten über. «Es waren tapfre Leute», sagte er, «und alles unter meinen Truppen fürchtete sich dergestalt vor ihnen, daß, wenn sie Gott nur halb so sehr gefürchtet hätten, sie den sichersten Anspruch auf die ewige Seligkeit im Paradiese gehabt haben würden. Die Mamlucken hätten im Anfang gar keine Waffen gegen uns gebraucht, es war hinlänglich, daß sie ihre kleinen Trommeln schlagen ließen, um all meine Leute davonlaufen zu machen, denen ich dann wohl notgedrungen auch selbst folgen mußte. Mein Sohn Tossum Pascha wie meine übrigen Verwandten hatten dasselbe Los. Nach und nach lehrte ich indes meinen Soldaten den Krieg durch den Krieg, und Gott unterstützte mich. Auf einer Seite fliehend, gelang es mir zuweilen auf der andern, ein Häuflein zu überrumpeln und zusammenzuhauen. Das gab uns etwas Mut, ich fuhr rastlos fort zu organisieren, setzte mich überall, wo es irgend möglich war, selbst an die Spitze, und nach vielen ungewissen Jahren, hundertmal meinem gänzlichen Untergange nahe, ward meine Ausdauer endlich durch den vollständigen Sieg gekrönt.» «Und wie», rief er mit seiner lebhaften Phantasie wieder eine lange Epoche überspringend, «wie ging es mir in der letzten Zeit mit der Pforte! Ich träumte nicht an das, was geschehen ist! Ich wollte, der Himmel ist mein Zeuge, nur meinen persönlichen Feind Abdallah Pascha aus Acre entfernen, dort sichernde Maßregeln für mich treffen und mich nachher mit der Pforte über das weitere auf billige Weise einigen. Als ich aber deutlich inne ward, daß man es in Konstantinopel auf meinen Untergang abgesehen hatte, mußte ich diesem zuvorkommen. Damals schickte man Leute aus der Hauptstadt an mich ab, um mir zu raten , mich doch nicht in das wahnsinnige Unternehmen einzulassen, dem Sultan widerstehen zu wollen. Ich solle bedenken, sagte man, was Paswan Oglus, Ali Paschas, der Paschas von Skutari, von Bagdad usw. trauriges Ende gewesen sei. Darüber konnte ich nur lachen und antwortete: Die Herren sollten nur des baldigsten zurückkehren, und wenn sie guten Rat zu geben hätten, diesen dem Sultan selbst erteilen, der ihn nötiger habe als ich; denn alle genannten Paschen zusammengenommen hätten noch nicht den vierten Teil der Macht Mehemed Alis besessen, folglich möge man sich besinnen, ehe man diesen zwinge, sie zu gebrauchen. Man wollte nicht hören, und das Resultat liegt vor Augen. Jetzt, ich wiederhole es, wünsche ich nur eins – daß man mich in Ruhe und Frieden das Glück und die Wohlfahrt Ägyptens begründen lasse.» Als ich nun, rekapitulierend was er gewesen und was er sei, trotz aller ausgestandenen Widerwärtigkeiten, dennoch sein Glück rühmte, machte er eine eigne Bemerkung. «Das Glück», sagte er, «ist gleich dem Sturmwind, der das Schiff schnell in den Hafen bringt, aber wenn der Steuermann keinen festen Kopf hat, auch leicht das Schiff zerschellt. Glück ist oft schwerer zu behandeln als Unglück.» Bei diesen Worten nahm er, von der Hitze, die fast unerträglich war, belästigt, seinen Tarbusch ab und, sich mit der Hand über den kahlen Scheitel streichend, sagte er: «Dieser alte Kopf ist schon längst ergraut!» Aber deshalb nicht weniger fest, erwiderte ich und betrachtete ihn mit phrenologischem Auge, was um so bequemer anging, da die Haare abgeschoren waren. Es war ein schöner Schädel mit kräftig ausgedrückten Organen und dadurch auffallend, daß wie bei denen Napoleons und Alexanders der animalische Teil ebenso vollständig als der intellektuelle ausgebildet erschien, wobei denn auch ein gewisses Organ besonders merkwürdig hervortritt. Seine Ärzte bestätigten mir später ganz die Richtigkeit meiner Bemerkung und sprachen von kolossalen Gaben in dieser Hinsicht, derengleichen ihnen nie vorgekommen sei, was mir wiederum Napoleons kräftigen Ausspruch bestätigte: «qu'il n'y a pas de héros sans etc. etc.» Mit Anerkennung sprach der Vizekönig von den großen Diensten, die ihm verschiedne Europäer geleistet, obgleich er sich auch bitter über die Unredlichkeit und Inkapazität andrer äußerte. Höchst naiv war die Schilderung, welche er vom Charakter eines der am meisten von ihm Geschätzten, des Herrn von Cerisy, machte. «Es war unmöglich», sagte er, «mit diesem Manne auf gewöhnliche Weise auszukommen, über jedes Wort fing er Feuer und wollte nie etwas nach meiner Idee, sondern immer nur nach der seinigen machen. Einmal, erinnere ich mich, machte er mir heftige Vorwürfe über meine Ungeduld, wodurch ich ihn, sagte er, zur Übereilung aller Angelegenheiten nötige und schlechte Schiffe zu bauen zwinge, da er doch, wenn ich ihm die gehörige Zeit lassen wolle, makellose herzustellen imstande sei. Ereifere dich nicht, erwiderte ich gelassen, denn trotz dem, dessen du dich jetzt rühmst, weiß ich doch bestimmt, daß du nie vermögen wirst, mir bessere Schiffe zu bauen, als deine ersten waren. Ich sah bei diesen Worten dem leidenschaftlichen Manne schon das Blut ins Gesicht steigen und eine Explosion im Anmarsch, als ich ihn lachend unterbrach. ‹Du Tor›, rief ich, ‹ deine Schiffe, schlecht oder gut, haben mir St. Jean d'Acre und dadurch ganz Syrien erobert, weil sie zur rechten Zeit fertig waren. Was hätten mir die allervollkommensten genutzt, wenn man, als ich sie brauchte, noch im Arsenal an ihnen gehämmert hätte!› Doch es blieb nicht immer bei solchem Scherz, immer häufiger hatte ich Streit mit ihm, und beim geringsten Anlaß forderte er seinen Abschied. Ich bestand indes ruhig auf meinem Willen, mit Geduld übersehend, was zuweilen direkt gegen meine Autorität unternommen wurde, und gebrauchte öfters meinen Freund, den französischen Konsul, um den stets ohne Grund empörten Cerisy wieder zu besänftigen. Endlich verlor ich ihn doch, was ich immer bedauern werde. Man wollte, als er fort war, weil man ihn in meiner Ungnade glaubte, allerlei gegen ihn vorbringen, ich verbot aber jedem, mir weder im Guten noch im Bösen mehr von ihm zu sprechen; denn diesen Mann hatte mir Gott geschickt. Er hat meine Geschäfte zu fördern gewußt, aber nicht seine eigenen – andere verstehen beides, die meisten nur das letzte.» Da wir nur einen kurzen Marsch bis zum Nachtquartier hatten, brachen wir erst mit der Abendkühle auf. Ich blieb diesmal absichtlich zurück, um den Vizekönig nicht durch meine fortwährende Gesellschaft zu ermüden, soupierte mit Artim Bey und dem höchst liebenswürdigen Doktor Gaetano und wollte mich eben zu Bett legen, als gegen elf Uhr Seine Hoheit mich unerwartet einladen ließ, noch eine Stunde mit ihm zuzubringen, ein Befehl, dem ich natürlich mit der größten Bereitwilligkeit, wenngleich, aufrichtig gesagt, mit gähnendem Munde, Folge leistete. Ich fand den Vizekönig mit Abfertigung der Depeschen seines zweiten Kuriers beschäftigt, auf einer niedrigen Bettottomane sitzend. Mit der größten Höflichkeit steht er jedesmal auf, wenn ich in sein Zelt trete, und tat es auch diesmal, obgleich mitten in der Arbeit begriffen. Er bat mich, neben ihm Platz zu nehmen und zu entschuldigen, daß er sein Geschäft beende, er werde sogleich fertig sein, und ich möge unterdessen die eben für ihn angekommenen Journale durchgehen. Artim Bey überreichte sie mir – es war der Constitutionel! Es interessierte mich indes mehr, Mehemed Ali zu beobachten als zu lesen. Er ging jedes Blatt, das man ihm vorlegte, selbst aufmerksam durch und erteilte dann einem dicht neben ihm stehenden Sekretär mit leiser Stimme die Resolution. Was hiermit beseitigt war, warf er auf den Teppich zu seinen Füßen, was noch weiteres bedurfte, reichte er dem Sekretär hin und befrug auch einigemal Artim Bey. Alles schien sehr einfach, schnell und praktisch abgemacht zu werden. In einer Viertelstunde hatte er geendet, der Sekretär packte seine Papiere zusammen, erhielt noch einige Befehle und ging. Wie ein einfacher Bürgersmann, der, nachdem er das letzte Tagesgeschäft abgetan, sich es nun bequem macht und mit genußreicher Bedächtigkeit seine letzte Pfeife raucht, so setzte sich auch der Vizekönig gemächlich in der mit seidenen Kissen umgebenen Ecke seiner Ottomane zurecht, und nachdem aus der unerschöpflichen Sammlung seiner mit kostbarem Email und Edelsteinen verzierten Tschibuks uns zwei derselben gebracht worden waren, rief er: «Nun lassen Sie uns noch eine halbe Stunde verplaudern, ehe wir den Schlaf aufsuchen.» Diese Lust am Gespräch hat er mit Napoleon gemein, der während seinen letzten Kampagnen in Deutschland selbst mit dem sächsischen General Gerstorf stundenlang in die Nacht hinein schwatzte, obgleich dieser so schlecht französisch sprach, daß der Kaiser meistenteils sich des Generals Phrasen noch einmal selbst laut übersetzen mußte, ehe er sie richtig zu verstehen imstande war. Ich fing damit an, dem Vizekönig ein Kompliment darüber zu machen, daß er seine Beamten generöser als irgendein Souverän, Englands Beherrscher allein ausgenommen, bezahle, was ihm billigerweise gute Diener verschaffen müsse. «O, mit der Zeit soll das gewiß geschehen», erwiderte er ablehnend, «jetzt bin ich noch nicht imstande, in dieser Hinsicht zu tun, was ich möchte.» «Doch», sagte ich, «ist, nach europäischem Maßstabe wenigstens, meine Behauptung sehr wahr, denn die Apanage vieler unsrer deutschen Prinzen erreicht bei weitem nicht den Gehalt Ihres Gouverneurs in Kandia, und unsere Generale und Minister besitzen nicht das Vierteil des Einkommens der Ihrigen, obgleich das Leben in Europa weit teurer ist als hier und überdies auch weit mehr Repräsentation von ihnen verlangt wird.» «In diesem Falle», meinte der Vizekönig, «sind diese Beamten gewiß immer Besitzer eines eignen großen Vermögens und dienen für die Ehre, während meine Diener nur von ihrer Besoldung leben müssen.» Ich verzog unwillkürlich bei dieser Antwort das Gesicht, denn allerlei ergötzliche heimatliche Gedanken kamen über mich, es wäre aber sehr unnütz gewesen, sie auszusprechen, und so führte ich das Gespräch auf England zurück. Nach einigen Äußerungen meinerseits sagte Mehemed Ali mit etwas satirischer Miene: «Sie scheinen kein großer Verehrer der Engländer zu sein.» «Mit Ausnahme», erwiderte ich; «liebenswürdig finde ich sie allerdings nicht, und als Europäer erweckt mir ihre schlaue, nichts achtende Handels-Universalmonarchie ein ebenso demütigendes Gefühl, als einst die Gewaltherrschaft Napoleons. Wer könnte aber auf der andern Seite ihnen die größten Eigenschaften, das imposanteste, organisch erwachsne und durchgebildete Nationalleben und die ruhmreichsten Taten absprechen! Schade, daß sie diese durch zu krassen Egoismus, durch zu unleidliche Arroganz so häufig verdunkeln; und die letztere wird um so gehässiger, da sie fast allein auf ihre größeren Reichtümer gegründet ist, die sie doch nur auf anderer Kosten, direkt und indirekt, zu erlangen wußten.» «Das liegt in der Natur des Menschen», fiel Mehemed Ali ein, «und darf den Engländern nicht zu sehr verdacht werden. Reichtum gibt Macht und diese notwendig ein Selbstgefühl, das bei der menschlichen Schwäche nicht ohne alle Arroganz bleiben kann. Ist nicht jeder Stand in England reicher als auf dem Kontinent, und gibt es nicht viele Edelleute dort, die mehr als eine Million spanische Taler Revenuen besitzen? Wie sollen solche Leute bescheiden bleiben können!» Ich mußte über dieses «argumentum ad hominem» lachen und fing, mich gefangen gebend, von etwas anderem an. Die Konversation über das Geld ward aber vom Vizekönig wie gewöhnlich mit besondrem Wohlgefallen fortgesetzt. Er erwähnte wieder seines Bankprojekts und klagte von neuem über die eingewurzelte Neigung der Ägypter, ihren Mammon zu vergraben, statt ihn durch Nutzung zu verdoppeln. Es schien ihm sehr wohl bekannt, daß nicht die Masse des baren Geldes, sondern seine schnelle Zirkulation und der daraus entstehende Kredit den wahren Reichtum einer Nation ausmache. «Von jeher», fuhr er fort, «schwebte mir diese Wahrheit vor, und fortwährend stritt ich mich mit meinen Ministern, die in mich drangen, einen großen Schatz zu sammeln für die Zeit der Not. Ich setzte ihnen beharrlich entgegen, daß, um zu guter Zeit über viel disponieren zu können, man sein Geld nicht in den Kasten legen, sondern arbeiten lassen müsse, und wenn man mich auch täglich dafür züchtigte, rief ich aus, so würde ich doch nie eine andere Meinung annehmen. Ich habe meinen Untertanen das Beispiel einer Handlungsweise nach diesem Grundsatz gegeben, und werden sie einst selbsttätig geworden sein, so werden sie mir zu ihrem und meinem Vorteil nachahmen.» Mit der größten Unbefangenheit sprach er dann von seiner früheren Unwissenheit und wie er sich nur durch langes und fortgesetztes Nachdenken über jedes einzelne zu unterrichten gesucht, bis er das Wahre aufgefunden, denn alles, was er höre, behalte er wohl im Gedächtnis und prüfe es lange – dann aber handle er schnell und lasse sich durch nichts mehr irre machen. «Man tadelt mich unter andern», sagt, er, «daß ich allen Handel des Landes zu meinem eignen Vorteil an mich gezogen habe. Hätte ich es nicht getan, es würde so gut wie gar kein Handel bei uns existieren, wenigstens nicht zu unsrem Nutzen. Schon habe ich einen Teil des innern Handels der Konkurrenz der Partikuliers überlassen, weil ich zu sehen glaube, daß die Nation langsam aus ihrem Schlaf zu erwachen und den sich darbietenden Vorteil zu verstehen anfängt; ich bin im Begriff, auch einen Teil der Fabriken gleichfalls den Spekulanten in die Hände zu geben. Aber den Handel mit dem Auslande muß ich noch selbst fortführen. Schon Napoleon hat es ausgesprochen: ‹que les négociants de l'Europe sont des bandes organisées.› Wir besitzen noch keine solche Banden, und meine unwissenden und indolenten Ägypter würden bald die Beute der fremden Kaufleute werden, wenn ich selbst mich diesen nicht entgegenstellte, ich – den anzuführen ihnen nicht so leicht wird. Finde ich einst, daß die Zeit dazu gekommen ist, so werde ich auch hierin ein andres System ergreifen, denn weiß ich etwa nicht, daß das Geld nur der Repräsentant der Produkte ist? Wird mein Volk fähig sein, durch sich selbst reich zu werden, so will ich ihm gern auch die Mühe überlassen, welche damit verbunden ist, und hoffe mich nicht schlechter dabei zu befinden. Aber man muß mir zutrauen, daß ich besser zu beurteilen verstehe, als der Redakteur des Journal de Smyrne , was in einer Epoche meinem Lande frommen mag und was in einer andern. Die Franken haben ein gutes Sprichwort, welches sagt: ‹Le mieux est l'ennemi du bien›. Ich habe immer das letzte, soweit es eben möglich war, zu erlangen gesucht, ehe ich an das unerreichbare erste dachte. So fand ich vor allem nötig, ein festes und ein reiches Gouvernement in Ägypten zu gründen, und gleichzeitig rastlos an der bessern Bildung meines Volks zu arbeiten. Zu seiner Zeit wird das jetzt Erlangte ohne Zweifel dazu dienen, ein noch Besseres zu begründen, aber wer mit einem Sprung am Ziele sein will, langt nie dabei an. Manches, was ich tue, mag hart erscheinen, und größere Männer, als ich bin, sind nicht anders beurteilt worden – doch das darf mich nicht kümmern. Was ich zum Beispiel von Peter dem Großen gehört, zeigt mir, daß dieser Fürst, der gleich mir alles selbst schaffen mußte, zehnmal eigenmächtiger und despotischer als ich dabei verfuhr, und dennoch hat ihm seine früher murrende Nation wie die ganze Nachwelt endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Auch ich erwarte diese Nachwelt als meinen unparteiischen Richter, und gibt mir Gott nur noch einige Jahre des Wirkens und gewährt mir die Möglichkeit, das Begonnene zu befestigen, so fürchte ich ihren Richterspruch nicht. Warum arbeite ich Tag und Nacht, warum scheue ich keine Mühe, keine Anstrengung noch Unbequemlichkeit in meinem hohen Alter, um alles, so viel es mir möglich ist, mit eignen Augen zu sehen und zu beurteilen – wenn es nicht wäre, um jenes große Gebäude zu vollenden, was längst in meinem Geiste feststeht. Ich besitze ja überflüssig genug, um für meine Person das Gewonnene und alle Freuden irdischer Existenz in der behaglichsten Ruhe zu genießen, und wenn ich mich statt dessen rastlos plage, so kann es wahrlich nicht aus Egoismus sein! Der Ruhm und das Bewußtsein, die einstige bleibende Wohlfahrt der Länder, über die ich gebiete, begründet zu haben – darin liegt mein teuerstes Interesse, und nur diesem Zweck ist mein ganzes noch übriges Leben geweiht.» Diese mit Feuer und Enthusiasmus ausgesprochenen Worte waren zwar meiner Ansicht von Mehemed Alis Charakter nicht entgegen – sie erschienen aber zugleich so verschieden von dem, was uns im Auslande die meisten Berichte über diesen merkwürdigen Mann zu insinuieren gesucht haben, daß ich sie mit einer gemischten Empfindung innerer Genugtuung und doch unwillkürlicher Verwunderung und nicht ganz zu bezwingendem Zweifel aus seinem eignen Munde vernahm. Das materielle Leben während unsrer Reise blieb sich so gleich, daß ich darüber nichts mehr hinzuzusetzen brauche, und ebenso blieb es die Umgebung und das Ansehn wie die beispiellose Fruchtbarkeit der Gegenden, durch die unser Weg führte. Nur die Unterhaltung mit Mehemed Ali gewährte mir immer neue Abwechslung. Ich habe nicht leicht einen Mann irgendeines Ranges gesehen, der, wenn er will, ein einschmeichelnderes und anziehenderes Wesen gehabt hätte als der Vizekönig. Das lebendige Spiel seiner Augen und seiner ganzen Physiognomie ist dann von einem so feinen, so gutmütig liebenswürdigen Ausdruck begleitet, daß man unwillkürlich sich davon gefesselt fühlt. In der Diskussion ist er voller Mäßigung und Geduld, obgleich ich bemerkte, daß er nicht leicht auf andere Meinung zu bringen ist, aber sein wohlwollendes Benehmen und seine ausgezeichnete Höflichkeit verleugnen sich nie. Zuweilen wenn ich, neben ihm sitzend, unwillkürlich in Gedanken verfiel und zur Wiederanknüpfung des Gesprächs eine Äußerung von ihm selbst erwartete, bog er sich mit jener verführerischen Grazie, die nur ihm eigen ist, langsam zu mir herüber und mich sanft beim Arme fassend rief er: «Jetzt sage mir auf der Stelle, worüber du in diesem Augenblick so tief nachdenkst» – und ich fühlte mich jedesmal wie magnetisch gezwungen, ihm die reine Wahrheit zu bekennen, wenn sie auch nicht immer de saison war. Er nahm aber auch diese stets auf das gütigste und unbefangenste auf, und es frappierte mich überhaupt, wie selbst die kitzlichsten Gegenstände, die aus seinem Leben zur Sprache kamen, ihn nie im mindesten in Verlegenheit setzten oder bei seinen Antworten irgendeine Verlegenheit bemerklich werden ließen. Dies scheint mir ein sichres Zeichen, daß dieser Mann bei allem, was er getan hat, immer vollkommen mit sich selbst einig blieb, und solange man dies bleibt, hat man sich im Grunde keine Vorwürfe zu machen. Selbst kleine Angewöhnungen, die Mehemed Ali hat und die bei andern Menschen in der Regel ein Ridikül sind, erscheinen bei ihm nicht störend. So pflegt er, wenn er erzählt, oft innezuhalten und sich, ehe er wieder fortfährt, des Wortes schendy (jetzt, nun, wohl) weit häufiger als nötig zu bedienen. Es liegt aber so etwas Eifriges, Vertrauliches und Naives in dieser sonst unnützen Wiederholung, er weiß dem Worte so viele verschiedne Modulationen zu geben, und seine Miene dabei hat einen von aller Affektation so entfernten, kindlich gutmütigen Ausdruck, daß das angeführte Lieblingswort jenen Erzählungen voll dramatischen Lebens in meinen Augen nur einen eigentümlichen Reiz mehr verlieh. Er hat noch einige andere Eigenheiten, die sich indes mehr auf allgemeinere Sitten der vornehmen Türken gründen. So trägt er zum Beispiel nie irgend etwas bei sich. Sitzt er auf dem Diwan, so liegt die Tabakdose und das Schnupftuch neben ihm, aber zu Pferde auf der Reise trägt beide Gegenstände sein ihm immer zur Seite reitender Leibdiener. Verlangt er eins oder das andere, so gibt es der Leibdiener einem der beiden Sais, die, sich an die Schabracke anhaltend, neben des Paschas Pferde herlaufen, geht es bergauf, ihm den Rücken stützen und bei schwierigen Passagen das Pferd beim Zügel fassen. Der betreffende Sais bedient nun den Vizekönig mit dem Verlangten und stellt nach dem Gebrauch den Gegenstand sogleich wieder dem Kammerdiener zu; eine sehr umständliche Komplikation, um sich zu schneuzen oder eine Prise zu nehmen. Der erwähnte Leibdiener zog meine Blicke sehr häufig auf sich. Es war eine wahre Charaktermaske, das Ideal eines Roman-Knappens aus alter Zeit, wie sie bei uns in der Wirklichkeit nicht mehr angetroffen werden. In den scharfen, von manchem innern und äußern Unwetter gefurchten Zügen malte sich ein unerschütterlicher Ernst, unbedingte Ergebenheit, felsenfeste Treue und eine keinen Augenblick ruhende Aufmerksamkeit für den Dienst seines Herrn, den er kaum je aus den Augen ließ. Er dient Mehemed Ali bereits 30 Jahre, mochte selbst einige fünfzig zählen, und sein schlohweißer Schimmel, von der Stärke und Dauer eines alten Ritterpferdes, schien gleichfalls nicht wenig Jahre mit ihm gemeinschaftlich gedient zu haben. Das Benehmen dieses Mannes gegen den Vizekönig war zwar voll Ehrfurcht, aber mit jener vertraulichen Sicherheit gepaart, die nur ein so langes Beisammensein, so viel und so wichtiges zusammen Erlebtes geben können. Man sah deutlich, daß dieser Mann seinem Herrn ganz angehörte, bei ihm das Ich im Diener völlig aufgegangen war und jeder Wink des Herrn, im Guten wie im Bösen, im Gefahrvollsten wie im Alltäglichsten, augenblicklicher Folgeleistung sicher war. Zu einem solchen Verhältnis gehörten vielleicht große Eigenschaften im Herrn wie im Diener und außerdem ein großartiges Schicksal des ersten, dem der andere durch Glück und Unglück viele Jahre gefolgt. Vielleicht gehören auch orientalische, primitive Naturen dazu, denn Napoleon wurde, als sein Glücksstern erblich, auf die gemeinste Weise von seinem französischen Mamlucken Rustan verlassen. Solange Mehemed Ali als Regent, als Gesetzgeber, als Soldat, als der Reformator seines Landes sprach, erschien er mir immer ausgezeichnet; dem billigen Beobachter kann es aber keineswegs auffallen, daß derselbe Mann, sobald von Wissenschaft oder Kunst die Rede war, für die letzte wenig Sinn verriet und in Hinsicht auf die erstere, aus Mangel an früherem Unterricht, oft in die seltsamsten, ja unglaublichsten Irrtümer verfallen mußte. Unsere Leidenschaft, Antiquitäten und Kunstgegenstände aufzusuchen, und unser Entzücken beim Anblick dieser alten Trümmer war ihm ein unauflösbares Rätsel. Noch weniger konnte ich ihm begreiflich machen, daß man außer Feldbau, Nutzholzpflanzungen und einem Garten auch Anlagen und ästhetische Verschönerungen zur Ausschmückung und künstlerischen Veredlung einer ganzen Gegend bloß zum Genuß für Auge und Geist unternehmen könne. Er frug immer nach dem Nutzen , der daraus erwachse, und wenn ich zum Beispiel die pittoreske Form einer Felsenkette, bei der wir vorbeikamen, rühmte, bedauerte er, daß man sie nicht bewässern, folglich auch nicht tragbar machen könne, ja er lachte mich herzlich aus, als ich äußerte: man solle doch in der unmittelbaren Nähe Kahiras, das die von Ibrahim angelegten Promenaden jetzt so prachtvoll erhöhen, zu besserer Aussicht in die Ferne auch die nahe Wüste noch zu bepflanzen suchen. «Solange wir noch gutes Terrain in Ägypten unbebaut haben», sagte er, allerdings ganz praktisch, «wollen wir wahrlich nicht an die Wüste denken!» Übrigens hat er doch den Nutzen von Baumalleen eingesehen, weil sie dem Reisenden Schatten geben, und befohlen, nach und nach alle Dämme und den Aufwurf der Kanäle mit solchen Baumreihen zu zieren. Mehrere schon begonnene Versuche dieser Art scheiterten indes hier wie in Alexandrien an der Abneigung und Indolenz der Einwohner, die sie vernachlässigten oder zerstörten. Jetzt mildert sich nach und nach dieser bei allen ungebildeten Klassen sich wiederholende Vandalismus. Artim Beys Miene verspottete mich oft, wenn mir später wieder solche Ausdrücke wie «romantisch», «pittoresk» usw. entschlüpften, und er ließ sie im Gespräch als gänzlich deplaziert und unverständlich auch meist unübersetzt. Bald nahm ich mir daher den Wink zur Richtschnur bei der Wahl meines Themas. Hinsichtlich der wunderbaren Verwirrung der historischen Kenntnisse des Vizekönigs möge folgendes Beispiel dienen. Er sprach nicht ungern von seinem Landsmann Alexander und trug allerlei über die Einzelheiten seiner Geschichte, die ihm im allgemeinen ganz gut bekannt war. Einmal sagte ich, daß ein Architekt aus Alexandrien dem griechischen Helden einen Plan vorgelegt haben solle, den Berg Athos, der Mehemed Alis väterlichem Dorfe gegenüberliegt, in Alexanders Statue umzuwandeln. Nicht ohne Ironie frug Mehemed Ali, ob dies bloß eine «pittoreske» Idee gewesen sei oder ob der Baumeister auch gleich den Kostenanschlag mit eingereicht habe? Ich erwiderte, daß ich zwar darüber nichts Positives berichten könne, aber die Macht und die Schätze des Eroberers Asiens wohl auch zu einem so kolossalen Unternehmen ausgereicht haben würden. «Ich glaube keineswegs», fiel der Vizekönig ein, «daß Alexander so reich gewesen ist; alle diese Herrscher der alten Welt müssen gegen die jetzigen nur arme Teufel gewesen sein, denn sonst würden die Römer, die nach Alexander kamen und soviel Jahrhunderte lang noch mehr Länder als er besaßen, nicht bloß kleine Silber- und Kupfermünzen gehabt haben.» Von dieser sonderbaren Idee wollte er nicht ablassen und behauptete, erst seit der Entdeckung Amerikas und der daselbst gefundenen Bergwerke gäbe es soviel Schätze und bares Geld in der Welt. Daß die Römer sehr arm gewesen, davon wolle er mir gleich einen Beweis geben. Zu des Regenten Philipp von Orleans Zeit sei ein türkischer Gesandter nach Paris gesandt worden und habe sich dort eine damals berühmte Stuterei angesehen. Nichts aber habe ihn mehr darin frappiert als die luxuriösen Wohnungen aller Stallbeamten wie auch die Pracht der Pferdeställe, deren Krippen alle von Marmor gewesen seien. Als er nun seine Verwunderung darüber dem ihm als Führer mitgegebnen Hofmanne geäußert, habe dieser fast entrüstet ausgerufen: «wie, habt Ihr eine so geringe Meinung von der Größe der französischen Nation? Wißt, daß bei uns jeder Stalldiener besser logiert ist als der römische Kaiser in seinem Palast! – Wenn nun dies», setzte der Vizekönig hinzu, «auch nur eine französische Großsprecherei war, so beweist sie doch, daß der römische Kaiser im Rufe gestanden haben müsse, sehr schlecht zu wohnen, folglich sein Volk arm gewesen sein müsse, was auch, da es nichts als Kupfergeld gehabt, sehr natürlich sei.» Uns scheint eine solche Unwissenheit allerdings possierlich, aber wenn man sich in die Person eines Türken versetzt, der nie die mindeste Erziehung erhielt, der erst im fünfunddreißigsten Jahre aus eignem Antriebe lesen und schreiben lernte und dennoch ein sozusagen durch tägliche Taten bezeichnetes Leben mit dem seltensten Genie durchführte, so erscheint der vernünftigen Beurteilung ein solcher Mangel nur wie ein leichtes Fleckchen in der Sonne. Doch habe ich absichtlich, um nicht für einen bloß parteiischen Lobredner zu gelten, auch diese schwache Seite des großen Mannes nicht verschweigen wollen. Wer weiß übrigens, ob Gottfried von Bouillon und mancher gefeierte Herrscher des Mittelalters sich bei einem Examen über dergleichen Gegenstände nicht noch viel unwissender als Mehemed Ali gezeigt haben würde, und was ist am Ende unsre eigne Konversationslexikonsgelehrsamkeit bei einem Leben wert, das meistens so tatenlos wie das einer Kohlpflanze verstreicht? Damit kommt man weder in den Himmel, noch in die Hölle, noch in den Tempel des Nachruhms. Wir ritten im Lauf des Tages bei einer großen Fabrik vorbei, die ich für einen Palast Seiner Hoheit hielt, da sie, blendend weiß an einen Palmenwald gelehnt, wirklich der ganzen Gegend einen glänzenden Charakter gab. Meines Vorsatzes vergessend, sagte ich zum Vizekönig, sein Land würde auf den Reisenden einen weit malerischeren Eindruck machen, wenn er beföhle, daß alle Dörfer, die jetzt in ihrer Kotfarbe so schmutzig aussähen, geweißt würden. «Mit der Zeit, mit der Zeit», erwiderte er fast ärgerlich, «ich kann nicht alles auf einmal tun, und ehe ich an das Weißen der Außenseite der Dörfer denke, muß erst mehr Wohlhabenheit im Innern derselben herrschen, als jetzt der Fall ist und sein kann. Ja», rief er, «nur noch zehn Jahre wünsche ich zu leben, ich hoffe, das ist genug, mein Werk so weit zu fördern, daß meine Kinder mit Ruhe daran fortarbeiten und dann glücklichere Untertanen beherrschen können!» Ich wiederholte ihm, daß er bei der ungeschwächten Kraft seines Geistes und Körpers auch noch auf mehr als diese Zeit mit Zuversicht rechnen und jene heilbringenden Resultate selbst zu erleben hoffen dürfe – ich aber freue mich schon im voraus darauf, nach zehn Jahren weiter mit ihm über diesen Punkt zu sprechen, wenn sich statt der Konsuln Botschafter der fremden Mächte bei ihm befinden würden. «Gut», erwiderte er freundlich und in der heitersten Laune, «lebe ich nach zehn Jahren noch, so schicke ich einen expressen Abgesandten zu Dir nach Europa, um Dich einzuladen, selbst zu sehen, ob ich nach meinen Worten getan. Eines Morgens, wenn du längst nicht mehr an mich denkst, wird ein schöngekleideter Türke in den Hof Deines Schlosses einreiten und Dich mit einem Gruß vom alten Mehemed Ali an die zweite Reise nach Ägypten mahnen.» «Ich nehme mit dem größten Dank Euer Hoheit beim Wort», sagte ich, «und lebe ich selbst gesund wie heute, was freilich Bedingnis aller zukünftigen Pläne ist, so rechnen Sie sicher auf mein Erscheinen. Was ich der Hoheit gelobe, hoffe ich der Majestät halten zu können.» «La, la», rief der Vizekönig, sich den weißen Bart streichend, «ich brauche keinen Titel und habe nie in meinem Leben einen andern Titel unterzeichnet als: Mehemed Ali.» Am folgenden Tage, wo wir in einem großen Dorfe Mittag machten, dessen Namen ich aufzuzeichnen vergaß, war daselbst auch die zierliche kleine Nilflotte des Vizekönigs angekommen, und ich benutzte seine Siesta, um mit Artim Bey Mehemed Alis Dahabia zu besichtigen, das zierlichste kleine Schiff dieser Art, das ich je gesehen, obgleich Kleopatras berühmte Barke es ohne Zweifel noch weit übertroffen hat. Das Hauptzimmer, möglichst hoch und geräumig, war mit meergrün lackierter Boiserie und Gold verkleidet, die Vorhänge bestanden aus schwerer violetter Seide mit goldnen Fransen sowie die Diwans rund umher aus gleichfarbigem Samt mit goldenen Tressen und reichen Quasten besetzt. Die Fensterrahmen waren aus vergoldetem Metall und die Scheiben aus Kristallglas, wie in den Kutschen mit einer Borte zum Auf- und Herabziehen versehen; grün lackierte Jalousien schützten vor der Sonne. Die Schlaf- und Toilettenkabinetts zeigten gleiche Eleganz, und als Vorzimmer diente ein prächtiges Zelt von persischem gelb gesticktem Zeuge, was zugleich als Speisesaal benutzt wurde. Vierundzwanzig uniform gekleidete Schwarze setzten selbst beim ungünstigsten Winde mit taktmäßigem Ruderschlag das leichte Schifflein in die schnellste Bewegung, und gegen den Strom ziehen es fünfzig, sich alle halbe Stunden abwechselnde Fellahs im Trabe eines raschen Pferdes. Als ich nachher beim Vizekönig von meinem Besuch auf dieser Flottille sprach, erfuhr ich von ihm, daß jetzt im ganzen über 6000 Barken den Nil befahren, wovon an 2000 Mehemed Alis Eigentum sind. Beim Nachtmahl erzählte er viel interessante Details über jene Zeit, wo er definitiv in Ägypten zur unumschränkten Macht gelangt sei, wovon ich andernorts bereits einen kurzen Auszug mitteilte. Als ich ihm hierauf mein Bedauern ausdrückte, daß er keinem Europäer diese unterrichtenden Memoiren diktiere, um sie der Geschichte aufzubewahren, erwiderte er die merkwürdigen Worte: «Warum sollte ich das tun? Ich liebe diese Zeit meines Lebens nicht, und was kann die Welt jenes unaufhörliche Gewebe von Kampf, Not, List und Blutvergießen helfen, zu denen die Umstände mich gewaltsam fortrissen. Wen kann dieses widerliche Detail zu hören erfreuen! Es ist genug, wenn die Nachwelt wissen wird, daß alles, was Mehemed Ali geworden ist, er nicht der Geburt noch der Gunst, sondern niemandem als sich selbst verdankte, aber meine Geschichte soll erst von dem Augenblick angehen, wo ich ungehinderter beginnen konnte, dieses Land, das ich wie mein Vaterland liebe, aus seinem Jahrhunderte dauernden Schlafe zu wecken und es zu einer neuen Existenz heranzubilden. Sonderbar», fuhr er fort, «daß von siebzehn Kindern ich das einzig übriggebliebene bin! – Neun meiner Brüder starben schon im zarten Alter, was auch der Grund war, daß meine Eltern mich fast gleich einem vornehmen Kinde erzogen. Ich war daher bald weichlich und ein Tagedieb geworden, so daß mich meine jungen Kameraden verspotteten und oft ausriefen: ‹Was wird, wenn seine Eltern sterben, aus Mehemed Ali werden, der nichts hat und zu nichts taugt!› Dies machte endlich einen tiefen Eindruck auf mich, und als fünfzehnjähriger Knabe beschloß ich, mich selbst zu besiegen. Oft hungerte ich mehrere Tage lang oder zwang mich ebenso lange nicht zu schlafen, und in allen Arten von Leibesübungen ruhte ich nicht, bis ich der Geschickteste unter meinen Kameraden geworden war. So erinnre ich mich, daß wir einmal um die Wette bei stürmischem Wetter ruderten, um eine kleine Insel zu erreichen, die jetzt noch mein Eigentum ist. Keiner kam hin als ich, aber alle Haut hatte sich von meinen Händen gelöst, ohne daß die heftigsten Schmerzen mich in meinem Entschluß irre zu machen vermochten. Auf diese Weise härtete ich fortwährend Leib und Seele ab, bis ich später, wie ich Dir schon erzählt, hinlängliche Gelegenheit fand, mich in meinem etwas ernsteren Wirkungskreise, dem kleinen Kriege unsrer Dörfer, mir selbst und andern als tüchtig zu erproben. Als ich mein neunzehntes Jahr erreicht hatte, wo mein Vater schon tot war, zeigte sich noch eine bessere Gelegenheit. Griechische Seeräuber hatten verschiedene Exzesse verübt, und mein Onkel, welchen mehrere der mächtigen türkischen Gutsbesitzer zu verderben trachteten, erhielt auf ihre Veranlassung den Befehl, mit einem kleinen Kriegsschiffe des Sultans die Räuber aufzusuchen und ihnen das Handwerk zu legen. Mein Onkel mußte gehorchen, begab sich aber vorher selbst zum Pascha, um diesem vorzustellen, daß all sein Hab und Gut zugrunde gehen würde, wenn er es jetzt so plötzlich und auf unbestimmte Zeit verlassen müsse, da niemand in seiner Familie sei, dem er es anvertrauen könne. Zugleich schützte er seine eigne Unfähigkeit zu einem solchen Kommando vor und nahm davon Gelegenheit, mich, der des Krieges schon gewohnt und unternehmend sei, statt seiner dazu vorzuschlagen. Es gelang ihm, den Pascha zu überreden, ich selbst verlangte nichts besseres und hatte wirklich das Glück, die Räuber nicht nur in die Flucht zu schlagen, sondern auch nach kurzer Verfolgung ihr Fahrzeug zu entern und alle, die nicht niedergemacht wurden, zu Gefangenen zu machen. Für diese Tat ward ich schon im zwanzigsten Jahre zum türkischen Seekapitän ernannt. Ein so schnelles Steigen erweckte mir indes viele Neider und sogar die Eifersucht meines Onkels selbst, der mich einige Zeit darauf, vielleicht nicht in der besten Absicht, nach Ägypten sandte. Wie wenig ahnte ich damals, zu welchen Schicksalen ich in diesem Lande bestimmt sein sollte, aber Gottes Wege sind wunderbar.» – «Sie können sich in der Tat glücklich schätzen», sagte, als ich mich beurlaubt hatte, Artim Bey zu mir, «solche Züge aus des großen Mannes Leben aus seinem eignen Munde vernommen zu haben, die selbst uns bisher ganz unbekannt geblieben waren. Ich habe Mehemed Ali noch mit niemandem so kommunikativ gesehen.» Ich mag nicht leugnen, daß diese Äußerung wie eine der angenehmsten Schmeicheleien auf mich wirkte, vielleicht auch nichts andres war. Am folgenden Tage, wogleich am frühen Morgen der Vizekönig verlangt hatte, daß ich neben ihm reiten sollte, denn, sagte er, auf Reisen muß man die Zeit durch Unterhaltung abkürzen – war dennoch alle Konversation durch die glühende Hitze und einen unerträglichen Staub fast unmöglich gemacht, da der in unserm Rücken blasende Wind uns ohne Unterlaß mit allen den schwarzen Wolken, die so viel Hunderte von Kamelen und Pferden hinter uns aufwühlten, umhüllte. Endlich ward es dem Vizekönig selbst zu arg, und er befahl, in einem Haine stachlicher Mimosen eine Ruhestation zu machen. Im Augenblick waren eine Menge Teppiche auf den Boden gebreitet, eine scharlachrote Wolldecke mit goldnen Fransen darüber gelegt und an beiden Enden dieser für Seine Hoheit und mich Samtkissen aufgeschichtet, wo wir so bequem wie auf einem Bette ruhten. Wir hatten uns kaum niedergelassen, so erschienen auch schon mitten in der Wildnis wie auf den Wink des Geistes von Aladins Lampe kalter Punsch und andere Sorbets in goldnen Schalen, denen unmittelbar Pfeife und Kaffee folgten. «Nun», rief Mehemed Ali, sobald er einige Züge getan, «warum sagst Du nichts? Ich habe heute noch kaum zehn Worte von Dir vernommen.» Ich muß bekennen, daß ich von Hitze, Staub und Erschöpfung so gedankenlos geworden war, daß ich nicht mehr wußte, was ich vorbringen sollte. Mit meiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit machte ich kein Geheimnis daraus, «und überdies», setzte ich hinzu, «sann ich schon oft nach, wie ich Euer Hoheit etwas Neues erzählen könne, was Sie zu interessieren imstande sei, und fand dann mehr als einmal zu meiner Beschämung, daß Sie schon besser davon unterrichtet waren als ich selbst.» Über diese Äußerung lachte er, meinte aber, jemand, der so viel gesehen als ich, dürfe nie um Stoff zur Unterhaltung verlegen sein, wenn er nur wolle. Dies schien mir eine gute Gelegenheit, da ich zum Reden aufgefordert wurde, ein Thema auf das Tapet zu bringen, das man neuerlich nicht gegen den Vizekönig zu berühren wagen wollte. Diese Dinge gehören nicht hierher; der Erfolg bewies mir aber, daß der ausgestreute Samen auf kein unfruchtbares Land gefallen war. Ich erwähnte eigentlich dieser kleinen Szene nur, um zu zeigen, «qu'il faut un peu payer de sa personne avec Son Altesse», wenn man das Feuer der Mitteilung und seine willige Laune dazu auf gleicher Höhe erhalten will. Dazu ist er nicht wenig inquisitiv, nicht so leicht mit Gemeinplätzen abzuspeisen als manche andere große Herren, und weiß jede Blöße, die man gibt, auf der Stelle zu entdecken. Mich wenigstens hat er mehr als einmal auf solche Weise hart in die Enge getrieben, was freilich nicht sehr viel sagen will, da ich von Natur schüchtern bin und den sogenannten Mut der Öffentlichkeit nur in geringem Grade besitze. Ich habe nie auf einem Privattheater ohne Herzklopfen auftreten können, geschweige denn auf dem großen Welttheater. Jedoch gelang es mir allerdings manchmal, mich zu bezwingen. In Dschirdscheh schifften wir uns ein, worauf ich Seine Hoheit nicht eher als in Keneh wiedersah, um, da ich meine Reise weiter fortzusetzen wünschte, Abschied von ihm zu nehmen. Ich kam eben vom Besuch des Tempels zu Denderah zurück, der auf eine abscheuliche Weise durch Schutt und elende Hüttenreste verdeckt wird. Da mir nun der Vizekönig die größte Freiheit meiner Äußerungen gestattete, so sagte ich ihm gradezu, daß man ihm in Europa die gänzliche Vernachlässigung der alten Monumente, an denen sein Land das reichste in der Welt sei, sehr verdenke, und er es seinem hohen Rufe in jeder Hinsicht wirklich schuldig sei, auch hierin mit gutem Beispiele vorzugehen. «Eure Hoheit», fuhr ich fort, «haben gleich hier die beste Gelegenheit dazu. Der Tempel zu Denderah ist einer der besterhaltensten Ägyptens und nicht durch den schwer zu entfernenden Wüstensand verschüttet, sondern nur durch Schutt und Unrat versteckt. Ein Wort von Ihnen, und er steht fast wieder in seiner alten Pracht da.» «Gut, gut», erwiderte Mehemed Ali, «ich will Ihnen zu Liebe einen Beweis meiner europäischen Bildung geben.» Und auf der Stelle ließ er den Mamuhr rufen und erteilte ihm die gemessenste Ordre, nicht nur sämtliche drei Tempelreste von Denderah frei zu machen, sondern auch den ganzen Platz darum her zu ebnen und mit einer Befriedung zu umgeben, die jede künftige Beschädigung abhalte. Ich glaubte also auch hier, wie einst in Tunis, den günstigen Moment nicht versäumt zu haben, den Freunden des Altertums einen kleinen Dienst zu erweisen, um dessentwillen sie mir es verzeihen könnten, wenn ich ihnen bei der Beschreibung der gesehenen Monumente oft zu kurz und oberflächlich erschienen bin, weil ich nicht wiederholen oder abschreiben mochte, was sie in zehn andern Werken soviel gründlicher und weitläufiger behandelt finden können. So glaubte ich; als ich aber nach sechs Monaten zurückkam, fand ich mit Demütigung und Verdruß, daß auch nicht ein Spaten an die Räumung des Tempels gelegt worden war, ein Beweis, daß der in meiner Gegenwart erteilte Befehl an den Mudir nur eine Komödie gewesen und Mehemed Ali nie ernstlich daran gedacht hatte, ein in seinen Augen so abgeschmacktes und unnützes Werk zu unternehmen, dessen eifrige Betreibung er bei mir wohl nur für eine europäische fixe Idee ansah, und mit der duldenden Nachgiebigkeit behandeln zu müssen glaubte, welche die Türken jeder Art von Tollheit angedeihen lassen. Seitdem soll indes doch etwas von Mehemed Alis damaligen Befehlen ins Werk gesetzt worden sein. Ehe ich abging, hatte ich Seiner Hoheit noch eine große Freude zu danken, denn er sandte mir Briefe aus der Heimat, die im Paket seines Kuriers angekommen waren und deren Schreiber schwerlich vermutet hätten, durch welche hochberühmte Hand sie an mich gelangen würden. Der Wind schwellte unsre Segel, und noch in derselben Nacht erreichten wir im Schlafe Theben, dessen riesige Wunderbauten uns beim ersten Anblick am Morgen fast die Empfindung gaben, als lägen wir noch im Traume. Theben Nichts ist vielleicht belohnender in der ganzen Welt für den Empfänglichen, als die Ruinen der hunderttorigen Thebae zu schauen – und bestimmt nichts langweiliger, als ihre Beschreibung zu lesen, wenn die Touristen, ohne einen bestimmten gelehrten Zweck dabei zu verfolgen, dennoch von allen Details, mit dem Maßstock und dem leitenden Buche in der Hand, die genaueste Rechenschaft geben zu müssen glauben, wie ich mich in mehr als einem Dutzend Reisebeschreibungen bis zum Überdruß überzeugt habe – Werke unermüdlicher Aufzeichner, Abschreiber und Kompilatoren ohne alle eigene Kritik und Gedanken, mit denen wir wirklich zu reichlich über Ägypten versehen sind. Ich selbst werde mich daher so kurz als möglich fassen, immer jedoch dem Leser einige allgemeinere, mehr den Haupteindruck schildernde Bilder dabei anschaulich zu machen suchen. Wer sich wissenschaftlich instruieren will, der lese die wenigen alten und neuen klassischen Autoren über dieses Land nach, die zwar nicht immer einig miteinander sind, aber dem Wißbegierigen doch jeden Unterricht erteilen, welchen der Stand heutiger Entdeckungen überhaupt zu gewähren fähig ist. Das vorliegende Buch erfüllt seinen Zweck, wenn es unterhält und nebenbei dem Dilettanten das möglichst treu wiedergibt, was nur der Augenschein lehren kann. Für gelehrte Forscher ist es nicht geschrieben, und ich hoffe dies nun oft genug wiederholt zu haben, um die Ansprüche festzusetzen, die man vernünftigerweise an mich zu machen hat. Schriebe ich für praktische Engländer oder Franzosen, so wäre jedes Wort darüber ganz überflüssig, aber der deutsche Pedantismus bedarf ihrer. Es schien mir bei der Besichtigung Thebens sehr wesentlich, daß der Beschauer stufenweise vom Geringeren zum Höheren fortschreite, das Gegenteil würde ihm die Hälfte des Genusses rauben. Ich lade den Leser daher ein, jetzt mit mir am linken Nilufer bei den Hütten des Dorfes Gurneh unter einer Gruppe Palmen ans Land zu steigen. Eine Viertelstunde vor uns im Westen sehen wir über grün besaatete Felder hinweg den steilen Abhang des kahlen libyschen Gebirges, der ägyptischen Aphrodite Hathor geweiht, die an seinem Fuß alle Morgen in Gestalt einer weidenden Kuh hier die Sonne empfing. Braunrote Felsenwände steigen senkrecht in die Höhe, der Grund unter ihnen aber ist weithin durchwühlt und ein Völkchen Troglodyten wohnt jetzt in den alten Gräbern, deren Öffnungen wie schwarze Flecken über dem weißen Sande hingestreut sind – denn es ist Thebens an zwei Stunden sich ausdehnende Nekropolis, die wir hier vor uns haben. Die Toten grüßen uns zuerst aus der unterirdischen Nacht, bevor wir im Licht der ewigen Sonne ihre unsterblichen Werke schauen. Längs der schweigenden Gräberstadt in südlicher Richtung weiterreisend, zeigt sich uns bald, von den Resten eines koptischen Dorfes und seinen schmutzigen Mauern aus ungebrannten Erdziegeln umgeben, der erste antike Tempel, dem Ammon geweiht, von des großen Ramses Vater begonnen und von seinem Sohne vollendet in der letzten Blütenzeit ägyptischer Kunst. Er ist nur von mittlerer Größe, aber welch ein Unterschied mit der schon dem Verfall gänzlich angehörigen Nachahmungsweise zu Denderah! Und wie irregeführt würde der sein, welcher, nicht weiter gekommen, nach jenem Monument bereits ein Urteil über ägyptische Architektur und Kunst fällen wollte. Es ist ziemlich dasselbe Verhältnis zwischen beiden wie zwischen den gotischen Kirchen, die heute noch kümmerlich bei uns entstehen, und denen, die im Mittelalter aus kräftig lebendigem Samen organisch emporwuchsen. Die schöpferische Kraft in edler Ruhe, die klassische Gediegenheit vom Höchsten bis zum Geringsten bei allem Flug der Phantasie; die keine Schwierigkeit mehr kennende Sicherheit der Technik, deren Vollendung jeden, der Sinn und Liebe für die Kunst besitzt, mit einer wahrhaft wohltuenden Befriedigung erfüllt, sprechen sich in Thebens Kunstwerken so deutlich aus wie im Parthenon, wenngleich in ganz anderer, in jeder Hinsicht kolossalerer Form, auf ganz andrem Boden und unter ganz verschiednen Einflüssen entsprossen. – Denn sehr richtig sagt Prokesch: «Griechische und ägyptische Kunst stehen nicht unter-, noch über-, sondern nebeneinander.» Was in Denderah zu fast widrigen, sich ewig wiederholenden, monotonen Fratzen wird, jener allerdings seltsame, heilige Stil, den beizubehalten eine religiöse Verpflichtung und seine vielfache intellektuelle Bedeutung zwang, wie edel ausgebildet und in seinem Ausdruck vielfach abgestuft und variiert stellt er sich hier dar. Tief eingegraben, mit wunderbarer Präzision gezogne Außenlinien umschließen schützend darin eingesenkte Basreliefs von einer Wahrheit, Fülle und Schönheit, welche in diesem Stil nichts übertreffen kann. Es ist eine Ungerechtigkeit, wenn man behauptet, daß die ägyptische Kunst in Ausbildung der Gestalt hinter der griechischen zurückbleibe. Sie strebt nur in der Regel mehr dem Erhabenen als dem Lieblichen nach. Wahrlich, nie sah ich, nach meinem Gefühl, Götter und Könige in imposanterer Majestät auf ihren Thronen ruhen, nie einen würdigeren Ausdruck der ihnen Opfernden oder gabenbringenden Helden, als an den Meisterwerken Thebens, obgleich sich größtenteils dieselben konventionellen Stellungen nach religiösen Vorschriften bei allen mehr oder weniger wiederholen. So werden zum Beispiel meistens, doch nicht immer, die Figuren nur im Profil dargestellt, nicht perspektivisch behandelt, gewöhnlich nur in schroffer Hälfte sichtbar, die weiblichen zum Beispiel bloß mit einer der beiden hervortretenden Brüste, gleich einer Silhouette. Von den doppelten Pylonen des genannten Tempels und der Sphinxallee, die zu ihm führte, ist kaum mehr die einstige Stelle zu entdecken, und das Gebäude selbst, welches mit dem Tempel, wie in Ägypten sehr gewöhnlich, auch noch einen königlichen Palast vereinigte, liegt ebenfalls zum größten Teil in Trümmern; dennoch haben sich viele Malereien in brennenden Farben teils unter diesen Schutthaufen, teils an den Toren und im Innern erhalten sowie zehn Säulen des Portikus von schönen Verhältnissen, deren Schäfte Bündel von Wasserpflanzen darstellen, die von einem Abakus gekrönt sind. Ich übergehe meinem Vorsatze getreu die von so vielen beschriebenen weiteren Details und bemerke nur, daß ich unter den Bildern im Innern unter Schutt vergraben eins fand, welches mir eine Darstellung uns unbekannter mechanischer Vorrichtungen zum Heben großer Steine zu enthalten schien und daher einer näheren Untersuchung wert sein möchte. Mehrere weniger bedeutende Reste zur Seite lassend, gelangt man nach einigen tausend Schritten zu den imposanten Ruinen eines weit größeren Tempels, welcher sonst fälschlich mit dem Namen des Memnoniums, auch Grab des Osymandias bezeichnet wurde, durch Champollion aber als der Palast des großen Ramses (der vielleicht auch den Namen Osymandias führte, wenn dieser nicht dem Memnon zukam) erkannt und nach ihm «das Ramsejum» benannt worden ist, noch nicht eine der kolossalsten, aber gewiß in ihrem Ensemble eine der ausgezeichnetsten Schöpfungen jener Wunderzeit. Auf dem Wege dahin entdeckt man schon von fern mit freudigem Staunen, mitten in der Ebene auf schwarzem Moorboden, die beiden, sich gleich Zwillingen ähnlichen, sitzenden Kolosse, von denen besonders der eine – obgleich beide denselben Fürsten darstellen – unter dem Namen der Memnonssäule so berühmt geworden ist. Ich muß sagen, daß diese Riesenbilder ewiger Ruhe, die, seit mehr als drei Jahrtausenden auf ihren Steinthronen fest gezaubert, wie in unbeweglicher Kontemplation alle die wirren Umwälzungen der Welt überdauerten, mir viel mehr imponierten als die kunstlosen Steinhaufen der Pyramiden, welche am Ende doch jeder ähnlich geformte spitze Felsen übertrifft, den die Natur in größeren Dimensionen, als die ihrigen sind, geschaffen hat. In der Ferne gesehen erscheinen die Kolosse auch noch ganz unverstümmelt, nur in ihrer Nähe beklagt man die Wut des wahnsinnigen Kambyses, der, nach Herodot, sie zerstört haben soll. Ich konnte der Begierde nicht widerstehen, zu ihrer genaueren Besichtigung sogleich von meinem Wege abzulenken, ehe ich noch das mir näher liegende Ramsejum betrat. Der jetzt unbebaute Boden war von der Hitze so tief durchgerissen, daß die Pferde kaum darüber hinschreiten konnten und mehrere Male vor den turmhohen alten Herrschern die Knie unwillkürlich beugten. Beide Bildsäulen aus hartem Sandstein und von den Arabern Thama und Schama genannt, sind 56 Fuß voneinander entfernt und haben gegen 60 Fuß Höhe. Die südliche ist aus einem Block, die nördliche dagegen, welche Kambyses angeblich in der Mitte durchsägen und den Oberteil niederwerfen ließ, ward durch fünf übereinander gelegte Steinschichten in späterer Zeit restauriert, das Gesicht blieb aber gleich dem des andern Kolosses zerstört oder ward es seitdem von neuem. Der restaurierte Teil entbehrt jenen feinen polierten Stucküberzug, mit dem die Ägypter fast alle ihre Bildwerke aus Sand- und Kalkstein und oft auch die Gebäude überzogen, wie zum Beispiel die enormen Flächen der Pyramiden zu Dschiseh es ebenfalls waren und die Spitze der mittelsten es noch ist. Diese vortreffliche Masse hat eine Dauer wie Stein und erscheint wie poliert auch hier an den Kolossen noch überall da, wo keine Ergänzung oder gewaltsame Abschlagung stattfand. Die Throne, auf denen die Könige sitzen, sind prächtig verziert mit kleineren Statuen an beiden Seiten der Lehne und einer noch kleineren, die zwischen den Füßen eines jeden Kolosses ihren Platz findet. Bilder und Hieroglyphen sind rund umher angebracht, doch alle mehr oder minder beschädigt. Daß der ergänzte nördlich stehende Koloß die sogenannte Memnonssäule ist, welche den famosen Klang bei Sonnenaufgang von sich gegeben haben soll, bescheinigen die griechischen und lateinischen Inschriften aus der Römerzeit auf seinen Füßen und dem Piedestal wie auch das sichtliche Faktum seiner Durchsägung oder Demolierung auf Kambyses Befehl. Ungefähr hundert Schritte hinter ihm liegt eine Steinmasse, die durch vieles Abschlagen jetzt einem großen Felsenstück gleicht und die man wohl für den früher abgesägten Teil der Statue halten könnte, um so mehr als man unmittelbar daneben eine Gruppe zwei kleinerer zusammenhängender Kolosse sieht, die vollkommen der Angabe der Alten entsprechen, daß die Memnonsstatue noch zwei Figuren von geringerer Größe neben sich gehabt, und mit diesen aus einem Stücke gewesen sei, was jetzt nicht mehr der Fall ist. Doch können es auch (und dies ist wahrscheinlicher) die Reste eines andren Kolosses sein, deren es ohne Zweifel mehrere an dieser Stelle gab, wo einst einer der größten Paläste Thebens stand, von dem jedoch kaum die Spur noch übrig ist. Über die Authentizität der Bildsäule des Memnons sind von jeher viele Zweifel erhoben worden. Unter andern erhielt ich noch hier in Ägypten einen Brief von unserm großen Hippologen, Grafen Veltheim, dem kein Gegenstand des Wissens uninteressant ist, worin er sich auf eine Schrift seines Vaters beruft, in welcher gemeinschaftlich mit Norden behauptet wird, daß der eigentliche Memnonskoloß wahrscheinlich der im Ramsejum liegende Torso aus schwarzem Granit sei, weil Plinius und andere ausdrücklich behaupten, die Memnonsstatue sei aus diesem Stein geformt gewesen, und die Inschriften auf dem Piedestal derjenigen Statue, die man jetzt für den Memnon halte, nur deshalb dort eingeschrieben worden, weil man dies auf den Granit nicht so leicht habe bewerkstelligen können. Plinius' und Philostratus' Zeugnisse mögen allerdings zu berücksichtigen sein, wiewohl beiden viele Irrtümer nachzuweisen sind, aber wer sollte sich die Mühe gegeben haben, den umgeworfenen Koloß in seinem zerstörten Zustande in das mehr als tausend Schritte davon entfernte Ramsejum zu transportieren! Überdem trägt jener Torso keine Spur der Durchsägung oder Abschlagung in der Mitte, wie der noch stehende deutlich. Ist die Hypothese des Grafen Veltheim richtig, so muß der echte Memnonskoloß verschwunden sein oder noch vergraben im Sande liegen – die Statue im Ramsejum ist es gewiß nicht. Der Irrtum Nordens und hiernach des Grafen Veltheim entstand hauptsächlich daraus, daß Norden das Ramsejum für das Grab des Osymandias oder Memnonium gehalten hat, wovon Champollion und andere den Ungrund vollständig dargetan. Das wirkliche Memnonium (Amenophion) stand ohne Zweifel hinter den beiden Kolossen, die Hügel hinansteigend, wo auch noch viele Mauerreste aus dem Sande ragend bemerkbar sind. Möglich, ja wahrscheinlich ist es gewiß, daß in diesem, allen Nachrichten und Anzeichen gemäß außerordentlich umfangreichen Tempel noch mehr Statuen des Gründers standen, unter denen das Hauptbild wohl aus Granit als der edleren Steinart gewesen sein mag und sehr denkbar auch aus schwarzem Stein, da Amenophis III. oder Memnon selbst ein äthiopischer Schwarzer gewesen zu sein scheint. Hier aber fragt es sich nur darum, ob diejenige Bildsäule, welche zur Römerzeit die bekannten Klänge bei Sonnenaufgang von sich gab, dieselbe sei, auf der noch heute die Inschriften dies bezeugen, und darüber, glaub' ich, kann kaum ein Zweifel mehr erhoben werden, wenn die Restauration derselben auch erst in späterer Zeit stattgefunden hätte, weil Strabo und Pausanias allerdings und als Augenzeugen angeben, daß der obere Teil des Kolosses bei ihrem Dortsein auf der Erde gelegen habe. Da die Statue auch jetzt noch aus mehreren übereinandergelegten Stücken besteht und keineswegs aus einem Ganzen, wie Graf Veltheim annimmt (wenn sie auch ursprünglich aus einem Blocke angefertigt worden wäre), so liegt in Strabos und Pausanias' Aussage kein Grund gegen die Identität des von ihm an der Erde liegend und von uns wiederum zusammengesetzt und aufgerichtet gesehenen Kolosses. Dem Einwande hinsichtlich der Inschriften aber, nämlich daß man diese nur wegen des weicheren Steines auf den jetzt für die Memnonssäule gehaltenen Koloß geschrieben, könnte man die noch plausiblere Frage entgegensetzen: warum auf dem Nachbarkoloß von demselben weichen Stein keine einzige Inschrift stehe, die den Klang der Memnonssäule bezeuge? – Wer eine noch mehr in alle Details eingehende Beleuchtung dieser Streitfrage wünscht, den verweise ich auf einen Aufsatz des Herrn General Minutoli in der Beilage der allgemeinen preußischen Staatszeitung, Nr. 103, 1844, worin die Ansichten aller dieses Thema berührenden Schriftsteller von einiger Bedeutung fast vollständig zusammengestellt sind und das daraus gezogene Resultat im wesentlichen mit meiner und wohl jetzt der allgemeinen Meinung übereinstimmt. Die Piedestals, auf denen die beiden Kolosse stehen, sind gänzlich mit angeschwemmtem schwarzem Boden bedeckt, und der Stand größter Wasserhöhe in neuerer Zeit zeigt sich nach genauen Untersuchungen 7 Fuß 8 Zoll über dem Pflaster des Dromos, der sonst offen zu den Kolossen führte, während der sandige Grund unter dem Pflaster beweist, daß in der Zeit, als man die Statuen errichtete, der Nil noch nie bis hierher gedrungen war. Hieraus läßt sich leicht abnehmen, wie beträchtlich seit drei bis vier Jahrtausenden der Grund des Flusses sich erhöht haben muß und wieviel Kunstschätze daher noch unter dem Boden seiner Anschwemmungen während dieser Epoche zu finden sein möchten. Die Kolosse, welche also damals samt ihrem Unterbau auf einem dem Nil unzugänglichen, trockenen Sandboden standen, wechseln jetzt viermal im Jahre die Ansicht ihrer Basis. Entweder schauen sie, wie in dieser Epoche, aus schwarzem Moor hervor oder aus grüner Saat oder aus goldenen Ähren oder endlich aus einer unabsehbaren Wasserfläche, und wohl mag diese letztere ihrer Verwandlungen den schönsten Anblick gewähren. Viele Trümmer von andern gigantischen Statuen, Säulen usw. nebst hohen Schutthaufen, die sich bis an die westlichen Berge dahinter ausdehnen, lassen, wie gesagt, mit Sicherheit voraussetzen, daß hier ein riesiger Tempel gestanden haben muß, zu dem die beiden Königsstatuen den Eingang bildeten, ohne Zweifel das wahre Memnonium, so wie Amenophis III., dessen Ringe die Kolossen tragen, gewiß der Memnon der Römer ist, aber schwerlich diese aus der Fabelatmosphäre verschollner Zeiten auftauchende Person zugleich, wie einige behaupteten, Sesostris gewesen sein kann, wozu der große Ramses, wie Champollion überzeugend bewiesen, eine bessere Anwartschaft hat. Ich kehrte nun zu dem Palaste dieses letzteren zurück, der sich ungefähr 1200 Schritte weit in nordwestlicher Richtung von den Kolossen an das Gebirge lehnt. Hier liegt gleich hinter den halb eingestürzten Pylonen der größte und schönste Koloß Ägyptens aus Rosengranit, dessen gewaltsame Zerstörung ohne Hilfe des Pulvers fast ebenso schwierig gewesen sein muß als der Transport dieser ungeheuren Masse von Assuan hierher, die nach Wilkinsons Berechnungen in ihrem unversehrten Zustande an 5000 Zentner wog. Was von diesem staunenswürdigen Werke, welches des großen Königs eigenes Bild darstellte, übrig ist, zeigt eine höchst vollendete Arbeit und noch immer die schönste Politur. Der Kopf bietet aber leider nur noch eine unförmliche Masse dar, wovon nur ein Ohr von drei Fuß Länge intakt geblieben ist. Ebenso wohlerhalten blieb der Ring oder das Wappen des Königs auf dem linken Oberarm. Mehreren andern darum her liegenden Statuen aus Porphyr und Granit fehlen die Köpfe ganz, denn sie sind – leider erst in neueren Zeiten – sorgfältig abgelöst und in die Kabinette der Konsuln gewandert, eine Art der Verheerung, der man seufzend in jeder Gestalt und auf allen Schritten begegnet und die noch empfindlicher als die Barbaren gewütet hat, weil sie methodischer verfuhr und mit Kennerblick nur das Beste ergriff. Viele dieser Herren haben ihre Raubkampagnen in Theben mehrere Monate, ja jahrelang ausgedehnt und sich eigens Wohnhäuser dazu im Schutze der Felsen erbaut, deren noch einige bestehen und auch noch benutzt werden. Doch hat der Vizekönig dem Unwesen seitdem einigermaßen gesteuert, obwohl viel zu spät. Die Befehle sind aber, wenigstens für die kleinen Diebe, so streng, daß mir während meines viertägigen Aufenthalts in Theben auch nicht der geringste Gegenstand zum Verkauf angeboten wurde. Indes erklärt sich dies zum Teil daraus, daß ich mit Schiffen und Gefolge Mehemed Alis reiste und man deshalb den Verrat mehr fürchtete als sonst. Es ist auffallend, daß der königliche Koloß, wie das noch stehende Piedestal deutlich anzeigt – neben dem der Torso auf dem Rücken liegt –, nicht die Mitte des Hofes einnahm, sondern ganz vereinzelt und ohne Spuren eines Gegenstücks auf der andern Seite, seitwärts des Eingangs, allein stand. Aber die Ägypter zeigen sich überhaupt in ihrer Baukunst durchaus nicht als Sklaven der Symmetrie, und der vorliegende Palast bietet noch mehrere andere bedeutende Abweichungen von derselben dar. Ohne mich in eine umständliche Beschreibung desselben einzulassen, erwähne ich nur, daß man außer dem ersten Hofe noch durch zwei andere Höfe, deren bedeckte Säulengänge nach innen kolossale Karyatiden des Osiris mit den Zügen des Ramses darbieten und durch die Reste zweier Tore von schwarzem Granit in eine große Prachthalle von ursprünglich 48, jetzt nur noch 36 Säulen tritt, welche mit einer Decke von Azur übersät mit schmalen Sternen in Goldfarbe prangt. Auf den mit eingegrabenen und bemalten Bildern dicht bedeckten Säulenschäften befindet sich eine bronzefarbene Figur des Ramses, die Champollion abgegipst hat, von welcher Operation man noch die unangenehme Spur sieht. Die Wahl war vortrefflich, denn das Charakteristische des Gesichts und der Gestalt, wovon in Wahrheit «jeder Zoll ein König», läßt hier eine besonders treue Ähnlichkeit vermuten, weil sie ganz der Idee entspricht, die man sich in der Phantasie von dem jugendlichen Eroberer und dem hochgebildeten, kunstliebenden, in jeder Weise Kolossales unternehmenden und nach Vollführung des vor ihm nie Geschehenen trachtenden Helden, dem Alexander Ägyptens, im voraus machen könnte. Von den übrigen Sälen existieren nur noch zwei, deren einer, nach Champollion, ohne Zweifel die berühmte Bibliothek enthielt, da in dessen Wandbildern die Göttin Saf, die «permanente Präsidentin der Wissenschaften», wie er sie nennt, und Thoth, der Erfinder der Buchstaben und Künste, als Hauptfiguren an den Wänden paradieren. Der Tempelpalast steigt sanft den Berg hinan, weshalb Stufen von Abteilung zu Abteilung führten. Über den Säulen, Sälen und Hallen befand sich ehemals noch ein zweiter Stock, von dem nur noch einige Mauern und Fenster sichtbar sind. Dieser Oberbau diente wahrscheinlich zu Wohngemächern und Schlafzimmern für die königliche Familie, die untern Räume wahrscheinlich nur zu Versammlungen und Festlichkeiten, vielleicht auch teilweise zur Wohnung des Königs selbst. Am interessantesten in dem großen Ganzen erschienen mir die verschiedenen Darstellungen der Taten und Schlachten des Erbauers, die in gigantischem Maßstabe verschiedne der hohen Wände des Palastes bedeckten und von denen noch vier große Gemälde in mannigfachem Farbenglanze ziemlich wohlerhalten sind. Mit Recht bemerkt Herr Wilkinson, daß man beim Anblick dieser Bilder auf der Stelle an die Iliade erinnert wird und Schilderungen des trojanischen Krieges vor sich zu sehen glaubt, ja er meint sogar, daß Homer vielleicht den Inhalt seiner unsterblichen Gesänge zum Teil aus ihren Kompositionen geschöpft habe. In der Tat ist ein Leben, eine Mannigfaltigkeit, ein Reichtum der Komposition in diesen Schildereien sichtbar, die der Antike nicht nachstehen und bald die wunderlichen Eigenheiten des ägyptischen Kunststiles vergessen lassen, welcher allerdings gewisse Typen nicht nur für Götter und Menschen in bestimmten und immer wiederkehrenden Stellungen, sondern auch für Tiere, namentlich für die Schlachtrosse, angenommen hat, die zwar eine leichte Abweichung von der Naturwahrheit zeigen, aber nichtsdestoweniger in einer imposanten Weise gedacht sind. Von außerordentlicher Wirkung ist besonders eins dieser Bilder, wo der siegende Ramses, gleich dem schrecklichen Achilleus auf seinem Streitwagen vorgebogen stehend und die weithin mordenden Pfeile entsendend, eine Schar anderer Streitwagen vor sich hin über das Blachfeld jagt, deren Führer bei dem Versuch, eine naheliegende Feste zu erreichen, teils in den Fluß hinabstürzen, teils von anderen verfolgenden Truppen gefangen und grausam niedergemetzelt werden. Andere Bilder stellen Fußvolk im Lager, das Stürmen von Städten, Siegeszüge usw. dar, mit religiösen Prozessionen vereinigt, die sich jedoch, besonders abgeteilt, über den Schlachtbildern befinden. Doch Herrn Rosselinis erschöpfendes Kupferwerk stellt dies alles anschaulicher bildlich dar, so daß ich den Leser besser dorthin verweise, obgleich ich die Bemerkung hinzufügen muß, daß in künstlerischer Vollendung wie in richtiger Kolorierung mir kein Werk bekannt ist, das den ägyptischen Kunstwerken hinlänglich gerecht wird. Ich werde bei Gelegenheit meiner zweiten Anwesenheit in Theben auf diesen Punkt zurückkommen. Wir begaben uns von hier in südlicher Richtung nach einem Hügel, der abermals mit den schwarzen Resten eines koptischen Dorfes gekrönt ist, aus deren Hüttenmauern zwei Tempel und ein Palast in gelber Farbe hervorragen. Der erste dieser Tempel, an den die Römer einige Höfe angesetzt haben, und an dem auch während der Herrschaft der äthiopischen Dynastie in Ägypten ihr König Toraka oder Tiraka gebaut zu haben scheint, ist von mittlerer Größe, aber voll reizender Details, doch wird er weit übertroffen durch den ihm folgenden Palasttempel des vierten Ramses, wo man zuerst in die, jeden anderen Baustil weit überbietenden, gigantischen Proportionen ägyptischer Architektur eingeführt wird. Der vordere Pavillon des Königs, von dem ein Dromos zum eigentlichen Tempel führte, gibt nicht nur eine hohe Idee von der Pracht, sondern auch von der recherchiertesten Eleganz und Grazie jener Epoche, und erschien mir als das wahre Ideal der Privatwohnung eines Großen. Hier sind auch die Bildwerke weniger streng im heiligen Stile gehalten, und wir sehen den König in der Mitte seines Harems von seinen Weibern bedient und mit Blumen und Früchten von ihnen beschenkt, während auf der Außenwand das Schreckbild des siegenden Osiris mit der Streitaxt die wie Bündel an den Haaren zusammengehaltenen Feinde in Form des hundertköpfigen Briareus niederwirft. Kolossale Löwenköpfe schauen als Wasserabgüsse aus den Mauern wie bei den gotischen Bauten, und es ist noch manches andere an diesem Gebäude, was an das Gotische erinnert, zum Beispiel die Zinnen der Außenmauern, welche aus nebeneinanderstehenden Schildern gebildet sind und sich prachtvoll ausnehmen. Ein schönes Gemach mit vielen anmutigen Schildereien und verschieden geformten großen Fenstern, die reich geschmückt und von bunten Adlern oder Geiern auf azurnem Grunde überschwebt werden, ist fast noch ganz erhalten. Das Hauptfenster richtet sich auf das 60 Fuß hohe Tor des Tempels, und man sieht von hier durch dessen Höfe hindurch bis zu seinem äußersten Ende. Riesige Pylonen (Pyramidaltürme, die neben dem Haupttore in doppelter Breite desselben emporsteigen) voller Bilder umschließen dies Tor von rotem Granit, aus dem man in den ersten Hof tritt, dessen rechter Korridor von sogenannten osirischen Pfeilerkolossen, der andere von Säulen mit Lotoskapitälen eingefaßt wird. Man nennt sie allgemein so, obgleich wahrscheinlich eine andere Pflanze zu ihrem Muster gedient hat, die jedoch von den Antiquaren noch nicht bestimmt ausgemittelt wurde. Wilkinson, dessen gründliche und tiefe Forschungen jeder Reisende mit dem größten Dank erkennen muß, der aber englische Vorurteile und orthodoxe Kleinigkeitskrämerei nicht abzuschütteln vermag, kann sich über diesen Mangel an Symmetrie, der ihn überall in Ägypten schockiert, nicht zufrieden geben und hat ein eignes Wort erfunden, um die Ägypter der «Symmetrophobia» anzuklagen. Die religiösen Skrupel machen ihm aber noch mehr zu schaffen, und er geht so weit, die ganze Chronologie der ägyptischen Königsdynastien einigermaßen gegen seine Privatansicht offiziell so zu arrangieren, daß sie mit der Zeitrechnung der Bibel nicht allzusehr in Kollision geraten, ja er schaltet sogar eine ganze Abhandlung ein, um eine Behauptung, der die Prophezeiungen Ezechiels zu widersprechen scheinen, mit diesen wieder mühsam in notdürftigen Einklang zu bringen. Wirklich, man muß bedauern, einen ernsten Forscher und Gelehrten durch solche Niaiserien gestört zu sehen. Unsere Zeit, die doch ein wahrhaft Positives im Glauben nicht mehr hat und es sich aus neuem Stoff erst wieder wird gestalten müssen, sollte sich wenigstens des einzigen Gewinnes, der ihr jetzt noch bleibt, nicht begeben – nämlich des wesentlich kritischen Geistes, der sich über veraltete Vorurteile jeder Art insoweit zu erheben weiß, daß er sie zwar als historisch Vergangenes und damals Notwendiges zu ehren versteht, sie aber auch im orthodoxen Glauben wieder aufwärmen zu wollen nur als eine vergebliche und krankhafte Bemühung ansieht. Was mir noch weniger in Herrn Wilkinsons Buch gefällt, ist seine englische Ungerechtigkeit gegen Champollion; denn obgleich er in einigen Phrasen nicht umhin kann, mit der ganzen gebildeten Welt dessen hohes Verdienst anzuerkennen, so möchte er doch gern insinuieren, daß es eigentlich der Doktor Young und die Engländer seien, welche zur Entzifferung der Hieroglyphenschrift das Eis gebrochen hätten und durch ihre «früheren Entdeckungen» die Winke gegeben, nach welchen Champollion nur weiter geforscht – was ungefähr ebensoviel sagen will, als dem Erfinder des Teekessels einen höheren Ruhm als dem der Dampfmaschine beizulegen. Es ist aber auch eine schon an sich höchst unrichtige Behauptung, da das eigentlich Wesentliche, nämlich die Entdeckung des phonetischen Elements in der Hieroglyphenschrift Champollion ganz allein zu verdanken ist und nur dadurch endlich eine systematische Analyse der letztern möglich ward, die uns in wenigen Jahren besser belehrt hat als die früheren Bemühungen der Gelehrten zu demselben Zweck in vielen Jahrhunderten. Bekanntlich behauptete Young fortwährend, daß die Hieroglyphenschrift nur figurativ und symbolisch sei, selbst der demotische Text der Tafel von Rosette nur aus Zeichen von Ideen bestünde, höchstens, setzt er hinzu, «mit Ausnahme jener wenigen Gruppen, die griechische Namen enthalten.» Später aber gibt Herr Wilkinson sogar nicht undeutlich zu verstehen (S. 55, 56 und 57), daß er sich selbst nicht für viel weniger als einen zweiten Champollion halte (wenn er auch, als façon de parler , sich vor einer solchen Arroganz verwahren will), denn er freut sich bei seinen eignen Forschungen, so häufig dieselben Resultate mit Herrn Champollion aufgefunden zu haben, «obgleich er nie mit diesem in irgendeiner Verbindung gestanden» . Das kann doch nur heißen, daß er ihn nie gesehen, noch mit ihm korrespondiert habe, aber nicht, daß ihm Champollions Entdeckungen unbekannt geblieben seien, ohne deren Hilfe wohl hundert gegen eins zu wetten sein möchte, daß Herr Wilkinson trotz seiner erfolgreichen Forschungen auf eigne Hand und trotz der «early discoveries» des Doktor Young über die heilige Schreibart der alten Ägypter noch in eben dem vagen Dunkel herumtappen würde, in welchem vor Champollion ganz Europa befangen war. Ehre, dem Ehre gebührt! – Doch ich kehre zu unserm Tempel und seinem unsymmetrischen Vorhofe zurück. Mich also erfreut die Symmetrophobia der alten ägyptischen Baukunst, der sie zum Teil ihre größten Effekte und eine stete Mannigfaltigkeit verdankt. Die Griechen wie die alten Italiener haben auch nicht selten die Symmetrie beiseitegesetzt, aber echte Künstler werden es nie auf ungeschickte, das Auge wirklich beleidigende, die Harmonie aufhebende Art tun, wogegen auch bei genauesten Symmetrie verfehlte Proportionen und geschmacklose Zusammenstellung immer die Stümper verraten, wovon leider das ganze moderne Europa, aber vor allen Ländern England selbst die lächerlichsten Beispiele zu Tausenden aufweist. Die Wände der Korridors in dem erwähnten Hofe, welche zu zwei Dritteln verschüttet sind, decken Hieroglyphenreihen von einer Tiefe, die zuweilen an 5 Zoll Einsenkung beträgt. Sie sind alle bemalt, wie auch die Basreliefs auf den Pfeilern und Säulen. Durch ein anderes Pylonenpaar und sein ebenso reich geschmücktes Granittor gelangt man in den zweiten Hof, der glücklicherweise weit weniger verschüttet ist. Niemand, dem irgend einiges Gefühl für das Erhabene beiwohnt, wird ohne Bewunderung durch diese Pforte treten können. Die Größe des freien Raumes, den man vor sich sieht, beträgt zwar nur 123 zu 133 Fuß – denn die Ägypter pflegten die Plätze klein und die Gebäude groß zu machen, während wir gerade das Gegenteil tun –, aber dieser geringe Raum ist mit einem Peristyl ungeheurer Massen umgeben, östlich und westlich aus fünf Säulen, nördlich und südlich aus acht viereckigen Pfeilern mit Karyatiden, die hier unter des Osiris Form Ramses IV. vorstellen. Hinter den nördlichen dieser Kolosse, welche dem Tore gegenüberstehen, befindet sich ein Korridor von noch gigantischeren Säulen mit blauer, goldbesternter Decke, aus welcher gewaltige Adler, ihre schwarzen und gelben Flügel weit ausbreitend, herabschauen. Seine Verhältnisse wird man schon beurteilen können, wenn ich nur anführe, daß die etwas gehauchten Säulen mit schön geformten Kelchknäufen einige Fuß über ihrer Basis 23 Fuß im Umfang haben. Die lebhaften Farben vieler hundert Bilder, welche die Schäfte der Säulen sowie die hohe Schlußwand hinter ihnen bedecken, wo die großen Götter thronen, sind meistens noch wohl erhalten sowie auch die des Architravs, welcher den Hof umschließt, und die bunte, weit ausgeladene Krönung des Ganzen, welche bei allen ägyptischen Tempeln einen so eigentümlichen und grandiosen Effekt hervorbringt. Auf dem Architrav ist die Dedikation des Tempels dargestellt, in deren Hieroglyphenschrift Wilkinson (wohl mit Champollions Hilfe) unter andern las, daß der König das adytum (Heiligtum) außer seinen architektonischen Zierden auch noch mit Silber und Edelsteinen ausgeschmückt hatte. Viele der Festzüge sind höchst prächtig und instruktiv für die Kenntnis alter Gebräuche und Vorstellungen. Eine Krönung kommt unter anderem darin vor, von der symbolisch Vögel rechts und links davonfliegen, um sie nach allen Weltgegenden hin zu verkünden, was heutzutage die Zeitungen freilich noch schneller besorgen. Champollion und Wilkinson beschreiben alles dieses höchst ausführlich, wie auch die großen und herrlichen Skulpturbilder auf den Außenwänden des Tempels, deren Mannigfaltigkeit von Schlachten und Siegen zu Land und zur See, von Armeen, die gleich regelmäßig disziplinierten Truppen abgeteilt marschieren, von Legionen in die Flucht gejagter Feinde, von Gefangenen, denen man die Hände abhaut, während ein dabeistehender Sekretär die Zahl derselben verzeichnet, von Triumphzügen, Siegesopfern usw. monatelang Stoff zu Untersuchungen geben könnten, und – Ramses den Dritten oder Vierten fast als einen ebenso erfolgreichen Eroberer als seinen großen Vorfahren Sesostris darstellen. Unter einem Gemälde, das seine Rückkehr nach Ägypten darstellt, ist ihm folgende Anrede an seine Truppen in den Mund gelegt: «Überlaßt Euch der Freude, sie erhebe sich bis zum Himmel! Die Fremden sind niedergestürzt. Das Schrecken meines Namens ist über sie gekommen und hat ihre Herzen erfüllt. Wie ein Löwe habe ich mich ihnen entgegengestellt, sie verfolgt wie ein Habicht und ihre verbrecherischen Seelen vernichtet. Ich habe ihre Flüsse überschritten und ihre Festungen verbrannt. Ich bin für Ägypten eine Mauer von Erz. Du mein Vater Ammon-Ra hast es mir so befohlen, und ich habe die Barbaren verfolgt, alle Teile der Erde habe ich siegend überschritten, bis die Welt selbst zuletzt sich meinen Schritten entzog. Die Könige der Erde bezwang mein Arm, und mein Fuß zertrat die Nationen.» Man sieht, alte Eroberer sind ebenso religiös wie moderne und vergessen nie das «Tedeum» nach dem – Schlachten. Einige glauben, daß dieser König bis an das Kaspische Meer und den Oxus vorgedrungen sei, was jedoch schwer zu beweisen sein möchte. Zwei andere Höfe des kolossalen Palasttempels sind ganz verschüttet und nichts als die rechte Außenmauer derselben voll herrlicher Skulpturen noch sichtbar, durch welche die späteren Christen unbekümmert zwölf Pforten mitten durchgebrochen und, um auch ihre Kunst zu zeigen, verschiedne kleine Kreuze darüber eingemeißelt haben. Der ganze Tempel ist übrigens durchgängig mit den neueren Ruinen des koptischen Fleckens durchwirkt und überdeckt, so daß eine gründliche Wegräumung des Schuttes und Niederreißung jener schändenden Anhängsel diese prachtvollen Gebäude gewiß noch an den meisten Stellen wohlerhalten zeigen und wenigstens den Totaleffekt ihrer einstigen imposanten Schönheit wiederherstellen würden. Von der Plattform, zu der eine enge, aber sanft ansteigende Treppe führt, hat man eine umfassende Aussicht auf den weiten Raum, den das alte Theben auf beiden Seiten des Nils einnahm. In der Nähe rechts nach Süden hin erblickt man zuerst die Spuren hoher Erdaufwürfe gleich den Ufern eines großen künstlichen Sees, vielleicht desselben, über welchen die Toten gefahren wurden. Prokesch hält diese Dämme wohl irrtümlich für Reste einer Umwallung der Stadt, da sich nirgends weiter in dem mehrere Stunden betragenden Umfang derselben, den die vielen Ruinen hinlänglich bekunden, eine Spur von einer solchen Einfassung irgendwo mehr zeigt. An die Dämme schließt sich eine reiche Flur, durch welche der Nil gewunden strömt, aus einem Kranz blauer Berge herkommend, hinter denen noch in so weiter unbekannter Ferne seine geheimnisvollen Quellen sich bergen – vor sich im Osten sieht man in der Ebene die sitzenden Memnonskolosse, welche auch von hier ihren schauerlichen Geistereffekt nicht verleugnen, und jenseits des Flusses steigen hinter ihnen die alles überragenden Riesenruinen von Luxor und Karnak empor, umgeben von Wald, an dessen Saume sich in kühnen Formen das arabische Gebirge lagert. Im Norden endlich ziehen sich die früher beschriebenen Tempelreste von Gurneh und die des Ramsejums mit der öden weißgebleichten Nekropolis längs den libyschen Felsenwänden hin; in der fortgesetzten Landschaft erscheint dann aufs neue der Nil, von grünen Feldern treu begleitet, bis dahin, wo Himmel und Wüste die Erde zu verschlingen scheinen und, ihren blau und weißen Mantel niedersenkend, zwar alles Weitere dem irdischen Bilde entrücken, doch auch hier der Phantasie des Menschen noch keine Grenze zu stecken vermögen. Wir kehrten, um prosaisch zu frühstücken, in den köstlichen Tempelhof zurück und besahen dann bei Fackelschein noch einige seiner dunklen Nebengemächer, die auch in diesen Räumen, wo das Licht der Sonne ausgeschlossen blieb, mit einer unbegreiflichen Masse eingegrabner oder erhöhter Bilder geschmückt sind und für den düstern, geheimnisvollen Kultus der Priester, so gut wie vielleicht auch für seinen Mißbrauch, gewiß nicht ohne guten Grund in finstere Nacht gehüllt wurden. In einem dieser Zimmer sah ich einen Sphinx mit einem Pferdekopfe, das einzige Beispiel dieser Art, was mir in Ägypten vorgekommen ist. Man bemerkt es kaum unter solchen gigantischen Proportionen, daß in späterer Zeit die Kopten in diesem Hofe sich auch eine Kirche erbaut haben, obgleich die barbarisch geformten Diminutiv-Säulchen derselben noch rund umher aufrecht stehen. Sie verschwinden so gänzlich vor dem Gigantenbaue neben ihnen, daß sie ihn nicht mehr stören als die Fliege, welche sich auf eines Riesen Nase setzt. Für diesen Tag blieb uns nur noch die Nekropolis zu sehen übrig. Der erste Gegenstand, der hier die Aufmerksamkeit fesselt, ist ein kleiner, aber sehr zierlicher, buntschimmernder Isistempel, von der schönen Kleopatra, glaub' ich, erbaut und wie ein Boudoir aufgeputzt. In einem seiner dunkeln drei Gemächer wird der Apis auf einer großen Barke gefahren, die eine sehr deutliche Idee von der Konstruktion und Einteilung der Fahrzeuge jener Zeit gibt. Es ist schade, daß eine abscheuliche Erdmauer aus Nilschlamm, in späterer Zeit aufgeführt, dieses elegante Gebäude umschließt. Durch öde Schluchten gelangt man in einer Viertelstunde von hier neben unzähligen Katakomben vorüber zu den Gräbern der Königinnen und andrer Vornehmen, welche eine Menge Gegenstände aus dem gewöhnlichen Leben darstellen, als: Tänze, Konzerte, Jagden der mannigfaltigsten Tiere, Besuche fremder Fürsten, Mahlzeiten, alle Arten von Handwerken, Wasserfahrten, Fischereien und dergleichen mehr. In dieser Hinsicht erscheinen mehrere Gruften angesehener Privatleute oft noch interessanter als die immer mehr heilige Gegenstände enthaltenden, königlichen Gräber, und bei längerem Aufenthalt müssen sie große Aufschlüsse über manches noch Zweifelhafte der ägyptischen Vergangenheit geben. So sind wir geneigt, uns die Lösung der wichtigen Frage zuzuschreiben, ob die alten Ägypter geraucht haben oder nicht, indem wir glauben, in einem Bilde deutlich eine Gesellschaft aus langen Pfeifen Rauchender entdeckt zu haben, auch sahen wir, gegen Herodots Ausspruch, daß die Ägypter kein Schweinefleisch gegessen, ein gebratenes unverkennbares Ferkel auf der Schüssel. In der entferntesten Nische findet man oft zwei oder drei bemalte Statuen, wahrscheinlich Bilder der Begrabenen, in Lebensgröße nebeneinander sitzen, welche vollkommen unseren Wachsfiguren gleichen und auch auf keinen viel höheren Kunstwert Anspruch machen können. Das merkwürdigste an ihnen ist die beispiellose Konservation einiger derselben, die erst gestern aufgestellt worden zu sein scheinen, obgleich sie ihren Platz schon seit dreitausend Jahren hier behaupten. Noch grandiosere Grabpaläste wie auch die Spuren eines andern großen Tempels bietet das angrenzende Tal von Assasif, in dem zerbrochne Mumiendeckel, Knochen, vertrocknete Körperteile, Binden und Stöcke der feinen mit Harz getränkten ägyptischen Leinwand wie auf einem Schlachtfelde umhergeworfen sind. Eins der in Assasif befindlichen Gräber, von denen die meisten Priestern angehörten, ist ein wahres Labyrinth und selbst von größerem Umfang als irgendeine der Königsgräber in Bab-el-Melech. Seine Säle, Treppen, Gänge und Zimmer ohne Ende nehmen unter der Erde fast den Raum von zwei Morgen ein, und alle diese in ewige Nacht begrabne Hallen sind bis auf den kleinsten Winkel mit den sorgsamst ausgeführten Skulpturen bedeckt, auch mit vielen Hunderten zierlicher, kleiner Statuen geschmückt, die jedoch leider alle absichtlich zerstört, wie die Wände durch mutwillig angelegtes Feuer schwarz gefärbt wurden. Die Sarkophage selbst sind sämtlich geraubt und die tiefen Brunnen jetzt leer, in welche sie versenkt waren und neben denen zuweilen nur ein fußbreiter Weg nicht ohne Gefahr in der Dunkelheit vorüberführt. Der Besitzer dieses Grabmonumentes von so lugubrer Pracht hieß Petamunap, ein vornehmer Priester, dessen Name auch auf einem der Granittore des kleinen Tempels von Medinet-Abú, wo er als Erbauer dieses Tores genannt ist, angetroffen wird. Beide Werke zeugen von dem Reichtum der Privaten in jener Zeit, welche damals Unternehmungen ausführen konnten, die selbst unsern heutigen Herrschern zu kostbar vorkommen möchten. Wir beschlossen diesen ersten Tag in Theben mit Besteigung des Felsens hinter dem erwähnten Tempel, von dem nur noch ein Granittor und wenige Gemächer übrig sind, um noch einmal die Gegend im Rosenlicht der hinter uns sinkenden Sonne zu überschauen. Der Ausdruck «Rosenlicht» ist keine Metapher, denn die ägyptische Sonne hüllt wahrhaft an heitern Abenden alle Gegenstände, die fahle Wüste selbst, in ein schimmerndes Rot von so sanftem Glanz und blühender Frische, daß keine Beleuchtung in Europa (als etwa bei Gropius) einen hinlänglichen Begriff davon zu geben imstande ist und kein Maler ein solches Bild treu darzustellen wagen würde, noch könnte.   