Wilhelm Müller Lieder der Griechen Inhalt:     Brüder, schaut nicht in die Ferne nach der Fremden Schutz hinaus Byron Der Herr des halben Mondes hat gestiftet einen Orden Der Minister Die neuen Kreuzfahrer Die Suliotin Die verpestete Freiheit Griechenlands Hoffnung Hoher, steiler, fester Felsen, darauf Hellas' Freiheit ruht Hört! Von Geschäften wurde toll ein christlicher Minister Hydra Ich hab die Spindel lang gedreht Meine Muse Siebenunddreißig Todesschüsse? Und wen haben sie gemeint? Und willst du, meine Muse, denn gar zur Megära werden Was schreit das Pharisäervolk so ängstlich durch die Länder Griechenlands Hoffnung         Brüder, schaut nicht in die Ferne nach der Fremden Schutz hinaus, Schaut, wenn ihr wollt sicher schauen, nur in euer Herz und Haus. Findet ihr für eure Freiheit da nicht heilige Gewähr, Nun und nimmer, Brüder, nimmer kömmt sie euch von außen her. Selber hast du aufgeladen dir der Knechtschaft schweres Joch, Selber hast du es getragen, und du trügst es heute noch, Hättest du darauf gewartet, hochgelobtes Griechenland, Daß es dir vom Nacken sollte heben eine fremde Hand. Selber mußt du für dich kämpfen, wie du selber dich befreit, Dein die Schuld und dein die Buße, dein die Palme nach dem Streit. Viele werden dich beklagen, viele dir Gebete weihn, Viele sich für dich verwenden, viele deine Rater sein Hoffst du mehr? Bau auf die Hoffnung deiner Freiheit Feste nicht, Daß der Grund, auf dem sie ruhet, nicht den Bau zu Trümmern bricht. Deiner alten Freiheit Ehre ist der neuen Welt gerecht, Denn der Freie schläft im Grabe so geduldig, wie der Knecht. Lege reuig deine Waffen nieder vor des Türken Thron, Beuge friedlich deinen Nacken zu dem alten Sklavenfron: Dann, dann magst du sicher bauen auf die Macht der Christenheit, Dann, dann magst du sicher hoffen, daß der Türke dir verzeiht. Ruh und Friede will Europa. – Warum hast du sie gestört? Warum mit dem Wahn der Freiheit eigenmächtig dich betört? Hoff auf keines Herren Hülfe gegen eines Herren Fron, Auch des Türkenkaisers Polster nennt Europa einen Thron. Hellas, wohin schaut dein Auge? – Sohn, ich schau empor zu Gott – Gott, mein Trost in Schuld und Buße, Gott, mein Hort in Kampf und Tod! Hydra           Hoher, steiler, fester Felsen, darauf Hellas' Freiheit ruht! Seh ich deine Wolkengipfel, steigt mein Herz und wallt mein Blut. Hoher, steiler, fester Felsen, den des Meeres Wog umbraust, Über dessen kahlem Scheitel wild die Donnerwolke saust! Aber in das Ungewitter streckst du kühn dein Haupt empor, Und es wankt nicht von dem Schlage, dessen Schall betäubt das Ohr; Und aus seinen tiefsten Höhlen schleudert das erboste Meer Wogenberg' an deine Füße, doch sie stehen stark und hehr, Schwanken nicht, so viel die Tanne schwankt im linden Abendhauch, Und die Wogenungeheuer brechen sich zu Schaum und Rauch. Hoher, steiler, fester Felsen, darauf Hellas' Freiheit ruht! Hydra, hör ich deinen Namen, steigt mein Herz und wallt mein Blut; Und mit deiner Segel Fluge schwebt ins weite Meer mein Geist, Wo der Wind, wo jede Welle jubelnd deine Siege preist. Ist Athen in Schutt zerfallen, liegt in Staub Amphions Stadt, Weiß kein Enkel mehr zu sagen, wo das Haus gestanden hat, Dessen Ziegel nach dem feigen Sohne warf der Mutter Hand, Als er ohne Kranz und Wunde vor der Tür der Heldin stand: Laßt die Türm und Mauern stürzen; was ihr baut, muß untergehn: Ewig wird der Freiheit Felsen in dem freien Meere stehn! Die Suliotin               Ich hab die Spindel lang gedreht, hab manche Winternacht Gewebt am Stuhl, und froh dabei ans neue Kleid gedacht. Ich hab die Herden auf den Höhn gehütet manchen Tag, Und bin geklettert ohne Not den jungen Ziegen nach; Ich habe meinen Kleinen auch manch Kinderspiel gezeigt, Und Sprung und Lauf und Schuß und Wurf ward mir mit ihnen leicht. Jetzt schleif ich einen Stahl für mich und drehe Sennen mir Mein Herr, mein Hort, mein Herz, o nimm mich in den Kampf mit dir! Ich kenne jeden Felsenpfad auf Sulis steilen Höhn, Und wo die flinke Gemse zagt, da kann ich sicher stehn. Hast du noch nicht gesehn, was ich vermag im Sprung und Lauf, Wohlan, so gib ein Probestück mir mit den Männern auf! Und eine Klippe zeige mir auf Suli weit und breit, Die ich dir nicht erklettern kann zu aller Frauen Neid. Den Vogel treff ich in der Luft, wo's gilt nur einen Scherz – Meinst du, verfehlen könnt ich ja des großen Feindes Herz? Mein Herr, mein Hort, mein Herz, o nimm mich in den Kampf mit dir! Mein Töchterchen kann spinnen schon. – Was sitz ich länger hier? Mein jüngster Knabe steht allein. – Was ist mein Arm ihm wert? Mein ältester geht auf die Jagd. – Was sorg ich für den Herd? Mit dir, mit dir will ich ins Feld! Da hab ich meinen Stand, Bei dir, bei dir, da, Brust an Brust, da, Liebster, Hand in Hand! Und sollt ich fallen, sieh nicht hin, und denke nicht an mich, Denk an den Feind, denk an den Kampf, und denke, Herz, an dich, An unsre Kinder, an dein Haus, an Sulis heilge Höhn, An unsres Gottes Tempel, die auf ihren Gipfeln stehn, An deiner Heldenväter Staub, und dann an eine Gruft Für mich, für dich, in freier Erd und unter freier Luft! Der Minister           Hört! Von Geschäften wurde toll ein christlicher Minister! – So wollen wir einmal beschaun doch sein Geschäfts-Register. Ei, gab es denn in diesem Jahr so schrecklich viel zu schaffen? Was ist geschaffen und geschafft? – Wir dürfen's auch begaffen. Die Segel auf! Gen Osten hin! Da gibt es was zu sehen. Schon leuchten uns von Chios' Strand entgegen die Trophäen, Trophäen, prächtig aufgetürmt, Trophäen ohnegleichen, Trophäen, weiß und schwarz und rot, von Schädeln, Blut und Leichen. Und Kreuze liegen obenauf, bespien und zerschlagen – Was ist geschaffen und geschafft? – Hier laßt einmal uns fragen. Und um das hohe Leichenmal sieht man die Wölf und Tiger In festlich wildem Pompe ziehn, als ehrenwerte Sieger. Viel Sklaven ziehn im Joch voraus, viel Greise, Kinder, Weiber; In Schweiß und Blut und Tränen sind gebadet ihre Leiber. So schleppen sie ihr eignes Fleisch zum Klotz der Schlächterhöhlen; Man sagt, es sollen Christen sein: ich will es nicht verhehlen. Die Segel auf! Gen Osten hin! Da gibt es was zu sehen, Daß Herz und Gall und Aug und Mund vom Sehen übergehen. Der muß auf hoher Höhe stehn, der ruhig hier mag gaffen: Wir wollen's ohne Streit gestehn: das Jahr gab viel zu schaffen. Die neuen Kreuzfahrer             Der Herr des halben Mondes hat gestiftet einen Orden, Ein Kreuz für alle Christen, die ihm Christen helfen morden, Für alle, die der Freiheit Haupt ins Joch ihm helfen beugen, Und lehren, daß das heilge Kreuz soll vor dem Mond sich neigen. Hervor, ihr Ritter allzumal! Hervor aus allen Ecken! Mein Lied soll eurer Taten Ruf mit hellem Klang erwecken. Hervor, der du mit frechem Mund die Freiheit nennst Empörung, Und der Hellenen Heldenkampf bejammerst als Betörung! Du, der mit feiner Politik du drechselst die Beweise, Daß man die Menschheit würgen kann auf legitime Weise! Du auch, der jeden Türkensieg verkündet mit Posaunen, Und was der Griechen Schwert vollbracht, befleckt mit leisem Raunen! Ihr alle, die durch Meer und Land die blinden Heiden leiten, Und ihre Heere christlich klug mit Christen lehren streiten! Ihr, die ihr öffnet euern Arm