Den zweiten Tag widmeten wir ausschließlich den Königsgräbern im Gebirgstale Bab-el-Melech, jenen staunenswürdigen Palästen der Unterwelt, die von allen Werken dieses außerordentlichen Volkes wenn nicht das größte, doch gewiß das eigentümlichste sind. Schon der Weg dahin hat etwas tief Ergreifendes. In das Innere des Gebirges eindringend, führt er über eine halbe Stunde lang in den Windungen einer hohen Felsenschlucht hin, die sich abwechselnd verengt und erweitert, aber nie die Breite einiger hundert Schritte übersteigt. Alle Vegetation ist hier gänzlich verschwunden, es ist schon die Wüste, aber nur eine aus sich übereinandertürmenden Felsen bestehende, und Millionen böte man vergebens für ein Gräschen in der Größe einer Stecknadel. Dagegen scheinen die unheimlich gestalteten Steinmassen das Pflanzenleben teilweise nachäffen zu wollen, denn bald gleicht eine derselben hier einem aufgeschossenen Pilze, dort einem vom Sturm abgebrochnen Stamme, bald äfft ein durchlöcherter Block versteinertes Blätterwerk nach, oder die krause Oberfläche schwarzer Abhänge erscheint in ihrer dunkleren Farbe gleich dem verworrenen Gestrüpp der Heidekräuter. Alle diese Felsen aber, diese Steine und Sandabhänge zeigen sich fortwährend wie mit einem rötlichen Schein überzogen, als seien sie angestrahlt von den Flammen irgendeines verborgnen Feuers, was die sengende Hitze, welche hier herrscht, noch mehr zu bekräftigen scheint. Über sie wölbt sich ein dunkelblauer, eherner Himmel ohne die Spur eines vorüberziehenden Wölkchens – denn mit dem Leben hat auch jede Bewegung hier aufgehört, selbst am Himmel, nur Farben deuten noch auf Belebtes hin wie in den bunten Wundergräbern selbst, deren unterirdische Pracht sich uns nun bald eröffnen wird. Ein spitzer Berg erhebt sich plötzlich höher als alle übrigen, ihn stützende, wallartige Felsengewände treten in langen, senkrecht abstürzenden Mauern daraus hervor, und unter ihnen werden hie und da einige schmale, zum Teil halb verschüttete Eingangspforten, wie zu Felsenkellern hinabführend, sichtbar. Wer ahnte, was hier verborgen liegt und daß diese unscheinbaren, ungeschmückten Öffnungen, die man kaum bemerkt und die früher absichtlich dem Auge durch davor aufgetürmten Schutt ganz verborgen worden waren, zu Palästen der Nacht im Schoße der Erde führen, die, obgleich sie nie bestimmt waren, von menschlichen Augen gesehen zu werden, dennoch eine Welt von unsäglicher Arbeit, zauberischer Pracht und höchster Kunst entfalten sollten. Gewiß ist dies das einzige Beispiel, daß Menschenwerke mit kolossalem Kraftaufwand geschaffen wurden, nur um sich allein zu genügen gleich der ewigen Natur selbst, unbekümmert, ob je ein lebendes Wesen ihnen die schuldige Verwunderung zolle. Dem Tode allein, der Nacht und ewigen Verborgenheit blieben sie geweiht. Doch die folgenden Maulwurfsgeschlechter, voll Unruhe und Habgier, ließen ihnen die gewünschte Ruhe nicht. Alles ward durchwühlt, geschändet, beraubt von einer Nation nach der andern, dann wieder Jahrhunderte vergessen und wieder geöffnet und so fort bis auf unsere Zeiten. Dennoch ist es problematisch, ob alles, was diese weiten Felsenschluchten bergen, aufgefunden worden ist. Strabo zum Beispiel gibt vierzig Königsgräber in diesem Bezirke an, und jetzt sind nur noch siebzehn bekannt, die alle mehr oder weniger gelitten haben. Nur das von Belzoni entdeckte, obgleich schon früher einmal unvollständig geöffnet, war in der Hauptsache ganz intakt geblieben und ist auch jetzt noch von allen eben dieser besonders unschätzbaren Erhaltung wegen das merkwürdigste. Leider haben indes die wenigen, seit Belzonis glücklichem Fund verflossenen Jahre schon so greuliche, wenngleich nur partielle Verwüstungen durch Kunstfreunde mit sich geführt, daß, wenn es so fortgeht, auch dieses Grab bald vor den andern nichts mehr voraus haben wird. Ich tadle dabei nicht einmal so sehr das Genommene – denn die Versuchung ist stark, und kein Eigentümer war mehr vorhanden –, sondern nur die unverantwortliche Barbarei, mit der man zum Beispiel ganze Pfeiler und Gemälde zerschlug, um einen einzigen gemalten Kopf davon abzulösen; eine ganze Wand mit der kunstreichsten Hieroglyphenschrift unleserlich machte und ihren herrlichen Effekt verdarb, um sich ein paar auffallende Figuren davon herauszureißen; mit den schönsten Bildern und Zierden bedeckte Vorsprünge in den Gemächern zertrümmerte, um zu sehen, ob nicht etwas dahinter verborgen sei; ja mutwillig die größten Kunstwerke der Bildnerei abschabte und abblätterte, um die Natur des aufgetragnen Stucks und der Farben zu untersuchen; oder gar die bewunderungswürdigsten Gruppen, die reizendsten Gestalten wählte, um quer durch sie hindurch einen vermaledeiten Namen einzumeißeln, der mit schamloser Brutalität sich hier selbst an den Pranger stellt. Es gehört wahrlich stoische Philosophie dazu, wenn man dergleichen in jedem Raum wiederholt antrifft, sich dadurch den Genuß an den zauberischen Wunderwerken, die man vor sich sieht, nicht zur Hälfte verleiden zu lassen. Zu einigen dieser Totenpaläste muß man tiefe und steile Treppen mühsam hinabsteigen, zu andern sich über Schutt und Steine fast hinabkollern lassen, einige senken sich aber nur allmählich und bieten sogleich (manche selbst noch im Schein des Tageslichts, das durch den jetzt weit geöffneten Eingang in Fülle eindringt) eine Reihe von Sälen und prachtvoll eingefaßten hohen Türen dar, die, sich fast unabsehbar in grader Linie ausdehnend, bei ihrem ersten Anblick ganz den Festlokalen, den sogenannten großen Appartements in den Hotels und Schlössern unsrer Fürsten gleichen. Viele andere Gemächer und Galerien befinden sich außerdem noch an beiden Seiten, aber erst am Ende des Ganzen, gewöhnlich in dem größten und am reichsten geschmückten der Säle steht des Königs riesiger Granitsarkophag als Schale des inneren, reicheren, in dem der Körper lag. Mehrere von diesen wurden weggeschleppt; die gebliebnen sind alle zerbrochen und ihres Inhalts beraubt worden. Es ist gewiß, daß die meisten dieser glänzenden Wohnungen der Toten, wenn man sie in Europa ans Tageslicht bringen könnte, jedem neuernannten konstitutionellen Minister oder eben in der Hauptstadt angelangten Ambassadeur höchst erwünscht als Hotels erscheinen würden. Denn hier ist nichts von jenen niedrigen und engen Fuchsgängen der Pyramiden, die man nur gebückt oder auf dem Bauche kriechend passieren muß, noch jenen elenden schwarzen Steinlöchern derselben, zu ehrerbietig von uns Zimmer genannt. Alles atmet hier Größe, Bequemlichkeit und Schmuck. Während aber in unsern Prunksälen meistens nur nichtssagende seidne oder gar papierne Tapeten die Wände decken und hie und da in goldigem Rahmen einige mittelmäßige Gemälde und Kupferstiche daran aufgehangen sind, bilden hier Wände, Decken, Säulen und Pfeiler eine fortlaufende Kette unzähliger Bilder und Skulpturen höchsten Kunstwertes von der mannigfachsten Art, von den verschiedensten Größen, Farben und Kompositionen, und alle diese Bilder, die das Auge und die Phantasie so lebhaft ergötzen – sind zugleich eine Sprache , ein wörtlicher oder bildlicher Ausdruck der vielseitigsten, ja vielleicht der erhabensten Ideen, die ebenso innig unser Gemüt wie unsern Verstand ansprechen würden, wenn wir sie alle zu entziffern verständen. Doch fehlt es auch nicht ganz an bloßen Formzierden, wie wir sie gewohnt sind, und bewunderungswürdig ist auch bei diesen Mustern die Originalität, der feine, geläuterte Geschmack und vor allem die kunstreiche Zusammenstellung der Farben, worin die Ägypter allen andern Nationen überlegen gewesen zu sein scheinen. Die dadurch hervorgebrachten Effekte eröffnen dem Farbensinn ein ganz neues Feld, und ich sehe die Zeit schon im Geiste, wo nicht nur Künstler und Dekorationsmaler, sondern auch die «commis voyageurs» unsrer Fabrikherren, in deren Fach dergleichen schlägt, nach Theben kommen werden, um Studien dieser Art hier in den Königsgräbern für Kaliko, Gingan usw. obzuliegen. Dem Direktor einer Indiennefabrik in Kahira gab ich bereits einen solchen Wink, um seine bisher von Elberfelde bezognen Dessins etwas nationaler zu machen – und er ergriff ihn mit so viel Feuer, daß wir vielleicht bald unsern leider immer schlechter werdenden Geschmack auch auf Kattun und Zitz vom modernen und antiken Ägypten zugleich durch gutes Beispiel verbessert sehen werden. Herr Wilkinson hat die Königsgräber numerieren lassen, was für die Reisenden bequem ist, und ich werde mich bei den kurzen Notizen, die ich über einige derselben zu geben beabsichtige, dergleichen Bezeichnung bedienen. No. 11, die Ruhestätte Ramses III., Erbauers des gestern beschriebnen großen Tempels zu Medinet-Abú, scheint mir eins der prachtvollsten und in seinen Skulpturen und Malereien kunstvollsten dieser Gräber zu sein, hat aber leider durch einst hier eindringende Wasserströme, deren nun verstopftes Bett man noch deutlich vom Eingange aus verfolgen kann, und die daraus entstandene, fortdauernde Feuchtigkeit unsäglich gelitten. Da es jetzt fast nie hier regnet, kann man sich kaum erklären, wo diese Wässer hergekommen sind. Die Länge der Zimmer-, Galerien- und Säulenreihen in diesem Grabe beträgt 405 Fuß bei einem nur schwachen Fall von 31 Fuß auf diese ganze Distanz. Glücklicherweise sind eine Menge kleiner Seitenzimmer, bei denen das Wasser vorüberfloß, weit besser erhalten, und grade die Schildereien in diesen geben uns den interessantesten Aufschluß über Sitten und Gebräuche der alten Ägypter, über ihre Waffen, Möbel, Utensilien, Instrumente und andere Dinge der verschiedensten Art. In einem dieser Gemächer sehen wir zum Beispiel die Abbildung aller Formen der damals üblichen Nilfahrzeuge, einige mit großen quadrierten Segeln in den jetzigen französischen Nationalfarben und mit den reichsten Zieraten versehen. In einem andern bewundert man die Eleganz ägyptischer Möblierung. Viele der Fauteuils, Bettstellen und Ruhebetten, die letzteren unsern «Chaises longue» ganz ähnlich, möchte man aus einem Londner oder Pariser Modejournal kopiert glauben. Sie stellen sich fast sämtlich als von Holz, selten von Metall und häufig mit vergoldeter Bronze verziert wie mit reichen Zeugen beschlagen dar. Ebenso geschmackvoll erscheinen mehrere Echantillons von Porzellanvasen, Krügen und Wasserbecken, Körben, Teppichen, Decken von Leopardenfellen usw. In dem Zimmer der Waffen bemerkt man viele blaue Klingen, was einen Zweifel an der Behauptung erregen möchte, daß die Ägypter Stahl und Eisen nicht gekannt und ihre Waffen von Bronze gemacht haben sollen. Auch Küche und Keller mit den Funktionen des Kuchen- und Brotbackens werden uns im größten Detail vorgeführt. Man sieht schlachten, kochen und braten, Wein abziehen usw. Mannigfache Produkte des Landes füllen ein anderes Zimmer, wie Musikinstrumente ein anstoßendes, wo zwei blinde Sänger sich auf Harfen akkompagnieren, die von den noch jetzt bei uns üblichen nur wenig verschieden sind; Ackerbau und Gartenkunst werden in einem folgenden Gemache detailliert. In jedem dieser Zimmer war ein in den Boden eingelassenes Grab, und Herr Wilkinson stellt die artige Hypothese auf, daß hier immer derjenige respektive Diener vom Haushalte des Königs begraben lag, dessen Beschäftigungen im Leben den erwähnten Darstellungen analog gewesen waren. Selbst der äußere Granitsarkophag des Königs fehlt in seiner ganz durch die Feuchtigkeit zerstörten Grabhalle. Er ward von Herrn Salt entführt. Übrigens bleibt es noch sehr problematisch, ob die Könige wirklich jemals in diesen ostensiblen Särgen gelegen haben. Vielleicht dienten diese nur dazu, um desto sicherer über ein so heiliges Depot irrezuführen, und es könnte daher wohl sein, daß alle diese weitläufigen Grabmonumente noch sorgsam verborgne, geheime Räume enthielten, die so künstlich und auf so solide Weise dem Auge entrückt sind, daß nur der Zufall vielleicht einmal zu einer Entdeckung eines derselben führen mag. Das früher bereits erwähnte, von Belzoni aufgefundene Grab No. 17 gibt darüber schon einige bedeutende Winke. Dies wegen seiner fast unglaublichen Frische ohne Zweifel belohnendste von allen ist nicht so bequem zu erreichen als das vorhergehende. Man muß, was bei der hier herrschenden dumpfen Hitze immer beschwerlich wird, eine fast perpendikuläre, noch immer ganz mit Schutt angefüllte Treppe von 24 Stufen hinabklettern, die Belzoni vermauert und durch davor aufgekastetes Steingerölle versteckt fand. Hierauf kommt man in einen Gang, der 19 Fuß lang und 9 Fuß breit ist; dann geht abermals eine Treppe von ungefähr gleicher Tiefe als die vorige hinab, hinter der man durch einen 30 Fuß langen Korridor und zwei sich folgende Tore in eine Halle von 14 zu 12 Fuß gelangt. Hier zeigte sich Belzoni, als er soweit gekommen, nur ein tiefer Brunnen, der das Ende des Ganzen zu sein schien. Alle Wände desselben waren mit zusammenhängenden, auf das sorgfältigste ausgeführten Bildern bedeckt, was gewiß an dieser Stelle keinen ferneren Eingang vermuten lassen konnte. Doch Belzoni, der von der Natur eigens zu einer Bestimmung dieser Art geschaffen zu sein schien und materiell wie Champollion geistig von allen Reisenden bei weitem die größten Resultate in Ägypten erreicht hat, ließ sich so leicht nicht abschrecken. Eine Spalte in der Mauer und ein hohler Klang gaben ihm die Richtung, in der er sich mit Anwendung eines alten Palmstammes als Mauerbrecher durch die Götterbilder (hier mit Recht zerstörend) einen Weg bahnte, und man kann sich die freudige Überraschung des Beharrlichen denken, als ihm durch die gewaltsam gemachte Bresche sogleich die unberührte Farbenpracht eines Zimmers von 26 Fuß Durchmesser beim Schein der Fackeln entgegenglänzte. Vier massive Pfeiler tragen dies köstlich verzierte Gemach, dem ein andres von gleicher Größe unmittelbar folgt. Wenn das erste durch seine vollendete Pracht entzückt, so gewährt das andere noch ein höheres Interesse für uns, eben weil es unvollendet geblieben ist und uns dadurch in die von den ägyptischen Künstlern angewandte Technik einweiht, zugleich aber den höchsten Begriff von ihrer Gewandtheit, Korrektheit und Sicherheit im Zeichnen gibt. Es scheint fast, daß in dieser ägyptischen Kastenwelt wenigstens häufig so verfahren wurde, daß auf der geglätteten Wand der Bildhauer zuerst mit Rötel in flüchtigen Skizzen die Sujets angab, worauf der Zeichner in scharfen schwarzen Umrissen, deren kühne Festigkeit wahrhaft in Erstaunen setzt, alle Figuren tracierte, welche wahrscheinlich hierauf erst vom Bildhauer in Basreliefs umgewandelt und zuletzt vom Maler koloriert wurden. Man steigt jetzt abermals eine Treppe hinab mit erhöhten Korridors zu beiden Seiten und erreicht nach der Besichtigung mehrerer Zimmer von verschiednen Größen – alle so voll der vortrefflichsten Skulpturen und Malereien, daß man in wochenlangem Studium sie nicht erschöpfen würde, und die, wo Menschen sie nicht beschädigten, von der Zeit ganz unberührt geblieben sind – die große Halle von 30 Fuß ins Gevierte, welche sechs Pfeiler tragen. Aus dieser tritt man in einen gewölbten Saal, 30 Fuß lang und 19 Fuß tief, in dessen Mitte in einem Gehäuse von Granit der berühmte Sarkophag aus orientalischem Alabaster stand, dessen Inneres aber leer war. Unmittelbar an diesen schließt sich, von Mauerwerk früher künstlich verdeckt, eine Treppe, die in einen absteigenden Gang führt, welcher dermalen noch 150 Fuß tief in das Herz des Felsens niedersteigt, wo er eingestürzt ist. Wohl möglich, daß dieser mit Theben kommunizierte und seine Wiederherstellung zu überraschenden Resultaten fuhren könnte. Doch nur Mehemed Ali wäre fähig, eine solche Untersuchung auszuführen, wozu er schwerlich zu bewegen sein möchte. Dergleichen bleibt einer spätern Kulturstufe Ägyptens vorbehalten, die dann, trotz der Räubereien und Zerstörungen so vieler Jahrhunderte, sich noch ein reiches Feld ganz neuer Entdeckungen in der Erde Eingeweiden öffnen wird. Bis zu der Stelle, wo der eben erwähnte eingestürzte Gang sich vorfindet, ist dieses Grab 180 Fuß tief, und seine horizontale Länge beträgt 320. Es barg nach Champollion oder birgt noch an unbekannter Stelle den König Osirei, des großen Ramses Vater, wie die langen Hieroglyphenreihen im ersten Korridor und die Ringe des Königs am Eingang aussagen. Der Alabastersarg, den Champollion aus diesem Grabe entführte, war leer. Eins der auffallendsten Bilder in der ersten Halle sind die porträtierten Darstellungen verschiedner Nationen, unter denen trotz Wilkinsons Widerspruch die Juden durchaus nicht zu verkennen sind, obgleich es wohl möglich ist, daß sie zugleich als Repräsentanten einer größern Abteilung der Erdbewohner hier gelten sollen, denn auch die Araber sind nur Juden zu Pferde. Die Kunst zu charakterisieren besaßen überhaupt die Ägypter in hohem Grade, und ein humoristischer Hang zur Karikatur wird nicht weniger in ihren Kompositionen sichtbar. So fand ich eine Hinrichtung, wo der Scharfrichter, über sein Opfer gebeugt, ganz die Stellung und den sentimentalen Ausdruck eines Vaters hatte, der seine Kinder segnet, während er sie in die andere Welt zu befördern im Begriff ist. Ein anderer seiner Kollegen hieb dagegen so furchtbar mit seinem breiten Schwerte zu, daß drei schon vorher expedierte Verbrecher noch ruhig auf den Knien lagen, ohne daß irgendwo eine Spur ihrer Köpfe am Boden sichtbar ward, als seien diese zu weit weggeflogen, um sie auf demselben Bilde noch mit darstellen zu können. Die Mysterien der Zeugung sind ebenfalls seltsam behandelt, worunter ein Franzose grobe, zynische Anmerkungen geschrieben hatte. Einige Bilder scheinen fast auf Menschenopfer hinzudeuten, und andere beziehen sich auf uns jetzt ganz unverständliche Mysterien. Viele der größeren Gruppen, meist opfernde Könige und thronende Götter darstellend, sind von so hoher Vortrefflichkeit, daß sie den berühmtesten Künstlern aus den besten Zeiten der Kunst Ehre machen würden, und besonders mußte ich über die Mannigfaltigkeit im Ausdruck der Physiognomien erstaunen, welche die Schöpfer dieser Werke bei einer immer fast gleichen Stellung des Kopfes im Profil dennoch dem Antlitz ihrer Figuren zu geben gewußt hatten, ein wahrhaft Raphaelischer Reichtum der Gestaltung. Abgerechnet dem unbestreitbaren hohen Kunstwert dieser Leistungen, ist die in allen Zimmern ganz voneinander abweichende Einteilung und Disposition derselben sowie die sinnige Farbenwahl, auch zugleich als bloßer Schmuck und Dekoration betrachtet, mit einer wunderbaren Sagazität berechnet, wobei selbst die Hieroglyphentexte zugleich als die elegantesten Zierden für die Zimmer dienen. Ich bin überzeugt, daß selbst eine Person, die von reinem Kunstgenuß gar keinen Begriff hätte, dennoch aus diesen Räumen bloß hinsichtlich der lieblichen Ausschmückung und der entzückenden Farbeneffekte den angenehmsten Eindruck mit sich hinwegnehmen würde. Jedes Gemach hat seinen ganz eigentümlichen Charakter. In der großen Halle zum Beispiel ist der Grund gleich mattem Golde; die Bilder weniger bunt; in den Seitenzimmern der Grund weiß mit der variiertesten, doppelt reichen Farbenpracht; in dem Saal des Sarkophages schwarz mit blaß gelbrötlichen Bildern, die nur an sehr wenigen Orten durch das brennendste Bunt in den weitgespreizten Flügeln des königlichen Adlers gehoben werden. Die Fülle der Figuren und fremdartigen Gegenstände aller Art in diesem letzteren Saal, ihre mysteriöse Seltsamkeit und ihr fahler Schein auf dem nächtlichen Grunde machen eine unbeschreibliche Wirkung, die noch schauerlicher gewesen sein muß, als der transparente, vielleicht erleuchtete Alabastersarg in des Saales Mitte stand. Man machte, wie mir mein alter Führer erzählte, diesen Versuch vor der Abführung des Sarkophags nach England, indem man mehrere Fackeln hineinstellte, den Rest des Saales dunkel ließ, aber alle übrigen Zimmer durch Lichter, die an Festons von Stricken befestigt wurden, reich erleuchtet hatte – eine «chambre ardente», wie sie selten wieder zu betrachten sein wird. Welche Pracht mögen aber erst die Zeremonien der Priester Ägyptens in einem solchen Lokale entfaltet haben, zu dem sie vielleicht auf unterirdischem Wege aus Theben hinaufstiegen, um des Königs Leiche die letzte Ehre zu erweisen und bis zur Auferstehung nach vielen Jahrtausenden vor jedem Blicke der Profanen zu bewahren. Über die Verwüstungen, welche die «Liebhaber» hier verübt, sprach ich bereits; der Himmel oder die unterirdischen Götter mögen diese unschätzbaren Überreste alter Größe in Zukunft besser bewahren und die Stehlenden wenigstens mit mehr Gewissenhaftigkeit und Ökonomie dabei zu Werke gehen! Mit diesem frommen Wunsche schließe ich meine Beschreibung, die, wenn sie dem Leser zu lang vorgekommen ist, ihm wenigstens durch die kürzeste Erwähnung aller noch übrigen Königsgräber vergütet werden soll. Nachdem wir ein halbes Dutzend derselben besucht hatten, wählten wir eins, das in seinen Proportionen zu den großartigsten gehört, obgleich es weniger ausgedehnt ist, zu unsrem Speisesaale aus. Währenddem dies vor sich ging, bereitete mein Dragoman Giovanni eine sonderbare Überraschung; denn als wir nach beendeter Mahlzeit in das Innere vordrangen, das sich nur sehr wenig senkt, erblickten wir schon von weitem den enormen Granitsarg, den einzigen zu Bab-el-Melech, der fast ganz erhalten ist, und mitten darauf eine Inschrift mit ellenlangen Buchstaben in schwarzer Ölfarbe. Es war wirklich mit einigem Entsetzen, daß ich in dieser meinen eigenen Namen auf dem Sarge entzifferte, dem sogar oben in der Schnelligkeit eine Wappenkrone und unten mein mystisches Glaubenszeichen beigefügt worden waren. Wäre ich nur noch ein wenig abergläubischer als ich es schon bin, so hätte mir dies als ein funestes Omen gelten können, so überwand das Lachen der Ärger, doch verlangte ich die Auslöschung der «untoward inscription». Es war aber nur möglich, die Krone zu entfernen, der Name widerstand allen Bemühungen, und es bleibt mir daher nichts übrig, als den alten Herrscher Ramses V., dem das Grab gehört, hiermit feierlichst zu bitten, es mir nicht entgelten lassen zu wollen, wenn mein Name sich so ungebührlich, aber wahrlich ohne meine Schuld, auf seinem königlichen Sarkophage «eingeschwärzt» hat. Wir beendigten nachmittags bei nicht geringer Hitze die Untersuchung des vollen Dutzends und nahmen darin unsern Rückweg in der Abendkühle, größtenteils zu Fuße quer über die romantischen Felsen hinweg, wo es an senkrechten Abgründen von mehreren hundert Fuß Tiefe und Aussichten bis in die weiteste Ferne nicht fehlte. Hiermit waren Thebens Wunder am linken Nilufer besichtigt. Erst im Dunkel der Nacht nahm uns Erschöpfte und vor Durst fast Verschmachtete die friedliche Barke wieder unter ihrem Zeltdache auf und wiegte uns sanft in der goldglänzenden Mondnacht nach dem rechten Ufer hinüber. Was ich nun noch über die Gräber der Könige zu sagen haben könnte, verspare ich auf den zweiten Besuch bei meiner Rückkunft, um weder auf einmal zu sehr zu ermüden, noch der historischen Behandlung meiner Reise untreu zu werden, welche ich deshalb vorziehe, weil ich eben nicht die Absicht habe, Kompendien zu schreiben, sondern nur die Geschichte des von mir Erlebten zu geben und vom Selbstgesehenen auch dem Leser den möglichst lebendigen Totaleindruck in derselben chronologischen Ordnung zurückzulassen.   Großes war in diesen Tagen an uns vorübergegangen, doch Größeres noch stand uns bevor! Vor Luxor und Karnak muß der stolzeste Geist sich beugen. Man glaubt Werke von Halbgöttern zu erblicken, denn die jetzigen Menschen sind ihrer nicht mehr fähig. Wenn bei den übrigen Schöpfungen der Bewohner dieser Erde die Einbildungskraft immer noch höher fliegen will, so kann sie hier kaum der Wirklichkeit mehr folgen. Man fühlt sich in demselben Augenblick zugleich entzückt und gedemütigt von einer Erhabenheit und Größe, deren Möglichkeit man nie geahnet, von einer Vollendung, die, mit dem Ungeheuersten der Massen spielend, zugleich das Edelste und Schönste in Kunst und Idee wie die staunenswerteste Technik in der Ausführung damit zu verbinden gewußt hat. Schon der Palast von Luxor findet seinesgleichen nicht mehr in der übrigen Welt, und doch ist er nur klein noch gegen die Riesenwerke von Karnak! Wie viele Jahrtausende haben vergehen müssen, ehe ein Volk zu diesem Grade der Kultur, der Macht und der Kunst sich aufschwingen konnte, und welchen eigentümlichen Weg muß diese Bildung genommen haben, die schon in vorgeschichtlicher Zeit die Pyramiden baute und anderthalbtausend Jahr vor unsrer Ära die Wunder von Theben erschuf. Und doch sieht man, daß, als sie die höchste Staffel, deren sie fähig war, erstiegen hatte, sie, ob aus Weisheit oder aus einer Notwendigkeit ihrer Natur, anhielt und das Gewonnene, es gleichsam versteinernd, durch einen heiligen Stil, durch eine feste Norm, die nicht nur die Kunst, sondern das ganze Leben umfaßte und von dem keine Abweichung mehr gestattet wurde, durch lange Jahrhunderte noch zu erhalten wußte, dadurch aber vielleicht das einzige Mittel fand, einem nie endenden Streben nach unerreichbarer Vollkommenheit zuvorzukommen, jener ewigen Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, die unsere Zeit namentlich so auffallend charakterisiert und ihr bis jetzt mehr Stützen zu rauben als neue zu schaffen scheint. Jede Art menschlicher Ausbildung hat im einzelnen, bei Nationen wie Individuen, wohl ihre Grenze, über die sie nicht hinaus kann. Ist dieser Kulminationspunkt erreicht, so muß sie ihn vielleicht durch irgendeine angewandte positive Macht zu fixieren suchen, und gelingt ihr dieses nicht, sich mit Resignation auf den unvermeidlichen Rückgang aller menschlichen Dinge vorbereiten. Will man noch höher und immer höher gewaltsam steigen, so versinkt man nur desto schneller in jene Barbarei, die nicht die Barbarei der unwissenden Roheit, sondern die des Zuvielwissens und der Erschöpfung ist. Ich halte den Ausspruch für nicht ganz wahr, daß man nur vorwärts schreiten oder rückwärts gehen müsse. Die Geschichte der Völker, ja das eigne innere Leben lehrt uns, daß, wenn auch nicht für immer, doch für eine lange Periode auch ein Stillstand möglich sei; doch allerdings ist er nur da, wo wirklich schon eine höchstmögliche Stufe individueller Ausbildung erreicht wurde, wünschenswert. Freilich findet sich im absoluten Sinne Unvollkommnes, Unerreichtes auch auf der höchsten Stufe irdischen Strebens, und Unvollkommenes wird sich daher auch in der ägyptischen Kunst wie in jeder andern nachweisen lassen, aber wie sie sich in dem möglichen Bereich ihrer Laufbahn vollendet darstellt und wie lang sie sich darin erhalten, bleibt immer ein Gegenstand der höchsten Bewunderung, ein staunenswertes Abbild der imposantesten menschlichen Größe für alle Zeiten. Um jedoch den rechten Gesichtspunkt zu fassen, aus dem sie zu betrachten sein dürfte und ohne den sie nicht verstanden werden kann, erlaube man mir hier eine der geistreichsten und tiefsten Stellen Champollions anzuführen, deren schlagende Wahrheit an Ort und Stelle sogleich ganz gefühlt wird. Ich darf als bekannt voraussetzen, daß alle Tempel und Königspaläste Ägyptens innerhalb wie außerhalb teils mit Hieroglyphenschrift, die sonst jeder einigermaßen Gebildete zu lesen vermochte, teils mit historischen Darstellungen aus der Geschichte des Landes, teils auch mit Anaglyphen, das heißt symbolischen Bildern, die abstraktere Gegenstände bezeichneten, bedeckt waren. Die letzteren, deren vollständige Lösung unmöglich sein möchte, machten wohl die eigentliche geheimnisvolle Priestersprache aus, welche den Eingeweihten allein verständlich war, dem Laien aber nur Abbildungen der Götter und Heroen, vom Nimbus ehrfurchtsvoller Anbetung umgeben, darstellte. Doch blieben auch diese allegorischen Gemälde wahrscheinlich immer in einem gewissen Zusammenhang mit der Hieroglyphenschrift. Beide hatten sogar eine Anzahl gemeinsamer Charaktere, und die symbolischen Zeichen in der Hieroglyphenschrift gehörten dahin. Für diejenigen, denen dieses Thema ganz unbekannt sein sollte, stehe hier folgende kurze Erläuterung. «Es gab also», sagt Champollion, «theoretische und materielle Beziehungen, welche die verschiednen Teile des allgemeinen graphischen Systems der Ägypter miteinander verbanden. Dieses so ausgedehnte System, figurativ, symbolisch und phonetisch zugleich, umfaßte, direkt oder indirekt, alle Künste, die sich auf Nachahmung gründen. Das Prinzip dieser Künste war daher in Ägypten keineswegs dasselbe, welches in Griechenland ihre Entwicklung bedingte. Die ägyptische Kunst hatte nicht den speziellen Vorwurf, die schönen Formen der Natur mit möglichstes Treue darzustellen – sie strebte nur nach dem Ausdruck einer ihr eigentümlichen Ordnung von Ideen und sollte nicht das Andenken bloßer Formen, sondern das der Menschen und der Dinge verewigen. Der ungeheure Koloß wie das winzigste Amulett waren die festen Zeichen einer Idee; wie vollendet oder mittelmäßig ihre Ausführung war, der Zweck war in der Hauptsache immer erreicht, da die Vollkommenheit der Form, wenngleich später auf das edelste ausgebildet, doch nur sekundär blieb. In Griechenland war dagegen die Form eben alles, man diente der Kunst nur um der Kunst willen. In Ägypten war sie nur ein mächtiges Mittel, den Gedanken zu verkörpern . Die geringste Zierde ägyptischer Architektur hat ihre eigne Bedeutung und steht in direktem Bezug zu der Idee, die der Gründung des ganzen Gebäudes zum Grunde lag, während die Ausschmückungen griechischer und römischer Tempel zu oft nur dem Auge zu schmeicheln suchen und für den Verstand stumm bleiben. So zeigt sich der Geist beider Völker ganz verschieden. Die Schrift und die nachahmenden Künste trennten sich bei den Griechen bald und für immer, aber in Ägypten schritten die Schrift, die Zeichenkunst, die Malerei und Skulptur stets in gleicher Linie ein und demselben Zwecke zu, und wenn wir den individuellen Zustand einer jeden dieser Kunstäußerungen betrachten und besonders die Bestimmung, welche alle ihre Leistungen gemeinschaftlich hatten, so kann man mit Recht sagen, daß alle sich nur in eine verschmolzen, in die Kunst par excellence – die der Schrift . Die Tempel, wie es schon ihr ägyptischer Name anzeigt Götter- oder Gotteswohnungen. , waren, wenn ich mich so ausdrücken darf, nichts als kolossale und prachtvolle Repräsentativcharaktere für die himmlischen Wohnungen; die Statuen, Bildnisse der Könige und Privaten, die Basreliefs und Malereien, welche die Szenen des öffentlichen wie des Privatlebens zurückriefen, traten ganz in die Klasse der Figurativzeichen ; und die Abbildungen der Götter, die Embleme abstrakter Ideen, die allegorischen Zierden und Bilder, die lange Serie der Anaglyphen endlich knüpften sich auf die direkteste Weise an das symbolische Prinzip der Schrift an. Diese innige Verbindung der schönen Künste mit dem graphischen System der Ägypter erklärt uns nun auch ohne Mühe den Grund der naiven Einfachheit, in welcher trotz der höchsten Vollendung auf ihrem eigentümlichen Wege Malerei und Skulptur dennoch bei ihnen verblieben. Die Nachahmung physischer Gegenstände bis zu ihrer deutlichsten Erkennung war schon zum vorgesteckten Ziele hinlänglich; eine größere Idealisierung in der Ausführung konnte der Klarheit des beabsichtigten Ausdrucks nur wenig hinzusetzen, eine willkürliche Veränderung in der Form würde sie sogar verwirrt haben, da Bilder und Skulpturen nur wahre Schriftzeichen waren und sein sollten, fast immer mit einer umfassenden Komposition zusammenhängend, in der sie selbst nur als einzelne Elemente dastanden.» So weit Champollion. Ohne nun untersuchen zu wollen, ob die Ägypter in einer solchen Kunstansicht recht hatten oder nicht, so ist das Faktum ihrer Existenz nicht zu leugnen, ebensowenig wie die dadurch erlangten Resultate, welche, wie wir sie vor uns sehen, in ihrer Totalität in keinem andern Lande übertroffen worden sind. Ja – die Ägypter waren in Wahrheit eine wesentlich schreibende Nation, wie wir es auch geworden sind, nur mit dem Unterschiede, daß sie mit tausend malerischen Zeichen, welche das ganze Reich der Natur und der Menschheit umfaßten, ihre Geschichte, Gesetze, Philosophie, mit einem Wort: ihr Leben in dauernden Stein gruben und zu diesem Behuf entweder, das Innere der Paläste in Felsen aushöhlend, diese zu Palästen umschufen oder die Felsen selbst ablösten, um sie an andern Orten wieder als Paläste hinzustellen. Und hier ist es, auf diesen Riesendenkmälern vergangner Jahrtausende, daß wir jetzt noch ihre Schriften lesen, deren Charaktere wir zu gleicher Zeit als hohe Kunstgebilde bewundern müssen und als den Ausdruck bedeutungsvoller Ideen noch zu entziffern suchen. Einst aber allen verständlich, welche allgemeine Bildung und Kenntnis, welchen allgemeinen Sinn für das Schöne muß ein solches System unter einem Volke verbreitet haben, das bei keinem seiner Gebäude vorübergehen konnte, ohne darauf sozusagen die Seiten eines aufgeschlagnen Buches der Weisheit, der Wissenschaft und der Geschichte vor sich zu sehen, anziehend gemacht durch alles, was Kunst, Geschmack und Pracht vereinigt darzubieten vermochten. Wir nun schreiben zwar auch, aber mit Gänsefedern Krähenfüße auf Lumpen; auch wir haben eine Kunst, sie beschränkt sich indes nur auf mehr oder weniger glückliche Nachahmungen der Alten oder unsrer eignen Vergangenheit und wird bald nichts echt Originales mehr aufzuweisen haben als den Daguerreotyp, Bronzebilder aus Papiermaché , galvanische Vergoldung und unnachahmliche Kassenscheine. Die Erfindung der Buchdruckerkunst freilich stellt uns höher. Bücher haben wir wie Sand am Meer. Alle Hieroglyphen der Ägypter schwinden dagegen, quantitativ jedenfalls, zu nichts. Ob unsere Bücher demungeachtet länger dauern werden als die Pyramiden? Es ist wohl möglich, und ich will es keineswegs bestreiten, aber vieler neuer Auflagen in jedem Sinn wird es noch bis dahin bedürfen. Doch ich kehre zu meiner Beschreibung zurück. Eins der ansehnlichsten modernen Dörfer Ägyptens steht auf und in den Tempelgebäuden von Luxor, dessen Säulen man dort zum Teil bis an die Knäufe, reihenweise vom Sande verschüttet, sieht. Auch der Nil, an dessen Ufern einst der Palast unmittelbar stand, wie die Reste eines massiven Quais noch bezeugen, hat seinen Lauf wie unwillig über die neue Bettelnachbarschaft einige hundert Schritte weiter davon ab genommen. Als ein Vorspiel gestattete ich mir mit dem Doktor zuerst eine allgemeine Mondscheinpromenade im kolossalsten Teile der Ruinen, unter dem Säulengang des mittleren Hofes beginnend, dessen Säulen, obgleich voll zur Hälfte verschüttet, in dieser Höhe noch an dreißig Fuß im Umfang messen! Es diente uns bei diesem Spaziergang eine schwarze Almeh als Führerin, die, zuweilen ihr Tamburin anschlagend, gedankenlos unter den Trümmern vor uns hertanzte – ein wunderlicher und mich doch gar nicht störender Kontrast. Lange zwischen den Häusern in engen Durchgängen und im Schatten der Paläste umherirrend, bald den rechten Fuß auf die Vorzeit, bald den linken auf die Gegenwart setzend, traten wir endlich unerwartet von innen durch das Pylonentor des Eingangs hinaus und befanden uns plötzlich im hellsten Scheine des Vollmondes grade zwischen den verstümmelten Ramseskolossen und sahen uns rechts zur Seite den schönsten aller Obelisken, dem die Franzosen seinen Gefährten raubten, so schwarz und schlank gen Himmel aufschießen, als sei er ein Pfeil, der sich eben anschicke, von der Erde nach dem Monde zu fliegen. Dieser überraschende Anblick, alle Maße der uns umgebenden Gegenstände noch durch den Dämmerschein nächtlicher Beleuchtung fast verdoppelt, gehörte zu denen, die sich dem Gedächtnisse für immer einprägen. Am andern Morgen begannen wir an demselben Fleck eine mehr systematische Besichtigung. Die erste Betrachtung, die sich mir aufdrängte, war die, freilich nichts weniger als neue: wieviel besser die Ägypter die Architektur verstanden haben als wir, ohne daß wir, wie es scheint, imstande sind, etwas von ihnen zu lernen. Die mit ungeheuren Kosten bewerkstelligte Wegholung des hiesigen zweiten Obelisken und seiner Aufstellung in der Mitte des großen Platzes Ludwig des Fünfzehnten in Paris ist kein kleiner Beweis für diese letztere Behauptung. In Luxor bilden den Eingang zum Tempel zwei imposante Pylonen von 100 Fuß Höhe, unmittelbar an den Seiten des Tores sitzen zwei Kolosse ungefähr 40 Fuß hoch, und wenige Schritte davon ab, nur doppelt so weit als die Kolosse von den Pylonen entfernt, standen die beiden Obelisken von 80-90 Fuß Höhe, von denen der eine nun entführt ist. Diese gedrungene Zusammenstellung wirkt mit voller Macht und hoher Bedeutung, während dieselben Gegenstände vereinzelt und im weiten Raume wie verloren hingestellt beides verlieren. Nie errichteten die Ägypter einen Obelisk ohne seinen Gefährten, ebensowenig wie eine einzelne Säule, am wenigsten würden sie aber einen solchen vereinzelten Obelisken in die Mitte eines großen Platzes gestellt haben, wo er nur einem charakterlosen Pfahle gleicht, die Ansicht des Platzes verdirbt, während dieser ihm selbst alles Imponierende seiner Masse raubt und so das Große künstlich klein erscheinen läßt. Es ist wahrlich jammerschade, daß für einen solchen Zweck die Erhabenheit des hiesigen Tempeleingangs so gestört wurde, denn sie zu vernichten, war man dennoch nicht imstande. Der gebliebene Obelisk, aus dem schönsten Rosengranit geformt, ist nur unten auf zwei Seiten etwas beschädigt, sonst überall vortrefflich erhalten und die bis an zwei Zoll tief eingegrabnen Hieroglyphen anerkannt das vollendetste, was in dieser Art die Ägypter selbst geleistet haben. Auch wäre diese Arbeit zu übertreffen in der Tat unmöglich, und man begreift es heutzutage gar nicht mehr, wie man in diesen felsenfesten Granit die subtilsten, bis auf das kleinste Detail ausgeführten Figuren mit eben der Präzision und Leichtigkeit einzugraben vermochte, als unsere besten Wappenstecher in Karniol gravieren. Ein elfjähriger Knabe erbot sich, für einen Kärie (ägyptisches Geldstück, 2½ Franken wert) den Obelisk an diesen Hieroglyphen zu erklettern und führte das gefährliche Wagstück bis zu zwei Dritteilen der Höhe ohne Schwierigkeit aus, worauf aber der heftige Wind ihn oben so schaukelte, daß wir ihm zwei Kärie versprachen, um nur schnell wieder herunterzusteigen. Wenn man von der Disposition und dem Plane des Tempels eine recht deutliche Idee bekommen will, muß man die Spitze der Pylonen ersteigen, obgleich dies auf der verfallnen engen Treppe und zuletzt auf freiliegenden Randblöcken von einem zum andern springend etwas beschwerlich ist. Die Aussicht ist in jeder Hinsicht sehr belohnend, und der erste Erbauer dieses Palastes, Amenophis III. (Memnon), konnte sogar von den Zinnen desselben sich selbst jenseits des Flusses in seinen Kolossen doppelt vor sich sitzen sehen. Es ist ungemein anziehend, die Form und Ausdehnung der Ruinen im Gewirre des Dorfes aufzusuchen, dessen für Ägypten ganz stattliche Häuser wunderlicherweise hier alle die Gestalt der Pylonen im Staube ihrer Kotziegel lilliputartig nachgeahmt haben. Mehr als hundert der alten Säulen erheben sich noch zwischen ihnen, und einer der Haupthöfe des Tempels besteht fast noch ganz. In diesem fand ich mehrere Skulpturen von unbeschreiblicher Erhabenheit und Anmut und mehr als ein Gesicht darunter mit einer Zartheit und Tiefe des Ausdrucks, der dem feinsten europäischen Gemüt hätte genügen müssen. Diese Bilder sind aus der höchsten Blütenperiode ägyptischer Kunst, der Abfall wird schon unter den spätern Pharaonen etwas erkennbar, unter den Ptolemäern ist er bereits gewaltig, unter den Römern endlich bleibt nur die Karikatur. Die Franzosen haben zum Behufe der Luxorschen Expedition sich nicht begnügt, dem Tempel am Eingang eine seiner schönsten Zierden zu rauben, sondern auch dessen Ende durch den darin bewerkstelligten Aufbau eines großen Hauses geschändet, infolgedessen selbst ein Teil der ehrwürdigen Trümmer neu angeweißt wurde. Dieses Haus hindert jetzt einen der interessantesten Teile des Tempels zu besichtigen, neue Mauern sind mitten durch die Heiligtümer gezogen, die noch lebhaften Farben der Bilder in den Fugen mit Kalk verschmiert, um den Luftzug abzuhalten, ein Allerheiligstes zum lieu d'aisance umgewandelt, kurz, barbarischer gewirtschaftet, als es zu verantworten ist. Ich fand eben einige Franzosen in diesem Hause etabliert, die von Indien kamen, denn es scheint, daß man einen permanenten Khan daraus zu machen beabsichtigt, und man wies mir einen Befehl des Herrn Generalkonsuls Mimaut vor, nach welchem durchaus niemandem als Franzosen die Wohnung hier vergönnt sein sollte und nur die französische Flagge auf diesem Hause aufgezogen werden dürfe. Der Vizekönig ist wirklich sehr gutmütig, dergleichen zu gestatten, und ich möchte wohl wissen, welchen Bescheid man Türken erteilen würde, die in Frankreich zum Beispiel auf der Ruine von Chambord oder einer andern in gleicher Einsamkeit liegenden, dergleichen Spekulationen auszuführen versuchten. Aber es ist Zeit, über die grüne Ebne nach Karnak zu reiten, wo uns Thebens Kulminationspunkt erwartet, ein in Stein verkörpertes Märchen, vor dessen Anblick man sich die Augen reibt, um sich zu fragen: Träum' ich, oder wach' ich? – Wahrlich, vom Riesensaal in Karnak kann man ohne alle Übertreibung sagen, daß er den Traum noch überflügle, denn da man nie Ähnliches gesehen, sieht man es auch im Schlafe nicht. Dieser Wald von Säulen, stärker, höher als die meisten Kirchtürme, diese Felsenmassen, die sich über ihre Kelchkronen spannen, dieses Meer von Zierden und Bildern, unermeßlich wie der Sternenhimmel, und diese Farbenglorie einst, von der nur noch einzelne glücklich erhaltne Stellen einen anschaulichen Begriff geben – die kühnste Theaterdekoration bleibt hinter der Erfindung einer solchen Wirklichkeit zurück. Und was war dieser Riesensaal? – nur ein kleiner Teil des ungeheuren Ganzen, dessen Umfang, wie die Mauertrümmer noch deutlich zeigen, über 8000 Fuß betrug, zu dem von außen sechs, größtenteils noch stehende Prachttore von 70 Fuß Höhe, zum Teil mit drei- und viermal wiederholten Pylonen führten und von außen eine Allee vieler hundert kolossaler Sphinxe die Auffahrt zu jedem dieser Tore bildete. Dies war ein einzelner Tempelbau im Bereich der hunderttorigen Thebai – man faßt kaum die Idee dazu, geschweige denn seine Ausführung, und welche Ausführung! In der fast jeder denkbaren Anforderung an ihrer passendsten Stelle Genüge geleistet, das Riesigste wie das Lieblichste in höchster Vollendung erschöpft wird, und wo – betäubt von dieser Masse von Pylonentürmen, Kolossen, Obelisken, Toren, Portiken, Pfeilern und Säulen, Höfen, Sälen, Galerien und Gemächern, alle mit Tausenden und Abertausenden von Figuren bedeckt, alle im blendendsten, mannigfachsten Farbenschein erglänzend – gewiß jeder Gläubige einst mit erschütterter Seele und in frommem Schauern der Götter Nähe fühlend, im Angesicht des irdisch vor ihm dargestellten Himmels anbetend in den Staub gesunken sein muß. Der Haupteingang zum Tempel stieg in einer Sphinxallee, wahrscheinlich von den Kronen grüner Sykomore beschattet, vom Nil heran, bis er zwei pyramidengleiche ungeheure Pylonen erreichte, zwischen denen sich das größte der Tempeltore befand, welches jetzt teilweise zertrümmert ist. Wenn man bis hierher gelangt ist, eröffnet sich eine Perspektive, die auf einmal die ganze kolossale Größe der Ruine Karnaks entfaltet. Trotz der Trümmerhaufen und sieben ganz in der Nähe umgestürzter Säulen von 23 Fuß Umfang sieht man auf einer Distanz von 1000 Schritten durch 12 innere, auch zum Teil zerstörte Tore, alle zwischen 70 und 80 Fuß Höhe, hindurch, zuerst durch den weiten Vorhof, dann, entlang der Riesenhalle, durch den Hof der Obelisken und den der Kolossen hinweg über das Heiligtum, das, wie ein Juwel geschmückt, vertieft in der Mitte liegt, dann jenseits desselben abermals durch viele Höfe und Portiken, bis wo das reine Blau des Himmels wieder durch die turmhohe Pforte am äußersten Ende hindurch glänzt – ein Schauspiel ohnegleichen und nur dadurch möglich gemacht, daß man für diesen Bau ein in der Mitte sich senkendes Terrain wählte und nur eine geringe Erhebung dem Heiligtume gab, welches diese Mitte einnimmt, gegen das nun von beiden Seiten, wie in Ehrfurcht, die heranrückenden Gebäude niederstiegen. Was in dem sogenannten Riesensaal oder der Riesenhalle vielleicht den grandiosesten Effekt hervorbringt, ist die eigentümliche Anordnung, infolge deren die Säulen der durch die Mitte desselben führenden Doppelreihe (welche beiläufig gesagt an 40 Fuß im Umfang messen) um ein Dritteil höher und stärker als alle übrigen sind, und während bei diesen letzteren die Decke auf den Würfeln über ihren Kapitälen anfliegt, über den großen durch die Mitte führenden Säulen noch eine ganze Stockhöhe mit kolossalen Fensteröffnungen, die nach innen herabschauen, bis an die Decke, an 50 Fuß hoch, frei darüber bleibt. Da die Säulen selbst nun über 80 Fuß Höhe haben, so beträgt der ganze freie Raum, den man in der Mitte stehend über sich sieht, gegen 130 Fuß. Dies bringt aber zugleich von allen andern Seiten des Saales aus gesehen nicht nur ein Emporsteigen, sondern ein völliges Verschwinden der Decke nach der Mitte zu hervor, wovon die Wirkung so eigentümlich ist, daß man es gesehen haben muß, um ihre Gewalt begreiflich zu machen. Die Fenster in den erwähnten Wänden der Höhe, die sich wie in der Luft schwebend auf den bunten Lotosknäufen der großen Säulen erheben, sind zum Teil durch ein weitläufiges Steingitter geschlossen, dessen massiver und doch zierlicher, aber ganz fremdartiger Charakter vortrefflich zu dem aus allem Gewöhnlichen ohnedem so völlig heraustretenden Ganzen paßt. Auch hier, wie im Ramsejum, diente dieser dem Tempel aufgesetzte zweite Stock nach Champollions Vermutung zur Wohnung der verschiedenen Mitglieder der königlichen Familie, die von der inneren Seite aus ihren Zimmern in den Säulenwald hinabblicken und von den andern Fenstern die unermeßliche, vom Nil durchströmte Hauptstadt und ihr romantisches Tal von Bergkette zu Bergkette und von Wüste zu Wüste in seiner ganzen Ausdehnung übersehen konnten. Bequeme Treppen, wie es alle altägyptischen in hohem Grade sind, führten ohne Anstrengung in diese turmhohen Wohnungen, was man leider jetzt nicht mehr rühmen kann, sondern sehr mißlich von Stein zu Stein auf dem Schutt und Bruch hinaufklettern muß. Doch erst wird man die Größe der Massen recht gewahr, welche die Säulen verbinden und unter denen es Steine gibt, die über 30 Fuß Länge bei 6 Fuß Dicke und ebensoviel Breite haben; freilich noch immer unbedeutend gegen den Obelisken im nächsten Hofe von 96 Fuß Höhe aus einem glatt wie Spiegel polierten Stück, dessen ganz gleicher Gefährte zerschmettert neben ihm ruht. Außer Kambyses und der Zeit muß auch ein furchtbares Erdbeben hier gewütet haben, oder die Perser kannten gleich den Chinesen schon damals die zerstörende Macht des Pulvers. Nur auf solchem Wege war eine Verheerung dieser Art möglich, der der Riesensaal allein erfolgreich widerstanden hat. Die Säulen desselben, deren sich noch alle 134, bis auf zwei, welche zerbrochen am Boden liegen, aufrecht erhalten haben, stehen sehr dicht nebeneinander, was vielleicht zu ihrer Konservation viel beitrug und überdies den Reichtum ihres Effekts ungemein vermehrte. Die umschließenden Wände enthielten von innen die imposantesten Darstellungen religiöser Gegenstände, von außen noch ungleich ausgedehntere und riesenhaftere Schlachtbilder als die im Ramsejum. Es befindet sich unter andern eine große Segelbarke mit einem Tempel in der Mitte darauf, welche fast natürliche Größe erreicht, wenn man sich dieses Ausdrucks bei einer Barke bedienen kann. Überall im dichtesten Gewühl der Schlacht erscheint der König weit über alle hervorragend, entweder vom Streitwagen oder davor stehend fechtend, wo Diener sich bemühen, die ungeduldig stampfenden Rosse zurückzuhalten, während ein anderer eine Art Sonnenschirm hält, welchen einige für die ägyptische Fahne ansehen. Dies ist auch nicht eben unwahrscheinlich, da Formen eine Konventionssache sind und zum Beispiel der Szepter der ägyptischen Könige uns ganz wie ein Dreschflegel vorkommt. Er ist jedoch in Wahrheit nur eine Geißel, vielleicht ein noch humaneres Königszeichen als das Schwert. Wie Achill den Körper des Hektor um Trojas Mauern schleift, so auch hier der König einen überwundenen Fürsten, aber nicht nur ihn, sondern auch seinen Streitwagen mit den niedergestürzten Pferden, was alles zusammen an des Königs Wagen angefesselt ist. «In allen diesen Bildern», sagt mein geistreicher Freund ungemein wahr, «ist eine ungeheure Phantasie offenbar, die Handlung reich und lebendig, die Bewegung keck und rasch, der Ausdruck sprechend, lebendig, ergreifend, die Zeichnung fast ohne Perspektive, aber die Ausführung der Details unbegreiflich reich und schön. Die Pferde zum Beispiel haben eine Wahrheit im Kopfe, welche an die berühmten venezianischen erinnert. Gebiß, Zaum und Geschirre sind prachtvoll und zweckmäßig; die Wagen sind wie aus Elfenbein gedrechselt, mit erhabner Arbeit und Schmuck, fest, leicht und schön.» Ich erwähnte bereits, daß an vielen Stellen auch die Farben, mit denen der ganze Saal überdeckt war, noch ihre ehemalige Frische bewahrt haben, und in Karnak wie in den Gräbern der Könige muß man die Menge verschiedner Kombinationen und überraschender Zusammenstellungen bewundern, die der Farbensinn der Ägypter hervorzurufen wußte. Besonders zeigt sich dies in dem Adytum, wo nach meinem Gefühl das Edelste vereinigt ist, was ägyptische Kunst aufzustellen fähig war. Die Grazie, die wahrhaft bezaubernde Schönheit vieler dieser Schildereien ist meines Erachtens nirgends überboten worden. Weder die Antike noch die Zeit Raphaels haben auf ihrem Standpunkt Vollendeteres hervorgebracht. Ich fand hier die Abbildung eines jungen Königs – der Porphyrpforte gegenüber, die aus der Galerie, welche den kleinen Saal des Allerheiligsten umgibt, in ein zerstörtes Nebengemach führt –, deren unbeschreibliche Herrlichkeit mich im Innersten ergriff. Es war ein so hinreißendes Ideal von tadelloser Schönheit, ein solcher Inbegriff aller reizendsten und gewinnendsten menschlichen Eigenschaften, mit einer so schmeichelnden Milde der Züge, einem so himmlischen Lächeln um den üppig geformten Mund, einer solchen Begeisterung im Auge, einem Adel der Formen und einer so göttlichen Erhabenheit der Stellung wie der ganzen Erscheinung, daß ich mir, dies Bild verwirklicht, kein unwiderstehlicheres lebendes Wesen denken könnte. Es war wahrhaft ein jugendlicher Gott , der in meinen Augen jeden, den die Griechen gebildet, übertraf. Die innere Wand des heiligen Zimmers besteht aus geglättetem Rosengranit, und die zierlichen darauf eingemeißelten Figuren sind mit einer sehr zarten, blaßgrünen Bronzefarbe bemalt, die Decke ist azurblau mit goldgelben, schmalstrahligen Sternen, in ihrer Mitte der Länge nach durch eine geschmackvoll unterbrechende Bande geteilt, in der sich Blau, Rot und Gelb abwechselnd wiederholen. Alles dies ist, wo es nicht gewaltsam zerstört wurde, in vollster Frische erhalten und im höchsten Grade lieblich. An der auswendigen Wand, um die eine unbedeckte Galerie führte, ist der Grund bronzefarben, und die Figuren behalten zum Teil die schillernde Rosenfarbe des natürlichen Granits. Eine sich weit ausladende prächtige Krönung über der Decke bietet dieselben Farben wie die Bande im Innern. Auf diesen Außenwänden findet man die schönsten Arbeiten, meistens in verkleinertem Maßstabe, und keine Figur über Lebensgröße; einige dieser Figuren sind blau, andere rot, und so sonderbar dies dem europäischen Geschmack auch vorkommen mag, die Behandlung, die Zusammenstellung, der ganze eigentümliche Charakter des Stils sind von der Art, daß ich wenigstens nie durch diese scheinbare Unnatur in der Darstellung so erhabner und reizender Gestalten gestört wurde. In dem großen Portikus von 48 Säulen und Pfeilern, ohnfern des zehnten Tores, der von einigen fünfzig zellenähnlichen Gemächern umgeben ist, haben die Kopten auch wieder eine christliche Kirche improvisiert und auf die Kunstwerke der Pharaonen hideuse Heiligenbilder gekleckst. Glücklicherweise sind aber bis auf ein wohlerhaltnes die übrigen schon größtenteils wieder abgefallen und die alten Gottheiten ganz unbeschädigt und, ohne daß ihre Farben auch nur im mindesten gelitten, unter ihnen wieder zum Vorschein gekommen. Durch einen zweiten Säulengang gelangt man von hier zu einer andern Tempelabteilung mit an Pfeiler gelehnten Karyatidenkolossen und aus diesem endlich zu der letzten großen Ausgangspforte. Wir brachten viele Stunden im Bereich der Ruinen zu, um jedes Detail derselben möglichst zu untersuchen, was ich jedoch vorläufig beiseite lassen und nur eines kleinen Intermezzos erwähnen will, das sich, wie das Komische überall in der Welt zum Ernsten tritt, auch hier als wohltätig zerstreuende Erheiterung darbot, denn auch das Entzücken ermüdet. Als wir im Angesicht des nordöstlichen Tores, unter dessen Skulpturen sich ein enormer Priapus befindet, frühstückten, erschien ein englisches Kammermädchen, deren Herrschaft in der Nähe sein mußte, von einem langen Araber geführt, ein recht hübsches, echt national englisch aussehendes Geschöpf, mit vollendeter Geschmacklosigkeit in einen kurzen weißen Rock mit schwarzer Schürze, einen rosa Spenzer und grünen Hut gekleidet, um sich gleichfalls die Wunder Thebens zu beschauen. Nachdem sie, ohne sich durch unsre Gegenwart irren zu lassen, ihre Inspektion eine Weile fortgesetzt hatte, sahen wir sie endlich auch vor der erwähnten Figur stehenbleiben und sie lange mit ungeteilter Aufmerksamkeit betrachten. Endlich wandte sie sich zu ihrem Araber, der, andächtig hinter ihr stehend, jeder ihrer Bewegungen folgte, und, indem sie ihm mit der Hand winkte, sie weiter zu führen, rief sie mit unwillkürlicher Bewunderung und einem allerliebsten Gesichtsaudruck aus: «Now I declare, this is very curious indeed!» Gern hätten wir die naive Insulanerin gebeten, unser Mahl mit uns zu teilen, aber als ich einen meiner Diener zu diesem Behuf abschickte, verschwand sie schon flüchtig unter den Ruinen. Statt ihrer bemerkte ich mit Entsetzen auf meiner Bernus, die bisher von einem Araber nachgetragen worden war, und die ich jetzt erst wegen des Zugwindes umgenommen hatte, zwei viel unwillkommnere Gäste, auch Kolosse ihrer Art von demjenigen Insektengeschlecht, das man bei uns im gemeinen Leben Kleiderläuse zu nennen pflegt ( pediculus horridus , zum Verständnis der Gelehrten). Dies sind die unabwendbaren Schattenseiten einer Reise in den Ländern der Tausendundeinen Nacht. Wir nahmen unsern Rückweg südwestlich durch drei sich folgende Pylonenpaare, alle mit sitzenden oder schreitenden Kolossen versehen, und wie jeder Stein in diesem Riesenbau, an dem seit Thutmosis I. die Pharaonen aller Dynastien während mehr als tausend Jahren gebaut und immer etwas Neues hinzugesetzt zu haben scheinen, mit Bildern und Hieroglyphen überall bedeckt. Am äußersten Tore schließt sich hier die längste der Sphinxalleen an, neben welcher eine Reihe fortlaufender Schutthügel auf beiden Seiten noch viel andre Gebäude der Vorzeit anzeigen. Sie führt ohngefähr eine Viertelstunde weit bis zu dem ältesten, ganz zerstörten Typhonium, das aber auch in seinen Trümmern noch den abenteuerlichsten Charakter entfaltet. Während alle übrigen Ruinen Karnaks, einige im Sande erwachsene Palmen abgerechnet, fast ganz ohne Vegetation sind, ist hier alles mit hohem Unkraut überzogen. Ein furchtbares Typhonsbild, zerbrochne Kolosse und eine Unzahl von Sphinxen blicken aus dem üppig wuchernden Gestrüpp hervor, von denen man seltsamerweise nur gerade hier, wo alles übrige zerstört ist, noch ganz wohlerhaltene antrifft, zuweilen mit dem reizendsten Menschenantlitz, meistens mit vortrefflich geformten Widderköpfen. An drei bis vier Stellen hocken im Grase dicht nebeneinander mehrere Dutzend schlammgrüne Weiber aus Basalt mit grimmigen Löwengesichtern, schauerlich und gespenstisch anzuschauen. Ein seeartiger Wallgraben, der auch jetzt noch voll Wasser ist, also jedenfalls durch unterirdische Kanäle mit dem entfernten Nile in Verbindung stehen muß, umgibt drei Seiten des Hügels, auf dem dies Typhonium gleich einer Festung stand, und hohe Dämme und Schutthaufen auf der entgegengesetzten Seite des Wassers verraten auch in dieser Umgebung eine Menge ansehnlicher Bauten in alter Zeit. In diesem einsamen Gewässer soll sich zuweilen noch der heilige Ibis als Gespenst sehen lassen, und ich wäre geneigt, an jede wunderbare Erscheinung an diesem Ort, dem bösen Gotte geweiht, zu glauben, so unheimlich ward mir selbst dort zumute, wozu wohl die betäubende Erinnerung all der riesenhaften Massen und nie geahnter Wunderwerke, die sich vor mir zusammengedrängt, noch einen Schauer mehr in meine aufgeregte Seele goß. Die Abenddämmerung kam hinzu, und, in die fabelhafte Vergangenheit gänzlich versunken, ritten wir fast unbewußt durch die weit hingestreuten Palmenbuketts der Plaine, hoch überragt in Nord und Süd von Karnaks und Luxors schwarzen Ruinen, zwischen denen ehemals eine starke halbe Stunde weit ebenfalls eine geschloßne Allee mehrerer tausend kolossaler Sphinxen führte! Endlich sahen wir unsrer Barken Wimpel wieder im Glanz des Mondes leuchten, und unter ihnen erglänzten schimmernd und funkelnd die blauen Fluten des Nils – denn hier fand ich ihn wirklich blau, seine gelb trüben Wasser klar und rein geworden, und hier in Theben ist es auch, wo der Nordbewohner mit Überraschung die ersten Krokodile, wenn auch noch selten, seinen Strom durchschneiden und auf der Inseln weißem Sande sich ruhig vor ihm sonnen sieht. Die Reste eines toten, von der Sonne schon vertrockneten lagen am Ufer und erlaubten uns zum Schluß der langen Bilderreihe noch eine gefahrlose Untersuchung des gräulichsten aller heiligen Tiere Ägyptens. Assuan Zu den größten Plagen in Ägypten gehört die Masse der Fliegen, von denen man den ganzen Tag über gequält wird, bis sie in der Nacht von den Mücken abgelöst werden, welche indes weit weniger häufig und kaum so bösartig als an feuchten Orten in Europa sind. Moskitos gleich denen der Berberei sind mir bisher noch gar nicht hier vorgekommen. Die hartnäckige Windstille, welche seit Theben eingetreten war, ließ uns nur sehr langsam avancieren, und später fuhr sich noch überdies die große Barke so in Steinen fest, daß wir achtzehn Stunden in sengender Hitze an eine Felswand gelehnt verweilen mußten, ehe wir wieder flott wurden. Ein drittes Übel war der eintretende Mangel an gewissen Provisionen, die man sich hier nicht mehr verschaffen kann, namentlich Wein und selbst Zucker. Ich rate jedem, von diesen Artikeln wie auch Tee und guten Tabak immer dreimal so viel mit sich zu nehmen, als man zu verbrauchen glaubt. Das Zuviel wird selten hindernd, das Zuwenig aber sehr empfindlich und, wenn man daran gewöhnt ist, selbst der Gesundheit nachteilig. Erst nach zwei Tagen erreichten wir Esne, eine ziemlich gut gebaute und für Ägypten mehr als gewöhnlich rein gehaltne Stadt, wo sich auch der wohlerhaltne und prachtvolle Portikus eines großen Tempels befindet, der jetzt als Kornmagazin dient. Man hat deshalb seine stolzen Säulenreihen mit Kotmauern durchzogen, um die nötigen Räume abzutrennen. Fast jede dieser Säulen wird von einem verschieden geformten Kapitäl gekrönt, an dem sich die bunten Farben noch mit großer Frische auszeichnen. Säulen und Wände sind voll Skulpturen, deren Ausführung jedoch nicht aus der besten Zeit ist. In Esne erblickten wir die ersten Schwarzen mit großen silbernen Ringen in der Nase und bis auf den schmalen Gürtel ganz nackt gehende Weiber. Auch fanden wir die Stadt von vielen Almehs bevölkert, welche der Vizekönig aus Kahira hierher relegiert hat und sie auf Kosten des Gouvernements ein halbes Jahr lang ernähren läßt. Nach Verlauf dieser Zeit sind sie zwar frei, nach Kahira zurückzukehren, dürfen aber ihr früheres Metier nicht mehr daselbst treiben. Hier sind sie nicht daran verhindert und machen sich die Erlaubnis möglichst zunutze. Es befanden sich einige recht hübsche unter ihnen, welche Doktor Koch früher in Kahira tanzen gesehen hatte. Die armen Mädchen betrauerten bitterlich ihre Verbannung und führten dazu noch eine ganz eigentümliche Beschwerde gegen die Bewohner der hiesigen Gegenden an, die uns lachen machte, da wir in Europa nur über das Gegenteil zuweilen Konsistorialprozesse entstehen sehen. Nach dem langen Kalme folgte stürmisches Wetter, das uns nicht besser vorwärts brachte, und in der Nacht riß der Wind sogar das Segel meiner Barke entzwei, was unter den schon ohnehin bei jeder Gelegenheit schreienden Arabern einen furchtbaren Lärm veranlaßte. Gegen Morgen sahen wir eine große Herde Büffel durch den Fluß schwimmen, die zwei oder drei unserer Schiffsjungen, welche gleich Amphibien auf beiden Elementen ohne Unterschied leben, nebst meinem Spartaner Susannis zu verfolgen sich belustigten. Es gibt gewiß kein Tier mit einem entschiedneren und zugleich possierlicheren Ausdruck von Dummheit, als den ägyptischen Büffel, besonders im Wasser, wo nur sein unförmiges Haupt mit den stieren Augen sichtbar wird. Endlich begann der Wind günstiger zu blasen, und wir fuhren daher ohne anzuhalten bei den imposanten Ruinenmassen von Edfu und später Konombos vorbei, obgleich der Entschluß, sie für jetzt so ganz zu übergehen, einige Überwindung kostete – denn aufgeschoben ist leider öfter aufgehoben , als wir glauben. Grade mit Sonnenuntergang waren wir an eine Stelle gelangt, wo sich bei Dschebel Selsele zwischen zwei schroffen Felsenreihen der Nil so sehr verengt, daß man bequem einen Stein von einem Ufer auf das andere werfen könnte. Nach Geoffroi de St. Hilaire boten hier in uralten Zeiten die geschloßnen Felsenberge dem Nil eine undurchdringliche Wand, die ihn zwang, westlich der libyschen Bergkette seinen Weg nach dem Mittelmeere zu suchen. Schwache Spuren jenes Laufes sollen sich noch in der Wüste vorfinden, und Überreste des weiten Landes, das er damals befruchtete, mögen vielleicht die verschiednen Oasen sein. Endlich bezwang er den sich ihm entgegenstellenden Damm und mag sich zuerst gleich dem Rheinfall im tiefen Sturze darüber ergossen haben, bis in der Folge der Jahrtausende er sich den freien Durchgang und zugleich im Meere selbst das Delta schuf. Gleich nach dem Engpaß vor Selsele breitet sich der stolze Fluß wieder in alter Majestät aus, denn da er während eines Laufes von mehreren hundert Stunden, außer dem meist trockenen Atbarra, fast keinen Zufluß irgendeiner Art empfängt, so hat er das Eigentümliche, in seiner ganzen Länge (von Khartum an gerechnet, wo der weiße und blaue Fluß sich vereinigen) immer nur dasselbe Volumen Wasser fortzurollen. In dem Maße, wie man sich Assuan nähert, bemerkt man bereits häufig einzelne Klippen im Flußbett und darf in der Nacht nur mit großer Vorsicht fahren. Tag und Nacht fehlten bei dieser schnellen Reise nie der Matrosengesang und Tambourinmusik, begleitet von Improvisationen aller Art. Als Susannis die Büffel verfolgte und dabei selbst die Schwarzen im schnellen Schwimmen übertraf, war er eine Zeitlang der Held ihrer Lieder – ein andresmal, wo ich ihnen ein Schaf geschenkt, teilte ich selbst mit dem sanften Opfer die Ehre des Tages. Denn ein geschlachtetes Schaf bedingt schon ein Fest. In der Regel lebt dies lustige Völkchen nur von Brot oder Schiffszwieback und Käse, wovon sie aber enorme Portionen verschlingen können; und für diese Kost allein arbeiten sie ohne weitern Lohn. Schon nahten wir den Grenzen Ägyptens. Zwei hohe Felsen stiegen gleich einem Tore mitten aus dem Strome empor und ein Heiligengrab auf der Bergspitze rechts, ein alter Palast am palmenbekränzten Ufer links, deuteten auf die nahe Stadt. In der Tat erblickten wir nach wenigen Minuten die römischen Mauern mit dem Nilometer auf der Insel Elephantine, die grünumbuschten Häuser des neuen muhamedanischen Assuan und über ihm die Ruinen des alten christlichen Syene – auf diese Weise drei Phasen der bewegten Geschichte dieses Landes dem Auge auf einmal vorführend. Wir ruhten hier einige Tage aus und fanden eine höchst freundliche Aufnahme bei Bali-Kascheff, einem gebildeten Türken, der die Europäer liebt und ihnen mit Freuden jede Gefälligkeit erzeigt, die in seinen Kräften steht. Unsre erste Ausflucht war nach der Insel Elephantine, deren kürzlich noch reiche Überreste erst in der letzten Zeit zerstört wurden. Jetzt findet man nichts mehr vor als einen Teil des von Strabo erwähnten Nilometers mit herabführender Treppe und Spuren tief eingeschnittner Maße an den äußern Quadern, einige umhergeworfne Säulenreste, zwei verstümmelte Statuen und ein mit Hieroglyphen verziertes Tor nebst mehreren Mauern aus großen Werkstücken. Die gegenüberliegenden phantastischen Granitfelsen tragen mehrere ägyptische Inschriften und Bilder; weiterhin zeigen sich schon die ersten Klippen der Katarakten. Ein Teil der Insel Elephantine – der Blühenden, wie sie die Araber nennen – ist gut bebaut, und statt ihrer sonstigen Heiligentempel bleibt sie jetzt nur durch ihre vortreffliche Milch und Butter ausgezeichnet. Während wir diese von weidendem Vieh belebten Haine und Fluren durchstrichen, brachte man uns allerlei unbedeutende Antiken zum Verkauf, unter welchen auch als solche zwei kleine Räder einer Taschenuhr produziert wurden, die einer europäischen Polizei vielleicht dazu gedient hätten, irgendeinen im geheimen verübten Mord oder Diebstahl zu entdecken – denn wie kämen die Einwohner sonst zu einer solchen Ware? Auch in der Nähe der Stadt befinden sich noch einige interessante Reste des Altertums, aus denen man ersieht, daß man mit Unrecht in unsrer Zeit Diodor der Ungenauigkeit beschuldigt, weil er des Nilometers als in der Stadt Siéne befindlich erwähne, welcher sich doch gegenüber auf der Insel Elephantine befunden habe, zwei verschiedne Nilometer aber in solcher Nähe nicht mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen wären. «Le vrai souvent n'est pas vraisemblable» – und so ist es auch hier, denn die Überreste des Nilometers auf dem Platze, wo das ägyptische Syene stand, sich fast noch deutlicher nachzuweisen, als die, deren Strabo auf Elephantine gedenkt. Weitläufige Bäder standen damit in Verbindung, die sich zum Teil noch jetzt in ganz brauchbarem Zustande befinden. Für unsre Matrosen waren dies Festtage, deren größten Teil sie im Wasser zubrachten, wo sie gleich Flußgöttern sich umhertummelten, und mit einem höchst wunderlichen Manöver, das sie den Delphinen nachzuahmen scheinen, Purzelbäume gegeneinander schossen, deren Nebenzweck aber hauptsächlich darin bestand, dem Gegner mit einem vorgestreckten Beine unversehens einen so heftigen Schlag zu versetzen, daß er einen Augenblick gegen seinen Willen in der Tiefe verschwinden muß. Dort schwimmt der Getroffene dann gewöhnlich unsichtbar fort, bis er sich seinen Vorteil abgepaßt und nun plötzlich wieder auftauchend den empfangenen Schlag mit Interessen wiederzugeben sucht. Dieses ganz neue Kampfspiel ergötzte uns nicht wenig, und Engländer würden ohne Zweifel bald bedeutende Summen auf die rüstigen Wasserboxer gewettet haben. Wir begnügten uns, durch einige in den Fluß geworfene Piaster ihren Eifer immer wach zu erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit entfiel dem Doktor ein kostbares Pfeifenmundstück an der tiefsten Stelle des Stromes. Dreimal tauchte man vergebens danach nieder, wie in Schillers Ballade, und erst zum vierten Male brachte es eine der rastlosen Amphibien glücklich und unversehrt wieder zum Vorschein. Möge Dir, der Du dieses liesest, alles, was Du verloren achtetest, ebenso von neuem geschenkt werden! – ein nicht zu verachtender Wunsch, mit dem ich hier an Ägyptens Grenze von allen den unbekannten Freunden und Freundinnen, deren Zahl nur einem Autor allein nie groß genug deucht, dankbaren Abschied nehme, bis wir uns im wüsten Nubien wiederfinden. Die Katarakten. Philae Ajïamé hatte im Harem Bali-Kascheffs mehrere intime Freundschaften geschlossen, und da ich die Fatigen der weitern Reise für sie fürchtete, vertraute ich sie bis zu meiner Rückkehr dem alten Kascheff an und überlieferte sie speziell dem ersten Eunuchen desselben zu bester Obhut und Sorge für ihr Wohlergehen. Der Abschied von dem liebenswürdigen Naturkinde ward mir schwerer, als ich anfänglich geglaubt, und zum wahren Opfer, als ich die Wehmut sah, mit der sie in dem fremden Hause allein zurückblieb, und doch die Festigkeit bewundern mußte, mit der sie dies wohl sehr natürliche Gefühl zu beherrschen vermochte. Aber sie war wirklich in allem eine kleine Heldin und hat mir bis zu ihrem Tode noch manche Proben davon gegeben. Wir mußten, sobald unsre Abreise von Assuan beschlossen war, um unsre Kangschen durch die Katarakten zu bugsieren, alle Effekten ausladen lassen, und demungeachtet behauptete man allgemein, daß nur die kleine, unter keiner Bedingung aber die größere bei dem jetzigen niedrigen Wasserstande durchzubringen sei. Dies würde uns im Verfolg der Reise großer Unbequemlichkeit ausgesetzt haben, ich bestand also darauf, daß der Versuch auch mit der großen Tahabia gemacht werden solle, worin mich glücklicherweise der gefällige Kascheff unterstützte, dem ich Mehemed Alis Wahlspruch: daß nichts unmöglich sei – ins Gedächtnis rief und der selbst begierig schien, sich zu Überzeugen, ob ein Fahrzeug von dieser Dimension trotz des einstimmigen Widerstrebens aller Rais der Katarakten, die versicherten, daß nie Ähnliches unternommen worden sei, nicht dennoch mit einem ungewöhnlichen Aufwand von Menschenkräften durch alle ihm den Untergang drohende Klippen forciert werden könne. Die fragliche Tahabia gehörte indes dem Gouverneur von Khené, und ihr Rais verweigerte aus diesem Grunde hartnäckig seine Einwilligung. «Wenn sie untergeht», rief der Kascheff heroisch, «so bezahle ich sie, und mein bleibt die Verantwortung.» Hiermit war die Sache entschieden (denn nur für die Fahrzeuge, aber keineswegs für die Mannschaft war Gefahr vorhanden), und die nun von aller Last gänzlich entleerten Schiffe fuhren alsbald, zwar unter einem lugubren Trauergesang der Neger, aber mit einem sehr günstigen Wind ab. Wir selbst nahmen nach Voraussendung der Karawane, die unser Gepäck trug, den Weg zu Lande durch die berühmten Granitbrüche, welche das Material zu allen jenen Wundern Thebens wie den zahllosen Monumenten andrer ägyptischen Hauptstädte lieferten. Man mag hier an verschiednen Orten die eigentümliche Behandlung des Steins von seiten der ägyptischen Arbeiter studieren und sieht unter mehreren Merkwürdigkeiten dieser Art noch einen fast ganz vollendeten und zum Ablösen fertigen Obelisk an einer Wand des Steinbruches hängen. Es wird wohl immer ein Rätsel für uns bleiben, wie die Alten diese ungeheuren Massen so leicht zu bewegen vermochten und welcher Mittel sie sich, unbekannt mit dem Pulver, zu einer noch weit akkuratern Sprengung der Felsen bedienten, als wir vermögen. Geschah es bloß durch die Anwendung zahlloser Menschenkräfte, wie einige in den Gräbern noch vorhandene Abbildungen glauben lassen möchten, oder kannten sie ein Gesetz der Mechanik, das uns bis jetzt entgangen ist? Unfern der Steinbrüche erhebt sich auf der höchsten Spitze der Gegend eine verfallne sarazenische Warte, die von ihren Zinnen den Blick über eine seltsame Gegend aufschließt. Denn wahrlich wunderbar sieht es hier aus; als hätten Riesenvölker einer unbekannten Vorwelt sich belustigt, auf der unabsehbaren Sandfläche der glühenden Wüste tausend und aber tausend Haufen schwarzer und roter Granitblöcke in wilder Unregelmäßigkeit einzeln aufeinanderzulasten, um Felsengebilde einer ganz neuen Art und Form künstlich zu schaffen! Alle diese Steinmassen, schwarz und rot gefärbt wie in der Hölle, erscheinen auch wie von vulkanischem Feuer geröstet und geschmolzen und dann durch die Fluten wieder erkaltet höchst abwechselnd und phantastisch in ihrer Gestalt, aber ohne ein Spur von Vegetation noch Leben. Noch imposanter wird das Schauspiel, wenn man sich dem Nil wieder nähert und hier diese schwarzen Steinhaufen in den barocksten Gestalten prismatisch zusammengesetzt bis zur Berghöhe ansteigen und zwischen ihnen sich unzählige Wasserkanäle des Flusses hindurchdrängen sieht, von denen einige wie Pfeile schnell vorbeischießen, andere, durch Klippen aufgehalten, wie Milch schäumen, keiner jedoch irgendwo einen bedeutenden perpendikulären Wassersturz darbietet, sondern alle nur über wenig abschüssige, natürliche Steinwehre von kürzerem oder längerem Fall tosend und kochend dahinbrausen und wie tausend silberhelle Schlangen sich um die dunklen Felsen winden. Dies sind die sogenannten Katarakten. Als wir auf der Höhe des dem Flusse nächsten Felsenkamms anlangten, gewahrten wir schon mitten in dem Wasserlabyrinth die größte unsrer vorausgeschickten Barken, welche eben im gefahrvollen Kampfe mit dem reizendsten und längsten der Strudel begriffen war. Wir kletterten sogleich nach dem Flusse hinab, den interessanten Vorgang in möglichstes Nähe zu betrachten. Mehr als 300 nackte Schwarze vom Volke der Barabra, größtenteils junge Leute von zwölf bis zwanzig Jahren, alles kräftige, oft bildschöne Gestalten, tummelten sich teils im Wasser selbst, teils auf den hervorstehenden Felsblöcken, teils am gezackten Ufer in verschiedner Beschäftigung umher, von einem alten Manne mit weißem Haupt- und Barthaar, dem obersten Rais der Katarakten, angeführt, dessen athletische Figur, seine fast furchterregenden Züge und die unermeßliche Kraft seiner Lunge dennoch kaum hinreichten, diese wilde Jugend in der gehörigen Disziplin zu erhalten. Noch mehr als die Fellahs zu Amphibien geworden, ist für die Barabra oder Berberiner das Wasser ein Element, in und unter dem sie sich eben so ungeniert als auf der Erde bewegen. Viele unterstützten und leiteten schwimmend die schwere Tahabia, die sie gleich Flußgöttern auf ihren Schultern zu tragen schienen; andere zogen sie zu gleicher Zeit, von Felsen zu Felsen wie die Eichhörnchen springend, an dicken Tauen hin und her, schnell nach dem Bedarf die Richtung verändernd; wieder andere arbeiteten hilfreich, mit langen Stangen die Barke schneller fortstoßend oder sorgsam anhaltend; viele aber halfen auch zu gar nichts, sondern ergötzten sich, statt dessen in den tiefsten Kessel der Flut sich von oben kopfüber hinabzustürzen und sich dann von den brausenden Wellen den Fall unaufhaltsam hinabwirbeln zu lassen, während nur ihr schwarzer Kopf oder ein Fuß oder Arm, gleich einem fortgeschleuderten Steine, im Schaum der Katarakten von Zeit zu Zeit sichtbar ward; die übrigen umringten uns selbst, trugen uns auf ihren Schultern durch unbequeme oder nasse Stellen, holten uns Wasser zum Trinken aus einer der kleinen Charybden vor uns, den gefüllten Becher im Schwimmen hoch über sich haltend, und verteilten sich dann wieder mit Lachen und Scherzen unter der Menge, wenn sie das – zwar etwas zudringlich, aber immer mit gutmütiger Freundlichkeit geforderte – Bakschisch glücklich von uns erhalten hatten. Nur sehr wenige dieser Naturkinder, denen man wahrlich keine Not ansah, hatten sich mit einem schmalen Gürtel beschwert, aber mehrere trugen den berberinischen kleinen Dolch mit einem Lederriemen am linken Oberarme befestigt, ohne daß er sie im geringsten am Schwimmen gehindert hätte. Alle setzten dabei unbekümmert ihren bloßen Kopf den stechenden Sonnenstrahlen aus, und mit Verwunderung bemerkte ich, daß den meisten derselben trotz ihrer herrlichen gesunden Zähne drei bis vier derselben an der rechten oder vordern Seite des Mundes fehlten. Auf Befragen erfuhr ich, daß sie sich selbst so verstümmelt, nur als Vorsorge, um dadurch desto sicherer dem Soldatendienst zu entgehen, obgleich der Vizekönig, der die Barabras zu nötig bei den Katarakten braucht, sie bisher noch nie zum Militärdienst angezogen hat. Nach einer mühevollen halben Stunde und einigen kritischen Momenten für das zwischen den Klippen treibende Fahrzeug, das auch nicht ganz ohne leichte Beschädigungen blieb, verkündigte endlich ein ohrbetäubendes Jubelgeschrei, daß nun die Hauptschwierigkeit überwunden sei und der Rest der Arbeit verhältnismäßig unbedeutend bleibe. Wir benutzten diesen Moment, um nach abermaliger genügender Bakschischausteilung von neuem unsre Pferde zu besteigen und die Landreise nach Philae fortzusetzen. Die Mittagshitze, vom weißen Sande und den glatten Steinblöcken zurückgestrahlt, war peinigend, aber der anmutige Gedanke, in Äthiopien zu sein, Das alte Äthiopien erstreckte sich bis unter Dongola, und dort begann erst Nubien. Jetzt wird der Anfang Nubiens von Assuan gerechnet und das Land dieses Namens sehr willkürlich von den Geographen den Nil aufwärts ausgedehnt. versüßte jede Beschwerde, und ich dachte mir dabei, wie mancher Gleichgesinnte in der Heimat wohl das zehnfache Ungemach gern erdulden würde, wenn er sich augenblicklich an unsre Stelle versetzen könnte. Aber die lange Weltstrecke, welch, vom 54sten bis zum 24sten Grade dazwischen liegt, so mancherlei Beschwerden, die unbestimmte Zeit mit allem, was sich daran hängen kann, die halten ihn zurück, und er bleibt, alles wohl überlegt, lieber zu Hause. Vielleicht sagt er sich auch, nicht mit Unrecht: Habe ich nicht meine Reisenden, die für mich schwitzen und hungern, leiden und entbehren müssen und dann dennoch verpflichtet sind, mir das Erwähnungswerteste, was sie sahen, das Unterhaltendste, was ihnen begegnete, das Nützlichste, was sie lernten – im erneuten Schweiße ihres Angesichts mitzuteilen und den genausten Bericht darüber abzustatten, ohne daß ich ein andres Opfer dafür zu bringen brauche, als einige Kreuzer nach der ersten besten Leihbibliothek zu senden. Welcher Sultan aber könnte mehr fordern und bereitwilliger bedient sein! So ist es aber in der Tat und auch dies einer der unschätzbaren Vorteile unsrer Zivilisation, die uns wohl noch viel größere Bequemlichkeiten solcher Art vorbereitet – denn an die Stelle des Vaterlandes, für das man sich sonst opferte, scheint jetzt das Publikum getreten zu sein, welches jedoch eine ganz andere Idee repräsentiert, als die alte res publica . Nach einer Stunde raschen Reitens durch die ziemlich denselben Charakter beibehaltende Wüste wurden wir endlich wieder einiger Palmen und Mimosen mit einzelnen Sykomoren ansichtig, unter deren Zweigen nette Häuser von ungebrannten Erdziegeln verteilt waren, welche ihre Bewohner nicht ohne Geschmack weiß und braun bemalt hatten. Der Deckstein der Türe aus Granit trug dagegen eine hochrote Farbe mit einem darauf geschriebenen Spruch aus dem Koran. Gruppen hübscher Mädchen und Kinder mit großen Ringen in der Nase, Glasperlen um den Hals und eleganten Gürteln um den Leib, von denen ein aus schmalen Riemen geflochtner und mit bunten Muscheln verzierter Schurz herabhängt, saßen schwatzend im Schatten der Bäume, um dort ihre noch bei den Katarakten beschäftigten Männer und Verwandten zu erwarten. Daneben bewässerten zwei große Saki, von mehreren Ochsen rastlos gedreht, eine blendend grüne Durraflur, und längs derselben bildete der Nil einen weiten See, der auf drei Seiten von dunklen Felsen, die das Dorf und seine schmalen Felder mit umschlossen, gegenüber von den endlosen Sandwogen der Wüste begrenzt war. Als wir diese nubische Idylle durchzogen hatten, die nur sanften Empfindungen Raum gab, welchen der tote Sand im Gesichtskreis aber immer etwas Melancholisches beimischt – fanden wir uns bald darauf im Angesicht einer Wand aufgetürmter Granitmassen, längs deren zerrißnen Außenlinien aller Weg aufzuhören schien. Wir glaubten schon bei einem unzugänglichen mystischen Reiche geheimnisvollerer Natur angelangt zu sein, das nur der Schlag einer Zauberrute uns öffnen könne, als sich, kaum bemerkbar, ein schmaler Steinpfad zeigte, der nach der Höhe führte. Der ermattete Esel unsres Führers, l'Inglese genannt (der Führer nämlich, ein Original, auf das ich später zurückkommen werde), glitschte von den glatten Steinblöcken ab und begrub einen Augenblick seinen Reiter unter der Last seines Leibes. Kaum aber hatten wir dem glücklicherweise ganz Unbeschädigten wieder auf die Beine geholfen und einige Schritte weiter gemacht, als ein freudiger Ausruf des Doktors mich aufblicken ließ und ich, erstaunt über die unerwartete Erscheinung, ein neckendes Spiegelbild der Wüste vor mir zu sehen vermeinte. Zwischen den abenteuerlichsten Felsenmassen schwarzen Basalts Es ist kein wirklicher Basalt, sondern nur schwarzgebrannter Granit; man pflegt ihn aber allgemein hier so zu nennen. ward plötzlich eine grüne, von Palmen überdachte, fast regelmäßig geformte und ganz einem hesperischen Garten ähnliche ovale Insel sichtbar, von hohen Mauerquais aus großen Quadern gestützt und von einem Ende bis zum andern mit einer ununterbrochenen Reihe der prachtvollsten Bauten bedeckt, die mitten in dieser unwirtbaren Wildnis mehr der ätherischen Wohnung irgendeiner Fee als Menschenwerken glichen. Auch war es Philae – gewiß eins der lieblichsten Wunder im fabelhaften Reiche der Pharaonen und, wenngleich nur mit den wenigsten seiner Bauwerke noch aus ihrer Zeit herstammend, doch einer der Glanzpunkte Ägyptens und das schönste Denkmal der