den flüchtigen Barbaren, Und unter eurer Flagge Hut sie führt aus den Gefahren, Und die ihr dann vorüberschifft, wo an der Mutter Brüsten Der Islamit den Säugling würgt mit wilden Henkerlüsten! Hervor, ihr Ritter allzumal! – Will denn die Schar nicht enden? Das wird einmal ein Kreuzzug sein, wenn die gen Ost sich wenden! Meine Muse             »Und willst du, meine Muse, denn gar zur Megära werden? Du sangst noch jüngst im stillen Hain den Hirten und den Herden, Und nun schwingst eine Geißel du laut durch die lauten Gassen, Und sprühest Flammen um dich her. – Ich weiß dich nicht zu fassen.« Du fragst? Siehst du die Hirten nicht nach scharfen Eisen greifen? Siehst statt der Lämmer Wölfe nicht Arkadien durchstreifen? Siehst in Epirus' Felsen nicht die Weiber Schwerter wetzen? Siehst du auf Spartas Fluren nicht die Kinder Tiger hetzen? Da mußt ich Hirtensängerin mein Haferrohr zerbrechen, Und, wie's die scharfe Zeit gebeut, in scharfen Tönen sprechen. Der Freiheit Tuba hab ich hell durch Stadt und Land geblasen: Laß meine Geißel nun ums Haupt der Pharisäer rasen! Die verpestete Freiheit           Was schreit das Pharisäervolk so ängstlich durch die Länder, Die Häupter dick mit Staub bestreut, zerrissen die Gewänder? Sie schreien: »Sperrt die Häfen zu, umzieht mit Quarantänen Die Grenzen und die Ufer schnell vor Schiffen und vor Kähnen! Die Pest ist unter ihrer Schar. Da seht die Strafgerichte, Damit des Herrn gerechte Hand Empörer macht zunichte! Die Freiheit selber, wie es heißt, ist von der Pest befallen, Und flüchtet sich nach Westen nun mit ihren Jüngern allen. O seht euch vor, daß in das Land die Freiheit euch nicht schleiche, Und der gesunden Völker Herz mit ihrem Hauch erreiche! Sie kleidet sich zu dieser Zeit in vielerlei Gestalten: Bald Weib, bald Mann, bald nur ein Kind, bald hat sie greise Falten. Drum lasset keinen Flüchtling ein, der kommt vom Griechenlande, Daß nicht die Freiheit ihre Pest bring in die guten Lande!« Byron My task is done, my song has ceased, my theme     Has died into an echo.           Childe Harold               »Siebenunddreißig Trauerschüsse? Und wen haben sie gemeint? Sind es siebenunddreißig Siege, die er abgekämpft dem Feind? Sind es siebenunddreißig Wunden, die der Held trägt auf der Brust? Sagt, wer ist der edle Tote, der des Lebens bunte Lust Auf den Märkten und den Gassen überhüllt mit schwarzem Flor? Sagt, wer ist der edle Tote, den mein Vaterland verlor?« Keine Siege, keine Wunden meint des Donners dumpfer Hall, Der von Missolunghis Mauern brüllend wogt durch Berg und Tal, Und als grause Weckerstimme rüttelt auf das starre Herz, Das der Schlag der Trauerkunde hat betäubt mit Schreck und Schmerz: Siebenunddreißig Jahre sind es, so die Zahl der Donner meint, Byron, Byron, deine Jahre, welche Hellas heut beweint! Sind's die Jahre, die du lebtest? Nein, um diese wein ich nicht: Ewig leben diese Jahre in des Ruhmes Sonnenlicht, Auf des Liedes Adlerschwingen, die mit nimmermüdem Schlag Durch die Bahn der Zeiten rauschen, rauschend große Seelen wach. Nein, ich wein um andre Jahre, Jahre, die du nicht gelebt, Um die Jahre, die für Hellas du zu leben hast gestrebt. Solche Jahre, Monde, Tage kündet mir des Donners Hall, Welche Lieder, welche Kämpfe, welche Wunden, welchen Fall! Einen Fall im Siegestaumel auf den Mauern von Byzanz, Eine Krone dir zu Füßen, auf dem Haupt der Freiheit Kranz! Edler Kämpfer, hast gekämpfet, eines jeden Kranzes wert, Hast gekämpfet mit des Geistes doppelschneidig scharfem Schwert, Mit des Liedes ehrner Zunge, daß von Pol zu Pol es klang, Mit der Sonne von dem Aufgang kreisend