kunstliebenden Ptolemäer, Seine glückliche Erhaltung trägt dazu das ihrige bei, und die stolzen Reihen von mehr als hundert noch aufrecht stehenden Säulen, der äußerlich fast unversehrt gebliebne große Tempel des Osiris, die zwei Paar ganz vollständig konservierten Pylonen, endlich der eigentümliche, dem ägyptischen Stil ganz fremde, transparente römische Tempel im Hintergrunde, dem außer dem Dache kein Stein fehlt, bieten schon aus der Entfernung ein Gemälde seltner Pracht und Zierlichkeit. Wieviel mehr noch überrascht die nähere Besichtigung – wie reich erscheinen diese Massen verschiedenartiger und doch alle miteinander in Verbindung stehender Bauten, wobei auf Symmetrie so wenig Rücksicht genommen ist, daß kaum ein Haupttor in grader Richtung auf das andere stößt, ohne doch irgendwo das Auge dadurch zu beleidigen. Und diese unerschöpfliche Menge jede Wand und jede Säule bedeckender Skulpturen des mannigfachsten und reichhaltigsten Inhalts, der fast unbegreiflich erhaltne Glanz und Reiz der Farben in einigen Sälen, namentlich im Pronaos des großen Tempels, wo ohne die hier teilweise ausgeübte gewaltsame Zerstörung der Christen zwanzig Jahrhunderte kaum eine Spur ihres Daseins zurückgelassen haben würden! Wie, sage ich, überrascht und entzückt dies alles von neuem, selbst wenn man, wie wir, das Höchste ägyptischer Kunst schon früher gesehen. Wenn Großes dem Kleinen verglichen werden darf, so möchte ich sagen: Philae verhalte sich zu Theben wie die Farnesina zum Palast Farnese. Es ist nicht mehr die fast göttliche Erhabenheit, der fast schauerliche Ernst der Tempel von Karnak und Luxor – dafür aber tritt uns eine noch erhöhte Zierlichkeit, mehr Abwechslung, eine behaglichere Lieblichkeit, wenn ich mich so ausdrücken darf, in den vorliegenden Räumen entgegen, die erste Spur des beginnenden Überganges zum verhältnismäßig Modernen. Und grade dieser Stil deucht einem hier, man weiß kaum selbst warum, so ganz an seinem Platze – vielleicht als wohltuender Kontrast mit der fast grauenhaft erscheinenden Naturumgebung schwarzer Felsen und kahler Wüsten, vielleicht auch, weil das Ganze als ein wohltätiger Ruhepunkt dient, welcher der Schwäche unsrer eignen modernen Gefühle schmeichelt, die sich kaum mehr dauernd zu der kolossalen Größe des ägyptischen Altertums ohne eine Anwandlung von Schwindel zu erheben vermag. Wenn ich in Theben geistig anbetete , so genoß ich hier in irdischer Behaglichkeit. Theben ist ein Aufenthalt für Götter, Philae erscheint nur wie der Palast eines epikureischen Einsiedlers. Gewiß war auch der hiesige Kultus zuletzt, wenigstens als er den größten Teil dieser Gebäude schuf, ein schon erheiterter geworden, obgleich der Mythe nach Osiris auf dieser Insel begraben lag und in ältester Zeit auch nur ein finstrer Glaube in dieser schauerlichen Werkstatt verheerender Naturelemente den Platz für seine Tempel wählen konnte. Sobald wir unsre Zelte befestigt hatten, welche dicht am hier sehr steilen Ufer des Flusses, Philae gegenüber, aufgeschlagen wurden und unsre Effekten in großen Haufen daneben aufgeschichtet worden waren, ließen wir uns sogleich nach der Insel übersetzen, auf der wir im günstigsten Augenblick, nämlich eine Stunde vor Sonnenuntergang, landeten. Nur ein Maler, und ein genialer Maler, könnt, von diesem verführerischen Orte eine gleiche Empfindungen hervorrufende Anschauung geben. Nachdem wir Gemach auf Gemach durchirrt, den doppelten und dreifachen Portikus durchwandert, wo mehr als zwanzig verschiedne Säulenordnungen miteinander abwechseln, fesselte uns am längsten der schon erwähnte bunte Saal, das Peristil des Haupttempels, welcher vielleicht eine deutlichere Vorstellung als irgendwo von der ehemaligen Pracht ägyptischer Tempel durch die in einem so offnen Raume, wie schon gesagt, fast wunderbare Erhaltung der lebendigsten Kolorierung gibt. Keine der herrlichen Säulen dieser Halle ist der andern gleich, jede schimmert in verschiednem Farbenglanze; jede entfaltet andre überraschende Zierden der Form, alle aber vereinigen sich dennoch als ein Ganzes in vollständigster Harmonie. Die riesenmäßigen Figuren außerhalb auf den Wänden der Pylonen, deren ganze Höhe sie fast erreichen, sind zwar größtenteils durch den Fanatismus vandalischer Religionsschwärmer mühsam mit dem Eisen ausgemeißelt worden, doch leidet der Totaleffekt nur wenig dadurch, und einige der Götter und Helden prangen noch unversehrt in aller ihrer alten Schönheit. So leicht das Zerstören im Vergleich mit dem Schaffen ist, so scheiterte doch in Ägypten an den Riesenwerken dieser Giganten bis jetzt der persische wie der christliche Wahnsinn, immer wenigstens zur Hälfte, und der Raub des Fanatismus, des Eigennutzes wie der Zahn der Zeit haben Jahrtausende lang nicht damit fertig werden können. In der Pforte, welche durch diese Pylonen führt, ließen die Chefs der französischen Expedition sowie die Gelehrten, welche sie begleiteten, eine lange Inschrift auf die linke, von Hieroglyphen freie Wand eingraben, und ein späterer Reisender dieser Nation hat alle anderen neueren Inschriften daneben vertilgen, die Wand glätten und mit schwarzer Farbe darüber schreiben lassen: «Une page de l'histoire ne doit pas rester barbouillée par des noms insignifiants.» – Wieviel englische Touristen mögen bei dieser diktatorischen Handlung zugrunde gegangen sein! Man hat indes bis jetzt die Anordnung respektiert, zu wünschen bliebe nur übrig, daß die Charaktere der eingemeißelten Namen der französischen Generale und Gelehrten, eben jene «page de l'histoire», von einer geschickteren Hand ausgeführt worden wären, da solche, Gänsepfoten mehr ähnliche Buchstaben, den kunstreichen Hieroglyphen und Bildern der Alten grade gegenüberstehend, einen Begriff von Barbarei hervorrufen, der mit dem hochtrabenden Inhalt der Inschrift zu komisch kontrastiert, um nicht ein unwillkürliches Lächeln zu erregen – um so mehr vielleicht, da jene ephemere Expedition so gar keine Folgen zurückließ. Wir erstiegen die wohlerhaltne und bequeme Treppe der Pylonen, welche von trichterartigen Fenstern erhellt wird und mit mehreren Priestergemächern kommuniziert, um beim Untergang der Sonne die Aussicht von der obersten Plattform zu genießen, die gewiß zu den originellsten in der Welt gehört. Unter uns breiteten sich, von den Fächern der Palmen umwogt, der Säulenwald und alle die Pforten, Pylonen, Höfe und Mauern Philaes aus, bedeckt mit tausend Götter- und Heroenbildern, von welchen einige, mit dem Fuß fast auf der Erde ruhend, doch mit dem Haupte noch bis zu uns hinaufreichten. Genau ersichtlich war hier der Plan des ganzen Baues wie auf einer Karte, umzogen vom Nil, der nach Ägypten zu einen toten See voll dunkler, abenteuerlicher Granitfelsen bildet. Einer unter diesen, auf welchen in den Stein gehauene Stufen hinanführen, gleicht einem kolossalen Königsthrone. Zur Lehne dient ihm eine mit Hieroglyphen und Bildern geschmückte Tafel, und ein ungeheurer, wie in der Luft schwebender Block formt seinen Baldachin. Von Nubien aus strömt dagegen der mächtige Fluß mit eiligem Laufe im eng zusammengedrängten Bette heran, von wenigen Palmengruppen eingefaßt, zwischen welchen sich links einige verlaßne weiße Moscheen, rechts, auf der grotesk gezackten Steininsel Bithié, die Ruinen eines andern antiken Tempels zeigen, wie denn überhaupt in ältester Zeit hier wahrscheinlich eine ganze Masse davon verteilt waren, daher es auch sehr problematisch bleibt, wo der Gott oder vielmehr nur, wie die Fabel sagt, der wesentlichste Teil desselben begraben wurde. Dicht hinter den schmalen Uferstreifen erheben sich dunkle Felsenmauern in fast gleicher Höhe auf beiden Seiten des Stroms, in deren Spalten oft weiße Sandstürze gleich Wasserfällen niederrieseln. Auf der nordöstlichen Seite endlich erblickt man im Vordergrunde als einzige ländliche Szene in diesem gesteigerten Salvator Rosa ein Stationsgebäude des Gouvernements, von einigen Sykomores nebst den Feldern und Hütten eines Dorfes umgeben, unmittelbar hinter diesem aber schließt sich schon wieder die kahle, unermeßliche Wüste an, in schwankenden Wellenlinien immer weiter und weiter zurückweichend, bis sie sich zuletzt in ihrer geheimnisvollen Unendlichkeit nur noch wie ein undeutlicher Nebel gestaltet. Bei tiefer, lautloser Stille betrachteten wir in Gedanken verloren das traumartige Bild, bis die einbrechende Nacht einen Zug desselben nach dem andern vermischte und das eintönige Rauschen der Katarakten, über den Königsthron herüber ziehend, jetzt erst mit dem immer stärker werdenden Brausen eines sich erhebenden Sturmes an unsre Ohren schlug. Dieser mahnte bald ernstlich an die Rückkehr, und wir eilten daher zur Barke hinabzukommen, ehe der Khamsin, den man befürchtete, völlig ausbreche. Doch schon hatten wir zu lange geweilt. Kaum vom Ufer abgestoßen, ergriff uns einer jener jählingen, hier so häufigen Wirbelwinde, die wegen des ungeheuren Staubes, mit dem sie im Augenblick die ganze Atmosphäre erfüllen, auf dem Lande so lästig und auf dem Wasser nicht ohne Gefahr sind. Wir erfuhren es auf der Stelle, da unsere Barke, deren Segel man nicht schnell genug reffen konnte, bei einem Haare umgeschlagen wäre und dann so gewaltsam mit uns den Strom hinabtrieb, daß wir erst weit unten ein abgerißnes Ufer zu erreichen imstande waren, das uns gegen den rasenden Wind kaum zu ersteigen gelang. Es war schon Nacht, als wir, das Gesicht sorgfältig mit den Händen schützend, um einer Augenentzündung zu entgehen, die bei solchen Gelegenheiten leicht entsteht, in Staubwolken eingehüllt bei unsern Zelten ankamen. Wir fanden sie bereits sämtlich vom Sturm umgerissen und alles darin und daneben in der gräßlichsten Verwirrung. Der herbeieilende Koch erklärte, er könne kein Feuer brennend erhalten und werde uns mehr Sand als Speisen vorsetzen müssen, da trotz der Bedeckung alle Schüsseln damit angefüllt wären. Es war ein unangenehmer Zufall, doch mit Geduld und Arbeit überwindet sich alles, und da später der widerwärtige Khamsin eine halbe Stunde lang etwas nachließ, benützten wir diese Zeit so gut, daß vermöge vieler additioneller Stricke die wieder aufgerichteten Zelte den übrigen Teil der Nacht allen Bemühungen des mit erneuter Wut zurückgekehrten Sturmes glücklich widerstanden. Freilich mußten wir uns in Betten zur Ruh legen, die fingerdick mit Staub angefüllt waren, und selbst den größten Teil des folgenden Tages in erstickender Hitze so verweilen, da das Wetter fortwährend dasselbe blieb; eine kleine Geduldsprobe, die uns einen Vorgeschmack von dem gab, was uns ohne Zweifel später noch öfter und peinlicher begegnen wird. Erst am Abend des dritten Tages konnten wir abreisen, nachdem wir vorher die Barken hatten reinigen und ins Wasser versenken lassen, um dadurch alles Ungeziefer und namentlich die Ratten zu töten, die so groß wie junge Katzen waren und deren einige dreißig bei dieser Gelegenheit gefangen oder erstickt wurden. Während man dieses Experiment vornahm, machte ich Philae noch einen zweiten Besuch und ließ mich von da auf die gegenüberliegende, etwas größere Insel Bithié übersetzen, wo sich, wie erwähnt, ebenfalls die Reste eines antiken Tempels nebst dem Torso einer kolossalen Granitstatue befinden. Ich werde bei meiner Rückkehr, wo ich mich länger und hoffentlich bei günstigerer Witterung in Philae aufzuhalten gedenke, diese Gegenstände weiter besprechen. Der Schreckenstempel von Yerf-Hussein. Korusko Der Nil nimmt nun immer mehr einen von dem bisherigen sehr verschiednen Charakter an, der jedoch bald ebenso einförmig wird als der frühere. Während er in Unterägypten durch ewig flache grüne Ufer, fruchtbare Ebnen und weit hingedehnte Palmenhaine fließt, in Oberägypten meistens in einem zwar gleich fruchtbaren, aber schon weit engeren Tale strömt, das rechts und links die niedrigen Ketten des libyschen und arabischen Gebirges begrenzen, ist er jetzt im schmalsten Bette andauernd von schwarzen, chaotisch übereinander geworfnen Felsen eingeschlossen, die aus lauter einzelnen, von den Fluten aufgetürmten Blöcken zu bestehen scheinen, und an deren Saume nur selten hinlänglicher Raum für einige Kultur und Palmengruppen übrigbleibt. Gewöhnlich erblickt man dann zwischen diesen ärmliche Dörfer mit schwarzen nackten Gestalten, die wenig Teilnahme an dem zeigen, was um sie her vorgeht; oder man wird in der Öde durch die kolossalen Trümmer antiker Tempel überrascht, die in ungestörter Einsamkeit ihre dunklen Säulen gegen den blauen Himmel abzeichnen und durch ihre Menge verkünden, welch reges Treiben einst diese jetzt so verlassenen Ufer belebt haben muß. Da wir einen ziemlich günstigen Wind hatten, fuhr ich diesmal bei den meisten dieser Monumente ohne Aufenthalt vorüber, ihre nähere Besichtigung mir bei einer andern Gelegenheit vorbehaltend, wo mich die Zeit weniger drängen wird. Am zweiten Abend unsrer Fahrt stieg ich zum erstenmal aus der Barke, um auf dem nahen Felsen eine Fernsicht der Umgegend zu gewinnen. Sie war nicht sehr belohnend, nichts als ein wogendes einförmiges Steinmeer, Hügel an Hügel endlos gereiht, die der Fluß in weiten Bögen durchströmt. Als wir den höchsten Punkt erreicht hatten, jagten wir dort eine junge Hyäne aus ihrem Lager auf, die mit solcher Bestürzung entfloh, daß sie dadurch Susannis zu ihrer Verfolgung verleitete. Sie mochte sich aber bald umgedreht und ihm die Zähne gewiesen haben, denn wir sahen ihn nach kurzer Zeit mit eingezogenem Schweife noch schneller zurückkehren, als er ausgelaufen war. Sehr verdrießlich, kein Gewehr bei uns gehabt zu haben, nahmen wir uns vor, uns dieser Nachlässigkeit künftig nicht wieder schuldig zu machen, haben aber leider keiner Hyäne mehr so schußgerecht begegnet. Am dritten Tage fiel der Wind, und ich ließ mich daher beim Dorfe Kalabsche ans Land setzen, um die dort befindlichen Tempel zu besehen. Der erste liegt dicht am Nil und ist von bedeutender Größe, doch zeigt der erste Blick, daß man kein Werk der Pharaonen vor sich habe. Er ist aus römischer Zeit. Dennoch sind in dieser Epoche des Verfalls ägyptischer Kunst die Hieroglyphen – von denen ein Teil, der nicht fertig geworden, nur mit Rötel oder schwarz auf der Mauer vorgezeichnet ist – und noch mehr die Anaglyphen mit vieler Sorgfalt aus vertieftem Raume erhaben ausgeführt, auch ihre Farben meistens gut erhalten. Die opfernden Könige sind durchgängig rotbraun, die Götter blau, grün oder lila gefärbt. Ich bemerkte einen Priester im langen, violett und weiß gesprenkelten Gewande, mit einer Art Inful in der Hand und der spitzen Priestermütze auf dem Haupte, der einem katholischen Bischof unsrer Zeit vollkommen glich. Der Tempel, dessen sämtliche Maße Herr von Prokesch und andere auf das genaueste angeben, weshalb ich sie hier nicht abschreiben will, hat eine grandiose Auffahrt vom Fluß aus, die durch halb eingestürzte Pylonen, deren noch erhaltner Teil so schief wie der Turm von Pisa steht, in einen Vorhof voller Trümmer führt. Von den Säulen, die ihn umgaben, ist nur noch eine einzige aufrecht; die Fassade des Tempels von vier Säulen und zwei Eckpfeilern getragen, welche durch Halbmauern verbunden sind, hat sich aber besser erhalten, und die Kapitäle, mit Lotos, Palmzweigen, Rebenlaub und Trauben geziert, machen einen reichen Effekt. Durch ein Tor, über dem die geflügelte Kugel, von einer gekrönten Schlange umwunden, noch unversehrt prangt, tritt man in den ersten Saal, dem noch drei andere folgen, alle mit unzähligen bunten Bildern angefüllt. Kleinere Zimmer für Priester oder heilige Tiere sind daneben angebracht sowie schmale Treppen, auf denen man die Plattform des Tempels erreicht, welche wie gewöhnlich aus langen horizontal liegenden Blöcken besteht. Einige Palmen, welche den Tempel und das danebenliegende Dorf umgeben, erheitern nebst den daran grenzenden grünen Durrafeldern ein wenig den Anblick der öden Felsgegend, die sich in trauriger Monotonie rund umher ausbreitet. Man sieht von hier, daß den Haupttempel noch mehrere Höfe, Mauern und Gebäude umgaben, deren Ausdehnung nach allen Seiten einen großen Raum einnimmt, obgleich die Dimensionen des Tempels selbst keineswegs so kolossal sind, noch sein Anblick so imposant, als einige neuere Reisende angeben. Das Ganze ist übrigens nie fertig geworden, und nur auf der Hinterwand befinden sich von außen Skulpturen, acht hohe Götter- und Königsgestalten, von denen Herr von Prokesch anführt, daß einige der Götter lange Schwerter trügen. Dies ist aber ein Irrtum, und ich habe mich sehr genau überzeugt, daß das, was er allein dafür angesehen haben kann, nur ein von ihren Gürteln herabhängendes breites Band von allerdings sonderbar steifer Zeichnung ist. Ich glaube nicht, daß je irgendwo eine ägyptische Gottheit mit einem Schwerte angetan nachzuweisen sein möchte. Weit anziehender als diese Massen ohne Kunstwert ist ein Speos (kleiner in den Felsen eingehauener Tempel), der sich eine Viertelstunde nördlich von hier tiefer im Lande befindet und die Ringe des Sesostris trägt. Der einzige Saal wird nur von zwei aus dem Felsen selbst herausgearbeiteten, kurzen flach kannelierten Säulen getragen, derengleichen man nur in den ältesten Bauten Ägyptens und Nubiens findet und die vielleicht das erste Vorbild des späteren dorischen Stiles gewesen sind. Die Hieroglyphen auf den Säulen wie an der Decke sind nur gemalt und die sitzenden Figuren in den Nischen gänzlich verstümmelt. Die schönsten Skulpturarbeiten aber schmücken die Felswände des sonst ganz einfachen Vorhofes. Sie stellen auf der einen Seite Kämpfe und Siege des ägyptischen Königs dar, auf der andern lange Züge ihm Opfer und Geschenke darbringender unterjochter Nationen. Auch hier ersparen mir und dem Leser sehr detaillierte Berichte neuerer Reisenden eine ausführliche Beschreibung. Nur auf zwei seltsame Irrtümer muß ich aufmerksam machen, in die der gehaltreichste jener angezognen Reisebeschreiber verfallen ist. Er behauptet nämlich, daß auf einem der Skulpturbilder Sesostris auf einem Streitwagen stehe, der auffallenderweise nur mit einem Pferde bespannt sei, welches sich an der linken Seite der Deichsel befinde. Der sonst so sorgfältige Beobachter bemerkte aber nicht, daß das angebliche eine Pferd acht Füße zeigt, eine silhouettenartige Weise, mit der das Rossegespann an den Streitwagen sehr häufig von den Ägyptern dargestellt wird und wobei ohne Zweifel supponiert wurde, daß das eine Pferd das andere dem Beschauer gänzlich decke und man es daher nur durch seine vorgreifenden Beine andeutete. Die zweite unrichtige Beobachtung betrifft das Einhorn , welches in einer Reihe vieler Tiere, die dem auf seinem Throne sitzenden Ramses zugeführt werden, sich befinden soll, woraus der Autor sogar den Schluß zieht, daß das Einhorn kein fabelhaftes Tier sei. Ich bin nun zwar, was dies letztere betrifft, ganz seiner Meinung; wenn wir aber keinen besseren Beweis dafür aufzufinden vermögen, als die hiesige Abbildung darbietet, so werden wir nicht viel Proselyten damit machen. Der Irrtum ist wieder der nämliche wie bei dem Pferde: Das eine Horn der Antilope deckt das andere, welches daraus unwidersprechlich hervorgeht, daß besagtes Horn nicht auf der Mitte der Stirn, sondern dicht am Ohre sitzt. Alle diese Tiere sind übrigens vortrefflich vom Künstler charakterisiert, und man kann zum Beispiel keine treuere Darstellung einer Giraffe sehen, als sie sich hier vorfindet. Die Kopten haben auch auf dieses Monument ihre Heiligen gepinselt, und wie an andern Orten sind auch hier die alten Götter des Landes wieder unversehrt durchgedrungen, wo man sie nicht gewaltsam ausgemeißelt hat. Mehrere Spuren im nahen Tal verraten, daß einst hier eine ansehnliche Stadt gestanden haben müsse, man glaubt das alte Talmis oder vielleicht ein befestigtes römisches Lager, wie mir aus der Konstruktion wahrscheinlicher ist. Wir stiegen hinab und durchschritten das nahe Dörfchen, dessen Einwohner meistens ganz nackt gingen und auch ohne alle Bedeckung des Kopfes waren, den jedoch bei ihnen lange, wild umher flatternde schwarze Haare, besser als bei den geschornen Barabras in Philae gegen die Sonne schützten. Im übrigen schienen diese Leute bequemer zu wohnen und wohlhabender zu sein als die ägyptischen Fellahs, waren auch weit weniger zudringlich, uns ein Bakschisch abzufordern. Vor ihren Gärten standen mannshohe irdene Krüge, die wir meistens mit Durra oder auch getrockneten Datteln angefüllt fanden, und dem Anschein nach war es jedem Vorübergehenden vergönnt, sich durch ihren Inhalt zu erfrischen, sooft er Lust dazu hatte. Wenigstens bedienten sich unsre Matrosen dieser Freiheit auf ziemlich indiskrete Weise. Als wir abfuhren, bot sich uns noch ein originelles Genrebild dieser Bevölkerung dar. In einem Saki am Ufer hatten sich sechs solcher paradiesischer Gestalten, alle in den ihnen so natürlichen malerischen Stellungen an die Pfosten des Saki angelehnt, von wo sie unser Vorbeifahren betrachteten, und so symmetrisch waren sie im Kreise übereinander um das sich drehende Rad en medaillon gruppiert, daß man kein graziöseres lokales Negerkabinettstück hätte ersinnen können. Es fehlte uns nur der Maler, um es auf der Leinwand zu verewigen. Den 6ten April Anhaltend konträrer Wind macht unsere Fahrt sehr langwierig. Manches Unangenehme gesellt sich dazu. Wanzen, Spinnen, Kakerlaks, Flöhe und Kleiderläuse wird man hier zuletzt gewohnt als unvermeidliche Haustiere, aber die Qual der Myriaden von Fliegen, die den ganzen Tag über keinen Augenblick Ruhe geben, wird fast unerträglich. Die Hitze macht mich wenig leiden, obgleich wir uns nun bereits in der Zona torrida befinden, denn am 4ten nachmittags passierten wir, von romantisch geformten Felsen eingeschlossen, den Wendezirkel des Krebses. Die Idee der Rückgängigkeit dieses Schaltieres erregte mir Heimweh, denn ich gedachte dabei in vieler Hinsicht meines geliebten Vaterlandes. Man vergesse nicht, daß dies vor mehreren Jahren geschrieben wurde. Seitdem spricht man ja viel mehr von Fortschritt in allen Gauen Deutschlands. Leider behält auch der Wind stets die analoge Richtung und bläst fortwährend nach rückwärts, wonach wir wie billig den Mantel hängen, aber mit den Segeln läßt sich nicht dasselbe tun, und wir avancieren daher kaum einige Stunden täglich. Der Fluß ist so einsam wie der größte Teil der Umgegend. Die erste Barke, der wir seit mehreren Tagen begegneten, war die dreier Franzosen, welche kurz vor uns Kahira verlassen hatten und bei Ypsambul umgekehrt waren, weil sie das Ungemach und die Beschwerlichkeiten der Reise nicht länger ertragen konnten. Einer von ihnen war sogar verrückt davon geworden und hatte schon früher unter der Obhut eines treuen Dieners unterwegs zurückgelassen werden müssen. Die Freunde erkundigten sich angelegentlich nach seinem Befinden, doch konnten wir ihnen keine Auskunft darüber geben. Eines Tages benutzte ich die Langsamkeit unserer Reise, um den Tempel von Dandur zu besehen. Er liegt am linken Nilufer, an welchem fast alle jene prächtigen Monumente aufgebaut wurden, die sich zwischen Assuan und Ouadi-Halfa befinden. Auch dieser ist aus römischer Zeit. Er steht auf einem hohen Peribolus an die Hügel gelehnt, ist nur klein, 21 Fuß breit und ungefähr doppelt so tief, aber höchst zierlich und wohlerhalten. Dieses niedliche Gebäude würde fast ohne alle Ausbesserung den hübschesten Parktempel für eine moderne europäische Anlage abgeben, wenn man ihn nur durch Aladins Lampe gleich dorthin versetzen könnte. Auch die Skulpturen, obgleich weit von der Vortrefflichkeit der pharaonischen Bauten entfernt, sind doch weich und graziös und verschiedne Darstellungen höchst anziehend, besonders eine, wo hinter der ägyptischen Venus, die auf einem bunten Throne ruht, ein schöner junger Gott steht, der den Finger auf den Mund legt, der ägyptische Horus. Har-pe-chreti (Horus das Kind, das den Finger an den Mund legt, nicht weil es schweigen will , sondern weil es noch nicht sprechen kann. S. Lepsius.) Im hintersten der drei kleinen Säle ist jetzt eine früher sorgsam verborgene Öffnung durch das Herabfallen einiger Steine sichtbar geworden, die mit einem Kabinett ohne andern bemerkbaren Eingang kommuniziert, welches wahrscheinlich zu den allen Religionen bisher so nötigen, frommen Täuschungen der Priester diente. Im Felsen, der sich hinter dem Tempel erhebt, befindet sich noch ein, wie man deutlich gewahr wird, zu verschiednen Zeiten restauriertes Speos, inwendig ohne alle Dekoration irgendeiner Art, dessen Zweck nicht recht klar wird, das aber nach dem Inhalt einiger kurzen Inschriften auf seinen Wänden seit dem entferntesten Altertum im Rufe der Heiligkeit gestanden zu haben scheint und vielleicht den Bau des eleganten Tempels an dieser Stelle allein motivierte, denn in jeder andern Hinsicht kann man sich keinen traurigern und reizloseren Ort denken. Ungleich interessanter war die Exkursion des folgenden Tages, obgleich das seichte Wasser, wegen dessen wir eine gute halbe Stunde unter dem Tempel von Yerf-Hussein, auch el Sebna genannt, landen mußten, uns nicht erlaubte, in der verschütteten Sphinxallee hinanzusteigen, sondern zu einer äußerst peniblen tropischen Promenade rückwärts zwang, fortwährend durch den Sand bis an die Knöchel watend. Wir stießen während derselben zum erstenmal auf eine kleine viehtreibende Karawane, und auch mehrere nackte Einwohner des nahen Dorfes gesellten sich zu uns. Als wir uns dem Tempel näherten, kamen noch zehn bis zwölf andere Leute hinzu, große athletisch gebaute Menschen, die zum Teil Äxte über die Schulter gehangen trugen und große Stücke grober Taue in der Hand hielten, deren Zweck wir zuerst nicht begriffen, welche sie aber später anzündeten, um uns in den dunklen Felsengemächern vorzuleuchten. Wir waren unbewaffnet, nur vier Personen, einen unsrer Matrosen mit inbegriffen, und folglich der Diskretion dieser Menschen an dem abgelegenen Orte ganz überlassen, aber so weit Mehemed Alis Szepter reicht, ist der Schrecken seines Namens die sicherste Ägide und der Fremde jetzt mitten unter diesen Wilden in der tropischen Einöde, bei Tag wie bei Nacht, sicherer als in den Straßen unsrer volkreichsten Hauptstädte. Der Felsentempel von Yerf-Hussein ist mir als einer der merkwürdigsten im ägyptischen Reiche vorgekommen, da ich nach der Belehrung des Augenscheins überzeugt bin, daß er trotz der Ringe des dritten Ramses oder Sesostris, die man auf den Kolossen des Vorbaues und auf den zerstörten Sphinxen und Statuen findet, welche die von der Flußseite hinansteigende großartige Treppe zierten, doch einer ungleich älteren Epoche angehört und vielleicht tausend Jahre vor Ramses schon existierte. Es scheint unmöglich, daß ein und dieselbe Zeit Werke von so heterogener Natur, als die Monumente von Theben und dem nahen Ypsambul mit diesem Tempel darbieten, hätte hervorbringen können – dort an beiden Orten die Vollendung höchster Kunst, hier nur ihr plumper, noch unbeholfner, aber bereits alle Elemente düstrer Großartigkeit in sich enthaltender Anfang. Ramses-Sesostris mag vielleicht die Treppe, selbst den Vorbau und im Innern einige Skulpturen hinzugefügt, vielleicht auch das Ganze neu ausgebessert haben, aber der Hauptbau bestand gewiß lange vor ihm. Es wäre auch in der Tat seltsam, wenn man durchaus gar keine Spuren dieser älteren Architektur in Ägypten und Nubien mehr antreffen sollte, welche doch einer so unendlich hohen Ausbildung, wie Theben zeigt, notwendig um Jahrtausende vorhergegangen sein muß! Es scheint allerdings, daß zu irgendeiner Zeit, entweder durch den Einfall der Hirtenvölker (Hyksos) herbeigeführt oder auch absichtlich von den späteren Machthabern selbst angeordnet, eine allgemeine Zerstörung dieser unvollkommenen alten Werke stattgefunden hat. Vielleicht wollten später die Ägypter selbst ihre unvollkommenen Anfänge sämtlich vertilgen, um sich der staunenden Nachwelt nur vollendet, wie Minerva gleich fertig aus des Gottes Haupt gesprungen, zu zeigen. Doch verdiente dann der erhabne, schauervolle Ernst des Tempels von Yerf-Hussein gewiß eine Ausnahme und ward entweder deshalb verschont, oder er entging, wenn man die Hypothese der Zerstörung durch fremde Eroberer lieber will, dieser Letztern durch Zufall. Die Hyksos kamen überdies schwerlich in der Epoche ihrer Eroberung den Nil so weit hinauf. Der äußerlich angebaute Vorhof mit Säulen und kolossalen Karyatiden, welche Priester darstellen, ist größtenteils verfallen, der in den Felsen gehauene eigentliche Tempel aber in seinen Maßen fast ganz erhalten, obgleich Feuer, das lange darin gebrannt haben muß, die Skulpturen der Wände ganz undeutlich gemacht und alles mit ein und derselben schwarzen Farbe überzogen hat, ein Umstand, der jedoch die unheimliche, ja wirklich fast furchtbare Wirkung des Ganzen jetzt nur noch erhöht. Durch eine hohe Pforte, welche die Mitte einer glatt polierten Felsenwand einnimmt, tritt man in den ersten Saal, der von sechs gewaltigen, an 30 Fuß hohen Kolossen getragen wird, die sich an schwere viereckige Pfeiler lehnen. Der Gang, den diese Riesen einfassen, ist nicht breiter als die Türe, so daß man, beim Hindurchschreiten sie fast berührend, von ihrer erdrückenden Nähe beängstigt und von dem tiefen Eindruck ihres drohenden, starren Blickes betroffen, sich eines Gefühls, das dem Entsetzen vor Gespenstern gleicht, kaum erwehren kann. Die schwarze Nacht umher, die nur wie glühende Kohlen glimmenden Taue, ihr betäubender Dampf und die wilden Negergestalten, die noch nicht das Knie der Riesen erreichten, standen überdies im besten Einklang mit allen eigentümlichen Schauern dieses geheimnisvollen Tempels. Hinter den erwähnten Pfeilern führt ein etwas breiterer Gang längs den Wänden des Saals rund umher. In diesen Wänden befinden sich, immer den Zwischenräumen der Pfeiler gegenüber, tiefe Nischen, deren jede grobgearbeitete, aber höchst ausdrucksvolle Figuren, etwas über Lebensgröße, enthält, gewöhnlich zwei Männer, und an ihrer linken Seite eine Frau. Sie sind nicht wie die Figuren der übrigen Wandskulpturen im Profil dargestellt, sondern schauen mit vollem Antlitz den Wanderer an, oft mit gräßlichen, zornerfüllten Zügen, denen das von Rauchwolken umgebene Licht, wenn es einen Augenblick aufflackerte, ein wirkliches Leben zu verleihen schien. Eins meiner Reisebücher gibt an, daß ihre Farbe rotbraun, nicht schwarz sei, wie einige Besucher irrtümlich geglaubt hätten. Ich habe nach sorgfältiger Untersuchung dies nicht bestätigt finden können, bei den meisten schien mir die ursprüngliche Farbe grün, nur die wenigsten zeigten Spuren der ägyptischen rotbraunen Hautfarbe, einige waren aber bestimmt schwarz und auch durch ihre Züge als Neger erkenntlich, eine Mischung der Nationen, wie wir sie später immer häufiger antrafen, und welche hinlänglich den in ältester Zeit bestehenden engen Verkehr und häufige Vereinigung zwischen den äthiopischen und ägyptischen Völkern dartut. Mit Ruß dick überzogen sind indes fast alle Figuren dieses Tempels, nur an den Gürteln der Priester oder Königskolosse hat sich noch einiges Blau und Rot in seiner alten Frische erhalten. Der Stil der Skulpturen an Wänden und Pfeilern, soviel man davon noch deutlich unterscheiden kann, scheint sehr verschieden, und mehrere derselben, die von weit besserer Ausführung sind, halte ich deshalb für neuer, das heißt nur über 3000 Jahre alt und von Ramses den übrigen hinzugefügt. Der zweite, weniger geschmückte Saal ohne Statue kommuniziert mit fünf andern Gemächern, wovon das mittelste und größte, dem Eingang gegenüber stehende, das Allerheiligste enthielt. Hier sitzen in einer Nische, welche fast die ganze Höhe der Wand einnimmt, vier kolossalere Figuren als die der Seitennischen, wovon die letzte zur linken Hand eine junge Frau von schlankem Wuchse darstellt, deren Arm zärtlich um ihren Nachbar geschlungen ist. Wahrscheinlich ist dies das hier begrabne Königspaar oder das der Erbauer, die anderen, obenan sitzenden Figuren sind Götter und zeigen die Attribute des Ammon-Re und Osiris. Auch diese Figuren sind nur plump und furchtbar, wiewohl immer voll Charakter und dabei auch ziemlich gut erhalten. Eine sonderbare Eigentümlichkeit derselben ist es, daß alle vier das widerliche Ansehen geschwollner Beine und Füße darbieten. Sie hatten für uns, selbst in der Farbe, etwas Molch- und Krötenartiges, und man konnte nicht lange vor ihnen stehen, ohne an irgendeinen Gott Moloch und ihm einst hier geschlachtete Menschenopfer zu denken, wozu man gewiß kein passenderes Schreckenslokal irgendwo auffinden könnte. Die übrigen vier Gemächer sind so von der Feuersbrunst zerstört, daß ganze Stücke des Felsens dadurch von der Decke abgelöst worden und auf den Boden gestürzt sind; von den Skulpturen der Wände konnte man hier durchaus nichts mehr erkennen, und Hunderte von Fledermäusen, die in den grausigen Räumen umherschwirrten, verlöschten überdies mehr als einmal unsre aus Tauen gedrehten Fackeln. Vier Piaster (ein Frank) waren hinlänglich, das Dutzend unserer Führer zu ihrer größten Zufriedenheit zu bezahlen, aber ehe sie sich über die Verteilung dieses Schatzes unter sich verständigen konnten, dauerte es länger als wir Lust hatten abzuwarten. Noch fünf Minuten nach unserer Entfernung hörten wir ihr Zankgeschrei und sahen sie durch unsre Perspektive vor des Tempels schwarzer Pforte wie Affen gestikulierend umherspringen. Das wenige fruchtbare Land, welches die Steine an den Ufern des Flusses übriglassen, fanden wir auf das beste kultiviert und durch ungemein hohe Sakis von zwei Etagen bewässert, deren Instandsetzung sehr kostspielig gewesen sein muß. Auch erhielten wir hier vortreffliche Kuhmilch und saftige frische Bohnen, eine schätzbare Zugabe für unsere Tafel, die jetzt sehr dürftig beschaffen ist und meistens auf magere Hühner, Schöpsenfleisch und Linsen allein beschränkt bleibt, zu denen wir in Wasser aufgeweichten Zwieback genießen müssen, weil das von Assuan mitgenommene Brot schon längst vertrocknet und verschimmelt ist. In den hiesigen Gegenden aber kennt man kein Brot, und die nur von einem Straußenmagen zu verdauenden Durragaletten der Einwohner können uns seinen Mangel nicht ersetzen. Keiner unsrer 24 Matrosen ist zum Fischen zu bringen, noch sahen wir je eine Vorrichtung dazu, noch werden irgendwo Fische zum Verkaufe gebracht, obgleich der Nil die vortrefflichsten in größter Menge liefert. Sie scheinen aber hier ebensowenig für eßbar zu gelten als bei uns Wasserratten und Schlangen. Nicht ohne einige Besorgnis berühre ich dieses Kapitel. Es ist bekannt, wie oft schon die vaterländischen Kritiker mir meine Tafelreminiszenzen vorgeworfen haben; nun aber kam in Kahira sogar ein Blatt des Courier français in meine Hände, worin auch ein französischer Rezensent, der vielleicht irgendwo in Paris im fünften Stocke Hunger leidet, seine Galle wegen desselben Gegenstandes über den deutschen Touristen ausgießt, der zu seinem Verdruß immer möglichst gut und reichlich zu essen scheint, ja sogar dessen ungescheut Erwähnung zu tun so frei ist. Ich gestehe, daß ich von den eßkünstlerischen Franzosen, die den Almanac des gourmands erfanden, in deren Literatur (wo nicht in der von ganz Europa) die Kochbücher ohne Zweifel jetzt der klassischeste Teil sind und deren Köche selbst man mit ihrem Ruhme über alle fünf Weltteile der Erde verbreitet sieht, einen solchen Angriff am wenigsten erwartet hätte! Wie aber diese liebenswürdige Nation alles mit Grazie zu tun weiß, so hat auch das erwähnte, ihr angehörige Individuum seine Scherze so drollig anzubringen gewußt, daß man ihm unmöglich gram deshalb werden mag, und mancher ehrliche Deutsche kann sich sogar ein sehr nützliches Beispiel an des Franzosen Gewandtheit nehmen. So vereinigte dieser Kritiker zum Beispiel aus einem Buche von fünf Teilen, das einen Zeitraum von zwei Jahren umfaßt, alle Stellen, wo der Autor vom Essen spricht, zu einer fortlaufenden Serie gastronomischer Notizen, wodurch es allerdings für jeden, der das rezensierte Buch nicht kennt, den Anschein gewinnen muß, als sei der Reisende nur der commis voyageur irgendeines der industriellsten europäischen Restaurateurs, der seinem Berufe getreu nichts als Eßbares in den Kreis seiner Beobachtungen aufnehmen darf – und ich, der Verfasser selbst, muß gestehen, daß ich bei der burlesken Zusammenstellung dieser langen Liste mich des herzlichsten Lachens nicht erwehren konnte. Dieser junge französische Rezensent (denn daß er noch jung ist, verrät vieles) befindet sich also auf einem sehr guten Wege, und von Herzen wünsche ich seiner Feder hinlänglichen Erfolg, um ihn künftig in den Stand zu setzen, täglich im Café de Paris ein so gutes Diner einzunehmen, als mir je zu schildern Gelegenheit ward. Deutsche Rezensenten bedienen sich oft eines andren Kunstgriffs, nämlich sie erfinden selbst Dinge, die gar nicht im Buche stehen, oder entstellen sie wenigstens im Auszuge so, daß sie nur ihnen und nicht mehr dem Autor angehören, wobei es ihnen denn natürlich leicht wird, sie so einzurichten, daß sie auch dem magersten Witze noch einen erfreulichen Spielraum gewähren. Dies Rezept ist wenigstens probat in seiner Wirkung auf alle diejenigen, welche das Werk, das man lächerlich zu machen sucht, nicht gelesen haben, und selbst von denen, die es gelesen, erinnern sich oft wenige so genau des Inhalts, um nicht auf Treu und Glauben anzunehmen, daß die gerügten Absurditäten wirklich darin vorkommen, und sie wundern sich vielleicht nur, dieselben früher so gänzlich übersehen zu haben. Doch werde ich trotz aller Anfechtungen dieser Art eine Gewohnheit nicht ganz verlassen, in der ich große Vorgänger habe. Es erfrischt die Konstitution des Lesers, wenn man zuweilen mit ihm vom Essen spricht, und ich selbst habe dies bei der Lektüre englischer Romane oft empfunden. Einmal erhielt ich sogar einen anonymen Brief, worin mir eine pommersche Hausfrau (der Poststempel verriet mir ihr Vaterland) den innigsten Dank für eine neue Anweisung, Kartoffeln zuzubereiten, sagte und mir als Gegengeschenk zwei andere vortreffliche kulinarische Vorschriften nebst einer selbst geräucherten Gans zusandte, während derselbe Posttag mir den Brief einer jüngeren Berliner Dame brachte, die mich zu einem besseren Christentum bekehren wollte, als ihr das meinige vorkam. Solche Trophäen sind des Autors Stolz, und ich darf ihre Quelle auf keiner Seite ganz versiegen lassen. Den 8ten April Endlich haben wir günstigen Wind bekommen, der uns in einem Tage so weit brachte, als wir bisher in einer ganzen Woche gekommen waren. Aber in meiner kleinen Barke mußte dabei alles wohl versichert werden, da der Wind sie bald auf die linke, bald auf die rechte Seite so tief niederdrückte, daß sie mehrmals Wasser schöpfte, und in meiner Kajüte, wie bei einem Sturm auf dem Meere, alles umgeworfen wurde, was nicht unverrückbar festgestellt war. Nicht eher als bis der Inhalt eines Tintenfasses über mich ausgeleert worden war, lernte ich diese neue Einrichtung hinlänglich treffen. Die Tempeljagd mußte nun eingestellt werden, und wir fuhren ohne Bedauern an mehreren vorüber, da sie sämtlich für den Rückweg aufgespart bleiben; sind deren übrigens eine so große Zahl, daß man fast froh ist, ihren Besuch in zwei verschiedne Epochen teilen zu können. Gegen Abend erreichten wir das ansehnliche Dorf Korusko, ein Hauptstapelplatz am Nil, von wo die Karawanen direkt durch die Wüste in vierzehn Tagen nach Berber gehen und dadurch den Flußweg um das Dreifache abkürzen. Die Reise ist aber wegen Mangel an Wasser sehr beschwerlich. Wir blieben die Nacht in Korusko, dessen Umgegend ich am Morgen einige Stunden widmete. Die Landschaft wird hier ungleich pittoresker, und ich will sie daher, um einen anschaulichen Begriff von einer echt nubischen Gegend zu geben, etwas näher beschreiben. Um sie selbst besser zu überschauen, erstieg ich nicht ohne Mühe einen 1600 Fuß hohen, sehr steilen Felsenberg, auf dessen spitzem Gipfel ich eine kleine Plattform, so glatt geebnet wie zum Hexentanze, antraf. Hier ließ ich mich nieder und untersuchte mit meinem Glase den weiten Horizont. In Süd und Südost breitete sich, so weit die Sehkraft reichte, die geheimnisvolle, wunderbar anzuschauende Wüste von Korusko aus. Diese bietet kein Sandmeer, sondern erscheint wie ein Gebirge schwarzer und braunroter zerrissener Felsen in allen möglichen phantastischen Formen mit weiten gleichfarbigen Tälern dazwischen, die wie mit dem Richtscheit geebnet sind. Alles muß hier in der Urzeit von einem unermeßlichen vulkanischen Feuer geröstet worden sein. Noch sieht man das Ganze davon kohlschwarz gebrannt, und die Mineralogen finden in dieser Wüste die seltsamsten, sonst nirgends unzutreffenden Phänomene und Produkte, welche eine Erdrevolution zurückgelassen hat. Gewöhnlicher Wüstensand ist auf dieser Seite nirgends zu sehen, doch ebensowenig irgendeine Spur von Vegetation. Nur das schmale Nilufer, das man weithin gegen Nordost verfolgt, prangt mit den grünsten Feldern, und selbst die unmittelbaren steilen Flußwände, welche bei höherem Stande des Nils das Wasser bedeckt, sind jetzt bis unten hinab mit Erbsen und Bohnen besät. Zuweilen erstrecken sich grüne Erdzungen tiefer in die Felsen hinein, wo unter Palmen- und Akazienwäldchen die Eingebornen ihre friedlichen Hütten erbaut haben. Nach Südwesten hin deckt eine Hügelkette die Aussicht, gegen Norden aber bildet das Land jenseits des Flusses den vollkommensten Kontrast zu der bisher betrachteten Gegend. Der Nil macht bei Korusko einen so gekrümmten Haken, daß er von hier bis Hamada fast wieder nördlich weist, daher auch der bisher uns günstige Wind, obgleich er sich nicht veränderte, doch für uns nun zum konträren geworden ist. Es geht uns, beiläufig gesagt, im Leben mit vielen Dingen und Personen ebenso, wenn wir unbewußt die Richtung verändern und glauben, es sei von den andren geschehen. Doch um auf meine Beschreibung zurückzukommen, so besteht also das ganze Dreieck, welches der Nil im Norden einschließt, aus lauter ockergelben Sandhügeln, deren oben heraustretende Felsenspitzen wiederum schwarz sind, und dieses dergestalt schwarz getupfte Gelb setzt sich, gleich einer Decke von Leopardenhaut, ununterbrochen bis an den Horizont fort. Nur unmittelbar am Nil wird es durch einen engen Streifen dichter Mimosen begrenzt, die ihre wohlriechenden bunten Blüten und feinen federartigen Blätter bis in das Wasser niederbeugen. Hier und auf dem nahen Sande soll sich eine unglaubliche Menge und Varietät von Käfern aufhalten, und ein Naturforscher, den ich später in Khartum antraf, behauptete, hier den echten heiligen Käfer, den Scarabaeus sacer der alten Ägypter, gefunden zu haben, stahlgrün mit goldschimmerndem Saum. Im Flusse selbst ragen viele Steinklippen hervor, deren Menge bei niedrigem Wasserstande die ganze Fahrt von Philae bis Ouadi-Halfa an mehreren Orten unsicher macht. Wir fuhren einigemal auf ihnen auf, und die große Barke schöpft seitdem fortwährend Wasser. Auch die meinige zerbrach bei einer solchen Gelegenheit ihr Ruder, das wir in Korusko wiederherstellten. Da man die Nacht unter solchen Umständen nicht wohl fahren kann, so wird unsre Reise dadurch noch mehr in der jetzigen Jahreszeit verlängert. Die Einwohner von Korusko brachten uns allerlei Waren zum Verkauf, Schilde, Spieße, Strohhüte, Kurbatsche aus dem Fell des Nilpferdes geschnitten und Geschlechtsteile des Krokodils, die ungemein stark nach Moschus riechen und stimulierende Eigenschaften besitzen sollen, weshalb sie die Einwohner sehr teuer halten. Einige boten uns auch ihre Weiber und Töchter an, deren Schönheit sie sehr rühmten, worin wir aber, nach Belehrung des Augenscheins, unmöglich mit ihnen übereinstimmen konnten. Die abscheuliche Mode, Gesicht und Haare fingerdick mit Fett zu überziehen, würde schon hinlänglich sein, einen Europäer selbst von einer hiesigen Venus zurückzuschrecken. Während unsres Aufenthalts langten drei ganz mit Sklaven angefüllte Barken von Dongola hier an. Es ist dies schon die vierte Karawane schwarzer Sklaven beiderlei Geschlechts, der wir seit Assuan begegnen, sonst nur den erwähnten Franzosen, welche die einzigen Touristen auf dem Nil waren. Nie konnten wir die Führer der Sklaven bewegen, uns unterwegs welche davon zu verkaufen. Der Grund liegt teils im Fanatismus dieser Leute, teils darin, daß diese Transporte größtenteils das Eigentum größerer Spekulanten sind, zum Teil Europäer, welche die Schwarzen auf ihre Rechnung nach Kahira kommen lassen, wo sie sie zu hohen Preisen anzubringen sicher sind. Die Führer durften daher unterwegs wahrscheinlich nicht mehr darüber disponieren. Wir fanden diese armen Wesen fast immer heiter, oft ausgelassen, und man sah ihnen keinen Mangel an. Auch schien die Behandlung, welche ihnen zuteil ward, durchaus nicht grausam, nicht einmal streng, etwas schlimmer mag indes ihr Los sein, wenn sie durch den brennenden Sand der Wüste zu Fuß reisen müssen. Ypsambul Den 10. April Wir sahen uns genötigt, wieder zum Ziehen der Barke durch Menschen und zum notwendigen Pressen der Eingebornen zu diesem Dienst unsre Zuflucht zu nehmen, womit man freilich nicht schnell vorwärts kommt. Auch entwischten häufig die Gepreßten unserm Kawaß, was langen neuen Aufenthalt verursachte. So erreichten wir erst spät nach Mittag den Tempel von Hamada, der von geringem Umfang, aber größter Schönheit aller Details und aus der besten Zeit der Pharaonen ist. Schade, daß der Sand der Wüste ihn so tief verschüttet hat, daß man bequem vom Boden auf sein Dach steigen kann, das hier aus doppelten übereinander liegenden Steinblöcken, jeder von zwei Fuß Dicke, besteht. In der Mitte dieser soliden Decke haben die Kopten, welche den Tempel eine Zeitlang als Kirche benutzten, ein weites Loch gebrochen, um eine Art weißgetünchter Kuppel aus Erdziegeln darauf zu stülpen, die einem Taubenhause gleicht, wie die meisten dieser Arbeiten aber schon wieder zur Hälfte eingefallen sind. Man bemerkt in diesem Tempel, dessen Inneres (in das man durch ein enges Loch kriechen muß) weniger mit Sand angefüllt ist, als es die äußere Verschüttung erwarten läßt, ähnliche kannelierte Säulen ohne Kapitäl mit bloßer Deckplatte wie in dem Speos zu Kalabsche und findet nur die Ringe ältester Pharaonen darin, vom Geschlechte Thutmosis' III., der für den König Moeris des Herodot gehalten wird, Ammenophis' II. und einiger andern. Mit Champollions Tafel in der Hand ist es jetzt jedem leicht geworden, der sich nur die Mühe der Vergleichung geben will, die meisten dieser Ringe zu erkennen, frühere Reisende hatten es nicht so bequem. Die vortrefflichen Skulpturen der inneren Gemächer dieses kleinen Tempels, der dem Gott Phre, wenn ich mich recht erinnere, gewidmet war, sowie die Frische der Farben sind von seltener Erhaltung, wozu es viel beigetragen haben mag, daß jedes Gemach von den Kopten sorgfältig mit Mörtel beworfen und überweißt worden war. Unter den Bildern bemerkte ich häufig einen Vogel, eine Art Drossel, die ich auch lebend hier schon hatte umherfliegen sehen; dieser Vogel war mit einer solchen Genauigkeit der Natur nachgeahmt, daß er in Buffons Werke hätte aufgenommen werden können. Er zeigte sich in den verschiedensten Attitüden, und in einem der Bilder saß er auf einem toten Tier, das ganz der seitdem in Neuholland aufgefundenen Amphibie mit dem Entenschnabel (Ornithorhynchos) glich. Sollte dieses Schnabeltier sonst auch in Ägypten existiert haben? Wieder sieht man hier rote und schwarze Fürsten, unter andern eine schwarze Königin mit einem rotbraunen König, die ein Bündnis miteinander zu schließen scheinen; sowie neben ihnen die vollständigsten Sammlungen aller Landesprodukte, Vasen, Möbeln, Eßwaren und Effekten. In keinem Tempel Ägyptens sah ich bisher eine so große Mannigfaltigkeit der Gegenstände auf einem so geringen Raume dargestellt. Der Sand um den Tempel war so glühend heiß, daß man sich fast die Stiefel daran verbrannte und den Fuß nicht lange ohne Schmerz an ein und demselben Flecke ruhen lassen konnte. Man begreift, wie ein solcher Sand Straußeneier ausbrüten mag, und ich bezweifle nicht, daß man auch Hühnereier darin in einer Viertelstunde garkochen könnte. Wir blieben die Nacht in Doerr, einem sehr ansehnlichen, reinlichen, mit schönen Fluren und einem weithin gedehnten Palmenwalde umgebnen Orte, der ehemaligen Hauptstadt des Landes und dem Sitz seines Souveräns, der auch jetzt noch, nachdem er seine Unabhängigkeit verloren, als Kascheff des Vizekönigs hier residiert. Mehemed Ali hat diese sanfte Politik an mehreren Orten befolgt und die alten Landesfürsten ihr Gouvernement als seine Beamten fortsetzen lassen. Wir besahen den ziemlich weitläufigen Palast des Exsouveräns, der aus bunten Ziegeln und Lehm aufgeführt ist, sowie seine Gärten, in denen wir Weinplantagen, Orangenhaine und allerlei bei uns seltne Bäume und Gesträuche der Tropen mit vieler Sorgfalt gepflegt fanden. Was mich aber am meisten überraschte, waren zwei ungeheure Sykomorbäume, die größten, welche ich bisher gesehen, und die in der Mitte zweier Plätze vor dem Schlosse standen, welche sie fast ganz beschatteten. Die Ausbreitung der Äste des einen derselben betrug volle hundert Fuß. Ewige Kühle herrscht unter diesen Laubkronen, und keine Baumart, die ich kenne, übertrifft die Schönheit ihres hellen Apfelgrüns, das der Sykomor übrigens nur in diesem, ihm ganz zusagenden Klima anzunehmen scheint, denn in Ägypten ist die Farbe seiner Blätter weit dunkler. Der erwähnte Palmenwald, in welchem Doerr liegt und der sich mehrere Stunden weit ausdehnt, liefert das Material zu den schönen Matten, welche die hiesigen Weiber verfertigen. Einige zwanzig derselben, glänzend von Fett, und das Haar in hundert schmale Tressen, voll Goldzierden und Glasperlen, geteilt, umringten uns bald nachher, um uns ihre Arbeiten dieser Art anzubieten, während sie die Matten mitten im Staube der Straße aufrollten. Indem ich mich bückte, um einige davon näher zu untersuchen, fühlte ich mich plötzlich von zwei Armen umschlungen, und als ich mich jähling umwandte, erblickte ich einen abscheulichen, schmutzigen alten Bettler, der auf diese verbindliche Weise um ein Almosen bat. Doerrs Bewohner schienen ein zudringliches, aber gutmütiges Völklein zu sein, immer bettelnd, aber auch gefällig und höchst genügsam in ihren Wünschen. Wir kauften eine Anzahl der schönsten Fußdecken von höchst mühsamer Arbeit, die in Europa mit Gold aufgewogen werden würden. Ein Teppich aus Palmblättern in bunten Farben und geschmackvollen Dessins, groß genug, um ihn vor ein Sofa legen zu können, kam uns auf nicht mehr als fünf Franken zu stehen, und erst, als wir mehrere Bestellungen machten, um sie bei unserer Rückkehr mitzunehmen, erfuhren wir, daß eine Person mit angestrengtester Arbeit einen solchen Teppich nicht vor zwei Monaten beendigen könne. Der Gewinn ist also nur 2½ Franken monatlich, wozu das echt gefärbte Material noch umsonst hergegeben wird. Von geringerer, aber immer noch, nach unserm Maßstabe, vortrefflicher Ware kostete das Stück nicht mehr als einen Franken! Vor fünfzehn Jahren war Geld hier fast ganz unbekannt, wenigstens unter den gemeinen Klassen, und Champollion hatte viel Mühe, den Leuten, welche ihm den Eingang zum Tempel von Ypsambul vom Sande freimachten, ihre Bezahlung, welche sie in Naturalprodukten erwarteten, in Geld annehmen zu machen. Seitdem sind sie jedoch sehr begierig danach geworden, überschätzen aber noch seinen Wert. Einige Dutzend reisende und kaufende Europäer mehr, und sie werden bald unserer Aufklärung in dieser Hinsicht nichts mehr nachgeben. Der Sonnenuntergang spielte an diesem Abend unter Doerrs hohen Palmen mit unnachahmlichen Farben. Der ganze Himmel schien ein zerflossner Regenbogen, in dessen Mitte die junge Mondessichel, nicht gelb wie bei uns, «gleich einem Eierdotter», wie Schefer singt, sondern brennend smaragdgrün wie ein Goldkäfer glänzte. Auch der Nil rollte heut nur bunte Wellen, und selbst der graue Wüstensand hatte sich in Rosa- und Silbersand verwandelt. Auf die Nachricht, daß sich ein frischer Wind erhebe, segelten wir mit Sonnenaufgang ab und ließen vorderhand Doerrs uralten Tempel ungesehen. Die Gegend war freundlich und der Tag heiter mit einem anmutigen Luftzug unter dem Zelte vor meiner Kajüte. Ich saß hier ruhig mit Susannis, der in seinem dicken Naturpelze sich vor Hitze nirgends mehr zu lassen weiß. Da er schon mehrmal mit neidischen Augen die Matrosen sich von der Barke ins kühle Wasser hatte stürzen sehen, kam er heute, während wir mit dem besten Winde rasch fortsegelten, plötzlich auf den unglücklichen Einfall, es ihnen nachzumachen, und wenige Minuten darauf war er schon so weit zurückgeblieben, daß ich die Segel einziehen lassen mußte. Zwei Araber sprangen sogleich ins Wasser, um ihn zu holen. Der hier sehr breite Strom trieb aber alle drei so gewaltsam abwärts, daß sie durchaus weder uns, noch das Ufer mehr erreichen konnten und wir zuletzt die größte Besorgnis für ihr Leben zu hegen anfingen. Die beiden schwarzen Matrosen blieben über eine starke Stunde im fortwährenden Schwimmen gegen den Strom, ehe wir sie aufzunehmen imstande waren, und dazu hatte noch der stärkste von ihnen die meiste Zeit über den gänzlich erschöpften Susannis auf seine Schultern geladen. Es ist wahrlich viel wert, sich einer solchen Fähigkeit zu erfreuen, und im Grunde ist doch nur vernachlässigte Erziehung daran schuld, wenn wir sie nicht alle besitzen, denn an sich sind die Leute nicht stärker als wir. Die Dekoration unsrer heutigen Abendmahlzeit, die wir auf der freien Barke einnahmen, während der Wind uns immer gleich rasch forttrieb, war von ganz eigentümlicher Art. Ein glorreich leuchtender Himmel mit Mond und Sternen im höchsten Glanze diente uns zur Decke, des Flusses geschmolznes Metall, vom Monde vergoldet, zum Teppich; das rechte Nilufer bot dazu ohne Unterbrechung eine dichte Wand stets abwechselnder Bäume und süß duftender Sträucher dar, ein Bild der gesegnetsten Üppigkeit, in dem das dämmernde Licht der Nacht auch nicht einen kahlen Fleck erkennen ließ. Das linke Ufer dagegen stellte diesem reichen Leben den wahrhaft entfleischten Tod entgegen, die flachste, farbloseste, weißgraue Sandwüste, die sich fast in gleicher Höhe mit dem Wasser vereinigte, ohne die mindeste Spur irgendeiner Vegetation blicken zu lassen. Den 11. April Nicht ohne gespannte Neugierde nahten wir den alten Denkmälern von Ypsambul, oder eigentlicher Abu-Simbel. Seit Burkhardt diese erhabensten aller Felsentempel in Afrika aufgefunden und Belzoni mit unermüdlicher Geduld sie geöffnet, wobei er wochenlang zubrachte, um das Riesentor des größten nur zur Hälfte vom Sande zu befreien – in welchem Zustande es auch noch jetzt ist –, setzen die beharrlichsten der Touristen ihre ägyptische Expedition häufig bis hierher und auch wohl bis zu den nicht mehr weit entfernten Katarakten von Ouadi-Halfa fort, aber darüber hinaus dringt seltner ein Fremder. Ypsambul ist daher schon ebenso häufig mit dem Crayon gezeichnet als mit der Feder beschrieben worden; doch wird beides immer weit hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Die Wirkung der gegen siebenzig Fuß hohen vier Kolossen an der Fassade des größten Tempels, die in majestätisch heitrer Ruhe, die Hände behaglich auf die Knie gelegt, in ihrer 100 Fuß hohen, 115 Fuß breiten und 24 Fuß tiefen geglätteten Felsennische dicht am Wasser sitzen und als des unterirdischen Heiligtums treue Wächter hier schon über dreitausend Jahre lang unverrückt harren und sich das Spiel der Wellen beschauen, ergreift vielleicht manche Einbildungskraft noch gewaltiger als die Säulen- und Obeliskenwälder Thebens. Hinsichtlich des hohen Standpunktes der Kunst behaupten sich beide Werke fast auf gleicher Stufe, denn wenig in Theben kann die edle Form, die Vollendung der Arbeit, den erhabnen Ausdruck dieser Riesenstatuen übertreffen, welche alle vier, sich völlig gleich, des großen Ramses Heldenbild darstellen, und in den ebenso schönen als charakteristisch feinen Zügen untrügliche Porträtähnlichkeit verraten. Nur eine derselben ist durch ein herabgestürztes Felsenstück zum Teil zertrümmert worden, die übrigen blieben fast ganz unversehrt. Von dem Koloß rechter Hand hat Belzoni das Antlitz abgegipst und hätte wohl so viel Rücksicht für das Kunstwerk nehmen sollen, um die Spuren dieser Operation wieder abwaschen zu lassen, da die Statue von rotbrauner Steinfarbe durch ihr weiß angetünchtes Gesicht jetzt wie zu einem Clown von ungezognen Händen verunstaltet erscheint. Alles an und in diesem Tempel atmet zwar tiefen Ernst und göttergleiche Ruhe, aber er bietet nichts Furchtbares wie der von Yerf-Hussein, obgleich die Anordnung seiner ganzen Architektur viel ähnliches mit jenem hat. Auch herrscht nirgends der Charakter des Geheimnisvollen darin, noch Yerf-Husseins schauerliches Dunkel. Das 30 Fuß hohe Tor ist kaum mehr als ein Drittel vom Sande befreit, und dennoch schien die Sonne bis in das Allerheiligste hinein, so daß wir nur zu genauerer Besichtigung der Wandbilder und der achtlosen Nebenzimmer Fackeln gebrauchten. Würde die Fassade ganz vom Sande befreit, so müßte man schon vom Wasser aus ungehindert durch alle in die Felsen gehauenen Gemächer hindurchgehen können in einer Länge, die ungefähr 140 Fuß beträgt. Der erste Saal, welcher einige fünfzig Fuß lang und fast ebenso breit ist, wird wie in Yerf-Hussein von zwei Reihen viereckiger Pfeiler gestützt, vier auf jeder Seite, doch sind sie hier von größeren Dimensionen, mit einem breitern Gange davor und größern Räumen dazwischen. Die daran gelehnten Kolosse wiederholen alle, gleich denen außerhalb, die Züge des großen Ramses und tragen die Geißel (den ägyptischen Szepter) und den Krummstab über die Brust gekreuzt. Die Farben ihrer Gewänder und Gürtel sind noch an vielen stellen erhalten, doch hat die Feuchtigkeit ihnen geschadet, und noch mehr ist dies bei den Wandskulpturen der Fall. Diese, Opferzüge, Schlachten und Belagerungen darstellend, in denen größere und kleinere Figuren vom Kolossalen bis zum Diminutiven abwechseln, würden zum gänzlichen Verständnis ein wochenlanges Studium erfordern. Viele sind in der Anordnung ebenso seltsam als in der Ausführung vortrefflich, andere scheinen von weniger vollendeter Arbeit. Die Kompositionen nähern sich oft dem naiven Sinne unsrer altdeutschen Maler, einige erreichen die Vollkommenheit der Antike. So befindet sich namentlich auf der linken Seite vom Eingange eine auf vertieftem Grunde erhabne und bemalte Abbildung des Sesostris, auf seinem Streitwagen stehend und im Begriff, einen Pfeil auf den fliehenden Feind abzuschießen, die in Haltung und Form auf das lebhafteste an den Apoll von Belvedere erinnert, diesen aber nach meinem Gefühle an jugendlich göttlicher Schönheit des erzürnten Antlitzes, an unnachahmlicher Grazie und Kühnheit der Stellung wie durch den edelsten, makellosesten Körperbau noch übertrifft. Nur der unterste Teil des Gesichtes hat leider eine Beschädigung erlitten, sonst ist die ganze Figur bis jetzt noch intakt geblieben, so wie auch Wagen und Pferde, die auf das reichste geschmückt, in gleicher Vortrefflichkeit vollendet sind und mir, die Pferde betreffend, selbst den Vorzug vor allen ähnlichen Darstellungen in Theben zu verdienen scheinen. Unter den Gefangnen, die auf beiden Seiten des Eingangstores der siegende Osiris (immer wieder in Ramses Gestalt) am Schopfe hält, scheinen sich Individuen aller Hauptnationen der Erde zu befinden, und die Charakteristik der Physiognomien ist so sprechend, daß man auch hier die Porträtierung nicht verkennen kann. Die Decke ist äußerst reich mit großen Geiern von dunkelblauer und gelber Farbe verziert. Viele Reisende meinen, dies sei Gold gewesen, ich habe aber nie irgendwo die mindeste Spur auffinden können, daß die alten Ägypter Gold- oder Silberfarben in ihrer Malerei angewendet hätten, sondern stets ist dergleichen durch Gelb oder Weiß angedeutet. Nur unter den Ptolemäern und Römern ward ohne Zweifel Gold angewandt. Früher muß man diese Metalle als Farben verschmäht oder ihre Bereitung nicht hinlänglich gekannt haben. Ich spreche hier nicht von Holzvergoldung, deren Herodot erwähnt, dennoch hat man bis jetzt auch diese, zum Beispiel vergoldete Köpfe an den Mumien, immer nur, so viel ich weiß, aus den Zeiten der Ptolemäer gefunden. Eines sonderbaren Effekts optischer Täuschung in demselben Saale muß ich noch gedenken, ehe ich ihn verlasse. In der dunkelsten Ecke desselben, die in neuerer Zeit, Gott weiß zu welchem Zwecke, mit einer Mauer umzogen worden ist, sieht man die hohe Figur eines prachtvoll gekleideten königlichen Helden auf den obern Teil der Wand gemalt. Wir erstiegen die zerbröckelte Mauer, um das Bild mit der Fackel genauer zu betrachten, und so oft wir diese an einer gewissen Stelle festhielten, sahen wir alle zu mehrerenmalen das wilde Antlitz des Kriegers auf das täuschendste die Augen verdrehen und greulich rechts und links rollen. Der in hohem Grade gespenstische Effekt, den wir so ganz willkürlich hervorbringen und wiederholen konnten, schwebt mir noch immer lebendig vor und erinnert mich an jene Bilder, die auf eine Weise gemalt sind, daß, man mag sich hinstellen, wo man will, immer von ihnen starr fixiert wird. Wer weiß, ob hier nicht ein ähnliches Kunststück des ägyptischen Malers der unheimlichen Wirkung zum Grunde lag. Es folgen nun noch zwei etwas kleinere Säle, und aus dem letzten führen drei Tore in ebenso viele Gemächer von weit geringerem Umfang als die Säle. Das mittelste derselben, genau dem Haupteingange gegenüber, enthielt, wie bei allen Felsentempeln, das Allerheiligste. Die darin sitzenden Statuen sind sehr verstümmelt, und ein Altar, welcher sich noch in der Mitte befindet, besteht nur aus einem einfachen Granitwürfel ohne Skulpturen. Außer diesen Gemächern enthält der Tempel noch mehrere andere, im ganzen vierzehn, in die man durch Seitentüren aus den großen Sälen gelangt; sie sind lang und schmal, einige mit 2½ Fuß hohen massiven Bänken ringsum an den Wänden versehen. Alle sind voll bemalter Skulpturen verschiedener Art, in einigen aber auch nur die Umrisse derselben mit großer Freiheit und Schärfe in schwarzen und roten Linien angegeben. Ich hatte in allen Reisebeschreibungen gelesen, daß die Hitze im Innern des Tempels einem russischen Schwitzbade gleiche, und war daher sehr verwundert, davon nicht das mindeste zu bemerken, im Gegenteil fanden wir es weit kühler in diesen Räumen als in der Sonnenhitze im Freien. Absichtliche, fanatische Zerstörung scheint in Ypsambul nie stattgefunden zu haben. Nur durch neuere Kunstliebhaber und gelegentlich hier hausende oder ihr Vieh hier beherbergende Eingeborne, endlich und hauptsächlich aber, wie schon bemerkt, durch die Feuchtigkeit des Felsens selbst, in dem der Tempel ausgehauen wurde, hat dieses herrliche Werk bedeutend gelitten – ohne Schutz von seiten des Gouvernements aber und so leicht zugänglich, als es jetzt ist, darf man nicht hoffen, daß die sämtlich nur in Stuck vertieften Skulpturen des Innern, deren glänzende Farben schon größtenteils verblichen sind, der Zeit noch lange widerstehen werden. Gleich verschont von prämediertem Vandalismus ist ein ähnlicher, jedoch um die Hälfte kleinerer, zweiter Felsentempel dicht neben dem großen geblieben, welcher von Sesostris' Gemahlin erbaut, und der Hathor (Venus) geweiht ist. Nur ein breiter Sandsturz, der an blendendem Glanze wie an glatter Oberfläche vollkommen einem Eisgletscher gleicht, trennt ihn von seinem Nachbarn. Ich versuchte, diesen Sand zu erklimmen, um den Fries des großen Tempels, der aus einundzwanzig 8 Fuß hohen, aufrecht stehenden Affen besteht, wo möglich näher zu betrachten, fand aber das Unternehmen über meine Kräfte, da man bei jedem Schritt fast ebenso tief wieder herabglitt, als man vorwärts gekommen war. Die innere Einrichtung dieses zweiten troglodytischen Monuments ist der des andern gleich, und die außerhalb an die Wand gelehnten Kolosse des Königs und der Königin schienen mir noch vollendeter gearbeitet als die des größern Tempels, besonders sind die üppigen und zarten Formen der weiblichen wie die Durchsichtigkeit und der schöne Faltenwurf der Gewänder merkwürdig gelungen bei so kolossalen Verhältnissen. Eine liebliche Wirkung macht es auch, daß an den Knien der Eltern Söhne und Töchter gruppiert sind. Diese Anordnung bereichert das Ganze und mildert den strengen Ernst der Riesenbilder durch gemütlichere Gefühle. Die Hieroglyphen, mit denen die Pfeiler bedeckt sind, stehen den besten dieser Art auf den Gebäuden Thebens nicht nach, obgleich der hiesige Sandstein, in den sie eingemeißelt sind, fast so hart als Granit ist. Auf den Bildern im Innern opfert den Göttern stets die Königin statt des Königs, und andere Skulpturen deuten auf die Mysterien der Einweihung eines Mädchens durch Priesterinnen der Isis hin. Wunderlich ist im Heiligtum eine Statue des Königs, über dessen Haupt die gehörnte Kuh der Hathor so hervorragt, daß die Hörner dem König selbst aufgesetzt zu sein scheinen, nach unsern Begriffen allerdings eine komische Zusammenstellung im Tempel der Königin. Empörend ist es aber zu sehen, wie schamlos neuere Besucher diese Bildwerke durch die obszönsten Zusätze, mit Kohle und selbst mit schwarzer Ölfarbe sorgsam gezeichnet, herabgewürdigt haben. Wahrlich, der niedrigste der Eingebornen würde sich keine solche Gemeinheit zuschulden kommen lassen, und es ist schmachvoll zu denken, daß Menschen, die so weit aus dem gebildeten Europa hierherkommen, solche Spuren ihrer Anwesenheit zurücklassen können! Ungefähr hundert Schritte von den Tempeln sieht man noch einige kleine Nischen einzeln in den Felsen hoch über dem Wasser angebracht. Die letzte derselben, ganz abgesonderte, enthält eine wunderbar erhaltene, völlig unbeschädigte Figur, die mir zu den reizendsten Schöpfungen ägyptischer Kunst zu gehören scheint. Es ist ein junges aufrecht stehendes Mädchen von rührender Schönheit mit einem tief schwermütigen Ausdruck im Antlitz; die gefalteten Hände ruhen herabgesunken in ihrem Schoß und, wie über ihren eignen frühen Tod trauernd, schaut sie, ein Bild klagender, aber engelgleicher Unschuld, sinnend vor sich nieder in die rastlos vorüberströmende Flut. Auch die Gegend um Abu-Simbel hat den eigentümlichen Charakter durch die besondere Form ihrer Felsen, deren mehrere, während man auf dem Flusse weiter fährt, regelmäßige Pyramidengestalten annehmen. Eine breite scharf abgekantete Wand erhebt sich dazwischen, deren schmaleres Ende den oberen Teil eines kolossalen Gesichtes so deutlich nachbildet, daß es scheint, als habe die Natur selbst hier den alten Ägyptern sowohl die erste Idee zu ihren Pyramiden als zu ihren Felsenkolossen geben wollen. Wir hatten kaum mit ziemlich günstigem Winde am andern Morgen die Ebene von Ouadi-Halfa vor den großen zweiten Katarakten erreicht und unsere Barken, die wir hier definitiv zurücklassen müssen, zu entladen begonnen, als wir einen neuen Khamsin auszustehen hatten, der wie gewöhnlich seine vollen drei Tage anhielt. So peinigend diese Landplage ist, konnten wir uns doch sehr gratulieren, daß sie uns jetzt und nicht später in der Wüste überfiel, wo außer der gewöhnlichen Unannehmlichkeit oft auch die größte Gefahr damit verbunden ist. Der Wind war diesmal so stark, daß wir keines der Zelte zum Stehen bringen konnten und daher auf dem Wasser bleiben mußten. Aber trotz der schirmenden Bucht waren wir in der durch die schäumenden Wellen stets umhergeworfenen Tahabia genötigt, beim Essen den Tisch mit Steinen zu beschweren, um ihn vor dem Umfallen zu bewahren. Dies waren unangenehme Tage, und leider ward das verdrießliche Geschäft des Umpackens aller Effekten bei solchem Unwetter noch durch ein allgemeines Unwohlsein vermehrt, von dem bei diesem dritten Khamsinanfall fast keiner unsrer Gesellschaft ganz frei blieb. Ritt durch die Wüste nach Dongola, Samneh, Dal, Saki-el-Abd Am 14. April war endlich der Himmel wieder heiter geworden und alle unsre Vorbereitungen so weit beendigt, um unsere Expedition nach Dongola antreten zu können. Da die Gegenden, die wir jetzt zu durchstreifen uns anschickten, schon zu denjenigen gehören, die nur selten von Europäern besucht werden, so halte ich es nicht für unpassend, einige Notizen über die zweckmäßigste Art hierher zu reisen vorauszusenden, deren Trockenheit ich mir um ihres Nutzens willen zu verzeihen bitte. Wenn man sich nicht einer größeren Karawane anschließen kann, wozu jetzt nur selten Gelegenheit ist, da der Hauptzug des innern Handels sich größtenteils auf andern Wegen nach der Berberei und dem Königreich Tunis hingewendet hat – die nachteilige Folge der unpolitischen Quälereien des hiesigen in jeder Hinsicht fehlerhaften und oft wahrhaft abgeschmackten innern Douanensystems sowie der einzelnen Bedrückungen der Handelsleute durch die Provinzialgouverneure, welche in dieser großen Entfernung doppelt schwer zu kontrollieren sind –, so wird ein irgend bequemes und sicheres Fortkommen ohne Hilfe des Gouvernements sehr schwierig. Jeder Europäer von einiger Reputierlichkeit kann sich indes leicht durch seinen Konsul von der jetzigen in dieser Hinsicht so liberalen Regierung einen Firman verschaffen, der ihn den verschiednen Ober- und Untergouverneurs empfiehlt und ihm zugleich die Vergünstigung erteilt, alle ihm nötigen Gegenstände, die das Land gewährt, zu demselben Preis geliefert zu erhalten, welchen die Regierung selbst dafür bezahlt. Dies ist besonders bei dem Preis der Tiere für den Transport wichtig, da man fast ganz von der oft sehr indiskreten Willkür der Araber abhängt. Die hiesigen Kameltreiber laden überdies kaum den dritten Teil dessen auf ein Kamel, was zum Beispiel in der Berberei ein solches ohne Schwierigkeit trägt. Ich brauchte für meine Effekten, von denen ich mehr als die Hälfte in Ouadi-Halfa zurückließ, dennoch zehn Kamele, wozu in Tunis drei bis vier hingereicht haben würden, und außerdem sechs Dromedare, um mich, den Doktor, meine zwei Diener, den Kawaß und den arabischen Führer beritten zu machen. Die übrigen Leute saßen mit auf den Packtieren auf. Es waren nicht Berberiner, welche diese Tiere lieferten, sondern Beduinen der Wüste, die sich auf die Einladung Mehemed Alis in der Nähe Ouadi-Halfas angesiedelt haben und die Begleitung der Reisenden mit ihren Kamelen als ein Recht ansprechen. Sie machten bei dem ersten Aufpacken gerade ebensoviel Schwierigkeiten und unnützes Geschrei als die griechischen Avoghati in der Morea mit ihren Mauleseln; doch nachdem einmal die Sachen reguliert waren, benahmen sie sich während des Verfolgs der Reise mit weit mehr Ordnung und Ruhe als jene. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich einen Dromedar bestieg. Beiläufig erwähne ich hierbei (denn was hier alltäglich und bekannt ist, ist es nicht immer bei uns), daß, was man hier Dromedar nennt, kein vom Kamel abweichendes, sondern ganz dasselbe Tier mit einem Höcker ist, und der Unterschied zwischen einem Dromedar und einem Kamel nur dem gleicht, welcher zwischen einem eleganten Reitpferde und einem schweren Karrengaule stattfindet. Die Tiere werden gewöhnt, sich beim Satteln niederzulegen, wo man dann bequem aufsteigt, während mit den langen Zaumzügeln noch eins der Vorderbeine des Dromedars festgebunden bleibt und der Führer ihn beim Kopfe hält, um ein schnelles Aufspringen desselben zu verhindern, was den Reiter leicht in den Sand werfen könnte. Diese seltsamen Geschöpfe, welche drei Gelenke in ihren Hinterbeinen haben, brauchen auch drei Tempos zum Aufstehen wie zum Niederlegen, die dem ungeübten Reiter sehr gewaltsam vorkommen, und wobei er sich im richtigen Vor- und Rückwärtsbeugen nicht irren darf, wenn er die Balance nicht verlieren will, wovon wir mehr als ein belustigendes Beispiel unter uns selbst mit ansahen. Der Gang des Dromedars ist im Schritt höchst unangenehm, sakkadenartig vor- und rückwärts stoßend; man läßt ihn aber gewöhnlich eine Art sehr fördernden Paß gehen, der dem Reiter ungefähr dieselbe Empfindung gibt als der sogenannte kurze Hundetrab eines sehr hart trabenden Pferdes. Es bleibt daher auch das Reiten in dieser Gangart in einer ununterbrochenen Kontinuation von sieben bis acht Stunden und oft noch länger stets sehr ermüdend, bei einem kurzen Spazierritt ist es aber nicht unangenehm; und die egale fortwährende Erschütterung der Gesundheit wie dem Appetit sehr zuträglich. Der Sitz selbst auf dem hölzernen Sattelgerippe, um dessen hohen Sattelknopf man die Beine kreuzweise zusammenlegen und so auf dem Rücken des Tieres ruhen lassen muß, ist für einen Europäer ebenfalls nicht wenig beschwerlich, bis er sich daran gewöhnt hat. Es ist daher jedem hier in seiner Barke Ankommenden sehr zu raten, die ersten Tagereisen nur klein einzurichten, um sich nach und nach der langen Ruhe zu entwöhnen, die das Reisen auf dem Nil, hinsichtlich dieses Mangels an Bewegung wenigstens, zu einem wahren Schlaraffenleben macht. Der Dromedar legt im mindestschnellen Paßgang die deutsche Meile in einer Stunde zurück, im scharfen Trabe auch zwei bis drei Meilen und setzt einen solchen Gang zwölf Stunden und länger fort, ohne auszuruhen. Mehemed Ali ritt einst die fünfundzwanzig deutschen Meilen von Suez nach Kahira, um einer Verschwörung der Mamlucken zuvorzukommen, in Zeit von zwölf Stunden auf seinem Dromedar, und sein Sais, am Schweife des Tieres sich anhaltend, erreichte zu Fuß laufend mit ihm Kahira! Sonnini behauptete, daß ein Nedschdi-Dromedar hundert Stunden Weges in vierundzwanzig zurücklegen könne, was mir jedoch übertrieben scheint. Dromedare wie Kamele sind übrigens sehr übellaunige und unleidige Tiere. Ich stieg nie auf das meinige, ohne daß es sein Mißfallen darüber durch ein knurrendes Geschrei und zuweilen auch durch einige Beißversuche zu erkennen gab. Doch gleich den Führern fand ich es, einmal im Gange, immer willig, und eine leichte Berührung mit dem Kurbatsch an seinem langen Straußenhalse hinreichend, es zum flüchtigsten Trabe anzutreiben. Der Zaum ist nicht mit einem Gebiß im Maule versehn, sondern durch ein Nasenloch gezogen und vermittelst eines kleinen Holzknebels dort befestigt. Der Ton, auf welchen sich der Dromedar sogleich niederlegt, wenn man absteigen will, ist ein heiseres, von seinem Reiter ausgestoßenes Krächzen, das nachzuahmen man mühsam erlernen muß. Um ihn wieder aufstehen zu machen, ist kein weiteres Zeichen nötig. Er erhebt sich augenblicklich von selbst, sobald der Reiter im Sattel ist und den Zügel in die Hand nimmt. Ich für meine Person würde trotz der Hitze das Reisen bei Tage vorgezogen haben, um das Land besser zu sehen, die Tiere können es aber, wie man uns allgemein versicherte, nicht aushalten, und wir mußten daher die Nacht durch marschieren, welche glücklicherweise jetzt der hellste Mondschein verklärte. Dies erforderte jedoch folgende eigentümliche Lebensart für die Dauer der ganzen Tour. Wir frühstückten um 9 Uhr abends und bestiegen unsere Dromedare um 10 Uhr, während die Kamele mit dem größten Teil des Gepäcks schon fünf Stunden vorher abgingen. Die notwendigsten Gegenstände als: ein kleines Zelt, einige Teppiche, die alles zum Frühstück nötige enthaltende Kiste, Toilette und Portefeuille mußten die Dromedare außer uns noch mittragen. Vor oder mit Sonnenaufgang erreichten wir gewöhnlich das Nachtlager, einige Stunden später als die Karawane, und fanden dann unsre Zelte und Betten schon in Ordnung sowie den Tisch gedeckt, so daß wir nach kurzer Toilette um 7 Uhr früh uns zur Mittagsmahlzeit niedersetzen konnten. Nach deren Beendigung legten wir uns schlafen und besichtigten gegen Abend (unsre Frühstunde) die Merkwürdigkeiten, welche die Gegend darbot. Der spätere Abend blieb bis zur Stunde der Abreise der Lektüre und dem Schreiben gewidmet. Auf diese Weise (ein ganz ergötzliches Nachtwächterleben), die ich jedem meiner Nachfolger empfehlen darf, litten wir wenig Beschwerde, und alles griff vortrefflich ineinander, ohne unnützen Aufenthalt und Konfusion zu verursachen. Will man, wie es gewöhnlich geschieht, die Karawane selbst begleiten, so wird dies immer höchst fatigant und langweilig, abgerechnet daß man in diesem Falle nach Ankunft auf der Station noch stundenlang ohne Obdach warten muß, ehe Zelte, Betten, die Mahlzeit usw. bereit und in Ordnung sein können. Hinsichtlich der Dinge, die man mit sich führen soll, kann im allgemeinen nichts bestimmt werden, da die Bedürfnisse eines jeden wie seine Begriffe von Bequemlichkeit sehr verschieden sind. Was aber jeder hier bedarf, er habe viel oder wenig Effekten bei sich, das sind vorzüglich die tüchtigsten, dauerhaftesten Behälter dafür und ihre sorgfältigste Packung, denn täglich mag er sich darauf gefaßt machen, daß ein Teil des Gepäcks vom Kamel herabgefallen oder dieses mit der ganzen Ladung gestürzt oder in einer Anwandlung von Furcht damit durchgegangen sei. Für Instrumente oder Glaswaren muß man durchaus, wenn man auf die Sicherheit ihrer Konservation zählen will, wie uns eine traurige Erfahrung lehrte, doppelte Koffer mit Ressorts haben, sonst ist nichts dergleichen zu erhalten, da schon die gewaltsame Bewegung beim Gange des Kamels oft hinlänglich zur Beschädigung so delikater Gegenstände ist. Die Lebensmittel betreffend empfehle ich nur Reis, Kaffee, getrocknete Datteln, Wein und Tabak, und wenn ich diesen letztern unter die Lebensmittel mit begreife, so geschieht dies nicht ohne Grund, da auch hier die Erfahrung mich vielfach gelehrt hat, daß nichts Hunger und Durst besser stillt oder vielmehr verhindert als Kaffee und die Pfeife, mit denen man in diesem Klima zur Not mehrere Tage lang ohne besondre Beschwerde ausreichen kann. Reis in bedeutender Quantität mitzunehmen ist deshalb nötig, weil man im Sudan nur in den Hauptplätzen, und selbst da nicht immer, ihn sich verschaffen kann, und den Wein habe ich für jemand, der daran gewöhnt ist, trotz des Rates der meisten europäischen Ärzte, die wollen, daß man sich desselben in den heißen Ländern enthalte, auf dieser ganzen Reise als das beste und kräftigste Mittel zur Erhaltung der Gesundheit erprobt, besonders Champagner, mit zwei Dritteilen Wasser verdünnt, ein Getränk, das zugleich auf die Länge sich kühlender und erfrischender als alle andern erwies. Leichte Rhein- oder Moselweine sind nach diesem am meisten anzuraten, denn der Hauptgrund der klimatischen Krankheiten, welchen Fremde hier ausgesetzt sind, ist fast immer Relaxation der Verdauungswerkzeuge, die aber nicht durch heftige, sondern nur die gelindesten tonischen Mittel verhindert werden muß. So erzählte mir ein geschickter deutscher Arzt in Kahira, daß er seine Erhaltung in dem mörderischen Klima Jemens nur dem bittern bayerischen Biere verdanke. Da am ersten Tage die Packerei mehr als in der Folge aufhielt, konnten wir erst nachts um 11 Uhr am 14. April unsern Wüstenmarsch beginnen, der für diesmal nur sechs Stunden betrug, welche unsre Dromedare in dreien zurücklegten. Die Nacht war herrlich, klar und kühl und die Wüste selbst viel abwechselnder, als wir sie uns vorzustellen gewohnt sind – denn gewöhnlich verbinden wir damit das Bild eines unabsehbaren ebnen Sandmeeres, was sie anderwärts oft auch ist, aber hier sind viele Hügel und Täler darin verstreut, mit grotesken Felsen, die einzeln daraus hervortreten; nur selten ist der Sand tief und mahlend, meistenteils hart genug, daß sich die vielen einzelnen, regelmäßig nebeneinander hinlaufenden Fußsteige der Karawanen so deutlich darauf abzeichnen, als reite man auf einem gefurchten Felde. Die rein abgenagten und schlohweiß von der Sonne gebleichten Knochen von gestorbnen Tieren oder gelegentlich auch von durch Hyänen wieder ausgescharrten, hier umgekommenen Menschen sowie die kleinen schwarzen Steinpyramiden, welche als Andeutung des zu verfolgenden Weges an Stellen, wo man sich irren könnte, aufgestellt sind, tragen in dieser vegetationslosen Einöde auch noch das Ihrige bei, der Wüste mit dem Reiz des Charakteristischen noch einige schauerliche Varietät mehr zu erteilen. Ist man aber des Anblicks der Erde müde, so richtet man den Blick nach dem in der hiesigen Zone doppelt glanzvollen Sternenheer, von dem Licht und Gedanken in solcher Fülle auf den einsamen Wandrer niederströmen, daß ein Empfänglicher auch hier wahrlich nicht leicht der Langeweile Raum zu geben braucht. Um 2 Uhr erblickten wir schon unsere hellgrünen Zelte zwischen dunklen Felsen aller Formen am Nil aufgerichtet, ohnfern einiger Hütten, die den Namen Saleh führen und bereits zu der Landschaft Dar-el-Hadschar gehören, die Ouadi-Halfa von Sukkot trennt. Der Fluß schäumte in Katarakten zwischen hundert abenteuerlichen Gestalten des schwarzen Urgesteins, das, wie schon angeführt, die meisten Reisenden mit Unrecht Basalt nennen, da es nur von Feuer und Witterung schwarzgefärbter Granit ist. Wahrer, prismatisch geformter vulkanischer Basalt wird, soviel ich weiß, nirgends längs des Nils angetroffen. Wir erstiegen eine sandige Anhöhe am Ufer und genossen noch eine halbe Stunde lang bei der Musik der brausenden Gewässer des Anblicks dieser wilden Mondscheinlandschaft, der hier auch einzelne Bäume – einige hie und da die Felsen im Flusse krönende, langgestachelte Mimosen – nicht fehlen. Es war eine melancholische Gegend, aber voller Originalität, und Herr Cadalvene hat Recht, wenn er sagt: «Bis Ouadi-Halfa hat man immer mehr oder weniger Ägypten – hier beginnt eine neue Welt.» Die Araber wollten am 15. nur bis Saras gehen, ich bestand aber darauf, mich nach Herrn Cadalvenes Karte orientierend, einen stärkeren Marsch bis Samneh zu machen, um dann den dortigen Tempel mit mehr Muße besichtigen zu können. Nach langer Weigerung mußten sich die Leute unserem Willen bequemen, wir fanden aber selbst später, daß sie die Distanzen weit richtiger als die Karte angegeben hatten, und die Fatigue der Tour ward höchst angreifend. Die Karawane brauchte sechzehn Stunden, wir selbst acht, und da wir ihr etwas zu früh gefolgt waren, und sie daher noch unterwegs einholten, so sahen wir uns genötigt (um bei unsrer Ankunft im Schlafquartier dieses wieder in guter Ordnung zu finden), ohne Zelt noch Hügel zum Schutze ein Biwak von mehreren Stunden mitten in der Wüste zu machen. Erst nach dieser unangenehmen Erfahrung nahm ich später immer ein kleines Zelt für den Notfall auf den Dromedaren mit mir, wie ich es früher schon anempfohlen. Ungeachtet der großen Tageshitze sind häufig die Nächte, besonders bei dem starken Winde, der jetzt aus Norden bläst, schneidend kalt, und wir bedurften selbst während des erwärmenden Reitens noch Überrock und Mantel. Während des Biwaks ward diese Temperatur aber noch viel unleidlicher, und nach einem unruhigen Schlaf standen wir alle so gelähmt vom Froste auf, daß wir Mühe hatten, in den gehörigen Tempos unsere Dromedare wieder zu besteigen. Ich sah mich infolge dieser Verkältung genötigt, einen Rasttag in Samneh zu machen, und erst am nächsten Morgen war ich so weit hergestellt, mir Land und Leute besehen zu können. Wir hatten wieder einen sehr unangenehmen Lagerplatz am Nil unter Dhumpalmen, Mimosen, Sadelbäumen und einem schönen breitblätterigen Strauch mit runden grünen Früchten, aus dem die Einwohner ein sehr heftig wirkendes Gift bereiten. Noch immer starrten Pseudobasaltfelsen aus dem Fluß und zogen sich auch längs desselben hin, doch ist ein Teil des Ufers wohl bebaut, und einige Hütten sind darauf verstreut. Unweit davon liegen die Reste einer alten Stadt, die man für Tasitia hält. Sie sind sämtlich aus in der Sonne getrockneten Erdziegeln gebaut, und zwischen ihnen steht auf einem isolierten Felsen ein kleiner, aber zierlicher Tempel mit den Ringen der Pharaonen Ortoasen III. und Thutmosis IV. Gegenüber an dem rechten Ufer des Nils erblickt man die Trümmer eines andern größeren, aber weit mehr zerstörten Tempels, die wir aus Mangel eines Kahns zum Übersetzen diesmal nicht besuchen konnten und für später aufhoben. Die Skulpturen und Hieroglyphen des kleinen Tempels, der nur ein einziges, korridorähnliches Zimmer enthält (denn Saal kann man es nicht nennen), sind zum Teil sehr graziös, auch einige Farben, namentlich das Blau der Decke mit ihren gelben Sternen noch leidlich erhalten, doch hat man in späterer Zeit mitten auf die alten Figuren der äußern Fassade eine lange Hieroglyphenschrift eingemeißelt, die so elend gearbeitet ist, daß koptische Christen sie nicht schlechter hätten machen können. Auch hier findet man zwei jener kannelierten altägyptischen Säulen wieder, welche den dorischen gleichen. Es sind die einzigen, welche der Tempel gehabt zu haben scheint, der auf der Flußseite auch noch mit einer Art Galerie, von vier Pfeilern gestützt, verziert ist. Eine Reihe Felseninseln zieht sich von hier quer durch den Fluß bis zu dem andern Tempel hin, und die meisten derselben tragen Reste alter Mauern, wahrscheinlich befestigte Schlösser, die hier den Fluß mit Leichtigkeit zu sperren vermochten. Ein englischer Reisender ist dadurch auf die Vermutung gebracht worden, daß dies die vom Wasser umgebenen Schlösser seien, welche auf einem der Schlachtbilder in Theben vorkommen. Obgleich diese Bestimmung etwas gewagt erscheint, so ist doch so viel gewiß, daß des Ramses Eroberungen sich nicht nur bis hierher, sondern auch noch ungleich weiter nach Süden erstreckt haben müssen, wovon mehr Beweise übrig geblieben sind als von den nach Norden gerichteten. Denn hat er wirklich alle die Länder erobert, in die ihn Diodor von Sizilien das Schrecken seiner Waffen tragen läßt, so muß das gänzliche Schweigen der Geschichte über ihn, und namentlich der jüdischen Historienbücher, immer höchst auffallend bleiben. Herr Cadalvene will ohnfern dieser Ruinen von großen Hyänen beunruhigt worden sein, uns kamen nur einige gelb gefärbte Gazellen vor Augen, welche in kurzem Galopp die Straße durchkreuzten und, vergeblich von unsern Hunden verfolgt, bald eine sichre Zuflucht in der Wüste fanden. Gleich Herrn Cadalvene begegneten wir aber auch auf diesem Punkte einer großen Sklavenkarawane aus dem Innern. Doch konnten wir darüber nicht dieselben Bemerkungen machen als er. Herr Cadalvene sah, nach seiner ihn in Ägypten selten verlassenden trüben Stimmung, alles dabei ebenso schwarz wie die Farbe der Sklaven selbst und diese daher nur gleich verzweiflungsvollen Jammergestalten vorüberziehen, während wir sie lachend und uns in ihrer Sprache Scherze zurufend wohlgenährt, hinlänglich für dies Klima, wo die meisten nackt gehen, gekleidet und ohne alle Spuren von Kummer oder Sorge ihren Weg rüstig verfolgen sahen. Warum die Sachen so übertrieben und anders darstellen, als sie wirklich sind? Sklaverei, abstrakt genommen, ist bei einem gebildeten Zustande der Gesellschaft gewiß etwas Empörendes – niemand widerspricht dem. Aber daß das individuelle Los der hiesigen Sklaven – den Zustand ihrer Bildung und ihrer Gewohnheiten ins Auge gefaßt – so unsäglich traurig und jammervoll sei, selbst während der schlimmsten Periode, der ihres Transports nach Kahira, muß ich nach allem, was ich so vielfach selbst davon sah, gänzlich bestreiten. Denn daß sie halb nackt sind, daß sie da, wo sie nicht auf dem Nile fahren können, wenn sie nicht krank sind (wo man sie reiten läßt), zu Fuß gehen müssen und daß sie nur Durrabrot und hie und da etwas Gemüse oder Datteln mit Nilwasser zur Nahrung erhalten, ist nur dasselbe, was allen diesen ebenso mäßigen als armen Völkern hier überall gemein ist. Sobald sie aber verkauft sind, wird im Orient ihr Los in der Regel weit besser, ja oft glänzend. Demohngeachtet plagt sie dann häufig das Heimweh, und darin, daß sie diesen Drang nicht befriedigen können, liegt vielleicht die Hauptqual ihres Schicksals, Aber wie vielen von uns geht es in dieser Hinsicht nicht besser, welche die Sklaverei der Not oder unsrer politischen Gesetze zum gleichen Lose der Verbannung aus dem Vaterlande oft unter noch viel drückenderen und schmerzlicheren moralischen Verhältnissen verdammt! Man halte sich nicht zu sehr an Worte, sondern nur an die Sache, und man wird nicht selten richtiger und milder über fremde Sitten urteilen lernen. Übrigens liegt in dem Verhältnis des Sklaven zu seinem Herrn hier wirklich mehr Poesie für beide Teile, als es unsre modernen, oft sehr prosaischen Weltverbesserer recht innezuwerden imstande sind, denen meistens nur die Idee vermehrter Industrie durch freie Sklavenarbeit vorschwebt: Ich sage freie Sklaven arbeit, weil unser Industrieland an vielen Orten Europa, die Leiden der Sklaverei vollkommen aufwiegt, ja sie oft noch übertrifft und ebenso demoralisierend wirkt. Ich bin dem ungeachtet weit entfernt davon, der Sklaverei das Wort reden zu wollen, ich meine nur, daß der Orient in der Bildungsperiode, worin er steht, und bei seinen von den unsern so ganz abweichenden Verhältnissen auch hinsichtlich der dort bestehenden Sklaverei nicht zu einseitig von uns beurteilt werden darf. Gegen Abend machte ich einen Spaziergang nach dem nahen Dorfe, dessen Wohnungen nur aus dicken Strohmatten bestanden, die an eingerammelte Pfähle angebunden sind, während andere horizontal darüber gespannt das Dach bilden. Einige Zwischenwände aus demselben Material formieren im Innern zwei oder drei separate Piecen. Wohlbestandne Felder, jedoch nur von geringem Umfange, umgeben diese Strohzelte. In dem ersten derselben fand ich einen kranken Soldaten aus Dongola, den ein hübsches schwarzes Mädchen wartete und der sich mir als den dermaligen Gouverneur des aus sechs Familien bestehenden Dorfes ankündigte. Ich verließ den Leidenden, um mir die zweite etwas größere Wohnung zu besehen, in der eine sehr alte Frau auf der Erde lag, ohne irgendeine Notiz von mir zu nehmen. Neben ihr war ein junges Mädchen emsig beschäftigt, auf einem glatten Stein Durra zu zerstoßen, und in der Ecke stand eine wohlgebildete junge Frau, deren Haut dem schönsten Atlas glich, welche ihre Toilette zu machen schien; denn sie befestigte eben einige Schnuren Glasperlen am rechten Arm und hierauf einen Ring in ihrer Nase. Endlich erblickte ich noch hinter der Alten einen freundlichen, offen und heiter aussehenden Knaben mit blendend weißen Zähnen und einem dichten schwarzen Lockenkopf, der mich laut anlachte, aber sowie ich mich ihm näherte, schreiend und mit allen Zeichen des Entsetzens sich zu seiner kornmahlenden Schwester retirierte. Ich zeigte ihm einen glänzenden neuen Piaster, doch ohne ihn damit herbeilocken zu können, und die nackte Schwester, die mich verwundert anstarrte, machte ebenfalls eine abweisende Pantomime, so daß ich ihn schon wieder einstecken wollte, als die schöne junge Frau hastig hervortrat, lächelnd den Piaster aus meiner Hand nahm und dann mit dem graziösesten Blick ihre Hand dankend auf Lippe und Stirne drückte. Diese Dame war ohne Zweifel schon vom Militärgouverneur etwas zivilisiert worden, die andern glichen in allem vollständigen Wilden und gingen auch ebenso nackt, mit Ausnahme eines kleinen Lappens, der um die Hüften gebunden war, ein Feigenblatt, das sich jedoch bei den Weibern etwas umfangreicher als bei dem Knaben zeigte. Man findet hier selten einen Eingebornen, der arabisch spricht, auch ist es nicht mehr die Sprache der Barabra, deren man sich in diesem Landstriche bedient, sondern wahrscheinlich ein Idiom arabischen Ursprungs, mit dem der Ureinwohner verschmolzen; und bei den häufigen Einwanderungen, Eroberungen und Religionsveränderungen, welche in ganz Nubien und Äthiopien zu so verschiednen Perioden stattfanden, mag es wohl sehr schwer, wo nicht unmöglich sein, irgend etwas über den wahren Ursprung so mannigfach gemischter Rassen unwidersprechlich festzusetzen, obgleich so viel aus dem Äußeren derselben erhellt, daß sie zwar schwarz, aber keine Neger sind, denn ihre Gesichtsform ist kaukasisch und ihr Haar nur gelockt, aber keineswegs wollig. Unter denen, welche über die nubischen Völkerschaften Hypothesen aufgestellt, darf man unsern unermüdlichen Burkhardt wohl als erste Autorität gelten lassen, weshalb auch seine Nachfolger in dieser Hinsicht selten mehr getan haben, als ihn auszuschreiben, eine Mühe, die ich mir zu erlassen bitte. Bei der Fortsetzung meines Spaziergangs durch die Felder fand ich dort ungefähr ein Dutzend der Eingebornen, Männer und Weiber, beschäftigt, Korn und Bohnen mit Stöcken auszudreschen, was sonst im Orient und in Afrika gewöhnlich durch Tiere bewerkstelligt wird. Nach kurzer Zeit kam auch die uns schon bekannte junge Frau noch hinzu, um in all ihrem Schmuck an der Dreschpartie teilzunehmen. Wie ich diese Gestalten so sämtlich in ihrer Blöße rund um den Kornhaufen hocken und mit ihren Stöcken rastlos darauf losschlagen sah, kamen sie mir ganz wie Affen vor, die Dreschen gesehen haben und es jetzt, mit Knütteln bewaffnet, nachzuahmen versuchen. Die gute Bekanntschaft, welche ich bei dieser Gelegenheit mit den Leuten machte, verschaffte mir zwar wenig Notizen, da ich nicht mit ihnen sprechen konnte, sie hatte aber doch die vorteilhafte Folge für mich, daß sie mir nun endlich Kuhmilch und frisches Gemüse verkauften, was sie früher dem türkischen Kawaß, den ich deshalb zu ihnen geschickt, verleugnet hatten, wahrscheinlich aus Besorgnis, nicht bezahlt zu werden. Ein erfrischendes Bad im Nil mit einem natürlichen schwarzen Granitthron daneben, um mich darauf aus- und anzuziehen, beschloß mein idyllisches Tagewerk; ich war aber nicht wenig betreten, als ich den Fluß verlassend dicht neben der gewählten Badestelle die ganz frische Spur eines enormen Krokodils erblickte, so schön wie eine ägyptische Hieroglyphe auf dem glatten und weichen Ufersande abgedrückt. Um Mitternacht verließen wir Samneh und erreichten am 17ten nach einem etwas mehr als fünfstündigen raschen Ritt Tangur kurz vor Sonnenaufgang, wo wir zwar wieder am Nil und im Angesicht der schönsten grünen Gebüsche am jenseitigen Ufer, aber hier nur mitten im glühenden Sande ohne einen einzigen schattengebenden Strauch lagern mußten. Die Kamele hatten abermals das doppelte der Zeit als wir gebraucht, was sich auch für den ganzen Weg gleich blieb, so daß wir sie später nach dieser Berechnung immer sicher vorausschicken konnten. Während unsres Nachtmarsches, wo es nach Untergang des Mondes von 4 Uhr an ziemlich kalt wurde, fanden wir zwei Sklavenkarawanen und drei Kameltransporte im tiefsten Schlaf wie tot und regungslos zu einem Klumpen geballt am Wege liegen, so daß wir den ersten Haufen dieser Art, bis wir dicht neben ihnen waren, im ungewissen Mondlicht anfänglich nur für eine seltsam geformte Steinmasse gehalten hatten. Es werden jetzt jährlich viele tausend Kamele aus den äthiopischen Ländern für Ägyptens Gebrauch geliefert und die Konsumtion der Sklaven ist noch größer. Der dieser kühlen Nacht folgende Tag war der heißeste, den wir bisher gehabt, 35 Grad Reaumur im Schatten. Alles, was man anfaßte, war empfindlich heiß, das Metall glühend und eine Flasche Eau de Cologne, die ich in die Sonne legte, ward nach kurzer Zeit fast kochend. Während dem Essen im Zelte bemerkten wir einen enormen weißen Geier, der mit vieler Gravität und ganz furchtlos, wie es schien, von dem Geruch der Speisen angezogen, auf uns zugeschritten kam. Wir ließen ihn bis auf 10 Schritte herandringen, wo er mit einem Kernschuß großer Posten empfangen wurde. Obgleich diese, wie wir hernach sahen, alle in seinem Leibe Platz gefunden hatten, flog er doch noch einmal auf, und man mußte ihn lange verfolgen, ehe man seiner habhaft werden und ihn mit Steinwürfen gänzlich ertöten konnte. Es war ein schönes Tier, über sechs Fuß mit seinen ausgebreiteten Flügeln messend und mit ungeheuren Krallen versehen, die eine gefährliche Waffe sein müssen. Da es uns an Gelegenheit, ihn auszustopfen, fehlte, so benutzte ich seinen Fang nur zur Rekrutierung meiner Schreibfedern, von denen er mir eine ansehnliche, zwar etwas kolossale, aber sehr brauchbare Quantität lieferte. Abends langte ein Neger im Dienste des Pascha, von Dongola kommend, auf der Station an, der uns mehrere nützliche Nachrichten erteilte und zugleich mit allerlei fabelhaften Erzählungen unterhielt. So sollte es nach ihm auf der Insel Danghos hinter Alt-Dongola zaubernde Kakerlaks und weiterhin heimliche Menschenfresser geben, tiefer unten im Sennar aber unbezweifelt Sirenen, von denen er selbst mehr als eine gesehen zu haben versicherte. Seltsam, daß dies letztere Märchen sich fast in allen Ländern und zu allen Zeiten wiederholt. In der Nacht vom 17. zum 18. war die Wüste wahrhaft kokett zu nennen. Kühn gestaltete blaue Bergzüge umgrenzten uns in der Ferne, und in der Nähe erhoben sich fortwährend die barocksten Bilder. Oft hätte man darauf schwören mögen, an verlassnen Städten und Burgen vorüberzureiten oder gigantische antike Kunstgebilde, bald in Form eines riesigen Bechers, einer Urne, Pyramide oder eines Obelisken vor sich zu sehen. Als der Mond herabgesunken war, löste ihn die Morgenröte augenblicklich ab, und bald verklärte die Sonne, wolkenlos über den Bergen brennend, im reinsten Goldglanz die schweigende unermeßliche Gegend; der Weg darin glich an vielen Orten einer auf das beste erhaltenen und wohl über hundert Fuß breiten Chaussee, hart und eben wie makadamisiert und auf beiden Seiten von niedrigen Reihen granitgekrönter Hügel wie von regelmäßigen Dämmen eingefaßt. Einmal fanden wir in der Mitte dieser Straße ein zierliches Grab, nur aus zwei behauenen Steinen bestehend, zwischen denen ein Mosaik aus Kiesel in Arabesken recht artig geformt war. Viele schlohweiße Kamelknochen lagen darum her, doch keine Inschrift zeigte an, wem dieses Monument gelte oder wer hier sein einsames Ende gefunden. Um sieben Uhr näherten wir uns dem Nil, der, von hohen Bergen umschlossen, hier einen reizenden Archipel vieler grünbewachsner Inseln bildet. Andere Eilande, aus schwarzen Felsenmassen aufgetürmt, ragen über die grünen weit empor und mehrere derselben tragen auf ihren Gipfeln die Ruinen weitläufiger, einst befestigter Schlösser, wie gewöhnlich nur aus Backsteinen von getrockneter Erde aufgeführt. Diese Ruinen zeigen häufig Gebäude in Pylonenformen, ohne Zweifel den ägyptischen nachgeahmt oder durch Tradition so fortgeführt; denn noch jetzt bauen die reicheren Einwohner hier stets ihre Paläste auf dieselbe Art. Der größte dieser verlassnen Trümmerhaufen muß, nach seinem Umfang zu schließen, die Burg eines alten Herrschers oder ein mächtiges Kloster gewesen sein, auch verrät die ganze Gegend westlich vom Fluß, die durch ihre flache Lage weit ins Land hinein der Überschwemmung fähig ist, dort immer noch, wenngleich jetzt ganz vernachlässigt, Spuren eines ehemaligen blühenderen Zustandes. Dieser Punkt ist gewiß einer der pittoreskesten am Nil und die allernächste Umgebung des Flusses auch wohlbebaut sowie voll einzelner Wohnungen aus Backziegeln, die sich über eine Stunde weit längs des Flusses bis zur Insel und dem ansehnlichen Dorfe Dal erstrecken. Man bemerkt unter ihnen die Überreste einiger alter christlicher Kirchen, wovon eine noch mehrere Malereien stattlicher Apostel und Heiligen aufweist. In Dal, wo man unsere Zelte in einem ziemlich dichten Palmenhain aufgeschlagen hatte, fanden wir die Landleute, welche ein sehr anständiger Nazir befehligte, weit gebildeter und zutraulicher, als wir sie bisher im Dar-el-Hadschar angetroffen hatten. Einige zwanzig derselben kamen mit ihrem Schech herbei, um uns zu bewillkommnen, und boten uns alles, was sie hatten, zum Verkauf an. Wer wohlfeil zu leben wünscht, muß hierher reisen! Für den Wert von zwei Franken kaufte ich folgende Gegenstände: ein fettes Schaf, vier Kannen Ziegenmilch, eine wilde Ente von der Größe einer Gans und zwei Paar sehr nett geflochtene Sandalen aus Palmblättern. Als eine Sonderbarkeit muß ich erwähnen, daß Hühner, die man fast überall im Orient und besonders in Ägypten zum Überdruß genießen muß, hier ganz unbekannte Geschöpfe waren. Eier kannte man nur von wilden Vögeln, hatte aber einen Abscheu davor, sie zu essen. Die Hitze war um drei Uhr nachmittags wieder 35 Grad im Schatten, und wir fanden es wegen des größeren Luftzuges unter einem Palmenbaum im Freien weit erträglicher als im Zelte, wo die Luft so erstickend geworden war, daß man selbst beim Fächeln mit den hier üblichen kleinen Fahnen aus buntgefärbtem Stroh – die wie Fliegenklatschen an ein kurzes Rohr befestigt und sehr praktisch sind – sich nur Backofenhitze zuwedelte. Beim Essen mußten wir, wie gestern, die Gläser fortwährend in kaltes Wasser tauchen, denn eine Minute war hinlänglich, sie auf dem Tische im Zelte stehend glühend heiß zu machen. Die Tagesbeschäftigung ist ziemlich einfach auf einer solchen Reise, aber nicht ohne fremdartigen Reiz, nur muß sie meistens kontemplativer Natur bleiben, denn selbst das Lesen ward bei dieser Temperatur eine penible Arbeit und das Schreiben eine wahre Last. Ich bedauerte jeden Tag schmerzlich, gerade hier keinen Sekretär mit mir zu haben, den ich doch sonst, gleich dem Prinzen Facardin, stets mit mir zu führen pflege. Das Individuum selbst aber, das mir für die Zukunft bestimmt ist, kann sich sehr Glück dazu wünschen, nicht schon jetzt in Funktion zu sein, denn sein Dienst, den ich bei seinem Mangel notgedrungen selbst verrichten muß, würde ihm gewiß unerträglich schwer gedeucht haben! Mein Zelt lag diesmal wie im Grünen gebettet und hatte einen Kranz jener nun immer häufiger am Nil werdenden Giftsträucher um sich, nicht nur voll grüner Früchte von der Größe kleiner Äpfel, sondern hier auch reich mit weiß und blauen Blüten geschmückt. Aber mehr noch als die Krone des Königreichs Italien verdient diese Pflanze die Inschrift «Gare à qui la touche» – Blüten, Früchte, Äste, Blätter, alles ist voll einer fetten Milch, die beim geringsten Druck herausdringt und, wenn sie ins Auge kommt, unfehlbar erblinden macht. Auch innerlich genossen ist sie tödlich, und die Eingeborenen verfehlten nie, uns sorgsam davor zu warnen. Weniger gefährlich, aber desto unangenehmer, fanden wir die langstachlige Akazie, von der sich heute während einer kleinen Tour, die ich trotz der Hitze längs des Flusses machte, ein vorstehender Ast dergestalt mit meinem seidnen Kaftan in Verbindung setzte, daß ich die Hilfe zweier herbeigerufenen Schwarzen brauchte, um wenigstens meine Freiheit mit Hinterlassung eines Teils meines Gewandes wiederzuerlangen. Das belustigendste Schauspiel für mich jeden Abend ist das Aufladen der Kamele, welches in der Regel von vier bis sechs Uhr andauert. Die Manieren dieser originellen Tiere mit ihrem Giraffenkopf, ihrem Schwanenhals, ihrem Hirschleib und Kuhschwanze nebst dem grotesken Höcker und den Hinterbeinen, die sie, wie mit Scharnieren versehen, so geschickt und taktmäßig in drei Teile zusammenlegen, sind zu komisch, um sie ohne Lachen mit ansehen zu können. Wie ungezogene Kinder schreien und quieken diese Tiere bei jeder Berührung, sehen immer im höchsten Grade melancholisch und empört aus, verlieren aber doch während ihres Ärgers keinen Augenblick, um dazwischen wieder emsig zu käuen, welche Operation, da sie nur die untere Kinnlade dazu in gleichem Tempo mit großer Ernsthaftigkeit rechts und links bewegen, ihnen ganz die Allüre eines alten Weibes gibt, das mit schlechten Zähnen vergeblich eine Brotrinde zu kauen versucht. Ihre Zähne sind indes nur zu gut, und wenn sie sich in der Brunst befinden, ist ihr Biß so fürchterlich, daß man uns in Kahira erzählte: im vorigen Jahre habe ein Kamel dem Offizier der Wache am Tore des Friedens den Kopf abgebissen. Ich selbst sah sie nur mit Verwunderung die Äste der Mimosen samt deren eisenfeste, fünf Zoll lange Stacheln so unbesorgt abbeißen und kauen, als seien es Salatblätter. Mit dem letzten Stöhnen der Kamele, welches die Beendigung des Aufpackens anzeigt und worauf sich dann sogleich die ganze Karawane, ein Tier an das andere gebunden, in Marsch setzt, begebe ich mich täglich in das stärkende Flußbad, das mir ohngeachtet der penetranten Kälte des Nilwassers bisher immer gut bekommen ist. Warum aber der Nil, durch eine unermeßliche Ebne fließend und den ganzen Tag über den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt, dennoch nie die warme Temperatur unsrer Flüsse im Sommer erreicht, kann ich mir kaum erklären, wenn es nicht der Frische der Nächte zugeschrieben werden muß, die hier meistens auch dem heißesten Tagen folgt, aber soviel ich von dem hiesigen Klima bisher sah, selten oder nie von Tau begleitet ist. Nach dem Bade wird das Abendfrühstück eingenommen, am besten durch die muntere, vaterländische Unterhaltung mit Doktor Koch gewürzt, der manches erlebt und gesehen hat und es mit satirischer Laune wiederzugeben weiß. Einige Stunden Schlaf auf dem Teppiche in der Kühle erquicken dann doppelt, und wenn der Vollmond hoch vom Himmel glänzt, besteigen wir wieder die Dromedare. Den 19ten Auch diese Nacht und am folgenden Morgen blieb die Wüste romantisch in ihren Formen. Wir bemerkten unter andern als einen auffallenden Gegenstand viele Haufen zerstreuter Hügel in größter Regelmäßigkeit, wie Tumuli spitz und vierkantig geformt. Ich äußerte gegen meinen Dragoman, der mit Eugen Sues drolligem Losophe einige Ähnlichkeit hat, dies müßten Gräber sein, die Natur habe sie nicht so regelmäßig bilden können; er aber antwortete lakonisch: «Die Natur kann dem Menschen zum Vorbilde alles bilden.» In der Tat ist den Geologen diese seltsame Formation, welche nicht selten in den großen Ebenen Asiens und Afrikas vorkommt, sehr wohl bekannt. Am Morgen blieb ein Trupp großer weißer Gazellen ganz nahe am Wege stehen und hätte sich wahrscheinlich schußgerecht erhalten, wenn wir den schlecht gezogenen Susannis hätten verhindern können, sie zu jagen, was uns wenigstens das Schauspiel ihres windschnellen Laufes über die Plaine, so weit unsere Augen sie verfolgen konnten, verschaffte. Man sieht überhaupt hier bald an der Zahmheit der in Freiheit lebenden Tiere, daß die Jäger sie wenig inkommodieren, denn außer dem Geier, den wir neulich erlegten, näherten sich uns seitdem fast täglich auf dieselbe Art große Raubvögel, und in Dal umkreiste mich einmal ein schöner bunter Vogel mit einer Krone wie ein Kakadu, während ich spazierenging, mit der größten Neugierde wohl fünf Minuten lang und verließ mich erst, als ich in mein Zelt zurückkehrte. Als die Sonne schon ziemlich hoch stand, glaubten wir, einen ganzen Teil der Ebene vor uns mit hellgrüner Vegetation besetzt zu sehen, bis wir bei näherer Besichtigung fanden, daß diese Farbe nur von einem feingeglätteten Schiefer herrührte, der in der Nähe blau war, in der Ferne aber täuschend moosartiges Gras vorspiegelte. In sechs Stunden erreichten wir Saki-el-Abd (auf deutsch: die Wasserleitung des Sklaven, weil die Sklaven hier eine Station zu machen pflegen). Der Fluß ist an dieser Stelle wohl eine Viertelstunde breit. Diesseits, wo wir lagerten, stehen nur wenige Häuser und zwei große Sakis; jenseits aber befindet sich in einem lang sich hindehnenden Palmenwalde und von einem hohen, prachtvollen Tafelberge überragt ein ansehnliches Dorf mit einem sehr großen Gebäude, das von zwei der erwähnten modernen Pylonen flankiert wird, die ihm von weitem ganz das Ansehn einer ägyptischen Tempelruine geben. Wir fanden hier eine Barke zum Überfahren und im jenseitigen Dorfe einen gut furnierten Markt, um unsere sehr zusammengegangenen Provisionen zu erneuern. Die Hitze war heute nur 28 Grad im Schatten, und wir fanden dies beinahe kühl. Ehe ich weiter fortfahre, muß ich bemerken, daß sowohl auf Cadalvenes als Rüppels Karte, welche beide nicht sehr genau sind, die Distanz von Dal bis hierher um sechs deutsche Meilen, also fast einen halben Grad, zu weit angegeben ist, da sie, nach dem stets gleichen Schritt der Kamele wie dem unsrer Dromedare beurteilt, nicht mehr als die von Samneh bis Tangur und von Tangur bis Dal beträgt, drei Tagemärsche, die keine halbe Stunde voneinander differieren. Ich erwähne dies nur zur Notiz der Reisenden – nach mir kommenden Gelehrten sei es überlassen, durch gründliche Messungen diese wie unzählige andere Irrtümer in den meisten bisherigen Karten dieses Teils von Afrika zu verbessern. Um aber auch einen Maßstab für die anderweitige Wahrhaftigkeit des Herrn von Cadalvene zu geben, was insofern nicht ohne Nutzen ist, da er absichtlich in seinem Werke Mehemed Ali und sein Gouvernement bei jeder Gelegenheit herabzusetzen sucht, obgleich er, als er hier war, lange in Alexandrien um eine Anstellung im Dienste des Vizekönigs sollizitierte und ein ägyptisches Journal herausgeben wollte, was ihm abgeschlagen wurde (hinc illae lacrimae!) , so will ich hier noch einen belustigenden Paragraphen seines Buches gleich an Ort und Stelle zitieren. «Saki-el-Abd», beginnt er in seiner gewöhnlichen Manier, «war fast verlassen, als wir daselbst ankamen, denn der größte Teil der Einwohner (NB. von 5-6 Hütten) war in die Wüste geflohen, unfähig, die verlangten Abgaben zu erschwingen. Manchmal kommen diese Flüchtlinge nach einigen Monaten wieder, wenn sie hoffen, nicht mehr beunruhigt zu werden.» (Wie können sie dies hoffen, wenn die Tyrannei wirklich so konsequent und systematisch existiert, wie sie Herr von Cadalvene durchgängig angibt?) «Viele aber ergreifen das Leben der Nomaden, und jedes Jahr sieht man auf diese Weise die Entvölkerung einiger Dörfer. In der Abwesenheit der Eigentümer» (die wahrscheinlich, statt geflohen zu sein, nur in das Dorf gegenüber zu Markte gegangen waren) «nahmen wir einigen Betten (engareb) in den nächsten Häusern und trugen sie an den Fluß, wo wir uns etablierten, um die weißen Ameisen zu vermeiden und vorzüglich die Skorpione, welche während der Nacht zu Tausenden aus ihren Schlupfwinkeln kriechen .» Nun biwakierten auch wir auf demselben Ort und in demselben Monat des Jahres, ohne jedoch einen einzigen Skorpion zu sehen. Darauf erkundigte ich mich sowohl bei den Eingebornen als den Leuten, die unsere Karawane begleiteten, nach beiden von Herrn Cadalvene hervorgehobnen Gegenständen: 1) der Flucht der Dorfbewohner und 2) der ungeheuren Menge von Skorpionen. Von der ersten wußte niemand etwas und von den zweiten hatte kaum je ein Einwohner eins dieser Tiere hier gesehen, welche erst, wie sie berichteten, kurz vor Dongola hinter der Wüste häufig zu werden beginnen. Da es sich nun fast mit allen Diatriben des Herrn Cadalvene gegen den Vizekönig grade ebenso verhält und, wenn man an Ort und Stelle nachfragt, selten nur eine Spur von allen den Greueln, die er dessen Regierung vorwirft, angetroffen wird, so habe ich seitdem nie einen Paragraphen dieser Art, worin der Verfasser sich so viele Mühe zu stechen gibt, aber nur ohnmächtiges Gift ausspritzt, gelesen, ohne lächelnd zu mir zu sagen:«Abermals einer der tausend Skorpione des Herrn von Cadalvene!» Die Karawane war am 21. abends wie gewöhnlich um 6 Uhr aufgebrochen, und wir folgten ihr erst um 3 Uhr in der Nacht, nachdem wir vorher noch eine sehr charakteristische Szene in Saki-el-Abd erlebt hatten. Ich schlief fest in meinem kleinen Sukkursalzelte, als mich ein ungeheurer Lärm von Trommeln und dem Abschießen vieler Gewehre weckte. Ich sprang auf und war nicht wenig erstaunt, aus dem Zelte tretend statt des glänzenden Vollmondes alles in dunkle Nacht gehüllt zu sehen, während Schießen und Trommeln ohne Unterlaß forttönte. Eine totale Mondfinsternis, wie ich sie nie vollständiger beobachtete und die uns kein Kalender vorhergesagt hatte, erklärte bald einen und den andern Umstand. Die Einwohner, welche durch den angestellten Lärm dem Monde zu Hilfe kommen wollten, damit der schwarze Drache, mit dem sie ihn im harten Kampfe begriffen vermeinten, ihn nicht ganz verschlinge, waren sehr bestürzt über die Begebenheit und sahen sie als die Vorbedeutung großen Unglücks an. Alle Mühe, die sich mein philosophischer Dragoman gab, ihnen die Sache natürlich zu erklären, war ebenso vergeblich, als wenn er es versucht hätte, einem unsrer neumodischen Frommen gesunden Menschenverstand beizubringen. Die guten Leute blieben bei ihrer Meinung und lebten, als die Finsternis endlich vorüberging, der freudigen Überzeugung, nicht wenig durch ihre resoluten Demonstrationen dazu beigetragen zu haben, den Mond für diesmal aus seiner dringenden Verlegenheit zu erretten. Später hörte ich jedoch in Dongola, wo man gegen dieselbe Kalamität auch Maßregeln ergriffen hatte, von einem dortigen Faki noch raffiniertere Erklärung derselben. «Nur das unwissende Volk», sagte er, «glaubt, es sei ein Drache, der den Mond verschlingen wolle. Wir wissen dies besser. Der Mond ist ein lebendiges Wesen so gut als wir, aber ein sehr hoher Potentat im himmlischen Reiche, welches von Gott ganz ebenso wie die Erde vom Sultan regiert wird. Wenn also einer der Statthalter dort seine Schuldigkeit nicht tut, so läßt ihm der Herr des Himmels wie hier der Sultan den Kopf abschlagen oder schickt ihm die seidne Schnur zu. Offenbar ist es nun, daß der Mond eine solche Strafe verwirkt hatte, und wir haben daher auch, als sein Antlitz sich zu verdunkeln anfing, weidlich geschossen und Klagetöne vernehmen lassen, um ihm unsere Hilfsbereitwilligkeit wie unser Beileid zu bezeigen, denn er konnte noch Pardon erhalten; da wir aber bald merkten, daß keine Gnade mehr für ihn war und er endlich ganz verschwand, so haben wir einen noch größeren Lärm, mit Freudenbezeigungen vermischt, vernehmen lassen, um uns sogleich dem neuen Mond aufs beste zu empfehlen, der denn auch, nachdem kaum zwei Stunden nach der Exekution des letzten vergangen waren, glänzender als je wieder zum Vorschein gekommen ist.» Man sieht, die hiesigen Leute vom Stande verstehen so gut als wir, was einem gewandten Höflinge geziemt. «Le Roi est mort, vive le Roi!» Der größte Teil unsers heutigen Weges führte den Nil entlang durch angebautes Land, so daß wir die Wüste meistenteils nur zur Seite hatten. Sehr ansehnliche, stundenlange Dörfer, gut aus Erdziegeln gebaut, von Palmen dicht überdeckt und mit fruchtbaren Feldern umgeben, die in zwei bis drei Monaten schon die zweite Ernte gewähren werden, sind Bürgen des verhältnismäßigen Wohlstandes und der größeren Sicherheit des Eigentums, welche seit Mehemed Alis Regierung hier herrschen. Noch immer begegneten wir Karawanen von Kamelen und von Sklaven. Eine der letzteren hatte sich sehr malerisch in einem Garten neben den Ruinen von Sedenga gelagert und belustigte uns, als wir mitten durch sie hinzogen, durch eine Gruppe ausgelassner Mädchen, die uns auf alle Art und Weise verspotteten, wozu unsre weiße Farbe und unser fremdartiges Kostüm ihnen die beste Gelegenheit gaben. Auf unsre Frage: ob eine der mutwilligsten und hübschesten darunter zu verkaufen sei? – ward nur mit einem barschen «Nein!» geantwortet, denn die Sklavenhändler aus dem Innern schienen einen ebenso großen Abscheu vor den ungläubigen Christenhunden zu haben als die Sklaven selbst. Ich bin überzeugt, daß kein Individuum dieser ganzen Gesellschaft, wenn wir es ihm hätten anbieten können, mit uns getauscht haben würde. – Alles in der Welt beruht auf Meinung! Nachschrift In diesem Augenblicke erfahre ich aus den Zeitungen und bestätigt durch bei Sr. Majestät unserm König soeben eingegangene direkte Berichte aus Alexandrien die seltsame Abdankung Mehemed Alis. Einige sehen darin Feigheit und Altersschwäche, andere gar Verrücktheit des ergrauten Helden. Beides ist möglich, weil es am Ende nur der stets gebrechlichen Menschheit angehört und es überdem eben nicht zu sehr verwunderlich wäre, wenn ein Mann, der sein ganzes Leben an ein großartiges, schwieriges Werk verwendete und dies dann in einem Augenblick mit täppischer Hand zertrümmern sieht – den Verstand darüber verlöre. Wie ich jedoch Mehemed Ali kenne, und indem ich diese neueste Begebenheit mit einer fast gleichzeitigen Nachricht von einem durch den Vizekönig mit dem Gouverneur von Indien abgeschlossenen Handelstraktat in Verbindung bringe, halte ich das Ganze vielmehr für einen tief angelegten und mit seiner gewöhnlichen schlauen Klugheit ausgeführten Plan Mehemed Alis, sich von nun an ganz in Englands Hände zu geben, nachdem er wohl eingesehen, daß er, von allen äußern Freunden im Unglück verlassen und von ägyptischen Intrigen umgeben, denen wahrscheinlich seine eigne Familie nicht fremd ist, nur bei England, das ihn gestürzt, auch allein die Macht findet, welche ihn, den beiderseitigen großen Vorteil jetzt besser einsehend, wieder fest zu stellen vermag. Mehemed Ali ist kein Pedant, ich wiederhole es, er nimmt immer die Dinge nicht vom Ideal aus betrachtet auf, sondern wie sie wirklich sind, und benutzt sie in dieser Hinsicht zu seinem eignen Vorteil nach dem Maßstabe der Ausführbarkeit. Inwiefern dies nun für einen Herrscher weise sei oder nicht, lasse ich hier ganz dahingestellt, jeder mag hierüber sein eignes Urteil fragen – daß aber Mehemed Ali so denkt, hat er von jeher bewiesen, und daher glaube ich, daß er auch diesmal demgemäß handeln wird. Jedenfalls darf er hoffen, unter englischem Protektorat sichrer zu regieren als unter türkischem oder dem irgendeiner andern europäischen Macht und unter keinem Verhältnis zugleich (denn die Engländer sind auch nie Pedanten) freieren Spielraum für das innere Wohl seiner Untertanen zu finden, der einzige und schönste Ruhm, der ihm von nun an noch übrigzubleiben scheint. Nur die Zukunft kann lehren, ob ich mich in dieser Auslegung der wahren Absichten Mehemed Alis irre, denn alt ist er freilich, und öfter mag wohl noch trotz dem Sprichwort, die Jugend mit Tugend als das Alter mit Kraft vereint angetroffen werden. Indes keine Regel ohne Ausnahme – bis jetzt halte ich den Greisen Mehemed Ali, obgleich naturgemäß schon dem Ende seiner Laufbahn noch immer für eine solche. Sagan am 22. August 1844. Dritter Teil Nubien und Sudan Vom Verfasser der Briefe eines Verstorbenen Nun schau der Geist nicht vorwärts nicht zurück, Die Gegenwart allein – sei unser Glück! Goethe Tempel von Phtur, Haffir, Dongola Die Altertümer von Sedenga sind unbedeutend. Nur eine Säule des größeren Tempels steht noch vollständig in einem weiten Trümmerhaufen, und alle die herabgefallenen Ornamente des Gebäudes wie die erhaltne Säule selbst sind in schlechtem Stil und verraten ein neueres, wahrscheinlich römisches Bauwerk. Etwas weiter abwärts sieht man die Ruinen eines zweiten Tempels mit den Stummeln zweier Säulen, alles aus gewöhnlichem Kalkstein und von gleich geringer Qualität der Arbeit. Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem vier Stunden von hier jenseits der Hügelkette von Dschebel-Dosch, welche die Provinz Sokkot von der von Mahaß trennt, gelegenen, auch in seiner wildesten Zerstörung noch erstaunungswürdigen großen Tempel von Phtur, ein Werk der Pharaonen, dem gegenüber in einem lieblichen Haine am Flusse unser Lager aufgeschlagen worden war. Wir schoben die Besichtigung dieser großartigen Ruine bis zum Abend auf und wollten uns eben zu Tische setzen, als einer der Einwohner des nahen Dörfchens, die uns ebenso bereitwillig als die von Dal mit allem zu versorgen suchten, was sie zu liefern imstande waren, eilig herbeigesprungen kam, um uns zu melden, daß sich nur einige hundert Schritte weit vom Ufer entfernt ein Nilpferd im Flusse zeige, das sich schon seit mehreren Wochen in dieser Gegend aufhalte. Im schnellsten Lauf eilten wir hinab und sahen sogleich den ungeheuren Kopf des Untiers wie einen schwarzen Felsen aus dem Wasser schauen, ohne daß es lange Zeit die mindeste Bewegung damit machte. Auf meinen Befehl war unterdes der gedeckte Tisch herbeigeschafft worden, wir etablierten uns hart am Fluß neben den Resten eines antiken Molo der alten Stadt Phtur und setzten uns hier unter einem hohen Baume zum behaglichsten Mahle nieder, hinter uns die Säulenreihen eines Ramseischen Tempelpalastes, vor uns im Fluß das unterhaltende Naturschauspiel eines der seltsamsten Geschöpfe göttlicher Laune. Als willkommene Zugabe zu dieser interessanten Szene bildeten hohe Berge in der Ferne, graziöse Krümmungen des Flusses nach beiden Seiten, dunkle Felsenrisse mit kleinen Wasserfällen dazwischen und gegenüber grüne Ufer nebst einem großen Erdziegelschloß mit Pylonen, das in einem Dattelwalde stand, eine der reizendsten Landschaften, welche unsre Reise bisher dargeboten hatte. Das Nilpferd hielt über eine Stunde auf der gewählten Stelle aus und regulierte uns, bald mehr, bald weniger aus dem Wasser hervortauchend, mit den verschiedensten Evolutionen, bis es sich endlich, auf einer Sandbank angelangt, plötzlich in voller Höhe aufrichtete und uns so wie zum Abschiede seine ganze Riesenmasse bewundern ließ. Doch verschwand es endlich fast ebenso jähling unter den Wellen, als es erschienen war, kam erst in weiter Ferne nur auf wenige Sekunden wieder zum Vorschein und ließ sich nachher, zu seinem Kristallpalast definitiv hinabsteigend, nicht ferner mehr blicken. Zwölf der Dorfleute, meist Jünglinge und Knaben, nur zwei Alte und drei Mädchen, alle nackt bis auf den Schurz, hatten sich dicht neben uns gelagert und erfreuten sich ebenso sehr als wir an dem Hippopotamos. Zuweilen sprangen einige derselben in den Strom, schwammen ihm entgegen und suchten, das impassible Tier zu erzürnen, während die andern vom Ufer her durch Geschrei und Lärmen zu helfen suchten, wie gestern ihre Landsleute bei der Mondfinsternis. Erregte aber das Ungetüm eben ihre Aufmerksamkeit nicht, so richtete sich diese ausschließlich auf uns. Sie sahen erstaunt auf unsre Perspektive, bewunderten mit Entzücken ein mit Perlmutter ausgelegtes Messer des Doktors, gerieten aber wie wahre Südseeinsulaner in eine halbtolle Freude, als ich ihnen einen Spiegel bringen ließ, dessengleichen vorher keiner von ihnen gesehen zu haben schien. Es war auffallend, daß die jungen Männer dabei ungleich mehr Eitelkeit und Behagen am Anblick ihrer eignen Person zeigten als die Mädchen. Fast alle trugen eine Art Rosenkranz von Glasperlen um den Hals oder um den Arm geschlungen, an denen ein Ledertäschchen mit einem darin verwahrten Amulette hing, das ihre Schriftgelehrten, die Faki, für sie schreiben und sich gut dafür bezahlen lassen. Einige der Knaben trugen auch zinnerne Ohrringe und die Mädchen bunte Glasperlen um Hals und Arme. Ich schenkte diesen letzteren falschen Pariser Schmuck und gab auch einigen der Knaben, die uns Wasser geholt oder sonst dienstreiche Hand geleistet hatten, einige Ringe dieser Art, was mit Dank und Vergnügen, aber zugleich mit einer sehr anständigen Ruhe aufgenommen wurde. Um den Zustand ihrer Sitten etwas näher kennenzulernen, gab ich dem einen jungen Manne, der uns begreiflich gemacht, daß das hübscheste der gegenwärtigen Mädchen seine Schwester sei, durch Zeichensprache zu verstehen, er möge sie abends allein zu unseren Zelten schicken, wozu ich die Pantomime des Schlafens machte. Er und das Mädchen lachten, doch nahm er sogleich den Ring, den ich ihm geschenkt, vom Finger, und ich glaubte schon, er wolle ihn mir entrüstet zurückgeben, als er ihn in die Höhe hielt und so geschickt wie ein Taubstummer dazu ausdrückte, daß, wenn ich noch einen dergleichen hergäbe, seine Schwester kommen werde. Sehr tugendhaft in unserem Sinne scheinen also diese Naturkinder eben nicht zu sein, und für einen Missionär hätte dies eine gute Gelegenheit zu einer Predigt abgegeben. Die beiden Alten waren höchst komische Originale. Der eine hatte eine ägyptische, durchstochne Goldmünze (Kari) in ein Papier gewickelt in der Hand und machte trotz allem Abweisen je nach fünf Minuten immer einen neuen Versuch, dieses Goldstück, welches er wahrscheinlich nicht für echt hielt, uns gegen Silberpiaster zu verwechseln; der andere trug zwei Stücke hier gefertigte grobe Leinwand auf dem Kopfe und bemühte sich mit gleich unabweisbarer Beharrlichkeit, sie uns zu verkaufen, alles mit einer solchen Geduld, Sanftmut, Höflichkeit und dem ernstwürdevollsten Benehmen eines Diplomaten, der um Provinzen handelt, daß wir am Ende nicht mehr widerstehen konnten, uns beide Gegenstände aufdringen zu lassen. Einige aus dem Haufen sprachen etwas arabisch, was unsere Konversation sehr erleichterte, und als wir kurz vor Sonnenuntergang schieden, geschah es in bester Freundschaft mit Alt und Jung, welche noch dadurch vermehrt wurde, daß wir Münze und Leinwand, obgleich schon bezahlt, als Geschenke zurückließen. Diese Leinwand galt übrigens, beiläufig gesagt, in lange Streifen geschnitten sonst als Münze im Lande der Barabras und weit bis nach dem Sudan hinab. Jetzt muß, bei Verlust des Kopfes, überall die Münze des Gouvernements nach dem bestimmten Tarif angenommen werden. Ohne diese Strenge würde man die Eingebornen nie dazu gebracht haben. Als ein merkwürdiges Zeichen der sorglosen Indolenz dieser Wilden muß ich noch folgendes anführen. Sie erzählten uns, daß dasselbe Nilpferd, welches wir gesehen, ihnen außerordentlichen Schaden zufüge, denn wenn es die Nacht austräte, um sich zu äsen, so verheere es gewöhnlich drei bis vier Feddan Feldfrüchte auf einmal. Warum macht ihr denn nicht Jagd auf das Tier? frug ich. «Ja, wir haben daran schon gedacht», war die Antwort, «und daher einem Manne in Ouadi-Halfa, der sich mit solcher Jagd abgibt , wissen lassen, daß sich jetzt ein Nilpferd hier aufhalte. Er hat auch geantwortet, daß, sobald er sich eine Harpune verschaffen könne, er kommen werde.» Diese Auskunft ward uns durch einen ägyptischen Soldaten genau verdolmetscht. Seitdem die Leute sich an den Jäger gewendet, ist nun schon ein Monat verflossen, während dem das Nilpferd einige vierzig Feddan verheert haben soll; dennoch hat sich bisher niemand entschließen können, die Jagd selbst zu unternehmen, obgleich es an Waffen und Feuergewehren nicht fehlt, ja sogar ein Posten Negersoldaten, mit allem dergleichen wohl versehen, eine halbe Stunde von hier kampiert, also nichts leichter gewesen wäre, als der Sache mit eignen Kräften längst ein Ende zu machen. Ebenso denkt aus Indolenz auch hier, wie längs des ganzen Flusses, niemand daran, den Reichtum des Nils an Fischen zu benutzen, und seit wir Assuan verließen, ist uns keiner jener schmackhaften Bewohner der Tiefe mehr zu Gesicht gekommen, wir selbst aber haben leider weder Netze noch Angeln mit uns genommen. Wir wanderten nun in der Abendkühle nach dem Tempel, dessen Säulen aus rötlich gestreiftem, hartem Sandstein zu den leichtesten und elegantesten ägyptischer Baukunst gehören. Es gab deren gegen siebenzig, von denen kaum noch ein Dritteil, und auch von diesen nur zehn, vollständig stehengeblieben sind. Da man die Ringe des Sesostris nebst denen vieler andern der ältesten Pharaonen darauf findet, so darf man nicht zweifeln, daß dieser Bau aus jenen Zeiten herstammt und seine Zerstörung nur entweder einem Erdbeben oder dem Weichen des aus Erdziegel bestehenden Unterbaues zuzuschreiben ist. Das Gebäude mit einem großen Vorhof, in dem noch einige verstümmelte Sphinxe angetroffen werden nebst den Spuren einer prachtvollen Treppe von 57 Fuß Breite, die zum Tempel hinaufführte, scheint aus drei großen Hauptsälen bestanden zu haben, mit Säulen von verschiedener Verzierung und Form. Da nur wenige der zusammengestürzten Materialien zu andern Zwecken weggeführt worden sind, so hat man Mühe, über die enormen Haufen von Ruinen hinwegzuklettern, welche alle Teile des Tempels anfallen. Wir störten hier eine Hyäne auf, die sich aber sogleich wieder unter dem Mauerwerk verkroch, ohne daß wir sie außerhalb desselben fliehen sahen, so daß sie also wahrscheinlich ein festes Malepartus hier hatte, in das sie sich vor uns zurückzog. Der Tempel ist nach seinen genauen Maßen und andern Partikularitäten von mehreren Reisenden ausführlich beschrieben worden, da er jedoch eine große Menge noch unentzifferter Hieroglyphen und sehr eigentümliche Skulpturen enthält, so ist es sehr zu bedauern, daß bisher noch niemand, mit den Kenntnissen Champollions ausgerüstet, ihn genauer untersuchte, da er gewiß sehr interessante historische Aufschlüsse zu geben vermag. Viele Säulen desselben sind an ihrer Basis mit einer Reihe Figuren umgeben, die Gefangene mit auf den Rücken gebundnen Händen vorstellen, deren halber Körper aber unten jedesmal durch eine Kartusche (was wir Ring nennen, ich aber lieber nach Form und Zweck mit «Wappenschild» bezeichnen möchte) verdeckt ist. Auf diesen Schildern sind nach Waddingtons Angabe die Namen eroberter Städte und Provinzen verzeichnet, und die Figuren selbst, welche durchgängig Bewohner nördlicher Gegenden anzudeuten scheinen, tragen meistens eine Kopfbedeckung, die entweder der persischen Mütze oder auch einige davon vollkommen dem heutigen ägyptischen Tarbusch gleichen. Die Arbeit ist höchst sorgfältig und ganz im einfachen und edeln Stil der besten Zeit. Dasselbe gilt von den Friesen, Kapitälen und andern Ornamenten, die sich oft griechischer Eleganz nähern, so wie überhaupt der ganze Bau bedeutend von der Schwere und dem finstern Ernst anderer ägyptischer Tempel aus dieser Periode abweicht. Auch ist er nicht ganz so kolossal in seinen Formen. Der erste und größte Saal hat bei 88 Fuß Tiefe, 103 Fuß Breite, die Säulen 5 Fuß 7 Zoll Durchmesser und nicht über einige 40 Fuß Höhe. Die zwei andern Säle verringern sich gradatim, und hinter ihnen befand sich, von zwölf Säulen eingefaßt, das Adytum oder Allerheiligste. Da die Abbildung des Jupiter Ammon hier einigemal vorkommt, so ist zu vermuten, daß ihm der Tempel geweiht war. Auch bemerkten wir Skulpturen, die Eulen und Geier und eine davon den Apis darstellten. Die Ruine in ihrem ganzen Umfange am Rande der Wüste an einem Palmenwald und die Erdhütten des Dorfes Solib gelehnt, gehört durch die rosige Färbung des Steins und die malerische Disposition ihrer Trümmermassen gewiß zu den schönsten in Nubien und muß bei jedem Reisenden, welcher dergleichen überhaupt zu schätzen weiß, einen nicht leicht zu verlöschenden Eindruck zurücklassen. Wegen einer großen östlichen Krümmung des Flusses, die er von Solib aus macht, mußten wir in der folgenden Nacht die Wüste quer hindurch acht deutsche Meilen weit durchschneiden. Der Zufall wollte, daß wir, um einen passenden, vor dem kalten Wind geschützten Fleck zu einigen Stunden Ruhe aufzufinden, einen andern Weg als die Karawane einschlugen. Dies rettete einem Matrosen von der Barke, der die Karawane begleitete, wahrscheinlich das Leben; denn auf seinem Tiere eingeschlafen, hatte er sich unbemerkt von ihr entfernt, und wir fingen ihn auf, als er in größter Angst, um sie wieder aufzusuchen, grade in voller Eile die falsche Richtung nach dem Innern gewählt hatte. Verirrung ist aber hier eine bedenkliche Sache, und es vergeht kaum ein Jahr, wo nicht Gouvernementskuriere oder sonst einzelne Reisende in der Wüste verschwinden, ohne daß man je wieder etwas von ihnen hört. Die Schnelligkeit und Ausdauer, mit der diese Kuriere die größten Touren auf so unbequemen Tieren und bei so großer Hitze zurücklegen, geht fast ins Unglaubliche, und wir fanden deren oft in der nächtlichen, schauerlichen Einsamkeit dieser Wüsten ganz allein neben ihrem Dromedare in den Sand gebettet und den Zügel um den Arm gewickelt ausruhen, um Mensch und Tier einige Stunden des erfrischenden Schlafes genießen zu lassen. Erst nach 9 Uhr, bei schon sehr heißer Sonne, erreichten wir Fakir-Bint, wo der vorige Gouverneur von Dongola als fromme Stiftung eine Moschee mit einem Khan erbaut hat, in dem jeder Reisende unentgeltlich Obdach und gekühltes Wasser erhält. Zu diesem letztern Zweck sind die durchsickernden Krüge, welche in Khene gefertigt werden, ein wahrhaft unschätzbares Hilfsmittel in diesen Ländern, und da man sie nicht immer vorrätig findet, so tut jeder Reisende wohl, sich im voraus mit der größtmöglichsten Quantität derselben zu versehen. Das laueste Wasser, wenn es dem Luftzuge nur einige Stunden ausgesetzt bleibt, wird kühl darin und in der Nacht eiskalt. Nach acht oder vierzehn Tagen aber verstopfen sich die Poren des Kruges, und er tut dann nicht mehr ganz dieselben Dienste; dabei sind diese Geschirre auch so zerbrechlich, daß der geringste Anstoß sie beschädigt oder ganz zerschellt; in der Hand wiegen sie so leicht wie eine Feder. Man hat zwar in mehreren Ländern Gefäße mit ähnlichen Eigenschaften, keine aber, die ich kenne, sind an schneller Wirksamkeit den Krügen von Khene zu vergleichen. Dank ihnen fehlte es uns bis jetzt, wo wir unsere Ruheplätze noch meistens am Nil finden, auch in den heißesten Tagen noch nie an gekältetem Wasser. Der wohltätige Erbauer des Khans hatte auch Bäume davor pflanzen lassen, die bereits weite Kronen um sich her breiteten, und unter ihrem schattigen Dome nahmen wir unsere einstweilige Wohnung, dicht über dem Fluß, der hier wieder von vielen Felsen durchwirkt erscheint. Bald nach unserer Ankunft besuchte mich der Nazir des Dorfes mit einem kleinen Gefolge. Er war ein Eingeborner und einer der angesehensten Eigentümer der Gegend, von sanftem, einnehmendem Betragen und scharfer Auffassungsgabe, worin sich die Araber überhaupt sehr von Europäern geringen Standes auszeichnen. Ich benutzte die Gelegenheit, bei diesem glaubwürdigen Manne verschiedene Erkundigungen über die wahren Verhältnisse der Untertanen zur Regierung einzuziehen, welche ich später durch wohlunterrichtete und unparteiische Leute immer bestätigt fand. Sie lauten freilich sehr verschieden von den Anklagen mehrerer Reisenden, obgleich hier ein als großer Landbesitzer selbst Beteiligter sprach und neben dem Lobe auch den Tadel nicht verschwieg. Es wird weiter unten mannigfache Gelegenheit geben, auf diesen Gegenstand weitläufiger zurückzukommen. Die folgende Station ist Haffir, und die Distanz betrug nur fünf deutsche Meilen oder zehn Stunden. Schon nach der ersten Hälfte des Weges trat die Wüste ganz in den Hintergrund, und die allerdings sehr vernachlässigten Ebnen von Dongola begannen, sich allmählich vor uns auszubreiten. Wir fanden auf denselben fast ebensoviel wieder verlassnes als angebautes Land, weil in den letzten Jahren schwere epidemische Krankheiten eine Menge Menschen hingerafft haben. Auch finden hier wirklich häufige Auswanderungen nach dem Darfur statt, wo jetzt ein sehr unternehmender, fremde Kolonien begünstigender Sultan herrscht, dessen weite Länder sich täglich vergrößern und von mehreren Sklavenhändlern, mit denen ich mich unterhielt, als ein Paradies der Fülle und des Wohllebens geschildert werden. Auf den verlassnen Feldern, deren künstliche Bewässerung natürlich gleichfalls aufgehört hat, sind neue weite Mimosendickichte erwachsen, und der Giftbaum blüht hier in den schönsten Exemplaren. Antilopen sind häufig in diesen Gebüschen, auch sahen wir viele Rebhühner von einer größern Gattung als die unsrigen, und oft umflatterten uns kleinere bunte Vögel vom schönsten Gefieder. Haffir, das über eine Stunde vom Nil entfernt liegt, verriet schon durch bessre Häuser, sorgfältigere Kultur und einen gewissen mehr zivilisierten Anstrich der Einwohner wie durch die Anwesenheit ägyptischer Offiziere mit einem Detachement von dreißig Mann die Nähe der Hauptstadt. Auch hier war der Kascheff ein gebildeter Mann und kein Türke, sondern ein Eingeborner. In Haffir beginnen die weißen Ameisen, die schrecklichen Termiten, welche alle Effekten zerstören, ihre Verheerungen. Namentlich lieben sie Bücher so sehr, daß sie einen ganzen Folianten in einer Nacht fast rein aufzufressen imstande sind, wie ich später ein Beispiel davon beim Doktor Iken in Dongola mit eignen Augen sah. Die Dorfbewohner brachten auch sogleich mehrere Engarebs, eine Art Sofas von antiker Form, herbeigetragen, auf die sie uns einluden, alle unsere Koffer und übrigen Sachen zu legen, da, was an der Erde bliebe, sonst über Nacht der Ameisen Beute werde. Diese Engarebs sind ein ebenso dauerhaftes als bequemes Möbel, und ich habe eins derselben, das mir abwechselnd als Bett, Sofa oder Gartenbank diente, zwei Jahre lang mit mir geführt und zuletzt als Modell auch glücklich noch mit nach Europa zurückgebracht. Es besteht aus einem Rahmen von sehr festem Holze mit vier kurzen, gedrechselten Füßen. Ein Netz überspannt das Ganze, welches aus in Streifen geschnittner frischer Ochsenhaut angefertigt ist und, durch das Trocknen sich eng zusammenziehend, der Lagerstätte ebensoviel Dauerhaftigkeit als Elastizität gibt. Das Engareb widersteht tagelangem Regen wie der glühenden Sonnenhitze gleich gut, und man braucht nur einen Teppich darauf zu legen, um sich den bequemsten, vor Insekten gesicherten Ruhesitz zu verschaffen, der überdies ein so geringes Gewicht hat, daß er auf das leichteste überall hin zu transportieren ist. Man benutzt hier die erwähnten Hautstreifen auch noch zur Verfertigung mehrerer anderer Gegenstände, und sonst dienten sie sogar zu grausamen Exekutionen, indem man den Delinquenten damit fest an einen Baum band und dort der Wirkung der Sonne so lange überließ, bis die allgemach zusammentrocknenden Riemen ihn langsam zerquetscht hatten. Wir fanden Haffir eben von dem der Provinz Dongola ganz eigentümlichen epidemischen Fieber stark infiziert, das mit Nasenbluten und Erbrechen anfängt und sich immer in spätestens acht Tagen entscheidet, nach welcher Periode der Tod oder schnelle Besserung erfolgt. Vor drei Monaten wütete die Krankheit in Dongola selbst, jetzt scheint sie weiter nördlich fortzuschreiten. Manche halten sie für eine modifizierte Form der Cholera, und in verschiedenen Symptomen scheint sie in der Tat viel Ähnlichkeit mit ihr zu haben, doch ist sie in der Regel weniger schmerzhaft. Doktor Koch, ein großer Anticontagionist, der Pest und Cholera in Alexandrien studierte, besuchte einige der Kranken und hinterließ eine Vorschrift für ihre Behandlung, von der er guten Erfolg erwartete. Zugleich bedauerte er aber sehr, nicht längere Zeit zur Beobachtung einer, wie er als Arzt sie nannte, «so höchst interessanten» Krankheit zu haben. Die Entfernung von hier nach Dongola beträgt noch vierzehn Stunden. Der Charakter der Gegend blieb derselbe wie gestern. Eingegangne Felder zeigten sich noch immer häufig, waren aber seltner mit Bäumen bewachsen, ja Dongola selbst, ein ziemlich ansehnlicher, aber auch nur von rohen, ungeweißten Erdziegeln oder mit Stroh geknetetem Lehm aufgeführter Ort, erschien von dieser Seite baumlos und nur nach dem Nil zu mit einigen grünen Fluren umgeben. Die Stadt zerfällt in zwei abgesonderte Teile, wovon der eine mit krenelierten Lehmmauern, einigen Türmen und zum Teil durch einen schwachen Graben befestigt ist, was aber zur Verteidigung gegen die Eingebornen vollkommen hinreicht. Hier residieren alle Beamte des Gouvernements neben den Kasernen der Garnison, die aus einem Bataillon Infanterie (teils ägyptische Invaliden, teils Schwarze) und aus drei- bis vierhundert Pferden unregelmäßiger Kavallerie besteht. Ein großer Waffenplatz befindet sich in der Mitte des Quartiers. Der andere Teil der Stadt, größer und etwas näher am Fluß gelegen, enthält die übrigen Bewohner, ungefähr 6000 Seelen. Man findet daselbst einen recht gut furnierten Bazar und einige wenige neugebaute Häuser der Reichsten aus gebrannten Ziegeln mit regulären Fensterreihen, diese jedoch noch ohne Glas. Der türkische Gouverneur (Mudir) hatte so wenig Anstalten zu meinem Empfang getroffen und mir ein so schlechtes Haus in der Nähe des Flusses angewiesen, daß ich vorzog, meine Zelte im Felde daneben aufschlagen zu lassen, worauf ich durch meinen Kawaß dem Gouverneur eine sehr harte Botschaft ausrichten ließ. Als er mich darauf am andern Morgen besuchte, empfing ich ihn, ohne aufzustehen, in meinem Zelte, ließ ihm weder Kaffee noch Pfeife reichen, refüsierte das nun folgende Anerbieten seines eigenen Hauses und erklärte, daß ich mit ihm durchaus nichts zu schaffen haben wolle, aber Seiner Hoheit dem Vizekönige die Rüge seines ungeschliffenen Betragens überlassen werde. Wenn man die Mittel hat, es durchzusetzen, das heißt, wenn die Türken gegründete Ursache zu glauben haben, daß man ihnen gefährlich werden könne, ist es gut, mit ihnen so umzugehen und sich nicht das geringste von ihnen gefallen zu lassen, wie überhaupt ein stolzes und kaltes Benehmen immer weit bessern Erfolg bei ihnen hat als entgegenkommende Familiarität und viele Höflichkeitsdemonstrationen. Der Gouverneur von Dongola und ich wurden nach dieser Szene, von der sein ganzes Gefolge und der ihn begleitende Kommandant der Truppen Zeugen gewesen waren, zuletzt dennoch die besten Freunde; denn nachdem er mich durch viele Entschuldigungen beschwichtigt hatte, ließ er mir es an nichts mehr fehlen und überhäufte mich wirklich mit Artigkeiten sowohl während meines jetzigen Aufenthaltes als bei meiner Rückkehr nach mehreren Monaten, während welcher Zeit er mir zugleich den Gebrauch seiner eignen zwei Nilbarken für den ganzen Verlauf meiner weitern Reise überließ. Als ich am Abend mein Portefeuille revidierte, fand ich mit nicht geringem Schrecken, daß der vorletzte Band meines Reisejournals darin fehlte. Ein Autor hängt an solchen Dingen wie an Schätzen, obgleich dies nur eine Torheit sein mag. Aus der angestellten Untersuchung ging hervor, daß das Buch in Haffir, welches wir mitten in der Nacht, noch im Dunkeln, verließen, im Zelte übersehen und vergessen worden sein müsse. Ich schickte sogleich einen unsrer arabischen Leute auf dem schnellsten Dromedare darnach ab, der es auch am Morgen darauf glücklich wiederbrachte. Dies war jedoch nur einem günstigen Zufall zu danken, denn schon hatte man unter Anführung des Kascheffs alle Häuser des Dorfes vergebens durchsucht, und mein Araber saß wieder bereits auf seinem Dromedare, um unverrichteter Sache zurückzukehren, als ihm einer der Landleute gegen das Versprechen der Verschwiegenheit und eines Bakschischs verriet, daß das gesuchte Buch sich zwei Stunden von hier bei einem Faki befände, der sehr wirksame Amulette gegen das grassierende Fieber daraus zu schneiden beabsichtige. Zu meiner großen Zufriedenheit hatte diese Illustration meiner unbedeutenden Schriftzüge noch kaum begonnen, als der Araber bei dem Diebe eintraf und mit Hilfe seines Kurbatsch die schnelle Restitution erzwang. Ich erhielt alles bis auf ein einziges herausgeschnittenes Blatt, was leicht zu ergänzen war, intakt wieder. Der Glücksfall ward durch die Leerung einer Bouteille Champagner gefeiert, die mir zwei hier anwesende Europäer mit austrinken halfen, der als Militärarzt angestellte Doktor Iken, früher hannövrischer Offizier, und der Apotheker ..., ehemals französischer Dragonerhauptmann und eine Zeitlang während des Kriegs Kommandant von Pirna im vaterländischen Sachsen! Während dieser Libation sah es um uns, unter den Mimosen und Sykomoren, die um mein Zelt standen, bei 36 Grad Hitze wie im Paradiese aus. Mehrere Hunde, die einen Knochen zu erhaschen suchten, in der grünen Gerste gelagerte Pferde und Kamele, fette Kühe, Schafe und Ziegen der nahen Meierei, eine junge Giraffe und zwei kleine Gazellen, die mir der Gouverneur geschenkt und auf welcher ersteren ich bereits nicht besonders gelungene Reitversuche angestellt hatte, tummelten sich in friedlicher Eintracht um uns her, während rote, grüne und blaue Vögel von den Ästen zwitscherten und im Zelte selbst verschiedne niedliche Eidechsen mit stahlblauen Schwänzen sowie einige zwanzig kolossale Spinnen mit mehr als zollangen Beinen an den Wänden hinauf- und herabließen und uns zuweilen mit ihrem Besuch selbst auf dem Tische beehrten. Die plagenden Insekten Ägyptens dagegen: Wanzen, Flöhe, Läuse und selbst Moskitos waren zur Seltenheit geworden und wurden später gar nicht mehr angetroffen. Es muß hier zu heiß für sie sein. Dafür quälen einen aber kleine Ameisen, die sich in Kleider und Betten einnisten, und auch vor den Termiten hat man die Effekten fortwährend in acht zu nehmen. Alle Lebensmittel schienen uns in Dongola von besondrer Güte zu sein, besonders das Schlachtfleisch, und die Preise blieben noch immer sehr gering. Auch bereitet man hier eine Art Bier aus Durra, Bilbil genannt, was bis Khartum hinauf üblich ist und leichtem Nachbier gleicht, das etwas sauer zu werden anfängt. In der Hitze ist es nicht unangenehm und kühlend, muß aber wenigstens alle zwei Tage frisch gemacht werden. In Gärung übergehend, verändert es seinen Geschmack und wird zu einem sehr berauschenden, der Gesundheit nachteiligen Getränk. Frisch bereitet, empfindet jedoch niemand unter uns üble Folgen davon. Am 24. besuchte ich den Gouverneur in seinem Lehmpalast, wo er außer seinen Weibern auch eine große Anzahl junger abessinischer und Negerknaben unterhält, deren weibische und kokette Manieren einem Europäer nicht wenig sonderbar vorkommen. Die Sklaven sind übrigens hier nicht wohlfeiler als in Kahira, und Doktor Koch mußte einen jungen Burschen von fünfzehn Jahren mit 2000 Piastern (500 Franken) bezahlen. Nachher besahen wir in Begleitung des Mudirs die Indigofabriken, welche Mehemed Ali angelegt hat und welche jetzt drei Qualitäten Indigo liefern, wovon die erste dem indischen gleichkommt. Die Oka davon kostet der Regierung 24 Piaster und wird für 80 Piaster verkauft. Man fertigt im ganzen jährlich an 50 000 Oka, und kein Europäer ist mehr in den Fabriken angestellt. Der Gouverneur besitzt einige sehr wohl unterhaltene Gärten mit schönen Weinplantagen und vielen andern zum Teil aus Kordofan herstammenden Fruchtbäumen. In einem derselben befand sich ein sehr elegant verzierter Saki – denn man trifft überall in der Nähe von Dongola in mäßiger Tiefe Nilwasser an –, der von dem schönsten Rindvieh in Bewegung gesetzt wurde, das ich in meinem Leben gesehen habe. Die hiesigen Ochsen sind wahre Prachtexemplare, kolossal mit gradem Kreuz, von herrlichem Gliederbau und zeichnen sich vor andern ihres Geschlechts noch durch ein sehr hohes Wiederoß und eine sonderbare Verlängerung der Haut am Halse aus, die anderthalb Fuß tief wie ein Gewand herabhängt und ihnen ein majestätisches Ansehn gibt. In einem mehr als gewöhnlich reinlich gehaltnen Stalle daneben, dessen Hof mit Bäumen geziert war, unter denen mit Teppichen belegte Engarebs zur Ruhe einluden, sahen wir einige Dromedare der edelsten Rasse und vier Giraffen von verschiedner Größe. Die Giraffen sind in der angrenzenden Wüste so häufig bei Dongola, daß man eine derselben für 50-60 spanische Taler kaufen kann. Es gehört aber eine besondere Erlaubnis der Regierung dazu, um sie zu exportieren. Der Gouverneur passiert für sehr reich, und man vertraute mir unter dem Siegel des Geheimnisses, daß dies daher käme, weil er in der Umgegend eine Diamantengrube entdeckt habe. Nach sicherern Nachrichten jedoch, die ich einzuziehen Gelegenheit fand, besteht diese Diamantengrube wohl mehr in einer lukrativen Behandlung der Appalte, welche leider nur zu vielen der hiesigen Machthaber Gelegenheit zu den schamlosesten Betrügereien geben, die sowohl die Einwohner als Mehemed Ali selbst treffen, dem doch oberflächliche oder mißwollende Berichterstatter allein die Schuld davon beimessen wollen. Es sei hier genug, nur eines dieser Manöver namhaft zu machen, von dem ich die überzeugendsten Beweise erhielt. Alles dem Gouvernement gelieferte Getreide, Reis usw. muß auch wiederum allen, die es verlangen, nach des Vizekönigs Vorschrift, um jeden Mangel zu vermeiden, für einen festgesetzten, allerdings etwas erhöhten, aber nicht unbilligen Preis wieder verkauft werden, wenn sie es zum eignen Bedarf brauchen. Um dies zu umgehen, bediente man sich in Dongola folgenden Mittels. Ein reicher Kaufmann im Ort und ein koptischer Beamter des Gouverneurs, der mit einigen Tausend Piastern Gehalt einen zwanzigmal größern Aufwand macht, hatten angeblich grade in der Zeit, wo ich mich in Dongola befand, bereits alle Vorräte der Regierung zu dem bestimmten Preise aufgekauft. Wer nun noch etwas bedurfte, wurde unter diesem Vorwand abgewiesen und auf die Zeit vertröstet, wo wieder neue Vorräte eingegangen wären. Von der Not gezwungen, die kein Warten zuließ, mußten daher die Leute ihren Bedarf nun zu doppelten und dreifachen Preisen von jenen beiden genannten Herren privatim erkaufen, die den Gewinnst mit dem Mudir teilten. Ebenso üben die Militärbeamten in diesen vom Sitz der Hauptregierung zu entfernten Gegenden teils bei der Rekrutierung, teils bei andern Gelegenheiten eine drückende Tyrannei aus, von der die betreffenden Individuen sich fortwährend durch Geld loszukaufen gezwungen sind. Diese Mißbräuche mögen allerdings zu den partiellen Auswanderungen beitragen, finden aber ihren Grund nur in der beispiellosen Immoralität der vornehmeren Klassen und sind nicht anders abzustellen, wenn auch Mehemed Ali alle Jahre fünfzig Gouverneuren die Köpfe abschlagen ließe – was auch der schlechteste Türke doch mit philosophischer Ruhe nur wie eine unabwendbare Schickung Gottes ansieht – als durch bessere Erziehung einer neuen Generation. Für dieses Ziel arbeitet Mehemed Ali und scheut, wie wir wissen, keine Kosten zu seinem Zweck. Wenn indessen auch hierbei nicht überall die zweckmäßigsten und sichersten Mittel angewendet wurden, so bedenke man, daß Mehemed Ali selbst nur ein Türke von der mangelhaftesten Erziehung ist, der sich nur durch die Größe seines eigenen Genies über die andern so weit erhoben hat, um einzusehen, was sie bedürfen, aber leider bis auf höchst wenige Ausnahmen von selbstsüchtigen und unwissenden Ratgebern umgeben ist, die, weit entfernt seinen liberalen Ideen Folge zu geben, sie überall, wo sie es ungestraft und unbemerkt zu tun vermögen, nur zu hintertreiben suchen. Abends machte ich einen Spazierritt nach einem außer der Stadt gelegenen Kirchhofe, wo mehrere berühmte Santon-Monumente stehen, welche man in der Form unsrer Heuschober aufgeführt hat. Bei den andern Gräbern tat sich allerlei rohe Phantasie kund. Auf einigen waren Figuren von Tieren und Blumen mit farbigen Kieseln ausgelegt, andere hatten die Gestalt kleiner Häuser, wieder andere die Form von plumpen Gefäßen mit Henkeln usw. Als wir ankamen, ward eben ein erst diesen Morgen Gestorbner begraben. Er lag, indes man die Grube machte, Gesicht und Brust mit einem Tuche umwickelt und die Beine nackt, auf einer einfachen Bahre neben dem Grabe, während eine Menge Menschen beiderlei Geschlechts umherstanden und widrige Klagetöne ausstießen. Die Dongoleser Mädchen passieren für große Schönheiten und sind in der Tat häufig schön gewachsen und von sanften, anmutigen Gesichtszügen. Auch hier zeichneten sich einige der gegenwärtigen durch diese Vorzüge aus, sie waren aber am ganzen Körper so mit Öl und Fett beschmiert und ihre Haare so dick damit festgebacken, daß sie unserem Geschmack unmöglich zusagen konnten. Nicht für Damen Der folgende Absatz ist in der Buchausgabe auf dem Kopf stehend gedruckt. Sie haben den Ruf, sehr galant zu sein, jedoch nur für Geld, da ihnen die abscheuliche Operation des Zunähens und Wiederaufschneidens sowie das gänzliche Abschneiden eines andern Teils der Genitalien fast alles natürliche Gefühl benimmt. Es gibt Weiber, welche die erste Operation zehnmal erlitten haben, da es ganz gewöhnlich ist, daß der Ehemann, wenn er auf einige Zeit verreist, durch das Zunähen seiner Ehehälfte sich ihrer Treue zu versichern sucht, diese aber nicht aus Liebe, sondern nur aus Interesse während seiner Abwesenheit sich wieder aufschneiden, und vor seiner Rückkehr abermals zunähen läßt. Alte Weiber, die eigens dazu bestellt sind, verrichten dies kannibalische Geschäft. Auf wie tiefer Stufe hier überhaupt die Sittlichkeit und alle Achtung der Menschenrechte stehen, lehrte mich noch ein anderes Beispiel. Das elende Haus, welches mir der Gouverneur anfänglich angewiesen hatte und das ich nicht annahm, stand deshalb leer, weil der Besitzer durch den Mudir auf zwei Jahre von seinem Amte suspendiert und exiliert worden war. Weshalb aber erlitt er diese gelinde Strafe? – Weil er einen seiner Diener, den er mit seiner Lieblingssklavin «en flagrant délit» überrascht hatte, ohne weiteres im Hofe seines Hauses spießen ließ!   Wir gingen einigemal während meines Aufenthalts in Dongola auf die Jagd, um uns Gazellen- und Rebhühnerbraten zu verschaffen, erlegten auch eines Tages zwei wilde Katzen, deren Fell sehr schön gezeichnet ist. Doktor und Apotheker waren immer von der Partie, welche besonders der letztere, der den sehr eifrig von ihm benutzten Vorteil hatte, seine spirituosen Getränke sich selbst zu verfertigen, mit unerschöpflichen Anekdoten aus seiner früheren militärischen Karriere erheiterte. Eine seiner Hauptgeschichten war, daß er dem Kaiser Napoleon im Biwak vor Ulm, wohin er in der Nacht mit einer wichtigen Depesche gesandt und dort in ein Zelt geführt wurde, in dem alles schlief, unbekannterweise einen derben Stoß von hinten gegeben habe in der Absicht, jemand zu erwecken, der ihn bei dem Kaiser melden könne. Er behauptete, der Kaiser sei sehr zornig geworden, «on le serait à moins», und bloß dieser unglückliche Umstand wäre daran schuld, daß er, ohngeachtet aller seiner Verdienste, nie den Orden der Ehrenlegion habe erhalten können. Eine andere Erzählung, die einen größern Charakter der Wahrheit an sich trug, fand ich ergötzlich. Als Napoleon von Elba zurückkam und ihm Monsieur entgegenging, diente unser Apotheker in einem Kavallerieregiment, das in Lyon garnisoniert war und dort auf dem Markt aufgestellt vergebens von Seiner Königlichen Hoheit haranguiert wurde. Da sich kein «vive le roi!» hören lassen wollte, befahl der Prinz, Geld unter die Soldaten auszuteilen und ließ namentlich einem der ihm nahe haltenden Unteroffiziere von seinem Adjutanten ein Goldstück reichen, welches Geschenk dieser mit den Worten begleitete: «Allons, mon enfant, prenez, vous voyez que les Bourbons sonst plus généreux que votre Bonaparte.» – «Qu'est ce que ça te f... toi, si nous lui faisons crédit» – rief der bärtige Krieger entrüstet aus und ließ, ohne das Goldstück anzunehmen, diesen Worten ein lautes:«Vive l'Empereur!» folgen, das augenblicklich von dem ganzen Regiment nachhallte und Monsieur überzeugte, daß es geraten sei, für diesmal so schnell als möglich nach Paris zurückzukehren. Doktor Iken, ein tatkräftiger Mann von robustem Geist und Körper, der die Absicht hat, sein Glück in Darfur zu versuchen, unterhielt uns von der Doktor Franciaschen Politik des dortigen Sultans, der jeden in sein Land herein-, aber keinen wieder hinausläßt. Zwei Engländer sollen schon seit fünf Jahren bei ihm residieren und sehr gut behandelt werden, alles im Überfluß besitzen, aber bis jetzt kein Mittel zur Flucht haben auffinden können. Doktor Iken will es dennoch darauf wagen, und als geschickter Arzt und unterrichteter Militär glaubt er, Dienste leisten zu können, die ihm dort ein glänzendes Los sichern. Gehe es ihm aber wohler in Darfur als in Hannover, sagte er, so fühle er gar kein Bedürfnis, in sein Vaterland zurückzukehren. Freilich wußte er damals noch nicht, daß König Ernst jetzt daselbst regiere über ein treues Volk, das auch Spaß versteht. Herr Iken ist als Militärarzt der Nachfolger eines Franzosen; Herrn Germain, in Dongola, der von einer Negerin, die er geheiratet hatte, daselbst vergiftet wurde. Der Apotheker war gegenwärtig, als das Weib ihm die Kaffeetasse selbst ganz unbefangen reichte, die ihm den Tod brachte. Das Gift, aus dem Safte des gefährlichen Strauches präpariert, der hier überall zur Hand ist, war so heftig, daß schon nach wenigen Minuten Erbrechen und Konvulsionen eintraten und das unglückliche Opfer noch in derselben Nacht starb, ohne jedoch bis auf den letzten Augenblick die Besinnung zu verlieren. Er verzieh der Negerin, obgleich diese wenig Reue über das Geschehene bezeigte und die Tat nur ungeschickt zu leugnen versuchte. Indessen fand sie dennoch für gut, da Herr Germain mit großem Edelmut ihre Festnehmung verhinderte, alles von Wert, was sie erlangen konnte, zusammenzuraffen und damit noch vor Anbruch des Tages zu entfliehen. Später kam sie jedoch wieder zurück, ohne weiter beunruhigt zu werden, und lebt noch, von neuem verheiratet, in Dongola. Ein sonderbarer Umstand war es, daß den armen Germain erst wenige Tage vorher ein Skorpion in die Lippe gestochen hatte, was ihm große Schmerzen verursachte, wovon er aber durch ein Spezifikum, das man hier gegen die Bisse dieses Insekts anwendet und das nur aus dem schnellen Genuß von zwanzig Tropfen Ammoniakgeist, in Wasser aufgelöst, besteht, bald wiederhergestellt worden war. Nach einigen Tagen kam Doktor Veith mit noch einem Mitgliede der österreichischen naturforschenden Expedition fieberkrank, sehr elend und höchst melancholisch gestimmt von Khartum hier an. Da ich beiden Herren gesprächsweise mitteilte, daß ich in ihre Fußstapfen treten wolle, obgleich ich früher nur die Absicht gehabt, bis Dongola zu gehen, auch meine Provisionen nur für diesen Zeitraum reichlich genug eingerichtet hätte, so rieten sie mir einstimmig und dringend von der Weiterreise ab, deren Beschwerden und mannigfache Not sie mit den trübsten Farben schilderten. Ich hatte mich indes schon entschlossen, wenigstens bis Dschebel-Barkal, so weit als Herr Cadalvene, vorzudringen und ließ mich nicht mehr irre machen. Nilfahrt nach Meravi. Ambukol, Dschebel-Barkal Nachdem ich also die wenigen Merkwürdigkeiten, welche Maraka oder Neu-Dongola aufzuweisen hat, welches erst seit Mehemed Alis Eroberung des Landes zur Hauptstadt desselben wurde, hinlänglich besichtigt, meine zahlreiche europäische Korrespondenz beschickt und meine Tagebücher in Ordnung gebracht, wobei ich dennoch keinen Abend versäumt hatte, des Tages Last und Hitze durch ein kühles Bad im Nil zu erfrischen, schiffte ich mich am 1. Mai mit gutem Wind nebst meinem kleinen Gefolge auf zwei Barken des Mudirs nach Meravi ein. Die Menge der Sakis, welche von hier an fast ununterbrochen beide Ufer des Nils bekränzen und deren es im Bereich der Dongolaschen Statthalterschaft im ganzen zwischen 4-5000 gibt, entfalten einen Reichtum des Anbaus, wie man ihn in diesen entfernten Gegenden gewiß nicht erwarten würde. Auch prangten beide Seiten des Flusses fortwährend im schönsten Grün, häufig mit Baumgruppen untermischt, die jedoch immer von derselben Art bleiben und daher durch ihre Monotonie ermüden, ein Nachteil, der, wie ich schon früher beklagte, allen diesen Ländern von Alexandrien an gemein ist und mir wenigstens einen steten Aufenthalt darin sehr verleiden würde; denn es gibt vielleicht keinen Fluß in der Welt, der bei so langem Laufe im ganzen so wenig Abwechslung darböte als der Nil. Die Abgaben der Bewohner im Königreich Dongola, nahe bis Schendy hinauf, werden fast durchgängig nur nach Sakis erhoben. Herr Cadalvene behauptet fälschlich, daß diese Abgaben sehr willkürlich von der Regierung (denn Betrügereien der einzelnen Beamten gehören nicht hierher) auferlegt würden und bis zu 22 spanische Taler für den Saki stiegen, außerdem aber noch eine unbestimmte Menge Naturalien extra geliefert werden müßten, die der Fellah nachher aus Not dem Gouvernement zu hohen Preisen wieder abzukaufen gezwungen sei. Der größte Saki, welcher vier Feddan (ungefähr einen Magedeburger Morgen) bewässern kann, die bei der ersten Ernte 40 Ardep Frucht geben mögen, zahlt nur 15 spanische Taler und die kleineren im Verhältnisse. Es existieren keine weitern Naturalleistungen, wohl aber bleibt es den Vorstehern der Distrikte überlassen, einen Teil (doch gesetzlich nie mehr als fünf Ardep) der obigen Summe in Naturalien zu verlangen nach einem vom Gouvernement jährlich festgesetzten Tarif, welche Naturalien aber immer vom Ganzen der Abgabe deduziert werden müssen. Diese Einrichtung mag zwar häufig zu Mißbräuchen Gelegenheit geben, dient aber auf der andern Seite bei rechtlichen Vorgesetzten auch oft dazu, dem Fellah die Entrichtung seiner Abgaben zu erleichtern, und ich habe davon selbst im Verlauf meiner Reise mehrere Beispiele gesehen, wo der Landbauer sehr froh war, in Naturalien bezahlen zu dürfen. Es ist unbegründet, was in mehreren Büchern behauptet wird, daß der Fellah alles von ihm erbaute Getreide dem Gouvernement zu einem niedrigen Preise abliefern und dann zu einem höheren wieder abkaufen müsse, ein Unsinn, der in die Augen springt, da keine Regierung eine solche gesetzliche Tyrannei auf die Länge durchführen könnte. Der erwähnte Fall kann höchstens nur für denjenigen Teil seiner Feldfrüchte vorkommen, den der Fellah in natura geliefert hat und der ihm von der Hauptsumme seiner Abgabe, wie schon gesagt, abgerechnet worden ist, wenn nämlich Mißwachs oder schlechte Wirtschaft oder sonstiges Unglück ihn zwingt, Getreide zur Saat vom Gouvernement einzukaufen, wo er es dann allerdings etwas teurer, aber nach festbestimmter Norm, wiederkaufen muß, als er es geliefert hat. In diesem Jahr waren die Preise dergestalt von der Regierung bestimmt, daß der Unterschied der Lieferungsvergütung und des der Regierung beim Rückkauf zu zahlenden Preises beim Ardep Durra nur zwei ägyptische Piaster (16 Groschen preußisch), bei der Gerste drei und beim Weizen zehn Piaster betrugen. Verfällt der Bauer nun in Schulden, es sei durch Betrügerei der Beamten, die gewiß oft stattfindet, oder durch eigne Faulheit und Saumseligkeit, welche nicht weniger häufig ist, so kann seine Lage freilich bald drückend werden. Diejenigen aber, welche der Regierung nichts schulden, behalten durchaus die freie Disposition über alle Produktionen, die ihnen nach Erlegung der Abgaben übrigbleiben. Die Appalte, welche nachher noch auf das Getreide gelegt sind, das in den Städten verkauft wird, treffen nicht mehr den Erbauer, sondern nur den Kaufmann, der damit Handel treibt. Ich habe mich auf das vollkommenste überzeugt, daß bei der außerordentlichen, zehnfachen Fruchtbarkeit des hiesigen Bodens, mit andern Ländern verglichen, die Abgaben, welche das Gouvernement von den Fellahs fordert, nicht im geringsten übertrieben sind, das heißt, jeder kann bei Entrichtung dieser Abgaben mit nur geringer Tüchtigkeit und einigem Fleiß den nötigen Lebensunterhalt für sich und seine Familie hinreichend gewinnen, ohne jedoch dabei viel zu erübrigen. Wer aber die Bewohner dieser Gegenden kennt und lange beobachtet hat, wird gestehen müssen, daß grade dies der angemessenste Zustand für sie ist und der einzige, der sie vom Nichtstun und Verderben abhalten kann, weil er sie zur Arbeit zwingt. Ginge die schlechte Administration , deren Kontrolle hier so schwierig ist, gleichen Schritt mit den Forderungen der Regierung, so würde kein Elend unter der Population stattfinden und man weder Auswanderer noch verlassne Fluren sehen. Es würde dann in den Staaten Mehemed Alis nur derjenige Zustand der arbeitenden Klassen eintreten, von dem schon der, jetzt zwar aus der Mode gekommene, deshalb aber nicht minder praktisch philosophische Voltaire in seinem Siècle de Louis XIV. sagt: «Le manœeuvre doit etre réduit au nécessaire pour travailler; telle est la nature de l'homme (und des Fellah mehr als jedes andern). Il faut que ce grand nombre soit pauvre, mais il ne faut pas qu'il soit misérable.» Dies ist auch die Ansicht Mehemed Alis, und gewiß ist es eine Narrheit, alle Leute in Überfluß und Luxus leben lassen zu wollen, weil es eben unmöglich ist. Wir eilten mit dem frischen Winde, der uns oft in Staubwolken vom Lande her einhüllte und empfindlich kalt war, schnell bei dem großen Dorfe Hannak wie der alten Festung Handack vorüber und erreichten schon am ersten Tage Dongola-Aghuß, die ehemalige, jetzt fast ganz zerstörte Hauptstadt des Landes. Auch an den folgenden Tagen, wo die Fahrt weit langsamer vonstatten ging, blieb das Wetter trübe und kühl, was uns alle krank machte. Am 3ten Mai hatte ich zum erstenmal das Vergnügen, zwei lebende, große Krokodile, wenigstens 18-20 Fuß lang, mit Muße zu beobachten. Sie waren von graugelber Farbe und kaum vom Sande, auf dem sie lagen, zu unterscheiden. Später fand ich, daß die meisten Krokodile gelb und schwarz gefleckt sind, ganz verschieden von den ausgestopften, die wir in Europa sehen, da sie nach dem Tode eine allgemein schwärzliche Farbe annehmen. Das größte dieser Tiere lag, den gewaltigen Rachen weit aufgesperrt, lange ganz bewegungslos am Ufer, entweder irgendeinen Raub im Auge, oder um sich die Blutegel von dem bekannten kleinen Strandläufer aus dem Schlunde holen zu lassen, ein Umstand, den man solange für eine Fabel des Herodot hielt, bis neuere Naturforscher die Sache bestätigten, welche zugleich ein hübscher Witz der Natur ist – zu einem Gleichnis, das jeder selbst supplieren mag. Die Matrosen fingen noch an demselben Tage einen jungen Vogel dieser Art (er ist von grauer Farbe, mit kurzem Schnabel und langen Beinen), der nachher eine ganze Zeitlang unser possierlicher Schiffsgenosse blieb. Wir steuerten grade auf die Krokodile zu, und einige zwanzig Schwarze, die in langer Linie, ganz wie es auf den Bildern in den Königsgräbern dargestellt ist, unser Fahrzeug mitten im Strome am Stricke zogen, watend, wo er seicht war, oder auch gelegentlich schwimmend, wo er tiefer wurde – schienen sich wenig vor den Krokodilen zu fürchten und suchten sie nur durch eine Art von im Takt ausgestoßnem musikalischen Geschrei abzuhalten. Auch eilten die beiden