bis zum Niedergang. Hast gekämpfet mit dem grimmen Tiger der Tyrannenwut, Hast gekämpft in Lernas Sumpfe mit der ganzen Schlangenbrut, Die in schwarzem Moder nistet und dem Licht ist also feind, Daß sie Gift und Galle sprudelt, wenn ein Strahl sie je bescheint. Hast gekämpfet für die Freiheit, für die Freiheit einer Welt, Und für Hellas' junge Freiheit, wie ein todesfroher Held. Sahst in ahnenden Gesichten sie auf unsren Bergen stehn, Als im Tal noch ihre Kinder mußten an dem Joche gehn, Hörtest schon den Lorbeer rauschen von der nahen Siegeslust, Fühltest schon in Kampfeswonne schwellen deine große Brust! Und als nun die Zeit erschienen, die prophetisch du geschaut, Bist du nicht vor ihr erschrocken; wie der Bräutigam zur Braut, Flogest du in Hellas' Arme, und sie öffnete sie weit: »Ist Tyrtäos auferstanden? Ist verwunden nun mein Leid? Ob die Könige der Erde grollend auf mich niedersehn, Ihre Schranzen meiner spotten, ihre Priester mich verschmähn, Eines Sängers Kriegesflagge seh ich fliegen durch das Meer; Tanzende Delphine kreisen um des Schiffes Seiten her, Stolz erheben sich der Wogen weiße Häupter vor dem Kiel, Und an seinen Mast gelehnet, greift er in sein Saitenspiel. ›Freiheit!‹ singt er mir entgegen, ›Freiheit!‹ tönt es ihm zurück, Freiheit brennt in seinen Wangen, Freiheit blitzt aus seinem Blick. Sei willkommen, Held der Leier! Sei willkommen, Lanzenheld! Auf, Tyrtäos, auf, und führe meine Söhne mir ins Feld!« Also stieg er aus dem Schiffe, warf sich nieder auf das Land, Und die Lippen drückt' er schweigend in des Ufers weichen Sand; Schweigend ging er durch die Scharen, gleich als ging' er ganz allein, Welche jauchzend ihm entgegen wogten bis ins Meer hinein. Ach, es hat ihn wohl umschauert, als er küßte diesen Strand, Eines Todesengels Flügel, der auf unsren Wällen stand! Und der Held hatt' nicht gezittert, als er diesen Boten sah; Schärfer faßt' er ihn ins Auge: »Meinst du mich, so bin ich da! Eine Schlacht nur laß mich kämpfen, eine siegesfrohe Schlacht, Für die Freiheit der Hellenen, und in deine lange Nacht Folg ich deinem ersten Winke ohne Sträuben, bleicher Freund! Habe längst der Erde Schauspiel durchgelacht und durchgeweint.« Arger Tod, du feiger Würger, hast die Bitt ihm nicht gewährt! Hast ihn hinterrücks beschlichen, als er wetzt' an seinem Schwert, Hast mit seuchenschwangerm Odem um das Haupt ihn angehaucht, Und des Busens Lebensflammen aus dem Nacken ihm gesaugt. Und so ist er hingesunken ohne Sturz und ohne Schlag, Hingewelkt wie eine Eiche, die des Winters Stürme brach, Und die eine schwüle Stunde mit Gewürmen überstreut, Und des Waldes stolze Heldin einem Blumentode weiht. Also ist er hingesunken in des Lebens vollem Flor, Aufgeschürzt zu neuem Laufe harrend an der Schranken Tor, Mit dem Blick die Bahn durchmessend, mit dem Blick am Ziele schon, Das ihm heiß entgegenwinkte mit dem grünen Siegeslohn. Ach, er hat ihn nicht errungen! Legt ihn auf sein bleiches Haupt! Tod, was ist dir nun gelungen? Hast den Kranz ihm nicht geraubt! Hast ihn früher ihm gegeben, als er selbst ihn hätt erfaßt! Und der Lorbeer glänzet grüner, weil sein Antlitz ist erblaßt. »Siebenunddreißig Trauerschüsse! Donnert, donnert durch die Welt! Und ihr hohen Meereswogen, tragt durch euer ödes Feld Unsrer Donner Widerhalle fort nach seinem Vaterland, Daß den Toten die beweinen, die den Lebenden verbannt. Was Britannia verschuldet hat an uns mit Rat und Tat, Dieser ist's, der uns die Schulden seines Volks bezahlet hat! Über seiner Bahre reichen wir dem Briten unsre Hand: ›Freies Volk, schlag ein und werde Freund und Hort von uns genannt!‹«