Ungetüme, sobald wir uns ihnen näherten, sich schleunigst im Wasser zu verbergen. Ich bemerkte in dieser Gegend einen sonderbaren, andauernden Sandsturz, der ganz wie ein Wasserfall, nur in gelber Farbe, sich über ein steiles und schwarzes Stück Nilufer, vom Winde getrieben, aus der Wüste niedergoß und, solange wir ihn im Auge behalten konnten, in der Heftigkeit seines Sturzes nicht einen Augenblick nachließ. Nachdem wir Debbeh, von wo die Karawanen nach Kordofan abgehen, passiert hatten, konnten wir nur äußerst langsam vorwärtsdringen, weil sich der Nil von Debbeh an beinah gegen Norden wendet und der Wind uns grade daher entgegenblies. Glücklicherweise ist die Einrichtung getroffen, daß bei solcher Gelegenheit die Einwohner allen Gouvernementsschiffen hilfreiche Hand leisten müssen, was ihnen auch wenig Beschwerde macht, da die Schiffahrt im ganzen sehr gering ist und sie sich überdem von Saki zu Saki ablösen, also kaum eine Viertel- oder halbe Stunde mit dem Schiffsziehen beschäftigt bleiben. Ein eigentümliches, gellendes und weithin schallendes Geschrei kündigt die Ankunft jeder Abteilung beim nächsten Saki an, worauf die Ablösung auch immer so schnell wie auf englischen Poststationen erfolgte. Da wir nur selten ausstiegen, so lasse ich jetzt die Orte, an denen wir vorbeifuhren, unberührt und werde deren, die irgendeiniges Interesse darbieten, auf meiner Rückkehr zu erwähnen Gelegenheit finden. Am 5ten erreichten wir Ambukol, den Sitz eines Kascheffs, welches auf der Hälfte Weges zwischen Debbeh und Meravi liegt, auf den Karten aber ganz falsch plaziert ist. Es war eben Markt daselbst, der in einem Sandfelde neben den Lehmhütten des Dorfes abgehalten wurde. Nichts konnte ärmlicher sein, dennoch bestand die Hälfte der Waren aus europäischen Produkten, als: kleine Spiegel, Glasperlen, geringe Eisenwaren und einige grobe englische Kattune. Das übrige bot nur die ordinärsten Landesprodukte dar, meistens zur Konsumtion gehörig, und das einzige mir Neue, was ich antraf, waren ein Paar bunte Sandalen aus dem Hedschas, die ich ziemlich teuer erkaufte. Der Kascheff war ein hübscher, kriegerisch aussehender Mann, der mich in seinem Hause mit einer recht guten türkischen Mahlzeit bewirtete, während der Boden des Zimmers (um die Luft darin abzukühlen) außerhalb der Matte, auf der wir saßen, fortwährend mit Wasser begossen wurde. An den ungetünchten Erdwänden hingen schöne Waffen und mitten darunter eine altertümliche Zither von wunderlicher Form mit drei Saiten. Der Kascheff, welcher ein großer Liebhaber der Musik zu sein schien, spielte uns selbst nach Tisch ein ohrzerreißendes Stück darauf vor, welches jedoch bald nachher noch um viele Grade durch die Marktmusik überboten ward, die unser Amphytrion herbeordert hatte. Sie ward zum Überfluß noch durch den Tanz zweier junger Almehs begleitet, die auf einer Kunstreise aus Ägypten nach dem Sudan begriffen waren und unterwegs ihr Talent mit vielem Sukzeß leuchten ließen. Es gibt also auch hier reisende Künstlerinnen. Ungeachtet der lustigen Stimmung des Kascheffs konnte ich ihn doch weder zum Wein- noch Rumtrinken bewegen, wovon ich zu diesem Behuf einige Bouteillen vom Schiffe hatte holen lassen. Dagegen war ein Kurde aus seinem Gefolge, der eine auffallend deutsche Physiognomie hatte, weniger gewissenhaft und leerte die ihm dargebotne Rumflasche fast auf einen Zug aus. Nachdem wir des Tanzes und der Musik übergenug hatten, beurlaubte ich mich bei dem Kascheff, der mich mit allen seinen Leuten zu Pferde bis an die Barken begleitete. Voran ritten zwei Soldaten, mit ganz kleinen Trommeln in Form von Kürbisflaschen am Sattel gehangen, auf die sie statt der Klöppel mit dem dicken Ende des Zügels fortwährend losschlugen und damit einen Ton hervorbrachten, der dem Gehämmer einer entfernten Mühle glich. Sobald wir im Freien waren, begann der Kascheff uns zu Ehren mit seinen Leuten das Dscheridspiel, worin er selbst eine große Geschicklichkeit besaß. Er sagte, daß er sich sehr dabei in acht nehmen müsse, da die Stärke seines Arms so groß sei, daß er schon einmal bei diesem Spiel einen seiner Leute unwillkürlich mit dem kurzen Stock, den sie sich zuschleudern, getötet habe. In dem Distrikt von Ambukol, der nicht groß ist, zählt man demungeachtet 340 Sakis und rechnet in der Regel acht bis zehn Einwohner auf einen Saki. Als ich auf der Barke ankam, meldete man mir, daß der Krokodilvogel, dem wir die Flügel verschnitten, ins Wasser gefallen und ertrunken sei. Der Name, den die Eingebornen diesem Vogel geben, bedeutet in unsrer Sprache «Leibwache des Krokodils»; denn sie schwören darauf, es oft gesehen zu haben, daß er das schlafende Krokodil wecke, um ihm die Nachricht von einer nahenden Gefahr mitzuteilen. Ich führe außerdem noch einige andre Tiere mit mir: eine kleine, noch ganz junge Gazelle aus dem Dorfe Solib, dessen Namen ich ihr gegeben und nur durch den Zusatz eines einzigen Buchstabens in unser deutsches «Solieb» umgewandelt habe, welche Benennung das graziöse Tierchen auch in jeder Hinsicht verdient. Sie ist so zahm, daß sie oft des Nachts, wenn es ihr zu kühl wird, in mein Bett kommt, um sich neben mir einen wärmern Fleck auszusuchen. Am Tage geht sie am Ufer spazieren und nimmt grünes Futter zu sich, wo sie Susannis tapfer gegen den Angriff fremder Hunde verteidigt, dennoch aber sehr eifersüchtig wird, wenn man ihr schöntut. Dies gibt der gutmütige Spartaner auf eine wahrhaft rührende Weise dadurch kund, daß er zuerst winselnd an mir heraufspringt und mir die Hand leckt, dann aber, traurig sich wieder abwendend, die Gazelle auf dieselbe Weise küßt, welche letztere sich ihrerseits alles dies mit größter Seelenruhe gefallen läßt. Ferner begleitet uns eine Ziege aus Kordofan von exotischer, abenteuerlicher Form und Farbe, welche die ganze Wüste mit uns durchreiste und täglich ihre Milch zum Tee lieferte. Den Beschluß macht eine Schildkröte von quecksilberartiger Beweglichkeit. Ihre Schale schillert wie Perlmutter in der Sonne; an den Füßen hat sie scharfe Klauen und Schwimmhäute, einen Rüssel wie ein Igel und sternklare Augen, die wie mit einem glänzenden Metallring umgeben sind. Nachdem wir noch ein Begräbnis am Ufer mit angesehen hatten, wo zuerst der Tote von Weibern unter Klagetönen wild umtanzt und dann auf Charons Nachen zu seiner definitiven Ruhestätte nach jenseits eingeschifft wurde, fuhren auch wir ab und langten ohne weitere Begebenheiten am 7ten in Meravi an. Hier war abermals Markt, der nicht viel besser als der zu Ambukol furniert schien, uns aber zum erstenmal seit Dongola wieder Rindfleisch für unsre Tafel lieferte. Herr Cadalvene, der einen gleichen Markt in Meravi beschreibt, entsetzt sich über den Greuel, daß vor den Buden pêle-mêle Sklaven und Esel in der Sonne gelegen hätten. Ich sehe jedoch dabei nichts beklagenswerteres, als wenn bei den Bällen unsrer Hauptstädte Pferde und Kutscher eine ganze Nacht hindurch pêle-mêle in der Straße frieren oder wie in Rußland gar erfrieren müssen. Der Kascheff von Meravi ward mir durchgängig als ein sehr rechtlicher Mann gerühmt, auch zeichnet sich seine Provinz, welche 1200 Sakis enthält, durch ein besonders blühendes Ansehen und eine sichtlich größere Wohlhabenheit der Einwohner aus. Die Dörfer waren besser gebaut als bisher, die Felder im schönsten Flor, und zahlreiche Herden belebten die Ufer. Meravi selbst besitzt einige recht stattliche Häuser, unter denen die neue Indigofabrik den ersten Platz einnimmt. Unsre Hauptaufmerksamkeit blieb jedoch immer auf die isolierte, viereckige Gestalt des geheimnisvollen Dschebel-Barkal gerichtet, an dessen Fuß die reiche Stadt Napata stand, welche die Römer mit ihrem gewöhnlichen Vandalismus zerstörten, um sich an der Königin Candace zu rächen, weil sie die Bildsäulen des Kaisers an der Grenze Äthiopiens hatte umwerfen lassen. Dieser heilige Berg, wo sich seit den urältesten Zeiten der Sitz eines berühmten Orakels befand, war schon mehrere Stunden, bevor wir Meravi erreichten, scheinbar quer vor dem Nile liegend, der hier einem weiten See gleicht, am Horizonte sichtbar geworden. Unsre Neugierde war zu hoch gespannt, um uns länger, als wir zur Besorgung der nötigsten Provisionen bedurften, in Meravi aufzuhalten, und wir setzten daher zeitig genug unsern Weg fort, um noch an demselben Abend eine erste Ansicht der Tempelruinen Napatas wie seiner Pyramiden erlangen zu können. Dschebel-Barkal ist ungefähr 1½ Stunden von Meravi entfernt und die Fahrt dahin weit pittoresker, als sie uns seit geraumer Zeit geboten worden war. Außer dem Dschebel-Barkal selbst erheben sich noch zwei andere spitze Berge von bedeutender Höhe aus der Wüste, und die häufigen Krümmungen des Flusses mit mehreren Dörfern an seinen Ufern, umschlossen von hellgrünen Hainen und den üppigsten Durrafeldern, deren hohe blätterreiche Stengel anmutig im Winde wogten, gewährten uns auch in unmittelbarer Nähe mehr als ein liebliches Landschaftsgemälde. Erst dicht vor dem Berge entdeckten wir zwischen den hohen Palmen des Dorfes, welches jetzt die Stelle des ehemaligen Napata einnimmt, in geringer Entfernung landeinwärts die Pyramidengräber seiner ehemaligen Beherrscher. Hier ist eine Stelle auf dem Nil, von wo die südliche Seite des Barkalfelsens einen jener täuschenden Effekte hervorbringt, mit denen uns Wolkenbilder und Bergformen zuweilen äffen. Der Felsen gibt nämlich die genaueste Darstellung eines riesenmäßigen weiblichen Brustbildes, wozu eine ovale Öffnung in demselben, durch welche der Himmel glänzt, auch das helle Auge liefert. Die alten äthiopischen Bildhauer der Königin Candace selbst hätten ein imposantes Götterantlitz nicht besser anfertigen können, als es von diesem Punkte aus gesehen durch ein bloßes Spiel der Natur erscheint, und ich ließ absichtlich meine Barke eine geraume Zeit im Strom sich um sich selbst drehen, um des auffallenden Schauspiels noch länger zu genießen. Wir wurden am Ufer beim Dorfe Barkal von dessen Schech empfangen, einem jungen Manne von großer Schönheit, der kaum 18 Jahre zählen konnte und den mehrere tiefe Schnitte in die Backen, die hier üblich zu werden anfangen und als Zierde dienen sollen, nur wenig entstellten. Er war vom Stamme der Schaki-Araber, von rotbrauner Farbe und verband mit dem fast allen Arabern natürlichen Anstande eine Grazie der Manieren, die in jedem europäischen Salon Beifall erlangt haben würde. Nachdem man die nötige Anzahl Esel (denn wer nicht muß, geht hier nie zu Fuße) herbeigeschafft hatte, setzten wir uns unter der Leitung des jungen Schechs sogleich in Marsch nach den Ruinen. So interessant und merkwürdig diese nun auch in vieler Hinsicht sind, so haben doch nicht nur Cadalvene, sondern auch Herr Rüppel, der eine ausführliche Beschreibung davon gibt, ihre Schilderung derselben ein wenig zu poetisch eingerichtet, so wie ich denn überhaupt von allen mir bekannten Reisebeschreibungen über diese Länder hauptsächlich nur Burkhardts, Linants und Cailliauds Nachrichten als stets vollkommen genau und wahr erfunden habe. Die ganze Masse der Tempelruinen liegt dicht vor der dem Flusse zugewandten breiten Seite des Berges, so daß man sie mit einem Blick übersehen kann. Dennoch ist ihr Totaleindruck nichts weniger als imposant, nur die hinter ihnen über 400 Fuß senkrecht emporsteigende, rotgefärbte Felsenmasse des Barkal ist es, und diese Nachbarschaft verkleinert noch die Ruinen. Auch als wir in die unmittelbare Nähe derselben kamen und die Überreste des größten, am weitesten südöstlich zur rechten Seite gelegenen Palasttempels betraten, fanden wir, obgleich er einen großen Raum einnahm und seine Längenachse einst über 400 Fuß betrug, doch die Proportionen sowohl der Pylonen als der Säulen nur von sehr mäßiger Größe. Die Pylonen, welche Herr Rüppel «ungeheuer»nennt, können, nach dem zu urteilen, was noch davon übrig ist, kaum 50 Fuß hoch gewesen sein, und die größten Säulen, welche derselbe Reisende als «Kolossal-Säulen» aufführt, haben nicht viel über drei Fuß im Durchmesser bei einigen und zwanzig Fuß Höhe. Nur eine davon ist noch ganz stehen geblieben. Auch sind Architektur und Skulptur den ägyptischen Meisterwerken dieser Art sehr untergeordnet. Was aber sehr merkwürdig daran erscheint, ist die bedeutende Verschiedenheit des Stils und vieler Eigentümlichkeiten im Vergleich mit rein ägyptischen Bauten, obgleich dennoch der charakteristische Typus des ganzen derselbe bleibt. Wiewohl nun die hiesigen Tempel gewiß nicht so alt sind als die Bauwerke in Theben, ja weit entfernt davon, so will ich doch, nachdem ich diese Ruinen und hierauf die des alten Meroë gesehen, nicht gänzlich bestreiten, daß die ägyptische Baukunst in ihrem ursprünglichsten Beginne vielleicht aus den äthiopischen Ländern herstammen könne, wohin sie wiederum noch früher, wahrscheinlich auf der durch Heeren so scharfsinnig nachgewiesenen uralten Handelsstraße aus Indien gekommen ist – aber gewiß gewann diese Architektur erst später in Ägypten jene hohe Ausbildung, die sie zu einem fast unerreichbaren Muster für alle Nachwelt erhoben hat. Ohne Zweifel hat eine solche Veredlung oder vielmehr neue Schöpfung dann auch in der Folge der Zeit wieder auf Äthiopien, wäre auch der rohere Anfang von da ausgegangen, zurückgewirkt, ohne doch je hier etwas den großen ägyptischen Monumenten Gleichzustellendes mehr hervorbringen zu können. Dabei scheint sich aber zu allen Perioden zugleich eine eigentümliche Nuance des Stils hier erhalten zu haben, die den Ägyptern fremd blieb – und für solche Werke aus einer viel späteren Epoche, die mit schlechter Nachahmung ägyptischer Kunst immer noch einen eigentümlichen Typus aus vielleicht noch älterer Zeit beibehielten, halte ich den größten Teil der Überreste, sowohl von Dschebel-Barkal als Meroë und andere mehr, deren ich in der Folge noch zu gedenken habe. Wenn es gegründet ist, was Herr Cadalvene anführt, daß er an den Pylonen des hiesigen großen Tempels die Basis einer Statue mit dem Ringe des Königs Maraka, ersten Monarchen der äthiopisch-ägyptischen Dynastie, gesehen hat (welche Statue wir nicht auffinden konnten), so würde dies meiner Ansicht von der Epoche der Erbauung dieses Tempels nicht widersprechen. Ich gestehe aber, daß da, wo sich weder Champollion noch ein anderer früherer Reisender zur Orientierung für Herrn Cadalvene vorfand, ich seinen antiquarischen Notizen nicht viel mehr Glauben als seinen politischen beizumessen wage und meinerseits die hiesigen Bauwerke für noch jüngeren Ursprungs halten würde. Man trifft noch zwischen den Trümmerhaufen des großen Tempels die von Herrn Rüppel detaillierten Gegenstände an als den Sockel von schwarzem Granit mit einer fußförmigen Erhöhung darüber, in der Herr Rüppel die Darstellung einer Sandale des Perseus erkennen will; den schönen kubischen Altar von grauem Granit, der fast ganz unbeschädigt geblieben ist und dessen Hieroglyphen und Bildhauerarbeit er mit Recht als vorzüglich schön schildert, den merkwürdigen Umstand aber nicht erwähnt, daß auf der einen Seite dieses Altars zwei geharnischte Weiber als einzige Darstellung auf dieser Seite des Würfels sich wie kampffertig gegenüberstehen; endlich die acht Fuß im Quadrat haltende Tafel von rötlichem Granit, die gleichfalls mit schön gearbeiteten Hieroglyphen verziert ist. Die kolossalen Widder aus grauem Granit vor dem Eingang, deren Herr Rüppel ebenfalls gedenkt, sind jetzt erst ganz freigegraben und außerhalb unter Reisighütten (zum Transport nach Kahira bestimmt) aufgestellt worden. Bei dieser Gelegenheit hat man entdeckt, daß noch eine ganze Reihe solcher Widder zum Tempel führen, von denen zwei schon etwas entblößt sind und die übrigen wahrscheinlich noch vom Sande verdeckt an Ort und Stelle liegen. Die Gestalt dieser Widder, deren wolliges Vlies im Stein sorgsam ausgearbeitet ist und die keine Hörner haben, weicht von der in Ägypten üblichen Behandlung ähnlicher Gegenstände ebensosehr ab als die noch zu unterscheiden möglichen Darstellungen auf den Pylonen, namentlich der Pferde und aller Tiere überhaupt. Nach dem, was ich in der Folge in den bis jetzt nur von Cailliaud und Linant besuchten Ruinen von Mesaurat und Naga gesehen, möchte ich diese angeblichen Widder, welche überdem eine kleine weibliche Figur zwischen den Vorderfüßen halten, von gleich weiblicher Natur, das heißt nicht für Widder, sondern für Schafe halten und diese Seltsamkeit mit dem jahrhundertelang dauernden weiblichen Regiment der immer denselben Namen führenden Königinnen von Meroë und Napata in Bezug bringen – wobei ich es jedoch den Archäologen gern freistelle, mich über diese Hypothese und die neue Art Heidschnucken, welche ich hier im Innern Afrikas aufgefunden zu haben glaube, nach Gefallen zu verspotten oder eines Bessern zu belehren. Denn es ist allerdings möglich, daß sie früher (ich meine die Schafe) Hörner von Metall gehabt, doch sind keine hinlänglichen Spuren davon im Stein aufzufinden. Der offne Saal westlich vom Tempel, der früher mit ihm in Verbindung gestanden zu haben scheint, enthält gleichfalls noch den von Rüppel bezeichneten Altar von Sandstein, an dessen Fuß zusammengebundene männliche und weibliche Sklaven ausgehauen sind, woraus jener Reisende folgert, daß dies ohne Zweifel ein zu Menschenopfern bestimmter Altar gewesen sei; ein sehr gewagter Schluß, der sich durch nichts rechtfertigt, da die Abbildung zusammengebundener Sklaven sich unter verschiedenen Formen in den meisten Tempeln und Gräbern Ägyptens wie Nubiens so äußerst häufig vorfindet, daß, wenn man daraus immer auf Menschenopfer schließen wollte, die ehrwürdigen alten Ägypter als die größten Kannibalen der Erde erscheinen müßten. Das (immer in der Richtung nach Westen) jetzt folgende Gebäude, welches Herr Rüppel für die Trümmer eines Palastes hält, hat die beiden Löwen aus rotem Granit, von denen er eine Abbildung liefert, verloren, Sie sind vom Vizekönig verschenkt worden und, wenn ich nicht irre, nach England gewandert. Den fünf Schuh hohen Granitobelisk mit Hieroglyphen, als hier in der Nähe angegeben, konnten wir ebenfalls nicht mehr ausmitteln, fanden aber dagegen die nicht übel gearbeiteten Torsen zweier weiblicher Figuren, die eine mit einem Löwenkopfe, die andere, welche aus ihrer Brust mit der Hand Milch drücken zu wollen scheint, ohne Kopf, ziemlich gut gearbeitet. Die sich nun unmittelbar anreihenden Überreste sind nichts als unförmliche Trümmerhaufen, deren einstige Bestimmung zu erraten unnütze Mühe scheint; der wohlerhaltenste Tempel von allen aber ist das hierauf folgende Typhonium, welches zur Hälfte in den Felsen gehauen ist. Dieser Tempel allein ist im rein ägyptischen Stil, sehr verschieden von den andern, und ich vermute daher, daß er sein Dasein irgend noch einem äthiopischen Könige Ägyptens oder einem späteren ägyptischen Eroberer verdanke, vielleicht dem Ptolemäus Euergetes, der bis hierher und noch weiter gedrungen sein soll. Die Beschreibung dieses Tempels von Herrn Rüppel ist sehr anschaulich, nur daß er hier wie anderwärts stets Anaglyphen- wie Hieroglyphenschrift unter demselben generellen Namen «hieroglyphischer Bildhauerarbeit» auffährt, was zuweilen Verwirrung veranlaßt. Kleinere Irrtümer sind folgende: 1) der vorletzte Gott an der rechten Wand des Adytums vom Eingang aus hat nicht bloß eine Kugel, sondern eine solche mit hohen Federn auf dem Haupte; 2) der dritte Gott auf der gegenüberstehenden Seite ist kein Horus und hat auch keinen Finger nach dem Mund gerichtet, sondern trägt in beiden Händen verschiedenartige Embleme. Die Skulpturen, welche auf beiden Seiten im letzten Saale des Typhoniums (dem Adytum) eine Reihe ägyptischer Gottheiten darstellen, denen man Opfer bringt, sind ohne alle Beschädigung geblieben sowie auch mehrere Hieroglyphen noch gut unterscheidbar, wogegen die hintere Wand gänzlich zerstört ist, wie es scheint, um hier Nachgrabungen zu veranstalten. Dieselben Spuren gewaltsamer Eröffnung finden sich in einem Seitengemach ohne Verzierung. Ein Teil der bunten Farben in der Cella wie im Pronaos prangen noch jetzt in alter Frische, und von der Kolonnade des letzteren mit ausdrucksvollen Isisköpfen und Typhon-Karyatiden stehen noch die meisten Säulen. Nur im ersten Saal oder Sekos ist durch ein Erdbeben die Decke eingestürzt, über deren Trümmerhaufen man jetzt nur mit Mühe in die Cella und das Allerheiligste gelangt. Oberhalb des Typhoniums befinden sich zuletzt noch die Rudera eines anderen weit kleineren Felsentempels, die den Charakter eines höheren Altertums als alle übrigen tragen, aber zu sehr zerstört sind, um viel daraus ermitteln zu können. Lebhaft zu bedauern bleibt es an allen diesen Orten, daß noch niemand herkam, welcher die ziemlich zahlreichen Hieroglyphen, die sich in den verschiedenen Ruinen befinden, zu entziffern imstande gewesen wäre, was allein über das wahre Alter, die Gründer und die Bestimmung der hiesigen Tempel ein größeres Licht zu verbreiten vermochte. Von Herrn Professor Lepsius dürfen wir es jetzt mit Zuversicht erwarten. Wir wandten uns jetzt nach den pyramidalischen Grabmonumenten, die sich kaum einige Minuten von dem letzterwähnten Tempel entfernt in zwei Gruppen darstellen, wovon die eine nur wenige, die andere mehr als doppelt so viele, meistens sehr wohl konservierte Pyramiden enthält. Unter den ersten befindet sich eine fast eingestürzte, die größer und in ihrer Form auch abweichend von den andern ist. Sie scheint aus entfernteren Zeiten als diese herzustammen, welche, siebzehn an der Zahl, sämtlich von der Bauart der ägyptischen ganz verschieden, aber gewiß nicht älter, noch überhaupt sehr alt sind, ja die letztere Gruppe möchte ich verhältnismäßig fast modern nennen. Sie sehen zum Teil so glatt und unversehrt aus, als wären sie eben erst fertig geworden, und in einer derselben, auf die ich hinaufstieg, was ohne Schwierigkeiten bewerkstelligt werden konnte, da jede Steinlage eine bequeme Stufe bildet und nur die vier Kanten der Pyramide von oben herab mit einem polierten, runden Steinwulst ohne Absatz überkleidet sind – fand ich auf der Höhe einen hölzernen Querbalken inwendig eingemauert, der durch das Herabfallen eines Steines sichtbar geworden war und, obgleich dadurch dem Wind und Wetter ausgesetzt, sich dennoch so frisch und intakt erhalten hatte, als sei er neu. Keine dieser Pyramiden ist über 80 Fuß hoch und ihre Form weit schmaler in der Basis und spitzer zulaufend als die der ägyptischen. Fast alle haben nach Süden zu einen niedrigen kastenartigen Vorbau mit einer Türöffnung, und es scheint, daß hier die Leichen versenkt wurden. Bis jetzt hat noch keine erschöpfende Untersuchung deshalb stattgefunden, wiewohl man sieht, daß öfters dergleichen begonnen wurde. Einige dieser Eingänge sind erst später angesetzt, einige mit den Pyramiden zugleich aufgeführt worden, was man stets sehr deutlich unterscheiden kann. Nur in wenigen fanden wir Skulpturen, deren Formen weicher und üppiger waren, als es der ägyptische Stil mit sich bringt. Eins dieser Hautrelief-Bilder stellte eine Königin auf ihrem Throne dar, dessen Fußgestell aus Löwen bestand, die mit einer reichen Decke behangen waren. Auch diese Tiere waren nicht im ägyptischen Stil, sondern eher persischen Darstellungen dieser Art ähnlich. Hieroglyphen fanden sich hier nicht vor. Auf einem andern Bilde opferte die Königin ägyptischen Gottheiten, unter deren Attributen sich auch der Nilschlüssel mehrmals zeigte, während wieder andere Figuren fremdartige Gegenstände trugen, deren Bedeutung mir nicht klar ward. Wie es häufig hier der Fall ist, haben die Eingebornen den Platz um die alten Grabmäler auch zum eignen Kirchhof erwählt und eine Menge von alten Töpferscherben, die um den Berg her liegen, zur Ausschmückung ihrer modernen Ameisenhäufchen sorgsam benutzt. Mit Sonnenuntergang erstiegen wir den Felsen und sein Plateau, was nur zu Fuß tunlich und ziemlich mühsam ist. Von den Geiern, die Herrn Cadalvene hier «abermals zu Tausenden gleich den früheren Skorpionen» umschwebten, kam uns keiner zu Gesicht, wohl aber zwei wilde Katzen, die vor uns die Felsen hinankletterten. Oben angelangt, hat man eine ausgedehnte Wüstenaussicht, und nahe jenseits des Flusses erblickten wir die große Pyramidengruppe von Nur oder El Belal in klarster Nähe. Herr Rüppel gibt die Entfernung dieser Pyramiden, die er nicht besucht hat und die man selbst zu Fuß bequem in drei Stunden erreicht, als sieben Stunden weit an, obgleich er versichert, den Dschebel-Barkal bestiegen zu haben, von welchem er sich doch sogleich durch den bloßen Augenschein hätte überzeugen müssen, daß die Entfernung in grader Richtung von hier kaum zwei Stunden beträgt. Eine so handgreifliche Unzuverlässigkeit kam mir auffallend bei einem Schriftsteller vor, der die Vorrede zu seinem Werke mit folgenden herausfordernden Worten beginnt: «In gegenwärtiger Zeit scheint eine wahre Schreibwut sehr viele Gelehrte und noch bei weitem mehr Ungelehrte befallen zu haben. Das Büchermachen ist zu einer Art Handwerk geworden, und man beabsichtigt dabei meistens mehr den Geldgewinn als den Drang, interessante wissenschaftliche Entdeckungen mitzuteilen. Noch eine andere Eigentümlichkeit ist eingewurzelt: die Mehrzahl der Leser beurteilt sehr oft die erscheinenden Werke nach ihrer Bogenzahl (!) und läßt sich von der Darstellung anziehen oder abstoßen, unbekümmert, ob der Inhalt gemeinnützig und die Mitteilungen original seien. Unter diesen Umständen war es für mich kein geringer Entschluß, in den Reihen der Schriftsteller aufzutreten; ein natürlicher Widerwille beseelte mich von jeher gegen Bücher, in welchen mit einem nichtssagenden Qualm von Worten nur wenige Original beobachtungen eines Schriftstellers gegeben werden, die herauszufinden man eine Masse längst bekannter und zum Teil aus andern Werken kombinierter Nachrichten wieder durcharbeiten muß usw.» Dies sind stolze Worte! und recht demütigend für uns andre arme Skribler, die wohl fühlen, auf so viel Gediegenheit keinen Anspruch machen zu dürfen. Wenn man indes den natürlichen Widerwillen Herrn Rüppels gegen schlechte Bücher auch leicht begreift, so ist doch zu berücksichtigen, daß bei den verlangten Original beobachtungen vor allem ihre Wahrheit erforderlich sei. Falsche Originalbeobachtungen fördern den Leser weniger als das Nachschreiben einer richtigen, selbst wenn das erhabne Genie ihres Verfassers keines geringen Entschlusses bedurfte, um sich zu ihrer Mitteilung herabzulassen. Der Ausdruck «Originalbeobachtungen» hat übrigens seine komische Seite und erinnert mich an den seligen Kramer, der keinen seiner vielfachen Romane anfertigte, ohne mit großen Buchstaben auf das Titelblatt zu setzen: «Deutscher Originalroman von Kramer.» Aber auch die unnützen Worte, die in Herrn Rüppels Vorrede so verpönt werden, hat er selbst nicht immer zu vermeiden gewußt, wovon unter mehreren anzuführenden hier nur folgende Original stelle als Beispiel! Bei Gelegenheit einiger ganz unbedeutender Säulenstumpfe schreibt Herr Rüppel: «Burkhard sagt pag. 83, daß diese Säulen von Kalkstein sind, ich habe in meinen Notizen das Baumaterial als Sandstein aufgezeichnet: einer von beiden muß sich daher geirrt haben.» Welcher wichtige Umstand und welche scharfsinnige Folgerung! Inwiefern übrigens Herr Rüppel zu den gelehrten oder ungelehrten Schriftstellern gehöre, lasse ich billig dahingestellt, weil ich es nicht zu beurteilen verstehe. Daß er aber durch seine Darstellung das Publikum nicht (wie er es an andern rügt) ebenfalls zu bestechen gesucht hat, ist unleugbar; denn im Fall er zuweilen belehrend ist, so darf er unterhaltend geworden zu sein sich gewiß nur selten vorwerfen; ja man könnte sogar seinen original deutschen Stil, der einigermaßen seinem Namen entspricht, oft für eine holprige Übersetzung aus einer fremden Sprache halten und es zugleich etwas befremdend finden, daß ein so überaus streng gründlicher Mann stets Kapit al für Kapit äl und Kapit äler für Kapit äle , Ti phon für Ty phon usw. schreibt, die hiesigen äthiopischen Fa ki in orientalische Fa kyrs , die Sch echs in Sch eiks umwandelt und eine Menge Landesnamen so unbegreiflich entstellt, daß man sie an Ort und Stelle nicht wieder zu erkennen vermag, da sie weder mit der arabischen Orthographie, noch mit dem Klang unsrer Aussprache übereinstimmen. So führt er das hiesige Meravi immer als das neue Meroë auf, eine Benennung, die weder einem Europäer noch einem Eingebornen von diesem Orte bekannt ist; schreibt Gekdud statt Jakdull, Bender statt Bint, Agusa statt Aguß etc. etc., was für Reisende, die nach einer so großen Autorität Erkundigungen einziehen wollen, sehr irreführend wird. Gleich unrichtig und trotz der schwerfälligen Grandezza des Autors in der Tat höchst oberflächlich sind seine Nachrichten über das wahre Meroë sowie die davon gegebene Abbildung, während die Beschreibung des von ihm getadelten Caillaud ein Muster der gewissenhaftesten Genauigkeit ist – wovon sowie über Herrn Rüppels gleich ungenaue Notizen, Mandera betreffend, später ein mehreres. Als ich in Khartum mit Herrn Russegger, einem wahren Gelehrten in seinem Fache, zusammentraf, äußerte dieser, daß er Herrn Rüppels lange Liste astronomischer Beobachtungen, seine Messungen und seine geographischen Bestimmungen sowie mehrere seiner Nachrichten über Kordofan und Nuba, ohne der höchst unzureichenden Karte zu gedenken, die sein Werk begleitet, nicht weniger mangelhaft und unrichtig gefunden habe, eine Ansicht, die Herr Russegger seitdem in mehreren deutschen Journalen wiederholt hat. Es möchte daher von dem Nimbus der Untrüglichkeit, den einige lobhudelnde Landsleute um Herrn Rüppels Leistungen zu ziehen versucht haben, nicht mit Unrecht ein guter Teil abzunehmen sein, wobei jedoch, wenn man die Menge seiner erfolgreichen Forschungen in Anschlag bringt, immer noch bedeutende wahre Verdienste für ihn übrigbleiben werden. Eins der unbestreitbarsten bestand in seinem unermüdlichen Sammeln seltner Tiere und in dem geschickten Ausstopfen derselben. In dieser Hinsicht schulden ihm alle Freunde der Naturwissenschaft und vor allem seine Vaterstadt Frankfurt, der er diese Sammlungen großmütig schenkte, gewiß den gerechtesten Dank, selbst wenn er sich nie hätte überwinden können, in die Reihen der deutschen Original- Reisebeschreiber einzutreten. Doch drängt sich mir hierbei die Schlußbemerkung auf, daß Leute, die von vornherein mit hochmütiger Geringschätzung anderer beginnen, um für kapabler als diese zu passieren, nicht die zuverlässigsten sind, so wie man in ähnlicher Hinsicht auch gut tut, jedem sorgsam aus dem Wege zu gehen, der fortwährend die deutsche Biederkeit auf den Lippen zu führen pflegt. Nur der gedankenlosen Menge imponiert man durch beides. Unser galanter Schech hatte, auf großen Durst nach der ausgestandenen Fatigue rechnend, ein Lieblingsgetränk der hiesigen Einwohner: saure Milch mit zerquetschtem Knoblauch, auf das Plateau bringen lassen und war sehr verwundert, daß wir diesem Labetrunk so wenig Ehre zu erweisen vermochten. Wir begnügten uns mit einer halbstündigen Ruhe, worüber es völlig Nacht geworden war, ehe wir an den Fluß zurückkamen. So erhitzt ich mich fühlte, konnte ich doch der Versuchung nicht widerstehen, mich sogleich in den Nil zu tauchen, und bei der hiesigen Temperatur der Luft, die einem russischen Schwitzbad gleichkommt, mag man dieses auch ebenso ohne Gefahr wagen, als man sich in jenem unter die kalte Brause stellt oder wie die Russen in den Schnee wirft. Am nächsten Morgen besuchten wir, nachdem wir über den Fluß gefahren, auf sehr kräftigen Pferden, die uns der Schech geliefert, die Pyramiden von Nur. Diese halte ich, mindestens zum größten Teil, für die allerältesten noch vorhandenen äthiopischen Monumente. Ihre Konstruktion ist weniger spitz als bei den Pyramiden von Barkal und daher etwas mehr den ägyptischen ähnlich; auch hat keine derselben den eigentümlichen Vorbau jener am Barkal, noch ihren abgestuften Bau. Man kann die Reste von einigen vierzig im ganzen unterscheiden, sechzehn davon sind aber nur noch leidlich erhalten, obgleich auch diese schon sehr verwittert und verfallen. Sie sind durchgängig aus roh behauenem Sandstein und eine Art eisenhaltigem Puddingstein aufgeführt, durch Erde verbunden, und manche derselben scheinen sogar nur später übermauerte Tumuli von Erde gewesen zu sein. Die Beschaffenheit des umliegenden Terrains gibt der Vermutung Raum, daß nicht nur diese sämtlichen Pyramiden einstmals von einem mit dem Nil kommunizierenden Kanal umgeben waren, sondern selbst mehrere Kanäle den Platz, auf dem sie stehen, durchschnitten. Eins dieser Monumente übertrifft alle übrigen an Umfang, und seine Außenseiten haben sich so aufgelöst, daß man mit geringer Mühe bis zum Gipfel hinaufklettern kann. Die Form dieses sonderbaren Baues weicht von den übrigen um ihn her ganz ab und scheint aus mehreren Etagen von verschiedener Steile der Abdachung bestanden zu haben. Die Behauptung der Reisenden, daß eine kleinere Pyramide dem Ganzen als Kern dient und das Übrige nur darum her aufgeführt worden sei, wollte sich uns trotz der sorgfältigsten Untersuchung nicht bestätigen. Die ganze Höhe der Pyramide beträgt ungefähr, wie sie jetzt ist, wo sie einen bedeutenden Teil ihrer Spitze verloren hat, noch gegen 100 Fuß und ihr Umfang mehr als viermal so viel. Es ist kein Zweifel, daß man hier die älteste Nekropolis der Stadt Napata vor sich hat, die vielleicht später erst zu größerer Bequemlichkeit in die Nähe des Dschebel-Barkal verlegt wurde. Vielleicht stand auch die älteste Stadt ganz und gar auf demselben linken Ufer des Flusses, und es ist zu verwundern, daß gerade an dieser so merkwürdigen Stelle noch niemand Nachgrabungen veranlaßt hat, die freilich nur mit großem Zeitaufwand, der auch mit nicht geringen Unbequemlichkeiten in diesem Lande verbunden ist, zu bewerkstelligen sein würden. Nur die Bewohner selbst holen fleißig Steine von den Ruinen, teils um in der Nähe bei ihren Santongräbern die pyramidalische Form ungeschickt nachzuahmen, teils um ihre Felder damit vor dem Sande zu schützen oder ihre eignen Lehmwohnungen dauerhafter zu machen. Wir selbst fanden heute drei Leute auf der großen Pyramide kampiert, welche dem Geschäft ihrer Zerstörung mit ungewöhnlichem Fleiße oblagen. Auf dieser Exkursion, die während einer fürchterlichen Hitze unternommen ward, zeigte mein armer Susannis die ersten Symptome der üblen Wirkung des hiesigen Klimas auf Hunde, welches, wie ich schon früher gelesen, für alle ausländische Tiere dieses Geschlechts in kurzer Zeit tödlich werden soll. Auch findet man nur sehr wenige einheimische Hunde in dieser Gegend. Mein sonst so rüstiger Spartaner warf sich wie verzweiflungsvoll unter jedem kleinen Strauche im Sande nieder, um dort einen Augenblick Schatten zu genießen, und nachdem wir ihn einigemal hinter uns kläglich hatten heulen hören, worauf wir nicht gehörig achteten, blieb er völlig erschöpft liegen, so daß ich ihn erst nach unsrer Rückkunft durch ausgeschickte Boten mit vieler Mühe wieder erhielt. Der Mensch kann mehr aushalten, und so besuchten wir an demselben Abend noch einmal heroisch alle Tempel zu Barkal, worauf wir erst in der Nachtkühle zu Wasser nach dem Flecken Meravi zurückkehrten. Wir ruhten hier den 10ten gemächlich aus, an welchem Tage uns der Kascheff ein Gastmahl gab, wo lange debattiert wurde, ob wir unsre Reise noch weiter fortsetzen oder die schon hinlänglich ausgedehnte Expedition hier schließen sollten. Die Neugierde siegte über alle andern Rücksichten, und nachdem wir festgesetzt, daß die beiden Barken uns bis zu unsrer unbestimmten Rückkehr in Meravi erwarten sollten, ward auf den nächsten Abend der Beginn einer neuen Tour, diesmal mitten durch die Wüste, bis Schendy beschlossen, während der wir nun leider von dem wohltätigen Nil auf acht Tage gänzlichen Abschied nehmen mußten. Auch Meravi hat einige Altertümer aufzuweisen. Im Diwan des Kascheff stand ein Altar von schwarzem Granit mit dem wohlerhaltenen Wappenschild eines alten Herrschers, das ich jedoch auf Champollions Tafel, meiner einzigen Zuflucht bei solchen Gelegenheiten, nicht verzeichnet fand und daher mit gutem Gewissen nicht namhaft machen kann, obgleich mir so leicht niemand das Gegenteil beweisen würde, wenn ich den ersten besten alten Pharao in Requisition setzte. Auf einem Platze nahe beim letzten Dorfhause nach dem Flusse zu zeigte man uns die Reste zweier Statuen von mehr als Lebensgröße, aber nur mittelmäßiger Arbeit. Nach des Kascheffs Versicherung hatte sich vor zwei Jahren ein Engländer, der geläufig arabisch sprach und das Kostüm des Landes trug, vierzig Tage am Dschebel-Barkal aufgehalten, während welcher Zeit er im Typhonium wohnte und sich fortwährend mit Ausgrabungen beschäftigte. Hierzu wandte er täglich einige dreißig Araber an, schickte sie aber immer abends nach Hause und setzte die Arbeit nur mit seinen eignen Dienern nächtlich allein fort, wenn er auf etwas gestoßen zu sein glaubte. Man sah ihn jedoch nichts mit sich fortnehmen, als eine kleine Kiste von schwarzem Granit, die er auf dem obern Plateau des Barkalfelsens gefunden zu haben vorgab und von welcher der Kascheff behauptete, daß sie mit vielen Buchstaben (also Hieroglyphen) bedeckt gewesen sei, eine Art Schlüsselloch gehabt und oben mit Bändern von grünem Metall versehen gewesen. Dieselbe vor dem Kascheff zu öffnen hatte jedoch der Fremde verweigert und auch sonst nichts über ihren Inhalt laut werden lassen. Kurz darauf war er nach Khartum und Kordofan abgereist und nach späteren Nachrichten noch weiter gegangen, auf dem Nil aber nicht wieder zurückgekommen. Seinen Namen hatte er nie genannt. In Meroë fand ich die Spuren dieses unternehmenden Reisenden unter ähnlichen, noch remarkableren Umständen wieder, und wer die Geist und Kraft tötende Abspannung empfunden hat, die sich in diesem entnervenden Klima des Europäers bemächtigt, wird der seltnen Beharrlichkeit des Unbekannten seine Bewunderung nicht versagen können. Es scheint indes, daß er entweder noch jetzt in Dafur zurückgehalten wird oder umgekommen ist, da niemand in Ägypten von seiner Zurückkunft seitdem etwas vernommen hat, noch selbst sein Name mit Bestimmtheit daselbst auszumitteln war. Man sagt, daß der Dschebel-Barkal seine Heiligkeit in alter Zeit vorzüglich der Eigenschaft zu verdanken gehabt habe, die Gewitter anzuziehen, was in heißen Ländern immer einen doppelten Wert haben muß. Am heutigen Abend erlebten wir ein solches sehr heftiges Gewitter mit einem schönen Regenbogen, es blieb aber nur in der Ferne und ward diesmal nicht vom Berge der Orakel angezogen. Notgedrungen Polemisches Die Luft war vom Gewitter keineswegs abgekühlt worden, sondern drückend schwül. Doch ehe ich in dieser schwülen Luft weiter avanciere, muß ich einige Augenblicke in die nicht minder oppressive Luft literarischer Polemik übergehen, eine leidige Notwendigkeit, die ich jedoch für mein nachsichtiges kleines Publikum so wenig ungenießbar als möglich einrichten werde. Ich wurde nämlich wegen der in den vorhergehenden Seiten Herrn Dr. Rüppel nachgewiesenen Irrtümer von diesem mit einer merkwürdig leidenschaftlichen und nicht wenig anmaßenden Erwiderung beehrt, auf die ich folgendes replizierte, was ich hier für diejenigen meiner Leser wiederhole, welche jener Zeitungsliteratur fremd geblieben sind. Es war meine Absicht, die vorhergehende, wie diese, Herrn Rüppel betreffende und schon früher in der Augsburger Zeitung abgedruckte Stelle nicht in mein Buch aufzunehmen, um so mehr, da ich seitdem im Naturalienkabinett zu Frankfurt des Herrn Doktor persönliche Bekanntschaft gemacht und ihm ganz herzlich die Hand zum Frieden geboten. Da ich aber seitdem mit Verwunderung sehen mußte, daß derselbe in der Vorrede seines neuen, mit gerechtem Beifall aufgenommenen Werkes über Abessinien mich abermals durch die mir erteilte, eben nicht allzu witzige, aber noch weniger höfliche Qualifikation eines ihm gänzlich unbekannten Skribenten angegriffen hat, so glaubte ich wenigstens nichts von dem früher über ihn Geschriebenen unterdrücken zu dürfen, welches, wenn nicht schmeichelhaft, doch vollkommen wahr ist, damit das Publikum imstande bleibe, nach eignem Ermessen über die zwischen uns stattgehabten Differenzen zu urteilen. «Ich habe einmal», schrieb ich, «von einem gemeinen Manne erzählen hören, der, mit einem Anfluge praktischer Philosophie begabt, an jedem letzten Tage des Jahres seiner Ehehälfte mit harten Tätlichkeiten so lange zu Leibe ging, bis er von ihr, im Übermaß ihres Zornes, alles herausgebracht hatte, was etwa von isultierenden Persönlichkeiten gegen ihn aufzutreiben möglich war und wovon er auf andrem Wege bei honnetten Leuten nicht leicht eine so vollständige Erkenntnis zu erlangen fähig gewesen wäre. Erfahrung lehrte mich seitdem, daß man in einer etwas höheren Sphäre viel leichter und schon dadurch zu demselben ergötzlichen Resultate gelangen könne, wenn man in unsrer literarischen Welt einen deutschen Pedanten einiger Irrtümer zeihe. Augenblicklich speit nach solcher Beschwörung ein Vulkan, von denen es bekanntlich (solange sie noch nicht ausgebrannt) dreierlei Gattungen gibt, nämlich entweder Feuer-, Wasser- oder Schlammspeiende. Oft hat man sogar das Vergnügen, alle drei Elemente zugleich herausfahren zu sehen. Für ein solches interessantes Naturschauspiel nun bin ich eben jetzt dem Herrn Doktor Rüppel wahrhaft verpflichtet, ich, der Tourist, wie er mich nennt – nicht der mit diesem in Verbindung gebrachte Fürst Pückler, der gar nicht hierhergehört, weil er sich nie als den Verfasser jener angefochtenen Berichte bekannt hat, und den folglich nur die irdische Unbehaglichkeit und Taktlosigkeit, welche unerzogner Rohheit stets eigen zu sein pflegt, in diese Sache einzumischen sich einfallen lassen konnte. Ich muß es mir gefallen lassen, daß Herr Rüppel mich bald mit Semilasso , bald mit Tourist, Skribent oder andern schmeichelhaften Benennungen der letzteren Art bezeichnet, aber mich als Fürst Pückler anzufahren, dazu hat er kein Recht, um so weniger, da es ganz unnütz für seinen Zweck ist, weil Semilasso und der Verfasser der Briefe eines Verstorbenen zufällig weit bekannter in der Welt geworden sind, als der noch viel unbedeutender als sie sich erkennende Fürst Pückler. Ich bedaure übrigens, daß der gütig vermittelnde Redakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung – wahrscheinlich aus Respekt für sein eignes Blatt – einen Teil der erwähnten Explosion abgewehrt hat, denn ich bin wirklich stolz genug zu glauben, daß ich in meiner geistigen Sphäre zu hoch über Angriffen dieser Art stehe, um verletzend davon berührt werden zu können. Ja, es würde mir sogar leid tun, daß die nichtigen Ausstellungen eines so unwichtigen Touristen, dem nicht einmal ein Begriff von dem tiefsinnigen Geheimnis der Längenbestimmung eines Ortes durch Sternbedeckung oder Meridianhöhen zugetraut wird, einen sich selbst so viel Gerechtigkeit widerfahren lassenden Gelehrten, wie Herr Doktor Rüppel ist, dermalen in Harnisch bringen konnte, daß kein Unbefangener mehr zweifeln wird, er habe sich wenigstens in einem oder dem andern Punkte schmerzlich getroffen gefühlt – ich würde, sage ich, dies aufrichtig bedauern, wenn es nicht dazu diente, dem ganzen Publikum eine nützliche Wahrheit anschaulich zu machen, und zwar die: daß unter allen Tyranneien unsrer Zeit die der wissenschaftlichen Zünftler, die eben weiter nichts als das sind, die schwerfälligste und darum widerwärtigste und unerlaubteste ist. Der blinde Hochmut jener (oft nur sogenannten) Gelehrten vom Fache, emsiger Saumtiere des Wissenschaftsquarks und Residuums, die da glauben, daß nur sie, weil sie die Trebern tragen, auch den Geist mitgeladen haben und daß daher niemand etwas wisse und niemand etwas schreiben könne und dürfe als sie – dieser albernste Hochmut kann zum Besten der Gesellschaft weder zu oft noch zu stark ins hellste Licht gesetzt werden. Da ich indes, wie billig, ungleich mehr Furcht habe, das Publikum zu ennuyieren als Herr Rüppel, so werde ich mich bei meiner anspruchslosen Replik mit folgenden wenigen Bemerkungen begnügen. 1) Es ist interessant, aus Herrn Doktor Rüppels Erklärung zu ersehen, daß die schon früher gegen meine Wenigkeit gerichtete feurige Zurechtweisung, die anonym in der Augsburger Allgemeinen Zeitung erschien und die ich irrigerweise als aus der Feder (eines lobhudelnden Landsmannes Herrn Rüppels) geflossen ansah – von dem Herrn Doktor selbst herrührte. Dieses Irrtums bekenne ich mich schuldig. 2) Hinsichtlich Saki-el-Abds und des ‹wunderbaren› Sophismus, dessen ich mich bei dieser Gelegenheit bedient haben soll, muß ich, trotz allen imposanten Messungen meines gelehrten Gegners, in meiner Verstocktheit bei der einfachen Tatsache stehenbleiben: daß Saki-el-Abd auf Herrn Rüppels Karte vergeblich gesucht wird, sowie viele andere dem Reisenden wesentliche Orte, was mir fortwährend ein Mangel derselben zu sein scheint. Ambukol betreffend mag Herr Rüppel vollkommen Recht haben, aber ich bitte zu bemerken, daß ich seiner hierbei gar nicht gedacht habe . Ich äußerte allerdings, daß Ambukol auf den Karten falsch plaziert sei, aber als ich dieses an Ort und Stelle schrieb, hatte ich drei bis vier Karten mit mir, und es ist sehr wohl möglich, daß ich unter diesen die des Herrn Rüppel damals, wie er sagt, ‹mir nicht die Mühe nahm anzusehen›. Ich dachte vielleicht, er habe Ambukol wie Saki-el-Abd darauf anzumerken vergessen. Nur da also, wo ich Herrn Rüppel genannt habe, kann ich die Verantwortung des Gesagten auf mich nehmen. Dies ist nun der Fall bei Nummer 3), wo zugestanden wird, was ich nach Herrn Rüppels Ausdruck ‹mit gewaltigem Stolze› behauptet, daß die Distanz der Pyramiden zu Nur vom Dschebel-Barkal statt der von Herrn Rüppel angegebenen sieben Stunden nicht mehr als drei betrage, aber – dies ist nur ein Druckfehler, wie mich Herr Rüppel belehrt, und obgleich in Buchstaben ausgeschrieben, hat der ungeschickte Setzer doch sieben statt drei gelesen. Gleichermaßen wird versichert, daß Kapit ale für Kapit äle auch nur ein Druckfehler sei. Hier wäre er allerdings plausibler, muß aber doch für den hartnäckigsten seiner Gattung erklärt werden, da auch nicht ein allereinzigesmal in dem ganzen Buche des Herrn Doktors, das vor mir liegt, der über alle Begriffe im Unrecht verharrende Setzer dies mehr als fünfzigmal vorkommende Wort zu entziffern vermochte! Daß ich nun Druckfehler dieser Art falsch beurteilte, verdient vielleicht um so eher Entschuldigung, da dieselben in dem Verzeichnis ihrer Kameraden, welches sich am Ende des Buches befindet, sämtlich mit Stillschweigen übergangen worden sind. Wahrscheinlich hat sich aber auch jetzt wieder die Augsburger Allgemeine Zeitung neuer Druckfehler schuldig gemacht, indem sie in Herrn Rüppels Erklärung folgende Phrase aufgenommen: ‹Das Hauptinteresse der Aufsätze des Touristen besteht für den gebildeten («gebildeten» ist hier offenbar ein Druckfehler) Leser nur in der Art und Weise, wie er (der Tourist) sich selbsten (zweiter Druckfehler!) Huldigungen darbringt.› Nichts kann in der Tat meinen schwachen Angriff auf die Schreibart des Herrn Rüppel besser entkräftigen, als die Eleganz und der geistreiche Sinn dieses Satzes, aber wir wollen hier gleich, zu Nummer 4) fortschreitend, uns über den Stil nicht länger streiten. «Le style est l'homme» sagt Buffon. Herr Rüppel also schreibt wie Rüppel, der Tourist wie der Tourist, das Urteil darüber bleibt Geschmackssache. 5) Herrn Russegger betreffend, so weiß ich zwar nicht, was derselbe in der Frankfurter Oberpostamtszeitung publiziert hat (ein Artikel, der abermals durch viele Druckfehler entstellt worden sein soll), daß er sich aber gegen mich mündlich über Herrn Rüppels Nachrichten und Karten als in vieler Hinsicht unzuverlässig und irrtümlich ausgesprochen, muß ich wiederholen. Herrn Russeggers Werk, von dem ich nach der mit ihm gemachten Bekanntschaft viel erwarte, wird später am besten durch die Vergleichung seiner Angaben mit denen des Herrn Rüppel dartun, wie es sich hiermit verhält. Selbst seine mir in diesem Augenblick mitgeteilte Auslassung im Beiblatt der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 16. Januar des laufenden Jahres gibt davon bereits einen Vorgeschmack, obgleich das Bestreben, Herrn Rüppel möglichst zu schonen, gleich ersichtlich daraus ist; eine sehr erklärliche Rücksicht, da Herr Russegger nach Frankfurt zu reisen im Begriff steht und daher um so weniger Beruf fühlen mag, sich der Derbheit und dem diktatorischen Ton eines so formidablen Gelehrten in dessen eignem Lager entgegenzustellen. Doch kann ich nicht umhin, hier zu zitieren, was Herr Russegger vor einiger Zeit in der Steyermärkischen Zeitschrift , vierter Jahrgang, zweites Heft, Seite 110, publizierte. ‹Rüppel› schreibt hier Herr Russegger, ‹hat in seiner Reisebeschreibung sehr unrichtige Notizen durch Mitteilungen anderer über das Land der Nubas aufgenommen, welches er selbst nicht gesehen hat. Überhaupt bin ich mit seinem Reiseberichte gar nicht zufrieden, er ist mir zu oberflächlich, geht zu leicht über die wichtigsten Gegenstände weg und ist zu arm an wirklicher Naturanschauung.› Dies scheint mir außerordentlich deutlich, und ich, der nur einzelne Irrtümer des Herrn Rüppel bemerklich machte, habe im allgemeinen ein weniger ungünstiges Urteil über ihn ausgesprochen als dieses. Was ich aber gesagt, glaube ich und würde dabei verharren, wenn auch noch so viele Autoritäten mir (ohne mich durch Überzeugung zu einer andern Meinung zu bekehren) entgegentreten. Ich würde also auch des Herrn Russegger, dem ich freundschaftlich zugetan bin und dessen gründliche Gelehrsamkeit ich hoch ehre, hier zum zweiten Male gar nicht erwähnt haben, wenn es nicht nötig gewesen wäre, um zu beweisen: daß ich nicht ‹in Ermangelung eigner wissenschaftlicher Befähigung zu einem gegründeten Angriff auf Gelehrte (?) mich des Namens und angeblicher Ansprüche› (noch einmal ein Druckfehler! denn um Sinn zu haben, müßte es wenigstens Aussprüche heißen) bediente, um die Angaben Herrn Rüppels zu verdächtigen – ferner, daß es ganz und gar nicht zu meinem Nachteil gereicht, ‹keine Kenntnis von dem aus der Frankfurter Oberpostamtszeitung in der Augsburger Allgemeinen Zeitung verstümmelt abgedruckten Briefe des Herrn Russegger zu haben, in welchem dieser verdienstvolle Reisende gegen einen solchen Mißbrauch seines Namens protestiert und in bezug auf Herrn Rüppels Leistungen grade das Gegenteil von dem, was Semilasso ihn sagen läßt , ausspricht.› Wir haben eben gesehen, inwiefern die in einem amtlichen Berichte des Herrn Russegger an seinen Vorgesetzten befindlichen Äußerungen, welche in der Steiermärkischen Zeitschrift abgedruckt und jedenfalls lange vor den mir unbekannten verstümmelten Briefen in der Augsburger Allgemeinen Zeitung erschienen sind – wirklich ‹grade das Gegenteil meiner Behauptungen› enthalten. 6) Da ich deprezieren muß, jedes triviale Detail wiederzukäuen, welches Herr Doktor Rüppels weitere Erklärung enthält, so erteile ich ihm schließlich nur noch die Versicherung, daß ich, ganz unbekannt mit seiner geehrten Person, durchaus kein anderes Motiv gehabt habe, ihn einiger Irrtümer zu zeihen als das Interesse der Wahrheit und nebenbei vielleicht etwas üble Laune, wie ich nicht leugnen will, über die Anmaßung, welche sich in seiner Vorrede und in mehreren Stellen seines in mancher andern Hinsicht dennoch verdienstvollen Buches auf eine sehr widerliche Weise kundgibt. Ich glaube dennoch in beiderseitiger Hinsicht mit mehr Mäßigung verfahren zu sein, als in der Entgegnung gefunden werden wird, deren Ton ich mich jetzt nur notgedrungen etwas mehr zu nähern genötigt war; doch verwahre ich mich gänzlich gegen die lächerliche Voraussetzung Herrn Rüppels: daß ich ihn bloß deshalb einiger Oberflächlichkeit in seinen Reiseberichten beschuldigt, weil – er Mehemed Ali als einen Tyrannen geschildert. Ich kann im Gegenteil mit dem besten Gewissen beteuern, es bisher vollständig ignoriert zu haben, daß den Helden Ägyptens das Unglück betroffen, in dem Heros des Frankfurter Naturalienkabinetts einen Antagonisten zu finden. Aufrichtig gesagt, glaube ich aber, daß Mehemed Ali nicht viel von diesem Umstand zu befürchten hat, ja, daß alle wissenschaftlichen Kenntnisse Herrn Rüppels, so zahllos sie auch sein mögen, immer noch nicht hinlänglich sind, das Genie Mehemed Alis zu messen, und wenn auch ein nichts bedeutender Tourist, wie ich es bin, sich gern gefallen läßt, bis in alle Ewigkeit ein Gegenstand Herrn Rüppels höchster Geringschätzung zu bleiben, dieser doch gut tun wird, dem erhabnen Sterne gegenüber – dessen Bedeckung zu observieren er wohl vergeblich hofft – nicht weiter dem Beispiel jener armseligen Kläffer zu folgen, die auch den Glanz des Mondes nicht ohne unnützes Lautwerden zu ertragen vermögen. Zweiter Ritt durch die Wüste nach Schendy Unmittelbar aus einem erfrischenden Bade im Wasser des Nils brach ich am 11. Mai gegen Mitternacht mit meiner Karawane auf, nachdem ich einen Teil meiner Effekten und die ganze Schiffsmenagerie, mit einziger Ausnahme des treuen Susannis, der Obhut des gefälligen Kascheffs anvertraut hatte. Auch einen sehr brauchbaren arabischen Diener, den mir der Gouverneur von Doerr mitgegeben hatte, mußte ich zurücklassen, da er fast hoffnungslos an einem bösartigen Fieber darniederlag, an dem er auch, wie ich später erfuhr, einige Wochen darauf starb. Wir marschierten langsam, fortwährend auf hartem Sandboden, bis wir am Morgen in ein mit vielen halbvertrockneten Mimosen waldartig besetztes Felsental kamen, wo sich ein tiefer und geräumiger Brunnen mit ziemlich gutem Wasser befindet. Er heißt Mseali, und seine Umgebung war zum Ziel unseres ersten Nachtlagers bestimmt. Wir hatten in der vergangenen sternhellen Nacht die Wüste voll schwarzer Granitfelsen und an vielen Stellen Spuren von Vegetation gefunden, was unterirdisches Wasser unter der Oberfläche vermuten ließ. Ich fand auch später so oft Gelegenheit, diese Bemerkung zu machen, daß ich von der Möglichkeit überzeugt bin, mit Hilfe artesischer Brunnen Tausende von Quadratmeilen der Wüsten Äthiopiens und des Sudans in fruchtbares Land umzuwandeln. Zwei Stunden seitwärts unsrer Straße in östlicher Richtung soll sich in Baden-el-Gasali (dem Tale der Gazellen) ein noch ziemlich wohlerhaltener Tempel aus rötlichem Sandstein befinden, nach der Beschreibung aber nur von geringen Dimensionen sein. Ich würde die Mühe nicht gescheut haben, ihn aufzusuchen, da ihn noch kein europäischer Reisender gesehen, der Führer erklärte aber, des Weges nicht recht kundig zu sein, und besorgte, sich zu verirren, weshalb ich die Sache aufgeben mußte. Wir schliefen bis um fünf Uhr abends, wo ich aufstand, um die Gegend zu besichtigen. Am Brunnen fand ich mehrere Beduinen, die ihre meistens schwarzen Kamele mit Wasser beluden. Sie waren mit recht eleganten leichten Speeren und schmalen, auf beiden Seiten zugespitzten Schildern aus Hippopotamushaut bewaffnet, die ich ihnen vergebens feil zu machen versuchte. Zwei Mädchen befanden sich bei ihnen, wovon die eine, noch sehr jung, wie uns die Männer sagten, die renommierteste Schönheit ihres Dorfes sei, das nur einige Stunden von hier liegen soll. Sie war in der Tat nicht übel, trotz der breiten Brandnarben in den Backen, schön bemalt und trug als Schmuck zwei schwere Fußschellen von Metall, gleich unsern Baugefangenen, an den Knöcheln. Sie lächelte uns zuerst sehr freundlich an, doch als ich mich ihr nähern wollte, um sie genauer zu betrachten, entsprang sie, von einer plötzlichen Panik ergriffen, in Begleitung ihrer älteren Gefährtin, wie ein Reh durch den Mimosenwald nach den entfernten kahlen Felsbergen. Ich nahm mit meinem Dragoman dieselbe Richtung und erstieg die Höhen, konnte aber der beiden Mädchen nicht mehr ansichtig werden; wogegen mich auf dem Gipfel eine weite Aussicht über hügeliges Land hin überraschte, in dessen Tälern mehrere grüne Oasen verstreut waren. Doch bemerkten wir nirgends Spuren von Wohnungen. Zu Burkhards Zeiten war dieser ganze von den Hassanjeh-Arabern bewohnte Teil der Wüste noch sehr unsicher, seit der neuen Herrschaft hat man nicht das mindeste zu befürchten und mag hier so unbesorgt reisen wie in Ägypten. Als wir zurückkehrten, fanden wir den Sklaven des Doktors heftig an einem Sonnenstich erkrankt. Man mußte ihn mehreremal zur Ader lassen, und obgleich bald danach einige Besserung eintrat, so erlangte der Knabe doch während der ganzen Reise nie ganz seine vorige Gesundheit wieder. Beim nächsten Marsch ward die Karawane nach alter Weise vorausgeschickt, und wir folgten ihr um zwei Uhr in der Nacht. Die Distanz war ungefähr dieselbe wie gestern, und auch der Charakter der Gegend blieb sich gleich. Doch hatten wir eine Art Abenteuer unterwegs. Es war ziemlich dunkel, und wir mußten uns eng zusammenhalten, um nicht vom Wege abzukommen, als wir, durch ein vertrocknetes Gebüsch reitend, plötzlich mitten unter uns eine ganz unheimliche und wie verzaubert aussehende Gestalt gewahrten. Es war ein uralter Schwarzer mit langem weißen Bart, welcher ganz nackt, aber mit einem großen graden Ritterschwert bewaffnet, das er durch einen Riemen an der Schulter befestigt, nicht an der Seite, sondern über dem Rücken hängend trug. Er ritt auf einem schnellfüßigen Eselzwerge, der nicht über zwei Fuß hoch war, so daß der ansehnlich gewachsene Mann die Knie hoch über den Sattel erheben mußte, um darauf sitzen zu können, ohne mit den Füßen die Erde zu berühren. So trabte er dicht neben meinem hohen Dromedare her, unter dessen Bauch er füglich hätte hindurchschlüpfen können, ohne anzustoßen. Wir betrachteten ihn alle sehr verwundert, während er nicht die geringste Notiz von uns zu nehmen schien. Endlich rief er unserem Führer – der gewöhnlich etwas vorausreitet, um uns die wahrlich nicht leicht aufzufindende Direktion ohne Weg und Steg durch die so wenig Kennzeichen darbietende Wüste anzuzeigen – einige mit der den Negern eigentümlichen Art gellend ausgestoßene Worte zu; doch dieser, welcher noch mehr Scheu als wir vor dem fremdartigen Wesen zu hegen schien, ritt nur um so schneller vorwärts, ohne die Anrede zu beantworten. Der Alte lachte murmelnd in seinen Bart hinein, und ehe wir es uns versahen, war er, wie er gekommen, auch ebenso schnell hinter den Bäumen wieder verschwunden, gleich einem Gespenst der Nacht. Trotz aller unsrer Bemühungen konnten wir von dem Führer keine recht genügende Auskunft über das Vorgefallene erhalten. Doch bin ich überzeugt, daß er irgendeinen Aberglauben mit der Erscheinung dieses Mannes in Verbindung brachte, denn er war sichtlich betroffen und sprach nachher viel von einem übelwollenden Geiste, der im schwarzen Gebirge wohne, den alle Welt unter dem Namen «des Alten vom Berge» kenne, und dessen Erblickung unter den verschiedenen Formen, die er annähme, meist Unheil bedeute. Doch wollte er es niemals gradezu aussprechen, daß, was wir gesehen, dieser Geist gewesen sei. Die Wilden haben also, wie es scheint, auch ihren tropischen Rübezahl. Wir rasteten abermals in einem mit laublosen Mimosen angefüllten Tale. Diese blätterlosen, völlig abgestorben aussehenden Bäume schienen den Winterschlaf der unsrigen hier nicht während der Kälte, sondern während der größten Hitze abzuhalten, nach der Regenzeit sollen sie alle wieder im hellsten Grün erglänzen. Der größte Teil davon gehört einer besondern Varietät an, die man hier Samra nennt. Die Hitze hatten wir in der Nacht fast ebenso drückend als am Tage gefunden, weil kein Lüftchen mehr wehte, während am Tage, besonders um die Mittagszeit, der Wind in oft unangenehmen Stößen und fortwährend umspringend, fast aus allen Abteilungen der Windrose blies. Nicht sehr ermüdet, belustigten wir uns nachmittags lange mit der Jagd, die jedoch nur auf Turteltauben und Wüstenrebhühner stattfindet. Die großen schwarzen und weißen Geier pflegten ganz ohne Scheu vor unsern Gewehren jedesmal, wenn ein Schuß fiel, eilig herbeizukommen, um die Vögel, welche etwa in einem Baum hängenblieben oder angeschossen sich zu retten suchten, schnell für sich selbst einzufangen. Ja, sie zeigten sogar manchmal Lust, dem Jäger seine Beute streitig zu machen, und es war lächerlich anzusehen, wenn einer der letzteren zu Knüppeln und Steinen seine Zuflucht nehmen mußte, um ihrer loszuwerden. Einige sehr hübsch gefiederte Singvögel belebten außerdem häufig die dürren Gebüsche, und nicht selten hörten wir, bei Tag wie bei Nacht, der Schakale heiseres Gebell, ohne jedoch einen derselben erlegen zu können. Von reißenden Tieren fanden wir keine Spur. Am folgenden Tage erreichte plötzlich die Hitze einen fast unleidlichen Grad. Das Thermometer zeigte um zwei Uhr nachmittags in meinem Zelte, wo freilich die Reverberation der Sonnenstrahlen die Glut noch intenser macht, am schattigsten Orte desselben 39 Grad Reaumur und auf den Sand in die Sonne gelegt 55 Grad, eine Temperatur, die sich nachher drei Tage lang um dieselbe Zeit mit wenigem Unterschiede wiederholte. Der Wind kam direkt aus Süden und glühte, statt Kühlung zu bringen, wie aus einem Ofen. Nicht nur Metall und Glas, sondern auch Papier, Seide, Leinwand, Holz usw. waren ohne Unterschied als gleich brennend heiß anzufassen. Der einzige kühle Gegenstand, den man finden konnte, war die eigne Haut, weil der Temperaturgrad der Atmosphäre fast höher stand als der des Blutes. Das Fleisch eines Schafes, das um elf Uhr vormittags geschlachtet worden war, mußte schon um sechs Uhr abends als unbrauchbar weggeworfen werden, und zwei lebend mitgenommene Schafe starben über Nacht beim Transport sowie der größte Teil der von Meravi mitgenommenen Hühner, von denen wir später bis Khartum uns leider keine mehr verschaffen konnten. Auch mein Hund war dem Verscheiden nahe und grub sich, kläglich winselnd, einen Fuß tief in die Erde. Fast unbegreiflich ist es, wie trotz dieser Höllenglut die Eingebornen ganz nackt, mit einem bloßen schmalen Gürtel angetan, hier aushalten können, den Kopf ohne allen andern Schutz als ihre langen Haare dem fürchterlichsten Sonnenbrande, die Füße ohne Sandalen dem kochend heißen Sande ausgesetzt. Der Schauplatz unsres Biwaks war diesmal in der Nähe einiger Hütten, von den Eingebornen, welche starke Viehzucht, aber wenig Ackerbau treiben und sich fast nur von Fleisch und Milch nähren, Marua genannt. Ein großer Teil der Wüste in dieser Region ist mit Binsengras und mehreren Akazien wie Mimosenarten bedeckt, die, wie bereits erwähnt, jetzt abgestorben scheinen, aber mit der Regenzeit grün werden, welche dann außer dieser Vegetation auch noch viele andere Futterkräuter hervorruft, von denen jetzt keine Spur mehr existiert. In diesem Zustande erhält sich die Vegetation vom Juli bis April. Während dieser Zeit ist Überfluß an Nahrung für die Tiere zu finden, der ohne alle Mühe erlangt wird. Dann aber – denn April, Mai und Juni sind hier die heißesten Monate – beginnt schnell das Vertrocknen aller Pflanzen, und in dieser Jahreszeit muß sich das Vieh mit gedörrtem Binsenstroh und trocknen Baumzweigen begnügen, wozu gelegentlich etwas dürre Körner kommen. Doch kann hiervon nur zu wenig gebaut werden, um irgend darauf zu rechnen. Auch war alles Vieh, was uns in dieser Oase zu Gesicht kam, durchgängig spindeldürr und von der elendesten Beschaffenheit. Wir lagerten etwa hundert Schritte vom Dörfchen in einer weiten, rings von Bergzügen umschlossenen Fläche, dicht am Fuß eines isoliert aus ihr emporsteigenden Felsens. Ich bestieg diesen abends um der Aussicht willen und fand, daß seine von Sonnenbrand und Regen schwarz gefärbten Massen aus dem schönsten steinkörnigen Marmor bestanden. Wenn man Stücke davon abschlug, zeigte er sich von blendender Weiße, an manchen Orten auch rot, an andern schwarz geädert. Von dem Gipfel dieses Felsens, der an 100 Fuß Höhe haben mochte, bemerkte man deutlich mehrere weithin durch die Baumgruppen geschlängelte, zum Teil sehr beträchtliche Flußbetten, wo sich in der Regenzeit das Wasser sammelt und dann, in großer Fülle hinströmend, die Wüste hier in eine gartenähnliche Landschaft umwandeln muß. Kurz nach Sonnenuntergang sprang der Wind nach Norden um und ward in wenigen Minuten zu einem Orkan, der unsere Zelte widerstandslos niederriß, weil bereits alle Stricke durch die Hitze morsch geworden waren. Überhaupt gehen fast alle unsere Effekten nach und nach hier zugrunde, besonders was von Holz ist. Kein Koffer und keine Kiste will mehr zusammenhalten, selbst meine englische Schatulle von der besten Arbeit ist so auseinandergewichen, daß ich mein Geld in einer Serviette transportieren muß. Am 14. Mai Dem gestrigen Sturme war bald wieder eine totale Windstille gefolgt und die Nacht ohne Tau und Luftzug von der gewöhnlichen Ofentemperatur. Einer unsrer Dromedare versagte während des Marsches den Dienst, legte sich nieder, und nichts konnte ihn mehr zum Aufstehen bewegen. Es war ein sehr glücklicher Zufall, daß fast in demselben Augenblick zwei Reisende auf guten Kamelen uns entgegenkamen, von denen unser Kawaß sogleich das eine – denn Not kennt kein Gebot – mit Gewalt, wenngleich gegen Bezahlung, requirierte. Ohnedem weiß ich nicht, wie wir fortgekommen wären, da das krank gewordene Tier grade das des Führers und mit allen unsern notwendigsten Sachen bepackt war. Es ward sorglos von den Arabern an dem Fleck, wo es sich niedergelegt, zurückgelassen, in der Überzeugung, daß es schon selbst auf irgendeine Art für sich Sorge zu tragen wisse und auf dem Rückweg auch dort wiederzufinden sein werde. Dies geschah auch wirklich, wie ich bei meiner Rückkehr vernahm. Die Gegenden, welche wir heute beim funkelnden Schein der Sterne durchritten, boten fast nirgends mehr einen öden, vielmehr einen so heiteren und mannigfachen Anblick dar, daß man sie füglich die Wüstenschweiz von Beheda nennen könnte. Beheda ist nämlich der Name des ganzen großen Landstriches, welchen der Nil, gleich einer Halbinsel, zwischen Schendy, Debbeh und Berber umschließt. Viele Züge dunkler, gezackter Berge von 1200 bis 1500 Fuß Höhe, wo sich über und zwischen Granit und Porphyr zuweilen Urkalkstein in zerrissenen Schichten hinzieht, umschlossen fast fortwährend bebuschte Täler, in denen auch jetzt noch mehrere Bäume grünten. Einer dieser Berge, den wir übersteigen mußten, ward sogar oft für unsre Bequemlichkeit fast zu pittoresk – denn die Dromedare sind schlechte Kletterer. Wir folgten hierauf zwei Stunden lang den Windungen einer tiefen Schlucht mit hohen und steilen Wänden auf dem rauhen kiesigen Bette eines ausgetrockneten Flusses, bis uns wieder freundlichere kleine Täler umfingen, deren Boden so glatt wie Wasser geebnet ist und die auch in der Regenzeit große Seen mit anmutigen grünen Inseln bilden sollen. Der Untergrund ist überall steinig oder harter Sand, und unter den Kieseln findet man häufig schöne Onyxe und andere bunte Steine von den verschiedensten Farben. Es fehlt hier nicht an Brunnen, und obgleich ihr Wasser meistens nur lau und so von Sand geschwängert ist, daß es wie Lehmtunke aussieht, so ist es doch gesund und ohne allen unangenehmen Geschmack. Es war uns um so willkommner, da das in vielen rohen Schläuchen mitgenommene Wasser wegen des üblen Geruches in kurzer Zeit beinahe untrinkbar wird, ein böser Umstand, wenn man täglich wenigstens fünf bis sechs Flaschen Wassers braucht, um den kaum je aufhörenden Durst nur einigermaßen löschen zu können. Es war ein höchst wilder Fleck im grandiosesten Stile, wo wir am Morgen unsere Zelte aufgeschlagen fanden, ein schwarzblauer Felsenkessel ohne die geringste Vegetation. Das aus herrlichem Porphyr und gelblichem Granit bestehende Gestein war in Massen der heterogensten Formen wie durch ein Erdbeben aufgetürmt, und viele dieser riesigen Felsstücke balancierten sich auf eine so unglaubliche Weise übereinander, daß man jeden Augenblick erwartete, eins oder das andere derselben vom Winde herabgeschleudert zu sehen. Welch ein Schatz wäre ein solcher Steinbruch in einer Gegend, wo man besseren Nutzen daraus ziehen könnte! Hier herrschte nur die tiefste Einsamkeit, ein durch nichts unterbrochenes Schweigen, selbst der nahe Brunnen schien nichts Lebendes an sich zu ziehen, bis gegen Abend doch ein Volk Rebhühner herbeikam, unter dem unser mörderisches Blei auch sogleich eine bedeutende Verwüstung anrichtete. Ich kletterte eine Stunde lang auf den Felsen umher, konnte jedoch keine entfernte Aussicht erlangen, da immer wieder höhere Berge und Felsen diejenigen umgaben, welche ich im Schweiße meines Angesichts erstiegen hatte. Der hiesige Brunnen hatte von allen bisher und nachher angetroffnen das klarste und kühlste Wasser. Der Ort ward von unserem Führer Magaga genannt; es befindet sich aber weder ein Dorf noch sonst eine Wohnung weit umher. Ein scharfer Wind, der durch die schmalen Öffnungen der Schlucht sauste, ließ uns etwas weniger von der Hitze leiden als gewöhnlich, entführte aber zum zweitenmal unsere Zelte in demselben Momente, wo sowohl der Doktor als ich, fast nackt auf unseren Betten liegend, mit dem Schreiben unsrer Tagebücher beschäftigt waren, was zwar mehrere kleine Beschädigungen verursachte, aber zugleich eine sehr komische Szene der plötzlichen Aufdeckung und darauf folgenden Verwirrung aller Art veranlaßte. Da man sich hier nichts verschaffen konnte und Vorräte sich nicht mehr halten, so hätten wir heute einen gezwungenen Fasttag feiern müssen, wenn nicht die erwähnten Rebhühner und ein halbes Dutzend Turteltauben, welche der unermüdliche Ackermann uns nach einer Stunde Abwesenheit zurückbrachte, der Not abgeholfen. Die letzteren Vögel ist man sicher, von Alexandrien bis zur südlichsten Grenze des Sudan fast täglich in beliebiger Quantität erlegen zu können, so daß man, mit einem gehörigen Vorrat von Pulver und Blei versehn, auch in der Wüste, wie sie hier beschaffen ist, ohne weitere Lebensmittel nicht zu verhungern braucht. Schwerer ist es, den Gazellen beizukommen, von denen es uns auf dieser Tour bis jetzt noch nicht glückte, einer einzigen habhaft zu werden, obgleich wir eine große Menge derselben sahen. Insekten erblickt man, außer Spinnen und Heuschrecken, in dieser Jahreszeit fast gar nicht, und ich habe, seit ich Kahira verließ, nur zwei Schmetterlinge gesehen, sie aber nicht gejagt, weil mir dies die englischen Kritiker als kindisch verwiesen haben. Doch fanden wir abends den Brunnen von einer prächtigen großen Hornissenart mit breiten schwarzen und goldgelben Ringen reichlich umschwärmt, deren eine ich meiner Insektensammlung einzuverleiben mich unterstand. Als eine wohltätige Notiz für die Reisenden will ich hier folgendes einschalten. Es ist wesentlich, seine Leute für die Aufschlagung der Zelte an stets zweckmäßigen Orten gut zu dressieren. Diese letzteren müssen zwar immer möglichst im Schatten, aber noch nötiger im Luftzuge aufgestellt werden, wobei die sich gegenüberstehenden Öffnungen des Zeltes schräg gegen den Wind zu richten sind, damit der Luftzug erhalten werde, ohne doch in grader Richtung den Staub hineinzujagen. Bei zu großer Hitze tut man am besten, die Seitenwände ganz wegzunehmen und nur das Dach als Sonnenschirm ausgespannt zu lassen. Die Decke des Zeltes muß stets da, wo die Sonnen eben darauf scheint, mit dicken Strohmatten belegt, und diese, wenn Wasser genug da ist, fleißig begossen werden, ebenso der Boden um das Zelt. Diese Kleinigkeiten, wenn man sie gut beobachtet, werden gewiß einen Unterschied von 8 bis 10 Grad in der innern Temperatur hervorbringen, was auch unter den ungünstigsten Umständen doch einigermaßen soulagiert. Hinsichtlich der Kleidung habe ich bei der häufigen schnellen Abwechslung von Hitze und Kälte helle und weite Halbtuch- oder Kaschmirkleider und außerdem eine feine Flanellweste auf dem bloßen Leibe zu tragen am zweckmäßigsten und einem zu leichten Leinwandanzug sehr vorzuziehen gefunden. Die Hauptsache aber ist, den Kopf drei- und vierfach zu bedecken, um ihn vor der Sonne zu schützen, und bei dem geringsten Frösteln, das man fühlt, muß man sogleich die wollne Burnus oder einen Tuchmantel umtun, welche beide Gegenstände daher immer bei der Hand zu halten sind, denn Verkältung hat hier jedesmal die nachteiligsten Folgen. Hinsichtlich der Diät habe ich nie ein bestimmtes System befolgt, sondern stets gegessen und getrunken, so viel oder so wenig als ich eben hatte und meine Bedürfnissen angemessen fand. Wozu ich Lust verspürte, habe ich mir nie versagt. Fleisch wie reife Früchte, Fettes und Mageres, Süßes und Saures genoß ich unbedenklich untereinander, jedoch nie im Übermaße. Bald trank ich Wein, bald süße oder saure Milch, Bier oder Branntwein (diese stärkeren Getränke aber meist mit Wasser gemischt), den dolgolesischen Bilbil, den ägyptischen Mischmasch aus Aprikosen, Mandelmilch (die, beiläufig gesagt, wenn man sich weder Milch noch Eier mehr verschaffen kann, ein vortreffliches Surrogat dafür beim Kaffee oder Tee abgibt), gewöhnliche Limonade oder «limonade gazeuse», künstliches Sodawasser mit englischen Pulvern bereitet oder Sorbet aus Melonenkernen usw., ganz nach Laune und Tunlichkeit, ohne je Nachteil davon zu verspüren. Nur die Vorsicht gebrauchte ich, faules Wasser vor dem Gebrauche stets abkochen zu lassen und mich vor kaltem Trinken nach einer innern Erhitzung wohl zu hüten; ferner überhaupt nie mehr zu essen und zu trinken, als Hunger oder Durst erforderten, doch auch nicht weniger. Vor nichts aber hat man sich in diesen Klimaten mehr in acht zu nehmen, als vor unnötigem Medizinieren, denn mehr als einen habe ich hier durch die bei uns unbedeutendsten, als Präservativ oder gegen nur leichte Unpäßlichkeit angewandten Mittel seine Gesundheit, ja sein Leben verlieren sehen. Ich selbst war so glücklich, bei der angeführten Lebensweise allen Folgen des Klimas und der «aria cattiva» in den den Europäern nachteiligsten Ländern und oft von Epidemien umgeben, stets ohne Fieber noch andere Krankheiten zu entgehen – denn Migräne und ein kurzes Übelbefinden darf ich dahin nicht rechnen. Die einzige Ausnahme hiervon machte eine gefährliche Dissenterie, die ich mir später während der Regenzeit im Sennar ganz allein durch das unnütze Nehmen einer Dosis «Seydlitz powder» zuzog und unglücklicherweise damals keinen Wein mehr hatte, um dem schädlichen Einflusse der Medizin wieder entgegenzuarbeiten. Denn dem Wein räume ich, wie man schon weiß, in heißen Ländern die größte hygienische Kraft ein, doch immer nur insofern man selbst Neigung zu seinem Genuß fühlt und vielleicht auch früher daran gewöhnt gewesen ist. Mein Hauptprinzip blieb immer: dem Impuls der Natur zu folgen, und die Lehre: in jedem Lande sich nach der Lebensart der Eingebornen zu richten – als höchst perniziös und abgeschmackt zu betrachten, wenn man sie nicht wenigstens, sowohl dem ersten Grundsatze als auch der Rücksicht auf lange Gewohnheit gänzlich unterordnet. So verlangte es wenigstens meine Konstitution, und jeder ihr gleichenden werden meine Ratschläge gewiß wohlbekommen. Ebenso glaube ich auch, daß, wer sich sorgfältig vor Erkältung hütet, möglichst frische und gesunde Nahrung genießt und seine Augen häufig mit frischem Wasser wäscht, gewiß keine Ophtalmie in Ägypten zu befürchten hat, und schreibe die tödlichen Fieber während der Regenzeit im tropischen Klima immer nur Verkältung und deren Wirkung auf den Magen oder dem Genuß giftiger Insekten in faulem Wasser zu. Wie ganz sorglos aber grade die Einwohner dieser Länder, welche man nachahmen soll , gegen beides sind, hatten wir täglich Gelegenheit zu beobachten. Auch werden sie, so gut als die Europäer, fortwährend die Opfer davon. So wie der Mond über den Felsenspitzen sichtbar ward, setzten wir unsere Reise fort, marschierten vier Stunden lang über eine weite Plaine und benutzten dann die Zeit zwischen Mondesuntergang bis Sonnenaufgang zu einigen Stunden Schlafes. Wir hatten nach diesem Ruhepunkt erst eine geringe Strecke von neuem in der Morgenkühle zurückgelegt, als wir mit Verwunderung die Kamele unsrer Karawane, die nach unsrer Rechnung schon auf der Station angekommen sein sollten, in der Ferne über einen weiten Raum zerstreut vor uns erblickten. Bald darauf sahen wir im Sande mehrere einzelne Lagerspuren derselben und daneben Scherben von Glaslaternen und Flaschen, zerbrochenes Porzellan, einzelne Kistenbretter usw., die uns das Übelste prophezeiten, was leider auch bald die vollständigste Bestätigung erhielt. Kurz vor Mitternacht hatten die Karawanenführer neben einer Viehherde naher Dorfbewohner angehalten, um etwas zu rasten und sich mit Milch zu erfrischen, als die Herde von einem Löwen, den man uns als von ungeheurer Größe schilderte, attackiert wurde. Glücklicherweise zog das Raubtier einen fetten Esel und eine Kuh der Araber – wovon er den ersten mit hinwegnahm und die zweite nur zerriß – unsern Kamelen vor, doch diese rannten nun in rasender Furcht davon, viele warfen ihr Gepäck zur Erde, andere stürzten, und es dauerte mehrere Stunden, ehe man sie sämtlich wieder eingefangen, die zerstreuten Kisten und Säcke sammeln, das Zerbrochne notdürftig zusammenbinden und das einzeln auf dem Boden Liegende von neuem einpacken konnte. Unser Verlust an den nötigsten Dingen wie an vielen andern, die uns der Luxus fast zu gleich nötigen gemacht, war höchst empfindlich, selbst mehrere der Wassersäcke, die wir mit dem Inhalt des letzten Brunnens frisch gefüllt hatten, waren zerplatzt und fast unser ganzer, so sorgsam geschonter Vorrat an Wein, Likören, Öl, Essig usw. hatte nutzlos den Wüstensand getränkt. Der Leser mag in seiner behaglichen Ruhe über eine solche Begebenheit nur lächeln, für uns war es beim Himmel eine tragische Szene, welche hier so unerwartet die Strahlen der tropischen Sonne beleuchteten, während wir aus den nahen Bergen noch das Gebrüll des Ungeheuers zu vernehmen glaubten, das uns diesen bösen Streich gespielt hatte. Genötigt, jetzt bei der Karawane zu verbleiben, deren Schneckenschritt weit mehr als das rascheste Reiten ermüdet, erreichten wir erst gegen elf Uhr während der beschwerlichsten Hitze das Felsental von Jackdull. Herr Rüppel, der es, wie schon erwähnt, mit seiner gewöhnlichen Namensverdrehung «Gekdud» nennt, plaziert es auf seiner Karte mehr als einen Tagesmarsch zu weit westlich, was ich in mehreren späteren Karten genau ebenso kopiert finde. So erbt sich auch der Irrtum «wie eine ew'ge Krankheit fort», und es ist Pflicht, ihn zu berichtigen, selbst für den Ungelehrten, der doch an Ort und Stelle durch den Augenschein oft der Gelehrte wird. Herr Rüppel, der, glaube ich, nicht selbst hier war, spricht ferner von einem tiefen See in der Mitte des Tales. Dies müßte in der Regenzeit gewesen sein. Jetzt befand sich nur am Ende desselben eine sehr merkwürdige Grotte, die zu jeder Zeit mit Wasser von beträchtlicher Tiefe angefüllt ist. Wir fanden dies Wasser von lauer Temperatur und seine Oberfläche ganz mit grünem Schlamm bedeckt. Der sich darüber wölbende Teil der Grotte ist prachtvoll und zugleich eine wahre Naturmerkwürdigkeit zu nennen, da die untere Hälfte des Gewölbes bis zur Mitte aus Porphyr und die obere, wie abgeschnitten und genau darüber gefügt, aus Granit besteht. Man sieht, daß in den dunkleren Teilen der Höhle noch andere engere Vertiefungen in das Innere des Felsens führen, die sich weit hinein erstrecken sollen. Dieser Felsen, der einige hundert Fuß hoch ist, bildet auch auf seinem durchlöcherten Gipfel verschiedene natürliche Zisternen, die uns vortreffliches Trinkwasser lieferten, und mehrere Spuren an der Grotte selbst zeigten, daß in der Regenzeit ein ansehnlicher Wasserfall sich in sie ergießen muß, durch das Überschwellen der obern Zisternen veranlaßt, deren Inhalt sich dann am Boden der Grotte in solcher Tiefe sammelt, daß er nie mehr austrocknen kann. Das Tal selbst, rings von Felsen umgeben, ist jetzt ohne Spur eines Wasserbehälters und mit Steinen von verschiedner Größe übersät, zwischen denen viele Bäume stehen, die noch jetzt ihr volles Laub beibehalten hatten, was es für uns zu einem doppelt angenehmen Lagerplatze machte. Außer mehreren ansehnlichen Exemplaren der hier so häufigen Akazien- und Mimosengattungen bemerkte ich auch in großer Anzahl eine ganz verschiedene Art der letzteren, deren zierliche Gestalt, als sei sie von einem altfranzösischen Gärtner zugeschnitten, vollständig die Form eines ausgeschweiften Kelchglases mit dünnem Fuße darstellte. Außerdem fand sich eine schöne Prunusart vor, die unserem wilden Apfelbaume glich und die wir auch schon früher einigemale in der Wüste angetroffen hatten. Nach dem erlittenen Desaster fanden wir es für gut, noch einen Tag länger hier zu verweilen, und erfreuten uns während desselben einer nebligen Witterung, wo die Sonne den größten Teil des Tages über nicht in roter, sondern blaßblauer Farbe und ohne Strahlen zu werfen am Himmel sichtbar blieb. Ein sanfter Ostwind wehte dazu, der die angenehme Kühle von 24 Grad Reaumur herbeiführte. Dies stählte unsre Nerven und gab neue Kräfte zur Ertragung fernerer Strapazen. Gegen Abend langten mehrere Reisende aus Khartum mit ihrem Gefolge sowie eine Kamel- und eine Rindviehherde aus dem Sennar an, um von dem Wasser der Grotte ihren Teil zu nehmen. Einige der Zugochsen dieser Herde waren von der größten Schönheit, besonders zeichnete sich einer derselben, von kohlschwarzer Farbe mit weißer Schweifspitze, aus, der mir das wahre Modell eines göttlichen Apis der Vorzeit verbildlichte. Außerdem kamen auch regelmäßig früh und abends alle Herden der Umgegend zum Tränken nach dem Tale, so daß es unsrem Lager nicht an mannigfacher Belebung fehlte. Ich hatte meine Residenz in einer kleinen Höhle aufgeschlagen, die sich in halber Höhe des Felsenkranzes befand, welcher das Tal umgibt und von wo ich wie aus einer Theaterloge die wechselnden Bilder unsers Biwaks mit einemmal übersehen konnte, ein ganz eignes Schauspiel in der seltsamsten Beleuchtung einer himmelblauen Sonne und phantastisch darüberrollender Nebel. Mir gegenüber vertiefte sich bis in undurchdringliche Nacht die mystische Grotte, an deren grasgrünem Wasserbecken ein großes Feuer empor loderte; unter mir überschaute ich das ganze Steintal mit seinen eleganten Bechermimosen, zwischen denen alle die verschiedenen hier anwesenden Tiere, Pferde, Kamele, Esel, Rindvieh, Ziegen und Schafe umherwandelten oder im Schatten ausgestreckt lagen. Abwechselnd ward ich neben ihnen bald eines nackten Negers oder eines Arabers in seinem weißen Gewande gewahr, die mit Verwunderung die Ameisentätigkeit unserer Europäer betrachten mochten, von denen der eine eben sich bemühte, einen der großen Adler zu schießen, welche auf den hiesigen Felsen horsten und viel scheuer als die Geier sind, der andere sans façon eine der reisenden Kühe aus dem Sennar einfing, um sie zu unsrem Tee zu melken, ein dritter von Kessel zu Kessel schritt, um, den Kochlöffel gleich einem Szepter in der Hand schwingend, seinen wichtigen Funktionen obzuliegen, und der vierte endlich im grün und gelb vegetierenden Pfuhle der Grotte umherschwamm, deren kühlendes obgleich schmutziges Bad er unter dem Schutz ihrer unsichtbaren Nymphen allem übrigen vorzog. Da wir noch einen Marsch von zwölf deutschen Meilen bis zum nächsten Brunnen zu machen hatten und daher die Distanz lieber mit abwechselnden kurzen Ruhepausen auf einmal zurücklegen wollten, als einen ganzen Tag lang ohne Wasser unterwegs zu lagern (denn der größte Teil unserer Schläuche war durch die traurige Avantüre mit dem Löwen zum ferneren Wasserhalten untauglich geworden), so verließen wir Jackdull am 16ten schon um fünf Uhr nachmittags und ritten dann in einem Strich sechs Meilen weit durch eine endlose Ebene, die nur hie und da wenige vertrocknete Bäume und Binsen aufwies. Als die Nacht einbrach, stand des Mondes Sichel schon hell am Himmel, und unsre beiden schwarzen Führer begrüßten ihn durch einen recht wohlklingenden Gesang, der mir besonders dadurch auffiel, daß dies die ersten afrikanischen Sänger waren, welche ich nicht durch die Nase, sondern wie Europäer mit voller Bruststimme singen hörte. Die Melodie war heiter, ich möchte sagen tändelnd, und nicht ohne Anmut. Es wird zum Behuf eines anschaulichen Lokalbildes dienen, diese beiden Eingebornen hier mit wenigen Zügen zu schildern. Der älteste von beiden war ein gedrungen gebauter, kleiner Mann von ungefähr 35 Jahren, der uns schon von Meravi an begleitet und von uns wegen seiner furienartigen Coiffure den Namen «des Waldteufels» erhalten hatte. Dickes pechschwarzes Haar, das er ohne alle weitere Kopfbedeckung trägt, hängt ihm von allen Seiten bis über die Schultern wie Schlangen herab und vermischt sich mit einem gleich üppigen und gleich schwarzen Barte, der auch nicht viel weniger lang ist. Schlohweiße große Zähne, die fast immer sichtbar bleiben, und brennende kleine Augen schauen aus dem runden Gesicht hervor, das in seiner Ungewaschenheit die Farbe eines von Ruß geschwärzten alten kupfernen Kessels hat. Brust und Schulterblätter sind so hervorstehend und so fleischig, daß sie auf die seltsamste Weise, vorn wie auf dem Rücken, die wiederholte Form eines weiblichen Busens präsentieren; die Beine dagegen mit den dicken Knien sind äußerst mager und fast ohne Waden, ein Fehler, der bei den Arabern häufig, bei den Barabras, Dongolesen und den hiesigen Einwohnern aber fast allgemein ist. Füße und Hände zeigen sich wohlgeformt, wie es ebenfalls bei den meisten der Eingebornen stattfindet. In jeder Backe sind unsrem Freunde fünf tiefe, parallel laufende Linien eingebrannt, was teils als Zierde, teils als Präservativ gegen Krankheiten dienen soll. Zu diesem letzteren Zwecke trägt er auch noch am rechten Arme ein Bracelet von Leder mit einer Kapsel aus gleichem Stoff, die ein geschriebenes Amulett verschließt. Am linken Arme bildet den Pendant zu diesem Schmuck ein messerartiger Dolch, und über der Schulter hängt, so wie wir ein Jagdgewehr tragen, an einem kurzen, breiten Riemen ein Schwert mit eisernem Kreuzesgriff. Man versicherte mir in Khartum, daß diese hier sehr allgemeinen Waffen in Holland verfertigt würden und einen bedeutenden Handelsartikel für die hiesigen Länder ausmachen. Die europäische Arbeit war wenigstens nicht daran zu verkennen. Außer einem kleinen Leinwandschurz um die Lenden geht unser Original, gleich seinen Landsleuten, völlig nackt, und nur höchst selten schnallt er sich dünne Ledersandalen an oder schlägt ein Tuch um den Kopf. Dafür sind Körper und Haare mit Fett fortwährend wohl eingeschmiert, und er ermangelt nie, nach der Mahlzeit der Diener, an der er sonst nur wenig teilnimmt, den Rest des Fettes oder der Butter, welcher in der Schüssel zurückbleibt, sorgsam auszukratzen, um ihn als kostbare Salbe für sich zu benutzen. So ekelhaft uns dies erscheinen mag, so befriedigend ist doch das Resultat, denn es hält die Insekten gänzlich ab und gibt der Haut des Körpers die größte Schönheit. Ich sah nie in Europa eine Frau, deren Haut am ganzen Körper einen so wundervollen matten Glanz, eine solche fleckenlose Ebenheit und eine solche Samtweiche gehabt hätte, als hier fast allgemein bei Männern und Weibern angetroffen wird. Dazu gestehe ich, daß mir die rötlich schwarzbraunen Nuancen von allen Menschenfarben als die schönsten erscheinen, weiß dagegen mir jetzt immer wie krankhaft vorkommt, das Negerschwarz aber wie verbrannt. Wenn die Sonne auf den Nacken eines Individuums von jener gerühmten Farbe scheint, so glaubt man einen dunklen Seidenflor über Goldplatten ausgebreitet zu sehen, und Atlas wie Samt fassen sich hart dagegen an. Ich für meine Person zweifle daher auch nicht – da die Bibel sich nicht deutlich darüber ausspricht –, daß Adam im Paradiese diese Hautfarbe als die normale besessen haben müsse, und seitdem erst seine nordischen Kinder von Kälte, Kummer, Not und zu vielem Nachdenken blaß geworden, die südlichen aber von der glühenden Sonne wie im Ofen schwarz gebeizt worden sind. Des Habib-Allah (dieser Name ist wörtlich unser deutsches «Gottlieb») Fassungskraft war weit schwächer als sein Körper und seine Seele wahrscheinlich auch weniger schön als seine Haut. Oft war es schwer, nicht ungeduldig über sein Benehmen zu werden. So ist es eine zwar im Grunde unnütze, aber bei einer beschwerlichen langen Tour doch gewissermaßen erleichternde Sache (ohngefähr so wie das Schreien beim Schmerz) zu fragen: ob man noch weit bis zum Ziele habe, ob die Hälfte, das Drittel des Weges zurückgelegt sei; wieviel Stunden noch durchritten werden müßten usw. Alle diese Fragen konnten Habib-Allah nie verständlich gemacht werden, und seine Antworten blieben immer ganz unbefriedigend, weil er unter «weit» nur das zu verstehen fähig war, was eine ganze Tagesreise oder darüber umfaßte; unter «nahe», was keine ganze Tagesreise betrug, eine Sonderung des Weges aber in verschiedene kleinere Abteilungen oder gar eine Berechnung nach Stunden durchaus nicht zu begreifen vermochte. Frug man ihn, auf entfernte Berge oder einen andern Gegenstand hinweisend: Liegt der Ort, nach dem wir gehen, vor oder hinter diesem Berge? – so konnte man keine andere Antwort von ihm erhalten als: «Der Ort, wo wir hingehen, liegt vor und nicht hinter uns.» Übrigens war er stets guter Laune und alles ihm recht. Indolenz und Heiterkeit scheinen wahrlich die Grundzüge des Charakters aller seiner Landsleute zu sein. Gutmütig und dienstfertig, mit scharfen Sinnen begabt, fast ohne Bedürfnisse und gegen alles abgehärtet gleich den Tieren, mit der kleinsten Gabe begnügt und die geringste Gunst des Schicksals als ein Glück ansehend, scheinen sie völlig zufrieden zu leben, ja sie genießen vielleicht so die einzig mögliche, wahre Freiheit. Denn nur wer für sich selbst nichts und folglich auch keinen andern braucht, mag sich mit Recht frei nennen – welche Galeerensklaven aber sind wir unglückseligen Europäer in dieser Hinsicht! Wir spürten es in den letzten Tagen dieser Wüstenreise, wo wir sämtlich auf etwas Reis ohne Zutat und verfaultes Wasser reduziert blieben, was uns Herren niedergeschlagen und mißmutig, alle unsere europäischen Diener aber widerspenstig und nachlässig machte, während diese glücklichen Menschen von alledem gar nichts bemerkten, da jede Temperatur ihnen gleichgültig, jedes Wasser ihnen recht und ein bißchen angefeuchtetes Mehl zur Nahrung schon ganz hinlänglich war. Habib-Allahs guter Humor ward dabei oft noch so überfließend, daß er vom Kamel herabsprang und, ohne unsern Marsch aufzuhalten, in der fürchterlichsten Hitze neben den Tieren herlaufend, zugleich mit gezogenem Schwerte einen Waffentanz ausführte, dessen groteske Sprünge und linkische Körperverdrehungen auch den Verdrießlichsten zum Lachen bringen mußten. Je mehr wir aber über ihn lachten, desto zufriedner und geschmeichelter fühlte er sich selbst. Unser zweiter Führer, den wir erst von Magaga aus angenommen hatten, war von etwas verschiednem Schlage und eine Art Dandy unter seinen Landsleuten, weit aufgeweckter als Habib-Allah, obgleich nicht scharfsichtiger in intellektueller Beziehung, aber gesprächiger, noch mehr zum Scherz geneigt und besonders viel eitler. Dies zeigte sich schon in seiner Tracht, denn außer seinem weit zierlicheren Schurz, Dolch und Amulett trug er auch noch Glasperlen in vielen Farben um mehrere Teile des Körpers gewunden. Seine Haare waren wie die der Weiber in hundert Flechten gedreht und an der Mitte des Halses in gleicher Länge sehr akkurat abgeschnitten. Um diesen sorgfältigen, altägyptischen Kopfschmuck fortwährend in bester Ordnung erhalten zu können, stak immer eine starke Binse hinter seinem rechten Ohr, wie bei uns die Comptoirschreiber ihre Schreibfedern zu plazieren pflegen. Wenn er nicht sprach, so sang er, trotzdem daß er fast den ganzen Weg zu Fuß neben uns herlaufen mußte, während Habib-Allah öfters ritt und ihm nur selten auf eine halbe Stunde lang den Platz auf seinem Dromedare einräumte. Beide vertrugen sich übrigens auf das beste, obgleich Habib-Allah, wahrscheinlich als der Ältere, immer den Ton einer gewissen Superiorität gegen seinen Gefährten beibehielt. Wir konnten erst am 17. nachts um elf Uhr den ersehnten Brunnen Abadlech erreichen, die Tiere waren fast erschöpft, und wir selbst todmüde. Man nennt bekanntlich das Kamel «das Schiff der Wüste», und ein berühmter Reisender behauptet, daß auch die Bewegung des Dromedars der eines Schiffes gleiche. Dies finde ich so unbegründet als möglich. Im langsamen Schritt desselben wird man zwar allerdings vorwärts und rückwärts geschaukelt, aber so unsanft, daß es mit der Bewegung eines Schiffes auch nicht das Mindeste gemein hat. Im Trabe aber stößt das Tier so gewaltig, daß auf langen Touren die Folge dieser anhaltenden Erschütterung bei den meisten ein permanentes Kopfweh hervorbringt, welches sich erst nach einigen Stunden Ruhe wieder verliert. Für Hypochondristen mag jedoch die Bewegung heilsam sein, denn der ganze Körper wird durchschüttelt wie ein Mehlbeutel in der Mühle. Dazu kommen noch die höchst unregelmäßig konstruierten Sättel, deren üble Wirkung auf die Sitzteile man durch alle aufgebundne Kissen und Teppiche doch nicht gänzlich aufheben kann. Auf meinem Dromedar, einem schönen Tiere, das aber fast einem Elefanten an Größe gleichkam, saß ich über dem Gerüste meiner Kissen gerade so hoch als auf dem Bocke einer englischen stage coach . Der Eigentümer wollte diesen Dromedar, welcher einer besondern Renommée in der Gegend genießt, durchaus nicht hergeben, als der Kascheff die nötigen Tiere für mich in Meravi requirieren ließ (Requisitionen, die nicht verweigert werden dürfen, die aber das Gouvernement bezahlt), bis eine Botschaft des Kascheff, welche dem Widerspenstigen lakonisch andeutete: in einer Stunde deinen Dromedar oder deine Ohren und Nase – die Wahl nicht länger zweifelhaft ließ. Man erschrecke nicht zu sehr über diese Tyrannei. Die Redensart des «Ohren- und Nasenabschneidens» ist seit Mehemed Alis Regierung hier ebensogut nur figürlich geworden als bei uns etwa die Drohung: einem das Fell über die Ohren zu ziehen. Die erste Phrase bedeutet hier nur einige Kurbatschhiebe, welche eine Sache kurz abmachen, statt deren dem armen Teufel bei uns vielleicht ein Prozeß an den Hals geworfen wird, der tausendmal länger dauert und schweres Geld kostet – beides dem Araber viel empfindlicher als seine Haut. Das Arbiträre der Requisitionsmaßregel aber selbst betreffend, so haben wir auch dabei in unsrem Vaterlande nichts voraus; denn wenn man unsern Gutsbesitzern, Pächtern und Bauern ihre Pferde gegen die schwächste Vergütigung zur Landwehrübung wegnimmt, nachdem man die Menschen schon vorher ohne diese abgeholt hat – was ich übrigens keineswegs tadeln will, da es eines sehr löblichen und gemeinnützigen Zweckes wegen geschieht –, so sehe ich doch in beiden Ländern hinsichtlich des Zwanges wenig Unterschied. Gewalt herrscht im Grunde hier wie dort, nur daß sie bei uns so methodisch organisiert ist, daß selbst der Gedanke eines Widerstandes unmöglich wird, während hier noch häufig ein solcher versucht wird und nicht selten sogar der einzelne damit ungestraft durchschlüpft. Welt ist Welt, und die Hauptsachen verändern sich überall wenig – das unbestreitbarste Recht wird immer das des Stärkeren bleiben, und ebenso wird der alte französische Zyniker Recht behalten: «Qu'il y aura toujours et partout beaucoup de fripons et encore plus de dupes.» Freilich sind die Modifikationen unzählig – und diese brillanten Variationen, welche der große Geist fortwährend auf das Thema der Menschheit komponiert, höchst wunderbar. – Hier herrscht nun noch der absolute Herr «par la grâce de Dieu et du Kurbatsch». Bei uns glauben die Leute glücklicher zu werden, wenn ein konstitutioneller Apparat in Bewegung gesetzt wird. Die Macht weiß sich aber auch dort geltend zu machen, und – wie ein schlauer Advokat den dummen Bauer mystifiziert – wird auf diesem Wege oft eine Nation ganz leicht dahingebracht, sich durch erkaufte Repräsentanten dasjenige selbst aufzubürden, was kein Minister und kein Despot ihr unter andern Umständen je gefahrlos zuzumuten hätte wagen dürfen. Es ist aber viel besser, über all dergleichen zu lachen als zu weinen und sich überall recht herzlich mit dem zu begnügen, was da ist. In dieser Hinsicht finde ich selbst die Chinesen sehr weise. Das von Jackdull mitgenommene Fleisch war verfault, ehe wir es genießen konnten; das Wasser des Brunnens, wo wir Halt machten, war ebenfalls faul und brackig, Brot und Wein hatten wir nicht mehr, etwas Reis mußte daher unser Abendmahl liefern, wie er schon am Tage unser Frühstück ausgemacht hatte und am folgenden wieder ausmachen mußte. Während man am nächsten Morgen aufpackte, hatte ich Kissen und Teppich in den Schatten eines alten Baumes legen lassen und ruhte mit dem Kopfe hart am Stamm, bis man mein Dromedar vorführte. Im Aufstehen hörte ich einen zischenden Ton hinter mir und erblickte, mich umwendend, eine große, kohlschwarze Schlange, die, noch halb im hohlen Baumstamme verborgen, mit Kopf und Vorderteil zusammengeringelt auf meinem Kissen ruhte, dicht neben der Stelle, wo mein Haupt den Eindruck zurückgelassen hatte. Es ist kein Zweifel, daß die Schlange, von der Weiche und Wärme angezogen, schon eine geraume Zeit in dieser Stellung dicht neben mir verweilt haben mußte, und nur mein sie störendes schnelles Aufspringen ihr zorniges Zischen verursachte. Sie war ohngefähr zwei bis drei Finger dick, und nach der Eingebornen Aussage von der giftigsten Art. So entgeht man oft Gefahren, ohne das mindeste davon zu ahnen. Der Teil der Wüste, den wir an diesem letzten Tage und in der Nacht durchritten, verdiente am besten den Namen Wüste, denn er bestand durchgängig aus einer endlosen Ebene, plan wie das Meer und ohne Spur des geringsten Gräschens; doch blieb der Sand hart und war an vielen Stellen dicht mit zerbröckeltem schwarzen Gestein bedeckt. Erst gegen das Ende unsres Marsches kamen wir an ein Akaziengebüsch, in dem das Grunzen einiger Hyänen unsre Tiere etwas beunruhigte. Wir stiegen ab, um womöglich eine davon zu schießen, wozu der Mond hell genug schien, konnten sie aber bei ihrer schnellen Flucht nicht einholen. Nach Mitternacht erblickten wir endlich die Häuser von Metemma, seit der Zerstörung Schendys der Hauptort des Distrikts, wo alles noch im tiefsten Schlafe lag und wir lange Zeit brauchten, ehe wir einen Boten auffinden konnten, um uns nach unsern Zelten am Nil zu führen, da der Fluß nur beim höchstem Wasserstand die Stadt erreicht, jetzt aber noch eine starke halbe Stunde davon entfernt strömt. Verdurstet und erschöpft, wie wir waren, kann man sich denken, mit welcher Wonne wir die kühlen Fluten begrüßten und uns in ihrem Nektar berauschten, denn diesmal ward ich vollkommen inne, wie frisches Wasser zum wahren Nektar werden könne. Nicht viel weniger Genuß gewährte uns am Morgen das Bad, obgleich man uns wegen der nun immer häufiger werdenden Krokodile, die besonders beim Beginn des Flußanschwellens gefährlich sind, sehr davon abriet. Auch sahen wir während unsers zweitägigen Aufenthalts an dieser Stelle nie einen Eingebornen ins Wasser gehen. Es ist sonderbar, daß diese Tiere an gewissen Orten (und auch dort nicht immer, nach Proportion ihrer größern oder geringern Menge) weit mehr als an andern zu fürchten sind. In Assuan zum Beispiel hat man noch nie einen Menschen von ihnen angreifen sehen, während man sich in Ouadi-Halfa außerordentlich vor ihnen in acht zu nehmen hat. Bei Dongola sind sie wieder harmloser, obgleich zahlreicher. Der Kascheff von Ouadi-Halfa erzählte mir, als ich dort war, daß er im vorigen Jahre mit einem Freunde ausging, um sich unfern der Katarakten zu baden. Kaum waren beide nur wenige Fuß weit in den Fluß hineingeschritten, wo ihnen das Wasser noch nicht bis an den halben Leib ging, als ein Krokodil neben ihnen auftauchte, seinen Gefährten mit dem Schweif erfaßte, und sogleich wieder mit ihm im Wasser verschwand. Kurz darauf sah er in einiger Entfernung das Untier von neuem zum Vorschein kommen, mit seiner Beute spielend wie die Katze mit der Maus, bis es auf einer kleinen Insel landete, und dort den allem Anschein nach leblosen Körper vor des Kascheffs Augen zu verzehren anfing. Noch an demselben Abend ward ein Knabe und eine Ziege in derselben Gegend der Raub eines andern Krokodils. Die Hauptgefahr besteht darin, daß sich dieses Reptil im Sande des Flußbettes eingräbt, und dann, plötzlich daraus hervorbrechend, wie der Ameisenlöwe seine Beute erfaßt. Kommen die Krokodile von fern herangeschwommen, so ist es weit leichter, ihnen zu entgehen, doch hat man sie in Metemma häufig mitten im Fluß Jagd auf Menschen machen sehen, wobei man behauptet, daß sie, wenn ihnen die Wahl zwischen einem Schwarzen und einem Weißen freisteht, immer den letzteren vorziehen. Zuweilen verfolgen sie Menschen selbst auf dem festen Lande, wo man indes nur immer im Kreise umherzulaufen braucht, um ihnen bei der Schwerfälligkeit ihrer Wendungen des Einholen unmöglich zu machen. Um zehn Uhr besuchte mich der Kascheff von Metemma mit mehreren andern Türken und Arabern, unter denen vorzüglich der Schech Bischir vom Stamme der Dschalin-Araber meine Aufmerksamkeit erregte, weil Herr Rüppel seiner erwähnt und angibt, daß dieser sehr zuverlässige Mann ihm Nachrichten über die noch nie von einem Europäer besuchten Ruinen der Stadt Mandera erteilt und als Augenzeuge, der selbst dort gewesen, davon gesprochen habe. Es fand sich indes, wie nach der Länge der seitdem vergangenen Zeit zu vermuten war, daß der Schech Bischir, den wir vor uns hatten, nur der Sohn desjenigen war, den Herr Rüppel gekannt. Auch der gegenwärtige hatte einmal von Mandera reden gehört, leugnete aber, daß sein Vater je dort gewesen sei, und wollte ebensowenig zugeben, daß er sich dessen gegen einen Europäer gerühmt habe. Hier war also keine genügende Auskunft zu erhalten, indes fand sich nachher ein Sklave des Kascheff vor, der das Dasein der Ruinen von Mandera bestätigte, zugleich aber dahin berichtigte, daß Mandera weder eine Stadt, noch ein Dorf, sondern ein Berg sei, auf dessen Gipfel wie an seinem Fuße einige Trümmer von Gebäuden stünden; doch sehe man weder Säulen noch Pyramiden darunter. Einige Stunden davon befände sich ein halb verlassenes Dorf, dessen Name er sich nicht mehr erinnern könne. Die Lage der Ruinen gab er ebenfalls nach den von ihm bestimmten Distanzen gewisser Städte verschieden von Herr Rüppel, nämlich mehr südlich und dem Nil näher an. Wir werden später sehen, daß die Nachrichten dieses Mannes in erster Hinsicht der Wahrheit entsprachen, was in der Tat in diesen Ländern als eine große Seltenheit zu betrachten ist, in der zweiten Behauptung aber irrte er sich. Herrn Rüppels eingezogne Nachrichten waren unrichtig, obgleich er die darauf bezügliche Stelle mit seiner gewöhnlichen Anmaßung folgendermaßen schließt: «Die obigen Notizen über Mandera wurden zwei Jahr später von Herrn Cailliaud in seinen Reisen Vol. III. pag. 138 auch angeführt. Es wäre interessant zu wissen, ob er dabei bloß nach mir abgeschrieben hat oder ob auch ihm dieselben Angaben aus verschiedenen Quellen zugekommen sind.» Herr Cailliaud hat wahrlich nicht nötig, Herrn Rüppel abzuschreiben; es gibt keinen Reisenden, der gewissenhafter, genauer und wahrheitsliebender selbst beobachtet und keine Mühe dabei gescheut hat als Herr Cailliaud, wie ich mich selbst zu überzeugen so vielfache Gelegenheit fand und ihm gar oft den wärmsten Dank dafür gezollt habe; denn obgleich Herr Cailliaud kein Gelehrter war, so ist doch kein Führer sicherer als er, wo er selbst gewesen, über Mandera ist er jedoch ebenfalls nicht genau unterrichtet worden und erzählte bloß, was er gehört hatte. Dem Gefolge des Kascheff hatte sich auch ein Ober-Kawaß Mehemed Alis angeschlossen, dem dieser großmütige Herr ein Kapital von 50 000 Piastern auf zwei Jahre ohne Zinsen dargeliehen, mit der einzigen Bedingung: für die ganze Summe hier und im Sennar Vieh aufzukaufen und dieses nach Ägypten zu bringen, wobei aller Vorteil beim Wiederverkauf des Entrepreneurs Eigentum bleibt. Da nun das Vieh hier so wohlfeil ist, daß ein Kamel nicht mehr als achtzig Franken, der schönste Zuchtstier bis dreißig und ein Schaf nur einen Franken kostet, in Ägypten aber die Preise sechs- und zehnfach höher stehen (bei Schafen oft zwanzigfach), so ist kein Zweifel, daß mit allen Kosten des Transports und trotz des großen Verlustes auf der Reise – den hauptsächlich die noch sehr schlechten Einrichtungen für diesen Zweck und der gänzliche Mangel an Tierärzten, worüber ich in der Folge ausführlichere Nachricht geben werde, herbeiführen – der Gewinn sehr bedeutend sein und das verwendete Kapital bei weitem übersteigen muß. Mehemed Alis Zweck dabei aber ist allein (wie man sich aus seinen eignen Äußerungen erinnern wird): den Ägyptern den großen Vorteil dieses Handels immer anschaulicher und denselben dadurch populär zu machen, was für beide Länder natürlich vom größten Nutzen sein muß, da es hier fast ganz an Kapital, dort noch im großen Maße an der gehörigen Menge Vieh sowohl zur Bearbeitung der Felder als zum Betriebe der Sakis fehlt, die so viel Tausende von Ochsen jährlich erfordern, welche bei dem schweren Dienst und den häufigen Seuchen nie lange ausdauern. Da sich weit und breit kein einziger Baum in dieser Gegend befand, so hielt uns die gewaltige Hitze den ganzen Tag über im Zelte zurück, das wir erst nach Untergang der Sonne verlassen mochten. Die Nacht entschädigte uns. Der Mond war fast voll und der schwarzblaue Himmel mit tausend duftigen zarten Wölkchen gesprenkelt, die sich, wie einander jagend, lustig darauf umhertummelten. Unter dieser Beleuchtung nahmen wir unsre Mahlzeit dicht am Wasser im Freien ein und fanden es dabei so hell, daß wir nachher sogar unternahmen, beim Mondenschein ein Buch über den Mond selbst zu lesen, das ich zufällig mitgenommen hatte, während wir abwechselnd mit unsern Perspektiven das glänzende Gestirn betrachteten und den Mann im Monde mit der vor uns liegenden phantasiereichen Karte des Münchener Astronomen verglichen. Der Thermometer zeigte in dieser Nacht 28 Grad Reaumur. Aller Appetit zum Essen verliert sich bei dieser Temperatur; den größten gastronomischen Genuß gewährt nur das Nilwasser und besonders die unlimitierte Menge desselben, welchem die vortrefflichen getrockneten Datteln von Sokkot noch einen angenehmeren Geschmack beimischen. Wenn das Kamel das Schiff der Wüste ist, so kann man die Dattel füglich das Brot derselben nennen. Auch nimmt man gar bald die Gewohnheit an, immer eine Handvoll dieser Früchte in der Tasche mit sich zu führen. Die Dattel erfrischt, nährt und vertreibt auch die Zeit gleich der Pfeife auf den langen Ritten in der Wüste, weil man sie nur langsam im Munde zergehen läßt, während man seinen Gedanken Audienz gibt. Wir fanden den Nil schon bedeutend angeschwollen, und jede Minute hörte man den losen, durch seine treibenden Wellen unterminierten Sand in kleinen Massen von den schroffen Ufern nachstürzen, wovon das Wasser oft so hoch aufspritzte, daß wir im Anfang einem großen Fisch oder einem Krokodil die Ursache davon beimaßen, bis wir den wahren Grund ausfindig gemacht hatten. Bei Gelegenheit des Gegenbesuches, den ich am 20. Mai dem Kascheff abstattete, hatten wir Muße, Metemma im Detail zu betrachten, das ziemlich so groß als Dongola und gleich ihm nur aus getrockneten Erdziegeln aufgebaut ist, aber im ganzen ein noch viel elenderes Ansehen hat. Das Wüten des Defterdar Beys, der hier an sechstausend Menschen, Schuldige wie Unschuldige, spießen und niedersäbeln oder in die Flammen der brennenden Häuser werfen ließ und dadurch Metemma wie Schendy fast entvölkerte, zeigt leider noch seine traurigen Folgen. Allen Weibern und Mädchen, die verschont wurden, ließ er das Sklavenzeichen aufbrennen und sandte sie nach Kahira. Doch befahl Mehemed Ali bei der ersten davon erhaltenen Nachricht, sie frei zurückkehren zu lassen, und verwies dem Defterdar seine Grausamkeit so streng, als es ihm damals möglich war. Der hiesige Kascheff konnte uns die beste Auskunft über diese Begebenheiten erteilen, da er als junger Mann mit dem Defterdar hierher kam und seit der Zeit seinen jetzigen Posten weit länger bekleidet hat, als es sonst unter dem ägyptischen Gouvernement üblich ist. Er schien uns ein ehrlicher und folglich auch ein armer Mann, der wenig Bequemlichkeiten des Lebens kannte und uns in seiner kümmerlichen Behausung nur mit Zuckerwasser zu regalieren imstande war. Er suchte den Defterdar, dessen Grausamkeit er nicht leugnen konnte, doch dadurch zu entschuldigen, daß er auch auf das heftigste von den Einwohnern dazu gereizt worden sei. Denn nachdem er Schendy, eine damals sehr blühende und viel Handel treibende Stadt, als Racheopfer für Ismael Paschas Tod verwüstet hatte, verkündete er dem übrigen Lande eine allgemeine Amnestie und begab sich zu dem Schech von Metemma als Gast. Nach einem großen Versöhnungsmahle, welches dort stattgefunden, näherte sich ihm einer der Eingebornen mit dem Ansehen, als wenn er ihn um etwas bitten wolle. Kaum hatte sich aber der Defterdar freundlich zu ihm gewandt, als der resolute Neger einem nebenstehenden Soldaten des Schechs die Lanze aus der Hand riß und den Defterdar damit so heftig unter der Schulter durchstieß, daß der Schaft abbrach und der Getroffene, noch mit dem Eisen in der Wunde, auf die Bodenmatte niederstürzte, wo er mehrere Minuten besinnungslos liegenblieb. Der Täter ward nicht gespießt und gemartert, wie gewöhnlich erzählt wird, sondern sogleich vom Gefolge des Defterdar in Stücke gehauen. Das folgende Trauerspiel aber war ebenso gräßlich als unsinnig, da es um eines Schuldigen willen alle Einwohner der Stadt vertilgte. Auch der Schech und alle in seinem Hause anwesenden Gäste wurden niedergemacht. Es ist wahrlich zu verwundern, daß nach allen diesen Greueln die Gegend sich während der fünfzehn Jahre, die seitdem vergangen, noch insoweit wieder hat aufraffen und von neuem bevölkern können, als es wirklich der Fall ist, so daß man jetzt schon wieder viele tausend Einwohner hier zählt, welche mancherlei Gewerbe treiben. Unter andern verfertigt man in dieser Stadt ein schön hochrot gefärbtes Baumwollenzeug, eine grobe Art grauer Leinwand, und sehr zierliche Matten und andere Gegenstände aus Palmblättern. Straußenfedern wurden uns in großer Menge zu einem Spottgelde angeboten, und ich habe später sehr bedauert, aus Nachlässigkeit nicht mehr davon eingekauft zu haben. Das Pfund zu einem Franken, welches schon in Kahira 30 und mehr kostet. Abends brachen wir unsere Zelte ab und fuhren mit dem Kascheff den Nil nördlich hinab nach dem zwei Stunden entfernten, auf dem entgegengesetzten Ufer liegenden Schendy, das auf Rüppels wie anderer Karten als Metemma gerade gegenüber und noch südlicher als dieses liegend verzeichnet ist. Korschud Pascha, der Generalgouverneur vom ganzen Sudan, welcher in der Regenzeit hier einige Monate zuzubringen pflegt, hat sich zu diesem Behufe eine Viertelstunde von der Stadt und dicht am Flusse einen weitläufigen Palast aus Lehm erbauen lassen, der mir jetzt zur Wohnung angewiesen wurde. Weder die äußeren Mauern des Gebäudes, noch das Innere der Gemächer waren geweißt, alle Fußböden rohe Erde, welche man fünf- bis sechsmal des Tages begießt; die Diwans selbst nur aus Lehm errichtet, worauf Matten und Teppiche gelegt werden; die Zimmerdecken rohe Holzsparren und darüber ein dickes Geflecht aus Palmenrinde gelegt, auf welches der Estrich der obern Dachterrasse gepappt ist; die Fenster bloße Holzgitter mit Läden aus ungehobelten, lose aneinander gehefteten Brettstücken, die zwischen sich immer durch breite Spalten blicken lassen. Doch waren die Zimmer sämtlich von stattlichen Dimensionen, sehr hoch, luftig und daher verhältnismäßig kühl. Dies ist durchgängig des Landes Sitte, jeder wohnt so, und nur der Umfang und die Größe der Räume zeigt den Reicheren und Vornehmeren an. Die Nacht schläft man gewöhnlich außerhalb des Hauses im Freien auf einem Teppich, was wir nachahmten und sehr angenehm fanden. Das Geschrei der Pelikane und großen Frösche ertönte dabei die ganze Nacht hindurch wie aus einer Judenschule. Der Fluß ist überhaupt hier mit vielem Geflügel belebt, und namentlich sieht man wilde Gänse und Enten in großer Quantität. Als ich früh noch vor Sonnenaufgang mich badete, während mehrere Weiber daneben ihre Wäsche klopften, machte man mir Zeichen, daß sich ein Krokodil nahe. Wirklich sah ich das Tier ungefähr in der Entfernung von zwanzig Schritten einigemal den Kopf aus dem Wasser heben. Es war aber nur ein kleines Exemplar, dem ich zu weichen nicht für nötig fand. Mein Dragoman holte einige Araber herbei, die sich im Kreise um mich her stellten und fortwährend mit Stöcken in das Wasser schlugen, was mir Zeit gab, mein Bad ruhig zu beenden, ohne daß sich das Krokodil wieder blicken ließ. Der Kascheff tadelte dennoch meine Sorglosigkeit und führte zur Bekräftigung die folgende, fast unglaubliche Anekdote an. Einige der Anwesenden von seinem Gefolge wollten zwar die Wahrheit derselben verbergen, indes, wahr oder unwahr, ist sie doch von der Art, daß sie in einer neuen Ausgabe von Münchhausens Werken sehr wohl mit aufgenommen werden könnte. «Es ist noch nicht lange her», begann der Kascheff, «daß ein Mann aus Berber sich hier niederließ, den wir alle gekannt haben. Eines Morgens führte er sein Pferd zum Tränken an den Nil, band den Strick, an dem er es hielt, um seinen Arm und kniete, während das Tier seinen Durst löschte, zum Gebet nieder. In dem Augenblicke, wie er mit dem Gesicht auf dem Boden liegt, fegt ihn ein Krokodil nach der gewöhnlichen Art seines Angriffs mit seinem Schweif in das Wasser und verschlingt ihn. Das Pferd, entsetzt, wendet alle Kräfte an, um zu entfliehen, und da der im Bauch des Krokodils befindliche Arm seines toten Herrn, an welchem der Strick festgeknüpft war, diesen nicht mehr loslassen konnte und der Strick auch nicht zerriß, so zog das entsetzte Pferd an demselben das Krokodil selbst nicht nur aus dem Fluß heraus, sondern schleppte ihn auch über den Sand bis an die Türe seines eignen Stalles fort, wo er bald von der herbeikommenden Familie getötet und der entseelte Körper des Verunglückten noch in seinem Innern ganz unversehrt gefunden wurde.» Gegen Mittag kamen hundert Negerrekruten, als Ergänzungsmannschaften für den Krieg im Hedschas bestimmt, zu Schiffe hier an. Sie waren alle in weiße Leinwandhemden gekleidet und wurden bis zum andern Morgen, um ihr Desertieren zu verhindern, in den Hof des Schlosses eingesperrt, wo sie biwakierten. Ich besuchte sie des Nachts mit dem Doktor kurz nach ihrer Mahlzeit. Alle lagen in tiefem Schlaf, aber zugleich in so grotesken, wunderlichen Stellungen, wie ich nie von Europäern gesehen, wozu sie sämtlich ihre Leinwandhemden über den Kopf gezogen hatten; denn nur diesen Teil ihres Körpers bedecken die Einwohner immer sorgfältig während des Schlafes. Die Sterblichkeit unter diesen, so robust und stark aussehenden Leuten soll furchtbar sein, und viele Tausende von ihnen haben schon im Hedschas ihr Grab gefunden, wo sie meistenteils nicht durch die Waffen der Feinde, noch selbst am Klima, das, obgleich ungesund, doch von dem ihrigen nicht sehr verschieden ist, sondern – am Heimweh starben. Die alle Jahr regelmäßig vorgenommenen Sklavenjagden auf die wilden Neger im Innern liefern diese Unglücklichen dem Gouvernement, eine Grausamkeit, die nicht zu entschuldigen, leider aber bei allen Völkern im Innern Afrikas so allgemein ist und allen Gouverneuren dieser Provinzen, die zugleich ihren Privathandel mit den eingegangenen Sklaven treiben sowie ihren eignen Bedarf damit versorgen, so viel Vorteil bringt, daß es Mehemed Ali sehr schwer werden würde, sie radikal abzuschaffen. Den Zeitungen nach hat er sie jetzt verboten, ich zweifle aber an der Ausführung des Befehls durch die Untergebnen und selbst an der ganzen Aufrichtigkeit desselben von oben. – Je weiter man von hier aus vordringt, desto mehr bemerkt man allerdings, daß des Vizekönigs persönliche Autorität schwächer wird und bei aller Ehrfurcht für ihn als Herrn doch direkt mehr auf seine Stellvertreter übergeht, die mehr gefürchtet werden und von denen mehr gehofft wird, eben weil sie an Ort und Stelle sind und Mehemed Ali fern. In Khartum und in Kordofan sind in dieser Hinsicht seine Gouverneure mächtiger als er, und er muß, solange sie diese Posten bekleiden, um so behutsamer mit ihnen umgehen, um sich vor ihrem Abfall zu sichern, besonders seit sein Stern durch europäische Einmischung so sehr erblichen ist. Hier müssen die Folgen davon doppelt bedauernswert werden, da so unendlich viel hier zu tun, so viel Elend und Barbarei hier zu mildern und so viel neues Glück, Wohlergehen, ja Reichtum geschaffen werden könnte, wenn Volk und Land nur einigermaßen zivilisiert würden. Die gebrochne Macht Mehemed Alis kann dies nicht mehr unternehmen. Mein Dragoman war am Abend bedeutend krank an einem entzündlichen Fieber geworden, was mich nötigte, einige Tage hier zu verweilen, doch haben ihn einige Aderlässe und Senfpflaster schon wieder auf den Weg der Besserung geführt. Während dieser Zeit langte ein Boot unter englischer Flagge hier an, auf dem sich Herr Doktor Holroy befand, ein junger Mann, der seit einem Jahre diese Gegenden bereist und jetzt aus Kordofan zurückkehrte. Dies war eine angenehme Diversion, und mehrere Stunden vergingen mir sehr angenehm in der Unterhaltung mit diesem unternehmenden und gebildeten jungen Mann. Er führte eine sehr vollständige Waffensammlung mit sich und erzählte viel Interessantes aus Kordofan. Unter andern von einem freien Stamme der Schallie-Araber zwischen Sennar und Kordofan, wo die Sitte herrsche, daß sich die meisten Weiber nur mit dem Beding verheiraten, den vierten Tag frei zu haben , das heißt an diesem Tage über ihre Person nach Gutdünken verfügen zu dürfen. Sie bekommen in diesem Fall bei der Hochzeit ein förmliches, schriftliches Attest ausgefertigt, das sie demjenigen, den sie an ihrem Frei-Tage zu begünstigen beschließen, für die Dauer des Tages einhändigen, wodurch er gesetzlich befugt wird, so lange in des Mannes Rechte zu treten. Bei der Hauptstadt Lobeid (nicht Obeid, wie auf den Karten steht) gibt es einen andern seltsamen Gebrauch. Viele Weiber und Mädchen vereinigen sich, um einzelnen Reisenden aufzupassen, und verlangen dann, sie mitten auf der Straße umringend, einen Bakschisch von ihnen, wogegen dem Reisenden das Recht gestattet wird, sich eine aus dem Trupp zum Ersatz seiner Spende auszulesen. Versagt jedoch der Reisende, den Handel einzugehen, so fallen die Damen gemeinschaftlich über ihn her und applizieren ihm statt ihrer süßen Gunst und nach dem Maßstab ihrer größeren oder geringeren Irritation 25 bis 50 sehr ernstliche Argumente a posteriori . Herr Holroy hielt dies anfänglich für eine bloße Fabel, als er aber eines Tages den Gouverneur auf seinem Landhause besucht hatte und erst spät abends mit einem jungen Führer, der zu Fuß neben ihm herlief, zurückritt, ward er selbst von diesen weiblichen Wegelagerern überfallen. Er für seine Person schützte sich leicht, da er zu Pferde war, aber der junge Führer ward gekapert, und da er sich durchschlagen wollte, niedergeworfen, festgehalten, umgedreht und wäre seinem traurigen Schicksale nicht entgangen, wenn nicht in dem Augenblick ein Trupp Soldaten von Lobeid des Weges angezogen gekommen wäre, bei welchem Anblick die Weiber ihren laut um Hilfe rufenden Gefangenen losließen und unter Lachen und Schreien in die Gebüsche entflohen. In Lobeid wird nicht nur alles tote Vieh, sondern selbst die gestorbenen Sklaven zum ruhigen Verfaulen in der Luft auf die Straßen der Stadt geworfen. Der dadurch entstehende gräßliche Gestank scheint für die Eingeborenen weniger Unannehmlichkeiten zu haben als die Mühe, die Kadaver fortzuschaffen. Lobeid ist der ansehnlichste und volkreichste Ort im Sudan unter ägyptischer Hoheit. Es zählte mehr als 20 000 Einwohner, die jedoch meistens nur in Toguls, zeltartigen Rohrhütten von eleganter Form, wohnen. Die Vornehmen allein haben Lehmhäuser wie hier. Das ganze nördliche Kordofan ist eine unabsehbare Savanne, mit Akazien und Mimosen bedeckt, teils vereinzelt, teils zu Wäldern vereinigt, voll Giraffen, Herden von Straußen und einer Menge sehr verschiedener Antilopen. Alluvialsand mit ergiebigem Raseneisenstein, den die Einwohner schmelzen und sehr gute Waffen daraus fertigen, deckt überall das Land. Einzelnstehende Berge lagern sich um Lobeid, der Kurbatsch, el Kordofan, Abugher etc., sämtlich aus jüngerem Granit, dem herrschenden Gestein von Mittel-Kordofan, der Grauwacke parallel. Löwen, Panther und Leoparden sind häufig. Den Viehreichtum im südlichen Sennar und Kordofan schilderte Herr Holroy als außerordentlich. Viele Einwohner besitzen Herden von mehr als 10 000 Stück, welche sich alle auf den Savannen nähren, was einen bedeutenden Wasseruntergrund beweist. Überhaupt meinte der Doktor, daß diese Länder zu den reichsten Afrikas gehören könnten, wenn nur ein Kanal von Dschebel-Moigl am Bahr-el-Asrak nach dem weißen Nil gegraben würde, was nicht die mindeste Schwierigkeit hätte. Es würde dann zwischen diesen beiden Flüssen bis Khartum hin ein Delta, noch üppiger als Unterägypten, gewonnen werden. Hier wäre in der Tat die wahre Goldgrube für Mehemed Ali zu finden, wo er durch den Anbau von Baumwolle, Zuckerrohr, Indigo, Senna (die schon jetzt dort überall wild wachse) und der meisten Zerealien ungeheure Revenuen für sich hervorrufen könne. Ich selbst überzeugte mich später vielfach von der Wahrheit dieser Behauptung. Üble Nachrichten brachte Herr Holroy von der abessinischen Grenze, wo die Truppen des Vizekönigs bei der jährlichen Sklavenjagd das fremde Territorium nicht respektiert und große Exzesse begangen hatten. Als nun die Beschwerden der Abessinier kein Gehör fanden und dieses Jahr von neuem 2000 Mann der Truppen des Gouverneurs von Khartum ihr gewöhnliches Geschäft begannen, kam ihnen eine Armee von 30 000 Abessiniern entgegen, massakrierte 1200 der ägyptischen Soldaten und nahm die übrigen nebst dem Kommandierenden und dem Rest der Offiziere gefangen. Sie haben jetzt eine Liste aller Gefangenen eingeschickt und den Auslösungspreis für jeden bestimmt, widrigenfalls sie drohen, in einer angegebenen Zeit die Unglücklichen sämtlich zu Eunuchen zu machen. Dies ist überhaupt hier sehr Mode. So befindet sich infolge einer früheren Revolution in Darfur ein Bruder des dortigen Kaisers als Flüchtling in Lobeid, wo er auf Kosten Mehemed Alis zu einer passenden Gelegenheit aufgehoben und so lange standesmäßig ernährt wird. Außerdem aber treibt dieser Prinz noch einen sehr einträglichen Handel mit – jungen Eunuchen. Seine Hoheit geruhen sogar, nebst seinem Herrn Sohne, zu ihrem besondern kaiserlichen Zeitvertreib den größten Teil der dazu nötigen Operationen selbst zu verrichten. Diese Operation findet folgendermaßen statt. Das beklagenswerte Opfer (meistens Kinder) wird in frischen Sand eingegraben. Bloß der Kopf und die zu operierenden Teile bleiben frei. Die letztern werden dann durch einen Messerschnitt vollständig vom Körper getrennt und die Verblutung durch schnell darüber gegossenes – siedendes Blei gestillt. Nach 40 Tagen ist alles wieder geheilt, und es muß uns fast unbegreiflich scheinen, ist aber vollkommen wahr, daß trotz dieser barbarischen Behandlungsweise in der Regel kaum zwei von zwölfen daran sterben. Noch schauderhafter als dies war es mir, von Herrn Holroy zu hören, daß kürzlich ein Europäer, der den Sklavenhandel dort als Spekulation treibt, dem Sultan fünfzehn von ihm erkaufte Kinder zur Operation mit dem Beding verhandelte, daß ihm, statt des Geldpreises, fünf davon als Eunuchen gesund und völlig hergestellt zurückgewährt werden müßten. Auch in Oberägypten gibt es zwei christliche (koptische) Klöster, deren Hauptrevenue aus dem Verfertigen von Eunuchen gezogen und dies so sehr ins Große betrieben wird, daß fast ganz Ägypten und ein Teil der Türkei von dort aus versorgt wird. Im übrigen werden in Kordofan die Sklaven, wie überall im Orient, keineswegs grausam von den Eingebornen behandelt, doch sah Herr Holroy (aber wiederum bei einem Europäer) zwei Männer, denen wegen versuchter Flucht die Nasen abgeschnitten worden waren. Dergleichen ist schrecklich, dehnt sich aber nicht bloß auf Sklaven aus, da überhaupt in diesen noch ganz wilden Ländern jeder Besitzer mit seinen Untergebenen fast schalten kann, wie er will. Herr Holroy war noch entzückt von den gemachten Jagden, von denen er mehrere Trophäen mitbrachte. Außerdem führte er auch mehrere Sklaven, ein Mädchen und fünf Knaben, mit sich sowie sechs merkwürdige Ziegen aus Kordofan, den Steinböcken ähnlich und so bunt wie Ostereier, rot, schwarz, weiß und rehfarben gesprenkelt oder marmoriert, graziöse Tiere, viel hübscher in ihrer Art als ihre menschlichen Kameraden. Auch Herr Holroy beklagte sich über die Unzuverlässigkeit aller in Europa herausgekommener Karten des Nillandes. Er war selbst mit der Anfertigung einer neuen beschäftigt und hatte bereits auf der besten englischen von Arrowsmith über 300 falsche Namen und einige 20 falsche Nilbiegungen korrigiert. Es war für meinen kranken Dragoman sehr ersprießlich, daß ihm hier ein europäischer Doktor wie ein deus ex machina zu Hilfe kam, sonst hätten wir vielleicht noch lange hier verweilen müssen. Bei dieser Gelegenheit erzählte Herr Holroy, daß er selbst am klimatischen Fieber tödlich krank gewesen, sich im Anfang selbst zu kurieren versucht, aber vergeblich, bis er sich endlich entschlossen, sich blindlings einem einheimischen Faki zu übergeben, der ihn auch mit einer «Höllenkur», wie er sich ausdrückte, binnen acht Tagen glücklich geheilt. So verging mir die Zeit angenehmer, als ich hoffen durfte, durch die reichhaltige Unterhaltung des englischen Doktors, und obgleich ich mich selbst fast ebenso unwohl fühlte als mein Dragoman, besonders aber an einer höchst peinigenden Abgespanntheit des ganzen Nervensystems litt, so benutzte ich doch meine Muße noch anderweitig, namentlich um Schendy einigemal zu besuchen. Es ist ein trauriger Anblick, den diese Stadt, welche einst an 50 000 Einwohner zählte, in ihrem jetzigen Zustande gewährt. Noch dehnen sich ihre zerstörten und längst verlassenen Häuser auf allen Seiten gegen die umliegenden Felder aus, welche ebenfalls größtenteils zur Wüste geworden sind. Nur hie und da sieht man noch ein spitzes Strohdach sich erheben, das in der großen Totenstadt ein einzelnes bewohntes Haus verkündet, alle übrigen sind dachlos und leer, gleich dem fast in der Mitte des Ganzen stehenden kleinen Lehmpalaste, in welchem Ismael Pascha sein tragisches Ende fand und wo die verräterische Fackel, welche nur die darumher gehäufte Strohbündel zu ersehnter Rache anzünden sollte, vom Schicksal bestimmt war, in grauser Folge eine ganze große Provinz mit mehr als der Hälfte ihrer Bewohner zu vernichten. Eine eigne Schickung ist es, daß der Schech, welcher die Verschwörung anzettelte und ausführte, mit seinem Sohne aller Strafe und Rache gänzlich entging. Er lebt noch unter den Arabern der Wüste, und Mehemed Ali hat nie etwas getan, um seiner habhaft zu werden, ja man versicherte mir, daß sein Sohn schon längst wieder zurückgekehrt sei und seit Jahren auf einer Insel nicht fern von Meroë lebe, wo ihn alle seine noch übrigen Anverwandten häufig besuchen, ohne daß die Regierung die mindeste Notiz davon genommen hat. Mehemed Ali, der ein besserer Politiker ist, als der Defterdar war, mißbilligte überhaupt dessen Verfahren im höchsten Grade und hat seitdem alles getan, was in seinen Kräften stand, um es vergessen zu machen. Der größte Teil der Schechs in dieser Gegend, von denen mehrere zu mir kamen, erhält Jahrgehalte von ihm ausgezahlt, und der Schech Bischir bezieht monatlich 500 Piaster vom Gouvernement, hier eine bedeutende Summe. Daß ich über Ismael Paschas Katastrophe nichts weiter erwähne, wird mir hoffentlich niemand verdenken, da die genauesten Details darüber von jedem seitdem hier Reisenden schon zum Überdruß wiederholt worden sind. Die Ruinen von Mesaourat und El-Auvatep Es ward nun Zeit, mich zu einer Exkursion nach den Ruinen von Mesaourat bereit zu machen, obgleich diese Tour, weil man sie wegen gänzlichen Wassermangels in der Wüste sehr schnell zurücklegen muß, mit großer Beschwerlichkeit verbunden ist. Zu meiner Sicherheit begleiteten mich auf Befehl des Gouverneurs der Emir Bischir selbst mit acht seiner ausgesuchtesten Leute. Kurz vor Sonnenuntergang verließen wir Korschud Paschas Palast, und es war schon dunkel geworden, ehe wir, Schendy zum letztenmal durchziehend, das Ende dieser traurigen Ruinen erreicht hatten. Bald darauf überzog ein fürchterliches Gewitter den ganzen Himmel mit Rabenschwärze. Von allen Seiten durchkreuzten die Blitze das Firmament, welche die fahlen Mauern der uns umgebenden Trümmer, von Moment zu Moment mit dem Dunkel abwechselnd, in rotem Feuerschein erglänzen ließen, gleich einer gespenstischen Erscheinung der auflodernden Flammen jenes frühern Brandes, der Schendy für immer verheerte. Uns tat jedoch diese Artillerie des Himmels nicht den mindesten Abbruch, da sich aber nachher auch ein heftiger Platzregen zu ihr gesellte, mußten wir im nächsten Dorfe notgedrungen ein Obdach suchen. In den kleinen, wie Backofen heißen und von Schmutz und Insekten aller Art angefüllten Stuben der Landleute war es indes nicht lange auszuhalten. Ich ließ daher bei einem mühsam angezündeten Feuer unter dem fortwährenden Rollen des Donners unsre zwei kleineren Zelte aufschlagen, die nicht größer als Schilderhäuser sind und sonst nur den Eingang der größeren bilden. Hier lagerten wir bald ziemlich trocken, während Schech Bischir mit seinen Leuten, Dromedaren und Pferden sich sorglos unter den herabströmenden Fluten im Freien bettete. Dieser mächtige Schech, ein geistvoller und unternehmender Mann, hat es von Anfang an treu mit dem neuen Gouvernement gehalten und ist jetzt eine seiner mächtigsten Stützen unter den Arabern, was um so wichtiger ist, da allen übrigen Schechs, die noch immer einige Ranküne wegen der Vergangenheit bewahren (und es ist ihnen nicht sehr zu verdenken), ungeachtet aller scheinbaren Unterwürfigkeit nicht viel zu trauen sein soll, eine Verstellung, in der überhaupt alle Orientalen Meister sind. Der Schech Bischir wird, wie ich vom Kascheff hörte, wegen seiner Anhänglichkeit an die jetzige Regierung von jenen Häuptlingen bitter angefeindet und läßt sich daher auch nicht leicht ohne zahlreiche Begleitung unter ihnen blicken. Nach einigen Stunden hörte der Regen auf und gestattete uns, die Reise fortzusetzen, welche die ganze Nacht hindurch in monotoner Einförmigkeit rastlos vorwärts ging. Gegen Morgen kamen wir, bis jetzt noch immer nicht fern vom Nil geblieben, durch einen weitläufigen Akazienwald, dessen Bäume sich infolge des fruchtbaren Gewitters der Nacht, wie bei uns im Frühjahr, über und über mit kleinen meergrünen Blättern von einer reizend frischen und glänzenden Farbe bedeckt hatten. Auch die Luft war abgekühlt, ein sanfter Zephyr wehte durch die Zweige und trug duftigen Geruch auf seinen Fittichen. Hier schlugen wir unsern ersten Biwak in der Nähe eines Dorfes auf. Gleich nach dem Frühstück ging ich mit Ackermann auf die Jagd, um für weitere Nahrung zu sorgen. Wir erlegten diesmal außer den so leicht beizukommenden Turteltauben eine junge wilde Gans für unsere Tafel und außerdem noch allerlei bunte Vögel mit der den Menschen erlaubten Grausamkeit, nur um der Schönheit ihres Gefieders willen. Am Nil, dessen Ufer hier ziemlich malerisch und bebuscht sind, stießen wir in der Nähe von vierzehn gravitätisch fischenden Pelikanen auf ein Krokodil weiblichen Geschlechts mit seinem kaum erst drei Fuß langen Sprößling, welcher letztere einen fruchtlosen Schuß erhielt und dann wie ein Frosch seiner schwerfälligen Mama schleunig ins Wasser nachschlüpfte. Bei unsrer Zurückkunft meldete man mir die Anwesenheit dreier Pilgrime aus Darfur, die, wie es hieß, auf einer Wallfahrt nach Mekka begriffen seien. Es waren sehr gut gewachsene Neger, jeder mit einem langen blauen Hemde nebst Sandalen, die bunte Lederriemen zusammenhielten, bekleidet, und es schienen gewandte Leute zu sein. Sie rühmten einstimmig die Eigenschaften ihres Sultans und sagten uns, daß nicht Kobbé (wie es uns die geographischen Nachrichten angeben) die Hauptstadt des Reichs und Residenz des Königs sei, sondern Tendelti-Tassir, das auf keiner Karte steht. Kobbé, meinten sie, sei nur die Hauptstadt der Kaufleute, die andere, weit stattlichere und umfangreichere, die Residenz des Herrschers und der Großen. Ihren Äußerungen nach schien in diesem Lande zwischen Adel und Kaufmannschaft eine starke Demarkationslinie gezogen zu sein. Wahrscheinlich besitzen sie dort noch keine vermittelnden Bankiers. Ihrer Aussage nach ist die Residenz nur eine starke Tagereise von Kobbé entfernt. Einen großen Fluß, behaupteten sie, gäbe es, so viel ihnen bekannt, in ihrem ganzen Lande nicht, aber viel Bäche, die in der Regenzeit zu Flüssen würden, und außerdem zahlreiche Brunnen und Zisternen, so daß es nirgends als in der angrenzenden Wüste an Wasser fehle. Das Land soll reich an Waldungen und fruchtbar sein. Unter den Gartenfrüchten nannten sie Orangen, Zitronen, Granaten und Melonen und andere mir unbekannte Namen, und unter den Gemüsen ziemlich die nämlichen, welche Sudan und Kordofan liefern. Der Sultan habe, fuhren sie fort, seit einigen Jahren angefangen, den Nizzam einzuführen, welchen ein Weißer befehlige, den der Sultan sehr hoch halte; doch gefalle den Eingebornen dieser Dienst nicht, und die Truppen seien viel weniger gut dressiert als die ägyptischen Soldaten, welche sie in Kordofan und im Sudan gesehen; auch besitze der Sultan einige Kanonen, ohne sie jedoch bis jetzt sehr gebraucht zu haben. Sie hatten sämtlich viele Amulette und Glasperlenschnuren an sich hängen, der eine aber außerdem noch eine Art Brieftasche, worin sich ein buntes, roh angefertigtes Bild der heiligen Kaaba befand, das er zu zeigen anfänglich einige Schwierigkeiten machte. Dieser, welcher der Unterrichtetste von den dreien zu sein schien, erzählte uns nachher von Volksstämmen, die in den höchsten Gebirgen ihres Landes wohnten und gar keine Religion hätten, nicht einmal so viel, setzte er hinzu, als ein Dschaur (Christenhund). Deswegen stellt man auch jährlich regelmäßige Jagden auf sie an und bedient sich der Gefangenen zu Sklaven, über welche als Kriegsbeute der Besitzer eine ebenso unbeschränkte Herrschaft ausübt als über sein Vieh. Im übrigen scheint die Regierung milde und nach ihrer Art auch ziemlich gerecht zu sein. Die Leute konnten etwas arabisch reden und verstanden die Sprache von Kordofan, welche einer der Begleiter des Schech Bischir ebenfalls sprach, der uns daher während der Unterhaltung als genügender Dolmetscher zu dienen imstande war. Die Abteilung der Wüste, in welche wir von hier aus eindringen sollten und die sich bis zum roten Meer erstreckt, wird nur von wenigen wandernden Beduinenstämmen bewohnt, die bloß nominell, und auch dies nur zum Teil, unter der Oberherrschaft Mehemed Alis stehen, folglich noch alle Reisende als gute Beute ansehen. Die Sicherheit, die man so vollständig in den Staaten des ägyptischen Herrschers genießt, hört also hier auf, und der Schech Bischir kündigte uns an, daß ein Anfall von Räubern möglich sei, wir daher unsre Waffen in Bereitschaft halten möchten. Zugleich bot er mir an, jetzt meinen Dromedar, auf dem wir Europäer uns immer in einer etwas unbehilflichen Lage befinden, mit seiner bisher von einem Diener an der Hand geführten Stute zu vertauschen, was ich dankbar annahm. Gegen fünf Uhr abends machten wir uns auf den Weg und erreichten bald eine herrliche Plaine, die, soweit das Auge reichte, mit hohem Binsengras nebst Gruppen niedriger Akazien und Mimosenbüschen bedeckt war; in blauer Ferne vor uns stiegen einzelne, bald spitz, bald tafelförmig, bald gezackt geformte Berge empor, und der Anblick des ganzen Landes bis an ihren Fuß zeigte deutlich, daß einst hier allgemeine Kultur geherrscht haben müsse, deren Spuren trotz der Austrocknung alter Kanäle und Verschüttung der Brunnen nach Jahrtausenden noch sichtbar blieben. Ich bin daher überzeugt, daß nur ein überall verbreiteter Untergrund von Wasser diese Spuren von Fruchtbarkeit erhalten kann, welche uns noch jetzt umgaben, Sorge und Kultur also dieses weite Land bald wieder von neuem zur Aufnahme einer ansehnlichen Bevölkerung tüchtig machen würden. Der Himmel war bewölkt, was die Hitze sehr minderte, die Nacht aber auch so stockfinster werden ließ, daß nur Araber mit ihrem Hundeinstinkt, den man füglich ihren sechsten Sinn nennen könnte, den Weg aufzufinden imstande waren. Unser Marsch in dieser Dunkelheit, der keiner Karawanenstraße mehr folgte, sondern quer durch die hohen Binsen ging, hatte bereits einige Stunden angedauert, als unsre Leute plötzlich anhielten, weil jener sechste Sinn – Gott weiß wie – inne geworden war, daß seitwärts in einem struppigen Gebüsch Menschen lagerten. Der Leutnant des Schechs rief sie sogleich in die Nacht hinein mit lauter Stimme an, frug, wer sie wären und was sie hier machten? Doch ehe ich weiter erzähle, muß ich des Schech Bischirs Gefolge kürzlich beschreiben. Es waren ihrer, wie gesagt, nur acht, aber allem Anschein nach höchst zuverlässige Leute, sämtlich schwarz wie ihr Herr, stark und muskulös gebaut, was man um so leichter beurteilen konnte, da sie fast nackt waren und von markanten, aber nicht unangenehmen Gesichtszügen. Eine Binde um den Leib und ein Tuch um den Kopf gewickelt, nebst Sandalen an den Füßen, komponierte außer den Waffen ihren ganzen Anzug. Nur der Leutnant trug darüber noch eine Art weiter blauer Bluse und der Schech den faltenreichen weißen Mantel mit roten Streifen eingefaßt, der der römischen Toga ganz ähnlich sieht, mit einem sehr voluminösen Turban von gleicher Farbe auf dem Haupte. Alle ritten weiße Dromedare von der ausgezeichneten eignen Zucht des Schechs, der seine größten Besitzungen in Berber hat, wo das Gebiet der Tischari-Araber beginnt, deren Dromedare an Güte nur denen aus Nedschdi weichen. Sämtliche Leute waren sehr vollständig nach Landesart bewaffnet, das heißt, jeder hatte einen Wurfspieß, ein großes ovales Schild aus Krokodil- oder Hippopotamushaut, durch das nur eine Büchsenkugel dringt, einen Dolch am Oberarm befestigt und ein langes grades Ritterschwert mit dem Griff in Kreuzesform über die Schulter gehangen, wie ich es schon früher beschrieb. Flinten scheinen hier nicht üblich, und was davon ehemals etwa existiert haben mag, ist den von Mehemed Alis Truppen unterworfnen Arabern weggenommen worden. Es gab kein Feuergewehr unter der ganzen Truppe als ein Paar altertümliche europäische Pistolen, die dem Schech gehörten und die sein Leibdiener nebst einer durch Riemen befestigten kleinen Patronentasche am Gürtel trug. Alle waren vortreffliche Reiter und wußten ihre Dromedare so geschickt zu regieren, daß die Schnelligkeit und Gewandtheit ihrer Bewegungen denen der Pferde nicht viel nachgab, während dagegen meine Suite nur sehr mühsam mit ihren Tieren zurechtkam, die aber auch von weit schlechterer Beschaffenheit waren. Dies veranlaßte denn häufig unwillkommnen Aufenthalt, um die Traineurs wieder heranzubringen. Kaum also war die vorhin gemeldete Frage an die verdächtigen Fremden ergangen, als von einer tiefen Stimme die uns schnell vom Dragoman übersetzte Antwort erschallte: «Kommt nur heran, dann werdet Ihr es erfahren!» Im Nu waren alle Dromedare des Schech Bischir am Boden und ihre Reiter schon herabgesprungen, von denen jedoch vorsichtig zuerst nur die Hälfte, mit gezognen Schwertern und von ihren Schildern gedeckt, in der Dunkelheit nach der Richtung des Schalls der gehörten Stimme vordrangen. Wir blieben ruhig mit gespannten Pistolen halten und erwarteten den weitern Verfolg, um nach Umständen mitzuagieren. In wenigen Sekunden hörten wir mit großem gegenseitigem Kampfgeschrei mehrere mit den Schildern aufgefangene Schwerthiebe ertönen und wollten, da es nun Ernst zu werden schien, ebenfalls vorrücken, als der Schech uns bat, dies bis zum höchsten Notfall zu versparen, worauf er nun selbst mit seinen übrigen Leuten der «melée» zueilte. Seine schallenden drohenden Worte, die er den Streitenden zudonnerte, schienen sogleich einen Waffenstillstand herbeizuführen (denn da wir nichts sahen, konnten wir uns nur der Ohren als Fühlhörner bedienen). Das Geklirr der Waffen hörte auf, das Geschrei aber verdoppelte sich von beiden Seiten. Nach ungefähr fünf Minuten verstummte auch dies plötzlich, alle die Unsrigen kamen hastig zurück, schwangen sich auf ihre Dromedare und eilten im kurzen Trabe mit uns davon. Auf unsere neugierigen Fragen erhielten wir zur Antwort: Die Fremden hätten sich für reisende Dschellabs erklärt und vorgegeben, daß sie uns für Räuber gehalten. Dschellab bedeutet eigentlich Kaufmann; da aber hier in der Regel niemand reist, als um zu handeln, auch einen Reisenden. Am richtigsten würde man es mit «wandernder Handelsmann» übersetzen. Der Schech setzte hinzu, daß er sich damit beruhigt habe, obgleich das Vorgeben erlogen sei, da hier gar kein Karawanenzug existiere, wo Dschellabs angetroffen werden könnten. Es sei indes besser, sich zu entfernen, da man nicht wissen könne, ob nicht eine weit stärkere Anzahl in der Nähe sei, von denen jene nur ein vorgeschobner Posten gewesen. In der Tat fanden wir, nachdem wir noch nicht tausend Schritte weiter geritten waren, in einer sehr engen und schwierigen Passage durch unebnes, steiniges Terrain voller Dornen einen zweiten Trupp ähnlicher Dschellabs, der aber wahrscheinlich noch weniger zahlreich war, da er bei dem Anruf unsrer Spitze sogleich die Flucht ergriff. Ich hatte übrigens keinen Augenblick die mindeste Besorgnis für unsre Sicherheit, da wir uns auf die Treue der Eskorte verlassen konnten und die Menge unsrer Feuergewehre gewiß selbst gegen eine fünfmal überlegne Zahl schnell den Sieg auf unsre Seite gebracht haben würde. Eine Stunde später, nahe vor Mitternacht und grade als der Mond riesengroß und feurig am Horizonte emporstieg, beleuchtete er vor uns die imposanten Ruinen von Mesaourat, in der Mitte eines geräumigen Tales gelegen, das einzeln stehende Sandsteinberge von den barocksten Formen umgaben, in jener häufig vorkommenden Bildung dieser Gebirgsart, welche sie wie mit Türmen, Mauern und Zinnen auf ihren Gipfeln gekrönt erscheinen läßt. Wir waren indes so ermüdet, daß wir vorderhand nur wenige Blicke auf alle die Herrlichkeiten unter dem Mondlicht warfen und nach dem Genuß einer schnell an der Spirituslampe gekochten Tasse Tee die Teppiche auf den Boden unsrer Duodezzelte breiten ließen und, den Sattel zum Kopfkissen, so köstlich wie auf Eiderdaunen bis zum Anbruch des Tages schliefen. Die Ruinen von Mesaourat (jeder Vokal des Worts wird voll ausgesprochen), deren äußerste Umfangsmauern nach Cailliaud 185 Metres in der Breite und 248 in der Länge messen, sind meiner Überzeugung nach die Überreste eines großen königlichen Lustschlosses mit allem nötigen Zubehör an Wohnungen, Höfen, Ställen usw., denen noch zwei kleine, höchst zierliche Tempel (ganz in der Art wie bei uns eine Hofkapelle) angehängt worden waren und welchen gewiß in dem pittoresken, fruchtbaren Tale auch einst die umgebenden Gärten nicht fehlten. Cailliaud hält diese Ruinen für eine Erziehungsanstalt der Priester. Ich kann diese Meinung nicht teilen. Es ist zu viel Prunk und Spielerei in diesen Räumen, alles zu fern von der ernsten Pracht priesterlicher Etablissements aus jenen Zeiten. Sämtliche Gebäude ohne Ausnahme sind aus Quadern von mittlerer Größe aufgeführt, deren schön rötlichen Sandstein die nahen Berge lieferten, alles ist zierlich und auf die solideste Weise bearbeitet, aber nirgends bemerkt man weder die kolossalen Proportionen, noch die vollendete Kunst der alten Denkmäler Ägyptens, und es wird vielleicht passend sein, hier gleich im voraus zu bemerken, daß alle Ruinen, die wir während unsrer diesmaligen Expedition zu sehen bekamen und von denen gleich weitläufiger die Rede sein wird, immer ganz ein und denselben Charakter trugen, welcher zwar einige Affinität mit den merkwürdigen Überresten bei Dschebel-Barkal sowie zum Teil mit denen bei Meroë hat, jedoch auch eine dezidiert verschiedene Nuance von ihnen zeigt. Diese besteht in der Mischung griechischen oder vielmehr römischen Stils mit dem bereits ganz korrumpierten ägyptischen, der in allen diesen weit mehr dem bloß eleganten nachstrebenden und eher überladen als erhaben zu nennenden Gebäuden vorherrscht. Ich halte sie daher auch für noch neuer als jene Monumente von Dschebel-Barkal und kaum älter als höchstens aus gleicher Zeit mit den letzten Ptolemäern, wo nicht ganz gleichzeitig mit der spätern römischen Epoche. Die oft ins Kleinliche gehende Ausschmückung, die offenbar aus griechischem Baustil entnommenen Zierraten neben den ägyptischen und mit diesen vermischt, die Abwesenheit aller kolossalen Massen und daraus hervorgehender großer Effekte zeugen sämtlich für diese Meinung. Aber die weit sorgfältigere Rücksicht auf Bequemlichkeit und die größere Menge aneinanderstoßender Wohnzimmer, meistens von kleinerer Dimension, als in den altägyptischen Denkmalen angetroffen wird, scheinen abermals das Wirken eines weiblichen Elements zu verraten, und ich möchte daher der Vermutung Raum geben, daß diese Gebäude sich aus den letzten Zeiten jener Königinnen herschreiben, die, wie schon bemerkt, jahrhundertelang unter demselben immer fortgesetzten Namen in Äthiopien herrschten und in vielfachem kriegerischem und friedlichem Verkehr mit den Römern standen, so daß leicht Baumeister dieser Nation gebraucht worden sein können, um den ägyptischen Stil hier, wie in ihrem Vaterlande oft den griechischen, zu verballhornen. Der Hypothese einiger Reisenden beipflichten zu wollen, welche schon bei den offenbar viel älteren Denkmälern von Meravi und Meroë als ganz unkritisch erscheint, nämlich: daß die Architekturüberreste Äthiopiens älter als die Ägyptens seien, wäre hier eine vollständige Absurdität. In allen diesen Bauarten sehen wir ohne Ausnahme nur eine untergeordnete Nachahmung , keineswegs einen untergeordneten Anfang . Die charakteristischen Zeichen dieser zwei verschiednen Unvollkommenheiten sind aber zu sehr in die Augen springend, um sich darüber anders als absichtlich täuschen zu können, vorausgesetzt, daß man überhaupt eines gesunden Urteils fähig sei. Ich wiederhole jedoch, daß ich durchaus nicht leugnen will, daß Kultur und selbst die ersten Anfänge roher Kunst aus diesen Gegenden im grausten Altertum nach Ägypten vorgerückt sein mögen, und die Ansicht, daß das flache, zum Teil erst später angeschwemmte Land Ägyptens aus den Bergplainen Äthiopiens zuerst bevölkert worden sein mag, ist gewiß völlig naturgemäß und folglich wahrscheinlich – ich behaupte nur, daß die noch jetzt existierenden alten Monumente Äthiopiens, welche uns bekannt sind , keineswegs aus jener Zeit herstammen und sogar großenteils weit jünger als die ägyptischen Altertümer aus der letzten Periode der Pharaonen, ja zum Teil der Ptolemäer sind. Es ist indes immer schon interessant genug, sich den hiesigen Ruinen gegenüber zu überzeugen, daß in so großer Entfernung von der jetzt zivilisierten Welt vor wahrscheinlich nicht länger als fünfzehnhundert Jahren hier noch Tausende von Quadratmeilen blühender Fluren voll Städte, Tempel und Paläste existierten, wo jetzt nur eine auf ihrer Oberfläche gänzlich wasserlose, keine Frucht mehr tragende Wüste mit bloßem Gestrüpp und wenigen Bäumen in ungeheuren Distanzen sich ausdehnt und daß zugleich eine vielfach verfeinerte Kultur des Geistes mit einer immer noch höhern Stufe der Kunst (der Baukunst wenigstens), als wir selbst einnehmen, da herrschte, wo es in diesem Augenblick nur noch einige umherwandernde wilde Horden räuberischer Beduinen gibt. Der Gedanke also, mich in einem ehemaligen Lustschloß der gebildeten und lebenslustigen Königin Candace zu befinden, die ich mir natürlich als eine ungemein schöne und graziöse Schwarzbraune vorstellte, gab der Besichtigung des vor mir liegenden Labyrinths von Gemächern, Treppen, Gängen, Höfen, Säulenhallen, Tempeln und Mauern ein doppeltes Interesse, was einigermaßen der Müdigkeit, welche das beschwerliche Durchirren derselben herbeiführte, und der dumpfen Hitze, die uns dazu nicht wenig belästigte, die Waage hielt. Auch gab ich mich, ich muß es gestehen, mehr dem egoistischen Genusse als dem Fleiße des Reisebeschreibers hin, da weder die Zeit, welche wir hier zu verweilen imstande waren (denn unser mitgenommener Wasservorrat reichte kaum auf drei Tage), genügend war, noch meine Abspannung es möglich machte, mich mit detaillierten Messungen und genauern Untersuchungen dieser Art zu beschäftigen, um einen korrekten Plan des Ganzen aufzunehmen, was überdies, wie ich glaube, durch Herrn Linant mit der ihm eigentümlichen Treue wohl schon geschehen sein wird. Der Leser möge daher nachsichtig mit folgender kurzen Beschreibung fürlieb nehmen. Es scheint, daß es mehrere Haupteingänge zu dem Komplex der verschiednen Gebäude gegeben hat, welche alle von einer gemeinschaftlichen Mauer geschützt den königlichen Palast in seinem ganzen Umfang bildeten, es ist aber jetzt schwer zu ermitteln, wo sich die eigentlichen Propyläen desselben befanden. Nach meinem Dafürhalten war der Haupteingang auf derjenigen der schmälern Seiten des großen länglichen Vierecks, welche gegen Nordost liegt. Hier zeigen sich nach Durchschreitung eines nicht sehr breiten Hofes auf beiden Seiten lange Reihen von Gemächern, deren Mauerreste sechs Fuß dick sind (das Innere dieser Mauern mit rohen Steinstücken ausgefüllt) und durch welche ein stattlicher Säulengang führte. Die Säulenschäfte sind glatt, ohne Hieroglyphen noch Bildwerke, stehen auf einem Sockel, haben einen Fuß über dem Boden fünf Ellen Umfang und eine Höhe von höchstens 16-17 Fuß, inklusive des Gebälks des aus Blättern geformten kelchförmigen Kapitäls. Nur wenige derselben stehen noch aufrecht, und alle übrigen sind mehr oder weniger zertrümmert. An den beiden Enden der Kolonnade scheinen Hallen existiert zu haben und diese durch Nischen, wahrscheinlich mit Statuen geziert, geschlossen worden zu sein. Aus der östlichen der Hallen tritt man in einen ehemals ohne Zweifel bedeckten Gang, zehn und einen halben Fuß breit und 231 Fuß lang, dessen Einfassungsmauern nur vier Fuß Dicke haben und mit zugerundeten großen Werkstücken von der Art, die man in Norddeutschland Eselsrücken nennt, belegt sind. Der Gang fährt durch mehrere große Höfe, in deren einem noch eine einzelne hohe Säule von 12½ Fuß Umfang steht. Dann leitet er neben den Grundmauern verschiedner Gebäude vorbei durch eine verzierte Pforte in die hintere Kolonnade eines etwas erhöhter als der Rest stehenden Tempels, der ganz nach der gewöhnlichen Anordnung eines griechischen Peripteros erbaut ist, jedoch ohne Opisthodomos und Pronaos. Er bildet nur einen einzigen Saal (die Cella), welcher von vier Säulen innerhalb getragen und auf allen vier Seiten durch Mauern geschlossen wird, die rund umher ein doppelter Portikus, zehn Säulen an der langen und sechs an der schmalen Seite, umgibt. Auf drei Seiten sind die Säulen glatt, auf der vierten, östlichen, aber – wo sich eine breite und hohe offne Terrasse befindet, nach der, wie noch einige Spuren verraten, eine prächtige Treppe, welche die ganze Breite der Terrasse einnahm, hinaufführte – zeigen sich alle Säulen auf das reichste und zum Teil in sehr geschmackvoller Arbeit verziert, obgleich die Größe derselben auch hier nur um ein Weniges die früher von mir angeführten übersteigt und überhaupt, wie gesagt, nur das Zierliche, nirgends das Imposante vorherrscht. Jede Säule ist verschieden dekoriert, und hier stießen wir zuerst in den ganzen Ruinen auf einige Hieroglyphen und Anaglyphen, ganz gut ausgeführt, aber ohne Farben. Jedoch nur der unterste Stein der Säulen, deren jede aus vier Stücken bestand, war auf diese Weise dekoriert. An einigen sah man die gewöhnliche Prozession der ägyptischen Gottheiten mit ihren Attributen, einige auch mit dem Nilschlüssel in der Hand, denen eine Königin Opfer brachte, was mich fortwährend in meiner Hypothese bestärkte, daß das schöne Geschlecht hier de préférence gewartet habe. Die Figuren an den vier mittelsten Säulen, dicht neben dem Haupteingang, waren voll zu drei Viertel herausgearbeitet und bei sehr korrekter Zeichnung mit viel Grazie behandelt, jedoch viel weichlicher gehalten, als es der ernste rein ägyptische Stil gestattet. Alle diese Darstellungen sind leider sehr verstümmelt. Im Innern des Tempels, wo, wie bereits erwähnt, sich nur vier Säulen befinden, sind in jeder der beiden längern Seitenwände zwei Fenster angebracht; auf der südlichen bemerkten wir zwischen diesen noch eine Nische, in der wahrscheinlich die hier verehrte Gottheit stand. Dem großen geschmückten Eingangstore dieses Tempels gegenüber ist eine kleinere Ausgangspforte, die durch den hinteren Portikus nach einer nur fünf Fuß breiten Treppe führt, durch die man in einen Wirrwarr von Räumen gelangt, ohne Zweifel Privatwohnungen, deren Hauptmauer auf der Südseite in einen sehr großen, weit tiefer liegenden Hof abfällt, so daß sie hier wohl an 18 Fuß Höhe haben mag. In der Mitte des besagten Hofes deuten Grundlagen und einzeln umherliegende Fragmente auf das einstige Dasein zweier Obelisken und wahrscheinlich eines Kolosses zwischen ihnen. Nirgends konnte ich auf den Außenseiten der Mauern noch im Innern der Gemächer Spuren anderer Skulpturen noch eines königlichen Wappens entdecken, nur zwei kleine, sich sehr ähnliche, eingemeißelte Bilder grotesker Art fand ich auf, wovon ich die Kopie des einen hier beifüge, so wie die Verzierungen einer der Säulen in der kleinen Kolonnade. Der Anfang einer altorientalischen Inschrift, die sich auf der Hinterwand des Tempels befand und die ich mühsam kopierte, ist mir leider verlorengegangen. Der Rest derselben war gewaltsam zerstört, wogegen viele andere Wände desto mehr mit rohen Bild- und Schriftversuchen der Araber oder vielleicht auch einzelner, hierher versprengter, ägyptischer Soldaten verunreinigt waren. Mit größerem Vergnügen entdeckte ich später unter diesen Allotrien zwei lange, ganz moderne Inschriften von Herren Linant und Caillaud herrührend, den einzigen Europäern, die bis heute, den 25sten April 1837, bis hierher vorgedrungen sind.   Sie lauten folgendermaßen: 1) «L'an de Jesus 1822 Frédéric Cailliaud a visité ces ruines renommées, il y est venu mandé par la France – Favorisé par le prince Ismaël-Pascha, il a pénétré audelà de Fazole par dix dégrés de latitude, où il a visité des peuples payens.» 2) «L'an de Jesus 1822 Louis Linant a visité ces ruines. Il y est venu mandé par l'Angleterre et il a pénétré jusqu'au royaume du Senaar grâce aux conquêtes d'Ismaël-Pascha, Général des armées de son père Mehemed-Ali, vice-roi d'Egypte.»   Ich glaubte ein Recht zu haben, als der dritte Europäer, der Mesaourat besucht hat, einen Ehrenplatz zwischen diesen beiden Herren einzunehmen, und ließ, da ich nicht so hohe Mandanten als sie aufzuführen habe (denn mein Vaterland, weit entfernt, mir Aufträge zu geben, lehnte sogar meine desfallsigen Anerbietungen ab), nur die nachstehenden Worte durch meinen Dragoman einmeißeln. «Im Jahre 1837 unsrer christlichen Zeitrechnung hat ein deutscher Reisender... diese Ruinen besucht, gesandt durch seinen spiritus familiaris und mit der Absicht, so weit vorzudringen, als es ihm Vergnügen machen wird.» In einem der unzähligen Höfe des Palastes steht noch ein besonderer kleiner Tempel frei in der Mitte, vielleicht ein Thyphonium, weil an den Türpfosten sich greuliche Schlangen in die Höhe winden. Neben ihnen befinden sich die Reste zweier stehender Kolosse von sehr mittelmäßiger Arbeit und gleich allem übrigen aus Sandstein. Marmor und Granit sahen wir nirgends angewandt. Auch dieser Tempel besteht nur aus einer Cella mit zwei umgeworfnen Säulen darin. Dem Eingang gegenüber steht ein einfacher Altar. Andere Ruinen außer dem Bereich der erwähnten Umfangsmauern sind bis dato, soviel ich weiß, nicht aufgefunden worden, denkt man sich aber das auch jetzt noch durch seine malerischen Formen reizende Tal in blühender Kultur, Ziergärten um das Schloß und Wälder auf den nahen Bergen, so muß es einen höchst wünschenswerten Landaufenthalt abgegeben haben, wenn die junge Königin der Äthiopier irgendeine Privatursache hatte, die Freuden der Einsamkeit den geräuschvolleren ihrer Hauptstädte von Napata und Meroë vorzuziehen. Nach Mittag setzten wir unsern Ritt nach den Tempeln von El-Auvatep fort. Zwei Stunden lang blieben wir noch in den Bergen, dann öffnete sich eine ungeheure Plaine vor unseren Augen, wieder mit einzeln stehenden Bergen in der weitesten Ferne umgrenzt, während ein schmal auslaufender Ast des eben verlassenen Gebirges sich allmählich abdachend uns links zur Seite blieb. Diese Ebene war steriler als die früher durchzogene, doch ebenfalls an einigen Orten durch kleine Haine und Baumgruppen der stachlichen Mimosen einigermaßen belebt. Nach vier Stunden scharfen Reitens erreichten wir das Ende des erwähnten Bergrückens, wo vier Tempel, stufenweise nach der Ebene hinabsteigend, erbaut sind, ein Ort, der auf Herrn Cadalvenes Karte (wie es scheint nach der von Cailliaud kopiert, da er selbst nicht hier war) Naga genannt wird. Die uns begleitenden Araber kannten jedoch diesen Namen nicht, sondern nur den von El-Auvatep. Schon 1000 Schritt vor den Tempeln stießen wir auf einen auf den Hinterfüßen hockenden Löwen aus rotem Stein, nur wenig vom Sande verschüttet und bis auf den abgeschlagenen Kopf ohne Verstümmelung. Wahrscheinlich liegen noch mehrere seiner Kameraden neben ihm vergraben, auch beginnen schon von hier aus die einzelnen Schutthaufen zerstörter Gebäude auf beiden Seiten des Weges, so daß man annehmen darf, daß hier im Altertum eine nicht unbedeutende Stadt gestanden haben muß. Der erste, den höchsten Platz einnehmende Tempel, östlich von den andern gelegen, trägt auf seinen Quadern noch die Spuren eines ehemaligen Überzuges aus feinem und sehr festem Stuck. Seine innern Wände sind mit auf den freien Stein eingegrabnen Bildern und Hieroglyphen bedeckt, deren Gegenstände aber nur sehr undeutlich zu erkennen sind. Der Gott mit der Widdermaske (Ammon) kommt am häufigsten vor, hier aber opfert ihm ein König oder Feldherr, neben welchem auch ein halber Ring noch sichtbar war, den ich abzeichnete, da ich in Champollion und Wilkinson keinen ähnlichen auffinden konnte; es ging dies Blättchen jedoch mit der erwähnten Inschrift zugleich verloren, was ich insofern bedauere, da diese Monumente bis jetzt fast ganz unbekannt sind. Dem Eingang gegenüber steht wie gewöhnlich ein ganz einfacher Altar in Form eines Würfels. Die Menge außerhalb aufgehäufter Trümmer deuten auf noch mehrere ansehnliche Gebäude in der Nähe, und ähnliche Steinhaufen ziehen sich gleich einer Straße weit nach der Plaine hinab. Der zweite Tempel, ungefähr zweihundert Schritt von dem ersten abwärts gegen Westen gelegen, war von viel größerem Umfang sowie auch von höherer Pracht und Zierlichkeit. Sechs aufeinanderstoßende Tore desselben nebst mehreren sie verbindenden Säulenschäften stehen noch aufrecht, alles gedrängt voll sehr nett ausgeführter Skulpturen, doch überall ohne irgendeine Spur von Färbung. Über jedem der Tore sieht man die geflügelte Kugel mit Schlangen umgeben, und eine breite Auffahrt aus Westen hat fast alle ihre Sphinxe auf beiden Seiten erhalten, viele davon noch ganz unbeschädigt. Es sind dieselben hier offenbar dickwollige Schafe (nicht Widder) wie wahrscheinlich auch die Sphinxe in Meravi, derengleichen in Ägypten gewiß sonst nirgends angetroffen werden und daher auch eine auffallende Eigentümlichkeit dieses Teiles von Äthiopien bilden. Fünf- bis sechshundert Schritte weiter in derselben, sich nach Westen erstreckenden Linie stößt man auf den dritten und kleinsten Tempel, der höchstwahrscheinlich neuer als der andere ist und im verdorbensten römischen Stil widerlicher Überladung den völligen Verfall der Kunst verrät, obgleich auch er zum Teil mit ägyptischen Verzierungen, aber ohne Hieroglyphen und Bildwerken, ausgeschmückt ist, mehr den phantastischen Undingen in einer unsrer älteren Gartenanlagen als einem den Göttern geweihten religiösen Gebäude ähnlich. Aus einer viel älteren Epoche und als der edelste von allen erscheint dagegen der nahe dabeiliegende vierte Tempel, obgleich er an Größe den letztbeschriebnen kaum zur Hälfte übertrifft. Sein Eingang ist von Osten wie bei dem ersten und dritten, denn nur der zweite hat ihn umgekehrt von Westen her. Dieser Eingang hat die Form ägyptischer Pylonen, auf deren schmalen Seiten sich zwei Riesenschlangen um den Stiel einer kolossalen Blume in die Höhe winden und in der Figur eines Gottes enden (Osiris), der die Nilschlüssel in der Hand trägt. Auf der linken breiten Vorderseite der Pylonen neben dem Tore sieht man das bekannte, sich fast auf jedem ägyptischen Monumente wiederholende Bild des Riesen, gewöhnlich einen Herrscher in der Gestalt des siegenden Osiris darstellend, mit der einen Hand das Schwert erhebend und in der andern Gefangene am Schopfe haltend. Hier aber übertrifft die Kollektion von Köpfen, die der Riese gepackt hat, an Quantität alle ägyptischen Darstellungen dieser Art, die ich gesehen habe. Es gleicht dies seltsame Gebilde völlig einem unsrer Stammbäume in Form eines aufsteigenden Kandelabers und enthält zuerst oben drei gigantische Häupter, die mit langen Hälsen eins aus dem andern hervorwachsen und von denen sich unförmlich lange Arme nach beiden Seiten horizontal ausstrecken; in den Zwischenräumen dieser sechs Arme aber finden noch fünfundzwanzig kleinere Köpfe Raum, und diese ganze Maschine hält der Riese an dem langen Haarbüschel des obersten Kolossalhauptes mit der linken Hand und schwingt in der rechten, statt des Schwertes, hier eine vernichtende Keule. Auf der rechten Seite des Tores ist eine riesenhafte Göttin abgebildet von ganz gleicher Größe mit ihrem gegenüberstehenden Pendant und in gleicher Stellung, auch dieselbe ungeheure Kopfsammlung in der Hand haltend. Beide Darstellungen sind nicht ohne imposante Wirkung, verraten aber dennoch in ihrer Gesamtheit nur den Verfall, nicht den rohen Anfang der Kunst, und alle Physiognomien sind weit entfernt von jenem bewunderungswürdig charakteristischen, ebenso mannigfachen als speziell treuen Ausdruck, den zum Beispiel bei ähnlichen Bildern in Theben und Ypsambul die Köpfe der Besiegten haben, so daß man aus den Zügen ihres Antlitzes noch heute fast mit Bestimmtheit ihr Vaterland erraten kann. Das Innere des Tempels war ganz leer von Skulpturen und Hieroglyphen und scheint nie fertig geworden zu sein. Nur kahle, zerbröckelte Wände und hohe Steinhaufen boten sich hier dein Auge dar. Dagegen befanden sich auf sämtlichen Außenwänden sorgsam ausgeführte und zum Teil wohlerhaltne, riesige Gebilde. Besonders sind die Skulpturen auf der südlichen Seite im besten Zustande und führen uns hier ganz dieselbe Prozession von fünf Gottheiten, eine hinter der andern, vor, die man im Thyphonium zu Dschebel-Barkal und anderwärts abgebildet sieht. Abermals ist es aber eine Königin mit ihrer Gesellschaftsdame, die ihnen hier opfert. Auch die andern Wände scheinen mehrere weibliche Figuren in Verbindung mit den Göttern zu enthalten; sie sind aber zu undeutlich und verwischt, um sich genau davon überzeugen zu können. Der Tempel hatte wie No. 2 oben eine weit ausgeladne Krönung nach altägyptischer Weise, von der jedoch nur noch einige Bruchstücke, und hier zum erstenmal auch noch mit etwas Farbenspuren versehen, übrig sind. Gewaltsame Zerstörung durch Menschen ist bei allen diesen Monumenten klar ersichtlich, und einige eingegrabne Kreuze auf den Mauern lassen leider vermuten, daß christlicher Fanatismus, selbst bis hierher dringend, tätig fromm zum Ziel der Kunstvernichtung mitgewirkt habe. Tödliche Ermüdung, fünfunddreißig Grad Hitze im Schatten des Tempels und ein brennender Kopfschmerz, von dem ich fast fortwährend geplagt wurde, dazu statt stärkender Nahrung nichts mehr als schwarzes Wasser aus den stinkenden Schläuchen und halb verschimmelter Zwieback müssen die Magerkeit dieser Beschreibung entschuldigen wie die Unmöglichkeit, in der ich mich befand, allein, wie ich war, hinreichende Kopien von den merkwürdigsten der genannten Gegenstände zu nehmen. Ich wage zu behaupten, daß wenige an meiner Stelle unter solchen Umständen mehr zu unternehmen imstande gewesen sein würden. Gegen Abend nach einer kurzen Ruhe mußten wir wieder in den Sattel, um sieben deutsche Meilen weiter während der Nacht den dritten Ort aufzusuchen, an dem allein sich noch Ruinen in diesem Teil des Landes befinden. Da indes nach fünfstündigem Marsch des Doktors und meines Kammerdieners Dromedare kaum mehr vorwärts zu bringen waren, das etwas kupierte Terrain in der ägyptischen Finsternis immer schwieriger zu passieren wurde und wir alle uns vor Mattigkeit kaum mehr auf unsern Tieren zu halten vermochten, so beschlossen wir, links ab einem großen Feuer zuzureiten, das, wie uns der Schech versicherte, einem ihm bekannten Beduinenstamm angehöre, um dort den Morgen oder wenigstens den Aufgang des Mondes zu erwarten. Ungeachtet der uns eben gegebnen Versicherung gebrauchte der Schech Bischir wiederum alle militärische Vorsicht. Wir mußten einige hundert Schritte vor dem Feuer, das den Mimosenwald um uns her magisch beleuchtete, halten bleiben, und zwei Leute wurden zum Rekognoszieren vorausgeschickt. Als sie zur Abstattung ihres Rapports zurückkamen, ward es, ich weiß nicht aus welchen Gründen, nicht für tunlich gefunden, hier die Gastfreundschaft anzusprechen, sondern wir wandten uns von neuem seitwärts, einem weit entfernteren Feuer zu, das am Horizonte aufblitzte. Dort nach einer halben Stunde angelangt, befolgte man dieselbe Taktik, worauf uns endlich gestattet ward, auf einem isolierten Sandhügel unser Nachtlager aufzuschlagen, an dessen Fuß sich unsre sämtlichen Tiere wie ein Bollwerk im Kreise umherreihten. Von den Beduinen, welchen nur der Schech Bischir allein einen Besuch abstattete, bekamen wir keinen einzigen zu sehen, statt dessen aber, was uns ungleich willkommener war, brachte uns unser sorgsamer Schech selbst eine enorme Kürbisflasche voll vortrefflicher Milch nebst einem Pack arabischer Brotkuchen mit, die uns ein köstliches Mahl bereiteten. Einige Stunden tiefen Schlafes, wenngleich auf hartem Lager, erfrischten uns so vollkommen, daß wir alle mit erneutem Mut und in der besten Laune wieder unsre Dromedare bestiegen, um in belebender Morgenfrische der aufgehenden Sonne entgegenzureiten. Wir hätten uns jedoch die ganze Beschwerlichkeit der langen heutigen Tour füglich ersparen können, da die Ruinen, um derentwillen wir den großen Umweg unternahmen, ganz unbedeutend sind. Sie liegen nah am Nil und bestehen nur aus großen Schutthaufen, aus denen sich noch drei aufrechtstehende viereckige Pfeiler erheben, durch Isisköpfe mit sehr langen Ohren verziert. Ein italienischer Renegat, Leibarzt des Gouverneurs zu Khartum, hat hier Nachgrabungen veranstalten lassen, die aber kein anderes Resultat gegeben haben, als einige zerbrochene Säulenschäfte und Schlußsteine von Toren mit dem Symbol der geflügelten Kugel aufzudecken, an denen die Arbeit ziemlich roh ist. Es blieb uns jetzt, um unsere Exkursion ganz zu vollenden, nur noch ein zweistündiger Marsch bis Beni-Naga übrig, in dessen Nähe meine auf der kürzesten Straße vorausgegangene Reisekarawane uns am Fluß erwartete. Unser Weg längs des Nils glich, obgleich ohne Anbau, doch völlig einem Garten durch die Menge der zierlichen Gesträuchclumps und malerisch verteilten Baumgruppen, zwischen denen sich die schönste Fernsicht einerseits auf die eben verlassenen Berge, von der andern auf die weiten Windungen des Flusses eröffnete. Wild war hier ziemlich häufig, besonders Hasen, welche die Beduinen durch Steinwürfe zu töten verstehen. Einmal floh ein Trupp von sechs schlohweißen großen Antilopen an uns vorüber, und in der Nähe einiger Zelte sahen wir eine sehr eigentümliche Rasse halbwilder Schafe, die nicht nur in der Form ganz von den unsrigen abwichen, sondern auch in ihrer Farbe. Einige waren rehfarben, die Wolle anderer von der Farbe eines falben Pferdes, und mehrere auf das Schönste marmoriert wie ein Osterei. Bald darauf erblickten wir unfern Beni-Naga einen dichten Hain hoher Palmen, derengleichen wir lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten, und entdeckten zugleich unsre hellgrünen Zelte unter ihrem Schatten aufgeschlagen, neben verschiedenen Sakis, umgeben von den durch sie bewässerten fruchtbaren Fluren. Hier beschloß ich den heutigen Tag zu rasten. Ein Schaf ward für den Schech und seine Leute geschlachtet und ganz am Spieße gebraten; ich begnügte mich mit Datteln und Milch, eine Diät, die ich bis Khartum fortsetzte und dadurch mein häufiges Kopfweh und anderes leichtes Übelbefinden vollständig beseitigte. Marnat. Wetterphänomene. Ankunft in der Hauptstadt des Sudan Beni-Naga ist gleich Schendy ein sehr großer, aber fast gänzlich zerstörter Ort, den nur noch zwei bis drei Familien bewohnen. Unfern der Stadt steht das Grab eines berühmten muhamedanischen Heiligen in Form einer hohen, scharf zugespitzten Pyramide, die hier noch immer für dergleichen Zwecke übliche Bauart. Wir fanden zuweilen diese Denkmäler auch gleich den alten stufenweise emporsteigend, so daß man ihren Gipfel bequem erklettern konnte. Doch sind die muhamedanischen Pyramiden nie viereckig, sondern immer rund. Zuweilen sind Bruchsteine bei ihnen angewandt, meistens werden sie aber nur aus in der Sonne getrockneten Backsteinen oder mit Stroh vermischter Erde aufgeführt, selten aus gebrannten Ziegeln. Gleich bei unsrer Ankunft erzählte man uns eine traurige Begebenheit, die sich vorgestern neben unsrem Lagerplatze zugetragen. Zwei Löwen hatten sich in die Nähe eines der Saki geschlichen, wo mehrere Stücke Vieh eingepfercht standen, von denen das größte der Raubtiere sich eine Kuh zur Beute auserwählte. Im Begriff, sie fortzuschleppen, ward es von dem Besitzer, den das Angstgebrüll der Kuh herbeigerufen hatte, kühn angegriffen. In Verzweiflung über den Verlust dessen, was vielleicht den größten Teil seines Vermögens ausmachte, stürzte sich der arme Schwarze auf den Löwen und bohrte ihm seinen Wurfspieß tief in die Brust. Leider war jedoch die Wunde nicht sogleich tödlich; das gereizte Untier ließ augenblicklich seinen Raub los und, mit einem einzigen Satze seinen Feind erreichend, riß es ihm mit der Klaue das Gesicht ab, worauf es ihm noch den rechten Arm fürchterlich mit den Zähnen zerfleischte. Während dies geschah, waren indes sämtliche zum Saki gehörende Leute herbeigekommen und erlegten leicht mit ihren langen Spießen den schon erschöpften Löwen; der andere, jüngere, entsprang. Mit der diesen Menschen eignen Apathie ward noch in derselben Nacht das erlegte Tier gebraten, gierig ausgefressen und am andern Morgen die Haut an einen zufällig durchreisenden Dschellab verkauft. Der Verwundete hatte unter den gräßlichsten Schmerzen noch einen Tag gelebt und war eben begraben worden, als wir anlangten. Wir hatten Gelegenheit während unsres Aufenthalts in diesem Biwak, einige den hiesigen Klimaten eigentümliche Phänomene zu beobachten, denen beizuwohnen zwar merkwürdig, aber keineswegs angenehm ist. Nach vielem, stets wechselndem Winde und einer schwülen Gewitterhitze bei sehr bedecktem Himmel schien es uns plötzlich, als komme aus Süden ein dunkler Sandberg auf uns zugewandert. Ich befahl, sogleich mein Zelt, in welchem ich mich kurz vorher zu Bett gelegt hatte, nach Möglichkeit schließen und durch einige Hilfsstricke noch besser an die umstehenden Bäume befestigen zu lassen; auch erhielt es sich glücklich, als die Winds- und Sandesbraut nun heulend über uns herflog, aber vor der Erde, die sie mit sich führte, war keine Rettung. In weniger als einer Minute war durch die nicht ganz zu schließenden Fugen des Zeltes so viel von diesem Elemente eingedrungen, daß alles darin, wie ich selbst, zolldick mit schwarzem Schmutze aller Art bedeckt war, und ohne das seidne Tuch, welches ich dicht um mein Gesicht geschlagen hatte, glaube ich, daß ich davon hätte erstickt werden können. Alle Araber hatten sich unter ähnlicher Einwicklung mit dem Antlitz auf die Erde geworfen, wo sie bewegungslos liegenblieben, bis das Wetter ausgetobt hatte, welches ungefähr nach zehn Minuten der Fall war. Am Abend wollte ich, um mich vom Erdbade abzuwaschen, ein anderes Bad im Flusse nehmen, kam aber hier recht eigentlich aus dem Regen in die Traufe. Der einzige brauchbare Badeplatz war eine Viertelstunde von den Zelten entfernt, und schon während des Hingehens bemerkte ich, daß der nördliche Himmel sich seltsam gelbrot färbte, während aus seiner schwarzen Einfassung fernes Wetterleuchten hervorzuckte. Ich verlor daher keinen Augenblick, um ins Wasser zu kommen, hatte aber kaum einige Schwimmübungen versucht, als Tropfen so dick wie Haselnüsse langsam zu fallen anfingen, die Luft sich nächtlich verfinsterte und mitten in diesem Dunkel eine feuerrote Wolke sich uns mit unheimlichem Brausen näherte. Ich sprang jetzt ebenso schnell aus dem Fluß als früher hinein, um wenigstens vor Ausbruch des drohenden Ereignisses in meine Kleider zu kommen. Es war aber schon zu spät und ich nur erst mit einem Bademantel angetan, als unter unaufhörlichem Krachen des Donners und blendendem Flammen der Blitze ein Wolkenbruch auf uns herabstürzte, wie ich nie etwas Ähnliches erlebt. Hier mußte ich die Geistesgegenwart der drei Neger des Schech Bischir bewundern, die ich mit mir genommen hatte. Im Nu hatten sie mich nebst den Sachen in den großen Teppich gewickelt, der am Ufer ausgebreitet lag, ihn oben zusammengedreht und sich alle drei auf der Seite, von wo der Sturm und das Wetter herkam, gleich einem schützenden Gewölbe von Fleisch und Bein über mich hingelegt. So bildeten wir eine zu kompakte Masse, um von dem rasenden Sturm und der strömenden Flut weggeschwemmt werden zu können, und alles Übel, was mir widerfuhr, bestand in der Tat in nichts anderem, als eine Zeitlang in flutendem Wasser mit emporgestrecktem Kopfe zu liegen und mich später während eines etwas gelinderen Platzregens anziehen zu müssen, worauf ich nicht ermangelte, im schnellsten Laufe mein sichres Zelt wiederzugewinnen. Doch dauerte das Unwetter die ganze Nacht mit abwechselnder Stärke fort, so daß gegen Morgen selbst mein doppeltes Zeltdach das Eindringen des Wassers nicht mehr verhindern konnte. Ich mag immer von Glück sagen, daß dieses kleine Abenteuer mir kein Fieber zuzog, aber da sich die Hitze bei jeder Witterungsveränderung fast immer gleich bleibt, so ist man von der Nässe nicht so leicht einer Verkältung ausgesetzt als in unserem rauheren Norden. Ich verweilte jedoch bis ein Uhr Nachmittag am andern Tage, um der Sonne völlig Zeit zu lassen, uns und unsre Effekten zu trocknen, ehe wir von neuem aufbrachen. Im Anfang blieb auch heute das Land noch fortwährend durch Gesträuch (wenngleich meistens blätterloses) belebt, und wir begegneten vielen Reisenden zu Kamel, zu Pferde, zu Esel und zu Fuß, alle stets mit Schild und Speer bewaffnet, größtenteils hochgewachsne schöne Leute aus dem Sudan, die besonders in der Form der Beine und Waden sehr die bisher gesehenen Araber übertrafen, welche bei aller ihrer Kräftigkeit doch meistens nur mit Spindelbeinen begabt sind. Sie erwiderten unsern Gruß mit vieler Freundlichkeit und hatten überhaupt ein freies, gutmütiges und im ganzen gefälligeres, obwohl weniger würdevolles und vornehmes Ansehen als die Schaki- und Dschahelin-Araber. Nach einigen Stunden verschwand alle Vegetation, und die ebne, leere Fläche bot seitwärts nur ein isoliertes, weitläufiges und niedriges Granitgebirge dar, das den Ruinen einer Stadt glich und von dem Blendwerk der Wüste mit einem See von täuschender Wahrheit umschlossen ward. Der Boden ist hier überall sehr salzhaltig. Die weitere Tour blieb von hier an lange Zeit äußerst einförmig, bis wir am Abend die Region der letzten (sechsten) Katarakte des Nils erreichten, wo von neuem eine frischere Vegetation beginnt und Granitfelsen aller Formen sich wie bei Assuan, wiewohl mit einem weit anmutigeren Charakter der Landschaft bis mehrere Stunden vom Nil ab quer durch die Gegend ziehen. Der höchste dieser Felsen in der Nähe der Straße bezeichnet, nach der Einteilung der Araber, die Grenze zwischen Nubien und dem Sudan, ein schöner romantischer Fleck, dem nach dem Flusse zu ein dichter Wald zur Seite liegt, während sich vorn im Süden ein blaues Gebirge erhebt, welches sich dann, östlich wendend, in einer sonderbaren Berggruppe endigt. Diese gleicht einem Dutzend in irregulären Haufen nebeneinander aufgestellten, gigantischen Heuschobern oder Santongräbern, wenn man lieber will, alle von ganz gleicher Höhe und Gestalt und einzeln aus der Fläche emporsteigend, ohne daß man, wenigstens von hier aus, irgendeine Verbindung zwischen ihnen entdecken könnte. Ich erinnerte mich an dieser Stelle des Enthusiasmus, mit dem ich bei Assuan zuerst in Nubien eingeritten war und wie wenig ich damals träumte, auf der andern Seite wieder herauszureiten. Doktor Koch, dem ich diese Bemerkung mitteilte, erwiderte: «Ja, und wie viele dringen hier aus Nubien weiter, ohne je wieder den Rückweg zu finden.» Diese Worte sind seitdem für den armen Doktor an seiner zweiten Reise nach dem Sennar prophetisch geworden, denn er starb während dieses Jahres 1844 in Khartum. «Das freilich», sagte ich, «müssen wir dem Schicksal anheimstellen, und ich hoffe für die, welche uns lieben, daß der Himmel es für uns besser wenden wird. Was aber mich selbst betrifft, so kann es meiner durch das Weltall wandernden Seele ziemlich einerlei sein, wo sie ihren jetzigen Körper zu noch viel weiterer und interessanterer Wanderung in neuer Gestalt auf dieser Erde zurückläßt. Ich bin immer zu dieser kleinen Katastrophe fertig und bereit, wiewohl keineswegs pressiert, sie herbeizurufen, am wenigsten durch unnütze Besorgnis; ein so beruhigender Gemütszustand, daß ich ihn selbst allen meinen frommen Feinden wünsche, nach der schwierigsten Lehre unsrer Religion, die uns vorschreibt: ‹Segnet, die euch fluchen!› Übrigens aber», setzte ich hinzu, «haben ein Arzt und ein praktischer Philosoph, die zusammen reisen, gewiß weniger zu befürchten als andere. Sie werden meinen und Ihren Körper kurieren, wenn wir krank werden, und ich werde nie ermangeln, wenn Spleen oder das Heimweh uns übermannt oder die Hitze zu unerträglich wird, unsern Seelen mit den vortrefflichsten Maximen zu Hilfe zu kommen; es ist nur nötig, daß wir beide aneinander glauben, ich an Ihre Heilkunst und Sie an meine Philosophie, und da dies unser beiderseitiges Interesse ist, so müssen wir unsern Skeptizismus in dieser Hinsicht wenigstens gefangennehmen.» Der Doktor war es zufrieden, und so setzten wir mit verdoppelter Zuversicht unsern Weg, gleich dem Blinden und dem Lahmen, weiter fort. Wir wandten uns nun westlich in der Richtung des Waldes und Flusses und ritten, da wir durch die luxuriös wuchernden hohen Dornbüsche nicht mehr zu dringen vermochten, in einem jetzt trocknen und nur bei der Überschwemmung gefüllten Kanal des Nils in ganz mäandrischen Krümmungen einem kleinen Dorfe mit Namen Marnat zu, wo unsre Karawane haltgemacht hatte. Die Üppigkeit und der unnachahmliche Reiz dieser tropischen Gegend, eine wahrhaft ideale Wildnis, deuchte uns entzückend und hier wohl einzig in ihrer Art, um so mehr, da die Nähe des Wassers bereits die meisten der unzähligen Baum-, Strauch- und Pflanzensorten mit dem frischesten Grün und vielen Blüten überzogen hatte. Hundert Arten von Mimosen und Akazien, Sadebäumen, Tujas, vielen Weiden- und Pappelsorten und einer Menge mir ganz unbekannter Bäume und Sträucher, alle mit einem dichten Gewebe von Winden überdeckt und durchzogen, umschlossen die netten Strohhütten des Dorfes, die wie zu einem Lustlager in diesem Paradiese verteilt zu sein schienen. Unsere eigenen Zelte fanden wir dicht an einem breiten Arm des Nils, den wir nach beiden Seiten weit hinauf und hinab übersehen konnten, aufgeschlagen. Der Fluß war voll kleiner bebuschter Eilande und isolierter, barock geformter Granitfelsen; gegenüber lag eine dicht bewaldete große Insel, auf der sich ein anderes, weitläufiges Dorf befand, mit der ein Kahn, als Fähre dienend, fortwährend den lebhaftesten Verkehr zwischen den beiderseitigen Ufern unterhielt. Besagter Kahn bestand jedoch nur aus einem ausgehöhlten Baumstamm und stand, wenn er mit zehn bis zwölf Individuen angefüllt war, kaum noch einen halben Zoll aus dem Wasser hervor. Gerudert ward er mit kleinen zwei Fuß langen Schaufeln, geformt gleich Kochlöffeln. Einmal fuhren acht Damen zugleich hinüber, bei deren Einschiffung so viel Umstände und Aufenthalt stattfanden, als wären es europäische «Exclusives» gewesen. Das Geschlecht verleugnet sich nirgends, es trage wie hier die Ringe in der Nase und an den Knöcheln oder wie bei uns in den Ohren und an den Händen. Wir wurden sehr freundlich von diesen Naturkindern aufgenommen, reichlich mit vortrefflicher Kuhmilch versorgt und auch eine junge fette Ziege bereitwillig für uns geschlachtet. Dies war in jeder Hinsicht eine so liebliche Station, daß ich, weniger von der Zeit und der Neugierde gedrängt, als ich es bin, gerne monatelang hier verweilt haben würde. Alles erinnerte an unser nordisches Frühjahr, selbst keine zu große Hitze belästigte uns bei dem umwölkten Himmel und der frischen Ausdünstung des Wassers, und eine Menge bunter Vögel sang und schwirrte um uns her im freudigsten Jubel. Nur die schwarzen Menschen und ein kleines Krokodil, das auf einem einzeln aus dem Fluß hervorragenden Felsen dicht vor uns Posto gefaßt hatte und dort stundenlang, als sei er gezähmt, mit offnem Rachen frische Luft schöpfte, erinnerte uns, daß wir in Afrika waren. Perlhühner, fast so groß wie Pfauen, leben hier wild in bedeutender Anzahl, und wir schossen einige derselben, deren Geschmack vortrefflich befunden ward, obgleich ich selbst nicht davon urteilen kann, da ich meiner Milchkur treu blieb. Nachdem wir den folgenden Tag hier noch verweilt und einige höchst anmutige Spaziergänge in der Gegend gemacht hatten, die jedoch wegen der uns überall umgebenden Dickichte und der Ermangelung aller für Bekleidete gangbaren Wege (denn die Haut der Schwarzen scheint für Dornen weit unempfindlicher zu sein als unsere Gewänder) nicht ohne alle Beschwerlichkeit waren, setzten wir am 29. April um ein Uhr nachmittags unsere Reise weiter fort, mit schwerem Herzen das reizende Marnat verlassend, dessen heitres Andenken nie meiner Erinnerung entschwinden wird. Der Weg führte längs dem Gebirge hin, das wir in den vorigen Tagen gesehen, und zum Teil mitten hindurch, beschwerliche sieben Stunden Reitens bei jetzt wieder sengend gewordner Temperatur. Es stieß uns nichts Merkwürdiges während dieses Tages auf als ein ungewöhnlich zierlicher Kirchhof in der Nähe eines ansehnlichen Dorfes, auf dem fast jedes Grab mit sorgfältig gebrannten, puzzuolanartigen und braunrot glasierten Ziegeln eingefaßt und der innere Raum mit farbigen Kieseln in verschiedenen Dessins ausgelegt war. Herr Cadalvene erwähnt irgendwo ähnlicher Gräber und behauptet, man lege die Kiesel bloß in der Absicht darauf, damit der Tote, wenn er sein Grab besuche, gleich das Material finde, um einen Rosenkranz daran abbeten zu können. Hier wußte niemand etwas von diesem Raffinement, und wo ich frug, beschied man mich immer, daß kein anderer Zweck als Zierde mit diesem schon von Ouadi-Halfa aus üblichen Gebrauch verbunden sei, den ich jedoch noch nirgends so kunstreich angewandt sah als in diesem Dorfe. Unser Nachtlager war wieder unter hohen Akazien am Nil, unfern eines isolierten spitzen Berges mit den Spuren eines eingestürzten Kraters, also offenbar ein ausgebrannter Vulkan. Ich fand auf dieser Station einen in Blau und Weiß schön gekleideten Abgesandten Korschud Paschas, des Gouverneurs vom Sudan, dem ich meine Ankunft schon vor einer Woche schriftlich gemeldet und der, besorgt über mein langes Ausbleiben, diesen Diener auf schnellfüßigem Dromedare ausgesandt hatte, um sich zu erkundigen, was aus mir geworden sei. Sobald er meine Antwort erhalten, beurlaubte er sich schnell und flog in einem so gestreckten Trabe davon, daß ich nicht mehr an seiner schon vorher gegebenen Versicherung zweifelte, er werde die vierzehn Stunden starke Tagereise bis Khartum noch vor Mitternacht zurückgelegt haben. Wir reisen mit unsern diesmal sehr schlechten Tieren leider viel langsamer. Die Dämmerung war schon nahe, als ich, um meine von dem langen Ritt ganz steif gewordenen Glieder wieder etwas geschmeidiger zu machen, noch einen einsamen Spaziergang längs dem Flusse unternahm. Bei einer jähen Wendung des Nils befand ich mich plötzlich vor einem von Felsen rings umschlossenen kleinen Grasplatz, der sozusagen halb dem Flusse und halb dem Lande angehörte, und erblickte hier mit freudigem Erstaunen ein ungeheures Nilpferd, das ganz friedlich und von der Nähe der weithin leuchtenden Feuer und dem Lärm unsres Biwaks nicht im mindesten gestört, emsig daselbst graste. Ich rief sogleich den Doktor mit meinen Leuten herbei, und über eine halbe Stunde lang konnten wir nun das Tier in einer Entfernung von kaum hundert Schritten mit größter Muße und Genauigkeit beobachten. Sehr unrichtig ist die deutsche Bezeichnung «Nilpferd»; die Araber nennen es richtiger «Wasserochse», obgleich es ebensogut auch Wasserschwein heißen könnte, denn zwischen diesen beiden Tieren hält es eigentlich die Mitte, und in seinen Manieren ähnelt es fast mehr dem letzten als dem ersten. Doch der unförmliche, außer allem Verhältnisse mit dem übrigen Körper stehende Kopf wie die kolossalen, gleich Teleskopen in der Größe von Kanonenkugeln greulich hervorstehenden Augen sind nur ihm selbst eigentümlich. Es ist ein harmloses Tier, dem Landmann allein schädlich durch seinen unstillbaren Appetit und gefährlich nur dann, wenn man es zum Kampf herausfordert. Wahrscheinlich wäre das von uns beobachtete Individuum, da die Weide sehr reichlich schien, die ganze Nacht bei uns geblieben, wenn nicht auf dem Fluß ein Schiff mit vollen Segeln herangekommen wäre. Als dies in seine Nähe gelangte, ging das Tier, anscheinend sehr verdrießlich über die Störung – denn es schüttelte mehrmals den Kopf und sperrte drei- bis viermal seinen Rachen mit den großen Fangzähnen auf –, langsam und gravitätisch ins Wasser, tauchte dann noch einigemal spähend mit dem Kopfe daraus hervor und begab sich erst, als das Schiff beinah über dasselbe hinwegzufahren im Begriff war, zur Nachtruhe in die Tiefe. Dort mag es besser und wärmer geschlafen haben als wir, denn kaum im Bett mußten wir eine zweite Edition des Sandsturmes erleben, der, wenngleich mit nach und nach verminderter Heftigkeit, diesmal fünf Stunden lang anhielt, so daß während dieser Zeit an kein Reinigen der Zelte gedacht werden konnte und die vereinigten Kräfte aller unsrer schwarzen und weißen Leute fortwährend angewandt werden mußten, um die Zelte nur vor dem Umfallen zu schützen. Das Souper des Doktors entführte der Wind, ohne ihm irgend etwas davon übrigzulassen, blies die Feuer aus und füllte selbst alle geschlossnen Koffer und Kisten mit seiner Erde, so daß wir, als er endlich nachließ, nach einer schlaflosen Nacht noch den ganzen Morgen damit zubringen mußten, die Sachen wieder zu reinigen und in Ordnung zu bringen. Dazu war es so kalt geworden (ein höchst ungewöhnlicher Fall), daß ich, frostig wie ich nach und nach geworden, trotz zweier Mäntel mich kaum zu erwärmen vermochte. Alles dies verzögerte unsern Abmarsch bis um 2 Uhr Nachmittag. Kurze Episode Hier muß ich eine kleine Pause machen, um (drei Jahre später) meine Freude darüber auszudrücken, daß die soeben von mir erzählte Entrevue mit dem Hippopotamos durch kabbalistische Magie unsrem verehrten preußischen Regierungsrat, Herrn Carl Immermann, schon lange vor meiner Enthüllung dieser Begebenheit bekannt und dann von ihm in den Annalen seines Münchhausen so geistreich variiert wurde, als es mir selbst unmöglich hätte gelingen können. Nur dagegen muß ich protestieren, daß der Nilochse mich verschlungen und wieder ausgespien habe. Eine solche Ehre würde mir eine zu große Ähnlichkeit mit dem Propheten Jonas geben, was meine Bescheidenheit abweisen muß. Wahrscheinlich ist es auch, daß ich in einem solchen Falle nicht ausgerufen haben würde: «Monsieur, Monsieur, avec permission, je suis Son Altesse telle et telle.» Die Phrase ist zu schlecht französisch und überdem nicht charakteristisch. Ich würde vielmehr, um dem Hippopotamos, in den der Dämon Immermanns gefahren, meine Unverdaulichkeit für ihn auf der Stelle begreiflich zu machen, ausgerufen haben: «Mon cher animal, cheval, boeuf ou cochon, qui que vous soyez, laissez moi tranquille! Votre nature est de manger du foin: ne sutor ultra crepidam!» – zu deutsch: Beiße nicht über Vermögen, Hippopotamos! Und wenn das Untier diese Rede zu weitschweifig für einen in seinem Rachen Steckenden gefunden, hätte ich mich damit entschuldigt, einmal wenigstens dem Beispiel deutsch humoristischer Schriftsteller folgen zu dürfen, welche schon vor Immermann von jeher das Privilegium in Anspruch genommen haben, ihre Goldkörner ungewaschen und noch mit aller Vermischung ursprünglichen Muttersandes abzuliefern. Der arme Immermann ist zwar seitdem gestorben (in Düsseldorf am 25. August 1840; d. Vlg.), wie ich höre, weil aber die mich betreffende Stelle in seinem Münchhausen verblieben ist, so mag auch meine Antwort in dem vorliegenden Buche stehenbleiben, da sie noch bei seinem Leben geschrieben und damals auch schon in einem Tagesblatte publiziert wurde. Der Salzgehalt der Wüste, durch die wir an diesem Tage zogen, ward immer reichlicher; die Eingebornen haben nichts zu tun, als kleine Gruben in den Boden zu machen – deren wir auch zu vielen tausenden sehr häufig rechts und links der Straße erblickten – und dann die so ausgeschaufelte Erde mit Wasser zu kochen, um eine sehr bedeutende Quantität Salz, zirka den sechsten Teil des Gewichts der Erde, daraus zu ziehen. Die Straße war heute noch belebter als gestern, und einmal begegneten wir sogar einem dem Anschein nach vornehmen Manne mit ansehnlichem Gefolge, der in seiner bunten Tracht nebst dem spitzen Sonnenhut, aus Papier angefertigt, auf dem Kopfe ganz einem chinesischen Mandarin glich. Nachdem wir ungefähr vier deutsche Meilen zurückgelegt hatten, hielt ich um sieben Uhr bei einer Herde Ziegen unter Mimosengebüsch an, um ein wenig auszuruhen und dort eine doppelte Portion meines Milchdeputats zu mir zu nehmen. Dann ward bei Sternenlicht weiter geritten, um womöglich Khartum schon am frühen Morgen zu erreichen. Der Weg ging jetzt meistens durch unebnes Terrain und dichtes Gebüsch, so daß wir gleich von Anfang an bei der ziemlich dunkeln Nacht Mühe hatten, zusammenzubleiben und oft an unbemerkten Dornenzweigen hängenblieben. Zuletzt verirrten sich der Doktor und mein Kammerdiener, da sie wegen zu großer Ermüdung ihrer Tiere uns nicht mehr schnell genug hatten folgen können. Ich schickte den Dragoman ab, um sie zu suchen, doch vergeblich, und nachdem wir noch eine geraume Zeit gewartet und nach allen Weltgegenden hin gerufen hatten, ohne Antwort zu erhalten, mußten wir sie sich selbst überlassen, was auch ohne große Bedenklichkeit geschehen konnte, da wir uns nur eine halbe Stunde von Halfaja, einem ansehnlichen Orte, befanden und der Morgen schon nahe war. Wie wir später erfuhren, hatten sich die Verlornen nach lang ausgestandner Angst im Walde endlich auch glücklich dort eingefunden, und nachdem sie den Schech geweckt und von ihm Esel nebst einem Führer requiriert, langten sie drei Stunden nach uns in Khartum an. Diese Stadt liegt am Beginn der Gabel, welche durch die Vereinigung des weißen und blauen Flusses, die beiden großen Arme des Nils, von denen es noch immer unbestimmt bleibt, welcher von beiden den Namen dieses Flusses zu tragen eigentlich berechtigt ist – gebildet wird. Nunmehr scheint es entschieden zu sein. Sie nimmt sich mit dem hohen Turme ihrer Moschee und den weithin sich erstreckenden krenelierten Befestigungsmauern in der Ferne recht stattlich aus, doch in der Nähe ist sie, da alle Gebäude darin nur aus Erde ohne Abputz aufgeführt sind, ebenso unscheinbar als alle übrigen Städte dieses Landes. Die Umgegend ist von dieser Seite größtenteils Wüste oder baumlose Feldflur, nur in der Nähe befinden sich einige Gärten, was auch kaum anders zu erwarten ist, da diese Hauptstadt des Sudans erst vor zehn Jahren auf Mehemed Alis Befehl aus der Einöde emporstieg. Noch ehe ich den blauen Fluß passierte, der dicht vor der Stadt ihrer ganzen Ausdehnung entlang dahinfließt, fand ich am diesseitigen Ufer desselben den Schatzmeister Korschud Paschas schon postiert, um mich im Namen seines Herrn zu bekomplimentieren und mich in der eleganten Barke desselben hinüber in das mir bereitete Haus zu führen. Dies produzierte wie gewöhnlich ein Muster vom charakteristischen Geschmack der Türken und Orientalen – ich meine jene ihnen so eigentümliche Mischung von Pracht, Schmutz und Elend –, aber hier, nach den Sitten des Landes, in dreifach gesteigertem Maßstabe. Von außen rohe Lehmwände, durch die ein hohes und verziertes Tor, unter einer Veranda, in einen Saal von ansehnlichen Dimensionen führte, dessen Decke nur aus rohen Balken und der Boden aus festgestampfter Erde bestand, die alle zwei Stunden von einem Sklaven aus großen Ochsenhautschläuchen übergossen wurde, um den Staub zu löschen. Auch der an drei Seiten des Saales sich umherziehende, einen Fuß erhöhte Diwan war ebenfalls nichts als eine zweite Erdtenne mit einer hölzernen Einfassung, aber mit den schönsten Teppichen in Profusion und vielen weichen seidnen Kissen aller Farben belegt. Den Boden deckten bis auf eine gewisse Distanz vom Diwan kunstreich aus Palmenblättern gewobene Matten, die nirgends schöner als im Sudan verfertigt werden. Die Wände waren zwar als eine besondere Recherche für diesen Palast vor kurzem geweißt worden, hatten aber bereits die allgemeine Staubfarbe schon wieder angenommen, und alles Ameublement des Salons bestand aus zwei enormen Fässern aus gebranntem Ton, durch die fortwährend das öfters darin erneute Nilwasser in große darunterstehende Becken filtrierte, wo es sich klar wie Kristall und kühl wie Brunnenwasser erhielt; mehrere Bardaken (wie man sich wohl erinnert, irdene Krüge, die das Wasser durch das Ausschwitzen noch kälter machen) standen auf einem in der Wand befestigten Brette zum beliebigen Gebrauch daneben. Ein Dutzend reich gekleideter, aber barfuß gehender Diener füllten außerdem das Zimmer und beeiferten sich, mir prächtige Pfeifen nebst Kaffee und Scherbet in den kostbarsten Gefäßen zu präsentieren. Die Schlafstuben neben dieser Hauptpiece waren greulich für alle Sinne, schlechter als der ärmste Bauer in Europa sie würde bewohnen wollen. Ich beschloß daher, mich für meine Person Tag und Nacht auf dem Diwan einzurichten, und bedauerte aufrichtig meine Leute und Sklaven, welche in diesen dumpfigen, schmutzigen Löchern notgedrungen ihre Wohnung aufzuschlagen gezwungen waren. Denn nur dem Doktor hatte man noch außerdem ein eignes kleineres Haus bereitet, das in allem die Diminutivabbildung des meinigen repräsentierte und ihm an Schmutz und mit Pracht übertünchtem Elend nichts nachgab. Khartum Noch nicht fünf Minuten seit meiner Installierung im Hause waren verflossen, als der Militärgouverneur der Stadt und Befehlshaber Mehemed Alis regulärer Truppen im Sudan, der General Mustapha Bey, mit einem zahlreichen Gefolge eintrat und, nachdem er mich zweimal zärtlichst umarmt hatte, auf der mit Teppichen belegten Ottomane aus getrockneter Erde neben mir Platz nahm. Er soll einer der besten Offiziere des Vizekönigs sein und hatte ein kriegerisches, dezidiertes Wesen, das ihm wohl anstand. Demungeachtet befand er sich jetzt in einer untergeordneten Stellung, da er früher Gouverneur des Königreichs Kordofan gewesen war, wo er indes, wie man behauptete, sein Amt etwas zu gut genutzt und sich damit ein großes Vermögen erworben hatte. Eine Viertelstunde später kam Korschud Pascha selbst mit noch größerem Pomp als der General und beehrte mich mit derselben doppelten Umarmung. Wie fast alle ägyptische Große ist auch Korschud Pascha ein Mann von vornehmen Manieren und gewinnender Höflichkeit, hatte aber, vom Klima leidend, ein sehr hinfälliges und krankes Aussehen. Wie ich später erfuhr, ist er hier zwar gefürchtet, aber keineswegs geliebt wegen seines unerbittlichen Geizes, mit dem er in den 10-12 Jahren seines Gouvernements über eine Million spanischer Piaster zusammengescharrt haben soll. Man bezeigte ihm indes äußerlich fast noch mehr Ehrfurcht als selbst Mehemed Ali in Kahira, und sein Leibarzt, der schon früher erwähnte italienische Renegat, der Oberstenrang hat, wagte es nie, wenn der Pascha ihm erlaubte zu sitzen, sich anderswo als auf die Matten des Bodens niederzulassen. Nur der General saß heute auf dem Sofa neben mir und dem Pascha; alle übrigen mußten mit ausgezognen Schuhen um uns her stehen, die Vornehmsten oben auf dem Diwan, die von minderem Grade auf der Matte und die Geringsten etwas entfernter auf dem begossnen, noch ganz nassen Erdboden. Unsere Unterhaltung war nur kurz, und nachdem die Herren mich verlassen, erschien der Haushofmeister des Gouverneurs mit einer langen Reihe Diener, alle mit den verschiednen Gegenständen einer türkischen Mahlzeit beladen, die zwar sehr kopiös, aber herzlich schlecht war. Zugleich mit ihnen fand sich ein sizilianischer Jude ein, der mich mit einer schmählichen Sorte sauern Rheinweins versorgte, für den ich ihm 80 Piaster (8 Gulden) für die Bouteille bezahlen mußte. Dieser Mann, der mit allem möglichen europäischen Auswurf, aber immer zu ähnlichem Tarif, Handel trieb, war zugleich Gouvernementsapotheker und das Los der armen Soldaten nicht wenig zu beklagen, die im Lazarett von den Medikamenten aus seiner Teufelsküche gezwungnermaßen Gebrauch machen mußten. Da er mich ohne Zweifel als eine besonders willkommne Extrabeute ansah, ward er später so zudringlich, daß ich ihn zur Türe hinauswerfen lassen mußte. Es ist leider nur zu wahr, daß alles, was man in diesen entfernten Ländern von dort etablierten Europäern antrifft, in der Regel ganz zu demselben Schlage gehört. Gegen Abend machte ich dem Pascha meine Gegenvisite und wurde zwar von ihm mit allem bei der Gelegenheit aufzubietenden barbarischen Glanz, aber in keinem bessern, obwohl ungleich größeren Lokal empfangen, als das mir angewiesene Gebäude war. Sowohl bei dieser Zusammenkunft als während einiger später gemachten Besuche teilte mir der Pascha mehrere nicht unwichtige Notizen über die südlicheren unbekannten Gegenden mit. Besonders interessant war mir die Erzählung eines Streifzugs, den er selbst vor einigen Jahren mit 2000 Mann Truppen, wie er versicherte, bis zweiunddreißig Tagereisen weit (die Tagereise zu 6-8 Stunden gerechnet) stromaufwärts des Bahr-el-Abiad (weißen Nils) teils auf dem Flusse, teils längs desselben zu Lande unternommen hatte. Er fand die Gegenden, durch die sein Weg führte, fast durchgängig von fruchtbarem Boden, voll Wälder mit den höchsten Bäumen (Adansonien und auch Kokospalmen nach der Beschreibung) und nur zuweilen von hohen und steilen Bergen eingefaßt, doch überall sehr wenig Kultur, und je weiter er kam, immer wildere und kriegerischere Bewohner, von denen selbst Lebensmittel nie anders als durch Kampf und mit Gewalt zu erlangen waren. Er schilderte diese als große, sehr kräftige und schön gewachsene kohlschwarze Neger, die ganz nackt gehen, selbst ohne Schurz, und durchaus keine Religion haben sollen, das heißt indes wahrscheinlich nur: weder Muselmänner noch Juden oder Christen seien. Männer und Weiber rasieren bei einigen Stämmen ihr Haar und bedecken dennoch den Kopf nicht gegen die glühende Sonne. Wenige hatten einen Bart. Im Winter ist es in den bergigen Landesteilen sehr kalt, dann pflegen die Eingebornen große Feuer anzuzünden und sich rund umher in den gewärmten Sand einzugraben. «Oft», sagte der Pascha lachend, «wenn wir sie unversehens überraschten, sahen wir sie wie Erdmäuse auf allen Seiten sich aus dem Boden herausarbeiten.» Ihre Waffen und Verteidigungsmittel bestehen aus Schilden, Bogen, Wurfspießen und Pfeilen, die letzteren zuweilen mit einem so heftigen Gifte versetzt, daß alle Wunden davon sich stets als tödlich erwiesen. Keiner ließ sich seine Waffen vor dem Tode entreißen, und der Pascha konnte nicht genug die heroische Tapferkeit und Todesverachtung rühmen, mit der diese Wilden ihren Grund und Boden verteidigten. Das Wasser des Flusses fand man, so weit man kam, überall reichlich und meistens tief, ohne sichtliche Minderung, obgleich der Strom sich häufig in viele Arme teilte, die unzählige, zum Teil dicht bewaldete Inseln umflossen. Zweimal traf es sich jedoch, daß man, einem solchen Arme folgend, ihn so weit in der Plaine ausgetreten fand, daß die Schiffahrt darauf zu ungewiß und gefährlich ward und man daher wieder zurückkehren und einen andern besser begrenzten Arm aufsuchen mußte. Dies hatte die Folge, daß man im ganzen gegen fünfzig Tage brauchte, ehe man die Rückkehr wieder antrat. Einer dieser Arme oder Zuflüsse des weißen Nils (denn wahrscheinlich sind mehrere der angegebnen Arme das letztere) hatte ungleich besser kultivierte Ufer als die übrigen, und eine Menge Dörfer waren zwischen den fruchtbaren Fluren verteilt, die Einwohner derselben aber ebenso wild als die übrigen, weshalb man, wie der Pascha kaltblütig sagte, «sich gezwungen sah» (auf gut Türkisch), den größten Teil dieser Orte zu verbrennen und die Einwohner als Sklaven fortzuführen. Der Gouverneur behauptete, kurz vor dem Punkte, wo er die Rückkehr antrat, Taïphafan genannt, im Lande der Tengar oder Tongar zwei Pyramiden, eine auf jeder Seite des Flusses, angetroffen zu haben, an Bauart ganz denen von Dschiseh gleich , wenn auch nicht so hoch, auch weit weniger breit in der Basis und oben mit stumpfer Spitze, wie zur Aufstellung von Statuen bestimmt. Beide, versicherte er, hätten sich vom Grunde aus bedeutend südlich geneigt, so daß sie dem Auge ganz schief erschienen wären, ohne daß er angeben könne, ob sie absichtlich so gebaut worden oder durch ein Erdbeben diese Richtung erhalten hätten. Die Blöcke, aus denen sie bestanden, wären von derselben Steinart als die umliegenden Berge und stufenweise übereinander gelegt gewesen, so daß man ziemlich bequem hinaufsteigen konnte. Obgleich man auf dergleichen Nachrichten nicht sehr fest bauen kann, so ist es doch kaum wahrscheinlich, daß der gravitätische Türke in seinen Verhältnissen zu mir und in Gegenwart so vieler Personen – von denen mehrere seiner Expedition beigewohnt hatten und seine Angaben teils bestätigten, teils häufig berichtigten – mir vor seinem versammelten Hofe ein bloßes Märchen aufgebunden haben sollte, noch weniger kann er und seine Begleiter sich bei so spezieller Auskunft über die Natur der Sache selbst gröblich geirrt haben. Ist seine Nachricht aber gegründet, so muß der Umstand einst bei näherer Untersuchung gewiß für die Geschichte dieser Länder und ihrer Vergangenheit wichtige Resultate liefern. Drang vielleicht Ramses-Sesostris in seinen erobernden Zügen bis dorthin vor und errichtete daselbst nach seiner Weise als ewige Landmarke der wundervollen Unternehmung jene ungeheuren Monumente an beiden Seiten des geheimnisvollen Stromes, dessen Quellen unerreichbar schienen – oder lebte im grauen Altertume hier wirklich ein Volk, dessen noch rohe, aber schon mit dem Kolossalen spielende Kunst die später veredelte Nachahmung in Ägypten fand? Leicht mögen diese Bauwerke, wenn sie eine Realität haben, darüber vollkommeneren Aufschluß geben. Von den halb fabelhaften Mondbergen konnte Korschud Pascha, ungeachtet er seiner Beschreibung nach wenigstens bis über den achten Breitengrad vorgedrungen sein muß, keine Auskunft geben, er sah und hörte nichts, was deren Existenz in dieser Richtung, wo die Karten sie angeben, vermuten lassen könnte. Aller Wahrscheinlichkeit nach muß dies Gebirge, wenn es ein solches gibt, südlicher und mehr östlich weit hinter Abessinien in Verbindung mit dessen ohnedies schon sehr hohem Berglande liegen. Dies letztere war die Meinung Korschud Paschas, und schon Mehemed Ali äußerte gegen mich etwas Ähnliches in Kahira, als wir von Bruce sprachen; nämlich daß die wahren Quellen des Nils gewiß ferner als Abessinien in hohen Gebirgen entsprängen. Obgleich man seit vier Jahrtausenden diese Quellen des Nils vergeblich gesucht hat, so bin ich doch nach allen eingezognen Nachrichten und nach der etwas genauern Bekanntschaft mit diesen Ländern überzeugt, daß gerade jetzt dieser Entdeckung durchaus keine so unübersteiglichen Hindernisse entgegenstehen, als man gewöhnlich glaubt, wenn man nur die rechten Mittel dazu anwendet, und hier kann ich mich nicht genug darüber verwundern, daß noch nie weder ein europäisches Gouvernement noch einer jener vielen überreichen Engländer, die doch im allgemeinen so viel Interesse an dergleichen Gegenständen nehmen und selbst so viel reisen, Leute, denen es nur eine kleine Entbehrung kosten würde, ein paarmal hunderttausend Taler oder mehr auf einen solchen Zweck zu verwenden – nie den Gedanken gefaßt haben, sich hier auf so leichte Weise einen unsterblichen Namen zu erwerben. Wenn ein solcher Mann oder eine Regierung sich gegen den Vizekönig bereit erklärte, die Kosten der Expedition tragen zu wollen, und hinlänglich dartäte, daß man nur wissenschaftliche Zwecke im Auge habe, so würde gewiß mit nur einigem savoir-faire die reellste Unterstützung des ägyptischen Gouvernements leicht erlangt werden, ohne welche allerdings die Ausführung des Unternehmens sehr schwer sein möchte. Wir kennen nun mit Gewißheit, wenn auch noch nicht die Quellen, doch wenigstens den Lauf des Bahr-el-Abiad bis nahe seinem Ursprung sowie die wirkliche Lage der Gebirge (die Mondberge, wenn man sie so nennen will), aus denen der weiße Nil entspringt, nur fand man diese viel südlicher und viel weiter östlich, als man sie früher annahm, also ziemlich so, wie es der Pascha in Khartum und Mehemed Ali selbst schon voraussetzten, was merkwürdig genug ist. Wem verdankt man es aber nun, daß dies Geheimnis von 4000 Jahren endlich entschleiert ist? – Ganz allein dem «nutzlosen, nur an seine Bereicherung denkenden Barbaren» Mehemed Ali, der binnen drei Jahren drei Expeditionen nacheinander unternahm, keine Kosten scheute und nicht eher ruhte, bis er seinen Zweck erreicht hatte. Ob dies den kopflosen Skriblern gegen diesen Fürsten nicht etwas das Handwerk legen wird? Denn sie mögen ihm Motive unterlegen, welche sie wollen, das Resultat können sie ihm nicht mehr abstreiten. Spielend gelingt seiner Energie, was bisher allen Nationen der Erde unausführbar blieb, und der ungelehrte Türke verdient sich von der Wissenschaft einen unsterblichen Kranz! Es ist in der Tat, als hätte das Schicksal ihn durch diesen unerwarteten Ruhm bei der zivilisiertesten Welt Europas für alle die Unbill entschädigen wollen, welche ihm von andern Mächten dieses Weltteils in politischer oder vielmehr unpolitischer Hinsicht angetan worden ist. Auch über Mandera bekam ich beim Gouverneur durch einen alten Dschaus etwas bestimmtere Nachrichten. Es liegt nach ihm nur 16 Stunden von Abu Haraß östlich vom Nile ab; auch bestätigte er, daß sich die Ruinen auf einem Berge in der Ebne befänden, doch konnte er über diese nichts Näheres angeben, da er, wie er sagte, zu wenig darauf geachtet habe. Ich bat mir sogleich diesen Dschaus für die Fortsetzung meiner Reise zum Begleiter aus und beurlaubte mich dann, um Mustapha Bey einen Besuch zu machen. Dieser bewohnt das einzige Haus in Khartum, welches außer dem Harem des Gouverneurs Glasfenster hatte. Er erzählte uns viel von Kordofan und den Goldbergen von Scheibun, (nicht Schabun, wie die Karten es nennen), wo sich jetzt die österreichischen Mineralogen unter des trefflichen Russegger Leitung mit einer Bedeckung von 400 Mann Infanterie und 200 Reitern zur Untersuchung der dortigen Goldminen befinden, aber wegen der schon eintretenden Regenzeit bald hier zurück erwartet werden. Man hat eine so starke Eskorte zum Schutz der Gelehrten für nötig erachtet, weil die tapfern und kriegslustigen Neger etwas eifersüchtig auf ihr Gold sind, auch selbst die Sandwäschereien sehr emsig, wenngleich unvollkommen betreiben und einen bedeutenden Handel mit diesem Metall nach Kordofan, Sennar und auch nach Darfur treiben. Mustapha Bey hatte kürzlich erst mit ihnen Krieg geführt und Scheibun verbrannt, auch einige Bergdistrikte bezwungen, doch aber, wie es schien, sich nicht bleibend dort behaupten können. Sklaven zu erlangen war der Hauptzweck der Expedition, eine Razzia auf Menschen. Zu den merkwürdigsten Produkten Kordofans rechnete er einen kolossalen Baum von sehr schwammigem Holze, welcher eine Frucht von der Größe eines Straußeneies trägt, deren milchartiges Mark wohlschmeckend ist. Derselbe Baum kommt auch, wiewohl selten, in einigen Distrikten des Sennars vor, wo man ihn Kangulos nennt. In Kordofan heißt er Homer und auch Tebeld. Mustapha Bey versicherte, Stämme dieses Baums gemessen zu haben, die über siebzig Fuß im Umfang gehabt hätten. Seine Höhe, obgleich ansehnlich, steht in keinem Verhältnis zu dieser ungeheuren Dicke des Stammes, doch breiten sich die Äste sehr weit aus. Das Holz ist übrigens so schlecht, daß es nicht einmal zum Brennen wohl gebraucht werden kann. (Wahrscheinlich eine Abansonienart oder der Sotor.) Ich erkundigte mich auch bei ihm, meiner alten Manie getreu, wieder nach dem Einhorn, doch ohne Erfolg. Dagegen ließ er mir zwei prächtige Exemplare von Nashornhörnern holen und machte mir beide zum Geschenk. Das eine mißt genau anderthalb französische Fuß in der Länge, das andere, welches noch dicker in der Wurzel ist, ist einen halben Fuß kürzer. Von den Vulkanen und heißen Quellen sowie Grotten mit ägyptischen Hieroglyphen, deren Herr Rüppel erwähnt, hatte er keine Kenntnisse; dagegen erzählte er viel von dem merkwürdigen, reichen und nicht ganz unzivilisierten Berggebiet Tégelé südöstlich von Kordofan. Obgleich zwischen Kordofan und Sennar mitten inneliegend, ist es so vortrefflich durch die Natur verteidigt, so gut in kriegerischer Hinsicht organisiert und von so tapfern Leuten bewohnt, daß man es bisher nie mit Erfolg anzugreifen versucht hat. Nur zwei höchst unzugängliche Pässe gewähren den Eingang in das durch unersteigliche Porphyr- und Granitfelsen geschützte Land, welches außerdem noch von einem Saum undurchdringlichen Urwaldes stachlicher Mimosen ganz umgürtet ist, der sich zirka vom 13½ bis zum 11ten Grade nördlicher Breite erstreckt. Die Regierung ist völlig despotisch. Der jetzige Sultan, ein noch junger Mann, soll von ausgezeichneten Gaben sein und an fünfzigtausend Mann Bewaffnete aufbieten können. Das Land enthält selbst Gold, außerdem aber werden auch die Goldwäschereien des angrenzenden Scheibun hauptsächlich von Negern im Dienste des Beherrschers von Tégelé bearbeitet. Die Nation treibt einigen Handel mit den auswärtigen Dschellabs und ist nicht ohne einen gewissen Luxus, der sich unter anderm am Hofe des Sultans durch eine sehr schmuckvolle Kleidung dartun soll. Alles Land gehört dem Staatsoberhaupt, und jeder Bewohner ist nicht minder sein Eigentum. Dennoch behauptet man, daß das Reich mit Milde und Gerechtigkeit regiert werde. Beim Tode des Sultans müssen nach einer seltsamen Sitte alle Männer und Frauen ihr Haar rasieren, das Haupt mit Staub und Asche bedecken und ein ganzes Jahr lang um den Verbliebenen trauern. Zugleich wird alles männliche Vieh getötet, und erst nach der verflossnen Trauer beginnt man Raubzüge in die Umgegend, um sich neue Stammhalter zu verschaffen. Dieser letzte Gebrauch scheint fast unglaublich, Mustapha Pascha versicherte mir aber wiederholt, daß die Sache sich genau so verhielte, wie er sie angegeben, und in Wahrheit – die Torheiten der Menschen sind zu allen Zeiten so kolossal gewesen, daß man auch die wahnsinnigsten nicht zu bezweifeln braucht. Übrigens ließe sich allenfalls ein politischer Grund dabei denken, den kriegerischen Raubgeist zu erhalten und dem Volk sogleich bei Beginn der neuen Regierung eine äußere Beschäftigung zu geben. Der General meinte, daß ein Europäer, der als einfacher Handelsmann aufträte, wenig Schwierigkeit finden würde, sich in Tégelé Eingang zu verschaffen, da kein religiöser Fanatismus daselbst herrsche und er nicht einmal bestimmt wisse, ob alle Einwohner sich zum Islamismus bekannten. Südlicher am Dschebel-Kadro wohnen die Nuba-Neger, von schönem nervigem Bau und wohlgeformtem Antlitz. Beide Geschlechter gehen ganz nackt. Sie sind pechschwarz, häufig an Armen, Brust und Bauch tätowiert und durch regelmäßige Messerschnitte gezeichnet, die Sonne, Mond und Sterne darstellen gleich den Bewohnern von Darfur und selbst eines Teiles des niederen Nubiens. Sie bedienen sich vergifteter Wurflanzen mit eisernen und hölzernen Spitzen, bemalen zuweilen Teile ihres Körpers mit roter Farbe und tragen Sandalen aus Elefantenhaut, aus welcher auch ihre Schilde gefertigt sind. Nicht ohne Industrie verfertigen sie höchst künstliche und elegante Arbeiten aus Leder und Schilf. Sie sind tapfer, kriegerisch und von wildem Charakter. Mustapha Pascha, der viel harte Gefechte mit ihnen zu bestehen hatte, fand, wie er mir sagte, nie einen Feigen unter ihnen und war selten imstande, andere als Schwerverwundete zu Gefangnen zu machen, da sie sich selbst gegen die größte Übermacht stets bis auf den letzten Mann verteidigten. Auf manchen Bergen, zum Beispiel am Dschebel-Njucker und Turban, sollen sie Menschenfleisch fressen. Delikat sind sie wenigstens in ihrer Nahrung keineswegs: frisches wie verfaultes Fleisch, Ratten, Schlangen, Kröten und Ungeziefer aller Art wird nie von ihnen verschmäht. Außer den Ringen in Nasen und Ohren, die beide Geschlechter tragen, befestigen sie auch lange Stacheln des «porc-épic», rechts und links herausragend, an ihre Nasen. Was ihnen aber ganz eigentümlich scheint, ist, daß sie von allen Teilen des Körpers die Genitalien am meisten zu schmücken suchen und man kaum begreift, wie sie die Masse der dort hängenden Verzierungen ohne Schmerz ertragen können. Ihre Sprache ist der der Schilluk ähnlich, reich und voll mit vielen Gurgeltönen. Die Beschneidung kennen sie nicht, so wie man überhaupt keine Art von Religionsübung bei ihnen bemerken kann. Dennoch sind sie bei weitem intelligenter als die Schillukneger. Vom Dschebel-Kadro reist man drei Tage im Lande dieser Völker bis zum Dschebel-Hédra, wie ich später von Herrn Russegger erfuhr. Im Westen passiert man nach der Reihe die Berge Abile, Manichedan, Kulfan und Debri – im Osten Gualih, Deri, Njucker und Turban. Der Hédra steht isoliert; aus Granit geformt. Die Ebne besteht aus Tonboden und wird zur Regenzeit ein fast unpassierbarer Sumpf. Wälder von Akazien, Mimosen, Gummi- und Weihrauchbäumen, Kaktussen und giftigen Euphorbien, deren Saft die Waffen der Eingebornen so tödlich macht, durchziehen sie. Zibethkatzen, der braune Tetal und andere sehr große Antilopen, gleich kleinen Pferden, Kopf und Rücken braun, der Rest schlohweiß, wurden häufig von den Reisenden gesehen. Auch sehr große Schlangen zeigten sich hier bereits, unter andern die Boa Anaconda . – Vom Hédra ist nur noch eine Tagereise bis Scheibun, das Mustapha Pascha in dem letzten Kriege mit den Eingebornen, wie erwähnt, gänzlich zerstörte und dessen Lage auf einem isolierten Berge sehr günstig zu einem militärischen Waffenplatz sein würde. Hinter Scheibun ändert sich plötzlich der ganze Charakter des Landes, und man glaubt in Indien zu sein. Zwei Stunden vor Scheibun breitet sich ein üppiger und prachtvoller Wald aus, wo riesige Delebb- und Kokospalmen mit noch kolossalern Tamarinden und Boababbäumen wetteifern und gelbe und rote Blumenbouquets die Kronen der cassia fistula und des Sotor bedecken. Die Adansonien prangen mit weißen Blumen, von andern hängen bis zwanzig Pfund schwere Früchte herab; ungeheure Ficus, Oleander und Kaktusse, Mimosen und Akazien aller Arten und Blüten, Schlingpflanzen, die herrlichsten Treibhaus- und Topfgewächse als Fuchsia, Pancratium, Irisarten, Sambuk usw. zieren diesen Wald, den zahllose Elefanten durchstreichen, von welchen mehrere Trupps der Karawane näher kamen, als den Reisenden lieb war. Der Berg von Scheibun besteht aus dem Gneis und Granit der Schweizer Alpen, das erste primitive Gestein, auf welches Herr Russegger nach seiner Meinung in Afrika stieß; denn der schöne Granit von Assuan usw. ist nach ihm vulkanischen Ursprungs. – Im Osten von Scheibun lagern sich die Berge Abul, Schawari, Kavarmi; im Westen el-Buram, Moari, Tungur; im Süden der Dschebel-Tira und die Ebenen des Landes Fartit. Zwischen dem Dschebel-Tira, der eine Tagereise von Scheibun entfernt ist, passiert man abermals einen noch größern Tropenwald. Alle genannten Berge sind außerordentlich bevölkert. Wie Ameisenhaufen wimmelten sie von Negern, und es gibt deren, die an 5000 Menschen beherbergen. Dschebel-Tira, den Herr Russegger nur flüchtig untersuchen konnte, besteht aus primitivem Gneis und Quarz, Feldstein und Grünsteingängen. Es sind diese getrennten und niedrigen Berggruppen wahrscheinlich die Fortsetzung eines Zuges primitiver Felsgebilde, der Afrika aus Nordost in Südwest durchsetzt, wie sich die Bergleute ausdrücken, und das eigentliche Goldlager dieses Weltteiles zu sein scheinen. Zwischen Dschebel-Tira und dem Tungur ist eine Ebene von Alluvialschutt und Sand, reich an Gold. Man kann annehmen, daß die hiesigen Goldwäschereien der Nubas, so ungeschickt sie betrieben werden, dennoch im Durchschnitt eine Ausbeute von 2-3 Franken täglich pro Mann gewähren, und wo man auch Sand aufnahm, versicherten die österreichischen Naturforscher, fand man ihn mehr oder weniger mit dem edlen Metalle geschwängert. Den folgenden Tag widmete ich größtenteils der Ruhe und einem sehr mäßigen Wohlleben nach der langen Entbehrung . Dem Vergnügen des Flußbades nötigte man mich zu entsagen, da es wegen der Menge und Rapazität der Krokodile an diesem Ufer von niemand gewagt wird. Als die Abendkühle eintrat, begnügte ich mich daher mit einem Luftbade und machte, so leicht als möglich gekleidet, eine Promenade zu Esel durch die Stadt und ihre Umgebung. Ich besah zuerst die Kaserne, welche ich nebst dem Hospital in elender Verfassung fand; besonders erschien die dort herrschende Unreinlichkeit wahrhaft abscheulich. Die Stuben der Soldaten und selbst der geringern Offiziere waren nur staubige, finstere, stinkende Löcher, und die Waffen der ganzen Kompanie nebst Lederzeug und andern Utensilien wurden pêle-mêle und voll Schmutz in besondern entfernten Kammern aufbewahrt. Ähnliche Höhlen bildete das Lazarett, worin der üble Geruch eine solche Intensität erreichte, daß ich nicht mehr als einen flüchtigen Blick hineinzuwerfen vermochte. Man entschuldigte sich damit, daß die neue Kaserne im Bau begriffen sei und man sich, bis sie vollendet, schon so behelfen müsse. Die gänzliche Absonderung der Gewehre von den Leuten erklärte man daraus, daß man den Negersoldaten nicht trauen könne und sie leicht mit samt ihren Waffen desertieren möchten, wenn sie sie zu jeder Zeit gleich unter der Hand fänden. Diese Neger, meistens die Frucht der alljährlich hier angestellten und drei Monate fortgesetzten, unbarmherzigen Sklavenjagden, sind allerdings ein elendes Militär und nur höchst unvollständig nach europäischem Reglement eingeübt. Man behauptet, daß sie fast alle drei Jahre erneut werden müßten, weil unterdessen immer ein Teil wieder davongelaufen oder vor Kummer, Elend und namentlich am Heimweh, das oft förmlich epidemisch unter ihnen wütet, gestorben ist. Den Bazar fand ich nur dürftig furniert, außer was den Artikel der Sklaven betraf, das Lokal aber zum Teil nicht übel, so wie überhaupt die Stadt ganz leidlich aussehen würde, wenn die schmutzfarbnen Erdziegel, aus denen alle Häuser bestehen, nur geweißt wären. Die Straßen sind etwas breiter als gewöhnlich in diesem Lande, und in der Disposition derselben wie in der Bauart ist mehr Ordnung beobachtet. Eine neue erst halbfertige Moschee aus gut gebrannten Klinkern und mit einem hohen Turme versehen verspricht sogar ein schönes und würdiges Gebäude zu werden. Ich wunderte mich auf dem Bazar, die abessinischen Sklaven fast eben so teuer als in Kahira zu finden, doch war eine viel größere Auswahl schöner Mädchen hier vorhanden. Dieser Handelsartikel ward so anziehend, daß mein Kammerdiener Ackermann, der Dragoman und mein Koch alle zugleich um die Erlaubnis bei mir einkamen, sich mit dieser, wie sie versicherten, ihnen nun bei so weiter Reise «unentbehrlich gewordnen Ware» versehen zu dürfen, und da sie mir dabei nicht undeutlich zu verstehen gaben, daß sie im Weigerungsfall sich nach einem andern Dienst umsehen müßten, ich aber hier ihrer nötiger bedurfte als sie meiner, so mußte ich nachgeben, obgleich mit großem Mißvergnügen, weil dies während der Rückreise einen kompletten Harem in meiner Suite etablierte und ich später hinlänglich Gelegenheit fand wahrzunehmen, wie sehr dadurch meine Diener ihre Obliegenheiten von Tage zu Tage mehr vernachlässigten. Oft hat es mich indes frappiert, wie Leute, die in Europa schon das Wort «Sklaverei» in Harnisch bringt, auch viele Engländer, es hier doch so anmutig finden, selbst Sklaven zu besitzen. Übles Beispiel verführt nach und nach jeden, wie es scheint. Ich, der sich nicht gern in Theorien verbeißt, begnüge mich damit, meine Sklaven gut und freundlich zu behandeln, wobei mich der Augenschein lehrt, daß sie sich wenigstens befriedigter fühlen als unsre freien Diener in Europa, die schon nahe daran sind, selbst Herren werden zu wollen, Am Ende unsrer Tournee in der Stadt, die wir zuletzt trotz der Hitze größtenteils zu Fuß gemacht hatten, ruhten wir in einem ansehnlichen Weingarten aus, wo man uns gute blaue und weiße Trauben versetzte, die indes schon jetzt – am letzten April – überreif waren. Erst seit der Eroberung Mehemed Alis ist der Weinbau im Sudan eingeführt worden, wo er vorher ganz unbekannt war. Am ersten Mai hatte ich wieder, und zwar schon mit Sonnenaufgang, eine lange Unterhaltung mit dem Pascha, welche diesmal meistens nur von Löwen und Krokodilen handelte. Die Gefährlichkeit und Gefräßigkeit der Letztern scheint hier ein ebenso unerschöpfliches Thema als bei uns das Wetter abzugeben, und der Pascha versicherte mir heute, erst kürzlich beim Fang eines solchen Untiers zugegen gewesen zu sein, in dessen Bauch man die noch beschlagnen Hufe eines Pferdes und zugleich den roten Leibbund eines Fischers fand. Wenn das Krokodil irgendein Geschöpf erfaßt hat, so pflegt es damit in die Mitte des Stromes zu schwimmen und es mehrmals in die Höhe zu halten, um sich zu überzeugen, ob es tot sei. Zuckt es noch, so taucht es von neuem damit unter, und erst, wenn es sich von dem Hinscheiden desselben völlig überzeugt hat, begibt es sich auf den Sand, um seine Beute mit Muße zu verzehren. Während dieses Gesprächs sahen wir selbst aus den Fenstern des Saals über ein Dutzend Krokodile sich an den Ufern des dicht vorbeiströmenden Flusses mitten in der Stadt sonnen. Sie waren von allen Größen und fast von ebenso vielen Farben, bald grau, bald schwarz, bald gelb dominierend oder auch alle diese Farben zusammen, in scheußlichster Mischung gefleckt. Einer aus dieser Gesellschaft zeichnete sich besonders durch seinen Riesenkörper aus, ein in Khartum sehr wohlbekanntes Individuum, von den Eingebornen unter dem Namen des «Schechs »ebenso gefürchtet als geehrt ; denn wie zur Zeit der alten Ägypter wird einigen dieser Tiere noch immer eine Art abergläubischer Kultus gezollt. Auf den «Schech» Jagd machen zu wollen, würde man hier für eine Art Verbrechen halten, obgleich er selbst sich keineswegs dankbar für diese Verehrung zeigt und schon mehrere namhafte Opfer verschlungen hat. Auch die Löwen des Sennar erreichen eine kolossale Größe, und ich sah die Haut eines derselben beim Gouverneur, die von der Schnauze bis zur Schweifspitze gegen zwanzig Fuß lang war. Bekanntlich hat indes der afrikanische Löwe, wenigstens nördlich der Linie, keine Mähne, was seiner Schönheit großen Abbruch tut. Korschud Pascha besaß früher lange ein gezähmtes Tier dieser Art, das er kastrieren und ihm die Zähne ausbrechen ließ, wonach es ganz gefahrlos wurde. Dennoch setzte es manchmal Leute in große Verlegenheit. Eines Tages betete der Gouverneur in einem einsamen Zimmer seines Palastes auf sein Antlitz niedergeworfen, als der Löwe herbeisprang und sich mit seiner ganzen Last so auf ihn legte, daß er lange keiner Bewegung mächtig und fast dem Ersticken nahe war, ehe die herbeigerufne Hilfe anlangte. Der Spaß schien aber den Löwen selbst sehr belustigt zu haben, denn als am nächsten Freitage der Kadi in ganz roter Kleidung dem Gouverneur seine Aufwartung machte, schlich sich das Tier, vielleicht noch mehr gereizt durch die ungewohnte Farbe, hinter denselben, sprang auf seinen Rücken, warf den entsetzten Mann Allahs nieder und blieb dann gelassen, aber hartnäckig auf ihm liegen, ungeachtet des schrecklichen Angstgebrülls, das der arme Kadi unter dem Gelächter der Umstehenden ausstieß. Doch die Kirche beleidigt man nie und nirgends ungestraft, und auch dem Löwen kostete der ausgeübte «Frolic» aus Besorgnis einer gefährlicheren Wiederholung das Leben. Die Jagd dieses Königs der Wüste ist übrigens hier mit weniger Besorgnis verbunden als in den Wäldern Indiens und auf dem Kap. Man verfolgt ihn in den heißesten Monaten während der brennenden Mittagsglut, wo er nur mit Mühe eine kurze Strecke zu laufen vermag, und, wie ich schon an meinem Hunde Susannis oft bemerkte, sich bei jedem Strauch, der nur ein wenig Schatten gewährt, lechzend niederwirft, um einige Sekunden Luft zu schöpfen. Es gibt Araber, die ihn auf diese Weise ganz allein, bloß mit Hilfe eines guten Pferdes und eines Sackes voll Steine, mit nichts anderm als immer wiederholten Steinwürfen, sobald der Löwe erschöpft sich niederkauern will, ohne große Gefahr erlegen. Ehe ich wegging, stellte mir der Gouverneur seine Kinder vor, die ebenso kränklich aussahen als er selbst und sich in seiner Gegenwart vor dem dazu erhaltenen Befehl ebenfalls nicht setzen durften. Als ich nach Hause kam, erhielt ich den Besuch des Herrn Boreani, Oberstleutnant im Dienste Mehemed Alis. Er ist ein feiner Mann von angenehmen Sitten und guten Kenntnissen, dem der Vizekönig hauptsächlich die Einrichtung seiner Geschützgießerei in Kahira verdankt. Man hat ihn hierher gesandt, um bis Fiezole oder Fazoglu vorzudringen und die dortigen Goldminen zu untersuchen, während Herr Russegger, der Chef der österreichischen Bergleute, dasselbe Geschäft am weißen Nil in Scheibun betreibt. Herr Boreani nahm seinen Weg von Korusko aus durch die Wüste und mitten durch jenes sonderbare, durch vulkanisches Feuer verwüstete Terrain, wo man ganze Strecken steinigen, eisenhaltigen Bodens mehrere tausend Schritte lang in regelmäßig spitz zulaufende Keilformen geschmolzen findet. Dort sammelte er verschiedene merkwürdige Produkte, unter anderen überließ er mir einige schöne Exemplare des artigen mineralischen Produktes, das ganz durch Menschenhand gegossenen Kugeln gleicht (Silice ferrugineux roulé) , eine interessante Kuriosität für die Laien. Von Berber setzte er seine Reise zu Wasser fort und litt an der letzten Katarakte Schiffbruch, wo er einen großen Teil seiner Effekten einbüßte und durchnäßt, ohne Kleiderwechsel noch Obdach, eine ganze Nacht im Freien zubringen mußte. Er entging den gefährlichen Folgen dieser Erkältung vielleicht nur dadurch, daß er die Geistesgegenwart hatte, sich selbst mit einem Federmesser zur Ader zu lassen, in diesem Klima das beste Mittel bei einem solchen Vorfall. Herr Boreani hatte seinen hiesigen Aufenthalt (wo er noch auf nähere Instruktion wartet) sehr tätig zu einer Sammlung von ausgestopften Tieren und Vögeln benutzt, und als ich ihn am anderen Tage in seiner Wohnung besuchte, war ich wirklich erstaunt über die Menge und vortreffliche Konservation derselben. Hier sah ich auch zum erstenmal den klassischen weißen Ibis, der erst von der letzten Katarakte aus wieder angetroffen wird, weiter nördlich aber ganz ausgestorben ist. Der liebenswürdige Reisende war so generös, mir noch ein vortrefflich erhaltenes Exemplar dieses Vogels sowie einiger farbenreichen Kolibris nebst zwei lebenden Papageien zu schenken, die ich später alle glücklich nach Hause sandte. Er erzählte mir, daß er den größten Teil seiner Sammlung der Gewandtheit und unermüdeten Ausdauer eines von Herrn Rüppel dressierten Negerjägers danke, den er hier in Dienst genommen. Dieser erlegte die Tiere nicht nur, sondern stopfte sie auch mit seltener Geschicklichkeit aus. Ich glaube, daß einige dieser Vögel, namentlich eine ganz eigentümliche, sehr große und prachtvolle Reiherart, noch unbekannt in Europa sind, wenigstens sind sie mir in keinem Naturalienkabinett bisher vorgekommen. Da ich wieder viele Krokodile am jenseitigen Ufer schlafen sah, ohne den geheiligten Schech darunter zu erblicken, ließ ich mich hinüberrudern, um womöglich einen derselben zu erlegen. Die ermüdende Jagd hatte aber kein Resultat, die Tiere waren, trotz ihres anscheinenden Schlafes, so wachsam, daß mich keines näher als 200 Schritte herankommen ließ, ohne sich beizeiten zu erheben und langsam ins Wasser zu kriechen, wo es bald vor jeder Verfolgung sicher ist. Die Hitze war gräßlich und stieg um zwei Uhr nachmittags bis 39 Grad Reaumur im Schatten. Da nun die Krokodile am Morgen so viel Furcht vor mir bezeigt hatten, so beschloß ich am Abend, nach Kühlung lechzend, mich auch nicht mehr vor ihnen zu fürchten und unter meinen Fenstern, wo mich überdem mehrere vorgezogene Barken einigermaßen schützten, ein Flußbad zu nehmen, obgleich man mir versicherte, daß genau an derselben Stelle erst vor wenigen Wochen einem am Wasserrande spielenden Knaben der Arm abgebissen worden sei. Der Nil war hier unmittelbar am Ufer schon so tief, daß ich mich zum Bade an einen Strick anbinden lassen mußte, der an einer der dort stehenden Barken befestigt wurde, aber die Wollust des verhältnismäßig kalten Wassers gegen die glühende Temperatur der Atmosphäre war so groß, daß weder die unbequeme Lage, noch die Gefahr sie schmälern konnten. Auch blieb ich ganz unangefochten über eine Viertelstunde in dem belebenden Element, dessen Wert man erst in diesen Ländern vollständig schätzen lernt. Weitere Südfahrt auf dem blauen Nil Nachdem ich mich hinlänglich ausgeruht und alles nötige vorbereitet, schiffte ich mich am sechsten Mai mit dem Kawaß, drei Dienern und dem in Mandera gewesenen Dschaus in der bequemen, aber etwas delabrierten Kangsche des Gouverneurs gegen Abend auf dem blauen Flusse ein, um trotz des täglich erwarteten Eintritts der Regenzeit noch etwas weiter vorwärtszudringen, ein Unternehmen, das für einen Dilettanten, der die Sonnenseite des Lebens schon hinter sich hat, der auch nicht ex officio «mandé par l'Angleterre ou la France» , wie die Inschriften Linants und Cailliauds in Mesaourat lauteten, ebensowenig von seinem Vaterlande gesandt, sondern aus bloßer Laune in der Welt umherzieht, immer genug getan war; denn das Reisen in der Regenzeit wird hier für Europäer oft tödlich. Der Doktor folgte mit seinen beiden Sklaven in der zweiten Barke. Ein heftiger Staubsturm indes, der im Moment unserer Abfahrt eintrat, zwang uns, ganz nahe der Stadt in einer geschützten Bai bis zum nächsten Morgen zu verweilen. Wir hatten dann ziemlich günstigen Wind, wegen der vielen und jählingen Krümmungen des Flusses diente er jedoch nur teilweise, und die meiste Zeit mußten die an unsre Fahrzeuge angespannten Einwohner zu unsrem Fortkommen das beste tun. Dennoch ging es im Ganzen nur sehr langsam vorwärts. Drei Stunden von Khartum kamen wir bei den Ruinen von Soba oder Saba vorbei, was die unwissenden Türken für die Residenz der berühmten Königin ausgeben, die den weisen Soliman (Salomo) besuchte, deren Besichtigung wir aber bis zu unsrer Rückkunft aufschoben und drei Stunden weiter unfern eines freundlichen Dorfes für die Nacht ankerten; die Schiffahrt ist hier in der Nacht zu unsicher, und überdies wünschte ich so wenig als möglich von der Gegend ungesehen zu lassen. Als wir zu einer kleinen Exkursion ins Innere während der Abendkühle ans Land stiegen, fanden wir die Ufer mit einer Menge Pelikane, schwarzer und weißer Ibisse, die zum Teil gleich Störchen auf den Bäumen nisteten, wilden Gänsen, Enten und vielen andern Wasservögeln so reichlich bevölkert wie im Paradiese, doch Menschen ließen sich nicht sehen. Endlich stieß uns jedoch ein hübsches junges Mädchen auf, ganz allein in einem Durrafelde mit ländlicher Arbeit beschäftigt, die, sobald sie uns gewahr ward, sogleich die Flucht zu ergreifen Miene machte. Mit Mühe brachte sie der Dschaus durch einige zugerufene Worte zum Stehen, obgleich sie bei unserer Annäherung am ganzen Leibe heftig zitterte. Noch ehe wir sie erreicht hatten, rief sie uns ängstlich zu: «O liebe Leute, wollt Ihr mir gewiß nichts tun – wollt Ihr mich nicht essen?» und nur auf die wiederholte Versicherung, daß wir uns bloß nach dem Weg bei ihr erkundigen und ihren schönen, bunten Perlenschmuck besehen wollten, mit dem sie ganz behangen war, kam sie uns langsam und zögernd ein paar Schritte entgegen, jetzt schon freundlicher lächelnd, aber immer noch furchtsam und bebend. Ich habe in meinem Leben nichts Jungfräulicheres gesehen, als das halb entsetzte, halb neugierige und dabei so liebevoll gutmütige Benehmen dieses reizenden Kindes, voll von aller Grazie einer unverfälschten Natur. Als sie etwas zutraulicher geworden war, schenkte ich ihr ein blankes kleines Goldstück, das sie in die Hand nahm und verwundert anschaute, aber nicht behalten wollte. Die Erklärung, was es sei, schien ihr unverständlich, sie schüttelte mit dem Kopf und bat, ich möchte es wieder zurücknehmen. Da ich mich dessen weigerte, so legte sie es behutsam auf einen Stein zu meinen Füßen nieder, grüßte höchst anmutig und lief dann eilig ihren Eltern zu, die, wie wir erst jetzt bemerkten, ungefähr einige hundert Schritte davon am Saume eines großen Waldes arbeiteten, der sich rechts und links, dicht und fern hinzog, so weit der Horizont reichte. Doch war erst ein Teil seiner hauptsächlich aus Akazien, Mimosen, Nebkas usw. bestehenden Bäume grün, denn nur wenn die fortdauernden Güsse der Regenzeit sie erfrischt hat, wird diese von den Sonnenstrahlen versengte Gegend mehrere Monate lang zum üppigsten Garten. Immer voller, schöner und grüner erschienen schon am folgenden Tage die Ufer des Flusses, durch deren Buschgewirr die unsre Barken ziehenden Neger jetzt große Mühe hatten, sich durchzudrängen. Ich bemerkte viele Weidenarten, die nebst einer Gattung Holunder mit großen weißen Blüten fast die einzigen Pflanzen sind, welche nicht mit unzähligen Stacheln bewaffnet, dem Spaziergänger hier jeden Schritt streitig machen zu wollen scheinen. Der Fluß war sehr breit und verhältnismäßig seicht, die Ufer jedoch meistens schroff, der Wind konträr aus Süden und dennoch die Luft ungemein kühl, die Atmosphäre trübe. In der Nacht hatte es einige Stunden geregnet, aber nicht heftig. Wir fanden das Wasser des blauen Flusses, dessen Farbe, beiläufig gesagt, jetzt dunkelockergelb ist, nicht ganz so gut und wohlschmeckend als das des Nils nach dem Zusammenfluß, auch wurde es, trotz alles Filtrierens, nicht so kristallklar. Da ich leider keinen Wein mehr habe, ist dieser Mangel desto empfindlicher; glücklicherweise findet man indes hier überall Milch. Öl kennen die Einwohner nicht und brennen in ihren Lampen anstatt dessen Butter, die sie auch sehr reichlich als Pomade gebrauchen und wahrscheinlich aus diesem Grunde einen Abscheu davor hegen, sie zu essen. Fünf Krokodile lagerten mittags auf dem Sande einer kleinen Insel, während Susannis nach seiner unartigen Manier ganz unbesorgt vor ihnen zur Abkühlung ins Wasser sprang und zu meiner großen Angst in ihrer Nähe umherschwamm, denn er wäre jetzt ein ebenso leicht zu erreichender als leckerer Bissen für jene Untiere gewesen, da der einst magere Spartaner durch die lange Fleisch- und Milchdiät ohne Brot so fett wie ein Mönch geworden ist. Er hat übrigens einen Rival in unsrer Gunst erhalten, ein junges Äffchen mit rabenschwarzem Gesicht, nicht größer als die Hand, Abeleng mit Namen, das ich in Khartum kaufte. Es ist so zahm und artig gewöhnt, daß man es frei umherlaufen lassen kann, ohne zu befürchten, daß es etwas verderbe. Ein kleiner Diebstahl ist die einzige Sünde, deren sich Abeleng zuweilen schuldig macht, und da dann das üble Gewissen seine Possierlichkeit nur noch vermehrt, so wird ihm leicht vergeben. Auf Susannis ist er bitter eifersüchtig, der ihn jedoch von seiner Seite nur mit Verachtung betrachtet. Dieses Äffchen lebt noch frisch und gesund in den Wäldern der Lausitz, es ist aber leider seitdem viermal größer geworden und lange nicht mehr so gutmütig als im Naturzustande. Die Windungen des Flusses blieben fortwährend mäandrisch, obgleich er hier durch ein ganz flaches Land fließt. Gegen Abend, nachdem der Wind mehrmals gewechselt, hatten wir ein heftiges Gewitter mit starkem und anhaltendem Regen, der auch durch das Dach meiner Kajüte drang und in des Doktors Barke, die noch weniger gut bedeckt war, alle Effekten gänzlich durchnäßte. An einem gut gebauten Dorfe mit Namen Nuba, das fruchtbare Felder umgaben, und wo wir nur wenige Sakis bemerkten, da hier die Regenzeit fast zu aller Bewässerung, die der Feldbau bedarf, hinlänglich ist, verweilten wir die Nacht und wanderten lange Zeit bei Mondschein am Ufer umher, bis eine plötzlich eintretende drückende Schwüle uns bewog, unser Lager auf dem frischeren Wasser aufzusuchen. In der Nacht ward es dagegen so empfindlich kalt und windig, daß ich alle Fenster zumachen mußte und mich mit doppelten Decken kaum erwärmen konnte, auch einige Tage einen steifen Hals davontrug. Diese plötzlichen Kontraste in der Temperatur in dieser Jahrszeit sind es hauptsächlich, welche die Regenperiode gefährlich für die Europäer machen, um so mehr, da der Reisende in der Regel so wenig Mittel findet, sich dagegen zu schützen, und jede Verkältung in diesem Himmelsstrich immer eine totale Erschlaffung der Unterleibsorgane hervorbringt, weshalb dies später leicht in eine das Leben zerstörende Krankheit übergeht. Sorgsam abgewogene, nie zu leichte Kleidung, eine wohlkalfaterte Kajüte im Schiff und ein luftdichtes englisches Zelt auf dem Lande nebst einem leichten, aber voluminösen Pelz und womöglich ein steter Vorrat leichter Weine oder guten Bieres würden wahrscheinlich hinlänglich sein, allen üblen Folgen der Regenzeit vorzubeugen, wo man dann bei nur mäßiger Vorsicht in jedem Genuß gewiß allen Fiebern, Dissenterien und inflammatorischen Krankheiten (Epidemien ausgenommen, gegen die nichts schützt als Entfernung) nicht leicht ausgesetzt sein möchte. In andern Ländern kann man dergleichen minutiöse Rücksichten Weichlichkeit nennen, aber hier, wo oft bei der geringsten Vernachlässigung die Strafe der Tod ist, scheint es mir unweise, sich zu viel zuzutrauen, und aus diesem Grunde mag es mir auch der Leser verzeihen, wenn ich so häufig auf diesen etwas trockenen Gegenstand zurückkomme. Es ist eine Warnung, deren Wichtigkeit man nur im Lande selbst gehörig würdigen und innewerden kann. Was uns betrifft, so befinden wir uns, obgleich der erwähnten Dinge jetzt sämtlich ermangelnd, doch noch ziemlich wohl bis auf einen (die meisten von uns plagenden) juckenden Ausschlag über einen großen Teil des Körpers, gleich dem Friesel, ein Übel, das sich bei dem Fremden sehr häufig mit dem Steigen des Nils, in Ägypten wie hier, einfindet. Es soll aber wohltätig und gerade ein gutes Zeichen sein, ist aber deshalb nicht minder beschwerlich, da es im Anfang ein unerträgliches Jucken erregt und beim Abtrocknen wie Nadeln sticht. Am neunten Mai schifften wir größtenteils durch kahle Sandufer, die Wälder hatten sich in weitere Ferne zurückgezogen. Abends zeigte sich ein Nilpferd ziemlich nahe unsrer Barke, blieb aber nicht lange sichtbar. Ein frischer Wind schwellte häufig unsre Segel, und die Hitze war nur gelind, so daß im ganzen die Fahrt angenehm zu nennen war. So bequem dieses Fahren auf dem Flusse indes in vieler Hinsicht ist, so bleibt es doch für den Wißbegierigen immer weit undankbarer als das Reisen zu Lande. Die Abwechselung fehlt, man sieht den langen Tag über zu wenig und reist fast wie ein Engländer, der seine Tour durch Europa in der Postchaise macht. Dieser verkehrt dabei wenigstens noch mit Gastwirten, wir nur mit Krokodilen und Hippopotamen. Man sollte wenigstens immer ein paar Esel in der Kangsche mit sich führen, um an interessanten Stellen ohne Zeitverlust eine gelegentliche Landtour vornehmen zu können, denn das Zufußgehen, besonders während der Tageshitze, fängt an untunlich für uns zu werden. Man fühlt sich zu matt, und jede Erhitzung droht Gefahr, um so leichter vielleicht, da durch das bedeutend entnervende Klima Geist und Körper gleich abgespannt werden und daher Kleinmütigkeit immer mehr die Stelle früherer Zuversicht einnimmt. Im Glanz der untergehenden Sonne erblickten wir ein schön gebautes Dorf, in dem fast alle Häuser die Größe der Paläste von Schendy und Metemma zu erreichen schienen, was die bisherige Monotonie der Landschaft auf das Anmutigste unterbrach und für den Wohlstand der Gegend ein gutes Vorurteil erweckte. Mitten vor dem Dorfe stand neben einem doppelten Saki ein prachtvoller Baum von der Höhe und Breite einer alten Linde mit ähnlich geformten, aber dunkleren und glänzenderen Blättern. Er hat purpurrote Blüten und trägt Schoten, deren nach der Reife ebenfalls hochrote Bohnen einen bedeutenden Handelsartikel als Damenschmuck für die hiesigen Schönen abgeben; dieselben, von denen ich, wie man sich vielleicht noch aus einem früheren Artikel erinnern wird, auf dem Bazar zu Metemma einen ganzen Viertelscheffel zur Sendung an meine europäischen Freundinnen einkaufte. Bald darauf überzog sich der Himmel mit voreiliger Nacht, und drei Gewitter umringten uns, eins im Rücken und eins zu jeder Seite. Sie schossen wie aus Batterien unter krachendem Donner ihre Blitze auf uns ab, zielten aber glücklicherweise nicht richtig. Dazu gesellte sich ein so heftiger Sturm aus Norden, daß er unsre Barke, obgleich wir alle Segel eingezogen hatten und dem Strom entgegenschwammen, dennoch mit weit größerer Schnelle vorwärtstrieb, als uns lieb war. Nach einer halben Stunde dieser rapiden Fahrt machte der Fluß ein plötzliches Knie, und da uns hier der Sturm in die Flanke genommen haben würde, sahen wir uns genötigt, das Fahrzeug am Ufer zu befestigen und vorderhand hier zu kampieren. Sturm und Wetterleuchten hörten während dieser Nacht keinen Augenblick auf, aber der gütige Himmel verschonte uns mit Regengüssen, die wir mehr als alles fürchten, weil wir so gut als gar keinen Schutz dagegen haben. Es war jedoch nur eine Galgenfrist, die uns vergönnt worden war, denn kurz nach Aufgang der Sonne ließen sich die Wolken stromweise über uns nieder, und der Wind, der uns gerade entgegenblies, verhinderte alles weitere Fortkommen, da es unmöglich war, selbst mit Hunderten von aufgebotenen Schwarzen die schweren Barken dem Wind entgegen zu ziehen. Der Regen strömte ebenso ungehindert durch die gänzlich erweichte Decke meiner Kajüte als auf dem offnen Verdeck und jagte mich schnell aus dem Bett. Wo nun ein Obdach suchen? – Endlich kam ich auf den glücklichen Gedanken, mein türkisches Zelt, so gut es zu bewerkstelligen war, noch über dem Dache der Kajüte aufschlagen zu lassen, und obgleich dieses ebenfalls nicht allzu wasserdicht ist, so gewährte die doppelte Bedeckung doch einige Erleichterung. So vor dem Regen leidlich verwahrt, blieb mir nichts andres übrig, um nicht ganz geschäftslos zu bleiben, da jede Exkursion unmöglich war, als mich an den Schreibtisch zu setzen und über die Neugierde, vielleicht auch die Eitelkeit, welche uns Europäer so rastlos umhertreibt, allerlei philantropische Betrachtungen niederzuschreiben, die sich manchmal stark zu dem Resultate hinneigten, mit Molière auszurufen: «qu' allais-je faire dans cette galère!» Ich ward jedoch unvermutet in dieser melancholischen Anwandlung durch Abeleng unterbrochen, der ganz unbemerkt von mir auf den Tisch gesprungen war und mir jetzt sanft die Feder aus der Hand zog, mit der Miene, als wolle er selbst ein Postscriptum hinzusetzen, was allerdings mein Werk zu einer der unschätzbarsten Seltenheiten gestempelt haben würde. Der Boshafte sah mich aber nur mit unwiderstehlich komischem Ernste an, blinzelte heftig mit den Augen, zerkaute dann hastig die Feder und warf sie in die Ecke der Kajüte! – wahrlich eine bittre Satire! Aber Autoren sind unverbesserlich, selbst wenn Affen sich die Mühe geben, sie zu rezensieren. Und so ward die zerkaute Feder bald mit einer neuen vertauscht, der Himmel gebe mir des Lesers nachsichtige Genehmigung. Um drei Uhr nachmittags ließ das Unwetter endlich insoweit nach, daß wir mit großer Anstrengung der requirierten Leute wieder flott wurden. Die Ufer blieben noch flach und unbedeutend, obwohl öfter als gestern mit niedrigem Buschwerk eingefaßt. Doch sah man über die weißen Sandflächen fortwährend tiefe Wälder in der Ferne. Wir bemerkten wenig Dörfer, sahen aber häufig große Herden von Ziegen und auch eine Herde von vielen hundert Kamelen zur Tränke an den Fluß kommen, was fortwährend für die Wohlhabenheit der Einwohner spricht. Mein Kammerdiener Ackermann, der rüstiger als wir geblieben und mehrere Stunden zu Land marschierte, fand viele runde spitze Strohhütten der Neger einzeln im Walde verteilt. Er sah die Leute dort eine Art Kürbisblätter mit Vergnügen genießen, und die gedörrten Körner der Frucht wurden ihm als eine vorzüglichere Delikatesse gastfrei angeboten, schienen jedoch nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein. Grüne Papageien waren sehr häufig im Walde, und er brachte uns einige Exemplare davon nebst einem schönen, rot, weiß und grün gestreiften Vogel von bedeutenderer Größe als Beute zurück. Eine Giraffe hatte er vergebens und zum Ruin seiner Kleidung verfolgt, da in der Tat das stachlige Gebüsch hier nur mit einer Axt zu passieren ist. Die wilden Tauben, die er geschossen hatte, fanden wir noch größer und schmackhafter als in Ägypten und Nubien. Die Geographen dehnen zwar auf den meisten Karten Nubien bis zum Fazol aus, die hiesigen Türken aber lassen es, wie schon erwähnt, bei der letzten Katarakte enden, wo ihr Sudan beginnt. Sie waren uns um so willkommner, da wir seit Khartum nur von Hammelfleisch und lauem gelben Wasser lebten, nebst schlechtem Zwieback, den wir in letzterem auflösten. In der folgenden Nacht wurden wir noch härter als bisher geprüft, denn die Gewitter kehrten wieder, und diesmal mit einer Sündflut, der nichts zu widerstehen vermochte. Von drei bis vier Strömen erwachend, die sich wie Wasserfälle in mein Bett ergossen, langte ich zwar beim Leuchten der Blitze noch nach meinem Regenschirm, doch da auch dieser wenig half und kein Ort in der Kajüte trocken blieb, so ergab ich mich in mein Schicksal, und das mich schon überall umgebende Wasser mit der natürlichen Hitze meines Körpers wärmend beschloß ich, in der innehabenden Position mich bewegungslos dem Elemente hinzugeben. Wirklich schlief ich auch auf diese Weise von neuem ein, und obgleich ich am Morgen mit den steif gewordnen Gliedern kaum aufstehen konnte, nahmen doch eine starke Motion und Schwitzbad in der wiedergekehrten Sonnenhitze alle üblen Folgen hinweg. Mehr litten unsre Effekten, selbst das Mahagoniholz meines letzten größeren Perspektives zerbröckelte wie Schwamm, so daß die Beschläge und Gläser davon abfielen, und nur mühsam konnte ich es zu mangelhaftem Gebrauch mit Leim und Bindfaden wieder einigermaßen zusammenrichten. Tragikomisch war es, daß die bunten Leimfarben, mit denen das Innere der Kajüte angemalt war, sich teils auf meine Person, teils auf die umherliegenden Kleider, Wäsche usw. übertragen hatten, was mich an die «malheurs et avantures d'Arlequin» lebhaft erinnerte, dem mein Äußeres sehr ähnlich geworden war. Am elften hielten wir in einem ganz neu aussehenden, wohlgebauten Dorfe, Ouad-Abüfrönt, wo ein Kascheff residierte, an, um unsern Proviant zu erneuern. Ich stieg ans Land und watete durch den Kot, in welchen das viele Wasser den fruchtbaren Boden verwandelt hatte, bis zu des Kascheffs Wohnung. Im höher gelegenen Dorfe war es etwas trockener und der Anblick freundlich. Die Häuser waren unregelmäßig gruppiert, aber in gehörig bequemer Entfernung voneinander aufgebaut und angenehm mit breiten Dum-Palmen und hohen Tamarindenbäumen, die uns hier zuerst bekannt wurden, umpflanzt. Einige der Wohnungen waren viereckig mit einer platten Terrasse darüber, andere rund mit spitzen Rohrdächern so glatt und gut gedeckt als in England, die Mauern aber immer, nach Landessitte, nur aus Erde und gehacktem Stroh ausgeführt. Man sagte uns, das hiesige Land sei so fruchtbar, daß, wenn es nur in einem Jahre sehr reichlich und vollständig regne, man während diesem imstande sei, die nötigen Lebensmittel für sieben folgende erbauen zu können; leider aber habe es jetzt schon seit zehn Jahren keine ganz vollständige Regenzeit mehr gegeben, was teilweise große Not hervorgebracht. Doch hoffe man nun um so mehr auf diesen Segen, da es diesmal den Anschein habe, als beginne die Regenzeit schon vierzehn Tage früher als gewöhnlich und mit allen Anzeichen großer Nässe. Dies söhnte uns einigermaßen mit dem für uns selbst daraus entstehenden Ungemach aus; denn wo gäbe es ein Gutes, von dem nicht immer einige leiden müßten! Eine große Menge weiß und schwarze und auch einige ganz weiße, dem Ibisgeschlecht angehörige oder verwandte Vögel hatten die hohen Bäume in der Nähe der Hütten zu ihrem Aufenthalt gewählt, in deren Zweigen sie wie Früchte hingen und zum Teil auch dort horsteten; denn die Einwohner scheinen sie von jeher sorgfältig respektiert zu haben, wenn sie sie auch nicht mehr anbeten. Man nennt sie hier Simbilleh. Ehe ich mich wieder einschiffte, besuchte ich des Kascheffs wohlgehaltenen Garten, wo ich mit einem Korb sehr willkommner Weintrauben und Wassermelonen beschenkt wurde und, im Schatten der arkadenartigen Weinlauben auf einem mit Kissen belegten Engareb ausgestreckt, behaglich einige Pfeifen einheimischen Tabak rauchte, dessen Farbe hellgrüngelb und sein Geschmack sehr milde ist. Es schien, daß wir jetzt erst, nahe dem vierzehnten Breitengrade, in die wahre tropische Natur eingetreten seien, und dies vermehrte um vieles meinen Kummer, drei Monate zu früh oder zu spät in diese Regionen zu kommen – denn ohne dies wäre ich vielleicht mehr als irgend ein Reisender vor mir immer weiter und weiter vorwärts gedrungen, weil mir durch Mehemed Alis Güte allerdings in vieler Hinsicht ungleich mehr Hilfsmittel als meinen Vorgängern zu Gebote stehen. Aber ohne alle nötige Präparation dieser mörderischen Jahreszeit von Anfang bis zu Ende zu trotzen hieße den Himmel zu sehr versuchen, abgerechnet, daß man überhaupt nichts übertreiben muß, wenn man Seele und Leib frisch erhalten will. Obgleich mit einer ziemlichen Elastizität in dieser Hinsicht begabt, fühle ich doch, daß es allgemach Zeit wird, die Dekoration zu verändern, und fürchte manchmal ernstlich, schon jetzt so verafrikanert zu sein, daß ich bei meiner endlichen Rückkunft mich genötigt sehen werde, einen ganz neuen Kursus europäischer guter Lebensart durchmachen zu müssen. Und bei uns, wo alles der Mode unterworfen ist, Politik wie Kleider, Sitten wie Literatur – während hier seit Jahrtausenden alles fast stationär bleibt –, wie gotisch-arabisch erscheint vielleicht schon jetzt mein Stil, wie veraltet und fremd wird meine ganze Individualität sich ausnehmen, wie unbekannt mit allen Interessen der Gegenwart ich selbst mich fühlen gleich dem erwachten Siebenschläfer! «So mögt ihr mich denn trösten», rief ich jetzt, freudig überrascht von der jeden Augenblick zunehmenden Pracht unserer Umgebung, aus, «ihr undurchdringlichen Urwälder, die ihr heute, während wir so sanft auf dem ruhigen Strome dahingleiten, zum erstenmal mit euren majestätischen Baumkronen rechts und links bis an das Wasser niedersteigt; ihr Ungeheuer der Tiefe mit aufgesperrtem Rachen, auf die wir bis jetzt immer vergebens unser Pulver verschossen; ihr kolossalen Geier, die ihr, auf den höchsten Spitzen euch wiegend, verwundert auf unsre Schiffe herabblickt; ihr buntgefiederten Papageien mit dem krächzenden Willkommen; ihr fischenden Pelikane, ihr Elefanten, Giraffen und Gazellen, die ihr den Durst aus den lehmigen Fluten des Flusses löscht, und vor allen ihr drolliges Völklein schwarzer, grüner und gelblicher Affen, die ihr zu unsrem größten Ergötzen ganze Familien stark von Ast zu Ast umherspringt oder possierlich grimassierend tanzt und euch so unbefangen in eurem wilden Zustande mit ungestörtester Muße von uns betrachten laßt – ihr seid vorderhand unser einziges Publikum und wenigstens mit aller Unverstelltheit und Grazie der Natur ausgestattet. Wo man sich aber an dieser Mutter Busen legt, ist man immer noch in der wahren Heimat, und auch ich fühle hier etwas von eurer göttlichen Freiheit, ihr guten wilden Tiere, das die früheren trüben mattherzigen Gedanken heilsam wieder niederschlägt.» Mein Freund, ein alter österreichischer Beamter, hatte Recht, als er mir häufig wiederholte: Es kompensiert sich haltet alles in der Welt, wenn man es nur recht anzuschauen weiß. – Und als ich nun, meine Barke verlassend, mitten unter die plötzlich wie mit einem Zauberschlage von allem Bisherigen so verschiedene Umgebung trat, boten, vom Land aus gesehen, der majestätische Fluß mit den beiden darauf wogenden geschmückten Kangschen und den langen Reihen nackter Neger, die sie im Wasser wandelnd zogen, ein fast nicht weniger originellen Schauspiel dar, das noch heute täuschend den Bildern gleicht, welche Thebens Königsgräber uns vorführen. An diesen Negern, im Durchschnitt schöne Leute, ist besonders etwas ganz ungemein auffallend, das ich mir, aus Furcht vor Skandal, von einem gelehrten Gönner erst chaldäisch übersetzen lassen müßte, ehe ich es drucken zu lassen wagen dürfte. Nicht für Damen und nur für Naturforscher Der folgende Absatz ist in der Buchausgabe auf dem Kopf stehend gedruckt. Ein Greis, dem wir unsere Verwunderung über diese monströsen Dimensionen äußerten, sagte aus: Es besäßen einige ihrer Weiber ein geheimes Mittel, schon bei den Kindern diese mehr als Verdoppelung der Natur durch Kunst hervorzubringen; worin dies arcanum aber bestehe, wisse er nicht. Herr Doktor Koch, den die Sache ex officio interessierte, konnte nie etwas Bestimmtes darüber erfahren. Ich erinnere mich, in einer englischen Reisebeschreibung genau dasselbe von den indischen Priestern zu Jagernaut gelesen zu haben, wo der Gegenstand in das Reich religiöser Verehrung übergeht, ähnlich dem Phalluskult der Alten.   Am Abend dieses schönen Tages wurden wir durch meinen Diener in einige Unruhe versetzt, der sich auf der Jagd verirrt hatte und erst nach vielen vergeblichen Signalschüssen und angezündeten Feuern um ein Uhr in der Nacht unsern Ankerplatz erreichte, ohne uns durch die Erzählung unterhaltender Abenteuer entschädigen zu können. Er hatte nur mehrere Vögel erlegt und war einer Hyäne begegnet, die hier bereits ein sehr prosaisches Untier geworden ist. Am zwölften war ich schon eine Stunde vor Sonnenaufgang im Walde, den ich etwas lichter und zugänglicher als gewöhnlich fand, um in seinem Inneren die Ruinen eines sonst bedeutenden, aber durch Ismaels Truppen gänzlich verheerten Ortes zu besuchen. Keine Lage kann romantischer sein, keine Waldeinsamkeit grüner, üppiger und poetischer! Zwischen alten Akazien, Nebeks oder Nebkas, Tuntums und Heglyds (die botanischen Namen kann ich nicht angeben und der Doktor auch nicht, der nur die Apothekenkräuter studiert hat) erhoben sich einzelne prachtvolle Gruppen von Tamarindenbäumen, unsern höchsten Eichen nichts nachgebend, und eine halbe Stunde weiter hatte ich die Freude, endlich zwei Exemplare jener gigantischen Adansonien anzutreffen, von denen mir Mustapha Bey erzählte, die aber hier den Namen Kongulos führen. Der Stamm des größten maß, eine Elle über dem Boden, noch fünfundfünfzig Fuß im Umfang. Die Blätter seiner weit gebreiteten Zweige glichen denen unsrer Nußbäume, aber von dunklerem Grün, sein Holz war schwammig wie Kork und der Anblick der ganzen ungeheuren Masse in hohem Grade imposant. Ich glaube, daß es derselbe Baum ist, der auch in Südamerika vorkommt, wo man ihn «Boabab» nennt ( Adansonia digitata habe ich seitdem gehört). Das erwähnte Waldindividuum mochte kaum 80-90 Fuß hoch sein, die andern waren bedeutend kleiner, und alle schienen nicht ganz gesund, wenigstens wurden sie von den ihnen an Höhe gleichen Tamarindenbäumen an Fülle und saftiger Frische sehr übertroffen. Ihr eigentliches Klima mag erst noch südlicher beginnen. Nur selten ward dieser schöne Wald von einzelnen Dickungen unterbrochen, so daß man auf dem jungen, in der jetzigen nassen Zeit schon üppig sprossenden Gras im dichten Schatten der Bäume ohne alle Schwierigkeit fortschritt. Fast durchgängig fanden wir den Boden mit einem schönen Insekt von brennendroter Koklikofarbe bedeckt, dessen Oberfläche dem weichsten Samt glich. Dies wunderlich rotgescheckte Grün hätte man mit einem Fußboden aus Blutjaspis vergleichen können, und dies um so mehr, da auch nicht eine einzige Blume durch andre Farben das Grün und Rot desselben unterbrach. Das Insekt war von der Größe eines Rosenkäfers und hielt in seiner Konformation die Mitte zwischen Wanze und Spinne. Ich zerquetschte einige der Tierchen auf Papier, das sogleich davon in gesättigter Fülle gelbrot gefärbt wurde, und ich zweifle nicht, daß man bei der zahllosen Menge dieser Tiere in der jetzigen Jahreszeit aus ihnen einen neuen Farbstoff von Wichtigkeit für den Handel ziehen könnte. Auch einige Schmetterlinge, doch von keiner neuen Spezies, zeigten sich und eine ausgezeichnet schöne, sehr große Heuschreckenart von hellgelber Farbe mit glänzend blau und roten Flecken gesprenkelt, das innere der Flügel dunkel feuerfarben. Vögel sahen wir nur wenig und vierfüßige Tiere diesmal gar nicht, doch verfolgten wir eine Weile die Spur eines Elefanten und trafen später auch die eines Löwen nebst einer von ihm zerrissenen Ziege, deren Leichnam mir auf auffallende Weise eine Behauptung Korschud Paschas bestätigte, die ich früher für eine Fabel hielt, nämlich, daß der afrikanische Löwe, wenn er am Fraß keinen Mangel leidet, als ein wahrer Feinzüngler nur Kopf, Leber und Herz der gewürgten Tiere zu sich nimmt. Genau diese Teile fehlten auch der sonst nicht weiter angefressenen Ziege. Nachdem meine Promenade ungefähr zwei Stunden gedauert hatte, sah ich mich während der trotz des Schattens später außerordentlich drückend gewordenen Hitze und infolge meiner gänzlichen Entkräftung genötigt, die Barke, welche uns auf dem Flusse gefolgt war, wieder aufzusuchen, obgleich ich gern den ganzen Tag auf Entdeckungen umhergezogen wäre. Jedem rüstigen Reisenden riet ich deshalb schon wiederholt, so oft er kann, den Landweg vorzuziehen, der überdem weit weniger Zeit wegnimmt als hier die Flußfahrt wegen der ewigen Krümmungen. Nachmittag erreichten wir die Stadt Abu Haraß am rechten Flußufer. Da der Kascheff abwesend war, empfingen mich sein Bruder nebst dem Kommandanten der irregulären Kavallerie am Landungsplatz, und ich begleitete sie nachher zur Einnahme einiger Erfrischungen in das Haus des Kascheffs. Der genannte Offizier war erst seit vierzehn Tagen von der Sklavenjagd zurückgekehrt, die er fast bis zum Gebiet der Tengas am weißen Flusse ausgedehnt hatte, und mit dem erlangten Resultat sehr zufrieden schien. Auch er sagte aus, daß der Bahr-el-Abiad, so weit er hinaufgekommen, nie eine verminderte Wassermasse zeige, während der blaue Fluß schon im Fazoli, während des Frühjahrs und vor dem Beginn seines Steigens, kaum mehr drei Fuß Wassertiefe habe. Leider gelangte er nicht so weit als Korschud Pascha und konnte mir daher über die famosen Pyramiden von Taïphafan keine fernere Auskunft geben. Obgleich nun die neuesten Expeditionen Mehemed Alis nichts von solchen Pyramiden erwähnen, so kann man doch, wenn man die Menge der Arme und die Zuflüsse des Bahr-el-Abiad in Betracht zieht, sie noch immer nicht mit Bestimmtheit in das Reich der Fabeln versetzen. Unter der um uns versammelten Gesellschaft befand sich auch der Kascheff von Ouad-Medina, dem Hauptort der Provinz, und alle drangen in mich, bis morgen hier zu bleiben, weil die Nacht zu dunkel und nach südwärts viele Klippen im Flusse seien. Da ich aber auf der Rückreise Zeit genug übrig behalten werde, mich hier länger aufzuhalten, und ich überdem wußte, wie gut meine beiden Kawaß', gleich dem Rais der Tahibia, Vorwände zu erfinden wußten, um länger an einem Orte zu verweilen, wo sie gut traktiert wurden – so bestand ich auf der Abfahrt, obgleich der Himmel selbst gegen mich Partei zu nehmen schien, mehrere Gewitter wieder in der Ferne drohten und ein starker Südwind uns entgegenblies. Ich war indes noch keine halbe Stunde weit vorgedrungen, immer zwischen engem, von Felsen sehr obstruiertem Wasser, wo sich die Barken mehrmals, ungeachtet aller Geschicklichkeit der Ziehenden, um und um drehten und nicht selten heftig an die Klippen stießen, als es dunkel zu werden anfing und endlich eine echte ägyptische Finsternis uns anzulegen zwang. Es war hohe Zeit, denn die Gewitter brachen jetzt mit noch mehr als gewöhnlicher Wut über uns los. Mein Erstaunen war nicht gering, als ich trotz diesem schrecklichen Wetter am Ufer große Laternen, von schnell laufenden Negern getragen, erblickte, die gleich Irrlichtern heranzuhüpfen schienen. Es waren die Vorläufer der eben verlassenen Türken, die mit großer Courtoisie zu Pferde gefolgt waren, um mich abzuholen und in Sicherheit zu bringen. In Gefälligkeiten dieser Art sind die Muselmänner exemplarisch und scheuen keine eigne Beschwerlichkeit dabei, vorausgesetzt immer, daß sie ein gewichtiges Motiv dazu haben, wie jetzt die dringende Empfehlung des gefürchteten Korschud Paschas, welche hier natürlich bei den ihm Untergeordneten noch mehr gilt als die selbst Mehemed Alis. Ich lehnte jedoch das mir gemachte Anerbieten dankbarst ab. Meine Kajüte ist nun durch eine dritte Auflage von vortrefflichen hier gefertigten Matten und andere gründliche Reparaturen so ziemlich wasserdicht geworden, wenigstens fähig, dem Regen einige Stunden lang zu widerstehen – wer weiß, ob ich es im Palast des Kascheffs so gut angetroffen hätte –, und zugleich wünschte ich nicht verhindert zu werden, am andern Morgen den ersten günstigen Augenblick zur Weiterreise benutzen zu können. Nachdem ich auch recht gut und ziemlich trocken geschlafen, erweckte mich früh eine glänzende Sonne und beleuchtete in waldiger Umgebung die Vereinigung des Rahad mit dem blauen Flusse. Der Rahad zeigte hohe abschüssige Ufer bei einigen hundert Fuß Breite, hatte aber noch gar kein eigenes, sondern nur aus dem Bahr-el-Asrak (blauen Nil) zurückgestautes Wasser. Fortwährende jählinge Biegungen des Stromes und konträrer Wind hielten uns mehr als den halben Tag auf, um die Distanz bis Ouad-Medina, die in grader Richtung kaum drei Stunden beträgt, zurückzulegen. Die uns umringenden Wälder blieben gleich reich und mannigfaltig, gaben aber heute der Szene fast das Ansehen eines europäischen Sommers. Denn alles war bereits saftig grün geworden, Laub wie Gras, und unter den Bäumen wurden auch jetzt viel Weiden- und Pappelarten sowie den Tujas und Rotzedern ähnliche Bäume häufig, selbst die Akazien und Mimosen, aus denen immer die Hauptmassen bestehen, haben für uns nichts Ausländisches, und Palmen nebst anderen exotischen Bäumen, deren Anblick von den unsern so auffallend abweicht, kamen hier nicht mehr vor. Alles dies gilt jedoch nur aus dem entfernteren Gesichtspunkte, denn mitten darunter gestaltet sich allerdings vieles wiederum weniger vaterländisch. Immer aber, finde ich, erfreut man sich in fernen Landen solcher Ähnlichkeiten, die wie ein herzlicher Freundesgruß aus der Heimat uns entgegenwinken. Ich glaubte nur eine halbe Stunde in Ouad-Medina zu verweilen und dann so schleunig als möglich meinen Weg weiter fortzusetzen. Es kommt aber fast immer anders in der Welt, als man denkt, weshalb ich es schon längst aufgegeben habe, feste Pläne für irgend etwas zu machen, und meine jetzige langwierige Reise gibt davon das beste Zeugnis, da ich, als ich sie begann, nur eine Exkursion von drei Monaten beabsichtigte und jetzt bereits im vierten Jahre in zwei Weltteilen umherirre. Auf ähnliche Weise ward Ouad-Medina, grade am Beginn des dreizehnten Breitengrades (bis auf eine später unternommene kurze Ausflucht zu Lande bis zum Zusammenfluß des Dender mit dem blauen Flusse in der alten Provinz Sennar) der letzte Hauptpunkt, bis zu dem ich diesmal vordrang. Doktor Koch, der schon seit einigen Tagen über Unwohlsein klagte, bekam am Abend das Fieber des Landes mit den bedenklichsten Symptomen, was ihn zwang, sich zu einem hiesigen italienischen Apotheker mit Namen Bartolo bringen zu lassen, um dort womöglich Hilfe und Pflege zu finden. Ich mochte ohne ihn nicht gern allein weiter gehen, und da mir ohnedem der Apotheker, der das Land bis zum Fazoli genau kennt, sowie der Kascheff und der Befehlshaber der Truppen versicherten, daß bei der schon eingetretnen Regenzeit ich diese jetzt mit jedem Tage weiteren Vordringens immer unerträglicher finden würde, so daß selbst Eingeborne während derselben keine Reise zu unternehmen wagten, überdem aber bis weit über die Stadt Sennar hinaus ich genau nur die stete Wiederholung dessen sehen könne, was ich bereits hier vor mir hätte – so ergab ich mich um so leichter darein, das lange Impromptu von Ouadi-Halfa aus hier zu schließen. Ich beschloß nun, die mir übrigbleibende Zeit bis zur Wiederherstellung des Doktors womöglich zu der schwierigen Expedition nach Mandera zu benutzen, über welches bis jetzt immer noch die an verschiednen Orten eingezognen Nachrichten sehr dunkel geblieben waren und sich meistens widersprachen. Ein wahrer Hemmschuh blieb es indes in jeder Hinsicht für mich, in dieser unglücklichsten Jahreszeit hier angekommen zu sein. Allen hier Reisenden ist es dringend zu empfehlen, sich so einzurichten, daß sie im November in Khartum eintreffen. Dann hat man den ganzen Winter vor sich, der hier ein Frühling ist. Der Mangel an Wasser in der Wüste zwingt in dieser Jahreszeit auch alle die für einen Europäer so interessanten Tiere als Elefanten, Löwen, Panther, Giraffen, Antilopen aller Art usw., selbst einen großen Teil der unzähligen Vögelsorten, sich in Masse ganz in die Nähe des Flusses zu ziehen, um dort täglich ihren Durst ohne Mühe löschen zu können. Jetzt, wo schon überall in der Wüste wie in den Wäldern und Bergen Regenwasser sich in allen Vertiefungen zu sammeln anfängt, werden sie immer seltner gesehen, und etwas später erscheinen selbst die dichtesten Wälder am Fluß wie ausgestorben. Der Hauptgrund davon ist, wie man mich hier belehrte, eine sehr giftige Fliege, die um diese Zeit des Jahres im Innern dieser Wälder existiert und besonders von den Elefanten außerordentlich gefürchtet wird. Ich hatte demungeachtet noch das gute Glück, in der Nähe von Ouad-Medina einen Trupp dieser Riesentiere, die vielleicht eben im Begriff abzureisen waren, von fern mit dem Perspektiv betrachten zu können, was man hier allgemein für eine große Seltenheit in der schon so vorgerückten Jahreszeit erklärte. Im Winter dagegen ist nichts gewöhnlicher, als ihnen in Trupps von 50-60, ja Hunderten zu begegnen, von denen mehrere eine fast unglaubliche Größe erreichen sollen. Der Pascha in Khartum besitzt zwei Zähne, die ... Oka (... Pfund) Die Zahlen sind in meinem Tagebuch so verwischt, daß ich sie, um nicht zu lügen, unausgefüllt lassen muß. wiegen, und viele Personen bestätigten die Erzählung des hiesigen Kascheffs, daß man vor drei Jahren einen Elefanten bei Ouad-Medina fing, in dessen ausgeweidetem Leibe ein Mann zu Pferde ungebückt Platz fand. Die Art, wie man desselben habhaft wurde, war ebenfalls originell. Das gewaltige Tier war absichtlich in ein Durrafeld hineingelassen worden, wo es sich die Lieblingsfrucht so gut schmecken ließ, daß man acht Ardep (der Ardep ist ziemlich unserm Scheffel gleich) Körner, meistens noch unverdaut, in seinem Magen fand, und war gleich darauf, wie man voraussah, an den Fluß gegangen, um zu saufen. Der Durra schwoll davon so auf, daß sich das Tier kaum mehr zu rühren vermochte und ihm kurz nach der begangnen Verfolgung der Magen platzte. Die Elefanten sind hier in der Regel fast ebenso friedlich gesinnt als die Nilpferde, aber desto furchtbarer, wenn sie sich verwundet fühlen, und schon mancher Reiter auf gutem Pferde, der die Geistesgegenwart verlor, um mit Gewandtheit in fortwährenden Windungen der Gefahr zu entfliehen, ward von ihnen eingeholt und vernichtet. Korschud Pascha selbst befand sich einmal auf diese Weise in der drohendsten Lebensgefahr, aus der ihn nur der verzweiflungsvolle Sprung über eine breite Erdspalte rettete. Zwei seiner Mamlucken, deren Pferde dem seinigen nicht folgen konnten und die während der vergeblichen Bemühung dazu von dem sie verfolgenden und sich schon in der vollkommensten Berserkerwut befindenden Elefanten eingeholt worden waren, wurden beide von diesem mitsamt den Pferden in die Luft geschleudert und beim Niederstürzen zu unförmigen Massen zerstampft. Das Tier war so wütend, daß es selbst nach dem Tode seiner Gegner noch ihre Waffen und Lanzen mit dem Rüssel in lauter kleine Stücke zerbrach. Demungeachtet gibt es einen Mann im Sennar, von allen Einwohnern wohlgekannt und seines Mutes wie seiner Kraft wegen «Tor» (Stier) genannt, der seit vielen Jahren kein anderes Geschäft als die Jagd der Elefanten, Krokodile und Nilpferde betreibt; und obgleich er sie stets allein bekämpft, gehört es doch zu den Seltenheiten, daß ihm eins dieser Ungeheuer entgeht, sobald er dessen Jagd einmal unternommen hat. Er ist dazu mit nichts als einem gewichtigen Speer und einem kurzen, wohlgeschärften, zweischneidigen Schwerte versehen, welche Waffen er auf folgende Weise gebraucht. Dem Elefanten schleicht er, wie ein Reptil auf der Erde kriechend, so lange nach, bis er ihn fast zu berühren imstande ist. Dann haut er ihm schnell die Sehnen eines der Hinterfüße durch, worauf er sich augenblicklich von neuem im Laube versteckt. Der Elefant, der nicht weiß, wie ihm geschehen, da er keines Feindes ansichtig geworden, sucht auf drei Beinen so schleunig als möglich fortzuhinken, bald aber zwingt ihn Blutverlust und Mattigkeit, sich niederzulegen. Diesen Augenblick benutzend, springt der Jäger, der ihn nie aus den Augen gelassen, herbei und stößt behend seine Lanze in einen Teil des Körpers, dessen Verwundung einen schnellen Tod herbeiführt. Um das Krokodil zu erlegen, nimmt er ein paar Hunde, und wie man mir versicherte, in Ermangelung dieser gelegentlich auch kleine Kinder mit sich, die er dicht am Ufer anbindet und sich neben ihnen unter einem Haufen Zweige verbirgt. Sowie das Krokodil naht und sich dreht, um mit dem Schweif den ihn lockenden Gegenstand ins Wasser zu streifen, erhält er schon die Lanze des geübten Jägers ins Genick, der ihm dann schwimmend folgt, bis er verblutend wieder an die Oberfläche des Wassers kommt. Dann schwingt sich Tor auf seinen Rücken, und dergestalt auf ihm reitend, gibt er ihm mit Bequemlichkeit den Rest. Das Nilpferd wird auf fast ähnliche Weise seine Beute. Er gräbt sich an einem Orte, wo er weiß, daß es zur Weide auszutreten pflegt, ein Loch in den Sand, worin er sich durch deckendes Reisig noch besser verbirgt, und während das Tier sorglos und langsam bei ihm vorbeigeht, bohrt er ihm seitwärts die Lanze in die Weichen, was dem Leben desselben ein schleuniges Ende macht. Wieviel Mut und Geschicklichkeit zu einer solchen Jagdart gehören, ist nicht schwer zu ermessen; wo aber diese beiden Eigenschaften einmal in Vollkommenheit existieren, wird endlich durch die lange Übung der Erfolg fast sicher und die Ausführung sogar leicht. Fazoli und die bergigen, noch nie von Europäern besuchten Gegenden östlich des blauen Flusses scheinen noch manche uns unbekannte Naturmerkwürdigkeit zu bergen. So sprachen die angesehensten Personen hier, von denen mehrere schon sehr lange sich in diesen Ländern aufhalten, von einem braunrot und schwarz gefärbten Vogel, etwas größer als eine Taube, dessen Flügelenden so seltsam getrennt sind, daß er, wenn er sie ausbreitet, wie der Schmetterling vier Flügel zu haben scheint. Man sieht ihn nur gegen Abend fliegen, und er ist sehr selten. Sowohl der hiesige Militärarzt, ein Franzose, als der italienische Naturforscher Botta, der eine Zeitlang im Sennar zubrachte, gaben sich viele Mühe, ihn aufzufinden, jedoch vergeblich. Dennoch ist an seiner Existenz kaum zu zweifeln, da so viele der Eingebornen ganz einstimmig in dessen Beschreibung sind, und so unzuverlässig sich auch die Aussagen dieser Leute meistens über Altertümer erweisen, weil sie von diesen einen zu unvollkommnen Begriff haben, so fand ich doch ihre Notizen über Tiere und Pflanzen fast immer ganz richtig. Ich habe schon erwähnt, bei wie vielen ich mich nach dem Einhorn erkundigte und immer die genaue Beschreibung des Nashorns erhielt, was zugleich beweist, daß sie nicht absichtlich falsch, bloß nach dem ersichtlichen Wunsche des Fragers berichteten. Der Kascheff, ein Tscherkeß und früher Sklave Korschud Paschas (wie jetzt die meisten Kascheffs im Sudan), war von sehr gesellschaftlichem Humor und überhäufte mich mit Attentionen aller Art. Auch brachte ich, solange ich in Ouad-Medina verblieb, den größten Teil meines Tages bei ihm zu, unzählige Pfeifen rauchend und unzählige Tassen Kaffee und Scherbet trinkend, welche Einförmigkeit noch durch vortreffliche Kompotts, aus Feigen, Melonen, Weinbeeren, Aprikosen und Kirschen bestehend, unzerbrochen wurde, die man dem Kascheff täglich aus seinem Harem zuschickte. Gewöhnlich war der Befehlshaber der regulären Truppen, ein ebenfalls lebelustiger Mann, und der Melek Kenbal, der 1000 freie Araber befehligt, nebst mehreren Hausoffizieren des Kascheffs gegenwärtig. Der Melek, obgleich schwarz wie Kohle, war einer der hübschesten jungen Männer, dabei von höchster Eleganz und Recherche, ja selbst von skrupulöser Reinlichkeit in seinem Anzuge (was bei einem Orientalen nicht sehr häufig angetroffen wird), mit einem Benehmen, das ganz dazu geschaffen gewesen wäre, den meisten unsrer Damen die Köpfe zu verdrehen. Er erinnerte mich auf das lebhafteste an Jussuf in Algier und hat auch gleich ihm die Reputation großer persönlicher Tapferkeit. Eben kam er von einer Expedition nach Takka zurück, um dort Tribut einzuziehen, ein den Europäern ziemlich unbekanntes Land, welches auf Cailliauds Karte ohne Grenzen und gewissermaßen nur aufs Geratewohl zwischen Groß-Redschab mit dem Fluß Atbarrah, dem roten Meer und Abessinien verzeichnet ist. Ein Teil des zahlreichen Volkes, welches dort wohnt, zahlt jetzt dem Vizekönig Tribut, dieser muß jedoch stets mit den Waffen in der Hand eingetrieben werden. Der Melek berichtete uns, daß das Land Takka in seinen weiten Plainen äußerst volkreich und wohl angebaut sei und die Hauptstadt gleichen Namens Khartum an Größe wohl sechsmal übertreffe. Eine Tagereise von Takka entfernt, dicht am Fuß einer langen Bergkette, sollen, wie er sagte, weitläufige Ruinen einer alten Stadt mit vielen Säulen, mit Reihen von Sphinxen (Schafen, wie er sie nannte) und Riesen zu Pferde (also Kolossen), die letztern stark beschädigt, aber alles aus hartem Stein (Granit wahrscheinlich) gebildet, sich befinden. Obgleich ich die Genauigkeit dieser Nachricht dahingestellt sein lasse, besonders was die Kolosse zu Pferde betrifft, so halte ich es doch der Mühe wert, Reisende darauf aufmerksam zu machen, und da jetzt in jedem Jahre, und dies zwar während der ersten Monate desselben, Truppen in diese Gegenden gesandt werden, so kann es nicht schwer fallen, sich, wenn man die rechte Zeit wahrnimmt, ihnen anzuschließen. Auch in dieser nicht so entfernten Region ist ein noch ganz jungfräulicher Boden zu explorieren. Einmal kamen wir – und zwar über meinen Hund Susannis, den man aus Rücksicht für mich im Zimmer duldete, obgleich er in den Augen der Muselmänner ein unreines Tier ist – grade dieses Umstandes wegen auf Religion zu sprechen, und ich glaubte mich angenehm zu machen, indem ich einige Stellen aus dem Koran zitierte und meine gerechte Bewunderung derselben aussprach. Die Türken haben aber, wenigstens in Mehemed Alis Reich, jetzt ihre Voltairesche Epoche und scheinen ziemlich nahe daran zu sein, den bisherigen blinden Glauben mit einem vielleicht ebenso blinden Unglauben zu vertauschen. Man nahm mein enthusiastisches Lob halblächelnd auf und ließ den Gegenstand bald darauf fallen. Ich war im Anfang der Meinung, dies geschähe aus Bigotterie, weil man es unschicklich fände, daß ein Dschaur sich anmaße, den heiligen Koran zu loben, der nächste Tag aber überzeugte mich vom Gegenteil. Ich saß allein mit dem Gouverneur bequem auf seinem Diwan gelagert, während mein Dragoman zum Dolmetschen vor uns stand, als Selim Kascheff mit satirischer Miene begann: «Sie haben gestern unsere Koran so gelobt; ich will Ihnen nun auch etwas zu seinem Lobe erzählen. Ein hiesiger sehr frommer Mann las den Koran Tag und Nacht und ward nach kurzer Zeit närrisch darüber, eine Folge, die ich von derselben zu angestrengten Beschäftigung schon mehreremal auch an andern erlebt habe, obgleich ich selbst in dem Buche ebenfalls ganz gut bewandert bin. Unser Heiliger – denn mit der Einbildung dies zu sein, pflegt die Koranverrücktheit immer verbunden zu sein – kam eines Tages zu mir, um mir ohne Umstände anzukündigen, der Koran befehle ihm, mir und allen Kascheffs, die ihre Gewalt hier nur mißbrauchten, das Leben zu nehmen und sich zugleich unsers Geldes zu bemächtigen, um es zu frömmeren Zwecken zu verwenden. Ich suchte anfänglich den guten Mann mit aller Milde zu besänftigen und bot ihm versuchsweise meine Geldkisten an, im Falle er mir nur das Leben schenken wolle. Er bestand aber in seinem frommen Eifer darauf, beides haben zu müssen. Da fiel mir ein, daß es außer dem Koran noch ein anderes sehr mächtiges Mittel gibt, die Menschen zu regieren, nämlich den Kurbatsch. Demzufolge ließ ich meinem guten Freunde, der mir, aller Bitten ungeachtet, weder Leben noch Vermögen lassen wollte, sofort in meiner Gegenwart 500 derbe Hiebe aufzählen und ihn dann zur Heilung ins Militärlazarett bringen. Sollten Sie es glauben, der Kurbatsch kurierte radikal die Tollheit, welche der Koran hervorgebracht, und der arme Teufel, der jetzt so gescheit ist als wir, dankt mir noch immer von Herzen die an ihm vollbrachte Wunderkur. Hier also», setzte er lachend hinzu, «müssen Sie mit aller schuldigen Verehrung für das heilige Wort des Propheten doch gestehen, daß sich der Kurbatsch noch mächtiger als der Koran gezeigt hat.» Ich war etwas betroffen und dachte bei mir, daß auch die türkischen Ungläubigen doch immer noch echte Türken bleiben. Die Krankheit des Doktor Koch war während dieser Tage immer bedenklicher geworden, so daß mir nichts übrig blieb, als ihn vorderhand in möglichst sorgsamer Pflege unter der Obhut des Kascheffs zurückzulassen und unterdessen die Aufsuchung Manderas zu versuchen. Da es aber vorauszusehen war, daß mich diese noch geraume Zeit in hiesiger Gegend aufhalten werde, so durfte ich hoffen, den Doktor nachher wiederhergestellt zu finden. Es tat mir übrigens leid, daß er sich nicht entschließen wollte, gleich den Eingebornen und dem englischen Doktor Holroy sich durch einen Faki heilen zu lassen. Diese Kur gegen das hiesige Fieber wird hier für unfehlbar gehalten, und selten leidet jemand, wenn er nicht stirbt, bei dieser Behandlung länger als acht Tage daran. Ich hielt die Sache zuerst, nach den unvollkommenen Nachrichten, die mir darüber zugekommen waren, und selbst nach dem flüchtigen Augenscheine bei einem Falle dieser Art, nur für eine sogenannte Sympathiekur, weil ein von dem Wundertäter beschriebener Zettel auf einem Kohlenfeuer verbrannt wird, währenddem der Patient, darüber hingebeugt und mit einem Tuche bedeckt, den Duft davon einatmen muß. Dieser erregt aber dem Kranken so heftige Konvulsionen, daß oft drei bis vier Menschen nötig sind, um ihn «per forca» unter dem Tuche zu erhalten. Ist die Operation vorbei, so legt man ihn auf ein Engareb, deckt ihn so warm zu, daß er gründlich schwitzen muß, und läßt ihn sechs Tage lang nur Brot und laues Wasser genießen, worauf er gewöhnlich vollständig geheilt ist. Man versicherte mir, wie gesagt, allgemein, daß diese Kur fast nie fehlschlage, aber von dem freigeistigen Kascheff allein erhielt ich den eigentlichen Schlüssel zur Sache. In das beschriebne Papier wird nämlich eine bedeutende Dosis des außerordentlich starken roten Pfeffers, den man hier baut, nebst andern ähnlichen Ingredienzen gewickelt, und der Höllendampf dieser Dinge ist es, der dem Kranken so schwer zu ertragen wird, obgleich er selbst seine Qual nur der Kraft der kabbalistischen Zeichen zuschreibt. Es wäre immer der Mühe wert zu versuchen, ob dasselbe Mittel sich auch in Europa so spezifisch gegen das dortige Wechselfieber erweisen würde, als es hier der Fall ist. Damen werden ersucht, das nun folgende, selbst wenn sie griechisch lesen können, ebenfalls zu überschlagen . Die folgenden Absätze sind nicht in griechischer, sondern in deutscher Sprache, aber griechischer Schrift geschrieben; in deutscher Schrift lauten sie: Als Beitrag zur Schilderung der Landessitten mag auch noch Folgendes dienen. Am Abend ehe ich Ouad-Medina verließ, erschien im Audienzsaale des Kascheffs, zu welchem jeder Zutritt hat, ein junger Mann, der völlig wie eine Frau, und in noch übertriebnerem Schmuck gekleidet war; auch in allen Manieren dem weiblichen Geschlecht, mit einem Anflug von Karikatur nachzuahmen suchte. Ich erkundigte mich bei dem neben mir sitzenden Arzte des Kascheff's, was diese Verkleidung bedeute? «Oh», erwiderte dieser mit einer ausdrucksvollen Pantomime, «das hier ist die beliebteste Soldatenhure in Ouad-Medina, die man alle Nächte in der Nähe der Kaserne antreffen kann.» Der nämliche junge Mann, der zugleich den öffentlichen Possenreißer zu spielen schien, sagte nachher zum Kascheff selbst, als dieser ihm einige Neckereien adressirte, die auf sein Handwerk Bezug hatten: «O, laßt mich in Frieden und gebt mir lieber einen Backschis, denn wenn Ihr es nicht thut, und ich mit leeren Händen nach Hause komme, so wird mein Kind schreien, das Ihr mir im vorigen Jahr gemacht habt.» Alle Welt schien diese spaßhafte Antwort sehr ergötzlich zu finden. Ein andresmal sah ich, von einem weiten Männerkreise, auch meistens Soldaten, umgeben, ein Mädchen den gewöhnlichen laskiven Tanz des Orients ausführen, aber in einem remarkablen Kostüme. Denn sie war völlig nackt, und hatte nur eine lange Schnur von bunten Glasperlen um den Hals, an der ein monströser, schwarzgefärbter Priap tief herabhing, der unter dem wildesten Applaus und Gelächter der Umstehenden bei allen obskönen Bewegungen ihres Körpers mit agierte. Dem Gouvernement Mehemed Ali's ist hierüber durchaus kein Vorwurf zu machen, denn alle diese krassen Unsittlichkeiten sind, besonders beim Militär, durch die Gesetze sehr streng verpönt, aber so weit ins Land hinein reichen diese Gesetze kaum mehr, und auch in unmittelbarer Nähe bleiben sie großentheils unwirksam, da diese uralten Gewohnheiten oft, je schlechter sie sind, desto schwerer ausgerottet werden. Der Kultus des Priapus, so alt als die Welt, hatte sich ja bis in die neueren Zeiten sogar im Katholizismus dergestalt fortvererbt, daß in Italien an mehr als an einem Orte Thonbilder desselben Weibern, um sie fruchtbar zu machen, als Reliquie umgehangen wurden, und in Frankreich selbst ein Heiliger aus dem alten Gotte gemacht ward. Αλς Βειτραγ ζουρ Σχιλδερουνγ δερ Λανδεςσιττεν μαγ αυχ νοχ Fολγενδες διενεν. Αμ Αβενδ εhε ιχ Ουαδ-Μεδινα vερλιεσς, ερσχιεν ιμ Αυδιενζσααλε δες Κασχεff'ς, ζου wελχεμ ιεδερ Ζουτριττ hατ, ειν ιουνγερ Μανν, δερ vöλλιγ ωιε εινε Fραυ, ουνδ ιν νοχ üβερτριεβενερεμ Σχμουκκ γεκλειδετ wαρ, αυχ ιν αλλεν Μανιερεν δεμ wειβλιχεν Γεσχλεχτ, μιτ εινεμ Ανfλουγ vον Καρικατουρ, ναχζουαhμεν σουχτε. Ιχ ερκουνδιγτε μιχ βει δεμ νεβεν μιρ σιτζενδεν Αρζτε δεσ Κασχεff'ς, ωας διεσε Vερκλειδουνγ βεδευτε? «Ω», ερωιδερτε διεσερ μιτ εινερ αυσδρουκκσvολλεν Παντομιμε, «δας hιερ ιστ διε βελιεβτεστε Σολδατενhουρε ιν Ουαδ-Μεδινα, διε μαν αλλε Ναεχτε ιν δερ Ναεhε δερ Κασερνε αντρεffεν κανν.» Δερ ναεμλιχε ιουνγε Μανν, δερ ζουγλειχ δεν öffεντλιχεν Ποσσενρεισσερ ζου σπιελεν σχιεν, σαγτε ναχhερ ζουμ Κασχεff σελβστ, αλς διεσερ ιhμ εινιγε Νεκκερειεν αδρεςσιρτε, διε αυf σειν Hανδwερκ Βεζουγ hαττεν: «Ω, λασστ μιχ ιν Fριεδεν ουνδ γεβτ μιρ λιεβερ εινεν Βακκσχις, δενν wενν Ιhρ ες νιχτ θουτ, ουνδ ιχ μιτ λεερεν Hαενδεν ναχ Hαυσε κομμε, σο wιρδ μειν Κινδ σχρειεν, δας Ιhρ μιρ ιμ vοριγεν Ιαhρε γεμαχτ hαβτ.» Αλλε Wελτ σχιεν διεσε σπασσhαfτε Αντwορτ σεhρ εργöτζλιχ ζου fινδεν. Ειν ανδρεσμαλ σαh ιχ, vον εινεμ wειτεν Μαεννερκρεισε, αυχ μειστενς Σολδατεν, ουμγεβεν, ειν Μαεδχεν δεν γεwöhνλιχεν λαςκιwεν Τανζ δες Οριεντς αυσfühρεν, αβερ ιν εινεμ ρεμαρκαβλεν Κοστüμε. Δενν σιε wαρ vöλλιγ νακκτ, ουνδ hαττε νουρ εινε λανγε Σχνουρ vον βουντεν Γλαςπερλεν ουμ δεν Hαλς, αν δερ ειν μονστρöσερ, σχwαρζγεfαερβτερ Πριαπ τιεf hεραβhινγ, δερ ουντερ δεμ wιλδεστεν Αππλαυς ουνδ Γελαεχτερ δερ Ουμστεhενδεν βει αλλεν οβσκöνεν Βεwεγουνγεν ιhρες Κöρπερς μιτ αγιερτε. Δεμ Γουvερνεμεντ Μεhεμεδ Αλι'ς ιστ hιερüβερ δουρχαυς κειν Vορwουρf ζου μαχεν, δενν αλλε διεσε κρασσεν Ουνσιττλιχκειτεν σινδ, βεσονδερς βειμ Μιλιταερ, δουρχ διε Γεσετζε σεhρ στρενγ vερπöντ, αβερ σο wειτ ινς Λανδ hινειν ρειχεν διεσε Γεσετζε καυμ μεhρ, ουνδ αυχ ιν ουνμιττελβαρερ Ναεhε βλειβεν σιε γρωσσενθειλς ουνwιρκσαμ, δα διεσε ουραλτεν Γεwωνhειτεν οfτ, ιε σχλεχτερ σιε σινδ, δεστο σχwερερ αυσγεροττετ wερδεν. Δερ Κουλτους δες Πριαπους, σο αλτ αλς διε Wελτ, hαττε σιχ ια βις ιν διε νευερεν Ζειτεν σογαρ ιμ Καθολιζισμους δεργεσταλτ fορτvερερβτ, δασσ ιν Ιταλιεν αν μεhρ αλσ αν εινεμ Ορτε Θωνβιλδερ δεσσελβεν Wειβερν, ουμ σιε fρουχτβαρ ζου μαχεν, αλς Ρελιqυιε ουμγεhανγεν wουρδεν, ουνδ ιν Fρανκρειχ σελβστ ειν Hειλιγερ αυς δεμ αλτεν Γοττε γεμαχτ wαρδ. Fernerer Aufenthalt im Sudan. Mandera Nachdem meine Reisegesellschaft durch einen neuen hier gekauften oder vielmehr losgekauften Sklaven und einen lebendigen Strauß vermehrt worden war, wandte ich am 15. Mai mein Segel vorläufig wieder dem Norden zu. Ein heftiger konträrer Wind zwang uns, den größten Teil der Fahrt bis Abu Haraß zu kreuzen, was uns den Vorteil, nun mit dem Strome zu schwimmen, wenig genießen ließ, aber das Gute hatte, mir endlich eine glückliche Krokodiljagd zu verschaffen. Die Sonne war schon ihrem Untergange nahe und Abu Haraß im Angesicht, als einer der Matrosen mir meldete, daß vier Krokodile nicht fünfzig Schritte von uns entfernt auf einer Sandinsel lägen. Ich eilte schleunigst aufs Verdeck und sah mit Verwunderung, daß keins dieser bisher so scheuen Tiere sich bei unsrer Annäherung regte, sondern alle wie erstarrt bewegungslos mit offnem Rachen liegenblieben. Sogleich ergriff ich die geladne Muskete eines der uns begleitenden Soldaten und feuerte auf das nächste, welches ungefähr 12 Fuß in der Länge maß, traf es auch unter dem Panzer, aber doch nicht hinlänglich, um es zu töten. Es fuhr erschrocken auf und sprang mit der blitzschnellen Behendigkeit einer Eidechse ins Wasser, das es mit seinem Blute rötete, ohne daß die andern sich weder durch dies Schauspiel noch den Knall des Schusses stören ließen. Der Kawaß fehlte das zweite, und da die Kugel unmittelbar vor dem Tiere in den Boden fuhr, daß der Sand aufsprühte, so schob es sich, jedoch nur langsam und anscheinend mit Schwerfälligkeit ins Wasser, wohin ihm leider das bei weitem größte der vier, das dicht neben ihm lag, folgte. Jetzt reichte mir Ackermann mein Gewehr, das ich ohne Zeitverlust auf das letzte und kleinste abdrückte und es glücklich erlegte, da die Kugel grade in seinen aufgesperrten Rachen fuhr und so mehrere edle Teile nacheinander verletzte. Das noch junge Krokodil blieb, fast ohne zu zucken, wie schon tot ausgestreckt liegen. Als wir aber eilig aufs Land sprangen und uns alle darüber herwarfen, um uns seiner ohne Zeitverlust zu bemächtigen, raffte es sich noch einmal auf und kroch ziemlich schnell dem Flusse zu, erhielt aber auf dem kurzen Wege von den Negern so viel furchtbare Keulenschläge auf Hals und Kopf, daß es mit Blut überströmt bald regungslos und nun allem Anschein nach auch wirklich tot von neuem liegen blieb. Es war aber noch keineswegs so weit mit ihm gekommen, denn nach wenig Sekunden gab es mit großer Gewalt einen perfiden Schlag mit seinem Schweif, der mich selbst beinah getroffen hätte und einen der Matrosen so heftig in den Sand warf, daß seine Pfeife mehrere Ellen hoch gen Himmel flog. Wirklich, die Lebenszähigkeit bei diesen Tieren geht fast ins Unglaubliche. Als diesem von uns erlegten schon die Haut größtenteils abgezogen war, sowie alle Eingeweide ausgenommen, und man sich eben damit beschäftigte, zum Behuf des Ausstopfens die Knochen aus den Beinen zu lösen, gab es noch einen letzten galvanischen Schweifschlag, der im Augenblick den darum formierten dichten Menschenkreis wie Spreu auseinanderfegte, obgleich sich die Erschrockenen schnell wieder lachend und jubelnd darum herreihten. Denn sie freuten sich auf die leckere Mahlzeit, und in der Tat ward während der Nacht der ganze Vorrat von dem stark nach Moschus duftenden Fleische mit großem Genuß von den afrikanischen Gourmands verzehrt. Der folgende Absatz ist in der Buchausgabe auf dem Kopf stehend gedruckt. Das unglückliche Opfer unsrer Jagdlust war ein Weibchen, und bevor man ihm den Bauch aufschnitt, hatte man uns dessen Geschlechtsteile gezeigt, die in Größe wie in Form auffallend den menschlichen gleichen. Man versichert, daß, wenn diese Tiere sich begattet haben, das Weibchen mehrere Stunden lang wie ohnmächtig auf dem Rücken liegen bleibt, in welchem Zustande man es dann sehr leicht und ganz gefahrlos töten kann. Ja, es soll sogar nichts Seltnes sein, daß Neger diese Lethargie benutzen, um vorher noch die vices des Krokodils an dem stilliegenden Weibchen zu vertreten, ehe sie ihm das Leben nehmen. Als ich in Abu Haraß debarkierte, kam mir der Bruder des noch immer abwesenden Kascheffs mit wahren Hiobsposten entgegen. Jetzt erst erfuhr ich die volle Wahrheit über Mandera. Statt 12-16 Stunden Entfernung, wie man zuerst versichert, fand es sich nun, daß es vier bis fünf Tagesmärsche weit sei, ohne auf dieser Strecke einem einzigen Brunnen zu begegnen. Dies mache, sagte der Efendi, 150 Kamele allein für den Transport des Wassers nötig, weil sie sich fortwährend truppweise ablösen müßten, um immer frisches Wasser aus dem Nil herbeizuholen. Mit weniger könne ich nicht auskommen, da die Araberstämme in dieser Gegend sich fast alle im Zustande offener Insurrektion befänden, so daß ich mindestens einer Eskorte von hundert Mann bedürfe, um ihnen gewachsen zu sein. Endlich aber sei der arabische Schech, welcher allein jene Gegenden kenne und noch einige Autorität daselbst besäße, wo kein Türke sich gefahrlos blicken lassen dürfe, jetzt abwesend. Man habe zwar bereits nach ihm gesandt, aber es sei nicht wahrscheinlich, daß er vor 10 bis 12 Tagen zurückkommen könne. Indessen, setzte er hinzu, stehe bis dahin Haus, Hof und Gut seines Bruders zu meiner freiesten Disposition, und wenn ich an der Jagd Vergnügen fände, so seien fünf gute Pferde mit so viel Arabern, als ich bedürfe, stets bereit. Strauße, Leoparden, Wölfe, wilde Katzen und Gazellen würde ich in Überfluß finden. Unter solchen Auspizien erschien mir der unnütze Aufenthalt weniger peinlich, und nachdem ich, um den Eifer nicht erkalten zu lassen, bestimmt erklärt, daß ich, die Schwierigkeiten möchten sein, welche sie wollten, diesen Landstrich nicht verlassen würde, ohne mir genaue Kunde über die Ruinen von Mandera verschafft zu haben, nahm ich die gemachte Anerbietung vom nächsten Morgen an mit Dank an und begab mich dann zu Bett, um das Weitere in meiner Barke zu beschlafen. Leider aber gab mir hier ein böser Dämon den Gedanken ein, als Präservativ gegen die üblen Einflüsse der Witterung eine Dosis englisches Salz zu mir zu nehmen, und ich erwähne dieses geringfügigen Umstandes absichtlich, um die Gefahr zu zeigen, welche in diesem Klima unnützes Medizinieren mit sich bringt. Es hat nicht viel gefehlt, daß dieses in Europa so leichte und unschädliche Erfrischungsmittel meiner irdischen Laufbahn hier ein Ende machte. Denn von diesem Tage an befiel mich eine hartnäckige Dissenterie, verbunden mit einer so fortwährend zunehmenden Schwäche und Widerwillen gegen alle Nahrung, daß mein physisches Vermögen nicht mehr dem Willen zu folgen imstande war. Fünf Tage lang, während denen Regen und Sonnenschein mit stets schwüler Hitze ohne Unterlaß abwechselten und meine nur durch gebrechliche Holzläden geschützte Stube, bei den heftigen Windstößen, oft mit Wasser oder Staub angefüllt wurde, konnte ich bei heftigen Kolikschmerzen das Haus nicht und selten nur das Bett verlassen. Am 21sten Mai, wo die Witterung schön war, zwang ich mich gewaltsam zu einer Jagd. Wir zogen mit großem Train auf Panther aus, trafen aber nur auf einige Strauße, denen wir in der buschigen Gegend nicht beikommen konnten, und auch auf viele Hasen, welche die Araber mit kurzen, einer Krücke ähnlichen Stöcken, die sie mit unglaublicher Sicherheit schleudern, sehr geschickt erlegten. Dann verfolgten wir lange im vollen Lauf der Pferde zwei Exemplare der schönen Reiherart mit dem hohen Federbusch auf dem Kopfe, hier Ab-Seng genannt, von denen ich einen mit der Pistole tötete. Endlich schoß mein Kammerdiener noch eine wilde Katze von glänzend gelber Farbe mit schwarzen Flecken, deren Fell glücklich das Vaterland erreicht hat. Wir durchritten während dieser Jagd sehr romantische Waldpartien mit mehreren unter ihrem Schatten zerstreuten Dörfern und passierten zwei oder dreimal das gänzlich wasserleere Bett des Rahad, dessen Ufer aber überall gleich hoch und jähling abgerissen erschienen. Gern hätte ich die Exkursion noch weiter ausgedehnt, da ich mich aber oft der Ohnmacht nahe fühlte, sehr häufig absteigen mußte und zuletzt mich kaum auf dem Pferde mehr zu erhalten vermochte, mußte ich notgedrungen schon nach Mittag zurückkehren. Hier war unterdessen, viel früher als wir erwartet, der Schech von Ouad-el-Kerim angelangt, doch lautete die von ihm gegebne Auskunft noch übler als die des Efendi. Er behauptete, daß er mit weniger als 200 Mann Eskorte und 400 Kamelen für diese sowohl als den Wassertransport die Leitung der Expedition nach Mandera nicht unternehmen könne. Auch brauche er noch eine Woche zu den nötigen Vorbereitungen. Alle meine Gegenvorstellungen blieben vergebens. Auch der Kascheff war zurückgekommen, und am folgenden Tage ward mit ihm, seinem Bruder, dem Schech und andern unter den Arabern angesehnen Leuten ein großer Diwan über die Angelegenheit abgehalten, wo die Muselmänner einstimmig zu dem Resultat kamen, daß es untunlich sei und selbst bei Korschud Pascha nicht verantwortet werden könne, aufs Geratewohl mit einem solchen Troß, als der Schech verlange, auszuziehen, nur um in einer Gegend ohne Wasser, deren Bewohner feindlich gesinnt seien, Ruinen aufzusuchen, deren Existenz noch nicht einmal sicher sei. Bestünde ich jedoch auf meinem Willen, so müßten sie deshalb nach Khartum berichten, da jedenfalls die Kosten einer solchen Unternehmung zu bedeutend werden würden, um sich ohne besondere Autorisation dieser Verantwortung aussetzen zu können. Dies wünschte ich natürlich zu vermeiden und bat also nur noch, genauere Erkundigungen einzuziehen und dann weiter zu überlegen, ob die Sache sich nicht auf eine weniger kostspielige Weise ins Werk setzen lasse. Währenddem wolle ich die Zwischenzeit, da ich mich nach dem Jagdtage etwas besser fühlte, zu einer kurzen und weniger umständlichen Exkursion nach dem Dender benutzen. Dies hatte keine Schwierigkeit, und mit einer sehr geringen Begleitung machte ich mich noch vor Sonnenaufgang auf den Weg. Ich war indes so matt und abgespannt und so leidend, daß ich nur wenig von dieser Tour sagen kann, die uns auf ziemlich guten Wegen und durch mehrere kleine Dörfer fast immer durch dornige Wälder, aber ohne große Bäume in zwei Tagen bis zum Dender führte, nachdem wir unterwegs in einer backofenheißen, übelriechenden Kammer nur ein sehr elendes Nachtlager gefunden hatten. Zum Abendessen bereitete man uns Perlhühner, die wir auch häufig im Walde sahen. Ich fand den Fluß in seinem äußern Ansehen dem Rahad sehr ähnlich, mit gleich hohen Ufern, wenig breiter, höchstens 200 Fuß, aber so tief mit einem stark strömenden und weit klareren Wasser als der blaue Fluß angefüllt, daß es beim Durchreiten meinem Pferde bis über den Bauch ging. Doch sagte man uns, daß er bald nicht mehr passierbar sein würde. Die Richtung seines Laufes aus Südosten ist in dieser Gegend eine Zeitlang mit dem blauen Fluß fast parallel, während der Rahad sich ziemlich mit einem rechten Winkel in jenen ergießt. Seine Ufer waren zum Teil dicht mit Weiden besetzt und an mehreren Orten sorgfältig kultiviert. Zum erstenmal seit langer Zeit sah ich hier einen Einwohner mit Fischen beschäftigt, und auf die ihm von mir gegebne Bestellung brachte er uns auch abends einen großen Fisch vom vortrefflichsten Geschmack. Ich hatte eine üble Nacht und war daher sehr froh, am Morgen zu erfahren, daß uns der Schech von Elkueh eine Barke verschafft hatte, auf der ich meine Rückkehr mit weniger Beschwerde antreten konnte. Der Fluß wand sich durch ungemein malerische Waldpartien, einigemal mit niedrigen porösen Kalkfelsen vermischt, doch ward ich keines Boababs mehr ansichtig. Dagegen zählten wir in der Nähe von Ouad-Medina, was man in Europa kaum glauben mögen wird, wofür ich aber alle meine Begleiter zu Zeugen aufrufen kann, zu ein und derselben Zeit auf beiden Seiten des Flusses siebenundzwanzig Krokodile, die jedoch, als wir ihnen näher kamen, weniger gut aushielten als ihre Kameraden auf der beschriebnen Jagd, so daß die während der Flucht auf sie gerichteten Schüsse keinen Erfolg hatten. In Ouad-Medina erfuhr ich, daß Doktor Koch, immer noch gleich krank, sich nach Abu Haraß habe transportieren lassen, um dort einer bessern Luft zu genießen, und daß der italienische Apotheker ihn dorthin begleitet habe. Zugleich benachrichtigte man mich, daß in Musselinieh, einem großen Ort acht Stunden von hier westlich nach dem weißen Flusse zu gelegen, morgen ein bedeutender Suk (Markt) statthabe, wo man immer einen großen Zufluß von Menschen finde. Diese gute Gelegenheit, erstens das Innere des Landes noch etwas näher kennenzulernen, zweitens die Einwohner bei einer festlichen Gelegenheit beobachten und zugleich vielleicht dort allerhand interessante Einkäufe machen zu können, wollte ich nicht versäumen und verließ daher von neuem die Barke, um auf Kamelen und Eseln landeinwärts zu ziehen. Um fünf Uhr abends erreichte ich das Dorf Fedassa, wo ein heftiger Kolikanfall mich zwang, eine Stunde in der Hütte des Schechs in wahrer Agonie zu verweilen. Es war überdem nur ein trauriges Lager auf einem halb zerbrochnen Engareb mit ein paar zerrissnen Bernus überdeckt und einem Kissen, dessen ursprüngliche Farbe vor Schmutz nicht mehr zu erkennen war. Neben mir an der rohen Lehmwand, auf der allerlei Insekten umherkrochen, stand ein nie gereinigter hölzerner Krug mit Wasser, dessen lehmiger Inhalt trübem Weißbier glich, eine Kürbisschale hing daneben, und fast alle Minuten erschien ein oder der andre nackte Neger, um daraus seinen Durst zu löschen, denn die Hitze war im höchsten Grade drückend, während schon der Donner nahender Gewitter über unsern Häuptern rollte. Mit Mühe raffte ich mich, nachdem man unterdessen die Tiere gewechselt, zur Fortsetzung der Reise auf, zu der die Aussicht ebensowenig erfreulich als der Anblick meiner Umgebung war. Es scheint, daß hier die Gewitter in der Regenzeit immer in Gesellschaft ziehen, denn auch heute wie schon öfters standen drei bis vier derselben zugleich am Himmel und drohten mit dem unwillkommensten Bade. Doch waren wir so glücklich, noch vor Einbruch der Nacht und ehe sich die Hauptwolken entluden, in Musselinieh einzutreffen. Wir hatten drei Stunden lang von Fedassa an eine schöne kultivierte Ebne des vortrefflichsten Bodens durchritten und mehrere ansehnliche Dörfer darauf verteilt gesehen. Da die Häuser derselben alle nur in Form spitzer, auf der Erde anfliegender Dächer aus geflochtenem Rohr aufgeführt waren, so glichen sie großen Zeltlagern und machten mit den sie umgebenden Büschen und Bäumen einen höchst gefälligen Effekt. Jede dieser Hütten ist mit einem runden oder viereckigen Hofe umgeben, den ein hier so leicht zu erlangender Zaun aus stachligen Zweigen schützt, und auf den alten Bäumen horsteten wie gewöhnlich Hunderte der storchartigen weißen und schwarzen Ibisse. Einige Paare derselben hatten sich sogar auf den Dachspitzen der Hütten, so niedrig diese sind, zutraulich ihre Nester gebaut. Raben waren desgleichen sehr häufig und ganz den unsrigen gleich; doch bemerkte ich einige unter ihnen mit weißen Ringen um den Hals, die ich früher noch nicht angetroffen hatte. Musselinieh, wo außer der jetzigen Hauptmesse zweimal die Woche, Dienstag und Sonnabend, ein beträchtlicher Markt stattfindet, ist bedeutend größer als Ouad-Medina, auch reinlicher und eleganter gebaut. Es hat eine Moschee und zwischen den Zelthäusern noch viele kleine Lehmpaläste der Reicheren in Form altägyptischer Pylonen mit Terrassendächern. Das größte Haus dieser Art bewohnt der Schech Ibrahim, ein Hadschi und ein hier sehr angesehener Mann, bei dem ich mein Quartier aufschlug. Es war dies zwar kaum so wohnlich als eine Scheune bei uns, hier aber gut genug, und die Bewirtung wäre noch weniger zu verachten gewesen, wenn der Zustand meiner Gesundheit mir nur erlaubt hätte, daran teilzunehmen, denn der Hadschi setzte uns unter andern türkischen Delikatessen sogar «preserved Ginger» aus Indien von allerbester Qualität vor. Wie gern hätte ich alles dies gegen ein Glas klares Wasser mit etwas Wein vertauscht! Aber hier kennt man die ägyptischen Bardaken (Filtrierkrüge) nicht mehr und nichts als die laue Lehmtunke, aus dem blauen Fluß weit hergeholt, oder ein noch schlechteres, brackig schmeckendes Brunnenwasser aus dem Dorfe war zu haben. Die ganze Nacht warf ich mich bei der Illumination der Blitze und dem Rauschen des Regens auf meinem harten Lager umher, ohne vor Schmerzen schlafen zu können. Ich zündete also meine Papierlaterne, die einzige, die mir noch übrig geblieben ist, an, weil der durch die offnen Fenster pfeifende Wind kein Licht auf andere Weise brennen ließ, und las in der Stereotypausgabe von Voltaires Werken, die mir Herr Boreani geborgt hatte, zum zehntenmal den Candide, eine Lektüre, die hier im wüsten Afrika allerdings etwas Seltsames hatte, aber hinsichtlich der Panglosschen Philosophie ganz gut zu meiner Lage paßte. Am andern Morgen besuchte ich den Suk, der auf einer weiten mit Buden bedeckten Ebne am Ende des Dorfes abgehalten wurde. Es ging, trotz der Menge von Menschen und des daraus entstehenden Gedränges, weit anständiger und ruhiger daselbst zu, als auf einem europäischen Jahrmarkte. Auch ward ich, obgleich ein Gegenstand der allgemeinen Neugierde, doch von niemand belästigt. Ich kaufte eine Menge Landeskuriositäten zu äußerst billigen Preisen als: Sandalen, Amuletts, Waffen, Weiberschmuck, herrlich gearbeitete Matten aus Stroh und buntem Leder, sehr zierlich geflochtene Schüsseln, Körbe und Glocken aus gleichem Material, welche letzteren auf die Schüsseln gestellt werden, um die Speisen vor den zahllosen Fliegen zu bewahren, Goldkörner, Muschelgeld und dergleichen mehr. Weniger krank hätte ich vielleicht mehr Beobachtungen angestellt, so dankte ich dem Himmel, als ich wieder zu Hause war, um noch einige Stunden vor meiner Abreise auszuruhen. Währenddem besuchte mich der Schech, um mir einige Zeugnisse seiner Gastfreundschaft zu zeigen, die ihm von älteren Reisenden ausgestellt worden waren, und endigte mit der Bitte, ihm ein gleiches zu hinterlassen, die einzige Vergütung seiner Bewirtung, die er annehmen wollte. Dieser Mann ward von den Arabern wie ein Heiliger verehrt. Einmal kamen, während er in seinem Zimmer laut Gebete ablas, vier derselben und knieten sogleich, den Saum seines Kleides küssend, vor ihm nieder. Er las ruhig fort und sagte ihnen nur mehreremale dazwischen: «Essennetum!» (Steht auf!), aber vergebens. Sie blieben eine halbe Stunde auf ihren Knien, bis er zu lesen aufhörte. Zur Rückkehr wählte ich einen direkteren Weg zu Lande nach Abu Haraß, der eine geraume Zeit lang durch die anmutigste Waldgegend führte. Hier blühte besonders in großer Menge und Üppigkeit der Turtum, ein schöner Strauch, der, obgleich er keine Blätter und nur ein Gewühl von grünen Ranken hat, die einer Masse von Haaren gleichen, doch die fremdartigsten, malerischsten Formen damit bildet und undurchdringlich dicht ist. Seine tief rosenrote kleine Blüte, womit er ganz überdeckt war, muß sehr honigreich sein, denn alle Schmetterlinge des Sudan schienen sich hier Rendezvous gegeben zu haben. Man hätte, mit den gehörigen Utensilien versehen, ohne große Mühe in wenigen Tagen eine vollständige Sammlung afrikanischer Tagfalter zusammenbringen können. Ich sah alle mir bekannten Arten und zwei oder drei, die ich für neu oder wenigstens äußerst selten halte, hatte aber zu wenig Zeit und fühlte mich zu elend, um mich selbst mit ihrer Jagd zu befassen. So sehr wir den Schritt unsrer Tiere beschleunigten, langten wir doch erst mitten in der Nacht in Abu Haraß an, wohin ich auf meiner eignen Barke, die ein schwimmender Neger holte, über den Fluß setzte, und in meinem Bett die Leiden zu bekämpfen suchte, die mir täglich mehr meine Kräfte und alle Reiselust raubten. Als ich am nächsten Tage den Doktor Koch besuchte, fand ich diesen in noch weit elenderer Verfassung als mich. Er selbst hielt sich für einen Kandidaten des Todes, nahm auf rührende Weise Abschied von mir, gab mir noch einige Aufträge im Fall seines Dahinscheidens und bat mich dann mit Tränen im Auge, ihn nach Khartum zu senden, um dort in Frieden sterben zu können. Es war dies ohne Zweifel das einzige Mittel, ihn womöglich noch zu retten, und ich machte daher sogleich alle Anstalten dazu. Von zehn Negern getragen, ward er mitsamt seinem Bett auf meine Tahabia gebracht, welche, nachdem wir einen letzten Abschied voneinander genommen, sogleich mit einem günstigen Winde abfuhr. Es war ein melancholischer Moment für uns beide, denn auch ich blieb in keiner beneidenswerten Lage zurück, jetzt auch ohne alle ärztliche Hilfe im Notfall und schon längst ohne ausreichende Medikamente. Ich habe aber immer auf meine eigene gute Natur mehr als auf die ärztliche Hilfe gerechnet und konnte mir gewissermaßen zu meinem Troste sagen, daß auch mein jetziges Übelbefinden mehr eine Folge der Medizin als der Einflüsse des Klimas und der Fatigen auf meine Konstitution sei. Am 25. fand ein neuer Diwan zum Behuf der Expedition nach Mandera statt, und man schien die Schwierigkeiten derselben immer mehr übertreiben zu wollen. Ich erbot mich, mit zwanzig sichern und zuverlässigen Leuten (die mir lieber sind als zweihundert des gewöhnlichen Trosses) trotz meines Unwohlseins die Tour zu unternehmen, ward aber auch hiermit bestimmt abgewiesen, indem der Kascheff erklärte, daß er mich einer solchen Gefahr auszusetzen noch viel weniger auf sich nehmen könne, besonders jetzt, wo die ganze Sache schon so landeskundig geworden sei, daß die räuberischen Horden im Gebirge längst aufs genauste davon unterrichtet sein müßten und daher, eine ansehnliche Beute erwartend, vielleicht mit ihrer ganzen Macht vereint über uns herfallen würden. Er aber müsse mit seinem Kopf für den meinigen stehen, und ich selbst werde ihn solcher Gefahr nicht aussetzen wollen. Etwas andres aber sei es, setzte er hinzu, wenn ich, da es mir doch nur darum zu tun sei, sichere Auskunft über die Ruinen von Mandera zu erhalten, meinen Dragoman dahin senden wolle. Dieser, der jung und rüstig genug sei, alle Fatigen und Entbehrungen zu ertragen und überdem die Sprache der Araber so gut als sie selbst spräche, möge als Beduine verkleidet leicht unbemerkt und ungehindert sich durchschleichen können. Dazu erbiete sich der Schech, ihm drei seiner zuverlässigsten und mit dem Lande bekanntesten Leute mitzugeben und alle mit so ausgezeichneten Dromedaren beritten zu machen, daß im Fall einer Verfolgung sie niemand so leicht einholen könne, da die Araber der Wüste weder Pferde noch Schießgewehr besäßen – und für diesen kleinen Trupp sei auch schon ein Tier mit Wasser beladen zur Not hinlänglich. Diese Vorstellungen waren allerdings so vernünftig, daß ihnen nicht viel entgegenzusetzen blieb. Überdem aber bewogen mich vorzüglich noch drei Gründe zu ihrer Annahme. Erstens die elende Verfassung meiner eigenen Gesundheit in diesem Augenblick. Zweitens die zu einem solchen Unternehmen sehr geeignete Persönlichkeit meines Dragomans. Dieser junge Mann, der einen guten Teil seiner Zeit den Studien gewidmet hat, besitzt so viel Antiquareneifer, daß es für den Zweck selbst ziemlich dasselbe war, ob er oder ich Mandera besuchte, ja er wird vielleicht, sagte ich mir, ex officio noch genauer beobachten als ich und auch, soweit es ohne andere Instrumente als einen kleinen Taschenkompaß möglich ist, die geographische Lage Manderas und der hauptsächlichsten Ruinen, die er antreffen mag, nach den Richtungen seines Marsches und der zurückgelegten Stundenzahl, wenigstens approximativ ganz gut berechnen können. Drittens endlich bewog mich die Berücksichtigung der ungeheuren Kosten zum Nachgeben, welche auf diese Weise ganz erspart wurden und die dem Gouvernement aufzubürden ich mich nicht berechtigt fühlen konnte. Ich erteilte also Giovanni meine Benediktion, er selbst machte sein Testament wie vor einigen Tagen der Doktor Koch, und in wenigen Stunden war er in der Wüste – sein kommendes Schicksal ein dunkles Geheimnis, bis es zur Vergangenheit geworden sein wird. Diese Vergangenheit war schon früher bei dem armen Giovanni ziemlich dunkel gewesen. Er ist ein Kind von Chios, wo er in seinem siebenten Jahre Vater, Brüder und Schwestern vor seinen Augen morden sah und selbst als Sklave von einem kandiotischen Türken entführt wurde. In Alexandria kaufte ihn der jetzige österreichische Konsul in Kandia, Herr Stuzzi, damals Dragoman bei dem dasigen österreichischen Konsulate, los, nahm ihn an Kindesstatt an und gab ihm eine gute Erziehung. Noch als Knabe begleitete er Herrn von Prokesch bis Ouadi-Halfa, der ihn auf dieser Reise hauptsächlich zum Vermessen der Altertümer und Kopieren der Hieroglyphen gebrauchte. Dann machte er eine Reise nach Kleinasien und Konstantinopel, studierte einige Jahre in Smyrna, später in Italien, besuchte auf dem Rückwege sein Vaterland Chios wieder, wo er seine Mutter noch lebend fand, die außer ihm und einem jüngern Bruder allein von der Familie dem allgemeinen Blutbade entronnen war, und trat, in Kandia bei seinem Pflegevater wieder angelangt und für den Augenblick dort ohne Beschäftigung, als Dragoman in meine Dienste. Bis zum ersten Juni blieb ich, fortwährend an heftigen Schmerzen leidend und kaum fähig, mein Bett zu verlassen, in Abu Haraß. Ich war nach und nach so schwach geworden, daß ich kaum gehen konnte, ohne geführt zu werden, und fing an, ernstlichen Bedenklichkeiten über meinen Zustand Raum zu geben. Alle Nahrung ward mir zuwider, und der gewöhnliche Reistrank, den man bei dieser Krankheit verordnet, erregte mir nur Erbrechen und den heftigsten Ekel. Wein oder andere stärkende Medizinen hatte ich schon längst nicht mehr. Da bekam ich eine instinktartige Begierde nach einem Getränk, über das gewiß alle Ärzte bei einer fast schon chronisch gewordnen Dissenterie den Kopf schütteln werden, nämlich nach starkem kalten Punsch, den ich übrigens in gesundem Zustande nicht im geringsten liebe und fast nie genieße. Glücklicherweise hatte ich die Mittel, ihn herzustellen, denn das Land lieferte kleine grüne Zitronen, und ich besaß noch einige Bouteillen Jamaika-Rum, die ich mehr der Leute als meinetwegen mitgenommen hatte. Der sehr häufige Genuß dieses so zubereiteten Getränks, ziemlich stark angemacht, schlug wunderbar an, und obgleich ich noch keineswegs ganz dadurch hergestellt wurde, so verminderte sich doch das Übel und namentlich die Schmerzen zusehends; es ward mir wieder möglich, etwas zu essen, und meine geschwundenen Kräfte kehrten langsam zurück. Ich will niemandem raten, mir nachzuahmen, aber so ist das Faktum. Während dieser Zeit brachte man mir täglich eine große Menge interessanter Landesprodukte zum Verkauf ins Haus getragen, wahrscheinlich, weil man erfahren, daß ich in Musselinieh viel gekauft und gut bezahlt hatte, denn die Leute sind hier so gewohnt, daß die Türken ihnen das, was ihnen gefällt, mit Gewalt abnehmen oder es ihnen wenigstens nur mit einem Spottgelde vergüten, daß sie außer den öffentlichen Märkten alles sorgfältig versteckt halten und, wer Einkäufe dieser Art zu machen beabsichtigt, daher immer lange an ein und demselben Orte verweilen muß, ehe er das hinlängliche Vertrauen erweckt. Das bewunderungswürdigste Industrieprodukt dieser Gegenden bleiben immer die aus Palmblättern und aus in den brennendsten Farben buntgefärbten Lederriemen geflochtnen Matten, die in geschmackvollen und originellen Dessins, Glanz und ausgezeichneter Arbeit alles übertreffen, was in dieser Art Europa liefert und die dennoch sehr wohlfeil sind. Auch fertigt man sehr artige Schalen, Vasen und Tassen aller Formen aus verschiednen Kürbisarten, welche oft gleich den etruskischen Vasen mit Zeichnungen von Tieren geschmückt werden, deren manche von großer Treue sind. Diese Gefäße haben das Gewicht einer Feder und dennoch große Dauer, können leicht rein gehalten werden und nehmen nicht, wie das Holz, den Geruch der Dinge an, die man hineinfüllt. Es gibt namentlich kein ländlich-eleganteres Gefäß für frische Milch als dieses. Am zweiten Juni kam Giovanni von seiner Expedition lebendig zurück, zwar stark an der Stirne blessiert, aber nur von seiner eignen Pistole, mit der er einen Signalschuß hatte tun wollen, und die wahrscheinlich überladen, ihm in der Hand zerplatzt war. Er hatte alles gesehen, was ich ihm zu suchen aufgetragen, das Resultat war aber den Forschungen der Philosophen etwas ähnlich, nämlich das Ausgemittelte mehr negativer als positiver Natur. Doch war seine Relation keineswegs ohne Interesse. In Gely (das er auf dem Rückwege sah, weil Herrn Cailliaud berichtet worden war, daß sich bedeutende Ruinen dort befinden sollten sowie auch Spuren alter Brunnen auf dem Wege dahin) war nicht das mindeste vorhanden, was auf höheres Altertum hinwies, wohl aber ein Haufen pyramidenartig geformter, natürlicher Felsen, zu denen auch Giovanni sogleich von einem Araber als zu vermeintlichen alten Pyramiden hingeführt wurde. Auf Dschebel-Mandera hingegen fand er wirklich antike, noch halb bedeckte Zisternen von bedeutender Ausdehnung teils auf dem Gipfel des Berges, teils am Fuße desselben und dort auch die Steinfundamente mehrerer Mauern aus großen Werkstücken nebst einigen Säulenbasen und andern Bauresten, welche das einstige Dasein einer alten Stadt unzweifelhaft machen. Sie scheint jedoch nie sehr bedeutend gewesen zu sein und ist jetzt vollständig zerstört. Mehrere in diesem Augenblick leerstehende Hütten der Eingebornen in des Berges Nähe waren zum Teil aus Blöcken der Ruinen von Mandera aufgebaut, und in einer derselben fand mein Dragoman den untern Teil einer kolossalen Statue aus rotem Granit mit eingemauert, an einem andern Orte einen schön gearbeiteten Löwenkopf noch mit einem Teil der Vorderfüße aus schwarz und weiß gesprenkeltem Granit. Die Entfernung Manderas von Abu Haraß schätzt er, freilich die Umwege mitgerechnet, die er zu machen gezwungen war, gegen 50 Karawanenstunden. Der Weg führte zuerst ohngefähr 16 Stunden lang in fast nördlicher Richtung bis zum Berge Abaïtor, von wo er sich in einem Haken ganz östlich wandte und in dieser Richtung, ungefähr doppelt so weit als von Abu Haraß nach Abaïtor, bis Mandera verblieb. Bis Abaïtor ritt man fortwährend in dichtem Walde, wie gewöhnlich meist aus Mimosen und Akazien vieler Arten bestehend, dann in offner Plaine bis 5 Stunden vor Mandera, wo das Land wieder mehr bebuscht zu werden anfängt. Den Boden schildert Giovanni durchgehende als vortrefflich, auch wird ein Teil desselben nach der Regenzeit kultiviert. Er begegnete in der Plaine vielen Straußen und Antilopen, von welchen letzteren einige die Größe einer Kuh erreichten. Da ihm von Mandera aus in der Ferne ein sehr hoher, mit zwei schroffen Spitzen sich erhebender Berg, Gur genannt, auffiel, der eine kleine Tagesreise Ost-Süd-Ost von Mandera entfernt ist, so setzte er, auch hier meistens durch Waldgegenden ziehend, seine Reise bis zu diesem Berge fort, traf aber auf keine Altertümer daselbst. Alle drei isolierten Berge, Dschebel-Abaïtor, Dschebel-Gur wie Dschebel-Mandera, bestehen nach Giovannis Aussage teils aus Granit, teils aus rötlichem Kalkstein primitiver Formation, sowie auch Marmor vorkommt, und auf dem Abhang des Gut behauptete er ein spitzes Felsstück in Form eines Obelisken gesehen zu haben, dessen untere Hälfte aus rötlichem Granit und die obere aus weißem Marmor bestehe. Die Geologen mögen entscheiden, ob dies möglich ist. Durch einen Araber erfuhr er, daß sich in einem andern einzeln stehenden Berge mit Namen Liberi fünf kleine Stunden nord-östlich von Mandera eine merkwürdige Höhle befände. Er nahm daher, ohne nach Mandera zurückzukehren, sogleich von Gur seinen Weg dahin, der größtenteils auf Platten zutage kommenden Granits hinführte, eine Gegend, die der bei den Katarakten von Assuan sehr ähnlich sein soll. Die erwähnte Höhle belohnte die Mühe, denn sie erwies sich als ein Speos von 21 Fuß Tiefe und 12 Fuß Breite, in dem sich noch zwei sitzende Statuen im Hintergrund nebst einem vor ihnen stehenden Altar im kleinen abgetrennten Heiligtume erhalten hatten. Auch Spuren von Hieroglyphen und Skulpturen waren an mehreren Orten sichtbar, doch nur höchst undeutlich und überall beschädigt, weil der Felsentempel von den elenden Bewohnern dieser Gegend bald als Viehstall, bald als Zufluchtsort bei den häufigen Plünderungen der räuberischen Beduinen benutzt wird und mehreremal ausgebrannt worden ist. Auf dem Kalkfelsen von Liberi dicht über dem Tempel befand sich ein seltsamer, vierkantig zugehauener kolossaler Stein, in den auf der vordern Seite in regelmäßigen Reihen tiefe, runde, etwas trichterförmige Löcher eingemeißelt waren. Es ist schwer zu erraten, zu welchem Zweck er gedient haben kann. Auf alle seine vielfachen Erkundigungen nach weitern Altertümern in der Nähe erhielt mein Dragoman stets zur Antwort, daß, was er gesehen, alles sei und man von Mehrerem keine Kunde habe. Die Gefahr, von den Arabern überfallen zu werden, scheint man in Abu Haraß, wie es der Orientalen Art ist, sehr übertrieben zu haben, doch sind allerdings die dortigen Stämme fortwährend nicht nur im Streit mit dem Gouvernement, sondern auch unter sich, und Räubereien daher an der Tagesordnung, denen aber einzelne Reisende, die gut beritten und bewaffnet sind, wohl leicht entgehen mögen. Während Giovannis Aufenthalt in Mandera kam ein reitender Eilbote dahin auf seinem Dromedare, um zu melden, daß die Hedendowi-Araber soeben zwei Dörfer, sechs Stunden davon entfernt, verheert und gänzlich ausgeplündert hätten. Dagegen fanden unsere Abenteurer selbst am Berge Liberi ein ganzes Zeltlager einer andern Tribü, mit allen Utensilien, wie sie lagen und standen, plötzlich verlassen, weil die Besitzer, wie sie nachher erfuhren, aus Furcht vor ihnen , die sie nur für den Vortrab eines größern Haufens von Gouvernementstruppen hielten, geflohen waren. Der Wassermangel war durchgängig die schlimmste Beschwerde und um so unbegreiflicher, da doch ohne Zweifel der viele Wald seine Lebenserhaltung in der trocknen Jahreszeit nur unterirdischer Feuchtigkeit verdanken kann. Außer einem einzigen salzigen Brunnen fanden sie kein anderes Wasser als in der Zisterne zu Mandera, welches durch die hineingefallnen oder hineingeworfnen Unreinlichkeiten ganz untrinkbar geworden war. Die ganze Reise schilderte mein Abgesandter als die angreifendste, die er je gemacht, und nur in Mandera und Gely genoß er einige Erholung, da ihn unterwegs seine arabischen Begleiter nie absteigen lassen wollten noch selbst abstiegen. Selbst wenn die Dromedare fraßen, blieb man aus Furcht vor einem jählingen Überfall darauf sitzen. Daß übrigens alle Gegenden, die Giovanni sah, sowie wahrscheinlich der größte Teil der Halbinsel Meroë (in Bestätigung dessen, was ich bereits bei Gelegenheit meiner eignen Exkursionen bemerkte) in alter Zeit kultiviert, folglich auch bewässert, von Handelsstraßen durchzogen, voll blühender Orte und zahlreich bewohnt waren, leidet fast keinen Zweifel. Was jetzt Wüste ist, bedürfte nur Menschen, Industrie und Kapital, um von neuem eine reiche Provinz zu werden. Was nun die Lage von Mandera betrifft, so glaube ich nach allen durch meinen Dragoman so wie durch die Eingebornen erhaltnen Notizen, daß es um einen halben Grad südlicher und auch östlicher plaziert werden muß, als es auf den Karten von Cailliaud und Rüppel (nach welchen alle übrigen meist kopiert sind) Man vergesse nicht, zu welcher Zeit dies geschrieben wurde, da seitdem, namentlich durch Zimmermanns Karte von Mittelafrika, gewiß ein großer Fortschritt erlangt worden ist. Dehmohngeachtet erben sich auch hier noch bedeutende Irrtümer im Detail fort, wovon der Augenzeuge sich leicht überzeugen kann. Es freut mich, auf dieser ganz neuen Karte zum erstenmal Mandera (ich weiß nicht, nach welcher Autorität) fast ebenso plaziert zu finden, als ich es angebe, doch die Lage von Gely – fälschlich Kely geschrieben – bleibt nach wie vor, nach Cailliaud und andern kopiert, an der unrichtigen Stelle verzeichnet. So wird auch Ahn Haraß selbst auf Zimmermanns Karte noch mit Ahn Ahrak travestiert, und das ansehnliche Ouad-Medina, Hauptort der Provinz, ist ganz weggelassen. angegeben ist, seine wahre Lage also nach der von Giovanni entworfnen und hier beigefügten Skizze 15 Grad nördlicher Breite und 32 Grad 50 Minuten östlicher Länge nach dem Meridian von Paris sein möchte. Gely, das auf Cailliauds Karte einen Grad südlich von Mandera verzeichnet ist, liegt im Gegenteil einen halben Grad nordwestlich davon. Man mußte wegen Mangel an gangbaren Wegen durch die Berge, um von Dschebel-Liberi nach Gely zu gelangen, bis Abaïtor zurückkehren und hatte dann nördlich noch zwei KarawanenTagesreisen bis nach Gely, das Cailliaud zwar nach seinen eingezognen Nachrichten Kely nennt, welches aber jedenfalls ein und derselbe Ort sein muß, da niemand von einem südlicher gelegnen dieses Namens etwas wissen wollte, Gely aber hier sehr bekannt ist. Die hie und da zerstreuten friedlichen Einwohner, die man antraf, waren höchst elend und fast Wilden gleich. Mit Erstaunen betrachteten sie nicht nur die europäischen Gegenstände, welche mein Dragoman mit sich führte, sondern selbst das in Abu Haraß aus weißem Mehl in Form kleiner Brote gebackne Biskuit, da sie nie etwas anderes als ihre unverdaulichen großen Fladen aus Durra gesehen hatten. Als er diesen Zwieback in dem stinkenden Wasser der Zisterne von Mandera eintunkte, um ihn zu erweichen, sagte er ihnen zum Scherz, sie möchten sich vor der Explosion in acht nehmen, die jetzt erfolgen würde, und alle fuhren mit Schreck zurück, um sich mehr als zwanzig Schritte weit vor dem gefährlichen Gegenstande in Sicherheit zu bringen. Diese armen Leute schienen dabei sehr gutmütiger Natur, froh, wenn sie das ägyptische Gouvernement am Nil ihr kümmerliches Leben in Ruhe verbringen läßt. Nur die nomadischen Stämme unter ihnen, die wenig oder gar keinen Ackerbau treiben, werden zuweilen dem Reisenden gefährlich, wenn er sich nicht vorsieht. Im ganzen werden, wie gesagt, alle diese Gefahren sehr übertrieben. Die Regenzeit war nun auf das vollständigste eingetreten und in dem fetten Boden des Delta zwischen dem blauen und dem weißen Nil so schwer mehr fortzukommen, überdem der Zustand meiner Gesundheit noch so wenig erst auf dem Wege der Besserung vorgerückt, daß ich ein früher gefaßtes Projekt: von hier zu Lande nach Mangara am Bahr-el-Abiad (von den Eingebornen Mandschera ausgesprochen und nicht mit Mandera zu verwechseln) zu gehen und von dort auf dem weißen Nil nach Khartum zurückzukehren, ebenfalls aufgeben mußte. Ich ward umso mehr hierzu bewogen, da es sehr ungewiß war, ob ich in Mandschera eine bedeckte Barke zu finden hoffen durfte, von der Unbequemlichkeit der offnen in dieser Jahreszeit aber vom Dender bis Ouad-Medina schon eine hinlängliche Probe gehabt hatte. Einige Beruhigung gewährte mir indes die Betrachtung, daß alle diese Gegenden von Khartum bis zum Fazol hinab nach allen eingezognen Nachrichten wie nach dem, was ich selbst bei meiner Exkursion nach dem Dender davon sah, sich ungemein ähnlich sind, die Einwohner in Sitten und Tracht fast in nichts voneinander abweichen, auch Tiere und Pflanzen überall dieselben bleiben. Altertümer gibt es aber unter Ouad-Medina in der Richtung der beiden Nilflüsse keine mehr, wenigstens soviel bekannt ist. Um solche zu finden, müßte man sich östlich nach dem Roten Meere zu wenden, was in jeder Hinsicht außer dem Bereich der Möglichkeit für mich lag. Übrigens ruht in diesem fruchtbaren und schon jetzt nicht unbevölkerten Delta zwischen dem weißen und blauen Nil noch die reichste aller Goldgruben für Mehemed Ali, wenn er beide Flüsse nur einigermaßen durch Kanäle zu verbinden unternehmen würde. Ich habe ihm lange schriftliche Bericht darüber gemacht, die er zu berücksichtigen versprach, und, wie es scheint, hat er in neuster Zeit auch seine Aufmerksamkeit diesen Ländern mehr als früher gewidmet. Meine Sammlung nationaler Kuriositäten hatte sich während meines langen Aufenthalts in Abu Haraß so vermehrt, daß bei der Abreise der halbe Schiffsraum damit angefüllt wurde, und außerdem erhielt die Menagerie einen Zuwachs von einem dongolesischen Hengst, den ich bei Gelegenheit einer Djerid-Übung der Kavallerie in Ouad-Medina kaufte; einem Ibispaar, einer seltnen Schildkröte und zwei kleinen Krokodilen, nicht mehr als einen Schuh lang, aber schon ganz das Miniatur-Ebenbild derjenigen, welche dreißigmal größer werden. Auch zeigten sie sich schon in hohem Grade bös, wenn man sie in dem blechernen Waschbecken, das ihnen zur Wohnung angewiesen wurde, im geringsten zu beunruhigen wagte. An dem Abend vor meiner Einschiffung war ich noch Zeuge einer charakteristischen Szene. Die Kascheffs im obern Sudan haben gewöhnlich eine Art Leibwache, eigentlich als Soldaten organisierte Sklaven und Diener, die sie ohne Beitrag des Gouvernements auf eigne, das heißt auf Allerweltskosten erhalten müssen. Seit einigen Tagen war nun ein Kascheff von der abessinischen Grenze hier zum Besuch, und zwar derselbe, welcher durch eigenmächtigen Sklavenraub auf abessinischem Gebiet, wobei auch ein Priester, und zwar ein Verwandter des mächtigen Major domus Kamfa, mit fortgeführt worden war, die Ursache zu der (andernorts schon erwähnten) Niederlage der Ägypter gegeben hatte. Er mußte jetzt zur Verantwortung schweren Herzens und wahrscheinlich auch schweren Beutels (das sicherste Entschuldigungsmittel im türkischen Reich) sich nach Khartum zum Gouverneur begeben und hielt hier vorher mit seinen Kollegen Rat. Nun fanden seine Leute hier zufällig einen ihm früher entlaufnen Deserteur seiner Leibwache. Man brachte diesen in den Hof des Hauses, wo alle drei Kascheffs (der von Ouad-Medina war auch mit herübergekommen) mit ihrem umherstehenden Gefolge auf Engarebs gravitätisch den Dampf ihrer Pfeifen in die kühle Abendluft bliesen. Selim Kascheff ließ den Gefangnen sogleich mit harten Worten an, was ich, eben aus den Fenstern meiner Stube hinausgehend, mit anhörte. Plötzlich ergriff der schuldige Türke die Pistole eines neben ihm stehenden Kawaß, riß sie ihm aus dem Gürtel und drückte sie mit Blitzesschnelle auf seine eigne Brust ab. Ich sah das Feuer, hörte aber keinen Knall. Das Pistol schien versagt zu haben, wenigstens blieb der Mann unversehrt. Dennoch rührte die Tat seinen Herrn so sehr, daß er ihn wieder zu Gnaden annahm. Abends erfuhr ich aber von meinem eignen Kawaß, daß das Ganze nur eine von den Kameraden des Gefangnen abgeredete Szene und das Pistol gar nicht geladen gewesen war. In der Wertherschen Periode mag mancher Liebhaber seine Schöne auf ähnliche Weise gewonnen haben.